Ottilie Wildermuth Jugendgabe Erzählungen für Kinder von acht bis zwölf Jahren Inhalt Spätes Glück Der kluge Bruno Kordulas erste Reise Die wunderbare Höhle Ein einsam Kind Der Peterli von Emmental Spätes Glück Der liebe Gott hatte ein gesegnetes Jahr, warmen klaren Sonnenschein und fruchtbaren Regen ins Land geschickt. Es war Friede allenthalben; alle Bäume voll von köstlichem Obst, an den grünen Hügeln in den Rheinlanden reiften die herrlichsten Trauben; die Herzen waren fröhlich und die Arbeit wurde niemand sauer. Auch für die Kinder war gute Zeit; die Gärten waren voll, und es gab überall etwas zu schmausen, und der Überfluß machte die Herzen mildtätig, und selbst die, welchen kein Baum wuchs, welche kein Stückchen Land ihr eigen nennen konnten, durften nicht leer ausgehen. Es war in einer schönen großen Stadt am Rhein, an einem herrlichen Sommerabend, wo von allen Hügeln herab, von den Wiesen und Tälern das rege und doch friedliche Abendleben sich zeigte, das sich so behaglich ansieht in ruhigen Zeiten. Aus den niederen Häusern in dem Teil der Stadt, wo die Weingärtner und Ackerbauern wohnten, stieg schon ein leichter Rauch auf; dort kochte eine besorgte Mutter das Abendbrot; hochgeladene Wagen mit duftendem Oehmd fuhren heimzu, und fröhliche Kinder, die oben saßen, blickten triumphierend von der grünen Höhe herab; andere Kinderscharen zogen frohlockend an einem Handwagen, auf dem Körbe mit rotbackigen Äpfeln standen. Die Weinlese hatte noch nicht angefangen, nur hier und da brachte ein Winzer mit freudigem Stolz ein Körbchen auserlesener Trauben vom Berg herunter, die er irgendeinem vornehmen Herrn »zur Verehrung« bringen wollte, als Probe, wie prachtvoll heuer der Wein werden müsse, und wenn er eine der großen schwarzen Trauben in die Höhe hielt und den Vorübergehenden zeigte, so brachen alle in ein bewunderndes Ah! aus und die Kleinen sahen mit lüsternen Blicken daran empor. Durch all dieses rege abendliche Leben und Treiben zog in gleichmäßigem Schritt, fast in Reih und Glied wie die Soldaten, ein Häufchen Kinder, denen kein Apfel reifte und keine Traube glühte; die fremd und unbeteiligt an all den geschäftigen Leuten und fröhlichen Kindern vorbeischritten und welche auch von diesen mit fremden Augen angeschaut wurden, als solche, die einem ganz anderen Kreise angehörten. Sie gingen alle gleich gekleidet: die Knaben in grauen Jäckchen, die Mädchen in blauem Kattun, – es waren die Zöglinge des Waisenhauses. Die Knaben sahen nicht viel um sich und waren schweigsam; hie und da blickte einer nach den Kindern »in der Welt draußen«, und es fiel ihm wohl ein, wie er auch einmal mit seinem Vater vom Acker heimgegangen war oder der Mutter an der Schürze gehangen und Aepfel aus ihrer Tasche gezogen hatte; aber er redete nicht darüber. Die Mädchen, die sahen mehr um sich, plauderten zusammen und erzählten sich von daheim, wie ihre Mutter auch ein Gärtchen gehabt, oder ihr Vater einmal einen Weinberg. Hinter dem Zuge der Mädchen, zunächst der Lehrerin, die ihn beschloß, um ein Auge zu haben auf die kleine Schar, ging zwischen zwei großen Mädchen ein kleines, nach dem alle Vorübergehenden hinsahen. Es war, wie die übrigen Kinder, in das schlichte blaue Kattunröckchen gekleidet; aber es hatte ein so feines, liebliches Gesichtchen und ein Köpfchen voll blonder Locken, wie man sie noch nie bei einem Waisenhauskind gesehen, denn gewöhnlich wurden den Mädchen der Einfachheit wegen die Haare kurz geschnitten; dem Dörtchen allein hatte man sie wachsen lassen, weil sie so gar schön und lockig waren. Die größern Mädchen schienen Dörtchen auch mit besonderer Zärtlichkeit zu hüten; es trug ein Blumensträußchen in der Hand. Das kleine Lockenköpfchen war augenscheinlich der Liebling der Anstalt. Es war nicht, als ob von all dem Segen auf Feld und Flur für die Waisenhauskinder gar nichts gewachsen wäre. Gar mancher Korb Aepfel wurde von mildtätigen Händen ins Waisenhaus geschickt; auch war ein Garten hinter dem Hause, in dem schöne Apfelbäume standen, und die Kinder hatten Gott und guten Menschen zu danken, daß sie hier nicht bitteres Bettelbrot essen durften. – Aber ein andres ist's, an der Hand des Vaters heimzukehren mit dem Segen, der auf »unsrem Feld«, in »unsrem Obstgarten« gewachsen ist, und ein andres, so in Reih und Glied einzurücken unter ein fremdes Dach, wo kein so herzliches »Grüß Gott« ertönt wie daheim. Wenn Kinder, denen die Zucht eines treuen Vaters entleidet ist, die der Mutter Herz kränken mit widerspenstigem, unfreundlichem Wesen, – wenn sie einmal wollten nachdenklich so einen Zug von Waisenkindern ansehen, vielleicht würde ihr Herz warm für den Segen der Heimat und sie würden Gott danken dafür durch ein liebevolles kindliches Herz. Das kleine lockige Mädchen, von den Kindern das Versedörtchen genannt, weil sie besonders leicht Lieder und Verse auswendig behalten und hersagen konnte, das empfand freilich nicht, daß ihm etwas fehlte, daß keine Mutter in seine blauen Aeuglein schaute, keine Vaterhand seine blonden Locken streichelte; – sie hatte Vater und Mutter nie gekannt, und niemand konnte ihr sagen, wo sie zu finden seien; sie kannte keine Heimat als das Waisenhaus. Vor zwei Jahren war eine arme Schustersfrau der Stadt mit dem dreijährigen Kind zu dem Vorsteher des Waisenhauses gekommen und hatte gefragt, ob das Würmchen da nicht könnte aufgenommen werden. »Ist es Ihr Kind?« fragte der Vorsteher. »Nein, lieber Herr; mein Mann lebt noch, Gott sei Dank, und von meinen könnt' ich keins hergeben, auch das da geb' ich blutungern fort; aber wir haben sechse, nächstens sieben, und ich kann's meinem Mann nicht zumuten, daß er auch noch für ein fremdes Kind arbeitet.« »Ja, wem gehört denn das Kind?« »Ach, wissen Sie, im Winter vor drei Jahren waren einmal so Komödiantenleute hier, da draußen in der »Sonne«; es ging kümmerlich genug zu bei ihnen. Ich habe damals meinen kleinen Peter gestillt, da holte man mich hinaus; eine junge Frau liege schwer krank, ob ich nicht auch ihr Kindchen nähren könne neben dem meinen. Mein Mann wollte nicht, daß ich mich mit solchen Leuten einlassen solle, aber die Frau dauerte mich; sie war sehr schwach und weinte in einem fort, und das Kindchen war so zart. So nahm ich denn das Dingelchen mit mir heim, da ich nicht alle Tage den weiten Weg in die »Sonne« hinaus machen konnte; die Jäckchen und Windeln, die ihm die Frau mitgab, waren nicht sehr gut, aber aus feinem Zeug gemacht. Den Vater des Kindes habe ich nicht gesehen. Nur einmal, als das Kindlein schon recht im Gedeihen war, habe ich's ihr wieder hinaus gebracht; da war der Mann dabei, ein sauberer, großer Herr mit einem gewaltigen Backenbart. Die Frau hatte eine unbeschreibliche Freude an dem Kindlein; der Herr machte nicht viel, er guckte nur so drüber hin. »Wir müssen nun abreisen,« sagte er zu mir – die andern Komödianten waren schon lang fort – »das Kind ist noch zu zart, als daß wir es mitnehmen könnten; es scheint bei Ihnen zu gedeihen, wollen Sie es in Kost behalten? Ich bezahle das Kostgeld auf ein halbes Jahr voraus.« sagte er, als er sah, daß ich mich besann, Und er zählte mir dreißig Gulden auf den Tisch; er mußte sie aus allerlei Schieblädchen und Beutelein zusammenkratzen, der arme Mensch; war auch noch ein Goldstück dabei, das die Frau aus einem kleinen Beutelchen holte, das sie auf ihrem Herzen trug. Ich hatte das Kindchen so lieb, ich hätte es umsonst behalten; aber wir waren arm, das Geld kam mir wie vom Himmel geschickt, mein Mann hätte gerade Leder kaufen sollen. So habe ich denn das Kind und das Geld mit mir genommen. Die Frau aber hat geweint, daß es einen Stein hätte erbarmen können, und hat das Kind nicht aus den Augen lassen wollen; der Herr wurde am Ende ganz zornig. Er sagte, sie werden bald wieder nach dem Kinde sehen, und die Frau band ihm noch ein dünnes goldnes Kettelein um den Hals; es brauchte lang, bis ich endlich fort kam. »Mein Mann ist ärgerlich gewesen, daß ich nicht einmal den Namen von den Leuten wußte – ich hatte das vergessen – und im Wirtshaus sagten sie, der Herr heiße Eichstrom, aber man wisse nie gewiß, was solchen Leuten ihr rechter Name sei. Da meinem Manne das Geld so nötig war, so war er's am Ende doch zufrieden. »Die Leute haben nichts mehr von sich hören lassen und die dreißig Gulden sind alles, was wir von dem Kinde gehabt. Wir haben es aber sehr gern, und wie ich Ihnen sagte, wenn zu unsern sechsen nicht noch ein siebentes käme, – ich gäb's gar nicht her.« »Ja, liebe Frau,« sagte der Vorsteher, »wir nehmen so junge Kinder gar nicht auf. Unser Waisenhaus ist nur für Kinder, die schon in den Schuljahren stehen; für kleinere Kinder sind Anstalten im Land.« »Ach bitte, lieber Herr, behalten Sie's doch!« bat die Frau. »Sehen Sie, ich kann nicht mehr weit herum und ein Unterkommen für das Kind suchen, und mein Mann ist gar ungeschickt und kann's vollends nicht. Und ich möchte so gern, daß es hier bliebe, daß ich's auch noch sehen könnte. Es ist ein liebes, lustiges Kind und wird Ihnen nicht viel Plage machen, und so klein es ist, so kann es schon so schöne Verschen; sag' mal her, Dörtchen! Dorothea ist es getauft,« sagte sie zur Erklärung, »es ist gar kein Komödiantenname.« Das kleine Mädchen, das sich seither auf den Boden gesetzt und mit ein paar Papierstückchen gespielt hatte, die dort lagen, stand auf den Wink seiner Pflegemutter auf, stellte sich gerade vor den Direktor, sah ihn mit seinen unschuldigen blauen Augen furchtlos an und sagte ohne Wahl mit ihrem Kinderstimmchen den Vers her, den ihm die Schustersfrau als Abendgebet gelehrt hatte: »Breit' aus die Flüglein beide, O Jesu, meine Freude, Und nimm dein Küchlein ein. Will mich der Feind verschlingen, So laß die Engel singen: Dies Kind soll unverletzet sein. « Der Vorsteher fühlte sich wunderbar ergriffen von des Kindes Blick und der unbewußten Innigkeit, mit der es sein Verschen sprach. Es war eine Stelle im Waisenhause frei; eine der Lehrerinnen zeigte sich willig, die größere Mühe zu übernehmen, die ein so kleines Kind machte. So wurde denn das Dörtchen aufgenommen, und es war bald der allgemeine Liebling, das »Kind« des Hauses geworden, und die Lehrer hatten nur zu hüten, daß es nicht verderbt und eitel wurde, weil es überall Verschen aufsagen sollte, die es so gar leicht behielt. Gut war es, daß das Kind eine Heimat im Waisenhause gefunden; die gute Schustersfrau war bald nach seiner Aufnahme gestorben, der Mann hatte wieder geheiratet, und niemand in der Welt draußen kümmerte sich um das Dörtchen. Das aber wuchs fröhlich und lustig auf wie die Lilie auf dem Felde. Spielzeug hatte es nicht viel und brauchte nicht viel, es konnte mit allem spielen; zu Weihnacht hatte es eine schöne Puppe bekommen, die wurde aber eingeschlossen und nur Sonntag nachmittag herausgegeben. Dörtchen aber machte sich Püppchen aus einer Kartoffel, aus den Knospen der Mohnblumen; es spielte mit seinen Fingern, wenn es sonst nichts zu spielen hatte, gab ihnen allerlei Namen und ließ sie Gespräche miteinander aufführen. Den Lehrern, welche die Herkunft des Kindes kannten, war diese Neigung zum Schauspielen oft ein wenig bedenklich, bedenklicher noch die Gabe, die das Kind früh zeigte, die Leute nachzumachen und die den andern Kindern gar zu viel Spaß gab. »O Dörtchen, mach' einmal Jungfer Klump nach!« das war die Arbeitslehrerin. Dann nahm Dörtchen irgendeine Schultasche an den Arm, die den Arbeitsbeutel der Jungfer Klump vorstellen sollte, wandelte ganz ehrbar und gerade mit hochgetragenem Kopf und auswärts gesetzten Füßen durchs Zimmer und ermahnte die Mädchen: »Kinder, schämt euch! Bleibt hübsch in der Reihe! Geht aufrecht wie ich!« Und je mehr die andern sich ausschütteten vor Lachen, desto mehr steigerte sich das kleine Mädchen. Strafen und Verweise halfen nicht viel dagegen; es gefiel ihr eben gar sehr, die andern so zu belustigen. Einmal waren die Mädchen allein im Schulzimmer. »Du, Dörtchen, wen machst du jetzt?« riefen sie, als Dörtchen schon allerlei Darstellungen aufgeführt hatte; »o du, den Herrn Pfarrer!« rief ein mutwilliges Mädchen. Der Pfarrer des Waisenhauses war ein sehr gütiger, freundlicher Mann, der sich von ganzer Seele der Kinder annahm; durch ein körperliches Leiden hielt er, namentlich beim Predigen, den Kopf fehr auf eine Seite geneigt, was seltsam aussah, auch hatte er sich ein äußerst langsames, gedehntes Sprechen angewöhnt. Dem Dörtchen war nicht ganz Wohl zu Mute, als ihr eines der Mädchen eine schwarze Schürze umband und aus Papier Priesterkrägelchen schnitt. Wie sie aber auf den Sitz des Katheders stieg, ihr Lockenköpfchen zur Seite neigte und mit langsamem, schleppendem Ton anhub: »Wir sind hier versammelt, ihr meine lieben Kinder,« da brach ein unauslöschliches Gelächter bei den Mädchen los und Dörtchen war im besten Zuge, fortzumachen. Da ging die Tür leise auf und eine ernste Stimme fragte: »Nun, wie geht's weiter?« Das war der Herr Pfarrer selbst. Das Lachen wurde totenstill; einige der Mädchen schlüpften unter die Schulbank, andre steckten den Kopf in die Schürze und meinten, so sehe man sie nicht; Dörtchen blieb erstarrt vor Schrecken auf ihrem Katheder stehen. »Ich will dir weiter helfen, mein Kind,« sagte der Pfarrer, stellte sich neben sie und fuhr mit ruhigem Ernste fort: »Ihr seid zu jung, um das tiefe Geheimnis der göttlichen Heilslehre zu verstehen; aber ihr seid alt genug, um zu wissen, daß der Heiland auch für euch in die Welt gekommen ist, und daß er die Kindlein zu sich gerufen hat.« »So fing meine letzte Predigt an,« sagte der Pfarrer sanft zu Dörtchen; »bist du so auf dem Weg zu dem Herrn, der auch dich zu sich ruft?« Dörtchen war leise herabgestiegen und verbarg bitterlich weinend ihr Gesicht in beide Hände; sie wäre niedergesunken, wenn es der Geistliche nicht gewehrt hätte; die Reue war größer, als selbst die Angst vor der Strafe. »Mußt es nicht mehr tun,« sagte der Pfarrer gütig, »mußt auch andre Leute nicht so verspotten. Aller Jubel und Beifall deiner Gespielen wiegt nicht auf, wenn du einem Menschen damit wehe getan hast.« Lange noch war dem Mädchen bang vor der Strafe, die nachkommen werde, wenn der Lehrer es erfahre; der gute Herr Pfarrer aber hatte geschwiegen. Von dieser Stunde an war Dörtchen nicht mehr zu bewegen, jemand nachzumachen, wie stark auch in ihr selber die Lust dazu sein mochte. Versedörtchen aber blieb sie. Niemand wußte, wo sie nur all die vielen Lieder und Gedichte her hatte, die sie auswendig wußte, und sie sagte sie nicht nur, wie sie ihr eben zufällig einfielen, nein, zu jeder Gelegenheit kam ihr auch ein passendes Lied zu Sinne; wo gesungen werden sollte auf einem Spaziergang oder während der Arbeitsstunden, da mußte Törtchen allezeit den Text hersagen. Sonst war sie gerade keine Gelehrte. Anfangs hatte man aus dem außerordentlichen Gedächtnis des Mädchens auf große Begabung geschlossen; aber sie war zu zerstreut, um es im Lernen sehr weit zu bringen, besonders war sie keine Heldin im Rechnen. Unterhaltende Geschichten las sie gar zu gern; zu Weihnachten wurden immer viele schöne Kinderbücher an das Waisenhaus geschenkt und sie war sehr glücklich, wenn sie manchmal am Sonntag eins davon bekam und sich im Haus oder Garten irgendein stilles Winkelchen suchen konnte, um zu lesen. Nachher schnitt sie Papierpüppchen aus und führte den andern Mädchen die Geschichten damit auf; bei allen Kindern war Dörtchen beliebt und galt für sehr gescheit. Das Abendgebetchen, das sie noch von der Schusterin mitgebracht, vergaß sie nicht, und sie betete es immer leise für sich, wenn nach der Abendandacht im großen Lehrzimmer die Kinder zur Ruhe gingen; es war ihr halb unbewußt, als wenn die Worte eine schirmende Decke um sie breiteten; sie hätte nicht einschlafen können ohne ihr Verslein. Unglücklich fühlte sich Törtchen gar nicht im Waisenhaus und begriff nicht recht, warum die Leute oft mit so tiefem Mitleid auf den Zug der Waisenkinder blickten. Sie hatte ja nie ein anderes Leben gekannt, sie war nie auf eines Vaters Knie gesessen, hatte nie einen Mutterkuß gefühlt; man begegnete ihr freundlich; sie wußte nicht, daß sie etwas entbehrte. Sie nahm auch die Wohltaten des Hauses, den Schutz gegen Hunger und Kälte, den Unterricht, den sie genoß, ebenso hin wie andre Kinder den Segen ihres Elternhauses, – sie dachte, es müsse so sein. Wenn sie freilich in der Reihe der andern Kinder spazieren geführt wurde und es fuhren elegante Wagen an ihnen vorbei mit geputzten Kindern, oder wenn an den Jahresfesten des Waisenhauses Herren und Damen der-Stadt kamen, mit den armen Kindern sprachen und sie beschenkten, – dann setzte sie sich ein helles, farbenreiches Bild zusammen von der Welt draußen. Und sie dachte sich's gar schön und wunderbar, wenn sie nach der Konfirmation hinauskommen würde aus den engen Mauern des Waisenhauses in diese Welt – wie? das wußte sie freilich selbst nicht. Auch über ihre Eltern mußte sie sich besinnen, als sie älter wurde. Manche der Kinder hier hatten noch eine Mutter, oder eine Großmutter, die sie besuchen durften in den Ferien und von der sie erzählten, wenn sie wieder zurückkamen; andre hatten ihre Eltern noch gekannt und die Mädchen suchten gar zu gern etwas, dessen sie sich rühmen konnten gegen ihre Gefährtinnen. »Meine Mutter hat noch ein Gärtlein am Hause,« erzählte die eine; »da sind so schöne Aepfel drin, wie meine Faust so groß.« – »O, und meine Aehne hat einen Apfelbaum vor dem Fenster, da sind die Aepfel wie eine Kegelkugel,« behauptete die andre. »Meine Großmutter wohnt in der Stadt,« sagte die dritte, »da hat man keine Apfelbäume; aber sie wohnt hinten im Hof von einem so prächtigen Haus, das ist wie ein Königsschloß!« – »Ja, im Keller wird sie wohnen!« warf eine Neidische dazwischen. »Nicht im Keller, im Hinterhaus,« rühmte Käthchen wieder, »und sie hat so schöne Nelkenstöcke vor ihrem Fenster!« Dörtchen konnte nichts rühmen und nichts erzählen; sie mußte die Ferien im Waisenhaus zubringen, wenn sie nicht eine freundliche Lehrerin manchmal mit sich in ihre Heimat nahm. Mit den Schusterskindern hielt sie noch gute Freundschaft, obgleich sie gar selten ins Haus kam, da die neue Frau nicht viel von ihr missen wollte; sie grüßten sich freundlich, wenn sie sich im Freien sahen. Johann und Marie, die zwei, die dem Dörtchen am nächsten im Alter waren, wagten manchmal durch den Hof des Waisenhauses zu gehen und steckten ihr, wenn sie konnten, eine schöne Birne oder sonst etwas Gutes zu; – aber sie wußte wohl, daß die Schustersleute ihr nicht verwandt waren, obgleich man sie Dorothea Schefer nannte nach dem Namen des Schusters. »Deine Mutter ist eine Fremde gewesen, die nicht lange hier war,« sagte ihr der Vorsteher, als sie in späteren Jahren einmal das Herz faßte, ihn zu fragen, »sie ist wohl längst gestorben und wir wissen ihren Namen nicht.« Dörtchen hatte nicht gewagt, weiter zu fragen, aber sie konnte es nicht wieder vergessen. Oft kam sie sich unendlich arm und verlassen vor, viel mehr als die andern Kinder, die doch wußten, wo ihrer Eltern Grab war; oft aber hängte sie sich auch an das Wörtchen: sie ist »wohl« längst gestorben, »wohl«, also ganz gewiß wußte es auch der Herr Direktor nicht, und sie dachte sich wundersame Geschichten aus, wie sie die verlorene Mutter wiederfinden könnte. So war Dörtchen im Waisenhaus herangewachsen, groß, gesund und blühend; die blonden Löckchen waren längst glatt gekämmt und in Zöpfe geflochten, als sie nach der Einsegnung Abschied nahm von dem Geistlichen, dem sie seit jenem Morgen in der Schule mit tiefer Anhänglichkeit ergeben geblieben war. »Nun, Dörtchen, wo kommst du denn jetzt hin?« fragte der freundliche Herr. »Weiß nicht,« sagte Dörtchen, und Tränen traten ihr in die Augen; »ich habe keinen Seelenmenschen auf der ganzen weiten Welt, der sich um mich annimmt.« »Weißt du deinen Denkspruch noch?« »Mein Vater und meine Mutter verlassen mich, aber der Herr nimmt mich auf,« wiederholte Dörtchen mit leiser Stimme. »Nun daran halte dich, liebes Kind, so wird dir nicht bange werden; du hast einen reichen Väter. – Hast auch auf Erden Leute, die an dich denken,« fügte er freundlich hinzu. »Da habe ich zum Beispiel ein recht nettes Plätzchen für dich erfahren bei der verwitweten Frau Major Sternberg; das ist eine brave Frau, die sich ein junges Mädchen zum Dienst herziehen will. Die Arbeit wird nicht zu streng bei ihr sein und ich bin gewiß, du wirst dich gut halten und meiner Empfehlung Ehre machen.« Dörtchen sagte nicht viel zu dem freundlichen Vorschlag; sie konnte gar nichts dagegen haben, und doch – sie wußte nicht, warum sie nicht ganz zufrieden war; – sie hatte sich 's eben anders gedacht, wenn sie in die Welt hinauskommen würde; aber wie, das konnte sie freilich nicht sagen. Dörtchen war ein vernünftiges Mädchen und nächstens sechzehn Jahre alt; sie begriff wohl, daß sie dem Herrn Pfarrer herzlich dankbar sein müsse für seine Hilfe, und sie tröstete sich selbst mit einem ihrer vielen Verslein: »Hör', liebe Seele, willst auch du In Zukunft bleiben in der Ruh' Und nicht zu Schanden werden, So strebe doch Nie stolz und hoch Und bleib' fein an der Erden!« Und als der Pfarrer fragte: »Nun, Dörtchen, wie ist's?« da sagte sie freundlich: »Ja, ich will gern zu Frau Majorin, wenn sie mich nur haben will.« Von »der Pracht und der Eitelkeit der gottlosen Welt,« vor der man sie gewarnt, hat Dörtchen zunächst nicht viel gesehen, als sie in ihren neuen Dienst eingetreten war. Die Frau Majorin wohnte hoch oben im dritten Stock in einer einsamen Gasse; da hatte sie drei Zimmerchen, die müßten so zierlich und rein gehalten werden, wie Puppenstuben. Der Fußboden war ohne ein Stäubchen, die Friese glänzend schwarz gebohnt, die Fenster hell wie Kristall mit schneeweißen Gardinen; auf dem Fenstertritt stand ein zierliches Arbeitstischchen, vor diesem ein niedlicher, gestickter, kleiner Fauteuil, und auf dem Stühlchen saß die Frau Majorin selbst, eine kleine Dame, meist in einem grauen Kleide, einem schwarzseidenen Schürzchen und einem schneeweißen, fein gefältelten Häubchen. Es gab erstaunlich viel zu tun bei der Frau Majorin, obgleich sie ganz allein war und sehr einfach lebte. Ihre Kommode war verziert mit niedlichen Porzellanfiguren; auf einem Pfeilertischchen standen künstliche kleine Tassen und Kaffeekannen mit roten Aepfelein darauf; auf dem andern allerlei Körbchen und Döschen, von denen kein Mensch wußte, zu was sie dienen sollten. Am Ofen standen zwei wohlgefütterte Körbchen; in einem derselben hatte Milly, das Kätzchen, und in dem andern Betty, das Hündchen, ihren bequemen Platz. Alles im Zimmer, bis zum Messingbeschlag des Porzellanofens und dem Gestell, an dem die Feuerzange und der zierliche Blasebalg lehnte, mußte rein und blank erhalten werden; nirgends ein Stäubchen, alles so sauber in Ordnung, als ob's die Erdmännlein zusammengetragen. Dörtchen war zu Anfang in beständiger, lauter Verwunderung über all die vielen schönen Sachen nach der schmucklosen Einfachheit des Waisenhauses; ihre Augen waren zweimal so groß als gewöhnlich vor lauter Erstaunen; auch konnte sie zuerst nicht begreifen, daß so viel Arbeit nötig sei um so viel kleine Dinge. Aber sie lernte es bald; sie bekam selbst eine Freude an den hübschen Sachen; besonders mit den Porzellanfigürchen machte sie sich persönlich bekannt und hielt oft ganze Gespräche mit ihnen. »Wie, du Langer,« sagte sie zu einem Winzer, der den Herbst darstellen sollte, »steh' ein bißchen zur Seite, mach Platz für das schöne Fräulein mit ihren Blumen!