Jules Verne Abenteuer des Kapitän Hatteras Erster Band Die Engländer am Nordpol. Inhalt 1 Capitel. Der Forward. 2 Capitel. Ein unerwarteter Brief. 3 Capitel. Der Doctor Clawbonny. 4 Capitel. Kapitän Hund. 5 Capitel. Auf hoher See. 6 Capitel. Die große Polarströmung. 7 Capitel. Die Davis-Straße. 8 Capitel. Gespräche der Mannschaft. 9 Capitel. Eine Neuigkeit. 10 Capitel. Gefährliche Fahrt. 11 Capitel. Der Teufels-Daumen. 12 Capitel. Der Kapitän Hatteras. 13 Capitel. Des Kapitän Hatteras Pläne. 14 Capitel. Zur Auffindung Franklin's. 15 Capitel. Der Forward südwärts zurück getrieben. 16 Capitel. Der magnetische Pol. 17 Capitel. Katastrophe des Sir John Franklin. 18 Capitel. Nordwärts. 19 Capitel. Ein Wallfisch in Sicht. 20 Capitel. Die Insel Beechey. 21 Kapitel. Bellot's Tod. 22 Capitel. Anfang des Aufruhrs. 23 Capitel. Erstürmung der Eisblöcke. 24 Capitel. Vorbereitungen für Ueberwinterung. 25 Capitel. Ein alter Fuchs von James Roß. 26 Capitel. Das letzte Bröcklein Kohle. 27 Capitel. Die große Weihnachtskälte. 28 Capitel. Vorbereitungen zur Abreise. 29 Capitel. Ueber das Eisfeld. 30 Capitel. Ein Cairn. 31 Capitel. Simpson's Tod. 32 Capitel. Rückkehr zum Forward. Erstes Capitel. Der Forward. »Morgen bei fallender Fluth wird die Brigg Forward, Kapitän K. Z. , Lieutenant Richard Shandon, von New-Prince's-Docks abfahren. Bestimmung unbekannt.« So las man im »Liverpool-Herald« am 5. April 1860. Für einen der ersten Handelshäfen Englands ist die Abfahrt einer Brigg ein unbedeutendes Ereigniß, das inmitten der Schiffe jeder Größe und jeder Nationalität kaum bemerkt wird. Dennoch fand sich am 6. April vom frühen Morgen an eine ansehnliche Volksmenge auf den Quais der New-Prince's-Docks ein. Die unzählbare Corporation der Seeleute der Stadt schien sich da ein Rendezvous zu geben. Die Arbeiter der benachbarten Werfte verließen ihr Tagewerk, die Kaufleute ihre düstern Comptoire, ihre unbesuchten Gewölbe. Die bunten Omnibus, welche längs der äußern Mauer der Baffins fahren, brachten jede Minute eine Ladung Neugieriger; die Stadt schien nur einen einzigen Gedanken zu haben: der Abfahrt des Forward beizuwohnen. Der Forward war eine Brigg von hundertundsiebenzig Tonnen Gehalt, ein Schraubendampfer von hundertundzwanzig Pferdekraft. Bot er auch den Augen des Publicums nichts außerordentliches dar, so nahmen doch Kenner einige Besonderheiten wahr, welche jeder Seemann verstand. Daher machte sich auch eine Gruppe Matrosen an Bord des in der Nähe ankernden Nautilus über die Bestimmung des Forward allerhand Vermuthungen. »Was soll man, sagte einer, von diesen Masten denken? es ist doch nicht gebräuchlich, daß Dampfschiffe so viel Segel haben. – Das Fahrzeug muß, erwiderte ein Bootsmann mit breitem, rothem Gesicht, sich mehr auf seine Masten als seine Maschine verlassen wollen, und wenn es so stark in hohen Segeln ist, so geschah es wohl deshalb, weil die niedrigen oft maskirt sein werden. Darum glaub' ich sicher, daß der Forward für die Nord- oder Süd-Polarmeere bestimmt ist, wo die Eisberge den Wind mehr hemmen, als es einem tüchtigen Schiffe paßt. – Sie sollen Recht haben, Meister Cornhill, versetzte ein dritter Matrose, haben Sie auch bemerkt, wie dieser Vordersteven gerade auf's Meer fällt? – Und dazu, sagte Meister Cornhill, ist er mit einer Schneide von Gußstahl versehen, die scharf wie ein Rasirmesser ist, und einen Zweidecker entzweischneiden kann, wenn der Forward mit aller Kraft von der Seite her auf ihn eindringt. – Sicherlich, erwiderte ein Lootse der Mersey, denn diese Brigg fährt mit ihrer Schraube hübsch vierzehn Knoten. Es war zum Staunen, wie sie bei der Probefahrt die Strömung durchschnitt. Glauben Sie mir, 's ist ein feiner Segler. – Und ebenso ist sie mit ihren Segeln nicht in Verlegenheit, fuhr Meister Cornhill fort; es fährt stracks in den Wind und ist leicht mit der Hand zu lenken. Und noch etwas besonders! Haben Sie das weite Hennegat seines Steuerruders bemerkt? – Wahrhaftig, so ist es, erwiderten die andern, aber was ist daraus abzunehmen? – Es beweist dies für's erste, Ihr lieben Bursche, versetzte der Meister mit Selbstzufriedenheit, daß Ihr weder zu sehen, noch zu deuten versteht; es ist daraus abzunehmen, daß man dem Kopf des Steuers Spielraum geben wollte, um leichter seine Stelle zu ändern. Sie wissen wohl nicht, daß dies Manoeuvre zwischen den Eisblöcken oft vorkommt? – Vortrefflich geurtheilt, erwiderten die Matrosen des Nautilus. – Und zudem, fuhr der eine von ihnen fort, wird die Meinung des Meister Cornhill durch die Ladung der Brigg bestätigt. Ich weiß es von Clifton, der unerschrocken Theil nimmt. Der Forward nimmt für fünf bis sechs Jahre Lebensmittel, und dem entsprechend Kohlen mit. Die ganze Ladung desselben besteht aus Kohlen und Lebensmitteln, nebst einem Pack wollener Kleidung und Robbenfellen. – Ah! Dann ist auch nicht mehr daran zu zweifeln, sagte Meister Cornhill; aber kurz, mein Freund, da Du Clifton kennst, hat denn der nichts von seiner Bestimmung gesagt? – Er konnte mir nichts sagen, weil er's nicht weiß; darauf ist die Mannschaft geworben. Wohin es geht, soll man erst erfahren, wenn man an Ort und Stelle ist. – Und auch, erwiderte ein Ungläubiger, wenn sie zum Teufel gehen, wie es mir ganz den Anschein hat. – Aber auch was für ein Sold! fuhr Cliftons Freund lebhaft fort, welch' hoher Sold! Fünfmal höher, als der gewöhnliche. Ah! Sonst hätte Richard Shandon Niemand gefunden, der unter solchen Bedingungen sich hätte werben lassen! Ein Fahrzeug von auffallendem Bau, das wer weiß wohin fährt, und nicht aussieht als wolle es ernstlich wiederkommen! Ich meinestheils hätte nicht große Lust dazu. – Lust oder nicht, Freund, erwiderte Meister Cornhill, Du wärest nie fähig gewesen, der Bemannung des Forward anzugehören. – Und weshalb? – Weil Dir die nöthigen Erfordernisse abgehen. Ich habe mir sagen lassen, Verheiratete würden gar nicht angenommen. Da Du nun zu dieser Sorte gehörst, so brauchst Du nicht so spröde zu thun; für Dich freilich wär' es eine wahre Zwangspartie.« Der also angezapfte Matrose lachte mit seinen Kameraden, und gab damit zu erkennen, daß Meister Cornhill Recht hatte. Cornhill fuhr mit Selbstbefriedigung fort: »Bis auf den Namen ist auch alles an dem Schiff erschrecklich kühn! Der Forward – d. h. Vorwärts, bis wohin? Und dazu kennt man den Kapitän der Brigg nicht. – O ja! man kennt ihn, erwiderte ein junger Matrose mit etwas naivem Angesicht. – Wie? Man kennt ihn? – Allerdings. – Kleiner, sagte Cornhill, kannst Du glauben, daß Shandon Kapitän des Forward sein werde? – Aber, versetzte der junge Matrose ... – So laß Dir sagen, daß Shandon Unterbefehlshaber ist, weiter nichts; 's ist ein wackerer, kühner Seemann, ein Wallfischfahrer, der erprobt ist, ein tüchtiger Kamerad, aber schließlich doch nicht der Befehlshaber; er ist so wenig Kapitän, wie Du und ich, unbeschadet meinem Respect! Den, der nach unserm Herrgott an Bord befehlen wird, kennt er selber auch nicht. Wenn der rechte Zeitpunkt kommt, wird der wahre Kapitän zum Vorschein kommen, man weiß nicht wie, und wer weiß von welchem Ufer der beiden Welten; denn Richard Shandon hat nicht gesagt, und darf auch nicht sagen, wohin auf der Welt er fahren würde. – Dennoch, Meister Cornhill, fuhr der junge Seemann fort, versichere ich Sie, daß sich einer an Bord vorgestellt hat, einer in dem Schreiben, worin dem Herrn Shandon seine Stelle übertragen ward, angekündigt worden ist! – Wie? entgegnete Cornhill mit Stirnrunzeln, Du willst behaupten, der Forward habe einen Kapitän an Bord? – Ja wohl, Meister Cornhill. – Du sagst mir das, mir? – Allerdings, weil ich es von Johnson habe, dem Rüstmeister. – Von Meister Johnson? – Allerdings, er hat mir es selbst gesagt. – Er hat Dir's gesagt? – Er hat mir es nicht allein gesagt, sondern den Kapitän gezeigt. – Gezeigt hat er Dir ihn! erwiderte Cornhill betroffen. – Ja wohl, gezeigt. – Und Du hast ihn gesehen? – Mit eigenen Augen. – Und wer ist's? – Ein Hund. – Ein Hund? – Ein vierfüßiger? – Ja!« Die Matrosen des Nautilus waren ganz verdutzt; in jedem andern Falle würden sie hell aufgelacht haben. Ein Hund Kapitän einer Brigg von hundertundsiebenzig Tonnen! Aber der Forward war wirklich ein so außerordentliches Fahrzeug, daß man zweimal es ansehen mußte, ehe man lachte, ehe man in Abrede stellte. Uebrigens lachte selbst Meister Cornhill nicht. »Und Johnson hat Dir diesen so außerordentlichen Kapitän gezeigt, diesen Hund? fuhr er fort zu dem jungen Matrosen. – So wie ich Sie sehe, mit Erlaubniß. – Nun, was denken Sie davon? fragten die Matrosen den Meister Cornhill. – Ich denke, nichts, erwiderte dieser barsch, ich denke nichts, als daß der Forward ein Schiff des Teufels ist, oder Narren gehört, die für das Irrenhaus reif sind!« Die Matrosen sahen ferner den Forward schweigend an, und nicht einem einzigen von ihnen fiel es ein zu behaupten, der Johnson habe den jungen Seemann zum Besten gehabt. Der Forward zog übrigens seit einigen Monaten die öffentliche Aufmerksamkeit auf sich. Daß er etwas auffallend gebaut, mit Geheimniß umhüllt war; das Incognito seines Kapitäns; die Art, wie Richard Shandon seine Ausrüstung betrieb; die besondere Auswahl seiner Mannschaft; die unbekannte, von manchen kaum vermuthete Bestimmung desselben, – alles wirkte zusammen, der Brigg ein mehr als sonderbares Gepräge zu geben. Für einen Denker, Träumer, Philosophen hat übrigens ein Schiff, das abzufahren im Begriff ist, etwas höchst anregendes; die Phantasie begleitet es gerne bei seinem Ringen mit den Wogen, seinen Kämpfen mit den Winden, bei der abenteuerlichen Fahrt, die nicht immer im Hafen ihr Ziel findet, und wofern nur der geringste ungewöhnliche Zwischenfall eintritt, erhält das Schiff ein phantastisches Aussehen. So war es auch mit dem Forward. Und wenn die gewöhnlichen Zuschauer nicht so kundige Bemerkungen, wie Meister Cornhill, machen konnten, so gab es doch seit drei Monaten Stoff genug zu fortwährendem Gerede, für die Unterhaltung in Liverpool. Die Brigg wurde zu Birkenhead, einer wirklichen Vorstadt von Liverpool am linken Ufer der Mersey, gebaut, und durch Dampfbarken in unablässigem Verkehr mit dem Hafen gehalten. Die Erbauer, Scott \& Cie., hatten von Richard Shandon einen Aufriß und detaillirten Plan erhalten, welcher den Tonnengehalt, die Größenverhältnisse, das Modell der Brigg höchst genau angab. Man konnte darin den Scharfsinn eines vollendeten Seemanns erkennen. Da Shandon beträchtliche Mittel zur Verfügung hatte, so wurden die Arbeiten in Angriff genommen und nach der Weisung des unbekannten Eigentümers auf's rascheste betrieben. Die Bauart der Brigg war von erprobter Solidität; sie war offenbar bestimmt, enormem Druck zu widerstehen, denn ihr Fugenwerk aus Teak, einem indischen, durch äußerste Dauerhaftigkeit ausgezeichneten Bauholz, war noch dazu mit dem stärksten Eisenbeschlag versehen. Man fragte sich unter den Seeleuten, weshalb der Rumpf eines mit solchen Widerstandsverhältnissen gebauten Schiffes nicht aus Eisenblech gefertigt wurde, wie bei andern Dampfbooten. Darauf antwortete man, der geheimnißvolle Ingenieur müsse wohl seine Gründe dafür haben. Die Brigg nahm auf dem Werft allmälig ihre Gestalt an, und ihre Stärke wie Feinheit setzten die Kenner in Erstaunen. Wie die Matrosen des Nautilus bemerkt hatten, bildete sein Vordersteven einen rechten Winkel mit dem Kiel; es war nicht mit einem Schnabel versehen, sondern mit einer Schneide von Gußeisen aus den Werkstätten R. Hawthorn's zu Newcastle. Dieses metallene, im Sonnenschein blinkende Vordertheil, gab der Brigg, obwohl sie gar nichts Militärisches an sich hatte, ein ganz besonderes Aussehen. Doch wurde auf dem Vordercastell eine Kanone vom Kaliber eines Sechzehnpfünders aufgestellt; auf einem Zapfen sich drehend, konnte sie leicht nach allen Richtungen gestellt werden. Am 5. Februar 1860 wurde das seltsame Schiff im Angesicht einer ungeheuern Zuschauermenge vom Stapel gelassen, was vollkommen gelang. Aber welches war denn die Bestimmung des Schiffes? Es sollte den Erebus und Terror, den Sir John Franklin aufsuchen, nichts weiter. Denn im Jahr zuvor war der Commandant Mac Clintock mit sichern Beweisen vom Scheitern dieser unglücklichen Unternehmung aus den Nord-Polarmeeren heimgekehrt. Wollte denn der Forward nochmals die nordwestliche Durchfahrt machen? Wozu nützte dies? Der Kapitän Mac Clur hatte sie im Jahre 1853 aufgefunden, und sein Lieutenant Creswell hatte zuerst die Ehre, um das amerikanische Festland herum von der Behrings- bis zur Davis-Straße zu fahren. Es war jedoch für Sachverständige unzweifelhaft, daß der Forward den Eisregionen Trotz bieten sollte. Wollte er zum Südpol vordringen, noch weiter als der Wallfischfahrer Wedell, als der Kapitän Roß? Aber zu welchem Zweck und Nutzen? Am folgenden Tag, nachdem die Brigg vom Stapel gelaufen, kam ihre Maschine aus den Werkstätten von R. Hawthorn zu Newcastle an. Diese Maschine, von hundertundzwanzig Pferdekraft mit oscillirenden Cylindern, nahm wenig Raum ein: für ein Schiff von hundertundsiebenzig Tonnen eine bedeutende Kraft. Da es zudem reichlich mit Segeln versehen war, so besaß es außerordentliche Schnelligkeit, wie die Probefahrten bewiesen. Nachdem die Maschine an Bord war, begann das Einbringen der Vorräthe; keine geringe Arbeit, denn das Schiff wurde auf sechs Jahre verproviantirt. Die Lebensmittel bestanden aus gesalzenem und getrocknetem Fleisch, geräuchertem Fisch, Zwieback und Mehl; Kaffee und Thee wurden lavinengleich in die untern Räume gewälzt. Richard Shandon leitete die kostbare Befrachtung als ein Mann, der sich darauf verstand; alles wurde streng ordnungsmäßig packetirt, etikettirt, numerirt; auch wurde ein großer Vorrath von dem indischen Präparat, Pemmican genannt, welches sehr nahrhafte Bestandtheile enthält, mitgenommen. Diese Gattung von Lebensmitteln ließ keinen Zweifel, daß es auf eine langedauernde Expedition abgesehen war; und ein kundiger Beobachter begriff auf den ersten Blick, daß diese in die Polar-Meere gehen sollte, wenn er die Tonnen Lime-juice und Kalkpastillen, Päcke von Senf, Sauerampferkörnern und Löffelkraut sah, die Menge von solchen Mitteln gegen den Scorbut, welche man bei den Fahrten in die nördlichen und südlichen Zonen so nothwendig braucht. Shannon besorgte diesen Theil der Ladung mit ganz besonderer Sorgfalt. Waffen wurden wenige mitgenommen, aber eine Kammer mit Pulver gefüllt, was beunruhigen konnte; denn die einzige Kanone an Bord konnte solches Bedürfniß nicht haben. Ebenso wurde für riesenhafte Sägen gesorgt und starke Werkzeuge, wie Hobel, bleierne Keulen, Handsägen, enorme Beile etc., dazu eine ansehnliche Menge Spreng-Cylinder, womit man das ganze Zollgebäude Liverpools in die Luft sprengen konnte, Raketen und Kunstfeuer zu Signalen, Fanale aller Art. Die zahlreichen Zuschauer auf den Quais von New-Prince's-Docks bewunderten ferner ein langes Wallfischboot von Mahagoni, eine Pirogue von Blech mit Guttapercha bezogen, und eine Anzahl Halkett-boafs, Kautschuküberzüge, welche man durch Aufblasen in Canots verwandeln konnte. Jeder fühlte sich um so mehr beunruhigt, als mit der sinkenden Fluth der Forward zu seiner geheimnißvollen Bestimmung abzufahren im Begriff war. Zweites Capitel. Ein unerwarteter Brief. Das Schreiben, welches Richard Shandon acht Monate zuvor erhalten hatte, lautete wörtlich: Aberdeen , den 2. August 1859. »Herrn Richard Shandon, Liverpool. »Mein Herr. »Gegenwärtiges soll Sie in Kenntniß setzen, daß sechzehntausend Pfd. Sterling dem Bankhause Marcuart K Cie. in Liverpool zugestellt worden sind. Hier beifolgend eine Reihe von Anweisungen mit meiner Unterschrift, mit welchen Sie über Summen bis zu dem gedachten Betrag verfügen können. »Sie kennen mich nicht; darauf kommt wenig an. Ich kenne Sie, und das ist die Hauptsache. »Ich biete Ihnen die Stelle des Unterbefehlshabers an Bord der Brigg Forward, zu einer Expedition, die lang und gefährlich sein kann. »Lehnen Sie ab, so ist's nichts. Nehmen Sie an, so sollen Sie fünfhundert Pfund als Gehalt empfangen, und nach Verlauf jedes Jahres, so lange die Unternehmung dauert, soll Ihr Gehalt um ein Zehntheil erhöht werden. »Die Brigg Forward existirt noch nicht. Sie müssen sie noch bauen lassen, so daß sie spätestens zu Anfang April 1860 in die See stechen kann. Hierbei folgt ein detaillirter Plan mit Aufriß. Sie haben sich pünktlich daran zu halten. Das Schiff soll in den Werften der Herren Scott \& Cie. gezimmert werden, mit welchen Sie sich darüber zu benehmen haben. »Ich empfehle Ihnen ganz besonders die Bemannung des Forward; sie wird bestehen aus einem Kapitän, der bin ich, einem Lieutenant, Sie, einem dritten Officier, einem Rüstmeister, zwei Maschinisten, einem Eismeister, acht Matrosen und zwei Heizern, zusammen achtzehn Mann, inbegriffen den Doctor Clawbonny aus dieser Stadt, welcher zu gehöriger Zeit bei Ihnen erscheinen wird. »Die zur Theilnahme an der Expedition des Forward berufenen Leute müssen Engländer sein, frei, ohne Familie, unverheiratet, nüchtern (denn geistige Getränke und selbst Bier werden an Bord nicht geduldet), bereit alles zu unternehmen und alles zu ertragen. Sie werden dieselben vorzugsweise aus Leuten von sanguinischer Leibesbeschaffenheit wählen, welche eben deshalb das Lebensprincip thierischer Wärme in höherm Grade in sich enthalten. »Sie bieten ihnen das Fünffache ihres gewöhnlichen Soldes, mit einer jährlichen Zulage von einem Zehntel. Bei Beendigung der Unternehmung werden jedem derselben fünfhundert Pfund zugesichert, und zweitausend Pfund Ihnen. Diese Gelder werden von den obgedachten Herren Marcuart \& Cie. bezogen. »Diese Unternehmung wird lange dauern und voll Strapazen, aber ehrenvoll sein. Sie haben sich also nicht zu besinnen, Herr Shandon. »Antwort post restante Göteborg (Schweden) unter K. Z.« »P. S. Sie werden künftigen fünfzehnten Februar einen großen dänischen Hund mit herabhängenden Lefzen, schwärzlich fahl mit schwarzen Querstreifen empfangen. Sie wollen ihm an Bord eine Stätte anweisen und ihm Gerstenbrod vermischt mit Brühe von Talgbrot zum Futter geben. Den Empfang des Hundes melden Sie nach Livorno unter gleichen Buchstaben wie oben. »Der Kapitän des Forward wird zu passender Zeit sich einfinden und zu erkennen geben. Im Augenblick der Abfahrt werden Sie neue Instruktionen bekommen. Der Kapitän des Forward K. Z.« Drittes Capitel. Der Doctor Clawbonny. Richard Shandon war ein guter Seemann; er hatte lange Zeit Wallfischfänger in den Nord-Polarmeeren commandirt, und dabei in ganz Lancaster einen fest begründeten Ruf gewonnen. Ein solcher Brief konnte mit Recht tiefen Eindruck machen; dies geschah denn auch bei ihm, doch blieb er kaltblütig. Er befand sich zudem in den gewünschten Verhältnissen; weder Frau, noch Kinder, noch Verwandte; ein freier Mann, wie irgend einer. Da er also mit Niemand zu berathen hatte, begab er sich stracks zu den Banquiers Marcuart \& Cie. »Wenn das Geld da ist, sagte er sich, kommt das Uebrige von selbst.« Er wurde in dem Bankhause mit den Rücksichten empfangen, welche man einem Manne zollt, an den sechzehntausend Pfund ruhig in einer Kasse warten. Als dieser Punkt im reinen war, liess sich Shandon ein Blatt weißes Papier geben, und meldete mit derber Seemanns-Handschrift seine Annahme unter der angegebenen Adresse. Noch denselben Tag setzte er sich mit den Schiffbaumeistern zu Birkenhead in Verbindung, und vierundzwanzig Stunden nachher lag bereits der Kiel des Forward der Länge nach auf den Stapelblöcken des Zimmerplatzes. Richard Shandon war ein Junggeselle von vierzig Jahren, kräftig, energisch und tapfer, drei Vorzüge eines Seemanns, denn sie verleihen Zuversicht, Nachdruck und Kaltblütigkeit. Er war als ein eifersüchtiger und schwer zu befriedigender Charakter bekannt, daher auch nie von seinen Matrosen geliebt, vielmehr gefürchtet. Dieser Ruf ging übrigens nicht so weit, daß er ihm Mühe verursacht hätte, seine Mannschaft zusammenzubringen, denn man wußte, daß er gewandt sich aus der Noth herauszuziehen vermochte. Shandon besorgte, die geheimnißvolle Seite möge geeignet sein, ihn in seinem Vorgehen zu hemmen. »So ist's denn auch am besten, sagte er sich, nichts laut werden zu lassen; es giebt Seehunde, die möchten auch das Weil und Warum der Sache wissen, und da ich nichts weiß, so wäre ich sehr in Verlegenheit, ihnen zu antworten. Dieser K. Z. ist sicher ein sonderlicher Geselle; aber schließlich kennt er mich und rechnet auf mich: das genügt. Sein Schiff soll hübsch hergerichtet werden, und ich will nicht Richard Shandon heißen, wenn es nicht die Bestimmung hat, das Eismeer zu befahren. Aber das wollen wir unter uns behalten.« Darauf ließ sich Shandon angelegen sein, seine Mannschaft aufzubringen, und zwar genau unter den vom Kapitän vorgeschriebenen Bedingungen. Er kannte einen wackeren, sehr ergebenen Burschen, der ein guter Seemann war, James Wall mit Namen. Derselbe mochte dreißig Jahr alt sein, und hatte schon mehrmals die nördlichen Meere besucht. Shandon bot ihm die Stelle eines dritten Officiers an, und James Wall nahm ohne Weiteres an; es war ihm nur um die Fahrt zu thun. Shandon setzte ihm die Sache im Detail auseinander, und ebenso einem gewissen Johnson, den er zu seinem Rüstmeister machte. »Ein groß Glück ist's nicht, erwiderte James; soviel werth als sonst etwas. Handelt sich's darum, die nordwestliche Durchfahrt zu suchen, so kann man wieder heimkehren. – Nicht immer, erwiderte Meister Johnson; aber es ist das doch kein Grund, um die Fahrt nicht zu machen. – Uebrigens, irren wir nicht in unsern Vermuthungen, fuhr Shandon fort, so muß man zugeben, daß die Fahrt unter günstigen Umständen vor sich geht. Der Forward wird ein vorzügliches Schiff sein, und mit einer guten Maschine versehen kann er weit fahren. Wir brauchen nur achtzehn Mann im Ganzen. – Achtzehn Mann, versetzte Meister Johnson; soviel hatte der Amerikaner Kane an Bord, als er seine berühmte Fahrt nach dem Pol unternahm. –Es ist immer höchst auffallend, fuhr Wall fort, daß ein Privatmann noch einmal den Versuch macht, durch das Meer von der Davis- zur Behrings-Straße zu dringen. Die zum Auffinden des Admirals Franklin ausgeschickten Expeditionen haben England schon über siebenhundertundsechzigtausend Pfund gekostet, ohne zu irgend einem praktischen Resultat zu führen! Wer zum Teufel kann nochmals sein Vermögen an eine solche Unternehmung setzen? – Vor allem, James, erwiderte Shandon, raisonniren wir über eine bloße Vermuthung. Ob wir wirklich in die nördlichen oder südlichen Polar-Meere fahren werden, weiß ich nicht. Vielleicht handelt sich's darum, eine neue Entdeckung zu versuchen. Uebrigens soll über kurz oder lang ein gewisser Doctor Clawbonny sich einfinden, der wird ohne Zweifel mehr davon wissen und Auftrag haben uns darüber zu unterweisen. Werden schon sehen. – So warten wir also ab, sagte Meister Johnson; ich meinestheils will nun tüchtige Untergebene aufsuchen, Commandant; und was ihr Princip der Lebenswärme, wie der Kapitän sagt, betrifft, so will ich zum Voraus dafür einstehen. Sie können sich auf mich verlassen.« Dieser Johnson war ein sehr schätzbarer Mann; er war mit der Schifffahrt in den hohen Breitegraden vertraut. Er hatte sich als Quartiermeister an Bord des Phönix befunden, welcher zu den im Jahre 1853 zum Aufsuchen Franklins entsendeten Expeditionen gehörte; dieser wackere Seemann war sogar beim Tod des französischen Lieutenants Bellot zugegen, welchen er bei seiner Fahrt durch die Eisberge begleitete. Johnson kannte das Matrosenpersonal zu Liverpool, und machte sich sogleich an's Werk, seine Leute zusammenzubringen. Shandon, Wall und er hatten solchen Erfolg, daß schon in den ersten Decembertagen ihre Mannschaft vollständig beisammen war; doch ging es nicht ohne Schwierigkeiten ab; viele, die wohl durch die hohe Löhnung sich anlocken ließen, wurden doch durch die unbestimmte Zukunft der Expedition abgeschreckt, und mancher ließ sich zwar entschlossen anwerben, kam aber nach einiger Zeit wieder, um sein Wort und Draufgeld zurückzugeben. Alle versuchten übrigens durch das Geheimniß zu dringen, und drängten den Commandanten Richard mit Fragen; derselbe verwies sie an Meister Johnson. »Was willst Du, daß ich Dir sagen soll, mein Freund! erwiderte der Letztere unabänderlich; ich weiß nicht mehr als Du. Jedenfalls wirst Du Dich in guter Kameradschaft befinden mit unerschrockenen Gesellen, die nicht wanken; das ist schon etwas! Also nicht so viel Bedenken! es gilt annehmen oder lassen!« Und die meisten nahmen an. »Du begreifst wohl, fügte manchmal der Rüstmeister bei, daß mir die Wahl wehe thut. Eine so hohe Löhnung, wie man sie noch niemals erlebt hat, mit der Gewißheit, bei seiner Rückkehr ein hübsches Kapital beisammen zu haben, so etwas kann doch wohl anziehen. – Allerdings, erwiderten die Matrosen, das ist sehr verführerisch! Ein gutes Auskommen bis an's Ende seiner Tage! – Ich will indeß nicht verhehlen, fuhr dann Johnson fort, daß die Unternehmung langwierig, mühevoll und gefährlich ist; das steht ausdrücklich in unsern Instructionen; also muß man sich wohl merken, wozu man sich verbindlich macht; sehr wahrscheinlich, alles Menschenmögliche zu versuchen und vielleicht noch mehr! Also hast Du nicht Muth im Herzen, einen erprobten Charakter, hast Du nicht den Teufel im Leibe, magst Du Dir nicht sagen, daß zwanzig gegen eins Du dabei bleiben kannst, kurz, ist es Dir darum zu thun, daß Du Deine Haut lieber an dem Ort lässest, wie an einem andern – so kehre mir den Rücken und überlaß Deinen Platz einem kühneren Gesellen! – Aber doch, Meister Johnson, fuhr der Matrose, wenn ihm so zugesetzt wurde, fort, Sie kennen doch wenigstens den Kapitän? – Kapitän ist Freund Richard Shandon, bis daß ein anderer an seine Stelle tritt.« Das war auch wohl die Meinung des Commandanten; er gab sich gern der Idee hin, daß er im letzten Moment seine genauen Instructionen über das Reiseziel erhalten und dann Chef an Bord des Forward bleiben werde. Er verbreitete auch gern diese Meinung, sei's im Gespräch mit seinen Officieren, sei's im Verlauf der Schiffbauarbeiten. Shandon und Johnson hielten sich strenge an die hinsichtlich der Gesundheit der Mannschaft gegebenen Vorschriften; dieselbe hatte ein befriedigendes Aussehen; ihre elastischen Glieder, ihre klare und blühende Hautfarbe zeigte, daß sie die strengste Kälte auszuhalten fähig waren. Es waren zuversichtliche und entschlossene Männer, energisch und von dauerhafter Leibesbeschaffenheit. Die gesammte Mannschaft gehörte dem protestantischen Religionsbekenntniß an; das gemeinsame Gebet, das Bibellesen, trägt oft dazu bei, widerwärtige Gemüther in Eintracht zu halten und zur Zeit der Entmuthigung aufzurichten. Shandon wußte aus Erfahrung, wie ersprießlich diese Gewohnheiten in ihrem Einfluß auf die Sittlichkeit einer Mannschaft sind. Hierauf besorgten Shandon und seine beiden Officiere die Verproviantirung, wobei sie sich strenge an die Instructionen des Kapitäns hielten, welche klar, präcis und in's Einzelne gehend waren und die Quantität wie Qualität der geringsten Artikel vorschrieben. Die empfangenen Anweisungen setzten den Commandanten in Stand, jeden Artikel baar zu bezahlen, mit einem Discont von acht Procent, welchen Richard Shandon pünktlich zu Gunsten des K. Z. eintrug. Mannschaft, Proviant, Ladung, alles war im Januar 1860 bereit und fertig. Shandon fand sich tagtäglich zu Birkenhead ein. Am 23. Januar Vormittags befand er sich seiner Gewohnheit nach auf einer der breiten Dampfbarken, welche an beiden Enden mit einem Steuer versehen unablässig die Ueberfahrt von einem Ufer der Mersey an's andere besorgen; es herrschte damals einer der gewöhnlichen Nebel, welcher die Bootsleute des Flusses nöthigte, sich des Compasses zu bedienen, obwohl die Ueberfahrt kaum zehn Minuten währt. Indessen, so dick dieser Nebel war, sah Shandon durch denselben hindurch einen Mann von untersetzter Statur, etwas dick, mit feinen, muntern Gesichtszügen und freundlichem Blick, der auf ihn zuging, seine beiden Hände ergriff, und mit einer Wärme und Vertraulichkeit schüttelte, die, wie die Franzosen sich ausdrücken, »ganz südlich« war. Aber war dieser Mann auch nicht aus dem Süden, so kam er doch eben von dort; er sprach und gesticulirte flink; sein Gedanke machte sich Luft um jeden Preis; seine Augen, klein wie die eines Mannes von Geist, sein großer, beweglicher Mund, gaben der Ueberfülle des Inneren einen Ausweg; er sprach so viel und so lebhaft, daß Shandon, offen gestanden, nichts davon verstand. Doch erkannte der Schiffslieutenant sogleich den kleinen Mann, obschon er ihn nie gesehen hatte; und als dieser einmal Athem holte, äußerte Shandon rasch: »Der Doctor Clawbonny? – Er selbst, in eigner Person, Commandant! Seit einer vollen Viertelstunde suche ich Sie, frage allerwärts nach Ihnen! Sie sind es also, Commandant Richard Shandon? Sie sind's leibhaftig? Keine Mythe also? Ihre Hand, Ihre Hand! daß ich sie nochmals drücke. Wenn es nun einen Commandanten Richard Shandon giebt, so giebt es auch eine Brigg Forward unter seinem Befehl; und wenn er abfährt, wird er den Doctor Clawbonny mitnehmen. – Ja wohl, Doctor, ich bin Richard Shandon, es existirt eine Brigg Forward, die wird abfahren! – Das ist logisch, erwiderte der Doctor. Darum bin ich auch so froh, auf der Höhe meiner Wünsche! Seit langer Zeit wartete ich auf eine solche Gelegenheit, voll Sehnsucht, eine solche Reise zu machen. Nun, mit Ihnen, Commandant... – Gestatten Sie... sagte Shandon. – Mit Ihnen, fuhr Clawbonny fort, ohne ihn zu hören, werden wir gewiß weit fahren, und keinen Fußbreit weichen. – Aber... versetzte Shandon. – Denn Sie haben schon Proben abgelegt, Commandant, und ich weiß, was Sie geleistet haben. Ah! Sie sind ein stolzer Seemann! – Wollen Sie die Güte haben... – Nein, ich will Ihre Kühnheit, Ihre Tapferkeit und Geschicklichkeit nicht einen Augenblick in Zweifel gezogen haben, nicht einmal von Ihnen! Der Kapitän, der Sie zu seinem Stellvertreter gewählt hat, versteht sich darauf, dafür bürg' ich! – Aber darum handelt sich's nicht, sagte Shandon ungeduldig. – Und worum handelt sich's denn? Sie lassen mich lange schmachten. – Sie lassen mich ja nicht reden, zum Henker! Sagen Sie mir nur gefälligst, Doctor, wie sind Sie dazu gebracht worden, an der Expedition des Forward Theil zu nehmen? – Nur durch einen Brief, den ich hier Ihnen vorweise; er ist sehr lakonisch, aber hinreichend!« Mit diesen Worten überreichte er Shandon das Schreiben, welches also lautete: Inverneß , den 22. Januar 1860. »An den Doctor Clawbonny, Liverpool. »Wenn der Doctor Clawbonny sich für eine lange dauernde Expedition auf dem Forward einschiffen will, kann er sich dem Commandanten Richard Shandon vorstellen, welcher dafür instruirt ist. Der Kapitän des Forward. K. Z.« »Der Brief ist diesen Vormittag angekommen, und ich bin schon bereit, an Bord des Forward zu gehen. – Aber doch, fuhr Shandon fort, wissen Sie, Doctor, worin der Zweck dieser Reise besteht? – Durchaus nicht; aber was liegt daran? Gehe ich nur irgendwo hin. Man nennt mich einen Gelehrten; der bin ich nicht, Commandant, ich weiß nichts, und wenn ich einige Bücher schrieb, die Absatz finden, so that ich nicht wohl daran; das Publicum ist wohl so gütig, sie zu kaufen. Ich weiß nichts, sag' ich Ihnen; nur das weiß ich, daß ich nichts weiß. Nun bietet man mir an, meine Kenntnisse zu vervollständigen, oder, besser gesagt, mir erst Kenntnisse zu erwerben in Medicin, Chirurgie, Geschichte, Geographie, Botanik, Mineralogie, Conchyliologie, Geodäsie, Chemie, Physik, Mechanik, Hydrographie. Nun, ich nahm's an, und versichere Sie, daß ich mich nicht bitten lasse! – So wissen Sie also nicht, fuhr Shandon verdrießlich fort, wohin der Forward gehen soll? – O ja, Commandant; er fährt dahin, wo es etwas zu lernen, zu entdecken, sich zu belehren, zu vergleichen giebt, wo man andere Sitten, andere Länder, andere Völker trifft, um sie bei ihren Verrichtungen zu studieren; er fährt, mit einem Wort, dahin, wo ich noch niemals gewesen bin. – Aber specieller? rief Shandon. – Specieller, erwiderte der Doctor, ich hörte sagen, er fahre in die Nordmeere. Gut, ich bin es zufrieden nach Norden! – Sie, kennen doch, fragte Shandon, den Kapitän des Schiffes? – Im mindesten nicht! Aber, Sie dürfen mir's glauben, 's ist ein wackerer Mann!« Als der Commandant und der Doctor zu Birkenhead ausgestiegen waren, machte jener diesen mit der Sachlage bekannt, und dieses Geheimniß entzündete die Phantasie des Doctors. Beim Anblick der Brigg war er über die Maßen erfreut. Seit diesem Tag wich er Shandon nicht von der Seite, und besuchte jeden Morgen den Rumpf des Forward. Auch wurde er besonders beauftragt, die Einrichtung der Pharmacie an Bord zu überwachen. Denn dieser Clawbonny war Arzt, und sogar ein guter Arzt, aber mit wenig Praxis. Im fünfundzwanzigsten Jahre ein Doctor wie alle andern, war er im vierzigsten ein echter Gelehrter; sehr gekannt in der ganzen Stadt, wurde er ein einflußreiches Mitglied der literarischen und philosophischen Gesellschaft zu Liverpool. Sein kleines Vermögen gestattete ihm, unentgeltlichen Rath zu ertheilen, der darum nicht minder Werth hatte; geliebt, wie es einem ausnehmend liebenswürdigen Mann gebührte, fügte er nie Jemand ein Leid zu, nicht einmal sich selber; lebhaft und redselig, wenn man will, aber das Herz in der Hand, reichte er diese Jedermann. Als sich in der Stadt das Gerücht von seiner Aufnahme an Bord des Forward verbreitete, boten seine Freunde alles auf, ihn zurückzuhalten; aber das bestärkte ihn nur um so mehr in seinem Vorhaben. Wenn aber der Doctor irgendwo Wurzel gefaßt hatte, gehörte viel dazu, um ihn wieder von diesem Boden auszureißen! Von diesem Tage an nahmen die Vermuthungen und Befürchtungen in steigendem Maße zu; aber das hinderte nicht, daß der Forward am 5. Februar 1860 vom Stapel lief. Zwei Monat später war er zum Auslaufen bereit. Am 15. Februar, wie das Schreiben des Kapitäns angekündigt hatte, wurde auf der Eisenbahn von Edinburgh nach Liverpool ein Hund dänischer Race an Richard Shandon überschickt. Das Thier schien tückisch, scheu, selbst ein wenig schlimm, mit einem eigenthümlichen Blick. Auf seinem kupfernen Halsband war die Inschrift Forward. Der Commandant wies ihm sogleich an Bord seine Stätte an, und meldete den Empfang unter den angegebenen Buchstaben nach Livorno. So war also bis auf den Kapitän, die Bemannung vollständig. Sie bestand aus: 1. K.Z., Kapitän; 2. Richard Shandon, Commandant; James Wall, dritter Officier; Doctor Clawbonny; Johnson, Rüstmeister; Simpson, Harpunier; Bell, Zimmermann; Prunton, erster Maschinist; Plover, zweiter Maschinist; Strong (Neger), Koch; Joker, Eismeister; Wolsten, Waffenschmied; Bolton, Matrose; Garry, Matrose; Clifton, Matrose; Gripper, Matrose; Pen, Matrose; Waren, Heizer. Viertes Capitel. Kapitän Hund. Mit dem 5. April war der zur Abfahrt bestimmte Tag erschienen. Die Aufnahme des Doctors an Bord beruhigte ein wenig die Gemüther. Wohin der würdige Gelehrte zu gehen sich entschloß, konnte man getrost auch gehen. Doch waren die meisten Matrosen etwas unruhig, und Shandon, in Besorgniß, es möchten einige ausreißen, wünschte lebhaft auf hoher See zu sein. War einmal die Küste außer Sicht, so würde die Mannschaft sich darein ergeben. Die Cabine des Doctor Clawbonny lag im Hintergrund des Hüttendecks und nahm die ganze Rückseite des Schiffes ein. Die Cabinen des Kapitäns und des Schiffslieutenants, welche mehr zurückstanden, hatten eine Aussicht auf's Verdeck. Die des Kapitäns blieb, nachdem sie mit verschiedenen Instrumenten, Möbeln, Reisekleidern, Büchern, Kleidern zum Wechseln und Geräthschaften nach detaillirter Angabe ausgestattet worden, hermetisch verschlossen. Nach Weisung des Unbekannten wurde der Schlüssel zu dieser Cabine ihm nach Lübeck adressirt zugeschickt; er hatte also allein Zutritt zu seinem Gemach. Diese Bestimmungen waren Shandon nicht nach dem Sinn, und nahmen ihm viel Aussicht auf sein Obercommando. Seine eigene Cabine hatte er vollständig nach den Bedürfnissen der projectirten Reise eingerichtet, da ihm die Erfordernisse für eine Polar-Expedition gründlich bekannt waren. Das Zimmer des dritten Officiers lag innerhalb des falschen Verdecks, welches ein geräumiges Schlafgemach für die Matrosen bildete; die Leute hatten es hier sehr gemächlich, und sie hätten schwerlich an Bord eines andern Schiffes eine so bequeme Einrichtung getroffen. Man bewies ihnen eine Sorgfalt, wie einer Ladung von Werth; ein geräumiger Ofen nahm die Mitte des gemeinsamen Saales ein. Der Doctor Clawbonny fand alles nach Wunsch; er hatte seit dem 6. Februar, dem Tage nach dem Stapellassen des Forward, seine Cabine in Besitz genommen, und wie ein Kind Vergnügen daran gefunden, sein wissenschaftliches Gepäck in Ordnung zu bringen. Seine Bücher, Herbarien, Meßinstrumente, physikalischen Apparate, seine Sammlung von Thermometer, Barometer, Hygrometer, seine Brillen, Compasse, Sextanten, Karten, Pläne, die Fiolen, Pulver, Fläschchen seiner sehr vollständigen Reise-Apotheke, alles dies war dermaßen geordnet, daß es hätte das British Museum beschämen können. Dieser Raum von sechs Quadratfuß enthielt schätzbare Reichthümer. Er war stolz auf diese Ausstattung und glücklich in seinem schwimmenden Heiligthume, das leider so enge war, daß es seine zum Besuch hinströmenden Freunde nicht aufnehmen konnte. Zur vollständigen Beschreibung der Einrichtung des Forward habe ich noch beizufügen, daß die Lagerstätte des Hundes dicht unter dem Fenster der geheimnißvollen Cabine angebracht war; aber ihr wilder Bewohner zog vor, in den Gängen oder dem untersten Schiffsraum umherzustreifen, und bei Nacht hörte man ihn jämmerlich heulen, daß es in den leeren Räumen des Fahrzeugs in unheimlicher Weise widerhallte. That er dies aus Sehnsucht nach seinem abwesenden Herrn? oder aus innerm Vorgefühl drohender Gefahren? Die Matrosen waren geneigt das letztere zu glauben. Der Doctor Clawbonny, dessen Sanftmuth und Liebkosungen einen Tiger zähmen konnten, bemühte sich vergebens um die Gunst dieses Hundes; er verlor Zeit und Mühe. Da dieses Thier übrigens auf keinen der Namen hörte, welche sich im Hundekalender verzeichnet finden, so kamen die Leute an Bord zuletzt darauf, ihn Kapitän zu benennen, denn er schien die Gebräuche an Bord völlig zu kennen. Offenbar hatte er schon Seereisen gemacht. Unter den gegebenen Umständen war Richard Shandon nicht ohne Unruhe, und sprach diese am Abend vor der Abreise, dem 5. April, in einer Unterhaltung mit dem Doctor, Wall und Johnson aus. Diese vier befanden sich im Versammlungszimmer des Hüttendecks beim zehnten Gläschen Grog, ihrem letzten ohne Zweifel, da nach den Vorschriften des Schreibens aus Aberdeen die ganze Mannschaft, vom Kapitän bis zum Heizer an Bord, weder Wein, noch Bier oder geistige Getränke bekommen sollten, außer im Krankheitsfall auf Anordnung des Arztes. Seit einer Stunde sprach man von nichts als der bevorstehenden Abreise. Den Instructionen des Kapitäns nach mußte Shandon morgen ein Schreiben mit den letzten Anordnungen erhalten. »Wenn dies Schreiben, sagte der Commandant, mir nicht den Namen des Kapitäns angiebt, muß es uns wenigstens den Bestimmungsort des Schiffes melden. Wohinaus soll man sonst steuern? – Wahrhaftig, erwiderte der ungeduldige Doctor, an Ihrer Stelle würde ich selbst ohne den Brief abreisen; er würde uns wohl einzuholen verstehen, denk' ich. – Sie haben keine Vermuthung darüber, Doctor! Aber in welcher Richtung würden Sie steuern, wenn es beliebt? – Nach dem Nordpol zu, offenbar! Das versteht sich ja ohne allen Zweifel. – Ohne allen Zweifel! entgegnete Wall; und warum nicht nach dem Südpol? – Nach dem Südpol, schrie der Doctor, gewiß nicht! – Sollte der Kapitän den Gedanken haben, mit einer Brigg durch den ganzen Atlantischen Ocean zu fahren! Denken Sie doch einmal daran, lieber Wall. – Der Doctor hat auf alles eine Antwort, erwiderte letzterer. – Gut, also nach Norden, fuhr Shandon fort. Aber, sagen Sie mir, Doctor, meinen Sie nach Spitzbergen? Grönland? Labrador? Oder die Hudsonsbai? Führen diese verschiedenen Wege auch alle zu demselben Ziel, der undurchdringlichen Eisdecke, so wäre ich doch sehr in Verlegenheit, mich für einen oder den andern derselben zu entscheiden. Können Sie mir darüber eine entschiedene Antwort geben, Doctor? – Nein, erwiderte dieser in Verlegenheit; aber schließlich, was wollen Sie thun, wenn Sie kein Schreiben erhalten? – Nichts; abwarten. – Abfahren nicht? rief Clawbouny, und schwang sein Glas in Verzweiflung. – Allerdings nicht. – Das ist das Gescheiteste, erwiderte Meister Johnson gelassen, während der Doctor, der an seinem Platz keine Ruhe hatte, um den Tisch herum spazierte. Ja, das Gescheiteste; doch kann ein zu langes Abwarten mißliche Folgen haben: erstlich, die Witterung ist gut, und wenn es nach Norden zu geht, müssen wir den Eisbruch benutzen, um durch die Davis-Straße zu fahren; überdies wird die Mannschaft immer unruhiger; unsere Leute werden durch ihre Freunde und Kameraden veranlaßt, den Forward zu verlassen, und ihr Einfluß könnte uns einen schlimmen Streich spielen. – Man muß weiter annehmen, fuhr James Wall fort, daß, wenn eine Panik einträte, die Matrosen bis zum letzten Mann ausreißen würden; und ich weiß nicht, Commandant, ob es Ihnen gelingen würde, Ihre Mannschaft von neuem aufzubringen. – Aber was anfangen? schrie Shandon. – Was Sie gesagt haben, versetzte der Doctor: Abwarten, aber nur bis morgen, ehe man den Muth sinken läßt. Die Versprechungen des Kapitäns sind bisher mit einer Regelmäßigkeit erfüllt worden, die eine gute Bürgschaft ist; man hat also keinen Grund zu glauben, daß wir nicht zu richtiger Zeit über unsere Bestimmung werden in Kenntniß gesetzt werden; ich zweifle keinen Augenblick, daß wir morgen auf dem Irländischen Meere fahren; dazu, meine Freunde, schlage ich ein letztes Glas vor auf unsere glückliche Reise; sie beginnt zwar auf eine etwas unklare Weise, aber mit Seeleuten wie Sie giebt es tausend Wege zum guten Ende.« Und alle vier stießen zum letzten Mal an. »Jetzt, Commandant, fuhr Meister Johnson fort, darf ich Ihnen einen Rath geben, so besteht er darin: Sie treffen alle Vorbereitungen zur Abfahrt; die Mannschaft muß Sie ganz sicher wissen. Morgen, mag ein Brief kommen, oder nicht, machen Sie segelfertig, zu heizen ist noch nicht nöthig; es sieht aus, als wolle der Wind gut halten, und es ist leicht die hohe See zu gewinnen; der Lootse komme an Bord; zur Zeit der Fluth verlassen Sie die Docks und ankern draußen vor der Spitze von Birkenhead; dann haben unsere Leute mit dem Lande keine Verbindung mehr, und wenn der verteufelte Brief endlich kommt, wird er uns dort finden, wie anderwärts. – Brav gesprochen, wackerer Johnson! sagte der Doctor, und reichte dem alten Seemann die Hand. – So wollen wir es denn machen!« erwiderte Shandon. Jeder begab sich dann in seine Cabine und erwartete in unruhigem Schlaf den Sonnenaufgang. Am folgenden Morgen fand sich bei den ersten Briefabgaben in der Stadt nicht ein einziger an den Commandanten Richard Shandon. Demungeachtet machte dieser seine Vorbereitungen zur Abfahrt; das Gerücht davon verbreitete sich sogleich in Liverpool, und es strömte eine außerordentliche Menge von Zuschauern auf die Quais von New-Prince's Docks. Es kamen viele derselben an Bord der Brigg, dieser um von einem Kameraden Abschied zu nehmen, jener um einem Freund abzurathen, ein anderer um sich das seltsame Schiff zu besehen, wieder ein anderer, um den Zweck der Reise zu erfahren, und man murrte, als man den Commandanten schweigsamer und rückhaltender sah wie jemals. Dafür hatte er wohl seine Gründe. Es schlug zehn Uhr; elf sogar. Gegen ein Uhr Nachmittags sollte die Fluth fallen. Shandon warf vom Hüttendeck aus einen unruhigen Blick auf die Menge; die Matrosen vollzogen schweigend seine Befehle, stets die Augen auf ihn gerichtet, in Erwartung einer Mittheilung, welche ausblieb. Meister Johnson machte segelfertig; es war bedeckter Himmel, und vor den Baffins draußen ging die See sehr hohl; es wehte ein ziemlich starker Südost, doch konnte man leicht aus der Mersey herauskommen. Um zwölf Uhr noch nichts. Der Doctor Clawbonny ging unruhig auf und ab, lorgnettirte, gesticulirte. Er fühlte sich aufgeregt, was er auch thun mochte. Shandon biß sich die Lippen blutig. Jetzt trat Johnson heran und sagte zu ihm: »Commandant, wollen wir die Fluth benutzen, so dürfen wir keine Zeit verlieren; vor Ablauf einer guten Stunde kommen wir nicht aus den Docks heraus.« Shandon blickte noch einmal umher und sah auf seine Uhr. Die Zeit der Briefausgabe zu Mittag war vorüber. »Wohlan denn!« sagte er zu seinem Rüstmeister. Dieser rief den Zuschauern zu, das Verdeck zu räumen. Es entstand eine rege Bewegung, indem die Einen auf das Quai eilten, die Andern die Taue lösten. In der Verwirrung, da die Matrosen ohne viel Rücksicht die Neugierigen wegtrieben, hörte man den Hund heulen. Dies Thier sprang auf einmal vom Vordercastell mitten durch die dichte Menge. Man wich ihm aus; er sprang auf das Hüttendeck, und – tausend Zeugen sahen es – der Kapitän Hund hielt zwischen den Zähnen einen Brief. »Ein Brief! rief Shandon, aber da ist er ja an Bord? – Dagewesen ist er ohne Zweifel, aber nun ist er nicht mehr da, erwiderte Johnson, und zeigte auf das nun völlig geräumte Verdeck. Kapitän! Kapitän! ici !« rief der Doctor, und versuchte den Brief zu nehmen, aber der Hund wich ihm aus mit lebhaften Sprüngen. Es schien, er wolle seine Botschaft nur Shandon selbst einhändigen. »Kapitän, ici !« rief dieser. Der Hund kam herbei; Shandon nahm ihm den Brief ab, und Kapitän bellte dreimal laut beim tiefen Schweigen der Menge. Shandon zögerte den Brief zu öffnen. »Ei so lesen Sie doch! Lesen Sie!« rief der Doctor. Shandon sah ihn an. Die Adresse, ohne Ort und Datum lautete: »An den Commandanten Richard Shandon, an Bord der Brigg Forward.« Shandon öffnete und las: »Sie fahren nach dem Cap Farewell zu. Am 20. April werden Sie dort eintreffen. Wenn der Kapitän sich da nicht an Bord einfindet, fahren Sie durch die Davis-Straße und das Baffins-Meer hinauf bis zur Melville-Bai. Der Kapitän des Forward. K. Z.« Shandon legte den lakonischen Brief sorgfältig zusammen, steckte ihn in seine Tasche, und gab Befehl zur Abfahrt. Seine im Pfeifen des Ostwindes hallende Stimme hatte etwas Feierliches. Bald war der Forward aus den Baffins heraus, und fuhr, von einem Lootsen aus Liverpool geleitet, die Strömung des Mersey. Die Menge stürzte auf das äußere Quai längs den Docks Victoria, um das seltsame Schiff noch einmal zu sehen. Die Mastbäume waren rasch aufgerichtet, die Segel aufgehißt, und mit deren Beistand fuhr der Forward, nachdem er um die Spitze Birkenhead gebogen, äußerst schnell in's Irländische Meer. Fünftes Capitel. Auf hoher See. Der Wind war ungleich, doch günstig, mit starken Aprilstößen. Der Forward durchschnitt rasch das Meer, und seine Schraube beseitigte jedes Hinderniß. Gegen drei Uhr kreuzte er mit dem Post-Dampfer zwischen Liverpool und der Insel Man. Der Kapitän rief ihn von seinem Bord aus an, das letzte Lebewohl, welches die Mannschaft des Forward zu hören bekam. Um fünf Uhr gab der Pilot die Leitung des Schiffes an Richard Shandon zurück, und sein Kutter verschwand bald im Südwest. Gegen Abend fuhr die Brigg um das Südende der Insel Man. Während der Nacht ging das Meer sehr hohl; der Forward hielt sich gut, ließ die Spitze von Ayr nordwestlich und steuerte dem Nord-Canal zu. Johnson hatte Recht; auf dem Meer gewann bei den Matrosen die Liebe zur See die Oberhand. Beim Anblick der Trefflichkeit des Fahrzeugs vergaßen sie das Besorgliche ihrer Lage. Das Leben an Bord gestaltete sich regelmäßig. Der Doctor schlürfte mit größtem Behagen die Seeluft; er ging kräftigen Schrittes allen Windstößen entgegen, für einen Gelehrten auf ziemlich seemännischem Fuß. »Das Meer ist doch etwas Herrliches, sagte er zu Meister Johnson, als er nach dem Frühstück wieder auf das Verdeck sich begab. Ich mache mich etwas spät mit demselben vertraut, aber ich werde mich bald darein finden. – Sie haben Recht, Herr Clawbonny; ich gäbe alle Continente der Welt für ein Stückchen Ocean. Man behauptet, die Seeleute würden bald ihr Geschäft müde; nun bin ich schon vierzig Jahre Seefahrer, und dies Leben gefällt mir noch so gut, wie am ersten Tag. – Es ist doch eine wahre Lust, ein gutes Schiff unter den Füßen zu haben, und irre ich nicht, so hält sich der Forward trefflich. – Sie urtheilen richtig, Doctor, erwiderte Shandon, der zu den beiden hinzutrat; 's ist ein trefflich Fahrzeug, und ich sage offen, noch nie ist ein für die Fahrt in's Eismeer bestimmtes Schiff besser versehen und bemannt gewesen. Das erinnert mich, wie vor dreißig Jahren der Kapitän James Roß, als er die nordwestliche Durchfahrt suchte ... – Er fuhr auf der Victoria, sagte lebhaft der Doctor, einer Brigg von etwa gleichem Tonnengehalt, wie die unsrige, und ebenfalls mit einer Dampfmaschine. – Wie? Das wissen Sie? – Urtheilen Sie selbst, fuhr der Doctor fort; damals waren die Maschinen noch in ihrer Kindheit, und die der Victoria verursachte derselben mehr wie eine nachtheilige Verzögerung: nachdem der Kapitän Roß sie Stück für Stück vergeblich reparirt hatte, ließ er sie zuletzt auseinander nehmen, und gab sie bei seinem ersten Winteraufenthalt auf. – Teufel! rief Shandon; Sie wissen es genau, sehe ich! – Was meinen Sie? fuhr der Doctor fort; das hat man vom Lesen. Ich habe die Werke von Parry, Roß, Franklin, die Berichte von Mac Clure, Kennedy, Kane, Mac Clintock gelesen, und es ist dabei etwas an mir hängen geblieben. Ich sage weiter, daß dieser nämliche Mac Clintock an Bord des Fox, einer Schraubenbrigg, wie die unsrige, leichter und directer zum Ziel gelangte, als alle seine Vorgänger. – Sie haben vollkommen Recht, erwiderte Shandon; dieser Mac Clintock ist ein kühner Seemann; ich hab' ihn bei der Arbeit gesehen; Sie können beifügen, daß wir uns gleich ihm schon im April in der Davis-Straße befinden werden, und wenn es uns gelingt, zwischen den Eisblöcken durchzudringen, so wird das unserer Reise einen bedeutenden Vorschub geben. – Sofern nicht, entgegnete der Doctor, es uns geht, wie dem Fox im Jahre 1857, daß wir gleich im ersten Jahre zwischen den Eisblöcken des nördlichen Baffins-Meeres stecken bleiben und mitten in der Eisdecke überwintern müssen. – Wir müssen hoffen, daß wir glücklicher sein werden, Herr Shandon, erwiderte Johnson; und wenn man mit einem Fahrzeug, wie der Forward nicht dringen kann, wohin man will, muß man es ganz aufgeben. – Uebrigens, fuhr der Doctor fort, wenn der Kapitän an Bord ist, wird er besser als wir wissen, was zu thun ist, und um so mehr, als es uns vollständig unbekannt ist; denn aus seinem gar zu lakonischen Briefe können wir den Reisezweck nicht errathen. – Es ist schon viel werth, erwiderte Shandon lebhaft, daß wir wissen, welchen Weg wir zu nehmen haben; und jetzt, seit einem Monat, denk' ich mir, wir können die übernatürliche Einwirkung dieses Unbekannten und seiner Instructionen schon entbehren. Uebrigens wissen Sie meine Meinung über ihn. – Ho! Ho! rief der Doctor aus, ich glaubte wie Sie, dieser Mann werde das Commando des Schiffes Ihnen lassen, und niemals an Bord kommen, aber ... – Aber? versetzte Shandon etwas ärgerlich. – Aber seit Ankunft des zweiten Briefes hab' ich in dieser Hinsicht meine Ideen ändern müssen. – Und weshalb, Doctor? – Weil dieser Brief Ihnen zwar die Richtung angiebt, welche genommen werden soll, allein über die Bestimmung des Forward keine Auskunft giebt; man muß aber doch wissen, wohin man fährt. Wie kann, frage ich, ein dritter Brief an Sie gelangen, weil wir uns auf hoher See befinden! Auf Grönland muß der Postdienst etwas zu wünschen übrig lassen. Sehen Sie, Shandon, ich denke mir, dieser Schalk wartet auf uns an einem dänischen Platze, zu Holsteinborg oder Uppernawick; dort wird er zu seiner Ladung noch Robbenfelle, Schlitten und Hunde kaufen, kurz alle Geräthschaften, welche für eine Reise in das nördliche Eismeer nöthig sind. Es wird mich daher wenig überraschen, wenn wir ihn eines schönen Morgens aus seiner Cabine herauskommen und das Commando auf eine durchaus nicht übernatürliche Weise führen sehen. – Möglich, erwiderte Shandon trocken; aber inzwischen weht frischer Wind, und es ist nicht klug, zu solcher Zeit seine Masten einer Gefahr auszusetzen.