Emile Zola Der Traum Die Rougon-Macquart. Band 16 Erstes Kapitel Während des strengen Winters des Jahres 1860 fror die Oise zu; heftige Schneefälle ließen die weiten Ebenen der unteren Picardie unter einer hohen weißen Decke verschwinden, und ein am Weihnachtstage plötzlich sich erhebender Schneesturm begrub fast die Stadt Beaumont unter der ungeheuren Schneelast. Vom frühen Morgen an fiel der Schnee; er nahm gegen Abend an Dichtigkeit zu und häufte sich während der ganzen Nacht an. In der in der oberen Stadt gelegenen Goldschmiedestraße, deren Ende der nördliche Teil des Querschiffes der Kathedrale einklemmt, sah sich der Schnee wie in einem Sacke gefangen. Vom Winde gepeitscht schlug er gegen das Tor der heiligen Agnes, diese alte römische, fast gotische Kirchentür, die unterhalb des nackten Frieses reiche Bilderei schmückt. Hier lag am ersten Weihnachtsmorgen der Schnee beinahe drei Fuß hoch. Die Straße ruhte noch von der Anstrengung des heiligen Abend aus. Sechs Uhr schlug es. In der Dunkelheit, die der leise und beharrliche Fall der Schneeflocken mit einem bläulichen Schimmer übergoß, zeigte nur eine einzige unbestimmte Gestalt etwas Leben: ein kleines Mädchen von neun Jahren, das unter den Wölbungen der Kirchentür Schutz gesucht und sich dort während der Nacht, vor Frost zitternd, so gut es ging, geborgen hatte. Das Kind bedeckte ein dünnes, von vielem Gebrauche durchlöchertes, wollenes Kleid, den Kopf hüllte ein Fetzen von Umschlagetuch ein, und die nackten Füße steckten in groben Männer stiefeln. Das kleine Wesen hatte zweifellos hier erst ein Unterkommen gesucht, nachdem es lange, lange in der Stadt umhergeirrt und vor Mattigkeit fast umgesunken war. Für dieses Kind hörte hier die Welt auf; seiner harrte weder Mensch noch Ding mehr, nur dieser letzte Zufluchtsort, der nagende Hunger, die tötende Kälte. Die dumpfe Schwere des Herzens hatte es während seiner Wanderung fast des Atems beraubt und seine Schwäche den Kampf gegen das entfesselte Element aufgegeben. Nur das Fortarbeiten der körperlichen Maschine, das unwillkürliche Empfinden, vor etwas Furchtbarem flüchten zu müssen, hatten das Mädchen in den alten Steinhaufen der Kathedrale getrieben, als ein jäher Windstoß den Schnee umherwirbelte. Stunde auf Stunde verrann. Lange lehnte sie an dem Pfeiler zwischen der Doppeltür der beiden nachbarlichen Eingänge, dessen Wandpfeiler eine Bildsäule der heiligen Agnes krönt, der dreizehnjährigen Märtyrerin, dieses kleinen Mädchens, wie sie selber eines war, mit dem Palmzweige und dem Lämmlein zu Füßen. Im Giebelfelde oberhalb des Kreuzes entrollte sich die ganze Geschichte der Braut Christi, der kindlichen Jungfrau in erhabener Arbeit, wie ein einfältiger Glaube sie sich vorgestellt hat. Da sah man, wie ihre Haare länger und länger wurden und sie einhüllten, als der Statthalter, dessen Sohn sie verschmähte, sie zur Strafe nackt in ein verrufenes Haus sandte; man sah, wie die von ihren Gliedmaßen weichenden Flammen des Scheiterhaufens die Henkersknechte erfaßten, die den Holzstoß angezündet hatten; das Wunder ihrer Gebeine; Konstanze, des Kaisers Tochter, vom Aussatze geheilt, und das Wunder des einen der von ihr gemalten Gesichter: den Priester Paulinus, welcher der Versuchung, ein Weib zu ehelichen, zu unterliegen drohte; er sollte auf des Papstes Rat einen mit Smaragd geschmückten Ring der ihn versuchenden Erscheinung auf den ihm hingestreckten Finger stecken; diese würde dann den Ring behalten, aber von ihm ablassen, wie man noch sah: das befreite den Paulinus. Hoch oben im Giebelfelde aber öffneten sich Agnes in voller Glorie die Tore des Himmels; Jesus selbst freite sie, so jung und klein sie war, und gab ihr den Kuß der ewigen Seligkeit. Da fegte plötzlich der Wind in die Straße hinein und der Kleinen den Schnee ins Gesicht; ganze Haufen von Schnee drohten die Schwelle zu versperren. Das Kind drückte sich fester an die Heiligen an seiner Seite, die auf den Säulenstühlen der Türnische stehen. Es waren die Genossinnen der Agnes, die Heiligen ihres Gefolges: drei zu ihrer Rechten, Dorothea, die sich im Gefängnisse von dem wundertätigen Brote nährte; Barbara, die in einem Turme hauste, und Genoveva, deren Jungfräulichkeit Paris rettete. Und drei zu ihrer Linken: Agathe mit den verstümmelten Brüsten; Christine, die ihr eigener Vater folterte, und der er von ihrem Fleische Stücke ins Antlitz schleuderte; Cäcilie, die ein Engel liebte. Über ihnen stiegen noch andere Jungfrauen, drei dichtgefüllte Reihen Jungfrauen mit den Schlußbögen der Kirchentür empor und schmückten die drei Wölbungen mit einem Blütenmeer jubelnder, keuscher Leiber; unten gepeinigt und aufgerieben durch Folterqualen, oben von einer Schar Cherubim empfangen und vor dem himmlischen Throne in Freuden schwelgend. Als es acht Uhr schlug und der Tag erwachte, hatte die Verirrte schon längst jeden Schutz verloren. Hätte sie nicht den Schnee festgetreten, bis zu den Schultern wäre er ihr gegangen. Die altertümliche Pforte hinter ihr war von ihm überzogen, als spanne sich ein Mantel von Hermelin darüber aus, hier am Fuße der grauen Fassade so nackt und glatt, daß nicht ein Flöckchen Schnee daran haften blieb. Die großen Heiligen des Bogenganges waren von oben bis unten von ihm bedeckt; die weißen Füße und die weißen Köpfe erglänzten in unschuldsvoller Reinheit. Weiter oben traten die Szenen im Giebelfelde, die kleinen Heiligen in den Wölbungen in deutlichen Zügen hervor; wie helle Pünktchen hoben sie sich von dem dunklen Hintergrunde ab. So ging es fort bis zur höchsten Freude, der himmlischen Hochzeit der Agnes, welche die Erzengel unter einem Regen weißer Rosen zu feiern schienen. Aufrecht auf seinem Pfeiler mit der weißen Palme und dem weißen Lämmlein stand das Bildnis der ländlichen Jungfrau; den keuschen Leib bedeckte der Schnee, inmitten dieser starrenden Kälte ein mystisches Sinnbild siegreicher Auferstehung der unbefleckten Jungfräulichkeit. Zu der Heiligen Füßen ein elendes, in Schnee gehülltes Kind, so starr und weiß, als sei es selbst zu Stein geworden; in nichts unterschied es sich mehr von den erhabenen Jungfrauen. Ein längs der in Schlaf versunkenen Häuserreihen mit lautem Geklapper auffliegender Fensterladen ließ es die Augen aufschlagen. Zu seiner Rechten war es im ersten Stockwerke des Hauses, das an die Kathedrale grenzte. Eine sehr schöne, kräftige, brünette Frau von ungefähr 40 Jahren, deren Antlitz die tadellose Reinheit des Marmors aufwies, neigte sich hinaus. Trotz der furchtbaren Kälte ließ sie ihre nackten Arme wohl eine Minute draußen, denn sie hatte die Bewegungen des Kindes gesehen. Ein mitleidiges Staunen trübte die ruhigen Züge ihres Gesichtes. Dann schloß sie unter der Eingebung eines plötzlichen Schauders das Fenster. Wie eine flüchtige Erscheinung war das blonde Köpfchen der Kleinen mit den veilchenblauen Augen unter dem Fetzen von Kopftuch vor ihr aufgetaucht; das schmale Gesicht, der weit vorgestreckte Hals von der Schönheit einer Lilie auf den schmalen Schultern; aber die vor Kälte blau angelaufenen Händchen und die kleinen Füße waren bereits halb abgestorben; der leise Hauch aus dem Munde nur wies die einzige Spur noch vorhandenen Lebens auf. Das Kind hatte ganz unwillkürlich seine Blicke nach aufwärts gerichtet; seine Augen richteten sich auf das Haus, ein schmales, einstöckiges Gebäude, dessen Aussehen ein hohes Alter verriet. Es war gegen Ende des 15. Jahrhunderts erbaut. Zwischen zwei Gegenpfeiler der Kathedrale selbst eingeklemmt, ähnelte es einer Warze zwischen zwei Zehen eines Riesen. So gestützt hatte es sich vorzüglich erhalten; seine steinerne Grundmauer, sein auf Fachwerk bestehender Oberstock, den ungetünchte Ziegel füllten, sein Dach dessen Balkengerüst zu dem einen Meter hohen Giebel zusammenlief, sein Türmchen in der linken Ecke mit hervorspringender Treppe, wo das kleine Fenster noch die Bleieinfassungen jener Zeit aufwies – alles war noch vorhanden, wie es vor Jahrhunderten geschaffen wurde. Des Hauses Alter hatte trotzdem wiederholte Ausbesserungen notwendig gemacht; so konnte das Ziegelwerk des Daches nur aus der Zeit Ludwigs XIV. stammen. Man erkannte mit Leichtigkeit die Arbeiten an dem Häuschen, die aus jener Zeit stammten: ein im Aufsatze des Türmchens ausgebrochenes Dachfenster, die dünnen hölzernen Fensterrahmen, die überall die ursprünglichen Einfassungen verdrängt hatten, und die Umgestaltung der drei Fenster des ersten Stockwerkes in zwei – das mittelste hatte man mit Ziegeln ausgefüllt – wodurch die Vorderseite in größere Übereinstimmung mit den anderen aus einer jüngeren Zeit stammenden Baulichkeiten der Straße gebracht war. Die Neuerungen im Erdgeschosse waren ebenso schnell zu erkennen. Eine eichene Tür nebst Gesims war an die Stelle des alten, mit Beschlägen verzierten Tores getreten, und von der einstigen spitzbogig sich wölbenden Öffnung, die direkt auf das Pflaster geführt hatte, war nur der große mittlere Bogengang geblieben, dessen unteren Teil, Seiten und Spitze man ausgemauert hatte, um nur einen einzigen rechtwinkligen Ausgang, eine Art breiten Fensters zu haben. Gedankenlos betrachtete das Kind noch immer diese ehrwürdige, sauber erhaltene Behausung des Handwerkermeisters und las gerade das links von der Tür aufgenagelte gelbe Schild, das in alten, schwarzen Buchstaben die Worte: » Hubert, Meßgewandmacher « zeigte, als das abermalige Geräusch eines aufgestoßenen Fensterladens seine Aufmerksamkeit erregte. Diesmal war es der Laden des viereckigen Fensters im Erdgeschosse: jetzt lehnte ein Mann mit bestürztem Gesichte heraus, ein Mann mit einer Adlernase und einer höckerigen Stirn, die dichte weiße Haare krönten, trotzdem er höchstens 45 Jahre zählte; auch er vergaß sich fast eine Minute in der Kälte, um mit Falten schmerzlichen Empfindens um den großen, erwartungsvoll gespannten Mund das Kind zu betrachten. Dieses sah ihn dann hinter den kleinen grünlichen Scheiben stehen, sich umdrehen und jemand herbeiwinken; seine schöne Frau erschien. Beide rührten sich nicht mehr von der Stelle und verwandten, Seite an Seite stehend, tiefbetrübten Antlitzes keinen Blick von dem kleinen Mädchen. Vier Jahrhunderte hindurch bewohnte schon das Geschlecht der Hubert, ihres Zeichens Kunststicker, vom Vater auf den Sohn dieses Haus. Ein Meßgewandmacher hatte es unter Ludwig XI. erbauen, ein anderer es unter Ludwig XIV. ausbessern lassen. Der gegenwärtig lebende Hubert stickte in ihm die Meßgewänder genau so, wie es alle seine Vorfahren getan hatten. Im Alter von zwanzig Jahren hatte er ein sechzehnjähriges Mädchen, Namens Hubertine, so heiß geliebt, daß er es entführte und dann heiratete, weil ihre Mutter, eine Beamtenwitwe, ihn abgewiesen hatte. Hubertine war ein Wunder an Schönheit; ihr Glück und ihr Unglück – ein ganzer Roman. Als sie acht Monate später mit einem Kinde unter dem Herzen an das Sterbebette ihrer Mutter trat, enterbte diese sie und fluchte ihr. Das noch am selben Abend geborene Kind starb. Über das Grab auf dem Kirchhofe hinaus wirkte der Fluch der hartköpfigen Bürgersfrau: die Ehe blieb entgegen den heißen Wünschen des Paares kinderlos. Noch nach 24 Jahren beweinten sie das verlorene Kind, sie hatten die Hoffnung aufgegeben, jemals den Sinn der Toten zu ändern. Verwirrt durch die Blicke der Hubert, zog sich das Kind hinter den Pfeiler der heiligen Agnes zurück. Auch beunruhigte sie das Geräusch der erwachenden Straße; die Läden öffneten sich, und Menschen traten aus den Türen. Die Goldschmiedestraße, deren Ende an die Seitenwand der Kirche stößt, würde eine vollkommene Sackgasse sein, die auf der Seite der Apsis das Haus Hubert schloß, wenn nicht die Sonnenstraße, mehr ein schmaler Gang als eine Straße, diesem gegenüber längs der Seitenwand der Kirche bis zum Hauptteil auf dem Klosterplatz ihr einen Ausgang schüfe. Zwei Betschwestern benutzten ihn gerade, sie warfen einen überraschten Blick auf die kleine Bettlerin, die man in Beaumont nicht kannte. Leise und andauernd fiel der Schnee weiter, und mit dem fortschreitenden, bleichen Tage schien die Kälte zu wachsen; man hörte nur ein fernes Gesumme von Stimmen aus dem schweren, dicken Leichentuche heraus, das die Stadt bedeckte. Verwildert und seiner Verlassenheit sich schämend wie eines Verbrechens, zog sich das Kind noch weiter zurück, als es plötzlich Hubertine vor sich stehen sah, die in Ermangelung einer Magd das Frühstück holen ging. Was machst du da, Kleine? Wer bist du? Keine Antwort, das Kind verbarg sein Gesicht. Es spürte seine Glieder nicht mehr, das Leben entwich, als wenn das zu Eis gewordene Herz zum Stillstehen gekommen wäre. Als die gute Frau mit einer Bewegung heimlichen Mitleides den Rücken gewandt hatte, sank die Kleine in die Knie; sie war am Ende ihrer Kräfte und glitt wie ein Stückchen Abfall in den Schnee, dessen Flocken sie still einhüllten. Die Frau kam mit dem noch heißen Brote zurück, sah das Kind am Boden liegen und näherte sich ihm von neuem. Du kannst hier nicht bleiben, Kleine. Hubert, der ebenfalls an die Tür getreten war, stand auf der Schwelle seines Hauses, nahm seiner Frau das Brot ab und sagte: Nimm sie und bring sie her! Hubertine erwiderte kein Wort; sie bückte sich und nahm das Kind in ihre kräftigen Arme. Das Mädchen sträubte sich nicht mehr; wie ein lebloses Ding mit fest aufeinander gebissenen Zähnen und geschlossenen Augen, wie ein Stück Eis und leicht, als sei es ein aus dem Nest gefallenes Vögelchen, trug man es davon. Man trat hinein, und Hubert schloß die Tür, während Hubertine mit ihrer Last das nach der Straße gelegene, als Salon dienende Zimmer durchschritt, wo vor dem großen viereckigen Fenster einige Stickereien als Muster aushingen. Sie betrat von dort die Küche, das einstige, gemeinsame Zimmer der Familie, das mit seinen vorstehenden Balken, dem an zwanzig Stellen ausgepflasterten Steinboden und dem mächtigen Kamine mit steinernem Mantel fast unversehrt erhalten war. Die Gebrauchsgegenstände selbst, die Töpfe, Kessel und Schüsseln auf den Brettern stammten noch aus dem vorigen oder vorvorigen Jahrhundert, ebenso das alte Porzellan, das Steingut und das Zinngeschirr. Den alten Feuerherd jedoch ersetzte ein neuzeitiger Ofen, ein breiter Ofen aus Gußeisen, dessen kupferne Beschläge nur so leuchteten. Er glühte rot und man hörte das Wasser des Kessels kochen. Auf einer Ecke wurde ein mit Milchkaffee gefüllter Topf heiß gehalten. Teufel! Hier drinnen ist's besser als da draußen, sagte Hubert und stützte die Hand auf einen Tisch im Stile Ludwigs XIII., der die Mitte des Raumes einnahm. Bringe das kleine Wesen dicht an den Ofen, damit es auftaut. Hubertine war schon dabei, das Kind niederzusetzen, und beide sahen zu, wie es allmählich zu sich kam. Der in den Falten des Kleides liegende Schnee schmolz und fiel in schweren Tropfen zu Boden. Durch die Löcher der groben Männerstiefel sah man die geschundenen, kleinen Füße, während das dünne Wollgewand das Eckige der Gliedmaßen, dieses jämmerliche Stückchen Elend erkennen ließ. Nach einem langanhaltenden Schaudern öffnete das Kind die bestürzt umherblickenden Augen; sie spiegelten den Schrecken eines Tieres wider, das sich plötzlich gefangen sieht. Sein Gesicht senkte sich auf das unter seinem Kinn zusammengebundene Kopftuch. Die Hubert glaubten seinen rechten Arm abgestorben, so fest drückte es ihn unbeweglich an die Brust. Fasse dich! Wir wollen dir nichts Böses tun ... Woher kommst du? Wer bist du? Je mehr man zu der Kleinen sprach, desto bestürzter wurde sie. Sie wandte scheu den Kopf, als stehe jemand hinter ihr, der sie schlagen wolle. Sie musterte mit scheuem Blicke die Küche, die Diele, die Balken, die funkelnden Geschirre, dann schweifte ihr Auge durch die beiden unregelmäßigen Fenster, die in ihrer alten Lage gelassen waren, in das Freie; es durchforschte den Garten bis zu den Bäumen des Bischofssitzes, deren weiße Linien sich über den hinteren Mauern des Grundstückes abhoben; es schien erstaunt, dort zur Linken längs eines Baumganges die Kathedrale mit den romanischen Kapellenfenstern ihrer Apsis wiederzufinden. Abermals durchschüttelte das arme Wesen unter Einwirkung der sich fühlbar machenden Wärme ein starkes Frösteln. Es senkte den Blick wieder zu Boden und rührte sich nicht mehr. Bist du aus Beaumont? ... Wie heißt dein Vater? Da das Kind hartnäckig schwieg, kam Hubert auf den Gedanken, die Kehle könne ihm so zugeschnürt sein, daß es keinen Ton hervorzubringen imstande sei. Anstatt zu fragen, täten wir viel besser, ihr eine gute Tasse Kaffee mit heißer Milch zu reichen, sagte Hubert. Das war vernünftig gesprochen. Sofort gab Hubertine dem fremden Wesen die eigene Tasse. Sie machte zwei große Brotschnitten zurecht, doch das mißtrauische Kind schob alles zurück. Aber der Hunger quälte sehr, und schließlich aß und trank es mit wahrem Heißhunger. Um es bei seinem Genießen nicht zu stören, schwieg das Ehepaar; es rührte sie, die kleine Hand zittern zu sehen, so daß sie kaum den Mund fand. Das Kind bediente sich nur der linken Hand, der rechte Arm lag nach wie vor fest am Körper an. Als es fertig mit der Mahlzeit war, hätte es fast die Tasse fallen lassen; schnell schob es das Geschirr mit dem Ellbogen zurück auf den Herd in der ungeschickten Weise von Krüppeln. Bist du am Arm verwundet, Kleine? fragte Hubertine. Fürchte dich nicht, zeige einmal. Doch kaum berührte die Frau das Kind, als es heftig aufsprang und sich jeder Annäherung widersetzte. Bei diesem Kampf lüftete es unwillkürlich den rechten Arm, und ein kleines Buch, welches das Mädchen am nackten Körper verborgen gehalten hatte, fiel durch einen Riß des Leibchens zu Boden. Es wollte schnell zugreifen, doch ballten sich seine kleinen Fäuste, als es sehen mußte, wie die Fremden bereits das Heft öffneten und lasen. Es war ein Zöglingsbuch, wie sie die Verwaltung der Armenpflege im Departement der Seine ausstellt. Auf der Seite unterhalb des Amtszeichens mit dem Saint-Vincent de Paul standen gedruckt die verschiedenen Rubriken. Die Stelle des Namens des Zöglings füllte ein einfacher Tintenstrich aus; unter der Rubrik »Vornamen« las man Angelika-Marie; unter Daten: geboren den 22. Januar 1851, aufgenommen am 23. desselben Monats unter Nummer 1634. Vater und Mutter also unbekannt; kein Schriftstück, kein Geburtszeugnis, nur dieses amtsmäßig kühle Buch mit verblaßtem rosafarbenem Deckel! Das Kind – ein Nichts in der Welt, nur eine numerierte Ausgestoßene, eine bloße Eintragung in die Liste. Ein Findelkind! rief Hubertine. Ich bin mehr wert als alle anderen! Ja, ich bin besser, besser, besser! schrie da mit einemmal in einem Anfalle wahnsinnigen Jähzorns Angelika auf. Ich habe den anderen nichts gestohlen, und mir nehmen sie alles ... Gebt mir wieder, was ihr mir gestohlen habt! So stark war der ohnmächtige Zorn, so will durchbebte die Leidenschaft diese schwächliche Kindergestalt, daß die Hubert vor Staunen sich nicht rührten. Sie erkannten die blonde Kleine mit ihren Veilchenaugen und dem Halse von lilienhafter Anmut gar nicht wieder. Die Augen in dem boshaft sich verzerrenden Gesicht hatten eine schwarze Farbe angenommen, und den zarten Hals blähte ein Blutstrom. Jetzt war der Kleinen heiß; sie wand sich und zischte wie eine aus dem Schnee aufgelesene Natter. Du taugst also nichts? sagte sanft der Sticker. Umso besser ist es für dich, wenn wir erst wissen, wer du bist. Über die Schulter seiner Frau blickend, durchflog sein Auge das Buch, das Hubertine umblätterte. Auf Seite 2 stand der Name der Nährmutter: »Das Kind Angelika-Marie wurde am 25. Januar 1851 der Nährmutter Franziska, Frau des Herrn Hamelin, von Beruf Landwirt, wohnhaft in der Gemeinde Soulanges, Bezirk Nevers, übergeben; die genannte Nährmutter hat bei ihrer Abreise das Pflegegeld für den ersten Monat nebst Ausstattung erhalten.« Es folgte ein vom Geistlichen des Armenpflegewesens unterzeichnetes Taufzeugnis; sodann las man die Zeugnisse des Arztes bei der Abfahrt und Ankunft des Kindes; die Bescheinigungen über den Erhalt der vierteljährlich entrichteten Pflegegelder in Gestalt der regelmäßig wiederkehrenden unleserlichen Unterschrift des Steuereinnehmers füllten die folgenden vier Seiten aus. Wie, Nevers? fragte Hubertine, du bist in der Nähe von Nevers erzogen? Ganz rot vor Wut, jene am Lesen nicht hindern zu können, war Angelika wieder in ihr verstocktes Schweigen zurückgefallen. Der Zorn aber löste ihre Lippen, sie erzählte von ihrer Nährmutter. Hätte Mutter Nini euch geprügelt! Mich nahm sie stets in Schutz, wenn ich auch mitunter Schläge erhielt ... Ich war dort gewiß nicht so unglücklich bei den Tieren ... Ihre Stimme versagte, sie fuhr in abgebrochenen, zusammenhanglosen Sätzen zu erzählen fort, wohin sie die rote Kuh führte, von der großen Straße, auf der man spielte, von den Brotkuchen, die gebacken wurden, von einem großen Hunde, der sie gebissen hatte. Hubert unterbrach sie, indem er laut las: Im Falle schwerer Krankheit oder schlechter Pflege ist der Unteraufseher ermächtigt, die Nährkinder anderweitig unterzubringen. Darunter stand, daß das Kind Angelika-Marie am 20. Juni 1860 einer Therese, Frau des Ludwig Franchomme, beide Blumenmacher, wohnhaft in Paris, anvertraut wurde. Ich verstehe, sagte Hubertine, du bist krank gewesen, und da hat man dich nach Paris gebracht. Die Sache verhielt sich indessen nicht so, und die Hubert erfuhren den richtigen Verlauf der Angelegenheit erst, nachdem sie der Kleinen Stück für Stück aus dem Munde gezogen hatten. Ludwig Franchomme war der Vetter der Mutter Nini und hatte einen Monat lang in dem Dorfe gewohnt, um sich von den Folgen eines Fiebers zu erholen. Seine Frau Therese hatte damals für das Kind eine große Zuneigung gefaßt und durchgesetzt, daß man es ihr nach Paris mitgab; sie wollte die Kleine anhalten, dort die Blumenmacherei zu erlernen. Drei Monate später starb ihr Mann, und da sie selbst sehr leidend war, sah sie sich genötigt, zu ihrem Bruder zu ziehen, einem in Beaumont ansässigen Lohgerber. Hier starb sie in den ersten Tagen des Dezember; zuvor jedoch vertraute sie Angelika ihrer Schwägerin an, und seit dieser Zeit wurde das kleine Wesen gestoßen, geschimpft und geschlagen; es machte eine wahre Leidenszeit durch. Die Rabiers, murmelte Hubert, die Rabiers? Ja, ja, richtig, Lohgerber, sie wohnen in der unteren Stadt am Ufer des Ligneul ... der Mann trinkt, und die Frau führt einen bösen Lebenswandel. Sie behandelten mich wie ein zugelaufenes Kind, fuhr Angelika empört mit dem Stolze der ungerecht Leidenden fort. Sie sagten, die Gosse sei noch zu schade für mich. Wenn ich meine Schläge weg hatte, warf mir die Frau das Essen vor die Füße, als sei ich ihre Katze. Oft genug mußte ich hungrig zu Bett gehen ... Ich hätte mich schließlich getötet! Sie machte eine Gebärde der Wut und Verzweiflung. Gestern am Weihnachtsmorgen haben sie sich betrunken; sie warfen sich auf mich und drohten, mir die Augen zum Zeitvertreibe mit dem Daumen auszubohren. Da das nicht so leicht ging, bearbeiteten sie sich gegenseitig mit Faustschlägen, bis sie wie tot auf dem Boden lagen. Ich glaubte auch, sie seien tot ... Ich wollte schon längst mich flüchten, aber ohne mein Buch ging ich nicht. Mutter Nini zeigte mir es öfter und sagte jedesmal: »Siehst du, das ist dein ganzes Hab und Gut; wenn du das Buch nicht mehr hättest, besäßest du gar nichts.« Ich wußte, wo sie es seit dem Tode von Mutter Therese verbargen, nämlich in der obersten Schublade der Kommode ... Ich schritt also über sie fort, nahm mir mein Buch, drückte es an meine Brust und lief davon. Es war aber zu groß, ich bildete mir ein, jeder müsse es sehen und mir es fortnehmen wollen Wie bin ich gelaufen, gelaufen! Als es schwarze Nacht war, wie fror ich unter jener Tür! So kalt war es, daß ich glaubte, ich sei gar nicht mehr lebendig. Aber das schadet nichts, denn ich habe mein Buch nicht verloren. Da ist es! Mit einem Ruck riß sie es den Hubert fort, gerade als diese es schließen wollten, um es ihr zurückzugeben. Sie setzte sich und widmete sich ganz ihrem Schatze; sie nahm es in ihre Arme und schluchzte, die Wange an den Deckel aus rosafarbener Leinwand lehnend. Eine rührende Demut dämpfte den Zorn, ihr ganzes Wesen schien in dem Schmerze über die wenigen Blätter mit den abgenutzten Ecken, über dieses armselige Etwas aufzugehen, das ihr höchstes Gut, der einzige Faden war, der sie noch mit dem weltlichen Leben verband. Das kleine Herz konnte gar nicht Herr der grenzenlosen Verzweiflung werden, die Tränen flossen und flossen ohne Ende. In diesem Ausbruche gewaltigen Schmerzes erhielt Angelika ihr niedliches, klares Gesicht eines Blondköpfchens mit dem etwas länglichen Oval wieder mit den Veilchenaugen, denen die Zärtlichkeit einen weichen Ausdruck gab, und diese köstliche Schlankheit des Halses, die ihr eine Ähnlichkeit mit einer der kleinen Jungfrauen in den Kirchenfenstern verlieh. Urplötzlich ergriff sie die Hand Hubertines, drückte ihre nach Zärtlichkeit verlangenden Lippen darauf und küßte sie leidenschaftlich. Den Hubert drehte sich das Herz im Leibe um, die Tränen standen auch ihnen bereits in den Augen. Liebes, liebes Kind, stotterten sie. Das Mädchen war also doch nicht ganz verdorben? Vielleicht konnte man es noch von den erschreckenden Wutanfällen heilen. Ich bitte Sie, bringen Sie mich nicht zu den anderen zurück, schluchzte Angelika, bringen Sie mich nicht zu den anderen zurück! Mann und Frau hatten sich angesehen. Seit dem Herbst schon beabsichtigten sie, ein Lehrmädchen ins Haus zu nehmen, irgendein junges weibliches Wesen, das in das kinderleere, traurige Heim fröhliches Leben bringen sollte. Man war sich sofort einig. Willst du? fragte Hubert. Gern, antwortete Hubertine ohne Überstürzung mit ihrer ruhigen Stimme. Sie hielten sich nicht bei der Vorrede auf. Der Sticker verließ das Haus, um den Vorfall dem Friedensrichter des Stadtbezirks von Beaumont, Herrn Grandsire zu erzählen, einem Vetter seiner Frau, dem einzigen Verwandten, mit dem sie in Verkehr stand. Dieser nahm die Erledigung der Angelegenheit vollständig auf sich. Er schrieb an die Armenpflege, die dank der Matrikelnummer Angelika ohne Schwierigkeiten fand und erhielt die Erlaubnis, daß das Kind bei den Hubert, die sich des Rufes großer Ehrbarkeit erfreuten, als Lehrmädchen bleiben durfte. Der Unterinspektor des Bezirks kam, um die notwendigen Vermerkungen im Buche vorzunehmen, und schloß mit dem neuen Brotherrn den Kontrakt ab, kraft dessen dieser das Kind sanft behandeln, es sauber halten, die Schule und die Kirche besuchen lassen und ihm ein Bett zur alleinigen Benutzung stellen mußte. Die Verwaltung dagegen verpflichtete sich, ihn für alles schadlos zu halten und ihm auch gemäß der Vorschrift die Kleidungsstücke für das Kind zu stellen. Nach zehn Tagen war alles in Ordnung. Angelika schlief oben im Giebelzimmer neben dem Boden, das auf den Garten hinausführte; auch hatte es schon den ersten Unterricht im Sticken erhalten. Am Sonntag morgen, ehe Hubertine sie zur Messe führte, öffnete sie vor des Kindes Augen die in der Werkstatt stehende alte Truhe, in der das Feingold verschlossen wurde. Sie legte das Buch, das sie in der Hand hatte, auf den Boden eines Schiebfaches und sagte: Passe auf, wohin ich das Buch lege ... Ich will es nicht verstecken, damit du es dir nehmen kannst, wenn du willst. Es ist viel besser, daß du es siehst und dich seiner erinnerst. Als sie an jenem Morgen die Kirche betraten, stand Angelika abermals unter der Pforte der heiligen Agnes. Es war während der Woche Tauwetter eingetreten; doch hatte es nicht angehalten, sondern sich ein so rauher Frost eingestellt, daß der halbgeschmolzene Schnee auf den Bildereien ein wahres Blütenfeld von Eisnadeln erzeugt hatte. Die Jungfrauen schmückte jetzt eine vollständige Eisfläche; sie hatten durchsichtige Gewänder mit gläsernen Spitzen angelegt. Dorothea hielt eine Fackel, deren durchsichtiges Wachs ihr aus den Händen tropfte; Cäcilie trug eine silberne Krone, von der lebendige Perlen herniederrieselten; Agathe hatte über den mit Zangen gezwickten Busen eine kristallene Rüstung gezogen. Auch die Darstellungen im Giebelfelde, die Jungfrauen in den Wölbungen schienen im Laufe der Jahrhunderte zu Juwelen eines riesigen Reliquienschreines geworden zu sein. Agnes selbst schleppte einen Krönungsmantel nach, der aus Licht gewoben und mit Sternen bestickt war. Ihr Schäfchen hatte ein diamantenes Vlies erhalten und ihre Palme die Farbe des Himmels angenommen. Die ganze Kirchentür strahlte von der Klarheit starker Kälte wider. Angelika erinnerte sich der Nacht, die sie dort unter dem Schutze der Jungfrauen verbracht hatte. Sie erhob den Kopf und lächelte ihnen zu. Zweites Kapitel Beaumont setzt sich aus zwei vollständig getrennten und unterschiedlichen Städten zusammen: dem Kirchenviertel auf der Höhe mit seiner alten Kathedrale aus dem 12. Jahrhundert, seinem Bischofssitze, der erst im 17. Jahrhundert entstand, und mit kaum tausend Bewohnern, die dicht gedrängt im Innern der schmalen Gassen halb ersticken; und der Stadt am Fuße des Hügels und am Ufer des Ligneul, ursprünglich nur einer Vorstadt, die indessen durch ihre flottgehenden Spitzen- und Batistfabriken an Reichtum und Ausdehnung gewann, so daß sie fast 10 000 Einwohner zählt, luftige Plätze, eine stattliche Unterpräfektur hat, überhaupt ganz zeitgemäßen Geschmack entwickelt. Die beiden Stadtteile also, der nördliche und der südliche, haben im Grunde genommen höchstens die Verwaltung betreffende Beziehungen gemeinsam. Obwohl nur knapp 30 Meilen von Paris entfernt, wohin man in zwei Stunden gelangt, scheint das Kirchenviertel noch innerhalb seiner alten Wälle festgekeilt zu sitzen, von denen indessen nur noch drei Tore übrig sind. Dort wohnt noch ein seßhafter, ganz besonderer Menschenschlag und führt dasselbe Leben, das seine Vorfahren seit 500 Jahren von Vater auf den Sohn geführt haben. Das Vorhandensein der Kathedrale erklärt alles, sie ist es, die alles das erzeugt und erhalten hat. Sie ist die Mutter, die Königin; wie eine Riesin überragt sie die niedrigen Häuser, die einer fröstelnd unter die steinernen Flügel niederkauernden Brut ähneln. Man haust dort nur für sie und durch sie; die Gewerke arbeiten, die Läden verkaufen nur, um sie zu erhalten, zu kleiden, zu beköstigen, sie und ihre Geistlichkeit; wenn man dort noch einige andere Bürger antrifft, sind es eben nur die letzten Getreuen untergegangener Geschlechter. Sie pulsiert in der Mitte, denn jede Straße ist eine ihrer Adern, die Stadt kennt keinen anderen Atem als den ihren. Diese Seele einer anderen Zeit, diese weihevolle Anklammerung an die Vergangenheit, diese klösterliche, altvaterische Stadt, welche die Kathedrale einrahmt, strömt daher noch jetzt einen ehrwürdigen Duft von Frieden und Glauben aus. Von dieser ganzen geheimnisvollen Stadt stand das Haus Huberts, wo Angelika fortan leben sollte, der Kathedrale zunächst, war ein Stück Fleisch von ihrem Fleische. Die Erlaubnis, dort zwischen zwei Strebepfeilern bauen zu dürfen, mußte wohl von einem früheren Pfarrer erteilt sein, der den Urahn dieser Stickerfamilie als Meßgewandmacher und Lieferer der Sakristei an sich zu fesseln wünschte. Nach Süden zu sperrte der wuchtige Aufbau der Kirche den schmalen Garten ab: zunächst der Umkreis der seitlichen Kapellen, deren Fenster auf die Gartenbeete führten; ferner der schlanke Körper des Schiffes mit seinen ihn schützenden Strebepfeilern und ganz oben die mächtige Kuppel mit ihren Bleiplatten. Nie drang die Sonne bis auf den Boden dieses Gartens, daher gedieh nur Efeu und Buchsbaum dort. Aber trotzdem weckte der ewige Schatten, den die riesige Höhe der Wölbung dort schuf, nur angenehme Empfindungen; es war ein frommer, gruftartiger, reiner Schatten, der einen guten Geruch ausströmte. Kein anderer Ton als das Glockengeläut von den beiden Türmen der Kathedrale drang in dieses grüne, eine ruhige Frische aushauchende Halbdunkel. Der Nachklang der Glocken aber durchbebte das ganze Haus, das mit den alten Steinen der Kirche wie aus einem Stück gegossen schien und von ihrem Blute lebte. Es erzitterte schon bei der geringsten kirchlichen Feier; die großen Messen, das Grollen der Orgel, die Stimmen der Sänger bis zum unterdrückten Seufzer der Gläubigen, tönten in jedem seiner Steine wider, durchdrangen es wie mit einem heiligen Hauche des Unsichtbaren. Ja, durch die kühle Mauer hindurch drang es oft wie duftiger Hauch der Weihrauchkessel. Dort wuchs Angelika wie in einem Kloster, abgeschieden von der Welt, fünf Jahre hindurch auf. Sie verließ das Haus nur des Sonntags, um die Sieben-Uhr-Messe anzuhören. Hubertine hatte die Erlaubnis erhalten, daß Angelika der Schule fernbleiben durfte, weil die vorsorgliche Frau daselbst schlechten Verkehr für das Kind fürchtete. Dieses altertümliche Haus in seiner Abgeschlossenheit und mit seinem friedhofsstillen Garten bildete daher Angelikas ganze Welt. Sie bewohnte unter dem Dache eine Kammer mit abgetünchten Wänden. Des Morgens stieg sie zum Frühstück nach der Küche hinunter, dann zur Arbeit wieder in das in dem ersten Stockwerke gelegene Arbeitszimmer hinauf. Diese Räume nebst der Wendeltreppe im Türmchen waren die einzigen Ecken, in denen Angelika ihr tägliches Leben verbrachte; gerade sie aber waren die von Geschlecht zu Geschlecht erhaltenen, ehrwürdigen Orte. Das Zimmer der Hubert betrat Angelika nie, kaum daß sie den Salon zur ebenen Erde durchschritt – beides Räume, die nach dem Geschmacke der Neuzeit umgewandelt waren. Im Salon hatte man die Balken übergipst, ein Kranz von palmenzweigartigem Stuck mit einer Mittelrosette schmückte die Decke. Die großblumige gelbe Tapete stammte aus der Zeit des ersten Kaiserreichs, ebenso der Kamin aus weißem Marmor und die Mahagonimöbel, ein Leuchterstuhl, ein Sofa und vier mit Utrechter Samt überzogene Sessel. Selten kam Angelika hierher, nur wenn die Auslage verändert werden mußte und neue Stickereien vor das Fenster gehängt werden sollten. Dann warf sie wohl einen hastigen Blick nach außen, um in der engen, an der Kirchentür der heiligen Agnes auslaufenden Straße immer wieder dasselbe sich nie verändernde Bild in sich aufzunehmen; sie sah eine Andächtige den sich geräuschlos schließenden Türflügel aufstoßen, die scheinbar stets leeren Läden des Goldschmiedes und des Wachshändlers gegenüber mit ihren Hostiengefäßen und den dickleibigen Wachskerzen. Der klösterliche Friede, der über dem ganzen Kirchenviertel ruhte, über der Magloire-Straße hinter dem Bischofssitze, über der Großen Straße, in welche die Goldschmiedestraße mündete, über dem Klosterplatz, an dem die beiden Türme in die Lüfte stiegen, machte sich in der trägen Luft fühlbar, die mit dem bleichen Tage zusammen langsam auf das einsame Pflaster niedersank. Hubertine hatte sich die Vervollständigung der Erziehung von Angelika zur Aufgabe gemacht. Auch sie pflichtete nämlich der althergebrachten Meinung bei, daß eine Frau genug weiß, wenn sie richtig schreiben und die vier Hauptrechnungsarten kann. Sie hatte jedoch stark gegen die Abneigung des Kindes anzukämpfen, das seine Augen gern durch das Fenster nach dem Garten schweifen ließ, trotzdem es nur ein mittelmäßiges Vergnügen war, und daher dem Unterricht unaufmerksam folgte. Angelika entwickelte keine Leidenschaft für das Lesen. Trotz der aus einer klassischen Auswahl hervorgegangenen Diktate brachte sie es nie fertig, auch nur eine Seite ohne einen orthographischen Fehler zu schreiben. Dabei hatte sie eine niedliche, dünne, feste Handschrift, die unregelmäßigen Schriftzüge der großen Damen von ehedem. In den übrigen Gegenständen, in der Länderkunde, der Geschichte und dem Rechnen blieb ihr Wissen gleich Null. Was sollte auch die Wissenschaft? Sie war vollständig überflüssig. Später, vor dem ersten Abendmahl, lernte sie Wort für Wort ihre Glaubenslehre mit einem solchen Überzeugungseifer auswendig, daß sie jedermann durch die Sicherheit ihres Gedächtnisses überraschte. Im ersten Jahre verzweifelten die Hubert trotz ihrer Sanftmut oft genug. Angelika versprach eine sehr geschickte Stickerin zu werden, brachte aber nach Tagen beispiellosen Eifers durch plötzlichen Rückfall in eine unerklärliche Trägheit ihre Lehrer zu grenzenloser Verzweiflung. Sie wurde mit einemmal schlaff, ein Leckermaul und stahl mit niedergeschlagenen Augen in ihrem feuerroten Gesicht Zucker. Wenn man sie ausschalt, gab sie ungezogene Antworten. Wenn an manchen Tagen die Hubert sie zu strafen versuchten, bekam sie Anfälle einer ganz fürchterlichen Wut; sie stieß mit Händen und Füßen und war imstande, alles zu zerreißen und zu zerbeißen. Eine Art Furchtgefühl trieb das Ehepaar bei solchen Gelegenheiten von dem kleinen Ungetüm fort; sie scheuten den Teufel, der sich in dem Kinde regte. Wer mochte es sein? Woher war es gekommen? Diese Findelkinder entstammten fast immer dem Laster und dem Verbrechen. Zweimal waren sie schon auf dem Sprunge, sich des Kindes zu entledigen und mit dem Bedauern, es zu sich genommen zu haben, es tiefbetrübt der Anstalt zurückzugeben. Aber jedesmal endeten die abscheulichen Auftritte, von denen das Haus nachzitterte, mit denselben Tränenströmen, mit derselben tiefen Reue. Das Kind warf sich dann auf den Fußboden mit einer solchen Gier nach Züchtigung, daß man ihm wohl oder übel vergeben mußte. Nach und nach gewann Hubertine die Herrschaft über Angelika. Sie mit ihrem gutmütigen Herzen, ihrem zugleich starken und milden Wesen, ihrem rechtschaffenen Sinn und dem steten Gleichgewicht ihrer Seele war zu dieser Erziehung wie geschaffen. Sie lehrte Angelika Pflicht und Gehorsam und daß der Leidenschaft und dem Zorn gegenüber gehorchen leben heiße. Man müsse Gott, den Eltern, den Vorgesetzten gehorchen, kurz sie führte dem Kinde ein ganzes Register von zu achtenden Persönlichkeiten vor; ein Ungehorsam gegen diese heiße ein entartetes und lasterhaftes Leben führen. Um sie Demut zu lernen, befahl Hubertine ihr bei jeder Auflehnung als Strafe eine untergeordnete Beschäftigung an; sie ließ sie das Geschirr reinigen und die Küche ausscheuern. Dann blieb sie dabei stehen und hielt sie über die Dielen gebeugt, bis die Wut, die hatte aufschäumen wollen, sich vollständig gelegt hatte, die Leidenschaftlichkeit dieses Kindes beunruhigte sie, ebenso sehr aber das Feuer und die Heftigkeit seiner Liebkosungen. Mehrmal hatte sie Angelika dabei angetroffen, wie sie sich selbst die Hände küßte. Sie sah sie für Bilder, kleine Darstellungen von Heiligen, für Jesusbilder, die sie sammelte, erglühen. Eines Abends fand sie sie in Tränen und bewußtlos, der Kopf ruhte auf dem Tische und der Mund auf den Bildern. Es gab einen fürchterlichen Auftritt, als man sie ihr nahm, Tränen und Geschrei, als ziehe man ihr die Haut vom Leibe. Von da an hielt Hubertine sie streng, sie litt nicht mehr ihr Alleinsein, überlud sie mit Arbeiten, ließ Stillschweigen und Kühle um sie her entstehen, sobald sie Angelika sich aufregen und ihre Augen glänzen, ihre Wangen sich röten sah. Hubertine hatte übrigens in dem Buche der Armenpflege einen wirksamen Helfer entdeckt. Alle drei Monate, wenn der Steuereinnehmer seinen Namen darin unterschrieb, blieb Angelika bis zum Abend verstimmt. Das Blut schoß ihr zum Herzen, wenn sie eine Spule Goldfäden aus der Truhe nahm und das Buch dort bemerkte. An einem Tage wildester Wut, wo man ihr durch nichts beikommen konnte, blieb sie wie leblos vor dem unansehnlichen Hefte stehen, das sie erblickte, als sie in der Schublade alles von oben nach unten kehrte. Heftiges Schluchzen erstickte sie fast, sie warf sich den Hubert zu Füßen, demütigte sich und stotterte, sie hätten unrecht getan, sie aufzunehmen, sie verdiene nicht, ihr Brot zu essen. Von jenem Tage an hielt sie oft die Erinnerung an ihr Buch vor Ausbrüchen des Zornes zurück. So wurde Angelika zwölf Jahre alt und damit des ersten Abendmahles teilhaftig. Die ruhige Umgebung, das kleine, im Schatten der Kathedrale schlummernde Haus, die vom Weihrauche durchduftete, von den kirchlichen Gesängen widerhallende Kirche begünstigten die allmähliche Veredelung dieses wilden Schößlings, den man, man wußte nicht wo, ausgerissen und auf diesen geheimnisvollen Boden des kleinen Gartens verpflanzt hatte; dasselbe bewirkten auch das regelmäßige Leben, das man dort führte, die tägliche Arbeit, die Unkenntnis der Ereignisse in der großen Welt, von denen nicht einmal ein Widerhall in das träumende Viertel klang. Doch in erster Linie verdankte die Sanftmut Angelikas viel der großen Liebe der Hubert, die durch ihre tiefe Reue an Innigkeit gewonnen zu haben schien. Er brachte seine Tage mit dem Versuche zu, aus dem Gedächtnisse seiner Frau das Unrecht auszulöschen, das er ihr dadurch angetan hatte, daß er sie gegen den Willen ihrer Mutter heiratete. Er hatte es beim Tode seines Kindes wohl gefühlt, daß sie ihm diese Strafe anrechnete, und er gab sich alle Mühe, ihre Verzeihung zu erlangen. Dieses Ziel hatte er schon seit langer Zeit erreicht, denn seine Frau liebte ihn von ganzem Herzen. Trotzdem zweifelte er manchmal daran, und dieser Zweifel trübte sein Leben. Um der Umstimmung der Toten, der hartnäckigen Mutter, in ihrem Grabe ganz gewiß zu sein, hätte es der Geburt eines zweiten Kindes bedurft. Ihr einziger Wunsch galt diesem Kinde der Versöhnung; er durchlebte zu den Füßen seiner Frau einen wahren Kultus, eine der glühenden und keuschen Leidenschaften, die einem fortgesetzten Brautstande gleichen. Ja, vor dem Lehrmädchen küßte er seiner Frau nicht einmal die Haare und nach zwanzigjähriger Ehe betrat er noch ihr Zimmer mit den Gefühlen eines jungen Gatten am Hochzeitstage. Es war dies ein lauschiges Zimmer mit seiner weißen und grauen Malerei, seinen Tapeten mit blauen Sträußen und den mit Leinwand überzogenen Nußbaummöbeln. Nicht das leiseste Geräusch drang aus ihm heraus, aber man fühlte die darin heimische Zärtlichkeit, denn sie durchsättigte das ganze Haus. Alles das bedeutete für Angelika ein Bad der Liebe, in dem sie voll Leidenschaftlichkeit und Reinheit aufwuchs. Ein Buch vollendete das Werk der Erziehung. Als Angelika eines Morgens herumstöberte, entdeckte sie auf einem verstaubten Brette im Arbeitszimmer unter abgenutzten Stickereigegenständen ein sehr altes Exemplar der »Goldenen Legende« von Jakob de Voragine. Diese aus dem Jahre 1549 stammende französische Übertragung war wahrscheinlich einstmals von einem Meßgewandmacher der darin enthaltenen Bilder und der nützlichen Auskünfte über die Heiligen wegen gekauft worden. Angelika begeisterte sich lange für nichts anderes als für die Bilder, alte Holzschnitte, Eingebungen eines einfältigen Glaubens, die sie entzückten. Sobald man ihr mit dem Buche zu spielen erlaubt hatte, nahm sie den in gelbes Leder gebundenen Quartband und durchblätterte ihn langsam. Zuerst kam der Schmutztitel mit der Adresse des Buchhändlers: »In Paris, Neue Liebfrauen-Straße, im Hause zu ›Johannes dem Täufer‹.« Dann der von Medaillons mit den vier Evangelisten eingerahmte Titel, unten von der Anbetung der drei Magier, oben von dem Triumphe Jesu Christi über den Tod abgeschlossen. Darauf folgten Bild auf Bild verzierte Buchstaben, große und mittlere Bilder im Texte, Seite für Seite: Die Verkündigung, ein ungeheurer Engel, der eine sehr gebrechliche Maria mit Strahlen überwirft; das Gemetzel der Unschuldigen, der grausame Herodes inmitten eines Haufens von Leichnamen; die Krippe, Jesus zwischen der Jungfrau und dem heiligen Joseph, der eine Kerze hält; der heilige Johannes gibt den Armen; der heilige Mathias zerbricht ein Götzenbild; der heilige Nikolaus als Bischof hat zu seiner Rechten Säuglinge in einem Kübel; und alle die Heiligen: Agnes mit dem vom Schwerte durchbohrten Halse, Christine, wie ihr die Brüste mit Zangen abgezwickt werden, Genoveva von ihren Lämmern gefolgt, die gegeißelte Juliana, die verbrannte Anastasia, Maria die Ägypterin, wie sie sich in der Wüste kasteit, Magdalena, das Gefäß mit Weihrauch tragend. Viele andere noch zogen an Angelika vorüber, und mit jedem Bilde nahmen Furcht und Mitleid in ihrer Brust zu. Es war eine jener schrecklichen und zugleich wohligen Geschichten, die das Herz krampfhaft zusammenziehen und die Tränen in die Augen treiben. Aber in Angelika regte sich allmählich auch die Neugierde zu erfahren, was die Bilder vorstellten. Die beiden gedrängten Textreihen, deren Druck auf dem vergilbten Papiere ein tiefschwarzer geblieben war, erschreckten sie mit ihren barbarischen gotischen Schriftzügen. Aber sie gewöhnte sich an sie; sie entzifferte die Buchstaben, lernte die Abkürzungen und Zusammenziehungen verstehen, wußte den Sinn der Wendungen und der veralteten Worte zu erraten, und las schließlich das Buch geläufig, entzückt, als ob sie in ein Geheimnis eindringe, und über jede neue Schwierigkeit, die sie überwunden hatte, triumphierend. Aus diesem mühsam aufgehellten Dunkel flammte ihr eine ganze Welt auf. Sie trat in einen himmlischen Glanz. Ihre trockenen und kalten Schulbücher lebten für sie nicht mehr. Nur die Legende begeisterte sie und hielt sie, die Hände an die Stirn gedrückt, über das Buch gebeugt. Sie war von dem Lesen so gefesselt, daß ihr das wirkliche Leben vollständig verschwand; ohne Bewußtsein von Raum und Zeit sah sie aus dem Grunde des Unbekannten herauf den großen Traum dämmern. Gott ist die Liebe, und ihm zunächst stehen die Heiligen beiderlei Geschlechts. Ihr Schicksal verlautet bereits bei ihrer Geburt, Stimmen verkünden ihre Ankunft, und ihre Mütter haben herrliche Träume. Alle sind schön, stark, siegreich. Ein helles Licht umgibt sie, ihr Antlitz leuchtet. Dominik führt einen Stern auf der Stirn. Sie lesen in den menschlichen Gedanken und wiederholen mit lauter Stimme die Gedanken. Sie besitzen die Gabe der Weissagung, und ihre Prophezeiungen treffen stets ein. Ihre Zahl ist eine unendliche, denn es gibt heilige Bischöfe und Mönche, keusche Jungfrauen und Gefallene, Bettler und vornehme Herren aus königlichem Geschlechte, nackte Einsiedler, welche Wurzeln essen und Greise mit Hindinnen in ihren Klausen. Ihre Geschichte ist die gleiche, sie wachsen für Christus auf, sie glauben an ihn, sie weigern sich, falschen Göttern zu opfern, werden gefoltert und sterben in voller Herrlichkeit. Die Verfolgungen werden den Kaisern lästig. Der ans Kreuz geschlagene Andreas predigt zwei Tage lang zwanzigtausend Menschen. In Masse tritt man zum neuen Glauben über, mit einem Schlage werden vierzigtausend Menschen getauft. Die Menschenmengen, die sich angesichts der Wunder nicht bekehren wollen, fliehen entsetzt. Man klagt die Heiligen der Zauberei an, man gibt ihnen Rätsel auf, die sie lösen, man läßt sie mit den Gelehrten streiten, die stumm bleiben. Sobald man sie in den Tempel zum Opfer führt, stürzen die Götzenbilder auf den bloßen Hauch ihres Mundes hin und zerbrechen. Eine Jungfrau legt ihren Gürtel um den Hals der Venus und diese zerfällt in Staub. Die Erde erzittert, und der Tempel der Diana stürzt vom Blitze getroffen zusammen; die Völker erheben sich, und Bürgerkriege entstehen. Oft genug verlangen die Henker selbst die Taufe, die Könige knien zu den Füßen der in Lumpen gehüllten Heiligen nieder, die sich der Armut vermählt haben. Sabina entflieht dem elterlichen Hause. Paulus verläßt seine fünf Kinder und beraubt sich der Wohltat des Bades. Kasteiungen und Fasten reinigen sie. Nicht Weizen, nicht Öl. Hermann streut Asche über seine Nahrung. Bernhard unterscheidet nicht mehr die Speisen, ihm schmeckt nur das klare Wasser. Agathon trägt drei Jahre hindurch einen Stein im Munde. Augustinus verzweifelt darüber, daß er gesündigt, weil er seine Aufmerksamkeit einem davoneilenden Hunde geschenkt habe. Glück und Gesundheit werden mißachtet, die Freude beginnt mit den Entbehrungen, die das Fleisch töten. So leben sie triumphierend in den Gärten, deren Blumen die Sterne sind, und wo die Blätter der Bäume singen. Sie rotten die Drachen aus, erregen Stürme und beruhigen die Winde; zwei Längen von der Sonne entfernt schwelgen sie in überirdischen Freuden. Verwitwete Frauen sorgen für die Bedürfnisse der Heiligen bei Lebzeiten und empfangen im Traume die Weisung, sie zu begraben, wenn sie gestorben sind. Ganz außerordentliche Geschichten geschehen ihnen, wunderbare Abenteuer, ebenso schön wie sie in Romanen vorkommen. Wenn man nach soundsoviel hundert Jahren die Grabstätten der Märtyrer öffnet, steigen angenehme Düfte daraus empor. Den Heiligen gegenüber stehen die Teufel, unzählige Teufel. »Sie fliegen oft um uns wie Fliegen und erfüllen zahllos die Luft. Die Luft ist ebenso voll von Teufeln und bösen Geistern wie der Sonnenstrahl voller Atome.« Der ewige Kampf entbrennt. Stets sind die Heiligen die Sieger, und immer müssen sie den Sieg von neuem erkämpfen. Je mehr Teufel man verjagt, in desto größerer Zahl kommen sie wieder. Man zählt 6666 in dem Körper einer einzigen Frau, die Fortunatus erlöst. Sie tollen umher, sprechen und schreien durch den Mund der Besessenen, deren Körper sie wie im Sturme schütteln. Sie fahren durch die Nase, den Mund, die Ohren in sie hinein und nach Tagen schrecklicher Kämpfe mit Gebrüll aus ihnen heraus. An jeder Straßenecke wälzt sich ein Besessener, und ein vorübergehender Heiliger liefert eine Schlacht. Basilius schlägt sich Leib an Leib, um einen jungen Menschen zu retten. Macarius schläft zwischen den Gräbern, wird überfallen und muß sich die ganze Nacht hindurch verteidigen. Die Engel selbst sehen sich auch an den Totenbetten gezwungen, die Teufel mit Schlägen zu vertreiben, um die Seelen retten zu können. Bei anderen Gelegenheiten wird nur auf Sinn und Verstand Sturm gelaufen. Man scherzt und sucht sich gegenseitig zu überlisten, der Apostel Petrus und Simon der Magier streiten um Wunder. Der herumlungernde Satanas nimmt alle möglichen Gestalten an, er verwandelt sich in eine Frau und geht so weit, sich den Heiligen selbst ähnlich zu machen. Sobald er aber besiegt ist, erscheint er in seiner ganzen Häßlichkeit: »Eine schwarze Katze, viel größer als ein Hund, mit mächtigen, glühenden Augen und einer breiten, blutigen Zunge, die bis zum Nabel geht, den gekrümmten Schwanz hoch erhoben und sein Hinterteil zeigend, dem ein schrecklicher Gestank entströmt.« Der Teufel ist die einzige Sorge; ihn haßt man, ihn fürchtet man, ihn verspottet man. Man geht wirklich nicht ehrlich mit ihm um. Trotz der fürchterlichen Zurüstung seiner höllischen Feuerkessel bleibt er im Grunde genommen ewig der Geleimte. Alle seine Verträge werden ihm mit Gewalt oder mit List entrissen. Schwache Frauen werfen ihn zu Boden, Margarete zermalmt ihm den Kopf mit ihrem Fuße. Juliane reißt ihm die Weichen mit den Schlägen der Kette auf. Es mehren sich Freudigkeit und stolze Verachtung des Bösen, da der Teufel ohnmächtig ist; die Gewißheit des ewigen Heiles steigt empor, denn die Tugend bleibt Herrscherin. Die Bekreuzung genügt; dagegen kann der Teufel nichts ausrichten; er heult auf und verschwindet. Wenn eine Jungfrau das Zeichen des Kreuzes schlägt, stürzt die ganze Hölle zusammen. In diesem Kampfe der heiligen Männer und Frauen gegen den Satan zeigen sich uns entsetzliche Opfer der Verfolgung. Die Henker setzen mit Honig bestrichene Märtyrer den Fliegen aus; sie lassen, sie mit nackten Füßen über zerbrochenes Glas und glühende Kohlen gehen; sie stoßen sie in mit Schlangen gefüllte Gräben; sie geißeln sie mit Riemen, in die Bleikugeln, geflochten sind; sie schließen sie lebendigen Leibes in Särge ein und werfen diese ins Meer; sie hängen sie an den Haaren auf und verbrennen sie; sie füllen ihre Wunden mit ungelöschtem Kalk, siedendem Pech und geschmolzenem Blei; sie setzen sie auf Sessel von weißglühendem Erz und glühende Helme auf den Kopf; sie verbrennen ihre Lenden mit Fackeln, zerbrechen ihnen die Schenkel auf Ambossen, reißen ihnen die Augen aus, schneiden ihnen die Zunge ab und knicken ihnen einen Finger nach dem andern. Die Heiligen aber zählen ihre Marter nicht, sie verachten sie und zeigen eine Gier, eine Freudigkeit nach weiteren Leiden. Übrigens schwebt ein beständiges Wunder als Schutz über ihnen, sie ermüden ihre Henker. Johannes nimmt Gift und fühlt sich nicht im geringsten davon belästigt. Sebastian lacht darüber, daß er mit Pfeilen gespickt wird. In anderen Fällen bleiben die Pfeile rechts und links vom Märtyrer in der Luft hängen, oder vom Schützen geschnellt, prallen sie auf ihn zurück und durchbohren sein Auge. Sie trinken geschmolzenes Blei wie Eiswasser. Löwen kauern vor ihnen nieder und lecken gleich Schafen ihnen die Hände. Der Rost dünkt dem heiligen Laurentius ein Ort angenehmer Kühle. Er ruft: »Unglücklicher, du hast einen Teil von mir geröstet, drehe mich um und dann iß, denn er ist genug geröstet.« Cäcilie nimmt ein siedendes Bad und »befindet sich da so wohl wie an einem kühlen Orte, kaum daß sie ein wenig Schweiß vergießt.« Christine spottet der Strafen: ihr Vater läßt sie von zwölf Menschen schlagen, alle werden sie matt; ein anderer Henker folgt auf ihn, er flicht sie auf ein Rad und legt darunter Feuer an: die Flamme wird angefacht und verzehrt 1500 Menschen; er wirft sie ins Meer, nachdem er ihr einen Stein um den Hals gehängt hat, aber die Engel halten sie über Wasser, Jesus in Person kommt zu ihrer Taufe und vertraut sie dem heiligen Michael an, daß er sie wieder an das Land führe; ein anderer Henker schließt sie mit Schlangen zusammen ein, schmeichelnd legen sie sich um ihren Hals; fünf Tage bleibt sie in einem Ofen, sie singt dort, und nichts Böses widerfährt ihr. Vincentius mußte noch mehr ertragen und litt dennoch nichts: man brach ihm die Gliedmaßen; man riß ihm mit eisernen Schrauben die Haut vom Leibe, bis die Eingeweide heraustraten: man spickte ihn mit Nadeln, man warf ihn auf die Kohlenglut; man schleppte ihn in das Gefängnis zurück und nagelte seine Füße an einen Pfahl: und zerhackt, geröstet, mit offenem Leibe lebt er dennoch. Seine Martern verwandeln sich zur Lieblichkeit von Blumen, ein helles Licht erfüllt den Kerker, und die Engel singen mit ihm auf einem Lager von Rosen. »Der süße Ton des Gesanges und der duftige Geruch der Blumen drangen nach außen, und als die Wächter das gesehen hatten, bekehrten sie sich zu dem Glauben, und als Dacian das sah, sagte er voller Wut: ›Was können wir ihm noch mehr antun? Wir sind besiegt.‹ « So rufen alle Peiniger, ihre Menschenschinderei aber kann nur mit ihrer Bekehrung oder ihrem Tode enden. Ihre Hände ergreift eine Lähmung. Sie kommen gewaltsam um, Fischgräten ersticken sie, der Blitzstrahl trifft sie, ihre Wagen zerbrechen. Die Kerker der Heiligen erglänzen alle, Maria und die Apostel dringen durch die Mauer ganz nach Belieben hinein. Unausgesetzt kommen Hilfe und Erscheinungen vom offenstehenden Himmel hernieder, wo Gott sich zeigt, in den Händen hält er die Krone von Edelsteinen. Auch der Tod ist ein freudenreicher, sie verachten ihn, und die Anverwandten frohlocken, wenn einer von ihnen stirbt. Auf dem Berge Ararat hauchen 10 000 Gekreuzigte ihr Leben aus. Nahe bei Köln lassen sich 11 000 Jungfrauen von den Hunnen niedermetzeln. In den Kampfspielen krachen die Knochen unter den Zähnen der wilden Tiere. Quiricus, der in einem Alter von drei Jahren schon wie ein Mann redet, erleidet den Märtyrertod. Kinder an der Mutterbrust beschimpfen die Henker. Eine Verachtung, eine Verabscheuung alles Fleisches, des menschlichen Fetzens verwandelt den Schmerz in eine himmlische Wollust. Wenn man das Fleisch zerreißt, bricht und verbrennt, das tut wohl, immer mehr und mehr, es wird nicht in Todeszuckungen sich krümmen. Sie wünschen sich das Eisen, das Schwert in die Kehle, denn nur das tötet. Eulalia, von der geblendeten Volksmenge verhöhnt, facht auf dem Scheiterhaufen die Flamme mit ihrem Atem an, um so schneller zu verbrennen. Gott erhört sie, eine weiße Taube fliegt aus ihrem Munde zum Himmel empor. Angelika war starr vor Staunen, wenn sie es las. So viele Greuel und diese triumphierende Freude brachten sie außer sich vor Entzücken und entrückten sie der Wirklichkeit. Andere Teile der Legende, die nicht so schaurig waren, ergötzten sie, die Tiere zum Beispiel, von denen es in dem Buche wie in einer Arche Noah wimmelte. Sie nahm Anteil an den Raben und Adlern, die den Einsiedlern die Nahrung zutragen mußten. Was für schöne Geschichten von den Löwen! Der dienstbare Löwe, der für Maria die Ägypterin das Grab aushöhlt; der flammende Löwe, der die Türe der verrufenen Häuser bewacht, als die Prokonsuln die Jungfrauen dorthin führen lassen; und dann noch der Löwe des Hieronymus, dem man einen Esel anvertraut hat; er läßt ihn stehlen und bringt ihn wieder zurück. Es war da auch ein Wolf, der von Reue gepackt ein gestohlenes Schwein wieder herbeischleppte. Bernhard tut die Fliegen in den Bann, und sie fallen tot zur Erde. Remigius und Blasius speisen die Vögel an ihrem Tische, segnen sie und geben ihnen die Gesundheit wieder. Franziskus predigt ihnen und ermahnt sie, Gott zu lieben. Ein Vogel, der sich Grille nennt, saß auf einem Feigenbaum; Franziskus streckte seine Hand aus und rief diesen Vogel, er gehorchte sofort und kam auf seine Hand. Und er sagte zu ihm: Singe, mein Lieber, und lobe unsern Herrgott. Sofort sang der Vogel ohne Unterlaß und flog nicht eher fort, als bis es ihm befohlen würde. Das Lesen bildete für Angelika ein fortwährendes Ergötzen; das Buch gab ihr den Gedanken ein, die Schwalben herbeizurufen; sie war neugierig, ob sie kommen würden. Dann gab es noch Geschichten, über die mußte sie soviel lachen, daß sie fast krank wurde. Christoph, der gute Riese, der Jesus trug, rührte sie zu Tränen. Sie erstickte angesichts des Mißgeschicks des Statthalters bei den drei Mägden der Anastasia, wie er sie in der Küche aufsucht und die Pfannen und Kessel küßt in dem Glauben, er umarme die Mägde. »Er kam mit fast schwarzen, beschmutzten und zerrissenen Kleidern wieder heraus. Als die draußen wartenden Diener ihn so verändert sahen, glaubten sie, er habe sich in einen Teufel verwandelt; da schlugen sie ihn mit Ruten, dann flohen sie und ließen ihn allein.