Jules Verne Ein Lotterie-Los Jules Verne's Werke, Band 41 (Nummer 9672.) Ein Roman aus dem Norwegener Land Vollständig neu übersetzte Ausgabe mit Einleitung und Erläuterungen von Paul Heichen. Titelzeichnung und Illustration von I. Schlattmann. Berlin N.O. 43. Druck und Verlag von A. Weichert. Neue Königstraße 9. Einleitung. Die Erzählung, welche Jules Verne in dem vorliegenden Bande bietet, spielt in jenem von der lieben Menschheit so eifrig gepflegten Gebiete der Lotterie. Die meisten Menschen sind nun einmal von dem Drange, viel Geld zu haben und schnell Geld zu haben, beseelt, und von diesem Drange ist auch ein nordischer Seemann erfüllt, der kurz vor seiner Verheiratung noch ein letztes Mal auf eine Hochsee-Fischfahrt auszieht und vorher noch sein Glück durch Ankauf eines Lotterieloses versuchen will. Mit diesem Los in der Tasche zieht er auf See und leidet Schiffbruch, übergibt aber das Los, in dem Moment, wo das Schiff sinkt, als Flaschenpost dem Meere, das es in dem für die Erzählung richtigen Moment an die geeignete Stelle treibt, nämlich an ein dänisches Schiff, von dessen Kapitän es in die Heimat des Seefahrers gelangt. Um dieses Los herum webt Jules Verne ein paar abenteuerliche Liebesgeschichten. Nach vieler Not und Trübsal finden sich die Liebespaare zusammen. Als deus ex machina greift ein volkstümlicher nordischer Professor in das Glücksrad und sorgt dafür, daß die Machinationen des bösen Elements in der Erzählung, das ein Wucherer vertritt, zu schanden werden. Das ist im großen das Thema der Erzählung, die der Autor nach Norwegen verlegt, in das durch Kaiser Wilhelms Nordlandsreisen berühmt gewordne Land der Fjorde. In seinen Schönheiten schwelgt Jules Verne, und schon hierdurch ist die Erzählung für die Gegenwart von außergewöhnlichem Interesse, und niemand wird sie ohne Befriedigung aus der Hand legen. P. H. Ein Lotterie-Los. [Nummer 9672.] Erstes Kapitel. »Welche Zeit?« fragte Frau Hansen, als sie die Asche aus ihrer Pfeife geschüttelt hatte, deren letzter Rauch in leichten Wölkchen zwischen den buntangestrichenen Deckbalken sich verlor. »Acht, Mutter,« antwortete Hulda. »Daß in der Nacht noch Wanderer bei uns vorsprechen sollten, ist wohl nicht wahrscheinlich; die Witterung ist zu schlecht.« »Ich meine auch nicht, daß noch jemand kommen werde; auf alle Fälle aber sind ja die Stuben fertig, und wenn draußen geklopft wird, so werde ich es schon hören.« »Dein Bruder ist noch nicht wieder da?« »Noch nicht!« »Sagte er nicht, daß er heut zurückkehren wolle?« »Nein, Mutter. Joel ist mit einem Reisenden zum Tinn-See unterwegs, und da er sehr spät aufgebrochen ist, glaube ich nicht, daß er vor morgen wieder in Dal wird sein können.« »Er will in Möl übernachten?« »Ja, wahrscheinlich; er müßte denn bis Bamble hinüber, um bei Pächter Helmboe vorzusprechen?« »Und bei der Tochter?« »Gewiß, auch bei der Siegfriede, meiner liebsten Freundin, der ich zugetan bin wie einer Schwester!« erwiderte lächelnd das junge Mädchen. »Nun, dann schließ ab, Hulda! wir wollen uns schlafen legen.« »Fehlt Euch auch nichts, Mutter?« »Nein, aber ich will morgen beizeiten heraus ... will nach Möl ...« »Weshalb?« »Ei! wir müssen doch für die kommende Saison frischen Proviant einkaufen!« »Ist etwa der Botenmann von Christiania mit Wein und Eßwaren in Möl angekommen?« »Jawohl, Hulda, heut nachmittag,« versetzte Frau Hansen; »Lengling, der Werkmeister in der Sägemühle, hat ihn getroffen und hat es mir im Vorbeigehen gesagt. Von unserem Schinken und Räucherlachs ist nicht mehr viel da, und bis auf den letzten Rest möchte ich doch beides nicht ausgehen lassen. Heute oder morgen, sobald sich die Witterung bessert, können Touristen auf dem Wege ins Telemarken vorsprechen. Unsre Herberge muß doch imstande sein bis dahin: wenn Fremde kommen, so müssen sie doch, was sie brauchen können bei längerm oder kürzerm Aufenthalt, hier auch finden! Du weißt doch, Hulda, daß wir schon den 15. April haben?« »Ja, ja, den 15. April,« flüsterte das junge Mädchen. »Ich werde mich also morgen mit all diesen Dingen befassen,« versetzte Frau Hansen; »in zwei Stunden denke ich die nötigen Einkäufe besorgt zu haben, der Bote mag alles herschaffen, und ich komme dann mit Joel in der Karriole zurück.« »Falls Ihr den Postboten unterwegs trefft, Mutter, dann vergeßt doch nicht zu fragen, ob er etwa für uns einen Brief hat.« »Für dich, meinst du doch? Na, das kann schon der Fall sein, denn der letzte Brief von Ole ist wohl schon vier Wochen alt.« »Ja, ja, Mutter, vier Wochen – ganze vier Wochen!« »Laß dich das nicht bekümmern, Hulda! Solche Säumnis kann doch uns nicht verwundern! Wenn übrigens der Postbote von Möl nichts gebracht hat, so kann doch auch, was über Christiania nicht herkommt, über Bergen herkommen.« »Ohne Frage, Mutter! ohne Frage!« antwortete Hulda; »aber warum redet Ihr denn so? Was mir das Herz schwer macht, ist doch bloß, daß es von hier bis zu den Neufundländer Fischgründen so weit ist! quer über ein ganzes großes Weltmeer; und wenn nun gar noch schlimmes Wetter ist! Fast ein ganzes Jahr ist nun mein armer Ole weg, und wer vermöchte zu sagen, wann er wieder bei uns in Dal sein wird?« »Und ob wir noch da sein werden, wenn er heimkehrt!« flüsterte Frau Hansen, aber so leise, daß ihre Tochter es nicht hören konnte. Hulda klinkte die Herbergstür zu, die auf den Wjesforddaler Weg hinaus führte, nahm sich aber nicht erst die Mühe, den Schlüssel im Schlosse herumzudrehen. Hier in dem gastlichen Norwegen sind solche Vorsichtsmaßregeln nicht nötig. Hier müsse, meint man, jeder Wanderer, ob bei Tage ober bei Nacht, in dem Wohnhause der Gaards Gaard: Gehöft, Landgut. oder Soeters Soeter: Vorwerk, Siedelstätte. Eingang finden können, ohne daß ihm erst jemand aufzumachen brauche. Besuche durch Landstreicher oder Bösewichte hat man hierzulande nicht zu befürchten, weder auf den einsamen Pachthöfen, noch in den abgelegensten Weilern. Noch nie hat hier ein verbrecherischer Anschlag gegen Gut oder Leben die Sicherheit der Bewohner gefährdet! Mutter und Tochter wohnten in zwei Stuben nach vorn heraus im Oberstock der Herberge. Es waren zwei frische, reinliche Stuben, freilich mit bescheidenem Mobiliar, aber was man drin sah, verriet die sorgende Hand einer tüchtigen Hausfrau. Ein Stock höher, unterm Dache, das über die Grundmauer vorsprang wie bei einem Schweizerhause, lag Joels Stube. Sie bekam ihr Licht durch ein Fenster, das in einem nicht ohne Geschmack aus Tannenholz geschnitzten Rahmen saß. Von dieser Dachstube aus reichte der Blick über einen majestätischen Gebirgshorizont, bis in den tiefen Grund des engen Tales hinunter, wo der Maan, halb Gieß-, halb Waldbach, tobte. Von der großen Stube im Erdgeschoß zu den oberen Stockwerken hinauf führte eine Holztreppe mit wuchtigem Geländer und spiegelblanken Stufen. Einen Anblick von so anheimelnder Art, wie dieses norwegische Haus ihn bot, in welchem der Wanderer eine Bequemlichkeit und einen Wohlstand antraf wie nur selten in norwegischen Herbergen, konnte man sich kaum vorstellen. Hulda und ihre Mutter bewohnten also das obere Stockwerk. Dorthin zogen sie sich, wenn sie allein waren, beizeiten zurück. Schon hatte Frau Hansen, die mit einem bunten Leuchter in der Hand voraus ging, die ersten Stufen der Holztreppe hinter sich, als sie noch einmal stehen blieb. Es klopfte draußen, und eine Stimme rief: »He, Frau Hansen! Frau Hansen!« Frau Hansen ging die Stufen wieder hinunter. »Wer kann denn so spät noch etwas wollen?« fragte sie. »Es wird doch dem Joel nichts zugestoßen sein?« versetzte lebhaft Hulda. Gleich war sie an der Tür. Ein junger Bursch stand dort: einer von jenen halbwüchsigen Jungen, die dem Gewerbe eines »Skydskarl« ober »Schußknechts« nachgehen, das darin besteht, hinten auf der Karriole aufzusitzen und von der Station ober dem Endziel der Fahrt das Pferd wieder heimzureiten. Der Schußknecht, der vor Frau Hansens Herberge stand, dicht an der Schwelle, war zu Fuß, also ohne Pferd, gekommen. »He! was willst denn zu solcher Zeit?« fragte Hulda. »Fürs erste Euch guten Abend wünschen,« versetzte der junge Bursche. »Ist das alles?« »Nein! nicht alles, aber soll man nicht immer höflich sein, wenn man was bei jemand will?« »Hast recht! Na, wer schickt dich denn?« »Ich komme im Auftrag Eures Bruders, des Joel!« »Vom Joel? und aus welcher Ursach?« erwiderte Frau Hansen. Sie kam zur Tür hin, mit jenem langsamen, gemessenen Schritte, der das Kennzeichen der in Norwegen üblichen Gehweise bildet. Daß sich in den Adern ihres Erdreichs Quecksilber findet, soll Geltung haben; in den Adern ihres Leibes aber ist von diesem beweglichen Stoffe wenig oder nichts vorhanden. Immerhin mochte die Antwort des Burschen die Mutter in eine gewisse Aufregung versetzt haben, denn sie beeilte sich, weiter zu fragen: »Meinem Sohne ist doch nichts zugestoßen?« »O doch! es ist ein Brief gekommen; der Postbote von Christiania hat ihn gebracht – von Drammen.« »Ein Brief? und von Drammen?« fragte, die Stimme senkend, Frau Hansen lebhaft. »Kann nichts sagen,« antwortete der junge Bursch; »was ich weiß, ist, daß Joel vor morgen nicht heimkommen kann, und daß er mich deshalb mit dem Briefe hergeschickt hat.« »Also ist es eilig?« »Wie es scheint.« »Gib her,« sagte Frau Hansen mit einer Stimme, die eine ziemliche lebhafte Unruhe verriet. »Hier habt Ihr ihn, ganz sauber und nicht zerknittert! Bloß ist er nicht an Euch adressiert!« »Und an wen sonst?« fragte sie, scheinbar minder beklommen. »An Eure Tochter.« »An mich?« rief Hulda. »Also ein Brief von Ole! ganz gewiß, Mutter – mit der Post über Christiania. Joel hat mich warten lassen wollen!« Hulda hatte den Brief genommen, war zu dem Tische getreten, auf dem der Leuchter stand, hatte den Brief an das Licht gehalten und die Aufschrift angesehen. »Ja!« sagte sie, »ein Brief von ihm, Mutter! richtig von ihm! möchte er mir doch melden, daß der »Biken« auf der Heimfahrt ist.« Unterdes fragte Frau Hansen den Burschen: »Du trittst nicht ein?« »Auf eine Minute schon! muß aber noch heute abend heim, weil ich morgen früh eine Karriolfahrt habe.« »Na, dann sage Joel, daß ich ihn in Möl treffen will, er soll auf mich warten.« »Morgen abend?« »Nein! in der Frühe! er soll nicht von Möl weg, sondern auf mich dort warten!« »Abgemacht, Frau Hansen!« »Nun, wie ist es mit einem Tropfen Branntwein?« »O, gern!« Der Bursch war an den Tisch getreten und Frau Hansen hatte ihm eine Herzstärkung eingegossen, die dort oben gegen die Abendnebel immer von gar heilsamer Wirkung ist. Der Bursch ließ auch keinen Tropfen in der kleinen Tasse. Dann sagte er: »Godaften!« und Frau Hansen antwortete: »Godaften, mein Jung!« Das ist in Norwegen der Abendgruß. Er wurde schlicht ausgetauscht. Nicht einmal mit dem Kopfe wurde dabei genickt, und ohne sich um die lange Strecke zu scheren, die er noch zu laufen hatte, machte der Bursch sich auf den Weg. Seine Schritte hatten sich bald unter den Bäumen des Pfades verloren, der neben dem tosenden Bache einherläuft. Unterdes sah Hulda noch immer auf den Brief von Ole und bekundete nicht die geringste Eile, ihn aufzumachen. Man bedenke doch! diese schwache dünne Papierhülle hatte quer über den Ozean laufen müssen, um bis zu ihr hin zu gelangen, quer durch das weite große Meer, in das sich alle Flüsse und Bäche des westlichen Norwegens ergießen. Sie musterte die verschiedenen Poststempel auf dem Briefe: am 15. März war er auf die Post gegeben worden und am 15. April erst in Dal eingetroffen. Was? also vor vier Wochen hatte Ole den Brief schon geschrieben! was hatte in diesen vier Wochen nicht altes dort draußen, in den Gewässern von Neufundland, passieren können! stand man denn nicht noch in der Winterszeit? in der gefahrvollen Epoche der Tag- und Nachtgleiche? sind nicht diese Fischgründe mit den schrecklichen Stürmen, die der Pol quer über die nordamerikanischen Ebenen zu ihnen hinüber jagt, die schlechtesten Striche der Erde? Ein mühseliges, gefährliches Handwerk solches Fischerhandwerk, dem Ole oblag! und wenn er ihm oblag, dann durchaus nicht, um für sich, sondern bloß für sie, seine Braut, die er nach der Heimkehr heiraten sollte, den Gewinn daraus heimzubringen – armer Ole! was schrieb er in diesem Briefe? Ganz ohne Zweifel, daß er seiner Hulda nach wie vor in Liebe zugetan sei, wie Hulda ihrem Ole – und daß ihre Gedanken, so groß auch die Entfernung sei, die zwischen ihnen läge, den Weg zueinander fänden und daß er den Tag seiner Heimkehr nach Dal herbeisehne mit allen Fasern seines Herzens! Ja! das mußte alles drinstehen in diesem Briefe: Hulda wußte es ganz genau! aber vielleicht stand weiter drin, daß seine Heimkehr in Bälde bevorstehe, daß dieser Fischzug, der das Bergensche Seevolk soweit von seiner heimatlichen Scholle riß, bald zu Ende sei! vielleicht auch, daß der »Viken« beim Verstauen seiner Ladung sei, daß er sich zur Abfahrt rüste, daß noch ehe der April zu Ende gehe, sie beide beisammen sitzen würden in dem glücklichen Heim des Westjorddal? Vielleicht stand endlich gar drin, daß man schon den Tag festmachen könne, wann der Pastor von Möl herüber kommen könne, um sie in der bescheidenen Holzkapelle zusammenzutun, deren Kirchturm, wenige hundert Schritte von Frau Hansens Herberge entfernt, aus einem Baumdickicht emporstieg? Um das alles zu wissen, brauchte doch einfach nur das Siegel des Briefumschlags gelöst, Oles Brief herausgenommen und gelesen werden, wenn auch Tränen in Huldas Augen treten sollten, und zwar, je nach seinem Inhalt, Schmerzens- oder Freudentränen, ... und ganz ohne Zweifel hätte auch schon mehr denn eine ungeduldige Maid im Süden, eine Tochter Dalekarliens oder Dänemarks oder Hollands, längst gewußt, was die junge norwegische Maid noch immer nicht wußte! Aber Hulda saß in Träume versunken, und Träume finden ihr Ende immer erst, wenn Gott ihr Ende zu schicken geruht, und wie oft tut es einem leid um Träume, wenn die Wirklichkeit mit ihrer nüchternen Prosa an ihre Stelle tritt! »Meine Tochter,« sagte nun Frau Hansen, »der Brief, den dir dein Bruder schickt, ist doch auch wirklich von Ole?« »Ja doch, Mutter! ich hab doch gleich die Schrift erkannt.« »Na, willst wohl mit dem Lesen warten bis morgen?« Ein letztes mal betrachtete Hulda den Briefumschlag; dann machte sie ihn auf, aber ohne es sonderlich eilig damit zu haben, nahm einen auffällig akkurat geschriebenen Brief heraus und las wie folgt: Saint-Pierre-Miquelon, 17. März 1882. Liebste Hulda! Du wirst zu deiner Freude hören, daß wir einen glücklichen Fischzug gemacht haben und in ein paar Tagen damit fertig sein werden. Ja! der Zug geht zu Ende! Ein Jahr bin ich nun weg! wie freue ich mich drauf, wieder zu Hause, wieder in Dal zu sein! dort die einzige Familie wiederzufinden, die mir bleibt – deine Familie! Was auf meinen Anteil als Gewinn fällt, macht ein hübsches Sümmchen aus. Es reicht für unsere Einrichtung! Unsre Reeder in Bergen, die Herren Brüder Help, Söhne von Herrn Help jun., sind schon benachrichtigt, daß der »Viken« wahrscheinlich zwischen dem 15. und 20. Mai einlaufen wird. Du kannst dich also gefaßt darauf machen, mich um diese Zeit herum, also höchstens in ein paar Wochen, zu erwarten. Liebste Hulda, ich rechne darauf, dich schmucker wiederzufinden als ich dich bei der Ausfahrt verlassen habe, und, gleichwie dein Mutting, bei recht guter Gesundheit. Bei guter Gesundheit auch den strammen, wackern Kameraden, meinen Vetter Joel, dein Brüderchen, das nun bald auch mein Brüderchen sein soll. Wenn du den Brief hier kriegst, dann bestelle recht viele schöne Grüße an Frau Hansen, die ich von hier aus in ihrem Holzstuhle, nahe dem alten Herde in der großen Stube sitzen sehe. Sag ihr von neuem, daß ich sie doppelt liebe: einmal weil sie deine Mutter, zum andern male, weil sie meine Tante ist. Mach dir auf keinen Fall die Ungelegenheit, mich in Bergen abzuholen! Es könnte nämlich sein, der »Viken« käme früher schon als ich bettle. Ganz gleich wann wir landen, 24 Stunden drauf, liebste Hulda, kannst du rechnen, mich in Dal ankommen zu sehen. Bloß erschrick mir nicht, Mädel, wenn ich etwa früher kommen sollte. Wir sind während des Winters, des schlimmsten, dessen sich unsere Seeleute erinnern können, von den schweren Stürmen derb geschüttelt worden. Zum Glück hat's an der großen Bank Stockfische über Stockfische gesetzt. Der »Viken« bringt ihrer an 5000 Viertelzentner mit, ablieferbar in Bergen und von Firma Gebrüder Help, Söhne von Help sen., schon wieder verkauft! Was schließlich die Familie zumeist interessieren dürfte, ist und bleibt, daß wir einen glücklichen Fischzug gehabt haben, und daß die Profite für mich, da ich einen vollen Anteil besitze, sehr gut ausfallen werden! Sind es nun auch nicht gerade Schätze, die ich mit heimbringe, so habe ich doch die Meinung, ja ich möchte sagen eine Art Vorgefühl, daß mich ein Schatz bei der Heimkehr erwartet. Jawohl! ein Schatz! vom Glücke gar nicht zu reden! Wieso? ja, siehst du, das ist mein Geheimnis, herzige Hulda, und ich denke, du verzeihst es mir, daß ich vor dir ein Geheimnis habe. Es ist das einzige! Zudem sollst du es erfahren – wann? na, sobald der Augenblick dazu da ist; vor der Hochzeit, wenn sie etwa durch einen unvorhergesehenen Störenfried von Zufall sich hinausziehen sollte – nach der Hochzeit, wenn ich zur besagten Zeit daheim bin und wenn du in der Woche drauf mein Weib geworden bist, wie ich es so von ganzem Herzen wünsche. Ich umarme dich und küsse dich, liebste Hulda! ich beauftrage dich, Frau Hansen und Vetter Joel einen Kuß für meine Rechnung zu geben. Einen Kuß noch auf deine Stirn, auf der die funkelnde Brautkrone vom Telemarken sich ausnehmen wird wie ein Glorienschein. Zum letzten male, liebste Hulda! ade, ade! Dein Bräutigam Ole Kamp. Zweites Kapitel. Dal – bloß ein paar Häuser: die einen längs einer Straße, die im Grunde genommen bloß ein Pfad ist, die anderen verstreut über den Bergrücken in der Nähe. Mit der Vorderseite stehen sie dem als Westfjorddal schon genannten schmalen Tale, mit dem Rücken dem Viereck der Hügel im Norden zugekehrt, an deren Fuße der Gießbach Maan fließt. Alle Gebäude zusammen würden, wenn sie einem einzigen Grundbesitzer gehörten, oder von einem einzigen Pächter bewirtschaftet würden, einen der im Lande sehr häufigen »Gaards« bilden. Aber wenn auch nicht auf den Namen Flecken, so hat es doch Anspruch auf den Namen Weiler. Eine kleine, im Jahre 1856 errichtete Kapelle, mit zwei schmalen Glasfenstern in der Chorwand, erhebt nicht weit ab durch das Baumdickicht ihren vierseitigen Glockenturm – ganz aus Holz gebaut. Rechts und links, über die zum Bache laufenden Bächlein, sind Stege geschlagen, aus kreuzweis gelegten Bohlen gezimmert, und mit Moos ausgefüllt. Weiter entfernt hört man ein paar urwüchsige Sägemühlen knarren, die von den Waldbächen getrieben werden, mit einem Rad für die Säge, einem zweiten für den Sägebaum. Soweit der Blick reicht, scheinen Kapelle, Sägemühlen, Häuser, Hütten, alles in einen zarten Rasendunst gebettet, hier in dunklere Färbung durch den Tannen-, dort in halb weiße, halb hellgrüne Färbung durch den Birken-Hintergrund getaucht, in einen Rahmen von Bäumen und Baumgruppen gefaßt, der von den gewundenen Ufern des Maan bis zum Kamme der Hochgebirge des Telemarken hinauf reicht. So zeigt sich dieser kleine Weiler, Dal mit Namen, frisch und lachend, mit seinen malerischen Wohnhäuschen, die alle außen bunt gestrichen sind, manche in zarten weichen Farben: maigrün oder hellrot, manche in grellen Farben: schreiendem Gelb oder Rot. Auf ihren mit Rasen bekleideten Birkenrinden-Dächern, aus denen im Herbst Heumahd gehalten wird, wachsen die schönsten Blumen. Alles hier ist lieblich und köstlich und zum reizendsten Lande auf Erden gehörig. Mit einem Worte: Dal liegt in Telemarken, Telemarken liegt in Norwegen, und Norwegen ist die Schweiz mit unzähligen Tausenden von Fjords, durch die das Meer am Fuße von Norwegens Bergen brandet. Telemarken ist in jenem weit ausgekragten Teile einbegriffen, den Norwegen zwischen Bergen und Christiania bildet und der sich einem ungeheuren Kolben gut vergleichen läßt. Diese zum Amte Batsberg zugehörige Voigtei hat Berge und Gletscher wie die Schweiz, ist aber nicht die Schweiz; sie hat großartige Wasserfälle wie Nordamerika, ist aber nicht Nordamerika; sie hat Landschaften mit buntgestrichenen Häusern und ihre Bewohner tragen eine Tracht, die an andere Zeiten gemahnt, gleichwie Häuser und Trachten in gewissen Flecken von Holland zu treffen, aber Telemarken ist nicht Holland: Telemarken ist besser, weit besser als dies alles zusammen, Telemarken ist eben Telemarken: eine in der Welt durch ihre Naturschönheiten vielleicht einzig dastehende Gegend. Der die Erzählung schreibt, hat das Glück gehabt, Telemarken zu bereisen, im Karriol mit Pferden, die von Posthalterei zu Posthalterei gewechselt wurden: das heißt, wenn ihrer dort zu haben waren. Er hat einen Eindruck von dort mit heimgenommen, so reich an Liebreiz und Poesie, der noch lebendig in seiner Erinnerung steht, daß er fürs Leben gern dieser schlichten Erzählung einen Teil zueignen möchte. Zur Zeit, da dieselbe spielt – im Jahre 1862 – hatte Norwegen noch keine Eisenbahn, auf der man es heute bequem bereisen kann: von der schwedischen Hauptstadt Stockholm über Christiania bis Drontheim. Jetzt ist ein gewaltiges Schienenband zwischen diesen beiden skandinavischen Ländern, die zu gemeinschaftlichem Staatsleben so geringe Neigung aufweisen, gespannt. Im Eisenbahnwaggon eingesperrt, fährt der Reisende freilich schneller als im alten Karriol, sieht aber auch nichts mehr von der Urwüchsigkeit der Wege alter Zeit. Er büßt die Fahrt durch das südliche Schweden auf dem merkwürdigen Götha-Kanal ein, aus dem die Dampfschiffe von Schleuse zu Schleuse gehoben werden und so eine Höhe von über 300 Fuß erklimmen. Er sieht die berühmten Trollhättafälle nicht, sieht Drammen nicht, sieht Kongsberg nicht, sieht nichts von all den herrlichen Wundern des Telemarken. Zu jener Zeit war der Bau der Eisenbahn erst noch im Werke und über zwanzig Jahre sollte es noch dauern, bis man das skandinavische Reich von einem Gestade zum andern – in Zeit von vierzig Stunden – mit der Bahn durchqueren und bis zum Nordkap hinauf, mit Hin- und Rückfahrtkarte nach Spitzbergen, mit der Bahn bereisen konnte. Damals bildete nun gerade Dal – und hoffentlich noch recht lange! – den eigentlichen Mittel- oder Treffpunkt für alle fremden sowohl als heimischen Wanderer. Das weitaus größere Kontingent der letzteren stellte, wie wohl begreiflich, die Studentenschaft von Christiania. Von Dal aus konnten sie sich zerstreuen über den ganzen Bereich des Telemarken und des Hardanger, konnten das Westjorddal zwischen dem Mjössee und dem Tinnsee durchstreifen, konnten Ausflüge machen zu den herrlichen Wasserfällen des Rjukan. Freilich gab es bloß ein einziges Gasthaus in diesem Weiler, aber dafür ist es das lieblichste, behaglichste Gasthaus, das sich denken und wünschen läßt, auch das größte und bedeutendste, da es vier Stuben für Touristen und Wanderer in Bereitschaft hält: mit einem Worte – das Gasthaus von Frau Hansen. Verschiedene Bänke stehen an seinen rosa gestrichenen, vom Erdboden durch ein sicheres Granitfundament abgeschiedenen Wänden. Das Tannengebälk seiner Wände hat mit der Zeit eine solche Härte gewonnen, daß eine stählerne Axt daran zersplittern würde. Zwischen diesem so gut wie unbehauenen, wagerecht übereinander geschichteten Bohlenwerk liegt eine Moosschicht mit einer Lehmschicht vermischt von solcher Dichtigkeit, daß es selbst dem stärksten Winterregen nicht möglich ist, hindurchzudringen. Die Stubendecken sind rot und schwarz gestrichen, im auffälligen Gegensatz zu den milderen, freudiger stimmenden Farben des Getäfels. In einer Ecke der großen Stube läuft von dem ringförmigen Herde das lange Rohr zur Esse des Küchenherdes hinauf. Hier führt die große Kastenuhr ihre sauber geschnitzten spitzen Zeiger über ein großes emailliertes Zifferblatt von Sekunde zu Sekunde mit lautschallendem Ticktack. Hier steht der alte runde Schreibsekretär mit braunem Sims, neben einem eisenbraun gestrichenen massiven dreibeinigen Schemel. Auf einem Untersetzer steht der Leuchter aus gebranntem Ton, der zum dreiarmigen Kandelaber wird, wenn man ihn umdreht. Das schönste, was im Haus an Mobiliar vorhanden ist, ziert diesen Wohnraum: der Tisch aus Birkenwurzeln mit gebauchten Füßen; die Truhe mit verzierten Beschlägen, in welcher die herrlichen Sonn- und Festtagsgewänder geborgen liegen; der große Lehnstuhl aus Holz so hart wie ein Kirchenstuhl; die bunt bemalten Sessel; das bäurische Spinnrad, grün in der Farbe gehalten, damit es grell absticht von dem roten Rocke der Spinnerinnen. Dann hüben und drüben der Steintopf für die Butter, der zum Eindrücken derselben gebrauchte Wälzer, dann der Tabakskasten und die aus Knochen geschnitzte Reibe. Ueber der zur Küche hin offnen Tür endlich ein großer Küchenrahmen mit seinen schmucken Reihen von Kupfer- und Zinngeschirr, Tellern und Schüsseln, in blitzendem Email, aus Porzellan und aus Holz; dann, halb verschwindend in seinem lackierten Kasten, der kleine Schleifstein, dann der alte ehrwürdige Eierbecher, der ganz gut als Abendmahlskelch dienen könnte! Dazu die interessanten Stubenwände, mit Leinwandstickereien behangen, die allerhand Szenen aus der Heiligen Schrift darstellen und alles erdenkliche Farbenbunt ausweisen! Die für die Wanderer und Touristen eingerichteten Stuben sind nun wohl einfacher gehalten, darum aber nicht weniger behaglich und gemütlich mit ihren paar Möbelstücken von entsprechender Sauberkeit, ihren Vorhängen von frischem Grün, die vom First des rasenbedeckten Daches niederhängen, mit ihrem großen, breiten, mit schneeweißem Linnen, echtem »Akloede-Gespinst«, überzogenen Bett und seinen mit Bibelsprüchen aus dem Alten Testament, gelb auf rotem Grunde, bemalten bretternen Wänden. Nicht vergessen werde zu bemerken, daß die Dielen der großen Stube, gleich den Stuben im Erdgeschoß und obern Stockwerk, mit Birken-, Tannen- und Wacholder-Reisicht bestreut sind, dessen Blätter und Nadeln das Haus mit ihrem belebenden Dufte erfüllen. Ließe sich eine lieblichere posada in Italien, eine lüsternere fonda in Spanien denken? Nein! und dazu kam noch, daß der Schwall von englischen Touristen die Preise noch nicht in die Höhe getrieben hatte, wie in der Schweiz – zum wenigsten damals noch nicht! In Dal gilt nicht das Pfund Sterling in Gold, um das die Reisendenbörse bald erleichtert ist, sondern der silberne Speciestaler, der etwas weniger als fünf Francs, also ziemlich genau 4½ Reichsmark rechnet, mit seinen Abstufungen, der Mark (etwa 75 Pfg.) und dem kupfernen Skilling, den man aber nicht mit dem englischen Schilling verwechseln darf, denn er kommt im Werte bloß einem Sou in Frankreich gleich. Auch mit der großartigen Banknote springt im Telemarken der Tourist nicht um, sondern bloß mit dem Einspecieszettel von weißer Farbe, dem Fünfspecieszettel von blauer, dem Zehnspecieszettel von gelber, dem Fünfzigspecieszettel von grüner und dem Hundertspecieszettel von roter Farbe: es fehlen also bloß zwei Farben noch, dann wäre die Iris des Regenbogens vertreten. Seit einem Vierteljahrhundert ist die Währung in Skandinavien dieses patriarchalischen Anstrichs durch die Einführung der Goldwährung (1 Krone gleich 112½ Pfge.) entkleidet worden. A. d. Ü. Sodann ist Bei »Mutter Hansen« – was nicht in allen Herbergen und Gasthäusern der Gegend zutrifft – Speise und Trank vorzüglich. Das Telemarken rechtfertigt nämlich seinen Spitznamen »Schlickermilch-Land« in mehr denn ausreichendem Maße. In den Löchern im innern Lande, wie Tineß, Listhuus, Tinoset und vielen andern kriegt man niemals Brot zu sehen, oder höchstens so schlechtes, daß man es gern stehen läßt. Die Hauptkost bildet ein Gebäck aus Hafermehl in Scheibenform, das sogenannte » flatbröd «, trocken, schwarzbraun und hart wie Pappe, oder höchstens noch eine Art derben Hefenkuchens, der unter Beimischung von gestoßener Birkenrinde, auch wohl Flechten und Häcksel, gebacken wird. Eier sind Rarität, die Hennen müßten denn gerade acht Tage zuvor gelegt haben. Aber im Ueberfluß vorhanden ist ein Bier geringer Sorte, Schlickermilch, sauer sowohl als süß, zuweilen, auch ein bißchen Kaffee, aber so dick, daß er eher mit einem Teerdestillat Aehnlichkeit hat als mit den Produkten von Mokka, Bourbon oder Rio-Nunez. Bei »Mutter Hansen« aber ist alles da, was Küche und Keller nur irgend zu bieten vermögen: was sollen selbst die verwöhntesten Touristen noch weiter fordern? Gekochter Lachs, gepökelter Lachs, geräucherter Lachs, die sogenannten » hore «, worunter man Binnenlachse zu verstehen hat, die Salzwasser nie geschmeckt haben, Bachfische aus dem Telemarken, Geflügel und zwar weder zu hart noch zu mager, Eier mit allen möglichen Saucen, feine Küchelchen aus Roggen- und Gerstenmehl, Obst- und ganz besonders Erdbeeren, Schwarzbrot, aber von ausgezeichneter Sorte, Bier und alte Weine, darunter Marke Saint-Julien, die Frankreichs Rebenruhm bis in diese entlegenen Gegenden hinauf trägt. Kein Wunder, daß in allen Gegenden des nördlichen Europa das Gasthaus zu Dal im besten Rufe steht! Man braucht übrigens bloß in dem Gastbuche mit den vergilbten Blättern – in welchem die Wanderer ihrem Namen gern ein paar Lobesworte für »Mutter Hansen« beifügen – zu blättern! zumeist sind es freilich Schweden und Norweger, die aus allen Punkten Skandinaviens hierher strömen. Aber auch Engländer finden sich in Menge darunter, und einer davon, der mal eine ganze Stunde gewartet hatte, bis sich der Gipfel des Gusta aus seinen Morgennebeln herausschälte, hat in echt Britischer Art auf eines der Blätter geschrieben: Patientia omnia vincit. Geduld überwindet alles Drittes Kapitel. Ohne in der Völkerkunde ein großer Held zu sein, kann man doch im Einklang mit mehreren Gelehrten der Meinung werden, daß zwischen den vornehmen Geschlechtern der englischen Aristokratie und den uralten Geschlechtern des skandinavischen Königreichs eine gewisse Verwandtschaft besteht. Zahlreiche Beweise dafür finden sich unter den Ahnen-Namen, die zwischen beiden Ländern gleich lauten. Und doch gibt es in Norwegen keine Aristokratie! Indessen hindert das Vorherrschen der Demokratie nicht im geringsten, aristokratisch im Superlativ zu sein. Alles ist sich hier gleich an Höhe, statt es an Tiefe zu sein. Bis in die allerbescheidenste Hütte hinunter reicht der Geschlechtsstammbaum, der darum, weil er seine Wurzeln wieder in plebejische Erde zurückgetrieben hat, an Adelswert nicht das wenigste eingebüßt hat. Hier vierteln sich die Wappenschilder der Adelsgeschlechter aus der Feudalzeit, von denen diese schlichten Bauern stammen. So verhielt es sich auch um die Hansens von Dal, die, wenn auch in sehr entferntem Grade, ganz ohne Zweifel mit jenen Pairs von England verwandt sind, die nach dem Einfalle Roberts von der Normandie dort geschaffen wurden; und wenn sie auch weder deren Rang noch deren Reichtum besaßen, so hatten sie doch wenigstens den angeborenen Stolz oder vielmehr die angeborene Würde gewahrt, die in allen gesellschaftlichen Stellungen immer am Platze ist. Uebrigens scherten sie sich wenig darum! Trotz all seiner hochadligen Ahnenschaft war Harald Hansen doch Gastwirt in Dal geworden. Das Haus gehörte ihm vom Vater und Großvater her, von deren Stellung im Lande er gern zu sprechen pflegte. Nach seinem Tode hatte die Witwe das Gastwirtsgeschäft fortgesetzt auf eine Weise, die ihr Ruf und Ansehen schuf. Ob Harald mit dem Gasthofe Geld verdient hatte? Das wußte man nicht. Aber er hatte seinem Sohne Joel und seiner Tochter Hulda eine Erziehung geben können, daß ihnen der Lebensanfang nicht zu schwer geworden war; ja auch noch einem Schwestersohn von seiner Frau, Ole Kamp, der infolge frühen Todes seiner Eltern seiner Fürsorge zeitig anheimgefallen war, hatte er die gleiche Erziehung zuteil werden lassen können wie seinen eigenen Schößlingen. Ohne seinen Onkel Harald wäre diese Waise ganz sicher eines jener armen kleinen Geschöpfe geworden, die bloß auf die Welt kommen, um sie schnell wieder zu verlassen. Uebrigens bewies Ole Kamp seinen Pflegeeltern eine echt kindliche Dankbarkeit; das Band, das ihn mit der Familie Hansen verknüpfte, sollte niemals zerrissen werden; seine Heirat mit Hulda sollte es noch enger knüpfen und für Lebenszeit festigen. Harald war seit etwa anderthalb Jahren tot. Der Gasthof in Dal war nicht das einzige, was er seiner Witwe hinterließ; sie erbte auch noch einen kleinen, im Gebirge gelegenen »soeter«. Unter dieser Bezeichnung wird eine Art einsam liegenden Bauernhofs verstanden, dessen Ertrag im Durchschnitt mittelmäßig, nicht selten aber gleich Null zu sein pflegt. In den letzten Jahren war von guten Erträgen keine Rede gewesen. Der ganze Ackerbau hatte schwer zu leiden gehabt, sogar Weideland hatte nichts gebracht. Schuld daran trugen die vom norwegischen Bauern »eifern« genannten Nächte, in denen eiskalter Nordost durch das Land fegt und allen Keim bis tief in das Erdreich hin ausdörrt. Norwegens »eiserne Nächte« sind der Ruin für den Bauern im Telemarken und im Hardanger. Wenn aber Frau Hansen selber genau wußte, woran sie war und wie sie dastand, so hatte sie doch darüber nie mit jemand gesprochen, nicht einmal mit ihren Kindern. Kalten und schweigsamen Charakters, war sie wenig mitteilsam – ein Umstand, der ihren beiden Kindern sichtlich Schmerz verursachte. Der in den nördlichen Ländern eingeborene Respekt vor dem Familienhaupte legte ihnen aber in dieser Hinsicht strenge Zurückhaltung auf, und so schwer ihnen dieselbe zuweilen auch fiel, so war ihnen doch nie auch nur der kleinste Verstoß dagegen unterlaufen. Zudem mochte Frau Hansen nie viel wissen von Rat oder Beistand, denn von der Verläßlichkeit ihres eigenen Urteils war sie, als echte Norwegerin, felsenfest überzeugt. Frau Hansen zählte zur Zeit 50 Jahre. Wenn auch das Alter ihr Haar gebleicht hatte, so hatte es doch weder ihre hohe Gestalt gebeugt noch die Lebhaftigkeit ihres tiefblauen Blickes, dessen Azur sich in den Augen ihrer Tochter unverändert wiederfand, abgeschwächt. Bloß ihr Teint hatte den gelblichen Teint von Aktenpapier angenommen, und ein paar Runzeln fingen an sich auf ihrer Stirn einzugraben. Die »Madam«, wie man im skandinavischen Lande sagt, ging nie anders als im schwarzen Rock mit weiten Falten, dem Zeichen der Trauer um den Tod ihres Mannes. Aus den Ausschnitten ihres braunfarbigen Mieders traten die Aermel eines Hemds aus ungebleichtem Linnen. Ein dunkelfarbiges Brusttuch reichte vom Halse bis unter den Schürzenlatz; die Schürze selber wurde auf dem Rücken mit großen Spangen zusammengehalten. Die »Madam« trug immer eine dicke Seidenhaube, nicht unähnlich einer Begghinen-Haube, die freilich stark aus der Mode zu kommen scheint. Kerzengerade im Lehnstuhl sitzend, ließ die würdige Wirtsfrau von Dal ihr Spinnrad bloß im Stiche, um ein Pfeifchen aus Birkenholzrinde zu rauchen, dessen Qualm sie immer bald in eine leichte Dunstwolke hüllte. Wahrlich! ohne die Anwesenheit der beiden Kinder möchte das Haus wohl recht trübselig erschienen sein! Ein braver Junge, der Joel Hansen! Im Alter von 25 Jahren, von ebenmäßiger, hoher Gestalt wie die norwegischen Gebirgsleute durchweg, war er von stolzer Art, ohne Prahlhansigkeit, und von strammer Haltung, ohne Verwegenheit. Er war blond, aber nicht hellblond, sondern mehr von jenem Blond, das sich dem Kastanienbraun nähert, und hatte dunkelblaue, schon ans Schwarze streifende Augen. Seine Tracht setzte die kräftigen Schultern in Geltung, denen es schwer wurde, sich zu beugen, desgleichen die breite Brust, in welcher die kräftigen Lungen des Bergführers bequem arbeiteten, die muskulösen Arme, und die zu den beschwerlichsten Aufstiegen in den Hochregionen des Telemarken gleichsam expreß gebauten Beine. So wie er sich für gewöhnlich trug, konnte man ihn recht wohl für einen Edelmann halten. Seine blaufarbige Jacke mit Schulterklappen schloß eng über die Brust, mittels zweier langen, senkrecht verlaufenden Aufschläge und war auf dem Rücken mit bunter Stickerei besetzt, ähnlich wie manche keltische Jacken in der Bretagne. Sein Hemdkragen zeigte einen runden weiten, an Faßform erinnernden Ausschnitt. Sein gelbes Beinkleid wurde unter dem Knie durch ein Band mit Schnalle gehalten. Auf dem Kopfe saß in schräger Form ein breitkrämpiger brauner Hut mit schwarzer Schnur und roten Litzen. Um seine Beine schlossen sich Gamaschen aus grobem Stoff oder Stiefel mit dicken Sohlen und flachen Absätzen, bei denen sich, wie bei Wasserstiefeln, Gelenk und Knöchel nur unvollkommen zeichneten. Seines richtigen Zeichens war Joel Bergführer, und zwar in der Voigtei des Telemarken bis weit in die Gebirgsstöcke des Hardanger hinein. Immer zum Aufbruch bereit, immer unermüdlich, war er alles Ernstes jenem in der norwegischen Sage berühmten Helden Robert dem Läufer zu vergleichen. Zur Jagdzeit zog er mit den englischen Jägern auf die Pirsch, die hier mit Vorliebe auf den »Riper« und den »Jerper« jagen, Waldvögel, von denen der erste dem hebridischen Schneehuhn gleichkommt, aber bei weitem fetter ist als dieses, während der andere als norwegisches Rebhuhn gelten kann, aber weit zarter und wohlschmeckender ist als das schottische. Zur Winterszeit nahm ihn die Wolfsjagd in Anspruch, denn bei schlechter Witterung wagte sich dieses Raubzeug, vom Hunger getrieben, auf der Eisfläche der Binnenseen weit ins Land hinein. Im Sommer dagegen ging es auf die Bärenjagd, denn der Bär holt sich, von seinen Jungen gefolgt, sein frisches Grasfutter von weither zusammen, und wer ihn jagen will, muß bis zu 1200 Fuß und höher hinauf ins Hochgebirge steigen. Mehr denn einmal verdankte Joel sein Leben bloß seiner erstaunlichen Leibeskraft, die ihn in den Stand setzte, es mit den furchtbaren Bestien im Ringkampf aufzunehmen, und seiner unverwüstlichen Kaltblütigkeit, die ihm von vornherein eine gewisse Ueberlegenheit sicherte. Wenn er aber schließlich weder als Touristenführer im Westfjorddal, noch als Jäger auf der Pirsch zu tun hatte, stieg er hinauf in den ein paar Meilen weit oben im Gebirge gelegenen kleinen »Soeter«. Dort hauste, im Lohn und Brot von Frau Hansen, ein junger Schafhirt, dem die Sorge um ein halbes Dutzend Kühe und annähernd drei Dutzend Schafe oblag. Außer Weideland hatte nämlich der kleine »Soeter« nichts aufzuweisen. Joel war von Natur dienstwillig und gefällig; wenn ich sage, bekannt in allen Gaards des Telemarken, so heißt das ebensoviel wie gern gesehen in allen und beliebt bei allen. Für drei Wesen auf Erden empfand er eine grenzenlose Zuneigung, nämlich für seine Mutter, für seinen Vetter Ole und für seine Schwester Hulda. Wie herzlich leid tat es ihm, als Ole Kamp zum letzten male mit auf den Fischfang zur Neufundland-Bai hinauszog, daß er seiner Schwester nicht die Ausstattung geben konnte, damit ihr der Bräutigam zu Hause blieb! Wahrhaftig! wäre er befahren auf See gewesen, so hätte er sich nicht besonnen, an Stelle seines Vetters die Fahrt hinaus zu machen. Aber für die Einrichtung des neuen Hausstandes war Bargeld von nöten. Da nun Frau Hansen sich zu nichts verstanden hatte, war es Joel begreiflich, daß sie vom Familienvermögen nichts hergeben konnte. Ole hatte also in die Fremde hinaus gemußt, über das Weltmeer hinüber. Joel hatte ihm bis an die äußerste Talgrenze auf der Straße nach Bergen das Geleit gegeben, hatte ihn dort noch einmal umarmt und ihm dann glückliche Fahrt und glückliche Heimkehr gewünscht. Dann war er zurück zur Schwester gegangen, die er mit brüderlicher und zugleich väterlicher Liebe liebte, um ihr Trost zuzusprechen. Hulda war damals 18 Jahre alt. Nicht die »Piga« war sie hier, wie man im norwegischen Gasthaus die Bedienerin nennt, sondern vielmehr das »Fröken«, die Miß der Engländer, die »Mamsell« vom Hause, wie ihre Mutter die »Madam« vom Hause war. Welch niedliches Gesichtchen, von blondem, leicht goldigem Haar umrahmt, unter einem leichten, hinten, um den langen Zöpfen den Durchschlupf zu ermöglichen, etwas hochgesteckten Linnenhäubchen! welch liebliche Taille unter diesem roten Stoffmieder, mit grüner Borte gefaßt, prall um die Büste schließend, vorn am Brustlatz leicht offen, mit bunter Stickerei besetzt, darunter das schneeweiße Hemdleibchen, das bis zum Halse hinauf reichte und dessen Aermel durch ein seidenes Band um die Gelenke gehalten wurde! Welch holde Hüften unter dem roten Gürtel mit Schließen aus Filigransilber, der den Rock aus grünfarbnem Zeug, drüber die Schürze mit buntwürfligem Muster, hielt – während unter dem Rocke hervor der weiße Strumpf, und über dem Strumpfe der zierliche, an der Spitze schmal verlaufende Schuh, wie er im Telemarken Mode ist, sichtbar wurde. Ja! Oles Braut mit dem etwas melancholischen, doch aber lächelnden Gesichtsausdruck der Töchter des Nordens war reizend! Wer sie sah, mußte unwillkürlich an jene »Hulda die blonde« denken, deren Namen sie trug und die nach der nordischen Götterlehre als Glücksfee den häuslichen Herd umschwebt. Ihre Schüchternheit als bescheidenes kluges Mädchen tat dem Liebreiz, mit dem sie im Wirtshause von Dal die einkehrenden Gäste willkommen hieß, keinen Eintrag. Man kannte die schöne Hulda in der ganzen Touristenwelt. Galt es doch schon als »Attraction«, mit ihr den herzlichen Händedruck zu wechseln, ohne den man hierzulande keinen Gast, ob Herrn ober Dame, über die Schwelle treten läßt! und hatte man dann zu ihr gesagt: »Vielen Dank für die Mahlzeit!