Frank Wedekind Óaha, die Satire der Satire Komödie in vier Aufzügen (1908)   Meiner Muse Tilly zum 11. April 1908   Personen: Ole Olestierna , Dichter und Politiker . (Groß und selbstbewußt.) Leona , seine Tochter . (Durch und durch echt, sehr elegant, etwas zu naiv, spricht bei leidenschaftlicher Erregung in vollen Herztönen.) Georg Sterner , deren Gatte, Verlagsbuchhändler . (Sehr behend, nicht ohne Naivität, im Grunde gutmütig, zusammengesetzt aus Genialität und Verschmitztheit. Sein Humor bewährt sich darin, daß er nichts übelnimmt.) v. Tichatscheck , Maler . (Sanguiniker.) Laube , Maler . (Melancholiker.) Burry , Maler . (Choleriker, eine Elementargewalt.) Dr. Kilian , Schriftsteller . (Phlegmatiker.) Max Bouterweck , Schriftsteller . (Gekränkte Leberwurst.) Bertold Vollmann ,  }  Buchhalter . Titus Dürr  }  Wanda Washington . (Durch und durch unecht.) Harry Gadolfi , Kunsthändler . (Alle übrigen Personen an Wirkung überragend.) Eine Scheuerfrau . Oaha . Erster Aufzug Georg Sterner schreibt auf dem Drehstuhl am Mittelschreibtisch sitzend einen Brief. Max Bouterweck tritt ein. Sterner : Was wünschen Sie? Bouterweck : Geld. Sterner : Wofür? Bouterweck : Damit ich heute mittag etwas zu essen bekomme. Damit ich mir ein Paar Stiefel kaufen kann, die ich seit vierzehn Tagen dringend nötig habe. Sterner : Ich kann doch die Herren nicht gut dafür bezahlen, daß sie sich hier in meinem Geschäft die Zeit vertreiben! Bouterweck : Ich habe, wenn ich hier war, immer etwas für Sie gearbeitet. Sterner : Haben Sie das vielleicht nicht bezahlt bekommen? Bouterweck : Sie haben mir meine vierzig besten Gedichte für hundert Mark abgekauft. Das macht zwei Mark fünfzig pro Stück! Sterner : Ein anderer Verleger hätte Ihnen nicht einen Pfennig dafür gegeben! Bouterweck : Aber Sie drucken sie ja doch in Ihrem Blatt! Sterner : Es tut mir furchtbar leid, Herr Bouterweck, aber Sie kommen an den Unrechten. Ich bin nicht mehr derselbe, der ich in Paris war. Ich muß jetzt endlich verwerten, was ich in Paris gelernt habe. Ich lasse mich nicht mehr ausbeuten. Sie hätten mich zwei Jahre früher kennen lernen müssen. Sie kommen zu spät. Das ist wahrhaftig nicht meine Schuld. Bouterweck : Geben Sie mir zwanzig Mark Vorschuß auf das politische Gedicht, das Sie bei mir bestellt haben. Sterner : Zwanzig Mark? – Wieviel bekommen Sie denn für ein politisches Gedicht? Bouterweck : Dreißig Mark. Sterner : Und darauf soll ich Ihnen zwanzig Mark Vorschuß geben? –Wer bürgt mir denn dafür, daß wir Ihr Gedicht brauchen können? Bouterweck : Warum bestellen Sie es denn dann bei mir! Sterner : Um Ihnen etwas zu verdienen zu geben. Aber wer bürgt mir denn dafür, daß Sie das Gedicht überhaupt fertig schreiben? Bouterweck : Ich versichere es Ihnen. Sterner : Sie versichern es mir? Das ist zum Lachen! Bouterweck : Ich muß Sie dringend ersuchen, darüber nicht zu lachen! Sterner : Haben Sie denn nicht vorgestern noch dem Justizrat Pinkas telephonisch versichert, daß ich seit acht Tagen nach Paris verreist sei? Bouterweck (betreten) . Ich habe das allerdings getan. Aber Sie haben mich hier doch selber an Ihr Telephon geschickt, damit ich ihm das sage. Sterner : Sie möchten mir wohl gerne einreden, daß ich den Justizrat Pinkas angelogen habe? Bouterweck : Sie haben mich hier in diesem Zimmer mit dem Auftrage an Ihr Telephon geschickt! Sterner : Kurz und gut, wer hat den Justizrat Pinkas angelogen? Sie oder ich? Bouterweck : Ich. Sterner : Wie kann ich Ihnen denn dann noch glauben, daß Sie Ihr politisches Gedicht fertig schreiben werden? Bouterweck : Ich bitte Sie, geben Sie mir die zwanzig Mark. Ich gerate in die schmutzigsten Konflikte . . . Sterner : Lassen Sie mich doch bitte mit Ihren schmutzigen Geschichten in Ruhe! Bouterweck : Dann adieu. (Will gehen.) Sterner (sich erhebend) : Sagen Sie mal, Herr Bouterweck, Sie haben doch Harry Gadolfi in Paris gekannt? Bouterweck : Ich verdanke ihm Ihre Bekanntschaft. Er bezahlte mir hundertundfünfzig Francs pro Monat, damit ich ihm ein Drama über seine Geliebte schreibe. Sterner : Das hat er Ihnen von meinem Gelde bezahlt. Bouterweck : Das wußte ich. Er sagte einmal in einem Anfall begeisterter Selbstvergessenheit: Das Geld von Sterner. das fliegt ja nur so in der Luft herum! Sterner : So war es auch! Er hat mich in zwei Jahren um 750 000 Mark begaunert. – Könnten Sie denn über den nicht vielleicht einmal eine geistvolle satirische Plauderei schreiben? Bouterweck : Ich habe Ihnen meine besten Erzählungen für Ihren »Till Eulenspiegel« geschrieben. Sie haben sie mir mit dreißig Mark pro Stück honoriert, aber nun möchte ich doch wenigstens gern den Eindruck kennen lernen, den sie im Publikum hervorrufen. Warum veröffentlichen Sie sie nicht! Warum behalten Sie sie monatelang auf Lager! Warum nötigen Sie mich, nichtswürdiges Zeug zu schreiben, das meinen Wert als Schriftsteller in der Öffentlichkeit nur herabsetzt! Wenn Sie wüßten, wie mir dieses ewige ins Uferlose Hinausrudern die Seele vergiftet! Sterner : Könnte man das nicht zu einem Witz für den »Till Eulenspiegel« verwerten? Bouterweck : Wenn ich in der Klemme, in der ich stecke, Witze reißen könnte, dann verdiente ich, nie herauszukommen! Sterner : Sehen Sie, da haben Sie schon beinah einen gemacht! – Ich gebe Ihnen ja gern zu, daß Ihre Erzählungen künstlerisch wertvoller sind, als die Plaudereien, die Sie für den »Till Eulenspiegel« schreiben. Aber darauf pfeife ich doch! Leona Sterner tritt ein. Sie ist eine junge Frau von zwanzig Jahren. Rote Haare. Äußerst elegante Erscheinung. spricht mit etwas fremdländischem Akzent. Leona (zu Sterner) : Der Bildhauer Weber wartet draußen im Vorzimmer seit anderthalb Stunden auf dich. Er bat mich, dich zu fragen, ob du seine Statue für dreihundert Mark kaufen wollest, oder ob er sie wieder aus unserer Wohnung abholen lassen solle. Sterner : Ich gehe jede Wette ein, daß er uns seine Statue mit Vergnügen für hundertundfünfzig Mark in unserer Wohnung stehen läßt. Der Rücktransport in sein Atelier kostet ihn ja allein schon mindestens zwanzig Mark. (Ab.) Leona (zu Bouterweck, der sich an den vom Zuschauer aus links stehenden Schreibtisch gesetzt hat) : Haben Sie mir denn jetzt endlich etwas in mein Album geschrieben? Bouterweck : Nein. Leona : Sie möchte ich gerne einmal in einem Käfig eingesperrt sehen, so wie man einen Papagei in seinem Käfig vor sich hat. Bouterweck : Ich sitze in solch einem Käfig, gnädige Frau! Leona : Gnädige Frau! Die deutsche Höflichkeit klingt plumper als in anderen Sprachen eine Beleidigung. Bouterweck : Habe ich Sie nach Deutschland geschleppt?! Leona : Das wäre Ihnen auch schwerlich gelungen! – Wenn ich Sie in dem Papageienkäfig vor mir hätte, dann würde ich Sie von außen mit einer Rute kitzeln und mich darüber freuen, daß Sie mir in Ihrer blinden Wut nichts zuleide tun könnten. Bouterweck : Ich sitze im Käfig, Sie kitzeln mich mit Ihrer Rute, und ich kann Ihnen in meiner blinden Wut nichts zuleide tun. Sie haben alles, was Sie wünschen. – Übrigens wünschen Sie das nur, weil Sie selber in einem noch viel schlimmeren Käfig sitzen als ich. Und dabei liegen Sie Tag und Nacht auf der Folter! Jeden Abend, den Gott werden läßt, danke ich meinem Schöpfer dafür, daß ich mit Ihrem Manne wenigstens nicht verheiratet bin. Leona : Wie kommen Sie dazu? Bouterweck : Weil Sie ein Rasiermesser geheiratet haben! Leona : Hm – vorgestern abend sahen wir Sie in der Anglo-American-Bar mit dieser Frau Washington zusammensitzen. Oder waren Sie es vielleicht nicht? Bouterweck : Doch, ich war es. Leona : Ich fragte mich: Wie kann sich ein anständiger Mensch nur mit solch einer Person zusammensetzen. Ich bin wahrhaftig nicht kleinlich. Ich begreife, wie ein Mann ein Mädchen von der Straße mit nach Hause nimmt. Aber das Mädchen muß doch wenigstens Geschmack haben. Das Mädchen muß doch wenigstens ein richtig gehendes Menschenkind sein. Bouterweck : Sie urteilen über andere Frauen so streng, weil Sie jede andere Frau um das grenzenlose Glück beneiden, daß sie nicht mit Georg Sterner verheiratet ist. Leona : Wenn Sie wüßten, wie viele andere Männer ich hätte heiraten können! Bouterweck : Das weiß ich. Ich weiß auch, daß Sie Ihren Mann durchaus nicht etwa seines unermeßlichen Reichtums wegen geheiratet haben. Aber als die Tochter einer unserer größten Berühmtheiten hatten Sie von Kindheit auf nur Menschen um sich, die Schönheit und Seelenadel zu verehren gewohnt waren und die gerade Ihnen deshalb die größte Verehrung entgegenbrachten. Von all diesen Verehrern haben Sie keinen genommen, sondern den ersten, der Sie wie einen Dienstboten anschnauzte und in dem Sie deshalb einen Halbgott sahen, an dem eine Frau Zeit ihres Lebens mit Begeisterung emporblicken kann. – – Im Vertrauen kann ich Ihnen übrigens mitteilen, daß der Plan, die schöne Tochter Ole Olestiernas zu heiraten, ursprünglich gar nicht von Georg Sterner stammt, sondern von seinem Freunde Harry Gadolfi, dem im entscheidenden Augenblick nur das nötige Kleingeld dazu fehlte, so daß ihm Georg Sterner Sie noch gerade rechtzeitig vor der Nase wegschnappen konnte. Leona : Sie haben diesen Hochstapler also auch gekannt? Bouterweck : Der wäre ein Mann nach Ihrem Geschmack! Leona : Schreiben Sie mir jetzt etwas in mein Album! Bouterweck : Nein. Leona : Warum nicht? Bouterweck : Ich kann Ihnen in Ihr Album schreiben, was ich will, Ihr Mann wird über das, was ich geschrieben habe, irgendeinen ekelhaften Witz machen. Dafür danke ich doch! Leona : Dann schreiben Sie nur Ihren Namen. Bouterweck : Wozu denn? Leona : Ich bitte Sie darum. Bouterweck : Meinetwegen! Wo habe ich denn das Buch? – Hier in der Tischlade. (Er nimmt das Album aus der Tischlade, schreibt seinen Namen hinein, trocknet die Schrift mit dem Löscher und gibt Leona das Buch zurück.) So! Nun lassen Sie mich aber damit in Frieden. Leona : Ich danke Ihnen. Bouterweck : Bitte, es war mir eine Ehre. (Sterner kommt durch die Flurtür zurück.) Sterner (zu Leona) . Was hast du denn da? (Zu Bouterweck) : Ach, Sie haben meiner Frau etwas in ihr Album geschrieben. Das ist sehr liebenswürdig von Ihnen. Darauf bin ich wirklich neugierig. (Seiner Frau das Album abnehmend) : Laß doch mal sehend Wo ist denn das? Hier – So, Sie haben nur Ihren Namen hineingeschrieben. Hm. (Pfiffig) : Dazu sind Sie aber doch wohl noch nicht berühmt genug! (Zu seiner Frau, ihr das Buch zurückgebend) : Denke dir, Leona, eben ist unser Automobil verunglückt. Ich sehe schon die Zeit kommen, wo sich die Leute der Gesellschaft nach wie vor ganz einfach ihre Equipage halten . . . Bouterweck (ist aufgestanden und verbeugt sich kurz) . Ich empfehle mich. (Ab.) Sterner (ihm nachsehend) : Na endlich! Leona : Du bist ein abscheulicher Mensch. Sterner : Wie kannst du denn wissen, ob ich mich nicht bessern werde? Leona : Ich hoffe immer noch darauf. Sterner : Na also! Dann ist ja alles in Ordnung. Leona : Für dich vielleicht. Für mich nicht. Ich frage mich jeden Tag, durch welches Verbrechen ich die Strafe verdient habe, daß ich den Mann, den ich geheiratet habe, für einen abscheulichen Menschen halten muß. Sterner : Dann heirate einen andern! Leona : Georg! Das ist der Weg nicht, der zwei Menschen zu ihrem Glück führt. Wir leben erst seit sechs Monaten zusammen. Es ist daher ganz selbstverständlich, daß wir in vielen Dingen nicht miteinander einverstanden sind. Ich habe dich aus freiem Willen geheiratet. Wenn ich auch erst achtzehn Jahre alt war, so wußte ich doch, was ich tat. Bin ich nicht zufrieden, dann mache ich nur mich dafür verantwortlich. Ich habe mich gefragt, woher es denn kommt, daß ich dich manchmal so abscheulich finde. Ich sagte mir: das kommt nur daher, daß meine Liebe zu dir nicht groß genug ist. Meine Liebe zu dir muß größer werden. Ich muß dich immer mehr und mehr lieben. Ich darf mir nicht eher Ruhe gönnen, als bis meine Liebe zu dir so groß ist, daß ich gar nichts Abscheuliches mehr an dir bemerke. – Das ist die Aufgabe meines Lebens. Sterner : Haben wir heute vielleicht ein Dienstmädchen zu Hause? Leona : Nein, bis jetzt noch nicht. – Aber dann habe ich noch eine andere Pflicht, nicht mir, sondern dir gegenüber. Mein Vater ist glücklicherweise der edelste Mensch, der auf Erden lebt. Seine Gedichte sind bis jetzt noch nicht ins Deutsche übersetzt worden. Ich werde sie dir übersetzen, nur für dich allein, um dich dadurch zu veredeln. Ich übersetze sie natürlich nicht in Versen, sondern nur in Prosa. Ich werde dir jeden Abend, nachdem wir zu Bett gegangen sind, ein Gedicht meines Vaters übersetzen. – Oder glaubst du, daß dir das zu viel Zeit wegnimmt? Sterner : Gott bewahre! Warum soll ich mich denn nicht veredeln lassen! – Aber warum haben wir denn kein Dienstmädchen zu Hause? Wir müssen heute abend eine Gesellschaft geben. Leona : Das geht mich nichts an. – Jetzt frage ich dich: Warum hast du mir nicht von vornherein gesagt, daß dein Freund Harry Gadolfi dich auf den Gedanken gebracht hatte, mich zu heiraten? Sterner : Das hat dir niemand anders als dieser verdammte Bouterweck erzählt! Warum, zum Henker, sollte ich dich denn nicht heiraten! Meine Schwester hatte mir eben dreißigtausend Mark geborgt, damit ich den »Till Eulenspiegel« begründen konnte. Ich habe das Blatt schließlich doch auch ganz regelrecht ins Leben gerufen! Leona : Ich schäme mich nicht, dir offen einzugestehen, daß ich dich an dem Abend, als du mich auf dem Bahnhof in Berchtesgaden eine alberne dumme Gans nanntest, für einen Millionär von unerschöpflichen Mitteln hielt. Sterner : Sind wir denn vielleicht bis jetzt nicht auch immer erster Klasse gefahren?! – Wirft der »Till Eulenspiegel« nicht genug ab, dann schätzt meine Schwester sich glücklich, sich mit ihrem ganzen Vermögen dabei zu beteiligen. Sie hat ihr väterliches Erbteil überhaupt noch gar nicht angegriffen! Leona : Und du hast dir das deine in Paris von deinem Freunde Harry Gadolfi aus der Tasche holen lassen! Sterner : Das hat nichts zu sagen. Wir haben einen Kontrakt abgeschlossen, wonach er mir die Hälfte davon ratenweise wieder zurückzahlen muß. Er hat mir das Verlagsrecht seiner lyrischen Gedichte dafür verpfändet. Leona : Mit anderen Worten: Wir sitzen auf dem trocknen. Das erschreckt mich nicht. Aber du mußt mich an deiner Arbeit teilnehmen lassen. Ich will nicht müßig zu Hause sitzen. Gib mir irgend etwas zu tun. Ich kann die einlaufenden Manuskripte ebensogut ungelesen zurückschicken, wie deine anderen Mitarbeiter das tun. Sterner : Ich habe gar nichts dagegen, daß du dich hier zu beschäftigen suchst. Großen Schaden kannst du ja doch nicht anrichten. Leona : Ob ich Schaden anrichten kann oder nicht, darum handelt es sich nicht. Ich will nützlich beschäftigt werden! Ich will das Geld, das ich dich koste, selbst verdienen. Ich will mich nicht von dir aushalten lassen. Wenn du mir nichts zu tun gibst, dann suche ich mir in einem anderen Geschäft eine Anstellung. Sterner (geht zu dem vor dem Privatkabinett stehenden Seitenschreibtisch) : Bitte, bitte! Hier liegen ganze Haufen von Korrekturen, die notwendig durchgesehen werden müssen. Ich weiß nicht, ob du so viel Deutsch verstehst. Aber wenn du sie durchsehen willst, dann erfahre ich vielleicht endlich einmal, weswegen sie hier herumliegen. (Leona nimmt hinter dem vom Zuschauer aus rechts stehenden Seitenschreibtisch Platz.) Sterner : Übrigens ist das gar nicht so schlimm mit unserer Verarmung. Ich habe eine neue Redaktionsmethode für den »Till Eulenspiegel« erfunden, durch die man in wenigen Jahren unfehlbar Millionär werden muß. – Da kommen unsere Maler und Schriftsteller! Durch die Flurtür treten Dr. Kilian, Kuno Konrad Laube, Burry und v. Tichatscheck herein, alle mehr oder weniger dürftig gekleidet, Dr. Kilian mit kurzer Stummelpfeife, Laube mit sorgfältig gescheiteltem schwarzen Haar, Burry mit langen Künstlerlocken, v. Tichatscheck mit Monokel, Laube, Burry und v. Tichatscheck tragen Zeichnungsmappen unter dem Arm, Dr. Kilian hält ein Manuskript in der Hand. Dr. Kilian (aufgebracht zu Sterner) : Sie tun sich wohl einbilden, wir seien eine verlaufene Viehherde, daß Sie uns zwei Stunden vor Ihrem Bureau da draußen warten lassen? Sterner : Ich hatte bis jetzt wichtigere Dinge zu erledigen. Entschuldigen Sie bitte noch einen Augenblick. (Gedämpft zu Leona) : Mit diesem Kilian mußt du immer so freundlich wie nur irgend möglich sprechen! Leona (gedämpft) : Mit diesem groben Zyklopen soll ich freundlich sprechen! Sterner (ebenso) : Gerade weil er so grob ist! Ich werde dann geschäftlich um so leichter mit ihm fertig. (Laut) : Du kennst die Herren doch? (Leona nickt mit dem Kopf, die Herren verbeugen sich.) Laube : Guten Tag, Frau Sterner. Sie sehen heute ganz bezaubernd angegriffen aus. (Zu Sterner, seine Mappe öffnend) : Ich bringe Ihnen da die Zeichnung zu dem wundervollen Auferstehungsgedicht, das keiner von uns verstanden hat. Sterner : Das ist einfach grandios! Das haben Sie wohl sehr rasch gezeichnet? (Er zeigt das Blatt seiner Frau.) Sieh mal, Leona, diese prachtvolle Farbenwirkung! (Zu Laube) : Schade, daß wir die Zeichnung nicht verwenden können. Das Auferstehungsgedicht ist zu altmodisch für den »Till Eulenspiegel«. Laube : Wenn Sie etwas Zeitgemäßeres haben wollen, dann lassen Sie vielleicht eine Elegie über einen Börsenkrach dazu schreiben. Sterner : Das ist vorderhand nicht notwendig. Ich behalte die Zeichnung trotzdem. (Er legt sie beiseite.) Nun, Burry, was haben Sie denn da? Burry (zieht eine Zeichnung ans seiner Mappe) : Ich habe hier den Witz illustriert, den ich Ihnen das letztemal vorgelesen habe. Sterner (betrachtet die Zeichnung und rümpft die Nase) : Hören Sie mal, Sie riechen aber stark aus dem Mund. Burry : Ich rieche nur deshalb aus dem Mund, weil ich einen verdorbenen Magen habe. Sterner : Sie haben wohl wieder zuviel Austern gegessen? Burry : Nein, ich habe nicht zuviel Austern gegessen. Ich habe seit acht Tagen überhaupt nichts gegessen. Das ist eben der Grund, weshalb ich einen verdorbenen Magen habe. Sterner : Diese Zeichnung haben Sie mir aber doch schon einmal gebracht? Burry : Ich habe Ihnen die Zeichnung schon zehnmal gebracht. Und ich werde Ihnen die Zeichnung noch hundertmal bringen, wenn Sie so blödsinnig sind, daß Sie die Unterschiede nicht merken. Sterner : Den Unterschied merke ich wohl. Das letztemal hatte die alte Dame im Hintergrund einen anderen Hut auf. Aber ich möchte nicht, daß Sie deshalb in Geldverlegenheit geraten. Ich werde Ihnen die Zeichnung trotzdem abkaufen. (Er legt sie beiseite.) Und Sie, Tichatscheck, haben Sie auch etwas Neues? v. Tichatscheck (überreicht Sterner mit verbindlichem Lächeln eine Zeichnung) : Ich fand noch gar keine Gelegenheit, mich zu erkundigen, wie Ihnen unser letzter geselliger Abend bekommen ist. Ihre verehrte Frau Gemahlin wird schon verzeihen, daß