Ludwig Uhland Geschichte der deutschen Poesie im Mittelalter Einleitung Die Geschichte der deutschen Poesie im Mittelalter vorzutragen ist die Aufgabe, die ich in diesem Semester zu lösen übernommen habe. Es erscheint angemessen, mittels einer kurzen Einleitung die Aufgabe selbst näher zu bestimmen und den Weg, der zu ihrer Lösung eingeschlagen werden soll, zu bezeichnen. Das Mittelalter ist der weltgeschichtliche Zeitraum, aus welchem die Erscheinungen hervorgegangen sind, die den Gegenstand unserer Betrachtung und Darstellung ausmachen. Aus der allgemeinen Geschichte ist bekannt, daß man unter dem Mittelalter die Zeit von der großen Völkerwanderung oder vom Untergange des weströmischen Reichs bis zum Beginn der Reformation, also vom fünften bis in das fünfzehnte Jahrhundert zu verstehen pflegt. Die Grenze wird bald enger, bald weiter gezogen, je nachdem man mehr nur die volle Erscheinung dessen, was man für das Charakteristische des Mittelalters annimmt, oder zugleich auch das Werden und den Zerfall, die Übergänge von einer Zeit in die andere, im Auge hat, vorzüglich aber, je nachdem man den Charakter dieses Zeitalters selbst so oder anders bestimmt. Das innere Wesen eines tausendjährigen, vielgestaltigen Völkerlebens läßt sich nicht in einigen Worten definieren. Eine ausführlichere Charakteristik aber würde vorgreifend Ergebnisse darlegen, die erst aus der historischen Entwicklung auch unsres Gegenstandes zutage treten sollen. Wir beschränken uns deshalb hier darauf, die Faktoren anzugeben, aus denen der Befund gezogen werden muß, die Elemente dieser Zeitschöpfung und die Grundkräfte, welche schaffend in ihnen gewirkt haben. Das europäische Mittelalter bildet sich in dem Zusammenstoß und der Verschmelzung des germanisch-heidnischen Lebens mit dem romanisch-christlichen. Der jugendlich-kräftige Germanenstamm zerbricht das morsche Römerreich und gründet auf den Trümmern desselben neue, eigentümliche Staatenbildungen. Aber die Kultur der Besiegten, noch nicht die literarische, sondern die bürgerlich-gesellige, übt rückwirkend ihre Macht auf die Sieger aus. Und eben im Zerfall der alten Welt ist ein neues, geistiges Licht angezündet worden, das Christentum, vor dessen aufglänzendem Strahl die heidnischen Eroberer sich niederwerfen. Die Geisteskräfte nun, welche aus dem Kampf und der Vermittlung jenes weitgreifenden Gegensatzes ein neues Weltalter erschaffen, sind diejenigen, deren vorherrschende Wirksamkeit überall der wissenschaftlichen Bildung, dem Reiche des Gedankens vorangeht, dieselben, welche vorzugsweise das dichterische Vermögen ausmachen, die Kräfte der Phantasie und des Gemüts. Alle größern Erscheinungen des Mittelalters zeigen uns diesen Charakter des Phantastisch-Gemütlichen. Nehmen wir die Kreuzzüge, welche jahrhundertelang die Völker aufgeregt, so werden uns die politischen Triebfedern, welche dabei mitunterliefen, doch nimmer ausreichend bedünken, diese große Bewegung hervorzubringen; selbst die religiösen Antriebe dieser kriegerischen Wallfahrten setzen einen auf das Phantastische gerichteten Glauben voraus. Aber auch die ruhigern Zustände, die bestehenden politisch-kirchlichen Systeme tragen den bezeichneten Charakter. Die Poesie im germanischen Rechte, das sinnliche Element desselben, das Anschauliche und Gemütliche seiner Formen und Symbole, wie solches von den ältesten Zeiten des Mittelalters hindurch noch bis in unsre Zeit seine Spur zieht, ist neuerlich in J. Grimms Deutschen Rechtsaltertümern (Göttingen 1828) trefflich dargelegt worden. Wir sehen hier über dem steinernen Richterstuhl die blühende Linde. Das deutschrömische Kaisertum des Mittelalters war häufig mehr ein glänzendes Bild in der Vorstellung, als eine Gewalt in der Wirklichkeit. Die Hierarchie der römischen Kirche, welche von allem am meisten das Gepräge der Berechnung an sich trägt, hätte doch ohne eine gläubige Begeisterung ihrer Begründer und der Völker, die ihr huldigten, niemals so feste Wurzeln schlagen und so mächtig heranwachsen können. Endlich der religiöse Glaube selbst, der diese Herrschaft möglich machte, das Christentum des Mittelalters, war wesentlich in der Phantasie gestaltet: das Hervortreten des Gedankens in Beziehung auf die Gegenstände des Glaubens war ein Hauptmerkmal des Anbruchs der neuen Zeit, das zunächst und hauptsächlich im Protestantismus sich geäußert: aber auch den Katholizismus unserer Zeit sehen wir mehr vor, als in das Mittelalter sich stellen. Indem wir jedoch Phantasie und Empfindung, die wir als dauernde, konstante Seelenstimmung Gemüt nennen, für die auszeichnenden Bestandteile des Dichtervermögens erklärt haben, für diejenigen, wodurch es sich von andern Fähigkeiten und Richtungen des Geistes eigens unterscheidet, so war es keineswegs die Absicht, dem Dichter die Denkkraft abzusprechen oder zu erlassen. Ebensowenig sind wir gemeint, zu behaupten, daß im Mittelalter, das wir mit denselben Eigenschaften charakterisiert, darum der Gedanke brach gelegen, so wie auch umgekehrt unsere philosophische Zeit niemals auf ihr Anrecht an die Poesie verzichten wird. Man hat in der Lehre von den Sinnen die Ansicht geltend gemacht, daß es eine allgemeine Sinnenkraft sei, welche in den verschiedenen Sinnwerkzeugen nach außen wirke: es ist auch eine bekannte Erfahrung, daß bei der Mangelhaftigkeit des einen Sinnes die Wahrnehmungen des andern um so feiner und schärfer sich erweisen. Auf ähnliche Weise sind die verschiedenen geistigen Vermögen Ausstrahlungen des einen Geistes, und noch weit mehr, als bei den Sinnen, ist es hier der Fall, daß die geistige Gesamtkraft sich dem einzelnen Organe zuwendet und mittels dieses auch die übrigen Vermögen in Wirkung treten. Wenn wir bei dem einzelnen Menschen fast immer irgend eine bestimmte Geistesrichtung vorwaltend finden, die philosophische, künstlerische, praktisch-verständige usf., so hört er darum nicht auf, ein ganzer Mensch zu sein. Ebenso kann bei den Völkern zu verschiedenen Zeiten diese oder jene geistige Regsamkeit die vorwiegende sein, die poetische, wissenschaftliche, politische usw., ohne daß darum in ihnen jemals die volle Menschheit verloren wäre. Das vollständige Gepräge des Menschlichen kommt allerdings bei den einzelnen und bei den Völkern am einleuchtendsten da zur Erscheinung, wo die verschiedenen Vermögen und Richtungen gleichzeitig und harmonisch zusammenwirken. Gleichwohl würde die schaffende Kraft in ihrer ganzen Stärke niemals sichtbar werden, wenn sie nicht auch jene ausschließlichern Richtungen nähme, in welchen alle Geistesvermögen sich unter die Fahne der einzelnen sammeln. Im allgemeinen pflegt die innere Geschichte der Völker einen natürlichen Stufengang zu befolgen, in welchem sich die eine Bildungsform aus der andern entwickelt, in der Art, daß eine poetische Blütezeit dem gereiftern Alter der Reflexion vorangeht. Der Zusammenhang und Fortschritt der Zeiten aber wird uns nicht zu der lieblosen und einbildischen Ansicht der Weltgeschichte verleiten, als wäre je die frühere Periode nur vorhanden gewesen, um die spätere zur Reife zu bringen, so daß gerade nur um unsertwillen, die wir jetzt über dem Boden stehen, alle die gelebt hätten, die darunter liegen. Wir müssen in jedem einzelnen und in jedem Geschlechte der Menschen den Selbstzweck anerkennen; ihre Bahn geht nicht bloß im Zuge der Zeiten über die Erdfläche hin, diese wagrechte Bahn ist stets von einer andern geschnitten, die nach oben führt. Wenn wir aber auch gänzlich bei den Erfahrungen der Geschichte, so wie sie vor uns offen liegt, stehen bleiben und den geistigen Ertrag der Zeiten vergleichend prüfen, so zeigt sich uns, daß doch jede ihren besondern Gehalt entfaltet hat, daß jeder irgend etwas von der andern zu eigen ward, daß die vielseitigste, harmonische Bildung doch niemals den Kreis des geistigen Lebens abgeschlossen hat, und daß der göttliche Keim, der in der Menschheit liegt, unerschöpflich ist in der Mannigfaltigkeit seiner Entwicklungen. Eine solche war denn auch die Periode des Mittelalters. Man hat dasselbe sonst wohl eine tausendjährige Nacht genannt. Diese Nacht war wenigstens eine sternhelle. Sternbilder stiegen in ihr auf und nieder, welche nicht sichtbar sind, wenn die schattenlose Mittagssonne scheitelrecht auf die Häupter der Menschen leuchtet. Soviel vom Mittelalter überhaupt. Wir kommen zu der Poesie desselben. Es ist zum voraus anzunehmen, daß eine Zeit, in deren ganzer Gestaltung die poetischen Kräfte die Oberhand hatten, auch in der dichterischen Produktion im eigentlichen Sinn fruchtbar werde gewesen sein. Dieses ist wirklich in hohem Maße der Fall. Alles geistige Erzeugnis in den europäischen Landessprachen, mit geringen Ausnahmen, ist Gedicht; selbst auf Gegenstände, welche nicht unmittelbar der Poesie angehören, auf erbauliche, lehrhafte, historische Arbeiten, wird die poetische Form und Behandlung angewendet. Daß ein Zeitalter, in welchem die Poesie eine so bedeutende Stelle einnimmt, ohne die Bekanntschaft mit ihr nicht gehörig erkannt und beurteilt werden könne, ist von selbst klar. Schöpfen wir unsere Kenntnis des Mittelalters nur aus den lateinischen Chroniken, so sehen wir den Dornstrauch ohne die Rose. Dieselben Kräfte, die in der Poesie das Staunenswerte zu leisten vermögen, müssen, wenn sie sich ungebändigt auf das Leben werfen, das Verderblichste wirken. Dann bricht die jugendliche Naturkraft der Völker in rohe Gewalttat aus, die Gemütskraft wird zur wilden Leidenschaft, die Phantasie zum Fanatismus. Von dieser Seite, die auch ich nicht verhüllen will, ist die Geschichte des Mittelalters längst zur Genüge erörtert. Aber man hat doch mehr und mehr auch die historische Pflicht anerkannt, eben in der wildest bewegten Zeit den unerloschenen Himmelsfunken nachzuweisen. Wir müssen dem tobenden Strom auch dahin folgen, wo er sanfter fließt und eine blühende Gegend um sich erschafft. Auch unsere Zeit wird von der historischen Gerechtigkeit verlangen, daß einst nicht bloß ihre Kriegs- und Revolutionsgeschichte beachtet werde. Das Höchste, was eine Zeit in sich trägt und was sie niemals ganz verwirklicht, ist ihre Ideenwelt: das Mittelalter hat die seinige in der Poesie niedergelegt, nur diese also kann uns seinen innern Gehalt erschließen. Was nun die deutsche Poesie insbesondere betrifft, so unternehmen wir die Charakteristik derselben nicht in der Einleitung, denn sie macht eben unsre Hauptaufgabe aus. Wir bezeichnen dieselbe hier bloß in ihrer äußern Stellung zu dem gesamten poetischen Betriebe des Zeitraums. Sie ist, in Vergleichung mit dem poetischen Vorrat der übrigen europäischen Völker, dem Umfange nach unstreitig die reichste. Denn sie hat zu den eigenen Erzeugnissen sich auch einen großen Teil dessen angeeignet, was die andern Völker hervorgebracht. Die beiden Elemente des Lebens im Mittelalter, das germanisch-heidnische und das romanisch-christliche, scheiden und verbinden sich auch in der Poesie. Das erstere war den Deutschen, das heimische, angestammte. Aus ihm ist vorzüglich eine große Heldensage, die wieder mehrere besondere Sagenkreise in sich schließt, herausgewachsen. Auf dieser Seite hängt Deutschland mit dem skandinavischen Norden zusammen, mit dem es nach Stamm, Glauben und Sitte verwandt ist und mit dem es einen großen Teil der Heldensage gemein hat. Manches, was in den deutschen Liedern, unter dem Einfluß des andern Elements, mangelhaft oder verdunkelt ist, kann aus der Poesie des Nordens, der dem Heidenglauben und der ältesten Sitte länger getreu blieb, ergänzt und erklärt werden. So wie nun die deutsche Poesie in diesem ersten Bestandteile ursprünglich und selbstschaffend sich darstellt, so hat sie dagegen den andern, den romanisch-christlichen, zunächst von der Seite des aufgelösten Römerreiches her empfangen. Von dieser Seite kam den Deutschen das Christentum selbst und in der lateinischen Kirchensprache die Muster des geistlichen Gesangs und der Legendendichtung. Aus dem nördlichen Frankreich teilte sich ihnen ein neues, christliches Heldentum und dessen Sagenkreise, die Rittergedichte, mit: ans dem südlichen Frankreich unmittelbar oder durch Vermittlung des nördlichen, erhielten sie den Minnesang in derjenigen konventionellen Gestalt, welche er dort unter den Einflüssen einer frühern, geselligen Bildung angenommen hatte. Die alten Sagen des keltischen Stammes waren, nach dem Untergange der römischen Geistesherrschaft in Gallien und Britannien, wieder hervorgedrungen und wurden in jenen französischen Gedichten, ritterlich-christlich verarbeitet, den Deutschen bekannt. Auch manches von den Märchen und Apologen des Morgenlandes fand bei ihnen meist durch Vermittlung der romanischen Völker Eingang. Die ältern, tiefern Spuren der Urverwandtschaft unsres Stammes mit denen des Orients müssen dagegen in der einheimischen Sage gesucht werden. Ein bloßes Empfangen jedoch war jene Aufnahme romanischer Poesie in der deutschen keineswegs; die Aneignung war mehr und mehr eine freie, wie sie dem Gefühl des eigenen poetischen Vermögens zukam, die dichterische Individualität trat sogar in der Bearbeitung dieser fremden Stoffe stärker hervor, als es die altüberlieferte Heldensage zuzulassen schien. Und zum voraus schon war ja die romanische Poesie unter germanischem Einfluß entstanden. Die Eroberung der römischen Provinzen durch die deutschen Volksstämme hatte überall, wo die Eroberer nicht ihre eigene Sprache geltend zu machen wußten, doch die Folge, daß das Latein zum Roman wurde, d. h. daß aus der allgemeinen Herrschaft der alten römischen Sprache sich mehr und mehr die besondern Landessprachen ablösten, welche wir jetzt die romanischen nennen. Der Einfluß dieser deutschen Eroberer, sowie nachher in Frankreich und England, insbesondere der normannischen, auf Sitte und Poesie der neugebildeten Reiche kann leicht nachgewiesen werden. So haben die Deutschen in den fremden Erzeugnissen zum Teil nur zurückempfangen, was sie selbst ausgesät hatten. Eine gewisse Universalität der poetischen Tätigkeit war nach dem Obigen den Deutschen schon in jener Zeit eigen und hat den mannigfaltigsten Vorrat dichterischer Erzeugnisse angehäuft. Einheimische und fremde Sagenkreise, Legenden, geistliche und weltliche Liederdichtung, lehrhafte, polemische, scherzhafte Gedichte, Erzählungen aus dem täglichen Leben, Reimchroniken usw. bilden die große und vielgestaltige Masse der deutschen Poesie im Mittelalter. Eine geschichtliche Darstellung dieser Poesie zu geben, ist unser Vorhaben. Die Geschichte der Poesie hat wesentlich die poetischen Ideen, Gebilde und Formen selbst, die sich in der Zeit und bei dem Volke, wovon sie handelt, entwickelt haben, und den Gang dieser Entwicklung zur Anschauung zu bringen. Es genügt ihr also weder die bloß literarische Aufzählung der Dichterwerke nach ihren Klassen, noch die Darlegung der allgemeinen und besondern Zustände und Einwirkungen, unter welchen diese Werke hervorgegangen sind, noch endlich die kritisierende Übersicht derselben. All dieses ist teils Mittel, teils Ergebnis der eigentlichen Geschichte. Die Hauptaufgabe der letztern ist stets die Veranschaulichung des dichterischen Schaffens und Gestaltens in den größern, gemeinsamen Kreisen sowohl, als in den einzelnen bedeutendern Erzeugnissen. Können aber Werke der Dichtung anders, als durch sich selbst, zu einer klaren Anschauung gebracht werden? Allerdings nur annähernd; aber dieses hat die Geschichte der Poesie mit jeder andern historischen Darstellung gemein; keine wird jemals ihren Gegenstand vollständig wiedergeben. Dagegen aber ist es auch der Geschichte möglich, manche Verdunklung zu heben, die in der Gegenwart selbst vorhanden war; die geschichtliche Auffassung kennt das Werden und das Gewordene, sie unterscheidet das Wesentliche von dem Zufälligen, sie verbindet, was in der Wirklichkeit durch Zeit und Raum getrennt war. Diese Vorteile kommen auch der Geschichte der Poesie, namentlich derjenigen eines entferntern Zeitalters, zustatten; hier ist sogar das unmittelbare Verständnis der Dichterwerke oft nur dann ein richtiges und vollständiges, wenn erst jenes historische Sondern, Zusammenstellen und Konzentrieren vorangegangen ist. In vorzüglichem Grade muß dieses von unsrer ältern poetischen Literatur behauptet werden; hier erscheint so häufig die Dichtung, wie sie gerade in der Schrift vorliegt, nur in einer zufälligen oder willkürlichen Gestalt, hier muß dann das Ursprüngliche von der entstellenden Einkleidung abgelöst, das Gediegene aus der weitschweifigen Umhüllung ausgeschieden werden. Überhaupt aber kann der Wert und die Wirkung eines Dichterwerkes doch nicht lediglich auf die gegenwärtige Erscheinung, auf den unmittelbaren Genuß desselben beschränkt sein. Es war, bevor es in die Erscheinung trat, in der poetischen Konzeption vorhanden, und es wird nachwirken in der Erinnerung des Lesers oder Hörers. Dieser, wenn er irgend lebendig aufgefaßt hat, wird sich auch imstande finden, andern vom Wesen und selbst von der Form des Werkes eine Vorstellung zu geben. Und das ist es auch, was wir vom Geschichtschreiber der Poesie für einen größern Zusammenhang dichterischer Erzeugnisse verlangen. In der persischen Glaubenslehre hat jedes erschaffene Ding seinen Ferwer, Görres, Mythengesch. der asiat. Welt. Heidelberg 1810. B. I, S. 242 f. Vgl. 241 oben. Uhland III. den Grundkeim und die innere Einheit seines Wesens, der jedoch für sich zur Erscheinung gelangen kann. Die Ferwer der dichterischen Schöpfungen sind es, was die Geschichte der Poesie aufzufassen und auf ihre Weise zur Erscheinung zu bringen hat. Indem ich so die Aufgabe stelle, will ich nur das Ziel bezeichnen, nach welchem zu streben ist, keineswegs die Erreichung desselben erwarten lassen. Die Schwierigkeiten, die für jetzt noch in der Sache liegen, und die ich nachher bemerklich machen werde, sind wohl auch die Ursache, warum noch keine geschichtliche Darstellung unfrei älteren Poesie in dem angegebenen Sinne, noch überhaupt eine umfassendere Geschichte derselben, in welchem Sinn es sei, unternommen worden ist. Bis hierher von der Aufgabe. Wir fragen nun um den Weg ihrer Lösung, um die Methode. Ist es unsre Aufgabe, die Gestaltungen der Poesie soviel möglich zur Anschauung zu bringen, so finden wir uns einfach darauf hingewiesen, dem Vortrag diejenige Anordnung zu geben, nach welcher der poetische Bildungstrieb selbst seine Formationen aufgestellt und abgeteilt hat. Auf ähnliche Weise, wie die gesellschaftliche Verfassung des Mittelalters sich in mannigfache Genossenschaften verzweigt und gruppiert hat, scheidet und ordnet sich auch die Poesie dieses Zeitraums in mehrere, nach Inhalt und Form in sich abgeschlossene Gliederungen, welche durch langen Zeitverlauf und unter allen Wechseln ihr selbständiges Leben behauptet haben. Diesen Gliederungen, wie sie schon gebildet vor uns stehen, folgend, teilen wir unsre Darstellung in vier Hauptabschnitte: Die Heldensage, Heiligensagen und Rittergedichte, Minnesang, Lehr- und Leitgedichte. In jedem dieser Hauptteile ist eines der beiden Elemente des mehrgedachten großen Gegensatzes oder irgend eine besondere Weise ihrer Verschmelzung vorherrschend, so daß wir mittels der hiernach gesonderten Betrachtung die vollständigste Rechenschaft über das Ganze zu gewinnen hoffen. Ich finde, daß der Verfasser des neusten Lehrbuchs der Geschichte des Mittelalters, Professor H. Leo (2 Tle. Halle 1830), sich veranlaßt gesehen hat, auch für die allgemeine, politisch-kirchliche Geschichte dieser Zeit nicht die ethnographische oder synchronistische Methode, sondern, nach Gibbons Vorgang, eine Anordnung nach geistigen Richtungen zu befolgen. Für die Geschichte der Poesie, wo jede bedeutendere Geistesrichtung sich in bestimmten Bildungen so augenfällig ausgeprägt hat, ist mir die Anordnung nach diesen immer unerläßlich erschienen. Die vorgezeichnete Abteilung muß zwar in der Darstellung selbst ihre Rechtfertigung finden. Eine vorläufige Verständigung darüber scheint mir am zweckmäßigsten dadurch erzielt zu werden, daß ich die Beziehungen andeute, in welchen sie zu den übrigen Methoden steht, welche sonst in der Geschichte der Literatur und einzelner Zweige derselben beobachtet werden. Diese sind: die synchronistische oder die chronologische mit der Abteilung in Perioden; die ethnographische, hauptsächlich auf umfassendere literarhistorische Werke anwendbar; die systematische, für die Geschichte der Poesie die Einteilung nach den Dichtarten. Letztere pflegt man in der Art mit der synchronistischen zu verbinden, daß in jeder Periode die beachtungswerten Werke nach dem Schema der Dichtarten abgehandelt werden. Die Methode, welche wir einzuhalten gedenken, möchte ich die organische nennen. Wenn wir aber gleich keine jener andern Methoden als solche auf den Gegenstand unsrer Darstellung anwendbar finden, so kommen sie uns doch als Gesichtspunkte, als schematische An- halte in Betracht, welche für jede historische Arbeit ihre Geltung haben. Der chronologisch-synchronistische Gesichtspunkt, die Rücksicht auf Zeitfolge und Gleichzeitigkeit der vorzutragenden Tatsachen, liegt allzusehr in der Natur geschichtlicher Entwicklung, als daß sie nicht auch bei unsrer Einteilung im allgemeinen und in den größern Zügen sollte beachtet sein. Der erste Abschnitt behandelt das älteste Erbteil der deutschen Poesie, die Heldensage, das Epos, tief im heidnischen Glauben und in der angestammten germanischen Sitte wurzelnd. Der zweite gibt uns in den Heiligensagen und Rittergedichten Erzeugnisse des eingeführten Christenglaubens und seiner Verbindung mit den Begriffen und Angewöhnungen der bekehrten Völker. Der dritte zeigt uns im Minnesang eine Verschmelzung des Naturgefühls und Naturdienstes mit den geistigen Einflüssen des Christentums und den geselligen der romanischen Bildung. Im vierten endlich, unter dem Namen der Lehr- und Zeitgedichte, fassen wir alles das zusammen, was eine unmittelbare praktische Richtung auf das Leben hat: Spruchgedichte, Lehrfabeln, politisch-kirchliche Streitgedichte, Satiren und Schwanke, Sittenschilderungen nach den verschiedenen Ständen und hieran angereiht auch die Lebensverhältnisse der Dichter selbst. Hier werden wir erkennen, wie der Gedanke, die Betrachtung, der gesunde Haus- und Welt- Verstand mitten unter den phantastischen Stimmungen des Mittelalters sein Recht behauptet, wie er mehr und mehr über diese das Übergewicht erlangt hat, und so wird uns dieser letzte Abschnitt den natürlichen Übergang des Mittelalters in die neuere Zeit ausmachen. Aber eben mit dieser Anlage im Größern ist die chronologische Anreihung der einzelnen vorhandenen Werke nicht verträglich. Eine solche literarische Chronologie hat zwar auch ihr besondres Interesse. Sie kann uns zeigen, wie zuerst die Geistlichkeit, der christliche Priesterstand, sich im ausschließlichen Besitze der Schrift befand, so daß alle Schriftwerke von der frühesten Zeit bis in das letzte Viertel des zwölften Jahrhunderts, mit ganz seltener Ausnahme, von Geistlichen verfaßt, daher auch meist geistlichen Inhalts sind oder, sofern ihr Inhalt ein weltlicher ist, die Spur der geistlichen Hand an sich tragen, wie dann um die bemerkte Zeit die Handhabung der Schrift, wenigstens mittels des Diktierens, allmählich auch auf die Laien, den Ritterstand, überging und zuletzt, bei zerfallender Bildung des Adels, der Bürgerstand sich der Literatur bemächtigte. Diesen Gang der literarischen Ausbildung werden wir zwar stets im Auge haben, aber er kann die Anordnung eines Vortrags nicht bestimmen, dem es hauptsächlich um den innern Bestand der Dichtungskreise zu tun ist. In Beziehung auf diesen ist es nun einleuchtend, daß der heidnisch-germanische Zyklus, dem wir den ersten Abschnitt angewiesen, vor die christlichen Dichtungen des darauffolgenden gehört, wenngleich der letztere die ältesten Schriftdenkmäler darbietet. Das Heldenlied wurde durch den ganzen Zeitraum vom Volke gesungen; die schriftlichen Auffassungen desselben erstrecken sich über wenigstens sieben Jahrhunderte, sie sind von Geistlichen, Rittern, bürgerlichen Meistersängern bearbeitet und in den spätesten bemerken wir doch oft die ursprüngliche Gestalt der Sage richtiger und vollständiger, als in den vorhergegangenen. Beweises genug, daß uns die Zeitfolge der schriftlichen Aufzeichnung nicht zur Norm der Darstellung dienen kann. Wir werden ferner zwar im ganzen und in den einzelnen Abteilungen ein Werden und Wachsen, eine Blüte und einen Verfall darzulegen haben; das ist ja überhaupt die Geschichte. Der Zweck der Veranschaulichung aber wird uns darauf führen, daß wir bedeutendere Kreise der Dichtung zuerst in ihrer vollen Erscheinung geben und erst von dieser aus einerseits auf ihren Ursprung und ihre allmähliche Entwicklung zurückgehen, anderseits zu ihren Auswüchsen und ihrem Zerfalle herabsteigen. Dieses Auffassen der Erscheinungen in ihrer Mitte setzt auch den Anhaltspunkt unsrer Betrachtung in die Mitte des Zeitraums selbst, in den innern Kreis desselben, in welchem wir alle Richtungen zusammenlaufend, alle Eigentümlichkeiten des deutschen Mittelalters und so auch seiner Poesie am vollständigsten vereinigt und am glänzendsten entfaltet finden. Es ist dieses die Periode von der Mitte des zwölften bis nach der des dreizehnten Jahrhunderts, welche, nicht bloß zufällig, mit der hundertjährigen Herrschaft des schwäbischen Kaiserhauses zusammenfällt. In dieser Periode hat jeder der Dichtungskreise, nach denen wir unsre Darstellung abteilen, seine letzte und vollste Ausbildung erlangt, hat jede Hauptrichtung sich in ihren bedeutendsten Werken gesammelt und festgestellt. Hier ist der Vollschein, in welchem Zunahme und Abnahme verschwimmen. Blicken wir in die vorhergegangene Zeit, so zeigen sich allerdings in ihr die Spuren einer ursprünglichern Sage, eines volksmäßigern Gesangs, aber es fehlt dafür an größern Schriftdenkmälern, und erst aus der Zeit, die uns solche darbietet, können wir auf die früheren Zustände zurückgreifen; blicken wir vorwärts, so bemerken wir, daß schon das vierzehnte Jahrhundert, bloß nachbildend und ausspinnend, von dem früheren Reichtume zehrt. Der ethnographische Gesichtspunkt, die Abgrenzung nach Völkern, ist uns in zweifacher Beziehung wichtig, für die Sagenbildung und für die Sprache. In der erstern Beziehung wird uns vorzüglich die Ausmittlung des Anteils beschäftigen, welcher den verschiedenen germanischen Volksstämmen an der zum epischen Zyklus ausgebildeten Heldensage zukommt. Wir werden dabei solche wirksam finden, welche längst im Sturm der Zeiten zerstreut sind oder sich unter andern verloren haben, z. B. die Ostgoten, Burgunden. Die Geschichte der deutschen Sprache, ihre historische Grammatik, kann nur ethnographisch, nach den Volksstämmen und ihren Mundarten zweckmäßig behandelt werden, wie es neuerlich in dem großen, noch unvollendeten Sprachwerke von Jakob Grimm (Deutsche Grammatik) geschehen ist. Die germanische Sprachfamilie teilt sich in vier Hauptstämme, den gotischen, den hochdeutschen (welchen die Bayern, Burgunden, Alemannen und Franken bilden), den niederdeutschen (Sachsen, Westfalen, Friesen und Angeln) und den nordischen oder skandinavischen, der auch für sich den andern, deutschen, entgegengestellt werden kann. (D. Gramm. T. I. Ausg. 1. Göttingen 1819. Einleit. in die gebrauchten Quellen und Hilfsmittel, S. L f.) Für die meisten dieser Hauptsprachstämme ergeben sich dann weitere Abteilungen nach den besondern Mundarten und nach den Perioden ihrer Entwicklung. Da es nicht unsre Aufgabe ist, eine Geschichte der gesamten germanischen Poesie zu geben, sondern wir uns auf Deutschland beschränken, so berührt uns, für den gewählten Zeitraum, unmittelbar nur das Althochdeutsche und Mittelhochdeutsche, das Alt- und Mittelniederdeutsche. Die ältere Periode geht in den Denkmälern beider Sprachstämme vom achten bis ins elfte, die mittlere von da an bis in das vierzehnte Jahrhundert. Nach dieser Zeit entwickelt sich mehr und mehr die jetzt lebende Sprache mit ihren Mundarten. Geographisch gehören dem Hochdeutschen diejenigen Sprachquellen an, welche in Schwaben, Bayern, Österreich, der Schweiz und dem Elsaß, Franken, Thüringen, Hessen und am Oberrhein entsprungen sind; dem Niederdeutschen, was von Sachsen, Engern, West- und Ostfalen und dem Niederrhein ausgegangen ist. (Grimm a, a. O. LII. LXV. LXIX. LXXI.) Die übrigen Stämme und Verzweigungen der germanischen Gesamtsprache dienen uns in ihren Denkmälern nur mittelbar zur Erläuterung des eigentlichen Gegenstandes unserer Darstellung. Fragt es sich nun aber um den Vorrat dieser verschiedenen Sprachbildungen an dichterischen Erzeugnissen, welche für unsern Zweck hauptsächlich oder erläuternd in Betracht kommen, so erscheint zuvörderst die nordische Poesie sehr reichhaltig und sachverwandt: ihr folgt, doch in beträchtlichem Abstand, die angelsächsische, die in der Reihe ihrer meist geistlichen Produkte nach neuern Auffindungen auch einige bedeutendere, den Heldenkreisen angehörende Dichtungen aufzuweisen hat. In gotischer Sprache ist nichts Poetisches auf uns gekommen. Die althochdeutschen Denkmäler in poetischer Form sind fast durchaus streng geistlichen Inhalts; ebenso die seltenern altniederdeutschen. Während daher diese ältern Perioden für die deutsche Sprachgeschichte von größter Wichtigkeit sind, erscheinen sie in der Geschichte der Poesie ziemlich unergiebig, und schon hiernach muß die Methode für die beiden Fächer eine verschiedene sein. Mittelniederdeutsche Gedichte sind nicht in bedeutender Zahl vorhanden und manche derselben sind nur der Widerschein hochdeutscher Poesie. Neuerlich hat zwar Scheller in seiner Bücherkunde der sassisch-niederdeutschen Sprache (Braunschweig 1826) einen großen Reichtum dieser Sprache an Schriftdenkmälern darzutun sich bemüht; er zählt nicht weniger als 1851 Nummern auf. Allein da er für die ältere Periode viel Fremdartiges, namentlich entschieden hochdeutsche Werke, z. B. Notker, die Nibelungen usw. herbeizieht und für die neuere Zeit kleine Flugschriften, Gelegenheitsgedichte u. dgl. aufführt, so kann sein Unternehmen nicht für gelungen angesehen werden. Wir werden die erheblichern niederdeutschen oder doch an diese Mundart streifenden Gedichte an ihrer Stelle bemerken, und es wird sich uns insbesondere zeigen, daß von dieser Seite her zum Teil die Bekanntschaft der Deutschen mit der nordfranzösischen Ritterdichtung vermittelt worden ist. Im ganzen aber kann das Niederdeutsche mit jener reichen Blüte der Poesie in den mittelhochdeutschen Werken der schwäbischen, bayerischen, österreichischen und schweizerischen Dichter, hauptsächlich aus der vordern Hälfte des dreizehnten Jahrhunderts, durchaus nicht gleichgestellt werden. Nach all diesem finden wir uns auch von dem ethnographisch-linguistischen Gesichtspunkt aus wieder auf die Zeit und das Gebiet der hohenstaufischen Herrschaft hingewiesen. Was endlich die Einteilung nach den Dichtarten betrifft, die wir auch die systematische Methode genannt, so ist dieselbe insofern berücksichtigt, als in den zwei ersten Abschnitten die epische, im dritten die lyrische und im vierten die didaktische Weise vorherrschen wird. Eine speziellere Klassifikation würde in den Organismus der poetischen Bildungen nur störend eingreifen und selbst jene allgemeinere durfte nicht streng die Anordnung bestimmen. So lassen sich zwar, wie schon erwähnt, der erste und zweite Hauptabschnitt beide unter die epische Grundform einreihen, aber die Heldensage und das christliche Rittergedicht sind nach Geist und Inhalt so wesentlich verschieden, und selbst in formeller Beziehung ist das volksmäßige Epos so sehr ein andres, als die absichtliche Bearbeitung welscher Ritterpoesien, daß bei diesen Verschiedenheiten die allerdings mögliche Unterordnung unter eine gemeinschaftliche Grundform eine leere Abstraktion sein würde. Dramatische Dichtung, zum Schauspiel ausgebildet, war im deutschen Mittelalter nicht vorhanden. Lateinische Dramen, von geistlichen Personen verfaßt, können nur als gelehrte Übungsstücke, geistliche Aufzüge mit Gesängen u. dgl. höchstens als rohe Anfänge der Bühne, deren Gestaltung einer spätern Zeit angehört, betrachtet werden. Nehmen wir aber das Dramatische allgemeiner, als eine von den Grundformen des poetischen Wirkens überhaupt, so wird es keiner dichterisch bewegten Zeit gänzlich mangeln und mitten in der Lyrik oder im Epos erscheinen. So auch in unsrer ältern Poesie. Lyrische Gedichte sind durch Wechselrede und Wettgesang in Handlung gesetzt; in epischen, namentlich dem Nibelungenliede, wird oft die Handlung durch den in Rede tretenden Kampf der Gesinnungen und Gemütskräfte vergeistigt. Dieses ist, was wir von der Methode zu sagen hatten, soweit sie in der Anordnung des gegebenen Stoffes besteht. Wir ordnen diesen, wie er sich selbst geordnet hat. Das weitere Verfahren, wodurch wir in den angegebenen Abschnitten die Kreise der Dichtung und die Beschaffenheit der einzelnen Werke zu veranschaulichen suchen werden, läßt sich nicht wohl im allgemeinen bezeichnen, sondern muß sich je nach der Natur des Gegenstandes richten. Diese muß entscheiden, ob durch Auszüge, Stellen der Gedichte, allgemeinere Charakteristiken, ob mehr im Wege der Darstellung oder in dem der Untersuchung ein Bild der Sache gegeben werden soll. Zu dieser Verschiedenheit, die in den Gegenständen selbst liegt, wird sich aber eine andre Ungleichheit gesellen, die in dem gegenwärtigen Stande der altdeutschen Studien ihren Grund hat. Viele und bedeutende Quellen dieser Literatur sind gar nicht oder sehr ungenau in den Druck gegeben, die Handschriften liegen in den verschiedensten deutschen und auswärtigen Bibliotheken zerstreut, die Benutzung derselben ist bald mehr, bald weniger erleichtert, und so ist es schon aus äußern Gründen dem einzelnen nicht wohl möglich, eine vollständige und gleichmäßige Geschichte der ältern deutschen Poesie zu bearbeiten. Eine solche haben Sie daher auch von mir nicht zu erwarten, und ich werde manche bedeutende Lücke selbst zu bemerken haben. Dennoch ist auch jetzt schon des allgemeiner Zugänglichen so viel, daß die Hauptpartien entweder hell hervortreten oder, wo sie noch verdunkelt stehen, doch in den Umrissen erkennbar sind. Gerade bei diesem Stand der Sache scheint es an der Zeit, die Rechnung über das Ganze zu ziehen, das Ermittelte darzulegen und, was weiter zu erforschen ist, zu bezeichnen. Was die Literatur, die Handschriften- und Bücherkunde anbelangt, so werde ich mich darin auf das Nötige und Wichtigere beschränken. Ich werde jedesmal die Hauptausgabe der Gedichte, oder die Sammlung, wo solche gedruckt sind, anzeigen. Ebenso die bedeutendern Erläuterungsschriften. Bei ungedruckten Werken werde ich mich auf die Handschriften beziehen und insbesondere bemerken, wenn sich auf den Stuttgarter Bibliotheken ein Gedicht handschriftlich befindet (in Tübingen ist bloß die vom Renner), um dadurch zu eigner Ansicht der alten Handschriften Gelegenheit zu geben. Denjenigen, welche über irgend einen Gegenstand dieses Faches speziellere Literarnotizen zu erhalten wünschen, werde ich solche mit Vergnügen mitteilen. Das ausführlichste Verzeichnis der Handschriften, Ausgaben, Bearbeitungen, Erläuterungsschriften usw. ist: Literarischer Grundriß zur Geschichte der deutschen Poesie von der ältesten Zeit bis in das sechzehnte Jahrhundert durch Fr. v. d. Hagen und Joh. Gust. Büsching. Berlin 1812. Seit dem Jahr 1812, in welchem dieses Werk erschienen, ist jedoch so vieles neu entdeckt und herausgegeben, so manches berichtigt und durch spätere Bemühungen überflüssig geworden, daß eine neue Bearbeitung des Buches oder ein Supplement, wovon auch schon lang die Rede ist, großes Bedürfnis wäre. Als geschichtliches Handbuch sehr empfehlenswert ist: Grundriß zur Geschichte der deutschen Nationalliteratur. Zum Gebrauch auf gelehrten Schulen entworfen von Aug. Koberstein, Professor an der Königl. Landesschule zu Pforta. Leipzig 1827. Es ist allerdings schon seinem Umfange nach nur Grundriß, gibt aber eine sehr brauchbare, gedrängte Übersicht der Zeitverhältnisse, unter welchen sich die schöne Literatur der Deutschen in ihren verschiedenen Perioden bis auf die neueste Zeit entwickelt hat, sowie der wichtigern Denkmäler selbst aus dem Fache der Poesie und Beredsamkeit nach den Hauptdichtarten mit gesundem Urteil und zweckmäßiger Auswahl der Literarnotizen. Der Zeitraum, welcher uns angeht, ist in den drei ersten Perioden abgehandelt, und der Verfasser zeigt hier die eigne Bekanntschaft mit der Poesie des Mittelalters, aus deren Gebiet er auch einige verdienstliche monographische Arbeiten herausgegeben gegeben hat. Auch für die folgenden Perioden wird das Buch mit Nutzen gebraucht werden. Nicht zu verwechseln ist die angezeigte Schrift mit dem von demselben Verfasser etwas später herausgegebenen Leitfaden beim Vortrage der Geschichte der deutschen Nationalliteratur. Leipzig 1828. Dies ist, was ich über die Aufgabe und das Verfahren zu sagen hatte. Es war sonst gebräuchlich; in den Einleitungen historischer Lehrbücher und Lehrvorträge auch einiges über den Nutzen der abzuhandelnden Geschichte zu bemerken. In jetziger Zeit scheint mehr die Ansicht zu gelten, daß das rechte Wissen für sich ein Gewinn sei, und die mittelbar daraus sich ergebenden mannigfaltigen Vorteile nicht an den Fingern abgezählt zu werden brauchen. Gewiß muß es in der Geschichte vor allem um die richtige Auffassung der gegebenen Zustände zu tun sein; aber eine solche Auffassung ist doch nur eine anschaulich lebendige, also nur dann möglich, wenn der Historiker von seinem Gegenstande geistig ergriffen ist; nur so wird er die Mühen der Forschung, die Schwierigkeiten der Verarbeitung und der Darstellung für andre siegreich bestehen. In diesen muß dieselbe Teilnahme geweckt werden, die in ihm wirksam war, wenn irgend eine fruchtbare Mitteilung, eine wahre Verständigung zwischen Geschichtschreiber und Leser, zwischen Lehrer und Hörer stattfinden soll. Beiden also tritt die objektive Wahrheit in subjektive Beziehungen und die vergangenen Zustände erlangen eine Bedeutung für die Gegenwart. Wenden wir dieses auf unsern Gegenstand, die »deutsche Poesie im Mittelalter«, an, so ist uns die Bedeutung derselben eine dreifache: die historische, die poetische und die vaterländische. Schon die historische Erkenntnis an sich steigt an Wichtigkeit, wenn sie eine größere Periode im Leben der Völker umfaßt, sie regt den Geist tiefer an, wenn sie über geistige Zustände sich erstreckt. Welch bedeutende Stellung die Poesie in dem Zeitraum einnehme, von dem wir handeln, ist bereits erörtert worden. Die Geschichte des Mittelalters und des deutschen Volkes in diesem ist nicht geschrieben, solange nicht seine Poesie erschlossen ist. Ich achte sehr den gewissenhaften Ernst der Historiker, welche nichts in ihre Werke aufnehmen, was nicht mit den zuverlässigsten Zeugnissen und Urkunden belegt werden kann. Nur glaube man nicht, daß mit den Annalen und Diplomen des Mittelalters die Quellen der urkundlichen Geschichte erschöpft seien! Sind denn die Erzeugnisse des schaffenden Geistes, die Eröffnungen des bewegten Gemütes, das nicht lügen kann, minder verlässige Urkunden vom Leben jener Zeit? Das rechte geschichtliche Wissen aber ist auch die notwendige Bedingung des Urteils. Hier tritt es in genaue Beziehung mit der Gegenwart. Das Mittelalter und der Stand seiner Bildung gehören zu den vielbestrittenen Gegenständen einer bedeutenden Meinungsverschiedenheit. Man hat in dieser Sache seit etwa fünfundzwanzig Jahren in Deutschland die entgegengesetztesten Erfahrungen gemacht. Erst die begeisterte Anpreisung, dann die herabsehende Gleichgültigkeit oder der feindselige Tadel, Selbst wissenschaftliche Bestrebungen, dem Mittelalter zugewendet, werden von manchen entweder bloß geduldet, oder sogar als gefährlich für politische und religiöse Freiheit und für den richtigen Kunstgeschmack verdächtigt. An der ruhigen Pflegstätte wissenschaftlich-universeller Bildung kann nicht davon die Rede sein, irgend einen Zweig des Wissens gegen den Vorwurf der Schädlichkeit zu verteidigen. Hier darf als anerkannt vorausgesetzt werden, daß das Erkennen dem Urteile vorangehen müsse. Was man für schädlich hält, muß man am schärfsten ins Auge fassen; was dem ersten Anblick schmeichelt, muß man am strengsten prüfen. Die historische Einsicht zeigt am überzeugendsten, daß die Formen einer vergangenen Zeit nicht auf eine nachfolgende anwendbar seien: sie zeigt aber auch, daß in den mannigfachsten und fremdartigsten Formen ein Gehalt wohnen könne, der für alle Zeiten gültig ist. Die vorgefaßte Meinung, das Vorurteil, spiegelt nur immer sich in der Oberfläche der Geschichte, die Parteiung streift nur wie ein Sturmvogel den Rand der Wellen; die Forschung senkt sich in die Tiefe und durchspäht ihren innersten Grund. So haben mitten durch den Widerspruch der Zeitansichten unverdrossene Männer, an deren Spitze die Brüder Grimm zu nennen sind, mit stiller Treue und geistreichem Fleiße der deutschen Altertumskunde die umfassendsten Forschungen gewidmet, deren Früchte jetzt in gediegenen Werken überraschend zutage treten; für Erkenntnis, Darstellung und Urteil ist eine haltbare Grundlage gewonnen, und diejenigen werden leicht durchschaut, welche den Mangel an Sachkenntnis durch allgemeines Raisonnement ersetzen oder bemänteln wollen. Die poetische Bedeutung beruht in dem freien Genusse, den unsre alten Dichtungen als solche und unabhängig von ihrem geschichtlichen Interesse gewähren können. Hierüber wird, auch die Bekanntschaft mit der Sache und die Erläuterung vorausgesetzt, deren jedes Kunstwerk aus einem vergangenen Zeitalter in gewissem Maße bedarf, das Urteil doch immer der Verschiedenheit in den Grundsätzen und in der subjektiven Genußfähigkeit unterliegen, die im Gebiete des Schönen überhaupt noch niemals ausgeglichen worden ist. Ich versuche auch nicht, Ihr Urteil über den Wert dieser Poesie zum voraus zu bestimmen, sondern wünsche vielmehr, daß solches ohne theoretische Ausführungen überall soviel möglich aus der Darstellung selbst sich ergeben möge. Das jedoch glaube ich vorerst nur als individuelle Ansicht aussprechen zu dürfen, daß, was auch die Poesie andrer Völker und Zeiten in sich Vollendetes darbieten mag, doch diese einheimische Poesie auch ihrerseits Saiten anschlage, welche vorher nicht geklungen haben, Bedürfnisse, Ahnungen der Phantasie und des innigern Gemüts befriedige, welche anderwärts nicht oder nicht in gleichem Maße befriedigt werden. Eine Vergleichung nach außen gehört übrigens nicht zu unsrer Aufgabe. Soll die altdeutsche Poesie nach ihrer Eigentümlichkeit richtig gewürdigt werden, so dürfen wir auch nicht überall den Maßstab anlegen, den wir von dem klassischen Altertum auf die nach diesem gebildete neuere Literatur zu übertragen pflegen, ich meine das Ebenmaß jedes einzelnen Dichterwerks, die harmonische Verbindung seiner Teile zu einem Ganzen, die Übereinstimmung von Inhalt und Form. Prüfen wir nach diesem Maßstab, der, richtig angewendet, allerdings ein gültiger ist, unsre ältere poetische Literatur als solche, d.h. als eine Sammlung von Schriftwerken, so wird das Urteil im ganzen sehr ungünstig ausfallen. Wir werden zwar einer Anzahl von Dichtwerken begegnen, denen die ebenmäßige Ausbildung zu einem wohlgeordneten Ganzen, sowie eine der Natur des Gegenstandes vollkommen angemessene Darstellung nicht abzusprechen ist. Aber eine nicht minder große Masse poetischer Produkte wird uns durch Mangel an Einheit und künstlerischer Abrundung, durch ermüdende Weitschweifigkeit in der Ausführung unangenehm auffallen. Finden wir nun gleichwohl, daß diese geringern Werke oft mit den besten in einem genauen innern Zusammenhange stehen, daß in den erstern unter der abstoßenden Schale oft ein ebenso poetischer Kern verhüllt liege, als in den letztern, so wird uns gerade dieses Mißverhältnis des gediegenen Inhalts und der zerfließenden Darstellung, der Trefflichkeit einzelner Bestandteile und der Gehaltlosigkeit andrer darauf hinführen, daß nicht beides aus derselben bildenden Kraft gleichzeitig hervorgegangen sein könne, daß also der wahre Wert dieser Poesie nicht nach der zufälligen Auffassung in den vorhandenen einzelnen Schriftwerken, nicht nach der künstlerischen Vollendung dieser letztern bemessen werden dürfe. Diese und ihre Verfasser fallen allerdings jener speziellen Kritik anheim. Aber was im zwölften und dreizehnten Jahrhundert in die Schrift niedergelegt und für sie bearbeitet wurde, war großenteils nicht ein Stoff, der jetzt zuerst seine poetische Behandlung erhielt; es war reife Poesie, die sich zuvor schon in größern Gestaltungen entfaltet, in andern, ursprünglichern Formen ausgeprägt hatte. Wo nun diese Poesie durch die spätern und letzten Bearbeitungen gefesselt, zerstückelt und verschwemmt ist, da muß unser Bestreben sein, ihre Geister zu entbinden, ihre Zusammenhänge herzustellen, ihre Gestalten und Formen klarer und echter heraufzuführen. Dann erst fragt es sich, ob in dieser geläuterten Poesie das große Gesetz des Schönen bemerkbar sei, das naturkräftig aus dem Keime die riesenhafte Eiche in freien und doch geregelten Umrissen erwachsen läßt. Dieses Verfahren, das besonders auf die größern Sagenkreise Anwendung findet, wird auch für das klassische Altertum nicht ganz zu umgehen sein. Soll die griechische Heldensage vollständig dargelegt werden, so wird man sich nicht auf die beiden homerischen Epopöen beschränken dürfen, der epische Zyklus in allen seinen Überresten muß sich ausschließen, die Heldengedichte der Alexandriner müssen gesichtet, die Tragiker, die Lyriker, die Mythologen zu Rate gezogen werden und so aus den verschiedenen Formen die gesamte Heroenwelt aufsteigen. Kehren wir zum deutschen Altertum zurück, so ergibt sich aus dem Bisherigen von selbst, daß wir in jenem keine Musterbilder für die Poesie unsrer Zeit zu suchen haben. Um die Nachahmung der Werke vergangener Zeiten ist es überall eine bedenkliche Sache. Aber die Macht geistiger Anregung wird auch der Poesie des Mittelalters nicht zu bestreiten sein. Die Erscheinung einer reichen Phantasie, mächtiger Gestalten, großer Sagenzüge erweitert den Blick und kräftigt die Gesinnung in Sachen der Poesie. Sie wirkt dem Tändeln und Prunken mit den Nebenwerken der Dichtkunst wohltätig entgegen. Sie macht den Anspruch fühlbar, bedeutenden Hervorbringungen einer früheren Zeit auch nur Bedeutendes und Würdiges im Geiste der eigenen gegenüberzustellen. Das Auge hat ein verstärktes Höhenmaß, wenn wir vom Anblick der Alpen zurückkommen. Endlich die vaterländische Bedeutung. Im Reiche des Geistes gibt es keine Landesgrenzen. Wo wir das Vortreffliche finden, in der Ferne der Völker und Zeiten, machen wir unser Bürgerrecht geltend. Vor jedem andern Volke üben wir Deutsche diese universelle Gesinnung. Wir kennen die Eigentümlichkeiten und Vorzüge jeder fremden Literatur; es ist nur folgerecht, wenn wir die eigene kennen lernen. Den Wert der Vaterlandsliebe zu beweisen, ist nicht meine Absicht. Das aber lehrt uns die Kenntnis jener mannigfachen Entwicklungen, daß das Vortreffliche nirgends bodenlos erwachsen, daß es überall aus nationalen Elementen am kräftigsten hervorgegangen ist. Die Poesie vor allem wurzelt in den eigentümlichsten Zuständen des Volkslebens. Wenn selbst die Philosophie, die doch nach der Einheit und Allgemeinheit gerichtet ist, bei den verschiedenen Völkern ein nationales Gepräge zeigt, um wieviel mehr die Poesie, in der sich der Geist nach dem Mannigfaltigen und Besondern entfaltet. Der Weltbürgersinn soll uns daher nicht abhalten, in unser Eigenstes zu gehen, dieses zu erkennen und zu entwickeln. Von ihm aus bringen wir am besten dem geistigen Gemeinleben unsern Beitrag. Was es sei um das Gefühl des Vaterländischen, ist schmerzlich und tröstend zugleich in jener Zeit empfunden wurden, als eine ausgleichende Weltherrschaft alles Nationale zu ersticken drohte. Damals suchten wir in den tiefsten Fasern unsers Daseins die Gewährschaft eines eigentümlichen Lebens und Bestandes. Dieses Nationalgefühl, diese innere Sammlung ist in Taten lebendig geworden. Auch im vaterländischen Altertum suchte man damals Trost und Anhalt. Es entzündete sich eine Begeisterung für dasselbe, welche bei vielen mit den Stimmungen der Zeit vorübergehend war, bei andern, von denen wir schon gesprochen, nachhaltig wirkte. Daß eine Gemeinschaft unsrer Vorzeit mit der Gegenwart bestehe, wurde damals lebhaft empfunden. Heimatklänge, hoffe ich, sollen uns noch jetzt dort ansprechen. Der Beruf, der mir als Lehrer der deutschen Literatur angewiesen ist, fordert mich auf, dem geistigen Leben unsrer Nation in den verschiedenen Perioden seiner Entwicklung nachzugehen. Wenn ich mit der frühesten Periode beginne, so geschieht es nicht bloß, weil sie der Zeit nach vorangeht; sie ist auch die am wenigsten allgemein bekannte. Die neuere Literatur bietet sich unmittelbar zugänglich dem Genusse und somit auch der Beurteilung dar. Nur allzuleicht nehmen es manche, dieses Urteil stets fertig zu verkünden und im Garten der Poesie, wie Tarquinius, die höchsten Mohnhäupter abzuschlagen. Die Kenntnis jener ältern Periode aber bedarf der wissenschaftlichen Forschung und der Lehre. Wenn ich dieser Kenntnis Wert beilege, wenn ich in der Poesie des Mittelalters eine sehr merkwürdige Entwicklung des deutschen Geistes nachzuweisen versuchen werde, so ist es doch nicht meine Absicht, diesen Studien Anhänger zu werben. Mein Vortrag soll allerdings darauf berechnet sein, denjenigen, welche sich zu der Erforschung unsrer älteren Poesie hingezogen finden, eine Übersicht zu geben, mittels welcher sie das Einzelne, mit dem sie sich zunächst beschäftigen, in seine größern Zusammenhänge einreihen können, häufig bemerkt man bei sonst verdienstlichen Bestrebungen in diesem Fache eine Vereinzelung, einen Mangel an Übersicht des Ganzen, wodurch das Studium an dem minder Bedeutenden festgehalten wird, welches bei einem weitern Umblick sogleich als solches erkannt werden würde. Aufzumuntern zu einem umfassender Betrieb dieser Studien muß ich aber billig Anstand nehmen. Sie sind von keinem eigentlich praktischen Vorteil, sind im allgemeinen wenig anerkannt, dabei aber mühsam und schwierig, und können auch bei der bemerkten Beschaffenheit eines großen Teils der einzelnen Dichtwerke nur in der Durchdringung des Ganzen den rechten Genuß gewähren. Um so mehr jedoch scheint es angemessen, daß die Resultate der bisherigen Forschungen in einer für sich verständlichen Darstellung zusammengefaßt werden, daß auch denjenigen, die sich nicht selbsttätig in das vaterländische Altertum versenken wollen, die Gelegenheit gegeben sei, das Bedeutendste kennen zu lernen, was Jahrhunderte hindurch den Geist und das Gemüt unsrer Vorfahren beschäftigt und bewegt hat. Wir stehen hier mitten im schwäbischen Lande, das einst ein Saal des Gesanges war. Sollen wir über alles Bescheid wissen, nur nicht über das, was auf dem eigenen Boden geistig geblüht hat? Am östlichen Ende unsrer Alb springt der Rosenstein hervor, ein sagenreicher Berg, frisch bewaldet und mit wilden Rosen blühend bekränzt. Auf seinem Rücken zieht sich eine blumige Waldwiese hin, wo die Jugend der Umgegend ihre Maienfeste feiert. Am Rande des Berges ragen die Trümmer einer Burg, durch deren Fensterhöhlen die Vögel streichen. Gegenüber schwingt sich der schlanke Berg empor, auf dessen Gipfel einst das Stammhaus der Hohenstaufen sich erhoben; weithin, bis zum fernen Horizont, überschaut man das gesegnete Schwaben. In der schroffen Felswand aber, die, aus der buschigen Bergseite aufschießend, die Burgreste des Rosensteins trägt, öffnet sich nach der Gegend hin eine hochgewölbte Grotte. In ihrer Mitte grünt ein Strauch und blühen wilde Blumen, von den Tropfen des Gesteins sich nährend. An den Seiten liegen breite Felsstufen, von der Natur zu Sitzen aufgeschichtet. Hier, dacht' ich mir wohl sonst, möcht' ich, mit einigen Freunden gelagert, wahrend die Maienlust nur fern ertönte und der Blick in die weite Gegend hinausschweifte, hier möcht' ich den Freunden die Dichtergebilde der vergangenen Zeit farbenhell, wie sie mir vor der Seele schwebten, vorüberführen. Aber was, einmal aufgefaßt, dem innern Schauen in raschem Fluge vorüberzieht, soll es andern mitgeteilt werden, so muß die langsame Bahn der Untersuchung, der Entwicklung, der allmählich fortschreitenden Darstellung betreten werden. Diese betreten wir auch jetzt: möchten auf ihr jene dichterischen Gestaltungen Ihnen so anschaulich und vertraut werden können, daß es in Ihrer Macht stände, dieselben auch künftig auf jeder schönen Stelle des deutschen Landes vor das geistige Auge zurückzurufen! Erster Hauptabschnitt: Die Heldensage. Um der Betrachtung dieses ältesten und ursprünglichst-einheimischen Kreises deutscher Dichtung freie Bahn zu öffnen und zum voraus jede Beschränkung wegzuräumen, welche aus der herkömmlichen Lehre von der Epopöe als einer Kunstform hervorgehen könnte, sprechen wir zuerst vom Wesen der Volkspoesie im allgemeinen. Wie über einer großen Bergkette, aus dem Schoße derselben und ihrem Zuge folgend, nur mit kühneren Zacken und Zinnen, ein leuchtendes Wolkengebirge emporsteigt, so über und aus dem Leben der Völker ihre Poesie. Der Drang, der dem einzelnen Menschen innewohnt, ein geistiges Bild seines Wesens zu erzeugen, ist auch in ganzen Völkern als solchen schöpferisch wirksam, und es ist nicht bloße Redeform, daß die Völker dichten. Darin eben, in dem gemeinsamen Hervorbringen, nicht in dem nur äußerlichen Merkmale der Verbreitung, haftet der Begriff der Volkspoesie, und aus ihrem Ursprung ergeben sich ihre Eigenschaften. Wohl kann auch sie nur mittels einzelner sich äußern, aber die Persönlichkeit der einzelnen ist nicht wie in der Dichtkunst literarisch gebildeter Zeiten vorwiegend, sondern verschwindet im allgemeinen Volkscharakter. Auch aus den Zeiten der Volksdichtung haben sich berühmte Sängernamen erhalten, und wo dieselbe noch jetzt blüht, werden beliebte Sänger namhaft gemacht. Meist jedoch sind die Urheber der Volksgesänge unbekannt oder bestritten, Vgl. Wüllner, De cyclo epico poetisque cyclicis. Monaster. 1825. S. 45. und die Genannten selbst, auch wo die Namen nicht ins Mythische sich verlieren, erscheinen überall nur als Vertreter der Gattung, die einzelnen stören nicht die Gleichartigkeit der poetischen Masse, sie pflanzen das Überlieferte fort und reihen ihm das Ihrige nach Geist und Form übereinstimmend an, sie führen nicht abgesonderte Werke auf, sondern schaffen am gemeinsamen Bau, der niemals beschlossen ist. Dichter von gänzlich hervorstechender Eigentümlichkeit können hier schon darum nicht als dauernde Erscheinung gedacht werden, weil die mündliche Fortpflanzung der Poesie das Eigentümliche nach der allgemeinen Sinnesart zuschleift und nur ein allmähliches Wachstum gestattet. Vornehmlich aber läßt ein innerer Grund die Überlegenheit der einzelnen nicht aufkommen. Die allgemeinste Teilnahme eines Volkes an der Poesie, wie sie zur Erzeugung eines blühenden Volksgesanges erforderlich ist, findet notwendig dann statt, wenn die Poesie noch ausschließlich Bewahrerin und Ausspenderin des gesamten geistigen Besitztums ist. Eine bedeutende Abstufung und Ungleichheit der Geistesbildung ist aber in diesem Jugendalter eines Volkes nicht gedenkbar; sie kann erst mit der vorgerückten künstlerischen und wissenschaftlichen Entwicklung eintreten. Denn wenn auch zu allen Zeiten die einzelnen Naturen mehr oder weniger begünstigt erscheinen, die einen gebend, die andern empfangend, die geistigen Anregungen aber das Geschäft der Edleren sind, so muß doch in jenem einfacheren Zustande die poetische Anschauung bei allen lebendiger, bei den einzelnen mehr im allgemeinen befangen gedacht werden. Die Harfe geht noch von Hand zu Hand wie bei den Gastmahlen der Angelsachsen; die ganze Masse ist noch wie ein Zug von Wandervögeln in der poetischen Schwebung begriffen, und die einzelnen fliegen abwechselnd an der Spitze. Die geistigen Richtungen sind noch ungeschieden und darum der Eigentümlichkeit keine besondern Bahnen eröffnet; das künstlerische Bewußtsein steht noch nicht dem Stoffe gegenüber, darum auch keine absichtliche Mannigfaltigkeit der Gestaltung; der Stoff selbst, im Gesamtleben des Volkes festbegründet, durch lange Überlieferung geheiligt, gibt keiner freieren Willkür Raum. Und so bleibt zwar die Tätigkeit der Begabteren unverloren, aber sie mehrt und fördert nur unvermerkt; die reichste Quelle, die den Strom des Gesanges schwellt, ist doch in ihm nicht auszuscheiden. Auf keiner Stufe der poetischen Literatur, selbst nicht bei dem schärfsten Gepräge dichterischer Eigentümlichkeiten, kann der Zusammenhang des einzelnen mit der Gesamtbildung seines Volkes völlig verleugnet werden. Erscheinungen, die in Nähe und Gegenwart schroff auseinanderstehen, treten in der Ferne der Zeit und des Raumes in größern Gruppen zusammen, und diese Gruppen selbst zeigen unter sich einen gemeinsamen Charakter. Stellt man sich so dem gesamten poetischen Erzeugnis eines Volkes gegenüber und vergleicht man es nach außen mit den Gesamtleistungen andrer Völker, so betrachtet man dasselbe als Nationalpoesie; für unsern Zweck war es um den innern Gegensatz zu tun, um die Volkspoesie in ihrem Verhältnisse zur dichterischen Persönlichkeit. Daß die Volkspoesie nur in mündlichem Vortrag lebe, ist bereits angedeutet worden. Man könnte sagen: aus dem einfachen Grunde, weil solche Völker die Schrift noch gar nicht kennen oder nicht allgemeiner zu gebrauchen wissen. Aber wessen der menschliche Geist bedarf, das erfindet oder erlernt er; reicht ihm Sang und Sage nicht mehr aus, so erfindet er die Schreibkunst; bei gesteigertem Bedürfnis erfand er den Bücherdruck. Auf derjenigen Bildungsstufe nun, auf welcher der Volksgesang gedeiht, wird der Buchstabe gar nicht vermißt. Hier gilt einzig die große Bilderschrift mächtiger Gestalten der Natur und des Menschenlebens. Die Betrachtung der Welt geschieht nicht mit dem Meßnetze des Gedankens, sondern mit dem Spiegel der Phantasie; was vor dieser in klarem Bilde steht, wird im tönenden Worte weiter und weiter mitgeteilt. Wie sollte das volle, farbige Lebensbild in den toten Schriftzug zusammenschrumpfen? Die Rune, wenn sie auch bekannt ist, wird mit Scheu betrachtet als ein bannender Zauber. Noch grünt die Aesche, die im Runenalphabet zum A erstarrt. Das nun, daß die Gebilde der Volkspoesie lediglich mittels der Phantasie und des angeregten Gemütes durch Jahrhunderte getragen werden, bewährt dieselben als probehaltig. Was nicht klar mit dem innern Auge geschaut, was nicht mit regem Herzen empfunden werden kann, woran sollte das sein Dasein und seine Dauer knüpfen? Die Schrift, die auch das Entseelte in Balsam aufbewahrt, die Kunstform, die auch dem Leblosen den Schein des Lebens leiht, sind nicht vorhanden. Auch nicht Wort und Tonweise, im Gedächtnis festgehalten, können das Nichtige retten; denn das schlichte Wort ist in jenen Zeiten keine Schönheit für sich, es lebt und stirbt mit seinem Gegenstande; die einfache Tonweise, wenn sie selbst Dauer haben soll, muß ursprünglich einem Lebendigen gedient haben. Je fester und lebensvoller jene echten Gebilde dastehen, je weniger kann das Scheinleben in ihrem Kreise aufkommen und geduldet werden. Worin liegt aber der Gehalt und die Kraft, vermöge deren sie durch viele Geschlechter unvertilgbar fortbestehen? Ohne Zweifel darin, daß sie die Grundzüge des Volkscharakters, ja die Urformen naturkräftiger Menschheit wahr und ausdrucksvoll vorzeichnen. Naturanschauungen, Charaktere, Leidenschaften, menschliche Verhältnisse treten hier gleichsam in urweltlicher Größe und Nacktheit hervor! unverwitterte Bildwerke, gleich der erhabenen Arbeit des Urgebirgs. Darum kann gerade den Zeiten, welche durch gesellige, künstlerische und wissenschaftliche Verfeinerung solchen ursprünglichern Zuständen am fernsten und fremdesten stehen, der Rückblick auf diese lehrreich und erquicklich sein; so ungefähr wie der größte der römischen Geschichtschreiber aus seinem welken Römerreich in die frischen germanischen Wälder, auf die riesenhaften Gestalten, einfachen Sitten und gesunden Charakterzüge ihrer Bewohner vorhaltend und weissagend hinüberzeigte. Wenn wir uns im bisherigen die Volkspoesie nach ihrem vollsten Begriffe gedacht haben, so ist doch leicht zu erachten, daß sie in ihrer geschichtlichen Erscheinung bei verschiedenen Völkern, nach Gehalt und Umfang, in sehr mannigfachen Abstufungen und Übergängen sich darstelle. Wie das Leben jedes Volkes wird auch das Bild dieses Lebens, die Poesie, beschaffen sein. Ein Hirtenvolk, in dessen einsame Gebirgstäler der Kampf der Welt nur fernher in dumpfen Widerhallen eindringt, wird in seinen Liedern die beschränkten Verhältnisse ländlichen Lebens, die Mahnungen der Naturgeister, die einfachsten Empfindungen und Gemütszustände niederlegen; sein Gesang wird idyllisch- lyrisch austönen. Ein Volk dagegen, das seit unvordenklicher Zeit in weltgeschichtlichen Schwingungen sich bewegt, mit gewaltigen Schicksalen kämpft und große Erinnerungen bewahrt, wird auch eine reiche und großartige Heldensage, voll mächtiger Charaktere, Taten und Leidenschaften, aus sich erschaffen, und wie sein Leben weitere Kreise zieht und größere Zusammenhänge bildet, wird auch seine Sage sich zum Epos, zum epischen Zyklus, verknüpfen und ausdehnen. Diese Entfaltung zu einem umfassenden Epos, das Bedeutendste, was die Volkspoesie erzeugen kann, ist uns nun auch in den Heldenliedern des deutschen Mittelalters aufbewahrt. Ich gedenke später einmal, in einem besondern Kursus, eine geschichtliche Übersicht der gesamten Volkspoesie der neueuropäischen Völker zu geben. Es werden sich bei diesen alle Spielarten und Abstufungen des Volksgesanges, teils untergegangen, teils noch bestehend, nachweisen lassen. Es wird sich dann auch zeigen, wie überall die Volkspoesie in dem Maße zurückgewichen, in welchem die literarische Bildung und die mit ihr verbundene Herrschaft dichterischer Persönlichkeit vorgeschritten, und daß dieselbe nur da noch lebe und blühe, wo eine Literatur noch nicht oder nicht mehr vorhanden ist. Bedeutende Aufschlüsse geben in letzterer Beziehung die neueren Mitteilungen aus dem Volksgesange zweier Völker, welche eben erst im Begriffe sind, nach harten Kämpfen ihre Stelle unter den kultivierten Nationen des heutigen Europas einzunehmen; ich meine die Neugriechen und die Serben. Bei den erstern ist der Fall von Suli (Dez. 1803), der Tod des Markos Bozaris (1823) kaum erlebt und schon auch in herkömmlicher, volksmäßiger Weise gesungen. Im serbischen Gesange werden, neben den vielen Liedern aus dem häuslichen Leben, fortwährend die heimischen Taten gefeiert, von den halb fabelhaften der alten Helden Duschan und Marko bis zu den neuesten des letzten Aufstandskrieges. Bei beiden Völkern ist auch gewiß dieser fortlebende vaterländische Gesang nicht ohne merklichen Einfluß auf die Erhaltung und den neuen Aufschwung des Nationalgefühls geblieben. Von Heldenliedern und Märchen, wie sie in Schweden, Nordbritannien, auf den Faröen noch heute zum Tanze gesungen werden, sind in Deutschland nur noch verlorene Klänge hörbar. Hier hat zwar die Volkspoesie einst einen der großartigsten epischen Kreise gebildet, aber dieser ist längst abgeschlossen. Gedeihen und Absterben der Volkspoesie hängen überall davon ab, ob die Grundbedingung derselben, Teilnahme des gesamten Volkes, feststehe oder versage; ziehen die edleren Kräfte sich von ihr zurück, dem Schriftentum zugewendet, so versinkt sie notwendig in Armut und Gemeinheit. Wenn nun auch eine vergleichende Zusammenstellung des deutschen Epos mit der epischen Volksdichtung andrer Völker der Alten und Neuen Welt nicht in unsrer dermaligen Aufgabe liegt, und wenn nicht zu bestreiten ist, daß die Geschichte der poetischen Entwicklung jedes Volkes zunächst aus dessen eigensten Zustanden entnommen werden solle, so ist doch nicht minder gewiß, daß die von allen Seiten neuerschlossenen Quellen des Volksgesangs auch für die richtige Ansicht des längst Vorhandenen und Bekannten von größter Wichtigkeit sind, daß die entsprechenden Erscheinungen bei so vielen Völkern auf ähnlicher Stufe des geselligen Zustandes sich gegenseitig erklären und auf gemeinsame Bildungsgesetze hinweisen, und daß daher der Blick auf diesen größern Zusammenhang geöffnet sein muß, wenn die historische Behandlung der Poesie eines einzelnen Volkes vor Willkür und Vorurteil gesichert sein soll. Die bekannte Frage über die Abfassung der homerischen Gedichte wird ohne solchen Ausblick auf die Universalgeschichte der Volkspoesie niemals zu einer einleuchtenden Entscheidung gelangen können. Bei der nachfolgenden Erörterung des einheimischen Epos wird uns derselbe, auch ohne ausdrückliche Bezugnahme im einzelnen, stets zur Leitung dienen. Umgekehrt aber wird die deutsche Heldensage, die in reicher, durch viele Jahrhunderte verfolgbarer Entwicklung vor uns liegt, auch von ihrer Seite als eine der bedeutendsten Quellen zur rechten Einsicht in das Wesen und den Bildungsgang der epischen Volkspoesie anzuerkennen sein. W. Grimm sagt in seiner Schrift über die deutsche Heldensage (S 336): »Wir genießen den Vorteil, die Veränderungen der Sage in Denkmälern beobachten zu können, welche von den ersten Spuren bis zu dem völligen Verschwinden den Raum von etwa tausend Jahren einnehmen. Es gibt kein andres Volk, das sich dieses Vorteils in solcher Ausdehnung erfreue.« In der Betrachtung dieses deutschen Epos werde ich nun den Gang nehmen, daß ich zuvörderst den Inhalt der Heldenlieder, da ich solchen nicht als bekannt voraussetzen darf, im Umriß darlege; sodann denselben nach seinen Hauptelementen, dem geschichtlichen, dem mythischen und dem ethischen, erläutre; endlich die Formen entwickle, in welchen dieser poetische Stoff dargestellt, ausgebildet und zuletzt mittels schriftlicher Auffassung festgehalten worden ist. Ich werde dann aber auch im gegenwärtigen ersten Hauptabschnitte der Betrachtung des umfassendern, in sich abgeschlossenen epischen Zyklus in besonderer Aufzahlung diejenigen heroischen Dichtungen anreihen, welche, gleichfalls auf einheimischer Sage beruhend, doch für sich vereinzelt stehen geblieben sind oder einen größern Kreis zu bilden nur versucht haben. Hier begegnen wir einer Reihenfolge geschichtlicher Helden bis in das Geschlecht der Hohenstaufen selbst, und diese sichtbar erst aus der spätern Geschichte sich entwickelnde Sagendichtung bahnt uns den Übergang zu den noch halb fabelhaften Reimchroniken, in welchen umgekehrt die Historie aus der Sagenpoesie sich abzulösen beginnt. I. Inhalt der Heldensage im Umriß Der Hauptinhalt unsrer Heldensage war nicht bloß in Deutschland, sondern auch über den skandinavischen Norden verbreitet. Damit ergibt sich eine doppelte Gestaltung derselben, die deutsche und die nordische. Beide sind, wenn auch in der Wurzel zusammenhängend, doch in der Entfaltung bedeutend verschieden; die nordische, noch ganz dem heidnischen Altertum angehörend, erläutert uns den früheren Zustand der deutschen; aus der Zusammenstellung beider geht uns erst der volle Gehalt des Ganzen hervor. A. Deutsche Gestaltung der Sage Es sind achtzehn deutsche Gedichte, größeren oder geringeren Umfangs, welche aus diesem Sagenkreise auf uns gekommen sind. Wir zählen aber zu ihnen noch ein lateinisches, von einem Deutschen offenbar nach heimischer Quelle abgefaßtes. Mehrere derselben sind in doppelter oder mehrfacher Behandlung desselben Stoffes vorhanden. Diese Gedichte sind folgende: Rother (Ruther), 12. Jhd.; Otnit, 13. Jhd.; Hugdietrich und Wolfdietrich, in zwei verschiedenen Gestaltungen, 13. Jhd.; Etzels Hofhaltung, 15. Jhd.; Dietrichs Drachenkämpfe, 13.–14. Jhd.; Sigenot, 13. Jhd.; Ecken Ausfahrt, 13. Jhd.; Biterolf und Dietleib, 13. Jhd.; Laurin, 13. Jhd.; Der Rosengarten zu Worms, in mehrfachen Darstellungen, 13. Jhd.; Alphart, 13. Jhd.; Dietrichs Flucht, 13.–14. Jhd.; Schlacht vor Raben, ebenso; Hildebrand und sein Sohn, Bruchstück aus dem 8. Jhd. und späteres Volkslied; Walther, lateinisch, 10. Jhd.; Hörnen Siegfried, 13.-14. Jhd.; samt dem Volksbuche gleichen Inhalts. Nibelungenlied, Schluß des 12. Jhd.; Klage, 13. Jhd.; Gudrun, 13. Jhd. Wir besitzen in verschiedenen mehr oder weniger kritischen Sammlungen und besondern Ausgaben zwar im ganzen das Korpus dieses Gedichtkreises, aber manches doch nur in spätern Überarbeitungen oder in einzelnen Darstellungen, während die ältern Texte und andere nicht weniger merkwürdige Versionen noch in der Handschrift liegen. Mit den aufgezählten Gedichten ist übrigens der einstige Umfang des Sagenkreises keineswegs erschöpft. Jene selbst weisen auf manches Fehlende hin. Auch anderwärts ist der Inhalt vermißter Stücke angedeutet. Die reichste Quelle der Ergänzung aber bietet der Norden. Denn außer der eigentümlich nordischen Gestaltung der Sage haben wir die große, in isländischer, d.h. der dem älteren Skandinavien gemeinschaftlichen Sprache abgefaßte Vilkinen- oder Dietrichssage vom Ende des 13. Jahrhunderts (Grimm, Heldens., S. 175), welche laut der Erklärungen, die in ihr selbst enthalten sind, nach deutschen Gedichten und mündlichen Überlieferungen zusammengesetzt ist, auch im ganzen mit der deutschen Sagenbildung übereinstimmt und bedeutende Lücken derselben ausfüllt. Demselben deutsch-nordischen Zweige gehört auch eine Reihe altdänischer Heldenlieder oder Balladen ( Kjämpeviser ) an. Sie sind neu herausgegeben in: Udvalgte Danske Viser fra Middelalderen udgivne paa ny af Abrahamson, Nyerup og Rahbek. 1. Del. Kjöbenh. 1812. Deutsch: Altdänische Heldenlieder, Balladen und Märchen, übersetzt von W. C. Grimm. Heidelberg 1811. Ich werde mich aber in den folgenden Auszügen auf den Bestand der deutschen Geschichte beschränken. Es ist mir darum zu tun, daß vorerst geschieden bleibe, was erklärt werden soll und was zur Erklärung dient, die Frage und die Antwort. Deshalb werde ich die verwischten Verbindungen der Lieder unter sich hier noch nicht herzustellen, das Lückenhafte nicht zu ergänzen suchen; eine Ahnung des Zusammenhangs wird sich von selbst ergeben. Auf der andern Seite ist der Hauptzweck dieser Auszüge, daß der Gegenstand, von dem es sich handelt, vor das Auge trete, daß die Bilder, welche zu deuten sind, sich hervorstellen und dem Gedächtnis einprägen, damit, wenn künftig Namen genannt werden, zuvor schon die Gestalten dazu gegeben seien. Zu diesem Zweck ist es nötig, das verwirrende Nebenwerk abzustreifen, was allzusehr verdunkelt ist, vorderhand beruhen zu lassen, nur das eigentlich Sagenhafte in seiner jetzigen Gestaltung und das für sich Anschauliche auszuheben. Ich werde daher nirgends erweitern oder hinzusetzen, sondern überall (wie es schon die Masse dieser Gedichte mit sich bringt) zusammendrängen und abkürzen. Wer ausführlichere Analysen zu lesen wünscht, findet solche in dem Buche: Heldenbilder aus den Sagenkreisen Karls des Großen, Arthurs, der Tafelrunde und des Grals, Attilas, der Amelungen und Nibelungen. Herausg. von F. H. v. d. Hagen. 2 Tle. Breslau 1823 (mit 60, etwas buntscheckigen Bildern). Hier sind die deutschen Heldengedichte (mit Ausnahme von Rother und Gudrun) ihrem ganzen Inhalte nach und mit umständlichen Ergänzungen aus der Wilkina-Saga auf 792 Oktavseiten ausgezogen. In diesen deutschen Liedern sind hauptsächlich dreierlei Heldengeschlechter verherrlicht: die Amelunge (gotische Sage), die Nibelunge (rheinisch-burgundische Sage) und die Hegelinge (niedersächsische Sage). Von den neunzehn zuvor aufgezählten Liedern sind dem Ruhme der Amelungen, Dietrichs von Bern und seiner Stammgenossen zumeist die vierzehn erstgenannten gewidmet, die vier weitern beziehen sich vorzugsweise auf die Nibelunge; das letzte handelt von den Hegelingen. Wie im Nibelungenliede selbst übrigens, so treffen auch in solchen Liedern, die wir zunächst dem Amelungenstamme zugeschrieben haben, vorzüglich den Rosengartenliedern und Dietleib, Nibelunge und Amelunge kämpfend zusammen. Wir ordnen hiernach auch die folgenden Umrisse. 1. Die Amelunge Rother. Über dem Westmeere sitzt König Rother in der Stadt zu Bare (Bari in Apulien). Er sendet Boten, die um die Tochter des Königs Konstantin zu Konstantinopel für ihn werben sollen. Als sie hinschiffen wollen, heißt er seine Harfe bringen. Drei Leiche (Spielweisen) schlägt er an; wo sie diese in der Not vernehmen, sollen sie seiner Hilfe sicher sein. Jahr und Tag ist um, die Boten sind nicht zurück. Konstantin, jede Werbung verschmähend, hat sie in einen Kerker geworfen, wo sie nicht Sonne noch Mond sehen, Frost, Nässe und Hunger leiden sie; mit dem Wasser, das unter ihnen schwebt, laben sie sich. Auf einem Steine sitzt Rother drei Tage und drei Nächte, ohne mit jemand zu sprechen, traurigen Herzens seiner Boten gedenkend. Auf den Rat Berthers von Meran, Vaters von sieben der Boten, beschließt er Heerfahrt, sie zu retten oder zu rächen. Das Heer sammelt sich; da sieht man auch den König Asprian, den kein Roß trägt, mit zwölf riesenhaften Mannen daherschreiten; der grimmigste unter ihnen, Widolt mit der Stange, wird wie ein Löwe an der Kette geführt und nur zum Kampfe losgelassen. Bei den Griechen angekommen, läßt Rother sich Dietrich nennen. Er läßt sich vor Konstantin auf die Knie nieder; vom übermächtigen König Rother geächtet, such' er Schutz und biete dafür seinen Dienst an. Konstantin fürchtet sich, die Bitte zu versagen. Durch Pracht und Übermut erregen die Schützlinge Staunen und Furcht. Den zahmen Löwen, der von des Königs Tischen das Brot wegnimmt, wirft Asprian an des Saales Wand, daß er in Stücke fährt. Wie leid es dem König ist, er rührt sich nicht. Rother verschafft sich, nach Berthers Rat, durch reiche Spenden großen Anhang. Da klagt die Königin, daß ihre Tochter dem versagt worden, der solche Männer vertrieben. Die Tochter selbst möchte den Mann sehen, von dem soviel gesprochen wird. Am Pfingstfeste, wo sie mit ihren Jungfrauen zu Hofe kommt, gelingt ihr dieses nicht vor dem Gedräng der Gaffer um die glänzenden Fremdlinge. Als es still in der Kammer, geht ihre Dienerin Herlind, ihn zu ihr zu bescheiden. Er stellt sich scheu, läßt aber seine Goldschmiede eilend zween silberne Schuhe gießen und zween von Golde. Von jedem Paar einen, beide für denselben Fuß, schickt er der Königstochter. Bald kehrt Herlind zurück, den rechten Schuh zu holen und den Helden nochmals zu laden. Jetzt geht er hin mit zween Rittern, setzt sich der Jungfrau zu Füßen und zieht ihr die Goldschuhe an. Währenddessen fragt er sie, welcher von ihren vielen Freiern ihr am besten gefalle. Sie will immer Jungfrau bleiben, wenn ihr nicht Rother werde. Da spricht er: »Deine Füße stehen in Rothers Schoß.« Erschrocken zieht sie den Fuß zurück, den sie in eines Königs Schoß gesetzt. Gleichwohl zweifelt sie noch. Sie zu überzeugen, beruft er sich auf die gefangenen Boten. Darauf erbittet sie von ihrem Vater, als zum Heil ihrer Seele, die Gefangenen baden und kleiden zu dürfen. Des Lichtes ungewohnt, zerschunden und zerschwollen, entsteigen sie dem Kerker. Der graue Berther sieht, wie seine schönen Kinder zugerichtet sind; doch wagt er nicht zu weinen. Als sie darauf an sichrem Orte, wohl gekleidet, am Tische sitzen, ihres Leides ein Teil vergessend, schleicht Rother mit der Harfe hinter den Umhang. Ein Leich erklingt. Welcher trinken wollte, der gießt es auf den Tisch; welcher Brot schnitt, dem entfällt das Messer. Vor Freuden sinnlos sitzen sie und horchen, woher das Spiel komme. Laut erklingt der andre Leich; da springen ihrer zween über den Tisch, grüßen und küssen den mächtigen Harfner. Die Jungfrau sieht, daß es König Rother ist. Fortan werden die Gefangenen besser gepflegt; sie werden ledig gelassen, als der falsche Dietrich sie verlangt, um Ymelot von Babylon zu bekämpfen, der mit großem Heere gegen Konstantinopel heranzieht. Nach gewonnener Schlacht wird Dietrich mit den Seinigen zur Stadt vorangesandt, um den Frauen den Sieg zu verkündigen. Er meldet aber, Konstantin sei geschlagen, und Ymelot komme, die Stadt zu zerstören. Die Frauen bitten ihn, sie zu retten, und er führt sie zu seinen Schiffen. Als nun die Königstochter eingestiegen, entdeckt er den Trug und führt die Braut von dannen. Durch List eines Spielmanns wird sie später nach Konstantinopel zurückentführt; durch List und Gewalt, unter großen Gefahren, gewinnt König Rother sie wieder. Otnit Otnit, der junge König in Lamparten (Lombardei), auf der Burg zu Garten (Garda), findet keine kronwürdige Braut, weil alle Könige diesseits des Meeres ihm dienen. Darum will er nach der Tochter des Heidenkönigs Nachaol zu Muntabur fahren, obgleich schon viele Häupter der Werber um sie auf den Zinnen jener Burg stecken. Zuvor reitet er in die Wildnis am Gartensee (Gardasee), von dem wunderkräftigen Stein eines Ringes geleitet, den ihm die Mutter gegeben. Vor einer Felswand, daraus ein Brunnen fließt, sieht er auf blumigem Anger eine Linde stehen, die fünfhundert Rittern Schatten gäbe. Unter der Linde liegt ein schönes Kind im Grase, köstlich gekleidet, mit Gold und Gesteine reich geschmückt. Es ist der Zwergkönig Elberich, dem Berg und Tal dienen. Lange neckt und prüft der starke Zwerg den Jüngling; zuletzt entdeckt er sich als dessen Vater. Unsichtbar hat er einst die Königin, Otnits Mutter, überwältigt. Jetzt hebt er sich in den Berg und holt für Otnit eine leuchtende Rüstung, samt dem herrlichen Schwert Rose. Zum Abschied verspricht er, dem Sohne stets gewärtig zu sein, solange dieser den Ring habe. Vier Tage reitet Otnit vergeblich umher, die Waffen zu versuchen. Soll er nicht andern Streit finden, so muß es vor seiner eigenen Burg geschehen. Schon wird er dort als tot betrauert, da ruft plötzlich, vor Tages Anbruch, der Wächter: »Draußen hält ein Mann, vom Haupt zum Fuße brennend.« Es ist Otnit im Glanze der Rüstung. Der Morgenstern glänzt aus den Wolken, ihm gleich leuchten Otnits Schild und Helm. Die Königin öffnet ihr Fenster. »Er brennt wie eine Kerze,« spricht sie; »meines Sohnes Ringe waren nicht so hell.