« ... um wieviel angenehmer und lieblicher klang dann das »Wohl bekomm's!« von ihrer frischen, vollen Stimme! Viertes Kapitel. Ole Kamp war seit Jahresfrist fort. In seinem Briefe hatte er geschrieben, es sei ein schwerer Fischzug gewesen, der im letzten Winter in den neufundländischen Gewässern stattgefunden! es wird ja dort ein hübsches Geld verdient, wenn Geld verdient wird. An Tag- und Nachtgleichen-Stürmen, die die Fahrzeuge auf Höhe der Inseln überfallen und binnen wenigen Stunden eine ganze Fischerflottille zerstören, fehlt es dort unten nicht; aber es wimmelt dort dafür auch von Fischen, und wenn die Fischerflotten vom Glück begünstigt sind, so finden sie für die Strapazen und Gefahren in diesem Sturmwinkel reichlich Ersatz. Uebrigens sind ja die Norweger tüchtige Seeleute. Sie murren über keine Arbeit. In ihren Fjords von Christiansand bis zum Nordkap hinauf, zwischen den Klippen von Finmarken, in den Engen der Loffoden, fehlt es ihnen an Gelegenheiten, sich mit den Wutausbrüchen des Ozeans vertraut zu machen, wahrlich nicht! und wenn sie den nördlichen Teil des Atlantischen Weltmeers kreuzen, um in der Neufundland-Bai dem Fischfange nachzugehen, so haben sie von ihrem Mute schon manche Probe abgelegt. Von Kindesbeinen an lernen sie die Schwanzstöße, mit denen die Orkane von drüben her auf die europäische Küste schlagen, kennen: und was sie an der neufundländischen Küste treffen, beziehungsweise abzuwehren haben, sind im Grunde doch weiter nichts als die Kopfstöße derselben Orkane! sie fassen hüben den Wind am Schoße, drüben am Kragen: das ist der ganze Unterschied. Die Norweger haben übrigens Grund und Ursache, auf sich zu halten. Ihre Altvordern waren unerschrockene Seeleute zur Zeit, als der ganze Handel des nördlichen Europa in den Händen der deutschen Hansa lag. Wohl mögen sie in diesen alten Tagen sich von Seeräuberei die Finger nicht ganz frei gehalten haben; aber Strand- und Seeraub zu treiben war nun einmal damals ein Mittel zum Fortkommen. Keine Frage, daß sich der Handel seitdem in sittlicher Hinsicht bedeutend gehoben hat; immerhin mag aber der Gedanke nicht unerlaubt sein, daß auch in dieser Hinsicht noch gar manches zu tun verbleibt. Wie es sich nun hierum verhalten mag, soviel steht fest, daß die Norweger kühne Seefahrer waren, es heute noch sind und es allzeit sein werden. Ole Kamp war der Mann nicht, die Verheißungen Lügen zu strafen, die seine Abstammung ihm mit auf den Weg gab. Seine Lehrzeit machte er bei einem alten Bergener Küstenfahrer durch; ihm verdankte er seine tüchtige Kenntnis dieses harten und schweren Berufs. In dieser Hafenstadt, wohl der am stärksten befahrenen des skandinavischen Königreichs, waren all seine Kinderjahre verflossen. Ehe er sich auf die große Fahrt begab, war er ein verwegener Fjordsjunge gewesen, hatte Wasservögeln die Nester ausgenommen und war ein fleißiger Fänger all jener zahllosen Fischsorten gewesen, die zur Bereitung von Stockfisch benutzt werden. Als er dann Schiffsjunge geworden war, hatte er mit Fahrten im baltischen Meere, in der oberen Nordsee begonnen, die sich dann bis in die Gebiete des Polarmeers hinauf erstreckten. Dann hatte er mehrere Fahrten an Bord von großen Fischerjachten gemacht und war, kaum 21 Jahre alt, schon Steuermann geworden. Jetzt war er 23 Jahre alt. In den Pausen, die während dieser Fahrten lagen, verfehlte er niemals, der Familie, der er in Liebe zugetan war, der einzigen, die ihm auf Erden geblieben war, einen Besuch zu machen. Ha! und wenn er dann wieder in Dal war, was für ein Fest war das dann für Joel! und welch stattlichen und würdigen Kameraden Joels gab Ole ab! Auf seinen Märschen durch die Gebirge, bis auf die höchsten Gipfel des Telemarken hinauf, begleitete er ihn. Erst die Fjords und dann die Fjelds: das war dem jungen Seemann so recht nach dem Sinn und er ließ sich niemals zum Mitgehen nötigen, außer wenn Cousine Hulda ihn bat, ihr Gesellschaft zu leisten. Zwischen Ole und Joel hatte sich eine enge Freundschaft gebildet; und wenn dieses Gefühl dem jungen Mädchen gegenüber eine andere Gestalt annahm, so war das im Grunde bloß eine naturgemäße Folge. Hatte ihn doch Joel selber dazu ermutigt! Wo hätte seine Schwester in der ganzen Gegend einen bessern Burschen, eine freundlichere Natur, einen hingebungsvolleren Charakter, ein heißeres Herz finden können? Wenn Hulda Ole Kamp zum Manne bekam, so war ihr Glück gesichert. Mit Zustimmung von Mutter und Bruder folgte also Hulda dem natürlichen Hange ihres Empfindens. Es wäre falsch, wollte man diese nordischen Menschen als gefühllos hinstellen, weil sie so wenig aus sich herausgehen. Nein! das liegt so in ihrem Wesen, und solches Wesen ist vielleicht ganz ebenso gut, oder wenigstens nicht schlechter als jedes andere Wesen! Endlich war ein Tag gekommen, da sie alle vier beieinander in der großen Stube saßen, und da hatte Ole, ohne alle Einleitungsworte, gesagt: »Du, Hulda, mir fällt was ein!« »Was denn?« versetzte die junge Maid. »Mir scheint, wir sollten Mann und Frau zusammen werden.« »Glaub's auch,« hatte Hulda gesagt. »Das wäre schon angängig,« bemerkte Frau Hansen, ganz so, wie wenn eine Sache besprochen würde, die schon lange im Gange wäre. »Wahrhaftig, Ole,« versetzte Joel, »und auf solche Weise würde ich ja dein Schwager!« »Ja,« sagte Ole, »aber wahrscheinlich werde ich dich dann bloß um so lieber noch haben.« »Wenn's möglich ist!« »Wirst es ja sehen!« »Meiner Treu! mir wär's schon recht!« erwiderte Joel und drückte Ole die Hand. »Na, Hulda, gilt's als abgemacht?« fragte Frau Hansen. »Ja, Mutter,« antwortete das Mädchen. »Du hast einen ganz richtigen Gedanken, Hulda,« sagte da Ole. »Es ist schon lange her, daß ich dir gut bin, ohne es zu sagen.« »Ich auch, Ole!« »Wie das gekommen ist, weiß ich gar nicht.« »Ich auch nicht.« »Freilich, Hulda! mit jedem Tage, daß man dich sieht, wirst du schöner und lieber noch dazu.« »Gehst wohl ein bißchen zu weit, Ole!« »Nicht doch, Hulda! das kann ich wohl sagen, ohne daß du rot zu werden brauchst! denn es ist die Wahrheit! Habt Ihr's denn nicht gemerkt, Frau Hansen, daß ich der Hulda gut bin?« »Ein bißchen, ja.« »Und du, Joel?« »Ich? – stark!« »Rund heraus gesagt,« meinte da Ole lächelnd, »hättet Ihr mir das doch sagen sollen!« »Werden dir aber nicht deine Reisen, Ole,« fragte Frau Hansen, »ein bißchen beschwerlich vorkommen, wenn du erst mal verheiratet bist?« »So beschwerlich,« versetzte Ole, »daß ich die ganze Fahrerei aufstecken werde, wenn mal erst die Hochzeit gewesen sein wird.« »Gar nicht mehr fahren willst du?« »Nein, Hulda! Wie wär's mir denn möglich, dich monatelang allein zu lassen?« »Dann willst du jetzt zum letzten male hinaus?« »Jawohl! aber wenn ich diesmal ein bißchen Glück habe, werde ich mir ein tüchtiges Stück Geld sparen können, denn die Herren Gebrüder Help haben mir in aller Form einen ganzen Fahrtanteil zugesichert.« »Brave Leute!« meinte Joel. »Die besten in Norwegen,« erwiderte Ole, »und bei allem Seevolk in Bergen wohlbekannt und wohlgeschätzt!« »Lieber Ole,« sagte da Hulda, »wenn du nicht mehr in See gehen willst, was gedenkst du dann anzufangen?« »Hm, Joels Kompagnon will ich werden. Ich habe gute Beine, und wenn sie nicht ausreichen, will ich mir welche machen dadurch, daß ich mich allmählich ein bißchen recke! Uebrigens habe ich an noch was anderes gedacht, das am Ende nicht schlecht wäre. Warum sollten wir nicht einen Botendienst einrichten zwischen Drammen, Kongsberg und den Gaards des Telemarken? Der Verkehr ist weder bequem noch regelmäßig, und vielleicht wäre Geld dabei zu machen! Kurzum, ich habe so meine Ideen, ungerechnet ...« »Was denn?« »Nichts! wenn ich zurück bin, werden wir ja sehen. Aber eins sage ich Euch: daß ich fest entschlossen zu allem bin, was Hulda zur beneidetsten Frau im ganzen Lande machen kann. Ja! dazu bin ich fest entschlossen.« »Wenn du wüßtest, Ole, wie leicht das sein wird!« versetzte Hulda, ihm die Hand reichend; »ist's denn nicht schon halb der Fall? und gibt's denn noch ein zweites Haus mit solchem Glück wie das unsrige in ganz Dal?« Frau Hansen hatte einen Moment lang den Kopf weggewandt. »Also ist's in Ordnung?« fragte Ole im lustigsten Tone noch einmal. »Ja doch,« antwortete Joel. »Und's braucht nichts weiter geredet zu werden?« »Im Leben nicht!« »Dir tut's nicht leid, Hulda?« »Ganz und gar nicht, Ole!« »Den Hochzeitstag, meine ich, bestimmen wir besser erst, wenn du zurück bist,« setzte Joel hinzu. »Meinethalben; aber es müßte mir gar schlecht draußen gehen, wenn ich nicht vor Jahresfrist wieder da sein sollte, um Hulda in die Moeler Kirche zu führen, wo sich unser Freund, Pastor Andresen, gewiß nicht nötigen lassen wird, seine schönsten Gebete für uns zu verrichten!« So ging's zu, als zwischen Hulda Hansen und Ole Kamp die Hochzeit abgesprochen wurde. Acht Tage später mußte der junge Schiffer an Bord seines Schiffes nach Bergen. Ehe er aber aus Dal fortging, wurden die beiden jungen Leute nach skandinavischem Brauch öffentlich als Braut und Bräutigam versprochen. In diesem schlichten, ehrsamen Norwegen herrscht wohl überall der Brauch, sich vor der Verheiratung öffentlich als Braut und Bräutigam zu versprechen, also zu verloben. Zuweilen wird die Hochzeit gar erst 2-3 Jahre später gefeiert. Erinnert das nicht an den Christenbrauch in der ersten Zeit unserer Kirche? Aber man würde irre gehen, wollte man meinen, das Verlöbnis sei ein bloßer Austausch von Worten, deren Wert bloß aus dem guten Glauben der vertragschließenden Teile beruhe. Nein! das gegebene Versprechen ist wesentlich ernster aufzufassen, und wird dieser Akt auch vom Gesetz nicht für gültig erachtet, so doch durch den das natürliche Gesetz darstellenden Brauch. Im Falle von Hulda und Ole Kamp handelte es sich also um die Abhaltung einer Feier, bei welcher Pastor Andresen den Vorsitz zu führen hätte. In Dal, wie in der Mehrzahl der umgebenden »Gaards« gibt es keinen eigentlichen Prediger. Hingegen trifft man in Norwegen gewisse Ortschaften, die als »Sonntagsstädte« bezeichnet werden, weil sich in ihnen ein Pfarrhof befindet. Dort versammeln sich die angesehenen Familien des Kirchspiels zum Gottesdienst. Gar nicht selten halten sie sich dort sogar eine Art Absteigequartier, wo sie 24 Stunden verweilen, die Zeit nämlich, die sie zur richtigen Erfüllung ihrer religiösen Pflichten brauchen. Von da kehrt man dann heim wie von einer Pilgerfahrt. Dal besitzt nun allerdings eine Kapelle. Aber der Pastor kommt bloß auf Verlangen hin und zur Abhaltung von Zeremonien, die nicht öffentlichen, sondern bloß privaten Charakter tragen. Möl schließlich liegt nicht weit ab. Kaum über eine halbe Meile, also knapp 10 Kilometer von Dal bis zur Spitze vom Tinnsee. Auch war der Pastor Andresen nicht bloß ein lieber gefälliger Herr, sondern auch gut zu Fuße. Pastor Andresen wurde also in seiner zwiefachen Eigenschaft: als Prediger und als Freund der Familie Hansen, zum Verlöbnis oder öffentlichen Versprechen zwischen Hulda und Ole Kamp eingeladen. Die Familie Hansen kannte den Herrn Pastor und der Herr Pastor die Familie Hansen schon seit geraumer Zeit. Er hatte Hulda und Joel aufwachsen sehen. Er war ihnen in Liebe zugetan gleichwie »dem jungen Seebär«, dem Ole Kamp. Eine größere Freude als eine solche Heirat konnte es für ihn als Pastor kaum noch geben. Das versprach ja ein Fest zu werden für das ganze Westfjorddal. Daraus folgt, daß Pastor Andresen eines schönen Morgens sich seinen Amtskragen umtat, seinen Kreppaufschlag ansteckte, sein Gebetbuch in die Hand nahm und bei übrigens ziemlich regnerischem Wetter auf den Marsch machte. Mit Joel zusammen, der ihm halbwegs entgegengegangen war, langte er an. Daß er in Frau Hansens Gasthofe gute Aufnahme fand, wird man sich wohl denken: wohl auch daß man ihm die schöne Stube im Erdgeschoß einräumte, die mit frischen Wacholderzweigen bestreut war, daß es schier duftete wie in einer Kapelle. Am andern Tage, beizeiten in der Frühe, tat sich die kleine Kirche zu Dal auf. Hier gelobte vor dem Pastor und mit der Hand auf dem Gebetbuche, in Gegenwart einiger Freunde und guter Nachbarn des Gasthofs, Ole Kamp, Hulda zur Frau, und Hulda Hansen, Ole Kamp zum Manne zu nehmen, wenn Ole Kamp von seiner letzten Ausfahrt wiedergekehrt sein würde. Ein Jahr Wartefrist ist lange, aber auch ein Jahr vergeht, wenn man einander sicher ist. Von nun ab konnte Ole, ohne gewichtigen Grund, das Mädchen, dem er sich öffentlich anverlobt hatte, nicht mehr im Stiche lassen, und Hulda die Treue nicht brechen, die sie Ole gelobt hatte; und wäre Ole Kamp nicht schon wenige Tage nach dem Verlöbnis aufgebrochen, so hätte er die Rechte ausnutzen dürfen, die ihm dasselbe widerspruchslos einräumte: das Mädchen besuchen, wenn es ihm passend erschiene, ihr schreiben, wann es ihm belieben sollte, sie Arm in Arm spazieren führen, auch allein, ohne Begleitung von Angehörigen, bei Festen und Feiern das Vorrecht des Tanzes mit ihr genießen. Aber Ole Kamp hatte wieder nach Bergen zurückkehren müssen. Acht Tage drauf war der »Viken« nach Neufundland in See gegangen; jetzt durfte Hulda bloß auf Briefe rechnen, die ihr Bräutigam mit jeder Postgelegenheit zu senden versprochen hatte. Sie blieben auch nicht aus, diese immer mit so starker Ungeduld erwarteten Briefe. Sie trugen ein klein wenig Glück in dieses seit der Ausfahrt des »Viken« so traurig gewordene Haus. Die Fahrt ging unter günstigen Bedingungen von statten. Der Fang war ergiebig. Der Gewinn versprach ansehnlich zu werden. Dann kam am Schluß jedes Briefs noch immer die Rede auf ein gewisses Geheimnis und auf das Vermögen, das ihm dadurch sicher sei: ein Geheimnis, das Hulda gar zu gern durchschaut hätte, und Frau Hansen nicht minder, und zwar Frau Hansen aus Gründen, die sich schwer hätten ahnen lassen. Frau Hansens düstre Stimmung, Unruhe und Verschlossenheit mehrte sich nämlich zusehends – und ein Vorfall, über den sie zu ihren Kindern kein Wort sprach, war ganz dazu angetan, ihre Sorge noch zu vergrößern. Drei Tage nach Eintreffen von Oles letztem Schreiben, am 19. April, war Frau Hansen allein auf dem Heimweg aus der Sägemühle begriffen, wo sie beim Werkführer Lengling einen Sack Sägespäne bestellt hatte, als sie sich kurz vor der Haustür von einem Manne angeredet sah, der nicht aus der Gegend war. »Ihr seid wohl Frau Hansen?« fragte sie der Mann. »Ja,« gab sie zur Antwort; »aber ich kenne Euch nicht.« »O! das hat nicht viel auf sich!« versetzte der Mann; »ich bin heute morgen von Drammen herübergekommen und geh wieder nach Drammen zurück.« »Von Drammen?« fragte lebhaft Frau Hansen. »Ihr kennt wohl dort einen gewissen Herrn Sandgoist? der in Drammen wohnt?« »Herrn Sandgoist?« wiederholte Frau Hansen, deren Gesicht, als sie den Namen hörte, von Blässe überzogen wurde; »ja – den kenne ich!« »Nun, als Herr Sandgoist hörte, daß ich bei Dal vorbei käme, hat er mich gebeten, Ihnen einen Gruß von ihm zu bestellen.« »Und nichts weiter?« »Nein, weiter nichts – außer daß er noch gesagt hat, er würde wahrscheinlich nächsten Monat zu Euch herauskommen. – Bleibt gesund, Frau Hansen! Guten Abend!« Fünftes Kapitel. Hulda war wirklich über die Hartnäckigkeit, mit der ihr Bräutigam in seinen Briefen von dem Glück und dem Vermögen schrieb, das er bei der Heimkehr zu gewinnen hoffe, betroffen. Worauf gründete denn der brave Junge solche Hoffnung? Erraten konnte das Hulda nicht, und doch hätte sie es gar zu gern gewußt! Verzeihe man ihr die Ungeduld, die ja an sich natürlich ist! War es denn eitle Neugierde auf ihrer Seite? Keineswegs! Solches Geheimnis ging sie doch auch mit an! Ehrgeizig war das schlichte, ehrsame Kind auch nicht, und davon, daß ihre Zukunftsträume sich bis zu sogenanntem Reichtum verstiegen hätten, war auch keine Rede. Oles Liebe war ihr genug, und sollte ihr immer genug sein! Kam Geld und Gut ins Haus, nun, so würde man es willkommen heißen, aber ohne drüber aus dem Häuschen zu geraten; und kam keins ins Haus, würde man sich auch damit abzufinden wissen, ohne aus dem Häuschen zu geraten. Genau so hatten sich Joel und Hulda am Tage nach Oles letztem Briefe zu einander ausgesprochen; ihre Ansichten stimmten, wie übrigens in allen Dingen, auch hierin überein. Dann hatte Joel noch hinzugefügt: »Nein! das kann nicht sein, Schwesterchen! Du mußt mir doch was verborgen halten!« »Ich dir was verborgen halten?« »Ja! Ole sollte weggefahren sein, ohne dir was von seinem Geheimnis gesagt zu haben? nein! das läßt sich nicht glauben!« »Hat er dir denn was gesagt, Joel?« erwiderte Hulda. »Nein, Schwesterchen! du und ich sind aber doch zweierlei ...!« »Nicht doch! wir sind einunddasselbe!« »Ich bin doch nicht Oles Braut.« »Ungefähr doch auch,« versetzte das Mädchen, »und wenn ihm Unglück zustieße, wenn er von der Fahrt nicht wiederkehrte, so würde es dich ebenso treffen wie mich, und deine Tränen würden ebenso fließen wie die meinigen!« »Ach, Schwesterchen!« versetzte Joel, »solche Gedanken sollst du dir nicht machen, das leide ich nicht! Ole sollte von dieser letzten Fahrt nicht wiederkommen, die er nach der Bai hinaus macht? Redest du denn im Ernst, Hulda?« »Nein, Joel! nein! und doch wieder ... ich weiß nicht ... ich kann mich gewisser Ahnungen nicht erwehren ... kann böse Träume nicht los werden!« »Träume, liebe Hulda, sind doch bloß Träume.« »Ja doch, freilich! aber wo kommen sie her?« »Von uns selber, und nicht von oben. Du fürchtest, und deine Furcht stört deinen Schlaf! Uebrigens geht es fast immer so, wenn man etwas recht lebhaft gewünscht hat und der Augenblick herankommt, in welchem die Wünsche zur Wirklichkeit werben sollen.« »Das weiß ich, Joel.« »Wahrlich, Schwesterchen! ich hätte dich für fester gehalten. Ja! für energischer! Wie? grade hast du einen Brief von Ole bekommen, worin er dir schreibt, noch vor 4 Wochen werde der »Viken« zurück sein, und da machst du dir den Kopf voll mit solchen Sorgen!« »Nein, Joel, den Kopf nicht, aber das Herz!« »Und dabei haben wir nun wirklich schon den 19. April,« fuhr Joel fort; »zwischen dem 15. und dem 20. Mai soll Ole zurück sein! Da ist doch wahrlich nicht mehr zu früh, mit den Zurüstungen zur Hochzeit anzufangen!« »Denkst du schon an so was, Joel?« »Na, freilich, Hulda! woran soll man sonst denken? ich denke sogar, wir haben damit schon zu lange gewartet! Denke doch nur: eine Hochzeit, die nicht bloß in Dal, sondern in allen Nachbar-Gaards Freude und Jubel machen wird! Ich will, daß alles dabei großartig ausfällt, und lasse es mir nicht nehmen, alle Anstalten selber zu treffen.« Eine kleine Sache ist auch solche Feier in Norwegens Gauen im allgemeinen und im Telemarken im besonderen nicht. Nein! so ganz ohne Lärm ging dergleichen doch nicht ab! Was aus der Unterhaltung zwischen Joel und Hulda zunächst folgte, war eine Unterhaltung zwischen Joel und seiner Mutter. Das geschah wenige Augenblicke nach der Begegnung, die Frau Hansen mit dem Manne, der ihr den nahen Besuch des Herrn Sandgoist aus Stammen anzeigte, gehabt und die einen so tiefen Eindruck auf sie bewirkt hatte. Sie war in den Lehnstuhl in der großen Stube gesunken und drehte dort, ganz in Gedanken vertieft, mechanisch ihr Spinnrad. Joel sah das recht gut; seine Mutter war schwerer bedrückt als sonst; aber da sie, wenn sie deshalb gefragt wurde, einmal wie allemal die Antwort gab, »es fehle ihr nichts,« meinte ihr Sohn, er könne ruhig über die Hochzeit der Schwester mit ihr reden. »Mutting,« sagte er, »Ihr wißt, Ole schreibt in seinem letzten Briefe, daß er wahrscheinlich in ein paar Wochen wieder im Telemarken sein werde.« »Das steht zu wünschen,« versetzte Frau Hansen; »wenn bloß nicht was dazwischen kommen möchte!« »Hättet Ihr Bedenken dagegen, daß wir den Hochzeitstag auf den 25. Mai festsetzten?« »Gar nicht, wenn Hulda einverstanden ist.« »Sie hat schon Ja dazu gesagt ... nun möchte ich noch eins fragen, Mutting: entspricht es Eurer Absicht, daß bei diesem Anlaß alles hübsch ordentlich gemacht wird?« »Was verstehst du unter »hübsch ordentlich«?« versetzte Frau Hansen, ohne von ihrem Spinnrad aufzublicken. »Mit Verlaub, Mutting – das versteht sich von selbst – ich meine, daß sich die Feier mit unserer Stellung in der Voigtei im Einklange hält. Wir müssen unsere Bekannten dazu einladen, und falls das Haus für unsere Gäste nicht reichen sollte, so gibt's doch keinen von unsern Nachbarsleuten, der nicht auf der Stelle willens wäre, Quartier herzugeben.« »Wer sollen die Gäste denn sein, Joel?« »Na, ich denke, wir werden doch die ganze Freundschaft aus Möl, Tineß und Bamble einladen müssen. Diese Mühe nehme ich auf mich. Dann meine ich, wird man auch die Reederfirma in Bergen, die Herren Gebrüder Help, nicht umgehen dürfen; ihre Anwesenheit wäre doch bloß eine Ehre für die Familie, und, mit Verlaub, Mutter, wie schon gesagt, möchte ich die einladen, einen Tag bei uns in Dal zu verleben. Es sind wackre Herren, die Ole sehr gern haben, und ich bin fest überzeugt, daß sie die Einladung annehmen werden.« »Ist's denn so nötig,« erwiderte Frau Hansen, »daß mit dieser Hochzeit soviel Wesens gemacht wird?« »Ich denke ja, Mutting, und das scheint mir gut, wäre es auch nur im Interesse des Gasthofs von Dal, der sich, meines Wissens, seit unseres Vaters Tode in seinem Ansehen nicht verschlechtert hat.« »Nein, Joel! nein!« »Ist's nicht Pflicht für uns, ihn wenigstens in dem Zustande zu erhalten, in dem Vater ihn hinterlassen hat? Darum scheint es mir von Nutzen, mit der Hochzeit meiner Schwester ein bißchen Wesens herzumachen.« »Nun, meinetwegen, Joel!« »Anderseits, Mutting, möchte es doch nun an der Zeit sein, daß Hulda ihre Vorbereitungen trifft, damit nicht von ihrer Seite Verzögerung entsteht? Was habt Ihr zur Antwort auf meinen Vorschlag?« »Macht Ihr beide, was nötig ist, du und Hulda!« versetzte Frau Hansen. Vielleicht mag mancher meinen, daß Joel die Dinge etwas zu eifrig betriebe, daß es schließlich richtiger gewesen sein möchte, bis auf Oles Heimkehr zu warten, um den Tag für die Hochzeit zu bestimmen und die Zurüstungen zu ihr zu treffen. Aber wie er selber sagte: was gemacht sei, brauche man nicht mehr zu machen; und dann würde es auch Hulda ablenken, wenn sie sich mit den tausenderlei kleinen Dingen befaßte, die eine Festlichkeit solcher Art im Gefolge hätte; es war doch nicht ohne Wert, den im übrigen ja durch nichts gerechtfertigten Ahnungen nicht erst Zeit zu lassen zum Einnisten! Vor allem mußte man überlegen, wer die Brautjungfer sein solle. Aber viel Sorge machte dieser Punkt nicht: war doch die Wahl im Grunde schon getroffen! ein nettes Mädchen aus Bamble, eine Herzensfreundin von Hulda, sollte Brautjungfer sein; ihr Vater war der Pächter Helmboe, der einen der größten Gaards der Voigtei unter sich hatte, ein rechtschaffener Mann, der auch nicht ganz arm dastand. Schon lange hatte er an Joels bravem Charakter Gefallen und seine Tochter Siegfriede, wie gesagt werden muß, nicht minder. Darum war es gar nicht so unwahrscheinlich, daß Hulda in Bälde Siegfrieden den gleichen Ehrendienst tun könne, wie Siegfriede jetzt ihr. In Norwegen geht das halt so. Ja zumeist sogar bleiben hier dergleichen angenehme Verrichtungen den verheirateten Frauen vorbehalten. Es geschah also nicht so ganz ohne Berechnung zum Vorteil Joels, wenn Siegfriede Helmboe in der Eigenschaft als Brautjungfer für Huldas Hochzeit ins Auge gefaßt wurde. Nun die Kapitalfrage für die Braut sowohl als für die Brautjungfer: was sollten sie am Hochzeitstage anziehen? Siegfriede, eine hübsche Blondine von achtzehn Jahren, wollte es sich auf keinen Fall nehmen lassen, ihre Schönheit bei solcher Gelegenheit in volle Geltung zu setzen. Durch ein Wörtchen ihrer Herzensfreundin Hulda in Kenntnis gesetzt – Joel hätte es sich nicht nehmen lassen, dies Wörtchen selber zu melden – befaßte sie sich ohne Säumen mit dieser Arbeit, die sich ohne mancherlei Kopfzerbrechen nicht recht gut abtun läßt. Von nöten war nämlich in erster Linie dazu ein bestimmtes Mieder, das so gestickt sein mußte, daß es mit seinen korrekten Mustern Siegfriedens Taille wie in abgetäfeltes Email einschloß. Dann war auch die Rede von einem Oberrocke, der über eine Reihe von Unterröcken fallen müsse, deren Anzahl im Verhältnis zu Siegfriedens finanzieller Situation zu stehen habe, ohne indessen dem Liebreiz ihrer Person im geringsten Einbuße zu tun. Ei! und was war das für ein Stück Arbeit, den Schmuck auszusuchen! zum Beispiel das Mittelstück für das Collier aus Silberfiligran mit Perlen durchzogen, oder die Schließen am Mieder aus plattiertem Silber oder Kupfer, oder die Ohrbommeln in Herzform mit beweglichen Scheiben; oder die den Hemdhals gleich Agraffen schließenden Doppelknöpfe; oder den Gurt aus roter Wolle oder Seide, von welchem vier Reihen von Kettchen niederhängen; oder die Ringe mit kleinen Eicheln, die melodisch klingen, wenn sie gegeneinander schlagen; oder die Armbänder aus durchbrochnem Silber: kurz, all jenen auf dem Lande üblichen, sogenannten Juwelenschmuck, bei dem das Gold freilich nur in winzigen Blättchen vorhanden ist, das Silber beim Zinn gelegen hat, die Goldarbeit nicht mit der Hand, sondern durch die Presse bewirkt wird, die Perlen aus der Glasbläserei herrühren und die Diamanten aus Kristall bestehen! Aber noch immer schickte es sich, daß der Gesamteindruck dem Auge gefiel ... und wenn es hätte sein müssen, so würde Siegfriede sich keine Sekunde besonnen haben, den reich ausgestatteten Magazinen des Herrn Bennett in Christiania zum Zweck von Einkäufen ihren Besuch abzustatten. Ihr Vater wenigstens würde nichts dawider gehabt haben. Weit entfernt! der treffliche Mann ließ seiner Tochter allen Willen. Uebrigens war ja auch Siegfriede verständig genug, die väterliche Börse nicht übermäßig zu schröpfen. Was schließlich bei allem Frage Nummer eins war, war und blieb eben, daß sie an diesem Tage dem Joel im allerbesten Lichte erschiene! Bei Hulda war es eine Frage von nicht geringerem Ernst; aber die Moden sind unerbittlich und machen der Braut bei der Wahl ihres Hochzeitskleides das Herz recht schwer. Hulda mußte nun die langen, in Bänder geflochtenen Zöpfe, die unter ihrem Jungfernhäubchen herniederfielen, und auch den hohen Gürtel mit Schließe, der ihre Schürze über dem scharlachroten Rocke festhielt, kassieren; sie sollte hinfort nicht mehr das Brauttuch tragen, das Ole ihr bei seinem Aufbruch zum Geschenk gemacht hatte, auch die Schnur nicht mehr, an der jene kleinen Säckchen aus gesticktem Leder hängen, in denen der silberne Löffel mit kurzem Stiele, das Messer, die Gabel, das Nadelbüchschen stecken – alles Dinge, die eine Frau im Ehestande niemals missen kann. Nein! am Tage nach der Hochzeit sollte ihr Haar frei auf die Schulter niederfallen, und Huldas Haar war so üppig, daß sie gewiß nicht zu dem Notbehelf, Strähnen aus Lein dazwischen zu mengen, zu greifen brauchte: was von manchen jungen Norwegerinnen, die von der Natur stiefmütterlich bedacht wurden, mißbräuchlicherweise geschieht. Im großen und ganzen, was den Kleider- und den Juwelenstaat anbetrifft, brauchte Hulda ja bloß aus der Truhe ihrer Mutter zu schöpfen. Diese Hauptstücke einer nordischen Braut-Toilette erben nämlich in der Familie von Geschlecht auf Geschlecht: so sieht man das goldbestickte Mieder, den samtnen Gürtel, den Rock aus ein- oder buntfarbiger Seide, die Wadmelstrümpfe, die goldne Halskette und vor allem die Krone – die berühmte skandinavische Brautkrone, die im besten sichersten Winkel der Truhen aufbewahrt wird, dieses herrliche Stück Arbeit aus Pappe, mit Goldpapier überklebt und mit Sternen und Sternchen besetzt oder mit Blätterlaub verkleidet, dem gleichwertigen Ersatz für den in andern Ländern Europas üblichen Myrtenkranz oder Orangenzweig! Soviel steht fest, daß dieser strahlende Nimbus mit seinem zarten Filigranschmuck, seinen klingenden Bommeln, seinem Glasperlenbehang Huldas liebliches Gesicht aufs schönste herausheben mußte. Die »Kronen-Braut«, wie man hierzulande sagt, sollte ihrem Bräutigam Ehre machen. Auch der Bräutigam sollte der Braut würdig sein in seinem stattlichen Hochzeiter-Gewande: der roten Jacke mit den dicht aneinander gereihten silbernen Knöpfen, dem gestreiften Hemd mit hohem Kragen, der mit seidenem Stickereibesatz soutachierten weit offnen und auf beiden Seiten stark durchbrochenen Weste, dem engen, am Knie mit Büscheln aus bunter Wolle zusammengehaltenen Beinkleid, dem weichen Filzhut, den gelbfarbigen Stiefeln und dem »Dolknif«, dem skandinavischen Messer in der ledernen Scheide, im Gürtel, von dem sich der echte Norweger niemals trennt. So würde es also, wie Joel meinte, an Arbeit für beide Teile wahrlich nicht fehlen, und die paar Wochen Zeit, wenn man bis zu Ole Kamps Rückkehr alles fertig haben wollte, würden wahrlich kaum dazu reichen! und wenn schließlich Ole um ein paar Tage früher käme, als er gesagt hätte, und Hulda noch nicht mit allem ganz fertig wäre, so würde sich Hulda deshalb wohl nicht beklagen und Ole gewiß auch nicht. Ueber diesen verschiedenen Verrichtungen gingen die letzten April- und ersten Maiwochen vorbei. Joel hatte sich der Aufgabe unterzogen, alle Einladungen persönlich auszurichten, wozu ihm sein Führergewerbe augenblicklich Muße genug ließ. Gerade in Bamble mußte er recht viele gute Freunde haben, zum wenigsten fiel es auf, daß er recht oft dort hinüber ging. Nach Bergen, um die Einladung an die Reederfirma Gebrüder Help zu bestellen, war er zwar nicht gegangen, hatte aber hingeschrieben; und die Firma hatte, wie er sich ja dachte, ziemlich umgehend geantwortet, daß sie nicht ermangeln werde, bei der Hochzeit des jungen Steuermanns vom »Viken« anwesend zu sein. Inzwischen war der 15. Mai herangekommen. Nun konnte man also tagtäglich damit rechnen, Ole aus dem Karriol springen und die Tür ausreißen zu sehen und den Ruf aus seinem Munde zu hören: »Ich bin's! ja – ich bin da!« Also bloß ein bißchen Geduld war noch von nöten; sonst war alles fix und fertig; und auch Siegfriede wartete bloß noch eines Winkes, um sich in ihrem schönsten Festschmuck zu präsentieren. Am 16. und 17. noch immer nichts! kein neuer Brief war mit der Neufundland-Post gekommen. »Das darf uns nicht Wunder nehmen, Schwesterchen,« wiederholte Joel des öftern; »ein Segelschiff kann leicht Aufenthalt haben; die Fahrt von Saint-Pierre-Miquelon nach Bergen ist lang. Ach! schade, schade, daß der »Viken« kein Dampfschiff ist und daß ich nicht seine Maschine bin! Wie wollte ich ihn gegen Wind und Flut jagen, sollte ich auch bei der Einfahrt auseinander platzen!« All solche Reden führte er bloß, weil er Hulda mit jedem Tage von größerer Unruhe gequält sah. Nun mußte gerade auch im Telemarken recht schlechtes Wetter sein. Rauhe Stürme peitschten die hohen Fjelds – und diese Stürme fegten aus Westen herüber, von Amerika her. »Eigentlich müßten sie doch die Fahrt des »Viken« fördern!« wiederholte oft das junge Mädchen. »Ohne Zweifel,« erwiderte Joel; »pfeifen sie aber zu derb, so können sie ihn auch hindern und zwingen, ihnen die Stirn zu bieten. Auf dem Meere geht's nun mal nicht immer, wie man möchte!« »Du bist also nicht unruhig, Joel?« »Nein, Hulda! nein! So etwas ist ja sehr verdrießlich, aber doch ganz natürlich! Nein, ich bin nicht unruhig, und zu Unruhe liegt auch kein Grund vor.« Am 19. kam ein Wanderer in die Herberge, der einen Führer über das Gebirge bis an die Grenze vom Hardanger brauchte. Es war zwar Joel gar nicht recht, daß er jetzt seine Schwester allein lassen sollte, aber abweisen ließ sich der Wanderer doch nicht. Im Grunde genommen handelte es sich um etwa drei Tage, die für den Hin- und Hermarsch notwendig sein würden; dann rechnete auch Joel, daß, wenn er zurück käme, Ole schon da sein würde, denn um die Wahrheit zu sagen, fingen den wackern Jungen nun selber Sorgen zu beschleichen an. Mit schwerem Herzen machte er sich also früh am Morgen auf den Weg. Am Tage drauf, um ein Uhr mittags, klopfte es an die Gasthofstür. »Sollte das Ole sein!« rief Hulda und eilte zur Tür. Vor der Schwelle stand ein Karriol, und darauf saß ein Mann im Reisemantel mit einem Gesicht, wie sie es noch nie im Leben gesehen hatte. Sechstes Kapitel. »Bin doch recht hier im Gasthause von Frau Hansen?« »Jawohl, Herr,« antwortete Hulda. »Frau Hansen zu Hause?« »Nein; sie muß aber gleich wieder da sein.« »Also nicht lange?« »Nein, gleich! wenn Sie was mit ihr zu reden haben ...« »Gar nicht ... Hab gar nichts mit ihr zu reden.« »Wünschen Sie ein Zimmer?« »Ja! das schönste im Hause!« »Soll was zum Essen hergerichtet werden?« »Ja! das beste im Hause! und schleunigst!« Das waren die Worte, die zwischen Hulda und dem Reisenden gewechselt wurden, bevor er noch aus dem Karriol gestiegen war, in welchem er durch die Wälder und Täler des mittlern Norwegens gefahren war. Das von dem Skandinavier mit Vorliebe benutzte Gefährt, für das sich der Name »Karriol« eingebürgert hat, dürfte dem Leser wohl kaum näher bekannt sein. Zwischen zwei langen Stangen läuft, in ein hölzernes Kummet gespannt und bloß durch einen Zaum gelenkt, der nicht durch das Gebiß, sondern durch die Nase geht, ein Gaul und zwar meist ein Falbe mit dicker schwarzer Mähne; das Karriol selber fährt auf zwei großen dünnen Rädern, auf deren Achse, die ohne Federn läuft, ein kleiner bunt angestrichener Kasten ruht, kaum groß genug, daß eine Person darin sitzen kann – keine Plane, kein Schutzleder, kein Tritt – hinter dem Kasten ein Brett, auf das sich der »Skydskarl« aufhockt. Das ganze Ding hat große Aehnlichkeit mit einer Riesenspinne, die ein doppeltes Netz gesponnen hat, als welches die beiden Räder gelten können. Und mit diesem urwüchsigen Apparat lassen sich Strecken von 15-20 Kilometer ohne ein allzu erhebliches Maß von Anstrengung am Tage zurücklegen. Auf einen Wink des Reisenden trat der junge Bursch, der »Skydskarl« zu dem Pferde. Dann richtete sich diese Persönlichkeit auf, schüttelte sich, stieg aus, und zwar nicht ohne allerhand Mühe, die sich durch Aeußerungen von ziemlich mißlauniger Art verlautbarte. »Mein Karriol läßt sich doch im Schuppen unterbringen?« fragte er, auf der Türschwelle stehen bleibend, in rauhem Tone. »Jawohl, Herr,« antwortete Hulda. »Und Futter für's Pferd ist auch da?« »Ich lasse es in den Stall führen.« »Daß es gut verpflegt wird!« »Wird schon geschehen! Darf ich fragen, ob Sie in Dal ein paar Tage bleiben wollen?« »Weiß ich noch nicht.« Karriol und Gaul wurden nach einem kleinen Schuppen gebracht, der innerhalb des eingezäunten Raumes, unter dem Schutze der ersten Bäume, am Fuße des Berges aufgeschlagen worden war. Es war der einzige Raum, den der Gasthof als Ausspann für Pferde verfügbar hatte, aber für gewöhnlich reichte er aus. Im andern Augenblick war der Reisende, seinem Wunsche gemäß, in der besten Stube des Gasthofs einquartiert. Nachdem er dort sich seines Reisemantels entledigt und vor ein warmes Holzfeuer gesetzt hatte, das er sich hatte anmachen lassen, murrte und knurrte er, daß es Hulda schier bange wurde. Um ihn in bessere Stimmung zu setzen, befahl Hulda der »Piga«, einer kräftigen Dirne aus der Gegend, die während der Sommerszeit in der Küche und bei den groben Arbeiten mithalf, alles zum Essen aufzubieten, wessen man im Gasthofe fähig sei. Ein noch recht kräftiger Mann dieser neue Gast, obgleich er die Sechzig schon hinter sich hatte. Mager, ein bißchen gebeugt, von Mittelgröße, mit knochigem Schädel, aalglattem Gesicht, spitzer Nase, kleinen Augen, mit stechendem Blick, die hinter großen Brillengläsern steckten, einer meist in Falten liegenden Stirn, einem Paar Hände so lang, daß sie wie Klauen aussahen, und einem Lippenpaar so schmal, daß wohl niemals ein freundliches Wort den Weg hinüber hätte finden können: zeigte der Mann so recht das Bild eines Pfandleihers oder eines Wucherers. Hulda überkam es wie eine Ahnung, daß dieser Reisende in Frau Hansens Haus kein Glück bringen dürfte. Daß er Norweger war, stand außer Zweifel, aber auch, daß er vom skandinavischen Typus vorwiegend die gemeinen Züge aufwies. Sein Reisekostüm bestand aus einem niedrigen Hute mit breiter Krempe, einem Tuchanzug von hellgrauer Farbe mit über der Brust geschlossener Weste und einem am Knie durch den Stift einer ledernen Schnalle zusammengehaltenen Beinkleid; darüber trug er etwas, das einem braunen Pelze ähnlich sah und innen mit Schaffell gefüttert war: ein Kleidungsstück übrigens, das sich, so unmodisch es aussah, und so wenig man daraus klug wurde, was es eigentlich war, durch die zur Zeit noch immer recht kalten Abende und Nächte auf der Hochfläche des Telemarkens wie auch in seinen Tälern vollauf rechtfertigte. Wie die Person hieß, danach hatte Hulda noch nicht gefragt. Aber sie mußte es ja bald erfahren, denn der Mann mußte sich ja in das Gastbuch des Wirtshauses einschreiben. In diesem Augenblicke kam Frau Hansen zurück. Die Tochter sagte ihr, daß ein Fremder gekommen sei, der das schönste Zimmer und das beste Essen verlangt hätte, das es gäbe; ob er und wie lange er in Dal bleiben wolle, könnte sie nicht sagen, denn darüber hätte sich der Gast nicht ausgesprochen. »Hat er nicht gesagt, wie er heißt?