« Aber ein wahrhaft tolles Lachen überfiel sie, wenn man auf den Teufel losschlug, wie Juliana namentlich, die, im Kerker von ihm versucht, ihm mit der Kette eine außergewöhnlich derbe Lehre verabreichte. »Als der Statthalter befahl, daß Juliana herbeigeführt würde, schleppte sie den Teufel hinter sich her, und er schrie laut: Frau Juliana, tut mir nichts Böses. Juliana aber schleppte den Teufel über den ganzen Markt, und dann warf sie ihn in einen stinkenden Graben.« Sie wiederholte den Hubert beim Sticken die Legenden, die viel schöner seien als alle Feengeschichten. Sie hatte sie schon so oft gelesen, daß sie sie auswendig wußte: die Sage von den Siebenschläfern, die auf der Flucht vor der Verfolgung in einer Höhle eingemauert wurden, dort 377 Jahre schliefen, und deren Erwachen den Kaiser Theodosius so sehr wunderte; die Sage vom heiligen Clemens, endlose, überraschende und rührende Abenteuer, eine ganze Familie, Vater, Mutter und drei Söhne durch großes Unglück voneinander getrennt und schließlich nach Durchkosten der schönsten Wunder wieder vereinigt. Ihre Tränen flössen, sie träumte nachts davon und lebte nur noch in dieser klagereichen und doch triumphierenden Welt der Wunder, im übernatürlichen Reiche der Tugenden und ihrer erfreulichen Vergeltungen. Als Angelika zum ersten Abendmahl ging, schien es ihr, als schwebe sie wie die Heiligen zwei Fuß über dem Erdboden. Sie war eine junge Christin der ursprünglichen Kirche, sie empfahl sich den Händen Gottes; denn sie hatte aus dem Buche gelernt, daß ihre Seele ohne seine Gnade nicht errettet werden könne. Die Hubert Welten es so: an den Sonntagen besuchten sie die Messe, an hohen Feiertagen nahmen sie das Abendmahl mit der zufriedenen Überzeugung der Demütigen, vielleicht auch ein wenig aus Überlieferung und ihrer Kundschaft wegen; die Meßgewandmacher waren eben alle, Vater und Sohn, zum Abendmahl gegangen. Hubert selbst unterbrach häufig seine Beschäftigung, um der Vorlesung des Kindes zuzuhören; er erzitterte mit ihr, seine Haare schienen sich beim geringsten Hauche des Unsichtbaren zu sträuben. Er fühlte mit ihr und weinte, als er sie im weißen Kleide sah. Dieser Tag kam ihnen wie ein Traum vor, beide kamen aus der Kirche betäubt und abgespannt zurück. Hubertine mußte sie tüchtig ausschelten, sie mit ihrem klaren Verstände verurteilte jede Übertreibung, selbst wenn sie guten Dingen galt. Überdies mußte sie den Eifer Angelikas dämpfen, namentlich ihre Sucht nach Wohltun. Franziskus machte die Armut zu seiner Gebieterin, Julian, der Almosenier, nannte die Armen seine Herren, Gervasius und Protas wuschen ihnen die Füße, Martin teilte mit ihnen seinen Mantel. Das Kind wollte nach dem Beispiele der Lucia alles verkaufen, um alles verschenken zu können. Zunächst beraubte sie sich selbst ihres geringen Eigentums, dann begann sie das ganze Haus zu plündern. Aber das Schlimme war, daß sie mit offenen Händen auch den Unwürdigen ohne Unterschied der Person schenkte. Eines Abends, am zweiten nach dem Abendmahle, tadelte man sie, weil sie einer Trunkenboldin ein Stück Leinen aus dem Fenster zugeworfen hatte, sofort kehrten ihre alten Wutanfälle wieder; es gab einen fürchterlichen Auftritt. Dann wurde sie aus Scham über ihr Benehmen krank und mußte drei Tage lang das Bett hüten. Inzwischen verflossen Wochen und Monate. Zwei Jahre gingen vorüber. Angelika zählte 14 Jahre und wurde ein Weib. Wenn sie jetzt in der Legende las, brauste es ihr in den Ohren, und das Blut klopfte in den feinen blauen Adern an ihre Schläfen. Jetzt fühlte sie die Zärtlichkeit einer Schwester für die Heiligen. Die Jungfräulichkeit ist die Schwester der Engel, die Besitzerin alles Guten; sie bedeutet die Niederlage des Teufels und die Herrschaft des Glaubens. Sie verleiht die Gnade, sie stellt die Vollkommenheit dar, die sich nur zu zeigen braucht, um zu siegen. Der Heilige Geist stärkte Lucia so, daß 1000 Mann und fünf Gespanne Ochsen nicht imstande waren, sie in ein verrufenes Haus zu schleppen, wie der Prokonsul befohlen hatte. Ein Statthalter, der Anastasia umarmen wollte wurde blind. Die Reinheit der Jungfrauen wird bei den Folterungen offenbar, ihr blendend weißes Fleisch läßt Ströme von Milch anstatt Blutes dahinfließen, wenn die eisernen Werkzeuge den Körper zerfleischen. Gewiß zehnmal wiederholt sich die Geschichte einer jungen Christin, die ihrer Familie entflieht und sich unter einem Mönchsgewande verbirgt; man wirft ihr vor, ein junges Mädchen in der Nachbarschaft zu Fall gebracht zu haben; sie leidet die Verleumdung, ohne sich von dem Vorwurfe zu reinigen, dann triumphiert sie, denn ihre Unschuld offenbart sich plötzlich. Eugenia wird vor den Richter geführt, sie erkennt ihren Vater, zerreißt ihr Gewand und zeigt sich. Der Kampf der Keuschheit beginnt unaufhörlich von neuem, denn ihre Feinde entstehen immer und immer wieder. Auch bildet die Furcht vor der Frau die Weisheit der männlichen Heiligen. Die Welt ist voll böser Listen, die Einsiedler eilen daher in die Wüste, wo es keine weiblichen Wesen gibt. Sie fechten furchtbare Kämpfe aus, geißeln sich und werfen sich nackt in die Brombeersträucher und in den Schnee. Ein Einsiedler, der seine Mutter über eine Furt leiten will, umwickelt sich die Finger mit seinem Mantel. Ein gefesselter Märtyrer wird von. einem weiblichen Wesen in Versuchung geführt, er beißt sich die Zunge ab, um sie ihr ins Gesicht zu schleudern. Franziskus erklärt, er habe keinen ärgeren Feind als seinen Körper. Bernhard schreit: Haltet den Dieb, haltet den Dieb! um sich gegen eine Frau, seine Gastfreundin, zu schützen. Eine Frau, der Papst Leo die Hostie reicht, küßt ihm die Hand, er schneidet die Hand am Gelenk ab, die Jungfrau Maria setzt sie wieder an ihren alten Platz. Alle rühmen die Trennung der Ehegatten. Alexis, der verheiratet und sehr reich ist, unterrichtet seine Frau in der Keuschheit; dann verläßt er sie. Justina, beim Anblicke Cyprians von Liebe gepeinigt, widersteht ihren Gefühlen, sie bekehrt ihn und geht gemeinsam mit ihm in den Tod. Cäcilia, die ein Engel liebt, teilt ihr Geheimnis am Hochzeitsabende ihrem Gatten Valerian mit; dieser ist damit einverstanden, sie nicht zu berühren und die Taufe zu empfangen, um des Anblickes des Engels teilhaftig zu werden. Er fand in seiner Kammer Cäcilia, die mit dem Engel sprach, und der Engel hielt zwei Rosenkronen in der Hand; er gab die eine Cäcilia, die andere Valerian und sagte: Hütet diese Kronen makellosen Herzens und Körpers. Zwanzig andere vereinigen sich nur, um sich zu verlassen, der Tod ist stärker als die Liebe; man mißachtet ihr Vorhandensein. Hilarius bittet Gott, er möge seine Tochter Apia in den Himmel aufnehmen, damit sie sich nie verheirate; sie stirbt, und die Mutter bittet den Vater, daß ihr desgleichen geschehe. Die Jungfrau Maria in Person entführt den Frauen ihre Verlobten. Ein Edelmann, Verwandter des Königs von Ungarn, leistet Verzicht auf ein Mädchen von wunderbarer Schönheit, sobald Maria sich an dem Kampfe beteiligt. Plötzlich erschien Unsere liebe Frau und sagte: Warum verlassest du mich einer anderen wegen? Und er verlobte sich ihr. Unter allen diesen Heiligen hatte Angelika ihre Lieblinge, deren Lehren ihr bis ins innerste Herz drangen, und nach denen sie sich besserte. So die heilige Katharina, die in Purpur geboren, im Alter von 18 Jahren durch ihr großes Wissen alles bezauberte. Sie stritt mit 50 Rednern und Sprachgelehrten, die ihr Kaiser Maximus entgegenstellte. »Sie wurden geschlagen und wußten nichts mehr zu sagen, so daß alle schwiegen. Und der Kaiser tadelte sie, weil sie sich von einer Jungfrau hatten so schimpflich besiegen lassen.« Die fünfzig erklärten ihm alsdann, daß sie sich bekehrten. »Als der Tyrann das sah, bemächtigte sich seiner eine furchtbare Wut, und er befahl, daß alle inmitten der Stadt verbrannt würden.« In Angelikas Augen war Katharina die unbesiegbare Wissende, die ebenso trotzig und herausfordernd ihrer Schönheit als ihrer Weisheit wegen war; wie Katharina hätte Angelika sein mögen, um ebenso die Menschen überzeugen und sich im Gefängnisse von einer Taube ernähren lassen zu können, bevor man ihr den Kopf abgehauen habe. Doch namentlich war es Elisabeth, des Königs von Ungarn Tochter, die ihre beständige Führerin wurde. Immer wenn der Zorn sich in ihr zu regen begann, wenn die Heftigkeit sie fortriß, dachte sie an dieses Muster von Sanftmut und Einfachheit, an diese Fromme von fünf Jahren, die sich weigerte zu spielen, sich lieber an die Erde kauerte, um Gott zu dienen, und die, als sie später die gehorsame und gekränkte Gattin des Landgrafen von Thüringen wurde, ihrem Gemahl ein heiteres Gesicht zeigte, während ihr die Nächte hindurch die Tränen über die Wangen liefen, und die als keusche Witfrau aus ihrem Lande verjagt, glücklich war, ein Leben der Armut führen zu können. Ihre Kleidung war eine so armselige, daß sie nur einen grauen Mantel trug, verlängert durch ein Stück von anderer Farbe; die Ärmel ihres Rockes waren zerrissen und mit andersfarbigem Tuche geflickt. Der König, ihr Vater, ließ sie durch einen Grafen aufsuchen. Als sie der Graf in solchem Aufzuge und spinnend fand, schrie er vor Schmerz über dieses Wunder auf und sagte: »Noch kein Königskind trug ein solches Kleid und wurde spinnend gesehen.« Elisabeth stellte die vollendetste Demut des Christentums vor, die von dem Schwarzbrote der Bettler ißt, ohne Ekel ihre Wunden verbindet, ihre groben Hüllen trägt, auf harter Erde schläft und ihre Wallfahrten nackten Fußes ausführt. »Sie wusch jedesmal die Schüsseln und das Geschirr der Küche heimlich, damit die Kammerfrauen sie nicht hinderten.« Und sie sagte: »Hätte ich einen niedrigeren Stand gefunden, ich hätte ihn erkoren.« Daher verstand sich Angelika, die früher vor Zorn außer sich war, wenn man ihr befahl, die Küche zu reinigen, jetzt zur Besorgung niedriger Arbeiten, wenn sie sich vom Triebe der Herrschsucht besessen fühlte. Teurer aber noch als Katharina und als Elisabeth, als alle war ihr eine Heilige, die kindliche Märtyrerin Agnes. Ihr Herz erbebte, wenn sie in der Legende diese Jungfrau im Schmucke ihres Kopfhaares wiederfand, die sie damals unter der Tür der Kathedrale beschützt hatte. Welche Flamme reiner Liebe, als sie den Sohn des Statthalters abweist, der sich ihr beim Verlassen der Schule näherte! »Gehe von mir, Hirt des Todes, Beginn der Sünde und Nährer des Treubruchs.« Wie sie ihren Geliebten feiert! »Ich liebe den, dessen Mutter die heilige Jungfrau und dessen Vater kein Weib berührte, über dessen Schönheit Sonne und Mond staunen, durch dessen Hauch die Toten auferstehen.« Als Vespasian befiehlt, ihr das Schwert durch den Hals zu stoßen, steigt sie zum Paradiese empor, um sich ihrem »glänzenden und strahlenden Gatten anzutrauen«. Namentlich wenn, wie es seit einigen Monaten in wirren Stunden geschah, das heiße Blut in ihren Schläfen tobte, rief Angelika die Heilige an und betete zu ihr; und sofort schien sie neugestärkt. Sie sah sie beständig um sich; sie fürchtete oft, etwas zu tun und etwas zu denken, worüber jene sich beleidigt fühlen könnte. Als sie sich eines Abends die Hände küßte, woran sie immer noch Vergnügen fand, wurde sie plötzlich rot und wandte sich verwirrt ab, obwohl sie sich ganz allein befand, denn sie war sich bewußt geworden, daß die Heilige es gesehen haben mußte. Agnes war die Hüterin von Angelikas Körper. Angelika war deshalb mit 15 Jahren ein liebenswürdiges Mädchen. Selbstredend hatten weder das klösterliche und arbeitsame Leben, noch der trauliche Schatten der Kathedrale, noch die Legenden von den schönen Heiligen aus ihr einen Engel, ein vollkommenes Geschöpf gemacht. Immer noch riß sie der Jähzorn hin, es offenbarten sich immer noch Fehler und tauchten unerwartet in den Winkeln der Seele auf, die man zu festigen vergessen hatte. Aber dann zeigte sie sich tief beschämt – wollte sie doch die Vollendung selbst sein – und im Grunde genommen war sie auch menschenfreundlich, heiter, unwissend und rein. Als man von einem der großen Ausflüge heimkehrte, die sich Huberts zweimal im Jahre, am Pfingstmontage und zu Mariä Himmelfahrt, erlaubten, hatte sie einen wilden Rosenstock ausgerissen und sich damit erlustigt, ihn in das kleine Gärtchen zu verpflanzen. Sie beschnitt und begoß ihn, und er trieb größere Blüten, die einen zarten Geruch ausströmten. Sie merkte eifrig auf, ob der Stock durch ein Wunder echte Rosen tragen werde, ohne daß man erst seine Veredelung vorzunehmen brauchte. Sie tanzte um ihn herum und wiederholte entzückt: »Das bin ich, das bin ich!« Wenn man sie wegen ihrer Heckenrose neckte, lachte sie selbst, wenn sie auch bleich wurde und ihr die Tränen an den Augenrand traten. Ihre Veilchenaugen waren noch sanfter geworden, ihr Mund öffnete sich halb und zeigte die kleinen weißen Zähne im länglichen Oval ihres Gesichts, das ihre schwach lichtblonden Haare mit einem goldenen Schimmer umrahmten. Sie war groß geworden, ohne schwächlich zu erscheinen, Hals und Schultern zeigten noch immer eine stolze Anmut, ihre Brust rundete sich, ihre Hüften waren geschmeidig. Fröhlich und heiter, war Angelika eine seltene Schönheit von unendlicher Anmut geworden, deren Körper und Seele in Unschuld und Keuschheit erblühten. Die Hubert faßten von Tag zu Tag eine größere Zuneigung zu ihr. Beiden Gatten war der Gedanke einer Annahme Angelikas an Kindesstatt gekommen. Nur ließen sie bisher nichts davon verlauten aus Furcht, die Reue könne von neuem aufbrechen. In der Tat sank die Frau an dem Morgen, als ihr Mann zu einem festen Entschlüsse gelangt war, schluchzend in ihrem Zimmer auf einen Sessel. Dieses Kind an Kindesstatt annehmen, hieß es nicht für immer auf ein eigenes Verzicht leisten? In ihrem Alter war allerdings darauf nicht mehr zu rechnen; darum gab sie ihre Einwilligung, gerührt bei dem Gedanken, aus Angelika ihre Tochter zu machen. Als sie mit Angelika darüber sprachen, sprang diese ihnen an den Hals und erstickte sie fast unter Tränen. Abgemacht, sie werde immer bei ihnen, in diesem Hause bleiben können, das sie bereits ganz erfüllte, das sie durch ihre Jugend verjüngt, durch ihr Lachen aufgeheitert hatte. Doch schon beim ersten Schritt machte sie ein Hindernis bestürzt. Der Friedensrichter, Herr Grandsire, den man darüber befragte, setzte ihnen die Unmöglichkeit der Adoption auseinander, weil das Gesetz die Großjährigkeit der an Kindesstatt Anzunehmenden verlangte. Als er den Kummer der Hubert sah, gab er ihnen ein Mittel zur Erlangung einer vorläufigen Adoption an die Hand: Jede über 50 Jahre alte Person kann ein minderjähriges, mindestens 15 Jahre altes Wesen durch einen gesetzlichen Akt sich verbinden, indem sie sein amtlicher Vormund wird. Die Altersverhältnisse paßten, und erfreut griff man zu dieser Ausflucht. Überdies kam man überein, sogleich die Adoptierung des Mündels auf testamentarischem Wege, wie es das Gesetz erlaubt, vorzunehmen. Herr Grandsire nahm sich der Eingabe des Gatten und der Vollmacht der Frau an und setzte sich mit dem Vorsteher der öffentlichen Armenpflege in Verbindung, welcher der Vormund aller Findelkinder, und dessen Zustimmung zu dem Akte notwendig ist. Der gerichtliche Termin fand statt, und die Aktenstücke wurden in Paris bei dem näher bezeichneten Friedensrichter hinterlegt. Man wartete nur noch auf das Protokoll, das den Akt der amtlichen Vormundschaft zu Recht erklären sollte, als die Hubert von einem nachträglichen Bedenken heimgesucht wurden. Hätten sie vor der Adoptierung Angelikas sich nicht erst um die Wiederauffindung der Familie des jungen Mädchens bemühen müssen? Wenn ihre Mutter noch lebte, woher nahmen sie dann das Recht, über die Tochter zu verfügen, ohne ihrer Hingabe durchaus gewiß zu sein? Dann kam ihnen auch wieder jenes Unbekannte, jener Sündenpfuhl in die Erinnerung, dem Angelika vielleicht entstammte; der Gedanke daran beunruhigte sie jetzt wieder genau wie damals. Alles ängstigte sie so, daß sie keinen ruhigen Schlaf mehr fanden. Plötzlich reiste Hubert nach Paris. Es war ein Ereignis in seinem ruhigen Leben. Er belog Angelika; denn er sprach zu ihr nur davon, daß seine Anwesenheit dort der Regelung seines vormundschaftlichen Verhältnisses zu ihr gelte. Innerhalb 48 Stunden hoffte er, alles zu wissen, was er wollte. Aber in Paris verfloß ein Tag nach dem andern; bei jedem neuen Schritte türmten sich andere Hindernisse vor ihm auf, und so verstrich eine ganze Woche, während welcher er von Pontius zu Pilatus geschickt wurde. Im höchsten Grade außer sich durcheilte er die Straßen; oft genug war ihm das Weinen nahe. Im Büro der öffentlichen Armenpflege empfing man ihn sehr kühl. Ein Verwaltungsgesetz bestimmt, daß nach der Abstammung des Kindes nicht vor dessen Großjährigkeit geforscht werden darf. An zwei Morgen hintereinander schickte man ihn wieder fort. Es gehörte Hartnäckigkeit dazu, sich in drei Büros auszusprechen, sich als gesetzlicher Pfleger heiser zu reden, bis ein Unterchef, ein großer dürrer Herr, die Gnade hatte, ihm das Fehlen einer jeglichen genauen Urkunde zu melden. Die Verwaltung wußte gar nichts, eine Hebamme hatte das Kind Angelika Marie eingeliefert, ohne die Mutter zu nennen. Halb verzweifelt wollte er sich schon auf den Weg nach Beaumont machen, als ein guter Gedanke ihn zum viertenmal die Armenpflege aufsuchen ließ, um sich aus dem Aufnahmeakt den Namen der betreffenden Hebamme sagen zu lassen. Auch das war noch eine schwierige Sache. Endlich wußte er ihren Namen. Frau Foucart hieß sie und wohnte damals, im Jahre 1850, in der Zweitaler-Straße. Jetzt begannen die Laufereien von neuem. Das betreffende Ende der genannten Straße war niedergerissen. Kein Schankwirt der benachbarten Straßen erinnerte sich einer Frau Foucart. Er schlug ein Adreßbuch nach: ein solcher Name fand sich gar nicht vor. Die Augen beständig nach oben, studierte er die Schilder an den Häusern, um einige Hebammen ausfindig zu machen. Dies Mittel schlug an, es glückte ihm, auf eine alte Dame zu stoßen, die ihn gleich überschrie. Wie? Sie solle eine so angesehene Frau wie die Frau Foucart nicht kennen, die nur Unglück gehabt habe? Sie wohne Pachtstraße am andren Ende von Paris. Hubert eilte dorthin. Durch die gemachten Erfahrungen gewitzigt, nahm er sich vor, hier diplomatisch vorzugehen. Aber Frau Foucart, eine mächtige Figur auf kurzen Beinen, ließ ihm gar nicht die Zeit, ihr seine so schön ausgedachten Fragen vorzulegen. Kaum hatte er die Namen des Kindes und das Datum seiner Geburt ausgesprochen, als es aus ihrem Munde auch schon unaufhaltsam wie ein grollender Strom dahinschoß. Die Kleine lebe also! Na, sie könne auf die Schanddirne von Mutter stolz sein! Frau Sidonie, wie man sie, seit sie Witwe war, nannte, sei aus guter Familie; wie man sich erzählt, habe sie sogar einen Minister zum Bruder, das halte sie jedoch in keiner Weise von einem schlechten Lebenswandel ab. Sie setzte Hubert weitschichtig auseinander, wie sie ihre Bekanntschaft gemacht hatte, als das liederliche Weibsbild in der Honorius-Straße einen Handel mit Früchten und Provenceöl eröffnete; sie und ihr Mann seien damals gerade aus Plassans nach Paris gekommen, um hier ihr Glück zu machen. 15 Monate nachdem ihr Gatte gestorben und begraben war, habe sie ein Kind bekommen, ohne recht zu wissen, woher sie es eigentlich hatte, denn sie sei dürr wie ein Kontobuch gewesen, kalt wie ein Wechselprotest, gleichgültig und roh wie ein Gerichtsdiener. Du lieber Gott, einen Fehltritt verzeihe man schon, aber Undankbarkeit? Habe sie, Frau Foucart, jene nicht sechs Wochen lang während ihres Wochenbettes ernährt, nachdem der kleine Laden schon längst zugrunde gegangen sei? Habe sie nicht jene von einer großen Last dadurch befreit, daß sie die Kleine forttrug? Und was sei ihr Lohn gewesen? Als sie selbst in Not geraten, sei es ihr nicht gelungen, die Pension für den Monat bezahlt zu bekommen, nicht einmal die 15 Franken habe sie zurückerhalten, die sie jener geliehen habe. Augenblicklich habe Frau Sidonie in der Vorstädtischen Fischer- Straße einen kleinen Laden und drei Zimmer im Halbgeschoß, wo sie unter dem Aushängeschild eines Verkaufes von Spitzen alles feilhalte. Ach ja, ach ja, da sei es doch besser, man kenne eine solche Mutter lieber nicht. Eine Stunde später streifte Hubert um den Laden der Frau Sidonie herum. Er sah im Innern eine magere, blasse Frau, deren Alter und Geschlecht sich schwer bestimmen ließen; sie trug ein schwarzes abgenutztes Kleid, das die Merkmale von jeder Art zweideutigen Handels zeigte. Daß in dem Herzen dieser Zwischenhändlerin eine Erinnerung an ihr, dem Zufalle entsprungenes Kind nie aufgetaucht sein konnte, sah man. Hubert zog heimlich Erkundigungen ein und erfuhr Dinge, die er niemandem, selbst seiner Frau nicht erzählte. Trotzdem zögerte er noch immer und kam noch einmal zurück, um an dem geheimnisvollen Laden vorüberzugehen. War es nicht besser, die Tür aufzureißen, sich zu erkennen zu geben und eine Einwilligung zu erhalten? Ihm, dem ehrenhaften Manne stand das Urteil zu, ob er das Recht habe, den Faden für immer zu durchschneiden. Er tat es. Entschlossen drehte er dem Laden den Rücken zu und kehrte am Abend nach Beaumont zurück. Hubertine hatte von Herrn Grandsire gerade erfahren, daß das Protokoll bezüglich der gesetzlichen Vormundschaft unterzeichnet sei. Als Angelika sich in die Arme Huberts warf, erkannte er an dem fragenden Ausdruck ihrer Augen, daß sie sehr wohl um den eigentlichen Grund seiner Reise wußte. Schluchzend umarmte Angelika die Hubert leidenschaftlich. Nie wieder wurde ein Wort hierüber gesprochen. Sie war ihre Tochter. Mein Kind, deine Mutter ist nicht mehr am Leben, sagte er darum gelassen. Drittes Kapitel Am diesjährigesn Pfingstmontage hatten die Hubert mit Angelika in den Ruinen des Schlosses Hautecoeur gefrühstückt, das zwei Meilen stromabwärts von Beaumont den Ligneul beherrscht. Am Morgen, der diesem Ausfluge ins Freie, dem Tage heiteren Wanderns folgte, schlief das junge Mädchen noch, als die alte Uhr in der Arbeitsstube bereits acht schlug. Hubertine sah sich deshalb genötigt, an die Tür des Schlafzimmers zu klopfen. Nun, Faulenzerin? ... Wir haben bereits gefrühstückt. Angelika kleidete sich hastig an und stieg hinunter, um ihr Frühstück allein zu verzehren. Dann kam sie in die Arbeitsstube, wo Hubert und seine Frau sich gerade an die Arbeit machten. Wie konnte ich nur so lange schlafen! Und dabei haben wir dieses Meßgewand bis zum Sonntag zu liefern versprochen! Die Arbeitsstube, deren Fenster auf den Garten hinausführten, war ein mächtiger Raum, der fast vollständig noch in seiner ursprünglichen Gestalt erhalten war. Die beiden Hauptbalken der Decke und die drei freiliegenden Querbalken waren, da sie keinen Kalküberwurf erhalten hatten, stark angeräuchert und von Würmern zernagt; unter dem abgebröckelten Gips traten die Bohlen der Zwischenfelder der Balkenlage deutlich hervor. Einer der steinernen Träger, welche die Balken stützten, trug die Jahreszahl 1463, wahrscheinlich das Datum der Aufrichtung. Der ebenfalls in Stein hergestellte, abgebröckelte und Risse zeigende Kamin zeigte noch seine einfache Eleganz, seine vorspringenden Pfeiler, seine Konsolen, seinen friesartigen Kranz, seinen mit einem Aufsatze gekrönten Rauchfang. Auf dem Friese selbst konnte man noch eine vom Alter gleichsam verblaßte einfache Bildhauerei erkennen, einen heiligen Clarus, den Schutzpatron der Sticker. Der Kamin wurde aber nicht mehr gebraucht; man hatte den Herd zu einem offenen Schrank umgeformt, indem man dort Bretter übereinander reihte; hier lagen die Muster aufgehäuft. Jetzt heizte ein großer Ofen aus Gußeisen das Zimmer, dessen Rohr an der Decke entlang in den Rauchfang führte. Die schon wackeligen Türen stammten aus der Zeit Ludwigs XIV. Die Dielen des alten Fußbodens begannen unter den Leisten jüngeren Datums, die bei jedem Loche eine über die andere geschlagen waren, schon in Fäulnis überzugehen. Fast hundert Jahre bereits hielt der gelbliche Anstrich der Wände; oben war er ausgeblichen, unten rotstreifig und mit Salpeterflecken übersät. Alle Jahre sprach man davon, die Wände neu streichen lassen zu wollen, ohne sich aus Abneigung gegen den Wechsel dazu entschließen zu können. Hubertine saß an dem Rahmen, in den das Meßgewand eingespannt war. Wenn wir die Arbeit am Sonntage abliefern, sagte sie, bekommst du, wie du weißt, den versprochenen Satz Stiefmütterchen für deinen Garten. Richtig, rief Angelika vergnügt, ich werde mich schon daranhalten ... Aber wo ist mein Fingerhut? Wenn man nicht mehr arbeitet, fliegt gleich das ganze Werkzeug fort. Sie stülpte den alten elfenbeinernen Fingerhut über das zweite Glied ihres kleinen Fingers und setzte sich an die andere Seite des Rahmens dem Fenster gegenüber. Seit der Mitte des vorigen Jahrhunderts hatte sich die Ausstattung der Arbeitsstube in keiner Weise geändert. Die Moden wechselten, die Kunst des Stickens nahm andere Formen an, aber man fand noch immer dort an der Mauer befestigt den Aufschöbling, das hölzerne Gestell, auf dem der Stickrahmen ruht, den am gegenüberliegenden Ende ein beweglicher Bock trägt. In den Ecken schlummerten altertümliche Werkzeuge: eine Spulmaschine mit Zahnrad und Spindeln, um das Gold von den Rollen aufzuspulen, ohne es berühren zu müssen; ein Spinnrad für Handbetrieb, eine Art Winde, welche die an der Mauer befestigten Fäden aufwickelte; mit Taffet und Schienen versehene Trommeln jeglicher Größe, sie dienten zum Häkeln. Auf einem Brette stand eine Sammlung alter Ausschneideeisen für die Goldflitter; man erblickte auch das breite klassische Bandelier der einstigen Sticker. An den Haken eines Halters, der aus einem angenagelten Riemen bestand, hingen Pfriemen, Klöppel, Hammer, Eisen zum Zerschneiden des Pergamentpapiers, Hölzer aus Buchsbaum, die zum Modellieren der Fäden dienten, je nachdem man sie anwendet. Am Fuße des Zuschneidetisches aus Lindenholz stand noch eine große Haspel, deren zwei bewegliche Rädchen aus Weidenruten die Strähnen spannen. Ganze Schnüre von Spulen mit bunter Seide hingen, an einem Faden aufgereiht, nahe der Truhe. Auf dem Fußboden stand ein Korb voll leerer Spulen. Ein Paar großer Scheren lagen auf dem Strohgeflecht eines der Stühle umher, ein Knäuel Bindfaden war soeben erst zu Boden gefallen, wobei es sich aufgerollt hatte. Welch schönes Wetter, welch schönes Wetter, wiederholte Angelika, da hat man Freude am Leben. Ehe sie sich über die Arbeit beugte, um sich in sie zu vertiefen, vergaß sie sich noch einen Augenblick an dem offenen Fenster, durch das ein strahlender Maimorgen drang. Ein kleiner Sonnenstrahl schlüpfte von dem Dache der Kathedrale hernieder, und aus dem Garten des Bischofssitzes drang der Duft blühenden Flieders herüber. Sie lächelte geblendet, vom Frühling umflossen. Dann aber raffte sie sich auf, als wolle sie sich ermuntern und rief: Ich habe kein Gold zum Durchziehen, Vater. Hubert, der gerade den Abdruck eines Musters für einen Chorrock beendete, holte aus dem Grunde der Truhe eine Strähne hervor, schnitt sie durch und fädelte die beiden Enden auf, indem er das die Seide bedeckende Gold aufzupfte. Dann brachte er die Strähne in einer Hülle von Pergamentpapier herbei. Hast du jetzt alles? Ja, ja. Ein schneller Blick beiehrte sie, daß ihr nichts mehr fehlte: die mit verschiedenfarbigem Golde, dem roten, dem grünen und blauen bespulten Spindeln; die Puppen von vielgetönter Seide, die Flitter, die Cantillen, Bandrose und Frisuren, und in einem Hutdeckel, der als Korb diente, die langen, feinen Nadeln, die stählernen Kneifzangen, die Gold- und Silberdrähte, die Scheren, das Wachsknäuel. Alles lag auf dem Rahmen selbst umher; den ausgespannten Stoff beschützte jedoch graues, starkes Papier. Sie hatte in eine Nadel Gold eingefädelt zum Durchziehen. Doch schon beim ersten Stich riß der Faden und Angelika mußte von neuem einfädeln; sie zupfte das Gold ein wenig ab und warf das überflüssige in die Haspel in Gestalt eines Kastens für Abfälle, der ebenfalls auf dem Rahmen stand. Endlich, sagte sie, als sie ihre Nadel glücklich durchgestochen hatte. Tiefes Schweigen herrschte im Zimmer. Hubert hatte die Einspannung einer zweiten neuen Arbeit in einen Rahmen begonnen. Er hatte die beiden Leisten auf den Aufschöbling und auf den Bock gelegt genau einander gegenüber, so daß er die scharlachrote Seide des Chorrockes, die Hubertine soeben mit Gurtstreifen versehen, gerade nach dem Faden spannen konnte. Er schob die Latten in die Löcher der Leisten und befestigte sie mit vier Nägeln. Nachdem er rechts und links vergittert hatte, vollendete er die Spannung, indem er die Nägel immer weiter hinausschob. Man hörte ihn mit der Fingerspitze auf den Stoff klopfen, daß es wie ein Trommelfell widertönte. Angelika war eine Stickerin von ausgezeichnetem Geschmack und außergewöhnlicher Gewandtheit geworden, so daß die Hubert selbst erstaunten; über das, was sie sie gelehrt hatten, trug sie ihr Eifer hinaus, der den Blumen Leben und den heiligen Zeichen Bedeutung einhauchte. Unter ihren Händen beseelten sich Seide und Gold, ihre Befähigung hob die geringfügigsten Verzierungen hervor; da ihre Einbildungskraft fortwährend rege war, übertrug sie ihren ganzen Glauben an die unendliche Welt des Unsichtbaren auf die unter ihren Händen entstehenden Gebilde. Einzelne ihrer Stickereien hatten im Kirchsprengel von Beaumont solches Aufsehen erregt, daß ein Priester, der Archäologe, und ein anderer, der ein Liebhaber von Bildern war, am Abend gekommen waren, um sie zu sehen; vor ihren Jungfrauen, die sie den einfachen Figuren der ersten Kirchenväter an die Seite stellten, ergingen sie sich in lauten Bewunderungen. Es war dieselbe Aufrichtigkeit, dasselbe Gefühl für das Überirdische vorhanden, und zwar rahmte es eine ziemlich genaue Behandlung der Einzelheiten ein. Sie besaß die Gabe der Musterzeichnung und zwar damit ein wahres Wunder; denn einen Lehrer hatte sie nie gehabt. Sie befähigten nur ihre abendlichen, beim Scheine der Lampe gemachten Studien, mit der Spitze der Nadel ihre Muster oft zu verbessern, von ihnen abzuweichen, ihrer Phantasie Spielraum zu lassen. Die Hubert, welche die Kenntnis des Zeichnens für eine Stickerin notwendig erklärten, traten gegen sie zurück, obgleich sie die Älteren und Erfahrenen waren. Schließlich waren sie nur noch die bescheidenen Helfer Angelikas; alle wertvolleren Aufträge mußte sie ausführen; die Hubert bereiteten für sie nur den rohen Untergrund vor. Wieviele glänzende und heilige Wunder gingen ihr vom einen Ende des Jahres bis zum andern auf diese Weise durch die Finger! Sie war schon ganz Seide, Samt, Gold- und Silberstoff. Sie stickte Meßgewänder, Talare, Armbinden, Chorröcke, Dalmatiken, Bischofshüte, Banner, Becher- und Ciborienschleier. Am meisten jedoch kamen Meßgewänder in ihren fünf Farben vor; der weißen für die zur Beichte gehenden und Jungfrauen, der roten für die Apostel und Märtyrer, der schwarzen für die Toten und die Fasttage, der violetten für die Unschuldigen, der grünen für alle Festtage; das Gold, wenn es häufig benutzt war, konnte auch das Weiß, das Rot und das Grün ersetzen. Im Mittelpunkte des Kreuzes erschienen immer die gleichen Sinnbilder, die Zeichen von Jesus und der Maria: das von Strahlen umsäumte Dreieck, das Lamm, der Pelikan, die Taube, ein Becher, eine Monstranz, ein blutendes Herz unter Dornen. Am Halse und an den Ärmeln entlang zogen sich dagegen Verzierungen oder Blumen, ein ganzer Schmuck alter Stile, eine ganze Welt schöner Blumen, Anemonen, Tulpen, Päonien, Granatäpfel, Hortensien. Es verging keine Jahreszeit, in der sie nicht sinnbildliche Ähren und Trauben in Silber auf schwarz oder in Gold auf rot neu entstehen ließ. Für die kostbaren Meßgewänder schattierte sie Bilder, Köpfe von Heiligen, einen künstlerischen Mittelpunkt wie die Verkündigung, die Krippe, die Schädelstätte. Oft wurden die Verbrämungen in den Stoff selbst eingestickt, oft setzte sie die seidenen oder halbseidenen Streifen auf Gold- oder Samtbrokat. Diese ganze Pracht geheiligten Glanzes entstand nacheinander durch das Werk ihrer schlanken Finger. Das Meßgewand, an dem Angelika augenblicklich arbeitete, war aus weißem Atlas gefertigt, das Kreuz bestand aus einer Garbe goldener Lilien, durchschlungen von Rosen in lebhaften Farben aus schattierter Seide. Im Mittelpunkte strahlte innerhalb einer Krone von kleinen, mattgoldenen Rosen das Zeichen der Maria in rotem und grünem Golde mit einem Reichtum von Verzierungen. Eine Stunde arbeitete Angelika bereits an der Fertigstellung der Blätter der Meinen goldenen Rosen, und so lange hatte kein Wort das Schweigen unterbrochen. Aber der Faden riß von neuem, sie zog unter dem Rahmen als geschickte Arbeiterin blindlings einen neuen ein. Als sie dann den Kopf erhob, schien sie mit einem tiefen Atemzuge den hereindringenden Frühling in sich aufzunehmen. Wie schön war es gestern, sagte sie leise ... Wie wohl tut doch die Sonne! Hubertine, die ihren Faden wachste, hob den Kopf. Ich bin wie gerädert und fühle kaum meine Arme. Ich zähle eben keine sechzehn Jahre mehr wie du. Man geht auch viel zu wenig aus. Trotz ihrer Ermüdung machte sich Hubertine sofort wieder an die Arbeit. Sie bereitete die Lilien vor, indem sie Stückchen Pergament an den angezeichneten Stellen aufnähte, damit die Blumen Ansehen bekämen. Diese ersten Sonnenstrahlen machen euch kopfverdreht, setzte Hubert hinzu, der den Rahmen gespannt hatte und sich anschickte, die Streifen des Chorrockes durchzupausen. Angelika blickte träumerisch, weltvergessen in den von der Kuppel der Kathedrale herniederfallenden Sonnenstrahl. Nein, nein, sagte sie sanft, ein ganzer Tag in freier Luft zugebracht erfrischt und stärkt mich. Sie hatte das kleine goldene Blätterwerk beendet und nahm eine der großen Rosen vor. Sie hielt soviele eingefädelte Nadeln bereit, wie Farben gebraucht wurden; je nachdem die Blätter der Blumen Ausdruck erhalten sollten, stickte sie mit Spalt- und Steppstichen immer in der Bewegungsrichtung der Blütenblättchen. Trotz der Sorgfalt, die auf die Arbeit verwendet werden mußte, schweiften ihre Gedanken zu dem gestrigen Tage zurück, den sie somit noch einmal erlebte, und die zuerst in aller Stille fließenden Erinnerungen drängten schließlich so gewaltsam über ihre Lippen, daß die Quelle nicht mehr versiegte. Sie erzählte von dem Aufbruch, von den weiten Feldern, von dem Frühstück, das man in den Ruinen von Hautecoeur auf der Diele eines kleinen Saales eingenommen, dessen zerfallene Mauern über dem Ligneul hingen, der 50 Meter tief unter den Weiden vorüberfloß. Sie war tief ergriffen von dem Anblick dieser Trümmer, dieser mit Efeu übersponnenen Überreste, die Zeugnis ablegten von der Ungeheuerlichkeit des Kolosses, als er noch die beiden Täler beherrschte. Der 60 Meter hohe, aufsatzlose, gespaltene Wartturm stand noch auf seinen 15 Fuß starken Grundfesten, unbeugsam trotz aller seiner Wunder. Es waren noch zwei Türme erhalten: der Turm Karls des Großen und der Davidsturm; beide verband ein unversehrt erhaltener Wall. Im Innern des Schlosses fand man noch eine Anzahl Baulichkeiten, die Kapelle, den Gerichtssaal und einige Kammern vor; die Treppenstufen, die Fenstersimse, die Bänke auf den Terrassen, alles schien das Werk von Riesenhänden zu sein, denn es ging nach den Begriffen des heute lebenden Geschlechtes ins Maßlose. Das Schloß bildete einstmals eine vollständige, befestigte Stadt; 500 Mann konnten sich in ihm 30 Monate hindurch behaupten, ohne an Lebensmitteln und Schießvorrat Mangel leiden zu müssen. Seit zwei Jahrhunderten aber sprengten wilde Rosenstöcke die Steine des unteren Stockes auseinander, Lilien und Bohnenbäume überblühten den Schutt der heruntergestürzten Decken, eine Platane war aus dem Kamine eines Vorsaales herausgewachsen. Aber wenn die untergehende Sonne den Schatten des Turmrumpfes über drei Wegstunden bebauten Landes verlängerte, wenn das ganze Schloß im abendlichen Nebel in seiner ungeheuren Größe aufs neue zu entstehen schien, dann spürte man noch seine einstige Gewalt, die rohe Kraft, welche aus ihm die uneinnehmbare Festung gemacht hatte, vor der jedermann bis zu den Königen Frankreichs hinauf erzitterte. Ich bin überzeugt, fuhr Angelika fort, daß das Schloß noch von den Seelen der Abgeschiedenen bewohnt wird, die des Nachts dorthin zurückkehren. Man hört die verschiedenartigsten Stimmen, überall gibt es dort Tiere, die uns anglotzen, und als ich mich umblickte, nachdem wir aufgebrochen waren, sah ich große weiße Gestalten um die Mauern schweben ... Nicht wahr, Mutter, du kennst die Geschichte des Schlosses? Hubertine zeigte ein sanftes Lächeln. Ich selbst habe dort nie ein Gespenst erblickt. Aber sie kannte wirklich die Geschichte des Schlosses; sie hatte sie in einem Buche gelesen und mußte auf die dringenden Fragen des Mädchens Antwort geben. Das Land gehörte einst dem Bistum Reims, später dem heiligen Reinigius, der es von Chlodwig empfing. Ein Erzbischof Severinus ließ in den ersten Jahren des zehnten Jahrhunderts in Hautecoeur eine Festung erbauen, um das Land gegen die Einfälle der Normannen zu schützen, welche die Oise hinaufgefahren kamen, in die sich der Ligneul ergießt. Im folgenden Jahrhundert gab ein Nachfolger von Severinus das Land einem jüngeren Sohne des Hauses der Normandie, Norbert gegen eine Abgabe von 60 Sous zu Lehen unter der Bedingung, daß die Stadt Beaumont und ihre Kirche frei bleiben sollten. Auf diese Weise wurde Norbert I. das Haupt der Marquis von Hautecoeur, deren glorreiches Geschlecht seitdem in den Büchern der Geschichte verzeichnet steht. Herbert IV. wurde zweimal in den Bann getan, weil er der Kirche gehörige Güter geraubt hatte; er war ein Wegelagerer der schlimmsten Sorte und erdrosselte einmal 30 Bürger mit eigener Hand in einem Zuge. Ludwig der Dicke, den er zu bekriegen wagte, machte seinen Turm dem Erdboden gleich. Raoul I., der sich mit Philipp August am Kreuzzuge beteiligte, kam vor Akko durch einen Lanzenstich um, der ihm das Herz durchbohrte. Der berühmteste aber war Johann V., der Große, der im Jahre 1225 die Festung wieder aufbaute und innerhalb fünf Jahren das furchtbare Schloß von Hautecoeur schuf, in dessen Schatten er einmal vom Throne Frankreichs träumte. Er entging dem Gemetzel von 20 Schlachten und starb als Schwager des Königs von Schottland in seinem Bett. Ihm folgten Felician III., der nackten Fußes nach Jerusalem wallfahrte, Herbert VII., der seine Rechte auf den Thron Schottlands geltend machte und noch andere mächtige und edle Herren im Laufe der Jahrhunderte bis zu Johann IX., der unter Mazarin den Schmerz erlebte, der Schleifung seines Schlosses beiwohnen zu müssen. Nach der letzten Belagerung sprengte man die Gewölbe des Wartturmes und die übrigen Türme in die Luft und steckte die Baulichkeiten in Brand, wo einst Karl IV. in seiner Tollheit sich vergnügte, und wo beinahe 200 Jahre später Heinrich IV. acht Tage mit Gabrielle d'Estrées zugebracht hatte. Alle diese königlichen Erinnerungen schlafen jetzt unter dem grünen Rassen. Angelika hörte, ohne die Nadel ruhen zu lassen, mit fliegenden Pulsen der Erzählung zu. Ihr war es, als steige die Erscheinung der großen Toten aus ihrem Stickrahmen heraus, zusammen mit der in ihren zarten Farben allmählich entstehenden Rose vor ihr auf. Ihre Unkenntnis der Geschichte ließ die Ereignisse noch gewaltiger erscheinen und sie aus dem Boden einer wunderbaren Legende heraus entstehen. Sie erbebte in gläubiger Entzückung; vor ihren Blicken baute sich das Schloß wieder auf und stieg bis zu den Pforten des Himmels empor; die Hautecoeur waren die Vettern der heiligen Jungfrau. Dann ist also unser neuer Bischof, Hochwürden von Hautecoeur, ein Nachkomme dieser Familie? fragte sie. Hochwürden sei wohl der Abkömmling einer jüngeren Linie, meinte Hubertine, da die ältere bereits seit langer Zeit ausgestorben sei. Daß ein Hautecoeur in Beaumont als Bischof sitze, sei übrigens ein merkwürdiges Zusammentreffen, da Jahrhunderte hindurch die Marquis von Hautecoeur und die Geistlichkeit von Beaumont sich in den Haaren lagen. Gegen das Jahr 1150 unternahm ein Abt die Erbauung der Kirche lediglich aus den Einkünften seines Ordens. Das Geld ging daher sehr bald aus, das Gebäude war aber nur bis zur Höhe der Wölbungen der Seitenkapellen gefördert, und daher mußte man sich mit einer Holzbedachung begnügen. 80 Jahre vergingen, Johann V. war gerade dabei, sein Schloß neu zu erbauen. Plötzlich gab er eine Summe von 300 000 Livres her, die in Verbindung mit anderen Beträgen die Fortführung des Kirchenbaues erlaubten. Man baute das Schliff vollends aus. Die beiden Türme und die große Vorderseite wurden erst viel später, im Jahre 1430, also fast in der Mitte des 15. Jahrhunderts fertiggestellt. Um die Freigiebigkeit Johanns V. zu vergelten, hatte die Geistlichkeit ihm und seinen Nachkommen eine Grabstätte in einer Kapelle der Apsis eingeräumt, die bisher dem heiligen Georg geweiht war und nunmehr die Kapelle Hautecoeur hieß. Aber die guten Beziehungen dauerten trotzdem nicht fort, das Schloß gefährdete die Vorrechte von Beaumont unaufhörlich, und über Abgabe- und Vorrangsfragen brachen fortgesetzt Feindseligkeiten aus. Eine Frage namentlich, nämlich die der Erhebung eines Zolles, mit dem die Schloßherren die Schiffahrt auf dem Ligneul zu belegen wünschten, ließ die Streitigkeiten nie verstummen, als der große Wohlstand der unteren Stadt mit ihren Fabriken feiner Leinwand zum Vorschein kam. Von jener Zeit an wuchs der Reichtum Beaumonts von Tag zu Tag, während der der Hautecoeurs sank bis zu dem Augenblicke, wo das Schloß geschleift wurde und die Kirche triumphierte. Ludwig XIV. machte eine Kathedrale aus ihr, und zu einem Bischofssitz wurde das einstige Mönchskloster umgeformt. Der Zufall wollte, daß gerade jetzt nach 400 Jahren des Kampfes ein Hautecoeur den Bischofsstuhl eines unerschüttert dastehenden Bistums bestieg, das seine Ahnen einst besiegt hatte. Hochwürden war aber doch verheiratet? fragte Angelika. Hat er nicht einen Sohn von 20 Jahren? Hubertine hatte die Schere ergriffen, um an einem papiernen Schnittmuster eine Änderung vorzunehmen. Ja, Abt Cornille erzählte mir davon. Das ist eine traurige Geschichte ... Hochwürden war mit 21 Jahren Hauptmann unter Karl X. 24 Jahre alt nahm er im Jahre 1830 seine Entlassung, und man behauptet, daß er bis zu seinem 40. Jahre ein wüstes Leben voller Reisen, Abenteuer und Zweikämpfe führte. Eines Abends begegnete er bei Freunden auf dem Lande der Tochter des Grafen von Valencay, Paula, einem wunderbar schönen, sehr reichen, jungen Mädchen, das kaum 19 Jahre alt, also 24 Jahre jünger als er selbst war. Er liebte Paula wahnsinnig, und auch sie betete ihn an, so daß man die Hochzeit beschleunigen mußte. Damals erwarb er die Ruinen von Hautecoeur für ein elendes Stück Geld, ich glaube 10 000 Franken, in der Absicht, das Schloß auszubauen; er träumte davon, es dann mit seiner jungen Frau zu bewohnen. Neun Monate lebten sie vor jedermann verborgen auf einer alten Besitzung in Anjou; ihrem Glücke erschienen die Stunden zu kurz ... Paula bekam einen Sohn und – starb. Hubert, der gerade das Muster nachzog, erhob bleichen Angesichts den Kopf. Der Unglückliche! murmelte er. Man erzählt, daß er beinahe gestorben wäre, fuhr Hubertine fort. 15 Tage darauf trat er in den Orden ein. 20 Jahre ist er schon Mönch und jetzt Bischof ... Man erzählt sich aber auch noch, daß er 20 Jahre lang sich geweigert hat, seinen Sohn zu sehen, das Kind, das seiner Mutter das Leben kostete. Er hatte es bei einem Onkel von ihr, einem alten Abt untergebracht; nicht einmal Nachricht wollte er über den Sohn haben, er wollte versuchen, ihn ganz zu vergessen. Eines Tages schickte man ihm ein Bild des Kleinen und siehe da, er glaubte die teure Tote wiederzusehen; man fand ihn starr auf dem Fußboden liegen, als hätte ihn ein Hammerschlag getroffen ... Das Alter und das Gebet zu Gott müssen indessen diesen großen Kummer gemildert haben, denn der gute Pfarrer Cornille sagte nur gestern, daß Hochwürden endlich seinen Sohn zu sich entbiete. Angelika hatte ihre Rose beendet; sie schien so frisch, daß man den aus dem Atlas aufsteigenden Duft einzuatmen glaubte. Sie blickte aufs neue durch das von Sonnenstrahlen erhellte Fenster, und ihre Augen tauchten in tiefes Träumen. Sie wiederholte mit leiser Stimme: Der Sohn von Hochwürden ... Hubertine schloß ihre Geschichte. Ein junger Mann, schön wie ein Gott. Sein Vater wünschte, aus ihm einen Priester zu machen. Aber der alte Abt war dagegen, weil der Kleine nicht die Berufung in sich fühlte ... Und nun die Millionen! Man spricht von 50! Seine Mutter hinterließ ihre fünf Millionen, die in Pariser Grundstücken angelegt wurden und jetzt ein Kapital von mehr als 50 Millionen ausmachen sollen. Also reich wie ein König. Reich wie ein König, schön wie ein Gott, wiederholte Angelika unbewußt mit traumhafter Stimme. Mit rein mechanischer Handbewegung nahm sie von dem Rahmen eine mit Goldfäden bewickelte Spule, um die Spitzenstickerei einer großen Lilie vorzunehmen. Sie zog den Faden aus der Spitze der Spule, befestigte das Ende mit einem Stich Seide am Rande des Pergamentpapiers, welches den Bausch bildete. Dann sagte sie, ohne den Gedanken zu vollenden, wie versunken in das Unerklärliche ihres Wunsches: Ich wünschte, ich wünschte ... Wieder herrschte tiefes Schweigen, nur unterbrochen durch leisen Gesang, der von der Kirche herübertönte. Hubert brachte sein Muster in Ordnung, indem er mit einem Pinsel alle Umrisse der Stickerei nachzog; auf diese Weise drückten sich die Verzierungen des Chorrockes in weißen Linien auf der roten Seide ab. Er war es, der zuerst wieder sprach. Was für Pracht gab es doch in den alten Zeiten! Die großen Herren trugen Kleider, die von Stickereien strotzten. In Lyon verkaufte man Stoffe bis zu 500 Livres die Elle. Man muß die Satzungen und Vorschriften der Meister der Stickkunst lesen, wo gesagt wird, daß die Sticker des Königs das Recht hatten, mit Waffengewalt die Arbeiter der anderen Meister zu entführen ... Auch führten wir Wappen: azurblaue mit goldverbrämten Balken und sogar drei Lilien im Felde, zwei zu oberst und eine darunter ... Muß das schön gewesen sein! Doch es ist schon lange her! Er schwieg und tippte mit dem Fingernagel auf den Rahmen, um die Stäubchen zu verjagen. In Beaumont erzählt man sich noch, fuhr er fort, von den Hautecoeur eine Sage; meine Mutter hat sie mir oft wiederholt, als ich noch klein war ... Einstmals verwüstete eine große Seuche die Stadt, die Hälfte der Einwohner hatte sie bereits dahingerafft. Da merkte Johann V., derselbe, der die Festung wieder ausgebaut hat, daß Gott ihm die Kraft zur Bekämpfung der Plage schickte. Er begab sich darauf nackten Fußes zu den Kranken, kniete vor ihnen nieder und küßte sie. Sobald seine Lippen jene berührt und er die Worte gesprochen hatte: »Wenn Gott will, will ich«, waren die Kranken geheilt. Aus diesem Grunde sind dieselben Worte auch der Wahlspruch der Hautecoeur geblieben; sie alle haben seitdem die Pest zu heilen vermocht ... Ja, es waren stolze Männer! Ein Herrschergeschlecht! Hochwürden nennt sich selbst Johann XII., und der Name seines Sohnes soll gleichfalls wie der eines Fürsten von einer Zahl begleitet sein. Er schwieg. Ein jedes seiner Worte wiegte und verlängerte Angelikas Träumen. Mit derselben singenden Stimme wiederholte sie: Ich wünschte, ich wünschte ... Sie hielt die Spule in der Hand, ohne den Faden zu berühren, und führte das Gold von rechts nach links wechselnd über das Pergament; bei jedem Rückgang befestigte sie den Faden mit einem Stich Seide. Allmählich erblühte die große goldene Lilie. Ich wünschte, ich wünschte, ich könnte einen Prinzen heiraten ... Einen Prinzen, den ich nie zuvor gesehen habe, der eines Abends, wenn die Nacht hereinbricht, kommt, mich an die Hand nimmt und in sein Schloß führt ... Und ich wünschte, er wäre sehr schön und sehr reich, der schönste und reichste, den die Erde jemals getragen hat! Ich müßte unter meinem Fenster die Pferde wiehern hören können, eine Flut von Edelsteinen müßte über meine Knie herniederströmen, von Gold ein Regen, eine Sündflut von Gold müßte meinen Händen entfallen, sooft ich sie öffnen würde. Und ich wünschte ferner, mein Prinz liebte mich bis zur Raserei, und ich selbst liebte ihn wahnsinnig. Wir müßten immer und immer sehr jung, sehr rein und sehr edel bleiben. Hubert verließ seinen Rahmen und näherte sich ihr lachend, während Hubertine dem jungen Mädchen freundschaftlich mit dem Finger drohte. Du Eitle, du Feinschmeckerin! Du bist also unverbesserlich? Du hast wieder deine hochfahrenden Träume! Dieser Traum ist allerdings weniger häßlich, als wenn du Zucker gestohlen hast und ungezogene Antworten gibst. Aber im Grunde genommen steckt auch hier der Teufel dahinter. Die Leidenschaft und die Hoffart reden eben aus dir. Angelika blickte Hubertine vergnügt und offenherzig an. Mutter, Mutter, was sagst du da? ... Ist es ein Verbrechen, jemanden zu lieben, der schön und reich ist? Ich hebe ihn, weil er reich, weil er schön ist, weil es mir Herz und Seele wärmt. Es ist etwas Schönes, das erhellt, das erleichtert das Leben wie die Sonne ... Ihr wißt ganz gut, daß ich nicht interessiert bin. Geld? Ihr würdet schon sehen, was ich mit dem Gelde anfangen würde, wenn ich recht viel hätte. Es sollte nur so über die Stadt regnen und zu den Armen fließen. Segen an allen Enden, kein Elend mehr. Zuerst würde ich euch, liebe Mutter und lieber Vater, bereichern, ich möchte euch in Kleidern und Röcken von Brokat wie eine Dame und einen Edelmann aus der alten Zeit sehen. Hubertine zuckte leise die Schultern. Närrin! ... Du bist arm, mein Kind, und bekommst keinen Sou Mitgift. Wie kannst du nur von einem Prinzen träumen? Du würdest also einen Mann heiraten, der reicher ist als du? Ob ich ihn heiraten würde? Hubertines Antlitz zeigte Staunen und Überraschung. Ja, ich würde ihn heiraten! ... Wenn er Geld hat, wozu brauche ich es? Ich würde ihm alles schulden und ihn umso mehr lieben. Diese siegreiche Beweisführung entzückte Hubert, in dessen Kopf es bei Angelikas Gedankengang zu summen begann. Er machte mit ihr gemeinsam den Flug in die Wolken. Sie hat recht, rief er. Seine Frau warf ihm einen unwilligen Blick zu und wurde ernst. Du wirst später deine. Torheit einsehen, mein Kind, und das Leben kennen lernen. Ich kenne das Leben. Wo solltest du es kennen gelernt haben ... Du bist zu jung, du erkennst das Böse nicht. Geh, das Böse lebt und ist allmächtig. Das Böse, das Böse ... Angelika sprach das Wort Silbe für Silbe aus, um seinen Sinn zu erfassen. Auch in ihren reinen Augen spiegelte sich dieselbe Überraschung der Unschuld wider. Sie kannte das Böse sehr wohl, hatte es doch die Legende sie genugsam gelehrt. War das Böse nicht der Teufel? Hatte sie nicht den Teufel immer aufs neue entstehen und immer wieder besiegt gesehen? In jeder Schlacht war er zu Boden geworfen und jämmerlich mit Schlägen bedacht worden. Das Böse! Wenn du wüßtest, Mutter, wie ich darüber lache ... Man braucht es nur zu bekämpfen, und man lebt glücklich. Hubertine machte eine Bewegung bekümmerter Unruhe. Du läßt es mich beinahe bereuen, dich vor allen verborgen in dem Hause mit uns allein erzogen zu haben. Ich fürchte, wir werden eines Tages Gewissensbisse empfinden, dich so im unklaren über das Leben selbst gelassen zu haben ... Von welchem Paradies träumst du eigentlich? Wie stellst du dir die Welt vor? Ein Strahl der Hoffnung überflog das Antlitz des jungen Mädchens, während es über die Arbeit gebeugt mit derselben Gleichmäßigkeit die Spule weiterführte. Du hältst mich für sehr dumm, Mutter? ... Die Welt steckt voll braver Menschen. Wenn man ehrbar und arbeitsam ist, wird es einem stets vergolten ... Ich weiß, es gibt auch einige schlechte Leute. Aber zählen die? Man verkehrt nicht mit ihnen, und damit sind sie schnell bestraft ... Und dann, seht, die Welt erscheint mir wie ein großer Garten, ja, wie ein ungeheurer Park voll Sonnenschein und Blumen. Es lebt sich so schön, und das Leben ist so süß, es kann gar nicht schlecht sein. Wie berauscht von dem Glänze der Seidensträhne und des Goldes, das sie mit ihren geschickten Fingern bearbeitete, ereiferte sie sich mehr und mehr. Es ist eine so einfache Sache, das Glück. Wir sind glücklich, nicht wahr? Und warum? Weil wir uns lieben. Darin hegt die ganze Schwierigkeit; man muß lieben und sehr geliebt werden ... Ihr werdet es schon sehen, wenn er kommt, den ich erwarte. Wir werden uns auf der Stelle erkennen. Ich habe ihn nie gesehen, und doch weiß ich, wie er sein muß. Er wird eintreten und sprechen: Ich hole dich. Und ich werde antworten: Ich erwarte dich, nimm mich. Er wird mich nehmen und damit für immer. Wir werden in einen Palast gehen und in einem goldenen, mit Diamanten besetzten Bette schlafen. Das ist doch so einfach! Du bist toll! Schweige! unterbrach sie Hubertine streng. Da sie Angelika aufgeregt und bereit sah, sich noch des weiteren in ihre Träumereien zu verlieren, fuhr sie fort: Schweige, du machst mir Sorge... Wenn wir dich an einen armen Teufel verheiraten, Unglückliche, wirst du dir durch den Sturz aus deinem Himmel die Knochen zerbrechen. Für uns Arme gibt es nur ein Glück: Demut und Gehorsam. Angelikas Lächeln dauerte mit ruhiger Hartnäckigkeit an: Ich erwarte ihn, er kommt. Sie hat recht, rief Hubert, der in seinem Eifer ganz außer sich geriet. Warum schiltst du sie?... Sie ist so schön, daß ein König sie begehren kann. Alles kommt vor. Hubertine wandte ihm ihre traurig blickenden, klugen Augen zu. Ermutige sie nicht zum Bösen. Niemand weiß besser als du, was es heißt, seinem Herzen den Willen lassen. Er wurde sehr bleich, und dicke Tränen traten ihm in die Augen. Sofort bereute auch Hubertine die Lehre, die sie ihm gegeben; sie sprang auf und ergriff seine Hände. Er machte sich jedoch frei und wiederholte stammelnd: Nein, nein, ich hatte unrecht ... du mußt auf deine Mutter hören, Angelika, verstehst du? Wir beide sind unvernünftig, nur sie allein ist verständig... Ich hatte unrecht... Zu aufgeregt, um sich wieder zu setzen, ließ er seinen Chorrock, den er in den Rahmen gespannt hatte, liegen und beschäftigte sich mit dem Leimen eines Banners, das fertig auf dem Rahmen geblieben war. Er nahm den Topf mit flandrischem Gummi und führte den Pinsel auf der Rückseite des Stoffes entlang, was der Stickerei Festigkeit gab. Seine Lippen zitterten noch schwach, doch sprach er nicht mehr. Auch Angelika schwieg gehorsam; doch ganz, ganz leise verstiegen sich ihre Gedanken höher und höher, weit hinaus über die Grenzen ihres Wunsches; ganz deutlich verrieten, was in ihr gärte, der Mund, den ihr überschwengliches Gefühl halb öffnete, ihre Augen, in denen sich das unendliche Blau ihres Traumgesichts widerspiegelte. Den Traum des armen Mädchens spann der Goldfaden weiter; aus ihm erblühten Faden um Faden auf dem weißen Atlas die großen Lilien, die Rosen und das Zeichen der Maria. Der gestickte Stengel der Lilie hob sich wie ein Lichtstrahl ab, die langen, dünnen Blätter aus Metallplättchen dagegen, die mit einem Stich gedrehter Seide befestigt waren, fielen wie ein Regen von Sternen hernieder. Blenden aber konnte das Zeichen der Maria in der Mitte, eine massige Goldarbeit, halb Stickerei, halb Pressung, in dem Feuer seiner Strahlen erglühend wie die Pracht des Tabernakels. Die zarten Rosen aus Seide, sie lebten, und das ganz schneeweiße Meßgewand erglänzte wunderbar in der Pracht seines goldigen Blumenflors. Nach langem, langem Schweigen erhob Angelika den Kopf, die Wangen erglühten von dem Blute, das aus ihrem Herzen aufstieg. Sie blickte Hubertine etwas boshaft an, zuckte mit dem Kinn und sagte noch einmal: Ich erwarte ihn, er kommt. Unvernünftig war dieser Wahn, aber sie hielt an ihm fest. So und nicht anders würde es kommen, dessen war sie gewiß. Nichts war imstande, ihre frohe Überzeugung zu erschüttern. Ich sage dir, Mutter, alles wird eintreffen. Hubertine begnügte sich, mit einem Achselzucken darauf zu antworten. Sie begann Angelika zu necken: Ich glaubte immer, du wolltest gar nicht heiraten. Deine Heiligen, die dir den Kopf verdrehten, haben ja auch nicht geheiratet. Anstatt sich ihren Bräutigamen gehorsam zu zeigen, bekehrten sie diese; sie entfielen ihren Eltern und ließen sich den Hals abschneiden. Das junge Mädchen horchte verduzt. Dann brach es in ein lautes Gelächter aus. Seine volle Gesundheit und Lebenslust tönten aus dieser frischen Fröhlichkeit wieder. Wie veraltet waren doch diese Heiligengeschichten! Seitdem war die Welt eine ganz andere geworden, Gott war Sieger geblieben und verlangte von niemandem mehr, für ihn zu sterben. Das Wunderbare war es, das sie an die Legenden gefesselt hatte, nicht die Verachtung der Welt und der Geschmack am Tode. Sie wollte ganz bestimmt heiraten, lieben, geliebt und glücklich werden. Schäme dich, stichelte Hubertine weiter. Du wirst deine Beschützerin Agnes zum Weinen bringen. Weißt du nicht, daß sie den Statthaltersohn zurückwies und lieber starb, um Jesus zu heiraten? Die große Turmglocke begann zu läuten; ein dichter Schwärm Spatzen flog aus dem großblättrigen, dichten Epheu auf, der eines der Fenster der Apsis umspannte. Im Atelier ergriff der ganz verstummte Hubert das ausgespannte, vom Kleister noch feuchte Banner und hängte es zum Trocknen an einem der