« – das war eine Flora – »sonst kommt der Alte da hinten und stupst dich mit seiner Gabel,« – der Alte war ein Neptun mit einem Dreizack. – »Gehen Sie ein bißchen weg, alter Herr!« sagte sie zum Winter, der beschneit in Muff und Pelzmantel dastand; »mein schönes Blumenfräulein erschrickt sonst; da hinten 'num, zu dem kleinen Burschen!« – einem Amor, – »der kann schon ein wenig von Ihrem langen Pelzrock brauchen!« Sogar ihrer alten Lust zu Theateraufführungen – obgleich sie noch nie ein Theater gesehen hatte – konnte sie nicht widerstehen, wenn sie einmal allein war; sie führte sich die schönsten Geschichten auf mit den Göttern und Göttinnen, Bauern- und Damenfigürchen, und brachte dann alles wieder sorgfältig in Ordnung. Die Frau Majorin war freundlich und geduldig mit ihr; sie gewann bald das muntere Mädchen lieb und zeigte ihr unermüdet, wie sie alles zu reinigen und in Ordnung zu halten habe. Sie war noch gar nicht alt, aber früh Witwe geworden und hatte seitdem so ganz allein für sich gelebt. Da hatte sie nun, weil sie keine Kinder besaß, sich allmählich ihre kleine zierliche Welt geschaffen und sich daran gewöhnt; selbst Milly und Betty waren manierliche Geschöpfe, die nichts verunreinigten. Betty, ein zierliches Wachtelhündchen, war Dörtchens treuer Begleiter auf ihren Ausgängen und hüpfte und sprang allemal ganz lustig um sie herum, vergnügt, wenn es sich nicht mehr so gar anständig aufführen mußte wie in der Stube. Auch an Kindern fehlte es nicht ganz. Eine Cousine der Frau Majorin war in derselben Stadt verheiratet und hatte ein ziemliches Kinderhäufchen. Die kleinsten vom vierten bis zum siebenten Jahr, waren die Lieblinge der Frau Majorin, und es war jedesmal ein großes Fest für sie, wenn sie zu der »netten Tante« durften, wie sie bei den Kindern hieß. In ihren reinsten, niedlichsten Anzügen, mit schneeweißen Schürzchen und frischgewaschenen, rosigen Gesichtchen trippelten sie herbei, und es wurde ihnen ganz feierlich zu Mute, wenn sie aus dem etwas regellosen Getriebe ihres Elternhauses in die zierliche Stube der Frau Tante mit all den vielen schönen Sachen kamen. Eh' Dörtchen kam, hatte die Frau Majorin eine alte Dienerin gehabt, die sie noch von ihrer Mutter ererbt; eine redliche Person, aber mürrisch und brummig und noch viel eifersüchtiger auf ihre schöne Stube als ihre Dame selbst. Der waren die Kinderbesuche nie angenehm und die Kleinen fürchteten sich gewaltig vor ihr. »Na, das kleine Pack wieder,« bruttelte sie für sich; »da hab' ich nachher zu putzen genug! – Gebt auch Achtung, tretet nicht auf die Fries! Verschüttet mir keine Milch! Zupft nicht an dem Körbchen!« Die Kleinen waren in beständiger Angst gewesen, und die Frau Majorin hatte fast selbst nicht mehr gewagt, sie kommen zu lassen. Nun war's etwas ganz andres mit dem jungen, freundlichen Dörtchen, die sich selbst wie ein Kind freute über die kleinen Gäste. Sorgsam spreitete sie ein Tuch auf den Boden, holte das Tischchen und die kleinen Stühle, welche die alte Christine in die Rumpelkammer versteckt hatte – »was braucht's den unnötigen Grust?« – und ordnete den Kleinen ihren zierlichen Kaffeetisch. Sie sang ihnen, erzählte ihnen, lachte und spielte mit ihnen, so daß die Kleinen auch gegen Tante Marie viel freundlicher und zutraulicher wurden und von selbst allerlei Gespräche mit ihr anfingen. »Du, Tante Marie,« erzählte das kleine Mädchen, »denke, ich hab einen Aff' gesehen!« – »So, wie sieht er denn aus?« fragte die Majorin. »O, wie ein wüster Herr mit keinem Rock und haarigen Hosen,« sagte Emma. »Hör', Tante,« fragte nachdenklich Otto, »warum hast du denn keinen Mann?« – »Mein lieber Mann ist gestorben,« sagte die Tante. »So, und einen neuen willst du dir nicht kaufen?« meinte der Kleine; »gelt, das wird teuer sein? Und er hätte vielleicht auch schmutzige Stiefel!« setzte er mit einem bedenklichen Blick auf den reinen Fußboden hinzu. Die Frau Majorin ergötzte sich höchlich an der zutraulichen Geschwätzigkeit der Kinder, die früher so scheu gewesen waren. Die Kleinen wurden nun viel öfter eingeladen, und für Dörtchen waren es ihre glücklichsten Tage, wenn die kleinen Gäste kamen. Gewöhnlich wurde die Stille und Ordnung des kleinen Haushalts nicht oft unterbrochen: hie und da eine kleine Kaffeevisite von Verwandten oder ein paar Freundinnen der Frau Majorin, oder, was sie hoch anschlug, der Besuch von einem Offizier, irgendeinem alten Kameraden ihres Mannes mit klirrendem Säbel und Sporen. Meistens saß Dörtchen den ganzen Nachmittag an einem kleinen Nähtisch im Zimmer bei ihrer Dame, die sich gern mit ihr unterhielt. Alle Wände des Zimmers waren voll großer und kleiner Porträts: das Bild des seligen Majors in voller Uniform mit stattlichem Schnurrbart; das Bild eines kleinen Kindchens, des einzigen Töchterleins der Frau Majorin, in zartem Alter gestorben; dann eine Menge alter und junger Herren und Damen und Kinder, lauter Brüder und Schwestern, Neffen und Nichten und Bäschen der guten Frau. Und sie nannte Dörtchen nach und nach all ihre Namen und erzählte ihr, wo sie nun waren, oder wann sie gestorben, und wie es ihnen ergangen, und freute sich, daß Dörtchen überall ein passender Vers einfiel; daß sie z. B. bei ihrem Kindchen sagte: »Wenn kleine Himmelserben In ihrer Unschuld sterben, So büßt man sie nicht ein; Sie werden nur dort oben Vom Vater aufgehoben, Damit sie unverloren sei'n« – und bei der jungen Nichte, die in blühendem Alter gestorben war: »Holdselig schöne Blum', Man sah dich frühe pflücken, Um Gottes Garten dort Mit deiner Blüt' zu schmücken. Wir andern müssen uns Mit Glut und Stürmen plagen, Ob wir nach manchem Leid Noch edlen Samen tragen« – und bei dem wohlhäbigen Bilde eines dicken, vergnüglichen Schwagers: »Freund, ich bin zufrieden, Geh' es, wie es will; Unter meinem Dache Leb' ich froh und still.« Dem Dörtchen wurden all die jungen und alten Leute allmählich so bekannt und vertraut, als wären es ihre eigenen Verwandten, und sie durfte auch der Frau Majorin, die schlechte Augen hatte, und die, wie tadellos sonst ihre Ordnung war, doch immer ihre Brille verlegt hatte, alle Briefe vorlesen, die kamen, so daß sie nach und nach ganz daheim in der Familie ward. Ach, an sie selbst kam freilich kein Brief! Es wurde ihr erst jetzt, wo sie von so vielen Verwandten erzählen hörte, oft unsäglich traurig, daß sie auf der ganzen Welt gar keinen Menschen hatte, der ihr angehörte, und der Traum, daß die verlorene Mutter noch leben könne, trat ihr immer mehr zurück. Zu hart war ihr Dienst nicht; selbst die wenigen schweren Arbeiten: Holztragen und Wasserholen wurden ihr zum Teil noch abgenommen. Vor einem Jahre war zu der Frau Majorin ein stattlicher Unteroffizier gekommen und hatte sich als alter Bekannter bei ihr angemeldet; sie hatte ihn nicht gleich erkannt. »Wissen Sie denn nicht mehr?« hatte er gesagt; »ich bin ja der Peter, das arme verwaiste Soldatenbüblein, dessen sich vor achtzehn Jahren der Herr Major so treulich angenommen haben. Ich habe bei Ihnen essen und schlafen dürfen; der Herr Major haben mich in die Schule geschickt und für mich gesorgt, bis ich zum Regiment gekommen bin. Jetzt bin ich als Unteroffizier wieder zu hiesiger Garnison gekommen und habe gehört, daß sie Witwe sind. Ich bin arm; aber wo ich Ihnen dienen und helfen kann mit gutem Rat oder mit meiner Hände Arbeit, da soll mir nichts zuviel sein, damit Sie sehen, Frau Majorin, daß ich kein undankbares Herz habe.« Seither war der Unteroffizier der gute Freund und die getreue Stütze der Frau Majorin. Er war ein verständiger Mann und gut in der Feder; so leistete er ihr Beistand in allen Dingen, wo eine schüchterne Frau sich nicht selbst helfen kann. Er sorgte für ihre Einkäufe und für die Einnahme ihrer bescheidenen Zinsen; er war auch nicht zu stolz, daß er in seinen freien Abendstunden einen alten Kittel überhing, ihr Holz spaltete und auf den Boden trug, und Wasser in die Küche brachte. Wenn sie jammerte, daß sie ihm so wenig dagegen tun konnte, so sagte er ruhig: »Sein Sie zufrieden, Frau Majorin; ist alles längst vorausbezahlt!« Oft kamen Dörtchen die Tage doch gar zu einförmig vor; jeden Tag so ganz dieselbe Arbeit, dieselben Leute! Ihre einzige Abwechslung war hie und da ein Sonntagsspaziergang mit Jette, dem Dienstmädchen der Frau Cousine. Sie meinte, die Zeit gehe gar langsam hin, und doch war sie selbst hoch verwundert, als die Frau Majorin eines Tages sagte: »Nun, Dörtchen, bist du vier Jahre in meinem Dienst, und ich bin wohl mit dir zufrieden; reich bin ich nicht, aber ich will gern deinem Lohn vier Gulden jährlich zulegen, damit du siehst, daß ich dich gern habe.« Als sie die Freude und Dankbarkeit des bescheidenen Mädchens sah, fügte sie hinzu: »Wenn ich dir sonst noch eine Freude machen kann, so geschieht es gern, sag's nur!« »O, wenn ich einmal ins Theater dürfte!« brach Dörtchen aus, »das ist schon lange mein allergrößter Wunsch.« Sie hatte von Jette gehört, daß in der Stadt, wo keine stehende Bühne war, gegenwärtig eine Schauspielergesellschaft sei, von der »eben ganz wunderschöne Sachen« gespielt werden. »Nun, der Wunsch ist leicht zu erfüllen,« sagte lächelnd die Frau Majorin. »So groß wie du dir's vorstellst, wird die Herrlichkeit gerade nicht sein; aber heute spielen sie die Jungfrau von Orleans, das ist ein schönes Stück für dich; da kannst du wieder neue Verse behalten.« Unter all den Zuschauern bei der heutigen Aufführung war gewiß niemand, der so ganz mit Leib und Seele sich in das Stück vertiefte, mit so leuchtenden Augen dasaß, so jedes Wort in sich trank, wie unser Dörtchen, die nun schon ein groß erwachsenes Mädchen von zwanzig Jahren war. Alles lebte an ihr; beinahe hätte sie, wie die Jungfrau vom Turm, sich selbst von der Galerie heruntergestürzt. Sie mußte gewaltsam an sich halten, um ruhig sitzen zu bleiben, und das Einflüstern ihrer Nachbarin: »Du, 's ist nicht wahr; die tun nur so, es sind Leute wie wir; daheim tun sie die Kleider aus und reden wie wir, und essen eine Wurst zu Nacht,« erbitterte sie aufs höchste. Wie im Traum ging sie nach Hause. Zum erstenmal tat sie am andern Morgen alles verkehrt, sie konnte an nichts mehr denken als an das Theater; wo sie ging und stand, wiederholte sie sich die schönen Worte der Jungfrau, von denen sie wirklich merkwürdig viel behalten hatte. Ueberglücklich war sie vollends, als ihr der Unteroffizier das Buch selbst aus der Leihbibliothek brachte, in dem das wunderbare Stück gedruckt zu lesen stand. Die Frau Majorin freilich hielt für unnötig, daß ein Dienstmädchen den Schiller lese. Anfangs hatte sie sich ergötzt an dem Vergnügen des Mädchens; am Ende aber wurde ihr's doch zuviel, sich beständig vom Theater erzählen und vordeklamieren zu lassen, und Dörtchen konnte kaum erwarten, bis sie am nächsten Sonntag Erlaubnis zum Spaziergang mit Jette und einigen Freundinnen erhielt, bei denen sie sich aussprechen konnte nach Herzenslust. Den meisten dieser Mädchen war ein Theater nichts so Unerhörtes mehr wie dem Dörtchen; sie waren ganz erstaunt über ihr Entzücken und über den Ausdruck, mit dem diese die Reden der Jungfrau deklamierte. Sie saßen in einer Laube des Wirtsgartens, wo sie sich unbeachtet glaubten; auch hatte Dörtchen in ihrem Eifer gar nicht bemerkt, ob jemand zuhöre, als sie am Ende in höchstem Feuer deklamierte: »Wie wird mir? – leichte Wolken heben mich! Der schwere Panzer wird zum Flügelkleide. Hinauf! hinauf! die Erde flieht zurück, Kurz ist der Schmerz und ewig ist die Freude.« Sie hatte alles um sich her vergessen und fuhr erschrocken und beschämt zurück, als ein ältlicher Herr seinen Kopf in die Laube streckte und höflich fragte: »Um Vergebung, mein liebes Kind, darf ich um Ihren Namen bitten?« »Dorothea Schefer,« stammelte sie, »im Dienst bei der Frau Majorin Sternberg.« – »So?« sagte der Fremde etwas gedehnt und trat zurück; die Mädchen bemerkten aber, daß er ihnen beim Nachhausegehen von weitem nachging. »Du,« sagte Jette zu Dörtchen, »weißt was? das ist einer vom Theater, ich kenn' ihn; er hat neulich den Talbok gespielt oder wie er heißt.« – »Talbot,« sagte Dörtchen ärgerlich. »Ist mir eins, ob's ein Bok oder ein Bot ist!« entgegnete Jette gleichmütig; »'s ist ja doch nicht wahr. Aber gib nur acht, der will dich aufs Theater, weil du's so schön kannst!« Die Mädchen nahmen es als einen Spott und neckten Dörtchen lange damit; die aber dachte im Herzen, es könnte doch wohl sein, und mußte wachend und träumend daran denken, so daß am andern Abend die Frau Majorin kopfschüttelnd sagte: »Hör', Mädchen, dich laß' ich sobald nicht wieder in die Komödie; du bist ja ganz wie ausgetauscht.« Bei Dörtchen aber ging all' ihr Dichten und Trachten darauf, wie sie wieder in die Komödie kommen könnte. Es war einige Wochen nach diesem Theaterbesuch; da finden wir Dörtchen in der Studierstube des ehrwürdigen Waisenhauspfarrers. Er hatte seine ehemalige Schülerin manchmal in dieser Zeit gesehen und sich gefreut, daß die Frau Majorin so wohl mit ihr zufrieden war. »Nun, Dörtchen, was führt dich heute her?« fragte er freundlich; »das ist ja ein stattliches Frauenzimmer geworden! Da werde ich wohl Jungfer Dorothea sagen müssen!« – »O, lieber Herr Pfarrer,« bat Dörtchen, »bitte, sehen Sie mich doch noch für Ihr Schulkind an! Ich habe ja keinen Menschen auf der Welt; da komme ich um guten Rat zu Ihnen, wie ich zu meinem Vater gekommen wäre.« »So laß hören, Kind.« »Die Frau Majorin wird von hier fortziehen,« berichtete Dörtchen; »ihrem Neffen ist seine Frau gestorben, und er hat sie gebeten, in sein Haus zu ziehen, sie solle es gut haben.« »Tut mir leid, daß du den guten Dienst verlierst; wird sich aber schon wieder etwas für dich finden.« »Ja, ich weiß etwas,« sagte Dörtchen, und nicht ohne Verlegenheit erzählte sie von dem Theaterbesuch und wie mächtig sie davon angeregt worden sei, so daß sie im Garten bei ihren Gefährtinnen das Gehörte wiederholt habe. »Da ist nun ein Herr zu mir gekommen,« fuhr sie errötend fort, »ein älterer Herr vom Theater, Zeno heißt er. Der sagte, er sehe deutlich, daß ich Talent habe zum Schauspiel und dazu berufen sei; ich könne mir da eine reiche und glückliche Zukunft erringen; ich sei freilich zum Anfangen schon ein bißchen alt, aber er wolle mir helfen, und mit meinen Gaben könne ich es bald lernen. Er ist nicht nur so ein Herumzieher,« fuhr Dörtchen eifrig fort, als der Pfarrer reden wollte; »er ist angestellt beim Stadttheater in Hamburg; er verspricht mir gleich zum Anfang ein Einkommen, das mehr ist als mein Lohn und will mich unterbringen bei ordentlichen Leuten, und er sagt, daß es Schauspielerinnen gebe, die zweitausend Taler und mehr verdienen in einem Jahr!« »Aber, Dörtchen ...« »Und er sagt,« fuhr Dörtchen immer eifriger fort, »daß dieses Talent eine natürliche Gottesgabe sei, und daß es eine Sünde wäre, wenn ich sie liegen ließe. Und, lieber Herr Pfarrer, es muß doch etwas Prächtiges sein! Ich glaube fast selbst, daß ich dazu bestimmt bin!« Ihre Augen leuchteten, und ihre Wangen glühten, wenn sie sich die Herrlichkeit des Theaters wieder vor die Seele rief, und ängstlich sah sie den Pfarrer an, weil sie doch ahnte, daß er es nicht billigen werde. »Liebes Kind,« sagte dieser, »es mag sein, daß du zu der Schauspielkunst Gaben hast, es ist aber darum noch nicht gewiß, ob es Gottes Wille ist, daß du diesen Beruf ergreifst.« »Halten Sie es für eine Sünde?« fragte Dörtchen gespannt. »Das kann ich nicht sagen,« sagte der Pfarrer, »aber ich halte es in jedem Falle für eine gefährliche Laufbahn für ein junges und schutzloses Mädchen, und glaube, daß es in einem einfachen häuslichen Beruf, bei einem ernsten, wenn auch mühsamen Tagwerk, leichter für dich wäre, den Frieden deiner Seele, die Unschuld deines Herzens und Wandels zu bewahren, als bei dieser anscheinend glänzenden Laufbahn. Freilich stehst du auch so allein ...« »Herr Pfarrer,« sagte Dörtchen mit tiefem Erröten, »ich muß Ihnen noch etwas sagen; es ist mir noch eine andere Heimat geboten, der Unteroffizier Schröter will mich heiraten ...« »Das ist ein braver Mann!« sagte der Pfarrer. »O, der allerbrävste,« bestätigte Dörtchen warm, »aber er sagt selbst, es sei ein armes, einfaches Leben, zu dem er mich führen könne. Er hat etwas eigenes und erspartes Vermögen, aber nicht viel; solange er im Dienst bleibt, könnte ich etwas nebenbei verdienen mit Nähen und Bügeln; er versteht aber auch ein Handwerk ...« Dörtchen schwieg. Neben diesem Leben in Stille und Entbehrung tauchten wieder der helle Lichterglanz, die farbigen schimmernden Gewänder des Theaters vor ihr auf, die gefeierte Schauspielerin, wie der Herr Zeno ihr geschildert, die ihre eigene elegante Wohnung und ihr Kammermädchen hat und in ihrer Equipage heimfährt. »Mein Kind, ehe du dem wackern Schröter Ja sagtest, müßtest du zuvor gewiß wissen, ob du ihn recht von Herzen lieben und ihm vertrauen kannst. Kannst du das, so glaube ich, dein Herzensfriede wäre mehr gesichert, dein Weg zum Himmel einfacher und leichter zu finden und einzuhalten, als im Glanz des Schauspielerlebens ...« »Herr Pfarrer,« fing Dörtchen wieder an, die noch keine bestimmte Antwort geben wollte oder konnte, »können Sie mir denn nicht auch mehr sagen von meinen Eltern? – jetzt sollte ich es doch wissen.« »Nicht viel, mein Kind. Deine Mutter war eine Schauspielerin, die dich bald nach deiner Geburt einer armen Frau hier anvertraute. Es scheint, daß die Gesellschaft weiterreisen mußte und daß dich deine Mutter auf Befehl deines Vaters sehr ungern und mit großem Leid hier zurückgelassen hat. Deine Eltern haben versprochen, wieder zu schreiben; man hat aber nie mehr von ihnen gehört. Der Name Eichstrom, der auf den Theaterzetteln stand, scheint ein angenommener gewesen zu sein; auf alle Nachforschungen hat man nichts erfahren können, und wir haben für gewiß angenommen, daß deine Mutter gestorben ist.« »O gewiß« rief Dörtchen mit strömenden Tränen, »gewiß meine Mutter hatte mich nicht so verlassen!« »So, mein Kind, meine Meinung weißt du; nun erwäge deinen Entschluß mit Gott. Du darfst den braven Schröter nur nehmen, wenn du eine rechte Freudigkeit im Herzen hast, Leid und Freude mit ihm zu teilen. Gott helfe dir zum Rechten!« Dörtchen ging. Im Herzen war ihr Entschluß gefaßt. Vor allem Glanz der Theaterkerzen stand jetzt das Bild ihrer nie gesehenen Mutter, wie sie mit Tränen und Schmerzen ihr Kind verlassen mußte unter fremden Leuten: sie wollte keine Schauspielerin mehr werden, und sie bat Gott um die rechte Freudigkeit, wenn es sein Wille sei, daß sie Schröters Frau werde. Zwölf Jahre sind vergangen, seit Dörtchen von dem Pfarrer Abschied genommen hat. Eine Schauspielerin ist sie nicht geworden, und es sieht ein wenig anders bei ihr aus, als sie sich ihre Zukunft vorgemalt zu jener Zeit, wo ihr Herz aufs Theater verlangte. Es ist ein nettes kleines Häuschen, in dem der ehemalige Unteroffizier Schröter mit seiner Familie wohnt. Aber gewaltig eng geht's darin her, denn sie haben mit sechs Kindern nicht mehr, als zwei Zimmer und ein Kämmerchen. Reinlich und sauber sieht es zwar aus in dem kleinen Raum; Dörtchen ist nicht umsonst bei der Frau Majorin gewesen, und hat sie keine Porzellanfiguren, so sind es doch zwei Engelchen von Gips, die auf der sauber gebohnten braunen Kommode stehen, zu täglich neuer Bewunderung der Kinder. Dörtchen ist noch eine gar hübsche Frau, obgleich man wohl sieht, daß schon manche Sorge über sie gegangen, seit sie das zierliche Stübchen der Frau Majorin verlassen hat. Schröter hatte nicht lange mehr im Militärdienst bleiben können; eine schwere Krankheit hatte ihm ein Augenleiden zurückgelassen, das ihm den Dienst unmöglich machte. Das war Dörtchen nicht so leid; Schröter hatte nebenher in seinen jüngeren Jahren das Handwerk eines Bürstenbinders erlernt und hoffte, seine Familie damit zu ernähren. Aber die Familie wurde nach und nach ziemlich groß; das Leben in der großen Stadt war zu teuer, so kauften sie ein wohlfeiles Häuschen in einer kleinen Stadt. Der Mann war unermüdet fleißig, die Frau suchte, wo es möglich war, neben den Kindern noch mit der Nadel etwas zu verdienen; – aber es gab ein spärliches Brot, und die Sorgen blieben nicht aus, zumal da sich dazwischen auch Krankheiten einstellten. Doch nicht nur die Sorge, auch die Freude kehrte ein. Da sehen wir Dörtchen, emsig mit der Nadel beschäftigt, an der Wiege, wo ihr jüngster Knabe schlummert; sie schaukelt sanft die Wiege mit dem Fuß und singt ein feines Schlummerliedlein; denn sie ist noch immer Versedörtchen und hat mit den vielen schönen Liedern, die sie weiß, schon oft das niedere Stüblein aufgehellt. Ihr ältestes Töchterlein, neun Jahre alt, sitzt neben ihr auf einem Stühlchen und singt mit, zeigt aber dazwischen der Mutter triumphierend das Tüchlein, an dem sie säumt, wie es schon so weit gediehen ist. Am Fenster sitzt der Vater eifrig an seiner Arbeit, weil's heute in der Werkstatt drüben zu kalt ist. Der kleine Paul bei ihm auf einem Schemelchen bildet sich ein, er helfe dem Vater, sucht Borsten und Holzstückchen zusammen und sagt eifrig vor sich hin: »I au Büsten machen.« Der Kleine ist eingeschlafen, und Dörtchens Gesang verstummt. »Jetzt guck' nur ein einzigs Mal her, Vater,« sagte sie zum Mann, »wie prächtig der da liegt, wie eine rote Ros'! Ist mir nur halb recht, daß er jetzt so schläft,« sagte sie weiter; »dann schreit er am Ende heute nacht, und da mußt du ihn haben; ich muß früh aufstehen und für uns waschen, weil ich morgen und übermorgen der Frau Doktor beim Bügeln helfen will.« »Dann darf ich haushalten!« rief höchst wichtig Marie. »Ja freilich,« sagte die Mutter, »ich habe schon das Kraut für morgen fertig gekocht; dann stellst du dir den Schemel an den Herd und kannst es wärmen.« »Armes Weib!« sagte seufzend Schröter von seinem Fenster aus, »wie mußt du dich plagen!« »Ist nicht so arg,« sagte Dörtchen und sah lächelnd zu ihm hinüber. »Du weißt wohl, hie und da kommt mir zu viel zusammen, dann werde ich ein wenig ungeduldig und unwirsch; das geht aber vorbei, wenn mir das Verschen einfällt: »Und drängt mich der Geschäfte Last, Will ich entlaufen Dir, Der Du den Sturm gestillet hast, Still auch den Sturm in mir.« »O, Dörtchen!« seufzte Schröter noch einmal, »weißt du, daß ich oft denke, du seiest zu etwas viel Besserem bestimmt gewesen, als dich so kümmerlich zu Plagen mit unserem armseligen Haushalt?