« fragte Frau Hansen. »Nein, Mütterchen!« »Auch nicht, wo er herkommt?« »Nein, Mutting!« »Wahrscheinlich irgend ein Tourist. Aergerlich, daß Joel nicht schon wieder da ist, um sich anbieten zu können. Wie machen wir es, wenn er nach einem Führer fragt?« »Daß es ein Tourist ist, glaube ich nicht,« erwiderte Hulda; »es ist ein schon ziemlich alter Mann.« »Wenn er kein Tourist ist, was will er dann in Dal?« fragte Frau Hansen, vielleicht mehr an sich selber als an die Tochter gerichtet, und in einem Tone, der einen gewissen Grad von Unruhe verriet. Auf diese Frage wußte Hulda keine Antwort, da der Fremde nichts von seinen Plänen bekannt gegeben hatte. Eine Stunde nach seiner Ankunft trat der Mann in die große Stube, die an sein Zimmer stieß. Als er Frau Hansen sah, blieb er eine Weile auf der Schwelle stehen. Augenscheinlich war er der Gastwirtin ebenso unbekannt wie die Gastwirtin ihm. Deshalb trat er, nachdem er sie durch seine Brille betrachtet hatte, auf sie zu und fragte, ohne jedoch die Hand an den Hut, den er noch immer auf hatte, zu rühren: »Wohl Frau Hansen?« »Jawohl, Herr,« antwortete die Gastwirtin ... und ganz so, wie ihre Tochter, beschlich sie angesichts dieses Mannes eine Unruhe, die dem Manne schließlich nicht verborgen bleiben konnte. »Auch wirklich Frau Hansen aus Dal?« »Freilich, mein Herr! Haben Sie mir etwa was Besonderes mitzuteilen?« »Durchaus nicht. Wollte bloß Ihre Bekanntschaft machen. Bin ich nicht Ihr Gast? und nun möchte ich so bald tote möglich um etwas Essen bitten.« »Das Essen ist fertig,« erwiderte Hulda – »wenn Sie sich in Sie Eßstube bemühen wollen ...« »Jawohl!« Mit diesem Worte schritt der Reisende nach der Tür, die ihm das junge Mädchen wies. Im nächsten Augenblicke saß er am Fenster vor einem sauber gedeckten Tischchen. Das Essen war ganz gewiß gut! Kein Tourist, auch der verwöhnteste nicht, hätte was daran auszusetzen gefunden. Dieser grillige Mensch geizte aber nicht mit Zeichen und Worten von Unzufriedenheit, vor allem mit Zeichen nicht, denn allzu gesprächig schien er nicht zu sein. Man konnte sich tatsächlich fragen, ob etwa an seinem schlecht beschaffenen Magen oder an seinem noch schlechter beschaffenen Charakter die Schuld läge, daß er so nörgelig, so anspruchsvoll wäre. Die Kirsch- und Kratzbeersuppe schien ihm nur halb zu munden, obgleich sie ausgezeichnet war. An den Salm und den marinierten Hering rührte er kaum. An dem gekochten Schinken, an dem höchst appetitlich hergerichteten halben Huhn und allerlei schmackhaftem Gemüse fand er scheinbar auch kein Gefallen. Sogar die Flasche Saint-Julien und die halbe Flasche Champagner waren, obgleich sie erwiesenermaßen aus den besten Kellereien von Frankreich herrührten, nicht nach seinem Geschmacke. Hieraus folgte, daß der Reisende, als er vom Tische aufstand, nicht ein einziges » tack for mad « für seine Wirtin hatte. Nach dem Essen, von dem er so gut wie nichts gegessen hatte, steckte er sich eine Pfeife an, verließ die Eßstube und ging hinaus, um am Ufer des Maan einen Spaziergang zu machen. Sobald er an dem Bache stand, drehte er sich um und ließ keinen Blick mehr von dem Hause. Es schien, als ob er es genau nach Plan und Riß, von allen Seiten aus, in der Höhe und Weite, musterte, um es auf Heller und Pfennig taxieren zu können. Er zählte Türen und Fenster. Dann trat er an das über dem Steinfundament wagerecht lagernde Gebälk heran und machte mit der Schneide seines Dol-knif ein paar Einschnitte hinein, wie wenn er hätte nachsehen wollen, von welcher Holzart die Stämme seien und in welchem Zustande sie sich noch befänden. Wollte er sich also klar werden über den Wert, der dem Gasthofe der Frau Hansen noch beizumessen war? Rechnete er etwa mit der Möglichkeit, den Gasthof an sich zu bringen, obgleich derselbe gar nicht verkäuflich war? Höchst sonderbar war sein Benehmen wenigstens. Als er das Haus gemustert hatte, trat er zu dem kleinen Gehäge heran und zählte die Bäume und Sträucher, die dort standen. Schließlich nahm er von zwei Seiten durch abgemessene Schritte die Länge und aus den Bewegungen, die er mit seinem Bleistift auf einer Seite seines Notizbuchs machte, ließ sich folgern, daß er die beiden durch seine Schritte gewonnenen Ziffern mit einander multiplizierte. Aller Augenblicke schüttelte er den Kopf und runzelte die Brauen und ließ ein Hm, Hm! nach dem andern hören zum Zeichen, daß er an seiner Besichtigung keine rechte Freude hatte. Währenddes beobachteten ihn Mutter und Tochter vom Fenster der Gaststube aus. Mit was für einer schnurrigen Person hatten sie denn da zu tun? Was verfolgte denn dieser Sonderling für Absichten? Wahrlich! es war sehr schade, daß all diese Dinge, denn der Fremde wollte ja in dem Gasthof über Nacht bleiben, in Joels Abwesenheit vorgingen. »Ob es bei dem nicht richtig im Oberstübchen ist?« fragte Hulda. »Bei dem nicht richtig?« wiederholte Frau Hansen; »nein, Kind! das wohl nicht; aber ein seltsamer Kauz ist er ganz gewiß!« »Immer eine ärgerliche Sache, wenn man nicht weiß, wem man bei sich Unterstand gibt,« meinte das Mädchen. »Hulda,« antwortete Frau Hansen, »sorge dafür, daß der Fremde, ehe er wieder ins Haus tritt, sich ins Gastbuch einschreibt.« »Jawohl, Mutting!« »Vielleicht entschließt er sich dazu!« Gegen acht Uhr, es war schon finstre Nacht, fing es an schwach zu regnen, und das Tal füllte sich bis zur halben Bergeshöhe mit nassem Nebeldunst. Zum Spazierengehen war das kein sonderlich geeignetes Wetter. Der neue Gast kam deshalb auch, nachdem er den Pfad bis zur Sägemühle hinaufgestiegen, wieder ins Gasthaus zurück und verlangte ein Schnäpschen. Ohne weiter ein Wort zu sprechen, ohne jemand gute Nacht zu wünschen, nahm er den Holzleuchter, in welchem schon ein brennendes Licht steckte, begab sich wieder in seine Stube, riegelte die Tür ab und ließ den ganzen Abend über und die ganze Nacht hindurch nichts mehr von sich hören. Der »Skydskarl« hatte sich, ohne was zu sagen oder zu fragen, in den Schuppen quartiert. Dort schlief er schon, ohne sich um Regen und Nebel zu kümmern, zwischen den Deichseln des Karriols mit dem Falben um die Wette. Am andern Tage standen Frau Hansen und Hulda schon auf, als der Tag kaum graute. Aus der Stube des Fremden, der noch im Schlafe lag, drang kein Geräusch. Kurz nach 9 Uhr trat er in die große Stube mit einer Miene noch grilliger als tags zuvor, führte Klage über das harte Bett, über den vielen Lärm im Hause, von dem er fortwährend munter geworden sei, sagte übrigens weder der Wirtin noch ihrer Tochter guten Morgen, machte die Tür auf und hielt Ausschau am Himmel. Mittelmäßige Witterungsaussichten! Ein scharfer Wind fegte über die im Dunstgewölk verlorenen Gipfel des Gusta und verfing sich in dem Tale, durch das er mit heftigen Stößen tobte. Der Fremde getraute sich nicht hinaus. Aber seine Zeit verlor er darum nicht. Mit der Pfeife im Munde ging er in dem Gasthause umher, suchte sich Kenntnis von der innern Beschaffenheit desselben zu verschaffen, musterte die verschiedenen Zimmer, das Mobiliar, machte die Schränke und die Schubläden auf, ganz so, wie wenn er in seiner eignen Behausung wäre – oder wie ein Gerichtsvollzieher, der sich durch Augenschein überzeugen will, wieviel Stunden er für die in Aussicht genommene Zwangsversteigerung ansetzen müsse. Ganz entschieden wurde das Benehmen des Mannes nachgerade verdächtig: von bloßer Wunderlichkeit ließ sich da schon nicht mehr reden! Als er mit der innern Inspektion, wie es schien, fertig war, setzte er sich in den großen Lehnstuhl in der Vorderstube und richtete mit kurzer, rauher Stimme verschiedene Fragen an Frau Hansen: seit wann das Gasthaus stünde? ob es ihr Mann Harold habe bauen lassen oder im Erbe übernommen habe? ob viele Reparaturen notwendig gewesen seien? wie groß das Gehäge am Hause und der zugehörige Soeter sei? ob das Gasthaus gut besucht sei und gut im Rufe stände? wieviel im Durchschnitt Touristen zur schönen Zeit vorsprächen? ob sie bloß einen Tag oder länger sich aufhielten? usw. Augenscheinlich hatte der Reisende das Gastbuch nicht bemerkt, das in seine Stube gelegt worden war, denn das hätte ihn doch wenigstens über die letzte Frage ausgiebig aufklären können. Das Buch lag wirklich noch genau an der Stelle, wohin es Hulda am Abend vorher gelegt hatte, und der Name des Reisenden stand nicht drin. »Mein Herr,« nahm nun Frau Hansen das Wort, »ich verstehe im Grunde nicht recht, wieso und weswegen diese Dinge für Sie von Interesse sein können. Wenn Sie aber zu erfahren wünschen, wie es geschäftlich um uns steht, so ist das doch höchst einfach: Sie brauchen sich ja nur das Fremdenbuch anzusehen. Ich möchte Sie sogar bitten, dem Brauche gemäß Ihren Namen dort einzuschreiben.« »Meinen Namen? gewiß, gewiß! meinen Namen werde ich einschreiben, Frau Hansen! aber erst in dem Augenblicke, wenn ich mich von Ihnen verabschiede.« »Sollen wir Ihnen das Zimmer vormerken?« »Nicht nötig,« gab der Reisende zur Antwort und stand auf; »nach dem Frühstück will ich fort, weil ich heut abend noch in Drammen sein muß.« »In Drammen?« fragte lebhaft Frau Hansen. »Ja! drum lassen Sie mich schnell abfertigen.« »Sie wohnen wohl in Drammen?« »Ja. Ist was zum Verwundern dabei, bitte, daß ich in Drammen wohne?« Nachdem er sich also kaum einen Tag in Dal oder vielmehr im Daler Gasthause aufgehalten, machte dieser Reisende wieder Kehrt, ohne vom Lande und von der Gegend das geringste gesehen zu haben; keinen Schritt weiter hinein setzte er in die Voigtei! Um Gusta, um Rjukanfos, um die Wunder des Westfjorddals kümmerte er sich nicht im geringsten! Nicht zum Vergnügen, sondern in Geschäften war er von Drammen, wo er seinen Wohnsitz hatte, weggefahren und schien keinen Grund weiter gehabt zu haben, als Frau Hansens Haus in genauen Augenschein zu nehmen. Hulda sah freilich, daß ihre Mutter tief beunruhigt war. Frau Hansen hatte sich in den großen Stuhl gesetzt, gab ihrem Spinnrad einen Stoß, daß es bis an die Wand hinüber rückte, und blieb, ohne ein Wort zu sprechen, sitzen. Inzwischen war der Reisende in die Eßstube gegangen und hatte sich an den Eßtisch gesetzt. Von dem Frühstück, das mit der gleichen Sorgfalt zubereitet war wie das Mittagessen am Tage vorher, schien er um keinen Deut besser befriedigt ... und doch aß er flott und trank auch flott! seine Aufmerksamkeit schien sich aber mehr auf den Wert des Silberzeugs zu richten – einen Luxus, auf den der norwegische Landmann viel gibt – ein paar Löffel und Gabeln, die sich vom Vater auf den Sohn vererben und die man wie Juwele unter den Hauskleinodien hütet. Unterdessen traf der »Skydskarl« im Schuppen die Vorkehrungen zur Abfahrt. Um 11 Uhr standen Gaul und Karriol vor dem Gasthofstor fertig. Das Wetter war nicht sonderlich einladend, der Himmel grau und es stürmte. Manchmal schlug der Regen wie Kleingeschützfeuer gegen die Fenster. Aber der Reisende war unter seiner dicken, doppelt mit Pelz gefütterten Kapuze nicht der Mann, sich viel um Wind und Wetter zu härmen. Als er mit dem Frühstück fertig war, goß er sich ein letztes Glas Schnaps ein, steckte sich die Pfeife an, warf seinen Reisemantel über die Schultern, trat wieder in die große Stube und verlangte die Rechnung. »Ich will sie gleich machen,« erwiderte Hulda und setzte sich vor einen kleinen Schreibtisch. »Aber geschwind,« sagte der Reisende. – »Inzwischen,« setzte er hinzu, »geben Sie mir das Fremdenbuch, damit ich mich einschreibe.« Frau Hansen stand auf, holte das Buch und legte es auf den großen Tisch. Der Reisende griff nach einer Feder, musterte Frau Hansen ein letztes mal durch seine Brillengläser ... dann schrieb er mit großen Buchstaben seinen Namen in das Buch, deckte das Löschblatt drüber und klappte das Buch zu. Gerade in diesem Augenblicke gab ihm Hulda die Rechnung. Er nahm sie, prüfte die Posten, brummend und knurrend; dann rechnete er die Gesamtsumme nach. »Hm!« machte er; »teurer Spaß! Sieben und eine halbe Mark für eine Nacht und zwei Mahlzeiten?« »Der Skydskarl und der Gaul sind einbegriffen,« bemerkte Hulda. »Wenn auch! ich finde das teuer, recht teuer! Dann wundert es mich freilich nicht, wenn man im Gasthause gute Geschäfte macht!« »Sie sind nichts schuldig, Herr!« sagte da Frau Hansen mit kaum hörbarer Stimme. Sie hatte eben das Buch aufgeschlagen und den Namen des Fremden gelesen – dann nahm sie die Rechnung, zerriß sie und wiederholte: »Sie sind nichts schuldig!« »Ist meine Ansicht auch!« antwortete der Reisende ... und ohne beim Fortgehen so wenig wie beim Kommen einen guten Tag zu wünschen, stieg er in sein Karriol, während der Junge hinter ihm auf das Brett sprang. Noch ein paar Augenblicke ... dann war er um die Biegung, die die Straße ein kurzes Stück weiter machte, verschwunden. Als Hulda das Buch aufschlug, fand sie weiter nichts dort als den kahlen Namen: »Sandgoist aus Drammen.« Siebentes Kapitel. Am andern Tage nachmittags sollte Joel wieder nach Dal zurückkommen, nachdem er den Touristen, dem er Führerdienste leistete, bis auf die Straße nach Hardanger gebracht hatte. Hulda wußte, daß ihr Bruder über die Hochebene des Gusta, auf dem linken Maan-Ufer, zurück mußte, und war ihm bis zum Uebergange über den reißenden Bach entgegen gegangen. Dort setzte sie sich neben den kleinen Steg, an welchem die Fähre anlegte, und wartete, in Gedanken verloren. Zu der lebhaften Unruhe, in welche sie durch das Ausbleiben aller Nachricht vom »Viken« versetzt wurde, gesellte sich nun noch eine sehr große ängstigende Sorge, die ihren Grund in dem Besuche dieses Sandgoist und in dem Verhalten ihrer Mutter gegen diesen Menschen hatte. Warum hatte die Mutter, als sie seinen Namen las, die Rechnung zerrissen? warum den Geldbetrag ausgeschlagen, den er ihr schuldig geworden war? Dahinter steckte ein Geheimnis – zweifelsohne ein Geheimnis sehr ernster Natur. Endlich wurde Hulda durch Joels Ankunft aus ihren Gedanken gerissen; sie bemerkte ihn, als er die ersten Abhänge des Gebirgs hinunter stieg. Bald tauchte er auf mitten in den schmalen Schneisen, zwischen den geschlagenen oder niedergebrannten Bäumen. Bald verschwand er unter dem dichten Zweigicht der Tannen, Birken und Buchen, mit denen die Berghänge bestanden sind. Endlich war er drüben am Ufer und sprang in die kleine Fähre. Mit ein paar Ruderschlägen hatte er die starken Wirbel des Wasserlaufs bezwungen. Dann war er mit ein paar Sätzen den Hang hinaus und bei seiner Schwester. »Ist Ole zurück?« fragte er. Ole war sein erster Gedanke. Aber seine Frage fand keine Antwort. »Kein Brief von ihm da?« »Keiner!« – und Hulda löste sich in Tränen auf. »Nicht doch, Schwesterchen!« rief da Joel, »weine doch nicht! weine doch nicht! ... du tust mir damit gar zu weh! ... ich kann dich nicht weinen sehen! ... Sieh doch, du sagst: kein Brief! ... Freilich fängt es ja an, besorglich zu werden; aber noch ist doch kein Grund da, zu verzweifeln! ... Wenn du willst, so will ich nach Bergen hinüber und Nachfrage halten ... will direkt bei den Herren Gebrüder Help vorsprechen ... vielleicht sind sie im Besitz von Nachrichten aus Neufundland? warum sollte der »Viken« nicht Havarie gelitten haben? warum nicht in einen Hafen gelaufen sein, sie auszubessern? warum nicht auch aus Not, vor dem schlimmen Wetter zu fliehen? Daß der Wind seit über einer Woche als Orkan bläst, ist ja richtig. Schon oft hat man's erlebt, daß sich Schiffe aus Neufundland nach Island oder auf die Faröer geflüchtet haben. Das ist ja doch Ole selber schon passiert vor zwei Jahren, als er an Bord des »Strenna« fuhr. Und dann: hat man denn alle Tage Postgelegenheit, um zu schreiben? Ich sage dir das alles, weil es so meine Gedanken sind, Schwesterchen ... wenn du mich zum Weinen stimmst, was soll dann aus uns allen werden?« »Du bist stärker als ich, Joel!« »Hulda! Hulda! verliere den Mut nicht! ich versichere dich, von Verzweiflung bin ich noch fern!« »Darf ich dir glauben, Joel?« »Ja, Schwester! du darfst es! Aber um dich zu beruhigen: soll ich nach Bergen hinüber? ... morgen früh? ... heute abend?« »Nein! Du sollst nicht von mir weg! ... Nein! ... nicht von mir weg!« erwiderte Hulda und hing sich dem Bruder an den Hals, wie wenn sie außer ihm nichts mehr auf Erde hätte. Sie schlugen nun zusammen den Weg zum Gasthof ein. Aber der Regen nahm sich auf und der Sturm blies so heftig, daß sie sich in die Hütte des Fährmanns, etwa hundert Schritt vom Ufer entfernt, flüchten mußten. Dort mußten sie warten, bis sich das Wetter einigermaßen beruhigte ... und nun fühlte Joel den Drang zu sprechen, gleichviel was und worüber; Stillschweigen schien ihm verzweiflungsvoller als alles was sich sagen ließe und wären es auch keine Worte der Hoffnung! »Und unser Mutting?« fragte er. »Mutting wird mit jedem Tage trauriger!« gab Hulda zur Antwort. »Niemand dagewesen, während ich weg war?« »Doch, ein Reisender – ist aber schon wieder fort!« »Also im Augenblick kein Tourist im Gasthaus? hat auch niemand nach einem Führer gefragt?« »Nein, Joel!« »Um so besser, denn es ist mir schon lieber, ich kann bei dir bleiben. Wenn übrigens die schlechte Witterung anhält, so wird sich, fürchte ich, in diesem Jahr wohl kein Tourist im Telemarken sehen lassen.« »Wir sind ja erst im April, Bruder!« »Ganz recht, Schwester; aber mir ahnt so, als sollte die diesjährige Saison nicht gut für uns ausschlagen. Na, wir werden ja sehen. Aber sage mir: also gestern hat der Reisende, von dem du sprachst, Dal verlassen?« »Ja! am Vormittag!« »Und wer war es?« »Einer aus Drammen, wo er, scheint es, wohnt; Sandgoist heißt er.« »Sandgoist?« »Kennst du ihn etwa?« »Nein,« antwortete Joel. Hulda hatte sich schon die Frage gestellt, ob sie ihrem Bruder alles erzählen solle, was während seiner Abwesenheit sich im Gasthause zugetragen hatte. Was würde wohl Joel denken, wenn er erführe, mit welcher Ungezwungenheit sich der Mensch benommen hätte, wie er dem Anschein nach Haus und Mobiliar auf seinen Wert geschätzt, und wie Frau Hansen es scheinbar für notwendig gehalten hätte, sich dem Menschen gegenüber zu benehmen? Würde er nicht denken, seine Mutter müßte gar ernste Gründe hierzu haben? was konnte zwischen ihr und diesem Sandgoist schweben? ganz sicher steckte ein für die Familie bedrohliches Geheimnis dahinter! Joel würde es wissen wollen, würde die Mutter fragen, würde in die Mutter dringen, es ihm zu sagen. Frau Hansen, die im Grunde so verschlossen war, die allem Gefühlsüberschwang so abhold war, würde wahrscheinlich, wie bisher, Schweigen bewahren. Die an sich schon so betrübsame Lage zwischen ihr und ihren Kindern würde sich noch schärfer zuspitzen. Aber hätte das junge Mädchen dem Bruder gegenüber schweigen können? Joel gegenüber sollte sie Dinge geheim halten? wäre das nicht gewesen, als ob das eiserne Freundschaftsband, das sie bisher umschlang, einen Sprung bekommen hätte? Nein! dieses liebe, teure Band sollte nicht gelockert werden, geschweige reißen! Hulda kam zu dem Entschlusse, alles zu sagen. »Du hast, wenn du nach Drammen gekommen, von diesem Sandgoist nie was gehört?« fragte sie weiter. »Niemals.« »Nun, Joel, dann muß ich dir sagen, daß ihn unsere Mutter gekannt haben muß, wenigstens dem Namen nach!« »Die Mutter den Sandgoist gekannt haben?« »Jawohl, Bruder!« »Aber den Namen habe ich nie aus ihrem Munde gehört!« »Und doch hat sie ihn gekannt, wenn auch vielleicht vor seinem Besuche vorgestern nicht von Person.« Nun erzählte Hulda, was alles sich während der Anwesenheit dieses Menschen im Gasthause zugetragen, wie er sich betragen hätte; ja sie ließ auch die auffällige Handlung der Mutter, als der Mann abreiste, nicht unerzählt. Dann setzte sie noch hinzu: »Joel, ich meine, es sei besser, du fragtest Mutting nicht deshalb! Du kennst sie! es würde sie bloß noch unglücklicher machen! Die Zukunft wird uns ja zweifelsohne aufhellen, was sich in der Vergangenheit verbirgt. Gebe der Himmel, daß Ole wiederkommt; wenn dann Kummer und Trübsal die Familie bedrohen, so werden wir wenigstens zu dritt sein, es zu tragen!« Joel hatte mit tiefer Aufmerksamkeit seiner Schwester zugehört. Ja! zwischen Frau Hansen und diesem Sandgoist lagen ernste Gründe vor, Gründe, die Frau Hansen in die Hände dieses Menschen lieferten! Ließ sich daran noch zweifeln, daß dieser Mensch nach Dal gekommen war in der Absicht, das Inventar des Gasthauses aufzunehmen? Allem Anschein nach waren Zweifel hier ausgeschlossen! und dann diese Rechnung, die zerrissen worden war gerade, als er weg wollte – eine Sache, die ihm als ganz selbstverständlich erschien! – was mochte dies alles zu bedeuten haben? »Du hast recht, Hulda,« sagte Joel, »ich werde die Mutter nach nichts fragen. Vielleicht tut es ihr leid, daß sie uns nicht ins Vertrauen gezogen hat! wenn es dann bloß nicht zu spät sein wird! ... sie muß recht viel auszustehen haben, die arme Frau! Sie hat sich ganz in sich selbst verschlossen! sie begreift nicht, daß ihrer Kinder Herz geschaffen worden, damit sie ihre Schmerzen dorthin versenke!« »Es wird ein Tag kommen, Joel, an welchem sie es begreift!« »Ja! also warten wir! Aber von hier bis dahin, Schwester, auszukundschaften, was das für ein Patron ist, wird mir nicht verwehrt sein. Vielleicht kennt ihn Herr Helmboe? sobald ich wieder in Bamble bin, will ich ihn fragen und, wenn es nicht anders geht, so fahre ich selber nach Drammen. Dort kann es nicht schwer sein, wenigstens zu erfahren, was dieser Mensch treibt, welche Geschäfte er macht, was man von ihm denkt.« »Nichts Gutes, diese Ueberzeugung habe ich,« antwortete Hulda; »er hat ein garstiges Gesicht und einen bösen Blick. Mich möchte es sehr wundern, wenn in solcher schlechten Hülle ein edles Herz wohnen sollte!« »Ach, geh!« erwiderte Joel; »beurteilen wir die Menschen nicht nach ihrem Aussehen! ich wette, du würdest in diesem Sandgoist einen ganz hübschen Menschen erblicken, wenn du ihn sähest an Oles Arm ...« »Ach, mein armer Ole!« seufzte das Mädchen. »Er wird kommen, er kommt! er ist unterwegs!« rief Joel; »habe Vertrauen, Hulda! Ole ist jetzt nicht mehr fern, und wenn er da ist, wollen wir ihn tüchtig auszanken dafür, daß er so lange bleibt!« Es hatte aufgehört zu regnen; sie traten zusammen aus der Hütte und klommen den schmalen Pfad hinauf, der zu dem Gasthanse führte. »Uebrigens, Hulda,« sagte da Joel, »morgen früh muß ich doch noch einmal weg!« »Du mußt weg, Joel?« »Ja, morgen in aller Frühe.« »Schon morgen wieder, Bruder?« »Es muß sein, Hulda! Fast hätte ich es vergessen. Als ich vom Hardanger aufbrach, wurde mir von einem Kameraden gesagt, es käme ein Tourist von Norden her über die Hochebene des Rjukanfos und müsse morgen dort sein.« »Wer ist denn der Tourist?« »Meiner Treu, Schwesterchen! ich weiß nicht einmal seinen Namen! Aber ich muß hinüber, um ihn nach Dal zu führen.« »Wenn du es nicht umgehen kannst, Bruder, dann brich nur morgen auf!« versetzte Hulda mit schwerem Seufzer. »Morgen, bei Tagesanbruch, mache ich mich auf den Marsch. Bekümmert's dich, Hulda?« »Freilich, Bruder! ich bin weit unruhiger, wenn du mich verläßt ... wenn es auch bloß auf ein paar Stunden ist!« »Na, Schwesterchen! diesmal, weißt du, marschiere ich nicht allein!« »Und wer marschiert mit dir mit?« »Du, Schwesterchen! du! – Dir tut Zerstreuung not, und deshalb nehme ich dich mit!« »Ach, danke, Joel! danke!« Achtes Kapitel. Am andern Tage in aller Frühe brachen die Geschwister vom Gasthofe auf. Etwa fünfzehn Kilometer von Dal bis zu den berühmten Wasserfällen und ebenso viel wieder zurück wäre für Joel ein einfacher Spaziergang gewesen; aber er mußte schon Rücksicht auf Huldas Kräfte nehmen! Darum hatte sich Joel vom Werkmeister Lengling das Karriol geliehen, das aber, wie alle Karriole, bloß einen Sitz hatte. Indessen war der wackere Lengling so dick, daß er sich einen Sitzkasten extra nach seinem Maß hatte bauen müssen. Der reichte nun bequem für Hulda und Joel, so daß sie nebeneinander sitzen konnten. War also der angekündigte Reisende am Rjukanfos, dann konnte er Joels Platz einnehmen, der dann entweder marschieren oder als »Skydskerl« hinter dem Kasten auf die Planke steigen würde. Eine herrliche Straße von Dal bis zu den Fällen, wenn man auch tüchtig zusammengeschüttelt wird! Ohne Streit ist's eigentlich mehr ein Pfad als eine Straße. Blöcke, kaum behauen, sind über die Bäche und Bächlein, die ihren Lauf in den Maan nehmen, geworfen und kreuzen die Straße oder den Pfad kaum hundert Schritte von einander wie ebensoviel kleine Brückchen. Aber das norwegische Pferd ist daran gewöhnt, sie sichern Fußes zu passieren, und wenn das Karriol keine Federn hat, so schwächt doch seine lange, ziemlich elastische Gabeldeichsel die Stöße über den höckrigen Boden einigermaßen ab. Das Wetter war schön. Die Geschwister fuhren im langsamen Trabe längs der im schönsten Grün prangenden Wiesen, an deren linkem Saume der Maan seine hellen Fluten hin führt. Taufende von Birken warfen ihren Schatten von hüben und drüben auf den von der Sonne beschienenen Weg. In Millionen von Tropfen hing der Nebeldunst von der Nacht an der Spitze der langen Gräser. Rechts von dem Gießbache, in 2000 Meter Höhe, warfen die Schneefelder des Gusta ein intensives Lichtstrahlenmeer in den Weltenraum. Eine Stunde lang fuhr das Karriol nun ziemlich flott. Die Steigung war noch nicht erheblich. Bald aber verengerte sich das Tal zusehends. Hüben und drüben wandelten sich die Bäche zu tosenden Gewässern. Trotz der vielen Windungen, die der Weg machte, machten sich doch Steigungen und Senkungen empfindlich geltend. Von hier ab wurde die Passage zuweilen höchst schwierig, aber Joel wußte sich mit Geschicklichkeit aus den schlimmsten Lagen zu helfen. An seiner Seite kannte Hulda keine Furcht. Wurde das Karriol gar zu derb geschüttelt, so hing sie sich an seinen Arm. Die frische Morgenluft gab ihrem hübschen, seit einiger Zeit recht blassen Gesichtchen seine frische Farbe wieder. Indessen galt es noch immer, in größere Hohe hinauf zu gelangen. Das Tal ließ sich bloß längs des eng zusammengedrängten Maan-Bettes, zwischen zwei senkrecht aufsteigenden Bergwänden passieren. Auf den nahen Fjelds tauchten etwa zwei Dutzend einzeln liegender Häuschen auf: Trümmer von aufgelassenen Soeters oder Gaards, Schäferhütten, die sich zwischen den Birken und Buchen verloren. Bald war es nicht mehr möglich, den Gießbach zu sehen; aber man hörte ihn in dem hallenden Felsenbett brausen und tosen. Die Landschaft hatte ein majestätisches und zugleich schauriges Bild angenommen, dessen Rahmen sich bis zum Gebirgskamm hinauf weitete. Nach zweistündiger Fahrt kam am Rande eines Wasserfalls von 1500 Fuß Höhe, seine Kraft für den Betrieb ihres doppelten Räderwerks ausnutzend, eine Sägemühle in Sicht. Fälle von solcher Höhe gehören im Wjestforddal durchaus nicht zu den Seltenheiten; aber die Wassermenge ist bei ihnen nicht sehr bedeutend. In dieser Hinsicht macht jedoch der Rjukanfos-Fall eine Ausnahme. Bei der Sägemühle angekommen, stiegen die Geschwister aus. »Eine halbe Stunde Marsch wird dich doch nicht zuviel anstrengen, Schwesterchen?« fragte Joel. »Durchaus nicht, Bruder! ich bin nicht müde; ein kleiner Marsch wird mir im Gegenteil ganz gut tun.« »Ein kleiner, aber ein tüchtiger Marsch, und immer steil bergauf, Schwester!« »Ich werde mich auf deinen Arm stützen, Joel!« Dort hatten sie freilich aus dem Karriol steigen müssen! über die schroffen Pfade, durch die schmalen Durchschlüpfe, über die mit schwanken Felsen übersäeten Hänge, deren phantastische, bald von Bäumen überschattete, bald kahle Konturen den großen Wasserfall ankündigen, hätten Gaul und Karriol nicht hinüber gekonnt. Schon stieg aber mitten in bläulicher Ferne etwas wie dichter Dunst oder Dampf in die Höhe. Das waren die zu Pulverstaub geschlagenen Wässer des Rjukan, der sich m Schlangenzügen bis zu ziemlich beträchtlicher Höhe emporwirbelt. Die Geschwister benutzten einen den Führern gutbekannten Steig, der bis zur Talschlucht hinunter führt; und kurz nachher saßen sie nebeneinander auf einer mit gelblichen Moospflänzchen tapezierten Felsplatte, dem Falle fast unmittelbar gegenüber, zu dem man in solche Nähe von keiner andern Seite her gelangen kann. Hier ein gesprochenes Wort zu verstehen, würde ihnen gar schwer geworden sein. Es verlangte sie aber nicht nach mündlichem Austausch ihrer Gedanken; was sie sich zu sagen hatten, dafür war das Herz ein so guter Dolmetsch, daß es die Lippen nicht brauchte. Die Wassermasse des Rjukanfalles ist ungeheuer, seine Höhe beträchtlich, sein Getöse majestätisch. In Höhe von 900 Fuß versinkt dem Bette des Maan, in halber Lauflänge ungefähr, zwischen dem Mjössee ober- und dem Tinnsee unterhalb, jäh der Boden »unter den Füßen«. In 900 Fuß Höhe! die Höhe des Niagara also 6 mal gewonnen! dessen Breite allerdings, vom amerikanischen bis zum kanadischen Ufer 3 englische Meilen beträgt. Wen eine Schilderung dieses Riesenwassersturzes der Neuen Welt aus Jules Verne'scher Feder interessiert, der lese die Erzählung »Eine schwimmende Stadt« (Nummer II des Bandes »Blockadebrecher) dieser Sammlung. A. d. Ü. Hier bietet der Rjukanfos Bilder von so seltsam großartiger Natur, daß sich die Feder als ohnmächtig erweist, sie zu schildern. Auch der Pinsel des Malers würde sie nur schwach wiederzugeben imstande sein. Es gibt nun einmal gewisse Naturwunder, zu erhaben, daß die menschliche Sprache für sie Worte fände – Naturwunder, bereit Schönheit zu fassen und zu begreifen bloß das menschliche Auge ausreicht: und solcher Naturwunder eins der berühmtesten auf dem europäischen Festlande ist dieser Wasserfall! Und gerade damit befaßte sich im selben Augenblick ein Tourist, der auf der linksseitigen Bergwand des Maan saß, an einer Stelle, von wo aus er den Rjukanfos aus größter Nähe und von höchster Höhe aus betrachten konnte. Weder Joel noch dessen Schwester hatten ihn bislang bemerkt, obwohl er ganz deutlich zu sehen war. Nicht die Entfernung, sondern eine, in Berglandschaften sehr oft wahrzunehmende optische Täuschung bewirkte, daß er sehr klein und demzufolge weiter entfernt zu sein schien, als er es wirklich war. Da gerade hatte sich der Tourist von seinem Felssitze erhoben und wagte sich höchst unvorsichtigerweise aus den Felssattel vor, der sich einer Domkuppel ähnlich nach dem Bette des Maan zu vorschiebt. Was der neugierige Tourist zu sehen trachtete, waren augenscheinlich die beiden Höhlen des Rjukanfos, deren eine, die linke, gefüllt ist mit siedendem, brodelndem Wasser, während die andere, die rechte, voll dichter Dunstmassen sitzt. Vielleicht auch wollte er gar ermitteln, ob nicht in halber Fallhöhe eine dritte, untere, vorhanden sei. Zweifelsohne würde sich dadurch erklären, wie es kommt, daß der Rjukan, nachdem er scheinbar im Schlünde versunken, wieder emporschießt und seinen Ueberschuß an tosendem Gewässer in gewissen Pausen zurückschleudert. Es machte gleichsam den Eindruck, als würden diese Gewässer durch einen Sprengschuß oder Sprengschlag, der durch die Wasserdünste oder Wassernebel die umgebenden Fjelds verhüllt, in die Höhe gejagt. Der Tourist bewegte sich indessen auf diesem steinigen, glibbrigen Eselsrücken ohne eine Wurzel, ohne einen Strauch, ohne einen Grashalm – der den Namen »Gleitmarie« oder »Maristien« trägt, weiter und weiter vorwärts. Er kannte wohl also, der Unvorsichtige! die Sage nicht, die diese Felsgleite berühmt gemacht hat? Eystein gedachte eines Tages die schöne Maria vom Westfjorddal auf diesem gefahrvollen Pfade wieder zu treffen. Von der anderen Seite der Felsgleite herüber reichte ihm seine Braut die Arme. Da verliert sein Fuß jäh den Boden, er fällt, er rutscht, er kann sich an diesen Felsen, die glatt sind wie Eis, nicht halten, verschwindet im Schlunde, und die Stromschnellen des Maan haben seinen Leichnam nimmer herausgegeben! Sollte, was dem unglücklichen Eystein geschehen, etwa auch diesem Verwegenen geschehen, der sich über die Schroffen des Rjukanfos hinaus wagen zu wollen schien? Das stand zu befürchten! Und wirklich wurde er der Gefahr nun selber inne! Aber zu spät! Plötzlich ging sein Fuß des Stützpunkts verlustig ... der Mann stieß einen Schrei aus, kollerte etwa zwanzig Schritte weit in die Tiefe und fand gerade noch Zeit, sich an einen Felsvorsprung, fast am Rande des Abgrunds, zu klammern. Noch hatte ihn das Geschwisterpaar nicht gesehen; aber gehört hatten sie den Schrei, den er ausstieß. »Was war denn das?« rief Joel, aufstehend. »Ein Schrei!« antwortete Hulda. »Jawohl ... ein Schrei in Todesnot!« »Woher?« »Hören wir!« Beide blickten nach rechts, nach links, vom Falle; sie konnten nichts sehen ... und doch hatten sie die beiden Worte: »Zu Hilfe!« zweimal hintereinander, in jenen regelmäßigen Ruhepausen, die fast eine Minute zwischen jedem Sprunge dauern, den der Rjukan macht, ganz deutlich vernommen. Wieder ertönte der Ruf. »Joel,« sagte Hulda, »irgend ein Mensch ist in Todesnot und schreit um Hilfe. Wir müssen hin zu ihm.« »Jawohl, Schwester, und er kann nicht weit von uns sein! aber auf welcher Seite? ... wo? ... ich sehe nichts!« Hulda war die Schroffe hinter dem Felsen, auf dem sie gesessen hatten, wieder hinaufgeklettert, an den dürftigen Büscheln Halt suchend, die dieses linksseitige Ufer des Maan bedecken. »Joel!« schrie sie endlich. »Du siehst ihn?« »Da! ... da!« und mit der Hand wies das Mädchen auf den Unvorsichtigen, der fast unmittelbar über dem gräßlichen Schlunde hing. Verlor sein Fuß den losen Halt an dem schmalen Felsvorsprung, gegen den er sich stemmte, glitt er ein kurzes Stückchen noch weiter zur Tiefe hin, ließ er sich vom Schwindel packen, so war er verloren ... unrettbar! »Wir müssen ihn retten!« sagte Hulda. »Ja! das müssen wir!« versetzte Joel; »mit kaltem Blute werden wir bis zu ihm dringen!« Joel stieß nun einen langen Schrei aus. Der Reisende hatte ihn gehört, denn er hatte den Kopf gedreht nach der Seite, von welcher der Schrei zu ihm drang. Nun suchte Joel ein paar Augenblicke lang zu ermitteln, was sich am schnellsten und sichersten tun ließe, den Verunglückten aus dieser schlimmen Situation zu ziehen. »Hulda,« fragte er, »Furcht hast du nicht?« »Nein, Bruder!« »Du kennst doch die Maristien genau?« »Ja – ich habe sie schon ein paarmal passiert!« »Nun, dann geh oben auf dem Sattel entlang, so nahe wie möglich an den Reisenden heran! Dann rutsche soweit vor, daß du ihm die Hand reichen kannst, und halte ihn! Aber er soll ja noch nicht versuchen, sich aufzurichten. Der Schwindel würde ihn packen, er würde dich mit sich reißen, und ihr würdet beide verloren sein!« »Und du, Joel?« »Während du von oben herunter kommen wirst, will ich von unten herauf, am Felsgrate entlang, neben dem Bette des Maan, zu ihm klimmen. Wenn du zur Stelle kommst, werde ich schon zur Stelle sein, und solltet ihr abrutschen, so geht's vielleicht an, daß ich Euch beide halte.« Dann rief er, eine neue Ruhepause im Tosen des Rjukan wahrnehmend, mit schallender Stimme: »Rührt Euch nicht, Herr! ... wartet! ... wir versuchen, zu Euch zu dringen!« Hulda war schon hinter den hohen Büscheln der Schroffe verschwunden, um von der Seite her auf den andern Sattel der Maristien zu gelangen. Bald sah Joel das tapfere Mädchen um die Ecke der letzten Bäume wieder hervortauchen. Er selber begann unter ständiger Lebensgefahr langsam an dem steilen Teile des runden Felsrückens, der den Rand des Gefängnisses bildet, in welchem der Rjukan hier steckt, hinunter zu klettern! Welcher erstaunlichen Kaltblütigkeit, welcher unbeirrten Sicherheit von Fuß und Hand bedurfte es, mit sich an diesem Schlunde entlang zu arbeiten, bessert Wände von dem Staubregen des Wasserfalls in ständiger Nässe gehalten werden. Ihm parallel, bloß an hundert Fuß höher, drang Hulda in schräger Linie vor, um auf diese Weise leichter zu der Stelle hinzugelangen, wo der Tourist sich hielt, ohne ein Glied zu rühren. In der Stellung, die derselbe Hatte, ließ sich sein Gesicht, das nach der Seite des Falls hin gedreht war, nicht sehen. Joel, der jetzt unterhalb von ihm hing, hielt im Klettern inne. Als er in einer Felsspalte festen Halt für den Fuß gefunden hatte, rief er: »He! ... Herr!« Der Tourist wandte den Kopf. »He! Herr!« rief Joel wieder. »Keine Bewegung! keine einzige! und festhalten!« »Seid ruhig; ich halte fest, Freund!« wurde Joel in einen Tone erwidert, der ihm Zuversicht einflößte; »hielte ich nicht fest, dann läge ich schon seit einer Viertelstunde unten im Rjukanfos!« »Meine Schwester wird bis zu Euch hinunterklettern,« nahm Joel wieder das Wort, »und Euch die Hand reichen. Bevor aber ich oben bin, versucht nicht aufzusteigen ... rührt kein Glied!« »Ich bleibe starr und fest wie ein Fels!« erwiderte der Tourist. Schon begann Hulda den Abstieg, ständig nach Punkten des Sattels tastend, die weniger glibbrig waren, mit dem Fuße Halt und Stütze in Felsspalten suchend, freien Kopfes und sichern Blickes, Eigenschaften, die bei diesen an die Schroffen und Hänge des Telemarken gewöhnten Mädchen gang und gäbe sind. Und gleichwie Joel, rief nun auch sie: »Festhalten, Herr!« »Ich halt schon fest ... und so lange, glauben Sie mir, wie ich irgend kann!« An Ratschlägen und Mahnungen fehlte es, wie man sieht, nicht; sie kamen von unten sowohl als von oben! »Vor allem keine Furcht!« setzte Hulda hinzu. »Ich kenne Furcht nicht!« »Wir werden Euch retten!« »Darauf rechne ich stark, denn, beim heiligen Olaf! ich allein könnte es nicht!