großen, in die Wand geschlagenen eisernen Haken auf. Die Sonne suchte sich auf ihrem Wege einen anderen Platz und überstrahlte die alten Werkzeuge, die Spulräder aus Weidengeflecht, die kupfernen Spillen. Als sie die beiden Arbeiterinnen traf, flammte der Rahmen auf, an dem sie arbeiteten, mit seinen Stoffen und den vom Gebrauche blank geriebenen Leisten und Latten mit allem, was auf ihm umherlag, dem gewundenen Gold- und Silberdraht, den Füttern, den Spulen mit Seide und den mit Gold besteckten Spindeln. Inmitten dieses lauen Frühjahrsonnenscheins betrachtete Angelika die vollendete, große, sinnbildliche Lilie. Ihre treuherzigen Augen vergrößerten sich, und mit dem Ausdruck himmlischer Freude sagte sie: Jesus ist mein Erwählter! Viertes Kapitel Trotz ihrer lauten Fröhlichkeit liebte Angelika die Einsamkeit sehr und befand sich mit dem freudigen Empfinden wirklicher Erholung des Morgens und des Abends allein in ihrem Zimmer: dort ließ sie sich völlig gehen, dort kostete sie nach Gefallen den kühnen Flug ihrer Träumereien. Wenn sie im Laufe des Tages einen Augenblick in ihr Zimmer hinauflaufen konnte, fühlte sie sich wie auf einer Flucht glücklich in völliger Freiheit. Das sehr große Zimmer nahm eine ganze Hälfte des Giebels ein, dessen andere Teile der Boden füllte. Die Mauern und die Balkenlage bis auf die offen liegenden Dachsparren der Mansardenteile waren weiß getüncht. Inmitten dieser weißen Kahlheit erschienen selbst die alten eichenen Möbel schwarz. Seitdem man den Salon und das Schlafzimmer im unteren Stock verschönert hatte, war dort oben die altertümliche, aus allen Zeitaltern stammende Ausstattung aufgestapelt worden. Eine Truhe stammte aus der Zeit der Renaissance, Tische und Stühle aus der Zeit Ludwigs XIII., ein übergroßes Bett aus der Zeit Ludwigs XIV. und ein sehr schöner Schrank aus der Zeit Ludwigs XV. Nur das Geschirr aus weißem Porzellan und die Toilette, ein kleiner mit Wachstuch überzogener Tisch, hoben sich von diesen ehrwürdigen Altertümern ab. Umhüllt von einer alten rosa Gardine mit Haidekrautsträußchen, die so ausgebleicht war, daß man das verblaßte Rosa nur noch knapp ahnte, bewahrte vor allem das Bett die Würde seines hohen Alters. Angelikas Liebe aber bildete der Balkon, auf den das eine Fenster führte. Von den früheren zwei Fenstern, die das Zimmer besaß, war das linker Hand vernagelt worden, und der Balkon, der einst an der ganzen Vorderseite entlanglief, war nur noch vor dem Fenster rechts vorhanden. Da die unteren Balken noch gut erhalten waren, hatte man einen Fußboden darüber gelegt und darauf ein eisernes Geländer an Stelle der ehemaligen, morsch gewordenen Brüstung errichtet. Ein reizendes Plätzchen, eine Art Nische, war es da unter der Giebelspitze, die in diesem Jahrhundert erneute Bohlen abschlossen. Wenn man sich hinüberbeugte, überblickte man die ganze, hier sehr hinfällige Seite des Hauses, die dem Garten zugekehrt war, mit ihrer Grundmauer von kleingeklopften Steinen, ihrem Holzgetäfel und dessen Füllmaterial von Ziegeln, mit ihren großen, heute verkleinerten Fensteröffnungen. Unten die Küchentür war mit einem Schutzdache aus Zinkbelag versehen. Oben waren die über einen Meter hinausragenden Schwellen des Daches durch Dachstuhlsäulen gestützt worden, deren Fuß auf den Balken des Erdgeschosses ruhte. Auf diese Weise lag der Balkon in einen ganzen Wald von Zimmergebälk gebettet, das Nelken und Moos umgrünten. Seit Angelika das Zimmer bewohnte, hatte sie viele Stunden an die Brüstung gelehnt, dort verbracht. Zunächst öffnete sich unter ihr die Tiefe des Gartens, den dichter Buchsbaum mit seinem ewigen Grün beschattete; in dem der Kirche zunächst gelegenen Winkel schloß ein Rundteil armseliger Lilien eine alte Bank aus Granit ein; in der andern Ecke, halb verborgen unter dem Epheumantel, der die ganze Hintermauer überspannte, befand sich eine kleine Tür. Sie führte auf das Marienfeld, ein großes, unbebaut gelassenes Stück Land. Dieses Marienfeld war der einstige Obstgarten der Mönche. Ein munter fließender Bach, die Chevrotte, durchströmte es; dort durften die Hausfrauen der benachbarten Häuser ihr Leinen waschen; Armenfamilien verkrochen sich in die Trümmer einer ehemaligen Mühle, die eingestürzt war; niemand sonst bewohnte das Feld, zu dem nur das Guerdaches-Gäßchen von der Magloire-Straße aus an den hohen Mauern des Bischofssitzes und des Hauses Voincourt vorüberführte. Im Sommer begrenzten die hundertjährigen Ulmen der beiden Parke mit ihren Blätterdächern die kurze Fernsicht, die gegen Süden das Riesendach der Kirche abschloß. Eingeschlossen auf allen Seiten, ruhte das Marienfeld, von wildwuchernden Kräutern bedeckt und mit Pappeln und Weiden bestellt, zu denen der Wind den Samen herbeigetragen hatte, im Frieden seiner Einsamkeit. Über die groben Kiesel hinweg hüpfte und sang die Chevrotte ihre ewige, kristallene Weise. Nie fühlte sich Angelika dieses verlorenen Winkels überdrüssig, trotzdem sie sieben Jahre hindurch an jedem Morgen dasselbe Schauspiel vorfand, das sie am Abend vorher schon betrachtet hatte. Die Bäume des Hauses Voincourt, dessen Vorderseite auf die Große Straße hinausführte, standen so dicht, daß Angelika nur im Winter die Tochter der Gräfin erkennen konnte. Diese, Klara mit Namen, war ein Kind in ihrem Alter. Im bischöflichen Garten standen die Zweige noch dichter, vergebens hatte sich Angelika bemüht, Hochwürdens violette Sutane zu erkennen. Das alte, mit Läden bedeckte Gitter, das auf das Feld hinausführte, mußte schon seit langer Zeit verschlossen sein; denn sie erinnerte sich nicht, es jemals offen gesehen zu haben, um einem Gärtner Durchlaß zu gewähren. Außer den Hausfrauen, die ihr Leinen bearbeiteten, bemerkte sie stets nur kleine zerlumpte Kinder der Armen, die sich dort im Grase wälzten. Der Frühling war in diesem Jahre von wunderbarer Milde. Angelika zählte jetzt 18 Jahre, und ihre Blicke hatten sich bisher nur an dem Ergrünen des Marienfeldes unter den Strahlen der Aprilsonne erfreut. Das Knospen der zarten Blätter, die Durchsichtigkeit der warmen Abende, der Frühling der Erde mit seinem ganzen Dufte hatte sie erbaut. In diesem Jahre aber hatte angesichts der ersten Knospen ihr Herz zu schlagen begonnen. Seitdem die Gräser sproßten und der Wind den würzigen Geruch des Grünen zu ihr hinübertrug, wallte es in ihr mächtig auf. Plötzliches Angstgefühl, ohne Ursache entstanden, drückte ihr die Kehle zusammen. Eines Abends warf sie sich weinend Hubertine in die Arme; sie quälte durchaus kein Kummer, im Gegenteil, sie fühlte sich glücklich, sie verspürte ein Gefühl so innigen, unbekannten Glückes, daß sie ihr ganzes Wesen dahinein hätte ausströmen mögen. In der Nacht erlebte sie entzückende Träume, sie sah Schatten vorübergleiten und schwand in so großer Seligkeit dahin, daß sie beim Erwachen, verwirrt von so vielem Glück, das die Engel bescherten, kaum sich des Geträumten zu erinnern wagte. Häufig fuhr sie aus der Tiefe ihres großen Bettes jäh empor, ihre eng verschlungenen Hände preßten sich dann an die Brust. Sie mußte mit nackten Füßen auf die Diele springen, um Atem zu schöpfen; damit noch nicht genug, eilte sie zum Fenster, öffnete es und verharrte dort, zusammenschauernd und ganz außer sich in dem Bade frischer Luft, das sie beruhigte. Sie kam aus dem Zustande der Verwunderung nicht heraus; sie war überrascht, sich nicht wiederzuerkennen, sich größer geworden zu sehen in Freuden und Schmerzen, die sie bisher nicht gekannt hatte: sie fühlte eben das bezaubernde Erblühen des Weibes. Atmeten denn wirklich die unsichtbaren Lilien und Kleeblüten des bischöflichen Gartens einen so süßen Duft aus, daß sie ihn nicht mehr einsaugen konnte, ohne daß eine rosige Flut in ihre Wangen stieg? Noch nie hatte sie diesen wohligen Geruch zu verspüren gemeint, der jetzt ihren Atem beschleunigte. Hatte sie denn in den vergangenen Jahren nie die große Paulownia in ihrer Blütenfülle bemerkt, deren mächtiges, veilchenblaues Beet zwischen den Ulmen des Gartens der Voincourt auftauchte? Wenn sie in diesem Jahre die Blumen betrachtete, feuchtete eine innerliche Bewegung ihre Augen, so sehr ging ihr dieses ausgeblaßte Blau zu Herzen. Sie erinnerte sich sogar, noch nie die Chevrotte über ihre Kieseln zwischen den Binsen ihrer Ufer so laut plaudern gehört zu haben. Ganz gewiß, der Bach sprach, sie hörte ihn unbestimmte Worte sagen, immer dieselben, das verwirrte sie. Lag denn dort nicht mehr das wohlbekannte Feld, daß alles sie staunen ließ und neue Gefühle in ihr wachrief? Oder hatte sie sich geändert, und fühlte, sah und hörte sie dort neues Leben sprießen? Die Kathedrale zu ihrer Rechten, diese wuchtige, zum Himmel strebende Masse, überraschte sie noch mehr. An jedem Morgen bildete sie sich ein, daß sie sie zum ersten Male sehe, und diese Entdeckung bewegte sie tief; sie begriff, daß das alte Gemäuer lebte und dachte wie sie. Es war durch nichts begründet, Angelika ging jedes Wissen ab, und dennoch fühlte sie sich dem geheimnisvollen Leben der Riesin verwandt, deren Entstehen drei Jahrhunderte gedauert hatte, und in welcher der Glaube von Geschlechtern sich auftürmte. Unten lag die Kirche auf den Knien, wie im Gebet gebeugt mit ihren romantischen Kapellen der Umwandung, ihren nackten Vollbogenfenstern, deren einzigen Schmuck die dünnen Säulchen unter dem Schwibbogengesims bildeten. Weiter oben stand sie aufrecht, Gesicht und Arme dem Himmel zugekehrt, mit den nach innen gewölbten Fenstern des Schiffes, die 80 Jahre später gebaut waren, den hohen, leichten, kreuzförmig geteilten Fenstern mit ihren durchbrochenen Bogen und Rosetten. Immer weiter strebte sie entzückt und geraden Weges vom Erdboden empor mit ihren Gegen- und Strebepfeilern des Chores, die zwei Jahrhunderte später ausgebaut und verziert mit ihren Glöckchen, Pyramiden und Spitzen im Vollwerte der Gothik schimmerten. Traufröhren leiteten am Fuße der Strebepfeiler das Wasser von den Bedachungen ab. Eine mit Geißblatt umrankte Brustwehr grenzte die Terrasse über den Kapellen der Apsis ein. Die Spitze zeigte gleichfalls Blumenschmuck. Das ganze Gebäude blühte, je mehr es sich dem Himmel näherte, in ununterbrochener Verjüngung auf; befreit von den Schrecknissen mittelalterlicher Priesterherrschaft warf es sich an den Busen des Gottes der Vergebung und der Liebe. Es hatte gleichsam dieses leibliche Gefühl, es dünkte sich frei und glücklich, als habe es einen Kirchengesang angestimmt, rein und fein in der stattlichen Höhe sich verlierend. Im übrigen lebte die Kathedrale wirklich. Hunderte von Schwalben hatten ihre Nester unter den Kranz von Geißblatt geklebt, ja selbst in die Ausbuchtungen der Glöcklein und Spitzen. Ihr Flug führte unaufhörlich um die von ihnen bewohnten Strebe- und Sperrpfeiler herum. Auch die Holztauben der Ulmen im bischöflichen Garten drängten sich mit langsamen Schritten nach Art von Spaziergängern an den Rand der Terrassen, öfter putzte sich ein Rabe, verloren im Blauen und kaum so groß wie eine Fliege, auf der Spitze eines Türmchens das Gefieder. Eine ganze Welt von Pflanzen, Flechten, Grasarten sprossen aus den Spalten der Mauern und hauchte dem alten Gestein durch die geheime Arbeit ihres Wachstums Leben ein. An den Regentagen erwachte die ganze Apsis und grollte unter dem Geräusche des auf die Bleilagen des Daches herniederprasselnden Regens, der sich durch die Rinnen der Galerien von Stockwerk zu Stockwerk mit dem Lärm eines entfesselten Stromes ergoß. Selbst die schreckliche Windsbraut der Monate Oktober und März belebte die Kathedrale und verlieh ihr eine Stimme des Zornes und der Klage, wenn sie durch ihren Wald von Giebeln und Bögen, von Rosetten und kleinen Säulen pfiff. Schließlich ließ auch die Sonne im Spiele ihres Lichtes sie aufleben vom frühen Morgen an, wenn sie die Kirche in goldiger Herrlichkeit verjüngt erscheinen ließ, bis zum Abend, wenn sie mit den langsam sich verlängernden Schatten sie in die Welt des Unbekannten tauchte. Ihr inneres Leben, den Pulsschlag ihrer Adern bildeten die kirchlichen Feiern, von denen sie durch und durch erzitterte, mit dem Gesumme der Glocken, der Musik der Orgel und dem Gesänge der Priester. Ein stetes Leben durchbebte sie: verlorene Geräusche, das Gemurmel einer stillen Messe, das leichte Niederknien eines Weibes, ein kaum geahntes Leben, ja selbst der demütige Hauch eines Gebetes, das ohne Worte mit geschlossenem Munde ausgesprochen wurde. Jetzt, da die Tage länger wurden, hockte Angelika am Morgen wie am Abend lange auf dem Balkon an der Seite ihrer großen Freundin, der Kathedrale. Am besten gefiel sie ihr des Abends, wenn sie nur die ungeheure Masse als ein einziges Ganzes und Großes vom gestirnten Himmel sich abheben sah. Die Einzelheiten verloren sich, sie unterschied kaum noch die Strebepfeiler, die wie Brücken über die Leere geschlagen schienen. Sie fühlte, daß die Kirche in der Dunkelheit erwachte aus der Träumerei von sieben Jahrhunderten, groß durch die Massen, die vor ihren Altären in Hoffnung und Leid niedergekniet waren. Von dem Unerklärlichen der Vergangenheit hinüber zu der Unendlichkeit der Zukunft hielt sie die Wache, die geheimnisvolle und drohende Wache des Hauses, wo Gott nie schlafen konnte. In der düstern, unbeweglichen und doch lebendigen Masse suchten ihre Blicke immer wieder das Fenster einer Kapelle im Chor in gleicher Höhe mit den Gebüschen des Marienfeldes auf, das einzige, das sich erhellte und gleichsam ein offenes Auge für die Nacht hatte. Hinter den Scheiben in dem Winkel eines Pfeilers brannte eine Altarlampe. Diese Kapelle war gerade die, welche die Äbte einst Johann V. und seinen Nachkommen als Grabstätte eingeräumt hatten aus Erkenntlichkeit für ihre Freigebigkeit. Sie war dem heiligen Georg geweiht und zeigte ein Kirchenfenster aus dem zwölften Jahrhundert, auf das die Geschichte dieses Heiligen gemalt war. Wenn es dämmerte, trat diese Legende aus dem Schatten heraus, strahlend wie eine Erscheinung. Aus diesem Grunde liebte Angelika das Fenster und schaute es immer wieder mit entzückten und träumerischen Blicken an. Der Grund des Fensters war blau, die Einfassung rot. Von diesem Untergründe düsteren Reichtums hoben sich in lebhaften Farben die Persönlichkeiten ab, deren fliegende Gewänder die nackten Körper zeigten; ein jeder Teil bestand aus bemalten, schwarz beschattetem Glas und war einzeln in Blei gefaßt. Drei Abschnitte aus der Legende nahmen in drei Feldern das Fenster bis zum Schwibbogengesims ein. Auf der untersten Darstellung begegnet die in königlichen Gewändern die Stadt verlassende Tochter des Königs auf dem Wege zum Ungeheuer, das sie fressen sollte, dem heiligen Georg nahe dem Weiher, aus dem schon der Kopf des Drachen auftauchte. Ein Wimpel trug die Inschrift: »Guter Ritter, gehe nicht für mich in den Tod, denn du würdest mir weder helfen noch mich befreien können, sondern mit mir umkommen«. Das mittlere Feld zeigt den Kampf, der was folgender Satz erklärt: »Georg schwang seine Lanze so, daß er den Drachen verwundete und ihn zu Boden warf«. Oben endlich führte die Königstochter das besiegte Ungeheuer in die Stadt. »Georg sagte: Wirf ihm deinen Gürtel um den Hals und fürchte nichts, schönes Mädchen.« Als das geschehen war, folgte der Drache wie ein ganz sanftmütiger Hund. Als seinerzeit das Glasgemälde fertiggestellt wurde, war es jedenfalls in der Mitte des Bogens von einem Zierschmuck gekrönt gewesen. Als jedoch später die Kapelle denen von Hautecoeur zugesprochen wurde, brachten sie an seiner Stelle ihr Wappen an. Deshalb flammte während der dunklen Nächte oberhalb der Legende dieses schimmernde Wappen neueren Datums auf. Das Wappenschild war in vier Felder eingeteilt. Das erste und vierte Feld zeigten die Abzeichen Jerusalems, das zweite und dritte die von Hautecoeur. Das Wappen Jerusalems ist das brückenförmige Kreuz von Gold in silbernem Felde, die vier Winkel des Kreuzes sind von je einem kleinen Kreuz ausgefüllt; das Wappen von Hautecoeur zeigt im blauen Felde eine goldene Festung und im schwarzen Schilde ein vertieftes silbernes Herz, das Ganze fassen drei Lilien ein, zwei zu oberst und eine am unteren Rande. Der Schild wird zur Rechten und zur Linken von zwei goldenen Greifen gehalten und von einem silbernen, mit Gold ausgelegten Helm in blauem Federschmuck gekrönt; der Helm liegt vornüber, und das geschlossene Visier zählt elf Stäbe, das Abzeichen also der Herzöge, Marschälle von Frankreich, Standesherren und Häupter von gebietenden Genossenschaften. Als Wahlspruch: »Wenn Gott will, will ich«. Angesichts der Darstellung, wie der heilige Georg den Drachen mit der Lanze durchbohrt, während die Königstochter die verschlungenen Hände emporstreckt, hatte Angelika nach und nach für den Ritter eine Leidenschaft gefaßt. In dieser Entfernung unterschied sie die Figuren nur ungenau, doch sah sie genauer, wenn Träume sie in vergrößertem Maßstabe vor ihr entstehen ließen: das Mädchen schlank und blond mit ihrem eigenen Gesicht, der Heilige mit klaren, stolzen Zügen von der Schönheit eines Erzengels. Sie selbst war es, die er befreite, und die ihm aus Dankbarkeit die Hände geküßt haben würde. In dieses Abenteuer, von dem sie wirres Zeug träumte, so ein Zusammentreffen am Ufer eines Sees, eine Gefahr, aus der sie ein junger Mann, viel schöner als der Tag, errettete, mischte sich die Erinnerung an ihren Spaziergang nach Schloß Hautecoeur, die geisterhafte Erscheinung bei der in den Himmel ragenden, von den früheren hohen Herren bewohnten Warte. Das Wappen leuchtete wie ein Stern in der Sommernacht, sie kannte es wohl und las geläufig die kräftig klingenden Worte, denn sie stickte häufig Wappenschilder. Johann V. ging von Tür zu Tür in der von der Pest verwüsteten Stadt, um den Kranken das Gesicht zu küssen und sie mit den Worten zu heilen: »Wenn Gott will, will ich«. Als Felician III. hörte, daß Krankheit Philipp den Schönen von dem Zuge nach Palästina zurückhielt, pilgerte er für ihn bloßen Fußes mit einer Kerze in der Hand dorthin. Aus diesem Grunde hatte er dem Wappen von Jerusalem einen Platz in seinem Wappenschilde eingeräumt. Noch andere Geschichten wurden wieder in ihr wach, namentlich die der Damen von Hautecoeur, der glücklichen Toten, wie sie die Sage nannte. Die Frauen dieser Familie pflegten nämlich schon im jugendlichen Alter mitten im Glück zu sterben. Zwei, drei Geschlechter blieben mitunter von diesem Unglück verschont, dann aber kam der Tod lächelnd mit sanftem Händedruck wieder und entführte die Frau oder die Tochter eines Hautecoeur, wenn sie höchstens 20 Jahre alt waren, gerade wenn ihnen ein großes Glück in der Liebe erblühte. Laurette, die Tochter Raouls I., glaubte, als sie am Abend ihres Verlobungstages an ihrem Fenster im Davidsturme ihren Bräutigam und Vetter Richard am Fenster des Turmes Karls des Großen bemerkte, daß dieser sie rufe, und da gerade ein Strahl des Mondes eine Brücke zwischen den beiden Türmen schlug, eilte sie zu ihm. Sie hatte gerade den Weg zur Hälfte durchmessen, als sie in ihrer Hast einen Fehltritt machte, herunterstürzte und am Fuße der Mauer zerschmetterte. Seit jener Zeit fliegt sie allnächtlich, wenn der Mond klar herniederscheint, um das Schloß, welches das lautlose Streifen ihres weiten Gewandes in weißen Schimmer taucht. Balbine, die Frau Herberts VII., glaubte sechs Monate hindurch ihren Mann im Kriege gefallen. Als sie eines Morgens auf der Zinne des Wachtturmes, wie immer auf ihn harrte, erkannte sie ihn auf der zum Schlosse führenden Straße; sie eilte atemlos vor Freude hinunter und stürzte auf der letzten Stufe der Treppe tot zusammen. Noch heutigen Tages steigt sie, wenn die Dämmerung hereinbricht, von Stockwerk zu Stockwerk hernieder, man sieht sie durch die Gänge und Kammern schlüpfen und wie einen Schatten hinter den über die Tiefe gähnenden Fenstern vorübergleiten. Sie alle kehrten wieder, die Ysabeau, Gudula, Yvonne und Austrabertha, alle die glücklichen Toten, die Geliebten des Todes; denn, indem er sie im jugendlichen Alter in der Seligkeit des ersten Glückes auf seinen Fittichen entführte, hatte er ihnen die Enttäuschungen des Lebens erspart. In manchen Nächten erfüllte ihr weißer Flug das Schloß wie eine Schar Tauben. So erging es fast allen, selbst noch der Mutter des Sohnes von Hochwürden, die man vor der Wiege ihres Sohnes leblos am Boden liegend fand. Selber krank hatte sie sich zu ihrem Kinde geschleppt, und die Freude, es umarmen zu können, tötete sie. Diese Geschichten quälten die Einbildungskraft Angelikas; sie sprach davon wie von feststehenden Tatsachen, die erst gestern geschehen waren; sie hatte die Namen der Laurette und Balbine auf den alten, in die Mauer der Kapelle eingelassenen Grabsteinen gelesen. Warum starb nicht auch sie so jung und glücklich. Das Wappen blitzte, der Heilige stieg aus seinem Gemälde heraus, und sie lebte, von dem schwachen Hauche eines Kusses entzückt, beseligt in ihrem Himmel. Die Legende hatte es sie gelehrt: bildet das Wunder nicht die allgemeine Regel, den gewöhnlichen Gang aller Dinge? Es lebt leibhaftig und ununterbrochen, es vollzieht sich mit äußerster Leichtigkeit und bei jeder Gelegenheit, vervielfältigt sich, breitet sich aus und überschreitet die Grenzen, selbst unnötigerweise, nur aus dem reinen Vergnügen, die Naturgesetze zu verleugnen. Man lebt mit Gott auf vertrautem Fuße. Abagar, König von Edessa, schreibt an Jesus, und dieser antwortet ihm. Ignatius empfängt Briefe von der Jungfrau Maria. Allerorten erscheinen Mutter und Sohn, verwandeln sich und plaudern frohgelaunt und gutmütig. Als Stephan ihnen begegnet, ist er mit ihnen ganz vertraut. Alle Jungfrauen heiraten Jesus, die Märtyrer steigen zum Himmel auf, um sich mit Maria zu vereinigen. Die Engel und die Heiligen sind die alltäglichen Begleiter der Menschen, sie gehen, kommen, schlüpfen durch die Mauern, zeigen sich im Traume, sprechen aus den Wolken heraus, sind bei der Geburt und beim Tode zugegen, lindern die Todespein, erschließen die Kerker, bringen Antworten und führen Besorgungen aus. Ihren Schritten folgt ein unerschöpfliches Aufblühen von Wundern. Silvester bindet das Maul eines Drachen mit einem Faden. Die Erde hebt sich, um Hilarius, den seine Gefährden erniedrigen wollen, als Sitz zu dienen. Ein kostbarer Stein fällt in den Becher des heiligen Martin, ein Hund läßt einen Hasen laufen, ein Feuer hört zu brennen auf, wenn er es befiehlt. Maria, die Ägypterin, schreitet über die Wogen, und Bienen entschlüpfen dem Munde des Ambrosius bei dessen Geburt. Unentwegt heilen die Heiligen die Kranken, den Aussatz und namentlich die Pest. Nicht eine einzige Krankheit leistet dem Zeichen des Kreuzes Widerstand. Die Schwachen und Leidenden werden aus der Menge ausgesondert und durch einen Blitzstrahl in Masse geheilt. Der Tod ist besiegt, die Auferstehungen sind so zahlreich, daß sie zu den täglich wiederkehrenden Ereignissen gehören. Wenn selbst die Heiligen ihren Geist aufgegeben haben, hören die Wunder doch nicht auf, sondern verdoppeln sich; sie gleichen lebendigen, aus ihren Grabhügeln sprießenden Blumen. Zwei Ölquellen, ein königliches Heilmittel, quellen aus den Füßen und dem Kopfe des Nikolaus. Ein Duft von Rosen entströmt dem Sarge der Cäcilia bei seiner Eröffnung. Der Sarg Dorotheas ist voller Manna. Sämtliche Gebeine der Jungfrauen und Märtyrer verrichten Wunder, entlarven die Lügner, zwingen die Diebe zur Rückgabe ihres Raubes, erhören die Wünsche kinderloser Frauen und geben den Sterbenden die Gesundheit wieder. Nichts ist mehr unmöglich, das Unsichtbare regiert, als einziges Gesetz gilt nur die Laune des Übernatürlichen. In den Tempeln treiben Zauberer ihr Wesen, man sieht Sicheln von selbst mähen und eherne Schlangen sich bewegen; man hört bronzene Bildnisse lachen und Wölfe singen. Alsbald antworten die Heiligen und überwinden sie; die Hostien verwandeln sich in lebendes Fleisch, die Bilder Christi lassen Blut strömen, in die Erde gepflanzte Stäbe blühen, Quellen sprudeln, warme Brote vervielfältigen sich zu den Füßen der Armen, ein Baum beugt sich anbetend vor Jesu, und abgeschnittene Köpfe sprechen, zerborstene Becher werden von selbst ganz, der Regen verschont eine Kirche und ergießt sich über die benachbarten Paläste, das Gewand der Einsiedler nützt sich nicht ab, sondern erneuert sich in jeder Jahreszeit wie ein Tierfell. In Armenien werfen die Verfolger die bleiernen Särge von fünf Märtyrern in das Meer, der Sarg mit der Leiche des Apostels Bartholomäus setzt sich an die Spitze, die vier anderen folgen ihm als Ehrenbegleitung und in der schönen Ordnung eines Geschwaders schwimmen sie langsam unter dem Winde dahin über weite Meeresstrecken bis zum Gestade Siziliens. Angelika glaubte fest an die Wunder. In ihrer Unwissenheit fühlte sie sich vom Wunderbaren umgeben, denn als Wunder erschien ihr sowohl das Aufgehen der Sterne wie auch das Aufblühen der bescheidenen Veilchen. Die Welt als eine mechanische, nach bestimmten Gesetzen geleitete Einrichtung sich zu denken, erschien ihr als wahnsinnig. Soviele Dinge entgingen ihrem Verständnis, sie fühlte sich schwach und verloren inmitten der Gewalten, deren Macht zu ermessen ihr unmöglich war, und deren Vorhandensein sie nicht einmal geahnt hätte, wenn nicht ab und zu ein Hauch des Allmächtigen ihr über das Antlitz gestrichen wäre. Als Christin der ursprünglichen Kirche, von dem Lesen der Legende gerührt, überließ sie träge es den Händen Gottes, den Makel der Erbsünde von ihr zu nehmen. Sie kannte keine Freiheit, Gott allein konnte ihr das Heil spenden, indem er sie seiner Gnade teilhaftig machte. Seine Gnade war es, die sie unter das Dach der Hubert geführt hatte, in den Schatten der Kathedrale, in ein Leben der Unterwürfigkeit, der Reinheit und des Glaubens. Wohl hörte sie im innersten Kern ihres Wesens die Erbsünde grollen: wer weiß, was aus ihr auf heimatlichem Boden geworden wäre? Zweifellos ein schlechtes Geschöpf, während sie jetzt in diesem gesegneten Winkel von Jahr zu Jahr in blühenderer Gesundheit aufwuchs. Stand also nicht die Gnade, dieser Kernpunkt aller der Geschichten, die sie auswendig wußte, des Glaubens, den sie in sich aufgenommen, des Übernatürlichen, das sie getrunken, diese Welt des Unsichtbaren, dessen Wunder ihr natürlich schienen, ihrem täglichen Leben zur Seite? Er war es, der sie für den Kampf des Lebens stählte, wie die Gnade es war, welche die Märtyrer stark machte. Sie schuf ihn sich selbst nach ihrer Eingebung: er wuchs aus ihrer von den Fabeln überreizten Einbildungskraft, aus den unbewußten Wünschen ihrer Jungfräulichkeit heraus; er breitete sich über alle ihre Unwissenheit aus und rief das in ihr und in allen Dingen lebende Unbekannte hervor. Alles kam aus der Gnade, um wieder zu ihr zurückzukehren; der Mensch schuf sich Gott zur Rettung des Menschen. Das lehrte sie der Traum. Oftmals staunte sie, sie betastete alsdann verwirrt ihr eigenes Gesicht, denn sie zweifelte an ihrem wirklichen Vorhandensein. War sie vielleicht ebenfalls eine Erscheinung, die verschwinden würde, nachdem sie ein Traumwerk geschaffen? In einer Mainacht brach sie auf dem Balkon, auf dem sie ganze Stunden weilte, in Tränen aus. Sie fühlte keine Traurigkeit, sondern sich nur durch eine Erwartung geängstigt, obwohl niemand kommen sollte. Es war sehr dunkel, das Marienfeld öffnete sich wie das schwarze Reich der Schatten unter dem mit Sternen besäten Himmel; sie unterschied kaum die düsteren Massen der Ulmen des bischöflichen Gartens und des Hauses Voincourt. Nur das Fenster der Kapelle leuchtete. Wenn niemand kommen sollte, warum klopfte dann ihr Herz in bangen Schlägen? Dieses Gefühl der Erwartung stammte schon aus ferner Zeit, aus ihrer ersten Jugend; es war mit ihr gealtert und zu einem Fieber ausgeartet, seit sie 17 Jahre zählte. Nichts würde sie überrascht haben, wochenlang hörte sie das Gemurmel von Stimmen in diesem geheimnisvollen, von ihrer Einbildungskraft bevölkerten Winkel. Die Legende hatte ihr die übernatürliche Welt der Heiligen beiderlei Geschlechts erschlossen, das Wunder schickte sich an zu erblühen. Sie begriff sehr wohl, was sich belebte, daß die Stimmen von sonst schweigsamen Dingen herrührten, von den zu ihr sprechenden Blättern der Bäume, den Gewässern der Chevrotte und den Steinen der Kathedrale. Aber wen kündigte so das Geflüster des Unsichtbaren an? Was wollten die unbekannten Mächte von ihr, die aus dem Jenseits herübersäuselten und in den Lüften wallten? Sie heftete die Augen auf die Finsternis wie auf ein Stelldichein, das niemand ihr gegeben hatte, und so wartete und wartete sie, bis sie vor Schlaf umsank. Sie fühlte, daß das Unbekannte, ohne nach ihrem Willen zu fragen, über ihr Leben entschied. Vier Abende weinte Angelika auf diese Weise im Schutze der dunklen Nacht. Sie kam immer wieder hierher zurück und wartete geduldig. Ihre Bedrängnis jedoch nahm zu und steigerte sich allabendlich, als sei der Horizont zurückgerückt und enge sie ein. Ein Etwas lag ihr schwer auf dem Herzen, die Stimmen summten jetzt in ihrem eigenen Hirn, ohne daß sie sie deutlicher vernahm. Es war eine langsame Besitzergreifung; die ganze Natur, die Erde mitsamt dem weiten Himmelszelt hielt in ihr eigenes Wesen Einzug. Beim geringsten Geräusche glühten ihre Hände, und ihre Augen gaben sich Mühe, die Finsternis zu durchdringen. Kam endlich das erwartete Wunder? Nein, noch immer nichts, nichts als das Rauschen der Flügel eines Nachtvogels vielleicht. Sie horchte gespannt, sie unterschied schließlich sogar das verschiedenartige Säuseln der Blätter in den Ulmen und Weiden. Zwanzigmal gewiß überlief sie ein Schauder, wenn ein Stein im Bache herunterrollte oder ein umherstreichender Vogel die Mauer streifte. Halb ermattet neigte sie sich über das Geländer. Nichts, noch immer nichts. Eines Abends endlich, als eine schwüle, mondlose Finsternis auf die Erde herabsank, begann etwas. Sie fürchtete, sich zu täuschen, denn das gehörte schwache Geräusch war ein ganz oberflächliches, kaum wahrnehmbares, und doch war es ein ganz anderes Geräusch als die, welche sie kannte. Es zögerte mit einer Wiederholung, sie hielt den Atem an. Da ließ es sich wiederum vernehmen, etwas stärker, aber immer noch undeutlich. Am ehesten hätte sie es sich noch als den entfernten, kaum geahnten Schall eines Schrittes erklären können; dieses Nachzittern der Luft schien eine außerhalb des Gesichts- und Horchkreises vor sich gehende Annäherung zu bedeuten. Der Unsichtbare ihrer Erwartung sonderte sich langsam aus allem ab, was sie in ihrer Umgebung zusammenfahren ließ. Stück für Stück löste er sich von ihrem Traum wie eine Verwirklichung der unbestimmten Wünsche ihrer Jungfräulichkeit ab. Streifte der heilige Georg des Glasfensters mit den leblosen Füßen seines gemalten Ebenbildes die hohen Gräser, um zu ihr emporzusteigen? Das Fenster erblich auch gerade, so daß sie den Heiligen nicht mehr genau erkennen konnte; er schien nur noch einer kleinen purpurnen, verwischten und verdunstenden Wolke ähnlich. Doch genaueres hörte Angelika an jenem Abend nicht. Am folgenden Abend nahm zu derselben Stunde, während derselben Dunkelheit das Geräusch zu, es näherte sich etwas. Es war zweifellos der Schall von Schritten, von Schritten der Erscheinung, die den Boden streiften. Sie hörten auf, sie erschollen wieder hier und dort, ohne daß es Angelika möglich wurde, den Ort zu bestimmen, woher sie kamen. Vielleicht machte im Garten der Voincourt jemand einen späten Spaziergang unter den Ulmen. Vielleicht auch, und diese Annahme lag näher, klang der Ton der Schritte aus den dichten Büschen des Bischofssitzes von den großen Lilien herüber, deren starker Geruch Angelikas Herz erfüllte. Umsonst suchte sie die Finsternis zu durchdringen; ihr Gehör allein verkündete ihr das erwartete Wunder und auch dessen Geruch, diesen verschärften Duft der Blumen, als habe sich ein lebendiger Atem hineingemischt. Mehrere Nächte hindurch zog der Kreislauf der Schritte immer engere Linien um den Balkon. Bis zur Mauer zu ihren Füßen hörte sie die Schritte. Dort verstummten sie, ein tiefes Schweigen breitete sich rings umher aus, und ihre Bedrängnis stieg auf die Spitze: sie verspürte das langsame, anwachsende Umfassen des Unbekannten, in dem sie ihre Kräfte dahinschwinden fühlte. An den nächsten Abenden sah sie zwischen den Sternen die dünne Sichel des Neumondes auftauchen. Aber das Gestirn neigte sich mit dem zu Ende gehenden Tage und verschwand hinter dem Dache der Kathedrale, wie wenn das Lid ein hellblinkendes Auge bedeckt. Sie folgte ihm mit den Blicken und sah es mit jeder Dämmerung wachsen; fast zürnte sie dieser Leuchte, die endlich das Unsichtbare erhellen sollte. In der Tat löste sich das Marienfeld mit den Ruinen der alten Mühle, seinen Baumgruppen und seinem schnellfließenden Bache von der Dunkelheit ab. Im Lichte wuchs die Schöpfung. Das Wesen des Traumes nahm den Schatten eines Körpers an; denn sie bemerkte zuerst nur einen verwischten Schatten sich im Scheine des Mondes dahinbewegen. Was für ein Schatten war es? Der eines vom Monde bewegten Zweiges? Mitunter verblich das Ganze, und das Feld schlief in der Starrheit des Todes, so daß sie an Gesichtstäuschung zu glauben begann. Dann aber wieder war kein Zweifel möglich: ein dunkler Fleck hatte einen hellbeschienenen Raum durchschritten und glitt von Weide zu Weide. Sie verlor ihn, sie fand ihn wieder, ohne jemals zu einer endgültigen Unterscheidung zu gelangen. Eines Abends glaubte sie den geschmeidigen Bau eines Schulternpaares zu erkennen; ihre Augen lenkten sich sofort auf das Glasfenster: es schien ergraut, wie leer bei dem Scheine des Vollmondes. Von diesem Augenblick an bemerkte sie, daß der lebendige Schatten sich verlängerte, sich ihrem Fenster näherte und stets von einem dunklen Punkt zum anderen längs der Kirche dahinzuschleichen suchte. Je näher er ihr kam, eine desto stärkere Empfindung bemächtigte sich ihrer, jene nervöse Aufregung, die man verspürt, wenn man geheimnisvolle Blicke auf sich gerichtet fühlt, ohne daß man selbst imstande ist, diese Blicke zu unterscheiden. Jedenfalls befand sich dort unter den Blättern ein lebendes Wesen, das die erhobenen Blicke nicht von ihr wandte. Auf den Händen, auf dem Gesicht spürte sie den körperlichen Eindruck dieser langen, sanften, auch furchtsamen Blicke; sie entzog sich ihnen nicht, weil sie ihre Reinheit fühlte und sie aus dem Zauberreich der Legende kommend wähnte; ihre anfängliche Ängstlichkeit verwandelte sieh in eine köstliche Verwirrung, in eine Gewißheit des Glückes. Eines Nachts schließlich zeichnete sich der Schatten auf der vom Mondlichte fast weißen Erde in freien, scharfen Linien ab. Es war der Schatten eines Mannes, den sie selbst nicht sehen konnte, weil er hinter den Weiden verborgen stand; der Mann rührte sich nicht, und sie betrachtete lange Zeit den unbeweglichen Schatten. Angelika hatte jetzt ein Geheimnis. Ihre nackte, mit Kalk getünchte, weiße Kammer war voll von diesem Geheimnisse. Stundenlang lag sie in ihrem großen Bett, in dem sie sich fast verlor, mit geschlossenen Augen; sie schlief nicht und sah immer und immer wieder den unbeweglichen Schatten auf dem schimmernden Boden. Wenn sie des Morgens die Augen öffnete, wanderten ihre Blicke von dem mächtigen Schrank zur alten Truhe, von dem Kachelofen zum Toilettentisch, voller Staunen, den geheimnisvollen Schattenriß nicht vorzufinden, den sie im Gedächtnis in sicheren Zügen nachgebildet hatte. Sie hatte den Schatten im Schlafe wiedergesehen, wie er zwischen dem ausgebleichten Heidekraut auf ihren Vorhängen dahinschlich. Ihre Träume wie ihr Wesen waren von ihm erfüllt. Er war ein Begleiter ihres eigenen Schattens, sie hatte jetzt zwei Schatten, obgleich sie sich mit ihrem Traume allein befand. Dieses Geheimnis vertraute sie niemandem an, nicht einmal Hubertine, der sie bis dahin alles erzählt hatte. Als diese sie nach dem Grunde ihrer Freude fragte, wurde sie sehr rot; der frühzeitige Frühling stimme sie heiter, antwortete sie. Vom Morgen bis zum Abend summte sie wie eine von den ersten Sonnenstrahlen trunkene Fliege. Noch nie hatten die von ihr gestickten Meßgewänder in einem so berückenden Glänze von Gold und Seide gestrahlt. Die lächelnden Hubert glaubten nichts weiter, als daß Angelika sich der besten Gesundheit erfreue. Ihre Heiterkeit wuchs, je mehr der Tag. sich neigte; wenn der Mond hinaufstieg, sang sie, und wenn die Stunde gekommen war, kauerte sie auf dem Balkon und sah den Schatten. Während des ganzen Viertels fand sie ihn pünktlich beim Stelldichein, aufrecht und stumm, ohne daß sie mehr von ihm wußte, ohne daß sie das Wesen kannte, das ihn erzeugte. War es wirklich nur ein Schatten, nur eine Erscheinung, vielleicht der aus dem Glasfenster verschwundene Heilige, vielleicht der Engel, der einst Cäcilia geliebt hatte und jetzt zu ihr herniederstieg? Dieser Gedanke machte sie hoffärtig, er schmeichelte ihr als eine Zärtlichkeit des Unsichtbaren. Dann ergriff sie die Ungeduld, die persönliche Bekanntschaft des Schattens zu machen, die Erwartung begann von neuem. Der Vollmond bestrahlte das Marienfeld. Als er im Zenith stand, warfen die senkrecht vom weißen Licht übergossenen Bäume keinen Schatten mehr; sie schienen in stummer Klarheit rieselnden Springbrunnen ähnlich. Das ganze Feld war in Mondeslicht gebadet, eine schimmernde Woge von kristallener Durchsichtigkeit hatte es überflutet. Der Schimmer war ein so durchdringender, daß man selbst den feinen Schnitt der Weidenblätter unterschied. Die geringste Luftbewegung schien dieses Meer von Strahlen, das zwischen den großen Ulmen der benachbarten Gärten und der Riesenkuppel der Kirche im allmächtigen Frieden des Feldes schlummerte, zu kräuseln. Noch zwei weitere Abende verstrichen. In der dritten Nacht jedoch zuckte Angelikas Herz, als sie sich auf dem Balkon niederließ, heftig auf. Dort in blendender Klarheit sah sie ihn aufrecht, ihr zugewandt. Sein Schatten war wie jener der Bäume unter seinen Füßen zusammengeschrumpft verschwunden. Nur er allein stand schattenlos da. Bei dieser kurzen Entfernung sah sie ihn wie am hellen Tage, 20 Jahre alt, blond, groß und schlank. Er ähnelte dem heiligen Georg, einem herrlichen Jesus mit seinem lockigen Haar, seinem schwachen Barte, seiner geraden und etwas starken Nase, seinen dunklen, stolzen und doch sanft blickenden Augen. Sie erkannte ihn vollständig wieder, denn sie hatte noch nie einen anderen gesehen, er war es, den sie erwartete. Das Wunder vollzog sich endlich, die langsame Erschaffung des Unsichtbaren floß in diese leibhaftige Erscheinung über. Er war es, der aus dem Unbekannten, dem Erzittern der Dinge, den murmelnden Stimmen, dem beweglichen Spiele der Nacht, aus allem entstanden war, was sie bedrängt hatte, bis sie schwach wurde. Sie sah ihn zwei Fuß über dem Boden, in dem Übernatürlichen seines Auftauchens, während das Wunder sie auf allen Seiten einschloß und auf dem geheimnisvollen Mondsee dahinschwamm. Sie erkannte als seine Begleitung das gesamte Volk der Legende, die Heiligen, deren Stäbe erblühten und die, deren Wunden Milch entströmte. Und der weiße Schwarm der Jungfrauen ließ die Sterne erbleichen. Angelika sah und sah. Er erhob die beiden Arme und öffnete sie weit, weit. Sie hatte keine Furcht mehr, sie lächelte ihm zu. Fünftes Kapitel Es war nichts Kleines, wenn Hubertine alle drei Monate große Wäsche hatte. Man nahm dann eine Frau an, die Mutter Gabet. Vier Tage lang dachte man nicht ans Sticken. Selbst Angelika mischte sich in das Waschgeschäft und ließ dem Leinenzeug ein tüchtiges Seifen- und Spülbad in den klaren Gewässern der Chevrotte angedeihen. Nach dem Herausnehmen aus der Lauge karrte man das Leinen zu der kleinen Verbindungstür hinaus. Man brachte die Tage auf dem Marienfelde in freier Luft und Sonne zu. Diesmal wasche ich, Mutter, das macht mir großen Spaß! Vor Lachen sich schüttelnd, die Ärmel bis über die Ellbogen hinaufgekrempelt und das Waschholz schwingend, klopfte Angelika voller Vergnügen über diese gesunde, rauhe Arbeit, die sie mit Schaum bespritzte, wacker darauf los. Das stärkt die Muskeln, Mutter, das tut wohl! Die Chevrotte durchschnitt in schräger Linie das Feld; zuerst schlich sie träge dahin, dann floß sie pfeilschnell weiter und bildete über dem kieselreichen Bette starke Wirbel. Sie kam durch eine Art Schleusenbrett, das in den unteren Teil der Mauer eingelassen war, aus dem bischöflichen Garten; auf der anderen Seite, in dem Winkel, den das Haus Voincourt bildete, verschwand sie unter einem gewölbten Bogen in der Erde, um 200 Meter weiterhin neben der Unteren Straße dahinzufließen, bis sie sich in den Ligneul ergoß. Man mußte daher gut aufpassen, wollte man nicht lange Beine machen: jedes Stück, das man fahren ließ, war so gut wie verloren. Warte, Mutter, warte! Ich lege diesen großen Stein auf die Handtücher. Wir wollen einmal sehen, ob die Diebin sie uns trotzdem entführt! Sie legte den Stein auf das Leinen und lief fort, um aus den Trümmern der Mühle einen zweiten herbeizuholen, glücklich darüber, daß sie sich nützlich und müde machen konnte, und als sie sich dabei einen Finger quetschte, schüttelte sie ihn und meinte, das tue nichts. Am Tage machte sich die in den Ruinen hausende Armenfamilie auf den Bettel und zerstreute sich auf den Landstraßen. Das Feld blieb einsam in erquickender, kühler Stille mit seinen Gruppen bleicher Weiden, seinen hohen Pappeln und seinem Grase, seinem üppig wachsenden Grase, in dem man bis zu den Schultern versank. Ein frostiges Schweigen drang aus den benachbarten Gärten herüber, deren große Bäume den Sehkreis einfriedigten. Von drei Uhr an verlängerte sich der Schatten der Kathedrale und verstärkte scheinbar den würzigen Duft verfliegenden Weihrauchs. Angelika klopfte das Leinen noch stärker mit der ganzen Kraft ihres frischen, weißen Armes. Wie werde ich heute abend essen, Mutter! ... Du weißt doch, daß du mir Erdbeertorte versprochen hast. Bei der diesmaligen Wäsche jedoch mußte Angelika das Spülen allein besorgen. Mutter Gabet litt an einem plötzlichen Anfall von Hüftenschmerzen und war nicht gekommen. Hubertine war durch wirtschaftliche Obliegenheiten an das Haus gefesselt. Angelika war in der mit Stroh ausgelegten Kiste niedergekniet und nahm Stück für Stück das Leinen vor; sie schwenkte es so lange hin und her, bis das Wasser kristallhell davon abfloß. Sie beeilte sich nicht im geringsten. Schon seit dem Morgen hatte sich ihrer die Unruhe der Neugier bemächtigt, denn sie war nicht wenig erstaunt gewesen, als sie einen alten Arbeiter in grauem Kittel vor dem Fenster der Kapelle Hautecoeur ein leichtes Gerüst aufstellen sah. Sollte das Glasgemälde ausgebessert werden? Es konnte eine Auffrischung ganz gut gebrauchen: im heiligen Georg fehlten einige Scheiben; andere, die im Laufe der Jahrhunderte geborsten waren, hatte man durch unbemalte Gläser ersetzt. Trotzdem verwirrte sie das Ereignis. Sie hatte sich schon so an die Lücken des Drachentöters und der Königstochter, die den mit ihrem Gürtel gefesselten Drachen hinter sich herzog, gewöhnt, daß ihr die Tränen nahe waren, als ob man schon begonnen habe, diese Persönlichkeiten zu verstümmeln. Es war ein Verbrechen, solch alte Dinge zu ändern. Als sie jedoch vom Frühstück zurückkehrte, verflog plötzlich ihr Zorn: ein zweiter Arbeiter stand jetzt auf dem Gerüst, diesmal ein junger Mensch. Bekleidet war er mit ebensolchem grauen Kittel. Sie hatte ihn sofort wiedererkannt, er war es. Angelika nahm ohne Verlegenheit vergnügt ihren Platz auf dem Stroh der Kiste wieder ein. Mit ihren entblößten Armen begann sie das Leinen von neuem in dem durchsichtigen Wasser hin und her zu schwenken. Er war es, groß, schlank, blond, mit seinem feinen Bart und den lockigen Haaren eines jungen Gottes; seine Haut glänzte noch genau so weiß wie im Schimmer des Mondlichtes. Da er es war, hatte das Glasgemälde nichts zu befürchten: wenn er es berührte, konnte er es nur verschönern. Sie betrachtete es nur als eine Enttäuschung, ihn in diesem Kittel als Arbeiter, wie sie selbst eine Arbeiterin war, wiederzufinden, wahrscheinlich war er Glasmaler. Im Gegenteil, wenn sie an die unerschütterliche Gewißheit ihres Traumes von einem königlichen Schicksal dachte, brachte sie dieser Umstand zum Lachen. Es war gewiß alles nur Schein. Wer wollte nachforschen? Eines Tages würde er doch der sein, der er sein sollte. Der Goldregen würde von der Höhe der Kathedrale herniederströmen und ein Triumphmarsch erschallen, untermischt mit dem fernen Getöne der Orgel. Sie fragte sich nicht einmal, wie er bei Tag und bei Nacht dorthin gelangte. Wenn er nicht eines der benachbarten Häuser bewohnte, konnte er nur durch das Guerdaches-Gäßchen kommen, das an der Mauer des Bischofspalastes entlang bis zur Magloire-Straße führt. Es verging eine entzückende Stunde. Sie beugte sich beim Spülen der Wäsche, daß ihr Gesicht fast das kühle Wasser berührte. Bei jedem neuen Stück jedoch erhob sie den Kopf und warf hastig einen Blick, in den sich trotz des Aufruhrs in ihrem Herzen etwas Schalkhaftigkeit mischte, zu ihm hinüber. Er dagegen stand auf dem Gerüst und tat sehr beschäftigt, den Zustand des Glasfensters festzustellen; er beobachtete sie von der Seite und fühlte sich sehr verwirrt, daß er ihr den Rücken zukehren mußte, während sie ihn vor sich hatte. Es war überraschend, wie schnell er errötete, wie seine weiße Haut so schnell eine andere Farbe annehmen konnte. Bei dem geringsten Empfinden der Freude oder des Zornes stieg ihm das ganze Blut seiner Adern ins Gesicht. Er hatte streitlustige Augen und war doch so furchtsam, daß er wieder zum Kinde wurde, wenn er sich von ihr beobachtet fühlte; er wußte nicht, wo er seine Hände lassen sollte, und erteilte seinem Gefährten, dem alten Manne, mit stotternder Stimme seine Befehle. Sie stimmte es heiter, daß sie in dem Wasser, dessen heftige Strömung ihren Armen wohltat, hantieren konnte; sie fühlte unwillkürlich, daß er an Unschuld und Unwissenheit ihr gleich war und ebenso wie sie darauf brannte, am Leben anzubeißen. Unnötig, laut zu sagen, was da ist, unsichtbare Boten künden es, stumme Lippen wiederholen es. Sie erhob den Kopf und überraschte ihn, wie er den seinen fortwandte. Die Minuten verflossen bei diesem entzückenden Spiel. Plötzlich sah sie ihn vom Gerüst springen und sich durch das Gras rückwärts bewegen, als wolle er das Feld erreichen, um besser sehen zu können. Fast hätte sie laut aufgelacht, es war doch ganz klar, daß er sich einzig und allein ihr nähern wollte. Er hatte den energischen, grimmen Entschluß eines Mannes gefaßt, der alles auf eine Karte setzt; spaßhaft rührend war es, daß er einige Schritte von ihr entfernt, den Rücken ihr zugekehrt stehen blieb und sich in der tödlichen Verlegenheit seines allzu raschen Vorgehens nicht umzuwenden wagte. Einen Augenblick glaubte sie, daß er zu dem Fenster wieder zurückkehren werde, wie er gekommen war, das heißt ohne einen Blick rückwärts geworfen zu haben. Unerwartet aber faßte er einen verzweifelten Entschluß, er wandte sich um; da auch sie in demselben Augenblicke mit einem spöttischen Lächeln den Kopf erhob, trafen sich ihre Blicke und blieben ineinander ruhen. Beide fühlten sich vollständig verwirrt: sie verloren die Fassung und hätten sich wahrscheinlich nicht zu helfen gewußt, wenn sich nicht ein Zwischenfall ereignet hätte. O mein Gott, schrie Angelika verzweifelt. In ihrer Aufregung war ihr nämlich das Barchenthemd, das sie mechanisch im Wasser auf und nieder getaucht hatte, soeben entschlüpft. Der Bach trug es pfeilschnell davon; noch eine Minute, und es verschwand in dem Strudel an der Mauer der Voincourt unter dem gewölbten Bogen, wo die Chevrotte sich unter der Erde verlor. Einige Sekunden höchster Angst. Er hatte begriffen, was geschehen war und sich auf die Beine gemacht. Aber der Strom hüpfte pfeilschnell über den Kiesel. Dieses Teufelshemd lief viel geschwinder als er. Er bückte sich, glaubte es zu ergreifen und fing nur eine Hand voll Schaum. Zweimal verfehlte er es. Endlich wurde er hitzig, stieg mit der Tapferkeitsmiene, mit der man sich in Lebensgefahr stürzt, in das Wasser, und rettete das Hemd in dem Augenblick, als es unter der Erde verschwinden wollte. Angelika, die bis dahin das Werk der Rettung mit ängstlichen Blicken verfolgt hatte, fühlte, wie das Lachen, ein herzliches Lachen sie ankam. Dieses Abenteuer! Wie oft hatte sie es nicht am Ufer eines Sees erträumt, diese schreckliche Gefahr, in die sich ein junger Mann, schöner als der Tag, für sie begeben werde! Der heilige Georg, der Tribun und Ritter, galt nun nicht mehr als dieser Glasmaler, dieser junge Arbeiter im grauen Kittel. Als sie ihn mit durchnäßten Füßen, in der Hand das triefende Hemd linkisch haltend, zurückkommen sah, und sich des Eifers erinnerte, mit dem er es den Fluten entrissen hatte, mußte sie sich auf die Lippen beißen, um den Sturm von Heiterkeit zu unterdrücken, der ihre Kehle kitzelte. Er war vollständig in ihren Anblick versunken. Als ein liebenswertes Kind erschien sie ihm mit diesem unterdrückten Lachen, mit dieser alles in Schwingung versetzenden Jugend. Vom Wasser bespritzt, die Hände durch das Hantieren im Bache stark gerötet, glich sie wohl der rein und klar sprudelnden Quelle, wie sie aus dem Moos der Waldungen entspringt, der Gesundheit und Fröhlichkeit am lichten Tage. Man ahnte in ihr die treffliche Wirtschafterin und wiederum auch die Königin unter ihrem Arbeitskleide mit der schlanken Hüfte und dem länglichen Gesicht einer Königstochter, wie sie auf dem Hintergrunde der Sagen an uns vorüberziehen. Er wußte noch immer nicht, wie er ihr das Hemd überreichen sollte, so schön fand er sie, von der Schönheit der Kunst, die er liebte. Es versetzte ihn in noch größere Aufregung, daß er so einfältig dreinschaute, denn er fühlte sehr wohl, wie sie sich bemühte, das Lachen zu verbeißen. Er mußte sich endlich entscheiden und überreichte ihr das Hemd. Angelika fühlte, daß sie losplatzen mußte, sobald sie die Lippen nicht mehr aufeinanderbiß. Der arme Mensch, er rührte sie sehr. Aber sie konnte nicht widerstehen, sie fühlte sich zu glücklich, sie mußte lachen, daß ihr der Atem ausging. Endlich glaubte sie sprechen zu können, sie wollte nur: Danke, mein Herr! sagen. Aber da kam auch das Lachen wieder, das Lachen machte sie stottern und schnitt ihr das Wort ab. Laut hinaus klang das Lachen, ein Regen kräftig klingender Töne strömte, von der kristallenen Weise der Chevrotte begleitet, dahin. Er war vollständig außer Fassung gebracht und wußte nicht, ein Wort hervorzubringen. Sein bleiches Gesicht war wie von Purpur übergossen; seine furchtsamen Kinderaugen blitzten wie die des Adlers auf. Er ging und verschwand mitsamt dem alten Arbeiter, während sie, über das Wasser gebeugt, beim Spülen der Wäsche von neuem sich mit Wasser bespritzte und in dem laut aufjubelnden Glücke dieses Tages weiter lachte. Am nächsten Morgen breitete man schon von sechs Uhr früh an das Leinen zum Trocknen aus, da das Pack Wäsche seit dem Abend vorher abgetropft war. Es hatte sich gerade ein starker Wind erhoben, der dem Trocknen günstig war. Damit die einzelnen Stücke nicht fortgeweht wurden, mußte man sie an allen vier Ecken mit Steinen belasten. Jetzt lag das ganze Leinen in seinem schimmernden Weiß ausgebreitet im grünen Grase und nahm den Wohlgeruch der Kräuter in sich auf. Auf der Wiese schienen plötzlich schneeige Felder von Maßliebchen erblüht zu sein. Als Angelika nach dem Frühstück herüberkam, um zu sehen, ob alles in Ordnung sei, verzweifelte sie fast: die ganze Wäsche drohte davonzufliegen, denn trotz des blauen, durchsichtig klaren Himmels waren die Windstöße äußerst heftig geworden; sie schienen die Luft gründlich reinigen zu wollen. Ein Leinentuch war bereits davongeflogen und Handtücher waren in die Zweige einer Weide geweht worden. Sie langte sich die Handtücher herunter. Inzwischen machten sich hinter ihrem Rücken einige Taschentücher aus dem Staube. Und niemand da! Sie verlor den Kopf. Als sie das Tuch ausbreiten wollte, mußte sie sich erst mit ihm herumbalgen. Es betäubte sie, denn wie ein Fahnentuch knatterte es um sie herum. Da tönte in die Windsbraut hinein plötzlich eine Stimme: Wünschen Sie, daß ich Ihnen helfe, Fräulein? Er war es, und sofort rief sie ihm zu, ohne in ihrer hausfraulichen Sorge an etwas anderes zu denken: Gewiß, gewiß, helfen Sie mir doch!... Fassen Sie da unten an, halten Sie fest! Sie zogen das Tuch, das wie ein Segel schlug, mit ihren nervigen Armen auseinander. Dann betteten, sie es in das Gras und wälzten große Steine auf die vier Ecken. Als es gebändigt am Boden lag, blieben beide sich gegenüber auf den Knien liegen; das große, blendend weiße Stück Leinen trennte sie. Angelika begann wieder zu lächeln, doch diesmal war es nicht ein Lachen voll Schadenfreude, sondern des Dankes. Er wurde kühn. Ich heiße Felix. Und ich Angelika. Ich bin Glasmaler. Man hat mir die Ausbesserung jenes Kirchenfensters übertragen. Ich wohne mit meinen Eltern dort und bin Stickerin. Der heftige Wind trug ihre Worte davon und peitschte sie mit seinem gesunden Atem, während sie sich in den warmen Strahlen der Sonne badeten. Sie sagten sich Dinge, die sie bereits wußten, aus reinem Vergnügen, sie sich selbst wiederholen zu können. Man will doch nicht etwa das Kirchenfenster durch ein anderes ersetzen? Nein, nein. Die Ausbesserung wird nicht einmal zu sehen sein ... Ich liebe es ebenso wie Sie. Ich habe es in der Tat gern. Es zeigt so liebe Farben ... Ich habe nach ihm ebenfalls einen heiligen Georg gestickt, aber er fiel weniger schön aus. Weniger schön! ... Ich habe ihn gesehen, wenn es der heilige Georg auf dem rotsamtnen Meßgewand ist, das Abt Cornille am Sonntag trug. Ein wahres Wunder ist diese Stickerei! Sie errötete vor Vergnügen und rief ihm gleichzeitig hastig zu: Legen Sie schnell einen Stein auf den Rand des Tuches zu ihrer Linken. Der Wind wird es uns fortwehen. Er beeilte sich, das Stück Leinen zu belasten, das allerdings in heftige Zuckungen verfallen war, dem Flügelschlage eines gefangenen Vogels ähnlich, der davonzufliegen sich abmüht. Als das Stück Leinen sich nicht mehr rührte, setzten sich diesmal die beiden nicht mehr nieder. Sie schritt auf den schmalen Wiesenpfaden zwischen den einzelnen Stücken ihrer Wäsche umher, um auf jedes einen prüfenden Blick zu werfen, während er ihr aufmerksam folgte und schon jetzt eine besorgte Miene um den möglichen Verlust eines Tischtuches oder eines Wischlappens aufsteckte. Das schien alles ganz natürlich. Angelika schwieg auch hierbei nicht; sie erzählte, wie sie ihre Tage zubrachte und enthüllte ihre Geschmacksrichtung. Ich liebe es, wenn ein jedes Ding seine Ordnung hat. Des Morgens weckt mich der Kuckuck, im Arbeitszimmer stets um sechs Uhr; natürlich kleide ich mich schnell an, auch wenn es noch nicht hell am Tage ist; meine Strümpfe liegen hier, die Seife ist dort, reine Gewohnheit. Ich bin so nicht geboren, ich war früher sehr unordentlich! Mutter hat mir deshalb viele böse Worte sagen müssen!... In der Arbeitsstube würde ich nichts Gutes verrichten, wenn mein Stuhl nicht dem Lichte gegenüber an derselben Stelle stände. Glücklicherweise bin ich weder eine Links- noch eine Rechtshand; ich verstehe mit beiden Händen zu sticken. Das ist eine Gnade, denn nicht alle können es... Die Blumen verehre ich, aber trotzdem kann kein Strauß in meiner Nähe stehen, ohne daß ich furchtbare Kopfschmerzen bekomme. Nur die Veilchen kann ich ausstehen; es ist sogar überraschend, daß mich ihr Duft beruhigt. Beim geringsten Unwohlsein brauche ich nur an Veilchen zu riechen, das hilft mir sofort. Er hörte entzückt zu und berauschte sich an dem Vollklange ihrer Stimme, die von einem durchdringenden, nachklingenden Reize war. Er schien ganz besonders der Einwirkung dieser menschlichen Musik unterworfen zu sein, denn die einschmeichelnde Biegsamkeit mancher Laute feuchtete seine Augen. Ah! unterbrach sie sich, hier die Hemden sind bald trocken. Dann beendete sie ihre vertraulichen Mitteilungen in dem kindlichen, unbewußten Bedürfnis, sich so zu geben, wie sie war. Das Weiß ist stets schön, nicht wahr? An manchen Tagen sind mir blau und rot und alle übrigen Farben zuwider, weiß dagegen erfreut mich stets, und dabei bleibe ich. Nichts beleidigt an dieser Farbe, man möchte sich am liebsten darin verlieren ... Wir hatten einen weißen Kater mit gelben Flecken – ich übermalte diese gelben Flecke. Er sah gut aus, leider hielt die Farbe nicht ... Meine Mutter weiß nicht, daß ich mir alle Abfälle von weißer Seide aufbewahre – ich habe einen ganzen Kasten voll – rein des Vergnügens halber, sie von Zeit zu Zeit betrachten und berühren zu können ... Und dann habe ich noch ein Geheimnis, das ist aber ein großes! Wenn ich des Morgens aufwache, steht dicht an meinem Bette jemand, ja etwas Weißes, das dann davonfliegt. Er lächelte nicht einmal und schien ihr vollständig Glauben zu schenken. War es nicht ganz selbstverständlich und in der Ordnung? Eine junge Prinzessin würde ihn inmitten ihres prunkvollen Hofstaates nicht so schnell erobert haben. Inmitten all dieses weißen Leinens auf dem grünen Rasen schaute Angelika unbeschreiblich reizend, fröhlich und vornehm zugleich aus. Ihr Anblick ging ihm zu Herzen und bedrückte immer mehr seine Seele. Es war um ihn geschehen, er hatte nur noch sie, und sein sollte sie sein bis zum Tode. Mit kleinen, hastigen Schritten eilte Angelika weiter, er stets hinterdrein, überwältigt von diesem Glücke, dessen Besitz ihm unerreichbar dünkte. Ein jäher Windstoß pfiff plötzlich daher, und eine Wolke von Feinwäsche erhob sich vom Boden, Kragen und Handkrausen von Perkai, Batisthalstücher und Schleier flogen in die Weite wie ein Flug weißer, vom