ich, wenn der Ausdruck in Damengesellschaft gestattet ist, so stinkbesoffen war. Sterner (das Blatt betrachtend) : Das ist wohl die Zeichnung zu Dr. Kilians Erzählung? – Nun, Kilian, wie finden Sie die Zeichnung? Dr. Kilian : Als ehrlicher Mann muß ich Ihnen sagen: Zum Speien! Tut unser wackerer Herrgott solchen Kehricht in die Welt setzen? Sind das fühlende Menschenseelen? Tut sich das jemals eins hinter die Ohren haun? Sterner : Seien Sie unbesorgt, Herr von Tichatscheck. Ich will Ihnen die Zeichnung trotzdem bezahlen. (Er legt sie beiseite.) Vielleicht können wir sie einmal für eine andere Erzählung verwenden. Dr. Kilian (legt sein Manuskript auf den Mittelschreibtisch) : Hier ist dann meine Erzählung von dem dreiarmigen Gletscherbauern. Tut Ihnen was daran mißfallen, dann lassen Sie sich Ihre Sachen in Zukunft gefälligst von diesem Herrn Bouterweck herstellen. Leona (von ihrem Platz aus) : Meinen Sie nicht, Herr Doktor, daß Sie sich etwas liebenswürdiger ausdrücken würden, wenn Sie Ihre Geschäftsangelegenheiten mit mir zu erledigen hätten? Dr. Kilian : Was wollen Sie damit sagen? Leona (erhebt sich und geht auf ihn zu) : Ich glaube, daß Sie im Grunde Ihrer Seele der kindlichste Mensch sind, an dem eine junge Frau ihre helle Freude haben könnte. Dr. Kilian : Tun Sie sich das nur ja nicht einfallen lassen, wenn Sie nicht wünschen, daß ich Sie auf die Kirchweih lade! Sie sind schon so ein Vampyr, bei dem sich ein gesunder junger Mann in vier Wochen die Lungen- und die Rückenmarksschwindsucht holt. Leona (zu Sterner) : Mir scheint, Georg, ich bin hier doch wohl nicht ganz an meinem richtigen Platz. Auf Wiedersehen! Sterner : Auf Wiedersehen! Es ist nicht so leicht, an einer satirischen Zeitschrift mitzuarbeiten. (Leona durch die Flurtür ab.) Sterner : Ich möchte den Witz gerne noch einmal hören, Burry, zu dem Sie Ihre Zeichnung gemacht haben. Ich möchte sehen, ob er auch gut ist. Burry (nimmt ein Stück Papier aus der Tasche und liest mechanisch) : Auf der Festwiese. – Was fällt denn Ihnen ein, Herr Maier? Geht es denn wirklich schon so schlecht, daß Sie mit Luftballons hausieren müssen? Sterner : Na? Und? Burry (liest weiter) : Jesus, nein! Das geschieht nur meiner Gicht zuliebe. Der Herr Doktor hat mir recht viel Bewegung verschrieben, und da hausiere ich halt mit Luftballons, nur damit die Füße nicht so viel zu tragen haben. (Sterner biegt sich vor Lachen.) Burry : Was finden Sie dabei zu lachen? Ich verbitte mir das dumme Gelächter von Ihnen! Sie denken, Sie haben einen Lausbuben vor sich! Dieser Witz ist meine ehrliche Arbeit. Wenn Sie sich einbilden, daß Sie sich über meine Witze lustig machen können, dann schlage ich Ihnen die Zähne in den Rachen! Sterner (ganz trocken) : Sie tun mir unrecht, lieber Herr Burry. Ich lachte gar nicht über Ihren Witz. Ich lachte im Gegenteil, weil ich Ihren Witz nicht verstanden habe. Burry : Sie scheinen zu glauben, daß die Leser des »Till Eulenspiegel« ebenso ungebildete Menschen sind wie Sie! Laube : Für die besseren Witze könnte man ja in der Annoncenbeilage des Blattes jeweilen eine ausführliche Erläuterung erscheinen lassen. Sterner : Wenn ich einen Witz mache, dann geht es mir nämlich immer gerade umgekehrt wie Herrn Burry; dann lacht immer alle Welt darüber, während ich ihn selbst nicht verstehe. Ich habe schon als kleiner Junge in der Schule immer die glänzendsten Witze gerissen. Ich brauchte nur den Mund aufzutun, dann brach schon die ganze Klasse in homerisches Gelächter aus. Ich habe nie begriffen, weswegen gelacht wurde. Aber ich sagte mir damals schon: Damit kannst du noch einmal dein Glück machen! v. Tichatscheck : Ich finde, für Witze gibt es gar kein reicheres Jagdgebiet als die feine Damenunterwäsche. In der feinen Wäsche galanter Damen jage ich mit der gleichen Leidenschaftlichkeit nach Witzen, mit der andere Kavaliere darin nach Flöhen jagen. Sterner : Übrigens kommt es bei einem Witz auch gar nicht so sehr darauf an, daß man ihn versteht. Es kommt einzig und allein darauf an, daß möglichst viel über ihn gesprochen wird. Burry : Wenn ich zu einem Witz eine ganzseitige Zeichnung mache, dann wird von einem Ende der Welt bis zum andern darüber gesprochen. Sterner : Was Sie sich auf Ihre Zeichnerei alles einbilden, das finde ich einfach hahnebüchen. v. Tichatscheck : Man müßte jeweilen den glänzendsten Witz einer jeden Nummer irgendeiner galanten Dame mit waschechter Tinte auf den Leib schreiben. Sterner : Ach Unsinn! Mir scheint, meine Herren, Sie haben heute alle Ihren Erfindungsgeist zu Hause gelassen. Dr. Kilian : Dann tun Sie uns doch einmal selber sagen, wie Sie es anstellen wollen, daß möglichst viel über unsere Witze gesprochen wird. Sterner : Wozu, meine Herren, hat denn Gott im Himmel den Staatsanwalt geschaffen? Der Staatsanwalt muß dafür sorgen, daß jedermann von unseren Witzen spricht. Ich bitte Sie, wozu ist denn der Staatsanwalt sonst auf der Welt, als daß er uns hilft, den »Till Eulenspiegel« zu einem Weltblatt zu machen. Dr. Kilian : Wollen Sie uns nicht vielleicht etwas genauer auseinandersetzen, wie Sie sich das vorstellen tun? Sterner : Gott im Himmel, was sind das für schwerfällige Menschen! – Man bringt ein Zeitungsblatt nun einmal nicht durch Kunst oder Literatur in die Höhe. Man bringt ein Zeitungsblatt lediglich durch gerichtliche Konfiskationen in die Höhe! Man bringt ein Zeitungsblatt nur dadurch in die Höhe, daß man es alle drei Wochen einmal aus diesem oder jenem Grunde durch den Staatsanwalt konfiszieren läßt. Der Mann wartet ja Tag und Nacht nur darauf, daß wir ihm durch irgendeinen Witz, durch irgendein Gedicht, durch irgendeine Erzählung Gelegenheit geben, Reklame für uns zu machen und unsere Abonnentenzahl um das Dreifache zu vermehren. v. Tichatscheck : Und kommt es dann zum Prozeß und wir werden eingesperrt? Laube : Dann nehmen Sie einfach ein Paar mit Spitzen besetzte Damenbeinkleider mit ins Gefängnis. Dann fühlen Sie sich in Ihrer Zelle so glücklich wie in einem türkischen Harem. Burry : Meinetwegen wäre es mir schließlich gleichgültig. Aber meinen Zeitgenossen tue ich das nicht an, daß ich mich einsperren lasse. Sterner : Ihnen, meine Herren, kann ja aber nicht das geringste geschehen. Sie unterzeichnen doch Ihre Witze nicht. Für Ihre Witze habe ich als Herausgeber einzutreten; und ich würde, aufrichtig gesagt, ganz gern einmal sechs Monate im Gefängnis sitzen. Warum denn auch nicht, wenn es durchaus sein muß! So viel ist mir der »Till Eulenspiegel« schon wert! Dr. Kilian : Das heiße ich noch männlich und ehrenhaft geredet! (Zu den andern) : Ich begreife euch überhaupt nicht, weshalb ihr euch so gottserbärmlich fürchten tut! Hätte denn einer von euch ohne den »Till Eulenspiegel« etwas Warmes zu essen?! Sterner : Eines, mein lieber Herr von Tichatscheck, muß ich Ihnen allerdings sagen: Wegen Vergehens gegen die Sittlichkeit ins Gefängnis zu wandern, wäre mir nicht gerade das willkommenste. Wollen Sie mich durchaus durch einen unanständigen Witz ins Gefängnis bringen, in Gottes Namen, ich gehe natürlich mit Vergnügen hinein . . . v. Tichatscheck : Herr Sterner haben nichts zu befürchten. Meine Witze werden in Zukunft nur noch von Palmenblättern und von Schwimmhosen handeln. Sterner : Unvergleichlich erfreulicher, mein lieber Herr Burry, wäre es mir, wenn ich wegen Gotteslästerung, wegen Vergehens gegen die Religion, wissen Sie, mit einigen Monaten bestraft werden könnte. Burry : Gotteslästerung? Das sind Witze über die Heilige Schrift? Darauf verstehe ich mich. – Wenn es Ihnen darauf ankommt, dann können Sie Ihr ganzes Leben lang von einem Zuchthaus ins andere wandern. Sterner : Sie brauchen sich nicht gerade damit zu beeilen. – Am liebsten, mein verehrter Herr Laube, – ich habe mir das von jeher sehnlichst gewünscht! – möchte ich allerdings wegen Majestätsbeleidigung eingesperrt werden. Laube : Wegen Majestätsbeleidigung? – Gewiß! – Eine Majestätsbeleidigung wäre dann für den »Till Eulenspiegel« ungefähr dasselbe, was für ein Pferd eine heiße Kartoffel ist. Sterner : Könnten Sie im »Till Eulenspiegel« nicht einmal ein paar leichtverständliche Witze über das Staatsoberhaupt veröffentlichen? Laube : Über das Staatsoberhaupt? – Kartoffeln sind teuer, mein verehrter Herr Sterner. Und außerdem gibt es mehr kalte Kartoffeln, als es heiße Kartoffeln gibt. Heiße Kartoffeln sind teurer als kalte Kartoffeln. Es kommt darauf an, was Sie anlegen wollen. Sterner : Ich bezahle Ihnen unbesehen die höchsten Preise, die Sie fordern. Wozu ist denn ein Staatsoberhaupt anders da, als daß es uns den »Till Eulenspiegel« zu einem Weltblatt machen hilft! Laube : Selbstverständlich! Warum sollen sich auch die Weltmächte nicht gegenseitig hilfreich unter die Arme greifen! Burry (zu Laube) : Wenn Sie noch ein einziges Wort sagen, dann schlage ich Sie zu Boden! Laube : Was haben Sie denn? Burry (von Dr. Kilian mühsam zurückgehalten) : Ich schlage Sie zu Boden, wenn Sie nicht still sind! Dr. Kilian (zu Burry) : Machen Sie doch bitte, daß Sie nach Hause kommen! (Zu den andern) : Der Burry ist nämlich ein Duzbruder vom Ohm Krüger und vom Präsidenten Roosevelt. Er kann über Staatsoberhäupter nicht so geschäftsmäßig reden hören. Burry (nach Laube ausholend) : Ich schlage den Kerl zu Boden! Dr. Kilian (ihn zur Tür drängend) : Trollen Sie sich nach Hause! Sie tun uns hier den ganzen »Till Eulenspiegel« über den Haufen werfen! Sie Kalmückenfürst! Burry : Ich schlage den Kerl . . . Dr. Kilian (ihn hinausdrängend) : Hinaus mit Ihnen! Sterner : Schade, daß Sie ihn hinausgeschmissen haben. Ich wollte ihn gerade zum Abendessen einladen. Dr. Kilian : Wenn Sie sich so arg nach ihm sehnen tun, dann kann ich es ihm ja ausrichten. Wir wohnen bei derselben Vermieterin. Sterner : Auf Sie, meine Herren, darf ich heute abend doch auch rechnen? Ich bitte Sie nur um alles: Machen Sie keine großen Umstände! Nur keinen Frack und keine weiße Binde! Ganz einfach, wissen Sie: Schwarzer Gehrock und graugestreifte Beinkleider! v. Tichatscheck : Könnte man zu dem schwarzen Gehrock nicht vielleicht eine weiße Weste anziehen? Ich habe meine weiße Weste vor acht Tagen schon einmal angezogen und müßte sie doch sowieso nächste Woche in die Wäsche geben. Sterner : Wenn es Ihnen Spaß macht, dann ziehen Sie nur ruhig Ihre weiße Weste an. – Sagen Sie mir, wie geht es denn dem Burry eigentlich so im allgemeinen? Dr. Kilian : Wie es dem Burry so im allgemeinen gehen tut? – Dem armen Hungerleider geht es, seit er auf dieser Welt ist, ganz saumäßig elend. Sterner : Ihnen, meine Herren, geht es doch aber auch nicht gerade sehr glänzend! (v. Tichatscheck die Hand reichend) : Also, Tichatscheck, vergessen Sie den Staatsanwalt nicht! v. Tichatscheck : Ganz wie Sie wünschen, Herr Sterner. Ich habe die Ehre, mich ergebenst zu empfehlen. (Durch die Flurtür ab.) Sterner : Sagen Sie mir, wie geht es denn dem Tichatscheck eigentlich so im allgemeinen? Laube : Freiherr von Tichatscheck kann nicht verhungern, weil er in einer Beziehung nämlich der fleißigste Arbeiter ist. Ich kenne niemanden, der so viel Damenbekanntschaften hat wie er. Sterner (sich die Hände reibend) : Das ist eine glänzende Veranlagung! Der Bouterweck läßt sich seit einiger Zeit auch von seiner Geliebten aushalten. (Laube die Hand reichend) : Also, Laube, vergessen Sie den Staatsanwalt nicht. Laube : Vergessen Sie lieber die teuren Zeiten nicht! – Sobald ich zur Tür hinaus bin, fragen Sie dann natürlich: (Sterner kopierend) : Wie geht es denn dem Kuno Konrad Laube eigentlich so im allgemeinen. Sterner : Wie kommen Sie auf den seltsamen Einfall? Sie sind doch nicht Burry oder Tichatscheck! – Bringen Sie heute abend bitte Ihren Mops mit, damit wir etwas haben, worüber wir sprechen können. Laube : Aus Wiedersehen! (Durch die Flurtür ab.) Sterner : Nun, Kilian, was wollten Sie mir sagen? Dr. Kilian : Dieser Kuno Konrad Laube ist nämlich ein Mensch, wissen Sie – tun Sie sich abends mit einer Giftnatter in Ihr Bett legen, dann sind Sie Ihres Lebens sicherer, als wenn Sie mit dem am hellichten Tag in ein und demselben Gasthaus zusammen sitzen. Geben Sie diesem Kuno Konrad Laube so viel Geld, wie er von Ihnen verlangt, dann tut der seinem eigenen schlafenden Vater kaltblütig eine eiserne Hutnadel ins Herz bohren. Sterner : Sagen Sie mir, wie geht es Ihnen denn eigentlich so im allgemeinen? Dr. Kilian : Ich bin ein Mensch, wissen Sie – wenn Sie mir heute ein Geheimnis anvertrauen und im nächsten Moment tut Sie der Schlag treffen, dann kommt das Geheimnis binnen heute und fünfundzwanzig Jahren nicht über meine Lippen. Ich bin ein Mensch, wissen Sie – wenn mir so einer von der Sorte vor Augen kommt, die über das Mein und das Dein nicht richtig Bescheid wissen, dann tut mich eine solche Wut anpacken, daß ich den Kerl am Kragen fasse und ihn würge, bis er veilchenblau im Gesicht werden tut. Solch ein Mensch bin ich. Sterner (Dr. Kilian die Hand reichend) : Um acht Uhr also! Sie kommen doch auch? Dr. Kilian : Haben Sie für ausreichende Getränke gesorgt? Sterner : Sie finden Bier, Wein, Sekt – alles, was Sie wünschen. Dr. Kilian : Dann bin ich pünktlich. Sterner : Was ich noch sagen wollte: Vergessen Sie den Staatsanwalt nicht! Dr. Kilian : Das werde ich mir überlegen. – (Durch die Flurtür ab.) Sterner (allein, zieht sein Portemonnaie aus der Tasche und leert es in die offene Hand) : Drei Mark fünfundsiebzig Pfennige und kein Dienstmädchen zu Hause. Nimmt mich wunder, wovon ich heute abend die Gesellschaft gebe. Zweiter Aufzug Sterner (sitzt auf dem Drehstuhl am Mittelschreibtisch und spricht ins Telephon) : Verbinden Sie mich möglichst rasch mit dem modernen Schauspielhaus. (Pause.) Danke. – Hier Georg Sterner. Kann ich vielleicht möglichst rasch mit Herrn Bouterweck sprechen? – – Ja, bitte sehr. (Pause.) Hier Georg Sterner. Sind Sie es selbst, lieber Herr Bouterweck? – – Die Polizei hält in diesem Augenblick Haussuchung hier bei uns auf der Redaktion des »Till Eulenspiegel«. (Lauter) : Haussuchung! (Noch lauter) : Haussuchung! – Ja! – Die Polizei hält Haussuchung hier bei uns. – Hören Sie jetzt bitte genau, lieber Herr Bouterweck, was ich Ihnen sage! – Ja! Hören Sie! (Möglichst deutlich) : Gehen Sie jetzt sofort nach Hause in Ihre Wohnung – in Ihre Wohnung, ja – und verbrennen Sie dort sofort alles, was Sie von mir an Briefen haben. – Verbrennen Sie in Ihrer Wohnung sofort sämtliche Briefe, die Sie von mir haben. – Sämtliche Briefe von mir! – Auch die Postkarten, die ich Ihnen geschrieben habe. – Die Postkarten auch! – Ja! – Aber Sie müssen sich beeilen! – Jetzt gleich! In diesem Augenblick! – Danke sehr! Danke schön! Ich danke Ihnen! – (Abläutend) : Hoffentlich ist er so dumm und tut es! – (Sich erhebend) : Diese Konfiskation ist das glänzendste Geschäft, das je ein Zeitungsblatt gemacht hat! (Er holt einen Handkoffer unter dem Mittelschreibtisch hervor und klappt ihn auf dem Teppich vor dem Mittelschreibtisch auf.) Jetzt ist es aber auch die allerhöchste Zeit, daß ich über die Grenze komme, sonst sitze ich morgen hinter Schloß und Riegel! – Was muß ich mitnehmen? – In der Eile läßt sich das alles nicht so ohne weiteres zusammenfinden! – Vor allen Dingen muß ich wissen, mit welchem Zug ich fahre. – Das Eisenbahnkursbuch! (Zum Büchergestell eilend) : Ich bin ein gemachter Mann! Ich bin außerdem ein genialer Mensch! Ich verdanke dieses staunenerregende Geschäft ausschließlich meiner eigenen Erfindung! (Er nimmt das Kursbuch vom Büchergestell und geht zum Mittelschreibtisch.) Wenn ich bis sieben Uhr morgens nicht über die Grenze bin, ist das ganze Geschäft futsch. (Er setzt sich an den Schreibtisch und blättert im Kursbuch.) Direkte Verbindungen? – Um Gottes willen nicht! (Er blättert weiter.) Hier! Ab fünf Uhr dreißig. (Nach der Uhr sehend) : Dann habe ich jetzt noch zwei Stunden. – Neun Uhr vierzig! Elf Uhr siebzig! – Morgens zehn Uhr zehn bin ich vollkommen in Sicherheit. Dann kann die große Ernte beginnen! Das Kursbuch muß natürlich mit. (Er wirft das Kursbuch in den Handkoffer.) Mir fällt mit dieser Konfiskation ein derartiger Stein vom Herzen, daß ich vor lauter Erleichterung schon förmlich in die Luft zu fliegen fürchte! (Nimmt einen Revolver aus der Schreibtischschublade.) Soll ich den Revolver mitnehmen? – – (Wirft ihn weg.) Pfui Teufel, das alberne Möbel ist imstande und geht los. Dann sitze ich im Zuchthaus! – Aber meine Kopierbücher muß ich vernichten. Von meiner Hand darf nicht eine Zeile in der Redaktion zurückbleiben. (Nimmt zwei Kopierbücher vom Büchergestell.) Dieses Mal ist der Sensationsprozeß unausbleiblich! Das wird ein Riesenprozeß! Wäre ich nur schon davor in Sicherheit! – Wie vernichtet man diese verdammten Kopierbücher? Offne Feuer gibt es hier nicht. Bleibt nichts übrig, als sie mitzunehmen! (Er wirft sie in den Handkoffer.) Was brauche ich noch? – Ach, wie fühle ich mich leicht und frei! (Sich die Hände reibend) : Die Abonnentenzahl steigt mit jeder Stunde, sie steigt wie eine Überschwemmung, sie steigt wie eine Rakete! Mein väterliches Erbteil ist schon so gut wie zurückerobert! (Sich besinnend) : Reisegeld, sonst sperrt man mich unterwegs ins erste beste Bezirksgefängnis. Das wäre was für mich! (Er öffnet den Geldschrank und durchsucht ihn von oben bis unten.) Möglichst viel Reisegeld! Alles was da ist, bis auf den letzten Pfennig! (Er nimmt eine Handvoll Tausendmarkscheine heraus und zählt sie auf den Tisch.) Eins, zwei, drei, vier, fünf, sechs, sieben, acht, neun zehn. Eins, zwei, drei, vier, fünf, sechs, sieben, acht, neun, zehn. Zwanzigtausend! (Streicht sie zusammen und steckt sie in die Tasche.) Vielleicht ist noch mehr drin! (Er durchsucht die Geldschrankfächer.) Nicht ein Pfennig bleibt zurück! Endlich komme ich dazu, den Ertrag meiner Arbeit in voller Freiheit zu genießen. Das ist der schönste Tag meines Lebens: Ich stehle mir selber das Geld aus dem Schrank! – Halt! – Die Kontrakte mit meinen Mitarbeitern! (Er nimmt einen Registrator mit Kontrakten aus dem Geldschrank.) Die Kontrakte müssen notwendig mit, sonst zerreißen sie mir die Kinder! (Er blättert darin) . Ein leichtes Paket – und enthält mindestens fünfhundert Lebensjahre! Und was für Lebensjahre! Lebensjahre der herrlichsten Arbeit! Alles die fleißigsten Menschen! In unzerreißbaren Halsbinden! – (Im Begriff, den Registrator in den Handkoffer zu legen) : Soll ich die Kontrakte wirklich mitnehmen? Nein! Die Kontrakte übergebe ich meinem Stellvertreter. Mein Stellvertreter muß die wilden Gesellen damit im Zaum halten. (Er legt den Registrator auf den mittleren Schreibtisch, kehrt zum Geldschrank zurück und blickt hinein.) So! Jetzt ist nichts mehr drin! – (Von einem Kleiderrechen an der gegenüberliegenden Wand nimmt er einen abgetragenen englischen Strohhut, prüft ihn eingehend von außen und innen, legt ihn mitten in den