« Ganz entschieden hatte dieser Tourist von seiner Geistesgegenwart nichts eingebüßt! Aber nach seinem Sturze hatten ihm jedenfalls Arme und Beine den Dienst verweigert, und das einzige, worauf er sich jetzt beschränken mußte, war, sich an dem winzigen Vorsprunge zu halten, der ihn noch von dem Schlunde schied. Hulda stieg indes noch immer weiter hinunter. Nur wenige Augenblicke noch, dann hatte sie den Touristen erreicht. Nun suchte sie festen Halt für den Fuß an einer rauhen Stelle des Felsens ... und nun reichte sie ihm die Hand. Der Tourist versuchte sich ein wenig aufzurichten. »Nicht rühren, Herr! ... nicht rühren!« sagte Hulda ... »Sie würden mich mit sich reißen, und ich würde nicht Kraft genug besitzen, Sie festzuhalten. Wir müssen auf meinen Bruder warten! Wenn er sich zwischen uns und den Rjukanfos heraufgearbeitet hat, dann werden Sie versuchen können, sich emporzurichten, um dann ...« »... mich aufzurichten, mein tapferes Kind? Das ist leichter gesagt als getan, ja ich fürchte stark, es wird nicht so leicht gehen!« »Sollten Sie verwundet sein, Herr?« »Hm! gebrochen ist nichts, verrenkt hoffentlich auch nichts, aber am Beine habe ich wenigstens eine stattliche Schmarre.« Joel befand sich nun etwa zwanzig Fuß von der Stelle, wo Hulda und der Tourist hingen – unterhalb von ihnen. Die Krümmung des Felssattels hatte ihn verhindert, direkt zu ihnen heranzuklettern. Er mußte jetzt also um diese runde Fläche herum gelangen. Dies war das schwierigste und auch gefahrvollste Stück Arbeit. Es ging auf Tod und Leben dabei. »Keine Bewegung, Hulda!« schrie er zum letzten Male. »Kämet Ihr beide ins Rutschen, dann wären wir alle verloren, denn jetzt wäre ich nicht imstande, Euch zu halten!« »Sei ohne Furcht, Joel!« rief Hulda zurück ... »denke bloß an dich! daß Gott dir helfe!« Joel brachte sich nun langsam in Bauchlage ... dann fing er richtig zu kriechen oder zu rutschen an. Mehr denn einmal hatte er die Empfindung, als ginge ihm jeder Stützpunkt verloren. Schließlich gelang es ihm aber, mit Aufgebot eines höchsten Maßes von Körpergewandtheit, sich bis zur Seite des Touristen hinauf zu schieben. Es war ein schon bejahrter Mann, dieser Tourist, aber von kraftvollem Aussehen, mit einem schönen, freundlichen, zum Herzen sprechenden Gesicht. Joel hätte wirklich mehr erwartet, einen verwegenen Jüngling in dem Touristen, der sich auf die Maristien hinaus gewagt hatte, zu finden. »Sehr unbedacht, Herr, Ihr Wagnis!« sagte er, sich in halb liegende Stellung bringend, um wieder zu Atem zu kommen. »Wie? unbedacht?« versetzte der Tourist; »sagt doch lieber, verrückt, total verrückt!« »Sie haben Ihr Leben in Gefahr gesetzt ...« »... und bin schuld, daß Ihr das Eurige in Gefahr gesetzt habt!« »O! ich komme da nicht in Betracht! ... das gehört doch halb und halb zu meinem Geschäft!« versetzte Joel. Dann richtete er sich auf und setzte hinzu: »Nun gilt es' noch, die Sattelhöhe wiederzugewinnen – aber das schwierigste Stück Arbeit haben wir hinter uns!« »O! das schwierigste!« »Jawohl, Herr! das schwierigste war, bis zu Ihnen zu bringen. Jetzt brauchen wir bloß eine Schroffe von weit geringerer Steilheit wieder hinauf zu klimmen!« »... wobei Ihr aber gut tun werdet, nicht allzu stark auf mich zu rechnen, Kamerad! das eine Bein wird mir wohl nicht viel dabei helfen, weder momentan noch vielleicht in den nächsten Tagen!« »Versuchen Sie, ob es geht, sich aufzurichten!« »Gern ... wenn Ihr helfen wollt!« »Fassen Sie meine Schwester am Arm! ich will Sie stützen und mit den Hüften schieben.« »Fest und sicher?« »Fest und sicher!« »Wohlan, Freunde! ich verlasse mich auf Euch! da es Euch in den Sinn gekommen ist, mich aus der Affaire zu ziehen, müßt Ihr nun zusehen, wie Ihr fertig werdet!« Man schritt aus Werk, wie Joel es angab – behutsam, vorsichtig. Wenn es auch nicht ohne alle Gefahr war, wieder den Sattel hinauf zu klimmen, so entledigten sich die drei Leute der Aufgabe doch besser und schneller, als sie selber gehofft hatten. Uebrigens hatte sich der Tourist tatsächlich weder ein Glied gebrochen noch ein Glied verrenkt, sondern war mit einer allerdings sehr starken Hautabschürfung davongekommen. Er konnte deshalb, freilich nicht ohne tüchtige Schmerzen, von beiden Beinen bessern Gebrauch machen, als er gerechnet hatte. Keine zehn Minuten dauerte es noch, so war er jenseits der Maristien in Sicherheit. Dort hätte er sich unter den vordersten Tannen, die das obere Fjeld des Rjukanfos einfassen, ausruhen können. Aber Joel bestand aus einer weiteren Anstrengung: der Tourist sollte versuchen, bis zu einer unter den Bäumen versteckten Hütte, ein kurzes Stück hinter dem Felsen, zu gelangen, auf dem er mit seiner Schwester Halt gemacht hatte, als sie zu dem Wasserfalle gelangten. Der Tourist versuchte, die ihm zugemutete Anstrengung zu leisten, es gelang ihm und, auf der einen Seite von Hulda, auf der andern von Joel gestützt, schleppte er sich, ohne allzuviel Schmerzen, bis zur Tür der Hütte. »Hier herein, bitte, Herr!« sagte nun das junge Mädchen; »hier werden Sie sich einen Augenblick ausruhen müssen.« »Wird der Augenblick eine reichliche Viertelstunde dauern können?« »O ja, Herr, und dann werden Sie sich schon dazu verstehen müssen, mit uns bis Dal hinüber zu gehen.« »Bis Dal? ... Ei! nach Dal wollte ich ja gerade!« »Sie sind doch nicht etwa der Tourist von Norden her,« fragte Joel, »der mir in Hardanger gemeldet wurde?« »Freilich! der bin ich!« »Meiner Treu! auf dem besten Wege nach Dal waren Sie gerade nicht!« »Daran zweifle ich selber ein wenig!« »Wenn ich hätte voraussehen können, was passiert ist, so wäre ich Ihnen bis auf die andere Seite des Rjukanfos entgegengegangen und hätte dort auf Sie gewartet.« »Das wäre ein guter Gedanke gewesen, mein wackerer junger Mann; Sie hätten mich von einer in meinem Alter unverzeihlichen Unbedachtsamkeit ferngehalten!« »Von einer in jedem Alter unverzeihlichen, Herr!« Sie traten nun zusammen in die Hütte, in der eine Bauernfamilie saß, Vater, Mutter mit zwei Töchtern. Die Leute standen zum Willkomm auf und richteten alles her, was die Umstände erheischten und die vorhandenen Mittel ermöglichten. Joel konnte nun feststellen, daß der Tourist bloß mit einer allerdings ziemlich ernsten Hautschürfung am Beine, ziemlich tief unterhalb des Knies, davongekommen war. Reichlich acht Tage Ruhe würde die Wunde sicherlich notwendig machen; aber das Bein war weder gebrochen, noch verrenkt, nicht einmal der Knochen war verletzt. Das war von wesentlicher Bedeutung. Treffliche Milch, Erdbeeren im Ueberfluß und ein bißchen Schwarzbrot boten die Bauern den Gästen an, die mit gutem Appetit zusprachen. Joel vor allem ließ sich nicht nötigen, sondern legte einen gewaltigen Appetit an den Tag, während Hulda kaum ein paar Bissen nahm. Der Tourist hingegen tat es Joel im Essen gleich. »Das muß ich sagen,« rief er, »diese Motion hat mir den Magen ganz ausgebeutelt. Aber gern lasse ich gelten, daß es mehr denn unbedacht war, über die Maristien hinüber zu wollen. Die Rolle des unglücklichen Eystein spielen zu wollen, wenn man sein Vater ... ja reichlich sein Großvater sein könnte!« »Ach! die Sage ist Ihnen bekannt?« meinte Hulda. »Gewiß! gewiß! ... meine Amme hat mich in Schlaf mit ihr gesungen ... in dem glücklichen Alter, wo ich noch eine Amme hatte! ... Gewiß, ich kenne die Sage, mein mutiges Dirndl, und erscheine deshalb um so schuldiger! – Und nun, liebe Freunde, Dal ist doch wohl ein bißchen weit für einen Invaliden wie mich! wie wollt Ihr mich bis dorthin schaffen?« »Keine Sorge, Herr!« antwortete Joel; »unten am Pfade wartet unser Karriol auf uns ... bis zu ihm hinunter sind's bloß dreihundert Schritt!« »Hm! ... dreihundert Schritte!« »Bergab,« setzte das Mädchen hinzu. »O! wenn es bergab geht,« meinte der Tourist, »so wird's ganz von selber gehen, Freunde, ein Arm wird ausreichen ...« »Und warum nicht zwei,« erwiderte Joel, »da wir doch ihrer vier für Sie zur Verfügung haben!« »Ob zwei, ob vier, mir einerlei! Teurer wird's auch nicht, nicht wahr?« »Kosten tut's überhaupt nichts!« »O doch! wenigstens doch ein »schön dank!« für den Arm! da kommt's mir übrigens bei, daß ich mich noch gar nicht einmal bei Euch bedankt habe!« »Wofür denn, Herr?« fragte Joel. »Na, freilich für weiter nichts, als daß Ihr mir unter Gefahr Eures Lebens das Leben gerettet habt!« »Sind Sie bereit, Herr ...?« fragte Hulda, und stand auf, um Komplimenten aus dem Wege zu gehen. »Ist das eine Frage! ... Selbstverständlich bin ich bereit! ... mir ist alles recht, was man von mir will!« Darauf beglich der Tourist die kleine Rechnung bei den Bauern in der Hütte. Dann stieg er, leicht von Hulda, kräftig von Joel gestützt, den schmalen Pfad zum Ufer des Maan hinunter, wo derselbe auf den Weg von Dal trifft. Ohne manches »Au! au!« das aber jedes mal in helles Lachen ausging, ging es bei dem Abstieg freilich nicht ab. Endlich aber erreichte man die Sägemühle, und Joel machte sich dabei, das Karriol anzuschirren. Nach Verlauf von fünf Minuten saß der Tourist neben dem jungen Mädchen in dem Kasten. »Und Ihr?« fragte er Joel ... »mir scheint gar, ich habe Euch um Euern Platz gebracht?« »Den trete ich Ihnen ab mit ganzem Herzen!« »Aber wenn man ein bißchen zusammenrückte ...« »Nein, nein! ... ich habe meine Beine, mein Herr, und das sind Touristenbeine ... die sind so gut wie ein paar Räder ...« »Wie ein paar stramme Räder, mein wackerer Bursch! das muß ich wohl sagen: wie ein paar stramme Räder!« Den Steg entlang, der sich langsam dem Maan nähert, wurde aufgebrochen. Joel war vor den Gaul getreten und hatte den Zaum in die Hand genommen; er führte ihn, so daß die schlimmsten Unebenheiten des Wegs vermieden wurden. Die Rückfahrt verlief lustig – zum wenigsten aus seiten des Touristen. Er schwatzte bereits gleichwie ein Freund der Familie von altersher. Ehe sie noch zu Hause waren, titulierten ihn Bruder und Schwester »Herr Sylvius«, und Herr Sylvius sprach sie bloß noch mit Hulda und Joel an, ganz so, als wenn sie sich alle drei schon Gott weiß wie lange her einander kannten. Gegen 4 Uhr trat der kleine Glockenturm von Dal zwischen den Bäumen des Weilers in Sicht. Noch ein Augenblick, dann hielt der Gaul vor dem Gasthause. Der Reisende stieg, nicht ohne Mühe freilich, aus dem Karriol. Frau Hansen rief ihm den Willkomm am Tore zu, und wenngleich er nicht das schönste Zimmer im Hause begehrte, so wurde es ihm doch auf der Stelle eingeräumt. Neuntes Kapitel. Sylvius Hog – so hieß der Name, der noch am selben Abend, unmittelbar hinter dem Namen Sandgoist – ins Gastbuch der Hansenschen Herberge eingeschrieben wurde. Lebhafter Gegensatz, wie man gelten lassen wird, zwischen den beiden Namen wie zwischen den beiden Männern, die sie führten. Unter ihnen gab es keinerlei Beziehung weder in physischer noch in moralischer Hinsicht. Noblesse beim einen, Geiz beim andern; der eine die Herzensgüte selber, der andere die Herzensdürre selber. Sylvius Hog war kaum an die sechzig heran. Aber er sah noch bei weitem nicht so aus. Groß, kerzengerade, von stämmiger Figur, gesund von Geist und gesund von Körper, weckte er auf den ersten Blick Gefallen durch sein schönes, zum Herzen sprechendes Gesicht, dem aller Bart fehlte, das aber von leicht ergrautem, ziemlich lang gewachsenem Haar umwallt wurde, mit den freundlich blickenden Augen und dem milden Lächeln auf den Lippen, mit der breiten hohen Stirn, in der die edelsten Gedanken ohne Beschwernis kreisen konnten, mit dem geräumigen Brustkasten, worin das Herz nach Herzenslust schlagen konnte. Zu all diesen Vorzügen gesellten sich ein unerschöpflicher Reichtum an gutem Humor, eine feingeschnittene Physiognomie, freie, offene Züge und ein Temperament, das zu jeglicher Noblesse, zu jeglicher Aufopferung fähig war. Sylvius Hog aus Christiania – weiter brauchte man nichts zu lesen: Name und Ort sagten alles! denn nicht bloß in der norwegischen Hauptstadt war er bekannt, geschätzt, geliebt, verehrt, sondern im ganzen Lande, wohlverstanden: im ganzen Norweger Lande! in der andern Hälfte des skandinavischen Königreichs, in Schweden nämlich, brachte man ihm bei weitem nicht dieselben Empfindungen entgegen. Das verlangt eine kurze Auseinandersetzung. Sylvius Hog war Professor der Rechtswissenschaft in Christiania. In anderen Staaten und Ländern nimmt jemand, der Advokat, Ingenieur, Arzt oder Kaufmann ist, in der gesellschaftlichen Rangordnung bescheidene Stellungen ein. In Norwegen verhält sich das anders. Wer in Norwegen den Rang eines Professors bekleidet, steht an der Spitze der Gesellschaft. Wenn man in Schweden vier Bevölkerungsklassen unterscheidet: den Adel, die Geistlichkeit, die Bürgerschaft, den Bauernstand, so kennt man in Norwegen bloß drei Klassen: der Adel nämlich fehlt! In Norwegen kennt man keinen Repräsentanten der Aristokratie, nicht einmal unter den Staatswürdenträgern! In diesem bevorrechteten Lande, wo es keine bevorrechteten Menschen gibt, gilt der Beamte als der untertänigste Diener des Volks. Alles in allem genommen also: gesellschaftliche Gleichheit im unbedingten Sinne dieses Begriffs: von politischem Unterschiede keine Spur! Sylvius Hog als einer der bedeutendsten Männer seines Landes war, wie man sich nicht verwundern wird, Mitglied des Storthing. In dieser großen Versammlung übte er, ebenso wohl durch sein persönliches Ansehen, als durch die Rechtschaffenheit seines privaten und öffentlichen Lebens, einen Einfluß aus, dem sich sogar die in großer Zahl von den Landkreisen gewählten sogenannten »Bauerngesandten« unterordneten. Seit der Konstitution vom Jahre 1814 hat man mit Fug und Recht sagen dürfen: Norwegen ist eine Republik mit dem König von Schweden als Präsidenten. Selbstverständlich hat dieses auf seine Ausnahmestellung eifersüchtige Norwegen es verstanden, sich seine Autonomie zu erhalten. Das Storthing hat mit dem schwedischen Reichstag keine Spur von Gemeinsamkeit. Von diesem Gesichtspunkte wird es verständlich sein, daß eines seiner einflußreichsten, patriotisch gesinntesten Mitglieder jenseits der idealen Grenze, die Schweden von Norwegen scheidet, nicht sonderlich gern gesehen ist. Also verhielt es sich mit Sylvius Hog. Von äußerst unabhängigem Charakter, ein Mann, der sein freier Mann sein will und nichts weiter, hatte er es schon wiederholt ausgeschlagen, in das Ministerium einzutreten. Als Verfechter jeglicher Rechte Norwegens hatte er sich standhaft und unerschütterlich aller Lockungen Schwedens erwehrt. Und so streng ist die sittliche und politische Scheidung der beiden Länder, daß sich der König von Schweden, wenn die Krönung in Stockholm stattgefunden hat, auch in Drontheim, der uralten Hauptstadt von Norwegen, zum zweiten male krönen lassen muß. Soweit geht die in geschäftlichen Dingen fast an Mißtrauen grenzende Zurückhaltung des Norwegers, daß die Bank von Christiania ungern Kassenscheine der Stockholmer Bank in Zahlung nimmt! So scharf endlich ist die Grenze zwischen den beiden Völkern gezogen, daß die schwedische Flagge weder auf den norwegischen Gebäuden noch auf den norwegischen Schiffen weht! die eine führt das blaue Feld mit rotem Kreuz, die andere das rote Feld mit blauem Kreuz. Sylvius Hog war nun aber mit Herz und Seele Norweger! er verteidigte Norwegens Interessen bei jeglichem Anlaß. So im Jahre 1854, als im Storthing darüber verhandelt wurde, weder einen Vizekönig mehr, noch einen Statthalter mehr an der Spitze des Landes zu dulden, war er einer von jenen Männern, die am kräftigsten in die Diskussion eingriffen und diesem Grundsatze zum Siege verhalfen. Sohin begreift man, daß, wenn Sylvius Hog im östlichen Teile des Königreichs nicht sonderlich beliebt war, er es in seinem westlichen Teile im hohen Maße war, daß er eine gefeierte Persönlichkeit war bis in die abgelegensten »Gaards« des Landes! Sein Name war in dem gebirgigen Norwegen von den Küsten von Christiansand bis zu den höchsten Felsen des Nordkaps, überall im Umlauf, und überall hatte er den gleich hohen Kurswert. Würdig dieser Volkstümlichkeit von echtem Klange, hatte auch weder den Deputierten noch den Professor der Universität Christiania auch nur ein Schatten von Verleumdung je treffen können! Uebrigens war auch Sylvius Hog ein echter Norweger, aber ein vollblütiger, dem nichts innewohnte von dem herkömmlichen Phlegma seiner Landsleute, der resoluteren Sinnes und tatkräftigeren Temperaments war, als skandinavisches Blut es im allgemeinen hergibt. Das verriet sich in seinen raschen Bewegungen, in dem Feuer seiner Rede, in der Lebhaftigkeit seiner Gebärden. Hätte seine Wiege auf Frankreichs Boden gestanden, so würde man ihn ohne Bedenken einen »Mann des Südens« genannt haben, wenn man solchen Vergleich, der übrigens mit aller Genauigkeit gezogen werden kann, gelten lassen will. Seine finanzielle Lage ging über eine gewisse angenehme Sorgenfreiheit nicht heraus, obgleich er aus Amts- oder öffentlichen Geschäften nie Geld geschlagen hatte. Seine Seele kannte persönliches Interesse, persönliche Vorteile nicht; er dachte niemals an sich selber, sondern immer bloß für andere! Darum verschmähte er auch alle Auszeichnung, alle sogenannte »Größe«; Deputierter seines Volks zu sein war ihm genügend. Mehr sein wollte er nicht. Momentan befand sich Sylvius Hog im Vorteil eines dreimonatlichen Urlaubs, der ihm nach einem arbeitsreichen Jahre Erholung bringen sollte. Seit sechs Wochen war er aus Christiania weg in der Absicht, die ganze Landschaft bis Drontheim, das Hardanger, das Telemarken, die Voigteien Kongsberg und Drammen zu durchwandern. Diesen Strich kannte er nicht; ihn wollte er kennen lernen: eine Studienreise also kombiniert mit einer Vergnügungsreise! Sylvius Hog hatte schon einen ganzen Strich dieser Gegend »hinter sich gebracht« und war auf dem Rückmarsch durch die nördlichen Voigteien begriffen, auf dem er sich vorgenommen hatte, den berühmten Wasserfall, eines der Naturwunder des Telemarken, zu besichtigen. Nachdem er an Ort und Stelle das damals schwebende Projekt einer Eisenbahn von Drontheim nach Christiania auf die Möglichkeit seiner Durchführung geprüft hatte, hatte er sich einen Führer nach Dal bestellt und gedachte denselben auf dem linken Maan-Ufer zu treffen. Aber verlockt durch die herrliche Partie des Maristien, war ihm die Geduld zu warten ausgegangen, und er hatte sich allein über den gefahrvollen Paß gewagt. Ein Unbedacht, der nicht häufig passiert! und der ihm um ein Haar das Leben gekostet hätte! Ohne die Dazwischenkunft Joels und Huldas würde, wie man wohl sagen muß, die Tour in den Abgründen des Rjukanfos ihr Ende genommen, und der berühmte Tourist dort sein Leben gelassen haben. Zehntes Kapitel. In diesen skandinavischen Ländern herrscht eine gute Schulbildung, nicht bloß bei den Städtern, sondern auch auf dem Lande, und zwar eine Bildung, die wesentlich über die Kenntnis von Lesen, Schreiben und Rechnen hinausgeht. Dem Bauer macht das Lernen Freude; er verfügt über keinen geringen Grad von Intelligenz, nimmt am öffentlichen Leben Interesse, zeigt regen Anteil für Staats- und kommunale Angelegenheiten. Im Storthing sind Männer aus diesem Stande immer in der Mehrheit. Nicht selten nehmen sie an den Verhandlungen teil in der Tracht ihrer Provinz. Man rühmt sie, und mit Recht, um ihrer hohen Vernunft, ihres gesunden praktischen Sinnes, ihrer wenn auch langsamen, doch richtigen Auffassung und vor allem ihrer Unbestechlichkeit willen. Man darf sich mithin nicht wundern, daß der Name Sylvius Hog bekannt war in ganz Norwegen und mit Achtung bis in diesen etwas wilden, von der Kultur noch nicht übermäßig beleckten Teil des Telemarken hinauf genannt wurde. Darum meinte auch Frau Hansen, als sie einen in so allgemeiner Wertschätzung stehenden Gast in ihr Haus treten sah, die Schicklichkeit fordere ein paar Worte, wie sehr sie sich durch solchen Besuch ihres Hauses geehrt fühlen müsse. »Ob Sie viel Ehre davon haben, Frau Hansen,« erwiderte Sylvius Hog, »weiß ich nicht; was ich aber weiß, ist, daß alles Vergnügen auf meiner Seite ist. O! von dieser gastlichen Stätte in Dal habe ich schon lange aus dem Munde meiner Schüler gehört! Darum dachte ich auch, mich eine volle Woche hier auszuruhen; ganz sicher aber nicht, verzeih mir Sankt Olaf! daß ich bloß auf einem Beine hier Einzug halten würde!« Mit diesen Worten drückte der treffliche Mann seiner Wirtin herzlich die Hand. »Herr Sylvius,« fragte Hulda, »soll mein Bruder etwa den Arzt von Bamble herüber holen?« »Einen Arzt, liebe kleine Hulda? aber wollen Sie denn, daß ich den Gebrauch meiner beiden Beine verliere?« »O! Herr Sylvius!« »Einen Arzt! warum nicht gleich meinen Freund, den Doktor Boek, von Christiania? ... Und das alles wegen einer lumpigen Schmarre!« »Eine Schmarre, die schlecht geheilt wird,« erwiderte Joel, »kann leicht ernst werden!« »Ei, aber wollt Ihr mir nicht sagen, Joel, warum Ihr's Euch in den Kopf setzt, daß das ernst werden soll?« »Ich setze mir das nicht in den Kopf, Herr Sylvius – soll mich Gott bewahren!« »Nun! er wird Euch bewahren und mich auch und das ganze Haus von Frau Hansen, vor allem, wenn die niedliche Hulda willens sein sollte, mir ihre Pflege angedeihen zu lassen!« »Das will ich schon, Herr Sylvius!« »Famos, liebe Freunde! Noch vier bis fünf Tage, dann wird von der Schmarre nichts mehr zu sehen sein! Und dann: wie sollte man in einem so hübschen Zimmer nicht genesen? wo könnte man sich besser behandeln lassen als in dem trefflichen Gasthofe von Dal? Und dies gute Bett mit seinen Sinnsprüchen, die all die schrecklichen Lehrsätze der Fakultät reichlich aufwiegen! Und dies lustige Fenster, direkt auf das Tal des Maan hinaus! Und das Geflüster der Fluten, das bis hinter meinen Alkoven dringt! Und der Duft der alten Bäume, von dem das ganze Haus wie balsamiert ist! Und die gute Luft! die Bergluft! Ei, ist die nicht der beste Doktor auf der Welt? braucht man ihn, so reißt man einfach das Fenster auf und er ist da! er stimmt einen heiter und vergnügt und verordnet einem keine Hungerdiät!« Er sagte dies alles so lustig, Herr Sylvius Hog, daß mit ihm wieder Glück in das Haus einzudringen schien. Zum wenigsten war dies der Eindruck, den die Geschwister hatten, die sich an der Hand hielten, und zuhörten, und sich beide der gleichen Empfindung überließen. Der Professor war gleich in das Zimmer im Erdgeschoß geführt worden. Jetzt ließ er sich, in einen großen Armstuhl gebettet, das kranke Bein auf einen Schemel gestreckt, von Hulda und Joel pflegen. Ein anderes Mittel als einen Verband mit frischem Wasser mochte er nicht leiden: und wirklich! wozu war ein anderes auch nötig? »Recht, liebe Freunde! recht!« sagte er; »Arzneien soll man nicht mißbrauchen. Und nun wißt Ihr doch, daß ich ohne Eure Aufopferung die Wunder des Rjukanfos aus gar zu großer Nähe gesehen haben würde! ich kollerte in den Schlund hinunter wie ein Stück Fels! es hätte ja schließlich eine neue Sage zur Sage vom Maristien gegeben, und für mich dabei nicht mal eine Entschuldigung! denn meine Braut wartete nicht drüben auf mich, wie auf den unglücklichen Eystein!« »Und welcher Schmerz, welches Herzeleid wäre das für die liebe Frau Hog gewesen ... sie hätte ja niemals Trost finden können ...« »Die liebe Frau Hog?« wiederholte der Professor; »ei, ei! die hätte ganz sicher keine Träne vergossen!« »O! Herr Sylvius!« »Nein, keine Träne! sage ich Ihnen; und zwar aus dem einfachen Grunde, weil es keine Frau Hog gibt! und ich kann mir auch gar nicht einmal vorstellen, wie die hätte sein sollen, so eine Frau Hog: fett oder mager, klein oder groß ...« »Sie wäre liebenswürdig, klug, gutmütig gewesen als Ihre Frau!« versetzte Hulda. »I, was Sie sagen, Mamsellchen! Na, gut, gut! ich glaube Ihnen! ich glaube Ihnen!« »Aber wenn solches Unglück Ihren Eltern, Ihren Freunden zu Ohren gekommen wäre, Herr Sylvius?« ... sagte Joel. »Eltern habe ich eigentlich auch nicht, mein Lieber! und Freunde? hm, dem Anschein nach eine ganze Menge, die ungerechnet, die ich mir eben im Hause von Frau Hansen erworben habe! und Ihr habt ihnen die Mühe erspart, mich zu beweinen! – Sagt mir mal, Kinder, Ihr könnt mich doch auch ein paar Tage hier im Quartier behalten?« »Solange es Ihnen bei uns gefällt, Herr Sylvius,« versetzte Hulda; »dieses Zimmer gehört Ihnen!« »Die Absicht hatte ich ja übrigens, in Dal Station zu machen, wie wohl alle Touristen, um von hier aus Partieen ins ganze Telemarken zu machen ... Na, nun wird es mit Partieen nichts, oder sie kommen halt später an die Reihe ... ein und dasselbe im Grunde!« »Vor Ablauf der Woche, Herr Sylvius,« meinte Joel, »sind Sie, denk ich, wieder auf den Beinen.« »Und ich hoffe das!« »Dann führe ich Sie gern überallhin in der Voigtei, wo Sie sich umsehen wollen!« »Na, Joel, wir werden ja sehen, wie die Dinge kommen. Sobald ich nicht mehr Lehnstuhl-Invalide bin, wollen wir über die Sache reden. Vier Wochen Urlaub habe ich ja noch vor mir, und sollte ich die ganze Zeit noch im Gasthofe von Frau Hansen bleiben müssen, so dürfte ich auch nicht gerade zu beklagen sein. Das Westfjorddal zwischen den beiden Seen muß ich schon noch besuchen, auf den Gusta hinauf muß ich doch auch und zum Rjukanfos muß ich doch auch noch mal zurück, denn wenn ich auch beim Haar einen Satz hinunter gemacht hätte, so habe ich doch so gut wie nichts von ihm gesehen ... und ansehen muß ich ihn mir: davon gehe ich nicht ab!« »Wir machen halt die Partie noch einmal, Herr Sylvius,« meinte Hulda lächelnd. »Jawohl! und wir machen sie zusammen mit der wackern Frau Hansen, wenn sie sich uns anschließen will! – Ei, da fällt mir ein, Freunde! meine alte Haushälterin, die Käte, und mein altes Faktotum in Christiania, den Fink, muß ich doch mit einem kurzen Worte benachrichtigen! die möchten sich schließlich doch ängstigen, wenn ich gar nichts von mir hören ließe, und dann könnte ich was hören von Schelten! ... und nun muß ich Euch noch was sagen, Kinder! Die Erdbeeren, die frische Milch: das ist alles ganz gut und schön, schmeckt gut und erfrischt sehr! aber das reicht nicht, denn auf Hungerkost will ich nicht gesetzt werden: davon mag ich nichts hören! ... gibt's bald ein Mittagessen bei Euch?« »O! dabei haben wir doch wenig zu bestimmen, Herr Sylvius!« »Im Gegenteil! viel habt Ihr dabei zu bestimmen! sehr viel! meint Ihr etwa, ich wolle mich, solange ich in Dal bin, allein an meinem Tische und in meiner Stube mopsen? Nein! fällt mir nicht ein! mit Euch zusammen, mit Eurer Mutter will ich essen, wenn Frau Hansen nichts Ungehöriges darin sieht!« Frau Hansen, als man ihr Kenntnis vom Wunsche des Herrn Professors gab, konnte natürlicherweise, wenngleich es ihr, alter Gewohnheit gemäß, lieber gewesen wäre, für sich allein zu bleiben, nichts anderes tun, als zu knixen: es wäre doch eine gar zu große Ehre für sie und die Ihrigen, einen Deputierten des Storthing an ihrem Tische zu haben! »Also abgemacht!« erwiderte Sylvius Hog, »wir essen zusammen in der großen Stube!« »Jawohl, Herr Sylvius,« antwortete Joel; »ich brauche dann bloß Ihren Lehnstuhl an den Tisch zu schieben, wenn das Essen fertig ist ... Sie natürlich mit!« »Richtig, Herr Joel! richtig! warum nicht im Karriol? Nein! wenn mich jemand mit dem Arme stützt, komme ich schon bis zum Tische. Um ein Bein kürzer gemacht bin ich doch nicht worden! wenigstens nicht, daß ich wüßte!« »Ganz wie es Ihr Wunsch ist, Herr Sylvius,« antwortete Hulda; »aber, bitte! nicht unnützerweise unbedacht! sonst ... schicke ich Joel auf der Stelle nach dem Doktor!« »Drohungen?! Na, meinetwegen! ich will bedacht sein, will folgsam sein! und sobald ich nicht auf allzu knappe Kost gesetzt werde, soll mich niemand als widerhaarigen Gesellen finden! – Sagt mal, Kinder, habt Ihr denn gar keinen Hunger?« »Eine Viertelstunde dauert's noch,« antwortete Hulda, »bis« wir aufdecken können: es gibt heut Johannisbeersuppe, Maanforelle, ein Rebhuhn, das Joel gestern aus dem Hardanger mitgebracht hat, und eine gute Flasche Roten französischen Ursprungs.« »Danke, danke, mein tapferes Dirndl!« Hulda ging hinaus, um die Herrichtung bei Essens zu überwachen und den Tisch in der großen Stube herzurichten, während Joel das Karriol wieder zum Werkführer Lengling schaffte. Sylvius Hog blieb allein. Wo hätten seine Gedanken weilen sollen außer bei dieser ehrsamen Familie, deren Gast und Schuldner er zugleich war? was vermöchte er als Dank für die Dienste, für die Pflege und Fürsorge dieses Geschwisterpaares zu tun? aber es blieb ihm keine Zeit zu langen Betrachtungen, denn nach zehn Minuten saß er schon am Ehrenplatze der langen Tafel. Das Essen war ausgezeichnet; es rechtfertigte den Ruf des Gasthauses, und der Professor aß mit großem Appetit. Nach dem Essen wurde geplaudert; wer am meisten sprach, war Sylvius Hog, und so verstrich der Abend. Da Frau Hansen sich in die Unterhaltung nicht gern mischte, zog er die Geschwister hinein. Die lebhafte Sympathie, die er bereits für Hulda und Joel empfand, konnte dadurch nur noch wachsen. Eine so rührende Geschwisterliebe konnte nicht verfehlen, dem Professor zu Herzen zu gehen. Als die Nacht da war, begab er sich, von Joel und Hulda gestützt, in seine Stube, sagte allen freundlich gute Nacht und schnarchte, kaum mit dem einen Fuß in dem Bett mit den sinnigen Sprüchen, – schnarchte bis in den Morgen hinein. Aber er war doch beizeiten auf, denn er wollte überlegen, was er tun könne zum Danke, ehe noch an seine Tür geklopft würde. »Nein,« sagte er bei sich, »ich weiß wirklich nicht, wie ich mich da herauswinden soll! man kann sich doch nicht retten, pflegen, heilen lassen und alles bloß für ein schön Dank! Ich bin Huldas Schuldner und Joels Schuldner: da gibt's doch keinen Streit! Aber, bitte! das sind keine Dienste, die sich mit Geld abfinden lassen ... Pfui, pfui! ... Anderseits hat's doch ganz den Anschein, als ob bei den wackeren Leuten das Glück zu Hause sei, als ob ich zu ihrem Glück nichts hinzuzutun vermöchte! Na, wir müssen eben mal den Fall durchsprechen, und bei der Unterhaltung findet sich vielleicht ...« Während der drei bis vier Tage, die der Professor noch seinem kranken Beine widmen mußte, plauderten sie alle drei fleißig; leider aber herrschte auf seiten der Geschwister eine gewisse Zurückhaltung: weder der Bruder noch die Schwester wollten sich über die Mutter aussprechen, deren kaltes, bedrücktes Wesen dem Professor nicht entging. Anderseits wehrte ihnen wieder die Rücksicht, daß es nicht am Platze sei, den fremden Herrn mit Dingen zu behelligen, die ihn nicht interessieren könnten, über Ole Kamp und die Sorge, die sie um ihn erfüllte, ihm ihr Herz auszuschütten. Liefen sie nicht Gefahr, ihrem Gast dadurch die frohe Laune zu verderben? »Vielleicht tun wir aber doch unrecht,« meinte Joel zu seiner Schwester, »daß wir uns Herrn Sylvius nicht anvertrauen! Er ist doch ein Mann, der guten Rat weiß, und durch seine Beziehungen könnte er doch am Ende in Erfahrung bringen, ob man sich im Seeamte damit befaßt, was aus dem »Viken« geworden ist.« »Du hast recht, Joel,« antwortete Hulda; »ich denke auch, wir täten gut, ihm alles zu sagen. Aber warten wir, bis er ganz gesund ist.« »Ganz recht,« versetzte Joel; »lange kann das ja nicht mehr dauern!« Als die Woche zu Ende ging, konnte Sylvius Hog ohne Hilfe sein Zimmer verlassen, wenn er auch noch schwach hinkte. Er setzte sich nun auf eine Bank draußen vorm Hause, in den Schatten der Bäume. Ihm gegenüber erhob sich der in den Sonnenstrahlen glitzernde Gipfel des Gusta, während zu seinen Füßen der Maan, Baumstämme zu Tale führend, polterte. Auf dem Wege von Dal nach Rjukanfos sah man auch Leute, zumeist Touristen, von denen kaum einer an Frau Hansens Gasthaus vorbeiging, ohne eine Stunde zu rasten, ein Frühstück oder ein Mittagbrot einzunehmen. Auch Studenten aus Christiania mit dem Rucksack auf dem Buckel und der kleinen norwegischen Kokarde am Mützchen, zogen vorbei. Die kannten natürlich den Professor. Da gab es nun einen »Guten Tag« auf den andern, einen herzlichen Glückwunsch auf den anderen, sämtlich Beweise dafür, wie beliebt Sylvius Hog bei dieser ganzen Jugend war. »Ei! Sie hier, Herr Sylvius?« »Jawohl, ich hier, Freunde!« »Und dabei meint man, Sie weilten tief unten im Hardanger!« »Irrtum! Unten im Rjukanfos müßte ich liegen!« »Na, wir wollen es überall ausposaunen, daß Sie in Dal sitzen!« »Jawohl in Dal, mit einem Bein – in der Binde!« »Zum Glück haben Sie gute Unterkunft und Pflege im Gasthause von Frau Hansen!« »Such man sich's besser!« »Wird's kaum geben!« »Und bessere Menschen?« »Gibt's ganz gewiß nicht!« versetzten lustig die Touristen und tranken alle auf Huldas und Joels Gesundheit, die beide im ganzen Telemarken gut bekannt waren. Dann erzählte der Professor, was ihm passiert war, bekannte seinen Unbedacht, schilderte, wie er gerettet worden, und sprach von der großen Dankbarkeit, die er seinen Rettern schuldig sei! »Und wenn ich hier bleibe, bis meine Schuld abgetilgt ist,« schloß er lächelnd, »dann bleibt mein Kolleg über Staatsgesetzgebung noch lange geschlossen, liebe Freunde, und Sie können Ferien halten bis Anno Null.« »Famos, Herr Sylvius!« wiederholte die ganze fröhliche Schar im Chore; »wissen schon! wissen schon! die niedliche Hulda hält Sie in Dal!« »Ein liebenswürdiges Kind, Freunde! und ein liebreizendes Kind! und ich bin, beim heiligen Olaf! erst sechzig Jahre.« »Prosit, fiducit, Herr Sylvius!« »Prosit, Ihr jungen Freunde! prosit! Streift herum im Lande! bildet Euch und amüsiert Euch! In Eurem Alter ist immer schön Wetter! Aber die Maristien laßt beiseite! wer weiß, ob Joel und Hulda gleich wieder bei der Hand wären, die Unvorsichtigen zu retten, die sich dorthin wagen möchten!« Darauf marschierte das lustige Völkchen weiter, von dessen munterem »Godaften!« das Tal noch lange laut widerhallte. Ein paarmal mußte sich aber Joel doch vom Hause trennen, um Touristen beim Aufstieg auf den Gusta als Führer zu dienen. Sylvius Hog wäre gar zu gern mitgegangen. Er behauptete, ihm fehle nichts mehr! die Schramme am Bein fing freilich auch an, zu vernarben. Aber Hulda litt es unter keinen Umständen, daß er sich solcher für ihn noch viel zu großen Strapaze aussetzte; und wenn Hulda befahl, so mußte er schon parieren! Ein kurioser Berg aber, dieser Gusta, dessen von zahlreichen Schneeschluchten zerrissener Mittelkegel aus einem Tannenwalde aufragt, wie aus einem ewiggrünen Kragen, der sich an seinem Fuße rings herum zieht. Und welch eine Aussicht auf seinem Gipfel! Im Osten die ganze Voigtei Numedal; im Westen das ganze Hardanger mit seinen majestätischen Gletschern; dann am Fuße des Berges das gewundene Westfjorddal zwischen dem Mjössee und dem Tinnsee, Dal und seine Miniaturhäuschen, die richtige Spielzeugschachtel! und der ganze Lauf des Maan, ein glitzerndes Band, das aus der sattgrünen Ebene hervor bald schimmert, bald leuchtet. Zu diesem Aufstieg brach Joel um 5 Uhr morgens auf und kehrte in der 6. Abendstunde zurück. Sylvius ging ihm mit Hulda ein Stück entgegen, bis zu der Fährmannshütte. Sobald das Fahrzeug die Touristen mit ihrem Führer gelandet hatte, wurden herzliche Händedrücke gewechselt, und die drei Leutchen verbrachten einen gemütlichen Abend mehr. Der Professor lahmte noch immer, führte aber keinerlei Klage. Es sah wirklich ganz so aus, als ob er es mit der Genesung gar nicht so eilig habe, als ob er noch gar keine rechte Lust habe, das gastliche Haus der Frau Hansen zu meiden. Zudem verflog die Zeit ziemlich schnell. Sylvius Hog hatte nach Christiania geschrieben, daß er noch einige Zeit lang in Dal zu bleiben gedenke. Die Kunde von seinem Abenteuer am Rjukanfos hatte sich im ganzen Lande verbreitet. Die Zeitungen hatten darüber berichtet – ein paar natürlich mit mancherlei dramatischem Aufputz. Da regnete es nun Briefe nach dem Gasthause, die Hefte und Journale und Zeitungen gar nicht gerechnet. Das mußte alles gelesen werden, mußte alles beantwortet werden. Sylvius Hog las alles und beantwortete alles, und die Namen Hulda Hansen und Joel Hansen machten mit diesem Briefwechsel über den Vorfall, in welchem sie ja eine Hauptrolle gespielt hatten, den Weg durch das ganze Norwegerland. Ins Unendliche ließ sich nun aber dieser Aufenthalt bei Frau Hansen nicht verlängern, und Sylvius Hog war sich darüber, wie er sich seiner Schuld entledigen könne, noch immer nicht klarer als bei seinem Eintritt ins Haus. Indessen dämmerte ihm doch langsam eine Ahnung auf, daß die Familie Hansen so glücklich, wie er geglaubt hatte, schließlich doch auch nicht sei. Die Ungeduld, mit der Bruder und Schwester Tag für Tag auf die Post von Christiania oder Bergen warteten, ihre Enttäuschung, ja ihr Kummer, wenn sie sahen, daß immer und immer kein Brief für sie mitkam, das alles redete eine zu deutliche Sprache. Schon war der 9. Juni da! und noch immer seine Kunde vom »Viken«! Eine Fahrtverspätung also von mehr als 14 Tagen über den für die Rückkehr angesetzten Zeitpunkt! Kein Brief von Ole! nichts, nichts was Huldas Pein und Qual hätte lindern können! Das arme Mädchen verfiel in Verzweiflung, und eines Morgens fand sie der Professor, als er zu ihr trat, mit rotgeweinten Augen. »Was gibt's denn?« fragte er sich da; »ein Unglück, das man befürchtet und das man mir verborgen hält! etwa ein Familiengeheimnis, in das sich ein Fremder nicht mischen kann? Wer bin ich ihnen denn ein Fremder? Nein! das sollten sie doch bedenken! Na, vielleicht begreift man, wenn ich meine Abreise melde, daß ein wahrer Freund aus dem Hause scheidet!« Noch am nämlichen Tage sagte er: »Freunde! der Augenblick kommt heran, wo ich zu meinem großen Leidwesen gezwungen bin, Euch zu verlassen.« »Schon, Herr Sylvius, schon!« rief Joel mit einer Lebhaftigkeit, die er nicht zu bezwingen vermochte. »Ei! die Zeit verstreicht schnell Bei Euch! ich bin ja schon 17 Tage in Dal!« »Was! ... 17 Tage!« sagte Hulda. »Jawohl, herziges Kind, und mein Urlaub geht zu Ende! Bleibt mir doch kaum noch eine Woche, um die geplante Reise durch Drammen und Kongsberg zu machen! und doch verdankt das Storthing allein Euch, daß es keine Ergänzungswahl vorzunehmen braucht, und im Storthing dürfte man sich ebenso unklar darüber sein, wie ich es mir selber bin, auf welche Weise man sich bei Euch abfinden soll ...« »Aber, Herr Sylvius! ...« versetzte Hulda, die fast so tat, als ob sie ihm mit ihrer kleinen Hand den Mund zuhalten wollte. »Abgemacht, Hulda!« sagte er; »es ist mir verboten, darüber zu sprechen – wenigstens hier ...« »Hier sowohl wie anderswo,« sagte das junge Mädchen. »Meinethalben! ich bin da nicht Herr, sondern muß parieren! Aber Ihr kommt mich doch mal in Christiania besuchen?« »Wir Sie besuchen, Herr Sylvius?« »Jawohl! mich besuchen ... sollt auch ein paar Tage bei mir bleiben ... mit Frau Hansen, versteht sich!