Sturm aufgewirbelter Vögel. Angelika lief, was sie konnte. O mein Gott! So kommen Sie, helfen Sie mir doch! Beide stürzten davon. Sie erfaßte noch am Rande der Chevrotte einen Kragen. Er erwischte zwei Schleier inmitten hoher Nesseln. Eine Handkrause nach der andern wurde abgefaßt. Inmitten ihres stürmischen Laufens aber streifte sie ihn dreimal mit den wehenden Falten ihres Kleides, und jedesmal fühlte sie einen Ruck im Herzen, das Aufsteigen des Blutes in ihrem Gesicht. Er seinerseits streifte sie, als er einen Sprung machte, um das letzte ihm wieder entflohene Halstuch einzufangen. Tief aufatmend blieb sie stehen, ohne sich zu rühren. Eine plötzliche Verwirrung bemächtigte sich ihrer und verjagte das Lachen, sie scherzte und spottete nicht mehr des großen, unschuldigen und linkischen Burschen. Was hatte sie nur, daß sie nicht mehr heiter sein konnte und von einer so köstlichen Angst befallen war? Als er ihr das Halstuch überreichte, berührten sich zufällig ihre Hände. Beide erzitterten und blickten sich fassungslos an. Sie trat hastig etwas zurück und blieb dann ratlos stehen, ohne zu wissen, was sie angesichts dieser außergewöhnlichen Stimmung beginnen sollte. Plötzlich eilte sie wie betört davon mit dem Arm voll Feinwäsche, den Rest ließ sie im Stich. Felix wollte sprechen. Verzeihung! ... Ich beschwöre Sie ... Der wachsende Wind benahm ihm den Atem. Er sah sie voller Verzweiflung davonstürmen, als entführe sie der Sturm. Sie entfloh durch das Weiß der ausgebreiteten Tücher im bleichen Golde der schräg fallenden Sonnenstrahlen. Der Schatten der Kathedrale schien sie in sich aufzunehmen. Schon stand sie auf dem Sprunge, in der kleinen Gartentür zu verschwinden, ohne einen Blick hinter sich geworfen zu haben. Aber auf der Schwelle drehte sie sich hastig um: ein plötzliches Gefühl der Güte war in ihr erwacht. Sie wollte nicht, daß er sie für böser hielt, als sie war. Lächelnd und verwirrt zugleich rief sie: Danke! Danke! Dankte sie ihm für seinen Beistand bei der Ergreifung des flüchtigen Leinens? Oder für etwas anderes? Sie war verschwunden. Die Tür hatte sich geschlossen. Er blieb allein auf dem Felde inmitten der starken Windstöße, die den klaren Himmelsraum unermüdlich durchbrausten. In den Ulmen im bischöflichen Garten rauschte es, als schlügen die Wogen im Meere zusammen, und eine mächtige Stimme durchklang die Terrassen und Schwibbbögen der Kathedrale. Er aber hörte nur das leise Klatschen eines Häubchens, das wie ein Strauß an einem Fliederzweige hing; und dieses Häubchen gehörte ihr. Von diesem Tage an bemerkte Angelika, sobald sie ihr Fenster öffnete, Felix unten auf dem Marienfelde. Das Kirchenfenster bot ihm den erwünschten Vorwand, sich dort aufzuhalten; dabei schritt die Arbeit nicht um einen Zoll weiter. Stundenlang lag er hinter einer Weide im Grase auf der Lauer. Es war so süß, des Morgens und des Abends ein Lächeln austauschen zu können. Sie war glücklich und verlangte nicht mehr. Große Wäsche gab es erst wieder in drei Monaten, bis dahin blieb die Gartentür wahrscheinlich geschlossen. Drei Monate vergingen ja so schnell, wenn man sich täglich sehen konnte, und dann, konnte es ein größeres Glück geben, als so sein Leben hinzubringen, den Tag des Abendgrußes, die Nacht des Morgengrußes halber? Angelika hatte gleich beim ersten Zusammentreffen ihm von ihrem Leben, ihren Gewohnheiten, ihrer Geschmacksrichtung und den kleinen Herzensgeheimnissen erzählt. Er war schweigsam gewesen und hatte sich Felix genannt; etwas anderes wußte sie nicht. Vielleicht mußte es so sein, daß die Frau sich offenherzig gibt, während der Mann sich in Dunkel hüllt. Sie fühlte auch keine brennende Neugierde, sie lächelte siegesgewiß, wenn sie an die Dinge dachte, die in Erfüllung gehen würden. Was sie nicht wußte, zählte in ihren Augen nicht; nur was sie sah, galt bei ihr. Sie kannte von ihm nichts, und doch konnte sie seine Gedanken aus seinen Blicken lesen. Er war gekommen, sie hatte ihn sogleich wiedererkannt, und sie liebten sich. Sie erfreuten sich jetzt mit Entzücken ihres gegenseitigen Besitzes aus der Ferne. Unaufhörlich entstanden aus den von ihnen gemachten Entdeckungen neue Ausbrüche der Freude. Sie hatte lange, von dem Führen der Nadel spitz gewordene Finger, wie er sie verehrte. Sie bemerkte an ihm so kleine Füße, daß sie stolz darauf war. Alles an ihm schmeichelte ihr, sie war ihm für seine Schönheit dankbar und empfand eine helle Freude an dem Abend, als sie feststellte, daß sein Bart hellblonder war als sein Haupthaar, was seinem Lachen eine Milde sondergleichen verlieh. Er ging eines Morgens wie berauscht davon; sie hatte sich nämlich über die Brüstung gebeugt, wobei er auf ihrem zarten Halse ein braunes Zeichen bemerkte. Ihre Herzen lagen ebenfalls offen vor ihnen da, und auch dort waren Entdeckungen zu machen. Die freimütige und doch stolze Bewegung, mit der sie das Fenster öffnete, verkündete ihm, daß in ihr trotz ihrer Stellung als Stickerin die Seele einer Königin thronte. Sie aber fühlte, daß er gut war, sah sie ihn elastischen Schrittes über den Rasen schreiten. Schon in der ersten Stunde ihres Beisammenseins stachen ihnen ihre guten Eigenschaften und ihre strahlende Anmut in die Augen. Ein jedes Zusammentreffen brachte neue Reize. Es schien ihnen, als könnten sie nie die Glückseligkeit, sich zu sehen, erschöpfen. Trotzdem machten sich an Felix sehr bald Zeichen der Ungeduld bemerkbar. Er kauerte nicht mehr stundenlang unbeweglich hinter den Weiden im Gefühle vollständigen Glückes. Sobald Angelika auf dem Balkon erschien und sich dort niederließ, wurde er unruhig und versuchte, sich ihr zu nähern. Das ärgerte sie schließlich, denn sie fürchtete, daß man ihn bemerke. Eines Tages wäre es fast zum Zerwürfnis gekommen: er hatte sich bis an die Mauer vorgewagt, sie mußte deshalb den Balkon verlassen. Dieser Katastrophe gegenüber erschien er wie vor den Kopf geschlagen; doch sein Gesicht sprach so beredt von seiner Unterwürfigkeit und Abbitte, daß sie ihm schon am nächsten Tage verzieh und sich zur gewohnten Stunde auf dem Balkon niederließ. Aber das Warten behagte ihm nicht mehr, er begann dasselbe Spiel von neuem. Jetzt mit einemmal schien er gleichzeitig überall auf dem Marienfelde aufzutauchen, das er mit seinem Fieber erfüllte. Er trat hinter jedem Baumstamme hervor und lugte über jede Brombeerstaude. Wie die Holztauben in den Ulmen mußte er sein Heim ebenfalls in der Nähe zwischen zwei Zweigen haben. Die Chevrotte war ihm ein willkommener Vorwand, dort zu weilen, wenn er sich über ihre Flut beugte, oder er tat so, als ob er dem Fluge der Wolken nachschaue. Eines Tages bemerkte sie ihn inmitten der Trümmer der Mühle; er stand auf dem Gebälk eines zerfallenen Schuppens und schien schon glücklich über seine erhöhte Stellung zu sein, da er ihr leider doch nicht auf die Schulter fliegen konnte. Anderen Tages stieß sie einen leisen Schrei aus, denn sie sah ihn hoch über sich zwischen zwei Fenstern der Kathedrale auf der Terrasse der Chorkapellen. Wie war er auf diese Galerie gelangt, zu der eine Tür führte, deren Schlüssel der Kirchendiener besaß? Wie kam es, daß sie ihn zu anderen. Malen auf dem Dache zwischen den Strebepfeilern des Schiffes und den Zinnen der Gegenpfeiler bemerkte? Von dieser Höhe konnte er seinen Blick in die Tiefe ihres Zimmers tauchen, wie die Schwalben sie sahen, wenn sie um die Glockentürmchen schossen, ohne daß es ihr einfiel, sich vor ihnen zu verbergen. Von da an verbarrikadierte sie sich; eine immer mehr wachsende Verwirrung bemächtigte sich ihrer, sie fühlte sich belagert, stets zu zweien. Sie verspürte keine Ruhelosigkeit, und dennoch, warum schlug nur ihr Herz so heftig wie der Klöppel der Glocke bei großen Festen? Drei Tage verstrichen, ohne daß Angelika, erschrocken über die wachsende Kühnheit Felix', sich zeigte. Sie verschwor sich, ihn je wiederzusehen, und redete sich selbst in eine Verabscheuung seiner Person hinein. Aber er hatte ihr sein Fieber mitgeteilt; auch sie konnte nicht mehr ruhig auf einem Platze ausharren; jeder Vorwand, das Meßgewand, an dem sie gerade stickte, zu verlassen, schien ihr gut genug. Sobald sie gehört hatte, daß die Mutter Gabet, jedem Mangel preisgegeben, das Bett hüte, besuchte sie sie jeden Morgen. Diese wohnte ebenfalls in der Goldschmiede-Straße drei Häuser weiter. Angelika brachte ihr Suppe und Zucker und holte sogar selbst die Medikamente von dem Apotheker in der Großen Straße. Als sie eines Tages, die Arme mit Flaschen beladen, zu der Alten hinaufstieg, überlief es sie heiß, Felix zu Häupten der alten, kranken Frau zu finden. Er wurde sehr rot und schlich verlegen davon. Am folgenden Morgen traf er abermals ein, gerade als sie fortging; sie machte ihm unwillig Platz. Wollte er sie auch von dem Besuche ihrer Armen abhalten? Sie befand sich gerade in einem ihrer Barmherzigkeitsanfälle, in deren Verlauf sie alles hingab, um die Besitzlosen mit Wohltaten zu überhäufen. Im Hinblick auf die Leiden der Armen floß ihr Wesen von erbarmungsvoller Teilnahme über. Sie lief zum Vater Mascart, einem blinden Gichtbrüchigen in der Unteren Straße; ihm schöpfte sie selbst die mitgebrachte Suppe aus dem Napfe; zu den Chouteau, einem greisen Manne und einer alten Frau, beide an 90 Jahre alt, die in einem Keller der Magloire-Straße hausten; zu diesen hatte sie altes Mobiliar geschleppt, das auf dem Boden der Hubert aufbewahrt worden; zu vielen, vielen anderen lief sie noch, zu allen Armen des Viertels, denen sie heimlich Sachen zukommen ließ, glücklich, sie überraschen, und sie in etwas der Sorgen überheben zu können, die ihnen schlaflose Nächte bereiteten. Von da an aber begegnete sie Felix bei allen! Noch nie hatte sie ihn so häufig erblickt wie jetzt, seitdem sie an das Fenster zu treten vermied aus Furcht, ihn wiederzusehen. Ihre Befangenheit steigerte sich, sie hielt sich selbst für sehr aufgebracht über sein Betragen. Das Schlimme bei diesem Abenteuer war, daß Angelika bald ihrer Barmherzigkeit überdrüssig wurde. Dieser Mensch stahl ihr die Freude am Wohltun. Früher unterstützte er vielleicht andere Arme, aber nicht die ihren; denn diese hatte er vorher noch nie besucht. Er mußte ihr geradezu aufgelauert haben und nach ihr zu ihnen hinaufgestiegen sein, um sie kennen zu lernen und einen nach dem andern sich zu sichern. Jedesmal wenn sie zu den Chouteau mit einem Korbe voll Lebensmittel kam, lag Silbergeld auf dem Tische. Eines Tages eilte sie zum Vater Mascart, um ihm ihre ganzen Ersparnisse in Gestalt von zehn Sous zu bringen, weil er ohne Unterlaß um Tabak heulte, und fand ihn im Besitze eines funkelnden Zwanzigfrankenstückes. Als sie eines Abends der Mutter Gabet einen Besuch machte, bat diese sie sogar hinunterzugehen, um ein Bankbillett zu wechseln. Welches Herzeleid verursachte ihr da ihre Ohnmacht! Ihr fehlte es an Geld, während er bequem seine Börse leeren konnte. Ihrer Armen wegen freute sie sich herzlich über diese Almosen, aber sie selbst hatte keine Freude mehr am Geben; es tat ihr weh, nur so wenig schenken zu können, während ein anderer soviel gab. Der ungeschickte Mensch sah nicht ein, daß er ihr Wohltun tötete, als er, um sie zu gewinnen, dem rührenden Drange nach Freigebigkeit folgte und seiner Barmherzigkeit weitere Grenzen zog, ganz abgesehen davon, daß sie bei allen Armen Lobsprüche auf seine Person ertragen mußte. »Ein so guter, milder, wohlerzogener junger Mann,« hieß es überall. Sie sprachen nur noch von ihm und breiteten seine Geschenke aus, gerade als mißachteten sie jetzt die ihren. Trotz ihres Schwures, ihn vergessen zu wollen, fragte sie die Armen über ihn aus: Wieviel hatte er zurückgelassen? Was hatte er gesagt? Ist er nicht schön, zartfühlend und furchtsam? Hatte er vielleicht gewagt, von ihr zu sprechen. Aber ganz gewiß, er spreche ja stets von ihr! Dann verwünschte sie ihn mit aller Entschiedenheit, denn schließlich bedrängte das alles ihr Herz gewaltig. So konnten die Dinge nicht mehr weitergehen. Eines Abends im Mai brach, während die Dämmerung sanft herniedersank, die Katastrophe herein. Es geschah bei den Lemballeuse: einer runzeligen Alten, Toni, der ältesten Tochter, einem großen Wildfang von 20 Jahren, und ihren beiden jüngeren Schwestern Rosa und Johanna, deren Augen unter ihren rotbraunen Haaren kühn hervorblitzten. Alle vier trieben sich bettelnd auf den Landstraßen und in den Gräben umher; sie kehrten des Nachts heim mit vor Müdigkeit fast geknickten Füßen, die in von Bindfaden zusammengehaltenen Schlurren steckten. An jenem Abend gerade war Toni verletzt, mit blutigen Knöcheln heimgekehrt, sie hatte ihre Schuhe auf der Landstraße gelassen. Jetzt saß sie vor der Tür ihrer Behausung in dem hohen Grase des Marienfeldes und zog sich die Dornen aus der Haut, während ihre Mutter und die beiden Kleinen um sie herum wehklagten. In diesem Augenblick kam Angelika, die unter der Schürze das Brot verbarg, das sie jede Woche brachte. Sie war durch die kleine Gartenpforte geschlüpft, die sie offen gelassen hatte, weil sie sogleich zurückzulaufen beabsichtigte. Doch der Anblick der in Tränen schwimmenden Familie hielt sie auf. Was gibt es? Was habt ihr? Ach, liebes Fräulein, seufzte Mutter Lemballeuse, sehen Sie nur, in welchem Zustande sich dieses große Tier befindet. Sie wird morgen nicht fortgehen können, es ist ein verlorener Tag... Sie braucht Schuhe! Rosa und Johanna mit den brennenden Blicken unter ihren Mähnen verdoppelten ihr Schluchzen und schrien laut: Sie braucht Schuhe, sie braucht Schuhe. Toni hatte ihren hageren, schwarzen Kopf halb erhoben. Trotzig, ohne ein Wort zu sprechen, befreite sie sich mit Hilfe einer Nadel von einem grimmen, langen Dorn. Angelika gab gerührt ihr Brot. Hier ist jedenfalls das Brot. O, Brot! rief die Mutter, wir können es gebrauchen. Aber auf Brot kann man nicht laufen. Und in Blingy ist Markt morgen, ein Markt, auf dem sie alle Jahre mehr als 40 Sous verdiente... O du gütiger Gott, was soll daraus werden? Mitleid und Verlegenheit machten Angelika stumm. Sie hatte rund fünf Sous in der Tasche. Mit fünf Sous konnte man schwerlich Schuhe kaufen, selbst nicht unter der Hand. Jedesmal lähmte sie ihr Geldmangel. Gerade jetzt sah sie, als sie die Augen abwandte, in der zunehmenden Dunkelheit Felix einige Schritte von ihr entfernt auftauchen, was sie ganz und gar außer sich brachte. Er mußte gehört haben, was gesprochen wurde, denn er stand jedenfalls schon einige Zeit dort. Immer und immer wieder war er in ihrer Nähe, ohne daß sie jemals wußte, von wo und wie er gekommen war. Er wird Schuhe besorgen, dachte sie bei sich. In der Tat kam er näher. An dem violetten Himmel tauchten die ersten Sterne auf. Ein tiefer, lauer Friede sank hernieder und schläferte das Marienfeld ein, dessen Weiden in Schatten tauchten. Die Kathedrale erschien nur noch als ein schwarzer Querbalken an dem abendlichen Himmel. Er wird ganz gewiß Schuhe schenken. Sie war völliger Verzweiflung nahe. Er sollte einmal alles schenken, nicht einmal gelang es ihr, über ihn zu triumphieren. Ihr Herz schlug zum Springen. Wäre sie doch reich, dann hätte sie ihm schon gezeigt, daß auch sie Leute glücklich machen könne. Die Lemballeuse hatten inzwischen ebenfalls den gütigen Herrn bemerkt. Die Alte stürzte ihm entgegen, die beiden kleinen Schwestern ächzten, streckten die Arme empor und hielten die Hände offen, während die Große ihre blutigen Knöchel fahren ließ und mit schiefen Blicken um sich schaute. Hören Sie, gute Frau, sagte Felix, gehen Sie nach der Großen Straße, an der Ecke der Unteren Straße ... Angelika verstand, dort befand sich nämlich der Laden eines Schuhmachers. Sie unterbrach ihn lebhaft und war so außer sich, daß sie die Worte ohne Überlegung herausstieß. Ein unnützer Weg mehr! ... Wozu soll das? ... Es ist doch viel einfacher ... Sie fand aber dieses »Einfachere« nicht. Was sollte sie nur tun, um sein Almosen zu übertreffen? Sie hätte nie geglaubt, daß sie ihn so verabscheuen konnte wie jetzt. Sie sagen, ich schickte Sie, fuhr Felix fort. Sie fordern... Von neuem unterbrach Angelika ihn mit ängstlicher Miene: Es ist doch einfacher ... es ist doch einfacher ... Plötzlich ließ sie sich beruhigt auf einen Stein nieder, löste mit flinker Hand ihre Schuhbänder und riß sich die Schuhe, ja selbst die Strümpfe ab. Da nehmen Sie! Das ist doch viel einfacher. Warum sich erst Mühe machen? O, mein liebes Fräulein, Gott vergelte es Ihnen! rief die Mutter Lemballeuse, indem sie die fast neuen Schuhe prüfte. Ich werde sie oben aufschneiden, damit sie passen ... Toni, bedanke dich, du großes Tier! Toni entriß den Händen Rosas und Johannas die Strümpfe, nach denen es diese gelüstete. Sie brachte die Lippen nicht auseinander. Jetzt erst fiel es Angelika ein, daß sie bloße Füße hatte und Felix sie sehen konnte. Sie wußte in ihrer Verwirrung nicht, was sie tun sollte. Sie wagte nicht sich zu rühren, denn sie fühlte, daß er noch mehr sehen würde, sobald sie sich erhob. Plötzlich schrak sie zusammen, sie verlor vollends den Kopf und ergriff die Flucht. Ihre kleinen weißen Füße enteilten durch das Gras. Die Dunkelheit nahm noch zu, das Marienfeld war zwischen den Bäumen seiner Nachbarschaft und dem schwarzen Rumpfe der Kathedrale zu einem Schattenmeer geworden. Durch diese Dunkelheit sah man zu ebener Erde nur die kleinen Füßchen von dem atlasartigen Weiß der Tauben entfliehen. Angelika scheute das Wasser und lief daher erschreckt längs der Chevrotte dahin, um das als Brücke dienende Brett zu erreichen. Felix aber war inzwischen quer durch das Gebüsch gedrungen. So schüchtern er vorher gewesen, soviel roter als sie war er jetzt geworden, als er ihre nackten Füße erblickte. Die Flamme in seinem Innern schlug hoch empor, laut hinaus hätte er seine ihn vollständig beherrschende Leidenschaft schreien mögen, die ihn mit überströmender Jugendkraft vom ersten Tage an beherrschte. Als er sie streifte, konnten seine Lippen nur das Zugeständnis stottern, das ihm auf den Lippen brannte: Ich liebe Sie. Fassungslos blieb sie stehen. Einen Augenblick sah sie ihm fest ins Gesicht. Ihr Zorn, ihr Haß, die sie in sich wähnte, verflogen und verwandelten sich in ein Gefühl entzückender Angst. Was hatte er gesagt, daß ihr Innerstes sich so umkehrte? Er liebte sie, sie wußte es, und jetzt, als er dieses Wort leise in ihr Ohr flüsterte, überfiel sie Staunen und Furcht. Er wurde kühner, das Herz war ihm aufgegangen, und dem ihren war er als Genosse bei dem Werke der Barmherzigkeit näher gerückt. Ich liebe Sie, wiederholte er. Da ergriff sie die Furcht vor dem Geliebten, und sie entfloh abermals. Die Chevrotte hemmte ihre Flucht nicht mehr; wie die verfolgten Hindinnen eilte sie hinein in das Wasser und ihre Füße liefen fröstelnd in dem eiskalten Element über die Kiesel hin. Die Gartentür schloß sich, die Füße verschwanden. Sechstes Kapitel Zwei Tage hindurch wurde Angelika von Gewissensbissen gefoltert. Sobald sie sich allein befand, schluchzte sie, als ob sie einen Fehltritt begangen hätte. Immer wieder legte sie sich die beängstigend dunkle Frage vor: Hatte sie mit diesem jungen Manne gesündigt? War sie eine Verlorene wie jene bösen Frauen der Legende, die dem Teufel willfahrten? Die leise gemurmelten Worte: »Ich liebe Sie« schallten mit einem solchen Donnerlaut in ihren Ohren wieder, daß sie ganz gewiß von einer auf dem Grunde des Unsichtbaren hausenden furchtbaren Macht stammten. In der Unwissenheit, in der sie aufgewachsen war, verstand sie nichts und konnte eben nichts verstehen. Hatte sie mit jenem jungen Menschen gesündigt? Sie versuchte, so gut es ging, sich die Vorgänge in das Gedächtnis zurückzurufen, sie besprach mit sich die Bedenken, die ihre Unschuld fühlte. Worin bestand also die Sünde? Schon darin, daß man sich sah, sprach und es den Eltern verhehlte? Alles das konnte doch nicht etwas Böses sein? Was aber ängstigte sie denn? Warum fühlte sie sich als eine andere, von der neuen Seele Bewegte, wenn sie unschuldig war? Vielleicht erwuchs die Sünde auch erst aus dem dumpfen Unbehagen, das sie krank machte? Ihr Herz war übervoll von dumpfen Wirrnissen, ein großer Wirrwarr von künftigen Worten und Vorgängen erfüllte es, die sie schon erschreckten, noch ehe sie sie begriff. Ein Blutstrom überzog ihre Wangen mit Purpurglut, von allen Seiten hallten die Schreckensworte wider: »Ich liebe Sie.« Sie überlegte nicht länger, schluchzte von neuem, wurde irre an den Tatsachen und fürchtete sich vor dem begangenen Fehltritt, dem sie keinen Namen und keine Gestalt zu geben wußte. Am meisten drängte es sie, sich Hubertine nicht anvertraut zu haben. Wenn sie diese hätte fragen können, wäre das Geheimnis zweifellos mit einem Worte aufgeklärt gewesen. Mit jemandem sich über ihr Weh aussprechen zu können, hätte nach ihrer Meinung bereits eine Heilung bedeutet. Aber jetzt war das Geheimnis ein zu gewaltiges geworden, sie wäre vor Schande gestorben. Sie gebrauchte Listen und heuchelte ruhige Mienen, während in ihrem innersten Innern der Sturm toste. Wenn man sie fragte, wohin ihre Gedanken schweiften, schlug sie überrascht die Augen auf und antwortete, sie denke an nichts. Wenn sie am Stickrahmen saß, bewegten die Hände die Nadel maschinenmäßig und ganz verständig, während ein einziger Gedanke vom Morgen bis zum Abend sie folterte. Geliebt sein, geliebt sein! Und liebte sie denn ihrerseits? Das blieb noch eine dunkle Frage, denn ihre Unwissenheit ließ die Antwort darauf vermissen. Sie wiederholte sich die Frage bis zur Betäubung, die Worte verloren ihren gewöhnlichen Sinn, alles lief in eine Art sie packenden Schwindel zusammen. Mit einer merkbaren Anstrengung faßte sie sich wieder und raffte sich auf, mit der Nadel in der Hand und ihrer gewohnten Aufmerksamkeit stickte sie, doch wie im Traum. Sie ging vielleicht einer schweren Krankheit entgegen. Als sie sich eines Abends zu Bett legte, wurde sie von einem heftigen Schauder ergriffen, sie glaubte, sie werde sich nicht mehr erheben können. Ihr Herz schlug zum Brechen, und in ihren Ohren brauste es wie Glockenklang. Liebte sie oder ging sie in den Tod? Friedlich lächelte sie Hubertine zu, die sie besorgt und prüfend anblickte, während sie ihren Faden wachste. Übrigens hatte Angelika den Schwur abgelegt, Felix nie wiederzusehen. Sie wagte sich nicht mehr zwischen die verhexten Pflanzen des Marienfeldes, besuchte selbst ihre Armen nicht mehr. Ihre beständige Furcht war, es könne an dem Tage, an dem sie sich von Angesicht zu Angesicht wiedersehen würden, etwas Schreckliches geschehen. Ihrem Entschluß mischte sich überdies eine Art Selbstgeißelung bei, sie erlegte sich damit für die begangene Sünde eine Strafe auf. Wollte sie des Morgens sehr streng gegen sich selbst sein, dann versagte sie sich sogar einen Blick durch das Fenster aus Furcht, sie könne ihn am Rande der Chevrotte bemerken. Wenn aber die Versuchung stärker war als sie, wenn sie hinausblickte und ihn nicht sah, dann blieb sie bis zum nächsten Tage traurig. Eines Morgens ordnete Hubert gerade eine Dalmalika, als der Ton der Hausglocke ihn abrief. Es mußte wohl ein Kunde sein und sich um eine Bestellung handeln, denn Hubertine und Angelika hörten durch die offen gebliebene Flurtür den Klang der Stimmen heraufschallen. Bald darauf erhoben beide überrascht den Kopf: Schritte ertönten auf der Treppe, der Sticker führte den Kunden herauf, was noch nie geschehen war. Wie leblos blieb Angelika sitzen, sie hatte Felix erkannt. Er gab sich einfach als Kunsthandwerker aus, der die Hände weiß behalten hatte. Da sie nicht zu ihm kam, kam er nach vielen Tagen vergeblichen Wartens und angstvoller Ungewißheit zu ihr, während deren Verlauf er sich sagen mußte, daß sie ihn nicht liebe. Mein Kind, sprach Hubert, der Besuch gilt dir. Der Herr will uns eine außergewöhnliche Arbeit übertragen. Um darüber ruhig reden zu können, hielt ich es für das Beste, den Herrn hierher zu führen ... Das ist meine Tochter, mein Herr, der Sie Ihr Muster zu zeigen belieben. Weder er noch Hubertine schöpften den leisesten Argwohn. Sie traten nur aus Neugierde näher, um zu sehen. Aber Felix sowohl wie Angelika würgte fast ihre innere Aufregung. Seine Hände zitterten, als er das Muster aufrollte, und er mußte langsam sprechen, um den Aufruhr im Tone seiner Stimme zu verbergen. Es handelt sich um eine Mitra für Hochwürden ... Damen der Stadt wollen ihm damit ein Geschenk machen und beauftragten mich, die Stücke zu entwerfen und ihre Ausführung zu überwachen. Ich bin Glasmaler, beschäftige mich indessen auch viel mit alter Kunst ... Sie sehen, ich habe nichts weiter getan als eine gotische Mitra neu entstehen zu lassen ... Angelika, die sich über das ihr vorgelegte große Blatt gebeugt hatte, entschlüpfte ein leiser Ausruf. O, die heilige Agnes! In der Tat war es die dreizehnjährige Märtyrerin, die nackte, mit ihren Haaren bekleidete Jungfrau, von der die kleinen Hände und Füße sichtbar waren, genau wie man sie im Innern der Kirche in Gestalt einer alten hölzernen Bildsäule wiederfand, die einst bemalt war, heute aber ein fahles Blond zeigte; das Alter hatte sie wie mit Gold überzogen. Agnes nahm das ganze Vorderteil der Mitra ein, von zwei Engeln getragen, schwebte sie entzückt geraden Weges zum Himmel auf. Unter ihr dehnte sich in weiter Ferne eine duftige Landschaft aus. Die Rückseite und die Streifen schmückten reiche lanzettförmige Verzierungen in schönem Stile. Die betreffenden Damen, begann Felix von neuem, bereiten das Geschenk für die Prozession des Wunders vor, und deshalb habe ich die heilige Agnes wählen zu müssen geglaubt... Der Gedanke ist ausgezeichnet, unterbrach ihn Hubert. Hochwürden wird sehr gerührt sein, ergänzte Hubertine. Die Prozession des Wunders fand alljährlich am 28. Juli statt. Ihr Stifter war Johann V. von Hautecoeur gewesen; er wollte durch sie seinen Dank für die Verleihung der wunderbaren Heilkraft ausdrücken, die Gott ihm und seinem Geschlecht anvertraut hatte, um Beaumont von der Pest zu befreien. Die Sage erzählte, daß die Hautecoeur diese Gabe der Vermittlung der heiligen Agnes verdankten, der sie sehr ergeben waren. Aus jener Zeit also stammte die althergebrachte Sitte, am Jahrestage die Bildsäule dieser Heiligen aus der Kirche zu tragen und sie in feierlichem Aufzuge durch die Straßen zu führen in dem frommen Glauben, daß sie auch jetzt noch jedes Ungemach von der Stadt fernhalte. Für die Prozession des Wunders? fragte Angelika leise, die Augen nicht von dem Muster erhebend. Das sind ja nur 20 Tage. Die Zeit ist kurz. Die Hubert schüttelten den Kopf. Eine solche Arbeit erforderte wirklich unendliche Sorgfalt. Hubertine wandte sich an das junge Mädchen. Ich könnte dir helfen und die Verzierungen übernehmen, so daß du nur die Gestalt selbst zu arbeiten hättest. Angelika betrachtete in ihrer Verwirrung unentwegt die Heilige. Nein, nein! Sie wollte sich doch lieber weigern und gegen den verlockenden Antrag wehren. Es war gewiß die höchste Sünde, seine Mitschuldige zu sein. Felix log, das stand fest, sie fühlte recht wohl, daß er reich war und unter dieser Hülle eines Arbeiters seine wahre Stellung verbarg. Diese gut erdachte einfache Art, diese ganze vorgekramte Geschichte, um bis zu ihr zu dringen, ließ sie auf der Hut bleiben. Im Grunde genommen fühlte sie sich belustigt und glücklich, verwandelte seine Person, sah in ihm nur den königlichen Prinzen, der er sein sollte; in so völliger Gewißheit der vollständigen Verwirklichung ihres Traumes lebte sie. Nein, wiederholte sie halblaut, wir kommen mit der Zeit nicht aus. Ohne die Augen aufzuschlagen, als ob sie mit sich selbst spreche, fuhr sie fort: Es wäre unwürdig, die Heilige anders zu sticken als in schattiertem Gold. Ganz richtig, sagte Felix, ich dachte ebenfalls an eine solche Stickerei, ich hörte, daß das Fräulein das Geheimnis der Stickerei mit schattiertem Gold entdeckt hat ... In der Sakristei befindet sich noch ein sehr schönes Bruchstück. Ja, ja, rief Hubert begeistert, es wurde von einer meiner Urgroßmütter im 15. Jahrhundert gestickt ... Schattiertes Gold! ich kenne keine schönere Arbeit, mein Herr. Aber sie würde zuviel Zeit und Geld erfordern und – wirkliche Künstler. Seit 200 Jahren macht man diese Arbeit nicht mehr ... Wenn meine Tochter sich weigert, können Sie getrost auf Ihr Vorhaben verzichten, denn sie allein wäre heutzutage imstande die Arbeit zu unternehmen; ich kenne keine zweite, welche die nötige Feinheit in Blick und Hand besäße. Seit man von schattiertem Golde sprach, war Hubertine von Hochachtung erfüllt. Es ist in der Tat unmöglich, in 20 Tagen so etwas herzustellen, setzte sie überzeugt hinzu. Es gehört dazu eine Feengeduld. Während Angelika die Heilige fest anschaute, machte sie eine Entdeckung, die ihr Herz mit größter Freude erfüllte: Agnes sah ihr ähnlich. Während Felix das alte Standbild nachzeichnete, hatte er gewiß an sie gedacht. Dieser Gedanke, ihm immer vor Augen zu stehen, daß er sie überall wiedersah, machte sie wankend in ihrem Entschluß, ihn sich fernzuhalten. Endlich erhob sie die Stirn; sie sah ihn vor sich zitternd, die Augen von einer so glühenden Bitte erfüllt, daß sie sich überwunden fühlte. Nur wollte sie es nicht zugestehen, daß sie besiegt sei. Diese kleine Bosheit, dieses natürliche Empfinden ist allen Mädchen eigen, selbst den unwissendsten. Unmöglich, wiederholte sie daher und reichte das Muster zurück. Ich kann die Arbeit für niemanden machen. Felix machte eine Gebärde wahrhafter Verzweiflung. Er glaubte zu verstehen, daß er es sei, den sie abwies. Er ging und sagte dabei zu Hubert: Was Sie gefordert hätten, würden Sie erhalten haben... Die Damen wollten bis zu 2000 Franken gehen... Das Ehepaar sah gewiß nicht auf den Verdienst, die große Summe aber gab ihnen doch zu denken. Der Mann sah die Frau an. Es war ärgerlich, einen so schönen Auftrag aus der Hand lassen zu müssen. 2000 Franken! wiederholte Angelika mit ihrer sanften Stimme; 2000 Franken, mein Herr. Und sie, für die das Geld nicht zählte, hielt ein Lächeln zurück, ein neckisches Lächeln, das ihre Mundwinkel umspielte. Es machte ihr Spaß, das Vergnügen, ihn zu sehen, so geschickt zu verbergen und ihm eine falsche Meinung von sich beizubringen. 2000 Franken, mein Herr? Ich nehme an. Ich würde es für niemanden getan haben, aber wenn man so zahlen will... Ich werde die Nächte zu Hilfe nehmen. Jetzt erhoben Hubert und Hubertine Einspruch, denn sie fürchteten, sie werde sich zu sehr anstrengen. Nein, nein, man darf das so ins Haus regnende Geld nicht ablehnen. Ihre Mitra wird am Vorabende der Prozession fertig sein, mein Herr. Zählen Sie auf mich! Felix ließ das Muster zurück und verließ blutenden Herzens das Haus; er fand nicht den Mut, weitere Erklärungen abzugeben, um auf diese Weise seinen Aufenthalt in die Länge ziehen zu können. Sie liebte ihn ganz bestimmt nicht, hatte ihn absichtlich nicht erkennen wollen und als gewöhnlichen Kunden behandelt, der zum Zahlen gut genug ist. Zuerst redete er sich in Zorn hinein und warf ihr niedrige Gesinnung vor. Umso besser, die Sache hatte ausgespielt; er wollte nicht mehr an sie denken. Da er aber doch unablässig an sie dachte, entschuldigte er sie schließlich: lebte sie nicht von ihrer Hände Arbeit, mußte sie nicht damit ihr Brot verdienen? Nach zwei Tagen fühlte er sich sehr unglücklich; er strich umher und war krank, weil er sie nicht sehen konnte. Sie ging nicht mehr aus, sie erschien nicht einmal mehr am Fenster. Er mußte sich sagen, daß, wenn sie ihn auch nicht liebte, sondern nur den Gewinn, er sie doch von Tag zu Tag heißer liebte, wie man eben in einem Alter von 20 Jahren liebt, ohne Überlegen, dem zufälligen Zuge des Herzens folgend, aus Freude und Schmerz am Lieben. Eines Abends hatte er sie gesehen, und sofort war es um ihn geschehen: diese und keine andere; wer sie auch sein mochte, ob gut, ob schlecht, häßlich oder hübsch, arm oder reich, er würde sterben, wenn sie ihm nicht gehören konnte. Jetzt, am dritten Tage litt es ihn bereits nicht länger; trotz seines Schwures, sie vergessen zu wollen, kehrte er zu den Hubert zurück. Er wurde unten, nachdem er geklingelt, von dem Sticker empfangen. Hubert entschloß sich, da Felix' Erklärung etwas dunkel war, den Gast nach oben zu führen. Der Herr wünscht dir selbst einige Dinge zu erklären, liebe Tochter, die ich nicht so gut begreife. Wenn es Sie nicht zu sehr stören würde, Fräulein, stotterte Felix, möchte ich allerdings sehen, wie weit unsere Angelegenheit vorgeschritten ist. Die betreffenden Damen haben es mir ans Herz gelegt, den Fortgang der Arbeit in Augenschein zu nehmen ... Vorausgesetzt natürlich, daß ich Sie dadurch nicht abhalte ... Als Angelika ihn kommen sah, fühlte sie die Schläge ihres Herzens bis in die Kehle hinauf. Sie glaubte zu ersticken. Mit Gewalt gewann sie ihre Ruhe wieder; nicht einmal das Blut stieg ihr mehr in die Wangen. Sie wurde ruhig, und mit gleichgültiger Miene sagte sie: Mich stört nichts, mein Herr. Ich arbeite ebenso gut, wenn jemand dabei sitzt. Das Muster ist von Ihnen gezeichnet, es ist also natürlich, daß Sie die Ausführung überwachen. Felix war so fassungslos, daß er nicht gewagt haben würde sich niederzulassen, wenn ihm nicht Hubertine zu Hilfe gekommen wäre, die ihn als guten Kunden mit ihrer ernsten Freundlichkeit begrüßte. Sie setzte sich sogleich wieder an ihre Arbeit und beugte sich über den Rahmen, an dem sie die gotischen Zierate der Rückseite der Mitra stickte. Hubert hakte von der Wand ein fertiges, geleimtes Banner los, das dort seit zwei Tagen zum Trocknen gehängt hatte; er wollte es ausspannen. Niemand sprach mehr, die zwei Stickerinnen und der Sticker arbeiteten, als sei kein Vierter zugegen. Der junge Mann beruhigte sich etwas in dieser friedlichen Umgebung. Es schlug drei Uhr, die Kathedrale warf bereits längere Schatten, das Halbdunkel drang durch das breite Fenster ein. Es war die Dämmerstunde, die für das kleine, kühle, im Grünen lagernde Haus schon am Mittag begann. Man hörte auf dem Straßenpflaster leise Schritte, ein Mädchenpensionat wurde zur Beichte geführt. Im Arbeitszimmer schienen die alten Werkzeuge, die alten Mauern, alles, was dort unbeweglich war, den Schlaf der Jahrhunderte zu schlafen, daher Erquickung und Ruhe ringsum. Ein großes Viereck weißen, gleichmäßigen und klaren Lichtes zeichnete sich auf dem Rahmen ab, über den die Stickerinnen mit ihren zarten Gesichtern in dem fahlen Abglanze des Goldes sich beugten. Ich wollte Ihnen sagen, Fräulein, begann Felix verlegen in dem richtigen Gefühl, sein Erscheinen begründen zu müssen, ich wollte Ihnen sagen, daß für die Haare das Gold der Seide vorzuziehen ist. Angelika hatte den Kopf erhoben. Ihre heiter blickenden Augen sagten deutlich, daß er sich darum nicht hätte erst bemühen brauchen, wenn er ihr nichts anderes mitzuteilen hatte. Sie beugte sich von neuem über die Arbeit und erwiderte mit freundlicher und doch neckischer Stimme: Gewiß, mein Herr. Er war sehr töricht; denn er bemerkte jetzt erst, daß sie gerade an den Haaren arbeitete. Vor ihr lag das von ihm entworfene Muster in Wasserfarben und aufgetragenem Golde. Der Milde des Tones nach ähnelte es dem alten, ausgebleichten Kleinbilde eines Gebetbuches. Sie ahmte dieses Bild mit der Geduld und der Geschicklichkeit eines Künstlers nach, der mit Hilfe der Lupe arbeitet. Nachdem sie es in dicken, sicheren Zügen auf den straff gespannten und mit haltbarer Leinwand gefütterten, weißen Atlas übertragen, hatte sie den Stoff von oben nach unten mit nur an den zwei Enden befestigten, sonst aber freiliegenden und sich berührenden Goldfäden überzogen. Diese Fäden benutzte sie gleichsam als Einschlag und trennte sie mit der Spitze der Nadel, um das darunter liegende Muster zu finden. Dem Muster folgte sie und nähte die Goldfäden von unten mit Seide fest, deren Farben sie denen des Musters anpaßte. In den Schattenteilen deckte die Seide das Gold vollständig; in den halbgetönten lagen die Seidenpünktchen weiter auseinander; die Lichtstellen bestanden aus reinem, unverhülltem Golde. Es war schattiertes Gold; der von der Nadel auf die Seide übertragene Goldgrund bildete ein in warmen Tönen verschmelzendes, in geheimnisvollem Glänze der Glorie erstrahlendes Gemälde. Ah! sagte plötzlich Hubert, der das Banner ausspannte, eine mit schattiertem Golde ausgeführte Arbeit bildete ehemals das Meisterstück einer Stickerin... Sie mußte, wie in den Satzungen steht »ein einzelnes Bild aus schattiertem Golde, ein halbes Drittel hoch« verfertigen... Du wärest aufgenommen worden, Angelika. Wieder herrschte Schweigen. Über die Haare hatte Angelika entgegen der Regel denselben Gedanken gehabt wie Felix: nämlich keine Seide anzuwenden, sondern Gold auf Gold zu legen. Sie arbeitete mit zehn Nadeln, in die verschiedene Goldtöne eingefädelt waren, vom dunklen Rot ersterbender Kohlenglut bis zum fahlen Gelb der herbstlichen Wälder. Agnes hüllte sich also vom Kopf bis zu den Füßen in ein Geriesel goldiger Haare. Die Flut begann am Genick, verhüllte die Lenden mit einem dichten Mantel und strömte über die Schultern hinweg in zwei Wogen, die unter dem Kinn ineinanderflössen und von dort hinunter bis an die Füße wallten, ein märchenhafter Haarwuchs, ein fabelhaftes Vlies mit ungeheuren Locken, ein warmes, lebendiges und den Duft keuscher Reinheit aushauchendes Kleid. An diesem Tage konnte Felix zusehen, wie Angelika die Locken mit Spaltstichen je nach ihrer Aufrollung stickte, und er wurde nicht müde zu beobachten, wie die Haare unter ihrer Nadel entstanden und aufflammten. Ihre Dichtigkeit, das Beben, das sie plötzlich entfaltete, verwirrten ihn. Hubertine, die gerade Flitter aufnähte und den haltenden Faden eines jeden mit einem Endchen Frisur verdeckte, sah sich von Zeit zu Zeit um und prüfte ihn mit ihrem ruhigen Blick, wenn sie sich genötigt sah, einen schlecht gewählten Flitter in die Abfallkiste zu werfen. Hubert rollte bereits das Banner sorgsam auf. Felix, den das allgemeine Schweigen in immer größer werdende Unbehaglichkeit versetzte, begriff schließlich, daß es klug sei, wenn er gehe; denn ihm fiel kein einziger der Einwände ein, die zu äußern er sich vorgenommen hatte. Er erhob sich und stotterte: Ich werde wiederkommen... Ich habe die reizende Zeichnung des Kopfes so schlecht wiedergegeben, daß Sie meine Fingerzeige vielleicht gebrauchen werden. Angelika ließ ihre großen, klaren Blicke ruhig in den seinen ruhen. Nein, nein... Aber kommen Sie nur wieder, mein Herr, wenn Sie in Sorge über die Ausführung sind. Er ging, glücklich über die Erlaubnis und zugleich trostlos über diese Kälte. Sie liebte ihn nicht und würde ihn nie lieben, das stand fest. Was nützte all seine Mühe? Am nächsten und an den folgenden Tagen fand er sich wieder in dem kühlen Hause der Goldschmiedestraße ein. Die Stunden, die er nicht dort verbrachte, waren abscheuliche, denn der in seinem Innern tobende Kampf vergällte sie ihm; ihn folterte Ungewißheit. Erst wenn er bei der Stickerin saß, wurde er ruhig; er war mit allem zufrieden, selbst damit, ihr nicht zu gefallen, sobald sie bei ihm war. Er kam jeden Morgen, sprach über die Arbeit und setzte sich vor den Rahmen, als ob seine Anwesenheit dort von Nutzen sei. Es entzückte ihn, ihr feines, unbewegliches Gesicht mit dem hellen Blond ihrer Haare vor sich zu haben und dem geschickten Spiele ihrer kleinen, geschmeidigen Finger zuzusehen, die sich in der Menge Nadeln zurechtzufinden verstanden. Sie machte jetzt kein Aufheben mehr und behandelte ihn als Kameraden. Trotzdem fühlte er, daß es zwischen ihnen etwas gab, wovon sie nicht sprach, und über das sein Herz sich ängstigte. Sie erhob öfter den Kopf und wandte ihm mit einem spöttischen Ausdrucke ihre ungeduldig fragenden Blicke zu. Wenn sie ihn dann bestürzt sah, zeigte sie sich sofort wieder frostig. Felix hatte bereits ein Mittel zur Erhaltung ihrer guten Laune entdeckt, von dem er denn auch weitgehenden Gebrauch machte. Er sprach nämlich mit ihr über ihre Kunst, über die alten Meisterwerke der Stickkunst, die er gesehen hatte und die in den Schatzkammern der Kathedralen aufbewahrt wurden oder in den Büchern abgedruckt sich fanden: von herrlichen Chorröcken, so dem Karls des Großen aus roter Seide mit großen Adlern, die ihre Flügel weit ausspannten; von dem von Lion, den ein ganzes Volk von Heiligengestalten schmückt; von einer Dalmatika, die für das schönste Stück gilt, das man kennt, nämlich von der kaiserlichen Dalmatika, auf der die Erhabenheit Jesu Christi im Himmel und auf Erden dargestellt ist, ferner die Verklärung und das letzte Gericht, deren zahlreiche Figuren aus abgetönter Seide, Gold und Silber gestickt sind; ferner von dem Baum von Jesse, eine seidene Verbrämung auf Atlas, welches Stück einem Kirchenfenster aus dem 15. Jahrhundert entnommen zu sein scheint, Abraham zu Füßen, David, Salomon und die heilige Jungfrau und zu Häupten Jesus; sodann von herrlichen Meßgewändern, zum Beispiel von dem so einfachen, auf welchem der ans Kreuz geschlagene blutende Christus in roter Seide auf Goldtuch zu sehen ist, während zu seinen Füßen die Jungfrau vom heiligen Johannes gestützt steht; schließlich vom Meßgewand von Naintré, auf dem man die in ihrer ganzen Majestät thronende Maria mit beschuhten Füßen und auf ihrem Schoße das nackte Jesuskind erblickt. Noch viele andere Wunderdinge zogen an ihnen vorüber, die ihr hohes Alter, der Glaube, die Einfachheit in ihrem Reichtum verehrungswürdig machten, sowie der auf sie übergangene Duft des Weihrauchs und ihr geheimnisvolles Leuchten des ausgebleichten Goldes. Ach, seufzte Angelika, mit diesen schönen Dingen ist es vorbei. Nicht einmal ihre Abtönungen trifft man mehr. Mit leuchtenden Augen ließ sie die Arbeit ruhen, wenn er die Geschichte der ehemaligen Sticker und Stickerinnen erzählte, von Simonne von Gallien, Colin Jolye, deren Namen alle Jahrhunderte überdauert haben. Dann führte sie wohl von neuem die Nadel, aber sie fühlte sich wie verwandelt, und ihre Züge strahlten von künstlerischer Begeisterung wider. Nie erschien sie ihm schöner, begeisterter, jungfräulicher, als wenn eine helle Flamme im Widerscheine des Goldes und der Seide aus ihr zu schlagen schien, wenn sie mit gründlicher Aufmerksamkeit ihre Arbeit sorgfältig vollführte und Stich an Stich reihte. Ihre ganze Seele legte sie hinein. Er hörte dann zu sprechen auf und betrachtete sie, bis sie aus dem Schweigen erwachend das Fieber bemerkte, das er in ihr entfachte. Wie eines Vergehens schämte sie sich dessen und gewann schnell ihre gleichgültige Ruhe, ihre verdrießliche Stimme wieder. Aber das geht doch nicht, meine Seide kommt ganz durcheinander! ... Rühre dich nicht, Mutter! Hubertine, die ganz still dagesessen hatte, lächelte vor sich hin. Sie hatte sich zuerst über die Beharrlichkeit des jungen Mannes beunruhigt und eines Abends beim Schlafengehen mit Hubert darüber gesprochen. Der junge Mensch mißfiel ihnen durchaus nicht, er blieb ein sehr annehmbarer Gesellschafter: warum also hätten sie sich einem regelmäßigen Zusammentreffen widersetzen sollen, das vielleicht Angelikas Glück wurde? Hubertine ließ darum die Dinge gehen, wie sie wollten, und begnügte sich, die beiden mit ihrer verständigen Miene zu überwachen. Ihr selbst machten überdies die vergeblichen Zärtlichkeiten ihres Gatten das Herz seit einigen Wochen schwer. Es war gerade der Monat, in dem sie ihr Kind verloren hatten, und alljährlich um diese Zeit erwachten in ihnen dieselben Gewissensbisse, dieselben Wünsche; er lag zu ihren Füßen und brannte vor Verlangen nach endlicher Verzeihung; sie gab sich ihm ganz in Liebe und Verzweiflung, aber hoffte nicht mehr das Schicksal zu ändern. Vor der Welt sprachen sie nie davon und gaben sich nicht einen Kuß mehr als sonst. Aber in der Heimlichkeit ihres Zimmers brach die Liebe hervor, und wenn bei der geringsten Bewegung ihre Blicke sich trafen, vergaßen sich eine Sekunde lang beide, um völlig ineinander aufzugehen. Es war eine schwere Kette, die sie so mit sich herumschleppten. Eine Woche verfloß, die Arbeit an der Mitra machte Fortschritte. Die täglichen Zusammenkünfte hatten den Charakter vertraulicher Freundschaft angenommen. Die Stirn hoch und ohne Augenbrauen, nicht wahr? Ja, sehr hoch und keinen Schatten, genau wie auf den Kleinbildern jener Zeit. Reichen Sie mir die weiße Seide. Warten Sie, ich werde sie gleich einfädeln. Er half ihr; diese Arbeit zu zweien wirkte beruhigend auf beide. Sie führte beide in die Alltäglichkeit zurück. Doch schlang sich mit jeder Stunde das Band fester um sie, ohne daß je ein Wort von Liebe gesprochen wurde, ohne daß jemals eine absichtliche Berührung ihre Finger zusammenführte. Was machst du da, Vater? Man hört dich gar nicht mehr? Sie wandte sich um und sah, daß der Sticker, dessen Hände sich mit der Füllung einer Spule beschäftigten, seine Frau mit traumbefangenen Blicken anschaute. Ich gebe deiner Mutter das Gold. Er reichte ihr die Spule, die sie mit stummem Danke entgegennahm. Aus der vorsorglichen Liebe, mit der Hubert seine Frau beständig umgab, löste sich ein warmer Hauch von Zärtlichkeit, der auch Angelika und Felix umhüllte, die sich wieder über den Rahmen gebeugt hatten. Die Arbeitsstube sogar, dieser alte Raum mit seinen alten Werkzeugen und seinem aus einem andern Jahrhundert stammenden Frieden war mitschuldig. Sie schien, fernab von dem Straßenleben auf dem Grunde des Traumes in jenem Lande guter Geister zu liegen, wo das Wunder vorherrscht und die leichte Verwirklichung aller Freuden. In fünf Tagen sollte die Mitra abgeliefert werden. Angelika war überzeugt, daß sie nicht nur pünktlich, sondern sogar 24 Stunden früher fertig werde; sie atmete auf und wunderte sich, Felix neben sich an den Bock gelehnt zu sehen. Sie waren also Genossen? Sie verschloß sich nicht mehr gegen das Erobernde an ihm, lächelte nicht mehr boshaft zu allem, was er verheimlichte, sie aber ahnte. Was war es, das ihre unruhige Erwartung eingeschläfert hatte? Die ewige Frage kehrte wieder, die Frage, die sie sich an jedem Abend beim Schlafengehen vorlegte: liebte sie ihn? Stundenlang lag sie in ihrem großen Bette und wandte diese Worte hin und her, ohne ihren Sinn zu erfassen. In einer Nacht plötzlich fühlte sie ihr Herz aufgehen, sie zerfloß in Tränen und drückte den Kopf in die Kissen, damit niemand sie höre. Sie liebte ihn, sie liebte ihn zum Sterben. Warum? Wie? Sie wußte nichts, sie wollte nichts wissen, aber sie liebte, ihr ganzes Wesen rief es ihr zu. Klar wurde es um sie herum, und wie das Sonnenlicht brach die Liebe herein. Sie weinte lange im Gefühle der Verwirrung und unaussprechlichen Glückes. Auch das Bedauern, sich nicht Hubertine anvertraut zu haben, stieg wieder in ihr auf. Ihr Geheimnis drückte sie sehr, und so tat sie einen heiligen Schwur, Felix gegenüber kühl zu erscheinen wie zuvor, lieber alles zu ertragen als ihn ihre zärtlichen Gefühle merken zu lassen. Ihn lieben, lieben, ohne es zu sagen, das deuchte ihr die gerechte Strafe, die Prüfung zu sein, durch deren Bestehen sie ihren Fehltritt sühnen konnte. Sie litt freudig, denn sie dachte an die Märtyrer der Legende, sie hielt sich ein wenig für ihre Schwester, weil sie sich ebenfalls geißeln wollte. Ihre Schutzheilige Agnes schien sie mit traurigen, sanften Augen anzublicken. Am nächsten Tage beendete Angelika die Gestalt der Jungfrau. Sie hatte zu den kleinen Händen und Füßen, zu den einzigen Stellen der weißen Nacktheit, die aus dem königlichen, goldigen Haarschmucke hervorlugten, feinere Seide genommen, als zu den übrigen Teilen der Jungfrau. Sie führte das Gesicht in lilienhafter Zärtlichkeit aus, unter der Haut von Seide leuchtete das Gold wie das Blut der Adern auf. Dieses Sonnenantlitz stieg am Horizonte aus der blauen Ebene, von zwei Engeln getragen, empor. Als Felix kam, stieß er einen Ruf der Bewunderung aus. Wie ähnelt sie Ihnen! Das war ein unfreiwilliges Geständnis, das Zugeständnis der Ähnlichkeit, die er mit Absicht seinem Muster gegeben hatte. Er sah sofort ein; daß er sich verraten hatte, und wurde überrot. Das ist wahr, Töchterchen, rief Hubert, der nähergetreten war, sie hat deine schönen Augen. Hubertine begnügte sich mit einem Lächeln, sie hatte die Beobachtung schon längst gemacht. Sie schien überrascht, fast schmerzlich bewegt, als sie Angelika mit einer ihr aus der Zeit der üblen Launen wohlbekannten Stimme antworten hörte: Meine schönen Augen! Machen Sie sich nur über mich lustig! ... Ich bin häßlich, ich weiß es nur zu gut. Dann erhob sie sich, schüttelte sich und sagte, indem sie ihr Spiel als interessiertes, kaltes Mädchen übertrieb: Gott sei Dank, das wäre fertig ... Eine große Last weniger auf den Schultern! ... Ich würde es nicht für denselben Preis noch einmal machen. Felix horchte eigentümlich ergriffen auf. Also nur um das Geld drehte sich ihr Sinnen? Er hatte auch nur einen Augenblick glauben können, daß sie edler Begeisterung für ihre Kunst fähig war? Er hatte sich also getäuscht, nur nach dem Verdienst trachtete sie, selbst die Freude, daß das Werk vollendet, rührte sie nur wenig, noch weniger, daß sie ihn nicht mehr sehen werde. Seit einigen Tagen schon befand er sich in großer Verzweiflung; vergebens suchte er nach einem Vorwande, der ihm das Wiederkommen erlaubte. Sie liebte ihn nicht und würde ihn nie lieben! So schwer war das Leiden, das sein Herz quälte, daß seine Augen sich trübten. Werden Sie selbst die Mitra montieren, Fräulein? Nein, meine Mutter versteht es weit besser ... Ich bin froh, daß ich sie nicht mehr zu berühren brauche. Sie lieben also Ihre Arbeit nicht? Ich? ... Ich liebe nichts. Hubertine befahl ihr streng zu schweigen. Sie bat Felix, das nervöse Kind zu entschuldigen, und sagte ihm, daß am nächsten Tage die Mitra zeitig zu seiner Verfügung stehe. Damit schien er verabschiedet; trotzdem ging er noch nicht, er besah die altertümliche Arbeitsstube mit ihrem Schatten und Frieden, als wolle man ihn aus einem Paradiese jagen. Er hatte sich eingebildet, hier glückliche Stunden verlebt zu haben, und fühlte sich schmerzlich bewegt, daß sein zerrissenes Herz dort zurückblieb. Ihn quälte, daß er sich nicht erklären konnte und die schreckliche Ungewißheit mit sich nahm. Schließlich mußte er gehen. Die Tür hatte sich kaum geschlossen, als Hubert schon fragte: Was hast du, Kind, ist dir unwohl? Nicht im geringsten. Dieser Mensch langweilt mich. Ich will ihn nicht mehr sehen. Gut, du sollst ihn nicht mehr sehen, schloß Hubertine die Unterhaltung. Deshalb aber kannst du doch höflich sein. Angelika wartete kaum die Zeit ab, um in ihr Zimmer eilen zu können Dort brach sie in Tränen aus. Wie glücklich war sie doch, und wie sehr litt sie! Ihr armer, teurer Geliebter, er hatte nichts verschuldet, um so traurig von ihr gehen zu müssen. Aber sie hatte es bei allen Heiligen geschworen: sie wollte ihn bis in den Tod lieben, und nie sollte er es erfahren. Siebentes Kapitel Am Abende desselben Tages klagte Angelika, als man vom Tische aufstand, über große Übelkeit. Sie ging deshalb sogleich auf ihr Zimmer. Ihre Aufregung am Morgen, ihre Kämpfe mit sich selbst hatten sie furchtbar geschwächt. Sie legte sich sofort nieder und zerfloß von neuem in Tränen. Den Kopf versteckte sie unter die Decke; in ihrer Verzweiflung hätte sie am liebsten ganz verschwinden, gar nicht mehr vorhanden sein mögen. Die Stunden verflossen, die Nacht war bereits hereingebrochen: eine heiße Julinacht, deren schwerdrückende Schwüle durch das weit geöffnete Fenster hereindrang. Vom dunklen Himmel leuchtete ein Gewimmel von Sternen hernieder. Es mußte nahe an elf Uhr sein. Der abnehmende, in seinem letzen Viertel stehende Mond konnte erst gegen Mitternacht auftauchen. In dem dunklen Zimmer weinte Angelika noch immer, der Strom der Tränen schien unerschöpflich. Ein Klopfen an ihrer Tür ließ Angelika auffahren. Erst tiefes Schweigen, dann rief eine Stimme sanft: Angelika ... Angelika ... mein Herz ... Sie hatte die Stimme Hubertines erkannt. Jedenfalls hatte diese, als sie sich mit ihrem Manne zu Bett begeben wollte, das ferne Schluchzen gehört; besorgt kam sie deshalb halb entkleidet nach oben. Bist du krank, Angelika? Das junge Mädchen hielt seinen Atem an und antwortete nicht. Angelika hatte ein unendliches Bedürfnis nach Einsamkeit, dem besten Heilmittel für ihr Übelbefinden. Tröstungen, Liebkosungen selbst von seiten ihrer Mutter würden ihr zur Marter geworden sein. Sie malte sich aus, wie Hubertine hinter der Tür stand, sie ahnte, daß sie dort mit bloßen Füßen ausharrte, denn sie hatte nur ein flüchtiges Streifen des Fußbodens vernommen. Zwei Minuten verflossen, und sie wußte Hubertine noch immer dort, wie sie das Ohr an die Wand legte und mit den schönen Armen die losen Gewänder zusammenhielt. Als Hubertine nicht einmal einen Atemzug mehr vernahm, wagte sie nicht, abermals zu klopfen. Sie war fest überzeugt, Klagelaute gehört zu haben; wahrscheinlich aber war das Kind inzwischen eingeschlafen, wozu also es wecken? Sie wartete noch eine Minute; der uneingestandene Kummer ihrer Tochter bedrückte auch sie; denn sie ahnte ihn, und auch ihr Herz erfüllte eine zärtliche Rührung. Sie entschloß sich endlich wieder zu gehen, wie sie gekommen war; sie tastete sich mit den Händen an jeder ihr vertrauten Krümmung der Treppe vorüber und hinterließ in dem in Nacht getauchten Hause kein anderes Geräusch als das flüchtige, leise Auftreten ihrer nackten Füße. Inzwischen hatte sich Angelika aufgerichtet Und horchte. Das Schweigen war so tief, daß sie das leichte Aufdrücken der Sohlen auf den Rand jeder Stufe unterschied. Sie hörte unten die Stubentür sich öffnen und schließen. Dann traf ein kaum vernehmliches Gemurmel ihr Ohr, ein halb erregtes, halb trauriges Geflüster; ihre Eltern erzählten sich gewiß gegenseitig von ihren Befürchtungen und Wünschen. Dieses Geflüster verstummte nicht, obwohl die Eltern längst in ihren Betten liegen und das Licht ausgelöscht haben mußten. Noch nie waren die nächtlichen Laute der alten Behausung so deutlich bis zu ihr gedrungen. Gewöhnlich versank Angelika sofort in den festen Schlaf der Jugend, sie hörte nicht einmal die Möbel krachen. Jetzt aber, wo der Kampf mit ihrer Leidenschaft den Schlaf vertrieben hatte, schien ihr, als klage und liebe das ganze Haus. Unterdrückten nicht auch die Hubert ihre Tränen und Klagen über die vergebliche Zärtlichkeit und über die unerfüllte Hoffnung auf Kindersegen? Sie wußte es nicht, sie hatte nur das Gefühl, daß unter ihr die beiden wach bleibenden Gatten in heißer Liebe und Tränen noch immer das endlose, keusche Glück der Flitterwochen genossen. Wie sie aufrecht in ihrem Bette saß, hörte sie das ganze Haus erzittern und seufzen. Sie konnte sich nicht halten, sie mußte von neuem ihren Tränen freien Lauf lassen; aber jetzt strömten sie stumm, lebendig und so warm wie das Blut in ihren Adern. Eine einzige Frage wollte in ihr seit dem Morgen nicht verstummen und peinigte ihr ganzes Wesen: hatte sie recht getan, Felix in Verzweiflung von sich zu schicken mit dem ihm wie ein Messer mitten ins Herz gestoßenen Gedanken, daß sie ihn nicht liebe? Sie liebte ihn und hatte trotzdem so großes Leid über ihn wie auch über sich selbst gebracht. Warum nur dieser furchtbare Schmerz? Verlangten die Heiligen, daß man nicht weine? Würde es Agnes wehgetan haben, sie glücklich zu sehen? Jetzt wollte ein Zweifel nicht verstummen. Als sie früher den erwartete, der da kommen sollte, hatte sie sich alles so hübsch vorgestellt; er würde eintreten, sie ihn wiedererkennen, und beide würden für immer vereinigt miteinander fortgehen. Jetzt war er gekommen und – die eine wie der andere schluchzten, denn sie hatten sich für immer getrennt. Was sollte alles das bedeuten? Was war vorgegangen? Was hatte ihr diesen grausamen Schwur, ihn zu lieben, ohne es ihm zu sagen, abverlangt? Namentlich aber folterte Angelika die Angst, die Schuldige und böswillig gewesen zu sein. Vielleicht war in ihr wieder die schlechte Tochter erwacht. Sie erschrak, als sie sich jetzt ihres gleichgültigen Benehmens, der boshaften Art des Empfanges von Felix und ihres Vergnügens an der Arglist erinnerte, die sie ins Feld geführt, um ihm eine falsche Vorstellung von sich beizubringen. Ihre Tränen flossen reichlicher, in ihrem Herzen erwachte ein unendliches, mächtiges Mitleid angesichts der Leiden, die sie ihm angetan hatte, ohne es zu wollen. Sie sah ihn vor sich, wie er sich zum Gehen wandte, sein trostloses Gesicht, seine umherirrenden Augen, die zitternden Hände; sie folgte ihm in Gedanken auf die Straße und sah ihn bleichen Gesichtes, tödlich durch sie verwundet und Blutstropfen auf Blutstropfen verlierend nach Hause wanken. Wo mochte er sich jetzt um diese Stunde befinden? Verzehrte ihn das Fieber? Ihre Hände krampften sich vor Angst bei der Vorstellung, kein Mittel zu kennen, das Übel gutzumachen. Es empörte sie der Gedanke, jemanden leiden zu lassen. Am liebsten wäre sie jetzt gleich gut gewesen, um rings umher Glück zu verbreiten. Es mußte bald Mitternacht schlagen, die großen Ulmen im bischöflichen Garten verbargen noch den am Horizont aufgegangenen Mond, das Zimmer blieb schwarz. Angelika legte den Kopf auf die Kissen zurück und dachte an nichts mehr, sie wollte schlafen; aber sie konnte nicht, die Tränen drangen durch die geschlossenen Augenlider. Das Denken kehrte wieder, sie erinnerte sich jetzt an die Veilchen, die sie seit 14 Tagen auf dem Balkon vor ihrem Fenster fand, wenn sie des Abends ihr Zimmer betrat. Jeden Abend einen Veilchenstrauß. Zweifellos war es Felix, der ihn vom Marienfelde herüberwarf; denn sie erinnerte sich, ihm erzählt zu haben, daß nur die Veilchen die wunderbare Kraft besäßen, ihre Sinne zu beruhigen, während der Duft der anderen Blumen ihr entsetzliches Kopfweh