Geldschrank, schließt die Türe und zieht den Schlüssel ab.) – Jetzt noch Reiselektüre und Zigarren. (Er durchsucht einen Stoß Zeitungen.) »Der Tag«, »Die Woche«, »Der Monat«, »Das Jahr«, »Das Jahrhundert«, »Das Jahrtausend«, »Wie werde ich energisch«. Das kann ich brauchen! (Er wirft die Zeitung »Wie werde ich energisch« in den Handkoffer.) Jetzt noch eine Kiste Bock oder Henry Clay! (Nimmt eine Zigarrenkiste aus dem Schreibtisch und riecht hinein.) Die sind schon etwas trocken, aber wenn man sie bei Nacht in den Mund steckt, sehen sie noch ganz gut aus. (Er legt die Zigarrenkiste in den Handkoffer.) So, jetzt habe ich alles! (Legt die Hände auf den Rücken, geht auf und ab.) Wenn ich erst die Million habe, zu der ich mit diesem Majestätsbeleidigungsprozeß den Grundstein gelegt habe, und dann noch zwei Millionen, dann habe ich drei Millionen. (Bleibt stehen und sieht nach der Uhr.) Punkt vier ist es. Wenn ich in anderthalb Stunden nicht auf der Eisenbahn sitze, dann ist meine Zukunft ein Misthaufen. (Er setzt sich auf den Drehstuhl am mittleren Schreibtisch und spricht ins Telephon) : Sagen Sie Herrn Vollmann, er möchte eben herüberkommen. Pause. Darauf tritt der Buchhalter Vollmann ein und stellt sich Sterner so gegenüber, daß er dicht vor dem Handkoffer steht. Vollmann : Was steht zu Diensten, Herr Sterner? Sterner : Guten Tag, Herr Vollmann. Wenn Sie der Handkoffer stört, dann stellen Sie ihn ruhig dort in die Ecke. Vollmann : O bitte, der Handkoffer stört mich gar nicht. (Er klappt den Handkoffer zusammen, stellt ihn an die Wand und kehrt auf seinen Platz zurück.) Sterner : Ich muß heute abend verreisen, lieber Herr Vollmann. Ich muß Sie aber bitten, bevor ich fort bin, nicht darüber zu sprechen. Ich komme voraussichtlich in den nächsten zwei Jahren nicht nach Deutschland zurück. Sie brauchen sich aber meinetwegen durchaus nicht zu ängstigen; ich habe die feste Überzeugung, daß wir uns in zwei oder drei Jahren fröhlich wieder hier auf unserer Redaktion zusammenfinden. Aber ich möchte Ihnen jetzt noch gerne rasch auseinandersetzen, weswegen ich Sie angestellt habe. Vollmann : Bitte, Herr Sterner. Sterner : Sie waren bis vor zwei Monaten bei Kortum in Stuttgart in Stellung? Vollmann : Ich war drei Jahre bei Kortum in Stuttgart. Sterner : Ich habe bei Kortum in Stuttgart angefragt, warum man Ihnen bei Ihrem Weggang so glänzende Empfehlungen mitgegeben hat. Das kam mir natürlich verdächtig vor. Aber Kortum in Stuttgart antwortete mir, man habe Ihnen bei Ihrem Weggang diese glänzenden Empfehlungen nur deshalb mitgegeben, weil Sie für Ihre dortige Stellung zu selbständig waren. Deshalb, sehen Sie, habe ich Sie engagiert. Vollmann : Ich weiß noch nicht ganz genau, Herr Sterner, wie ich das verstehen darf. Sterner : Ganz einfach. Ich brauche für die Zeit meiner Abwesenheit eine möglichst selbständige Persönlichkeit in meinem Geschäfte. Hier habe ich zum Beispiel die Kontrakte, die ich mit meinen Mitarbeitern geschlossen habe. (Er öffnet den Registrator) : Hier sehen Sie den Kontrakt mit Kuno Konrad Laube. Nehmen Sie sich vor diesem Laube in acht! Wenn Kuno Konrad Laube Vorschuß von Ihnen verlangt, dann tut er das immer nur, um zu erfahren, wieviel Geld Sie noch in der Kasse haben. Vollmann : Ich wäre Ihnen äußerst dankbar, Herr Sterner, wenn Sie mir ähnliche zweckentsprechende Verhaltungsmaßregeln auch in bezug auf die anderen Herren erteilen wollten. Sterner : Sehr gerne. – Hier ist der Kontrakt mit Dr. Kilian. Dr. Kilian, der Jurist ist, hat den Kontrakt selber aufgesetzt, damit keine Mißverständnisse zwischen uns entstehen könnten. Ich verstehe den Kontrakt aber leider nicht. Ich habe ihn schon mehrmals durchgelesen, bin aber bis zum heutigen Tag noch nicht klug daraus geworden. – Hier ist der Kontrakt mit Leonhard Burry; darüber brauchen wir kaum zu sprechen. Burry ist etwas jähzornig, im übrigen aber ein gänzlich harmloser Mensch. Ich sage Burry jeden Tag, er sei eine Weltberühmtheit. Dafür überläßt er mir seine Zeichnungen um die Hälfte billiger, als wie er sie an der nächsten Straßenecke loswerden könnte. – Und nun kommt noch der Kontrakt mit dem Freiherrn von Tichatscheck. Tichatscheck hat ungefähr zehntausend Mark Vorschuß von mir erhalten. Ist aber von seinem Vorschuß die Rede, dann sage ich ihm immer ganz ruhig, es seien zwanzigtausend Mark. Ich rechne ihm natürlich nicht so viel an. Aber Herr von Tichatscheck ist nun einmal stolz darauf, möglichst viel Schulden zu haben. Warum soll ich ihm also sein Vergnügen nicht gönnen! Vollmann : Ich danke Ihnen, Herr Sterner, für diese zweckentsprechenden Aufklärungen, mit denen ich den Herren gegenüber zweckmäßigerweise vollständig auszukommen hoffe. Ich hatte auch bei Kortum in Stuttgart . . . Sterner : Ja, ich weiß schon, was Sie auf der Zunge haben. Nun aber noch eins, Herr Vollmann: Sie haben doch Familie? Vollmann : Gewiß, Herr Sterner, ich bin verheiratet. Sterner : Das heißt. Sie haben eine Frau. Ich frage Sie aber, ob Sie Familie haben? Vollmann : Kinder habe ich allerdings nicht. Sterner : Das ist aber recht fatal für mich, daß Sie keine Kinder haben. Vollmann : Ich habe keine Ahnung, Herr Sterner, wie ich das verstehen soll. Sterner : Ganz einfach: Eine Frau ohne Kinder ist doch gar keine richtige Garantie für mich. Vollmann : Zweifeln Herr Sterner vielleicht daran, daß ich meine Frau aufrichtig liebe? Sterner : Das ist mir vollständig gleichgültig. Aber wenn Ihre Frau keine Kinder hat, dann langweilt sie sich bei Ihnen. Infolgedessen macht sie Ihnen das Leben sauer, und Sie gehen mit der Kasse nach Amerika durch. Vollmann : Wie können Sie mir zutrauen, daß ich jemals meine Frau verlasse! Sterner : Damit würden Sie Ihrer Frau den größten Gefallen tun. Wenn Ihre Frau keine Kinder hat, führt sie ohne Sie ein viel schöneres Leben, als wenn sie mit Ihnen verheiratet ist. Könnte Ihre Frau denn nicht vielleicht rasch noch ein Kind bekommen? Vollmann : An mir liegt es selbstverständlich nicht, daß meine Frau bis jetzt noch keine Kinder hat. Aber das ist für mich doch wahrhaftig noch keine Veranlassung, mit der Kasse nach Amerika durchzubrennen. Sterner : Warum denn nicht! Kortum in Stuttgart hat Sie doch gerade deshalb als Buchhalter empfohlen, weil Sie für die dortige Stellung zu selbständig waren. Vollmann : So dürfen Sie das aber wirklich nicht auffassen! Sterner (sich erhebend) : Wollen Sie meine Auffassungsweise bitte mir überlassen! Ich kann jetzt nicht länger mit Ihnen sprechen. Mein Schwiegervater ist eben gekommen. Ich höre seine Stimme draußen. Vollmann : Ich ziehe mich zurück, Herr Sterner. Sterner (ihm den Registrator gebend) : Nehmen Sie gleich die Kontrakte mit. Schließen Sie sie sorgfältig ein. Sobald Sie zwei Kinder haben, erhöhe ich Ihr Gehalt um zwanzig Mark monatlich. (Eindringlich) : Geben Sie sich doch ein bißchen Mühe! Vollmann : Ganz, wie Sie befehlen. Vollmann öffnet mit einem Bückling die Tür zum Nebenzimmer. durch die Ole Olestierna eintritt und geht ab. Ole Olestierna, ein hochgewachsener Mann mit erhobenem Kopf, glattrasiertem Gesicht, goldener Brille und weißer Löwenmähne, tritt aufgeregt ein. Er spricht mit fremdländischem Akzent. Olestierna : Ich finde das unerhört von dir! Ich fühle deutlich, daß ich, obschon du meine jüngste Tochter geheiratet hast, nicht länger persönlich mit dir verkehren kann! Sterner : Ich weiß nicht, lieber Schwiegerpapa, wovon du sprichst. Olestierna : Ich befinde mich noch in einer so hochgradigen Aufregung, daß es mir die größte Mühe kostet, die einer so ungeheuerlichen Beschimpfung gegenüber angebrachten Ausdrücke ausfindig zu machen! Sterner : Ich hätte dich beschimpft?! – Unsinn! Olestierna (nimmt ein Zeitungsblatt aus der Tasche) : Ich bekomme heute morgen eine Nummer der »Preußischen Kreuzzeitung« zugeschickt. In dem Blatt steht schwarz auf weiß gedruckt: (Liest) : Die politischen Ansichten Ole Olestiernas kann doch unmöglich ein vernünftiger Mensch mehr ernst nehmen, seitdem sich dieser Volksheld und Freiheitsdichter von seinem Schwiegersohn, dem Verlagsbuchhändler Georg Sterner, aushalten läßt. Sterner : Ich werde das Gerücht sofort dementieren. Olestierna : Das wagen die Menschen von Ole Olestierna zu behaupten! – Während ich seit fünfzig Jahren unausgesetzt arbeite, um den Ruhm, den mir meine Dichtung einträgt, unserer Politik zum Opfer zu bringen! Ich lebe von dem Gelde meines Schwiegersohnes! Noch dazu eines Schwiegersohnes, der sich die letzten Öre seines väterlichen Erbteils von seinem Freunde Gadolfi aus der Tasche holen ließ! Von solch einem Kleinod von Schwiegersohn läßt sich Ole Olestierna aushalten! Ich schäume förmlich vor Wut über den Verdacht, in den ich durch deine Verheiratung mit meiner Tochter geraten bin! Sterner : Was geht mich die »Preußische Kreuzzeitung« an! Olestierna (im höchsten Zorn) : Leugne deine Urheberschaft nicht so teuflisch! Ich muß diesen Mangel an Sittlichkeitsgefühl zurückweisen! Hast du nicht gestern abend noch dem Schriftsteller Bouterweck gesagt: Mein Schwiegervater ist ein großes Kind?! Wenn du so zu dem Schriftsteller Bouterweck sprichst, dann ist das für mich der deutlichste Beweis dafür, daß du mich für einen alten Esel hältst! Sterner : Lieber Schwiegerpapa! Wenn du mir deine moralische Unterstützung versagst, dann hat deine Tochter Leona kein Hemd anzuziehen! Olestierna : Lieber soll Olestiernas Tochter nackt durch die Straßen spazieren, als daß ihr Erzeuger in den Ruf der Prostitution gerät! Als ich vor vierzehn Tagen in der Heimat war, sagte ich zu unserem König: Die Dynastie Olestierna wurzelt tiefer im Volke als deine Dynastie! Heute erfahre ich zu meiner unbezähmbaren Überraschung, daß die Dynastie Olestierna in dem ausgeplünderten Geldbeutel eines naseweisen Schulknaben wurzelt! Sterner : Ich muß morgen früh ins Gefängnis! Es tut mir leid, aber ich habe keine Zeit mehr für dich. Olestierna : Ins Gefängnis? Du?! Sterner : Wo kommt man mit seiner Menschenliebe denn anders hin?! Jesus Christus ist auch ins Gefängnis gekommen! Olestierna (reicht ihm die Hand) : Ich – bitte dich um Verzeihung! Sterner (ihm flüchtig die Hand drückend) : Was ändert denn das daran! Max Bouterwecks Gedicht »Palästinafahrt« ist wegen Majestätsbeleidigung konfisziert worden. Der Schlaumeier schreibt natürlich seinen Namen nicht darunter und ich als Herausgeber sitze morgen an seiner Stelle im Gefängnis! Olestierna : Dieser Bouterweck ist der niederträchtigste Geselle, der mir in Europa begegnet ist! Sterner : Das lächerlichste ist, daß er mit aller Gewalt zum Theater will. Er ist schon irgendwo als Statist angestellt. Du mußt ihm sagen, daß er kein Talent für die Bühne hat. Olestierna : Dazu muß ich ihn zuerst spielen sehen. Sterner : Wieso denn? Ist es für die Menschheit etwa nicht besser, wenn Max Bouterweck Gedichte über den Weltfrieden, die allgemeine Abrüstung und die Verbrüderung der Kulturvölker schreibt, als wenn er sich aus purer Faulheit jeden Abend für Geld sehen läßt? Olestierna : Ich werde Bouterweck sagen, daß er kein Talent für die Bühne hat. Sterner : Du darfst überhaupt nicht glauben, daß ich mir etwa ein besonderes Vergnügen daraus mache, ins Gefängnis zu gehen! Mich packt ein Grauen, wenn ich mir vorstelle, wie meine Mitarbeiter mir während meiner Gefängnishaft auf der Nase herumtanzen werden! Olestierna : Ich fühle, daß ich dir in dieser Angelegenheit jede Hilfe angedeihen lassen muß, die ein Vater seinen Kindern zuteil werden lassen kann. (Klopft ihm auf die Schulter und schüttelt ihm nochmals die Hand.) Du bist ein wackerer Bursche! Sterner (zuckt die Achseln) : Jesus Christus mußte auch immer auf der Hut sein, daß ihm seine Jünger nicht auf den Kopf stiegen. Es kann diesen Drachentötern nur nützlich sein, wenn du ihnen einmal ganz gehörig die Leviten liest. (Er öffnet die Flurtür.) Wollen Sie bitte eben hereinkommen, meine Herren! Dr. Kilian , dann Burry , dann von Tichatscheck , dann Laube , dann Vollmann und als letzter Bouterweck treten durch die Flurtür ein; Burry, Laube und von Tichatscheck in allermodernster, nagelneuer Kleidung, Burry hält eine Mappe unter dem Arm; er hat sich die Haare schneiden lassen und ist à la Beethoven frisiert. Dr. Kilian trägt grüne Joppe, Lederhose. Wadenstrümpfe und Nagelschuhe. Sterner : Wollen Sie sich bitte hier in einer Reihe hinstellen! (Zu Bouterweck) : Das ist schön, daß Sie gleich hergekommen sind! (Die Herren stellen sich in der Reihenfolge, in der sie eingetreten sind, nebeneinander auf.) Burry (zu Dr. Kilian) : Sie brauchten nicht erst krachlederne Hosen anzuziehen! Ihren Mangel an Erziehung merkt man auch so! (Er schiebt ihn beiseite und stellt sich an seinen Platz.) Gehen Sie! Lassen Sie mich dahin! Bevor sich ein Mensch überall immer gleich oben anstellt, sollte er es doch erst einmal zu einer Spur von Weltbedeutung gebracht haben! Sterner (gedämpft zu Vollmann) : Wie kommen Sie zu der Unverschämtheit, sich zwischen die Mitarbeiter zu stellen?! wechseln Sie Ihren Platz mit Herrn Bouterweck! (Vollmann tut es.) Olestierna (spricht das Folgende langsam, nach den Ausdrücken suchend und die Ausdrücke stark betonend) : Ich werde Ihnen, meine lieben jungen Herrn, zuerst ein kurzes Wort zur allgemeinen Ermunterung sagen. An jeden einzelnen von Ihnen werde ich dann noch im besonderen eine – erleuchtende Bemerkung richten. Die Politik, meine Herren, ist ein zu erhabener Beruf, als daß der Mensch mit ihr seiner Eitelkeit frönen könnte. Als ich das letztemal in der Heimat war, saßen ich und der König bei einem Grog zusammen. Ich sagte zu unserm König: Sie müssen sich etwas zusammennehmen! Wenn nicht, dann zeigt Ihnen Ole Olestierna, wo der Zimmermann das Loch gelassen hat. Die Politik, meine Herren, legt dem Politiker Opfer auf, wie sie ein gewöhnlicher Mensch gar nicht erschwingen kann. Jede Bereicherung an Ruhm, die ich mir durch meine Betätigung als Dichter erkämpfe, werde ich zur Erreichung meiner politischen Ziele freiwillig wieder zum Opfer bringen. – Herr Burry, hören Sie genau auf die Bedeutung meiner Worte: Sie sind der begnadetste Künstler, den ich auf dieser Welt getroffen habe! – (Zu Dr. Kilian tretend) : Sie, Herr Doktor, sind ein bewunderungswürdiger Horcher! Ihr Ohr vernimmt den unscheinbarsten Laut, welcher der Natur des Menschen entschlüpft. Ihre Dichtung hilft dem Laut zu ewigem Gedächtnis. – (Zu von Tichatscheck tretend) : Sie, Herr Baron, sind ein Volksmann von Gottes Gnaden. Es ist mir ein Labsal, in Ihrer feinfühligen Kunst Adel und Bürgerschaft immer wieder unzertrennbar auseinandergeschweißt zu finden. – (Zu Laube tretend) : Ihnen, Herr Laube, sage ich nur eines: Bleiben Sie hartgefroren! Tauen Sie niemals auf! Wenn Sie warm werden, dann werden Sie weich! Und wenn Sie weich werden, dann hören Sie auf, die Luft zu reinigen! – (Zu Bouterweck tretend) : Sie, Herr Bouterweck, sind der miserabelste Schauspieler, der jemals eine Bühne betreten hat. Sie müssen dichten! Haben Sie mich verstanden? Dichten müssen Sie! – (Zu Vollmann tretend) : Sie, mein Herr, ersuche ich, mir mitzuteilen, wie man hier hinausgelangt. Sterner (die Tür zum Nebenzimmer öffnend) : Hier ist der Ausgang, lieber Schwiegerpapa. (Olestierna verläßt stolzerhobenen Hauptes das Zimmer.) Sterner (zu Vollmann) : Helfen Sie doch meinem Schwiegervater in seinen Überrock! (Vollmann ab.) Sterner : Haben Sie jetzt gehört, Herr Bouterweck, was Sie tun müssen? – Wenn Sie so feurig fürs Theater schwärmen, dann schreiben Sie doch einmal ein Lustspiel, das aus nichts als Till Eulenspiegelwitzen besteht. Jedes Wort, das in dem Stück vorkommt, müßte ein Till Eulenspiegelwitz sein! Der Titel des Lustspiels müßte natürlich auch »Till Eulenspiegel« lauten. Das wäre die glänzendste Reklame, die ich mir für den »Till Eulenspiegel« wünschen könnte! Dr. Kilian : Der Bouterweck tut nicht so leicht etwas schreiben, solang er noch so viel in der Tasche hat, daß er sich abends seinen Rausch antrinken kann! Burry (überreicht Sterner eine Zeichnung aus seiner Mappe) : Ich bringe Ihnen hier die Zeichnung, die heute notwendig noch für die nächste Nummer in die Druckerei geschickt werden muß. Sterner : Ist sie gut geworden? (Er betrachtet die Zeichnung und rümpft die Nase.) Sie scheinen wieder einmal nichts gegessen zu haben? Burry : Doch, ich habe sogar sehr gut gegessen. Ich rieche heute auch gar nicht aus dem Mund. Ich rieche heute nur aus den Füßen. Der Geruch kommt davon, daß ich an heißen Füßen leide. Sterner : Würden Sie es nicht vielleicht einmal damit versuchen, sich die Füße zu waschen? (Burry versetzt Sterner einen Faustschlag mitten ins Gesicht, so daß Sterner zu Boden stürzt und regungslos liegen bleibt. – Pause.) Laube (zu Burry) : Wenn Sie ihn totgeschlagen haben, dann verklagen wir Sie auf Schadenersatz. Burry : Wie soll man mit solch einem ungebildeten Menschen anders reden. Dr. Kilian : Ich an Ihrer Stelle hätte ihn einfach auf die Kirchweih geladen. v. Tichatscheck : Wenn wir jetzt nur über den Besitz unserer Damen einig wären! Dann könnten wir den »Till Eulenspiegel« ja vielleicht auf eigene Rechnung weiterführen. Dr. Kilian (berührt Sterner mit der Fußspitze) : Gehen Sie, Sterner! Tun Sie aufstehn! Sie versauen den ganzen Fußboden mit Ihrem Blut! Sterner (erhebt sich ächzend und stöhnend, ein blutiges Taschentuch vors Gesicht haltend) : Der Grobian hat mir das Nasenbein zerschmettert! (Er geht zum Waschtisch und wäscht sich das Gesicht.) Laube : Es ist nicht so leicht, eine satirische Zeitschrift herauszugeben! Burry (zu v. Tichatscheck, seine Hand betrachtend) : Ich hätte nie geglaubt, daß ich so viel Kraft in dieser Hand habe. Sterner (am Waschtisch, immer noch stöhnend) : Bouterweck! Sie müssen sofort einen brillanten Witz machen! Geben Sie sich mal ein bißchen Mühe! Mein Schwiegervater hat Ihnen ja gesagt, daß Sie dichten müssen! Der Witz muß heute abend noch mit Burrys Zeichnung in die Druckerei, sonst kann die nächste Nummer unmöglich mehr rechtzeitig erscheinen. – (Zu Burry) : Lassen Sie mich die Zeichnung noch einmal sehen. Burry (ihm die Zeichnung hinhaltend) : Lassen Sie Ihre Hände davon, sonst kommen noch Blutflecken darauf. Sterner (die Zeichnung betrachtend) : Ein Herr und eine Dame in Gesellschaftskleidung! Es ist nicht zu glauben, woher Sie den Geist nehmen, mit dem Sie diesen gleichen Herrn und diese gleiche Dame immer und immer wieder so packend naturgetreu aufs Papier werfen! Burry : Wenn ich mir vorstelle, was der Albrecht Dürer oder der Leonardo da Vinci für einen verschrobenen Wurstkegel daraus gemacht hätten, dann möchte ich mich übergeben. Sterner : Also vorwärts, Bouterweck! Nehmen Sie die Zeichnung mit ins Nebenzimmer. Vielleicht fällt Ihnen etwas über Ihre Geliebte ein. Sie erzählten mir ja schon von Ihren schmutzigen Geschichten. In zehn Minuten muß der Witz fertig sein! Worauf