« »Und wer soll das Gasthaus versorgen, wenn wir nicht da sind?« erwiderte Joel. »Aber ich denke, wenn die Touristenzeit vorbei ist, dann seid Ihr im Gasthaus nicht nötig! Darum rechne ich darauf, daß Ihr gegen Herbstausgang ...« »Herr Sylvius,« meinte Hulda, »das wird wohl schwer angehen ...« »Im Gegenteil, kinderleicht wird's gehen, Freunde! Sagt mir bloß nicht Nein! Solche Antwort würde ich nicht gelten lassen ... nun und nimmer! und wenn ich Euch dort unten erst habe, im schönsten Zimmer meines Hauses, zwischen meiner alten Käte und meinem alten Fink, dann sollt Ihr gehalten werden wie meine Kinder und dann sollt Ihr mir schon sagen müssen, was ich für Euch tun kann!« »Was Sie für uns tun können, Herr Sylvius?« antwortete Joel mit einem Blick auf die Schwester. »Bruder!« sagte Hulda, die Joels Gedanken begriffen hatte. »Na, so redet doch, Joel, redet doch!« »Nun, Herr Sylvius! eine große, große Ehre könnten Sie uns antun!« »Und die wäre?« »Zu meiner Schwester Hochzeit kommen ... wenn Ihnen das nicht zuviel Störung machen sollte!« »Zu Huldas Hochzeit!« rief Sylvius Hog; »wie! meine kleine Hulda macht Hochzeit? ... und davon hat man mir noch kein Sterbenswort gesagt ...« »Ach, Herr Sylvius!« versetzte das junge Mädchen, während sich seine Augen mit Tränen füllten. »Und wann soll denn Hochzeit sein?« »Wann es Gott gefallen wird, uns Ole wieder zurückzuschicken ... Ole, den Bräutigam!« Elftes Kapitel. Nun erzählte Joel die ganze Geschichte von Ole Kamp. Sylvius Hog hörte tiefgerührt und mit tiefer Aufmerksamkeit zu. Jetzt wußte er alles. Er hatte nun auch den letzten Brief, in welchem Ole seine Heimkehr anzeigte, gelesen, und Ole kehrte nicht wieder! Welche Unruhe, welche Sorge, welche Angst für die ganze Familie Hansen! »Und da dachte ich nun, Gott weiß, wie glücklich die Leutchen wären!« Wenn er aber recht bei sich bedachte, so kam es ihm doch vor, als ob die Geschwister schon verzweifelten, wo sich noch immer hoffen ließ. Durch ihr fortwährendes Zählen dieser Mai- und Junitage war die Ziffer in ihrer Phantasie gewachsen, als wenn sie sie doppelt gezählt hätten. Der Professor wollte ihnen seine Gründe auseinandersetzen – die ja keine Beweisgründe sein sollten – aber doch Gründe sehr ernster, sehr begreiflicher Natur waren – und wollte mit ihnen in voller Ruhe darüber sprechen, was diese Fahrtverzögerung des »Viken« im Grunde auf sich hätte, wie es sich um sie verhalten dürfte. »Hört mir zu, Kinder,« sagte er zu ihnen; »setzt Euch zu mir! laßt uns reden!« »Ach! was werden Sie uns sagen können, Herr Sylvius?« rief Hulda, vom Schmerz überwältigt. »Was mir richtig erscheint, das werde ich Euch sagen können und sagen, anderes nicht,« versetzte der Professor, »und das ist Folgendes: ich habe über alles nachgesonnen, was Joel mir erzählt hat. Nun, und da scheint mir: Eure Unruhe übersteigt das richtige Maß. Ich möchte Euch ja keine trügerischen Hoffnungen machen, aber von Wichtigkeit bleibt doch, daß die Dinge auf ihren richtigen Standpunkt gesetzt und von keinem andern aus ins Auge gefaßt werden.« »Ach, Herr Sylvius!« erwiderte Hulda; »mein armer Ole ist mit dem »Viken« untergegangen ... ich werde ihn nimmer wiedersehen!« »Schwesterchen! ... Schwesterchen!« rief Joel; »beruhige dich, bitte, bitte! und laß Herrn Sylvius sprechen!« »Bewahren wir unser kaltes Blut, Kinder! Rechnen wir: in der Zeit zwischen dem 15. und 20. Mai sollte Ole zurück sein ... nicht wahr?« »Ja,« sagte Joel, »zwischen dem 15. und 20. Mai, wie es in seinem Briefe steht, und jetzt haben wir den 9. Juni.« »Das macht also eine Verzögerung von 20 Tagen über den letzten für die Heimkehr des »Viken« festgesetzten Tag! Freilich ist das schon eine Sache, wie ich gern gelten lasse. Indessen darf man von einem Segelschiff nicht verlangen, was sich von einem Dampfschiff erwarten läßt!« »Das habe ich der Schwester in einem fort gesagt und sage es ihr noch immer,« meinte Joel. »Und das ist sehr recht von Euch, mein lieber Joel,« erwiderte Sylvius Hog; »außerdem kann es auch sein, daß der »Viken« ein altes Schiff ist, das wie die meisten Neufundlands-Schiffe schlechte Fahrt macht, vornehmlich wenn sie schwere Ladung haben. Auf der andern Seite haben wir schon wochenlang sehr schlimmes Wetter gehabt. Vielleicht hat Ole zu der Zeit, wie sein Brief meldet, nicht in See gehen können? In diesem Falle wäre eine Verspätung von acht Tagen nicht verwunderlich, auch nicht, daß Ihr bis heute noch keinen neuen Brief von ihm bekommen habt. Alles was ich Euch sage, glaubt mir, ist das Ergebnis ernster Erwägungen. Außerdem: wißt Ihr, ob der »Viken« vielleicht nicht Instruktionen mitgenommen hat, seine Fracht, je nach der Marktlage, unter anderer Breite, in einem andern Hafen, an Land zu schaffen?« »Das hätte doch Ole geschrieben!« erwiderte Hulda, die sich auch an solche Hoffnung nicht klammern konnte. »Was beweist denn, daß er nicht geschrieben hat?« versetzte der Professor: »und wenn er es getan hat, so würde die Verspätung dann nicht mehr den »Viken« treffen, sondern die Post von Amerika. Nehmt doch an, Oles Schiff hätte in irgend einem Hafen der Vereinigten Staaten anlaufen müssen, so würde das doch sattsam erklären, wieso noch keiner seiner Briefe nach Europa gelangt ist.« »In einem Hafen Amerikas, Herr Sylvius?« »Das passiert doch zuweilen, und dann braucht doch bloß eine Post versäumt zu werden, um die Freunde lange ohne Nachrichten zu lassen! ... Jedenfalls ist es doch eine höchst einfache Sache, Erkundigung bei den Reedern in Bergen einzuziehen! – Kennt Ihr sie?« »Gewiß,« antwortete Joel, »die Herren Gebrüder Help!« »Gebrüder Help? Help senior's Söhne?« rief Sylvius Hog. »Jawohl.« »Aber die kenne ich doch gut! Der jüngste, Help junior, wie man immer sagt, obgleich er in meinem Alter ist, ist ein guter Freund von mir. Wir haben oft zusammen in Christiania gespeist. Gebrüder Help, Kinder? Ach, von denen erfahren wir alles, was den »Viken« angeht. Noch heute will ich an sie schreiben und, falls es nötig sein sollte, bei ihnen selber vorsprechen.« »Wie gütig, Herr Sylvius!« riefen Hulda und Joel wie aus einem Munde. »Ach, keine Dankworte, bitte!« sagte der Professor, »das verbitte ich mir entschieden. Habe ich mich etwa bedankt für Euern Dienst dort unten? ... Ei! ich finde da Gelegenheit, Euch eine kleine Gefälligkeit zu erweisen, und da geratet Ihr gleich aus dem Häuschen!« »Aber Sie sprachen doch davon, über Christiania zurückzukehren!« bemerkte Joel. »Nun, dann geht's eben über Bergen zurück, wenn es sich anders nicht machen läßt.« »Aber Sie wollten uns doch schon verlassen, Herr Sylvius?« meinte Hulda. »Nun, dann verlasse ich Euch eben nicht, mein liebes Dirndl! Ich bin ja, denke ich, ganz mein freier Herr, und bevor ich nicht Klarheit in diese Lage gebracht habe ... vorausgesetzt, daß man mich nicht vor die Tür setzt ...« »Aber was sprechen Sie da?« »Na, da habe ich nun gerade Lust, solange in Dal zu bleiben, bis Ole wieder da ist! ich möchte ihn doch auch kennen lernen, den Bräutigam von meiner kleinen Hulda! muß ein wackerer Bursche sein ... so vom Schlage Joels?« »Jawohl! ganz wie Joel!« antwortete Hulda. »Das wußte ich doch!« rief der Professor, dessen gute Laune, zweifelsohne mit Absicht, Oberwasser bekam. »Ole ist Ole, und kein anderer, Herr Sylvius,« sagte Joel, »und anderer Beweise dafür, daß er ein gutes Herz hat, bedarf es nicht.« »Kann sein, lieber Joel, kann sein! und gerade dadurch wird mein Wunsch, ihn zu sehen und kennen zu lernen, noch lebhafter. O! das wird nicht lange dauern! mir sagt eine innere Stimme, daß der »Viken« bald da sein wird!« »Gott erhöre Sie!« »Und warum soll er mich nicht hören? Gar feine Ohren hat er ja! Also! ich will Huldas Hochzeit mitmachen, da ich nun mal dazu eingeladen bin! Das Storthing wird mir ganz gern noch ein paar Wochen länger Urlaub geben. Hätte sich ja überhaupt drein finden müssen, mich zu missen, wenn Ihr mich, wie mir ganz recht geschehen wäre, in den Rjukanfos hättet purzeln lassen!« »Herr Sylvius!« sagte Joel, »es tut einem wohl, Sie so sprechen zu hören – und wieviel Gutes erweisen Sie uns durch Ihre Worte!« »Lange nicht soviel, wie ich möchte, Ihr lieben Freunde, denen ich soviel schulde, daß ich gar nicht weiß ...« »Ach, reden Sie doch nicht immer bloß von diesem Abenteuer!« »Im Gegenteil! davon werde ich nicht aufhören zu reden! Das wäre! habe ich mich etwa aus den Klauen der Maristien befreit? Hab ich etwa mein Leben eingesetzt, um mich zu retten? Hab ich mich etwa bis zur Daler Herberge geschafft? Hab ich mich etwa gepflegt und gesund gemacht ohne Beistand und Hilfe der Fakultät? Ha! aber eigensinnig, dickköpfig bin ich, wie ein Karriolsgaul! das sage ich Euch! Und wenn ich es mir in den Kopf gesetzt habe, Huldas Hochzeit mit Ole Kamp mitzumachen, nun, beim Sankt Olaf! dann mache ich sie eben mit!« Vertrauen wirkt ansteckend. Wie sollte man solchem Vertrauen widerstehen, wie Sylvius Hog es zeigte? Er merkte es recht gut, als ein Schatten von Lächeln das Gesicht des Mädchens aufhellte. Verlangte sie doch nach weiter nichts als einem klein wenig Hoffnung und Glauben! ... Sylvius Hog fuhr im lustigsten Tone, den er anschlagen konnte, zu plaudern fort: »Da muß doch bedacht werden, daß die Zeit gar flinke Beine hat! machen wir uns also ohne Säumen an die Zurüstungen zu solchem Feste!« »Es ist schon alles im vollen Gange, Herr Sylvius,« antwortete Hulda, »und zwar schon seit drei Wochen!« »Prächtig! nun wollen wir uns bloß nicht darin stören, nicht aufhalten lassen!« »Nicht stören lassen? nicht aufhalten lassen?« antwortete Joel; »aber es ist ja alles schon fertig!« »Was? das Brautkleid? das Mieder mit den Filigran-Schließen? der Gürtel und die Bommeln?« »Auch schon die Bommeln!« »Und auch die Brautkrone, die meine kleine Hulda schmücken wird wie eine Glorie?« »Auch die, Herr Sylvius!« »Und die Einladungen auch alle besorgt?« »Alle,« versetzte Joel; »sogar die, auf die wir am meisten halten, die an Sie!« »Und die Brautjungfer auch schon ausgesucht unter den klügsten Dirndeln des Telemarken?« »Und unter den schönsten, Herr Sylvius,« erwiderte Joel, »denn Mamsell Siegfriede Helmboe von Bamble wird es sein, die der Schwester als Brautjungfer dient.« »In welchem Tone er das alles sagt, der brave Junge!« rief der Professor, »und wie rot er dabei wird! Ei, ei! sollte etwa gar Mamsell Siegfriede Helmboe aus Bamble bestimmt sein, die gnädige Frau Joel Hansen von Dal zu werden?« »Jawohl, Herr Sylvius, jawohl!« erwiderte Hulda; »Siegfriede, die beste Freundin von mir, ist Joels Liebste!« »Famos, famos!« rief Sylvius Hog, »also noch eine Hochzeit mehr! und daß ich dazu auch eingeladen werde, glaube ich doch ganz bestimmt, ebenso wie ich weiß, daß ich diese Einladung ganz unmöglich werde ausschlagen können! Es wird mir entschieden nichts weiter übrig bleiben, als auf meinen Sitz im Storthing zu verzichten, denn es bleibt mir, wie ich schon jetzt sehe, gar keine Zeit mehr, an den Sitzen teilzunehmen! Na, darüber ist nicht weiter zu reden, mein wackerer Joel! Euer Brautführer bin ich, wie ich vorher Trauzeuge von Eurem Schwesterchen sein werde, sofern es Euch beiden so recht ist! Wirklich und wahrhaftig! Ihr könnt aus mir alles machen, was Ihr wollt, oder vielmehr, alles, was Ihr von mir gemacht haben wollt, ist im voraus mein Wille auch! So, meine kleine liebe Hulda! nun komm und gib mir einen Kuß! und du, mein wackerer Herzensjunge, drücke mir die Hand! So! und nun will ich meinem Bergener Freunde, Help junior, ein paar Worte schreiben!« Bruder und Schwester verließen das Zimmer im Erdgeschoß, von dem der Professor schon sprach, es für immer mieten zu wollen, und begaben sich mit einem bißchen besserer Hoffnung an ihre Arbeit. Sylvius Hog war allein geblieben. »Das arme Ding! das arme Ding!« sprach er leise vor sich hin; »ja doch! ich habe sie auf eine kleine Weile über ihren Schmerz hinweggetäuscht; habe ihr ein bißchen Ruhe wiedergegeben! ... Aber es ist doch eine sehr, sehr lange Fahrtverzögerung, und noch dazu in Meeren, die um diese Jahreszeit so äußerst schlimm zu sein pflegen! ... Wenn der »Viken« untergegangen wäre! ... wenn Ole nicht mehr wiederkommen sollte!« ... Kurz darauf schrieb der Professor an die Bergener Reederei. Worin er in seinem Briefe bat, das waren die genauesten Angaben über alles, was den »Viken« und seine Neufundlandfahrt anging. Er wollte wissen, ob irgend ein Umstand, ob nun vorhergesehen oder nicht, das Schiff hätte zwingen können, seinen Bestimmungshafen zu wechseln; es käme ihm außerordentlich viel darauf an, schnellstens zu erfahren, wie sich die Reeder- und seemännische Welt von Bergen das Ausbleiben des »Viken« erkläre. Zum Schlusse ersuchte er seinen Freund Help jun., die eingehendsten Untersuchungen anzustellen und ihm mit nächster Post zu antworten. In diesem dringlichen Schreiben gab er dem Freunde auch Auskunft, warum er sich für den jungen Steuermann an Bord des »Viken« so rege interessiere, für welchen großen Dienst er der Braut desselben zu danken verpflichtet sei und welche Freude es ihm bereiten würde, wenn er den Kindern von Frau Hansen ein wenig Hoffnung machen könnte. Joel trug den Brief, als er fertig war, nach Möl hinüber aufs Postamt. Am nächsten Tage sollte er abgehen, also am 11. Juni in Bergen sein. Am 12. abends oder spätestens am 13. morgens konnte von Herrn Help junior Antwort da sein. Beinahe drei Tage lang hieß es also auf Antwort warten! Wie lange die zu dauern schienen! Aber der Professor ließ es an beruhigenden Worten und an allerhand Gründen, danach angetan, Mut und Hoffnung zu wecken, nicht fehlen, und hierdurch gelang es ihm, der Frist, die sich nun einmal nicht umgehen ließ, viel von ihrer unangenehmen Art zu nehmen. Hatte er nicht nun, nachdem er Huldas Geheimnis kannte, ein bestimmt vorgezeichnetes Gesprächsthema? und welchen Trost schuf es sowohl Joel als seiner Schwester, fortwährend von dem Abwesenden sprechen zu können! »Gehöre ich denn nun nicht zu Eurer Familie?« fragte Sylvius Hog des öftern; »versteht sich ... als so eine Art von Onkel aus Amerika oder anders woher, unverhofft mit dem Schiffe hinüber ins Norwegerland gekommen ...« Von diesem Gesichtspunkte aus durfte man ihm gegenüber also Geheimnisse gar nicht mehr haben! Nun konnte es aber nicht ausbleiben, daß ihm das Benehmen der beiden Kinder gegen die Mutter auffiel. Die Zurückhaltung, in der sich Frau Hansen zu gefallen schien, mußte seiner Meinung nach einen andern Beweggrund haben, als die Unruhe, die hinsichtlich Ole Kamps die Gemüter beherrschte. Er meinte deshalb mit Joel darüber sprechen zu sollen. Joel wußte keine Antwort auf solche Frage. Nun wollte er Frau Hansen selber hierüber ins Gebet nehmen; aber sie zeigte sich so verschlossen, daß er es aufgeben mußte, ihre Geheimnisse zu ergründen. Zweifelsohne würde die Zukunft ihm Aufklärung bringen. So wie es Sylvius Hog vorausgesehen hatte, gelangte die Antwort von Help junior am Vormittag des 13. nach Dal. Joel war schon in aller Frühe dem Postboten entgegen gegangen; er war es, der den Brief in die große Stube hinein brachte, wo der Professor mit Frau Hansen und ihrer Tochter weilte. Zuerst herrschte einen Augenblick lang Stille. Es wollte keiner das Wort ergreifen. Hulda war leichenblaß: sie hätte vor Erregung kein Wort über die Lippen bringen können; das Herz schlug ihr zum Zerspringen; sie hatte des Bruders Hand erfaßt. Sylvius Hog machte den Brief auf und las mit lauter Stimme. Zu seinem Bedauern enthielt Help juniors Antwortschreiben bloß unbestimmte Andeutungen, und der Professor konnte vor den jungen Leuten, die ihm mit Tränen in den Augen zuhörten, seine Enttäuschung nicht verbergen. Der »Viken« war wirklich an dem von Ole Kamp in seinem letzten Brief angegebenen Tage aus dem Hafen Saint-Miquelon abgefahren. Auf die genaueste Weise war diese Auskunft durch andere Fahrzeuge gegeben worden, die bereits von Neufundland her nach Bergen gekommen waren. Keins von ihnen war dem »Viken« auf der Fahrt begegnet. Aber auch sie hatten schweres Unwetter in den Gewässern von Island überstehen müssen. Warum also der »Viken« nicht auch? vielleicht hatte er Zuflucht in irgend einem Hafen gesucht! er war doch ein treffliches Schiff, standfest und fuhr unter dem Kommando des tüchtigen Kapitäns Frikel von Hammerfest, hatte auch eine kernfeste erprobte Mannschaft. Jedenfalls gäbe, so schloß das Schreiben der Reederfirma, die Fahrtverzögerung Ursache zu Besorgnis, und wenn sie sich noch weiter erstreckte, so stände allerdings zu befürchten, daß der »Viken« mit Mann und Mails untergegangen sei. In einer Nachschrift Bedauerte Help junior, über den jungen Anverwandten der Familie Hansen keine besseren Nachrichten geben zu können; zumal sich von Ole Kamp nur sagen lasse, daß er ein äußerst tüchtiger Mensch und Seemann sei und aller Freundschaft und Sympathie würdig sei, die er seinem Freunde Sylvius Hog einflöße. Help junior gab noch dem Professor die Versicherung freundschaftlicher Zuneigung und zwar von seiner Seite sowohl als von seilen seiner Angehörigen, versprach ihm auch, ohne Aufschub alles mitzuteilen, was ihm über den »Viken« bekannt werden sollte, gleichviel aus welchem Hafen Norwegens solche Kunde kommen möge. Die arme Hulda war ohnmächtig auf einen Sessel gesunken, während Sylvius Hog diesen Brief vorlas. Als er damit zu Ende war, konnte sie sich vor Schluchzen nicht beruhigen. Joel hatte mit verschränkten Armen zugehört, ohne ein Wort zu sagen, ja ohne daß er sich getraute, die Schwester anzublicken. Frau Hansen hatte sich, als Sylvius Hog mit Lesen fertig war, in ihre Stube zurückgezogen. Es schien fast, als habe sie sich solches Unglücks ebenso wohl versehen, wie so vieles andern, auf das sie gefaßt war. Der Professor winkte nun Hulda und ihren Bruder zu sich heran. Er fühlte das Bedürfnis, noch über Ole Kamp mit ihnen zu reden, ihnen alles zu sagen, was ihm in seiner Auffassung der Lage als mehr oder weniger wahrscheinlich vorkäme, und er gab seiner Meinung mit einer nach Help juniors Schreiben zum wenigsten seltsamen Zuversicht Ausdruck. Nein! – es überkam ihn wie eine Ahnung! – zum Verzweifeln war die Lage der Dinge nicht! – Seien denn nicht Beispiele über Beispiele bekannt von längeren Fahrtverspätungen, die auf der Route zwischen Norwegen und Neufundland in diesen immer beschwerlichen Gewässern von Schiffen erlitten worden seien? Gewiß! ganz ohne Frage! War der »Viken« denn nicht ein seetüchtiges Schiff, von seetüchtigem Kapitän gefahren, von seetüchtiger Mannschaft bedient? fuhr er also nicht unter weit besseren Bedingungen als all die anderen Schiffe, die den Heimweg in ihre Häfen gefunden hatten? Ganz entschieden! »Hoffen wir also, liebe Kinder,« setzte er hinzu, »und warten wir ab! Hätte der »Viken« Schiffbruch zwischen Island und Neufundland gelitten, würden dann die zahlreichen auf gleicher Fahrt nach Europa begriffenen Schiffe nicht irgend welche Trümmerspuren von ihm gefunden haben? Nun! das ist doch nicht der Fall! Kein einziges Trümmerstück ist in diesen bei der Rückkehr von der Hochseefischerei so vielbefahrenen Gewässern aufgefunden worden! Das schließt natürlich nicht aus, daß wir uns regen, daß wir alles tun müssen, um verläßlichere Kunde zu erlangen. Bleiben wir in dieser Woche noch ohne Nachricht vom »Viken«, noch ohne Brief von Ole, dann will ich nach Christiania zurückkehren, will mich an das Seeamt wenden, das auf der Stelle Nachforschungen anstellen wird – die, wie ich fest überzeugt bin, zu unser aller Zufriedenheit ausfallen werden.« So zuversichtlich auch der Professor zu sprechen sich Bemühte, so merkten Joel und Hulda doch heraus, daß er bei weitem so nicht mehr sprach, wie vor der Ankunft dieses Briefes aus Bergen, dessen ausweichende Abfassungsweise nur einen sehr geringen Grad von Hoffnung bestehen ließ. Sylvius Hog wagte jetzt keinerlei Anspielung mehr auf die baldige Hochzeit zwischen Ole Kamp und Hulda. Und doch wiederholte er mit einer Kraft des Ausdrucks, die nicht ohne Eindruck blieb: »Nein! es kann nicht sein! es ist ja nicht möglich! Ole sollte in Frau Hansens Haus nicht wieder den Fuß setzen! Ole sollte mit Hulda nicht Hochzeit machen! An solches Unglück werde ich nun und nimmer glauben!« Diese Ueberzeugung saß in ihm fest, entstammte seinem energievollen Charakter, seinem unerschütterlichen Temperament. Aber wie andere dieser Ueberzeugung teilhaftig machen? vornehmlich diejenigen, denen das Schicksal des »Viken« so unmittelbar nahe ging? Indessen verstrichen noch immer einige Tage. Sylvius Hog, der nun völlig genesen war, machte in der Umgegend weite Spaziergänge. Er veranlaßte die Geschwister, sich ihm anzuschließen, um sie nicht mit ihren Gedanken allein zu lassen. An einem Tage klommen sie wieder das Westfjorddal hinauf bis halbwegs zu den Rjukan-Fällen. Am Tage darauf unternahmen sie in der Richtung nach Möl und dem Tinnsee den Rückweg. Einmal waren sie sogar 24 Stunden vom Hause fern, als sie ihren Marsch bis nach Bamble ausgedehnt hatten, wo der Professor Bekanntschaft mit dem Pächter Helmboe und dessen Tochter Siegfriede schloß. Wie herzlich Siegfriede sich ihrer Hulda annahm! wie innig sie die Freundin willkommen hieß! welche zärtlichen Worte sie fand zu ihrem Troste! Dort machte Sylvius Hog den wackeren Menschen nochmals ein wenig Hoffnung. Er hatte an das Seeamt von Christiania geschrieben. Die Regierung befaßte sich mit dem Schicksal des »Biken«. Man würde das Schiff schon ausfindig machen; Ole würde schon wieder heimkommen. Das sei sogar täglich zu erwarten. Nein, nein! keine sechs Wochen würden mehr vergehen bis zu Huldas Hochzeit! Der treffliche Mann schien so fest überzeugt von seinen Gründen, daß man sich dieser Ueberzeugung vielleicht leichter fügte als den Gründen. Dieser Besuch bei Helmboes in Bamble tat den Kindern der Frau Hansen äußerst wohl; sie kehrten mit weit größerer Ruhe im Herzen nach Hause zurück, als sie vom Hause weggegangen waren. Der 15. Juni kam heran. Nun war der »Biken« schon ganze vier Wochen ausständig. Bei einer verhältnismüßig doch so kurzen Fahrtstrecke, wie zwischen Neufundland und Norwegen, war dies tatsächlich eine übergroße Frist – selbst für ein Segelschiff! Hulda war ganz außer sich. Ihr Bruder fand keine Worte mehr, sie zu trösten. Dem Professor ging die Aufgabe, die er sich gestellt hatte, noch immer Hoffnung aufrecht zu erhalten, angesichts dieser beiden armen Geschöpfe, die keinen Fuß mehr aus dem Hause setzten, außer um Ausschau in der Richtung nach Möl zu halten oder ein Stück nach dem Rjukanfos hin zu gehen, über die Kräfte. Ole Kamp mußte nämlich von Bergen her kommen, es konnte aber auch sein, daß er von Christiania her kam, falls nämlich der »Biken« andern Kurs eingeschlagen haben sollte. Sobald unter den Bäumen ein Karriol entlang rasselte, oder ein Schrei in der Luft erschallte, oder der Schatten eines Menschen sich an der Wegbiegung zeigte, schlug ihnen das Herz. Aber immer umsonst! Die ganze Bewohnerschaft von Dal war mit auf den Beinen oder doch auf der Lauer! Den Maan hinauf und hinab dem Postboten entgegen war immer jemand unterwegs; nahmen doch alle die innigste Teilnahme an dieser in der ganzen Gegend so beliebten Familie! an dem armen Ole Kamp, der doch halb und halb ein Kind des ganzen Telemarken war! Und weder aus Bergen noch aus Christiania kam ein Brief, der irgendwelche Kunde von dem Schicksal des Verlorenen gebracht hätte! Am 16. Juni noch immer nichts Neues! Sylvius Hog konnte keine Ruhe mehr finden. Er sah ein, daß er sich selbst ins Feld schlagen müsse. Darum teilte er den Geschwistern mit, daß er, falls auch morgen noch keinerlei Nachricht einlaufen solle, selber nach Christiania reisen und sich dort vergewissern wolle, daß die Nachforschungen auch wirklich mit Eifer betrieben würden. Freilich! leicht würde es ihm nicht fallen, Hulda und Joel allein zu lassen; aber es ginge nun doch einmal nicht anders, und sobald alle notwendigen Schritte im Gange seien, würde er ja wieder zurückkehren! Der 17. Juni, vielleicht der traurigste Tag von allen! war schon zum größern Teil verstrichen. Seit frühem Morgen hatte es mit Regnen nicht aufgehört. Der Sturm fegte durch die Bäume, fegte mit so starken Stößen, daß alle nach dem Maan hinaus gelegenen Fensterscheiben zitterten. Es war 7 Uhr. Man hatte sich eben zum Abendessen gesetzt, in tiefem Schweigen, wie in einem Trauerhause. Selbst Sylvius Hog hatte die Unterhaltung nicht im Flusse halten können. Mit den Gedanken gingen ihm die Worte aus. Was hätte er sagen sollen, das er nicht schon hundertmal gesagt hatte? Ward er nicht inne, daß solche verlängerte Abwesenheit die Gründe, die er ehedem ins Feld rückte, als hinfällig erscheinen ließ? »Morgen fahre ich nach Christiania,« sagte er zu Joel, »besorgen Sie mir ein Karriol! bis nach Möl sollen Sie mich fahren, dann aber gleich nach Dal zurückgehen!« »Jawohl, Herr Sylvius,« versetzte Joel, »Sie wollen also nicht, daß ich Sie weiter hinauf begleite?« Der Professor schüttelte den Kopf mit einem Winke auf Hulda, die er des Bruders nicht berauben mochte. In diesem Augenblick tönte auf der Straße von Möl herüber, noch ziemlich schwach, ein Geräusch wie Rädergerassel. Alle horchten auf. Bald ließ sich nicht mehr zweifeln: ein Karriol kam heran! kam in raschestem Tempo auf Dal zu! Sollte etwa ein Reisender Herberge in Frau Hansens Gasthofe für die Nacht suchen? Viel Wahrscheinlichkeit hatte das nicht für sich; zu solch vorgerückter Stunde kamen Touristen nur höchst selten. Zitternd am ganzen Leibe, war Hulda aufgestanden. Joel ging zur Türe, machte auf, blickte hinaus. Das Geräusch wurde deutlicher: Pferdegetrappel und Rädergeknarr! kein Zweifel: ein Karriol näherte sich dem Gasthofe! Aber es stürmte so heftig draußen, daß man die Tür wieder schließen mußte. Sylvius ging mit großen Schritten in der Stube auf und ab. Joel hielt die Schwester an sich gepreßt. Das Karriol konnte keine 20 Schritte mehr vom Hause fern sein. Ob es halten – ob es vorbeifahren würde? Allen schlug das Herz mit schrecklicher Gewalt! Das Karriol hielt. Eine Stimme rief draußen ... Ole Kamps Stimme war es nicht! Fast im selben Moment wurde an die Tür geklopft. Joel machte auf. Ein Mann stand auf der Schwelle. »Herr Sylvius Hog?« fragte er. »Das bin ich,« versetzte der Professor, einen Schritt vortretend; »wer seid Ihr, Freund?« »Eilbote von Christiania, vom Direktor des Seeamts entsandt!« meldete der Mann. »Ihr habt ein Schreiben für mich?« »Ja! hier!« Mit diesen Worten reichte der Mann ein mit Amtssiegel verschlossenes Schreiben. Hulda besaß die Kraft nicht mehr, sich aus den Beinen zu halten. Joel hatte sie auf einen Schemel gedrückt; er selber hatte Halt am Tische gesucht. Weder der Bruder noch die Schwester wagten in Sylvius Hog zu dringen, daß er das Schreiben öffne. Endlich erbrach er es und las das Folgende: »Herr Professor! – In Beantwortung Ihres letzten Schreibens behändige ich Ihnen beigeschlossen ein Schriftstück, das am 5. Juni durch ein dänisches Schiff aus dem Meere gefischt worden ist. Leider läßt dies Schriftstück keinerlei Zweifel mehr am Schicksale des »Viken« ... Sylvius Hog nahm sich die Zeit nicht, das Schreiben des Seeamts zu Ende zu lesen, sondern riß von dem Schriftstück den Umschlag ... sah es an ... drehte es nach allen Seiten ... Es war ein Lotterielos mit der Nummer 9672. Auf der Rückseite des Loses standen die wenigen Zeilen: »3. Mai. – Liebste Hulda! Der »Viken« geht unter! ... außer dem Lotterielose, das ich in dieser Flasche berge, besitze ich nichts mehr ... ich vertraue Los und Flasche dem lieben Gotte an, daß er es zu dir gelangen lasse ... und da ich nicht zur Stelle sein werde, wenn es gezogen wird, bitte ich dich darum, dort nicht zu fehlen! ... Mein letzter Gedanke gehört dir! ... Vergiß mich nicht in deinen Gebeten, Hulda! ... Lebe wohl, teure Braut! lebe wohl! Ole Kamp.« Zwölftes Kapitel. Das Los also war das Geheimnis des jungen Seemanns! das Los war die Chance, auf die er zählte, um seiner Braut ein Vermögen zu bringen! ein Los, das er vor seiner Abfahrt gekauft hatte! ... und in dem Augenblick, als der »Viken« unterging, hatte er das Los in eine Flasche gesteckt und mit einem Abschiedsgruß an Hulda dem Meer überantwortet ... Diesmal brach Sylvius Hog zusammen. Er betrachtete den Brief und dann das Schriftstück ... er sprach kein Wort mehr ... was hätte er auch sagen sollen? welcher Zweifel konnte jetzt noch bestehen über die Katastrophe, die den »Viken« vernichtet hatte? über den Untergang aller, die er nach Norwegen zurückführte? Hulda hatte, so lange Sylvius Hog dieses Schreiben vorlas, sich aufrecht halten und gegen ihre Herzensangst ankämpfen können. Aber nach den letzten Worten von Oles Zettel sank sie in Joels Arme. Joel mußte sie in ihre Stube tragen, wo ihre Mutter ihr die erste Pflege widmete. Dann wollte sie allein sein ... und als sie allein war, kniete sie an ihrem Bette nieder und betete für Ole Kamps Seele. Frau Hansen war wieder in die große Stube getreten. Im ersten Moment machte sie, gleichsam von dem Drange erfüllt, das Wort an ihn zu richten, eine Bewegung auf den Professor zu ... im andern Augenblick aber lenkte sie die Schritte zur Treppe und verschwand auf derselben. Joel war, als er die Schwester in ihre Stube gebracht hatte, ins Freie hinausgetreten. Er erstickte in dieser allen Unglückswinden offnen Stätte. Ihm tat frische Luft not, die scharfe Luft, die der Sturm brachte, und einen ganzen Teil der Nacht irrte er an den Ufern des Maan umher. Sylvius war jetzt allein. Wenn ihn auch dieser Blitzschlag im ersten Moment hingestreckt hatte, so dauerte es doch nicht lange, bis er seine gewohnte Tatkraft wiederfand. Ein paarmal ging er in der Stube auf und ab; dann lauschte er, ob etwa von dem jungen Mädchen ein Ruf zu ihm hindränge. Da er nichts hörte, setzte er sich an den Tisch und ließ seinen Gedanken ihren Lauf. »Hulda,« sprach er bei sich, »soll also wirklich ihren Bräutigam nicht wiedersehen! ein solches Unglück sollte geschehen können! ... Nein! ... gegen diesen Gedanken empört sich alles in mir! Der »Viken« ist untergegangen ... das kann ja sein! Aber bedingt das kategorisch Oles Tod? Ich kann nicht daran glauben! Läßt sich nicht bei allen Schiffbrüchen erst nach einer gewissen Zeit feststellen, daß niemand mit dem Leben davongekommen ist? Ja! ich zweifle noch! ich will noch zweifeln! und sollten auch weder Hulda, noch Joel, noch sonst jemand diesen Zweifel mit mir teilen! Daß der »Viken« vom Meere verschlungen worden, erklärt doch noch nicht, daß kein Schiffsteil auf dem Meere gefunden worden! ... Nein! ... nichts, nichts ist gefunden worden außer der Flasche, in welcher der arme Ole seinen letzten Gedanken und mit ihm sein letztes, was er noch auf Erden besaß, hat niederlegen wollen.« Sylvius hielt den Zettel in der Hand; er besah ihn, er drückte ihn, er drehte ihn um und um, diesen Papierwisch. auf welchen der arme Bursche seine ganze Hoffnung auf Glück und Vermögen gebaut hatte. Da er den Zettel aber sorgfältiger untersuchen wollte, stand er auf, lauschte nochmals, ob das arme Mädchen etwa nach Mutter oder Bruder riefe, und trat dann in seine eigne Stube. Dieses Los war eins von der Schul-Lotterie von Christiania, die damals in Norwegen überaus volksbeliebt war. Auf das große Los entfielen 100 000 Mark. [schwed. Mark = 80,982 Pfg.] gleich etwa 80 000 Mark deutschen Geldes. Die übrigen Gewinne betrugen zusammen etwa 80 000 Mark; die Zahl der ausgegebenen Lose eine ganze Million. Ole Kamps Los trug die Nummer 9672. Ob es nun aber eine gute oder schlechte Nummer war, ob der junge Seemann einen geheimen Grund hatte, auf sie zu bauen, oder nicht, kam jetzt nicht so sehr in Betracht als jener andere Umstand: daß er selber am Ziehungstage, der auf den nächsten 15. Juli festgesetzt war, also binnen 28 Tagen zu gewärtigen war, nicht anwesend sein würde. Nach seiner letzten Anordnung sollte Hulda an seiner Stelle am Ziehungsorte sich einfinden und statt seiner dort Rede und Antwort stehen. Beim Schein seines Leuchters las Sylvius Hog die auf die Rückseite des Zettels geschriebenen Zeilen aufmerksam noch einmal durch, als wenn er aus ihnen einen versteckten Sinn herauszulesen gedächte. Die Zeilen waren mit Tinte geschrieben worden. Ole's Hand hatte, als er sie niederschrieb, soweit sich sehen ließ, nicht gezittert: also ein Beweis dafür, daß der Steuermann des »Viken« seine volle Kaltblütigkeit im Augenblick des Schiffbruchs besessen hatte. Mithin waren bei ihm die Bedingungen vorhanden, jedes Rettungsmittel, das sich ihm bot, eine treibende Planke, eine schwimmende Spiere – sofern nicht alles in den Schlund, in welchem das Schiff versank, mit hineingerissen worden war – zu seinem Nutzen wahrzunehmen. Zumeist machen solche im Meer aufgefischten Gegenstände die Stelle ungefähr kenntlich, wo sich der Unglücksfall ereignet hat. An dem Gegenstande, der hier in Frage kam, war freilich weder Längen-, noch Breitengrad angegeben, überhaupt nichts, was darauf hinwies, wo sich das nächste Land, Festland oder Insel, befände. Hieraus mußte man folgern, daß weder der Kapitän noch einer von der Mannschaft gewußt hatte, wo sich zur Zeit des Untergangs der »Viken« befand. Jedenfalls war der »Viken« durch einen jener Stürme, gegen die es keinen Widerstand gibt, gepackt und aus seinem Kurse gerissen worden, und da der Zustand des Himmels keine Aufnahme der Sonnenhöhe gestattete, hatten sich über die Lage, wo man sich befand, mehrere Tage lang keine Feststellungen treffen lassen. Infolgedessen war es mehr denn wahrscheinlich, daß es niemals offenbar werden würde, in welchem Bereiche des Atlantischen Weltmeers, ob auf der Höhe von Neufundland oder von Island, über den Schiffbrüchigen der Abgrund sich geschlossen hatte. Das war nun freilich ein Umstand, der alle Hoffnung, selbst dem, der nicht verzweifeln wollte, rauben mußte. Freilich hätte sich mit jeder Andeutung, mochte sie noch so unbestimmt sein, zur Einleitung von Nachforschungen gelangen lassen: es hätte sich an die Unglücksstelle ein Schiff entsenden lassen, das vielleicht Trümmer, die sich feststellen ließen, aufgefunden hätte. Wer weiß, ob nicht vielleicht jemand von der Besatzung, vielleicht auch mehrere, mit dem Leben davongekommen waren und nun an irgend einem Gestade des arktischen Festlandes, rett- und hilflos, außer stande, die Heimat wieder zu erreichen, weilten? Solcher Zweifel gewann allmählich Boden in Sylvius Hogs Geiste – Zweifel freilich, der für Hulda und Joel nicht in Betracht trat und den der Professor um alles in der Welt nicht in ihnen wachrufen mochte, weil die Enttäuschung, die doch eher wahrscheinlich war als nicht, für sie zu schmerzlicher Art gewesen wäre. »Und doch,« meinte er bei sich, »weiß man wenigstens, wenn auch der Zettel selbst keinerlei brauchbaren Nachweis gibt, in welchen Gewässern die Flasche aufgefunden worden! In diesem Schreiben steht zwar nichts davon, aber das Seeamt in Christiania muß es doch wissen! Ist das nicht eine Angabe, aus der sich vielleicht Nutzen ziehen ließe? Sollte das nicht möglich sein, wenn man die Richtung der Strömungen, der herrschenden Winde untersucht? mit Hinblick auf den mutmaßlichen Tag des Unglücks? ... Ich muß doch gleich noch einmal schreiben. Die Nachforschungen, so wenig Aussicht auch vorliegt, daß sie etwas zutage fördern werden, müssen beschleunigt werden! – Nein! im Stiche lassen werde ich die arme Hulda nie! nie werde ich, so lange ich nicht einen unbedingten Beweis habe, an den Tod ihres Bräutigams glauben!