« Otnit verkehrt die Stimme, die gewaltig unterm Helme tost: er nennt sich einen Heiden, der den jungen König erschlagen. Die Burgmannen fordert er auf, diese Schmach zu rächen. Sie wappnen sich: der Burggraf kämpft mit ihm auf der Brücke und wird verwundet: ebenso des Burggrafen Bruder. Das Schwert Rose schneidet die Stahlringe, wie morschen Bast; Otnits Rüstung bleibt unversehrt. Jetzt gibt er sich als ihren Herrn zu erkennen, der nur ihre Treue prüfen wollte. Die Zeit der Meerfahrt ist herangekommen. Zu Messina eingeschifft, fahren sie erst gen Sunders (Suders), der Heiden Hauptstadt, wo vor allen Elias, König von Reußen, Otnits Oheim, als Heidenvertilger wütet. Von da ziehen sie vor die Königsburg Muntabur, auf des Gebirges Höhe. Elberich hat seines Wortes nicht vergessen: er saß die ganze Fahrt über auf dem Mastbaume, keinem sichtbar, als wer den Ring am Finger hatte. Überall schafft er Rat und Hilfe. Die kleinen Schiffe, die vor Sunders lagen, führt er zur Nachtzeit, wie mit Windeswehen, hinweg, und auf ihnen fuhr das Heer zum Lande. Jetzt weist er die Straße nach Muntabur, dem Heere mit dem Banner vorreitend: aber nur Roß und Fahne sind sichtbar, der Träger nicht. Er neckt den Heidenkönig, wenn dieser nachts, sich zu erkühlen, an die Zinne tritt, rauft ihm den Bart, wirft das Wurfgeschütz und die Särge der Heidengötter in den Graben. Er zeigt der Königstochter von der Zinne den Helden Otnit, wie er herrlich im Streite geht, sein Harnisch leuchtend, blutig das Schwert. Da spricht sie: »Er ist eines hohen Weibes wert.« Elberich führt sie heimlich zur Burg hinaus, wo Otnit sie vor sich zu Rosse hebt und mit ihr davonrennt. Mit den verfolgenden Heiden besteht der Held siegreichen Kampf; des Heidenkönigs schont er um der Tochter willen. Auf dem Meere wird diese getauft und Sidrat geheißen. Nach der Heimkunft aber wird ihre Krönung zu Garten gefeiert. Bei dem Feste läßt Elberich sich schauen, die Goldkrone auf dem Haupt, mit einem Edelsteine, der wie die Sonne leuchtet. Eine Harfe in der Hand, rührt er die Saiten, daß der Saal erklingt. Der alte Heidenkönig, Versöhnung heuchelnd, sendet reiche Geschenke. Zugleich aber bringt sein Jäger zween junge Lindwürme mit, die er im Gebirg oberhalb Trient in einer Felshöhle großzieht. Nach Jahresfrist kommen sie heraus und schweifen gierig umher. Ihr Pfleger selbst ist ihnen kaum entronnen. Niemand wagt mehr die Straße zu ziehen; die Äcker werden nicht eingesät, die Wiesen nicht gemäht. Bis vor die Burg von Garten wird das Land verwüstet. Tod droht dem Helden, der sie zu bestehen wagt. Hugdietrich Hugdietrich, der junge Sohn des Attenus, ist König zu Konstantinopel. Rosenfarb sein Antlitz, gelbes Haar schwingt sich ihm über die Hüften. Als er zwölf Jahre alt, berät er sich mit seinen Dienstmannen um eine Frau. Berchtung, Herzog von Meran, sein Erzieher, rühmt die schöne Hiltburg, Tochter des Königs Walgund zu Salneck (Salonichi). Aber ihr Vater hat geschworen, sie keinem Manne zu geben, und hält sie in festem Turme verschlossen. Noch dünkt sich Hugdietrich zum Kampfe zu jung, mit List will er sie gewinnen. Er lernt an der Rahme wirken, schönes Bildwerk, Hirsch und Hinde, was da lebt. Im Kleid einer Jungfrau, mit langwallenden Haaren geht er zur Kirche. Jedermann fragt: »Wer ist die Minnigliche?« So zieht er mit großem Geleite gen Salneck, wo er sich Hiltgund, des Griechenkönigs Schwester, nennt, die von ihrem Bruder vertrieben sei, weil sie nicht einen Heiden zum Manne gewollt. König Walgund und seine Gemahlin, Liebgart, gewähren freundliche Aufnahme. Berchtung führt das Gefolge zurück, Hiltgund aber arbeitet künstlich in Gold und Seide und lehrt es auch die Mägde der Königin. Dem König wirkt sie eine herrliche Haube (Mütze), darin er am Pfingstfest bei Tische prangt. Sie selbst wird der schönen Hiltburg gegenübergesetzt und schneidet ihr zierlich das Brot vor. Die Königstochter erbittet sich die fremde Jungfrau zur Gespielin, Hiltgund wird zu ihr in den Turm verschlossen und lehrt sie Gold und Seide weben. Zwölf Wochen dauert die Verstellung, länger nicht. Nach Jahresfrist wird Hiltgund, wie verabredet war, durch Berchtung wieder abgeholt: des Bruders Zorn sei zergangen. Trauernd bleibt Hiltburg zurück, die sich schwanger fühlt. Sie genest eines schönen Sohnes, den sie ihrer Mutter selbst verbirgt. Als diese auf den Turm kommt, wird das Kind, in seidene Tücher gehüllt, in das Gebüsch des Burggrabens niedergelassen. Als aber die Königin abends weggegangen, ist es nirgends mehr zu finden. Ein Wolf, der manchmal dort im Hage Hühner fängt, hat es in seine Höhle getragen, den Jungen zur Speise. Doch weil diese noch klein und blind sind, bleibt es unverletzt. Morgens, auf der Jagd, kommt König Walgund zu der Höhle, wo das Kind gefunden wird. Er schlägt sein Gewand um dasselbe, nimmt es auf sein Pferd und bringt es zur Burg. Hugdietrich aber macht sich, nun unverkleidet, wieder nach Salneck auf, küßt sein Kind und spricht, indem er den goldreichen Mantel Legitimation des Mantelkindes, legitimatio per pallium . fallen läßt, vor aller Welt: »Mein Sohn, Konstantinopel, das Königreich, ist dein!« Hiltburg wird ihm zur Frau gegeben, mit großen Ehren führt er sie heim nach Konstantinopel. Wolfdietrich ist das Kind getauft worden, weil man es bei den Wölfen gefunden. Wolfdietrich Wolfdietrich mit zween jüngern Brüdern, Bogen und Wachsmut, wird durch Herzog Berchtung in Ritterkünsten unterwiesen. Er wächst kräftig vor den andern heran: den Stein wirft er sechs Klafter weiter, als sie. Von dem mächtigen Kaiser Otnit in Lamparten kommen Boten, welche Zins heischen. Hugdietrich, die Drohung fürchtend, läßt einen Säumer mit Gold laden. Zürnend spricht Wolfdietrich zu den Boten, sobald er Mann geworden, werd' er den Kaiser um sein eigen Land bestehn. Auf dem Sterbelager verteilt Hugdietrich den Söhnen sein Reich. Wulfdietrich erhält Konstantinopel, aber die Brüder maßen sich sein Erbteil an, weil er ein Kebskind sei. Berchtung von Meran, dessen Pflege er empfohlen ist, schwört mit sechzehn Söhnen, ihm das Erbe wieder gewinnen zu helfen. Sie ziehen mit Heeresmacht aus der Stadt Meran und fahren gen Konstantinopel über. Indes das Heer in einem Walde hält, reiten Wolfdietrich und Berchtung in die Feste, um die Brüder zur Güte zu bewegen. Vergeblich bietet jener sein halbes Erbe. Die Brüder waffnen gegen ihn, Berchtung aber springt zur Zinne und bläst sein Hörnlein. Da kommen seine Söhne mit dem Heer und dringen in das offene Tor. Vom Kampf erschallt die Feste: sie treiben einander ein und aus. Drei Tage wird gestritten, Berchtungs Volk ist all erschlagen, nur seine Söhne leben noch. Sie streiten wieder drei Tage: sechs von Berchtungs Söhnen werden erschlagen. Sieht er einen fallen, so lacht er seinen Herrn an, damit der es nicht merke. Wolfdietrich stürzt von einem Steinwurf; Berchtung hält das Schwert über ihn, und die Söhne kämpfen mit zusammengekehrten Rücken, bis jener sich erholt. Jetzt erst entweichen sie zum Walde, wo der junge Fürst, als er sechs von Berchtungs Söhnen vermißt, sich in sein Schwert stürzen will. Fortan ist sein Schicksal ein Gewebe von Verzauberungen, Irrfahrten, Riesenkämpfen und andern seltsamen Abenteuern, durch die wir hier nur den Hauptfaden der Geschichte verfolgen. Durch Zauber wird er von seinen Dienstmannen getrennt. Nach langem, vergeblichem Suchen bieten diese ihren Dienst den Brüdern an, doch nur mit dem Beding, des Eides ledig zu sein, wenn Wolfdietrich wiederkehre. Die Könige, hierüber erzürnt, lassen Berchtung und seine Söhne, je zween zusammengeschmiedet, auf der Burgmauer Wache gehen. Wolfdietrich hat ihrer nicht vergessen. Vom Zauber entbunden, will er den Kampf bestehn, den er als Knabe dem Kaiser Otnit entboten. So hofft er mächtigen Beistand zur Befreiung seiner Dienstmannen zu gewinnen. Vor der Burg zu Garten steht eine Linde, darunter niemand weilen darf, es sei denn um Streites willen. Unter ihr legt Wolfdietrich sich nieder und entschläft vom süßen Vogelsang. Otnit und Sidrat gewahren ihn von der Zinne. Der Kaiser geht hinaus, weckt ihn zum Kampfe und wird besiegt. Er hat selbst dem Gegner den Helm festgebunden; jetzt holt Wolfdietrich im Helme Wasser, womit Sidrat den leblosen Gemahl erfrischt. Die Helden schwören sich Genossenschaft und gehen Arm in Arm zur Burg. Noch ist den elf Dienstmannen die Rettung ferne. Wolfdietrich wird auf neuen Fahrten umgetrieben. Otnit aber reitet zu Walde, sein Land von den Lindwürmern zu erlösen, die ihm sein Schwäher gesandt. Er empfiehlt der Kaiserin, wenn er umkomme, seinem Rächer sich zu vermählen. Unter einer bezauberten Linde fällt er in tiefen Schlaf. Vergeblich bellt der Hund und scharrt das Roß, als der Lindwurm naht. Das Ungetüm trägt den Schlafenden im Rachen fort. Als er aufwacht und sein Schwert ziehen will, zerschmettert ihn der Lindwurm an einer Felswand und trägt den Leichnam in den Berg, wo die jungen Wurme ihn aus dem Harnisch saugen. Das Roß läuft mit dem Hunde vor das Tor zu Garten. Trauernd lebt die Witwe Sidrat bis in das dritte Jahr. Da kommt Wolfdietrich in der Nacht wieder vor die Burg. Er hört den Wächter an der Zinne um seinen Herrn klagen, der ihn wohl gehalten und den niemand rächen wolle. Die Kaiserin tritt zum Wächter und klagt mit ihm. Ihre Schenken und Truchsesse seien jetzt ihre Herren, sie sei vom Reiche verstoßen, weil sie keinen zum Gemahl wolle, als der die Würm' erschlage. Wolfdietrich wirft einen ungeheuren Stein an die Zinne, daß es laut erhallt. Erschrocken ruft Sidrat hinab, was sie verschuldet, daß man sie zu Tode werfen wolle. Der Held erwidert, er habe bewähren wollen, ob er Kraft habe, die Würme zu bekämpfen. Eher will er sich nicht zeigen, noch nennen; aber ein Wahrzeichen verlangt er, daß ihm alsdann die Krone samt der Kaiserin zum Danke werde. An seidnem Faden läßt sie ihren Ring nieder, mit dem er davonjagt. Im Walde trifft er einen Löwen im Kampfe mit dem Lindwurm. Er steht jenem bei, weil er selbst einen goldnen Löwen im Schilde führt. Held und Löwe lösen sich im Kampf ab, bis dem Helden das Schwert bricht. Der Wurm trägt ihn im Schweife, den Löwen im Rachen zur Höhle. Die jungen Lindwürme fressen den Löwen auf; Wolfdietrich aber findet Otnits Schwert, womit er sämtliche Würm' erschlägt, bis auf einen, den später Dietrich von Bern bekämpft. Zum Lohn empfängt er die Krone und die Hand der Kaiserin. Einmal schon auf seinen Fahrten ist Wolfdietrich zur Nachtzeit vor die Burg seiner Brüder gekommen. Dort vernahm er die Klage seiner Dienstmannen auf der Mauer. Sie hörten nur, als er wegritt, den Hufschlag seines Rosses und wie er, die Hände zusammenschlagend, ausrief: »Ich bin nicht tot!« Darüber wurden sie froh in ihren Banden. Jetzt, zur Krone gelangt, führt er ein großes Heer gen Konstantinopel. In der Nacht geht er selbzwölfte, in Pilgertracht, an den Graben, wo er die Dienstmannen ihr zehnjährig Leid klagen hört. Herbrand, einer von Berchtungs Söhnen, erzählt einen Traum; ein Adler sei gekommen, die Könige zu verderben, und habe die Gefangenen von dannen geführt. Wolfdietrich bittet für sich und die andern um Brot und Wein, um der liebsten Seele willen, die jenen der Tod hingenommen. Um zween Tote trauern die Wächter, ihren Vater Berchtung und ihren Herrn Wolfdietrich; jenes wollen sie vergessen; um dieses willen bieten sie ihren Harnisch an, ihre einzige Habe, daß er um Brot und Wein versetzt werde. Der Pilger fragt um Berchtungs Tod. Zu Pfingsten, erzählen jene, hielt der König einen Hof; reich Gewand trugen alle Fürsten, nur sie, die Herzogskinder, trugen graue Kleider und rinderne Schuhe. Da rief ihr Vater: »O weh, Wolfdietrich, lebtest du noch, du ließest uns nicht in solcher Armut.« Danach sprach er nichts mehr, er starb vor Herzeleid. Mit großer Klage um seinen Meister gibt Wolfdietrich sich zu erkennen. Die Wächter knien auf der Mauer nieder und bitten Gott, wenn es wirklich ihr Herr sei, ihre Bande zu lösen, zum Zeichen, daß sie ihm Treue gehalten. Da zerspringen ihre Ringe, sie eilen von der Mauer und öffnen das Tor. Die Stadt wird eingenommen, die Brüder unterliegen in großer Feldschlacht. Als darauf um Mitternacht Messe gelesen wird, bemerkt Wolfdietrich einen Sarg neben dem seines Vaters. Er hört, daß Berchtung hier bestattet sei. Da reißt er die Steine vom Sarg, umarmt und küßt den Toten, dessen Leichnam noch unversehrt ist. Wolfdietrich bestellt nun das Reich, führt seine Brüder gefangen nach Garten und begnadigt sie nur auf Fürbitte der Kaiserin. Berchtungs Söhne werden reich belehnt; sie empfangen zum Schilde drei goldne Wölfe im grünen Feld mit blauem Ringe; davon nennt man dieses Geschlecht die Wölfinge. In spätern Jahren überläßt Wolfdietrich das Reich seinem Sohne, der nach dem Ahn Hugdietrich heißt. Er selbst begibt sich in das Kloster Tustkal, am Ende der Christenheit. Die Brüderschaft hält er in strenger Zucht, und als die Heiden das Kloster bedrängen, führt er siegreich wieder das Schwert. Keine Buße ist ihm stark genug, er bittet die Klosterbrüder um eine solche, wodurch er in einer Nacht seiner Sünden ledig werde. Im Münster richten sie ihm eine Bahre. Darauf sitzt er allein die Nacht hindurch. Die Geister aller, die er je erschlagen, kommen heran und bekämpfen ihn; die härtesten Stürme, die er sonst gefochten, sind nichts gegen diesen. Morgens wird er für tot hinweggetragen, seine Haare sind schneeweiß geworden. Noch weilt er aber manches Jahr in der Brüderschaft, bis die Engel seine Seele hinführen. Dietrich von Bern Dieser sagenberühmteste der deutschen Helden ist (nach dem Anhang des Heldenbuchs Bl. 210) von einem Geiste gezeugt. Darum schießt ihm Feuer aus seinem Munde, wenn er zornig wird. Frühe schon kämpft er in der Wildnis mit Riesen und Drachen. Sigenot Einst findet Dietrich den Riesen Sigenot, im Walde schlafend, erweckt ihn und muß mit ihm streiten. Der Riese will seinen Oheim Grim rächen, den und dessen Weib Hilde Dietrich früher erschlagen und von ihnen den glänzenden Helm Hildegrim erbeutet hat. Sigenot schlägt mit seiner Stange den Berner zu Boden und wirft ihn in einen hohlen Stein, wohin kein Licht scheint. Dietrichs Meister, Hildebrand, ist seinem Herrn nachgeritten, findet dessen Roß allein an einen Baum angebunden und beweint seinen Tod. Auch er wird von Sigenot angerannt, der ihm mit der Stahlstange das Schwert aus den Händen schlägt und ihn am Barte nach dem hohlen Steine trägt. Hildebrand denkt jetzt nur darauf, wie er seinen Bart räche, in den nie zuvor eines Mannes Hand gekommen. Er findet in dem Berge Dietrichs Schwert, erlegt mit diesem den Riesen und befreit, mit Hilfe des Zwerges Eggerich, seinen Herrn aus der Wurmhöhle, nachdem er demselben erst verwiesen, daß er, gegen bessern Rat, allein von Bern weggeritten. Ecke In dem Lande, wo jetzt Köln liegt, wohnten drei königliche Jungfrauen. Sie haben Dietrichs Lob vernommen und wünschen sehnlich, ihn zu sehen. Drei riesenhafte Brüder, Ecke, Fasold und Ebenrot, werben um die Jungfrauen. Ecke, kaum achtzehn Jahre alt, hat schon manchen niedergeworfen; sein größter Kummer ist, daß er nicht zu fechten hat. Ihn verdrießt, daß der Berner vor allen Helden gerühmt wird, und er gelobt, denselben, gütlich oder mit Gewalt, lebend oder tot herzubringen. Zum Lohne wird ihm die Minne einer von den dreien zugesagt. Seburg, die schönste, schenkt ihm eine herrliche Rüstung, darein sie selbst ihn wappnet. Auch ein treffliches Roß läßt sie ihm vorziehn, aber Ecken trägt kein Roß, und er braucht auch keines, vierzehn Tag' und Nächte kann er gehen ohne Müdigkeit und Hunger. Zu Fuß eilt er von dannen über das Gefild, in weiten Sprüngen, wie ein Leopard; fern aus dem Walde noch, wie eine Glocke, klingt sein Helm, wenn ihn die Äste rühren. Durch Gebirg und Wälder rennend, schreckt er das Wild auf; es flieht vor ihm oder sieht ihm staunend nach, und die Vögel verstummen. So läuft er bis nach Bern, und als er dort vernimmt, daß Dietrich ins Gebirg geritten, wieder an der Etsch hinauf in einem Tage bis Trient. Den Tag darauf findet er im Walde den Ritter Helfrich mit Wunden, die man mit Händen messen kann; kein Schwert, ein Donnerstrahl scheint sie geschlagen zu haben. Drei Genossen Helfrichs liegen tot. Der Wunde rät Ecken, den Berner zu scheuen, der all den Schaden getan. Ecke läßt nicht ab, Dietrichs Spur zu verfolgen. Kaum sieht er diesen im Walde reiten, als er ihn zum Kampfe fordert. Dietrich zeigt keine Lust, mit dem zu streiten, der über die Bäume ragt. Ecke rühmt seine köstlichen Waffen, von den besten Meistern geschmiedet, Stück für Stück, um durch Hoffnung dieser Beute den Helden zu reizen. Aber Dietrich meint, es wäre töricht, sich an solchen Waffen zu versuchen. So ziehen sie lange hin, der Berner ruhig zu Roß, Ecke nebenher schreitend und inständig um Kampf flehend. Er droht, Dietrichs Zagheit überall zu verkünden, er mahnt ihn bei aller Frauen Ehre, er gibt dem Gegner alle Himmelsmächte vor. Endlich willigt der Berner ein, am Morgen zu streiten. Doch Ecke will nicht warten, er wird nur dringender. Schon ist die Sonne zu Rast, als Dietrich vom Rosse steigt. Sie kämpfen noch in der Nacht; das Feuer, das sie sich aus den Helmen schlagen, leuchtet ihnen. Das Gras wird vertilgt von ihren Tritten, der Wald versengt von ihren Schlägen. Sie schlagen sich tiefe Wunden, sie ringen und reißen sich die Wunden auf. Zuletzt unterliegt Ecke. Vergeblich bietet Dietrich Schonung und Genossenschaft, wenn jener das Schwert abgebe. Ecke trotzt und zeigt selbst die Fuge, wo sein Harnisch zu durchbohren ist. Dietrich beklagt den Tod des Jünglings, nimmt dessen Rüstung und Schwert Eckensachs, das er seitdem führt, und bedeckt den Toten mit grünem Laube. Dann reitet er hinweg, blutend und voll Sorge, man möchte glauben, er hab' Ecken im Schlaf erstochen. Schwere Kämpfe besteht er noch mit dessen Bruder Fasold und dem übrigen riesenhaften Geschlechte. Das Haupt Eckes führt er am Sattelbogen mit sich und bringt es den drei Königinnen, die den Jüngling in den Tod gesandt. Biterolf und Dietleib Biterolf, ein ruhmreicher König zu Tolet (Toledo), hört die Erzählung eines alten Pilgers von der Macht und Herrlichkeit des Hunnenkönigs Etzel, dem so viel Könige und Recken dienen. Er beschließt selbst zu sehen und zu vergleichen. Mit zwölf Mannen reitet er heimlich hinweg, seine Gemahlin, Dietlinde, und einen zweijährigen Sohn, Dietleib, zurücklassend. Ungekannt gibt er sich in Etzels Dienst und heerfahrtet für ihn gegen Preußen und Polen. Indes wächst der Knabe Dietleib heran; wenn andre Kinder »Vater« sagen, fragt er, was ein Vater sei. Er hört, daß der seinige seit zehn Jahren vermißt werde. Einst findet er Biterolfs Waffen, darunter dessen Schwert Welsung. Diese läßt er nachts durch ein Fenster die Mauer nieder, wo drei andre Knaben sie empfangen. Morgens bittet er die Mutter um Erlaubnis auf die Falkenjagd, stößt zu den drei Genossen, wappnet sich und reitet mit ihnen aus dem Lande, den Vater zu suchen. Durch mancherlei Abenteuer, in denen seine Kraft geprüft wird, gelangt auch er an den Hof zu Etzelnburg. Seine jugendliche Schönheit wird angestaunt. Lange, goldfarbne Haare, wie einer Jungfrau, hängen ihm über die Schwertfessel herab. Er kann sich damit vor Regen decken, wie ein Falke mit den Flügeln. Um jene Zeit rüstet König Etzel eine Heerfahrt gegen die Polen. Biterolf führt der Scharen eine. Dietleib bittet, mit in den Streit fahren zu dürfen. Es wird ihm, seiner Jugend wegen, versagt; aber, den Hütern entweichend, reitet er heimlich dem Heere nach und erreicht es eben zur Zeit der Schlacht. Mitten durch das Polenheer hat Biterolf sich eine Gasse geschlagen. Auch Dietleib verhaut sich in die Feinde. So begegnen sich im Gedränge Vater und Sohn; sie halten sich für Gegner und kämpfen miteinander. Der Junge führt auf den Alten einen Schlag, davon die Funken aufsprühn. Da erkennt Biterolf den Klang seines Schwertes Welsung, das er daheim gelassen, Ahnung und Sehnsucht ergreift ihn (3704: da was im ande genüg ). So findet Dietleib den Vater, den er durch manche Lande gesucht. Siegreich kehren die beiden zum Hofe Etzels zurück, der nun auch ihre Namen erfährt und sie in hohen Ehren hält. Biterolf empfängt von ihm das gesegnete Steierland; dort baut er die Burg Steier und führt dahin seine Gemahlin mit all seinem Volk und Gesinde. Laurin Similde, Dietleibs Schwester, lustwandelt vor der Burg zu Steier zu einer Linde auf grüner Aue. Plötzlich verschwindet sie vor ihrem Gefolge; der Zwergkönig Laurin, in eine Nebelkappe gehüllt, führt sie unsichtbar hinweg in das Gebirge, wo er herrscht, die Wildnis Tirol. Dietleib reitet, um Rat zu finden, nach Garten zum alten Hildebrand und mit ihm gen Bern zum König Dietrich. Diesem erzählt Hildebrand von dem Übermute des kleinen Laurin und von seinem Rosengarten mit vier goldenen Pforten und, statt der Mauer, mit einem Seidenfaden umgeben; wer den zerreiße, werd' um Hand und Fuß gepfändet. Sogleich macht Dietrich nach diesem Abenteuer sich auf, begleitet von Wittich, Wielands Sohn; Hildebrand, Dietleib und Wolfhart folgen nach. Als jene beiden des Waldes sieben Meilen geritten, kommen sie vor den Garten, aus dem die Rosen duften und glänzen. Dietrich hat seine Freude daran, Wittich aber will der Hochfahrt ein Ende machen, zerstört die goldnen Pforten und zertritt die Rosen. Da kommt Laurin mit Speer und Schwert geritten, Waffen, Gewand und Reitzeug von Gold und Edelsteinen leuchtend. Das Gestein gibt ihm Kraft, einen Gürtel trägt er, davon er zwölf Männer Stärke hat; auf dem Haupt eine lichte Goldkrone, darin Vögel singen, als lebten sie. Der Zwerg schilt die Zerstörer seines Gartens und verlangt zur Buße von jedem den linken Fuß, die rechte Hand. Dietrich meint, es könne mit Gold gebüßt werden, und der Mai bringe neue Rosen. Aber der Zwerg versichert, daß er Goldes mehr als genug habe, und Wittich spottet seines schüchternen Herrn. Da rennen Laurin und Wittich mit den Speeren zusammen: der Zwerg sticht den Gegner aus dem Sattel, bindet ihn und will sein Pfand nehmen. Jetzt ergreift auch Dietrich seinen Speer, als eben Hildebrand mit den zween andern nachkommt. Er rät seinem Herrn, zu Fuße zu streiten und den Zwerg, dessen Harnisch nicht zu versehren ist, mit Schwertschlägen zu betäuben. Dietrich schlägt, daß dem Zwerg die Sonne vergeht; da macht Laurin sich unsichtbar und schlägt dem Helden große Wunden. Jetzt versucht Dietrich es mit Ringen, wird aber bei den Beinen in den Klee geworfen. Zornflammen gehn aus seinem Munde; doch bezwingt er den Kleinen erst, als er ihm, auf Hildebrands Rat, den Gürtel abgerissen. Laurin fleht um Gnade, und als der zürnende Dietrich sie versagt, ruft er Dietleib als Schwager an. Dietleib hält sich zur Hilfe verpflichtet; es erhebt sich ein furchtbarer Kampf zwischen ihm und dem Berner. Hildebrand und die zween andern drängen sich dazwischen und stiften einen Frieden, darein Laurin mitbegriffen wird. Dietrich und Dietleib schwören sich Gesellschaft, und Laurin ladet die Helden in seinen hohlen Berg. Sie reiten mit einbrechender Nacht durch den Wald, bei einem Brunnen steigen sie ab. Laurin läutet eine goldne Schelle, die vor einem Berge hängt. Laut erhallt es im Berge, der sogleich sich aufschließt. Ein Schein, taghell, geht von dem edeln Gestein aus, das im Berge liegt, und leuchtet durch den Wald. Saitenklang und andrer Wohllaut ertönt. Ein Zwergkönig, Laurins Verwandter, haust in diesem Berge. Die Gäste werden im Saale des Königs köstlich bewirtet. In der Frühe reiten sie weiter zu Laurins Berge. Vor demselben ist ein lustiger Plan mit einer Linde und duftreichen Obstbäumen; darauf singen Vögel aller Art, und umher spielt zahmes Wild. Dietrichs Herz ist freudenvoll, Hildebrand rät, den Tag nicht vor dem Abend zu loben; Wittich traut am wenigsten; als aber Wolfhart ihn der Furcht verdächtigt, geht er zuerst dem Berge zu und bläst ein goldnes Horn, das davor hängt. Der Berg wird geöffnet; durch eine stählerne Tür, dann durch eine goldne, werden sie eingeführt. Gesang, Tanz, Ritterspiel treiben hier die Zwerge. Auf die Helden wird ein Zauber geworfen, daß keiner den andern sieht. Zu Tisch aber erscheint Similde, herrlich gekrönt; kleine Sänger und Spielleute, Ritter einer Elle lang, reichgekleidete Mägdlein gehen mit ihr zu Hofe. Ein Stein ihrer Krone vertreibt den Zaubernebel. Sie halst und küßt den Bruder; was ihr Herz begehrt, wird ihr hier tausendfältig, aber sie sehnt sich nach der christlichen Heimat. Laurin beredet die Helden, sich zu entwaffnen. Als nun Similde weggegangen, fällt der Zauber wieder auf die Augen der Gäste, und ein betäubender Trank, in den Wein gemischt, senkt sie in festen Schlaf. So werden sie gebunden und in einen tiefen Kerker geworfen. Nur Dietleibs will Laurin schonen und ihn reichlich begaben, wenn er der Genossen sich nicht annimmt. »Was ihnen geschieht, geschehe mir!« antwortet Dietleib. Da wird er besonders eingesperrt, aber die Schwester befreit ihn, gibt ihm einen Ring, davon er wieder sieht, und hilft ihm zu den Waffen. Er wirft den Genossen die ihrigen in den Kerker hinab. Als Laurin den Helden frei sieht, stößt er ins Horn, und ein Heer von Zwergen sammelt sich. Dietleib kämpft gegen die Überzahl. Indes hat Dietrich mit der Glut seines Mundes seine Bande verbrannt; die Eisenringe zerschlägt er mit den Fäusten und löst so auch die Genossen. Der Gürtel, den er dem Zwerge genommen, gibt ihm das Gesicht wieder, und er ficht jetzt an Dietleibs Seite. Einen Ring, den er von Laurins Finger zieht, wirft er seinem Meister zu; auch Hildebrand sieht nun und kämpft. Zwerge zu Tausenden erliegen; da läuft einer vor den Berg und ruft mit dem Horne fünf Riesen aus dem Walde herbei. Sie eilen mit ihren Stangen zum Streite. Wittich und Wolfhart, den Waffenschall vernehmend, wollen blindlings unter die Feinde springen; Similde hilft auch ihnen durch Ringe mit edeln Steinen zum Gesicht. Jeder der fünf Helden nimmt einen Riesen auf sich, jeder erschlägt den seinigen. Bis ans Knie waten sie im Blute. Laurin wird gefangen. Großen Schatz führen die Sieger von dannen. Similden wird ein Biedermann gegeben, Laurin aber muß zu Bern ein Gaukler sein. Der Rosengarten zu Worms Zu Worms am Rheine wohnt König Gibich mit drei Söhnen und seiner Tochter Kriemhild, Um diese freit Siegfried aus Niederland, der so stark ist, daß er Leuen fängt und an den Schwänzen über die Mauern hängt. Kriemhild hat viel Wunders von dem Berner gehört und sinnt darauf, wie sie die zween kühnen Männer zusammenbringe, um zu sehen, welcher das Beste tue. Sie hat einen Rosengarten, eine Meile lang und eine halbe breit, mit einem seidenen Faden umspannt und von zwölf Recken gehütet. Einen Boten sendet sie gen Bern an Dietrich: mit zwölfen seiner Recken soll er zum Rheine kommen; welcher einen der Ihrigen besiege, dem soll ein Kranz von Rosen, ein Halsen und Küssen von ihr werden. Dietrich hat zu Bern Rosen genug, aber den Trotz will er nicht dulden. Er bricht auf mit seinen Recken, nur der zwölfte fehlt noch. Dazu holen sie aus dem Kloster Eisenburg den streitbaren Mönch Ilsan, Hildebrands Bruder. Ilsan verspricht, sämtlichen Klosterbrüdern Kränze heimzubringen, sie sollen für sein Heil beten. Jene aber beten, daß er nicht wiederkehre. So fahren die Helden mit einem Heere von sechzig Tausenden zum Rheine. Dort finden sie den riesenhaften Fergen Norprecht, der zum Fährlohn Hand und Fuß begehrt. Ilsan ruft ihn herüber, als soll' er zwölf geistliche Brüder überführen. Als Norprecht den Mönch in Waffen findet, schlägt er nach ihm mit dem Ruder, wird aber von Ilsan mit Faustschlägen bezwungen und muß die Gäste überschiffen. Sie legen sich vor Worms auf das Feld, und im Rosengarten beginnen die Kämpfe. Zuerst springt Wolfhart in den Garten, besteht den Riesen Pusold und schlägt ihm das Haupt ab; Kriemhild lohnt mit Rosenkranz, Halsen und Küssen. Ortwin, Pusolds Bruder, will Rache nehmen; ihn fällt der Wölfing Sigestab und empfängt den Dank. Jetzt kommt der Riese Schrutan, seine Brudersöhne zu rächen; Heime soll ihn bestehen, zögert erst, aber von Hildebrand ermahnt, bekämpft er den Riesen, wird bekränzt und geküßt. Der riesenhafte Asprian, zwei Schwerter führend, watet durch die Rosen; gegen ihn will Wittich nicht eher sich wagen, bis ihm für sein Roß Falke Dietrichs Scheming verheißen wird; dann kämpft er und treibt den Riesen in die Flucht. Gegen Studenfuß vom Rheine tritt Bruder Ilsan vor; die Frauen lachen, wie er über dem Harnisch die Kutte trägt, aber er gibt dem Gegner kräftig den Segen, bis Kriemhild die Kämpfenden scheidet und dem Mönche Kranz und Kuß gewährt. Im sechsten Kampfe halten sich Walther von Wasgenstein und der junge Dietleib so männlich die Wage, daß Kriemhild beide bekränzt. Volker von Alzei, der Spielmann, durch harte Helme blutig fiedelnd, entweicht doch vor Dietrichs Recken Ortwin, der den Kranz davonträgt. Ebenso Held Hagen vor dem getreuen Eckhard, der wohl die Rosen nimmt, aber nicht den Kuß von einer ungetreuen Maid. Gernot, Kriemhilds Bruder, weicht vor Helmschrot, und sie setzt diesem den Kranz auf. Gunther, ihr ältester Bruder, geht zum Kampfe mit Amelolt von Garten, holt tiefe Wunden und wird nur gerettet, indem Amelolt den Kranz empfängt. Der alte König Gibich selbst wappnet sich, kämpft mit Hildebrand und wird von des Meisters Schirmschlage hingestreckt; Kriemhild bittet für des Vaters Leben, Hildebrand verlangt dafür ein Kränzlein für seinen grauen Kopf, den Kuß will er seiner lieben Hausfrau behalten. Der zwölfte springt Siegfried von Niederland auf den Plan und sucht trotzig seinen Gegner. Aber Dietrich von Bern scheut den Recken, der den Drachen schlug und dessen Haut hörnen ist. Hildebrand, der alte Zuchtmeister, straft seinen Zögling lange mit Worten, zuletzt mit einem Faustschlag. Dietrich, ergrimmt, schlägt auf ihn mit dem Schwerte, dann rennt er zum Streite mit Siegfried. Laut schallen ihre Schwerter, Dietrich wird durch den Helm getroffen und strömt von Blut, während kein Streich auf Siegfried haftet. Da hört Hildebrand, sein Herr fechte übel. Dietrich sei noch nicht im Zorne, meint der Meister und sinnt auf Rat. Wolfhart muß in den Garten rufen, Hildebrand sei gestorben von Dietrichs Schlägen. Darüber fährt dem Berner die Flamme vom Mund, wie einem Drachen. Siegfried trieft vor Hitze; durch Harnisch und Horn schlägt ihn Dietrich und treibt ihn um, bis er Kriemhilden in den Schoß fällt. Einen Schleier wirft sie über ihn, dennoch will Dietrich ihn und alle, die im Garten sind, erschlagen. Hildebrand aber springt herzu: »Du hast gesiegt, nun bin ich wieder geboren!« Da läßt Dietrich von seinem Zorn und nimmt Rosenkranz und Kuß. Die zwölf vom Rheine sind nun besiegt, der Mönch Ilsan aber hat all seinen zweiundfünfzig Brüdern Kränze gelobt. Ebensoviel Recken fordert er noch auf den Plan und sticht sie nacheinander vom Rosse. Gleiche Zahl von Küssen muß ihm Kriemhild geben: er reibt sie mit seinem rauhen Barte, daß ihr rosenfarbes Blut fließt. König Gibich muß sein Land von Dietrich zu Lehen nehmen; er verflucht den Garten, der die Rosen trug, und den Übermut der Tochter. Fröhlich reiten die Sieger nach Bern zurück; der Mönch kehrt in sein Kloster, zum Schrecken der Brüder. Die Rosenkränze drückt er in ihre Platten, bis das Blut von der Stirne rinnt, damit auch sie ihr billig Teil darum leiden. Dietrichs Flucht König Ermenrich hat einen Ratgeber mit Namen Sibich. Einst versendet er diesen und entehrt dessen schöne Frau. Als Sibich heimkommt, sagt ihm die Frau, was geschehen. Bis daher hieß er der getreue Sibich, nun will er der ungetreue sein. Fortan rät er dem König nur zum Schlimmen. Nach Sibichs Rate sendet Ermenrich seinen Sohn Friedrich in der Wilzen Land, wo der Jüngling umkommt. Dann läßt er die drei Harlunge, seine Brudersöhne, verräterisch aufhängen, um ihr Land für sich zu nehmen. Endlich reizt ihn Sibich, seinen Neffen, Dietrich von Bern, zu verraten und dessen Erbe auch an sich zu ziehen. Randolt von Ancona wird unter Verheißung reichen Lohnes als Bote nach Bern abgefertigt: der König woll' über Meer fahren, der Harlunge Tod zu büßen, Dietrich möge kommen und solang des Reiches Pfleger sein. Als Randolt seine Straße reitet, trocknen ihm die Augen nicht, wenn er des Mordes denkt, den er werben soll. Zu Bern richtet er die Botschaft aus, wie er geheißen ist, warnt aber den jungen Fürsten, die Reise zu lassen und seine Festen zu besetzen. Dann reitet er zurück und meldet, daß Dietrich nicht komme. Fürder will Randolt nicht mehr zu dem Könige stehen, sondern alles für Dietrich wagen. Ermenrich rüstet nun große Heerfahrt und wütet mit Mord und Brand, bis Dietrich in nächtlichem Überfall das übermächtige Heer vertilgt. Ehrlos entflieht Ermenrich und läßt seinen Sohn (Friedrich) mit achtzehnhundert Helden in Dietrichs Hände fallen. Dietrich hätte nun gerne den Recken gelohnt, die ihm Land und Ehre gerettet. Aber leer sind die Kammern, die sein Vater Dietmar voll Schatzes hatte. Hildebrand trägt ihm sein und der Seinigen Gut an, und Bertram von Pola bietet soviel, als fünfhundert Säumer tragen können. Sieben Recken werden mit Bertram nach dem Golde gen Pola gesendet: Hildebrand, Sigeband, Wolfhart, Helmschart, Amelolt, Sindolt und Dietleib von Steier. Da legt Ermenrich an die Straße fünfhundert Mann, welche Dietrichs Recken auf der Heimkehr überfallen und samt dem Schatze gefangen nach Mantua führen. Dietleib allein entrinnt und sagt die Märe zu Bern. Dietrich, nur seine Recken, nicht das Gold, klagend, erbietet sich, für die Lösung der sieben den Sohn Ermenrichs und die achtzehnhundert, die mit ihm gefangen wurden, freizulassen. Ermenrich aber droht, die Recken Dietrichs aufzuhängen, wenn dieser nicht all seine Städt' und Lande für sie hingebe. Man rät dem Berner, um die sieben nicht alles zu verlieren, aber er ließe lieber alle Reiche der Welt als seine getreuen Mannen; so willigt er in Ermenrichs Begehren. Dieser zieht nun mit Heereskraft vor Bern, Dietrich aber reitet aus der Stadt zu des Königs Zelte, steigt ab und beugt mit nassen Augen das Haupt ihm zu Füßen. »Gedenke,« spricht er, »daß ich bin deines Bruders Kind, daß meine Einsicht noch schwach ist! Nimmer will ich deine Huld verwirken; laß ab von deinem Zorne!« Lange schweigt Ermenrich, dann heißt er drohend den Jüngling aus seinen Augen gehn. Um die eine Stadt Bern fleht Dietrich, nur bis er zum Manne gewachsen. Umsonst; Ermenrich droht nur grimmiger. Da bittet Dietrich nur noch um seine sieben Mannen und will mit ihnen von hinnen reiten. Auch diese Ehre nicht wird ihm gelassen, zu Fuße soll er seine Straße ziehen. Mehr denn tausend Frauen kommen aus dem Tore, für ihren Herrn zu bitten. Zuvorderst geht Frau Ute mit vierzig Jungfrauen; sie fallen vor Ermenrich nieder und mahnen ihn bei aller Frauen Ehre, an seinem Neffen königlich zu tun. Er stößt sie von sich und gestattet auch ihnen nicht, in der Stadt zu bleiben. Da scheiden Männer und Frauen zu Fuße von Hab und Gut, Hildebrand hat Frau Uten an der Hand, der andern Recken jeder die seinige. Jammervoll ob all der Schmach, geht Dietrich von seinem Erbe, nimmer soll man ihn lachen sehen bis zum Tage, da er sein Leid rächen mag. Die Frauen werden nach Garten geführt, das der treue Amelolt besetzt hält. Ein Stein hätte weinen mögen, wie jetzt Frau und Mann, Mutter und Kind sich zum Abschied küssen. Fünfzig Getreue gehen mit Dietrich ins Elend, durch Isterreich in das Land der Hunnen. Sie nehmen Herberge in der Stadt Gran. Dahin kommt zur selben Zeit von Etzelnburg die Königin Helke, des mächtigen Etzels Gemahlin, mit dem Markgrafen Rüdiger. Sie, aller Elenden Trost, nimmt sich auch Dietrichs und seiner Gefährten freigebig und hilfreich an. Ihrem Gemahl, der später anlangt, empfiehlt sie die Helden. Dietrich wird ehrenvoll gehalten, und Helke verlobt ihm ihr Schwesterkind Herrad, die mit Siebenbürgen ausgesteuert wird. König Etzel aber gibt ihm zur Rückkehr ein stattliches Heer. Mit solcher Hilfe macht Dietrich zween Züge gegen Ermenrich und besiegt diesen in zwo furchtbaren Schlachten vor Mailand und bei Bologna. Bern ist gleich anfangs durch eine Kriegslist Amelolts wieder gewonnen worden. Dennoch kann Dietrich gegen Ermenrichs Übermacht nicht aufkommen, er kehrt zu den Hunnen zurück und beklagt den Verlust von acht seiner teuersten Helden. Alphart Einst tritt Dietrich zu Bern in den Saal, wo seine Mannen sitzen, die kühnen Wölfinge. Sie springen auf und empfangen ihn. Er klagt ihnen, daß Ermenrich mit großem Heere herangezogen, ihn von Land und Leuten zu vertreiben. Die Recken geloben alle, Leib und Leben für ihn zu wagen, und er will mit ihnen all sein Erbe teilen. Der junge Alphart, Hildebrands Neffe, schlägt vor, einen Wartmann (Kundschafter) gegen die Feinde auszusenden; er selbst will allein auf die Warte reiten. Die andern widerraten es, seiner Jugend wegen. Alphart aber zürnt, daß ihm nicht Ehre gegönnt werde; sterben will er oder zu den Recken gezählt sein. Frau Ute, die ihn erzogen, beklagt umsonst sein Vorhaben; sie muß selbst ihn wappnen, gibt ihm einen schönen Waffenrock und weint, als sie ihm zuletzt den Speer in die Hand gegeben. Die junge Amelgart, kaum erst ihm angetraut, läßt umsonst sich auf die Knie nieder, daß er nur nicht ganz allein ausreite. Er küßt sie und jagt von dannen. Von den Mauern sehen sie heilwünschend ihm nach, wie er über die Etschbrücke sprengt. Da rüstet sich Meister Hildebrand, ihm nachzureiten; nimmer könnt' er den Jüngling verschmerzen. Streites will er ihn satt machen, daß er bald zur Stadt wiederkehre. Schon ist Alphart auf der Heide, als sein Oheim angeritten kommt, den er für einen Dienstmann Ermenrichs hält. Sie brechen die Speere, dann kämpfen sie zu Fuß. Alphart gibt dem Alten einen Schlag, der ihn zu Boden streckt. Hildebrand, um sein Leben bittend, gibt sich zu erkennen; ohne den Neffen muß er nach Bern zurückkehren, wo er den Spott zum Schaden hat. Dietrich freut sich des jungen Helden. Alphart reitet inzwischen fürder, ihm begegnen achtzig Feinde, die Herzog Wolfing auf die Warte führt. Der Jüngling durchsticht den Herzog im Speerkampf; die andern umringen ihn, und er besteht sie Mann für Mann, denn ein alter Ritter wehrt, daß mehrere zugleich gegen einen streiten. Er streckt sie nieder bis auf acht, die blutend entfliehen und Schrecken im Lager verbreiten. Ermenrich läßt Gold und Silber hervortragen; seinen Schild soll damit füllen, wer noch auf die Warte zu ziehen wagt. Alle schweigen. Da ruft er aus dem ganzen Heere den Helden Wittich auf, der früher dem Berner gedient. Wittich reitet hinaus; ihm folgt von ferne sein Gesell Heime, auch er durch Sibichs bösen Rat von Dietrich abgefallen. Im Schatten einer Linde hält indes Alphart und lüftet den Helm; wer mit Ehren die Warte versehen will, muß bleiben, bis der Tag sich endet; Alphart sieht den Rauch von Ermenrichs Heer und brennt von Kampflust. Als Wittich herankommt, verweist der Jüngling ihm mit scharfen Worten den Eidbruch an dem Berner. Wittich will nicht Beichte stehen; sie rennen zusammen, und er wird abgestochen. Auch im Schwertkampf wird er niedergestreckt und liegt wie tot unter dem Schild. Heime, der bisher im Schatten gehalten, eilt jetzt herzu. Er will den Streit scheiden: Alphart soll nach Bern zurückkehren, sie beide wollen dann aussagen, daß sie ihn nicht mehr getroffen. Der junge Held verschmäht den Vorschlag, er will Wittichen zum Pfande haben. Dieser mahnt Heimen geschworener Treue und wie er denselben einst vom Tod errettet. Jetzt dringen beide auf Alphart ein; er könnte sich retten, wenn er Namen und Geschlecht sagte, doch er schämt sich solcher Zagheit. Er bedingt sich nur Frieden für seinen Rücken und daß sie nicht als Mörder ihn selbander bestehn; dann will er ihnen seinen frühen Tod verzeihen. Nun ficht Heime allein, als aber auch er schwer getroffen ist, brechen sie den Frieden. Wittich schlägt hinten, Heime von vorn. Sie fliehen, als Wittich ihn durch das Bein geschlagen. Auf einem Beine noch erreicht und bekämpft sie Alphart, bis er durch den Helm gehauen wird. Das Blut rinnt ihm über die Augen, jämmerlich blickt er hindurch. Er fällt, und Wittich bohrt ihm das Schwert durch den Schlitz des Harnischs. Sterbend verwünschte der Jüngling die ehrlosen Mordrecken. In blutiger Schlacht vor Bern nimmt Dietrich mit den Wölfingen Rache um Alpharts Tod. Wolfhart, dessen Bruder, hat den Vorstreit. Ermenrich und Sibich entfliehen mit ungeheurem Verlust. Wittich und Heime entrinnen Dietrichs Schwerte nur, indem sie, um nicht erkannt zu werden, die Zeichen vom Helme brechen und die Schilde hinter sich schwingen. Schlacht vor Raben Zu Etzelnburg sammelt sich ein neues Heer, zahlreich wie keines zuvor, dem vertriebenen Dietrich zur Hilfe. König Etzel hat zween herrliche junge Söhne, Scharpf und Ort. Diese wünschen sehnlichst, mit Dietrich zu reiten und seine gute Stadt Bern zu sehen. Sie wenden sich erst an die Mutter. Frau Helke sieht ihre Kinder traurig an, ihr hat geträumt, ein Drache sei durch ihrer Kammer Dach geflogen, habe vor ihren Augen die beiden Söhne hingeführt und sie auf weiter Heide zerrissen. Als aber die Jünglinge nicht ablassen, legt die Mutter selbst Fürbitte bei Etzeln ein. Ungerne gewährt er. Dietrich verheißt, sie treulich zu behüten und nicht über Bern hinausreiten zu lassen. Mit viel Tränen werden sie entlassen. Das Heer zieht durch Isterreich gen Bern. Hier sollen Etzels Söhne zugleich mit Diethern, des Berners einzigem Bruder, der wenig älter als sie ist, zurückbleiben. Dietrich befiehlt sie auf Leben und Ehre dem alten Helden Elsan. Niemals sollen sie auch nur vor das Tor kommen: mit eigner Hand droht er den Pfleger zu töten, wenn ihnen irgend Leides geschehe. Er bricht nun mit dem Heere gegen Raben auf, wo Ermenrichs Kriegsmacht liegt. Den Jünglingen aber ist herzlich leid, daß man sie nicht mitgenommen. Sie knien vor ihrem Meister Elsan nieder und küssen ihm die Hände, daß er sie nur wenig vor die Stadt reiten lasse, all den herrlichen Bau zu sehen. Er widersteht nicht ihren Bitten, und eh' er noch sich gerichtet, sie zu begleiten, sind sie schon zur Stadt hinaus. Es nahet schon dem Herbste, wo die Nebel stark sind; so kommen die drei Jünglinge auf einen unrechten Weg, der sie über die weite Heide gegen Raben führt. Elsan eilt ihnen nach und findet sie nirgends um die Stadt; laut ruft und jammert er, ihm antwortet niemand. Vor dichtem Nebel kann er sie auch auf der Heide nicht erschauen. Den ganzen Tag streichen sie hin und übernachten in einem Tal im Freien. Am Morgen reiten sie weiter, gegen dem Meere nieder. Diether fängt an, diese Irrfahrt zu bereuen. Als aber der Nebel weicht und heiter die Sonne scheint, da bewundern Etzels Söhne die Herrlichkeit des Landes, darin der Berner immer mit Freuden wohnen sollte. Jetzt erblicken sie den Recken Wittich, der mannlich unter seinem Schilde hält. Sie wollen diesen Verräter an Diethern und seinem Bruder sogleich angreifen, obschon sie statt Harnischs nur Sommerkleider anhaben. Umsonst warnt Wittich mehrmals. Scharpf reitet zuerst ihn an und schlägt ihm starke Wunden; da zuckt Wittich mit Grimm das Schwert Miming, mit gespaltenem Haupte schießt der Jüngling vom Rosse. Wär' er zum Mann erwachsen, ihm hätten alle Reiche dienen müssen. Ort will den Bruder rächen und erleidet gleichen Tod, obschon Diether ihm beigestanden. Dieser kämpft noch bis zum Abend zu Fuße; seine Schnellheit, darin ihm niemand gleich ist, fristet ihn so lange; zuletzt fällt auch er, durch das Achselbein bis auf den Gürtel gehauen. Ihn betrauert Wittich, Dietrichs Zorn fürchtend; er will zu Rosse steigen, aber die Kraft versagt ihm, und er muß sich auf der Heide niederlegen. All dieses geschieht um die Zeit zwölftägiger Schlacht, worin Ermenrich bei Raben von dem Berner besiegt wird. Er entflieht zur Stadt; den Verräter Sibich fängt der treue Eckhard und führt ihn, quer auf das Roß gebunden, durch das Heer. Dietrich freut sich auf der Walstatt des Sieges, da kommt Elsan und meldet, daß er die jungen Könige verloren. Mit eigenen Händen, wie gedroht war, schlägt Dietrich ihm das Haupt ab. Die drei Erschlagenen werden auf der Heide gefunden. Dietrich küßt sie in die Wunden, verflucht den Tag seiner Geburt, weint Blut und beißt sich vor Jammer ein Glied aus der Hand, »Armes Herz,« spricht er, »daß du bist so fest!« An der Größe der Wunden erkennt er, daß sie mit dem Schwerte Miming geschlagen sind. Da sieht man Wittichen rasch über die Heide reiten. Grimmig springt der Berner auf und spornt so hastig nach, daß keiner der Seinigen ihm folgen kann; Feuer sprüht von den Hufschlägen. Speer, Helm und Schild hat er auf der Walstatt gelassen, nur das Schwert führt er mit sich. Er ruft Wittichen an, mahnt, fleht ihn bei Heldenruhm und Frauenehre, zum Kampfe zu halten, verheißt Bern und Mailand, verheißt sein ganzes Reich, wenn Wittich obsiege. Aber Wittich jagt nur stärker voran. Rienold, sein Neffe, der mit ihm reitet, schämt sich der Flucht und will auch ihn zum Kampfe bewegen: zu zween würden sie den Berner bezwingen. Wittich will nicht hören, befiehlt den Neffen in Gottes Schutz und rennt weiter. Rienold sticht seinen Speer auf den Berner, dieser haut ihn vom Rosse, reitet Wittichen nach und reizt ihn, Rienolds Tod zu rächen. Je länger, je mehr eilt Wittich, mahnt unablässig seinen Scheming, verspricht ihm Ömd und lindes Heu die Fülle. Scheming macht weite Sprünge. Dietrich klagt, daß Scheming, einst ihm gehörig, seinen Feind von hinnen trage; er treibt sein jetziges Roß, Falke, daß es von Blute trieft; vor Zorne glüht er, daß sein Harnisch weich wird. Kaum eines Roßlaufs Weite ist noch zwischen beiden, Wittich ist bis an das Meer getrieben, er gibt sich verloren. Da kommt die Meerminne (Meerfrau) Waghild, seine Ahnmutter, und nimmt ihn samt dem Roß in den Grund des Meeres. Der Berner reitet bis zum Sattelbogen in das Meer nach; er muß umkehren und wartet vergeblich, ob Wittich wieder erscheine. Noch erstürmt Dietrich die Stadt Raben, daraus Ermenrich, die Seinen verlassend, um Mitternacht entweicht. Dann sendet er den Markgrafen Rüdiger mit dem Hilfsvolke nach Hunnenland zurück. Rüdiger soll ihn bei Etzeln und Helken entschuldigen, er selbst wagt noch nicht, ihnen vor die Augen zu treten. Als der Markgraf mit seinen Helden zu Gran ankommt, laufen die herrenlosen Rosse der zween jungen Könige mit blutigen Sätteln auf den Hof. Die Königin will eben mit ihren Frauen in einen Garten gehn, an den Blumen ihr Auge zu weiden, da sieht sie die blutigen Rosse ihrer Kinder stehn. Im ersten Schmerze verwünscht sie den Berner; doch sie wird versöhnt, als Rüdiger meldet, daß Dietrich mit ihnen den eigenen Bruder verloren. Sie ist selbst Dietrichs Fürsprecherin bei Etzeln. Der Berner kommt nach Etzelnburg, geht auf den Saal, neigt sein Haupt auf Etzels Fuß und beut sein Leben zur Sühne. Die Königin weint, und Etzel richtet mit neuer Huld ihn auf. Hildebrand und Alebrand Der alte Hildebrand reitet mit Dietrich von den Hunnen zurück; zweiunddreißig Jahre hat er Frau Uten nicht gesehen. Er wird gewarnt vor dem jungen Alebrand, der ihn auf der Mark anrennen werde, und ritt' er selbzwölfte. Hildebrand will ihm einen Schirmschlag geben, daß er ein Jahr lang der Mutter zu klagen habe. Auf der Mark rennt der junge Held den Alten an: »Was suchst du in meines Vaters Lande? Du solltest daheim bleiben beim warmen Herde.« Der Alte lacht: »Zu reisen und zu fechten bis an meine Hinfahrt ist mir gesetzt; darauf grauet mir der Bart.« Er weigert sich, Harnisch und Schild hinzugeben, wie der Junge verlangt. Von den Worten kommen sie zu den Schwertern. Hildebrand empfängt einen Schlag, davon er sieben Klafter hinter sich springt. »Den Streich«, ruft er, »lehrte dich ein Weib!« Da faßt er den Jungen, wo er am schmälsten ist, und schwingt ihn rückwärts ins Gras. Alebrand muß sich nennen. Der Alte schließt den goldenen Helm auf und küßt den Sohn. Dreimal lieber am eignen Haupte trüg' Alebrand die Wunde, die er dem Vater geschlagen. Er reitet zu Bern ein, den Vater an der Seite, führt ihn in der Mutter Haus und setzt ihn oben an den Tisch. Frau Ute meint, der Ehre sei zu viel, einen gefangenen Mann obenan zu setzen. »Kein Gefangener,« spricht Alebrand, »es ist Hildebrand, mein Vater.« Da schenkt sie selber dem Alten den Wein, und er läßt aus dem Mund ein goldenes Ringlein in den Becher fallen. 2. Die Nibelunge. Walther Etzel, mit Heeresmacht die Westreiche durchziehend, empfängt von den Königen Zins und Geisel. Gibich, der Franken König zu Worms, dessen eigner Sohn Gunther noch zu klein ist, gibt den Jüngling Hagen aus edlem Trojerstamme samt großer Schatzung. Der Burgundenkönig Herrich zu Cavillon Cavillonis, Châlon sur Saône gibt sein einzig Töchterlein Hiltgund, Alphar, König in Aquitanien, seinen jungen Sohn Walther, durch Gelöbnis der Väter für Hiltgund bestimmt. Hagen und Walther werden bei Etzeln wohl erzogen; sie tun es allen Hunnen in den Künsten des Kriegs zuvor und führen des Königs Heere. Hiltgund, der Frauenarbeit kundig, gewinnt die Huld der Königin und wird der Schatzkammer vorgesetzt. Indes stirbt Gibich; sein Nachfolger Gunther kündigt Bündnis und Zins den Hunnen auf. Als Hagen dies erfahren, entflieht er bei Nacht. Damit nicht auch Walther, des Reiches Trost, entfliehe, will Etzel, nach dem Rate der Königin, ihn mit einer hunnischen Fürstentochter vermählen. Walther lehnt die Heirat ab, als würde sie ihn im Dienste des Königs säumig machen. Als er nun einst von einer Heerfahrt sieghaft zurückkehrt, trifft er Hiltgunden allein. Er küßt sie, läßt sich von ihr den Becher reichen und drückt ihre Hand zur Erinnerung des Verlöbnisses; dann beredet er mit ihr die Flucht aus der langen Verbannung. Längst wär' er entflohen, wenn er die Jungfrau hätte zurücklassen wollen. Der Abrede gemäß gibt Walther dem König ein großes Mahl, wobei sämtliche Gäste in Trunkenheit und tiefen Schlaf versenkt werden. Hiltgund ladet zween Schreine mit goldnen Armringen aus der Schatzkammer. Die Schreine werden Walthers Roß Leo an die Seiten gehängt, das die Jungfrau am Zügel führt. Der Held schreitet in voller Rüstung, mit Schild und Speer, Hiltgund trägt eine Angelrute. So ziehen sie in der Nacht davon und streichen, das bebaute Land meidend, durch unwegsame Wälder und Gebirge, mit Vogelstellen und Fischfang sich nährend. Der Jungfrau schlägt das Herz, wenn der Wind die Zweige rührt oder ein Vogel hindurchrauscht. Vergeblich aber hat Etzel sein Gold ausgeboten, wer ihm den Flüchtling zurückbringe; kein Hunne wagt es, den Helden zu verfolgen. Am vierzigsten Abend gelangen Walther und Hiltgund zum Ufer des Rheines bei Worms. Für die Überfahrt gibt Walther Fische, die er früher gefangen. Diese bringt der Ferge morgens zur Stadt, und sie kommen auf den Tisch des Königs Gunther, der sich wundert, in Frankenland solche Fische zu sehen. Der Fährmann, befragt, woher die Fische seien, erzählt von dem wandernden Recken und der schönen Jungfrau, auch daß beim Tritte des Rosses die Schreine wie von Gold und Edelsteinen erklungen. Hagen, der mit am Tische sitzt, errät, daß sein Geselle Walther von den Hunnen kehre. Da jubelt König Gunther, daß der Schatz, den sein Vater gezinst, in sein Reich zurückgekommen. Sogleich wählt er zwölf Recken, den Wandernden nachzujagen; Hagen selbst, obgleich er abrät, ist von der Zahl. Derweil ist Walther in den Wasgenwald gekommen, ein wildreiches Waldgebirge, das oft von Hörnern und Hunden widerhallt. Dort bilden zween überhangende Berggipfel eine Kluft mit frischbegrüntem Boden. An dieser sichern Stelle will Walther ruhen, er hat bisher nie anders geschlafen, als auf den Schild gestützt; jetzt entledigt er sich der Waffen und legt sein Haupt in den Schoß der Jungfrau, die, über ihm wachend, von hier aus weit die Gegend überschaut. Ferne den Staub von Rossen gewahrend, weckt sie Walthern. Er wappnet sich, faßt Schild und Speer und stellt sich an den Eingang der Höhle. Hiltgund, die Hunnen fürchtend, bittet ihn, ihr das Haupt abzuschlagen, damit sie keines andern werde. Der Held aber erkennt die Nibelunge und am Helme seinen Gesellen Hagen, der allein ihm Sorge macht. König Gunther hat die Spur im Sande verfolgt; mit seinen Recken herangesprengt, sendet er den Kamelo von Metz, um Walthern das Pferd mit den Schreinen zusamt der Jungfrau abzufordern. Der Held bietet, wenn man ihm den Kampf erlasse, hundert Goldringe. Hagen rät dem Könige, solches anzunehmen: als aber all seine Warnung vergeblich ist, reitet er hinweg und setzt sich auf einen nahen Hügel. Kamelo wird nochmals abgeschickt, von Walthern den ganzen Schatz zu verlangen und, wenn er zögre, ihn zu bestehen. Vergebens bietet Walther zweihundert Goldringe. Kamelo wirft den Speer, dem Walther ausweicht; den seinigen werfend, lähmt er Kamelos Rechte und durchsticht ihn mit dem Schwerte. Der Reihe nach kämpfen Skaramund, Kamelos Neffe, Werhard, der Sachse Eckevrid, Hadwart, Patavrid, Hagens Schwestersohn, vom Oheim und von Walthern selbst vergeblich abgemahnt, Gerwit, Randolf, Helmnod, Trogunt von Straßburg, Tanast von Speier. Der enge Pfad gestattet je nur einem den Angriff, und so werden sie nacheinander von Walthern in mannigfachem Kampf erlegt. König Gunther, allein noch übrig, flieht zu Hagen und fleht ihn, sich zum Streit zu erheben; nach langer Weigerung rät Hagen, zuvörderst Walthern aus der Feste zu locken. Sie reiten weg und legen sich auf die Lauer. Indes ist die Sonne zur Rast gegangen, Walther will nicht wie ein Dieb in der Nacht entweichen, er verhegt den Weg zur Höhle mit Dornen und bindet die erbeuteten Rosse fest. Auf den Schild gelagert schläft er die erste Hälfte der Nacht, indes die Jungfrau, zu seinem Haupte sitzend, mit Gesange sich wach erhält. Dann legt Hiltgund sich zum Schlummer, und Walther, auf den Speer gelehnt, hält Wache. Am Morgen beladet er vier jener Rosse mit den Waffen der Erschlagenen, auf das fünfte setzt er die Braut, und das sechste besteigt er selbst. Nicht weit sind sie im Tale gezogen, als hinter ihnen Günther mit Hagen daherjagt. Sogleich heißt Walther die Braut mit dem Rosse Leo, das den Schatz trägt, in das nahe Gehölz reiten; er selbst stellt sich dem Angriff. Hagen, um seinen Neffen Rache suchend, wird umsonst von Walthern der alten Freundschaft gemahnt, umsonst ihm ein Schild voll Goldes geboten. Von der zweiten bis zur neunten Stunde wehrt Walther sich im Fußkampfe gegen die beiden. Jetzt wirft er auf Hagen gewaltig den Speer und, zugleich Gunthern mit dem Schwert anlaufend, haut er diesem ein Stück vom Schenkel, daß der König auf seinen Schild niederstürzt. Walther will ihm den Todesstreich geben, aber Hagen streckt sein Haupt dazwischen, an seinem Helme zerspringt das Schwert, und als Walther zürnend das Heft wegwirft, schlägt ihm Hagen die rechte Hand ab. Mit dem wunden Arme faßt Walther den Schild, mit der gesunden Hand sein hunnisches Halbschwert und schneidet Hagens rechtes Auge samt dem Kiefer hinweg. Als so jeder sein Zeichen hat, ruhen sie beisammen im Grase. Hiltgund, herbeigerufen, verbindet die Wunden und schenkt den Wein. Der König, weil er streitträge, bekommt zuletzt. Umher liegen Gunthers Bein, Walthers Hand, Hagens zuckendes Auge. Die zween Helden aber scherzen beim Becher: Walther soll Hirsche jagen zu Lederhandschuhen, wovon der rechte wohl auszustopfen sei; das Schwert werd' er rechts angürten und sein Weib einst links umfangen; Hagen werde statt Eberfleisch gelinden Brei essen und scheel blickend die Helden begrüßen. So erneuen sie blutig die Genossenschaft. Den ächzenden König heben sie zu Pferde. Die Franken kehren gen Worms, Walther in sein Heimatland. Hörnen Siegfried. (Siegfrieds Drachenkampf.) Siegmund, König in Niederland, hat einen Sohn mit Namen Siegfried. Groß, stark und unbändig ist der Knabe. Man rät dem König, ihn hinziehen zu lassen, so mög' er ein kühner Held werden. Siegfried scheidet von dannen; er kommt vor dem Walde zu einem Schmied, dem er dienen will. Aber er schlägt das Eisen entzwei und den Amboß in die Erde. Will man ihn darum strafen, so schlägt er Meister und Knechte. Der Meister denkt, wie er des Lehrlings los werde. Im Walde bei einer Linde liegt ein großer Drache. Dorthin schickt der Schmied den jungen Siegfried nach Kohlen in der Hoffnung, der Drache werd' ihn verschlingen. Aber Siegfried erschlägt den Lindwurm, reißt Bäume aus und trägt sie in ein Tal zusammen, wo viel Gewürmes liegt. Bei dem Köhler holt er Feuer, zündet das Holz an und verbrennt die Würme. Ihre Hornhaut schmilzt, und ein Bächlein fließt davon. Siegfried taucht den Finger ein, und als dieser erkaltet, ist er wie Horn. Jetzt bestreicht Siegfried sich den ganzen Leib, außer zwischen den Schultern, und wird davon hörnen. Hierauf zieht er an den Hof des Königs Gibich zu Worms und will ihm die Tochter abdienen. Als nun die schöne Kriemhild eines Mittags am Fenster steht, kommt ein Drache geflogen und rafft sie hin. Die Burg ist erleuchtet, als ob sie brenne. Hoch gegen die Wolken schwingt er sich. Traurig stehen Vater und Mutter. Der Drache führt die Jungfrau ins Gebirg auf einen hohen Fels, der eine Viertelmeile weit Schatten wirft. Bis in das vierte Jahr hat er sie auf dem Steine, wo sie all die Zeit keinen Menschen sieht. Sie ist ihm gar lieb, und er läßt ihr nicht an Speise noch Trank gebrechen. Oft legt er sein Haupt in ihren Schoß, aber von seinem Atmen erzittert der Stein. Im Winter legt er sich vor die Höhle, worin sie sitzt, und hält die Kälte von ihr ab. Am Ostertag aber wird er ein Mann; denn er ist durch Fluch eines Weibes aus einem schönen Jüngling zum Drachen verwandelt. Nach fünf Jahren soll er wieder menschliche Gestalt gewinnen, und bis dahin bewahrt er sich die Jungfrau. Sie aber weint täglich und bittet, daß er sie nur einmal Vater und Mutter wiedersehen lasse. Umsonst hat König Gibich in allen Landen nach seiner Tochter fragen lassen. Da reitet Siegfried eines Morgens mit Habicht und Hunden in den Wald. Seiner Bracken einer führt ihn auf des Drachen seltsame Spur. Rastlos, ohne Essen und Trinken, eilt Siegfried über das Gebirge, bis er am vierten Morgen vor den Drachenstein kommt. Der Zwerg Eugel sagt ihm, daß hier oben Kriemhild wohne und gibt ihm Rat, wie er hinaufgelangen könne. Erst muß der Riese Kuperan, der den Schlüssel zum Steine hat, bezwungen werden. Der Riese, von Siegfried überwunden, fällt diesen hinterrücks an, aber Eugel rettet ihn mit der unsichtbar machenden Nebelkappe. Der Stein wird aufgeschlossen, müde wird der Held, bis er hinaufkommt zu der weinenden Jungfrau. Dort findet er auch das Schwert, mit dem allein der Drache besiegt werden kann. Da hören sie einen Schall, als fiele das Gebirg alles hernieder. Der Drache kommt dahergefahren, weit vor ihm her schießt das Feuer, das von ihm ausgeht, grimmig stößt er gegen den schütternden Stein. Die Jungfrau birgt sich in der Höhle, Siegfried aber springt zum Streite. Mit den Krallen reißt ihm der Drache den Schild ab, speit Flammen, rot und blau, und umflicht den Helden mit dem Schweif, um ihn vom Steine herabzuwerfen. Der Stein glüht, wie Eisen in der Esse, und schwankt von dem ungestümen Kampfe. Des Wurmes Hornhaut wird erweicht von Schwertschlägen und Feuer. Da haut ihn Siegfried mitten entzwei: das eine Teil fällt vom Steine zu Stücken, das andre stößt Siegfried hintennach. So gewinnt er die Braut und führt sie von hinnen zusamt dem Schatze des Zwergkönigs Nibelung, welcher, von dessen Söhnen gehütet, unter dem Steine lag. Der Zwerg Eugel weissagt dem Helden frühen Tod. Lied der Nibelunge. (Siegfrieds Tod.) In Burgunden erwuchs Jungfrau Kriemhild, die schönste in allen Landen. Drei königliche Brüder haben sie in Pflege, Gunther, Gernot und der junge Giselher. Zu Worms am Rheine wohnen sie in großer Macht; kühne Recken sind ihre Dienstmannen: Hagen von Tronje und sein Bruder Dankwart, der Marschall; deren Neffe, Ortwin von Metz; Gere und Eckewart, zween Markgrafen; Volker von Alzei, der Spielmann; Sindolt, der Schenke; Hunolt, der Kämmerer, und Rumolt, der Küchenmeister. In diesen hohen Ehren träumt Kriemhilden, wie ein schöner Falke, den sie gezogen, von zween Aaren ergriffen wird. Ute, ihre Mutter, deutet dieses auf einen edeln Mann, den Kriemhild frühe verlieren möge. Aber Kriemhild will immer ohne Mannes Minne leben. Viele werben vergeblich um sie. Da hört auch Siegfried, Sohn des Königs Siegmund und der Siegelind zu Santen in Niederlanden, von ihrer großen Schönheit. In früher Jugend schon hat er Wunder mit seiner Hand getan; den Hort der Nibelunge hat er gewonnen samt dem Schwerte Balmung und der Tarnkappe, den Lindwurm erschlagen und in dem Blute seine Haut zu Horn gebadet. Selbzwölfte zieht er jetzt aus, Kriemhilden zu erwerben, umsonst gewarnt von den Eltern vor der burgundischen Recken Übermut. Köstlich ausgerüstet reitet er zu Worms auf den Hof und fordert den König Gunther zum Kampf um Land und Leute. Doch im Gedanken an die Jungfrau läßt er sich begütigen und bleibt ein volles Jahr in Freundschaft und Ehre dort, ohne Kriemhilden zu sehen. Sie aber blickt heimlich durch das Fenster, wenn er auf dem Hofe den Stein oder den Schaft wirft. Siegfried heerfahrtet für Gunthern gegen die Könige Liudeger von Sachsenland und dessen Bruder, Liudegast von Dänemark; beide nimmt er gefangen. Als Kriemhilden ein Bote meldet, wie herrlich vor allen Siegfried gestritten, da erblüht rosenrot ihr schönes Antlitz; reiche Miete läßt sie dem Boten geben. Gunther aber bereitet seinen Helden ein großes Fest, bei dem Siegfried Kriemhilden sehen soll; denn die Könige wollen ihn festhalten. Wie aus den Wolken der rote Morgen, geht die Minnigliche hervor; wie der Mond vor den Sternen leuchtet sie vor den Jungfrauen, die ihr folgen; Dienstmannen, Schwerter in Händen, treten voran. Sie grüßt den Helden, sie geht an seiner Hand; nie in Sommerzeit noch Maientagen gewann er solche Freude. Fern über See, auf Island, wohnt die schöne Königin Brünhild. Wer ihrer Minne begehrt, muß in drei Spielen ihr obsiegen, in Speerschießen, Steinwurf und Sprung; fehlt er in einem, so hat er das Haupt verloren. Auf sie stellt König Gunther den Sinn und gelobt seine Schwester dem kühnen Siegfried, wenn der ihm Brünhilden erwerben helfe. Mit Hagen und Dankwart besteigen die beiden ein Schifflein und führen selbst das Ruder. Sie fahren mit gutem Winde den Rhein hinab in die See. Um zwölften Morgen kommen sie zur Burg Isenstein, wo Brünhild mit ihren Jungfrauen im Fenster steht. Als die Helden an das Land getreten, hält Siegfried dem Könige das Roß, damit er für dessen Dienstmann gehalten werde. Sie reiten in die Burg, Siegfried und Gunther mit schneeweißen Rossen und Gewanden, Hagen und Dankwart rabenschwarz gekleidet. Brünhild grüßt Siegfrieden vor dem Könige. Die Kampfspiele heben an; unsichtbar durch die Tarnkappe steht Siegfried bei Gunthern; er übernimmt die Werke, der König die Gebärde. Brünhild streift sich die Ärmel auf, einen Schild faßt sie, den vier Kämmerer kaum hergetragen, einen Speer, gleichmäßig schwer, schießt sie auf Gunthers Schild, daß die Schneide hindurchbricht und die beiden Männer straucheln; aber kräftiger noch wirft Siegfried den umgekehrten Speer zurück. Einen Stein, den zwölf Männer mühlich trügen, wirft sie zwölf Klafter weit, und über den Wurf hinaus noch springt sie in klingendem Waffenkleid; doch weiter wirft Siegfried den Stein, weiter trägt er den König im Sprunge. Zürnend erkennt Brünhild sich besiegt und heißt ihre Mannen Gunthern huldigen. Zum Rheine will sie ihm erst folgen, wenn sie zuvor all ihre Freunde besandt hat. Jeder Gefahr zu begegnen, schifft Siegfried heimlich von dannen, zum Lande der Nibelunge, wo er den großen Schatz hat; dort prüft er mit Kampfe den riesenhaften Burghüter und den Zwerg Alberich, der des Hortes pflegt; dann wählt er tausend der besten Recken von den Nibelungen, die ihm dienstbar sind, und kehrt mit ihnen gen Isenstein. Brünhild wird nun heimgeführt und zu Worms herrlich empfangen. Am gleichen Tage führt Gunther Brünhilden, Siegfried Kriemhilden in die Brautkammer. Doch Brünhild hat geweint, als sie Kriemhilden bei Siegfried am Mahle sitzen sah; vorgeblich, weil ihr leid sei, daß des Königs Schwester einem Dienstmann gegeben werde; und in der Hochzeitnacht will sie nicht Gunthers Weib werden, bevor sie genau wisse, wie es so gekommen. Sie erwehrt sich Gunthers, bindet ihm mit ihrem Gürtel Füß' und Hände zusammen und läßt ihn so die Nacht über an einem Nagel hoch an der Wand hängen. Siegfried bemerkt am andern Tage des Königs Traurigkeit, errät den Grund und verspricht, ihm die Braut zu bändigen. In der Tarnkappe kommt er die nächste Nacht in Gunthers Kammer, ringt gewaltig mit Brünhilden und bezwingt sie dem Könige. Einen Ring, den er heimlich ihr vom Finger gezogen, und den Gürtel nimmt er mit sich hinweg. Bald hernach führt er Kriemhilden in seine Heimat nach Santen, wo sein Vater ihm die Krone abtritt. Zehn Jahre vergehen, und stets denkt Brünhild, warum Siegfried von seinem Lande keinen Lehendienst leiste. Sie beredet Gunthern, den Freund und die Schwester zu einem großen Fest auf nächste Sonnenwende zu laden. Der alte Siegmund reitet mit ihnen nach Worms. Beim Empfange blickt Brünhild unterweilen auf Kriemhilden, wie ihre Farbe gegen dem Golde glänzt. In festlicher Freude verbringen sie zehn Tage. Am elften, vor Vesperzeit, als Ritterspiel auf dem Hofe sich hebt, sitzen die zwo Königinnen zusammen. Da rühmt Kriemhild ihren Siegfried, wie er herrlich vor allen Recken gehe. Brünhild entgegnet, daß er doch nur Gunthers Eigenmann sei. So eifern sie in kränkenden Worten, und als man nun zur Vesper geht, kommen sie, die sonst immer beisammen gingen, jede mit besondrer Schar ihrer Jungfraun zum Münster. Brünhild heißt Kriemhilden als Dienstweib zurückstehn; da wirft Kriemhild ihr vor, sie sei nur das Kebsweib Siegfrieds, der ihr das Magdtum abgewonnen, und geht in das Münster vor der weinenden Königin. Nach dem Gottesdienste wartet Brünhild vor dem Münster und verlangt von Kriemhilden Beweis jener Rede. Kriemhild zeigt Ring und Gürtel, die Siegfried ihr gegeben, und abermals weint die Königin. Umsonst schwört Siegfried im Ringe der Burgunden, daß er Brünhilden nicht geminnet. Hagen gelobt, ihr Weinen an Siegfried zu rächen, und er zieht die Königin in den Mordrat. Falsche Boten werden bestellt und reiten zu Worms ein, als hätten sie von Liudeger und Liudegast, die man auf Treu und Glauben freigelassen, neuen Krieg anzusagen. Siegfried, der seinen Freunden stets gerne dient, erbietet sich alsbald, den Kampf für sie zu bestehen. Als das Heer bereit ist, nimmt Hagen von Kriemhilden Abschied. Sie bezeigt Reue über das, was sie Brünhilden getan, und bittet ihn, über Siegfrieds Leben in der Schlacht zu wachen. Deshalb vertraut sie ihm, daß Siegfried an einer Stelle, zwischen den Schultern, verwundbar sei, wohin ihm ein Lindenblatt gefallen, als er sich im Blute des Drachen gebadet. Diese Stelle zu bezeichnen, näht sie, nach Hagens Rat, auf ihres Mannes Gewand ein kleines Kreuz. Hagen freut sich der gelungenen List, und kaum ist Siegfried ausgezogen, so kommen andre Boten mit Friedenskunde. Ungerne kehrt Siegfried um; statt der Heerfahrt soll nun im Wasgenwald eine Jagd auf Schweine, Bären und Wisente (wilde Ochsen) gehalten werden. Weinend ohne Maß, entläßt Kriemhild den Gemahl. Ihr hat geträumt, wie ihn zwei wilde Schweine über die Heide gejagt und die Blumen von Blute rot geworden, wie zween Berge über ihm zusammengefallen und sie ihn nimmermehr gesehen. Mit Gunthern, Hagen und großem Jagdgefolge reitet Siegfried zu Walde. Gernot und Giselher bleiben daheim. Viel Rosse, mit Speise beladen, werden über den Rhein geführt auf einen Anger vor dem Walde. Die Jagdgesellen trennen sich, damit man sehe, wer der beste Weidmann sei. Siegfried nimmt sich einen alten Jäger mit einem Spürhund; kein Tier entrinnt ihm, Berg und Wald macht er leer, er gewinnt Lob vor allen. Schon wird zum Imbiß geblasen, als Siegfried einen Bären aufjagt. Er springt vom Rosse, läuft dem Tiere nach, fängt und bindet es auf seinen Sattel. So reitet er zur Feuerstätte; herrlich ist sein Jagdgewand, mächtig der Bogen, den nur er zu spannen vermag, reich der Köcher, von Golde das Horn. Als er abgestiegen, läßt er den Bären los, der unterm Gebell der Hunde durch die Küche rennt, Kessel und Brände zusammenwirft, zuletzt aber von Siegfried ereilt und mit dem Schwert erschlagen wird. Die Jäger setzen sich zum Mahle; Speise bringt man genug, aber die Schenken säumen. Hagen gibt vor, er habe gemeint, das Jagen soll heut im Spessart sein, dorthin hab' er den Wein gesandt. Doch hier nahe sei ein kühler Brunnen. Zu diesem beredet er mit Siegfried, einen Wettlauf. Sie ziehen die Kleider aus, Siegfried legt sich vor Hagens Füße; wie zween Panther laufen sie durch den Klee; Siegfried, all sein Waffengerät mit sich tragend, erreicht den Brunnen zuerst. Doch trinkt er nicht, bevor der König getrunken. Wie er sich zur Quelle neigt, faßt Hagen den Speer, den Siegfried an die Linde gelehnt, und schießt ihn dem Helden durch das Kreuzeszeichen, daß sein Blut an des Mörders Gewand spritzt. Hagen flieht, wie er noch vor keinem Manne gelaufen. Siegfried springt auf, die Speerstange ragt ihm aus der Wunde, den Schild rafft er auf, denn Schwert und Bogen trug Hagen weg; so ereilt er den Mörder und schlägt ihn mit dem Schilde zu Boden. Aber dem Helden weicht Kraft und Farbe, blutend fällt er in die Blumen; die Verräter scheltend, die seiner Treue so gelohnt, und doch Kriemhilden dem Bruder empfehlend, ringt er den Todeskampf. In der Nacht führen sie den Leichnam über den Rhein. Hagen heißt ihn vor Kriemhilds Kammertür legen. Als man zur Mette läutet, bringt der Kämmerer Licht und sieht den blutigen Toten, ohne ihn zu erkennen. Er meldet es Kriemhilden, die mit ihren Frauen zum Münster gehen will. Sie weiß, daß es ihr Mann ist, noch ehe sie ihn gesehen; zur Erde sinkt sie, und das Blut bricht ihr aus dem Munde. Der alte Siegmund wird herbeigerufen; Burg und Stadt erschallen von Wehklage. Am Morgen wird der Leichnam auf einer Bahre im Münster aufgestellt. Da kommen Gunther und der grimme Hagen; der König jammert. »Räuber,« sagt er, »haben den Helden erschlagen.« Kriemhild heißt sie zur Bahre treten, wenn sie sich unschuldig zeigen wollen; da blutet vor Hagen die Wunde des Toten. Drei Tage und drei Nächte bleibt Kriemhild bei ihm; sie hofft, auch sie werde der Tod hinnehmen. Meßopfer und Gesang für seine Seele rasten nicht in dieser Zeit. Als darauf Siegfried zu Grabe getragen wird, heißt Kriemhild den Sarg wieder aufbrechen, erhebt noch einmal sein schönes Haupt mit ihrer weißen Hand, küßt den Toten, und ihre lichten Augen weinen Blut. Freudlos kehrt der König Siegmund heim, Kriemhild läßt sich am Münster eine Wohnung bauen, von wo sie täglich zum Grabe des Geliebten geht. Vierthalb Jahre spricht sie kein Wort mit Gunthern, und ihren Feind Hagen sieht sie niemals. Hagen aber trachtet, daß der Nibelungenhort in das Land komme. Gernot und Giselher bringen die Schwester erst dahin, daß sie Gunthern, mit Tränen, wieder grüßt; dann wird sie beredet, den Hort, ihre Morgengabe von Siegfried, herführen zu lassen. Als sie aber das Gold freigebig austeilt, fürchtet Hagen den Anhang, den sie damit gewinne. Da werden ihr die Schlüssel abgenommen, und als sie darüber klagt, versenkt Hagen den ganzen Schatz im Rheine. Der Nibelunge Not Dreizehn Jahre hat Kriemhild im Witwentum gelebt. Da stirbt Frau Helke, des gewaltigen Hunnenkönigs Etzel Gemahlin. Ihm wird geraten, um die edle Kriemhild zu werben, und er sendet nach ihr den Markgrafen Rüdiger mit großem Geleite. Den Königen zu Worms ist die Werbung willkommen; Hagen aber widerrät. Kriemhild selbst widerstrebt lange: Weinen geziem' ihr und andres nicht. Erst als Rüdiger heimlich mit ihr spricht und ihr schwört, mit allen seinen Mannen jedes Leid, das ihr widerfahre, zu rächen, hofft sie noch Rache für Siegfrieds Tod und reicht ihre Hand dar. Sie fährt mit den Boten hin, im Geleit ihrer Jungfrauen und des Markgrafen Eckewart, der mit seinen Mannen ihr bis an sein Ende dienen will. Ihr Weg geht über Passau, wo der Bischof Pilgrim, ihrer Mutter Bruder, sie wohl empfängt, dann über Pechlarn, wo sie in Rüdigers gastlichem Hause einspricht. Bei Tuln reitet König Etzel ihr entgegen mit all den Fürsten, die ihm dienen, Heiden und Christen. Die Hochzeit wird zu Wien begangen; zu Misenburg (jetzt Wiselburg) schiffen sie sich auf die Donau ein; von Schiffen, die man zusammengeschlossen, von Zelten, die man darüber gespannt, ist der Strom bedeckt, als wär' es Land und Feld. So kommen sie gen Etzelnburg, wo Kriemhild fortan gewaltig an Helken Stelle sitzt. Sie genest eines Sohnes, der Ortlieb genannt wird. Aber in dreizehn Jahren solcher Ehre vergißt sie nicht ihres Leides; allezeit denkt sie, wie sie es räche. Sie klagt dem Gemahle, daß man sie für freundlos halte, weil ihre Verwandte noch niemals zu ihr gekommen. So bewegt sie ihn, ihre Brüder zu einem Fest auf nächste Sonnenwende herzuladen. Werbel und Swemmel, des Königs Spielleute, werden als Boten gesandt, und Kriemhild empfiehlt ihnen, daß Hagen nicht zurückbleibe, der allein der Wege kundig sei. König Gunther bespricht sich mit seinen Brüdern und Mannen über die Botschaft. Hagen, des Mordes eingedenk, rät ab von der Reise; als aber Gernot und Giselher ihn der Furcht zeihen, schließt er zürnend sich an, rät jedoch, mit Heereskraft auszufahren. Rumolts, des Küchenmeisters, Rat ist, daheim zu bleiben, bei guter Kost und schönen Frauen. Als sie zur Fahrt bereit sind, hat Frau Ute einen bangen Traum, wie alles Geflügel im Lande tot sei. Mit tausend und sechzig ihrer Mannen, dazu tausend Nibelungen, und mit neuntausend Knechten erheben sich die Könige; durch Ostfranken ziehen sie zur Donau, zuvorderst reitet Hagen. Der Strom ist angeschwollen und kein Schiff zu sehen. Hagen geht gewappnet umher, einen Fährmann suchend. Er hört Wasser rauschen und horcht; in einem schönen Brunnen baden Meerweiber. Er schleicht ihnen nach, aber ihn gewahrend, entrinnen sie und schweben, wie Vögel, auf der Flut. Ihr Gewand jedoch hat er genommen und die eine, Hadeburg, verspricht ihm, wenn er es wiedergebe, das Geschick der Reise vorherzusagen. Wirklich verkündet sie, daß die Fahrt in Etzels Land wohl ergehen werde. Als er darauf die Kleider zurückgegeben, warnt die andre, Sieglind, jetzt noch umzukehren, sonst werden sie alle bei den Hunnen umkommen, nur des Königs Kapellan werde heimgelangen. Noch sagen sie ihm, wenn er die Fahrt nicht lassen wolle, wie er über das Wasser komme. Jenseits des Stromes wohnt der Ferge des bayrischen Markgrafen Else; laut ruft Hagen hinüber und nennt sich Amelrich, einen Mann des Markgrafen; hoch am Schwerte bietet er einen Goldring, als Fährgeld. Der Ferge rudert herüber, als er sich aber betrogen sieht und Hagen nicht vom Schiffe weichen will, schlägt er den Helden mit Ruder und Schalte. Hagen greift zum Schwerte, schlägt dem Fergen das Haupt ab und wirft es an den Grund. Wann bringt er das Schiff, das von Blute raucht, zu seinen Herren und fährt selbst, den ganzen Tag arbeitend, das Heer über; die Rosse werden schwimmend übergetrieben. Den Kapellan aber, wie er über dem Heiligtume lehnt, schwingt Hagen aus dem Schiffe und stößt ihn, als er zu schwimmen versucht, zürnend zugrunde; dennoch kommt der Priester unversehrt an das Ufer zurück. Dort steht er und schüttelt sein Gewand. Hagen sieht, daß unvermeidlich sei, was die Meerweiber verkündet; da schlägt er das Schiff zu Stücken und wirft es in die Flut, damit, gibt er zuerst vor, kein Zager entrinnen könne. Bald aber sagt er den Recken ihr Schicksal, davor manches Helden Farbe wechselt. Sie ziehen fürder durch Bayerland, auch die Nacht hindurch. Volker reitet mit dem Heerzeichen vor. Hagen übernimmt weislich die Nachhut mit seinen Mannen und seinem Bruder Dankwart. Diese werden von Gelfrat und Else, die ihres Fergen Tod ahnden wollen, mit siebenhunderten angefallen. Im Scheine des Mondes wird grimmig gestritten. Gelfrat fällt von Dankwarts Schwert und Else entflieht. Der Bayer bleiben hundert, der Burgunden viere tot. Seine Herren, die indes weitergeritten, läßt Hagen nichts von dem Kampfe wissen, damit sie ohne Sorge bleiben. Erst als die Sonne über die Berge scheint, sieht Günther die blutigen Waffen und erfährt, wie gut Hagen gehütet. Über Passau kommen sie auf Rüdigers Mark, wo sie den Hüter schlafend finden, dem Hagen das Schwert nimmt. Es ist Eckewart, der mit Kriemhilden hingezogen. Beschämt über seine üble Hut, empfängt er das Schwert zurück und warnt die Helden. Zu Pechlarn erfahren sie die Gastfreiheit des Markgrafen Rüdiger und seiner Hausfrau Gotelind. Die schöne Tochter des Hauses wird Giselhern verlobt; auch keiner der andern geht unbeschenkt hinweg; König Gunther empfängt ein Waffengewand, Gernot ein Schwert, Hagen den kostbaren Schild Nudungs, dessen Tod Gotelind beweint, Tankwart festliche Kleider, Volker, der zum Abschied fiedelt und singt, zwölf Goldringe, die er, der Markgräfin zu Dienst, an Etzels Hofe tragen soll. Rüdiger selbst mit fünfhundert Mannen begleitet die Helden zum Feste. Dietrich von Bern, der bei den Hunnen lebt, reitet mit seinen Amelungen den Gästen entgegen. Auch er warnt, daß die Königin noch jeden Morgen um Siegfried weine. Kriemhild steht im Fenster und blickt nach ihren Verwandten aus, der nahen Rache sich freuend. Als die Burgunden zu Hofe reiten, fragt jedermann nach Hagen, der den starken Siegfried schlug. Der Held ist wohl gewachsen, von breiter Brust und langen Beinen; die Haare grau gemischt, schrecklich der Blick, herrlich der Gang. Zuerst küßt Kriemhild Giselhern; als Hagen sieht, daß sie im Gruß unterscheide, bindet er sich den Helm fest. Ihn fragt sie nach dem Horte der Nibelunge; Hagen erwidert, er hab' an Schild und Brünne, Helm und Schwert genug zu tragen gehabt. Als die Helden ihre Waffen nicht abgeben wollen, merkt Kriemhild, daß sie gewarnt sind; wer es getan, dem droht sie den Tod. Zürnend sagt Dietrich, daß er gewarnt. Hagen nimmt sich Volkern zum Heergesellen. Sie zween allein gehen über den Hof und setzen sich Kriemhilds Saale gegenüber auf eine Bank. Die Königin, durchs Fenster blickend, weint und fleht Etzels Mannen um Rache an Hagen. Sechzig derselben wappnen sich; als ihr diese zu wenig dünken, rüsten sich vierhundert. Die Krone auf dem Haupte, kommt sie mit dieser Schar die Stiege herab. Der übermütige Hagen legt über seine Beine ein lichtes Schwert, aus dessen Knopf ein Jaspis scheint, grüner denn Gras; wohl erkennt Kriemhild, daß es Siegfrieds war. Auch Volker zieht einen Fiedelbogen an sich, stark und lang, einem Schwerte gleich. Furchtlos sitzen sie da, und keiner steht auf, als die Königin ihnen vor die Füße tritt. Sie wirft Hagen vor, daß er ihren Mann erschlagen; da spricht Hagen laut aus, daß er es getan, räch' es, wer da wolle! Die Hunnen sehen einander an und ziehen ab, den Tod fürchtend. König Etzel, von all dem nichts wissend, empfängt und bewirtet die Helden auf das beste. Zur Nachtruhe werden sie in einen weiten Saal geführt, wo kostbare Betten bereitet sind. Hagen und Volker halten vor dem Hause Schildwacht. Volker lehnt den Schild von der Hand, nimmt die Fiedel und setzt sich auf den Stein an der Türe. Seine Saiten erklingen, daß all das Haus ertost; süßer und süßer läßt er sie tönen, bis alle die Sorgenvollen entschlummert sind. Mitten in der Nacht glänzen Helme aus der Finsternis; es sind Gewaffnete, von Kriemhilden geschickt; doch als sie die Türe so wohl behütet sehn, kehren sie wieder um, von Volkern bitter gescholten. Morgens, da man zur Messe läutet, heißt Hagen seine Gefährten statt der Seidenhemde die Harnische nehmen, statt der Mäntel die Schilde, statt der Kränze die Helme, statt der Rosen die Schwerter. Etzel fragt, ob ihnen jemand Leides getan. Hagen antwortet, es sei Sitte seiner Herren, bei allen Festen drei Tage gewappnet zu gehen. Aus Übermut sagen sie dem König ihren Argwohn nicht. Nach der Messe beginnen Ritterspiele. Dietrich verbeut seinen Recken, teilzunehmen; auch Rüdiger hält die seinigen ab, weil er die Burgunden unmutig sieht. Einem Hunnen, der bräutlich aufgeputzt, ein Traut der Frauen, daherreitet, sticht Volker den Speer durch den Leib. Die Verwandten des Hunnen rufen nach Waffen, Etzel selbst muß schlichten; er reißt einem das Schwert aus der Hand und schlägt die andern hinweg. Ehe sie zu Tische sitzen, sucht Kriemhild Dietrichs Hilfe; doch er verweist ihr den Verrat an ihren Blutsfreunden. Williger findet sie Blödeln, Etzels Bruder, dem sie die Mark des erschlagenen Rudung und dessen schöne Braut verheißt. Mit tausend Gewappneten zieht er feindlich zur Herberge, wo Dankwart, der Marschalk, mit den Knechten speist. Nach kurzem Wortwechsel springt Dankwart vom Tisch und schlägt ihm einen Schwertschlag, daß ihm das Haupt vor den Füßen liegt. Das ist die Morgengabe zu Rudungs Braut. Ein grimmer Kampf erhebt sich. Wer von den Knechten nicht Schwerter hat, greift zu den Stühlen. Die Hälfte der Hunnen wird erschlagen; aber andre zweitausend kommen und lassen nicht vom Streite, bis all die Knechte tot liegen. Dankwart allein haut sich zum Saale durch, wo die Herren sind. Eben wird Ortlieb, Etzels junger Sohn, seinen Oheimen zu Tische getragen. Da tritt Dankwart in die Tür, mit bloßem Schwert, all sein Gewand mit Hunnenblut beronnen. Laut rufend verkündet er den Mord in der Herberge. Hagen heißt ihn der Türe hüten, daß kein Hunne herauskomme. Dann schlägt er das Kind Ortlieb, daß sein Haupt in der Königin Schoß springt. Dem Erzieher des Knaben schlägt er das Haupt ab und dem Spielmann Werbel, zum Botenlohne, die rechte Hand auf der Fiedel. So wütet er fort im Saale. Auch Volkern klingt sein Fiedelbogen laut an der Hand. Rot sind seine Züge, seine Leiche hallen durch Helm und Schild. Er sperrt innen die Tür, während Dankwart außen die Stiege wehrt. Die Könige vom Rheine wollen den Streit erst scheiden; da es nicht möglich ist, kämpfen sie selbst als Helden. Kriemhild ruft Dietrichs Hilfe an. Der Held, auf dem Tische stehend und mit der Hand winkend, läßt seine Stimme schallen, wie ein Wisenthorn. Gunther hört im Sturme den Ruf und gebietet Stillstand. Dietrich verlangt, daß man ihn und die Seinigen mit Frieden aus dem Hause lasse. Gunther gewährt es. Da nimmt der Berner die Königin unter den Arm, an der andern Seite führt er Etzeln, mit ihm gehen sechshundert Recken. Auch Rüdiger mit fünfhunderten räumt ungefährdet den Saal. Einem Hunnen aber, der mit Etzeln hinaus will, schlägt Volker das Haupt ab. Was von Hunnen im Saal ist, wird niedergehauen. Die Toten werden die Stiege hinabgeworfen. Vor dem Hause stehen viel tausend Hunnen. Hagen und Volker spotten ihrer Feigheit; umsonst beut die Königin einen Schild voll Goldes, samt Burgen und Land, dem, der ihr Hagens Haupt bringe. An Etzels Hof lebt Hawart von Dänemark mit seinem Markgrafen Iring und dem Landgrafen Irnfried von Thüringen. Iring vermißt sich zuerst, Hagen zu bestehen. Da rüsten sich auch Hawart und Irnfried mit tausend Mannen. Aber Iring fleht, daß sie ihn allein kämpfen lassen, wie er gelobt. Mit dem Schilde sich deckend, rennt er zum Saal hinauf, läuft bald den, bald jenen an, wird von Giselhern in das Blut niedergeschlagen, springt wieder empor und entweicht zu den Seinen, nachdem er vier Burgunden erschlagen und Hagen durch den Helm verwundet. Kriemhild selbst nimmt ihm, dankend, den Schild von der Hand. Hagen aber rühmt sich, daß die Wunde nur seinen Zorn auf Männertod gereizt. Abermals eilt Iring zum Streite, da schießt Hagen einen Speer auf ihn, daß ihm die Stange vom Haupte ragt; es ist sein Tod. Ihn zu rächen, führen Hawart und Irnfried ihre Schar hinan; auch sie fallen vom Schwerte, mit ihren tausend Mannen, die man, nach Volkers Rat, in den Saal dringen ließ. Stille wird es nun, das Blut fließt durch Löcher und Rinnsteine. Auf den Toten sitzend, ruhen die Burgunden aus. Aber noch vor Abend werden zwanzigtausend Hunnen versammelt; bis zur Nacht währt der harte Streit. Da versuchen die Könige noch, Sühne zu erlangen. Kriemhild begehrt vor allem, daß sie ihr Hagen herausgeben. Die Könige verschmähen solche Untreue. Darauf läßt Kriemhild die Helden alle in den Saal treiben und diesen an vier Enden anzünden. Vom Winde brennt bald das ganze Haus. Das Feuer fällt dicht auf sie nieder, mit den Schilden wehren sie es ab und treten die Brände in das Blut. Rauch und Hitze tut ihnen weh; von Durst gequält, trinken sie, auf Hagens Anweisung, das Blut aus den Wunden der Erschlagenen; besser schmeckt es jetzt, denn Wein. Am Morgen sind ihrer noch sechshundert übrig, zu Kriemhilds Erstaunen. Mit neuem Kampfe beut man ihnen den Morgengruß. Die Königin läßt das Gold mit Schilden herbeitragen, den Streitern zum Solde. Markgraf Rüdiger kommt und sieht die Not auf beiden Seiten. Ihm wird vorgeworfen, daß er für Land und Leute, die er vom König habe, noch keinen Schlag in diesem Streite geschlagen. Etzel und Kriemhild flehen ihn fußfällig um Hilfe. Jener will ihn zum Könige neben sich erheben: diese mahnt ihn des Eides, daß er all ihr Leid rächen wolle. Was Rüdiger läßt oder beginnt, so tut er übel. Er hat die Burgunden hergeleitet, sie in seinem Hause bewirtet, seine Tochter, seine Gabe ihnen gegeben. Land und Burgen, was er vom Könige hat, heißt er wiedernehmen und will zu Fuß ins Elend gehen. Wohl weiß er, daß heute noch alles durch seinen Tod ledig wird. Doch er muß leisten, was er gelobt, steht auch Seel' und Leib auf der Wage. Weib und Kind befiehlt er den Gebietern und heißt seine Mannen sich rüsten. Kriemhild ist freudenvoll und weint. Als Giselher den Schwätzer mit seiner Schar daherkommen sieht, freut er sich der vermeinten Freundeshilfe. Rüdiger aber stellt den Schild vor die Füße und sagt den Burgunden die Freundschaft auf. Umsonst mahnen sie ihn aller Lieb' und Treue. Er wünscht, daß sie am Rheine wären und er mit Ehren tot; aber den Streit kann niemand scheiden. Schon heben sie die Schilde, da verlangt Hagen noch eines. Der Schild, den ihm Frau Gotelind gegeben, ist ihm vor der Hand zerhauen; er bittet Rüdigern um den seinigen. Rüdiger gibt den Schild hin, es ist die letzte Gabe, die der milde Markgraf geboten. Manches Auge wird von heißen Tränen rot, und wie grimmig Hagen ist, erbarmt ihn doch die Gabe. Er und sein Geselle Volker geloben, Rüdigern nicht im Streite zu berühren. Wohl zeigt der Spielmann die Goldringe, die ihm die Markgräfin, beim Feste sie zu tragen, gab. Hinan springt Rüdiger mit den Seinen; sie werden in den Saal gelassen, schrecklich klingen drin die Schwerter. Da sieht Gernot, wie viel seiner Helden der Markgraf erschlagen, und springt zum Kampfe mit diesem. Schon hat er selbst die Todeswunde empfangen, da führt er noch auf Rüdigern den Todesstreich mit dem Schwerte, das der ihm gegeben. Tot fallen beide nieder, einer von des andern Hand. Die Burgunden üben grimmige Rache, nicht einer von Rüdigers Mannen bleibt am Leben. Als der Lärm im Saale verhallt ist, meint Kriemhild, Rüdiger wolle Sühne stiften, bis der Tote herausgetragen wird. Ungeheure Wehklage erhebt sich von Weib und Mann; wie eines Löwen Stimme erschallt Etzels Jammerruf. Ein Recke Dietrichs hört das laute Wehe und meldet es seinem Herrn; der König oder die Königin selbst müsse umgekommen sein. Dietrich erinnert seine Helden, daß er den Gästen seinen Frieden entboten. Wolfhart will hingehn, die Märe zu erfragen; Dietrich aber, Wolfharts Ungestüm fürchtend, sendet den Helfrich. Dieser bringt die Kunde, daß Rüdiger samt seinen Mannen erschlagen sei. Der Berner will von den Burgunden selbst erfahren, was geschehen sei, und schickt den Meister Hildebrand. Als dieser gehen will, tadelt ihn Wolfhart, daß er ungewaffnet gehe und so dem Schelten sich aussetze. Da waffnet sich der Weise nach der Unbesonnenen Rat. Zugleich rüsten sich, ohne Dietrichs Wissen, all seine Recken und begleiten den Meister. Hildebrand befragt die Burgunden, und Hagen bestätigt Rüdigers Tod; Tränen rinnen Dietrichs Recken über die Bärte. Der Meister bittet um den Leichnam, damit sie nach dem Tode noch des Mannes Treue vergelten. Wolfhart rät, nicht lange zu flehen. Sie sollen ihn nur aus dem Hause holen, erwidert Volker, dann sei es ein voller Dienst. Mit trotzigen Reden reizen sich die beiden. Wolfhart will hinanspringen, aber Hildebrand hält ihn fest, an Dietrichs Verbot mahnend. »Laß ab den Leuen!