warten Sie denn noch? (Scharf) : Glauben Sie, ich finde mein Geld auf der Straße?! Bouterweck (will zuerst etwas antworten, nimmt dann mechanisch die Zeichnung und geht ins Nebenzimmer) . Sterner : Man muß ihn vorher immer etwas an seinen wunden Stellen kitzeln. Dann werden seine Witze um so blutiger. Dr. Kilian : Ich bin ein Mensch, wissen Sie – ich kann überhaupt keine Witze machen. Ich finde nämlich: Je tiefer der Mensch sich selbst verachten tut, um so bessere Witze macht er. Laube : Ich finde, die prachtvollsten Witze macht der Mensch überhaupt immer über diejenigen Dinge, von denen er am wenigsten versteht! Burry : Das ist auf ein Haar das gleiche, was mir jedesmal aufsteigt, wenn ich einen Witz machen will! Als Mitarbeiter am »Till Eulenspiegel« stehen wir einfach geistig viel zu hoch, als daß uns noch gute Witze einfallen könnten. Sterner : Wie meinen Sie das, mein lieber Herr Burry? Burry : Ihnen geht das natürlich nicht in den Kopf! Hat sich der Mensch durch seine Kunst einmal solch eine Bedeutung errungen, daß er von seinen Zeitgenossen zu den weltbewegenden Persönlichkeiten gezählt wird, dann ist es schlechterdings ausgeschlossen, daß er noch gute Witze machen kann. Sterner : Jetzt verstehe ich, was Sie meinen. Auf meine Witze ist leider erst recht kein Verlaß, weil Sie mir immer zur unrechten Zeit einfallen. In dem Augenblick, wo ich einen Witz notwendig brauche, kommt bei mir immer so dummes Zeug zutage, daß ich selber ganz sprachlos darüber bin. Dr. Kilian : Um eine ergiebige, zuverlässige Bezugsquelle für brauchbare Witze zu haben, täte man meiner Ansicht nach am besten einen richtigen Trunkenbold anstellen, ein vollständig verkommenes Subjekt, wissen Sie, einen Lumpenkerl, der nicht nur keinen Funken Achtung mehr vor sich selbst hat, sondern der auch alles übrige verachtet, was von irgendeinem Menschen in dieser Welt aus irgendeinem Grunde geschätzt werden tut. Laube : Ich finde Ihren Vorschlag höchst unpraktisch! Ein Trunkenbold ist eine teure Quelle! Ich glaube, wir kämen billiger zu brauchbaren Witzen, wenn wir uns an das städtische Waisenhaus wendeten. Sterner : Das verstehe ich nicht, mein lieber Herr Laube. Warum sollten gerade im Waisenhaus die Witze so billig sein? Laube : Weil Kinder keinen Alkohol nötig haben, um gute Witze zu machen. Unsere Regierungen schlachten die Unschuld der armen Waisenkinder bekanntlich dazu aus, um Lotterielose ziehen zu lassen. Warum sollen wir die Unschuld der armen Waisenkinder nicht dazu verwenden, um brauchbare Witze von ihnen zu bekommen? Sterner (lächelnd) : Sie sind ein Spaßvogel, lieber Herr Laube! Ihr Vorschlag ist selbst ein Till Eulenspiegelwitz. Sie können gleich für die nächste Nummer eine Zeichnung dazu machen. In diesem Augenblick erörtern wir hier aber eine ernste Geschäftsangelegenheit! Dr. Kilian : Wenn Sie ein Kind zum Witzemachen abrichten, dann wird Ihnen das Kind durch Ihre Abrichtung schon in wenigen Wochen so witzlos, wie es unsereiner durch die größten literarischen Erfolge nicht werden tut. Da ist mein Vorschlag denn doch entschieden vernünftiger! Hätte dieser Bouterweck nur nicht die hartnäckige Zwangsvorstellung, er müßte noch einmal Achtung vor sich selbst haben, dann könnten wir uns mit dem Menschen vollkommen zufrieden geben. Leider Gottes ist er noch nicht abgestumpft genug! Sonst täte er uns um so göttlichere Witze machen, je tiefer er in seinem Schlamme versinken tut. Sterner : Das billigste und praktischste wäre natürlich, wenn man gute Witze auf mechanischem Wege erzielen könnte. Warum denn nicht, meine Herren?! Man hat Maschinen zur Berechnung von Zinseszinsen erfunden! Warum sollte sich nicht eine Maschine konstruieren lassen, mit der man Witze anfertigen kann?! v. Tichatscheck : In den Annalen der deutschen Höfe habe ich von den prachtliebenden Fürsten des Mittelalters gelesen, daß sie, ohne sich zu genieren, einfach Zwerge und Krüppel in ihren Dienst nahmen, um ihren Bedarf an guten Witzen zu decken. Sterner : Das war sehr vernünftig von ihnen! Mit dieser Idee ließe sich vielleicht auch ein Geschäft machen. Burry : Davon bin ich felsenfest überzeugt! Ein Mensch muß eben nicht nur geistig minderwertig, sondern er muß auch körperlich zurückgeblieben sein, damit er berufsmäßig andauernd gute Witze liefern kann. Dr. Kilian : In erster Linie muß das Wesen, das der »Till Eulenspiegel« zum Witzemachen anstellt, jedenfalls für nichts in der Welt mehr Liebe oder Haß empfinden. In zweiter Linie muß das Wesen dann aber notwendig auch noch an Gedankenflucht leiden. Das macht die Sache so ungeheuer schwierig. Es darf keine Ahnung davon haben, was in der Welt zueinander gehört. Es muß die allerentferntesten Dinge in innigste Verwandtschaft zu einander bringen und muß sie dann nachher alle wie Kraut und Rüben durcheinander schmeißen. v. Tichatscheck : Ich habe in den Annalen der deutschen Höfe gelesen, daß bei den Zwergen und Krüppeln von Liebe überhaupt nie etwas zu bemerken war. Ihren Haß hat man ihnen natürlich ganz einfach mit der Peitsche ausgebläut. Sterner : Dies Verfahren muß der »Till Eulenspiegel« in Berlin zum Patent anmelden. Gleich in der nächsten Nummer veröffentlichen wir ein großes Inserat: Wasserkopf oder Mikrozephale gesucht! v. Tichatscheck : Das ist vielleicht gar nicht notwendig. Ich kenne durch die Beziehungen meiner Familie zwei der modernsten Privatanstalten für Geistesschwache. Sterner : Dann geben Sie mir bitte Empfehlungen an die Direktoren. Ich werde anfragen, ob man uns jemanden überläßt. Viel kosten kann solch ein Witzbold nicht. Je größer seine Beschränktheit ist, um so brillanter sind seine Witze, und um so bescheidener sind natürlich seine Gehaltsansprüche. Leona Sterner tritt durch die Flurtür ein. Leona : Ich störe dich, wie ich sehe. Sterner : Du möchtest mich wohl allein sprechen? Leona : Wenn es vor deiner Abreise noch möglich ist, möchte ich das allerdings. Sterner : Ich muß Sie bitten, meine Herren, uns einen Augenblick allein zu lassen. Laube (sich verbeugend) : Mit Vergnügen, gnädige Frau! Wir sind viel zu weichherzige Menschen, als daß wir uns den Freuden einer zärtlichen Schäferstunde in den Weg stellen möchten. v. Tichatscheck (sich verbeugend) : Ich habe die Ehre. Burry (bedeutungsvoll) : Ich empfehle mich Ihnen. Dr. Kilian : Servus. (Laube, v. Tichatscheck, Burry und Dr. Kilian durch die Flurtür ab. Sterner nimmt den Handkoffer, klappt ihn mitten auf dem Teppich auf und wirft während des Folgenden alles halbwegs für die Reise Verwendbare, das ihm unter die Hände kommt, hinein. Darauf zieht er einen Reisemantel an und setzt eine Mütze auf.) Leona : Ich höre zu Hause von unseren Dienern, daß du heute abend nach Belgien verreisen willst. Sterner : Ich habe mich anders besonnen. Ich fahre in die Schweiz. Leona : Ich bitte dich, Georg, bleib hier! Dieser Max Bouterweck ist schon seit langer Zeit dein erbittertster Feind. Willst du diesem elenden Menschen nun das Recht geben, dich vor aller Welt einen Schurken zu nennen? Sterner : Max Bouterweck ist alt genug, um selber zu wissen, was er tut. Ich kann mich nicht ins Gefängnis sperren lassen. Ich bin zu nervös dazu. Ich wüßte gar nicht, was ich da drinnen anfangen sollte. Leona : Ich bitte dich noch einmal inständig: Bleib hier! Geh nicht in die Schweiz. Man wird euch doch nicht Knall und Fall von heute auf morgen einsperren. Wenn du Max Bouterweck hier allein zurückläßt, dann wendet er sich sofort mit Drohbriefen an meinen Vater. Dessen bin ich vollkommen sicher. Und mein Vater ist nicht der Schwächling, der dann, nachdem du dich freiwillig hast beschimpfen lassen, noch bei irgendwem ein gutes Wort für dich einlegt. Sterner : Es wäre einfach ein Verbrechen an unseren Kindern, wenn ich jetzt hier bliebe. Der »Till Eulenspiegel« ist in diesem Augenblick zu einem Weltblatt geworden. Dieses Weltblatt muß ich unseren Kindern erhalten. Meine Bewegungsfreiheit ist für unser Geschäft jetzt einfach unentbehrlich! Leona : Was kümmert mich unser Geschäft! Mich kümmert es, den Vater meiner Kinder nicht von einem jämmerlichen Zeitungsschreiber als Feigling, als Verräter gebrandmarkt zu sehen! Kannst du die hunderttausend Mark, die wir jährlich brauchen, denn nicht vielleicht auf irgendeine Art aufbringen, ohne dabei die Pläne zunichte zu machen, die dieser verzweifelte Mensch mit seinen Theaterstücken verfolgt?! Sterner : Das ist es ja gerade! Kommt Max Bouterweck jetzt nicht ins Gefängnis, dann bleibt er sein ganzes Leben lang beim Theater! Dann denkt er nicht mehr daran, politische Gedichte zu schreiben! Ich muß die günstige Gelegenheit ausnützen. Übrigens kennt der Bouterweck ja gar keinen höheren Genuß, als endlich einmal zum Märtyrer zu werden. Ich verstehe nicht, warum dir der Mensch so leid tut! Für den ist das Gefängnis das reine Schlaraffenland. Er bekommt regelmäßig zu essen, er braucht sich nicht zu waschen, der Gerichtsvollzieher kann nicht zu ihm hinein . . . Leona : Wir brauchten seine Rache ja auch gar nicht zu fürchten, wenn er nur wenigstens aufrichtig für seine Gedichte einstehen könnte. Sterner : Aber du kennst ja die Eitelkeit des deutschen Schriftstellers nicht! Der steht für jedes Komma, das er geschrieben hat, mit seiner Ehre ein! Leona : Was hast du denn da im Gesicht? Sterner (wischt sich das Gesicht ab) : Burry und ich haben uns vorhin im Boxkampf geübt. Wir sind uns dabei aus Versehen etwas zu nahe gekommen. Ich hätte ihm beinahe das Nasenbein zerschmettert. – Ich habe die feste Überzeugung, daß wir uns in zwei oder drei Jahren alle wieder ganz fröhlich hier auf der Redaktion zusammenfinden. Die Strafe, die ich als Herausgeber zu gewärtigen habe, läßt sich vom Ausland her am leichtesten mit Geld abmachen. In drei oder vier Tagen reist du mir von hier aus mit den Kindern nach. Weihnachten feiern wir zusammen in der Schweiz und mieten uns dann eine hübsch gelegene Wohnung in Paris. Leona : Bist du dessen ganz sicher, daß ich dir mit den Kindern nachreisen werde? Sterner : Nach dem Gesetz soll die Frau den Aufenthalt ihres Mannes teilen. Zur Not finde ich mich in Paris aber auch allein zurecht. Leona : Georg! Bei dem Lebensglück unserer Kinder beschwöre ich dich: Bleib hier! Sterner : Ich bedanke mich für eine Frau, die ihren Mann mit aller Gewalt ins Gefängnis jagt! Andere Frauen haben ihre Männer unter Lebensgefahr aus dem Gefängnis befreit! Du möchtest mir wohl, während ich eingesperrt bin, gerne Hörner aufsetzen? Leona (schreit) : Georg! – – (Sie geht, die Hände über dem Kopfe ringend, umher.) Und ich törichtes kindisches Geschöpf bildete mir ein, ich könnte diesen Menschen durch die Übersetzung der Gedichte meines Vaters veredeln! – Herr Gott im Himmel, zeig mir ein Mittel, wie ich meinen armen Kindern ihren Vater erhalten kann! Sterner : Paperlapap! Glaubst du denn etwa, ich merke nicht, was sich seit einiger Zeit zwischen dir und Tichatscheck abspielt?! Hast du dich ihm denn nicht erst neulich abend noch im Nachthemd auf die Knie gesetzt? Leona : Großer Gott, das tat ich doch nur, weil du selber mich dazu auffordertest! Er hat dir ja dann auch seine Wettrennen-Zeichnung um hundert Mark billiger überlassen. Sterner : Ich habe dich nur dazu aufgefordert, um dich auf die Probe zu stellen! Eine anständige Frau läßt sich auf solche Zumutungen einfach nicht ein! Leona : Georg! (Ihre Augen füllen sich mit Tränen, sie wirft sich vor Sterner zu Boden und umklammert seine Knie.) Ich beschwöre dich, Georg! Ich liege nicht um meiner selbst willen hier! Um unserer Kinder willen knie ich vor dir! Um unserer unschuldigen Kinder willen! Georg, ich umklammere den Vater meiner Kinder! Bleib hier, Georg! Bleib hier! Stehst du dir denn nicht selbst zu hoch, um dich so teuflisch zu Boden zu treten?! Du bist ein rastloser Arbeiter! Du verspielst dein Geld nicht! Du hältst dir keine Weiber! Du trinkst nicht! Was bin ich gegen dich, Georg! Nichts bin ich! Nichts, ich schwör' es! Zwei Kindern habe ich das Leben geschenkt, sonst hätte ich nicht den Mut, deine Frau zu heißen! Aber du erwürgst uns alle miteinander, dich, mich, die Kinder, wenn du dich vor der ganzen Welt »Schurke« nennen läßt! Ist dir das nicht klar, Georg?! Schlag mir mit deinen Fäusten den Kopf in Stücke! Tritt mir die Augen aus, wenn es dir Erleichterung schafft! Aber bleib hier! (Sterner hat sich vergeblich ihrer Umklammerung zu erwehren gesucht, so daß sie ihm auf den Knien über den ganzen Teppich nachgerutscht ist. Nach ihren letzten Worten reißt er sich los.) Sterner : Ich brauche noch ein Paar Gummischuhe! (Er öffnet die Tür zum Seitenzimmer.) Bouterweck (tritt heraus, Burrys Zeichnung in der Hand) : Ich habe bis jetzt einen geeigneten Witz zu dieser Zeichnung noch nicht finden können. Sterner : Das eilt auch gar nicht, lieber Herr Bouterweck! (Er geht ins Nebenzimmer, kommt mit einem Paar Galoschen zurück, setzt sich auf einen Sessel und zieht die Galoschen an.) Ich hoffe, Sie werden Muße vollauf finden, um einen Witz zu dieser Zeichnung auszudenken, wie er blutiger im »Till Eulenspiegel« noch nicht erschienen ist. (Er klappt den Handkoffer zusammen und will Leona in die Arme schließen; da Leona sich nicht rührt) : Du hast recht! Ersparen wir uns die Tränen! (Ihr die Hand reichend) : Auf Wiedersehn! Leona (liegt regungslos mit vornübergebeugtem Kopf auf dem Teppich zusammengekauert) . Sterner : Na, denn nicht! – (Breit) : Mahlzeit! (Sterner eilt mit dem Handkoffer durch die Flurtür ab. Bouterweck betrachte Leona mit stummem Befremden.) Dritter Aufzug Leonhard Burry sitzt an einem der Seitenschreibtische. Dr. Kilian geht aufgeregt auf und nieder. Dr. Kilian : Ich bin ein Mensch, wissen Sie – wenn ich einen derartigen Zuchthäusler bloß riechen tue, dann kehrt sich mir mein Innerstes zu äußerst und mir wird Nacht vor den Augen! – Ein solch ein Mensch bin ich! Burry (führt ein großes rotes Taschentuch, das zu seiner hochmodernen Kleidung in stärkstem Widerspruch steht, zur Nase und schneuzt sich mit dröhnendem Ton) : Der Sterner ist heute ein internationaler Standesherr! Die europäischen Fürsten empfangen ihn in Audienz! Einen Einzug hält er nach seiner Begnadigung ins Deutsche Reich, als hätte er für uns einen neuen Weltteil entdeckt! Und seine Mitarbeiter will der Halodri, der verdächtige, mit einem Hundsfressen abspeisen?! – Ich werde ihm zeigen, wer der Koch im Hause ist! Dr. Kilian : Ein solch ein Mensch bin ich! – Vom ersten Tag an, da der Zuchthäusler sein Maul hier auf der Redaktion so sperrangelweit aufreißen tat, sagte ich im stillen zu mir: Deutsches Reichsstrafgesetzbuch § 351! Um meinetwillen hätte der Georg Sterner dem Menschen gar nicht erst die Kassenschlüssel anzuvertrauen brauchen, um zu erfahren, daß er einen Räuberhauptmann als Geheimpolizisten angestellt hatte. Der Himmel muß wissen, was er beabsichtigte, daß er mich mit einem so verteufelt heikeln Rechtsgefühl in diese Gaunerbande hineinplatzen läßt! Burry (schneuzt sich mit dröhnendem Ton) : Ich habe eine furchtbare Influenza! Ich habe zwei Dutzend vollgeschneuzter Taschentücher in meinem Atelier oben zum Trocknen über die Dampfheizung aufgehängt. – Hat sich etwa schon je ein Mensch einen Till Eulenspiegel gekauft, weil ihn der Georg Sterner herausgibt?! – Wenn wir Mitarbeiter das Hundsfressen, das uns der Sterner vorsetzt, noch länger hinunterwürgen, dann sind wir einfach nicht wert, daß unsere Namen alle Wochen in allen fünf Weltteilen schwarz auf weiß gedruckt gelesen werden! Dr. Kilian : Auf der Lateinschule war das schon so mit mir! Tat einer dem andern nur sein Löschblatt benutzen, oder spickte er ihm gar eine Vokabel aus dem Präparationsheft, gleich tat mich ein solch ein mordsmäßiger, gottsträflicher Zorn anpacken, daß sie mich ohnmächtig hinaustragen mußten! Ein solch ein Zuchthäusler! Hätte ich den Kerl doch schon hier zwischen diesen Händen und könnte ihm das Reichsstrafgesetzbuch in den Rachen stoßen, daß man es mit keiner Geburtszange wieder herauskriegen täte! Sag' mir nur einer, warum ich nicht Kriminalist geworden bin! Ich hätte unsere schöne Gotteswelt von diesen Kassendieben und Wechselfälschern gesäubert, daß wir ehrlichen Leute unser Geld nachher überall frei hätten umherliegen lassen können! Burry (schneuzt sich mit dröhnendem Ton) : Und einem Halodri, einem elendigen, wie diesem Sterner, der seinen Mitarbeitern das Blut aussaugt, damit er seiner Frau eine mit Diamanten besetzte Waschtischgarnitur kaufen kann, dem würden Sie am liebsten ein Nationaldenkmal in den Parkanlagen vor der Heiligengeistkirche errichten! Dr. Kilian : Sie sind ein Lümmel! Burry (ohne sich zu schneuzen) : Da täuschen Sie sich aber gewaltig, wenn Sie mich für einen Lümmel halten! Nein, dieses Urteil gereicht Ihrer Menschenkenntnis wahrhaftig nicht zur Ehre! Soll ich Ihnen sagen, wie es sich in Wirklichkeit verhält? Soll ich Ihnen sagen, wer hier der Lümmel ist? – Nein, ich bin kein Lümmel; das bin ich gewiß nicht! Aber Sie selber! Sie sind ein Lümmel! Dr. Kilian (wegwerfend) : Sie sind ein Kamel! Burry (ohne sich zu schneuzen) : Und wissen Sie, was Sie sind?! Soll ich Ihnen einmal sagen, was Sie sind?! Soll ich es Ihnen vielleicht schwarz auf weiß geben, was Sie sind?! – Sie sind auch ein Kamel! – (Er schneuzt sich mit dröhnendem Ton.) Wissen Sie, was ich Ihnen sage?! Wenn Sie sich Zeit Ihres Lebens von dem Sterner mit einem Hundsfressen abspeisen lassen, dann sind Sie nicht wert, daß Ihr Name alle Wochen in allen fünf Weltteilen schwarz auf weiß gedruckt gelesen wird! Dr. Kilian : Und wissen Sie, was ich Ihnen sage?! Gar nichts tue ich Ihnen sagen! (Ihn scharf ins Auge fassend) : Ich lade Sie auf die Kirchweih! Burry (schneuzt sich mit dröhnendem Ton und hebt das Taschentuch in der geballten Faust) : Nehmen Sie das Wort zurück, oder ich schlage Sie nieder! Dr. Kilian (flüchtend) : Tun Sie um Gottes willen zuerst Ihr Taschentuch einstecken! Burry (schneuzt sich mit dröhnendem Ton, verfolgt Dr. Kilian und hebt das Taschentuch in der geballten Faust) : Nehmen Sie das Wort zurück! Dr. Kilian (flüchtend) : Tun Sie zuerst Ihr Influenza-Taschentuch einstecken! Burry (schneuzt sich mit dröhnendem Ton, verfolgt Dr. Kilian und hebt das Taschentuch in der geballten Faust) : Ich schlage Sie zum Krüppel, wenn Sie das Wort nicht zurücknehmen! Dr. Kilian (flüchtend) : Tun Sie Ihr vollgeschneuztes Influenza-Taschentuch beiseite! Ich will von Ihnen nicht krank werden! Georg Sterner tritt rasch durch die Flurtür ein. Sterner (sehr scharf) . Was ist denn das?! Gehen Sie gefälligst auf die Straße hinunter, wenn Sie sich prügeln wollen! Burry (taumelt in einen Sessel) : Ich kann mich kaum auf den Füßen halten! Ich habe eine furchtbare Influenza! Dr. Kilian (die Fäuste ballend) : Ein solch ein Zuchthäusler! Sterner : In Paris und London wird überhaupt nicht mehr geprügelt. Man ist dort vollständig