bereite. Da verschaffte er ihr mit den Veilchen süße Nächte und einen festen Schlummer, den gute Träume erquickten. Das heute Abend vorgefundene Sträußchen stand neben ihrem Kopfkissen. Plötzlich kam ihr der gute Gedanke, es neben sich zu legen, sie drückte es an ihre Wange und beruhigte sich in der Tat durch das Einsaugen des Duftes allmählich. Endlich stillten die Veilchen auch ihre Tränen. Sie schlief zwar noch immer nicht, doch lag sie still inmitten des sie umschwebenden Duftes, der von ihm kam; sie fühlte sich glücklich, zur Ruhe gekommen zu sein, und verharrte regungslos im hingebungsvollen Schwinden ihres ganzen Seins. Ein heftiger Schauder überlief sie plötzlich. Es schlug Mitternacht. Als sie die Augen aufschlug war sie erstaunt, ihr Zimmer von einem hellen Licht erfüllt zu sehen. Langsam stieg über die Ulmen der Mond empor, und die Sterne verloschen am bleichen Himmel. Durch das Fenster sah sie die in weißes Licht getauchte Apsis der Kathedrale. Der Widerschein des Glanzes dort schien es zu sein, der das Zimmer mit dem milchfarbigen, neugeborenen Lichte des jungen Morgens füllte. Die weißen Mauern; die weißen Balken, die gesamte weiße Nacktheit des Raumes schien gewachsen, größer und ausgedehnter geworden, gerade als träume sie. Aber sie erkannte noch die alten Möbel von nachgedunkeltem Eichenholze, den Schrank, die Truhe, die Stühle mit den leuchtenden Kanten der Schnitzereien wieder. Nur ihr Bett, ihr viereckiges Bett von königlicher Breite überraschte sie, als habe sie es nie zuvor gesehen mit seinen gewundenen Säulen und seinem Himmel von rosigem Kattun. Das Mondlicht umnutete das Bett so voll, daß es ihr vorkam, als schwebe sie unter freiem Himmel auf einer Wolke, getragen von einem Schwärm unsichtbarer und unhörbarer Flügel. Einen Augenblick schien alles um sie her zu schwanken. Dann aber gewöhnten sich ihre Augen an die Helligkeit, ihr Bett stand fest an seiner gewöhnlichen Stelle, und sie selbst lag mit unbeweglichem Haupte da, nur ihre Augen irrten in diesem Strahlenmeere umher, auf ihren Lippen ruhten die Veilchen. Auf was wartete sie? Warum konnte sie nicht schlafen? Jetzt fühlte sie es als ganz gewiß, daß sie auf jemanden wartete. Sie hatte zu weinen aufgehört, weil er kommen sollte. Diese trostreiche Helle verjagte die bösen Träume und kündigte ihn an. Er sollte kommen, der Mond war sein Botschafter, er war ihm nur voraufgeschritten, um sie beide mit der Klarheit des jungen Morgens zu beleuchten. Das Zimmer war wie mit weißem Samt behangen, sie würden sich also sehen können. Sie erhob sich und kleidete sich an; ein einfaches Gewand legte sie an, das Musselinkleid, das sie am Tage des Ausfluges nach Hautecoeur getragen hatte. Sie ordnete nicht einmal ihre Haare, sondern ließ sie frei über ihre Schultern fallen. Die Füße ließ sie nackt in den Pantoffeln. So wartete sie. Angelika wußte gegenwärtig noch nicht, woher er kommen sollte. Hinaufsteigen zu ihr konnte er nicht, aber sie würden sich trotzdem sehen können, sie würde auf dem Balkon, er unten auf dem Marienfelde stehen. Vorläufig hatte sie sich gesetzt, als fühle sie die Nutzlosigkeit, an das Fenster zu treten. Warum sollte er nicht schließlich auch durch die Wände kommen können wie die Heiligen der Legende? Sie wartete. Aber sie wartete keineswegs allein, denn sie wußte alle Jungfrauen, deren weiße Wolke sie seit ihrer Jugend umschwebte, um sich herum. Sie schwebten auf den Strahlen des Mondes herein, kamen aus den geheimnisvollen Bäumen des bischöflichen Gartens, von den blauen Wipfeln, aus den versteckten Winkeln der Kathedrale herüber, wo sie in dem Walde von Steinen hausten. Vom ganzen bekannten und geliebten Umkreise herüber, von der Chevrotte, den Weiden, den Gräsern hörte das junge Mädchen seine Träume widerklingen, seine Hoffnungen und Wünsche; es hatte sie auf alle diese Dinge übertragen, um sie täglich vor Augen zu haben, und jetzt schickten diese ihm die Träume wieder. Noch nie hatten die Stimmen des Unsichtbaren so deutlich zu Angelika gesprochen, sie hörte bis ins Jenseits hinüber, fühlte in der schwülen, von keinem Luftzug bewegten Nacht das leise Erzittern, das nach ihrer Meinung von dem Anstreifen des Gewandes der Agnes herrührte, als die Schutzheilige sich neben sie stellte. Es freute sie, Agnes mit den anderen dort zu wissen. Und sie wartete. Eine geraume Zeit verfloß; Angelika war sich unklar, wie lange es gedauert hatte. Es erschien ihr aber ganz natürlich, daß Felix kam. Er schwang sich über die Balkonbrüstung. Seine schlanke Figur hob sich scharf von dem hellen Hintergrunde ab. Er trat nicht in das Zimmer, sondern blieb in dem Lichtrahmen des Fensters stehen. Haben Sie keine Furcht ... Ich bin es, ich bin gekommen. Sie fühlte keine Furcht, denn sie fand alles genau stimmend. Sie sind am Balkenwerk heraufgestiegen, nicht wahr? Ja, am Balkenwerk. Daß es so bequem ging, ließ sie lächeln. Er hatte sich zuerst auf das Schutzdach der Tür emporgezogen, dann war er an der Dachstuhlsäule emporgeklettert, deren Fuß auf dem Unterbalken des Erdgeschosses ruhte. So hatte er ohne große Mühe den Balkon erreicht. Ich erwartete Sie, kommen Sie näher. Felix, der, ein Spielball der wahnsinnigsten Entschlüsse, gewalttätig hatte vorgehen wollen, rührte sich nicht; dieses plötzliche Glück brachte ihn außer Fassung. Jetzt wußte Angelika ganz genau, daß die Heiligen ihr ihre Liebe nicht verboten, denn sie hörte, wie sie ihn mit einem beifälligen Lachen empfingen, das so leise erklang wie ein Hauch der Nacht. Wie konnte sie nur so dumm gewesen sein, anzunehmen, daß Agnes zürnen werde? Agnes strahlte neben ihr vor Freude, und diese freudige Empfindung, ähnlich dem Wehen zweier großer Flügel, übertrug sich von den Schultern herab auf den ganzen Körper. Alle die aus Liebe gestorben waren, nahmen teil an den Qualen der Jungfrauen und irrten durch die schwülen Nächte hin und her, um unsichtbar über ihr Liebesleid zu wachen. Kommen Sie näher, ich erwartete Sie. Felix schwankte herein. Er hatte sich vorgenommen, daß sie sein werden müsse, daß er sie in seine Arme schließen und ihren Schrei ersticken wolle. Als er sie jetzt so sanft reden hörte, als er das blendend weiße, keusche Zimmer betrat, da wurde er noch reineren Herzens wie sie und schwächer als ein Kind. Er tat drei Schritte vorwärts. Da überlief ihn ein Zittern, er ließ sich weit ab von ihr auf die Knie nieder. Wenn Sie meine gräßlichen Qualen kennten! Noch nie habe ich wie jetzt gelitten; sich nicht geliebt zu glauben – es gibt keinen ähnlichen Schmerz ... Ich will mit Freuden alles verlieren, ein Bettler sein, Hungers sterben und von Krankheit gepeinigt werden. Aber ich bin nicht imstande, noch einen solchen Tag zu verleben mit diesem das Herz verzehrenden Weh und mir sagen zu müssen, daß Sie mich nicht lieben ... Seien Sie barmherzig, ersparen Sie mir das ... Sie hörte stumm, ergriffen von Mitleid und dennoch so recht, recht glücklich zu. Wie konnten Sie mich heute morgen so von sich gehen lassen! Ich bildete mir ein, Sie wären gütiger geworden. Sie hätten mich verstanden. Da fand ich Sie wie am ersten Tage teilnahmlos! Sie behandelten mich wie einen Kunden, den man dulden muß, und führten mir in grausamster Weise die niedrigsten Fragen der Alltäglichkeit vor Augen. Auf der Treppe strauchelte ich. Auf der Straße lief ich davon, denn ich fürchtete, die Tränen nicht zurückhalten zu können Als ich in meine Wohnung hinaufsteigen wollte, fühlte ich, daß ich ersticken müsse, wenn ich mich einschlösse ... So rettete ich mich ins freie Feld; ich bin blindlings darauf losgewandert, hier eine Straße und dort eine Straße. Die Nacht senkte sieh hernieder, und ich lief noch immer. Aber meine Qualen waren ebenso schnell wie ich, sie verzehrten mich. Wenn man liebt, kann man der Liebespein nicht entfliehen ... Hier haben Sie das Messer angesetzt, und seine Spitze drang immer tiefer in die Brust. Ein tiefer Seufzer entfuhr ihm bei der schmerzlichen Erinnerung an seine Marter. Stundenlang lag ich im Grase, von tiefem Weh niedergeworfen wie ein ausgerissener Baum ... Nichts war für mich vorhanden, nur Sie allein. Der Gedanke, daß Sie mir nicht gehören sollten, tötete mich. Meine Füße waren erschlafft, aber mein Kopf raste im Wahnsinn ... Deshalb bin ich zu Ihnen zurückgekehrt. Ich weiß nicht, wie mich mein Weg geführt hat, wie ich bis in dieses Zimmer dringen konnte. Vergeben Sie mir, aber ich wäre imstande gewesen, die Türen mit meinen Fäusten zu zertrümmern und am hellen lichten Tage zu Ihrem Fenster emporzuklettern. Angelika saß im Schatten. Er kniete im vollen Schimmer des Mondes und sah sie nicht in reuiger Liebe erbleichen, so bewegt, daß sie nicht zu reden vermochte. Er hielt sie für gefühllos und faltete die Hände. Es ist schon lange her, seit ich Sie eines Abends hier an diesem Fenster zum erstenmal bemerkte. Sie erschienen mir nur als ein helleuchtendes Etwas, ich unterschied kaum die Züge Ihres Gesichtes, und dennoch sah ich Sie, ich stellte Sie mir so vor, wie Sie sind. Aber ich hatte große Furcht, ich bin viele Nächte herumgestreift, ohne den Mut zu finden, Ihnen am Tage zu begegnen ... Sie gefielen mir auch als geheimnisvolle Erscheinung; mein höchstes Glück war, von Ihnen wie von einer Unbekannten, die ich nie kennen würde, zu träumen ... Als ich später wußte, wer Sie waren, konnte ich dem Zwange, das Traumbild zu erforschen und in Besitz zu nehmen, nicht widerstehen ... Damals begann mein Fieber. Es nahm mit jedem Zusammentreffen zu. Erinnern Sie sich unserer ersten Begegnung unten auf dem Felde an jenem Morgen, als ich das Kirchenfenster untersuchte? Noch nie hatte ich mich so linkisch benommen, Sie hatten vollständig recht, sich über mich lustig zu machen ... Späterhin habe ich Sie stets erschreckt; ich benahm mich weiterhin ungeschickt, weil ich Sie bis zu Ihren Armen verfolgte. Aber ich war damals schon nicht mehr Herr meines Willens, ich fürchtete mich und erschrak vor dem, was ich getan ... Als ich der Bestellung der Mitra wegen bei Ihnen erschien, trieb mich eine innere Gewalt, ich allein hätte diesen Schritt nie gewagt, weil ich wußte, daß er Ihnen mißfallen werde ... Begreifen Sie jetzt, wie elend ich bin? Lieben Sie mich nicht, aber lassen Sie mich lieben. Seien Sie kalt, seien Sie boshaft, ich will Sie lieben, wie Sie sind. Ich will Sie nur sehen ohne jede Hoffnung, nur der Freude halber, wie jetzt zu Ihren Füßen liegen zu dürfen. Er schwieg, halb ohnmächtig und mutlos geworden, denn er glaubte nichts mehr hervorbringen zu können, um sie zu rühren. Er sah nicht, daß sie lächelte, daß ein siegreiches Lächeln allmählich auf ihren Lippen entstand. Der liebe Mann, wie war er so einfältig und gläubig! Er sagte sein Herzensgebet so frisch und leidenschaftlich vor ihr her, als knie er vor dem Traume seiner Jugend. Und sie hatte gekämpft, um ihn nicht wiederzusehen, sie hatte es sich geschworen, ihn zu lieben, ohne daß er es wissen solle! Tiefes Schweigen herrschte wieder, die Heiligen verwehrten es gewiß nicht zu lieben, wenn man so liebte. Hinter ihrem Rücken zog etwas wie ein froher Hauch vorüber; es war wie die vorrückende Lichtwelle des Mondes auf der Diele des Zimmers. Ein unsichtbarer Finger, ohne Zweifel der ihrer Hüterin, legte sich auf ihren Mund, als wolle er das Siegel des Schwures lösen. Sie konnte jetzt reden, alles, was in ihr an allmächtiger Liebe wogte, konnte ihr die Worte eingeben. Ach ja, ich erinnere mich, ich erinnere mich ... Felix überlief es warm bei der Musik dieser Stimme; sie übte einen so mächtigen Zauber auf ihn aus, daß seine Liebe gleich wuchs, wie er sie hörte. Ja, ich erinnere mich, wie Sie mir des Nachts erschienen. Sie waren mir an den ersten Abenden so fern, daß ich das schwache Geräusch Ihrer Schritte mir nicht zu deuten wußte. Dann merkte ich, daß Sie ein und derselbe sein mußten, später sah ich Ihren Schatten, und eines Abends endlich zeigten Sie sich mir; es war eine herrliche, lichtdurchflossene Nacht ähnlich der heutigen. Sie traten langsam aus dem Rahmen der Dinge heraus, wie ich Sie seit Jahren erwartet hatte ... Ich erinnere mich, wie ich das Lachen unterdrückte, und wie es dennoch gegen meinen Willen ausbrach, als Sie das von der Chevrotte fortgespülte Stück Leinen gerettet hatten. Ich erinnere mich meines Zornes, als Sie mir meine Armen stahlen und ihnen soviel Geld schenkten, daß ich ihnen als Geizige erscheinen mußte. Ich erinnere mich meiner Furcht an dem Abend, als Sie mich zwangen, mit nackten Füßen über das Feld zu flüchten ... Ja, ich erinnere mich, ich erinnere mich ... Ihre wie Kristall tönende Stimme trübte sich etwas bei dieser zuletzt wachgerufenen Erinnerung, als werde ihr noch einmal das »Ich liebe Sie« entgegengehaucht. Entzückt hörte er zu. Es ist wahr, ich bin recht häßlich zu Ihnen gewesen. Man ist so dumm, wenn man nichts weiß. Man tut Dinge, die man für notwendig hält, man hat Furcht, Fehler zu begehen, sobald man nur seinem Herzen folgt. Aber wie fühlte ich stets die Gewissensbisse, wie litt ich unter Ihrem Leiden! ... Wenn ich Ihnen das auch erklären wollte, ich wäre doch nicht imstande. Als Sie mit Ihrem Muster der heiligen Agnes kamen, war ich entzückt, daß ich für Sie tätig sein konnte, und zweifelte, daß Sie wiederkommen würden. Ja, ich habe ein wenig Gleichgültigkeit täglich geheuchelt, als ob ich mit Ihnen anbinden wollte, damit Sie unserem Hause fern blieben. Geht es denn nicht anders, als daß man sich unglücklich macht? Während ich selbst Sie mit offenen Händen empfangen wollte, lebte in meinem Innern eine zweite Frau, die sich empörte, Sie fürchtete und Ihnen mißtraute, die sich ein Vergnügen daraus machte, Sie in quälender Ungewißheit zu lassen, und sich einbildete, sich mit Ihnen einer veralteten und längst vergessenen Ursache halber herumstreiten zu müssen. Ich bin eben nicht immer gut, es streiten sich in mir unverständliche Dinge ... Das Schlimmste war, daß ich mit Ihnen vom Gelde sprechen mußte. Ach, das Geld! Noch nie hat mir etwas am Gelde gelegen; ja, scheffelweise möchte ich es besitzen, aber nur um die Freude zu empfinden, daß man nach Gefallen Geld regnen lassen kann. Wie kam ich nur zu dem boshaften Vergnügen, mich selbst zu verleumden? Werden Sie mir verzeihen? Felix lag zu ihren Füßen. Er war auf den Knien bis zu ihr gerutscht. Sein unverhofftes Glück kannte keine Grenzen. O teures, unschätzbares, schönes und gutes Herz, flüsterte er, ein Wunder an Güte! Ein bloßer Hauch schon hat mich geheilt! Ich weiß kaum noch, ob ich gelitten habe ... An Ihnen ist es, mir zu vergehen, denn ich muß Ihnen ein Geständnis machen, ich muß Ihnen sagen, wer ich bin. Er fühlte sich verlegen werden bei dem Gedanken, daß, wenn er sich ihr jetzt freimütig zu erkennen gab, er sich nicht mehr werde verstecken können. Das war treulos. Er zögerte trotzdem aus Furcht, sie vielleicht zu verlieren, wenn sie ihn kannte und sich deshalb über die Zukunft beunruhigen sollte. Sie wartete absichtlich, damit er spreche; das war wieder boshaft, aber ganz gegen ihren Willen. Ich habe Ihre Eltern belogen, fuhr er mit leiser Stimme fort. Ja, ich weiß es, sagte sie lächelnd. Nein, Sie wissen es nicht und können es nicht wissen, das Richtige liegt Ihnen zu fern ... Ich male nur zu meinem Vergnügen auf Glas ... Sie legte ihm hastig die Hand auf den Mund und beendete damit seine Beichte. Ich will nichts wissen. Ich erwartete Sie, und Sie sind gekommen. Das genügt mir. Er sprach nicht mehr, die kleine Hand auf seinen Lippen erhöhte sein Glück. Ich werde es später schon erfahren, wenn es an der Zeit ist ... Im übrigen versichere ich Sie, daß ich alles weiß. Sie können nur der schönste, der reichste, der edelste Mann sein, denn so stellte mein Traum Sie mir vor; ich warte deshalb ruhig, ich fühle, daß er sich erfüllen wird ... Sie sind der, auf den ich hoffte, und ich gehöre Ihnen ... Noch einmal unterbrach sie sich, denn nur stockend entströmten ihr die Worte. Sie allein fand sie nicht, die herrliche Nacht, der weite, leuchtende Himmel, die alten Bäume und das schlummernde alte Gestein, das seine Träume dort drüben träumte, gaben sie ihr ein; auch die Stimmen ihrer Freundinnen aus der Legende, von denen die Luft erfüllt war, flüsterten sie ihr zu. Noch ein Wort aber blieb zu sagen, das Wort, vor dem alles andere dahinschmolz, die Erwartung, das langsame Auftauchen des Geliebten, das wachsende Fieber der ersten Begegnungen. Dieses Wort, es schwebte wie der schimmernde Flug eines zum Licht aufsteigenden Morgenvogels durch die jungfräuliche Helle des Zimmers. Ich liebe Sie! Angelikas Hände öffneten sich und glitten auf die Knie nieder. Sie war sein. Felix erinnerte sich des Abends, an dem sie ihn so liebenswert erschien, als sie nackten Fußes über die Wiese eilte, daß er ihr nachgeeilt war, um ihr ins Ohr zu flüstern: Ich liebe Sie. Er merkte wohl, daß sie jetzt ihm, nur ihm mit demselben Ausrufe antworten wollte: Ich liebe Sie; daß dieser ewige Ruf endlich aus ihrem ihm sich öffnenden Herzen dringen werde. Ich liebe Sie ... Nehmen Sie mich hin, tragen Sie mich hinweg, ich gehöre Ihnen. Sie gab sich ihm hin, gab sich ihm mit Leib und Seele. Die erbliche Flamme war in ihr entfacht. Ihre unsicher umhertappenden Hände griffen in die Leere, ihr Kopf sank schwer auf den zarten Nacken. Hätte er die Arme ausgebreitet, wäre sie ihm an die Brust gesunken; denn sie wußte nichts, folgte nur dem Drängen ihres Blutes, fühlte nur das Bedürfnis, in ihm völlig aufzugehen. Und er, der eigens gekommen war, um sie mit Gewalt sich zu nehmen, erzitterte vor dieser Leidenschaftlichkeit und Unschuld. Er hielt sie sanft an den Gelenken fest und kreuzte ihre keuschen Hände über die Brust. Einen Augenblick sah er sie an, ohne selbst der Versuchung, einen Kuß auf ihre Haare zu drücken, nachzugeben. Sie lieben mich und ich liebe Sie ... Wie herrlich ist die Gewißheit, geliebt zu werden! Eine plötzlich in ihnen aufsteigende Unruhe führte sie zur Wirklichkeit zurück. Was war das? Sie erblickten sich in einem hellen, blendenden Lichte, das des Mondes schien sich auszubreiten und ähnlich dem der Sonne zu erstrahlen. Es tagte, ein über den Ulmen des bischöflichen Gartens stehendes Wölkchen überzog sich purpurn. Wie? Schon der Tag nahe? Sie waren bestürzt, sie konnten nicht begreifen, daß sie schon mehrere Stunden plaudernd zugebracht hatten. Dabei hatte sie ihm eigentlich noch nichts gesagt, und er hatte ihr noch von sovielen Dingen zu erzählen. Eine Minute, nur noch eine Minute! Der Morgen erwachte in heiterem Glanze, die laue Morgenluft verhieß einen heißen Sommertag. Die Sterne erblichen einer nach dem anderen, und mit ihnen verschwanden die umherirrenden Erscheinungen, die unsichtbaren Freundinnen entschwebten auf den Strahlen des Mondes. Im Lichte des jungen Tages erschien das Zimmer nur noch durch seine weißen Wände und Balken weiß und mit seinen Möbeln von nachgedunkeltem Eichenholz fast leer. Man sah das durchwühlte Bett, von einem der zurückgefallenen Vorhänge nur halb verhüllt. Eine Minute, nur noch eine Minute! Angelika hatte sich erhoben, sie wehrte Felix ab und drängte ihn zum Gehen. Seit der Morgen graute, fühlte sie sich wie wirr im Kopfe, und der Anblick des Bettes steigerte dieses Gefühl. Zu ihrer Rechten glaubte sie ein leises Geräusch zu vernehmen, und ihre Haare bewegten sich, trotzdem kein Lüftchen in das Zimmer drang. War es Agnes, die, von der Sonne verjagt, sie als letzte verließ? Nein, lassen Sie mich, ich bitte Sie ... Es wird schon hell, ich fürchte mich. Felix gehorchte, er zog sich zurück. Daß er geliebt wurde, überstieg sein kühnstes Hoffen. Am Fenster wandte er sich noch einmal nach ihr um und betrachtete sie lange, lange, als wolle er alles an ihr in sich aufnehmen. Ihre Blicke tauchten voller Seligkeit tief ineinander, und vom Lichte der Dämmerung umwoben standen sie lächelnd sich gegenüber. Noch einmal sagte er: Ich liebe Sie. Und sie wiederholte: Ich liebe Sie. Kein Wort mehr, er war bereits mit lautloser Geschwindigkeit am Gebälk heruntergestiegen, während sie über den Balkon lehnend ihm ihre Blicke nachsandte. Sie hatte das Veilchensträußchen ergriffen und atmete seinen Duft ein, um ihre Sinne zu beruhigen. Als er über das Marienfeld schritt und den Kopf erhob, sah er sie seine Blumen küssen. Kaum war Felix hinter den Weiden verschwunden, da wurde Angelika unruhig, denn sie hörte unten die Haustür öffnen. Es schlug vier Uhr, sonst wachte man erst zwei Stunden später auf. Ihre Überraschung stieg, als sie Hubertine erkannte, denn gewöhnlich erhob sich Hubert zuerst. Sie sah sie langsam durch die schmalen Gänge des Gartens wandeln, ihre Hände hingen schlaff hernieder, das Gesicht erschien in der Morgenluft bleich. Es schien, als habe es sie nach einer schlaflosen Nacht aus dem stickigen Zimmer herausgetrieben. Hubertine war noch immer schön in ihren hastig umgeworfenen Gewändern. Sie schien sich sehr matt, glücklich und doch so hoffnungsleer zu fühlen. Achtes Kapitel Am Morgen des folgenden Tages erwachte Angelika erst um acht Uhr aus einem wohltätigen und festen Schlummer, wie er nach großer Glückseligkeit eintritt. Sie eilte an das Fenster. Der Himmel war von keinem Wölkchen getrübt, die Hitze war dieselbe, trotzdem am vorigen Abend ein starkes Unwetter vorübergezogen war, das sie sehr geängstigt hatte. Vergnügt rief sie Hubert, der unten gerade die Fensterladen aufstieß zu: Die Sonne, Vater! Ich freue mich, es wird eine schöne Prozession geben. Sie kleidete sich hurtig an, um heruntergehen zu können. An diesem Tage, dem 28. Juli, sollte die Prozession des Wunders durch die Straßen von Beaumont wallfahrten. Das war alljährlich ein Festtag bei den Stickern: man berührte keine Nadel, dagegen schmückte man das Haus in der althergebrachten Weise, wie die Mütter sie den Töchtern vermacht hatten. Angelika nahm in Eile ihren Milchkaffee zu sich, ihre Gedanken weilten bereits bei der vorzunehmenden Ausschmückung. Man muß nachsehen, Mutter, ob die Sachen auch noch gut erhalten sind. Wir haben ja Zeit, erwiderte Hubertine mit dem ruhigen Tonfalle ihrer Stimme. Vor Mittag hängen wir sie doch nicht aus. Es handelte sich um drei Streifen alter, herrlicher Stickerei, welche die Hubert als Familienheiligtum in Ehrfurcht hüteten. Nur einmal im Jahre erschienen sie in der Öffentlichkeit und zwar stets am Tage der Prozession. Am Abend vorher war der Sitte gemäß der Ordner der Feier, der gütige Abt Cornille, von Haus zu Haus gegangen, um die Bewohner zu benachrichtigen, welchen Weg das Bildnis der heiligen Agnes in Begleitung des das heilige Sakrament tragenden Bischofs nehmen werde. Durch ein Jahrhundert schon blieb die Feststraße dieselbe: Die Prozession verließ die Kirche durch das Tor der heiligen Agnes, durchzog die Goldschmiedestraße, die Große Straße, die Untere Straße, die neue Stadt, traf dann wieder bei der Magloire-Straße und auf dem Klosterplatz ein und betrat die Kirche durch das Haupttor. Die Anwohner der genannten Straßen wetteiferten in der Ausschmückung ihrer Häuser, putzten die Fenster aus, behängten die Mauern mit kostbaren Stoffen und bestreuten das schmale Kieselpflaster mit Rosenblättern. Angelika gab nicht eher Ruhe, als bis man ihr erlaubt hatte, die drei Stickereien aus dem Schubfache zu nehmen, in dem sie das ganze Jahr über ruhten. Es ist ihnen nichts geschehen, meinte sie vergnügt. Wenn man die schützenden Papiere fortnahm, zeigte es sich, daß alle drei Stickereien der Maria geweiht waren: auf der ersten empfängt die Jungfrau den Besuch des Engels, auf der zweiten sieht man Maria am Fuße des Kreuzes weinen, und auf der letzten steigt die Jungfrau zum Himmel empor. Sie stammten aus dem 15. Jahrhundert, die Stickerei war mit schattierter Seide auf Goldgrund ausgeführt und hatte sieh wunderbar erhalten. Die Sticker waren sehr stolz auf diese Kunsterzeugnisse und hatten bedeutende Angebote darauf zurückgewiesen. Mutter, ich will sie aufhängen. Das ging nicht so ohne weiteres. Hubert brachte den ganzen Morgen mit der Reinigung der alten Vorderseite zu. Er steckte einen Besen an eine Stange und wusch die mit Ziegeln aufgefüllten Holzfelder bis hinauf zum Giebelgebälk; dann reinigte er mit dem Schwamm den steinernen Unterbau und alle erreichbaren Teile des Türmchens. Erst nachdem diese Arbeit beendet war, kamen die drei Streifen Stickerei an Ort und Stelle. Angelika hängte sie mittels an ihnen befestigter Ringe am hundertjährigen Haken auf; die Verkündigung kam unter das linke und Maria Himmelfahrt unter das rechte Fenster; die Nägel zu der dritten Stickerei, die den Kalvarienberg zeigte, befanden sich oberhalb des großen Fensters im Erdgeschoß, Angelika mußte daher zu ihrer Anbringung die Hilfe einer Leiter in Anspruch nehmen. Vorher schon hatte sie die Fenster mit Blumen geschmückt. Das alte Gebäude schien durch das Anbringen der im heiteren Sonnenlichte des Festtages erstrahlenden Gold- und Silberstickereien in die ferne Zeit seiner Jugend zurückversetzt. Nach dem Frühstück hatte eine fieberhafte Tätigkeit die ganze Goldschmiedestraße ergriffen. Um der allzugroßen Hitze aus dem Wege zu gehen, sollte die Prozession erst um fünf Uhr ihren Umzug nehmen, aber schon von Mittag an begann die Stadt ihren Festschmuck anzulegen. Der Hubert gegenüber wohnende Goldschmied brachte vor seinem Laden himmelblaue, mit silbernen Borten besetzte Tücher an, sein Nachbar, der Wachshändler dagegen verwendete die im Tageslicht rot erscheinenden kattunenen Vorhänge seines Schlafzimmers. So war vor jedem Hause eine Reichhaltigkeit von Farben und Stoffen zu sehen; denn was man gerade hatte, selbst Bettvorlagen, wurden ausgehängt und blähten sich in dem schwachen Lufthauche des heißen Tages. Die Straße hatte ein heiteres, sich lustig bewegendes Gewand angelegt, sie hatte sich in eine oben offene, festlich geschmückte Galerie umgewandelt. Die Bewohner standen vor den Türen in Haufen beisammen und sprachen so laut, als ob sie bei sich zu Hause seien; die einen schleppten an Ausschmückungsgegenständen heraus, was sie gerade besaßen, die anderen kletterten, klopften und schrien. An der Ecke der Großen Straße wurde überdies noch ein Altar errichtet, der sämtliche Frauen der Nachbarschaft in Atem erhielt, denn sie überboten sich in seiner Ausschmückung mit Vasen und Beleuchtungsgegenständen. Auch Angelika schleppte die beiden Kaiserreich-Leuchter, die den Kamin im Salon schmückten, dorthin. Seit dem Morgen hatte sie noch keinen Augenblick stillgestanden; getragen und gestärkt durch die Freude ihres Herzens, fühlte sie auch nicht ein bißchen Ermüdung. Als sie mit im Winde fliegenden Haaren zurückkehrte, um in einem Korbe Rosenblätter zu sammeln, neckte Hubert sie. An deinem Hochzeitstage wirst du gewiß nicht soviel umherwirtschaften wie heute ... Oder heiratest du etwa? Gewiß, ich heirate heute, antwortete sie fröhlich. Hubertine lächelte. Unser Haus ist jetzt geputzt; wir können also hineingehen und uns ankleiden. Sofort, Mutter ... Da, der Korb ist voll. Sie war mit dem Entblättern der Rosen, die sie vor Hochwürden auf das Pflaster streuen wollte, fertig geworden. Unter ihren schlanken Fingern regnete es ordentlich Blumenblätter und der Inhalt des leichten, duftigen Korbes floß fast über. Angelika verschwand auf der Turmtreppe und rief noch lachend herunter: Paßt auf! Ich will mich schön wie ein Stern machen. Der Nachmittag rückte vor. Das Fieber im Kirchenviertel hatte sich jetzt gelegt, die Erwartung lagerte sich über die endlich fertigen, von heimlichem Stimmengesumme leise erschütterten Straßen. Die große Hitze hatte beim Sinken der Sonne nachgelassen, zwischen die dicht stehenden Häuser fiel jetzt ein lauwarmer, lichtfroher Schatten. Die Sammlung der Geister vor Eintritt des großen Ereignisses war eine allgemeine, es schien, als ob die gesamte alte Stadt nur eine Erweiterung der Kathedrale bilde. Aus der Neustadt am Ufer des Ligneul herüber drang noch der Ton von Wagenrädern, dort feierten einige Fabriken nicht und verschmähten es, dieses althergebrachte kirchliche Fest mit zu feiern. Von vier Uhr an begann die große Glocke im nördlichen Turme, dieselbe, deren Schwingungen auch das Haus der Hubert durchzitterten, ihr Geläut. Im selben Augenblick kamen Hubertine und Angelika festlich geschmückt wieder zum Vorschein. Erstere hatte ein mit einfachen Zwirnspitzen besetztes Kleid aus ungebleichtem Leinen angelegt, worin ihre Gestalt mit ihrer kräftigen Rundung so jugendlich erschien, daß man sie für die ältere Schwester ihrer Adoptivtochter halten konnte. Angelika hatte ihr weißes Seidenkleid angezogen, es zeigte nicht einen einzigen Schmuck; sie trug weder Ohrringe noch Armbänder; ihre Hände, ihr Nacken erschienen vollständig bloß, nur der Samt ihrer Haut blickte wie eine erschlossene Blume aus dem leichten Stoff hervor. Ein unsichtbarer, in aller Eile eingesteckter Kamm hielt schlecht die Wellen ihrer sonnenblonden Haare zusammen. So erschien sie von einer offenherzigen Einfachheit, stolz und schön wie ein Stern. Man läutet, sagte sie, Hochwürden hat sein Haus verlassen. Der Zweiklang der Glocke durchtönte fort und fort die tiefblaue Luft. Die Hubert stellten sich an das weitgeöffnete Fenster im Erdgeschoß, die Frauen stützten sich auf die Brustlehne, der Mann stand hinter ihnen. Dort war gewöhnlich ihr Platz, von hier aus konnten sie am frühesten und besten die Prozession aus dem Innern der Kirche kommen sehen, ohne daß ihnen ein Kerzenträger des Zuges entgehen konnte. Wo ist mein Korb? fragte Angelika. Hubert mußte ihn ihr reichen; sie nahm ihn zwischen ihre Arme und drückte ihn an ihre Brust. 0 diese Glocke, murmelte sie, sie wird uns noch einschläfern. Das ganze Häuschen erschütterte der kräftige Anschlag des Klöppels. Die Straße, das Stadtviertel, über das sich dieses Erzittern fortpflanzte, versank in eine erwartungsvolle Stille; die ausgehängten Stoffe bauschten sich schwächer in der Abendluft. Der starke Duft der Rosen machte sich deutlich wahrnehmbar. Eine halbe Stunde verging. Dann sprangen mit einemmal die beiden Flügel der Kirchentür der heiligen Agnes weit auf, das düstere, nur von den vielen Lichtpünktchen der Kerzen erhellte Innere der Kirche kam zum Vorschein. Als erster trat der Kreuzträger auf die Straße; es war ein mit der Tunika bekleideter Unterdiakonus, dem zu beiden Seiten zwei Gehilfen angezündete Weihrauchbecken trugen. Ihnen schloß sich eilig der Ordner des Festzuges, der gute Abt Cornille an, der erst einen prüfenden Blick auf die schöne Ausschmückung der Straße warf und sich dann in der Vorhalle aufstellte, um den Zug an sich vorübergehen zu lassen; er wollte sehen, ob auch ein jeder seinen richtigen Platz innehatte. Die Laienbrüder nach ihrer Altersfolge, fromme Gemeinschaften und Schulen eröffneten den Zug. Voraus trippelten ganz kleine Kinder, in Weiß gekleidete Mädchen, die wie Bräute aussahen und frisierte, barhäuptige Bürschchen im Sonntagsstaate, die Prinzen ähnelten; die Kinder schwammen in Entzücken und versuchten schon jetzt ihre Mütter aus den Zuschauern herauszufinden. Ein Knirps von neun Jahren marschierte als der heilige Johannes der Täufer verkleidet ganz allein in der Mitte; ein Schaffell hing über seine dünnen, nackten Schultern. Vier mit roten Bändern geschmückte Mädchen trugen ein Schild aus Musselin, auf dem eine Garbe reifen Getreides ruhte. Dann kamen ältere Fräulein, die sich um ein Banner der heiligen Jungfrau scharten, ferner schwarzgekleidete Damen, die ebenfalls ihr Banner mitführten, ein karmoisinfarbenes, auf das der heilige Joseph gestickt war; viele, viele andere Banner noch aus Samt und Halbseide an vergoldeten Stangen schwankten hinterher. Nicht weniger zahlreich waren die Brüderschaften, die Büßer jeder Farbe vertreten. Das größte Aufsehen erregte das Wahrzeichen der grauen Büßer in ihren schwarzen Kapuzen; es war ein mächtiges Kreuz, an ihm hing ein Rad, und an diesem wiederum hingen die Werkzeuge der Leiden Christi. Angelikas Herz floß von Zärtlichkeit über, als sich die Kinder zeigten. 0 die Lieblinge! Seht doch nur! Ein Knäblein, kaum höher als ein Schuh und drei Jahre alt, trippelte stolz auf seinen Füßchen einher, es ging, so drollig, daß Angelika ihre Hand in das Körbchen tauchte und ihn beim Vorübergehen mit Rosenblättern überschüttete. Mit den Blättern auf den Schultern und zwischen den Haaren verschwand er. Das fröhliche Kichern, das er hervorrief, pflanzte sich von Haus zu Haus fort, aus jedem Fenster regnete es Rosen auf ihn herab. In dem summenden Schweigen der Straße hörte man nur das gedämpfte Auftreten der Wallfahrer, während die Blumenfülle in lautlosem Fluge sich langsam auf das Pflaster senkte. Bald hatte sich das Steinpflaster in einen blumigen Pfad verwandelt. Kaum hatte sich der Abt Cornille von der richtigen Ordnung des Zuges überzeugt, so strebte er schon wieder an die Spitze des Zuges. Im Vorübergehen begrüßte er die Hubert mit lächelndem Gesicht. Er beunruhigte sich, daß schon seit zwei Minuten der Zug vorn stockte. Warum gehen sie nicht weiter? fragte Angelika, die schon das Fieber packte, als erwarte sie von dort unten ihr Glück. Warum sollen sie sich unnötig beeilen? gab Hubertine gemächlich zurück. Irgendein Hindernis! Vielleicht beendet man noch schnell einen Altar da vorn, erklärte Hubert. Die Mädchen bei dem Banner der heiligen Jungfrau hatten einen Gesang angestimmt, und ihre hellen Stimmen stiegen mit kristallener Reinheit in die Luft. Glied auf Glied des Zuges setzte sich wieder in Bewegung. Nach den Laien trat die Geistlichkeit aus der Kirche; zuerst kamen ihre untergeordneten Mitglieder. Alle hatten das Chorhemd angelegt, in der Vorhalle bedeckten sie ihre Häupter mit dem Barett. Ein jeder trug eine angezündete Kerze, die auf der rechten Seite gehenden trugen sie in der rechten, die links gehenden in der linken Hand außerhalb der Zuglinie; die flackernde Doppelreihe der Kerzen erblich fast vor dem Schimmer des Tageslichtes. Zunächst kamen das Seminar, die Pfarreien, die Kollegialkirchen, denen die Geistlichen und Benefiziare der Kathedrale, sowie die Kanoniker mit weißen Meßgewändern um die Schultern folgten. In ihrer Mitte gingen die Kirchensänger in Chorröcken von roter Seide; sie hatten mit lauter Stimme den Vorgesang angestimmt, auf den die gesamte Geistlichkeit in leisen Tönen antwortete. Klar und rein erscholl der Lobgesang: Fange, lingua; durch die Straßen ging das Rauschen des Musselins, und um die Häuserreihen flatterten die Meßgewänder, von denen die kleinen Flammen der Wachslichte sich wie Sternchen aus mattem Golde abhoben. Die heilige Agnes, flüsterte Angelika. Sie lächelte der Heiligen, die vier Diener der Kirche auf einer blausamtenen, mit Spitzen besetzten Tragbahre vorüberführten, freundlich zu. Jedes Jahr, wenn die Heilige aus dem Schatten heraustrat, in dem sie seit Jahrhunderten wachte, erstaunte Angelika, daß sie ihr am Tageslicht und unter ihrem Kleide von langen Goldhaaren ganz verändert vorkam. Das Bildnis war so alt, und doch erschien ihr die Agnes mit ihren kleinen Händen, ihren schwächlichen Füßchen, ihrem schmalen, vom Alter geschwärzten Mädchenantlitz wie im Prangen der ersten Jugend. Jetzt mußte Hochwürden kommen. Man hörte schon in dem Innern der Kirche die Ketten der Weihrauchgefäße klirren. Eifriges Flüstern durchlief die Reihen der Zuschauer. Hochwürden ... Hochwürden, wiederholte auch Angelika. Während das junge Mädchen seine Augen auf die Heilige heftete, erinnerte es sich in dieser Minute der alten Geschichte von den Herren von Hautecoeur, die dank der Vermittlung der heiligen Agnes Beaumont von der Pest befreiten, wie Johann V. und alle Mitglieder seines Stammes sich ehrerbietig vor jener neigten und ihr Bildnis verehrten. Angelikas Augen sahen einen nach dem anderen von den Edelherren des Wunders wie eine Reihe Prinzen an sich vorüberziehen. Ein breiter Raum war leer geblieben. Als erster erschien ein Kaplan mit dem vor sich hingehaltenen Bischofsstab, dessen gekrümmtes Ende ihm zuneigte. Zwei rückwärtsschreitende, die Gefäße in kurzen Schwingungen haltende Rauchfaßträger kamen hinterdrein, einem jeden zur Seite ging ein Altardiener ebenfalls mit dem Weihrauchgefäß. Der große purpurne Baldachin mit den Goldfransen kam kaum durch die eine der Toröffnungen. Aber schnell stellte sich die Ordnung wieder her, die dafür bestimmten Würdenträger ergriffen die Tragstäbe. Inmitten seiner Ehrendiakone schritt entblößten Hauptes der Bischof; die weiße Schärpe bedeckte seine Schultern und fiel über seine Hände, die das heilige Sakrament hoch trugen, ohne es zu berühren. Die Rauchfaßträger schritten vorüber, und die Weihrauchkessel flogen unter dem silbernen Geklirr ihrer Kettchen im Takte auf und nieder. Wo hatte Angelika doch gleich jemand gesehen, der Hochwürden ähnlich sah? Die Köpfe der Anwesenden neigten sich tief vor dem höchsten Priester. Auch Angelika beugte ihren Kopf, doch nicht so tief, um den Bischof nicht von der Seite beobachten zu können. Er war hochgewachsen, von schlanker, edler Haltung und schaute für seine 60 Jahre noch jugendlich aus. Seine Adleraugen leuchteten, seine etwas starke Nase erhöhte den gebietenden Ausdruck seines Gesichtes, der durch die dichten, weißen Locken seines Hauptes etwas gemildert wurde. Ihr fiel die blasse Farbe seines Gesichtes auf, in das gerade in diesem Augenblicke ein Blutstrom zu dringen schien. Vielleicht war es auch nur der Abglanz der großen goldenen Sonne, die er in den umhüllten Händen trug, und die ihn mit einem geheimnisvollen Schimmer umgab. Durch den Anblick Hochwürdens erwachte in der Tat in ihr die Erinnerung an ein ähnliches Gesicht. Der Bischof hatte mit dem ersten Schritt einen Psalm begonnen, dessen Verse er mit leiser Stimme, abwechselnd mit seinen Diakonen absang. Sie erzitterte, als sie seine Blicke auf ihr Fenster gerichtet sah, diese Blicke, die Strenge und hochmütige Kälte zu zeigen und die Nichtigkeit jeder Leidenschaft zu predigen schienen. Seine Augen schweiften zu den drei Stickereien hinüber, zur Maria, wie sie der Engel aufsucht, zur Maria am Fuße des Kreuzes und zur Maria, die gen Himmel fährt. Seine Blicke erhellten sich, dann senkten sie sich fest auf Angelika, ohne daß diese in ihrer Verwirrung anzugeben wußte, ob die anders gewordene Färbung seiner Augen einem Gefühle der Hartherzigkeit oder der Güte entsprang. Gleich darauf aber waren sie wieder auf das heilige Sakrament gerichtet und starrten unbeweglich, wie erloschen in dem Widerscheine der großen goldenen Sonne. Die Weihrauchkessel hoben und senkten sich unter dem Geklirr ihrer silbernen Kettchen, und ein schwaches Weihrauchwölkchen stieg in die Lüfte. Angelikas Herz schlug zum Zerspringen. Hinter dem Thronhimmel bemerkte sie soeben die Mitra, die heilige Agnes entzückt von zwei Engeln zum Himmel getragen, das Werk, in das Faden um Faden ihre Liebe hineingestickt war; ein Kaplan trug es ehrfürchtig, seine Hände bedeckte ein Schleier, als halte er einen heiligen Gegenstand. Dort unter den Laien in der Flut der Beamten, Offiziere und Magistratspersonen erkannte sie in der ersten Reihe Felix im schwarzen Rock. Schlank und blond mit seinen lockigen Haaren, seiner geraden, etwas starken Nase, seinen dunklen, in stolzer Milde strahlenden Augen kam er einher. Sie hatte ihn erwartet und fühlte sich nicht im mindesten überrascht, ihn endlich in einen Prinzen verwandelt zu sehen. Auf den ängstlichen Blick, den er ihr zuwarf und in dem die Bitte um Verzeihung für seine Lüge enthalten war, antwortete sie mit einem freudigen Lächeln. Halt! sagte Hubertine leise, ist das dort nicht unser junger Mann? Auch sie hatte Felix erkannt und fühlte sich sehr beunruhigt, als sie sich umwendend ihre Tochter wie verwandelt sah. Er hat uns also belogen? ... Weißt du, warum? ... Weißt du, wer der junge Mensch ist? Ja, Angelika wußte es vielleicht. Eine innere Stimme gab ihr bereits Antwort auf diese Fragen. Aber sie wagte es nicht und wollte nicht weiter sich fragen. Sie würde schon von selbst Gewißheit erhalten, wenn es an der Zeit war. Sie fühlte in einer Anwandlung von Stolz und Leidenschaftlichkeit, daß diese Zeit nicht mehr fern sei. Was gibt es denn? fragte Hubert und beugte sich zu seiner Frau vor. Niemals war er bei der Sache. Als Hubertine ihm den jungen Mann zeigte, erinnerte er sich seiner nicht einmal. Er? Ach, unmöglich! Hubertine tat jetzt, als habe sie sich geirrt. Das war das Gescheiteste, inzwischen wollte sie nähere Erkundigungen einziehen. Die Prozession, deren Zug sich gestaut hatte, solange Hochwürden unter dem grünen Dache des Altars an der Ecke mit dem heiligen Sakrament den Segen erteilte, setzte sich wieder in Bewegung. Angelika, deren Hand unbewußt in ihrem Körbchen ruhte, raffte den letzten Rest der Rosenblätter zusammen und warf sie in ihrer entzückenden Verwirrung genau in dem Augenblick, als Felix weiterging. Die Rosenblätter regneten hernieder, und zwei sich langsam wiegende Blättchen ließen sich auf seinen Haaren nieder. Damit war die Geschichte vorüber. Der Baldachin war um die Ecke der Großen Straße verschwunden, ihm nach flutete das Ende des Zuges. Das Straßenpflaster blieb leer, wie eingeschläfert in dem Traum des Glaubens, in der etwas zu scharfen Ausdunstung der gestampften Rosenblätter zurück. Aus der Ferne tönte immer schwächer das silberne Geklirr der Kettchen herüber, die nach jedem Schwünge der Weihrauchkessel zusammenklappten. Willst du mit mir in die Kirche gehen, Mutter, um den Zug zurückkommen zu sehen? fragte Angelika. Hubertines erste Regung war eine Weigerung. Dann aber empfand sie selbst einen so mächtigen Drang nach Gewißheit, daß sie einwilligte. Ja, sogleich, wenn es dir Vergnügen macht. Allein man mußte Geduld haben. Angelika blieb nicht einen Augenblick ruhig an einem Platze, nachdem sie ihren Hut aus ihrem Zimmer geholt hatte. Jede Minute eilte sie an das offen gebliebene Fenster; sie blickte nach dem Ende der Straße und erhob die Augen, als wolle sie den Himmel selbst befragen. Dabei sprach sie laut vor sich hin und folgte der Prozession Schritt für Schritt. Sie steigen die Untere Gasse hinunter ... Jetzt müssen sie auf den Platz der Unter-Präfektur gelangen ... Die weiten Wege in der Stadt wollen gar kein Ende nehmen ... Was für ein Vergnügen können diese Leinwandkrämer an dem Anblick der heiligen Agnes haben! Ein rosiges Wölkchen, von einem goldigen Gitter zart durchschnitten, schwamm in der Luft. Diese Unbeweglichkeit der ganzen Atmosphäre schien auf die Aufhebung des gesamten weltlichen Lebens zu deuten, solange Gott seinem Hause fern war; ein jeder wartete auf seine Rückkehr, um seinen täglichen Beschäftigungen wieder nachgehen zu können. Die blauen Tuche des Goldschmiedes, die roten Vorhänge des Wachshändlers gegenüber verkleideten noch immer die Läden. Die Straßen schienen zu schlafen, von der einen zur anderen zog nur die langsame Wallfahrt der Geistlichkeit; die Zeit der Ankunft des Zuges an allen Punkten der Stadt ließ sich leicht erraten. Ich versichere dich, Mutter, sie sind jetzt an der Ecke der Magloire-Straße. Sie werden jetzt den Abhang hinaufsteigen. Angelika log, denn es war erst sechseinhalb Uhr, die Prozession konnte vor siebeneinviertel Uhr nicht wieder vor der Kirche eintreffen. Sie wußte ganz gut, daß der Baldachin jetzt erst am unteren Hafen des Ligneul entlang getragen wurde. Aber sie hatte es einmal eilig. Beeilen wir uns, Mutter, wir finden keinen Platz mehr. Gut, so komm, sagte schließlich Hubertine und lächelte wider Willen. Ich bleibe hier, erklärte Hubert. Ich werde die Stickereien abhaken und den Tisch zurechtmachen. Die Kirche erschien fast leer, da Gott nicht mehr darin hauste. Alle Türen waren offen geblieben wie die eines vor der erwarteten Rückkehr des Hausherrn in Unordnung befindlichen Hauses. Nur wenige Leute betraten die Kirche; der Hauptaltar, ein ernster Sarkophag im romanischen Stil, strahlte allein mit seinen angezündeten Wachslichtern im Hintergrunde des Schiffes. Die übrigen Teile des ungeheuren Raumes, die Seitenschiffe, die Kapellen hüllten sich unter dem Einflüsse der Dämmerung in tiefe Nacht. Angelika und Hubertine wandelten langsam umher. In der Tiefe kroch das Gebäude in sich zusammen, kurze Pfeiler trugen die Vollbogen der Apsis. Sie gingen an den dunklen Kapellen vorbei, die wie Grüfte in der Tiefe ruhten. Als sie an der Haupttür unter dem Gebälk, welches die Orgel trägt, vorüberschritten, atmeten sie wie erleichtert auf; denn ihre Augen konnten dort zu den hohen gotischen Fenstern des Schiffes hinaufstreifen, die sich über dem schwerfälligen romanischen Unterbau erhoben. Als ihr Weg sie aber weiter an der südlichen Seite vorüberführte, ergriff sie das Gefühl der Beklemmung von neuem. Beim Kreuze des Transepts trugen vier Säulen in den vier Winkeln die Kuppel, hier herrschte noch ein fahler Lichtschimmer, der Tag nahm von den Rosetten der Seitenwand Abschied. Die beiden Frauen waren die drei Stufen zum Chor hinaufgestiegen und kehrten rund um die Apsis, den ältesten Teil des Bauwerkes zurück, der einer eingesunkenen Grabstätte ähnelte. Sie blieben einen Augenblick vor dem alten, sehr kunstvoll gearbeiteten Gitter stehen, das den Chor vollständig abschloß, um den Hauptaltar funkeln zu sehen, dessen kleine Flammen sieh in dem alten, polierten Eichenholze der Chorstühle widerspiegelten, dieser wundervollen, mit Schnitzereien überladenen Möbel. So kehrten sie wieder zu dem Punkte zurück, wo sie ihren Rundgang angetreten hatten; sie erhoben das Haupt und glaubten, den Hauch zu verspüren, der durch das Schiff wehte, während in der wachsenden Dunkelheit die alten Mauern, an denen noch hier und da Überreste von Goldschmuck und Malereien ausbleichten, zurückzutreten und sich zu weiten schienen. Ich wußte gleich, daß wir zu früh kommen würden, meinte Hubertine. Wie mächtig ist doch das! sagte Angelika halblaut, ohne darauf zu antworten. Ihr schien es, als habe sie das Innere der Kirche nie gekannt, als sehe sie es jetzt zum erstenmal. Ihre Augen schweiften über die steifen Sitzreihen und hefteten sich auf die Kapellen, deren Gruftsteine man nur noch vermuten konnte, weil dort der Schatten sich doppelt dicht lagerte. Ihr Blick begegnete auch der Kapelle Hautecoeur, sie erkannte das neulich ausgebesserte Fenster mit dem heiligen Georg, der in dem entschwindenden Lichte des Tages flüchtig wie eine Erscheinung aufstieg. Es freute sie, ihn zu sehen. In diesem Augenblick durchlief ein gewaltiges Erzittern die Kathedrale. Die große Glocke hub wieder zu läuten an. Ah, sagte Angelika, sie kommen jetzt die Magloire-Straße herauf. Diesmal sprach sie die Wahrheit. Ein Menschenstrom ergoß sich durch die Seitenschiffe, und man fühlte von Minute zu Minute deutlicher das Herannahen der Prozession. Immer stärker, mächtiger drang der breite Luftstrom durch die weit geöffneten Flügel der Haupttür bei den Schwingungen der Glocke herein. Gott kehrte heim. Angelika stützte sich auf Hubertines Schulter und hob sich auf die Fußspitzen, um durch die offene Tür zu blicken, deren Rundung sich scharf von der auf dem Klosterplatz herrschenden Dämmerung abhob. Zuerst erschien der Unterdiakonus mit dem Kreuze und den ihn begleitenden, Feuerbecken tragenden Gehilfen; ihnen schloß sich der Festordner, der gute Abt Cornille an, der außer Atem und völlig ermüdet anlangte. Auf der Schwelle der Kirche zeichnete sich jeder Ankömmling eine Minute lang in scharfen Umrissen ab, dann tauchte er in die im Innern herrschende Finsternis unter. Es kamen die Laien, die Schulen, die Vereine, die Brüderschaften, deren wie Segel wehende Banner plötzlich von der Dunkelheit verschlungen wurden. Man sah die bleiche Gruppe der Töchter der heiligen Jungfrau wieder, sie zog unter dem Klange eines geistlichen Liedes in die Kirche ein. Die Kathedrale verschluckte immer mehr Menschen, und trotzdem füllte sich das Schiff nur langsam; die Männer traten auf die rechte, die Frauen auf die linke Seite. Mit der Nacht war es jetzt vorbei, der Platz füllte sich von fernher mit Hunderten von beweglichen Leuchten. Das waren die flackernden Kerzen der Geistlichkeit, eine ordnungslose Doppellinie von gelblichen Flammen schwebte durch die Tür in die Kirche. Die Kerzen nahmen gar kein Ende, sie folgten und vervielfältigten sich, denn es trafen das Seminar, die Pfarrer der Kathedrale, die Sänger unter Gesang, die Domherren mit ihren weißen Talaren nacheinander ein. Die Kirche erhellte sich mehr und mehr und bevölkerte sich mit diesen Flammen; wie am sommerlichen Nachthimmel die Sterne, so tauchten plötzlich Hunderte von leuchtenden Kerzen in ihr auf. Zwei Stühle waren unbesetzt, Angelika bestieg den einen. Komm herab, sagte Hubertine, das Besteigen der Sitze ist verboten. Warum verboten? Das möchte ich einmal sehen ... Wie schön ist das! Sie ruhte nicht eher, bis die Mutter auf den zweiten Stuhl stieg. Jetzt funkelte die ganze Kathedrale im glühenden Lichte. Diese Unmenge von Lichtern warf ihren Widerschein bis tief in die Gewölbe der niedrigen Seitenteile, bis in den Hintergrund der Kapellen, wo die Hülle eines Reliquienkästchens oder das Gold eines Tabernakels in ihrem Scheine aufleuchteten. Die Strahlen drangen bis in den Hintergrund der Apsis und in die Grüfte. Der Chor mit seinem flimmernden Altar, seinen leuchtenden Chorstühlen, dem alten Gitter, dessen Einsatzrosen sich schwarz abhoben, flammte auf. Immer deutlicher trat das Schiff hervor, unten mit seinen stämmigen und Vollbogen tragenden Pfeilern, oben mit seinem Wald von sich verjüngenden, unter den Schwibbogen des Gewölbes aufblühenden Säulchen. Alles strebte zum Glauben und zur Liebe empor wie die Strahlen des Lichtes selbst. In das Schlurren der Tritte, in das Rutschen der Stühle hinein tönte von neuem das helle Geklirr der Ketten an den Weihrauchgefäßen. Die Orgel erbrauste plötzlich in mächtigen Klängen, die das Gewölbe wie mit dem Grollen des Donners erfüllten. Hochwürden betrat die Kirche. Die heilige Agnes schwebte jetzt, noch immer von den vier Priestern getragen, zur Apsis zurück; ihr Antlitz leuchtete beim Scheine der Wachskerzen wie befriedigt über die Rückkehr zu ihren vierhundertjährigen Träumen. Unter Vortritt des Hirtenstabes und gefolgt von der Mitra kehrte der Bischof heim; seine noch immer verhüllten Hände trugen genau in derselben Haltung das Sakrament. Der Thronhimmel nahm seinen Weg durch die Mitte des Schiffes und stand vor dem Gitter des Chores still. Dort entstand ein kleines Durcheinander, denn die Personen des Gefolges drängten sich um den Bischof. Seitdem Felix hinter der Mitra aufgetaucht war, verließen Angelikas Augen ihn nicht mehr. Einmal befand er sich rechts vom Baldachin, so daß ihr Blick gleichzeitig das weiße Haupt Hochwürdens und den blonden Kopf des Jünglings umfassen konnte. Ein Strahl zuckte wie der Blitz unter ihren Wimpern auf, sie faltete die Hände und sagte ganz laut: Hochwürden! Der Sohn Hochwürdens! Ihr Geheimnis war ihr entschlüpft. Es war ein unfreiwilliger Ruf, das jähe Auftauchen der Ähnlichkeit beider hatte ihr endlich Gewißheit verschafft. Vielleicht hatte sie es schon geahnt, aber nie hätte sie anzudeuten gewagt, womit sie jetzt herausplatzte. Aus allen Winkeln ihres Gedächtnisses, ihres Innern stiegen die Erinnerungen in ihr auf und wiederholten den Ruf. Dieser Jüngling der Sohn Hochwürdens? flüsterte Hubertine betroffen. Um sie drängten sich die Leute. Man erkannte und bewunderte sie, die Mutter noch immer liebenswert in ihrem einfachen Leinenkleide, die Tochter im weißen, sich wie Federn anschmiegenden Seidenkleide von erzengelhafter Schönheit. Sie waren so schön und auf ihren erhöhten Plätzen so deutlich zu sehen, daß aller Blicke sich erhoben und bewundernd auf ihnen ruhten. Natürlich, beste Frau, sagte die alte Lemballeuse, die dicht neben Hubertine stand, er ist der Sohn Hochwürdens! Wie? Sie wußten es noch nicht? ... Ein hübscher, junger Mann und so reich, so reich! Er könnte die ganze Stadt kaufen, wenn er wollte. Millionen über Millionen hat er! Hubertine hörte bleichen Antlitzes zu. Sie haben doch von der Geschichte gehört? fuhr die Bettlerin fort. Seine Mutter starb bei seiner Geburt, damals wurde Hochwürden Priester. Jetzt erst hat er sich entschlossen, den Sohn zu sich zu nehmen. Felix VII. von Hautecoeur heißt er eigentlich wie ein richtiger Fürst! Hubertine konnte eine Regung des Kummers nicht unterdrücken. Angelika aber strahlte, denn ihr Traum erfüllte sich jetzt. Sie erstaunte im übrigen nicht weiter, denn sie wußte bereits, daß er der Reichste, Schönste und Edelste sein mußte ... Aber ihre Freude war trotzdem eine ungeheure, vollkommene; sie machte sich keine Sorge um Hindernisse, die sie überhaupt nicht voraussah. Endlich gab auch er sich zu erkennen. Das Gold rieselte beim Scheine der flackernden Kerzen, die Orgel erbrauste im Hochzeitsjubel, die Ahnenreihe der Hautecoeurs zog in königlicher Pracht herauf aus der Welt der Sage: Norbert I., Johann V., Felix III., Johann XII., bis hinauf zu Felix VII., der ihr sein blondes Haupt zuwandte. Er war der Nachkomme der Vettern der heiligen Jungfrau, der Meister, der herrliche Jesus, der sich neben seinem Vater in seinem Ruhme sonnte. Felix lächelte ihr soeben zu, und so bemerkte sie nicht den bösen Blick Hochwürdens, der sie auf ihrem Stuhle mit ihrem feuerroten Gesicht, auf dem Stolz und Liebe sich ausprägten, über die Menge hinausragen sah. Mein armes Kind, seufzte Hubertine verzweifelt. Die Kaplane und Gehilfen hatten sich inzwischen rechts und links aufgestellt, der erste Diakonus hatte aus den Händen des Bischofs das heilige Sakrament empfangen und auf den Altar gestellt. Der Schlußsegen begann, die Sänger stimmten das Tantum ergo an, der Weihrauch dampfte in den Kesseln, tiefe Stille zum Gebet trat ein. Inmitten der erglühenden, von der Geistlichkeit und dem Volke übervollen Kirche, unter der erhaben sich wölbenden Kuppel stieg Hochwürden zum Altar empor. Mit beiden Händen ergriff er die große goldene Sonne, und dreimal hob er sie im Zeichen des Kreuzes langsam in die Luft. Neuntes Kapitel Als Angelika am selben Abend aus der Kirche kam, überlegte sie bei sich: »Ich werde ihn sogleich sehen; er wird auf dem Marienfelde sein, und ich will zu ihm hinuntergehen.