« spottet Volker. Da rennt Wolfhart in weiten Sprüngen dem Saale zu; zornvoll alle Berner ihm nach. Der alte Meister selbst will ihn nicht zum Streite veranlassen und ereilt ihn noch vor der Stiege. Ein wütender Kampf beginnt. Volker erschlägt Dietrichs Neffen Sigestab, Hildebrand Volkern, Helfrich Dankwarten. Wolfhart und Giselher fallen einer von des andern Schwert. Niemand bleibt lebend als Gunther und Hagen und von den Bernern Hildebrand, der mit einer starken Wunde von Hagens Hand entrinnt. Blutberonnen kommt er zu seinem Herrn, der traurig im Fenster sitzt. Dietrich fragt, woher das Blut. Der Meister erzählt, wie sie Rüdigern wegtragen wollen, den Gernot erschlagen. Als Dietrich den Tod Rüdigers bestätigen hört, will er selbst hingehen und befiehlt dem Meister, die Recken sich waffnen zu heißen. »Wer soll zu euch gehn?« sagt Hildebrand; »was ihr habt der Lebenden, die seht ihr bei euch stehn.« Mit Schrecken hört der Berner den Tod seiner Mannen. Einst ein gewaltiger König, jetzt der arme Dietrich. Wer soll ihm wieder in sein Land helfen? O wehe, daß vor Leid niemand sterben kann! Das Haus erschallt von seiner Klage. Da sucht er selbst sein Waffengewand, der Meister hilft ihn wappnen. Dietrich geht zu Gunthern und Hagen, hält ihnen vor, was sie ihm Leides getan, und verlangt Sühne. Sie sollen sich ihm zu Geiseln ergeben, dann woll' er selbst sie heimgeleiten. Hagen nennt es schmählich, daß zween wehrhafte Männer sich dem einen ergeben sollen. Schon als er den Berner kommen sah, vermaß er sich, allein den Helden zu bestehen. Des mahnt ihn jetzt Dietrich. Sie springen zum Kampfe. Dietrich schlägt dem Gegner eine tiefe Wunde, aber töten will er nicht den Ermüdeten; den Schild läßt er fallen und umschlingt jenen mit den Armen. So bezwingt er ihn und führt ihn gebunden zu der Königin. Das ist ihr ein Trost nach herbem Leide. Dietrich verlangt, daß sie den Gefangenen leben lasse. Dann kehrt er zu Gunthern; nach heißem Kampfe bindet er auch diesen und übergibt ihn Kriemhilden mit dem Beding der Schonung. Sie aber geht zuerst in Hagens Kerker und verspricht ihm das Leben, wenn er wiedergebe, was er ihr genommen. Hagen erklärt, er habe geschworen, den Hort nicht zu zeigen, solang seiner Herren einer lebe. Da läßt Kriemhild ihrem Bruder das Haupt abschlagen und trägt es am Haare vor Hagen. Dieser weiß nun allein den Schatz; nimmer, sagt er, soll sie ihn erfahren. Aber ihr bleibt doch Siegfrieds Schwert, das er getragen, als sie ihn zuletzt sah. Das hebt sie mit den Händen und schlägt Hagen das Haupt ab. Der alte Hildebrand erträgt es nicht, daß ein Weib den kühnsten Recken erschlagen durfte. Zornig springt er zu ihr, nichts hilft ihr Schreien, mit schwerem Schwertstreich haut er sie zu Stücken. So liegt all die Ehre danieder; mit Jammer hat das Fest geendet, wie alle Lust zujüngst zum Leide wird. 3. Die Hegelinge Hagen von Irland Sigeband, König in Irland, und seine Gemahlin, Ute von Norwegen, feiern ein prächtiges Fest. Laut lachen die Gäste über dem Spiel eines Fahrenden. Da achtet man wenig auf des Königs jungen Sohn Hagen, der vor dem Hause steht. Plötzlich schattet es, wie eine Wolke, der Wald bricht zusammen. Ein ungeheurer Greif kommt geflogen, schließt in seine Klauen das schreiende Kind und führt es hoch in die Lüfte. Er trägt es weithin in die Wildnis seinen Jungen in das Nest. Der jungen Greife einer fliegt mit dem Kinde von Baum zu Baum; aber noch gebricht ihm die Kraft, er muß zur Erde, statt wieder zum Neste; da läßt er das Kind fallen, und dieses birgt sich im Grase. Früher schon hat der Greif drei Königstöchter geraubt, die auch sich gerettet und unfern in einer Felshöhle wohnen. Sie gewahren den Knaben, nehmen ihn zu sich, nähren ihn mit Wurzeln und Kräutern. Kräftig wächst er heran, und zu Waffen kommt er, als ein Schiff an dem Felsen scheitert und ein Toter gewappnet ans Gestade getrieben wird. Die Greife überfallen den Königssohn, doch er wehrt sich erst mit Pfeilen, dann mit dem Schwert, und erlegt sie, alte und junge. Hagen ist fortan ein kühner Jäger und schafft Speise genug herbei. Endlich entdecken sie wieder ein Schiff, und Hagen ruft laut durch Wind und Wellengetös. Die Jungfrauen, in junges Moos gekleidet, erscheinen den Schiffern zuerst als Meerwunder. Der Schiffherr fährt in einer Barke herbei, befragt die Unbekannten und nimmt sie auf ihre Bitte in das Schiff. Die Schiffleute sind Feinde von Hagens Vater, doch des Jünglings Stärke fürchtend, müssen sie ihn nach Irland führen. Die Mutter erkennt ihn an einem güldnen Kreuz auf der Brust; mit Freudentränen wird er empfangen. Sein Vater überläßt ihm die Krone, und Hilde, die schönste der drei Jungfrauen, wird seine Gemahlin. Horand und Hilde Hettel, König zu Hegelingen, will sich vermählen. Man rühmt ihm die schöne Tochter des Königs von Irland, Hilde nach der Mutter genannt. Aber ihr Vater, der wilde Hagen, duldet keine Werbung um sie und läßt die Boten hängen, die nach ihr gesandt werden. Fünf Helden, dem König Hettel verwandt und lehnpflichtig, Wate von Stormen, Horand und Frute von Dänemark, Morung von Nifland und Irolt von Ortland, bereiten sich, ihrem Herrn die Braut zu gewinnen. Das Hauptschiff wird herrlich ausgerüstet, von Zypressenholz ist es erbaut, die Wände mit Silber beschlagen, die Ruder mit Gold bewunden, Segel und Ankerseile von Seide, die Anker selbst von Silber. Frute führt einen Kram von kostbaren Waren aller Art. Im Schiffsraum ist eine Schar gewappneter Recken verborgen. In Irland angelandet, sagen sie aus, der gewaltige König Hettel habe sie von ihren Landen vertrieben und auf Kaufschiffen seien sie hergefahren. Reiche Geschenke darbringend, erbitten sie des Königs Schutz. Er nimmt sie willig auf und räumt ihnen Häuser in der Stadt ein, Frute schlagt seinen Kram auf, nie ward noch so wohlfeil verkauft, und wer ohne Kauf etwas begehrt, dem wird es gern gegeben. Die junge Hilde wünscht die Gäste zu sehen, von deren Freigebigkeit sie so vieles hört. Da läßt der König die Fremden zu Hofe vor die Frauen kommen. Ihre Gebärde, ihr glänzender Anzug erregen Verwunderung. Ellenbreit ist Wates Bart, seine greisen Locken sind in Gold gewunden. Die Frauen befragen ihn scherzend, was ihn besser bedünke, bei schönen Frauen zu sitzen oder in hartem Streite zu fechten. Der Streit, meint er, zieme sich besser für ihn. Auf dem Saal üben die Jünglinge sich in Kampfspielen. Wate stellt sich, als hätt' er niemals solches Fechten gesehen und gäb' er viel darum, es noch zu lernen. Aber der Schirmmeister, den Hagen herbeiruft, und dann der König selbst, erproben bald ihres Lehrknaben Meisterschaft. So, spricht Irolt, werd' in ihres Herren Lande täglich gefochten. Horand von Dänemark ist ein Meister des Gesanges. Abends und morgens singt er vor dem Hause so herrlich, daß die Frauen und König Hagen selbst an die Zinne treten. Die Vögel in den Büschen vergessen ihre Töne, die Tiere des Waldes lassen ihre Weide stehen, das Gewürm im Grase kreucht nicht weiter, die Fische im Wasser schwimmen nicht fürder; die Glocken klingen nicht mehr so wohl wie sonst; niemand bleibt seiner Sinne mächtig, den Trauernden schwindet ihr Leid, Kranke müßten genesen. Die Königstochter bescheidet den Sänger heimlich zu sich, er singt ihr noch die schönste seiner Weisen und sagt ihr die Werbung seines Herrn. Hilde zeigt sich willig, wenn Horand ihr am Abend und am Morgen singen werde. Horand versichert, sein Herr habe täglich zwölf Sänger, die weit schöner singen, am schönsten aber der König selbst. Bald hernach nehmen die Gäste Abschied vom König Hagen; ihr Herr, sagen sie, habe nach ihnen gesandt und Sühne geboten. Der König mit Frau und Tochter geleitet sie zu den Schiffen. Hilde, wie sie mit Horand besprochen, geht mit ihren Jungfrauen auf das Schiff, wo Frutes Kram zu schauen ist. Plötzlich werden die Anker gelöst, die Segel aufgezogen, und die Gewappneten, die verborgen lagen, springen hervor. Der zürnende König und seine Mannen werfen umsonst ihre Speere nach; sie wollen zu Schiffe nacheilen, aber die Kiele werden durchlöchert gefunden. Die Gäste fahren mit der Braut dahin und schicken ihrem Herrn Botschaft voran. Hettel macht sich mit seinen Helden auf und empfängt Hilden am Gestade. Auf Blumen, unter seidenen Gezelten, lagern sich die Jungfrauen. Aber Segel erscheinen auf dem Meere. König Hagen hat andere Schiffe ausgerüstet und fährt mit großem Heere der Tochter nach. Eine blutige Schlacht wird am Strande gekämpft. Hettel wird von Hagen verwundet, dieser von Wate. Hilde fleht für den Vater; da wird der Streit geschieden, der wilde Hagen versöhnt sich mit der Tochter und dem Eidam. Wate, der von einem wilden Weibe Heilkunst gelernt, heilt auf Hildens Bitte ihren Vater und die andern Verwundeten. Gudrun Hettel und Hilde gewinnen zwei Kinder, einen Knaben, Ortwin, und eine Tochter, Gudrun. Als diese in das Alter kommt, in dem Jünglinge das Schwert empfangen, ist sie schöner, als je die Mutter war, und mächtige Fürsten werben um sie. Siegfried (Seifried) von Morland, vergeblichen Dienstes müde, zieht drohend ab. Hartmut, Sohn des Königs Ludwig von Normandie, sendet erst Boten nach ihr, denen sie versagt wird; dann kommt er selbst unerkannt an Hettels Hof. Er entdeckt sich Gudrunen, aber seine Schönheit hilft ihm nur so viel, daß die Jungfrau ihn wegeilen heißt, wenn er vor ihrem Vater das Leben behalten wolle. Auch Herwig von Seeland wird verschmäht, doch er sammelt seine Mannen, zieht vor Hettels Burg und dringt kämpfend ein. Gudrun sieht mit Lust und Leid, wie Herwig Feuer aus Helmen schlägt. Hettel selbst bedauert, daß ihm ein solcher Held nicht zum Freunde gegönnt war. Da wird Friede gestiftet und Gudrun dem Helden anverlobt; in einem Jahre soll er sie heimführen. Als Siegfried von Morland solches erfahren, fällt er in Herwigs Land ein; Hettel zieht dem künftigen Eidam zu Hilfe. Während so das Land der Hegelinge von Helden entblößt ist, kommen Hartmut und Ludwig von Normandie mit Schiffmacht angefahren, brechen die Burg und führen Gudrunen mit ihren Jungfrauen hinweg. Die Königin Hilde schickt Boten an Hettel und Herwig; diese machen sogleich Frieden mit Siegfried, und er selbst hilft ihnen die Räuber zur See verfolgen. Auf einem Werder, dem Wülpensande, halten Hartmut und Ludwig Rast mit ihrer Beute; dort werden sie von den Hegelingen erreicht. In furchtbarer Schlacht fällt Hettel von Ludwigs Schwerte. In der Nacht schiffen die Normannen mit den Jungfrauen weiter. Die Hegelinge kehren heim; durch großen Verlust geschwächt, müssen sie die Rache verschieben, bis einst die verwaisten Kinder schwertmäßig sind. In Normandie wird Gudrun freudig empfangen. Sie soll nun mit Hartmut Krone tragen. Aber sie hält fest an Herwig und wendet sich ab von dem, dessen Vater den ihrigen erschlagen. Gerlind, die Mutter Hartmuts, hat zu der Werbung um Gudrunen geraten; zürnend, daß ihr schöner Sohn verschmäht geworden, hat sie eifrig die Schiffreise gefördert; jetzt verspricht sie ihm, der Jungfrau Hoffart zu brechen, indes er auf neue Heerfahrten zieht. Gudruns edle Jungfrauen, die sonst Gold und Gestein in Seide wirkten, müssen Garn winden und spinnen; sie selbst, die Königstochter, muß den Ofen heizen, mit den Haaren den Staub abkehren, zuletzt in Wind und Schnee am Strande Kleider waschen. Hildeburg, auch eines Königs Tochter, mit Gudrunen gefangen, teilt freiwillig mit ihr die Arbeit. Dreizehn Jahre vergehen, da mahnt Frau Hilde die Helden, die ihr gelobt, den Gemahl noch zu rächen und die Tochter wiederzuholen. Sie rüsten ihre Scharen und Schiffe. Nach stürmischer Fahrt erreichen sie die Küste von Normandie und landen unbemerkt an einem Walde. Herwig und Ortwin, Gudruns Bruder, machen sich auf, nach ihr zu forschen und das Land zu erkunden. Gudrun und Hildeburg waschen am Strande, da sehen sie einen schönen Vogel herschwimmen. Es ist ein Bote von Gott, der ihnen mit menschlicher Stimme die nahe Ankunft der Freunde verkündet. Der Vogel verschwindet, und die Jungfrauen, von der Botschaft sprechend, versäumen sich im Waschen. Darüber werden sie abends von Gerlinden gescholten. Am Morgen, als sie wieder zur Arbeit sollen, ist Schnee gefallen. Umsonst bitten sie die Königin um Schuhe; barfuß müssen sie durch den Schnee zum Strande waten. Unter dem Waschen blicken sie oft sehnlich über die Flut hin. Sie gewahren zween Männer in einer Barke. Ihrer Schmach sich schämend, entweichen sie. Aber die beiden Männer, Herwig und Ortwin, springen aus der Barke und rufen sie zurück. Vor Frost beben die schönen Wäscherinnen, kalte Märzwinde haben ihnen die Haare zerweht; weiß wie der Schnee glänzt ihre Farbe durch die nassen Hemde. Die Männer bieten ihre Mäntel dar, aber Gudrun weist es ab. Noch erkennen sie einander nicht, obgleich die Herzen sich ahnen. Ortwin fragt nach den Fürsten des Landes und nach der Königstochter, die vor Jahren hergeführt worden. Die sei im Jammer gestorben, antwortet Gudrun. Da brechen die Tränen aus der Männer Augen. Doch bald wird ihnen Trost und Wonne. Gudrun und Herwig erkennen, eines an des andern Hand, die goldnen Ringe, womit sie sich verlobt sind. Herwig schließt sie in seine Arme. Dann scheiden die Männer, Hilfe verkündend, ehe morgen die Sonne scheine. Gudrun wirft die Wäsche in die Flut!; nicht mehr will sie Gerlinden dienen, seit zween Könige sie geküßt und umfangen. Als sie zur Burg zurückkommt, will Gerlind sie mit Dornen züchtigen. Gudrun aber erklärt, wenn ihr die Strafe erlassen werde, wolle sie morgen Hartmuts werden. Freudig eilt dieser herbei. Gudrun und ihre Jungfrauen werden herrlich gekleidet und bewirtet. Die alte Königin allein fürchtet Unheil, als sie Gudrunen nach dreizehn Jahren zum ersten Male lachen sieht. Reiche Miete verheißt Gudrun derjenigen ihrer Jungfrauen, die ihr den Morgen zuerst verkünden werde. Beim Aufgang des Morgensterns steht eine Jungfrau am Fenster; mit dem ersten Tagesschein und dem Glänzen des Wassers sieht sie das Gefild von Waffen leuchten und das Meer voll Segel: eilig weckt sie Gudrunen. Die Hegelinge sind in der Nacht dahergefahren, die Kleider mit Blut zu röten, die Gudrun weiß gewaschen. Wate bläst sein Hörn, daß die Ecksteine fast aus der Mauer fallen. In der Schlacht, die jetzt vor der Burg beginnt, wird Ludwig von Herwig erschlagen, Hartmut gefangen mit achtzig Rittern; die andern alle kommen um. Wate erstürmt die Burg und schont auch der Kinder in der Wiege nicht, damit sie nicht zum Schaden erwachsen. Gerlinden, die sich zu Gudrunen flüchtet, reißt er hinweg und schlägt ihr das Haupt ab. So auch der jungen Herzogin Hergart, einst von Gudruns Gefolge, die Hartmuts Schenken genommen und viel Hoffart getrieben. Ortrun aber, Hartmuts Schwester, die Gudrunen stets freundlich sich erwiesen, wird durch deren Fürbitte gerettet. Das Land wird verheert, die Burgen gebrochen. Nach solcher Vergeltung schiffen die Hegelinge sich wieder ein mit Gudrunen und mit großer Beute. Hartmut und Ortrun werden gefangen mitgeführt. Horand und Morung bleiben in dem eroberten Lande zurück. Frau Hilde empfängt in Freuden ihre Tochter: der lange Haß wird versöhnt durch Vermählung Ortwins mit Ortrunen und Hartmuts, dem sein Land wiedergegeben wird, mit der treuen Hildeburg. Siegfried von Morland erhält Herwigs Schwester. Herwig aber führt Gudrunen nach Seeland heim. B. Nordische Gestaltung der Sage. Quellen für diese sind: Die Heldenlieder der ältern oder sämundischen Edda, welche in ihrer gegenwärtigen Gestalt großenteils dem achten Jahrhundert angehören (W. Grimm, Heldensage, S. 4). Die prosaische jüngere oder Snorros Edda, ein Lehr- und Handbuch der nordischen Poesie, welches, wenigstens teilweise, dem Isländer Snorro Sturleson, der von 1178 bis 1241 lebte, zugeschrieben wird. Dasselbe gibt in Auszügen der alten Lieder und Sagen eine Übersicht der nordischen Mythologie und auch der den deutschen verwandten Heldenkreise. Die Wölsungen-Sage ( Volsunga Saga ), wahrscheinlich am Anfang des 13. Jahrhunderts abgefaßt Um die Quellenliteratur der nordischen Darstellung, wie früher die der deutschen, hier auf einmal zu erledigen, führe ich noch weitere Sagen und Lieder an, die ich zwar für die folgenden Umrisse nicht besonders benützen, wohl aber in den nachherigen Ausführungen darauf Bezug nehmen werde: Norna Gests Sage, wahrscheinlich vom Anfange des 14. Jahrhunderts. Ragnar Lodboks Saga, aus dem 13. Jahrhundert. Hedins und Högnis Saga (im deutschen Gudrunliede Hettel und Hagen), aus der letzten Hälfte des 13. oder dem 14. Jahrhundert. Die faröischen Volkslieder von Sigurd und seinem Geschlechte, welche noch jetzt auf diesen entlegenen Inseln des Nordmeeres zum Tanze gesungen werden. Die nun folgenden Umrisse der nordischen Gestaltung unsrer Heldensage entsprechen dem, was wir aus der deutschen unter dem Namen der Nibelungen aufgeführt haben, mit Ausnahme des letzten, welcher den Hegelingen gegenübersteht. Der Hort Die Asen Odin, Höner und Loke kommen auf ihrer Wanderung durch die Welt zu einem Wasserfalle, worin der Zwerg Andvare in Gestalt eines Hechts sich Speise zu fangen pflegt. Otter, Reidmars Sohn, hat eben dort, als Fischotter verwandelt, einen Lachs gefangen und verzehrt ihn blinzelnd. Loke wirft Ottern mit einem Steine tot, und sie ziehen ihm den Balg ab. Abends suchen sie Herberge bei Reidmarn und zeigen ihm den Fang. Reidmar und seine Söhne, Fafne und Reigen, greifen die Asen und legen ihnen auf, zur Buße für Otter und zur Lösung ihrer Häupter, den Otterbalg mit Gold zu füllen, auch außen mit Gold zu bedecken. Die Asen senden Loken aus, das Gold herzuschaffen. Loke fängt im Wasserfall mit dem erborgten Netze der Göttin Ran den Zwerg Andvare, und dieser muß zur Lösung all sein Gold geben. Einen Ring noch hält er zurück (denn mit diesem konnt' er sich sein Gold wieder mehren), aber auch den nimmt ihm Loke. Da spricht der Zwerg einen Fluch über den Schatz aus. Die Asen stopfen nun den Otterbalg mit Gold, stellen ihn auf die Füße und decken ihn auch außen mit Gold. Reidmar sieht noch ein Barthaar der Otter und heißt auch das bedecken. Da zieht Odin den Ring hervor und bedeckt es damit. Loke verkündet Reidmarn und seinem Sohne Verderben. Fafne und Reigen verlangen von dem Vater Teil an der Buße. Reidmar verweigert es. Dafür durchbohrt Fafne mit dem Schwerte den schlafenden Vater, nimmt alles Gold und versagt seinem Bruder Reigen den Anteil am Erbe. Auf Gnitaheide liegt er und hütet den Hort in Gestalt eines Lindwurms, mit dem Ägishelm (Schreckenshelm), vor dem alles Lebende zittert. Reigen aber sinnt auf Rache. Sigurd Sigurd, Sohn des Königs Siegmund von Frankenland, aus dem Heldengeschlechte der Wölsunge, lebt als Kind bei dem König Halfrek (in Dänemark). Seine Mutter Hiordis ist mit Alf, Halfreks Sohne, vermählt. Der kunstreiche Schmied Reigen, Reidmars Sohn, ist Sigurds Erzieher. Er reizt den Jüngling auf den Tod Fafnes und schmiedet ihm dazu aus den Stücken von Siegmunds zerbrochener Klinge, derselben, die einst Odin in den Stamm gestoßen, das Schwert Gram. Dieses ist so scharf, daß es, in den Strom gesteckt, einen Flock Wolle entzwei schneidet, der dagegen treibt. Sigurd aber will zuerst seinen Vater rächen, der im Kampfe gegen König Hundings Söhne gefallen. Er darf sich unter den Rossen des Königs Halfrek eines auswählen; da begegnet ihm im Walde ein alter Mann mit langem Barte, nach dessen Rat er dasjenige wählt, welches allein den reißenden Strom zu durchschwimmen vermag. Grani, von Odins Rosse Sleipnir stammend. König Halfrek gibt ihm auch Schiffsrüstung. Auf der Fahrt bricht ein Sturm herein; da steht ein Mann auf dem Berge, der sich mit Namen nennt, die nur Odin zukommen; er tritt in das Schiff, stillt das Ungewitter und gibt dem Jüngling Kampflehren, wobei er die keilförmige Schlachtordnung als siegbringend bezeichnet. Sigurd schlägt eine große Schlacht, worin Lyngwi, Hundings Sohn, und dessen drei Brüder umkommen. Danach zieht er mit Reigen auf die Gnitaheide, macht eine Grube in Fafnes Weg zum Wasser und stellt sich hinein. Der alte, langbärtige Mann aber kommt wieder zu ihm und rät ihm, gegen Reigens Hinterlist mehrere Gruben zu machen, damit das Blut ablaufen könne. Als nun der Lindwurm giftsprühend über die Grube kriecht, da stößt ihm Sigurd das Schwert ins Herz. Fafne schüttelt sich, schlägt um sich mit Haupt und Schweif und weissagt sterbend, das Gold werde Sigurds Tod sein. Reigen schneidet dem Wurme das Herz aus, Sigurd soll es ihm braten. Dieser kostet den träufelnden Saft und versteht alsbald die Sprache der Vögel auf den Ästen. Sie raten ihm, selbst das Herz zu essen, Reigen, der auf Ver- rat sinne, zu töten und das Gold zu nehmen. Sigurd tut alles, was sie ihm geraten, und füllt zwo Kisten von dem Golde. Dazu nimmt er den Ägishelm, den Goldpanzer und das Schwert Rotte. Er beladet damit sein Roß Grane, das ihm Odin selbst aus Halfreks Herde kiesen half. Aber Grane will nicht von der Stelle, bis Sigurd ihm auf den Rücken steigt. Sigurd reitet aufwärts nach Hindarberg und lenkt dann südlich gen Frankenland. Auf einem Berge sieht er ein großes Licht, als lohte Feuer zum Himmel auf. Wie er hinzukommt, steht da eine Schildburg und darauf eine Fahne. Er geht hinein und findet einen Gepanzerten schlafend daliegen; doch als er diesem den Helm abnimmt, sieht er, daß es ein Weib ist. Mit dem Schwerte schneidet er den festliegenden Panzer los, da erwacht sie. Es ist die Walküre Brünhild, von Odin in Schlaf gesenkt, weil sie dem Feinde eines Helden beistand, dem Odin Sieg verheißen. Nimmer soll sie fortan Sieg erkämpfen, sondern einem Manne vermählt werden. Dagegen hat sie das Gelübde getan, keinem sich zu vermählen, der Furcht kenne. Dem Sigurd reicht sie jetzt das Horn voll Mets zum Gedächtnistrank, und sie schwören sich Eide der Treue. Sie lehrt ihn Runen und andre Weisheit, auch frühen Tod statt ruhmloser Vergessenheit wählen. Von da kommt Sigurd mit dem Horte zu Giuki, einem König am Rheine. Des Königs Söhne, Gunnar, Högni und Guttorm, schließen Freundschaft mit Sigurd, und er zieht mit auf ihre Heerfahrten. Gudrun, Giutis Tochter, ist die herrlichste Jungfrau, aber Träume haben ihr Übles verkündet. Ihre Mutter, die zauberkundige Grimhild, sieht, wie sehr es ihrem Hause zustatten käme, den Helden festzuhalten. Eines Abends reicht sie ihm das Horn mit einem Zaubertranke. Davon vergißt er Brünhilden und nimmt Gudrunen zur Frau. Gunnar aber will um Brünhilden werben, und Sigurd reitet mit ihm aus. Brünhilds Burg ist rings von Feuer umwallt, und den allein will sie haben, der durch die Flamme reitet. Gunnar spornt sein Roß, aber es stutzt vor dem Feuer. Er bittet Sigurden, ihm den Grane zu leihen, aber auch dieser will nicht vorwärts. Da vertauscht Sigurd mit Gunnarn die Gestalt, Grane erkennt die Sporen seines Herrn; das Schwert in der Hand, sprengt Sigurd durch die Flamme. Die Erde bebt, das Feuer wallt brausend zum Himmel, dann erlischt es. In Gunnars Gestalt steht der Held, auf sein Schwert gestützt, vor Brünhilden, die gewappnet dasitzt. Zweifelmütig schwankt sie auf ihrem Sitze wie ein Schwan auf den Wogen. Doch er mahnt sie, daß sie dem zu folgen gelobt, der das Feuer durchreiten würde. Drei Nächte bleibt er und teilt ihr Lager, aber sein Schwert liegt zwischen beiden. Sie wechseln die Ringe, und bald wird Gunnars Hochzeit mit Brünhilden gefeiert. Jetzt erst erwacht in Sigurd die Erinnerung an die Eide, die er einst mit ihr geschworen; doch hält er sich schweigend. Einst gehen Brünhild und Gudrun zum Rhein, ihre Haare zu waschen. Brünhild tritt höher hinauf am Strome, sich rühmend, daß ihr Mann der bessere sei. Zank erhebt sich zwischen den Frauen über den Wert und die Taten ihrer Männer. Da sagt Gudrun, daß Sigurd es war, der durch das Feuer ritt, bei Brünhilden verweilte und ihren Ring empfing. Sie zeigt das Kleinod, Brünhild aber wird todesblaß und geht schweigend heim. Sieben Tage liegt sie wie im Schlafe; doch sie schläft nicht, sie sinnt auf Unheil. Sigurds Tod verlangt sie von Gunnarn, oder sie will nicht länger mit ihm leben. Högni widerrät; zuletzt wird Guttorm, der jüngste Bruder, der fern war, als die Eide mit Sigurd geschworen wurden, zum Morde gereizt. Schlange und Wolfsfleisch wird ihm zu essen gegeben, daß er grimmig werde. Er geht hinein zu Sigurd, morgens, als dieser im Bette ruht; doch als Sigurd mit seinen scharfen Augen ihn anblickt, entweicht er; so zum andernmal; das drittemal aber ist Sigurd eingeschlafen, da durchsticht ihn Guttorm mit dem Schwerte. Sigurd erwacht und wirft dem Mörder das Schwert nach, das den Fliehenden in der Türe so entzwei schlägt, daß Haupt und Hände vorwärts, die Füße aber in die Kammer zurückfallen. Gudrun, die an Sigurds Seite schlief, erwacht, in seinem Blute schwimmend. Einen Seufzer stößt sie aus, Sigurd sein Leben. Angstvoll schlägt sie die Hände zusammen, daß die Ross' im Stalle sich regen und das Geflügel im Hofe kreischt. Da lacht Brünhild einmal von ganzem Herzen, als Gudruns Schreien bis zu ihrem Bette schallt. Gudrun sitzt über Sigurds Leiche; sie weint nicht, wie andre Weiber, aber sie ist nahe daran, zu zerspringen vor Harm. Männer und Frauen kommen, sie zu trösten. Die Frauen erzählen jede ihr eigenes Leid, das bitterste, das sie erlebt; wie sie Männer, Kinder, Geschwister auf der Walstatt, auf dem Meere verloren, Gefangenschaft und Knechtschaft erduldet; doch nimmer kann Gudrun weinen, steinharten Sinnes sitzt sie bei der Leiche. Da schwingt Gullrönd, Giukes Tochter, das Tuch ab von Sigurd. Auf schaut Gudrun einmal, sieht des Helden Haare blutberonnen, die klaren Augen erloschen, die Brust vom Schwerte durchbohrt. Da sinkt sie nieder aufs Polster, ihr Hauptschmuck löst sich, die Wange rötet sich, ein Regentropfen rinnt nieder auf ihr Knie. Brünhild aber will nicht länger leben, umsonst legt Gunnar seine Hände um ihren Hals. Sie sticht sich das Schwert ins Herz und bittet noch sterbend, daß sie an Sigurds Seite verbrannt werde, das Schwert zwischen beiden, wie vormals. Atlis Gastmahl Nach Sigurds Tode wird Gudrun mit Atli, dem mächtigen König in Hunaland, Brünhilds Bruder, vermählt. Diesen lüstet nach Sigurds Golde, das Gudruns Brüder behielten, und er ladet sie verräterisch zum Gastmahl. Vergeblich sucht Gudrun durch Runen und andre Zeichen, die sie den Boten mitgibt, ihre Brüder zu warnen; vergeblich erzählen die Frauen unheilvolle Träume. Gunnar und Högni mit ihrem Gefolge steigen zu Schiffe, sie rudern so heftig, daß die Wirbel zerbrechen. Als sie ans Land kommen, befestigen sie das Schiff nicht und reiten nach Atlis Burg. König Atli schart sein Volk zum Streite und fordert den Hort, den Sigurd gehabt und der jetzt Gudrunen gehöre. Aber jene verweigern ihn, und nun erhebt sich ein harter Kampf. Gudrun waffnet sich und ficht an ihrer Brüder Seite. Der Kampf endet so, daß alles Volk der Brüder fällt und zuletzt sie beide durch Übermacht gebunden werden. Atli verlangt, daß Gunnar das Gold ansage, wenn er das Leben behalten wolle. Gunnar will zuvor das blutige Herz seines Bruders sehen. Dem Knechte Hialli wird das herz ausgeschnitten und vor Gunnarn gebracht, aber am Zittern dieses Herzens erkennt er, daß es nicht des kühnen Högnis sei. Nun läßt Atli dem Högni selbst das Herz ausschneiden; dieser lacht, während er die Qual erleidet. Das Herz wird Gunnarn gezeigt, und er erkennt es, denn es bebt so wenig, als da es in Högnis Brust lag. Nun weiß Gunnar allein, wo das Gold ist, und nimmer sagt er's aus. Da wird er in einen Schlangenhof gesetzt, die Hände festgebunden. Gudrun sendet ihm eine Harfe, die er mit den Zehen so kunstreich schlägt, daß alle Würme einschlafen außer einer Natter, die ihn tödlich ins Herz sticht. Atli will sich mit Gudrun versöhnen, eine Totenfeier wird für ihre Brüder und für des Königs Mannen bereitet. Am Abend aber tötet Gudrun ihre und Atlis beide Söhne, als sie auf der Bank spielen. Die Schädel der Knaben setzt sie dem König als Becher vor, läßt ihn daraus ihr Blut unter dem Weine trinken und gibt ihm ihre Herzen zu essen. In der Nacht aber ersticht sie ihn im Schlafe; an den Saal, wo Atlis Hofmänner liegen, läßt sie Feuer legen und, mit Schrecken erwacht, erschlagen diese einander selbst. Schwanhild Nach solcher Tat will Gudrun nicht länger leben, sie nimmt Steine in den Busen und springt in die See; aber starke Wogen heben sie empor und tragen sie zu der Burg des Königs Jonakur. Dieser nimmt sie zur Frau, und ihre Kinder sind Hamdir, Sörli und Erp. Von Sigurd aber hat Gudrun eine Tochter, die Schwanhild heißt, an Schönheit vor andern Frauen ragend wie die Sonne vor andrem Gestirn. Jörmunrek (Ermenrich), ein gewaltiger König, läßt durch seinen Sohn Randver und seinen Ratgeber Bicki (Sibich) um Schwanhild werben. Sie wird den Boten übergeben und zu Schiffe hingeführt. Der Königssohn sitzt bei ihr im Oberraume des Schiffes. Da spricht Bicki zu Randver, ziemlicher wäre für ihn die schöne Frau als für den alten Mann. Als sie aber heimgekommen, sagt er dem König, Randver habe der Braut volle Gunst genossen. Der zürnende König läßt seinen Sohn zum Galgen führen. Randver nimmt einen Habicht, rupft ihm die Federn aus und schickt ihn so dem Vater. Dieser erkennt in dem Vogel ein Zeichen, wie er selbst aller Ehren entkleidet sei, und will den Sohn noch retten. Aber Bicki hat betrieben, daß Randver bereits tot ist. Jetzt reizt er den König gegen Schwanhilden. Sie wird im Burgtore gebunden, von Rossen soll sie zertreten werden. Als sie aber die Augen aufschlägt, wagen die Rosse nicht, auf sie zu treten. Da läßt Bicki ihr das Haupt verhüllen, und so verliert sie das Leben. Gudruns Söhne Gudrun mahnt ihre Söhne, die Schwester zu rächen. Hamdir und Sörli ziehen aus, wohl gewappnet, daß kein Eisen durchdringt; aber zumeist vor Steinen heißt die Mutter sie auf der Hut sein. Auf dem Wege finden sie ihren Bruder Erp und fragen: wie er ihnen helfen werde? Er antwortet: Wie die Hand der Hand oder der Fuß dem Fuße. Unzufrieden damit, erschlagen sie den Bruder. Bald aber strauchelt Hamdir und stützt die Hände unter, Sörli gleitet mit dem einen Fuß und wäre gefallen, hätt' er sich nicht auf beide gestützt; da gestehen sie, daß sie übel an ihrem Bruder getan. Sie gehen vor König Jörmunrek und fallen ihn an. Hamdir haut ihm beide Hände ab, Sörli beide Füße. Ab müßte nun das Haupt, wenn Erp lebte. Nun dringen die Männer auf sie ein, sie aber wehren sich tapfer. Kein Eisen haftet auf ihnen, da rät ein alter, einäugiger Mann, sie mit Steinen zu werfen. So werden sie getötet. Aslög Aslög, Sigurds Tochter von Brünhild, ist drei Winter alt, als ihre Eltern sterben. Heimer, ihr Pflegvater, fürchtet, daß man sie suchen werde, um das ganze Geschlecht zu vertilgen. Er verbirgt das Mägdlein samt manchen Kleinoden in einer Harfe und trägt es so von dannen. Wenn es weint, schlägt er die Harfe und schweigt es damit. In Norwegen kehrt er in einem kleinen Gehöft ein, wo ein alter Bauer mit seinem Weibe wohnt. Der Mann ist im Walde; das Weib zündet dem Wandrer ein Feuer an, und als er die Harfe neben sich niedersetzt, bemerkt sie den Zipfel eines kostbaren Kleides, der aus der Harfe hervorsteht; als Heimer sich am Feuer wärmt, sieht sie einen Goldring unter seinem schlechten Gewande vorscheinen. Sie führt ihn darauf in eine Scheune, wo er die Nacht schlafen soll. Als nun ihr Mann nach Hause kommt, reizt sie ihn auf den Tod des Fremdlings, um seinen Schatz zu gewinnen. Sie gehen in die Scheune, das Weib nimmt die Harfe weg, und der Mann schlägt Heimern mit der Axt. Im Verscheiden erhebt dieser so lautes Geschrei, daß das Gebäude einstürzt und die Erde bebt. Der Bauer und sein Weib wissen die Harfe nicht anders zu öffnen, als indem sie dieselbe zerbrechen. Da finden sie das Kind. Sie geben es für ihre Tochter aus und ziehen es als solche auf. Aslög hütet die Ziegen, als König Ragnar Lodbrok sie findet; von ihrer Schönheit ergriffen, erhebt er sie zu seiner Gemahlin und zur Stammutter nordischer Könige. Hilde Hedin, König Hiarandis Sohn, entführt Hilden, des Königs Högni Tochter, während Högni nicht zu Hause ist. Als dieser es erfährt, will er Hedin mit Schiffsmacht aufsuchen und findet ihn mit einem zahlreichen Heer auf Haey (einer der Orkaden). Hilde geht zu ihrem Vater und bietet ihm in Hedins Namen Frieden an, setzt aber hinzu, daß Hedin zum Kampfe bereit sei und nichts weiter geben werde. Sie geht dann wieder zu Hedin und sagt, daß Högni den Frieden verwerfe, weshalb sie ihn ermahne, sich zur Schlacht zu rüsten. Beide steigen ans Land und ordnen ihre Heere. Hedin ruft seinen Schwäher an, bietet ihm Frieden und viel Goldes zur Buße. »Zu spät!« sagt Högni; »schon hab' ich Dainsleif aus der Scheide gezogen, das Menschen töten muß, so oft es bloß ist, und keine Wunde, die es schlägt, ist heilbar.« Sie beginnen den Streit und schlagen den ganzen Tag. Am Abend gehen die Könige zu Schiff, aber Hilde geht in der Nacht zur Walstatt und weckt durch Zauberkunst alle auf, die getötet waren. Den andern Tag gehen die Könige zum Schlachtfeld, und es kämpfen auch alle, die den vorigen Tag fielen. So dauert der Kampf Tag für Tag, und alle Männer, die fallen, und alle Waffen, die auf dem Felde liegen, werden (nachts) zu Steinen; aber wenn es tagt, stehen alle Toten auf, und die Waffen werden neu. Bis zum Weltuntergang soll dieses fortwähren. II. Erklärung der Heldensage Das Ethische Weder von geschichtlicher, noch von mythischer Seite erschließt sich uns der wahre und volle Gehalt des deutschen Heldenliedes. Das Geschichtliche ist nur in Durchgängen und Umrissen erkennbar, das Mythische verdunkelt und mißverstanden. Gleichwohl ist diese Heldensage nicht als verwittertes Denkmal alter Volksgeschichte oder untergegangenen Heidenglaubens stehen geblieben, sie ist im längst bekehrten Deutschland lebendig fortgewachsen, im dreizehnten Jahrhundert in großen Dichtwerken aufgefaßt worden, hat noch lange nachher in der Erinnerung des Volkes gehaftet und spricht noch jetzt verständlich zum Gemüte. Die Erklärung ist einfach, wenn wir sie im Wesen des Gegenstandes suchen. Unsere Sagenwelt ist weder Geschichte, noch Glaubenslehre, sie soll auch keines von beiden für sich sein. Sie ist Poesie, und zwar diejenige Art derselben, die wir als Volksdichtung bezeichnet und deren Haupterscheinung wir im Epos gefunden haben. Ihr Lebenstrieb muß daher ein poetischer, er muß in der Natur der Volkspoesie gekeimt sein. Eine zum Epos ausgebildete Volkspoesie stellt als solche das Gesamtleben des Volkes dar, aus dem sie hervorgegangen ist. Sie umfaßt also zwar auch Volksgeschichte und Volksglauben, aber sie vergeistigt jene und veranschaulicht diesen, sie nimmt dieselben ungeschieden von den übrigen Beziehungen des Lebens. Denn wie die Geschichte selbst nicht bloß äußeres Ereignis ist, sondern teils in Taten ein Erzeugnis des Volksgeistes, teils durch äußere Einwirkungen, die er in sich verarbeitet, eine Entwicklung desselben, so sind noch weit mehr der Poesie die geschichtlichen Bestandteile nur das Mittel, den Volksgeist zur Erscheinung zu bringen. Das Einzelne, Vorübergehende, faßt sie als Ausdruck des Allgemeinen, Dauernden. Nur in Beziehung auf das letztere kommt ihr geschichtliche Treue zu, jenes löst sie in diesem auf. Und so finden wir uns nicht auf die einzelnen Personen und Begegnisse, sondern auf Leben und Sitte des Volkes im ganzen, als die Grundlage der epischen Darstellungen, verwiesen. Einer urkundlichen Auffassung und Bewahrung des Geschichtlichen widerspricht auch geradezu die Natur einer fortlebenden Volkspoesie. Jedes denkwürdige Ereignis, jeder aufstrebende Held, der in den Gesang aufgenommen wird, reiht sich dem Kreise poetischer Überlieferungen an, deren Ursprung sich in die dunkeln Anfänge des Volks selbst verliert, deren Geist und Wesen durch den neuen Zuwachs nicht so leicht umgewandelt, als, sich diesen aneignend, fortgebildet und vielgestaltiger ausgeprägt wird. Die Vorstellungen eines Volkes vom rechten und kräftigen Leben, vom Großen und Edeln, sowie von den Gegensätzen, die damit im Kampfe stehen, sind zu tief eingepflanzt, als daß nicht der geschichtliche Held, der gewaltigste Eroberer, dessen Name und Wirken in die Überlieferung eintritt, dem Charakter nach je mehr und mehr in jenen volkstümlichen Ansichten aufgehen müßte. Geht aber mit dem Volksgeiste selbst allmählich eine Umwandlung vor, so wechselt auch die Bedeutung der Sage, und das Geschichtliche, was in ihr lag, ist notwendig dieser Veränderung mit unterworfen. Auf der andern Seite spricht sich der Glaube jugendlicher Völker nicht in abgezogenen Lehrbegriffen, sondern in dichterischen Bildern aus. Der innere Gehalt selbst, der unter diesen Bildern ruht, ist durch das äußere Leben vielfach bedingt. Die höchsten und einfachsten Erkenntnisse liegen in jedem Menschen und jedem Volke, wenn nicht entwickelt, doch der Entwicklung fähig; sie sind von jeder geistigen Natur unzertrennlich. Auch ohne Überlieferung müßten sie sich mit dem Menschengeschlecht ewig neu erzeugen, und wo sie durch Überlieferung entstellt oder verkümmert sind, werden sie aus dem Innern reiner und kräftiger wiedergeboren. Aber ihre Entwicklung, ihr Ausdruck, ihre Anwendung wird durch die Verschiedenheit der äußern Umstände auf das mannigfaltigste bestimmt. So bedeutend die Glaubenslehre auf das Leben eines Volkes einwirkt, so gewiß ist ihr Geist und ihre Gestaltung von dessen äußern Lebensverhältnissen abhängig. Je weniger dasselbe noch für allgemeine Wahrheit empfänglich ist, je mehr ihm die religiösen Antriebe nur in unmittelbarem Bezug auf das Leben erkennbar und bedeutsam sind, um so mehr muß sein Glaube das Gepräge des Lebens an sich tragen. Daher der kriegerische Geist der odinischen Lehren, daher die sinnliche Gestalt, welche das Christentum selbst im Mittelalter an sich genommen. Vornehmlich aber wird die Volkspoesie, im Unterschied von derjenigen eines besondern Priesterstandes, aus der Glaubenslehre nur dasjenige ergreifen, was sich in Tat und Leben gestalten läßt. Von der mythischen also, wie von der geschichtlichen Seite unserer Volkspoesie kommen wir auf dasselbe Gebiet; keine von beiden für sich konnte uns das Wesen dieser Poesie erschließen; nur da, wo beide zusammentreffen, wo die Geschichte aus der Gesinnung hervorgeht, wo der Glaube sich in Gestalt und Handlung zeigt, nur in dem Ganzen des Volkslebens und der Volkssitte, des Volkscharakters, der wie der Charakter des einzelnen aus den mannigfachsten innern und äußern Bestimmungen zusammengesetzt ist, kann uns auch das Gesamtbild, welches die Poesie gibt, seine volle Erklärung gewinnen. Die beiden Äußersten, Geschichtliches und Mythisches, haben sich in der Wirklichkeit wie im Gedichte bedeutend abgeschliffen; die geschichtlichen Erscheinungen haben andern und anderartigen Platz gemacht und ebenmäßig sind auch die geschichtlichen Bestandteile des Epos vergessen oder verwandelt; der odinische Glaube, der gotische Mythus mußten der christlichen Lehre weichen und so sind auch die mythischen Sagenbilder zurückgetreten; aber der Kern, in dem äußeres und inneres Leben zusammenschmolz, ist unaufgelöst geblieben, Grundzüge des germanischen Volkscharakters haben die mächtigsten, politischen und religiösen, Veränderungen überdauert, sie konnten darum auch im Gedichte fortleben und schon diese Fortdauer im Wechsel verbürgt ihnen zugleich eine allgemeine menschliche Geltung. Sie nun als das Gemeinsame in Leben und Liede hervorzuheben, soll im folgenden versucht werden. Es wird sich dabei zeigen, wie aus der allgemeinen Begründung, aus der gemeinsamen Wurzel auch das einzelne in Gestalten und Ereignissen oft in auffallendem Einklang zwischen Wirklichkeit und Gedicht hervorgeht, ohne daß wir bei diesen Übereinstimmungen im einzelnen einen eigentlich geschichtlichen Zusammenhang anzunehmen genötigt oder befugt wären. Staatenbildungen, darin der einzelne mit Bewußtsein sich der Idee des Gesamtvereins unterordnet, sind nicht das Werk der Zeitalter, in welchen die Sagendichtung erblüht. In der Jugend der Völker knüpft sich jedes gesellige Band unmittelbar durch Naturgesetz, nächstes Bedürfnis, persönliche Schätzung und Zuneigung; durchaus bindet sich nur Lebendiges an Lebendiges, Person an Person; das Nächste an sein Nächstes. So bildet sich eine Menge besonderer Genossenschaften im Gegensatz eines allgemeinen Gesellschaftsverbandes. Was aber allen Völkern auf derselben Lebensstufe gemeinsam ist, das haben auf ausgezeichnete Weise die germanischen Stämme auch in die vorgerückte, umfassendere Bildung ihres sittlichen und gesellschaftlichen Zustandes übertragen und bis zum Wendepunkte des Übergangs der mittleren in die neuere Zeit beharrlich daran festgehalten. Die erste und ursprünglichste jener Genossenschaften ist die Familie. Aus ihr oder nach ihrem Vorbilde gestalten sich die weiteren Vereine. Auf diese Fortbildung aber war es von bedeutend verschiedenem Einfluß, ob ein Volk von uralter Zeit in seinen Wohnsitzen geblieben war und sich auf den Verteidigungskrieg, auf heimische und nachbarliche Fehden, beschränkt, oder ob es wandernd und erobernd sich auswärts verbreitet hatte. Schon im ältesten, Deutschland finden wir, bei Tacitus, die Grundformen vorgezeichnet und unterschieden, aus welchen sich das germanische Gesellschaftsleben im Lauf der Jahrhunderte nach jenen beiderlei Hauptrichtungen entwickelt hat. In dem einen Zustande, dem seßhaften, stellt sich zuerst die Familie selbst in ihrem ursprünglichen Wesen dar. Das unstädtische Einzelwohnen der Germanen, wie es bis jetzt noch in abgelegeneren Gegenden sich erhalten hat, die Abgeschlossenheit der eingehegten Höfe, jeder mit seinem Quelle, seinem Feld und Walde (Tac. Germ. K. 16), bezeichnet, schon in malerischem Anblick, die Vorliebe für Beschränkung auf den engeren Kreis des Hauses. Die Genossen desselben sind auf das genaueste unter sich verbunden und verbürgt, jeder muß die Feindschaften und Freundschaften seines Vaters oder Verwandten übernehmen, das ganze Haus empfangt die Sühne für Totschlag und Gewalttat an seinen Angehörigen (Germ. K. 21. 7). Auch in der Schlacht bildet nicht zufällige Zusammenrottung die Scharen, sondern Hausgenossen und Blutsverwandtschaften stehen zusammen, ein vorzüglicher Anreiz zur Tapferkeit (K. 7). Je weniger nun bei alteingesessenen oder in großer Masse angesiedelten Völkern die gemeine Freiheit der andern, erobernden Richtung unterlegen ist, um so länger erhielt sich bei ihnen die volle Kraft des Familienbandes, um so stetiger erweiterte sich dasselbe zu den größern Bürgschaften der Gemeinde, des Gaues, des gesamten Volksstamms. Bei den Dithmarsen, die bis in späte Zeit ihre Volksfreiheit behauptet, bestand noch im sechzehnten Jahrhundert die Einteilung in Geschlechter (Schlachten, Klufte), deren Mitglieder in Lieb und Leid, in Eid und Blutrache sich auf alle Wege zu vertreten hatten. Überhaupt haben auch die größeren Vereinigungen, bis zu der Gesamtbürgschaft unter allgemeinem Volksrecht und Gerichte, sich nicht etwa bloß nach Ähnlichkeit des Familienverbandes ausgebildet, sondern diesem selbst wurden fortwährend seine unmittelbarsten Befugnisse belassen. Die ältern germanischen Rechte, wie sie besonders zur Zeit der fränkischen Herrschaft aufgezeichnet worden, gestatten bei gröbern Friedensbrüchen dem Verletzten und seiner Verwandtschaft noch immer die Wahl zwischen Klage und Selbsthilfe oder Selbstrache; ein solches Fehderecht besteht das ganze Mittelalter hindurch, und im Gerichtswege selbst, wie er durch Landrechte und Weistümer bestimmt ist, bleiben die alten Blutsrechte in der Klage auf Wehrgeld und der Eideshilfe durch die Gesippten anerkannt. Das andere der beiden Grundverhältnisse, die Richtung auf Fahrt und Eroberung, hat ihre älteste Form in der Gefolgschaft, Abkömmlinge der edelsten Geschlechter umgaben sich, nach Tacitus, mit einer Schar erlesener Jünglinge, denen sie Nahrung, Roß und Waffen reichten und deren Unterhalt sie, wenn die Anzahl groß und daheim langer Friede war, nur dadurch aufzutreiben vermochten, daß sie dieselben auswärts auf Krieg und Beute führten. Ein solches Gefolge hatte seine Abstufungen; alle wetteiferten, wer dem Führer am nächsten stehe; er selbst rang mit ihnen um den Preis der Tapferkeit; seinem Ruhm auch ihre Taten beizuzählen, ihn zu schützen und zu schirmen, war ihre heiligste Pflicht, ehrlos für immer, wer ihn überlebend aus der Schlacht gekehrt ( Germ . K. 13. 14). Dieser einfachen Anlage war ein unbegrenzter Spielraum eröffnet in jener großen Bewegung, welche die Völker aus ihren Wohnsitzen aufrüttelte, in den Heereszügen, die Jahrhunderte hindurch von einem Ende Europas zum andern drängten. Aus der Gefolgschaft erwuchs in den bewältigten Ländern Königsgewalt und Mannendienst. Wie in der Richtung nach innen das Landrecht, so entwickelte sich in dieser erobernden das Lehenrecht. Fortwährend begünstigt durch den kriegerisch unternehmenden Geist des Mittelalters, erreichte sie ihr Äußerstes, indem sie das Deutsche Reich zu einem vollendeten Lehnstaat umschuf. Aber sie verleugnet nicht die Beziehung auf die Bande des Bluts. Die besondere Schutzpflicht, welche das Gefolge seinem Häuptling schuldig war, die Ächtung derjenigen, welche seinen Fall überlebten, entsprechen den Bürgschaften des Familienvereins. Verschiedene Arten der Bluts- und Waffenbrüderschaft traten hinzu und sollten ganz die Stelle der angeborenen Verwandtschaft ersetzen. Der Lehensherr und die Mannen, die unter und mit ihm zu einem Lehenhofe vereinigt waren, bildeten eine Genossenschaft, die nach Art eines Geschlechts in sich verbunden und verbürgt war. Der Schlußstein jeder solchen Verbürgung, Recht und Pflicht der Blutrache, kann auch der Gefolgschaft und ihren Entwicklungen ursprünglich nicht gemangelt haben, und es ließen sich darüber bestimmte Nachweisungen geben. Selbst die eigentlichen Blutsbande fehlen nicht, denn je mehr im Zeitverlaufe Lehenbesitz und Dienstpflicht stetig und erblich wurden, um so vielfacher die engere Befreundung durch Heirat und durch Übertragung der Lehen auf Anverwandte; Mannschaft und Magschaft werden daher so häufig recht im Anklange zusammengenannt. Durchaus reiht sich auch im Lehenverbande je ein lebendiges Glied an das andre. Eben darum aber konnte durch das Lehenwesen niemals eine feste Staatsverfassung begründet werden, in deren Begriff es liegt, daß jeder einzelne dem Ganzen diene. Die Verkettung ging über ihren Grundsatz hinaus, sie war zu ausgedehnt, um noch lebendig fühlbar zu sein, und die Kraft der einzelnen, näheren Gliederungen war größer, als die des allgemeinen Zusammenhangs; sie schwächte diesen und hob ihn oft gänzlich auf. Der Feudalkaiser, an der Spitze des Ganzen, wurde dessen niemals mächtig und seine Hauptstärke lag in seinen unmittelbaren Lehensverbindungen. Die religiöse Idee des Kaisertums trat zu wenig in die Wirklichkeit, um die fehlende Kraft der Einigung zu ersetzen; sie vermochte nicht, die Gegenwirkungen des germanischen Lebenstriebes zu bemeistern. Je weniger in den allgemeinen Einrichtungen Gewähr der Sicherheit lag, um so fester mußten die Glieder der besonderen Genossenschaften sich zusammenschließen. Hier allein war Schutz und Anhalt in so stürmisch bewegter Zeit. Hier wurden Not und Neigung, Liebe und Pflichtgefühl, Blutsband und Wahlverwandtschaft, Gewohnheit und bewährtes Vertrauen mannigfach und unauflöslich verflochten. Der Inbegriff aber all dieser leiblichen und geistigen, natürlichen und sittlichen Bindmittel ist die Treue; in ihr erkennen wir die beseelende und erhaltende Kraft des germanischen Lebens. Das allgemeine Gebot der Treue, sich wechselseitig zu vertreten und zu unterstützen, äußert sich nach der Natur jeder Genossenschaft und dem jeweiligen Bedürfnis ihrer Glieder auf sehr verschiedene Weise. Wenn dithmarsische Bundbriefe die Verbindlichkeit auflegen, dem verunglückten Genossen das abgebrannte Haus wieder unter Dach zu bringen oder den gebrochenen Deich herzurichten, dem Erkrankten den Acker zu bestellen und die Ernte einzusammeln, so enthalten die Lehenssatzungen die ritterliche Mannenpflicht, den Herrn nicht im Kampfe zu verlassen, bei Verlust des Lehens, ja ihm, wenn er in Gefahr ist, statt des verlorenen Pferdes das eigene abzutreten, ganz entsprechend der vorerwähnten Verpflichtung des altgermanischen Gefolges. Von den Hilfleistungen und Liebesdiensten jener mildern Art steigt die Treuepflicht an bis zu den strengsten der Fehde und der Blutrache. Das Sicherheitsgefühl des einzelnen beruhte vorzüglich darin, daß jeder Angriff auf ihn zugleich seine Blutsverwandten oder sonstigen Genossen verletzte und aufrief; der Erschlagene selbst lag nicht eine vergessene Leiche, er lebte fort in der beleidigten Genossenschaft, bis sein Fall vergolten war; seinen Harnisch und mit diesem die Rachepflicht übernahm der nächste Erbe gleich als erstände der Tote selbst in seinen Waffen. Lex Anglior. et Werinor. Tit. 6. De Alodibus: Ad quemcumque hereditas terræ per pervenerit, ad illum vestis bellica, id est lorica, et ultio proximi, et solutio leudis, debet pertinere. Der gewaltsame Tod eines einzigen Mannes wucherte fort in blutiger Fehde der Geschlechter und Landsmannschaften. Davon sind die nordischen Geschichtsagen voll, und die gleiche Erscheinung zeigt sich bei den deutschen Stämmen, welche das altgermanische Wesen am treuesten bewahrt haben. Ein Beispiel der ostfriesischen Geschichte des zwölften Jahrhunderts führte von der Bahre eines Erschlagenen, durch stufenweises Anschwellen einer zwanzigjährigen Fehde zwischen Ostringern und Wangerländern und ihren beiderseitigen Verbündeten, zuletzt auf Schlachtfelder, wo Hunderte und Tausende gefallen sein sollen. Wiarda, Ostfriesische Geschichte I, 160 ff. Das deutsche Recht suchte den Gewalttaten zu steuern, indem es Bußen festsetzte, welche der Beschädigte oder seine Angehörigen einzuklagen, der Täter und die Seinigen zu bezahlen hatten. Die wichtigste derselben war das Wehrgeld, die Buße für den Totschlag; Todesstrafe, überhaupt körperliche Bestrafung, den germanischen Völkern nur für einzelne Ausnahmefälle erhört, kam erst nach Einführung des Christentums allmählich bei ihnen auf. Die Bußen erscheinen bereits bei Tacitus und im nordischen Mythus und sind überall in den ältesten Gesetzen mit großer Genauigkeit bestimmt und abgestuft. Die Lösung der Asen durch Füllen und Hüllen des Otterbalges mit Gold ist als eine Getreidebuße nachgewiesen, von der noch in sächsischen Bauernweistümern Spuren übrig sind, nur daß die Fabel Gold statt des Weizens ausschütten läßt. (Grimm, Rechtsaltertümer S. 668 - 75. Aber die Rechtshilfe durch Bußen war schon dem Grundsatze nach sehr unzureichend, sie konnte den Frieden nicht sichern, sie machte ihn nur möglich. Denn es stand bei den Beleidigten, ob sie durch Klage oder durch Fehde Genugtuung suchen wollten, und der Beleidiger hatte die Wahl, vor Gericht oder auf dem Kampfplatz sich zu verteidigen. Die Mordklage selbst noch war von kriegerischer Art, der Kläger auf Wehrgeld erschien in den Waffen, bereit, an dem widerspenstigen Gegner gewaltsame Genugtuung zu nehmen, den leugnenden im Gerichtskampfe zu überweisen. Überhaupt aber wurde in der Gesinnung der Wehrhaften die Fehde dem Abkommen auf das Wehrgeld vorgezogen. Es gab solche, die sich rühmten, niemals zur Bezahlung einer Buße sich verstanden zu haben; noch mehr aber galt es für fromm und ehrenvoll, Rache statt der Buße zu nehmen. »Ich will meinen Sohn nicht im Beutel tragen,« sprach ein isländischer Greis, als ihm Buße für den erschlagenen Sohn geboten ward; ei nahm lieber den edlen Ausweg, dem flehenden Totschläger Wohltaten zu erweisen. Der dänische Geschichtschreiber Saxo, ein christlicher Priester nach der Mitte des zwölften Jahrhunderts, gibt bei Anlässen, die ihm seine Erzählung zahlreich darbietet, offen genug zu verstehen, daß er die Verwandtenrache für rühmlich ansehe. Wenn dagegen, ein Jahrhundert später, der Bruder Berthold eifrig wider dieselbe predigt, so zeigt er nur, wie fest diese Sitte noch damals im Sinne des deutschen Volkes begründet war. Es ist auch nicht zu mißkennen, daß sie, so blutig ihre Früchte waren, doch in der tiefsten Treue selbst ihre mächtige Wurzel hatte. Wehrgeld und Blutrache bei nichtdeutschen Völkern; bei den Griechen, Jl. IX, 632–36. XVIII, 497–500. Od. III, 196–8. XV, 272. XXIII, 118–22, XXIV, 433–5. 470. Jl. II, 262 f.; Geschlechter stehen in der Schlacht beisammen. VI, 58. 61: Auch das Knäblein im Mutterschoße nicht verschont, vgl. XXII, 63 f. Bei den Serben, Talvj I. 279. Bei den Montenegrinern, Wila II, 263 f. Bei den Russen, v. Eggers, Altrussisches Recht. Die schottischen Clane, vgl. Minstrels I, LXX f. 290 f. Wenden wir uns von diesem Blick auf das germanische Leben zu dem Ausdruck desselben in den Heldenliedern, so bemerken wir leicht, daß in ihnen sich vorzugsweise diejenige Seite des Lebens ausgeprägt, deren älteste und einfachste Erscheinung wir in den Gefolgschaften kennen gelernt haben. Schon der geschichtliche Bestandteil der Lieder gehört den Zeiten der Völkerzüge, der wechselvollen Gestaltung germanischer Königreiche in den eroberten Ländern an. In diese Richtung fällt überhaupt das gewaltigere, bewegtere Leben, dessen Wellenschlag im Liede tönt; wo das Heldentum selbst, da ist der Ursprung des Heldenliedes. Die Eroberung ist über ganz Europa geschritten. Die kriegerische, feudalistische Richtung hat auch in der Wirklichkeit die Oberhand gewonnen und durch die Jahrhunderte, in welchen der Heldensang geblüht, ihre Herrschaft ausgebreitet und festgepflanzt. Aber diese Poesie ist nicht in der Art einseitig geworden, daß sie der künstlicheren Abgemessenheit des Lehenwesens sich hingegeben hätte; sie hat sich ihre frische Volkstümlichkeit bewahrt, indem sie aus den verschiedenen Zeiten und Bildungsstufen, die sie durchzogen, nur das Gemeingültige in sich aufgenommen, indem sie noch überall die ursprünglichen Grundformen durchschauen läßt und an den natürlichen, einfach menschlichen Verhältnissen festhält. Die Treue, der Grundtrieb des germanischen Lebens, ist darum auch die Seele der Lieder; sie erscheint hier in ihrer vollen Stärke und Wahrheit, in ihren mildesten, edelsten Äußerungen, wie in den gewaltsamen der Blutrache, denn was die Zeit so mächtig und leidenschaftlich aufgeregt, dem konnte auch in der Poesie seine Geltung nicht entstehen. Der dichtende Geist ist sich der Grundbestimmungen des Lebens, das er darstellt, auch nur in ihrer vollen, lebendigen Erscheinung bewußt. Diese ungeteilte Auffassung des Lebendigen ist am meisten denjenigen Zeitaltern eigen, in welchen alle geistigen Vermögen noch einzig und ungeschieden in der Poesie gesammelt sind. Die Hauptverhältnisse des Lebens treten daher durchaus in bestimmten Gestalten hervor: soferne aber diese nicht absichtlich erlesen sind, die Träger der Begriffe zu sein, sondern aus der Anschauung ins Gedicht übergehen, behaupten sie, neben der allgemeinen Bedeutung, ihren Anspruch als selbständige Charaktere. Die vorangestellten Andeutungen über das Wesen unsrer Lieder und ihren Zusammenhang mit dem Leben können daher nur dadurch vollständig erläutert und bestätigt werden, daß wir die Hauptcharaktere derselben, bald in Klassen aufgefaßt, bald einzeln hervorgestellt, wie es die Lieder selbst ergeben, der Reihe nach aufführen und beleuchten. Das Grundverhältnis der Gefolgschaft unterlegend, stellen wir uns die Helden um ihren König, den Herrn des Gefolges, im Kreise versammelt vor. Die Könige Unter den Königen unseres Sagenkreises erscheinen mehrere als Beherrscher ausgebreiteter Reiche. Etzels Herrschaft ist bereits bei der Betrachtung des Geschichtlichen nach den Liedern geschildert worden. Dem mächtigen Ermenrich dient das römische Reich; er wird darum auch Kaiser oder König von Rom genannt. Ähnlicher Glanz fällt auf Rother, Otnit, Wolfdietrich, der zur römischen Krone sein Erbreich in Griechenland erobert, und auf Dietrich von Bern). Ermenrich im Alph. 64: der reiche kaiser (so durchaus im Alphartsliede) ... mir dient das römische reich. 52: er will wider das reich sich setzen. 81: von rome der kaiser reich. 101: der kaiser von Rome. Dietrichs Flucht (von Dietwart) 9: dem dient fur aigen remische land. 249: konig von römisch lant. Ebenso 295 und sonst. 624: romische here. 1439. 1451: künig von Rome. 1459: hof zu Latran. 1688: römisch könig. 1819: Latran. 2311: romisch ere und r. lant. Vgl. 2323. 2439. 2501: romisch marck. Ermenrich und Dietrich 2857: romisch lant. 3964 f.: romisch riche, lant, ere. 3992. 4764: vogt von rom. rich (Dietr.) 5049. 5693. 7825: romisch erde. 5420: rom. lant. 5627: Berne und romisch lant. 6019 f.: den vanen hiez here Ditrich der da (ge-)hort zu romisch rich. 5998, 60 1/4 4: konig Sie erteilen Belehnungen über alle welschen und deutschen Lande, führen Adler und Löwen in Banner und Schild, werden kirchlich zur Krone geweiht. Man erkennt jedoch leicht hierin die Vorstellungen späterer Jahrhunderte vom römisch-deutschen Kaisertum und von der Verleihung aller weltlichen Macht durch geistliche Weihe. Ältere Verhältnisse blicken hindurch, wenn gleichwohl Amelungeland, Lamparten, Bern als heimisches Gebiet dieser Könige bezeichnet und sie davon zugenannt werden. Dietr. Fl. 2438. Lamparten 7436. 2425 ff. 5200 . (Dietr.) vogt von Perne 5377. 3372: nu wert uch Amelunges man (sagt Wolfh.) 5637. der jung Amelung (Dietr.) 7208. in der Amelunge lant 8054. der Amelung (Dietr.) Rab. 1. der von Berne 204. vogt von perne 375. Vor allem aber ist darauf zu achten, welche Gestalt und Stellung ihnen im Leben und Wesen der Heldensage gegeben sei. Dann wird eben die ausgedehnteste Macht zum leeren Raume, zum verneinenden Gegensatz, zum Schatten im großen Bilde. Der Völkerfürst Etzel gewinnt nirgends eine kräftige Persönlichkeit, er ist leidend und willenlos, seine Herrschaft ist nur darin vergegenwärtigt, daß er einen weiten, reichen Hof eröffnet zum Sammelplatz für alle Helden der Welt, welche nebst den Frauen des Königs die handelnden Personen sind. Ermenrich ist ein Werkzeug in der Hand des treulosen Ratgebers Sibich; seine Gewalt und seine Schlechtigkeit sind bestimmt, die sittliche Kraft seines Gegners Dietrich in das vollste Licht zu heben. Auch unter den burgundischen Königsbrüdern ist der eigentliche Machthaber, Gunther, der unselbständigste. Kreuz, Krone, Königsmantel sind hier fremdartiger Staatsprunk. Die Liebe, die Phantasie der Dichtung zeigt uns jugendliche Edelinge an der Spitze ihrer Gefolgschaften. König (altd. chuninc ) bedeutet nach dem Wort einen vom Geschlecht ( chunni ), Grimm, D. Gramm. II, 365 : ahd. chuninc (primus in stirpe) , mhd. künlinc (ejusdem stirpis). chuninc von chunni (got. kuni ) wie truhtîn von truht, piudans von piuda, fylkir von folk oder fylki. II, 351 : ags. derivativa: ädel–ing (nobilis), cyn–ing (rex). II, 103: ags. äd–el–e (nobilis , nicht edele). II, 364 : das –ling neben –ing ist fehlerhaft entsprungen und setzt immer ein älteres –ing voraus. d.h. von einem jener ausgezeichneten Geschlechter, aus welchen die deutschen Völker ihre Fürsten zu wählen oder anzuerkennen pflegten. Dergleichen Königsstämme sind unsre Amelunge, die Gibichinge oder Nibelunge zu Worms, die Wölsunge, die Hegelinge. Den Ursprung solcher Geschlechter und gleichmäßig den ihrer berühmtesten Heldensöhne hüllt die Sage in fabelhaften Glanz, aus dem sie mit wundersamen Eigenschaften begabt und verherrlicht hervorgehen. Am besten zeigt sich dieses in der nordischen Wölsungensage. Von Odin abstammend, haben die Wölsunge Sicherheit vor Gift (Grimm, Edd. 126), ungemessene Stärke und den durchdringenden Glanz der Augen; Helgi verkleidet sich vor seinen Feinden als Magd und treibt die Handmühle, aber die Steine brechen, die Mühle zerspringt und die scharfen Augen verraten edle Art (Grimm, Edd. 91). Swanhilde schlägt die Augen auf, und die Rosse, die sie zertreten sollen, scheuen zurück, bis ihr Haupt verhüllt wird (Vols. S. Kap. 49, S. 201). Der Augenglanz, als königliches Abzeichen, spielt auch sonst in den Sagen des Nordens. Regner und Thorald, schwedische Königssöhne, sind durch den Haß ihrer Stiefmutter gezwungen, nachts die Herde zu hüten, und werden von Gespenstern umschwärmt; da naht ihnen Swanhwita (die schwanweiße Walküre) und obgleich Regner sich für einen Knecht des Königs ausgibt, erkennt sie am leuchtenden Auge seinen Ursprung und reicht ihm als Brautgeschenk ein Schwert zum Kampfe mit den nächtlichen Unholden. Saxo B.II S. 30:» Tunc Suanhuita speciosissimum lineamentorum ejus habitum, curiosiori contemplatione lustratum, impensius admirata, Regibus te, inquit, non servis editum præradians luminum vibratus eloquitur. Forma prospiam pandit et in oculorum micatu naturæ venustas elucet. Acritas visus ortus excellentiam præfert. Nec humili loco naturo liquet, quem certissima nobilitatis index, pulchritudo, commendat. Exterior pupillarum alacritas interni fulgoris genium confitetur. Facies fidem generi facit, et in luculentia vultus majorum claritudo respicitur. Neque enim tam comus, tam ingenua species, ab ignobili potuit auctore profundi. Sanguinis decus cognato frontem decore perfundit, et in oris speculo conditio nativa resultat. Minime ergo tam spectati cælaminis simulacrum obscurus opifex absolvit. « Auf die Walküreneigenschaft der Suanhuita (des Dänenkönigs Hading Tochter) deuten folgende Stellen: S.29: » Hadingi filia Suanhuita sororibus in famulitium sumptis, Suetiam petit, clarissime indolis exitium muliebri ingenio præcursura. Cumque prædictos adolescentes, nocturnis gregum excubiis occupatos diversi generis portentis circumfundi videret, sorores, equis descedere cupientes (von den Wolkenpferden), tali poematis sono vetuit: ... Tutius excelsi terga premantur equi. S.31: Admirata juvenis constantiam Suanhuita, ablegato nubilæ inumbrationis vapore, prætentas ori tenebras suda perspicuitate discussit, ensemque, variis conflictibus opportunum, se ei daturam pollicita, miram virginei candoris speciem noco membrorum iubare præferebat. Taliter accensi juvenis connubium pacta, prolato mucrone sic cœpit: In gladio, quo monstra tibi ferienda patebunt, suscipe, rex, sponsæ munera prima tuæ. « Sie kämpft hierauf selbst die Nacht hindurch gegen die Ungetüme und erlegt sie, unter ihnen die Stiefmutter Thorilde. Sie heiratet Regner, erscheint in einer Seeschlacht und stirbt aus Trauer über Regners Tod. Das Ganze, ursprünglich in Liedern, erinnert durchaus an die Verhältnisse von Helgi und Swawa, Helgi und Sigrun: Erwecken des Jünglings durch die leuchtende Walküre, Schwertgabe, Verlobung, nächtlicher Schutz vor Zauberweibern, Tod aus Kummer und Sehnsucht. Svanhvit ist auch eine der Walküren, welche Schwanenfittiche trägt, im Wölundsliede zugenannt. (Grimm, Edd. 2. 4. 6. Edda III, 246 f.) Müller, Sagnhist. weiß nichts Näheres über die Sage. Olo, von königlicher Abkunft, sitzt in Bauernkleidung zu unterst im Saale eines wermischen Königs, dessen Tochter durch Kampf vor übermütiger Werbung gerettet werden soll. Die Jungfrau läßt forschend den Schein des Lichtes auf des Fremden Antlitz fallen, als sie plötzlich, von der Schärfe seiner Augen getroffen, zu Boden sinkt. Sie hat in ihm einen Abkömmling von Königen erkannt, durch den sie Rettung hofft. Der Gast wirft die Verhüllung ab, glänzende Locken rollen von seinem Scheitel, aber die schreckenden Augensterne deckt er mit den Wimpern. Denselben Olo, später Dänenkönig, will Starkather im Bad erstechen, aber der vielversuchte Kämpe schrickt zurück vor dem Augenfunkel des Wehrlosen. Der König, nichts Schlimmes vermutend und seinen Blick kennend, bedeckt sich das Gesicht und heißt Starkather herzutreten. Da sticht ihm dieser das Schwert durch den Leib. Saxo B. VII, S. 215: Igitur Olo, tertium ætatis lustrum apud patrem emensus, quantum animi corporisque dotibus inclaruerit, incredibile reddidit. Præterea adeo visu efferus erat, ut quod alii armis, ipse oculis in hostem ageret, ac fortissimum quemque vibrante luminum alacritate terreret. S. 217: Consueverat autem virgo hospitum vultus propius accedendo, quam curiosissime prælato lumine contemplari, quo certius susceptorum mores cultumque perspiceret. Eandem quoque creditum ex notis atque lineamentis oris conspectorum perpendisse prosapiam, solaque visus sagacitate cujuslibet sanguinis habitum discrevisse. Quae quum Olonem scrutabundis aggressa luminibus constitisset, inusitato oculorum ejus horrore perstricta, pene exanimis concidit. At ubi sensim redditus vigor spiritusque liberius meare coeperat, rursum juvenem conspicari conata, lapso repente corpore, ceu mente capta procubuit. Tertio quoque, dum clausam dejectamque aciem attollere nititur, non modo oculorum motu, certe etiam pedum regimine defecta, subito decidit. Adeo vigorem stupor hebetat. Quo viso Olanus, cur toties casum corpore praebuisset, interrogat. Qua se truculento hospitis visu perculsam, testante, eundemque et regibus ortum, et si raptorum vota refelleret, suis perquam dignum amplexibus asserente, rogatus a cunctis Olo (nam os pileo obnuptum habebat), discusso velamino cognoscendi capitis notas praebere. tum ille cunctis moerorem deponere, animumque procul a dolore habere jussis, detecta fronte, avidius omnium in se oculos eximiae pulchritudinis admiratione deflexit. Flava quippe caesarie, nitentique capillitio erat. Caeterum pupillas, ne visentibus formidini forent, palpebris arctius obstringendas curabat. Crederes, repente animisspe meliorum erectis tripudiare convivas, dissultare aulicos, summamque aegritudinem effusa mentium hilaritate convelli. B. VIII, S. 227 f.: »Duodecim duces, sive patriae calamitatibus moti (weil Olo grausam geworden), sive Oloni ob aliam olim causam infesti, insidias capiti ejus praeparare coeperunt. ... Caeterum ad peragendum facinus parum viribus atque ingenio freti pecunia Starcatherum adsciscunt. Ille, ut rem ferro exequeretur, adductus, utentem balneis regem susceptis cruenti ministerii partibus, attentare constituit. Quo lavante ingressus, mox acri ipsius visu, luminumque continua mobilitate vibrantium fulgore perstrictus, occulto metu hebetatis artubus vestigium pressit, relatoque pede manum propositumque suspendit. Itaque qui tot ducum, tot pugilum arma protriverat, unius inermis viri aciem ferre non potuit. At Olo, sane vultus sui conscius, obtecto ore accedere eum propius, et quid afferat, edere jubet; quippequem vetustas convictum, et longa familiaritatis experientia ab insidiarum suspicione alienissimum faciebant. At ille districto mucrone desiliens transverberat regem, nitentisque assurgere jugulum ferit. Von Starkather selbst sagt Saxo B. VI, S. 171: Nam cum manus ejus bellico opere duratas, cicatrices, adverso corpore exceptas, acerrimumque oculorum vigorem attenderet (Ingellus). animadvertit, nequaquam enervi anomo esse, cujus corpus tanta vulnerum vestigia confodissent. Müller, Sagnhist. S. 111 vermutet, daß es eine eigene Sage von Ole gegeben. Vgl. 90. Gleiches erzählt wieder die Wölsungensage von Sigurd. Guttorm hat sich durch Fleisch von Schlangen und Wölfen zum Mord erhitzt; zweimal tritt er in das Gemach, wo Sigurd im Bette liegt, und zweimal weicht er mutlos zurück, denn Sigurds Augen leuchten so scharf, daß niemand ihren Blick aushält; erst als Sigurd eingeschlafen, vollbringt Guttorm die Tat (Vols. S. Kap. 39). An die Stelle der Götter, als Stammväter der Könige, sind in den deutschen Überlieferungen dunkle Geister getreten. Solcher Abkunft verdankt Dietrich von Bern die Flamme, die ihm, wenn er zürnt, aus dem Munde fährt. Die Wunder des Ursprungs setzen sich fort in den Schicksalen der ersten Kindheit, welche unsern Helden mit denen vieler Völker gemein sind. Wolfdietrich hat kaum das Licht erblickt, als der Wolf ihn zu seinen Jungen in die Höhle trägt, die jedoch, nicht klüger als das Kind, ihm keines Leides tun. Wolfd. 37d: Der wölff witz und des kindes waren geleich gestalt . Nach der andern Erzählung wird er am Waldbrunnen den wilden Tieren ausgesetzt, von den Wölfen aber nicht beschädigt, sondern gehütet. Kasp. v. d. R. Wolfd. 40: Die wolf sasen geringe vnd hüten des kindes wol . Der neugeborne Siegfried wird, nach der Wilkinensage (Kap. 139, II, 20; Kap. 142, II, 23 f.), bei dem Tode seiner verfolgten Mutter, dadurch gerettet, daß er, in ein gläsernes Gefäß verschlossen, in die See treibt; dann säugt eine Hindin ihn zwölf Monden lang, daß er so groß und stark wird, als andre Knaben vier Winter alt. Derlei Sagen können in mehrfacher Bedeutung aufgefaßt werden: als Beweis, daß der Göttersohn im Schütze höherer Macht gestanden, als Erklärung der gewaltigen Körperkraft des von Waldtieren großgesäugten Wunderkindes, besonders aber als Verherrlichung des Helden, der aus dem Zustande der Verwerfung und tiefsten Erniedrigung um so glänzender in der Kraft und Schönheit seiner erhabenern Natur hervorgeht. Gleichwie die altdeutsche Poesie in der Darstellung der Natur den Frühling liebt, so denkt sie ihre Heldenkönige sich überall in der Blüte jugendlicher Schönheit, Diese Voraussetzung findet durchaus statt, sie ist, wenn auch ausgeführte Gemälde nicht leicht vorkommen, schon in der allgemeinen Farbe der epischen Bezeichnungen angedeutet, die Schönheit ist überhaupt weniger beschrieben, als in Handlung gesetzt, und erscheint oft überraschend in lichten Punkten der Geschichte. Hugdietrich kann sich wohl als Jungfrau verkleiden, denn sein Antlitz ist rosenfarb, gelbe Locken schwingen sich ihm über die Hüfte nieder, und als er in Frauengewand zur Kirche geht, fragen die Leute, wer die Minnigliche sei. Soviel schöne Jungfrauen an Helkens Hofe sind, doch wird der junge Dietleib noch schöner gefunden; goldfarbe, magdliche Haare hängen ihm über die Schwertfessel herab, mit denen er sich vor Regen decken kann, wie ein Falke mit den Fittichen. Als Kriemhild Siegfried zum ersten Male grüßt, da sieht sie ihn vor sich stehen, wie seine Farbe sich »erzündet«: zuletzt läßt sie den Sarg des Ermordeten erbrechen, um noch einmal »sein schönes Haupt« zu sehen, das sie mit ihrer weißen Hand erhebt, während ihre lichten Augen Blut weinen. Von Dietrich meldet die Wilkinensage, er habe, so alt er geworden, nie einen Bart gehabt; Wilk. Sag. Kap. 14. I, 42 f. Rafn. K. 14, S. 37, Fornald. S. I, 246: Hår hennar (Ask.) var biart ok sem å gull citt sæi . ein Zeichen, daß er stets als Jüngling gedacht werden muß, wenn auch Schicksale und Taten auf seine Schultern gehäuft sind, die ein langes Leben zu erfordern scheinen. Der Schmuck goldner Locken, in dem uns die Helden vorgeführt werden, ist teils ein Bild der Jugend, teils wohl auch ein Merkmal edler Abkunft, wie in den Märchen verlorene Königskinder an ihren Goldhaaren wieder erkannt werden, oder an einem goldnen Stern auf der Stirne, Goldene Haare s. Grimm, Hausmärchen III, 37.114.I, 356. III. 161. Stern, 3, 182. und in dem Gedichte von den Hegelingen der von den Greifen entführte Hagen an dem goldnen Kreuz auf seiner Brust. Gudr. 587: Ob im an seiner pruste ain gulden creütz sey . Vgl. Z. 614 Die Jugend aber, die wir bisher nur in ihrem äußern Gepräge beobachtet haben, durchdringt das Innerste des Heldencharakters. In nordischen und deutschen Sagen kommt es häufig vor, daß der Held in früheren Jahren sich stumm und träge, oder ungebärdig und ungelehrig anläßt, bis die Stunde schlägt, wo plötzlich die eingeborne Trefflichkeit aus dem Schlummer aufwacht. Müller, Sagabibliothek (Übers.) I, 51. 