sicher vor Prügeln! Deshalb erfreut man sich auch, wenn man in Paris lebt, in Deutschland eines größeren Ansehens als der angesehenste Deutsche. Burry (schneuzt sich mit dröhnendem Ton) : Ich wollte fragen, wie es sich denn nun eigentlich mit der Erhöhung von unseren Mitarbeitergehältern verhält. Sterner : Mein lieber Herr Burry, ich kann Sie jetzt absolut nicht gebrauchen! Herr Doktor Kilian und ich haben die wichtigsten Dinge miteinander zu besprechen. Burry : Auch gut! (Er schneuzt und erhebt sich.) Sie werden die Frage von mir nicht wieder hören. (Durch die Flurtür ab.) Sterner : In meinem Palais in Paris käme der Burry mit dem Taschentuch nicht an meinem Türschließer vorbei. Dr. Kilian : Ich bin ein Mensch, wissen Sie . . . Sterner (unterbrechend) : Einen Augenblick! (Er spricht am Mittelschreibtisch ins Telephon.) Sagen Sie Herrn Buchhalter Dürr, er möchte eben mit dem Hauptbuch herüberkommen. (Zu Dr. Kilian) : Haben Sie im Strafgesetzbuch nachgesehen? Dr. Kilian : § 351! – Ich bin ein Mensch, wissen Sie . . . Sterner (unterbrechend) : Wieviel steht denn darauf? Dr. Kilian : Zehn Jahre Zuchthaus. Sterner : Alle Wetter! So viel hätte ich gar nicht erwartet. (Da es klopft) : Herein! Der Buchhalter Titus Dürr , ein Hauptbuch unter dem Arm, tritt durch die Flurtür ein und bleibt Sterner gegenüber stehen. Dr. Kilian setzt sich an den vor dem Nebenzimmer stehenden Seitenschreibtisch. Dürr (sich verbeugend) : Herr Sterner wünschen? Sterner : Fürchten Sie sich bitte nicht vor mir. Ich tue Ihnen nicht das geringste zuleide. Ich möchte nur zuerst gerne wissen, wieviel Kinder Sie haben. Dürr : Bis jetzt sind es nur ihrer zwölf. Aber das dreizehnte ist auf dem Wege. Sterner : Und die wollen Sie alle von Ihrem Gehalt ernähren? Dürr : So gut es geht, Herr Sterner. Sterner : Wenn es nun aber einmal nicht gut geht, würden Sie dann nicht fürchten, auf Abwege zu geraten? Dürr : Das fürchte ich durchaus nicht, Herr Sterner. Sterner : Aber ich fürchte es. – Ich würde mich an Ihrer Stelle doch lieber etwas im Zaum halten! – Sie waren bis vor einigen Wochen bei Brockschuß in Leipzig in Stellung? Dürr : Ich war zwei Jahre bei Brockschuß in Leipzig. Sterner : Brockschuß in Leipzig haben Ihnen bei Ihrem Weggang die glänzendsten Empfehlungen mitgegeben. Das mußte mir natürlich verdächtig vorkommen. Ich fragte deshalb bei Brockschuß in Leipzig an, warum er Ihnen bei Ihrem Weggange so glänzende Empfehlungen mitgegeben habe, und Brockschuß in Leipzig schreibt mir, man habe Ihnen die glänzenden Empfehlungen nur deshalb mitgegeben, weil Sie für die dortige Stellung zu unselbständig gewesen seien. Deshalb, sehen Sie, habe ich Sie für mein Geschäft in Dienst genommen. – Nun erzählen Sie uns mal, wodurch Ihnen unsere Geschäftsbücher so unüberwindliche Schwierigkeiten bereitet haben. Dürr (schlägt sein Buch auf) : Es hat sich bei Aufstellung meiner Bruttobilanz über die letzten zwei Jahre ergeben, daß 24 000 Mark an unserem Reinvermögen fehlen. Sterner : Sind Sie denn auch nicht zu unselbständig, um diese Wahrnehmung vor Gericht zu beschwören? Dürr : Ich muß sie sogar beschwören, sonst durfte ich meine Bruttobilanz nicht ins Hauptbuch eintragen. Sterner : Auf sonstige Schwierigkeiten sind Sie aber nicht gestoßen? Dürr : Bei Revision der Kontokorrentbücher fand ich dann einen erdichteten Gläubiger unter »Konto Schulze« aufgestellt. Dieser Schulze soll uns in zwei Jahren für 24 000 Mark Kleister geliefert haben. Dr. Kilian (schlägt mit der Faust auf den Tisch) : Ein solch ein Zuchthäusler! Sterner : Um das zu beschwören, sind Sie auch nicht zu unselbständig? Dürr : Unselbständig bin ich nur dann, wenn sich irgend etwas nicht in Zahlen ausdrücken läßt. Sterner (zu Dr. Kilian) : So, Herr Doktor, wollen Sie jetzt bitte in Aktion treten! Dr. Kilian (erhebt sich) : Endlich! Jetzt tun Sie einmal schauen, was ich für ein Mensch bin! (Durch die Flurtür ab.) Sterner : Sie sollten sich aber wirklich etwas im Zaum halten, lieber Herr Dürr! In Paris hat ein Buchhalter immer nur zwei Kinder. Dürr : Es wäre einem ja eigentlich gar nicht so sehr um die vielen Kinder zu tun. Aber ich leide halt infolge des vielen Sitzens an einer äußerst schweren Verdauung. Deshalb bin ich, wenn ich am Morgen in der Frühe erwache, immer so unruhig. Dr. Kilian stößt den Buchhalter Vollmann mit einem Fußtritt zur Flurtür herein. Dr. Kilian : Himmel, Herrgott, Teufel, Kreuz, Sakerment, Sakerment, Sakerment, Sakerment, Sakerment! Vollmann (die Hände in den Hosentaschen) . Ich habe dem Geschäft mindestens die dreifache Summe an Vorschüssen erspart! Zwei Jahre lang habe ich das Vermögen des Herrn Sterner wie ein Wachthund gegen die Raubanfälle seiner Mitarbeiter verteidigt! Dr. Kilian (zieht einen Revolver aus der Hintertasche, prüft sorgfältig die Ladung, feuert zwei Schüsse gegen die Zimmerdecke und richtet den Revolver auf Vollmann) : Die Hände aus den Hosen, oder ich tue Ihnen eine Kugel in die Beine jagen! Vollmann (zieht die Hände aus den Hosen und steckt sie in die Rocktaschen) : Das ist nichts anderes als Ihre feige Rache für meine Verweigerung von Vorschüssen, die Sie jetzt an mir auslassen! Dr. Kilian (richtet den Revolver auf Vollmann) : Die Hände aus den Taschen, oder ich tue Ihnen eine Kugel in die Beine jagen! Vollmann (zieht die Hände aus den Rocktaschen) : Ich war in den zwei Jahren der einzige Mensch auf der ganzen Redaktion, der in Wirklichkeit für die Interessen des Geschäfts eingetreten ist! Dr. Kilian (setzt sich hinter den vor dem Nebenzimmer stehenden Schreibtisch, hält den Revolver auf Vollmann gerichtet und nimmt das Tischtelephon zwischen sich und den Revolver. Zu Vollmann) : Der leiseste Schimmer von einem Fluchtversuch und Sie tun eine Kugel in die Beine kriegen! (Spricht ins Telephon) : Ach, Sie, liebes Fräulein, haben Sie doch bitte die Freundlichkeit und tun Sie mich möglichst rasch mit der Staatsanwaltschaft am Königl. Landgericht I verbinden. Amt I 36 74. Ach, Sie, liebes Fräulein, sagen Sie doch bitte dem Herrn Sekretär Meier, daß ich den Herrn Ersten Staatsanwalt Müller in einer äußerst wichtigen Angelegenheit dringend zu sprechen hätte! Dringend! Ja! – Eine äußerst wichtige Angelegenheit! Vollmann (beginnt zu schlottern und bricht langsam in die Knie) : Herr – Herr Doktor, lassen Sie es genug sein, Herr . . . Ist einer unter die Räder geraten, dann arbeitet er, – war er schuldig, war er unschuldig – nachher für achtzig Mark härter, als vorher für fünfhundert. Herr Doktor, lassen Sie mich nicht dahin kommen. Kein Recht hat man, kein Glück hat man. Der Sonntag ist Werktag, der Werktag ein Schindertag. Besser, Herr Doktor, gleich tot. Man ist nur mehr ein Stück Vieh, auf das von allen Seiten geschossen wird. Lassen Sie es genug sein, Herr Doktor! Lassen Sie es bitte genug sein! Sie sind Schriftsteller, Sie sind Künstler. Ihnen macht so was gar nichts. Ich habe eine Frau, Herr Doktor. Die Frau geht für mich durchs Feuer. Wenn die Frau an ihrem Manne irre wird, bleibt nichts von ihr übrig. Straße! Spital! Ich bitte, so dringend ich bitten kann: Lassen Sie mich nicht unter die Räder geraten! Dr. Kilian (spricht ins Telephon) : Ach so, liebes Fräulein! Der Herr Erste Staatsanwalt will also gleich selber ans Telephon kommen! Ich danke Ihnen recht schön. (Er nimmt ein aufgeschlagenes Buch vom Tisch und hält es zwischen sich und den Revolver. Zu Vollmann) : Der Paragraph dreihundertundeinundfünfzig des deutschen Reichsstrafgesetzbuches lautet: (Liest.) Hat ein Beamter, welcher Gelder oder andere Sachen, die er in amtlicher Eigenschaft empfangen hat, unterschlägt, in Beziehung auf die Unterschlagung die zur Eintragung oder Kontrolle der Einnahmen oder Ausgaben bestimmten Rechnungen, Register oder Bücher unrichtig geführt, verfälscht oder unterdrückt oder unrichtige Abschlüsse oder Auszüge aus diesen Rechnungen, Registern oder Büchern vorgelegt, so ist auf Zuchthausstrafe bis zu zehn Jahren zu erkennen. Vollmann (hat sich zitternd erhoben und wendet sich zu Sterner zurück, so daß er Dr. Kilian nicht sehen kann) : Gott im Himmel, Herr Sterner, sind Sie denn irrsinnig?! Leute ins Zuchthaus bringen, ist das ein Geschäft?! Ich zahle Ihnen das Doppelte zurück. Ich zahle Ihnen fünfzigtausend Mark zurück, wenn Sie mich nur erst eine Sekunde nachdenken lassen! (Dr. Kilian knallt einen Schuß gegen die Zimmerdecke, worauf Vollmann mit einem Aufschrei zu Boden stürzt.) Dr. Kilian : Wo täten Sie Zuchthäusler, Sie elendiger, das Geld hernehmen, mit dem Sie Ihre gestohlenen vierundzwanzigtausend Mark zurückzahlen wollten?! Vollmann (seine Beine befühlend) : Gott im Himmel sei Dank, ich bin nicht getroffen! (Er erhebt sich.) Ich habe eine Schwiegermutter. Meine Schwiegermutter hat Arterienverkalkung. Meine Schwiegermutter hat ein Vermögen. Meine Schwiegermutter leistet Ihnen Bürgschaft. Dann zahle ich zehn Jahre lang monatlich die Hälfte meines Gehalts an Sie ab. Dr. Kilian : In erster Linie tun Sie jetzt einmal eine Bescheinigung unterzeichnen, daß Sie uns vierundzwanzigtausend Mark gestohlen haben! Vollmann : Haben Sie sie vielleicht schon aufgesetzt? – – Vielleicht gelingt es mir, meine Schwiegermutter zu einem einmaligen Darlehen zu überreden. Dr. Kilian : Ein solch ein Zuchthäusler wie Sie, tut ein solch ein Mitleid gar nicht verdienen! (Er nimmt ein Schriftstück vom Tisch.) Ihre Bescheinigung lautet: (Liest.) Ich unterzeichneter Bertold Vollmann bescheinige hiermit, der Verlagsfirma Georg Sterner vierundzwanzigtausend Mark veruntreut zu haben und verpflichte mich, von heute ab monatlich Mark zweihundert, in Worten zweihundert Mark bis zur vollständigen Tilgung meiner Veruntreuung zurückzuzahlen. Vollmann : Geben Sie her, Herr Doktor! Geben Sie her! (Er unterzeichnet den Schein und gibt ihn zurück.) Vielleicht stirbt meine Schwiegermutter nächstens. Dann war die ganze Aufregung überflüssig. (Es läutet am Tischtelephon.) Dr. Kilian (ins Telephon sprechend) : Hier Dr. Kilian. Wer dort? – – Ach Sie sind es selber, Herr Staatsanwalt. – Ja, ich habe Sie angerufen. Ich wollte Sie anfragen, Herr Staatsanwalt, ob Sie vielleicht heute abend um neun Uhr – Wie? – Ja: Heute abend um neun Uhr in das neueröffnete Pilsner-Bürgerbräu-Restaurant mit dem Herrn Justizrat Pinkas zusammen zu einer Partie Skat kommen täten. – So? Ist es Ihnen recht? – Justizrat Pinkas hat schon zugesagt. – Schönsten Dank. Meine Hochachtung – – (Er knallt einen Schuß gegen die Zimmerdecke und nimmt das aufgeschlagene Buch vom Tisch auf. Zu Vollmann) : Der Paragraph siebenundsechzig des deutschen Reichsstrafgesetzbuches lautet: (Liest.) Die Strafverfolgung von Verbrechen verjährt, wenn sie mit einer Freiheitsstrafe von einer geringeren als zehnjährigen Dauer bedroht sind, in zehn Jahren. – Zehn Jahre tun Sie Zuchthäusler aber notwendig brauchen, um bei monatlicher Abzahlung von zweihundert Mark Ihre Veruntreuungen an uns zurückzuerstatten. Tun Sie also nur einen einzigen Monat aussetzen, dann erfolgt unverbrüchlich sofortige Anzeige bei der hohen Staatsanwaltschaft und Sie wandern ins Zuchthaus! Vollmann : Das kann ich Ihnen aber sagen, Herr Doktor! Wenn nur ein Wort von dem bekannt wird, was ich hier unterschrieben habe, dann können Sie sehen, wie Sie wieder zu Ihrem Gelde kommen! Bevor ich vorher vergeblich die ganze Welt nach einem neuen Verdienst absuche, um schließlich doch eingelocht zu werden, lasse ich mich schon lieber gleich heute einsperren. Dr. Kilian : Das glaube ich Ihnen, daß Ihnen das so passen könnte! So daß wir schließlich noch schuld wären, daß Sie keine Arbeit finden! Nein, verehrter Freund, dafür ist schon gesorgt! (Er nimmt ein Schriftstück vom Tisch.) Hier haben wir Ihnen ein Zeugnis ausgestellt. (Liest) . Die unterzeichnete Verlagsfirma Georg Sterner bescheinigt hiermit, daß Herr Bertold Vollmann zwei Jahre lang zu ihrer größten Zufriedenheit als Buchhalter bei ihr tätig war, daß Herr Vollmann während dieser zwei Jahre nicht den leisesten Grund zu Klagen gegeben hat, und daß die Firma deshalb gerne die Pflicht erfüllt, Herrn Bertold Vollmann für alle etwaigen weiteren Dienstübernahmen die glänzendsten Empfehlungen mitzugeben. Vollmann (nimmt das Zeugnis in Empfang, faltet es zusammen und steckt es ein) . Meinen verbindlichsten Dank! Dr. Kilian : Sie, Dürr! Sind Sie so gut und tun Sie den Zuchthäusler durch den Hausflur bis auf die Straße hinausführen. Geben Sie fein Obacht, daß keiner von unseren Überröcken verschwinden tut! (Vollmann und Dürr durch die Flurtür ab.) Nachdem sie draußen sind, treten Kuno Konrad Laube und Freiherr von Tichatscheck , beide mit Mappen unter dem Arm, durch die Flurtür ein. Sterner (hat sich erhoben, zu Dr. Kilian) : Sie haben das reizend gemacht. Wenn Sie nach Paris kommen, können Sie bei meiner Frau wohnen. Laube : Ich komme, Herr Sterner, um Ihnen zu Ihrer unverhofften Begnadigung meine herzlichsten Glückwünsche auszusprechen. v. Tichatscheck : Ich finde, es war eine bezaubernde Liebenswürdigkeit von unserer Regierung, daß sie uns unseren lieben Verleger gesund und wohlbehalten zurückgegeben hat. Sterner : Ich habe der Regierung einfach ein Schuldkonto bezahlt, das im Reichstag nicht zur Sprache gebracht werden durfte. v. Tichatscheck : Gestatten Sie mir, Sie gleichfalls zu Ihrer Begnadigung zu beglückwünschen. Um so etwas durchzusetzen, muß man freilich auch die nötigen Verbindungen mit den maßgebenden höheren Persönlichkeiten haben! Sterner : Das hat mein Schwiegervater besorgt. Mein Schwiegervater ist durch die Aufführung seiner Theaterstücke mit sämtlichen Hoftheaterintendanten befreundet. Laube : Ein schönes Stück Geld hat Sie Ihre Begnadigung natürlich gekostet! Aber Sie haben es ja jetzt Gott sei Dank! Sterner : Ich bin gar nicht stolz darauf. Ich war diesen Frühling drei Wochen mit meiner Frau an der Spielbank in Monte Carlo und habe nie mehr als fünf Francs gesetzt. v. Tichatscheck : Dazu gehört ein außerordentlicher Mut. Ich bin darin ein eigentümlicher Mensch. Ich würde lieber täglich nur eine Knackwurst essen, als daß ich einmal weniger als hundert Mark auf eine Farbe setzte! Sterner : Dafür sind Sie auch von Adel! Haben Sie mir eine hübsche Zeichnung für den »Till Eulenspiegel« mitgebracht? Laube : Ich habe Ihnen nämlich auch eine hübsche Zeichnung für den »Till Eulenspiegel« mitgebracht. Sterner : Das ist riesig nett von Ihnen. (Er nimmt beiden die Zeichnungen ab und betrachtet sie.) Wundervoll! Unbezahlbar! (Er zeigt sie Dr. Kilian.) Sehen Sie doch nur mal her! – Warum stehen denn keine Witze darunter? v. Tichatscheck : Auf meiner Zeichnung war leider kein Platz mehr für einen Witz übrig. Laube : Es fallen uns leider keine Witze mehr ein. Sobald Sie uns am finanziellen Ertrag des »Till Eulenspiegel« beteiligen, werden uns auch wieder die glänzendsten Witze einfallen. v. Tichatscheck : Wenn man wie Sie als internationaler Standesherr fortwährend durch ganz Europa saust, dann muß man doch auch seine getreuen Mitarbeiter an seinem fabelhaften Glück etwas teilnehmen lassen. Sterner : Sie sind wohl verrückt geworden! Sie sind wohl nicht bei Trost! Was fällt Ihnen denn ein! Sie überschätzen den Ertrag des »Till Eulenspiegel« in der wahnsinnigsten Weise! Dr. Kilian (immer noch hinter dem Seitenschreibtisch sitzend, hat sich eine halblange Bauernpfeife gestopft und raucht) : Tun Sie sich doch nicht unnötig aufregen, lieber Herr Sterner, das ist bald erledigt. (Er spricht ins Telephon) : Sie, Fräulein, sein Sie so gut und sagen Sie doch dem Herrn Dürr, er möchte eben mit dem Vorschußkonto herüberkommen. Sterner : Fragen Sie sich doch nur einfach, wer den »Till Eulenspiegel« geschaffen hat, Sie oder ich? Bedenken Sie doch, was ich aus jedem von Ihnen gemacht habe! Was wären Sie denn heute, wenn ich Sie nicht vom Straßenpflaster aufgelesen hätte? Hungerleider wären Sie! Landstreicher! Selbstmordkandidaten! Ich habe aus jedem von Ihnen eine Weltberühmtheit gemacht! Titus Dürr (tritt mit dem Vorschußkonto unter dem Arm durch die Flurtür ein) : Herr Sterner wünschen? Dr. Kilian : Tun Sie doch bitte eben nachschlagen, wieviel Vorschuß Herr Kuno Konrad Laube von uns erhalten hat. Dürr (nachschlagend) : Herr Kuno Konrad Laube hat an Vorschüssen erhalten – – – zehntausend Mark und neunzehn Pfennige. Laube : Das ist ein Irrtum! Das kann ganz unmöglich stimmen! Das ist gänzlich ausgeschlossen! Ich habe nicht mehr als zwölfhundert Mark Vorschuß von Ihnen. Dr. Kilian : Gott sei Dank haben wir Ihre Quittungen. (Zu Dürr) : Jetzt tun Sie nachschlagen, wieviel Vorschuß Herr Freiherr von Tichatscheck von uns erhalten hat. Dürr (nachschlagend) : Herr Freiherr von Tichatscheck hat an Vorschüssen erhalten – – zwanzigtausend Mark und fünfundsiebzig Pfennige. v. Tichatscheck : Das finde ich aber hervorragend komisch! Ich hatte geglaubt, ich hätte doch mindestens fünfzigtausend Mark Vorschuß erhalten! Sterner (zu Dürr) : Sie sind wirklich von einer bedauernswürdigen Unselbständigkeit! Sie können gehen! Dürr : Ich wollte mir nur noch zu fragen erlauben, ob der alte Klubsessel, der oben im Zeichenatelier steht, auch noch mit ins Geschäftsinventar aufgenommen werden soll. Dr. Kilian : Ja, was meinen Sie, lieber Herr Sterner? Was ist es mit dem alten Klubsessel? Sterner (nervös zu Dürr) : Ihre Unselbständigkeit ist aber wirklich kaum zu ertragen! – Lassen Sie ihn herunterbringen. Dann werden wir sehen, was sich damit tun läßt. Dürr (sich verbeugend) : Sehr wohl, Herr Sterner. (Durch die Flurtür ab.) Dr. Kilian (zu v. Tichatscheck und Laube) : Nun tun Sie gefälligst erst einmal Ihre Schulden zurückbezahlen, bevor Sie bei uns Anspruch auf Erhöhung Ihrer Honorare erheben! Laube : Sie sind von einer Kollegialität, Herr Doktor, für die Sie den Fensterkreuzorden am hänfenen Strick verdienen! Dr. Kilian : Wenn Sie Schwindler mir noch einmal einen Orden in Aussicht stellen, dann tu' ich Sie auf die Kirchweih laden. Sterner : Übrigens habe ich Ihre Witze von jetzt an überhaupt gar nicht mehr nötig. Wenn ich nur Ihre Zeichnungen bekomme. Und Ihre Zeichnungen dürfen Sie ja kontraktlich an keine andere Zeitung verkaufen. v. Tichatscheck : Sie möchten von nun an wohl gern Ihre eigenen Witze unter unsere Zeichnungen setzen? Laube : Sie leben augenscheinlich in der Überzeugung, daß durch Ihre unverhoffte Begnadigung auch Ihre Witze besser geworden sind! Sterner : Ich habe letzten Sommer im Kanton Wallis in der Schweiz einen geborenen Witzbold gefunden. Ich habe ihn natürlich sofort engagiert. Er trifft in einigen Tagen hier ein. v. Tichatscheck : Ich hege nur die Befürchtung, daß die Witze dieses freundeidgenössischen Witzboldes den Lesern des »Till Eulenspiegel« ein wenig kindisch, altbacken und abgeschmackt erscheinen werden. Sterner : Das hängt einzig und allein von dem Thema ab, das man ihm stellt. Stellen Sie ihm zum Beispiel ein sensationelles