« »Hab's selbst manchmal gemeint,« gestand Dörtchen treuherzig; »mein Geschmack ist's eigentlich von Anfang nicht gewesen, und ich hab' mir früher oft ein ander Leben ausgedacht. Aber ich bin schon lang gescheiter worden. Hab' ich nicht das Beste, was man vom Leben verlangen kann? – einen braven Mann, na, brauchst den Kopf nicht zu schütteln, Alter, einen recht braven Mann erst noch, von dem ich in zwölf Jahren kein rauhes Wort gehört habe – es gibt wenige vornehme und reiche Frauen, die das rühmen können – und liebe Kinder; in den letzten Jahren auch wieder Gesundheit, Frieden und Liebe dazu – was will man weiter! Das bißchen Sorge, das ist nur, daß man nicht verlernt, dem lieben Gott in die Augen zu sehen ...!« »Ach!« seufzte der Mann, »ich denke doch oft, ich könnte dem lieben Gott viel freudiger dienen, wenn uns einmal der Sorgenstein vom Herzen genommen würde! Wenn ich an euch denke ... ich hab' mir ja nie Reichtum gewünscht; aber das eigene Häuschen schuldenfrei, ein paar Güterstückchen und einen Garten dran, wo ich für euch arbeiten könnte! – Das Handwerk geht so schlecht, und auf Märkte gehe ich blutungern; meine Augen werden immer schlechter, Gott weiß, wie das noch gehen soll!« »Bist doch auch wieder ein alter Bummler,« sagte Dörtchen gutmutig scheltend. Da riß der älteste des Hauses, Hermann, die Tür auf, stürmte mit seinem Schulranzen herein und rief triumphierend: »Mutter, Vater, ein Prämium, so ein schönes Buch! – und der Herr Lehrer hat gesagt, er wolle mir schon helfen, daß ich einmal billig auf ein Gymnasium komme! Jetzt wird der hochmütige Ferdinand still sein, der immer sagt, es sei ein Uebermut, daß ein Bürstenbinderssohn Hermann heiße und in eine Lateinschule gehe! Aber Schulgeld muß ich morgen bringen.« »Wenn nur das Schulgeld und der Zins nicht allemal zusammenkämen!« sagte der Vater für sich und überzählte traurig den spärlichen Inhalt seines geheimen Schiebfaches, in welchem er den Notpfennig aufbewahrte. »Ei nun,« sagte Dörtchen lächelnd, indem sie ihren wilden Aeltesten belobend auf die Stirn küßte, »es wird sich schon Rat finden; ich habe noch ein geheimes Beutelein; lern' du nur brav, Hermann, dann wird der stolze Ferdinand noch Respekt vor dir kriegen!« »Verständig werden ist der Mühe wert: Durch ein gebildet Herz, durch Licht im Geiste Erkaufst du dir die Welt mit ihren Schätzen.« Während Dörtchen diesen Sinnspruch aus ihrem Verseschatz hervorholte, fanden sich die zwei noch fehlenden Glieder der Bevölkerung ein; der siebenjährige Hans schleppt das dreijährige Minchen, das er vor der Haustüre gehütet, mit sich herbei; sie wissen, es ist Vesperzeit. »Weil Hermann ein Prämium bekommen, so kriegt ihr heute alle ein wenig dicken Rahm aufs Brot,« verkündet die Mutter. Das gibt einen Jubel, daß der Kleinste aufwacht; er schreit aber nicht, sondern guckt mit seinen großen Augen lachend die Geschwister an, die sich alle um die Wiege drängen, und jedes behauptet, das Brüderlein habe es angelacht. Dörtchen aber liest aus all der Vaterfreude, mit der ihr Mann die kleine Schar überblickt, doch noch die sorgenvolle Frage in seinen Mienen: »Wo nehmen wir Brot her, daß diese essen?« – »Wer weiß noch etwas aus dem Lied, das ich euch neulich gelehrt?« fragte sie. »Ich! ich! ich!« schrie es dreistimmig von den älteren Kindern mit einer etwas vom Essen erstickten Stimme; »i au,« versicherte Paul, »und Mine!« sagte ernsthaft das kleinste Mädchen. »Nun, laßt hören! Fang du an, Hermann! Tu solang dein Brot vom Munde; aber wartet, man muß ein Fenster aufmachen, daß man die Spatzen draußen zwitschern hört, dann ist's natürlicher. Der erste Vers?« In etwas singendem Schulton fing Hermann an: »Kommt, lasset uns spazieren Durch diesen grünen Wald. Die Vöglein musizieren Mit Singen mannigfalt. Sie singen ohne Sorgen, Sind fröhlich, denken nicht, Ob ihnen auch am Morgen Dies oder das gebricht. « Marie sagte ihr Verslein mit viel mehr Ausdruck: »Sie trachten nicht nach Schätzen Mit Sorge, Müh' und Streit, Der Wald ist ihr Ergötzen, Die Federn sind ihr Kleid. Ihr Tisch ist stets gedecket, Sie sind gar wohlgemut, Weil jedes, was ihm schmecket, Hat, soviel not ihm tut.« Etwas mühsam und nicht ohne Nachhilfe kam Hans mit dem dritten Vers: »Sie bauen kleine Neste, Nicht große Scheunen auf, Sind nirgends fremde Gäste Und kaufen guten Kauf; Ein jedes singt hinwieder, So gut es kann und mag, Dem Wirte schöne Lieder Hindurch den ganzen Tag.« Recht schelmisch blickte Dörtchen zu ihrem Manne hinüber, als sie den vierten Vers selbst sagte: »Der Mensch schlägt sich mit Grillen, Ist blinder als ein Tier, Sieht nicht auf Gottes Willen Und sorget für und für; ›Was‹, spricht er, ›werd' ich essen? Was trink' ich Armer doch? Der Herr hat mein vergessen!‹ O Mensch, Gott lebet noch!« Mit recht herzlichem Ton sagte sie den Schluß in einem nicht sehr harmonischen Chor mit der ganzen Familie: »Auf ihn will ich fest bauen, Ich weiß, er läßt mich nicht; Mein Fleiß darf ihm vertrauen In allem, was gebricht. Ich sorge nicht für morgen, Noch was ich jetzt verzehrt, Ich lasse den nur sorgen, Der alle Welt ernährt.« Eh' noch der Hausvater sein bedenkliches »aber« zu dem tröstlichen Liede fügen konnte, klopfte es an die Tür; der Gerichtsaktuar mit einem Schreiber trat ein: »Wohnt hier der ehemalige Unteroffizier Schröter?« »Zu dienen, meine Herren,« sagte dieser und stellte sich in gerader militärischer Haltung vor die Gerichtspersonen. »Ich denke, Sie könnten die Kinder entlassen,« sagte der Aktuar mit einem Blick auf die kleine Schar, die mit den weitaufgesperrten rahmbeschmierten Mäulern verwundert um die ungewöhnten Besuche stand. »Sehr wohl, Herr Aktuar; marsch, 'naus!« kommandierte der Vater, »wollen die Herren gefälligst Platz nehmen?« »Ist Ihre Frau eine Dorothea Schefer, erzogen im Waisenhause zu K.?« »Allerdings; später in Diensten bei Frau Majorin Sternberg.« »Das zurückgelassene Kind einer durchreisenden Schauspielerin, die unter dem Namen Eichstrom reiste?« »Wird so sein, Herr Aktuar,« sagte Schröter leise aus Schonung für seine Frau. »Haben Sie später niemals etwas von Ihrer Mutter gehört?« wandte sich der Aktuar an Dörtchen, die blaß und atemlos vor innerer Bewegung dastand. »Niemals,« antwortete sie. »Haben Sie auch keine Gegenstände, die bei der Entfernung aus der Stadt von Ihrer Mutter zurückgelassen worden wären?« »Ein dünnes, goldenes Kettlein, sonst nichts,« sagte Dörtchen mit bebender Stimme. »Darf ich Sie bitten, mir solches für einige Zeit zu überlassen? Das Gericht bürgt Ihnen dafür, daß sie dasselbe unversehrt wieder zurückerhalten werden.« »Bitte, Herr Aktuar,« sagte Dörtchen mit bebender Stimme, »lebt meine Mutter noch?« »Die Schauspielerin Eichstrom, auch manchmal Löwenstern genannt, ist, soviel hat ermittelt werden können, ein Jahr nach der Geburt ihres Kindes nach langem Siechtum im Hospital zu L. gestorben. Es ist in letzter Zeit von Berlin aus Nachfrage nach dem damals geborenen Kinde gemacht worden und soll jetzt das Resultat dahin berichtet werden; weiter kann ich Ihnen nichts sagen.« Diesmal war es der Mann, der seine hochaufgeregte Frau beruhigen mußte, als die Herren fort waren; zum erstenmal hatte Dörtchen in ihrer Bewegung das Weinen ihres Kleinsten überhört. »So sei doch ruhig, Dörtchen!« bat Schröter, »etwas Schlimmes kann es ja in keinem Fall sein; wie, komm', sei doch nur wie vorher! Fällt dir denn keins von deinen vielen Sprüchlein ein?« Da raffte sich Dörtchen auf, sah ihn freundlich an und sagte getrost: »Es kann mir nichts geschehen. Denn was sein Rat ersehen Und was mir nützlich ist. Ich nehm' es, wie er's gibet; Was ihm von mir beliebet. Das hab' ich auch getrost erkiest.« Und sie nahm ihren Kleinen auf die Arme und war das alte, heitere Versedörtchen wieder. In einem älteren Teil der Stadt Berlin, in dem hohen, etwas düsteren Zimmer eines stattlichen Hauses saß eine alte Dame, sorgfältig mit Kissen in einen Lehnstuhl gebettet; die Dame schien sehr leidend, und die alte Dienerin, die bei ihr war, machte sich besorgt um sie zu schaffen. »Sie hätten doch besser getan, im Bett zu bleiben, Frau Kommerzienrat,« sagte sie. »Laß mich, Charlotte!« sagte diese, »ich hätte keine Ruhe gehabt; wir haben ja ausgerechnet, daß sie heute kommen kann.« »Aber gerade das wird Sie so angreifen,« meinte die treue Charlotte. »Ich mußes durchmachen,« sagte die alte Frau bestimmt; »es wird freilich schrecklich sein, das Kind meiner einzigen Tochter, meiner schönen Emilie, wiederzufinden als ein gemeines Soldatenweib ...« »Unteroffizier ist der Mann,« sagte mildernd die Dienerin. »Das ist fast noch schrecklicher!« jammerte die alte Frau, ohne daß sie gerade wußte, warum es noch schrecklicher sein sollte; »aber gleichviel, es ist eine Pflicht, und ich kann nicht ruhig sterben, bis ich sie erfüllt habe.« »Es ist eine junge Bürgersfrau draußen und fragt nach der Frau Kommerzienrat,« berichtete das Dienstmädchen von draußen. »Sie soll kommen!« sagte die alte Dame mit bebender Stimme und richtete sich in ihrem Stuhl gerade auf. »Charlotte, zieh den Vorhang auf!« . Das volle Licht fiel auf das helle, liebliche Gesicht der jungen Frau, die sehr schüchternen Schrittes das mit etwas altmodischer Pracht geschmückte Zimmer betrat. Dörtchen trug ihr bestes schwarzes Kleid, das schön stand zu ihrer hellen Farbe und ihren blonden Haaren; bescheiden und doch mit inniger Bewegung blickte sie auf die alte Frau und neigte sich vor ihr. Bei dieser war alle Scheu vor der niedrigen Enkeltochter verschwunden beim Anblick dieses Gesichts. »Komm her,« rief sie, »du Kind meiner armen Emilie! Gott sei Dank, daß ich dich noch sehen darf, eh' ich sterbe!« Und mit tiefer Rührung beugte sich Dörtchen und küßte die abgemagerte Hand, ließ sich von der zitternden alten Frau in die Arme schließen und sprach das Wörtchen »Großmutter« aus, das ihr so wunderbar klang; – so hatte sie doch jemand eigen gehört! Die erste tiefe Bewegung war vorüber; die sorgsame Charlotte, die selbst herzlich erfreut war, das Kind ihrer lieben Emilie zu sehen, die sie einst auf den Armen getragen, hatte ein Tischchen vor den Lehnsessel der alten Frau gerückt und brachte Kaffee und Kuchen. »Das beruhigt die Gemüter am besten,« sagte sie für sich hin, obgleich die alte und die junge Frau gewiß nicht an Essen und Trinken gedacht hatten. Der alten Frau war es unaussprechlich wohl ums Herz, als sie in der Tochter ihres verlorenen Kindes nicht, wie sie gefürchtet, ein gemeines, rohes Geschöpf gefunden, sondern eine wohlgebildete anständige Frau, die überall an ihrem Platze war; sie ließ so gern ihre Hand in der warmen Hand ihrer Enkeltochter ruhen und sah ihr in die treuen blauen Augen. »Ja, du bist meiner Emilie Kind,« sagte sie wiederholt; »nicht wahr, Charlotte, nun brauchen wir das Kettelein nicht mehr?« »Nein, gewiß nicht, Frau Kommerzienrat; sie ist ihr wie aus dem Gesicht geschnitten, nur schlanker war das Fräulein Emilie und zarter und jünger ...« Die treue Dienerin wurde ganz verwirrt, daß die gesetzte Frau hier die Tochter der Emilie sein sollte, die sie nur als Kind und als ein junges, schönes, leichtsinniges Mädchen gekannt hatte. »Ja, Kind, es ist eine gar traurige Geschichte,« hub die alte Frau an; »aber du mußt alles wissen, ehe ich sterbe, und daß es nicht meine Schuld war, daß wir uns jetzt erst sehen. Mein seliger Mann, dein Großvater, hat erst spät geheiratet; er war ein gar ernster und strenger Mann. Von dem, was seine Grundsätze waren, ging er nicht ein Haarbreit ab, und auch unsere Kinder sollten gerade so erzogen werden, wie er von seinem Vater erzogen worden war. Kinderlärm konnte er nicht leiden, ausgehen sollten die Kinder auch nicht; er behauptete, sie lernen nur Unarten von andern, und ich hatte oft große Mühe, mit den zwei ausgelassenen Kindern zustande zu kommen; denn je mehr man sie daheim hielt, desto wilder wurden sie, wenn sie einmal draußen waren, und da sie zu Hause immer gescholten und gestraft wurden, so war mir oft, als hätten sie keine rechte Liebe zur Heimat. Es waren uns von fünf Kindern nur zwei geblieben. Gustav war wild und oft störrig, aber doch ein vernünftiger Junge und gehorsam; Emilie aber, meine Jüngste, mein Liebling, – ach, ich weiß nicht, womit ich's verfehlt, daß das Mädchen nie gelernt hat, was Gehorsam ist! Die Charlotte da hat ihr oft und viel gepredigt, wenn ihr alles daheim nicht recht war, und sie zur Fügsamkeit ermahnt; aber all ihr Sinnen ging nur darauf, wie sie überall ihren eigenen Willen durchsetzen könne. Ach, hätte sie sich doch gefügt! Es ist wahr, sie hatte nicht viel Freude daheim; aber ich habe ihr ja doch keinen Wunsch versagt, den ich gewähren durfte, und später hätte sie wohl auch mit der Eltern Segen eine eigene gute Heimat gefunden, – aber so! Das Mädchen hatte mich Jahre lang geplagt, ob sie nicht ins Theater dürfe; es kam mir wie eine unnötige Strenge und Wunderlichkeit von meinem Mann, daß er's nicht zugeben wollte. – Er hat mir selbst erst lange nachher gesagt, daß ein eigener Bruder von ihm mit reisenden Schauspielern fortgelaufen und elend verkommen sei. Von dem muß es die Emilie geerbt haben; denn wie das Mädchen einmal im Theater gewesen war, so war sie wie besessen und hat sonst an nichts mehr gedacht. O, wie habe ich lang und bitter bereuen müssen, daß ich ihr ohne des Vaters Willen dazu geholfen und daß ich still dazu war, wenn ich später merkte, daß sie auch ohne meine Erlaubnis hinging! Es gibt freilich viele junge Leute, für die es ein unschuldiges Vergnügen ist; aber es gibt auch fröhliche und glückliche Kinder, die nie ein Schauspiel gesehen, und Gehorsam gegen des Vaters Befehl hätte doch das erste sein sollen. Ungehorsam bringt Unsegen und wenn er noch so harmlos aussieht. Ich kann dir selbst nicht genau sagen, wie es gekommen, daß meine Emilie, kaum achtzehn Jahre alt, zu dem entsetzlichen Schritt kam, ihr Elternhaus zu verlassen und in die weite Welt hinauszuziehen. Sie schrieb uns, sie könne den Zwang und das düstere Leben daheim nicht ertragen; sie sei für die Kunst begabt und werde sich mit einem jungen, talentvollen Künstler verbinden, dessen Bekanntschaft sie bei einer Freundin gemacht; sie hoffe, sie werde uns noch beweisen, daß sie für diesen Beruf geboren sei, wenn sie sich einen ehrenvollen Künstlernamen erworben habe. Welch ein entsetzlicher Schlag das für uns gewesen, kann ich nicht sagen. O, das war eine böse, böse Frucht, die aus der leichten Saat kindischen Ungehorsams aufgegangen! ›Es ist ja nichts Böses,‹ hatte sie oft gesagt, wenn sie gegen des Vaters Willen und ohne meine Erlaubnis Bekanntschaft mit fremden Mädchen angeknüpft und sie besucht hatte in Stunden, wo wir sie in der Schule oder in Lektionen glaubten. So hatte sie ihr Gewissen abgestumpft und wird auch gedacht haben: ›Es ist ja nichts Böses,‹ als sie das Vaterhaus verließ ohne der Eltern Segen. Mein Mann war furchtbar erbittert. Als alle Mittel, sie gleich wieder aufzufinden und zurückzubringen, vergeblich waren, hat er den Fluch über das pflichtvergessene Kind ausgesprochen, und ihr Name durfte nicht mehr vor ihm genannt werden. Auch bei mir war anfangs Zorn und Erbitterung noch mächtiger als die Trauer; Charlotte aber, die treue Seele, die sie als Kind schon gepflegt, die hat nicht abgelassen mit Bitten; das eigene Mutterherz wurde mächtig in mir, und ich hoffte, meine Gebete und Tränen sollten des Vaters Fluch auslöschen. Mein Mann hat von dem Tage an sein Haus nicht mehr verlassen und alle Geschäfte aufgegeben. Es sind nun bald dreißig Jahre, seit er, vom Schlage getroffen, schnell gestorben ist. Er wollte mir im Sterben noch etwas sagen, konnte aber kein Wort mehr hervorbringen; der Jammer hat ihm das Herz gebrochen. An unserem einzigen Sohn haben wir nicht das Herzeleid erlebt wie an Emilie, doch hat's ihn auch in die Welt hinausgetrieben; er ist in Amerika am gelben Fieber gestorben. Nach dem Tode meines Mannes habe ich alles in Bewegung gesetzt, um etwas von meinem Kinde zu erfahren. Vergeblich! Nun, vor wenigen Monaten, als ich einen alten Schreibtisch meines seligen Mannes reparieren ließ, haben wir ein geheimes Schiebfach entdeckt und in diesem einen Brief, den deine unglückliche Mutter bald nach deiner Geburt muß geschrieben haben. O, meine arme Emilie! Das Glück, das sie in dem freien Leben gesucht hat, war von sehr kurzer Dauer gewesen, und bittere Not und Herzeleid waren bald gefolgt. Sie schreibt in tiefer Reue, sie wage nicht, für sich um unsere Vergebung zu bitten; aber sie bitte um unsere Hilfe, um unsere Liebe für ihr unschuldiges Kind, das sie auf ihres Mannes Befehl bei armen Bürgersleuten in K. zurückgelassen. Es scheint, daß mein Mann, als er den Brief erhalten, noch zu tief erbittert war, um mir etwas mitzuteilen; der Tod hat ihn ereilt, eh' er seinen harten Sinn brechen konnte. Möge der Herr in der Sterbestunde noch den Weg zu seinem Herzen gefunden haben! Und ich fand jetzt erst den Brief, und jetzt erst konnte ich in Erfahrung bringen, wo du bist, du armes Kind, jetzt, wo alles zu spät ist!« In tiefer Bewegung, oft unter heißem Weinen, hatte Dörtchen die Geschichte ihrer unglücklichen Mutter gehört; jetzt aber blickte sie hell auf mit ihren verweinten Augen, bot der alten Dame die Hand und sagte: »Gott sei Dank, liebe Großmutter, daß wir uns noch gefunden, und daß ich vielleicht mit Liebe und Pflege gut machen kann, was meine arme Mutter versäumt; 's ist nicht zu spät.« »Alles zu spät!« jammerte die alte Frau wieder. »Du bist als ein Waisenkind im Elend aufgewachsen, hast als Magd dienen müssen, hast einen gemeinen Soldaten geheiratet und deine Kinder ...« »Einen Unteroffizier, Frau Großmutter,« fiel hier Dörtchen ein, deren Stolz sich jetzt regte, »und einen rechtschaffenen, braven, gottesfürchtigen Mann, mit dem ich in Liebe und Frieden gelebt habe und in Ehren, wenn auch oft in Armut und in Sorge.« »Ei, denken Sie, Frau Kommerzienrat,« fiel hier die treue Charlotte ein, »wie oft Sie gefürchtet, die Kinder Ihrer Tochter möchten als arme Schauspieler heimatlos in der Welt herumirren!« »Ist wahr,« sagte die alte Dame etwas getröstet, »es ist so immer noch besser!« Und als Dörtchen ihr erzählte, wie auch in ihr Talent und Lust zur Schauspielerin sich mächtig geregt, und wie sie aber den stillen, sichern Weg einer bescheidenen Hausfrau vorgezogen, da wurde die Großmutter immer zufriedener und lernte den Rest Standeshochmut überwinden. »Gott hat Wohl gemacht, was Menschen verfehlt,« sagte Dörtchen. »Ich bin nie ganz verlassen gewesen, ich habe arbeiten lernen und entbehren, und beten und auf Gott vertrauen. Und meine Kinder,« fuhr sie fort in gerechtem Mutterstolz, »die sind alle wohlgebildet und gut begabt, und wenn sie mit Gottes Hilfe etwas Rechtes lernen können, so dürfen Sie sich gar nicht schämen an Ihren Urenkelein, Frau Großmutter!« »Urenkelein?« fragte die alte Frau verwundert. Daran hatte sie gar nicht gedacht, daß sie schon Urenkel habe; »ja, bin ich denn schon so alt?« »Sie haben eben gar jung geheiratet,« belehrte Charlotte sie; »freilich, eigene leibliche Urenkel haben Sie, und dazu schon große!« »Mein ältester Knabe ist elf, er ist der Erste in allen Schulen und hat schon drei Prämien erhalten,« rühmte Frau Dorothea. »Nun, die möchte ich alle sehen, ehe ich sterbe! Hörst du, Dorothea, alle – auch deinen Mann,« fügte die Großmutter mit einiger Ueberwindung hinzu. »Es ist ja doch noch gut gegangen!« seufzte sie ergeben; »der Herr macht alles wohl.« »Er ist ein wahrer Fürst, Und wird sich so verhalten, Daß du dich wundern wirst.« schloß Versedörtchen mit getrostem Mute. Und sie sind noch alle gekommen. Schröter wollte zuerst nicht zugeben, daß Dörtchen das erste reiche Geschenk der Großmutter dazu verwendete, die ganze Familie neu, hübsch und anständig zu kleiden; doch hielt er ihr die mütterliche Eitelkeit zu gut, sie hatte ja manch dürftiges Gewand ohne Klage getragen! Er mußte selbst eine Freude haben, wenn er sah, wie nett sich seine blühende Kinderschar ausnahm: die Mädchen in ihren himmelblauen Kleidchen, die Knaben in schwarzen Samtjacken. Die Urgroßmutter überschaute mit tiefer Rührung den blühenden Kreis und freute sich besonders der Kleinsten, die so schüchtern und erstaunt in den alten Prachtgemächern sich umsahen. »Gott segne euch, meine Kinder!« sprach sie bewegt; »seid euren Eltern gehorsam in allen Dingen, so wird euch der Segen nicht fehlen!« Hermann hatte seine Schulhefte mitbringen müssen, darin fast lauter laudo und probo unter den Arbeiten standen, sowie die schönen Prämienbücher, und durfte sie der Urgroßmutter zeigen, die sich höchlich darüber freute; auch der wackere Schröter gewann ihr Herz mit seiner ehrenhaften Höflichkeit. »Das muß man sagen,« bemerkte sie gegen ihre Charlotte, »Leute vom Militär haben gute Lebensart, man braucht sich ihrer nirgends zu schämen.« Dörtchen aber sprach aus überfließendem Herzen, als sie wieder allein war mit den Ihren: »Nun, so lang' ich in der Welt Haben werd' ein Haus und Zelt, Will ich all mein Leben lang Gott erhöh'n mit Lobgesang, Weil er meine Not bezwang.« Nicht lange mehr hat sich die alte Frau der großen Familie freuen dürfen, die ihrem einsamen Alter so unvermutet noch zugefallen war. Aber sie starb recht in Frieden und Segen, und es war ein schönes Geleite von treuen und dankbaren Herzen, das mit ihr ging zur letzten Ruhestätte. Als Dörtchen hörte, welch reiches Erbe ihr von der Großmutter zugefallen, sprach sie aus tiefstem Herzen: »Herr, was ich hab', ist dein, Laß mich im Unglück still, Im Glück bescheiden sein!« Und dies Gebet ist in Erfüllung gegangen. Die reichgesegnete Familie hat sich ihres Glückes nicht überhoben. Auf einem schönen Landgut in blühender Gegend hat Schröter nun Gelegenheit genug, tätig zu sein, ohne seinen Augen wehe zu tun, und er lebt auf in all seinem Glück. Die Kinder können nun freilich besser, als einst die Eltern, ihre Gaben und Talente ausbilden und dürfen sich daneben einer schönen glücklichen Jugendheimat freuen. Daß sie diese Gelegenheit in der rechten Weise benützen, das sieht man daran, daß ihre Liebe und Ehrfurcht vor Vater und Mutter, ihr williger Gehorsam nur wachsen, je mehr sie an Kenntnissen und Bildung vielleicht reicher werden als die Eltern. Wer je dem Dörtchen eine Freundlichkeit erwiesen: die nun längst erwachsenen Kinder des Schusters, das Waisenhaus, die alte Frau Majorin, – allen hat sie in dankbarer Liebe vergolten, so gut sie konnte. Ihre Verse hat sie noch immer behalten, und »der Mutter Sprüchlein« bleiben unter allen Lebensverhältnissen den Kindern ein gutes Geleite. So oft sie der alten, mitunter so sorgenvollen Zeiten denkt, oder wenn eine neue Sorge sich erheben will, sagt sie fröhlich und getrost: »Der Herr hat niemals was verseh'n. In seinem Regiment, Und was er tut und läßt geschehn, Das nimmt ein selig End'. Ei nun, so laß ihn ferner tun Und red' ihm nicht darein, So wirst du hier in Frieden ruhn Und ewig selig sein!