« Ihre Augen hatten das Stelldichein besprochen. Man speiste erst um acht Uhr wie üblich in der Küche, Hubert, den dieser Festtag angeregt hatte, plauderte allein. Hubertine, die sehr ernst war, antwortete kaum und verließ mit keinem Blick das junge Mädchen, das mit starker Eßlust, aber gedankenlos speiste; Angelika schien kaum zu wissen, daß sie die Gabel zum Munde führte, ihr Traum hielt sie vollständig gefangen. Hubertine las klar in ihrem Innern, sie sah die Gedanken nacheinander unter dieser heiteren, kristallklarem Wasser ähnlichen Stirn sich bilden und folgen. Um neun Uhr ließ ein Zug an der Hausglocke sie überrascht auffahren. Es war Abt Cornille. Trotz seiner Abspannung sprach er vor, um ihnen zu erzählen, daß Hochwürden die drei Streifen alter Stickerei sehr bewundert habe. Ja, er sprach mit mir darüber. Ich wußte, Sie würden sich freuen, es von mir zu hören. Angelika hatte bei Nennung des Bischofs ihr Interesse erwachen fühlen, doch versank sie sofort wieder in ihr vorheriges Träumen, sobald man von der Prozession zu reden begann. Nach wenigen Minuten stand sie auf. Wohin willst du? fragte Hubertine. Diese Frage überraschte sie, als ob sie selbst noch nicht darüber nachgedacht habe, warum sie sich erhob. Ich gehe hinauf, Mutter, ich bin sehr müde. Hubertine ahnte unter diesem Vorwande den wahren Grund, nämlich das Bedürfnis Angelikas, mit ihrem Glück allein zu sein. Umarme mich. Als Hubertine sie fest in die Arme schloß, fühlte sie ihr Zittern. Ihr Abendkuß war heut ein flüchtiger. Hubertine blickte ihr prüfend ins Gesicht, sie las in Angelikas Augen von dem verabredeten Stelldichein und ihre fieberhafte Ungeduld, sich dahin zu begeben. Sei vernünftig und schlafe wohl. Doch schon war Angelika nach einem flüchtigen »Gute Nacht« an Hubert und Abt Cornille auf dem Wege nach ihrem Zimmer; bestürzt fühlte sie, daß die Offenbarung ihres Geheimnisses ihr bereits auf den Lippen geschwebt hatte. Hätte ihre Mutter sie noch eine Minute länger an ihr Herz gedrückt, sie würde gesprochen haben. Nachdem sie ihre Tür doppelt verschlossen hatte, tat ihr das Licht weh, sie löschte die Kerze aus. Der Mond stieg mit jeder Nacht später herauf, die Nacht war daher sehr dunkel. Ohne sich zu entkleiden, setzte sie sich in der Dunkelheit an das offene Fenster und wartete stundenlang. Die Minuten verflossen schnell, nur ein einziger Gedanke beschäftigte sie, daß sie nämlich zu ihm hinuntersteigen wolle, sobald es Mitternacht geschlagen habe. Das würde ganz natürlich zugehen; mit jener Leichtigkeit, die man nur in Träumen findet, sah sie Schritt für Schritt, Bewegung auf Bewegung ihr Unternehmen ins Werk setzen. Sie hörte jetzt auch den Abt Cornille aufbrechen. Jetzt gingen auch die Hubert in ihr Zimmer. Es schien ihr, als öffne sich zweimal deren Zimmer, als ob flüchtige Schritte die Treppe emporstiegen, wie wenn jemand draußen vor ihrer Tür lausche. Dann schien das ganze Haus in einen tiefen Schlummer zu versinken. Als es Mitternacht schlug, erhob sich Angelika. Vorwärts, er erwartet mich. Sie öffnete die Tür und ließ sie offen. Als sie auf der Treppe an dem Zimmer der Hubert vorüberging, lauschte sie; aber sie hörte nichts, nur das Leben der Einsamkeit. Im übrigen war ihr völlig leicht ums Herz, sie fühlte weder Bestürzung noch Hast, denn das Bewußtsein, einen Fehltritt zu begehen, mangelte ihr. Eine unwiderstehliche Gewalt trieb sie vorwärts, das Ganze erschien ihr wie eine so einfache, selbstverständliche Sache, daß der Gedanke einer Gefahr sie zum Lachen gebracht hätte. Unten schritt sie durch die Küche nach dem Garten, und auch hier vergaß sie, den Riegel zu schließen. Dann erreichte sie mit dem ihr eigenen schnellen Schritt die kleine zum Marienfelde führende Pforte, sie ließ sie ebenfalls hinter sich weit offen. Trotz der großen Dunkelheit zögerte sie keinen Augenblick, sie ging geradeswegs auf das Brett zu, überschritt auf ihm die Chevrotte und tastete sich wie an einem bekannten Orte, wo jeder Baum ihr vertraut war, auf dem Felde vorwärts. Sie wandte sich nach rechts und hatte nichts weiter zu tun als unter einer Weide ihre Hände in die dessen zu legen, der sie dort, wie sie gewußt, erwarten würde. Einen Augenblick preßte sie, ohne ein Wort zu reden, die Hände Felix' in den ihren. Sie konnten sich nicht sehen, der Himmel hatte sich mit einer Dunstwolke überzogen, welche die beim Aufgange schmale Mondsichel noch nicht durchleuchtete. Deshalb sprach sie in die Finsternis hinein, ihr ganzes Herz strömte über vor großer Freude. O, mein teurer Herr, wie liebe ich Sie, und wie danke ich Ihnen! Sie lachte, weil sie endlich wußte, wer er war, sie dankte ihm, daß er jung, schön und reich war, reicher noch, als sie je erwartet hatte. Es war eine klingende Heiterkeit, der Freudenruf des Erstaunens und der Dankbarkeit vor diesem ihr vom Traume gemachten Liebesgeschenk. Sie sind der König, Sie sind mein Gebieter, und ich gehöre Ihnen, leider bin ich so wenig ... Aber ich bin stolz darauf, die Ihre zu sein, es genügt mir, daß Sie mich lieben und ich somit auch Königin bin ... Wie fühlte ich doch richtig, als ich Sie erwartete, aber mein Herz wurde noch weiter, als Sie so groß vor mir geworden ... Mein teurer Herr, wie danke ich Ihnen, und wie liebe ich Sie! Er legte sanft seinen Arm um ihre Hüfte und führte sie fort. Kommen Sie mit mir, sagte er. Er ging mit ihr durch das üppig wuchernde Gras des Marienfeldes bis dorthin, wo das Feld aufhörte. Unterwegs erklärte sie sich, wie er allabendlich durch das alte, ehedem geschlossene Gitter des Bischofshauses nach dem Felde ging. Er hatte das Gitter offen gelassen und führte Angelika an seinem Arme in den großen Garten Hochwürdens. Am Himmel war der Mond allmählich emporgestiegen, er verbarg sich aber noch hinter dem Dunstschleier, den er in milchige Durchsichtigkeit tauchte. Das ganze, sternenlose Himmelsgewölbe war deshalb wie mit einer leuchtenden Staubwolke erfüllt, die stumm die Heiterkeit der Nacht durchrieselte. Sie gingen langsam an der Chevrotte entlang, die auch durch den Park floß, aber hier war es nicht mehr der reißende Bach, der über ein steiniges Bett dahinschießt, hier war sie ein ruhiges, entkräftetes Wasser, das unter den Baumkronen sich dahinwand. Zwischen den wogenden, in der leuchtenden Wolke sich badenden Bäumen schien der Bach wie in einem Traume dahinzufließen. Ich bin so stolz und glücklich an Ihrem Arm! hatte Angelika fröhlich gesagt. Felix war von so großer Bescheidenheit und Anmut entzückt und beglückt, sie in der Kindlichkeit ihres Herzens ohne Ziererei, ohne Vorbehalt alles sagen zu hören, was sie dachte. Teures Herz, ich muß Ihnen dafür dankbar sein, daß Sie mich ein wenig, so edelmütig lieben ... Sagen Sie mir noch, wie Sie mich lieben, sagen Sie mir, was in Ihnen vorgegangen ist, seit Sie endlich wußten, wer ich bin. Nein, nein, sprechen wir von Ihnen, nur von Ihnen, unterbrach sie ihn mit einer reizenden Bewegung der Ungeduld. Zähle ich überhaupt? Hat es etwas zu bedeuten, wer ich bin, und was ich denke? ... Es gibt jetzt nur Sie, nichts anderes. Sie drückte ihn fester an sich, verlangsamte ihren Schritt längs des bezauberten Wassers und befragte ihn ohne Unterlaß; sie wollte alles kennen lernen, seine Kindheit, seine Jugend, wie er die 20 Jahre fern von seinem Vater zugebracht habe. Ich weiß, daß Ihre Mutter bei Ihrer Geburt ums Leben kam, und daß Sie bei einem Onkel, einem alten Abt, aufgewachsen sind ... Ich weiß, daß Hochwürden sich weigerte, Sie zu sehen ... Da sprach Felix mit leiser, wie aus ferner Vergangenheit heraufklingender Stimme. Ja, mein Vater hat meine Mutter angebetet. Mein Kommen tötete sie, und ihr Tod lastete als Schuld auf mir. Mein Onkel erzog mich streng in völliger Unkenntnis über meine Familie, als ob ich ein armes, seiner Fürsorge anvertrautes Kind gewesen sei. Ich habe die Wahrheit erst viel später, vor kaum zwei Jahren erfahren. Das hat mich nicht weiter überrascht, denn ich fühlte stets, daß ein großes Glück hinter mir stand. Jede regelmäßige Arbeit langweilte mich, das Liebste war mir, durch die Felder laufen zu können. Dann offenbarte sich meine Leidenschaft für die gemalten Fenster unserer kleinen Kirche ... Angelika lachte, und er wurde ebenfalls heiterer. Ich bin ein Arbeiter wie Sie; als dieses viele Geld sich über mich ergoß, hatte ich bereits beschlossen, meinen Lebensunterhalt nur durch Malen von Kirchenfenstern zu erwerben ... Mein Vater zeigte großen Kummer an den Tagen, an denen ihm mein Onkel schrieb, daß ich ein großer Wildfang sei und niemals zu bewegen sein werde, in einen Orden einzutreten. Es war sein fester Wille, daß ich Priester werden sollte, vielleicht war ihm der Gedanke gekommen, daß ich den Mord meiner Mutter dadurch sühnen könne, daß ich Priester werde. Er hat jetzt doch nachgegeben und mich zu sich gerufen ... Wie schön ist das Leben, ist es zu leben, um zu lieben und geliebt zu werden. Seine kräftige, jungfräuliche Jugend sprach aus diesem Rufe, von dem die stille Nacht erschauerte. In ihm lebte dieselbe Leidenschaft, die seine Mutter getötet hatte, die Leidenschaft, die ihn in die erste aus dem Geheimnisvollen entstandene Liebe hineingetrieben hatte, in sie strömten überschäumender Jugendmut, seine Schönheit, seine Rechtlichkeit, seine Unwissenheit und seine heiße Lebenslust über. Ich glich Ihnen, ich wartete ebenfalls, und als Sie sich in der ersten Nacht am Fenster zeigten, habe ich Sie sofort wiedererkannt ... Sagen Sie mir, was Sie träumten, erzählen Sie mir von Ihren vergangenen Tagen ... Sie verschloß ihm von neuem den Mund. Nein, sprechen wir nur von Ihnen, nichts weiter als von Ihnen. Ich wünsche, daß mir nichts an Ihnen verborgen bleibe, daß ich Sie vollständig habe, daß ich Sie völlig lieben könne. Sie wurde nicht müde, ihn von sich sprechen zu hören, sie fühlte eine geradezu überirdische Freude darüber, daß sie ihn völlig kennen lernte, daß sie ihn anbeten konnte, wie eine heilige Jungfrau zu den Füßen Jesu sitzt. Beide wurden nicht müde, sich bis ins Unendliche dieselben Dinge zu wiederholen, wie sie sich geliebt hatten, wie sie sich noch liebten. Die Worte kamen ähnlich wieder, und doch waren es stets neue, die ungeahnte, unergründliche Bedeutungen annahmen. Ihr Glück stieg beim Genuß der Musik von ihren Lippen. Er gestand ihr, welchen Reiz allein schon ihre Stimme auf ihn ausübe; wenn er sie höre, sei er nur noch ihr Sklave. Sie offenbarte ihm ihre entzückende Angst, die er ihr verursachte, wenn seine weiße Haut beim geringsten Anlasse zum Zorn von einer Blutwelle durchzogen wurde. Sie hatten jetzt den dunstigen Rand der Chevrotte verlassen und verloren sich, die Arme um die Hüften geschlungen, im dunklen Gehölz der großen Ulmen. O dieser Garten, sagte Angelika leise und freute sich der aus dem Blätterwerk niederwehenden Frische. Jahrelang schon sehnte ich mich nach einem Besuche des Parks... Und jetzt bin ich hier bei Ihnen, jetzt bin ich hier! Sie fragte ihn nicht wohin er sie führe, sie überließ sich inmitten der von den hundertjährigen Stämmen ausgehenden Dunkelheit vollständig seinem führenden Arm. Der Boden unter ihnen war weich, die Kronen der Bäume verloren sich in mächtiger Höhe wie die Gewölbe der Kirchen. Kein Laut, kein Hauch war hier vernehmbar, nur das Schlagen ihrer Herzen. Endlich stieß er die Tür eines Pavillons auf. Treten Sie näher, sagte er, Sie befinden sich in meiner Behausung. Abseits, hier in diesem entlegenen Winkel des Parks, glaubte der Vater für Felix eine passende Wohnung gefunden zu haben. Das Häuschen enthielt zu ebener Erde einen großen Salon, oben befand sich eine vollständig eingerichtete Wohnung. Eine Lampe erleuchtete den unteren großen Raum. Sie sehen, fuhr er lächelnd fort, daß Sie sich bei einem Künstler befinden. Das Zimmer bildete in der Tat ein Atelier, eingerichtet nach der Laune eines reichen, jungen Mannes, der mit der Glasmalerei angeblich seinen Lebensunterhalt erwarb. Er folgte dem Verfahren im 13. Jahrhundert und konnte sich daher für einen jener ursprünglichen Glasmaler halten, die mit den armseligen Mitteln jener Zeit arbeiteten. Er behalf sich mit einem alten, mit geschmolzener Kreide überzogenen Tisch, auf dem er mit roter Kreide zeichnete; hier schnitt er auch das Glas mit heißem Eisen, anstatt, wie jetzt üblich, mit dem Diamant. Die Muffel, ein kleiner, nach einer Zeichnung errichteter Ofen, befand sich gerade in Tätigkeit; dort wurde soeben eine Malerei für ein anderes Fenster der Kathedrale eingebrannt. In Kisten lagen in allen möglichen Farben gehaltene Glasscheiben, die er nach seinen Angaben anfertigen ließ, blaue, gelbe, grüne, rote, blasse, gesprenkelte, angerauchte, dunkle und perlmutterartige. Das Gemach selbst aber war mit herrlichen Stoffen ausgelegt, das Atelier verschwand unter dem Reichtum an wunderbarem Mobiliar. Im Hintergrunde lächelte eine große vergoldete Jungfrau Maria mit ihren purpurnen Lippen von einem altertümlichen Tabernakel hernieder, das ihr als Sockel diente. Der Ofen belustigte Angelika, und sie verlangte, daß Felix ihr seine ganze Arbeit erklärte: wie er sich nach dem Vorbilde der alten Meister gefärbter Muster bei der Arbeit bediene und sie einfach mit schwarz schattiere; warum er nur kleine hervortretende Figuren male und ihre Bewegungen und Gewänder scharf hervorhebe. Er entwickelte ihr seine Ansichten über die Kunst des Glasmalers, die im Niedergehen begriffen war, seit man begonnen hatte, auf Glas zu malen, zu emaillieren und besser zu zeichnen. Seine Ansicht gipfelte darin, daß eine Glasmalerei nichts weiter als ein durchsichtiges Mosaik in lebhaftesten und mit harmonischer Reihenfolge geordneten Farben, nur ein zarter und glänzender Farbenstrauß sein dürfe. Was ging Angelika im Grunde genommen in diesem Augenblick die Kunst der Glasmalerei an? Alle diese Dinge hatten für sie nur Interesse, weil sie ihm zukamen, ihn beschäftigten, ein Teil seiner selbst waren. Wir werden glücklich sein, meinte sie. Sie werden malen, und ich werde sticken. Er hatte inmitten des großen Raumes, der sie mit Freude erfüllte, von neuem ihre Hände ergriffen. Dieses Zimmer schien ihr natürlicherweise der Ort zu sein, wo fortan ihre Anmut blühen sollte. Beide schwiegen einen Augenblick. Sie war es, die wieder das Wort ergriff. Es ist also abgemacht? Was? fragte er lächelnd. Daß wir heiraten. Er zögerte eine Sekunde mit der Antwort. Sein blasses Gesicht hatte sich mit glühender Röte bedeckt. Sie wurde unruhig. Tue ich Ihnen weh? Doch schon drückte er ihr die Hände so stark, daß sie völlig gefangen war. Es ist abgemacht. Es genügt, wenn Sie etwas wünschen; allen Hindernissen zum Trotz soll es durchgeführt werden. Mein Leben hat nur den einen Zweck, Ihnen zu gehorchen. Angelika strahlte. Wir werden uns heiraten, uns ewig lieben und uns nie verlassen. Sie zweifelte nicht daran, daß die Sache schon morgen mit jener Leichtigkeit, die sie aus den Wundern der Heiligengeschichte kannte, vor sich gehen werde. Es kam ihr nicht einmal der Gedanke, daß eine vorübergehende Verzögerung, ein geringer Verzug eintreten könne. Warum auch hätte man sie noch trennen sollen, wenn sie sich liebten? Man betet sich an und heiratet sich, eine ganz einfache Geschichte. Eine große, ruhige Freude erfüllte sie. Schön, schlagen Sie ein, rief sie scherzend und reichte ihm die Hand. Er führte die kleine Hand an seine Lippen. Abgemacht. Als sie aufbrach in der Furcht, die Morgendämmerung könne sie überraschen und voller Hast, ihr Geheimnis endlich offenbaren zu können, wollte er sie heimbegleiten. Nein, nein, wir würden erst mit Tagesanbruch zu Hause ankommen. Ich werde den Weg schon allein finden ... Auf morgen! Auf morgen! Felix gehorchte und begnügte sich, Angelika nachzublicken, wie sie unter den dunklen Ulmen und längs der im Licht gebadeten Chevrotte dahineilte. Schon hatte sie das Parkgitter durchschritten und ging jetzt eilends quer durch das hohe Gras des Marienfeldes. Unterwegs überlegte sie, daß sie sich schwerlich bis Sonnenaufgang werde gedulden können und das es das Beste sei, die Hubert herauszuklopfen und ihnen alles zu sagen. Ihr Glück ließ sich nicht mehr bändigen, ihre Freimut war in heller Empörung begriffen: sie fühlte sich nicht mehr imstande, das so lange gehütete Geheimnis nur noch fünf Minuten länger bei sich zu behalten. Sie trat in den Garten ein und schloß die Tür. Dort, auf der Steinbank, die ein dünner Fliederbusch einrahmte, an die Kathedrale gelehnt erwartete Hubertine sie. Ein beklemmendes Gefühl der Angst hatte sie aus dem Schlafe geschreckt, sie war in Angelikas Zimmer hinaufstiegen, hatte die Türen offen gefunden und begriffen. Da sie nicht wußte, wohin sie der Flüchtigen nacheilen sollte, und aus Furcht, die Dinge noch zu verschlimmern, wartete sie. Angelika warf sich sofort, ohne Verlegenheit zu zeigen, ihr an den Hals; ihr Herz hüpfte vor Jubel, und sie lachte vergnügt, denn sie hatte keine Verheimlichung mehr nötig. O Mutter, es ist abgemacht! ... Wir werden uns heiraten, ich bin glücklich! Hubertine sah ihr scharf ins Gesicht, ehe sie antwortete. Aber ihre Befürchtungen verschwanden angesichts dieser blühenden Jungfräulichkeit, der klaren Augen und reinen Lippen. Es blieb in ihr nichts als schwerer Kummer; schon jetzt flossen ihr die Tränen reichlich über die Wangen. Mein armes Kind, seufzte sie leise wie am Abend zuvor in der Kirche. Angelika war überrascht, Hubertine, die stets ihren Gleichmut bewahrte, und die sie noch niemals hatte weinen sehen, in dieser Verfassung zu erblicken. Was gibt es, Mutter? Du machst dir Sorgen? rief sie. Es ist ja wahr, ich bin recht häßlich zu dir gewesen, weil ich ein Geheimnis vor dir hatte. Aber wenn du wüßtest, wie schwer dieses Geheimnis auf mir lastete; zuerst sagt man nichts, und nachher wagt man es nicht mehr ... Du mußt mir vergeben. Sie hatte sich neben sie gesetzt und einen Arm um ihre Hüfte geschlungen. Die alte Bank in dieser moosigen Ecke der Kathedrale schien zu versinken. Über ihren Häuptern sorgte der Flieder für Schatten. Ferner war an dieser Stelle der wilde Rosenstrauch, den Angelika pflegte, um zu sehen, ob nicht echte Rosen an ihm erblühen würden. Seit einiger Zeit jedoch hatte sie ihn vernachlässigt, und jetzt wucherte er in seiner früheren Wildheit weiter. Ich will dir alles sagen, Mutter, aber ins Ohr. Mit halblauter Stimme erzählte sie Hubertine die Geschichte ihrer Liebe in einer unerschöpflichen Flut von Worten; die geringsten Begebenheiten ließ sie aufs neue entstehen und wurde selbst warm bei ihrem erneuten Erwachen. Sie übersah nichts beim Durchblättern ihrer Erinnerungen; ihre Erzählung war für sie eine Beichte. Ohne Stocken und ohne Verlegenheit sprach sie, das leidenschaftliche Blut färbte ihr Gesicht, eine Flamme des Stolzes brach aus ihren Augen, trotzdem sie ihre flüsternde und glühende Stimme nicht anschwellen ließ. Hubertine unterbrach sie schließlich und begann ebenfalls leise zu sprechen. Also dahin bist du geraten? Du hast dich gut gebessert, jedesmal fährst du wieder wie ein Sturmwind auf und davon ... O, du hochmütiges, leidenschaftliches Ding, du bist noch immer das Kind, das nicht die Küche aufscheuern wollte und die eigenen Hände küßte. Angelika konnte ihr Lachen nicht zurückhalten. Lache lieber nicht, du wirst bald nicht genug Tränen zum Weinen haben ... diese Heirat kann nie stattfinden, mein armes Kind. Jetzt brach Angelikas Heiterkeit erst recht los; ihr klingendes Lachen verstummte nicht mehr. Was sagst du da, Mutter? Willst du mich durch Necken strafen? Die Geschichte ist doch so einfach. Heute abend noch wird er mit seinem Vater sprechen. Morgen wird er kommen, um alles mit uns zu regeln. Bildete sie sich das wirklich ein? Hubertine mußte also unerbittlich sein. Eine kleine namenlose Stickerin ohne Vermögen wollte Felix von Hautecoeur heiraten, einen an 50 Millionen reichen Mann, den letzten Sprossen eines der ältesten Geschlechter Frankreichs! Warum nicht? antwortete Angelika gelassen auf jeden neuen Einwand. Eine solche Heirat würde ein Skandal sein, denn sie läge außerhalb der gewöhnlichen Wandelgänge des Glückes. Alles werde sich gegen ihr Zustandekommen auflehnen. Sie gedenke gegen alles anzukämpfen? Warum nicht? Man erzählte sich, daß Hochwürden stolz auf seinen Namen sei und unnachsichtlich streng gegen Liebesabenteuer. Und sie wollte hoffen, seinen Sinn zu beugen? Warum nicht? Es ist zu drollig, Mutter, für wie böse du die Welt hältst, setzte sie in der Unerschütterlichkeit ihrer Zuversicht hinzu. Ich sage dir, es wird alles gut ablaufen! ... Vor zwei Monaten noch lachtest du mich aus und necktest mich, wie du dich erinnern wirst, und trotzdem hatte ich recht; denn was ich verkündete, ist eingetroffen. Warte das Ende ab, Unglückliche! Hubertine war in Verzweiflung. Wie sehr bereute sie jetzt, Angelika in Unwissenheit erzogen zu haben. Sie wünschte, sie hätte ihr gezeigt, wie hart die Lehren der Wirklichkeit sind, wünschte, sie hätte sie über die Grausamkeit und Bosheit der Welt aufgeklärt; in diesem Augenblick aber suchte sie vergebens nach den geeigneten Worten. Wie traurig wäre es, wenn sie sich eines Tages das Unglück dieses Kindes, das sie in klösterlicher Absperrung, in der ewigen Lüge des Traumes erzogen hatte, vorzuwerfen haben würde. Sieh, Liebe, du könntest den jungen Menschen selbst gegen den Willen von uns allen und seines Vaters doch nicht heiraten. Angelika wurde ernst, sie sah Hubertine an und sagte: Warum nicht? Ich liebe ihn, und er liebt mich ... Die Mutter schlang beide Arme um sie und drückte sie fest an sich. Sie sah ihr, ohne ein Wort zu sprechen, ins Gesicht. Der verschleierte Mond war hinter der Kathedrale verschwunden, die verfliegenden Nebel am Himmel röteten sich schwach, der junge Tag war nahe. Beide Frauen badeten sich in der morgendlichen Reine, in der großen frischen Stille, die hier und da allein durch das Gezwitscher der erwachenden Vögel unterbrochen wurde. Mein Kind, nur Pflicht und Gehorsam bringen das Glück. An einer Stunde der Leidenschaft und des Hochmuts siecht man sein ganzes Leben lang. Wenn du glücklich sein willst, unterwirf dich, verzichte und verschwinde ... Sie fühlte, wie Angelika in ihrer Umarmung sich sträubte, und wovon sie noch nie gesprochen hatte, das kam jetzt zögernd zum erstenmal über ihre Lippen. Du hältst uns, Vater und mich, für glücklich, nicht wahr? Ja, wir würden es sein, wenn nicht ein großer Schmerz unser Leben trübte ... Sie senkte ihre Stimme noch mehr und erzählte mit zitterndem Atem ihre Geschichte, wie sie Hubert gegen den Willen ihrer Mutter geheiratet hatte, vom Tode ihres Kindes, von ihrer vergeblichen Sehnsucht nach einem anderen, daß sie es zur Strafe für ihr Vergehen nie bekommen werde. Trotzdem beteten sie sich an und lebten anspruchslos von dem Ertrage ihrer Arbeit. Sie wären zweifellos unglücklich geworden und hätten in Zank und Unfrieden gelebt, ihr Leben wäre zur Hölle auf Erden geworden, vielleicht wäre auch eine unheilbare Trennung entstanden, wenn sie beide sich nicht alle Mühe gegeben hätten, gut miteinander auszukommen, er mit Hilfe seiner Güte, sie mit Hilfe ihrer Vernunft. Überlege, mein Kind, zerre nichts in dein Leben hinein, worunter du später leiden könntest ... Sei demütig, gehorsam und bringe das Blut in deinem Herzen zum Schweigen ... Angelika hörte überwunden, bleichen Antlitzes zu, sie hielt kaum ihre Tränen zurück. Mutter, du tust mir weh. Ich liebe ihn, und er liebt mich. Ihre Tränen flossen. Sie war erschüttert, gerührt von der vertraulichen Mitteilung, und ihre Bestürzung malte sich in ihren Zügen wieder, als peinige es sie, daß sie dieses Stückchen Wahrheit gesehen. Aber sie ergab sich nicht. Sie wäre so gern für ihre Liebe in den Tod gegangen! Jetzt führte Hubertine den Hauptschlag. Ich wollte eigentlich dich nicht soviel Kummer auf einmal leiden lassen. Es ist trotzdem gut, daß du alles erfährst ... Als du gestern abend auf dein Zimmer gegangen warst, habe ich Abt Cornille ausgeforscht und mir von ihm erklären lassen, warum Hochwürden nach so langer, hartnäckiger Weigerung seinen Sohn nach Beaumont berufen hatte ... Des Bischofs größten Kummer bildete des jungen Menschen jugendliche Hitze, die regellose Hast, mit der jener sich ins volle Leben stürzen wollte. Nachdem er mit Schmerzen darauf Verzicht geleistet, aus ihm einen Priester zu machen, hoffte er kaum noch, ihn zur Aufnahme einer seiner Stellung und seinem Vermögen angemessenen Tätigkeit veranlassen zu können. Es war zu fürchten, daß er stets nur ein leidenschaftlicher, toller Mensch, ein Künstler bleiben werde. Er fürchtete, sich selbst nochmals in ihm aufleben, jene wahnsinnige Leidenschaft in ihm entstehen zu sehen, unter der er so grausam gelitten hatte ... Aus Furcht also vor irgendeiner Torheit des Herzens seines Sohnes wollte er ihn um sich haben, um ihn schnell zu verheiraten. Nun? fragte Angelika, die noch nicht begriff. Schon vor des Sohnes Ankunft war seine Verheiratung in Aussicht genommen und bereits alles besprochen worden. Abt Cornille hat mir ausdrücklich erklärt, daß Felix zum Herbst Fräulein Klara von Voincourt heiraten wird ... Du kennst ja das Haus Voincourt dort neben dem Hause des Bischofs. Die Voincourt sind sehr befreundet mit Hochwürden. Beide Teile können sich nichts Besseres wünschen, denn die Heirat muß sowohl in Hinsicht der Geldfrage wie auch der gesellschaftlichen Stellung als passende bezeichnet werden. Der Abt billigt diese Verbindung sehr ... Das junge Mädchen hörte diese Vernunftgründe gar nicht mehr. Angelika hatte sich plötzlich ein Bild vor Augen gerückt, das jener Klara. Sie sah sie, wie sie sie oft im Winter in den Gängen des Parkes und in der Kathedrale an großen Festtagen hatte an sich vorbeigleiten sehen: eine große Brünette in ihrem Alter, ein schönes Mädchen von einer weit mehr in die Augen springenden Schönheit wie die ihre und mit einem königlichen Auftreten. Man sagte ihr trotz ihres kühlen Äußeren große Güte nach. Er heiratet... dieses große, schöne, reiche Mädchen... Sie sprach die Worte so leise wie im Traum. Dann plötzlich fühlte sie einen Krampf im Herzen. Er lügt also! Mir hat er nichts davon gesagt! schrie sie. Sie erinnerte sich seines kurzen Zögerns, des Blutstromes, der seine Wangen gefärbt, als sie von ihrer Heirat zu ihm gesprochen hatte. Der sie schüttelnde Frost trat so heftig auf, daß ihr farbloses Haupt auf die Schulter der Mutter sank. Meine Kleine, liebe, süße Kleine ... Ich weiß, ich bin grausam. Aber es wäre noch grausamer, dich warten zu lassen. Reiße sofort das Messer aus deiner Wunde ... Wiederhole dir bei jedem erneuten Erwachen deiner Torheit, daß Hochwürden, der schreckliche Johann XII., an dessen unerträglichen Stolz sich noch jetzt die Welt erinnert, seinen Sohn, den letzten deines Geschlechts, niemals einer vor der Tür gefundenen, von armen Leuten, wie wir es sind, an Kindesstatt angenommenen kleinen Stickerin geben wird. Angelika vernahm die Worte in ihrer Ohnmacht, aber sie lehnte sich nicht dagegen auf. Was hatte sie über ihr Gesicht streifen fühlen? Ein kalter, von weither über die Dächer streichender Hauch ließ ihr Blut zu Eis erstarren. War es der Jammer dieser Welt, diese traurige Wirklichkeit, von der man wie von den Wölfen spricht, mit denen man die vernünftigen Kinder ängstigt? Es klang in ihr wohl ein Schmerz nach, doch ging er nicht tief. Denn schon entschuldigte sie Felix, er hatte nicht gelogen, er war eben nur stumm geblieben. Denn wollte sein Vater ihn in der Tat mit dem jungen Mädchen verheiraten, so würde er zweifellos sich weigern. Aber er wagte noch nicht, diesen Kampf aufzunehmen. Er hatte nichts gesagt, weil er vielleicht sich jetzt erst zu diesem Kampf entschloß. Diesem ersten Wanken ihres Schicksals, diesem ersten Stoß mit dem rauhen Finger des Lebens gegenüber blieb sie bleich zwar, doch noch immer gläubig, sie verlor nicht den Glauben an ihren Traum. Es mußte sich dennoch alles erfüllen, nur ihr Hochmut war entkräftet, sie fiel in die Demut der Gnade zurück. Es ist wahr, Mutter, ich habe gesündigt, ich werde aber nicht mehr sündigen ... Ich verspreche dir, mich nicht aufzulehnen und so zu sein, wie der Himmel es haben will. Die himmlische Gnade sprach aus ihr, der Sieg, er blieb dem Hause, wo sie herangewachsen war, der Erziehung, die sie empfangen hatte. Warum sollte sie an dem kommenden Tage zweifeln, da bis jetzt ihre ganze Umgebung sich ihr so edelmütig und wohlwollend gezeigt hatte? Sie wollte die Klugheit Katharinas, die Bescheidenheit Elisabeths, die durch den Beistand aller Heiligen gestärkte Keuschheit der Agnes sich bewahren in der Gewißheit, daß sie allein ihr zum Siege verhelfen könnten. Würde ihre alte Freundin, die Kathedrale, das Marienfeld und die Chevrotte, das kleine, kühle Haus der Hubert, alles, was sie liebte, sie etwa nicht verteidigen, wenn sie, statt selbst zu handeln, gehorsam und reinen Herzens sich zeigen würde? Du versprichst mir, daß du nichts gegen ungern und namentlich nichts gegen den Willen Hochwürdens unternehmen willst? Ja, Mutter, ich verspreche es. Du versprichst mir, den jungen Mann nicht wiederzusehen und nicht mehr an diese törichte Heirat denken? Bei diesen Fragen fühlte sie ihr Herz schwach werden. Noch einmal wollte es sich empören und auf seine Liebe pochen. Aber der Kopf Angelikas sank herab, sie war vollständig gezähmt. Ich verspreche, nichts zu tun, um ihn wiederzusehen und unsere Heirat zu fördern. Hubertine preßte sie bewegt in ihre Arme und dankte ihr für ihren Gehorsam. Welch ein Elend! Die Geliebten leiden lassen zu müssen, wenn man das Gute will. Sie war wie gebrochen und erhob sich, überrascht von dem fortschreitenden Erwachen des Tages. Die Stimmen der Vögel hatten sich vermehrt, aber noch keinen einzigen sah man auffliegen. Am Himmel verflüchtigten sich die Wolken in dem durchsichtigen Blau der Luft wie Gase. Angelikas Blicke ruhten unbewußt auf dem wilden Rosenstrauch; endlich bemerkte sie ihn mit seinen armseligen Blüten. Ein trauriges Lächeln überflog ihre Züge. Du hast recht, Mutter, er ist noch nicht so weit, um Rosen zu tragen. Zehntes Kapitel Am nächsten Morgen saß Angelika wie gewöhnlich um sieben Uhr bei der Arbeit; die Tage folgten einander, und allmorgentlich nahm sie ganz gefaßt das am Abend vorher beiseite gelegte Meßgewand wieder vor. Nichts schien sich geändert zu haben; sie hielt ehrlich ihr Wort und schloß sich klösterlich ein, ohne den Versuch zu einem Wiedersehen Felix' zu machen. Dieser Umstand schien sie nicht einmal zu betrüben, denn sooft die überwachende Hubertine Angelikas Augen auf sich gerichtet sah, konnte sie in ein jugendfrohes, heiteres Gesicht blicken. Trotzdem dachte Angelika während dieses vorsätzlichen Schweigens den ganzen Tag an ihn. Ihre Hoffnung blieb unerschütterlich, sie war sich dessen gewiß, daß die Dinge sich trotz allem zum besten wenden würden. Gerade diese Gewißheit gab ihr die mutige, stolze und ehrliche Miene ein. Hubert zankte öfter mit ihr. Du arbeitest zuviel, ich finde, du siehst ein wenig bleich aus ... Schläfst du gut? Wie ein Klotz, Vater! Ich habe mich noch nie wohler gefühlt. Aber auch Hubertine beunruhigte sich und sprach öfter von Zerstreuungen. Wenn du willst, schließen wir das Haus zu und machen alle drei eine Reise nach Paris. Das wäre! Und die Bestellungen, Mutter? ... Ich fühle mich am gesundesten, wenn ich viel zu arbeiten habe, mehr kann ich dir nicht sagen! Angelika erwartete, offen gesagt, ein Wunder, irgendeine Offenbarung des Unsichtbaren, die sie Felix in die Arme führen sollte. Sie hatte außerdem versprochen, keinen Versuch zu wagen; daher war es das Beste, selbständig nichts zu unternehmen, um so mehr, als man dort im Jenseits für sie schon tätig sein werde. Während ihrer freiwilligen Untätigkeit aber und während sie Gleichgültigkeit heuchelte, hielt sie doch immer die Ohren gespitzt; sie hörte die Stimmen, die um sie her wisperten, und achtete auf die leisen, ihr vertrauten Geräusche der Welt, in deren Mitte sie lebte und die ihr zu Hilfe kommen sollten. Irgend etwas mußte sich notwendigerweise offenbaren. Am offenen Fenster sitzend und über den Stickrahmen gebeugt, entging ihr kein Säuseln der Bäume, kein Murmeln der Chevrotte. Die leisesten, durch die Erwartung zehnfach vergrößerten Seufzer der Kathedrale schlugen an ihr Ohr: sie hörte selbst das Schlurfen der Pantoffel des die Kerzen auslöschenden Küsters. Sie fühlte von neuem ihr zur Seite das Streifen der geheimnisvollen Flügel, sie wußte das Unbekannte als ihren Beistand. Oft wandte sie sich plötzlich um, denn sie glaubte, ein Schatten flüstere ihr das erhoffte Mittel zum Siege zu. Aber die Tage verstrichen, noch immer traf nichts ein. Angelika vermied es zunächst, um ihrem Schwur nicht untreu zu werden, sich des Nachts auf dem Balkon zu zeigen; sie fürchtete, Felix wieder aufzusuchen, sobald sie ihn unten bemerkte. Sie wartete in ihrem Zimmer. Als nicht einmal die eingeschlafenen Blätter sich rührten, wagte sie schon mehr, sie begann von neuem die Finsternis zu befragen. Von wo sollte das Wunder auftauchen? Zweifellos aus dem bischöflichen Garten; vielleicht werde ihr eine flammende Hand von dort ein Zeichen geben. Vielleicht auch von der Kathedrale herüber; dort könne zum Beispiel das Gebrause der Orgel sie zum Hochaltar rufen. Sie hätte eben nichts überrascht, weder wenn die Tauben der Heiligengeschichte ihr Worte des Segens überbracht hätten, noch wenn die Heiligen durch die Wände geschritten wären, um ihr zu verkünden, daß Hochwürden sie zu sehen wünsche. Nur eines machte sie staunen, die Langsamkeit, mit der das Wunder sich vollzog. Wie die Tage, so verstrichen auch die Nächte nacheinander, und noch immer zeigte sich nichts, nichts. Nach Verlauf der zweiten Woche wunderte es Angelika noch mehr, daß sie Felix nicht wiedergesehen hatte. Sie hatte allerdings die Verpflichtung übernommen, für ihre Person keinen Versuch zu einer Annäherung an ihn zu wagen, aber von ihm hatte sie als selbstverständlich erwartet, daß er alles aufbieten werde, um sich ihr zu nähern. Aber das Marienfeld blieb leer, er schritt nicht einmal mehr durch das wuchernde Gras. Nicht ein einziges Mal innerhalb vierzehn Tagen hatte sie zu nächtlicher Zeit seinen Schatten bemerkt. Aber auch dieser auffällige Umstand erschütterte ihren Glauben nicht: wenn er nicht kam, so geschah es, weil er sich um ihr Glück bemühte. Aber ihre Überraschung wuchs und paarte sich bereits mit beginnender Ungeduld. Nach einem besonders trübseligen Mittagessen schützte Hubert eines Abends eine eilige Besorgung vor, um auszugehen, und Hubertine blieb allein mit Angelika in der Küche zurück. Lange blickte sie mit feuchten Augen die Tochter an, deren schöner Mut sie rührte. Seit vierzehn Tagen hatten sie kein Wort von den Dingen gesprochen, von denen ihre Herzen überfluteten. Hubertine war weich gestimmt, eine solche Kraft und Ehrlichkeit, den Schwur zu halten, hatte sie nicht erwartet. Ein plötzliches Zärtlichkeitsgefühl ließ sie die beiden Arme öffnen, das junge Mädchen warf sich an ihre Brust, und beide hielten sich lautlos umschlungen. Mein armes Kind, sagte Hubertine sodann, ich wartete schon darauf, mit dir allein sein zu können ... Du mußt erfahren, daß alles zu Ende, völlig zu Ende ist. Felix ist tot! rief Angelika fassungslos und richtete sich auf. Nein, nein. Wenn er nicht kommt, ist er gestorben! Hubertine mußte ihr nun erklären, daß sie am Tage nach der Prozession Felix gesprochen und ihm ebenfalls den Schwur abverlangt habe, nicht eher wiederzukommen, bis Hochwürden es gestattet habe. Das war mit andern Worten ein endgültiger Abschied, denn sie wußte sehr wohl, daß aus der Heirat nichts werden könne. Sie hatte ihn durch Vorhalten seiner schlechten Handlungsweise, ein armes, vertrauensseliges, unwissendes Mädchen, das er doch nie heiraten werde, bloßzustellen, ganz zerknirscht gemacht. Er hatte ebenfalls versichert, daß er lieber in Sehnsucht nach ihr vor Kummer sterben wolle, ehe er sich ehrlos zeigen werde. Denselben Abend noch entdeckte er sich seinem Vater. Sieh, mein Kind, fuhr Hubertine fort, du zeigst so großen Mut, daß ich zu dir unverhüllt reden darf ... Wenn du wüßtest, mein Liebling, wie ich dich beklage und dich bewundere, seit ich dich so stolz und brav sehe, seit du schweigst und heiter bist, während dein Herz bricht ... Aber du wirst noch weit größeren Mutes bedürfen ... Ich traf heute nachmittag Abt Cornille. Nichts ist mehr zu hoffen. Hochwürden will nicht. Hubertine erwartete einen Tränenstrom, erstaunte aber, als sie Angelika sich sehr bleich zwar, aber mit ruhiger Miene setzen sah. Der alte Eichentisch war abgeräumt, eine Lampe erhellte das altertümliche gemeinsame Zimmer, dessen Friede nur durch das Summen des Wasserkessels unterbrochen wurde. Es ist noch nichts verloren, Mutter... Erzähle mir, ich habe doch das Recht, alles zu wissen, denn die Sache geht mich an. Sie hörte aufmerksam zu, was ihr Hubertine, als vom Abt gehört, erzählen konnte, gewisse Einzelheiten überging sie, sie blieb eben dabei, dieser Unschuld zu verheimlichen, wie es im Leben zugeht. Seit Hochwürden seinen Sohn zu sich genommen hatte, lebte er in beständiger Unruhe. Er hatte am Tage nach dem Tode seiner Frau ihn von seinem Antlitz verbannt und 20 Jahre lang für sich gelebt, ohne ihn kennen lernen zu wollen. Jetzt sah er ihn im Schimmer und in der Gesundheit der Jugend wieder als ein leibhaftiges Ebenbild derjenigen, die er beweinte. Er war in ihrem Alter und hatte die blonde Anmut ihrer Schönheit. Die lange Verbannung, der Groll gegen das Kind, dessen Geburt ihm die Mutter gekostet hatte, war ebenfalls eine Maßregel der Klugheit gewesen: das fühlte er erst jetzt, da er bedauerte, nicht seinen Willen durchgesetzt zu haben. Sein Alter, ein zwanzigjähriges Beten, nichts hatte in ihm den Mann getötet, trotzdem Gott zu ihm herniedergestiegen war. Seinen Sohn wie aus dem Fleische der geliebten Frau geschnitten, mit dem Lächeln seiner blauen Augen vor sich zu sehen, reichte hin, um sein Herz zum Brechen schlagen zu lassen, denn er glaubte die Tote leibhaftig wieder auferstanden. Er schlug sich die Brust mit der Faust, schluchzte unter der unzulänglichen Geißelung und forderte, man solle die Priesterweihe denen nicht erteilen, die vom Weibe gekostet haben und mit Banden des Blutes ihm zugetan sind. Der gute Abt Cornille hatte mit Hubertine ganz heimlich davon gesprochen. Die Hände hatten ihm dabei gezittert. Es liefen dunkle Gerüchte umher, man flüsterte sich zu, daß Hochwürden sich einzuschließen pflege, wenn die Dämmerung herniedersank. Das waren Nächte voller Kämpfe, Tränen, Klagen, deren Heftigkeit, obgleich durch Vorhänge und Teppiche gedämpft, das Bistum erschreckte. Der Bischof hatte geglaubt, die Leidenschaft vergessen, zähmen zu können. Aber mit Sturmesgewalt erwachte sie wieder in dem schrecklichen Manne, der er einst gewesen, in dem Abenteurer, dem Nachkommen der sagenhaften Krieger. Allabendlich bemühte er sich, auf den Knien liegend und den Körper mit dem Stachelgürtel peinigend, das Bild der beweinten Frau zu verjagen, er beschwor sie aus ihrem Grabe herauf, wo sie längst zu Staube vermodert sein mußte. Sie erhob sich lebendig in der entzückenden Frische der Blume vor seinen Augen, wie er sie als reifer Mann mit einer wahnsinnigen Liebe umfangen hatte. Die Marter begann von neuem noch blutiger als am Tage nach ihrem Tode. Er beweinte und begehrte sie mit derselben Auflehnung gegen Gott, der sie ihm genommen hatte. Er beruhigte sich erst erschöpft, wenn der Morgen anbrach. Dann überkam ihn eine Verachtung seiner selbst und ein Ekel vor der Welt. Wie hätte er die Leidenschaft, diese elende Bestie, zerstampfen mögen, um in den demütigen Frieden der göttlichen Liebe zu versinken! Wenn Hochwürden sein Zimmer verließ, hatte er seine gestrenge Haltung, sein ruhiges, hochmütiges Aussehen bereits wieder gewonnen, kaum daß sein Gesicht eine etwas blassere Schattierung zeigte. An dem Morgen von Felix' Beichte hatte er, ohne ein Wort zu verlieren, zugehört und sieh so zu bezwingen gewußt, daß nicht eine einzige Fiber seiner Haut zuckte. Er beobachtete ihn, das Herz wandte sich ihm um, als er in ihm sich selbst, so jung, schön und liebestoll wiedersah. Jetzt war es nicht mehr Eigensinn, sondern sein fester Wille, die rauhe Pflicht, den Sohn vor dem Übel zu behüten, an dem er selbst so furchtbar litt. Er wollte die Leidenschaft in seinem Sohne töten, wie er sie in sich selbst töten wollte. Diese romantische Geschichte ängstigte ihn vollends. Wie? Ein armes, namenloses Mädchen, eine kleine, im Scheine des Mondlichts bemerkte und im Traume in eine schmächtige Heilige aus der Legende verwandelte Stickerin? Er hatte nur ein Wort darauf zu erwidern: Niemals! Felix hatte sich ihm zu Füßen geworfen, ihn gebeten und seine und Angelikas Sache, vor Achtung und Furcht zitternd, verteidigt. Stets hatte er sich dem Vater nur unter Zittern und Zagen genähert, er flehte ihn an, sich seinem Glücke nicht zu widersetzen, und wagte nicht einmal, die Augen zu dessen geheiligter Person aufzuschlagen. Mit unterwürfiger Stimme bot er ihm an, zu verschwinden und seine Frau so weit fortzuführen, daß man sie beide niemals wiedersehe; sein großes Vermögen wolle er der Kirche vermachen. Er wolle nichts weiter als unbekannt geliebt werden und lieben. Ein Schauder hatte Hochwürden überlaufen. Sein Wort war den Voincourt verpfändet, es konnte nie zurückgenommen werden. Da fühlte sich Felix am Ende seiner Kräfte und geriet in eine Wut, die ihn zur Freveltat einer offenen Empörung führte, wobei ein Blutstrom seine Wangen purpurn gefärbt hatte. So ging er von dannen. Du siehst, mein Kind, schloß Hubertine, daß du nicht mehr an diesen jungen Mann denken darfst, denn du willst doch nicht dem Willen Hochwürdens zuwiderhandeln ... Ich sah alles das voraus, doch zog ich vor, die Tatsachen sprechen zu lassen, um dir zu zeigen, daß die Hindernisse nicht von mir herrühren. Angelika hatte mit ihrer ruhigen Miene, mit über den Knien gefalteten Händen zugehört. Ihre Augenlider hatten kaum von Zeit zu Zeit gezuckt. Ihre Augen schienen sich starr auf die Szene zu heften, wie Felix zu den Füßen Hochwürdens mit überströmender Zärtlichkeit von ihr sprach. Sie antwortete auch nicht sofort, sondern begann in dem tiefen Frieden der Küche nachzudenken, den nur das leise Zischen des Wasserkessels unterbrach. Sie senkte die Lider und betrachtete ihre im Lichte der Lampe wie schönstes Elfenbein schimmernden Hände. Dann sagte sie, während ein Lächeln unbesiegbarer Zuversicht auf ihren Lippen schwebte, gelassen: Wenn Hochwürden sich weigert, geschieht es, weil er mich erst kennen lernen will. In dieser Nacht schlief Angelika kaum. Es beschäftigte sie der Gedanke, daß ihr Anblick Hochwürden zur Entscheidung zwingen werde. Die persönliche Eitelkeit des Weibes kam hier gar nicht in Betracht, sie ahnte die Allmacht der Liebe, sie liebte Felix so stark, daß ihr Gefühl ganz gewiß zum Ausdruck kommen und der Vater sich dann nicht darin verbohren werde, sie beide ins Unglück zu stürzen. An zwanzigmal drehte sie sich in ihrem großen Bett herum und wiederholte sich diese Dinge. Hochwürden wandelte in seinem violetten Gewande an ihren geschlossenen Augen vorüber. Vielleicht sollte das erwartete Wunder sich in ihm und durch ihn offenbaren. Die schwüle Nacht draußen schlief, sie neigte das Ohr, um auf ihre Stimmen zu lauschen, und versuchte aufzufangen, was ihr die Bäume, die Chevrotte, die Kathedrale, ihr eigenes, von den befreundeten Schatten bewohntes Zimmer rieten. Aber alles summte durcheinander, etwas Genaues hörte sie nicht heraus. Sie wurde über die zu langsam kommende Gewißheit ungeduldig, und noch beim Einschlafen überraschte sie sich, wie sie sagte: Morgen werde ich mit Hochwürden reden. Als sie erwachte, schien ihr der vorzunehmende Schritt ganz einfach und notwendig. Ihre Leidenschaft war eben unbefangen und brav, ihrem Mute lag eine stolze Reinheit zugrunde. Sie wußte, daß Hochwürden an jedem Sonnabend gegen fünf Uhr nachmittags in der Kapelle Hautecoeur niederzuknien und in einsamem Gebet an seine eigene und seines Geschlechtes Vergangenheit zu denken pflegte; die gesamte Geistlichkeit ehrte diese gesuchte Einsamkeit. Es war gerade Sonnabend. Schnell hatte sie ihren Entschluß gefaßt. Im Hause des Bischofs selbst würde man sie vielleicht nicht empfangen haben, auch waren dort soviele Menschen, daß man sie stets gestört haben würde. Bequem war es dagegen, Hochwürden in der Kapelle zu erwarten und ihm bei seinem Erscheinen entgegenzutreten. Selbst an diesem Tage stickte sie mit ihrer üblichen Sorgfalt und Heiterkeit: sie fühlte wegen ihres Vorhabens kein bißchen Fieber, denn sie war überzeugt, richtig zu handeln. Gegen vier Uhr schützte sie einen Besuch bei Mutter Gabet vor. Wie zu einem ihrer üblichen Gänge in das Stadtviertel angetan und mit einem auf gut Glück mit den Fingern geknüpften Gartenhut auf dem Kopfe verließ sie das Haus. Sie wandte sich nach links und stieß den ausgepolsterten Flügel der Kirchentür der heiligen Agnes auf, der sich hinter ihr leise schloß. Die Kirche war leer, nur ein Beichtstuhl der Kapelle des heiligen Joseph war von einer Büßerin besetzt, von der man nur das schwarze Gewand überhängen sah. Bis dahin hatte sich Angelika ruhig gefühlt; wie sie aber in diese andächtige, frostige Einsamkeit trat, in der das leiseste Geräusch ihrer Schritte erschreckend widerhallte, merkte sie, wie sie zitterte. Warum zog sich ihr Herz so zusammen? Sie hatte sich so stark gefühlt und den ganzen Tag ruhig verbracht in dem Gedanken, es sei ihr gutes Recht, glücklich sein zu wollen. Jetzt hatte sie alles vergessen und erbleichte wie eine Schuldige. Sie schlich bis zur Kapelle Hautecoeur; hier mußte sie sich an das Gitter lehnen, um nicht umzusinken. Die Kapelle war eine der vergrabensten, dunkelsten der altertümlichen romanischen Apsis. Sie schien mit den schmucklosen Rippen ihres niedrigen Gewölbes einer in einen Felsen gehauenen, ebenen und nackten Gruft ähnlich. Ihre Beleuchtung empfing sie nur durch das Fenster mit dem heiligen Georg, dessen vorherrschend rote und blaue Scheiben ein bläuliches, dämmerndes Licht erzeugten. Der schmucklose Altar aus schwarzem und weißem Marmor mit seinem Christus und seinem Leuchter-Doppelpaar glich einem Grabmal. Die übrigen Wände waren mit Grabsteinen ausgelegt. Ein ganzes Lager durch das Alter zerbröckelter Steine zog sich von oben nach unten; die tief gemeißelten Inschriften waren noch zu entziffern. Angelika wartete beklommen, unbeweglich. Ein Kirchendiener ging vorüber, er bemerkte sie nicht, so dicht drückte sie sich an das Gitter. Sie sah noch immer das Kleid der Büßerin aus dem Beichtstuhle hängen. Ihre Augen gewöhnten sich an das Halbdunkel und hefteten sich von selbst an die Inschriften, deren Buchstaben sie nach und nach entzifferte. Einzelne Namen, denen sie begegnete, riefen ihr die Sagen vom Schloß Hautecoeur in Erinnerung, so Johann V., der Große, Raoul III., Herbert VII. Noch zwei andere Namen begegneten ihre Augen, denen der Laurette und Balbine, die sie in ihrer Bedrängnis zu Tränen rührten. Beide Frauen gehörten zu den glücklichen Toten, denn Laurette stürzte von dem Mondstrahl herab, als sie sich mit ihrem Geliebten vereinigen wollte, und Balbine wurde bei der Rückkehr ihres Gatten, den sie im Kriege gefallen wähnte, von der Freude getötet. Beide kehrten des Nachts zurück und hüllten das Schloß mit der weißen Wolke ihrer ungeheuren Gewänder ein. Hatte sie selbst sie nicht bei ihrem Besuche in den Ruinen in der aschfahlen Dämmerung um die Türme schweben gesehen? Wie gern wäre sie wie jene im Alter von 16 Jahren im höchsten Glücke des verwirklichten Traumes gestorben! Ein mächtiges, von den Gewölben widerhallendes Geräusch ließ sie erzittern. Der Priester verließ den Beichtstuhl der Joseph-Kapelle und schloß die Tür. Es überraschte sie, die Büßerin nicht mehr zu erblicken, die schon verschwunden war. Als der Priester sich durch die Sakristei entfernt hatte, fühlte sie sich völlig allein in der ungeheuren Einsamkeit der Kirche. Bei dem donnerartigen Lärm des alten Beichtstuhles, der in seinen verrosteten Eisenklammern krachte, hatte sie geglaubt, Hochwürden nahe. Sie wartete bald eine halbe Stunde auf ihn, aber sie war sich nicht bewußt, wieviel Zeit bereits verstrichen war, denn in ihrer Aufregung rechnete sie nicht die verflossenen Minuten. Ein neuer Name beschäftigte sie jetzt, der Felix' III., desselben, der mit der Kerze in der Hand nach Palästina gewallfahrtet war, um das Gelübde Philipps III. zu erfüllen. Ihr Herz schlug, denn sie sah das jugendliche Haupt Felix' VII. sich erheben, des Nachkommens aller dieser, des blonden Gebieters, den sie anbetete, und von dem sie angebetet wurde. Es erfüllte sie mit Stolz und Angst zugleich. War es möglich, daß sie da war, um das Wunder zu vollbringen? Vor sich bemerkte sie eine Tafel aus frischerem Marmor, die aus dem letzten Jahrhundert stammte; geläufig las sie von ihr in schwarzen Buchstaben die Namen: Norbert, Louis Ogier, Marquis von Hautecoeur, Prinz von Mirande und Rouvres, Graf von Ferrières, von Montégu, von Saint-Marr und auch von Villemareuil, Baron von Combeville, Ritter der vier Orden des Königs, Lieutenant seiner Heere, Statthalter der Normandie, bekleidet mit dem Range eines Generalhauptmanns des Jagdwesens und Verwesers des Jagdgerätes für Wildschweinjagden. – Es waren das die Würden des Großvaters von Felix. Sie war so ohne weiteres in ihrem Werktagsgewande, mit ihren von der Nadel abgenutzten Fingern erschienen, um den Enkel dieses Toten zu heiraten! Ein leises Geräusch entstand, es war kaum ein flüchtiges Streifen der Fliesen zu nennen. Angelika wandte ihren Kopf und sah Hochwürden. Sie blieb wie gebannt vor dieser geräuschlosen Annäherung, denn sie hatte einen Donnerschlag erwartet. Er hatte die Kapelle betreten; sehr groß und vornehm erschien er ihr mit seinem bleichen Antlitze, mit seiner ein wenig starken Nase und den herrlichen, jung gebliebenen Augen. Er bemerkte sie zunächst nicht, da sie mit dem dunklen Gitter eins schien. Als er sich jedoch vor dem Altar niederbeugte, sah er sie vor sich zu seinen Füßen. Angelikas Beine schlotterten, und halbtot vor Schrecken und Ehrfurcht fiel sie auf die Knie. Er erschien ihr wie Gott der Vater so fürchterlich und als unumschränkter Herr über ihr Schicksal. Aber sie hatte ein mutiges Herz, und so sprach sie ohne zu zaudern: Ich bin gekommen, Hochwürden ... Er sah sich um. Flüchtig erinnerte er sich ihrer: es war das junge Mädchen, das er am Prozessionstage am Fenster bemerkt und dann in der Kirche auf einem Stuhle stehend wiedergesehen hatte, die kleine Stickerin, die seinem Sohn den Kopf verdreht hatte. Er wartete hochmütig und starr. Hochwürden, ich bin gekommen, damit Sie mich sehen sollen ... Sie haben mich abgewiesen, aber Sie kannten mich nicht. Jetzt betrachten Sie mich, ehe Sie mich abermals abweisen. Ich bin die, welche liebt und geliebt wird, und außer dieser Liebe bin ich nichts, ein armes, an der Tür dieser Kirche aufgefundenes Kind. Sie sehen mich zu Ihren Füßen; Sie sehen, wie klein, schwach und unterwürfig ich bin. Es ist Ihnen ein leichtes, mich zu beseitigen, wenn ich Ihnen lästig bin. Sie brauchen nur einen Finger aufzuheben, um mich zu vernichten ... Aber wieviel Tränen! Man muß wissen, was man leidet. Dann erst fühlt man Erbarmen. Ich wollte meine Sache selbst führen, Hochwürden. Ich bin eine Unwissende, ich weiß nur, daß ich liebe und geliebt werde ... Genügt das nicht? Lieben, lieben und es sagen! In halb abgebrochenen, halb geseufzten Sätzen beichtete sie in einer Aufwallung von Kindlichkeit und wachsender Leidenschaft. Das war die ihr Geständnis stammelnde Liebe. Sie wagte es, weil sie mutig war. Allmählich richtete sie den Kopf auf. Wir lieben uns, Hochwürden. Er hat Ihnen jedenfalls erklärt, wie die Sache gekommen ist. Ich habe mich oft danach gefragt, ohne daß es mir gelungen wäre, eine Antwort darauf zu finden ... Wir lieben uns; wenn dies ein Verbrechen ist, verzeihen Sie es; denn es ist nicht aus uns, sondern von fernher, von den Bäumen und Steinen unserer Umgebung gekommen. Als ich wußte, daß ich liebe, war es zu spät, nicht mehr zu lieben ... Ist es jetzt noch möglich, das zu wollen? Sie können ihn an sich fesseln, ihn anderswo verheiraten, aber Sie können nicht bewirken, daß er mich nicht mehr liebt. Er wird ohne mich sterben, wie ich ohne ihn sterben werde. Wenn er sich auch nicht mehr an meiner Seite befindet, fühle ich doch, daß er dort ist, daß wir uns nie mehr trennen werden, und daß das eine das Herz des andern mit sich nimmt. Ich brauche nur die Augen zu schließen, um ihn wiederzusehen, denn er lebt in mir. Es fließt kein Tropfen Blutes in uns, das nicht für unser ganzes Leben aus uns beiden gemischt wäre ... Sie werden diese Vereinigung nicht zerreißen? Unsere Liebe ist göttlich, Hochwürden, hindern sie unsere Liebe nicht. Er betrachtete sie, wie sie so frisch und einfach, wie ein Blumenstrauß duftend in ihrem Arbeitskleide vor ihm lag. Er hörte sie mit ihrer bestrickenden Stimme, die nach und nach erstarkte, das Hohelied ihrer Liebe singen. Der Gartenhut war ihr auf die Schulter geglitten, und ihre lichten Haare umrahmten wie mit feinem Golde ihr Gesicht. Sie erschien ihm mit dieser Schmächtigkeit, Kindlichkeit und diesem Schwünge ihrer Leidenschaftlichkeit wie eine der sagenhaften Jungfrauen aus den alten Meßbüchern. Seien Sie gütig, Hochwürden ... Sie sind unser Herr, lassen Sie uns glücklich werden. Sie flehte zu ihm und senkte abermals die Stirn, als sie ihn so kalt, sprach- und bewegungslos vor sich stehen sah. Dieses fassungslose Kind zu seinen Füßen, dieser Jugendduft, der aus dem vor ihm gebeugten Nacken zu ihm emporstieg! Da sah er sie wieder, die blonden Härchen, die er einst wie toll geküßt hatte, sie, an deren blühende Jugend und an deren Hals von dem Stolz und der Anmut einer Lilie er sich noch nach zwanzigjähriger Buße erinnerte. Sie selbst war es, die wieder vor ihm erstand, vor ihm schluchzte und ihn anflehte, der Leidenschaft gegenüber Milde walten zu lassen. Die Tränen waren Angelika in die Augen getreten, trotzdem fuhr sie fort zu sprechen, denn sie wollte alles sagen. Hochwürden, ich liebe nicht nur ihn, sondern auch den Adel seines Stammes, den Schimmer seines königlichen Vermögens ... Ja, ich weiß, daß, da ich nichts habe und nichts bin, es so aussieht, als ob ich nach seinem Gelde trachte; und in der Tat, ich will ihn auch seines Geldes halber ..., Ich sage Ihnen das, denn Sie müssen mich kennen lernen ... Ach, ich möchte reich werden durch ihn und mit ihm, in der Annehmlichkeit und dem Glänze des Luxus leben, ihm alle Freuden schulden, um frei in unserer Liebe zu sein und rings um uns alle Tränen versiegen zu lassen, allen Kummer vertreiben zu können! Seit er mich liebt, sehe ich mich in Brokat gekleidet wie in einstigen Zeiten, ich sehe am Halse und an den Handgelenken ein Geriesel von Edelsteinen und Perlen und für mich Pferde, Wagen, große Waldungen, in die ich zu Fuß mit einem Gefolge von Pagen lustwandeln kann, besitzen ... Ich kann nie an ihn denken, ohne diesen Traum stets von neuem zu träumen. Und ich sage mir, das muß so sein, denn er hat meinen Wunsch, Königin zu sein, erfüllt. Ist es schlecht, Hochwürden, jemand umsomehr zu lieben, weil er alle meine Wünsche der Kindheit erfüllen und den wunderbaren Goldregen der Feengeschichten über mich ausschütten will? Er sah sie stolz aufgerichtet mit der entzückenden Miene einer Prinzessin trotz ihrer Schlichtheit. Sie ähnelte ganz der anderen mit ihrer gleichen blumenhaften Zartheit und denselben sanften, wie ein Lächeln so klaren Tränen. Es entströmte ihr etwas Berauschendes, dessen warmen Hauch er über sein Gesicht streichen fühlte, es war derselbe Schauder der Erinnerung, der ihn des Nachts schluchzend zu seinem Betschemel trieb, wo er mit seinen Klagen die weihevolle Stille des Bischofshauses störte. Bis drei Uhr früh hatte er nachts zuvor mit sich gekämpft, und jetzt riß dieses Liebesabenteuer, die auf diese Weise wiederaufgerüttelte Leidenschaft die unheilbare Wunde wieder auf. Aber seine Teilnahmlosigkeit ließ nichts durchblicken, nichts verriet den inneren Kampf, um die Schläge des Herzens zu zähmen. Wenn er auch sein Blut Tropfen für Tropfen verlor, niemand sah es fließen: nur stummer und bleicher war er geworden. Das tiefe, hartnäckige Schweigen brachte Angelika zur Verzweiflung. Sie verdoppelte ihr Flehen. Ich befehle mich in Ihre Hände, Hochwürden. Haben Sie Mitleid, entscheiden Sie über mein Schicksal. Er sprach noch immer nicht, er setzte sie in Furcht, denn ihr schien, als wachse vor ihr seine schreckliche Majestät. Die öde Kirche mit ihren schon dunklen Seitengängen, in welcher der Tag bereits erstarb, vermehrte die Angst der Erwartung. In der Kapelle unterschied man selbst die Grabsteine nicht mehr, nur er allein mit seiner schwarzen Sutane, seinem länglichen, weißen Gesicht schien das Licht an sich gefesselt zu haben. Sie sah seine Augen leuchten und mit wachsendem Feuer sich auf sie heften. War es der Zorn, der sie so aufflammen ließ? Wenn ich nicht gekommen wäre, Hochwürden, so hätte ich es mir ewig vorwerfen müssen, aus Mangel an Mut unser Unglück verschuldet zu haben ... Sagen Sie, ich flehe Sie an, daß ich recht gehabt habe, daß Sie Ihre Einwilligung geben. Wozu mit diesem Kinde streiten? Er hatte seinem Sohne die Gründe seiner Weigerung auseinandergesetzt, das genügte. Wenn er nicht sprach, so geschah es in dem Glauben, nichts zu sagen zu haben. Das schien sie einzusehen, denn sie wollte sich bis zu seinen Händen aufrichten, um sie zu küssen. Aber er legte sie schnell auf den Rücken, und sie wurde bestürzt, als sie einen heftigen Blutstrom sein bleiches Gesicht dunkelrot färben sah. Hochwürden ... Hochwürden ... Endlich öffnete er die Lippen, aber nur, um ein einziges Wort zu sprechen, dasselbe, welches er seinem Sohne entgegengeschleudert hatte: Niemals! Ohne an diesem Tage sein Gebet zu verrichten, ging er davon, seine schweren Tritte verloren sich hinter den Pfeilern der Apsis. Angelika war auf die Fliesen gesunken, und lange, lange hallte ihr heftiges Schluchzen durch den tiefen, leeren Frieden der Kirche wieder. Elftes Kapitel Als man am Abend in der Küche vom Tisch aufstand, beichtete Angelika den Hubert; sie erzählte von dem Schritt, den sie beim Bischof unternommen und dessen Weigerung. Sie war sehr gefaßt und bleich. Hubert war wie vor den Kopf geschlagen. Sein teures Kind sollte leiden? Auch Angelikas Herz blutete. Seine Augen standen voller Tränen, denn er fühlte sich ihrer Liebe verwandt, als Genossen jener trunkenen Fieberglut, die sich ihrer beim geringsten Anlasse bemächtigte. 