« Shandon verließ den Doctor und gab Befehl, die hohen Segel aufzugeien. »Es hält, sagte der Doctor zum Rüstmeister. – Ja, erwiderte letzterer, und das ist zu bedauern, denn Sie könnten wohl Recht haben, Herr Clawbonny.« Am Samstag gegen Abend fuhr der Forward am Vorgebirge Galloway vorüber, dessen Leuchtthurm nordöstlich bemerklich ward; während der Nacht ließ man das Vorgebirge Cantyre im Norden und Cap Fair im Osten der Küste Irlands. Gegen drei Uhr früh lief die Brigg neben der Insel Rathlin vorbei aus dem Nord-Canal in den Ocean. Es war Sonntag, der 8. April; die Engländer, besonders die Matrosen, feiern diesen Tag streng; daher widmete man einen Theil des Vormittags dem Vorlesen der Bibel, welches der Doctor gern vornahm. Der Wind wurde darauf zum Orkan, welcher die Brigg an die irländische Küste zurückzuwerfen drohte; die Wellen wurden stark, und das Schwanken des Schiffes arg. Der Doctor spürte nichts von der Seekrankheit, weil er nicht wollte. Um Mittag verschwand im Süden Cap Malinhead, das letzte Stück von Europa, welches die kühnen Seeleute erblicken sollten. Man befand sich damals unter 55° 57' Breite, und 7° 40' Länge. Gegen neun Uhr Abends legte sich der Sturm, und der Forward blieb als guter Segler in nordwestlicher Richtung: er war nach dem Urtheil der Kenner zu Liverpool vorzugsweise Segelschiff. Während der folgenden Tage kam der Forward rasch nordwärts voran; der Wind schlug um in Süd, und das Meer ging gewaltig hohl; die Brigg fuhr damals mit vollen Segeln. Einige Sturmvögel flatterten über dem Hinterverdeck; der Doctor war so glücklich einen der letzteren zu schießen, und derselbe fiel an Bord. Er verstand es auch denselben schmackhaft zuzubereiten, indem er zuerst alles unter der Haut liegende Fett ablöste, so daß der ranzige Geschmack, welcher den Seevögeln mitunter eigen ist, völlig beseitigt wurde. Während des letzten Sturmes hatte Richard Shandon Gelegenheit, sich von den Vorzügen seiner Leute besonders zu überzeugen. James Wall, der Richard höchst ergeben war, faßte gut auf, verstand gut auszuführen, aber es mochte ihm am selbständigen Auftreten fehlen; in einer Stellung dritten Ranges war sein Platz. Johnson, ein erfahrener Seemann, ergraut in Fahrten nach dem Eismeer, war an Kaltblütigkeit und Kühnheit unübertrefflich. Der Harpunier Simpson und der Zimmermann Bell waren zuverlässige Leute, an strenge Disciplin und Pflichterfüllung gewöhnt. Der Eismeister Foker, im Seedienst erfahren, in Johnson's Schule gebildet, versprach die trefflichsten Dienste zu leisten. Von den übrigen Matrosen schienen Garry und Bolton die besten zu sein: Bolton, ein lustiger Geselle, munter und redselig; Garry, ein Junggeselle von fünfunddreißig Jahren, energischen Gesichtszügen, doch etwas blaß und traurig. Die drei Matrosen Clifton, Gripper und Pen schienen weniger eifrig und weniger entschlossen; sie murrten gern. Gripper wäre bei der Abfahrt selbst den Dienst wieder aufzugeben geneigt gewesen, hätte ihn nicht einiges Schamgefühl gehalten. Ging es gut, waren nicht allzuviel Gefahren zu bestehen oder Manoeuvres auszuführen, so konnte man auf diese drei Männer bauen; aber man mußte sie tüchtig nähren. Trotz der Vorschrift fiel ihnen die Enthaltsamkeit schwer, und bei der Mahlzeit vermißten sie den Branntwein oder Gin; sie entschädigten sich jedoch am Kaffee oder Thee, welche reichlich an Bord gespendet wurden. Die beiden Maschinisten, Brunton und Plover, und der Heizer waren zufrieden, daß sie bis jetzt die Arme kreuzten. Shandon wußte also, wie er mit jedem daran war. Am 14. April durchschnitt der Forward den großen Golfstrom, welcher, nachdem er entlang der Ostküste Amerikas bis zur Bank New-Foundlands nordwärts geflossen, sich nordöstlich dem Gestade Norwegens zuwendet. Man befand sich damals unter 51° 37' Breite und 22° 58' Länge, zweihundert Meilen von der Spitze Grönlands ab. Das Wetter wurde kälter; das Thermometer fiel auf 0° des hunderttheiligen, d. h. den Gefrierpunkt. Der Doctor hatte noch nicht seine Polarwinterkleidung angezogen, sondern sein Seemannscostüm, gleich den Matrosen und Offizieren. Es war eine Lust, ihn zu sehen, wie er ganz in den hohen Stiefeln steckte, mit seinem großen Hut von Wachsleinwand, Hosen und Jacke von gleichem Stoff; durch die starken Regen und großen Wellen, welche die Brigg überschütteten, bekam der Doctor das Aussehen eines Seethieres, worauf er sich etwas einbildete. Zwei Tage lang war das Meer äußerst unruhig; der Wind schlug um nordwestlich, und hemmte die Fahrt des Forward. Vom 14. bis 16. April ging die See sehr hoch; aber am Montag erfolgte ein heftiger Platzregen, der das Meer fast augenblicklich beruhigte. Shandon machte den Doctor auf diese eigenthümliche Erscheinung aufmerksam. »Ei, erwiderte letzterer, dies bestätigt die merkwürdigen Beobachtungen des Wallfischfahrers Scoresby, welcher Mitglied der königlichen Gesellschaft zu Edinburgh ist. Sie sehen, daß während des Regens die Wellen wenig merkbar sind, selbst bei heftigem Wind; dagegen bei trockenem Wetter würde die See auch bei minder starkem Wind mehr aufgeregt sein. – Aber, wie erklärt man diese Erscheinung, Doctor? – Sehr einfach, man erklärt sie nicht.« In diesem Augenblick machte der Eismeister auf eine rechts vom Bord, etwa fünfzehn Meilen unter'm Wind, schwimmende Masse aufmerksam. »Ein Eisberg in diesen Strichen!« sagte der Doctor. Shandon richtete sein Fernrohr nach der bezeichneten Stelle, und bestätigte die Angabe des Piloten. »Das ist merkwürdig! sagte der Doctor. – Darüber staunen Sie? sagte der Commandant lachend. Sollten wir so glücklich sein, auf etwas zu stoßen, das Sie in Erstaunen versetzt? – Es ist mir auffallend, ohne daß es mich in Staunen versetzte, erwiderte lächelnd der Doctor; denn die Brigg Ann de Poole aus Greenspond blieb im Jahre 1813 unter'm vierundvierzigsten Grade nördlicher Breite in wahren Eisfeldern stecken, und ihr Kapitän Dayement zählte die Blöcke nach Hunderten! – Gut! sagte Shandon, Sie können uns noch dazu belehren! – O! Das will noch wenig heißen, erwiderte bescheiden der liebenswürdige Clawbonny, ist man ja unter noch weit niedern Breitegraden auf Eisberge gestoßen. – Damit sagen Sie mir nichts neues, lieber Doctor. Als ich Schiffsjunge an Bord der Kriegscorvette Fly war ... – Im Jahre 1818, fuhr der Doctor fort, zu Ende März, oder auch April sind Sie unter'm zweiundvierzigsten Breitegrad zwischen zwei große schwimmende Eisinseln gerathen. – Ah! Das ist zu arg! rief Shandon aus. – Aber 's ist wahr; ich brauche also nicht in Staunen zu gerathen, wenn uns zwei Grad weiter nördlich ein schwimmender Eisberg aufstößt. – Sie sind wie ein Brunnen, Doctor, erwiderte der Commandant, aus dem man nur zu schöpfen braucht. – Gut! Ich werde rascher seicht werden, als sie sich denken, und jetzt, können wir die Erscheinung näher ansehen, Shandon, so würde mir es eine große Freude sein. – Sogleich. Johnson, sagte Shandon zu seinem Rüstmeister, der Wind wird, scheint es, stärker. – Ja, Commandant, erwiderte Johnson; wir gewinnen jedoch wenig, und die Strömung der Davis-Straße wird sich bald fühlbar machen. – Sie haben Recht, Johnson, und wenn wir am 20. April das Cap Farewell in Sicht haben wollen, müssen wir mit Dampf fahren, oder wir werden an die Küste von Labrador getrieben. Herr Wall, wollen Sie also Befehl zum Heizen ertheilen.« Dieser Befehl wurde ausgeführt; nach einer Stunde hatte der Dampf schon hinreichende Treibkraft; die Segel wurden beschlagen, und die Schraube trieb den Forward kräftig dem Nordwest entgegen. Sechstes Capitel. Die große Polarströmung. Bald ließen sich zahlreichere Schaaren von Vögeln, Sturmvögel und andere Bewohner dieser öden Gegenden sehen, woraus man die Nähe Grönlands erkannte. Der Forward fuhr rasch nordwärts. Am Dienstag, den 17. April, gegen elf Uhr Vormittags, meldete der Eismeister das erste Erscheinen des Eis-Blink, welches sich mindestens zwanzig Meilen in Nord-Nord-West zeigte. Es war ein blendend weißer Streifen, welcher trotz dichten Gewölkes den ganzen benachbarten Theil der Atmosphäre lebhaft erhellte. Die Leute von Erfahrung an Bord konnten über die Erscheinung keinen Zweifel haben, und sie erkannten an dem weißen Schein, daß dieser Blink von einem ausgedehnten Eisfeld dreißig Meilen über dem Gesichtskreis hinauskommen mußte, und durch Brechung der Lichtstrahlen entstand. Gegen Abend schlug der Wind südlich um, und ward günstig; Shandon konnte tüchtig Segel aufspannen und ließ aus Sparsamkeit die Heizung aufhören. Der Forward fuhr mit vollen Segeln dem Cap Farewell zu. Am 18. um drei Uhr ließ sich an einem weißen, nicht eben dichten, aber glänzenden Streifen, der lebhaft zwischen den Linien des Meeres und Himmels abstach, ein Eisstrom erkennen. Er trieb offenbar vielmehr von der Ostküste Grönlands her, als von der Davis-Straße, denn die Eisblöcke ziehen sich vorzugsweise an den Westrand des Baffins-Meeres. Eine Stunde nachher fuhr der Forward mitten durch abgesonderte Blöcke des Eisstroms, und da wo sie am meisten zusammenhingen, folgten sie der Wellenbewegung. Am folgenden Morgen, bei Tagesanbruch, meldete die Wache ein Schiff: es war eine dänische Corvette, Walküre, welche in entgegengesetzter Richtung des Forward der Bank von New-Foundland zufuhr. Die Strömung von der Straße her machte sich schon fühlbar, und Shandon mußte die Segel verstärken, um dagegen zu steuern. Damals befanden sich der Commandant, der Doctor, James Wall und Johnson beisammen auf dem Hinterdeck, um die Richtung und Kraft dieser Strömung zu untersuchen. Der Doctor fragte, ob wirklich diese Strömung gleichmäßig im Baffins-Meer existire. »Allerdings, erwiderte Shandon, und die Segelschiffe können nur mit Mühe dem Polarstrom entgegen steuern. – Um so mehr, fügte James Wall bei, als man ihn ebensowohl auf der Ostküste Amerika's als auf der Westküste Grönlands findet. – Nun, sagte der Doctor, das giebt den Aufsuchern der nordwestlichen Durchfahrt einen besondern Grund! Dieser Strom fließt mit einer Schnelligkeit von etwa fünf Meilen die Stunde, und es ist schwerlich vorauszusetzen, daß er im Innern des Golfs entsteht. – Dies ist um so richtiger, Doctor, fuhr Shandon fort, als man gleich dieser Strömung von Norden nach Süden eine entgegengesetzte von Süden nach Norden in der Behrings-Straße findet, welche den Ursprung dieser bildet. – Demnach, meine Herren, sagte der Doctor, muß man zugeben, daß Amerika völlig von den Polarlanden losgetrennt ist, und daß die Gewässer des Stillen Meeres um diese Küsten herum bis in's Atlantische fließen. Uebrigens ergiebt sich auch aus dem höhern Niveau der Gewässer des erstern noch ein Grund für deren Abfluß in die Meere Europas. – Aber, fuhr Shandon fort, es muß doch Gründe für diese Theorie geben, und wenn das der Fall ist, muß unser Universal-Gelehrter sie kennen. – Wahrhaftig, versetzte letzterer mit liebenswürdiger Befriedigung, wenn dies Sie interessiren kann, so will ich Ihnen sagen, daß Wallfische, die in der Davis-Straße verwundet wurden, einige Zeit nachher in der Nähe der Tartarei noch mit der europäischen Harpune im Leibe gefangen wurden. – Wofern sie also nicht um's Cap Horn, oder das der guten Hoffnung gefahren sind, erwiderte Shandon, so müssen sie nothwendig ihren Weg um die Nordküste Amerika's herum genommen haben. Das ist unbestreitbar, Doctor. – Wenn Sie jedoch nicht überzeugt wären, mein wackerer Shandon, sagte der Doctor lachend, so könnte ich noch andere Thatsachen vorbringen, z. B. das in der Davis-Straße flößende Holz, Lärchen, Zitterespen und andere Producte der tropischen Zone. Nun wissen wir, daß des Golfstromes wegen dieses Holz nicht in die Enge hineintreiben kann; wenn sie also aus demselben heraustreiben, so konnten sie nur durch die Behrings-Straße in denselben hineinkommen. – Ich bin überzeugt, Doctor, und gestehe, daß man bei Ihren Beweisen schwerlich ungläubig bleiben kann. – Meiner Treu! sagte Johnson, da kommt just etwas, was die Sache klar machen kann. Ich sehe da draußen ein hübsch großes Stück Holz. Mit Erlaubniß des Commandanten wollen wir den Baumstamm auffischen, an Bord ziehen und um sein Heimatland befragen. – Ganz recht, sagte der Doctor, das Beispiel nach der Regel.« Shandon gab den Befehl dazu; die Brigg fuhr auf das wahrgenommene Holz und bald darauf zog es die Mannschaft, mit einiger Mühe, an Bord. Es war ein Acajoustamm, der vom Gewürm bis in den Kern zerfressen war, sonst hätte er nicht obenauf schwimmen können. »Das ist ja überführend, rief der Doctor freudig, denn, da die Strömungen des Atlantischen Oceans denselben nicht haben in die Davis-Straße treiben können, weil er nicht durch nordamerikanische Flüsse in das Polar-Becken getrieben werden konnte, da der Baum in der Gegend des Aequators wächst, so ist es klar, daß er direct aus der Behrings-Straße kommt. Und sehen Sie, meine Herren, dies Meergewürm, von dem es durchfressen wurde; es gehört zu den Gattungen der heißen Zone. Offenbar, versetzte Wall, haben die Widersacher der Durchfahrt Unrecht. – Mit diesem da sind sie gänzlich geschlagen! erwiderte der Doctor. Geben Sie Acht, ich will Ihnen den Weg beschreiben, welchen dieses Acajouholz gemacht hat. Es ist durch einen Fluß des Isthmus von Panama oder aus Guatemala in den Stillen Ocean geflößt worden; von da aus hat die Strömung längs der amerikanischen Küsten es bis zur Behrings-Straße geführt, und, gutwillig oder nicht, es mußte in die Polarmeere hinein; es kann noch nicht lange her sein, daß es aus seiner Heimat abgefahren ist; sodann ist es glücklich über alle Hindernisse der langen Reihe von Engen bis zum Baffins-Meer hinausgekommen, und von der aus dem Norden kommenden Strömung lebhaft ergriffen ist es durch die Davis-Straße getrieben, um an Bord des Forward aufgefischt zu werden zu großer Freude des Doctor Clawbonny, welcher den Commandanten um die Erlaubniß ersucht, ein Musterpröbchen davon aufzuheben. – Thun Sie es nur, versetzte Shandon; aber gestatten Sie auch mir, Ihnen mitzutheilen, daß Sie nicht der einzige Besitzer eines solchen Strandgutes sind. Der dänische Statthalter der Insel Disco ... – An der Küste Grönlands, fuhr der Doctor fort, besitzt einen Tisch, der aus einem Block desselben Holzes gefertigt ist, welcher unter gleichen Umständen aufgefischt wurde; es ist mir dies nicht unbekannt, lieber Shandon; nun, ich beneide ihn nicht um seinen Tisch, denn, wenn es nicht zu viel zu schaffen machte, so hätte ich hier genug, um mir ein ganzes Schlafgemach zu zimmern.« Während der Nacht vom Mittwoch zum Donnerstag wehte der Wind äußerst heftig; das Treibholz zeigte sich häufiger; die Annäherung an die Küste war gefährlich zu einer Zeit, wo die Eisberge sehr zahlreich sind; der Commandant ließ daher die Zahl der Segel vermindern, und der Forward fuhr dann mit nur zweien. Das Thermometer fiel unter den Gefrierpunkt. Shandon ließ angemessene Kleidung an die Mannschaft vertheilen, wollene Jacke und Hosen, flanellnes Hemd, Strümpfe von Wadmel , wie die norwegische Bauern tragen. Desgleichen wurde jeder Mann mit einem Paar völlig wasserdichten Meerstiefeln versehen. Kapitän Hund war mit seinem natürlichen Pelz zufrieden; er schien gegen die Veränderungen der Temperatur wenig empfindlich; er mußte schon mehr wie einmal die Probe bestanden haben. Er war fast immer in den dunkeln Schiffsräumen versteckt. Gegen Abend ließ sich durch eine Lichtung im Nebel, unter 37° 2' 7" Länge die Küste Grönlands sehen; der Doctor konnte vermittelst seines Fernrohrs eine Reihe Pics mit breiten Gletschern erkennen. Der Forward befand sich am 20. April früh im Angesicht eines hundertundfünfzig Fuß hohen Eisbergs, der seit undenklichen Zeiten an dieser Stelle festliegt; das Thauwetter hat ihn noch nie bewältigt und seine seltsamen Formen nicht angetastet. Snow hat ihn gesehen; James Roß im Jahre 1829 eine Zeichnung desselben aufgenommen, und der französische Lieutenant Bellot an Bord des Prinzen Albert hat ihn im Jahre 1851 bemerkt. Auch der Doctor entwarf eine gelungene Skizze desselben. Solche unüberwindlich festliegenden Massen finden sich mitunter; dann haben sie gegen jeden Fuß Höhe über dem Wasser zwei unter demselben, was also bei diesem dreihundert Fuß Tiefe, also zusammen vierhundert Fuß beträgt. Endlich bei einer Temperatur, die Mittags zwölf Grad (-11° hunderttheilig) betrug, bekam man in nebeligem Schneewetter Cap Farewell zu sehen. »Da ist denn, sagte bei sich der Doctor, das berühmte, richtig benannte Cap. »Lebewohl.« Viele sind daran vorüber gefahren, und haben es nimmer wieder gesehen. So sind Frobisher, Knight, Barlow, Vaugham, Scroggs, Barentz, Hudson, Blosseville, Franklin, Crozier, Bellot, nie zum heimischen Heerd zurückgekehrt, ihnen rief es ein letztes Lebewohl zu.« Grönland wurde von isländischen Seefahrern schon um's Jahr 970 entdeckt. Sebastian Cabot drang im Jahre 1498 bis zum sechsundfünfzigsten Breitegrad, Gaspard und Michel Cotreal, 1500 bis 1502, gelangten bis zum sechzigsten Grade, und Martin Frobisher 1576 bis zu der nach ihm benannten Bai. John Davis entdeckte 1585 die Straße, welche seinen Namen führt, und zwei Jahre später, bei einer dritten Reise, gelangte dieser kühne Seefahrer und Wallfischjäger bis zum 73°, noch siebenzehn Grad vom Pol. Barentz 1596, Weymuth 1602, James Hall 1605 und 1607, Hudson, nach welchem die große Bai benannt ist, die sich so tief in's Festland hineinzieht, James Poole 1611, drangen weiter in der Straße vor, um die nordwestliche Durchfahrt zu suchen, durch welche der Verkehr zwischen den beiden Welten so sehr abgekürzt worden wäre. Baffin, 1616, fand in dem Meere seines Namens die Lancaster-Straße; ihm folgte 1619 James Munk, und 1719 Knight, Barlow, Vaugham und Scroggs, von welchen man nie wieder Nachricht bekam. Im Jahre 1776 erreichte der Lieutenant Pickersgill, welcher dem Kapitän Cook entgegen geschickt wurde, den 68°; im folgenden Jahr drang Young bis zur Fraueninsel vor. Nun kam James Roß, der 1818 die Küsten des Baffins-Meeres aufnahm und die hydrographischen Irrthümer seiner Vorgänger verbesserte. Endlich, 1819 und 1820, drang der berühmte Parry durch den Lancaster-Sund inmitten unzähliger Schwierigkeiten bis zur Insel Melville und gewann den Preis von fünftausend Pfund, welcher durch eine Parlamentsacte den englischen Seefahrern versprochen war, die bei einer höhern Breite als 77° über den hundertundsiebenzigsten Meridian gelangen würden. Im Jahre 1826 kam Beechey bis zur Insel Chamisso; James Roß überwinterte 1829–1830 in der Prinz-Regenten-Straße, und entdeckte, neben andern wichtigen Leistungen, den magnetischen Pol. Während dieser Zeit erforschte Franklin, auf dem Landweg, die Nordküsten Amerika's vom Mackenziefluß bis zu der Umkehr-Spitze; der Kapitän Back verfolgte von 1823–1835 diese Bahn weiter, und seine Entdeckungen wurden 1839 durch Dease, Simpson und den Doctor Rae vervollständigt. Endlich fuhr Sir John Franklin, voll Eifer, die nordwestliche Durchfahrt aufzufinden, im Jahre 1845 auf dem Erebus und Terror aus England ab, drang in's Baffins-Meer hinein, und seit er bei der Insel Disco vorbeigekommen, bekam man keine Nachricht mehr von seiner Expedition. Diese zahlreichen Entdeckungsfahrten haben zur Auffindung der Durchfahrt und zur Aufnahme der so tief ausgezackten Polar-Continente geführt; die unverzagtesten Seemänner Englands, Frankreichs und der Vereinigten Staaten wagten sich in die schrecklichen Gegenden, und ihren Anstrengungen ist zu verdanken, daß die so schwierige Karte dieser Landschaften im Archiv der königlichen Geographischen Gesellschaft zu London nun prangen kann. So überblickte der Doctor im Geiste die merkwürdige Entdeckungsgeschichte dieser Landschaften, während er auf die Seite gelehnt mit den Augen dem langen Kielwasser der Brigg folgte. Siebentes Capitel. Die Davis-Straße. Diesen Tag über bahnte sich der Forward einen leichten Weg zwischen den halb zerbröckelten Eisblöcken; der Wind war günstig, aber die Temperatur sehr niedrig; die über die Eisfelder streichende Luft durchdrang mit frischer Kälte. Die Nacht erforderte die strengste Achtsamkeit; die schwimmenden Berge drängten sich in der engen Straße zusammen: man zählte ihrer oft bei hundert am Horizont; sie lösten sich durch Einwirkung der benagenden Wellen und der Aprilsonne von den vorragenden Küsten ab, um zu zerschmelzen oder in die Tiefen des Oceans zu versinken. Man begegnete auch langen Flößen Treibholz, mit welchen man nicht zusammenstoßen durfte. Darum wurde auch das »Krähennest« an der Spitze eines Mastes angebracht, bestehend aus einer Tonne mit beweglichem Boden, worin der Eismeister, zum Theil gegen den Wind geschützt, das Meer überschaute, die herannahenden Eisblöcke meldete, und selbst nöthigenfalls das Manoeuvriren des Schiffes angab. Die Nächte waren kurz; die Sonne war in Folge der Strahlenbrechung seit dem 31. Januar wieder zum Vorschein gekommen, und hielt sich allmälig länger über dem Horizont. Aber durch den Schnee war die Aussicht gehemmt, und wenn er auch nicht Dunkelheit veranlaßte, so machte er doch die Fahrt schwierig. Am 21. April zeigte sich mitten im Nebel das Cap Desolation; die Mannschaft war durch das Manoeuvriren erschöpft; seitdem die Brigg zwischen den Eisblöcken fuhr, hatten die Matrosen nicht einen Augenblick Ruhe gehabt; man mußte bald den Dampf zu Hilfe nehmen, um sich mitten durch aufgeschichtete Blöcke einen Weg zu bahnen. Der Doctor und Meister Johnson plauderten auf dem Hinterverdeck mit einander, während Shandon in seiner Cabine einige Stunden Schlaf genoß. Clawbonny suchte die Unterhaltung des alten Matrosen auf, welchem seine zahlreichen Reisen eine interessante und verständige Erziehung gegeben hatten. Der Doctor gewann ihn sehr lieb, und der Rüstmeister blieb ihm nichts schuldig. »Sehen Sie, Herr Clawbonny, sagte Johnson, dieses Land ist nicht wie alle andern; sein Name bedeutet »Grünes Land«, aber nur wenig Wochen im Jahre ist diese Benennung gerechtfertigt! – Wer weiß, wackerer Johnson, erwiderte der Doctor, ob nicht im zehnten Jahrhundert dieses Land Anspruch auf eine solche Benennung haben konnte. Auf unserm Erdball ist schon manche Umänderung dieser Art vorgekommen, und Sie werden vielleicht staunen, wenn ich Ihnen sage, daß isländischen Chroniken zufolge vor acht bis neunhundert Jahren zweihundert Dorfschaften auf diesem Continent blühten. – Diese Aeußerung, Herr Clawbonny, versetzt mich dermaßen in Staunen, daß ich ihr nicht einmal Glauben beimessen kann, denn 's ist ein ödes Land! – Gut! So öde es auch sein mag, so bietet es doch Bewohnern, und selbst civilisirten Europäern, hinreichend eine Stätte ruhiger Abgeschiedenheit. – Allerdings! Zu Disco, zu Uppernawik werden wir Leute finden, die mit einem Leben in solchem Klima zufrieden sind; aber ich habe immer gedacht, sie hätten diesen Aufenthalt nicht mit Vorliebe, sondern nothgedrungen, gewählt. – Ich glaube es gern; doch gewöhnt sich der Mensch an alles, und es scheint mir, diese Grönländer sind nicht ebenso zu beklagen, als die Arbeiter in unsern großen Städten; sie können unglücklich sein, aber sicherlich im Elend leben sie nicht, ferner, ich sage wohl unglücklich, aber dieses Wort drückt nicht völlig meinen Gedanken aus; in der That, leben diese Leute auch nicht so im Wohlbehagen, wie wir in der gemäßigten Zone; in diesem Klima geboren, finden sie offenbar darin Genüsse, für welche uns der Begriff abgeht! – Das muß man wohl annehmen, Herr Clawbonny, weil der Himmel gerecht ist; aber ich bin vielfach auf Reisen an diese Küsten gekommen, und der Anblick dieser traurigen Einöden hat mir stets das Herz zusammengeschnürt; man hätte z. B. den Caps, Vorgebirgen, Baien freundlichere Namen geben sollen, denn die Bezeichnungen Farewell und Desolation sind nicht geeignet, die Seefahrer anzuziehen! – Diese Bemerkung habe ich ebenfalls gemacht, erwiderte der Doctor; aber diese Namen haben unverkennbar ein geographisches Interesse; sie bezeichnen die Erlebnisse derer, welche die Namen beigelegt haben; wenn ich neben den Namen Davis, Baffin, Hudson, Roß, Parry, Franklin das Cap Desolation (Trostlosigkeit) finde, so stoße ich bald auf die Bai der Gnade (Mercy): es ist da die ununterbrochene Reihe von Gefahren, Hindernissen, Erfolgen, Verzweifeln und Gelingen verbunden mit den großen Namen meines Vaterlandes, daß ich die ganze Geschichte dieser Meere darin lesen kann. – Richtig geurtheilt, Herr Clawbonny, und möchten wir nur bei unserer Reise auf mehr Baien des Erfolges (Succès), als Caps der Desolation treffen! – Das wünsch' ich, Johnson; aber, sagen Sie mir, hat sich die Mannschaft ein wenig von ihren Strapazen erholt? – Ein wenig, mein Herr; und doch, um alles herauszusagen, seit unserer Einfahrt in die Straße hat man wieder angefangen, sich über den eingebildeten Kapitän Gedanken zu machen; mancher war darauf gespannt, daß er an der Spitze von Grönland erschiene, und bis jetzt, nichts! Sehen Sie, Herr Clawbonny, unter uns, ist das nicht etwas zum Verwundern? – Ja wohl, Johnson. – Glauben Sie, daß der Kapitän existirt? – Ganz gewiß. – Aber was konnte er für Gründe haben, so zu handeln? – Soll ich völlig heraussagen, was ich denke, so glaube ich, dieser Mann wollte die Mannschaft erst weit genug fortziehen, daß sie nicht mehr umkehren konnte. Wäre er nun im Moment der Abfahrt an seinem Bord erschienen, so hätte jeder die Bestimmung des Schiffes haben hören wollen, wodurch er in Verlegenheit gerathen wäre. – Und weshalb? – Wahrhaftig, wenn er eine übermenschliche Unternehmung wagen, wenn er vordringen will, wohin so viele Andere vor ihm nicht konnten, glauben Sie, daß er seine Mannschaft beisammen behalten hätte? Dagegen, wenn man einmal unterwegs ist, kann man so weit gehen, daß das Vorwärtsdringen zu einer Nothwendigkeit wird. – Das ist möglich, Herr Clawbonny; ich habe mehr als einen unerschrockenen Abenteurer kennen gelernt, dessen bloßer Name in Schrecken setzte, und der keinen Mann gefunden hätte, um ihn bei seinen gefährlichen Unternehmungen zu begleiten ... – Mich ausgenommen, sagte der Doctor. – Und mich nach Ihnen, erwiderte Johnson, und um mich Ihnen anzuschließen! Ich nehme also an, daß unser Kapitän ohne Zweifel zu solchen Abenteurern gehört. Wir werden es am Ende sehen; ich vermuthe, daß in der Gegend von Uppernawik oder der Bai Melville dieser tapfere Unbekannte sich im Stillen an Bord einfinden und uns zu erkennen geben wird, bis wohin seine Phantasie das Schiff fortzuziehen im Sinne hat. – Der Meinung bin ich auch, Johnson; aber die Schwierigkeit wird darin bestehen, bis zu dieser Bai Melville zu gelangen; sehen Sie, wie auf allen Seiten diese Eisblöcke uns umgeben! Sie lassen ja dem Forward kaum einen Durchweg. Betrachten Sie nur diese unermeßliche Ebene. – Wir Wallfischfänger, Herr Clawbonny, nennen dies ein Eisfeld, d. h. eine Fläche zusammenhängender Eisblöcke, deren Ende man nicht absieht. – Und hier, dieses unterbrochene Feld, diese langen Stücke, welche mehr oder minder an einander anstoßen? – Das heißen wir pack, und palch, wenn die Form rund ist, sowie stream, wenn sie lang. – Und diese schwimmenden Blöcke? – Das ist Treibeis; sind sie etwas höher, so nennt man sie Eisberge; ein Zusammenstoßen mit ihnen ist den Schiffen gefährlich, und man muß sie sorgfältig meiden. Sehen Sie, dort unten auf jenem Eisfeld, eine vom Druck der Eisblöcke verursachte höher emporragende Stelle, die nennen wir hummock, und wenn sie an ihrer Basis unter Wasser ist, calf; diese Benennungen gab man, um sich darüber verständlich zu machen. – Ah! Das ist wahrhaftig ein merkwürdiger Anblick, rief der Doctor beim Betrachten dieser Wunder des Eismeeres aus, und was machen diese verschiedenen Anschauungen für einen lebhaften Eindruck auf die Phantasie! – Allerdings, erwiderte Johnson; die Eisschollen nehmen manchmal phantastische Formen an, und unsere Leute sind nicht in Verlegenheit, sie in ihrer Weise zu deuten. – Schauen Sie, Johnson, und staunen über dies Gesammtbild von Eisblöcken! Sieht es nicht wie eine sonderbare Stadt, eine orientalische mit Minarets und Moscheen in bleichem Mondschein? Weiter dort eine lange Reihe gothischer Bogen gleich der Capelle Heinrich's VII., oder wie am Parlamentshaus. – Wirklich, Herr Clawbonny; aber es wäre doch gefährlich, darinnen zu wohnen, und man darf ihnen nicht allzu nahe kommen. Es giebt da Minarets, die wanken auf ihrer Basis, und könnten ein Schiff wie den Forward zertrümmern. – Und man hat sich in die Gefahr dieser Meere hineingewagt, fuhr der Doctor fort, ohne den Dampf bereit zu haben! Wie ist es möglich, daß ein Segelschiff mitten zwischen diesen schwimmenden Klippen eine Richtung verfolgen kann? – Man hat's jedoch ausgeführt, Herr Clawbonny; wenn der Wind widrig wurde, was mir mehr wie einmal begegnete, hing man sich geduldig mit dem Anker an einen solchen Block fest, trieb mehr oder minder mit ihm, und wartete so die günstige Stunde zum Weiterfahren ab; zwar brauchte man bei dieser Art zu reisen einige Monate Zeit da, wo bei einigem Glück wir nur einige Tage darauf wenden. – Es kommt mir vor, sagte der Doctor, als sinke die Temperatur noch mehr. – Das wäre schlimm, erwiderte Johnson, denn es ist Thauwetter nöthig, daß diese Massen sich zertheilen und sich im Atlantischen Meere verlieren; sie sind übrigens in der Davis-Straße zahlreicher, weil zwischen dem Cap Walsingham und Holsteinborg das Land merklich näher beisammen ist; doch über den siebenundsechzigsten Grad hinaus werden wir finden, daß im Mai und Juni die Meere leichter zu befahren sind. – Ja; aber man muß erst hinkommen. – Ja wohl, Herr Clawbonny; im Juni und Juli hätten wir die Fahrt frei gefunden, wie die Wallfischfänger auch; aber es war uns genau anbefohlen, daß wir im April uns hier einfänden. Darum irre ich sehr, oder unser Kapitän ist ein tüchtiger Schelm, der weiß, was er will; er ist nur deshalb so frühzeitig abgefahren, um recht weit zu fahren. Schließlich werden wir es sehen.« Der Doctor hatte sich in seiner Aeußerung über das Sinken der Temperatur nicht geirrt; das Thermometer zeigte um Mittag nur sechs Grad (-14° hunderttheilig) und es herrschte ein Nord-West, der, obwohl er die Witterung heiter machte, doch zugleich mit der Strömung die schwimmenden Eisblöcke heftiger dem Forward entgegen beförderte. Es trieben jedoch nicht alle in derselben Richtung; nicht selten traf man solche, und zwar die höchsten, welche, an ihrer Basis von einer unterseeischen Strömung gefaßt, in entgegengesetzter Richtung trieben. Natürlich entstanden dadurch Schwierigkeiten für die Schifffahrt; die Maschinisten hatten nicht einen Augenblick Ruhe; die Leitung der Dampfkraft wurde unmittelbar auf dem Verdeck vorgenommen vermittelst Hebel, welche sie verstärkten, hemmten, plötzlich, nach Befehl des Officiers der Wache, in umgekehrte Richtung brachten. Bald mußte man eilen, um durch eine Oeffnung im Eisfeld zu dringen, bald an Schnelligkeit einem Eisberg, der den einzigen Weg zu versperren drohte, zuvorkommen; oder auch es nöthigte ein unversehens rückwärts fallender Block zu raschem Umkehren, um nicht zerschmettert zu werden. Diese Anhäufung von Eisblöcken, welche von der Strömung aus Norden fortgetrieben und aufgeschichtet wurden, drängte sich in der Enge, und wenn der Frost sie festhielt, konnten sie dem Forward eine unüberwindliche Schranke setzen. Es zeigte sich in diesen Gegenden eine unzählige Menge Gevögel; Sturmvögel flatterten überall mit betäubendem Geschrei, und Möven mit dickem Kopf und langen Flügeln trotzten scherzend dem vom Sturm gepeitschten Schnee. Diese Munterkeit des Geflügels belebte die Gegend. Zahlreiche Stücke Treibholz stießen wider einander; einige Pottfische mit enormen Köpfen kamen in die Nähe des Schiffes, aber zum Harpunieren war keine Zeit. Gegen Abend sah man auch einige Robben zwischen den Blöcken schwimmen. Am 22. sank die Temperatur noch mehr; der Forward verstärkte seinen Dampf, um günstige Fahrwege zu gewinnen; der Wind war entschieden Nord-West geworden; die Segel wurden eingezogen. Während dieses Tages, der ein Sonntag war, hatten die Matrosen wenig zu manoeuvriren. Nach dem von Shandon verrichteten Gottesdienst beschäftigte sich die Mannschaft mit der Jagd auf Weißmäntel, und fing deren viele. Diese Vögel lieferten, gehörig zubereitet, ein angenehmes Gericht für die Tafel. Um drei Uhr Nachmittags hatte der Forward nordöstlich Kin de Sael erreicht, und das Gebirge Sukkertop lag südöstlich; die See ging sehr hohl; von Zeit zu Zeit senkte sich ein ungeheurer Nebel unvermuthet vom grauen Himmel herab. Doch konnte zu Mittag eine genaue Beobachtung gemacht werden, und es zeigte sich, daß das Schiff sich unter 65° 20' Breite, und 54° 22' Länge befand. Man mußte noch um zwei Grad weiter vorwärts dringen, um bessere Fahrt auf freiem Meer zu bekommen. Während der drei folgenden Tage, am 24., 25. und 26. April, hatte man beständig mit den Eisblöcken zu kämpfen; die Behandlung der Maschine wurde sehr ermüdend. Im dichten Nebel konnte man die Annäherung der Eisberge nur am dumpfen Getöse erkennen, welches von den Lavinen herrührte; dann wendete das Schiff sogleich; man kam in Gefahr, wider Eismassen aus süßem Gewässer zu stoßen, welche an der Durchsichtigkeit und einer Felsen gleichen Härte zu erkennen waren. Richard Shandon versah sich zur Ergänzung seines Trinkwassers täglich mit einigen Tonnen solchen Eises. Der Doctor konnte sich nicht an die optischen Täuschungen gewöhnen, welche die Strahlenbrechung in diesen Gegenden erzeugte; in der That, mancher Eisberg, der zehn bis zwölf Meilen von der Brigg entfernt war, kam ihm wie eine kleine weiße Masse in nächster Nähe vor. Endlich war die Mannschaft, theils durch das Fortziehen des Schiffes längs der Eisfelder, theils durch das Fernhalten drohender Blöcke vermittelst langer Stangen, vor Ermüdung fast erschöpft, und doch war Freitags, den 27. April, der Forward noch auf der Linie des Polarkreises zurückgehalten. Achtes Capitel. Gespräche der Mannschaft. Inzwischen gelang es dem Forward, indem er geschickt in den Fahrwassern durchglitt, einige Minuten weiter nördlich zu dringen; aber anstatt dem Feind auszuweichen, mußte man bald ihn angreifen; Eisfelder von mehreren Meilen Umfang waren im Anzuge, und da diese Massen in Bewegung oft einen Druck von mehr als zehn Millionen Tonnen darstellen, so mußte man sich sorgfältig hüten, nicht erdrückt zu werden. Es wurden daher im Innern des Schiffes Eissägen hergerichtet, dergestalt, daß sie unverzüglich in Anwendung gebracht werden konnten. Ein Theil der Mannschaft ließ sich diese harten Arbeiten philosophisch gefallen, aber andere beklagten sich, oder wollten gar den Gehorsam verweigern. Als man zur Herrichtung der Instrumente schritt, tauschten Garry, Bolton, Pen und Gripper ihre verschiedenen Ansichten. »Beim Teufel! sagte munter Bolton, es kommt mir, ich weiß nicht wie, der Gedanke, daß es in Waterstreet eine hübsche Schenke giebt, wo man zwischen einem Glas Gin und einer Flasche Porter nicht übel beisammen sitzt. Du siehst das von hier aus, Gripper? – Die Wahrheit zu sagen, entgegnete der Matrose, der im Allgemeinen meist übler Laune war, ich versichere Dich, dass ich das von hier aus nicht sehe. – Es ist nur eine Redensart, Gripper; es ist wohl klar, daß es in den Schneestädten, welche Herr Clawbonny bewundert, nicht das kleinste Wirthshaus giebt, worin ein braver Matrose sich mit einigen Gläschen Branntwein erquicken könnte. – Darüber kannst Du wohl sicher sein, Bolton; und Du könntest wohl noch beifügen, daß man nicht einmal hier sich gehörig erquicken kann. Eine sonderbare Idee, den in den Nordmeeren Reisenden jeden geistigen Trunk zu versagen! – Schön! erwiderte Garry, hast Du denn vergessen, Gripper, was Dir der Doctor gesagt hat? Man muß sich jedes aufregenden Getränkes enthalten, wenn man dem Scorbut widerstehen, sich gesund halten und weit fahren will. – Aber ich begehre nicht weit zu fahren, Garry, und ich finde, daß es schon etwas Schönes ist, bis hierher gekommen zu sein, dann kann man sich weigern dahin vorzudringen, wohin der Teufel nicht leiden mag, daß man dringe. – Ei nun, man wird es auch nicht thun, versetzte Pen. Wenn ich denke, daß ich schon vergessen habe, wie der Gin schmeckt! – Aber, sagte Bolton, erinnere Dich doch, was der Doctor gesagt hat. – O! entgegnete Pen mit seiner groben, brutalen Stimme, wer weiß, ob man nicht unter'm Vorwand der Gesundheit sich einfallen laßt, den Trank zu sparen? – Dieser Teufel von Pen hat vielleicht Recht, erwiderte Gripper. – Geht doch! versetzte Bolton, dafür ist seine Nase zu roth; und wenn Pen bei einer Fahrt unter solcher Zucht ein wenig von seiner Farbe verliert, so wird er es nicht zu beklagen haben. – Was geht meine Nase Dich an? erwiderte barsch der Matrose, der sich an wunder Stelle getroffen fühlte. Meine Nase bedarf Deinen Rath nicht, begehrt ihn nicht; kümmere Dich doch um das, was Dich angeht! – Nun! werde doch nicht böse, Pen, ich glaubte nicht, daß Du eine so empfindliche Nase hast. O! ich bin auch kein Verächter eines Gläschens Whisky, zumal bei solcher Kälte; aber, wenn es schließlich mehr schadet als nützt, so laß ich es auch gerne. – Du magst es lassen, sagte der Heizer Waren, der sich in das Gespräch mischte; ei, das thut wohl nicht jeder Andere! – Was meinst Du damit, Waren? versetzte Garry, und sah ihm fest in's Gesicht. – Ich meine damit, daß es aus diesem oder jenem Grunde Liqueur an Bord giebt, und denke mir, daß man dahinten ihn sich nicht ganz entzieht. – Und was weißt Du davon?« fragte Garry. Waren wußte nichts zu antworten. »Du siehst wohl, Garry, fuhr Bolton fort, daß Waren nichts davon weiß. – Nun, sagte Pen, wir wollen vom Commandant eine Ration Gin verlangen; wir haben es wohl verdient, und da werden wir sehen, was er antworten wird. – Ich rathe Euch, so etwas nicht zu thun, erwiderte Garry. – Und weshalb? schrieen Pen und Gripper. – Weil der Commandant es Euch abschlagen wird. Ihr wußtet ja, als Ihr mit in See ginget, die Schiffsordnung; damals mußtet Ihr Euch darüber besinnen. – Uebrigens, erwiderte Bolton, der sich gern auf Garry's Seite stellte, dessen Charakter ihm gefiel, – Richard Shandon ist ja nicht Herr an Bord; er hat zu gehorchen, wie wir. – Und wem denn? fragte Pen. – Dem Kapitän. – Ah! Immer der leidige Kapitän! schrie Pen. Und seht Ihr nicht, daß es ebensowenig einen Kapitän an Bord giebt, als ein Wirthshaus auf diesen Eisbänken? Auf diese Art will man uns nur höflich verweigern, was wir zu fordern berechtigt sind. – Ja doch, es giebt einen Kapitän, versetzte Bolton; und ich wollte um zwei Monate Sold wetten, daß wir ihn bald zu sehen bekommen werden. – Gut, sagte Pen; dem wollte ich schon ein paar Worte in's Angesicht sagen! – Wer redet vom Kapitän? fragte ein Anderer der Anwesenden, der Matrose, der etwas abergläubisch war. – Weiß man etwas Neues über den Kapitän? fragte er. – Nein, war die einstimmige Antwort. – Nun, ich versehe mich, daß wir ihn eines schönen Morgens in seiner Cabine zu Hause finden, ohne daß Jemand wüßte, wie oder woher er angekommen sei. – Geh doch! erwiderte Bolton; Du meinst, Clifton, der Schelm sei so ein Kobold, wie sie in Hochschottland umgehen! – Lache, so viel Du willst, Bolton; das ändert meine Meinung nicht. Tagtäglich, wenn ich vor der Cabine vorüber gehe, schaue ich durch das Schlüsselloch, und eines schönen Morgens werd' ich Euch erzählen, wem dieser Kapitän gleicht, und wie er aussieht. – Ei! Beim Teufel, sagte Pen, Dein Kapitän wird aussehen, wie alle andern Leute! Und wenn es ein Schelm ist, der uns anführen will, wohin wir nicht mögen, wird man ihm sagen, was sich gehört. – Schön! sagte Bolton, der Pen will schon mit ihm zanken, und kennt ihn noch nicht! – Wer kennt ihn nicht? entgegnete Clifton wie Einer, der davon zu erzählen weiß. – Was Teufel meinst Du damit? fragte Gripper. – Ich verstehe mich darauf. – Aber wir verstehen Dich nicht! – Ah! Hat nicht Pen schon Unannehmlichkeiten mit ihm gehabt? – Mit dem Kapitän? – Ja, dem Kapitän Hund, denn es ist ganz das nämliche.« Die Matrosen sahen sich einander an, ohne daß sie zu antworten wagten. »Mensch oder Hund, brummte Pen zwischen den Zähnen, ich versichere Euch, dem Thier wird einmal widerfahren, was ihm gebührt. – Seht doch, Clifton, fragte Bolton ernstlich, meinst Du, wie Johnson scherzend gesagt hat, dieser Hund sei der wahre Kapitän? – Gewiß, erwiderte Clifton mit Ueberzeugung; und verständet Ihr zu beobachten wie ich, so würdet Ihr schon das seltsame Benehmen des Thieres wahrgenommen haben. – Welches? Laß hören, rede! – Habt Ihr nicht gesehen, wie er auf dem Hinterverdeck einher spaziert mit einer Amtsmiene, und besieht das Segelwerk des Schiffes, als gehöre er zur Wache? – Ja, so ist's, sagte Gripper; und sogar habe ich ihn eines Abends überrascht, wie er die Pfoten am Steuerruder hatte. – Nicht möglich! sagte Bolton. – Und jetzt, fuhr Clifton fort, verläßt er sogar Nachts das Schiff, um auf den Eisfeldern zu wandeln, ohne sich weder um Bären noch um die Kälte zu kümmern. – Ganz richtig, so ist's, sagte Bolton. – Seht Ihr, wie das Thier als ein braver Hund die Gesellschaft der Menschen sucht, um die Küche herumschleicht, und blickt mit zärtlichen Augen nach Meister Strong, wenn er dem Commandanten einen guten Bissen überbringt? Hört Ihr ihn nicht, wenn er Nachts zwei bis drei Meilen vom Schiff sich entfernt und heult, daß es Einem kalt über den Rücken läuft? Endlich, habt Ihr jemals gesehen, wie das Thier seine Nahrung zu sich nimmt? Er nimmt nichts persönlich; sein Fressen ist stets unberührt; und sofern nicht eine geheime Hand ihn nährt, darf ich sagen, das Thier lebe, ohne zu essen. Nun, wenn das nicht phantastisch ist, bin ich nur ein Stück Vieh. – Meiner Treu, erwiderte der Zimmermann Bell, welcher zugehört hatte, das könnte wahrlich der Fall sein! – Kurz, fragte Bolton, wohin fahren wir mit dem Forward? – Ich weiß nicht, erwiderte Bell; zu einer bestimmten Zeit wird Richard Shandon die Ergänzung seiner Instructionen erhalten. – Aber durch wen? – Durch wen? – Ja, wie? sagte Bolton dringend. – Nun, Bell, eine Antwort! fielen die andern Matrosen ein. – Durch wen? Wie? Ja das weiß ich nicht, entgegnete der Zimmermann. – Ei! Durch den Kapitän Hund, rief Clifton. Er hat ja schon einmal durch diesen einen Brief geschickt, so kann er es auch wieder machen. Wüßte ich nur die Hälfte von dem, was dies Thier weiß, so würde ich zum Lord-Admiral taugen. – Also, versetzte schließlich Bolton, Du hältst fest daran, daß dieser Hund der Kapitän ist? – Ja, wie gesagt. – Nun, sagte Pen halblaut, wenn das Thier nicht sein Hundsfell sprengen und Mensch werden will, werde ich ihm zu schaffen machen. – Und weshalb? fragte Garry. – Weil mir's beliebt, erwiderte Pen brutal, ich habe keinem Menschen darüber Rechenschaft zu geben. – Nun genug geplaudert, Kinder, rief Meister Johnson, und machte damit zu rechter Zeit einem Gespräch ein Ende, das eben eine üble Wendung nahm. An die Arbeit, und rasch die Sägen bereit gemacht, wir müssen durch die Eisdecke hindurch! – Gut! erwiderte Clifton mit Achselzucken. Sie werden sehen, daß man so leicht nicht den Polarkreis überschreitet!« Wie dem auch sein mag, die Anstrengungen der Mannschaft waren im Laufe dieses Tages, Freitags, ohne hinreichenden Erfolg. Obgleich der Forward mit voller Dampfkraft wider die Eisberge anfuhr, gelang es ihm nicht, sie zu trennen; man mußte während der Nacht sich festankern. Am Samstag wurde in Folge eines Ostwindes die Temperatur noch niedriger; das Wetter hellte sich auf, und der Blick konnte weithin über die weißen Ebenen schweifen, welche durch den Reflex der Sonnenstrahlen blendend wurden. Um sieben Uhr Vormittags zeigte das Thermometer acht Grad unter Null (-21° hunderttheilig). Der Doctor war versucht, ruhig in seiner Cabine zu bleiben und Reisebeschreibungen nach dem Polar-Meer zu lesen, aber er fragte sich, seiner Gewohnheit nach, was ihm in diesem Augenblick am unangenehmsten zu thun sein würde. Die Antwort war, bei diesem Kältegrad sich auf das Verdeck zu begeben, und der Mannschaft zu helfen, wäre nicht sehr erquicklich. Daher verließ er, treu an seiner Regel festhaltend, seine wohl geheizte Cabine, und half mit beim Fortbringen des Schiffes. Er sah hübsch aus mit seiner grünen Brille, vermittelst welcher er seine Augen gegen den Reflex der Sonnenstrahlen schützte; und bei seinen künftigen Untersuchungen war er stets sorgfältig mit Schneebrillen versehen, um Augenkrankheiten zu vermeiden, welche unter diesen hohen Breiten sehr häufig vorkommen. Gegen Abend war der Forward einige Meilen nördlich vorwärts gekommen, Dank der Thätigkeit der Leute und der Geschicklichkeit Shandon's, der gewandt alle günstigen Umstände zu benutzen wußte; um Mitternacht kam er über den sechsundsechzigsten Breitegrad, und da die Sonde dreiundzwanzig Ellen Tiefe ergab, erkannte Shandon, daß er sich über dem niedrigen Grunde befand, worauf die Victoria sitzen geblieben war. Dreißig Meilen östlich war man dem Lande nahe. Nun aber spaltete sich die bisher unbewegliche Eismasse und setzte sich in Bewegung; die Eisberge schienen auf allen Seiten am Horizont aufzuwachsen; die Brigg befand sich also zwischen einer Reihe schwimmender Klippen, welche mit unwiderstehlicher Gewalt zertrümmern; die Lenkung ward sehr schwierig für Garry, den besten Steuerer, am Ruderstock; die Berge drohten sich hinter der Brigg wieder aneinander zu schließen. Durch diese Eisflotte mußte man nothwendig hindurch, und Klugheit, wie Pflicht befahl, vorwärts zu dringen. Die Schwierigkeiten wuchsen noch dadurch, daß es Shandon unmöglich ward, inmitten dieser wechselnden Punkte, welche die Stelle änderten und keine feste Perspective gewährten, die Richtung des Schiffes zu bestimmen. Die Mannschaft war in zwei Reihen auf der rechten und linken Seite des Schiffes vertheilt; jeder derselben hatte eine lange Stange mit eiserner Spitze, um die allzu bedrohlichen Eisblöcke zurückzustoßen. Bald gerieth der Forward in eine so enge Gasse zwischen zwei hohen Blöcken, daß die Enden seiner Stengen an den Wänden rieben, die so hart wie Felsen waren; allmälig befand er sich mitten in einem gewundenen Thal voll wirbelndem Schneegestöber, während die schwimmenden Eisblöcke wider einander stießen und mit unheimlichem Krachen zerbröckelten. Aber bald stellte sich's heraus, daß diese Gasse ohne Ausgang war; ein enormer Block, der in diese Enge gerathen war, trieb rasch auf den Forward zu; ihm auszuweichen schien unmöglich, und ebenso unmöglich auf einem bereits versperrten Weg rückwärts zu fahren. Shandon und Johnson erwogen, vorn auf der Brigg stehend, ihre Lage. Der Erstere gab mit der rechten Hand dem Steuerer die Richtung an, welche zu nehmen war, und mit der Linken ließ er dem neben dem Ingenieur stehenden James Wall seine Befehle für Leitung der Maschine zugehen. »Wie wird das enden? fragte der Doctor Johnson. – Wie es Gott fügt«, erwiderte der Rüstmeister. Der hundert Fuß hohe Eisblock war nur noch eine Kabellänge vom Forward entfernt, und drohte ihn zu zerbröckeln. »Donner und Teufel! fluchte Pen. – Stille!« rief eine Stimme, die man im Sturm nicht zu erkennen vermochte. Der Block schien auf die Brigg stürzen zu wollen, und es entstand einen Augenblick unbeschreibliche Angst; die Männer ließen ihre Stangen und flüchteten trotz den Befehlen Shandon's auf's Hintertheil. Plötzlich vernahm man ein erschreckliches Getöse; eine wirkliche Trombe fiel auf das Verdeck des Schiffes, das von einer ungeheuern Woge emporgehoben wurde. Die Mannschaft stieß einen Schrei des Entsetzens aus, während Garry am Steuer den Forward trotz seinem erschrecklichen Gieren in guter Richtung hielt. Und als nun die erschrockenen Blicke sich auf den Eisberg richteten, war dieser verschwunden; die Fahrt war frei, und es war der Brigg über einem langen, von schiefen Sonnenstrahlen erhellten Canal hinaus weiter zu fahren gestattet. »Nun, Herr Clawbonny, sagte Johnson, können Sie diese Erscheinung erklären? – Es ist eine sehr einfache Sache, Freund, erwiderte der Doctor, und die oft vorkommt. Wenn zur Zeit des Thauwetters diese schwimmenden Massen sich von einander lösen, treiben sie isolirt und in völligem Gleichgewicht; aber allmälig, wenn sie südlicher in ein verhältnißmäßig wärmeres Wasser kommen, fängt ihre durch das Anstoßen an andere Blöcke bereits erschütterte Basis an zu schmelzen, schwächer zu werden; es kommt daher ein Moment, wo der Schwerpunkt dieser Massen sich ändert, dann purzeln sie zusammen. Wenn nun dieser Eisberg zwei Minuten später gestürzt wäre, so wäre er über die Brigg gefallen, und hätte sie im Fallen zerschmettert.« Neuntes Capitel. Eine Neuigkeit. Endlich war man über den Polarkreis hinaus; der Forward fuhr am 30. April zu Mittag vor Holsteinborg vorüber; malerische Gebirge erhoben sich am östlichen Horizont. Das Meer schien, so zu sagen, frei von Eis, oder vielmehr man konnte den Eisblöcken leicht ausweichen. Der Wind schlug um in Süd-Ost und die Brigg fuhr mit vollen Segeln das Baffins-Meer hinein. Dieser Tag war ganz besonders ruhig und die Mannschaft konnte sich ein wenig erholen; zahlreiche Vögel schwammen und flatterten um das Schiff herum. An diesem Tag begab sich an Bord ein ganz außerordentliches Ereigniß. Als Richard Shandon um sechs Uhr früh von seiner Wache zurück in seine Cabine kam, fand er auf seinem Tisch einen Brief mit der Aufschrift: »An den Kommandanten Richard Shandon an Bord des Forward, Baffins-Meer.« Shandon konnte seinen Augen nicht trauen; aber bevor er von dieser auffallenden Korrespondenz Kenntniß nahm, ließ er den Doctor, James Wall und den Rüstmeister rufen, und zeigte ihnen denselben. »Das wird etwas ganz Besonderes, sagte Johnson. – Das ist reizend! dachte der Doctor. – Schließlich, rief Shandon, werden wir doch das Geheimniß erfahren ...« Er zerriß rasch den Umschlag und las, wie folgt: »Commandant! »Der Kapitän des Forward ist zufrieden mit der Kaltblütigkeit, Geschicklichkeit und dem Muth, welchen Sie mit Ihren Officieren und Ihrer Mannschaft unter den letzten Umständen gezeigt haben; er bittet Sie, der Mannschaft seinen Dank dafür auszusprechen. Wenden Sie sich nun gerade nördlich zur Bai Melville, und von da aus bemühen Sie sich in die Straße Smith zu dringen. Der Kapitän des Forward. K. Z. Montag, den 30. April, dem Cap Walsingham gegenüber. « »Und nichts weiter? rief der Doctor. – Nichts weiter«, erwiderte Shandon. Der Brief fiel ihm aus der Hand. »Ei! sagte Wall, dieser eingebildete Kapitän spricht kein Wort mehr davon, an Bord zu kommen; ich schließe daraus, daß er nie kommen wird. – Aber, sagte Johnson, wie ist denn dieser Brief angekommen?« Shandon schwieg. »Herr Wall hat Recht, erwiderte der Doctor, der den Brief aufhob und um und herum drehte; der Kapitän wird nicht mehr an Bord kommen aus trefflichem Grund ... – Und aus welchem? fragte Shandon lebhaft. – Weil er bereits da ist, erwiderte einfach der Doctor. – Bereits! rief Shandon, was meinen Sie damit? – Wie ist sonst zu erklären, daß dieser Brief kam?