Thema, dann werden die Witze, die er Ihnen darüber macht, in ganz überraschender Weise sensationell. Laube : Ich bin aufs höchste darauf gespannt, was dieser biedere schweizer Witzbold zu Ihrer fürstlichen Hofhaltung in Paris sagen wird. Sterner : Er sagt überhaupt nichts. Er ist taubstumm. Wenn man ihm ein Thema stellt, dann lacht er erst eine Weile wie besessen. Dann schreibt er seinen Witz mit einer Kreide auf eine Schiefertafel. Für gewöhnlich führt er übrigens ein völlig unzugängliches Traumleben. Was wollen Sie, meine Herren! Es ist doch nun einmal eine anerkannte Tatsache: Je niedriger das Gemütsleben eines Menschen ist, um so glänzender sind seine Witze. Dürr (durch die Flurtür eintretend) : Ich bitte höflichst um Entschuldigung, Herr Sterner. Wir haben den Klubsessel jetzt hier. Können wir ihn vielleicht hereinbringen? Sterner : Ja, bitte. (Dürr und ein Bureauangestellter tragen einen Klubsessel herein und stellen ihn mit der Vorderseite gegen die Rampe auf den Teppich. Der Sessel ist scheinbar noch ganz neu und scheint auch ein straffgespanntes Sitzpolster zu haben. Setzt man sich aber hinein, dann sinkt man bis auf den Fußboden hinab, so daß die Füße in der Luft schweben.) Dürr (setzt sich hinein und erhebt sich wieder) : Sehen Sie! Sterner (setzt sich hinein und erhebt sich wieder) . Höchst eigentümlich! Dr. Kilian : Das ist doch wohl derselbe Sessel, der die ganzen zwei Jahre lang oben im Zeichenatelier gestanden hat?! v. Tichatscheck : Das ist derselbe Sessel! Wenn der erzählen könnte! Dürr : Die Modellmädel sind so rücksichtslos mit ihm umgegangen. Sie haben ihn gänzlich zusammengehauen. Laube : Mit den Mädeln ist man eben auch nicht viel rücksichtsvoller umgegangen. Sie haben ihn im Lauf der Jahre einfach durchgesessen. Dr. Kilian : Sie taten ihn bei den jeweiligen Sitzungen mit Vorliebe als Podium benutzen. v. Tichatscheck : Wer aus der Redaktion hat den Sessel nicht in schöner Erinnerung! Laube (setzt sich hinein und erhebt sich wieder) : Sonderbar! – Der Sessel müßte seine Lebenserinnerungen aufzeichnen. Wir illustrieren sie dann und lassen sie kapitelweise im »Till Eulenspiegel« erscheinen. Sterner : Mir fällt noch etwas Besseres ein. Ich stelle den Sessel als Petentenstuhl neben meinen Schreibtisch. So, sehen Sie! (Er rückt den Klubsessel mit der linken Seite an die Stirnseite des Mittelschreibtisches.) Wenn jetzt jemand etwas von mir will, dann biete ich ihm den Sessel zum Sitzen an. Dann fährt der Betreffende zuerst mit den Füßen in die Luft, und dann muß er sich mit den Händen festhalten, wenn er aufrecht sitzen will. Ich schraube meinen Schraubstuhl noch etwas höher. (Er tut es.) So, sehen Sie! Dann sitze ich ganz hoch und der Petent sitzt ganz unten. (Da es klopft, zu Dürr) : Sehen Sie doch mal nach, wer da kommt. Dürr (öffnet die Flurtür und spricht ins Zimmer zurück) : Herr Bouterweck ist draußen. Ob Herr Sterner zu sprechen seien? Sterner : Ich lasse bitten! Dürr (die Tür haltend) : Herr Sterner lassen bitten. (Er läßt Max Bouterweck eintreten und nickt dem Bureauangestellten zu, mit dem er das Zimmer verläßt.) Sterner : Ich bin untröstlich, Herr Bouterweck, aber ich habe heute tatsächlich nicht einen Augenblick Zeit für Sie. Bouterweck (hinkt mühsam mit einem steifen Bein, indem er sich auf einen Krückstock stützt) : Was? Sie haben wieder keine Zeit? Sie ließen mir doch, als ich vorgestern hier war, sagen, daß Sie heute um sechs Uhr für mich zu sprechen seien! Es ist jetzt sechs Uhr! Ich kann Ihnen versichern, daß mir dieser zweimalige Weg von meiner Wohnung hierher nicht leicht geworden ist. Sterner : Ich weiß, Sie haben Unglück gehabt. Sie haben ein Bein gebrochen. Es ist wirklich bedauerlich, daß Ihnen solch ein Unfall gerade in dem Augenblick begegnen muß, wo Sie anfangen, etwas Erfolg zu haben. Aber das ändert nichts daran, daß ich jetzt in die Oper muß. Die »Meistersinger« beginnen um halb sieben! Bouterweck : Um so besser! Dann betrachte ich unsere Beziehungen damit als erledigt. (Er will gehen.) Sterner : Hm – entschuldigen Sie, meine Herren. Ich muß einen Augenblick mit Herrn Bouterweck allein sprechen. Dr. Kilian (legt den Revolver auf den Seitenschreibtisch) : Den Revolver, lieber Herr Sterner, tue ich Ihnen auf alle Fälle hier lassen. (Geht auf Sterner zu und drückt ihm die Hand.) Aus Wiedersehn. Sterner : Ich danke Ihnen. Es fehlt jetzt wirklich nur noch, daß wir Brüderschaft trinken. (Dr. Kilian, Laube und von Tichatscheck durch die Flurtür ab.) Sterner (setzt sich auf seinen Schraubstuhl und bietet Bouterweck den Klubsessel an) : Wollen Sie bitte Platz nehmen. Bouterweck (ohne sich zu setzen) : Danke. Was ich Ihnen zu sagen habe, ist rasch gesagt. Die Folgerungen, die Sie aus unserem Vertrag ziehen, gehen darauf hinaus, daß ich Ihnen meine gesamte Arbeit auszuliefern habe, ohne daß mir meine Arbeit zeit meines Lebens einen Pfennig Verdienst einträgt. Ich kann mir aber das Recht nicht verkümmern lassen, mir durch meine Arbeit, die jetzt überall geschätzt wird, meinen Lebensunterhalt zu verdienen. Ich fordere Sie daher auf, meine Arbeit freizugeben oder einen anderen Vertrag mit mir zu schließen. Sterner : Ich schneide mir in mein eigenes Fleisch, wenn ich Ihre selbständigen Arbeiten fördere. Denn sobald Sie mit selbstständigen Arbeiten Ihr Brot verdienen, schreiben Sie nichts mehr für den »Till Eulenspiegel«. Bouterweck : Ich hoffe, daß das, was ich für den »Till Eulenspiegel« schrieb, ewig das schlechteste bleiben wird, was ich in dieser Welt geschrieben habe! Sterner : Danken Sie, lieber Gott, daß es eine Zeitung gab, die Ihre Gedichte verwenden konnte! Sie wären sonst verhungert! Bouterweck : Das stimmt! Aber die Entwürdigungen, die ich dabei über mich ergehen lassen mußte, werde ich schwerlich jemals vergessen! Sterner : Warum erregen Sie sich denn so! Sehen Sie Laube! Sehen Sie Tichatscheck! Sehen Sie Burry! Die sind durch ihre Arbeit am »Till Eulenspiegel« Weltberühmtheiten geworden! Bouterweck : Odol und Maggi sind auch Weltberühmtheiten und bleiben es voraussichtlich länger als Künstler, die sich über alles, was himmelhoch über ihnen steht, lustig machen und dazu millionenmal ein und dieselbe Grimasse zeichnen! – Wenn Sie meinen Kontrakt nicht ändern, dann kommt der Kontrakt für mich von heute ab nicht mehr in Betracht! Sterner : Glauben Sie denn nicht, daß wir über alles das versöhnlicher sprechen könnten, wenn Sie sich einen Augenblick setzen wollten? Ich gebe ja gerne zu, daß Ihr Kontrakt Ihrem heutigen Ruf nicht mehr entspricht. Aber Sie können mir doch unmöglich zumuten, daß ich all die Vorteile, die er mir bietet, so ganz ohne weiteres aus der Hand gebe. Bouterweck (umhergehend) : Ich kann mich nicht setzen! Dazu bin ich zu aufgeregt! – Ich warne Sie nur davor, mich auch jetzt noch zu unterschätzen! Sie könnten es noch einmal bitter bereuen! Sterner : Ich wüßte in meinem ganzen Leben nichts, was ich jemals bereut hätte! Bouterweck : Sie hielten mich, weil ich kein Glück hatte, einfach für einen Dummkopf und verfuhren mit mir wie mit einem Dummkopf. Sobald man Erfolg hat, ist es gar kein großes Kunststück mehr, sich seiner Haut zu wehren! Wenn ich heute aufschreibe, was ich mit Ihnen alles erlebt habe, dann brauchen Sie sich von keinem ihrer Künstler mehr ein Familienwappen malen zu lassen! Sterner : Schreiben Sie bitte über mich, was Sie schreiben wollen! Dem sehe ich mit der allergrößten Seelenruhe entgegen! Bouterweck : Das überrascht mich gar nicht! Warum sollen Sie auch bei Ihren Geschäften nicht Ihre Ehre aufs Spiel setzen? Für das Geld, das Sie mit solchen Geschähen verdienen, können Sie sich überall Ehren die Hülle und Fülle kaufen! Sterner : Ich pfeife auf Ihre Theorien! Ich glaube nur an Tatsachen! So oft ich jemals an etwas anderes geglaubt habe, bin ich noch immer betrogen worden! Bouterweck : Ich pfeife auf Ihre Tatsachen! Ich glaube nur an Menschen! Und an Sie kann ich nicht glauben! Wären Sie ein geborener Betrüger, dann wüßte ich mit Ihnen zu rechnen. Sie betrügen aber nur, weil Sie zu dumm sind, um ehrlich handeln zu können. So oft Sie versuchten, ehrlich zu sein, sind Sie noch immer betrogen worden. Deshalb halten Sie Treubruch und Betrug für die Grundlage aller Geschäfte! Sterner : Das sind spitzfindige Haarspaltereien, zu deren Erörterung mir jetzt die nötige Zeit fehlt. Ich erkläre mich gern bereit, Ihren Vertrag durch einen anderen abzulösen. Aber dazu müssen wir doch endlich einmal ruhig miteinander sprechen. (Auf den Klubsessel deutend) : Setzen Sie sich doch bitte. Ich habe die Überzeugung, daß sich unsere Unterredung dann um vieles vernünftiger und versöhnlicher gestalten wird. Bouterweck (so stark wie möglich betonend) : Ich verbitte mir aber von vornherein jede irgendwie denkbar mögliche Art von Unverschämtheit von Ihnen! Ich habe gar keine Lust, mich zu ärgern! Und ich bin heute nicht mehr der wehrlose Mensch, mit dem Sie vor vier Jahren zu tun hatten. Sterner (mit schlichter Höflichkeit) : Das weiß ich. Nehmen Sie bitte Platz. Bouterweck (setzt sich in den Klubsessel, versinkt darin und streckt sein steifes Bein in die Luft) . Sterner (mit dünnem Lächeln) : Ach, entschuldigen Sie! Bouterweck (rasch) : Oh, das macht nichts. (Nachdem er sich mühsam aus dem Sessel herausgearbeitet und wieder auf den Füßen steht, mißt er Sterner mit einem nachdenklichen Blick, spuckt aus und sagt mehr für sich) : Pfui Teufel! Pfui Teufel! – Mit dem habe ich in dieser Welt nichts mehr zu schaffen! (Durch die Flurtür ab.) Sterner (sich die Hände reibend) : Jetzt fühlt er sich wieder beleidigt! (Er dreht den Klubsessel nach vorn, so daß seine Vorderseite wieder der Rampe zugewandt ist und prüft mit dem Fuß das Polster.) Darauf fällt – noch mancher Theoretiker – – herein! Wanda Washington tritt aus dem Nebenzimmer ein. Sie ist eine hübsche junge Frau von zweiundzwanzig Jahren, brünett mit schönen seelenvollen Augen und dem Ausdruck unendlicher Güte im Gesicht. Sie ist sehr elegant, aber etwas abenteuerlich gekleidet. Sterner (grob) : Ich bitte anzuklopfen, bevor man eintritt! Wanda : Du hast selber »herein« gerufen! Sterner : Ich habe dir verboten, mich hier zu stören! Ich will nicht, daß mein Verkehr mit dir bekannt wird! Wanda : Was tut denn Max Bouterweck noch hier bei dir? Ich glaubte, ihr wäret längst miteinander fertig. Er schwor mir Stein und Bein, daß er nie einen Fuß mehr über deine Schwelle setzen werde! Jetzt hat er sich natürlich mit dir ausgesöhnt, um mich bei dir zu verleumden! Sterner : Ganz recht! Er nannte dich das Unglück in Menschengestalt! Er sagte, daß er erst von dem Augenblick anfing, Glück zu haben, als er dich los geworden war! Er erzählte mir, deine sämtlichen früheren Liebhaber hätten die gleiche Erfahrung an dir gemacht! Wanda : Ich habe so viel mit Gegenwart und Zukunft zu tun, daß ich für die Vergangenheit wenig Zeit übrig habe! Mit Bouterweck war ich so tief unglücklich, ja, mehr als unglücklich; ich war dumm, dumm, wie nur ich es sein kann! Was ich mit Bouterweck ausgestanden habe all die Monate, das habe ich nie, nie zuvor gelitten! Sterner : Laß mich mit deinen Unglücksgeschichten in Ruhe! Warum soll ich die anhören?! Wanda : Weil ich endlich den Augenblick für eine offene Aussprache zwischen dir und mir für gekommen erachtet zu scheinen halte! – Woher denn in deinem Benehmen plötzlich diese mir unbegreiflich scheinende Veränderung? Ich beschwöre dich, laß mich's wissen! Ich habe dir in den letzten Tagen fünf Briefe geschrieben und sie zerrissen. Einer, der sechste, wird aufbewahrt. Den darfst du später jederzeit von mir verlangen! Sterner : Ich werde den Teufel tun! Zerreiß nur bitte den sechsten auch! Wanda : Schau, Liebster, ich hatte nie, nie die Absicht, dich in meine Netze zu locken! Aber für mich ist ja jeder Tag, den du nicht bei mir warst, aus dem Leben gestrichen! Als wir beide uns gefunden hatten, war mein Glück so unendlich groß, daß ich am selben Tage noch zwölf von Gefühlen strotzende Briefe in die Welt setzte! Sterner : Na? Und? Wanda : Dein jetziges Benehmen hat einen Abgrund zwischen uns eröffnet! Es ist ja sonnenklar, daß unser Verkehr, wie er sich in der letzten Zeit zuspitzte, dich nur noch gereizter, mich nur noch unglücklicher machen mußte. Ich bitte dich daher, mir rückhaltlos zu sagen, wie du fühlst und was du zu tun gedenkst! Sterner : Das sage ich dir mit dem größten Vergnügen! Übermorgen kommt meine Frau mit meinen Kindern von Paris hierher! Wanda (weinend) : Das ist mir ein Faustschlag ins Gesicht! Du triffst mich damit ins Innerste meines Wesens! Wenn ich dir jemals sagte, daß ich dich mit einer andern Frau teilen könne, dann war's gelogen, schändlich geprahlt, von meinem armseligen Überrest von Stolz! – – Aber du sollst mir nicht fluchen, so wie du mir jetzt vielleicht fluchen möchtest! Bevor noch deine Familie von Paris hier eintrifft, mache ich meinem Leben ein Ende. Sterner : Das ist eine glänzende Idee! Ich bitte dich dringend darum. Meine Frau hat sowieso schon wenig Lust genug, hierher zu kommen. Wanda : Wundert dich das?. Mit deiner kraftvollen Natur richtest du deine Frau erbarmungslos zugrunde! Du kannst keine andere Frau brauchen als eine, wie ich es bin! Eine Frau, der nie ein Mann genügt hat, der nie einer genügen wird! Eine Frau, der die Liebe der ganzen Welt nicht zu viel wäre! (Mit Inbrunst) . Eine Frau, die alles erträgt und ewig unersättlich bleibt! Sterner : Wenn ich für meine Frau zu anspruchsvoll bin, dann nehme ich mir soviel Frauen dazu, wie meine Ansprüche erfordern. Aber ich will das verkörperte Mißgeschick nicht länger zur Geliebten haben! Wanda (ihre Tränen trocknend) : 's ist doch was Schönes drum! Nie habe ich besser gewußt, wieviel du mir warst, als in diesen Tagen der Zwietracht. Georg, du hast mir Blut zu lecken gegeben! Die Milchsuppe schmeckt mir nicht mehr. Mein Verhältnis zu dir war das Gebot meiner innersten unverfälschten Natur! Mein blinder Instinkt, mir das zu verschaffen, wonach mein Wesen verlangt und was kein Mensch auf Gottes Erde so zu erfüllen vermochte wie du! Sterner : Sagtest du nicht, du wolltest deinem Leben ein Ende machen? Wanda (empört) : Georg, wenn du den Mut hast, ehrlos zu handeln, dann habe wenigstens die Barmherzigkeit, es aufrichtig einzugestehen! Sterner : Aufrichtiger als ich mit dir kann kein Mensch mit dem andern reden! Wanda : Früher hat man wenigstens patentierte Mörder zu Henkern gewählt! Jetzt wirken und gedeihen die Pfuscher auch auf diesem Gebiete! Sterner : Ich und Pfuscher? (Er nimmt den Revolver vom Seitenschreibtisch, prüft die Ladung und gibt ihn Wanda.) Hier ist ein tadelloser Revolver. Es sind noch zwei Kugeln drin. Aber schieß nicht aus Versehen in die Luft! Wanda (den Revolver nehmend, lächelnd) : Weißt du übrigens, Liebster, daß aus deinem Benehmen eine eigentümliche Stimmung spricht? Etwas Ungewisses, Weiches, etwas, das meine Seligkeit ausmachen könnte, wenn es sich dabei um weniger traurige Dinge handelte? – Daß ich mich damit nicht von neuem an dich hängen will, kannst du dir wohl denken! Ich bin keine Bettlerin! Wenn ich auch zugrunde gehe, bereuen, daß ich dir gehörte, kann ich nicht! Ich bedaure nur deine schlechte Menschenkenntnis, die dich veranlaßt, das einzige Geschöpf, das treu zu dir gehalten hat, zu vernichten. Laß dir sagen, was der Augenblick in mir zeitigt: daß ich als deine Freundin gehe, wie ich als deine Freundin kam. Sterner : So geh doch nur zum Henker! Wanda : Glaub an den Ernst meiner Worte! Es ist spät! Es ist furchtbar spät! Es ist die letzte Stunde in meinem Leben! Aber noch ist es uns möglich, wenn wir nur großherzig genug sind, ohne Streit und Häßlichkeit zu scheiden. Ich bitte dich bei allem, was menschlich ist: Nimm vor meinem Ende noch den furchtbaren Druck von mir, den das Häßliche auf mich ausübt! Für mich ist das Leben mit der Minute aus, wo du mir verloren bist. Ich bitte dich noch einmal: Tu', als wäre ich schon tot! Sterner : Tu', was dir beliebt. Ich muß in die »Meistersinger«. Die Oper hat schon um halb sieben angefangen! (Rasch durch die Flurtür ab.) Wanda (allein in Tränen aufgelöst) : Schade! Sehr, sehr schade! Er hat ihn nicht mehr von mir genommen, den Druck der Häßlichkeit. – Nach Schmerzen Zänkereien? Nadelstiche nach Todeswunden? – Nein! – Schon besser, ich trachte, die Sache möglichst rasch zu Ende zu bringen! (Sie spannt den Revolver und hält ihn sich mit beiden Händen gegen die linke Brust.) Aber wenn ich mich hier erschieße, dann stürze ich vornüber zu Boden. Dann liege ich mit dem Gesicht nach unten. Dann hat niemand Mitleid mit mir! Nein, ich werde sterbend in diesen Sessel sinken. Dann drückt mir der erste, der mich findet, einen Kuß auf die Lippen. (Sie stellt sich rücklings dicht vor den Klubsessel und hebt wieder mit beiden Händen den Revolver vor die Brust. Dabei sinkt sie langsam in die Knie, bis sie den Sitz des Sessels berührt und fährt dann rasch wieder in die Höhe. Lächelnd) : Ich bekomme wieder einmal einen meiner seltenen Schüchternheitsanfälle. Wollte schon umsinken und hatte vergessen loszudrücken. Noch steckt die Kugel im Lauf. Der Lauf der Dinge ist manchmal sonderbar. (Sie läßt sich wieder, den Revolver gegen die Brust pressend, langsam niedersinken. Wie sie eben den Sitz berührt, fährt sie mit den Füßen in die Luft und fällt tief in den Sessel hinein. Mit Händen und Füßen strampelnd und um sich schlagend) : Eine Menschenfalle! – Zu Hilfe! Zu Hilfe! – Wie komme ich hier wieder hinaus! (Den Revolver wegschleudernd) : Verfluchtes, vermaledeites Mordgewehr! (Sie hat sich bis zur sitzenden Stellung emporgerafft und fällt wieder tief in den Sessel hinein.) Sind denn gar keine Redakteure im Haus? – Redakteure! – Zu Hilfe! – Das ist eine gottverfluchte Redaktion! (Sie hat sich emporgerafft und fällt wieder zurück.) Was zwingt mich albernes dummes Tier auch, mich umzubringen! Hundert Jahre will ich alt werden! – Endlich! (Sie springt auf die Füße und betrachtet den Sessel mit scheuem Entsetzen.) Jetzt ist er wieder ganz heil! – Matt bin ich wie eine Fliege. Jetzt, Georg, bringe ich mich nicht mehr um. Der Sessel hat mir das Leben gerettet! Vierter Aufzug Der Klubsessel ist entfernt. Dr. Kilian sitzt, die Pfeife rauchend, hinter dem vor dem Nebenzimmer stehenden Seitenschreibtisch. Neben ihm sitzt Herr v. Tichatscheck , eine Mappe unter dem Arm. Kuno Konrad Laube sitzt ihnen gegenüber hinter dem anderen Seitenschreibtisch. Sterner sitzt auf dem Drehstuhl am Mittelschreibtisch. Burry steht schlaff und ermüdet im Vordergrund. Er gähnt während des ganzen Auftritts. Laube (erhebt sich und spricht zu Sterner gewandt) : Mein lieber, innigstverehrter Herr Geschäftsinhaber! Herr Dr. Kilian, Herr v. Tichatscheck, der große Burry und meine eigene unsagbar bescheidene Wenigkeit konnten uns die Herzensfreude nicht