« Der kluge Bruno In einem etwas abgelegenen Tal des schönen Schweizerlandes gibt es ein Dorf, das seltener als viele andere Gegenden der Schweiz von Reisenden besucht wird, obgleich es so freundlich gelegen ist, daß es jedem Herzen und Auge gefallen muß. Wie in den meisten Schweizerdörfern, so liegen auch hier die Häuser weit auseinander, zerstreut im Grünen, und dieses Grün der Schweizer Täler ist so wunderschön! Da rieseln und rollen von allen Höhen herab die klaren Bergwasser; die fließen dann unten fort unter Gras und Moos und erhalten es so frisch und schön. Das Tal war eingeschlossen von grünen Hügeln; auf einer Seite aber ragte hoch hinüber ein gewaltiger Gletscher, schneeweiß schimmernd und blinkend wie Kristall. An dem Abhang eines der grünen Hügel stand das Pfarrhaus; es war gebaut wie die andern Häuser, mit einem breit hervorspringenden Dach, einer Galerie ringsherum, in der Schweiz »die Laube« genannt, auf die eine Treppe von unten führte, gerade wie die niedlichen Schweizerhäuschen, die wir zum Schmuck auf Tischen und Schränken sehen. Es war etwas größer und fester gebaut als die andern Häuser des Tales, gar freundlich anzusehen mit den spiegelblanken Fenstern und dem Spruch, der nach alter Schweizer Sitte an der Vorderseite des Hauses gemalt war: »So lange dieses Haus Wird auf dem Boden stehen, Soll Gottesfurcht und Treu Darin im Schwange gehen. Und wenn ein Christ darin Beschließet seinen Lauf, So nimm ihn seliglich In deine Wohnung auf!« Herr Oschwald, der Pfarrer, war den Leuten gar lieb und wohlbekannt im ganzen Tale auf und ab; auch seine Frau, obgleich sie kein Schweizerkind war, sondern fern aus England stammte, hatten sie sehr liebgewonnen. Zwar verstanden sie einander oft nicht, die Schweizerbauersleute und die englische Frau Pfarrerin; aber sie lachten einander freundlich an, und die Frau beschenkte alle Kinder und Armen; das war auch eine Sprache. Der Pfarrer hatte kein sehr ruhiges Leben und durfte nicht allzulange in seiner Studierstube sitzen. Denn nicht nur das Dörflein, dessen Häuser zerstreut im Grünen um das Pfarrhaus lagen, bildete seine Gemeinde, – gar weit umher, hoch auf steilen Höhen oder tief in Felsenschluchten lagen einzelne Häuser, die alle noch zur Gemeinde gehörten; und es war gut, daß das Kirchglöcklein einen so hellen Ton hatte, denn es mußte am Sonntag die Leute von allen Seiten her zusammenrufen. In die Kirche kamen die Leute alle von nah und fern; auch die Kindlein brachten sie zur Taufe her, wenn der Schnee nicht gar zu tief lag; aber wo Kranke waren und Sterbende, denen der Pfarrer Trost bringen sollte, da mußte er selbst hinaus, oft bei recht schlechtem Wetter, und mußte auf gefährlichen Wegen herumsteigen, so daß seine Frau in großer Angst war, bis er glücklich wieder nach Haus kam. Herr Oschwald selbst war nicht ängstlich. »Da sieh hinauf, liebe Marie!« sagte er und deutete auf die prachtvollen Schneeberge, die sich hoch über den grünen Hügeln erhoben, »der diese Berge gesetzt hat, der wacht auch über unser Leben.« »Aber diese Berge selbst können stürzen, lieber Konrad,« sagte die ängstliche Frau; »weißt du nicht, was uns der alte Mann drunten erzählt, daß, wie er noch ein Kind war, eine Lawine herabgestürzt ist, und die Häuser gerade auf unserer Seite verschüttet hat, so daß nur dies eine stehengeblieben, weil es von Stein ist?« »Die Lawine hat ja die Leute in ihren Häusern begraben,« sagte lächelnd der Pfarrer; »die auswärts waren auf Wegen ihres Berufs, die sind verschont geblieben, und wenn der allmächtige Gott will, so kann er auch Verschüttete aus dem Schnee wieder erretten.« »Aber es ist auch schon Gottes Wille gewesen, daß Menschen unter dem Schnee verkommen sind,« sagte die Frau. »Wenn es Gottes Wille ist, liebe Marie, so wird die Zeit kommen, wo wir sehen, daß wir auch davor uns nicht fürchten durften. Aber es hat noch keine Gefahr,« sagte er freundlich, »es ist noch niemand viel Schlimmes geschehen, der auf guten Wegen ging.« Frau Oschwald war eine gar zarte Frau; sie hatte auf einer Reise in die Schweiz einst ihren Mann kennen gelernt und hatte ihn so liebgewonnen, daß sie gern allein mit ihm gezogen war in dieses stille Tal, obgleich sie ihre frühere Jugend in großen und prächtigen Städten verlebt hatte. Sie war zufrieden und glücklich, wenn auch oft ein leises Heimweh sie überschlich, weniger nach dem Glanz und Wechsel einer großen Stadt, als nach dem Leben mit ihrer zahlreichen Familie, wo sie mit Freundinnen, Vettern und Bäschen oft so fröhliche Zeiten gehabt hatte. Aber sie sah, daß man sie lieb hatte; daß ihrem Manne Dank und Segen folgte, wo er ging; sie fühlte sich wohl unter den freundlichen Leuten, und als ihre liebe, kleine Gertrud recht als ein frisches Alpenröschen aufwuchs, da hatte sie auf der Welt Nichts mehr zu vermissen. Gertrud war durch und durch ein gesundes, kräftiges Schweizermädchen; nur die blonden Haare und die feine, weiße Haut konnten an die englische Abstammung ihrer Mutter erinnern. Sie tummelte sich, sobald sie recht gehen konnte, am liebsten mit den Kindern im Dorfe herum; der Mutter wollte das oft schwer eingehen und sie mußte manchmal mit einem stillen Seufzer denken, was wohl die vornehme Tante Dalton oder die feine Base Cäcilie sagen würde, wenn sie ihr kleines Mädchen mit den Bauernkindern und Geißen am Berg herumklettern sähen. Aber Gertrud war eben gar zu munter und glücklich dabei und blühte und glühte von Leben und Gesundheit; daneben war sie, wenn auch oft ein wildes, doch ein gehorsames Kind, und so hoffte die Mama, sie werde zur rechten Zeit lernen, was nötig sei. Das Dienstmädchen im Pfarrhaus war noch jung und ein fröhliches Geschöpf, das den ganzen Tag seine Liedchen sang und trällerte und eine heitere Gespielin für Gertrud gab. Sie war gar reinlich und zierlich gekleidet, »gerade wie eine Schweizerpuppe!« hatte Cousine Cäcilie verwundert ausgerufen, als die Pfarrerin bei einem Besuch in England das Meyeli mitgebracht. Sie war aber auch zu nett in dem schwarzen Samtmieder, dem eigentlichen schwarzen Spitzenthäubchen, das wie Strahlen ihr frisches Gesicht umgab, dem schneeweißen gefalteten Goller und den weißen Aermeln, die sie bei keiner Arbeit beschmutzte. Die Mutter hatte auch der kleinen Gertrud einen Schweizeranzug machen lassen, der ihr niedlich stand; nur blieben Goller und Aermel nicht so rein erhalten wie bei Meyeli. Am meisten freute sich Gertrud, wenn der Vater sie mitnahm auf seinen Gängen. Sie durfte dann in irgendeinem Bauernhause bleiben, wo er wußte, daß gesittete Kinder waren; dann trieb sie sich fröhlich mit ihnen herum, half die Geißen hüten und schaute hinüber nach den prächtigen Schneebergen und lauschte den Märlein, die ihnen eine alte Ahne erzählte von der verschütteten Alme, die dort tief unterm Schnee begraben liege. Manchmal, wenn Gertrud ganz allein im grünen Gras lag und den leuchtenden Gletscher oben in seiner Herrlichkeit silberweiß in die blaue Luft sich heben sah, da mußte sie sich denken, dort hinauf gehe der Weg zum Himmel, und wer einmal oben sei, der bekomme dann silberglänzende Flügel, mit denen er vollends hineinfliegen dürfe, geradezu unter die Engelein. Wenn ihr dann freilich der Vater erzählte, wie mühsam und schwer es sei, solchen Berg zu ersteigen, wie schon mancher sein Leben darüber gelassen habe, – dann lüstete sie's nicht mehr, diesen Weg zum Himmel zu suchen, und der Vater tröstete sie, daß der liebe Gott ihr einen andern Weg zeigen werde, der freilich auch nicht immer leicht sei. Einmal besuchten die vornehme Tante und Cousine Cäcilie das Pfarrhaus, als sie eine Reise in die Schweiz machten; sie kamen mit baumhohen Alpenstöcken auf Eseln einhergeritten, obgleich man in das Tal, wo Herr Oschwald wohnte, recht wohl hätte in leichten Wagen fahren können. Sie hatten sich fast vorgestellt, ihre liebe Mary wohne in einem Kuhstall, und waren sehr erfreut über die zierliche und bequeme Wohnung, und darüber, daß sie nicht lauter Milch trinken mußten, sondern auch Kaffee und ordentliche Mahlzeiten bekamen. Das Töchterlein aber, das hatten sie sich nicht ganz als ein solches Naturkind vorgestellt. Sie waren noch nicht lang angekommen, als Gertrud mit glühenden Wangen und fliegenden Haaren hereinsprang, Bruno, der treue Haushund, hinter ihr drein, der in lustigen Sprüngen um sie herumhüpfte und vergnüglich bellte. »O Mutter, wir machen einen so schönen Wasserfall am Bach drunten, der Hansle und das Vreni und ich! Und es sind so ein paar närrische Damen hereingeritten mit langen Stecken...« »Deine liebe Tante und die liebe Base Cäcilie sind zu uns gekommen,« sagte die Mutter rasch in großer Verlegenheit; »grüß sie, Gertrud!« Gertrud wurde sehr rot und grüßte die Damen, die ihr die kleine Unbedachtsamkeit nicht zu übel nahmen und später gut Freund mit ihr wurden. Sie waren sehr gern in dem freundlichen Pfarrhaus und konnten jetzt wohl begreifen, daß ihre liebe Mary nicht vor Heimweh gestorben war. Es war so schön hier, so prächtig in stillen Nächten, wenn oben am dunkeln Himmel der Mond stand und alle die mächtigen Berge umher so still und feierlich, und aus den Hütten die traulichen Lämplein blinkten, bei deren Schein die Leute friedlich beisammen saßen, oder an klaren Sommerabenden, wenn die Sonne untergegangen war und die Schneeberge noch einmal erglühten in leuchtend rotem Glanz wie in einem purpurnen Königsmantel. Und es war schön, an sonnigen Nachmittagen draußen zu sitzen auf der Galerie und hinaus zu sehen auf das grüne Tal und die anmutigen Hütten, wenn die Leute mit freundlichem Gruß vorbeizogen auf ihre Felder, die gar mühsam zu bebauen sind, da sie an lauter Bergabhängen liegen; im Dorf war es dann ganz still und nur da und dort saß vor den Häusern ein altes Weiblein oder ein weißhaariger Aehni, der sein Enkelein hütete. Alles gefiel den Tanten, nur das gar zu wilde Wesen der kleinen Gertrud nicht; und als die ihnen selbst ihre Heldentaten erzählte, wie sie einmal auf des Hanslis Bock geritten, und wie sie im Winter mit dem Meyeli am Bach einen Feenpalast aus lauter hellen Eisstücken gebaut, der dann so schön zusammengefroren: da wurde ihnen angst und bang für die kleine, wilde Kreatur. »Liebe Mary, du mußt die Kleine zahmer und anständiger gewöhnen, wenn sie nun heranwächst,« sagte beim Abschied die Tante; »die klettert dir eines schönen Morgens auf den Montblanc und geht zugrunde in einer Eisspalte! Eine Kuhhirtin willst du ja doch nicht aus ihr machen; da muß das Kind sich benehmen lernen wie ein ordentliches Mädchen.« »Gewiß, liebe Tante, Sie haben recht,« gab Frau Oschwald zu. »Wenn ich kräftiger wäre und könnte selbst mehr fort mit der Kleinen, so wäre es besser. Aber sie ist doch auch viel mit ihrem Vater, und ich denke, sie wird nicht immer so eine kleine Wilde bleiben. Das Kind ist gesund und kräftig, da muß sie viel im Freien sein; ich selbst kann nicht so oft hinaus und wenn mir der liebe Gott noch ein liebes kleines Kind schenkt, so muß ich noch mehr zu Hause bleiben und die Gertrud sich selbst überlassen. Doch hofft ich, wenn sie ordentlich ans Lernen kommt, wird das besser.« »Aber das Mädchen kann inzwischen Arm und Bein, ja Leib und Leben einbüßen bei dem Herumklettern!« »Das fürchte ich so leicht nicht, Tante. Der Bruno weicht nicht von ihr und er läßt ihr nichts geschehen.« »Das kann ich gerade nicht leiden, « sagte die Tante, »daß sie überall mit dem garstigen Vieh herumsteigt.« »O Tante, Sie wissen nicht, was der Bruno für ein gutes und treues Tier ist!« Vor zwei Jahren war ein Reisender mit dem Hunde müde und krank aus Italien gekommen und in dem kleinen Gasthof des Dörfchens liegengeblieben. Der Pfarrer und seine Frau hatten sich seiner getreulich angenommen, und gar oft hatte ihm die kleine Gertrud ein Körbchen mit Erfrischungen gebracht; die Kleine und der langhaarige braune Hund, der immer am Bette des Kranken lag, waren bald recht gut Freund miteinander geworden. Der Fremde hatte seine Gesundheit nicht wiedererlangt. Ehe er starb, sagte er dem guten Pfarrer noch tausend Dank für seine Liebe. »Ich bin nicht reich, Herr Pfarrer,« fügte er zu ihm. »Das Wenige, was ich hinterlasse, gehört meiner Schwester; ich weiß Ihnen nichts Besseres zum Danke zu geben als den Hund, mit dem Ihr Töchterlein sich jetzt schon so befreundet hat. Er ist von der edlen Rasse der Hunde vom St. Bernhard, die jetzt fast am Ausgehen ist, und es hat mich viele Mühe gekostet, ihn zu erwerben; er ist noch jung, aber das gibt ein treues, starkes Tier.« Als der Fremde begraben worden, war der Hund dem Sarg gefolgt und hatte sich vor dem Grabe niedergelegt; er blieb auch liegen, als die ganze kleine Leichenbegleitung ins Dorf zurückkehrte. Der Pfarrer hatte schon Geschichten gehört von treuen Hunden, die auf ihres Herrn Grabe liegengeblieben, bis sie selbst gestorben waren; es hätte ihm leid getan wenn das gute, treue Tier so hätte verkommen sollen. So war er denn abends noch einmal auf den Friedhof gegangen und hatte die kleine Gertrud mitgenommen. Der Hund lag noch auf dem Grab und hatte den Kopf vor sich hin auf den Boden gelegt. »Bruno!« rief die Kleine; da hob er den Kopf und sah sie traurig an. »Bruno, komm mit!« rief sie wieder und wandte sich um zum Gehen. Und wirklich, der Hund stand langsam auf, drehte den Kopf noch ein paarmal um nach dem Grabe seines Herrn und folgte dann der Kleinen willig nach Haus. Seither war Bruno der beständige Begleiter der kleinen Gertrud und die zwei spielten mit einander wie Kameraden. Von dem kleinen Mädchen ließ er sich alles gefallen, und sie war ganz stolz, daß sie einen eigenen Diener hatte. Der Vater hatte ihr viel erzählt von den Mönchen, die hoch oben auf dem St. Bernhard wohnen, wohin die Wege so beschwerlich und gefahrvoll sind, daß gar oft Reisende verunglücken, wenn sie den rechten Weg verfehlt oder wenn sie sich müde niedergesetzt haben und in der Kälte eingeschlafen sind. Wenn dann ein starker Schnee fällt oder ein Sturm weht, dann können solche arme Leute leicht erstarren und vom Schnee zugedeckt werden; sie können nicht mehr rufen und sich rühren, und ein Mensch könnte sie nicht auffinden. Dann aber schicken die guten Mönche ihre wohl abgerichteten Hunde aus mit einem Körbchen um den Hals, darin Lebensmittel sind, und einer Laterne. Mit dem feinen Geruchsinn, den kein anderes Geschöpf in diesem Grade hat, entdecken sie dann die Verschütteten, scharren den Schnee auf, und wo sie die Erfrorenen nicht selbst wieder zum Leben bringen können, da kommen sie ins Kloster zurück und holen die Mönche herbei, um zu helfen. Recht mit Stolz erzählte Gertrud die Heldentaten der Hunde vom St. Bernhard, als ob ihr Bruno das alles in eigener Person getan hätte. Sie wollte ihn auch, bald nachdem ihr der Vater dies erzählt hatte, abends hinausschicken mit einem Körbchen und einer Laterne, um schnurstracks einen erfrorenen Menschen mit heimzubringen. Mit dem Körbchen ging's ordentlich; er hatte schon manchmal Brot beim Bäcker unten geholt, die Laterne aber ließ er sich nicht gefallen; er schüttelte sich, bis sie zerbrochen am Boden lag. Der Vater hatte viele Mühe, der Gertrud begreiflich zu machen, daß zum Glück in ihrer Gegend die erfrorenen Leute doch nicht alle Abende auf der Straße herumliegen, und daß für diesen Dienst der Hund noch besonders abgerichtet werden müßte. Konnte Gertrud keine erfrorenen Menschen holen lassen durch ihren Bruno, so lehrte sie ihn dafür doch allerlei andere Künste. Ein Lieblingsspiel, das sie mit dem Hund trieb, war, wenn sie sich ins hohe Gras legte und kläglich rief: »Bruno, such mich, ich liege im Schnee!« Der kluge Bruno wußte ganz gut, wo Gertrud war, aber doch schnupperte und suchte er ganz ängstlich in weitem Kreise um das Mädchen herum, immer näher, bis auf einmal mit einem lauten Schrei Gertrud in die Höhe fuhr. Aber die Sätze und Sprünge des Bruno hättet ihr sehen sollen, und das vergnügte Gebell hören, mit dem er dann um die Kleine herumsprang, bis sie den Hügel hinab so lange um die Wette liefen, bis Gertrud erschöpft ins Gras sank. Nicht sehr lange, nachdem Tante und Cousine abgereist waren, stand eine Wiege in der Mutter Zimmer, darin ein Brüderlein schlief. Die Mutter hätte nicht Sorge haben dürfen, sie werde Gertrud gar nicht mehr daheim sehen, wenn sie ohne ihre Aufsicht sei und freien Lauf draußen habe. Gertrud war glückselig über das nette kleine Geschöpf und mochte gar zu gern an seiner Wiege sitzen und sein weiches Gesichtchen anrühren, und die kleinen, zierlichen Händchen streicheln. Gar zu lang hätte freilich das Vergnügen nicht gedauert, da der kleine Bruder eben noch gar nicht sprechen und spielen konnte; auch sah er nicht einmal die schönen Bildchen an, die ihm Gertrud gleich am ersten Morgen zeigte. Aber die verständige Wärterin gab der Kleinen allerlei Geschäfte bei dem Brüderlein. Bald durfte sie die Wiege ein wenig schaukeln, nur ganz sachte, sachte; bald durfte sie die Windeln und kleinen Jäckchen von der Galerie holen, wo sie getrocknet wurden, oder ihm ein Liedchen singen; bald durfte sie auch der kranken Mama ein Glas Wasser bringen oder eine Tasse Tee, und sich zu ihr setzen und ihr erzählen, wie es so schön aussehe in der Welt draußen und was sie mit ihren Gespielen getrieben habe. Denn das fröhliche Kind sollte ja nicht immer in die Kinderstube und an des Brüderleins Wiege gebannt bleiben; wenn ihre Lehrstunde beim Vater vorüber war, so durfte sie hinaus und zu ihren Gespielen nach wie vor. Aber Bruno, ihr alter Kamerad, war ihr untreu geworden. Manchmal sprang er freilich noch lustig mit ihr hinaus; sein rechter Platz jedoch schien jetzt bei der Wiege des kleinen Walter zu sein. Wenn Mädi, die Wärterin, mit dem Kleinen auf der Galerie auf- und abspazierte, so ging Bruno ganz langsam und gesetzt mit. Ein Wiegenkorb für den Kleinen wurde an schönen Tagen auf die Galerie gestellt; wenn dann das Kind schlief, so legte sich Bruno daneben, und er war mit keiner Macht davon wegzubringen, auch wenn Gertrud noch so laut in Garten nach ihm rief. Gertrud wollte das sehr übel nehmen. Der Vater aber beruhigte sie und sagte: »Sieh, das ist eben unser kluger Bruno; der merkt jetzt, daß du ein großes Mädchen bist, die sich selbst wehren oder davonlaufen kaim, wenn ihr jemand etwas tun wollte. Das kleine Brüderlein aber, das kann sich nicht selbst helfen; da denkt er, er müsse acht geben daß ihm niemand etwas tue im Schlaf.« Die Kleine gab sich zufrieden und freute sich nur auf die Zeit, wo sie und Walter zusammen mit Bruno werden herumspringen können. Die Wärterin, Mädi, welche die Mutter und den kleinen Bruder mit großer Sorgfalt pflegte, war eine alte Frau mit schneeweißen Haaren; ihre Augen waren noch hell und klar, ihre Wangen frisch und rot; immer war sie gesund, heiter und zufrieden. Mädi wurde rings umher geholt, wo kleine Kinder zu pflegen waren; sie selbst hatte zwölf Kinder aufgezogen, da konnte sie gar gut mit Kleinen umgehen und hatte sie sehr lieb. Ihr Mann war gestorben, ihre eigenen Kinder waren alle groß gewachsen und draußen in der Welt herum zerstreut. Zwei Söhne waren Soldaten fern in Italien; andere Kinder dienten als Knechte und Mägde; die alte Mädi war ganz allein geblieben. Wenn sie nicht Kinder zu pflegen hatte, so wohnte sie einsam in ihrem eigenen Häuschen in dem niedrigen Stüblein, wo rote Nelken und Rosmarin am Fenster standen. Da saß sie mit ihrem Körbchen und strickte und flickte für ihre Söhne draußen; dazu schaukelte sie immer ganz sachte mit dem Fuß eine leere Wiege, die vor ihr stand; es war die Wiege, in der all ihre zwölf Kinder gelegen hatten, zweimal auch zwei zugleich, weil es Zwillinge gewesen waren. In manchen Gegenden in Deutschland meinen die Leute, das Kindlein werde sterben, wenn man die leere Wiege schaukle; Mädi fürchtete keinen Schaden davon für ihre großen Kinder, die sie getrost alle Tage der Hut des Herrn befahl. »Ich bin es so lang gewohnt,« sagte sie; »ich kann gar nicht arbeiten, ohne daß ich dabei mein Wieglein schaukle. Dann denke ich nacheinander an alle zwölfe, die darin gelegen sind, wie es ihnen jetzt in der Welt geht, und singe mir die alten Wiegenliedlein wieder.« Gertrud hatte die alte Mädi fast so gern, wie der Kleine, der ihr schon von weitem entgegenlachte; und auch die Mutter, als sie wieder gesund war und ein kleines Dienstmädchen das Brüderchen hütete, kehrte noch manchmal ein in Mädis sonnigem Stüblein und ließ sich von ihr erzählen von all ihren Buben und Mädchen, wie sie noch klein gewesen. Zu Weihnachten kam eine Schachtel mit Christgeschenken von der Tante und Cousine aus England; für Gertrud war ein niedliches Arbeitskästchen mit Nadeln und Schere, mit Stramin und farbiger Wolle dabei. Die Tante hoffte, sie werde jetzt ein fleißiges, gesetztes Mädchen werden, und statt auf des Hanslis Bock zu reiten, ordentlich bei der Mama am Nähtisch sitzen. Das Brüderlein bekam ein Paar wundernette Stiefelchen von rotem Samt mit goldenen Knöpfchen, solch' zierliche Schuhe, wie Gertrud sie in ihrem Leben noch nicht gesehen hatte. Sie wollte sie ihm auch sogleich anziehen; der kleine Kerl aber strampfte mit seinen Füßchen und wollte sich's nicht gefallen lassen; er trug noch lange Röcke und hatte nie Schuhe angehabt. »Bis zum Frühling,« vertröstete die Mutter sie, »da bekommt er kurze Röckchen und darf dann die roten Schühlein tragen.« Seither fragte Gertrud oft, wenn denn der Frühling komme, und die Mutter meinte, sie freue sich nur darauf wegen der roten Schuhe des Brüderleins. Nun endlich schien es, als wolle der Frühling kommen; die Bäume waren noch nicht grün, aber Schneeglöckchen und gelbe Butterblumen blühten im Tal. Das Brüderlein konnte zwar immer noch nicht gehen, was Gertrud oft ungeduldig machte; doch konnte er laut lachen und spielen mit seinen Händchen und mit einem kleinen bunten Ball, den sie ihm brachte, und, was Gertrud die Hauptsache war, er trug ein kurzes, weißes Röckchen, und an seinen kleinen, fetten Füßchen weiße Strümpfchen und die roten Schuhe; er schien selbst eine Freude daran zu haben und spielte oft damit. Man stellte den großen Korb wieder auf die Galerie, in welchem man den Kleinen sein Bettchen machte; darin spielte oder schlief er in der herrlichen, lauen Frühlingsluft, und seine Bäckchen glühten wie rote Rosen. Bruno hielt getreue Wache bei ihm, auch wenn Gertrud davongelaufen war in den Garten oder in das Tal hinunter; die Mutter und das Kindermädchen waren ganz ruhig, wenn sie den Kleinen in des Hundes Hut wußten. Es war ein warmer, schöner Nachmittag. Die Mutter und Meyeli waren sehr geschäftig mit einer Wäsche; Gertrud, die mit dem niedlichen Arbeitskästchen nun lieber arbeitete als zuvor, saß auf einem Schemel neben dem Korb, in dem der Kleine lag, und häkelte eifrig an einem etwas unbestimmten Gegenstand, von dem sie versicherte, es gebe ein Jäckchen für das Brüderchen. Die Sonne schien hell und voll auf den Schneeberg, der hoch über dem grünen Hügel emporragte, an dem das Haus stand; Gertruds Augen waren ganz geblendet und sie ging ins Zimmer, das wegen des vorstehenden Daches nie zu hell war, um dort an ihrer Arbeit fortzumachen, die rasch gefördert werden sollte. Das Brüderchen schlief fest. Bruno aber saß nicht nach seiner Gewohnheit ruhig und unbeweglich neben dem Korb; er ging langsam auf der Galerie herum und schnupperte mit seiner Nase immer wieder hinaus in die Luft. Gertrud war schon gewöhnt, daß ihr alter Kamerad nicht mehr viel von ihr wollte, so lang der Kleine schlief; also wandte sie ihm etwas trotzig den Rücken. Sie war in ganz ungewöhnlichem Eifer mit ihrer Arbeit, durch die sie die Mutter überraschen wollte; denn sie dachte, diese werde dann der Tante schreiben, daß sie jetzt hübsch arbeiten gelernt habe. Endlich wurde es ihr doch zu lang und sie ging hinaus, um zu sehen, ob der Kleine nicht erwacht sei und Meyeli ihn vielleicht in den Garten nehmen werde, so daß sie mit Bruno hinunterspringen könne, dem Vater entgegen. Aber, – Bruno war fort und der Korb war leer! Sie lüpfte die leichte Decke, ob nicht der Kleine darunter dersteckt sei, – nirgends! und keine Spur von Bruno. Vor dem Korb lag einer von den schönen roten Schuhen, die der Kleine angehabt, – sonst gar nichts, und wohin Gertrud blickte, war weder von dem Hund noch von dem Kind etwas zu sehen. Außer sich vor Schrecken sprang sie hinunter in die untere Stube, wo die Mutter und Meyeli bügelten. »Das Brüderchen ist fort, das Brüderchen, und Bruno auch!