« Johnson schüttelte den Kopf zum Zeichen der Beistimmung. »Nicht möglich! versetzte Shandon nachdrücklich. Ich kenne jeden einzelnen Mann an Bord; man müßte denn annehmen, der Kapitän befinde sich seit der Abfahrt des Schiffes unter denselben? Das ist nicht möglich, sag' ich Ihnen! Es ist kein Einziger darunter, den ich nicht seit länger als zwei Jahren hundertmal zu Liverpool gesehen hätte; Ihre Vermuthung, Doctor, darf man nicht gelten lassen! – Was lassen Sie also gelten, Shandon? – Alles, dies ausgenommen. Ich nehme an, daß der Kapitän oder ein Mann, der ihn vertritt – was weiß ich? – die Dunkelheit, den Nebel benutzen konnte, um im Stillen an Bord zu kommen; wir sind nicht weit vom Land entfernt; die Eskimos haben Kaiaks, die unbemerkt zwischen den Eisblöcken durchfahren; es war demnach möglich, daß Jemand bis zum Schiff kam, und diesen Brief einhändigte ... der Nebel war ziemlich stark, um den Plan auszuführen ... – Und auch um zu hindern, daß man die Brigg sah, erwiderte der Doctor; haben wir nicht gesehen, wie ein Fremder sich an Bord schlich, wie hätte dieser im dichten Nebel den Forward erkennen können? – Das ist sonnenklar, sagte Johnson. – Ich komme also auf meine Hypothese zurück, sagte der Doctor. Was meinen Sie, Shandon? – Alles was Sie wollen, erwiderte Shandon hitzig, nur nicht, daß dieser Mann sich an meinem Bord befinde. – Vielleicht, fügte Wall bei, befindet sich unter der Bemannung Einer, der von ihm seine Instructionen erhalten hat? – Vielleicht, sagte der Doctor. – Aber wer sollte das sein? fragte Shandon. Ich kenne alle meine Leute, sag' ich Ihnen, und von lange her. – Jedenfalls, fuhr Johnson fort, wenn dieser Kapitän erscheint, Mensch oder Teufel, wird man ihn empfangen; aber man kann aus diesem Brief noch eine weitere Auskunft schöpfen. – Und welche? fragte Shandon. – Daß wir nämlich nicht blos in die Melville-Bai, sondern auch in den Smith-Sund fahren sollen. – Sie haben Recht, erwiderte der Doctor. – Den Smith-Sund, versetzte Richard Shandon mechanisch. – Es ist also klar, fuhr Johnson fort, daß der Forward nicht die Bestimmung haben kann, die nordwestliche Durchfahrt zu suchen, denn wir sollen den einzigen Weg dahin, den Lancaster-Sund, links lassen. Daraus haben wir eine schwierige Fahrt in die unbekannten Nord-Meere abzunehmen. – Ja, der Smith-Sund, erwiderte Shandon, ist der Weg, welchen im Jahre 1853 der Amerikaner Kane einschlug, und mit welchen Gefahren. Lange hielt man ihn für verloren in dieser erschrecklichen Zone! Schließlich, weil es vorgeschrieben ist, wird man in den Sund fahren! Aber bis wohin? Etwa bis zum Pol? – Und warum nicht?« rief der Doctor. Der Rüstmeister zuckte die Achseln. »Endlich, fuhr James Wall fort, um auf den Kapitän zurück zu kommen, wenn er existirt, so sehe ich an der Grönländischen Küste nur Disko oder Uppernawik, wo er uns erwarten könnte; in einigen Tagen werden wir also wissen, woran wir uns zu halten haben. – Aber, fragte der Doctor, werden Sie nicht der Mannschaft Kenntniß von diesem Brief geben? – Mit Erlaubniß des Commandanten, erwiderte Johnson, ich würde es nicht thun. – Und weshalb? fragte Shandon. – Weil all dieses Außerordentliche, Phantastische, geeignet ist, die Leute einzuschüchtern. Sie sind bereits sehr in Unruhe über das Schicksal einer so auftretenden Expedition. Wenn man sie nun zum Uebernatürlichen hindrängt, so kann dies schlimme Folgen haben, und wir möchten im Moment der Gefahr nicht auf sie zählen können. Was sagen Sie dazu, Commandant? – Und Sie, Doctor, was halten Sie davon? fragte Shandon. – Meister Johnson, erwiderte der Doctor, scheint mir verständig zu urtheilen. – Und Sie, James? – Besseres vorbehalten, versetzte Wall, trete ich der Meinung dieser Herren bei.« Shandon sann einige Augenblicke nach, las noch einmal achtsam den Brief. »Meine Herren, sagte er, Ihre Ansicht ist gewiß gut, aber ich kann sie nicht theilen. – Und weshalb, Shandon? fragte der Doctor. – Weil in dem Brief förmlich vorgeschrieben ist, die Mannschaft von Seiten des Kapitäns zu beglückwünschen; nun hab' ich bisher stets blind seinen Befehlen gehorcht, in welcher Weise auch sie mir zugestellt wurden, und ich kann nicht ... – Doch ... versetzte Johnson, der mit Recht um die Wirkung besorgt war, welche dergleichen Mittheilungen auf den Geist der Matrosen haben würden. – Wackerer Johnson, entgegnete Shandon, ich begreife, daß Sie darauf dringen, Ihre Gründe sind vortrefflich, aber lesen Sie: »Er bittet Sie, der Mannschaft seinen Dank dafür auszusprechen.« – Nun so verfahren Sie demnach, fuhr Johnson fort, der übrigens sonst strenge den Gehorsam zu wahren verstand. Soll man die Mannschaft auf dem Verdeck versammeln? – Thun Sie das«, erwiderte Shandon. Die Neuigkeit von einer Mittheilung des Kapitäns verbreitete sich augenblicklich an Bord. Die Matrosen kamen unverzüglich an den Platz für ihre Revue, und der Commandant las laut den geheiminßvollen Brief. Man hörte mit dumpfem Schweigen dem Verlesen zu; die Leute gaben sich tausend Vermuthungen hin; Clifton konnte sich nun allen Abschweifungen seiner abergläubischen Phantasie überlassen; er schrieb dem Kapitän Hund seinen redlichen Antheil dabei zu, und verfehlte nicht ihn zu grüßen, als er zufällig ihm in den Weg kam. Ein Jeder war überzeugt, daß des Kapitäns Schatten oder Geist am Bord wache; die Gescheitesten hüteten sich von nun an, ihre Vermuthungen gegen einander zu äußern. Am 1. Mai ergab die Aufnahme zu Mittag 68° Breite und 56° 32' Länge. Die Temperatur war gestiegen, und das Thermometer zeigte fünfundzwanzig Grad über Null (-4° hunderttheilig). Der Doctor hatte das Vergnügen zuzuschauen, wie eine weiße Bärin am Rande eines, längs der Küste schwimmenden Eisblocks mit zwei Jungen spielte. Er machte mit Wall und Simpson einen Versuch, in dem Boot Jagd auf sie zu machen; aber das eben nicht kampflustige Thier schleppte rasch seine Jungen mit sich fort, und man mußte auf ihre Verfolgung verzichten. Vom Wind begünstigt fuhr man während der Nacht um's Cap Chidley herum, und bald sah man am Horizont die hohen Berge von Disko sich erheben; rechts ließ man die Bai Godauhn, wo der Generalgouverneur der dänischen Niederlassungen residirte. Shandon hielt nicht für angemessen, sich hier aufzuhalten, und fuhr an den Piroguen der Eskimos, welche zu ihm zu gelangen bemüht waren, rasch vorüber. Die Insel Disko heißt auch Wallfischinsel. Von hier aus schrieb am 12. Juli 1815 Sir John Franklin zum letztenmal an die Admiralität, und hier legte auch, am 29. August 1859, der Kapitän Mac Clintock bei seiner Rückkehr an, indem er die nur zu sichern Beweise vom Untergang dieser Expedition mitbrachte. Bald verschwanden die Höhen von Disko vor den Blicken. Es befanden sich damals zahllose Eisberge an den Küsten, welche auch das stärkste Thauwetter nicht loslösen kann; diese ununterbrochene Reihe von Bergspitzen zeigte die seltsamsten Formen. Am folgenden Morgen gegen drei Uhr gewahrte man nordöstlich Sanderson Hope; das Land blieb etwa fünfzehn Meilen links liegen; die Berge schienen röthlich nußbraun gefärbt. Am Abend sah man einige Wallfische von der Sorte, welche Flossen auf dem Rücken haben, mitten zwischen den Eisblöcken sich erlustigen. Während der Nacht vom 3. auf 4. Mai konnte der Doctor zum erstenmal die Sonne am Rande des Horizonts streifen sehen, ohne daß ihre leuchtende Scheibe untertauchte; seit 31. Januar hatten ihre Bahnkreise täglich zugenommen, und es herrschte jetzt ununterbrochene Tageshelle. Für Zuschauer, die es nicht gewohnt sind, ist diese ununterbrochene Dauer des Tages etwas erstaunlich Merkwürdiges, das selbst beschwerlich wird; man kann kaum glauben, wie sehr die Dunkelheit der Nacht für die Gesundheit der Augen nöthig ist; es verursachte dem Doctor wirklichen Schmerz, um sich an dies fortwährende Licht zu gewöhnen, welches durch den Reflex der Strahler auf den Eisebenen noch schmerzhafter blendete. Am 5. Mai fuhr der Forward über den zweiundsiebenzigsten Breitegrad. Zwei Monate später hätte er hier zahllose Wallfischfahrer getroffen, welche in diesen hohen Strichen dem Fischfang obliegen; aber die Straße war noch nicht frei genug, daß diese Fahrzeuge es wagen konnten, in's Baffins-Meer zu dringen. Am folgenden Morgen kam die Brigg, nachdem sie vor der Fraueninsel vorübergefahren, vor Uppernawik an, der nördlichsten Niederlassung Dänemarks an diesen Küsten. Zehntes Capitel. Gefährliche Fahrt. Shandon, der Doctor Clawbonny, Johnson, Foker und der Koch Strong stiegen in das Wallfischboot und fuhren an's Ufer. Der Gouverneur, seine Frau und fünf Kinder; sämmtlich von Eskimorace, kamen höflich dem Besuch entgegen. Der Doctor verstand als Philolog ein wenig dänisch, welches zur Anknüpfung freundlicher Beziehungen hinreichte; auch verstand der Eismeister Foker, zugleich Dolmetscher der Expedition, etwa zwanzig Wörter Grönländisch, und wenn man nicht ehrgeizig ist, kommt man mit zwanzig Wörtern schon weit. Der Gouverneur, ein Eingeborener der Insel Disko, war nie aus seinem Geburtsland herausgekommen; er begrüßte im Namen seiner Stadt, die aus drei hölzernen Häusern, dem des Gouverneurs des lutherischen Pfarrers und einem Schulhause und Magazinen besteht, welche die Güter gestrandeter Schiffe bergen. Der Rest besteht aus Schneehütten, in welche die Eskimo's durch eine einzige Öffnung hineinkriechen. Ein großer Theil der Bewohner war dem Forward entgegengefahren, und mehr als ein Eingeborener fuhr in seinem fünfzehn Fuß langen und höchstens zwei Fuß breiten Kaïak bis in die Mitte der Bai. Der Doctor wußte, daß das Wort Eskimo einen Menschen bezeichnet, der rohe Fische ißt ; aber er wußte auch, daß diese Benennung im Lande wie ein Schimpfwort gilt, daher verfehlte er auch nicht, die Bewohner »Grönländer« zu nennen. Und doch war an den öligen Robbenfell-Kleidern und Stiefeln, an der schmutzigen und übelriechenden Umhüllung, welche Männer von Frauen nicht unterscheiden läßt, leicht zu erkennen, womit diese Leute sich nährten; zudem waren sie, wie alle Völker, welche von Fischen leben, zum Theil vom Aussatz befallen, aber sie befanden sich darum nicht eben übler. Der lutherische Pfarrer und seine Frau, mit welchen der Doctor besonders zu plaudern sich versprach, waren auf einem Ausflug nach Proven, südlich von Uppernawik, so daß er sich auf die Unterhaltung mit dem Gouverneur beschränkt sah. Dieser oberste Beamte schien nicht sehr gelehrt; zwar verstand er etwas mehr als ein Esel, aber des Lesens war er nicht völlig kundig. Doch befragte er ihn über Handel, Gewohnheiten und Sitten der Eskimo's, und vernahm aus ihrer Geberdensprache, daß die Robben, nach Kopenhagen geliefert, etwa vierzig Pfund galten, ein Bärenfell mit vierzig dänischen Dollars, ein blaues Fuchsfell mit vier, ein weißes mit zwei bis drei bezahlt wurde. Der Doctor wünschte auch, um sich persönlich zu unterrichten, eine Eskimohütte zu besuchen; man kann sich kaum vorstellen, wozu sich ein Gelehrter in seinem Wissensdrang versteht; zum Glück war die Oeffnung zu enge, so daß er trotz allem Eifer nicht hinein kommen konnte. Und das war auch besser, denn es giebt nichts so Widerliches, als diese Anhäufung todter oder lebender Gegenstände, Robben- oder Eskimofleisch, fauler Fische und stinkender Kleider, womit eine Grönländerhütte ausgestattet ist; keine Fenster für Lufterneuerung, nur oben an der Spitze ein Loch, wodurch zwar der Rauch abziehen kann, nicht aber der Gestank. Foker gab dem Doctor dies an, aber der würdige Gelehrte grollte doch seiner Beleibtheit; denn er hätte gern selbst sich ein Urtheil gebildet. »Ich bin überzeugt, sagte er, daß man mit der Zeit sich daran gewöhnt.« Während der ethnographischen Studien dieses Letzteren war Shandon, seinen Instructionen nach, beschäftigt, sich Transportmittel über das Eis zu verschaffen; er mußte für einen Schlitten und sechs Hunde vier Pfund bezahlen, und auch dafür sie herzugeben, machten die Eingeborenen Schwierigkeiten. Shandon hätte gerne den geschickten Hundeführer Hans Christian geworben, welcher zur Expediton des Kapitäns Mac Clintock gehört hatte, aber derselbe befand sich damals im südlichen Grönland. Dazu nun die Hauptfrage des Tages: befand sich zu Uppernawik ein Europäer, der auf die Vorüberfahrt des Forward wartete? Hatte der Gouverneur Kenntniß davon, daß ein Fremder, wahrscheinlich Engländer, sich in diesen Gegenden aufhalte? Wann hatte er die letzten Verbindungen mit Wallfischfahrern oder andern Schiffen? Auf diese Fragen erwiderte der Gouverneur, daß seit länger als zehn Monaten kein Fremder an dieser Gegend der Küste gelandet sei. Shandon ließ sich die Namen der zuletzt angekommenen Wallfischfahrer angeben; er kannte keinen derselben. Das war zum Verzweifeln. »Sie werden mir zugeben, Doctor, daß dies nicht zu begreifen ist, sagte er zu seinem Gefährten. Nichts am Cap Farewell! Nichts auf der Insel Disko! Nichts zu Uppernawik! – Fügen Sie mir nach einigen Tagen noch dazu: Nichts in der Bai Melville, lieber Shandon, und ich werde Sie als alleinigen Kapitän des Forward begrüßen.« Das Wallfischboot kehrte gegen Abend mit den Besuchern zum Forward zurück; Strong hatte sich, zum Behuf neuer Gerichte, einige Dutzend Eier von Eider-Enten verschafft, welche zweimal so groß als Hühnereier und von grünlicher Farbe sind. So wenig das war, so erquickend war es doch für die auf gesalzenes Fleisch angewiesene Mannschaft. Der Wind wurde am folgenden Tag günstig, und doch gab Shandon keinen Befehl unter Segel zu gehen; er wollte noch einen Tag warten und, sein Gewissen zu beruhigen, jedem menschlichen Wesen Zeit lassen, sich zum Forward einzufinden; er ließ sogar von Stunde zu Stunde den Sechzehnpfünder abfeuern, welcher inmitten der Eisberge donnernd widerhallte; doch hatte dies nichts weiter zur Folge, als daß Schwärme von Seevögeln dadurch aufgescheucht wurden. Während der Nacht wurden auch einige Raketen in die Luft gelassen, aber vergeblich. Man mußte sich zum Weiterfahren entschließen. Am 8. Mai um sechs Uhr früh fuhr der Forward mit vollen Segeln ab und verlor bald Uppernawik mit seinen häßlichen Stangengerüsten, woran dem Ufer entlang Eingeweide von Robben und Bauchstücke von Dammhirschen hingen, aus dem Gesicht. Der Wind wehte aus Süd-Ost, und die Temperatur stieg wieder auf zweiunddreißig Grad (0° hunderttheilig). Die Sonne drang durch den Nebel, und die Eisblöcke wurden unter ihrer auflösenden Einwirkung etwas lockerer. Indessen übte der Reflex dieser blendendweißen Strahlen einen nachtheiligen Einfluß auf das Gesicht einiger Leute der Mannschaft. Der Waffenschmied Wolsten, Gripper, Clifton und Bell wurden schneeblind, eine im Frühjahr sehr verbreitete Augenkrankheit, welche bei den Eskimo's häufig Blindheit zur Folge hat. Der Doctor rieth der ganzen Mannschaft, besonders aber den Kranken, an, sich das Gesicht mit einem Schleier von grüner Gaze zu verhüllen, und befolgte zuerst seine Anordnung. Die von Shandon zu Uppernawik gekauften Hunde waren ziemlich wilder Art; doch gewöhnten sie sich bald an das Schiff, und Kapitän Hund stand nicht übel zu seinen neuen Kameraden; er schien ihre Gewohnheiten zu kennen. Man konnte leicht erkennen, daß dieser Kapitän bereits Bekanntschaft mit seinen Stammesgenossen auf Grönland gehabt haben mußte. Da diese zu Lande bei ungenügender Nahrung stets hungrig gehalten wurden, so waren sie nun gierig, bei dieser Schiffsordnung sich zu erholen. Am 9. Mai strich der Forward einige Kabel weit bei der westlichsten der Baffins-Inseln vorbei. Der Doctor bemerkte in der Bai zwischen den Inseln und dem Lande einige Felsen, die man Crimson-Cliffs nennt; sie waren mit einem schön karminrothen Schnee bedeckt, welchem der Doctor Kane einen rein vegetalen Ursprung giebt; Clawbonny hätte dies merkwürdige Phänomen gern näher beobachtet, aber das Eis gestattete nicht, sich der Küste mehr zu nähern; obwohl die Temperatur zu steigen anfing, konnte man klar sehen, daß die Eisberge und Eisströme im Norden des Baffins-Meeres häufiger wurden. Von Uppernawik an bot das Land einen andern Anblick, und es zeichneten sich am Horizont die Profile unermeßlicher Gletscher auf grauem Himmelsgrund. Am 10. ließ der Forward die Bai Kingston rechts nächst dem vierundsiebenzigsten Breitegrad: mehrere hundert Meilen westlich von dem Eingang des Lancaster-Sund. Dann aber verschwand die ungeheure Wasserfläche unter ausgedehnten Eisfeldern, auf welchen regelmäßige Spitzhügel wie die Krystallisation der nämlichen Substanz sich erheben. Shandon ließ heizen, und bis zum 11. Mai schlängelte der Forward durch die gewundenen Engen, und sein schwarzer Rauch zeichnete am Himmel den Weg, welchen er nahm. Aber bald zeigten sich neue Hindernisse; da die schwimmenden Massen beständig ihre Stelle wechselten, so schlossen sich die engen Fahrwasser; vor dem Vordertheil des Forward drohte jeden Augenblick das Wasser zu mangeln, und wenn er eingeklemmt wurde, würde es ihm schwer fallen, sich wieder heraus zu ziehen. Jeder wußte es, jeder dachte daran. Auch zeigten sich an Bord dieses Schiffes ohne Ziel, ohne bekannte Bestimmung, das sinnlos nach Norden zu steuerte, einige Symptome schwankender Gesinnung; unter den an ein Leben voll Gefahren gewöhnten Leuten fanden sich Manche, die trotz der gebotenen Vortheile es bereuten, sich so weit gewagt zu haben. Es herrschte bereits in den Gemüthern eine gewisse Entmuthigung, welche durch die Angst Clifton's und die Reden von einigen Anstiftern, wie Pen, Gripper, Waren und Wolsten noch zunahm. Zu der gemüthlichen Herabstimmung der Mannschaft gesellten sich dann noch erschöpfende Strapazen, denn am 12. Mai war die Brigg auf allen Seiten eingeschlossen; die Dampfkraft reichte nicht mehr aus, man mußte sich durch die Eisfelder eine Bahn machen. Bei den sechs bis sieben Fuß dicken Blöcken war die Anwendung der Sägen sehr mühevoll; wenn in einer Lange von hundert Fuß zwei Parallelschnitte gemacht waren, mußte man das zwischen denselben befindliche Eis mit Aexten und Hebebäumen zerbröckeln; dann steckte man Anker durch ein mit einem starken Bohrer gemachtes Loch; dann begann man die Winde anzuwenden, und zog das Schiff mit den Armen; eine sehr große Schwierigkeit bestand noch darin, daß man die Eisstücke unter die Blöcke bringen mußte, um dem Fahrzeug Bahn zu machen; und man mußte sie vermittelst langer Stangen mit einer eisernen Spitze hinwegstoßen. Kurz, das Sägen, Ziehen, Winden, Stoßen, – unablässig nothwendige, gefährliche Verrichtungen mitten im Nebel oder dichtem Schnee, die niedrige Temperatur, Augenleiden, Gemüthsbefangenheit, – Alles wirkte zusammen, die Mannschaft herabzustimmen und auf ihre Einbildungskraft zu wirken. Haben es die Matrosen mit einem energischen, kühnen, überzeugten Manne zu thun, der seines Zweckes, seines Weges und Zieles sicher ist, so hält das Vertrauen sie wider Willen aufrecht; sie sind mit ihrem Haupt eines Sinnes, stark durch seine Kraft, und ruhig durch seine Ruhe. Aber an Bord der Brigg wußte man, daß der Befehlshaber nicht sicher war, bei dem unbekannten Ziel und Bestimmungsort schwankte. Trotz der Energie seines Charakters gab sich durch Aenderung der Befehle, unvollständige Manoeuvres, unzeitige Bemerkungen, durch eine Menge Einzelheiten, welche der Mannschaft nicht unbemerkt bleiben konnten, seine Schwäche unwillkürlich kund. Und dann, Shandon war doch nicht Kapitän des Schiffes, von dem nach Gott Alles abhing; Grund genug, daß man über seine Befehle disputirte, und vom Disputiren bis zur Gehorsamverweigerung ist nur ein leichter Schritt. Die Unzufriedenen gewannen bald den ersten Maschinisten für sich, der bisher sich strenge an seine Pflicht hielt, Am 16. Mai, sechs Tage nachdem der Forward bei der Eisdecke angelangt war, hatte Shandon noch keine zwei Meilen nordwärts zurückgelegt. Man war mit dem Schicksal bedroht, im Eise stecken zu bleiben. Das war ein bedenklicher Fall. Gegen acht Uhr gingen Shandon und der Doctor in Begleitung des Matrosen Garry aus, um auf der unermeßlichen Ebene zu recognosciren; sie waren bedacht, sich nicht allzuweit von dem Schiff zu entfernen, denn es wurde schwierig, sich in den weißen Einöden, deren Ansichten sich unaufhörlich änderten, Merkpunkte zu bilden. Die Strahlenbrechung hatte sonderbare Wirkungen, so daß der Doctor darüber staunte; wo er meinte, nur einen Fuß weit springen zu müssen, mußte man über fünf bis sechs Fuß hinaus; oder es fand der entgegengesetzte Fall statt: in beiden Fällen aber kam es auf den glasharten Eisstücken zum Niederfallen, was, wenn auch nicht gefährlich, doch immer beschwerlich war. Shandon suchte mit seinen Begleitern fahrbare Wasserwege; in einer Entfernung von drei Meilen vom Schiff erstiegen sie mit ziemlicher Beschwerde einen Eisberg, welcher dreihundert Fuß hoch sein mochte. Von hier aus schweifte ihr Blick über diesen wüsten Haufen, gleich den Trümmern einer Riesenstadt mit umgeworfenen Obelisken, zusammengestürzten Thürmen und umgekehrten Palästen. Die Sonne zog mühsam ihre Kreise um einen mit Bergspitzen besetzten Horizont, und warf lange, schiefe Lichtstrahlen ohne Wärme, als wenn nichtwärmeleitende Stoffe zwischen sie und dies traurige Land gedrungen wären. Das Meer schien, so weit die Blicke nur reichten, völlig festgefroren. "Wie kommen wir weiter? fragte der Doctor. – Ich weiß nicht, erwiderte Shandon, aber wir kommen weiter, müßten wir auch diese Berge mit Pulver sprengen; ich lasse mich gewiß nicht durch diese Eisblöcke bis zum nächsten Frühjahr hier festhalten. – Wie das jedoch, sagte der Doctor, dem Fox fast in diesen nämlichen Gegenden passirt ist. Ei doch! wir dringen durch ... mit ein wenig Philosophie. Sie werden sehen, das ist so viel werth, wie alle Maschinen! – Man muß zugeben, daß dieses Jahr nicht eben günstige Aussicht darbietet. – Unstreitig, Shandon, und ich bemerke, daß das Baffins-Meer die Neigung zeigt, in den Zustand vor 1817 zurückzukehren. – Meinen Sie, Doctor, es sei nicht immer so wie jetzt gewesen? – Nein, lieber Shandon: von Zeit zu Zeit haben ungeheure Eisgänge stattgefunden, welche die Gelehrten nicht zu erklären wußten. So ist bis zum Jahre 1817 dieses Meer beständig versperrt gewesen, als eine ungeheure Überschwemmung stattfand und diese Eisberge in den Ocean trieb, welche meistens an der Bank von New-Foundland zerbröckelten. Von der Zeit an ist die Baffins-Bai fast frei gewesen, und ward zum Sammelplatz der Wallfischjäger. – Also, fragte Shandon, sind seit dieser Zeit die Nordfahrten leichter gewesen? – Ganz außerordentlich; aber man bemerkt, daß seit einigen Jahren die Bai Neigung zeigt, wieder fest zu werden, und sich, vielleicht für lange Zeit, den Forschungsreisenden zu verschließen. Um so mehr Grund also, daß wir so weit als möglich vordringen. Und doch gleichen wir ein wenig den Leuten, welche sich in unbekannte Gänge hineinwagen, deren Thüren sich unablässig hinter ihnen wieder schließen. – Würden Sie mir rathen zurückzuweichen? fragte Shandon, indem er tiefer in des Doctors Augen zu lesen versuchte. – Ich! Ich habe nie verstanden einen Fuß rückwärts zu thun; und sollte man nie wieder zurückkommen, so sag' ich vorwärts! Nur müssen wir uns klar machen, daß wir, wenn wir unvorsichtig sind, genau wissen, welcher Gefahr wir uns aussetzen. – Und Sie, Garry, was halten Sie davon? fragte Shandon den Matrosen. – Ich, Commandant, würde grad' aus vorwärts gehen; ich schließe mich des Herrn Clawbonny's Meinung an; übrigens thun Sie, was Ihnen beliebt; commandiren Sie, wir werden gehorchen. – Nicht Alle reden, wie Sie, Garry, fuhr Shandon fort; es haben nicht Alle Lust zu gehorchen! Und wenn sie sich weigern, meine Befehle auszuführen? – Ich habe Ihnen meine Ansicht geäußert, Commandant, erwiderte Garry mit kalter Miene, weil Sie mich um dieselbe befragt haben; aber Sie sind nicht daran gebunden.« Shandon gab keine Antwort; er prüfte achtsam den Horizont, und begab sich wieder mit seinen beiden Gefährten auf das Eisfeld. Elftes Capitel. Der Teufels-Daumen. Während der Abwesenheit des Commandanten hatten die Bootsleute verschiedene Arbeiten ausgeführt, so daß es nun dem Schiffe möglich war, sich dem Druck der Eisfelder zu entziehen. Pen, Clifton, Bolton, Gripper, Simpson nahmen diese mühevolle Verrichtung vor; der Heizer und die beiden Maschinisten mußten sogar beihelfen, denn vom Augenblick an, wo ihr Dienst bei der Maschine nicht erforderlich war, wurden sie wieder Matrosen, und konnten als solche zu allen Dienstleistungen an Bord zugezogen werden. Aber das geschah nicht ohne große Aufregung. »Ich erkläre, daß ich jetzt satt daran habe, sagte Pen, und wenn binnen drei Tagen der Eisbruch nicht eintritt, schwöre ich zu Gott, daß ich die Hände in den Schooß lege! – Die Hände in den Schooß legen, erwiderte Gripper; da wäre es doch besser, man brauchte sie, um rückwärts zu kommen! Meinst Du, wir hätten Lust, hier bis zum künftigen Frühjahr zu überwintern? – Wahrhaftig, das wäre ein traurig Winterquartier, versetzte Plover, denn das Schiff ist nach allen Seiten hin schutzlos! – Und wer weiß, sagte Brunton, ob selbst im nächsten Frühjahr das Meer freier sein wird, als heute? – Es handelt sich gar nicht um nächstes Frühjahr, entgegnete Pen; wir haben heute Donnerstag; wenn bis Sonntag früh die Bahn nicht frei ist, fahren wir rückwärts nach dem Süden. – Bravo! rief Clifton. – Seid Ihr damit einverstanden? fragte Pen. – Einverstanden! erwiderten die Kameraden. – Ganz recht, fuhr Waren fort, denn wenn wir dergestalt arbeiten und das Schiff mit den Armen fortziehen müssen, so bin ich der Meinung, daß wir rückwärts ziehen. – Bis Sonntag wird sich das zeigen, sagte Wolsten. – Auf Befehl, fuhr Brunton fort, sind meine Oefen bald geheizt. – Ei! versetzte Clifton, die werden wir schon selbst heizen. – Wenn von den Officieren einer, erwiderte Pen, sich das Vergnügen machen will, hier Winterquartier zu nehmen, steht es ihm frei; man wird ihn ruhig hier lassen; Niemand wird ihn hindern, sich eine Schneehütte zu bauen, um als echter Eskimo darin zu leben. – Nichts von dem, Pen, entgegnete Brunton; wir dürfen Keinen im Stich lassen; versteht Ihr wohl, Ihr andern? Ich glaube übrigens, daß der Commandant nicht schwer zu bestimmen sein wird; er sieht mir schon sehr beunruhigt aus, und wenn man ihm die Sache glimpflich beibringt ... – Wohl zu verstehen, fuhr Plover fort; Richard Shandon ist ein harter und mitunter starrköpfiger Mann; man müßte ihm geschickt beikommen. – Wenn ich denke, versetzte Bolton mit sehnsüchtigem Seufzen, daß wir binnen einem Monat wieder in Liverpool sein können! Ueber die Linie der Eisblöcke im Süden werden wir rasch hinaus sein! Zu Anfang Juni wird die Davis-Straße frei zu passiren sein, und dann brauchen wir uns nur in's Atlantische Meer treiben zu lassen! – Dazu kommt noch, erwiderte der kluge Clifton, daß wir, wenn wir unter der Verantwortlichkeit des Commandanten zurückkehren, unsere Antheile und Vergütungen ungeschmälert behalten; kämen wir aber allein heim, so wären wir derselben nicht ganz sicher. – Gut ausgeklügelt, sagte Plover; dieser verteufelte Clifton spricht, wie ein Finanzmann. Nehmen wir uns in Acht, daß wir nichts mit den Herren von der Admiralität auseinanderzusetzen haben; das ist sicherer, und lassen wir Niemand im Stich. – Aber wenn die Officiere sich weigern, sich uns anzuschließen?« versetzte Pen, der seine Kameraden zum Aeußersten drängen wollte. Eine so direct gestellte Frage setzte etwas in Verlegenheit. »Das werden wir sehen, wenn die rechte Zeit dafür sein wird, versetzte Bolton, übrigens wird es hinreichen, Shandon für unsere Sache zu gewinnen, und ich denke, das wird nicht schwer sein. – Doch giebt es Einen, den möcht' ich hier lassen, sagte Pen fluchend, und sollte er mir auch einen Arm fressen. – Ah! Den Hund sagte Plover. – Ja, den Hund, und ich werde bald mit ihm fertig sein! – Um so lieber, versetzte Clifton mit Beziehung auf sein Lieblingsthema, als der Hund an all' unserm Unglück Schuld ist. – Er hat uns behext, sagte Plover. – Er hat uns in das Eis hinein geschleppt, erwiderte Gripper. – Er hat uns, entgegnete Wolsten, mehr Eisblöcke in den Weg geschafft, als man je zu dieser Zeit gesehen hat? – Er hat mir die Augen krank gemacht, sagte Brunton. – Er hat uns den Gin und Branntwein entzogen, versetzte Pen. – Er ist an Allem Schuld, riefen sie alle zusammen. – Und dazu noch, erwiderte Clifton, ist er der Kapitän. – Ja wohl, Unglücks-Kapitän, schrie Pen, dessen unsinniger Zorn sich durch die eigenen Worte steigerte, Du hast gerne hierher gewollt, sollst auch hier bleiben! – Aber wie fangen wir ihn? sagte Plover. – Ei! Nun ist gute Gelegenheit dafür, erwiderte Clifton, der Commandant ist nicht an Bord, der Lieutenant schläft in seiner Cabine; der Nebel ist dicht genug, daß Johnson uns nicht wahrnehmen kann ... – Aber der Hund? schrie Pen. – Der schläft oben neben der Kohlenkammer, erwiderte Clifton, und wenn man Lust hat ... – Ich übernehme es, versetzte Pen wüthend. – Nimm Dich in Acht, Pen; er hat Zähne, die können Eisenstangen zerbeißen! – Rührt er sich, so steche ich ihn in den Bauch«, entgegnete Pen, und zückte sein Messer. Und er stürzte in das Zwischendeck, Waren ihm nach, um ihm dabei zu helfen. Bald kamen sie miteinander zurück und schleppten das Thier in den Armen, die Schnauze und Pfoten geknebelt; sie hatten ihn im Schlaf überrascht, und der unglückliche Hund konnte ihnen nicht mehr entrinnen. »Hurrah für Pen! rief Plover. – Und jetzt, was willst Du mit ihm anfangen? fragte Clifton. – In's Wasser werfen, und wenn er je wieder kommt ...« versetzte Pen mit wüstem Lachen der Befriedigung. Zweihundert Schritte vom Schiff entfernt war ein Robbenloch, eine kreisrunde Oeffnung, wie sie diese Thiere mit ihren Zähnen machen und stets von innen aus nagend offen halten; durch dieselbe ist der Robbe im Stande, an der Oberfläche Luft zu schöpfen; aber er muß sorgfältig verhindern, daß dieselbe nicht oben wieder zufriert, denn die Beschaffenheit seiner Kinnlade macht ihm unmöglich, das Loch von außen nach innen zu erneuern, und im Moment der Gefahr könnte er seinen Feinden nicht entrinnen. Pen und Waren gingen mit dem Hund zu dieser Oeffnung und warfen ihn, so arg er zappelte und dagegen wehrte, unbarmherzig in's Meer; darauf wälzten sie einen gewaltigen Eisblock über das Loch, um dem Thier den Ausgang zu schließen, daß es nimmer wieder komme. »Gute Reise, Kapitän!« rief der brutale Matrose. Gleich darauf kehrten Pen und Waren wieder an Bord zurück. Johnson hatte gar nichts davon gemerkt; der Nebel um das Schiff herum ward dichter und es begann wieder heftig zu schneien. Eine Stunde nachher erschienen auch Richard Shandon, der Doctor und Garry wieder auf dem Forward. Shandon hatte in nordöstlicher Richtung ein Fahrwasser bemerkt, welches er zu benutzen beschloß. Demnach ertheilte er seine Befehle; die Mannschaft gehorchte mit einer gewissen Rührigkeit; sie wollte Shandon die Unmöglichkeit weiter zu dringen begreiflich machen, und zudem hielt sie sich noch drei Tage zum Gehorsam verbunden. Während eines Theiles der Nacht und des folgenden Tages wurde die Säge-Arbeit und das Ziehen des Schiffes eifrig fortgesetzt; der Forward kam ungefähr zwei Meilen weiter nordwärts. Am 18. befand er sich in der Nähe des Landes, fünf bis sechs Kabellängen von einem sonderbar gestalteten Pic, dem man seiner auffallenden Form wegen den Namen »Teufelsdaumen« gegeben hatte. An derselben Stelle waren im Jahre 1851 der »Prinz Albert«, und 1853 Kaue mit dem »Advance« mehrere Wochen lang ununterbrochen stecken geblieben. Die seltsame Gestalt des Teufelsdaumens, die öde und verlassene Umgebung, ringsum ungeheure Eisberge, manche über dreihundert Fuß hoch, das Krachen der Eisberge, welches unheimlicher Weise im Echo widerhallte, Alles machte die Lage des Forward erschrecklich traurig. Shandon begriff, daß er ihn von da wegbringen und weiter führen müsse. Vierundzwanzig Stunden nachher, seiner Schätzung nach, konnte er um etwa zwei Meilen von dieser unheimlichen Küste wegkommen. Aber das war nicht Alles. Shandon fühlte sich von Furcht befangen, und die falsche Stellung, worin er sich befand, lähmte seine Thatkraft; um seinen Instructionen nach vorwärts zu dringen, hatte er sein Schiff in eine außerordentlich gefährliche Lage versetzt; das Schiffsziehen brachte die Leute gänzlich herab; man brauchte über drei Stunden, um einen zwanzig Fuß langen Canal in ein Eis zu hauen, das vier bis fünf Fuß dick war; der Gesundheitszustand der Mannschaft drohte schon schlimmer zu werden. Shandon staunte über das Schweigen der Leute und ihre ungewöhnliche Hingebung; aber er besorgte, es möchte dies der Vorbote eines nahen Sturmes sein. Man kann sich demnach die peinliche Ueberraschung, die Enttäuschung und Hoffnungslosigkeit vorstellen, welche ihn befiel, als er wahrnahm, daß in Folge einer unmerklichen Bewegung des Eisfeldes der Forward während der Nacht des 18. zum 19. wieder Alles verlor, was er durch so viele Strapazen gewonnen hatte, am Samstag Morgen befand er sich wieder im Angesicht des Teufelsdaumens, der stets drohte, und in einer noch bedenklicheren Lage; die Eisberge wurden häufiger und fuhren Phantomen gleich im Nebel vorüber. Shandon war vollständig entmuthigt; offen gesagt, der Schrecken drang in das Gemüth dieses unverzagten Mannes und in die Herzen seiner Mannschaft. Shandon hatte vom Verschwinden des Hundes reden gehört, aber er wagte nicht die Schuldigen zu strafen; er mußte fürchten einen Aufruhr hervorzurufen. Das Wetter war diesen Tag über erschrecklich; dicht aufgewirbelter Schnee umhüllte die Brigg mit einem undurchdringlichen Schleier; bisweilen, unter Einwirkung des Sturmwetters, theilte sich der Nebel, und das Auge sah mit Schrecken auf der Landseite den Teufelsdaumen gespensterartig emporragen. Der Forward ankerte sich fest an einen ungeheuren Eisblock, weiter konnte er nichts thun, nichts versuchen; die Dunkelheit nahm zu, so daß der Mann am Steuer den Wachposten am Vordertheil nicht sehen konnte. Shandon zog sich, unablässig beängstigt, in seine Cabine zurück; der Doctor ordnete seine Reisenotizen; von der Mannschaft war die Hälfte auf dem Verdeck geblieben, die anderen befanden sich im gemeinschaftlichen Saal. In einem Moment, wo der Sturm ärger tobte, schien der Teufelsdaumen mitten im zerrissenen Nebel über die Maßen hoch zu ragen. »Großer Gott! schrie Simpson, und wich voll Schrecken zurück. – Was giebt es«, sagte Foker. Nun rief es auf allen Seiten: »Er wird uns zerschmettern! – Wir sind verloren! – Herr Wall! Herr Wall! – 's ist Alles aus! – Commandant! Commandant!« So schrieen die Leute von der Wache zusammen. Wall stürzte auf das Hintercastell; Shandon in Begleitung des Doctors eilte auf das Verdeck und schaute. Mitten durch die Spalten des Nebels schien der Teufelsdaumen plötzlich näher bei der Brigg; er schien phantastisch vergrößert; an seiner Spitze erhob sich ein zweiter Kegel, umgekehrt und auf seiner Spitze sich drehend; – er drohte mit seiner ungeheuern Masse das Schiff zu zertrümmern; er wankte, drohte zu fallen: ein Anblick zum Entsetzen. Jeder wich unwillkürlich zurück, und einige Matrosen verließen das Schiff, eilten auf das Eis. »Keiner rühre sich vom Platz! rief der Commandant in strengem Ton. Jeder an seinen Posten! – Meine Freunde, haben Sie doch keine Angst, sagte der Doctor; 's ist keine Gefahr! Sehen Sie, Commandant, sehen Sie, Herr Wall, 's ist eine Luftspiegelung, nichts weiter! – Sie haben Recht, Herr Clawbonny, versetzte Meister Johnson; die Leute haben sich aus Unwissenheit durch ein Luftgebilde ängstigen lassen.« Auf die Worte des Doctors waren die meisten der Matrosen herbeigekommen, und ihre Furcht verwandelte sich in Bewunderung dieses merkwürdigen Phänomens, welches alsbald erlosch. »Sie nennen das Luftspiegelung! sagte Clifton; nun, der Teufel steckt doch etwas darinnen, Ihr könnt mir's glauben. – Ganz gewiß«, erwiderte ihm Gripper. Aber als sich der Nebel ein wenig zerklüftete, erblickte der Commandant eine große und freie Fahrstraße, die er nicht vermuthet hatte. Er beschloß unverzüglich diesen günstigen Fall zu benutzen; die Leute wurden auf beiden Seiten des Fahrwassers aufgestellt, es wurden ihnen starke Taue gereicht, und sie begannen das Schiff in nördlicher Richtung zu ziehen. Stunden lang wurde dieses Manoeuvre eifrig, obwohl schweigend, ausgeführt; Shandon hatte die Oefen heizen lassen, um den glücklicherweise entdeckten Canal zu benutzen. »Es ist ein günstiger Zufall, sagte er zu Johnson, und wenn wir nur einige Meilen noch vorwärts kommen können, werden wir vielleicht am Ende unserer Mühsal sein! Herr Brunton, heizen Sie stärker, und sobald der Dampf hinreichend sein wird, lassen Sie mich es wissen. Wenn inzwischen unsere Leute wieder mehr Muth gewinnen, ist das ein eben so großer Gewinn. Sie eilen sich, vom Teufelsdaumen wegzukommen! Nun, so benutzen wir diese gute Stimmung.« Auf einmal wurde der Zug der Brigg plötzlich gehemmt. »Was giebt es? fragte Shandon. Wall, sind unsere Schlepptaue zerrissen? – Nein, Commandant, erwiderte Wall, indem er sich über das Geländer neigte. Ei! Da kommen unsere Leute zurück, klettern auf das Schiff; sie scheinen von einem sonderbaren Schrecken befallen! – Was giebt es denn? rief Shandon, auf das Vordertheil stürzend. – An Bord! An Bord!« schrieen die Matrosen in ärgstem Schrecken. Shandon blickte nach Norden hin, und Schaudern befiel ihn wider Willen. Ein seltsames Thier, mit sprühender Zunge und riesenhaftem Schlund, sprang mit gräßlichen Bewegungen eine Kabellänge vom Schiff entfernt; es schien über zwanzig Fuß hoch zu sein, mit struppig starrenden Haaren; es verfolgte die Matrosen und stürzte auf sie zu, während es mit furchtbarem, zehn Fuß langem Schwanz den Schnee fegte und in dichten Wirbeln aufregte. Beim Erblicken eines solchen Ungeheuers wurden auch die Unverzagtesten von eisigem Schrecken befallen. »'S ist ein Bär! sagte der Eine. – 'S ist der Währwolf! – Der Löwe in der Apokalypse!« Shandon holte eiligst aus seiner Cabine einen stets geladenen Revolver; der Doctor griff rasch zu seiner Waffe, um auf das Thier zu feuern, dessen Größe an die Vierfüßler der Urzeit erinnerte. Es kam mit ungeheuern Sprüngen näher; Shandon und der Doctor feuerten zugleich, und es zeigte sich plötzlich durch die Erschütterung der Luftschichten eine unerwartete Wirkung. Als der Doctor genau hinsah, konnte er nicht umhin, laut aufzulachen. »Die Strahlenbrechung! sagte er. – Die Strahlenbrechung!« rief Shandon. Aber dazwischen fürchterliche Angstrufe aus der Mannschaft: »Der Hund! rief Clifton. – Der Kapitän Hund! wiederholten seine Kameraden. – Er ist es! rief Pen, immer noch der Hund!« Es war wirklich der Hund, dem es gelungen war, seine Bande zu zerreißen und durch eine andere Oeffnung wieder auf die Oberfläche des Eisfeldes zu gelangen. In diesem Augenblick war durch die Refraction, – eine unter diesen Breitegraden gewöhnliche Erscheinung – seine Gestalt in furchtbaren Verhältnissen angewachsen. Diese Täuschung war zwar durch die Lufterschütterung beseitigt, aber es blieb doch eine schlimme Wirkung auf die Gemüther der Matrosen, welche wenig fähig waren, die Erklärung der Thatsache aus rein physischen Gründen gelten zu lassen. Das Abenteuer des Teufelsdaumens, das Wiedererscheinen des Hundes unter so phantastischen Umständen, machten sie vollends in ihrer Haltung irre, und lautes Murren ließ sich auf allen Seiten hören. Zwölftes Capitel. Der Kapitän Hatteras. Der Forward drang mit Dampfeskraft zwischen den Eisfeldern und Eisbergen rasch vorwärts. Johnson hielt selbst das Steuer. Shandon untersuchte mit seiner Schneebrille den Horizont; aber seine Freude dauerte nicht lange, denn er erkannte bald, daß man am Ende des Fahrpasses sich rings von Bergen umgeben fand. Doch zog er den Schwierigkeiten einer Umkehr das Mißliche einer Fortsetzung der Fahrt vor. Der Hund lief auf der Eisfläche hinter der Brigg her, aber in ziemlicher Entfernung. Da hörte man, wenn er zurückblieb, ein eigenthümliches Pfeifen, worauf er sogleich zurückkehrte. Als sich dies Pfeifen zum erstenmal hören ließ, sahen sich die Matrosen um; sie waren allein auf dem Verdeck und beriethen zusammen; kein Fremder, kein Unbekannter; und doch vernahm man das Pfeifen noch einigemal. Clifton ward zuerst unruhig. »Hören Sie? sagte er, und sehen Sie, wie das Thier springt, wenn es pfeifen hört. – Das ist ganz unglaublich, erwiderte Gripper. – Jetzt sind wir fertig! rief Pen; weiter gehe ich nicht. – Pen hat Recht, versetzte Brunton; das heißt Gott versuchen. – Den Teufel versuchen, erwiderte Clifton. Lieber geb' ich meinen ganzen Theil an der Prämie hin, als daß ich noch einen Schritt weiter gehe. – Wir kommen nicht wieder zurück«, sagte Bolton niedergeschlagen. Die Mannschaft war im höchsten Grade entmuthigt. »Nicht einen Schritt weiter! rief Wolsten; seid Ihr einverstanden? – Ja! Ja! erwiderten die Matrosen. – Nun denn, sagte Bolton, so gehen wir zum Commandanten; ich übernehme es mit ihm zu reden.« Die Matrosen gingen in dichten Haufen auf's Hinterdeck zu. Der Forward kam eben an eine große kreisrunde Stelle von etwa achthundert Fuß Durchmesser; sie war vollständig rings versperrt, mit Ausnahme des einzigen Auswegs, welchen man gekommen war. Shandon begriff, daß er sich selbst eingesperrt hatte. Aber was nun anfangen? Wie zurückkehren? Er fühlte seine ganze Verantwortlichkeit; es ballte sich ihm die Faust. Der Doctor schaute mit gekreuzten Armen, ohne ein Wort vorzubringen. Er sah die Eiswände an, deren Höhe durchschnittlich dreihundert Fuß betragen mochte. Dichter Nebel lagerte über diesem Abgrund. In diesem Augenblick redete Bolton den Commandanten an. »Commandant, sprach er mit bewegter Stimme, wir können nicht weiter! – Das sagt Ihr? erwiderte Shandon, dem der Zorn über die Verletzung seiner Autorität in's Angesicht stieg. – Wir erklären, Commandant, fuhr Bolton fort, daß wir für den unsichtbaren Kapitän genug geleistet haben, und wir sind entschlossen, nicht weiter vorwärts zu gehen. – Sie sind entschlossen? ... rief Shandon. So sprechen Sie, Bolton! Hüten Sie sich! – Ihre Drohung macht nichts aus, erwiderte Pen brutal; wir gehen nicht weiter!« Shandon ging auf die empörten Matrosen zu, als der Rüstmeister leise zu ihm sagte: »Commandant, wenn wir wieder von hier heraus wollen, haben wir keinen Augenblick zu verlieren. Da schwimmt ein Eisberg zu dem Fahrpaß hin, der kann uns ganz absperren.« Shandon untersuchte nochmals die Lage. »Sie werden mir später Ihr Verhalten verantworten, sagte er zu den Aufrührern. Inzwischen, das Schiff gewendet!« Die Matrosen eilten an ihre Posten. Der Forward wendete rasch, die Oefen wurden stärker geheizt; es galt dem schwimmenden Berg zuvor zu kommen. Es war eine Wettfahrt zwischen der Brigg und dem Eisberg; die erstere eilte südlich, um hinauszukommen, der letztere trieb nordwärts, den Weg zu versperren. »Heizen, Heizen! rief Shandon, mit vollem Dampf! Brunton, verstehen Sie?« Der Forward glitt rasch, wie ein Vogel zwischen den zerstreuten Eisblöcken durch, welche sein Vordertheil rasch durchschnitt; die Schraube wirkte, daß der Rumpf des Schiffes zitterte, und das Manometer zeigte eine äußerste Spannung des Dampfes, der zum Betäuben laut pfiff. »Die Klappen beschwert!« rief Shandon. Der Maschinist gehorchte, auf die Gefahr hin, das Schiff in die Luft zu sprengen. Doch waren diese verzweifelten Anstrengungen vergebens; der Eisberg, von einer unterseeischen Strömung getrieben, kam zuvor; die Brigg war noch drei Kabellängen entfernt, als der Eisberg wie ein Keil in den freien Paß eindrang und jeden Ausweg sperrte. »Jetzt sind wir verloren! rief Shandon, dem das unvorsichtige Wort entschlüpfte. – Verloren! rief die Mannschaft. – Rette sich, wer kann! sagten die Einen: – Die Boote in's Meer! riefen Andere. – In die Vorrathskammer! schrien Pen und Andere seines Gelichters; sollen wir ersaufen, so wollen wir's im Gin!« Alle Zügel rissen, die Unordnung stieg auf das höchste. Shandon fühlte sich übermeistert; er wollte commandiren, stammelte, stockte; sein Gedanke konnte nicht Worte finden. Der Doctor ging voll Unruhe auf und ab. Johnson kreuzte mit stoischem Schweigen die Arme. Da ließ sich plötzlich eine starke, energische, gebieterische Stimme vernehmen, mit dem Ruf: »Jeder an seinen Posten! Rasch gewendet!« Johnson gehorchte zitternd, ohne sich zu besinnen ließ er eiligst das Rad des Steuers drehen. Es war hohe Zeit; die Brigg war im Begriff, mit aller Kraft wider die Wände prallend, zu scheitern. Aber, während Johnson instinctmäßig Folge leistete, eilten Shandon, Clawbonny, die gesammte Mannschaft bis auf den Heizer Waren und den Neger Strong auf's Verdeck, und alle sahen aus der Cabine, dessen Schlüssel allein im Besitz des Kapitäns war, einen Mann heraustreten ... Dieser Mann war der Matrose Garry. »Garry! rief Shandon erbleichend – Sie ... was haben Sie für Recht hier zu commandiren? ... – Duk!« rief Garry, und wiederholte das Pfeifen, welches der Mannschaft so sehr aufgefallen war. Als der Hund seinen wahren Namen vernahm, sprang er mit einem Satz auf das Hinterdeck und legte sich ruhig zu den Füßen seines Herrn. Die Mannschaft ließ keinen Laut vernehmen. Dieser Schlüssel, welchen allein der Kapitän des Forward in Händen haben konnte, dieser Hund, welchen er geschickt und der eben so zu sagen sein Persönlichkeit beurkundet hatte, dieser Befehlshaberton, den man unmöglich verkennen konnte, – alles dies machte einen mächtigen Eindruck auf die Matrosen, und genügte, Garry's Autorität festzustellen. Uebrigens war Garry nicht mehr kenntlich; er hatte den breiten Backenbart, welcher sein Gesicht umrahmte, abgelegt, und um so mehr traten seine leidenschaftslosen Züge voll Thatkraft und Befehlshaberwürde in's Licht; er trat auf in seiner Standeskleidung mit den Abzeichen des Commandanten. So wurde denn auch die Mannschaft des Forward wider Willen fortgerissen und rief einstimmig: »Hurrah! Hurrah! Hurrah für den Kapitän! – Shandon, sprach dieser zu seinem Stellvertreter, lassen Sie die Mannschaft sich aufstellen, ich will Musterung halten.« Shandon gehorchte und gab mit bewegter Stimme seine Befehle. Der Kapitän trat vor seine Officiere und Matrosen und sprach zu Jedem, was seinem bisherigen Verhalten gemäß passend war. Hierauf stieg er auf die Companie und sprach in ruhigem Ton die folgenden Worte: »Officiere und Matrosen, ich bin Engländer, wie Sie auch, und mein Wahlspruch ist der des Admirals Nelson: »England erwartet von Jedem, daß er seine Pflicht erfülle. »Als Engländer will ich nicht, wollen wir nicht, daß kühnere Männer dahin dringen, wohin wir nicht vermocht hätten. Als Engländer will ich nicht, wollen wir nicht geschehen lassen, daß Andere den Ruhm davon tragen, weiter nach dem Norden zu dringen. Wenn jemals eines Mannes Fuß das Polarland betreten darf, so muß das der Fuß eines Engländers sein! Hier ist die Flagge Englands. Ich habe dies Schiff ausgerüstet, ich habe mein Vermögen an das Unternehmen gesetzt, und will mein Leben und das Eurige dafür einsetzen, aber diese Flagge soll am Nordpol wehen. Lassen Sie es an Zuversicht nicht fehlen. Tausend Pfund Sterling sind Euch für jeden Grad zugesagt, welchen wir von heute an weiter nördlich vordringen. Jetzt sind wir unter'm zweiundsiebenzigsten, und es sind neunzig Grad. Nun rechnet. Mein Name wird Ihnen übrigens eine Bürgschaft sein; Energie und Patriotismus sind ihm eigen. Ich bin der Kapitän Hatteras! – Der Kapitän Hatteras!« rief Shandon. Dieser Name war unter den englischen Seeleuten wohl bekannt. Die Mannschaft vernahm ihn mit stillem Respect. »Jetzt, fuhr Hatteras fort, soll man die Brigg an die Eisblöcke festankern, die Feuer ausgehen lassen, und Jeder gehe an sein gewöhntes Tagewerk. Shandon, ich habe mit Ihnen über die Schiffsangelegenheiten zu reden. Kommen Sie nebst dem Doctor, Wall und dem Rüstmeister zu mir in meine Cabine. Johnson, lassen Sie die Leute auseinander gehen.« Hatteras, kaltblütig und kühl, stieg ruhig vom Hinterdeck herab, während Shandon die Brigg festankern ließ. Wer war denn dieser Hatteras, und weshalb machte sein Name einen so tiefen Eindruck auf die Mannschaft? John Hatteras, der einzige Sohn eines Brauers zu London, der im Jahre 1852 im Besitze von sechs Millionen starb, widmete sich noch in jungen Jahren, trotz des glänzenden Vermögens, das er erben sollte, dem Seewesen. Nicht der Handelsberuf führte ihn dazu, sondern sein Herz war vom Trieb nach geographischen Entdeckungen durchdrungen; er sann unablässig darauf, seinen Fuß dahin zu setzen, wohin noch kein Mensch gedrungen war. Bereits zwanzig Jahre alt besaß er die kräftige Leibesbeschaffenheit magerer und sanguinischer Menschen: energische Gesichtszüge mit geometrisch bestimmten Linien, hohe Stirn senkrecht auf der Ebene schöner, aber kalter Augen, feine Lippen eines wortkargen Mundes, mittlere Statur, fester Gliederbau mit eisernen Muskeln – gaben das Gesammtbild eines Mannes von erprobtem Charakter. Sein Aussehen verrieth Kühnheit, sein Ton kühle Leidenschaft; unbeugsam, nie zurückzuweichen fähig, war er bereit, das Leben Anderer mit gleicher Ueberzeugung, wie das seinige auf das Spiel zu setzen. Es galt daher zweimal zu überlegen, ehe man sich zur Theilnahme an seinen Unternehmungen entschloß. Den Stolz des Engländers besaß er im höchsten Grade. Als in seiner Gegenwart ein Franzose mit vermeintlicher Höflichkeit und selbst Liebenswürdigkeit sagte: »Wäre ich nicht Franzose, so möcht' ich Engländer sein«, so erwiderte Hatteras: »Wäre ich nicht Engländer, so möcht' ich Engländer sein.« Ueber Alles ging ihm der Wunsch, den Ruhm geographischer Entdeckungen seinen Landsleuten allein zu wahren; aber zu seinem großen Mißfallen hatten diese im Laufe der früheren Jahrhunderte in Hinsicht auf Entdeckungen wenig geleistet. Die Entdeckung Amerika's verdankte man dem Genuesen Christoph Columbus, Indiens dem Portugiesen Vasco de Gama, China's dem Portugiesen Fernand d'Andrada, der Feuerlande dem Portugiesen Magelhaen, Canada's dem Franzosen Jacques Cartier; die Sunda-Inseln, Labrador, Brasilien, das Cap der guten Hoffnung, die Azoren, Madeira, New-Foundland, Guinea, Congo, Mexiko, Cap Blanco, Grönland, Island, die Südsee, Californien, Japan, Cambodja, Peru, Kamtschatka, die Philippinen, Spitzbergen, das Cap Horn, die Behrings-Straße, Tasmanien, Neu-Seeland, Neu-Britannien, Neu-Holland, Louisiana, die Insel Jan-Mayen – wurden von Isländern, Skandinaviern, Russen, Portugiesen, Dänen, Spaniern, Genuesen, Holländern aufgefunden; aber kein einziger Engländer befand sich unter ihnen; für Hatteras zum Verzweifeln, daß seine Landsleute nicht dieser glorreichen Schaar von Seefahrern angehörten, welchen man die großen Entdeckungen des fünfzehnten und sechzehnten Jahrhunderts verdankte. Die neueren Zeiten konnten Hatteras ein wenig trösten; die Engländer fanden doch eine Entschädigung an ihrem Sturt, Daniel Stuart, Burke, Wills, King, Gray in Australien; an Palliser in Amerika, an Cyrill Graham, Wadington, Cummingham in Indien, an Burton, Speeke, Grant, Livingstone in Afrika. Aber dies reichte nicht hin; nach Hatteras Ansicht waren die Leistungen dieser kühnen Reisenden vielmehr Vervollständigungen, als Entdeckungen; er strebte nach Besserem. Er hatte bemerkt, daß, obwohl die Engländer nicht unter den ältern Entdeckern die Mehrzahl bildeten, und daß man bis auf Cook zurückgehen mußte, um Neu-Caledonien (1774) und die Sandwich-Inseln (1778) zu bekommen, es doch eine entlegene Gegend des Erdballs gab, wo sie durch vereinte Bemühungen etwas geleistet hatten, nämlich die Eismeere und Nord-Länder Amerika's. Die Entdeckungen der Polarlande übersieht man an dieser Zusammenstellung:   entdeckt von im Jahr Nowaja-Simlia Willoughby 1553 Die Insel Waigatz Barrough 1556 Die Westküste Grönlands Davis 1585 Die Davis-Straße Davis 1587 Spitzbergen Willoughby 1596 Die Hudson-Bai Hudson 1610 Die Baffins-Bai Baffin 1616 Während der letzteren Jahre sind Hearne, Mackenzie, John Roß, Parry, Franklin, Richardson, Beechey, James Roß, Back, Dease, Sompson, Rae, Inglefield, Belcher, Austin, Kellet, Moore, Mac Clure, Kennedy, Mac Clintock unablässig mit der Durchforschung dieser unbekannten Gegenden beschäftigt gewesen. Man hatte die Nordküsten Amerika's genau abgesteckt, die nordwestliche Durchfahrt fast entdeckt, aber das genügte nicht; mehr und Besseres zu leisten hatte John Hatteras bereits zweimal mit auf eigene Kosten ausgerüsteten Schiffen versucht; er wollte zum Pol selbst vordringen, und so der Reihe der englischen Entdeckungen durch die glänzendste Unternehmung die Krone aufsetzen. Nach dem Pol zu dringen, war für ihn Lebenszweck. Nachdem Hatteras sehr schöne Reisen in die Südmeere gemacht, versuchte er zum erstenmal im Jahre 1846 durch das Baffins-Meer weiter nördlich zu gelangen, aber er kam mit der Corvette Halifax nicht über den vierundsiebenzigsten Breitegrad hinaus; seine Mannschaft hatte schrecklich zu leiden, und John Hatteras trieb seine abenteuerliche Verwegenheit soweit, daß seitdem die Seeleute wenig Lust hatten, nochmals solche Unternehmungen unter einem solchen Führer vorzunehmen. Doch gelang es ihm im Jahre 1850 auf der Goelette Farewell zwanzig entschlossene Männer durch hohe Löhnung zu gewinnen. Bei dieser Gelegenheit hatte der Doctor Clawbonny bei Hatteras, den er nicht kannte, nachgesucht, die Reise mitzumachen; aber die Stelle des Arztes war bereits besetzt, zum Glück für Clawbonny. Der Farewell schlug den Weg ein, welchen im Jahre 1817 der Neptun aus Aberdeen genommen hatte, und gelangte nördlich von Spitzbergen bis zum sechsundsiebenzigsten Breitegrad. Dort mußte er überwintern; aber die Leiden waren so arg, und die Kälte so grimmig, daß nicht ein einziger von der Mannschaft nach England zurückkam, nur Hatteras ausgenommen, der nach einem Weg von mehr als zweihundert Meilen über die Eisfelder, von einem dänischen Wallfischfahrer heim gebracht wurde. Die Rückkehr dieses einzigen Mannes machte ungeheures Aufsehen. Wer sollte es von nun an wagen, sich an Hatteras bei seinen tollkühnen Unternehmungen anzuschließen? Doch gab er die Hoffnung dafür nicht auf. Sein Vater, der Brauer, starb und hinterließ ihm ein ungeheures Vermögen. Inzwischen begab sich ein geographisches Ereigniß, das John Hatteras auf's Peinlichste traf. Der Kaufmann Grinnel hatte eine Brigg, l'Advance, mit siebenzehn Mann unter dem Befehl des Dr. Kaue ausgerüstet und zur Aufsuchung des Sir John Franklin abgeschickt, und diese drang im Jahre 1853 durch das Baffins-Meer und den Smith-Sund bis zum zweiundachtzigsten Grad nördlicher Breite, näher zum Pol als irgend einer seiner Vorgänger. Das Schiff war aber ein amerikanisches, Grinnel und Kane Amerikaner! Natürlich ging im Herzen des Hatteras die Verachtung des Engländers gegen den Yankee in Haß über; er faßte den Entschluß, um jeden Preis seinen kühnen Nebenbuhler zu übertreffen, bis an den Pol selbst zu dringen. Er lebte seit zwei Jahren zu Liverpool incognito, indem er für einen Matrosen galt! Er erkannte in Richard Shandon den Mann, welchen er bedurfte, und machte ihm, sowie dem Doctor Clawbonny in anonymen Briefen Anträge. Der Forward wurde erbaut, ausgerüstet, bemannt. Hatteras hütete sich wohl, seinen Namen bekannt zu geben, sonst hätte er keinen einzigen Begleiter gefunden. Daher entschloß er sich, das Commando der Brigg nur unter gebieterischen Umständen und wenn seine Mannschaft so weit sich eingelassen, um nicht mehr zurückzukommen, selbst zu übernehmen. Er hatte, wie gesehen, den Rückhalt, seinen Leuten solche Geldanbietungen zu machen, daß nicht ein einziger sich weigern würde, ihn bis an's Ende der Welt zu begleiten. Und das Ziel, wohin er strebte, war ja auch das Ende der Welt. Nun waren kritische Umstände eingetreten, und Hatteras gab sich unverzüglich zu erkennen. Sein Hund, der treue Duk, der Gefährte seiner Fahrten, war der Erste, welcher ihn erkannte, und zum Glück für die Muthigen, zum Unglück für die Verzagten, wurde es gehörig festgestellt, daß John Hatteras der Kapitän des Forward war. Dreizehntes Capitel. Des Kapitän Hatteras Pläne. Die Erscheinung dieses kühnen Mannes machte auf die Mannschaft einen verschiedenen Eindruck; die Einen schlossen sich enge an ihn an, sei's aus Kühnheit oder Geldliebe; Andere ergaben sich drein, und behielten sich vor, später zu protestiren. Uebrigens schien es im Augenblick doch schwierig,, einem solchen Manne Widerstand zu leisten. Also begab sich Jeder wieder an seinen Posten. Der 20. Mai war Sonntag, für die Mannschaft ein Ruhetag. Beim Kapitän fand eine Berathung der Officiere statt: Hatteras, Shandon, Wall, Johnson und der Doctor bildeten die Versammlung. »Meine Herren, sagte der Kapitän in dem zugleich sanften und gebieterischen Ton, welcher ihm eigen war, mein Vorhaben, bis zum Pol zu dringen, ist Ihnen bekannt; ich wünschte Ihre Ansicht über diese Unternehmung zu hören. Was halten Sie davon, Shandon? – Es kommt mir nicht zu, Kapitän, erwiderte Shandon kalt, darüber zu denken, sondern zu gehorchen.