versagen, Sie um Ihre Teilnahme an dieser Redaktionssitzung zu bitten, da wir Sie mit einer Freudenbotschaft überraschen können, wie Sie beseligender, berauschender noch keine in Ihrem Leben gehört haben. Sterner (nach der Uhr sehend) : Könnten Sie mir Ihre Freudenbotschaft nicht vielleicht etwas rascher mitteilen? Um zwölf Uhr muß ich im Automobilklub sein. Laube : Wir möchten Sie vorher nur gern die freudige Erwartung gehörig auskosten lassen. – Leider kam der unermeßliche Segen, der aus unserem gemeinsamen Werk, dem »Till Eulenspiegel«, fließt, bis jetzt immer nur Ihnen allein zugute. Bevor wir Ihnen daher die beglückende Freudenbotschaft verraten, möchten wir Sie noch einmal fragen, ob Sie nicht doch vielleicht die Gehälter, die wir als die vier Hauptmitarbeiter des »Till Eulenspiegel« beziehen, um das Fünffache erhöhen könnten. Sterner : Sie sind verrückt geworden! (Nimmt einen Notizblock und schreibt.) Sofort eine Notiz an die Zeitungen! Dr. Kilian : Schau, mein Lieber, Bester, du hast nun doch schon ein so treuherziges Gemüt, warum tust du ihm nicht einfach die Zügel schießen lassen? v. Tichatscheck : Da Sie sich demnächst in den Grafenstand erheben lassen werden, würde für mich, Ihren zukünftigen Standesgenossen, eine ritterliche Denkungsart gegenüber Ihren tapferen Kampfgefährten eine ganz besondere, rein persönliche Genugtuung bedeuten. Burry (gähnend) : Ich drückte mich sicherlich in noch geschwolleneren Redeverstauchungen aus, wenn ich nicht zum Hinschlagen müde wäre. Laube : Werden Sie sich denn nicht endlich einmal auf Ihr menschenähnlicheres Antlitz setzen? Burry : Ausgeschlossen! v. Tichatscheck : Ihr zielloses Hin- und Herwackeln verkorkst uns noch unsere ganze Palastrevolution. Burry : Schon seit vierzehn Tagen setze ich mich nicht mehr. Dr. Kilian : Dann tun Sie sich in des Dreiteufels Namen in irgendeinen Winkel kuschen. Burry : Ausgeschlossen. v. Tichatscheck : Wenn es Ihnen körperlich eine Genugtuung bereitet, lieber Burry, dann lassen wir für Sie doch ganz einfach unsere türkische Redaktions-Ottomane mit den indischen Wonneklößen hier hereinschaffen. Burry : Schon seit vierzehn Tagen lege ich mich nicht mehr. Sterner : Ich will Ihnen was sagen, lieber Laube. Teilen Sie mir zuerst Ihre überraschende Freudenbotschaft mit. Nachher sage ich Ihnen, um wieviel ich Ihre Gehälter erhöhen will. Laube : Also die Freudenbotschaft. Die satirische Zeitschrift, deren vier Hauptmitarbeiter Sie hier versammelt sehen, befindet sich von heute an nicht mehr in Ihrem Besitz. Der »Till Eulenspiegel« erscheint von heute an unter dem Titel »Oaha«, dem Namen unseres unbezahlbaren schweizerischen Witzboldes, in einem anderen Verlag, und zwar als ausschließliches Eigentum der vier Hauptmitarbeiter, der Herren Dr. Kilian, Freiherr v. Tichatscheck, des großen Burry und meiner eigenen unsagbar bescheidenen Wenigkeit. Sterner : Nichts anderes als blutige Köpfe trägt Ihnen das ein! Ich besitze Ihre lebenslänglichen Kontrakte! Laube : Unsere Kontrakte, mein verehrter Herr Oberbefehlshaber, verwenden Sie am besten zu wirtschaftlichen Zwecken. Prozessieren dürfen Sie natürlich. Aber das satirische Blatt, das unsere Arbeiten enthält, gehört von heute an nicht mehr Ihnen, sondern uns. Sterner : Das kommt alles nur daher, daß Sie den Ertrag des »Till Eulenspiegel« in der wahnsinnigsten Weise überschätzen. Dr. Kilian : Der Reinertrag des »Till Eulenspiegel«, der tut sich jährlich auf rund Mark zweimalhunderttausend belaufen. Sterner : Wirtshausgeschwätz! Dr. Kilian : Aber Liebster, Bester, sei doch gescheit! Du hast mir die Summe doch selbst aus deinen eigenen Privataufzeichnungen nachgewiesen. Sterner : An den Tag werde ich noch denken, an dem ich mit dir Brüderschaft trank! Dr. Kilian : Schau, Liebster, ich bin halt ein treuherziger Mensch. Wer Brüderschaft mit mir trinkt, der tut brüderlich teilen. Wozu trinkt man sonst Brüderschaft! Sterner (geht aufgeregt auf und nieder) : Wenn das mein Schwiegervater erfährt! Der springt in der europäischen Presse nicht glimpflich mit Ihnen um. Dr. Kilian : Jetzt, wo sich deine Frau in Paris scheiden läßt, tut sich dein Herr Schwiegerpapa wohl nicht mehr so warmherzig wie früher um deine Geschäfte bemühen. Sterner : Das ist eine Lüge, daß meine Frau sich scheiden läßt! Dr. Kilian : Ich schließe es halt nur aus den Briefen, die du mir gezeigt hast. Sterner : Ich zeige die Briefe meiner Frau niemandem! Dr. Kilian : Weil sie dir keine schreiben tut. Ich meine aber die Briefe, die dir der Pariser Rechtsanwalt deiner Frau in der Scheidungsangelegenheit schreibt. Sterner : Ich habe eine glänzende Idee, meine Herren! Ich mache Ihnen den Vorschlag, mir den »Till Eulenspiegel« abzukaufen. Dann haben Sie erstens keinen neuen Titel und zweitens kein neues Abonnentenpublikum nötig. (Burry auf die Schulter klopfend) : Was sagen Sie dazu, lieber Burry? Burry (aufschreiend) : Au! Au! Au! – Dich Hundsknochen, dich schlage ich zu Tartarfleisch zusammen! (Geht auf Sterner los.) Dr. Kilian (Burry am Arm packend) : Tun Sie sich jetzt nicht unverzüglich ruhig verhalten, dann gebe ich Ihnen einen Tritt in den Hintern, daß Sie dreimal um den Äquator fliegen tun! Burry (wimmernd) : Fassen Sie mich nicht an! Fassen Sie mich nirgends an! Ich bin unantastbar. Ich habe im Herbst zuviel Schweinshaxen gegessen. Ich habe überall Eisen am Leib. Sterner : Dr. Kilian hat Ihnen soeben bestätigt, daß der »Till Eulenspiegel« jährlich zweimalhunderttausend Mark abwirft. Wenn Sie mich als gleichberechtigten Mitbesitzer in Ihr Konsortium aufnehmen, dann überlasse ich Ihnen das Blatt mit sämtlichen Einkünften für siebenmalhundertfünfzigtausend Mark. Ich wähle die Summe, weil seinerzeit mein väterliches Erbteil so viel betrug. v. Tichatscheck : Wenn ich mir eine Frage gestatten darf: Wem gehört denn dann aber unser schweizerischer Witzbold, unser liebes verehrtes Oaha, nach Abschluß dieses Kaufvertrages? Dr. Kilian : Das tut sich doch von selbst verstehen, daß das Oaha zum Inventar des »Till Eulenspiegel« gehören tut. (Er nimmt an seinem Schreibtisch Platz und setzt einen Kontrakt auf.) v. Tichatscheck : Um keinen Preis der Welt möchte ich mich nämlich der Verblödungsgefahr aussetzen, daß ich etwa selber wieder die Witze zu meinen Zeichnungen machen müßte! Sterner : Das ist doch sonnenklar! Das Oaha gehört nach Abschluß des Kaufvertrages jedem von uns zu einem Fünftel. v. Tichatscheck (auf seine Mappe deutend) : Ich habe da gerade eine Zeichnung für die nächste Nummer bei mir, zu der ich heute notwendig noch einen ganz außerordentlich hervorragenden Witz von unserem geschätzten Oaha haben muß. Burry : Es soll sich nur nicht etwa einer der Mitbesitzer einfallen lassen, das Oaha von jetzt ab in selbstsüchtiger Weise ausschließlich für sich in Anspruch zu nehmen! v. Tichatscheck : Warum machen Sie denn dann nicht selber die Witze zu Ihren Zeichnungen? Burry : Weil ich in meiner Weltbedeutung geistig zu hoch stehe, als daß mir überhaupt noch ein guter Witz einfallen könnte. Aber für Sie muß das arme Oaha in einem Monat mehr Witze liefern als für uns übrigen Mitarbeiter zusammengenommen im ganzen Jahr! v. Tichatscheck : Meine Zeichnungen machen dem Oaha eben auch viel mehr Vergnügen als Ihre, auf denen es jahraus jahrein immer nur die gleichen zerrauften Bauernschädel sieht. Auf dieser Zeichnung habe ich zum Beispiel ein paar Strumpfbänder gezeichnet, ich sage Ihnen, da kommt mein liebes Oaha vierzehn Tage lang gar nicht mehr aus dem Grinsen heraus! (Durch die Flurtüre ab.) Burry (ihm folgend) : Eher schlage ich ein Loch ins Firmament, ehe ich mir mein braves Oaha durch diesen sittenlosen Flanell-Matador vergewaltigen lasse! (Ab.) Laube (folgt beiden bis zur Tür, ihnen nachblickend) : Zwei Blödsinnige, die sich um den dritten prügeln! Zu dem Witz zeichne ich eine ganz exemplarisch sarkastische Zeichnung. (Ab.) Sterner (am Mittelschreibtisch, spricht ins Telephon) : Sind Sie selbst dort, ja? – Passen Sie genau auf! Folgende Notiz muß sofort in zweitausend Exemplaren an sämtliche Zeitungen Deutschlands verschickt werden: Stenographieren Sie bitte: (Von seinem Notizblock ablesend) : Hochherziger Edelmut! Dreimal unterstrichen! Der Herausgeber des »Till Eulenspiegel« erläßt heute in seinem Blatte folgende hochherzige Erklärung: In der unerschütterlichen Überzeugung, daß der »Till Eulenspiegel« seine beispiellosen Erfolge zum großen Teil seinen weltberühmten Mitarbeitern verdankt, habe ich mich aus freien Stücken entschlossen, meine lieben Mitarbeiter von heute ab am Reingewinn meines Blattes zu beteiligen. Die Künstler und Dichter, die ihre Kraft ausschließlich meinem Blatte gewidmet haben, ernenne ich hiermit zu Mitbesitzern des »Till Eulenspiegel«. In Zukunft wird der Gewinn zu gleichen Teilen zwischen mir und meinen Mitarbeitern geteilt. – gezeichnet: Georg Sterner. Dr. Kilian (erhebt sich, zwei Kontraktformulare in der Hand) : Ich habe hier unsern Kaufvertrag gleich in zwei Exemplaren aufgesetzt. Sterner : Ich finde das nämlich unglaublich komisch! Sie berauben mich da mir nichts dir nichts um genau vier Fünftel meines gesamten Eigentums. Laube (zurückkommend) : Unterzeichnen Sie nur getrost, verehrter Herr Exkommandeur. Wenn Sie auch kein gutes Geschäft dabei machen, so haben Sie sich durch Ihre Geschäfte doch dafür um so mehr Liebe und Achtung erworben. Sterner : Wenn ich nun aber zum Trotz nicht unterzeichne? Was dann? Dr. Kilian : Dann tut der »Till Eulenspiegel« morgen unter dem Titel »Oaha« erscheinen, und du hast gar nichts. Sterner (den Kontrakt unterzeichnend) : Um Liebe und Achtung war es mir bei meinen Geschäften eigentlich gar nicht so sehr zu tun. Von Liebe und Achtung kann sich der Mensch kein Automobil halten. v. Tichatscheck und Burry bringen das Oaha durch die Flurtür herein. Das Oaha sitzt auf einer grün angestrichenen Kiste, die auf kleinen Rädern läuft und vorne eine Deichsel zum Ziehen hat. Seine Füße und Unterschenkel stecken unsichtbar in der Kiste, so daß seine Beine nur bis zu den Knien zu reichen scheinen. Die Rockärmel sind vorne zugenäht, so daß es keine Hände zu haben scheint. An dem rechten Rockärmel ist vorne ein Griffel festgenäht. Oaha hat eine Glatze, ein breites lachendes Gesicht und wackelt beständig mit dem Kopf. An der Stirnwand der Kiste steht mit großen weißen Buchstaben Oaha. An der Seite der Kiste hängt eine große Schiefertafel, an der mit einer Schnur ein Schwamm festgebunden ist. v. Tichatscheck zieht an der Deichsel. Burry schiebt die Kiste von hinten herein, erscheint aber, als suche er sie zurückzuhalten. v. Tichatscheck : Meiner Lebtag bekomme ich keinen Witz von dem lieben Oaha! Der Burry wischt nach jedem Wort, das geschrieben ist, mit dem Rockärmel über die Tafel! (Zu Oaha) . Liebstes, teuerstes Oaha! Würdest du nicht die große Gnade haben und mir einen guten Witz für diese Zeichnung machen? Oaha (mit dem Kopf wackelnd) : Oaha! Oaha! v. Tichatscheck (nimmt seine Zeichnung aus der Mappe und hält sie Oaha vor) : Hier ist meine Zeichnung. Wie immer ein Herr und eine Dame, siehst du. Schreib auf deine Tafel, worüber sich der Herr und die Dame so angelegentlich unterhalten. Oaha (bricht in Gelächter aus) . v. Tichatscheck (hält ihm die Schiefertafel vor) : Gleich anschreiben, Oaha! Genau aufschreiben! Oaha (schreibt mit dem Griffel auf die Schiefertafel und sagt ununterbrochen) : Oaha! Oaha! Oaha! v. Tichatscheck (hat die Tafeln genau betrachtet und liest) : Warum fliegt dieses lenkbare Lustschiff dort oben immer hin und her? Sterner (krümmt sich vor Lachen) . Dr. Kilian (gibt ihm einen Rippenstoß) : Halt deine Fresse! Der Witz kommt doch erst! v. Tichatscheck (liest) : Es ist eine Schraube los. (Dr. Kilian, Laube und v. Tichatscheck hüpfen auf einem Bein umher und pfeifen durch die Finger.) Dr. Kilian : Wenn das der hohe Herr Staatsanwalt lesen tut, dann ist die Konfiskation besiegelt und wir sitzen im Gefängnis! Laube : Der hohe Staatsanwalt schickt uns sofort seinen Untersuchungsrichter und läßt Haussuchung auf unserer Redaktion halten. v. Tichatscheck : Oaha! Menschenkind! Willst du mich auf die Galeere bringen? Sterner (sich die Hände reibend) : Gott sei gepriesen! Das ist meine Rache! Jetzt wird der »Till Eulenspiegel« zahm wie ein Hoflakai! v. Tichatscheck (hält Oaha seine Zeichnung vor) : Liebes Oaha, du mußt mir einen etwas weniger lebensgefährlichen Witz machen. Oaha (schüttelt sich vor Lachen) . v. Tichatscheck (hält ihm die Tafeln vor) : Aufschreiben, liebes Oaha! Immer aufschreiben! Oaha (schreibend) : Oaha! Oaha! Oaha! Sterner (nimmt v. Tichatscheck die Tafel aus der Hand) : Nun seien Sie bitte erst mal alle ganz still! Ich möchte gerne sehen, ob ich den Witz nicht auch ohne Erläuterung verstehe. (Er liest langsam und aufmerksam) : Moderne Tonmalerei. – Wie fanden Sie die neue Symphonie unseres Oberhofkapellmeisters? – Sie stinkt wenigstens nicht! – (Er sieht die andern groß an.) Ich kann mit dem besten Willen keinen Witz darin finden! Oaha (wimmernd) : Oaha! Oaha! v. Tichatscheck (nimmt Sterner die Tafel weg) : Geben Sie mir den Witz her, sonst wird er noch sauer. – Liebes Oaha, ich sage dir meinen schönsten Dank für deinen Witz. Ich werde versuchen, dich von der berühmtesten deutschen Universität zum Ehrendoktor ernennen zu lassen. – Kommen Sie, Burry . . . Heiliger Nepomuk – der Burry ist eingeschlafen! (Burry ist nach wiederholtem Gähnen und Hin- und Herwanken freistehend eingeschlafen. v. Tichatscheck betastet ihn vorsichtig an verschiedenen Körperteilen mit dem Zeigefinger, ohne daß Burry sich rührt, bis er plötzlich laut aufschreit und zum Schlag ausholt.) v. Tichatscheck (rasch mit einer verbindlichen Gebärde einfallend) : Helfen Sie mir bitte, unser liebes Oaha in seine Gemächer zurückzubringen! (Burry reckt gähnend die Arme, besinnt sich und hilft darauf v. Tichatscheck, das Oaha hinauszufahren.) Dr. Kilian (steckt den von Sterner unterschriebenen Kontrakt in die Tasche und schüttelt Sterner die Hand) . Jetzt tun wir aber wieder gute Freunde sein! Du kommst heute abend auf unsere Kegelbahn. Da tun wir unsern Vertrag mit einem kräftigen Schluck Bier besiegeln. Laube (schüttelt Sterner die Hand mit Gestus) : Sie müssen sich Ihre gewaltige Abdankungstragik von der Seele kegeln! (Dr. Kilian und Laube durch die Flurtür ab.) Sterner (allein, setzt sich an den Mittelschreibtisch und telefoniert) : Wollen Sie bitte sofort anordnen, daß niemand zu mir hereingelassen wird! – (Lauter) . Zu mir hereingelassen wird! – (Noch lauter) . Verstehen Sie denn nicht? Zu mir herein – hereingelassen wird! – (Schwächer) : Ja, daß niemand zu mir hereingelassen wird! Niemand! Sei es, wer es sei! Haben Sie verstanden? – – (Er erhebt sich, kommt nach vorn und sieht sich um.) Bis jetzt ist Gott sei Dank noch niemand hereingekommen, obwohl ich dreimal so laut wie möglich »herein« geschrien habe. Jetzt kann niemand mehr kommen! Jetzt schließe ich mich hier in mein Privatkabinett ein und bleibe so lange regungslos darin sitzen, bis mir ein vernünftiger Gedanke eingefallen ist. (Er öffnet die Tür zu seinem Privatkabinett, prallt einen Schritt zurück und ruft dann in das Kabinett hinein) : Jetzt machen Sie aber endlich mal, daß Sie hier hinauskommen! Sie tauchen wie das leibhaftige Unheil vor einem auf! (Eine Scheuerfrau in Holzschuhen, mit aufgeschürztem Rock und einem Tuch um den Kopf, in der einen Hand einen Eimer voll Schmutzwasser, in der andern eine langstielige Scheuerbürste mit darüberhängendem Scheuerlumpen, tritt knurrend aus dem Privatkabinett und kommt bis in die Mitte der Bühne. Sterner tritt rasch hinein und verschließt von innen die Tür.) Die Scheuerfrau (allein, den Teppich betrachtend) : Ein Kreuz ist es mit den Malersleuten! Der schöne Teppich, der muß einem derbarmen, da wo solchene Malersleut ihre Stiefeln draufsetzen. Die ganze Monika-Immakulata-Straß tun sie einem da hereintragen! (Sie stellt den Eimer hin und sieht sich um) . Ich gäb' was drum, wenn ich jetzt auch nur wüßt, wo ich hier den neuesten »Till Eulenspiegel« herkriegte. Meine fünf Kinder täten ihrer Mutter nicht schlecht heimleuchten, wenn die Mutter heut am Samstag ohne den neuesten »Till Eulenspiegel« nach Haus käm! Da liegt solch ein Stoß. (Sie nimmt von einem Stoß neuer Exemplare, der auf einem Seitenschreibtisch liegt, das oberste weg. kehrt zu ihrem Eimer zurück und liest das Datum.) Fünfzehnter Jänner. Das ist das neueste Blatt. (Sie schlägt das Blatt auf.) Ach, ist das ein schönes Bild! – (Sie liest langsam und schwerfällig.) Mir hat geträumt, die Jugend kehre wieder. Ich war ein glücklich jungfräuliches Kind. Und jubelnd an der grünen Bergeshalde Lief um die Wett' ich mit dem Abendwind.         (Schweratmend) : Ach, ist das schön! Da kam mein Schatz. Er haschte mich beim Spielen Und sprach von Liebe mir . . . ich hört' es kaum. Da sah ich seiner Augen heißes Strahlen Und fühlte seinen Kuß . . . es war ein Traum! (Sie hält inne, während glückseliges, sonniges Lächeln über ihren Zügen liegt.) Ich bin erwacht. Vom Lager aufgesprungen Sah ich mein Spiegelbild im Tageslicht: Erkannte, wie die Zeit mit ehernem Griffel Mir Falten grub ins alternde Gesicht.         (Sie ist in Tränen ausgebrochen.) Errötend dacht' ich an mein selig Träumen Und gab erglühend der Erinnerung Raum, Barg weinend dann mein Haupt in beide Hände: Vergib mir Herr und Gott – es war ein Traum! (Sie hat die letzte Strophe unter herzerschütterndem Schluchzen gelesen und weint noch eine Weile weiter.) Sterner (tritt aus seinem Privatkabinett) : Werden Sie jetzt endlich machen, daß Sie hier hinauskommen! Die Scheuerfrau : Ja, ja. Ich geh' schon! (Sie steckt den »Till Eulenspiegel« unter den Arm, nimmt Eimer und Scheuerbürste auf und geht knurrend durch die Flurtür ab.) Wanda Washington (stürzt aus der offenen Tür des Privatkabinetts, fällt Sterner um den Hals und küßt ihn leidenschaftlich ab) : War das ein Augenblick! Georg! Georg! So bin ich noch von keinem Manne vergöttert worden! Du liebes, böses, dummes Scheusal du! Sterner (etwas abgespannt) : Wie kommst du denn überhaupt dort in mein Privatkontor? Wanda : Ich sitze schon seit heute morgen um neun Uhr dort drin. Ich weiß nur, daß ich eine fürchterliche Sehnsucht nach dir hatte! Heute nacht bin ich immerwährend aus dem Schlaf aufgefahren! Sterner : Hast du dich denn die drei Stunden lang da drin nicht gelangweilt? Wanda : Im Gegenteil! Ich habe mich fabelhaft unterhalten. Glücklicherweise liegt ja das Konversationszimmer gleich nebenan. Die Zwischenwand ist so dünn, daß man jedes einzelne Wort, das im Konversationszimmer gesprochen wird, ganz deutlich versteht. Gerade bevor du zu mir eintratst, kamen noch die vier apokalyptischen Reiter, unsere vier Temperamente, weißt du, ins Konversationszimmer gestürmt. (Jubelnd) : Sie prahlten, so laut sie konnten, daß sie dich eben bis auf ein Fünftel deines ganzen Besitzes vollständig ausgeplündert hätten! Sterner : Ja, ja, es ist zu drollig! Das haben sie weiß Gott getan! Wanda : Über so etwas lachst du doch nur! Menschen wie wir gehen doch solcher Kleinigkeiten wegen nicht unter! Es wäre auch wirklich schade um uns! Jetzt machst du dafür doch um so glänzendere Geschäfte mit dem neuesten Roman von Max Bouterweck! Sterner : Gott sei's geklagt, ja! Wanda : Warum denn Gott sei's geklagt? Sterner : Ja, es ist merkwürdig! Je bessere Geschäfte ich mit dem Roman mache, desto mehr verliere ich durch den Roman. Wanda : Das übersteigt mein Begriffsvermögen! Sterner : Es ist auch gar nicht so leicht zu begreifen. Max Bouterweck hat mich in seinem neuen Roman als ein so grauenhaftes Ungeheuer hingestellt, daß sich meine Frau in Paris sofort an einen hiesigen Rechtsanwalt gewandt hat, um sich von mir scheiden zu lassen. Wanda (in die Hände klatschend) . Das ist ja herrlich! Das ist ja ein ganz unerwartetes Glück für uns beide! Sterner : Für dich wohl, aber doch nicht für mich! – Und nun muß dieser Roman ausgerechnet noch das erste seiner Werke sein, mit dem er einen ungeheuren Erfolg hat. Alle seine früheren Bücher kosteten mich nur Geld, und je mehr Geld ich mit diesem verfluchten Roman verdiene, desto mehr schaden mir die niederträchtigen Verleumdungen, die er darin über mich verbreitet. Dabei hat er seinen Riesenerfolg doch ausschließlich mir zu verdanken, denn wenn ich nicht wäre, hätte er doch das Buch einfach nicht schreiben können. Ich habe ihn zu einer Weltberühmtheit gemacht! Ich habe ihn aber von jeher für einen undankbaren Menschen gehalten! Wanda : Aber nun sag' mir doch nur einmal das eine, geliebtes Herz: Was verlierst du denn eigentlich an deiner Frau? Sterner : An meiner Frau verliere ich eine Frau, zwei Kinder und einen erstklassigen Schwiegervater, wie ich ihn in dieser Welt so leicht nicht wiederfinde! Wanda : Nun gut! Was kümmert uns das! Dafür baust du dir jetzt doch hier ein behagliches schönes Haus, in dem du mit mir zusammen in ewig neuer, endloser Glückseligkeit leben wirst! Sterner : Wenn ich nur auch schon wüßte, wovon ich das Haus, das ich mir hier bauen lasse, bezahlen soll! Du vergißt, mein Kind, daß mir von heute an nur noch der fünfte Teil meiner früheren Einnahmen zufällt! Denn ob ich von den vier Temperamenten je einen Pfennig für den »Till Eulenspiegel« bezahlt bekomme, das scheint mir sehr fraglich zu sein. Wanda : Aber wozu das auch! Was kümmert uns das! Wenn es weiter nichts ist, dann vermiete doch das Obergeschoß unseres Hauses ganz einfach an den jungen montenegrinischen Zeichner, den du als Mitarbeiter für den »Till Eulenspiegel« in Dienst genommen hast! Bedenke doch nur, daß der junge Montenegriner dann mit Haut und Haaren in deinen Händen ist! Und wir beide könnten zusammen ohne die geringste Mühe darüber wachen, daß er dir nicht etwa unversehens von einer anderen Zeitung weggeschnappt wird! Sterner : Ganz recht! Und du brauchtest nur eine Treppe zu steigen, um ihn zu deinem Geliebten zu machen! Wanda (verächtlich) . Bah! Sterner : Oder ist er das vielleicht schon? Wanda (schwärmerisch) : Ich trage keine Schuld an meinem übermenschlichen Liebesdurst! Sterner (wirft sich unwillig in einen Sessel) . Dann wird doch der Mensch nicht so blödsinnig sein, mir in meinem Hause noch Wohnungsmiete zu bezahlen! Wanda : Was braucht uns das zu kümmern! Dann bezahlt sie der nächste! (Sie setzt sich ihm mit einem Sprung auf die Knie, streckt die Fußspitzen in die Luft und schlingt die Arme um seinen Hals.) Jetzt sollst du einmal die Engel im Himmel pfeifen hören, daß du deine Frau in Paris für Zeit und Ewigkeit vergißt! Sterner : Mir ist es ein Rätsel, wie du das alles aushältst! Wanda (küßt ihn) . Mir auch, das weiß Gott! Vor zwei Jahren in Venedig wollte ich schon einmal in ein Freudenhaus gehen. Aber es stellte sich heraus, daß meine Papiere nicht in Ordnung waren. Wie beneidete ich damals die einfachen Landmädchen, deren Papiere immer so tadellos in Ordnung sind. Die Flurtür wird von außen geöffnet und Harry Gadolfi tritt ein, ein hochgewachsener, breitschultriger Mann im Zylinder, Paletot, weißen Glacéhandschuhen und Lackstiefeln. Er hinkt sehr stark, so daß er, wenn er sich auf dem längeren Bein streckt, noch beträchtlich größer erscheint, als wenn er auf beiden Füßen steht. Er trägt blonden Schnurrbart, hat einen stechenden Blick, spricht mit ausländischem Akzent und fuchtelt mit einem eleganten Stock in der Luft herum. Gadolfi : Lassen Sie sich nur bitte durch mich nicht stören. Ich fahre heute abend noch nach Wien weiter. Sterner : Was wollen Sie denn hier? Gadolfi : Ich habe in England einen neuen Velasquez entdeckt, den ich in Wien um fünfmalhunderttausend Gulden verkaufen werde. Ich spreche nur bei Ihnen vor, weil ich voraussichtlich demnächst Ihre Frau in Paris heirate. Wanda (aufspringend) : Was willst du heiraten? Wen willst du heiraten? – Oh, solch ein Treubruch ist doch noch von keinem Menschen begangen worden! Gadolfi (zu Wanda) : Was ist denn mit Ihnen los? Sie schrieben mir nach London, Sie wüßten jetzt keinen Ausweg mehr für sich, als den Verzweiflungsstrick! Wanda (zu Gadolfi, sehr ernst) : Höre mich ruhig an. Du bist in mein Leben getreten und hast von mir Besitz ergriffen. Schwer hab' ich dir's nicht gemacht, das weiß Gott im Himmel; aber wenn du Sterners Frau heiratest, dann wehe euch allen zusammen! Dann fahre ich nach Amerika und nehme einfach mein geliebtes Oaha mit. Dann kann der »Till Eulenspiegel« zusehen, von wem er in Zukunft seine Witze bezieht. Sterner (hat sich erhoben) : Mir dreht sich die Welt vor den Augen! Mit dem Oaha stehst du auch in Beziehungen? Wanda (gefühlvoll) : Ach, das gute Oaha, das liebe Oaha! Ich habe, seit wir uns kennen, nie ein böses Wort von ihm gehört. Gadolfi : Wer ist denn dies geheimnisvolle Geschöpf? Sterner : Es ist taubstumm. Aber das hätt' ich doch dem Oaha nicht zugetraut. Gadolfi : Wer nichts empfindet, der kann leicht mit aller Welt in Beziehungen stehen. (Zu Sterner) : Sie, der Sie die Geige mit dem Rasiermesser spielen, merken so etwas natürlich nicht. Was Sie für übermäßige Erotik halten, das ist im Grunde genommen nichts als absolute Verständnislosigkeit. Wanda : Bis in das Innerste meines Wesens seid ihr beide nicht vorgedrungen. Sterner (zu Gadolfi) : Nachdem Sie mich also vor zehn Jahren um mein ganzes väterliches Erbteil begaunert haben, wollen Sie jetzt auch noch meine Frau heiraten? Gadolfi : Daran bin ich eigentlich gar nicht schuld. Ursprünglich wollte der Schriftsteller Bouterweck sie heiraten. Der hat ihr aber in seiner fürchterlichen Dummheit so viel von mir vorgeschwärmt, daß sie es dann doch vorzog, mich selbst zu nehmen. Sterner : Wissen Sie denn nicht vielleicht irgendein staunenerregendes Unternehmen für mich? Ich weiß zum erstenmal in meinem Leben absolut nicht, was ich mit mir anfangen soll. Gadolfi : Dann verwirklichen Sie doch ganz einfach die glänzendste geschäftliche Idee, die es jemals in dieser Welt gegeben hat! Sterner : Kennen Sie die? Gadolfi : Wie sollte ich die denn nicht kennen! Sterner : Die glänzendste geschäftliche Idee, die es jemals in dieser Welt gegeben hat? Gadolfi : Die glänzendste geschäftliche Idee, die es jemals in dieser Welt gegeben hat! Wenn sie das nicht ist, dann können Sie mich vor ganz Europa einen Maulhelden nennen. Sterner : Warum verwirklichen Sie denn die Idee nicht selber? Gadolfi : Weil ich was Besseres zu tun habe: Weil ich es nicht nötig habe, Millionen zu verdienen! Kurz und gut, weil ich keine Zeit dazu habe. Sterner : Und mir teilen Sie diese Idee unentgeltlich mit? Von der Seite kenne ich Sie noch gar nicht. Worin besteht sie denn? Gadolfi : Hören Sie genau zu . . . (Er will sich eine Zigarette anzünden, wobei mehrmals das Streichholz versagt.) Ein humorloses Fabrikat! Sterner (einen Streichholzständer holend und Gadolfi die Zigarette anzündend) : Hier haben Sie Feuer, soviel Sie wollen! Aber die Idee? die Idee? Gadolfi : Hören Sie genau zu! Sie setzen einen Preis aus, ja nicht zu hoch, sonst bewirbt sich kein Genie mehr darum. Sagen wir hundertundfünfzig Mark. In einem Preisausschreiben, das Sie in Ihrem »Till Eulenspiegel« veröffentlichen, versprechen Sie diese hundertundfünfzig Mark demjenigen zur Belohnung, der Ihnen die glänzendste geschäftliche Idee zur Verwirklichung überläßt, die es jemals in dieser Welt gegeben hat. Sie bekommen eine unzählige Menge geschäftlicher Ideen zur Auswahl zugesandt. Sie suchen sich die glänzendste heraus, Sie bezahlen dem Einsender hundertundfünfzig Mark und verdienen durch Verwirklichung seiner Idee ungezählte Millionen. Sterner (sieht ihn verdutzt an) . Gadolfi : Sie scheinen mich nicht genau verstanden zu haben?! Sterner : Ich werde mir den Plan überlegen. Ich halte es gar nicht für ausgeschlossen, daß man sich damit ein Vermögen machen kann. Gadolfi : Ein humorloses Zeitalter! Um zwei Uhr frühstücke ich im Hotel Continental. Vielleicht kommen Sie hin. Sie finden den Sohn des Präsidenten der französischen Republik in meiner Gesellschaft. Wir können unseren Plan dann weiter ausarbeiten. – (Durch die Flurtür ab.) Sterner : Ein zu komischer Kauz! – Ich gehe jedenfalls hin. Ich bin neugierig, wen er jetzt als den Sohn des Präsidenten der französischen Republik mit sich in der Welt herumführt. Wanda : Wenn ich dir jetzt nur Geld verschaffen könnte. Dummes schmutziges Geld! Sterner : Ach was! Ein Mensch wie ich verhungert nicht so leicht. Ich wollte lieber, ich hätte irgend etwas, womit ich mich beschäftigen könnte. Wanda (schwärmerisch) : Soll ich mich für dich auf offenem Markt ausbieten?! Sterner : Laß das lieber sein. Du hast ja keine Papiere. Wanda : Oder soll ich dich an sämtlichen Mitbesitzern des »Till Eulenspiegel« rächen, indem ich jeden von ihnen mit den drei anderen betrüge? Sterner : Ich brauche gar keine Rache. Ich an ihrer Stelle hätte nicht um ein Haar anders gehandelt. Ich hätte mir niemals träumen lassen, daß diese vier Temperamente so entzückende kluge Menschen sind. (Dumpfes Gebrüll und Getrampel ist hinter der Szene laut geworden; dazwischen hört man immer wieder die Rufe »Oaha«, »Oaha«.) Wanda (öffnet die Flurtür) : Was ist denn da draußen wieder los? Sterner : Das sind die Weltberühmtheiten! Das sind die vier apokalyptischen Reiter! Das sind die vier Temperamente! Sie streiten sich wieder einmal um den Dalailama! Durch die Flurtür kommen in lautem Streit Dr. Kilian, Laube, Herr v. Tichatscheck und Burry mit dem Oaha herein. Dr. Kilian, Laube und v. Tichatscheck ziehen an der Deichsel, während Burry das Gefährt von hinten mit aller Macht zurückzuhalten sucht. Burry trägt ein weißes, zusammengefaltetes Tuch ums Gesicht gebunden, so daß er kaum die Zähne auseinanderbringt, bemüht sich aber trotzdem, möglichst deutlich zu sprechen. Unter dem Arm hält er einen Karton, auf dem ein Mädchenkopf zu sehen ist. Dr. Kilian : Das tut uns gerade noch fehlen, daß dieser wahnsinnige Burry unser Oaha als Orakel vergewaltigen tut! v. Tichatscheck : Zu einer Kartenschlägerin soll doch der Burry mit seinen Familienangelegenheiten gehen! Die Kartenschlägerin nimmt dem Burry zehn Mark ab, dafür beschreibt sie ihm das Weib, bei dem er sich glücklich fühlen wird, so deutlich, daß er es aus der längsten Prozession herausfindet. Oaha (hin und her gerüttelt, angstvoll wimmernd Oaha! – Oaha! – Oaha.) Burry (mit erhobenen Händen) : Das Oaha eine Kartenschlägerin!? Das Oaha eine Pythia? Das ist himmelschreiende Gotteslästerung! Das Oaha ist eine überweltliche Macht! Mir tut mein Herz so weh – ich muß, ich muß, ich muß mit ihm allein sein! Laube : Das Oaha schwebt in sichtlicher Lebensgefahr. Das Oaha kann dem Burry antworten, was es will, es gibt einen unerhörten Skandal! Schließlich fordert der Burry das Oaha noch auf Pistolen! Burry (zu Sterner) : Helfen Sie, helfen Sie! Sagen Sie doch diesen Grundpfeilern der europäischen Kultur, daß sie mich mit meinem lieben Oaha einen Augenblick allein lassen sollen! Sterner (sich das Gesicht abtrocknend) : Warum spucken Sie mir denn immer ins Gesicht? Burry : Das geschieht nur aus Höflichkeit. Ich kann Ihnen doch nicht auf Ihre vornehme Kleidung spucken! Sterner : Ihnen muß doch aber auch wirklich immer etwas fehlen! Burry : Mir etwas fehlen?! – Mir?! Ich gäb' was darum, Sie hätten recht. Zuviel hab' ich was?! Etwas, was ich vorher nie gehabt habe! Woran ich nie im Traum nur gelitten hab'! Ich habe einen Ziegenpeter. Einen Mumps, wissen Sie. Ich habe einen Wochentölpel. Deshalb kann ich den Mund nicht so weit aufreißen, wie diese Kulturgewalthaber. Sie können den Mund aufreißen, daß ein Ozeandampfer darin verschwindet. Mein Herz tut mir so weh! Helfen Sie doch! Helfen Sie! Sterner (sich das Gesicht abtrocknend, zu Dr. Kilian) : Warum soll denn auch das Oaha dem Burry nicht die Zukunft voraussagen! Dr. Kilian : Was tust denn du dich da noch dreinmischen? Ein solches Treiben ist einfach unmoralisch. Wanda (hat sich an Oaha herangeschlichen, unter Liebkosungen) : Unsere Verlobung, geliebtes Oaha, ist schon in aller Mund! Justizrat Pinkas sagt, in zwei Monaten könnte ich von Mister Washington geschieden sein. Komm mit nach Neuyork, geliebtes Oaha! Ganz Amerika soll von unserem Brautjubel widerhallen! Ich geleite dich durch alle Labyrinthe der Wollust. Burry (stößt sie beiseite, Oaha seinen Karton vorhaltend) : Scheren Sie sich zum Henker! Oaha! Weltseele! Schau dieses Mädchen an! Dieses Mädchen ist meine Braut! Oaha (bricht in wildes Gelächter aus) . Laube : Wird dieser Unfug erst in Deutschland bekannt, dann reißt Deutschland blutigere Witze über den »Till Eulenspiegel«, als sie der »Till Eulenspiegel« jemals über Deutschland gerissen hat! Burry (unter Tränen) : Ich will keine Witze, Oaha! Du brauchst über meine Braut keine Witze zu reißen! Das tut die Welt schon im Überfluß! Du sollst mir sagen, Oaha, ob dieses Mädchen mir treu ist oder ob mich dieses Mädchen heimlich mit dem Tichatscheck betrügt! Dr. Kilian (reißt Burry die Zeichnung aus der Hand) : Solch ruchlosen Götzendienst lasse ich hier nicht aufkommen! Tut das Oaha Ihrem Mädel etwas nachsagen, dann schlagen Sie dem armen Burschen die Knochen entzwei und das Weibsbild gibt ihm Rattengift ein. Burry (mit erhobener Faust) : Ich warne Sie, Mensch, stellen Sie sich nicht zwischen mich und dieses Mädchen, auch wenn das, was ich das Oaha frage, Ihren krachledernen Horizont übersteigt! Ich warne Sie, Mensch! Sagt mir das Oaha, meine Braut ist mir treu, dann heirate ich dieses Mädchen. Ich lade Sie auf die Hochzeit . . . Dr. Kilian (schreit) : Ich lade Sie auf die Kirchweih! Gehn Sie doch samt Ihrer Braut in ein Spiritistenkloster! (Wanda hat dem Oaha derweil die Tafel vorgehalten, auf die das Oaha zwei Sätze geschrieben hat.) Wanda : Ruhe! Ruhe! Oaha hat geweissagt! (Sie gibt die Tafel, ohne sie anzusehen, an Burry.) Burry (die Tafel in zitternden Händen haltend, sich sammelnd) : Oaha! Mein Oaha! O meine Braut! O meine Cilly! – (Er liest zögernd) : Die Cilly bleibt sich immer selber treu . . . Laube : Oaha, du bist eine Pythia! v. Tichatscheck : Oaha, du bist eine Veleda! Burry : Das hab' ich auch so schon gewußt! Dazu braucht's keine Prophezeiung. Das versteht sich ganz von selbst. (Er liest zögernd weiter) : Aber – aber der – der Burry – ist seiner Braut – fortgesetzt untreu . . . Dr. Kilian : Oaha – du bist ein Jupiter Ammon! Sterner (will Burry die Hand drücken) : Seien Sie unbesorgt, lieber Burry! Wir erzählen Ihrer Braut nichts davon. Das dumme Oaha hat sich natürlich geirrt! Burry (mit drohender Gebärde die Tafel hochhaltend) : Das Oaha irrt nie, das Oaha kann nicht irren! Das Oaha ist die Weltseele! Aber – (er wirft die Tafel zur Erde) gefragt hab' ich nicht danach. Sterner : Wenn es Ihnen, mein lieber Burry, zur Beruhigung gereicht, dann schwöre ich Ihnen, daß das Oaha intelligenter ist, als die gesamte Redaktion des »Till Eulenspiegel«. Aber dann muß doch das Oaha, hol' mich der Teufel, auch wissen, in welcher Stellung die Herren mich auf der Redaktion des »Till Eulenspiegel« noch verwenden können. Burry : Das ist mir vollkommen Wurst. (Freudig das Bild ans Herz drückend) : O Cilly! O Oaha! Wie leicht ist mir's jetzt! Wanda (hält Oaha rasch die Tafel vor, eindringlich) : Hast du's gehört, geliebtes Oaha? Sag' uns augenblicklich, in welcher Stellung Eugen Sterner bei der Redaktion Verwendung finden kann. Oaha (nickt ernsthaft mit dem Kopfe und schreibt einen Satz auf die Tafel) . Dr. Kilian (zu Sterner, die Achseln zuckend) : Auf deine Witze ist ja bekanntlich gar kein Verlaß. Die tun dir immer erst sechs Monate zu spät einfallen. Sterner : Könnten mich die Herren nicht vielleicht als einen mehr oder weniger selbständigen, beziehungsweise unselbständigen Buchhalter anstellen? Laube : Wenn Sie gute Geschäfte gemacht hätten, wäre ich sofort dafür. Ihnen war es ja aber leider immer nur um Liebe und Achtung zu tun! Wanda : Ruhe! Ruhe! Oaha hat geweissagt! (Sie gibt die Tafel, ohne sie anzusehen, an Herrn v. Tichatscheck.) v. Tichatscheck (liest und nickt ernsthaft mit dem Kopf) : Kolossal hervorragend! Das Oaha muß in den Fürstenstand erhoben werden. (Er reicht die Tafel an Laube.) Laube (liest und nickt ernsthaft mit dem Kopf) : Das Oaha wird noch einmal Austauschprofessor. (Zu Sterner) : Vergessen Sie in dem Gasthaus dann nur nicht etwa, abends Ihre schönen Stiefel zum Putzen hinauszustellen. (Er gibt die Tafel an Dr. Kilian.) Dr. Kilian (liest und nickt ernsthaft mit dem Kopf) : Für diese Stellung tun wir dir monatlich getrost ein Gehalt von hundertfünfzig Mark auszahlen. (Er reicht die Tafel an Burry.) Burry (liest und nickt ernsthaft mit dem Kopf) . Sie erweisen Ihren Zeitgenossen einen unschätzbaren Dienst, wenn Sie diesen Beruf ergreifen. (Er gibt die Tafel an Sterner.) Sterner : Verdammt nochmal! Ich bin gespannt, ob ich seinen Ausspruch verstehe. (Er will lesen.) Was – was schreibt es da? (Er liest) : Um durch möglichst häufige gerichtliche Konfiskationen euch fernerhin zu blühen und zu gedeihen, soll der »Till Eulenspiegel« Georg Sterner als – was schreibt das Ungeheuer? – als Sitzredakteur engagieren?! Wanda (klatscht in die Hände) : Als Sitzredakteur?! (Sie fällt Oaha um den Hals.) Tausend Dank, Geliebtes! (Zu Sterner) : Georg, ich bin deine Glücksgöttin! Sterner (hat die Tafel fortgeschleudert und will sich auf Oaha stürzen) : Dem undankbaren Tier drehe ich den Hals um! Burry (steht mit großer Gebärde schützend vor Oaha) : Wag' dich nicht nach! Das Oaha ist die Weltherrschaft! Laube (zu Sterner) : Dürfen wir hoffen, daß Sie die Stellung annehmen? Sterner : Aber nur, bis ich etwas Behaglicheres finde. Dr. Kilian (schlägt sich auf die Knie und tut einen Luftsprung) : Jetzt wird aber in Konfiskationen gearbeitet!