216. 218. 261. d. II, 525. 541. Jener innern Verhüllung entspricht der gedrückte Zustand, darein der Jüngling gewöhnlich versetzt ist, wie dort die Königssöhne als Hirtenknaben dienen. Der Heldengeist scheint einem besonderen Gesetze der Entwicklung zu folgen; erst wenn der urkräftige Stamm in die Höhe geschossen, breitet er die Äste aus; zur gewöhnlichen Tätigkeit ungeschickt, bleibt die dämonische Kraft für übermenschliche Werke aufgespart. Wir beschränken uns auf Beispiele des heimischen Sagenkreises. Die Wilkinensage berichtet, abweichend vom Gedichte, wie Dietleib bis in die Jünglingsjahre blöd und verachtet am Feuerherd in der Asche gelegen. Auf einmal, als sein Vater zum Feste reiten will, erhebt er sich, schüttelt die Asche ab, richtet die verwirrten Haare, verlangt Roß und Waffen, deren Gebrauch er wohl beachtet hat, und vollbringt auf dieser ersten Ausfahrt gewaltige Taten (Wilk. S. Kap. 91–4). Siegfried ist, nach dem deutschen Liede, ein unbändiger Knabe, verläßt den Königshof seines Vaters und dient einem Schmiede; aber Eisen und Amboß sind seinem Schlage zu schwach, und als er nach Kohlen in den Wald geschickt ist, erschlägt er den Lindwurm (Hörn. Siegfr.). Nach der Wilkinensage hat der Schmied, um Kohlen zu brennen, ein Feuer im Walde gemacht, als ein schöner Knabe zu ihm kommt, der ohne Kleid ist und nicht sprechen kann. Eine Hindin, seine Nährmutter, rennt herzu und leckt dem Knaben das Gesicht. Der Schmied nimmt ihn zu sich und gibt ihm den Namen Siegfried (Wilk. S. Kap. 144). In der höheren Darstellung der Eddalieder folgt Sigurd bewußtlos sicher den Ratschlägen des Trugschmieds; aber Odin wacht über dem Jüngling und die Vögel singen ihm Warnung. Er sucht den Schleier seines Schicksals zu lüften, er bittet die Walküre, ihn Weisheit zu lehren; da erfährt er, daß ihm Ruhm bestimmt ist und kurzes Leben. Darin eben beruht der ernste Reiz dieser Gesänge, wie aus ahnungsvoller Dämmerung das jugendliche Licht hervorbricht, um nach kurzem Glanze wieder zu erlöschen. Jener Duft und Morgenhauch der Jugend waltet auch wesentlich über Dietrich von Bern, aber hier auf ganz eigentümliche Weise. Nicht der einmalige Übertritt des Jünglings in das Heldentum wird dargestellt; Dietrich bleibt im wunderbaren Zwielicht befangen, Dämmern und Aufleuchten des Heldengeistes wechseln bei ihm beharrlich. Scheu und zögernd steht er vor jeder kühnen Tat; aber es ist nicht das Zaudern der Überlegung und Vorsicht, es ist jugendliche Verschämtheit, Mißtrauen in die Kraft, die er unbewußt in sich trägt. Darum beschuldigen seine Recken, besonders der kampfdurstige Wolfhart, den zweifelmütigen manchmal der Zagheit, und bezeichnend ist jener feine Zug in den Rosengartenliedern, wo ihm vorgehalten wird, er streite nur mit Riesen und Lindwürmen im Walde, wo es niemand sehe. Roseng. I, 257: Do sprach der schribere: herre her Dieterich Und lassent ir die rosen, ez stot üch lesterlich, Ir turrent nun streiten, die schone Krimhilt gicht, Mit wurmen in dem Walde, daz nieman fromes sicht. Do sprach gezögenlichen Hildebrant der alt: Nu sint ir dick geritten nach strit in einen walt; Do bestundent ir risen, tier und do bi man; Und getürrent ir vor den frouwen ein einigen nüt bestan , Des hant ir iemer schane, wo man ez von üch saget: Her Dieterich von Berne ist an strit gar verzaget. Roseng. II, 413: Da sprach meister Hildebrand: man sol euch ein vortheil geben(?), Ihr gedürfet gen wilden thieren wol wagen euer leben; Dort allein im walde da waret ihr mannheit voll: Ihr fechtet nicht vor frauen, da man preis bejagen soll. Das ersahe Wolfhart, er rufet den herren an: Was thut ir, herre von Berne, schlaht ir euern magen und mann? Da es niemand sahe, da waret ihr kühn, als man spricht: Ihr gedürfet vor frauen keinen preis bejagen nicht. Ist dann aber Dietrich einmal aufgereizt, oder drängt die äußerste Not zur Entscheidung, dann haucht er verzehrende Zornflamme, dann schlägt er siegreich den ungeheuern Schwertstreich. Schwankend im Entschluß, ist er stets sicher in der Tat; der letzte zum Kampfe, vollführt er, was kein andrer vermocht hätte; so steht er auch, nach dem Fallen sämtlicher Helden, allein unbezwungen auf der Walstatt und wird lebendig der sichtbaren Welt entrückt. In einer Reihe von Kämpfen und Abenteuern äußert sich dieser Charakter. Trefflich hervorgehoben ist derselbe durch den Gegensatz von Ecke, der die jugendliche Unklarheit auf völlig verschiedene Weise, durch Übermut und ungemessenes Selbstvertrauen, darstellt. Sein größter Kummer ist, daß er nicht genug zu fechten hat; er rennt über Berg und Tal, sich mit dem Berner zu messen; ihn schrecken nicht die großen Wunden, die er einem andern Helden durch Dietrichs Schwert geschlagen sieht; durch Verheißung, Drohung, flehentliche Bitte sucht er diesen zum Kampfe zu reizen, ja er vermißt sich, auf jede Hilfe des Himmels zum Vorteil des Gegners zu verzichten. Dietrich reitet lange ruhig nebenher, er will nicht den bestehen, der ihm kein Leides getan, er scheut sich vor Eckes Riesengröße; endlich, als er ungern vom Rosse steigt, wird dennoch der Schüchterne des Trotzigen Meister. Auf dem Zuge gegen Laurin ist Dietrich bereit, die Zerstörung des Rosengartens mit Gold zu büßen. Wittich wirft ihm vor, daß er eine Maus fürchte, wird aber selbst von Laurin besiegt und gebunden; und doch nur Dietrichs flammender Zorn vermag den wunderstarken Zwerg zu bezwingen. Im Rosengarten zu Worms zögert er lange, mit dem hörnernen Siegfried zu kämpfen; er will nur einen Gegner von Fleisch und Bein; von seinem Meister gestraft schreitet er endlich zum Zweikampf, weicht aber vor Siegfrieds Schwertstreichen; erst als ihm zugerufen wird, der Meister sei von seinen Schlägen gestorben, lodert sein Zorn auf; rauchend, wie ein brennendes Haus, schlägt er durch Harnisch und Horn, Siegfried muß unter Kriemhilds Schleier fliehen. So kann auch der Verräter Wittich nach der Schlacht vor Raben dem Zornglühenden nur in den Grund des Meeres entrinnen. Die Meerminne Waghild sagt zu Wittich, daß er Dietrichen wohl hätte besiegen können. Rabenschl. 973 f.: Da waz daz edel gesmide allez recht erglut an sinem libe. Daz ist nu worden herte (dez la dich helt an mich!); verlorn wer din geuerte, ja slug er endelichen dich. Er ist ergrymmet an disen ziten: diu drizzig mochten ym niemer gestriten. . In der Nibelungennot betritt Dietrich nicht eher den Kampfplatz, als nach dem Falle seiner Recken, die wider seinen Willen gestritten; Gunther und Hagen sind allein noch von den Nibelungen übrig, diese bezwingt und bindet Dietrich, übergibt sie Kriemhilden und geht mit weinenden Augen von dannen. Jene dichterische Höhe des Königsadels wird aber auch nur denen eingeräumt, die ihr überlegenes Heldentum wirklich erproben. Die ganze Anlage der Wilkinensage beruht darin, daß Dietrich seine Gefolgschaft der tapfersten Recken sich der Reihe nach selbst erkämpft. Im Nibelungenliede will Siegfried, so sehr ihn dürstet, nicht eher am Waldbrunnen trinken, als bis der König getrunken; im Liede von Walther dagegen läßt dieser Held demselben König zuletzt und nach seinem Dienstmanne Hagen den Becher reichen, weil Gunther lässig im Kampfe war. Hagen selbst weigert sich nicht, vor seinem Könige, wohl aber vor dem tapferen Walther, zu trinken. Die Herrschaft ist eine sehr beschränkte, denn der König ist bei jeder wichtigeren Entschließung an Rat und Zustimmung von Verwandten und Mannen, deren Beistand er nötig hat, gebunden; er bemerkt selbst ausdrücklich, wenn er etwas Unbedenkliches, einem Boten das Wort, »ohne Freunde-Rat« bewilligt. So König Gunther zum Markgrafen Rüdiger, der für Etzeln um Kriemhilden zu werben gekommen ist. Nib. Lachm. 1132: Er sprach: swaz man uns mære bî iu enboten hât, die erloube ich iu ze sagene âne friunde rât. Aber den Bescheid in der Hauptsache gibt der König nicht für sich. Nib. 1142: Der künec nâch râte sande (vil wîslich er pflac) unde ob ez sîne mâge dûthe guot getân, daz Kriemhilt nemen solte den künic edeln (Eceln) zeinem man. Die Ergebenheit seiner Recken wird durch sehr umfassende Verpflichtungen von seiten des Königs bedingt; wir begreifen sie unter den Namen: Milde und Treue. »Wozu soll ein reicher König, er habe denn milden Mut?« heißt es im Otnitsliede. Milding ist ein nordischer Dichterausdruck für König. Diese Milde oder königliche Freigebigkeit besteht darin, daß der König nichts besitzt, das er nicht mit seinen Getreuen zu teilen oder für sie hinzugeben bereit wäre, eine Folge der innigen Gemeinschaft zwischen ihm und seinem Geleite. Willig teilt er sein Silber und sein Gold; der Dienstmann aber, der dieses empfangen, reitet in Not und Tod. Epische Ausdrücke dieser Art wiederholen sich durch den ganzen Liederkreis. Wenn der König eine Heerfahrt entboten, wenn seine Recken ihm Hilfe mit ihren Mannen zugesagt, dann öffnet er den festen Turm, der mit Gold und Silber gefüllt ist. Rosse gibt er hin und Sturmgewand, daß keinem ein Finger bloß bleibt. Otnit 193. (Vgl. 204.) 217, 225. 217: Ich habe einen turn uff Garten, der ist gewurcket wol. Mit silber vnd mit golde ist er gefullet vol. Den schatz den wil ich teilen, ich gewinne ein creftig her; Es gange mir wie got welle, ich wil faren uber mer. 225: Ros und liechte ringe gap der keiser do, Do machte er die herren alle sament fro. Gold in den Schilden, Silber ohne Wage wird hervorgetragen, wenn die Helden zu einem gefahrvollen Unternehmen aufgereizt werden sollen. Ist aber die Fahrt glücklich vollendet, dann teilt der König ihnen nicht bloß sein bewegliches Gut oder den Schatz, den er im Zelte des Feindes erbeutet; mit »der breiten Erde« muß ihnen gelohnet werden und die meisten Abenteuer schließen mit großen Belehnungen an Burg und Land. Der Hort ruht jetzt nicht mehr mythisch in der Elfenhöhle, er ist in bestimmtem, sichtbarem Verkehre flüssig geworden; der tote Schatz belebt sich in den Recken, die an ihn gebunden sind, er ist das Mark der kriegerischen Macht; das Schwert, das bei ihm lag, leuchtet an der Spitze von Tausenden rüstiger Mannen, er kann niemals versiegen, weil das Heldenschwert, die gebieterische Wünschelrute, ihn stets zu ergänzen weiß. So sind die Nibelungenrecken unzertrennlich von dem Nibelungenhorte; als dieser, nach Siegfrieds Tod, gen Worms gebracht ist, zieht er »viel unkunder Recken« in das Land und in den Dienst Krimhildens, die reichlich ihr Silber und ihr Gold verteilt. Da fürchtet Hagen, daß sie zur Rache mächtig werde; die Schlüssel werden ihr abgenommen und zuletzt der Schatz in den Rhein geschüttet, als gält' es, einen lebendigen Feind zu versenken. Das lichte, rote Gold, wie es in unsern Liedern genannt wird, ist zu allen Zeiten ein mächtiges Bindungsmittel gewesen; aber hier gewinnt es seine vollste Macht durch die Gesinnung, in der es gegeben wird. Die Königsmilde, die rückhaltloseste Freigebigkeit, ist hier ein Drang des Herzens. Dieweil er ein Brot hat, will König Rother sein Gut teilen. Als Dietrich den ersten Sieg über Ermenrich erfochten, ist es ihm ein inniger Kummer, wo er das Gut nehme, das den Recken geziemte, die ihm Land und Ehre gerettet. Kisten und Kammern sind leer, die sein Vater Dietmar voll hatte; Gold und Gestein ist zertragen. Er klagt nicht um das Gut selbst, er klagt nur um die edeln Degen, denen er nichts zu spenden hat. Dietr. Fl. 3571-88. Besonders: er klaget so sere nicht daz gût, noch hete darumb trurigen mût, er klaget niwan die edeln degen, den er nicht gutes hete zu wegen. In diesem Lichte betrachtet ist die Milde der Könige nur Ausfluß und Bestandteil der großen Pflicht und Tugend, die wir als Treue bezeichnet haben. Ein Geringes muß es ihnen sein, ihr überflüssiges Gold mit denen zu teilen, welchen sie Land und Herrschaft, Glanz und Jugendlust, Blut und Leben zu opfern freudig bereit sind. Die Taten solcher Treue bilden den Grundbau ganzer Gedichte des ganzen Amelungenkreises; die Neigung, womit sie geübt wird, verbreitet über die Darstellung den herzlichen, oft leidenschaftlichen Ausdruck des innigsten Gefühls. König Rother sitzt auf einem Steine, drei Tage und drei Nächte, ohne ein Wort zu sprechen, trauernd um seine ausbleibenden Boten, und nachsinnend, wie er von ihnen erfahren möge. Dann fährt er selbst gen Konstantinopel und befreit sie unter mancherlei Abenteuern. Über allen Irrfahrten Wolfdietrichs, der vom Vatererbe vertrieben ist, leuchtet als fester Stern der Gedanke an seine elf Dienstmannen, die um ihrer Treue willen in Banden liegen. Kaum ist der betäubende Zauber von seinem Haupte gewichen, so fragt er nach ihnen. Er streitet mit Otnit, damit ihm dieser sie befreien helfe. In verzweifelten Kämpfen, in der äußersten Meeresnot, denkt er nur daran, daß jene ihren Retter verlieren, und dieser Gedanke gibt ihm Sieg. Am heiligen Grabe betend, empfiehlt er sie vor allem dem Schutze des Himmels. Im schönsten Glücke kann er nicht rasten, solange sie gefangen sind. Einst steht er vor einer Burg mit vielen Zinnen und Türmen, wie er nie eine herrlichere gesehen; da wünscht er, daß sie in Griechenland stände und seine elf Dienstmannen sie inne hätten, er selbst irrte dann gern im Elend umher. »Berate Gott meine elf Dienstmannen!« ist der Kehrreim des großen Gesanges. In jener nächtlichen Begegnung, wie der Held vor die Burgmauer geführt wird, darauf seine Dienstmannen seit zehn Jahren als Wächter angeschmiedet sind, wie er ihre Klage vernimmt und doch schweigen soll, wie sie bei seinem Enteilen nur den Hufschlag, das Zusammenschlagen der Hände, den verhallenden Ausruf hören, aber schon davon in ihren Banden froh werden: hier erscheint die Treue als ein rein geistiges Band, ein Gefühl durch die Finsternis, ein stets waches Angedenken, eine Nähe über Zeit und Raum. Als endlich die Erlösung naht, da ist schon Herbrands ahnende Seele von weissagendem Traume berührt, wie ein Adler die Könige, Wolfdietrichs Brüder, zerrissen und die Gefangenen gewaltig hinweggeführt. Der Traum der Treue täuscht nicht, der rettende Adler rauscht siegreich heran. Dem wiedergekehrten Herrn hält Hache ein Licht unter das Angesicht: aber statt des Jünglings steht vor ihm ein Mann mit grauen Haaren. Frühgealtert ist Wolfdietrich in rastlosem Umherschweifen. Prangen sonst die Könige in goldenen Locken, dieser ist schön im Altersschmucke der Treue. Dietrich von Bern hat acht seiner Recken nach dem Horte zu Pola ausgeschickt. Auf dem Rückweg fallen sie, bis auf einen, in Ermenrichs Hinterhalt. Nacht und Tag klagt Dietrich um sie und wünscht sich den Tod; das Gold läßt er fahren, aber an seinen Recken lag sein höchster Trost. Vergeblich bietet er um sie den Sohn Ermenrichs und achtzehnhundert Mannen, die er zuvor gefangen. Ermenrich droht, jene zu töten, wenn Dietrich nicht alle seine Lande ihm überantworte. Dietrichs Mannen raten ihm, lieber die sieben aufzugeben; da spricht er: »Und wären alle Reiche mein, die wollt' ich eher alle lassen, denn meine getreuen lieben Mannen.« Er hält Wort, läßt um die sieben Gefangenen all sein väterlich Erbe und zieht mit ihnen in das Elend zu den Heunen. Freundlich und anspruchslos ist Dietrich stets gegen die Seinigen. Als er von Bern in den Streit ausreiten will, ruft er auf, wenn jemand hier sei, den er irgend beschwert hätte, der mög' es ihm erlassen; wisse er doch nicht, ob sie ihn je wieder schauen. Da wird ein Weinen und Klagen, alle sprechen: »Ihr habt uns Leides nicht getan, Gott hab' Euch in seinem Frieden.« Wie ihm Ermenrich mit Raub und Brand das Land verheert, klagt er nicht sein eigen Gut, er klagt den Jammer seiner Leute. Innig ist seine Freude, wenn er einen seiner Getreuen wiedersieht. Schmerzlich klagt er um die, die er im Blute liegen sieht; wäre römisch Land alles Gold, er gäb' es um seiner lieben Mannen Leben. Ein gewaltiger König war er; jetzt, nach dem Verluste seiner Getreuen, nennt er sich der arme Dietrich. Als Etzels junge Söhne, die ihm anvertraut waren, von Wittich erschlagen sind, wirft er sich über sie, küßt sie in die Wunden, Blut springt ihm aus den Augen und er beißt sich ein Glied aus der Hand. Grimmig, zornflammend, erhebt er sich zur Rache. Die burgundischen Könige bewähren in der letzten Not ihre Treue. Schon haben sie den sommerlangen Tag sich gewehrt; ein kurzer Tod dünkt ihnen besser, denn lange Qual; blutfarb treten sie vor den Saal und bitten nur noch, daß man sie heraus in die Weite lasse, damit es kurz ergehe. Kriemhild verspricht, sie alle leben zu lassen, wenn Hagen allein ihr zu Geisel gegeben werde. Gernot antwortet: »Das wolle Gott nicht! Wären wir tausend deiner Blutsverwandten, wir lägen alle tot, ehe wir dir einen Mann herausgäben.« Und Giselher: »Nie hab' ich einen Freund an Treue verlassen.« Da heißt Kriemhild den Saal an vier Enden anzünden. Giselher kämpft seinen letzten Kampf mit Wolfhart: nie mochte so junger König kühner sein. Darum, als sie einander die Todeswunden geschlagen, heißt Wolfhart den Seinigen ausrichten, daß sie nach ihm nicht weinen; von eines Königs Händen lieg' er herrlich tot. Dem Bilde deutscher Könige, wie ich es aus den Liedern entworfen habe, entsprechen geschichtliche Züge und die Zusammenstellung ist nach beiden Seiten auffallend. Daß die deutschen Völker bei ihren Königen auf die Abstammung gesehen, hat schon Tacitus bemerkt. Germ. c. 7: Reges ex nobilitate sumunt. Bei den Cheruskern, den Batavern, den Markomannen, den Quaden finden wir solche Königsstämme; aus ihnen gehen die Helden der früheren Kriege mit den Römern hervor. Germ. c.42: Marcomannis Quadisque usque ad nostram memoriam reges manserunt ex gente ipsorum, nobile Marobudoi et Tudri genus. Annal. 1. XI, c.16: Eodem anno (Chr.47) Cheruscorum gens regem Roma petivit, amissis per interna bella nobilibus, et uno reliquo stirpis regiæ, qui apud urbem habebatur nomine Italicus. Paternum huic genus e Flavio, fratre Arminii; mater ex Catumero, pricipe Cattorum, erat, ipse forma decorus, et armis equisque in patrium nostrumque morem exercitus. Hist. 1. IV, c. 12: Mox aucta per Britanniam (Batavorum) gloria, transmissis illuc cohortibus, quas vetere instituto nobilissimi popularium regebant. Ebend. c. 13: Julius Paullus, et Claudius Civilis, regia stirpe, multo ceteros anteibant. Bei den Völkerschaften welche später germanische Reiche gegründet haben, dieselbe Erscheinung, mit bestimmter Benennung der Fürstenstämme. Die Ostgoten folgen den Amalern, denen sie göttlichen Ursprung beimessen, die Westgoten den Balthen, die Wandalen den Asdingen, die Franken den Merowingen, welche nach alter Sage von einem Meerwunder entsprungen sind (Grimm, D. Sag. II, 72. Vgl. 47-9), die Bayern den Agilolfingen, der nordischen Königsgeschlechter nicht zu gedenken. Jorn. de reb. get. c. 5: Divisi per familias populi, Vesegothæ familiæ Balthorum, Ostrogothæ præclaris Amalis serviebant. C. 22: Visumar (Vandalor. rex) Asdingorum e stirpe, quæ inter eos eminet genusque indicat bellicosissimum. Paul. Diac. hist. Lang 1. I, c. 14: Nolentes jam ultra Langobardi esse sub ducibus, regem sibi ad ceterarum instar gentium statuerunt. Regnavit igitur super eos primus Agelmundus, filius Ayonis, ex prosapia ducens originem Gungincorum, quæ apud eos generosior habebatur. Leg. Baiuv. I, 3: Dux autem, qui præst in populo, ille semper de genere Agilolfingorum fuit et esse debet. Überall wird auf die Abstammung von solchem Blute hoher Wert gelegt, sie gibt dem Führer kühner Unternehmungen zum voraus Vertrauen bei denen, die sich ihm anschließen; der letzte Sprößling eines solchen Stammes wird selbst in fremden Landen aufgesucht. Ein Beispiel von den Cheruskern ist schon angeführt worden. Die Heruler in Illyrien sollen, nach Procop, bis nach Thule geschickt haben, um von ihren dortigen Stammesgenossen sich, nach dem Abgang ihres Königs, einen andern vom königlichen Blute zu holen (Masc. II, 132. Geijer, Sv. Häfd. I, 92). Wird aber auch nicht leicht von dem bevorzugten Hause abgewichen, so ist doch die Freiheit der Wahl nicht ausgeschlossen; die Erhebung auf den Schild, der Zuruf der Wehrhaften, gibt erst den Ausschlag, eine geregelte Erbfolge ringt mühsam, sich zu befestigen. Öfters finden wir, wie bei den Burgunden und Amelungen der Lieder, mehrere königliche Brüder zugleich an der Spitze des Volkes, wenn auch dem ältesten einiger Vorrang zukommt; so wird das Verhältnis der drei ostgotischen Königsbrüder Walamir, Theodemir und Widemir geschildert. Jorn. c. 48: Sed nobis ... ad Vuandalarii sobolem, quæ trino flore pullulabat, redeundum est. Hic etenim Vuandalarius, fratruclis Ermanarici, ... tribus editis liberis, in gente Amala agloriatus est, i.e. Vualamir, Theodemir, Viudmir. Ex quibus per successionem parentum Vualamir in regnum conscendit, adhuc Hunnis eos inter alias gentes generaliter obtinentibus. Eratque tunc in tribus his germanis contemplatio grata, quando mirabilis Theodemir pro fratris Vualamir militabat imperio; Vualamir vero pro altero jubet ornando, Vuidemir servire pro fratribus æstimabat. Sic eis mutua affectione se tuentibus, nulli penitus deerat regnum, quod utrique in sua pace tenebant. Ita tamen ... imperabant, ut ipsi Attilae Hunnorum regis imperio deservirent. In früher Jugend schon fanden die Söhne der Königsgeschlechter zu kriegerischen Ausfahrten bereite Folge. Der achtzehnjährige Theoderich zog, ohne Wissen seines Vaters, mit dessen Recken und bei sechstausend Männern aus dem Volke, die sich ihm aus Neigung gesellt hatten, gegen den König der Sarmaten aus, vertilgte ihn und kehrte mit Sieg und Beute zum Vater zurück. Jorn. c.55: Qui Theodericus jam adolescentiæ annos contingens, expleta pueritia, octavum decimum peragens annum, adscitis satellitibus patris, ex populo amatores sibi clientesque consociavit, pene sex millia viros. Wir sehen hier ganz die altgermanische Gefolgschaft, wie Tacitus sie beschreibt, auf Theoderich, den geschichtlichen Dietrich von Bern, angewandt. Cum quibus, inscio patre, emenso Danubio, super Babai, Sarmatarum regem discurrit, qui tunc de Camundo duce Romanorum victoria potitus, superbiæ tumore regnabat, eumque superveniens Theodericus interemit, familiamque et censum deprædans, ad genitorum suum cum victoria repedavit. Theodemir erkrankte bald hernach, bezeichnete den versammelten Goten seinen Sohn als Nachfolger und verschied. Theoderich aber führte sein Volk, mit dessen Zustimmung, auf den größeren Heereszug nach Italien. Jorn. c. 56: Nec diu post hæc rex Theodemir in civitate Cerras fatali ægritudine occupatus, vocatis Gothis, Theodericus filium regni sui designat heredem, et ipse mox rebus humanis excessit. C. 57: Igitur egressus urbe regia Theodericus, et ad suos revertens, omnem gentem Gothorum, quæ tamen ei præbuerat consensum, assumens, Hesperiam tendit. Römische Schriftsteller, aus der Zeit der Gründung germanischer Reiche in Gallien und Italien, zeichnen in ihren Schilderungen junger deutscher Könige nicht etwa bloß die hohe Gestalt und den starken Gliederbau, sondern namentlich auch die frische, zartblühende Schönheit dieser unverdorbenen Jugend aus, merkwürdig übereinstimmend mit der Farbengebung unsrer Gedichte. Sidonius Apollinaris (gest. 482) beschreibt aus eigener Anschauung sehr umständlich die Person des zweiten westgotischen Theoderichs (453-466) und gedenkt dabei der gescheitelten, lockigen Haare, der schöngebogenen Nase, der feinen Lippen, dazwischen die wohlgereihten Zähne schneeweiß hervorscheinen, der milchweißen Haut, oft plötzlich von jugendlicher Röte übergossen, nicht im Zorne, sondern aus Verschämtheit. Sidon. Apollin. 1. I, ep. 11. (Masc. I, 466. Nr.1): Si forma quæratur, corpore exacto, longissimis brevior, procerior eminentiorque mediocribus. Capitis apex rotundus, in quo paululum a planicie frontis in verticem cæsaris refuga crispatur. ... Aurium legulæ, sicut mos gentis est, crinium superjacentium flagellis operiuntur. Nasus venustissime incurvus. Labra subtilia, nec dilatatis oris angulis ampliata. Si casu dentium series ordinata promineat, niveum prorsus repræsentat colorem. ... Menti, gutturis, colli, ... lactea cutis, quæ propius inspecta juvenili rubore suffunditur. Namque hunc illi crebro colorem non ira, sed vericundia facit. (Ganz wie bei dem jugendlichen Dietrich von Bern.) Dann aber auch: Teretes humeri, validi lacerti, dura brachia, patulæ manus, ... corneum femur, internodia popletum bene mascula, ... crura suris fulta turgentibus, et qui magna sustenat membra pes modicus. Derselbe Schriftsteller malt mit sichtbarem Wohlgefallen den hochzeitlichen Aufzug eines königlichen Frankenjünglings, Sigismer; mitten in der Reihe von buntgekleideten und wohlbewaffneten Gefährten, umgeben von Rossen, welche, reichgeschmückt, von Edelsteinen schimmern, schreitet der junge Freier nach dem Gezelte seines Schwähers, er glänzt in Gold, Scharlach und weißer Seide, aber Locken, Gesichtsfarbe, Haut leuchten nicht minder schön. Sid. Ap. 1. IV, c. 20: FIammeus cocco, rutilus auro, lacteus serico; tum cultui tanto coma, rubore, cute concolor. Auch an unsrem ostgotischen Theoderich rühmt Ennodius, in seiner schwülstigen Lobrede auf ihn, die hohe Herrschergestalt, den Schnee und Purpurschein der Wangen, das frühlingsheitere Auge; im Zorn aber sei er über alle Vergleichung blitzlodernd. Ennod. Panegyr. Theoder. regi dict. XXI: Sed nec formæ tuæ decus inter postrema mumerandum est, quando regii vultus purpura ostrum dignitatis irratiat. Exhibite, Seres, indumenta, pretioso, murice quæ fucatis, et non uno aheno bibentianobilitatem tegmina prorogate; discoloribus gemmis sertum texatur, et quem vehementior vipera custodet, lapis adveniat. Quæcumque ornamenta mundo obsequente transmissa fuerint, decorata venerandi genio corporis plus lucebunt. Statura est, quæ designet prolixitate regnantem; nix genarum habet concordiam cum rubore; venant lumina serenitate continua; dignæ manus, quæ exita rebellibus tribuant honorum vota subjectis ... Italiæ rector in amicitiam colligit duo diversissima: ut sit in ira sine comparatione fulmineus, in lætitia sine nube formosus. In der Vorrede zum salischen Gesetze heißt das Volk der Franken nicht nur ein tapfres, kühnes und weises, sondern auch ein edles und gesundes an Leib, ein herrliches an Aussehen und Gestalt, Gens Francorum inclyta, autore deo condita, fortis in armis, firma pacis fœdere, profunda in consiliis, corpore nobilis et incolumis, candore et forma egregia, audax, velox et aspera. König Klodwig aber wird betitelt: der wohlgelockte und schöne, comatus et pulcher et inclytus rex Francorum . Der Schmuck langer, schöner Haare, darauf die Deutschen überall großen Wert legten, mußte besonders bevorzugte Geschlechter auszeichnen, die wir auch bei Goten ( capillati ) und Franken danach zubenannt finden. Von den capillatis sagt Jornandes K. 11: Quod nomen Gothi pro magno suscipientes, adhuc hodie suis cantionibus reminiscuntur. In Cassiod. Var. hat 1. IV, ep. 49 die Aufschrift: Universis Provincialibus, et capillatis, defensoribus et curialibus in Suavia consistentibus. Agathias de imperio Justitiani: Solemne est Francorum regibus nunquam tonderi.... Cæsaris tota decenter eis in humeros propendet, anterior coma e fronte discriminata in utrumque latus deflexa. Neque vero, quemadmodum Turcis et Barbaris, implexa iis et squalida sordidaque est coma, ... ded smigata varia ipsi sibi adhibent, diligenterque curant, idque velut insigne quoddam, eximiaque honoris prærogativa regio generi apud eos tribuitur. Subditi enim orbiculatim tondentur, neque eis prolixioremcomam alere facile permittitur. Fredegar. hist. Franc. ept. c. 9: Franci electum a se regem, sicut prius fuerat, crinitum ...super se creant, nomine Theodermerem, filium Richemeris. Den Merowingen dienten die gescheitelten bis zur Erde niederwallenden Haare zum königlichen Abzeichen ( Gregor. Turon. VI, 24. VIII, 10 ) und das salische Gesetz legt auf unbefugtes Scheren gelockter Knaben und Mädchen namhafte Buße. Als jedoch den letzten des merowingischen Hauses von königlichem Wesen lediglich nichts mehr übrig war, als die langen gelben Haare, nahm man keinen Anstand, ihnen die Platte zu scheren; ein andres kräftiges Geschlecht bestieg den Königsstuhl und die Kirche gab ihren Segen dazu. Das Verhältnis der deutschen Könige zu den Wehrhaften des Volkes, ihre Abhängigkeit von der Zustimmung der letztern, bedarf keiner besondern Ausführung. Wenn die Gefolge der frühern Zeit, nach Tacitus, von der Freigebigkeit des Fürsten Streitroß und Speer, gemeinsame, reichliche Kost und die Teilung der Beute statt Soldes zu erwarten hatten, so erwies sich späterhin die Königsmilde vornehmlich in der Belehnung mit eroberten Ländereien. Aber auch der Hort der Könige, die wohlgefüllte Schatzkammer, als Zugehör und Mittel der Herrschaft, bleibt nicht unerwähnt. Die altertümliche Genossenschaft zwischen dem König und seinen Recken, und wie sie durch spätere Begriffe vom Königtum verdrängt worden, zeigt, in die Sinne fallend, ein Zug aus der westgotischen Geschichte. Unter den Gewalttaten des Königs Leovigild (gest. 586) führt Isidor an, daß derselbe zuerst im königlichen Gewand auf einem Throne gesessen, denn vor ihm seien Kleidung und Sitz dem Volke mit den Königen gemein gewesen. Weiterhin kam Salbung und Krönung hinzu. Isidor. Hispal. chron. Goth.: Primusque inter suos regali veste opertus solio resedit. Nam ante eum habitus et concessus communis, ut genti, ita et regibus erat. Ein Ausbruch des Schmerzes endlich, an Dietrich von Bern, der sich ein Glied aus der Hand beißt, erinnernd, wird von dem Alemannen Leuthar erzählt. Das Heer, welches dieser nach Italien geführt, wurde durch Krankheit aufgerieben; da soll auch er sich getötet haben, indem er sich mit den Zähnen zerfleischte. Murator. rer. ital. script. B. I, S. 426. Paul Diac. d. gest. Langob. 1. II, c. 2: Tertius quoque Francorum dux, nomine Leutharius, Bucellini germanus, dum multa preda onustus ad patriam cuperet reverti, inter Veronam, de Tridentum, juxta lacum Benacum propria morte defunctus est. (Fœda nempe rabie ita ut suas ipse dentibus carne lacerans, ejulansque occubuerit, deleto vi morbi universo illius exercitu.) Ebend. Excerpta ex Agathiæ histor. a fine Procopii ad Gothos pertinentia Hugone Grotio interprete. Ex libro secundo. S. 389: Nam mox orta lues pestifera multitudinem depascitur.Multi causam referebant ad cœli circumfluentis vitium: alii ad mutatam vivendi rationem, quod ab actibus bellorum, longisque itinerum repente ad mollia, ac delicias transiissent, veram interim causam, ni fallor, non attingentes. Ea enim erat, me judice, et immanitas facinorum, spretis Dei hominumpe legibus, conspicua maxime in ipso duce (Leuthari) divina ultio. Vecordia enim, insaniaque, plane ut rabidi solent, agitabatur: trepidebat corpus: ejulatus edebat horrendos, et modo pronus, modo in hoc, rursumque in alterum latus humi cadebat, manante spumis ore, trucibus distortisque oculis. Eo denique furoris venit homo miserandus, ut suos ipse artus vesceretur; infixis namque in brachia dentibus carnes avellebat, mandebatque, ut feræ solent, sanguinem lingens. Ita simul et impletus sui, et paulatim decrescens, eum finem vitæ infelicissimum habuit; moriebantur interim et alii, nec remisit malum, donec omnes absumserat. Febre ardentes plurimi, mente tamen integra moriebantur, alias capitis gravedo vexabat, aliis aderat delirium: varia malorum facies: unus omnibus ad mortem exitus. Hunc terminum expeditioni Leutharis, et eum secuti sunt, fortuna constituit. S. 383 ex libr. primo: Fratres hi (Leutharis et Butilinus) erant gente Alemanni, sed apud Francos eximie honorati, quippe et suæ nationis duces pridem facti. Vollständiger wird sich die Stellung der Könige zu ihrem Gefolge aufklären, wenn wir nun auch dieses in seinen hervortretenden Gestalten nach Lied und Geschichte näher betrachten. Die Meister Weil die Könige jung sind, bedürfen sie des Rates der Erfahrenen. Den Jungen, »Tumben« (Unerfahrenen), stehen die Alten und Weisen zur Seite. Jener eingeborene, blinde Trieb, welchem die siegreich entscheidende Kraft zugetraut wird, muß durch Erfahrung und Besonnenheit gepflegt, behütet, auf das Ziel gerichtet werden. Dieses ist das Amt des Meisters; er ist der Retter des ausgesetzten Heldenkindes, Nährvater des Verwaisten, Waffenlehrer, Führer zur ersten Schlacht, kundiger, vielgereister Wegweiser zu Land und Meer, unzertrennlicher Berater, Warner, Beschirmer. Hierbei mag ein Verhältnis zugrunde liegen, welches in den nordischen Sagen sich deutlicher herausstellt, als in den unsrigen. Knaben werden frühzeitig, oft von dem Vater selbst, in das Kaus eines andern Mannes zu Pflege und Erziehung gegeben. Odin und Freia selbst siedeln sich wohl in einsamen Gegenden an, um Erdensöhne groß zu ziehen. Der Zögling tritt in die Genossenschaft des Pflegehauses; ein enges Band, dem der Blutsverwandtschaft gleichkommend, verknüpft ihn nicht bloß dem Pflegvater, sondern auch dessen miterzogenen Söhnen, den Pflegbrüdern. Auf solche Weise sind auch die Söhne unsrer Meister den jungen Königen mit derselben aufopfernden Treue zugetan, wie die väterlichen Meister selbst. Am innigsten und ursprünglichsten erscheint dieses Verhältnis in Wolfdietrichs Meister Berchtung und seinen Söhnen. Nach der einen Gestalt der Sage soll Berchtung den vierjährigen Königssohn, den man wegen seiner übermäßigen Stärke für ein Kind des Teufels hält, in der Wildnis töten. Er weigert sich, wird aber mit seinem und seines ganzen Geschlechtes Tode bedroht. Da trägt er das Kind hin, das zutraulich an seinem Harnisch spielt. Er setzt es in das Gras und zieht sein Schwert aus der Scheide; als aber das Kind freudig nach dem glänzenden Stahle greift, wird ihm das Herz weich. Danach kommt er zu einem Brunnen, darauf Rosen schwimmen, und setzt es auf den Rand desselben, damit es, nach den Rosen langend, sich selbst ertränke; auch dieses hilft nicht. Nun läßt er es im Walde zurück, verbirgt sich aber unfern und bewacht es. In der Nacht kommen die wilden Tiere zum Brunnen; aber dem Kinde tun sie nichts zu leid und die Wölfe setzen sich zu ihm, es zu hüten. Berchtung erkennt, daß dieses Kind nicht vom Bösen stamme, und beschließt, es zu retten, auf Gefahr seines eigenen Geschlechtes. Wolfdietrich, von jener wunderbaren Erhaltung so benannt, wird mit Berchtungs sechzehn Söhnen erzogen, die er alle, obgleich der jüngste, an Wuchs überragt. Die andre Darstellung beginnt gleich damit, daß Berchtung die Söhne Hugdieterichs ritterliche Künste lehrt; fechten und schirmen, schießen, den Schaft schwingen, Steine werfen, den Schild tragen, den Helm binden, wohl im Sattel sitzen. Nach des Vaters Tode wird Wolfdietrich von den Brüdern seines Erbes beraubt, da kämpft für ihn der treue Meister mit seinen sechzehn Söhnen. Sechse von diesen fallen in der Schlacht, jedesmal sieht Berchtung seinen Herrn lachend an, damit er es nicht merke. Berchtung führt den vertriebenen Herrn auf seine Burg, die Mutter zählt nur zehn Söhne und will Klage erheben; da droht Berchtung, sie von der Mauer zu werfen, wenn sie nicht schweige, denn Wolfdietrich habe sich aus Schmerz über die sechs Gefallenen erstechen wollen. Manches Jahr lebt der Meister mit seinen Söhnen zu Konstantinopel in Gefangenschaft, weil sie nicht ihren Herrn abschwören wollten, den sie stets noch erharren. Zu Pfingsten halten die Könige einen Hof, alle Fürsten tragen reiche Gewande, Berchtung aber und seine Söhne, Herzogskinder, tragen graue Kleider und rinderne Schuhe. Da spricht der alte Mann: »O weh, Wolfdietrich! wärst du nicht tot, du ließest uns nicht in dieser Not und Armut!« Fürder spricht er nicht mehr; er stirbt, weil er die Hoffnung auf seines Herrn Wiederkehr aufgegeben. Seine Söhne werden auf der Mauer festgeschmiedet; als aber Wolfdietrich vor dem Graben erscheint, knien sie nieder und bitten Gott, wenn sie Treu und Ehre an ihrem Herrn behalten, ihre Bande zu lösen. Der Himmel gibt Zeugnis der großen Treue, die Ringe springen in Stücke, die Befreiten eilen von der Mauer und schwingen ihrem Herrn das Tor auf. Nach erkämpftem Siege findet Wolfdietrich seines Meisters Grab, reißt die Steine hinweg, küßt das Haupt des Toten, betet für sein Seelenheil und läßt Messe lesen; da liegt die Leiche weiß, rein, unversehrt im Sarge. Der Held gelobt, stets zu gewähren, um was bei Berchtungs Seele gebeten werde. Des Meisters Söhne werden herrlich belehnt und vermählt, und ihre Söhne, namentlich Eckart und Hildebrand, sind wieder die getreuen Meister der späteren Amelunge. König Rothers Erzieher und Ratgeber ist Berchter von Meran, eine »Grundfeste aller Treue«. Der Name Berchter, den auch einer von Berchtungs Söhnen führt, und das gemeinsame Stammhaus Meran bezeichnen die epische Verwandtschaft. Auch Berchters Söhne sind Rothers getreue Dienstmannen; sieben derselben, als Boten nach Konstantinopel geschickt, liegen dort im Kerker und werden von ihrem Herrn befreit. Manchen kalten Winter hat Berchter, der unverdrossene Mann, sein Lehen mit dem Schilde verdient, nie ist ihm der Bart zu grau, daß er daheim bliebe. Auf blankem Roß, in lichtem Harnisch sitzt der Altgreise, bis auf den Gürtel reicht ihm der breite, schöne Bart, Schild und Helm leuchten von Edelsteinen, wie von Sternen, vermessentlich reitet er, das Roß geht ihm in Sprüngen, besser denn einem Jungen. Ein merkwürdiger Ansatz zu der Sage ist es, wie der geistliche Bearbeiter die Meistertreue auch in der Sorge für das Seelenheil ausführt. In Rothers späteren Jahren kommt ein »schneeweißer Wigand« über Land gestrichen, das »edle Haar« an den Ohren abgeschoren; es ist Berchter, der von Grund auf geboren ist zu dem allertreuesten Mann, den je sich ein König gewann. Rother nimmt selbst das Pferd des Meisters in Empfang. Dieser spricht zum König: Als dein Vater an seinem Ende lag, befahl er dich mir bei der Hand; seitdem hab' ich dir beigestanden, daß niemand dir Arges bot, er hätte denn uns beide bedroht; nun aber kann ich dir nichts weiter frommen, du folgest denn meinem Rat und besorgest die »ewige Seele«. Dieses heißt im Sinne des christlichen Mittelalters, daß Rother der Welt entsagen und sich dem Klosterleben zuwenden solle. So erscheint dem Könige der Führer seiner Jugend, der Gefährte seines Heldenlebens, im Alter noch als Schutzgeist und Wegweiser zum Himmel. Als Ermenrich, nach den bösen Ratschlägen Sibichs, gegen seine Blutsverwandten wütete, wurden auch seine Brudersöhne, die beiden Harlunge, Fritel und Imbreck, von ihm treulos hingerichtet. Ihr Meister war der getreue Eckart, ein Enkel Berchtungs von dessen Sohn Hache. Wir vermissen über ihn das lebendige Lied, welches ohne Zweifel vorhanden war. In ungenügenden Überlieferungen wird er bald als Warner, bald als Rächer seiner Pflegbefohlenen gerühmt. Ersteres, die Warnung, ist hier die Hauptsache, und zwar nach folgendem Zuge, den allein noch die Wilkinensage aufbewahrt hat. Eckart (dort Fritila genannt, während einer der Harlunge Egard heißt) erfährt an Ermenrichs Hofe, daß den Harlungen ein Überfall drohe. Er wirft sich auf sein Roß und reitet mit seinem Sohn Tag und Nacht, um, dem Heere voreilend, die Harlunge zu warnen. Diese wohnen auf ihrer Burg am Rheine, Breisach in deutscher Sage. Am Ufer des Stromes angelangt, will Eckart die Fähre nicht erwarten; sie schwimmen, die Rosse nachziehend, durch den Rhein, An dieser Eile schon sehen die Harlunge, daß große Gefahr nahe sei (Wilkinensage Kap. 255, 6). Eckart ist als Warner sprichwörtlich geworden. In Dietrichs Fl. 2546–64 wird zwar der Harlungen Untergang erzählt, aber dabei Eckarts nicht erwähnt; ebensowenig bei Saxo B. VIII, 240 f. Die Namen Fritel und Imbreck kommen im Dietleib 4597 usw. vor. Eckart wird daselbst 10242–5 Haches Sohn genannt. In Agricolas Sprichwörtern (1534) findet sich Bl. 243 dieses: Der trewe Eckhart warnt jedermann. Bl. 244b: Wir brauchen dises Worts, wenn jemandt einen andern trewlich vor schaden warnet, vnd wir wöllens nach rühmen, so sagen wir: Du thuost wie der trew Eckhart, der warnet auch jedermann vor schaden. Er erscheint in dieser Beziehung als eine mythische Person. Der prosaische Anhang zum Heldenbuch besagt von ihm Bl. 212b: Man vermeinet auch der getreu Eckart sey noch vor fraw Fenus berg, vnd sol auch do belyben biß an den jüngsten tag vnd warnet alle die in den berge gan wöllen. Ebenso Agric. a. a. O.: Nun haben die Teutschen jres trewen Eckharts nit vergessen, von dem sie sagen, er sitze vor dem Venusberg vnd warne alle leut, sie sollen nit in den berg gehn usw. Ferner (Bl. 244): Vor dem hauffen (des wütenden Heers) ist ein alter man hergangen mit einem weißen stab, der hat sich selbs den trewen Eckhart geheißen; Diser alt man hat die leut heißen auß dem weg weichen, hat auch etliche leut heißen gar heim gehen, sie würden sonst schaden nemen. (Über Eckharts Beziehung zu Eckewart vgl. Grimm S. 394. 190. Der unglücklichste unter den Meistern ist Ilsan, in dessen Pflege Dietrich seinen Bruder und die zween hunnischen Königssöhne zu Bern zurückläßt. Sie sind dem Meister auf sein Leben anvertraut; aber so treulich er es meint, widersteht er doch nicht ihrer Bitte, sie vor die Stadt reiten zu lassen. Jammervoll ist des alten Mannes Ruf und Klage und wie er sich auf die, Brust schlägt, als er jene im Nebel verloren. Danach reitet er zu Dietrich und meldet selbst seine Schuld. Streng rächt der Berner die versäumte Meisterpflicht; als der Tod der Jünglinge kund geworden, schlägt er, wie er angedroht, mit eigener Hand dem Schuldigen das Haupt ab. Vielbesungen ist der alte Hildebrand, der Meister Dietrichs von Bern, sein treuester Gefährte im Kampf und Elend. Wilk. S. Kap. 382. III, 172: Das sagen deutsche Männer, daß er der treufesteste Mann war, so nur sein konnte; dazu war er beides tapfer und ritterlich, weise, milde und adlig. Laur. 204: Ich gan dir aller eren wol Baß dann dem leibe mein. In ihm ist der Ernst der Treue und die Erfahrung des Alters auf das glücklichste verschmolzen mit scherzhafter Heldenlaune und unerloschenem Jugendfeuer. Er ist ein Liebling des Volksgesanges geworden, und in diesem scheint sich eben jene scherzhafte Richtung immer mehr ausgebildet zu haben, während in dem alten Hildebrandsliede des achten Jahrhunderts noch der Ernst obwaltet. Hildebrand hat nicht bloß die Brüder Dietrich und Diether erzogen; Dietrichs Flucht 2535–2540: Diethern und Diethrich (die) zoch ein herzog rich, Hilteprant der alte, der kune und der balde, der sit not und arbeit durch sinen lieben herren leit. Ebend. 3589–98 rät Hildebrand seinem Herrn, ihr Gut anzugreifen, 4543 tröstet er denselben. Nib. 9410: Im half daz er sich waffente meister Hildebrant. als Haupt des Stammes der Wölfinge ist er ein Pflegevater vieler Helden und hält die Jüngeren unter seiner Zucht. Vollkommen berechtigt ihn hierzu seine große Erfahrung. Denn wie er der Zeit nach hundert Jahre und mehr erlebt, Roseng. I: So bin ich in sülicher ahte, hundert jor sint mir gezalt. Wilk. S. Kap. 382. III, 172: Er war 180 Jahr alt, da er starb; etliche sagen, daß er 200 Jahr alt war. so hat er dem Raume nach die weite Welt ermessen. Ihm ist kund alles Menschengeschlecht. Im alten Hildebrandslied: Chud ist mi al irmin-deot. Sechzig Sommer und Winter ist er auswärts gewallet, stets unter den Streitenden, ohne daß er je in einer Burg gebunden lag. Ebenda: Ich wallota sumaro enti wintro sehstic ur lante, dar man mih eo scerita in folc sceotantero, so man mir at burc enigeru banun ni gifasta. Hildebrandslied. Einst wird ihm geraten, daheim zu bleiben und gemächlich sich an der Glut zu wärmen; da erwidert er: Mir ist bei allen meinen Tagen zu reisen auferlegt, zu reisen und zu fechten bis auf meine Hinfahrt; das sag' ich und darauf grauet mir der Bart. Hildebrandslied (Meisterges.) 6: Du solts daheime bleiben vnd haben gut hausgemach bei einer heißen gluthe. Der alte lacht vnd sprach: Solt ich daheime bleiben vnd haben gut hausgemach, ist mir doch bei allen meinen tagen zu reisen aufgesatzt, zu reisen vnd zu fechten bis auf mein hinnefahrt. Da sag ich dir, viel iunger! darauff grauet mir der bart. Ihm sind Straßen und Steige wohl bekannt, darum ist er auch Leiter des Heeres. Dietr. Fl. 3154 f.: Hiltepranden was wol erkant die stige und die strazze. 8757: Wiser des heres was Hiltebrant. Schl. v. Rab. 338: Daz her von hunisch lande leidet durch die march, der die strazze wol bekande, Hildebrant der recke stark auf velde vnd vff steigen. 581: Dannoch sollen wir eynen han, der vns die strazzen leyte, daz sei Hilteprant der (küene) vnuerzaite. 583: Hilteprant was wisere al dahin. Er weiß die Fahnen der feindlichen Scharen zu erklären; wen niemand kennt, den weiß er zu nennen. Als Waffenmeister bewährt er sich, indem er mit kunstreichem Schirmschlag den Gegner unter seine Pflege nimmt. Roseng. I. 2180: Hiltebrant der alte vichtet listeclich. Erst begunt er suchen die ersten schirmschlege. Er hatte künig Gippich unter siner pflege. Roseng. II, 388: schirmschlag. Hildebrandslied 3: schirmenschlag. Ebd. Dresd. 25: Das er mich nam gefangen, das macht ein schirmschlag. so alter Mann gleich ihm. Sigen, 148: Kein elter riter vacht nye pas. Alph.371 Er focht mit solchem grimme, kein alter es nimmermehr gethut. Er ist listig, mit guten Ratschlägen stets zur Hand; in den mißlichsten Fällen hilft er mit einem sinnreichen Funde. Ecke 2: Mit listen wer keyn kuner den der alt Hiltprant Laur. 188b: Der kunde wyshait walten. 189a: Nu bistu ein getruwer man; niemant bas geraten kan zu sölichen sachen. 193b: Der vil wiser rete kan. 196a: Der wise man. 196a: Ebenso 196b: Ein wyser wigant. 201a: Der vil speher liste kan. 203b: Ich fürcht hiltprandes rat. Roseng. I, 2183: Hilteprant hat vil sin und hat ouch vil der liste. Alph. 343: Also sprach aus listen der alte Hildebrant. Seine Lehrart ist durchaus handgreiflich und kurzweilig. Dietrich will gegen seinen Rat nach dem Riesen Sigenot ausreiten, Hildebrand laßt ihn ziehen; erst als jener nicht binnen gesetzter Frist zurück ist, reitet der Meister selbst nach. Er findet, daß Dietrich besiegt und gefangen ist, und bekämpft nun selbst den Riesen. Der Berner, in der Wurmhöhle liegend, erkennt seinen Meister an den Schlägen: »wann ich bin sehr beschweret, so kommt er allezeit hernach, besorgt mich also schön« Sigen. 172 f.: Werlich das ist der meister mein, das hor ich an den slegen, das er mir trew wil sein; wan ich bin ser beswerte, so kumpt er alle zeit hernach, besorgt mich also schone. Aber Hildebrand ruft hinunter: »Euch ist geschehen, als dem, der weise Lehren überging: Ihr wollt mir leider folgen nicht, ich lass' Euch liegen allein.« Dietrich bittet: »Hilf mir heraus, lieber Meister! ich will dir folgen immerdar bis an dein Ende.« Da zerschneidet Hildebrand sein gut Gewand und macht ein Seil daraus, seinen ungehorsamen Herrn aus der Grube zu ziehen. Sigen. 187 f.: Und euch ist do geschehen, sam der weise lere vber gie. Ir wolt mir leider folgen nicht, den schaden habt ir wie mir geschicht; ich loß euch liegen eyne; hilff mir auß, lieber meyster mein! ich volg dir ymer mere piß an das ende dein. Als Dietrich sich scheut, mit Siegfried im Rosengarten zu kämpfen, straft ihn Hildebrand mit einem Faustschlag; dafür schlagt Dietrich den Meister mit dem Schwerte zu Boden. Jetzt hat dieser gewonnen Spiel, er stellt sich tot, in Zorn und Reue bezwingt Dietrich den Gegner; da springt der Scheintote auf. »Nun habt Ihr gesieget, nun bin ich wiedergeboren,« Seinen eigenen Sohn prüft er, indem er, unerkannt, nach langem Elend in Hunnenland, mit jenem, als dem Hüter der Bernermark, sich in Kampf einläßt; er kann wohl zufrieden sein mit der Kopfwunde, die ihm von dem Geprüften geschlagen wird, dennoch schwingt der Alte den Jungen kräftig in das Gras und gibt ihm die Lehre: »Wer sich an alte Kessel reibt, empfahet gerne Ruhm.« Den Mut der Wölfinge versucht er einst dadurch, daß er sich mit seiner Schar vor Bern lagert, mit umgekehrten Schilden, als wär' es Ermenrichs Heer. Der streitlustige Wolfhart kommt alsbald aus dem Tore gerannt, da wendet Hildebrand seinen Schild, Oheim und Neffe küssen sich, statt sich zu bekämpfen. Einen ähnlichen Scheinkampf hat er mit seinem Sohne, um Uten zu necken, im Dresdener Hildebrandsliede St. 18 ff. In Dietr. u. s. Ges. schlüpft er gar unter das Hochzeitbett. Zu bemerken ist, daß im ältesten Hildebrandsliede der Vater den Sohn nicht täuschen will, sondern dieser jenen nicht anerkennt. Indem der alte Meister sich den Lehrproben so mutiger Schüler ausstellt, kann es nicht fehlen, daß er manchmal eine Beule davonträgt. Seine neckischen Anschläge fallen oft auf ihn zurück und die Lehren, die er der Jugend gibt, überspringt er selbst in jäher Aufwallung. Die Lieder zeigen ihn gern in Lagen, welche der musterlichen Haltung einigen Eintrag tun. Der Riese Sigenot bindet ihm Hände und Füße zusammen, schwingt ihn bei seinem langen grauen Bart mit einer Hand über die Achsel und trägt ihn so hinweg; da klagt der Alte: »Noch nie ward ich beim Barte genommen: hätt' ich's zu Bern gewußt, ich hätt' ihn abgeschoren.« Als der junge Alphart auf die Warte ausgeritten, fürchtet Hildebrand, den Neffen zu verlieren. Er beschließt, ihn Streites satt zu machen und wieder in die Stadt zu bringen. In fremdem Sturmgewande eilt er nach, reitet den jungen Helden an, wird aber von dessen Schwertschlag auf die grüne Heide niedergestreckt. Er muß sich entdecken, um sein Leben zu retten, und kehrt unverrichteter Dinge nach Bern zurück, wo er, nach seinem Gefangenen gefragt, den Spott zu dem Schaden hat. Aber es ist Alpharts Verderben, daß der Anschlag des Meisters mißlungen. In der Nibelungennot wird Hildebrand von seinem Herrn ausgeschickt, um zu erkunden, ob wirklich Rüdiger erschlagen sei. Er will hingehen ohne Schild und Waffen; als jedoch der grimme Wolfhart ihn straft, daß er sich waffenlos dem Schelten der Burgunden preisgebe, da rüstet sich der Weise durch des »Tumben« Rat und mit ihm stehen alle Dietrichsrecken in den Waffen. Sie gehen nach dem Saale, bitterer Wortwechsel entspinnt sich, Wolfhart will in den Kampf springen, Hildebrand hält ihn fest; als aber doch der Löwe losbricht, da duldet der alte Meister nicht, daß einer vor ihm zum Streit komme; an der Stiege noch überfängt er den Neffen und schlägt selbst den ersten Schlag. Dies der Anfang des Streites, darin alle Wölfinge fallen, außer dem Meister selbst. Aber ernst und schrecklich tritt derjenige, der sein langes Leben hindurch der Helden Pfleger und Leiter war, zuletzt noch als der Helden Rächer hervor. Kriemhild hat selbst dem gefangenen Hagen das Haupt abgeschlagen; das erträgt Hildebrand nicht, daß ein Weib die Recken erschlage, ob sie auch seine Feinde waren, obgleich Hagen ihm eine tiefe und lange Wunde geschlagen; zornig, mit schwerem Schwertschwank haut er die Königin zu Stücken. Er allein mit seinem Herrn bleibt übrig; aber niemals bis in seinen Tod heilt die Wunde, die er an diesem Tag empfangen. Anh. z. Heldenb. 212a . Hier erschlägt der Berner Kriemhilden. Also reit der Berner und Hildebrand hinweg. Die selben wunden (es sind ihm zwei ins Haupt geschlagen) woltent Hiltebrant nye geheilen biß in synen todt . In einem spätern Streit wird er von Gunthern erschlagen. Nach Wilh. Sag. III, 172 stirbt er an Siechtum. Bei den Burgunden vertritt Hagen die Stelle des Meisters, bei den Hegelingen Wate. Letzterer zeigt in den Fechterspielen am Hofe des Königs von Irland unerwartet seine Meisterschaft. Er ist ein alter, aber grimmiger Mann, mit breitem Bart, die greisen Locken in Gold gewunden. Gudrun 1363: Sein part was im prait, sein har was im bewunden mit porten den vil gûten. 1421: Ir bayder greyse locke sach man in golde gewunden. Er weiß die rechten Wasserstraßen; 3345: Da sprach Wate der alte: ich wayss hiebei vil nahen ir rechte wasserstrasse (2981: merstrasse), wir mugens auf dem mer vil wol ergaben. 4500: Was half daz sy un wiste der alte Wate vnd von Tenen Frûte. mit dem Schalle seines Hornes, den man wohl dreißig Meilen weit hört und davon die Ecksteine aus der Mauer weichen, gibt er dem Heere Zeichen und Befehl. 4501-16. 5569-80. Am Hofe der Hegelinge dient er als Truchseß. 6447: Wate ward truchsässe der helt von Sturmlannd. Wie der Schmuck der Locken die jungen Könige auszeichnet, so der lange, weiße Bart die greisen Meister. So heißt es von Berther im Rotherliede: 2468: Siestu jenen grawin man Mit deme schonin barte stan? 2500: Vf den gurtel gine ime der bart Bi den ziden also lossam. 4947: Deme was die bart harte breit. Dieser schneeweiße Wigand reitet auch auf einem weißen Streitrosse. Als der Riese Sigenot den alten Hildebrand am Barte davonträgt, da ruft der greise Mann: »O weh! nimmer kam in meinen Bart eines Mannes Hand. So lang ich lebe, werd' ich nie mehr einen Tag von Herzen froh sein, ich räche denn meinen Bart.« Er rächt denselben auch wirklich, indem er nachher den Riesen erschlägt. Dies sein Schicksal erzählt er nachher Dietrichen also (Laßberg Strophe 43): Bi minem bart er mich gevie. Bald er do von dannen gie Cen ainem holen staine. Also sprach maister Hiltebrant: In minem barte lag sin hant, Do wart min vrœde klaine, Won ich da alles des uergas, Das mir ie wart ze liebe. Den bart er mir da us gelas Sa recht als ainem diebe. Er het mich senfter wol getragen. Hie lant die red beliben! Ich han in drum erslagen. Schon das Greifen an Locken und Bart galt für schimpflich und mußte gebüßt werden. Lex Burgund. add. I, 5. Grimm, Rechtsaltert. S. 710. Diebe wurden geschoren. S. ebend. Sein grauer Bart ist ihm das Wahrzeichen seines langen Heldenlebens, wie er im Liede zu seinem Sohne spricht: Str. 7: zu reisen und zu fechten biss auf meine hinnefahrt, das sag ich dir, viel junger! darauf grawet mir der bart, Vgl. Wilkinensage K. 375. Rasn S. 562. Dietleib Str. 2634: Darzu ich das vernommen han, Daz im grabe nu der bart. Von Berther wird gesagt, manchen kalten Winter hab' er sein Lehen, das er von Rother empfangen, mit seinem Schilde beritten, davon dem unverdrossenen Manne oft sein Bart bereift worden. Wir haben das Verhältnis des Meisters angeknüpft an den einfachen Beruf des Nährvaters, wie er in den nordischen Sagen, noch den geschichtlichen, sich darstellt; in politischer Entwicklung möchten wir dasselbe in dem Majordomus wiedererkennen, der unter den fränkischen Königen so bedeutend hervortritt, aber auch dem ostgotischen Hofe nicht gefehlt hat. Theodahad läßt sich durch den Majordomus beim Heere vertreten Cassiodor, Var. X, 18: majorem domus nostræ. Mans. 112. Masc. II, 61. Nicht als ob in den mächtigen Hof- und Staatsbeamten, welche statt des alterschwachen Königgeschlechts herrschten und zuletzt dieses vom Throne warfen, noch etwas von der Herzlichkeit und Treue der sagenhaften Meister übrig geblieben wäre. Dem Hause Pipins ist mit den Wölfingen nur das gemein, daß beide dem Königsstamme, hier der Amelungen, dort der Merowingen, die nächsten sind und das Meisteramt von Glied zu Glied in sich vererben. Aber der letzten politischen Gestaltung mußten ältere und einfachere Zustände vorangehen, und je weiter in der Zeit wir aufsteigen, um so mehr erscheint der fränkische Majordomus auch nur als der erste des Gefolges, als Erzieher, Begleiter und Berater der Könige. Pertz, Geschichte der merowingischen Hausmeier. Hannover 1819. S. 12. Die erste Erwähnung desselben, an der Grenze der Geschichte, findet sich in einer sagenhaften Erzählung, welche sogleich an das Meisterwesen in den Liedern erinnert. Childerich, Chlodwigs Vater, wird den Franken verhaßt und abgesetzt. Sein Freund Wiomad, aus einem der edelsten Geschlechter, der ihm sonst in allen Dingen geraten und beigestanden, rät ihm jetzt, nach Thüringen zu entweichen, bricht seinen Goldring entzwei und gibt ihm die Hälfte; wenn ihm die andere gesandt werde und beide zusammenpassen, soll es ihm das Zeichen zur Rückkehr sein. Die Franken wählen den Römer Ägidius zum König, Wiomad macht sich diesem beliebt und wird sein Majordomus, Als solcher rät er zu stets härtern Auflagen, dann zur Hinrichtung der Mächtigsten im Lande, der Feinde des vertriebenen Childerich. Dadurch wendet er die Franken von Ägidius ab, sie sehnen sich nach Childerich zurück und bald empfängt dieser die andere Hälfte des Ringes, das Zeichen der Versöhnung ( Gregor, Turon, histor. epitom. c. 11 . Pertz S. 16. Grimm, Deutsche Sagen II, 73 f.). So ist Wiomad gegen seinen rechten Herrn ein Eckart, gegen den andern ein Sibich. Auch die langobardischen Geschichten, wie Paulus Diaconus sie aufzeichnet, enthalten mehreres, was diesen Verhältnissen angehört. Die Recken Recke Grimm, Rechtsaltert. S. 733: Im Mittelalter war Recke ein vielgewanderter Held. Gudrun 5381: Er war auch ein reck vnd tet im streite wol . Walth. 452: Viro forti similis fuit. 330: More gigantis . Nib. 9299: Er (Giselher) wunte zû dem tote den Dieteriches man (Wolfhart) ez en-het an einen reken zware niemen getan. bezeichnet in allgemeinerem Sinne jeden tüchtigen Kriegsmann, wonach dieser Name allerdings auch dem König und dem Meister ansteht; ist aber vom König und seinen Recken die Rede, so sind unter letztern die Erlesenen des Gefolges oder der Lehnsmannschaft, die nächste Umgebung des Fürsten, gemeint. Aus der ganzen Zahl der Mannen werden zu kühneren Unternehmungen die Recken ausgewählt, daher wohl auch die Benennung Wählrecken. Rab.536: Drizzig tusent solt ir han der edeln welrecken. Rüdiger teilt sie Dietrich zu. 534: Die besten hiez er uzlesen, Rüdiger als Rottmeister. 635: Die edeln welrecken here, unbestimmt. 811: Die waren zu irn handen welrecken, bei Gunther. 850: Da kamen alrest zusamen welrecken. 858: Die recken uzerkoren. 923: Bistu ein welrecke, so lestu dich erbitten , Dietrich hinter Wittich her. Vgl. Not. 3 unten. Nib. 2033: Wol drîzech hundert recken die wâren schiere komen, ûz den wurden der besten tûsent dô genomen, bei den Nibelungen. 5903: Sô wel ich ûz in allen tûsent ritter gåt, zur Hunnenfahrt. 5925: Hagne welte tûsent die het er wol bekant, und swaz in starken strîten gevrümt het ir hant. 5940: Wir füeren mit uns hinnen sô manigen ûz-erwelten man . Vgl. Gudrun 6118: Da kam der kunig Herwig zu Ludwiges sal mit seinen walgenossen plůte far gegangen. 5666: Das haysse walblůt. Recken sind gleich »auserwählten Degen«. Nib. 4125: Die ûzerwelten degene mit schilden komen dar, einlef hundert recken, die het an siner schar Sigemunt der herre. Vgl. Nib. 8931: Dô lief er zů den gesten einem degen (al. recken) gelîch. 8134: Der rât en-zæme niemen wan einem degene, Hagen von Giselher. Vgl. Not. 3 Dietrichs Fl. 3116: Sechs recken myn dan XII tusent tegen. In Reckenweise fahren ist der Gegensatz von einer Heerfahrt oder von »viel Volkes führen«, es ist der Ausdruck dafür, wenn der König mit wenigen seiner geprüften Helden sich auf ein Abenteuer begibt, wie wenn Rother ohne die volle Heereskraft ausfährt, seine gefangenen Boten zu befreien, oder wenn Siegfried und Gunther nur zu vieren auf die mißliche Werbung um Brunhilden sich einschiffen. Roth 558: Sie reiten iren heren, Er solde mit grozen erin. In reckewis over mer vare. 586: Der herverte ist ein teil zo vil, Vnde ob du iz ton wil, So machtu diche allerbest bewaren, Wiltu in recken wis over mere varen , damit die Boten nicht umgebracht werden. 719: Ich moz vzme lande In einis reckin wise varen Vnd wille mich anderis namen. Rother fährt mit zwölf Herzogen, deren jeder zweihundert Ritter hat, und König Asprian zwölf seiner Mannen. Nib. 1373: Wie vil wir volkes fůrten. 1377: Wir sole in recken wise ze tal varen den Rin. 1384: Uns (viere) endurfen ander tusent mit strite nimmer bestan. 7319: Wan wichet ir uns reken? ja dunket es mich gůt (sagt Volker), ez heizent allez degene unde sint geliche niht gemůt. 8781: Gewaffent wart do Rüedeger mit funfhundert man, darüber zwelf recken ze helfe er do gewan . Vgl. 2803: Von drizech hundert reken wir geben dir tusent man . Dietl. 456: Er (Bitrolf) liez auch taugenlichen gar würchen, daz er wolte dan selbzwelffter seiner man füeren in die frlmde lant die pesten recken, die er vand, die welet Pitrolf darzů. 7578: Und wie der alte Hildebrant welet daz der geste schar gegen hertem streite wurde gar. Daheim sitzen die Recken im Saale des Königs, Nib. 321: Welt ir den herren (al. kunic , Gunther) vinden, daz mac vil wol geschehen; in jenem sale witen da han ich in gesehen bi den sinen helden; da sult ihr hine gan; da mugt ir bi im vinden vil manegen herlichen man. 4754: Si giengen in den sal, da si den künic (Gunther) funden bi manigem herlichem man. Dietrichs Fl. 5791: Und auch die recken uberal, die by ym lagen auf dem sal , bei Dietrich zu Bern. hören mit an, wenn ihm Botschaft zukommt, geben Rat und verheißen Hilfe, wenn ein ernster Entschluß zu fassen ist. So geht, im Alphartsliede, der Vogt von Berne vor seine Recken, die kühnen Wölfinge, in den Saal, sie springen auf, den Fürsten zu empfangen, er heißt sie sitzen, klagt ihnen seine Not, wie sein Oheim Ermenrich ihn vertreiben wolle, und mahnt sie, was sein Vater an ihnen getan und wie sie demselben Treue geschworen; erst schweigen alle und sehen in herzlichem Leid einander an; dann, als er ausgesprochen, rufen sie einhellig ihm Trost zu und geloben, Leib und Leben für ihn zu wagen, er aber will all sein Vatererbe mit ihnen teilen. Bei hohen Festen begleiten die Recken, bloße Schwerter in der Hand, die Gemahlin oder Schwester ihres Fürsten, als Schirm und Zierde des Königshofes. Nib. 22: In diente vor ir landen vil stolziu ritterschaft mit lobelichen eren unz an ir enden zit. 20: In waren untertan ouch die besten recken, von den man hat gesagt, stark unde vil küene, in scharpfen striten unverzagt. 1125: Do hiez der kunec riche mit siner swester gan, die ir dienen solden, wol hundert siner man, ir unt siner mage, die trůgen swert en-hant. Daz was das hove-gesinde von der Burgondenlant. 6725: Nu solte min herre Giselher nemen doc ein wip (sagt Hagen). Ez ist so hoher mage der mark-gravinne lip, das wir ir gerne dienten, ich unde sine man, und solde-s under krone da zen Burgonden gan. 4811: Welt ir ir des günnen, so soll si krone tragen vor Ezelen recken; daz hiez ir min herre sagen. 7744: Man sol mich (Hagen) sehen selten ze hove nach Ortliebe gan. Gudrun 67: Da sy bey recken solten tragen krone. 708: Die vor seinen helden ze hove solde gan (Hilde). 5182: Wann ich (Gudrun) steen vnder crone vor ewrn recken gůt, so hayss ich küniginne. 2192: Die alten zu den jungen trůgen ze hofe swert. Auf ein Gefolge solcher Helden wird hoher Wert gelegt und diese sind sich dessen stolz bewußt. Als Kriemhild, mit Siegfried neu vermählt, von Worms scheidet, will sie auf all anderes Erbe verzichten, nur die Recken sollen zwischen ihr und den Brüdern geteilt werden. Sie wählt sich Hagen und die Seinigen zum »Heimgesinde«. Doch zürnend erwidert er: »Wir Tronecker müssen bei den Königen bleiben, denen wir alldaher gefolgt haben.« Nib. 2797 (Str. 705): Do sprach diu vrowe Criemhilt: Habt ir (Siegfried) der erde rat umb Burgunde degene! so liht ez niht enstat, si mag ein kunig gerne füeren in sin lant. Ja soì si mit mir teilen miner lieben brüeder hant. 2803: Von drizech hundert reken wir geben dir tusent man, die sin dir heimgesinde. 2809: Ander iwer gesinde die lat in volgen mito (sagt Hagen zornig) , want ir doch wol bekennet der Tronegære site, wir müezen bi den kunigen hie ze hote bestan wir suln in langer dienen den wir alher gevolget han. 3306: Zwiu sold ich (Brunhild) verkiesen so maniges ritters lip, der uns mit dem degene dienstlich ist untertan? Gudrun 6496: Er sprach: Du solt sy mynnen, du hast von ir manigen recken gůten. Diesen folgen sie auch ferner bis in den gemeinsamen Untergang. Von solcher Treue in jeder Not heißen die Recken manchmal auch Notgestalden, Helden zu rechter Not, dann die Stäten, die Notfesten, die Sturmfesten. Rother 3548: Rother lieuer herre min, daz sin die notstadele din. Dietrichs Fl. 9277: Da waren recken zu ir hant, die man heizzet genotigot wigant. 4657: Die sine (Hildebrands) notgestalden. 6619: Die stritherten. Rab. 149: Die notgestalden alle ... die dem von Perne wolden vff Ermrichen helffen als sie solden. 537: Wie vil der dinen notgestalden were. 834: Und sint auch daz die besten in herten striten die vil notvesten. 75: Ja sint ez helde stete. 86: Dez gewerten in die starcken vnd die steten. 837: Ahey daz waren helden stete, die slugen durch die ringe, daz daz plute dar auz schrete. Alphart 74: Zwene helden zu rechter not. 76: Zu den nœthen verwegen. 160: Alphart der junge degen was ein held zu rechter not. Klage 1057: Da ruwent si mich (Dietrich) sere die notgestallen mine. Dietleib 11013: Der sturmveste. 11 292: Manig ritter sturmveste. 12 129: Die sturmvesten. Gudrun 2483: Nu was der notueste kumen in das lanndt. Dietrichs Fl. 5120: Die starcken und die notuesten. 6297: Die notuesten. Über die germanischen Gefolgschaften berichtet Tacitus mehreres vornehmlich hierher Bezügliche. Das war der Fürsten Macht und Würde, stets von einer großen Schar erlesener Jünglinge umgeben zu sein, im Frieden eine Zier, im Krieg eine Schutzwehr. In der Schlacht war zwischen Fürsten und Gefolg ein Wetteifer der Tapferkeit. Ehrlos für immer, wer, ihn überlebend, aus dem Gefechte wich; ihn verteidigen, schirmen, seinem Ruhme die eigenen Heldentaten beimessen, heilige Eidespflicht. Tacit. Germ. c.13: Gradus quin etiam et ipse comitatus habet, judicio ejus, quem sectantur; magnaque et comitum æmulatio, quibus primus apud principem suum locus et principum, cui plurimi et acerrimi comites. Hæc dignitas, hæ vires, magno semper electorum juvenum globo circumdari; in pace decus, in bello præsidium. C. 14: Cum ventum in aciem, turpe principi, virtute vinci, turpe comitatui, virtutem principis non adæquare Jam vero infame in omnem vitam ac probosum, superstitem principi suo ex acie recessisse. Illum defendere, tueri, sua quoque fortia facta gloriæ ejus assignare, præcipuum sacramentum est. Principes pro victoria pugnant: comites pro principe. Später, im vierten Jahrhundert, sehen wir den Alemannen Chnodomar an der Spitze eines Gefolges, das, als der König sich römischer Übermacht ergeben, für schändlich hält, ihn zu überleben oder nicht mit ihm zu sterben, und sich mit ihm binden läßt. Ammian. Marcellin. 1, XVI, c. 12: Quibus visis compulsus ad ultimos metus, (Chnodomarius) ultro se dedit, solus egressus: comitesque ejus ducenti numero, et tres amici junctissimi, flagitium arbitrati post regem vivere, vel pro rege non mori, si ita tulerit casus, tradidere se vinciendos. Nach Chr. 357. So will auch das Gefolge des Angelsachsen Byrhtnoth (991) den gefallenen Herrn nicht rachelos überleben. Conybeare S. XCIV bis XCVI. An Kriemhilds Heimgesinde erinnert das große Gefolge edler und streitbarer Männer, das der Ostgote Theoderich seiner Schwester Amalafrida bei ihrer Vermählung mit dem Wandalenkönige Thrasamund mitgibt und welches nachher der Fürstin unglückliches Schicksal teilt. Procop. 1. I, 8: Conjuge, nec marem unquam, nec fœminam enixa, viduatus (Thrasamundus, Vandalor. rex), ut regnum optime stabiliret, missa ad Theodoricum Gothorum regem legatione, sibi uxorem poscit sororem ejus Amalafridam, a recenti viri funere viduam. Sororem illi misit cum comitatu Gothorum mille nobilium, qui stipatorum munus obirent: hos secuta sunt ministeria e viris bellicosis collecta ad quina circiter millia. Unum item e Siciliæ promontoriis (Lilybæum vocant) sorori Theodoricus donavit. Masc. II, Anm. 38 u. Sodann 1. I, c.9: Regnante Ilderico (Vandal. reg.) Mauri Bizaceni, qui parebant Antallæ, prœlio fudere Vandalos, hisque (Vandalis) societatem et amicitiam renunciarunt Theodoricus et Gotthi, ideo facti hostes, quod Amalafrida in custodiis asservaretur, cæsique, ad internecionem Gotthi fuissent, impacto illis crimine conjurationis in Vandalos et Ildericum. Minime tamen ultum ivit Theodoricus, suas opes intelligens non sufficere ingenti classi, qua bellum in Africam portaret. Masc. II, Anm. 40, 2. Amalafrid wurde später höchst wahrscheinlich umgebracht. Ebd. 39, 6. Der Kreis der ausgezeichnetsten Recken, die zunächst um den König versammelt sind, ist gewöhnlich in der Zwölfzahl gedacht, in der Art, daß der König bald mitgezählt ist, bald nicht. So erfüllt Wolfdietrich mit seinen elf Dienstmannen, d. h, seinem Meister Berchtung und dessen zehn Söhnen, diese Zahl. In Dietrichs von Bern Gefolge werden mit dem Meister Hildebrand bald elf, bald zwölf Recken genannt. Den drei burgundischen Königsbrüdern sind neun namhafte Helden beigegeben: und wo sich die Heldenkreise feindlich gegenübertreten, kämpfen zwölfe gegen zwölfe. Die Zwölfzahl bildet nun auch in den deutschen Rechten häufig eine volle Verwandtschaft. Für die gesippten Eideshelfer, welche ursprünglich und zugleich auch Fehdegenossen sind, ist zwölfe entweder die bestimmte Zahl oder, bei verstärkter Menge derselben, die Grundzahl; auch der Schöffen sind mit dem Richter oder ohne ihn zwölfe. Bei den Geschwornengerichten zeigt sich noch dasselbe Verhältnis (Rogge S. 191. 162. 244. Grimm, Rechtsaltert. S. 217). Von der Familie ist offenbar diese Zahl auch auf die Gefolgschaft und in das Heldenlied übergegangen, wo, wie öfters erwähnt worden, die vornehmsten Recken Mannen und Mage des Königs zugleich sind. Wo dieser in seiner Vollkraft, in seiner Ganzheit auftritt, erscheint er selbzwölfte. Als Siegfried, Kriemhilden zu erwerben, gen Worms ziehen und sein Vater ihn dazu zahlreich ausrüsten will, sagt er (Nibel. Lachm. 60): Si mac wol sus ertwingsn dâ mîn eines hant. ich wil selbe zwelfter in Guntheres lant. Als der Markgraf Rüdeger endlich entschlossen ist, gegen die Burgunden zu kämpfen, sagt das Lied (Nibel. Lachm. 2106): Gewâffent wart dô Rüedegêr mit fümf hundert man; dar über zwelf recken sach man mit îm gân; di wolten prîs erwerben in des sturmes nòt Dietleib 5241: Der pote sprach: ich sach da stan wol zwelfe Dietriches man, der yetzlicher seines rates phlag. Im Volksliede von Hildebrand wird dieser gewarnt (Str. 23): Was begegnet dir auf der marke? der junge Alebrand; Ja rittestu selbzwölfte, von ihm würdestu angerand; d. h, rittest du in ganzer, voller Genossenschaft. Die Reihe der Recken, welche das Gefolge des Königs ausmachen und an deren Spitze der Meister steht, mustern wir nun noch weiter, in der Art, daß wir von den Spuren des höheren Altertums zu den Ansähen späterer Bildung vorschreiten. Heergesellen Die Bande des Bluts waren die erste, natürliche Gewähr gegenseitigen Schutzes. Das Leben des einzelnen schien in dem Grade sicher gestellt, je zahlreichere Verwandtschaft seinen Tod zu rächen drohte. Wir haben bereits erwähnt, wie im Norden ein der Blutsverwandtschaft in den Wirkungen gleichartiges Verhältnis dadurch gebildet wurde, daß man Kinder in die Pflege andrer Häuser übergab. Nicht bloß wurden hierdurch der Erzieher und dessen Söhne dem Pflegling als Vater und Brüder innig verbunden, die Allgemeinheit der Sitte scheint besonders auch darin ihren Grund gehabt zu haben, daß durch solche Übergabe die beiderseitigen Geschlechter selbst sich verwandt und hilfpflichtig wurden. In der Orvaroddssaga, K. 1 (Rafn. III, 2. S. 61) bittet sich Ingjald zum Lohne der Gastfreundschaft von Grim Lodinkin aus, daß dieser, ein sehr reicher und mächtiger Mann, seinen Sohn Odd ihm zurücklasse. »Nej,« svarede Ingjald, »Penge har jeg nok af, men din Bistand og dit Venskab önsker jeg mig, og at du skal befæste det ved at lade din Sön Odd blive her tilbage.« »Jeg ved ikke,« sagde Grim, hvad Lopthæna (Grims Frau) siger dertil.« »Ja! svarede Lopthæna, som var tilstede, »saa godt et Tilbud tager jeg med Glæde imod.« Auch Ingjald ist ein reicher Bonde. Aber noch eine weitere Ausbildung der Verwandtschaftsbande war den Bedürfnissen der Zeit angemessen. Wenn der junge Normann die Waffen ergriff, wenn er auf kühne Seezüge ausfuhr, in welchen er den Beruf seiner kräftigen Lebensjahre fand, da mußten ihm die erwünschtesten Genossen diejenigen sein, von deren Kraft und Fertigkeit er sich den wirksamsten Beistand versprechen durfte. Die Gesetze der Jomsvikingen verpflichteten zu gegenseitiger Blutrache. Den ens skulde hevne den ande som Fader eller Broder. Müllers Sagabibl. III, 63. 89. So knüpfte sich ein Band der Wahl, das man aber durch sinnbildliche Handlung denen des Blutes und der Pflege gleichzustellen suchte. Die Weihe solcher Verbrüderung bestand nämlich darin: man schnitt lange Rasenstücke auf, befestigte sie an den Enden in der Erde, richtete sie auf und stützte sie mit einem Spieße; dann traten die Freunde darunter, verwundeten sich, ließen ihr Blut zusammenfließen und vermischten es mit Erde, fielen sofort auf die Knie und schwuren bei den Göttern, einer des andern Tod zu rächen, wie Brüder, worauf sie sich die Hände reichten. Müller, Sagabibl, I, 168 (Gisle Surssöus Saga): De gaae nu ud paa en Odde, opsklære Strimler af Grönsvær, hvis Ender de befæste i Jorden, og understötte det med et Spyd saaledes, at man met Haanden kunde röre ved Naglen, der holdt Spydsjernet. Alle fire gaae derunder, saare sig, lade deres Blod löbe paa Jorden under Grönsværen, og röre Jorden og Blodet saamen. Derpaa faldt de paa Knæ, og svore ved alle Guder, at den ene vilde hovne anden som en Broder. Men da de skulde give hinanden Hænder usw. Ebend. I, 153 (Fostbrödresaga): Thorgeir og Thormod vare tvende toppre, men ustyrlige Ynglinge fra den nordlige Deel af Island, som uagtet den indförte Kristendom havde tilsvoret hinanden paa gammel Viis Fosrbroderskab, og at skulle hinandens Död. De havde nemlig skaaret trende lange Strimler af Grönsvær, fustgiort Enderne i Jorden, men saaledes löftet Grönsværen, at den sværgende kunde gaae derunder. Ebend, Ii, 656 (Saga om Illuge Grydefostre): De svore Fostbrödrelag, og lode deres Blod rinde sammen, under Löfte ad hevne hinandens Död. Saxo Gramm. 1. I, S. 12: Spoliatum nutrice Hadingum grandævus forte quidam, altero orbus oculo, solitarium miseratus, Lisero cuidam piratæ solenni pactionis jure conciliat. Siquidem icturi fœdus veterus vestigia sua mutui sanguinis aspersione perfundere consueverant, amicitiarum pignus alterni cruoris commercio firmaturi. Quo pacto Liserus et Hadingus aretissimis societatis vinculis colligati, Lokero, Curetum tyranno, bellum denunciant, Id, I, IV, S. 82: Ipse Equidem (Britann. rex) æ Fengo, ut alter alterium ultorem ageret, mutua qundem pactione decreverant usw. Finn Magn. Edd. II, 287 (Lokasenna): Loke: Mindes du vel Odin! Da vi i tidens Morgen Blanded fælles Blod (E. 0. blandede Blod sammen): Da lod du som om aldrig en Drik du vilde smage Hvis ei manden os begge böd. In der Anmerkung zu dieser Stelle II, 308 sagt Finn Magn.: Blodpagter(hvortil vel ogsaa Omskjærelsen i visge Maades höres) vare fra ældgammle Tider af almindelige i Oesterlandene. Udförligst bescrives en saadan, ved et Fostbröderskabs Stiftels ei Armenien, af Tacitus Annal. 12, 47. Ifr. Lucians Toxaris (om Skytherne) Flere hertil hörende Elfterretninger fludes hos Herodot og Mela. Die Stelle in Tacit. ann. XII, 47 , wo vom Frieden zwischen Rhadamistus und Mithridates, welcher verraten wird, die Rede ist, lautet: Simul in lucum propinquam trahit, provisum ille sacrificium imperatum dictitans, ut dils testibus pax firmaretur. Mos est regibus, quotiens in societatem coëant, implicare dextras, pollicesque inter se vincire nodoque præstringere: mox, ubi sanguis artus extremos suffuderit, levi ictu ornorem eliciunt atque invicem lambunt. Id fœdus arcanum habetur quasi mutuo cruore sacratum. Sed tunc, qui ea vincula admovebat, decidisse simulans, genua Mithridatis invadit, ipsumque prosternit; simulque, concurso plurium, injicuntur catenæ. Vgl. auch Orph. Argon. 303 ff. Das zusammenfließende Blut bedeutet offenbar die Einigung in der Blutsverwandtschaft und in den aufgerichteten Rasenstücken erkennen wir das gemeinschaftliche Dach, unter welchem natürliche und Pfleggeschwister auferzogen werden: noch heute sind im höheren Norden die Häuser mit Rasen gedeckt. Vgl. Sagan af Niáll. Kavpm. 1772, K. 80, S. 119. Trolls Briefe über Island 72: »Das Dach wird mit Rasen gedeckt, die über Sparren, bisweilen auch, welches doch dauerhafter aber auch kostbarer als Holz ist, über Rippen von Walfischen gelegt werden.« Der Spieß mag Stützen oder Holzsäulen, wovon öfters die Rede ist, bezeichnen. Auch wurden diese Verbindungen Pflegbrüderschaft (Fostbrödralag) genannt. Sie wurden manchmal gerade von solchen eingegangen, die sich eben erst im Kampfe gegeneinander geprüft hatten, Vgl. Sagabibl, 1,178: At indgaae Staldbroderskab med hinanden. Vgl, die Notgestalden. sie mußten jeder engeren Freundschaft das Siegel aufdrücken und sagten dem kriegsrüstigen Geiste der Normänner so sehr zu, daß sie, obgleich ein abgeleitetes Verhältnis, dem ursprünglichen der Blutsverwandtschaft vorgesetzt wurden, daher Blutsfreunde selbst, welche sich zu Schutz und Trutz auf das festeste verpflichten wollten, den Pflegbrüdereid zusammen schworen. In der oben angeführten Hauptstelle, Sagabibl.I, 168 gehen zwei Brüder und zwei Schwäger diese Verbindung ein, um die Weissagung Lügen zu strafen, daß ihr Übermut nicht lange dauern werde: sie geraten aber bei der Zeremonie selbst in Streit. Das Christentum konnte diese Verbrüderungen zur Blutrache nicht für erlaubt anerkennen; dennoch hörten sie mit dessen Einführung nicht sogleich auf. S. die aus Fostbr. S. ausgehobene Stelle. Sodann Sagabibl.I, 165 (S. von Biörn Hitdälakappe): Thorstein og Biörnb indgik derpaa nöie Venskab, og lovede at hevne hinandens Död, dog betingede Thorstein sig, at efterdi de nu vare Kristne, og altsaa vidste bedre end för, hvad de burde giöre, skulde ikke allene Manddrab, men ogsaa Böder og anden lovbestemt Straf ansees for anstaendig Hevn. Daß in der nordischen Darstellung unsres Heldenkreises die Pflegbrüderschaft nicht fehle, bringt schon die Landesart mit sich. Sigurd schwört solche mit den Einkungen und Gunnarn wird das zumeist vorgeworfen, daß er vergessen, wie sie ihr Blut zusammenrinnen ließen. Grimm, Edd. 242 f. 254 f. 236 f.: »Gedenkst du nicht, Gunnar, genugsam das, daß ihr Blut in die Spur beide rinnen ließet?