« Hatteras wunderte sich nicht über die Antwort. »Richard Shandon, versetzte er ebenso kalt, ich bitte, sich über unsere Aussichten auf Erfolg auszusprechen. – Nun, Kapitän, erwiderte Shandon, die Thatsachen sprechen an meiner Statt; bis jetzt sind alle Versuche der Art gescheitert; ich wünsche, wir möchten besseren Erfolg haben. – Wir werden ihn haben. Und Sie, mein Herr, was halten Sie davon? – Ich meinestheils, sagte der Doctor, halte Ihren Plan für ausführbar, Kapitän; und da es klar am Tage liegt, daß die Seefahrer früher oder später einmal zum Nordpol gelangen werden, so sehe ich nicht ein, warum wir nicht so glücklich sein sollten. – Und es sind Gründe vorhanden zu glauben, daß eben uns dies Glück zu Theil wird, erwiderte Hatteras, denn wir haben demnach unsere Maßregeln ergriffen und werden die Erfahrungen unserer Vorgänger benutzen. Und in dieser Hinsicht sage ich Ihnen, Shandon, meinen Dank für die Sorgfalt, womit Sie die Ausrüstung betrieben haben; es sind zwar unter der Mannschaft einige schlimme Gesellen, ich werde sie aber zur Vernunft zu bringen wissen; aber im Ganzen hab' ich Sie nur dafür zu beloben.« Shandon machte eine kühle Verbeugung. Er war in eine falsche Stellung gekommen, da er an Bord des Forward das Commando zu führen meinte. Hatteras verstand ihn, und setzte ihm nicht weiter zu. »Und Sie, meine Herren, sprach er darauf zu Wall und Johnson, ich hätte keine Officiere zur Mitwirkung finden können, die mehr, wie Sie, sich durch Muth und Erfahrung auszeichnen. – Wahrhaftig! Kapitän, ich bin Ihnen mit Leib und Seele ergeben, erwiderte Johnson, und obwohl mir Ihre Unternehmung etwas kühn vorkommt, können Sie doch bis auf's Aeußerste auf mich bauen. – Und auf mich ebenfalls, sagte James Wall. – Ihren Werth, Herr Doctor, weiß ich zu schätzen. – So, da wissen Sie mehr, wie ich, erwiderte der Doctor lebhaft. – Jetzt, meine Herren, fuhr Hatteras fort, sollen Sie erfahren, auf welche unbestreitbare Thatsachen sich meine Behauptung stützt, daß wir am Pol anlangen werden. Im Jahre 1817 kam der Neptun aus Aberdeen im Norden von Spitzbergen bis zum zweiundachtzigsten Grade. Im Jahre 1826 fuhr der berühmte Parry nach seiner dritten Reise in die Polar-Meere, ebenfalls vom Ende Spitzbergens aus mit Schlittenbarken bis hundertundfünfzig Meilen nordwärts. Im Jahre 1852 drang der Kapitän Inglefield, im Smith-Sund bis zu 78° 35' Breite. Alle diese Schiffe waren englische und von Engländern commandirt.« Nach einer Pause fuhr er fort. »Hinzufügen muß ich, daß im Jahre 1854 der Amerikaner Kane, Commandant der Brigg Advance, noch höher hinaufkam, und sein Lieutenant Morton, durch die Eisfelder vordringend, die Flagge der Vereinigten Staaten noch über den zweiundachtzigsten Grad flattern ließ. Auf dies werd' ich nicht mehr zurückkommen. Das aber ist wohl zu merken, daß die Kapitäne des Neptun, der Entreprise, der Isabelle, des Advance übereinstimmend berichtet haben, daß von diesen hohen Breitegraden an ein ganz eisfreies Becken des Polar-Meeres existire. – Eisfrei! rief Shandon unterbrechend. Unmöglich! – Merken Sie wohl, Shandon, fuhr Hatteras ruhig fort, daß ich Ihnen Thatsachen anführe, gestützt auf Namen. Ich füge weiter bei, daß, während der Commandant Parry im Jahre 1851 am Ufer des Wellington-Canals sich aufhielt, sein Lieutenant Stewart ebenfalls ein freies Meer antraf, und daß dieser besondere Umstand im Jahre 1853, während des Winteraufenthalts Sir Edward Belcher's, in der Northumberland-Bai unter 76° 52' Breite und 99° 20' Länge bestätigt wurde. Das sind unbestreitbare Thatsachen, die man gelten lassen muß, will man nicht unredlich sein. – Doch, Kapitän, fuhr Shandon fort, sind diese Thatsachen so sehr in Widerspruch ... – Irrthum, Shandon, Irrthum! rief der Doctor Clawbonny; diese Thatsachen widersprechen keinem Satz der Wissenschaft; der Kapitän wird mir gestatten, es Ihnen auseinanderzusetzen. – Thun Sie das, Doctor! erwiderte Hatteras. – Nun, so hören Sie, Shandon. Es ergiebt sich sehr klar aus den geographischen Thatsachen und dem Studium der isothermen Linien, daß der kälteste Punkt der Erde nicht am Pol selbst sich befindet; gleich dem magnetischen Punkt liegt er einige Grad vom Pol ab. So zeigen die Berechnungen Brewsters, Bergham's und einiger Physiker, daß auf unserer Hemisphäre zwei Kältepole existiren: der eine läge in Asien unter 79° 30' nördlicher Breite und 120° Länge; der andere in Amerika unter 78° nördlicher Breite und 97° westlicher Länge. Dieser letztere geht uns an, und Sie sehen, Shandon, daß er mehr wie zwölf Grad unterhalb des Pols liegt. Nun frage ich Sie, warum sollte nicht am Pol das Meer ebenso eisfrei sein, als es im Sommer, unter 66° Breite sein kann, d. h. südlich der Baffins-Bai? – Das hieß vortrefflich auseinander gesetzt, erwiderte Johnson; Herr Clawbonny redet von diesen Dingen als Mann vom Fach. – Das scheint möglich, versetzte James Wall. – Hirngespinnste und Vermuthungen! Bloß Hypothesen! erwiderte Shandon hartnäckig. – Nein, Shandon, fuhr Hatteras fort, nehmen wir die beiden Fälle in Betracht: entweder das Meer ist eisfrei, oder nicht, und mögen wir das eine annehmen, oder das andere, so kann uns nichts hindern, zum Pol zu gelangen. Ist es frei, so wird uns der Forward leicht hinbringen; ist er von Eis umgeben, so führen wir es auf unsern Schlitten aus. Sie werden mir zugeben, daß dies nicht unausführbar ist; sind wir einmal mit unserer Brigg bis zum dreiundachtzigsten Grad gedrungen, so haben wir nur noch sechshundert Meilen bis zum Pol zu machen. – Und was wollen sechshundert Meilen bedeuten, sagte der Doctor lebhaft, wenn es man weiß, daß ein Kosacke, Alexis Markoff, auf dem Eismeer längs der Nordküste Rußlands mit Schlitten von Hunden gezogen eine Strecke von achthundert Meilen binnen vierundzwanzig Tagen zurückgelegt hat. – Hören Sie das, Shandon, erwiderte Hatteras, und sagen Sie mir, ob die Engländer weniger zu Stande bringen, als ein Kosack? – Nein, gewiß nicht! rief hitzig der Doctor aus. – Nein, gewiß nicht! stimmte der Rüstmeister ein. – Nun, Shandon? fragte der Kapitän. – Kapitän, erwiderte Shandon kalt, ich kann nur wiederholen, was ich vorhin gesagt habe: ich werde Gehorsam leisten. – Gut. Jetzt, fuhr Hatteras fort, denken wir an unsere gegenwärtige Lage; wir stecken im Eise fest, und es scheint mir unmöglich, daß wir noch dieses Jahr bis zum Smith-Sund dringen können. Sehen Sie nun, was am besten zu thun ist.« Hatteras breitete auf dem Tische eine der trefflichen Karten aus, welche im Jahre 1859 auf Befehl der Admiralität herausgegeben wurden. »Wollen Sie mir gefällig folgen. Wenn uns der Smith-Sund versperrt ist, so ist es an der Westseite des Baffins-Meeres mit dem Lancaster-Sund nicht ebenso; meiner Ansicht nach müssen wir diesen bis zur Barrow-Straße hinauffahren, und von da bis zur Insel Beechey; Segelschiffe haben diesen Weg hundertmal gemacht; mit einer Schraubenbrigg werden wir keine Schwierigkeiten haben. Sind wir einmal bei der Beechey-Insel, so fahren wir den Wellington-Canal so weit als möglich hinauf nordwärts bis zum Ausfluß des Fahrwassers, welches die Verbindung des Wellington-Canals mit dem Canal der Königin bildet, an eben der Stelle, wo man das freie Meer gewahrte. Nun sind wir jetzt erst am 20. Mai; in einem Monat, wenn es gut geht, werden wir diesen Punkt erreicht haben, und von da aus dringen wir weiter nach dem Pol zu. Was halten Sie davon, meine Herren? – Offenbar, erwiderte Johnson, ist dies der einzige Weg, den wir zu nehmen haben. – Nun, so wollen wir ihn einschlagen, und gleich morgen. Dieser Sonntag sei der Ruhe gewidmet; Sie werden dafür sorgen, Shandon, daß der Gottesdienst regelmäßig stattfindet; die Religion wirkt wohlthätig auf den Geist, ein Seemann darf das Vertrauen auf Gott nicht verlieren. – Sie haben Recht, Kapitän, erwiderte Shandon, und ging mit dem Lieutenant und dem Rüstmeister hinaus. – Doctor, sagte John Hatteras, und wies auf Shandon, das ist ein gedrückter Mann, den der Hochmuth verdorben hat; ich kann nicht mehr auf ihn rechnen.« Am folgenden Morgen ließ der Kapitän in aller Frühe das Boot in's Meer bringen, und untersuchte die Eisberge des Beckens, welche nicht über zweihundert Yard dick waren. Er nahm sogar wahr, daß in Folge eines allmäligen Druckes der Eisblöcke das Becken enger zu werden drohte; es wurde daher dringend nöthig, eine Bresche zu schaffen, damit das Schiff nicht zwischen diesen Bergen, wie in einem Schraubstock zertrümmert werde. Aus den von John Hatteras angewendeten Mitteln sah man wohl, daß es ein energischer Mann war. Er ließ für's Erste Stufen in die Eiswand hauen, und erstieg auf denselben den Gipfel eines Eisbergs; von da aus erkannte er, daß nach Südwesten leicht ein Ausgang zu bahnen sein würde. Auf seinen Befehl wurde fast in der Mitte des Berges eine Sprenggrube gemacht, eine Arbeit, die rasch vorgenommen, im Verlauf des Montags fertig wurde. Hatteras konnte von seinen Sprengcylindern zu acht und zehn Pfund Pulver keinen Gebrauch machen, weil bei solchen Massen ihre Wirkung unbedeutend gewesen wäre; sie waren nur zum Zersprengen der Eisfelder tauglich. Er ließ daher tausend Pfund Pulver in die Grube schaffen, und die Richtung der Explosion sorgfältig berechnen. Eine lange, mit Guttapercha umgebene Lunte führte aus dieser Mine nach außen. Der zu der Grube führende Gang wurde mit Schnee und Eisstücken ausgefüllt, welche in der folgenden Nacht so hart wie Granit zusammenfroren. In der That sank die Temperatur unter Einwirkung des Ostwinds auf zwölf Grad (-11° hunderttheilig). Am folgenden Morgen um sieben Uhr hielt sich der Forward mit geheizter Maschine bereit, den geringsten Ausweg zu benutzen. Johnson erhielt Auftrag, die Mine anzuzünden; die Lunte war so berechnet, daß sie eine halbe Stunde zu brennen, hatte, bevor das Feuer zum Pulver gelangte. Johnson hatte daher hinreichend Zeit, wieder an Bord zu kommen, und er war auch schon zehn Minuten nach Ausführung seines Auftrags wieder an seinem Posten. Die Mannschaft befand sich auf dem Verdeck; das Wetter war, nachdem es aufgehört hatte zu schneien, trocken und ziemlich hell; Hatteras stand mit Shandon auf der Campanie , und der Doctor zählte die Minuten auf seinem Chronometer. Um acht Uhr fünfunddreißig Minuten hörte man eine dumpfe Explosion, die weit weniger laut war, als man vorausgesetzt hatte. Die äußere Gestalt der Berge änderte sich, wie bei einem Erdbeben, plötzlich; dicker, weißer Rauch drang in beträchtlicher Höhe in die Lüfte; die Seiten des Eisbergs zerspalteten sich in langen Rissen, und sein oberer Theil wurde weit fortgeschleudert, so daß seine Trümmer um den Forward umher niederfielen. Aber der Weg war noch nicht frei; ungeheure Eisstücke blieben auf die benachbarten Berge gelagert in der Luft schweben, und ließen befürchten, sie möchten herabfallend die Oeffnung wieder schließen. Hatteras erkannte mit einem Blick, was noth that. »Wolsten!« rief er. Der Waffenschmied erschien. »Kapitän! – Laden Sie das Geschütz auf dem Vordertheil dreifach, sagte Hatteras, und stoßen Sie die Ladung möglichst stark. – Also wollen wir das Gebirge mit Kanonenkugeln angreifen, fragte der Doctor. – Nein, erwiderte Hatteras, das ist unnöthig. Keine Kugel, Wolsten, sondern dreifache Ladung Pulver. Aber rasch!« Nach einigen Minuten war die Ladung vollzogen. »Was will er ohne Kugeln ausrichten? brummte Shandon. – Das wird sich zeigen, erwiderte der Doctor. – Wir sind fertig, Kapitän, rief Wolsten. – Gut, erwiderte Hatteras. Brunton! rief er dem Maschinisten zu, Achtung! Einige Schritte voran.« Brunton öffnete die Schieber, und die Schraube setzte sich in Bewegung; der Forward fuhr nahe zu dem gesprengten Berg heran. »Richten Sie wohl auf den Fahrpaß!« rief der Kapitän zum Waffenschmied. Derselbe gehorchte; als die Brigg nur noch eine halbe Kabellänge entfernt war, rief Hatteras: »Feuer!« Es erfolgte ein furchtbarer Knall, und durch die Luftbewegung erschüttert, wurden die Blöcke mit einem Mal in's Meer gestürzt. Die lebhafte Erregung der Luftschichten war schon hinreichend gewesen. »Jetzt mit vollem Dampf, Brunton! rief Hatteras. Gerade in den Fahrpaß hinein, Johnson!« Johnson hielt das Steuer; die Brigg, vom Dampf getrieben drang mitten durch die nun offene Bahn. Es war hohe Zeit. Kaum war der Forward hindurchgefahren, so schloß sich die Oeffnung wieder. Es war ein ängstlicher Moment, und es befand sich an Bord nur ein einziges ruhiges und festes Herz, – der Kapitän. Darum brach auch die Mannschaft, in freudigem Staunen über das Gelingen, in den einstimmigen Ruf aus: »Hurrah für John Hatteras!« Vierzehntes Capitel. Zur Auffindung Franklin's. Mittwochs, den 23. Mai, setzte der Forward seine abenteuerliche Fahrt fort, indem er mitten zwischen den Eisblöcken und Eisbergen geschickt lavirte, Dank der fügsamen Dampfkraft, welche so vielen Polarmeer-Fahrern abging; es schien für ihn ein Spiel inmitten der schwimmenden Klippen; es war, als erkenne er die Hand des erfahrenen Herrn, und gleich einem Roß unter einem geschickten Reiter war er dem Gedanken seines Kapitäns dienstbar. Die Temperatur war wieder im Steigen. Das Thermometer zeigte um sechs Uhr früh sechsundzwanzig Grad (-3° hunderttheilig), um sechs Uhr Abends neunundzwanzig (-2° hunderttheilig) und um Mitternacht fünfundzwanzig (-4° hunderttheilig); es wehte ein leichter Südwest. Donnerstags um drei Uhr Morgens kam der Forward gegenüber der Bai Possession an der Küste Amerika's beim Anfang des Lancaster-Sunds; bald sah man Cap Burney. Es fuhren einige Eskimo's auf das Schiff zu, aber Hatteras nahm sich nicht die Zeit auf sie zu warten. Die das Cap Liverpool beherrschenden Spitzen Byam-Martin, welche man links ließ, verloren sich im Abendnebel; dieser hinderte auch das Cap Hay aufzunehmen, dessen übrigens sehr niedrige Spitze sich unter den Eisblöcken der Küste verlor, ein Umstand, welcher die hydrographische Bestimmung der Polar-Meere oft sehr schwierig macht. Die Sturmvögel, Enten, weißen Möwen zeigten sich in sehr großer Zahl. Die Breite betrug 74° 01', die Länge 77° 15'. Die beiden Berge Katharine und Elisabeth ragten mit ihren Schneekappen über dem Gewölk empor. Freitags um sechs Uhr fuhr man Cap Warender auf der rechten Küste der Meerenge vorüber, auf der linken vor Admiralty-Inlet, einer von den Seefahrern, die westwärts eilten, noch wenig untersuchten Bai. Das Meer wogte stark, so daß oft das Verdeck der Brigg von den Wellen bespült und mit Eisstücken besprengt wurde. Das Land der Nordküste bot den Blicken merkwürdige Ansichten dar mit fast wagerechten Hochflächen, welche die Sonnenstrahlen zurückwarfen. Hatteras wäre gern längs den Nord-Ländern gefahren, um desto eher zur Beechey-Insel und der Einfahrt des Wellington-Canals zu gelangen; aber eine zusammenhängende Eisdecke nöthigte ihn, zu großem Bedauern, sich südlicher zu halten. Aus diesem Grunde befand sich am 26. Mai, mitten im Nebel mit Schneegestöber, der Forward dem Cap York gegenüber; ein großes und steiles Gebirge machte es kenntlich, da das Wetter ein wenig heller geworden; es zeigte sich gegen Mittag eine Weile die Sonne, so daß man ziemlich gute Beobachtung anstellen konnte: 74° 4' Breite und 84° 3' Länge. Der Forward befand sich demnach am Ende des Lancaster-Sundes. Hatteras zeigte dem Doctor auf den Karten den Weg, welchen er einschlug und verfolgen wollte. Die Lage der Brigg war in dem Augenblick interessant. »Es wäre mir lieber, sagte er, wir befänden uns weiter nördlich; aber nach dem Unmöglichen muß man nicht streben. Sehen Sie genau unsere Lage.« Es war nicht weit vom Cap York. »Wir befinden uns mitten in dem nach allen Richtungen hin offenen Kreuzungspunkt, welcher durch die Mündungen des Lancaster-Sunds, der Barrow-Straße, des Wellington-Canals und der Regenten-Durchfahrt gebildet wird. An diesen Punkt müssen nothwendig alle Befahrer dieser Meere kommen. – Nun, erwiderte der Doctor, da mußten sie in Verlegenheit kommen; denn es ist wirklich ein Kreuzpunkt, wie Sie sagen, wo vier Hauptstraßen zusammenlaufen, und es sind da keine Wegweiser! Wie haben es da die Parry, Roß und Franklin gemacht? – Sie haben gar nichts gemacht, Doctor, sie haben gewähren lassen; sie hatten sicherlich keine Wahl; bald verschloß sich dem Einen die Barrow-Straße, welche im folgenden Jahr einem Anderen offen war; bald wurde das Schiff unausweichlich in die Regenten-Durchfahrt hingeführt. Aus alle dem ergab sich durch die Gewalt der Dinge zuletzt eine genauere Kenntniß der hier so verwickelten Meere. – Was für ein sonderbares Land, sagte der Doctor mit einem Blick auf die Karte. Wie ist da Alles ausgezackt, zerrissen, zerfetzt, ohne alle Ordnung und Gedankeneinheit. Es hat den Anschein, als seien die Länder in der Nähe des Nordpols nur deshalb so zerstückelt, um die Annäherung schwieriger zu machen, während auf der andern Hemisphäre sie in milden und glatten Spitzen auslaufen, wie das Cap Horn, das der guten Hoffnung, und der Indischen Halbinsel! Liegt der Grund dieser Gestaltungen etwa in der raschen Rotationsbewegung unter'm Aequator, während das Land in der Umgebung der Pole, als es in der Urepoche noch flüssig war, sich nicht so verdichten, aneinander anschichten konnte, wegen geringerer Rotationskraft? – Das muß wohl der Grund sein, denn Alles in der Welt hat seine gesetzmäßige Regel, und es ist nichts ohne hinreichende Gründe entstanden, welche Gott bisweilen den Gelehrten zu erforschen gestattet; also, Doctor, machen Sie Gebrauch von dieser Gewährung. – Ich werde leider darin bescheiden sein, Kapitän. Aber was herrscht für ein entsetzlicher Wind in dieser Straße? fügte der Doctor bei, indem er sich so viel als möglich einwickelte. – Ja, der Nordwind tobt da zumeist, und treibt uns aus unserer Bahn. – Er sollte jedoch zwar die Eisblöcke südwärts treiben, aber sonst nicht die Bahn stören. – Er sollte wohl Doctor, aber der Wind thut nicht immer seine Schuldigkeit. Sehen Sie! Diese Eisdecke scheint undurchdringlich. Kurz, wir wollen versuchen, bis zur Insel Griffith zu kommen, dann um die Insel Cornwallis zu fahren, um den Canal der Königin zu erreichen, ohne durch den Wellington-Canal zu fahren. Und inzwischen will ich durchaus an der Insel Beechey landen, um meinen Kohlenvorrath zu ergänzen. – Wie so? erwiderte der Doctor erstaunt. – Allerdings; auf Befehl der Admiralität sind dort große Vorräthe gelagert, um künftige Expeditionen damit zu versehen; und obwohl der Kapitän Mac Clintock im August 1859 davon mitgenommen hat, so versichere ich Sie, daß noch welche für uns vorhanden sind. – In der That, sagte der Doctor, sind diese Gegenden während fünfzehn Jahren untersucht worden, und bis zu dem Tag, wo man den unzweideutigen Beweis vom Untergang Franklin's erhielt, hat die Admiralität stets fünf bis sechs Schiffe in diesen Meeren unterhalten. Irre ich nicht, so ist selbst die Insel Griffith, welche ich da auf der Karte sehe, fast mitten auf der Kreuzung, zu einem allgemeinen Rendezvous der Seefahrer geworden. – So ist es in Wahrheit, Doctor, und die unglückliche Expedition Franklin's hatte zum Resultat, daß wir mit diesen fernen Gegenden näher bekannt wurden. – Sie haben Recht, Kapitän, denn seit 1845 haben zahlreiche Unternehmungen stattgefunden. Seit 1848 ward man über das Verschwinden des Erebus und Terror, der beiden Schiffe Franklin's, unruhig. Man sah damals den alten Freund des Admirals, Doctor Richardson, der schon im siebenzigsten Jahre stand, nach Canada eilen und dem Kupferminenfluß entlang bis zum Polar-Meer dringen. Sodann ist James Roß, Commandant der Entreprise und des Investigator, im Jahre 1848 zu Uppernawik unter Segel gegangen und bis zum Cap York, wo wir uns eben befinden, gekommen. Er warf tagtäglich eine Tonne mit Papieren in's Meer, welche den Zweck hatten, seinen Aufenthalt bekannt zu geben; während des Nebels löste er Kanonen; bei der Nacht ließ er Raketen werfen und bengalische Feuer anzünden, und fuhr dabei immer mit wenig Segeln; zuletzt überwinterte er, 1848 auf 1849 im Hafen Leopold; hier ließ er eine große Zahl weißer Füchse einfangen und ihnen kupferne Halsbänder anschmieden, worauf die Angabe vom Aufenthaltsort der Schiffe, und der Niederlage von Lebensmitteln eingegraben war, – und ließ diese Füchse nach allen Richtungen laufen. Nachher im Frühling fing er an, die Küste von North-Sommerset auf Schlitten zu untersuchen, inmitten von Gefahren und Entbehrungen, wodurch fast seine gesammte Mannschaft krank oder verstümmelt wurde, errichtete kleine Steinpyramiden, worin er kupferne Röhren barg mit den erforderlichen Notizen, um die Leute der verlorenen Expedition wieder zu sammeln; während seiner Abwesenheit durchforschte sein Lieutenant Mac Clure erfolglos die Nordküsten der Barrow-Straße. Bemerkenswerth ist, Kapitän, daß James Roß unter seinem Befehl zwei Officiere hatte, welchen später berühmt zu werden beschieden war, Mac Clure, welcher die nordwestliche Durchfahrt entdeckte, und Mac Clintock, welcher die Reste Franklin's auffand. – Jetzt zwei tüchtige, wackere Kapitäne, zwei brave Engländer. Verfolgen Sie weiter, Doctor, die Entdeckungsgeschichte dieser Meere, worin Sie so bewandert sind; man kann bei der Erzählung dieser kühnen Unternehmungen stets etwas lernen. – Also, um mit James Roß fertig zu werden, habe ich noch hinzuzufügen, daß er noch weiter westlich die Insel Melville zu erreichen trachtete; aber er war nahe daran, seine Schiffe zu verlieren, blieb zwischen den Eisblöcken stecken und wurde wider Willen in's Baffins-Meer getrieben. – Zurückgetrieben, sagte Hatteras mit Stirnrunzeln, wider Willen zurückgetrieben! – Er hatte nichts aufgefunden, fuhr der Doctor fort. Seit diesem Jahr 1850 wurden jene Meere unablässig von englischen Schiffen befahren, und es wurde eine Prämie von zwanzigtausend Pfund einem Jeden zugesagt, welcher die Mannschaften des Erebus und Terror auffände. Bereits im Jahre 1848 versuchten die Kapitäne Kellet und Moore, Commandanten des Herald und Plover, durch die Behrings-Straße zu dringen. Ich habe weiter beizufügen, daß der Kapitän Austin während 1850–1851 auf der Insel Cornwallis überwinterte, der Kapitän Penny auf der Assistance und Resolute den Wellington-Canal erforschte, der alte John Roß, der Held des magnetischen Pols, auf seiner Jacht Felix nochmals zur Auffindung seines Freundes ausfuhr, die Brigg Prinz Albert eine erste Fahrt auf Kosten der Lady Franklin machte, und endlich zwei von Grinnel ausgerüstete amerikanische Schiffe unter dem Kapitän Haven, aus dem Wellington-Canal heraus in den Lancaster-Sund zurückgeworfen wurden. Während dieses Jahres drang Mac Clintock, damals Austin's Lieutenant, bis zur Insel Melville und dem Cap Dundas, jener äußersten von Parry im Jahre 1819 erreichten Punkte vor, und fand auf der Insel Beechey Spuren der Ueberwinterung Franklin's im Jahre 1845. – Ja, erwiderte Hatteras, drei seiner Matrosen waren dort beerdigt worden, und diese drei Mann waren glücklicher daran, als die Andern! – Von 1851–1852, fuhr der Doctor, der Bemerkung des Kapitän Hatteras zustimmend, fort, sehen wir den »Prinz Albert« eine zweite Fahrt mit dem französischen Lieutenant Bellot vornehmen; er überwinterte in der Batty-Bay in der Prinz-Regenten-Straße, erforschte den Südwesten von Sommerset und untersuchte ihre Küste bis zum Cap Walker. Während dessen wurde die Entreprise und der Investigator, als sie nach England zurückkamen, unter den Befehl Collinson's und Mac Clure's gestellt und vereinigten sich mit Kellet und Moore in der Behrings-Straße. Collinson kehrte zur Ueberwinterung nach Hongkong zurück, indeß Mac Clure vorwärts drang, und nach dreimaligem Winteraufenthalt, 1850–1851, 1851–1852 und 1852–1853 die nordwestliche Durchfahrt entdeckte, ohne über Franklin's Schicksal etwas erfahren zu können. Von 1852–1853 wurde eine neue Expedition, aus drei Segelschiffen, Assistant, Resolute und North-Star, nebst zwei Dampfboten, Pionnier und Intrepide bestehend, unter dem Obercommandanten Sir Edward Belcher, und dem Kapitän Kellet als Unterbefehlshaber, ausgesendet; Sir Edward besuchte den Wellington-Canal, überwinterte in der Bai Northumberland und befuhr die Küste, während Kellet, bis Bridport auf der Insel Melville weiter dringend, diesen Theil der Nordländer ohne Erfolg durchforschte. Damals aber verbreitete sich in England das Gerücht, es seien zwei, mitten zwischen den Eisblöcken verlassene Schiffe unweit der Küsten Neu-Schottlands gesehen worden. Sogleich rüstete Lady Franklin den kleinen Schraubendampfer Isabelle aus, und der Kapitän Inglefield fuhr die Baffins-Bai hinauf bis zur Spitze Victoria unter'm achtzigsten Breitegrad, und kam ohne weiteren Erfolg zur Insel Beechey zurück. Zu Anfang 1855 wendete der Amerikaner Grinnel die Kosten für eine neue Expedition auf, und der Doctor Kane suchte bis zum Pol vorzudringen... – Aber er hat es nicht dahin gebracht, rief Hatteras heftig, und Gott Lob! Was er nicht fertig brachte, werden wir zu Stande bringen! – Ich weiß es, Kapitän, und ich rede nur deshalb von dieser Expedition, weil sie nothwendig an die Bestrebungen, Franklin aufzusuchen, sich anschließt. Uebrigens führte sie auch zu keinem Resultat. Ich hätte beinahe vergessen anzuführen, daß die Admiralität, indem sie die Insel Beechey als die allgemeine Versammlungsstätte der Expeditionen ansah, im Jahre 1853 den Dampfer Phönix, Kapitän Inglefield, beauftragte, Vorräthe dahin zu schaffen; dieser Seemann begab sich nebst dem Lieutenant Bellot dahin, und verlor diesen wackeren Officier, welcher zum zweitenmal England seine eifrigen Dienste widmete; wir können über diese Katastrophe um so genauer die Umstände erfahren, als unser Rüstmeister Johnson Zeuge dieses Unglücks war. – Der Lieutenant Bellot war ein wackerer Franzose, sagte Hatteras, und sein Andenken ist in England geehrt. – Darauf, fuhr der Doctor fort, fingen die Schiffe des Geschwaders Belcher an allmälig zurückzukehren; nicht alle, denn Sir Edward mußte 1854 die Assistance ebenso zurücklassen, wie Mac Clure 1853 den Investigator. Unterdessen meldete der Doctor Rae in einem Schreiben vom 29. Juli 1854, aus der Repulse-Bai, wohin er durch Amerika gekommen war, datirt, die Eskimo's des König-Wilhelmlandes besäßen verschiedene Gegenstände, welche vom Erebus und Terror herrührten. Nun war kein Zweifel über das Schicksal der Expedition mehr möglich; der Phönix, North-Star, und Collinson's Schiff kehrten heim nach England; in den Nordpolar-Meeren befand sich kein englisches Schiff mehr. Aber schien die Regierung auch alle Hoffnung aufgegeben zu haben, so hielt Lady Franklin noch an der Hoffnung fest und rüstete mit den Resten ihres Vermögens den Fox aus unter dem Commando Mac Clintock's; er fuhr 1857 ab, überwinterte in den Gegenden, wo Sie sich uns zu erkennen gaben, Kapitän, gelangte am 11. August 1858 zur Insel Beechey, überwinterte zum zweitenmal in der Straße Bellot, setzte sein Forschen im Februar 1859 fort, entdeckte am 6. Mai das Document, welches über das Schicksal des Erebus und Terror keinen Zweifel mehr ließ, und kam zu Ende desselben Jahres nach England zurück: Dieses Alles ist während fünfzehn Jahren in diesen unheilvollen Gegenden vorgegangen, und seit der Rückkehr des Fox hat kein englisches Schiff mehr es unternommen, inmitten dieser gefahrvollen Meere das Schicksal zu versuchen! – Nun, so wollen wir es versuchen«, erwiderte Hatteras. Fünfzehntes Capitel. Der Forward südwärts zurück getrieben. Gegen Abend hellte sich die Witterung auf und man konnte klar das Land zwischen dem Cap Sepping und Cap Clarence unterscheiden, welches ostwärts, dann südlich hinausläuft, und durch eine ziemlich niedere Landzunge mit der Westküste in Verbindung steht. Das Meer war bei der Mündung der Regenten-Straße frei von Eis; aber als wolle es dem Forward die Fahrt nach Norden versperren, bildete es über dem Hafen Leopold hinaus eine undurchdringliche Eisdecke. Hatteras, dem dies sehr unlieb war, ließ es jedoch nicht merken und nahm seine Zuflucht zu Petarden, um die Einfahrt zum Hafen Leopold mit Gewalt zu bahnen; er lief zu Mittag am Sonntag den 27. Mai in denselben ein; die Brigg wurde auf großen Eisbergen, welche so hart und fest wie Felsen waren, geankert. Sogleich sprangen der Kapitän, nebst dem Doctor, Johnson und dem Hund Duk auf das Eis und begaben sich von da unverzüglich an's Land; Duk machte vor Freude lustige Sprünge; übrigens war er, seit der Kapitän sich zu erkennen gegeben, sehr gesellig und sanft geworden, und grollte nur einigen von der Mannschaft, welche sein Herr eben so wenig, wie er, leiden mochte. Der Hafen war von den Eisblöcken frei, welche die Ostwinde gewöhnlich davor aufschichten; das steil abschüssige Land hatte eine Schneedecke mit zierlich wellenförmigen Gipfeln. Das von James Roß errichtete Gebäude mit einem Fanal war noch ziemlich wohl erhalten; aber die Vorräthe schienen von den Füchsen und selbst Bären, deren frische Spuren man noch sah, geplündert worden zu sein; auch Menschenhände mußten bei der Zerstörung sich betheiligt haben, denn es waren am Ufer der Bai einige Reste von Eskimo-Hütten zu sehen. Die sechs Gräber mit Seeleuten der Entreprise und des Investigator waren an einer leichten Erhöhung des Bodens zu erkennen; sie waren von Menschen und Thieren unbeschädigt gelassen worden. Als der Doctor zum erstenmal den nordländischen Boden betrat, war er wahrhaft gerührt. »Sehen Sie hier, sprach er zu seinen Gefährten; James Roß nannte diesen Ort selbst eine Zufluchtsstätte! Wäre Franklin's Expedition bis dahin gekommen, so wäre sie geborgen gewesen. Dort ist die hier zurückgelassene Maschine, und der auf der Plattform errichtete Ofen, woran die Mannschaft des »Prinz Albert« im Jahre 1851 sich wärmte; es ist Alles in dem nämlichen Zustand geblieben, daß man glauben könnte, sein Kapitän Kennedy habe diesen gastlichen Hafen erst gestern verlassen. Da ist die Schaluppe, welche ihm und den Seinigen einige Tage Schutz gewährte, denn dieser Kennedy verdankte, als er von seinem Schiff getrennt war, dem Lieutenant Bellot, welcher, um ihn aufzufinden der Octoberkälte trotzte, wahrhaft seine Rettung. – Ein wackerer, verdienter Officier, den ich gekannt habe,« sagte Johnson. Während der Doctor mit dem Eifer eines Alterthumsforschers die Spuren der vorhergehenden Überwinterung aufsuchte, war Hatteras bemüht, die Lebensmittel und das Brennmaterial zu sammeln, welches sich nur in sehr kleiner Menge vorfand. Am folgenden Tage brachte man sie an Bord. Der Doctor streifte umher, ohne sich weit vom Schiff zu entfernen, und zeichnete die merkwürdigsten Ansichten. Allmälig stieg die Temperatur, der aufgehäufte Schnee fing an zu schmelzen. Der Doctor machte eine vollständige Sammlung des nordischen Gevögels, als Möven, Taucher, Eider-Enten, von denen einige bereits sich am Bauch der Eiderdaunen beraubt hatten, um ihr Nest damit auszufüttern. Der Doctor gewahrte auch große Robben, welche zum Luftschöpfen an die Oberfläche des Eises kamen, aber herausbekommen konnte er keine derselben. Bei seinen Ausflügen entdeckte er den Ebbe- und Fluthstein mit den eingegrabenen Zeichen [E. J.] 1849. welche das Vorbeifahren der Entreprise und des Investigator bezeichnen; er drang vor bis zum Cap Clarence, der nämlichen Stelle, wo John und James Roß im Jahre 1833 so ungeduldig das Aufgehen des Eises erwartet hatten. Der Boden war mit Gebeinen und Schädeln von Thieren bedeckt, und man konnte noch die Spuren von Eskimo-Wohnungen erkennen. Der Doctor hatte im Sinne gehabt, im Hafen Leopold ein Steindenkmal zu errichten mit einer Notiz von der Fahrt des Forward und dem Zweck der Expedition. Aber Hatteras war dem förmlich entgegen; er wollte nicht Spuren hinter sich lassen, welche ein Concurrent hätte benutzen können. Ungeachtet seiner guten Gründe mußte der Doctor dem Willen des Kapitäns sich fügen. Shandon tadelte zumeist diesen Eigensinn; denn im Fall eines Unglücks hätte kein Fahrzeug dem Forward zu Hilfe kommen können. Hatteras wollte diesen Gründen nicht Rechnung tragen. Da seine Ladung am Montag Abend fertig war, machte er noch einmal den Versuch, nach Sprengung der Eisdecke nordwärts zu dringen; aber nach gefährlichen Versuchen mußte er sich entschließen, den Regenten-Canal wieder hinabzufahren; um keinen Preis wollte er im Hafen Leopold bleiben, da er heute offen, morgen durch eine unerwartete Verschiebung der Eisfelder eingeschlossen sein konnte. Wenn Hatteras seine Besorgnisse nicht merken ließ, so empfand er sie doch innerlich sehr stark. Er wollte nordwärts dringen, und sah sich gezwungen südwärts zurückzuweichen! Wohin sollte er dergestalt kommen? Sollte er bis zu Victoria-Harbour im Golf Boothia weichen, wo Sir John Roß 1833 überwinterte? Sollte er die Bellot-Straße dann frei finden, und um Nord-Sommerset herum durch die Peel-Straße wieder nordwärts fahren? Oder würde er, gleich seinen Vorgängern mehrere Winter hier in Gefangenschaft stecken, genöthigt seine Kräfte und Vorräthe da aufzuzehren? Diese Besorgnisse peinigten ihn; aber er mußte einen Entschluß fassen. Er wendete sein Schiff und fuhr südwärts. Der Prinz-Regent-Canal ist vom Hafen Leopold an bis zur Bai Adelaide fast gleichmäßig breit. Der Forward fuhr rasch zwischen Eisblöcken mitten hindurch, und war besser daran, als die vorherigen Schiffe, welche meistens einen vollen Monat brauchten, um diesen Canal herabzufahren, selbst in besserer Jahreszeit. Allerdings hatten diese Fahrzeuge, Fox ausgenommen, nicht den Dampf zur Verfügung, so daß sie den Launen eines ungewissen und oft widrigen Windes ausgesetzt waren. Die Mannschaft zeigte sich im Allgemeinen hoch erfreut, aus den nördlichen Regionen herauszukommen; der Plan, nach dem Pol zu dringen, schien wenig nach ihrem Geschmack; sie erschraken leicht über Hatteras' Entschließungen, denn der Ruf seiner Kühnheit konnte sie wenig beruhigen. Hatteras suchte alle Gelegenheiten vorwärts zu kommen, ohne alle Rücksicht auf die Folgen, zu benützen. Und doch ist's in den Nord-Meeren zwar gut vorwärts zu dringen, aber man muß auch seine Lage behaupten, und sich nicht in Gefahr bringen, sie wieder aufgeben zu müssen. Der Forward fuhr mit vollem Dampf, und sein schwarzer Rauch wirbelte spiralförmig über den glänzenden Spitzen der Eisberge; das Wetter wechselte unaufhörlich in raschem Uebergang aus trockener Kälte zu schneeigem Nebel. Die Brigg, von schwacher Wassertiefe, streifte nächst der Westküste; Hatteras wollte die Einfahrt der Bellot-Straße nicht verfehlen, denn der Golf Boothia hat im Süden sonst keine Ausfahrt, als die wenig gekannte Fury- und Hecla-Straße, so daß dieser Golf zur Sackgasse wurde, wenn die Bellot-Straße verfehlt wurde oder unfahrbar war. Am Abend befand sich der Forward gegenüber der Bai Elwin, welche man an ihren hohen senkrechten Felsen erkannte; am Dienstag früh gewahrte man die Bai Batty, wo sich am 10. September 1851 der Prinz Albert für eine lange Ueberwinterung festankerte. Der Doctor beobachtete mit seinem Fernrohr die Küste lange mit Interesse. Von diesem Punkt gingen ringsher die Ausflüge aus; welche die geographische Gestalt von Nord-Sommerset feststellten. Die Witterung war klar, so daß man die tiefen Schluchten, wovon die Bai umgeben ist, unterscheiden konnte. Der Doctor und Johnson waren vielleicht die Einzigen, welche an diesen öden Gegenden Interesse hatten. Hatteras, stets über seine Karten gebeugt, sprach wenig; seine Schweigsamkeit wuchs, je weiter die Brigg nach Süden kam; er stieg oft auf die Campanie, wo er, die Arme gekreuzt, den Blick im weiten Raum verloren, ganze Stunden lang den Horizont betrachtend verweilte. Seine Befehle, wenn er welche gab, waren kurz und barsch. Shandon beobachtete kaltes Schweigen, und indem er sich allmälig in sich selbst zurückzog, sprach er mit Hatteras nur noch, was der Dienst verlangte; James Wall blieb Shandon ergeben, und richtete sein Verhalten nach dessen Beispiel. Der übrige Theil der Mannschaft wartete die Ereignisse ab, bereit, sie in eigenem Interesse zu benutzen. Es fand an Bord nicht mehr jene Einheit der Gedanken, jene Gemeinsamkeit der Ideen statt, welche für die Ausführung großer Dinge so nöthig ist. Hatteras wußte es wohl. Man sah im Laufe dieses Tages zwei Wallfische rasch südwärts treiben; desgleichen gewahrte man einen weißen Bären, der mit einigen Flintenschüssen begrüßt wurde, ohne Erfolg, schien es. Dem Kapitän war unter diesen Umständen eine Stunde Zeit viel zu kostbar, als daß er die Verfolgung dieses Thieres gestattete. Am Mittwoch früh war man über das Ende des Regenten-Canals hinaus; an die Ecke der Westküste schloß sich eine tiefe Krümmung des Landes. Der Doctor erkannte mittels der Karte die Spitze Sommerset-House oder die Fury-Spitze. »Hier an dieser Stelle, sagte er zu seinem Genossen, ist das erste englische Schiff, welches sie 1815 bei Parry's dritter Nordpolfahrt in diese Meere schickten, zu Grunde gegangen; die Fury hatte bei ihrem zweiten Winteraufenthalt dermaßen von den Eisblöcken gelitten, daß die Mannschaft sie zurücklassen, und auf dem Geleitschiff Hecla nach England zurückkehren mußte. – So ein Geleitschiff ist doch offenbar ein großer Vortheil, sagte Johnson; eine solche Vorsicht sollten die Nordpolfahrer nicht versäumen, aber der Kapitän Hatteras wollte sich nicht mit einem Gesellschafter befassen! – Halten Sie ihn für unvorsichtig, Johnson? fragte der Doctor. – Ich? Es steht mir darin kein Urtheil zu, Herr Clawbonny. Sehen Sie da an der Küste die Pfosten, worauf noch einige Fetzen eines halb verfaulten Zeltdaches hängen. – Ja, Johnson; hier lud Parry alle Vorräthe seines Schiffes aus; und wenn ich mich recht entsinne, so bestand das Dach des Gebäudes, welches er errichtete, aus einem mit dem laufenden Takelwerk der Fury befestigten Marssegel. – Das mußte seit 1825 wohl anders werden. – Nicht sehr, Johnson. Im Jahre 1829 fand John Roß in dieser gebrechlichen Stätte ein Obdach für seine Mannschaft, worunter sie ihre Gesundheit wiederfand und gerettet wurde. Im Jahre 1851, als vom Prinz Albert aus ein Ausflug dahin gemacht wurde, bestand das Gebäude noch; der Kapitän Kennedy ließ es vor neun Jahren wieder ausbessern. Es wäre interessant, einen Besuch da zu machen. Aber der Kapitän Hatteras hat nicht Lust sich aufzuhalten. – Und er hat unstreitig Recht, Herr Clawbonny; sagt man in England, »Zeit ist Geld«, so heißt es hier, Zeit ist Rettung, und um einen Tag, selbst eine Stunde Verspätung setzt man sich der Gefahr aus, seinen Reisezweck zu verfehlen. So lassen wir ihn denn nach seiner Weise verfahren.« Im Verlaufe des 1. Juni, Donnerstags, wurde vom Forward die Bai Creswell diagonal durchschnitten; von der Fury-Spitze an zog sich die Küste nordwärts mit dreihundert Fuß hohen senkrechten Felsen, südwärts ward sie niedriger; einige Gipfel ließen scharf geschnittene Hochflächen erkennen, während andere wunderlich geformt als spitze Pyramiden in den Nebel emporragten. Das Wetter wurde diesen Tag über milder, aber auch trüber; man verlor die Küste aus den Augen; das Thermometer stieg bis auf zweiunddreißig Grad (0° hunderttheilig); einiges Gevögel flatterte hier und da, und Schaaren wilder Gänse zogen nordwärts; die Mannschaft mußte sich eines Theiles ihrer Kleider entledigen; man spürte die Wirkung der Sonne in den Polargegenden. Gegen Abend fuhr der Forward, eine Viertelmeile von dem Ufer entfernt bei einer Tiefe von zehn bis zwölf Ellen um das Cap Garry herum, und von da an dicht längs der Küste bis zur Bai Brentford. Unter dieser Breite mußte sich die Bellot-Straße finden, welche James Roß 1828 nicht wahrgenommen zu haben scheint. Seine Karten zeigen in der That eine nicht unterbrochene Küstenstrecke, deren geringste Einzelheiten er sonst sorgfältig angiebt; man muß also annehmen, daß zur Zeit seiner Untersuchung die Bai mit einer festen Eisdecke versperrt und von dem Lande durchaus nicht zu unterscheiden war. Diese Straße wurde nun wirklich von Kennedy im April 1852 bei einem Ausflug entdeckt, und ihr der Name des Lieutenants Bellot gegeben, als Tribut der Anerkennung der ausgezeichneten Dienste dieses Franzosen. Sechzehntes Capitel. Der magnetische Pol. Je näher Hatteras dieser Straße kam, desto unruhiger ward er; in der That, es sollte sich das Schicksal seiner Fahrt entscheiden; bis hierher hatte er mehr als seine Vorgänger geleistet, von welchen der glücklichste, Mac Clintock, fünfzehn Monate gebraucht hatte, um in diesen Theil des Polarmeeres zu gelangen; aber, gelang ihm nicht durch diese Straße zu fahren, so war damit wenig, ja nichts gewonnen; konnte er nicht denselben Weg zurück, so sah er sich eingeschlossen bis zum folgenden Jahre. Daher wollte er auch die Mühe, die Küste zu untersuchen, Niemand sonst überlassen; er stieg hinauf in's Elsternest, und blieb da mehrere Stunden. Die Mannschaft wußte genau, wie es mit dem Schiffe stand, und es herrschte an Bord tiefes Schweigen; die Maschine bewegte sich langsamer, und der Forward hielt sich dem Lande möglichst nahe; die Küste war dicht besät mit Eisblöcken, welche auch die heißesten Sommer nicht hatten zum Schmelzen bringen können; es gehörte ein geschicktes Auge dazu, um hier eine Einfahrt zu entdecken. Hatteras verglich seine Karte mit dem Land. Da um Mittag die Sonne ein wenig zum Vorschein kam, so ließ er durch Shandon und Wall eine recht genaue Aufnahme machen, die ihm laut zugerufen wurde. Das war ein halber Tag voll Angst für alle Gemüther. Doch plötzlich um zwei Uhr erschallte es laut vom Mast herab: »Westwärts das Cap! Den Dampf verstärken!« Die Brigg leistete unverzüglich Folge, sie richtete ihr Vordertheil nach der bezeichneten Stelle, das Meer schäumte unter dem Wellenschlage der Schraube und der Forward schoß mit äußerster Schnelligkeit zwischen zwei reißenden Eisströmen. Der Weg war gefunden; Hatteras kam bald auf die Campanie herab und der Eismeister begab sich wieder auf seinen Posten. »Nun, Kapitän, sagte der Doctor, so sind wir doch endlich in die berühmte Straße eingelaufen? – Ja, erwiderte Hatteras mit gedämpfter Stimme, aber es ist nicht genug damit, einzulaufen, man muß auch wieder heraus.« Hierauf begab er sich wieder in seine Cabine. »Er hat Recht, sagte sich der Doctor; wir sind da wie in einer Mausefalle, ohne viel Raum uns zu bewegen, und wenn man in dieser Enge überwintern müßte! ... Gut! Wir wären dann nicht die Ersten, welche ein solches Loos träfe, und wo andere sich aus der Verlegenheit zu ziehen wußten, würden auch wir uns zu helfen wissen!« Der Doctor irrte sich nicht. An derselben Stelle, in einem kleinen geschützten Hafen, den Mac Clintock selbst Kennedy-Hafen benannte, brachte der Fox den Winter 1858 zu. Die Bellot-Straße, eine Meile breit bei siebenzehn Meilen Länge, mit einer Strömung von sechs bis sieben Knoten, zieht sich zwischen Gebirgsreihen, deren Höhe auf sechzehnhundert Fuß geschätzt wird. Sie scheidet Nord-Sommerset vom Lande Boothia; die Schiffe haben nicht viel freien Bewegungsraum. Der Forward fuhr darin weiter, vorsichtig, doch kam er vorwärts; an dieser engen Stelle giebt es häufig Stürme, und die Brigg hatte ihre gewöhnliche Heftigkeit zu spüren; auf des Kapitäns Befehl wurden die Segelstangen herabgelassen, die Maste herausgenommen; trotzdem hatte das Schiff außerordentlich unter den Windstößen und Wellenschlägen zu leiden; man fuhr zwischen den schwimmenden Eismassen ziemlich auf's Gerathewohl; das Barometer fiel auf neunundzwanzig Zoll; auf dem Verdeck war es schwer sich aufrecht zu halten, und es blieben daher die Matrosen meistens in ihrem Versammlungsraum, um nicht unnöthig zu leiden. Hatteras, Johnson, Shandon blieben trotz des Regens und Schneegestöbers auf der Campanie, und auch der Doctor kam trotz des widerlichen Aufenthalts unverzüglich zu ihnen herauf. Man konnte sich nicht verstehen, kaum sehen. Hatteras war bemüht, mit seinem Blick den dichten Nebelvorhang zu durchdringen, denn seiner Schätzung nach mußte er sich gegen sechs Uhr am Ausgang der Straße befinden; damals schien jeder Ausgang versperrt; Hatteras sah sich daher genöthigt Halt zu machen, und ankerte sich an einem Eisberg fest; aber er blieb die ganze Nacht in Spannung. Das Wetter war fürchterlich. Der Forward drohte jeden Augenblick seine Ketten zu zerreißen; es war zu befürchten, der Eisberg möge, durch die Gewalt der Weststürme von seiner Basis gerissen, sammt der Brigg forttreiben. Die Officiere waren in ängstlicher Spannung, beständig auf's äußerste wachsam; zu den Schneewirbeln kam ein wahrer Hagel, den der Sturm von der aufgethauten Oberfläche der Eisbank wegfegte. Die Temperatur stieg während dieser schrecklichen Nacht erheblich; das Thermometer zeigte siebenundfünfzig Grad (+14° hunderttheilig) und der Doctor glaubte zu seinem großen Befremden im Süden einige Blitze wahrzunehmen, mit sehr fernem Donnern. Dadurch schien sich die Angabe des Wallfischfahrers Scoresby zu bestätigen, der über dem fünfundsechzigsten Breitegrad hinaus die gleiche Erscheinung beobachtete. Ebenso war der Kapitän Parry im Jahre 1821 Zeuge dieser meteorologischen Sonderbarkeit. Gegen fünf Uhr früh änderte sich die Witterung auffallend rasch; die Temperatur stellte sich plötzlich auf den Gefrierpunkt, der Wind schlug um zu Nord und ward ruhiger. Jetzt konnte man die westliche Mündung der Straße wahrnehmen, aber sie war völlig versperrt. Hatteras blickte begierig nach der Küste, im Zweifel, ob es wirklich die Durchfahrt sei. Inzwischen ging die Brigg wieder unter Segel, und glitt langsam zwischen den Eisströmen, während die Eisblöcke mit Getöse an seinen Seitenwänden zertrümmerten; die »Pack« waren noch sechs bis sieben Fuß dick; man mußte ihrem Druck sorgfältig ausweichen, denn wollte das Schiff Widerstand leisten, so gerieth es in Gefahr, emporgehoben und auf die Seite geworfen zu werden. Um Mittag, und zum erstenmal, konnte man ein prachtvolles Sonnenphänomen bewundern, einen Sonnenring mit zwei Nebensonnen; der Doctor beobachtete es, und nahm genaue Maße von demselben. Der äußere Bogen war nur auf einer Strecke von dreißig Grad des Horizont-Durchmessers sichtbar; die beiden Sonnenbilder unterschieden sich merklich; die Farben, welche man bei den Lichtringen wahrnahm, waren von innen nach außen: roth, gelb, grün, schwach bläulich, endlich das weiße Licht ohne merkbare Begrenzung nach außen. Der Doctor erinnerte sich an die sinnreiche Theorie Th. Young's über diese Meteore . Dieser Physiker nimmt an, es befänden sich gewisse Wolken aus Glasprismen in der Atmosphäre schwebend; die Sonnenstrahlen, welche auf die Prismen fallen, brechen sich unter Winkeln von sechzig und neunzig Graden. Die Sonnenringe können sich also nur bei heiterem Himmel bilden. Dem Doctor kam diese Erklärung recht sinnreich vor. Die Seeleute, welche häufig die Polarmeer-Fahrten machen, sehen dieses Phänomen als Vorboten reichlichen Schnees an. Wenn dieses sich bewährte, so wurde die Lage des Forward sehr bedenklich. Hatteras entschloß sich daher, weiterzufahren; während des übrigen Verlaufs dieses Tages und der folgenden Nacht gönnte er sich keinen Augenblick Ruhe, sah auf den Horizont, lief die Strickleitern hinauf, ließ keine Gelegenheit außer Acht, der Ausfahrt der Enge nahe zu kommen. Doch am frühen Morgen mußte er vor der undurchdringlichen Eisdecke Halt machen. Der Doctor kam auf der Campanie zu ihm. Hatteras nahm ihn mit sich auf's Hintertheil, wo sie ohne Besorgniß um Ohrenzeugen plaudern konnten. »Wir stecken fest, sagte Hatteras; unmöglich können wir weiter. – Unmöglich? fragte der Doctor. – Unmöglich! Mit allem Pulver des Forward gewännen wir nicht eine Viertelmeile! – Was fangen wir also an? fragte der Doctor. – Was weiß ich? Verwünscht sei dies heillose Jahr, welches so schlimm beginnt! – Nun, Kapitän, wenn man überwintern muß, thun wir's hier! Die Stelle ist so gut wie eine andere! – Allerdings, sagte Hatteras leise; aber man sollte ein Winterquartier vermeiden, zumal im Juni. Der Winteraufenthalt ist voll moralischer und physischer Gefahren. Der Geist einer Mannschaft wird durch die lange Ruhe inmitten wirklicher Leiden leicht herabgestimmt. Darum rechnete ich auch darauf, nur unter einem höhern Breitegrad näher dem Pol meinen Aufenthalt zu nehmen! – Ja, aber das Verhängniß hat gewollt, daß die Baffins-Bai versperrt war. – Sie war aber doch für einen Andern offen, rief Hatteras voll Entrüstung, für den Amerikaner, den ... – Sehen Sie, Hatteras, sagte absichtlich unterbrechend der Doctor, wir sind noch nicht am 5. Juni; lassen wir den Muth nicht fallen; es kann sich uns noch plötzlich eine Durchfahrt öffnen; Sie wissen, daß das Eis geneigt ist, sich in mehrere Blöcke zu zertheilen, selbst bei ruhiger Witterung; wir können demnach noch stündlich eine Durchfahrt zum freien Meer finden. – Nun denn, wenn eine sich darbietet, wollen wir sie einschlagen! Es ist leicht möglich, daß wir über der Bellot-Straße hinaus eine Bahn finden, wieder nach Norden zu steuern, durch die Peel-Straße, oder den Canal Mac Clintock, und dann ... – Kapitän, sagte James Wall, der in dem Augenblick herbeikam, wir laufen Gefahr, unser Steuerruder durch die Eisblöcke zu verlieren. – Nun, erwiderte Hatteras, so wollen wir die Gefahr laufen. Ich lasse es nicht wegnehmen, will vielmehr zu jeder Stunde bei Tag und Nacht bereit sein. Sorgen Sie, Wall, daß man es so viel wie möglich schützt, und den Eisblöcken ausweicht; aber an seiner Stelle soll es bleiben, verstehen Sie mich? – Aber doch, fuhr Wall fort ... – Man hat mir keine Bemerkungen zu machen, mein Herr, sagte Hatteras mit strengem Ernst. Gehen Sie.