« – Die Mutter wurde totenbleich und hielt sich am Tisch, um nicht umzusinken; Meyeli wollte hinaufeilen und selbst sehen, ob es so sei; da – stürzte sie mit einem Schrei wieder ins Zimmer. Ein seltsames Geräusch ließ sich hören; plötzlich war es, als ob ein schweres Federbett oben aufs Haus falle; es wurde dunkel im Zimmer und Meyeli schrie auf: »Barmherziger Gott! das ist ein Schneefall!« Die Mutter lag einige Minuten betäubt; dann erhob sie den Kopf, blickte verstört umher in der verdunkelten Stube und rief: »Und der Vater ist fort, und das Kind! o Gott, wir sind alle verloren!« Gertrud wußte und verstand gar lange nicht, was das alles zu bedeuten habe; nach und nach machte ihr das jammernde Meyeli begreiflich, daß eine Schneelawine sich abgelöst habe und ins Tal heruntergestürzt sei. »Unser Haus ist über und über zugedeckt mit Schnee,« sagte Meyeli; »aber wenn nicht das ganze Dorf drunten zugeschüttet ist, so kommen ganz gewiß die Mannen herauf und schaufeln uns heraus, wenn wir nur derweil zu essen haben; ersticken werden wir grad' nicht.« – »Zu essen!« da kam erst der kleinen Gertrud der schreckliche Gedanke, daß sie Hungers sterben könnten unter dem Schnee. Meyeli aber zündete ein Licht an in der Küche und zeigte ihr in der Speisekammer ein großes Stück Rauchfleisch, einen Laib Brot und eine Balle Butter. Da wurde Gertrud wieder getrost und zufrieden; es schien ihr, das könne man in Wochen nicht aufessen, und mit anscheinender Besorgnis sagte sie: »Und, Meyeli, wir werden am Ende noch all die schönen eingemachten Himbeeren und Johannisbeeren aufessen müssen, die Mama im Kasten hat, wenn es lang dauert.« Meyeli mußte lachen in allem Elend und sagte: »Nun geb's Gott, daß wir davon nicht leben müssen, das würde uns nicht lang satt machen!« Sie brachte ihrer Herrin etwas Wein zur Stärkung. Frau Oschwald war sehr bleich, aber sie saß still, mit gefalteten Händen. »O Frau,« sagte Meyeli, »seien Sie nur ruhig; ich hab's schon oft gesagt, unser Bruno, der hat über Menschenverstand; der hat am Ende unser Bubi in Sicherheit gebracht, weil er gemerkt hat, daß der Schneefall kommt. Und für den Herrn Pfarrer hat gewiß der liebe Gott selber gesorgt; das Tal ist ja lang und weit, da wird doch der Herr nicht gerade noch unter den Schnee gekommen sein.« »Wir stehen alle in Gottes Hand,« sagte Frau Oschwald. die durch stilles Gebet wieder Ruhe gefunden hatte; »wenn es Sein gnädiger Wille ist, so kann er uns erretten, und den lieben Vater und unser Kindlein mit uns zusammenführen; ob auch Berge weichen und Hügel einfallen, Seine Gnade soll nicht von uns weichen und der Bund Seines Friedens nicht vor uns hinfallen. Eh' wir weiter sehen, wie es mit uns steht, wollen wir zusammen beten.« Und sie knieten alle nieder. Frau Oschwald betete recht aus tiefster Seele zu dem allmächtigen Herrn des Himmels und der Erde, zu dem barmherzigen Vater, der die Haare auf unserm Haupte gezählt hat; sie betete, daß er seine Hand halten wolle über ihrem Gatten und Kind, daß er auch ihre Not hier ansehen und sie glücklich ans Tageslicht bringen wolle. Wenn er aber beschlossen habe, daß sie hier ihren Tod finden sollen, so möge er ihr Ende nicht zu schwer machen und sie im Frieden heimnehmen in die ewige Heimat. Sie waren sehr still geworden. Gertrud hatte ihr Köpfchen in der Mutter Schoß gelegt und ruhte betrübt und müde von dem Schrecken. Meyeli ging geräuschlos hinaus, um sich im Haus umzusehen; bald kam sie ganz getrost wieder: »Steht alles gut, Frau! Der schwerste Fall ist nicht auf unser Haus geschehen, das Dach ist nicht eingedrückt. Wenn sie drunten im Dorf nicht alle zusammen totgeschlagen sind, so können sie den Schnee schon wegschaffen; 's kann nicht zu viel sein, sonst wär das Dach eingedrückt.« Nach einer Weile kam sie wieder ganz vergnügt: »'s Geißlein ist drunten! 's Geißlein steht im Stall! Ich sag's ja, so ein Tier hat über Menschenverstand! Das hat's auch gemerkt, was kommt, und ist selbst in seinen Stall gekommen; nun haben wir Milch, und Heu für das Geißlein ist auch da. Jetzt seien Sie nur ruhig, wir haben alles genug!« Bald darauf brachte das unermüdliche Meyeli einen Topf mit Milch, etwas Brot und Butter und kaltes Fleisch zum Abendessen. »Bitte, essen Sie doch, liebe Frau!« bat sie; »wir müssen unsere Kräfte erhalten; warm kochen kann ich nicht, wir müßten im Rauch ersticken, weil er nicht hinaus kann zum Kamin; aber kalte Speisen haben wir schon für eine Weile.« Gertrud meinte, sie werde nichts essen können; als sie aber versuchte, da ging es ganz leidlich und bald schmeckte es ihr fast so gut, wie in gewöhnlichen Tagen. Die Mutter wollte nicht essen; nur auf Meyelis dringendes Bitten nahm sie endlich einige Bissen. Meyeli reinigte das Geschirr, so gut sie konnte, mit kaltem Wasser; dann sagte sie: »Nun, Frau, wollen wir nicht in Gott's Namen miteinander ins Bett gehen? Schlafen ist das allerbeste, wenn man nichts tun kann.« Noch einmal kniete Frau Oschwald nieder mit Meyeli und Gertrud und sprach ein recht inniges Gebet, indem sie ihren Gatten und ihr Kind in Gottes gnädige Obhut befahl und ihn für sich und die Ihren um seinen Schutz bat. Sie ließ Gertrud noch ein schönes Abendlied sprechen; sie hatte es vorher oft hergesagt; wie sie aber diesmal die Worte aussprach: »Gott laß uns selig schlafen Und stell' mit güldnen Waffen Ums Bette seiner Engel Schar.« da war dem Kind, als fühle sie das Wehen der Engelsflügel; zum erstenmal empfand die kleine Gertrud so recht, was es heißt, sich als Kind eines allmächtigen Vaters im Himmel zu wissen. Die Mutter nahm sie zu sich in ihr Bett und bald schlief sie getrost an ihrem Herzen ein, während das Mutterauge noch lange, lange schlaflos hineinschaute in die gestaltlose Nacht, und ihr Geist mit dem Gatten und Knaben beschäftigt war. Man konnte nicht sehen, wann der Morgen kam, in der trostlosen Finsternis des verschütteten Hauses; auch war die Luft schon dumpfiger als am Abend zuvor; doch wachten sie auf. Das immer geschäftige Meyeli zündete Licht an, kleidete sich an und half der Kleinen. Frau Oschwald hatte die Kleider gar nicht abgelegt; sie stand sehr müde auf, denn sie hatte fast nicht geschlafen, doch seufzte und klagte sie nicht. – Sie beteten das Vaterunser zusammen: »Dein Wille geschehe auf Erden wie im Himmel,« tönte es ergeben und getrost von ihren Lippen. Meyeli brachte frisch gemolkene Ziegenmilch. »Das ist doch ein bißchen warm,« sagte sie tröstend, »obgleich wir nicht kochen können. Recht munter ist unser Geißlein aber nicht; es spürt's doch auch, daß nicht alles recht ist; ja, so ein Tier, das ist grundgescheit.« Die Mutter mutßte lächeln; es schien ihr nicht, daß große Gescheitheit dazu gehöre, wenn man nicht sehr munter sei in einem schneebegrabenen Haus; auch Gertrud ließ ihr Köpfchen hängen und saß still auf einem niedrigen Stuhl an der Mutter Seite. Langsam, unendlich langsam schlich der lichtlose Tag hin über den Verschütteten. Gertrud stand von Zeit zu Zeit auf, nahm das Licht und sah nach der großen Wanduhr, die im Zimmer hing; sie konnte nicht begreifen, wenn erst eine Viertelstunde vorüber war, wo sie glaubte, es müssen schon Stunden vergangen sein. Die Mutter ging unruhig mit geräuschlosen Schritten auf und ab; dann horchte sie wieder, ob sie nichts höre von den Befreiern, die Meyeli verheißen hatte –- es war stumm wie im Grab. »Mutter, müssen wir sterben da?« fragte angstvoll Gertrud. »Wie Gott will, Kind,« sagte die Mutter gedrückt; ihr selbst dünkte, sie seien schon wochenlang da unten begraben. Meyeli konnte nicht sehen, wie Mutter und Kind so niedergeschlagen und traurig beisammen saßen. Ihr war nicht so bange, sie hatte schon manche Geschichte gehört von Verschütteten, die glücklich wieder ans Tageslicht gekommen waren, und gab die Hoffnung nicht auf. »Wie wär's Jungfer Gertrud,« schlug sie vor, »wenn wir miteinander die Wäsche aufheben würden? Wir müssen es tun, so lang Licht brennt; ich weiß nicht, wie lang wir noch Oel und Kerzen haben.« »Und dann wird es Nacht bei uns, ganz und immerfort finstre Nacht?« fragte angstvoll Gertrud. »Nun, lang wird's ja nicht währen,« tröstete Meyeli, »und man wird's Dunkelsein auch gewöhnt. Meinem Aehni sein Vatersbruder, der ist auch einmal verschüttet gewesen in einem Keller, und der hat gesagt, er habe am End' in dem stockfinstern Loch die Mäuse spielen sehen, und die Mäuse und Spinnen sehen ja ohnehin von selbst in der Dunkelheit; aber freilich, die Tiere sind eben gar gescheit!« Der Mutter war das ein leidiger Trost; aber Gertrud war doch ein wenig begierig, wie es sein werde, wenn auch sie die Mäuse spielen sehe. Gertrud ging mit Meyeli in die Waschstube hinab; Frau Oschwald zündete sich noch ein dünnes Lichtlein an, um oben die Wäsche in den Schrank zu legen; freilich waren diesmal ihre Gedanken nicht viel bei dem schönen weißen Linnen, das sonst ihr Herz erfreut hatte. »Nun machen Sie mit Gertrud derweil allein fort,« sagte Meyely; »ich will auf den Boden und Heu holen für's Geißlein, das müssen wir gar wohl pflegen!« Die Mutter legte das Weißzeug, das ihr Gertrud brachte, in die Fächer des Schrankes und sagte leise tröstliche Sprüche und Liederverse vor sich hin. Sie hatte sie sonst wohl gesungen, aber das konnte sie jetzt nicht: »Weg hast du allerwegen, An Mitteln fehlt's dir nicht,« sagte sie eben, da sprang Meyeli mit einem lauten Freudenschrei die Treppe herunter. »Sie kommen! sie schaufeln! sie sind droben!« rief sie mit Jubel, »ich hab's gehört!« Freudenvoll eilten die Mutter und Gertrud die Treppe hinauf bis auf den Dachboden. Da hörten sie einen dumpfen Ton wie von Graben und Schaufeln. »Gottlob, gottlob!« rief die Mutter und sank auf die Knie. »Können wir nicht helfen von unten herauf, daß es schneller geht?« fragte Gertrud. »Das ist nicht möglich,« fagte Meyeli, »wir haben ja zunächst das Dach, nicht den Schnee über uns; die Mannen machens schon fertig.« Und sie ließ einen lauten Jodler ertönen, wie sonst Sennermädchen einander von den Bergen zusingen. Es klang nicht so hell wie in freier blauer Luft auf der grünen Alme, aber sie hörten's doch. Es tönte ein Ruf herab, und immer näher hörten sie schaufeln und graben. »Marie!« rief jetzt deutlich des Pfarrers Stimme, »liebe Marie, lebst du noch, du und das Kind?« – »Wir alle, lieber Konrad!« rief die Frau. »Auch das Geißlein!« schrie Meyeli. »Bruno, ich höre Bruno bellen!« rief die kleine Gertrud in höchster Freude. Da tat es oben einen Krach, ein Haufen Schnee und ein Stück Dachsparren fiel herab; das Tageslicht drang herein, lauter tönte Brunos Bellen, und durch die kleine Lücke, die droben entstanden war, streckte er seine Schnauze und ließ ein kleines Kinderstiefelchen von rotem Samt mit goldnen Knöpfchen herabfallen. »Das ist das andre Schühlein, und unser Bubi lebt!« rief Meyeli glückselig. »Unser Bubi lebt!« rief der Pfarrer herunter; »drunten im Dorf liegt's wohlbehalten und schläft in der alten Wiege der Mädi.« Nun war's ein fröhliches Schaffen da oben und ging rasch voran; mit Lachen und Weinen schloß der Vater Weib und Kind, die ihm so wunderbar wiedergegeben waren, in die Arme. »Jetzt brennt's Küchenfeuer!« rief Meyeli vergnügt und zündete an und hing eine Pfanne über und kochte Kaffee, und sprang in den Keller, um Wein zu holen für die braven Mannen – man meinte wahrhaftig, das Meyeli sei an drei Orten zugleich. Derweilen saß der Pfarrer auf dem Sofa; seine Frau lehnte sich an ihn, noch müde von Sorgen und Schrecken, und ließ sich von ihm erzählen, wie es gekommen, daß ihr Kind geborgen sei. Sie konnte nicht forteilen zu ihm, da die Haustüre noch nicht frei war; der Pfarrer war mit Hilfe der Männer von oben herabgestiegen. »Ich besuchte einen Kranken im obern Tal,« erzählte der Pfarrer, »machte mich aber bald auf den Heimweg, da mir trotz des schönen Sonnenscheins nicht recht wohl zu Mute war; auch sagten die Leute, es steige weiß Gewölk herauf, was einen Sturm bedeute. Da ich an der Mädi Häuschen vorbeikam, so wollte ich doch nicht vorübergehen, ohne bei ihr einzukehren. Bei der Mädi aber kommt man nicht so leicht fort; bis sie zuerst nach unsrem Bubi fragt und ihr dann ihre eignen sieben Buben einfallen, die sie schon in der tannenen Wiege gewiegt, und ihre fünf Mädchen dazu: da gibt es lange Geschichten. Endlich konnte ich doch aufbrechen. Noch einen Augenblick wollte ich nach ihrer kranken Nachbarin sehen. Wie ich nun von dieser heimwärts gehe, ruft Mädi mir atemlos aus dem Fenster zu: »Herr Pfarrer! Herr Pfarrer! kommen Sie doch!« Was war's, wie ich wieder zu Mädi kam? Da lag unser Walter auf dem Fußboden, gesund und wohlbehalten, und etwas verwundert schaute er sich um mit seinen großen blauen Augen; neben ihm stand der Bruno, der höchst aufmerksam abwechselnd die Alte und das Kind anblickte, und es sehr gut zu heißen schien, als diese es mit vielen Liebkosungen in ihre alte Wiege legte. Nicht lange nämlich, nachdem ich Mädi verlassen, hatte sie ein leises Kratzen an ihrer Tür gehört und war höchlich erstaunt, als sie öffnete und Bruno vor der Tür stand, der unsern Kleinen ganz vorsichtig an dem breiten Gurt seines Röckleins mit den Zähnen gepackt hielt und ihn nun sachte vor ihr auf den Fußboden legte. Wir besannen uns noch zusammen, wie denn der treue, sichere Hund dazu gekommen sei, das Kind von daheim fortzuschleppen; da hörten wir plötzlich ein dumpfes Getöse, lautes Geschrei auf der Straße; eine Lawine hatte sich gelöst, ein Teil des Tals, unser Haus darunter, war im Schnee begraben!« »Und unser Bruno hatte das vorher gewußt und unsern Bubi geborgen, eh' das Unglück kam; das Kind wäre ja zu tot gedrückt worden, weil sein Korb auf der Laube stand. Und das eine Schühlein hat er mit Absicht dagelassen und das andere wiedergebracht, daß wir sehen sollten, daß das Kind wohlbehalten sei!« rief Meyeli, die beim Ab- und Zugehen auch die Erzählung mit angehört hatte. »Ja! ich sag's ja, der allergescheiteste Mensch ist gar nichts gegen so ein kluges Tier!« »Nun,« unterbrach der Pfarrer lächelnd ihre gar zu stürmische Bewunderung, »zuerst wollen wir doch den Herrn preisen, der solch wunderbaren Naturtrieb in die Seele eines unvernünftigen Tieres gelegt hat.« Bald war das Haus freigeschaufelt, wie denn zum Glück der Schneefall nicht viele bewohnte Häuser getroffen hatte. Mädi zog aus in ihrem schönsten Sonntagsstaat, um das gerettete Bubi ins Pfarrhaus zurückzubringen. Der Kleine saß vergnügt auf ihrem Arm; nur hie und da betrachtete er bedenklich seine kleinen dicken Füßlein, er schien die schönen roten Schühlein zu vermissen. Bruno schritt ganz gesetzt und ehrbar neben Mädi her und sah immer wieder aufmerksam nach dem Kleinen, der ihm freundlich zulachte. Eine Menge Kinder und Leute vom Tal, die alle schon von dem Kind und dem Hund gehört, begleiteten Mädi, so daß es wie ein stattlicher Taufzug aussah, nur daß der Täufling schon frei saß und hell um sich schaute, was sonst bei Taufkindlein doch nicht der Fall ist. Das Pfarrhaus wurde bald hergestellt, und Pfarrer Oschwald, der nach einigen Jahren in eine andere Gegend des schönen Schweizerlandes versetzt wurde, hat keinen Schneefall mehr erlebt. Der kleine Walter ist lustig herangewachsen und ein fröhlicher Kamerad des klugen Bruno geblieben; die Tante aus England, der man die wunderbare Geschichte mitgeteilt, hat ihm statt der roten, die nicht mehr schön waren, ein Paar blaue Samtstiefelchen geschickt; aber er brauchte bald starke Lederschühlein. Gertrud ist ein frisches und fröhliches Schweizerkind geblieben; aber etwas sanfter und mädchenhafter ist sie doch geworden seit jenem Tage, wo der Tod so nahe an ihr vorübergegangen. Die kleine Wiege in Mädis Hütte steht jetzt still; die treue Mutter ist heimgegangen, nachdem sie das letzte ihrer zwölf Kinder glücklich versorgt gesehen. Meyeli steht aber noch im Dienst der Familie Oschwald; sie verpflegt sorglich den klugen Bruno, der allmählich etwas altersschwach geworden, und erzählt gar gern die Geschichte von seiner wunderbaren Klugheit. Kordulas erste Reise Kordula wollte gar zu gern auch einmal eine Reise machen. Kordula kam sich überhaupt als ein etwas verkürztes Geschöpf des lieben Gottes vor. Nicht daß es ihr gefehlt hätte an den nötigen Seelen- oder Leibesgaben: sie war zwar etwas klein, weshalb sie auch Kördelchen genannt wurde, was ihr nicht gefiel; aber sie war ein nettes, aufgewecktes Mädchen mit hellen Augen und gesunden Gliedern, zu allem zu brauchen. Und doch kam ihr vor, als sei sie in manchen Stücken sehr schlecht bedacht worden. Kordula war des Pfarrers Töchterlein von Gumberdingen. Dagegen hätte sie nichts einzuwenden gehabt; denn sie sah, daß ihr Vater ein rechter Pfarrherr war, geliebt und im Segen bei den Leuten, und ihre Mama eine gute Pfarrfrau, die neben dem eigenen kinderreichen Hause doch noch eine offene Hand hatte und ein williges Herz für allerlei Not und Sorge im Dorfe. Auch daß sie vier Schwestern und einen Bruder hatte, wäre Kördelchen nicht zuviel gewesen; sie durften ja keine Not leiden, und Sorgen um die Zukunft sind Gottlob selten daheim in Kinderherzen. Aber es war ihr doch allerlei nicht recht auf der Welt. Vor allem, daß sie Kordula hieß, sie hörte nirgends sonst den Namen. Die Mutter sagte, daß man sie einer alten Frau Großtante nach so genannt habe; die lebte aber nicht mehr und sie hatte nicht den mindesten Nutzen davon. Der Vater erklärte ihr, es sei ein sehr schöner Name und bedeute eigentlich »Herzchen«; wie ein Herzchen aber kam sich Kordula doch nicht vor. denn sie war die mittlere von ihren Schwestern; es waren zwei ältere über ihr und zwei kleinere unter ihr und sie meinte, die mittlere sei gerade am schlimmsten daran; Friederike und Sophie, die waren die ältern; die bekamen neue Kleider, die sie nachher vertragen mußte; die durften der Mama helfen bei wichtigen Geschäften, durften bei ihr sitzen am Nähtisch, und die hatten schon verreisen dürfen! Luischen und Minchen waren die kleinen, an denen hatte man eine Freude; sie durften spielen, wurden von Papa und Mama mitgenommen bei Besuchen in die Nachbarschaft; denen kaufte man auch neue Kleidchen, wenn Kordula die alten abgetragen hatte. Zum Spielen war sie zu alt, bei rechten Geschäften ließ man sie nicht ankommen; sie durfte nur unwichtige Arbeiten nebenbei versehen, auf die Kleinen acht geben und stricken, an den ewigen blauen Strümpfen stricken, die ihr so langweilig waren; und sie war noch gar nie verreist gewesen! Reisen! das kam ihr die allergrößte Herrlichkeit vor, und die Welt draußen schien ihr wie ein verschlossenes Paradies. Ihre größte Reise war bis in die Oberamtsstadt gegangen zu Herrn Dekans, und das war nur eine Stunde weit. Kordula war von Natur kein unzufriedenes Gemüt; ihr selbst wäre es vielleicht nie eingefallen, daß sie so unglücklich sei, weil sie die mittlere war und nicht verreisen durfte. Jakobine, die alte Näherin, hatte ihr das in den Kopf gesetzt. Es gab gar viel zu nähen im Pfarrhaus, solange die Kinder noch klein waren, und oft kam früh morgens die alte bucklige Jakobine mit ihrem Nähkissen angezogen und setzte sich in die Ecke der Bank in der Kinderstube, vor den großen Korb mit Flickwäsche. Kördelchen mit dem blauen Strickstrumpf mußte sich zu ihr setzen und bei ihr die aufgegebene Zahl stricken, oft unter vielen Seufzern. Da rief denn wohl oft der kleine Karl: »Doddel« (er konnte noch nicht Kordel sagen), Doddel, mein Rugele holen!« oder kam Luischen: »Kordele, zieh auch mein Püppchen an!« dann verlangte Schwester Sophie: »Kordelchen, du solltest zum Krämer und Knöpfe holen!« oder schickte sie der Vater mit einer Botschaft zum Schulmeister; bisweilen rief auch die Magd: »Kordele, sind Hühner im Garten, jag' sie auch 'naus!« Das alles wäre nun kein Unglück gewesen und Kordelchen hätte sich ja freuen können, daß sie zu so vielen Dingen Zu brauchen sei; auch meinte es die alte Jakobine nicht bös, sie glaubte dem Mädchen noch eine besondere Liebe zu erweisen, wenn sie sie fortwährend bedauerte. »Ja, Jungfer Kordele, Sie hat's bös! Sie muß ja überall hinlaufen, Sie kann's ja kei'm recht machen; soll alleweil den Kindern nachspringen und den Hühnern, und Ihr Sach soll Sie auch noch stricken! Ei, wie hat Sie's so bös! Nein, Sie möcht ich nicht sein! und fort kommt Sie auch nie.« Da glaubte denn das Kordelchen nach und nach in Wahrheit, daß sie's bös habe, und hatte oft rechtes Mitleid mit sich selbst; und die Mutter, die doch all ihre Kinder gleich lieb hatte, wußte nicht, warum denn gerade die Kordula manchmal so verdrießlich und unzufrieden war. Wenn sie dann ungern und unwillig einen kleinen Dienst tat, so konnten die Schwestern wohl auch sagen: »Laßt die trutzige Kordel; komm' Luischen, du hältst mir das Garn!« dann weinte Kordula heimlich und kam sich zurückgesetzt und verkannt von allen vor. Nun aber war sie vierzehn Jahre alt und wurde konfirmiert. Das war ihr immer ein großer Abschnitt in ihrem Leben erschienen. Den Unterricht des Vaters hatte sie aufmerksam gehört; sie wußte, daß sie nun gelobt hatte, dem Herrn zu dienen ihr Leben lang, und sie dachte sich, daß im spätern Leben allerlei große Versuchungen und Leiden auf sie warten werden, die sie siegreich überwinden und im Glauben bestehen müsse. Was diese gewaltigen Leiden und Versuchungen sein würden, das stellte sie sich nicht deutlich vor; auch dachte sie nicht, daß sie den Dienst ihres Herrn jetzt schon beginnen könne in ihrem kleinen täglichen Leben, in Zufriedenheit mit ihrem Los, in freundlicher Willigkeit zu allem, was von ihr verlangt wurde, in stillem, innigen Aufsehen zu dem guten Herrn, der uns die Kraft gibt zu tun, was er von uns fordert. Sie war ein gutes Kind im ganzen; aber unzufrieden blieb sie doch, und sehnsüchtiger als je wünschte sie einmal zu reisen, weil ihr das alles als das einzige Mittel vorkam, einigen Wechsel in ihr Alltagsleben zu bringen. Zwar durfte sie jetzt nicht mehr die Hühner aus dem Garten jagen; das tat Luischen, wenn sie daheim war; auch sagte die Magd von nun an Jungfer Kordula zu ihr, und statt des blauen Strickstrumpfes bekam sie ein Nähzeug; aber reisen wollte sie doch, wie ihre Schwestern gereist waren! An Veranlassung dazu konnte es nicht fehlen, hatte sie doch allerlei Onkel und Tanten im Vaterland, bei denen sie noch nie gewesen; sie ließ der Mama Tag und Nacht keine Ruhe mehr darum. »Nun, wenn das Mädchen durchaus verreisen will, so kann man ihr ja die Liebe tun,« meinte der Vater; »man kann sie einmal zu der Tante in die Residenz schicken. Hat sie denn auch einen Anzug?