« Finn. M. Edd. IV, 61. 69. 88: Ej du det Gunnar! Fuldelig mindes Da I Blod i Spor Begge udgjöde. Bols. Sag. K. 35. S. 124 f. K. 39. S. 156. Rafn II, 1. S. 89 f. 113. Saro B, V. S. 133: At Hoginus filiam suam Hithino despondit, rconjurato invicem, uter ferro perisset, alterum alterius utforem fore. In den deutschen Dichtungen erscheint keineswegs diese scharfausgeprägte Form der Genossenschaft. War sie auch bei den deutschen Völkern vorhanden, so mußte sie doch früher dem Einflusse des Christentums und der Ausbildung des Lehenstaats weichen, welcher, wie jeder allgemeinere Verband, geeignet war, einzelne Verbrüderungen in sich aufzulösen. Gleichwohl treffen wir auch in unsern Liedern auf merkwürdige Züge, zu deren Erläuterung es nötig schien, auf den heidnischen Gebrauch zurückzugehen. Die alten Rechte des Bluts wußten sich auch im Lehensverbande geltend zu machen: doppeltes Band hielt nur um so fester. Es war der Vorteil des Lehnsherrn, die größern Lehen an seine Angehörigen zu vergaben oder die mächtigern Vasallen durch Verwandtschaft sich näher zu verknüpfen. Darum ist fast jeder ausgezeichnete Recke »Mann und Mage« zugleich; die Wölfinge sind den Amelungen, die Tronecker dem burgundischen Königsstamme verwandt. Daß auch die Verwandtschaft durch Pflege nicht unbekannt war, haben wir an dem Verhältnisse des Meisters und seiner Söhne zu dem jungen Könige darzutun versucht und eine weitere Spur derselben werden wir in der Schildgenossenschaft nachzuweisen uns bemühen. Nicht minder tritt endlich die geschworne Bruderschaft zwischen einzelnen, die wechselseitige Verbindlichkeit zur Blutrache, in bestimmten Beispielen zutage. Die Worte Gesellschaft, Gesellen, Heergesellen, sonst auch von allgemeinerer Bedeutung, bezeichnen in solchen Fällen jene engere Verbindung. Wolfdietrich und Otnit, die sich erst unter der Linde zu Garten bekämpft, schwören beim Abschied, einer des andern Tod zu rächen. Wolfd. 70b, 6: Sy redten zů der eyle, Wer es das keme not, Auch sich erhieb die weyle, Das einer lege todt, Das schwüren sy besonder Zů rechen an der zeyt. Das seyt man durch ein wunder In allen langen weyt. Wolfdietrichs Dienstmannen heißen seine Eidgenossen 51 b , 3. 55 b , 8; er selbst 69 a , 8 der tugend ein eydtgenoß; Riesen 5la, 2 des teüffels eydtgenosse; ebenso 82b, 1 ein riesenhaftes Ungetüm. Dem Verhältnis Wolfdietrichs zu seinem treuen Gesellen Wernher, den er als Heiden bekämpft und dann getauft, mag ursprünglich auch eine solche Genossenschaft zugrunde gelegen sein. 48b, 1 v. u.: Do sprach Wolfdietheriche: Wernher, geselle mein, So rechte tugentliche Wiltu hie bey mir sein? Er sprach: ja, fürste here, Bis auf meins endes zil, Das ich mioh nimmermere Von eüoh gescheiden wil. 89a, 1–4: Und wernher an seiner seyten was jm getreülich mit. Das was in herten streyten Gutes gesellen sit. ... Do er (Wolfdietrich) nun auf der heyde Den gesellen sein verlos, Do geschach jm also leyde, Sein sorge die war groß. Do er die rechten mere Aller ersten do vernam, Von seinen schlegen schwere Mancher zum tode kam. Die Helden von Bern und Laurin schwören sich, nach hartem Streit, Gesellschaft zu. Laur. 196: Wir wollen all gesellen syn, Dietlieb und her Dieterich Mit ganzen truwen sicherlich Schwürent do geselschaft. Sy hetten beyde grosse krafft Vnd der kleine laurin Můst in dem fryd begriffen syn, Es stünd kurz oder lang. Laurin do her für sprang. Er sprach zu dem schwager syn: Seid wir nü gesellen syn, So wil ich uns machen undertan Alles das ich gůtes han . Auch Heime hat gegen Wittich, der ihm aus Todesgefahr geholfen, sich vereidet, in keiner Not denselben zu verlassen. Alph. 251: Hörstst du das, geselle Heime? sprach Wittich der degen. Uns kan niemand gescheiden, denn allein mein leben. Ich mahn dich deiner Eide, sprach der hochgeborn, Und deiner stäten treue, die du mir hast geschworn. 252: Dass du mir gehiessest bis an deinen tod, Dass mich dein Hand nicht liesse von keinerhande not, Daran solt du gedenken, du auserwählter degsn, Wo ich dir kam zu hülffe und fristete dir dein leben. 253: Das thät ich zu Mautaren, da helf ich dir aus noth: da müßtest du fürwahre den grimmiglichen tod du und der von Berne beide genommen han, wenn nicht dass ich euoh beiden so schier zu hülfe kam. So getreulich in der Nibelungennot die burgundischcn Helden alle zusammenhalten, so besteht doch zwischen Volker und Hagen noch besondre Genossenschaft. Als die Burgunden an Etzels Hof angekommen und schon durch schlimme Anzeigen gewarnt sind, blickt Hagen über die Achsel nach einem Heergesellen, den er auch in dem kühnen Volker gewinnt. Diese beiden stehen fortan überall zusammen, schaffen sich im Kampf in die Hände, behalten einander wohl im Auge, erfreuen sich je einer an des andern Wort und Tat. Sie zween allein gehen über den Hof und setzen sich trotzend Kriemhilds Saale gegenüber auf die Bank, wo sie gleich wilden Tieren von den Hunnen angegafft werden. Als nun die Königin mit einer großen Schar Gewaffneter sich nähert, fragt Hagen seinen Freund, ob dieser ihm beistehen werde, wenn es zum Streite komme. Volker versichert, er werde keinen Fuß breit weichen und käme der König mit all seinen Recken. »Wes bedarf ich dann mehr?« ruft Hagen getrost. Nachher gehen die Gäste mit Etzels Helden je paarweise zu Hof; da heißt es: wie sonst jemand sich gesellte, Volker und Hagen schieden sich nie, als in dem einen, letzten Sturme. In der Nacht vor dem Ausbruch des Kampfes übernimmt Hagen die Schildwache; alsbald erbietet sich ihm Volker zum Gefährten und dankbar antwortet jener: »In allen meinen Nöten begehr' ich niemand, denn dich allein.« Seinem Gesellen muß Hagen helfen, und wär' es all seiner Blutsfreunde Tod. Ohnmaßen reut ihn, daß er jemals über dem Spielmann gesessen, den er so herrlich kämpfen sah. Wem von Hagen Friede ward, der hat ihn auch von Volkers Hand. Keine Not an Magen und Mannen geht jenem so nahe, als da er Volkern erschlagen sieht, seine Hilfe, seinen besten Heergesellen. Rächend haut er dem alten Hildebrand die Wunde, die nie mehr heilt. So finden wir auch hier die freigewählte Heergesellenschaft noch über Verwandtschaft und Lehenspflicht gestellt und die Todesrache, wenn nicht ausdrücklich beschworen, doch ohne Säumnis vollzogen. Aber eben die fest verbundene Heldenkraft dieser beiden ist langehin der mächtigste Schutz und Beistand für alle. Wolfhart Freudiger Kriegsmut ist so sehr der Lebensatem aller Heldendichtung, daß nicht leicht in einem heroischen Fabelkreise, der sich zur vollständigen Zusammenreihung der Charaktere entwickelt hat, ein Held fehlen wird, der in seiner Person darstellt, was nach dem strengeren oder minder strengen Geiste jedes Volkes für das Äußerste der Kampflust und des kriegerischen Ungestüms gelten kann. In den deutschen Heldenliedern ist dieses die Rolle Wolfharts, vom Geschlechte der Wölfinge. Der scharfe Norden hat seine Berserker, Kämpfer, welche, manchmal von plötzlicher Wut ergriffen, mit den Zähnen knirschen, in ihre Schilde beißen, glühende Kohlen verschlingen, durch loderndes Feuer laufen, ohne Panzer (Berserker bedeutet bis aufs Hemd, Unterkleid bloß) in den Streit rennen, ja in ihrem Blutdurst gegen die eignen Genossen toben und deshalb beim Ausbruch des Anfalls in Bande geschlagen werden. Sagabibl. I, 149 (Vatnsdälasaga): Af Ingemunds Sönner var Thorstein den sindigste, Jökal den stridbarste, og Thorer henreves stundom af Bersærkergangen, hvilket ansaaes for et Uheld. 150: Thostein havde, for at befrie sin Broder for Bersærkegangen, der stundom kom over ham, naar han mindst önskede det, giord det Löfte til den Gud, han ansaae for den mægtigste, den der havde skabt Solen, at han vilde opdrage et Frillebarn, som hans Systersön Thorgrim havde ladet udsætte. Auch I, 38. Saxo B. VII, S. 189: Hic (Syualdus) septem filios habebat, tanto veneficiorum usu callentes, ut sæpe subitis furoris viribus instincti solerent ore torvum infremere, scuta morsibus attentare, torridas fauce prunas absorbere, extructa quævis incendia penetrare; nec posset conceptus dementiæ motus alio remedii genere quam aut vinculorum injuriis, aut cædis humanæ piaculo temperari. Tantam illis rabiem sive sævitia ingenii, sive furiarum ferocitas inspirabat B. VII, S. 190: Ea tempestate Harthbenus quidam, ab Helsingia veniens, raptas regum filias stupro foedare gloriæ loco ducebat usw. Tanta vero corporis magnitudine erat, ut novem cubitis proceritatis ejus dimensio tenderetur. Huic duodecim athletæ contubernales fuere, quibus officio erat, quoties illi præsaga pugnæ rabies incessisset, vinculorum remedio oborti furoris impetum propulsare. Ab his Haldanus Harthbenum ejusque pugiles viritim impetere jussus, non solum certamen spopondit, set etiam victoriam sibi ingenti verborum fiducia promisit. Quo audito, Harthbenus, repentino furiarum afflatu correptus, summas clypei partes morsus acerbitate consumpsit, igneos ventri carbones mandare non destitit, raptas ore prunas in viscorum ima transfudit, crepitantia flammarum pericula percurrit, ad postremum omni sævitiæ genere debacchatus, in sex athletarum suorum præcordia furente manu ferrum convertit. Quam insaniam illi pugnanti aviditas, an naturæ ferocitas attulit, incertum est. Paul. Diac. hist. Lang. I, 20: Erant siquidem tunc Heruli bellorum usibus exercitati multorumque jam strage notissimi. Qui sive ut expeditius bella gererent, sive ut inlatum ab hoste vulnus contemnerent, nudi pugnabant, operientes, solummodo corporis verebunda. Odin, der Kampfgott, ward auch für den Stifter dieses Zustandes, der BVerserkergang hieß, angesehen. Heimskr. ( Ynglinga Saga K. 6. I, 10. 11): Hann (Asa-Odinn) oc hofgodar hans heita lióda-smidir, því at sú íþrótt hófz af þeim í Nordrlöndum. Odinn kunni sva gera, at í orustu urdu óvinir hans blindir, eda dausir, eda óttafullir; enn vopn þeirra bitu eigi helldr enn vendir: enn hans menn fóru bryniu lausir, oc voru galnir sem hundar edr vargar, bitu í skiölldu sína, voru sterki sem birnir eda gridungar: þeir drápu mannfólkit, can hvartki elldr ne iarn orti á þá: þat er kallat berserksgangr. Dän. Übers. S. 11: Hand oc hands Hoffguder kallis Sangsmede (Dietemestere) thi den kunst bogynte fra dennem i Nordlandene. Odin kunde saa giöre, at hans Fiender udi Strit blesue blinde, elle döve eller forskræckede. Men deris Vaaben kunde icke bide mere end Ris-Qviste. Men hans egit Folk ginge frem foruden Brynie, saa galne som Hunde elle Ulfuc, bede i deres Skiolde, oc varo saa stærke som Biörne eller Tiure, oc sloge ihiel for Fod, men huercken Ild eller Jærn kunde bide paa dennem. Det bloff kaldet Berserksgang (Kiempegang). Note 5: De Berserkis dictaque corum rabie vide annotationes ad Christni-Saga p. 142. Übrigens gedenken auch Sagen von geschichtlicher Geltung der Berserkerwut, die als ein Unheil für den damit Befaßten betrachtet ward, und noch das isländische Christenrecht von 1123 erklärt da, wo es gegen die Überbleibsel des Heidentums eifert, sowohl den Berserker selbst, als diejenigen, welche den Wütenden nicht zu bändigen sich bemühen, für rechtlos. Jus ecclesiast. vetus s. Thorlaco-Ketillian. constitut. an Chr. MCXXIII. ed. Gr. Thorkelin. Havn. et Lips. 1776. Cap. XVI, um Blótskap, de Idololatria S. 78: Ef madr gengr bersercs gáng oc ver þat fiörbaugsgard, oc ver saa karlmönnom þeim er biá ero nema þeir hepti hann at, þa ver engum þeirra er þeir vinna stödvat. Ef optar kemr at, oc ver pat fiörbaugsgardi. Furore actus berserkico relegetur, præsentesque viri, nisi rabidum compescant, eadem poena afficiantur; si eum compescere possint, poenæ obnoxii non sunt. Sæpius rabins relegetur. Vgl. Münt. 544. 530. Es ist an sich nicht unglaublich, was in einer andern Schrift hierüber geäußert worden, daß, in Zeiten vorwiegender Körperkraft, das Übermaß aufgeregter Lebensfülle sich zu augenblicklicher Raserei steigern konnte. (S. Menzel, Gesch. d. D. I, 10.) Die deutschen Lieder erwähnen des Berserkerganges nicht ausdrücklich, aber einzelne Erscheinungen deuten darauf. Rothern zu Hilfe führt der Riesenkönig Asprian zwölf riesenhafte Mannen, darunter den grimmigen Widolt, der seines Zornes wegen, einem Löwen gleich, an die Kette gelegt ist. Wenn sich Streit um ihn erhebt oder sonst sein Zorn erregt wird, sträubt er sich an der Lanne, brummt wie ein Bär, beißt in das Eisen, daß Feuerflammen herausfahren, schickt schreckliche Blicke umher und wirft mit Steinen um sich. Läßt man ihn von der Kette oder hat er selbst sie gebrochen, so schwingt er die ungeheure Stahlstange, womit er, wie mit Donnerschlägen, die Feinde zermalmt, daher er auch Widolt mit der Stange genannt ist. Unter den Kämpfern im Rosengarten erscheint der Riese Schruthan; wenn dieser sein Schwert auszieht und zu Streite geht, so verliert er seine Sinne, daß er niemand leben läßt; ein Heer würd' er vertilgen, wenn ihn sein Zorn ergreift. Spuren solcher kriegerischen Wut zeigen sich noch bei Wate im Gudrunliede, der leichter in starken Stürmen ficht, als er bei schönen Frauen sitzt, der, blutberonnen, »mit griesgramenden Zähnen«, Fremden und Freunden schreckbar, in seinem Zorne dahertobt, endlich bei Wolfhart, dessen Bild hier mit den festen und starken Strichen unsrer Lieder wiederzugeben ist. Wolfhart, ein Wölfing, Meister Hildebrands Neffe und Alpharts Bruder, ist ein junger Held, der nimmer Streites satt wird. Roseng. I. 192: Ich gedenke noch, Wolfhart, Du werdest strites mat. Dietr. Fl. 8430–46: Da muz ich vechtens werden satt Oder ich muz da geligen tot. Dietl. 11 415: Wie halt Wolfhart der mære Nie ware komen an die stat, Da er vechtens wurde sat, Doch was ermuedet so sein hant . Er heißt der starke, der schnelle (Nib. 6893–9202), der kühne, der grimme, in Schlachten der wütende Mann. Überall rät und reizt er zur Gewalt, zur Rache, zum offenen Kampfe. Was soll ein Recke, von dem niemand spricht? Besser, von Heldenhand, als auf dem Stroh zu sterben; je mehr Feinde, desto mehr müssen ihrer unterliegen. Sigen. 22: Was sult eynes edlen fursten leib, Des lob wurd gar verswigen usw. 123: So geschech mir lieber von (eines) heltes hant, den das (eyner){ich} posleichen alhie ersturb auf eynem stro: wurd ich erlich erslagen, des wer ich werlich fro. Dietr. Fl. 3393–95: Wir mussen doch ersterben; wir sulten hute werben, daz man uns klage hin nach. 6117–21: Ir geliget dester mer under. Rab. 526: Ir gel(e)it dester mer vnder ... ist ir vil (so) slahen wir ir desto mere Dietl. 7764–90: Zweu sol der in herefart, von dem man nicht ze reden hat usw. Er verlangt stets den Vorstreit, rennt vorschnell und unaufhaltsam einem Löwen gleich, in wilden Sprüngen, unter die Feinde und tobt umher, daß ihm das Blut von den Füßen über das Haupt springt. Nib. 9193 (Str. 2208): Do wold er zů zim springen, wan daz in niht enlie Hildebrant sin œheim in vaste zim gevie: ich wæn du woldest wüeten, durch dinen tumben zorn usw. Lat abe den lewen, meister! er ist so grimme gmůt usw. Alsam ein leu wilder lief er vor in dan; im wart ein gæhez volgen von sinen vriunden getan. Swie witer sprunge er pflæge usw. 9280 (Str. 2231): So rehte krefteclichen er zů dem kunege drang, daz imez blůt under füzen alüber daz houbet spranc. Dietl. 9383: Er sprang, als wir hœren sagen, als ein wilder liebhart. Im wildesten Kampfe verjüngt er sich, sein Herz klingt vor Freuden, wie eine Schelle. Dietr. Fl. 6981–92: Hei getet(en) wir noch eine vart do uns so wol (an) gelunge! ach wie dan myn hertz klunge vor freuden als ein schelle! wurde ich in miner zelle noch ymmer gewaltig alsam ee, so geschech werlichen wee dem könig Ermriche usw. Rab. 601: Wolfhart des tages in dem strite vaste junget. Zornigen Rufes, der laut, wie ein Horn, erschallt, Roseng. I, 1163: Wolfhart dem kuenen wart die rede zorn. Er begunde rueffen daz sin stim lut als ein horn: Er sprach: ich wil noch me striten durch den alten grin usw. mahnt er die Streitgenossen, niemands zu schonen, Raben und Geier mit Blut zu laben, das Feld mit Leichen zu düngen; wen dürstet, der soll Blut trinken, die Scheide soll man wegwerfen und das Schwert kräftig in beide Hände nehmen. Dietr. Fl. 6024–38: Sie werden kleine gespart usw. 6402–30: Nu freuwt uch helde gute wir sollen in mannes blute heute waten untz uber die sporn usw. Ahei waz freude mir geschiht wen noch hute myn auge ansicht daz sich die geyr und die raben mit dem blute muzzen laben. 6456–64: Wolfhart der hochgemute schrey alsam ein wutend man: nu lant genesen nieman ... daz manig frawe hernach clait. 6544–61: Wolfhart schrei sere: Ir lat ir einen hin nicht ... ist under uns ieman, er sihe here oder furste, den von hitze durste, der leg sich nieder und trink daz blut und fecht aber als ein helt gut ... wir sollen uns mit blute twahen. 6702–7: In der zit kam Wolfhart gerant, als ob er were ein tobend man. Er rieff Dietlaiben an: Lazza den schilt auf daz lant! nym das swert in baide hant und slahe slege vngezalt. 8437–46: Da soln vogel und tier buzzen ires hungers gier mit azze und mit blute usw. 9370–77: Vaste rieff der sturmgite als ein wutender man: Lat, helde, dar gan und lazzet nieman genesen! Ez muz ein urtail wesen: wir soln auch nit langer leben. Ez wirt nieman von mir fried geben, jungen noch alten. Rab. 517–20: Wir tungen das gevilde, daz man hin abe sehe gan den bach von dem blute ... sprach der wutende man ... da von mynen handen muz fliezzen das blut ... ich mache satel lere usw. 527: Raben und geyren die wartent ane zal. 601: Sie vielen vaste ana zal: owe, daz velt lag getunget. 747: Ahei! da sich ich myn tunge. 763: Der waz aller rot von blute. 855 f.: Ir tunget vast die wilde: werffet von den handen die schilde vnd nemt die swert mit krefften! Sein Aufzug im Rosengarten, wo er billig den ersten Kampf hat, wird so beschrieben: er führt im Schild einen goldnen Wolf, sein Speer ist armesdick, sein Roß, weiß wie Hermelin, geht in Sprüngen, auf dem lichten Helme steckt eine silberweiße Stange mit Goldschellen, die, wenn er den Helm schüttelt, laut erklingen, Roseng. I, 1116: Also vermessenclichen sprangt Wolfhart in den tot. Sin helm was gesteinet und gap ouch liechten schin. Do fůrt er an dem schilte ein wolf, was rot guldin. Do fůrt er uf dem helme, der degen vil gemeit, Ein silberwisse stange, von der man wunder seit, Daran die goltschellen, daz rede ich ane wank, Wenn er den helm erschutte, daz ez vil lut erklank. Sin ros gieng in sprüngen, das was wiz als ein harm. Do fůrt er in der hende ein sper groz als ein arm. eben wie in seiner Brust das kampffreudige Herz. Zierliches Benehmen bei Frauen ist nicht seine Sache, des Kusses entbehrt er wohl, des Streites nicht. Er scherzt gern, doch nicht zum feinsten; nach dem Rosengarten, rät er, soll jeder Mann ein altes Trumm Seide mitnehmen, für den Fall, daß ihm der Schädel zertrennt würde; dort wird ihm auch, wie er selbst gesteht, sein ungekämmtes Haar von Hagens Schwelte nur allzu wohl geschlichtet. Im Sigenot (126–32) scherzt er mit Uten, sie soll sich nicht um einen Alten grämen; ihm selbst kehren alle Frauen das Hinterteil zu. Roseng. I, 145-56: Nu küsse sy der teuffel... ich minne lieber ein junckfrowe muleht unde swartz. 195-244: Solt ich noch Wurmez riten vmb einen rosencranz? Ich belib lieber hie heimen, so blibet mir der schedel ganz... Ich wil ir lon die rosen, ich hab ir heimen genüg. Ich hab disen sumer gegangen, daz ich ir keine trüg ... Ich wil mich nit me ruemen, den ich vol bringen mag. Ich gebe für daz küssen lieber einen schlag... Ires kusses enbir ich wol, irs strites enbir ich nicht ... Ieder man so1 mit im füeren ein altez sidin dron, Wirt im sin houbet endrennet, zü dem ist ez im fron. 671-78 zürnt er, daß man den einzigen Fergen fürchte: wie süllent wir den in dem garten zwelf gesigen an? Wir sullen ime flehen als man dem esel tüt, Wenne er nüt seck wil tragen, mit einem knütel güt usw. 2255-66: Wolfhart ist ungezogen usw. Er setzet rosen krenze uf ungekemtez hor ... Min hor ist mir gekembet gar unvermessenlich ... Also mir ist geslichtet, ich trüeg ez lieber krump. Hagene von Tronie mir mines hores pflag. Mit sinem güten swerte gap er mir mangen slag usw. Roseng. II, 38 verschmäht er das Magdtum der Jungfrau: das ist mein beste freude, wenn ich fechten soll. Sein jäher Zornmut verursacht, gegen Dietrichs Verbot, den Kampf der Wölfinge mit den Nibelungen, darin jene, außer Hildebrand, sämtlich untergehen. Als er selbst von Giselhern die Todeswunde empfangen, läßt er den Schild fallen, hebt hoch das Schwert und gibt dem Gegner den Tod. Hildebrand sieht den Neffen im Blute liegen und will ihn aus dem Hause tragen, aber Wolfhart ist ihm zu schwer. Aus dem Blute blickend, heißt er den Oheim den Verwandten sagen, daß sie um ihn nicht weinen, von eines Königs Handen lieg' er hier herrlich tot und sein Leben habe er so vergolten, daß von ihm allein wohl hundert erschlagen liegen. Nib. 9301 (Str. 2234): Also der küene Wolfhart der wunden do enpfant, den schilt den 1iez er vallen, hoher an der hant hüb er ein starkes waffen, daz was scharpf genüc; durch helm unt durch ringe der helt do Giselheren slüc. Sie heten beide einander den grimmen tot getan. 9310 ff.: Hildegrant was gegan, da Wolfhart was gevallen nider in daz blüt. Er besloz mit den armen den reken küen unde güt. Er wolden uz dem huse mit im tragen dan; er was ein teil ze swaere, er müse in ligen lan. Do blikte uz dem blüte der rewunde man, er sach woldaz im gerne sin neve het geholfen dan. Do sprach der totwunde usw. Unde ob mich mine mage nach tode wellen klagen, den naehesten und den besten den sult ir von mir sagen, daz si nach mir niht weinen, daz ist ane not, vor eines küneges handen lige ich hie herlichen tot. Ich han ouch so vergolten hier inne minen lip, daz ez wol mugen beweinen der güten ritter wip. Ob iuch des iemen vrage, so mugt ir balde sagen, vor min eines handen lizgent wol hundert erslagen. Nachher findet Dietrich den Leichnam; mit rötlichem (jugendlichem) Bart und durchbissenen Zähnen liegt Wolfhart unter den Erschlagenen, das Schwert so fest in die Hand verklemmt, daß man es mit Zangen aus den langen Fingern brechen muß. Klag. 1758 (Lachm. 835): Do sah er (Dietrich) Wolfharte mit rotelihtem barte Tot gevallen in das bluot... Wolthart der wigant der het verchlomen in der hant daz swert in sturmesherter not, swie der helt doch waeere tot, daz dietrich und hiltebrant im daz swert Beständig in Dietrichs Gefolge, dient Wolfhart dazu, den Charakter des Haupthelden durch Gegensatz hervorzuheben. Wenn Dietrich zögert, tobt Wolfhart, durch Hohn und Trotz sucht er den zweifelmütigen Herrn aufzureizen; aber des Berners Zornflamme, die nur im rechten Augenblick auflodert, ist entscheidend und siegreich, während Wolfharts nimmersatte, voreilige Wut ihn selbst und andre in Not und Verderben reißt. Der Spielmann In einer Welt, die gänzlich vom Gesange getragen ist, muß der Gesang selbst seine Geltung haben. Je weiter hinauf im Reiche der Lieder und Sagen, je unbedenklicher führen noch Könige und Helden das Saitenspiel, je wirksamer greift der Zauber der Töne in den Gang der Begebenheiten ein. Drei Helden deutscher Sagenkreise sind der Töne mächtig, Rother, Horand und Volker, außerdem, daß manchmal eine rüstige Schar singend daherreitet. Das Gedicht von Rother hat noch recht seinen Grundton in den drei Harfenschlägen, welche dieser König den abfahrenden Boten zum Zeichen gibt, daran sie in der Not seiner gewiß sein sollen. Getrost auf diese Klänge fahren sie hin, mit lautem Ruf und sausenden Segeln. Als sie zu lang ausbleiben, nimmt er wieder die Harfe und steigt selbst zu Schiffe. Die Königstreue, die sonst mit dem Schwerte sich bewährt, waltet hier im Wohllaut des Saitenspiels. Denn als die Gefangenen, auf Rothers Bürgschaft, zum erstenmal wieder außerhalb des Kerkers gespeist werden, da erklingt hinter dem Umhang der Leich, von dem ihnen Becher und Messer entfallen; freudetrunken begrüßen sie den »reichen Harfner«, dessen erste Klänge ihnen die Losung zur Freiheit, der Königstochter aber, als Zeugin dieser wunderbaren Wirkung, das Wahrzeichen sind, woran sie den König erkennt, dem sie jetzt zu folgen bereit ist. uz der hand chunden nie gebrechen, dem zornmůtes vrechen, unz daz sis mit zangen uz sinen vingern lange můsen chlosen dem man. Do man daz wafen gewan, owe, sprach her Dietrich, vil guot swert, wer sol dich nu mer so herliche tragen? du wirst nimmer mer geslagen so vil bi kunigen richen, also dich vil lobelichen hat geslagen Wolfhart ... Wolfhart vor den wiganden mit durchbizzen zanden noch lach in dem bluote. In hiez der degen guote heben uz der aschen: sin herre bat in waschen und vloewen uz den ringen. Sonst kommen in dem Liede von Rother noch mehrmals Spielleute als eigentliche joculatores vor. Die Rückentführung durch den Spielmann ist Wiederholung dessen, was ursprünglich durch den König selbst geschieht. Im Hegelingenliede führt nicht der König Hettel selbst die Braut heim, sondern sein Recke, der sangeskundige Horand. Aber in diesem erscheint noch jene Ansicht des Altertums, daß der Musik ein Zauber, eine unwiderstehliche Gewalt über die Natur und das menschliche Gemüt innewohne. Wenn Horand singt, dann schweigen die Vögel, die Tiere des Waldes lassen ihre Weide stehen, das Gewürm kriecht nicht weiter im Grase, die Fische schwimmen nicht von der Stelle, Traurige werden getröstet und Kranke gesund, den Gesunden schwinden die Sinne; dann muß die Jungfrau aus der Kammer an die Zinne und zuletzt folgt sie dem Sänger über das Meer. Die süße Weise, von der sie bezwungen wird, hat weder zuvor noch hernach ein Christenmensch gelernt, Horand hat dieselbe auf der »wilden Flut« gehört, d. h. von irgend einem Wassergeiste. Denn eben den Naturgeistern in Berg und Flut sind solche Wunderklänge vornehmlich eigen, wie auch unser Bergkönig Elberich die Harfe herrlich spielt. Otn. Str, 522: Do trüg Elberich der cleine ein harpfe in der hant. Er rürte also geschwinde die seiten alle sant. In einem süssen tone, Das der sal erdroß usw. Darum kann auch Laurin zu Bern ein gaugkler sin (Heldenb. 207a). Die Berge Laurins usw. sind ohnehin voll Klanges. Silv. de ronanc. S. 244. 261. All dieses stimmt oft wörtlich mit den Schilderungen überein, die in schwedischen, dänischen und schottischen Volksliedern von der Wunderkraft des Gesanges oder der Goldharfe gemacht sind, wodurch die Tochter des Bergkönigs oder die Jungfrau im Elfenhaine den Christenmann verlockt, oder umgekehrt der christliche Bräutigam dem Wassernix die geraubte Braut abnötigt, oder auch eine Hirtin, ein Mühlmädchen den König hinreißt, die Goldkrone auf ihr Haupt zu setzen. Von solchen Zaubertönen heißt es dann in den Liedern: die Vögel auf den Zweigen vergessen, was sie singen sollen, Waldtiere und Fische, wohin sie springen oder schwimmen wollten; der Falke breitet seine Schwingen aus, der Fisch spielt mit seinen Flossen: die Wiese blüht, der Wald belaubt sich: Menschen und Wassergeistern lacht und weint das Herz; der König und seine Hofleute tanzen, Holz und Halm tanzen mit; die Rinde wird vom Baume gespielt, das Horn von der Stirne des Stieres, der Turm von der Kirche; Leichen erstehen aus den Gräbern, die versunkene Braut hebt den weißen Arm aus den Wellen und eilt auf den Schoß des Geliebten zurück. Svensk. Folvis. I, 33. 35. 128 (Riddaren Tynne). III, 47 (Vallpiga). 51 f. (Vallkulla). 54. 57 (Quarnpiga). 142. 144. 147 (Harpans kraft). 170 (schwed. Elfenhöh'). Udv. dansk Vis. I, 235 (Elvehöj. Vgl. Grimm 156, 521). 328 f. ( Harpens kraft ). Bei den Alten Orpheus, Sirenen. Jamieson, Popul. Ball. and Songs. Edingburg 1806. I, 93, 99. Daß man vom Wassernix (Strömkarl, Recken) Musik lernen könne, daß es eine den Elfen abgehörte Tanzweise gebe, bei welcher Junge und Alte, Blinde und Lahme, die Kinder in der Wiege, selbst alle Hausgeräte zu tanzen anheben und wovon der Spieler selbst nicht ablassen könne, wenn er nicht das Stück rückwärts zu spielen wisse oder ihm von hinten die Saiten der Geige zerschnitten werden, ist im Norden alter Volksglaube, und auf Ähnliches deutet in einem altdeutschen Gedichte, einer Erzählung des dreizehnten Jahrhunderts, der Albleich (Elfenspiel), die süßeste Weise, die Fiedlern zu Gebot steht. Arndt, Reis. III 17.IV, 241 f. Svensk. Folkv. III, 128. Grimm, Elfenm. LXXXIII, Grimm, Zur Rezens. Vorr. II, nach PF. Hands. 341. BL. 341; da saßen Fiedler und videlten alle den albleich , die süßeste Melodie. Vgl. Silva de ronanc. 244: del conde Arnaldos y del marinero . Faurilel II, 80. 390. Grimm, Deutsche Mythol. S. 438 f. Verweisen wir die einzelnen Erzählungen der Geschichtbücher von deutschen Königen, welche Gesang und Tonkunst übten, immerhin in das Gebiet der Sage, z. B. daß der Wandalenkönig Gelimer, mit dem Rest seines Volkes auf dem Gebirg eingeschlossen und ausgehungert a. Ch. 534), sich vom feindlichen Feldherrn ein Saitenspiel zum letzten Trost erbeten habe ( Procop.hist. misc. 1. II, c. 6. Grimm, D. S. I, 13 f.); oder daß noch der angelsächsische Alfred (um 878) als Harfner das Lager der Dänen ausgespäht! Vgl. Beda IV, 24: Unde nonnunquam in conviviio, cum esset laetitiae causa, ut omnes per odinem cantara deberent, ille, ubi appropinquare sibicytharam cernebat, sugebat a media caena. Lingard I, 211. R. 1 findet diese Geschichte, die Ingulf S. 26 und einige nach ihm erzählen, an sich selbst unwahrscheinlich, auch sei sie Affern nicht bekannt gewesen. Hume I, 53 führt W. Malmesb. 2, 4 an und erhebt keinen Zweifel gegen die Erzählung. die Sagen selbst setzen einen Begriff von der Würde des Gesanges voraus, wonach man diesen mit jedem höchsten Berufe vereinbar fand; ist ja doch das Lied den Heldenaltern der Ausdruck aller geistigen Regung und Bildung. Im skandinavischen Norden, wo Odin, der Schlachtengott, den Dichtertrank geraubt hat und den Dichtern Gesänge gibt ( Edd. III , 9), Heimskr. I. 10 f. ( Yngl. S. K. 6): Maellti han allt hendingum sva sem nu er bat qvedit, er skalldskapr heitir: Han oc hofgodar hans heita lióda-smidir, bovi at su ibrótt hóiz af beim í Nordrlöndum. Vgl. oben S. 61 ist vollkommen geschichtlich bestätigt, daß, als Skalde zu glänzen, den Königen und den gepriesensten Helden für ehrenvoll galt. Noch in späteren Jahrhunderten, in der Blüte des deutschen und romanischen Minnesanges, stehen die höchsten Namen in der Reihe der Sänger. Aber neben dieser freien Übung edler Kunst zeigt sich von frühester Zeit ein gewerbmäßiger Betrieb, der zwar als ergötzlich, ja als unentbehrlich gehegt und belohnt, jedoch mehr und mehr mit dem Stempel der Unehre bezeichnet ward, eben weil hier die Kunst mehr um Sold, als um Ehre, diente, weil das Lob in solchem Gesange für ein feiles galt und die Begehrlichkeit der Sänger zu gemeinen und sittenlosen Hilfsmitteln griff, daher auch in den Rechtsbüchern des dreizehnten Jahrhunderts die Spielleute den Ehr- und Rechtlosen beigezählt sind. In diesem Doppellichte des heldenhaften und des gewerbsmäßigen Kunstberufes betrachten wir den Spielmann Volker und dessen Auffassung im Nibelungenliede. Die Eddalieder und die Wolsungensage wissen nichts von Volker, sie teilen dem Könige Gunnar selbst die Gabe des Harfenspieles zu, ganz mit altertümlicher Zaubermacht. Von Atli in den Schlangenhof geworfen und an den Händen gefesselt, schlägt er die Harfe, die ihm seine Schwester zugeschickt, mit den Zehen so herrlich, daß Frauen weinen, Kämpfer erschüttert sind und das Gebälke zerspringt; die Schlangen aber schlafen ein, ausgenommen eine Natter, die den Helden ins Herz sticht. Fern über den Sund hat Oddrun, seine Geliebte, die mächtigen Saitenklange vernommen, womit er sie zu Hilfe ruft, eilend fährt sie hinüber, trifft ihn aber nicht mehr lebendig ( Edd. IV, 105. 138 f. 151. 175. Vols. S. Kap. 46, S. 190). In dem deutschen Liede nun hat der König das Saitenspiel an seinen Recken Volker abgegeben. Schwert und Saitenspiel in denselben Händen bilden an sich einen Gegensatz, der um so stärker den Witz, ja die ironische Betrachtung hervorrief, je seltener diese Vereinigung in der Wirklichkeit geworden war. Volker von Alzei, einer von den tapfersten und mächtigsten Recken der burgundischen Könige, der Bannerführer ihres Heeres, erscheint zugleich als Spielmann, als Fiedler; denn bezeichnend ist schon die Fiedel, die Geige mit dem Bogen, an die Stelle der älteren Harfe getreten, welche noch vom König Rother geführt ward und im Liede von Morolf stets die deutsche Harfe heißt (vgl. Venant. Fortun. um 570: Romanusque lyra, plaudat tibi barbarus harpa). Da wird denn im Nibelungenlied für nötig erachtet, besonders zu erklären, warum Volker der Spielmann genannt war, nämlich: »weil er fiedeln konnte«, d. h. nur, weil er der Kunst mächtig war, nicht aber nach Art der fahrenden Leute auf Erwerb damit ausging. Beigefügt ist ausdrücklich, er sei ein edler Herr gewesen, dem viel guter Recken untertan waren, dessen Gefolge solch Gewand trug, daß ein König sich nicht daran zu schämen hätte, und so führt er auch im Verlauf des Gedichtes, gleichsam zur Wahrung seiner Ehre, meist ein auszeichnendes Beiwort: der edle, der kühne Spielmann: kühnerer Fiedler war nie einer; groß war seine Kraft neben der Kunst; und als ihn die Tochter des Markgrafen Rüdiger unter den sechs vornehmsten Gästen mit Kuß empfängt, wird namentlich bemerkt, daß ihm als Helden solches widerfahren. Wenn nun dieser edle und kühne Recke dennoch gleich andern Spielleuten in Rüdigers gastlichem Saale kurzweiliger Sprüche voll ist und zum Abschied vor der Hausfrau süße Töne fiedelt und ihr seine Lieder singt, auch dafür zwölf Goldringe zur Gabe empfängt, die er zu Hofe tragen soll, und wieder umgekehrt, wenn er wie ein wilder Eber ficht und doch ein Spielmann ist, das mußte den Zeitgenossen des Liedes überaus ergötzlich vorkommen. Mit dem grauenvollen Ernste der Begebenheiten steigert sich die Ironie dieses Gegensatzes zu schneidendem Heldenscherze. Einen Fiedelbogen, stark und lang, einem scharfen, breiten Schwerte gleich, zieht Volker an sich, als er vor Kriemhilden auf der Bank sitzt; schweren Geigenschlag droht er den zubringenden Hunnen, laut erklingt ihm der Fiedelbogen an seiner Hand, ungefüg siedelnd geht er durch Etzels Saal; wie ein wilder Eber ficht er und ist doch ein Spielmann, seine Leiche lauten übel, seine Züge sind rot, seine Töne fällen manchen Helden. Da spricht Hagen zu Günthern: »Nun schau, König! Volker ist dir hold, er dienet williglich dein Silber und dein Gold, sein Fiedelbogen schneidet durch den harten Stahl, nie sah ich einen Fiedler so herrlich stehen, seine Leiche hallen durch Helm und Schild, wohl soll er reiten gute Ross' und tragen herrlich Gewand.« Geld, Rosse, Kleider sind die Gaben, darum bei Festlichkeiten, wie früher in demselben Liede bei Siegfrieds Schwertnahme von den Fahrenden gedient wird, auf deren Gewerbe Hagen hier anspielt; so wie in der vorerwähnten Stelle, wonach Volkers Mannen Gewand tragen, dessen ein König sich nicht zu schämen hatte, angedeutet ist, daß er seinem Gefolge so kostbar gebe, was andre Spielleute zum Lohne zu empfangen pflegen. Dem Gegensatz enthoben, ein Genosse jener altertümlichen Harfner, erscheint Volker in der nächtlichen Schildwache, die er vor dem weiten Saale hält, darin die burgundischen Gäste, am Vorabend der letzten Not, voll banger Ahnung sich niedergelegt haben. Mit seinem Heergesellen, dem grimmen Hagen, tritt er vor die Türe des Hauses, beide in lichtem Sturmgewand, Volker lehnt seinen guten Schild an die Wand, holt seine Geige und setzt sich damit auf den Stein an der Türe. Erst klingen seine Saiten ermutigend und stark, daß all das Haus ertost, dann süßer und sanfter, bis er alle die »sorgenden« Männer in den Schlaf gespielt. Nun nimmt er wieder den Schild zur Hand und hütet ihrer in Treue. Diese schöne Stelle, worin das Saitenspiel in reiner Macht und Bedeutung anschlägt, ist wohl auch diejenige, wodurch der Spielmann Volker ursprünglich dem Liede angehört: durch alle Umwandlungen der Sage meinen wir in seinen! Geigenstrich einen Nachhall von Gunnars wunderbarem Harfenschlage zu vernehmen; wie vor diesem die Balken zerspringen, so ertost von jenem noch all das Haus, und wie Gunnar die Nattern einschläfert, so Volker die nagenden Sorgen seiner Freunde. Auch im Rosengarten sieht Volker von Alzei, der Spielmann, und es fehlen auch hier nicht die scherzhaften Vergleichungen des Kampfes mit Geigenstrich und Tanz; bereits aber ist die goldene Fiedel in den Schild der Helden versetzt und geht damit in eine heraldische Beziehung über, welche sich in den Wappen der Stadt Alzei und einiger von dort ausgegangener Adelsgeschlechter erhalten hat. Aus dieser örtlichen Nachweisung, zusammengenommen mit dem Umstande, daß Volker im Nibelungenliede zuerst in der Sage erscheint, während er noch im spätern Dietleibsliede und der Sage, wie sie in diesem vorausgesetzt wird, fehlt, erklärt sich W. Grimm (Heldens. 355) die Einschiebung desselben in das erstere Gedicht folgendermaßen: Jetzt, sagt er, bin ich auch imstande, Nachweisungen über seinen wahrscheinlichen Ursprung zu geben. Die Herren der Burg Alzei, welche durch ihre Lage nahe bei Worms schon Anspruch darauf hatte, an der Sage teilzunehmen, führten eine Fiedel im Wappen und hießen im Volk die Fiedeler. Daraus wird deutlich, warum die Fiedel, daz wâfen , auch Volkers Schwert ist und beide in mannigfachen Ausdrücken (ez ist ein rôter anstrich, den er zem videlbogen hât 1941, 3; sîn videlbogen snîdet durch den herten stâl 1943, 3) miteinander vertauscht werden, oder mit andern Worten, warum er zugleich Held und Spielmann ist, und die Geige, sein Wappen, mit in den Kampf trägt. Ich meine auch, daß der ganze etwas phantastische Charakter gegen die sonstige geschichtliche Haltung des Nibelungenliedes absticht, sowie seine durch frühere Ereignisse nicht erklärte Freundschaft zu Hagen auffällt. Sollte auch wirklich der Spielmann Volker erst auf diese Art in das Lied gekommen sein, obgleich eine eigentlich heraldische Beziehung noch nicht im Nibelungenliede, sondern erst in den Rosengartenliedern sich zeigt, und sollte nicht umgekehrt das Wappen von Alzei aus der Sage stammen, so ist doch anzunehmen, daß ein Charakter, der so bedeutend, wie Volker, im Liede auftritt, wenigstens für seine Aufnahme in dasselbe einen Anhalt in der Sage vorgefunden haben werde. Einen solchen würde das vorerwähnte Harfenspiel des Königs Gunnar darbieten. Dazu, wie Volker die Helden in den Schlaf geigt, findet sich ein ländliches Seitenstück im Menchinger Vogtsrecht (bei Nördlingen) von 1441 (Grimm, Rechtsaltertümer S. 395): Und soll man den rechern die groß glocken leuten, die sollen dann, so man leutet, in den amthof kommen und mit einem pfeifer voraushin pfeifen laßen, unz auf die vorgen. mad und des abends sol er (der Amtmann) in wider heim laßen pfeifen. Ähnlich im Sigolzheimer Hofrecht (Elsaß), ebendaselbst: Und sol mans in (dem Köhler und Zimmermann, wenn sie den Zins bringen) wol bieten und (so es) erberliche zu naht wird, so sol man in stro umbe das vür zetten unde einen giger gewinnen darzu, der in gige, das sie entslaven, unde einen knecht, der in hüte irs gewandes, das es in nit verburne. Spielleute, welche in die Handlungen eingreifen, sind noch Werbel und Swemmel, die Fiedler des Königs Etzel. Sie gehören nicht, wie Volker, in die Reihe der Helden, aber als Diener und Boten des mächtigsten Königs sind sie höher gestellt, denn die gewöhnlichen Fahrenden. Bei Etzels Hochzeit mit Kriemhilden und auf ihren Botschaftsfahrten werden sie reichlich beschenkt. Mit einem Gefolge von vierundzwanzig Recken werden sie gen Worms geschickt, um die burgundischen Könige nach Hunnenland einzuladen. Werbeln bekommt diese Botschaft übel, zum Lohne dafür schlägt ihm der zürnende Hagen vor Etzels Tische die rechte Hand auf der Fiedel ab. Er übt damit eine Gewalttat, die in dem Gesetze der Angeln und Weriner besonders vorgesehen ist: die Hand des Harfners, gleich der des Goldschmieds, wird darin durch erhöhte Buße geschützt. Lex Anglior. et Worinor. hoc est Thuringor. tlt. V. § XX: Qui harpatorem, qui cum circulo harpare potest, in manum percusserit, componat illum (Herold. illud) quarta parte malori compositione, quam alteri ciusdem conditionis homini. Aurifices similiter. Feminsa (Herold aurifici ... fœminæ) fresum facientes similiter. Georgisch, Corp. Jur. Germ. ant. S. 448. Bei Saxo VI, S. 143 beginnt auch Starkather an Ingells verweichlichtem Hofe sein Strafgericht damit, daß er dem Pfeifer ( tibiceo ) ein Bein ins Gesicht wirft. . Swemmel bringt die Nachricht vom Falle der burgundischen Könige, samt ihren Waffen und Rossen nach Worms. Auf dem Rückwege muß er dem Bischof Pilgrim zu Passau, dem Oheim dieser Könige, die ganze Geschichte ihres Untergangs als Ohren- und Augenzeuge vorerzählen, und der Bischof läßt solche zum ewigen Gedächtnis niederschreiben. Der streitbare Mönch Eine gewaffnete Geistlichkeit vertrug sich zwar nicht mit Lehre und Ordnung der christlichen Kirche, die nicht selten dagegen eiferte, wohl aber mit der Kriegsverfassung und dem kriegerischen Geiste des Mittelalters; sie begegnet uns daher in mannigfaltigen Erscheinungen von den fränkischen und angelsächsischen Bischöfen und Äbten an, die an der Spitze ihrer Schar zogen, Pertz 95. 190–92. Philipps 86, bes. die Stelle aus dem Chron. Fontanell. Bouq. II, S. 661 (Pertz 190): Wido sortitur locum regiminis (monast. Fontanellens.); hic namque propinquus Caroli (Martelli) principis fuit, qui etiam monasterium S. Vedasti, quod est in Atrebatensi territorio, jure regiminis tenuit anno uno sicut est istud. Erat autem de secularibus clericis, gladioque quem semispacium vocant semper accinctus, sagaque pro cappa utebatur, parumque ecclestasticæ disciplinæ imperils parebat. Nam copiam canum multiplicem semper habebant, cum qua venationi quotidie insistebat, sagittatorque præcipuus in arcubus ligneis ad aves feriendas erat, hisque operibus magis quam ecclesiasticæ disciplinæ studiis se exercebant. bis zu dem kölnischen Erzbischof am Ende des dreizehnten Jahrhunderts, der als Gefangener des Herzogs von Brabant in voller Eisenrüstung im Kerker sitzen mußte (Ottokar Kap, 525–37. Schacht S. 254). Bei Heereszügen zur Rettung und Verherrlichung des Christenglaubens hatte das Schwert in Priesterhand nichts Befremdliches. Nicht immer bedienten sich geistliche Besitzer von Lehen und Eigen des Rechtes, die Kriegspflicht, die davon zu leisten war, durch Stellvertreter aus dem Laienstande versehen zu lassen. Außer den Stellen in voriger Note vgl. Raumer V, 486. VI, 123. 392 f. Söhne tapferer Geschlechter, die für geistliche Würden bestimmt wurden, Fürsten und Ritter, die nach kriegerischer Laufbahn in das Kloster traten, die beste Ruhestätte für das Alter in jener stürmischen Zeit, empfingen mit der Priesterweihe und dem Ordenskleide nicht sogleich auch den Geist der Demut und des Friedens. Erscholl das Geräusch der Waffen bis in die einsame Klosterzelle, dann regte sich wohl auch der alte Kampfmut in der Heldenbrust, wie der aquitanische Herzog Hunold im achten Jahrhundert nach fünfundzwanzigjährigem Klosterleben nochmals zu Schwert und Fahne griff (Masc. II, 312). Was sich so im Leben gestaltet, nahm auch in den Dichtungen seine Stelle ein. Der Helden geistliches Ende ist zwar häufig nur für einen Zusatz mönchischer Bearbeiter anzusehen. Dagegen ist der streitbare Mönch als lebendiger Charakter in die Genossenschaft verschiedener Heldenkreise eingetreten und aus letzteren wieder in die Klosterlegenden übergegangen. Auch die deutsche Heldensage hat diesen Charakter, der ihr nicht ursprünglich angehörte, wohlgefällig in sich aufgenommen und gehegt. König Rother folgt dem Rate des getreuen Berchter, sich mit ihm zu »mönchen«; ähnlich dem westgotischen Könige Wamba und dem langobardischen Ratchis. Wamba 680. Ratchis 749. Masc. II, A. 228 f. II, 319 Note. Wolfdietrich, der Welt müde, opfert Krone und Sturmgewand auf den Altar des Klosters Tustkal, wo er sich einbrüdert. Es erbarmt ihn, daß man den Armen spärlichere Kost reicht, er schüttet die Speise zusammen und teilt sie gleich aus, die widerspenstigen Ordensbrüder hängt er mit zusammengeknüpften Bärten über eine Stange auf. Mit ungeschwächtem Heldenmute rennt er in das Heer der Heiden, die das Kloster bedrängen, blutrot sind die Buchstaben, die er schreibt, übel der Segen, den er spendet. Um seine Sünden in einer Nacht abzubüßen, setzt er sich im Münster auf eine Bahre, wo er mit den Geistern aller von ihm Erschlagenen den härtesten seiner Kämpfe bestehen muß. Die Wilkinensage erzählt, daß Heime, der Amelungenrecke, unter andrem Namen sich in ein Kloster begeben und seine Waffen zu des Abtes Füßen gelegt. Sie werden wieder hervorgenommen, als Heime für die Rechte des Klosters einen Riesen im Zweikampfe besteht. Der Ruf dieser Tat dringt zu Dietrich von Bern, der daran den Helden erkennt und ihn aus dem Kloster zurückholt. Den Mönchen ist nicht leid um ihn, weil sie alle sich vor ihm gefürchtet und er den Abt selbst mißhandelt. Sag. om K. Didrik , K. 387–91. Rasn II, 1. S. 602–21. Bei Heimes Kampf mit dem Riesen heist es S. 613: og saa sige tydske Kvad, at han skar saa meget af hans Laar, at een Hest ikke kunde drage mere. Daß nachher die Mönche von Heime ermordet und das Kloster von ihm und Dietrich, weil es diesem Schatzung versagt, ausgeraubt und verbrannt wird, mag in dem auch sonst bemerklichen Hasse gegen Dietrich als Arianer seine Quelle haben. Nach der Chronik des Klosters Novalese in Piemont ( Chron. monast. Novalic. 1. II, c. 7–13 , bei Muratori, Script. rer. ital. t. II, p. II . Grimm, D. Sag. II. 55 ff.) hat auch Walther, der Held des lateinischen Gedichts, im Alter sich zum geistlichen Leben gewendet und dieses Kloster, das er der strengen Zucht wegen vor allen gewählt, gegen feindliche Gewalt verteidigt. Das Schulterblatt eines weidenden Kalbes dient ihm gelegentlich als Waffe. Mitten im Heldenleben tummelt sich der handfeste Mönch Ilsan. Er ist vom Meistergeschlechte der Wölfinge, ein Bruder Hildebrands, und erscheint im Liede von der Ravennaschlacht noch selbst als Meister der jungen Fürsten, die durch seine Nachgiebigkeit so kläglich umkommen. Dagegen ist in den Rosengartenliedern das Mönchtum ihm wesentlich. Als Dietrich an den Rhein ausreiten will, fehlt noch ein Recke zu zwölfen. Hildebrand schlägt seinen Bruder Ilsan vor. Sie ziehen vor das Kloster Eisenburg oder Ilsenburg, wo derselbe schon zweiunddreißig Jahre Mönch ist. Er bedenkt sich nicht lange, die Fahrt mitzumachen, und die Klosterbrüder beten, daß er nicht wiederkehre, denn er hat sie manchmal an den Ohren umgezogen, wenn sie nicht tun wollten, was er ihnen gebot. Den starken Rheinfergen, der zum Fährgelde Fuß und Hand begehrt, lockt er herüber, indem er sich für einen Wallbruder ausgibt, und bezwingt ihn dann mit Faustschlägen. »Nummer dummer amen!« (d. h. in nomine domini ) spricht der Ferge, vor dem geistlichen Herrn am Boden liegend, und ist nun bereit, mit seinen zwölf Söhnen die lieben Gäste überzuschiffen. Im Rosengarten kämpft Ilsan nach dem einen Liede mit Studenfuß, nach dem andern mit Volker. Die graue Kutte über dem Stahlgewand, watet er durch die Rosen oder wälzt sich gar darin und alle Frauen lachen über ihn. Wen er Beichte hört, der empfängt schwere Buße. Der eine genügt ihm nicht, er gibt noch weitern zweiundfünfzigen den Segen, so viel als seiner Klosterbrüder sind, deren jedem er einen Rosenkranz mitzubringen gelobt hat. Gleich viele Küsse muß ihm Kriemhild geben und er reibt sie mit seinem Barte, daß ihr rosenfarbes Blut nachfließt. Man will ihn nicht mehr in sein Kloster einlassen, doch er stößt das Tor auf, drückt die Kränze auf die Platten der Mönche, daß ihnen das Blut über die Stirne rinnt, und zwingt sie, ihm seine Sünden büßen zu helfen; die es nicht tun wollen, hängt er, wie Wolfdietrich, an den Bärten über die Stange. Im Alphartliede führt der Mönch Ilsan zur Rache um seinen Neffen elfhundert Klosterleute herbei, die über den lichten Ringen schwarze Kutten tragen. Sie singen gar üble Töne und fällen manchen in das Gras. Durch diese getreue Hilfe wird Ilsan mit Dietrich ausgesöhnt, dem er vor Garten den Oheim erschlagen. Über Alpharts Grab geführt, heißt er das Weinen lassen und nur auf Vergeltung denken. In den dänischen Kämpferliedern führt er, auf Dietrichs Heldenfahrt, Kutte und Kolben im Schild und ein Messerlein an der Seite, das nicht über elf Ellen lang ist; auch sonst hat der kahle Mönch mit dem Kolben, daran fünfzehn Männer zu tragen haben, mancherlei derblustige Abenteuer außer- und innerhalb des Klosters. Daß dem Mönche nicht ziemlich sei, die Waffen zu handhaben, ist in unsern Liedern genugsam ausgesprochen. Der Abt verweigert dem Bruder Ilsan den Urlaub; das Recht der Gottesknechte sei, nicht zu streiten, sondern Tag und Nacht dem Herrn zu dienen. Erst als der Mönch die ganze Brüderschaft dafür verantwortlich macht, wenn einem der Helden im Rosengarten Leides geschehe, willigt der Abt ein, indem er sich selbst einen Kranz ausbedingt. Auch hat Ilsan beim Eintritt in das Kloster seinem Herrn noch eine Fahrt gelobt, gleichwie Wolfdietrich sich vorbehalten, zur Verteidigung des Klosters wieder zum Schwerte zu greifen. Dennoch reichen diese und andere Entschuldigungen nicht völlig aus. Im Rosengarten muß Ilsan von Kriemhilden hören: zu Chore gehen und Messe singen ständ' ihm besser an; und Volker meint, klare Seide würd' ihn besser kleiden, als die Kutte, man sollt' ihn, nachdem er gestritten, aus dem Kloster jagen. Hierauf erwiderte er, das Streiten sei ihm von den Wölfingen angeboren. Der Widerspruch des weltlichen Treibens mit dem geistlichen Beruf ist bei Ilsan gedoppelt, indem er um den Kuß der Frauen Leib und Seele wagt. Ward nun schon der kämpfende Spielmann ironisch aufgefaßt, so mußte der Mönch, um Frauendank fechtend, ganz zur lustigen Person werden. »Wem hat der Berner seinen Toren hergesandt?« wird ihm zugerufen. Scherzhaft ist durchaus seine Erscheinung gehalten und wiederkehrend sind die meist doppelsinnigen Anspielungen auf Paternoster und Benedicite, auf Beichthören und Bußegeben, auf den Predigerstab, die tönende Kutte, das kurze Mönchshaar mit dem Rosenkranze, den rauhen Bart, der zarte Lippen wund reibt. Ergötzlich sind in dem einen Liede Volker und Ilsan einander im Kampfe gegenübergestellt: der Spielmann mit dem blutigen Fiedelbogen und der Mönch mit dem lichten, scharfen Predigerstabe. Rumolt Neben dem Kriegs- oder Lehendienste bildet sich ein Hofdienst, der, aus den Bedürfnissen jedes größeren Haushalts hervorgegangen, sich in verschiedene Hauptämter sonderte, denen die niederen Dienstleute zugeteilt und untergeordnet waren. Vier solcher alter Hofämter sind es vorzüglich, die wir das ganze Mittelalter hindurch von den Höfen der Könige bis zu denen der Grafen und Äbte überall bestellt finden: Kämmerer, Marschalk, Truchseß und Schenk. Doch sind diese bekanntesten nicht die einzigen, namentlich wird nicht selten auch des Küchenmeisters erwähnt. Der Hofdienst mußte an sich weniger ehrenvoll erscheinen, als der Kriegsdienst, teils weil ihm als solchem die Waffenehre abging, teils weil ursprünglich Hörigkeit damit verbunden war. Bald zwar wußten jene Hauptämter sich hoch genug zu stellen; stets in der nächsten Umgebung des Herrn, bekleideten die Inhaber derselben sich mit Glanz und Macht, die kriegerische Würde kam zu der höfischen, erblicher Landbesitz verband sich dem Amte, das nur noch im Prunkdienst bei hohen Festlichkeiten sich äußerte. Philipps 77. Masc. II, 328, Raumer V, 328. Rössig 288 f. Lang, Regest. I, 387: Luipoldus magister coquinæ aulæ imperialis, dictus de Nortenberch. Die Inhaber der vier Reichsämter standen zu oberst in der Reihe der deutschen Fürsten (Majer, T. Staatskonst. S. 81). Der burgundische Königshof des Nibelungenliedes ist mit seinen Amtleuten wohl ausgerüstet: Dankwart, Hagens Bruder, ist Marschall; Ortwin von Metz, dessen Neffe, Truchseß; Sindolt Schenk; Hunolt Kämmerer; Rumolt Küchenmeister. Bei ihnen hat das Hofamt noch seine Bedeutung; steht ein Fest bevor, dann sind sie »unmüßig« mit ihrem Gesinde, alles zu ordnen und zu richten; sie pflegen der Gäste so, daß all das Land davon Ehre hat. Zugleich aber sind sie tapfere Recken und ziehen mit auf Heerfahrt; dann ist besonders der Marschall als Führer und Verpfleger der reisigen Knechte tätig. Auch Rumolt, der Küchenmeister, ist ein kühner und treuer Held, er streitet wacker gegen die Sachsen und ihm werden Land und Leute befohlen, als die Könige zu den Hunnen fahren. Dennoch ist an ihm der Spott hängen geblieben, wie der Ruß an seinem Schilde. Die Verwaltung der Küche, scheint es, konnte nicht zu rechter Würde gelangen, und wo neben dem Truchseß ein Küchenmeister bestand, mochte jenem der Ehrendienst im Saale, diesem die Aufsicht in der Küche zukommen. Darum wird scherzweise von Rumolt angerühmt, wie gut er seine »Untertanen« hergerichtet, die weiten Kessel, die Häfen und Pfannen. Während Ortwin, der Truchseß, zu Gewalttaten, wie zu Siegfrieds Ermordung, gerne stimmt und selbst bereit ist, so gilt Rumolts Rat sprichwörtlich für einen überaus friedlichen. Er, der Küchenmeister, rät seinen Königen, als die Fahrt zu den Hunnen besprochen wird, nicht so kindisch das Leben zu wagen, gemächlich daheim zu bleiben, mit guten Kleidern sich zu schmücken, den besten Wein zu trinken und schöne Frauen zu minnen; an Speise, so köstlich je ein König in der Welt sie hatte, soll es ihnen nicht fehlen. Trauern muß der getreue Mann, als sie dennoch die verderbliche Reise antreten. Im Liebe von Dietleib wird der Scherz über Rumolt noch weiter ausgesponnen. Rußfarb, mit Sinnbildern der Kochkunst bemalt, ist der Schild des Küchenmeisters, der wie ein Löwe streitet, übel sind die beraten, denen Hunolt (Sindolt) da den Wein schenkt und Rumolt die Braten anrichtet oder Krapfen austeilt, davon die Glieder schwären. Auch bei den Hegelingen werden beim Feste die ersten Helden zu den Hofämtern berufen; Irold wird Kämmerer, Wate Truchseß, Frute Schenk, statt des abwesenden Horands; der Marschall bleibt unerwähnt. Rüdeger . Vgl. Tac. Germ. c. 21. Caes. de bello gall. VI, 23. Pomp. Mela III. Vgl. Grimm, Rechtsaltert. 122. 190, 6. 249 u. 399–402. Höher, innerlicher aufgefaßt ist die Verbindung der Häuslichkeit mit dem Heldentum, des friedlichen Dienstes mit dem kriegerischen, in dem Charakter des Markgrafen Rüdeger, der mit vollstem Rechte der milde, der gute, der edle, der getreue zugenannt wird. Aus seiner Heimat vertrieben, von Etzeln wohl aufgenommen und ansehnlich belehnt, widmet er seine Dienste zunächst der Königin Helke, als Vollzieher ihrer wohlwollenden Absichten, als Schatzmeister ihrer Mildtätigkeit. Den heimatlosen Dietrich und dessen Gefährten bewillkommt er freudig im Hunnenreiche, schafft ihnen Pferde, Gold und Kleider, und zwar heimlich, damit niemand ihrer Armut inne werde. Er führt sie zu der Königin, wo sie unter seiner Obsorge herrlich bewirtet und ausgestattet werden. So wird der Empfang bei Etzeln vorbereitet, der ihnen, auf Helkens Fürsprache, seine Hilfe zusichert. Der Markgraf führt selbst das hunnische Hilfsheer gegen Ermenrich. Als auf diesen Zügen die zween Söhne Etzels umgekommen sind, ist er der Vermittler zwischen Dietrich und den gekränkten Eltern. Wie er selbst sich jedes Gastes freut, ist auch er überall gern gesehen und darum geschickt zu Botschaften, zumal an Frauen, denen er durch seine freundliche Sitte sich empfiehlt. Nach dem Tode seiner Gebieterin Helke wirbt er als Etzels Bote um Kriemhilden. Diese läßt sich erst erbitten, nachdem er, auch ihr mit allen seinen Mannen zu dienen und, was ihr Leides geschähe, zu rächen, beschworen hat. Die volle Freundlichkeit seines Wesens zeigt sich in seinem eigenen gastlichen Hause zu Bechelarn, als er die Burgunden auf der Hunnenfahrt beherbergt. Hier ist alles heiter, »wonniglich«, heimatlich; aufgetan ist die Burg, offen stehen die Fenster an den Mauern; an der Hand werden die Gäste in den schönen, geräumigen Bau geführt, wo die Donau untenhin fließt und sie fröhlich gegen der Luft sitzen. Wie das Haus, so die Bewohner, er der beste Wirt, der irgend an der Straße wohnt, dann seine liebe Hausfrau und die schöne Tochter, deren Kuß die Helden begrüßt. Am wohlbesetzten Tische, bei gutem Weine geht allen das Herz auf. Wie sehr sie sich wehren, müssen sie doch bleiben bis zum vierten Morgen und zum Abschied werden sie auf das reichlichste beschenkt. Jeder empfängt eine herrliche Gabe, Waffenkleid, Schwert, Schild, Goldringe; die herrlichste der Jüngling Giselher, dem der milde Wirt seine schöne Tochter verlobt. Er geleitet dann die Gäste an Etzels Hof, wo ihm der herzzerreißende Kampf bevorsteht zwischen den Pflichten dieser innigen Gastfreundschaft und dem Eide, womit er sich Kriemhilden verpflichtet hat. Er soll die verderben, die er in sein Haus geladen, denen er Trank und Speise samt all seiner Gabe geboten. Welches er läßt und welches er beginnt, so hat er übel getan. Er heißt Etzeln wiedernehmen, was er von diesem empfangen, Land und Burgen; Weib und Tochter an der Hand, will er zu Fuß ins Elend gehen; aber nicht erläßt man ihn seines Schwures. Da gibt er Seel' und Leib an die Wage, daß die Rächerin Kriemhild selbst darob weinen muß. Seinen Freunden kündet er Dienst und Gruß auf, obschon sie ihn der Gastgeschenke mahnen. Wollte Gott, jene wären daheim am Rhein und er selbst mit Ehren tot! Noch gibt er seine letzte Gabe; an Hagen, dem der Schild vor der Hand zerhauen ist, vergibt er den seinigen. Wie grimm und hartgemut Hagen ist, doch erbarmt ihn des, er und sein Geselle Volker geloben, Rüdeger nimmer im Streite zu berühren. Als nun der Markgraf sich aufgerafft und in die Schar der Burgunden gedrungen, trifft er fechtend auf Gernot, einer fällt von des andern Schlage, Rüdeger von dem Schwerte, das er selbst dem Gegner gegeben. Nie ward so reiche Gabe schlimmer gelohnt. Von ungeheurem Jammer erschallet Haus und Turm, zergangen ist alle Freude in Hunnenland. Den grimmigen Amelungen rinnen Tränen über die Bärte, ein Vater ist ihnen erschlagen; »säh' ich heute meinen Vater tot, mir würde nimmer leider,« ruft Wolfwin aus; sie erheben um seine Leiche den Kampf, in dem sie untergehen. Mit sichtlicher Liebe verweilen die Lieder bei Rüdegers Charakter. Mit den innigsten Worten, in blühendem Bilde, wird seine Milde, seine Güte gepriesen. Er ist ein Trost der Elenden, ein Vater aller Tugenden: sein Herz trägt Tugenden, wie der süße Mai Gras und Blumen trägt. »Wie Rüdeger erschlagen ward,« ist eine der ausgeführtesten Abenteuren, die rührendste Darstellung im Nibelungenliede. Hier erscheint nicht bloß äußerer Kampf, wo Trotz gegen Trotz, Kraft gegen Kraft anringt. Die mildesten Tugenden selbst, die Gastfreundschaft, die Diensttreue, sind unter sich in den schmerzlichsten Widerstreit geraten und das Herz, das sie ausgeboren, muß in der unauflösbaren Verwicklung brechen. Es gilt nicht Leib und Leben allein; daß er die Seele verliere, hat er auch das geschworen? Er ruft zu Gott, der ihm das Leben gab, ihn recht zu weisen. Brot und Wein, Gold und Tochter, Schwert und Schild, alles hat er gern gegeben, das Leben selbst gäb' er willig hin, aber auch die Ehre, die Treue, die eigene Seele noch soll er hinopfern. Seine Dienstwilligkeit ist ihm zum Fluche geworden, die Gabe seiner Gastfreundschaft gibt ihm den Todesstoß. Diese Empörung von Pflicht gegen Pflicht, von Tugend gegen Tugend, diese Zerspaltung des edelsten Herzens ist der tiefste Schnitt des furchtbaren Geschickes, das in dem Liede waltet. Keiner der Helden versinkt so jammervoll in den allgemeinen Untergang, als eben dieser, der bestgesinnte. Es ist an seiner Stelle bemerkt worden, daß Rüdeger als geschichtliche Person, als ein Graf der Ostmark im zehnten Jahrhundert nicht zu erweisen, wahrscheinlicher der Sagenheld in die Geschichte übertragen sei. Wenn er in der eigentümlich nordischen Sage nicht vorkommt (wohl aber in der Wilkinensage), so erklärt sich dieses daraus, daß überhaupt der gotische Bestandteil des Sagenkreises dem Norden fremder geblieben, hiernach kann auch nicht behauptet werden, daß der Charakter dieses Helden erst in der späteren Ausbildung christlichen Sinnes und ritterlicher Sitte (vgl. Grimm S. 361) seinen Grund habe, obgleich der Einfluß christlich-ritterlicher Ansicht auf die Darstellung desselben keineswegs zu verkennen ist. Neben den strengeren Eigenschaften des Heldentums, welche in mannigfaltigen Gestalten unsres Sagenkreises zur Erscheinung gebracht sind, mußten doch die milderen Tugenden, wie sie im germanischen Leben selbst nicht gefehlt haben, auch in den Liedern ihre Vertretung finden. Sie fanden solche in Rüdeger, dessen gastliche Freigebigkeit, die wir auf die höchsten Güter sich erstrecken sahen, demjenigen entspricht, was uns aus frühester Zeit von der unbegrenzten Gastfreiheit der Deutschen berichtet ist; eben die von Rüdegern so rückhaltlos geübte Sitte, dem abgehenden Gaste keinerlei Geschenk zu versagen, ist durch Tacitus als eine altgermanische bewährt. Das aber liegt ganz im Wesen der epischen Entwicklung, daß, wenn einmal die milderen Gesinnungen in einem der Heldencharaktere ihren Vertreter hatten, sich an diesen alles anschloß, was die Herrschaft des Christentums von sanfterer Sinnesart und Sitte auch im Heldengesang enfalten konnte, daß er vorzüglich ergriffen wurde, um, im Gegensatze der wilden Naturkraft, die innere ethische Richtung zur Reife zu bringen. Bricht jene zumeist noch in der Berserkernatur Wolfharts hervor, der auch bei Rüdegers Tode zornmütig nur darüber klagt, wer nun zu so mancher Heerfahrt der Recken Weiser sein werde, so erscheint dagegen der Durchbruch des inneren Lebens vor allem in jenem Seelenkampfe des edlen Rüdegers. Ich komme zu einer weiteren Schilderung: Waffen und Rosse. Es fällt vielleicht auf, daß ich diese Gegenstände gewissermaßen in die Reihe der Persönlichkeiten und Charaktere aufnehme. Ich erkläre mich darüber. Waffen und Rosse Als noch der reisige Held einer wandelnden Burg zu vergleichen war, als der volle Harnisch einen Teil seiner Person auszumachen schien, da gebührte den Gegenständen dieser Ausrüstung allerdings eine Stelle im Kreise der durch wechselseitige Treue verbürgten Genossenschaft. Sie waren nicht totes, willenloses Werkzeug, sie erschienen belebt, von dämonischen Kräften beseelt, sie waren Zeugen und Symbole der wichtigsten Handlungen des Lebens, innig befreundete Gefährten in Not und Tod. Göttliche Verehrung des Schwertes ist von manchen barbarischen Völkern, unter den deutschen namentlich von den Quaden, berichtet. Als Zeichen solcher Verehrung wird das Schwören auf das Schwert angeführt, besonders zur feierlichen Bekräftigung von Friedensverträgen. Franken, Sachsen, Dänen, Normannen sehen wir, nach Volkssitte, den Eid des Friedens und der Treue auf ihre Waffen schwören. Sie schwuren bei dem, sagt ein fränkischer Geschichtschreiber von den Normannen, wovon sie vor allem Schutz und Heil erwarteten. Auch die Gesetze der Langobarden und der Bayern kennen den gerichtlichen Eid auf geweihte Waffen, neben dem auf die Evangelien. Noch bis zum fünfzehnten Jahrhundert erkennen die Gerichte den Eid auf das Schwert. In den Heldenliedern der Edda soll bei Schiffes Bord und Schildes Rand, bei Rosses Bug und Schwertes Schneide geschworen werden. Darum wird auch dem Eidbrüchigen geflucht, daß ihm das Schiff nicht schreite, wenn auch erwünschter Wind wehe, daß ihm das Roß nicht renne, wenn er vor Feinden fliehen müsse, daß ihm das Schwert nicht schneide, als auf sein eigen Haupt. Der deutsche Siegfried stößt vor dem Drachensteine sein Schwert in die Erde und schwört darauf drei Eide, daß er nicht ohne die Jungfrau von dannen kehren wolle. Bei der Betrachtung des Mythischen ist angeführt worden, wie der Heldenjüngling von Odin selbst oder von der Walküre, die über ihm waltet, zuerst das Schwert empfängt. Diesem höheren Ursprung gemäß haften auf solchen Waffen wunderbare Kräfte und strenge Geschicke, die durch ganze Geschlechter fortwirken. So gibt es Schwerter, die nicht entblößt werden können, ohne jemands Tod zu werden, oder die jeden Tag einen Mann heischen. Dem Schwerte Tyrfing ist angewünscht, daß es, so oft es gezogen würde, seinen Mann fälle, das Werkzeug zu den drei größten Schandtaten werde und dem Besitzer den Tod gebe; hierauf beruht die Entwicklung der berühmten Herwarasage. Das Wölsungenschwert hat seine eigene Geschichte, ebenso das Schwert Nibelungs, Balmung, welches Siegfried für die Teilung des Hortes empfängt und das er sogleich gegen die Geber selbst wendet. Sein Mörder, Hagen, bemächtigt sich auch des Schwertes und läßt es, übermütig trotzend, auf seinen Knien vor Kriemhild spielen, die, dadurch ihres Leidens gemahnt, zu weinen beginnt. Aber das übel gewonnene wird ihm zum Verderben. Als er, in Banden, vor Kriemhild geführt, den Schatz anzuzeigen sich weigert, da ist ihr doch das Schwert wieder geworden, das ihr Liebster trug, da sie ihn zuletzt sah; sie zieht es aus der Scheide und schlägt dem Mörder das Haupt ab, wird aber selbst dafür von Hildebrand erschlagen. Leicht erkennt man, wenn es auch nicht ausgesprochen ist, die Verbindung Balmungs mit dem Fluche des Hortes und dem ganzen Verlauf der furchtbaren Geschicke. So wie Schwerter durch Zaubersprüche stumpf gemacht werden können, gibt es andrerseits gefeite Harnische, darauf kein Eisen haftet. Auch bloßen Hemden von Seide, auf zauberhafte Weise verfertigt, wird in nordischen Sagen diese Eigenschaft zugeschrieben. Wer ein solches an hat, ist nicht bloß durch Eisen unverwundbar, auch Feuer beschädigt ihn nicht, von Kälte leide er weder zu Lande noch zur See, kein Schwimmen ermattet ihn, kein Hunger quält ihn. Es sind dies die Nothemde des deutschen Mittelalters. Dahin gehört nun auch Sankt Georgs Hemd, das Wolfdietrich trägt. In diesem Hemde, von schneeweißer Seide, wird er, nach der einen Bildung des Heldenliedes, von einem frommen Einsiedler getauft; es schützt ihn gegen Stich und Schlag, gegen Feuer und Wasser, auch gegen alle Zauberei; anfangs klein, ist es ihm doch stets gerecht und er gewinnt mit jedem Jahr eine Mannesstärte weiter. Nach der andern Gestalt der Sage ist Sankt Jörg selbst Wolfdietrichs Pate und das Hemd sollte wohl das Patengeschenk sein, wenngleich erzählt wird, daß der Held solches dem Helden Palmunt abgenommen, der es aus einem Kloster geraubt hatte. In großen Nöten ruft Wolfdietrich den Heiligen an, dessen Hemd ihm zu tragen vergönnt ist, und dieses behütet ihn vor jeder Art Waffen, wie vor dem Rachen der Lindwürme. Der christliche Patron behauptet hier dieselbe Stelle, die in andern Fällen der Heidengott einnimmt, der seinem Schützlinge zauberhafte Waffen verleiht. Die Erteilung des Namens (Namenfeste) war schon im nordischen Heidentum eine feierliche Handlung und stets von einem bedeutenderen Geschenke, besonders an Waffen, begleitet. Wir haben schon früher bemerkt, wie nach Verdrängung der großen Götter bald christliche Heilige, bald untergeordnete Naturgeister, die der Volksglaube fortleben ließ, in die Obliegenheiten jener sich teilten. Wesen der letzteren Art, die elfischen Zwerge, sind es dann auch meist, von denen die jungen Helden mit wunderbaren Waffen ausgestattet werden; dieses lag um so näher, als schon nach heidnischer Ansicht die Erdgeister, die in ihren Berghöhlen über den Hort der Erze zu walten hatten, solchen auch kunstreich verarbeiteten und für die Götter selbst Waffen und andres Geräte schmiedeten. Odins Speer, Thors Hammer, Freyrs Schiff, der Göttin Sif Haare von Gold, Freyas Halsschmuck usw. sind Kunstwerke der Schwarzelfen, Söhne Iwalds. Gleichnamig mit diesem erscheint noch in unserm Volksbuche von Siegfried der Zwergekönig Egwald. Wie dort den Göttern, so sind auch gewaltigen Helden die Zwerge, obgleich meist nur gezwungen, mit herrlicher Arbeit zur Hand. Das Lied von Otnit laßt uns in die Esse selbst, in die Höhle des Berges, hineinschauen, daraus Elberich die von ihm gefertigten, wunderbar leuchtenden Waffen seinem Sohne hervorholt. Wo die Waffen so vieles galten, war auch der Waffenschmied ein wichtiges Glied der Gesellschaft. Von allen Handarbeiten jener Zeit war die seinige die kunstreichste. Der Wunderglaube, der auf dem Werk haftete, mußte den Meister mit berühren. Im Gebirge, wo die Erze wuchsen, stand auch die Werkstätte des Schmiedes; der schaffende Geist, der in den Bergen wirkte, schien an der Esse fortzuarbeiten. So spielen denn die Waffenschmiede in Liedern und Sagen eine bedeutende Rolle, sie sind angesehen und gefürchtet, sie gelten meist für Elfen oder Elfensöhne. Viel Abenteuerliches wird erzählt von den Schicksalen und Wettkämpfen der Schmiede, in der Götterwelt und bei den Menschen. Die Schwarzelfen wetteifern, wer den Göttern die kostbarsten Werke bereite; Loke selbst verwettet darüber sein Haupt und sucht, zur Bremse verwandelt, die Arbeit zu stören; die Asen auf ihrem Richtersitze beraten das Urteil. Der berühmteste von allen Schmieden aber ist Wieland; in Skandinavien und in Deutschland, in England und in Frankreich war seit den ältesten Zeiten sein Name sagenhaft. Wielands Werk hieß jedes kunstreichste Waffenstück oder Prunkgeräte. Er ist der Dädalus des Nordens. Ein Lied der Edda singt seine Geschichte, wie er, ein Fürst und Genosse der Elfen, Gemahl einer Walküre, von dem schwedischen Könige Nidud räuberisch überfallen wird und, mit zerschnittenen Fußsehnen auf einen Holm gesetzt, Schmiedarbeit für denselben fertigen muß; wie er dann, Rache brütend, des Königs beide Knaben in seiner Werkstätte ermordet, aus ihren Hirnschalen silbergefaßte Becher für den Vater, aus den Augen edle Steine für die Mutter, aus den Zähnen Brustringe für die Schwester fertigt und, nachdem er auch diese überlistet und entehrt hat, hohnlachend in die Wolken entfliegt. Auch die Wilkinensage erzählt, in den Hauptzügen übereinstimmend, diese Geschichten, schickt übrigens ausführliche Nachrichten über sein Geschlecht, seine Jugend und Lehrzeit voran. Hier ist er ein Sohn des Riesen Wade, den König Wilkinus mit einer Meerfrau erzeugt. Die Schmiedekunst erlernt er zuerst bei Mimer, zu dem auch Sigurd gekommen, dann bei zween Zwergen in einem Berge, die, auf seine Geschicklichkeit eifersüchtig, ihm nach dem Leben trachten. Nachher dient er dem König Nidung, wo er unter andrem mit dem Schmiede Amilias eine Wette auf Leib und Leben eingeht. Wieland soll ein Schwert, Amilias Helm und Harnisch schmieden; dringt das Schwert durch diese, so ist Amilias, wo nicht, Wieland des Hauptes verlustig. Als die Zeit der Probe gekommen, setzt Amilias sich in seiner Rüstung auf einen Stuhl. Wieland stellt sich hinter ihn, setzt das Schwert an den Helm und schneidet bis zum Gürtel hindurch. Dem Amilias ist es zuerst, als gösse man kalt Wasser über ihn, und als er sich schüttelt, fällt er in zwei Stücken vom Stuhl herab. Dieses ist das Schwert Mimung, welches Wieland nachher seinem Sohne Wittich gibt, in dessen Geschichte dasselbe häufig vorkommt. Als Vater dieses Helden, als Verfertiger des Schwertes Mimung und andrer herrlicher Waffen wird Wieland auch in den deutschen Liedern genannt. So sind nach dem Dietleibsliede die dreizehn trefflichen Schwerter, die nur Fürst oder Fürstenkind tragen durfte, von den Schmiedemeistern Mime (Mimer der Wilkinersage), Hertrich und Wieland verfertigt. Daß aber auch sonst Wielands Abenteuer verbreitet waren, zeigt der Anhang zum Heldenbuch, wonach derselbe, ein Herzog, durch zween Riesen von seinem Lande vertrieben und dadurch in Armut gekommen, des Königs Elberich Gesell und ein Schmied im Berge zu Glockensachsen ward, danach zu König Hertwich (obigem Hertrich) kam und von dessen Tochter die zween Söhne Wittich und Wittigowe gewann. Merkwürdig erscheint im Tristan, also aus nordfranzösischer Quelle, ein Herzog Gilan (zu Swales), als Besitzer eines wundersamen Hündleins, das ihm aus Avalun, der Feien Land, von einer Göttin aus Liebe gesendet worden. Dieses »fremde Werk von Avalun« läßt im ergötzlichsten Farbenwechsel seine seidenen Haare spielen und hat am Hals eine Schelle hängen, deren süßer Klang jedes Leid vergessen macht. Um dasselbe für die Geliebte zu erlangen, bekämpft Tristan einen Riesen, der den Herzog Gilan und dessen Land bedrängt. Dieses feenhafte Geschöpf ist doch wohl ursprünglich ein Kunstwerk des Wieland ( Guielandus, Gilan), der im Anhang zum Heldenbuch auch als ein von Riesen bedrängter Herzog bezeichnet wird. Die Heldenwaffen haben Namen, als Ausdruck der poetischen Persönlichkeit, zu der sie durch den Ruhm des Meisters, durch besondre Gaben und eine eigene Geschichte sich erhoben. Diese Namen sind meist von ihrer Abkunft oder von ihren Eigenschaften, dem Glanz, der Schärfe usw. entnommen. Z. B. Balmung, das berühmte Schwert Siegfrieds, das er mit dem Nibelungenhorte erhielt, hat seinen Namen von Balm (Stalder, Schweiz. Idiot. I, 127: Balm, Balme, f. Höhle, oder ein oben überhängender Fels) und der Abstammungssilbe ung; also eigentlich: Kind der Felshöhle; denn es kommt mit dem Zwerghorte aus dem hohlen Berge. Jedes Schwert hat auch seinen eigentümlichen Klang, woran es, wie der Mensch an der Stimme, kenntlich ist. Schöne Sagen sind hierauf gebaut. Wermund, ein alter blinder Dänenkönig, wird nach Saxos Erzählung (B. IV. S. 96) vom König der Sachsen zum Kampf um sein Reich gefordert. Uffo, Wermunds Sohn, bisher für stumm und träge gehalten, erhebt sich plötzlich und begehrt nicht bloß mit einem, sondern mit zween Gegnern den Holmgang zu bestehen. Aber jeder Harnisch zerspringt über seiner breiten Brust; man muß ihm den des Vaters zerschneiden und mit einer Spange heften. Jedes Schwert zerbricht von seiner Hand geschwungen. Der alte König hat eines gehabt, mit Namen Skrep, dem auf den ersten Hieb nichts zu widerstehen vermochte. Er hat es längst in die Erde gegraben, weil er es seinem Sohne nicht anvertraut, Fremden nicht gegönnt. Jetzt sucht er es hervor und reicht es dem Sohne. Es ist vor Alter morsch und zerfressen, aber wenn dieses bricht, so hält kein andres. Auf einer Insel der Eider treffen sich die drei Kämpfer. Beide Stromesufer sind mit Zuschauern angefüllt, Wermund stellt sich an den Rand der Brücke, um sich in die Wellen zu stürzen, wenn sein Sohn besiegt würde. Dieser, dem Schwerte mißtrauend, wehrt erst nur mit dem Schilde die Schläge der beiden Sachsen ab. Der blinde Vater meint, es geschehe aus Schwäche und neigt sich schon zum Sturze. Da hört er den Klang des Schwertes Skrep und seine Seele ist erfrischt; der eine Feind, so sagt man ihm, ist mitten hindurch gehauen. Zum zweitenmal dringt der Klang seines Schwertes ihm ins Ohr; auch der andre ist hingestreckt. Freudetränen vergießt der Greis und die Dänen jauchzen dem Sieger. Auch in einer altdänischen Ballade hört ein Vater weither über das Gebirg die Schwerter seiner Söhne schallen, die unter sich in mörderischen Kampf geraten sind; gerade wie Oddrun ( Edd. IV, 138) die letzten Harfenschläge Gunnars über den Sund vernimmt. (Vgl. Wunderh. I, 275) In den nordischen Sprachen heißt es, die Schwerter singen; Rolf Krakes Schwert Sköfnung singt hoch auf, wenn es auf Knochen trifft. Im deutschen Liede begegnen Vater und Sohn, Biterolf und Metleib, einander unbekannt sich im Getümmel der Schlacht; dieser führt gewaltige Schläge auf jenen, da erkennt Biterolf den Klang des Schwertes Welsung, das er vor manchen Jahren daheim gelassen, und schmerzliche Sehnsucht ergreift ihn. Auch sonst wird oft genug der Klang edler Schwerter gerühmt. Walthers Schwert ertönt im Kampfsturm wie eine Glocke. Aber auch andre Kennzeichen gibt es, Mimings Spur erkennt Dietrich an den tiefen und weiten Wunden, die den jungen, Königen von Wittich geschlagen sind. Am Glanze wird Dietrichs Helm Hildegrin überall erkannt. Das selbständige Leben, das man den Waffen beimaß, scheint selbst in der Gesetzgebung sich zu äußern. War jemand in ein fremdes Haus gegangen und hatte seinen Spieß außen an die Tür gelehnt, oder waren sonst Waffen an einen Ort gelegt wurden, wo sie ruhig sein konnten, und hatte dennoch ein andrer sie genommen und damit Schaden getan, so mußte, nach englisch-normännischem Rechte, zwar der Täter diesen Schaden büßen, aber auch der Eigentümer sollte die Waffen nicht zurücknehmen, bevor sie von aller Anschuldigung rein waren. Die Stellen in Phill. Gesch. des angels. Rechts S. 109. N. Namentlich Leg. Henr. Pr. 87: Observet autem ille, cujus arma erant, ut ea non recipiat, antequam in omni calumnia munda sint. Die Waffe ist hier mit Schuld belastet, fast wie ein der Zurechnung fähiges Wesen. Die Geschichte der Helden beginnt mit der meist wunderbaren Erwerbung der Waffen, dieser Werkzeuge künftiger Taten. Ein »edles« Schwert ist wohl ein Land wert. Die Dichtung verherrlichte, was im Leben selbst eine wichtige Handlung war. Die Waffennahme bezeichnete den Übergang des schwertmäßigen Jünglings zur Mündigkeit, sie war eine notwendige Ergänzung der Person; denn nur der Wehrhafte konnte sich und andern Sicherheit verbürgen. »Die Waffen zu nehmen,« sagt Tacitus ( Germ. 13 ), »ist keinem durch Volkssitte gestattet, bevor ihn die Gemeinde für tüchtig erkannt. Dann wird der Jüngling in der Versammlung selbst von einem der Fürsten, oder vom Vater, oder von einem Verwandten, mit Schild und Speer geschmückt. Dies ist bei den Germanen die Toga, dies der Jugend erste Ehre; vorher sind sie für einen Teil des Hauses angesehen, jetzt des Gemeinwesens.« Die feierliche Wehrhaftmachung, Schwertnahme, Schwertleite finden wir bei den germanischen Stämmen das ganze Mittelalter hindurch. Sie fiel in der Folge zusammen mit der Erteilung der Ritterwürde, und die Rittergedichte sind freigebig mit ausführlichen Beschreibungen dieser Festlichkeit. Im Nibelungenliede selbst empfängt Siegfried nicht mehr das umgeschmiedete Wölsungenschwert aus der Hand des kunstreichen Reigen, im Münster zu Xanten läßt ihn sein Vater Siegmund nach christlichem Brauche festlich zum Ritter werden. Wir überlassen diese Feste dem Ritterwesen und richten hier unser Augenmerk auf die Verbindungen, welche, nach germanischer Sitte, mit der Waffennahme eingegangen wurden. Es war zunächst der Vater, oder wer dessen Stelle vertrat, der dem Jüngling die Waffen reichte. Fränkische und angelsächsische Könige, wie später hohenstaufische Kaiser, sahen wir den Sohn oder Enkel mit dem Schwerte gürten. Diese Obliegenheit ward aber auch von solchen, die mit dem Jüngling entfernter oder gar nicht verwandt waren, namentlich von mächtigen Schutzherren, übernommen und diese traten damit in die Pflichten und Rechte des Vaters ein. So erklärt sich uns die in frühern Zeiten vorkommende Sohnesannahme durch Waffen ( adoptio per arma ). Schon der wehrhaftmachende Fürst, bei Tacitus, kann hierher bezogen werden, Der ostgotische Theoderich macht den König der Heruler sich zum Sohne durch Waffen. »Ich gebe dir,« läßt er demselben schreiben, »Rosse, Schwerter, Schilde und andres Kriegszeug, aber, was stärker als diese ist, ich teile dir meine Gerichte zu.