« Dies war Sylvius Hogs Gedankengang. Gleichzeitig faßte er aber den Entschluß, von den Schritten, die er zu unternehmen gedachte, von den Anstrengungen, die er mit all seinem Einfluß ins Leben rufen wollte, sein Wort verlauten zu lassen. Weder Hulda noch ihr Bruder sollten von dem Schreiben, das er nach Christiania zu richten gedachte, das geringste erfahren. Außerdem entschloß er sich, die für den nächsten Tag in Aussicht genommene Abreise auf unbestimmte Zeit zu verschieben – oder vielmehr in ein paar Tagen, aber nach Bergen, aufzubrechen. Dort dachte er, von den Herren Help alles auf den »Viken« bezügliche in Erfahrung zu bringen, vielleicht auch die Ansicht von den tüchtigsten Seeleuten über den Fall einzuholen, {ebenfalls aber zu einem bestimmten Schlusse darüber zu gelangen, auf welche Weise die ersten Nachforschungen am zweckmäßigsten einzuleiten sein würden. Mittlerweile hatten sich, zufolge der vom Seeamt eingeholten Ermittelungen, die Tageblätter von Christiania, sodann alle norwegischen und schwedischen, endlich auch die von Europa im allgemeinen, mit diesem Faktum eines zu einer Art von Testament umgewandelten Lotterieloses befaßt. In solcher Sendung eines letzten Geschenks durch einen Bräutigam an eine Braut lag etwas von heiliger Rührung, und nicht ohne Grund war die öffentliche Meinung hiervon ergriffen. Das älteste der norwegischen Tageblätter, das Morgen-Blad, berichtete zu allererst über die Geschichte des »Viken« und Ole Kamps. Von den 37 anderen Zeitungen, die damals in Norwegen erschienen, unterließ es keine einzige, sie in ergreifender Weise wiederzugeben. Im »Illustreret Nyhedsblad« kam ein auf Phantasie beruhendes Bild von dem Schiffbruche. Man sah den mastlosen »Viken« mit zerfetztem Segelwerk und teilweis zertrümmerten Masten im Begriffe, unter den Fluten zu verschwinden. Am Vorsteven stand in aufrechter Haltung Ole, wie er die Flasche in' Meer schleuderte, wie er seiner Braut seinen letzten Gedanken vertraute und Gott seine Seele empfahl. Im Hintergrunde, mitten in leichtem Dunst, eine allegorische Darstellung: eine Woge trug die Flasche vor die Füße der jungen Braut. Das ganze Bild erschien im Rahmen dieses Lotterieloses, dessen Nummer als zarter Untergrund dahinter sichtbar wurde. So harmlos die Zeichnung an sich auch ohne Frage war, so konnte sie doch nicht ermangeln, in dieser noch immer im Sagenbereich der Undinen und Walküren lebenden Bevölkerung großen Erfolg zu ernten. In Frankreich. England, auch in den Vereinigten Staaten von Amerika wurde der merkwürdige Vorfall erörtert. Durch Stift und Feder wurde mit den Namen Hulda und Ole die Geschichte des nordischen Brautpaars erzählt. Ohne es zu wissen, war dieser jungen Norwegerin aus Dal das Privilegium zuteil geworden, die öffentliche Meinung in Erregung zu setzen. Das arme Mädchen konnte gar keine Ahnung haben von dem Aufsehen, das sie in der ganzen Welt hervorrief. Uebrigens wäre auch nichts imstande gewesen, sie von dem Schmerze abzulenken, in welchem sie gänzlich aufging. Es wird sich niemand über den Eindruck wundern, der in den beiden Kontinenten entstand, und der in Anbetracht dessen, daß die Menschennatur sich gern auf dem abschüssigen Terrain des Aberglaubens bewegt, höchst erklärlich ist. Ein unter solchen Umständen aufgefischtes Lotterielos mit solcher den Fluten durch solche Fügung der Vorsehung entrissenen Nummer 9672 mußte unbedingt ein Glückslos sein. War es denn nicht in ganz wunderbarer Weise zum Gewinn des großen Loses von 100 000 Mark prädestiniert? Kam es nicht einem Schatze gleich, dies Glück, auf welches Ole Kamp baute? So gelangten schließlich, wie man sich nicht wundern wird zu vernehmen, so ziemlich von überall her Anfragen nach Dal, ob Hulda Hansen willens sei, das Los zu verkaufen, und Angebote von allerhand, oft recht erstaunlichen Preisen, die man dafür zahlen wolle. Je kürzer aber die Frist bis zur Ziehung wurde, desto höher wurden die Gebote. Man konnte wirklich voraussehen, daß es nach und nach, und je näher der Ziehungstag rückte, zu einer richtigen Preisjägerei kommen würde. Durch die Berichte, welche in den Tagesblättern über diese nach Dal gemachten Angebote aus aller Herren Ländern, nicht zum wenigsten aus England und Amerika, gebracht wurden, war der Preis für das Los schon auf ziemlich tausend Mark gestiegen, trotzdem dasselbe doch nur im Verhältnis von 1 : 1000 000 die Chance, das große Los zu gewinnen, besaß. Zweifelsohne war das ohne Sinn und Verstand, aber wo Aberglauben im Spiel ist, gelten diese beiden Faktoren gleich Null. Kein Wunder, daß die Phantasie der Menschen immer reger wurde, daß sie sich zufolge der Kraft, über die sie gebot, immer höher steigern konnte und mußte. So geschah es auch in der Tat. Acht Tage nach diesem Vorfall verkündeten die Blätter, der Preis für das Los sei auf 1000, 1500, ja auf 2000 Mark gestiegen. Ein Engländer aus Manchester war es, der den Preis bis auf 100 Pfund Sterling, also auf 2500 Mk. norwegisch, trieb. Ein Amerikaner aus Boston trieb ihn noch höher, bis auf 1000 Dollar oder etwa 5000 Mk. nordisch. Daß sich Hulda um Dinge, die ein gewisses Publikum in solchem Maße erregten, nicht im geringsten bekümmerte, braucht wohl nicht erst bemerkt zu werden. Von diesen ihres Loses wegen nach Dal eingelaufenen Briefen hatte sie gar nicht erst Kenntnis erhalten mögen. Indessen war der Professor der Ansicht, daß man ihr nicht vorenthalten dürfe, was für Kaufgebote gemacht würden, weil ihr doch Ole Kamp das Eigentumsrecht an dieser Losnummer 9672 letztwillig vermacht hatte. Hulda lehnte all diese Angebote ab: war doch dies Los der letzte Brief von ihrem Bräutigam! Daß das arme Mädchen sich hierbei etwa mit dem Hintergedanken getragen hätte, das Los könne ihr doch vielleicht einen Lotteriegewinn bringen, glaube man ja nicht! Nein! sie erblickte darin bloß den letzten Abschiedsgruß des Schiffbrüchigen, eine letzte Relique, die sie hüten wollte wie ein Kleinod! An die Möglichkeit, ein Vermögen zu gewinnen, das sie mit Ole Kamp nicht mehr würde teilen können, dachte sie gar nicht. Was ließ sich Rührungsvolleres, Zartsinnigeres denken, als dieser fromme Kult mit einem Andenken? Uebrigens verfolgten weder Sylvius Hog noch Joel mit der Mitteilung der verschiedenen Kaufgebote keineswegs die Absicht irgendwelcher Beeinflussung des Mädchens. Hulda sollte einzig und allein der Stimme ihres Herzens folgen: und wie diese Stimme gesprochen hatte, weiß der Leser nun! Joel billigte übrigens das Verhalten seines Schwesterchens durchaus! Ole Kamps Lotterielos sollte niemand überantwortet werden, – um keinen Preis. Sylvius Hog ließ es bei der großen Billigung nicht bewenden: er gratulierte Hulda unverblümt dazu, daß sie diesem ganzen Feilschen ihr Ohr verschloß. Sollte man dies Los etwa aus der Hand des ersten in die Hand eines zweiten, dritten usw. Käufers wandern sehen? sollte es als ein Stück Papiergeld »gehandelt« werden, bis der Augenblick da war, der es – was ja die meiste Wahrscheinlichkeit für sich hatte – als Niete erklären, zu einem wertlosen Papierwisch machen würde? Ja, Sylvius Hog ging sogar noch weiter! war er etwa gar selber abergläubisch? Nein! ganz gewiß nicht! wäre aber Ole Kamp zur Stelle gewesen, so würde er ihm höchst wahrscheinlich gesagt haben: »Behaltet Euer Los, mein Junge! zuerst hat man das Los, dann Euch selber aus dem Schiffbruch gerettet ... Nun! es wird sich ja zeigen ... man weiß manchmal nicht nein! man weiß manchmal nicht ...« Wenn nun Sylvius Hog, Professor der Rechtswissenschaft und Mitglied des Storthing, so dachte: konnte man sich da wundern über die Versessenheit des Publikums? Nein! und daß schließlich die Nummer 9672 ein Marktobjekt wurde, war im Grunde genommen eine ganz natürliche Sache. In Frau Hansens Hause lebte also niemand, der mit dem so achtungswerten Gefühl des jungen Mädchens nicht sympathisiert hätte – niemand, außer vielleicht ihre Mutter. Gar oft hörte man nämlich aus Frau Hansens Munde, besonders in Abwesenheit Huldas, mißbilligende Worte über solches kurzsichtige Verhalten. Daß Joel hierüber großen Kummer litt, konnte nicht ausbleiben. Vielleicht ließe es die Mutter, so wenigstens waren seine Gedanken, bei der bloßen Mißbilligung nicht immer bewenden; vielleicht nähme sie Hulda heimlich über die ihr gemachten Preisgebote ins Gebet? »Fünftausend Mark!« hörte er wiederholt aus ihrem Munde; »fünftausend Mark werden dafür geboten!?« Frau Hansen mochte offenbar von dem Zartgefühl ihrer Tochter, all diese Gebote abzulehnen, nichts wahr wissen! sie dachte bloß an das bedeutende Stück Geld, das 5000 Mark ausmachten. Ein einziges Wort aus Huldas Munde, und solche Summe fand den Weg in das Haus! So norwegischen Sinnes sie auch sonst war, so glaubte sie doch nicht an den übernatürlichen Wert, der dem Lose innewohnte: und 5000 sichere Mark für dieses milliontel Möglichkeit eines Gewinnes von 100 000 Mark opfern zu wollen, das wollte den Weg zu ihrem kalten, positiven Geiste nicht finden. Daß es, von allem Aberglauben abgesehen, keine Handlung der Klugheit gewesen wäre, unter so zweifelhaften Umständen das Sichere für das Unsichere aus der Hand zu geben, war ja an sich klar. Aber man vergesse nicht: für Hulda war das Los kein Los, sondern Ole Kamps letzter Brief; und bei dem Gedanken, sich dessen entäußern zu sollen, würde ihr das Herz gebrochen sein. Frau Hansen mißbilligte indessen das Verhalten ihrer Tochter auf das deutlichste. Man hatte die Empfindung, es sammle sich in ihrem Herzen eine dumpfe Erregtheit. Von einem zum andern Tage stand zu befürchten, daß sie ernstlich in Hulda dringen würde, einen Entschluß nach ihrem Willen zu fassen. Schon hatte sie sich in solchem Sinne Joel gegenüber geäußert, der indessen keine Sekunde gezögert hatte, für die Schwester Partei zu nehmen. Natürlicherweise wurde Sylvius Hog auf dem Laufenden über alles, was vorging, gehalten. Zu allem, was Hulda schon litt, war dies erneuter Kummer, und sie tat ihm von Herzen leid. Joel sprach zuweilen mit ihm darüber. »Hat meine Schwester nicht recht, daß sie die ihr gemachten Kaufgebote ablehnt?« fragte er, »und tue ich nicht recht daran, ihre Weigerung gutzuheißen?« »Ganz ohne Zweifel,« antwortete ihm Sylvius Hog, »und doch hat auch Ihre Frau Mutter, wenn man die Sache vom mathematischen Gesichtspunkte aus betrachtet, einmillionenmal recht! Aber mathematisch ist nun einmal nicht alles auf dieser Welt! Zahlen haben bei Herzenssachen nicht mitzusprechen!« Während der beiden letzten Wochen hatte man Hulda überwachen müssen. Niedergedrückt durch solches Uebermaß von Schmerzen, weckte sie ernste Befürchtungen für ihre Gesundheit. Glücklicherweise fehlte es ihr nicht an ärztlicher Pflege. Sylvius Hog hatte seinen Freund, den berühmten Doktor Boek, nach Dal gerufen, daß er dem kranken Mädchen seine Hilfe angedeihen lasse: außer physischer Ruhe hatte er ihr Gemütsruhe verordnet, freilich nur insoweit als sich letztere verordnen läßt; das richtige Mittel lag einzig und allein in Gottes Hand. Jedenfalls ließ es Sylvius Hog an tröstlichen Worten nicht fehlen ... und er selber, so unwahrscheinlich dies auch klingen mag, verzweifelte noch immer nicht! 13 Tage waren seit Ankunft des seeamtlichen Schreibens in Dal verflossen. Jetzt hatte man schon den 30. Juni. Noch 14 Tage, und die Ziehung der Schul-Lotterie sollte mit großem Pomp in einer von Christianias geräumigen Kirchen vor sich gehen. Genau am 30. Juni morgens erhielt Sylvius Hog vom Marineamt ein neues Schreiben als Antwort auf seine neugestellten Fragen. In diesem Schreiben wurde er beschieden, sich an die Bergener Seebehörden zu wenden. Außerdem enthielt das Schreiben die Ermächtigung für ihn, mit Staatshilfe die Nachforschungen über den Verbleib des »Viken« sofort in die Wege zu leiten. Der Professor mochte den Geschwistern von dem, was er vorhatte, nichts sagen; deshalb begnügte er sich damit, sie von der Notwendigkeit seiner Abreise in Kenntnis zu setzen. Für die Reise selbst schützte er geschäftliche Verpflichtungen vor, die ihn auf einige Tage von Dal hinweg riefen. »Verlassen Sie uns nicht, Herr Sylvius! bitte, bitte!« bat ihn das arme Mädchen. »Euch verlassen ... nachdem Ihr meine Kinder geworden seid!« antwortete Sylvius Hog. Joel erbot sich zur Begleitung. Da der Professor von seiner Fahrt nach Bergen nichts bekannt werden lassen mochte, ließ er sich nur bis Möl bringen. Außerdem sollte auch Hulda nicht mit der Mutter allein bleiben. Nachdem sie ein paar Tage bettlägerig gewesen war, konnte sie nun wieder ans Aufstehen denken, war aber noch immer so schwach, daß sie das Bett hüten mußte, und ihr Bruder sah recht wohl ein, daß er sie nicht allein lassen durfte. Gegen 5 Uhr stand das Karriol vor der Gasthofstür. Der Professor sagte dem jungen Mädchen ein letztes Lebewohl, dann nahm er mit Joel in dem Karriol Platz. Nicht lange, so waren sie beide hinter den hohen Birken am Ufer, an der Biegung, die der Weg machte, verschwunden. Am selben Abend war Joel wieder in Dal. Dreizehntes Kapitel. Sylvius Hog war also nach Bergen abgereist. Seine zähe Natur, sein energischer Charakter hatten, wenn sie auch eine Weile lang erschüttert worden waren, die Oberhand wieder gewonnen. Er mochte nicht an den Tod Ole Kamps glauben, mochte auch nicht zugeben, daß Hulda verurteilt sein sollte, zu Nimmerwiedersehen mit ihm. Nein! solange die Tatsache nicht durch unwiderlegliche Beweise festgestellt worden, hielt er sie für irrig, für falsch ... und wie man im Volksmunde sagt, »die Geschichte wuchs ihm über den Kopf« – sie ließ ihn selber nicht mehr zur Geltung kommen. Aber besaß er denn ein Anzeichen, auf welches sich ihm die Möglichkeit bot, das Werk auszubauen, das er in Bergen plante? Ja, aber ein, wie man sagen muß, höchst unsicheres Anzeichen. Er wußte nämlich, an welchem Tage das Los von Ole Kamp ins Meer geworfen war und an welchem Tage und in welchen Gewässern die Flasche, die dies Los enthielt; aufgefischt worden war. Diese Kenntnis war ihm durch einen Brief des Marineamts zuteil geworden, und gerade dieser Brief hatte ihn veranlaßt, sogleich nach Bergen aufzubrechen, um sich mit dem Hause Help und mit den maßgebendsten Seeleuten des Bergener Hafens zu verständigen. Vielleicht würde, was er dort erfuhr, ausreichend sein, um den Nachforschungen, deren Gegenstand der »Viken« sein sollte, eine entsprechende Richtung zu geben. Die Reise wurde so schnell wie möglich bewirkt. In Möl angekommen, schickte Sylvius Hog seinen Begleiter mit dem Karriol zurück. Er setzte auf einem jener Kähne aus Birkenrinde über, die auf dem Tinnsee den Dienst versehen. In Tinoset mietete et, statt sich nach Süden zu begeben, das heißt nach Bamble zu, ein anderes Karriol und fuhr durch das Hardanger. um den gleichnamigen Busen auf dem kürzesten Wege zu erreichen. Dort ließ sich der »Rune«, ein kleines, den Verkehr auf dem Hardanger-Busen besorgendes Dampfschiff, benutzen, bis zur äußersten Spitze des Busens hinunter zu fahren. Nach einer Fahrt durch ein wahres Gewirr von Fjords, zwischen den Eilanden und Inseln, mit denen das norwegische Gestade gleichsam besät ist, landete er am 2. Juli, in aller Frühe, am Bergener Kai. Diese altertümliche, vom Sogne- und vom Hardanger-Fjord bespülte Stadt liegt in wunderbar schöner Gegend, mit der sich die Schweiz vergleichen lassen wird, sobald einmal ein künstlicher Meeresarm die Gewässer des Mittelmeers an den Fuß ihrer hohen Berge geführt haben wird. Eine herrliche Eschenallee gibt das Geleit zu den ersten Häusern Bergens. Die hohen Häuser der alten Stadt mit ihren spitzen Giebeldächern leuchten blendend weiß gleich denen arabischer Städte und sind auf jenem unregelmäßigen Dreieck zusammengedrängt, welches den 30 000 Bewohnern, die die Stadt zählt, Raum für ihre Wohnstätten gibt. Ihre Kirchen stammen aus dem 12. Jahrhundert; ihre hohe Kathedrale meldet den von hoher See heranfahrenden Schiffen die Stadt Bergen schon aus weiter Ferne. Es ist die Hauptstadt des handeltreibenden Norwegens, obwohl sie weit außerhalb der Verkehrswege gelegen ist und weit ab liegt von den beiden anderen Städten, die in politischer Hinsicht den ersten und zweiten Rang im Königreich einnehmen – Christiania und Drontheim. In jedem andern Falle würde es dem Professor sicher eine Freude gewesen sein, dieser Amtshauptstadt, die ihrem Aussehen und ihren Sitten nach vielleicht mehr an Holland als an Norwegen erinnert, ein eingehendes Studium zu widmen: bildete sie doch einen Hauptbestandteil seines Reiseprogramms. Aber seit dem Abenteuer auf der Maristien und seit seinem Aufenthalt hatte dieses Programm erhebliche Aenderungen erfahren. Sylvius Hog war jetzt nicht mehr der als Tourist durch Norwegen reisende Deputierte, der von dem Lande sowohl in politischer als in kommerzieller Hinsicht ein genaues Bild gewinnen wollte. Er war der Gast des Hauses Hansen, der Deputierte des Geschwisterpaares Joel und Hulda, dessen Interessen jetzt allen anderen vorangingen – er war der Schuldner, der ohne Rücksicht aus den Preis seine Dankesschuld abtragen wollte ... »und was ich für die beiden Kinder zu tun versuchen will,« dachte er bei sich, »dürfte ohnehin noch herzlich wenig sein!« In Bergen auf dem »Rune« eingetroffen, ging Sylvius Hog tief hinten im Hafen am Fischmarktskai ans Land und begab sich sogleich ins Tyska-Bodrone-Quartier, wo Help junior vom Hause Gebrüder Help sein Domizil hatte. Natürlicherweise regnete es, denn in Bergen regnet es in 360 Tagen des Jahres. Aber besserer Schutz und Aufenthalt als in dem gastlichen Hause von Help junior hätte sich schwerlich irgendwo anders finden lassen. Einen Empfang fand Sylvius Hog dort, wie er ihn wärmer, herzlicher, freudiger nicht sich hätte denken können. Sein Freund Help legte Beschlag auf ihn wie auf ein kostbares Kollo, das er in Deposit nahm, sorgsam verspeicherte und bloß gegen Quittungsschein, in aller Form rechtens abgefaßt, wieder heraus gab. Ohne zu säumen, unterrichtete Sylvius Hog seinen Freund Help junior vom Zweck seiner Reise. Er sprach mit ihm über den »Viken«, fragte ihn, ob etwa neue Nachrichten seit seinem letzten Briefe eingelaufen seien? ob die Seewelt in Bergen ihn als untergegangen, mit Mann und Maus verloren ansähe? ob dieser Schiffbruch, der in Bergen mehrere Familien in Trauer versetzt habe, die Seebehörden zur Einleitung von Nachforschungen veranlaßt hätte? »Wie hätte sich denn hieran denken lassen,« antwortete Help, »wenn man nicht einmal weiß, wo das Schiff zu Grunde gegangen ist.« »Mag sein, mein lieber Help; und eben gerade deshalb, weil man den Ort des Schiffbruchs nicht kennt, muß man ihn zu ermitteln suchen.« »Den Ort ermitteln?« »Na ja doch! Weiß man auch von dem Orte nichts, wo der »Viken« gesunken ist, so weiß man doch wenigstens, an welcher Stelle das Los von dem dänischen Schiffe aufgefischt worden ist. Das ist doch ein bestimmter Nachweis, den man nicht unbeachtet lassen darf, ohne sich einer Nachlässigkeit schuldig zu machen.« »Wo liegt diese Stelle?« »Leihen Sie mir Gehör, lieber Help!« Sylvius Hog unterrichtete nun den Reeder über die neuen Auskünfte, die ihm vom Seeamt übermittelt worden waren, und von der Vollmacht, die ihm zur Ermittelung und Verwertung derselben erteilt worden war. Die Flasche, die Ole Kamps Lotterielos barg, war von der Brigg-Goclette »Christian«, Kapitän Mosselman aus Helsingör, am 3. Juni 200 Meilen südwestlich von Island bei südöstlichem Winde aufgefischt worden. Kapitän Mosselman hatte von dem Inhalt der Flasche, also dem Lose, sobald dieselbe an Bord gelangte, pflichtgemäß Kenntnis genommen, weil ja der Fall vorliegen konnte, daß den Ueberlebenden des »Viken« sofortige Hilfe gebracht werden mußte. Aber die auf die Rückseite des Loses geschriebenen Zeilen gaben keinerlei Kunde von der Stelle des Schiffbruchs, so daß sich der »Christian« mithin nicht hatte auf Nachforschung einlassen können. Kapitän Mosselman war ein braver, rechtschaffener Mann. Manch anderer mit weiterem Gewissen hätte das Los vielleicht für sich behalten. Ihn aber beseelte nur ein Gedanke: das Los sogleich nach seiner Ankunft im Hafen an seine Eigentümerin weiter zu befördern. »Hulda Hansen aus Dal«: diese Adresse genügte vollkommen; mehr zu wissen war nicht von nöten. In Kopenhagen eingetroffen, erachtete es Kapitän Mosselman für angemessener, das Los an die dänischen Behörden auszufolgen, statt es direkt an die Adressatin gelangen zu lassen. Der sichrere, regelmäßigere Weg war dies. So handelte er auch, und das Seeamt von Kopenhagen benachrichtigte ohne Säumen das Seeamt von Christiania. Das geschah, als dort schon von Sylvius Hog die ersten Schreiben um Auskunft über den Verbleib des »Viken« eingelaufen waren. Die ganz besondere Anteilnahme des Professors an dem Schicksale der Familie Hansen war bekannt. Derselbe mußte, wie ebenfalls bekannt war, noch eine Zeitlang in Dal verweilen, und so wurde das von dem dänischen Kapitän aufgefischte Los dem Professor dorthin gesandt mit dem Ersuchen, es in die Hände von Hulda Hansen gelangen zu lassen. Seitdem hatte nun diese Schiffbruchsgeschichte die öffentliche Meinung unaufhörlich beschäftigt; sorgten doch die rührenden Einzelheiten, die von der Presse beider Welten darüber berichtet wurden, allein schon dafür, daß sie den Menschen nicht aus dem Gedächtnis kam. Das waren die Punkte, von denen Sylvius Hog seinem Freunde Help junior in gedrungener Form Kenntnis gab, und von denen der letztere mit lebhaftestem Interesse, ohne seinen Freund mit nur einem Worte zu unterbrechen, Kenntnis nahm. Der Professor schloß seine Darlegungen mit den Worten ab: »Ein Punkt läßt sich hiernach absolut nicht in Zweifel ziehen: daß nämlich Flasche und Los am letztvergangenen 3. Juni 200 Meilen südwestlich von Island, etwa 4 Wochen nach der Ausfahrt des »Viken« aus Saint-Pierre-Miquelon nach Europa, ausgefischt worden ist.« »Und weiter wissen Sie nichts?« »Nein, mein lieber Help; aber ließe sich nicht durch Umfragen bei den befahrensten Seeleuten Bergens, bei solchen, die selber in diesen Gewässern gewesen sind, die über die dort vorherrschende Richtung von Wind und besonders Strömung Bescheid wissen, der Weg feststellen, den die Flasche genommen haben muß oder doch haben dürfte? Ist es denn, wenn man die Geschwindigkeit, mit der die Flasche geschwommen, mit der Zeit annähernd vergleicht, die verstrichen ist, bis zu dem Augenblick, da sie aufgefischt worden, wirklich unmöglich zu ermitteln, an welcher Stelle die Flasche von Ole Kamp ins Meer geworfen sein muß, wo also der Schiffsbruch stattgefunden haben dürfte?« Help junior schüttelte den Kopf mit einer Miene, die nicht viel Vertrauen verriet. Auf so unsichere Angaben hin, in die sich soviel Irrtümer noch einschleichen könnten, einen ganzen Nachforschungsapparat in Szene zu setzen, hieße doch direkt auf den Mißerfolg zusteuern! Der Reeder, ein kühl denkender, praktischer Mann, meinte das dem Professor sagen zu müssen. »Sie sollen ja recht haben, Freund Help!« antwortete dieser, »aber daß sich nur Ermittelungen sehr ungewisser Art werden beibringen lassen, ist doch kein Grund, die Sache fallen zu lassen. Ich lasse nicht ab davon, daß alles versucht werden muß zum Vorteil jener armen Menschen, denen ich mein Leben verdanke. Ja, wenn es sein müßte, so würde ich mich nicht besinnen, all mein Hab und Gut zu opfern zu dem Zwecke, Ole Kamp wieder aufzufinden und seiner Braut Hulda Hansen in die Arme zu führen!« Nun erzählte Sylvius Hog ausführlich sein Abenteuer am Rjukanfos, Er schilderte, in welcher kühnen Weise Joel und seine Schwester ihr Leben gewagt hatten, um ihm zu Hilfe zu kommen, und wie er ohne ihre Dazwischenkunft nicht das Vergnügen haben würde, heute der Gastfreund des biedern Reeders zu sein. Freund Help war, wie schon gesagt, kein Freund von Illusionen, aber er war auch kein Feind von unnützen, ja vielleicht selbst unmöglichen Versuchen, sobald es sich um ein Werk der Menschenliebe handelte, und stimmte letzterhand allem zu, was Sylvius Hog zu versuchen gedachte. »Ich will Ihnen gern,« erwiderte er, »mit all meinen Mitteln und Kräften behilflich sein, mein lieber Sylvius! Ja doch, Sie haben recht! und bestünde auch nur eine schwache Möglichkeit, Leute vom »Viken«, darunter vielleicht den braven Ole, dessen Braut Ihnen das Leben gerettet hat, noch am Leben zu finden, so darf man solche Möglichkeit auf keinen Fall verabsäumen!« »Nein, Help, nein,« versetzte der Professor, »und stünde die Möglichkeit auch nur 1 : 100 000!« »Noch heute, Sylvius, will ich die besten Seeleute von Bergen zu mir ins Kontor bitten; ich will alle, die in den Gewässern von Island und Neufundland gefahren haben oder dorthin regelmäßige Fahrt machen, zusammenrufen. Wir wollen zusehen, zu welchen Schritten sie raten werden ...« »Und wozu sie raten, das führen wir aus!« erwiderte Sylvius Hog mit dem an ihm gewohnten, in so hohem Grade mitteilsamen Feuer; »mir hat die Regierung Unterstützung zugesichert; ich besitze die Befugnis, ein Regierungs-Aviso zur Aufsuchung des »Viken« in Anspruch zu nehmen, und ich rechne bestimmt darauf, daß niemand unschlüssig sein oder sich erst besinnen wird, wenn es sich darum handelt, sich an solchem Werke zu beteiligen.« »Ich gehe sofort ins Seeamt,« sagte Help junior. »Soll ich Sie begleiten?« »Nicht nötig! Sie müssen doch müde sein!« »Ich müde? ... ich! ... in meinem Alter!« »Gleichviel, mein lieber und ewig junger Sylvius! ruhen Sie sich aus und warten Sie hier auf mich!« Noch am selben Tage fand eine Versammlung von Kauffahrteikapitänen, Hochseefischern und Lotsen im Reedereikontor von Gebrüder Help statt. Seeleute in Menge fanden sich hier zusammen, die noch auf Fahrt gingen, und auch manche ältere, jetzt im Ruhestand lebende Herren. Sylvius Hog eröffnete die Konferenz, indem er ein Bild von der ganzen Sachlage gab; er stellte neuerdings fest, daß Flasche und Los am 3. Mai von Ole Kamp ins Meer geworfen worden, daß am 5. Juni Flasche und Los von dem dänischen Kapitän aufgefischt worden sei, und zwar in den Gewässern südwestlich von Island, 200 Meilen von der Insel. Es wurde lange und mit tiefem Ernste diskutiert. Unter diesen braven Männern gab es keinen, der nicht über die in diesen Gewässern vorherrschende Strömung genau unterrichtet gewesen wäre, und auf Grund dieser Kenntnis ließ sich das Problem ja einzig und allein lösen. Nun stand aber fest, daß zur Zeit, in welcher das Schiff gesunken war, in den Wochen also, die zwischen der Ausfahrt des »Viken« aus Saint-Pierre-Miquelon und der Auffischung der Flasche durch den dänischen Kapitän, lagen, Böen ohne Ende aus südöstlicher Richtung durch diesen Teil des Atlantischen Weltmeers gefegt waren. Diesen Stürmen mußte man ohne Zweifel die Katastrophe zuschreiben. Höchst wahrscheinlich hatte der »Viken«, außer stand gesetzt, beizuliegen, vorm Winde fliehen müssen. Nun fängt aber grabe während dieser Zeit der Tag- und Nachtgleiche das Polareis auf dem Atlantischen Ozean zu treiben an. Es war also nicht ausgeschlossen, daß der »Viken« mit einem jener schwimmenden Eisberge zusammengerannt war, denen sich so sehr schwer ausbiegen läßt. Diese Erklärung als möglich angenommen, ließ sich nicht recht sagen, warum die Mannschaft nicht ganz oder zum Teil sich auf ein solches Eisfeld geflüchtet haben sollte, nachdem es dorthin eine gewisse Proviantmenge geschafft hatte! Verhielt es sich so, so war es nicht ausgeschlossen, daß die Ueberlebenden, da ja die Eisbank in nordwestlicher Richtung hatte zurücktreiben müssen, an irgend einem Punkte der grönländischen Küste auf Land gestoßen waren. Nach dieser Richtung hin und in diesen Gewässern müßten also die Nachforschungen unternommen werden. Das war die Antwort, welche in dieser Versammlung von Seeleuten mit Einstimmigkeit auf die verschiedenen von Sylvius Hog aufgeworfenen Fragen gegeben wurde. Daß auf dem hierdurch nachgewiesenen Wege vorgegangen werden müsse, stand außer Zweifel. Aber was durfte man, falls der »Viken« mit solchem Ungetüm von Eisberg zusammengerannt war, anders als Trümmer aufzufinden erwarten? Durfte man rechnen, daß es gelingen würde, Mannschaft, die den Schiffbruch überlebt hätte, in die Heimat zurückzubringen? Das war doch mehr als zweifelhaft! Auf diese direkt gestellte Frage konnten oder wollten, wie der Professor recht wohl sah, die gewiegtesten Seeleute eine bestimmte Antwort nicht geben. Indessen war dies – hierin stimmten alle überein – kein Grund, um etwa müßig die Hände ruhen zu lassen, sondern man faßte im Gegenteil den Entschluß, ehestens, möglichst ohne allen Aufschub, die Nachforschungen in die Wege zu leiten. In Bergen liegen in der Regel Schiffe von der norwegischen Regierungsflottille. Von den drei Avisos, die den Dienst an der Westküste versehen und Drontheim, Finmarken, Hammerfest und das Nordkap anlaufen, weilt regelmäßig einer in Bergen. Dies war auch momentan der Fall. An Bord desselben – des »Telegraf«, wie er hieß – verfügte sich nun Sylvius Hog mit einem kurzen Protokoll über die Verhandlungen, die von den bei Gebrüder Help versammelten Seeleuten geführt worden waren, und setzte den Kapitän desselben von dem besonderen Auftrag in Kenntnis, mit welchem ihn die Staatsregierung betraut hatte. Der Kapitän bereitete dem Professor den freundlichsten Empfang und erklärte sich auf der Stelle zu aller Unterstützung bereit, die in seinen Kräften stünde. Er hatte schon mehrere Fahrten in diesen Gewässern gemacht während der langen, gefahrvollen Züge, die von den Fischern Bergens, der Lofoten und des Finmarken bis nach den Fischgründen Islands und Neufundlands unternommen werden; er war also in der Lage, persönliche Erfahrung bei dem Werke der Menschenliebe, dessen Unternehmung in Aussicht stand, einzusetzen, und gelobte, sich dieser Aufgabe mit vollen Kräften zu widmen. Die Schlüsse, die aus dem von Sylvius Hog ihm behändigten Resümee über den mutmaßlichen Ort des Schiffbruchs gezogen worden waren, fanden seine unbedingte Zustimmung. Nirgendswo anders als in dem zwischen Island und Grönland gelegenen Meeresteile seien die Nachforschungen nach etwaigen Ueberlebenden, oder wenigstens nach Trümmern vom »Viken« anzustellen. Sollte der Kapitän in diesen Gewässern zu keinem Resultat gelangen, so würde er die benachbarten Gewässer, vielleicht sogar die Baffinsbai auf ihrer Ostküste absuchen. »Ich bin zur Fahrt bereit, Herr Hog,« schloß der Kapitän seine Ausführungen; »mit Kohlen und Proviant bin ich versorgt, meine Mannschaft ist an Bord; ich kann schon heute lichten.« »Besten Dank, Kapitän,« erwiderte der Professor; »von dem Empfang, den Sie mir bereitet haben, bin ich tief gerührt. Aber noch eine Frage: können Sie mir sagen, wie lange es dauert, bis Ihr Aviso in den grönländischen Gewässern sein wird?« »Mein Schiff kann 11 Knoten in der Stunde fahren. Da nun die Entfernung zwischen Bergen und Grönland etwa 20 Grade beträgt, rechne ich auf die Fahrt dorthin knapp acht Tage.« »Bieten Sie also alle Mittel auf, Kapitän, Ihre Fahrt zu beschleunigen,« antwortete Sylvius Hog; »haben dem Unglück ein paar Schiffbrüchige entrinnen können, so leiden sie doch sicher schon acht Wochen lang die höchste Not an der Küste, sind vielleicht dem Hungertode nahe ...« »Es soll keine Stunde verloren gehen, Herr Hog! Noch heute steche ich mit der Ebbe in See und werde im schärfsten Tempo fahren, und sobald ich auf irgend welche Spuren stoßen sollte, das Seeamt von Christiania durch den Draht von Neufundland ohne Säumen in Kenntnis setzen.« »Fahren Sie aus, Kapitän! fahren Sie aus!« bestürmte ihn Sylvius Hog; »und gebe Gott, daß Ihnen das Werk gelinge!« Noch am selben Tage lichtete der »Telegraf«, von allem Bergener Volk mit freundlichen Hurras begrüßt, den Anker, und die Erregung wuchs und schlug zu hellen Flammen, als man den »Telegraf« durch die engen Wasserstraßen steuern und hinter den äußersten Eilanden des Fjords verschwinden sah. Sylvius Hog beschränkte jedoch seine Anstrengungen nicht auf diese Fahrt des Avisos »Telegraf«; seiner Ansicht nach ließ sich noch weit mehr erreichen, wenn man die Mittel und Wege, irgend welche Spur vom »Viken« ausfindig zu machen, vervielfältigte. Ließe sich denn nicht zwischen den Kauffahrteischiffen und Fischerflotten, die nach den Faröerinseln und Island unterwegs waren, eine Art Wettringen veranstalten? Selbstverständlich! im Namen der Regierung wurde also eine Prämie von 2000 Mark ausgesetzt, jedem Fahrzeuge zu zahlen, das irgend welchen Nachweis über das in Verlust geratene Schiff beibrächte, und eine Prämie von 5000 Mark, jedem Fahrzeug zu zahlen, das einen oder mehrere Ueberlebende vom Schiffbruch in die Heimat zurückbrächte! Das war es, was Sylvius Hog während der beiden Tage, die er in Bergen blieb, tat, um Klarheit über das Schicksal des »Viken« zu schaffen. Help junior, der ihm befreundete Reeder, wie auch die Seeämter von Bergen unterstützten ihn in seinem Beginnen auf das kräftigste; Help junior hätte ihn gern noch einige Zeit länger in seinem Hause behalten. Aber Sylvius Hog dankte ihm von Herzen, lehnte es aber ab, seinen Aufenthalt auch nur um einen Tag zu verlängern. Es drängte ihn, Joel und Hulda wiederzusehen, die er nicht gern länger allein lassen mochte. Dagegen vereinbarte er mit seinem Freunde Hog, daß dieser ihm von jeder Nachricht, die einlaufen würde, sofort Kenntnis geben sollte, und zwar nach Dal unter seiner persönlichen Adresse; denn niemand außer ihm gebührte die Sorge, der Familie Hansen alle weitere Kunde zu übermitteln. Am 4. Juli, in aller Frühe, verabschiedete sich Sylvius Hog von seinem Freunde Help junior und schiffte sich auf dem »Rune« ein zur Rückfahrt über den Hardanger-Fjord, und wenn nicht Aufenthalt entstehen sollte, – was kaum anzunehmen war – gedachte er am Abend des 5. Juli wieder im Telemarken zu sein. Vierzehntes Kapitel. Am gleichen Tage, als Sylvius Hog Bergen verlassen hatte, hatte sich in dem Gasthofe von Dal ein Vorgang von bitterm Ernste abgespielt. Es war wirklich ganz so, wie wenn nach der Abreise des Professors Huldas und Joels guter Genius mit seiner letzten Hoffnung alles Leben aus dieser Familie hinweg geführt hätte; ganz so, als ob der Professor eine Grabesstätte hinter sich gelassen hätte! Während der beiden Tage kam zudem nicht ein einziger Tourist nach Dal; Joel bekam also keinen Anlaß zur Abwesenheit: er konnte bei der Schwester verweilen, die er auch nur mit Angst und Unruhe allein gelassen haben würde. Frau Hansen geriet nämlich immer mehr unter die Herrschaft ihrer heimlichen Sorgen. Es schien beinahe, als ob sie aller Teilnahme am Schicksal ihrer Kinder, ja auch am Untergange des »Viken« verlustig ginge. Sie lebte abgesondert für sich, schloß sich in ihre Stube ein, ließ sich bloß zur Essenszeit sehen. Wenn sie aber an Hulda oder Joel einmal ein Wort richtete, so geschah es immer nur, um ihnen verblümt oder unverblümt Vorhalte über das Lotterielos zu machen, dessen sie sich um keinen Preis entäußern mochten. Kaufangebote auf dieses Los liefen nämlich noch immer ein; nach wie vor, aus allen Teilen der Welt. Es war tatsächlich, als hätte sich gewisser Gehirne eine Art von Narrheit bemächtigt. Nein! daß einem solchen Lose nicht der Hauptgewinn von 100 000 Mark im voraus bestimmt sein müsse, schien ganz unmöglich zu sein! es konnte sozusagen in dieser ganzen Lotterie außer dieser Nummer 9672 überhaupt keine andere Nummer weiter befindlich sein! Der Engländer aus Manchester und der Amerikaner aus Boston überboten einander noch immer um die Wette; der Engländer hatte seinen Rivalen um ein paar Pfund ausgestochen, war aber von diesem bald wieder um ein paar hundert Dollar geschlagen worden. Das letzte Gebot betrug 8000 Mark – einzig und allein erklärlich durch eine richtige Monomanie, sofern hierbei nicht Eigendünkel zwischen Amerika und Großbritannien eine Rolle spielte. Gleichviel, Hulda verhielt sich gegen all diese Angebote, so vorteilhaft sie auch waren, ablehnend: und das wurde schließlich Ursache zu den bittersten Worten von seiten Frau Hansens. »Wenn ich dir nun befehlen würde, dich dieses Loses zu entäußern!« sagte sie eines Tages zu ihrer Tochter; »jawohl! wenn ich dir das befehlen wollte!« »Mutting! es würde mich tief unglücklich machen; aber ich müßte dir antworten, daß ich deinem Befehle nicht Folge leisten könne!« »Wenn es aber sein müßte!« »Mutting! und warum müßte es sein?« fragte Joel. Frau Hansen gab hierauf keine Antwort. Sie war leichenblaß geworden ob dieser klar gestellten Frage und begab sich, unverständliche Worte murmelnd, in ihre Stube. »Es muß doch was Ernstes bei Mutting in Frage stehen: doch sicher eine Sache zwischen ihr und diesem Sandgoist!« sagte Joel. »Gewiß, Bruder! wir werden uns wohl auf schlimme Dinge gefaßt machen müssen!« »Arme Schwester! sind wir denn nicht schon schlimm genug dran seit ein paar Wochen? Was für ein Unglück kann uns noch bedrohen?« »Ach! wie lange Herr Sylvius ausbleibt! Wenn er hier ist, dann fühle ich mich ruhiger ...« »Was könnte er denn aber für uns tun?« erwiderte Joel. Was für Dinge in Frau Hansens Vergangenheit waren es nun aber, die sie ihre Kinder nicht wissen lassen mochte? welche irrige Eigenliebe verhinderte sie daran, ihnen den Grund zu ihrer Angst mitzuteilen? Hatte sie sich denn irgend welchen Vorwurf zu machen? Und andererseits, warum dieser Druck, den sie auf ihre Tochter mit Ole Kamps Lotterielos und mit dem Geldwert, zu dem es gelangt war, ausüben wollte? woher kam es, daß sie sich so erpicht daraus zeigte, diesen Geldwert zu erlangen? Hulda und Joel sollten es endlich erfahren! Am 4. Juli morgens hatte Joel seine Schwester zu der kleinen Kapelle hin geführt, wo Hulda täglich für das Seelenheil des Schiffbrüchigen betete. Er wartete dann draußen auf sie und führte sie nach Hause zurück. Heute aber sahen sie auf ihrem Rückwege beide zugleich die Mutter raschen Schrittes unter den Bäumen dem Gasthofe zueilen. Die Mutter war nicht allein. Ein Mann ging neben ihr her – ein Mann, der mit lauter Stimme sprach, und dessen Gebärden keinen Widerspruch zu leiden schienen. Hulda war, zugleich mit Joel, jäh stehen geblieben. »Wer ist der Mensch?« fragte Joel. Hulda ging ein paar Schritte voraus. »Ich kenne ihn wieder,« sagte sie. »Du kennst ihn wieder?« »Ja! es ist Sandgoist!« »Sandgoist aus Drammen? der schon einmal da war, als ich nicht zu Hause war?« »Ja!« »Der sich als Herr aufspielte? ... als wenn er Rechte an die Mutter ... vielleicht gar uns hätte?« »Ja! er selber, Bruder, und von diesen Rechten scheint er heute Gebrauch zu machen!« »Von was für Rechten? ... ha! diesmal werde ich wohl hören, was sich dieser Mensch hier herausnehmen zu dürfen meint!« Joel tat sich sichtlich Zwang an. Von der Schwester gefolgt, suchte er abseits zu gelangen. Wenige Minuten später erreichte Frau Hansen mit Sandgoist die Gasthofstür. Sandgoist schritt zuerst über die Schwelle. Hinter ihm und Frau Hansen schloß sich die Tür. Sie traten zusammen in die große Stube und setzten sich dort. Joel näherte sich mit Hulda dem Hause, aus welchem Sandgoists greinende Stimme drang. Sie blieben stehen. Sie lauschten. Nun sprach Frau Hansen. Aber ihre Stimme klang flehend. »Gehen wir hinein!« sagte Joel. Beklommenen Herzens trat Hulda, zitternd vor Ungeduld, auch vor Zorn, Joel ein; sie schlossen die Tür hinter sich sorgsam. Sandgoist saß in dem hohen Lehnstuhl. Er rückte nicht einmal von seinem Platze, als er Bruder und Schwester erblickte, wendete bloß flüchtig den Kopf und betrachtete die beiden jungen Leute durch seine Brille. »Ei, sieh! die niedliche kleine Hulda, sofern ich nicht irre?« sagte er in einem Tone, der Joel im höchsten Maße mißfiel. Frau Hansen stand vor diesem Menschen in demütiger, schüchterner Haltung. Aber plötzlich richtete sie sich auf und schien sehr unangenehm berührt, als sie ihre Kinder sah. »Und das ist wohl ihr Bruder? doch ganz gewiß?« setzte Sandgoist hinzu. »Jawohl! ihr Bruder!« erwiderte Joel. Dann trat er vor und blieb zwei Schritte vor dem Lehnstuhl stehen ... »Was steht zu Diensten?« fragte er kurz. »Das werden Sie bald erfahren, junger Mann!« erwiderte Sandgoist; »Sie kommen wahrhaftig gerade recht! habe schon halb und halb auf Sie gewartet, und wenn Ihre Schwester vernünftig ist, so werden wir uns wohl verständigen. – Aber setzen Sie sich doch! Sie auch, junges Fräulein!« Sandgoist lud sie zum Sitzen ein, ganz, als ob er bei sich zu Hause wäre. Joel gab ihm das zu verstehen. »Ei, ei! das verdrießt Sie? Saperlot! ein Junge, mit dem nicht gut Kirschen essen!« »Ganz wie Sie sagen,« versetzte Joel, »auch keiner, der von Leuten sich Höflichkeiten bieten läßt, die kein Recht ihm welche anzubieten haben!« »Joel!« rief Frau Hansen. »Bruder! ... Bruder!« stimmte Hulda der Mutter bei mit einem flehentlichen Blicke, daß Joel an sich halten möge. Joel tat sich die äußerste Gewalt an, seinen Zorn zu meistern, und um nicht der Lust zu unterliegen, den groben Patron zur Tür hinaus zu werfen, zog er sich in einen Winkel der Stube zurück. »Darf ich nun reden?« fragte Sandgoist. Ein zustimmendes Zeichen von Frau Hansen war alles, was ihm als Antwort zuteil wurde. Wie es den Anschein hatte, war ihm das vollauf genügend. »Es handelt sich nämlich um Folgendes,« hub er an, »und ich bitte Sie alle drei, mir recht aufmerksam zuzuhören, denn ich bin kein Freund davon, einmal Gesagtes zu wiederholen.« Er drückte sich, wie man nur allzu deutlich merkte, ganz aus wie jemand, der sich im Rechte meinte, seinen Willen durchzusetzen. »Aus den Zeitungen habe ich Kenntnis bekommen von dem Abenteuer eines gewissen Ole Kamp,« fuhr er fort, »eines jungen Bergener Seemanns, und von einem Lotterielose, das er in dem Augenblicke, als sein Schiff unterging, an seine Braut Hulda abgeschickt hat. Ich habe auch davon Kenntnis, daß man unter dem Volke diesem Lose, zufolge der Umstände, unter denen es wieder aufgefunden worden, übernatürlichen Wert beimißt, daß man von ihm meint, es werde oder müsse bei der Ziehung mit einem Haupttreffer herauskommen. Auch das ist mir zu Ohren gekommen, daß dem Fräulein Hulda ganz Bedeutende Summen für dieses Los geboten worden sind.