« »Ja freilich,« versicherte die Mutter mit Selbstgefühl; »ein ganz neues Barchentkleid und den Strohhut der Sophie hat man ihr wieder recht sauber hergerichtet; das Konfirmationskleid müssen wir zurücklegen, das kann man einmal für Luischen brauchen.« »Nun, so soll Kathrine den Bartel herkommen heißen, eh' er wieder nach Stuttgart fährt.« Bartel war der wohlbestellte Bote, der gewöhnlich zu Fuß mit einem hohen Tragkorb, Reff genannt, auf dem Rücken, hie und da aber auch mit einem Wagen nach der Residenz ging, um für das Dorf alle nötigen Besorgungen zu machen. Sein Amt als Bote war für Bartel etwas mühsam zu versehen, da er nicht lesen konnte und sich vorher genau die Bestimmung der Briefe merken mußte. »Der lange g'hört nach Stuttgart, den breiten muß ich in Ludwigsburg abgeben, das Päckle ist an den Wirt« usw.; seit er hie und da sein Büblein mitnehmen konnte, das lesen gelernt hatte, ging es etwas leichter. »Nun, Bartel,« sagte der Herr Pfarrer, als der Bote vor ihm erschien, »mein Töchterlein da, die Kordel, möchte gern die Welt sehen und zunächst nach Stuttgart reisen; fährt Er bald wieder einmal?« »Freilich, Herr Pfarrer, 's ist grad g'schickt. Morgen muß ich ein paar Schwein' einem Bäcker drunten bringen; da kann die Pfarrjungfer prächtig mitfahren.« »Umsonst darf Er's natürlich nicht tun,« sagte der Herr Pfarrer; »die Magd kann Ihm ein halb Simri Hafer zumessen.« Das war der Bartel zufrieden, und um ein halb Simri Hafer wurde also Kordula als Passagierin nach Stuttgart vorgemerkt. Es war ein recht kühler Morgen, als sie schon früh um drei Uhr an dem gewaltigen Schellen der Hausglocke erwachte, die Bartels Knecht anzog, um sie zu wecken; fast wäre ihr die Reiselust vergangen, es wäre so viel angenehmer im warmen Bett gewesen. Aber nein. Reisen war ja doch auch herrlich, sie wollte gewiß nicht zu spät kommen! Ihre Toilette war bald gemacht; es gab damals auch keine Krinolinen, garnierte Unterkleider und sonstige künstlichen Gewänder. Ein dünnes Röckchen von grauer Leinwand und das gerühmte Barchentkleid bildeten ihren ganzen Staat, dazu noch ein buntes seidnes Halstuch und das große wollene Umschlagetuch, ein Familieneigentum, das von jedem weiblichen Glied der Familie getragen wurde, das eben verreiste; darüber, als Gipfel der Eleganz, der Strohhut der Sophie, etwas geräumig für Kordelchens schmales Köpfchen, und sie war fertig und in ihrem Leben nie so geputzt gewesen. Die Geschwister schliefen noch alle, nur die Mutter war wach und hatte ihr Kaffee gewärmt. Etwas bänglich war dem Kordelchen doch zumute, als sie so zum allerersten Mal ganz allein in die weite Welt hinaus sollte, und sie mußte sich Mühe geben, nicht zu weinen, als sie der Mama die Hand gab zum Abschied. »Behüt dich Gott und komm gesund wieder!« Damit entließ die Frau Pfarrerin sie und ging ins Haus zurück, während Kordula, von der Magd mit einer Stallaterne begleitet, hinunter mußte an Bartels Haus; denn am Pfarrhaus vorzufahren, das fiel dem Boten gar nicht ein. Bartels Gefährt war ein langer Wagen mit einem Tuch bedeckt. Im Hintergrund waren unter Heu und Stroh allerlei Gegenstände verpackt; vorn war ein Sitz, auf dem Jungfer Kordula an Bartels Seite Platz nehmen mußte. Sie hörte hinter sich ein bedenkliches Grunzen und schaute ängstlich zurück. »Tut nichts,« beruhigte Bartel sie; »das sind nur die Säue; sie können aber nichts machen, sie sind mit dem Fuß angebunden.« Es war sehr kühl, Kordelchen schauderte. »Wart' Sie nur,« tröstete Bartel; »mein Mohrle kommt, der gibt warm.« Wirklich sprang ein garstiger brauner Hund, vor dem Kordula sonst immer großen Abscheu gehabt, auf den Wagen und legte sich zu ihren Füßen; aber sie mußte gestehen, daß er warm gab und ließ sich deswegen das Vieh schon gefallen. Ein Glück, daß Kordelchen so dünn und schmal war, und daß sie keine Krinoline trug; denn Bartel mit seinem groben grauen Mantel nahm so viel Platz ein, daß für sie nur ein Plätzchen wie für ein Lineal übrig blieb. Endlich aber waren alle Gegenstände hinten aufgepackt. »Hü, Alter!« rief Bartel, knallte gewaltig mit seiner Geißel und hinaus ging's in die weite, weite Welt. Kordula hätte gern ein wenig geschlafen; aber das Grunzen der Schweine, das Knurren des lebendigen Fußwärmers und das Knallen von Bartels Peitsche hätten es nicht wohl erlaubt. Das Fuhrwerk ging fein sachte und stät; Bartel war kein Tierquäler, er selbst holte sein Schläfchen ein und ließ seine Gäule laufen, wie sie wollten. Es war schön, so in den Tag hineinzufahren, zu sehen, wie sich der Himmel allmählich rötete und die Sonne heraufstieg. Kordelchen hatte das noch nie gesehen; sie hatte nur im Kinderfreund gelesen, wie der Herr Frühauf mit seinen Kindern den Sonnenaufgang beobachtet hatte; ihr Papa war gerade kein Herr Frühauf und machte seine Spaziergänge abends. Recht herrlich und golden kam die Sonne; sie wärmte ihre erfrorenen Glieder, machte sie wach und munter und belebte ihren Reisemut. Der wurde aber noch auf viele harte Proben gesetzt. An jedem Wirtshaus unterwegs hielt der redliche Bartel an; an jedem hatte er etwas zu bestellen und nahm in jedem eine kleine Stärkung zu sich; auch seinen Gäulen ließ er unterwegs alle Zeit zur Nahrung und Erholung. Bartel war aber ein höflicher Mann; gleich bei dem ersten Wirtshaus bot er Kordelchen ein Gläschen Branntwein an. »Da, Jungferle, das g'wärmt das Herz; nur getrunken, ohne Scheu!« Aber als Kordula sich mit Grausen von seinem Anerbieten abwandte, machte er keinen Versuch mehr, sie zu bewirten. Die Entfernung von Kordulas Heimatdorf bis Stuttgart betrug etwa sieben Stunden; nach zwölf reichlichen Stunden hatte Bartel mit seinen wohlbehaglichen Gäulen den Weg zurückgelegt. Es war Nachmittag, als sie endlich die Häuser und Türme der Residenz erblickten und die Steige hinunterfuhren, die zu dem Königstor führt. »Dort sind die Anlagen,« sagte Bartel belehrend, und zeigte mit dem Peitschenstiel auf die wehenden Bäume des schönen Schloßparks. »Können wir nicht da durchfahren?« fragte Kordula, die schon viel Schönes von den Stuttgarter Anlagen gehört hatte. »Glaub's nicht, daß es geht, hab's noch nie probiert,« sagte Bartel, »will's aber meinetwegen versuchen.« Bartel war, wie gesagt, ein höflicher Mann und wollte gern des Herrn Pfarrers Töchterchen gefällig sein. So fuhr er also mit seinem Fuhrwerk zusamt dem Mohrle, den Schweinen und dem Kordelchen an das Gittertor, wo der breite Weg in die schönen Schloßanlagen geht; die Büsche und Bäume standen in voller Blüte und Kordula sah verlangend hinein. Mohrle war aufgesprungen und hatte sich ganz trotzig vorn am Wagen aufgestellt; die Schweine, die den ganzen Weg über gegrunzt hatten, schienen einen kurzen Mittagsschlaf zu halten, woran Kordelchen sehr froh war; es wäre ihr doch gar unschicklich vorgekommen, unter Schweinemusik einzuziehen. Eben wollte Bartel durchs Tor fahren, da trat ihm aber die Schildwache und zu gleicher Zeit ein stattlicher Portier in den Weg: »He, was soll das sein? Er wird doch mit der Fuhre nicht durch die königlichen Anlagen fahren wollen?« – »Ha, ich dachte nur,« sagte Bartel, etwas verlegen sich am Kopf kratzend; »es schad't ja niemand nichts, und meine Gäule sind nicht viel geringer als Kutschengäul.« »Hör' Er, guter Freund,« begann der Portier wieder, »wenn Er da durchfahren will, so bleib' Er draußen oder fahr' Er wo anders hin!« Und unter dem Gelächter einiger Spaziergänger, die sich gesammelt, drehte Bartel sein schwerfälliges Fuhrwerk zur Seite und brummte vor sich hin: »Jetzt fahr' ich erst nicht da durch! 's g'fallt mir nicht einmal in der Anstalt da, steht ja kein einziger Apfelbaum drin.« Kordelchen aber war in großer Verlegenheit und versteckte sich ganz hinter Bartels grobem Mantel. Obgleich sie nicht in eine der Hauptstraßen einfuhren, so kam ihr doch jetzt erst das Botenfuhrwerk und ihr eigener Aufzug gar zu gering vor, verglichen mit den geputzten Leuten der Residenz; sie wagte kaum recht, die schönen Häuser anzusehen. »So, jetzt sind wir da,« sagte Bartel und knallte gewaltig mit seiner Peitsche, als sie endlich in einer ziemlich engen Gasse am Gasthof »zum Kreuz« anhielten. »He, einen Stuhl 'raus für meine Pfarrjungfer!« Mühsam und in großer Verlegenheit kletterte Kordelchen mit Hilfe Bartels und des Hausknechts herunter. Den Brief, den ihr der Papa an die Tante Steuerrätin mitgegeben, hielt sie schon seit zwei Stunden fest in der Hand: aber was sollte sie damit machen? Sie war müde, betäubt und hungrig; außer einem frischen Wecken hatte sie unterwegs nichts gegessen; sie war zu schüchtern gewesen, in eins der zahlreichen Wirtshäuser einzutreten, in denen sich Bartel auf dem Weg aufgehalten hatte; seit jenem Branntweinglas war sie in beständiger Sorge, er könne sie noch einmal nötigen, Schnaps zu trinken. Ein Töchterlein des Kreuzwirts erbot sich, ihr das Haus des Onkels Steuerrat zu zeigen; etwas herzhafter als in Bartels Wagen wurde sie nun, als sie auf ihren eigenen Füßen ging, und das Wirtstöchterlein war stolz, ihr die Schönheit der Residenz zu zeigen, so weit sie auf ihrem Wege lagen. »Aber wo kann man denn den König sehen?« fragte Kordula, denn das kam ihr als das Merkwürdigste der Residenz vor. - »Nun, der geht nicht gerade mit der goldenen Krone 'rum spazieren,« bemerkte sehr weise Kreuzwirts Minchen; »aber manchmal fährt er um diese Zeit aus.« Und richtig, wie in einem Feenmärchen die Erfüllung dem Wunsche folgt, rasselte des Königs vierspänniger Staatswagen mit prächtig aufgeputzten Pferden, zwei Läufer voraus, ein Paar stattliche Bedienten hintenauf, an dem hochentzückten Kordelchen vorüber, die vor Respekt fast auf die Knie gesunken wäre; nun hatte sie doch den König gesehen! Und daß der alte Herr so dick war, das mutßte wohl so sein, daß man ihn auch weithin sehen konnte mit den prächtigen Orden auf seinem stattlichen Bauch! Sie machte noch eine tiefe Verbeugung, als der Wagen längst vorüber war, daß die Leute lachend stehen blieben und das gebildete Minchen sie ärgerlich weiterzog. Onkel Steuerrat wohnte gerade in keinem Palast; das Haus stand in einer kühlen, feuchten Straße. Es gingen mehrere Treppen hinauf. Kordula bot sehr schüchtern dem Minchen, das so viel klüger und gewandter war als sie, einen Sechser aus ihrem sehr spärlich gefüllten Reisebeutelein; Minchen war aber doch so gnädig, ihn zu nehmen und kehrte zurück. Mit hochklopfendem Herzen trat Kordelchen, nachdem sie sehr bescheiden geklopft, in die schöne Stube der Tante Steuerrätin. So ganz fremd war ihr die Tante nicht, da sie vor zwei Jahren einmal lange im Pfarrhaus zu Gumberdingen gewesen war, um eine Traubenkur zu brauchen. Den Brief des Vaters mit der scherzhaften Überschrift: »An Frau Steuerrätin Dörner, durch Ungelegenheit, überbracht von Kordula Reichmännin,« den streckte sie weit voraus der Tante entgegen. Eine sehr stürmische Freude bezeugte die Tante nun gerade nicht, doch bot sie dem schüchternen Mädchen die Hand und sagte freundlich: »So grüß dich Gott, Kordula, wie kommst denn du hierher, und was hast du hier zu tun?« - Das war nun eine sehr niederschlagende Frage für das arme Kordelchcn, die sich am allerwenigsten darauf besonnen hatte, was sie hier wolle. Zum Glück fiel ihr ein, daß die Mama ihr aufgetragen hatte, ihr ein lila Haubenband mitzubringen, und so stammelte sie noch etwas verlegen: »Ich soll ein lila Haubenband kaufen.« »Nun,« sagte die Tante lächelnd, der doch wohl selbst einfiel, daß ihre Frage nicht eben freundlich gewesen, »deshalb wird man dich nicht gerade nach Stuttgart geschickt haben; aber es ist schön, daß du auch einmal hierherkommst. Wie geht es deinen Eltern und deinen vielen Geschwistern allen? Nicht wahr, zu neun seid ihr?« »Nur sechs, Tante,« sagte Kordelchen, die allmählich auftaute und froh war, daß sie doch etwas besser wußte als die vornehme Tante von Stuttgart. Sie war nichts weniger als einfältig und konnte zu Zeiten munter und geschwätzig sein; sie erzählte der Tante die Geschichte ihrer heutigen Reise, und dieser fiel nun sogar ein, daß die Kleine hungrig sein werde; sie ging hinaus und brachte ihr eigenhändig drei merkwürdig kleine rote Aepfelein in einem Körbchen, dazu ein halbes Milchbrötchen; Kordelchen dachte, so zierliche Aepfel wachsen nur in Stuttgart. »Du wirft auch etwas von der Stadt sehen wollen?« fragte die Tante, als Kordula ihr sparsames Vesperbrot verzehrt hatte; »der Onkel kommt jetzt bald von der Kanzlei, bis dahin hat vielleicht auch der Bote den Koffer mit deinen besseren Kleidern gebracht, da können wir noch in die Anlagen gehen.« »Aber Tante!« sagte Kordelchen wieder ängstlich, »ich habe keinen Koffer, in dem Bündelchen, das ich da bei mir habe, ist noch ein reines Hemd, und Strümpfe und eine Schürze. »Noch?« sagte die Tante etwas langsam. »Da hätte deine,Mutter wohl besser sorgen können; aber freilich, weil ihr zu so viel seid! Nun, sei ruhig,« tröstete sie, als sie das traurige Gesichtchen der Kleinen sah; »ich leihe dir einen Schal von mir und ein Sonnenschirmchen, dann können wir doch noch in die Anlagen; wir werden heute abend gerade nicht vielen Bekannten begegnen.« Der Onkel kam heim und war ziemlich verwundert über den unerwartsten Gast. Er war recht freundlich, fragte aber doch halblaut: »Ja, Frau, wo legst du sie denn hin? Wir haben ja keine Gaststube in diesem Logis?«- »Auf das Kanapee im Wohnzimmer,« antwortete die Tante; »sie ist ja so schmal.« In die Anlagen durfte Kordula noch mit der Tante, und sie hätte sich sehr gefreut an dem schönen Spaziergang, vor allem an dem Teich mit Schwänen, wenn sie nicht gefühlt hätte, daß die Tante sich ein wenig ihrer schämte und die Begegnung mit Bekannten sorgfältig zu vermeiden suchte. Auf dem Kanapee hätte sie schon schlafen können, wenn sie nicht ein paarmal davon heruntergefallen wäre; es war selbst für ihre schmächtige Gestalt etwas zu schmal, und sie fror auf allen Seiten; die Nacht war kühl, und morgens mußte sie gar früh hinaus, da das Bett fortgetragen und das Zimmer gereinigt werden sollte. »Du wirst doch auch den Herrn Großonkel in Calw besuchen?« fragte Onkel Steuerrat beim Frühstück, wo Kordula wieder in der Stille die zierlichen Milchbrötchen bewunderte, von denen sie gern zwei genommen hätte, wenn nicht bloß drei im ganzen dagewesen wären. »Papa hat nichts davon gesagt,« meinte Kordelchen; »ich weiß auch gar nicht, wie ich nach Calw kommen könnte ...« »Nun, Gelegenheit gäb's am Ende schon,« sagte der Onkel, und Kordelchen fühlte sich im stillen sehr gedemütigt, daß man bereits an weitere Reisen für sie dachte. Vormittags durfte sie mit dem Dienstmädchen ausgehen und das Haubenband für Mama kaufen. »Sie brauchen nicht gerade zu sagen, daß Sie zu meiner Herrschaft gehören,« hatte ihr die gesagt; »man denkt dann. Sie seien ein Bäschen vom Dorf von mir, und ich mache mir nichts daraus, ich bin gar nicht hochmütig; wenn wir sterben, so sind wir ja doch alle gleich.« Das war nun doch fast zu arg für Kordula, daß selbst das Dienstmädchen sich ihrer und ihres Barchentkleidchens schämte! Die Residenz kam ihr gar nicht mehr so schön vor; daheim hatte doch jedermann sie gekannt und geehrt als des Pfarrers Töchterlein! Mittags kam der Onkel ganz im Profit nach Haus. »Denke nur, Kordelchen, was ich eine gute Gelegenheit für dich erfahren habe! Im Hause daneben hat ein Bauer Holz verkauft, der fährt mit seinem ganz leeren Wagen schon um zwei Uhr ab nach Calw; das ist ja eine prächtige Gelegenheit, den Herrn Großonkel dort zu besuchen; die würden dir's gar nicht verzeihen, wenn du nicht zu ihnen gekommen wärest. Und ich bezahl's!« setzte er sehr großmütig hinzu; er hatte wirklich bereits dem Holzfuhrmann zwölf Kreuzer versprochen, wenn er seine Nichte gut an Ort und Stelle bringe. Somit begleitete um zwei Uhr die Tante unser Kordelchen bis zum Tore hinaus, wo sie, so gut es ging, auf dem Holzwagen Platz nahm; vor dem Hause hätte man sie doch nicht aufsitzen lassen können! Der Onkel beschenkte sie mit einer Wurst und die Tante mit einer Laugenbretzel und etlichen von den roten Äpfelein; und so ging's zum zweiten Mal in die weite Welt hinein, zwar bei hellem Sonnenschein, aber mit viel weniger Lust und frischem Mut, mit viel weniger wunderbaren Ahnungen und Erwartungen als gestern früh auf Bartels Wagen. Der Holzbauer war kein unrechter Mann; er unterhielt seine Reisegefährtin, die auf dem luftigen Brett vorn am Wagen neben ihm saß, so gut er konnte; auch gefiel ihr der Weg, besonders als die Gegend waldiger wurde. Es war Kordula noch nicht viel Schlimmes von Menschen widerfahren, und so fürchtete sie sich auch nicht, so ganz allein mit dem fremden Menschen in die fremde Gegend hinauszufahren. Aber es wurde spät und dunkel und kühl; Kordula, die zwei Nächte nicht recht geschlafen hatte, wurde sehr müde. Da machte ihr der Bauer aus ein paar Säcken, die er bei sich hatte, eine Art Lager hinten auf dem Wagen zurecht; Kordelchen wickelte sich so fest, wie sie konnte, in den Familienschal, legte ihr Bündelchen unter den Kopf, und schlief, trotz allem Stoßen und Rütteln des Wagens, bald fest ein. Es war tiefe Nacht, als endlich der Wagen an dem alten, steinernen Gebäude hielt, das der Onkel Oberamtmann bewohnte. »So, Jungferle, jetzt sind wir am Platz!« rief der Bauer; »da ist aber alles Nacht, 's ist schon ein bissele sehr spät; wollen sehen, ob wir sie 'rausbringen!« Und während die verschlafene Kordula sich allmählich aufrichtete, fing der Fuhrmann mit Klopfen, Schellen und Peitschengeknall einen solchen Lärm vor dem Hause an, daß allmählich Licht drin gemacht wurde. Die Haustür öffnete sich: voran kam mit der Stallaterne der Amtsknecht, hinter ihm der Herr Großonkel in einem Kürreh (eine alte Form von Herrenmantel) von Biber, mit einer hohen Zipfelkappe auf dem Kopf; dann Tante Sabine und Tante Ludovike, die zwei ledigen Schwestern des Großonkels, sodann Barbara, die Magd, in allerlei Aufzügen, wie man sie in der Nacht und in der Eile zusammensucht, mit Lichtern und Laternen, und alle schrien: »Was gibt's, wo brennt's? was ist geschehen?« Kordula mit ihrem Bündelchen war abgestiegen; der Bauer, dem's etwas bange wurde, daß er vor des gestrengen Herrn Oberamtmanns Haus solchen Spektakel verführt habe, fuhr eilig davon, und das verzagte Mädchen schritt schüchtern vorwärts. »Was ist's? was gibt's?« schrie Jungfer Ludovike noch einmal, als das schmale Figürchen auf sie zuschritt. »Ach, ich bin ja nur das Kordelchen von Gumberdingen,« sagte das Mädchen fast weinend, »und ich habe den Herrn Großonkel besuchen wollen; der Onkel Steuerrat hat mich's angewiesen.« »Du, das Kordelchen? – eins von den vielen Mädchen von dem Christian von Gumberdingen!« rief jetzt Tante Sabine, »und Steuerrats schicken dich so in der Nacht da herauf, ganz allein, und schreiben nichts vorher? Ja, das sieht denen da drunten gleich; die gescheiten Leute in Stuttgart werden doch alle Tage dümmer! Und ehrliche Christenleute so erschrecken! und hättest ja unterwegs vom Wagen fallen und im Walde liegen bleiben können.« »Na, so sei nur ruhig,« tröstete die gutmütige Ludovike, die sah, daß dem Kordelchen das Weinen nahe stand; »du kannst nichts dafür. Du kannst heute nacht bei mir schlafen, bist ja dünn wie ein Hering! Will dir geschwind noch ein Schälchen Milch wärmen, daß du noch was Warmes in den Leib kriegst!« So wurde denn das schüchterne, betäubte Kordelchen in feierlichem Zuge zwischen Onkel und Tanten, Magd und Amtsknecht hinaufgeleitet; nach und nach kam alles zur Ruhe, und sie durfte nun ihr müdes Köpfchen sicher niederlegen an der Seite der Tante Ludovike. Am andern Tag ging der Großonkel über Feld in Amtsgeschäften und wollte zugleich seine Tochter besuchen, die einige Stunden von Calw entfernt an einen Pfarrer verheiratet war. Von den unbestimmten Herrlichkeiten, die sich Kordula »in der Welt draußen« vorgestellt hatte, sah sie nun freilich auch hier nichts; doch war ihr etwas behaglicher zumute bei den zwei gesprächigen alten Tanten, als bei der vornehmen Tante in Stuttgart. Denen war doch wenigstens ihr Barchentkleidchen schön genug, auch fragten sie eine Menge über Vater und Mutter, Bruder und Schwestern. Wie sie nun so von ihrer Heimat erzählte, kam es dem Kordelchen vor, als sei sie schon Jahre lang fort von daheim; auch kam sie eine Sehnsucht an nach Haus und Eltern und Geschwistern, noch stärker als früher die Sehnsucht nach der weiten Welt gewesen war. »Wir hören gar wenig von der Familie,« sagte Tante Sabine, »der Herr Bruder kann das Reisen nicht leiden; er sagt, nichts sei unnötiger als sein Geld und seine Zeit verreisen, um andern Leuten beschwerlich zu fallen. Und zu uns kommt auch fast niemand; der Herr Bruder wird alt, da bleibt er gern in Ruhe und ist kein besonderer Freund von Gästen mehr.« Die gutmütige Ludovike blickte sie warnend an: denn Kordelchen, wie gesagt, war nicht dumm und fühlte gar wohl den bedenklichen Wink, der in diesen Bemerkungen lag. Aber sie kam sich hier vor wie am Ende der Welt; wie sie überhaupt je wieder heimkommen sollte, das schien ihr noch eine undenkbare Sache. Am Abend kam der Großonkel zurück; er war in recht guter Laune, seine Enkelkinder hatten ihn scheint's aufgeheitert. Einen schönen Gruß an dich, Kleine,« sagte er zu Kordula, von meiner Karoline, die ist gegenwärtig ganz allein mit den Kindern; ihr Mann ist zu einer großen Pfarrerszusammenkunft nach Stuttgart gereist, und sie weiß noch nicht, ob er auf den Sonntag heimkommt oder einen Stellvertreter schickt. Da wär's ihr recht, wenn du zur Gesellschaft zu ihr kämest; der Amtsbote geht morgen hinüber, mit dem kannst du gehen, es wird dir nicht zu weit sein; bist dann schon ein paar Stunden näher bei daheim.