« Selbst der byzantinische Kaiser folgt dieser Sitte und nimmt den Goten Eutharich, zum Zeichen des Friedens, als Waffensohn an. Von dem Westgoten Theoderich empfangt der Suevenkönig Remismund zum Bundespfande Waffen und Frau. Der Merowinge Gunthram versöhnt sich mit seinem Neffen Childebert, indem er, selbst kinderlos, denselben für seinen Sohn erklärt. Er setzt ihn auf seinen Stuhl und übergibt ihm das Reich mit den Worten: »Ein Schild deck' uns, ein Speer schütz' uns!« Selbst wenn er noch Söhne bekommen würde, soll Childebert zu ihnen gezählt sein. Was sich in solchen Fällen als Form staatsrechtlicher Verhältnisse darstellt, das zeigt sich uns in den Sagen als mythische Einkleidung. Odin, den Heldenjünglingen das Schwert verleihend, erklärt sie für seine Söhne. Elberich gibt dem jungen Otnit sich als Vater zu erkennen und reicht ihm die herrlichen Waffen. Wie sich Geber und Empfänger der Waffen als Vater und Sohn verbanden, so scheinen diejenigen, welche zugleich von demselben Waffenvater das Schwert nahmen, sich zu Brüdern geworden zu sein. Wenn ein Fürst seinen Sohn zum Ritter machte, so ließ er mit ihm eine zahlreiche Schar edler Jünglinge die Waffen nehmen und stattete sie reichlich mit Rossen und Kleidern aus. Sie heißen in unsern Liedern Schildgefährten, Schildgesellen, Schwertgenossen. Mag dieses zum bloßen Festprunke geworden sein, ursprünglich war auch hier gewiß ein engeres Verhältnis begründet. Der Vater bezweckte, dem Sohne eine schützende Umgebung tüchtiger Altersgenossen für das ganze Leben zu verbrüdern. Sie waren des jungen Fürsten erstes und angestammtes Gefolge. Aber auch mit den Waffen selbst wurde beim Empfang derselben eine Verbindung geschlossen, welche sich weit über das bloße Recht des Besitzes erhob. Daß der poetische Sinn der Zeit dem durch stetes und nahes Bedürfnis vertrauten Geräte Leben und Seele lieh, ist schon aus früherem ersichtlich. Das treue Schwert, des Helden beständiges Geleite, gewann auch Freundesrecht. »Gewissen Freund, versuchtes Schwert, soll man zu Nöten sehen,« ist ein altes deutsches Sprichwort. Walther v. d. Vogelw. I,131b . Bruder Wirner (Alt Meisterges. B. LVIII): Getruwer vriunt, vursuchtez swert, die zwiene sint in noten gůt; sie sint wol hoer eren wert, der sie hat dicke wol behůt. Freidank 95, 18. »Ich minne Schild und Speer,« antwortet der heimatlose Wolfdietrich der Königin; die ihn eine unter ihren Jungfrauen wählen heißt. Im Saale zu Bern sitzen Dietrichs Recken beieinander, je zu zweien oder dreien gesellt, aber in der Ecke sitzt einer, der Held Nudung, der hat keinen Gesellen, über seine Beine hat er ein Schwert gelegt, »das war ihm so lieb«. Als auf Brunhildens Burg die gefährlichen Wettspiele vorbereitet werden, da bedauern Dankwart und Hagen, daß sie beim Empfang, obwohl ungern, ihre Waffen abgegeben. Brunhilde hört es und läßt ihnen solche zurückstellen. Beim Wiedersehen seines Schwertes wird Dankwart vor Freuden viel rot. Dies ist sonst Bezeichnung der Freude beim Anblick der Geliebten. »Günther ist unbezwungen,« ruft er, »nun wir unsre Waffen haben.« Es ist ein oft wiederkehrender Ausdruck, daß der Held sich jeder kühnen Tat vermißt, »ihm breche denn das Schwert an seiner Hand«. Gernot rühmt von dem Schwerte, das ihm Rüdeger gegeben, es sei ihm in all der Not nicht gewichen, es sei »lauter und stet, herrlich und gut«. Der alte Hildebrand, von seinem unerkannten Sohn aufgefordert, Harnisch und Schild abzugeben, weigerte sich solchen Undanks. »Mein Harnisch und mein grüner Schild, die haben mich oft ernährt (gerettet).« Auf gleiche Anforderung erwidert Walther: »Meinen Schild will ich wehren, für gute Dienste bin ich sein Schuldner, oft hat er sich meinen Feinden entgegengeworfen und Wunden, statt der meinigen, aufgefangen.« In den Schild sinkt der wunde, der tote Held nieder. Im Tode noch hält Wolfhart sein Schwert so fest in der Hand verklemmt, daß man es mit Zangen aus den langen Fingern brechen muß. »O weh,« spricht Dietrich, »viel gut Schwert, wer soll dich nun so herrlich tragen? du wirst nimmermehr so viel und löblich geschlagen bei gewaltigen Königen, als Wolfhart dich geschlagen hat.« Die Waffen folgten dem Helden auch auf den Scheiterhaufen, wie schon Tacitus berichtet, nachher in das Grab. Hierbei lag ohne Zweifel die Vorstellung vom fortwährenden Kampfleben in einer andern Welt zugrunde. Beraubung der Toten (Reraub) war ein besondres Verbrechen. Darum bittet Wolfdietrich den toten Otnit, zu erlauben, daß er dessen Harnisch, Kreuz und Krone nehme. Eines Engels Stimme antwortet aus Otnits Helme gewährend. Das aufgefundene Schwert Otnits legt jedoch Wolfdietrich, der Seele Heil wünschend, auf den Leichnam und bekleidet diesen mit seiner eigenen Brünne. »Beraubt' ich einen Toten,« spricht er, »ich möchte die Krone nicht haben.« Auch Dietrich von Bern bedenkt sich sehr, die Waffen des erschlagenen Ecke zu nehmen; und er tut es nur, indem er seine zerhauenen dafür austauscht. Den Toten deckt er mit grünem Laube zu. In nordischen Sagen kommt wohl auch vor, daß ein Grabhügel erbrochen wird, um das Heldenschwert herauszuholen, oder daß der Tote, durch Zaubergesänge beschworen, sein berühmtes Schwert herauswirft. Doch pflegt dies wenig Heil zu bringen. Das Volk in Dänemark erzählt, wie ein erschlagener König bei Nacht umgeht, sein gutes Schwert zu suchen, oder wie ein riesenhaftes Schwert im Hügel gefunden und mit zwölf Pferden auf den nahen Hof geführt wird, wie aber dasselbe, weil nachts alle Wände zittern und die Scheiben klirren, bald an seine Stätte zurückgebracht werden muß. Was hier über die Waffen ausgeführt worden, gilt in seiner Art auch von dem Streitroß. Der Kriegsdienst zu Pferd war von frühester Zeit bei den deutschen Völkern einheimisch. Der Begriff einer Auszeichnung knüpfte sich daran. So erscheinen in der Alemannenschlacht Chnodomar und seine fürstlichen Gefährten zu Rosse, werden jedoch genötigt, abzusteigen, um das Schicksal ihres Volkes zu teilen. Bei den Tenkterern, welche Tacitus als das pferdelustigste Volk bezeichnet, soll das Pferd nicht auf den ältesten, sondern auf den tapfersten Sohn vererbt worden sein. Den Wahrzeichen und Mahnungen aus dem Gewieher und Schnauben dieser Tiere, die man für Vertraute der Götter hielt, schenkten die Germanen vorzüglichen Glauben. Weiße Pferde, von keiner irdischen Arbeit berührt, wurden zu diesem Behuf in den heiligen Hainen genährt. Noch die fränkischen Kirchenversammlungen eifern gegen die Zeichendeutung von Pferden. Wie Odin Waffen gab, so half er auch, nach der Wölsungensage, dem jungen Sigurd aus dem Gestüte seines Stiefvaters das trefflichste Roß auswählen, den berühmten Grane, von Odins Sleipner abstammend. Das Pferd muß der Größe und Stärke des Helden gewachsen sein. Wolfdietrich drückt ein fremdes, das ihm angeboten wird, mit der Hand zur Erde. Nur sein eigenes, das sein Meister ihm gezogen, trägt ihn, in klafterweiten Sprüngen. Vierzehn Tag' und Nächte läuft es, ohne von seiner Macht zu verlieren. Auch die Pferde haben Namen, von ihrer Farbe, Stärke, Geschwindigkeit; Falke heißt Dietrichs Roß, das über Feld fliegt, als ob es wehte. Er versucht es, indem er eine Hindin überreitet. Sie haben Verständnis und treue Anhänglichkeit, warnen ihren Herrn und helfen ihm. Als Otnit unter der Zauberlinde eingeschlafen und der Lindwurm herankommt, sucht ihn sein Bracke mit Springen und Gebell, sein Roß mit Schreien und Scharren zu erwecken. Des Berners Roß, während des Fußkampfes mit Ecke an einen Baum gebunden, schlägt um sich, und schreit, als es seinen Herrn in Bedrängnis sieht. Eckharts Roschlin beißt und schlägt zornig in der Schlacht und treibt dreihundert Feinde zurück. Eine dänische Ballade erzählt, wie zween Stallbrüder auf der Jagd über den Vorzug ihrer Rosse und Hunde in Streit geraten, einander erschlagen und wie dann auch die Pferde kämpfen und die Hunde sich zerreißen. In jenem Reiterstücke, in der Rabenschlacht, wie der zürnende Dietrich Wittichen bis ins Meer verfolgt, mahnt Wittich sein Roß Scheming zur Eile, indem er ihm Öhmd und lindes Heu verspricht, wenn es ihm das Leben rette; da macht das Roß weite Sprünge. Der Berner aber wirft diesem Rosse, das einst ihm gehört, klagend vor, daß es nun seinen Feind von hinnen trage. Das Besteigen des Rosses gehörte zur Wehrhaftmachung, zum Ritterwerden. Wenn die jungen »Schwertdegen« aus dem Münster kommen, wo sie das Schwert empfangen, dann stehen außen die gesattelten Rosse, darauf sie sogleich als Kampfprobe den Schaft brechen. So bei Siegfrieds Schwertnahme im Nibelungenliede. Gleichwie nun das Vermögen, Roß und Waffen zu handhaben, Bedingung der Selbständigkeit war, so galt auch derjenige, der die Kraft hierzu verloren hatte, für ritterlich tot. Das bajuwarische Gesetz bestimmt die strenge Bestrafung eines Herzogsohnes, der seinem Vater die Herrschaft entreißen wollte, für den Fall, daß der Vater noch das Roß männlich besteigen und die Waffen rüstig führen könne. Der Sachsenspiegel macht die Fähigkeit, fahrendes Gut zum Nachteil der Erben zu vergeben, davon abhängig, daß der Mann vermöge, begürtet mit einem Schwert und mit einem Schild auf ein Roß zu kommen von einem Stein oder Stock, einer Daumellen hoch, ohne Hilf', also doch, daß man ihm das Roß und den Stegreif halte. So wird auch in Rechten und Urkunden des Mittelalters ausdrücklich erheischt, daß der Geber oder Verpfänder verfügt habe, »dieweil er reiten und gehen konnte«. Der Wert solcher ritterlichen Rüstigkeit wird auch in unsern Heldenliedern, in episch wiederkehrendem Ausdruck, damit bezeichnet, daß der Held, gewappnet, ohne Bügel, in den Sattel springt. Die Rosse springen freudig unter den Jünglingen, ist gleichfalls ein episch wiederholtes Bild; von dem greisen Berchter aber, im Rothersliede, heißt es: »Hei! wie vermessentlich er ritt! ihm ging das Roß in Sprüngen, baß, denn einem Jungen.« War hiernach das Reiten nicht bloß eine Standesauszeichnung der Edlen, sondern selbst ein Kennzeichen der Mündigkeit und Vollkraft, so dürfen wir uns nicht wundern, das Fußgehen als schimpflich betrachtet zu finden. Von dem englisch-dänischen Könige Harald, dem Sohne Kanuts des Großen, erzählt der Chronikschreiber, er sei von seinem Vater gänzlich abgeartet, denn unbekümmert um Ritterschaft und Hofsitte, hab' er nur seinem Eigenwillen gefolgt und sei, gegen seine königliche Würde, lieber zu Fuß gegangen, als geritten, daher man ihn seiner Leichtfüßigkeit wegen Harald Harefoot (Hasenfuß) genannt habe. Hieraus erklären sich manche Züge in den Liedern. Der Fußgänger Ecke, den kein Roß zu tragen vermag, der, gleich Wolfdietrichs Pferde, vierzehn Tage und Nächte ohne Müdigkeit fortlaufen kann, der in weiten Sprüngen, davon der Wald rauscht und Wild und Vögel verscheucht werden, vom Rhein zur Etsch rennt, der dann kampffordernd neben dem reitenden Dietrich herschreitet, mußte den Hörern des Heldenliedes eine überaus eigentümliche und merkwürdige Erscheinung sein. Im Liede selbst bittet ihn die königliche Jungfrau, die ihn herrlich gewappnet, um ihrer Ehre willen zu reiten, und der alte Hildebrand ruft ihm befremdet zu, in solch reichem Gewande sollt' er geritten sein. Selbst der Zwerg Laurin erscheint beritten, weil er wehrhaft, kampflustig vorgestellt ist. Dietrichs Vertreibung von Bern, das Opfer, das er der Treue bringt, wird dadurch besonders als mitleidswert dargestellt, daß er zu Fuße von dannen zieht. »Dir wird die Ehre nimmer getan,« sagt Ermenrich zu ihm, »daß ich dich reiten ließe; zu Füßen mußt du arbeiten auf der Straße, damit du dich selbst unehrest.« Zu wiederholten Malen wird dieser schmähliche Abzug von Männern und hohen Frauen, die solcher Mühsal nicht gewohnt sind, bejammert. Gleicherweise sagt Rüdeger, als er mit seinen Gastfreunden kämpfen soll: »Ich will auf meinen Füßen in das Elend gehn.« Noch sonst haben die Pferde, mit den Waffen, ihren Anteil an bedeutenden Handlungen und Ereignissen des Menschenlebens. Sie gehörten zum Brautkauf, wie schon Tacitus meldet, daß der germanische Bräutigam ein gezäumtes Roß mit Schild, Speer und Schwert als Heiratgabe eingebracht. Bei Ostgoten, Thüringern, Franken führen fürstliche Freier dem Brautvater erlesene und geschmückte Pferde zu; und so ist es auch zu verstehen, wenn im Hegelingenliede der König Hettel seinem Schwäher Rosse von Dänemark auf den Strand führen läßt, denen die Mähnen bis auf die Hufe reichen. Des germanischen und altnordischen Gebrauchs, das Roß mit dem Helden zu verbrennen oder zu begraben, geschieht zwar in unsrem Sagenkreise nicht mehr Erwähnung, obgleich Habichte und Diener auf Sigurds Scheiterhaufen gelegt werden. Nicht unbeteiligt bleibt aber das treue Roß bei dem Tode seines Herrn. Sigurds Grane kommt allein aus dem Walde zurück; weinend geht Gudrun, das Roß zu befragen; da fährt es zusammen und verbirgt sein Haupt im Grase, denn es weiß, daß sein Herr nicht mehr lebt. Nach einem andern Eddaliede hängt das Grauroß den Kopf über den Toten. Otnits Roß und Hund, aus dem Walde vor das Tor zu Garten wiederkehrend, sind der Kaiserin Boten von dem Tode des Gemahls. Helke, aus dem Blumengarten kommend, sieht, erschreckend, die Pferde ihrer Söhne mit blutigen Sätteln auf dem Hofe stehen. Rüdegers Roß Boymund geht rückwärtsblickend an der Hand des Knappen, der es nach Bechlarn heimführt, manchmal sonst, wenn es seinen Herrn nicht sah, brach es den Zaum und lief die Wege zurück, nun liegt er tot, der es dahingeritten und oft mannlich auf ihm gestritten. Zuvor schon ist es der Tochter seines Gebieters im Traum erschienen, wie es, mit silberner Decke klingend, dahersprang, dann aus einem Wasser trank, darin es auf der Stelle versank. Wir schließen diese Schau der Waffen und Rosse mit einem Satze nordischer Rechtsbücher (Gutalagh 95, 4) der uns in einem kleinen Bilde malerisch darstellt, wie dem Manne sein Kampfgeräte Haus und Hof war. Gleich dem Angriff auf einen Mann in seinem Haus oder auf seinem Acker, den er pflügt oder schneidet, wird der gewaltsame Überfall dessen gebüßt, »der sonst wo auf dem Felde seinen Spieß und Schild hingesetzt oder seinen Sattel niedergelegt und so sich Herberge genommen hat«. So haben wir, das Leben und die Sitte, wie sie in den Liedern dargestellt sind, mit den geschichtlichen Altertümern vergleichend, den Heldenkreis abgeschlossen, zu welchem König, Meister und Recken von mannigfachem Charakter, durch wechselseitige Treue unter sich verbunden sind, und in dem selbst Waffen und Streitrosse, als belebte und beseelte Wesen hervortretend, ihre Stelle fanden. Zu diesem Bunde der Treuen aber bildet, wie der Schatten zum Licht, ein andres Geschlecht den Gegensatz, die Ungetreuen, von denen jetzt noch zu handeln ist. Die Ungetreuen Wo die Treue Urquell und Inbegriff der edelsten Tugenden ist, da muß die Untreue Wurzel und Krone alles Bösen sein. Treu und ungetreu bezeichnet in unsern Liedern den Gegensatz von gut und böse. Der Getreue ist mild und tapfer; sich selbst vergessend, gibt er für die Bande des Blutes und der Genossenschaft jedes Gut des Lebens und das Leben selbst dahin. Der Ungetreue in seiner Selbstsucht ist karg und zugleich feige. In vollständigem Gegenbilde stehen den getreuen Königen, Meistern, Recken die ungetreuen gegenüber, die auch überall mit diesem Beiwort gezeichnet werden. Ermenrich Der ungetreue König ist Ermenrich. Seine Gestalt steht in den deutschen Liedern bleich und gespensterhaft im Hintergrunde, teils weil der Gesang sich nicht darin gefallen mochte, die Verneinung zu beleben, teils weil die ausführlicheren Darstellungen seiner früheren Geschichte nicht auf uns gekommen sind. Doch kann mittels der Auszüge beim Heldenbuch und der Wilkinensage das Notwendige ergänzt werden. Der Anfang seiner Frevel ist die Untreue gegen seinen Marschalk und Ratgeber Sibich, den er versendet, um während dessen Abwesenheit das schöne Weib desselben zu seinem Willen zu zwingen. Üppig, in einer Reihe von Verbrechen und Unheil, wuchert diese Schandtat fort, Sibich übt heimtückisch Rache, indem er durch boshafte Ratschläge die Gier nach fremdem Besitz in die Brust seines Herrn wirft und ihn damit antreibt, gegen sein eigenes Geschlecht zu wüten. Die Harlunge, seine Brudersöhne, läßt Ermenrich verräterisch greifen und aufhängen, um sich ihrer Erblande zu bemächtigen. Seine eigenen Söhne kommen um, indem er, nach erweiterter Herrschaft trachtend, sie auf gefährliche Fahrten aussendet. Doch erscheint sein Sohn Friedrich noch in den Kämpfen, welche den Hauptgegenstand unsrer Lieder ausmachen. Diese Kämpfe, worin Ermenrich auch seines andern Bruders Söhne, Dietrich und Diether, ihres Erbes berauben will, werden von ihm mit Mord und Brand gegen die Wehrlosen, mit schnödem Verrat gegen die tapferen Gegner, ja an den eigenen Freunden und Mannen, geführt. Zuerst sucht er den Berner damit in die Falle zu locken, daß er denselben unter dem Vorwande zu sich ladet, als wollt' er, den Tod der Harlunge abzubüßen, zum heiligen Grabe fahren und indes sein Reich in des Neffen Pflege geben. Dietrich, von dem Boten Randolt selbst gewarnt, kommt nicht und nun bricht Ermenrich los, mit Feuer und Schwert die Lande verwüstend. Aus dem Felde geschlagen, sinnt er auf andre Mittel. Den Recken, welche Dietrich nach dem Schatze zu Pola ausgeschickt, legt er Hinterhalt, nimmt sie gefangen und droht, sie zu hängen, wenn ihm nicht Dietrichs Städte und Lande überantwortet werden. Er achtet nicht, daß achtzehnhundert seiner Mannen und sein Sohn Friedrich selbst des Berners Gefangene sind. Sie alle will er preisgeben, während Dietrich um seine sieben Dienstmannen alles hingibt. Vor Bern unter seinem Gezelte liegend, weidet der Unbarmherzige sich an des Neffen kläglichem Abzug, Umsonst mahnt ihn dieser, mit weinenden Augen, der Bande des Bluts, vergeblich ist die Fürbitte von mehr denn tausend Frauen und Jungfrauen, deren Schönheit Gott vom Himmelreiche schauen möchte. Sie flehen ihn bei aller reinen Frauen Ehre, königlich an ihrem Herrn zu tun. Mit schmählicher Drohung weist er sie von sich, scheint er doch selbst nicht von einer Frau geboren zu sein, da er nachher zu Raben schamlos Frauen und Kinder hängen und enthaupten läßt. Stets, wenn seine Sache übel steht, entflieht er heimlich aus der Schlacht oder um Mitternacht aus der erstürmten Stadt, überläßt die Männer, die für ihn kämpfen, ja den eigenen Sohn, treulos ihrem Schicksal und vergießt nur dann Tränen, als er sie mit schwerem Gold aus der Gefangenschaft lösen soll. Dem Ehrlosen, Zagen ist denn auch nicht der Tod der Helden beschert, in elendem Siechtum bersten ihm die Eingeweide. Die Lieder, welche diese Geschichten erzählen, sind voll von Jammer und Verwünschungen über Ermenrichs Untreue. Er ist der ungetreueste, der je von Mutter geboren ward, durch ihn ist Untreue zuerst in die Reiche kommen, von ihm ist das Land öde, er hat allen Mord gebraut, ihm fluchen Männer und Frauen. Der nordische Iormunrek und sein Ratgeber Bichi (in Saxos getrübter Darstellung B. VIII, S. 240 f. Iarmerich und Bicco) erscheinen erst am Schlusse der Wölsungengeschichte. Der König läßt, auf des treulosen Bicke Anstiftung, aus Eifersucht, seinen Sohn Randwer hängen und seine Gemahlin Swanhild von Pferden zu Tode treten und wird dafür von ihren Brüdern an Händen und Füßen verstümmelt. Sibich Als Sibich erfuhr, daß Ermenrich ihm sein Weib entehrt, sprach er bei sich: »Nun bin ich allwegen ein getreuer, frommer Mann gewesen, und ward mir der Name geben: der getreue Sibich: nun will ich werden der ungetreue Sibich,« Er vollzieht das Werk der Rache durch das langsame Gift seiner boshaften Ratschläge. Wie die getreuen Meister Hildebrand, Eckart u.a. die Schutzgeister ihrer Herren sind, sie zu wackeren und rühmlichen Taten anweisen, so führt Sibich den seinigen in Laster, Schande, Verderben. Durch Sibich sind die ungetreuen Räte in die Welt gekommen; Sibichs Rat ist der Same alles Bösen, und wenn Ermenrich einmal etwas Löbliches vornimmt, wie die Loskaufung der Gefangenen, so wird ausdrücklich bemerkt, daß nicht Sibich, sondern ein andrer, den Rat gegeben. Wie das ganze Geschlecht des treuen Meisters die Gesinnungen desselben teilt, so gehören Sibichs Verwandte, sein Sohn Saben und Ribestein, zu den Verrätern. Er und die Seinigen sind, wie ihr König, feig und feldflüchtig. Sie werden, um den Gegensatz hervorzuheben, je von einem des getreuen Meistergeschlechts, Sibich von Eckhart, Saben von Wolfio hart, gefangen, quer auf das Roß gebunden und dem schmählichen Tod am Galgen zugeführt. Wittich und Heime. Ungetreue Recken sind Wittich und Heime, Schildgesellen, durch gleiche Gesinnung verbunden. Tapfer und kriegskundig weiden sie gesucht und gefürchtet. Sie verkaufen ihren Dienst um Gold, leihen sich der Hinteirlist und Grausamkeit, verschmähen kein ehrloses Mittel und werden flüchtig in der Angst des bösen Gewissens. Wittich, des elfischen Wielands Sohn, führt im Schild eine Schlange. Auch Madelger, nach deutscher Sage Heimes Vgl. Saxo B. VI, S, 159: Hama . B. VIII, S. 234. B. IX, S. 264, 2. Grimm, Heldensage S. 17. Auch in der Brawallaschlacht auf Rings Seite ein König Hama, Saxo B. VIII, S. 223. Vater, scheint zum Geschlecht der Elfen gehört zu haben. So ist schon in der Abkunft die unheimliche Natur dieser beiden begründet. Erst sind sie Dietrichs Mannen und ziehen mit ihm in den Rosengarten. Noch scheuen sie sich anfangs vor den riesenhaften Gegnern und Wittich kämpft nicht eher, als bis Dietrich, nachdem er Gold und Land vergeblich geboten, das treffliche Roß Scheming, welches früher dem Recken gehört, ihm zurückzugeben verspricht. Auf der Fahrt zu Laurin ist Wittich ebenso gewalttätig in Zerstörung des Gartens, als argwöhnisch und scheu, dem Zwerg ins Gebirge zu folgen; erst von den andern verspottet, sprengt er zornig voran. Seinen Übergang in Ermenrichs Dienst beschönigt er im Rosengartenliede damit, daß er den Haß der Wölfinge nicht länger ertragen könne. Besonders mißgönnt Wolfhart ihm das Roß Scheming. Die getreuen Wölfinge sind natürliche Widersacher des ungewissen Dienstmanns. Dietrich mahnt den Wegreitenden der ihm geschworenen Eide und Wittich verflucht sich, wenn er sie breche. In den Kriegen des Berners mit seinem Oheim sind Wittich und Heime Hauptleute bei Ermenrich. Sie führen den folgeschweren Überfall der von Pola zurückkehrenden Helden, als diese entwaffnet bei ihren Feuern rasten. Später selbst von Dietrich gefangen, schwört Wittich ihm von neuem Treue, wird zum Markgrafen von Raben bestellt und, nach dieser Darstellung, jetzt mit dem guten Scheming beschenkt. Verräterisch überliefert er die Stadt an Ermenrich, der Frauen und Kinder hinwürgen läßt. Das kalte und finstere Wesen dieser »Mordrecken« zeigt sich vornehmlich darin, daß sie als Feinde und Verderber alles Schönen auftreten. Sie sprechen ihre Nichtachtung der Frauen ungescheut aus; ihrer lauernden Fechterkunst unterliegen die blühendsten, feurigsten Jünglinge. Wie der grimme Wittich die Rosen zertreten, so schlachtet er jugendliche Helden. Die drei Königssöhne Diether, Scharpf und Ort, der Hut ihres Meisters entritten und auf der Heide verirrt, sehen, als der Nebel weicht, einen Recken streitfeitig unterm Schilde halten. Diether entbrennt von Zorn und Schmerz, als er den Mann erkennt, der an ihm und seinem Bruder so große Untreue begangen. Wittich, angerannt von den Jünglingen, warnt und schont noch im Gefechte, aus letzter Erinnerung an die alten Bande und aus Furcht vor Dietrichs Rache. Doch als er schwere Wunden empfangen, faßt ihn sein Grimm und er haut sie in ihren Sommerkleidern durch Hirn und Zähne, durch Leber und Herz. Unedler ist sein Kampf mit dem jungen Alphart auf der Warte. Unheil ahnend, nur auf Ermenrichs dringenden Aufruf, reitet er hinaus. Er wird von Alphart aus dem Sattel gestochen: sein Roß Scheming läuft hin und ißt das grüne Gras, als achtet' es wenig den Fall des ungetreuen Herrn. Aber unsern im Schatten hält Heime und kommt jetzt seinem Gesellen zu Hilfe, Gegen Ehr' und Sitte bekämpfen die zween den einen, sie hauen auf ihn von vorn und hinten, dem Gefallenen reibt Wittich das Schwert im Leibe um und schneidet ihm das junge Leben ab. Das Bewußtsein ihrer Schuld macht die Mörder zaghaft. In der Schlacht zur Rache um Alphart brechen sie die Zeichen von ihren Helmen und schwingen die Schilde hinter sich, um nicht erkannt zu werden; sie entfliehen mit Sibich und Ermenrich. Nach der Schlacht von Raben aber, als Dietrich, von den Leichen der drei Königssöhne hinweg, zornglühend Wittichen verfolgt, rennt dieser in unaufhaltsamer Flucht bis in den Schoß des Meeres, wo seine Ahnfrau, die Meerminne Waghild, ihn aufnimmt. So kehrt er zurück in das Reich der tückischen Geister, dem er entstammt ist. Hagen An den Schluß dieser Heldenbilder stellen wir denjenigen Charakter, welcher Eigenschaften in sich vereinigt, die in andern nur einzeln hervortreten und unter sich durchaus unverträglich scheinen. Es ist Hagen, der Nibelunge Trost, der Mörder Siegfrieds, der getreueste zugleich und der ungetreueste Mann; Nib. 5056: Mich hât der leidege Hagene mînes gůtes ân getân der getreueste, stets wachsame für die Macht und Ehre des Königshauses, dem er als Verwandter und Dienstmann verbunden ist, aber aus eben dieser Treue der ungetreueste gegen jeden, der jenes Haus verdunkeln oder gefährden möchte. Gegen solche entladet er ganz die finstere, feindselige Gewalt seines Wesens, all seinen Hohn und seine Härte, mit einem Worte den Grimm, wovon er den Beinamen hat. Mit sicherer Hand, in wunderbaren und doch folgerechten Gegensätzen, ist diese Doppelnatur durch die Verwicklungen des Nibelungenliedes hindurchgeführt. Hagen von Tronje, Aldrians Sohn, wird im Eingang des Liedes zuerst unter den Recken genannt, die den Stolz und die Kraft des burgundischen Hofes ausmachen. Sein Aussehen wird gelegentlich geschildert: er ist grauenhaft ( griulich ) und doch von schönem Leib, wohlgewachsen, mit breiter Brust und langen Beinen, halbgreisem Haar, aber herrlichem Gang; seine jähen, schrecklichen Blicke verraten die grimme Sinnesart; rabenschwarz, von Edelsteinen funkelnd, sein Gewand. In früher Jugend war er als Geisel seines Königshauses bei Etzel. Ihm sind die fremden Reiche kund. Darum, als Siegfried selbzwölfte zu Worms auf den Hof geritten, sendet Gunther nach Hagen, um zu erfahren, wer diese Gäste seien: Hagen geht an ein Fenster und läßt sein Auge nach ihnen wanken. Obschon er Siegfrieden nie gesehen, erkennt er ihn doch, erzählt von seinem Drachenkampf und der Erwerbung des unendlichen Hortes, und rät, den jungen Helden wohl zu empfangen, damit man sich ihn verbinde. Doch als nun Siegfried übermütig hervortritt und Gunthern zum Zweikampf um Land und Krone ausfordert, als die Burgunden zornig dastehen und Ortwin nach Schwertern ruft, da schweigt Hagen lange, zum Befremden des Königs; zuletzt spricht er: »Das sollt' er unterlassen haben; meine Herren haben ihm nicht solches zuleide getan.« Zwar wird dieser erste Zusammenstoß beschwichtigt, aber schon bemerken wir in Hagens dunkler Seele den Unwillen über die Anmaßung des Fremden, die Berechnung, ihn zu benützen, aber auch die Ahnung, daß solcher Anfang zum Bösen führe. Auf Wagens Rat bittet Günther den Gast, für ihn die Sachsen zu bekämpfen, und nachher auf der gefährlichen Brautfahrt nach Brunhilden ihn zu begleiten. Hagen selbst entzieht sich keiner dieser Unternehmungen. Als Brunhild, durch Siegfrieds Hilfe besiegt, Gunthern ihre Gewalt einräumt, da freut sich dessen der kühne Hagen. Die Botschaft nach Worms, wohin er vorausgesandt werden soll, lehnt er ab und schiebt sie auf Siegfried, der um Kriemhilds willen gebeten wird. Nachdem diese dem jungen Helden, zum Lohn seiner Dienste, vermählt ist, heißen ihre Brüder sie tausend Recken auswählen, die ihr als Heimgesinde in Siegfrieds Reich folgen sollen. Sie sendet alsbald nach Hagen, aber zürnend erwidert dieser: »Uns mag Günther niemand auf der Welt geben: ihr kennt doch wohl der Tronjer Sitte, wir müssen bei den Königen hier zu Hofe bleiben: denen wir bisher gefolgt, sollen wir ferner dienen,« Die Boten, welche nachher ausgeschickt werden, um Siegfried und Kriemhilden nach Worms zum Feste zu laden, kommen reichbeschenkt zurück und weisen die empfangenen Gaben, Gold und Kleider, vor. »Er mag leicht geben,« spricht da Hagen: »er könnt' es nicht verschwenden, und lebt' er ewig; den Hort der Nibelunge hält seine Hand verschlossen; möchte der noch einst in der Burgunden Land kommen!« Bei dem Feste bricht der Zank der Königinnen ans. Von Kriemhilden hat Hagen sich losgesagt, als sie den Hof ihrer Brüder verlassen; Brünhilden, der Frau seines Königs, ist nun sein Dienst gewidmet. Zu ihr geht er und fragt die Weinende, was ihr sei. Er gelobt ihr, daß Siegfried ihren Kummer entgelten müsse, und setzt sein eigenes Leben dafür ein. Den Männern hält er den Schimpf vor, den Siegfrieds Reden auf das Königshaus gebracht. »Sollen wir Gauche (Kuckucksbrut, Bastarde) ziehen?« fragt er und rät fortan auf Siegfrieds Tod. Wie er Kriemhilden das Geheimnis von dessen Verwundbarkeit ablockt und die verräterische Jagd anstellt, wie er den Wein vergißt und den Wettlauf nach der Quelle veranlaßt, wie er den Waffenlosen hinterrücks durchbohrt und vor dem Todwunden die Flucht ergreift, darin zeigt er die volle Meisterschaft der Untreue. »All unser Leid und unsre Sorge,« ruft er über dem Sterbenden, »hat nun ein Ende: wir finden keinen mehr, der uns bestehen dürfte: wohl mir, daß ich seine Herrschaft abgetan!« Er rastet auch nicht, bis der Nibelungenhort nach Worms gebracht und die Schlüssel Kriemhilden entrissen sind. »Laßt mich den Schuldigen sein!« sagt er zu dem zögernden Günther. Er versenkt auch den Hort im Rheine, da jetzt noch kein ruhiger Genuß desselben möglich ist. Nib. Z. 4564, Lachm. 1077: Er wânde er sold in niezen; des kunde dô niht gesîn. Z.4575. Lachm. 1080: So enkunden sis in selben noch ander niemen gegeben. Nimmt man an, daß Hagen sich allein den Schatz zugedacht, wie es in der Überarbeitung noch stärker herausgehoben ist, so widerspricht der einzige Vers der durch das ganze Lied gehaltenen Charakteristik Hagens. Doch ist ein solcher Widerspruch bei dem Erwachsen des Liedes aus älteren allerdings möglich. Unverkennbar ist aber, daß der Hort, wie alled Mythische, das rechte Verständnis eingebüßt hat, indem alle Bedeutung sich auf das Innere der Charaktere gezogen, daher dort etmas nicht zum Ganzen Passendes wohl stehen bleiben konnte. Unklar ist alles, was vom Horte, besonders dessen Versenkung, gesagt wird. Er allein widerrät die Vermählung der Witwe an Etzeln; auch der Fahrt zu den Hunnen widersetzt er sich, bis Gernot und Giselher ihn, der schuldbewußt den Tod fürchte, daheim bleiben heißen. Da zürnt er und duldet nicht, daß sie ohne ihn fahren. Rumolt hält ihnen vor, daß Hagen sie noch nie verraten habe. Hagen reitet nun der Schar zuvorderst, den Nibelungen »ein helfelicher Trost«. Die Meerfrauen weissagen ihm, daß keiner zurückkommen werde, außer dem Kapellan, und nachdem er, ungläubig erst, an diesem bei der Überfahrt über den Strom die Probe macht, schlägt er das Schiff zu Stücken, verkündet die versagte Wiederkehr und heißt die Helden sich waffnen. Auf dem Zuge durch Bayern übernimmt er die Nachhut und schlägt Gelfrats nächtlichen Anfall ab. Seinen lieben Herren heißt er den Kampf verschweigen, damit sie ohne Sorge bleiben, bis die aufgehende Sonne die blutigen Waffen zeigt, »Wie könnt' ein Held seiner Freunde besser hüten!« Ihn schreckt nicht die Warnung des Grenzwächters Eckewart. »Mög' uns Gott behüten!« erwidert er; »wir sorgen um nichts, als um die Herberge für diese Nacht.« Für Giselhern wirbt er um des gastlichen Rüdegers Tochter, die ihm mit Furcht den Willkommkuß gegeben, »Sie ist so hoher Blutsfreunde,« sagt er, »daß wir ihr gern dienten, ich und seine Mannen, ginge sie unter Krone bei den Burgunden.« Giselher, der jüngste, edelste und tapferste unter den Brüdern, ist durchaus Hagens Liebling, der in ihm die Blüte des Königsstammes erkennt; darum wohl sucht er ihm in dem fremden Lande die Freundschaft und den Schutz des trefflichen Rüdegers zu verschaffen. Die Wilkinensage (K. 364. Rask II, 547) hat den Zug aufbehalten, daß Hagen in der letzten Not für Giselher um Frieden bittet, weil dieser unschuldig an Siegfried sei, dem er, Hagen, allein die Todeswunde gegeben. Auch in unserm Lied ist Giselher vom Anteil am Morde rein erhalten und darum allein in Kriemhildens Gunst geblieben. Je näher die Gefahr hereindroht, um so freier und unerschrockener blickt Hagen ihr ins Auge. Mit trotzigem Hohn erwidert er Kriemhildens feindlichen Empfang. Als sie nach dem Horte fragt, antwortet er, an seinen Waffen hab' er genug zu tragen gehabt. Als sie den Gästen die Waffen abnehmen will, erwidert er, das hab' ihn sein Vater nicht gelehrt, daß eine Königin seinen Schild trage, er wolle selbst Kämmerer sein. Endlich als er mit Volkern vor dem Hause sitzt, Kriemhildens Saale gegenüber, als sie mit gewaffneter Macht herankommt, er aber nicht vor ihr aufsteht, und über seinen Knien das Schwert mit dem grasgrünen Jaspis spielen läßt, das einst Siegfrieds war, als sie dann fragt, wer nach ihm gesandt, und er antwortet, man habe die geladen, die seine Herren heißen; als sie zuletzt, um ihn vor den Ihrigen zu überweisen, den Mord an Siegfried ihm vorwirft, da spricht er laut und offen: »Was soll des mehr? Ich bin's, Hagen, der Siegfrieden schlug; sehr entgalt er, daß Kriemhilde Brunhilden schalt; ich bin all des Schadens schuld, räch' es nun, wer wolle, Weib oder Mann!« Sein Absehen ist fortan nur darauf gerichtet, nicht wehrlos und unvergolten unterzugehen. Gleich als Kriemhilde Giselhern allein gegrüßt, band Hagen sich den Helm fester; in der Nacht vor dem Feste hält er mit Volkern vor dem Saale, wo die Burgunden schlafen, getreulich Schildwache und schon der Glanz ihrer Waffen scheucht die Hunnen zurück. Am Morgen, als die Helden sich zum Kirchgang schmücken wollen, heißt er sie, statt der Rosen, die Waffen zur Hand nehmen, statt der gesteinten Kränze die lichten Helme, statt der Seidenhemde die Halsberge, statt der reichen Mäntel die weiten Schilde. »Geht nun zur Kirche, klaget Gott eure Not! Denn wisset, daß der Tod uns nahet!« Noch verhält er seinen Grimm, bis Dankwart beim Mahle blutig unter die Türe tritt und den Tod der Knechte verkündet; da gibt er die Losung des unversöhnbaren Kampfes, indem er Etzels jungem Sohne das Haupt abschlägt, daß es der Königin in den Schoß springt. Den Schild auf den Rücken geworfen, tobt er mit Schwerthieben durch den Saal. Todestrunken, kennt er keinen Rückhalt mehr. Im brennenden Saale heißt er die Dürstenden Blut trinken. »Das ist in solcher Hitze besser, denn Wein.« Von Dietrich überwältigt und vor Kriemhilden geführt, weigert er sich, ihr den versenkten Hort anzuzeigen, und als sie ihm Gunthers abgeschlagenes Haupt vorhält, spricht er: »Nun ist ergangen, wie ich mir gedacht: den Schatz weiß nun niemand, denn Gott und ich; der soll dir, Teufelin, ewig verhohlen sein!« Da gibt sie ihm mit Siegfrieds Schwert den Todesstreich. So erscheint Hagen zwar, gleich jenen andern Ungetreuen, schlau und hinterlistig, geizig auf den Hort, den er jedem Fremden mißgönnt, zaghaft im Augenblick des vollbrachten Meuchelmordes. Argwöhnisch und behutsam überall, sucht er besonders die rächenden Folgen jener Freveltat durch Vorsicht abzuwenden. Als aber seine Könige, für die er solche verübt, seinen Rat nicht achtend, dem Verderben entgegengehen, nimmt er seine Schuld auf sich und folgt ihnen. Er hört die Weissagung des Todes, erprobt sie und zerschlägt die Brücke der in Rückkehr. Da erst ist sein Heldengeist entbunden; er steht dem Schicksal, das er heraufbeschworen, trägt mit Riesenkraft den brechenden Bau und stürzt, der letzte, unter den Trümmern. In der nordischen Darstellung ist Hagen selbst einer der königlichen Brüder, und zwar, der Eide gedenkend, dem Mord an Sigurd abgeneigt. Er schiebt solchen auf Guttorm, den jüngsten Bruder, der nicht mitgeschworen ( Edd. IV, 66 f. Vols. S. Kap. 39). Wie in unserm Liede Günthers Haupt vor Hagen, so wird hier Högnis ausgeschnittenes Herz vor Gunnar gebracht. Högne hat gelacht, als man es ausschnitt, und Gunnar erkennt dasselbe daran, daß es nicht zittert, nachdem man ihn durch das bebende Herz eines Knechtes vergeblich zu täuschen gesucht (IV, 148 f. 175. Vols. S. Kap. 46). Auch im deutschen Siegfriedslied ist der grimmige Hagen ein Bruder von Günther und Gernot, König Gibichs Söhnen; er will nicht dulden, daß sein Schwager die Lande regiere, und erschlägt ihn am Brunnen im Odenwald. Es liegt in der Art der Fabellieder, daß Genossen Brüder heißen, und der nordischen Sage ist dieses nahe Blutsband um so angemessener, als sie überall die Schicksale der Geschlechter darzustellen pflegt. Vermittelnd ist die Wilkinensage, die Hagen zum Halbbruder der Könige macht, von einem Elfen erzeugt, wodurch sein Aussehen und seine Sinnesart erklärt wird (K. 150. Rask II, 241). Im Nibelungenliede selbst ist Hagen ein Verwandter (Oheim) seiner Herren und die Eigenschaften von »Mann und Mage« sind auch hier ungetrennt. Ist gleich Hagens Bruderrecht als das Einfachere und Ursprünglichere anzuerkennen, so finden wir doch in deutscher Sage schon über zwei Jahrhunderte vor dem Nibelungenliede das Verhältnis der Diensttreue hervorgestellt. In dem Gedichte von Walthers Flucht steht Hagen, Agaciens (?) Sohn, mitten im Widerstreit der Pflichten gegen seinen Herrn, den König Gunther, und seinen Genossen, den heimkehrenden Walther. Nachdem er jenem vergeblich von der Verfolgung und Bekämpfung Walthers abgeraten, sieht er vom nahen Hügel Über das Sitzen auf dem Hügel vgl. die Laxdälasaga, Sagabibl. I, 216. am misceto merum Haganoni et porrige primum! Est athleta bonus, fidei si jura reservet. dem Kampfe zu. Dieses Verhalten wird ihm vom König und nachher, in der Nibelungennot, von Hildebrand als Zaghaftigkeit vorgeworfen. Noch bleibt er sitzen, als sein Neffe Patafried, gegen seine und Walthers Mahnung angreifend, von diesem erschlagen ist. Erst als die andern elf Begleiter des Königs hingestreckt sind, erhebt er sich auf dessen dringende Bitte. Durch List rät er Walthern aus dem Verhau zu locken; aber in dem Kampfe, der nun beginnt, streckt er aufopfernd sein Haupt dem Streiche vor, der dem am Boden liegenden König den Tod gegeben hätte. Mit dem Verluste des rechten Auges kehrt er aus diesem Streite zurück. In bestimmten Zügen sehen wir hier vorgezeichnet, was im Nibelungenliede seine volle Entwicklung erhält. W. Grimm hat bei mehreren Heldencharakteren zu zeigen sich bemüht, wie sie ursprünglich edler gehalten waren und in der Fortbildung der Sage sich verböserten. So insbesondere auch bei Hagen. In den Eddaliedern, wo Högni noch in der Reihe der Königsbrüder erscheint, rate er sogar noch vom Morde Sigurds ab, der durch Guttorm erschlagen wird. Noch im lateinischen Walthersliede sei Hagano durchaus edelmütig gesinnt und das finstere und böse Wesen, das die Nibelungennot beschreibe, ihm fremd. Aber der Zwiespalt der Pflichten, den wir kaum zuvor ausgehoben, ist doch schon im lateinischen Gedichte ein Hauptmotiv und wirft auf den Helden, der erst der einen und dann der andern zu genügen sucht, ein zweifelhaftes Licht. Nachdem er sich einmal für seinen König, gegen den Genossen, entschieden, so greift er auch schon zur Hinterlist, indem er den Rat gibt, daß sie beide, der König und er, sich in einen Hinterhalt zurückziehen und so Walthern aus seinem sichern Verhau hervorlocken. V. 1112: Secedamus, eique locum præstemus eundi; Et positi in speculis tondamus prata cauallis, Donec jam castrum securus deserat artum, Nos abiisse ratus campos vi calcet apertos. Insurgamus et attonitum post terga sequamur. Und so greifen sie ihn auch wirklich zu zweien an. V. 1282: Adversum solum conspirant arma duorum. Als nach dem Kampfe die Helden zusammen trinken, sagt Walther zu Hildegund V. 1406: Jedenfalls scheint mir der tiefe Sinn, der in der Bildung des Epos tätig war, sich gerade darin zu erweisen, daß dieser schwierigste Charakter, der abschreckend und anziehend zugleich, in Widerstreit und Verbindung der entgegengesetztesten Eigenschaften einen wunderbaren Abgrund des Gemütes aufschließt und die bedeutendste Geisteskraft entfaltet, mit Vorliebe gepflegt worden ist, sich der Herrschaft im Liede bemächtigt und die Lösung der Widersprüche großartig in sich vollendet hat. Die Frauen Das Sittengemälde, welches wir nach den Heldenliedern, im Vergleich mit den germanischen Altertümern, entworfen haben, würde eines wesentlichen Bestandteiles entbehren, wenn wir nicht zum Schlusse noch das Leben der Frauen beleuchteten. Die Stellung und Geltung der Frauen in diesem kriegerischen Kreise, ihre Freuden und Bedrängnisse, ihre leidende und tätige Teilnahme an so sturmbewegtem Leben, erheischen unsre besondere Aufmerksamkeit. Die klare Auffassung dieser Verhältnisse wird dadurch erschwert, daß eben hier die bedeutendste Vermischung des Geistes verschiedener Zeiten in unsern Liedern eingetreten ist. Die Aufzeichnung und Gestaltung der letztern fiel in eine Zeit, welche nicht bloß das Mythische der Heldensage größtenteils in natürliche Zustände aufgelöst hatte, sondern auch den aus fremder Poesie eingedrungenen Zierlichkeiten des Minnewesens und der Rittersitte auf ganz verschiedenartige Gegenstände einigen Einfluß gestattete. So kam es, daß in demselben Liede die noch erkennbare Walküre Brünhild und die wirtliche Hausfrau Gotelind Dietl. 979: Da saget das gesinde der schoenen Gotelinde, da waren kommen geste. Hausfraw die peste, die ye fursten haus besaz, gepot dem ynngesinde das, daz man ir schone solte pflegen. sich zusammenfinden, daß derselbe Siegfried, der so minniglich um Kriemhilden warb, ihr nachher der unbesonnenen Zankrede wegen den Leib zerbläut. Dietl, 12 605-22. Brunhilt soll auch von ihrem Manne geschlagen werden. Dennoch lassen sich Züge unterscheiden, welche zu fest im germanischen Leben begründet sind, zu tief in den Bestand der Sage eingreifen, als daß sie nicht ursprünglich und eigentlich ihr angehören sollten, wenn sie auch mit dem Sagenstoffe selbst den allmählichen Wandlungen der Zeit gefolgt sind. Noch ist die Gabe der Weissagung nicht gänzlich von den Frauen gewichen. Ihr Herz sagt ihnen, beim Auszug der Helden, das nahende Leid; von fallenden Tränen wird ihnen dann das Gold vor der Brust trübe. Doch nicht bloß diese dunkle Ahnung ist ihnen gegeben, in bedeutsamen Träumen bildet sich ihnen die Zukunft vor. Helle sieht in angstvollem Morgentraume, wie ein wilder Drache durch das Dach der Kammer fliegt und ihr beide Söhne gewaltsam hinwegführt auf eine weite Heide, wo er sie zerreißt, Kriemhild träumt noch mitten in den Ehren und dem Glanz ihrer Jugend, bevor noch Siegfried auf dem Hofe zu Worms erschienen, ihr künftiges Geschick, wie sie einen schönen Falken gezogen, den ihr zween Aare mörderisch ergreifen; und ihre Mutter, der sie den Traum vertraut, gibt ihm die rechte, traurige Deutung. Nachher, als Siegfried in den Wald reiten will, sagt sie ihm, weinend ohne Maß, die Träume der vorigen Nacht, wie ihn zwei wilde Schweine über Heide jagten und die Blumen da rot wurden, wie ob ihm zween Berge zusammenfielen und sie ihn nimmermehr gesehen. Vor der Nibelunge Hinfahrt nach Hunnenland träumt Frau Uten, wie alles Geflügel im Lande tot sei. Rüdegers Gemahlin und Tochter teilen sich ihre bangen Träume mit; die Mutter sah ihn ganz ergraut, sein Gesinde war von einem Schnee befallen und von einem Regen genäßt, ihr eigenes Haupt von Haar entblößt, in ein finstres Gemach hieß er sie gehen, darin er selbst stand, er schloß die Türe zu, und nimmer kamen sie herfür. Die Tochter sah des Vaters Pferd sehr springen, laut erklang an ihm die Silberdecke; es trank aus einem Wasser und versank zur Stelle. Indes sie so einander erzählen, sind schon die Trauerboten eingeritten. Traum und Traumdeutung der Frauen fehlt begreiflich auch in der nordischen Darstellung nicht. Hier findet sich aber noch eine weitere, wunderbare Eigenschaft derselben, die Zauberkunde. Frauen wissen vorzugsweise die Runen zu schneiden und zu deuten, Sigurdrifa (Brunhild) reicht dem Sigurd in der Flammenburg den Gedächtnistrank, voll ist das Horn von guten Zaubern und Freudenrunen, sie lehrt ihn die Runen, ihre mannigfachen Arten und Kräfte. Aber Grimhild, die Mutter der Giukunge, schenkt ihm nachher, um ihn an ihr Haus zu knüpfen, einen andern Zaubertrank, von dem er Brunhilden vergißt, und sich mit Gudrun verbindet. Durch ähnlichen Trank, im Horne, darein Runen geritzt sind, bringt sie später ihre Tochter dazu, des ermordeten Siegfrieds vergessend, sich mit Atli zu vermählen. Die Heilkunde ist ein Teil dieser zauberhaften Weisheit. Heilende Hände ( læcnis-hendr ) erfleht Brunhild von den Göttern für sich und Sigurd, als sie ihm den Gedächtnistrank gibt. Zweigrunen, auf Rinde und Baumäste geschnitten, bezeichnet sie als ärztliche (Gr. Edd. 213. 217). Nach dem Kampf am Wasgensteine verbindet Hildegund die Verwundeten. Zu den Müttern, den Gattinnen brachten die Germanen, nach Tacitus ( Germ . 7), in der Schlacht ihre Wunden, und die Frauen scheuten sich nicht sie zu zählen oder auszusaugen. Die Jungfrau, welche Dietrich von Fasolds Verfolgung befreit, sieht ein Wundkraut, das auf hoher Heide blüht; sie holt es und zerreibt es unter den Händen; von seinem Geruche verläßt den Helden die Müde und er genest völlig. Auch dem ermatteten Rosse gibt sie davon, daß es froh und kräftig, mit schnellen Sprüngen den gewappneten Herrn trägt. Von heilbringenden Frauenhänden werden die ausziehenden Helden gewappnet. Die schöne Magd zu Terfis wappnet Wolfdietrichen zum Ringstechen. Die junge Königin Seburg wappnet Ecken, den sie zum Kampf aussendet; Ute bindet ihrem Hildebrand den Helm auf; sie gibt auch ihrem Pflegesohn Alphart Waffenrock und Waffen. Mit dieser Wappnung hängt der Segen zusammen, den die Frauen auf die Fahrt geben. Als Ute Alpharten gewappnet, segnet sie ihm nach mit ihrer schneeweißen Hand. Nach ihm segnen auch andre schöne Frauen, ihm Heiles bittend. Ebenso tut Frau Ute ihrem Gemahl, dem sie den Helm aufgebunden, manchen Segen nach. Daß diese Segen ursprünglich nicht bloß allgemeine Heil- und Siegeswünsche, sondern eine wirkliche Feiung waren, zeigt eine Stelle des Liedes von Etzels Hofhalt. Dort wappnet Jungfrau Selde Dietrichen von Bern und tut ihm dann einen Segen, der ihr von Gott kund ist und der den Helden sichert, niemals im Kampf erschlagen zu werden. Von Frauen sind auch die undurchdringlichen Zaubergewande, Nothemde, verfertigt. Noch sind uns alte Formeln des Nachsegnens aufbewahrt, die, wenngleich christliche Schutzengel und Heilige darin angerufen werden, doch schon in den durchklingenden Stabreimen auf früheren Ursprung deuten, z. B.: Ich dir nachsehe, ich dir nachsende mit meinen fünf Fingern fünfundfünfzig Engel; Gott gesunden heim dich gesende! offen sei dir das Siegetor, so sei dir das Seldentor, beschlossen sei dir das Wagetor, so sei dir das Waffentor!« Oder: Herre Sankt Michael, heute sei du sein Schild und sein Speer, meine Frau Sankta Maria sei seine Halsberge! Herre Gott! du müssest ihn beschirmen vor Wage (Wasser) und vor Waffen, vor Feuer, vor allen seinen Feinden, sichtbaren und unsichtbaren!« Man erinnert sich hierbei an Sigurdrifas Heil- und Siegesgebet beim Gedächtnistrank und an die Siegrunen, die, nach ihrer Lehre, auf Schwertgriff und Schwertgehäng eingeschnitten werden, unter zweimaliger Nennung des Siegesgottcs Tyr. Ob die häufig vorkommende Bitte und Mahnung »durch aller Frauen Ehre« erst eine Folge des ritterlichen Frauendienstes sei, ist zweifelhaft. Als Beweggrund, die Frauen zu ehren, wird manchmal daran erinnert, daß wir von ihnen gekommen sind. Von Ermenrich, der die Frauen zu Raben hinrichten ließ, wird gesagt, er sei nicht von Frauen kommen. Sowie man bei ihrer Ehre bittet, erscheinen die Frauen selbst als Fürbitterinnen. Die von Bern treten vor Ermenrich und flehen ihn, obwohl vergeblich, um Gnade an seinem Neffen Dietrich: fußfällig mahnen sie ihn, alle reinen Weiber zu ehren und dazu alles himmlische Heer, damit sie ihm Sieg verleihen. In Urkunden des Mittelalters ist es eine hergebrachte Form, daß Vergabungen der Fürsten, besonders zu frommen Zwecken, auf Fürbitte ihrer Gemahlinnen geschehen. Murator. Antiq. Ital. T. III. Diss. 40. S. 697 f. Die Fürsprache der Frauen wird aber in den Liedern nicht selten zu einem vollkommenen Schutzrechte. König Konstantin, Rothers Zorn fürchtend, reitet diesem, ohne seine Mannen, mitten unter den Frauen entgegen. Den grimmigen Asprian beschwichtigt der alte Berchter mit den Worten: »Hier soll die Zucht vergehen, nun er unter den Frauen ist kommen; und hätt' er benommen allen meinen Kindern den Leib, wir sollen an ihm diese Weiber ehren, es kam' uns anders übel.« Eine Jungfrau, die selbst zu Bern als Geisel ist, übernimmt es doch, den Boten vom Rheine, welche ohne Geleit gewappnet in Dietrichs Land geritten, durch ihr Fürwort sicheres Geleit zu geben. Vor allen aber kommt die Stelle des Rosengartenliedes in Betracht, wie Siegfried vor Dietrichs starken Schlägen in den Schoß Kriemhildens flieht und diese, den Schleier über ihn werfend, ihm Leib und Leben fristet. Ganz entsprechend wird in einer isländischen Saga (Broddhelgesaga, Sagabibl. I, 98 ff.) der geschichtlichen Gattung ein blutiger Kampf dadurch niedergeschlagen, daß die Frauen Kleider auf die Waffen werfen. Von spätern Anklängen werde hier nur die Erzählung vom Wartburgkriege angeführt, wonach Heinrich von Ofterdingen, der im Wettsange sein Leben verspielt, sich unter dem Mantel der Landgräfin birgt; dann das Lied Reimars von Zweter, flüchtete sich ein Wolf (das Bild des friedlosen Geächteten) zu Frauen, man sollt' ihn um ihretwillen leben lassen. Abgesehen von diesen Erinnerungen des alten Glaubens, stehen die Frauen unsrer Lieder, deutschem Rechte gemäß, in Pflegschaft und Obhut des Gemahls, des Vaters, der Brüder, überhaupt der männlichen Anverwandten. Von der jungen Kriemhild und den drei Burgundenkönigen heißt es: »die Frau war ihre Schwester, die Fürsten hatten sie in ihrer Pflege.« Umschlossen und geschirmt von dem Kreise der männlichen Genossenschaft, halten sich edle Frauen mit ihrem weiblichen Gefolge gewöhnlich abgesondert in den innern Gemächern des Hauses; lange sieht Kriemhilde nur heimlich durchs Fenster den Helden Siegfried, wie er auf dem Hofe Schaft und Stein wirft«. Als die Helden vom Rheine vor Isenstein anschiffen, heißt Brunhilde ihre Jungfrauen aus dem Fenster treten, damit sie nicht den Fremden zur Schau ständen; an den »engen Fenstern« beobachten sie dann die Ankommenden. Die weiblichen Hände sind beschäftigt, die Kleidung zu bereiten, Gold in Seide zu wirken und Gestein in das Gold zu legen. Nicht gering ist der Frauen »Unmuße«, wenn ein Fest herannaht, eine Brautfahrt oder Hofreise der Helden, deren prunkvolle Ausstattung ihnen dann obliegt. Sie selbst erscheinen zum Empfang der Gäste, die von ihnen freundlich begrüßt und die angesehenern wohl auch mit einem Kusse bewillkommnet und an der Hand in den Saal geführt werden. Wenn sie an festlichen Tagen hervorgehen, dann schreiten mit ihnen die Mannen des Fürstenhauses, Schwerter in Händen tragend, zum Zeichen des stets wachen Schutzes. Beleidigung einer Frau wird auch sogleich Sache der gesamten Genossenschaft. Brünhild, von Kriemhilden gehöhnt, sendet alsbald nach ihrem Gemahl und seinen Recken und klagt vor ihnen den Schimpf. Siegfried, der sich des Unglimpfs gerühmt haben soll, muß im Ringe der Burgunden den feierlichen Eid schwören, daß er nichts dergleichen ausgesagt habe, und selbst dieses versöhnt nicht den heimlichen Groll der eifrigsten Wächter des Hauses, die auf seinen Tod sinnen. Das angegebene Verfahren stimmt mit den ältesten deutschen Gesetzen überein, welche zur Rettung beleidigter Frauenehre solch eidliche Erklärung vorschreiben (Rogge, Gerichtswes. d. Germ. S. 195). In der nordischen Erzählung entzweien sich Brunhild und Gudrun beim Haarwaschen im Strome darüber, welche, nach dem Vorzug ihres Mannes, oben stehen solle (Vols. K. 37. S. 96, J. Edd, 263): woraus im Nibelungenliede, nicht eben christlich, ein Streit um den Vortritt zur Kirche geworden ist. So finden sich auch bei den isländischen Sagaschreibern Beispiele, wie aus dem Rangstreite der Frauen über das frühere Nehmen des Handwassers oder den Vorsitz beim Gastgebote, Mord und rächende Fehde unter den Männern und Blutsverwandten sich entspinnen. Aus der ostgotischen Geschichte berichtet Procop (B. III), wie die Gemahlin des Königs Ildebad, durch Vrajas übermütige Frau beim Besuche des Bades verächtlich behandelt, von ihrem Gatten Rache heischt und dieser nun den Vraja, der doch zu seiner Wahl das meiste beigetragen, hinterlistig umbringen läßt, wodurch er selbst bei den Goten verhaßt und bald hernach, aus andrem Anlasse, gleichfalls ermordet wird. Bei den Blutsfreunden, unter deren Pflege die Jungfrau steht, muß auch um ihre Hand geworben werden: so läßt sich Siegfried von Günthern dessen Schwester zuschwören und auch Rüdiger wirbt für Etzeln zuerst bei Kriemhildens Brüdern, Die Ehe wurde in früherer Zeit in Form eines Kaufs abgeschlossen; die bevormundenden Verwandten empfingen den Kaufpreis. Nach die Limburger Chronik, um 1400, braucht gewöhnlich kauffen für heiraten. Vgl, Grimm, Rechtsaltert. 421–4, 601, 4. Ihnen mußte daher auch für gewaltsame Wegnahme der Jungfrau die Buße bezahlt werden. Sowie aber trotzige Männer sich rühmten, niemals Wergeld oder andre Buße zu bezahlen, so scheint es auch für rühmlich gegolten zu haben, sich die Braut ohne Kaufgeld zu gewinnen oder, wo sie der friedlichen Werbung versagt wurde, sie mit Gewalt oder List hinwegzuholen, und die Fehde der beleidigten Verwandtschaft auf keine Weise zu scheuen. Wie bei verschiedenen Völkern der alten Welt, Otfr. Müller, Prolegom. zu einer wissenschaftlichen Myhthol., Göttingen 1825. S. 422: »Eine merkwürdige Übereinstimmung althellenischer und italischer Sitte ergibt die Bemerkung, daß der Raub der Braut, der in Sparta immer im Gebrauch geblieben war und vielleicht auch in griechischen Mythen vorkommt, auch in Rom nach Festus alte Sitte war.« so ist es noch jetzt bei slawischen Völkerschaften (Serben, Morlaken) gebräuchlich, die Braut zu rauben. Daß dieselbe Ansicht bei den germanischen Stämmen zu bekämpfen war, davon zeugen die Gesetze gegen den Jungfrauenraub. In nordischen Sagen, dänischer, schwedischer, schottischer Balladendichtung sind solche Entführungen ein vielbehandelter Gegenstand, und an der Spitze deutscher Geschichten steht das berühmte Beispiel des Arminius, der des Segestes Tochter, die einem andern versprochen war, geraubt und darüber den unauslöschlichen Haß des Schwähers zu tragen hat ( Tac. Ann. 1, 55 ). In diesem Zusammenhange stehen nun auch aus unsrem Liederkreise die gefahrvollen und meist verderblichen Brautfahrten Rothers, Hugdietrichs, Otnits, Günthers, der Hegelingen. »Was Leides leiden die Männer, das beweinen alles die Weiber,« sagt das Lied von Dietrichs Flucht, Teilnehmend, nachfühlend, innerlich auffassend, bilden sie durchaus den Chor zu den tragischen Geschicken der Helden. Weinend stehen sie an Zinnen und Fenstern und geleiten mit ihren Augen die Männer, die, von ihren Träumen und Ahnungen vergeblich gewarnt, ausziehen. Sie schauen hinaus auf die Straße, von wo die Wiederkehr geschehen soll; schon sehen sie den Staub aufsteigen; aber nicht, wie sonst, erschallt der frohe Gesang der Knappen. Verbergen heißt man die blutigen Sättel, daß nicht die Weiber weinen. Dieses Weinen der Frauen wird bei Beschreibung der Kämpfe stets im Hintergrunde gezeigt. Wenn die starken Schläge fallen, wenn ein tobender Recke gewaltig um sich haut, wenn der edle, schöne Held den tödlichen Streich empfängt, dann heißt es immer: das beweinte mannig Weib; da geschah den Frauen Herzeleid; ihn klagen alle werten Frauen u. dgl. Sie gehen auch selbst nach der Schlacht auf die grüne Heide hinaus, wo sich ihr Weinen und Klagen über den Gefallenen erhebt. Mit Tränen schmerzlicher Erinnerung nimmt Gotelinde den Schild des erschlagenen Nudung, den Hagen sich zur Gabe erbeten, von der Wand herab. Im Eddaliede sticht Brunhild nach Sigurds Tode sich selbst das schneidende Schwert ins Herz, um mit der Leiche dessen, der ihr zuerst verlobt war, auf dem Scheiterhaufen verbrannt zu werden. Ähnliches kommt auch sonst in nordischer Überlieferung vor. Die Geschichte meldet, daß bei dem germanischen Stamme der Heruler die Gattin, welche nicht auf ewig entehrt sein wollte, am Grabe des Mannes sich das Leben mit dem Strange nehmen mußte. Procop. S. 419: Ubi vir quispiam Erulus fato concesserat, ut virtutem probaret uxor, ac relinqueret superstitem sibi gloriam, necesse habebat vitam paulo post ad mariti tumulum finire laqueo: ni faceret, in aeternum dedecus et propinquorum mariti offensionem incurrebat. Unsre Lieder kennen nicht mehr diese heidnische Sitte; Brunhild bleibt hier am Leben, im Übermute der gestillten Rache, aber offenbar ist sie fortan müßig in der Handlung. Händeringen, Zerschlagen der Brust, Ausraufen der Haare, Blutweinen, Ohnmacht, sind in den deutschen Gedichten die Ausbrüche weiblichen Jammers. Ein eigenes ausführliches Gedicht, Klage genannt, schließt sich, wohl nicht ohne ältere Anlässe, an der Nibelungen Not, ganz der Wehklage um die Erschlagenen, ihrer Bestattung, der Heimsendung ihrer Waffen, der Trauerbotschaft an die Witwen und Waisen gewidmet. Aus dieser allgemeinern Haltung aber, worin die Teilnahme der Frauen an den Ereignissen mehr auf Dulden, Sorgen und Empfinden beschrankt erscheint, treten weibliche Charaktere hervor, welche sich tatkräftig genug zum hilfreichen Wirken, zum ausdauernden Widerstand der Treue, zum aufregenden Eingreifen in die Handlung, und statt der Totenklage zur blutigen Rache erheben. Die folgenden Charakterbilder werden hinreichen, die bedeutendsten Richtungen weiblicher Wirksamkeit zu bezeichnen. Helche Frau Helche, Etzels erste Gemahlin, die Tochter Oserichs, ist das vollkommene Bild der Königin. Sie heißt die gute, die milde, die getreue und, wenn auch nicht mehr jugendlich, (im Nibelungenliede) die schöne. Wie der König im Kreise seiner Recken steht, so hat sie eine Schar edler Jungfrauen um sich versammelt, Königs- und Fürstentöchter, die ihr zur Erziehung gegeben sind, oder, wie Hiltegund, dem König als Geisel verpfändet, von ihr liebevoll gepflegt werden. Gehen diese mit ihr zum Feste hervor, je zwo und zwo sich bei den Händen haltend, dann gleichen sie der Sonne, deren Schein alle Königreiche überleuchtet. Aber auch gegen die Helden ist sie »viel mutterlich« gesinnt. Sie ist Fürsprecherin der Besiegten, Trost und Hilfe der Elenden, Vertriebenen, die sich an Etzels Hof geflüchtet, versieht sie mit Waffen, Rossen und allem Bedarf, verschafft ihnen vom König Beistand oder Belehrungen. So hat sie den edeln Rüdeger sich verpflichtet, der fortan, als Verwalter ihrer Mildtätigkeit, ihr beständig zur Seite geht; so hat Aldrian, Hagens Vater, sich ihrer Huld zu erfreuen gehabt; vornehmlich aber findet der heimatlose Dietrich in ihr eine mütterliche Freundin und Helferin. Verschämt über sein Elend, birgt er sich hinter dem Fenster, als er Helche mit Rüdeger zu Gran einreiten sieht; aber schon ist ihm ein Licht des Trostes aufgegangen. Helche weint, als sie sein Mißgeschick vernommen; sie läßt die Vertriebenen herrlich speisen und bittet den Berner durch Rüdeger, ihr Gold anzunehmen; sie weiß, daß »den Elenden das Gut nach Ungemüte sanfte tut«; sie verheißt und gewährt ihm ihre Verwendung bei dem König, ja es entgeht ihren Blicken nicht, wie unter aller Kurzweil des Hofes Dietrichs Augen oft sich trüben. Als er, von Etzel mit Heeresmacht versehen und von ihr selbst reichlich ausgestattet, doch sein Land nicht wieder zu erobern vermag, ermüdet ihre hilfreiche Sorgfalt nicht; sie vermählt ihm ihre Schwestertochter Herrad, verschafft ihm ein neues Heer und vertraut ihm ihre beiden Söhne an. Schmerzlich ist ihre Klage über den frühen Tod der Jünglinge, die ihre Augenweide waren, wenn sie des Morgens gegen ihr kamen und mit den Händen ihr liebkosten. Sie verwünscht den Berner, durch dessen Schuld sie umgekommen, sie verflucht ihr mildes Geben. Dennoch, als Rüdeger ihr sagt, daß Dietrich selbst seinen Bruder verloren und die jungen Könige in die Wunden geküßt habe, erbarmt sie des Helden, sie bereut die Verwünschung und wird seine Vermittlerin bei Etzel. In dem Benehmen Helchens gegen die Fremden, die sich an ihres Gemahls Hofe sammeln, ist die Güte und Milde mit weiblicher Klugheit gepaart. Sie erkennt, da es dem Reiche nützlich und dem König ehrenvoll sei, solche Helden durch Wohltaten sich zu verbinden. »Des ist geteuert immermehr dein Land,« sagte sie zu Etzel, »behältst du Dietrichen.« Sie bedient sich für diesen Zweck eines wohlberechneten Bandes, indem sie ihnen Bräute aus der Zahl ihrer Jungfrauen wählt; so empfängt Dietrich Herraden, so gibt die Königin, durch Hagens Flucht aufmerksam gemacht, ihrem Gemahl den Rat, daß er Walther, die Säule des Reiches, durch Vermählung mit einer hunnischen Fürstentochter, besser festhalten möge. Markgraf Rüdeger preist einst die Mutter selig, von der so viel Treue und Güte zur Welt gekommen, er segnet den Tag der Geburt Helchens. Groß ist denn auch die Trauer bei ihrem Tode; verwaist sind ihre Jungfrauen, freudelos das Volk, voll Jammers das Land, die Welt wird immer sie vermissen; der finstere Hagen selbst stimmt in ihren Nachruhm ein. König Etzel konnte im deutschen Gesang nicht zu fester, lebendiger Gestaltung gelangen. Der Glanz des Königtums ist gänzlich auf seine Gemahlin übergegangen. Die farblose Alleinherrschaft vermochte nicht, sich im deutschen Sinne dichterisch zu beleben; statt ihrer wurde die sittliche Gewalt weiblicher Tugenden aufgestellt und verherrlicht. Im Gedichte von Dietleib soll Helche gegen zweifachen Vorwurf gerechtfertigt werden: wenn die Taufe an ihr verdorben, indem die Heiden sie von ihrem Vater weggeführt, so habe sie doch christlich getan; wenn sie guten Recken hold und hilfreich gewesen, was man jetzt den Frauen übel deuten würde, so habe dieses ihr nur von solchen geschehen können, denen ihre Sitte nicht gehörig bekannt war, König Etzel selbst habe gut dazu gesehen. Diese wohlmeinenden, wenn auch mißverstehenden Äußerungen des Bearbeiters aus dem dreizehnten Jahrhundert stimmen im übrigen wohl zu obiger Ansicht. Man wollte Helche, wenigstens der Geburt nach, den deutschen, christlichen Völkern, im Gegensatz der heidnischen Hunnen, aneignen; aber die Poesie hatte dieses längst auf bessere Weise getan und die milde Königin selbst, zu der man sich hingezogen fühlte, war eine Schöpfung deutscher Sinnesart; diese Schöpfung aber mußte aus einer frühen Zeit herstammen, in der sie noch keiner Rechtfertigung bedurfte, sondern in ungetrübter Reinheit natürlich hervorging und ebenso mit unbefangenem Sinne aufgefaßt und gewürdigt wurde. Ute Die Hausfrau des Meisters ist in Frau Ute, des alten Hildebrands Ehegemahl, dargestellt. Durch sie wird das Haus der Helden zu Bern wohnlich und heimatlich. Sie wappnet und segnet die Ausziehenden, empfängt und bewirtet die Heimkehrenden. Sie ist die treue Pflegemutter der jungen Helden, besonders der Wölfinge, ihrer Neffen. Ihren Zögling Alphart entlaßt sie klagend zu seinem verhängnisvollen Ausritte, legt ihm selbst den Harnisch an, gibt ihm einen guten Waffenrock, läßt ihm das Roß darziehen, bindet ihm den Helm, reicht ihm den Schild an den Arm und den Speer in die Hand, segnet weinend ihm nach mit ihrer schneeweißen Hand. Warum hält er auch so kühn auf der Warte, würdig derjenigen, die ihn von Kindheit auf erzogen. Utens mütterliche Fürforge greift im entscheidenden Augenblick auch tätig in die Handlung ein. Als Dietrich von seinem Erbe weichen soll, da macht sie sich auf, um das letzte Mittel der Rettung zu versuchen, die weibliche Fürbitte. An der Spitze von mehr denn tausend Frauen tritt sie vor Ermenrich und fleht ihn fußfällig an, zu Ehren aller reinen Frauen königlich an seinem Neffen zu tun. Vergeblich ist die Bitte, da nimmt Hildebrand Frau Ute an seine Hand und so die andern Recken jeder die seinige. Bitter ist der Abschied vor Garten, als sie ihn mit Armen umschließt und er, seinem Herrn ins Elend folgend, ihr kein Ziel des Wiedersehens zu geben weiß. So würdevoll Frau Ute in diesen ernsten Augenblicken dasteht, so ist doch von dem launigen Zug in Hildebrands Charakter einiges auf sie übertragen worden und die Zärtlichkeit dieser alten Ehegesponsen einem gutmütigen Spotte nicht entgangen. Als Hildebrand ausreiten will, um seinen Herrn aufzusuchen, der von dem Abenteuer gegen den Riesen Siegenot nicht heimkehrt, da ist Frau Ute voll Angst und Trauer, Wolfhart verweist ihr, daß sie um einen Alten sich so gehabe, sie soll sich einen jungen nehmen, der sie besser trösten könne. Doch ihr ist nicht spaßhaft zumute, wenn sie den scheiden sieht, mit dem sie so manchen lieben Tag verlebt. Sie bindet ihm den Helm auf und küßt ihn zum Abschied. »Verloren ist nun der Riese,« ruft Wolfhart, »wenn Hildebrand an diesen Kuß gedenkt!« Alle lachen, wie sehr sie im Leide sind. Auch im Rosengarten, als der listig fechtende Meister seinem Gegner zu weichen scheint, bedroht Dietrich ihn, wenn er sich besiegen lasse, Frau Ute einen andern, jüngeren Mann zu geben, des sie wohl wert sei. »Nein,« entgegnet Hildebrand; »würd' ich erschlagen, so hörte man Frau Ute jammern und klagen; groß ist ihre Treue gegen mich, seit sie mir zur Ehe gegeben ward; fröhlich will ich streiten um die minnigliche Frau.« Er kämpft siegreich, und als ihn Kriemhild halsen und küssen will, spricht er: »Den Kuß behalt' ich meiner lieben Hausfrau; mit Treu' ist sie gepriesen und mit Frömmigkeit; warum sollt' ich denn küssen eine ungetreue Maid?« Schön verschmolzen ist Laune mit Rührung in dem Liede von Hildebrands Wiederkehr aus langer Verbannung; zweiunddreißig Jahre hat er Frau Ute nicht gesehen, sie erkennt ihn nicht mehr und wundert sich, daß ihr Sohn den Gefangenen oben an den Tisch setze. Alebrand sagt ihr, es sei kein Gefangener, es sei Hildebrand, sein liebster Vater. Da hebt sie an zu schenken und trägt es ihm selber her, Hildebrand aber läßt aus seinem Munde den Goldring in den Becher sinken, das Unterpfand ungerosteter Liebe und Treue. Ein Ring, in den Becher geworfen, ist in vielen Sagen und Liedern (von Horn und Rimenild, dem edeln Möringer, Heinrich dem Löwen, dem Grafen von Calw u.a.) das Wahrzeichen, wodurch ein lang Abwesender der heimgebliebenen Gattin sich wieder zu erkennen gibt oder getrennte Liebende sich heimlich verständigen. Auch der Ring für sich allein leistet solche Dienste. In unsrem Liederkreise sucht Rother, als Pilgrim verkleidet, seine Frau, die ihm gestohlen worden, zu Konstantinopel auf, findet sie beim Hochzeitmahl an der Seite eines heidnischen Königssohnes, setzt sich neben ihr auf den Fußschemel und gibt ihr einen goldnen Ring, worauf sein Name gebuchstabt ist, daran sie seine Gegenwart erkennt. Auch als Waller sitzt Wolfdietrich an einem Brunnen vor der Burg, worin seine Frau, Sigeminne, von einem Riesen festgehalten wird; er verkündet ihr sein Kommen, indem er ihrer Dienerin, die bei dem Brunnen Kräuter holen soll, seinen Ring ansteckt. Hier der Brunnen, dort das Gastmahl, lassen vermuten, daß ursprünglich auch das Trinkgefäß nicht gefehlt, wie nach einer andern Erzählung, in Kaspars von der Röhn Heldenbuche, Wolfdietrich bei Sidratens schon bereiter Hochzeit mit demjenigen, der sich für den Erleger der Lindwürme fälschlich ausgegeben, in Pilgerkleidung erscheint und den Ring Otnits, darauf dessen und ihr Name geschrieben, in den goldnen Kopf (Becher) sinken läßt, oder wie im Morolfsliede, wo ein Ring im Weine der Trinkenden unwiderstehliches Sehnen anzaubert. All dieses Sagenhafte geht davon aus, daß es Geschäft der Frauen war, den Gästen den Labetrank zu kredenzen. In dem angelsächsischen Gedichte von Beowulf, des siebenten oder achten Jahrhunderts, trägt die Königin den Becher rings im Saal umher. Im Liede von Walthers Flucht schenkt Hiltegund den wunden Helden den Wein. In Odins Halle selbst sahen wir die Walküren das Trinkhorn bringen. Aber auch dieses häusliche Geschäft des Schenkens gewinnt in Frauenhand Bedeutung und Weihe. Der Willkommbecher wird zum Tranke des Gedenkens und des Vergessens, auch zum Verlobungsbecher (Löftebeker, noch in neuerer Zeit bei den Ditmarsen). Wie die verschiedenen Beziehungen ineinander übergehen, sieht man aus den halbgeschichtlichen Sagen von Theudelinde. Um sie, die bayrische Herzogstochter, hat der Langobardcnkönig Authari freien lassen, will aber auch selbst, von ihr unerkannt, seine Braut sehen und berührt, als sie ihm den Willkommbecher reicht, nur leise mit dem Finger ihre Hand. Nach Autharis Tode soll sie den Nachfolger wählen, sie beruft den Herzog Agilulf, empfängt ihn mit dem Becher, aus dem sie zuerst getrunken, erlaubt ihm den Kuß und tut ihm ihren Entschluß kund (Paul. Diac. III. 29. 34). Walther und Hiltegund, in unsrem Liede, sind einander in der Kindheit von den Vätern zugeschworen und leben beide als Geisel bei den Hunnen. Von einem Kriegszuge heimkehrend, läßt Walther sich von der Jungfrau den Becher reichen, drückt ihre Hand und erneuert so das frühe Verlöbnis. Auch hier kommt wieder Sigurdrifas Minnetrank Isl. minni, scyphus memorialis, memoria. Schmeller II, 593. in Betracht; sie bringt ihn dem Sigurd zum Willkommen, Segenswünsche darüber aussprechend, und daß hierauf die Verlobung mit dem verhängnisvollen Ring erfolgte, gibt der Zusammenhang der Fabel. In der Wölsungensage nimmt Sigurd in Brunhildens Turme zugleich mit dem Goldbecher ihre Hand und gibt ihr dann den Ring, worauf er den Eid der Verlobung schwört. Wenn in den angeführten Fällen der Finger berührt, die Hand ergriffen wird, so erscheint der angesteckte Ring als ein Zeichen, daß sie für immer festgehalten sei. Wie bei der Verlobung, so gehören nun auch beim Wiederfinden nach langer Trennung Ring und Becher zusammen. Im Liede von dem edeln Möringer, der auch als Pilger zurückkommt, als eben seine Frau mit einem andern am Hochzeitsmahl sitzt, ist ausdrücklich gesagt, daß er in den Becher das Ringlein geworfen, womit sie ihm zuerst vermählt worden. Vgl. auch dir Sage von Wernh. v. Strättlingen. Schweizer Burgen II, 327. So feiert denn auch Hildebrand mit seiner alten Hausfrau durch den Ring im Becher eine goldene Hochzeit. Im dänischen Hildebrandslied ist es nur ein Stück vom Ringe, denn oft wird beim Abschied ein Ring entzweigebrochen, damit die zusammenpassenden Hälften um so sicherer zum Wahrzeichen dienen mögen. Gudrun »Willt du nicht haben Freude, so mußt du haben Leid,« sagt die grausame Gerlinde zu Gudrun, deren Schicksale früher im Zusammenhang erzählt sind. Diese freiwillige Ausdauer in Kummer und Not, dieses beharrliche Verschmähen eines glänzenden Loses um der Treue willen, ist zumeist in zwei weiblichen Charakteren unsres Kreises dargestellt, entsprechend jener selbsterkorenen Gefangenschaft der Dienstmannen Wolfdietrichs. Sidrat, Otnits Gemahlin, wird nach Ablauf der Jahresfrist seit dessen Ausritt gegen die Lindwürme von den Herren des Landes gedrängt, sich einen andern Gemahl zu wählen. Doch ihr ist von dem Scheidenden empfohlen, nur den zu nehmen, der durch Erlegung der Würme sein Rächer sein würde. Hieran festhaltend, wird sie vom Reiche verstoßen, die Schlüssel zu dem Turm auf Garten, der voll Goldes und Silbers ist, werden ihr abgenommen. Sie nährt sich mit ihrer Hände Arbeit, der Burggraf und dessen Frau schicken ihr mitleidig Brot und Wein. So treibt sie es ein Jahr und sieben Tage, bis zu Otnits Wiederkehr. In gleicher Not lebt sie bis ins dritte Jahr, nachdem Otnit wirklich von den Lindwürmern erwürgt ist. Nachts auf der Zinne klagt sie, mit dem treuen Wächter, wie ihre Schenken und Truchsesse nun ihre Herren seien, wie sie, ihres Erbes beraubt, nun spinnen müsse. Da verkündet der gewaltige Steinwurf aus der Dunkelheit die Nähe des Rächers. Am vollständigsten jedoch erweist sich eben in Gudrun die unbezwingliche Kraft des weiblichen Herzens, durch langes, bitterstes Leid bis zum endlichen Siege. Hinweggeführt aus der gebrochenen Heimatburg, von wo die trauernde Mutter nachschaut, des Vaters und so vieler Verwandten beraubt im blutigen Kampfe derselben mit den Entführern, ist ihr die Wahl gegeben, mit Hartmut die Krone zu tragen, der, von ihrem Vater abgewiesen, sie dem Verlobten gewaltsam entrissen und dessen Vater den ihrigen erschlagen, oder der schmählichsten Dienstbarkeit sich zu unterwerfen. Ihre Wahl ist gleich getroffen, sie verwirft die Krone und wählt die Knechtschaft. Sieben Jahre hindurch und wieder sieben weist sie erneute Anerbietungen von sich und ihr Dienst wird darum stets härter gesteigert. Schon auf der Seefahrt wurde sie von dem ergrimmten Vater Hartmuts bei den Haaren aus dem Schiffe geworfen und kaum noch von Hartmut selbst an ihren falben Zöpfen zurückgezogen. Jetzt muß sie den Ofen heizen, mit ihren Haaren den Staub abwischen, schlafen auf harter Bank, mit Roggenbrot und Wasser sich nähren, schlechte Kleider tragen, sie wird geschlagen, muß waschen am Meere, und selbst im Schnee, beim kalten Märzwinde barfuß, im Hemde, zum beeisten Strande gehen. Sie ist strenger gehalten, als all ihre mitgefangenen Jungfrauen; nur Hildeburg teilt aus freiem Entschluß dieses härteste Los. Aber ungebrochen bleibt Gudruns stolzes Herz; wie sie bei ihrer Ankunft von Gerlind, der Mutter des verschmähten Freiers, der Anstifterin des Unheils, nicht geküßt sein will, so trotzt sie dieser noch nach Jahren. »Ich soll nicht haben Wonne; ich wollte, daß ihr mir tätet noch leider.« Es ist ihr lieb, mit dem Waschen selbst ihre geringe Nahrung zu bezahlen. Und diese Hochfahrt, dieser grimme Mut, dieses »sich teuer dünken«, wie ihre Feindin es nennt, bewährt sich nicht bloß im Dulden und Ausharren; mit ungeschwächter Kraft weiß sie auch, als das Ende der langen Trübsal herannaht, die Hoffnung und das Glück zu ergreifen. Sowie, als man ihr eines Tages Wein und gute Speise gibt, sogleich ihre angeborne Farbe rosenrot erblüht, so, nachdem der wunderbare Vogel Heil verkündet, nachdem ihr Bruder und ihr Bräutigam sie am Strande begrüßt, wirft sie, freudig und zürnend zugleich, die Leinwand in die Flut; dazu ist sie zu hehr, daß sie Gerlinden je mehr wasche, zwei Könige haben sie geküßt und mit Armen umfangen. Sie soll mit Dornen gezüchtigt werden, aber im listigen Hohne läßt sie sich an, als wolle sie jetzt die Krone annehmen, die auch ihren Bedrängern nicht lange mehr bleiben wird; Boten mit dieser Kunde versendet sie zahlreich ins ganze Land, damit in der Burg der Feinde um so weniger seien; sie gebietet ein Bad, läßt sich herrlich kleiden und speisen, erhält Schenken und Truchsesse, und, als ihre Jungfrauen weinen, lacht sie seit vierzehn Jahren zum erstenmal, ein ungestümes Lachen, das Gerlinden befremdet und erschreckt. Gudrun hat sich geschämt, daß die zwei Boten sie im nassen Hemde, mit zerwehten Haaren, vor Frost bebend, sollten waschen sehen; jetzt ist sie bereit, die Ihrigen königlich zu empfangen. Burgen und Huben verheißt sie derjenigen ihrer Dienerinnen, die ihr zuerst den Morgenstern verkünden wird, der den Tag der Freiheit und der Rache heraufführt. Gudruns Geschichte ist nicht ein bloßes Liebesabenteuer. Um sie kämpfen zwei mächtige Geschlechter den Kampf der Vertilgung. Die Kränkung des einen mittels der abgewiesenen Werbung wird durch gewaltsame Entführung und die Niederlage der Verfolgenden gerächt. Die Treue gegen den Verlobten und die Erinnerung an die umgekommenen Blutsfreunde sind in Gudruns Seele gleich mächtig; wäre sie ein Ritter, nicht dürft' ihr der ohne Waffen nahe kommen, der ihr den Vater erschlagen; das stolze Bewußtsein, einem trefflichen Stamme anzugehören, hält sie aufrecht in allen Mühsalen vierzehnjähriger Dienstbarkeit. Sie ist aber auch von den Ihrigen nicht vergessen; wohl ist die Macht dieser auf langehin gebrochen, ein neues Geschlecht muß erst zum Schwert erwachsen, aber der Gedanke der Rettung und Rache bleibt immer wach, die Söhne schärfen ihren Grimm am Grabe der erschlagenen Väter. Als das Heer am feindlichen Strande angelandet und Kundschaft nach der gefangenen Gudrun ausgesandt werden soll, da tritt zuerst Ortwin hervor, dessen Schwester sie ist von Vater und von Mutter; der andre will Hartmut sein, dem sie zum Weibe gefestet ist; sie gehen zusammen und so erscheinen auch hier die Bande der Verlobung und des Blutes zu einer größeren Genossenschaft verknüpft. Bei der Begegnung der waschenden Jungfrau ist anfangs nur ein halbes Erkennen, dunkle Ähnlichkeit und leise Ahnung, die erst durch die Ringe an den Händen der Verlobten bestätigt werden muß; ein schönes Beispiel der Treue, die stillkräftig im Herzen fortlebt, wenn auch Zeit und Schicksal die äußeren Züge verwandelt und die Bilder der Erinnerung verwischt haben. Über die Nachricht, daß ihre Königstochter waschen müsse, weinen die Männer im Heere der Hegelingen; zürnend erhebt sich Wate und heißt sie die Kleider, welche Gudrun weiß gewaschen, mit Blut röten. Ihm muß Gerlind, die ihr jenes Waschen auflegte, mit dem Haupte büßen, ebenso Hergart, die nicht mit ihr in der Knechtschaft aushalten wollte. Blutfarb tritt auch Herwig vor die wiedererkämpfte Braut. Gudruns unheildrohendes Lachen nach langer Leidenszeit ist ein Zug, der auch sonst in Liedern vorkommt. Nicht mehr lachen ist der epische Ausdruck für herbes, unheilbares Leid; im Gegensätze hiezu steht jenes erste Lachen nach manchen Kummerjahren; es ist ein furchtbares, weil in diesen Geschichten der Umschwung des Schicksals ein gewaltsamer zu sein pflegt und nach unersetzlichen Verlusten der Ausbruch der Freude nur die endlich befriedigte Rache verkünden kann. So lacht in den Eddaliedern Brunhild laut auf, als sie Gudruns Wehgeschrei über Sigurds Ermordung hört, aber sie wechselt selbst die Farbe über diesem Lachen. Im Nibelungenliede steht Kriemhild im Fenster, als ihre Blutsfreunde, der verderblichen Ladung folgend, heranziehen. Etzel lacht vor Lust und Kriemhilde ruft aus: »Nun wohl mir meiner Freuden!