« Einen Augenblick schwieg er. Dann fragte er: »Ist das richtig?« Die Antwort auf diese letzte Frage ließ auf sich warten. »Jawohl! ... stimmt!« sagte Joel ... »was noch?« »Was noch?« versetzte Sandgoist ... »daß all diese Preisgebote auf dummem Aberglauben beruhen, das ist meine feste Ansicht. Schließlich sind sie aber gemacht worden und werden, wie ich mir denke, noch zunehmen, je näher der Ziehungstag kommt. Ich bin nun Kaufmann und denke mir nun weiter, daß in der Sache ein Geschäft liegt, das sich für meine Rechnung famos ausnutzen ließe! Drum habe ich mich gestern von Drammen nach Dal auf den Weg gemacht, um über die Cession dieses Loses zu verhandeln und Frau Hansen um das Vorkaufsrecht dabei zu bitten.« Im ersten Aufwallen ihrer Empfindung war Hulda im Begriff, Sandgoist die gleiche Antwort zu geben, mit der sie alle derartigen Ansinnen abgewiesen hatte, obwohl das jetzige nicht an sie persönlich gerichtet war – als Joel ihr das Wort vom Munde abschnitt. »Bevor dem Herrn Sandgoist eine Antwort gegeben wird,« sagte er, »möchte ich die Frage an ihn stellen, ob ihm bekannt ist, wem dieses Los gehört?« »Ei, Fräulein Hulda Hansen, meine ich.« »Nun, dann muß doch auch Hulda Hansen gefragt werden, ob sie Lust hat, sich des Loses zu entäußern.« »Aber, Joel!« ... rief Frau Hansen. »Laßt mich ausreden, Mutter!« fuhr Joel fort; »hat dies Los nicht von Rechts wegen Ole Kamp gehört? und hat Ole Kamp nicht das Recht besessen, es seiner Braut zu vermachen?« »Unbestreitbar,« erwiderte Sandgoist. »Wer das Los in seinen Besitz bringen will, muß sich also an Hulda Hansen wenden.« »Meinetwegen, Herr Silbenstecher,« antwortete Sandgoist – »ich stelle also an Fräulein Hulda Hansen die Frage, ob sie mir das Los mit der Nummer 9672, das ihr von Ole Kamp vermacht worden ist, abtreten will.« »Herr Sandgoist,« erwiderte mit fester Stimme das Mädchen, »mir sind schon sehr viele Gebote auf das Los gemacht worden, aber umsonst. Deshalb werde ich auch Ihnen die gleiche Antwort geben, wie all ihren Vorgängern. Wenn mir mein Bräutigam dies Los mit seinem letzten Lebewohl übermittelt hat, so doch in der Absicht, daß ich es behalten, nicht aber verkaufen solle. Ich kann mich deshalb dieses Loses um keinen Preis entäußern.« Mit diesen Worten wollte Hulda das Zimmer verlassen, weil sie meinte, die Unterhaltung müsse, soweit sie sich auf sie bezöge, durch ihre Ablehnung zu Ende sein. Auf einen Wink ihrer Mutter blieb sie. Frau Hansen hatte sich einer Gebärde des Verdrusses nicht erwehren können, und Sandgoist zeigte durch Stirnrunzeln und einen Blitz aus seinen Augen, daß sich der Zorn seiner zu bemächtigen anfing. »Jawohl! bleiben Sie da, Hulda,« sagte er; »das ist Ihr letztes Wort nicht, und wenn ich auf meinem Willen beharre, so geschieht es, weil ich das Recht hierzu habe. Ich meine übrigens, mich schlecht ausgedrückt zu haben, oder vielmehr, schlecht von Ihnen verstanden worden zu sein. Daß die Chancen des Loses dadurch nicht gestiegen sind, weil es von der Hand eines Schiffbrüchigen in eine Flasche gesteckt und gerade zur rechten Zeit aufgefischt wurde, ist doch klar. Aber mit einem Publikum, das vom Narren am Seil geführt wird, ist vernünftig doch nicht zu reden, und daß es viele Menschen gibt, die das Los in ihren Besitz zu bringen wünschen, steht außer Zweifel. Es haben sich ihrer schon genug gefunden, die es kaufen wollen, und es werden sich ihrer noch mehr finden. Ich wiederhole, die Sache ist ein Geschäft, und als Geschäft sollen Sie mein Angebot auffassen.« »Meiner Schwester das begreiflich zu machen, wird Ihnen wohl noch manche Mühe machen,« antwortete Joel ironisch; »während Sie zu ihr als Geschäftsmann reden, antwortet sie Ihnen als gefühlvolles Weib.« »Alles bloß Redensarten, junger Mann!« erwiderte Sandgoist, »und wenn ich mit meiner Auseinandersetzung zu Ende bin, werden Sie sehen, daß es sich nicht bloß um ein gutes Geschäft für mich, sondern auch für Hulda handelt. Ich setze hinzu: auch um ein gutes Geschäft für Ihre Mutter, die bei der Sache unmittelbar beteiligt ist.« Joel und Hulda wechselten einen Blick ... sollten sie jetzt erfahren, was ihnen Frau Hansen bislang verborgen hatte? »Ich fahre fort,« sagte Sandgoist ... »Daß mir dieses Los für den Preis überlassen werde, den Sie Kamp dafür bezahlt hat, habe ich nicht verlangt. Nein! ... Mit Unrecht oder mit Recht hat das Los einen gewissen Handelswert erlangt. Darum bin ich ja geneigt, ein Opfer zu bringen für seinen Besitz.« »Es ist Ihnen doch gesagt worden,« erwiderte Joel, »daß Hulda schon weit höhere Gebote abgewiesen hat, als Sie zu bezahlen imstande sein würden ...« »Wirklich!« rief Sandgoist, »höhere Gebote als ich zu bezahlen imstande sein würde? Und woher wissen Sie das?« »Die Gebote mögen lauten wie sie wollen: meine Schwester lehnt es ab, darauf einzugehen, und ich billige ihr Verhalten ...« »Der Tausend! habe ich denn mit Joel Hansen zu verhandeln oder mit Hulda Hansen?« »Meine Schwester und ich sind eins,« entgegnete Joel; »das lassen Sie sich gesagt sein, mein Herr, denn Sie scheinen es nicht zu wissen.« Sandgoist zuckte, ohne sich aus der Fassung bringen zu lassen, mit den Achseln. Dann fuhr er fort, wie jemand, der sich seiner Gründe sicher weiß: »Statt daß ich von einem Preise als Gegenwert für das Los redete, hätte ich lieber sagen sollen, daß ich Ihnen derartige Vorteile zu bieten habe, daß Hulda, wenn sie das Interesse ihrer Angehörigen wahrnehmen will, sie gar nicht von der Hand wird weisen können.« »Was Sie sagen!« »Und nun, mein Bursche, sollen Sie Ihrerseits wissen, daß ich durchaus nicht nach Dal hinüber gekommen bin, um Ihre Schwester fußfällig zu bitten, daß sie mir dies Los cediert! Nein! schockschwerenot! nein!« »Was wünschen Sie denn dann?« »Ich wünsche gar nichts, ich fordere ... ich will!« »Und mit welchem Rechte,« rief da Joel, »mit welchem Rechte wagen Sie es, Sie! ein Fremder! im Hause meiner Mutter solche Sprache zu führen?« »Mit dem Rechte, das jeder besitzt,« antwortete Sandgoist, »zu reden, wann und wie es ihm beliebt, wenn er bei sich zu Hause ist!« »Bei sich zu Hause!« Auf den Gipfelpunkt der Empörung getrieben, schritt Joel auf Sandgoist zu, der sich, obwohl er so leicht nicht erschrak, mit einem Ruck aus dem Lehnstuhl geschnellt hatte. Aber Hulda hielt ihren Bruder zurück, während Frau Hansen, den Kopf in die Hände vergrabend, bis zum andern Ende der Stube zurückwich. »Bruder! ... sieh doch die Mutter an!« rief das Mädchen. Joel blieb jäh stehen. Der Anblick seiner Mutter hatte seine Wut gelähmt. Alles in ihrer Haltung sprach deutlich, bis zu welchem Grade Frau Hansen in der Gewalt dieses Sandgoist war! Dieser aber fühlte sich im Nu wieder als der Ueberlegene, sobald er Joels Zaudern bemerkte, und setzte sich wieder in den Stuhl, aus dem er eben gesprungen war. »Jawohl, bei sich zu Hause!« rief er mit einer Stimme, die noch drohender war, als bisher, »seit ihres Mannes Tode hat sich Frau Hansen in Spekulationen gestürzt, die nicht geglückt sind! sie hat das bißchen Vermögen in Gefahr gesetzt, das Euer Vater bei seinem Tode hinterlassen hat. Sie hat Geld bei einem Bankier in Christiania aufnehmen müssen. Als sie sich keinen Rat mehr wußte, hat sie 15 000 Mark Hypothek auf das Haus hier eintragen lassen, und diese Hypothek habe ich, Sandgoist, vom Darleiher abgelöst. Wenn ich bei Verfall der Hypothek, was in nächster Zeit der Fall ist, nicht voll bezahlt werde, geht Haus und Hof in mein Eigentum über, mein Junge!« »Und wann ist der Verfalltag?« fragte Joel. »Am 20. Juli, also in 18 Tagen,« erwiderte Sandgoist; »und an diesem Tage werde ich, gleichviel ob es Ihnen recht sein wird oder nicht, hier bei mir zu Hause sein!« »Erst dann werden Sie hier bei sich zu Hause sein,« versetzte Joel, »wenn Sie bis dahin Ihr Geld nicht bekommen haben. Deshalb verbiete ich Ihnen, in solcher Weise, wie Sie es tun, vor meiner Mutter und meiner Schwester zu sprechen!« »Er mir verbieten! ... er mir! ...« rief Sandgoist; »und verbietet es mir denn seine Mutter?« »Aber so sprecht doch, Mutter!« rief Joel, auf Frau Hansen zutretend, in der Absicht, ihr die Hände vom Gesicht zu entfernen. »Joel! ... Bruder!« rief Hulda ... »aus Mitleid mit ihr ... beruhige dich, fasse dich! ... ich bitte dich drum!« Frau Hansen blieb gebückt stehen; sie wagte es nicht, ihrem Sohne ins Auge zu sehen: war es ja doch nur allzu wahr, daß sie wenige Jahre nach ihres Mannes Tode versucht hatte, ihr Vermögen durch gewagte Geschäfte zu mehren. Das bißchen Bargeld, über das sie gebot, war rasch aufgebraucht. Bald hatte sie Geld zu hohen Zinsen aufnehmen müssen, und jetzt war eine auf ihrem Hause als Hypothek eingetragene Schuld diesem Sandgoist aus Drammen, einem herzlosen Menschen und anrüchigen Wucherer, den man im ganzen Lande verabscheute, in die Hände geraten! Frau Hansen hatte ihn zum erstenmale gesehen an dem Tage, als er nach Dal hinüber gekommen war, um den Gasthof nach seinem Werte zu schätzen. Das also war das Geheimnis, das auf dem Leben der Mutter lastete! darum ihre gebrochene Haltung! darum ihre Zurückgezogenheit, ihre Abgeschlossenheit, als wenn sie sich vor ihren Kindern hatte verstecken wollen! das also war es, was sie den Kindern, deren Zukunft sie gefährdet hatte, nie hatte sagen wollen! Hulda wagte kaum auszudenken, was sie eben gehört hatte. Ja! Sandgoist war der Mann danach, das was er wollte, durchzusetzen, zu erreichen! In 14 Tagen würde das Los, dessen Besitz er heute begehrte, wertlos sein; und wenn sie es ihm nicht ausfolgte, dann waren sie am Bettelstabe! dann wurde das Haus versteigert! dann waren sie alle zusammen in Not und Elend! Hulda wagte nicht, die Augen zu Joel aufzuschlagen. Wer Joel, vom Zorne übermannt, wollte von Drohungen für die Zukunft nichts wissen. Er sah bloß Sandgoist; und wenn dieser Mensch noch einmal so spräche, wie er es in seiner Gegenwart getan, dann würde er nicht für sich einstehen können. Sandgoist fühlte sich als Herr der Situation ... er wurde härter, schärfer, gebieterischer, als bisher. »Dieses Los will ich haben und werde ich haben!« wiederholte er; »als Gegenwert biete ich nicht einen Preis, der sich unmöglich halten läßt; sondern ich erbiete mich, den Verfalltag des von Frau Hansen ausgestellten Schuldscheins um ein Jahr ... um zwei Jahre hinauszuschieben ... bestimmen Sie selber die Zeit, Hulda!« Das Herz war ihr von Angst wie zugeschnürt ... sie hätte nicht antworten können ... ihr Bruder nahm statt ihrer das Wort. »Ole Kamps Los,« rief er, »kann von Hulda nicht verkauft werden! Meine Schwester weigert sich des Verkaufs, mögen Sie bieten und drohen, soviel Sie wollen! Und nun ... hinaus mit Euch!« »Hinaus!« wiederholte Sandgoist ... »nein! auf keinen Fall! … ich gehe nicht! ... und wenn das Gebot, das ich gemacht habe, nicht ausreichend ist, dann werde ich höher bieten ... Jawohl! ... gegen Aushändigung des Loses biete ich ... biete ich ...« Sandgoist mußte tatsächlich ein unwiderstehliches Verlangen nach dem Besitz dieses Loses haben; er mußte fest überzeugt sein, daß sich ihm hier ein gutes Geschäft bot, denn er setzte sich an den Tisch, auf welchem Tinte, Feder und Papier lag. Nach einer Weile rief er: »Hier habt Ihr, was ich biete!« Es war eine Quittung über die ganze Summe, die ihm Frau Hansen schuldig war, und für die sie ihm das Haus in Dal verschrieben hatte. Frau Hansen hob flehend die Hände, noch immer stand sie halb gebückt ... sie hob den Blick mit flehendem Ausdruck zu ihrem Kinde ... »Und nun,« fuhr Sandgoist fort, »her mit dem Lose! ... ich will es haben! will es heute haben! will es im Augenblick haben ... ohne das Los setze ich den Fuß nicht aus Dal ... Das Los will ich haben, Hulda! ... das Los!« Sandgoist war zu dem armen Mädchen herangetreten, als wenn er sie visitieren, als wenn er das Los ihr entreißen wollte ... Das zu ertragen ging über Joels Kräfte, besonders als Hulda rief: »Bruder! ... Bruder!« »Hinaus mit Euch!« rief er; und als sich Sandgoist weigerte, die Stube zu verlassen, setzte er an, um sich auf ihn zu stürzen ... da stellte sich ihm Hulda in den Weg. »Mutter, hier ist das Los!« sagte sie. Frau Hansen hatte lebhaft nach dem Los gegriffen, und während sie es gegen die Quittung Sandgoists umtauschte, sank Hulda fast besinnungslos in den Sessel. »Hulda! Hulda!« rief Joel. »Komm zu dir! Ach, Schwester, was hast du getan!« »Was sie getan hat?« versetzte Frau Hansen. »Was sie getan hat? – Ja, ich bin schuldig! Ja! Im Interesse meiner Kinder wollte ich das Vermögen ihres Vaters mehren. Ja! Ich habe die ganze Zukunft gefährdet. Ich habe das Elend über dieses Haus gebracht ... Aber Hulda hat uns alle gerettet. Das hat sie getan! – Dank, Hulda, Dank!« Sandgoist war noch immer da. Joel sah ihn. »Sie – noch – hier!« rief er. Er schritt auf Sandgoist zu, packte ihn bei den Schultern, hob ihn empor und warf ihn trotz seines Sträubens und Schreiens hinaus. Fünfzehntes Kapitel. Am folgenden Abend kehrte Hog nach Dal zurück. Er sprach nicht über seine Reise. Niemand wußte, daß er sich nach Bergen begeben hatte. Solange die begonnenen Nachforschungen noch ohne Ergebnis waren, wollte er der Familie Hansen gegenüber darüber schweigen. Jedes Schreiben oder Telegramm von Bergen oder Christiania mußte an ihn persönlich nach dem Gasthause adressiert sein, wo er abwarten wollte, wie die Dinge sich gestalten würden. Hoffte er noch immer? Ja, aber es muß zugegeben werden, daß er nur auf eine innere Stimme, eine dunkle Ahnung hörte. Seit er zurück war, hatte der Professor sogleich erkannt, daß während seiner Abwesenheit sich etwas Wichtiges ereignet hatte. Die Haltung Joels und Huldas sagte ihm deutlich, daß zwischen ihnen und ihrer Mutter eine Erklärung stattgefunden hatte. Hatte nun ein neues Unglück die Familie Hansen betroffen? Darüber hätte Sylvius Hog nur tief bekümmert sein können. Er empfand gegen den Bruder und die Schwester eine so väterliche Zuneigung, daß er an ihnen hing wie an seinen eigenen Kindern. Wie sehr hatten sie ihm während der kurzen Abwesenheit gefehlt! Und wie sehr hatte auch er vielleicht ihnen gefehlt! »Sie werden sprechen!« sagte er sich. »Sie müssen mit der Sprache heraus! Gehöre ich denn nicht zur Familie?« Ja! Sylvius Hog glaubte jetzt das Recht zu haben, an dem privaten Leben seiner jungen Freunde Anteil zu nehmen, zu erfahren, warum Joel und Hulda unglücklicher schienen, als zur Zeit seiner Abreise. Er erfuhr es sogleich. In der Tat verlangten beide danach, sich diesem ausgezeichneten Manne anzuvertrauen, dem sie kindliche Liebe entgegenbrachten. Sie warteten sozusagen nur darauf, daß es ihm gefallen möge, sie zu fragen. Seit zwei Tagen hatten sie sich so verlassen gefühlt! um so mehr, als Sylvius nicht gesagt hatte, wohin er ginge! Nein, nie waren die Stunden ihnen so lang vorgekommen! Für sie konnte diese Abwesenheit nicht im Zusammenhange stehen mit den Nachforschungen über das Schicksal des »Viken«, und sie wären nicht auf den Gedanken gekommen, daß Sylvius Hog ihnen diese Reise geheim hielte, um ihnen im Falle eines Mißerfolges eine höchste Enttäuschung zu ersparen. Wie sehr war seine Gegenwart ihnen jetzt vonnöten! Welches Bedürfnis empfanden sie, ihn zu sehen, sich von ihm raten zu lassen, seine stets so liebevolle, beruhigende Stimme zu hören! Aber durften sie es wagen, ihm zu berichten, was zwischen ihnen und dem Wucherer von Drammen sich zugetragen hatte, und wie Frau Hansen die Zukunft des Hauses aufs Spiel gesetzt hatte? Was würde Sylvius Hog denken, wenn er erführe, daß das Los nicht mehr in Huldas Händen sei, wenn er hörte, daß Frau Hansen es gebraucht habe, um sich von ihrem unbarmherzigen Gläubiger zu befreien? Dennoch sollte er es wissen. Wer zuerst das Wort ergriff, ob Sylvius oder Joel oder Hulda, wer weiß es? Auch tut es nichts zur Sache. Fest steht, daß der Professor bald von allem unterrichtet war. Er wußte, in welcher Lage sich Frau Hansen und ihre Kinder befanden. In zwei Wochen hätte der Wucherer sie aus dem Gasthaus zu Dal hinausgejagt, wenn die Schuld nicht dadurch getilgt worden wäre, daß das Los an ihn abgetreten wurde. Sylvius Hog hatte den traurigen Bericht mit angehört, den Joel in Gegenwart seiner Schwester ihm abstattete. »Sie hätten das Los nicht herausgeben dürfen!« rief er zuerst. »Nein! das durften Sie nicht!« »Konnte ich anders, Herr Sylvius?« antwortete, tief bekümmert, das junge Mädchen. »Nein – ohne Zweifel – Sie konnten nicht anders! – Und doch! – Ach! wäre ich nur da gewesen!« Und was hätte Professor Sylvius Hog getan, wenn er dagewesen wäre? Er sagte nichts darüber und fuhr fort: »Ja, meine liebe Hulda! Ja, Joel! Im Grunde habt Ihr getan, was Ihr tun mußtet! Aber was mich aufbringt, das ist, daß dieser Sandgoist jetzt aus dem Aberglauben des Publikums Nutzen ziehen wird! Wenn dem Los des armen Ole ein übernatürlicher Wert zugeschrieben wird, so wird er es jetzt ausbeuten! Und dennoch ist es lächerlich, so fest daran zu glauben, daß diese Nummer 9672 unbedingt vom Schicksal begünstigt sein müsse! Um zum Schlusse zu kommen, ich hätte schließlich das Los doch nicht herausgegeben. Nachdem Hulda es Sandgoist verweigert hatte, hätte sie es auch ihrer Mutter verweigern müssen!« Auf all das, was Sylvius Hog gesagt hatte, konnten Sylvius Hog und die Schwester nichts antworten. Als Hulda der Frau Hansen das Los übergab, hatte sie einem kindlichen Gefühl gehorcht, aus dem ihr kein Vorwurf gemacht werden konnte. Das Opfer, zu dem sie sich entschlossen hatte, hatte nicht die mehr oder minder dem Zufall anheimgegebnen Chancen betroffen, die das Los bei der Ziehung in Christiania hatte, sondern Ole Kamps letzten Willen hatte sie geopfert, das letzte Andenken an ihren Bräutigam hatte sie hingegeben. Daran war nun freilich nicht mehr zu rütteln. Sandgoist hatte das Los. Es war nun sein eigen. Er würde es schon losschlagen. Ein gemeiner Wucherer würde aus diesem rührenden Abschiedsgruß des Schiffbrüchigen Geld schlagen. Nein! Sylvius Hog konnte sich darüber nicht beruhigen. Am selben Tage wollte daher Sylvius Hog hierüber mit Frau Hansen reden. Obwohl diese Rücksprache am Stand der Dinge nichts mehr ändern konnte, war sie doch zwischen beiden nötig geworden. Er hatte es in ihr übrigens mit einer äußerst praktischen Frau zu tun, die ohne Zweifel mehr gesunden Menschenverstand als Herzensgüte besaß. »Sie machen mir also Vorwürfe, Herr Hog?« fragte sie, nachdem sie den Professor sich hatte aussprechen lassen. »Ganz gewiß, Frau Hansen.« »Wenn Sie mir einen Vorwurf daraus machen, daß ich mich auf unsichre Geschäfte eingelassen und das Vermögen meiner Kinder aufs Spiel gesetzt habe, so haben Sie recht. Aber wenn Sie mir einen Vorwurf daraus machen, daß ich mich endlich um diesen Preis losgekauft habe, so sind Sie im Unrecht. Was sagen Sie nun?« »Nichts.« »Durfte ich im Ernst das Anerbieten Sandgoists abschlagen, der doch alles in allem 15 000 Mark für die Abtretung eines Lotterieloses gezahlt hat, dessen Wert eigentlich auf nichts beruht? Ich frage Sie nochmals, durfte ich das abschlagen?« »Ja und nein, Frau Hansen.« »Nicht ja und nein, Herr Hog, sondern einfach und geradezu nein! Wenn in der Ihnen bekannten Lage die Zukunft sich nicht so drohend gestaltet hätte – durch meine Schuld, das gebe ich zu – so hätte ich Huldas Weigerung begreifen können, ich hätte verstehen können, daß sie um keinen Preis das Los hergeben wollte, das sie von Ole Kamp erhalten hatte! Aber wo wir in wenigen Tagen aus dem Hause, wo mein Mann verstorben ist, wo meine Kinder geboren sind, hinausgetrieben werden sollten, da begreife ich diese Weigerung nicht, und Sie selbst, Herr Hog, hätten an meiner Stelle nicht anders gehandelt!« »Jenun, Frau Hansen!« »Was hätten Sie denn getan?« »Ich hätte eher alles versucht, ehe ich das Los hingegeben hätte, das meine Tochter unter derartigen Umständen erhalten hatte!« »Geben denn diese Umstände dem Lose einen besonderen Wert?« »Das weiß weder ich noch sonst jemand.« »Im Gegenteil, das weiß oder kann jeder wissen, Herr Hog. Dieses Los ist nichts weiter als ein Lotterielos, das 9999 Chancen zu verlieren gegen eine einzige zu gewinnen hat. Messen Sie ihm denn höheren Wert bei, weil es in einer Flasche aus dem Meere gefunden worden ist?« Auf diese so bestimmte Frage hin war Sylvius Hog um eine Antwort sehr verlegen. Er kam denn auch wieder auf die »Gefühlsseite« der Angelegenheit. »Gegenwärtig,« sagte er, »liegt die Sache so. Im Augenblick des Schiffbruchs hat Ole Kamp seiner Braut Hulda das ganze Hab und Gut vermacht, das ihm auf Erden verblieb. Er hat ihr sogar ans Herz gelegt, beim Ziehungstage mit dem Los, wenn ein glücklicher Zufall es in ihre Hände kommen ließe, selber zugegen zu sein ... und nun ist dieses Los nicht mehr in Huldas Händen!« »Wenn Ole Kamp zurückgekehrt wäre,« antwortete Frau Hansen, »so hätte er selber keine Bedenken getragen, sein Los an Sandgoist abzutreten!« »Das ist möglich,« erwiderte Sylvius, »aber dazu hatte auch er allein das Stecht. Und was würden Sie ihm antworten, wenn er nicht tot wäre, wenn er nicht bei jenem Schiffbruch zu Grunde gegangen wäre, wenn er wiederkehrte – morgen – heute –?« »Ole kehrt nicht wieder,« antwortete Frau Hansen mit dumpfer Stimme. »Ole ist tot, Herr Hog, maustot!« »Das wissen Sie gar nicht, Frau Hansen,« rief der Professor. »Es sind eingehende Nachforschungen angestellt worden, um einen Ueberlebenden dieses Schiffbruchs aufzufinden. Diese Nachforschungen können zu einem Ziele führen – ja! zu einem Ziele führen, noch ehe die Ziehung dieser Lotterie stattgefunden hat! Sie haben daher gar kein Recht zu behaupten, Ole Kamp sei tot, so lange keine sichern Beweise dafür vorliegen, daß er beim Untergang des »Viken« den Tod gefunden habe. Wenn ich nicht mit derselben Zuversicht Ihren Kindern gegenüber davon spreche, Frau Hansen, so geschieht es, weil ich Ihnen keine Hoffnung machen will, die zu schmerzlichen Enttäuschungen führen kann! Aber Ihnen, Frau Hansen, sage ich, was ich denke! Und daß Ole tot sei, nein! ich kann es nicht glauben! Nein! ich will es nicht glauben! nein! ich glaube es nicht!« Da das Gespräch auf diesen Boden hinüber geraten war, konnte Frau Hansen den Kampf mit dem Professor nicht weiter führen. Sie schwieg daher, und da sie als Norwegerin doch ein wenig zum Aberglauben neigte, senkte sie den Kopf, als könne Ole Kamp jeden Augenblick vor ihr erscheinen. »In jedem Fall, Frau Hansen,« fuhr Sylvius Hog fort, »wäre, ehe Sie über das Los der Hulda verfügten, noch etwas sehr Einfaches zu tun gewesen – und das haben Sie unterlassen.« »Das wäre, Herr Hog?« »Sie hätten sich zuerst an Ihre Freunde wenden sollen, an die Freunde Ihrer Familie. Sie wären sofort bereit gewesen, Ihnen zu Hilfe zu kommen, indem sie entweder bei Sandgoist Bürgschaft für Ihre Schuld geleistet oder Ihnen die Summe vorgestreckt hätten, die Sie brauchten, um ihn zu bezahlen.« »Ich habe keine Freunde, Herr Hog, die ich um einen solchen Dienst ersuchen hätte können.« »Sie haben doch welche, Frau Hansen, und ich kenne zum mindesten einen, der es ohne Zögern, als Akt der Erkenntlichkeit, getan hätte.« »Wer wäre das?« »Sylvius Hog, Abgeordneter des Storthing.« Frau Hansen konnte nichts erwidern und verneigte sich nur vor dem Professor. »Aber was geschehen ist, das' ist geschehen – unglücklicherweise!« setzte Sylvius Hog hinzu. »Ich wäre Ihnen daher dankbar, Frau Hansen, wenn Sie zu Ihren Kindern nichts über dieses Gespräch verlauten ließen, auf das wir nicht wieder zurückzukommen brauchen!« Sie trennten sich. Der Professor hatte sein gewohntes Leben wieder aufgenommen und seine täglichen Spaziergänge von neuem begonnen. Ein paar Stunden lang sah er sich mit Joel und Hulda die Umgebung von Dal an, ohne jedoch zu weit zu gehen, da er das junge Mädchen nicht ermüden wollte. In seine Stube zurückgekehrt, widmete er sich seinem Briefwechsel, der noch immer umfangreich war. Er schrieb Briefe auf Briefe nach Bergen und Christiania. Er feuerte den Eifer aller an, die jetzt sich an dem guten Werk der Nachforschungen über den »Viken« beteiligten. Sein Leben konzentrierte sich in dem einen Gedanken: Ole wiederfinden, Ole wiederfinden! Er hielt es sogar für erforderlich, nochmals auf 24 Stunden zu verreisen, aus einem Grunde, der ohne Zweifel in engem Zusammenhang mit der Angelegenheit stehen mußte, die die Familie Hansen so nahe betraf. Aber er beobachtete wie immer auch diesmal darüber, was er tat oder zu tun gedachte, tiefes Schweigen. Inzwischen ging es mit Huldas so hart angegriffener Gesundheit nur langsam besser. Das arme Mädchen lebte nur von der Erinnerung an Ole, und die Hoffnung, die sich oft in diese Erinnerung hineinschlich, wurde von Tag zu Tag schwächer. Und doch hatte sie jetzt die beiden bei sich, die sie auf Erden am innigsten liebte, und der eine davon sprach ihr beständig Mut und Trost zu. Aber war denn das genug? Mußte man ihr nicht auch um jeden Preis Zerstreuung schaffen? Und wie sollte man sie den Gedanken entreißen, denen ihre ganze Seele nachhing, den Gedanken, die sie wie mit eisernen Ketten an den Schiffbruch des »Viken« fesselten? So kam der 12. Juli heran. In vier Tagen sollte in der Lotterie der Schulen Christianas Ziehung sein. Selbstverständlich war die von Sandgoist versuchte Spekulation zur öffentlichen Kenntnis gelangt. Er hatte dafür gesorgt, daß in den Zeitungen gemeldet wurde, das »berühmte, von der Vorsicht begnadete Los,« das die Nummer 9672 trüge, befände sich jetzt in den Händen des Herrn Sandgoist aus Drammen, und dieses Los stände zum Verkauf und falle an den Meistbietenden. Dieses Los habe Herr Sandgoist der Hulda Hansen teuer bezahlt. Begreiflicherweise konnte diese Ankündigung das junge Mädchen in der öffentlichen Meinung nur sehr herabsetzen. Wie? Von einem hohen Angebot bestochen, hatte Hulda sich entschlossen, das Los des Schiffbrüchigen, das Los ihres Bräutigams Ole Kamp zu verkaufen? Sie hatte dieses letzte Andenken zu Gelde gemacht! Aber zur rechten Zeit erschien eine Notiz im Morgen-Blad und unterrichtete die Leser über das Vorgefallene. Es wurde bekannt, wie Sandgoist verfahren und auf welche Weise das Los in seine Hände gekommen war. Nun fiel die öffentliche Mißbilligung auf den Wucherer von Drammen, auf diesen herzlosen Gläubiger, der sich nicht gescheut hatte, sich das Unglück der Familie Hansen zu Nutze zu machen. Und nun kam es dahin, daß wie auf gemeinsame Verabredung hin die Angebote, die auf das Los gemacht worden waren, so lange es sich in Huldas Händen befunden hatte, bei dem neuen Besitzer nicht aufrecht erhalten wurden. Es schien, als messe man dem Los nicht mehr den alten übernatürlichen Wert bei, seit dieser Sandgoist es durch seine Berührung besudelt hatte. Sandgoist hatte hier also ein recht schlechtes Geschäft gemacht und lief Gefahr, die berühmte Nummer 9672 als Zahlung behalten zu müssen. Hulda und Joel erfuhren nichts von dem Gerede der Leute. Zum Glück! Es wäre peinlich für sie gewesen, hätten sie gewußt, daß sie in diese Sache verwickelt waren, die in den Händen des Wucherers zur niedrigen Schacherei geworden war. Am 12. Juli abends kam ein Brief an Professor Sylvius Hog in Dal an. Dieser Brief war vom Marineamt und enthielt noch ein Schreiben, das den Stempel Christiansand trug – ein kleiner am Golf von Christiania gelegener Hafen. Ohne Zweifel enthielt er für Sylvius Hog nichts Neues, denn er steckte ihn in die Tasche und verlor darüber kein Wort zu Joel und Hulda. Nur als er in sein Zimmer ging und ihnen gute Nacht gewünscht hatte, sagte er noch: »Ihr wißt, Kinder, in drei Tagen ist Ziehung. Wollt Ihr nicht dabei zugegen sein?« »Wozu, Herr Sylvius?« antwortete Hulda. »Aber Ole hat doch gewünscht, daß seine Braut dabei sei,« antwortete der Professor. »Er hat in den letzten Zeilen, die er geschrieben hat, das ganz besonders betont, und ich glaube, der letzte Wille Oles muß erfüllt werden.« »Aber Hulda hat ja das Los gar nicht mehr,« antwortete Joel, »und wer weiß, in welche Hände es geraten ist.« »Einerlei,« entgegnete Sylvius Hog. »Ich bitte Euch beide, mit mir nach Christiania zu kommen.« »Wünschen Sie es, Herr Sylvius?« fragte das junge Mädchen. »Nicht ich wünsche es, liebe Hulda, Ole wünscht es, und Sie müssen Ole gehorchen.« »Schwester, Herr Sylvius hat recht,« antwortete Joel. »Ja, es muß sein! – Wann denken Sie zu reisen, Herr Sylvius?« »Morgen bei Tagesanbruch, und möge Sankt Olaf uns beschützen!« Sechzehntes Kapitel. Am folgenden Tage führte das Karriol des Werkführers Lengling Sylvius Hog und Hulda, die Seite an Seite saßen, hinweg. Für Joel war nicht Platz. Der brave Bursche ging daher zu Fuß vorm Pferde her, das lustig den Kopf schüttelte. Die 14 Kilometer von Dal bis Moel waren für den rüstigen Fußgänger eine Kleinigkeit. Das Karriol fuhr durch das reizende Westfjorddal am linken Ufer des Maan hin – ein enges schattiges Tal, von vielen Gießbächen, die von allen Höhen heruntersprangen, bewässert. Bei jeder Biegung des gewundenen Weges verschwand die Spitze des Gusta, die zwei leuchtende Schneeflecken bezeichneten, aus den Blicken, um bald darauf wieder aufzutauchen. Der Himmel war klar – das Wetter prächtig. Es ging kein zu starker Wind – und die Sonne schien nicht allzu heiß. Merkwürdigerweise schien das Antlitz Sylvius Hogs, seit sie das Haus in Dal verlassen hatten, sich aufzuklären. Ohne Zweifel tat er sich ein wenig Zwang an, damit die Reise für Hulda und Joel mehr eine Zerstreuung sein möge. In zweieinhalb Stunden war Moel erreicht, das am Ende des Tinnsees lag. Hier mußte das Karriol Halt machen, denn es konnte nicht weiter – es hätte sich denn als schwimmendes Fahrzeug eignen müssen. An diesem Punkt des Tales beginnt der Weg über die Seen. Hier befindet sich ein »Wandskyde«, das heißt eine Anlege- und Haltestelle für Schiffe. Hier liegen denn auch, der Fahrgäste harrend, die gebrechlichen Kähne, die den Tinn in seiner Länge und Breite befahren. Das Karriol hielt bei der kleinen Kirche des Weilers am Fuße eines 500 Fuß hohen Falles. Dieser Fall, der auf ein Fünftel seiner Länge zu sehen ist, verliert sich in einer tiefen Bergspalte, ehe sein Wasser sich dem See mitteilt. Zwei Fährleute waren am äußersten Ende des Ufers. Eine Barke aus Birkenrinde, die so »rank« war, daß die Insassen keine Bewegung von einer Seite zur andern machen durften, war bereit zur Abfahrt. Der See erschien jetzt in all seiner Morgenschöne. Die Sonne hatte im Aufgehen die Nachtnebel aufgesogen. Man hätte sich keinen schönern Sommertag wünschen können. »Sie sind doch nicht zu müde, lieber Joel?« fragte der Professor, als er aus dem Karriol stieg. »Nein, Herr Sylvius. Ich bin das Laufen von den langen Gängen durch Telemarken gewöhnt.« »Das ist richtig! – Sagen Sie mir, wissen Sie, welches der geradeste Weg von Moel nach Christiania ist?« »Gewiß, Herr Sylvius. Wenn wir erst am Ende des Sees in Tinoset sind – allerdings, ich weiß nicht, ob wir dort ein Karriol finden werden, da wir in der Station unsere Ankunft nicht angemeldet haben, wie es in diesem Lande Brauch ist.« »Seien Sie ruhig, mein Junge,« antwortete der Professor, »dafür habe ich gesorgt. »Ich habe nicht die Absicht, Sie von Dal bis Christiania zu Fuße laufen zu lassen.« »Wenn es sein müßte –« sagte Joel. »Es wird nicht sein müssen. Kehren wir zu unserer Route zurück, und sagen Sie mir, wie wir am besten fahren.« »Wenn wir erst einmal in Tinoset sind, Herr Sylvius, dann fahren wir um den Fol-See herum, durch Wik und Volkesjoe und erreichen so Möse, und von dort gehts nach Kongsberg, Hangsund und Drammen. Wenn wir auch die Nacht über fahren, können wir unter Umständen schon morgen nachmittag in Christiania sein.« »Schön, Joel! Ich sehe, Sie kennen das Land, und dies ist in der Tat eine sehr angenehme Reise!« »Und der kürzeste Weg!« »Nun, Joel, es kommt nicht drauf an, daß es der kürzeste ist, wissen Sie!« antwortete Sylvius Hog. »Ich weiß einen andern, auf dem wir höchstens ein paar Stunden mehr brauchen. Und den lernten Sie auch, mein Junge, wenn Sie auch nicht davon sprechen.« »Welcher wäre das?« »Ueber Bamble.« »Ueber Bamble?« »Ja, über Bamble! Tun Sie ruhig, als wüßten Sie's nicht! Ueber Bamble, wo der Farmer Helmboe und seine Tochter Siegfriede wohnen.« »Herr Sylvius!« »Diesen Weg werden wir einschlagen, und wenn wir um den Folsee auf der Südseite statt auf der Nordseite herumfahren, werden wir da nicht ebenso gut nach Kongsberg kommen?« »Genau so gut und vielleicht noch besser!« antwortete Joel lächelnd. »Ich danke Ihnen im Namen meines Bruders!« sagte das junge Mädchen. »Und auch in Ihrem eignen, kleine Hulda, denn ich denke mir, es wird Ihnen Vergnügen machen, auf der Durchreise Ihre Freundin Siegfriede wiederzusehen.« Der Kahn war bereit. Alle drei nahmen Platz auf einem Haufen grünen Laubes, der hinten aufgestapelt war. Die beiden Fährleute, die zugleich ruderten und steuerten, stachen in See. Je mehr man sich vom Ufer entfernt, beginnt von Häkenoes aus, einem kleinen, aus ein paar Häusern bestehenden Gaard, der Tinnsee runder zu werden. Er ist noch immer hoch eingedämmt, aber allmählich treten die Berge zurück, und man kann ihre Höhe nur in dem Augenblick abschätzen, wo ein Schiff an ihrem Fuß vorbeizieht, klein wie ein Wasservöglein erscheinend. Hie und da tauchen Inseln oder Inselchen auf, dürr oder grünend, von einigen Fischerhäuschen besetzt. Auf dem Spiegel des Sees treiben Baumstämme, die noch keine Hand bearbeitet hat, und Flöße von Balken aus den umliegenden Sägemühlen. Gegen vier Uhr langte der Kahn in Tinoset an, einem sehr dürftigen Oertchen. Das kam jedoch nicht weiter in Frage, da Sylvius hier nicht Halt zu machen beabsichtigte. Wie er zu Joel gesagt hatte, wartete schon ein Wagen am Ufer. Da der Entschluß zu dieser Reise schon lange bei ihm feststand, hatte er an Herrn Benett von Christiania geschrieben, ihm Beförderungsmittel sicher zu stellen, so daß er vor Verzögerungen und Strapazen geschützt sei. Daher war am besagten Tage eine alte Kalesche in Tinoset, die reichlich mit Lebensmitteln versorgt war. Tinoset liegt fast am Ende des Tinn-Sees. Von hier stürzt sich der Maan in schönem Fall in das tiefere Tal, wo er wieder in regelmäßigem Laufe weiterfließt. Die Pferde von der Poststation waren schon angeschirrt, und der Wagen setzte sich sogleich in Fahrt in der Richtung nach Bamble. Damals konnte man nur in dieser Weise durch Norwegen im allgemeinen und durch Telemarken im besonderen reisen. Und vielleicht vermissen jetzt die Leute, die auf der Eisenbahn fahren, schmerzlich das Stationskarriol und die alten Kaleschen. Joel kannte diesen Teil der Fahrt genau, da er oft von Dal nach Bamble gegangen war. Es war acht Uhr abends, als Sylvius Hog und die Geschwister in der kleinen Ortschaft eintrafen. Sie wurden dort nicht erwartet. Aber der Farmer Helmboe bereitete ihnen nichtsdestoweniger den besten Empfang. Siegfriede schloß ihre Freundin, die sie bleich und vergrämt fand, zärtlich in die Arme. Ein kleines Weilchen blieben die beiden Mädchen allein, um einander das von Kümmernissen bedrückte Herz auszuschütten. »Ich bitte dich, liebe Hulda,« sagte Siegfriede, »laß dich nicht vom Schmerz ganz niederdrücken! Ich habe die Zuversicht noch nicht verloren. Warum soll man jede Hoffnung, unsern armen Ole wiederzusehen, aufgeben? Wir haben durch die Zeitungen erfahren, daß man sich jetzt mit Nachforschungen nach dem »Viken« befaßt. Diese Nachforschungen werden von Erfolg sein. – Sieh, ich bin überzeugt, Herr Sylvius hofft auch noch immer! Hulda, mein Liebling, ich bitte dich – verzage nicht!« Hulda konnte nur mit Tränen antworten, und Siegfriede drückte sie ans Herz. Ach, welche Freude hätte im Hause des Farmers unter diesen wackern, schlichten und guten Leuten geherrscht, wenn diese ganze kleine Welt das Recht gehabt hätte, glücklich zu sein! »Sie reisen also direkt nach Christiania?« fragte der Farmer Sylvius Hog. »Ja, Herr Helmboe.« »Um bei der Ziehung der Lotterie zugegen zu sein?« »Gewiß.« »Wozu denn, da doch das Los Ole Kamps jetzt in den Händen dieses schändlichen Sandgoist ist?« »Es war Oles Wille,« antwortete der Professor, »und dieser Wille muß geachtet werden.« »Man sagt, der Wucherer von Drammen habe für dieses Los, das ihn teuer zu stehen gekommen sei, keinen Käufer gefunden.« »Das soll allerdings der Fall sein, Herr Helmboe.« »Gut! Dieser Schurke, dieser Gauner verdient es nicht besser, Herr Hog! Ja, dieser Gauner! – Geschieht ihm recht so!« »Ja, allerdings, Herr Helmboe, es geschieht ihm recht so.« Natürlich mußte das Abendbrot auf der Farm eingenommen werden. Weder Siegfriede noch ihr Vater hatten ihre Freunde weggelassen, ehe sie diese Einladung angenommen hatten. Aber ein allzu langer Aufenthalt war nicht statthaft, wenn man während der Nacht noch die paar Stunden wieder einholen wollte, die durch die Fahrt über Bamble eingebüßt worden waren. Um neun Uhr waren daher die Pferde der Poststation von einem Burschen des Gaard herbeigeholt worden, der sie auch gleich anschirrte. »Auf meinem nächsten Besuch, lieber Herr Helmboe,« sagte Sylvius Hog zum Farmer, »werde ich sechs Stunden zu Tische bleiben, wenn Sie es verlangen. Aber heute bitte ich, daß an Stelle des Nachtisches Sie mir einen kräftigen Händedruck geben, und Ihre reizende Siegfriede meiner kleinen Hulda einen lieben Kuß!