« Wall begab sich wieder auf seinen Posten. »Ach! sagte Hatteras in einer Zorneswallung, ich gäbe fünf Jahre meines Lebens darum, wenn ich mich im Norden befände! Es ist mir keine Durchfahrt bekannt, die gefahrvoller wäre. Zum Uebermaß der Schwierigkeit ist in dieser Nähe des magnetischen Pols der Compaß nicht zu gebrauchen, die Nadel wird entweder säumig oder irrig, und ändert beständig ihre Richtung! – Ich gestehe, erwiderte der Doctor, es ist eine gefahrvolle Fahrt; aber am Ende haben doch die, welche sie unternehmen, sich darauf gefaßt gemacht, so daß ihnen nichts dabei überraschend vorkommen kann. – Ach! Doctor! Meine Mannschaft ist sehr verändert, und, wie Sie eben gesehen haben, sind bereits die Officiere im Stande Einwendungen zu machen. Die hohe Löhnung war zwar geeignet, für ihre Anwerbung die Entscheidung zu geben; aber das hat auch seine schlimme Seite, denn nach der Abfahrt sind sie um so mehr auf die Rückkehr versessen! Doctor, ich finde bei meiner Unternehmung nicht die nöthige Stütze, und wenn sie scheitert, ist nicht dieser oder jener Matrose daran schuld, sondern der Mangel an Wille bei einigen Officieren ... Ah! Das werden sie schwer zu büßen haben! – Sie übertreiben, Hatteras. – Ich übertreibe nichts! Meinen Sie, die Leute seien mißgestimmt über die Hindernisse, welche sich mir entgegen stellen? Im Gegentheil! Man hofft, sie würden mich von meinen Plänen abbringen. Darum murren sie auch nicht, und so lange der Schnabel des Forward südwärts gerichtet ist, wird es so bleiben. Die Thoren bilden sich ein, sie kämen damit England näher! Aber wenn es mir gelingt, wieder nordwärts zu steuern, werden Sie sehen, wie es dann anders lautet! Doch ich schwöre, kein lebendes Geschöpf soll mich von der Linie meines Verhaltens abbringen! Eine Durchfahrt, eine Oeffnung, durch welche meine Brigg hindurchgleiten kann, und ich werde Meister sein!« Die Wünsche des Kapitäns sollten einigermaßen befriedigt werden. Wie der Doctor vorausgesagt, trat im Laufe des Abends eine plötzliche Veränderung ein; durch irgend eine Einwirkung, des Windes, der Strömung oder der Temperatur, kamen die Eisfelder zum Bruch und der Forward drang kühn in die Oeffnung und zertrümmerte mit seinem stählernen Schnabel die schwimmenden Eisblöcke. Er fuhr die ganze Nacht hindurch und kam am Dienstag gegen sechs Uhr aus der Bellot-Straße hinaus. Aber wie mußte Hatteras in stillem Zorn ergrimmen, als er den Weg nach Norden sich hartnäckig versperrt sah! Doch besaß er Seelenstärke genug, um seine Verzweiflung nicht zu erkennen zu geben, und als habe er die einzige Bahn, welche offen war, selbst vorgezogen, ließ er den Forward die Franklin-Straße hinabfahren; da er nicht die Peel-Straße hinauf konnte, entschloß er sich, um das Prinz-Wales-Land herumzusegeln, um den Canal Mac Clintock zu erreichen. Aber es war ihm ein Schmerz, daß Shandon und Wall sich nicht irren konnten, und wußten, wie es um seine getäuschte Hoffnung stand. Am 6. Juni ergab sich kein Zwischenfall; es trat Schneewetter ein. Während sechsunddreißig Stunden fuhr der Forward längs der buchtenreichen Küste Boothia's, ohne daß es ihm möglich ward, dem Prinz-Wales-Land nahe zu kommen; Hatteras verstärkte den Dampf mit Kohlenverschwendung; er zählte stets darauf, seinen Vorrath auf der Insel Beechey zu ergänzen; am Donnerstag kam er an's Ende der Franklin-Straße, und fand immer noch den Weg nach dem Norden versperrt. Das war zum Verzweifeln; es war ihm nicht einmal mehr möglich, denselben Weg zurück zu machen; die Eisblöcke trieben vorwärts, und er sah unablässig den Weg hinter sich wieder sich schließen, als wenn da, wo er eine Stunde zuvor noch gefahren war, das Meer niemals frei gewesen wäre. So konnte der Forward nicht nur nicht nordwärts vorankommen, sondern durfte sich nicht einen Augenblick aufhalten, wollte er nicht stecken bleiben, und er floh vor den Eisblöcken, wie ein Schiff vor dem Sturm. Am Freitag, den 8. Juni, kam er nächst der Küste von Boothia an die Einfahrt der James-Roß-Straße, welche er um jeden Preis zu vermeiden hatte, denn sie hatte nur eine westliche Ausmündung und endigt unmittelbar am festen Lande Amerikas. Die um Mittag angestellten Beobachtungen ergaben 70° 5' 17" für die Breite, und 96° 46' 45" für die Länge. Der Doctor notirte diese Ziffern auf seiner Karte, und sah, daß er sich endlich am magnetischen Pol befand, gerade an der Stelle, wo James Roß, Neffe des Sir John, unlängst diesen merkwürdigen Punkt festgestellt hatte. Das Land war in der Nähe der Küste niedrig, und stieg nur um etwa sechzig Fuß in der Entfernung einer Meile von dem Meere ab. Da der Kessel des Forward gereinigt werden mußte, so ankerte der Kapitän sein Schiff an einem Eisfelde fest, und gestattete dem Doctor, in Gesellschaft des Rüstmeisters an's Land zu gehen. Er selbst, unempfänglich für Alles, was nicht mit seinen Plänen in unmittelbarer Verbindung stand, schloß sich in seine Cabine ein, und vertiefte sich im Anblick der Karte des Pols. Der Doctor kam mit seinem Gefährten leicht an's Land; der Erstere trug einen zu seinen Experimenten bestimmten Compaß; er wollte des James Roß Arbeiten controliren, und entdeckte leicht den von letzterem errichteten Hügel von Kalkstein, er eilte hin und vermochte durch eine Oeffnung darinnen die zinnerne Lade zu gewahren, worin James Roß das Protokoll seiner Entdeckung niedergelegt hatte. Kein lebendes Wesen schien seit dreißig Jahren diese einsame Küste besucht zu haben. An dieser Stelle nahm eine so leicht wie möglich in Schwebe gebrachte Magnetnadel in Folge magnetischer Anziehung sogleich eine beinahe senkrechte Lage an; das Centrum der Anziehung befand sich demnach in nächster Nähe, wo nicht unmittelbar unter der Nadel. Der Doctor machte sein Experiment sorgfältig. Aber wenn James Roß wegen Mangelhaftigkeit seiner Instrumente für seine verticale Nadel nur eine Neigung von 89° 59" fand, so lag der Grund darin, daß der wahre magnetische Punkt sich wirklich nur eine Minute weit von diesem Ort entfernt befand. Der Doctor Clawbonny war glücklicher, und hatte nicht weit von da die große Befriedigung, ihre Neigung um 90° zu sehen. »Hier also ist genau der magnetische Pol des Erdballs! rief er aus, und stampfte mit dem Fuß. – Eben hier? fragte Meister Johnson. – Gerade hier, mein Freund. – Also, fuhr der Rüstmeister fort, muß man jede Annahme eines Magnetbergs oder einer magnetisirten Masse aufgeben! – Ja wohl, mein wackerer Johnson, erwiderte der Doctor mit Lachen, das sind die Hypothesen der Leichtgläubigkeit! Wie Sie sehen, ist hier keine Spur von einem Berg, der im Stande wäre die Schiffe anzuziehen, ihnen ihr Eisen zu entziehen, Anker bei Anker, Nagel bei Nagel, und Ihre Schuhe sind so frei, wie an jedem andern Punkt des Erdballs. – Also wie erklärt man's ... – Man erklärt es gar nicht, Johnson; soweit sind wir noch nicht mit unserm Wissen. Aber das steht richtig, mathematisch genau, daß der magnetische Pol sich gerade hier, an dieser Stelle befindet. – Ach! Herr Clawbonny, wie glücklich wäre der Kapitän, wenn er ebenso vom Nordpol sagen könnte! – Das wird er, Johnson, er wird es sagen. – Das wolle Gott!« erwiderte Letzterer. Der Doctor nebst seinem Genossen errichtete ein Merkzeichen gerade an der Stelle, wo das Experiment stattgefunden hatte, und da ihnen das Signal zur Rückkehr gegeben wurde, begaben sie sich um fünf Uhr Abends wieder an Bord. Siebenzehntes Capitel. Katastrophe des Sir John Franklin. Es gelang dem Forward, die James-Roß-Straße direct zu durchschneiden, doch nicht ohne Beschwerden; es mußten Säge und Petarden angewendet werden, und die Mannschaft hatte große Strapazen auszustehen. Die Temperatur war zum Glück recht leidlich, um dreißig Grad höher, als James Roß zu derselben Jahreszeit hatte. Das Thermometer wies vierunddreißig Grad (+1° hunderttheilig). Am Samstag umsegelte man das Cap Felix am Nordende des König-Wilhelm's-Landes, einer der mittlern Inseln dieser Nord-Meere. Die Küste dieser Insel, an welcher man herfuhr, bot einen traurigen Anblick, welcher auf die Mannschaft einen tiefen und schmerzlichen Eindruck machte. In der That war dieses König-Wilhelm's-Land der Schauplatz des fürchterlichsten Dramas! Einige Meilen westwärts gingen der Erebus und Terror zu Grunde. Den Matrosen waren wohl die verschiedenen Versuche zur Auffindung des Admirals Franklin, und das Resultat derselben bekannt, aber von den traurigen Details dieser Katastrophe wußten sie nichts. Als nun der Doctor den Lauf des Schiffes auf der Karte verfolgte, kamen einige derselben, Bell, Bolton, Simpson zu ihm heran und knüpften eine Unterredung mit ihm an. Bald schlossen sich ihre Kameraden, von besonderer Neugierde getrieben, ihnen an; während dessen fuhr die Brigg mit äußerster Schnelligkeit, und die Küste mit ihren Buchten, Cap's, Spitzen flog wie ein riesenhaftes Panorama vor ihren Blicken vorüber. Hatteras ging mit raschem Schritt auf dem Hinterverdeck hin und her. Der Doctor saß auf dem Verdeck und sah sich von dem größten Theil der Mannschaft umgeben; er verstand ihr Interesse an dieser Lage, und den mächtigen Eindruck, welchen eine Erzählung über die Ereignisse unter ähnlichen Verhältnissen machen mußte; er setzte also das mit Johnson begonnene Gespräch mit folgenden Worten fort: »Sie kennen, meine Freunde, die frühere Laufbahn Franklin's; er diente gleich Cook und Nelson vom Schiffsjungen auf; nachdem er in seinen jungen Jahren an großen Seeunternehmungen theilgenommen, entschloß er sich im Jahre 1845, zur Aufsuchung der nordwestlichen Durchfahrt auszufahren; unter seinem Commando standen der Erebus und Terror, zwei bewährte Schiffe, welche bereits im Jahre 1840 mit James Roß an einer Nordpolfahrt theilgenommen hatten. Die Mannschaft des Erebus, worauf sich Franklin befand, bestand aus siebenzig Personen, Officieren und Matrosen, Kapitän war Fitz-James, Lieutenants Gore und Le Vesconte, Rüstmeister Des Voeux, Sargent, Couch, und Stanley Arzt. Auf dem Terror befanden sich siebenzig Mann, Kapitän Crozier, die Lieutenants Little Hogdson und Irving, Rüstmeister Horesby und Thomas, Peddie Arzt. An den Baien, Caps, Meerengen, Spitzen, Canälen, den Inseln dieser Gegenden sind die Namen der meisten dieser Unglücklichen zu lesen, von denen keiner mehr heimgekehrt ist, hundertachtunddreißig Mann zusammen! Wir wissen, daß die letzten Briefe Franklin's von Disko sind und das Datum des 12. Juli 1845 tragen. »Ich hoffe, sagte er, diese Nacht nach dem Lancaster-Sund unter Segel zu gehen.« Was ist seit seiner Abfahrt aus der Bai von Disko vorgefallen? Die Kapitäne der Wallfischfahrer Prinz von Wales und Entreprise bemerkten zum letztenmal die beiden Schiffe in der Melville-Bai, und seit diesem Tage hörte man nichts mehr von ihnen. Doch können wir Franklin in seiner Fahrt westwärts verfolgen; er fuhr durch den Lancaster-Sund und die Barrow-Straße und kam bis zur Insel Beechey, wo er den Winter 1845–1846 zubrachte. – Aber wie hat man Kenntniß von diesen Einzelheiten bekommen? fragte der Zimmermann Bell. – Durch drei im Jahre 1850 von der Expedition Austin auf der Insel entdeckte Gräber, worin drei Matrosen Franklin's bestattet waren; sodann mit Hilfe des von Hobson, Schiffslieutenant des Fox, aufgefundenen Documents, welches vom 25. April 1848 datirt ist. Daher wissen wir nun, daß der Erebus und Terror nach ihrem Winteraufenthalt die Wellington-Straße wieder bis zum 70° Breite hinauffuhren; aber anstatt weiter nordwärts zu fahren, ohne Zweifel weil dieser Weg nicht fahrbar war, wendeten sie sich wieder südwärts ... – Und das zu ihrem Verderben! sagte eine ernste Stimme. Ihre Rettung lag nordwärts.« Jeder wendete sich um. Hatteras, auf das Geländer des Hinterdecks gelehnt, hatte seiner Mannschaft diese schreckliche Mahnung zugerufen. »Ohne Zweifel, fuhr der Doctor fort, war Franklin's Absicht, wieder an die amerikanische Küste zu kommen; aber auf dieser unseligen Fahrt wurden sie von Stürmen überfallen, und am 12. September 1846 blieben die beiden Schiffe einige Meilen von hier, nordwestlich vom Cap Felix zwischen den Eisblöcken stecken; sie wurden noch bis nord-nordwestlich der Spitze Victoria fortgerissen; gerade hier, sagte der Doctor, und bezeichnete die Stelle des Meeres. Nun aber, fuhr er fort, sind die Schiffe erst am 22. April 1848 verlassen worden. Was ging während dieser neunzehn Monate vor? Was haben die Unglücklichen getrieben? Vermuthlich haben sie die Lande der Umgegend durchforscht, für ihre Rettung nichts unversucht gelassen, denn der Admiral war ein energischer Mann! Daß es ohne Erfolg war ... – Kommt vielleicht vom Verrath seiner Mannschaft«, sagte Hatteras halblaut. Die Matrosen wagten nicht die Augen aufzuheben; diese Worte lasteten schwer auf ihnen. »Kurz, das unselige Document meldet uns weiter, Sir John Franklin erlag seinen Mühsalen am 11. Juni 1847. Ehre seinem Andenken!« sprach der Doctor, und zog den Hut ab. Seine Zuhörer folgten schweigend seinem Beispiel. »Was ist aus den Unglücklichen, nachdem sie ihren Anführer verloren, geworden? Sie blieben an Bord ihrer Schiffe, und entschlossen sich erst im April 1848, dieselben zu verlassen; von den hundertachtunddreißig waren es noch hundertundfünf. Dreiunddreißig waren todt! Darauf errichteten die Kapitäne Crozier und Fitz-James an der Spitze Victoria einen Steinhaufen zum Denkmal, und legten ihr letztes Document darin nieder. Sehen Sie, meine Freunde, wir fahren bei dieser Spitze vorüber! Sie können die Reste dieses Steindenkmals noch sehen, welches so zu sagen an dem äußersten Punkt, wohin John Roß 1831 drang, sich befindet. Hier ist das Cap Jane Franklin! Hier die Spitze Franklin! Hier die Spitze Le Vesconte! Hier die Bai des Erebus, wo man die aus den Trümmern des einen dieser Schiffe gefertigte und auf einen Schlitten gelegte Schaluppe fand! Dort wurden silberne Löffel gefunden, Munition in Menge, Chocolade, Thee, religiöse Bücher! Denn die hundertundfünf Ueberlebenden schlugen unter Anführung des Kapitäns Crozier den Weg nach Great-Fish-River ein! Bis wohin vermochten sie zu gelangen? Glückte es ihnen die Hudsons-Bai zu erreichen? Sind noch welche bei Leben? Was ist seit dieser letzten Abfahrt aus ihnen geworden? ... – Was aus ihnen geworden ist, will ich Ihnen sagen! sagte John Hatteras mit starker Stimme. Ja, sie haben sich bemüht die Hudsons-Bai zu erreichen, und haben sich in mehrere Trupp zertheilt! Ja, sie haben sich nach dem Süden gewendet! Ja, im Jahre 1854 meldete ein Brief des Doctor Rae, daß im Jahre 1850 die Eskimo's auf diesem König-Wilhelm's-Land eine Abtheilung von vierzig Mann getroffen hätten, welche auf Seekälber Jagd machten, ihren Weg über das Eis nahmen mit einem Boot, das sie fortzogen, abgemagert, elend, von Strapazen und Schmerzen erschöpft. Und später entdeckten sie dreißig Leichen auf dem Festland, und fünf auf einer nahen Insel, die halb bestattet, andere unbeerdigt, die unter einem umgestürzten Boot, jene unter den Trümmern eines Zeltes, hier einen Officier mit seinem Telescop auf der Schulter, neben ihm sein geladenes Gewehr, weiter hinaus Kessel mit Resten einer gräßlichen Mahlzeit! Auf diese Nachrichten ersuchte die Admiralität die Hudson-Bai-Compagnie, ihre geschicktesten Agenten auf den Schauplatz des Ereignisses zu schicken. Sie begaben sich den Backfluß hinab bis zu seiner Mündung. Sie untersuchten die Inseln Montreal, Maconochia, die Spitze Ogle. Vergeblich! Alle diese Unglücklichen waren elendiglich gestorben, dem Jammer, dem Hunger erliegend, indem sie ihr Dasein durch gräßlichen Cannibalismus zu fristen suchten! Das ist aus ihnen geworden, indem sie den Weg südwärts nahmen, den sie dann mit ihren verstümmelten Leichen bedeckten! Nun! Haben Sie noch Lust, denselben Weg einzuschlagen?« Die zitternd bewegte Stimme, die leidenschaftlichen Geberden, die glühenden Gesichtszüge des Kapitäns Hatteras brachten eine unbeschreibliche Wirkung hervor. Die Mannschaft, im Angesicht dieser unheilvollen Lande von tiefster Rührung ergriffen, rief einstimmig: »Nordwärts! Nordwärts! – Wohlan denn, nordwärts! Im Norden ist unsere Rettung und unser Ruhm! Dort ist der Himmel auf unserer Seite! Der Wind schlägt um! Die Fahrt ist frei! Fertig zum Umkehren!« Die Matrosen begaben sich flugs auf ihre Posten; die Eisströme wurden allmälig locker; der Forward bewegte sich reißend schnell mit verstärktem Dampf in der Richtung des Canals Mac Clintock. Hatteras irrte nicht, indem er auf ein mehr freies Meer rechnete; er schlug den Canal aufwärts den muthmaßlichen Weg Franklin's ein, der östlichen Küste des Prinz-Wales-Landes entlang, welche damals hinreichend bestimmt war, während das gegenüber liegende Ufer noch unbekannt ist. Offenbar waren die Eisgänge nach dem Süden hin durch die östlichen Engen getrieben, denn diese Straße schien völlig frei zu sein. Daher war der Forward auch im Stande, die verlorene Zeit wieder beizubringen; mit verstärktem Dampf fuhr er am 14. Juni über die Bai Osborne und die äußersten bei den Fahrten 1851 erreichten Punkte hinaus. Es befanden sich zwar noch zahlreiche Eisblöcke in der Straße, aber es war keine Gefahr mehr, daß dem Kiel des Forward das Wasser mangeln werde. Achtzehntes Capitel. Nordwärts. Die Mannschaft schien zu ihrer gewohnten Zucht und Folgsamkeit zurückgekehrt zu sein. Die spärlichen, nicht sehr ermüdenden Manoeuvres ließen ihr reichlich Muße. Die Temperatur hielt sich über dem Gefrierpunkt, und das Thauwetter mußte die größten Schwierigkeiten dieser Fahrt überwinden, Duk, vertraulich und gesellig, hatte aufrichtige Freundschaft mit dem Doctor Clawbonny angeknüpft, und sie standen auf dem besten Fuß mit einander. Aber wie stets ein Freund dem Andern sich hingiebt, so muß man eingestehen, daß der Doctor nicht der Andere war. Duk machte mit ihm Alles, was er wollte, und der Doctor folgte ihm, wie ein Hund seinem Herrn. Duk zeigte sich übrigens liebenswürdig gegen die meisten Matrosen und Officiere an Bord; nur mied er, aus Instinct ohne Zweifel, die Gesellschaft Shandon's; auch hatte er einen Groll, und was für einen! gegen Pen und Foker; sein Haß sprach sich in ihrer Nähe durch kaum verhaltenes Knurren aus. Diese wagten übrigens nicht mehr mit dem Hund des Kapitäns anzubinden. Kurz, die Mannschaft hatte wieder Vertrauen gefaßt, und hielt sich gut. »Es kommt mir vor, sagte einst James Wall zu Richard Shandon, als hätten unsere Leute die Anrede des Kapitäns im Ernst genommen; sie sehen aus, als zweifelten sie nicht am Erfolg. – Da sind Sie im Irrthum, erwiderte Shandon; wenn sie nachdächten, wenn sie die Lage prüften, so begriffen sie, daß wir aus einer Unvorsichtigkeit in die andere gerathen. – Doch, fuhr Wall fort, sind wir ja hier in freierem Meer; wir kommen wieder auf schon bekannte Wege; Sie übertreiben wohl, Shandon? – Ich übertreibe nicht, Wall; der Groll, die Eifersucht, wenn Sie wollen, welche Hatteras mir einflößt, machen mich nicht blind. Antworten Sie mir, haben Sie die Kohlenkammern angesehen? – Nein, erwiderte Wall. – Nun, gehen Sie hinab, und Sie werden sehen, wie reißend schnell unsere Vorräthe schwinden. Grundsätzlich hätte man die Fahrt vorzugsweise mit dem Segel machen, und die Schraube vorbehalten sollen, um Strömungen oder widrigen Winden entgegen zu fahren, so daß unser Brennmaterial nur mit größter Sparsamkeit verwendet würde, denn, wer kann sagen, an welcher Stelle diese Meere, und ob nicht auf die Dauer von Jahren wir festgehalten werden können? Aber Hatteras, den nur der Wahnsinn treibt, vorwärts zu kommen, bis zu dem unzugänglichen Pol zu dringen, macht sich über ein solches Detail keine Gedanken mehr. Mag der Wind entgegen sein, oder nicht, er fährt mit vollem Dampf und wenn das so fortgeht, gerathen wir in große Verlegenheit, wo nicht in's Verderben. – Ist das wahr, was Sie sagen, Shandon? Dann ist's eine bedenkliche Sache! – Ja, Wall, bedenklich, nicht allein in Rücksicht auf die Maschine, die ohne Heizung in einer kritischen Lage uns wenig nützen würde, sondern auch in Hinsicht auf eine Ueberwinterung, worauf wir früher oder später gefaßt sein müssen. Man muß aber in einem Lande, wo häufig das Quecksilber im Thermometer gefriert, Das ist bei 42° hunderttheilig unter Null der Fall. ein wenig Rücksicht auf die Kälte nehmen. – Aber, irre ich nicht, Shandon, so rechnet der Kapitän darauf, seinen Vorrath auf der Insel Beechey zu ergänzen; dort muß eine große Menge Kohlen gelagert sein. – Kann man denn in diesen Meeren fahren, wohin man will, Wall? Kann man sich darauf verlassen, daß man diesen oder jenen Ort eisfrei finde? Und wenn uns die Insel Beechey abgeht, wenn man nicht zu ihr gelangen kann, was soll aus uns werden? – Sie haben Recht, Shandon; Hatteras scheint mir unvorsichtig; aber warum machen Sie ihm nicht darüber einige Bemerkungen? – Nein, Wall, erwiderte Shandon mit kaum verhüllter Bitterkeit; ich habe mir vorgenommen, zu schweigen; ich habe keine Verantwortlichkeit mehr für das Schiff; ich lasse die Ereignisse herankommen; ich gehorche dem Befehl, und habe keine Ansicht zu äußern. – Erlauben Sie mir, Ihnen zu sagen, daß Sie so nicht recht handeln, Shandon, weil sich's um ein gemeinsames Interesse handelt, und solche Unvorsichtigkeiten des Kapitäns uns alle sehr theuer zu stehen kommen können. – Und wenn ich mit ihm spräche, Wall, würde er mir Gehör geben?« Wall getraute sich nicht, Ja zu sagen. »Aber, fügte er bei, vielleicht gäbe er den Vorstellungen der Mannschaft Gehör. – Die Mannschaft! sagte Shandon mit Achselzucken; aber, mein armer Wall, haben Sie dieselbe noch nicht beobachtet? Sie ist von einem ganz andern Gefühl beseelt, als dem ihrer Rettung! Sie weiß, daß es dem zweiundsiebenzigsten Breitegrad zugeht, und daß für jeden Grad weiter hinaus ihr eine Summe von tausend Pfund zugesagt ist. – Sie haben Recht, Shandon, erwiderte Wall, und der Kapitän hat damit das beste Mittel ergriffen, seine Leute festzuhalten. – Allerdings, erwiderte Shandon, für jetzt wenigstens. – Was meinen Sie damit? – Ich meine, daß, wenn man keine Gefahren oder Beschwerden zu bestehen hat, im freien Meer sich befindet, das schon ganz gut geht; Hatteras hat sie mit Geld gewonnen; aber was man um des Geldes willen thut, thut man schlecht. Kommen wir einmal in schwierige Verhältnisse, Gefahren, Elend, Krankheit, Entmuthigung, Kälte, der wir uns unsinniger Weise über Hals und Kopf aussetzen, da werden Sie sehen, ob diese Leute noch Sinn für eine ausgesetzte Prämie haben! – Also, Ihrer Ansicht nach, Shandon, wird Hatteras seinen Zweck nicht erreichen? – Nein, Wall, es wird ihm nicht gelingen; bei einer solchen Unternehmung müssen die Männer an der Spitze vollkommene Einigkeit des Sinnes haben, die aber hier nicht besteht. Ich füge bei, Hatteras ist ein Narr, wie seine ganze Vergangenheit beweist! Kurz, wir werden schon sehen! Es können Ereignisse der Art eintreten, daß man genöthigt ist, das Commando des Schiffes einem nicht so wagehalsigen Kapitän anzuvertrauen ... – Doch, sagte Wall mit zweifelnder Miene den Kopf schüttelnd, wird Hatteras immer auf seiner Seite haben ... – Er wird, unterbrach Shandon, den Doctor Clawbonny haben, das ist ein Gelehrter, der nur Gedanken für sein Wissen hat; Johnson, der ein Seemann ist, Sklave der Disciplin, und sich nicht einmal die Mühe nimmt zu urtheilen; vielleicht noch zwei bis drei Mann weiter, wie den Zimmermann Bell, höchstens vier zusammen, und es sind unser achtzehn an Bord! Nein, Wall, Hatteras besitzt nicht das Vertrauen der Mannschaft, das weiß er wohl, und ködert sie mit Geld; er hat von der Katastrophe Franklin's einen geschickten Gebrauch gemacht, um in den wankelmüthigen Geistern eine Wendung herbeizuführen; aber das hält nicht an, sag' ich Ihnen, und wenn es ihm nicht gelingt, auf der Insel Beechey zu landen, ist er verloren! – Wenn die Mannschaft vermuthen könnte... – Ich bitte Sie ernstlich, erwiderte Shandon lebhaft, ihr diese Bemerkungen nicht mitzutheilen; sie wird schon selbst darauf kommen. In diesem Augenblick übrigens ist's nützlich, in der Richtung nach Norden zu bleiben. Aber wer weiß, ob nicht das, was Hatteras für eine Fahrt nach dem Pol hält, zu einer Rückkehr wird? Am Ende des Mac-Clintock-Canals befindet sich die Bai Melville, wo die vielen Straßen zusammenlaufen, welche in die Baffins-Bai zurückführen. Hatteras mag sich in Acht nehmen! Der Weg ostwärts ist leichter, als der nordwärts.« Aus diesen Worten ist Shandon's Stimmung zu erkennen, und man sieht, wie der Kapitän Grund hatte, einen Verräther in demselben zu ahnen. Shandon urtheilte übrigens in dem Punkt richtig, daß er annahm, die gegenwärtige Befriedigung der Mannschaft rühre von der Aussicht her, bald über den zweiundsiebenzigsten Breitegrad hinauszukommen. Dieser Hunger nach Geld übermannt auch die Verzagteren an Bord. Nimmt man den Kapitän und den Doctor aus, welche an der Prämie keinen Theil haben konnten; so belief sich die übrige Mannschaft des Forward auf sechzehn Mann. Da die Prämie tausend Pfund betrug, so machte dies zweiundsechzig und ein halb Pfund dem Mann für jeden Grad. Gelang es je, an den Pol zu kommen, so brachten die achtzehn Grad bis dahin jedem eine Summe von elfhundertundfünfundzwanzig Pfund, d. h. ein Vermögen. Diese Lieblingsidee kostete demnach dem Kapitän achtzehntausend Pfund, aber er war reich genug damit eine Spazierfahrt nach dem Pol zu bezahlen. Diese Berechnungen entflammten, wie leicht begreiflich ist, die Geldgier der Mannschaft in hohem Grad, und Mancher, der vierzehn Tage zuvor gerne südwärts gesteuert wäre, trachtete jetzt, über diese mit Gold belegte Breite hinauszukommen. Am 16. Juni fuhr der Forward beim Cap Aworth vorüber. Der Berg Rawlinson ragte mit weißen Spitzen zum Himmel; Schnee und Nebel ließen ihn kolossal erscheinen, indem man seine Entfernung überschätzte; die Temperatur hielt sich einige Grad über dem Gefrierpunkt; es kamen improvisirte Cascaden an den Abhängen des Berges zum Vorschein, und Lavinen stürzten mit einem Donnergeroll herab, das mit fortwährendem Abfeuern schweren Geschützes zu vergleichen war. Die in langen weißen Streifen zu Tage liegenden Gletscher verbreiteten weithin einen ungeheuern Widerschein. Die nordische Natur im Kampf mit dem Thauwetter bot den Augen einen glänzenden Anblick. Die Brigg fuhr ziemlich nahe an der Küste vorüber; man gewahrte auf einigen geschützten Felsen hier und da Haidekraut, dessen röthliche Blüthen schüchtern zwischen dem Schnee sich herauswagten, und magere Flechten von röthlicher Farbe, so wie auf dem Boden kriechende Sprossen einer Art Zwergweide. Endlich, am 19. Juni, kam man unter dem berufenen zweiundsiebenzigsten Grad bei der Spitze Minto vorüber, welche die Bai Ommaney auf der einen Seite abschließt, und lief in die Bai Melville ein. Trotz eines starken Nordwindes hatte der Forward ziemlich leichte Fahrt, so daß er am 23. Juni über den vierundsiebenzigsten Breitegrad hinauskam. Er befand sich in der Mitte des Melville-Beckens, welches eins der ansehnlichsten Meere dieser Gegenden bildet. Es wurde zum erstenmal vom Kapitän Parry bei seiner großen Expedition im Jahre 1819 befahren, und seine Mannschaft gewann dadurch die von der Regierung ausgesetzte Prämie von fünftausend Pfund. Clifton machte die Bemerkung, daß man jetzt schon zwei Grade gewonnen, und dabei bereits hundertfünfundzwanzig Pfund auf seinem Conto habe. Man entgegnete jedoch, in diesen Gegenden habe Vermögen wenig Werth, und es sei wohl gerathen, zu warten, bis man in einer Schenke zu Liverpool sich die Hände reiben könne. Neunzehntes Capitel. Ein Wallfisch in Sicht. Das Melville-Becken, obwohl es eine leichte Fahrt gestattete, war doch nicht frei von Eis; man sah ungeheure Eisfelder, die sich bis an die Grenzen des Horizonts erstreckten; hier und da zeigten sich einige Eisberge, aber unbeweglich und, wie festgeankert inmitten der Eisfelder. Der Forward schlug mit vollem Dampf die weiten Fahrwege ein, wo seine Bewegungen leicht wurden. Der Wind schlug häufig um, von einem Punkt der Windrose zum andern rasch überspringend. Die Veränderlichkeit des Windes in den Polar-Meeren ist eine beachtenswerthe Thatsache, und häufig folgt auf vollständige Windstille in wenig Minuten ein regelloser Sturm. Dieses mußte Hatteras am 23. Juni, selbst mitten in der ungeheuern Bai erfahren. Die beständigsten Winde wehen im Allgemeinen von der Eisdecke zum freien Meer, und sind sehr kalt. An diesem Tage fiel das Thermometer um einige Grad; der Wind schlug nach Süd um, und ungeheure Windstöße, welche über die Eisfelder strichen, entledigten sich ihrer Feuchtigkeit unter der Form dichten Schnees. Hatteras ließ augenblicklich die Segel, welche die Schraube unterstützten, aufgeien, was jedoch nicht so schnell geschehen konnte, daß nicht in einem Augenblick sein kleines Bramsegel fortgerissen wurde. Hatteras ordnete seine Manoeuvres mit der kaltblütigsten Ruhe an, und verließ während des Sturmes das Verdeck nicht; er war genöthigt, vor dem Wetter wieder ostwärts zu flüchten. Der Wind regte ungeheure Wellen auf, in deren Mitte Eisblöcke aller Formen schaukelten, die von den umgebenden Eisfeldern losgerissen wurden; die Brigg wurde gleich einem Spielball hin- und hergeworfen, und Trümmer von Eisblöcken stürzten über ihren Rumpf; zu Zeiten wurde das Schiff senkrecht auf die Spitze eines Wasserberges gehoben und sein stählernes Vordertheil funkelte wie schmelzendes Metall, dann stürzte es wieder in einen Abgrund mitten in seine eigenen Rauchwirbel, während seine Schraube außerhalb des Wassers ihre Schläge in die Luft machte. Regen mit Schnee vermischt, fiel in Strömen. Der Doctor ließ sich eine solche Gelegenheit, bis auf's Hemd durchnäßt zu werden, nicht entgehen; er blieb unausgesetzt auf dem Verdeck, um die tiefe Bewunderung eines solchen Schauspiels ungeschmälert zu genießen. Man konnte seinen nächsten Nachbar nicht hören, daher schaute er schweigend. Dabei beobachtete er eine sonderbare, den Nordregionen eigenthümliche Erscheinung. Das Unwetter beschränkte sich auf einen engen Raum, erstreckte sich nicht über drei bis vier Meilen weit; in der That verliert der über die Eisfelder streifende Wind viel von seiner Kraft und kann seine verheerende Gewalt nicht weit ausdehnen. Der Doctor gewahrte von Zeit zu Zeit, wenn das Unwetter etwas nachließ, jenseits der Eisfelder heitern Himmel und ruhiges Meer; also brauchte der Forward nur durch die Fahrwasser zu dringen, um eine ruhige Fahrt zu bekommen; nur lief er dabei Gefahr, auf die beweglichen Bänke geworfen zu werden, welche dem Wogendrang unterworfen waren. Doch gelang es Hatteras, sein Schiff nach Verlauf einiger Stunden in ein ruhiges Meer zu bringen, während die Heftigkeit des am Horizont wüthenden Orkans einige Kabellängen weit vom Forward sich legte. Das Melville-Becken bot damals nicht mehr den nämlichen Anblick dar; durch Einwirken der Wogen und Winde wurde eine große Zahl Eisberge von den Küsten losgerissen und trieben in allen Richtungen sich durchkreuzend und wider einanderstoßend, nordwärts. Man konnte deren mehrere hundert zählen; aber die Bai ist sehr breit, und die Brigg wich ihnen leicht aus. Es war ein prachtvolles Schauspiel, wie diese schwimmenden Massen mit ungleicher Geschwindigkeit auf dieser ungeheuern Rennbahn um die Wette zu treiben schienen. Der Doctor war davon ganz entzückt, als der Harpunier Simpson zu ihm trat, und ihn auf die wechselnden Farben des Meeres aufmerksam machte; dieselben änderten ihren Ton vom tiefen Blau bis zum Olivengrün; lange Streifen zogen von Norden südwärts mit so grell abstechenden Rändern, daß man, soweit das Auge reichte, ihre Scheidelinien verfolgen konnte. Mitunter auch zogen durchsichtige Streifen neben andern, die völlig dunkel waren. »Nun, Herr Clawbonny, was halten Sie von dieser eigentümlichen Erscheinung? sagte Simpson. – Ich bin der Meinung, erwiderte der Doctor, welche einst der Wallfischfahrer Scoresby über die Natur dieser verschieden gefärbten Wasser aussprach: nämlich die blauen sind ohne jene Milliarden kleiner Thierchen und Medusen, wovon die grünen Wasser durchdrungen und angefüllt sind; er hat darüber verschiedene Experimente angestellt, und ich schenke ihm gerne Glauben. – Ei, mein Herr, man kann aus der Meeresfärbung noch eine andere Belehrung schöpfen. – Wirklich? – Ja, Herr Clawbonny, und wahrhaftig, wenn der Forward nichts als ein Wallfischfahrer wäre, so hätten wir, glaub' ich, gewonnen Spiel. – Aber ich sehe doch, erwiderte der Doctor, von einem Wallfisch nicht die geringste Spur. – Richtig! Aber es wird nicht lange dauern, so werden wir einen sehen, ich sag's Ihnen voraus. Es ist ein merkwürdig gutes Vorzeichen für einen Wallfischjäger, wenn er unter diesem Breitegrad solche grüne Streifen antrifft. – Und weshalb? fragte der Doctor, welchen solche von Leuten des Faches gemachte Bemerkungen lebhaft interessirten. – Weil man in diesen grünen Wassern, erwiderte Simpson, weit mehr Wallfische zu fischen bekommt. – Und aus welchem Grunde, Simpson? – Weil sie darin reichlichere Nahrung finden. – Sind Sie dieser Thatsache gewiß? – O! Hundertmal, Herr Clawbonny, habe ich die Erfahrung im Baffins-Meer gemacht; und ich sehe nicht ein, warum es nicht in der Melville-Bai ebenso sein sollte. – Sie sollen Recht haben, Simpson. – Und sehen Sie, erwiderte dieser, indem er sich über das Geländer beugte, schauen Sie her, Herr Clawbonny. – Nun, versetzte der Doctor, man könnte es für das Kielwasser eines Schiffes halten! – Das ist ja, erwiderte Simpson, eine fette Substanz, welche der Wallfisch hinter sich läßt. Glauben Sie mir, das Thier, von welchem dieselbe herrührt, muß nicht weit davon entfernt sein!« Wirklich, die Atmosphäre war von einem starken Laichgeruch durchdrungen. Der Doctor betrachtete nun aufmerksam den Meeresspiegel, und es dauerte nicht lange, so fand die Voraussagung des Harpuniers seine Bestätigung. Foker's Stimme ließ sich vom Mast herab vernehmen. »Ein Wallfisch, rief er, unter'm Wind zu uns!« Alle schauten in der angegebenen Richtung; eine Meile von der Brigg entfernt sah man einen Wasserstrahl ein wenig aus dem Meere heraussprudeln. »Da ist er ja! Da ist er! schrie Simpson, dessen Erfahrung unmöglich irren konnte. – Er ist wieder verschwunden, erwiderte der Doctor. – Man würde ihn wohl zu finden wissen, wenn es nothwendig wäre«, sagte Simpson bedauernd. Aber, zu seinem großen Erstaunen, und obwohl kein Mensch die Bitte gewagt hätte, gab Hatteras Befehl, das Wallfischboot fertig zu machen; es war ihm ganz recht, seiner Mannschaft diese Zerstreuung zu gewähren, und selbst auch einige Tonnen Oel zu bekommen. Vier Matrosen verfügten sich in das Boot; Johnson, am hintersten Platz, hatte es zu leiten; Simpson, die Harpune in der Hand, stand vorn. Der Doctor ließ sich nicht abhalten, die Expedition mitzumachen. Das Meer war ziemlich ruhig. Das Boot fuhr rasch ab und befand sich nach zehn Minuten eine Meile weit von der Brigg. Der Wallfisch, nachdem er abermals Luft geschöpft, war von Neuem untergetaucht; aber er kam bald wieder an die Oberfläche und spritzte fünfzehn Fuß weit die Mischung von Dünsten und Schleim, welche aus seinen Luftlöchern entweicht. »Dort, dort!« rief Simpson, und wies auf einen Punkt achthundert Yards von der Schaluppe. Diese fuhr rasch auf das Thier los, und die Brigg, welche es ebenfalls bemerkt hatte, kam mit schwachem Dampf herum. Das ungeheure Thier verschwand und kam wieder zum Vorschein, wie die Wellen es trieben, so daß man seinen schwärzlichen Rücken sah; ein Wallfisch schwimmt nicht schnell, wenn er nicht verfolgt wird, und dieser wiegte sich in gleichgiltiger Ruhe. Die Schaluppe fuhr still heran, dem Strome der grünen Wasser folgend, deren dunkle Beschaffenheit das Thier hindert, seinen Feind zu sehen. Es ist immer ein ängstlicher Anblick, wenn man eine schwache Barke den Kampf mit solchen Ungeheuern unternehmen sieht: dieses mochte etwa hundertunddreißig Fuß messen, und man trifft nicht selten zwischen dem zweiundsiebenzigsten und achtzigsten Breitegrad Wallfische, die über hundertundachtzig Fuß groß find. Die Berichte alter Schriftsteller von siebenhundert Fuß großen Thieren gehören in's Reich der Fabeln. Nicht lange, so war die Schaluppe nahe bei dem Wallfisch. Simpson winkte mit der Hand, die Ruder hielten inne, der gewandte Harpunier schwang und schleuderte seine Harpune mit kräftiger Hand. Die mit widerhakiger Spitze versehene Waffe drang in die dichte Fettschichte. Das verwundete Thier warf seinen Schwanz rückwärts und tauchte unter. Augenblicklich wurden die vier Ruder senkrecht emporgehoben; das an die Harpune befestigte Seil, welches auf dem Vordertheil lag, rollte sich äußerst schnell ab, und die Schaluppe wurde fortgezogen, während Johnson sie geschickt leitete. Der Wallfisch entfernte sich von der Brigg und schwamm in der Richtung der treibenden Eisberge; während einer halben Stunde trieb er so. Als die Schnelligkeit des Thieres abzunehmen schien, wurde das Seil allmälig beigezogen und sorgfältig aufgerollt; der Wallfisch erschien bald wieder auf der Meeresoberfläche, schlug diese mit seinem fürchterlichen Schwanz, und das von ihm ausgespritzte Wasser fiel als Platzregen auf die Schaluppe nieder. Diese kam rasch heran; Simpson ergriff eine lange Lanze und hielt sich bereit, dem Thiere zu Leibe zu gehen. Dieses aber schlüpfte mit größter Schnelligkeit in eine enge Fahrt zwischen zwei Eisbergen. Dahin es zu verfolgen, ward nun äußerst gefährlich. »Teufel! rief Johnson. – Vorwärts! Vorwärts! Fest, meine Freunde, rief Simpson in unsinnigem Jagdeifer, der Wallfisch ist unser! »Aber zwischen die Eisberge können wir ihm nicht folgen,« erwiderte Johnson, und hielt die Schaluppe an. »Ja! ja!« schrie Simpson. »Nein! nein!« riefen einige Matrosen. Während dessen war der Wallfisch zwischen zwei Eisberge gerathen, welche von den Wellen und dem Wind getrieben, zusammenzufahren strebten. Die bugsirte Schaluppe drohte in diese gefährliche Enge hineingezogen zu werden; da sprang Johnson mit einem Beil in der Hand auf's Vordertheil, und hieb den Strick entzwei. Es war hohe Zeit. Die beiden Berge fuhren mit unwiderstehlicher Gewalt zusammen und zerdrückten das Thier. »Verloren!« rief Simpson. »Gerettet!« erwiderte Johnson. »Wahrhaftig!« rief der Doctor, der keine Miene verändert hatte, »das verlohnte der Mühe zu sehen!« Die zertrümmernde Gewalt dieser Berge ist enorm. Wie es hier erging, geschieht es häufig in jenen Meeren. Scoresby erzählt, es seien im Laufe eines einzigen Sommers in der Baffins-Bai dreißig Wallfische auf diese Art umgekommen; er sah, wie ein Dreimaster binnen einer Minute plattgedrückt wurde. Nach einer kleinen Weile kam die Schaluppe wieder zu der Brigg, und an ihren gewöhnlichen Platz auf dem Verdeck. »Das ist eine Warnung,« sagte Shandon laut, »für die Unvorsichtigen, welche sich in die engen Fahrwasser hineinwagen!« Zwanzigstes Capitel. Die Insel Beechey. Am 25. Juni kam der Forward gegenüber dem Cap Dundas, am nordwestlichen Ende des Prinz-Wales-Landes. Hier nahmen die Schwierigkeiten zu zwischen den zahlreichen Eisblöcken. Das Meer wird hier enger, und die Linie der Inseln Crozier, Young, Day, Lowther, Garret, die wie Befestigungswerke vor einer Rhede liegen, nöthigen die Eisströme, in der Meerenge sich anzuhäufen. Was die Brigg unter andern Umständen an einem Tag geleistet hätte, hielt sie vom 25. bis 30. Juni auf; sie hielt an, fuhr wieder zurück, wartete die günstige Gelegenheit ab, um die Insel Beechey nicht zu verfehlen, verbrauchte viel Kohlen, indem sie während des Anhaltens nur ihr Feuer mäßigte, ohne es je ganz ausgehen zu lassen, um zu jeder Stunde bei Tag und Nacht mit Dampf versehen zu sein. Hatteras kannte ebensowohl, wie Shandon, den Bestand der Vorräthe; aber da er sicher darauf rechnete, auf der Insel Beechey Brennmaterial zu treffen, so wollte er nicht aus Sparsamkeit eine Minute verlieren; er war in Folge seiner Abschweifung in den Süden sehr verspätet, und obwohl er die Vorsorge gehabt, aus England seit Anfang April abzufahren, so war er doch jetzt nicht weiter voran, als die vorausgehenden Expeditionen zu derselben Zeit. Am 30. gewahrte man das Cap Walker, an der nordöstlichen Spitze des Prinz-Wales-Landes; es ist der äußerste Punkt, welchen Kennedy und Bellot nach einem Ausflug durch ganz Nord-Sommerset am 3. Mai 1852 wahrnahmen. Bereits im Jahre 1851 war der Kapitän Ommaney bei der Expedition Austin so glücklich, daselbst seine Mannschaft mit Proviant versehen zu können. Dieses sehr hohe Cap ist durch seine rothbraune Farbe merkwürdig; man kann bei hellem Wetter von hier aus bis an den Eingang der Wellington-Straße sehen. Gegen Abend erblickte man das Cap Bellot, welches durch die Bai Mac Leon vom Cap Walker getrennt ist. An dieser Stelle besteht die Küste aus gelblichem Kalkstein von sehr runzeligem Aussehen; sie ist durch enorme Eisblöcke geschützt, welche die Nordwinde auf die imposanteste Weise hier aufschichten. Der Forward verlor sie bald aus dem Gesicht, und bahnte sich zwischen locker verbundenen Eisstücken quer über die Barrow-Straße einen Weg zur Insel Beechey. Hatteras, entschlossen gradaus zu fahren, um nicht über die Insel hinaus fortgezogen zu werden, verließ an den folgenden Tagen nicht einen Augenblick seinen Posten; er stieg häufig auf die Querstangen des Obermastes, um die vorteilhaften Fahrpässe aufzusuchen. Er bot bei dieser Fahrt durch die Enge Alles auf, was Geschick und Geistesruhe, Kühnheit, selbst seemännisches Genie zu leisten vermögen. Das Glück war ihm zwar nicht ganz hold, denn zu dieser Jahreszeit hätte er das Meer fast eisfrei finden sollen. Endlich aber, indem er weder seinen Dampf, noch seine Mannschaft, noch sich selbst schonte, erreichte er doch sein Ziel. Am 3. Juli um elf Uhr Vormittags signalisirte der Eismeister nördlich ein Land; nachdem Hatteras die Beobachtung angestellt, erkannte er die Insel Beechey, diesen allgemeinen Sammelplatz der Befahrer der Nordmeere. Fast alle Schiffe, welche sich in diese Meere wagten, haben dieselbe berührt. Hier hielt Franklin sein erstes Winterquartier, bevor er in die Wellington-Straße eindrang. Das letzte Schiff, welches zugleich mit dem Forward bei der Insel Beechey anlegte, war der Fox; Mac Clintock versah sich hier am 11. August 1855 mit Vorräthen, und besserte vor nicht ganz zwei Jahren die Wohnungen und Magazine aus: Hatteras wußte dies Alles sehr genau. Dem Rüstmeister schlug beim Anblick dieser Insel gewaltig das Herz; er hatte sie als Quartiermeister an Bord des Phönix besucht. Hatteras befragte ihn, wie die Küste beschaffen, wo am besten zu ankern, die Landung möglich sei; die Witterung wurde prachtvoll, die Temperatur hielt sich auf siebenundfünfzig Grad (+14° hunderttheilig). »Nun, Johnson, fragte der Kapitän, Sie kennen sich wohl hier aus? – Ja, Kapitän, 's ist richtig die Insel Beechey! Nur müssen wir noch ein wenig weiter nordwärts fahren; da ist die Küste zugänglicher. – Aber die Wohnungen, die Magazine? sagte Hatteras. – Die können Sie erst nach der Landung sehen; sie liegen im Schutz hinter diesen kleinen Bergen, welche Sie dort unten sehen. – Und Sie haben beträchtliche Vorräthe hingeschafft? – Beträchtliche, Kapitän. Die Admiralität hat uns im Jahre 1853 mit dem Dampfer Phönix unter dem Commando des Kapitän Inglefield und dem Breadalbane mit Proviant hierher geschickt; wir brachten Lebensmittel für eine ganze Expedition. – Aber der Commandant des Fox hat im Jahre 1855 reichlich aus diesen Vorräthen geschöpft, sagte Hatteras. – Seien Sie ruhig, Kapitän, entgegnete Johnson, es wird noch genug für Sie übrig sein; die Kälte bewahrt alles merkwürdig, und wir werden es noch frisch finden, wie am ersten Tag. – Um Lebensmittel ist mir's nicht zu thun, erwiderte Hatteras; ich habe für mehrere Jahre, aber Kohlen bedarf ich. – Nun, Kapitän, wir haben deren über tausend Tonnen hier gelassen; darum können Sie ruhig sein. – So wollen wir anfahren, fuhr Hatteras fort, der das Fernrohr in der Hand unablässig die Küste beobachtete. – Sie sehen diese Spitze, versetzte Johnson; sind wir um diese herum, so befinden wir uns ganz nahe bei unserm Ankerplatz. Ja wohl, von dieser Stelle aus sind wir mit dem Lieutenant Creswell und den zwölf Kranken des Investigator nach England abgefahren. Aber sind wir so glücklich gewesen, den Lieutenant des Kapitän Mac Clure wieder heimzubringen, so hat der Officier Bellot, welcher auf dem Phönix mitfuhr, seine Heimat nie wieder gesehen! Ach! Eine traurige Erinnerung. Aber, Kapitän, ich denke, wir müssen an dieser Stelle die Anker werfen. – Gut«, erwiderte Hatteras. Und er ertheilte demnach seine Befehle. Der Forward befand sich in einer kleinen, von der Natur gegen die Nord-, Ost- und Südwinde geschützten Bucht, etwa eine Kabellänge von der Küste entfernt. »Herr Wall, sagte Hatteras, lassen Sie die Schaluppe bereit machen, und schicken dieselbe mit sechs Mann ab, um die Kohlen an Bord zu schaffen. – Ja, Kapitän, erwiderte Wall. – Ich will mich mit dem Doctor und dem Rüstmeister in der Pirogue an's Land begeben. Herr Shandon, Sie haben wohl die Güte uns zu begleiten? – Zu Ihrem Befehl«, erwiderte Shandon. Nach einigen Augenblicken saß der Doctor, mit seinem Jagdgeräthe und gelehrten Apparat versehen, nebst seinen Genossen in der Pirogue; zehn Minuten darauf stiegen sie an einer ziemlich niedrigen und felsigen Küste an's Land. »Führen Sie uns, Johnson, sagte Hatteras. Sie finden sich hier zu Hause? – Vollständig, Kapitän; doch sehe ich ein Monument, welches ich an dieser Stelle nicht zu treffen vermuthete! – Dies! rief der Doctor aus, ich weiß, was es ist. Treten wir näher; dieser Stein wird uns selbst sagen, was er bisher hier zu thun hatte.« Die vier Mann schritten voran, und der Doctor sprach, indem er den Hut zog: »Dies, meine Herren, ist ein zum Ehrengedächtniß Franklin's und seiner Gefährten errichtetes Monument.« In der That hatte Lady Franklin, welche bereits 1855 dem Doctor Kane eine schwarze Marmortafel zugestellt, eine zweite im Jahre 1858 Mac Clintock anvertraut, um sie auf der Insel Beechey aufzustellen. Mac Clintock entledigte sich gewissenhaft dieser Pflicht, und stellte diese Tafel nicht weit von einem bereits zum Andenken Bellot's durch Sir John Barrow errichteten Leichendenkstein auf. Die Tafel hatte folgende Inschrift:   Zum Angedenken an Franklin, Crozier, Fitz-James und all ihre tapferen Brüder, Officiere und treue Kameraden, welche für die Wissenschaft und den Ruhm ihres Vaterlandes gelitten haben und gestorben sind, ist dieser Stein errichtet nahe der Stelle, wo sie ihren ersten Winter im Norden zugebracht, und von wo aus sie abfuhren, um über die Hindernisse zu triumphiren oder zu sterben. Er bezeugt die Erinnerung und Bewunderung ihrer Landsleute und Freunde, und den im Glauben versöhnten Schmerz Der Frau, die in dem Haupt der Unternehmung den liebevollsten Gemahl verloren hat. Also hat ER sie zum letzten Hafen geleitet, wo Alle die Ruhe finden. 1855.   Dieser Stein auf einer entlegenen Küste dieser fernen Regionen sprach schmerzvoll zum Gemüth; dem Doctor traten bei dieser rührenden Leidbezeugung Thränen in die Augen. Und trotz dieser düstern Warnung des Verhängnisses war der Forward im Begriff, den Weg des Erebus und Terror zu verfolgen. Dieser gefährlichen Betrachtung entzog sich zuerst Hatteras, und erstieg rasch einen ziemlich hohen, fast ganz schneefreien Hügel. »Kapitän, sagte Johnson, der ihm folgte, von da herab werden wir die Magazine sehen.« Shandon und der Doctor holten sie in dem Augenblick ein, als sie auf dem Gipfel ankamen. Aber von hier aus verloren sich ihre Blicke über ungeheure Ebenen, welche keine Spur einer Wohnung zeigten. »Das ist aber doch sonderbar, sagte der Rüstmeister. – Nun! und jene Magazine? sagte Hatteras lebhaft. – Ich weiß nicht... Ich sehe nicht... stotterte Johnson. – Sie werden sich im Weg geirrt haben, sagte der Doctor. – Es scheint mir aber doch, versetzte Johnson nachdenklich, an eben dieser Stelle ... – Kurz, sagte Hatteras ungeduldig, wohin sollen wir gehen? – Hinab, sprach der Rüstmeister, denn es wäre möglich, daß ich mich irre; seit sieben Jahren hab' ich die Erinnerung an diese Oertlichkeiten verloren. – Besonders, erwiderte der Doctor, wenn das Land so einförmig und monoton ist. – Und dennoch ...« murmelte Johnson. Shandon hatte keine Bemerkung geäußert. Nachdem sie einige Minuten gegangen, blieb Johnson stehen. »Aber nein, rief er aus, nein, ich irre mich nicht! – Nun denn? sagte Hatteras, und blickte umher. – Was hat Sie zu dieser Aeußerung veranlaßt, Johnson? fragte der Doctor. – Sie sehen diese Erhöhung des Bodens? sagte der Rüstmeister, und deutete, zu seinen Füßen auf eine Bodenerhebung, worauf drei Stellen etwas erhöht vortraten. – Was schließen Sie daraus? fragte der Doctor. – Hier befinden sich, erwiderte Johnson, die drei Gräber der französischen Bootsleute! Jetzt bin ich sicher, ich irre nicht, und hundert Schritte von uns sollten sich die Wohnungen befinden, und wenn sie nicht da sind ... so ist ...« Er wagte nicht, seinen Gedanken völlig auszusprechen; Hatteras war voran geeilt, und ein Sturm der Verzweiflung erfaßte ihn. Hier hätten in der That die so sehnlich erstrebten Magazine mit den Vorräthen aller Art, worauf er rechnete, sich befinden müssen; aber Verderben, Plünderung, Zerstörung, Verwüstung waren darüber hergegangen, wo civilisirte Hände reiche Hilfsquellen für die erschöpften Seefahrer geschaffen hatten. Wer hatte solche Plünderung verübt? Die reißenden Thiere, Wölfe, Füchse, Bären? Nein, denn sie hätten nur die Lebensmittel vernichtet, und es war kein Fetzen von einem Zeltobdach geblieben, kein Stückchen Holz, Eisen oder anderes Metall, und, das Erschrecklichste für den Forward, kein Bröcklein Brennmaterial! Offenbar haben die Eskimo's, die oft mit europäischen Schiffen in Berührung kamen, am Ende den Werth dieser Gegenstände, welche ihnen völlig mangeln, schätzen gelernt; seitdem Fox des Weges gekommen, hatten sie öfters diesen Ort des Ueberflusses besucht, und unablässig weggenommen und geplündert, mit der wohl überdachten Absicht, keine Spur von dem, was hier gewesen war, zurückzulassen; und nun lag eine weitreichende Schneedecke über dem Boden. Hatteras war voll Bestürzung. Der Doctor schaute mit Kopfschütteln. Shandon schwieg stets, und ein achtsamer Beobachter hätte ein boshaftes Lächeln wahrnehmen können. In diesem Augenblicke kamen die vom Lieutenant Wall geschickten Leute an. Sie verstanden Alles. Shandon trat zu dem Kapitän, und sprach: »Herr Hatteras, es scheint mir unnütz in Verzweiflung zu gerathen; wir befinden uns zum Glück am Anfang der Barrow-Straße, welche uns in's Baffins-Meer zurückführen wird! – Herr Shandon, erwiderte Hatteras, wir befinden uns glücklicherweise am Anfang der Wellington-Straße, und sie wird uns dem Norden zuführen! – Und wie werden wir fahren, Kapitän? – Mit Segeln, mein Herr! Wir haben noch für zwei Monat Brennmaterial, und das ist mehr, als wir während unseres bevorstehenden Winteraufenthaltes bedürfen. – Sie wollen mir gestatten zu sagen, fuhr Shandon fort ... – Ich gestatte Ihnen, mir an Bord zu folgen, mein Herr«, erwiderte Hatteras. Und er kehrte seinem Unterbefehlshaber den Rücken zu, begab sich auf die Brigg, und schloß sich in seine Cabine ein. Zwei Tage lang war widriger Wind; der Kapitän erschien nicht wieder auf dem Verdeck. Der Doctor benutzte diesen gezwungenen Aufenthalt auf der Insel Beechey; er sammelte die wenigen Pflanzen, welche eine verhältnismäßig hohe Temperatur auf den schneefreien Felsen wachsen ließ, etliches Haidekraut, einige Flechtensorten, eine Art gelber Ranunkeln, eine dem Sauerampfer ähnliche Pflanze, und kräftiges Steinbrech. Die Fauna dieser Gegend war reicher als die so beschränkte Flora; der Doctor gewahrte lange Reihen Gänse und Kraniche, welche nordwärts zogen; die Rebhühner, blau-schwarze Eider-Enten, die Ritter, eine Art Strandläufer, Polartaucher, Feldhühner, dreizehige Möwen, und Taucherenten repräsentirten das Thierreich. Der Doctor war so glücklich, einige graue Hasen zu erlegen, die im Winter weißen Pelz tragen, und einen blauen Fuchs. Einige Bären, die offenbar vor den Menschen scheuten, ließen sich nicht nahe kommen, und die Robben waren aus gleichem Grunde sehr scheu. In der Bai fanden sich reichlich eine Art Trompetenschnecken, die recht schmackhaft waren; von Insecten gelang es dem Doctor, einen Moskito, der ihn gestochen, zu erhaschen. Von Schalthieren sammelte er eine Art Muscheln, und einige zweischalige Schnecken. Einundzwanzigstes Kapitel. Bellot's Tod. Die Temperatur hielt sich während des 3. und 4. Juli auf siebenundfünfzig Grad (+14° hunderttheilig); dies war der höchste in diesem Jahr beobachtete Thermometerstand. Aber am 5. schlug der Wind um zu Süd-Ost, und war von heftigem Schneegestöber begleitet. Hatteras ertheilte, ohne sich um die üble Stimmung der Mannschaft zu kümmern, Befehl, unter Segel zu gehen. Seit dreizehn Tagen, nämlich seit dem Cap Dundas, war der Forward nicht einen Grad weiter nördlich gekommen; daher war auch der von Clifton vertretene Theil der Mannschaft nicht befriedigt; doch stimmten in diesem Augenblick ihre Wünsche mit der Entschließung des Kapitäns überein, im Canal Wellington weiter hinaufzufahren, und sie machten keine Schwierigkeiten im Dienst. Es gelang nicht ohne Mühe, die Brigg segelfertig zu machen; aber, nachdem sie während der Nacht ihre Maste aufgesteckt, fuhr Hatteras kühn mitten durch die Eisblöcke, welche die Strömung südwärts trieb. Die Mannschaft hatte bei dieser gewundenen Fahrt viel Beschwerde, da sie oft genöthigt war, die Segel anders zu brassen. Der Canal Wellington ist nicht sehr breit; er zieht sich schmal zwischen der Küste von Nord-Devon im Osten und der Insel Cornwallis im Westen. Diese galt lange für eine Halbinsel; Franklin fuhr im Jahre 1846 von Westen her um sie herum. Der Canal Wellington wurde 1851 vom Kapitän Penny auf den Wallfischfahrern Lady Franklin und Sophie erforscht; einer seiner Lieutenants, Stewart, der bis zum Cap Beecher, unter 76° 20' kam, entdeckte das freie Meer. Das freie Meer! Darauf stand Hatteras' Hoffnung. »Was Stewart gefunden hat, will ich auch finden, sagte er zu dem Doctor, und dann kann ich mit Segeln dem Pol zu fahren. – Aber, versetzte der Doctor, fürchten Sie nicht Ihre Mannschaft? ... – Meine Mannschaft!