0 mein armes, geliebtes Kind! Warum hast du mich nicht um Rat gefragt? Ich wäre mit dir gegangen und hätte vielleicht Hochwürden umgestimmt. Hubertine legte ihm durch einen Blick Schweigen auf. Er gebärdete sich in der Tat ganz unvernünftig. Kam die Gelegenheit nicht wie gerufen, um diese unmögliche Heirat ganz einzusargen? Sie schloß das junge Mädchen in die Arme und küßte es zärtlich auf die Stirn. Es ist also doch alles zu Ende, mein Liebling? Angelika schien zuerst nicht zu verstehen. Dann flossen ihr die Worte wie aus weiter Ferne zu. Sie starrte vor sich hin, als wolle sie die Leere befragen und antwortete: Zweifellos, Mutter. Am nächsten Tage saß sie wieder an ihrem Rahmen und stickte, als sei nichts vorgefallen. Sie nahm ihr Leben von ehedem wieder auf und schien nicht zu leiden; es fiel auch keine einzige Anspielung, kein Blick schweifte zum Fenster hinaus, kaum ein letzter Schimmer von bleicher Farbe war sichtbar. Das Opfer schien vollbracht. Hubert selbst glaubte es. Er pflichtete der Weisheit Hubertinens bei und bemühte sich, Felix von Angelika fernzuhalten, der sich seinem Vater nicht zu widersetzen wagte, aber nachgerade in so große Aufregung geriet, daß er sein Versprechen zu warten, ohne einen Versuch zu einem erneuten Zusammentreffen mit Angelika unternehmen zu wollen, kaum noch zu halten vermochte. Er schrieb ihr, aber seine Briefe wurden aufgefangen. Eines Morgens fand er sich in Person ein, wurde jedoch von Hubert empfangen. Die Auseinandersetzung war trostlos für den einen wie für den anderen. Der junge Mann schien furchtbar zu leiden, als ihm der Sticker von der lautlosen Genesung seiner Tochter erzählte und ihn bat, rechtschaffen zu sein, davonzugehen und sie nicht wieder in die furchtbare Aufregung der letzten Woche hineinzuschleudern. Felix gelobte von neuem, sich zu gedulden, aber er weigerte sich hartnäckig, Angelika sein Wort zurückzugeben; denn er hoffte immer noch, seinen Vater umstimmen zu können. Er wollte warten und sein Verhältnis zu den Voincourt in der Schwebe lassen, bei denen er zweimal in der Woche speiste, lediglich um es nicht zu einem offenen Bruche kommen zu lassen. Als er fortging, bat er Hubert noch, Angelika auseinanderzusetzen, warum er den Schmerz ertrage, sie nicht wiederzusehen: er denke nur an sie, und alle seine Maßnahmen hätten keinen anderen Zweck als den, sie sich zu erobern. Als Hubert seiner Frau von dieser Unterredung Kenntnis gab, wurde sie nachdenklich. Wirst du dem Kinde seinen Auftrag ausrichten? forschte sie nach einigem Schweigen. Ich möchte es wohl. Sie sah ihn scharf an und sagte: Handle ganz nach deinem Gewissen ... Nur eines bedenke: er lebt ganz seiner Einbildung; schließlich wird er sich doch dem Willen seines Vaters unterwerfen, und unser armes Kind wird sterben. Hubert sah es ein; voller Bangigkeit zögerte er und verzichtete endlich gänzlich auf eine Wiederholung von Felix' Äußerungen. Übrigens beruhigte er sich von Tag zu Tag mehr, weil seine Frau ihn auf die ruhige Haltung Angelikas aufmerksam machte. Du siehst, die Wunde schließt sich ... Sie vergißt. Angelika vergaß aber nicht, sie wartete eben. Jede menschliche Hoffnung allerdings war für sie tot, und so kehrten ihre Gedanken zu der Offenbarung eines Wunders zurück. Wenn Gott sie glücklich sehen wollte, würde sich ganz sicher eines zeigen. Sie befahl sich ganz in seine Hände und glaubte sich durch diese neue Prüfung dafür bestraft, daß sie seinen Willen durch die Belästigung Hochwürdens zu durchkreuzen versucht hatte. Ohne seine Gnade war jedes Geschöpf schwach und nicht teilhaft des Sieges. Ihr Durst nach Gnade machte sie demütig; nur von dem Unsichtbaren erhoffte sie noch Hilfe. Sie selbst unternahm nichts, sondern ließ die sie umschwebenden, geheimnisvollen Kräfte für sie tätig sein. Sie las allabendlich beim Scheine der Lampe von neuem in dem alten Bande der Goldenen Legende und schöpfte daraus neues Entzücken wie in der Einfalt ihrer Kindheit. Sie zweifelte nicht im geringsten an den Wundern und war überzeugt, daß die grenzenlose Macht des Unbekannten reinen Seelen zum Siege verhilft. Es kam dazu, daß gerade jetzt der Tapezierer der Kirche zu den Hubert gekommen war und ihnen eine Bestellung auf eine reiche Stickerei für den Bischofsstuhl Hochwürdens überbracht hatte. Diese anderthalb Meter breite und drei Meter hohe Stickerei sollte in das Schnitzwerk der Rücklehne eingelassen werden. Sie stellte zwei Engel in Lebensgröße dar, die über das Wappen der Hautecoeur eine Krone hielten. Die Stickerei mußte flach erhaben ausgeführt werden, eine Arbeit, die große Kunstfertigkeit und einen bedeutenden Aufwand von körperlicher Kraft verlangt. Die Hubert hatten zuerst die Bestellung von der Hand weisen wollen, weil sie Angelika zu ermüden und namentlich zu betrüben fürchteten; wenn sie durch Wochen dieses Wappen Faden für Faden stickte, mußten ihre Erinnerungen wieder wach werden. Aber Angelika hatte es geärgert, daß man die Bestellung ablehnen wollte; an jedem Morgen machte sie sich mit außerordentlicher Willenskraft an die Arbeit. Es schien, als fühle sie sich glücklich, sich müde machen zu können, als sei es ihr ein Bedürfnis, ihren Körper zu martern, um endlich Ruhe zu finden. Das ruhige, regelmäßige Leben in der alten Arbeitsstube nahm seinen Fortgang, als hätten die Herzen keinen einzigen Augenblick schneller geschlagen. Während sich Hubert mit den Rahmen beschäftigte, durchpauste und ein- und ausspannte, half Hubertine Angelika. Beide fühlten kaum noch ihre Finger, wenn der Abend kam. Die Engel sowohl wie die Verzierungen hatte man in verschiedene Teile zerlegen müssen, die besonders fertiggestellt wurden. Angelika zog, um die Buckel hervorzubringen, mit einer Spindel dicke ungebleichte Fäden über den Stoff und überspannte sie in entgegengesetzter Richtung mit englischem Garn; je nach dem modellierte sie diese Fäden mit dem Mennelurd oder dem Bossierholz, durchfurchte damit die Gewänder der Engel und hob die Einzelheiten der Verzierungen hervor. Es war eine wahre Bildhauerarbeit. Sobald man die Form heraus hatte, überspannten Hubertine und sie diese mit Goldfäden, die mit kleinen Stichen festgenäht wurden. Die goldene Flacharbeit erschien von einer unvergleichlichen Milde und Schönheit, wie eine Sonne erstrahlte sie inmitten des eingeräucherten Raumes. Die alten Werkzeuge, die Ausschneideeisen, die Pfriemen, die Klöpfel und Hämmer standen noch in ihrer hundertjährigen Ordnung in Reih' und Glied da; auf den Rahmen hüpften die Abfallschachtel, das Wachs, die Fingerhüte und Nadeln umher; in den Ecken verrosteten das Handrad und die Haspel, sie schienen in dem durch die Fenster dringenden tiefen Frieden wie betäubt dahinzuschlummern. Die Tage verflossen. Angelika zerbrach vom Morgen bis zum Abend fleißig ihre Nadeln, denn es war nicht leicht, das Gold auf den dicken, gewachsten Fäden festzunähen. Man hätte glauben können, ihr Körper wie ihr Geist würde durch die harte Arbeit so mitgenommen, daß sie kaum noch zu denken fähig sei. Um neun Uhr schon fiel sie auch um vor Müdigkeit, legte sieh nieder und schlief einen bleiernen Schlaf. Trotzdem war sie erstaunt, wenn die Arbeit ihrem Kopfe eine Minute Ruhe gönnte, Felix nicht zu sehen. Wenn sie auch nichts unternahm, um ihm zu begegnen, setzte sie doch von ihm voraus, daß er alle Schwierigkeiten überwinden werde, um in ihre Nähe dringen zu können. Dennoch pflichtete sie seinem weisen Benehmen bei; sie würde ihm böse gewesen sein, hätte sie ihn die Dinge überstürzen sehen. Sie lebte jetzt noch einzig und allein der Hoffnung; an jedem Abend hoffte sie auf den nächsten Tag. Bis jetzt gärte es in ihr noch nicht. Aber öfter erhob sie den Kopf: wie, noch immer nichts? Kräftig stach sie dann die Nadeln durch, die ihre kleinen Hände blutig rissen. Oft mußte sie die Nadel mit der Zange herausziehen. Selbst wenn die Nadel mit dem Klange berstenden Glases zerbrach, zeigte sie kein Zeichen von Ungeduld. Hubertine beunruhigte Angelikas zäher Eifer für die Arbeit; da gerade die Zeit der großen Wäsche nahe war, nötigte sie die Tochter mit Gewalt, die Stickerei ruhen zu lassen und sich vier Tage in frischer Luft und warmer Sonne herumzutummeln. Mutter Gabet hatte augenblicklich Ruhe von ihren Schmerzen und konnte bei der Wäsche und beim Spülen helfen. Die Wäsche auf dem Marienfelde wurde zum Fest, denn das Ende des August brachte himmlisches Wetter, einen glühenden Himmel und erquickenden Schatten; dabei entströmte der Chevrotte eine entzückende Kühle, weil der Schatten der Weiden das lebhafte Gewässer fast gefrieren ließ. Angelika verbrachte den ersten Tag recht heiter; sie klopfte und tauchte das Leinen und freute sich des Baches, der Ulmen, der in Trümmern liegenden Mühle, kurz aller ihr befreundeten, an Erinnerung reichen Dinge. Hatte sie nicht dort zuerst Felix im rätselhaften Schimmer des Mondes gesehen, dann so reizend linkisch kennen gelernt an jenem Morgen, als er das fortgeschwemmte Hemd gerettet hatte? Nach jedem Stück, das sie ausrang, konnte sie sich einen Blick auf das einst vernagelte Gitter des bischöflichen Gartens nicht versagen: hatte sie es doch eines Abends an seinem Arm durchschritten! Vielleicht öffnete er es auch jetzt unvermutet, um sie zu holen und vor die Knie seines Vaters zu führen. Diese Hoffnung belebte sie bei ihrer groben Verrichtung, während der Schaum sie umflog. Als am nächsten Tage die Mutter Gabet die letzte Karre Wäsche herbeibrachte, die sie mit Angelika ausbreiten sollte, unterbrach sie ihr endloses Geschwätz, um ganz ohne böse Absicht zu fragen: Da fällt mir ein... wissen sie schon, Fräulein, daß Hochwürden seinen Sohn verheiratet? Das junge Mädchen, das gerade ein Tuch ausbreitete, sank mit den Knien in das Gras, das Herz hörte bei diesem Falle zu pochen auf. Ja, die ganze Welt spricht davon ... Der Sohn Hochwürdens wird im Herbste Fräulein Voincourt heiraten... Vorgestern soll alles in Ordnung gebracht worden sein. Angelika blieb auf den Knien liegen, eine Flut von wirren Gedanken schoß ihr durch den Kopf. Die Neuigkeit überraschte sie keineswegs, sie fühlte, daß sie wahr sei. Ihre Mutter hatte sie darauf vorbereitet, sie hätte darauf gefaßt sein müssen. Aber im ersten Augenblick schwächte der Gedanke ihre Beine, daß Felix in der Furcht vor seinem Vater an einem Abend der Schwachheit sich entschließen könne, die andere zu heiraten, ohne sie zu lieben. Dann würde er für sie, die ihn anbetete, verloren sein. Sie hatte nie an die Möglichkeit einer solchen Schwäche gedacht, sie sah ihn, gebeugt unter der Pflicht, im Namen des Gehorsams sie beide in das Unglück stürzen. Sie atmete nicht, doch ihre Augen richteten sich auf das Gitter, es wallte in ihr auf, es drängte sie, an den Stäben zu rütteln, die Angeln aufzureißen, zu ihm zu eilen und ihm mutig zur Seite zu stehen, damit er nicht weiche. Sie war überrascht, sich rein instinktiv, um ihre Verwirrung zu verbergen, antworten zu hören: Richtig, er heiratet ja Fräulein Klara... Sie ist sehr schön, man hält sie auch für gut... Sobald die alte Frau fort war, wollte sie zu ihm eilen; das stand bei ihr fest. Sie hatte genug gewartet, sie wollte ihren Schwur, ihn nicht wiederzusehen, wie ein ungelegenes Hemmnis aus dem Wege räumen. Mit welchem Recht trennte man sie so? Alles um sie her, die Kathedrale, das fließende Gewässer, die alten Ulmen, unter denen sie sich geliebt, erzählten ihr von ihrer Liebe. Dort, wo ihre Leidenschaft sich entwickelt hatte, dort wollte sie ihn sich zurückerobern, um an seinem Halse so weit, so weit zu fliehen, daß niemand sie wiederfinde. Fertig, sagte Mutter Gabet, die soeben die letzten Handtücher an einem Busche aufgehängt hatte, in zwei Stunden ist alles trocken ... Guten Abend, Fräulein, Sie brauchen mich jetzt nicht mehr. Inmitten dieses im grünen Grase schimmernden Blütenfeldes von Wäsche dachte Angelika an jenen Tag, als beim Brausen des Windes unter dem Flattern des Leinens ihre Herzen sich so ehrlich gefunden hatten. Warum hatte er seine Besuche eingestellt? Hätte sie ihn jetzt in ihren Armen, dann würde sie gewußt haben, daß er nur ihr allein gehören konnte. Sie wollte ihm nicht einmal seine Schwäche vorhalten, es genügte schon, daß sie sich zeigte, um in ihm wieder den Wunsch nach Begründung ihres Glückes zu wecken. Er würde alles wagen, wenn sie nur einen Augenblick bei ihm sein könnte. Eine Stunde verstrich, Angelika wandelte mit langsamen Schritten zwischen der Wäsche umher. Der blendende Widerschein der Sonne ließ sie selbst ganz weiß erscheinen. Eine wirre Stimme erhob sich in ihrem Innern, wurde stärker und hinderte sie, sich dem Gitter zu nähern. Sie erschreckte der beginnende Kampf. Warum nur? Sie tat doch nur ihre Pflicht? Es war bereits etwas anderes dazwischengekommen, was sie stutzig machte und die schöne Kindlichkeit ihrer Leidenschaft beeinträchtigte. Nichts ist einfacher, als daß man zu dem Liebenden eilt. Aber sie wagte es nicht mehr, weil die Qual des Zweifels sie zurückhielt: sie hatte geschworen, daher war ihre Absicht vielleicht eine Schlechtigkeit. Als am Abend die Wäsche trocken und Hubertine zu ihrer Hilfe herbeigekommen war, hatte sie noch keinen festen Entschluß gefaßt. Sie nahm sich vor, während der Nacht zu überlegen. Die Arme mit den wohlriechenden, schneeigen Leinen beladen, warf sie noch einen Blick voller Unruhe auf das Marienfeld; sie fürchtete in diesem Winkel befreundeter Natur einen Mitwisser ihrer Gedanken. Am nächsten Morgen erwachte Angelika voller Unruhe. Weitere Nächte verflossen, sie kam zu keinem Entschluß. Ihre Ruhe konnte sie nur in der Gewißheit wiederfinden, noch geliebt zu werden. Dieser Glaube war unerschütterlich; sie fand in ihm eine himmlische Ruhe. Wurde sie geliebt, so konnte sie warten und alles ertragen. Sie war wieder in einen ihrer Barmherzigkeitsanfälle geraten; das geringste Leiden ging ihr zu Herzen und füllte ihre Augen mit Tränen bis zum Überfluten. Vater Mascart ließ sich Tabak schenken, die Chouteau zogen aus ihr alles, selbst Näschereien heraus. Die Lemballeuse verstanden die Almosengeberin am besten zu nehmen; man sah Toni an Festtagen in einem Kleide des guten Fräuleins tanzen. Als Angelika eines Tages der alten Lemballeuse die am Abend vorher versprochenen Hemden brachte, bemerkte sie Frau Voincourt und deren Tochter Klara in der Begleitung von Felix bei den Bettlern. Letzterer hatte jene unzweifelhaft dahin geführt. Sie ließ sich nicht sehen und kehrte mit eiskaltem Herzen heim. Zwei Tage später sah sie die drei wieder, gerade als sie die Chouteau verließen. Zum Überfluß erzählte ihr auch eines Morgens der Vater Mascart, daß der schöne junge Mann ihn mit zwei Damen besucht habe. Da ließ sie ihre Armen gänzlich fahren, denn sie gehörten ja nicht mehr ihr. Felix hatte sie ihr fortgenommen, um sie seinen Damen zuzuführen. Sie ging kaum aus dem Hause aus Furcht, jenen abermals zu begegnen und ihre Herzenswunde neu aufbrechen zu sehen, deren Schmerz immer tiefer drang. Sie fühlte, daß etwas in ihr erstarb, daß ihr Leben Tropfen um Tropfen versiegte. Er liebt mich nicht mehr! Es war eines Abends nach jenen Begegnungen, als ihr in der Einsamkeit ihres Zimmers, während sie vor Angst fast erstickte, dieser Aufschrei entschlüpfte. Sie sah Klara von Voincourt vor sich, groß und schön, mit ihrer Krone schwarzer Haare und ihn an der Seite schlank und stolz. Waren sie nicht wie füreinander geschaffen, von demselben Geschlecht und so zueinander passend, daß man sie für schon verheiratet halten konnte? Er liebt mich nicht mehr, er liebt mich nicht mehr! Dieser Schrei entrang sich ihr, als stürze etwas in ihr krachend in Trümmer. Ihr Glaube war erschüttert, jetzt brach alles zusammen; sie fand nicht mehr die Ruhe zur kalten Überlegung und Prüfung der Tatsachen wieder. Was sie noch am vergangenen Abend geglaubt, glaubte sie jetzt nicht mehr: ein Hauch, von dem sie nicht wußte, woher er gekommen, hatte das bewirkt. Mit einem Schlage war sie in das tiefste Elend geschleudert, das entsteht, wenn man sich nicht mehr geliebt glaubt. Er hatte ihr ja einstmals gesagt: nicht geliebt zu sein – es gibt keinen größeren Schmerz, keine abscheulichere Qual. Bis jetzt hatte sie ihre Fassung bewahren können, denn sie hatte sich stark in Erwartung des Wunders gefühlt. Aber ihre Stärke schwand mit dem Glauben und schmolz zu kindlicher Verzweiflung zusammen. Der schmerzensreiche Kampf begann. Zunächst nahm sie zu ihrem Hochmut Zuflucht: wenn er sie nicht mehr liebte, umso besser! Sie wäre viel zu stolz, um ihn noch zu lieben. So log sie sich selbst etwas vor, redete sich ein, verraten zu sein, heuchelte Sorglosigkeit, während sie jetzt an dem Wappen der Hautecoeur stickte. Aber ihr Herz schwoll zum Ersticken, sie schämte sich einzugestehen, daß sie so feige war, ihn noch zu lieben. Eine ganze Woche hindurch bereitete ihr das Wappen, das Faden auf Faden unter ihren Fingern entstand, fürchterlichen Kummer. Es war ein Elend, die Hand zittern zu fühlen, den Kopf senken zu müssen, um die tränenvollen Augen zu verstecken, welche das Funkeln des Wappens blendete! Sie dachte nur an ihn, betete ihn an im Glanze seines sagenhaften Adels. Als sie den Wahlspruch »Wenn Gott will, will ich« in schwarzer Seide auf silbernem Bande stickte, erkannte sie, wie sehr sie seine Sklavin sei, und daß sie sich nimmermehr eines andern besinnen werde: ihre Augen hinderten sie am Sehen, und nur gewohnheitsmäßig fuhr sie fort, die Nadel durchzustechen. Es war einen Augenblick zum Erbarmen, Angelika verzweiflungsvoll lieben zu sehen, wie sie mit ihrer hoffnungslosen Liebe kämpfte, die sie trotzdem nicht töten konnte. Noch immer wollte sie zu Felix eilen und sich ihm an den Hals werfen, um ihn sich zurückzuerobern. Der Kampf begann immer von neuem. Oft glaubte sie gesiegt zu haben, weil in ihrem Innern ein großes Schweigen entstand; sie kam sich selbst wie eine Fremde vor, wie sie kühl und schmächtig als gehorsame Tochter in der Demut der Entsagung niederkniete: das war nicht mehr sie selbst, sondern ein wohlerzogenes Mädchen, wie es gemeinhin der Alltagsglaube und die Erziehung zuwege bringen. Dann wieder betäubte sie fast ein aufsteigender Blutstrom; ihre blühende Gesundheit, ihre lebensfreudige Jugend eilten mit verhängten Zügeln davon; sie war wieder sie selbst mit ihrem Hochmut und ihrer Leidenschaft und vollständig dem heftigen Drange ihrer unbekannten Abstammung unterworfen. Hatte sie nötig, gehorsam zu sein? Es lag gar keine Verpflichtung vor, der Wille war frei. Sie erwog bereits ihre Flucht und rechnete sieh genau aus, welche Stunde zum Aufschließen des Gitters am bischöflichen Garten die günstigste sei. Aber ebenso schnell kehrten auch ihre Angst, ein dumpfes Ungemach, die Qualen des Zweifels wieder. Schreckliche Stunden verstrichen in dieser Ungewißheit. Der Wirbelwind dieses Unwetters trieb sie unaufhörlich von der Empörung ihrer Liebe zum Schrecken vor dem Fehltritt. Aus jedem neuen Siege ihres Herzens ging sie geschwächter hervor. Als sie eines Abends schon im Begriff stand, das Haus zu verlassen, um Felix aufzusuchen, dachte sie in ihrer Verzweiflung über den Mangel an Kraft zum Widerstande gegen ihre Leidenschaft plötzlich an ihr Armenpflegebuch. Sie nahm es aus der Truhe und durchblätterte es. Bei jeder Seite rief sie sich von neuem die Niedrigkeit ihrer Abstammung vor Augen, sie fühlte geradezu einen brennenden Durst nach Demütigung. Ihre Eltern waren unbekannt, kein Name fand sich vor, nur ein Datum und eine Nummer, so verlassen wie die wild wachsende Pflanze, die am Rande der Straße sproßt, war sie in das Leben getreten! Erinnerungen stiegen in Scharen vor ihr auf; sie sah die fetten Weiden der Nièvre wieder, die Tiere, die sie dort gehütet, die ebene Landstraße von Soulanges, auf der sie nackten Fußes entlang gewandelt und Mama Nini, die sie ohrfeigte, wenn sie Äpfel gestohlen hatte. Ganz besonders aber riefen die Seiten ihre Erinnerungen wach, auf denen alle drei Monate die Besuche des Unteraufsehers und des Arztes vermerkt waren; mehrfach fanden sich Bemerkungen und Auskünfte neben den Unterschriften: hier las man, daß sie beinahe an einer Krankheit gestorben, dort eine Forderung ihrer Nährmutter wegen verbrannter Schuhe und tadelnde Bemerkungen wegen ihres unbezähmbaren Charakters. Das Heft war ein Tagebuch des Elends. Ein Umstand aber rührte sie vollends zu Tränen; es war die Verhandlung, laut der das Halsband gelöst worden war, das sie bis zu ihrem sechsten Lebensjahre getragen hatte. Sie erinnerte sich, daß sie dieses Halsband aus knöchernen Oliven, die auf eine seidene Schnur gereiht waren und von einem silbernen Medaillon mit dem Datum ihres Eintrittes und ihrer Nummer zusammengehalten wurden, instinktiv gehaßt hatte. Sie ahnte, daß es eine Sklavenkette war, und hätte sie gern mit ihren kleinen Händen ohne Furcht vor den Folgen gesprengt. Als sie älter wurde, fürchtete sie, das Halsband könne sie erwürgen. Welche Freude, als der Unteraufseher in Gegenwart des Gemeindevorstehers die Schnur löste und das Zeichen der Individualität durch eine förmliche Personbeschreibung ersetzte, in der bereits von ihren blauen Augen und ihren feinen, goldenen Haaren die Rede war! Trotzdem spürte sie das Halsband, das man wohl Haustieren umlegt, um sie wiederzuerkennen, noch immer an ihrem Halse: der Druck war ihrem Fleische geblieben, sie glaubte zu ersticken. Als sie an jenem Abend bei jener Seite angelangt war, fühlte sie voller Schrecken die ganze Niedrigkeit ihrer Herkunft und stieg schluchzend in ihr Zimmer hinauf, sie glaubte sich seiner Liebe unwürdig. Noch bei zwei anderen Gelegenheiten rettete sie das Buch. Dann aber hatte auch dieses keine Gewalt mehr über ihre Aufwallungen. Jetzt wurde sie von den Anfällen der Versuchung namentlich in der Nacht gepeinigt. Ehe sie zu Bett ging, zwang sie sich zum Lesen der Heiligengeschichte, um einen ruhigen Schlaf zu finden. Aber trotz aller Anstrengungen, den Kopf in den Händen vergraben, verstand sie nicht mehr, was sie las: die Wunder betäubten sie, nur eine farblose Flucht wesenloser Gestalten zog an ihrem Geiste vorüber. Nach einer bleischweren Ohnmacht weckte sie mitten in der finstern Nacht ein plötzliches Angstgefühl in ihrem großen Bette. Sie wandte sich fassungslos um oder kniete zwischen den umgewühlten Bettkissen nieder; ihre Schläfen waren in Schweiß gebadet, ein kalter Schauer überlief sie; sie faltete dann wohl die Hände und stammelte: »Mein Gott, warum hast du mich verlassen?« Daß sie sieh in solcher Stunde allein im Dunkeln befand, brachte sie zur Verzweiflung. Sie hatte von Felix geträumt, sie bangte davor, sich anzukleiden und zu ihm zu eilen, da niemand zugegen war, der sie daran gehindert hätte. Die Gnade verließ sie, Gott war nicht mehr an ihrer Seite. Verzweifelt rief sie das Unbekannte herbei und lieh den Tönen des Unsichtbaren ihr Ohr. Aber die Luft war leer, keine säuselnden Stimmen, kein geheimnisvolles Rauschen waren mehr vernehmbar. Alles schien erstorben: das Marienfeld mit der Chevrotte, die Weiden, die Ulmen im bischöflichen Garten, selbst die Kathedrale. Keiner der Träume, mit denen sie alles umsponnen hatte, war geblieben, selbst die weiße Wolke der heiligen Jungfrauen war zerflossen, geblieben war nur von alledem das Grab. Machtlos, und entwaffnet wand sie sich in Krämpfen wie eine Christin der ursprünglichen Kirche, welche die Erbsünde zu Boden drückte, sobald ihr das Übernatürliche nicht mehr beistand. In dem Todesschweigen ihres Zufluchtswinkels hörte sie die Erbsünde auferstehen und heulend über ihre Erziehung triumphieren. Wenn innerhalb zwei Minuten ihr von unbekannten Gewalten kein Helfer erschien, wenn die Dinge um sie her nicht zu neuem Leben erwachten und sie unterstützten, mußte sie ganz gewiß unterliegen und in ihr Verderben gehen. »Mein Gott, mein Gott, warum hast du mich verlassen?« Sie lag auf den Knien in ihrem Bette, so klein, so zart und fühlte den Tod nahen. Bisher hatte sie jedesmal in der letzten Minute der Verzweiflung noch immer eine Kühle erquickt. Es war die Gnade, die mitleidsvoll bei ihr Einzug hielt und ihr ihren Wahn wiedergab. Sie sprang mit nackten Füßen auf die Diele ihres Zimmers und lief geschwind zum großen Fenster. Dort hörte sie von neuem die Stimmen, die unsichtbaren Flügel streiften ihre Haare. Das Volk der Legende trat aus den Bäumen und Steinen und umgab sie in Scharen. Ihre Reinheit, ihre Güte, alles was von ihr in jenen Dingen lebte, kam wieder zum Vorschein und rettete sie. Dann verspürte sie keine Furcht mehr, sie fühlte sich geborgen, Agnes war wieder bei ihr, und die anderen Jungfrauen schwebten milden Antlitzes in den erschauernden Lüften umher. Von fern her kam ihr diese Ermutigung, ein langanhaltendes Gemurmel des Sieges mischte sich in den nächtlichen Wind. Eine Stunde hindurch atmete sie diese beruhigende Milde ein; zu Tode betrübt war sie entschlossen, lieber zu sterben als ihrem Schwur untreu zu werden. Endlich legte sie sich gebrochen nieder, sie schlief ein mit der Furcht vor dem Anfall des folgenden Tages und von dem Gedanken gequält, daß sie schließlich doch unterliegen müsse, wenn ihre Schwäche mit jedem Anfalle zunehme. Seit Angelika sich nicht mehr von Felix geliebt glaubte, brachte in der Tat eine große Mattigkeit ihre Kräfte zum Sinken. Sie fühlte die Wunde in der Brust, die sie mit jeder Stunde stumm und ohne Klage dem Tode näherbrachte. Zuerst hatte sich die Krankheit durch Müdigkeit offenbart, dann ergriff sie Atemnot, sie mußte die Nadel fallen lassen und eine Minute mit erloschenen Augensternen ins Leere starren. Sie hörte auf zu essen und nahm kaum einige Schluck Milch zu sich. Sie versteckte ihr Brot und warf es den Hühnern in der Nachbarschaft vor, um ihre Eltern nicht zu beunruhigen. Ein herbeigerufener Arzt hatte nichts gefunden, er legte die Schuld an dem Übel ihrem allzu klösterlichen Leben bei und empfahl Bewegung. Ihr ganzes Wesen, drückte eine unbezwingbare Ohnmacht nieder, es war ein langsames Hinschwinden. Ihr Körper schwankte wie von zwei großen Flügeln getragen, von ihrem Antlitz ging ein Licht aus, in dem sich ihre Seele verzehrte. Es kam so weit, daß sie sich mit beiden Händen an den Wänden des Treppenflurs halten mußte, wenn sie ihr Zimmer verlassen wollte. Aber sie nahm sich zusammen und tat mutig, wenn sie sich beobachtet fühlte, sie wollte sogar die schwierige Stickerei für den Bischofsstuhl Hochwürdens vollenden. Ihre schmalen Hände aber hatten nicht mehr die Kraft hierzu, und wenn eine Nadel abbrach, konnte sie sie selbst nicht mehr mit der Zange herausziehen. Eines Morgens mußten Hubert und Hubertine notwendigerweise ausgehen und ließen Angelika allein bei ihrer Arbeit. Als der Sticker heimkehrte, fand er sie ohnmächtig auf der Diele vor dem Rahmen liegen, sie war vom Stuhle zu Boden geglitten. Sie war der Arbeit nicht mehr gewachsen, einer der großen goldenen Engel blieb unvollendet. Erschreckt nahm Hubert sie in seine Arme und mühte sich, sie aufzurichten. Aber sie fiel zurück und erwachte nicht aus ihrer Ohnmacht. Mein Kind, mein Kind ... Antworte mir um Himmels willen ... Endlich schlug sie die Augen auf und starrte ihn mit trostlosen Blicken an. Warum rief er sie zum Leben zurück? Sie fühlte sich im Tode so glücklich! Was ist dir, Herzblättchen, du hast uns getäuscht, du liebst ihn noch immer? Sie antwortete nicht, sie sah ihn nur an mit dem Ausdrucke unendlicher Traurigkeit. Mit der Kraft der Verzweiflung hob Hubert sie auf und trug sie auf ihr Zimmer. Als er sie so schwach und bleich auf ihr Bett gelegt hatte, weinte er ob des grausamen Amtes, das er auf sich genommen hatte, sie fern zu halten von dem, den sie liebte. Ich würde ihn dir ja gern gegeben haben! Warum hast du mir nichts gesagt? Aber sie sprach nicht, ihre Augenlider schlossen sich, sie schien einzuschlummern. Er war vor ihr stehen geblieben, seine Augen ruhten auf dem schmalen Liliengesicht, sein Herz blutete vor Mitleid. Als sie sanft atmete, stieg er hinunter, er hörte seine Frau kommen. Unten in der Arbeitsstube kam es zu einer Erklärung. Hubertine legte gerade ihren Hut ab. Er erzählte ihr unverzüglich, daß er das Kind vom Boden aufgenommen habe, und daß es auf dem Bette in einem todesähnlichen Schlummer liege. Wir haben uns getäuscht. Sie denkt noch immer an den jungen Menschen und wird daran sterben ... Wenn du wüßtest, wie mich das getroffen hat, und wie sehr mich Gewissensbisse quälen, seit ich begriffen und sie in so bejammernswertem Zustande nach oben getragen habe! Wir tragen die Schuld, wir haben sie durch Lügen getrennt ... Du ließest sie ruhig leiden und sagtest nichts, um sie zu retten? Hubertine schwieg wie Angelika und sah ihn bleich vor Kummer in ihrer verständig klugen Weise an. Er, der Leidenschaftliche, den dieses Liebesleid ganz und gar aus seiner gewöhnlichen Unterwürfigkeit riß, beruhigte sich nicht und wirtschaftete mit seinen Händen fieberhaft umher. Gut, ich werde sprechen und ihr sagen, daß Felix sie liebt, und daß wir es gewesen sind, die sein Kommen hintertrieben, daß wir auch ihn getäuscht ... Jede ihrer Tränen brennt mir jetzt auf dem Herzen. Ich komme mir wie ein Mitschuldiger an einem Morde vor. Ich will sie glücklich sehen, gleichviel durch welche Mittel ... Er hatte sich seiner Frau genähert, sein empörtes Zartgefühl schrie laut auf, noch mehr aber machte ihn das traurige Schweigen irre, das jene bewahrte. Wenn sie sich lieben, so sind sie ihre eigenen Herren ... Es gibt eben nichts Höheres, als wenn man liebt und geliebt wird ... Ja, das Glück hat seine Berechtigung, gleichviel wie ... Endlich sprach Hubertine in ihrer langsamen Art; unbeweglich stand sie vor ihm. Damit er sie uns nimmt, nicht wahr, gegen unseren und seines Vaters Willen? ... Das rätst du ihnen, du glaubst, daß sie dann glücklich sein werden, daß die Liebe genügen wird ... Ohne Übergang fuhr sie mit derselben herzzerreißenden Stimme fort: Als ich auf dem Rückwege am Kirchhofe vorüberging, ließ mich ein Gefühl der Hoffnung dort eintreten ... Ich bin wieder einmal niedergekniet an jenem Platze, den unsere Knie bereits abgenutzt haben, und habe lange gebetet ... Hubert war erbleicht, eine starke Abkühlung verjagte sein Fieber. Ja, er kannte dieses Grab der hartnäckigen Mutter. Früher waren sie dorthin gegangen, hatten dort geweint, sich gemeinsam gedemütigt und sich des Ungehorsams beschuldigt, damit die Tote aus dem Grunde ihrer Gruft ihnen verzeihe. Stundenlang hatten sie dort geweilt in der Gewißheit, daß sie diese Vergebung innerlich fühlen würden, wenn sie jemals überhaupt ihnen zuteil werden sollte. Was sie verlangten, was sie erwarteten, war ein zweites Kind, ein Kind der Verzeihung, das einzige Zeichen, an dem sie die Vergebung erkannt haben würden. Aber es war nichts eingetreten, die kalte, taube Mutter ließ unerbittlich die Strafe und den Tod des ersten Kindes auf ihnen ruhen, das sie genommen, und dessen Rückgabe sie verweigerte. Ich habe lange gebetet, wiederholte Hubertine, und gehorcht, ob sich nichts bewege ... Huberts Blick ruhte mit banger Frage auf ihr. Nichts, nichts stieg aus der Erde auf, nichts erbebte in mir. Vorbei, es ist zu spät, wir haben unser Unglück gewollt. Du beschuldigst mich? fragte er zitternd. Ja, du bist der Schuldige, auch ich beging einen Fehltritt, indem ich dir folgte ... Wir waren ungehorsam, unser ganzes Leben hat dafür büßen müssen. Du bist also nicht glücklich? Nein, ich bin nicht glücklich ... Eine kinderlose Frau ist nicht glücklich ... Lieben allein ist nichts wert, die Liebe muß auch gesegnet sein. Er war kraftlos auf einen Stuhl gesunken, dicke Tränen standen ihm in den Augen. Noch nie hatte sie ihm die offene Wunde ihres Daseins so vorgehalten; und sie, die sich sonst beeilt hatte, ihn zu trösten, wenn sie ihm mit einem unwilligen Tadel zu nahe getreten war, sie stand diesmal regungslos vor ihm und tat keinen Schritt ihm entgegen. Er weinte und rief inmitten seiner Tränen: Auch das teure Kind dort oben verdammst du ... Du willst nicht, daß er sie heirate, wie ich dich geheiratet habe, daß sie leide, wie du gelitten hast ... Sie antwortete mit einem bloßen Nicken ihres Kopfes, aber darin drückte sich die ganze Willenskraft und Schlichtheit ihres Herzens aus. Aber du sagtest doch selbst, daß das liebe Mädchen dann sterben werde ... Wünschest du seinen Tod? Ja, eher den Tod als ein elendes Dasein. Hubert hatte sich erhoben und flüchtete zusammenschauernd in ihre Arme. Beide schluchzten. Lange hielten sie sich eng umschlungen. Er war überzeugt, und sie mußte sich jetzt auf seine Schulter stützen, um ihren Mut zu sammeln. Sie gingen aus der Umarmung mit Verzweiflung im Herzen, aber entschlossen hervor. Wenn Gott es wollte, dann wollten sie sich in den Tod des Kindes fügen. Angelika konnte von diesem Tage an ihr Zimmer nicht mehr verlassen. Ihre Schwäche wurde so groß, daß sie nicht mehr in die Arbeitsstube hinuntersteigen konnte; versuchte sie es, dann drehte sich ihr der Kopf, und ihre Beine trugen sie nicht. In den ersten Tagen konnte sie noch bis zum Balkon gehen, wenn sie sich an den Möbeln festhielt; später mußte sie sich mit einem Gange vom Bett bis zum Sessel begnügen. Das war schon ein weiter Weg, und sie getraute sich nur zweimal am Tage, am Morgen und am Abend ihn zu machen, wobei ihr bereits der Atem ausging. Trotzdem arbeitete sie noch immer. Die erhabene Stickereiarbeit allerdings hatte sie aufgegeben, da sie sie zu sehr mitnahm, dagegen stickte sie Blumen mit schattierter Seide. Sie arbeitete sie nach der Natur, nach einem Strauß geruchloser Blumen, die sie nicht aufregten, Hortensien und Malven. Die Blumen standen in einer Vase; oft ließ sie minutenlang die Arbeit ruhen, denn die Seide, so leicht sie war, wog schwer in ihren Fingern. In zwei Tagen brachte sie nur eine Rose zustande, die auf dem Atlas in frischer Blüte schimmerte. Das Sticken war ihr Leben, bis zum letzten Atemzuge wollte sie die Nadel in der Hand haben. Sie schwand in ihrem Leiden dahin, ihr Leben war nur noch eine reine und schöne Flamme. Wozu sollte sie auch noch kämpfen, da Felix sie nicht mehr liebte? Jetzt starb sie an dieser Überzeugung: er liebte sie nicht, vielleicht hatte er sie nie geliebt. Solange sie noch die Kraft in sich gefühlt, hatte sie gegen ihr Herz, gegen ihre Gesundheit, ihre Jugend, die sie zur Wiedereinigung mit ihm drängten, angekämpft. Seit sie sich an ihr Zimmer gefesselt wußte, mußte sie verzichten, es war alles vorbei. Als Hubert sie eines Morgens auf ihren Sessel niedersetzte und ihr ein Kissen unter die kleinen, gelähmten Füße schob, sagte sie lächelnd: Jetzt bin ich gewiß vernünftig und werde nicht davonlaufen. Hubert mußte sich beeilen, das Zimmer zu verlassen, denn er fürchtete, in Tränen auszubrechen, so wallte es in ihm auf. Zwölftes Kapitel In jener Nacht fand Angelika keinen Schlaf. Trotz ihrer übergroßen Schwäche hielt eine Schlaflosigkeit ihre glühenden Augenlider offen. Als die Hubert sich zu Bett begeben hatten und es bald Mitternacht schlagen mußte, zog sie es deshalb vor, sich zu erheben, trotzdem das Aufstehen ihr eine ungeheure Anstrengung kostete. Sie ergriff die Furcht vor dem Tode, wenn sie noch länger im Bett blieb. Sie glaubte zu ersticken, hüllte sich in einen Mantel und schleppte sich bis zum Fenster, das sie weit öffnete. Der Winter brachte viel Regen und war von einer feuchten Milde. Dann ließ sie sich in den Lehnstuhl fallen. Sie schraubte den Docht der vor ihr auf einem kleinen Tische stehenden Lampe höher, die jetzt während der ganzen Nacht zu brennen pflegte. Dort neben der Goldenen Legende stand der Strauß aus Malven und Hortensien, den sie nachahmte. Um sich selbst der Wirklichkeit wiederzugeben, fiel es ihr ein, zur Arbeit zu greifen; sie zog den Stickrahmen zu sich heran und tat einige Stiche mit zitternden Händen. Die rote Seide einer Blüte schimmerte wie Blut zwischen ihren weißen Fingern. Es schien das tropfenweise entfließende Blut ihrer Adern zu sein. Während sie sich in ihren heißen Kissen an zwei Stunden schlaflos umhergewälzt hatte, versank sie in dem Stuhle fast sofort in den Schlaf. Ihr von der Rücklehne gestützter Kopf neigte sich ein wenig auf die rechte Schulter; die Seide war in ihren unbeweglichen Fingern geblieben, man konnte meinen, daß sie noch arbeite. Bleich und bewegungslos schlief sie beim Scheine der Lampe in dem friedlichen Zimmer, dessen weiße Wände denen einer Grabkammer ähnelten. Das Licht umgab das Bett mit seinen verblichenen, rosakattunenen Vorhängen mit einem bleichen Schimmer. Nur die Truhe, der Schrank und die Stühle aus altem Eichenholz bildeten da und dort düstere Flecke an den weißen Mauern. Minuten verflossen; sie schlief sanft und mit bleichem Antlitz. Endlich rührte sich etwas. Auf dem Balkon tauchte zitternd und abgemagert wie Angelika selbst, Felix auf. Sein Gesicht zeigte große Verstörtheit; er betrat das Zimmer und bemerkte sie in ihrem Lehnstuhle, so erbarmungswürdig und schön im Scheine der Lampe. Ein unendlicher Schmerz schnürte ihm das Herz ein, er trat einige Schritte vor, ließ sich vor ihr auf die Knie nieder und versenkte sich in eine wehmütige Betrachtung der Geliebten. Sie war also wirklich nicht mehr dieselbe, die Krankheit hatte ihr Aussehen völlig zerstört, sie schien so schmal und leicht wie eine Feder geworden zu sein, die der Wind entführen will. In ihrem ruhigen Schlafe spiegelten sich so recht ihr Leiden und ihre Ergebung ab. Er erkannte sie nur noch an ihrer lilienhaften Anmut wieder, an dem Aufstreben ihres zarten Halses und den abfallenden Schultern, an dem länglichen Gesicht einer zum Himmel auffliegenden Heiligen. Ihre Haare waren eitel Licht geworden, und unter der durchsichtigen Seide ihrer Haut schimmerte gleichsam ihre Seele, so makellos wie unberührter Schnee. Ihre Schönheit glich der Schönheit der Heiligen, die ihrer sterblichen Hülle ledig geworden sind. Er war von ihrem Anblick wie geblendet und so ergriffen, daß er mit gefalteten Händen in voller Verzweiflung unbeweglich vor ihr liegen blieb. Sie erwachte nicht, und er starrte sie länger und länger an. Ein leiser Hauch von den Lippen Felix' mußte wohl das Gesicht Angelikas gestreift haben, denn plötzlich machte sie die Augen weit auf. Sie rührte sich nicht und blickte ihn lächelnd traumbefangen an. Er war es, sie erkannte ihn sofort, obwohl er sich verändert hatte. Sie meinte noch zu schlummern, denn so hatte sie ihn oft im Traume erblickt, und dies vergrößerte beim Erwachen noch ihre Pein. Er hatte ihr die Hände entgegengestreckt und sprach: Teures Herz, ich liebe Sie ... Man hat mir erzählt, wie sehr Sie leiden, und deshalb bin ich hergeeilt ... Ich bin hier, ich liebe Sie. Sie richtete sich lebhaft auf. Ein Zittern überlief sie, und mit einer mechanischen Bewegung legte sie die Finger auf ihre Augenlider. Zweifeln Sie nicht daran ... Ich bin es, hier zu Ihren Füßen, und ich liebe Sie, liebe Sie noch immer. Sie stieß einen Schrei aus. Ah, Sie sind es ... Ich habe Sie nicht mehr erwartet, und Sie sind es ... Mit ihren unsicher tastenden Händen hatte sie die seinen ergriffen und sich versichert, daß er wirklich keine Truggestalt des Traumes sei. Sie lieben mich noch immer, und auch ich liebe Sie trotz allem, ja mehr noch, als ich jemals lieben zu können glaubte! Ein Taumel des Glückes, die erste Minute reinen Jubels kam über sie, wobei sie über der Gewißheit, sich noch zu lieben und es sich sagen zu können, alles vergaßen. Die Leiden von gestern und die Hindernisse von morgen, alles wai verschwunden. Sie wußten nicht, wie sie beide da waren, sie wußten nur, daß sie es waren, ihre Tränen flossen sanft ineinander, und in keuscher Umarmung hielten sie sich umschlungen, er war vor Mitleid fassungslos und sie so abgezehrt vor Kummer, daß er nur einen Hauch in seinen Armen zu halten vermeinte. Das Entzücken der Überraschung bannte sie, so daß sie wie gelähmt, schwankend und überglücklich in ihrem Stuhle sitzen blieb; sie fühlte ihre Gliedmaßen nicht, und als sie sich dennoch halb zu erheben versuchte, fiel sie vom Glücksrausch gepackt, in den Sessel zurück. Mein einziger Wunsch ist erfüllt, ich habe Sie wiedergesehen, ehe ich sterbe. Er erhob den Kopf mit angstvoller Gebärde. Sterben! ... Ich will aber nicht! Ich bin hier und liebe Sie! Sie lächelte verklärt. Ich kann jetzt sterben, da Sie mich lieben. Jetzt schreckt mich der Tod nicht mehr, ich werde so an Ihre Brust gelehnt einschlafen ... Sagen Sie mir noch einmal, daß Sie mich lieben. Ich liebe Sie, wie ich Sie gestern geliebt habe, wie ich Sie morgen lieben werde ... Zweifeln Sie nicht an meiner Liebe, die in alle Ewigkeit dauert. Ja, in alle Ewigkeit lieben wir uns. Angelika ließ in Verzückung ihre Augen unstet über das Weiß des Zimmers gleiten. Doch plötzlich schien sie zu erwachen. Die Gedanken kehrten zurück und unterbrachen die Betäubung, in welche sie das übergroße Glück versetzt hatte. Die Tatsachen setzten sie in Erstaunen. Sie lieben mich, warum sind Sie denn nicht eher gekommen? Ihre Eltern sagten mir, Sie liebten mich nicht mehr. Ich hätte sterben mögen ... Erst als ich erfuhr, daß Sie krank seien, entschloß ich mich zu kommen; ich war darauf gefaßt, aus diesem Hause gejagt zu werden, dessen Tür sich mir verschloß. Auch mir sagte meine Mutter, daß Sie mich nicht mehr liebten. Ich glaubte meiner Mutter, denn ich habe Sie mit jenem Fräulein getroffen, ich dachte mir, Sie hätten Hochwürden gehorcht. Nein, ich wartete ab ... Aber ich bin feige gewesen, habe vor ihm gezittert ... Beide schwiegen. Angelika hatte sich wieder aufgerichtet. Ihr Gesicht zeigte einen herben Ausdruck, die Zornesader auf ihrer Stirn trat sichtbar hervor. Dann hat man uns beide getäuscht, uns belogen, um uns zu trennen ... Wir liebten uns, und man hat uns gemartert, wir hätten beide daran zugrunde gehen können ... das ist abscheulich, das löst unsere Schwüre. Wir sind frei. Die Wut der Verachtung gab ihr vollends ihre Festigkeit zurück. Sie fühlte ihre Krankheit nicht mehr, ihre Kräfte kehrten wieder, denn ihre Leidenschaft und ihr Ehrgeiz waren wieder wach geworden. Sie hatte ihren Traum für tot gehalten und sah jetzt ihn plötzlich strahlend wieder aufleben. Sie durfte es sich sagen, daß sie ihre Liebe wohl verdient hatten, und daß die anderen die Schuldigen waren! Dieses Wachsen ihrer Person, dieser endlich sichere Triumph brachte sie außer sich und steigerte ihre Empörung ins Maßlose. Auf, wir wollen fort! sagte sie. Mit ihrer früheren, erstaunlichen Willenskraft schritt sie ohne jede Hilfe durch das Zimmer. Sie wählte bereits den Mantel aus, mit dem sie ihre Schultern bedecken wollte; ein Spitzentuch auf dem Kopfe würde genügen. Felix stieß einen Freudenruf aus, denn sie kam seinem Wunsche zuvor; er hatte an diese Flucht gedacht, aber noch nicht den Mut gefunden, sie ihr vorzuschlagen. Gemeinsam fliehen, verschwinden, kurz und bündig jeden Verdruß, jedes Hindernis hinwegräumen, mehr verlangte er nicht! Das sollte jetzt gleich geschehen; selbst der Kampf der Überlegung sollte erspart bleiben! Ja, wir wollen fort und sogleich, mein teures Herz! Ich kam, um Sie zu holen, ich weiß, wo wir einen Wagen finden. Ehe der Tag anbricht, sind wir weit, weit von hier, so daß niemand uns einholen kann. Sie öffnete die Schubläden und schloß sie heftig, ohne in ihrer wachsenden Aufregung etwas herauszunehmen. Seit Wochen hatte sie sich abgequält, ihn aus ihrem Gedächtnis zu streichen, bis sie selbst geglaubt, daß es ihr gelungen sei. Jetzt merkte sie, daß sie nichts zuwege gebracht hatte, daß sie eigentlich diese abscheuliche Arbeit noch einmal beginnen müsse! Nein, nie würde sie die nötige Kraft hierfür besitzen. Da sie sich liebten, gab es nichts Einfacheres: sie heirateten sich, und keine Macht konnte sie mehr voneinanderreißen. Was soll ich mitnehmen ... Wie töricht war ich mit meinem kindlichen Zögern! Wenn ich daran denke, daß sie selbst die Lüge nicht verschmähten! Ja, ich wäre gestorben, weil sie Sie nicht herbeigerufen hatten ... Muß ich Wäsche, Kleider mitnehmen, sprechen Sie doch? ... Hier ist ein wärmeres Kleid ... Und mir setzten sie einen Schwall von Gedanken, ein ganzes Heer von Beängstigungen in den Kopf. Das ist gut, und das ist schlecht, das darf man tun und das nicht, es sind lauter verwickelte Dinge, die einen nur dumm machen. Sie logen stets, es war alles unwahr. Es gibt nur ein Glück: zu leben, nur seinem Herzen zu gehorchen und den zu lieben, der uns liebt ... Sie sind das Glück, die Schönheit, die Jugend, mein teurer Gebieter, Ihnen gehöre ich, Sie sind meine einzige Freude, machen Sie mit mir, was Sie wollen ... Sie triumphierte, die Erbfehler, die man in ihr für erstorben gehalten hatte, schlugen in feuriger Garbe empor. Musik berauschte sie; sie sah ihren königlichen Aufbruch, wie dieser Sprößling von Fürsten sie entführte und zur Königin eines fernen Reiches machte; sie folgte ihm, sie hing an seinem Halse und ruhte an seiner Brust, es überlief ein so kalter Schauer unbekannter Leidenschaft ihren Körper, daß sie vor Glückseligkeit fast das Bewußtsein verlor. Nur sie beide waren noch auf der Welt, sie überließen sich dem Galopp der Pferde und flohen und verschwanden in unlösbarer Umarmung. Ich nehme nichts mit, nicht wahr? ... Wozu auch? Er stand schon an der Tür, das Fieber verzehrte ihn fast. Nein, nichts ... Nur schnell. Ja, fort, fort! Sie war ihm nachgekommen. Jetzt wandte sie sich zurück, sie wollte noch einen letzten Blick auf ihr Zimmer werfen. Die Lampe brannte noch mit derselben matten Milde, der Strauß Malven und Hortensien blühte noch immer, eine unvollendete und doch schon lebende Rose inmitten des Stickrahmens schien auf sie zu warten. Noch nie war ihr das Zimmer so weiß erschienen, die Wände, das Bett, die Luft – alles erschien ihr von einem weißen Hauche übergossen. Es wankte etwas in ihr, und sie mußte sich schnell auf die Lehne eines dicht an der Tür stehenden Stuhles stützen. Was ist Ihnen? fragte Felix beunruhigt. Sie antwortete nicht und atmete schwer. Wieder überlief sie ein Schauder, die Beine trugen sie nicht mehr, sie mußte sich setzen. Beunruhigen Sie sich nicht, es ist nichts ... Nur eine Minute der Ruhe, dann brechen wir auf. Sie schwiegen. Sie blickte im Zimmer umher, als habe sie dort einen kostbaren Gegenstand vergessen, den sie, befragt, schwerlich hätte nennen können. Ein Bangen, erst oberflächlich, dann immer stärker, stieg in ihr auf und bedrückte ihre Brust. Sie erinnerte sich nicht an etwas Gewisses. War es alles dieses Weiß, was sie zurückhielt? Sie hatte stets diese Farbe geliebt, ja sogar die Endchen weißer Seide auf die Seite gebracht, um sich im geheimen an ihrem Anblick zu erfreuen. Eine Minute, nur eine Minute noch, und wir brechen auf. Sie machte indessen nicht die geringste Anstrengung, sich zu erheben. Er war wieder angsterfüllt auf die Knie gesunken. Leiden Sie, kann ich nichts zu Ihrer Erleichterung tun? Wenn Sie frieren, will ich Ihre kleinen Füße in meine Hände nehmen und sie wärmen, bis sie tapfer laufen können. Sie schüttelte den Kopf. Nein, nein, ich friere nicht, ich werde gehen können. Warten Sie noch eine Minute, nur eine Minute. Er sah wohl, daß unsichtbare Ketten sie an die Möbel fesselten und sie so stark bannten, daß es ihm in dieser Minute vielleicht unmöglich sein werde, sie loszureißen. Aber entführte er sie nicht sofort, dann mußte er an den unausbleiblichen Kampf mit dem Vater am nächsten Tage denken, an diesen Bruch, vor dem er seit Wochen zurückgeschreckt war. Daher drang er in sie mit feuriger Bitte. Kommen Sie, die Straßen sind um diese Stunde dunkel, der Wagen führt uns mitten hinein in die Finsternis. Wir werden wie gewiegt dahin fahren, einer in des andern Arm schlafen und wie unter einer Federdecke geborgen sein, so daß uns die Frische der Nacht nichts anhaben kann. Wenn der Tag anbricht, setzen wir die Fahrt im Scheine der Sonne fort, immer weiter und weiter, bis wir im Lande des Glückes angelangt sind ... Niemand wird uns kennen, wir werden für uns im Grunde irgendeines großen Gartens verborgen leben und keine andere Sorge kennen als die, wie wir uns mit jedem neuen Tage immer heißer lieben können. Dort sind die Blumen wie Bäume so groß und die Früchte süßer als Honig. Inmitten dieses ewigen Frühlings werden wir von nichts anderem als von unseren Küssen leben, geliebtes Herz. Sie schauerte unter der Glut dieser Liebe zusammen, die ihr Gesicht in Flammen setzte. Ihr ganzes Wesen schwand in dem Aufblühen der verheißenen Freuden dahin. Im Augenblick, sofort! Sind wir dann des Reisens müde, so kehren wir hierher zurück. Wir richten die Mauer des Schlosses Hautecoeur wieder auf und leben dort bis ans Ende unserer Tage. Das ist mein Traum ... Unser ganzes Vermögen soll, wenn es nötig ist, mit offenen Händen ausgestreut werden. Von neuem wird der Wartturm die zwei Täler beherrschen. Wir werden die Ehrengemächer zwischen dem Davidsturm und dem Turm Karls des Großen bewohnen. Der ganze Koloß wird wieder aufgerichtet wie in den Tagen seiner Macht, die Wälle, die Gebäude, die Kapelle in dem urwüchsigen Glanz von ehedem ... Ich will, daß wir dort so leben wie in alter Zeit. Sie als Prinzessin, ich als Prinz, umgeben von einem Gefolge von Kriegern und Pagen. Fünfzehn Fuß dicke Mauern sollen uns abschließen, wir wollen uns wie in einer Märchenwelt befinden... Die Sonne versinkt hinter den Hügeln, wir kehren auf großen, weißen Pferden von der Jagd zurück. Vor uns sinken die Dorfleute in Ehrfurcht auf die Knie, das Hörn ertönt, und die Zugbrücke senkt sich hernieder. Des Abends speisen Könige an unserem Tisch. Unser Lager steht auf einer Erhöhung, über uns wölbt sich ein Baldachin wie ein Thron. Sanfte Musik ertönt in der Ferne, während wir Arm in Arm, von Purpur und Gold umgeben, einschlummern. Erzitternd lächelte sie, von freudigem Stolze erfüllt; doch schon kam das Leiden wieder und löschte das Lächeln von dem schmerzumspielten Mund. Als sie mit unwillkürlicher Bewegung die versucherischen Traumgebilde von sich wies, schlug die Flamme doppelt in ihr empor, er versuchte sie an sich zu reißen, sie mit seinen Armen zu umschlingen und sie sich ganz zu eigen zu machen. Kommen Sie, seien Sie mein!... Fliehen wir, vergessen wir alles in unserem Glück! Angelika aber riß sich hastig von ihm los und entschlüpfte ihm in instinktiver Abwehr. Nein, nein, ich kann nicht, ich kann nicht mehr! rang sich der Schrei von ihren Lippen, als sie auf den Füßen stand. Noch aufgeregt von dem Kampfe, schwankte und zögerte sie, sich zu entscheiden. Ich bitte Sie, seien Sie so gut, drängen Sie mich nicht, warten Sie, stotterte sie. Ich möchte Ihnen so gern gehorchen, um Ihnen zu beweisen, wie ich Sie liebe, ich möchte so gern an Ihrem Arm in schöne, ferne Länder ziehen und in königlicher Pracht mit Ihnen das Schloß Ihrer Träume bewohnen. Es schien mir alles so leicht, weil ich schon so oft mir den Plan zu unserer Flucht zurechtgelegt hatte... Doch jetzt, wie soll ich es erklären? – scheint es mir unmöglich. Es ist mir, als wäre mit einemmal die Tür vermauert, so daß ich nicht hinauskann. Er wollte sie von neuem betören, doch winkte sie ihm Schweigen zu. Nein, sagen Sie nichts mehr... Ist es nicht sonderbar? Je lieblichere, angenehmere Dinge Sie mir erzählen, um mich zu überzeugen, desto mehr erfaßt mich eine eisige Furcht... Mein Gott, was ist mir nur? Ihre eigenen Worte trennen mich von Ihnen, wenn Sie so fortfahren, darf ich Sie nicht mehr anhören, Sie müßten fort von hier... Warten Sie, warten Sie ein wenig. Sie schritt langsam, ängstlich durch das Zimmer und versuchte ihre Fassung wiederzufinden, während er bewegungslos dastand und fast verzweifelte. Ich habe geglaubt, Sie nicht mehr zu lieben, aber es war gewiß nur der Ärger, denn als ich Sie vorhin zu meinen Füßen erblickte, sprang mein Herz vor Freude, und meine erste Regung war, Ihnen als Ihre Sklavin zu folgen... Warum erschrecken Sie mich jetzt, wo ich Sie liebe, und was hindert mich an dem Verlasen dieses Zimmers? Warum ist mir, als wenn unsichtbare Hände meinen Körper, jedes Härchen auf meinem Kopfe festhalten? Sie war am Bett stehen geblieben, dann näherte sie sich dem Schrank und darauf den übrigen Möbeln in gleicher Weise. In der Tat, geheimnisvolle Fäden spannen sich von diesen Gegenständen zu ihrer Person hinüber. Die weißen Wände, das tiefe Weiß der Mansardendecke umhüllte sie wie mit einem Kleide der Reinheit, dessen sie sich nur mit Tränen entledigt haben würde. Alles das war von jeher ein Teil ihres Wesens gewesen, es war ganz in sie aufgegangen. Das empfand sie in noch höherem Maße, als sie vor dem Stickrahmen stand, der im Lichtkreise der Lampe neben dem Tisch liegen geblieben war. Ihr Herz schmolz beim Anblick der angefangenen Rose; wenn sie in so verbrecherischer Weise auf und davon liefe, würde diese Rose nie vollenden. Die Jahre der Arbeit drängten sich ihr in die Erinnerung, diese verständigen, glücklichen Jahre, dieser lange gewohnheitsmäßige Friede und diese Ehrbarkeit, daß der Gedanke an einen Fehltritt, diese Flucht in den Armen des Geliebten sie empörte. Hatte doch das kühle Häuschen der Sticker, das tätige, reine Leben, das sie dort abseits von der Welt geführt, mit jedem Tage mehr und mehr das Blut in ihren Adern gereinigt. Er fühlte, daß die Gegenstände des Zimmers sie festhielten, und drängte zum Aufbruch. Kommen Sie, die Stunde vergeht, wir werden bald die günstigste Zeit versäumt haben. In ihr war es jetzt völlig klar geworden. Es ist schon zu spät ... Sie sehen, daß ich Ihnen nicht folgen kann. Einst hauste in mir ein leidenschaftliches und ein hochmütiges Geschöpf, das beide Arme um Ihren Hals geschlungen hatte, damit Sie es entführten. Aber jetzt bin ich ausgewechselt, ich kenne mich nicht mehr wieder. Hören Sie denn nicht, daß alles in diesen Räumen mir zuruft: Bleibe! Ich fühle keine Empörung mehr in mir, meine einzige Freude ist jetzt der Gehorsam. Ohne mit ihr zu sprechen oder zu streiten, versuchte er, sie zu ergreifen und wie ein widerspenstiges Kind fortzuführen. Angelika aber wich ihm behende aus und flüchtete sich an das Fenster. Nein, lassen Sie mich. Soeben noch wäre ich Ihnen gefolgt, aber das war die letzte Auflehnung gegen den Willen Gottes. Allmählich hat ohne mein Wissen die Demut und die Entsagung im Innersten meines Wesens zugenommen. Deshalb auch war die Erschütterung nach jedem Rückfall in die Erbsünde weniger gewaltsam, deshalb siegte ich auch mit größerer Leichtigkeit über mich selbst. Der letzte Kampf hat stattgefunden, für die Folge ist auch das vorüber, ich habe über mich selbst gesiegt... Ich liebe Sie so sehr! Unternehmen Sie nichts gegen unser Glück. Wir sollen uns unterwerfen, um glücklich zu werden. Als er noch einen weiteren Schritt tat, stand sie bereits auf der Schwelle des zum Balkon führenden großen zweiten Fensters. Sie wollen mich doch nicht zwingen, mich dort hinunterzustürzen ... Hören Sie, begreifen Sie, was um mich her lebt. Schon seit langem sprechen die Dinge zu mir, ich höre Stimmen, und noch nie haben sie so vernehmlich gesprochen... Still! Das ganze Marienfeld ermutigt mich, nicht Ihr und mein Leben durch meine Hingabe gegen den Willen Ihres Vaters zu zerstören. Diese singende Stimme dort, das ist die der Chevrotte, sie klingt so klar und frisch; mir scheint, sie ist mit ihrer kristallenen Reinheit in mein Inneres eingezogen. Dieses sanfte, tiefe Summen entstammt dem gesamten Boden dort unten, die Gräser, die Bäume, das ganze friedfertige Leben in diesem geheiligten Winkel arbeitet mit an dem Frieden meiner eigenen Seele. Von weither klingen die Stimmen herüber, von den Ulmen des bischöflichen Gartens, von dem gesamten Horizont voller Zweige, deren kleinster ein Interesse an meinem Siege hat ...Hören Sie diese mächtige, gebietende Stimme! Sie gehört meiner alten Freundin, der Kathedrale, die mich aufgezogen und allnächtlich über mich gewacht hat. Ein jeder ihrer Steine, die Säulchen ihrer Fenster, die Glockentürmchen über den Gegenpfeilern, die Schwibbogen der Apsis murmeln eine mir verständliche Sprache. Sie erzählen, daß selbst im Tode die Hoffnung nicht erlischt. Hat man sich gedemütigt, so bleibt und siegt die Liebe... Ja, aus den Lüften selbst dringt eine Offenbarung von sprechenden Wesen, dort schweben meine Genossinnen, die heiligen Jungfrauen, unsichtbar um mich her. Hören Sie, hören Sie! Sie hatte lächelnd die Hand erhoben, als lausche sie mit gespannter Aufmerksamkeit. Ihr ganzes Wesen ging in Entzücken über die hier und da sich erhebenden Lüftchen auf. Die Heiligen der Legende waren gekommen, die sich ihre Einbildungskraft schon von Kindheit an vor die Sinne gezaubert hatte. Geheimnisvoll schwebten sie von dem auf dem Tische legenden alten Buche, von den einfachen Bildern in ihm auf. Da war zunächst die in ihre Haare eingehüllte Agnes, auf dem Finger trug sie den Verlobungsring des Priesters Paulinus. Dann die anderen, Barbara mit ihrem Turm, Genovefa mit ihren Lämmern, Cäcilia mit ihrer Viole, Agathe mit den ausgerissenen Brüsten, die auf den Landstraßen bettelnde Elisabeth und Katharina, die Siegerin über die Gelehrten. Ein Wunder verleiht Lucia so große Kraft, daß tausend Mann und fünf Gespanne Ochsen sie nicht in ein verrufenes Haus ziehen können. Der Anastasia umarmende Statthalter erblindet. Sie alle schweben in der klaren Nacht weiß schimmernd umher, ihre Brüste sind noch von den Folterwerkzeugen zerrissen, und anstatt des Blutes strömt Milch aus ihren Wunden. Die Luft ist sanft, die Dunkelheit erhellt sich wie von einem Geriesel von Sternen. Könnte man wie jene an der Liebe als Jungfrau sterben und beim ersten Kusse des Gatten in schimmernde Helle zerfließen! Felix hatte sich ihr genähert. Ich bin da und lebe, Angelika; und Sie stoßen mich Ihrer Träume halber von sich... Der Träume halber, sagte sie leise. Ja, was Sie umgibt, das sind eingebildete Erscheinungen, die Sie sich selbst geschaffen haben... Kommen Sie mit mir, übertragen Sie nichts mehr von Ihrem eigenen Wesen auf die leblosen Dinge, und sie werden schweigen. Sie machte eine Bewegung der Entzückung. Nicht doch! Sie sprechen, sie sprechen immer lauter! Sie sind meine Kraft, sie flößen mir den Mut zum Widerstände ein... Das ist die Gnade, noch nie hat sie mir eine so große Willensstärke verliehen wie heute. Selbst wenn sie nur ein Traum ist, der Traum, den ich auf meine Umgebung übertragen, und der nun zu mir zurückkehrt, was schadet es? Er rettet mich und nimmt mich fleckenlos unter seine Erscheinungen auf... Verzeihen Sie mir, gehorchen Sie so wie ich. Ich kann Ihnen nicht folgen. Trotz ihrer Schwäche hatte sie sich entschlossen, unbesiegt aufgerichtet. Aber man hat Sie hintergangen, begann er von neuem, man hat selbst Lügen nicht gescheut, um uns zu trennen! Das Vergehen anderer entschuldigt nicht das unsere. Ihr Herz hat sich von mir abgewendet, Sie lieben mich nicht mehr. Ich liebe Sie, ich kämpfe mit Ihnen um unsere Liebe, unser Glück... Bringen Sie mir die Einwilligung Ihres Vaters, und ich werde Ihnen folgen. Meines Vaters? Sie kennen ihn nicht. Gott allein ist imstande, ihn zu beugen... Es ist also vorbei mit uns? Wenn mein Vater mir befiehlt, Claire von Voincourt zu heiraten, muß ich ihm also gehorchen? Angelika schwankte doch unter diesem letzten Stoß. Das ist zuviel, klagte sie. Ich beschwöre Sie, gehen Sie, seien Sie nicht grausam... Warum sind Sie gekommen? Ich hatte bereits verzichtet, ich war bereits darauf gefaßt, von Ihnen nicht geliebt zu werden. Nun lieben Sie mich doch, und mein Leiden beginnt von neuem!... Kann ich jetzt noch leben? Felix glaubte einen Augenblick der Schwäche bei ihr gekommen und wiederholte daher: Wenn mein Vater will, daß ich jene heirate... Sie kämpfte mutvoll gegen ihr Leiden an, und noch einmal gelang es ihr, trotz der Ohnmacht ihres Herzens sich aufzuraffen. Sie schleppte sich an den Tisch, als wolle sie ihm den Weg freigeben und sagte: Heiraten Sie das Fräulein, es ist Ihre Pflicht zu gehorchen. Er stand jetzt am Fenster und war bereit zu gehen, da sie ihn fortschickte. Aber Sie werden sterben! rief er. Sie hatte sich beruhigt, mit mattem Lächeln flüsterte sie: Das ist bereits zur Hälfte geschehen. Einen Augenblick noch starrte er sie an, wie sie so bleich, so heruntergekommen, federleicht dort stand, als könne der Wind sie davonwehen. Dann folgte eine Bewegung