« Das letztere war für Kordelchen das tröstlichste; und obgleich sie's im stillen demütigte, daß man auch hier sich wieder so gar leicht von ihr trennen konnte, so schmeichelte es ihr doch, daß die Base Pfarrerin sie zur Hilfe und zur Gesellschaft wünschte, und sie nahm sich vor, sie gewiß aufs beste zu unterhalten. Bei guter Zeit am andern Morgen kam der Amtsbote mit seiner ledernen Tasche, um sie abzuholen. Tante Ludovike hatte ihr noch einen ganzen »Schaffbeutel« voll Äpfel, Birnen und anderer Lebensmittel gefüllt; der Herr Großonkel beschenkte sie sogar mit einem halben Gulden, und ziemlich guten Muts trat sie ihre Wanderung an, wenn sie auch nicht mehr zuviel erwartete von der Herrlichkeit der Welt. Sie wurde recht müde, bis sie endlich das Dörfchen erreichte, wo Base Karoline Pfarrerin war. Doch war ihr der Weg nicht gar zu lang geworden, die Gegend war ihr neu; auch konnte sie da und dort unterwegs ein Kind erfreuen mit den reichlichen Gaben der Tante Ludovike, und daß es näher der Heimat zu war – obgleich sie noch gar nicht begriff, wie das zugehen sollte – das war noch das Allerschönste. Base Karoline empfing sie sehr freundlich und ließ ihr's nicht fehlen an Speise und Trank; die kleinen Vettern und Basen, die zum Teil noch auf dem Boden herumkrabbelten, erinnerten sie an die kleinen Geschwister daheim; aber sie zu hüten, das fand sie nicht so leicht. »Gib mir acht auf den Ernstle und auf das Klärchen,« hatte die Frau Base gesagt, solange ich im Garten bin; sorge nur, daß sie einander nichts tun, daß sie sich nicht stoßen und nichts zerbrechen, und daß sie zufrieden bleiben; kannst daneben die Sophie ihre Sprüche überhören.« Solange nun die Sophie ihre Sprüche mühselig hersagte, war das Ernstle ins Nebenzimmer gekrabbelt und hatte der Mama Arbeitskorb heruntergerissen, so daß Knöpfe und Stecknadeln, Faden, Seide, Schere, Haften und Haken alles durcheinander auf dem Boden lag. Bis nun Kordula herzusprang, um alles zusammenzulesen, hatte Klärchen draußen an einem offenen Kasten die Zuckerbüchse erwischt, die nie eines der Kinder in die Hand bekommen sollte. »Ich Mama!« rief sie triumphierend und zeigte ihre mütterliche Würde dadurch, daß sie mit vollen Händchen Zucker in den Mund schob; der kleine Ernst krabbelte auch herzu und wollte seinen Teil; die sonst gesetztere Sophie wollte als ältere Schwester dazwischentreten und riß der Kleinen die Zuckerdose weg; Ernstchen, das sich eben am Stuhl aufgerichtet hatte, fiel darüber um, und es gab ein Geschrei, Lärm und Spektakel, daß die Frau Pfarrerin es im Hausgarten hörte und samt der Magd herbeieilte. Kordula entschuldigte sich so gut es ging, auch machte ihr die Base keine Vorwürfe; sie sagte nur mitleidig: »Du kannst freilich mit dem unartigen kleinen Volk noch nicht fertig werden; lieber Gott, wenn man noch so jung ist, da ist man gar dumm und ungeschickt!« – eine Entschuldigung, die Kordelchens Ehrgefühl mehr kränkte als jeder Vorwurf. »Weißt was, Bäschen,« sagte am andern Morgen die Frau Pfarrerin, »bei den Kindern kannst du mir gerade nicht viel helfen; aber ich habe zwei Geißen für die Kinder; die geben so schlechte Milch, wenn sie immer im Stall stehen, und ich habe niemand, der sie austreibt. Mit denen geh du ein bißchen auf die Wiese hinaus, gleich dort den Weg hinter dem Garten; da laß sie herumspringen und Gras und Laub fressen. Du kannst daneben stricken oder was du willst. Zu Mittag schick' ich dann Nachbars Michel hinaus, wenn er von der Schule kommt, daß er dich ablöst.« Nun war Kordula ganz und gar nicht zum Hochmut erzogen und war daheim gewöhnt worden, allerlei Arbeit zu tun, wie sie eben nötig war; aber daß sie, die konfirmierte Kordula, hier bei der Base, wo sie Gast war, noch Geißen austreiben und hüten sollte, ein Geschäft, zu dem man bei ihnen daheim die unnützesten Jungen verwendete, das kränkte doch ihr Selbstgefühl bedeutend, und sie konnte kaum die Tränen unterdrücken, als sie hinter ihren Pflegebefohlenen drein den schmalen Weg zwischen Hecken auf die Wiese hinauszog; auch das reichgefüllte Körbchen, das Base Karoline ihr zur Zehrung mitgab, konnte sie nicht trösten. Da saß sie denn nun draußen am Rain; ihre Geißen belustigten sich an einer Hecke. Sie zog den Strickstrumpf hervor, mit dem sie die Base auch versehen hatte; sie war aber nicht recht stricklustig. Es war schön Wetter und warmer Sonnenschein und die Sehnsucht nach der Heimat erwachte in ihr mit aller Macht. Also darum hatte sie sich so sehr gefreut auf die erste Reise, war um drei Uhr mit Bartel ausgezogen und in tiefer Nacht mit dem Holzbauern gefahren, um jetzt hier Geißen zu hüten! Und wie sollte sie nur einmal wieder heimkommen? – sie wußte ja keinen Weg und keinen Steg. Es wurde fast Mittag; kein Mensch war weit und breit zu sehen; sie kam sich vor wie ganz allein auf der Welt: da steckte sie den Kopf in die Schürze und weinte bitterlich. »Was gibt's, Kleine, warum so traurig?« fragte eine freundliche Stimme, die Kordula ganz bekannt klang. Sie blickte auf mit ihren verweinten Augen – war sie im Wachen oder im Traum? Das war ja ihr eigener, lieber, leiblicher Papa, dessen Angesicht ihr diesmal war wie eines Engels Angesicht und der nicht viel weniger verwundert schien, sein Kordelchen hier zu treffen, als sie es war, ihren Papa zu sehen. »Ja, Kordelchen, was tust denn du hier?« »Ich,« – begann sie halb beschämt, und es wurde ihr wieder weinerlich zu Mute – »ich muß der Base ihre Geißen hüten.« »Nun,« sagte er tröstend, »das ist noch lang nicht das Schlimmste, was dir widerfahren kann bei schönem Wetter.« »Aber, Papa, wo kommst du denn her?« fragte jetzt Kordula, verwundert, daß sie nicht jedermann für ein schwer mißhandeltes Geschöpf ansehe. »Gut, das will ich dir erklären,« sagte der Vater, indem er sich an ihrer Seite niedersetzte, während Kordelchen ihm immer ganz glückselig und geborgen in die Augen blickte. »Ich bin unerwartet schnell durch den Herrn Dekan veranlaßt worden, gestern noch der großen Versammlung von Geistlichen in Stuttgart beizuwohnen und bin mit unsrem Vetter, dem Pfarrer von hier, zusammengetroffen; der aber erhielt Botschaft, daß er noch seinen kranken Bruder in Ulm besuchen solle. Da ich nun daheim schon einen Stellvertreter für mich bestellt hatte, so habe ich mich erboten, hier für ihn zu predigen; du weißt ja, daß ich gern eine Fußwanderung mache. Auch habe ich bei der Tante Steuerrätin erfahren, daß du beim Großonkel sein werdest, und habe gedacht, ich könne dich von da mit heimnehmen, wenn du nicht Lust hast, noch länger zu reisen.« »O nein, Papa, o nein!« rief Kordelchen, und diesmal weinte sie beinahe vor Freuden. »O, wie ich so gern wieder heimgehe! Aber wie ist's denn daheim, sind sie alle gesund? und was ist denn alles geschehen? lebt denn auch unsre Katze noch? und ist Minchen recht gewachsen?« »Nun,« sagte der Pfarrer lachend, »in fünf Tagen kann gerade nicht viel geschehen.« – »Fünf Tage! o Papa, ich bin ja schon so lang von daheim fort!« »So?« fagte bedächtig der Pfarrer, »wir wollen einmal deine Reisebeschreibung durchgehen. Am Dienstag bist du mit Bartel nach Stuttgart gefahren....« »Ja, und am nächsten Tag mit dem Holzbauer zum Großonkel....« »Gut, das war Mittwoch, und wann bist du hierher gekommen?« »Vorgestern,« sagte Kordula etwas verblüfft. »Nun, und heute ist's Samstag; wenn wir also Montag mit einander nach Haus gehen, so bist du gerade eine Woche fortgewesen.« Das konnte Kordula aber gar schwer begreifen, es kam ihr eben allzulang vor. Der stellvertretende Michel kam, um die Hut der Geißen zu übernehmen, und Kordula ging glückselig und stolz an ihres Papas Seite dem Dorfe zu. Die Frau Pfarrerin war sehr verwundert über den Gast; aber sie tat dem Herrn Vetter, der am Sonntag eine schöne Predigt hielt, alle Ehre an und kochte einen süßen Pudding; auch Kordula wurde jetzt mehr als Gast behandelt. Ihr glückseligster Tag war aber doch der Montag, wo sie mit dem Vater wieder heimwärts pilgern durfte. O wie leicht und flüchtig lief sie dahin! Sie hätte es nicht einmal verlangt, daß der Vater unterwegs noch ein Wägelchen nahm, um die Reise zu erleichtern. Und wie sie in der Abenddämmerung wieder den alten Kirchturm von Gumberdingen erblickte und wie sie am Haus läutete, wie Mutter, Schwestern und Brüderchen, groß und klein, alle heruntersprangen: »Das Kördelchen kommt mit! grüß dich Gott, Kordel!« o da hätte sie weinen können vor Freude; sie hatte ja nicht gewußt, daß es so schön und gut sei daheim. Und so herrlich, wie diese Nacht wieder in ihrem Bett, hatte sie doch noch nicht geschlafen. Obgleich die alte Katze noch lebte und sich auch sonst nicht viel Neues ereignet hatte, so traf Kordelchen doch eine Überraschung. Die Frau Dekanin, eine gute Freundin des Hauses, hatte den Mädchen den zierlichen Nähtisch einer verstorbenen Tochter geschenkt; der stand nun an einem Fenster und sollte Sophien und Kordula miteinander gehören, während Friederike mit an der Mutter Nähstock saß. So war sie nun auch zu den großen Schwestern eingereiht, und hatte nicht mehr darunter zu leiden, daß sie die mittlere war. Zu tun gab es nun freilich gar viel und mancherlei, wenn sie auch nicht gerade Geißen hüten mußte; aber sie tat es mit andrem Sinn als zuvor. Sie konnte jetzt recht in Ruhe warten, bis sie wieder hinauskommen sollte in die Welt; sie hatte erfahren, wie etwas Schönes es ist um eine Heimat, um ein Plätzchen, wo man hingehört. Kordula ist nun eine alte Frau geworden, und es lebt niemand mehr, der sie noch Kördelchen nennt. Ihre Reise durchs Leben ist gar oft nicht viel vergnüglicher gewesen als ihre erste Mädchenreise; doch hat ihr Gott für die alten Tage noch eine Heimat bereitet; ein Plätzchen, wo sie geliebt und geschätzt ist und wo sie in Ruhe sich bereiten kann auf die rechte und schönste Heimat, aus der uns nie mehr verlangen wird fortzugehen. Die wunderbare Höhle Heinrich Mordant war ein Seemannskind, am Meere geboren, großgewachsen in der herrlichen, frischen Luft der See, ein furchtloser, kecker Junge, wild und lustig wie ein Seevogel. Sein Vater war Schiffskapitän und war oft und lange abwesend, draußen auf der weiten See. Heinrich konnte die Zeit kaum erwarten, bis auch er mit hinausfahren dürfe in das wunderbare Reich da draußen. Kleine Fahrten hatte er wohl schon mit seinem Vater machen dürfen und er rühmte sich sehr, daß er fast gar nicht seekrank geworden; aber auf eine seiner weiten und großen Reisen wollte der Vater ihn erst mitnehmen, wenn er körperlich recht erstarkt sei und etwas Tüchtiges gelernt habe. »Ich weiß, wie das ist, mein Junge,« sagte der Vater; »hast du einmal Seeluft gespürt, so ist's mit dem Bücherlernen vorbei. Nun gibt's zwar viel zu lernen, was nicht in Büchern steht, aber wer ein rechter und tüchtiger Mann werden will, der muß alle Kräfte, die Gott in ihn gelegt hat, vor allem die des Geistes, wohl ausbilden: drum lerne du recht brav! So Gott will, so führ' ich dich doch noch selbst zur See, wo du vieles lernen sollst, was in keinem Buch geschrieben steht.« Heinrich wohnte mit seiner Mutter und mit Herrn Holm, seinem Hofmeister, in dem hübschen anmutigen Landhaus, das sich sein Vater auf einer der grünen Inseln, nahe bei England, gebaut hatte. Die Insel war rings von hohen steilen Felsen umgeben, an deren spitzen Zacken da und dort die Nester der Seevögel hingen. Durch die Felsen aber war das grüne Tal mitten auf der Insel geschützt gegen rauhe Winde, so daß der Garten, in dem Herrn Mordants Haus stand, fast noch bis Weihnachten mit den schönsten Blumen geschmückt war. Wir müssen zwar gestehen, daß Heinrich sich nicht viel um Blumen kümmerte; nur einmal im Jahr, auf seiner Mutter Geburtstag, pflückte er einen gewaltigen Strauß zusammen, der nicht eben besonders schön geordnet war; die übrige Zeit hielt er sich viel lieber an Johannisbeeren, Himbeeren und Stachelbeeren und an das schöne Obst, das bis zum Spätherbst noch zu finden war; – die Blumen hatten gute Ruhe vor ihm. Im Hause selbst war aber gar mancherlei, was Kinder und große Leute anziehen konnte; der Kapitän hatte von jeder seiner Seefahrten etwas mitgebracht zum Schmuck seines Hauses, so daß man gleich erkennen konnte, daß es einem Seemann gehöre. Da waren Muscheln in glänzenden Farben und wunderlichen Formen aus den indischen Meeren, echt chinesisches Porzellan, fein und durchsichtig wie Glas, mit seltsamen Blumen und Gestalten bemalt; Elefantenzähne und ein Straußenei; prachtvolle buntfarbige Federn; künstlich geschnitzte Pfeile und Bogen, seltene Pflanzen und Kokosnüsse. Ein lebendiger Papagei, grün und purpurrot, schaukelte sich in einem glänzenden Käfig, wollte aber zu Heinrichs Jammer nicht von ihm sprechen lernen; und zwei niedliche Gesellschaftsvögelein saßen traulich beisammen in einem feineren Gehäuse. Herr Holm, der Hofmeister, tat sein möglichstes, die Aufmerksamkeit des wilden Knaben zu fesseln, indem er an all die Gegenstände aus fernen Gegenden anknüpfte, um ihm die Kunde der Länder und Meere beizubringen, aus denen sie gebracht waren; aber Heinrich war doch oft ein gar ungeduldiger Schüler. »Das lerne ich ja alles viel besser,« meinte er, »wenn ich einmal mit Papa zur See gehe;« und wollte nicht glauben, daß ein rechter Seemann vorher so genau wie möglich alle Gegenden und ihre Geschichte kennen sollte, die er zu bereisen habe, um Nutzen für sich und andere davon zu haben. Wozu er vollends Latein und später gar noch Griechisch lernen sollte, das man in keinem Land und auf keiner Insel in der Welt mehr spreche, das wollte er gar nicht einsehen, wie oft Herr Holm ihm auch bewies, daß die festen Formen der alten Sprachen eine heilsame Uebung für den Geist seien, die ihm alles spätere Lernen erleichtere; daß die Kenntnis alter Schriftsteller eine gesunde Grundlage gebe für Anschauung und Kenntnis neuer Zeit und Geschichte: – ihm wäre es viel schöner vorgekommen, den ganzen Tag mit den Fischerbuben an: Strand draußen herumzuklettern, Muscheln und Vogelnester zu suchen, oder in ihren Booten mit hinauszufahren. Der Vater, dem Herr Holm seine Not klagte, die er mit dem wilden Burschen hatte, griff die Sache anders an. Er sagte: »Ich mute dir gar nicht zu, mein Junge, daß du schon verstehen sollst, wozu dir alles nütze ist, was du lernen mußt; zur Zeit, wo du das einsehen kannst, wäre es viel zu spät, um es noch zu lernen. Aber ich verlange von dir, daß du deinen Eltern und deinem Lehrer gehorsam bist, weil das der Wille und Befehl des allmächtigen Gottes ist und weil kein Heil und Segen auf Erden und im Himmel ist für einen Menschen, der nicht gelernt hat, seinen Eltern zu gehorchen. Darum, wenn du nicht immer mit Lust lernen kannst, so lerne zuerst nur aus Gehorsam; gib acht, die Lust und Freude kommt dann von selbst!« Und er erzählte ihm, welch strenger Gehorsam im Seedienst gefordert werde; er erzählte ihm von jenen tapfern Soldaten, die in einer Seeschlacht ohne Kommando nicht aus Reih und Glied weichen wollten, um sich zu retten, und die in Reih und Glied, Gewehr beim Fuß, mit dem sinkenden Schiffe in die Tiefe versanken, als getreue, gehorsame Kriegsmänner. »Und der oberste Kriegsherr über Land und See, der wird sie droben eingereiht haben in seine Ehrengarde!« schloß der Kapitän, selbst tief ergriffen. Er erzählte ihm auch von dem jungen Seekadett Casabianca, dem Sohn eines englischen Admirals, der in der Schlacht am Nil als ein Opfer seines Gehorsams mit dem Schiff in die Luft gesprengt wurde. »Auf so schwere Proben, hoffe ich, wird dein Gehorsam nicht gestellt,« sagte der Vater, indem er freundlich mit der Hand durch Heinrichs dichtes, lockiges Haar fuhr; »aber du sollst daran sehen, daß es nötig ist, auch am kleinen früh Disziplin zu lernen, wenn man ein tüchtiger Seemann werden will.« Alle diese Beispiele gingen Heinrich in Wahrheit tief zu Herzen, und er deklamierte zu der Mutter nächstem Geburtstag recht ausdrucksvoll das Gedicht vom jungen Casabianca: »Der Knabe steht auf dem Verdeck Von allen noch allein; Die Toten rings umher erhellt Der Flammen roter Schein. Wie stand er da, so fest und schön In Sturm und Flammenglut, Die stolze, kindliche Gestalt, Ein edles Heldenblut. Die Flammen nah'n, – er will nun gehn Auf seines Vaters Wort; Der Vater liegt im Todeskampf Fern von dem Sohne dort. Laut ruft er: ›Vater, sage mir, Ist meine Pflicht vollbracht?‹ Er weiß nicht, daß des Vaters Blick Erlosch in Todesnacht. ›Sprich, Vater,‹ ruft er noch einmal, ›Mein Vater, darf ich gehn?‹ Es tönet rings nur wild Geschrei, Die Flammen höher weh'n. Er fühlet ihren Glutenhauch Im blonden Knabenhaar, Doch still und fest im Todesmut Bleibt er in der Gefahr. Noch einmal ruft er hell und laut: ›Mein Vater, muß ich stehn?‹ Durch Mast und Segel über ihm Die Flammen höher weh'n. Das Schiff gehüllt in wilder Pracht! Noch steht in glüh'ndem Schein, Von Feuerflammen überströmt, Der Knabe fest allein. Jetzt tönt ein donnergleicher Schall! Wo blieb das tapfre Kind? O, frag' die Trümmer auf der See, Die weit zerstreut der Wind. Es reißt das Schiff mit Mast und Kiel Die Woge niederwärts, – Kein edler Gut verschlang die See, Als dieses junge Herz.« Heinrich fand solchen Gehorsam sehr schön und glaubte, er wäre auch auf dem brennenden Schiff stehengeblieben; aber willig und freudig bei Herrn Holm am Tisch sitzen zu bleiben, wenn er draußen von fern die See rauschen hörte und an die lustigen Spiele seiner Kameraden dachte, das kam ihm viel schwieriger vor. Er sollte noch eine ernste Lektion über den Gehorsam bekommen. Winters war der Vater meist zu Haus und dann war es keine Zumutung für Heinrich, recht ruhig und still am Kaminfeuer bei ihm zu sitzen und sich erzählen zu lassen von allem, was der Vater zur See erlebt. Er wußte gar wunderbare Dinge zu berichten von Meerestiefen, ganz stillen, klaren Stellen im großen Ozean, wo die See glatt ist wie ein Spiegel und so durchsichtig, daß man bis auf den tiefuntersten Grund die Muscheln und Steine, die Seegräser und die wunderlich gestalteten Meertierchen sehen kann; von Windstillen, wo das Schiff wochenlang unbeweglich liegen muß, oder von Stürmen, die es auf den Wellen herumstoßen, oft hoch hinauf wie auf Berge, und wieder hinab, wie in das tiefste Tal; von Schiffbrüchigen, die Tage lang auf einer Planke im Meer herumgetrieben wurden und zuletzt doch auf unglaubliche Weise gerettet worden sind; von der wunderbaren Insel Island mit feuerspeienden Bergen und siedenden Quellen; von den Korallentierchen, die tief, tief, vom untersten Meeresgrund herauf, leise, langsam, fort und fort, ihre kleinen Berge bauen, bis diese zuletzt an die Meeresfläche heranragen und Inseln bilden. Er erzählte von den Inselbewohnern in fernen Meeren und ihren seltsamen Sitten: Heinrich hätte ihm die ganze Nacht zuhören können und mußte jedesmal durch ein ernstes Kommando zu Bette gebracht werden. Im Sommer, wann der Vater draußen war, da war es Heinrichs liebstes Vergnügen, nach den Lehrstunden hinaufzuklettern auf die höchsten Felsen, die die Insel umgaben, und hinauszuschauen weit, weit über die blaue See. Auch der Leuchtturm war ihm merkwürdig, den er einmal mit seinem Vater hatte besteigen dürfen; es lebten darauf zwei Männer, hoch oben über allem Menschenverkehr, das ganze Jahr in tiefer Einsamkeit; einer der Männer erzählte ihm, daß vor ihm auch ein Mädchen hier oben gelebt habe, Grace Darling, seine junge Schwester. Ganz allein mit seinem alten Vater sei sie dagewesen, so lange er als Matrose zur See war. »Und sie hatte ein furchtloses Herz, obgleich sie ein zartes, blondes Mädchen war,« rühmte der Seemann; »in mancher Sturmnacht, wenn sie den Hilferuf von gescheiterten Schiffen hörten, ist sie mit dem Vater im kleinen Boot hinausgefahren, um von den armen Leuten noch zu retten, was zu retten war, und gar viele hat sie allein ans Ufer gebracht. Gott hab' sie selig,« schloß bei Mann mit einer Träne im Auge; »sie schläft da drunten im Meer. Als sie starb, war es vierzehn Tage lang so stürmisch Wetter, daß man nicht an's Land kommen konnte, um sie zu begraben; da haben sie sie da drunten eingesenkt. Gott der Herr wird sie auch da finden, wenn er sie ruft zur Auferstehung.« Vom Balkon des Wohnhauses aus konnte Heinrich durch einen Durchgang in den Felsen bei Nacht gerade das Licht des Leuchtturms schimmern sehen, und er blickte gar gern hinüber und dachte an die einsamen Leute dort, an das kühne Mädchen, das drunten im Meer ruhte. Heinrich konnte gut klettern und nicht leicht war ihm ein Felsen zu hoch und zu steil; aber die Fischersbuben, die konnten es doch noch besser; sie stiegen hinauf, wo die Felsen gegen das Meer ganz gerade, fast wie eine Wand abfielen; da ließen sie sich an Stricken hinunter und holten die Eier der Seevögel, die ihre Nester in den Felsenspalten hatten. Heinrich durfte klettern auf Bäume und Felsen nach Herzenslust, aber die Jagd nach Vogeleiern hatte der Bauer ihm bestimmt untersagt. Es war das gar zu gefährlich und für ihn auch unnötig; es gab genug Gelegenheit zu lustigen und wilden Spielen auf den niedrigen Klippen. Die Mutter hatte auch wegen dieser noch manche stille Sorge; aber die Seemannsfrau muß lernen, ein furchtloses Herz zu gewinnen und die Ihrigen ruhig in Gottes Hut zu wissen, so lange sie auf rechten und guten Wegen gehen. Es war lustig, draußen an dem kleinen Hafen zu sitzen und zu sehen, wie die Fischerboote heimfuhren mit reicher Beute an Fischen. Die Fischermädchen saßen auf sonnigen Plätzchen am Ufer, strickten Netze oder Seemannsjacken und sangen anmutige Liedchen dazu. Die Jungen halfen lustig die Fische ans Land bringen, so viele oft, daß sie nicht alle auf der Insel oder in der Nähe verkauft werden konnten; dann trocknen sie die Leute und verkaufen sie weit herum auf dem Festland. Vom Hafen weiter ins Land hinein standen die stattlichen Häuser der wohlhabenden Fischer, während die armen Fischersleute in kleinen Hütten an den öden, felsigen Stellen des Ufers wohnten. Dort lebte auch ein sehr alter, halbblinder Fischer, der schon lang nicht mehr aufs Meer hinaus konnte. Sie sagten, es seien sieben Söhne von ihm als Seeleute hinausgezogen und kein einziger sei wiedergekommen; man wisse gar nicht von allen, wo sie geblieben seien. Noch einer, Tom, sein letzter Sohn war bei ihm und arbeitete treulich, um seinen alten Vater zu ernähren. Er war so arm, daß er kein einziges Schifflein hatte; die andern Fischer nahmen ihn mit hinaus zum Fischfang und gaben ihm einen Teil ihrer Beute; auch sammelte er Seegras und Kräuter, die er an die Apotheker verkaufte. Am allergeschicktesten und furchtlosesten aber war er im Einsammeln der Eier der Seevögel. Er ließ sich an den allersteilsten Felsen hinunter mit seinem umgehängten Korbe und blieb da hängen zwischen Himmel und Erde, bis er den ganzen Korb gefüllt hatte. Er wurde auch gern zu Gartenarbeiten gebraucht und konnte die Gartenbeete gar nett und zierlich anlegen, obgleich er selbst nichts weniger als zierlich war. Denn das mußte man sagen, brav und fleißig war der Tom, schön aber war er ganz und gar nicht. Seine Nase war breitgedrückt, sein Gesicht voller Narben, er schielte so, daß man nie wußte, nach welcher Seite er hinsah; dazu hatte er das Haar so verwirrt wie Seegras, und einen kurzen Fuß. Daher kam's, daß ihn die rohen, unartigen Buben immer verhöhnten, oder gar mit Steinen nach ihm warfen und sich dann ergötzten, wenn er mit seinem kurzen Fuß ihnen nicht nachhumpeln konnte. Heinrich war auch nicht viel besser, als die andern Burschen; dazu hatte er kürzlich die Frau Pastorin zu seiner Mutter sagen hören: »Ihr Heinrich ist doch ein gar zu netter Bursch, Frau Mordant!