« sagte Hatteras barsch. Dann fuhr er leise fort: »Die armen Leute«, zu großem Staunen des Doctor. Es war dies die erste Spur eines Gefühls der Art, welche er im Herzen des Kapitäns wahrnahm. »Doch nein! fuhr dieser mit Energie fort, sie müssen mir folgen! Sie werden mir folgen!« Indessen hatte der Forward auch nichts vom Zusammenstoßen mit Eisströmen, die in Zwischenräumen von einander trieben, zu fürchten, so kam er doch wenig nordwärts voran, weil widrige Winde oft zum Haltmachen nöthigten. Er fuhr mit Mühe an den Caps Spencer und Innis vorüber, und am 10., Dienstags, kam er endlich, zu großer Freude Clifton's, über den 75. Breitegrad hinaus. Der Forward befand sich an der nämlichen Stelle, wo die amerikanischen Schiffe Rescue und Advance unter dem Kapitän Haven so fürchterliche Gefahren zu bestehen hatten. Der Doctor Kane gehörte zu dieser Expedition; gegen Ende Septembers 1850 wurden diese, von einer Eisdecke umgeben, mit unwiderstehlicher Gewalt in den Lancaster-Sund zurückgetrieben. Shandon erzählte die Katastrophe dem James Wall in Gegenwart einiger Bootsleute von der Brigg. »Advance und Rescue, sagte er, wurden dermaßen von den Eisblöcken erschüttert, emporgehoben, hin- und hergeworfen, daß man die Feuer auf dem Schiff mußte ausgehen lassen; und doch sank die Temperatur bis zu achtzehn Grad unter Null! Während des ganzen Winters wurden die unglücklichen Mannschaften zwischen der Eisdecke festgehalten, stets bereit, ihr Schiff zu verlassen, und drei Wochen lang wechselten sie nicht einmal die Kleider! In dieser fürchterlichen Lage wurden sie, nachdem sie tausend Meilen weit getrieben, von ihrer Fahrt ab bis in's Baffins-Meer zurückverschlagen!« Man denke, welche Wirkung diese Erzählungen auf die moralische Haltung einer bereits übel gesinnten Mannschaft haben mußte. Während dieser Unterhaltung sprach Johnson mit dem Doctor von einem Ereigniß, welches in dieser Gegend vorgefallen war; der Doctor gab ihm auf seine Bitte genau den Moment an, wo sich die Brigg unter 75° 30' befand. »Hier ist's! Eben hier! rief Johnson. Das ist die unheilvolle Stelle!« Und bei diesen Worten traten dem wackeren Rüstmeister die Thränen in die Augen. »Sie wollen vom Tod des Lieutenant Bellot erzählen, sagte zu ihm der Doctor. – Ja, Herr Clawbonny, von dem tapferen Officier, der so viel Herz und Muth hatte! – Und hier also, sagten Sie, fand die Katastrophe statt? – Gerade hier, an dieser Stelle der Küste von Nord-Devon! O! es ist bei alledem ein großes Verhängniß, und das Unglück wäre nicht passirt, wenn der Kapitän Pullen früher an sein Bord zurückgekommen wäre! – Was meinen Sie damit, Johnson? – Hören Sie, Herr Clawbonny, und Sie werden sehen, an welchen Fäden oft das Dasein hängt. Sie wissen, daß der Lieutenant Bellot im Jahre 1850 eine erste Fahrt zur Aufsuchung Franklin's mitmachte? – Ja, Johnson, auf dem Prinz Albert. – Als er nach Frankreich zurückkam, erhielt er im Jahre 1853 die Erlaubniß, auf dem Phönix, an dessen Bord ich mich als Matrose befand, unter dem Kapitän Inglefield, in See zu gehen. Wir brachten nebst dem Breadalbane Vorräthe nach der Insel Beechey. – Dieselben, die wir leider nicht mehr vorfanden! – Die nämlichen, Herr Clawbonny. Wir trafen zu Anfang August auf der Insel Beechey ein; am 10. desselben Monats verließ der Kapitän Inglefield den Phönix, um den Kapitän Pullen, der seit einem Monat von seinem Schiff, dem Nordstern, getrennt war, aufzusuchen. Nach seiner Rückkehr hatte er im Sinne, die Depeschen der Admiralität dem Sir Edward Belcher, welcher im Canal Wellington überwinterte, zu übersenden. Nun kam kurz nach der Abfahrt unsers Kapitäns der Kapitän Pullen an Bord seines Schiffes zurück. Daß er nicht vor Abfahrt des Kapitäns Inglefield zurückkam! Da der Lieutenant Bellot besorgte, die Abwesenheit unsers Kapitäns möge sich hinausziehen, und da er wußte, daß die Depeschen der Admiralität pressirten, so erbot er sich, sie selbst zu überbringen. Er ließ das Commando der beiden Schiffe dem Kapitän Pullen, und reiste am 12. August mit einem Schlitten und einem Kautschukboot ab. Er nahm mit sich den Quartiermeister des Nordstern, drei Matrosen, Madden, David Hook und mich. Wir vermutheten, Sir Edward Belcher möchte sich in der Nähe des Cap Beecher im Norden des Canals befinden. Wir fuhren also in unserm Schlitten in dieser Richtung, und hielten uns dabei nahe am östlichen Ufer. Am ersten Tag campirten wir drei Meilen vom Cap Innis; am folgenden Tag machten wir Halt auf einem Eisblock, etwa drei Meilen vom Cap Bowden. Während der Nacht, die übrigens taghell war, entschloß sich der Lieutenant Bellot, da das Land nur drei Meilen entfernt war, dort sein Lager zu nehmen. Er versuchte zweimal in dem Kautschukboot hinüber zu setzen, aber beidemal trieb ihn ein heftiger Südostwind zurück; Harvey und Madden waren glücklicher, sie hatten sich mit einem Seil versehen, um den Schlitten in Verbindung mit der Küste zu halten. Mit Hilfe dieses Seils wurden drei Gegenstände hinübergeschafft; aber bei einem vierten Versuch fühlten wir, daß unser Block sich in Bewegung setzte. Herr Bellot rief seinen Gefährten zu, das Seil loszulassen, und so wurden wir, der Lieutenant, David Hook und ich, weit von der Küste abgetrieben. In dem Augenblick wehte der Wind heftig aus Südost, und es schneite. Aber wir liefen noch nicht große Gefahr. »Nachdem wir unsere Gefährten aus dem Gesicht verloren, suchten wir zuerst Schutz unter dem Zelt unsers Schlittens, aber vergebens; darauf begannen wir mit unsern Messern uns ein Obdach in das Eis zu schneiden. Herr Bellot setzte sich eine halbe Stunde und sprach mit uns über die Gefahr unserer Läge; ich sagte ihm, daß mir nicht bange sei. »Unter Gottes Schutz, sprach er, wird kein Haar von unserm Kopfe fallen.« Es war sechs Uhr und ein Viertel Vormittags am 18. August. Herr Bellot packte seine Schriften zusammen, und sagte, er wolle nachsehen, wie das Eis schwimme. Kaum war er vier Minuten weg, als ich, ihn zu suchen, um den Eisblock ging, worauf wir uns geborgen hatten; aber ich konnte ihn nicht sehen, und als ich zu unserm Obdach zurückkehrte, gewahrte ich seinen Stock auf der andern Seite einer etwa fünf Klafter breiten Spalte, wo das Eis völlig gebrochen war. Ich rief ihn, erhielt aber keine Antwort. In dem Augenblick wehte der Wind sehr stark. Ich suchte weiter rings um den ganzen Block, konnte aber von dem armen Lieutenant keine Spur entdecken. – Und was vermuthen Sie? fragte der Doctor gerührt. – Ich denke mir daß, als Herr Bellot unser Obdach verließ, der Wind ihn in diese Spalte trieb, und da sein Paletot zugeknöpft war, konnte er nicht schwimmen, um wieder an die Oberfläche zu kommen! Ach! Herr Clawbonny, das ist der ärgste Schmerz, den ich erlebt habe! Ich wollte es nicht glauben! Dieser brave Officier ein Opfer seines Diensteifers! Denn, wissen Sie, um den Instruktionen des Kapitäns Pullen zu folgen, wollte er noch vor dem Eisgang an's Land setzen! Ein wackerer Mann, von Jedermann an Bord geliebt, dienstwillig, muthig! Ganz England hat ihn beweint, und selbst die Eskimo's, als sie vom Kapitän Inglefield seinen Tod vernahmen, riefen mit Thränen wie ich: armer Bellot! – Aber Sie, Johnson, mit Ihren Kameraden, fragte der Doctor gerührt, wie sind Sie wieder an's Land gekommen? – Wir, mein Herr, das hatte wenig auf sich; wir blieben noch vierundzwanzig Stunden auf dem Eisblock, ohne Nahrung und Feuer; aber endlich trafen wir auf ein Eisfeld, das auf einer Untiefe festsaß. Darauf sprangen wir, und mit Hilfe eines Ruders, das wir noch hatten, zogen wir einen Eisblock bei, der uns zu tragen fähig war, und sich wie ein Floß lenken ließ. So haben wir das Ufer erreicht, aber leider allein!« Inzwischen war der Forward an dieser unheimlichen Küste vorüber gekommen, und Johnson verlor die Stelle der Katastrophe aus dem Gesicht. Am folgenden Tag ließ man rechts die Bai Griffin, und zwei Tage nachher die Caps Grinnel und Helpmann; endlich, am 14. Juli fuhr man um die Spitze Osborn herum, und am 15. ankerte die Brigg in der Bai Baring am Ende des Canals. Die Fahrt war nicht sehr schwierig; Hatteras fand das Meer fast ebenso eisfrei, wie einst Belcher, als er mit dem Pionnier und L'Assistance bis zum siebenundsiebenzigsten Grade fuhr und da sein Winterlager nahm. Dies war bei seinem ersten Winteraufenthalt von 1852–1853, dann im folgenden Jahre nahm er von 1853–1854 sein Quartier in dieser Bai Baring, wo der Forward eben ankerte. In Folge der Prüfungen und härtesten Gefahren, mußte er sein Schiff Assistance mitten zwischen dem ewigen Eis zurücklassen. Von dieser Katastrophe machte Shandon, der ebenfalls den entmuthigten Matrosen etwas vorerzählen wollte, eine Schilderung. Hatte Hatteras Kenntniß von diesem Verrath seines ersten Officiers? Man kann es nicht sagen; jedenfalls schwieg er stille dazu. Auf der Höhe der Bai Baring befindet sich ein enges Fahrwasser, welches eine Verbindung des Kanals Wellington mit dem Canal der Königin bildet. Hier fanden sich die treibenden Eisblöcke sehr enge gedrängt. Hatteras bemühte sich vergebens durch die Fahrwasser im Norden der Insel Hamilton zu dringen; der Wind gestattete es nicht; man mußte daher zwischen der Insel Hamilton und der Insel Cornwallis durchzukommen suchen und verlor darüber fünf kostbare Tage mit vergeblichen Anstrengungen. Die Temperatur neigte zum Sinken, ja sank am 19. Juli auf sechsundzwanzig Grad (-3° hunderttheilig); am folgenden Tag stieg sie wieder; aber dieses verfrühte Drohen des Polar-Winters mußte Hatteras veranlassen, nicht länger zu warten. Der Wind hatte eine Neigung sich westlich zu halten, und hemmte die Fahrt seines Schiffes. Und doch mußte er eilen an den Punkt zu gelangen, wo Stewart ein freies Meer antraf. Am 19. entschloß er sich, um jeden Preis in dem Fahrwasser vorzudringen; aber der Wind war durchaus entgegen. Zwar hätte die Brigg mit ihrer Schraube gegen die heftigen Windstöße ankämpfen können; aber Hatteras mußte vor allen Dingen sein Brennmaterial sparen; anderentheils war doch das Fahrwasser zu breit, so daß man die Brigg nicht ziehen konnte. Hatteras, ohne die Strapazen der Mannschaft zu berücksichtigen, nahm seine Zuflucht zu einem Mittel, welches die Wallfischfahrer manchmal unter ähnlichen Umständen anwenden. Er ließ die Boote zum Wasserspiegel hinabbringen, und dabei mit ihrem Takelwerk an den Seiten des Schiffes in der Schwebe halten; diese Boote waren am Vorder- und Hintertheil mit Tauen fest angebunden, und die Ruder wurden auf dem einen rechts, auf dem andern links angebracht; die Bootsleute nahmen der Reihe nach auf den Ruderbänken Platz und mußten kräftig rudern, so daß sie die Brigg dem Wind entgegen vorwärts brachten. Der Forward kam dergestalt in dem Fahrwasser langsam voran; natürlich verursachten solche Arbeiten den Bootsleuten große Strapazen, und man hörte sie murren. Vier Tage lang ruderte man in dieser Weise, bis zum 23. Juni, wo man glücklich die Insel Baring im Canal der Königin erreichte. Der Wind war fortwährend entgegen, und die Mannschaft hielt es nicht mehr aus. Der Doctor hielt die Gesundheit der Leute für sehr erschüttert, und glaubte bei einigen derselben die ersten Symptome des Scorbuts zu erkennen; er versäumte nichts, um dies schreckliche Uebel zu bekämpfen, da er reichlichen Vorrath von Citronensaft und Kalkpastillen zur Verfügung hatte. Hatteras wußte wohl, daß er sich nicht mehr auf seine Mannschaft verlassen konnte; Milde, Ueberzeugung würden fruchtlos gewesen sein; er beschloß daher mit Strenge dagegen anzukämpfen und bei Gelegenheit unerbittlich zu verfahren; ganz besonders mißtraute er Richard Shandon und selbst James Wall, der jedoch nicht gar laut zu reden wagte. Hatteras hatte auf seiner Seite den Doctor, Johnson, Bell, Simpson, welche ihm mit Leib und Seele ergeben waren; unter den Schwankenden waren Foker, Bolton, der Waffenschmied Wolsten, der erste Maschinist Brunton, welche sich unter Umständen gegen ihn zu wenden fähig waren; die übrigen, Pen, Gripper, Clifton, Waren, spannen unverhohlen Aufruhrpläne; sie wollten ihre Kameraden mit sich fortreißen, den Forward zur Rückkehr nach England zu nöthigen. Hatteras sah wohl, daß er von dieser übel gesinnten, und zumal von Strapazen erschöpften Mannschaft die Fortsetzung der bisherigen Manoeuvres nicht mehr erlangen könnte. Er blieb vierundzwanzig Stunden der Insel Baring gegenüber, ohne einen Schritt vorwärts zu thun. Inzwischen sank die Temperatur, und unter diesen hohen Breitegraden spürte man schon den Einfluß des bevorstehenden Winters. Am 24. fiel das Thermometer auf zweiundzwanzig Grad (-6° hunderttheilig). Während der Nacht bildete sich neues Eis und ward sechs bis acht Linien dick; wenn dazu noch Schnee fiel, konnte es bald stark genug werden, um einen Mann zu tragen. Das Meer bekam bereits die unreine Färbung, welche die erste Krystallbildung ankündigt. Hatteras verhehlte sich nicht diese beunruhigenden Symptome; wenn die Fahrpässe sich demnächst verstopften, würde er genöthigt sein, an dieser Stelle zu überwintern, weit vom Ziel seiner Reise, und ohne das freie Meer, welchem er den Berichten seiner Vorgänger zufolge so nahe sein mußte, auch nur gesehen zu haben. Er beschloß daher um jeden Preis vorwärts zu dringen, und einige Grade weiter im Norden zu gewinnen: und da er sah, daß er weder mit einer Mannschaft am Ende ihrer Kraft die Ruder verwenden, noch bei stets widrigem Wind die Segel gebrauchen konnte, so ertheilte er Befehl, die Oefen zu heizen. Zweiundzwanzigstes Capitel. Anfang des Aufruhrs. Dieser unerwartete Befehl erregte große Ueberraschung an Bord des Forward. »Die Oefen heizen! sagten die Einen. – Und womit? fragten die Andern. – Da wir nur noch für zwei Monate Kohlen im Bauch haben! schrie Pen. – Und womit wollen wir im Winter heizen? fragte Clifton. – Dann werden wir, versetzte Gripper, das Schiff bis zum Wasserspiegel verbrennen müssen? – Und die Mäste in den Ofen stecken?« Shandon blickte Wall starr an. Bestürzt zauderten die Maschinisten in die Maschinenkammer zu gehen. »Haben Sie mich verstanden?« rief der Kapitän aufgebracht. Brunton ging auf die Lucke zu; aber im Begriff hinabzusteigen, blieb er stehen. »Geh nicht hin, Brunton, sagte eine Stimme. – Wer hat gesprochen? rief Hatteras. – Ich, sagte Pen, und trat dem Kapitän entgegen. – Und Sie sagten? ... fragte dieser. – Ich sagte ..., ich sagte, erwiderte Pen fluchend, ich sage, daß wir nun daran satt haben, daß wir nicht weiter wollen, daß wir nicht im Winter vor Kälte und Mühsal crepiren wollen, und daß man die Feuer nicht anzünden soll! – Herr Shandon, erwiderte Hatteras kalt, lassen Sie diesen Menschen in Ketten legen. – Aber Kapitän, erwiderte Shandon, was dieser Mann gesagt hat ... – Was dieser Mann gesagt hat, entgegnete Hatteras, wenn Sie es ihm nachsprechen, lasse ich Sie in Ihre Cabine einschließen! – Ergreifet den Mann! Verstanden?« Johnson, Bell, Simpson gingen auf den Matrosen zu, der vor Zorn außer sich war. »Der Erste, der mich anrührt!« ... schrie er, ergriff einen Hebebaum, und schwang ihn über seinem Kopf. Hatteras trat ihm entgegen. »Pen, sagte er in ruhigem Ton, rührst Du Dich noch, so schieß ich Dich vor den Kopf!« Bei diesen Worten lud er einen Revolver und zielte auf den Matrosen. Es erhob sich ein Murren. »Kein Wort Ihr andern, sagte Hatteras, oder der Mann ist des Todes!« Johnson und Bell entrissen augenblicklich Pen seine Waffe, und er ließ sich ohne Widerstand in den untern Schiffsraum führen. »Jetzt Marsch, Brunton!« sagte Hatteras. Der Maschinist begab sich in Begleitung von Plover und Waren an seinen Posten. Hatteras kam wieder auf's Hinterdeck. »Dieser Pen ist ein elender Kerl, sagte zu ihm der Doctor. – Beinahe wär's um sein Leben geschehen«, erwiderte einfach der Kapitän. Bald hatte der Dampf hinreichende Kraft, die Anker wurden gelichtet, der Forward fuhr ostwärts auf die Spitze Beecher zu, und durchschnitt die bereits gebildeten frischen Eisblöcke. Zwischen der Insel Baring und der Spitze Beecher trifft man eine ziemlich große Anzahl Inseln, als seien sie mitten in den Eisfeldern stecken geblieben; in den schmalen Engen, welche in dieser Gegend das Meer zertheilen, drängten sich zahlreiche Eisströme, die unter Einwirkung einer verhältnißmäßig niederen Temperatur sich aneinander zu schichten trachteten; hier und da bildeten sich Spitzberge, und man merkte, daß diese bereits festeren und dichteren Blöcke beim ersten Thauwetter eine undurchdringliche Masse bilden würden. Der Forward suchte also mitten im Schneegestöber mit größter Mühe sein Fahrwasser. Doch kam, bei der diesen Gegenden eigenthümlichen Veränderlichkeit der Atmosphäre, von Zeit zu Zeit die Sonne wieder zum Vorschein; die Temperatur stieg wieder um einige Grad; die Hindernisse schwanden wie durch einen Zauberschlag, und ein schöner Wasserstreifen – eine Lust zum Anschauen – zog da, wo kürzlich noch alle Pässe von Eisblöcken starrten. Den Horizont schmückte prachtvolle Orangefärbung, eine Wohlthat für's Auge, das vom ewigen Schnee geblendet darauf ausruhen konnte. Donnerstag den 26. Juli bestrich der Forward die Insel Dundas, und schlug dann mehr nördliche Richtung ein; aber bald stieß er auf eine acht bis neun Fuß hohe, aus kleinen von der Küste losgerissenen Eisbergen gebildete Eisdecke; lange Zeit mußte er längs dem krummen Rande derselben westwärts fahren. Ununterbrochen krachten die Eisblöcke, und in düsterem Zusammenklang vernahm man das Dröhnen des Schiffes. Endlich stieß die Brigg auf einen Fahrpaß, worin sie mühsam vorwärts kam; oft war sie Stundenlang durch einen enormen Eisblock gehemmt; der Nebel hinderte den Piloten zu schauen. So lange man eine Meile weit Aussicht hat, kann man Hindernissen leicht ausweichen; aber mitten in diesem nebeligen Gestöber reichte der Blick oft kaum eine Kabellänge. Die Wogen gingen hoch und sehr stark. Es gab dort noch zahlreiches Gevögel, dessen Geschrei zum Betäuben war; behaglich auf den treibenden Eisblöcken gelagerte Robben hoben ihre Köpfe gar nicht schüchtern und reckten beim Vorüberfahren des Schiffes ihre langen Hälse. Endlich, sechs Tage nach dieser langsamen Fahrt, am 1. August, gewahrte man nördlich die Spitze Beecher; Hatteras brachte diese letzten Stunden auf den Stangen des höchsten Mastes zu; das von Stuart am 30. Mai 1851 unter 76° 20' Breite gesehene freie Meer konnte nicht mehr weit entfernt sein, und doch, soweit Hatteras seine Blicke schweifen ließ, gewahrte er nirgends eine Spur eines eisfreien Polarbeckens. Er stieg schweigend wieder herab. »Glauben Sie an dies freie Meer? fragte Shandon den Lieutenant. – Ich fange an daran zu zweifeln, erwiderte James Wall. – Hatte ich also nicht Recht, daß ich diese angebliche Entdeckung als ein Hirngespinst ansah? Und man hat mir nicht glauben wollen, und selbst Sie, Wall, haben sich gegen mich erklärt! – Von nun an wird man Ihnen Glauben beimessen, Shandon. – Ja, erwiderte dieser, wenn's zu spät ist.« Und er begab sich wieder in seine Cabine, wo er sich seit seinem Streit mit dem Kapitän fast immer eingeschlossen hielt. Gegen Abend schlug der Wind um zu Süd. Nun ließ Hatteras seine Segel aufhissen und die Feuer ausgehen. Einige Tage lang hatte die Mannschaft wieder die mühevollsten Verrichtungen vorzunehmen; man brauchte über eine Woche, um die Barrowspitze zu erreichen. In zehn Tagen war der Forward keine dreißig Meilen voran gekommen. Nun sprang der Wind abermals um zu Nord, und die Schraube wurde wieder in Bewegung gesetzt. Hatteras hoffte noch über dem siebenundsiebenzigsten Grad Breite ein eisfreies Meer zu finden, wie Edward Belcher es sah. Und doch, wollte er Penny's Berichten glauben, so mußte dies Meer, welches er eben durchfuhr, frei sein; denn als Penny an der Eisgrenze angekommen war, untersuchte er im Canot die Ufer des Canals der Königin bis zum siebenundsiebenzigsten Grad. Sollte er diese Berichte für unecht ansehen? oder hatte sich ein vorzeitiger Winter auf diese Polargegenden gelagert? Am 15. August ragte der Berg Percy mit seinen schneebedeckten Spitzen im Nebel empor; der Sturmwind trieb einen Hagel von prasselnden Schloßen vor sich her. Den folgenden Tag ging die Sonne zum ersten Male unter und es endigte die lange Reihe der vierundzwanzigstündigen Tage. Die Menschen hatten sich endlich an diese ununterbrochene Tageshelle gewöhnt; die Thiere aber ließen sich dadurch nicht stören: die Hunde legten sich jeden Abend um dieselbe Stunde regelmäßig zum Schlaf. Doch war in den auf den 15. August folgenden Nächten die Dunkelheit niemals vollständig; die Sonne spendete auch nach ihrem Untergang noch hinreichend Licht durch die Strahlenbrechung. Am 19. August gewahrte man nach genauer Beobachtung das Cap Franklin auf der Ostküste, und auf der westlichen Seite das Cap Lady Franklin. Der Doctor gewöhnte sich, dem Rathe Johnson's folgend, bereits an die niederen Witterungsgrade, indem er fast unaufhörlich auf dem Verdeck blieb, der Kälte, dem Wind und Schnee trotzend. Obwohl er etwas mager geworden war, so hatte er doch von der Strenge dieses Klima's nicht zu leiden. Uebrigens hielt er sich auf weitere Gefahren gefaßt, und scherzte mitunter über die Vorboten des Winters. »Sehen Sie, sagte er einst zu Johnson, diese Züge Vögel, welche südwärts wandern! Wie fliehen sie, und rufen Lebewohl! – Ja, Herr Clawbonny, erwiderte Johnson; sie hatten eine Ahnung, die trieb sie fort, und sie machten sich auf den Weg. – Mancher von unseren Leuten, Johnson, hätte, glaube ich, Lust, es ihnen nachzumachen! – Das sind schwachmüthige Leute, Herr Clawbonny; was Teufel! diese Thiere führen keinen Proviant bei sich, da müssen sie wohl anderswohin ziehen, um ihr Dasein zu fristen! Aber Seeleute auf einem guten Schiff müssen bis an's Ende der Welt dringen. – Sie erwarten also, daß Hatteras mit seinem Vorhaben Glück haben wird? – Es wird ihm glücken, Herr Clawbonny. – Ich denke wie Sie, Johnson, und sollte ihm auch nur noch ein Gefährte treu bleiben. ... – Wir wären unser zwei! – Ja, Johnson«, erwiderte der Doctor, und drückte dem wackeren Matrosen die Hand. Das Prinz-Albert-Land, an welchem der Forward so eben vorüber fuhr, heißt auch Grinnel-Land, und dieser Name ist der allgemein verbreitete. Die Brigg hatte, als sie bald mit Segel, bald mit Dampf um das Land herumfuhr, eine Reihe unerhörter Schwierigkeiten zu bestehen. Am 18. August gewahrte man den im Nebel kaum sichtbaren Britanniaberg, und der Forward ankerte am folgenden Tag in der Northumberland-Bai. Er war auf allen Seiten abgeschnitten. Dreiundzwanzigstes Capitel. Erstürmung der Eisblöcke. Nachdem Hatteras das Ankern des Schiffes besorgt hatte, begab er sich wieder in seine Cabine, nahm die Karte zur Hand und bezeichnete sie genau; er befand sich unter 76° 57' Breite und 99° 20' Länge, d. h. drei Minuten nur vom siebenundsiebzigsten Grad ab. An eben dieser Stelle brachte Sir Edward Belcher seinen ersten Winter mit dem Pionnier und der Assistance zu. Von diesem Punkt aus veranstaltete er seine Ausflüge im Schlitten und im Boot; er entdeckte die Tafelinsel, das nördliche Cornwallis, den Archipel Victoria und den Canal Belcher. Als er über den achtundsiebenzigsten Grad hinausgekommen war, sah er die Küste sich südwärts ziehen. Es schien, als müsse sie sich an die Jonesstraße anschließen, welche in die Baffins-Bai führt. Aber im Nordwesten dagegen erstreckte sich, sagt sein Bericht, das freie Meer in unabsehbare Ferne. Hatteras betrachtete mit Herzklopfen den Theil der Seekarten, wo ein weiter weißer Raum diese unbekannten Gegenden bezeichnete, und seine Augen kamen stets wieder auf das eisfreie polare Baffin zurück. »Nach so vielen Zeugnissen, sagte er sich, nach den Berichten von Steward, Penny, Belcher darf man nicht zweifeln, es muß der Fall sein! Diese kühnen Seeleute haben mit eigenen Augen gesehen! Kann man ihre Behauptung in Zweifel ziehen? Nein! – Aber, wenn inzwischen dieses damals freie Meer in Folge eines frühzeitigen Winters ... doch nein, diese Entdeckungen sind nach einer Zwischenzeit von mehreren Jahren gemacht worden; dieses Becken existirt, ich werde es auffinden! werde es sehen!« Hatteras begab sich wieder auf's Hinterdeck. Dichter Nebel umhüllte den Forward; vom Verdeck aus konnte man kaum den oberen Theil der Maste sehen. Doch ließ Hatteras den Eismeister aus seinem Elsternest herabkommen, und nahm seinen Platz ein; er wollte die geringste Lichtung des Himmels benutzen, um den nordwestlichen Horizont zu beobachten. Shandon hatte nicht verfehlt, zum Lieutenant zu sagen: »Nun, Wall! und dies freie Meer! – Sie haben Recht, Shandon, erwiderte Wall, und wir haben nur noch für sechs Wochen Kohlen vorräthig. – Der Doctor wird ein wissenschaftliches Verfahren erfinden, erwiderte Shandon, um uns ohne Brennmaterial zu heizen. Ich habe sagen hören, man könne mit Feuer Eis bereiten; vielleicht wird er aus Eis Feuer schaffen.« Shandon ging mit Achselzucken wieder in seine Cabine. Am folgenden Tag, den 20. August, zertheilte sich der Nebel auf einige Augenblicke. Man sah, wie Hatteras von seinem hohen Posten aus lebhaft am ganzen Horizont spähte; darauf stieg er schweigend herab, und gab Befehl zum Weiterfahren; aber man konnte leicht wahrnehmen, daß seine Hoffnung abermals getäuscht worden war. Der Forward lichtete die Anker und setzte seinen unbestimmten Weg nach Norden fort. Da man sich nicht mehr auf den veränderlichen Wind verlassen, konnte, der zudem wegen der Krümmungen der Fahrpässe wenig zu benutzen war, so nahm man die nur hinderlichen Stangen nebst dem Takelwerk herab und zog die Mäste heraus. Es bildeten sich hie und da auf dem Meer große weißliche Flecken; sie waren Vorzeichen eines bevorstehenden allgemeinen Gefrierens; sobald der Wind sich legte, gefror das Meer augenblicklich, aber wenn der Wind sich wieder erhob, zerbrach und zerstob das frische Eis. Gegen Abend fiel das Thermometer auf siebenzehn Grad (-27° hunderttheilig). Wenn die Brigg sich in einem Fahrpaß versperrt sah, schoß sie gleich einem Sturmbock mit voller Dampfkraft wider das Hinderniß und bohrte es in den Grund. Manchmal hielt man sie für unausweichlich festgefahren, aber eine unerwartete Bewegung der Eisströme öffnete ihr neue Bahn, und sie fuhr kühn weiter; wann zur Zeit eines Aufenthaltes der Dampf aus den Klappen wich, verdichtete er sich in der kalten Luft, und fiel als Schnee wieder auf's Verdeck. Noch eine andere Ursache hemmte die Fahrt der Brigg. Mitunter geriethen zwischen den Schaufeln der Schraube Eisstücke von solcher Härte, daß die Maschine sie nicht zermalmen konnte; dann mußte man diese umkehren und rückwärts fahren, indeß Bootsleute mit Hebeln und Hebebäumen die Schraube frei machten. Daraus entstanden denn Strapazen und Verzögerungen. Dreizehn Tage lang ging es so; der Forward schleppte sich mühsam längs der Pennystraße. Die Mannschaft murrte zwar, doch leistete sie noch Gehorsam; sie sah ein, daß man jetzt unmöglich zurückfahren konnte. Die Fahrt nach Norden bot weniger Gefahren, als der Rückzug nach dem Süden; man mußte auf Ueberwinterung denken. Die Matrosen sprachen unter einander über diese neue Lage, und eines Tages plauderten sie darüber selbst mit Richard Shandon, von dem sie wußten, daß er auf ihrer Seite war. Dieser, uneingedenk seiner Officierspflicht, scheute sich nicht, in seiner Gegenwart die Autorität seines Kapitäns bestreiten zu lassen. »Sie sagten also, Herr Shandon, fragte Gripper, wir könnten nicht mehr rückwärts fahren? – Jetzt ist's zu spät, erwiderte Shandon. – Dann, fuhr ein anderer Matrose fort, haben wir nur noch an ein Winterquartier zu denken? – Das ist jetzt unsere einzige Zuflucht! Man hat mir nicht glauben wollen ... – Ein andermal, erwiderte Pen, der wieder in seinen gewohnten Dienst eingetreten war, wird man Ihnen glauben. – Da ich nicht der Herr sein werde ... entgegnete Shandon. – Wer weiß? versetzte Pen. John Hatteras mag gehen, so weit als es ihm belieben mag, aber man braucht ihm nicht zu folgen. – Man braucht nur, fuhr Gripper fort, an seine erste Fahrt in's Baffins-Meer zu denken, und wie es da ergangen ist! – Und an die Reise des Farewell, sagte Clifton, welcher unter seinem Commando in den Meeren von Spitzbergen zu Grunde ging. – Und er ist allein heim gekommen, erwiderte Gripper. – Allein mit seinem Hund, versetzte Clifton. – Wir haben nicht Lust, uns dem Belieben dieses Mannes zu opfern, fügte Pen bei. – Noch die wohlverdiente Prämie zu verlieren!« Man erkennt an dieser Bemerkung, daß Clifton sie machte. »Wenn wir den achtundsiebenzigsten Grad hinter uns haben, setzte er hinzu, und wir sind nicht mehr weit davon entfernt, so macht das gerade dreihundertfünfundsiebenzig Pfund für Jeden. – Aber, erwiderte Gripper, werden wir sie nicht verlieren, wenn wir ohne den Kapitän heim kommen? – Nein, versetzte Clifton, wann bewiesen wird, daß die Rückkehr unabweislich nothwendig geworden. – Aber der Kapitän ... doch ... – Sei ruhig, Gripper, erwiderte Pen, wir werden schon einen Kapitän bekommen, und einen tüchtigen, den Herr Shandon kennt. Wenn ein Commandant ein Narr wird, setzt man ihn ab, und ernennt einen anderen. Nicht wahr? Herr Shandon? – Meine Freunde, erwiderte Shandon ausweichend, Sie werden stets in mir ein Herz voll Hingebung finden. Doch warten wir ab, was kommen wird.« Wir sehen, es zog sich über dem Haupte Hatteras' ein Sturm zusammen; dieser aber, fest, unerschütterlich, energisch, stets zuversichtlich, schritt kühn voran. Ueberhaupt, war er auch nicht der Richtung seines Schiffes Meister, so hatte er doch Tüchtiges geleistet: andere Seefahrer hatten zwei bis drei Jahre gebraucht, um die Fahrt zu machen, welche er in fünf Monaten erzielte. Jetzt befand er sich in der Lage, überwintern zu müssen, aber dies konnte für starke und entschlossene Gemüther, bewährte und an Gefahren gewöhnte Seelen, unverzagte und gestählte Geister nichts zum Erschrecken sein. Haben nicht Sir John Roß und Mac Clure drei Winter hinter einander in den Nord-Meer-Gegenden zugebracht? Was diesen möglich war, konnte man's nicht ebenso machen? »Ganz gewiß ja, sagte sich Hatteras wiederholt, und mehr noch, wenn's Noth thut! Ach! sagte er mit Bedauern zum Doctor, hätte ich doch durch den Smith-Sund, nördlich vom Baffins-Meer, dringen können, so wäre ich jetzt bereits am Pol! – Gut! erwiderte mit unveränderlichem Vertrauen der Doctor, wir werden hinkommen, Kapitän, auf dem neunundneunzigsten Meridian zwar; aber gleichviel, wenn alle Wege nach Rom führen, so ist's noch sicherer, daß jeder Meridian zum Pol führt.« Am 31. August zeigte das Thermometer dreizehn Grad (-11° hunderttheilig). Das Ende der zur Fahrt geeigneten Zeit kam heran. Der Forward ließ die Insel Exmouth rechts, und drei Tage hernach fuhr er an der Tafelinsel vorüber, welche mitten im Canal Beecher liegt. In einer weniger vorgerückten Jahreszeit wäre es vielleicht möglich gewesen, durch diesen Canal wieder in's Baffins-Meer zu kommen, aber damals durfte man nicht daran denken. Dieser Meeresarm war von Eisblöcken gänzlich versperrt, und hätte dem Forward nicht einen Zoll Wasser zur Fahrt geboten; acht Monate noch konnte der Blick nur über unendliche und unbeweglich feste Eisfelder schweifen. Zum Glück konnte man noch einige Minuten weiter nach dem Norden dringen, aber man mußte das frische Eis zersprengen. Bei diesen niedrigen Temperaturen war besonders windstilles Wetter zu fürchten, weil dann die Fahrwasser rasch gefrieren, und es waren damals selbst widrige Winde angenehm. In einer einzigen Nacht war Alles gefroren. Nun konnte der Forward in seiner gegenwärtigen Lage nicht überwintern, weil sie den Winden, den Eisbergen, dem Treiben des Canals ausgesetzt war; es mußte vor Allem eine geschützte Stelle aufgesucht werden; Hatteras hoffte die Küste von Neu-Cornwallis zu erreichen und jenseits der Spitze Albert eine Bai zu finden, welche hinreichend sichere Zuflucht darbot. Drum verfolgte er mit Ausdauer die Fahrt nach Norden. Aber am 8. September stieß er auf eine zusammenhängende, undurchbrechliche Eisdecke; die Temperatur sank auf 10 Grad (-12° hunderttheilig). Hatteras suchte, von Unruhe getrieben, vergeblich eine Durchfahrt, brachte hundertmal sein Schiff in Gefahr, und zog sich durch wunderhafte Geschicklichkeit aus gefährlichen Engen. Mochte man ihn der Unvorsichtigkeit, Unüberlegtheit, Verblendung beschuldigen, aber als Seemann war er der Tüchtigsten Einer! Die Lage des Forward wurde wahrhaft gefährlich; und wirklich, das Meer schloß sich hinter ihm, und im Umkreis einiger Stunden bekam das Eis eine solche Härte, daß die Männer darauf liefen und in aller Sicherheit das Schiff fortzogen. Da Hatteras das Hinderniß nicht umgehen konnte, beschloß er es direct anzugreifen durch Anwendung seiner stärksten Sprengcylinder von acht bis zehn Pfund Pulver. Man grub zuerst in das Eis, so dick es war, ein Loch und, nachdem man den Cylinder sorgsam in horizontale Lage gebracht, damit die Explosion eine weiter reichende Wirkung habe, füllte man es mit Schnee; dann zündete man, gesichert durch eine Guttapercharöhre, die Lunte an. Man war also bemüht, die Eisdecke zu sprengen, weil man die Säge nicht anwenden konnte, da die Sägeschnitte augenblicklich wieder zusammenfroren. Doch konnte Hatteras die Hoffnung fassen, den folgenden Tag seine Durchfahrt zu haben. Aber während der Nacht tobte der Wind; das Meer hob sich unter der Eiskruste, als sei es von einer unterseeischen Kraft in Bewegung gesetzt, und der Pilot rief mit Schrecken: »Achtung hinten! Achtung hinten!« Hatteras blickte in die angegebene Richtung, und was er in der Dämmerung sehen konnte, war wirklich zum Erschrecken. Ein hoch aufgetürmtes Stück Eisdecke, nordwärts zurückgeworfen, stürzte so schnell wie eine Lawine auf das Schiff heran. »Jeder auf's Verdeck!« rief der Kapitän. Der heranwälzende Berg war kaum noch eine halbe Meile entfernt; die Eisblöcke hoben sich, schoben sich übereinander, purzelten, wie ungeheuere Sandkörner von einem fürchterlichen Orkan geschleudert; ein entsetzliches Getöse erfüllte die Luft. »Sehen Sie, Herr Clawbonny, sagte Johnson zum Doctor, das ist eine der größten Gefahren, die uns treffen konnte. – Ja, erwiderte ruhig der Doctor, 's ist etwas erschrecklich. – Es ist gerade, als müßten wir eine Bestürmung abwehren, fuhr der Rüstmeister fort. – Man könnte es wirklich für eine ungeheuere Truppe der urweltlichen Thiere halten, von denen man meint, sie hätten am Pol gehaust! Wie drängen sie sich, eilen um die Wette heran! Ja wohl, ein Sturm, den wir abzuschlagen haben.« Auf dem Hintertheil war die ganze Mannschaft mit Stangen, Eisenstäben, Hebebäumen bewehrt, zum Abschlagen des Sturmes bereit. Die Lawine kam heran, stets an Höhe wachsend, indem sie durch die umgebenden Eisstücke, welche sie im Wirbel mit sich fortriß, anwuchs. Hatteras hatte Befehl ertheilt, die Kanone, welche am Vordertheil war, solle mit Kugeln die drohende Masse zertrümmern; aber schon war sie da und stürzte auf die Brigg; man vernahm ein Krachen, und da sie das Schiff an der rechten Seite berührte, ging ein Theil des Geländers in Trümmern. »Keiner rühre sich vom Platz! rief Hatteras. Achtung auf die Eisblöcke!« Diese stürmten mit unwiderstehlicher Gewalt. Stücke von mehreren Centnern stießen wider die Schiffswände, die kleineren, bis zur Höhe der Mastkörbe geschleudert, zerrissen die Taue, zerschnitten das Takelwerk. Die Mannschaft wurde von der Menge Feinde überflügelt, deren Masse hundert Schiffe gleich dem Forward hätte zertrümmern können. Jeder that sein Mögliches, die Stürmenden abzuwehren; das Getöse ward erschrecklich; Duk bellte wüthend; die Dunkelheit vermehrte das Schreckliche der Lage. Hatteras rief, inmitten dieses fremdartigen, übernatürlichen Kampfes der Menschen mit den Eisblöcken, beständig seine Befehle zu. Das Schiff, dem enormen Druck nachgebend, neigte auf die linke Seite, und es kam in Gefahr, seinen Hauptmast zertrümmert zu sehen. Hatteras begriff die Gefahr, es war ein schrecklicher Moment; die Brigg drohte sich völlig umzulegen, das Mastwerk zu verlieren. Nun erschien ein ungeheuerer Block von der Größe des Schiffes, an dessen Seite mit unwiderstehlicher Gewalt sich erhebend; schon ragte er über das Hinterdeck; wenn er über den Forward stürzte, war Alles verloren. Bald erreichte er die Höhe der Maststangen, und wankte auf seiner Basis. Da schrieen Alle vor Entsetzen auf; jeder eilte auf die rechte Seite. Aber in dem Moment wurde das ganze Schiff emporgehoben, schwebte eine Weile in her Luft, dann fiel es wieder auf die Eisblöcke. Worin bestand das Ereigniß? Emporgehoben von der steigenden Fluth, zurückgeworfen von den Blöcken, die es hinten faßten, zerbrach es die unzerbrechliche Eisdecke. Nach einer Minute fiel es hinter dem Hinderniß auf ein Eisfeld nieder, zertrümmerte dieses mit seinem Gewicht, und befand sich wieder in seinem Element. »Die Eisdecke zertrümmert! rief Johnson. – Gott Lob und Dank!« erwiderte Hatteras. In der That befand sich die Brigg mitten in einem Eisbecken; ihr Kiel tauchte völlig im Wasser, aber auf allen Seiten von Eis umgeben konnte sie sich doch nicht rühren, das ganze Eisfeld trieb mit ihr fort. »Wir treiben, Kapitän! schrie Johnson. – Lassen wir gewähren«, erwiderte Hatteras. Wie wäre es auch möglich gewesen, diesem Zug zu widerstehen? Es ward Tag, und es stellte sich heraus, daß die Eisbank durch Einwirkung einer unterseeischen Strömung reißend eilig nordwärts trieb. Diese treibende Masse führte also den Forward, der mitten in dem unabsehbaren Eisfeld eingeklemmt war, mit sich; für den möglichen Fall einer Katastrophe, wenn die Brigg auf die Seite geworfen, oder vom Druck der Eisblöcke zertrümmert werden sollte, ließ Hatteras eine große Menge Proviant, Lagereffecten, Kleidung und Decken für die Mannschaft auf's Verdeck bringen. Aehnlich verfuhr einmal Mac Clure. Er ließ sein Schiff rings mit Hängematten umgeben, die mit Luft gefüllt, waren, so dass sie gegen starke Beschädigungen zum Schutz dienen konnten; da nun das Eis bei einer Temperatur von sieben Grad (-14° hunderttheilig) sich anhäufte, so war das Schiff bald von einer Mauer umgeben, aus welcher nur seine Masten hervorragten. Sieben Tage lang dauerte diese Fahrt; die Spitze Albert, welche das Westende von Neu-Cornwallis bildet, kam am 10. September zu Sicht, und verschwand bald wieder; man bemerkte, daß das treibende Eisfeld von dem Augenblick an sich ostwärts wendete. Wohin trieb es dergestalt? Wo würde man anhalten? Wer mochte das voraussehen. Die Mannschaft wartete ab, die Hände im Schoos. Am 15. September gegen drei Uhr Nachmittags hielt das Eisfeld, welches ohne Zweifel auf ein anderes gestoßen war, plötzlich stille; das Schiff erlitt eine starke Erschütterung. Hatteras sah auf die Karte; er befand sich, ohne irgend ein Land in Sicht, nordwärts unter 78° 15' Breite und 95° 35' Länge, mitten in der Region, wohin die Geographen den Kältepol gelegt haben! Vierundzwanzigstes Capitel. Vorbereitungen für Ueberwinterung. Die südliche Halbkugel ist kälter im Verhältniß zu gleicher Breite der nördlichen; aber die Temperatur des Neuen Continents ist noch um fünfzehn Grad niedriger, als die der andern Welttheile; und in Amerika sind die Gegenden, welche unter der Benennung Kältepol bekannt sind, die fürchterlichsten. Die mittlere Temperatur des ganzen Jahres ist nur zwei Grad unter Null (-19° hunderttheilig). Die Gelehrten, deren Ansicht der Doctor Clawbonny in dieser Hinsicht theilte, haben dies folgendermaßen erklärt. Ihnen zufolge kommen die Winde, welche in Nordamerika standhaft herrschen, aus Südwest, vom Stillen Ocean her mit einer gleichmäßigen und erträglichen Temperatur; aber bis sie zu den Polar-Meeren gelangen, müssen sie über das unermeßliche schneebedeckte Gebiet Amerika's streichen; dadurch werden sie kalt, und breiten dann ihre eisige Strenge über die Nordpolgegenden. Hatteras befand sich am Kältepol, noch über den von seinen Vorgängern gesehenen Gegenden hinaus; demnach war er auf einen fürchterlichen Winter gefaßt, auf einem mitten im Eis steckenden Schiff mit einer zum Aufruhr geneigten Bemannung. Er entschloß sich, diesen Gefahren mit gewohnter Energie Trotz zu bieten. Vor allen Dingen ergriff er mit Johnson's erfahrenem Beistand alle für die Überwinterung nothwendigen Maßregeln. Seiner Berechnung nach war der Forward zweihundertundfünfzig Meilen weiter, als das letzte bekannte Land liegt, nämlich Neu-Cornwallis, fortgetrieben worden; er steckte in einem Eisfeld, wie in einem Granitbett, und keine menschliche Macht vermochte ihn da herauszureißen. In diesen weiten Meeren, auf welchen der Polarwinter lastete, war kein Tropfen Wasser mehr frei. Die Eisfelder erstreckten sich in unabsehbarer Ausdehnung, aber ohne gleichförmige Oberfläche; im Gegentheil, zahlreiche Eisberge starrten auf der Eisfläche empor, und der Forward befand sich an einer Stelle, die auf drei Seiten von den höchsten derselben geschirmt war, nur dem Südost offen stand. Aber es waren nicht Felsen, die eine hübsche Bai schirmten, keine Wiesen und Waldesgrün, kein fließendes Wasser. Vielmehr welche Verödung! Welche düstere Natur! Welch' kläglicher Anblick! So fest das Schiff steckte, mußte es doch mit Ankern tüchtig gesichert werden; man mußte sich auf Eisbrüche oder unterseeische Wogenbewegungen gefaßt machen. Als Johnson diese Lage des Forward unter'm Kältepol erkannte, beobachtete er noch strenger seine Ueberwinterungsmaßregeln. »Wir werden strenge Tage bekommen! sagte er zum Doctor; da sehen wir, was der Kapitän für Glück hat! Am widerwärtigsten Punkt des Erdballs sich einklemmen zu lassen! Bah! Wir werden sehen, wie wir aus dieser Noth herauskommen.« Der Doctor war in seinem Innern ganz vergnügt über diese Lage. Er hätte sie gar nicht mit einer andern tauschen mögen! Am Kältepol überwintern! Welches Glück! Zuerst befaßten sich die Leute mit äußeren Arbeiten. Die Segel blieben an den Stangen befestigt, wurden nur in ihre Schutzhülle geschlagen; man zog die Masten nicht heraus, und das Elsternest blieb an seiner Stelle, es war eine natürliche Warte; nur das laufende Takelwerk wurde abgenommen. Es wurde nothwendig, das Eis um das Schiff herum aufzuhauen, da der Druck ihm schadete, welchen die auf beiden Seiten gehäuften Eisblöcke in hohem Grade ausübten. Nach einigen Tagen war die mühevolle Arbeit gethan, und man untersuchte den Kiel; er hatte keinen Schaden gelitten, nur seinen Kupferbeschlag fast ganz verloren. Als das Schiff frei war, hob es sich fast um neun Zoll. Der Doctor betheiligte sich bei diesen Arbeiten; er handhabte geschickt das Schneemesser, und erhielt die Matrosen bei guter Laune; er belehrte und lernte. Er billigte sehr die Anordnungen in Beziehung auf das Eis um das Schiff herum. »Nun können wir auch, fuhr Johnson fort, ohne Sorgen eine Schneemauer bis zur Höhe des Platt-Bord aufführen, wenn wir wollen, zehn Fuß dick. – Ein vortrefflicher Gedanke, versetzte der Doctor; denn Schnee ist ein schlechter Wärmeleiter, und die innere Wärme wird nicht so leicht entweichen. – Sie haben Recht, erwiderte Johnson; wir errichten eine Schutzwand gegen die Kälte, aber auch gegen reißende Thiere, wenn sie Lust bekommen sollten, uns zu besuchen; wenn die Arbeit fertig ist, schneiden wir in die Schneemasse zwei Treppen, die zu dem Vorder- und Hintertheil des Schiffes führen, und begießen sie mit Wasser, wodurch dieselben steinhart werden. – Vortrefflich, erwiderte der Doctor, und man muß gestehen, es ist doch ein Glück, daß die Kälte Schnee und Eis erzeugt, d. h. ein Schutzmittel gegen dieselbe: Sonst würde man sehr in Verlegenheit gerathen.« In der That sollte das Schiff unter einer dichten Eisdecke verschwinden, welcher es die Erhaltung seiner innern Wärme verdanken wollte. Es wurde aus dicker betheerter Leinwand ein Dach über das Verdeck in der ganzen Länge des Schiffes gefertigt, und mit Schnee bedeckt; auch reichte diese Leinwand zur Deckung der Seiten des Schiffes ziemlich weit herab. Da das Verdeck gegen jede äußere Einwirkung geschützt war, wurde es ein wahrer Spazierplatz; es wurde mit einer Schneelage von zwei und einem halben Fuß bedeckt, und dieser Schnee wurde festgestampft, daß er sehr hart wurde, und so das Ausströmen der Wärme des Innern hemmte. Ueber denselben breitete man eine Lage Sand, der verhärtet eine Kruste bildete. In der Nähe der Brigg machte man eine Feuerstätte, ein kreisrundes, in das Eisfeld gegrabenes Loch, einen Schacht, den man stets zugänglich halten mußte, indem man jeden Morgen das an seiner Mündung gebildete Eis zerbrach. Sie mußte dazu dienen, Wasser vorräthig zu halten, sei es für den Fall eines Brandes oder zum Baden, welches als Gesundheitsmaßregel für die Mannschaft angeordnet war; man war selbst darauf besorgt, um Brennmaterial zu sparen, das Wasser aus tieferen Schichten, wo es weniger kalt ist, zu schöpfen, und bediente sich dafür eines von dem Gelehrten Arago angegebenen Apparats. Gewöhnlich entfernt man während der Wintermonate alle den Raum einengenden Gegenstände aus dem Schiff, um über größere Räume zu verfügen, und hebt sie am Lande in Magazinen auf. Aber was in der Nähe einer Küste ausführbar ist, wird bei einem Schiff, das auf einem Eisfeld ankert, unmöglich. Im Innern des Schiffs war Vorsorge getroffen, um die Hauptnachtheile dieser hohen Breiten, Kälte und Feuchtigkeit, zu entfernen; die letztere ist noch mehr zu fürchten, als die erstere; denn dieser widersteht, jener erliegt man. Da der Forward zu einer Fahrt in die Polar-Meere bestimmt war, so hatte er die beste Einrichtung für ein Winterquartier. Das große Zimmer der Mannschaft war verständig eingerichtet; man hatte Winkel, wohin sich zuerst Feuchtigkeit zieht, vermieden; denn bei niederer Temperatur bildet sich, zumal in den Ecken, über den Scheidewänden eine Eisschichte, die, wenn sie schmilzt, eine beständige Feuchtigkeit erzeugt. Kreisrund wäre der Saal noch zweckmäßiger gewesen; aber doch mußte er, durch einen geräumigen Ofen geheizt und gehörig gelüftet, ganz wohnlich sein. Die Wände waren mit Damhirschfellen, nicht mit Wollstoffen tapeziert, denn in der Wolle verdichten sich die Dünste, wodurch die Luft mit Feuchtigkeit erfüllt wird. In dem Hinterdeck wurden die Zwischenwände weggeräumt, so daß die Officiere einen gemeinsamen Saal bekamen, der größer und luftiger war, und mit einem Ofen geheizt wurde. Vor diesem Saal, sowie vor dem der Mannschaft, befand sich eine Art Vorzimmer, wodurch ihm aller unmittelbarer Verkehr nach außen entzogen wurde, so daß die Wärme sich nicht verlor und man allmälig aus einer Temperatur in die andere überging. In den Vorzimmern ließ man die beschneiten Kleider; und für die Füße zu reinigen waren außen Kratzeisen angebracht, damit nicht irgend gesundheitschädliche Elemente hineingebracht würden. Leinene Schläuche dienten, Luft einzuführen, um den Oefen Zug zu geben; andere führten die Wasserdämpfe hinaus. Außerdem waren in den beiden Sälen Condensatoren angebracht, welche die Dämpfe einsogen, anstatt sie in Wasser sich auflösen zu lassen; man leerte sie zweimal wöchentlich, und sie enthielten manchmal einige Scheffel Eis. Vermittelst dieser Luftschläuche regelte man das Feuer leicht und vollständig; eine kleine Quantität Kohlen reichte hin, um in den Sälen eine Temperatur von fünfzig Grad (+10° hunderttheilig) zu erhalten. Doch sah Hatteras, nachdem er seinen Kohlenvorrath hatte ausmessen lassen, daß er bei größter Sparsamkeit nicht für zwei Monate mehr Brennmaterial hatte. Es wurde ein Trockenraum eingerichtet für die Kleidung, welche oft gewaschen werden mußte; denn an der freien Luft konnte man sie nicht trocknen, weil sie sonst hart und zerbrechlich wurde. Ferner wurden die feineren Theile der Maschine sorgfältig herausgenommen und in einer hermetisch geschlossenen Kammer verwahrt. Die Lebensweise an Bord wurde ernstlicher Ueberlegung unterzogen, von Hatteras sorgfältig geregelt und das Reglement in dem gemeinschaftlichen Saal angeheftet. Die Männer standen um sechs Uhr früh auf; die Hängematten wurden dreimal wöchentlich an die Luft gebracht; der Fußboden beider Zimmer wurde jeden Vormittag mit warmem Sand gerieben; bei jeder Mahlzeit wurde heißer Thee gegeben, und die Speisen wechselten möglichst nach den Wochentagen; sie bestand aus Brod, Mehl, Rindschmalz und Rosinen für Puddings, Zucker, Cacao, Thee, Reis, Citronensaft, gepökeltes Rind- und Schweinefleisch, Kohl und Gemüse in Essig; die Küche lag außerhalb der gemeinschaftlichen Säle. Damit entzog man sich zwar ihre Wärme, aber das Kochen erzeugt auch fortwährend Dünste und Feuchtigkeit. Die Gesundheit der Menschen hängt sehr viel von der Art ihrer Nahrung ab; unter so hohen Breitegraden muß man so viel wie möglich thierische Stoffe verzehren. Der Doctor hatte bei Abfassung des Programms die erste Stimme. »Man muß sich an den Eskimos, welche ihre Unterweisung von der Natur bekamen, ein Beispiel nehmen; wenn die Araber, die Afrikaner sich mit einigen Datteln und einer Handvoll Reis begnügen können, so muß man hier essen, und viel. Die Eskimos verzehren bis zu zehn und fünfzehn Pfund Oel täglich. Wenn diese Nahrung Ihnen nicht behagt, so müssen wir zu Stoffen greifen, welche reich an Zucker und Fett sind. Mit einem Wort, wir bedürfen Kohlenstoff, also machen wir Kohlenstoff. Wie es zuträglich ist, Kohlen in den Ofen zu schieben, so dürfen wir auch nicht versäumen, den kostbaren Ofen in unserm Leibe mit diesem Stoff zu versehen!