« Gewiß kam hier ursprünglich ihr das gefährliche Lachen zu; wie noch in der entsprechenden dänischen Ballade von Loumor und Signild, welche bei ähnlichem Anlaß nach acht Jahren zum erstenmal lachen; ein Gelächter, darob die Mauer sich spaltet und das Kind in der Wiege zu sprechen anfängt. Grimm, Edd. S. 235, 257. Danske Viser III, 173: Saa hjertelig loe da Herr Loumor; Han loe ikke för i otte Aar. 174: Herr Lumor begyndte atter at lee. Den haarde Mur der revnede ved. Meldte det Barnet i Vuggen laae, Det talede aldrig förend da. Det er ikke for det gode, Min Fader leer ad min Moder. 179: Herr Loumor lader brygge og blande Vin, Saa byder ban hjem Södskende sine. Da loe stolt Signild den væn Maar. Hun loe ikke för i otte Aar. Grimm, Altd. Ball. 253. 255. 524. Vgl. auch Mai und Beaflor. Nib. 6876 (St. 1654): Chriemhilt diu vrowe in ein venster stuont; si warte nach den magen; so vriunt nach vriunden tuont. Von ir vaterlande sach si manigen man. Der künic vriesch ouch diu mære, vor liebe er lachen began. Nu wol moch miner vreuden, sprach do Chriemhilt. Hie bringent mine mage vil manigen niwen schilt und halsberge wize. Swer nemen welle golt, der gedenke miner leide und wil im immer wesen holt. Grimm, Kinderm. I, 41 erzählt von einer Königstochter, die zum erstenmal lacht. Vgl. 205. 246. 354. II, 88. 184. III, 280. 284. 325. I, 53 sitzt die Königstochter, sieben jahre nicht sprechend und nicht lachend, spinnend auf einem Baume. Vgl. III, 84. 92. II, 181. 200. 246. Die zweimal sieben Jahre der Dienstbarkeit Gudruns sind Verdopplung des Zeitraums, der so häufig in Sagen und Märchen für die Dauer der Unterdrückung und Gefangenschaft angenommen ist. Auf eine theologische Beziehung dieser Siebenzahl, nämlich auf ihren Zusammenhang mit den alttestamentlichcn Feier- und Erlaßjahren, deutet der Sachsenspiegel in folgender Stelle: »Das siebente Jahr, das heißt das Jahr der Losung; so sollte man ledig lassen und frei alle, die gefangen waren und in Eigenschaft gezogen, wenn sie ledig und frei wollten sein. Über siebenmal sieben Jahre kam das fünfzigste Jahr, das heißt das Jahr der Freuden, so mußte allermannlich ledig und frei sein, er wollte oder wollte nicht. 3 Mos. 25, 4. Sachsensp. B. III, Art. 43. § 4. S. 145 f.: Ok hebbe wie orkünde des mer. Got ruwede den sevenden dach. Die sevenden weken gebot he ok to haldene, als he Die Leidenszeit Kriemhilds von Siegfrieds Tode bis zum Tage der Rache und die einzelnen dazwischen liegenden Zeitabschnitte finden wir gleichfalls nach der Siebenzahl bestimmt, sowohl in der Teilung, vierthalb Jahre, als vervielfacht, bis zu viermal sieben. Wenn aber auch die Lieder diese Jahrzahlen mit den Ereignissen in Einklang zu bringen suchen, so muß man doch dabei mehr jene innere Geltung, als das abgezählte Zeitmaß vor Augen haben. Sonst würden sich die Zeiträume auf eine Weise dehnen, welche mit der epischen Feststellung der Charaktere unverträglich wäre. Wir sahen, daß Dietrich von Bern ewig jugendlich bleibt, wie viele Taten und Schicksale sich in seinem Leben zusammendrängen, und daß Hildebrand von Anbeginn der alte ist; so müssen auch unsre Heldinnen, ob sieben oder vierzehn, oder doppelt so viele Prüfungsjahre vergangen seien, doch immerdar in unverwelkter Schönheit dastehen. Ich schließe die Reihe der weiblichen Charaktere mit dem Bilde der Heldin des Nibelungenliedes. Kriemhild In den Geschichten Siegfrieds und der Nibelungen spielen zween weibliche Hauptcharaktere, Brünhild und Kriemhild. Letztere heißt in der nordischen Darstellung, gleich jener Königstochter der Hegelinge, Gudrun, während ihre Mutter, im deutschen Lied Ute genannt, den Namen Grimhild trägt. Wie die beiden Heldinnen um den Besitz Siegfrieds und um den Vorrang ihrer Gemahle eifern, so machen sie sich auch den Preis der dichterischen Gestaltung streitig; in der nordischen Dichtung trägt ihn Brünhild, in der deutschen Kriemhild davon. Die nordische Brünhild, die erhabene Walküre, deren Flammenwall Sigurd allein zu durchreiten, deren Zauberschlaf nur er zu lösen vermag, ist seine erste und ewige Liebe. Mit ihr trinkt er den Minnetrank, von ihr lernt er Weisheit und verlobt sich ihr. Nur ein entgegenwirkender Zauber läßt ihn all dieses vergessen und zieht ihn zu Gudrun; nur die Verwandlung der Gestalten bringt Brünhilden dahin, sich mit Gunnar zu vermählen. Aber in kurzem weicht beiden die Täuschung; das Bewußtsein, daß sie, die Zusammengehörenden, getrennt worden, erwacht in voller Stärke. Der Zank der Frauen hat ganz den Trug enthüllt. Bald irrt Brünhilde verzweifelnd umher (Edd. IV, 63), bald brütet sie in verstelltem Schlummer über finsteren Gedanken. Sigurd soll sie trösten, aber er selbst wird von solchem Schmerz ergriffen, daß ihm der Ringpanzer entzweispringt (IV, 59). Gewaltsam löst Brünhild die Verwicklung, indem sie die Giukungen zum Mord an Sigurd aufreizt. Dann sticht sie sich selbst das Schwert in die Brust, um mit dem Geliebten vereint auf dem Scheiterhaufen zu liegen. Gudrun dagegen, die Kriemhild des Nordens, ist nur durch den Trank des Vergessens auf kurze Dauer mit Sigurd verbunden: versteinert sitzt sie über seiner Leiche und rührend sind auch ihre spätern Erinnerungen an ihn (IV, 196-198), aber sie bleibt für fernere, schreckliche Geschicke aufbehalten. Sie vermählt sich mit Atli, doch nicht um Sigurds Tod an ihren Brüdern zu rächen: vielmehr ist Atlis Gier nach dem Horte die Ursache der verräterischen Einladung: Gudrun warnt ihre Brüder, kämpft selbst an deren Seite und rächt den Fall derselben durch das thyestische Mahl, das sie Atlin bereitet. In der dänischen Ballade von Loumor und Siguild (Danske Viser III, 172 ff. Grimm S.222 ff.) sind gleichfalls die nordischen Motive,nur daß kein Hort dabei vorkommt. Wie die Wogen des Meeres, darin sie sich ertränken will, sie emporheben und zum seinen Lande tragen, so wird sie noch lange unselig umhergetrieben und muß den gänzlichen Untergang der Heldengeschlechter erleben; ihr eignes Ende bleibt ungewiß (vgl. IV, 198). Umgekehrt nun, in der deutschen Behandlung, ist Brünhilds früheres Verhältnis mit Siegfried verdunkelt und zur Seite gestellt. Wohl kostet es ihr heiße Tränen, als sie Kriemhilden hochzeitlich neben Siegfried sitzen sieht, wohl wirft sie, als später Siegfried nach neun Jahren mit seiner Frau zum Feste kommt, lauernde Blicke auf Kriemhilds unverblühte Schönheit; aber es erhellt nichts von einem älteren Anrecht auf Siegfried, der mit ganzem Herzen Kriemhilden angehört. Bitter gekränkt durch den enthüllten Trug und durch Kriemhilds Schmachreden, läßt sie sich von Hagen Rache an Siegfried angeloben und hat, nachdem der Mord verübt ist, kein Mitleid mit den Tränen seiner Witwe; aber sie folgt dem Helden nicht im Tode und verschwindet, fortan unbeachtet, von der Bühne der Begebenheiten: wie gegenteils in der nordischen Darstellung Gudruns Ende nicht recht erhellt. Nur in der Klage erscheint Brunhilde noch, aber ohne Bedeutung. Welche dieser verschiedenen Behandlungen die ursprüngliche sei und worin die Ursache der Verschiedenheit liege, läßt sich auf dem Grunde des deutschen Liedes noch hinlänglich durchschauen. Die kampfrüstige Brünhild ist, wie anderwärts erörtert wurde, nur eine menschlicher umgewandelte Walküre. Ihre frühere Bekanntschaft mit Siegfried ist auch hier noch angedeutet; sie grüßt den Helden vor dem König Gunther. Die Kampfspiele und das Ringen in der Brautnacht sind eine Teilung und Verdopplung dessen, was das nordische Abenteuer von der Flammenburg in einem Zusammenhange gibt. Auch das lautlose Verschwinden Brünhilds aus der Handlung verrät Unsicherheit und Ablösung ehemaliger Bestandteile. War Brünhild nun auch im deutschen Gesang als Walküre und erste Geliebte Siegfrieds vorhanden, so ist klar, daß neben diesem heiligen Bande nicht eine irdischere Liebe mit der Gewalt und Innigkeit bestehen konnte, wie wir sie jetzt zwischen Siegfried und Kriemhilden festgeknüpft sehen. Soll die Fabel irgend Einheit und Mittelpunkt haben, so muß notwendig das eine von beiden Verhältnissen vorherrschend sein; solang aber Brünhild mit ihrer mythischen Herrlichkeit umkleidet ist, kann ihr der Vorzug nicht streitig bleiben. Nicht minder einleuchtend ist jedoch, warum sie diesen Vorrang in der Folge dennoch an die Nebenbuhlerin abtreten mußte. Die deutschen Sänger hatten auch, wie Siegfried, vom Becher der Vergessenheit getrunken; die Walküre, die hohe Gestalt des alten Glaubens, verwischte sich vor ihren Blicken, ihre Neigung wandte sich entschieden der Gegnerin zu, in der das Menschliche entwickelt und gehoben werden konnte. Eine solche Entwicklung mit Brünhilden selbst vorzunehmen, dagegen stand die Achtung vor dem Überlieferten, die Macht des altbegründeten Sagenstoffes. Man ließ die Walküre als Kampfjungfrau verkörpert gelten, man erhielt sie durch die Leidenschaft schmerzlich gekränkter Eifersucht mit dem neuen Ganzen in Verbindung und Einklang, aber eine vollständige, geistige Wiedergeburt wurde nicht versucht. Jene stoffartige Vermischung und Verwechslung der beiden Heldinnen aber, die wir im Liede vom hörnernen Siegfried finden, ist erst einer weitvorgerückten Verdunklung der Sage zuzuschreiben. Anderseits bot der eine, naheliegende Gedanke, Siegfrieds Witwe zu seiner Rächerin zu erheben, der bildenden Dichterkraft ein weites Feld innerer und äußerer Entfaltung dar. Auch in Beziehung auf sie, die zur Kriemhilde gesteigerte Gudrun, liegen unerloschene Spuren einstiger Übereinstimmung der deutschen mit der nordischen Sage vor. Abgesehen davon, daß die Geschichtschreiber selbst von Etzels Tod in der Hochzeitsnacht, von dessen Ermordung durch Weiberhand erzählen, und daß noch im dreizehnten Jahrhundert auch in der deutschen Volkssage Sörli und Hamder (Gudruns Söhne) bekannt waren, läßt auch das Nibelungenlied, welches doch die ausgeführteste Charakteristik Kriemhilds gibt, noch frühere Zustände durchblicken, welche nicht ganz in die jetzige Auffassung verarbeitet sind. Wie es schon bei Hagen mißlautend erscheint, daß ihm, in dessen Charakter die Treue gegen das burgundische Königshaus der Grundzug ist, doch einmal die Absicht unterlegt wird, sich für seine Person des Nibelungenhortes zu versichern, so stört uns auch Kriemhilds wiederholte Nachfrage nach dem Horte, während doch im Geiste des Ganzen nur der Gedanke an den ermordeten Siegfried die Triebfeder ihrer Handlungen sein kann. Unverkennbare Überbleibsel von dem einst bedeutenderen und auch jetzt nicht völlig beseitigten Gewichte des fluchbeladenen Goldes, an das in der nordischen Darstellung alle Verhängnisse geknüpft sind. Gleichwie der Verrat an den Brüdern von Etzeln auf Kriemhilden übertragen ist, so, scheint es, auch das Trachten nach dem Horte, als ein Beweggrund der trügerischen Ladung. Etzels müßige Stellung im deutschen Liede weist schon darauf hin, daß er einst größere Bedeutung gehabt habe. Dieses bestätigt sich, wenn wir die hauptsächlich auf deutsche Überlieferungen gegründete Wilkinensage vergleichen. Sie steht vermittelnd zwischen der nordischen und der nunmehrigen deutschen Gestaltung; nach ihr sucht Grimhild (Gudrun) dadurch Rache für Sigurd zu erlangen, daß sie ihren Gemahl auf das Gold reizt, das die Brüder ihr hatten verabfolgen sollen (K. 334. 349. 359. 366); daß aber Etzels Gier nach dem Horte einst noch bestimmter als Ursache des Verrats hervortrat, zeigt die Wiedervergeltung, welche nach der genannten Sage an ihm genommen wird: Hagens nachgeborner Sohn lockt und verschließt Etzel in den Berg, wo der Schatz verborgen liegt, und läßt ihn dort mitten unter dem Golde, nach dem er gedürstet, verschmachten (K. 367. 386). Die altdänischen Balladen wenden dieses auch auf Grimhilden an ( Danske Vis . I, 116. 123. Grimm S. 6, 10), wogegen die Überarbeitungen der Klage zweifelhaft lassen, ob Etzel erschlagen worden (wie in der nordischen Darstellung), ob er lebend begraben worden, ob er sich in Löcher der Steinwände verloren (wie in der Wilkinensage) usw. Nach der Wölsungensage (K. 47) wird Atli von Högnis Sohne in Gemeinschaft mit Gudrun ermordet, offenbar eine bloß äußerliche Vereinigung zweier verschiedenen Überlieferungen. Merkwürdiger ist der Zug des Nibelungenliedes, daß Kriemhild, um den Streit anzufachen, ihren jungen Sohn Ortlieb zum Gastmahle tragen läßt und dem Zorne Hagens über die erschlagenen Knechte preisgibt, was die Wilkinensage (K. 353) und der Anhang zum Heldenbuche deutlicher in der Art erzählen, daß sie den Knaben anweist, dem essenden Hagen Backenstreiche zu geben, bis dieser ergrimmt ihm das Haupt abschlägt. Bei größter Verschiedenheit der Anlässe und Umstände, eben deshalb aber nur um so älter begründet, zeigt sich hierin ein unverkennbarer Zusammenhang mit den Eddaliedern, in welchen Gudrun ihre Söhne von Etzel der Rache an diesem, wie dort der an den Nibelungen, so grausam aufopfert. Wenn wir durch all dieses eine bedeutende Annäherung der deutschen Sage an die nordische, je höher in der Zeit hinauf, um so enger zusammenrückend, darzutun und eben damit die deutsche Gestaltung Kriemhilds als eine verhältnismäßig neuere zu erweisen versucht haben, so ist doch keineswegs die Meinung, als ob diese Veränderung erst im Nibelungenliede vorgegangen sei. Dagegen spricht die feste Begründung des Charakters selbst, die mannigfaltige Behandlung desselben Gegenstandes in den verschiedenen der deutschen Richtung angehörenden Liedern und Sagen, ja sogar, mit bestimmter Jahrzahl, die Erzählung Saxos B. XIII, S. 373 f.: Igitur speciosissimi carminis contextu notissimam Grimildæ erga fratres perfidiam de industria memorare adorsus, famosæ fraudis exemplo similium ei metum ingenerare tentabat. von dem sächsischen Sänger, der im Jahr 1130 Grimhildens wohlbekannten Verrat an ihren Brüdern dem Dänenherzoge Kanut zur Warnung gesungen. In der vollständigsten und tiefsten Entwicklung aber gibt allerdings das Nibelungenlied den Charakter Kriemhilds, es löst in sicherem Vorschreiten die großartige Aufgabe, wie die herrlich aufblühende, jedes Herz gewinnende Jungfrau durch den grausamen Verrat, der an ihrer Liebe zu dem edelsten Helden begangen wird, zur furchtbaren Rachegöttin, zum blutdürstenden Ungeheuer sich verwandelt. Wie der rote Morgen aus trüben Wolken geht Kriemhild hervor, als Siegfried sie zum erstenmal sieht. In Sommerzeit und Maientagen war sein Herz nie freudenvoller, als da sie an seiner Hand geht. Sein jugendlicher Heldenmut, seine Treue, freudige Dienstfertigkeit gewinnen ihm das Herz derjenigen, die immer ohne Mannes Minne leben wollte. Als seine Gattin rühmt sie sich gegen Brünhilden, einen Mann zu haben, dem all diese Reiche zu Händen stehen sollten, der herrlich vor den Recken stehe, wie vor den Sternen der lichte Mond. Darüber erhebt sich der verderbliche Frauenzank, Brünhilds Schmach ruft um Rache. Ahnungsvoll um den Geliebten besorgt, entdeckt Kriemhild selbst dem Verräter die Stelle, an welcher allein Siegfried verwundbar ist. Von schweren Traumen geängstigt, weinend ohne Maß, bemüht sie sich vergebens, ihn von der unheilvollen Jagd zurückzuhalten. Siegfried fällt verblutend in die Blumen und seine Erscheinung war nur darum so glänzend herausgeführt, daß ihr frühes Verschwinden um so herber gefühlt werde, daß sie unauslöschlich in Kriemhilds gequältem Herzen fortlebe. Da wird das schöne Morgenrot zum sturmvollen Tage, die kurze Sommerlust zum endlosen Gewitter. Schonungslos haben sie den Leichnam des Ermordeten vor Kriemhilds Kammertüre gelegt. »Von ihr war allen Freuden mit seinem Tode widersagt.« Sprachlos sinkt sie zur Erde, »die schöne Freudelose«; dann schreit sie, daß all die Kammer erschallt, das Blut bricht ihr aus dem Munde vor Herzensjammer. Sie hebt sein schönes, blutiges Haupt mit ihrer weißen Hand. »Dein Schild ist dir nicht mit Schwertern verhauen, du liegst ermordet; wüßt' ich, wer es getan, ich riet' ihm immer auf den Tod. Wollte Gott,« ruft das jammerhafte Weib, »wär' es mir selber getan!« Als der Tote zum Münster getragen ist und Hagen mit Gunthern zur Bahre tritt, da bluten die Wunden, daran der Schuldige erkannt wird. Noch läßt Kriemhild ihren Toten nicht begraben. Drei Tage und drei Nächte weicht sie nicht von ihm; sie hofft, der Tod werde auch sie hinnehmen. Am vierten Morgen wird er zu Grabe getragen, aber zuletzt noch muß man ihr den Sarg aufbrechen, daß sie noch einmal sein schönes Haupt sehe; sie küßt den Toten und ihre lichten Augen weinen Blut. Man trägt sie, sinnlos, von dannen. So hat sie recht mit dem bittersten Leide sich gesättigt und den Keim furchtbarer Entschlüsse tief in ihre Brust gesenkt. Sie läßt sich am Münster eine Wohnung bauen und besucht täglich das Grab ihres Liebsten; kein Trost verfängt an ihrem wunden Herzen. Vierthalb Jahre spricht sie nie ein Wort mit Gunthern und sieht in dieser Zeit niemals ihren Feind Hagen. Durch Giselhers Bitte wird sie endlich bewogen, sich mit Gunthern zu versöhnen, doch unter vielen Tränen. Auch läßt sie, auf das Andringen ihrer Brüder, den unermeßlichen Nibelungenhort, ihre Morgengabe von Siegfried, zum Rheine bringen. »Wäre sein tausendmal so viel gewesen und sollte Siegfried genesen sein, bei ihm wäre Kriemhild mit bloßen Händen geblieben.« Daß sie durch ihre Freigebigkeit so manchen Mann in ihren Dienst gewinnt, erregt Hagens Argwohn und er verursacht ihr neue Kränkung, indem er sie des Hortes beraubt. Nach dreizehnjährigem Witwentum läßt der mächtige König Etzel um sie werben. Sie will anfänglich nichts davon hören und ihre Klage wird nur erneut. Da erst, als Rüdeger, der Bote der Werbung, ihr schwört, sie alles des zu ergötzen, was ihr je geschehen, hofft sie auf Rache für Siegfrieds Tod. »Ich will euch folgen,« spricht sie, »ich arme Königin.« Am Hochzeitfeste selbst werden ihr die Augen heimlich naß, in der Erinnerung, wie sie mit ihrem edlen Manne am Rhein gesessen. Im dreizehnten Jahr ihres Aufenthalts bei den Hunnen glaubt sie ihre Macht hinreichend befestigt, um endlich ihr Leid rächen zu können. Den Boten, welche abgesendet werden, ihre Blutsfreunde zum Feste zu laden, gibt sie auf, nichts davon zu sagen, daß sie jemals betrübt gesehen worden, und besonders den wegkundigen Hagen nicht daheim bleiben zu lassen. Die Nibelungen folgen der Ladung, ungeachtet mancher abmahnenden Stimme und zuletzt noch der Warnung Dietrichs, daß er Kriemhilden alle Morgen um Siegfried weinen und klagen höre. Da ist sie erst wieder freudenvoll, als sie, am Fenster stehend, die Gäste heranreiten sieht. »Nun steht der Sommer im schönsten Grün,« ruft sie nach der Wilkinensage hier aus. Die Mordgedanken, die sie langst im finstern Busen gehegt, gehen jetzt in üppigem Wachstum auf. Doch ist zunächst nur auf Hagen ihr Anschlag gerichtet. Diese zwo mächtigsten Gestalten, Hagen und Kriemhild, die in ihrem feindlichen Ringen die ganze Heldenwelt mit sich ins Verderben reißen, sind einander darin ähnlich, daß sie die scheinbar widerstreitendsten Eigenschaften in sich vereinigen. Auch in Kriemhilden sind Treue und Untreue, doch beide aus demselben Keime, wundersam gepaart; Treue gegen ihren Toten, Untreue gegen seine Mörder. Sich untereinander kehren Hagen und Kriemhild stets nur die schneidende Seite zu und eben daraus erwachst jener ungeheure Kampf. Ganz entgegengesetzt aber ist in beiden der Umschwung des Guten und Bösen; Hagen, der mit Verrat begonnen, wird größer und größer in der treufesten Gesinnung, womit er seine Schuld auf sich nimmt, Kriemhild, in Lieb' und Treue aufgeblüht, endigt mit Verrat und Blutgier. Seit der Ankunft der Nibelunge und dem bittern Willkommen zwischen ihr und Hagen ist sie unermüdlich, Hader und Kampf zu stiften, er aber, ihrer Feindschaft Hohn und Trutz zu bieten. An der Spitze ihrer Dienstleute, die sie gegen ihn gewaffnet, tritt sie, die Krone auf dem Haupte, vor ihn und verlangt Rechenschaft; Hagen aber steht nicht auf und läßt das Schwert Balmung, das Siegfrieds war, auf seinem Schoße spielen. Er leugnet nicht den Mord, räch' es, wer da wolle, Weib oder Mann! Weinend muß sie abziehen, denn keiner der Ihrigen wagt den Angriff. Nachdem sie vergebens bei Dietrich Hilfe gesucht, reizt sie durch Versprechungen den Bruder Etzels zum Überfall der Knechte. Sie schont ihres eignen Sohnes nicht, Streit im Saale zu erregen. Dem, der ihr Hagens Haupt brächte, verheißt sie, einen Schild bis zum Rande mit Gold zu füllen, dazu Burgen und Lande. Iring springt hinan und schlägt Hagen eine Wunde; das tröstet ihr Herz und Mut, als sie Hagens Gewand vom Blute gerötet sieht; sie nimmt in Dank und Freude selbst den Schild von Irings Hand. Zum zweitenmal läuft er an: doch es ist sein Tod, wie seiner Freunde, die ihn rächen wollen. Noch will Kriemhild ihre Brüder leben lassen, wenn sie Hagen herausgeben. Sie verschmähen es und nun läßt sie den Saal anzünden. Als auch das Feuer sie nicht bändigt, läßt sie von neuem Gold auf Schilden herzutragen, um ihnen Feinde zu werben. Rüdeger mahnt sie dringend seines Eides und bietet sich mit Etzel ihm flehend zu Füßen. Da nun auch er zu den Waffen greift, weint sie vor schrecklicher Freude. Schon sind alle erlegen, bis auf Gunther und Hagen, welche Dietrich ihr gebunden überliefert, mit dem Beding der Schonung. Als aber Hagen, den sie um den Hort mahnt, ihr auch dann noch trotzt, trägt sie Gunthers abgeschlagenes Haupt am Haare vor ihn und schlägt ihm seines ab mit Siegfrieds Schwerte, das allein ihr geblieben. Von Hildebrand zu Stücken gehauen, endet sie mit lautem Schrei ihr Leben. Die Verwandlung der minniglichen, tugendreichen Jungfrau, der »niemand gram war«, zur Teufelin (Valandinne), wie Dietrich von Bern zürnend sie schilt, ist eben in dem Abscheu dieses edlen, reinen Helden treffend bezeichnet; beschämt und verstummend, muß sie sich von ihm abwenden, der keinem Verrate dienen will; dahin ist es mit dem herrlichsten Weibe gekommen. Aber diese furchtbare Umwandlung selbst macht Kriemhilden zum Gegenstand tiefen Erbarmens; welch ein Seelenschmerz, der solche Verwilderung bewirken, welche Liebe, die solchen Haß gebären konnte! »Siegfrieds Wunden taten Kriemhilden weh,« sagt das Lied. Umsonst hat Hagen gespottet, Siegfried komme nicht wieder, er sei vor mancher Zeit begraben. Er ist wieder gekommen, er hat fortgelebt in Kriemhilds Brust und sein Schwert hob sich rächend in ihrer Hand. Schon das Nibelungenlied rühmt an verschiedenen Stellen die große Treue, mit der Kriemhild den Tod Siegfrieds bis zum Tage der Rache beklagt. Noch bestimmter führt der Verfasser der Klage wiederholt ihre Rechtfertigung, »Treue ehret Mann und Weib. Kriemhild hat nach ihrer Treue in großem Schmerz die Rache vollbracht. Wohl glauben manche, sie trage um ihre große Schuld an Heiden und Christen die Qual der Hölle; wer das erkunden sollte, der müßte selbst zur Hölle fahren, ich will nicht dahin Bote sein; des Buches Meister sprach: dem Getreuen tut Untreue weh: wes Leib mit Treuen Ende nimmt, der geziemt dem Himmelreiche.« Dem frommen Bischof selbst, Kriemhilds Oheim, wird in den Mund gelegt: »Hätten es nur die entgolten, die ihr Siegfrieden tot schlugen, so wäre sie des unbescholten.« Indem wir die Hauptcharaktere des deutschen Heldensanges, ihrer vielgestaltigen Persönlichkeit unbeschadet, in der Idee der Treue und deren Gegensätzen begründet fanden, ergibt sich zum voraus, daß die Handlung, zu der sie mannigfaltig verflochten sind, von derselben Gesinnung bestimmt, daß daher sowohl der Bau der einzelnen Lieder, wie sie je zu einem besonderen Kreise von Handlung in sich abgeschlossen sind, als die Verbindung aller zum Ganzen des Epos, von dem gleichen Geiste geschaffen und beseelt sein müsse. Überblicken wir in dieser Beziehung zuvörderst die bedeutenderen einzelnen Liedergestaltungen, so beruhen die Gedichte von Rother, Wolfdietrich, Dietrichs Flucht, gänzlich auf der gegenseitigen Treue des Königs und seiner Dienstmannen. Das Nibelungenlied, in welchem das vom hörnernen Siegfried aufgegangen, zeigt uns in großen Zügen die verderblich wuchernde Macht der Untreue. Die Brautfahrten Otnits, Hugdietrichs, auch Rothers und der Hegelinge, greifen in das Schutzrecht ein, unter dem die Jungfrau steht, und erwecken die Rache der beleidigten Blutsverwandten; in diesem Kampfe der Geschlechter bewahrt sich Gudruns weibliche Treue. In den Rosengartenliedern messen zween Heldenstamme ihre Kraft, zwölfe kämpfen nacheinander gegen zwölfe, der begonnene Streit muß durch die ganze Sippzahl durchgeführt werden, weil je einer des andern Rächer ist; mit gleicher Notwendigkeit reiht sich in den Liedern von Walther, von Dietleib, von den Nibelungen Kampf an Kampf. Das Alphartslied, eine Zwischenhandlung in Dietrichs Geschichte, könnte, nach heutigen Kunstbegriffen, mit dem Tode des Heldenjünglings füglich geschlossen scheinen, aber im Geiste des Altertums war ein zweiter Teil unerläßlich, die Rache enthaltend; es ist derselbe Zusammenhang, wie zwischen Siegfrieds Tod und Kriemhilds Rache, Dietrichs Flucht und der Schlacht vor Raben. Selbst in dem Märchen von Laurin fehlen solche Triebfedern nicht; Dietleib tritt gegen seine Gesellen auf des Zwergkönigs Seite, sobald dieser ihn als Schwager zu Hilfe ruft; aber nachher im Zauberberge will er nicht auf ihre Kosten geschont sein. Der Zwiespalt der Pflichten, die Treue gegen den Herrn und die Rachepflicht gegen die erschlagenen Blutsfreunde im Widerstreite mit der Treue gegen den Genossen, ist ein wesentlicher Bestandteil des schon erwähnten Liedes von Walther. Daß die nächsten Blutsverwandten, Vater und Sohn, unwissend einander bekämpfen, bildet den Inhalt des Hildebrandliedes, sowie der Episode von Biterolf und Dietleib. Hier weiter in das einzelne zu gehen, scheint überflüssig, da von der Gestaltung der Lieder noch besonders die Rede sein wird, ihr Inhalt aber in Umrissen dargelegt worden ist. Aus dieser Entwicklung der Hauptcharaktere ergibt sich auch, in wie mannigfachen, sinnreich glücklichen Zusammenstellungen, Abstufungen und Gegensätzen dieselben einander wechselweise hervorheben, ergänzen und entfalten. Dagegen beschäftigt uns hier in Beziehung auf den Grundgedanken, den sie alle zusammenwirkend zur Erscheinung bringen, eine auffallende Erscheinung der zween bedeutendsten Sagenkreise, aus welchen das Ganze der Heldensage zusammengesetzt ist. Der gotische Liederkreis, die Amelungensage, stellt mehr bejahend die Macht und Herrlichkeit der Treue dar, der rheinische, fränkisch-burgundische, die Nibelungensage, mehr verneinend das zerstörende Wirken der Untreue. In Charakteren und Handlung zeigt sich diese verschiedene Richtung. Der Hauptcharakter des ersteren Kreises, der gotische Dietrich, ist in mehrfacher Erscheinung, als Wolfdietrich, als Rother, der sich selbst Dietrich nennt, und als Dietrich von Bern, doch in jener sittlichen Beziehung stets derselbe, das leuchtende Gestirn der Treue, der König, der für seine Mannen sich und all seine Königsmacht zum Opfer bringt, zuletzt aber aus der freigewählten Erniedrigung siegreich hervorgeht. Ebenso steht an der Spitze der Dienstmannschaft in ungetrübter Stetigkeit der treue Meister, mag er nun Berchtung, Berther oder Hildebrand heißen. Zwar sind auch die Verräter zur Stelle, Ermenrich, Sibich und ihr Anhang, aber mehr nur als finstere Schatten hinter den Lichtgestalten der Getreuen. Wie anders im Nibelungenkreise! Der glänzendste Held desselben, Siegfried, erscheint doch bei der Erwerbung des Hortes Nibel. Str. 92. 94–96. Wird Siegfried hier durch die Unmöglichkeit, die Teilung zu vollbringen, und hierauf durch die Notwehr entschuldigt? und der trügerischen Bezwingung Brünhildens in sehr zweifelhaftem Lichte. Kriemhild, Hagen, Gunther, Brünhilde, Hauptcharaktere dieses Kreises, sind alle mehr oder weniger von Verrat verschattet; die helleren Gestalten, wie Giselher, sind hier gerade nur die Kehrseite, wie es bei den Amelungen die finsteren sind. So muß denn hier auch alles blutig ausschlagen und das ganze schuldbefleckte Geschlecht zugrunde gehen. Nicht unbemerkt darf hierbei bleiben, daß auch geschichtlich unter allen den germanischen Völkern, die im alten Römerstaate neue Reiche gründeten, die Ostgoten von der mildesten, die Franken Vopisc. in Proculo c. 13: Hunc (Proculum) tamen Probus fugatum usque ad ultimas terras, et cupientem in Francorum auxilim venire, a quibus originem se trahere ipse dicebat, ipsis prodentibus Francis, quibus familiare est ridendo fidem frangere, vicit et interemit.Masc. I, 197 R. von der herbsten Gesinnung beseelt erscheinen. Ob hierauf die frühere oder spätere Annahme des Christentums eingewirkt habe, lassen wir unentschieden. Auch nach dessen Einführung wuchern im merowingischen Königshaus Verrat und Mord in unerhörten Greueltaten fort. Anderseits kann auf die Gestaltung der gotischen Heldensage wenigstens kein ursprünglicher und unmittelbarer Einfluß christlicher Ansicht nachgewiesen werden. Dagegen haben wir schon in der vorchristlich mythischen Unterlage der Heldensage die wesentliche, ethische Verschiedenheit des odinischen und des gotischen Mythenkreises erkannt. Der odinische Mythus, dem die Siegfrieds- und Nibelungensage angehört, hat sein schärfstes Gepräge in der nordischen Darstellung dieses Sagenkreises bewahrt. Hier wirkt die Treue mehr noch mit der Notwendigkeit und Unbewußtheit des Naturtriebs. Ebenso ist aber auch das Böse mehr nur ein Übel, das über den Täter kommt, ohne ihm zugerechnet werden zu können. Liebe und Haß, Naturgebot und Leidenschaft, sind unwiderstehliche Fügungen der Götter. Odin waltet über der Blutrache, er sendet die Berserkerwut, die, ein Unheil dem Sterblichen, ihn zu blinden Freveltaten hinreißt. Am Eingang der Geschichten Sigurds und der Niflungen treten die Götter auf und belegen das Lösegeld mit dem Fluche, der in langer Reihe von Frevel und Rache bis zur völligen Vertilgung der Geschlechter fortwirkt; nicht umsonst wandert und waltet hier Odin in Gemeinschaft mit Loke, dem Anstifter alles Bösen. In andern berühmten Sagen des Nordens gibt ein Gott dem Helden schon bei der Geburt den Unsegen mit, eine Zahl verräterischer Taten, Nidingswerke, zu vollbringen, oder auf einem Schwerte haftet solcher Fluch für jeden Besitzer. Starkather; nach Saro B. VI, S.156 ist es Odin, der ihm die Nidingswerke auflegt, nach Gautreks und Hrolfs Saga Thor, der Odins gute Gaben zu verkümmern sucht. Sagabibl. II, 580. Hervörs S.K.1.S.6. Übereinstimmend mit diesen Ansichten ist bemerkt worden, daß selbst im Rechte Schuld und Zufall, beide im Begriff eines unvermeidlichen Schicksals zusammentreffend, nicht immer unterschieden werden. Schildener, Gutal. S. 190 f.N.152, über die Verhängnisbuße, wådabot , sucht darzutun, daß Schuld und Zufall oder Schicksal im religiösen Sinne des Altertums nicht immer unterschieden waren. Vgl. 178. II: Totschlag, als Fügung des Schicksals. 160. 170a, 175. Darauf kann auch bezogen werden, daß der Baum, der einen erschlagen hat, den Verwandten zur Buße verfällt, Phill. 101. N. u. Vgl. ebd. 109. N. u.: Observet autem ille, cujus arma erant, ut ea non recipiat antequam in omni calumpnia munda sint. Sind auf diese Art die Schicksalsschwerter, Fluchringe usw. unrein? Vgl. Eichhorn I, 210. Im gotischen Mythus dagegen fanden wir den entschiedensten Dualismus im Gegensatze des Guten und Bösen, und zwar in ältester Gestalt in den Drachen- oder Lindwurmkämpfen. Den allmählichen und mittelbaren Einfluß des Christentums aber auf die Ausbildung der deutschen Heldendichtung zu ihrer jetzigen Gestalt setze ich darein, daß durch die Herrschaft der christlichen Lehre nicht bloß die Gesinnung gemildert, sondern vorzüglich auch das innere Leben mehr und mehr erschlossen worden. Diesem gemäß wird in der Amelungensage der ursprünglich symbolische Drachenkampf mehr wieder nach innen aufgelöst und zu einem ethischen Gegensatz der Charaktere, der Getreuen und Ungetreuen, umgewandelt; auch im Nibelungenkreise und dessen Verbindung mit der Amelungensage sehen wir statt der Naturkräfte psychische Triebfedern, statt der dämonischen Gewalt freie Willenstätigkeit wirksam geworden. Rüdeger, der in diesen Kreis gezogen worden, kämpft einen inneren Kampf im bewußten Widerstreite der Pflichten. Hagen spricht zuletzt noch zu Kriemhild: »Du hast es nach deinem Willen zu einem Ende bracht, und ist auch recht ergangen, als ich mir hatte gedacht.« In der Art und Weise besonders, wie die beiden Sagenkreise, der gotische und fränkisch-burgundische, zur Gesamtheit des deutschen Epos verschmolzen und abgeschlossen worden, finden wir den sittlichen Grundgedanken sicher und vollständig durchgeführt. Nachdem die beiden Geschlechter sich vielfach kämpfend entgegengesetzt sind, werden auch die Amelungen in die furchtbaren Gerichte der Nibelungennot verflochten. Der milde Rüdeger, den wir gern aus dem gotischen Kreise stammen lassen, ist das beklagenswerteste Opfer des Zusammentreffens mit dem finstern Nibelungengeschlechte. Aber der gotische Volksheld, der edle, reine Dietrich, schreitet, einzig unverletzt, durch den allgemeinen Untergang; wohin er gekommen ist, weiß niemand zu sagen, und noch lange hin erscheint er als Wächter und Warner in deutschem Lande. Die Treue der Blutsverwandtschaft und Genossenschaft ist in der Idee des heutigen Staates zur umfassenderen Bürgerpflicht, in der Lehre des Christentums zur allgemeinen Menschenliebe erweitert. Aber was jene altertümliche, germanische Treue in ihrem allerdings beschränkteren Kreise sich aneignete, das ergriff sie fest und ganz; was ihr an äußerem Umfange abging, suchte sie durch intensive Stärke zu ersetzen. Daß jedoch auch ein allgemeineres Wohlwollen den älteren Zeiten nicht gänzlich gebrach, davon zeugt die Gastfreiheit, der wir so bedeutende Rechte eingeräumt sahen und die, im Epos, in besondern männlichen und weiblichen Charakteren ihre Vertretung fand; denn diese Pflicht der Gastfreiheit besteht ja eben darin, daß man dem, der nicht dem engeren Verband angehörte, dem Fremden, Elenden, Schutzsuchenden, die wohlwollendste, hingebenste Rücksicht schuldig war. Es fehlt in den Liedern nicht an Stellen, worin die Treue gepriesen, die Untreue bejammert und verflucht wird; es wird ausgesprochen, daß der Ungetreue sich selbst erschlage. Vgl. Agric. Sprichw. 26a: Untrew schlegt iren eigen herrn. Man kann solche Äußerungen als Erzeugnisse späterer Zeit anheimgeben, aber die Hauptsache ist, daß Charaktere und Handlung gänzlich in diesem Sinne begründet und gebildet sind. Das ganze deutsche Epos ist eine Poesie der Treue. Wie die Treue selbst im Gemüte wurzelt, so sind auch diese dichterischen Schöpfungen unmittelbar aus dem Gemüt entsprungen. Diesem Ursprunge gemäß haucht auch in der Sprache der Lieder eine Innigkeit, welche, jeden äußeren Glanz verschmähend, einfach wieder zum Herzen geht. Dieses kann seiner Natur nach im ganzen nur empfunden werden, die spätere Betrachtung des Stils wird uns jedoch auch einzelnes bestimmter erkennen lassen. Dietrich von Bern nennt einen seiner Recken, dessen Tod er beklagt, »der Treue recht eine Rose«. Eine Rose der Treue, eine Blüte deutschen Gemüts ist diese gesamte Dichtung. Die drei Harfenschläge, womit der getreue König den freudig erschreckenden Dienstmannen sich zu erkennen gibt, sind der Grundton dieser Gesänge. Die ethische Grundkraft hat sich dichterisch gestaltet und ausgetönt. Je wilder und finsterer wir uns nicht bloß die Zeit der deutschen Völkerzüge, sondern auch das ganze nachfolgende Mittelalter auszumalen gewohnt sind, je weniger die Lieder selbst auch diese feindliche Seite verdecken, um so wohltuender muß uns die überall und ewig waltende Macht des Göttlichen hervorleuchten, wenn wir mitten in Sturm und Nacht der Zeiten die Poesie der innigsten Treue geboren und gepflegt, wenn wir der tobenden Gewalt gegenüber eine Tatkraft der Liebe emporwachsen sehen, welche friedlicheren Zustanden entbehrlich ist. Stil Jeder epische Kreis, schon weil er nicht ein Erzeugnis bestimmter Persönlichkeit, sondern eine Volksdichtung ist, bildet in dem gemeinsamen Vers auch einen gemeinsamen Stil, d. h. eine in den einzelnen Liedern wiederkehrende Weise des Ausdrucks und der Darstellung, eine über das Ganze verbreitete gleichmäßige Farbengebung und Stimmung. Zwar ist in den deutschen Heldenliedern diese Gleichförmigkeit dadurch einigermaßen gestört, daß sie ihre letzte Gestaltung in sehr verschiedener Zeit erlangt und daß mehrere derselben eine absichtliche Verarbeitung unter den Einflüssen fremdartiger Dichtungskreise erlitten haben. Dennoch wird auch in ihnen der epische Stil sich ergreifen lassen, wenn wir zunächst diejenigen zugrunde legen, welche das Gepräge einer natürlichen Entwicklung noch unverfälscht an sich tragen und wenn wir dann bemerken, wie selbst in den absichtlicheren Erneuungen neben dem fremden Anwachs gewisse altertümliche Formen, gleichsam als unzertrennliche Wahrzeichen des Stoffes, beibehalten worden sind. Einige, nicht unmittelbar zur deutschen Heldensage gehörige, aber mit ihr verwandte und den Ton des alten Volksgesanges lebendig aufbewahrende Gedichte (das von Salomon und Morolf, das von Orendel und Breide), nicht minder die sonstigen Reste deutscher Volkspoesie und die sagenhaften Volkslieder befreundeter Stämme können auch hier zur Erläuterung und Ergänzung dienen. Bestimmter noch würde die einfache Darstellung der Heldenlieder hervortreten, wenn wir ihr jetzt schon das glänzende Farbenspiel der eigentlichen Rittergedichte gegenüberstellen könnten. Was im deutschen Epos, wie in jedem andern, zuerst auffällt, ist die stetige Wiederholung gewisser Redeformen und Wendungen, oft in der Wiederkehr ganzer Verszeilen, selbst ganzer Strophen. Die epische Dichtung, weit entfernt, in der Mannigfaltigkeit und dem Schmucke der Sprache eine eigene Kunst zu suchen, hält sich lediglich an die Sache und bedient sich für sie des einfachsten und klarsten Ausdruckes. Dieser stellt sich von selbst ein und wird sich stets wieber einstellen, so oft dasselbe Bedürfnis wiederkehrt: diese Wiederkehr aber kann nicht ausbleiben, da die Anlage der Lieder nirgends auf künstliche Abwechslung und Überraschung berechnet ist, und da die versinnlichende Darstellung alle die äußeren Bewegungen und Tätigkeiten in sich aufnimmt, die unter gleichen Umständen die gleichen sind. Dieselbe Stellung des Kampfes oder der Geselligkeit, dieselbe Stufe des Leides oder der Freude bringt auch dieselben Bezeichnungen mit sich. Wo das nämliche geschieht, da wiederholt sich auch die Form der Erzählung, und wenn mehrere gleichzeitig oder in unmittelbarer Folge das gleiche tun, kehrt Schlag auf Schlag dieselbe Wendung, z. B. wenn die Recken dem König ihre Hilfe bieten, oder wenn sie nach vollbrachter Fahrt von ihm heimziehen. Da aber der Ausdruck sich dem Versmaße anschicken muß, so ist mit der Wiederkehr der Redeformen auch diejenige von halben und ganzen, einzelnen oder mehreren Verszeilen gegeben, bei verschiedenem Versmaße mit leichter Änderung und Anpassung an die Art eines jeden. Die vielfache Verknüpfung und Sonderung der Gesänge des epischen Kreises trägt diese Wiederholung von einem Lied in das andre. Es lag auch im natürlichen Vorteil des Sängers, den Ausdruck, der ihm dargeboten war, nicht erst aufzusuchen, den für die Übergänge, für die wiederkehrenden Verhältnisse schon zugerichteten Vers nicht erst neu zu gestalten, vielmehr mit den bereiten Hilfsmitteln sich den Vortrag zu erleichtern und den Blick auf den Gegenstand, auf die Gestalten frei zu erhalten. In Beziehung auf Farbe und Fülle zeichnet sich unser epischer Stil weder durch malerische Beiwörter, noch durch ausgeführte Vergleichungen aus. Die Eigenschaften der Helden und Heldinnen sind durch einfache Beiwörter: kühn, schnell, schön, milde, getreu, ungetreu, grimmig u. dgl. ausgedrückt, oft auch mit Verstärkung: wunderschön, sturmkühn, mordgrimm usw., und diese Bezeichnungen sind, nach ihrer allgemeinen Natur, nicht auf bestimmte Personen beschränkt. Gleichwohl enthalten solche schlichte Wörter die sittlichen Triebfedern der gewaltigen Heldengeschichte und wir vergegenwärtigen uns ihre Bedeutsamkeit in denjenigen Charakteren, welche die bezeichneten Eigenschaften, wenn nicht ausschließlich, doch in vorzüglichem Maße zur Erscheinung bringen, z. B. der milde Rüdeger, Helke die gute, der getreue Eckart, der ungetreue Sibich, der grimme Hagen, der kühne Wolfhart. So fühlen wir die Innigkeit, womit in diesen Gedichten die Verhältnisse der Dienstmannschaft und der Blutsverwandtschaft durchaus behandelt sind, noch darin, wenn der Dienstmann von seinem lieben Herrn, der Fürst von seinen werten lieben Mannen spricht, der Sohn den Vater anredet: Ach Vater, liebster Vater! u. dgl. m. Aber auch die Farbe, die sinnliche Bezeichnung fehlt keineswegs in den Beiwörtern des äußerlich Erscheinenden. Die Hand ist die weiße, schneeweiße, der Mund der rote, rosenfarbene, so ferner: die spielenden Augen, die gelben Haare, das rote Gold, Pertz, Hausm. 129, 2: (aurum) purissimum ac rutilum der grüne Wald, die grüne Heide, die breite Linde, der kalte Bronnen, das tiefe Tal, das wilde Meer, der kühle Morgen, des Morgens in dem Taue, der Sommertag, der sommerlange Tag. So anspruchslos diese Beiwörter lauten, so sind sie doch weder nichtssagend, noch überzählig. Wem sie für die Dichtersprache zu einfach dünken, den mögen sie, dieselben oder ähnliche, in der alten Rechtssprüche (Grimms Rechtsaltert. 35. 45), wo sie nicht minder herkömmlich sind, unerwartet dichterisch und gemütlich ansprechen; das Gemeinschaftliche, Vermittelnde liegt in der unbefangenen Wahrheit des Ausdrucks, in der sinnlichen Auffassung der Gegenstände, welche für jedes Verhältnis die gleiche ist. Die früher angeführten Beiwörter haben uns den Blick in die sittliche und Gemütswelt eröffnet, die zuletzt ausgehobenen stehen in genauem Zusammenhang mit dem Gesamtbilde körperlicher Schönheit und mit der ganzen Naturanschauung. Die weißen Hände, der rote Mund lassen am einzelnen Teile den frischen Jugendglanz durchscheinen, der, wie wir an seinem Orte ausgeführt, die volle Gestalt der Helden und schönen Frauen erleuchtet: selbst der rüstige Greis entbehrt des lichten Schmuckes nicht, ihm fällt ein Bart, weiß wie Schnee, bis über den Gürtel herab. Der grüne Wald, der kalte Bronnen, der kühle tauige Morgen u. dgl. zeigt uns, in schnellem Durchblick, die Natur in ihrem frischen, gesunden Zustande, wie sie vor dem Auge des Sängers steht, auch ohne daß er sich auf förmliche Naturschilderung einläßt. Die Fahrten der Helden sind in der schönen Jahreszeit gedacht. »Wir sollen mit Vogelgesange fließen über See!« heißt es im Otnitsliede. Breite Linden, deren eine fünfhundert Rittern Schatten gäbe, stehen über kühlen Brunnen, süßer Duft weht aus ihren Zweigen, darauf Drossel und Nachtigall singt, Gras und Blumen entspringen unter ihnen: da binden die Helden ihre Rosse an, lehnen den Speer an der Linden Ast und entschlummern beim Gesange der Vögel; Zaubermächte walten an diesen lieblichen Stellen. Ein treffliches Waldstück ist Eckes Ausfahrt; wenn der kampflustige Jüngling durch den Wald rauscht, wenn sein Helm, von den Ästen berührt, fernhin wie eine Glocke klingt, dann lassen die Vögel ihren Schall und das Gewild entflieht oder sieht ihm staunend nach. Die Kämpfenden achten nicht, was die Vögel singen; ihre Helme überklingen den Vogelsang; von dem Sturme, den sie heben, erkracht der grüne Wald, der Widerhall antwortet ihren Schwertstreichen. Sie schlagen Laub und Äste von den Bäumen, der Berner wird ganz davon überzeugt, sein Schild das war der grüne Wald; von dem Feuer, das aus ihren Helmen fährt, entzünden sich die Bäume; je stärker sie fechten, je mehr brennt es über ihnen. Der nächtliche Wald ist vom Glanz ihrer Harnische durchleuchtet; ihre Helme scheinen so licht, als ständen zween Vollmonde am Himmel. Nordische Lieder lassen ihn im Bette oder auf dem Ritt zur Dingstätte erschlagen werden; »aber deutsche Männer,« heißt es bezeichnend, »sagen, daß sie ihn draußen im Wald schlugen« (Gr. Edd. 239); »ob einem kalten Brunnen,« sagen unsre Lieder. Frau Helke erblickt die herrenlosen Rosse ihrer jungen Söhne, die Sättel rot vom Blut der Erschlagenen, als sie eben nach einem Garten geht, die schönen Blumen zu schauen. »O weh! ihre lichte Augenweide, die ward trübe mit großem Herzenleide.« Ähnliches im Liede von Sigenot; wenn dieser Riese schlafend Atem zieht, so biegen sich die Äste hoch in den Bäumen, Wie das Gras, der Klee, die Blumen zertreten und vom Blute gefärbt werden, kommt bei vielen Kämpfen vor. In die Blumen fällt der todwunde Siegfried. Nib. Lach. 929: Do vil in die bluomen der Kriemhilde man. 939: Die bluomen allenthalben von bluote wâren naz; do rang er mit dem tôde unlange tet er daz. Am glänzendsten zeigt sich in den Rosengartenliedern der blühende Grund des Bildes, der Rosenwald, auf dem sich die riesenhaften Heldengestalten, mit den langen Schwertern ausholend, malen. In den Rosengarten am Rhein, wo unter breiter Linde die Frauen sitzen, um mit Rosen die Sieger zu bekränzen, ist der Streit entboten. Mit Rosen ist das ganze Lied durchwoben. »Soll ich nach Rosen reiten?« sagt der zweifelmütige Dietrich; »ich hab' ihrer zu Bern genug.« »Ich bin all diesen Sommer ohne Rosen gangen,« spricht der trotzige Wolfhart, und sein Bruder Alphart schlägt ihm vor, einen Kranz von Nesseln zu tragen. Beim Kampfe selbst wird erzählt, wie die Panzerringe in der Rosen Schein gestreut liegen, als wären sie ausgesät, wie der grimme Wolfhart Rosen liest, wie die Rosen zertreten werden. Ebenso im, Liede von Laurin, wie dem Klee und den lichten Rosen weh geschieht. Laurin 195: Den liechten rosen und dem klee geschach do auß der maßen we. »Ihr habt den Rosen weh getan, das will ich euch entgelten lan,« ruft der Zwergkönig, Hand und Fuß zur Buße heischend. Indes die Helden sich blutige Wunden hauen, wird das Ungemach der Blumen bemitleidet; während sie mit Schwertstreichen sich betäuben, wird des gestörten Vogelsanges gedacht. Aus Feld und Wald springen meist auch die einfachen Bilder hervor, welche zu Vergleichungen gebraucht werden. Die Rose ist das Bild der Jugendfarbe. Die spielenden Augen sind denen des Falken gleich. Der hauende Eber ist das heimische Bild der Kämpfenden. Dankwart, allein von den Seinigen übrig, geht vor den Feinden her, die ihn von beiden Seiten anspringen, als ein Eberschwein zu Walde tut vor Hunden; fremdartiger ist der Löwe, dessen Mut und Zorn, dessen weite Sprünge gleichwohl öfters zur Vergleichung dienen. Der Blick des Wolfes wird grimmen Gemütern beigelegt; wölfisch sieht im Dietleibsliede der gefangene Wolfhart; die wolflichen Blicke kommen im Gedichte von Orendel vor; die alte üble Wölfin wird die grausame Gerlind genannt. Noch können einzelne Vergleichungen von dichterischer Schönheit ausgehoben werden. So leuchtet Kuperans Helm, wie die Sonne auf Meeresflut; Dietleib kann sich mit seinen goldfarben Haaren vor dem Regen decken, wie der Falke mit den Flügeln; Rüdegers Herz gebiert Tugenden, wie der süße Mai Gras und Blumen bringt. Des ausgemalten Gleichnisses aber, welches die Handlung in einem andern, selbständigen Lebensbilde abschildert und verdoppelt (wie in den homerischen Bildern), entbehren unsre Lieder; dagegen verstehen sie im weissagenden Spiegel des Traumes die Geschicke bildlich aufzufassen. So der Traum im Eingange des Nibelungenliedes, vom Falken, den zween Aare greifen, und viele andre, die wir vorzüglich in die ahnungsvolle Seele der Frauen gelegt sahen; eine Bildnerei, welche weniger auf die Fülle des Lebens, als nach der inneren Tiefe gerichtet ist. Reich ist unser epischer Stil an kurzen, aber ausdrucksvollen Bezeichnungen der Gemütszustände durch äußere Haltung und Geberde. Schweigen ist Ausdruck des Bedenkens, der Mißbilligung. Rother, um seine Boten tiefbekümmert, sitzt auf einem Steine drei Tage und drei Nächte, ohne mit jemand zu sprechen. Der Entschlossene spricht kein Wort, bis er den entscheidenden Streich geführt hat. Stummes Ansehen bedeutet Frage, Befremdung, Niedersehen Unmut, Aufsehen Freude. Das Ansehen im Gespräch heißt unter die Augen sehen. Der Spähende läßt die Augen wanken; höhnisch oder forschend wird über Achseln geblickt; in den schottischen Volksliedern wird gewöhnlich über die linke Schulter geblickt, oder man sieht Widerwärtiges über die linke, Erfreuliches über die rechte Schulter. Nach etwas senden heißt danach springen lassen. Zum Empfang, zu vertraulicher Besprechung faßt man sich bei der Hand. Flehende, huldigend sich Ergebende strecken die Hände. Von dem Töchterlein, das den Vater bittet, wird gesagt: da war der Jungfrau Hand an ihres Vaters Kinne. Bleich und rot werden verrät die innere Bewegung, den Wechsel von Furcht und Hoffnung, Leid und Freude. Lachen ist Äußerung der Fröhlichkeit, des Wohlgefallens, des Erstaunens. Nicht mehr zu lachen ist Eigenschaft und Vorsatz Schwergetroffener, und das erste Wiederlachen, oft nach vielen Jahren, verkündet, daß der Tag der Vergeltung gekommen sei. Vom Weinen werden lichte Augen rot; Helden sieht man Tränen über die Bärte gehen; Frauen fallen die Tränen in den Schoß, wird das Gold vor der Brust von Tränen getrübt. Überlaufen der Augen bezeichnet den ersten Anfall des Schmerzes, Blutweinen den letzten, gewaltsamsten Ausdruck. Hände werden gerungen, Dietrich beißt sich ein Glied aus der Hand. Die mannigfaltigen Verhältnisse des Heldenlebens, die Stufen des Kampfes und der Waffenruhe, haben ihre bestimmten Merkmale. Gewappnet, ohne Stegreif springt der Held in den Sattel, die Jünglinge singen, die Rosse gehen in Sprüngen. Wenn Schiffe in See gehen, dann rauschen die Segel, krachen die Ruder an den Händen. Wer seinen Gegner nahen sieht, gürtet sein Roß besser, bindet sich den Helm fester. Hagen tut letzteres zum Zeichen, daß man sich vor Kriemhilden vorsehen müsse. Heerzüge binden die Fahnen auf. Dem Anheben des Kampfes entspricht gern die Raschheit des Verses und Vortrags. Zusammen springen die Helden, die Schwerter klingen ihnen an der Hand. Unter den Schild bückt sich der Fechtende. Über Schildes Rand wird gerufen, mit dem Schwert gewunken. Tritt ein Stillstand ein, wird unterhandelt oder Wache gehalten, so setzt der Held den Schild vor seinen Fuß, lehnt sich darüber; hebt der Streit von neuem an, so wird der Schild wieder aufgezuckt. Sitzende Recken haben das Schwert über die Knie gelegt, zum Zeichen der Wachsamkeit oder des Trotzes. Im Zweikampfe treiben die Gegner sich mit Schlägen um. In großer Not des Streites kehren Freunde den Rücken zusammen. Oder der Schild wird zu Rücken geworfen, das Schwert in beide Hände gefaßt. Wolfdietrichs Dienstmannen schwingen die Schilde zurück und hauen durch eine Schar von Zweitausenden ihren Herrn heraus. Dieser Augenblick der äußersten Anstrengung, wo die Brust entblößt wird, um dem Streiche die vollste Kraft zu geben, wird in nordischen Darstellungen feierlich durch den Gesang verkündigt. Gefallene liegen unter oder in dem Schilde. Das Ungeheure der Kämpfe zu beschreiben, sind manche Wendungen wiederkehrend. Tage und Nächte hindurch währt der Streit. Da ringt Kraft wider Kraft, da wird Heldeswerk gewirkt, Sättel werden leer gemacht: Feuer springt von den Helmen: gehauen wird durch Helme, daß es auf den Zähnen widerwendet, von der Achsel bis auf den Sattel durchgeschlagen: die Schwertgriffe schneiden in die Hände, daß nicht Haut noch Fleisch daran bleibt; die Schwerter erkrummen, brechen vor der Hand: Halsberge werden weich vor Hitze: die Kühnsten werden Streites satt gemacht, niemand begehrt zu leben, Burg und Land wieder zu sehen; Wunden werden geschlagen, die nimmer verbunden werden; weite Straßen, blutige Brücken werden durch Zehntausende gehauen, manche Kehr durch ganze Heere genommen: da werden blutige Sporen gemacht, bis an die Knie im Blute gewatet, die Arme bis zur Achsel blutig gefärbt, Blut springt von den Füßen all über das Haupt; Männer, ganz blutfarb, sieht man reiten und schreiten; Blut wird für den Durst getrunken und schmeckt wie der beste Wein. Das Blut, aus weitoffenen Wunden rinnend, möcht' ein Rad treiben; es strömt in Güssen hinab, gleich Regenbächen; es dampft, daß der Sonne Schein getrübt wird; das Gefilde liegt voll Toter, als wär' ein meilenlanger Wald gefällt; Schwert und Speer stecken in den Helmen; mit Leichen wird das Feld gedüngt; Raben, Geier, Wölfe werden gesättigt. Und durch all den unmäßigen Heerschall, davon Berg und Tal ertost, glaubt man der Frauen, der Witwen lautes Weinen, an welches stets gemahnt wird, wie in klagenden Windesstößen, zu vernehmen. Für ruhigere Zustände wird manchmal mit wenigen Strichen ein Hintergrund gezeichnet; man sieht jemand bei der Linde, vor dem Münster stehen. Der alte Biterolf steht an einer Laube (Bogenhalle), als ihm die Rückkehr seiner Kinder gemeldet wird. Frauen stehen an der Zinne, an den Fenstern; sie schweifen den Schleier um, heben das Gewand auf und gehen über den Hof. Oft wird das Erzählte noch weiter dadurch veranschaulicht, daß man es als ein fortwährend Gebräuchliches bezeichnet; »so noch die Leute tun«. Biterolf steht unter der Laube, wie noch jetzt Fürsten tun; er pflegt seiner Gäste, wie noch ein Wirt tun soll, Wolfdietrich lehnt sich auf seinen Schild, als noch die Recken tun. Sidrat nährt sich mit ihrer Hand, als noch viel manche tut. Rüdegers jungfräuliche Tochter, befragt, ob sie Giselhern zum Manne wolle, schämt sich, wie manche Maid getan. Eine Königin im Dietleibsliede tröstet sich über ihren erschlagenen Gemahl, wie nach ihr viel manche getan. Umgekehrt soll die Erzählung durch den Gegensatz heutiger Sitte gehoben werden; in der Nibelungennot wird so grimm gefochten, daß man es nimmermehr tut; Etzel faßt selbst den Schild und will kämpfen, was von so reichen Fürsten selten nun geschieht. Von Siegfrieds Ringen mit Brunhilde in der Brautkammer wird gesagt, solche Wehr dürfte nimmer an Frauen ergehen. Ein bestimmtes Kostüm in Waffen und Kleidertracht ist allerdings bei unsern Liedern schwieriger auszumitteln, weil sie in so ungleicher Zeit und unter so verschiedenen Einwirkungen ihre letzte Gestalt erlangt haben. Durch Vergleichung mit dem üppigeren Prunke, der sich in den eigentlichen Rittergedichten auslegt, vermögen wir jedoch einige Grenze zu gewinnen und es zeigt sich uns, daß, bei manchen Ausnahmen, das Kostüm im ganzen nicht weiter vorgeschritten, als es sich am Schlusse des zwölften Jahrhunderts befand, und um diese Zeit in den Handschriftbildern Herrads von Landsperg dargestellt ist. Denn so wie in den Heldenliedern die Recken selbst noch, wie es Riesenbekämpfern und Drachentötern ziemt, derb und mächtig gebaut sind, mit breiter Brust, doch um den Gürtel schmal, hochgewachsen, mit langen Beinen, herrlichem Gang, gewaltiger Stimme, die als ein Wisentshorn erschallt, so ist auch bei der Bewaffnung mehr noch vom langen, zweischneidigen Schwerte, vom scharfen, spannenbreiten starken Ger, festen Helme, den harten, lichten Ringen die Rede, statt dessen die Rittergedichte am liebsten mit dem wunderlichen Bilderschmucke der Heraldik spielen. Das Wohlgefallen an heller, farbiger Kleidung ist jugendlichen Völkern natürlich. Wo Himmelsstrich und Sitte nicht gestatten, die Formen der nackten Gestalt hervorzuheben, da muß der Glanz der Bekleidung höheren Wert erlangen. In der Frühlingsnatur im Hintergrund unsrer Lieder, zu der blühenden Gesichtsfarbe, den glänzenden Haaren stimmt das blumige Gewand. Öfters wird von Frauen gesagt, wie ihre lichte Farbe gegen Gold und Gewand wettstreitend leuchte. Schon in jener Beschreibung, die Sidonius von der Brautfahrt des fürstlichen Frankenjünglings gibt, ist unsre Ansicht wörtlich bestätigt. Flammend von Scharlach, leuchtend von Gold, milchweiß von Seide schreitet er daher; Haar, Wangenröte, Hautfarbe solchem Schmucke gleichfarbig. Auch die bunte Tracht seiner Gefährten, die farbigen Schilde, die reiche Pferdezier finden wir beschrieben. Der heitere Glanz der äußeren Erscheinung war unsern Vorfahren so sehr Angehör und Abzeichen eines vollkommenen Lebens, daß nur die Freien im Lichte heller Farben wandeln, die Unfreien aber in trübes Grau gekleidet gehen. Berchtung, Wolfdietrichs Meister, der mit seinen zehn Söhnen um der Treue willen gefangen ist, sieht diese, die Herzogskinder, an Pfingsten graue Kleider und rinderne Schuhe tragen, während die andern Fürsten in reichen Gewänden zu Hofe gehen. Da ruft er wehklagend: »Wärest du nicht tot, Wolfdietrich, du ließest uns nicht in dieser Armut!« Danach redet er nicht mehr und stirbt vor Herzeleid. Wappenröcke mit goldglänzenden Tierbildern, reichen Wechsel der Kleidung, mannigfachen Schmuck von Edelsteinen, Borten, morgenländischen Seidenstoffen, eine Frucht des aufblühenden Handels und der Kreuzzüge, kennen denn auch, vom Rothersliede an, die meisten Gedichte unsres Kreises; die kindliche Freude an diesen Dingen, das Anstaunen der neuen Herrlichkeiten nötigt oft dem Leser ein Lächeln ab. Rothers Boten sind so herrlich gekleidet, daß Gerlind ausruft: »Wollte Gott, wir sähen den König, des diese Boten sind!« Als nun Rother selbst in seinem Prunkgewand zu Hofe kommt, da ist um ihn ein solch Gedräng von Gaffern, daß die Königstochter ihn gar nicht sehen kann und ihr das Fest verloren ist; aber sie hört so viel von dieser Pracht erzählen, daß sie den Helden in ihrem Herzen zu minnen beginnt. Auch das Nibelungenlied hat ähnliche Züge: Frauen suchen die besten Kleider aus den Kisten, damit ihnen von den Gästen viel Lob und Ehre gesagt werde; wenn Helden reich bekleidet fahren, so sind sie hochgemut; auf vier Tage je dreierlei Kleider, also zu zwölffachem Wechsel, führen die vier Recken nach Island; Siegfried und Gunther reiten zu Brunhildens Burg in schneeblanker Farbe an Gewand und Roß, in rabenschwarzer folgen Hagen und Dankwart, wohl nicht ohne Bedeutung des Gegensatzes. Wenn wir nun gleich den Keim dieses äußeren Glanzes schon in der frühesten Anschauung zu bemerken glaubten, so finden wir doch in der Art, wie er im Epos hervorscheint, nur den Übergang zu der vollen Entfaltung, die er in den Rittergedichten der welfischen Sagenkreise gewinnt. Neben den Formen unsres epischen Stils, welche der äußeren Erscheinung Gepräg und Farbe geben, kommen noch diejenigen in Betracht, welche den Geist der Dichtung, Gedanken und Gemüt derselben, entweder unmittelbar zum Ausdruck bringen, oder über dem Ganzen schwebend erkennen lassen. Sprichwörter, Sinnsprüche, kurze Klugreden, wie ein älterer Sammler sie nennt, sind die Lehrweisheit des Volkes, der bündige Ausdruck seiner Gesinnungen, Ansichten, Erfahrungen. Sie sind nicht das Erzeugnis eines absichtlichen Nachdenkens, einer ausgeführten Folgerung; aus der Erfahrung des Lebens, aus dem Drange der Überzeugung und Empfindung springen sie fertig hervor, wie die reife Nuß aus der Schale. Gedrängtheit gehört zu ihrem Wesen, eben weil sie nicht Entwicklung, sondern Erfund sind. Der einstige Reichtum unserer Sprache an solchen Kernsprüchen hat sich auch den Heldenliedern mitgeteilt. Wir heben einige derselben aus, welche für den Geist des Heldenlebens bezeichnend scheinen. Biedermannes (des Tüchtigen) Erbe liegt in allen Landen. – Wer seine Feinde spart und seine Freund' erzürnet, der ist nicht wohl bewahrt. – Guten Tag man zu Abend loben soll. – Wer sich an alte Kessel reibt, der sähet gern den Rahm (Ruß), spricht Meister Hildebrand, als er seinen kampflustigen Sohn ins Gras geschwungen. – Wer fällt, der liegt. – Es sterben nur die Feigen (Todesreifen). – Niemand lebt so starker, es müsse denn liegen tot. – O weh, daß vor Leide niemand sterben mag! so ruft Dietrich, als seine Getreuen erschlagen sind; es zeigt sich uns die Stärke jener Naturen, die eher Blut weinen oder sich die Glieder zerfleischen, als daß ihr Herz brechen könnte. Durch das Ganze des Liederkreises regt sich eine mutige Laune, ein frischer Heldenscherz, den wir schon im größern als Bestandteil mehrerer Charaktere, Hildebrands, Wolfharts, Ilsans, Rumolts, sich gestalten sahen, der aber auch in vielen einzelnen Scherzreden sich ausspricht. Beliebt ist jene bittere Ironie, der Volkers Schwert ein Fiedelbogen, Ilsans ein Predigerstab ist, oder Hagen beim Feste den allerbesten Trank schenkt. Die Fröhlichkeit erhält überhaupt ihre Bedeutung erst dadurch, daß sie auf ernstem Grunde ruht. Es ist die Kühnheit, die mit der Gefahr, mit dem Tode scherzt, die, wie jene nordischen Helden, lachend stirbt. Je nachdem die Heldenwelt noch in ihrer Blüte steht, wie in den Rosengartenliedern, oder sich zum Untergange neigt, wie im Nibelungenliede, ist auch die helle oder die dunkle Seite mehr hervorgekehrt; im ganzen aber lassen beiderlei Töne, der freudige und der klagende, Lieb und Leid, sich miteinander vernehmen. Wird in der Not gescherzt, so wird in der Freude das Unheil vorgeahnt. Diese Vorahnungen aber äußern sich teils in weissagenden Träumen, wovon oben die Rede war, teils in einzelnen Mahnungen und Klagerufen, zumal am Schlusse der Strophen, welche unablässig auf nahendes Leid, auf Kampf und Mühsal, Nichtwiedersehen der Heimat und der Angehörigen, auf manches Helden Tod, auf das endliche allgemeine Verderben hinweisen. Auch die heiterste Abenteuer des Nibelungenliedes, wie Siegfried Kriemhilden zuerst sah, schließt mit solcher Verkündigung seines jammervollen Todes. Mit fröhlichem Gelächter endet das Laurinslied, mit Weinen und Klagen der Nibelunge Not. Zweiter Hauptabschnitt: Heiligensagen und Rittergedichte. Von den beiden Elementen des Lebens und der Poesie der Deutschen im Mittelalter, dem germanisch-heidnischen und dem romanisch-christlichen, hat uns bisher vorzugsweise das erstere beschäftigt. Wir treten nun in diesem zweiten Hauptabschnitte auf die Seite des andern. Nicht als fänden wir in irgend einer der organischen Bildungen, nach welchen unsre Darstellung sich einteilt, das eine oder das andre dieser Elemente rein ausgeschieden, in ihrer Verbindung beruht ja eben das Charakteristische des Mittelalters; es handelt sich nur darum, welches von beiden vorwiege, oder inwiefern die Verschmelzung wirklich vollbracht sei. Die deutsche Heldensage ist uns aus einem seit vielen Jahrhunderten bekehrten Volke, aus den Händen christlicher Bearbeiter zugekommen, sie konnte darum auch, wie wir gesehen haben, die Spur dieses Durchgangs nicht verleugnen; aber wir haben doch, vorzüglich mittels der Denkmäler altnordischer Poesie, ihren heidnischen Ursprung erkannt, und sie hat sich, diesem gemäß, fortdauernd ihr eigentümlich germanisches Wesen erhalten. Die Dichtungen, zu denen wir jetzt übergehen, werden sich uns vorzugsweise als christlich-romanische Pflanzungen erweisen, aber dennoch zugleich als solche, die auf deutschem Boden angelegt und gepflegt worden sind. In der Betrachtung der Heldensage konnten wir von umfassendem Überblicken ausgehen. Der epische Zyklus, das frühere Lebensalter, dessen Erzeugnis und Ausdruck er ist, lag abgerundet und abgeschlossen vor uns, und erst von diesem vollendeten Ganzen stiegen wir einerseits zu den unterscheidbaren Bestandteilen, aus denen es zusammengesetzt ist, hinauf, anderseits in die Zersplitterungen und Vereinzelungen hinab, in welchen sich die alte Sagendichtung aufgelöst hat. Dagegen im Gebiete dieses zweiten Hauptabschnitts sehen wir eine neue poetische Zeit erst allmählich sich heranbilden; ihre Anfänge schon fallen in die Periode unsrer geschichtlichen Darstellung, und wir schreiten von ihnen aus zu den größern Entwicklungen vor; wir beginnen hier mit dem einzelnen und schließen mit den volleren Dichtungskreisen. Indem wir das Christentum begleiten, wie es unter die deutschen Völker eingehend überall auch dichterischen Samen ausstreut, so wird sich uns, nach den Hauptzügen, folgender Stufengang ergeben: zuerst poetische Bearbeitungen der heiligen Schrift, dann auch der Apokryphen des Neuen Testaments und über diese hinaus eine stets weiter verbreitete und vervielfachte Legendendichtung. Neben dieser kirchlichen und mönchischen Richtung erhebt sich aber bald auch eine andre, heroische und ritterliche. In dieser, welche von romanischer Seite sich den Deutschen mitteilt, tritt zunächst germanisches Heldentum in christlicher Weise hervor, im karolingischen Epos, und bildet sich dann immer mehr eine verfeinerte Ritterlichkeit heran, in den Gedichten von Artus und der Tafelrunde. Endlich verbinden sich beide Richtungen zu einem geistlichen Rittertum oder einer ritterlichen Priesterschaft in dem Fabelkreise vom heiligen Gral. In diesem aber nimmt zugleich das Ganze seinen rechten Durchbruch dahin, daß die auf religiöse Gegenstände abergläubisch angewandte Dichtung, den Anspruch auf reelle Geltung aufgebend, in einer reinpoetischen und phantastischen Entfaltung ausblüht. Altdeutsche Gedichte, welche das Leben und das Märtyrertum heiliger Männer und Frauen, die Wunderkraft ihrer Reliquien, ihre hilfreiche Erscheinung, die wunderbare Rettung und Heilung gläubiger Menschen und die hierdurch veranlaßte Gründung frommer Stiftungen zum Gegenstande haben, sind in bedeutender Anzahl auf uns gekommen. Vieles ist noch gar nicht oder nur auszugsweise gedruckt. Aber auch von dem Bekannten hebe ich vorzüglich nur dasjenige aus, was entweder durch innern Wert oder dadurch, daß es in Deutschland entsprungen oder hier sich eigentümlich angeknüpft (denn ein großer Teil der Legenden war der ganzen europäischen Christenheit mittels der lateinischen Kirchensprache gemein), oder auch als das Werk eines sonst namhaften Dichters besondre Beachtung verdient. Ich führe die einzelnen Stücke nach der Zeitfolge ihrer jetzigen Abfassung auf. Anno ein Gedicht aus der ersten Hälfte des 12. Jahrhunderts in 876 kurzen Reimzeilen mit unvollkommenem Reime. Es ist mehrmals herausgegeben, namentlich von Martin Opitz, Danzig 1639. Der heilige dieses Gedichts ist der im Jahre 1075 verstorbene Erzbischof Anno von Köln, als Kanzler Heinrichs III. und nachheriger Reichsverweser wahrend der Minderjährigkeit Heinrichs IV. geschichtlich wohlbekannt. Ich suche mit folgendem einen Begriff von diesem Gedichte zu geben, das sowohl von seiten der poetischen Behandlung als der darin ausgesprochenen Ansicht des Heiligenwesens zu den merkwürdigsten gehört: Wir hörten oft und viel singen von alten Dingen, wie schnelle Helden fochten, wie sie feste Burgen brachen, wie sich liebe Freunde schieden, wie gewaltige Könige all zergingen; nun ist Zeit, daß wir denken, wie wir selber sollen enden. In der Welt Beginn schuf Gott seine Werke zweifach: diese Welt ist das eine Teil, das andre ist geistig. Beide mischt' er zu Einem Werke, das der Mensch ist, Leib und Geist zugleich, der erste nach dem Engel. Seine andern Werke sah Gott recht gehn: Mond und Sonne geben ihr wonniges Licht, die Sterne halten ihre Fahrt ein, das Feuer nimmt aufwärts seinen Zug, Donner und Wind ihren Flug, die Wolken tragen den Regenguß, nieder wenden die Wasser ihren Fluß, mit Blumen zieret sich das Land, mit Laube deckt sich der Wald, das Wild hat seinen Gang, schön ist der Vogelsang, jeglich Ding hat noch das Gesetz, das ihm Gott von Anfang gab, nur die zwei Geschöpfe, die er die besten schuf, übertraten sein Gebot. Fünf Welten (Weltalter) führte der Feind zur Hölle, bis Gott seinen Sohn sandte. Auf hub der des Kreuzes Fahne. Die Zwölfboten hieß er in die Lande fahren, vom Himmel gab er ihnen die Kraft, daß sie überwanden die Heidenschaft. Rom überwand Petrus, die Griechen der weise Paulus, Andreas siegt' in Patras, in Indien Thomas, Matthäus in Äthiopien, Simon und Judas in Persien, Jakobus in Jerusalem, Johannes predigt' in Ephesus, und noch wächst aus seinem Grabe Himmelbrot. Viel andre Märtyrer erfüllten mit ihrem Blute Christi Willen; durch Kampf und Mühsal kamen sie zu ihrem Herrn und sind bei ihm in Ehren. Die trojanischen Franken sollen des immer Gott danken, daß er ihnen so manchen Heiligen gesandt. Also ist es in Köln bewandt, wo ihrer eine solche Menge rastet: die von Sankt Mauritius Heere und elftausend Jungfraun, um Christi Lieb' erschlagen; manche Bischöfe, die dort zeichenhaftig (wundertätig) waren, und vor allen der heilige Anno; darum loben wir, Christum mit Sange! Zu Köln war er geweihter Bischof, in der schönsten Burg (Stadt), die in deutschem Lande je ward, war Richter der frömmste Mann, der je zum Rheine kam. Die Stadt erschien um so hehrer, von so weiser Herrschaft erleuchtet, seine Tugend war um so glänzender, weil er einer so hehren Stadt pflegte. Der Dichter geht nun über auf den Ursprung und die weltgeschichtliche Bedeutung der berühmtesten Städte. Ninus, der Stifter der Heerfahrten, baute Ninive; sein Weib Semiramis Babylon, von wo die 70 Jungen ausgingen und wo der weise Daniel sein Traumgesicht von den Vier hatte, welche vier weltumgreifende Königreiche bezeichneten. Es werden hiernach die vier Weltherrschaften aufgezählt: die babylonische, die des Cyrus und Darius, die des griechischen Alexander, der mit seinen Heeren bis zu den goldnen Säulen an der Welt Ende drang, mit zween Greifen in der Luft fuhr und in einem Glase sich in das Meer niederließ; endlich das römische Weltreich. Cäsar ward von Rom ausgesandt, wider deutsche Lande zu fechten. Schwaben, Bayern, Sachsen bezwang er, zuletzt auch die edeln Franken, die gleich ihm von der alten Troja herstammten. Aber mit Hilfe der Deutschen besiegte Cäsar selbst den Pompejus und gewann die Alleinherrschaft. Unter seinem Neffen Augustus ward Augspurg und bald auch von Agrippa Köln gestiftet, zuvor schon waren andre Rheinstädte erstanden. In Augustus Zeiten geschah es, daß Gott vom Himmel niedersah. Da ward geboren ein König, dem die Himmel dienen, Jesus Christus, Gottes Sohn, von der heiligen Jungfrau Maria. Des erschienen Gottes Zeichen zu Rom: aus der Erde sprang lautres Öl und rann über das Land; um die Sonne stand ein Kreis, rot wie Feuer und Blut: denn zu nahen begann, woher uns allen die Gnade kam, ein neues Königreich, dem alles Weltliche weichen muß. Sankt Peter, des Herren Bote, überwand zu Rom den Teufel, richtete dort des heiligen Kreuzes Zeichen auf und schrieb die Burg zu Christi Eigen. Von da sandt' er drei heilige Männer, den Franken zu predigen: Eucharius und Valerius, aber der dritte, Maternus, verschied auf dem Wege. Da kehrten die Zween zurück und klagten es Sankt Petern. Er aber sandte seinen Stab, den legten sie auf des Malternus Grab, Brower, Antiq. et annal. Trev. T. II, S. 93. sie hießen ihn wieder vom Tod erstehen und in Sankt Peters Gebot mit ihnen nach Franken gehn. Als der Tote seines Meisters Namen vernahm, war er alsbald gehorsam; da erschloß sich die Erde, er hielt sich am Gras und erhob sich eilig aus dem Grabe, darin er vierzig Tage gelegen. Vierzig Jahre lebt' er noch. Zuerst lehrten sie zu Trier, danach bekehrten sie Köln, und hier ward Bischof derselbe Mann, der vom Tod erstanden. Da gewannen die drei Boten bei den Franken zu Gottes Dienste viel manchen Mann, mit besserem Streite, als mit dem Cäsar sie einst überwunden. Sie lehrten dieselben wider Sünde fechten und vor Gott gute Knechte sein. Dieser Lehre pflegten auch wohl, die nach ihnen Bischöfe waren, dreiunddreißig in der Zahl bis auf Sankt Anno. Ihrer sind nun sieben heilig, die scheinen uns vom Himmel, wie das Siebengestirne zu Nacht, Sankt Annos Licht ist hehr und gut, unter die andern bracht' er seinen Schein, wie der Jachant (Hyazinth) in den goldnen Fingerring. Diesen teuern Mann mögen wir nun zum Beispiel haben, ihn mögen als einen Spiegel ansehn, die nach Tugend und Wahrheit trachten. Als der dritte Kaiser Heinrich sich ihm befahl (anvertraute) und er zu Köln mit Lob empfangen ward, da ging er mit des Volkes Menge, wie die Sonne, die zwischen Erd' und Himmel geht und beidenthalb scheinet. So ging der Bischof Anno vor Gott und vor Menschen. In der Pfalz (als Reichsverwalter) war seine Tugend eine solche, daß ihm das ganze Reich sich beugte; zu Gottes Dienst erzeigt' er sich, als ob er ein Engel wäre. Offen war er seiner Worte, über die Wahrheit fürchtet' er niemand; ein Löwe saß er vor den Fürsten, ein Lamm ging er unter Dürftigen. Den Törichten war er scharf, den Guten milde; Waisen und Witwen lobten seine Sitte. Predigt und Ablaß konnte keiner so göttlich tun. Wenn die Leute nachts alle schliefen, stand er auf und besuchte manches Münster mit seinem reinen Gebet; sein Opfer trug er mit sich. Der Armen fand er viele, die nicht Herberge hatten und sein warteten. Wo das arme Weib mit dem Kinde lag, der niemand sich annahm, dahin ging der heilige Bischof und bettet' ihnen wohl. So mocht' er mit Recht heißen Vater aller Waisen. Selig stand das Reich alles, da er des Gerichtes pflegte, als er zum Reiche den jungen Heinrich zog. Welch ein Richter er wäre, ward weithin kund. Von Griechen und England sandten die Könige ihm Gabe, so tat man auch von Dänemark, Flandern, Rußland. Die Münster ziert' er überall, selbst stiftet' er viere, ein fünftes ist Siegeberg, seine liebe Wohnstätte, wo nun sein Grab ist. Es ist Siegburg gemeint, wo noch in der Reliquienkapelle der Klosterkirche das Grab des h. Anno gezeigt wird. Damit aber nicht die große Ehre seiner Seele schadete, so tat ihm Gott, wie der Goldschmied tut, wenn er eine Spange wirken will; das Gold siedet er im Feuer, wohl schleift er die Goldsteine; also schliff Gott Sankt Annon mit mancher Mühsal. Oft feindeten ihn die Landherrn an; oft verrieten ihn die, die ihn behüten sollten, und verleumdeten ihn, die er zu Ehren gebracht. Zuletzt ward er mit Waffen aus der Stadt vertrieben, wie Absalon einst seinen Vater David vertrieb. Hernach begann der üble Streit, als dem vierten Heinrich das Reich verworren ward. Mord, Raub und Brand zerstörten Kirchen und Land von Dänemark bis Apulien, von Kärlingen (Frankreich) bis Ungarn. Denen niemand widerstände, wenn sie wollten mit Treue zusammengehn, die stifteten große Heerfahrten gegen Blutsfreunde und Hausgenossen. Das Reich kehrte seine Waffen in seine eigenen Adern, mit sieghafter Rechte überwand es sich selbst, daß die getauften Leiber unbegraben umhergeworfen lagen, zu Aase den bellenden, den grauen Waldhunden. Als das Sankt Anno nicht zu söhnen vermochte, da verdroß ihn, länger zu leben. Er fuhr gen Saalfeld in Thüringen, auf dem Wege tat sich ihm der Himmel auf, und er sah die göttliche Wonne, die er keinem weltlichen Manne künden durfte. Wie er da auf seinem Wagen im Gebete lag, umfing ihn solche Mannkraft, daß man sechzehn Rosse vor den Wagen spannte. Damals deucht' ihn, daß er sähe, was irgend künftig wäre. Sehr nahm sich's zu Herzen der heilige Mann, und von da begann er zu siechen. In einer Nacht hatt' er ein Traumgesicht, wie er in einen königlichen Saal käme, zu wundervollem Gestühle, wie es mit Recht im Himmel wäre. Allenthalben war es mit Gold behangen, kostbare Steine leuchteten überall, Sang und Wonne war groß und mannigfalt. Da saßen viele Bischöfe, der Bischof Bardo war ihrer einer, Sankt Heribert glänzte wie ein Goldstein, unter ihnen war Ein Lieben und Ein Mut. Noch stand ein Stuhl ledig, zu Sankt Annos Ehren war er hingesetzt, o wie gerne wär' er da gesessen! Das wollten aber die Fürsten nicht gestatten, wegen eines Fleckes auf seiner Brust. Auf stand der Herren einer, Arnold, einst Bischof zu Worms, führt' ihn beiseite und ermahnt' ihn mit freundlichen Worten, diesen Flecken hinwegzutun, dann sei ihm der ewige Stuhl bereit. Als nun Sankt Anno vom Schlaf erstand, wußt' er wohl, was er tun sollte; den Kölnern schenkt' er seine Huld wieder, wie sehr sie seinen Haß verschuldet hatten. Als darauf die Zeit kam, da er, seinen Lohn zu empfangen, zu Gottes Gegenwart aufstieg, da tat er uns, wie der Aar seinen Jungen tut, wenn er sie ausfliegen lehrt; er schwebt über ihnen und schwingt sich auf, das tun dann auch die Jungen gerne. Also wollt' er uns lehren, wie wir ihm nach sollten fahren. Uns hienieden zeigt er, welch Leben im Himmel sei. An seinem Grabe noch wirkt' er schöne Zeichen, die Siechen und die Lahmen wurden da gesund. Ein Vogtmann Volprecht, der sich dem Teufel ergeben, begann eines Tags, als er mit Arnold, seinem Herrn, ritt, Gottes Heilige zu lästern und zuletzt auch Sankt Annon. Da sprangen ihm plötzlich beide Augen aus, und er fiel zu Boden. Als er aber Beichte getan und des Heiligen Gnade anrief, wuchsen ihm in den leeren Aughöhlen neue Augen. Das Gedicht, das ich hier in seinen Hauptzügen erkennen zu lassen versuchte, ist nicht nur durch poetische Bilder und lebhafte Darstellung, sondern vorzüglich auch durch die Kühnheit seiner Anlage ausgezeichnet. Es erzählt nicht in der gewöhnlichen Weise schnurgerade fort oder verwebt in die Erzählung einzelne fromme Betrachtungen, sondern es stellt seinen besondern Gegenstand in einen idealen und weltgeschichtlichen Zusammenhang, es umkreist in raschem Flug alle Weltreiche und schwingt sich zuletzt zum Himmel auf. Was wir bei so vielen andern Legenden vermissen, eine würdige Ansicht von dem Beruf ihrer Heiligen, das kommt uns hier entgegen. Einiges für uns Störende, wie z. B. das letzte Wunder, wird uns nicht abhalten, die einfache Größe des Ganzen zu erkennen. An die Stelle der weltlichen Lieder soll ein geistlicher Heldensang treten; eine Absicht, die wir in der religiösen Dichtung mehrerer germanischen Völker ausgesprochen fanden. Die Helden dieses neuen Gesanges sind die Heiligen, sie kämpfen den großen Kampf gegen Unglauben und menschliche Verderbnis, sie begründen das neue, geistige Weltreich, dem alle irdische Herrschaft weichen muß, sie lehren uns den Aufschwung zum Himmel, wie ihn der Aar seine Jungen lehrt. Es ist bemerkt worden, daß das Annolied besonders in der Aufzählung jener Weltherrschaften mehreres zum Teil wörtlich mit der Kaiserchronik, der ich am Schlusse des vorigen Hauptabschnitts erwähnt, gemein habe. Ein bestimmtes Urteil über dieses Verhältnis ist mir nicht möglich, da ich die noch ungedruckte Kaiserchronik nur stellenweise kenne. H. Hoffmann äußert sich in den Fundgruben für Geschichte deutscher Sprache und Literatur T. I, 251 hierüber so: »Man hat neuerdings gestritten, ob das Lied auf den h. Anno ein ursprünglich für sich bestehendes Gedicht sei oder der Kaiserchronik angehöre. Ich stimme gegen beide Annahmen: das Annolied ist nämlich meiner Meinung nach älter als die Kaiserchronik, kann also aus dieser nicht entlehnt sein; seine Ursprünglichkeit scheint mir aber nur teilweise zulässig, weil wahrscheinlich sein weltgeschichtlicher Anfang aus einer ältern Reimchronik herrührt, woraus auch der Verfasser der Kaiserchronik schöpfte; daher denn auch wohl in beiden Gedichten diese merkwürdige Übereinstimmung.