« Als dies getan war, brachen sie auf. Unter diesem hohen Breitengrade mußte es noch auf einige Stunden Dämmerung bleiben. Auch blieb der Horizont nach Sonnenuntergang noch deutlich sichtbar, so rein war die Atmosphäre. Der Weg von Bamble nach Kongsberg über Hitterdal und das Südende des Folsees ist schön und ziemlich bergig. Er führt durch den ganzen südlichen Teil des Telemarken über alle Flecken, Weiler oder Gaards der Gegend hin. Eine Stunde nach dem Aufbruch erblickte Sylvius Hog, ohne hier Halt zu machen, die Kirche von Hitterdal, ein altes sehr merkwürdiges Gebäude, ein ehrwürdiges, und sehr in Ehren gehaltenes Denkmal der skandinavischen Baukunst des 13. Jahrhunderts. Die Nacht sank allmählich hernieder – eine jener Nächte, die noch vom letzten Tagesschimmer erfüllt sind, aber gegen ein Uhr dämmerte sie in das aufbrechende Morgengrauen hinüber. Joel saß auf dem Vordersitz, in Gedanken vertieft. Hulda saß nachdenklich im Wagen. Sylvius Hog wechselte ein paar Worte mit dem Postillon, dem er ans Herz legte, die Pferde anzutreiben. Dann hörte man nur noch das Rasseln des Wagens, das Knallen der Peitsche, und das Knirschen der Räder auf dem ausgefurchten Boden. Die ganze Nacht über wurde ohne Aufenthalt gefahren. In Listhues, einer unbehaglichen Station, die mitten in einem Kreis von tannenbestandenen Bergen versteckt liegt, über denen sich ein zweiter Umkreis von kahlen wilden Felsen erhebt, brauchte nicht Halt gemacht zu werden. Auch an Tineß, einem kleinen malerischen Gaard, fuhren sie vorüber. Die Kalesche fuhr ziemlich schnell, der Kutscher war nicht zu tadeln – ein guter alter Kerl, der im Halbschlummer die Zügel schüttelte. Mechanisch teilte er ein paar Peitschenschläge aus, die vorzugsweise dem Pferd zur Linken zugedacht waren. Das kam daher, weil das rechte Pferd ihm selber gehörte, während das linke Eigentum seines Hofnachbarn war. Um fünf Uhr morgens öffnete Sylvius Hog die Augen, reckte die Arme und atmete mit Wonne das durchdringende Aroma der Tannen ein, von dem die Atmosphäre erfüllt war. Man war in Kongsberg. Der Wagen fuhr über die Brücke, die über den Lagen geht, und machte jenseits, nachdem er an der Kirche vorbeigefahren war, unfern vom Larbrö-Wasserfall Halt. »Meine Lieben,« sagte Sylvius Hog, »wenn Ihr wollt, wechseln wir hier nur die Pferde. Zum Frühstücken ist es noch zu zeitig. Am besten machen wir längere Rast erst in Drammen. Dort werden wir uns ein gutes Essen leisten, damit wir den Proviant von Herrn Benett nicht allzu rasch aufbrauchen.« Das war den beiden recht, und der Professor und Joel begnügten sich damit, im Gasthof zum» Bergwerk ein Glas Branntwein zu trinken. Eine Viertelstunde später waren die Pferde da, und die Fahrt wurde fortgesetzt. Beim Ausgang der Stadt mußte der Wagen eine ziemlich jähe Rampe hinauf, die kühn in die Flanke des Berges geschnitten war. Einen Augenblick zeichneten sich die hohen Türme der Silbergruben von Kongsberg scharf umrissen am Himmel ab. Dann verschwand der ganze Horizont hinter dem dichten Mantel riesiger Tannenforsten, in denen es finster und frisch war wie in Höhlen, in die weder Sonnenlicht noch Sonnenwärme dringt. Die aus Holz gebaute Stadt Hangsund versah den Wagen mit neuem Gespann. Jetzt kam man auf lange Chausseen, die oft durch Barrieren geschlossen waren, welche gegen Entrichtung von fünf bis sechs Schillingen geöffnet wurden. Diese fruchtbare Gegend war reich an Bäumen, die mit ihren unter der Last der Früchte gebeugten Zweigen Trauerweiden glichen. In der Gegend von Drammen Begann das Tal wieder bergig zu werden. Gegen Mittag erschienen die beiden endlosen Straßen der an einem Arm des Christianiafjords gelegenen Stadt mit den bemalten Häusern und dem immer sehr belebten Hafen, wo die Holzflöße für die Schiffe, die, mit den Erzeugnissen des Nordens beladen, einlaufen, nur wenig Platz übrig lassen. Der Wagen machte vor dem »Hotel von Skandinavien« Halt. Der Besitzer, eine gewichtige Persönlichkeit mit weißem Bart und einem Gelehrtengesicht, erschien auf der Schwelle seiner Wirtschaft. Mit jener Feinheit im Blick, mit der der routinierte Gastwirt in allen Ländern der Welt seine Gäste zu taxieren weiß, sagte er: »Ich nehme an, die Herren und die junge Dame wünschen zu frühstücken?« »Allerdings,« antwortete Sylvins, »lassen Sie uns so rasch wie möglich servieren!« »Im Augenblick!« Das Frühstück war bald fertig, und es war ohne Tadel. Vor allem mundete dem Professor ein Fjordfisch vorzüglich, der mit würzigen Kräutern angerichtet war. Etwa um 2 Uhr fuhr der frisch bespannte Wagen vorm Hotel vor, und die Fahrt ging in leichtem Trab durch die Hauptstraße von Drammen weiter. Als sie hier vor einem niedrigen Haus von wenig ansprechendem Aussehen vorbeikamen, das gegen den angenehmen Anstrich der Nachbarhäuser unvorteilhaft abstach, konnte Joel eine Gebärde des Abscheus nicht unterdrücken. »Sandgoist!« rief er. »Ah! das ist Herr Sandgoist!« sagte Sylvius Hog. »Er sieht wahrhaftig nicht sehr angenehm aus!« Es war Sandgoist. Er rauchte vor seiner Tür. Es läßt sich nicht sagen, ob er Joel auf dem Vordersitz erkannte, denn der Wagen fuhr rasch durch die Stöße von Balken und Haufen von Planken. Jenseits einer Chaussee, die mit dem Korallenschmuck der Vogelbeerbäume geziert war, fuhr die Kalesche durch einen dichten Tannenwald, der neben dem »Paradiestal« herläuft, einer großartigen Senkung, deren weite Staffeln bis in die fernsten Grenzen des Horizonts sich verlieren. Hunderte von Hügeln erschienen jetzt, meistens mit einem Landhause oder einem Gaard gekrönt. Als gegen Abend der Wagen nach dem Meere zu längs weiter Wiesen zu Tal fuhr, kamen wieder die Farmen mit ihren hellroten Gebäuden in Sicht, die sich gegen den schwarzgrünen Hintergrund der Bäume grell abhoben. Endlich erreichten die Reisenden den Christiania-Fjord selber, der zwischen malerischen Hügeln sich hinzieht. Um 9 Uhr abends – es war unter diesem Breitengrad noch heller Tag – fuhr die alte Kalesche in die Stadt ein und rasselte geräuschvoll durch die schon leeren Straßen. Gemäß der von Sylvius Hog erteilten Weisung hielt sie vor dem Viktoria-Hotel. Hier stiegen Hulda und Joel aus. Für sie waren im voraus Zimmer bestellt worden. Nach einem liebevollen Gutenacht-Gruß begab sich der Professor in sein altes Haus, wo seine alte Magd Käte und sein alter Diener Fink mit altgewohnter Ungeduld seiner harrten. Siebzehntes Kapitel. Christiania – für Norwegen eine große Stadt – wäre in England oder Frankreich nur eine kleine Stadt. Wenn nicht häufige Feuerbrände gewesen wären, sähe sie jetzt vielleicht noch ebenso aus, wie sie im 11. Jahrhundert erbaut worden ist. Eigentlich rechnet sie erst vom Jahre 1624 ab, zu welcher Zeit König Christian sie neu erstehen ließ. Damals hieß sie noch Opsolö und erhielt den Namen Christiania nach ihrem königlichen Erbauer. Es ist eine regelmäßige Stadt mit großen schmucklosen und geraden Straßen und Häusern aus weißen Steinen oder roten Ziegeln. In einem schönen Garten steht das königliche Schloß, das Orscarlot, ein riesiger viereckiger Bau, der eigentlich ohne Stil ist, obwohl er in ionischem Stile ausgeführt ist. Hier und da tauchen ein paar Kirchen auf, in denen die Andacht der Gläubigen nicht gut durch allzuviel Kunstschönheiten beeinträchtigt werden kann. Endlich sind auch mehrere Zivil- und öffentliche Gebäude da, zuzüglich eines großen Bazars, der rotundenartig angelegt ist. Hier sind die fremden und einheimischen Erzeugnisse in Menge aufgestapelt. Im großen und ganzen ist nichts sonderlich Sehenswertes zu nennen. Aber was man rückhaltlos bewundern muß, das ist die Lage der Stadt in diesem Kreis von Bergen, die, so mannigfachen Charakters, einen prachtvollen Rahmen bilden. In ihren reichen und neuen Vierteln fast flach, bildet sie in ihren höher gelegenen und ansteigenden Stadtteilen eine Art Kasbah, die von unregelmäßigen Häusern bedeckt ist. Dort vegetiert eine arme, verkommene Bevölkerung in Holz- oder Ziegelhütten, deren schreiender Anstrich das Auge mehr verblüfft als entzückt. Man darf nicht glauben, das Wort Kasbah, das man nur in afrikanischen Städten findet, sei in einer Stadt im Norden Europas nicht am Platze. Christiania hat in der Hafengegend Stadtviertel, die an Tunis, Marokko und Algier erinnern. Wenn es dort auch keine Tunesier, Marokkaner und Algerier gibt, so ist doch ihre ab- und zuströmende Bevölkerung auch nicht viel mehr wert. Wie jede Stadt, deren Fuß sich in der See badet und die das Haupt über grünende Hügel emporhebt, ist Christiania außerordentlich malerisch. Es ist durchaus nicht unzutreffend, den Fjord mit der Bucht von Neapel zu vergleichen. Wie das Gestade bei Sorrent oder Castellamare, sind hier die Ufer von Landhäusern und Häuschen besetzt, die in dem fast schwarzen Grün der Tannen halb verschwinden. Sylvius Hog war also endlich wieder in Christiania. Diese Rückkehr hatte sich allerdings unter Umständen vollzogen, die er nie hatte voraussehen können. Die unterbrochene Erholungsreise konnte er in einem andern Jahre nachholen. In diesem Augenblick handelte es sich nur um Joel und Hulda Hansen. Er hatte sie nicht in seinem Hause absteigen lassen, weil ihm zwei Zimmer fehlten, um sie aufzunehmen. Sicherlich hätten die alte Käte und der alte Fink ihnen einen guten Empfang bereitet! Aber es war keine Zeit gewesen, sich darauf einzurichten. Der Professor hatte sie daher nach dem Viktoria-Hotel gebracht, wo sie sehr gut untergebracht waren. Aber während der Professor dafür sorgte, daß seinen Schützlingen die gleiche Aufmerksamkeit entgegengebracht wurde, wie er sie für sich selbst beansprucht hätte, hatte er doch ihre Namen nicht bekannt gegeben. Es schien ihm zuvörderst das Klügste für Joel und vor allem für Hulda Hansen, das Inkognito zu wahren. Ueber das junge Mädchen war bekanntlich viel gesprochen worden, und da war es besser, ihre Ankunft in Christiania geheim zu halten. Es war ausgemacht worden, daß am folgenden Tage Sylvius Hog die Geschwister erst zur Frühstücksstunde wieder aufsuchen sollte, das heißt zwischen 11 und 12 Uhr. Der Professor hatte mehrere Geschäfte zu erledigen, die ihn den ganzen Vormittag über in Anspruch nehmen mußten, und er wollte erst, wenn er damit fertig war, wieder mit Joel und Hulda zusammenkommen. Dann wollte er sie nicht mehr verlassen, sondern bis zur Ziehung bei ihnen bleiben, die gegen 3 Uhr stattfinden sollte. Joel ging, gleich nachdem er aufgestanden war, zu seiner Schwester. Hulda erwartete ihn, schon völlig angekleidet, in ihrem Zimmer. In der Absicht, sie ein wenig ihren Gedanken zu entreißen, die heute noch schmerzlicher sein mußten, als je, machte ihr Joel den Vorschlag, bis zur Frühstückszeit spazieren zu gehen. Um ihrem Bruder gefällig zu sein, nahm Hulda das Anerbieten an, und beide gingen aufs Geratewohl durch die Stadt. Es war ein Sonntag. Während sonst in den nordischen Städten an Feiertagen die Zahl der Spaziergänger noch geringer ist als sonst, waren heute die Straßen sehr belebt. Die Städter waren nicht aufs Land hinaus gepilgert, und die Landleute waren aus der Umgegend in Scharen herbeigekommen. Die Bahnstrecke von Mjösensee hatte Extrazüge einlegen müssen. Soviel Neugierige und vor allen Dingen Beteiligte hatte die volkstümliche Lotterie der Schulen von Christiania herbeigelockt. In den Straßen waren daher viel Menschen – ganze Familien, ja ganze Ortschaften beieinander, die in der geheimen Hoffnung gekommen waren, keine unnütze Reise gemacht zu haben. Joel und Hulda gingen vom Viktoria-Hotel aus zuerst nach den Quais, die im Osten der Bucht lagen. An dieser Stelle war das Treiben nicht so stark, ausgenommen in den Kneipen, wo Bier und Branntwein in vollen Schoppen und Gläsern die von immerwährendem Durst geplagten Kehlen erfrischten. Während die Geschwister zwischen den Magazinen, den Reihen von Tonnen, den Haufen von Kisten dahinschritten, lenkten vor allem die Schiffe, die an Land verankert waren oder auf der See vor Anker lagen, ihre Aufmerksamkeit auf sich. War nicht vielleicht eins dieser Schiffe nach dem Hafen von Bergen bestimmt, in den der »Viken« nie mehr zurückkehren sollte? »Ole! – mein armer Ole!« murmelte Hulda. Joel wollte sie von der Bucht wegführen und stieg mit ihr nach den Vierteln der obern Stadt zu. Hier hörten sie in den Straßen, auf den Plätzen, unter den Gruppen von Leuten manches Wort, das sie betraf. »Ja,« sagte einer, »für Nummer 9672 sind 10 000 Mark geboten worden. »10 000?« antwortete ein anderer. »Ich habe von 20 000 und mehr reden hören!« »Herr Vanderbilt aus Newyork ist sogar bis 30 000 gegangen.« »Die Herren Baring aus London bis auf 40 000.« »Und die Herren Rothschild aus Paris bis auf 60 000!« Von diesen Uebertreibungen der Fama war nichts zu halten. Aber wenn auch diese Neuigkeitskrämer nicht die genauen Summen kannten, die Hulda Hansen geboten worden waren, so stimmten sie doch in der Beurteilung der Handlungsweise des Wucherers von Drammen in wunderbarer Weise überein. »Ein verwünschter Gauner dieser Sandgoist, daß er nicht mit diesen braven Leuten Mitleid gehabt hat!« »O, der ist im Telemarken bekannt!« »Man sagt, er hätte keinen Käufer für das Los Ole Kamps finden können, nachdem er es zu teuerm Preise gekauft hatte.« »Nein! niemand hat was davon wissen wollen.« »Das ist kein Wunder! Solange Hulda Hansen das Los hatte, war es gut.« »Sicherlich, dagegen hat es in Sandgoists Händen gar keinen Wert mehr.« »Schon recht so! Soll es ihm nur als Zahlung bleiben und möchte er nur die 15 000 Mark, die es ihm gekostet hat, daran einbüßen.« »Aber wenn nun der Schurke das große Los gewinnt!« »Der? Warum nicht gar!« »Das wäre eine Ironie des Schicksals! Auf jeden Fall soll er bloß nicht zur Ziehung kommen!« »Nein! da könnte es ihm schlecht gehen!« Dies war, kurz zusammengefaßt, die Meinung, die über Sandgoist geäußert wurde. Uebrigens hatte er aus Vorsicht oder aus sonst welchem Grunde tatsächlich nicht die Absicht, der Ziehung beizuwohnen, da er ja am vergangenen Tage noch vor seinem Hause in Drammen gesessen hatte. Hulda, die sehr aufgeregt war, und Joel, der den Arm seiner Schwester in dem seinen zittern fühlte, gingen schnell vorüber, ohne sich die Mühe zu machen, noch mehr zu hören. Vielleicht hegten sie die Hoffnung, Sylvius Hog in der Stadt zu treffen. Dies geschah jedoch nicht. Einige aus den Gesprächen der Leute aufgefangenen Worte ließen sie indessen erkennen, daß die Rückkehr des Professors nach Christiania schon ruchbar geworden war. Schon am Morgen hatte man ihn mit sehr geschäftiger Miene, wie einen, der weder zum Fragen noch zum Antworten Zeit hat, bald auf der Hafenseite, bald in der Gegend des Marineamts umhergehen sehen. Gewiß hätte Joel jeden beliebigen Passanten fragen können, wo Professor Sylvius Hog wohne. Jeder hätte sich beeilt, ihm das Haus zu bezeichnen, oder ihn dorthin zu führen. Er tat es nicht, und da überdies im Hotel die Zusammenkunft vereinbart war, so war es das beste, sich bis dahin zu gedulden und solange sich dort aufzuhalten. Hierum bat Hulda ihren Bruder, denn sie fühlte sich sehr müde, und all dieses Gerede, in dem ihr Name genannt wurde, war ihr äußerst unangenehm. Sie kehrten ins Viktoria-Hotel zurück, und Hulda begab sich in ihr Zimmer, um auf Sylvius Hog zu warten, während Joel im Lesezimmer blieb und dort die Zeitungen von Christiania mechanisch durchblätterte. Plötzlich erblaßte er, sein Blick trübte sich, das Blatt, das er hielt, entfiel seinen Händen. In einer Nummer des Morgen-Blad hatte er unter den Seenachrichten die folgende aus Neufundland datierte Depesche gelesen: »Der Aviso »Telegraf« traf an der Stelle ein, wo mutmaßlich der Schiffbruch des »Viken« stattfand, und entdeckte keine Spur. Die Nachforschungen an der grönländischen Küste sind gleichfalls erfolglos geblieben. Es muß nun als gewiß betrachtet werden, daß von der Mannschaft des »Viken« keiner am Leben geblieben ist.« Achtzehntes Kapitel. Wie strömte die Menge in den großen Saal der Universität von Christiania, wo die Lotterieziehung stattfinden sollte! Selbst die Höfe waren überfüllt, da der Saal die vielen Menschen nicht zu fassen vermochte. Bis auf die angrenzenden Straßen hinaus standen Leute, denn auch die Höfe waren noch zu klein. An diesem Sonntag, dem 15. Juli, hätte man freilich an den so seltsam aufgeregten Norwegern nichts von ihrer sonstigen Ruhe wahrnehmen können. Rührte nun diese Aufregung von der Spannung her, mit der sie der Ziehung harrten, ober war sie der hohen Temperatur zuzuschreiben, die an diesem Sommertage herrschte? Vielleicht hatten Spannung und Hitze gleichen Anteil daran. Die Ziehung sollte pünktlich um drei Uhr beginnen. Es waren 100 Gewinne, die in drei Serien geteilt waren: erstens 90 Gewinne von 100 bis 1000 Mark im Gesamtwert von 45 000 Mark, zweitens 9 Gewinne von 1000 bis 9000 Mark gleichfalls im Gesamtwert von 45 000 Mark, drittens 1 Gewinn von 100 000 Mark. Im Gegensatz zu der sonstigen Gepflogenheit bei derartigen Lotterien sollte das große Los zu allerletzt gezogen werden. Das große Los sollte nicht auf die erste gezogene Gewinnnummer, sondern auf die letzte, das heißt auf die hundertste, fallen. Daher mußte die Erwartung, die Aufregung, die Spannung beständig zunehmen. Selbstverständlich konnte jede Nummer, die einmal gewonnen hatte, nicht zum zweitenmale herauskommen, sondern war, wenn einmal gezogen, nichtig. All dies war der Menge bekannt. Man brauchte nur die festgesetzte Stunde abzuwarten. Aber um über das ermüdende Warten hinwegzukommen, wurde geplaudert, und zwar bildete fast überall die rührende Lage der Hulda Hansen das Gesprächsthema. Wenn sie das Los Ole Kamps noch besessen hätte, so hätte jeder – natürlich erst nach seiner eignen Person – ihr Glück gewünscht! Zu dieser Zeit hatten mehrere schon Kenntnis von der Depesche, die im Morgen-Blad gestanden hatte. Sie teilten sie ihren Nachbarn mit. Bald war es in der ganzen Menschenmenge bekannt, daß die Nachforschungen des Avisos erfolglos gewesen waren. Die Hoffnung, auch nur Trümmer des »Viken« wiederzufinden, mußte also ausgegeben werben. Von der Mannschaft war nicht einer aus dem Schiffbruch gerettet! Hulda würde ihren Bräutigam nie wiedersehen! Ein Zwischenfall gab den Gesprächen eine andere Wendung. Es hatte sich nämlich das Gerücht verbreitet, Sandgoist habe beschlossen, von Strammen wegzuziehen. Einige behaupteten sogar, ihn in den Straßen von Christiania gesehen zu haben. Sollte er es doch gewagt haben, den Saal zu betreten? Wenn dies der Fall war, konnte dieses Scheusal auf eine vielleicht verhängnisvolle Kundgebung gegen seine Persönlichkeit gefaßt sein. Er sollte der Ziehung beiwohnen? Das war ebenso unwahrscheinlich wie unmöglich. Blinder Lärm war das Ganze, weiter nichts! Gegen 2 Uhr ging Bewegung durch die Menge. Der Professor Sylvius erschien am Tor der Universität. Man wußte, welche Rolle er bei der ganzen Angelegenheit gespielt hatte und wie er nach seiner Rettung durch Frau Hansens Kinder bemüht gewesen war, seine Schuld abzutragen. Sogleich öffneten sich die Reihen. Ein schmeichelhaftes Murmeln, das Sylvius Hog durch liebenswürdiges Kopfnicken beantwortete, verbreitete sich durch die Menge und wandelte sich bald zu lauten Zurufen. Aber der Professor war nicht allein. Als die zunächst Stehenden zurücktraten, um ihm Platz zu machen, sah man, daß er ein junges Mädchen am Arm führte, während ein junger Mann ihnen beiden folgte. Ein junger Mann – ein junges Mädchen! Wie ein elektrischer Schlag ging es durch die Menge. Der gleiche Gedanke sprang aus aller Gehirn wie ein Funke von ebensoviel Akkumulatoren. »Hulda – Hulda Hansen!« Dieser Name kam aus aller Munde. Ja! Hulda Hansen war es, die sich vor Aufregung kaum zu halten vermochte. Wenn Sylvius Hogs Arm sie nicht gehalten hätte, wäre sie hingefallen. Aber er hielt sie fest, die rührende Heroine dieses Festes, bei dem nur Ole Kamp fehlte. Wieviel lieber wäre sie in ihrer kleinen Stube in Dal geblieben! Wie gern hätte sie sich all dieser Neugier entzogen, so wohl gemeint sie auch war! Aber Sylvius Hog hatte gewollt, daß sie mitkäme, und so war sie mitgekommen. »Platz! Platz!« rief es von allen Seiten. Vor Sylvius Hog, Hulda und Joel teilte sich die Menge. Wieviel Hände strengten sich an, um ihre Hände zu fassen! Wieviel herzliche Worte der Begrüßung wurden ihnen zuteil! Und wie gewandt Sylvius Hog für all diese Erkenntlichkeiten zu danken verstand! »Ja, sie ist es, meine Freunde! Es ist meine kleine Hulda, die ich von Dal hergebracht habe!« sagte er. Dann drehte er sich um. »Und dies ist Joel, ihr wackerer Bruder!« Und er fügte hinzu: »Aber vor allem, drückt sie mir nicht tot!« Und während Joels Hände jeden Händedruck erwiderten, wurden die weniger kraftvollen Hände des Professors fast zerdrückt. Dabei leuchtete aber doch sein Auge, und eine kleine Träne freudiger Erregung rann von seinen Wimpern. Sie brauchten eine gute Viertelstunde, um durch die Universitätshöfe hindurchzukommen und in den großen Saal zu gelangen, wo für den Professor Stühle reserviert waren. Endlich war dies nach einiger Mühe erreicht, und Sylvius Hog nahm zwischen Hulda und Joel Platz. Um einhalb drei Uhr öffnete sich eine Tür hinter dem Podium im Grunde des Saales. Der Vorsitzende erschien, würdevoll und ernst, mit jener Herrschermiene und jener Kopfhaltung, wie man sie immer an Leuten findet, die irgendwo ein Präsidium zu führen haben. Zwei Beisitzer folgten ihm, nicht minder gewichtig. Dann sah man sechs kleine mit Bändern und Blumen geschmückte Mädchen hereintreten. Sie waren blond und blauäugig und hatten rosige Händchen, in denen man deutlich jene Hände der Unschuld erkannte, die für Lotterieziehungen wie geschaffen sind. Diesem Auftritt folgte ein allgemeines Stimmengewirr, das zunächst Kunde von der Freude gab, die die ganze Menge über den Anblick der Leiter der Lotterie von Christiania empfand, und des weitern die Ungeduld verriet, die sie verursacht hatten, indem sie nicht schon früher auf dem Podium sich gezeigt hatten. Sechs Mädchen waren ausgesucht worden, weil sechs Urnen da waren, die auf einem Tische standen und aus denen bei jeder Ziehung sechs Nummern genommen werden sollten. Diese sechs Urnen enthielten jede die 10 Nummern 1, 2, 3, 4, 5, 6, 7, 8, 9, 0, welche die Einer, Zehner, Hunderter, Tausender, Zehntausender und Hunderttausender der Zahl Million darstellten. Wenn für die Reihe der Million keine siebente Urne da war, so erklärte sich das daher, daß nach diesen Ziehungsart vereinbartermaßen die 6 Nullen, wenn sie auf einmal herauskommen, die Zahl Million bedeuten – wodurch die Chancen auf alle Nummern gleichmäßig verteilt werden. Außerdem war bestimmt worden, daß die Nummern nacheinander aus den Urnen gezogen werden sollten, indem man bei der zur Linken des Publikums stehenden Urne begann. Die gewinnende Nummer bildete sich auf diese Weise gewissermaßen unter den Augen der Zuschauer, zuerst durch die Ziffer der Reihe der Hunderttausender, dann der Zehntausender und sofort bis zur Reihe der Einer. Gemäß dieser Vereinbarung sah begreiflicherweise jeder seine Chancen je nach dem Erscheinen jeder Ziffer mit wachsender Erregung steigen oder fallen. Als es 3 schlug, gab der Vorsitzende ein Zeichen mit der Hand und erklärte die Sitzung für eröffnet. Das gedehnte Gemurmel, mit dem diese Erklärung aufgenommen wurde, dauerte einige Minuten, nach denen völlige Stille eintrat. Der Vorsitzende erhob sich. Sehr bewegt, sprach er ein paar passende Worte, indem er sein Bedauern ausdrückte, daß es nicht für jede Nummer ein großes Los gäbe. Dann befahl er, zur Ziehung der ersten Serie vorzuschreiten. Diese umfaßte, wie bekannt, 80 Lose, mußte daher einige Zeit in Anspruch nehmen. Die sechs kleinen Mädchen begannen also mit automatischer Regelmäßigkeit zu arbeiten, ohne daß die Geduld des Publikums eilten Augenblick sich erschöpfte. Da die Bedeutung der Lose mit jeder Nummer wuchs, wuchs natürlich auch die Aufregung, und niemand dachte daran, seinen Platz zu verlassen, selbst die nicht, deren gezogene Nummern keine Aussichten mehr hatten. Das währte eine Stunde, ohne daß etwas Besonderes sich ereignete. Es fiel immerhin schon auf, daß die Nummer 9672 noch nicht herausgekommen war – sodaß ihr alle Chancen blieben, den Haupttreffer von 100 000 Mark zu machen. »Dieser Sandgoist hat gute Aussichten!« sagte einer neben dem Professor. »Bah! Es wäre doch ein Wunder, wenn gerade er das große Los zöge,« bemerkte ein anderer, »obwohl er eine berühmte Nummer hat.« »Berühmt in der Tat!« sagte Sylvius Hog. »Aber fragen Sie mich nicht, wodurch. Ich könnte es Ihnen nicht sagen.« Jetzt begann die Ziehung der zweiten Serie, die neun Gewinne enthielt. Das versprach sehr interessant zu werden, der 91. Gewinn 1000 Mark, der 92. 2000 Mark und sofort bis zum 99., der 9000 Mark betrug. Die dritte Serie bestand bekanntlich einzig und allein aus dem Hauptgewinn. Die Nummer 72 521 gewann 5000 Mark. Das Los hatte ein wackerer Hafenarbeiter, dem die ganze Menge zujubelte – was er mit großer Würde über sich ergehen ließ. Eine andere Nummer 823 752 gewann 6000 Mark. Und wie groß war die Freude Sylvius Hogs, als Joel ihm mitteilte, daß dieses Los der reizenden Siegfriede von Bamble gehörte! Jetzt aber geschah ein Zwischenfall, und das ganze Publikum gab eine Aufregung kund, die in lautem Murmeln sich äußerte. Als der 97. Gewinn gezogen wurde, konnte man auf einen Augenblick glauben, das Schicksal sei Sandgoist doch günstig und ließe ihm wenigstens diesen Gewinn. Die Gewinnnummer war 9627. Es hatten nur 45 Punkte gefehlt, so wäre es die Losnummer Ole Kamps gewesen! Die beiden folgenden Ziehungen brachten die wieder weit abliegenden Nummern 775 und 76 287 heraus. Die zweite Serie war beendet. Es war nur noch der Gewinn von 100 000 Mark zu ziehen. In diesem Augenblick stieg die Spannung der Zuschauer aufs höchste. Zuerst ging ein langgezogenes Murmeln vom großen Saal in die Höfe und bis auf die Straßen hinaus. Einige Minuten vergingen, ohne daß das Murmeln verstummte. Indessen hörte es doch allmählich auf, und es trat wieder tiefes Schweigen ein. Man hätte meinen mögen, die ganze Menge fei vom Scheintod befallen gewesen. Es lag in dieser Ruhe eine gewisse Erstarrung – eine Erstarrung jener Art, wie man sie in dem Augenblick empfindet, wo ein Verurteilter auf dem Richtplatz erscheint. Aber diesmal war der noch unbekannte Verurteilte nur dazu verurteilt, 100 000 Mark zu gewinnen, statt den Kopf zu verlieren – wenn er ihn nicht gerade vor Freude verlor. Mit gekreuzten Armen blickte Joel ins Leere, er war von der ganzen Menge vielleicht am allerwenigsten erregt. Hulda saß wie in sich selbst versunken und dachte an ihren armen Ole. Unwillkürlich suchte sie ihn mit den Blicken, wie wenn er im letzten Moment hätte erscheinen müssen. Sylvius Hog – doch wir müssen darauf verzichten, die Gemütsverfassung des Professors zu schildern. »Ziehung des Gewinnes von 100 000 Mark« verkündete der Vorsitzende. Welche Stimme! Sie schien aus dem tiefsten Innern dieses feierlichen Mannes heraufzutönen. Das kam daher, weil noch mehrere Lose da waren, die noch nicht gezogen worden waren und daher Aussicht auf den Haupttreffer hatten. Das erste kleine Mädchen zog eine Nummer aus der Urne zur linken und zeigte sie der Versammlung. »Null!« sagte der Präsident. Diese Null machte keinen besonderen Eindruck. Man schien auf ihr Erscheinen gefaßt gewesen zu sein. »Null!« sagte nochmals der Vorsitzende, indem er die Ziffer verkündete, die das zweite kleine Mädchen gezogen hatte. Zwei Nullen! Man erkannte, daß die Chancen merklich stiegen für alle Nummern zwischen 1 und 9999. Und das Los Ole Kamps war – wie alle wußten – 9672. Seltsamerweise begann Sylvius Hog auf seinem Stuhle unruhig zu werden. »Neun!« rief der Präsident, indem er die Ziffer verkündete, die das dritte Mädchen aus der dritten Urne gezogen hatte. »Neun! das war die erste Ziffer des Loses Ole Kamps! »Sechs!« sagte der Vorsitzende. Und in der Tat zeigte das vierte kleine Mädchen allen auf sie gerichteten Blicken eine Sechs. Die Gewinnchancen standen jetzt eins zu hundert für alle Nummern zwischen 1 und 99. Sollte auf das Los Ole Kamps die Summe von 100 000 Mark fallen, und sollte der elende Sandgoist der glückliche Gewinner sein? Wahrhaftig, dann hätte man an Gott verzweifeln können! Das fünfte Kind griff in die Urne und zog die fünfte Ziffer. »Sieben!« rief der Präsident, mit so erstickter Stimme, daß man sie selbst in den ersten Reihen kaum hörte. Aber wenn man auch nicht hörte, man sah ja, und in diesem Augenblick hielten die fünf kleinen Mädchen die folgenden Ziffern vor die Augen des Publikums: 00 967. Die gewinnende Zahl mußte also zwischen 9670 und 9679 liegen. Die Chancen standen also jetzt 1 zu 10. Die Erstarrung der Menge war auf ihrem Höhepunkt. Sylvius Hog stand aufrecht da und hielt die Hand der Hulda Hansen. Aller Augen richteten sich auf das arme Mädchen. Indem sie das letzte Andenken ihres Bräutigams opferte, sollte sie auch das Vermögen geopfert haben, von dem Ole Kamp für sie und ihn geträumt hatte? Das sechste Mädchen konnte die Hand nicht so schnell in die Urne stecken. Das arme Ding zitterte auch. Endlich erschien die Ziffer. »Zwei!« rief der Präsident. Und halb erstickt von der Aufregung, sank er in seinen Stuhl. »Neuntausendsechshundertzweiundsiebzig!« rief einer der Beisitzer mit hallender Stimme. Es war die Losnummer Ole Kamps, die jetzt Sandgoist besaß. Alle Welt wußte das, und jedermann war darüber unterrichtet, unter welchen Umständen der Wucherer sie erlangt hatte! An Stelle des donnernden Hurrageschreis, das den ganzen Universitäts-Saal erfüllt hätte, wenn das Los noch in Hulda Hansens Händen gewesen wäre, herrschte tiefes Schweigen. Und sollte jetzt dieser Gauner Sandgoist zum Vorschein kommen, mit dem Los in der Hand, um den Gewinn einzustecken? »Nummer 9672 gewinnt 100 000 Mark!« wiederholte der Beisitzer. »Wer erhebt Anspruch?« »Ich!« War es der Wucherer von Drammen, der dieses Wort gesprochen hatte? Nein! Es war ein junger Mann – ein junger Mann mit bleichem Gesicht, der in seinen Zügen wie an seiner ganzen Person die Spuren langer Leiden trug – der aber lebte, ja lebte! Beim Klang dieser Stimme war Hulda aufgesprungen – sie stieß einen Schrei aus, der an aller Ohr schlug – dann fiel sie in Ohnmacht. Aber der junge Mann durchbrach die Menge und fing das bewußtlose Mädchen in seinen Armen auf. Es war Ole Kamp. Neunzehntes Kapitel. Ja! Es war Ole Kamp. Ole Kamp, der wie durch ein Wunder den Schiffbruch des »Viken« überlebt hatte! Der »Telegraf« hatte ihn nicht nach Europa bringen können, weil er sich nicht mehr in den Gegenden befunden hatte, die der Aviso besuchte. Denn zu jener Zeit war er schon unterwegs nach Christiania auf dem Schiffe, das ihn wieder in die Heimat trug. Dies erzählte jetzt Sylvius Hog. Dies sagte er allen, die es hören wollten. Und alle hörten es, das kann man glauben! Dies berichtete er mit der Miene eines Triumphators. Und die Leute um ihn erzählten es denen weiter, die nicht das Glück hatten, in seiner Nähe zu stehen. Und es pflanzte sich von Gruppe zu Gruppe fort bis hinaus in die Menge, die die Höfe und die Straßen anfüllte. In wenigen Minuten wußte mit einemmale ganz Christiania, daß der junge Schiffbrüchige des »Viken« zurückgekehrt sei, und daß er in der Lotterie der Schulen von Christiania das große Los gewonnen hatte. Und freilich mußte Sylvius Hog diese ganze Geschichte erzählen. Die hätte es nicht gekonnt, denn Joel erdrückte ihn in den Armen, während Hulda wieder zu sich kam. »Hulda! liebe Hulda!« sagte Ole. »Ja! – ich – dein Bräutigam – und bald dein Mann!« »Morgen, Kinder, morgen!« rief Sylvius Hog. »Wir reisen noch heute ab nach Dal. Und wenn man so etwas noch nicht gesehen hat, so wird man dann einen Professor der Rechte, einen Abgeordneten des Storthing einen Hochzeitswalzer tanzen sehen, wie ihn der Ausgelassenste unter den Burschen aus Telemarken nicht besser tanzt!« Aber woher kannte Sylvius Hog die Geschichte Ole Kamps? Ganz einfach durch den letzten Brief, den das Marineamt ihm nach Dal geschickt hatte. In der Tat hatte dieser Brief – der letzte, den er erhielt und von dem er niemand etwas sagte – und dann ein zweiter Brief aus Christiansand, der ihn in Christiania erreicht hatte, ihm die Mitteilung gebracht: Die dänische Brigg »Genius« hätte in Christiansand angelegt mit den Ueberlebenden des »Viken« an Bord, unter denen sich auch der junge Steuermann Ole Kamp befände. In drei Tagen würde derselbe in Christiania eintreffen. Der Brief des Marineamts setzte hinzu, die Schiffbrüchigen hätten soviel Leiden zu überstehen gehabt, daß sie noch immer schwach und kraftlos wären. Daher hatte Sylvius Hog der Braut nichts von der Rückkehr ihres Bräutigams sagen wollen. Er hatte daher in seinem Antwortschreiben darum gebeten, daß über diese Rückkehr strengstes Schweigen beobachtet werden möchte, was denn auch geschehen war. Wenn der Aviso »Telegraf« weder Trümmer noch Ueberlebende des »Viken« gefunden hatte, so war dies leicht erklärlich. Während eines heftigen Sturmes hatte der halb rettlose »Viken«, als er sich 200 Meilen südlich von Island befand, nach Nordwesten fliehen müssen. In der sehr stürmischen Nacht vom 3. zum 4. Mai war er gegen einen jener riesigen treibenden Eisberge gerannt, die aus den grönländischen Meeren kommen. Der Zusammenstoß war so furchtbar, daß nach fünf Minuten der »Viken« gesunken war. In diesem Augenblick hatte Ole jenes Schriftstück abgefaßt. Er hatte auf das Lotterielos ein letztes Lebewohl an seine Braut geschrieben, es in eine Flasche gesteckt und dann ins Meer geworfen. Aber die Mehrzahl der Mannschaft des »Viken« – darunter der Kapitän – war im Augenblick des Zusammenstoßes zu Grunde gegangen. Nur Ole Kamp und vier seiner Kameraden hatten in dem Augenblick, wo der »Viken« unterging, noch auf einen Block des Eisberges springen können. Indessen wäre damit ihr Tod nur aufgeschoben gewesen, wenn der Sturm den Eisgang nicht nach Nordwesten getrieben hätte. Zwei Tage später waren die fünf Ueberlebenden, völlig erschöpft und fast verhungert, an die Südküste von Grönland geworfen worden – eine völlig verödete Küste, wo ihr Leben in der Gnade Gottes lag. Wenn ihnen hier nicht in einigen Tagen Hilfe gekommen wäre, so wäre es um sie geschehen gewesen. Woher hätten sie die Kraft nehmen sollen, bis zu den Fischereien oder den dänischen Niederlassungen an der Baffinsbai zu kommen? Hier kam die Brigg »Genius« vorbei, die ein Sturm aus dem Kurs geworfen hatte. Die Schiffbrüchigen gaben Notsignale und wurden aufgenommen. Sie waren gerettet. Indessen erlitt der durch widrige Winde aufgehaltene »Genius« noch beträchtliche Verzögerungen aus der verhältnismäßig kurzen Fahrt von Grönland nach Norwegen. Daher kam sie erst am 12. Juli nach Christiansand und erst am 15. früh nach Christiania. An diesem Morgen war Sylvius Hog an Bord gegangen. Hier hatte er Ole in noch ziemlich schwachem Zustande angetroffen. Er hatte ihm alles erzählt, was sich seit dem Eintreffen seines letzten Briefes aus Saint-Pierre-Miquelon zugetragen hatte. Dann hatte er ihn in seine Wohnung mitgenommen, nachdem er auch die Mannschaft des »Genius« gebeten hatte, noch auf einige Stunden das Geheimnis zu wahren. Das Weitere ist bekannt. Nun wurde vereinbart, daß Ole Kamp der Lotterieziehung beiwohnen sollte. Würde er die Kraft dazu haben? Ja! es würde ihm nicht an Kraft fehlen, da ja auch Hulda zugegen sein würde! Aber hatte denn diese Ziehung für ihn noch Interesse? Ja, hundertmal ja! Interesse für ihn wie für seine Braut! Sylvius Hog war es nämlich gelungen, das Los den Händen Sandgoists zu entreißen. Er hatte es für den Preis zurückgekauft, den der Wucherer von Drammen der Frau Hansen bezahlt hatte. Und Sandgoist war im Grunde froh, daß er es los wurde, da jetzt doch niemand dafür mehr bezahlen wollte. »Mein lieber Ole,« hatte Sylvins' Hog gesagt, indem er ihm das Los wiedergab, »nicht eine Chance zu gewinnen, die im Grunde ja unwahrscheinlich ist, wollte ich Hulda zurückerstatten, sondern das letzte Lebewohl, das Sie im Augenblick, wo Sie zu sterben glaubten, an Sie gerichtet haben, sollte ihr nicht verloren gehen!« Nun! das mußte man sagen: Professor Sylvius Hog war von einer guten Eingebung geleitet worden! von einer bessern, als dieser Sandgoist, der mit dem Schädel fast gegen die Wand gerannt wäre, als er das Resultat der Ziehung vernahm! Jetzt waren 100 000 Mark in das Daler Haus gelangt! ja! volle 100 000 Mark, denn Sylvius Hog wollte nun und nimmer einen Heller von dem Betrage wiedernehmen, den er für den Rückkauf von Ole Kamps Lose bezahlt hatte. Es war die Mitgift, die er am Hochzeitstage seiner kleinen Hulda einhändigte; und wie glücklich war er, daß er es konnte! Vielleicht wird man es für einigermaßen seltsam halten, daß auf diese Nummer 9672, auf welche die Aufmerksamkeit der Welt in so lebhaftem Maße gelenkt worden war, am Ziehungstage auch wirklich das große Los fiel. Ja, erstaunlich ist es, das soll gelten, aber unmöglich war es nicht: und der Fall war es! war es jedenfalls! Sylvins Hog, Ole, Joel und Hulda verließen noch am selben Abend Christiania. Die Heimfahrt ging über Bamble, denn man mußte Siegfrieden den Anteil vom Gewinn, der auf sie fiel, aushändigen. Als sie der Weg an der kleinen Kirche von Hitterdal vorbeiführte, gedachte Hulda der traurigen Gedanken, die sie zwei Tage vorher erfüllt hatten. Aber Oles Gesicht führte sie gar geschwind in die glückliche Wirklichkeit zurück. Beim heiligen Olaf! hübsch war Hulda, bildhübsch unter ihrer strahlenden Krone, als sie vier Tage drauf am Arm ihres Mannes, am Arme von Ole Kamp, aus der kleinen Kirche von Dal trat! und dann, welche Hochzeitsfeier! bis in die hintersten Gaards des Telemarken hallte die Freude, der Jubel wider! und welche Herzenslust bei allen. Bei der lieblichen Brautjungfer Siegfriede, und ihrem Vater, dem Pächter Helmboe, und ihrem Bräutigam Joel, und nicht minder bei Frau Hansen, die von dem Gespenst eines Sandgoist nicht mehr verfolgt wurde! Vielleicht wird man sich fragen, ob all diese Freude, all diese Gäste, die Herren Gebrüder Help, Söhne von Help sen., und soviel andere herbeigeströmt waren, dem Glück des jungen Brautpaares anzuwohnen, oder um Sylvius Hog, Professor der Rechtswissenschaft und Deputierter beim Storthing, tanzen zu sehen? Das ist eine Frage! und eine ernster Art! Jedenfalls tanzte der Professor höchst würdevoll, und während er den Ball eröffnet hatte mit seiner lieben Hulda, schloß er ihn ab mit der liebreizenden Siegfriede. Am nächsten Tage, begrüßt von dem Hurrageschrei des ganzen Westfjorddal, reiste er ab, nicht ohne das förmliche Versprechen, sich zu Joels Hochzeit, die ein paar Wochen später gefeiert werden sollte, wieder einzufinden ... ein Versprechen, welches den höchsten Jubel bei allen Teilnehmern hervorrief ... und an diesem zweiten Hochzeitsfeste eröffnete der Professor den Ball mit der liebreizenden Siegfriede und schloß ihn ab mit seiner lieben Hulda. Und seitdem hat er nicht wieder getanzt, der wackere Professor Sylvius Hog! Wieviel Glück wohnte jetzt in diesem Hause zu Dal, das so harte Prüfungen erlitten hatte. Zweifelsohne war dies Glück zum nicht geringen Teile des Professors Werk: aber er mochte das nun und nimmer gelten lassen und wiederholte in einem fort: »Gut! gut! aber ich bin noch immer in arger Schuld bei den lieben Kindern von Frau Hansen!« Was das berühmt gewordene Los anbetrifft, so war es nach dem Ziehungstage an Ole Kamp zurückgegeben worden ... und prangt jetzt in einem kleinen aus Holz geschnitzten Rahmen in der großen Stube des Gasthofs von Dal am Ehrenplatze. Was man aber von ihm sieht, ist nicht die Vorderseite mit der Nummer 9672, sondern die Rückseite mit den Abschiedsworten, die der Schiffbrüchige Ole Kamp an seine Braut Hulda Hansen richtete, als der »Viken« in den Fluten des Meere» versank.   Ende.