« Neben dieser Speiseregel wurde der Mannschaft die strengste Reinlichkeit auferlegt; jeder mußte alle zwei Tage ein laues Bad nehmen, ein vortreffliches Mittel, die natürliche Wärme zu bewahren. Der Doctor ging mit seinem Beispiel voran; Anfangs that er es, obwohl es ihm sehr widerlich war; aber er gab dieses Vorurtheil bald auf, denn es ward ihm die Gesundheitsmaßregel sehr behaglich. Wenn die Leute bei großer Kälte an der Arbeit oder auf der Jagd auswärts waren, mußten sie sich besonders hüten, daß einzelne Glieder vom Frost litten. Trat ein solcher Fall ein, so beeilte man sich, durch Reiben mit Schnee die Blutcirculation wieder herzustellen. Außerdem trugen die Leute sorgfältig wollene Kleidung über den ganzen Körper, Capotröcke von Damhirschfell und Hosen von Robbenfell, welches gegen den Wind vollständig schützt. Die verschiedenen Einrichtungen und Herstellungen an Bord nahmen etwa drei Wochen in Anspruch, und man kam ohne besonderen Zwischenfall zum 10. Oktober. Fünfundzwanzigstes Capitel. Ein alter Fuchs von James Roß. An diesem Tage fiel das Thermometer bis auf drei Grad über Null (-16° hunderttheilig). Das Wetter war ziemlich ruhig; bei der Windstille war die Kälte leicht erträglich. Die helle Atmosphäre zu benutzen, ging Hatteras aus, um die Ebenen der Umgebung zu untersuchen; er klimmte auf einen der höchsten Eisberge, umfaßte aber mit dem Feld seines Fernrohres nur eine Reihe von Eisbergen und Eisfeldern. Nicht ein einziges Land in Sicht, wohl aber ein höchst trauriges Bild von Chaos. Als er zurückkam, versuchte er die muthmaßliche Dauer seiner Gefangenschaft zu berechnen. Die Jäger, unter ihnen der Doctor, James Wall, Simpson, Johnson, Bell, versäumten nicht, das Schiff mit frischem Fleisch zu versehen. Die Vögel waren verschwunden, im Süden milderes Klima suchend. Nur die Ptarmigan, eine dieser Breite eigenthümliche Art Felsrebhühner, waren nicht vor der Kälte entflohen; sie ließen sich leicht erlegen und ihre große Zahl versprach reichlichen Vorrath an Wildpret. An Hasen, Füchsen, Wölfen, Hermelinen, Bären war kein Mangel; ein französischer, englischer, norwegischer Jäger hätte sich nicht zu beklagen gehabt; aber man kann diesen scheuen Thieren nicht leicht nahe kommen; auch waren sie ihrer weißen Farbe wegen auf den weißen Ebenen schwer zu erkennen, denn ehe die große Kälte eintritt, wechseln sie den Pelz. Häufig traf man Seekälber, Meerhunde, die unter der allgemeinen Benennung Robben begriffen sind; ihre Jagd empfahl sich ganz besonders, sowohl um ihrer Felle willen, als ihres Fettes, welches in hohem Grade als Brennmaterial dienlich ist. Zudem wurde die Leber dieser Thiere nöthigenfalls ein treffliches Nahrungsmittel; man konnte sie zu Hunderten zählen, und einige Meilen nordwärts vom Schiff war das Feld bei Tage von den Luftschöpflöchern dieser Amphibien buchstäblich durchbohrt; nur witterten sie den Jäger mit merkwürdigem Instinct, und es wurden viele angeschossen, die durch Untertauchen leicht entrannen. Doch gelang es Simpson am 19. sich eines derselben, vierhundert Yards vom Schiff entfernt, zu bemächtigen; er war so vorsichtig gewesen, sein Zufluchtsloch zu verstopfen, so daß das Thier dem Jäger Preis gegeben war. Es wehrte sich lange, und wurde erst nach einigen Schüssen erlegt. Es war neun Fuß lang; an seinem Kopf, der dem eines Bullenbeißers glich, den sechzehn Zähnen seiner Kiefern, seinen großen Brustflossen in Form von Schaufeln, seinem kleinen mit noch einem Paar Flossen versehenen Schwanz erkannte man ein prachtvolles Exemplar aus der Familie der Meerhunde. Da der Doctor dessen Kopf für seine naturhistorische Sammlung aufzubewahren wünschte, und seine Haut für künftige Bedürfnisse, so ließ er beides durch ein rasches und wenig kostspieliges Verfahren dazu vorbereiten. Sobald das Herbstäquinoctium vorüber ist, d. h. der 23. September, kann man sagen, daß der Winter in den Polargegenden beginnt. Nachdem dies wohlthuende Gestirn allmälig unter den Horizont gewichen, verschwand es am 23. October ganz, und bestrich nur noch mit schiefen Strahlen den Kamm der eisbedeckten Berge. Vor dem Februar sollte man es nicht wieder zu Gesicht bekommen. Doch muß man nicht glauben, während der langen Abwesenheit der Sonne herrsche völlige Dunkelheit; der Mond ersetzt sie allmonatlich bestens; dazu kommt ferner das sehr helle Funkeln der Sterne, der Glanz der Planeten, häufiges Nordlicht und eigentümliche Strahlenbrechungen am schneeweißen Horizont; übrigens ist die Sonne zur Zeit ihrer größten südlichen Entfernung noch um dreizehn Grad dem polaren Horizont nahe, so daß täglich eine Dämmerung von einigen Stunden herrscht. Nur Nebel und Schneegestöber versenken oft diese Regionen in vollständiges Dunkel. Doch war bis zu diesem Zeitpunkt das Wetter ziemlich günstig; nur die Feldhühner und Hasen hatten sich darüber zu beklagen, denn die Jäger ließen ihnen nicht einen Moment Ruhe; man stellte einige Fuchsfallen; aber diese argwöhnischen Thiere ließen sich nicht fangen; manchmal sogar kratzten sie den Schnee unter der Falle auf, so daß sie den Köder ohne Gefahr erhaschen konnten. Am 25. October zeigte das Thermometer nur vier Grad unter Null (-20° hunderttheilig). Es brach ein äußerst heftiger Sturm los, und die mit dichtem Schnee gefüllte Luft ließ keinen Lichtstrahl zum Forward gelangen. Einige Stunden lang war man unruhig über Bell's und Simpson's Schicksal, welche sich auf der Jagd zu weit entfernt hatten; sie kamen erst am folgenden Morgen wieder an Bord, nachdem sie einen ganzen Tag lang in ihr Hirschfell gehüllt gelegen, während der Sturm den Luftraum über ihnen fegte und sie unter einer fünf Fuß dicken Schneedecke begrub. Sie wären fast erfroren, und der Doctor konnte nur mit viel Mühe die Blutcirculation wiederherstellen. Das Unwetter dauerte acht Tage lang ohne Unterbrechung. Man konnte keinen Schritt hinausgehen. Nur einen einzigen Tag fand eine Abwechselung der Temperatur um fünfzehn und zwanzig Grad statt. Während dieser nothgedrungenen Unthätigkeit lebte jeder für sich besonders, die Einen schlafend, die Anderen rauchend; gewisse Leute unterhielten sich leise, und brachen ab, wenn Johnson oder der Doctor nahe kam; es bestand zwischen den Leuten der Bemannung kein moralisches Band mehr; sie kamen nur noch zu dem gemeinsam verrichteten Abendgebet zusammen, und Sonntags für den Gottesdienst und das Bibellesen. Clifton hatte sich genau ausgerechnet, daß, nachdem sie über den achtundsiebenzigsten Grad hinausgedrungen, sein Antheil an der Prämie sich auf dreihundertfünfundsiebenzig Pfund belief; ihm war die Summe schon rund genug, und sein Trachten ging nicht eben weiter. Man theilte gerne seine Meinung, und sann darauf, dies mit so viel Strapazen erworbene Vermögen zu genießen. Hatteras war fortwährend fast unsichtbar; er nahm weder an der Jagd, noch am Spaziergang Theil; die meteorologischen Erscheinungen, welche die Bewunderung des Doctors erregten, interessirten ihn nicht im Mindesten. Seine Seele war nur von einem einzigen Gedanken erfüllt, der sich in dem Wort aussprach: Der Nordpol. Er dachte nur an den Moment, da der Forward endlich frei seine abenteuerliche Fahrt fortsetzen würde. Kurz, die allgemeine Stimmung an Bord war eine düstere. Während dieser unbeschäftigten Stunden ordnete der Doctor seine Reisenotizen; er war nie ohne Thätigkeit, und seine gute Laune unveränderlich. Doch war er froh, als das Unwetter ein Ende hatte, um seine gewohnten Jagdausflüge zu machen. Am 3. November, um 6 Uhr Vormittags, bei einer Temperatur von fünf Grad unter Null (-21° hunderttheilig) zog er wieder aus in Gesellschaft von Johnson und Bell; auf den in dem letzten Tagen reichlich gefallenen und festgefrorenen Schnee war es leicht zu gehen; die Kälte war trocken und empfindlich; der Mond glänzte in unvergleichlicher Reinheit, daß die Jäger lange Schatten auf die Fläche hinwarfen. Der Doctor hatte seinen Freund Duk bei sich, der witternd des Weges lief und oft stand bei einer noch frischen Spur. Doch trotzdem waren die Jäger nach zwei Stunden nicht einmal auf einen Hasen gestoßen. »Hat denn auch das Wild Lust bekommen, südwärts zu wandern? sagte der Doctor. – Man sollte es meinen, Herr Clawbonny, erwiderte der Zimmermann. – Ich meinestheils glaube es nicht, versetzte Johnson; Hasen, Füchse, Bären sind hier in ihrem Klima; meiner Ansicht nach hat der letzte Sturm ihr Verschwinden verursacht; aber mit den Südwinden werden sie bald wieder kommen. Ja, wenn Sie von Renthieren und Bisonochsen sprächen, wäre es anders. – Und doch finden sich diese Thiere auf der Insel Melville zahlreich truppweise, fuhr der Doctor fort; sie liegt doch südlicher, und Parry hat bei seinen Winteraufenthalten von diesem prächtigen Wildpret stets soviel gehabt, als er nur wollte. – Wir, sind nicht so gut daran, erwiderte Bell; könnten wir nur Bärenfleisch genug haben, so hätten wir uns nicht zu beklagen. – Darin liegt eben die Schwierigkeit, entgegnete der Doctor; die Bären scheinen mir sehr selten und wild. – Bell spricht von Bärenfleisch, fuhr Johnson fort; aber das Fett dieses Thieres wäre uns jetzt noch wünschenswerther, als sein Fleisch und Pelz. – Du hast Recht, Johnson, erwiderte Bell, daß Deine Gedanken auf Brennmaterial stehen? – Darauf muß man wohl denken, selbst bei größter Sparsamkeit haben wir für keine drei Wochen mehr! – Ja, versetzte der Doctor, darin liegt eine wirkliche Gefahr, denn wir sind erst im Anfang Novembers, und der Februar ist in den Eisregionen der kälteste Monat im Jahre; doch können wir in Ermangelung von Bärenfett auf Robbenfett rechnen. – Nicht lange mehr, Herr Clawbonny, erwiderte Johnson, es wird nicht lange dauern, so werden uns diese Thiere meiden; mag Kälte oder Schrecken die Ursache sein, wir werden sie nicht lange mehr auf den Eisblöcken zu sehen bekommen. – Dann, fuhr der Doctor fort, müssen wir uns, sehe ich wohl, durchaus auf die Bären beschränken; das ist offenbar das nützlichste Thier dieser Gegenden, denn es kann für sich allein dem Menschen seine notwendigsten Bedürfnisse, Nahrung, Kleidung, Licht und Brennstoff, liefern. Hörst Du, Duk, sprach der Doctor liebkosend zu dem Hund, Bären brauchen wir; also, mein Freund, such'! spür' auf!« Duk, der eben die Eisfläche auswitterte, folgte dem schmeichelnden Auftrag des Doctors, und rannte pfeilschnell davon. Er bellte lebhaft, daß trotz seiner Entfernung sein Bellen laut von den Jägern vernommen wurde. Es ist zum Erstaunen, wie weit in den niedern Temperaturen der Ton reicht; es ist gerade wie mit dem Sternenlicht am Polar-Himmel; die Lichtstrahlen und die Tonwellen pflanzen sich auf beträchtliche Entfernung fort, zumal bei der trockenen Kälte bei Nacht. Die Jäger, diesem fernen Bellen folgend, eilten dem Duk nach; sie hatten eine Meile zurückzulegen, und kämen athemlos an, denn in solcher Atmosphäre verliert man leicht den Athem. Duk stand kaum fünfzig Schritte von einer enormen Gestalt, die auf dem Gipfel eines Hügels sich hin und her bewegte. »Da haben wir es ja nach Wunsch! rief der Doctor, und lud sein Gewehr. – Ein Bär, meiner Treu', ein hübscher Bär, sagte Bell. – Ein ausgezeichneter Bär«, sagte Johnson, und behielt sich vor, seine beiden Gefährten zuerst schießen zu lassen. Duk bellte wüthend. Bell ging zwanzig Schritte, vor, und feuerte; aber er schien nicht getroffen zu haben, denn das Thier fuhr fort, seinen Kopf plump hin und her zu wiegen. Nun trat auch Johnson vor, und schoß nach sorgfältigem Zielen. »Schön! rief der Doctor; abermals nichts! Ei! Die verdammte Strahlenbrechung! Wir sind noch nicht in Schußweite; daran gewöhnt man sich nicht leicht! Dieser Bär ist noch über tausend Schritte entfernt! – Vorwärts!« erwiderte Bell. Die drei Kameraden stürzten nun flugs auf das Thier zu, welches durch die Schüsse gar nicht scheu geworden war; es schien von stattlicher Größe zu sein, und die Jäger freuten sich schon ihrer Beute. Als sie in gehörige Schußweite kamen, feuerten sie, und der Bär, ohne Zweifel tödtlich getroffen, stürzte mit einem gewaltigen Satz zum Fuß des Hügels herab. Duk rannte hin. »Den Bär zu erlegen, sagte der Doctor, wird nicht schwer gewesen sein. – Nur drei Schüsse, erwiderte Bell verächtlich, und er liegt schon auf dem Boden. – Es ist sogar auffallend, sagte Johnson. – Sofern wir nicht gerade im Moment kamen, da er Alters halber im Sterben war, versetzte lachend der Doctor. – Wahrhaftig, alt oder jung, entgegnete Bell, ist es immer gute Beute.« Während dieses Gespräches kamen die Jäger zu dem Hügel, und fanden zu großem Erstaunen Duk hitzig über dem Leichnam eines weißen Fuchses! »Ei! Potz tausend, rief Bell, das ist ein starkes Stück! – Wahrhaftig, sagte der Doctor, wir erlegen einen Bären, und ein Fuchs fällt!« Johnson wußte nicht recht, was er sagen sollte. »Schön! rief der Doctor mit hellem Lachen und einigem Aerger dabei; abermals die Strahlenbrechung! – Wie verstehen Sie das, Herr Clawbonny? fragte der Zimmermann. – Ei! mein Freund, die Strahlenbrechung hat uns, wie über die Entfernung, so auch über die Größe getäuscht, so daß wir unter der Haut eines Fuchses einen Bären zu sehen meinten! So versehen sich oft die Jäger im gleichen Falle! Nun! Das haben wir unserer Phantasie zu verdanken. – Meiner Treu', erwiderte Johnson, Bär oder Fuchs, man wird ihn gleichwohl verzehren. Nehmen wir ihn mit.« Aber, als der Rüstmeister das Thier auf seine Schultern laden wollte, rief er: »Das ist aber noch ein stärkeres Stück! – Was ist denn? fragte der Doctor. – Schauen Sie, Herr Clawbonny, hier, ein Halsband trägt dies Thier! – Ein Halsband?« versetzte der Doctor, und beugte sich über das Thier. Wirklich, es war da ein kupfernes Halsband mitten im weißen Pelz zu sehen; der Doctor glaubte eine Inschrift zu bemerken; mit einem Griff machte er es von dem Halse los, woran es seit langer Zeit geschmiedet schien. »Was hat das zu bedeuten? fragte Johnson. – Das bedeutet, erwiderte der Doctor, daß wir einen Fuchs erlegt haben, der über zwölf Jahre alt ist, meine Freunde, einen Fuchs, den James Roß 1848 gefangen hatte. – Ist es möglich! rief Bell. – Ohne allen Zweifel; es ist mir leid, daß wir das arme Thier erlegt haben! James Roß kam während seines Winteraufenthaltes auf den Gedanken, eine Menge weißer Füchse in Schlingen zu fangen; diesen ließ er ein kupfernes Halsband anschmieden, mit einer Aufschrift, welche die Namen seiner Schiffe Enterprise und Investigator bezeichnete, und die Niederlage von Lebensmitteln angab. Diese Thiere streifen; wenn sie ihre Nahrung suchen, über weit ausgedehnte Landstrecken, und James Roß hoffte, es möchte eins von den Thieren einigen Leuten von Franklin's Expedition in die Hände gerathen. Dies erklärt Alles. – Wahrhaftig, wir wollen es nicht verzehren, sagte Johnson; zudem, ein zwölf Jahre alter Fuchs! Jedenfalls wollen wir sein Fell aufbewahren zum Zeugniß des merkwürdigen Ereignisses.« Johnson lud das Thier auf seine Schultern. Die Jäger kehrten nach dem Schiff zurück, indem sie sich durch die Sterne orientirten. Ihr Ausflug war doch nicht ganz ohne Ergebniß, sie konnten noch einige Paar Ptarmigans erlegen. Eine Stunde bevor sie wieder zum Forward kamen, trat ein Naturereigniß ein, das den Doctor im höchsten Grad in Erstaunen setzte: ein wahrer Regen von Sternschnuppen. Man konnte sie auf Tausende schätzen, wie die Raketen bei einem Kunstfeuerwerk, blendend weiß; das Mondlicht dagegen war bleich. Man konnte sich an dem Phänomen nicht satt sehen, das einige Stunden lang dauerte. Als der Doctor sich wieder an Bord befand brachte er die ganze Nacht damit zu, den Lauf des Meteores zu verfolgen, das erst gegen sieben Uhr früh, inmitten tiefer Stille der Atmosphäre verschwand. Sechsundzwanzigstes Capitel. Das letzte Bröcklein Kohle. Bären zu erjagen, schien durchaus nicht möglich; man erlegte während des 4., 5. und 6. November einige Robben, darauf, als der Wind umschlug, stieg die Temperatur um einige Grade; aber die Schneegestöber begannen von Neuem mit einer Heftigkeit ohne Gleichen. Das Schiff zu verlassen, ward unmöglich, und man hatte große Noth, um die Feuchtigkeit zu beseitigen. Am 15. November änderte sich die Witterung abermals, und unter Einwirkung gewisser atmosphärischer Bedingungen sank das Thermometer auf vierundzwanzig Grad unter Null (-31° hunderttheilig). Dies war die niedrigste bis jetzt beobachtete Temperatur. Diese Kälte wäre bei ruhiger Luft erträglich gewesen; aber der Wind wehte schneidend scharf. Bei einer solchen Kälte bringt jede heftige Bewegung leicht außer Athem. Ein Mann kann dann kaum den vierten Theil seiner gewöhnlichen Arbeit fertig bringen; es wird unmöglich, eiserne Geräthschaften anzufassen; nimmt man solche unvorsichtig in die Hand, so empfindet diese einen Schmerz, wie bei einer Brandwunde und Fetzen ihrer Haut bleiben an dem unvorsichtig angefaßten Gegenstand hängen. Da also die Mannschaft auf das Schiff beschränkt war, mußte sie täglich einige Stunden lang auf dem überdachten Verdeck zubringen, wo ihr auch das Rauchen verstattet war, denn im gemeinschaftlichen Saal war es untersagt. Hier wurden, sobald das Feuer ein wenig nachließ, die Wände und Fugen des Fußbodens sogleich mit Eis überzogen; es war kein Bolzen oder Nagel von Eisen, keine metallene Platte, die nicht sogleich damit bedeckt ward. Der Athem der Menschen verdichtete sich in der Luft, und fiel sogleich wieder als Schnee nieder. Nur einige Fuß vom Ofen ab bekam die Kälte wieder volle Kraft, und die Leute hielten sich dicht gedrängt nächst dem Feuer. Doch rieth ihnen der Doctor, sich abzuhärten, und an diese Temperatur, mit welcher man gewiß noch länger zu kämpfen haben würde, zu gewöhnen. Er rieth ihnen, ihre Oberhaut allmälig an diese starke Kälte zu gewöhnen, und ging mit dem Beispiel voran; aber die meisten blieben aus Trägheit an ihrer Stelle, wollten nicht wanken noch weichen, und schliefen lieber in dieser nachtheiligen Wärme ein. Indessen war es, nach des Doctors Ansicht, durchaus nicht gefährlich, vom erwärmten Saal heraus sich einer großen Kälte auszusetzen; solch schroffer Uebergang ist nur dann nachtheilig, wenn man feucht von Schweiß ist; der Doctor stützte seinen Rath auf Beispiele, aber er predigte tauben Ohren. John Hatteras schien die Wirkung dieser Temperatur nicht zu spüren; er ging schweigend auf und ab, weder schneller noch langsamer. War seine Leibesbeschaffenheit so energisch? Besaß er in höherm Grade das natürliche Wärmeprincip, worauf er bei der Wahl seiner Matrosen bedacht war? Wirkte seine fixe Idee stählend den äußern Einwirkungen entgegen? Seine Leute sahen nur mit Staunen, wie er diesen vierundzwanzig Grad unter Null Trotz bot; er verließ Stunden lang das Schiff, und wann er zurückkam, sah man keine Spuren der Kälte in seinem Angesicht. »Ein seltsamer Mann, sagte der Doctor zu Johnson; er setzt mich selbst in Staunen! Er ist eine der kräftigsten Naturen, die ich in meinem Leben studirt habe! – Die Hauptsache ist, erwiderte Johnson, daß er in freier Luft ab und zu und umher geht, ohne wärmere Bekleidung als im Juni. – O! Die Bekleidung macht wenig aus, erwiderte der Doctor; wozu nützt warme Bekleidung, wenn man nicht den Wärmequell in sich selbst hat? Durch Einwickeln in eine wollene Decke kann man nicht ein Stück Eis warm machen! Hatteras bedarf dessen nicht, es liegt in seiner Constitution.« Johnson, der den Auftrag hatte, jeden Morgen die Feuerstätte zugänglich zu machen, bemerkte, daß das Eis mehr als zehn Fuß dick war. Fast jede Nacht konnte der Doctor prachtvolles Nordlicht beobachten; von vier bis acht Uhr Abends war der Himmel im Norden leicht gefärbt; nachher nahm die Färbung die regelmäßige Form eines blaßgelben Saumes an, dessen Enden sich wie ein Bogen auf das Eisfeld stützten. Allmälig hob sich der glänzende Gürtel am Himmel in Gemäßheit des magnetischen Meridians, und erschien schwärzlich gestreift; Strahlen eines leuchtenden Stoffs liefen von da aus, verlängerten sich mit bald stärkerm, bald schwächerm Glanz; war das Meteor bis zu seinem Zenith gekommen, so bestand es oft aus mehreren Bogen, die sich in rothen, gelben oder grünen Lichtwogen badeten: ein unvergleichliches Schauspiel zum Verblenden. Bald neigten sich die verschiedenen krummen Linien in einem einzigen Punkt und bildeten Kronen von himmlischer Pracht. Endlich drängten sich die Bogen zusammen, das glänzende Nordlicht erbleichte, die hellleuchtenden Strahlen zerflossen in blassen, unsteten, unbestimmten Schein, und das wundervolle Phänomen, abgeschwächt und fast erloschen, verschwand unmerklich in dem düstern Gewölk des Südens. Das Zauberhafte eines solchen Schauspiels unter den hohen Breitegraden, mindestens acht Grad vom Pol, ist kaum zu begreifen; die in den gemäßigten Zonen sichtbaren Nordlichter geben auch nicht eine schwache Idee davon. Ebenso erschienen zur Zeit des Mondscheins häufig Nebenmonde, indem mehrere Bilder desselben sich am Himmel zeigten und seinen Glanz vermehrten; auch sah man oft einfache Mondringe um das Nachtgestirn herum, welches im Mittelpunkt eines Lichtkreises im starken Glanze leuchtete. Am 26. November trat eine starke Fluth ein, und das Wasser drang mit Heftigkeit aus der Feuergrube; die dichte Eisdecke ward durch das Steigen des Meeres gleichsam erschüttert, und unheimliches Krachen verkündigte den unterseeischen Kampf; zum Glück hielt das Schiff in seinem Lager fest, und nur seine Ketten rasselten; übrigens hatte sie Hatteras vorsichtig festmachen lassen. Die folgenden Tage waren noch kälter; der Himmel war mit durchdringendem Nebel bedeckt; der Wind wirbelte den Schnee bis zum Himmel empor. Die Mannschaft beschäftigte sich innen mit verschiedenen Arbeiten, hauptsächlich mit Zubereitung des Fettes und Oeles der Robben; sie wurden Eisblöcke, die man mit dem Beil bearbeitete zu Stücken, die hart wie Marmor waren, und zehn Tonnen füllten. Dasselbe flüssig in die Gefäße zu füllen wäre unthunlich gewesen, weil diese beim Gefrieren zersprungen waren. Am 28. fiel das Thermometer auf zweiunddreißig Grad unter Null (-36° hunderttheilig); es waren nur noch für zehn Tage Kohlen vorhanden, und jeder sah mit Schrecken dem Zeitpunkt entgegen, wo das Brennmaterial ausgehen würde. Hatteras ließ aus Sparsamkeit den Ofen des Hinterdecks nicht mehr heizen, und von nun an mußten Shandon, der Doctor nebst ihm selbst sich im gemeinschaftlichen Saal der Mannschaft aufhalten. Dadurch war Hatteras in beständiger Berührung mit seinen Leuten, welche stumpfe und erbitterte Blicke auf ihn warfen. Er bekam ihre Beschuldigungen und Vorwürfe, selbst Drohungen zu hören, und konnte nicht gegen sie verfahren. Uebrigens schien er taub gegen alle Bemerkungen. Den nächsten Platz am Feuer begehrte er nicht, und saß in einer Ecke, die Hände im Schoos, ohne ein Wort zu reden. Trotz aller Mahnungen des Doctors weigerten sich Pen und seine Freunde, die geringste Uebung vorzunehmen; sie brachten ganze Tage neben dem Ofen auf ihre Ellenbogen gestützt hin, oder unter den Decken ihrer Hängematten. Daher wurde auch bald ihr Gesundheitszustand schlimm; sie konnten dem verderblichen Einfluß des Klimas nicht widerstehen, und es zeigte sich an Bord das fürchterliche Leiden des Scorbut. Der Doctor hatte indessen seit langer Zeit angefangen, jeden Morgen Citronensaft und Kalkpastillen auszutheilen; aber diese Präservativmittel, so wohlthätig sie gewöhnlich sind, wirkten kaum merklich auf die Kranken, das Uebel hatte seinen Verlauf und zeigte bald die schrecklichsten Symptome. Wie jämmerlich der Anblick der vor Schmerzen zuckenden Nerven und Muskeln! Die Beine schwollen den Kranken außerordentlich und waren mit großen blauschwarzen Flecken bedeckt; das blutende Zahnfleisch, die geschwollenen Lippen ließen nur unarticulirte Töne vernehmen; bei dem verdorbenen Blut drang das Leben nicht mehr zu den äußersten Körpertheilen. Clifton wurde zuerst von der fürchterlichen Krankheit befallen; bald auch konnten Gripper, Brunton, Strong ihre Hängematte nicht mehr verlassen. Die, welche verschont blieben, konnten sich dem Anblick dieser Leiden nicht entziehen; es gab kein anderes Obdach, als der eine gemeinsame Saal; da mußte man sich aufhalten. Daher verwandelte er sich rasch in ein Spital; denn von den achtzehn Mann des Forward wurden bald dreizehn vom Scorbut heimgesucht. Pen schien durch seine starke Natur der Ansteckung zu widerstehen; bei Shandon zeigten sich die ersten Symptome des Leidens; aber es schritt nicht weiter voran, und seine Arbeit hielt seinen Gesundheitszustand aufrecht. Der Doctor pflegte die Kranken mit der größten Hingebung, und das Herz wollte ihm brechen beim Anblick der Leiden, welche er nicht zu lindern vermochte. Dennoch regte er soviel wie möglich heitern Sinn bei der Mannschaft an; seine Worte, Tröstungen, Bemerkungen, guten Einfälle unterbrachen die Einförmigkeit dieser langen Schmerzenstage; er las laut vor, und wußte heitere Geschichten zu erzählen, während die noch gesunden Leute dicht um den Ofen herum saßen; aber manchmal ward er durch das Jammern, das verzweifelnde Schreien der Kranken unterbrochen; da brach er seine Geschichte ab und ward wieder der achtsame, liebevolle Arzt. Uebrigens dauerte seine Gesundheit aus; er ward nicht mager, seine Wohlbeleibtheit war ihm die beste Kleidung, und er sagte, es bekomme ihm recht gut daß die Natur ihn gleich einem Robben oder Wallfisch ausgestattet habe, welche ihrem dicken Fett verdanken, daß sie die Strenge des Polarklimas leicht ertragen. Hatteras hatte weder physisch noch moralisch zu leiden; es schienen ihn nicht einmal die Leiden seiner Mannschaft zu rühren. Vielleicht hielt er nur seine Gemüthsbewegungen zurück; und ein achtsamer Beobachter hätte wohl bisweilen bemerkt, daß unter der eisernen Umhüllung ein Menschenherz schlug. Das Thermometer sank noch mehr; der Spazierplatz des Verdecks blieb leer; nur die Eskimo-Hunde liefen mit kläglichem Bellen darauf herum. Unter solchen unsäglichen Qualen kam der 8. December heran. An diesem Morgen, als der Doctor, wie gewöhnlich, nach dem außen befindlichen Thermometer sah, fand er das Quecksilber in der Kugel fest gefroren. »Vierundvierzig Grad unter Null!« sagte er mit Schrecken. Und an diesem Tage schob man das letzte Stücklein Kohle in den Ofen. Siebenundzwanzigstes Capitel. Die große Weihnachtskälte. Das war ein Moment zum Verzweifeln. Sterben, vor Kälte zu sterben, der Gedanke trat schauerlich vor die Seele; das letzte Stück Kohle brannte mit unheimlichem Knistern; bereits drohte das Feuer auszugehen, und die Temperatur des Saales fiel merklich. Aber Johnson holte nun einige Stücke des neuen Brennmaterials, das ihm die Seethiere geliefert hatten, und füllte damit den Ofen; er fügte Werg zu dem gefrorenen Oel, und bekam bald hinreichende Wärme. Der Geruch dieses Fettes war zwar unausstehlich; aber wie konnte man ihn los werden? Man mußte sich darein ergeben. Johnson gab selbst zu, daß sein Hilfsmittel etwas zu wünschen übrig lasse, und in den Bürgerhäusern Liverpools gar nicht anwendbar wäre. Und doch, fügte er bei, führt dieser widerliche Geruch vielleicht noch anderes Gute herbei. – Und was denn? fragte der Zimmermann. – Ohne Zweifel wird er die Bären dieser Küste herbeilocken, denn sie sind auf diese Dünste erpicht. – Gut, entgegnete Bell, und muß man denn Bären haben? – Freund Bell, erwiderte Johnson, auf die Robben dürfen wir nicht mehr rechnen; sie sind für lange Zeit verschwunden; wenn die Bären nicht ihrer Seits zu dem Brennstoff ihren Beitrag liefern, weiß ich nicht, was aus uns werden soll. – Du hast Recht, Johnson; unser Schicksal ist noch lange nicht gesichert; diese Lage ist zum Erschrecken. Und wenn diese Gattung Brennmaterial uns abgeht, seh' ich kein Mittel weiter ... – Es gäbe noch eins! ... – Noch eins? erwiderte Bell. – Ja, Bell! Wenn es zum Verzweifeln ist... aber nie wird der Kapitän ... Und doch, er muß vielleicht darauf kommen.« Der alte Johnson schüttelte traurig den Kopf, und verfiel in stille Gedanken, woraus Bell ihn nicht reißen wollte. Er wußte, daß diese so mühsam erworbenen Stücke Fett trotz strengster Sparsamkeit nicht für acht Tage reichen würden. Der Rüstmeister hatte sich nicht geirrt. Die stinkenden Dünste zogen einige Bären herbei; die noch gesunden Männer machten Jagd auf sie; aber diese Thiere sind mit einer merkwürdigen Schnelligkeit begabt, und mit einer Feinheit, woran alle Listen scheitern. Man konnte ihnen nicht mehr nahe kommen, und die geschicktesten Kugeln konnten sie nicht erreichen. Die Mannschaft der Brigg war ernstlich in Gefahr, vor Kälte zu sterben. Es war unmöglich, achtundvierzig Stunden bei einer solchen Temperatur auszuhalten. Jeder sah mit Schrecken den Zeitpunkt herankommen, da man mit dem letzten Stück Kohle zu Ende sein werde. Das war nun am 20. December, um drei Uhr Nachmittags, der Fall; das Feuer erlosch; die Matrosen um den Ofen herum sahen sich starr an. Hatteras rührte sich nicht in seiner Ecke; der Doctor ging, wie gewöhnlich, lebhaft hin und her; er wußte nicht mehr, worauf er sinnen sollte. Die Temperatur fiel im Saal plötzlich auf sieben Grad unter Null (-22° hunderttheilig). Aber wußte der Doctor nicht mehr, was anzufangen, so wußten es andere. Shandon, kalt und entschlossen, Pen mit zornigem Blick, und einige ihrer Kameraden, die sich noch fortschleppen konnten, traten zu Hatteras. »Kapitän«, sagte Shandon. Hatteras, in diese Gedanken verloren, hörte ihn nicht. »Kapitän«, wiederholte Shandon, und rührte ihn mit der Hand an. Hatteras richtete sich auf. »Mein Herr, sagte er. – Kapitän, wir haben kein Feuer mehr. – Nun? erwiderte Hatteras. – Ist Ihre Absicht, daß wir vor Kälte umkommen, fuhr Shandon ironisch fort, so setzen Sie uns gefälligst davon in Kenntniß. – Meine Absicht, erwiderte Hatteras, geht dahin, daß Jeder seine Schuldigkeit thue bis an's Ende. – Es giebt etwas, was noch über die Schuldigkeit geht, Kapitän, nämlich das Recht der Selbsterhaltung. Ich wiederhole Ihnen, daß wir kein Feuer mehr haben, und wenn das so fortgeht, ist in zwei Tagen keiner von uns mehr am Leben! – Ich habe kein Holz, erwiderte Hatteras dumpf. – Ei nun! rief Pen mit Nachdruck, wenn man kein Holz mehr hat, holt man sich's, wo man es findet.« Hatteras erblaßte vor Zorn. »Wo meint Ihr? sagte er. – An Bord, erwiderte unverschämt der Matrose. – An Bord! wiederholte der Kapitän, mit geballter Faust und funkelnden Augen. – Allerdings, erwiderte Pen, wenn das Schiff nicht mehr taugt, seine Mannschaft zu tragen, verbrennt man's.« Als Pen diesen Satz anfing, ergriff Hatteras ein Beil und schwang es dem Pen über den Kopf. »Elender!« rief er. Der Doctor stürzte dazwischen und drängte Pen zurück; das Beil fiel zu Boden. Johnson, Bell, Simpson umgaben ihn, schienen zu seinem Beistand entschlossen. Aber kläglich jammernde Stimmen hörte man von den Krankenlagern. »Feuer! Feuer!« riefen die unglücklichen Kranken, denen die Kälte unter ihre Decken drang. Hatteras sprach, nach einer kleinen Pause, mit ruhigem Ton: »Wenn wir unser Schiff zerstören, wie kommen wir wieder nach England? – Mein Herr, erwiderte Johnson, man könnte vielleicht ohne Nachtheil die weniger nutzbaren Theile verbrennen, das Plattbord, die Geländer ... – Es blieben uns immer noch die Schaluppen, fuhr Shandon fort; und dann, wer hinderte uns, ein anderes kleineres aus den Trümmern des alten zu zimmern? ... – Niemals! erwiderte Hatteras. – Aber ... riefen mehrere Matrosen laut ... – Wir haben Weingeist in großer Menge, erwiderte Hatteras, den verbrennt bis zum letzten Tropfen. – Nun, Weingeist geht an!« erwiderte Johnson, mit geheucheltem Vertrauen. Und mit breiten Dochten, die man mit dieser Flüssigkeit tränkte und in den Ofen steckte, vermochte man die Temperatur des Saales um einige Grad zu erhöhen. Während der folgenden Tage schlug der Wind um, das Thermometer stieg wieder; der Schnee wirbelte in minder strenger Luft. Einige der Leute konnten in den nicht so feuchten Tagesstunden das Schiff verlassen; aber Augenleiden und Scorbut hielten die meisten derselben an Bord; zudem waren weder Jagd noch Fischfang möglich. Übrigens war es nur eine Unterbrechung der argen Kälte, und als am 25. der Wind unversehens wieder umschlug, gefror das Quecksilber abermals; man griff zum Weingeistthermometer, da diese Flüssigkeit bei ärgster Kälte nicht gefriert. Der Doctor fand mit Schrecken sechsundsechzig Grad unter Null (-54° hunderttheilig), eine Kälte, die kaum jemals Menschen zu bestehen hatten. Das Eis verbreitete sich in langen trüben Spiegeln auf dem Fußboden; dichter Nebel durchdrang den Saal; die Feuchtigkeit sank als dichter Schnee nieder; man konnte sich nicht mehr sehen; im menschlichen Körper zog sich die Wärme von den äußeren Theilen zurück; Füße und Hände wurden blau; der Kopf war wie mit eisernem Reif umspannt, und der verwirrte Gedanke nahte dem Wahnsinn. Erschreckliches Symptom: die Zunge vermochte nicht mehr ein Wort deutlich hervorzubringen. Seit dem Tage, da man Hatteras drohte sein Schiff zu verbrennen, trieb er sich Stunden lang auf dem Verdeck herum, dasselbe zu überwachen, zu hüten. Dies Holz war ihm so werth, wie sein eigen Fleisch; hieb man ein Stück davon ab, so schnitt man ihm ein Glied vom Leibe. Mit der Waffe in der Hand hielt er Wache, unempfindlich gegen Kälte, Schnee, Eis; seine Kleider wurden steif, als stecke er in einem Panzer von Granit. Duk verstand ihn, und leistete ihm Gesellschaft mit Bellen und Heulen. Doch am 25. December, als er in den gemeinschaftlichen Saal hinab kam, nahm der Doctor den Rest seiner Energie zusammen und ging stracks auf ihn zu. »Hatteras, sprach er, wir kommen um aus Mangel an Feuer. – Niemals! sagte Hatteras, der wohl wußte, worauf er abzielte. – Es ist dringend nöthig, fuhr der Doctor leise fort. – Niemals, fuhr Hatteras mit Nachdruck fort, ich gebe nie meine Einwilligung dazu! Thu man's wider meinen Willen, wenn man will!« Damit war Freiheit zu handeln gegeben. Johnson und Bell stürzten auf's Verdeck. Hatteras hörte das Holz seiner Brigg unter Beilhieben krachen; es traten ihm Thränen in die Augen. Es war eben Weihnachten, das Familienfest, die Kinderfreude in England um den grünen Baum herum. Hier aber Schmerz, Verzweiflung, Jammer im höchsten Grad, und zum Weihnachtsscheit diese Stücke Holz von dem in eisiger Zone verlorenen Schiff. Inzwischen kam in Folge des Feuers den Matrosen Empfindung und Geisteskraft wieder; heißer Thee oder Kaffee bewirkten augenblickliches Wohlbehagen, und die Hoffnung haftet so fest im Geist, daß man wieder Hoffnung faßte. Mit solchen Gegensätzen schloß dieses unselige Jahr 1860, dessen vorzeitiger Winter die kühnen Pläne Hatteras' vereitelte. Nun begab sich gerade am 1. Januar 1861 eine ganz unerwartete Entdeckung. Es war etwas weniger kalt; der Doctor hatte seine Studien wieder vorgenommen und las die Berichte Sir Edward Belcher's über seine Expedition in die Polarmeere. Plötzlich traf er mit Erstaunen auf eine bisher nicht bemerkte Stelle; er las sie wiederholt; sie war nicht mißzuverstehen. Sir Edward Belcher erzählte, er habe am Ende des Canals der Königin wichtige Spuren eines Aufenthalts von Menschen entdeckt. »Es sind, sagte er, Reste von Wohnungen, die weit besser sind, als Alles, was man den herumstreifenden Eskimostämmen zuschreiben kann. Ihre Wände stehen fest im tief aufgegrabenen Boden; der mit schönem Kies bedeckte Fußboden im Innern war gepflastert. Gebeine von Rennthieren, Seekühen, Robben sieht man da in Menge. Wir trafen auch Kohlen an .« Bei diesen letzten Worten kam dem Doctor ein Gedanke; er nahm sein Buch und theilte es Hatteras mit. »Kohlen! rief dieser aus. – Ja, Hatteras, Kohlen; das will heißen unsere Rettung. – Kohlen! an dieser unbewohnten Küste! fuhr Hatteras fort. Nein, das ist nicht möglich! – Weshalb daran zweifeln, Hatteras? Belcher hätte von so einer Thatsache nicht gesprochen, ohne mit eigenen Augen gesehen zu haben. – Nun, demnach, Doctor? – Wir sind keine hundert Meilen von der Küste entfernt, wo Belcher die Kohlen sah! Was will ein Ausflug von hundert Meilen bedeuten? Nichts. Man hat oft über's Eis hin weit größere Untersuchungsfahrten, und bei ebenso hoher Kälte gemacht. Also wollen wir uns auf den Weg machen, Kapitän! – Wir wollen hin!« rief Hatteras, der sich schnell entschloß, und mit beweglicher Phantasie sah er darin Aussicht auf Rettung. Johnson wurde sogleich von diesem Entschluß in Kenntniß gesetzt, und billigte ganz das Vorhaben; er theilte es seinen Kameraden mit; die einen nahmen es beifällig auf, die anderen mit Gleichgültigkeit. »Kohlen an jenen Küsten! sagte Wall aus seinem Schmerzenslager heraus. – Lassen wir sie nur gewähren«, erwiderte Shandon geheimnißvoll. Aber ehe noch die Vorbereitungen zur Reise gemacht wurden, fand Hatteras für gut, die Lage des Forward auf's Genaueste festzustellen. Die Wichtigkeit dieser Berechnung ist leicht erklärlich, und weshalb man diese Lage mathematisch genau kennen mußte. War man einmal vom Schiff entfernt, so konnte man es ohne sehr genaue Angaben nicht wieder finden. Hatteras begab sich also auf's Verdeck, und nahm zu verschiedenen Malen mehrere Mond-Abstände und die Meridianhöhe der hauptsächlichen Sterne auf. Diese Beobachtungen boten ernstliche Schwierigkeiten dar, denn bei dieser niederen Temperatur wurden die Spiegel der Instrumente von Hatteras' Athem mit einer Eisschichte bedeckt. Doch gelang es ihm, sehr genaue Grundlagen für seine Berechnungen zu bekommen und er kam in den Saal zurück, seine Rechnung anzustellen. Als er damit fertig war, richtete er mit Staunen den Kopf auf, nahm seine Karte, notirte sein Ergebniß und sah den Doctor an. »Nun? fragte dieser. – Unter welcher Breite befanden wir uns beim Anfang unsers Winterlagers? – Unter achtundsiebenzig Grad fünfzig Minuten Breite, und fünfundneunzig Grad fünfunddreißig Minuten Länge, gerade am Kältepol. – Dann, fügte Hatteras leise bei, treibt unser Eisfeld! Wir befinden uns eben zwei Grad weiter nördlich und weiter nach Westen, wenigstens dreihundert Meilen von Ihrer Kohlenniederlage entfernt! – Und diese Unglücklichen wissen's nicht! ... rief der Doctor. – Stille!« sagte Hatteras und hielt den Finger auf seine Lippen. Achtundzwanzigstes Capitel. Vorbereitungen zur Abreise. Hatteras wollte seine Schiffsmannschaft nicht mit der neuen Situation bekannt machen. Er hatte Recht. Wahrscheinlich hätten diese Leute, wenn sie inne wurden, daß eine unwiderstehliche Gewalt sie weiter nach Norden trieb, aus Verzweiflung irgend welche Thorheiten begangen. Der Doctor verstand den Kapitän und billigte sein Schweigen vollkommen. Die Empfindungen, welche diese neue Entdeckung in ihm hervorrief, verschloß der Letztere in seinem Innern. Er hatte den ersten glücklichen Augenblick nach den langen gegen die Mißgunst der Elemente durchkämpften Monaten. Er war ja 150 Meilen weiter gen Norden getrieben – kaum noch 8 Breitegrade vom Pol entfernt! Doch verbarg er seine Freude darüber so tief, daß selbst der Doctor keine Ahnung davon hatte; er bemerkte wohl, daß Hatteras' Augen in so ungewöhnlichem Glanze strahlten, doch das war auch Alles, und die naheliegende Erklärung dafür kam ihm gar nicht in den Sinn. Mit der Annäherung an den Nordpol hatte sich der Forward nicht wenig von dem durch Sir Edward Belcher entdeckten Kohlenlager entfernt; statt hundert waren jetzt, um dasselbe aufzusuchen, zweihundertfünfzig Meilen bis dahin rückwärts nach dem Süden zurückzulegen. Dennoch wurde nach kurzer Berathung zwischen Hatteras und Clawbonny die Fahrt beschlossen. Hatte Belcher die Wahrheit gesagt und man hatte ja keinen Grund, es zu bezweifeln, so mußte sich Alles in dem Zustande, wie er es zurückgelassen hatte, wieder finden. Seit 1853 war keine neue Expedition nach jenen nördlichsten Ländern abgegangen; nur selten, ja fast nie traf man noch einen Eskimo in jenen hohen Breitegraden. Der auf der Insel Beechey vorgekommene Unfall konnte sich an der Küste von Neu-Cornwallis nicht wiederholen; die dort zurückgelassenen Gegenstände mußten sich bei der niedern Temperatur dieser Gegend voraussichtlich auf unbestimmte Zeit conserviren. So vereinigten sich alle Umstände zu Gunsten der Excursion über die Eisfelder. Man veranschlagte die Reise auf eine Dauer von höchstens vierzehn Tagen, und Johnson traf demnach die nöthigen Vorbereitungen. Seine erste Sorge betraf den Schlitten. Er war von grönländischer Form und hatte bei fünfunddreißig Zoll Breite eine Länge von vierundzwanzig Fuß. Die Eskimo's bauen dergleichen öfters über fünfzig Fuß lang. Derselbe bestand aus langen, vorn und hinten aufgebogenen Brettern, die durch zwei starke Seile, ähnlich der Sehne eines Bogens, in dieser Lage erhalten wurden. Diese Construction verlieh ihm eine gewisse natürliche Elasticität, wodurch die Stöße weniger gefährlich wurden. Leicht über das Eis gleitend war er doch für die Benutzung bei frisch gefallenem Schnee, dem noch die nöthige Festigkeit mangelte, an den Seiten mit lothrecht stehenden Rahmen versehen, zwischen denen er höher gestellt werden konnte, um auch unter solchen Verhältnissen leicht beweglich zu sein. Zudem wurde er noch, wie es auch die Eskimo's zu thun pflegen, mit einer Mischung von Schwefel und Schnee abgerieben, und glitt so mit der größten Leichtigkeit dahin. Die Bespannung desselben bildeten sechs Hunde; stark, trotz ihrer Magerkeit, schienen sie von dem rauhen Winter nicht besonders zu leiden; ihr Geschirr von Damhirschleder war in bestem Zustande und man konnte sich auf eine solche, von den Grönländern zu Uppernawik gewissenhaft gelieferte Bespannung verlassen. Sechs Hunde reichen übrigens für eine Last von zweitausend Pfund aus, wobei sie sich nicht übermäßig anzustrengen hatten. An Lagergeräthschaften wurde ein Zelt mitgenommen, für den Fall, daß es einmal unmöglich wäre, ein »Schneehaus« zu errichten; ferner ein großes Stück sogenannten Makintosh, bestimmt über den Schnee gebreitet zu werden, um beim Daraufliegen das Schmelzen desselben zu verhindern, und endlich eine hinreichende Anzahl Decken von Wolle und Büffelfellen. Auch das Halkett-Boot nahm man mit. An Provision wurden verpackt: gegen vierhundertundfünfzig Pfund Pemmikan, von denen man als Ration je ein Pfund auf den Mann und auf den Hund rechnete. Letztere waren, Duk mitgezählt, sieben Stück; Menschen sollten nur vier mitgehen. Ferner zwölf Gallonen, d. h. etwa hundertundfünfzig Pfund Weingeist; Thee, Bisquit in hinreichender Menge, eine kleine tragbare Küche; beträchtliche Quantitäten Lunte und Werg; endlich Pulver, Munition und vier Doppelflinten. Die Theilnehmer an der Expedition trugen, nach Kapitän Parry's Angabe, eine Art Gürtel aus Kautschuk, in welchem sich durch die Körperwärme und die Bewegung beim Gehen Kaffee, Thee oder Wasser wenigstens flüssig erhalten sollten. Der sorgsame Johnson betrieb auch die Anfertigung von Schneeschuhen, bestehend aus breiten Holzsohlen, welche mit Riemen zur Befestigung am Fuße versehen waren und so als Schlittschuhe dienten; für übereistes und festes Terrain wurden sie mit Vortheil durch Mocassins aus Damhirschleder ersetzt; jeder Theilnehmer wurde mit zwei Paaren von jeder Art ausgerüstet. Diese Vorbereitungen, welche man nicht für unwichtig halten möge, da die geringste übersehene Einzelheit das Fehlschlagen der ganzen Expedition herbeiführen konnte, nahmen vier Tage in Anspruch. Jeden Mittag beobachtete Hatteras sorgfältig die Lage des Fahrzeugs, welche nun keine Abweichung mehr zeigte. Ohne dessen sicher zu sein, hätte man es ja auf dem Rückwege nie wieder auffinden können. Es galt nur noch, die Auswahl der Begleiter zu treffen, und es war die Entscheidung dabei nicht so leicht. Einige aus der Schiffsmannschaft waren nicht gut mitzunehmen, aber es war auch bedenklich, sie an Bord zurückzulassen. Doch da das Wohlergehen Aller von dem Erfolge der Reise abhing, entschied sich der Kapitän dahin, die sichersten und geprüftesten Begleiter auszuwählen. Shandon wurde zunächst ausgeschlossen, und schien das auch nicht besonders zu bedauern. James Wall, der vollkommen bettlägerig war, konnte schon aus diesem Grunde nicht teilnehmen. Der Zustand der Kranken verschlimmerte sich übrigens nicht; da ihre ganze Behandlung in täglichen Abreibungen und der Verabreichung einer tüchtigen Dosis Citronensaft bestand, so war diese, auch in Abwesenheit des Doctors, ja leicht fortzusetzen. Dieser schloß sich also, ohne Reklamation von irgend einer Seite, der Reisegesellschaft an. Johnson hätte den Kapitän gern bei dem immerhin gefahrvollen Unternehmen begleitet, doch dieser nahm ihn bei Seite und sprach mit liebevoller, fast bewegter Stimme: »Johnson, mein ganzes Vertrauen setze ich auf Sie, Sie sind der einzige Officier, dem ich mein Schiff überlassen kann, und Sie muß ich an Bord wissen, um Shandon und die Andern zu überwachen. Sie sind zwar für den Winter hierher festgebannt, aber wer weiß, welche Schlechtigkeiten sie auszuführen fähig wären! Ich werde Sie mit klaren Instructionen versehen, welche Ihnen für den Nothfall das Commando über das Schiff in die Hand geben. Sie werden mein zweites Ich sein. Vier bis fünf Wochen dürfte unsere Abwesenheit dauern, und ich werde nur dann ruhig sein, wenn ich Sie hier weiß. Sie brauchen Holz, Johnson; ich weiß es, aber verschonen Sie, so weit es angeht, mein armes Schiff. Sie verstehen mich, Johnson? – Ich verstehe Sie, Kapitän, erwiderte der alte Seemann, und ich werde zurückbleiben, da es Ihnen so paßt. – Ich danke Ihnen! sagte Hatteras, indem er seinem Schiffer die Hand drückte, und hinzufügte: »Wenn wir nicht zurückkehrten, Johnson, so warten Sie bis zum nächsten Eisgang, und suchen zur Nachforschung gegen den Pol zu aufzubrechen. Lehnen sich die Andern dagegen auf, so nehmen Sie nicht weiter auf uns Rücksicht, und führen den Forward nach England zurück. – Das ist Ihr Wille, Kapitän? – Mein unabänderlicher Wille, erwiderte Hatteras. – Ihre Befehle sollen ausgeführt werden«, war die einfache Antwort Johnson's. Der Doctor bedauerte die Entscheidung bezüglich seines würdigen Freundes, aber er mußte die Berechtigung von Hatteras' Handlungsweise anerkennen. Die beiden andern Reisegenossen waren der Zimmermann Bell und Simpson. Der Erstere, ein kerngesunder braver und anhänglicher Mensch, sollte zum Behuf der Lagerung auf dem Schnee wichtige Dienste leisten; der Zweite, obgleich weniger entschlossen zu dem Wagniß, nahm doch an der Expedition Theil, da er als geübter Jäger und Fischer gewiß nützlich sein konnte. Die kleine Gesellschaft bestand also aus Hatteras, Clawbonny, Bell, Simpson und dem stets fröhlichen Duk; es waren demnach vier Menschen und sieben Hunde zu ernähren, und auf Grund dessen waren die Proviantvorräthe berechnet. Wahrend der ersten Tage des Januar hielt sich die Temperatur im Mittel stets auf dreiunddreißig Grad unter Null (-36° hundertteilig). Hatteras wartete voll Ungeduld auf einen Umschlag der Witterung; häufig beobachtete er das Barometer, aber dessen Angaben erwiesen sich als nicht verläßlich; er scheint in diesen hohen Breiten an der gewöhnlichen Treue seiner Anzeigen einzubüßen; in diesen Klimaten vollziehen sich merkliche Ausnahmen der sonst allgemein giltigen Witterungsgesetze: so ist die Reinheit des Himmels keineswegs immer von besonderer Kälte begleitet, und Schneefall veranlaßte ebensowenig immer ein Steigen der Temperatur; das Barometer blieb eben unzuverlässig, wie es auch schon viele Polarmeerfahrer beobachtet hatten: es stieg nicht selten bei Nord- oder Ostwinden; bei niedrigem Stande war oft schönes, heiteres Wetter, bei hohem, Schnee oder feiner Regen, kurz, man konnte eben aus seinen Angaben keine Schlußfolgerungen ziehen. Am 5. Januar endlich trat eine Wendung ein; die Quecksilbersäule stieg bis auf achtzehn Grad unter Null (-28° hunderttheilig), und Hatteras entschloß sich für den nächsten Morgen zur Abreise. Er ertrug es nicht mehr, sein Schiff mit eignen Augen zerstückeln zu sehen, und schon war das ganze Oberdeck in den Ofen gewandert. Am 6. Januar wurde also trotz Schneestürmen der Befehl zur Abreise gegeben, der Doctor hinterließ den Kranken seine letzten Verordnungen; Bell und Simpson wechselten noch schweigend einen Händedruck mit ihren Genossen. Hatteras wollte noch mit einigen Worten Abschied nehmen, aber er traf rings nur auf böse Blicke. Um die Lippen Shandon's glaubte er ein ironisches Lächeln spielen zu sehen. Er schwieg also. Einen Augenblick schien er auch, als er seine Blicke auf den Forward richtete, unentschlossen zur Abreise. Doch – die Entscheidung war gefallen; beladen und bespannt wartete der Schlitten auf dem Eisfelde. Bell schritt voran; die Andern folgten. Johnson begleitete die Reisenden noch eine Viertelmeile; dann bat ihn Hatteras, an Bord zurückzukehren, was der alte Seemann erst nach langem Abschiedwinken that. Eben wandte sich Hatteras noch einmal um nach seiner Brigg und sah die Mastspitzen in dem Schneegewölke verschwinden. Neunundzwanzigstes Capitel. Ueber das Eisfeld. Die kleine Truppe wandte sich gegen Südosten. Simpson lenkte den Schlitten, Duk unterstützte ihn eifrig und schien über die Thätigkeit seiner eingespannten Kameraden gar nicht besonders erstaunt. Hatteras und der Doctor machten den Schluß, indeß Bell, der vorausging, Bahn machte und mit der Eisenspitze seines Stockes den gefrorenen Boden untersuchte. Der hohe Stand des Thermometers verkündete einen nahen Schneefall, der denn auch nicht lange auf sich warten ließ. Die dichten Flockenwirbel erhöhten die Schwierigkeiten der Reise; man wich von der geraden Linie ab und kam nicht schnell vorwärts, doch legte man im Mittel noch drei Meilen per Stunde zurück. Das Eisfeld zeigte in Folge verschiedenen Frosteinflusses eine ungleiche, höckerige Oberfläche; oft stieß der Schlitten heftig auf und neigte sich, je nach dem Wege, wohl bis zu bedrohlichem Winkel; doch ging noch Alles ohne Unfall ab. Hatteras und seine Genossen waren dicht verhüllt in ihre nach Grönländer-Muster gefertigte Bekleidung, die sich durch ihre Form keineswegs vortheilhaft auszeichnete; dagegen war sie dem Klima angepaßt. Das Gesicht der Reisenden war von einer für Wind und Schnee undurchdringlichen Caputze umrahmt; nur Mund, Nase und Augen kamen in Berührung mit der Luft, und es wäre auch nicht gut gethan gewesen, diese Theile davor zu schützen. Es giebt nichts Unbequemeres, als hohe Kragen und Cache-Nez, welche in solcher Kälte sogleich steif gefrieren; im Gegentheil muß man für den Athem einen freien Ausweg lassen, der sonst, wenn er auf ein Hinderniß trifft, sogleich gefriert. Die unermeßliche Ebene zeigte eine ermüdende Eintönigkeit; aufgethürmte Eisschollen, die immer den gleichen Anblick boten, Spitzhügel, deren Unregelmäßigkeit sich regelmäßig wiederholte, und Eisberge, zwischen denen sich gewundene Thäler hinschlängelten. Den Compaß in der Hand ging es vorwärts; die Reisenden sprachen wenig. In dieser kalten Luft war schon das Oeffnen des Mundes nicht ohne Beschwerden; spitze Eiskrystalle schossen sogleich zwischen den Lippen an, welche die Wärme des Athems kaum wieder zu schmelzen vermochte. Schweigend ging es weiter, und Jeder untersuchte erst mit dem Stocke den unbekannten Boden. Bell's Schritte drückten sich in der weichen Schneelage ein; man folgte ihnen aufmerksam, und da, wo er geschritten war, konnten es auch die Nachfolgenden ohne Sorge wagen. Nach allen Richtungen hin zeigten sich zahlreiche Spuren von Bären und Füchsen, doch sah man den ganzen Tag über kein solches Thier; auch wäre eine etwaige Jagd sowohl gefährlich, als auch deshalb unnütz gewesen, weil man den ohnehin schweren Schlitten nicht wohl noch mehr belasten konnte. Bei Expeditionen dieser Art pflegen die Reisenden gewöhnlich kleinere Lebensmitteldepots auf dem Wege anzulegen, die sie zum Schutz gegen wilde Thiere in Schneehöhlen verstecken. Auf diese Weise verringern sie um ebensoviel die mitzuführende Last, und nehmen erst auf dem Rückwege jene Provisionen wieder auf, deren Hin- und Hertransport sie sich erspart haben. Leider konnte sich Hatteras auf einem vielleicht noch beweglichen Eisfelde dieses Mittels nicht bedienen; auf dem festen Lande erwiesen sich derartige Depots sehr vortheilhaft, aber nicht für eine Reise quer über Eisfelder weg, bei welcher es sehr zweifelhaft blieb, ob der Rückweg über dieselben Punkte führen werde. Zu Mittag hielt die kleine Gesellschaft unter dem Schutze einer Eismauer und es ward ein Imbiß aus Pemmican und heißem Thee eingenommen; die belebenden Eigenschaften dieses Getränkes erzeugten den Reisenden ein behagliches Gefühl von Wohlsein, dem sie sich auch nach Möglichkeit hingaben. Nach einstündiger Ruhe brach man wieder auf; den ganzen Tag über wurden zwanzig Meilen zurückgelegt, aber obgleich am Abend Menschen und Thiere gleichmäßig erschöpft waren, mußte man doch noch ein Schneehaus errichten, da das mitgenommene Zelt offenbar nicht genug Schutz bot. Nach anderthalb Stunden war das Werk vollbracht. Bell zeigte sich hierbei so nützlich wie geschickt; schnell stiegen die wie mit dem Messer geschnittenen Eisblöcke über einander und bildeten ein Gewölbe, dem ein genau passender Block als Schlußstein eingefügt wurde; der weiche Schnee diente als Mörtel; er füllte die Fugen und da er bald erhärtete, erschien das ganze wie ein hohler Block aus einem einzigen Eisstücke. – Nur eine enge, niedrige Oeffnung, durch welche man kriechend gelangte, bildete den Zugang zu dieser improvisirten Grotte. Nicht ohne Mühe kroch der Doctor hinein, und die Uebrigen folgten ihm. Schnell wurde nun auf der Küche mittelst Spiritus die Nachtmahlzeit hergerichtet. Die innere Temperatur dieses Schneehauses wurde dabei ganz erträglich; draußen pfiff der Wind, aber nirgends fand er einen Eingang zum Innern desselben. »Zu Tische!