« Verhält sich dieses aber auch wirklich so, d. h. ist jener weltgeschichtliche Überblick vom Verfasser des Annoliedes selbst aus einer ältern Chronik in sein Gedicht aufgenommen oder von einem andern, wenigstens in diesem Umfang und der wörtlichen Übereinstimmung, interpoliert worden, so wird dadurch der ursprüngliche Wert und Bestand des Liedes nicht aufgehoben; denn die schönsten Bilder und die Idee des Heiligenberufes selbst sind gerade nur dem Teile der Dichtung eigen, welcher sich auf den h. Anno bezieht, und der Ausflug in die Weltgeschichte war, wenn nicht in dem, was aus ihr herbeigezogen wurde, doch in der Beziehung auf den besondern Gegenstand eigentümlich. Entschieden aber ist noch keineswegs, daß nicht eine Chronik, welche ihrer Natur nach Kompilation ist, das einzelne, ausgezeichnete Gedicht benützt haben könne. Orendel und Breide In dem vorangeführten Marienleben von Philipp, dem Karthäuser, wird erzählt, wie Maria ihrem Sohne einen Rock gemacht, ohne Naht, und der mit dem Kinde fortgewachsen (Grundriß 297, 27). Vgl. Altd. Wäld. B. II. 28. Wilken, Gesch. der Kreuzz. I. 13 f., Nr. 31. An diese Legende vom ungenähten Rock Christi ist in den Abenteuern des trierischen Königssohnes Orendel eine Brautfahrt angeknüpft, ähnlich den in der Heldensage vorkommenden Fahrten Otnits, Rothers, der Hegelinge. Wenngleich dieses Gedicht in der ältesten Gestalt, in der wir es besitzen, nur in einem Augsburger Drucke von 1512 (Neue Ausgabe von H. v. d. Hagen. Berlin 1844. K. Orendel und Brîde von L. Ettmüller. Zürich 1858. Übersetzung von K. Simrock. Stuttgart und Tübingen 1845. P.) vorhanden ist und hier manche entstellende Änderung erfahren hat, so läßt doch der darin noch herrschende unvollkommene Reim dasselbe als ein Erzeugnis des zwölften Jahrhunderts vermuten (Hoffmanns Fundgruben I) 213). Es besteht in 6949 Reimzeilen. Der Stil ist der des volksmäßigen Heldenlieds, und wir haben es deshalb bei der Erörterung des epischen Stils benützt. Der Eingang des Gedichts berichtet die seltsamen Schicksale des grauen Rockes Christi. Maria hat ihn aus der Wolle eines schönen Lammes gesponnen, die h. Helena (sehr anachronistisch) ihn gewirkt. Er ist gewirkt und nicht genäht. Christus hat darin die heiligen vierzig Tage gefastet; nach seinem Tode verlangt ein alter Jude von Herodes den Rock zum Lohne 23jährigen, Dienstes. Der Jude wäscht ihn am Brunnen und breitet ihn an die Sonne, aber des Heilands rosenfarbes Blut bleibt daran. Da heißt Herodes den Rock aus dem Gesichte schaffen; er wird in einen steinernen Sarg verschlossen und 72 Meilen vom Strand in den Grund des Meeres geworfen. Eine Sirene bricht den Sarg auf, und der Rock schwimmt ans Ufer. Hier liegt er volle acht Jahre, im neunten kommt ein armer Waller, der vielgewanderte Tragemund, in Zypern auf den Sand, um ein Schiff nach dem heiligen Grabe zu suchen. Er findet den Rock und hebt ihn auf, als eine Gabe Gottes. Er will ihn tragen um der Seele des Mannes willen, der darin ertrunken. Er wäscht ihn im Meere, aber das rosenfarbe Blut bleibt ganz frisch. Der Waller errät, daß es Christi Rock sei, durch den des Speeres Stich gegangen; nicht ihm, noch irgend einem Sünder gezieme, den Rock zu tragen. Er wirft ihn wieder in die Meeresflut. Ein Fisch, der Wal genannt, verschlingt den Rock und trägt ihn weitere acht Jahre im Magen, bis er dem Helden des Gedichtes zuteil wird. Orendel ist der Sohn des mächtigen Königs Eigel zu Trier an der Mosel. Als er zu seinen Jahren gekommen, empfängt er an St. Stephans Tage das Schwert und weiht es Marien. Es soll nun eine Braut für ihn gewählt werden. Alle benachbarten Königstöchter sind ihm blutsverwandt. Nur eine, fern überm Meere, weiß ihm sein Vater zu nennen; es ist Jungfrau Breide, die schönste der Weiber, der das heilige Grab dient und viel der Heidenschaft. Es werden 72 Schiffe gezimmert. Orendel will nur solche Gefährten, die freiwillig mit ihm ziehen. Er läßt goldne Sporen auf den Hof schütten, die Ritter, die ihm folgen wollen, heben sie auf; nur ein Paar bleibt zurück, daraus der junge König unsres Herrn Bild machen läßt, zum Opfer in Jerusalem. Sie fahren die Mosel hinab nach Koblenz, dann auf dem Rhein in das Meer. Nach dreijähriger, abenteuervoller Irrfahrt nähern sie sich dem h. Lande, als ein Sturm sich erhebt und die 72 Kiele versenkt. Orendel allein wird ans Land getrieben. Die Kleider sind ihm abgerissen. Drei Tage bringt er in einem Loche zu, das er mit der Hand in den Sand gegraben. Am vierten Morgen hört er das Meer rauschen. Ein Fischer fährt heran, dem Orendel, der sich für einen beim Fischfang Verunglückten ausgibt, als Knecht zu dienen sich erbietet. Meister Eise, so heißt der Fischer, ein Greis von 72 Jahren, will die Kunst des Fremdlings prüfen. Orendel, der noch nie gefischt hat, hebt seine Hände zu Gott. Dann wirft er die Garne aus und fängt in kurzer Zeit das Schiff voll Fische. St. Peter hilft ihm dazu. Sie fahren nun nach dem Hause des Fischers. Es ist eine Burg mit sieben Türmen, darauf dem Meister achthundert Fischer dienen. Seine Frau steht an der Zinne mit sechs Dienstfrauen, alle kostbar gekleidet. Vierthalbtausend Fische liest Meister Eise auf, einen, den Wal, schneidet er auf und findet in dessen Magen den grauen Rock. Orendel, der seine Blöße nur mit Laub bedeckt hat, bittet um denselben, aber Eise will ihn nicht umsonst geben. Orendel dient darum sechs Wochen, bis gegen Weihnachten. Da meint der Meister, der elende Mann soll dieses Fest über nicht so nackt vor ihnen gehen, man soll ihm ein Gewand kaufen. Des Fischers Frau kauft ihm dürftige Bekleidung und ein Paar große, rinderne Schuhe. Orendel klagt Gott seine Not. Marie, die ihren Sohn für ihn gebeten, sendet ihm durch den Engel Gabriel dreißig güldne Pfennige, mit dem Troste, daß seine ertrunkenen Ritter bei Gott im Himmelreiche seien. Mit den Pfennigen soll er den grauen Rock kaufen, den der Herr bei seiner Marter getragen. Darin sei er besser bewahrt, als in Stahlringen, kein Schwert mög' ihn dadurch verwunden. In demselben soll er fünfzehn Kämpfe gegen die Heiden fechten. Orendel begibt sich auf den Markt, wo man den grauen Rock feil bietet. Da tut unser Herr um des jungen Königs willen ein großes Zeichen. Der Rock schleißt, wo man ihn angreift, auseinander, als ob er faul wäre. So muß der Meister ihn um die dreißig Goldpfennige ablassen, gerade um so viel, als einst unser Herr verkauft ward. Als aber Orendel ihn zu sich genommen, erscheint er nagelneu. In diesem Rocke zieht nun Orendel zum h. Grabe, wo er für die schöne Breide, der eine Gottesstimme sein Kommen zum voraus verkündigt hat, viele und ungeheure Kämpfe gegen die Heidenschaft siegreich besteht, in welchen Breide mitunter auch selbst das Schwert führt. Sie setzt ihm Davids Krone auf, und er vermählt sich mit ihr, aber, nach dem Geheiß eines Engels, bleibt immer ein Schwert zwischen ihnen liegen. Er gerät in Gefangenschaft, auch Breide wird entführt, doch stets ist ihnen der Himmel wieder hilfreich. Orendel wird überall der graue Rock genannt. Anfangs wird er um seiner unscheinbaren Kleidung willen gering geschätzt. Als er aber zum erstenmal auf dem Tempelhof zu Jerusalem ein wildes Roß besteigt und die rindernen Schuhe nicht in den Stegreif bringen kann, sendet ihm Christ vom Himmel durch den Engel Gabriel goldne Schuhe hernieder. Drei Erzengel, Schwerter in Händen, reiten mit ihm in den Streit. Als er auf einer heidnischen Burg gefangen liegt, schreibt die Gottesmutter selbst einen Brief, den eine Turteltaube zu seinem Heere bringt und, als eben der Priester die Messe singt, auf den Altar fallen läßt. Nachdem Orendel seinen Vater zu Trier von der Belagerung eines heidnischen Heeres entsetzt und die Heiden, die sich ihm unterworfen, getauft hat, befiehlt ihm der Engel, den grauen Rock zu Trier zu lassen, wo der Herr am jüngsten Tage sein Gericht halten und alle seine Wunden zeigen werde. Orendel läßt drei Priester holen, verschließt den Rock in einen steinernen Sarg und empfiehlt ihm das Land von Trier. Er befreit noch das h. Grab, das in die Gewalt der Heiden gefallen, und lebt in dessen Dienste mit Breiden und dem Meister Eise, den er zum Herzog des h. Grabes bestellt hat, bis die Engel ihre Seelen hinführen. Dieser ungenähte Rock Der Anlaß zu der Legende vom ungenähten Rock Christi liegt im Evangelium Joh. 19, 23: Der Rock aber war ungenähet, von oben an gewirket durch und durch. nun ( tunica inconsutilis ) war die berühmte Hauptreliquie der Kathedralkirche zu Trier und ist vielleicht (Geschrieben vor den neuen Ausstellungen desselben im Jahre 1844 und später. K.) noch dort zu sehen. In den Antiquitat, et annal. Trevirens. auctor. Browero et Masenio. Leod. 1670 findet man dieses Kleinod umständlich beschrieben und die Geschichte seiner Erwerbung und Verehrung ausführlich abgehandelt. Die Legende ist diese: der h. Agricius, der im Jahre 327 von Antiochien als erster Bischof nach Trier kam, brachte den ungenähten Rock nebst andern Heiltümern dahin, als ein Geschenk, das ihm die h. Helena, Mutter Konstantins des Großen, für seine neue Kirche mitgegeben (I, 216 fg.). In den nachfolgenden Kriegsunruhen und Verheerungen war aber die Reliquie verschwunden und Jahrhunderte lang verschollen, bis im Jahre 1196 Erzbischof Johann I. sie im Altare des h, Nikolaus wieder auffand (II, 91). Doch wurde sie abermals der öffentlichen Verehrung entzogen und erst im Jahre 1512, während der Anwesenheit Kaiser Maximilians I. bei einer Reichsversammlung zu Trier, von neuem, unter Veranstaltung allgemeiner Gebete, aufgesucht und entdeckt. Bei ihrer öffentlichen Ausstellung sollen sich gegen hunderttausend Menschen versammelt haben. Man war damals so glücklich im Finden heiliger Gewande, daß zu gleicher Zeit in einer andern Kirche zu Trier auch das Kleid der heiligen Jungfrau zum Vorschein kam. Der ungenähte Rock wurde anfangs nur zusammengefaltet, wie er aufgefunden worden war, vorgezeigt, aber auf inständiges Begehren der Menge breitete man ihn vor aller Augen aus, worüber die meisten, wunderbar bewegt, in plötzliche Tränengüsse ausbrachen (II, 328 fg.). Matthias Agricius, ein trierischer Geistlicher, beschreibt das Aussehen desselben unter anderem in folgenden panegyrischen Versen: Vix etiam cuiquam certum didicisse colorem Contigit, usque adeo variat decor undique fusus, Puniceusve rubor certat ferrove, crocove, Ut coram aspexi: fugiuntque hærentque tuentum Pendentes oculi: jurares numen inesse. Non tot multicolor pallentibus arcubus Iris Induitur formas, quas versat imagine tota, Quot rutilant varii variante decore colores. Atque ea sanguineis nonnunquam interlita guttis Arida prodit adhuc sudati semina roris, Dixeris aethereo demissam a culmine vestem. (II, 421. Vgl. II, 91.) Eine päpstliche Bulle vom Jahre 1514 gewährte den Besuchern und Verehrern des heiligen Rockes reichliche Indulgenzen (II, 556). Da man auch anderwärts das Kleid Christi zu besitzen behauptete, so fand sich Calvin zu der Bemerkung veranlaßt, daß man frevelhafter mit dem Rock des Herrn umgehe, als einst die Kriegsknechte, die sich gescheut hätten, ihn zu zertrennen, während man ihn nun zwar nicht in zwei Stücke, aber in zwei ganze Röcke zerschnitten habe. Hiergegen ereifert sich der Jesuit Brower sehr und verteidigt insbesondre den verjährten Besitzstand der Kirche zu Trier, indem er sich auf das Edictum uti possidetis beruft (I, 217 fg.). Der Umstand, daß die Legende von der Erwerbung des Heiltums, wie sie sich zu Trier erhalten, mit der Erzählung unsres Gedichtes nichts gemein hat, bestätigt die Ansicht, daß in letzterem die legendenhafte Überlieferung sich eines alten Heldenliedes bemächtigt habe. Wir sahen auch im Otnitsliede eine Brautfahrt der deutschen Heldensage zu einem Kreuzzuge umgewandelt. Der ungenähte Rock, welcher besser vor Schwertschlägen schützt, als stählerne Ringe, entspricht St. Georgs Hemde, welches Wolfdietrich mit gleicher Eigenschaft trägt und welches auch mit ihm gewachsen ist. Aber auch in diesem glaubten wir ein gefeites Gewand, ein Rothemd, wie es schon in den nordischen Sagen vorkommt, christlich umgetauft, zu bemerken; ein solches kann nun auch die Anknüpfung des Liedes von Orendel an die Legende vom Rocke Christi veranlaßt haben. Die Engel leisten in diesem Liede die ähnlichen, hilfreichen Dienste, wie im Otnitsliede der Zwerg Elberich. Ja, es kommt sogar ein wonnesamer Zwerg Alban vor, der Breiden durch zween hohle Berge in den Kerker des gefangenen Orendel führt. Weil er aber treulos an ihnen handeln will, wird er von einem Engel mit einer dreistrangigen Geißel gezüchtigt. Christliche und heidnische Figuren sind hier seltsam vermischt, und die Geißel, die im Nibelungenliede der Zwerg Alberich führt (V. 1991), ist in die Hand des Engels übergegangen. Auch der prosaische Anhang des Heldenbuchs setzt Orendeln mit den Helden der deutschen Sage in Verbindung: Bl. 208: Kunig ernthelle von Trier was der aller erste held der ye geboren ward. Der fůr übermer mit vil schiffen. wann er was gar ein reichen künige. Do giengen jm die schiff alle vnder. doch kam er myt hilff eines fischers auß, vnd was lang zeyt by dem fischer vnnd halff jm fischen. Darnach kam er gen Jherusalem tzů dem heyligen grabe. Do was syn frawe eins küniges tochter. die was geheyssen frauwe Brigida, was gar eine schöne fraw. Die Legende der heil. Brigida bei Jac. de Vorag. CC hat mit ihr nichts gemein. Darnach ward dem künig geholffen von andern grossen herren das er wider kam gen Trier. vnd starb do, vnd liegt zu Trier begraben. was nicht mit dem Liede stimmt. Also ertruncken im alle diener, vnnd verlor gar vil gůtz auff dem mere. Des ungenähten Rockes wird hier gar nicht erwähnt. (Vgl. Hormahr I, 17. III, 25. Orendil, Gaugraf im Chiemgau. Orendelsall, Pfarrdorf, Oberamt Öhringen.) Der arme Heinrich ein Gedicht Hartmanns von Aue, vom Ende des 12. Jahrhunderts, in 1520 kurzen Reimzeilen. Es ist mehrmals herausgegeben, besonders mit schätzbaren Untersuchungen über den Mythus desselben usw. durch die Brüder Grimm, Berlin 1815. Später mit noch strengerer Kritik des Textes in K. Lachmanns Auswahl aus den hochd. Dichtern des 13. Jahrhunderts Berlin 1820 (später von W. Müller 1842, von Haupt 1842, von Wackernagel 1855 abgesondert, ferner im altdeutschen Lesebuch. K.). Ganz neuerlich ist erschienen: Der arme Heinrich usw., metrisch übersetzt von K. Simrock. Nebst der Sage von Amicus und Amelius und verwandten Gedichten des Übersetzers. Berlin 1830. Heinrich von Aue, ein Ritter in Schwaben, der mit allen Gaben des Glücks reichlich gesegnet ist, wird von der Miselsucht (dem Aussatz) ergriffen. Er fährt nach Monpelier und Salerno, um bei den Ärzten Heilung der schrecklichen Krankheit zu suchen. Am erstern Orte wird sie für unheilbar erklärt, am letztern bescheidet ihn der beste Meister, daß er nur durch das Herzblut einer reinen Jungfrau, welche freiwillig für ihn den Tod leide, geheilt werden könne. Heinrich gibt den Gedanken an seine Genesung auf, entschlägt sich seiner Habe bis auf ein Gereute (neuangebautes Land), wohin er vor den Menschen flieht. Dieses Gereute baut ein freier Meier, den Heinrich stets wohl gehalten und der nun zum Danke seines Herrn treulich pflegt. Besonders aber nimmt die zwölfjährige Tochter des Meiers sich des Kranken liebreich an, und in ihr bildet sich, als sie die Bedingung seines Genesens erfahren, der feste Entschluß, sich für seine Heilung zu opfern. Sie läßt nicht ab, bis er mit ihr nach Salerno zieht. Schon streicht der Meister sein Messer, um ihr das Herz aufzuschneiden, als Heinrich, der es von außen gehört und durch einen Ritz der Wand in die Kammer geblickt, ungestüm Einlaß verlangt und zum großen Leidwesen des Mägdleins erklärt, daß er ihren Tod nicht ertragen könne. Sie ziehen wieder nach der Heimat, aber auf dem Wege wird Heinrich durch die Gnade des Himmels frisch und gesund. Seine Freunde raten ihm, sich zu vermählen, und er umfängt als Gemahlin die, von der er Leben und Genesung hat, und die er zuvor schon im kindlichen Spiele sein Gemahl zu nennen pflegte. Die Brüder Grimm haben den Grund dieser Dichtung als eine alte, hier in dem Geschlechte, dessen Dienstmann der Dichter war, angeknüpfte Opfersage nachgewiesen, welche in mannigfachen Gestaltungen vorkommt und deren ursprüngliche Bedeutung ist, daß das Unreine durch die Hingebung des Reinen geheilt werde. Die Reinigung vom Aussatze durch Blut insbesondre kommt schon im alten Testamente vor. Vgl. das Ausland 1833. 3. Mai. Nr. 123, S. 492. »In der Nähe von Agra wollte sich ein Mohammedaner, der mit dem Aussatze behaftet war, lebendig verbrennen. Es besteht nämlich unter den Hindus ein Aberglaube, der auch auf die Mohammedaner übergegangen ist, daß durch einen solchen Tod der Aussatz, der oft in Familien sich vererbt, in denselben ausgerottet wird. Wahrscheinlich wirkt aber am meisten Lebensüberdruß zu solchen Selbstopferungen mit, die in Indien Samadh genannt werden. Sobald die Behörde von dem Entschlusse des Kranken in Kenntnis gesetzt wurde, untersagte sie den Verwandten des Kranken, ihm dazu behülflich zu sein.« Der Gegenstand des Gedichtes, wie ich ihn nur in Umrissen angegeben, kann herb und schwierig erscheinen. Aber der mildeste und innigste unter den altdeutschen Dichtern hat durch seine Behandlung über das schroffe der alten Sage ein so sanftes, gedämpftes Licht ausgegossen, daß dieses Gedicht als eines der gediegensten und anmutigsten des deutschen Mittelalters dasteht. Die jungfräuliche Retterin faßt und verfolgt ihren Vorsatz so mit innerlicher Begeisterung, daß sie in ihrem freudigen Mute den Hörer selbst über die Schrecken der grausamen Opferung hinwegsetzt und es glaublich macht, wie ihre Eltern, wie der anfangs widerstrebende Meister, wie Heinrich selbst, für den sie sich opfern will, unwiderstehlich bis zum Punkte der Entscheidung mit hingerissen wurden. Ich habe diese Erzählung hier eingereiht, nicht bloß, weil die endliche Wendung ein Gnadenwunder ist, sondern weil das Ganze in religiösem Sinne aufgefaßt ist. Der Dichter, der sich auf eine geschriebene Quelle beruft, sagt im Eingang, er habe sich genannt, um nicht ohne Lohn seiner Arbeit zu bleiben, damit nämlich, wer nach seinem Leben diese Märe lese oder sagen höre, seiner Seele vor Gott gedenken möge; man sage, wer für des andern Schuld bitte, erlöse sich selbst damit. Diese Stimmung, mit der er anhebt, verbreitet sich über das ganze Gedicht. Er zeigt vornherein an des armen Heinrichs Geschicke die Hinfälligkeit alles Irdischen (Grimm S. 2 ff.). Diesem Unbestande, diesem schmählichen Versinken des Erdenglückes gegenüber erhebt sich dann in der Begeisterung des heldenmütigen Kindes der Blick zu einer andern, unvergänglichen Herrlichkeit, zu der dieses reine Wesen, als freiwilliges Opfer für die Rettung ihres geliebten Herrn, sich aufschwingen will. Schon bei ihren kindlichen Spielen wird der Geist angedeutet, den der Himmel selbst in ihr erweckt (Grimm S. 6f.): Iedoch geliebte irz aller meist von gotes gebe ein süezer geist. In voller Reife aber spricht sich ihre Gesinnung in den beredten Worten aus, wodurch sie die Einwilligung ihrer Eltern zu ihrem kühnen Entschlüsse sich erringt (Grimm S. 11-17). Besonders aber zeichnet sich Hartmanns Gedicht vor andern Darstellungen dieser Opfersage am Schluß noch dadurch aus, daß nicht das blutige Opfer äußerlich vollbracht und durch ein ebenso gewaltsames Wunder die Tote wieder ins Leben geweckt wird, sondern daß die freiwillige Hingebung geistig vollendet wird und dann die Genesung nur leise, wie ein Tau, vom Himmel sinkt. Das alte Blutopfer ist rein innerlich geworden, und der Dichter spricht seinen Sinn klar in den Worten aus: Do erzeigte der heilige Krist, wie liep ime triuwe ist, und schiet sî dô beide von allem ir leide und machete in dâ zestunt reine unde wol gesunt. Ein späterer Dichter des dreizehnten Jahrhunderts, Gottfried von Straßburg, rühmt von Hartmann (Tristan 4626): Wie lûter und wie reine sîn kristallîniu wörtelîn beidiu sint und iemer müezen sîn! sî koment den man mit siten an, sî tuont sich nâhen zuo dem man und liebent rehtem muote. In keinem seiner Gedichte hat wohl Hartmann von Aue diese klare, anmutende Beredsamkeit schöner dargelegt, als im armen Heinrich. Von den übrigen Werken des Dichters, von seinen Lebensumständen und von den Beziehungen, die sich dafür auch aus dem armen Heinrich ergeben, wird später die Rede sein. Gregor vom Steine Dieser Legende ist hier nur zu erwähnen, um eine Lücke in der Kenntnis unsrer ältern Poesie zu bezeichnen und notdürftig zu ergänzen. Der Dichter des armen Heinrichs hat auch einen Gregor gedichtet. Aber die einzige Pergamenthandschrift dieses Werks, welche sich zu Straßburg befand, wird seit mehreren Jahren vermißt. Sonst ist (außer einem abgerissenen Pergamentblatte im Besitze Prof. Veesenmeyers zu Ulm) nur eine Papierhandschrift in Wien vorhanden, Büsching, der Deutschen Leben, Kunst und Wissen im Mittelalter. II, 120-24. Iwein usw. von Benecke und Lachmann, S. III. deren Beschaffenheit kritische Sprachkenner nicht zur Herausgabe einzuladen scheint. Gleichwohl wäre, in Ermanglung eines bessern Kodex, zu wünschen, daß wir, was auch ein schlechterer nicht ganz verdunkeln könnte, von der poetischen Auffassung einer der bedeutsamern Heiligensagen durch einen so ausgezeichneten Dichter endlich Kunde erhielten. (Ausgaben haben wir seither erhalten von K. Greith im spicilegium vaticanum 1838, von Lachmann 1828. K.) Gregor vom Stein ist eine christliche Ödipussage. Ich gebe von ihr nach den Gestis Romanorum, Gesta Romanorum cum applicatinibus moralisatis ac mysticis (S. 81). einer im Mittelalter gangbaren Sammlung lateinischer Erzählungen, mit geistlicher Anwendung, einen kurzen Begriff: Gregor ist der Sohn eines Kaisers, in verbrecherischer Liebe mit der eigenen Schwester erzeugt. Er wird, um die Schande zu verbergen, in einem verschlossenen Fasse ins Meer ausgesetzt. Die Wellen treiben ihn ans Land, in die Nähe eines Klosters, dessen Abt ihn erziehen läßt. Sein Vater stirbt auf einer Bußfahrt im heiligen Lande. Um seine Mutter, als Erbin des Kaisertums, wirbt ein Herzog von Burgund. Als sie diesen abweist, verheert er ihr Land, und sie muß sich mehrere Jahre lang in einer festen Stadt verschlossen halten. Dahin kommt, vom Sturme verschlagen, Gregor, der inzwischen herangewachsen und wehrhaft geworden ist. Er kämpft, ihr unerkannt, für die bedrängte Frau, erlegt den Herzog und befreit ihr Land. Man dringt in sie, sich dem zu vermählen, der allein das Reich vor ähnlicher Gefahr schirmen könne. So wird er Kaiser und Gemahl seiner Mutter. Sie selbst macht mittels einer Schrift, die sie einst zu ihm in das Faß legen ließ, die gräßliche Entdeckung. Gregor zerbricht seine Lanze und geht nachts in Pilgertracht mit bloßen Füßen von dannen. Er kommt zu einem Fischer, der ihn sechzehn Meilen weit ins Meer hinein zu einem einsamen Felsen überfährt. Hier laßt er sich in Fesseln anschmieden und die Schlüssel zu diesen ins Meer werfen. Schon siebzehn Jahre hat er dort gebüßt, was er nicht verschuldet, als der Papst stirbt und eine Stimme vom Himmel ruft: »Sucht einen Mann Gottes mit Namen Gregorius und bestellt ihn mir zum Statthalter!« Die ausgeschickten Boten haben schon durch manche Reiche vergeblich geforscht; da kommen sie auch zum Hause des Fischers, der sich auf ihre Nachfrage an den Namen jenes Pilgrims erinnert, ihn aber längst für tot hält. An demselben Tage jedoch fängt er einen Fisch, in dessen Eingeweide sich die ins Meer geworfenen Schlüssel finden. Sie fahren nun nach dem Felsen über, wo sie Gregorn noch am Leben finden und zum Statthalter Christi berufen. Als er in die Stadt eingeführt wird, schlagen alle Glocken von selber an zum Zeichen, daß er der Erkorene sei. Auch als Volksbuch wird diese Legende in Görres deutschen Volksbüchern S. 244 angeführt. (Vgl, Wilken, Heidelb. Bibl. 350, 6.) In den serbischen Volksliedern kommt sie in doppelter Gestalt nicht unter dem Namen Gregors, sondern Simeons des Findlings vor (Talvj, I, 139. Wila, I, 226), auch sonst mit veränderten Nebenumständen. Engelhart und Engeldrut ein Gedicht Konrads von Würzburg, eines sehr fruchtbaren Dichters, besonders in Erzählungen, aus der zweiten Hälfte des 13. Jahrhunderts. Es ist nur noch in einem Drucke des 16. Jahrhunderts, Frankfurt 1573, (Neue Ausgabe von M. Haupt. Leipzig 1844, K.) vorhanden, worin es, wie in solchen Fällen immer geschah, zugleich in die neuere Mundart übertragen worden. Es scheint von diesem Drucke nur ein einziges Exemplar bekannt zu sein, das sich auf der Wolfenbüttler Bibliothek befindet. Daraus ist in Eschenburgs Denkmälern altdeutscher Dichtkunst, Bremen 1799, S. 41 ff. ein Auszug gegeben, wonach der Hauptinhalt des Gedichtes dieser ist: Engelhart, der Sohn eines Edelmanns in Burgund, will fremde Länder besuchen. Beim Abschied gibt ihm sein Vater drei Äpfel mit. Wenn er jemand auf der Reise treffe, der mit ihm Gesellschaft machen wolle, soll er demselben einen der Äpfel geben. Verzehre jener den Apfel ganz, ohne ihm etwas davon zu reichen, so soll er ihn meiden; geb' er ihm aber einen Teil davon, so soll er seine Freundschaft annehmen. Vor allen Dingen empfiehlt ihm der Vater die Treue. Der Sohn verspricht, dieser Weisung zu folgen, reitet davon, und ihm begegnen nacheinander zwei junge Leute, die mit ihm Gesellschaft machen wollen, aber beide nicht Probe halten, sondern die Äpfel allein verzehren. Darauf begegnet ihm ein Dritter, an Gestalt ihm selbst vollkommen ähnlich. Dieser nimmt den Apfel, schält ihn und gibt dem Schenker die Hälfte zurück. Engelhart wählt ihn zum Gefährten. Sein Name ist Dietrich von Brabant und der Zweck seiner Reise gleichfalls, fremde Dienste zu nehmen. Sie kommen zusammen nach Dänemark und werden dort am Hofe wohl aufgenommen. Der König hält sie, ihrer Ähnlichkeit wegen, für leibliche Brüder; sie versichern aber, daß nur ihre Gesinnungen brüderlich und dazu vereint seien, ihm ihre Dienste anzubieten, um von seiner Tugend zu lernen. Ihr Erbieten wird angenommen, sie machen sich am Hofe überall beliebt und leben miteinander in der treuesten Freundschaft. Der König hat eine Tochter, mit Namen Engeldrut, von ausnehmender Schönheit. Die beiden Jünglinge gefallen ihren Augen und bald auch ihrem Herzen (Z. 1045): Denn was den augen sanfte thut, Das dünket auch dem herzen gut Und ist ihm [zwar] wohl damitte. Herz und augen han die sitte, Daz sie gehellen unter in; Das auge muß das herze sein Zu lieblichen Dingen Leiten und bringen Der großen Ähnlichkeit wegen ist sie von beiden gleich stark eingenommen, zuletzt aber entscheidet der Name Engelhart, weil er ihr am besten klingt und am meisten zu dem ihrigen stimmt. Aus Brabant kommt ein Bote an Dietrichen, der ihm den Tod seines Vaters meldet und ihn zurückberuft, um sein Land in Besitz zu nehmen. Nicht minder schmerzlich als der Verlust des Vaters ist ihm die Trennung von seinem Freunde. Er bietet diesem einen Teil seines Erbes an, wenn er mit ihm ziehen wolle; er macht einen zweiten Versuch und will lieber den ganzen Besitz seines Landes als Engelharts Umgang verlieren. Dieser hält es aber für Undank, des Königs Dienste schon wieder aufzugeben, verspricht jedoch, sobald er den dänischen Hof verlasse, zu Dietrichen zu kommen. So scheiden die Freunde. Bald hernach stirbt die Königin von Dänemark. Engeldruts Schmerz um den Tod ihrer Mutter, vereint mit ihrem Liebeskummer, macht sie sehr niedergeschlagen und schwermütig. Ihr Vater sucht sie aufzuheitern und fällt darauf, ihr Engelharten zum Kämmerer zu geben (Z. 1844): Der kann dir alle schwere Mit freuden gar vertreiben, Teutsch lesen und schreiben, Harfen und singen, Tanzen und springen Kann er aus der maaßen wol, Damit er alle stunden soll Kurzweile machen dir usw. Als nun Engelhart der Königstochter bei der Tafel aufwartet, läßt er beim Vorschneiden das Messer aus der Hand fallen, mit einer Verwirrung, die auf einmal sein Herz verrät. Das Verhältnis, das sich zwischen ihnen entspinnt, wird aber von dem eifersüchtigen Auge Ritschiers von England, der des Königs Schwestersohn ist, beobachtet. Er verrät dem König eine nächtliche Zusammenkunft der Liebenden im Garten. Ein Zweikampf soll über Schuld oder Unschuld entscheiden. Engelhart, der sich schuldig weiß, fürchtet einen unglücklichen Ausgang und fällt auf das Mittel, seinen Freund Dietrich für sich kämpfen zu lassen. Er begibt sich zu diesem nach Brabant, und sie verabreden, einer des andern Rolle zu spielen. Engelhart bleibt in Brabant zurück und wird für Dietrichen gehalten. Dietrich kommt auf den bestimmten Tag in Dänemark an und besteht den Zweikampf. Er haut seinem Gegner eine Hand ab und will ihm das Leben nehmen, als der König dem Kampfe Einhalt tut und Dietrichen, der immer noch für Engelhart gehalten wird, die Hand seiner Tochter zur Belohnung verspricht. Die Hochzeitfeier wird angestellt, aber Dietrich legt ein Schwert zwischen sich und Engeldrut; eine Treue, die ihm sein Freund bei seiner Gemahlin erwidert. Sogleich nach der Hochzeit kehrt Dietrich nach Brabant zurück, und Engelhart kommt von dort wieder nach Dänemark. Hier erhält er bald darauf, da der König stirbt, die Krone und lebt mit Engeldrut im größten Glücke. Nicht lange hernach wird Herzog Dietrich von einer schweren Krankheit, der Miselsucht, befallen. Er läßt sich ein Gartenhaus am Wasser bauen, wo er für sich allein wohnt und Erleichterung seiner Beschwerden hofft. Hier erscheint ihm einmal im Traum ein Engel, der ihm als das einzige Rettungsmittel andeutet, hin zu Engelhart zu reiten und ihn zu bewegen, daß er seine beiden Kinder töte und den Kranken mit deren Blut bestreiche. Zu der Wahl dieses Mittels kann aber Dietrich sich auf keine Weise entschließen. Indes bewegt ihn der Mangel an Pflege und die Hintansetzung, die er in seinem eigenen Hause und Lande erfahren muß, zu dem Entschlusse, nach Dänemark zu gehen, wo sein Freund ihn auf das liebreichste bei sich empfängt. Auf die dringenden Anfragen desselben, ob er denn nicht irgend ein Heilmittel für seine Krankheit wisse, erzählt Dietrich nach vieler Überwindung seinen Traum. Engelhart, im Kampfe der Freundschaft mit der väterlichen Liebe, bittet Gott, seinen Entschluß zu lenken, und hält sich endlich verpflichtet, dem Freunde, der das Leben für ihn gewagt hat, das Leben seiner Kinder zum Opfer zu bringen. Er nimmt dazu einen günstigen Augenblick wahr; sein Herz empört sich jedoch wider die Tat, indem er über den schlummernden Kindern steht und im Begriff ist, sie zu töten (Z. 6256): Viel sanfter überwunden Hätte er zween starke riesen, Denn er gesiegen mocht an diesen Kleinen kindern. Und bald darauf (Z. 6284): Bis er zuletzt manchen kuss Gab den kindern beiden Und er aus seiner scheiden Das schwert mit nassen augen scheidt. Er schlägt ihre Häupter ab und bringt das Blut zu seinem Freunde, der dadurch auf einmal von seiner Krankheit geheilt wird. Engelhart geht mit schwerem Herzen, voll Freude über seines Freundes Genesung und voll Betrübnis über das dazu angewandte Mittel, zurück und fragt nach seinen Kindern. Die Wärterin, die sie zu ihm bringen soll, findet beide spielend auf dem Bette, jedes mit einem roten Faden um den Hals. Über dieses Wunder gerät ihr Vater in freudiges Erstaunen. Dietrich kehrt nach Brabant zurück, und beide Freunde leben von nun an sehr glücklich. Das Gedicht schließt mit folgender Nutzanwendung (Z. 6497): Daß ein herze wohlgemuth Daran ein selig bilde gut Zu läuterlicher treue nehme Und sich der falschen untreu schäme, Wenn er hört in seinen tagen Von so fremden wunder sagen, Als den viel trauten gesellen zweyn Um so hohe treu erschein. Die Geschichte Engelharts und Dietrichs ist in den Hauptzügen dieselbe, welche unter den Namen Amicus und Amelius in den Chroniken des Mittelalters erzählt wird, namentlich in: Vincentii Bellovacensis spec. hist. I. 24, c. 162–164 Chronicon Alberici in Leibniz' access. historic. II, 108–110; nach diesen als Anhang zu Simrocks Übersetzung des armen Heinrichs. Amicus und Amelius werden in die Zeit Karls des Großen versetzt und sind von der Kirche heilig gesprochen worden. Obiges Wunder kommt daher auch in ihrer besondern Legende vor (Grimm, Armer Heinrich 187 f.). Doch mögen sie die Heiligsprechung hauptsächlich dem Wunder verdanken, das sich, nach dem Chronicon Alberici , nach ihrem Tod im Dienste der Kirche zugetragen. Der Papst Hadrian ließ den Kaiser Karl auffordern, der römischen Kirche gegen den Langobardenkönia Desiderius zu Hilfe zu kommen. In dem Heere, welches Karl nach Italien führte, befanden sich Amicus und Amelius, ersterer von deutschem Geschlecht, aber in Frankreich angesessen, letzterer ein Sohn des Grafen von Auvergne. Beide fielen in der Schlacht, in welcher Karl den Sieg erkämpfte. Zum Dank dafür und zur Begräbnisstätte für die Umgekommenen lieh Karl eine Kirche dem heiligen Eusebius und seine Gemahlin eine dem Apostel Petrus zu Ehren bauen. Amelius wurde in einem steinernen Sarge in der Peterskirche, Amicus ebenso in der Eusebiuskirche bestattet. Am Morgen aber fand man den Leichnam des Amelius zusamt dem Sarge neben dem des Amicus in der vom König erbauten Kirche, weshalb er und die Königin dieselbe auf das reichlichste begabten. Diese Erzählungen von Engelhart und Dietrich, Amicus und Amelius, Ludwig und Alexander, wie sie in dem noch gangbaren Volksbuche von den sieben weisen Meistern, Karlmeinet S. 306. 880. Das altfranzösische Gedicht ist herausgegeben von K. Hofmann. Erlangen 1852. K. wo die gleiche Geschichte vorkommt, genannt sind, bewähren, wie sehr im Vergleiche mit dem äußerlich gewaltsamen Opfer und Heilwunder, wie es hier erscheint, die Sage in der dichterischen Behandlung Hartmanns von Aue, im armen Heinrich, sich innerlich und geistig gehoben hat. Der Gral Der heilige Gral ist die Schüssel, daraus Christus bei der Stiftung des Abendmahls mit seinen Jüngern gespeist hat. Er besteht aus einem Jaspis, dem edlen Steine, von dessen Kraft der Phönix aus der Asche sich verjüngt. Ein Kranker, der den Gral ansieht, kann in der Woche hernach nicht sterben. Zweihundertjährige Jugend gibt der öftere Anblick dieses Steins, In demselben Gefäße hat Joseph von Arimathia das Blut aus den Wunden des Erlösers aufgefangen. Engel haben ihn vor alter Zeit zur Erde gebracht, und in den Sternen ward gelesen, daß einst ein gesegnetes Geschlecht zu seiner Pflege werde berufen werden. Dieses erwächst in dem Königsstamme Senabors aus Kappadozien. Drei seiner Söhne folgen dem Kaiser Vespasian nach der Eroberung Jerusalems in römische Lande. Dem einen, Berillus, vermählt der Kaiser seine Tochter und gibt ihm Frankreich, den andern verleiht er Anjou und Cornwallis. Alle sind eifrige Verbreiter des Christentums. Berillus bekämpft die Heiden von Galicien und Saragassa; kräftiger noch sein Nachfolger Titurison, mit Elizabel von Aragon vermählt. Einen Erben von Gott zu erflehen, wallfahrten diese zum heiligen Grab und opfern ein Bild von Gold. Ihr Gebet wird erhört; sie weihen in ihrer Freude das Kind dem Himmel. Da verkündet ein Engel, es werde in keuscher Jugend ein Streiter des Glaubens und einst selbst Genosse der Engel sein. Titurel Wie dem Wächter nach langer, kalter Nacht der aufglänzende Morgenstern, wie allem Lebenden der wonnereiche Mai, wie nach kaltem Reif die Sonne, wie in Mittagsglut ein Brunnen und einer duftigen Linde breiter Schatten, wie dem Bedrängten der milde Freund, wie dem Beraubten, der Gericht begehrt, des Königs Gruß, wie dem Blinden, wenn er es wiederfände, das Augenlicht, wie dem Durstigen der süße, klare Wein, dem müden Gaste die Herberge, wie dem Liebenden das Geliebte, über all dieses herzerfreuend ist der Anblick des schönen Jünglings Titurel. Vielfach wird ihm der Frauen holder Gruß geboten, ein Klausner hätte sich daran entzündet. Doch Titurel ist eingedenk der Verkündigung des Engels bei seiner Geburt. Im Kampfe für das Christentum will er von Gott verdienen, daß ihm einst ein Kuß von rotem Munde werde. Mit dem Vater zieht er auf Heerfahrt gegen die Sarazenen von Auvergne und Navarra. Zween Falken gleich schweifen die beiden in rauschendem Flug umher, bis in allen Abendlanden der Heiden wenig sind. So wirbt er, in unverblühter Jugend, bis zum fünfzigsten Jahre; da bringt der Engel die Botschaft, daß Titurel um seiner Tugend willen zum Gral erwählt sei. Er scheidet von den Eltern, die in Tränen Gott loben. Vom Gesang der Engel geleitet, kommt er zu einem pfadlosen Walde, der nach allen Seiten sechzig Meilen sich erstreckt. Zypresse, Zeder, Ebenbaum, Gehölz aller Art ist hier wild verwachsen, fremde Vögel singen in den Zweigen. Mitten im Walde ragt ein Berg, den niemand finden kann, als wen die Engel führen; der bewahrte, behaltene Berg, Montsalvatsch. Mit vielen Gezelten liegt auf diesem Berge Titurels künftige Schar. Über ihr schwebt, in reichem Gehäuse, der Gral, von unsichtbaren Engeln gehalten; denn noch lange soll nicht geboren sein, wer ihn berühren darf. Was sie bedürfen, gibt der Gral, welch Gefäß man darunter hält, es ist der besten Labung voll. Reich an Gold und edeln Steinen ist das Land, Salvaterre, denen bekannt, die in Galicien fahren. Hier waltet Titurel, herrlich vor allen Königen. Er baut auf Montsalvatsch eine weite Burg, von ihr aus dient er Gott mit Speer und Schwert gegen die Heiden, die sich in der Wildnis ansiedeln wollen. Noch immer bleibt der Gral schwebend, da beschließt Titurel, ihm einen Tempel zu stiften, dessen Pracht niemand überbieten könne, ganz aus edlem Gestein, aus lautrem Gold und, wo man Holz zu dem Gestühle braucht, aus Aloe. Was man zum Werke bedarf, findet man von dem Grale bereit. Der Fels des Berges ist ein Onyx; eine Schichte desselben, mehr denn hundert Klafter im Umfang, säubert Titurel von Gras und Kräutern; er läßt sie schleifen, daß sie wie der Mond erglänzt. Auf ihr findet er eines Morgens den Grundriß des Werkes eingezeichnet. Rund, mit zweiundsiebenzig Chören, jeder von acht Ecken, erhebt sich der Bau. Innerhalb und außen glänzt aus rotem Golde jeder Edelstein nach seiner Farbe. Je auf zwei Chören ruht ein hohes Glockenhaus, allum zu einem Kranze stehen die Türme, achteckig, mit vielen Fenstern; inmitten hebt sich einer, zweimal so groß als die andern. Die Turmknöpfe brennende Rubine, darauf kristallene Kreuze, auf jedem Kreuz ein Aar, von Gold funkelnd; von fern scheint er im Fluge zu schweben; das Kreuz, darauf er ruht, verschwindet dem Auge. Des mitteln Turmes Knopf ein Karfunkel, der den Rittern des Grals, wenn sie im Walde sich verspätet, durch die Nacht zur Heimat leuchtet. Zwo Glocken mit goldnen Klöpfeln rufen zum Tempel und zum Konvent, zum Tisch und zum Streite. An den Außenwänden des Tempels ist ergraben und ergossen, wie seine Diener täglich gewappnet zum Schutze des Grales kämpfen. Drei sind der Pforten, von Mittag, Abend und Mitternacht, jede mit reichen Vorlauben geziert. Nach Morgen sind die meisten Chöre gerichtet; gen Mittag führt ein Kreuzgang zu der Wohnung der Brüderschaft. Im Innern des Tempels ist das Gewölb ein blauer Himmel von Saphiren, mit Karfunkeln gestirnt, die selbst in dunkler Nacht erglänzen. Dazwischen ziehen, durch verborgene Kunst, die goldne Sonne und der silberne Mond, die sieben Tageszeiten zum Gesang anzeigend. Der Estrich ein kristallnes Meer; wie unter dünnem Eise sieht man Fische und Meerwunder sich bekämpfen. Die Mauern von Smaragd, darauf goldne Bäume, mit Vögeln besetzt. Die Bogen mit Reben durchflochten, die über das Gestühl herabhängen. Dichtbelaubt, aus Gold, sind diese Reben, Rosen und Lilien dazwischen. Erhebt sich ein Wind, so erklingen die Blätter, als ob tausend Falken mit goldnen Glöcklein sich aufschwängen. Engelgestalten wiegen sich auf den Reben. An Wänden und Pfeilern Bilder der Evangelisten und Zwölfboten, der Propheten und der Heiligen. Nirgends spannenbreit im Tempel ungeschmückt. Nie Fenster, statt Glases, Berylle; auf ihnen, daß nicht der Glanz das Auge verletze, Bilder aus farbigem Gestein, nach welchem die Sonnenstrahlen sich färben. Entbehrlich ist zwar der Fenster Helle, Überfluß an Licht geben die edeln Steine, deren Glanz das lichte Gold entzündet. Goldne Kronen mit leuchtenden Kerzen hängen herab, darob je speereshoch ein Engel, als wollt' er die Krone in die Lüfte führen. Auch auf Kanzeln und Mauern tragen viel Engel Kerzen. Engel, mittels verhohlner Bälge, geben zum Gesang der Priester süß Getöne. Welche Stimme im Tempel ertönt, durch die edle Art der Steine, die Weite und Höhe des Raums wird der Widerhall in hellem Tone verlängert, wie wenn im Walde Orgelklang ertönte. Der größern Chöre einer ist dem heiligen Geiste geweiht, der Patron über all den Tempel ist; der nächste dabei der reinen Mutter Gottes, der dritte dem Johannes, die folgenden den übrigen Zwölfboten. Vor jedem Chor zwo goldne Gittertüren, innen herrlich gezierte Altäre, darauf Balsamfeuer brennt. In der Mitte des Tempels aber steht ein überreiches Werk, diesen im kleinen darstellend, jedoch nur mit einem Altar; hier soll der Gral bewahrt werden, wenn er sich niederlassen wird. In dreißig Jahren ist der Bau vollbracht. Ein Bischof weiht Tempel und Altäre; da führt der Engel den Gral in die köstliche Zelle, die ihm bereitet ist. An jedem Karfreitag schwingt sich fortan eine glänzend weiße Taube vom Himmel und legt auf den Gral eine kleine, weiße Oblate, davon der Stein seine Wunderkraft empfängt. Als Titurel das Werk vollendet, hat er vierhundert Jahre Gott gedient und ist nach der Gestalt, als wär' er noch nicht gegen vierzig. Jetzt ist am Gral die Schrift zu lesen, Titureln sei ein Weib erlaubt, Richoude, die reine Königstochter aus Spanien. Aus großer Demut ist er bis daher nicht Ritter worden, jetzt, an seiner Hochzeit, läßt der Jüngling, der vierhundertjährig Haupt trägt, sich zum Schwerte segnen. Er wählt sich aus Richoudens Gefolge zweihundert Schildgefährten, mit denen er ferner dem Gral gegen Feinde dienen will. Ein engelgleiches Geschlecht entsprießt aus dieser Ehe. Die Söhne der Könige werben, einen Ast des edeln Stammes zu gewinnen. Am Gral findet man stets die Namen derjenigen geschrieben, die er aus allen Landen zu seinem Dienste wählt, Mägdlein und Knaben. Arme und Reiche freuen sich, wenn ihr Kind dorthin gefordert wird, wo reines, seliges Leben und himmlischer Lohn seiner wartet. Die Jünglinge erwachsen dort zu der ritterlichen Brüderschaft der Templeisen. Mit dem Wappen des Grals, der weißen Taube, bezeichnet, reiten sie aus und bekämpfen jeden, der die heilige Wildnis zu betreten wagt. Die Jungfrauen aber treten in das Gefolge der reinen Urepanse, Titurels Enkelin, die zuerst und allein gewürdigt ist, den Gral zu berühren. Die goldne Krone im gelockten Haar, leuchtend wie der aufgehende Tag, tritt sie im Geleit ihrer Jungfrauen daher und trägt den heiligen Stein zum Königssaale, wo er die Fülle irdischer Gaben spendet. Umfortas Mitten in solcher Herrlichkeit kommt schwerer Jammer über die Genossenschaft des Grals. Schon hat Titurel, als ihm vor großem Alter der Speer entsank, die Krone seinem Sohne Frimutel übertragen. Als dieser einem Lanzenstoß erlegen, folgt sein Erstgeborner, Amfortas. Jedesmal ist am Grale zu lesen, wer als König walten soll. Gepriesen an Schönheit und ritterlicher Kraft sind Amfortas und sein Bruder, der schnelle Trevrezent, der das Wild im Sprung ereilt. Aber beide wenden sich weltlichen Dingen zu. Wer dem Grale dient, soll auf Weibes Minne verzichten. Der König allein darf sich vermählen, wie des Grals Inschrift ihn anweist; die andern nur dann, wenn der Gral sie als Gebieter herrenloser Länder aussendet. Die Brüder kehren sich nicht an dieses Gebot. Verstohlen zieht Trevrezent auf Ritterschaft, sein Bruder selbst gibt ihm die Mittel, sich mit Knappen und andrer Ausrüstung zu versehen. In den drei Teilen der Erde fährt er umher, turniert und kämpft mit Christen und Heiden im Dienst einer schönen Frau. Auch Amfortas, der König, dient der Minne eifriger als dem Grale. Er glüht für Orgelusen von Logrois, Gemahlin des Herzogs Zidegast, von so leuchtender Schönheit, daß bei ihr, auch ohne Kerzen, nimmer Nacht wäre. Ist gleich seine Liebe hoffnungslos, doch läßt er nimmer ab, in ihrem Dienst Speere zu brechen und Schilde zu durchbohren. Indes wird der Herzog, Orgelusens Gemahl, mit dreien seiner Ritter von dem stolzen König Gramoflanz erschlagen, der nie anders als mit mehreren kämpft. Vergeblich bietet der Mörder ihr Krone und Land. Fortan läßt sie ihre Schönheit nur leuchten, um dem Erschlagenen einen Rächer zu erwecken. In einem Gehölze bei Logrois, wo Ölbäume und Reben, Feigen und Granaten üppig erwachsen, am Rand einer Quelle, die aus dem Felsen schießt, erwartet sie den Kämpen, der durch blutige Rache ihre Hand und ihr Herzogtum gewinnen will. Manchen sendet sie so in den Tod. Amfortas aber, ihr eifrigster Diener, erscheint nicht; schon hat ihn die Strafe seiner Versündigung am Gral erreicht. Eines Heiden vergifteter Speer hat ihn getroffen. Bleich und kraftlos, das Speereisen im Leibe, kommt er heim. Ein Arzt holt es aus der Wunde, aber vom Gift eitert diese fort und fort. Sie tragen den König vor den Gral; das ist sein größtes Leiden, daß sie ihn nicht sterben lassen. Was man der Heilbücher liest von Mitteln gegen Schlangengift, nirgends ist Hilfe zu finden. Wasser aus den vier Paradiesesströmen, Blut des treuen Pelikans, das Herz des Einhorns und der Karfunkel unter seinem Horne, die Wurzel, die aus Drachenblut erwächst, Nardensalbe, Theriak, Rauch von Aloeholz, nichts von allem mag frommen, wenn mit der Sterne Wiederkehr und des Mondes Wechsel die Schmerzen sich erneuern. Nur der Speer selbst, in die Wunde gelegt, gibt einige Linderung. Nicht reiten noch gehen, nicht stehen noch liegen kann der Kranke, er lehnt nur, ohne zu sitzen. Oft trägt man ihn, damit die Wunde sich erlufte, zum nahen See (Brumbane); das heißt er seinen Weidetag. Dort lehnt er im Schiff, als stellt' er den Fischen nach. Davon wird gesagt, er sei ein Fischer. Als Trevrezent des Bruders Leiden sieht, da wirft er sich nieder und gelobt Gott, nicht mehr Ritterschaft zu üben. Er verschwört Fleisch, Wein und Brot. Fortan lebt er als Einsiedler in einer Felshöhle, von Wurzeln und Kräutern sich nährend. Wehklage ertönt in der Burg des Grals; hilflos der König, kein Schirmer des Heiligtums, seit auch Trevrezcnt vom Schwerte geschieden. Manch Gebet wird vor dem Gral verrichtet, an dem eines Tags geschrieben steht, ein Ritter werde kommen, frage dieser vor der ersten Nacht unaufgefordert nach dem Grunde dessen, was er sehe, so soll Amfortas genesen und der Ritter König sein. Sigune Zwei Maultiere tragen durch unwegsamen Wald eine Bahre, darauf die Leiche eines Jünglings liegt, durch köstlichen Balsam frisch und blühend erhalten. Ein Ritter, mit dem Wappen des Grals, treibt die Maultiere. Hinter der Bahre geht eine schöne Jungfrau, traurig und bleich, nur der Mund noch leuchtet in voller Röte. Es ist Sigune, vom königlichen Stamme des Grals. Ihre Mutter, Schoisiane, die älteste Schwester von Amfortas und Trevrezent, mit Kyot, dem Herzog von Katelangen (Katalonien), vermählt, ist an der Geburt des Töchterleins gestorben, und im Schmerz darüber hat Kyot der Welt entsagt. Das verwaiste Mägdlein ist bei ihrer Muhme, der Fürstin von Waleis, erzogen worden, zugleich mit Schionatulander, dem Erben von Graswaldan (Graisivaudan in der Dauphiné). Frühe zarte Minne ist zwischen diesen Zöglingen erblüht, und als Sigune den Jüngling gemahnt, unter Schildesdache müss' er sie verdienen, da ist sein Leben fortan eine siegreiche Ritterfahrt in Morgen- und Abendlanden, bis er im Zweikampf mit Orilus von Lalander vom Speere des Gegners tödlich getroffen wird. Hier zieht nun Sigune mit dem Leichnam des Geliebten. Unfern der Burg des Grals breitet sich in der Wildnis eine Linde. Auf dieser will Sigune wohnen, das Haupt des Toten im Schoße haltend. Die Turteltaube kieset sich den dürren Zweig, wenn sie ihr Lieb verloren; Sigune setzt sich auf belaubten Ästen, damit die Sonne nicht das klare Antlitz und den Rosenmund des Teuern fälbe. Lichtgrün, dem Laube der Linde gleich, ist er gekleidet. Endlos ertönt nun Sigunens Klage durch die Wildnis: »O Pelikan, könnt' ich, wie du, das Leben aus meiner Brust verblutend, den Toten neu beleben! Hätt' ich den süßen Ton der Nachtigall, die mit Sang ihre Eier zu Leben bringt, entzwei gesungen würde mein Haupt. Hätt' ich des Löwen Stimme, der seine totgebornen Kinder ins Leben ruft, jungfräulich zarte Stimme ließ ich gerne, dich, Liebster, zu erwecken. Hätt' ich des Straußes Art, der mit den Augen brütet, nimmer würden meine Augen von dir gewendet, bis der deinen Blick lebendig mir entgegenleuchtete.« So jammert sie den Abend und den Morgen; sie wirft sich vor, daß sie ihm nicht ohne so strengen Dienst ihre Minne gegeben, jetzt minnet sie den Toten. Man sagt: »Die Frauen haben langes Haar und kurzen Mut«; wie lang Sigunes braune Haare wallen, doch ewig treu ist ihr Gemüt. Jeden Samstag wird Sigunen Speise vom Gral gebracht; doch ist Wehklagen ihre halbe Kost, ihr Wachen und ihr Schlaf. Einst wird sie von ihrem Vater Kyot und andern ihren Verwandten besucht. Die Klage hat ihr die Augen geschwächt, so daß sie die Freunde nicht gleich erkennt. Sie bietet dem Vater alle Ehre, doch steigt sie nicht von der Linde, denn nimmer läßt sie des Toten Haupt von ihrem Schoße. Die Freunde stimmen ein in ihre Klage; die sie trösten wollten, muß ihnen Trost sagen. Drei alte Helden und eine blühende Jungfrau, des Kummers noch ungewohnt, sitzen die Nacht hindurch, in Klage wetteifernd, mit Sigunen auf den Ästen der Linde. Die Vögel erheben ihren fröhlichen Morgengesang, aber wenig achten jene darauf. Am dritten Morgen scheiden die traurigen Gäste. Fünf Jahre schon hat Sigune auf der Linde gewohnt; da bedenkt sie, daß Schionatulander, noch sterbend, ihr Gebet statt Klage angeraten. Sie läßt sich im Wald eine Klause bauen über einem klaren Quell, der dadurch hinfließt. Hier läßt sie sich vermauern. Wer an das Fenster tritt, kann sehen, wie die bleiche Jungfrau, in grauem Kleide, den Psalter in der Hand, über dem Sarge des Geliebten kniet. Ein kleiner Edelstein an ihrem Finger, das Brautkleinod ihrer unvergänglichen Minne, schimmert durch diese Dämmerung. So findet man sie eines Abends im Gebete verschieden. Sie wird zu ihrem Freunde besargt. Da sieht man recht die Treue dieser beiden, aus dem Sarge winden sich zwo Reben, die ihnen aus dem Munde wachsen und hoch oben, nie vergrünend, sich verflechten. Parzival Herzeloide, des Königs Amfortas zweite Schwester, mit Gamuret von Anjou vermählt, wird einst, als sie um Mittag entschlummert, von angstvollen Träumen gequält. Unter Donnerstrahlen und Feuerregen schwebt sie in den Lüften; dann säugt sie einen Drachen, der ihr das Herz aus dem Leibe bricht und davonfliegt. Laut ruft und jammert sie im Schlafe; ihre Jungfrauen springen herbei und wecken sie. Da kommt ein Knappe auf den Hof geritten; aus fernem Morgenlande bringt er den blutigen Speer, davon Gamuret den Tod erlitten. Aus ihrem Lande zieht die Witwe, mitten in wüstem Walde läßt sie reuten und bauen. Nicht der Blumen und Kränze wegen hat sie den Wald erwählt. Ihren jungen Sohn, Parzival, dessen sie im Jammer genesen, will sie in der Einöde vor Ritterschaft behüten, die dem Vater verderblich war. Nichts darf vor ihm von Rittern je verlauten. Schon aber schneidet der Knabe sich Bogen und Bolze, womit er Vögel schießt. Hat er einen getroffen, der zuvor mit lautem Schalle sang, da weint er und rauft sich die Haare. Wenn er sich morgens am Strome wäscht und über ihm der Vögel Sang ertönt, da dehnet ihm der süße Laut die junge Brust. Zur Mutter läuft er weinend, doch er kann nicht sagen, wie ihm geschehen. Sie geht der Sache nach, bis sie ihn nach dem Schalle der Vögel lauschen sieht. Da wird sie inne, daß von dieser Stimme ihres Kindes Brust erschwillt. Sie ahnt die Regung, die zu kühnen Taten treibt. Da heißt sie die Vögel fangen und würgen, doch Parzival erbittet ihnen Frieden. Die Mutter lehrt den Sohn das Lichte von dem Finstern unterscheiden. Lichter, denn der Tag, ist Gott. Als nun Parzival, der mit dem Wurfspieß Hirsche jagt, einst im Walde mehrere Ritter in glänzender Rüstung dahersprengen sieht, hält er jeden für einen Gott und fällt auf die Knie nieder. Von ihnen erfährt er, daß sie Ritter seien und daß der König Artus Ritters Orden erteile. Oft heischt er nun von der Mutter ein Pferd, um zu Artus zu reiten. Sie kann nicht versagen, schneidet ihm aber Kleider zu, wie närrische Leute sie tragen, damit er, durch üble Behandlung geschreckt, bald umkehre. So beginnt der wunderschöne Jüngling in schmählicher Tracht seine Fahrt. Die Mutter aber, als sie ihn nicht mehr sieht, fällt zur Erde nieder und stirbt vor Jammer. Mancherlei Abenteuer hat Parzival, indem er die Lehren der Mutter allzu wörtlich anwendet. Noch gelangt er bis nahe vor die Stadt Nantes, wo König Artus Hof hält. Hier begegnet ihm ein Reiter von blanker Hautfarbe und roten Haaren. Rot ist auch sein Roß, rot sein Harnisch, sein Wappenkleid, seine Roßdecke, feuerrot Schild, Schwert und Speer. Es ist der kühne Ither, der rote Ritter genannt, einst Trevrezents Knappe. Auf der Hand trägt er einen goldnen Becher, den er keck von Artus Tafelrunde weggerafft, so daß der Wein in der Königin Schoß vergossen ward. Keiner von den Rittern der Tafelrunde hat es gewehrt; hier erwartet er, ob sie mit Kampfe den Becher ihres dürstenden Königs zurückholen. Dieses heißt er Parzivaln am Hofe melden. Der Jüngling reitet in die Stadt, tritt vor den König, meldet die Botschaft und bittet, daß Artus ihn zum Ritter mache. Der König verspricht es und will ihn köstlich dazu ausstatten. Parzival aber verlangt keine Gabe, als die Rüstung des roten Ritters, die er selbst sich holen will. Zögernd gewährt der König und Parzival reitet wieder hinaus. Als er an der Laube vorbeikommt, worauf die Königin mit ihren Frauen sitzt, da lacht die schöne Cunneware, die niemals lachen wollte, bis sie den gesehen, dem der höchste Ruhm beschieden sei, da spricht der schweigsame Antanor, der nimmer reden wollte, bevor Cunneware gelacht. Beide werden von Key, des Königs mürrischem Seneschall, geschlagen, der darüber zürnt, daß dem Knaben geboten werde, was so manchem ehrenwerten Ritter versagt blieb. Bei Ithern angelangt, fordert Parzival des Ritters Roß und Harnisch, greift ihm rasch nach dem Zaume, und als Ither mit dem Schaft ihn blutig schlägt, schleudert er den Wurfspieß nach des Gegners Haupte. Ither fällt tot zur Erde, sein Blut rötet die Blumen. Parzival reitet auf dem Roß und in der Rüstung Ithers, die er über die Torenkleider anlegt, von dannen und heißt hinfort selbst der rote Ritter. Den Goldbecher sendet er dem König. Schwer gewappnet reitet Parzival den Tag entlang, so weit das treffliche Roß rennen mag. Gegen Abend erblickt er eine Turmspitze, und als noch mehr Türme erscheinen, meint er, sie wachsen hervor, von Artus gesät. Gurnemanz von Graharz, der fürstliche Wirt dieser Burg, sitzt vor derselben im Schatten einer breiten Linde. Der Jüngling, dem die Mutter empfohlen, dem Rate grauer Männer zu folgen, verlangt sogleich den Rat des graugelockten Fürsten. Dieser wirft von seiner Hand einen Sperber empor, der sich, mit goldner Schelle klingend, ein schneller Bote, in die Burg schwingt. Alsbald kommen Junkherren, die den Gast in die Burg führen. Kaum ist er vom Rosse zu bringen, ein König hieß ihn ja Ritter sein. Die Junkherren entwappnen ihn. Der Wirt selbst verbindet ihm die Wunden, die er von Ither empfangen. Väterlich pflegt der Greis des Jünglings, gibt dem Ratbedürftigen weise Ratschläge, lehrt ihn Sitte und ritterliche Kunst. Nach vierzehn Tagen zieht Parzival weiter, der Torenkleider und der kindischen Torheit ledig. Er kommt in die Stadt Pelrapeire, die durch Belagerung ausgehungert ist. Gebieterin des Landes ist die Königstochter Condwiramurs, deren Minne der König von Brandigan mit Gewalt erwerben will. Sie blüht wie die junge Rose, die im Morgentau, weiß und rot, aus der Knospe hervorglänzt. In stiller Nacht tritt sie in Parzivals kerzenhelles Gemach nnd klagt ihm mit Tränen ihre Not. Der junge Held besiegt im Zweikampf die Führer der feindlichen Heere, befreit dadurch die Stadt und gewinnt die Hand der jungen Königin. Unschuldige Minne führt diese beiden zusammen; Condwiramurs geht am Morgen als Jungfrau hervor, obgleich sie nach Frauensitte ihr Haupt bindet. Bald verläßt Parzival seine Frau und sein neues Land. Die Sorge um seine Mutter und der Drang nach Abenteuern läßt ihn nicht rasten. Am ersten Tage schon reitet er so weit, daß ein Vogel es mit Müh' erflogen hätte. Abends kommt er an einen See, wo Weidleute geankert haben. Einer lehnt traurig im Schiffe, der so reiches Gewand trägt, als dienten ihm alle Lande. Ihn befragt Parzival um Herberge. Auf dreißig Meilen, ist die Antwort, sei kein Haus zu finden, als eines dort um den Fels. Parzival reitet, wie ihn der Mann gewiesen. Er kommt zu einer festen Burg, mit vielen Türmen, wo er auf sein Versichern, daß ihn der Fischer sende, wohl empfangen und bewirtet wird; die Traurigen sind mit ihm froh. Er wird in einen herrlichen Saal gefühlt; hundert Kronen hängen hier, mit Kerzen besteckt. Holz von Aloe brennt auf drei marmornen Feuerstätten. An der mitteln ruht auf einem Spannbette der kranke Wirt des Hauses, in kostbare Pelze gehüllt, aus dem Haupt eine Zobelmütze, deren Knopf ein lichter Rubin. Der Kranke heißt den Gast sich zu ihm setzen; viele Ritter sitzen umher. Ein Knappe springt zur Tür herein, einen Speer tragend, an dessen Schafte Blut herabläuft. Laute Wehklage erhebt sich. Als der Speer all umgetragen ist, verläßt der Knappe den Saal. Wieder öffnet sich eine Tür, eine lange Reihe schöner Jungfrauen, in Scharlach und Samt gekleidet, Blumenkränze in den Haaren, zieht herein; sie tragen kostbares Gerät: goldne Leuchter mit brennenden Kerzen, zween Stollen von Elfenbein, eine Tafel von durchsichtigem Steine, die vor dem König auf die Stollen niedergesetzt wird, zwei silberne Messer, schärfer denn Stahl, die sie auf den Tisch legen. Zuletzt eine Jungfrau mit goldner Krone; ihr Antlitz leuchtet, man glaubt, es wolle tagen. Auf grüner Seide trägt sie die unschätzbare himmelsgabe, den Gral. Vor ihm werden sechs Gläser mit brennendem Balsam getragen. Sie setzt den Gral vor den König und stellt sich in die Mitte ihrer Gespielen. An hundert gedeckten Tafeln sitzen die Ritter, vier an jeder. Auf kleinen Wagen wird goldnes Geschirr herbeigeführt, hundert Knappen dienen vor dem Gral, jeder versieht eine Tafel; nach was sie die Hand bieten, von Speise oder Getränk, das spendet der Gral in Schüssel und Napf. Am Schlusse des Mahls beschenkt der Wirt den Gast mit einem herrlichen Schwerte, das er selbst in gesunden Tagen geführt. Als die Jungfrauen wieder mit dem Gral hinausgehen, sieht Parzival durch die Tür auf einem Ruhebette den schönsten alten Mann, den er je gesehen; weißer, denn Duft, ist der Greis (Titurel). Wohl hat Parzival das Wunder alles beachtet, doch fragt er nicht; sein Lehrer Gurnemanz hat ihn vor unbescheidener Frage gewarnt; noch glaubt er ohne Frage alles zu erfahren. Als er aber morgens, nach schweren Träumen, erwacht, findet er niemand zu seinem Dienste bereit. Auf dem Fußteppich liegt seine Rüstung, die er selbst anlegt. An der Treppe steht sein Roß angebunden, Schild und Speer dabei. Nirgends ist jemand zu sehen, noch zu hören. Zerstampft ist das Gras auf dem Burghof. Durch das offene Tor reitet Parzival hinaus, schnell wird die Brücke hinter ihm aufgezogen und ein Knappe ruft ihm Scheltworte nach. Er verfolgt die Spur der Hufschläge, doch sie teilt sich und bald verliert er sie ganz. Da hört er die klagende Stimme einer Frau; es ist Sigune auf der Linde. Sie erklärt ihm, was er gesehen und was er versäumt. Zweierlei Sorge erfüllt Parzivals Seele, der Wunsch, den Gral wiederzufinden, und die Sehnsucht nach Condwiramurs. Eines Morgens, als er durch den Wald reitet, ist frischer Schnee gefallen. Ein Falke jagt vor ihm eine Schar wilder Gänse auf. Eine ist im Fluge getroffen und aus ihrer Wunde fallen drei Blutstropfen auf den Schnee. Wie das Blut den Schnee rötet, wie der Schnee das Blut mit Weiße mischt, das mahnt den Ritter an die blühende Farbe der Geliebten. »Condwiramurs, hier liegt dein Schein,« ruft Parzival aus; unverrückt hinschauend, versenkt er sich in Gedanken. Mit aufgerichtetem Speere hält er, wie schlafend, zu Rosse. Unfern diesem Ort ist König Artus mit den Helden der Tafelrunde gelagert. Ihnen wird gemeldet, daß im Wald ein Ritter kampfbereit halte. Zween der Ungestümsten, Segremors und Key, der Seneschall, reiten nacheinander hinaus, ihren Speer an ihm zu brechen. Drohworte, selbst Schläge mit dem Schaft wecken ihn nicht, bis eine Wendung seines Rosses, ein Stoß des Gegners ihm die Blutstropfen aus dem Blicke bringen; so zur Besinnung kommend, fällt er beide. Der Seneschall bricht vom Sturz einen Arm und ein Bein, zur Vergeltung, daß er einst Cunnewaren geschlagen. Der dritte, der geritten kommt, ist der freundliche Gawan; auch er ruft den Träumenden vergeblich an. Doch er kennt selbst die Kraft der Minne, er merkt, wohin Parzivals Augen stehen, und wirft ein seidenes Tuch über die Blutmale. Da verschwindet Condwiramurs, und Parzival reitet mit Gawan zu den Gezelten. Längst ist die Tapferkeit des roten Ritters kundbar geworden; er wird in die Gesellschaft der Tafelrunde aufgenommen und Gawan ist hinfort sein treuester Freund. Als nun in aller Freude Ritter und Frauen bei Tische sitzen, kommt auf einem hohen, fahlen Maultier, mit kostbarem Reitzeug, eine Jungfrau daher getrabt, um deren Minne noch wenig Speere gebrochen worden. Ihre Augen gelb, wie Topase, der Mund weit hinein blau, gleich einer Viole, eine Hundsnase, zween spannenlange Eberzähne, Ohren wie eines Bären, Nägel wie Löwenklauen. Sie trägt einen Mantel, blauer, denn Lasur; ein Pfauenhut hängt ihr am Rücken, doch hätt', auch ohne Hut, ihrer Affenhaut die Sonne nicht geschadet; über den Hut schwingt sich ein schwarzer Zopf, lind, wie Schweinshaare, bis auf das Maultier herab. In der Hand führt sie eine Geißel mit seidnen Schlingen, der Stiel von Rubin. Es ist Cundrie, die Dienerin des Grals, von der Mohrenkönigin Secundille dem Amfortas geschenkt. So häßlich sie ist, so getreu und weise. Sie bringt Sigunen Speise vom Gral; sie ist aller Sprachen kundig und des Laufs der Sterne. Diese nun kommt in den Kreis geritten und hält vor dem König Artus. »Tafelrunde ist entehrt,« ruft sie, »ein Schlechter sitzt daran.« Dann reitet sie vor Paizivaln: »Schmach deinem lichten Schein und deinem männlichen Wuchs! Ich dünke dir Mißgestalt und bin lieblicher doch, denn du. Sage mir, als der traurige Fischer, trostlos, vor dir saß, warum hast du ihn nicht von Seufzen erlöst? Ungetreuer Gast, hat deines Wirtes Not dich nicht erbarmt? Er gab dir ein Schwert, das du nie verdient, du sähest den Gral vor dich tragen, sähest schneidend Silber und blutigen Speer und hast keine Frage getan. Daß die Zunge dir aus dem Munde fiele! Eine Frage hätte dir mehr gewonnen, denn alles Erdengut. Siech bist du nun an Ehre, kein Arzt mag dich heilen. O weh, daß Herzeleidens Sohn an Preise so gesunken! O Montsalvatsch, Ziel des Jammers, weh, daß dich niemand trösten will!« Bestürzung und Trauer herrscht im Kreise; Cundrie, selbst weinend und händeringend, reitet hinweg. Parzival aber, der Welt zum Spotte geworden, sagt sich von der Tafelrunde los und zieht von dannen, an Gott verzweifelnd. Manches Land hat der junge Held bestrichen, zu Roß und zu Schiff, manchen Ritter im Lanzenbrechen gefällt, manch heiße Schlacht rühmlich mitgekämpft. In Kirchen oder Münstern, wo man Gottes Preis verkündet, wird er nie gesehen, nur Kampf und Streit sucht er. Einst liegt morgens ein dünner Schnee, als Parzival in einem großen Walde reitet. Eine fromme Schar zieht daher, barfuß, in grauen, rauhen Röcken. Voran ein alter Ritter mit grauem Bart, schönem und lichtem Antlitz, mit ihm seine Frau, dann seine Töchter, zwo liebliche Jungfrauen; ihr Mund, trotz des Frostes rot und heiß, stimmt wenig zum Ernste des Tages; nebenher laufen zierliche Frauenhündlein; Ritter und Knappen, demütigen Gangs, folgen nach. Parzival, dessen Ritterschmuck dem Gewande der Waller gar ungleich steht, lenkt sein Roß aus dem Pfade. Der graue Ritter beklagt ihn, daß er an so heiligen Tagen in vollem Harnisch umherreiten müsse. »Was kümmern mich,« erwidert Parzival, »des Jahres Anfang, der Wochen Zahl, der Tage Namen? einst dient' ich einem, der heißt Gott; seine Hilfe ward mir gepriesen, Schmach, für Hilfe, hat er über mich verhängt.« Da mahnt der Greis den Zweifler, daß heute der Tag sei, des alle Welt mit Seufzen sich freuen möge, der Tag, an dem Gottes große Treue so hilfreich sich erzeigt, daß er für unsre Schuld am Kreuze gestorben. Er rät Parzivaln, auf der Spur, die er getreten finde, nach der nahen Wohnung eines heiligen Mannes zu reiten, zu dem er selbst heute, wie jeden Karfreitag, eine Gottesfahrt getan. Die Töchter meinen, den jungen Ritter müsse im eisernen Harnisch frieren, besser würd' er zu den Zelten ihres Vaters gewiesen. Parzival aber scheidet von ihnen, sein Herz ist bewegt, er denkt wieder an seinen allmächtigen Schöpfer; dem Rosse läßt er die Zügel hängen: ist heute Gottes Hilfetag, so helf' er und weise den rechten Weg! Das Roß geht wirklich der Höhle zu, wo Trevrezent sich zum Himmel bereitet. Am Feuer des Einsiedlers erwärmt Parzival. Er lernt in Trevrezent seinen Oheim kennen, erfährt von ihm die Wunder des Grals und die Geschichten von Titurels Geschlecht; auch den Tod seiner Mutter vernimmt er, und wie er selbst der Drache war, den sie gesäugt. Fünfzehn Tage verweilt er und empfängt des Oheims heilige Lehren. Kräuter und Wurzeln, aus dem Schnee gegraben, sind ihre magere Speise, und doch ward Parzival nie so köstlich bewirtet; an der Seele genesen, mit neuem Vertrauen auf Gott, verläßt er die Höhle. Fünf Jahre schon ist Parzival nach dem Gral umhergestreift. Wieder sitzt er am Tische des Königs Artus und abermals kommt Cundrie angeritten, in schwarzem Mantel, mit goldnen Tauben, dem Wappen des Grals. Noch unerkannt, fällt sie zu Parzivals Füßen und fleht weinend um seine Huld. Dann wirft sie ihr Hauptgebände von sich und verkündet die freudige Botschaft, daß Parzival durch die Schrift am Grale zum Herrn desselben berufen sei. Segensreich preist sie den Stand der Gestirne. Freudetränen fließen aus Parzivals Augen; er macht sich mit Cundrien auf den Weg nach Montsalvatsch. Eine Schar von Templern, die ihnen im Walde begegnet, springt von den Rossen und empfängt mit abgebundenen Helmen den neuen König. Ein Segen deucht ihnen sein Gruß. Es ist eben die Zeit, da des Amfortas Schmerzen sich erneuen. Duftende Würzen sind umhergestreut; das Aloefeuer brennt; mit den edelsten Steinen, von heilender Kraft, ist das Bett besät; doch nichts lindert die Qual. Da erscheint Parzival; ihn fleht Amfortas um das eine, daß der Gral sieben Nächte und acht Tage aus seinen Augen gerückt bleibe. Parzival aber wirft sich dreimal vor dem Grale nieder und betet, daß die Not des armen Mannes ende. Plötzlich kommt ein herrlicher Glanz über den Kranken; in blühender Schönheit erhebt er sich vom Siechenbett. Ritterlich bricht er wieder manchen Speer im Dienste des Grals, nicht um Frauengunst. Von Cundrien hat Parzival auch das vernommen, daß Condwiramurs ihm Zwillingssöhne geboren habe. Schon ist nach ihr gesendet und Parzival reitet ihr entgegen. Am frühen Morgen kommt er zu der Aue, wo sie gelagert ist. Als er in ihr Gezelt tritt, schläft sie noch, neben ihr die beiden Kinder. Freudig springt sie auf und empfängt den Gemahl. Zürnen sollte sie, aber sie kann nicht. Es ist dieselbe Stelle, wo einst Blut und Schnee ihm den Sinn entrückt. Hier ist wieder beides, doch nicht der leere Schein. Ferafis Bevor noch Gamuret von Anjou Herzeloiden, Parzivals Mutter, gefunden, wirft ihn auf Ritterfahrten ein Sturm vor die Burg der Mohrenkönigin Belacane, die von Feinden hart bedrängt wird. Er befreit sie und ihre Minne lohnt ihm. Wohl gleicht sie nicht dem lichten Tage noch der tauigen Rose, dennoch tut es seinen Augen wohl, wenn durch die Krone von Rubin ihr dunkles Haupt erscheint. Ihre Schwärze deucht ihm schöner, denn das Licht der Sonne. Noch lange kann er nirgends weilen, in der Nacht einst schifft er von dannen. Die trauernde Belacane genest eines Sohnes, der zweier Farben ist, weiß und schwarz, der Elster gleich. Immer küßt sie ihn an die weißen Male, Gamurets gedenkend. Ferafis artet dem Vater nach; er wird ein kühner Streiter im Dienste der Frauen. Viel Könige hat er bezwungen; ererbt und erstritten, dienen ihm zwanzig Lande, die reichsten der Welt; keines der zwanzig Völker versteht die Sprache des andern. Wie ein Gott wird Ferafis angebetet. Mit großem Heere fährt er aus, seinen tapfern Vater zu suchen. Einst als seine Schiffe, um Wasser zu fassen, geankert, reitet er allein in einen Wald, wo Parzival, sein Bruder, ihm begegnet. Diesem steht ein Kampf bevor, wogegen alle früheren Kinderspiel waren. Herrlich gerüstet ist Ferafis. Sein glänzendweißer Wappenrock ist von Salamandern im heißen Feuer gewirkt; die edelsten Steine, dunkel und licht, Kraft und Mut verleihend, liegen darauf. Auf dem Helme trägt er das Tierlein Ecidämon, dessen Geruch alle giftigen Würme tötet. Mit dem teuersten Seidenzug ist sein Roß gedeckt. Sein Schild, gleichfalls reich besteint, ist von dem Holz Aspinde, das weder fault noch brennt. In solchen Waffen blieb er unverletzt, als er im fernen Osten mit einem feurigen Ritter stach. All sein Schmuck ist Geschenk schöner Frauen. So halten, unerkannt, sich gegenüber die beiden, die an Sittigkeit Lämmer, an Kühnheit Löwen sind. Den Löwen gebiert seine Mutter tot, von seines Vaters Brüllen wird er lebendig: Gamurets Söhne sind aus Speereskrachen erboren. Ist die Erde nicht breit genug, daß die sich feindlich treffen müssen, die ein Leib und Blut sind? Keiner kann in diesem Kampfe gewinnen. Die Speere sind zersplittert, sie springen von den Rossen und lassen die Schwerter klingen. Feuer sprüht von den Helmen; von des Heiden Schilde fliegen Späne, mancher hundert Marke wert. Da bricht Parzivals Klinge. Ferafis, der von dem Schlag aufs Knie gesunken, springt auf, doch läßt er vom Kampfe, weil der Gegner das Schwert verloren. Sie setzen sich, um auszuruhen, auf das Gras. Ferafis wirft sein Schwert weithin in den Wald, damit gleiches Spiel sei. Im Gespräch erkennen sie sich und küssen sich als Brüder. »Gepriesen sei des Planeten Schein,« ruft Ferafis, »darin meine Reise getan ward; gepriesen Luft und Tau, der heute morgen auf mich fiel!« Ferafis hört, daß sein Vater nicht mehr lebe, er hat dafür den Bruder gefunden. Bald hernach wird Parzival zum Grale gerufen, er darf sich einen Gefährten wählen und er nimmt dazu den Bruder. Lohengrin, Parzivals Knabe, fürchtet sich, als er den halbschwarzen Oheim küssen soll. Beim Mahle wird der Gral vorgetragen, doch der Heide kann das Heiligtum nicht sehen, er sieht nur die grüne Seide, darauf es getragen wird. Aber in das Herz geht ihm der Anblick der schönen Urepanse, die den Gral trägt; bleich wird er an seinem weißen Teile. Am nächsten Morgen läßt er sich im Tempel des Grals taufen. Er glaubt, was man ihn glauben heißt; der Gott, an den Urepanse glaubt, ist ihm der rechte. Dem Getauften wird die Jungfrau anvermählt; er führt sie mit sich nach Indien, wo er das Christentum ausbreiten hilft. Lohengrin In brünstigem Gebete kniet jeden Tag die schöne Else, des Herzogs von Brabant und Limburg verwaiste Tochter. Friedlich von Tolramund, ein Dienstmann ihres Vaters, behauptet, sie hab' ihm die Ehe gelobt. Ein Kampf vor Gericht soll entscheiden. Kein Streiter wagt sich für Elsen, so gefürchtet ist Friedrichs Arm. Wenn sie nun weinend vor dem Altare liegt, dann läutet sie, zum Zeichen ihrer Not, ein goldnes Glocklein, das sie einst einem beschädigten Falken abgelöst. Der Klang dringt fernhin durch die Wolken, wie Donner erschallt er unablässig auf der Burg des Grals. Auf diesen Ruf um Hilfe wird Lohengrin, Parzivals Sohn, ausgesendet. Schon setzt er den Fuß in den Stegreif, als ein Schwan daherschwimmt, der ein kleines Schiff zieht. Lohengrin läßt das Roß und tritt in das Fahrzeug. Ein schneller Strom trägt ihn auf das Meer; die Wogen werfen ihn hoch empor. Fünf Tage schon fastet er, da fängt der Schwan ein Fischlein und teilt seine Speise mit dem Ritter. Auf dem Schilde schlafend, kommt Lohengrin zu Antwerpen an das Gestad, eben zu rechter Zeit, um den Kampf zu bestehen. Der Schwan fährt mit dem Schifflein zurück. Lohengrin aber siegt im Zweikampf und gewinnt die Hand der Fürstin. Das bedingt er, daß sie ihn nie um seine Herkunft frage, wenn sie ihn nicht verlieren wolle. Seit Parzival zu fragen vergessen, ist dem Gral Frage zuwider und die Männer werden nur heimlich weggegeben. Lohengrin lebt lange Zeit glücklich mit Elsen, auch dient er dem Kaiser, von dem er mit den Landen belehnt ward, gegen Hunnen und Heiden. Einst fällt er im Ritterspiel den Herzog von Cleve, wobei dieser den Arm zerbricht. Seine Gemahlin, deshalb erbittert, spricht vor den Frauen zweideutig von Lohengrins dunkler Herkunft. In der Nacht weint Else über diese Reden; ebenso in der zweiten Nacht, in der dritten aber bittet sie den Gemahl, um ihrer Kinder willen, ihr zu sagen, von wannen er geboren sei, obgleich das Herz ihr sage, er sei reich an Adel. Lohengrin nennt sein Geschlecht; dann heißt er seine zween Knaben bringen, küßt sie zum Abschied und befiehlt, Horn und Schwert, so er mitgebracht, ihnen aufzubehalten; der Herzogin läßt er den Ring, den ihm seine Mutter gegeben. Sein Freund, der Schwan, kommt wieder mit dem Schifflein und Lohengrin fährt Wasser und Wege hin, bis wieder zum Gral. Die Herzogin fällt in Unmacht, und ihr Leben lang klagt sie um den verlorenen Gemahl. Trauriger noch wird Lohengrins Schicksal so erzählt: Er kommt in das Herzogtum Lyzaborie (Luxenburg?) und gewinnt die Erbin des Landes, die schöne Belaye. Sie hütet sich vor Frage, aber sie fürchtet seinen Wankelmut. Sie liebt ihn so heftig, daß sie ohne Besinnung hinfällt, wenn sie ihn nicht sieht. Niemals will sie ihn von sich lassen. Lohengrin, der nicht gern so träges Leben führt, reitet oft zu jagen aus. Dann liegt sie ohne Kraft und Sprache da. Vergeblich werden Ärzte und Sternkundige befragt, ob Zauberei im Spiele sei. Ihre Verwandten werden ihm darüber gram. Ein Kammerweib aber rät ihr, wie sie des Geliebten sich versichern könne; wenn er müde von der Jagd entschlafen sei, soll sie ein Stück von seinem Leibe schneiden lassen und essen. Belaye zürnt über den Ratschlag; lieber will sie sterben, als schuldig sein, daß ihm ein Finger schwäre. Die Ratgeberin, aus Belayens Huld verwiesen, wendet sich an die Verwandten und beredet sie, des Frevels sich zu verwegen. Als Lohengrin einst auf der Jagd ausruht, bedünkt ihn im Schlaf, als wären tausend Schwerter über ihn gezückt. Auffahrend sieht er die Schwerter der Verräter. Männlich setzt er sich zur Wehr, sie erschrecken, ihrer Schuld bewußt. Viele streckt er nieder, doch die Menge siegt. Er empfängt in den linken Arm eine Wunde, wo kein Arzt sie heilen kann. Da fallen sie alle ihm zu Füßen, seine Tugend geht ihnen zu Herzen. Als Belaye seinen Tod erfährt, stirbt sie vor Herzeleid. Ein Kloster wird gebaut, darin man sie zusammen besargt. Noch werden dort ihre gebalsamten Leichen gezeigt. Das Land, sonst Lyzaborie genannt, heißt nach ihm fortan Lothringen. Des Grals Zug nach Indien In Salvaterre, weit um den Gral, mehren sich ruchlose Nachbarn, die seinem Volke ein Greuel sind. Sünden, die wir jetzt gering wägen, deuchten damals ungeheuer. Vergeblich sucht man auf Montsalvatsch mit Gebet, Fasten und Kreuzgang den Fall der sündigen Seelen abzuwenden. Der Gral will nicht länger bleiben, er begehrt dahin, von wo das Licht der wonnebringenden Sonne kommt. Sie ziehen aus Salvaterre, auf zwo Rasten darf ihrer Fahrt niemand nahen, der ihnen schaden wollte. Die Christen, die mit Ehrfurcht entgegenkommen, werden vom Grale gespeiset, Klöster, Krankenhäuser, arme Leute werden beschenkt. In der Habe von Marsilie schiffen sie sich ein. Stets segeln sie mit günstigem Winde. An dem Schiffe des Grals verliert der Magnetberg seine Kraft. Heiden, die dort festsitzen, werden gerettet und lassen sich taufen. Das Lebermeer, darin sonst die Kiele stehen und starren, zerfließt, wie Eis am Feuer. An brennenden Bergen vorbei, oft unterirdisch durch Gebirge, fahren sie dahin. Sie sehen den Kampf der Ungeheuer zu Land und Meer. Dem Gral weit entgegen reitet Ferafis, der seine Lande zum Christentum bekehrt. Mit feierlichen Umgängen wird das Heiligtum empfangen. Ferafis selbst hat seine Reiche dem heiligen Priester Johann zu Dienste gegeben, dem die drei Indien dienen. Drei Vierteile der Welt gehorchen seinem Winke. Nahe dem Paradiese wohnt er, von dem heilkräftige Wasser niederströmen, Edelsteine mit sich führend. Alles ist Wunder in jenen Gegenden. Reich an Schätzen sind die Bewohner, reicher noch an Tugenden. Wer ihnen von Meineid, Diebstahl, Raub, Geiz, Unglauben, Verrat spräche, sie wüßten nicht, was er meinte. Glänzend sind des priesterlichen Herrschers Paläste, wo Bischöfe und Patriarchen, die zugleich Könige sind, der Hofämter walten: gewaltig sein Aufzug, wenn er gegen Feinde fährt; viele kostbare Kreuze werden dann vorangetragen. Wer den Sonnenstand zählt, der überzählt dieses Königs Herrschaft. Dorthin erheben sich die Templer und Priester Johann zieht ihnen festlich entgegen. Sie sehen all die Herrlichkeit und wünschen, daß hier der Tempel des Grals wäre. Manch Gebet wird darum vor dem Gral verrichtet. Und sieh! als die Sonne den Tag bringt, erhebt sich in ihrem Strahle der Tempel mit der Burg Montsalvatsch. Nicht sollt' er dem argen Volke in Salvaterre gelassen werden. Nie ward so viel nach Rom gewallt, als nun die Straße gen Indien zum Tempel des Grals betreten wird. Fürder wird niemand mehr vom Grale gespeist, seit dieser in ein Land gekommen, wo nirgends Mangel ist. »Nun erst ist er behalten vor aller Wandelung,« spricht Titurel; »ein halb Jahrtausend hab' ich sein Kunde, er ist nun heimgekommen, auch meine Seele will jetzt heim zum Paradiese fahren.« Der Greis begehrt, daß man ihm den Gral nicht mehr vor Augen bringe; so geht er am neunten Tage zur Ruhe. Priester Johann überträgt seine Herrschaft auf Parzivaln, wegen Heiligkeit des Grals und weil die Lande eines tapfern Schwertes gegen die Heidenschaft bedürfen. Parzival weigert sich aus Demut, aber am Gral steht geschrieben, zehn Jahre soll er König sein und Priester Johann heißen; länger nicht, weil seine Mutter vor Kummer um ihn gestorben. Ihm folgt ein Sohn von Ferafis. Die sonnengleichen Kinder der beiden Brüder wachsen an Ehren vor andrem Geschlecht, wie Lilien über Ostergloien (Sternblumen). Wer Priester Johann werden soll, stehe heute noch jedesmal am Grale mit Gold geschrieben.