wilden Entschlusses, und er verschwand in der Nacht. Sie hatte sich auf die Lehne des Stuhles gestützt. Als er fort war, rang sie verzweiflungsvoll die Hände gegen die Finsternis. Schwere Seufzer stiegen aus ihrer Brust herauf und Todesschweiß bedeckte ihr Gesicht. Mein Gott! Alles aus, sie würde ihn nicht mehr wiedersehen! Ihre Krankheit kam wieder zum vollen Ausbruche, ihre Beine brachen unter ihr zusammen. Mit Mühe und Not erreichte sie ihr Bett, auf das sie atemlos, aber siegreich niedersank. Am Morgen des nächstfolgenden Tages begann der Todeskampf. Die Lampe war in der Frühe inmitten der triumphierenden Helle des Gemaches von selbst verloschen. Dreizehntes Kapitel Angelika lag im Sterben. Es ging auf zehn Uhr, ein klarer, heiterer Vormittag gegen Ende des Winters; der Himmel zeigte ein tiefes Blau, und die Sonne badete die ganze Welt in ihren Strahlen. Angelika atmete in ihrem großen Bette mit den verblichenen Vorhängen kaum noch, seit dem Abend vorher ruhte sie ohne Bewußtsein. Sie lag auf dem Rücken, ihre schmalen Hände von elfenbeinernem Aussehen auf der Bettdecke zuckten nicht, ihre Augen waren geschlossen. Ihr feines Gesicht unter dem goldenen Schimmer ihrer Haare war noch durchsichtiger geworden. Wäre der schwache Hauch aus ihrem Munde nicht gewesen, hätte man sie schon für tot halten können. Am Tage vorher hatte Angelika gebeichtet und das Abendmahl genommen, weil sie sich sehr krank fühlte. Der gute Abt Cornille hatte ihr gegen drei Uhr das heilige Abendmahl gereicht. Als am Abend der Tod sich allmählich eisig herniedersenkte, hatte die Kranke große Sehnsucht nach der letzten Ölung, diesem himmlischen Heilmittel zur Genesung der Seele und des Körpers zu erkennen gegeben. Ihr letztes Wort, kaum ein Murmeln, das Hubertine aufgefangen, ehe sie das Bewußtsein verloren hatte, war eine Bitte um die heiligen Öle gewesen; sofort wollte sie sie gereicht haben, ehe es zu spät sei. Doch die Nacht war schon zu weit vorgeschritten, man hatte den Tag abwarten müssen und dann sogleich zum Abt geschickt, der jetzt kommen sollte. Die Vorbereitungen waren fertig, die Hubert legten an die der Feierlichkeit entsprechende Anordnung des Zimmers die letzte Hand. Beim heiteren Schein der Sonne, die in dieser frühen Stunde die Fenster vergoldete, schien das Zimmer in der Nacktheit seiner großen weißen Wände wie in Morgendämmerung getaucht. Ein weißes Tuch bedeckte den Tisch. Rechts und links von einem Kruzifix brannten zwei Kerzen in den silbernen Leuchtern aus dem Salon. Ferner stand dort geweihtes Wasser, und ein Weihwedel lag daneben, eine Wasserkanne mit einem Waschnapfe und einem Handtuche und zwei Näpfe aus weißem Porzellan; den einen füllte gezupfte Watte, den andern Tüten aus weißem Papier. In den Treibhäusern hatte man keine anderen Blumen als geruchlose, gefüllte weiße Päonien auftreiben können, deren mächtige Blüten den Tisch wie mit einem Geriesel weißer Spitzen bedeckten. Umgeben von diesem verstärkten weißen Glanze atmete die sterbende Angelika mit geschlossenen Augen noch immer kurz und kaum vernehmbar. Der Doktor hatte sieh bei seinem Morgenbesuch dahin geäußert, daß sie das Ende des Tages nicht mehr erleben werde. Es sei möglich, daß sie von einem Augenblick zum anderen hinüberschlummere, ohne das Bewußtsein wiedererlangt zu haben. Gefaßt und ernst wachten die Hubert in lautloser Verzweiflung bei ihr. Ihre Tränen änderten doch nicht den Verlauf der Krankheit. Ihrem Wunsche, lieber ein totes, als ein entartetes Kind vor sich zu sehen, schien Gott beigestimmt zu haben. Was jetzt kam, entzog sich ihrer Macht, sie konnten sich nur seinem Willen unterwerfen. Sie bereuten nichts, aber ihr Sein erlag dem Schmerze. Seit Angelika ihrer Auflösung entgegenging, hatten beide sie gepflegt und jede fremde Hilfe zurückgewiesen. So wachten sie auch jetzt in dieser letzten Stunde allein bei ihr. Hubert öffnete die Tür des Kachelofens, dessen Summen einem Klagetone glich. Tiefes Schweigen herrschte, die sanfte Wärme bleichte die Päonien aus. Seit einem Augenblick vernahm Hubertine in der Kathedrale hinter der Mauer Geräusch. Das Schwingen der Glocke teilte den alten Steinen ihr Erzittern mit. Abt Cornille verließ zweifellos mit den heiligen Ölen jetzt die Kirche. Sie stieg herunter, um ihn an der Sehwelle des Hauses zu empfangen. Zwei Minuten verflossen, ein lautes Gemurmel erhob sich auf der schmalen Turmtreppe. In dem heißen Zimmer überlief Hubert ein Zittern der Erwartung, während fromme Furcht und Hoffnung ihn auf die Knie sinken ließen. An Stelle des alten Priesters trat der Bischof im Spitzenhemde und in der violetten Stola zur Türe herein. Er trug das silberne Gefäß mit dem Öle der Siechen, das er selbst am Grün-Donnerstag geweiht hatte. Seine Adleraugen starrten unbeweglich, sein schönes bleiches Antlitz unter den dichten weißen Locken seiner Haare bewahrte seine Majestät. Hinter ihm tauchte wie ein einfacher Kirchendiener Abt Cornille auf mit dem Kruzifix in der Hand und der Kirchenordnung unter dem Arm. Einen Augenblick blieb der Bischof auf der Schwelle stehen und sagte mit tiefer Stimme: Pax huic domui. Et omnibus habitantibus in ea, ergänzte etwas leiser der Priester. Als die Männer das Zimmer betreten hatten, kam auch Hubertine herein; sie zitterte ebenfalls vor Überraschung und ließ sich neben ihrem Gatten auf die Knie nieder. Die Stirn zu Boden geneigt, beteten beide aus dem Grunde ihres Herzens. Am Tage nach Felix' Besuch bei Angelika fand eine fürchterliche Auseinandersetzung zwischen dem Bischof und seinem Sohne statt. An jenem Tage hatte Felix schon früh am Morgen sich den Eingang zum Vater erzwungen und sogar das Betzimmer betreten, wo der Bischof nach einer Nacht heißen Kampfes gegen die wiederkehrende Vergangenheit im Gebet verharrte. In dem von Achtung erfüllten Sohne, den bis dahin die Furcht niedergehalten hatte, sprengte der mühsam unterdrückte Aufruhr alle Fesseln. Der Zusammenstoß beider Männer aus demselben Blute und von derselben Heftigkeit war ein grimmiger. Der Alte hatte seinen Betstuhl verlassen und hörte mit purpurrot gefärbten Wangen stehend und schweigend von oben herab dem Sohne zu. Dem jungen Manne stand ebenfalls die Glut im Gesicht; mit stetig anwachsender, grollender Stimme schüttete er sein Herz vor dem Vater aus. Er erzählte, daß Angelika krank und im Sterben liege, welchen schrecklichen Anfall bangen Zartgefühles sein Vorschlag, mit ihm zu fliehen, hervorgerufen, und wie sie sich mit der Ergebenheit und Keuschheit einer Heiligen ihm zu folgen geweigert habe. Er halte den für einen Mörder, der dieses gehorsame Kind, das ihn nur aus der Hand des Vaters empfangen wolle, sterben lasse! Als sie endlich ihn, seinen Namen, sein Vermögen hätte haben können, da habe sie nein gerufen und sich siegreich ihrer Leidenschaft erwehrt. Er liebe sie bis in den Tod und verachte sieh, weil er nicht an ihrer Seite weile, um mit ihr in einem Atemzuge sein Leben auszuhauchen! Wolle man wirklich die Grausamkeit so weit treiben und lieber beider Tod wünschen als sie durch ein Wort, ein einfaches Ja glücklich machen? Wiege wirklich der Stolz auf die Herkunft, der Glanz des Reichtumes, die Verbohrtheit in den Willen das Glück zweier Liebender auf? Felix hatte ganz außer sich die Hände gerungen, er bat anfänglich, dann forderte er unter Drohungen des Vaters Einwilligung. Aber der Bischof mit seinem blutdurchströmten Gesicht und den flammenden Blicken öffnete die Lippen nur, um das Wort seiner Allmacht: Niemals! auszusprechen. Jetzt verlor Felix jede Fassung, und seine Auflehnung streifte fast an Wahnsinn. Er sprach von seiner Mutter und schmetterte donnergleich den Vater mit der Erinnerung an die Tote nieder. Diese selbst wurde in dem Sohne wach, um die Rechte der Liebe für sich zu fordern. Sein Vater habe jene also nicht geliebt, sondern sich ihres Todes gefreut, sonst werde er sich nicht so hart gegen die Liebenden, gegen die leben Wollenden zeigen. Er habe gut sich hinter die eisige Entsagung des Mönchtums zurückzuziehen! In ihm, dem Sohne, als dem leibhaftigen Zeugnis ihrer Ehe, werde die Mutter immer wieder ihn heimsuchen und quälen, weil er ihr Kind quäle. Dieses Kind lebe; so lebe auch sie und wolle für ewig in den Kindern ihres Kindes weiterleben. Er töte sie von neuem, wenn er seinem Sohne die erwählte Braut verweigere, die bestimmt sei, das Geschlecht fortzupflanzen. Man vermähle sich nicht der Kirche, wenn man zuvor ein Weib gefreit habe. Dem unbeweglich dastehenden Vater, der in seinem entsetzlichen Schweigen zu wachsen schien, schleuderte er Worte wie Meineidiger und Mörder in das Gesicht. Darm floh er schwankend, vom Schrecken erfaßt, von dannen. Als Hochwürden sich allein befand, drehte er sich, wie von einem Messer in die Brust getroffen, um sich selbst und sank mit beiden Knien zugleich auf den Betstuhl. Ein schmerzliches Röcheln drang aus seiner Kehle. Diese Qualen des Herzens, diese unbesiegbaren Schwächen des Fleisches! Diese Frau, diese stets wiederauferstehende Tote, er liebte sie wie am ersten Abend, als er ihre weißen Füße geküßt hatte, und diesen Sohn betete er wie einen Teil ihrer selbst, wie ein Stück ihres ihm hinterlassenen Lebens an. Auch dieses junge Mädchen, diese kleine Arbeiterin, die er von sich stieß, betete er mit derselben Verehrung an, die sein Sohn ihr entgegenbrachte. Jetzt brachten ihn alle drei während der Nächte zur Verzweiflung. Die kleine Stickerin, die so schmucklos mit ihren Goldhaaren und ihrem frischen Nacken den Duft der Jugend ausströmte, hatte in der Kathedrale, ohne daß er es einzugestehen wagte, sein Herz gerührt. Er sah sie wieder so zart, so rein in ihrer triumphierenden Unterwürfigkeit an sich vorübergleiten. Was nützte es ihm, daß er sie offen von sich stieß; fühlte er doch, wie sie im geheimen sein Herz mit ihren niedriggeborenen, von Nadelstichen abgenutzten Fingern nicht mehr freiließ. Ja, selbst während Felix so eindringlich zu ihm gefleht, hatte er hinter des Sohnes blondem Haupte die beiden angebeteten Frauen erblickt, die, welche vor ihm geweint und die andere, welche für sein Kind gestorben war. Beide umfaßte er mit seiner ganzen Liebe; er wußte nicht zu sagen, woher er die Kraft zum Widerstände geschöpft hatte, so mächtig zog es ihn zu beiden hin. Schluchzend und völlig aus dem Gleichgewicht gebracht, wußte er nicht, wo er seine Ruhe wiederfinden sollte. Er bat den Himmel, ihm den Mut zum Herausreißen seines Herzens zu verleihen, da dieses Herz nicht mehr Gott angehörte. Der Bischof betete bis zum Abend. Als er wieder zum Vorschein kam, erinnerte sein Gesicht an die fahle Farbe des Wachses. Sein Herz war zerrissen, aber er fühlte sieh trotzdem fest in seinem Entschlüsse. Er vermochte nichts und wiederholte sich selbst das furchtbare Wort: Niemals! Gott allein hatte das Recht, ihn von seinem Worte zu entbinden, und der Gott, zu dem er gebetet hatte, schwieg. Es hieß also: leiden. Zwei Tage verstrichen. Felix schlich, wahnsinnig vor Schmerz, um das kleine Haus herum, um Neues zu erspähen. Sooft es jemand verließ, fühlte er sich vor Furcht einer Ohnmacht nahe. Das war auch an jenem Morgen der Fall, als Hubertine in die Kirche eilte, um die heiligen Öle für Angelika zu erbitten. Er wußte jetzt, daß Angelika diesen Tag nicht überleben werde. Abt Cornille war nicht zugegen, er durchsuchte die Stadt nach ihm, denn durch ihn hoffte er auf eine letzte, göttliche Hilfe. Als er jedoch den gutmütigen Priester gefunden, schwand sein Hoffen von neuem, und Zweifel und Wut packten ihn. Was sollte er tun, um den Himmel zu einer Einmischung zu nötigen? Er eilte davon und erzwang sich abermals den Eingang zum Bischof. Sein Vater fürchtete sich einen Augenblick, denn er wurde aus den zusammenhangslosen Worten des Sohnes nicht klar. Endlich begriff er, daß Angelika im Sterben Hege und nach der letzten Ölung verlange. Also Gott allein nur konnte sie noch retten. Der junge Mann wollte diesem fürchterlichen Vater sein Leiden noch einmal vorhalten und gänzlich mit ihm brechen, aber zuvor ihm noch einmal das Wort Mörder ins Gesicht schleudern. Hochwürden hörte ihn ohne Regung des Zornes, erhaben und ernst an; seine Augen hatte plötzlich ein Strahl durchzuckt, als habe jetzt endlich in ihm eine Stimme gesprochen. Er bedeutete Felix vorauszugehen und folgte ihm mit den Worten: Wenn Gott will, will ich. Felix überlief es kalt und heiß. Sein Vater war einverstanden, sein eigenes Wollen den guten Absichten des Wunders unterzuordnen. Menschen kamen also hier nicht mehr in Betracht, Gott allein sollte handeln. Seine Tränen blendeten ihn, während Hochwürden in der Sakristei aus den Händen des Abtes Cornille die heiligen Öle empfing. Felix schwankte hinter den Geistlichen einher, doch wagte er nicht, das Sterbezimmer zu betreten. Vor der weit offen stehenden Tür kniete er auf dem Treppenabsatze nieder. Pax huic domui. Et omnibus habitantihus in ea. Hochwürden setzte die heiligen Öle auf den weißen Tisch zwischen die beiden Kerzen nieder, nachdem er mit dem silbernen Gefäß das Zeichen des Kreuzes gemacht hatte. Dann empfing er aus den Händen des Abtes das Kruzifix; er näherte sich mit ihm der Kranken, um es von ihr küssen zu lassen. Angelika lag noch immer bewußtlos da; ihre Augenlider waren gesenkt, der Mund geschlossen, die Hände gefaltet; sie selbst glich den klaren, starren Steinfiguren, wie sie auf den Grabstätten ruhen. Der Bischof betrachtete sie einen Augenblick, und als er an ihrem schwachen Atem noch Leben in ihr bemerkte, legte er ihr das Kruzifix auf die Lippen. Er wartete, sein Antlitz bewahrte die Majestät eines Sühne heischenden Priesters, und kein menschenfreundlicher Zug stellte sich auf ihm ein, bis er beobachtet, daß kein Erzittern weder das feine Gesicht noch die lichtumflossenen Haare überlaufen hatte. Sie lebte aber, ihre Sünden konnten also noch von ihr genommen werden. Da nahm der Bischof vom Abt den Weihkessel und den Weihwedel entgegen, und während dieser ihm die aufgeschlagene Kirchenordnung hinhielt, besprengte er die Sterbende mit geweihtem Wasser, wobei er die lateinischen Worte ablas: Asperges me, Domine, hyssopo, et mundabor; lavabis me, et super nivem dealbabor. Die Tropfen zerstäubten, das große Bett schien wie vom Tau erquickt. Das Wasser fiel auf die Finger, auf die Wangen. Aber ein Tropfen nach dem anderen rollte ab, wie auf gefühllosem Marmor. Der Bischof wandte sich an die Zeugen des Vorganges und besprengte auch sie. Seite an Seite kniend und gebeugt im überzeugungsvollen Glauben neigten sich Hubert und Hubertine noch tiefer unter dieser Flut der Segenspendung. Der Bischof segnete auch das Zimmer, die Möbel, die weißen Wände. Als er an der Tür vorüberschritt, sah er sich seinem Sohne gegenüber, der vor der Schwelle kniete und in seine glühenden Hände hineinschluchzte. Mit langsamer Bewegung hob er dreimal den Weihwedel und reinigte auch jenen durch den sanften Regen. Somit war das geweihte Wasser, das die unsichtbaren, vieltausendfach umherfliegenden bösen Geister vertreiben sollte, überall ausgesprengt worden. In diesem Augenblick schlüpfte ein fahler Strahl der Wintersonne bis in das Bett; eine ganze Wolke von unzähligen Atomen, beweglichen Staubkörperchen schien lebendig von dem Fensterkreuze herniederzuschweben, um in ihrer wohligen Masse die kalten Hände der Sterbenden zu baden. Als Hochwürden zum Tische zurückgekehrt war, sprach er das Gebet. Exaudi nos ... Er beeilte sich nicht. Er wußte, daß der Tod schon hinter den alten rosakattunen Vorhängen lauerte, aber er fühlte, daß er es nicht eilig hatte und sieh gedulden werde. Trotzdem das Kind es in seiner Ohnmacht nicht hören konnte, sprach er doch zu ihm und fragte es: Haben Sie nichts auf dem Gewissen, was Ihnen Qualen bereitet? Beichten Sie Ihre Kümmernisse, erleichtern Sie Ihr Herz, meine Tochter. Angelika schwieg auch jetzt. Nachdem er ihr vergebens Zeit zur Antwort gelassen hatte, wiederholte er mit derselben vollen Stimme seine Ermahnung. Er schien nichts davon wissen zu wollen, daß keines seiner Worte zu ihr drang. Sammeln Sie sich, bitten Sie aus dem Innersten Ihres Herzens Gott um Vergebung. Das Sakrament kann Sie reinigen und Ihnen neue Kräfte verleihen, Ihre Augen werden klar, Ihre Ohren keusch, Ihre Nasenflügel frisch, Ihr Mund heilig, Ihre Hände unschuldig werden ... Er sagte, die Augen auf Angelika gerichtet, bis zum Schluß, was er zu sagen hatte. Sie atmete kaum, keine Wimper ihrer geschlossenen Augenlider rührte sich. Dann befahl er: Sprechen Sie das Glaubensbekenntnis. Nachdem er gewartet, sprach er es selbst: Credo in unum Deum... Amen, schloß Abt Cornille. Man hörte auf dem Flure noch immer Felix heftig schluchzen, denn seine Hoffnung schwand vollends dahin. Hubert und Hubertine beteten noch immer in derselben gebeugten, furchtsamen Haltung, als fühlten sie alle unbekannten Mächte herniederschweben. Es trat jetzt eine Stille ein, die das Stammeln eines Gebetes ausfüllte. Dann wurden die Litaneien der Kirchenordnung, die Anrufung der Heiligen beiderlei Geschlechts vorgenommen, zum Schluß stieg das Kyrie eleison empor und rief schließlich alle Heiligen der erbärmlichen Menschheit zu Hilfe. Plötzlich sanken die Stimmen, ein tiefes Schweigen trat ein. Hochwürden wusch sich mit einigen Tropfen Wassers die Hände, die der Abt aus der Kanne über sie ergoß. Jetzt endlich ergriff er das Gefäß mit den heiligen Ölen, deren Wirkung zur Tilgung aller tödlichen oder verzeihlichen Sünden ausreicht, die noch unvergeben in der Seele nach Empfang des üblichen Abendmahles zurückgeblieben waren, als da sind alte Reste vergessener Sünden, Sünden, die man unwissentlich begangen, Sünden der Schwachheit, die eine Befestigung in der Gnade Gottes nicht zugelassen hatten. Aber woher hier die Sünden nehmen? Sie konnten nur von draußen auf dem Sonnenstrahle mit den tanzenden Staubkörperchen hereindringen, welche die Keime des Lebens bis auf das weiße und kalte Totenbett einer Jungfrau trugen. Hochwürden hatte sich gesammelt, und die Blicke auf Angelika gerichtet, überzeugte er sich, daß das schwache Atmen noch fortbestand. Noch immer fühlte er sich über jede menschliche Regung erhaben, selbst als er sie so klein, in fast überirdischer Gestaltung und in ihrer engelhaften Schönheit liegen sah. Sein Daumen zitterte nicht beim Eintauchen in die heiligen Öle, nicht als er die Salbungen der fünf Teile des menschlichen Körpers vornahm, in dem die Sinne ihren Sitz nahmen, dieser fünf Fenster, durch welche das Böse in die Seele dringt. Er salbte zuerst die Augen auf den geschlossenen Lidern, erst das rechte, dann das linke; mit leiser Berührung zog der Daumen das Zeichen des Kreuzes. Per istam sanctam unctionem et suam piissimam misericordiam indulgeat tibi Dominus, quidquid per visum deliquisti. Die Sünden des Gesichts, als da sind unzüchtige Blicke, unehrenhafte Neugier, die Nichtigkeiten der weltlichen Schauspiele, schlechte Bücher, die schuldhaften Kummers halber geflossenen Tränen waren getilgt. Angelika aber hatte kein anderes Buch als die Legende gekannt, ihren Gesichtskreis engte die Apsis der Kathedrale ein, die ihr die übrige Welt verschlossen hatte. Ihre Tränen waren nur im Kampfe des Gehorsams gegen die Leidenschaft geflossen. Abt Cornille nahm ein Flöckchen Watte, trocknete damit die beiden Augenlider und wickelte es in eine der weißen Papiertüten ein. Jetzt salbte der Bischof die Ohren an den Ohrläppchen von perlmutterartiger Durchsichtigkeit, erst das rechte, dann das linke; das Zeichen des Kreuzes befeuchtete sie kaum. Per istam sanctam unctionem et suam piissimam misericordiam indulgeat tibi Dominus, quidquid per auditum deliquisti. Damit war jede Schuld des Gehörs getilgt, als da ist das Anhören verderblicher Worte und Musik, Lästerungen, Verleumdungen, selbstgefälliger Prahlereien, frecher Vorschläge, Vorspiegelungen der Liebe, die die Pflicht untergraben sollen, gemeiner, die Sinnlichkeit aufregender Gesänge, der Violinen des Orchesters, die unter den Kronleuchtern vor Wollust weinen. Angelika aber hatte in ihrer klösterlichen Abgeschlossenheit nicht einmal das zügellose Geschwätz der Nachbarn gehört, nicht einmal das Fluchen eines seine Pferde peitschenden Kärrners. In ihren Ohren klang keine andere Musik wider als die heiligen Gesänge, das Grollen der Orgel, das Flüstern der Gebete, von denen das in der Seite der alten Kirche eingenistete Häuschen nachzitterte. Der Abt trocknete auch die Ohren mit einem Flöckchen Watte und wickelte es in ein zweites Papierstückchen ein. Dann ging der Bischof zu den zwei weißen Rosenblättchen ähnlichen Nasenflügeln über, erst zum rechten, dann zum linken; sein Daumen reinigte sie mit dem Zeichen des Kreuzes. Per istam sanctam unctionem et suam piissimam misericordiam indulgeat tibi Dominus, quidquid per odoratum deliquisti. Der Geruch kehrte zu seiner ursprünglichen Unschuld zurück. Er war von jeder Befleckung rein gewaschen, nicht nur von der fleischlichen Lust an Wohlgerüchen, von der Verführung der zu süß duftenden Blumen und der in den Lüften ausgestreuten Gerüche, die die Seele einschläfern, sondern auch von den Sünden innerlichen Geruches, von den schlechten, anderen gegebenen Beispielen, von der ansteckenden Pest des Ärgernisses. Angelika aber war rechtschaffen und rein, nichts anderes als eine Lilie unter den Lilien gewesen, eine schöne Lilie, deren Duft die Schwachen stärkte und die Starken aufheiterte. Gerade sie war so wunderbar empfindlich gewesen, daß sie die beißenden Gerüche der Bisamlilien, der Fieber verursachenden Hyazinthen niemals vertragen hatte Wohl fühlte sie sich nur unter sanften Blüten, unter Immergrün und Tausendschön. Der Abt trocknete die Nasenflügel und wickelte die Watte in ein neues Stückchen Papier. Dann stieg Hochwürden zum geschlossenen Munde herab, den die schwache Atmung kaum öffnete; hier salbte er die Unterlippe mit dem Zeichen des Kreuzes. Per istam sanctam unctionem et suam piissimam misericordiam indulgeat tibi Dominus, quidquid per gustum deliquisti. Der ganze Mund war jetzt nur noch ein Kelch der Unschuld. Diesmal wurden verziehen die niedrigen Befriedigungen des Geschmackes, der Feinschmeckerei, das sinnliche Begehren von Wein und Leckereien; ferner wurden namentlich gesühnt die Verbrechen der Zunge, dieser Allerweltsschuldigen, ihre Herausforderungen und ihre Vergiftungen; denn sie ist es, die Streit, Kriege, Irrtümer und falsche Worte in die Welt setzt, die selbst dem Himmel seinen Ruhm raubt. Feinschmeckerei war niemals Angelikas Laster gewesen; sie hatte sich wie die Elisabeth ohne Unterscheidung der Speisen ernährt. Hatte sie wirklich in einem Irrtum befangen gelebt, so hatte sie nur der Traum dazu verleitet, diese Hoffnung auf das Jenseits, dieser Trost des Unsichtbaren, jene zauberische Welt, die ihre Unwissenheit ihr geschaffen und aus ihr eine Heilige gemacht hatte. Der Abt hatte den Mund getrocknet und wickelte das Flöckchen Watte in die vierte Papienhülse. Zum Schluß salbte Hochwürden die Handflächen erst der rechten, dann der linken Hand, die wie Elfenbein auf dem Bettuche ruhten, und nahm mit dem Zeichen des Kreuzes ihre Sünden von ihnen. Per istam sanctam unctionem et suam piissimam misericordiam indulgeat tibi Dominus, quidquid per tactum deliquisti. Jetzt war der ganze Körper weiß gewaschen von jedem Makel schmutziger Berührungen, von Raub, Schlägerei und Mord, ohne die Sünden der übergangenen Körperteile zu zählen, als da sind die der Brust, der Lenden, der Füße, die gleichzeitig mit der letzten Salbung vom Menschen genommen werden; alles, was in unserem Fleische brennt und heult, unsere Zornesausbrüche, unsere Wünsche, unsere zügellosen Leidenschaften, die Freuden des Fleisches, denen wir nachjagen, die verbotenen Vergnügen, nach denen unsere Glieder schreien, alles wird damit getilgt. Seit Angelika an ihrem Siege starb, hatte sie ihre Heftigkeit, ihren Hochmut und ihre Leidenschaftlichkeit völlig bekämpft, als habe die Erbsünde nur deshalb vorher ihren Einzug bei ihr gehalten, um ihr zum Ruhme des Triumphes behilflich zu sein. Sie wußte nicht einmal, daß sie irgendwelche Wünsche gehabt, daß ihr Fleisch je nach Liebe geseufzt habe, daß der Schauer, der sie nachts überlaufen hatte, sündhaft sei, so gepanzert mit Unwissenheit, so völlig weiß war ihre Seele. Der Abt trocknete die Hände und ließ das Flöckchen Watte in dem letzten Papiersäckchen verschwinden. Dann verbrannte er die fünf Päckchen im Kachelofen. Die Feier war vorüber, Hochwürden wusch sich die Hände, um das Schlußgebet zu sprechen. Es erübrigte ihm nur noch, der Sterbenden die sinnbildliche Kerze in die Hand zu geben und sie zu ermahnen, die Teufel zu verjagen, zu zeigen, daß ihr die Unschuld des Täuflings wieder zu eigen sei. Angelika blieb steif wie eine Tote mit geschlossenen Augen und Mund liegen. Die heiligen Öle hatten ihren Körper gereinigt, die Zeichen des Kreuzes hinterließen ihre Spuren auf den fünf Fenstern der Seele, ohne indessen eine Welle neuen Lebens in die Wangen zu zaubern. Das herbeigesehnte, herbeibeschworene Wunder hatte sich nicht gezeigt. Hubert und Hubertine, die noch immer Seite an Seite knieten, beteten nicht mehr, ihre glühenden Augen wandten sich so starr nach einer Richtung, daß man sie für festgebannt auf ewige Zeiten halten konnte; sie ähnelten den Figuren der Stifter von Kirchenfenstern, die in einer Ecke derselben der Wiederauferstehung harren. Felix war auf den Knien bis an die Tür selbst vorgerutscht. Er hatte zu schluchzen aufgehört und den Kopf erhoben, um erzürnt über die Taubheit Gottes besser sehen zu können. Hochwürden nahte sich, von Abt Cornille gefolgt, zum letztenmal dem Bette. Der Abt trug die angezündete Kerze, welche der Kranken in die Hand gegeben werden sollte. Der Bischof hatte sich die vollständige Durchführung des Rituals in den Kopf gesetzt, um auf diese Weise Gott Zeit zum Handeln zu lassen. Daher sprach er jetzt die Formel: Accipe lampadem ardentem, custodi unctionem tuam, ut, cum Dominus ad judicandum venerit, possis occurrere ei cum omnibus sanctis et vivas in saecula saeculorum. Amen, ergänzte der Abt. Als sie Angelikas Hand zu öffnen und diese um die Kerze zu legen versuchten, fiel sie träge auf die Brust zurück. Jetzt zitterte auch Hochwürden heftig. Die lang unterdrückte Bewegung brach hervor und verscheuchte die letzte Strenge des Priestertums. Er hatte dieses Kind von dem Tage an geliebt, als es rein und in der Frische seiner Jugend schluchzend zu seinen Füßen gelegen hatte. Wie war es doch jetzt bedauernswert! In ihrer Todesblässe erschien sie ihm von so schmerzensreicher Schönheit, daß er nicht den Blick auf das Bett zu richten vermochte, ohne daß sein Herz im geheimen von Kummer durchtränkt wurde. Jetzt verlor er jede Haltung, zwei dicke Tränen drangen aus seinen Augenlidern und liefen über seine Wangen. Sie sollte so nicht sterben, er war durch ihren noch im Tode ausgeübten Reiz besiegt. Er erinnerte sich der Wunder, die sein Geschlecht dank der ihm vom Himmel verliehenen Heilkraft vollbracht hatte. Er dachte daran, daß Gott zweifellos seine Zustimmung als Vater erwarte. Er rief die heilige Agnes an, vor der alle die Seinen gekniet hatten, und wie Johann V. von Hautecoeur an die Betten der Pestkranken getreten war und diese geküßt hatte, so betete auch er und küßte Angelika auf den Mund. Wenn Gott will, will ich. Angelika schlug sofort die Augen auf. Sie sah ihn, als sie aus ihrer langen Ohnmacht erwachte, ohne Überraschung an; ihre vom Kusse noch feuchten Lippen lächelten. Es sollte also alles in Erfüllung gehen; wahrscheinlich hatte sie ihren Traum soeben nochmals durchträumt und betrachtete es jetzt als selbstverständlich, daß Hochwürden zugegen war, um sie Felix anzutrauen. Sie setzte sich deshalb in ihrem Bett aufrecht. Der Bischof strahlte, aus seinen Augen schimmerte die Glorie des Wunders. Er wiederholte die Formel: Accipe lampadem ardentem ... Amen, schloß der Abt. Angelika hatte die angezündete Kerze genommen und hielt sie mit kräftiger Faust aufrecht. Das Leben war zurückgekehrt; klar brannte die Flamme und verscheuchte die Geister der Nacht. Ein lauter Aufschrei hallte durch das Zimmer, Felix war, wie vom Wehen des Wunders emporgehoben; aufgesprungen, während die Hubert unter demselben Wehen mit weitaufgerissenen Augen und entzücktem Antlitz über das, was sie erblickt, auf den Knien liegen geblieben waren. Das Bett schien ihnen wie von einem blendenden lichte umgeben, in dem Sonnenstrahl stiegen weiße Körperchen herauf, die weißen Federn ähnelten. Die weißen Mauern, das ganze Gemach war wie von einem schneeigen Schimmer durchzogen. Wie eine auf ihrem Stengel erfrischte und wieder aufgerichtete Lilie teilte Angelika diese Klarheit. Ihre weichen, goldigen Haare umgaben sie wie mit einem Heiligenschein, ihre veilchenblauen Augen leuchteten göttlich, der Abglanz des Lebens strahlte von ihrem reinen Antlitz wider. Als Felix sie gerettet sah, verlor er völlig den Kopf über die vom Himmel gekommene Gnade; er näherte sich und ließ sich vor dem Bett auf die Knie nieder. 0, mein teures Herz, Sie erkennen uns wieder. Sie leben... Ich gehöre nur Ihnen, mein Vater hat ja gesagt, weil Gott es gewollt. Sie neigte mit heiterem Lächeln den Kopf. Ich wußte es, erwartete es... Alles, was ich geschaut, wird nun wahr werden. Hochwürden, der seinen ruhigen Stolz wiedergefunden hatte, legte von neuem das Kruzifix auf den Mund. Als unterwürfige Dienerin küßte sie es diesmal. Mit einer alle umfassenden Armbewegung erteilte er über alle Köpfe hinweg dem ganzen Räume seine letzten Segnungen, während die Hubert und Abt Cornille in Tränen ausbrachen. Felix hatte Angelikas Hand ergriffen. In der anderen kleinen Hand brannte hell und hoch die Kerze der Unschuld. Vierzehntes Kapitel Die Hochzeit sollte in den ersten Tagen des März stattfinden. Aber Angelika blieb schwach trotz der ihr ganzes Wesen durchwärmenden Freude. Sie hatte gleich in der ersten Woche ihrer Genesung sich die Fertigstellung der Stickerei für den Sessel Hochwürdens im Arbeitszimmer in den Kopf gesetzt; es sollte das ihre letzte Verrichtung als Stickerin sein, meinte sie lächelnd, man lasse nicht eine Arbeit halbfertig liegen. Der Versuch hatte sie indessen bald so erschöpft, daß sie von neuem das Zimmer hüten mußte. Hier lebte sie vergnügt und heiter, ihre ehemalige vollständige Gesundheit aber fand sie nicht wieder. Nach der Salbung mit den heiligen Ölen erschien sie noch immer blaß und durchsichtig, und wenn sie kam und ging, geschah es mit kleinen, schwebenden Schritten; stundenlang ruhte sie träumend im Sessel, wenn sie vorher den weiten Weg vom Tische zum Fenster zurückgelegt hatte. Aus diesem Grunde schob man die Hochzeit noch weiter auf, und man entschied sich, erst ihre volle Genesung abzuwarten, die bei solch ausgezeichneter Pflege bald eintreten mußte. Felix besuchte sie jeden Nachmittag. Hubert und Hubertine waren auch zugegen, und es waren schöne Stunden, die sie so verbrachten, indem sie immer wieder dieselben Pläne für die Zukunft schmiedeten. Angelika saß zwar, doch war sie die fröhlichste von allen; sie war die erste, die von den Tagen der nächsten Zukunft sprach, von den Reisen, die sie machen wollten, von dem Ausbau des Schlosses Hautecoeur, kurz von allen Glückseligkeiten, die ihrer harrten. Man konnte sie für gerettet halten, ihre Kräfte wuchsen angesichts des zeitigen Frühlings, dessen von Tag zu Tag lauere Lüfte durch das geöffnete Fenster drangen, zusehends. Ihren ernsten Träumereien überließ sie sich nur, wenn sie sich allein befand und von niemandem gesehen werden konnte. Des Nachts entzückten sie überirdische Stimmen, dann wieder traf ein irdischer Ruf ihr Ohr; in ihr selbst wurde es heller; denn sie erkannte in der Verwirklichung ihres Traumes das Fortbestehen des Wunders. Eigentlich, so meinte sie, sei sie schon tot; sie lebe sichtbar nur dank der Gnade der unbekannten Dinge. Diese Einbildung wiegte sie in den Stunden der Einsamkeit in ein endloses Wohlgefühl; selbst der Gedanke, eines Tages alle irdischen Freuden verlassen zu müssen, ließ kein Bedauern in ihr wach werden, sie war eben fest überzeugt, daß sie das Glück bis zur Neige werde auskosten dürfen. Ihr Übel müsse warten. Ihre große Schwäche rief doch große Bedenken wach, denn sie nahm ihr mitunter jede Verfügung über ihre Glieder; sie fühlte ihren Leib kaum noch und schwelgte in reiner Seligkeit; erst ein irdisches Ereignis, wenn sie die Hubert die Tür öffnen hörte oder Felix kommen sah, machte es ihr möglich, sich aufzurichten und wiederkehrende Gesundheit zu erheucheln. Dann plauderte sie mit heiterm Lachen von den Jahren ihrer Ehe und der fernsten Zukunft. Gegen Ende des Monats März erschien Angelika noch heiter und vergnügt; doch hatte sie bereits zweimal Ohnmachtsanfälle, während sie sich allein in ihrem Zimmer befand. Eines Morgens, gerade als ihr Hubert eine Tasse Milch brachte, fiel sie vor dem Bette nieder; um ihn zu täuschen, tat sie, als habe sie sich absichtlich auf den Fußboden niedergelassen; sie suche eine Nadel, meinte sie. Am nächsten Tage war sie wieder sehr aufgeräumt, sie sprach davon, Hals über Kopf heiraten zu wollen, und zwar bereits Mitte April. Man versuchte es ihr auszureden, hielt ihr ihre Schwäche vor und fragte sie, warum sie nicht warten wolle. Aber sie bestand auf ihrem Willen und wollte, wenn möglich gleich, auf der Stelle heiraten. Hubertine kam diese Eile verdächtig vor; betroffen blickte sie die Tochter an und erschrak vor dem von jener ausgehenden kühlen Atem. Doch schon beruhigte sich die teure Kranke; lief doch ihr zartfühliges Bestreben stets darauf hinaus, den anderen etwas vorzuspiegeln, während sie selbst nur zu gut wußte, daß sie verloren sei. Hubert und Felix hatten bei ihrer beständigen Anbetung Angelikas bisher weder etwas gesehen noch gefühlt. Auch jetzt wieder schritt sie dank der Festigkeit ihres Willens mit ihren wiegenden Schritten von ehemals auf und nieder, und wenn sie behauptete, die Hochzeitsfeier werde ihre Genesung vollenden, und sie freue sich so sehr darauf, war sie entzückend. Im übrigen stand die Entscheidung Hochwürden zu. Als dieser eines Abends in Person erschien, setzte sie ihm ihren Wunsch auseinander. Ihre Augen tauchten dabei unentwegt in die seinen, und ihre Stimme erklang so süß, daß er wohl fühlte, welche unausgesprochene heiße Bitte ihren Worten zugrunde lag. Der Bischof begriff; er setzte die Hochzeit auf Mitte April fest. Jetzt lebte man in beständiger Aufregung, denn es mußten große Vorbereitungen getroffen werden. Hubert mußte, trotzdem er gesetzlicher Vormund war, die Einwilligung des Direktors der Armenpflege einholen, der noch immer den Familienrat vorstellte, weil Angelika noch nicht großjährig war; Herr Grandsire, der Friedensrichter, hatte die Erledigung aller dieser Einzelheiten übernommen, um Felix und dem jungen Mädchen die damit verbundenen Unbequemlichkeiten zu ersparen. Angelika sah wohl, was man vor ihr verbarg, und so ließ sie sich eines Tages ihr Zöglingsbuch heraufbringen, um es ihrem Bräutigam zu übergeben. Sie befand sich jetzt immer in einem Zustande tiefster Demut; sie wollte, daß er wisse, aus welcher Tiefe er sie auf die Ruhmeshöhe seines alten Namens und großen Vermögens hebe. Dieses amtliche Zeugnis, diese Aufführungsliste mit einem Datum und einer Nummer war ihr Adelsbrief. Noch einmal durchblätterte sie es, dann überreichte sie es ihm ohne jegliche Verwirrung; sie freute sich, daß sie so gar nichts sei, und daß er erst etwas aus ihr mache. Felix war tief gerührt von dem, was er erblickte; er ließ sich vor ihr auf die Knie nieder und küßte mit Tränen in den Augen ihre Hände, als habe sie ihm ein herrliches Geschenk, das königliche Geschenk ihres Herzens gemacht. Die Vorbereitungen beschäftigten vierzehn Tage hindurch ganz Bearmont und stellten die obere und untere Stadt vollständig auf den Kopf. Man erzählte sich, daß zwanzig Arbeiterinnen Tag und Nacht mit der Fertigstellung der Ausstattung beschäftigt seien. Am Hochzeitstage allein waren drei Näherinnen tätig. Die Morgengabe sollte, so sagte man, einen Wert von einer Million betragen, es sollte sich eine wahre Hochflut von Spitzen, Samt, Atlas und Seide, Edelsteinen und königlichen Diamanten über die Braut ergießen. Ganz besonders aber erhielten die beträchtlichen Almosen die Bevölkerung Beaumonts in Atem. Die Braut hatte verlangt, daß man den Armen ebensoviel zuwende wie ihr selbst, eine zweite Million also, die sich wie ein Goldregen auf die Stadt senken sollte. Endlich konnte sie ihren einstigen Durst nach Wohltun vollkommen stillen. Die Freigebigkeit ihres Traumes erlaubte es ihr, mit offenen Händen eine Flut des Reichtums über die Armen ausströmen zu lassen. Aus dem kleinen, kahlen Zimmer und dem alten Sessel heraus, an den Angelika gefesselt war, tönte das Lachen hellster Freude, als Abt Cornille ihr die Verteilungslisten brachte. Mehr, immer mehr, man konnte gar nicht genug geben! Sie hätte gar zu gern gesehen, wie der Vater Mascart sich an fürstlichen Mahlzeiten gütlich tue, wie die Chouteau inmitten eines palastartigen Luxus sich anstellten, und wie jung und gesund die Mutter Gabet mit Hilfe des Geldes geworden, wie die Lemballeuse, Mutter und Tochter, schöne Kleider und Schmucksachen zu tragen verständen! Wie ein Märchen verdoppelte sich der Goldregen über die Stadt; er kam nicht nur den täglichen Bedürfnissen, sondern auch der Annehmlichkeit und dem Vergnügen zugute. Im siegreichen Glanze des Ruhmes senkte sich das Gold auf das Straßenpflaster hernieder und schimmerte dort in den Strahlen der allumfassenden Sonne der Barmherzigkeit. Am Vorabende des schönen Tages waren sämtliche Vorbereitungen fertig. Felix hatte in der Magloire-Straße hinter dem Bischofshause ein Haus erworben und es prächtig eingerichtet. Die mächtigen Räume waren mit herrlichen Tapeten geschmückt und mit den kostbarsten Möbeln ausgestattet; sie bestanden aus einem Salon mit altertümlichen Gobelins, einem Damenzimmer von himmelblauer Zartheit und vor allem einem Schlafzimmer, das einem aus weißer Seide und weißen Spitzen gefertigten Neste glich. Hier schimmerte alles weiß verhüllt und duftig, selbst das Licht erzitterte in weißer Flamme. Angelika hatte einen Wagen nehmen sollen, um zur Besichtigung dieser Kostbarkeiten zu fahren, doch sie wollte nicht. Sie hörte dem Bericht über dieses Wunder mit entzücktem Lächeln zu, traf aber selbst keine Verfügungen, weil sie sich in die Anordnung des Ganzen nicht hineinmischen wollte. Was sie vernommen, lag ihr vollständig fern; es gehörte zu jener unbekannten Welt, die ihr noch fremd war. Genug, daß ihre Lieben ihr Glück so zartfühlend schufen; wie eine Prinzessin aus dem Feenreiche wollte sie in ihr wirklich vorhandenes Königreich, woselbst sie von jetzt an herrschen sollte, ihren Einzug halten. Im übrigen schickte es sich nicht, daß sie die Morgengabe, die sich bereits in ihrer neuen Behausung vorfand, jetzt schon kennen lernte; dort waren das mit ihrem adeligen Namenszuge gestickte Leinenzeug, die mit Stickereien überladenen Galakleider, die altertümlichen – ein vollständiger, gewichtiger Kirchenschatz – und auch die modernen Schmucksachen ausgestellt, deren Fassung einen wunderbar zarten Geschmack verriet, und deren Brillanten im klarsten Wasser spielten. Angelika begnügte sich mit dem Siege ihres Traumes, mit der Gewißheit, daß sie ein solches Glück erwarte, strahlend in der Wirklichkeit des Lebens. Nur ihr Traukleid ließ sie sich am Hochzeitsmorgen bringen. Als Angelika an diesem Morgen in ihrem großen Bett die Augen aufschlug, fühlte sie sich einen Augenblick fast der Verzweiflung nahe; sie fürchtete, sich nicht aufrecht halten zu können. Sie versuchte, sich zu erheben, doch kraftlos knickten ihre Beine zusammen. Die tapfere Heiterkeit der letzten Woche schwand vor diesem furchtbaren Angstgefühl, das ihr aus allen Poren drang. Als sie Hubertine mit fröhlicher Miene eintreten sah, war sie überrascht, daß sie mit einmal gehen konnte; sie fühlte aber, daß es nicht ihre eigene Kraft war, die sie aufrecht hielt, sondern daß ein Helfer des Unsichtbaren ihr zur Seite stand, und daß befreundete Hände sie trugen. Man kleidete sie an. Sie war federleicht und wog fast gar nichts mehr; zur Mutter, die darob erstaunte, meinte sie scherzend, sie solle den Atem anhalten, sonst fliege sie vielleicht davon. Während man sie ankleidete, erbebte das kühle Häuschen an der Seite der Kathedrale bereits von dem mächtigen Atem der Riesin. Denn in ihr summte es schon von den Vorbereitungen zur Feierlichkeit. Die Geistlichkeit befand sich in fieberhafter Tätigkeit, und die beständig tönenden Glocken der Stadt verbreiteten solch fröhliches Leben, daß selbst die alten Steine erzitterten. Seit einer Stunde schon erklangen die Glocken wie an den Tagen der großen Feste in der oberen Stadt. Die Sonne war strahlend über einem lauen Apriltag aufgegangen, eine Woge von Frühlingslicht, die ihr Leben von den hellen Klängen der Glocken zu empfangen schien, hatte alle Einwohner auf die Straße gelockt. Ganz Beaumont nahm freudigen Anteil an der Hochzeit der kleinen Stickerin, die aller Herzen gewonnen hatte. Der schöne Sonnenschein in den Straßen glich dem Goldregen, der in den Märchen den zarten Händen der Feen als Almosen entquillt. Durch dieses Freude erweckende Licht strömte die Menge nach der Kathedrale hin, deren Schiff und Chöre sie bald füllte. Selbst den Klosterplatz bedeckte die Menschenmenge vollständig. Hier stieg die Hauptseite der Kirche wie ein blühendes Steinbukett empor, aus dem strengen romanischen Unterbau wuchs der vielgezackte gotische Oberbau heraus. In den Türmen schallten die Glocken unaufhörlich. Die Seite des Gebäudes selbst schien sich dieser Hochzeit zu rühmen; denn alles, was an ihr aufflammte und emporstrebte, das durchbrochene, steinerne Spitzenwerk, das lilienhafte Erblühen der Säulchen, der Geländer und Bogenwölbungen, die Nischen mit den überdachten Heiligen, die geißblattförmig auslaufenden, mit kleinen Kreuzen und Blumenwerk verzierten Giebel, die mächtigen Rosen, alles das hatte das arme Mädchen auf seinem Gange durch das Wunder seines Lebens begleitet. Um zehn Uhr erbrauste die Orgel, Angelika und Felix betraten in diesem Augenblick die Kirche und näherten sich langsamen Sehrittes durch die dichtgedrängt stehende Reihe der Zuschauer dem Hauptaltar. Ein Flüstern der Rührung und Bewunderung ließ die Köpfe der Menschen auf und nieder wogen. Felix, zwar sehr bewegt, schritt stolz und würdig einher. Das Gestrenge der schwarzen Kleidung ließ seine Schönheit eines jungen Gottes noch deutlicher hervortreten. Aber sie vor allem erschien so anbetungswürdig, so göttlich, mit einem so geheimnisvollen, überirdischen Reize ausgestattet, daß alle Herzen lauter schlugen. Ihr Kleid war aus weißer Moirée gefertigt; es war ganz einfach mit weißen Mechelner Spitzen besetzt, die von Perlen zusammengehalten wurden; zierliche Perlenschnüre hoben sich aus dem Besatz der Taille und von den Spitzen des Unterkleides ab. Ein Schleier aus alten englischen Spitzen war auf dem Kopfe mit einer dreifachen Perlenkrone befestigt, er hüllte Angelika vollständig ein und wallte bis auf die Füße hernieder. Sonst trug sie nichts, keine Blume, keinen Schmuck. In dieser schimmernden Flut, in dieser leise knisternden Wolke weißen Stoffes schien ihre kleine Heiligenfigur mit den veilchenblauen Augen und goldblonden Haaren wie von einem Flügelpaar bewegt dahinzugleiten. Zwei Sessel aus rotem Samt erwarteten das Brautpaar vor dem Altar; hinter ihnen knieten Hubert und Hubertine auf dem für die Familienmitglieder bestimmten Betkissen nieder, während die Orgel ihre Begrüßungsklänge zu Ende führte. Am Abend vorher hatten sie eine unerwartete Freude erlebt; sie wußten jetzt noch nicht, was sie dazu sagen sollten, und fanden nicht genug Worte des Dankes gegen Gott, der auch ihnen ein ihrem Kinde ähnliches Glück beschert hatte. Hubertine hatte abermals den Kirchhof besucht, der Gedanke quälte sie, daß sie nun nach der Verheiratung ihrer Tochter wieder einsam in dem kleinen Hause leben würden. Sie hatte deshalb lange zur Mutter gebetet. Plötzlich war sie mit einem Ruck zitternd in die Höhe gefahren. Sie fühlte sich erhört. Nach dreißig Jahren schickte aus der Tiefe des Grabes herauf die hartnäckige Tote ihr die Verzeihung, das so heiß begehrte und erwartete Kind der Versöhnung. War diese Erhörung der Lohn für ihre Barmherzigkeit, dafür, daß sie ein armes Geschöpf des Elends an jenem Wintertage unter der Tür der Kathedrale aufgelesen und in ihr Haus geführt hatte, dasselbe, welches heute mit dem größten Pomp der Kirche einem Fürsten angetraut wurde? Daher lagen sie jetzt ohne ein Gebet, ohne Worte zu finden, vor dem Altar auf den Knien. Ihr ganzes Wesen war ein einziger Ausdruck des Dankes und unendlichen Entzückens. Ihnen gegenüber thronte Hochwürden auf seinem Bischofssitze, auch er gehörte ja zur Familie. Voll und ganz veranschaulichte er die Majestät Gottes: in der Pracht seiner geheiligten Kleider schien sein Gesicht göttliche Erhabenheit an Stelle weltlicher Leidenschaften auszustrahlen. Über seinem Haupte schwebte, von den beiden Engeln der Stickerei gehalten, das schimmernde Wappen von Hautecoeur. Jetzt begann die Feier. Die gesamte Geistlichkeit war zur Stelle, selbst die Pfarrer aus den zur Kirche gehörigen Sprengein waren gekommen, um ihren Bischof zu ehren. In diese weiße Flut der Chorhemden leuchteten die goldigen Chorröcke der Sänger und die roten der Chorknaben hinein. Selbst die ewige Nacht unterhalb der tief gelegenen romanischen Kapellen erhellte an jenem Vormittage die wohlige Aprilsonne, die auch in den Kirchenfenstern ihre Lichter spielen ließ, wo selbst das Steinwerk wie in eine Kohlenglut getaucht schien. Im Schiffe der Kirche aber flammte ein Kerzenmeer auf; so zahlreich wie Sterne am Sommerhimmel flimmerten hier die Lichter. Auch der Hauptaltar in der Mitte strahlte von Licht, der sinnbildliche brennende Busch erglühte wie vom Feuer der Seelen. In den Wandarmen, in den Kronleuchtern brannten die Kerzen; vor dem jungen Ehepaar verbreiteten zwei große Leuchter mit geschwungenen Armen ein sonnengleiches Licht. Ein ganzer Wald von Pflanzen verwandelte den Chor in einen Hain; dort blühten in mächtigen Büscheln weiße Azaleen, weiße Kamelien und Lilien. Bis tief in die Apsis hinein blitzten die goldenen und silbernen Streiflichter auf, hier und dort sah man Eckchen von Samt und Seide, kurz, durch die Pflanzenwand drang es blendend wie ein Schein des Tabernakels. Oberhalb des Geflimmers verjüngte sich das Schiff, die vier mächtigen Pfeiler des Transepts stützten die Kuppel. Wie von unsichtbarem Hauche bewegt, erzitterten die Tausende von kleinen Kerzen und beugten ihr Licht vor dem voll durch die hohen, gotischen Fenster dringenden Sonnenlicht. Angelika hatte verlangt, daß der gute Abt Cornille sie traue. Als sie ihn jetzt im Chorhemd und weißer Stola, von zwei Gehilfen gefolgt, nach vorn kommen sah, lächelte sie ihm entgegen. Endlich verwirklichte sich ihr Traum, sie heiratete weit über alles Hoffen hinaus Reichtum, Schönheit und Macht. Die Kirche sang ihre Hymnen und erstrahlte in einem Meere von Kerzen, die Menge der Gottesfürchtigen und Priester drängte sich Kopf an Kopf. Noch nie hatte das alte Schiff von einer so königlichen Pracht widergestrahlt; in seinem geheiligten Reichtum schienen sich seine Wände vor lauter Glück geweitet zu haben. Angelika lächelte; sie fühlte den Tod in sich, fühlte, wie er inmitten dieser allgemeinen Freude seinen Sieg feierte. Als sie die Kirche betrat, hatte sie ihren Blick der Kapelle Hautecoeur zugewandt, wo Laurette und Balbine, die glücklichen Toten, schlummerten, die in voller Jugend im Augenblick des höchsten Lebensglückes dahingerafft wurden. In dieser Stunde fühlte sie sich vollkommen siegreich über sich selbst, geläutert, neugeboren; erstorben waren in ihr die Leidenschaft und der Hochmut über den Triumph. Sie war entschlossen zu dem überirdischen Fluge ihres Wesens und stimmte in das Hosianna ihrer großen Freundin, der Kathedrale, reinen Herzens ein. Als sie niederkniete, tat sie es als unterwürfige und demütige Dienerin, die von der Erbsünde völlig reingewaschen ist. Ihre Entsagung beglückte sie. Abt Cornille war vom Altar herniedergestiegen und sprach die Ermahnung mit Worten eines Freundes. Er führte als Beispiel die Ehe an, die Jesus mit der Kirche eingegangen war, er sprach von der Zukunft, davon, daß sie die Tage im Glauben verbringen und ihre Kinder als Christen erziehen sollten. Wiederum lächelte Angelika zu dieser Hoffnung, während Felix neben ihr im Gedanken an dieses nunmehr gesichert scheinende Glück erschauerte. Dann kamen die vorgeschriebenen Fragen, die Antworten, die für das ganze Leben binden, und das entscheidende Ja, das bei ihr aus der Tiefe ihres bewegten Herzens heraufklang, während er es lauter mit einem sanften Ernste aussprach. Das Unlösbare war geschehen, der Priester legte ihre rechten Hände ineinander und sprach die Formel: Ego conjungo vos in matrimonium in nomine Patri, et Filii, et Spiritus sancti. Jetzt folgte die Segnung des Ringes, des Sinnbildes unverletzlicher Treue und der Unlösbarkeit des Bundes, der ewig dauert. Der Priester bewegte den Weihwedel über dem goldenen Ring in der silbernen Schale in der Form des Kreuzes: Benedic, Domine, anulum hunc ... Dann reichte er ihn dem Gatten als Zeugnis, daß die Kirche sein Herz siegle und verschließe, auf daß keine andere Frau dort Einzug halten könne. Der Gatte steckte ihn der Gattin an den Finger, um ihr seinerseits zu versichern, daß er allein unter allen Männern ihr angehöre für alle Zukunft. Die Vereinigung war jetzt geschlossen ohne Ziel, ohne Ende; sie trug jetzt das Zeichen, das ihm beständig seinen beschworenen Eid vor Augen halten sollte. Es drückte auch zugleich die Verheißung auf eine lange Reihe gemeinsam zu verlebender Jahre aus, gerade als ob der kleine Goldreif sie bis über das Grab hinaus aneinander ketten werde. Während der Priester nach dem Schlußgebet sie noch einmal ermahnte, zeigten Angelikas Züge abermals das klare Lächeln der Entsagung. Sie wußte ja, was kam. Wieder erbrauste die Orgel im Jubelklang hinter dem Abt her, der sich mit seinen Gehilfen zurückzog. Hochwürden senkte trotz seiner starren Majestät seine zwei sanft blickenden Adleraugen auf das junge Paar hernieder. Die immer noch knienden Hubert erhoben die Köpfe, ihre Augen waren fast geblendet vor Freudentränen. Weiter grollte die Orgel in endlosen Tonreihen, um sich in einen Schauer von kleinen, hellen Noten zu verlieren, die dem Morgengesang der Lerche gleich von dem Gewölbe herabregneten. Ein lang anhaltendes Aufseufzen und eine allgemeine Bewegung lief durch die Reihen der in der Kirche und in den Seitengängen sich stauenden Menge. Die blumengeschmückte, vom Lichtglanze widerstrahlende Kirche erglänzte vor Freude über die heilige Handlung. Jetzt vergingen noch zwei Stunden königlichen Pompes. Es wurde die hohe Messe gehalten. Der Geistliche erschien im weißen Meßgewande in der Begleitung des Festordners, die beiden Rauchfaßträger hielten Rauchgefäß und Weihkessel, die zwei Gehilfen trugen die großen, angezündeten goldenen Leuchter. Die Anwesenheit Hochwürdens gestaltete den Gottesdienst, die Begrüßungen und Kußspenden umständlicher. Jeden Augenblick rauschte es wie Flügelschlag durch die Reihen der Chorröcke, wenn die Priester sich verneigten und die Knie beugten. Aus den alten, reichgeschnitzten Chorstühlen fuhr das ganze Kapitel in die Höhe. Dann wiederum schien ein Hauch vom Himmel die ganze Menge der die Apsis füllenden Geistlichkeit zu Boden zu strecken. Der Messehaltende sang vor dem Altar. Wenn er schwieg und sich setzte, fiel der Chor mit feierlichen, langverhallenden Tönen ein, während helle, Kinderstimmen den Flöten der Erzengel ähnliche himmlische Weisen anstimmten. Eine einzige schöne, klare Stimme, die eines jungen Mädchens, tönte ganz besonders zum Entzücken. Man erzählte sich, daß sie dem Fräulein Claire von Voincourt angehörte, die es sich nicht hatte nehmen lassen wollen, bei dieser Wunderhochzeit mitzusingen. Die begleitende Orgel atmete lange und zärtlich, es klang, als freue sich eine gütige und glückliche Seele. Mitunter trat ein plötzliches Schweigen ein, dann aber rollte von neuem der Donner der Orgel an den Wölbungen entlang, während der Festordner die Gehilfen mit ihren Leuchtern und die Rauchfaßträger zum Messehaltenden führte, um von diesem den den Kesseln entströmenden Weihrauch segnen zu lassen. Klar und silbern erklang das Geklirr der Kettchen an den Gefäßen, während die Weihrauchwölkchen emporschwebten. Eine wohlriechende Wolke schwamm bläulich in der Luft. Dreimal, erst zur Rechten, dann zur Linken und schließlich in der Mitte wurde gegen den Bischof, die Geistlichkeit, den Altar, das Evangelium und gegen die tiefen Reihen der Gläubigen der Weihrauch geschwenkt. Angelika und Felix lagen auf den Knien und lauschten demütig der Messe, welche die geheimnisvolle Vollziehung der Ehe von Jesus mit der Kirche bedeutet. Man hatte jedem von ihnen eine brennende Kerze in. die Hand gegeben, das Sinnbild der seit der Taufe bewahrten Unschuld. Noch nach dem Vaterunser blieben sie unter dem Sehleier, als dem Zeichen der Unterwürfigkeit, der Scham und der Bescheidenheit, während der Priester stehend die vorgeschriebenen Gebete las. In ihren Händen schimmerten noch immer die Kerzen, ein Hinweis, daß man selbst während der rechtlichen Freuden der Hochzeit an den Tod denken soll. Der Gottesdienst war zu Ende, die Opferung vorüber, der Messehaltende entfernte sich mit dem Festordner, den Rauchkesselträgern und den Gehilfen, nachdem er Gott gebeten, die Gatten zu segnen, auf daß sie ihre Kinder wachsen und sich vermehren sähen bis in das dritte und vierte Glied. Wie ein Aufjauchzen ging es durch die ganze Kathedrale. Die Orgel stimmte mit einem so mächtigen Donnerlaut den Triumphmarsch an, daß das alte Gebäude in seinen Grundfesten erzitterte. Rauschend erhob sich die Menge und drängte vor, um besser sehen zu können. Die Frauen erkletterten die Stühle, bis tief hinein in die dunklen Kapellen der Seitenchöre waren dichtgedrängte Reihen von Köpfen sichtbar. Aller Herzen klopften, aller Gesichter frohlockten. Die Tausende von Kerzen schienen während des Abschiednehmens noch heller zu brennen, die Flammen dehnten sich, und feurige Zungen schienen an den Gewölben emporzulecken. Ein letztes Hosianna der Geistlichkeit stieg aus der Mitte der Blumen und der grünen Wand inmitten des Glanzes der geheiligten Zierate und Kostbarkeiten auf. Plötzlich sprangen die beiden Flügel der Haupttür unterhalb der Orgel auf, und die dunkle Mauer umflutete eine Woge blendenden Tageslichts. Der klare Vormittag des April, die lebendige Frühlingssonne, der Klosterplatz mit seinen heiteren, weißen Häusern wurden sichtbar. Dort draußen wartete eine noch zahlreichere Menge auf die Neuvermählten mit noch ungeduldigerer Teilnahme, wie die Zurufe und das Hin- und Herwogen bekundeten. Die Kerzen erbleichten, und die Orgel überbrauste mit ihrem Donner den Lärm der Straße. Langsamen Schrittes wandelten Angelika und Felix durch die doppelte Reihe der Getreuen zur Tür. Der Sieg war gefeiert, und aus dem Traume hervor schritt Angelika in die irdische Wirklichkeit hinüber. Dieser Vorhof voll grellen Lichtes eröffnete ihr die noch unbekannte Welt. Sie verlangsamte ihren Schritt und betrachtete die Häuser, die bewegte Menge, die ihr zurief und sie begrüßte. Ihre Schwäche war so groß, daß ihr Gatte sie fast tragen mußte. Trotzdem ruhte auf ihrem Antlitz ein Lächeln. Sie gedachte des fürstlichen Hauses mit seinen Kostbarkeiten und königlichen Gewändern, in dem sie das weißseidene hochzeitliche Gemach erwartete. Ein Erstickungsanfall hemmte ihren Fuß, dann tat sie noch mit Aufwendung aller Kräfte einige Schritte. Ihr Blick hatte den Bing an ihrem Finger getroffen, und sie lächelte diesem Bande für die Ewigkeit freundlich zu. Auf der Schwelle des Haupteinganges, auf der obersten der auf den Platz führenden Stufen schwankte sie. Hatte sie jetzt nicht das Glück bis zur Neige ausgekostet? Hatte hier nicht die Freude ein Ende? Sie raffte sich zu einer letzten Anstrengung auf und legte ihren Mund auf den ihres Gatten. Mit diesem Kusse entfloh ihr Geist. Aber es war kein trauriger Tod. Hochwürden selbst half mit seiner üblichen Bewegung priesterlicher Segnung dieser armen, in sich beruhigten Seele, die zum göttlichen Nichts zurückkehrte, sich befreien. Die zum wirklichen Leben wiederkehrenden, begnadeten Hubert hatten die beglückende Empfindung, daß hier ein Traum endete. Die Kathedrale, die ganze Stadt schwamm in Festesfreude. Die Orgel erklang noch lauter, die Glocken tönten zusammen, und das Volk jauchzte dem Liebesbunde zu, der unter dem Glänze der Frühlingssonne auf der Schwelle der geheimnisvollen Kirche vor seinen Augen sichtbar ward. Angelika schwebte glücklich und in unschuldvoller Reine aus dem Dunkel der romanischen Kapellen zum Strahlenkranze der gotischen Wölbungen in die Verwirklichung ihres Traumes hinüber, von den Resten verblichenen Goldes und toter Malereien zum lebendigen Paradies der Legenden empor. Felix hielt nur noch ein süßes, zartes Etwas in den Armen, das aus Spitzen und Perlen bestehende Hochzeitskleid, diese Handvoll leichten, noch warmen Gefieders. Schon längst wußte er, daß er nur einen Schatten noch sein Eigen nannte. Die vom Unsichtbaren gekommene Erscheinung kehrte zum Unsichtbaren zurück. Es war nur ein Lichtbild gewesen, das erlosch, nachdem es eine Einbildung geschaffen hatte. Alles war nur ein Traum. Auf dem Gipfel des Glückes angelangt, entschwand Angelika unter dem flüchtigen Hauche eines Kusses.