« rief bald der Doctor mit freudiger Stimme. Gemeinschaftlich wurde die Mahlzeit, die zwar immer fast dieselbe blieb, aber doch kräftigend war, eingenommen. Nach ihrer Beendigung dachte Jeder nur noch an den Schlaf. Gegen jede Feuchtigkeit schützten die über den Schnee gebreiteten Makintosh-Decken. Strümpfe und Schuhwerk wurden inzwischen an der Heerdflamme getrocknet; dann streckten sich je drei der Reisenden eingewickelt in dicke wollene Decken nieder und schliefen, indeß der Vierte wachte, der für die Sicherheit Aller zu sorgen hatte und auch den Zugang zum Hause offen erhielt, ohne welche Vorsicht man leicht andern Tages lebendig begraben gewesen wäre. Duk theilte den allgemeinen Schlafraum; die andern Hunde blieben draußen und verkrochen sich, nachdem sie genügend gefüttert waren, unter dem Schnee, der sie bald undurchdringlich einhüllte. Tief ruhten die müden Schläfer nach den Strapazen des Tages. Um drei Uhr früh trat der Doctor seinen Theil der Nachtwache an; draußen in der finstern Nacht tobte sich der Orkan aus. – Welch' seltsame Lage, diese wenigen Leute, wie verloren im Schnee, verborgen in einem Eisgrabe, dessen Wände jeder Windstoß verdickte! Früh sechs Uhr am andern Morgen ward die einförmige Reise wieder aufgenommen; immer zeigten sich dieselben Thäler, dieselben Eisberge, so daß die Auswahl gewisser Merkpunkte ziemlich schwer war. Da aber die Temperatur um einige Grade sank, kamen die Reisenden schneller voran, indem die Schneelage sich mit einer Eiskruste überzog. Oft stieß man auf gewisse kleine Hügel, welche den Cairns oder Höhlen der Eskimo's glichen. Um sich zu überzeugen, ließ der Doctor auch einen zerstören, fand aber nur einen einfachen Eisblock. »Was meinen Sie, Clawbonny, sagte Hatteras, sind wir nicht die ersten Menschen, welche über diesen Theil der Erdkugel wandern? – Das ist wohl möglich, versetzte der Doctor, doch wer kann das wissen? – Jedenfalls wollen wir die Zeit nicht mit fruchtlosen Forschungen darüber verlieren, erwiderte der Kapitän; mich drängt es, mein Schiff wieder in Stand zu setzen, selbst wenn dieses so gewünschte Brennmaterial auch uns mangeln sollte. – Darüber bin ich ganz ruhig, meinte der Doctor. – Ich that Unrecht, sagte Hatteras nicht selten, den Forward zu verlassen. Ein Kapitän gehört an Bord seines Fahrzeugs und nicht anders wohin. – Johnson ist ja dort. – Ja wohl! Aber doch, eilen wir! Eilen wir!« Das Gefährt bewegte sich rasch, immer hörte man Simpson die Hunde antreiben; in Folge einer wunderbaren Phosphorescenz liefen diese wie auf brennendem Boden und die Kufen des Schlittens wirbelten einen Staub leuchtender Funken auf. Den Doctor trieb es, den Grund dieser Erscheinung am Schnee zu untersuchen, doch plötzlich, als er einen Spitzberg ersteigen wollte, verschwand er den Blicken der Andern. Bell, der ihm am nächsten war, eilte sogleich zur Hilfe herbei. »Hollah, Herr Clawbonny, wo stecken Sie? rief er ängstlich, während Hatteras und Simpson dazu kamen. – Doctor! wiederholte auch der Kapitän. – Hier unten, in einem Loche, tönte beruhigend seine Stimme zurück, laßt mir ein Seil herab, und ich steige wieder auf die Erdoberfläche empor.« Man ließ dem Doctor, der in einem zehn Fuß tiefen hohlen Trichter verschwunden war, ein Seil hinab, das Jener sich mitten um den Leib befestigte, und so wurde er von den Andern nicht ohne Mühe emporgezogen. »Sind Sie verwundet? fragte Hatteras. – Behüte Gott! Es hatte keine Gefahr für mich, antwortete der Doctor, der von seiner freundlichen Gestalt den Schnee abschüttelte. – Aber wie kam das überhaupt? – Die Strahlenbrechung war daran Schuld! erwiderte er lachend, immer die verwünschte Strahlenbrechung! Ich glaubte einen Raum von einem Fuß Breite zu überschreiten und rutschte in ein Loch von zehn Fuß Tiefe! O, über die Illusionen des Sehvermögens! Das sind die einzigen Illusionen, die mir blieben, ihr Freunde, und die werd´ ich schwerlich los werden. Laßt es Euch zur Lehre dienen und thut keinen Schritt, ohne den Boden geprüft zu haben, denn auf seine Sinne allein darf man sich nicht verlassen; hier hören die Ohren verkehrt und die Augen sehen falsch! – Können wir den Weg fortsetzen? fragte der Kapitän. – Gewiß, Hatteras, nur vorwärts! Der kleine Unfall hat mir mehr genützt, als geschadet.« Wieder wurde die Richtung nach Süd-Ost aufgenommen, und erst am Abend, nachdem sie im ganzen fünfundzwanzig Meilen zurückgelegt hatten, machten die Reisenden Halt; Alle waren tüchtig müde, den Doctor aber hinderte das nicht, während das Eishaus gebaut wurde, noch einen Eisberg zu erklettern. Es war fast Vollmond. In wunderbarem Scheine glänzte er an dem klaren Himmel; leuchtende Strahlen schossen die Sterne herab; vom Gipfel des Eisberges schweifte der Blick über eine ungeheure Ebene, die mit kleinen Hügeln von fremdartiger Form übersäet war. Wenn man sie so zerstreut liegen sah, wie sie im Mondschein erglänzten, und sich ihre scharfen Formen von den benachbarten Schatten abhoben, einmal emporstrebenden Säulen, das anderemal darniederliegenden Säulenschäften, dann wieder Grabsteinen nicht unähnlich, dann hätte man einen ungeheueren, baumlosen Kirchhof vor sich zu haben geglaubt, der traurig, schweigend und endlos wohl zwanzig Generationen, die den ewigen Schlaf schlummerten, umschloß. Trotz Kälte und Müdigkeit gab sich der Doctor lange seinen stummen Betrachtungen hin, von denen ihn seine Genossen nur mit Mühe abbringen konnten, aber man mußte an die Nachtruhe denken; die Schneehütte war fertig; bald verkrochen sich die Reisenden wie Maulwürfe darin und überließen sich dem nothwendigen Schlafe. Der nächste und die folgenden Tage gingen ohne ein bemerkenswerthes Ereigniß vorüber; leicht oder schwierig, schnell oder langsam ging die Reise vorwärts je nach den Launen der Witterung, die manchmal rauh und kalt, manchmal feucht und dann desto empfindlicher war. Je nach der Natur des Bodens mußte man sich einmal der Mocassins, ein andermal der Stiefeln bedienen. So erreichte man den 15. Januar; der Mond, der jetzt im letzten Viertel stand, war nur kurze Zeit sichtbar; dagegen verbreitete die Sonne, obwohl sie noch immer unter dem Horizonte blieb, doch sechs Stunden eine gewisse Dämmerung, die indeß noch nicht hinreichte, den Weg genügend zu erhellen, so daß man denselben nach der vom Compaß angezeigten Richtung mit Merkzeichen versehen mußte. Zu dem Ende ging Bell voraus, Hatteras folgte ihm in gerader Linie, und Simpson nebst dem Doctor letzterem, so daß Hatteras den Erstgenannten verdeckte, wobei sie sich zwar fortwährend gegenseitig die Richtungslinie bezeichneten, und trotzdem manchmal um dreißig bis vierzig Grad von derselben abwichen. Natürlich mußte nun die Bezeichnung des Weges von vorn angefangen werden. Am 15. Januar, einem Sonntage, schätzte Hatteras den nach Süden zurückgelegten Weg auf hundert Meilen; der Vormittag wurde zur nöthigen Reparatur an Kleidungsstücken und Lagergeräthen verwendet, doch auch ein kurzer Gottesdienst nicht vergessen. Zu Mittag nahm man die Reise wieder auf; die Temperatur war sehr niedrig, das Thermometer zeigte zweiunddreißig Grad unter Null (-36° hundertteilig) bei ganz hellem Himmel. Plötzlich stieg aus dem Boden, ohne irgend erklärlichen Grund, ein vollkommen gefrorener Nebel; er stieg bis auf eine Höhe von vierundzwanzig Fuß; man konnte dabei kaum die Hand vor den Augen sehen; mit spitzen Eisnadeln überzog dieser gefrorne Dampf die Kleider der Reisenden. Erstaunt über diese unerwartete Erscheinung von Rauchfrost suchten Jene sich sogleich aneinander zu schließen, und die Rufe: »Heda! Simpson! – Bell! Hierher! – Herr Clawbonny! – Doctor! – Kapitän! Wo stecken Sie?« erschollen durcheinander. Mit ausgestreckten Armen suchten sich die vier Reisegenossen in dem dichten Nebel, der für die Augen vollkommen undurchdringlich war. Aber leider kam keine Antwort mehr zurück, es schien, als ob jener Dampf unfähig sei, die Schallwellen fortzupflanzen. Jedem kam unwillkürlich der Gedanke, durch Flintenschüsse ein Signal abzugeben. Wenn aber der Schall der menschlichen Stimme vorhin zu schwach erschienen war, so waren nun die Detonationen der Feuerwaffen zu stark, denn sie riefen ein Echo wach, das in allen Richtungen wiedertönte und dadurch ein so wirres Geräusch erzeugte, daß man eine bestimmte Richtung nicht herauszuhören vermochte. Jeder war also nur auf sich angewiesen. Hatteras blieb mit gekreuzten Armen ruhig stehen, das Weitere abzuwarten. Simpson begnügte sich, seinen Schlitten anzuhalten. Bell suchte, mit den Händen nach seinen Fußspuren tastend, wieder zurückzukehren. Der Doctor, sich an Eisstücken stoßend, fiel nieder, erhob sich wieder, ging nach rechts und nach links, kreuzte den Weg mehrfach, und verirrte sich immer mehr und mehr. »Das kann doch nicht so fortgehen! sagte er sich nach einigen Minuten. Wahrlich, ein sonderbares Clima das, und mit etwas zuviel Ueberraschungen! Auf nichts kann man sich hier verlassen, – und von den spitzen Eiskrystallen, die einem das Gesicht zerreißen, noch ganz abgesehen! Hallo! Kapitän!« rief er von Neuem aus Leibeskräften. Aber keine Antwort wurde hörbar; für jeden Fall lud er sein Gewehr von Neuem, aber trotz der dicken Handschuhe starrte ihm von der brennenden Kälte des Laufs die Hand. Noch damit beschäftigt, erblickte er unklar eine formlose Masse, die sich einige Schritte vor ihm bewegte. »Endlich! rief er erfreut, Hatteras! Bell! Simpson! Seid Ihr´s? Gebt Antwort?« Statt derselben ließ sich nur ein tiefes Brummen hören. »Hoho! Was wird denn das?« dachte der gute Doctor. Die Masse näherte sich langsam; ihre ersten scheinbaren Umrisse schrumpften zusammen und wurden deutlicher. Ein erschreckender Gedanke stieg im Doctor auf. »Ein Bär!« sagte er zu sich selbst. In der That, es war ein Bär von enormer Größe; auch er schien im Nebel verirrt, tappte hin und her, vor und rückwärts, immer nahe daran, auf die Reisenden zu stoßen, deren Anwesenheit er sicher nicht vermuthete. »Das wird hübsch!« dachte der Doctor, der sich unbeweglich still verhielt. Bald fühlte er fast den Athem des Thieres, das sich gleich darauf auch wieder im Rauchfrost verlor; bald sah er dessen ungeheure Tatzen die Luft peitschen, wobei es ihm sogar so nahe kam, daß seine Kleidung mehrfach von den scharfen Krallen zerrissen wurde, da zog er sich vorsichtig zurück und sogleich zerfloß die sich bewegende Masse in dem Nebel gleich einer Phantasmagorie. Als er sich aber zurückzog, bemerkte der Doctor, wie der Boden unter seinen Füßen aufstieg; mit den Händen nachhelfend, indem er sich an hervorstehende Eiszacken anklammerte, erklomm er einen Block, noch einen, spähend tastete er mit dem Stocke umher, und: »Ein Eisberg! rief er freudig, wenn ich dahinauf komme, bin ich außer Gefahr!« Mit erstaunlicher Gewandtheit klomm er etwa vierundzwanzig Fuß hoch empor, damit aber kam er über die Rauchfrostschicht hinaus, die sich nach oben scharf abgrenzte. »Gut, gut!« sprach er zu sich, und hatte gar, als er sich umschaute, die Freude, seine Reisegefährten ebenso aus dem dichten Nebel aufgetaucht zu sehen. »Hatteras! – Herr Clawbonny! – Bell! – Simpson!« Fast gleichzeitig erschollen die vier Zurufe; der Himmel, durch einen herrlichen Mondhof erleuchtet, sandte blasse Lichtstrahlen hernieder, die den Rauchfrost einer Wolke ähnlich färbten, so daß die Spitzen der Eisberge wie aus flüssigem Silber hervorschauten. In einem Umkreise von kaum hundert Fuß sahen sich die Reisegenossen alle. Dank der großen Reinheit der oberen Luftschichten und der erstaunlichen Kälte vermochten sie von den Spitzen ihrer Eisthrone aus leicht mit einander zu sprechen. Als nach dem ersten Gewehrknallen keiner eine weitere Antwort hörte, hatten sie nichts Besseres zu thun gewußt, als möglichst nach oben hin aus dem dichten Nebel herauszukommen. »Aber wo ist der Schlitten? fragte der Kapitän. – Achtzig Fuß unter uns, erwiderte Simpson. – In gutem Zustande? – In ganz gutem. – Und der Bär? fragte noch der Doctor. – Der Bär? Was für ein Bär? forschte Bell. – Nun, der Bär, der mir in den Weg kam und nicht übel Lust hatte, mir den Schädel zu zerbrechen. – Ein Bär?! rief Hatteras, schnell, da müssen wir hinunter. – Nein, nein, entgegnete der Doctor, da verirren wir uns wieder und fangen das Suchen von vorn an. – Und wenn das Thier aber unsere Hunde anfällt?! ...« sagte Hatteras. In dem Augenblicke schlug Duk schon an und man hörte leicht aus dem Nebel herausschallendes Bellen. »Das ist Duk, rief der Kapitän, da ist etwas vorgefallen! Ich steige hinunter.« Da hörte man plötzlich das verschiedenartigste Geheul aus der Dunstschicht herauf; Duk und die andern Hunde bellten wüthend; dennoch war nur ein verworrenes und dumpfes Getöse zu hören. Man merkte es heraus, daß derselbe von einem unsichtbaren Kampfe herrührte, denn der schwere Nebel bewegte sich hin und her, wie wenn unter der Meeresoberfläche große Seeungeheuer gegen einander wüthen. »Duk! Duk! schrie der Kapitän, der sich anschickte, in den Rauchfrost hinunter zu klettern. – Noch warten, Hatteras, noch warten! rief der Doctor, mir scheint, der Nebel zerstreut sich.« Aber er zerstreute sich nicht, sondern sank nur, wie das Wasser eines Teiches, welcher ausläuft; er schien vom Boden, aus dem er aufgestiegen war, wieder aufgesaugt zu werden. Die glänzenden Gipfel der Eisberge wuchsen unter ihnen; andere, die überdeckt gewesen waren, tauchten auf wie neue Inseln. Vermöge einer leicht erklärlichen optischen Täuschung glaubten die Reisenden, welche sich an den Eisspitzen angeklammert hielten, sich in die Luft zu erheben, während nur die Oberfläche des Nebels unter ihnen herabsank. Bald wurde nun etwas vom Schlitten sichtbar, dann die Hundebespannung, dann aber auch etwa dreißig andere Thiere, die sich wild durch einander bewegten, dabei der umherspringende Duk, dessen Kopf noch abwechselnd aus der Dunstschicht auftauchte und wieder darin verschwand. »Das sind Füchse! rief Bell aus. – Und Bären! setzte der Doctor hinzu, da, eins, zwei, drei, fünf Stück! – Unsere Hunde! Unsere Vorräthe!« klagte Simpson. Eine Heerde Füchse und Bären war wirklich über den Schlitten hergefallen und hatte in die Reisevorräthe schon eine gewaltige Bresche gelegt. Der Raubgier folgten sie einig nebeneinander. Wüthend bellten zwar die Hunde, aber die Räuber kümmerten sich gar nicht darum und trieben ihr Zerstörungswerk gierig weiter. »Feuer!« rief der Kapitän, und schoß sein Gewehr ab. Die Andern thaten desgleichen. Auf diesen vierfachen Knall hin hoben die Bären die zottigen Köpfe, und mit fast komischem Grunzen rissen sie aus; sie setzten sich, gefolgt von den Füchsen, in einen kurzen Trab, dem ein Pferd im Galop kaum nachgekommen wäre, und verschwanden bald unter den Eisgebilden des hohen Nordens. Dreißigstes Capitel. Ein Cairn. Fast dreiviertel Stunde hatte jenes dem Polarklima eigene Phänomen gedauert; die Bären und die Füchse hatten Zeit gehabt, sich damit etwas zu Gute zu thun; gewiß kamen diese Vorräthe den im rauhen Winter ausgehungerten Bestien sehr gelegen. Zerrissen waren die Schlittendecken, offen und eingeschlagen die Pemmicanbehälter, die Säcke mit Zwieback geplündert, die Theevorräthe auf dem Schnee umhergestreut, an einem Fäßchen mit Weingeist die Dauben herausgerissen und der Inhalt natürlich ausgeflossen; die Lagergeräthschaften lagen umher – Alles trug die Spuren der Raubgier dieser wilden Thiere, ihres wüthenden Hungers und ihrer unersättlichen Gefräßigkeit. »Das ist ein schönes Unheil! sagte Bell, als er die Scene der Verwüstung betrachtete. – Und wahrscheinlich ein nicht wieder gut zu machendes, meinte Simpson. – Erst wollen wir den Schaden aufnehmen, sagte der Doctor, von dem Andern sprechen wir später.« Schweigend sammelte Hatteras schon die umherliegenden Kisten und Säcke; man suchte den Pemmican und den noch eßbaren Zwieback zusammen; der Verlust eines Theiles des Spiritusvorraths war besonders empfindlich; mangelte dieser, so gab's ja auch kein warmes Getränk, keinen Thee, keinen Kaffee mehr. Als sie nun ihren Gesammtverlust überschauten, schätzte der Doctor, daß gegen zweihundert Pfund Pemmican und einhundertundfünfzig Pfund Zwieback verloren gegangen waren; sollte die Reise fortgesetzt werden, so mußten sich die Reisenden mit halben Rationen begnügen. Eine Weile lang überlegte man, was zu thun sei. Sollte man zum Schiffe zurückkehren und die ganze Expedition wiederholen? Aber sollte man die schon zurückgelegten einhundertundfünfzig Meilen umsonst gemacht haben? Und dann, wenn sie ohne Brennmaterial zurückkehrten, welch' verderblichen Einfluß würde das auf den Geist der ganzen Mannschaft äußern? Würde man nochmals Leute gewinnen, welche sich zu diesem Zuge über die Eisfelder entschlössen? Es lag auf der Hand, daß nur in der Fortsetzung des Weges, selbst auf die Gefahr der herbsten Entbehrungen hin, ihr Heil zu suchen sei. Der Doctor, Hatteras und Bell waren bald dafür entschieden; nur Simpson war für die Umkehr; die Strapazen der Reise hatten seine Gesundheit angegriffen; er war sichtlich schwächer geworden; doch da er mit seiner Ansicht allein blieb, unterzog er sich wieder der Leitung des Schlittens und die kleine Caravane setzte ihren Weg nach Süden weiter fort. Vom 15. bis 17. Januar ging die Reise in gewohnter Eintönigkeit weiter, doch kam man nur langsamer vorwärts. Die Reisenden ermatteten; sie waren wie zerschlagen in den Füßen; auch die Hunde zogen nur noch mit Mühe. Die jetzt ungenügende Nahrung vermochte weder Menschen noch Thiere wieder zu stärken. Dabei wechselte das Wetter wie gewöhnlich zwischen strenger Kälte und feuchten, durchdringenden Nebeln. Am 18. Januar zeigten die Eisfelder plötzlich ein wesentlich anderes Aussehen; eine große Menge Pics, geformt wie scharf zugespitzte Pyramiden, von bedeutender Höhe zeichneten sich am Horizonte ab. An manchen Stellen durchbrach der Boden die Schneelage; er schien aus Gneis, Schiefer und Quarz, untermischt mit Kalkgebirge zu bestehen. Endlich hatten also die Wanderer festes Land unter sich, und aller Wahrscheinlichkeit nach konnte dasselbe nur zu Neu-Cornwallis gehören. Der Doctor konnte sich nicht enthalten, einmal mit gewisser Befriedigung auf die solide Unterlage fest aufzutreten; nur einhundert Meilen trennten die Reisenden noch vom Cap Belcher; aber auf diesem unebenen Boden, der so reich an spitzen Steinen, gefährlichen Vorsprüngen, Spalten und Schluchten war, nahmen ihre Kräfte reißend ab. Bald mußte man in tiefe Bodenhöhlungen hinein, bald wieder die steile Küste emporklimmen oder schmale Schluchten übersteigen, in denen der Schnee wohl dreißig bis vierzig Fuß hoch lag. Die Reisenden dachten bald mit Sehnsucht an den zurückgelegten, gleichmäßigeren Weg zurück, an die Eisfelder, über die der Schlitten so köstlich hinglitt; jetzt bedürfte es anderer Kraftanstrengung, ihn fortzubewegen. Die kreuzlahmen Hunde reichten nicht mehr aus, die Menschen mußten sich noch mit vorspannen und ermüdeten sich so desto mehr. Dann und wann war man genöthigt, Alles vom Schlitten abzuladen, wenn es gar zu steile Anhöhen zu ersteigen galt, deren Oberfläche keine festen Anhaltepunkte bot. So verlangte die Entfernung von zehn Schritt oft die Arbeit ganzer Stunden. Den ersten Tag legte man auf diese Weise über diesen Cornwalliser Boden ganze fünf Meilen zurück, in einem Lande, das seinen Namen mit Recht trägt, denn es zeigt ganz ebenso die rauhen Berge, die scharfen Spitzen und Kanten und die wild zerklüfteten Felsen wie die Südwestspitze von Alt-England. Am andern Morgen erreichte der Schlitten die Höhe der Küste; ganz von Kräften, waren die Reisenden außer Stande, sich ein Schneehaus zu bauen, und mußten die Nacht, in ihre Büffeldecken gewickelt, unter dem Zelte zubringen, wobei sie die naß gewordenen Strümpfe auf der Brust zu trocknen suchten. Die Folgen eines solchen Verhaltens liegen auf der Hand; das Thermometer fiel dazu diese Nacht auf vierundvierzig Grad (-42° hunderttheilig) und das Quecksilber gefror. Der Zustand Simpson's ward allmälig beunruhigend; ein hartnäckiger Lungenkatarrh, heftiges Reißen mit unerträglichen Schmerzen nöthigten ihn, sich auf dem Schlitten niederzulegen, statt diesen zu leiten. Bell trat an seine Stelle; auch dieser war leidend; aber doch nicht bettlägerig. Auch der Doctor entging dem Einflüsse dieses mörderischen Klima's nicht gänzlich, doch keine Klage ging über seine Lippen, und standhaft marschirte er, auf den Stock gestützt, voraus; er sondirte den Weg, er half überall. Hatteras, kaltblütig, unerschütterlich, fast gefühllos, wie er war, blieb bei seiner Eisennatur gesund, wie am ersten Tage, und folgte schweigend dem Schlitten. Am 20. Januar war die Kälte so schneidend, daß schon die geringste Anstrengung eine vollkommene Erschlaffung zur Folge hatte. Inzwischen wurden die Schwierigkeiten des Bodens der Art, daß Hatteras, Bell und der Doctor den Schlitten mit ziehen helfen mußten; scharfe Stöße hatten dessen Vordertheil zerbrochen, so daß man ihn repariren mußte, und solcherlei Hemmnisse wiederholten sich mehrmals täglich. Mit halbem Leibe im Schnee und trotz der Kälte schwitzend, verfolgte die Gesellschaft einen tiefen Hohlweg. Niemand sprach ein Wort. Auf einmal sah Bell den neben ihm gehenden Doctor erstaunt und erschrocken an, und gleich, ohne eine Sylbe zu sprechen, rafft er eine Hand voll Schnee auf und verreibt ihn mit aller Kraft auf dem Gesichte des Gefährten. »Zum Teufel! Bell! rief der Doctor abwehrend, Bell aber frottirte ihn nach besten Kräften weiter. – Aber, Bell, begann der Doctor wieder, Mund, Augen und Nase voller Schnee, – sind Sie toll geworden? Was soll das heißen? – Das heißt, erwiderte Bell, daß, wenn Sie noch eine Nase besitzen, Sie dieselbe mir verdanken. – Eine Nase! erwiderte bestürzt der Doctor, indem er mit der Hand darnach fühlte. – Ja wohl, Herr Clawbonny; Sie waren im Begriff, das Gesicht zu erfrieren, und Ihre Nase sah vorhin vollkommen weiß aus. Ohne meine energische Behandlung dürften Sie jetzt wohl dieses Schmuckes, der, wenn auch für die Reise lästig, doch im Allgemeinen nöthig erscheint, beraubt sein.« Wirklich hätte der Doctor nur wenig später die Nase total erfroren gehabt; jetzt war in Folge der kräftigen Abreibungen Bell's der Blutkreislauf in ihr wieder hergestellt und jede Gefahr vorüber. »Ich danke, Bell, sagte der Doctor, und hoffe, mich revanchiren zu können. – Dessen bin ich sicher, Herr Clawbonny, und gebe der Himmel, daß wir nie ein größeres Unglück zu beklagen haben! – Sie spielen auf Simpson an, antwortete der Doctor; der arme Bursche muß viel ausstehen! – Fürchten Sie für ihn? fragte lebhaft Hatteras. – Ja, Kapitän, sagte der Doctor. – Und was fürchten Sie? – Einen heftigen Ausbruch von Scorbut; seine Beine sind schon angeschwollen und das Zahnfleisch wird dick; der Bedauernswerthe liegt halb erfroren auf dem Schlitten, und jeden Augenblick erneuern die Stöße seine Schmerzen. Ich bedaure ihn herzlich, Hatteras, aber ich vermag Nichts zu seiner Erleichterung zu thun! – Armer Simpson! murmelte Bell. – Vielleicht könnten wir ein bis zwei Tage Halt machen, meinte der Doctor. – Halt machen! versetzte Hatteras, wo das Leben von achtzehn Menschen von unserer rechtzeitigen Rückkehr abhängt! – Indessen ... fiel der Doctor ein. – Clawbonny, Bell, erwiderte Hatteras, hören Sie mich an. Nicht mehr für zwanzig Tage haben wir Lebensmittel. Können wir unter diesen Umständen einen Augenblick verlieren?« Weder der Doctor, noch Bell vermochten ein Wort zu erwidern, und so setzte der Schlitten nach nur kurzer Unterbrechung seinen Weg fort. Am Abend hielt man am Fuße eines kleinen Eishügels Rast, aus welchem Bell schnell eine Höhlung herausarbeitete, in welcher die Reisenden sich bargen. Der Doctor wachte die Nacht über bei Simpson. Der Scorbut ergriff den Unglücklichen mit voller Heftigkeit, und seine Leiden preßten ihm fortwährende Klagelaute durch die geschwollenen Lippen. »Ach, Herr Clawbonny! – Muth, Muth, mein Junge! sagte der Doctor. – Ich komme nicht wieder mit zurück; ich fühle es, denn ich ertrage das nicht länger. Ich möchte lieber sterben!« Seinen verzweifelten Klagen begegnete der Doctor mit verdoppelter Sorge; obgleich selbst angegriffen von den Mühsalen des Tages, bereitete er dem Kranken doch in der Nacht mehrere beruhigende Getränke; aber auch der Citronensaft war ohne alle Wirkung und trotz aller Einreibung breiteten sich die scorbutischen Erscheinungen mehr und mehr aus. Den folgenden Morgen mußte der Arme wieder auf den Schlitten gebracht werden, trotz seiner Bitten, ihn allein zurück, und in Frieden sterben zu lassen. – Dann nahm man den abscheulichen Weg mitten durch immer wachsende Hemmnisse wieder auf. Die eisigen Nebel durchkälteten die drei Männer bis auf die Knochen; Schnee und Graupeln schlugen ihnen in's Gesicht; sie dienten mit als Saumthiere und hatten nicht einmal ausreichende Nahrung. Duk, der seinem Herrn ähnlich, kam und ging, aller Ermüdung spottend, immer munter, und suchte schon von selbst den besten Weg auszuspüren, so daß man sich auf seinen wunderbaren Instinct völlig verließ. Am Morgen des 23. Januar, bei fast völliger Finsterniß, denn es war Neumond, war Duk wie gewöhnlich voraus. Aber Stunden vergingen, bevor er wieder sichtbar wurde. Hatteras wurde darüber desto unruhiger, da der Boden zahlreiche Spuren von Bären zeigte; schon war er unschlüssig, welchen Weg er nehmen sollte, als sich ein lautes Bellen vernehmen ließ. Hatteras beschleunigte den Gang des Schlittens und bald fand man auch das treue Thier in der Tiefe eines Hohlwegs. Duk stand wie versteinert und bellte vor einer Art Cairn, der aus einigen jetzt mit Eis überzogenen kalkigen Steinen errichtet war. »Dieses Mal ist es aber ein Cairn, sagte der Doctor, wahrend er schon seinen Zugriemen löste, das ist keine Täuschung. – Und was nützt er uns? fragte Hatteras. – Wenn es ein Cairn ist, Kapitän, so kann er für uns sehr kostbare Documente bergen; vielleicht enthält er Nahrungsmittel, und das lohnte schon allein die Mühe der Untersuchung. – Und welcher Europäer könnte bis hier hinauf gekommen sein? fragte Hatteras mit Achselzucken. – Wenn es keine Europäer waren, können es nicht Eskimos gewesen sein, die diese Zuflucht errichteten und darin von der Beute ihres Jagd- oder Fischzugs niederlegten? Sie pflegen es ja, so viel ich weiß, gewöhnlich zu thun. – Nun gut, überzeugen Sie sich, Clawbonny, sprach Hatteras, aber ich fürchte sehr, Sie werden sich eine vergebliche Mühe machen.« Clawbonny und Bell begaben sich mit Aexten bewaffnet nach dem Cairn. Duk bellte wüthend weiter. Die Kalksteine waren zwar fest durch Eis verbunden, aber einige Schläge genügten doch, sie loszulösen. »Da ist sicher Etwas drinnen, sagte der Doctor. – Ich glaube es nun auch«, war Bell's Antwort. Schnell zerstörten sie das kunstlose Bauwerk. Bald fanden sie eine Höhlung; in dieser lag ein ganz feuchtes Papier. Klopfenden Herzens ergriff es der Doctor. Hatteras kam nun auch hinzu, nahm es und las: »Altam ..., Porpoise , 13. December 1860. 12° Länge, 8..° 35' Breite ...« – Der »Porpoise!« sagte der Doctor. – Der »Porpoise!« wiederholte Hatteras. Ich kenne kein Schiff dieses Namens, das diese Meere beführe. – Es ist klar, erwiderte der Doctor, daß Seefahrer, vielleicht Schiffbrüchige, vor weniger als zwei Monaten hier gewesen sind. – Ganz ohne Zweifel, meinte Bell. – Was sollen wir thun? fragte der Doctor. – Unsern Weg fortsetzen, erwiderte kaltblütig Hatteras; ich kenne kein Schiff Namens Porpoise, aber ich weiß, daß die Brigg Forward unsere Rückkehr schmerzlich erwartet.« Einunddreißigstes Capitel. Simpson's Tod. Die Reise wurde wieder aufgenommen; neue, ungewohnte Gedanken ergriffen Alle, denn ein Zusammentreffen mit Andern ist in jenen Polargegenden ein hochwichtiges Ereigniß. Hatteras voll Unruhe runzelte die Stirn. »Der Porpoise! sprach er zu sich selbst, was ist das für ein Schiff, und was führt es hierher, so nahe zum Pole?« Bei diesen Gedanken überlief ihn ein Schaudern. Der Doctor und Bell ihrerseits überdachten nur die möglichen Folgen der Entdeckung jenes Fragmentes: ob sie Mitleidende retten oder von jenen gerettet werden sollten. Bald aber waren sie wieder eine Beute der Hindernisse, Schwierigkeiten und der Ermattung, und hatten nur noch ihre eigene, doch so gefahrvolle Lage vor Augen. Simpson's Zustand ward immer schlechter; dem Doctor konnten die Vorzeichen des nahenden Todes nicht entgehen; er vermochte nichts mehr zu thun, zumal da er selbst an einer schmerzhaften Augenentzündung litt, die ihn, wenn er sie vernachlässigte, mit Blindheit bedrohte. Die Dämmerung verbreitete doch eine ziemliche Lichtmenge, die, von dem Schnee zurückgeworfen, die Augen reizte. Nur mit Mühe vermochte man sich gegen jene Rückstrahlung zu schützen; denn farbige Brillengläser, welche man sonst verwendet, überzogen sich bald mit einer Eisschicht und wurden undurchsichtig. Dabei mußte man immer sorgfältig auf den Weg achten und auf möglichste Entfernungen hin die Richtung des Weges zu bestimmen suchen, und so wurde es wirklich schwierig, der Gefahr einer Augenentzündung zu entgehen. Der Doctor und Bell halfen sich in der Art, daß sie abwechselnd die Augen bedeckt hielten und abwechselnd die Leitung des Schlittens übernahmen. Nur mühsam glitt dieser noch auf seinen abgenutzten Kufen und war ebenso schwer fort zu bewegen; dagegen die Schwierigkeiten des Weges nahmen täglich nur zu, da man über einen vulkanischen, tief gerissenen, gefurchten und mit scharfen Kanten reich versehenen Boden reiste. Bis auf eine Höhe von fünfzehnhundert Fuß war die Gesellschaft nach und nach gekommen; die Temperatur war dabei so rauh als möglich; Windstöße und Wirbelstürme traten mit ungewohnter Heftigkeit auf und ein trauriges Bild boten die Unglücklichen, die sich über diese verlassenen Höhen hinschleppten. Daneben waren sie noch von Schneeblindheit befallen; dieser gleichmäßige Glanz griff sie an; sie waren schwindlich, wie betrunken; der Boden schwand unter ihren Füßen und schien keinen festen Stützpunkt mehr zu bieten auf der ganzen ungeheuren weißen Decke; es war ihnen ein Gefühl, wie beim Schwanken des Schiffes, wobei das Verdeck dem Fuße zu entschwinden scheint; die Reisenden vermochten sich nicht daran zu gewöhnen, und die Fortdauer dieser Empfindung nahm ihnen den Kopf ein. Ihre Glieder wurden schwer beweglich, ihr Geist war gleichsam schlaftrunken, und so zogen sie auch wirklich, wie im Halbschlaf weiter. Nur eine entstehende Verwirrung, ein unerwarteter Stoß oder Fall brachte sie einigermaßen zum Bewußtsein, welches sie aber doch schon nach kurzer Zeit wieder verließ. Vom 25. Januar ab stiegen sie dann über steile Abhänge niederwärts, doch nahm ihre Abspannung auf diesen übereisten schiefen Flächen nur zu, ein Fehltritt, der ja nur schwer zu vermeiden war, reichte wohl hin, sie in tiefe Abgründe zu stürzen, in welchen sie rettungslos verloren gewesen wären. Gegen Abend peitschte ein wüthender Sturm die schneeigen Gipfel; kaum vermochte man der Gewalt des Orkans Widerstand zu leisten, so daß die Reisenden gezwungen waren, sich platt auf die Erde niederzulegen, was sie aber wieder der Gefahr aussetzte, auf der Stelle anzufrieren. Bell errichtete mit Hatteras Hilfe wieder ein Schneehaus, in welchem die Elenden Schutz suchten; dort stärkte man sich durch etwas Pemmican und warmen Thee. Nur vier Gallonen Weingeist waren noch übrig, und von diesen brauchte man immer, nur um den Durst zu löschen, denn man darf nicht glauben, daß der Schnee als solcher hierzu brauchbar gewesen wäre; im Gegentheil mußte dieser immer erst geschmolzen werden. In gemäßigten Klimaten, wo die Temperatur nicht viel unter den Gefrierpunkt sinkt, würde der Genuß des Schnees keine besonders üble Wirkung haben, aber in den Polargegenden ist das ganz anders; er nimmt dort eine derartige Kälte an, daß man ihn oft ebenso wenig wie glühendes Eisen mit bloßer Hand anzufassen vermag, obwohl er ein so schlechter Wärmeleiter ist. Zwischen ihm und dem Magen ist also eine so bedeutende Temperaturdifferenz, daß sein Genuß vollkommene Erstickungsanfälle erzeugen würde. Die Eskimos ertragen lieber die härtesten Entbehrungen, als daß sie sich solchen Schnees bedienen, der das Wasser keineswegs ersetzt und den Durst nur steigert. Die Reisenden konnten also nur unter der Bedingung von jenem Gebrauch machen, daß sie ihn mittels Spiritus zerschmelzen ließen. Um drei Uhr Morgens, als der Sturm am heftigsten wüthete, begann der Doctor seinen Theil der Nachtwache; in einer Ecke des kleinen Raumes stützte er sich auf den Ellenbogen, als schwere Klagen Simpson's ihn aufmerksam machten. Er erhob sich, diesem beizustehen, stieß sich dabei aber unsanft an die Eisdecke des Gemachs; ohne darauf besonders zu achten, beugte er sich über den Leidenden, um dessen angeschwollene und blau angelaufene Glieder zu frottiren. Als er sich davon nach einer Viertelstunde erheben wollte, stieß er sich nochmals so heftig, obwohl er damals auf den Knieen lag. »Das ist doch sonderbar«, sprach er zu sich. Forschend hob er die Hand über den Kopf die Decke senkte sich merklich. »Großer Gott! rief er, schnell auf, ihr Freunde!« Hatteras und Bell sprangen rasch empor und stießen sich ebenfalls gegen den Kopf; es herrschte die tiefste Finsterniß. »Wir werden hier erdrückt! sagte der Doctor, hinaus! Schnell hinaus!« Alle verließen, Simpson durch den Eingang fortschleppend, den gefährlichen Ort. Es war höchste Zeit; krachend stürzten bald die Eisblöcke, welche nicht gut aufeinander lagen, zusammen. So waren die Bedauernswerthen, ohne Schutz vor der heftigen Kälte, auf's Neue der Wuth des Sturmes preisgegeben. Hatteras versuchte das Zelt aufzuschlagen, doch vermochte es der Gewalt des Windes nicht zu widerstehen, und so blieb Nichts übrig, als sich noch selbst unter die Leinenstücken zu flüchten, welche bald von einer dicken Schneelage überweht waren. Doch verhinderte dieser Schnee, durch den ihre Eigenwärme nicht ausstrahlen konnte, mindestens, daß sie selbst zu Eis erstarrten. Erst am Morgen ließen die Windstöße nach; als sie die jetzt nur knapp gefütterten Hunde wieder einspannten, sah Bell, daß drei von ihnen schon ihr Riemenzeug angenagt hatten; zwei schienen ernstlich krank und konnten nicht weiter fort. Trotz alledem mußte die Karawane wohl oder übel ihren Weg wieder aufnehmen; noch sechzig Meilen waren bis zu dem in's Auge gefaßten Punkte zurückzulegen. Am 26. rief Bell, der voranschritt, plötzlich die Andern herbei; zu nicht geringem Erstaunen sahen sie ein Gewehr an eine Eiszacke gelehnt. »Eine Flinte!« rief der Doctor aus. Hatteras prüfte sie; sie war in gutem Zustande und noch geladen. »Die Mannschaft des Porpoise muß hier in der Nähe sein«, meinte der Doctor. Hatteras erkannte, daß die Waffe amerikanischen Ursprungs sei; seine Hand erfaßte krampfhaft den beeisten Lauf. »Vorwärts! Vorwärts! sprach er mit dumpfer Stimme. Weiter ging es die Bergabhänge hinunter. Simpson schien alles Gefühles beraubt; kein Klagelaut ertönte von ihm; er war schon zu schwach dazu. Der Sturm dauerte fort; aber immer langsamer kam der Schlitten voran; nur wenige Meilen legte man in vierundzwanzig Stunden zurück, und trotz der strengsten Einteilung gingen die Nahrungsmittel erschreckend zu Ende; aber so lange noch etwas über die für die Rückreise berechnete Menge übrig war, trieb Hatteras vorwärts. Am 27. fand man, fast verweht vom Schnee, einen Sextanten und später eine Kürbisflasche; diese enthielt Branntwein, oder vielmehr ein Eisstück, in dessen Mitte der Alkohol des Getränkes sich in einem Schneeballe concentrirt hatte; der Fund erschien werthlos. Offenbar folgte Hatteras unwillkürlich den Spuren einer traurigen Katastrophe; er schlug eben den einzigen überhaupt gangbaren Weg ein und traf so auf Trümmer eines schrecklichen Schiffbruchs. Der Doctor spähte nach Kräften, ob er nicht wieder einen Cairn gewahren könne; aber vergeblich. Trübe Gedanken peinigten den Kapitän; wenn er die Hilflosen, welche hier gewesen waren, entdeckte, welche Hilfe konnte er ihnen leisten? Ihm selbst und seinen Begleitern begann es schon an Allem zu fehlen; ihre Kleidung ging in Stücken, ihre Nahrung zu Ende. Waren jene Schiffbrüchigen zahlreich; so kamen sie Alle durch Hunger um. Hatteras wünschte sie offenbar lieber zu vermeiden. Hatte er nicht ein Recht dazu, er, von dem das Wohl aller seiner Begleiter abhing? Durfte er, wenn er noch Fremde mit an Bord brachte, die Sicherheit Aller auf's Spiel setzen? Aber diese Fremden waren ja auch Menschen, waren Ihresgleichen, vielleicht gar Landsleute! So schwach auch die Hoffnung auf ihre Rettung war, durfte man sich ganz darüber wegsetzen? Der Doctor suchte Bell's Meinung darüber zu erfahren; aber dieser schwieg; seine eigenen Leiden schnürten ihm das Herz zu. Clawbonny wagte gar nicht, Hatteras zu fragen, und so ergab er sich ruhig dem Beschlusse der Vorsehung. Am Abend des 27. Januar schien es mit Simpson zu Ende zu gehen. Seine Gliedmaßen waren eisig kalt; sein keuchender Athem bildete einen Nebel um seinen Kopf, und krampfhaftes Zucken verkündete seine letzte Stunde. Sein Gesichtsausdruck, seine Blicke ohnmächtigen Zorns, die er noch auf den Kapitän schoß, war schrecklich, verzweifelt. Er verrieth eine schwere Anklage, er schleuderte auf Jenen zwar stumme, aber doch deutliche und wohl nicht ganz unverdiente Vorwürfe. Hatteras näherte sich dem Sterbenden nicht. Er mied ihn, er floh ihn; er wurde schweigsamer, und in sich gekehrt, mehr als je. Die folgende Nacht war furchtbar; mit doppelter Macht brach der Sturm los; dreimal wurde das Zelt weggerissen und der Schneeschauer peitschte den Bedauernswerthen in's Gesicht, machte sie blind und übereiste sie. Simpson war dem fürchterlichen Wetter preisgegeben. Es gelang zwar Bell, das armselige Obdach des Zeltes wieder herzustellen; aber ein noch heftigerer Windstoß riß es zum vierten Male weg und entführte es wirbelnd unter grausigem Pfeifen. »Ah! Das ist zu arg! rief Bell. – Muth! Nur Muth!« sprach ihm der Doctor zu, der in seine Nähe kroch, um nicht in eine Schlucht mit fortgerissen zu werden. Simpson stöhnte. Plötzlich richtete er sich noch einmal mit den letzten Kräften halb auf, streckte die geballte Faust gegen Hatteras, der ihn unbeugsamen Blicks ansah, aus, stieß noch einen herzzerreißenden Schrei aus und fiel todt zurück, ohne seine Drohung vollenden zu können. »Er ist todt! rief der Doctor. – Todt!« wiederholte Bell. Hatteras, der auf die Leiche zuging, ward vom Sturme zurückgestoßen. Das war das erste Opfer, welches das mörderische Klima aus der Gesellschaft riß, der Erste, der nie einen Hafen wiedersehen sollte, der Erste, der nach unendlichen Leiden den Starrsinn des Kapitäns noch mit seinem Leben zu büßen hatte. Dieser Todte hatte ihn als Mörder angeklagt, und Hatteras nicht den Kopf dabei verwandt. Doch glitt heimlich eine Thräne aus seinem Auge, die auf der blassen Wange gefror. Der Doctor und Bell betrachteten ihn fast mit Grauen. Auf seinen langen Stock gestützt stand er da wie der Geist dieser erstarrten Regionen, grad' aufgerichtet trotz der wüthenden Windstöße, wie unheilverkündend bei seiner erschreckenden Ruhe. Ohne von der Stelle zu weichen blieb er stehen bis zum Grauen der Dämmerung, zähe, kühn, unbezwingbar und schien dem Sturm, der rings um ihn tobte, zu trotzen. Zweiunddreißigstes Capitel. Rückkehr zum Forward. Gegen sechs Uhr Morgens legte sich der Wind und fegte, nach Norden umspringend, die Wolken vom Himmel. Das Thermometer zeigte dreiunddreißig Grad unter Null (-36° hunderttheilig). Die ersten Strahlen der Dämmerung versilberten nur erst den Horizont, den sie bald vergolden sollten. Hatteras näherte sich seinen beiden niedergeschlagenen Gefährten und sagte mit schwacher, trauriger Stimme: »Meine Freunde; mehr als sechzig Meilen trennen uns noch von dem durch Sir Edward Belcher bestimmten Punkte. An Nahrungsmitteln haben wir nur noch das unbedingt Nothwendige, um bis zu unserm Schiffe zurückzugelangen. Jetzt noch weiter gehen hieße uns dem gewissen Tode ausliefern, ohne irgend Jemand Anderm zu nützen. Wir kehren unseren Weg zurück. – Das ist der rechte Entschluß, Hatteras, sagte darauf der Doctor; wahrlich, ich wäre Ihnen gefolgt, wohin es nur wäre, aber unsere Gesundheit schwindet von Tage zu Tage. Kaum können wir noch einen Fuß vor den andern setzen; ich billige also den Entschluß zur Rückkehr vollkommen. – Und ist das auch Ihre Ansicht, Bell? – Ja, Kapitän! erwiderte der Zimmermann. – Wohlan denn, entschied nun Hatteras, so wollen wir zwei Tage rasten. Das wird nicht zu lange sein. Der Schlitten bedarf umfänglicher Reparaturen; ich bin auch dafür, gleich noch ein Schneehaus zu errichten, um darin unsere Kräfte erst wieder zu sammeln.« Als man darüber im Reinen war, gingen die drei hurtig an's Werk; Bell verwandte alle Sorge auf die Festigkeit des Baues, und bald erhob sich eine entsprechende Zuflucht in dem Hohlwege, wo sie den letzten Halt gemacht hatten. Wie sehr hatte sich Hatteras Zwang anthun müssen, um diese Reise abzubrechen! So viele Mühe, so viele Anstrengung verloren! Ein unnützer Zug, auch noch mit einem Menschenleben erkauft! Und nun die Rückkehr zum Schiffe ohne ein Stückchen Kohle! Was würde aus der Mannschaft werden? Was würde sie ausführen unter Richard Shandon's Einflüsterungen? Eifrig betrieb nun Hatteras das Nöthige für die Rückkehr; der Schlitten wurde wieder in Stand gebracht; seine Ladung hatte sich wesentlich vermindert und betrug keine zweihundert Pfund mehr. Man restaurirte nach Kräften die abgenutzte und zerfetzte Kleidung, die vom Schnee durchzogen und von Eis gestärkt war. Neue Moccassins und Schneeschuhe ersetzten die abgelaufenen. Diese Arbeiten nahmen den ganzen 29., bis zum Morgen des 30. Januar in Anspruch; nachher ruhten die Reisenden, so gut es eben ging, und stärkten sich für das Kommende. Während dieser theils in dem Schneehause, theils auf dem Eise der Schlucht verbrachten sechsunddreißig Stunden, beobachtete der Doctor aufmerksam Duk, der ihm ganz ungewöhnlich erschien; immer lief der Hund herum und schweifte unzählige Male in einem Raum umher, der einen bestimmten Mittelpunkt zu haben schien; diesen bildete eine kleine Erhöhung des Erdbodens, so als wenn dort mehrere Eisschollen übereinander lägen. Duk, der immer diesen Punkt umkreiste, bellte verhalten, wedelte unruhig mit dem Schweife und schien seinen Herrn fragend anzusehen. Erst wollte der Doctor diese Unruhe von der Anwesenheit der Leiche Simpson's herleiten, die sie zu begraben noch nicht Zeit gefunden hatten. Diese traurige Pflicht sollte noch desselben Tages erfüllt werden, da man mit der nächsten Dämmerung aufzubrechen Willens war. Bell und der Doctor versahen sich mit Hacken und gingen im Grunde des Hohlwegs nach jener durch Duk's Benehmen auffallend gewordenen Erhöhung, welche so passend schien, die Leiche darin zu bestatten. Beide entfernten erst die lose Ueberlage von Schnee und bearbeiteten dann die härteren, eisigen Schichten. Beim dritten Schlage schon stieß der Doctor auf einen spröden Körper, der in Stücke sprang. Er suchte etwas davon auf und brachte Scherben von einer Glasflasche an's Licht. Bell seinerseits zog einen hart gewordenen Sack hervor, der noch ganz gut erhaltenen Zwieback enthielt. »Nun? sagte der Doctor erstaunt. – Was soll das bedeuten?« fragte Bell, der seine Arbeit unterbrach. Der Doctor rief Hatteras, welcher sogleich hinzukam. Duk bellte lebhaft und wühlte mit den Pfoten den weichen Schnee weg. »Sollten wir auf eine Niederlage von Nahrungsmitteln gestoßen sein? sagte der Doctor. – Das scheint fast so, meinte Bell. – Fortfahren!« rief Hatteras. Noch einige Reste von Speisen wurden aufgefunden, und dann ein Gefäß, das noch zu einem Viertel mit Pemmican gefüllt war. »Das ist hier ein Versteck, sagte Hatteras, dem aber vor uns schon Bären ihren Besuch gemacht haben. Die Vorräthe sind nicht mehr unangetastet. – Das fürchte ich auch, erwiderte der Doctor, denn ...« Er brachte den Satz nicht zu Ende. Ein Aufschrei Bell's unterbrach ihn; als dieser einen stärkeren Eisblock wegwälzte, kam ein steifgefrorenes, menschliches Bein zum Vorschein. »Ein Leichnam! brach der Doctor aus. – Das ist kein Versteck, sagte Hatteras, sondern ein Grab.« Der bloßgelegte Cadaver gehörte einem Matrosen von ungefähr dreißig Jahren an; vollkommen gut erhalten trug er noch die gewöhnliche Kleidung der Polarmeerfahrer, und auch der Doctor wagte nicht zu entscheiden, wie lange er wohl schon läge. Bald darauf grub Bell aber noch einen zweiten Leichnam, den eines Mannes von etwa fünfzig Jahren auf, der noch auf seinem Antlitz die Spuren der Leiden trug, die ihn dahingerafft hatten. »Das sind keine von anderer Hand begrabenen Körper! rief der Doctor aus, diese Unglücklichen hat der Tod überrascht, so wie wir sie hier finden. – Sie haben ganz Recht, Herr Clawbonny, bestätigte Bell. – Grabt weiter! Weiter!« trieb Hatteras. Bell wagte es kaum. Wer konnte wissen, wieviel Leichen wohl noch dieser Hügel barg!? »Diese Leute sind demselben Unfall zum Opfer gefallen, der uns bedrohte, sagte der Doctor, ihr Schneehaus ist zusammengestürzt. Aber wir wollen nachsehen, ob Einer von ihnen noch athmet.« Schnell wurde weiter abgeräumt, und Bell förderte auch noch einen dritten Körper heraus, einen Mann von etwa dreißig Jahren, der gar nicht so leichenähnlich aussah, wie die Andern; der Doctor beugte sich über ihn und glaubte noch einige Lebenszeichen wahrzunehmen. »Er lebt! Er lebt!« rief er erfreut. Mit Bell's Hilfe schaffte er den Verunglückten in das Schneehaus, während Hatteras, unbeweglich wie immer, die zusammengestürzte Wohnstätte betrachtete. Der Doctor entkleidete den Ausgegrabenen vollständig; er fand keine Wunde an ihm; er und Bell rieben ihn dann mit in Weingeist getauchten Bäuschen ab, und bald wurden Anzeichen des wiederkehrenden Lebens sichtbar. Der Unglückliche war aber in einem Zustande vollständiger Erschöpfung, und der Sprache vollkommen beraubt. Am Gaumen klebte seine Zunge wie angefroren. Der Doctor durchsuchte die Taschen in der Kleidung. Sie waren leer; kein Schriftstück fand sich. Er ließ Bell die Frictionen fortsetzen und wandte sich zu Hatteras. Dieser war indeß in das zerstörte Haus hineingestiegen, hatte den Erdboden sorgsam durchsucht und kam eben mit einem halb verbrannten Briefcouvert in der Hand wieder heraus. Auf diesem Papier waren nur noch lesbar die Worte:         . . . . . tamont   . . . . . . orpoise     w-York »Altamont! rief der Doctor aus, von dem Schiffe Porpoise! aus New-Jork! – Ein Amerikaner! sagte Hatteras zusammenfahrend. – Ich rette ihn! sagte der Doctor, ich gebe mein Wort darauf, und wir werden die Lösung dieses schrecklichen Räthsels finden.« Er kehrte zu Altamont zurück, während Hatteras nachdenklich zurückblieb. Dank seiner Sorgfalt gelang es dem Doctor, den Erstarrten in's Leben zurückzurufen, aber noch nicht zur Empfindung; dieser sah nicht, er hörte nicht, er sprach nicht, doch er lebte! Am andern Morgen ging Hatteras den Doctor an: »Es ist Zeit, daß wir aufbrechen, sagte er. – Gewiß, erwiderte dieser, der Schlitten ist jetzt leicht; wir laden diesen Unglücklichen mit auf und führen ihn zum Schiffe. – Meinetwegen, sagte Hatteras, aber erst noch die Todten begraben.« Die beiden unbekannten Matrosen wurden wieder unter die Eistrümmer zurückgebracht, und Simpson's Leiche nahm Altamont's Stelle ein. Mit einem stillen Gebete nahmen die drei Gefährten von ihrem hingeschiedenen Genossen Abschied, und um sieben Uhr Morgens traten sie den Rückweg nach dem Schiffe an. Zwei der Zughunde waren verendet. Duk bot sich fast selbst an, mit zu ziehen, und that es mit dem Bewußtsein und der Entschlossenheit eines echten Grönländers. Während der zwanzig Tage, vom 31. Januar bis 19. Februar, nahm die Rückreise so ziemlich denselben Verlauf, wie die Herreise. Nur bot das Eis im Februar, dem kältesten Monate, überall eine sichere Oberfläche; die Reisenden litten zwar schwer unter der ausnehmenden Kälte, blieben aber doch von Stürmen verschont. Am 31. Januar war auch die Sonne zum ersten Male wieder sichtbar geworden; jeden Tag stieg sie weiter über den Horizont herauf. Bell und der Doctor, fast blind und halb hinkend, waren mit ihren Kräften zur Neige, ja der Zimmermann konnte nur noch auf Krücken gestützt wandern. Altamont blieb bei Leben, aber in völliger Bewußtlosigkeit. Manchmal fürchtete man für ihn, aber umsichtige Pflege sicherte sein Wiederaufkommen. Und dabei hatte der brave Doctor mit sich selbst genug zu thun, denn seine eigene Gesundheit nahm zusehends ab. Hatteras dachte an den Forward, an seine Brigg! Wie würde er sie wiederfinden? Was würde an Bord Alles geschehen sein? Wird Johnson dem Shandon und seinem Anhange haben widerstehen können? Ist die Kälte sehr arg gewesen? Sollte man das unglückliche Fahrzeug im Ofen geopfert haben? Waren die Masten und der Schiffsraum noch unversehrt? Solche Gedanken im Kopfe ging Hatteras jetzt voraus, als hätte er seinen Forward schon aus der Ferne sehen wollen. Am 24. Februar des Morgens blieb er plötzlich stehen, dreihundert Schritte vor ihm stieg ein röthlicher Schein auf, über den sich eine ungeheure Rauchsäule hinwälzte, die sich in den grauen Nebelmassen des Himmels verlor. »Was bedeutet dieser Rauch? rief er entsetzt. Das Herz schlug ihm so heftig, als wollt' es brechen. »Da seht doch! Da unten, den Rauch! sagte er zu seinen zwei Genossen, die ihn nun eingeholt hatten, mein Schiff steht in Flammen! – Aber wir sind noch mehr als drei Meilen davon, meinte Bell, das kann der Forward nicht sein. – Und doch, er ist es, erwiderte der Doctor, das ist nur Wirkung der Luftspiegelung, der ihn uns so nahe erscheinen läßt. – Eilen wir schnell!« rief Hatteras, der den beiden Andern vorauslief. Diese ließen den Schlitten unter Duk's Leitung und folgten so schnell sie konnten, dem Kapitän nach. Eine Stunde später bekamen sie das Fahrzeug in Sicht. O schrecklicher Anblick! Mitten im Eise flammte die Brigg hoch auf; die Lohe ergriff schon die Schiffswände und der Südwind trug das Geprassel bis in Hatteras' Ohr. Fünfhundert Schritte weit von ihnen stand ein einzelner Mensch, der verzweiflungsvoll die Hände rang; er stand still da, ohnmächtig gegenüber der Gluth, die den Forward verzehrte. Er war allein, und dieser Einzige war der alte treue Johnson. Hatteras rannte auf ihn zu. »Mein Schiff! Mein Schiff! fragte er mit erregter Stimme. – Sie sind es! Kapitän! erwiderte Johnson, halt, halt! Keinen Schritt weiter! – Nun?! fragte Hatteras mit drohender Stimme. – Die Schurken alle! sagte Johnson, haben vor achtundvierzig Stunden das Schiff verlassen und es vorher in Brand gesteckt! – Verflucht!« rief Hatteras. Dann donnerte eine furchtbare Explosion; die Erde zitterte, die Eisberge sanken nieder auf die Fläche und eine Rauchsäule schoß in die Wolken. Der Forward, dessen Pulverkammer in Brand gerathen war, verschwand in einem Flammenmeere. In diesem Augenblicke erreichten der Doctor und Bell den Kapitän. Dieser, erst in Verzweiflung gesunken, richtete sich plötzlich auf. »Meine Freunde, sagte er, die Feiglinge haben die Flucht ergriffen! Die Starken werden siegen! Sie, Bell und Johnson haben den Muth! Doctor, Ihnen gehört das Wissen, und ich, ich habe den Glauben und das Vertrauen! Da unten ist der Nordpol! An's Werk also! An's Werk!« Die Genossen Hatteras' erstarkten wieder bei diesen männlichen Worten. Und doch, die Lage dieser vier Menschen und des Halbtodten war furchtbar – verlassen ohne Hilfsmittel, verloren, allein unter dem 84. Grade nördlicher Breite, tief, tief drinnen in dem Reiche des ewigen Eises! Ende des ersten Bandes.