« Obgleich man sonst meint, Buben seien gar nicht eitel, so hatte es ihm doch heimlich recht wohl gefallen, und er hatte hie und da seither in den Spiegel gesehen und gedacht, die Frau Pastorin habe nicht unrecht; seitdem kam ihm der arme Tom noch viel häßlicher vor als früher. »Höre, Tom, warum bist du eigentlich so häßlich?« fragte er ihn, als er einmal mit andern Knaben im Sonnenschein behaglich am Ufer lag und Tom zur Seite saß und Netze flickte. Die Buben lachten laut auf; Tom aber antwortete ganz ruhig, ohne von seiner Arbeit aufzusehen: »Drum bin ich einmal von einem Felsen heruntergefallen und habe meine Nase platt gedrückt; die Narben im Gesicht und das Schielen habe ich von den Blattern her; mit dem kurzen Fuß aber bin ich geboren.« Die Knaben lachten wieder, und als Tom mit seinem geflickten Netz zu seinem Häuschen zurückging, schrien sie ihm nach: »Breitnas', Krummfuß, Schielenbock!« Heinrich schrie mit; ein paar größere Buben aber, die wußten wie brav Tom sei, die stimmten nicht ein in das unartige Geschrei. Einer sogar, den Tom einmal aus dem Wasser gezogen, war so ärgerlich, daß er einen Stein nahm und nach Heinrich werfen wollte; Tom aber bemerkte es, nahm ihm den Stein aus der Hand und warf ihn ins Meer. Und doch konnte es Heinrich auch jetzt noch nicht lassen, den Tom zu necken und zu plagen; er verwirrte ihm oft seine Netze, warf ihm seine Muscheln hinunter und hatte ihm einmal einen Korb mit den mühsam gesammelten Eiern umgestoßen, daß sie alle zerbrochen waren. Er hätte das allein wohl nicht getan; aber weil die andern Jungen sich einen Spaß daraus machten, Tom zu plagen, so gefiel es ihm auch, solch schlechte Heldentat zu verüben. Tom tat ihm nichts; er arbeitete oft im Garten von Frau Mordant, die sehr freundlich gegen den armen Burschen war. Sie hatte ihm einmal ein warmes Wams geschenkt, weil er nie Geld hatte, um für sich selbst etwas zu kaufen, und gab ihm oft Tabak für seinen Vater, was dem alten Fischer das liebste war; darum war Tom bisher geduldig geblieben bei allen Unarten Heinrichs. Zum alten Fischer, da ging Heinrich sehr gern, und es war ihm ganz lieb, wenn er ihm von der Mutter ein Päckchen Tabak bringen durfte. Er kam ihm wie ein alter Meermann vor, wenn er mit seinem schneeweißen Haar in der grauen Seemannsjacke dasaß, sein Pfeifchen rauchte und, wenn er gut aufgelegt war, mit seltsamer Stimme seltsame Geschichten erzählte. Er ging aber lieber zu ihm, wenn Tom nicht daheim war, weil er sich nachher doch ein wenig schämte, wenn er ihn mit den andern Buben geplagt und verfolgt hatte. Auf einer Seite der Insel, wo Heinrich selten hinkam, weil keine Häuser da standen und fast nie ein Boot anlegte, war eine Höhle tief hinein in die Felsen, zu der man nur zur Zeit der Ebbe, wenn das Meer zurücktritt, auf steinernen Stufen gelangen konnte; die Kinder wußten allerlei Sonderbares von dieser Höhle und Heinrich hätte gar zu gern den alten Fischer davon erzählen hören. Einmal, gerade während Tom im Garten arbeitete, hatte Heinrich früh am Nachmittag seine Aufgaben fertig; er ließ der Mutter keine Ruhe, bis sie ihm ein Päckchen Tabak für den alten Fischer gab, und ohne Tom davon zu sagen, sprang er hinaus an das wohlbekannte Plätzchen des Alten. Der Tabak war heute sehr willkommen; denn in der letzten Zeit hatte der gute Tom mit größter Mühe kaum soviel erwerben können, als er brauchte, um Lebensmittel und Kohlen zu kaufen; zu Tabak hatte es nicht reichen wollen. Heinrich wußte schon, daß der Alte erst in aller Ruhe ein Pfeifchen rauchen mußte, ehe er dazu kam, etwas zu erzählen. So saß er denn ganz ungeduldig neben ihm; ja, er legte sogar Toms Muscheln, die in einem Korb daneben standen, ordentlich in Reih und Glied und hütete sich, ihm etwas zu verderben. Endlich war das erste Pfeifchen verdampft. »Hört,« schrie Heinrich mit aller Macht, denn der alte Fischer war ziemlich taub, »wie kommt man denn in die Höhle auf der andern Seite drüben?« »Weiß nicht mehr,« sagte der Alte vor sich hin, »bin schon lang nicht mehr dort gewesen; mein Großvater hat noch den Aussätzigen gesehen, der darin gewohnt hat.« »Ein Aussätziger?« fragte etwas ängstlich Heinrich; er wußte aus den Geschichten der Bibel von dieser schrecklichen Krankheit. »Ja, ein Aussätziger,« sagte der alte Fischer, der allmählich in Zug kam. »Er war weit über der See fortgewesen und hatte sich im Morgenland die schreckliche Krankheit geholt. Da haben sie ihn auf kein Schiff mehr genommen und bei den Menschen hat er auch nicht wohnen dürfen. So hat er denn in der Höhle dort gelebt; er hat sich selber Fische gefangen und Vogeleier gesucht. Und er hat sich ein Bett und einen Tisch und einen Stuhl ausgehauen aus Stein, und auch eine große steinerne Kiste hat er sich gemacht; da hat er seine Perlen, sein Gold und seine Korallen hineingelegt.« »Findet man denn dort Gold und Perlen?« fragte Heinrich begierig. »Jetzt nicht mehr,« sagte träumerisch der alte Mann. »Die schöne Meerfrau hat sie gebracht tief, tief herauf vom Meer drunten, und hat sie ihm hingelegt. Die Meerfrau ist nur bei Nacht hergeschwommen,« fuhr der Fischer fort, »sie kann nicht ans Land, weil sie keine Füße hat, sondern einen großen, langen Fischschwanz. Aber weil sie nicht herauskommen kann, so möchte sie die Leute gern zu sich hinunterlocken: darum singt sie so wunderschön, und wer sie hört, der muß ihr nach, hinunter ins tiefe Meer.« »Ertrinken dann die Leute, wenn sie hinunterkommen? Was kann sie denn mit ihnen tun?« fragte Heinrich. »Weiß nicht, was aus ihnen wird.« sagte der Alte dumpf; »ist noch keiner wiedergekommen, meine Söhne auch nicht.« »Nun, den Tom wird dir keine Meerfrau holen,« sagte Heinrich, »der wird ihr doch zu garstig sein.« »Der Tom geht nicht,« sagte der Alte, »der ist nicht so dumm, wie er aussieht; der macht's wie der Aussätzige, er stopft seine Ohren zu, daß er den Gesang der Meerfrau nicht hört.« Heinrich dachte, er möchte den Gesang doch hören, er wollte sich dann schon irgendwo festhalten und gewiß nicht hinunterspringen ins Meer. Der alte Fischer meinte, daß wohl all die Perlen und Korallen, und Gold und Edelsteine noch in der steinernen Truhe liegen werden, da der Deckel so schwer sei, daß man zwanzig Mann brauche, um ihn zu heben, und doch sei die Höhle so eng, daß nur zwei hinein können. Heinrich besann sich nicht, wie es denn der Mann gemacht habe, allein den schweren Deckel auf die Kiste zu bringen. »Einmal,« erzählte der alte Fischer weiter, »da ist die Meerfrau wieder hergeschwommen und der Mond hat so hell geschienen auf ihr Haar und auf den goldnen Kamm, den sie in den Haaren trug, und sie hat so wunderlich schön gesungen und so laut, daß der Mann es doch gehört hat, obgleich er seine Finger in die Ohren steckte. Da ist er ganz leis und langsam näher und immer näher zur See hingegangen, bis ihn die Meerfrau erfaßt hat und mit sich hineingezogen. Und kein Mensch hat wieder etwas von ihm gehört. Man weiß nicht, ob er ertrunken ist, oder ob er drunten noch lebt bei der Meerfrau und nicht mehr heraus darf ans Tageslicht.« »O, dem wird's wohl gewesen sein,« sagte Heinrich. »Auf der Welt hat er ja doch nichts Gutes gehabt! Kann man denn noch in die Höhle kommen?« Der alte taube Mann horchte nicht mehr auf ihn. Er hatte sein Pfeifchen wieder angezündet, rauchte und schaute gerade vor sich hinaus aufs Meer, – wie ein alter Meermann, dachte Heinrich wieder, obgleich er noch nie gehört hatte, daß die Meermänner aus Tabakspfeifen rauchen. Ganz voll von der Geschichte des Alten und von den Schätzen der Wunderhöhle ging Heinrich nach Haus. Die Mutter war ausgegangen und Herr Holm machte sein Schachspiel mit dem Pfarrer; Tom arbeitete gerade im Garten. Heinrich war diesmal ganz gnädig und freundlich gegen ihn; er hätte gern Näheres über die Höhle gewußt. »Höre, Tom,« fragte er ihn, »bist du schon in der wunderbaren Höhle gewesen?« »In was für einer Höhle?« fragte Tom, ziemlich gleichgültig. »Ach, in der Höhle, wo der kranke Mann so lange gewohnt, wo er sich eine Bettlade, und Tisch und Stühle aus Stein ausgehauen hat,« sagte Heinrich ungeduldig, »und wo er das viele Gold, und Perlen und Korallen in der steinernen Kiste gelassen hat, wie er ins Meer hinaus ist, um die Meerfrau singen zu hören. Dein Vater hat mir's ja erzählt.« »Sehen Sie, Musjeh Heinrich,« sagte Tom mit seiner gewöhnlichen, unbeweglichen Ruhe, »mein Vater ist gar alt, da weiß er nicht mehr so recht, was wahr ist und was ein Märlein; eine Meerfrau gib's nicht; unser Herrgott erschafft nichts so Närrisches, wie eine schöne Frau mit einem Fischschwanz.« »Du weißt das nicht so, Tom.« bemerkte Heinrich hochweise, »weil du keine Märchenbücher lesen kannst. Herr Holm hat mir ja selbst erzählt von den Sirenen, die in dem Meer gesungen, wo Odysseus vorüberfuhr.« »Wird vielleicht auch so ein Sargmärlein sein,« sagte der gleichmütige Tom. »Ihr Papa ist schon weit im Meer herumgefahren, und der hat gewiß noch keine Meerfrau gesehen.« »Vielleicht hat er mir's nur nicht gesagt, daß ich nicht hinaus soll und eine singen hören und ins Meer fallen.« entgegnete der weise Heinrich. »Aber, bist du schon in der Höhle gewesen. Tom?« »Vorbeigefahren schon mit den Fischern,« sagte Tom. »Und hast du die Stühle gesehen, den Tisch und die Bettlade und die Kiste, wo die Perlen drin sind?« »Es liegen eben Steinblöcke herum, und mit der Kiste glaub' ich's nicht; vielleicht haben die Schmuggler ihre Waren manchmal in die Höhle hineingelegt, so lange der aussätzige Mann drin war, weil sonst niemand zu dem gekommen ist. Und den hat keine Meerfrau geholt, die Flut wird ihn einmal weggerissen haben; die kommt zu Zeiten mächtig hoch herauf in die Höhle, so daß sie ganz voll wird; es geht deshalb auch niemand mehr hinein.« »Wo geht denn eigentlich der Weg in die Höhle?« »Da muß man gerade über die Wiese, bis man an den hohen Fels am Ufer kommt; an dem ist ein Weg gehauen rund um die Ecke, dann kommt man an Stufen, die hinaufgehen bis in die Höhle. Sie müssen aber ja nicht hingehen; es ist gefährlich, hinaufzukommen, und wenn die Flut kommt, so nähme Sie das Meer hinunter, ohne daß Sie die Meerfrau hätten singen hören.« Heinrich wollte keinen guten Rat von Tom, er kam sich so viel gescheiter vor, als der schielende Fischerjunge; er mußte Tag und Nacht an die Höhle denken. Bei Herrn Holm mochte er gerade nicht davon reden; der war nicht an der See geboren und leicht zu Schwindel geneigt, er hatte deshalb keine besondere Freude daran, an Klippen herumzuklettern, und Heinrich, der sich frühe daran gewöhnt, sah ihn darum etwas geringschätzig an als eine Landratte. Der Mutter aber erzählte er von der Geschichte des alten Fischers; mit der Meerfrau traute er selbst nicht recht, ob die Mutter daran glauben werde. Er sagte ihr nur von dem verborgnen Schatz in der steinernen Kiste und wie es doch schön wäre, wenn man in die Höhle kommen und genau sehen könnte, wie es damit stehe; der Vater könnte dann schon sorgen, daß der schwere Deckel gehoben würde. »Weißt du, Mutter, wenn man gleich beim Eintritt der Ebbe hingeht, kann man, ehe die Flut kommt, alles ansehen und wieder herauskommen.« »Laß dir's um Gottes willen nicht einfallen, Heinrich, selbst in die Höhle zu gehen!« sagte erschrocken die Mutter; »der Weg ist in jedem Fall sehr gefährlich, du weißt gar nicht genau, wenn Ebbe und Flut eintritt. Wenn der Vater wiederkommt und er will mit dir hingehen, so ist's ja gut; du allein aber gehst nicht, auch nicht mit einem der Fischerjungen, hörst du's?« Das war nun ein ganz bestimmtes Verbot und doch suchte Heinrich bei sich selbst nach Gründen, es zu umgehen. »Der Vater hat doch gern, wenn ich ein herzhafter Junge bin,« beredete er sich; »wenn ich gut wieder herauskomme, so freut er sich und nimmt mich vielleicht bald auf die See mit, und der Mama ist's dann auch recht. Sie will mir's nur nicht erlauben, weil sie meint, ich komme nicht bald genug wieder heraus, sonst wäre es ihr gleich. Ich will ja ein Seemann werden, da muß ich alles lernen und darf mich vor nichts fürchten. Herr Holm freilich darf nichts davon wissen, der versteht so etwas gar nicht; der hat ja das Meer erst gesehen, wie er vierundzwanzig Jahre alt war.« So suchte er sich zu bereden, daß sein Vorhaben ganz recht sei. Er fühlte aber wohl, daß es unrecht war, an dem Herzklopfen, das er hatte, so oft er an die Ausführung dachte; er wurde ganz rot, wenn seine Mutter oder Herr Holm ins Zimmer kam, wenn er auch nur in Gedanken auf dem verbotenen Höhlenweg war. An das, was sein Vater ihm gesagt hatte vom Gehorsam eines rechten Seemanns, wollte er nicht denken, oder machte er sich weis, das sei wieder etwas ganz andres. Kurze Zeit darauf verreiste Herr Holm auf einige Tage, um einen Freund zu besuchen; das schien Heinrich nun der allerbeste Zeitpunkt, seinen Plan auszuführen. Daß ihm Tom nicht dazu verhelfen werde, in die wunderbare Höhle zu gelangen, das hatte er schon gemerkt; so mußte er es allein unternehmen. Er wollte nur noch warten, bis die Mama einmal zur Frau Robertson ging; dann war er sicher, daß sie nicht so bald nach Haus kommen würde. Frau Robertson war eine alte Frau, die Witwe eines Seekapitäns, die in einem kleinen Häuschen am entlegensten Punkt der Insel wohnte. Früher hatte Heinrich seine Mutter begleiten dürfen, wenn sie dort Besuch machte, und er war nicht ungern gegangen. Es gab dort alte, rare Bücher mit Abbildungen von Muscheln und Seeungeheuern; auch einen Geflügelhof mit allerlei schönem Geflügel, Perlhühnern, astrachanischen Gänsen und schneeweißen Pfauentauben. In neuerei Zeit hatte sich aber Frau Robertson sehr höflich die Besuche des Kleinen verbeten. »Sehen Sie, liebe Frau Mordant,« sagte sie, »ich mag Kinder gar gern, wenn ich sie von weitem spielen sehe, oder wenn sie hübsch gemalt sind auf einem Bild, die Engelchen! Aber bei einem wilden Buben, wie Ihr Heinrich – ein ganz lieber Junge zwar, kann ein scharmanter Mann aus ihm werden, wenn er ausgetobt hat – sehen Sie, da wird mir's angst und bang. Einmal gambelt er mit dem Stuhl und ich fürchte, er bricht sich den Hals; oder er fährt mit seinem Stecken unter mein Geflügel, daß sie in alle Weite hinausflattern; oder er will das Schiffsmodell von meinem Mann selig auf dem Bächlein schwimmen lassen, daß ich nicht weiß, ob es zugrunde geht. Er ist auch einmal auf dem langen Barometer meines Mannes selig spazieren geritten, und wenn er gar nichts tut und ganz still ist, so ist mir erst recht bang, was er jetzt wohl im Sinn habe. – Liebste Frau Mordant, Ihr Heinrich ist ein scharmanter Junge, aber in mein Haus paßt er nicht so ganz.« Heinrichs Mutter schämte sich ein wenig, daß ihr Söhnchen nicht besser gezogen war; doch nahm sie's der alten Dame nicht übel und besuchte sie immer noch von Zeit zu Zeit, und diese schickte jedesmal dem Heinrich ein Stückchen Kuchen oder ein paar süße Brötchen, aus lauter Vergnügen, daß er sie nicht mehr mit seinem Besuch beehrte. Zwei Tage nach Herrn Holms Abreise kam eine Einladung an die Mutter von Frau Robertson. Es war ein sehr schöner Abend im Frühling; Frau Mordant ging um sechs Uhr. »Du kannst nun draußen spielen, Heinrich, bis nach Sonnenuntergang; dann aber komm heim. Der Wind ist abends so kühl und du bekommst leicht Husten.« – »Ja, ja,« versprach Heinrich. Er träumte schon davon, ein Mann zu werden, und doch hatte er sich noch gar nicht geübt in der ersten Tugend eines rechten Mannes, sein Wort zu halten; er hatte sich gewöhnt, auf einen Befehl geschwind »ja« zu sagen, und nachher zu tun, was ihm gefiel. Die Sonne stand noch ziemlich hoch am Himmel; es war prächtig klar und hell draußen, als Heinrich seine Hefte zusammenpackte und hinaussprang. Am Strande war's überall lebendig; die Fischer waren heimgekommen mit großen Ladungen von Fischen. Nun saßen Frauen und Kinder am Ufer, beschäftigt, sie auszulesen; junge Mädchen hatten Körbchen mit Muscheln vor sich und suchten die schönsten heraus, die zum Verkauf taugten; unnütze kleine Jungen kletterten dazwischen herum und verdarben wieder, was die andern geordnet. – Heinrich, der sich sonst prächtig unterhalten hatte mit den lustigen Fischerkindern, gab diesmal auf nichts acht und ging gerade fort, zuerst der Hütte des alten Fischers zu, von welcher der Weg weiter führte zu der Höhle. Recht wohl war ihm nicht dabei. Er fühlte ganz gut, daß er auf unrechtem Weg gehe; er ging auch ganz langsam, so lange ihn die Fischer und die Kinder noch sehen konnten, wie sehr auch sein Herz brannte vor Verlangen sein Vorhaben auszuführen, damit niemand merken sollte, wo er hin wolle. Der alte Fischer saß vor seinem Haus; er war diesmal ganz und gar nicht in gesprächiger Laune. »Tom ist auf die Felsen gestiegen, um Eier zu sammeln,« sagte er kurz. Heinrich blickte hinaus auf den Weg, der zu der Höhle führte; es kam ihm gar nicht weit vor, er konnte gewiß vor Nacht noch zurück sein, lang ehe die Mutter heimkam. Es dauerte aber doch lang, sehr lang, bis er an die Felsenecke kam, um die der Weg sich zu der Höhle wendete. Das war ein schwindliger Weg, und wenige hätten ihn gehen können, ohne hinabzustürzen; steile Klippen aufwärts zur Rechten, schroffe Felsen hinab zur Linken, und so fern das Auge blicken konnte, die weite, weite See, die nun prächtig glänzte im Licht der untergehenden Sonne. Aber Heinrich war ein Seemannskind, an diesen Felsen aufgewachsen, ihm schwindelte nicht; es kam ihm fast lächerlich vor, daß man ihm gesagt hatte, es sei gefährlich in der Höhle zur Zeit der Flut; sie lag ja so hoch droben, da konnte das Wasser nicht hinaufkommen, und er schritt mutig voran. Als kleines Kind schon hatte ihn die Mutter gelehrt, vor jedem größern Gang zu beten um den Segen des Herrn auf seinen Weg; auch der Vater betete immer laut und feierlich mit den Seinen, so oft er wieder auszog auf eine neue Fahrt, und er war doch ein tüchtiger Seemann und ein tapferes Herz. Das fiel Heinrich jetzt ein; aber er hatte nicht recht den Mut, eines der kleinen Gebete zu sprechen, die ihn die Mutter gelehrt. Wie konnte er sagen: »Unsere Wege wollen wir Nun in Jesu Namen gehen,« Wenn er seinen Weg ging in Ungehorsam gegen der Mutter Verbot? So stieg er denn ganz still die steingehauenen Stufen hinauf, die zu der Höhle führten, als der Sandweg zu Ende war. Er tröstete sich wie alle ungehorsamen Kinder: »Nun, wenn's diesmal gut geht, so will ich auch ganz gewiß nichts mehr tun. was nicht recht ist!« Endlich war die Höhle erreicht. Der Eingang war ganz verwachsen mit wildem Seegestrüpp, das daran herunterhing; er mußte es erst wegreißen, um hineinzukommen. Da fühlte er sich aber nun sehr enttäuscht. Der Tisch und der Stuhl und die Bettlade, das war kein Tisch und kein Stuhl, und am allerwenigsten eine Bettlade: es waren eben herumliegende Felsenstücke von verschiedener Höhe. Weiter hinten in der Höhle war es sehr dunkel; er mußte mit den Händen herumgreifen. bis er endlich an die merkwürdige Kiste kam: aber sie war nicht anders anzufühlen, als wie ein gewöhnlicher Steinblock, und er konnte, wie lange er auch daran herumgriff, nicht finden, daß ein Deckel darauf sei: es war und blieb ein viereckiges Felsstück. Hätte er nur auch wenigstens einen Wachsstock oder eine kleine Laterne von Haus mitgenommen, daß er hätte in der Höhle herumleuchten können; aber daran hatte er nicht gedacht. Es wurde dunkler in der Höhle; die Sonne war untergegangen, ein leichter Nebel legte sich über die See und statt des leuchtenden Rots hatten die Wellen jetzt eine grünliche Farbe. Heinrich wußte, daß Vollmond war. Er hatte gehofft, wenn der Mond aufgehe, werde er ihm in die Höhle leuchten; er hatte wohl auch gedacht, daß vielleicht im Mondschein das schöne Meerfräulein geschwommen komme. Jetzt erst fiel ihm ein. daß der Mond auf der andern Seite hinter den Felsen aufgehen werde, – sein Vater hatte ihn frühe gelehrt, auf diese Dinge acht zu haben, die so wichtig sind für einen Seemann. Da wußte er wohl, daß er lange hätte warten müssen, bis der Mond in die Höhle scheine; es wurde ihm unheimlich und er beschloß heimzugehen, auch ohne daß er besondere Entdeckungen gemacht hatte; auch von dem Meerfräulein wollte er nichts mehr wissen, er wäre soviel lieber daheim gewesen. Er stieg die Stufen hinab; die See war schon viel höher, als zur Zeit, wo er heraufgestiegen. Ziemlich eilig ging er auf dem Sandweg bis nahe an die Ecke, da – war der Weg schon mit Wasser bedeckt. Eiskalt lief es durch seine Glieder. Er wandte sich um und lief und stieg, so schnell er konnte, wieder hinauf bis zur Höhle. Er hoffte, es werde vielleicht ein Schifflein vorüberfahren, er wollte winken mit seinem weißen Taschentuch, daß man ihn bemerke, – und vor allem, er wollte seinen ganzen Mut zusammennehmen, er war ja ein Seemannskind. Die Höhle war schon ganz dunkel, als er wieder hinaufkam; er setzte sich auf ein Felsstück vorn am Eingang, zog sein Tuch heraus und schwenkte es hinaus: aber kein Boot war zu sehen weit und breit. Die Fischer waren alle längst daheim; nur die Seevögel flogen schreiend hin und her, wie sie immer tun, ehe sie sich zur Nachtruhe setzen auf ihre Nester. Der Mond war längst am Himmel; die Höhle aber, der Felsen und die See vor ihm lag alles tief im Schatten; nur fern drüben spielte ein glänzender Streif Mondlicht auf dem Meer. Leise, leise, langsam und allmählich aber wuchs und stieg das Wasser vor seinen Füßen; die erste Stufe der Treppe war schon bedeckt, es kam an die zweite. Es war etwas Grausiges, dies leise Rieseln und Rauschen der steigenden Wellen. Heinrich meinte, es wäre nicht so furchtbar, wenn das Meer wie drüben an den Klippen mit gewaltigem Brausen sich bräche. Er besann sich, ob er nicht aufwärts klimmen wollte und so die Felsen übersteigen; – aber das war nicht möglich: kein Mensch hätte diese steilen Klippen erklettern können. Er schrie hinaus um Hilfe, so laut er konnte; aber er hörte seine eigne Stimme kaum vor dem Geschrei der Vögel: wie sollte man ihn hören – alle menschlichen Wohnungen so fern, kein Fischer mehr draußen auf der See! Da verließ ihn der kecke Seemannsmut, seine Stirne war naß von kaltem Schweiß. Unaufhaltsam, unerbittlich näherten sich die gierigen Wellen. Er stieg auf den niedrigen Felsblock, der Stuhl genannt, dann auf den Tisch, und sah hinaus auf die weite See, die ihm noch nie so trostlos erschienen, wie in diesem Augenblick. Der Mond stand höher am Himmel, der lichte Streif auf dem Meere glänzte breiter; – vor Heinrichs Seele aber standen klar wie nie zuvor all die kleinen Ereignisse seines jungen Lebens: Haus und Garten daheim, die Schätze aus fernen Landen, mit denen der Vater feine Heimat geschmückt, seine kleinen Besitztümer, seine Mutter, die mutige, fröhliche, glaubensstarke Seemannsfrau, Herr Holm mit seiner unermüdlichen Treue und Geduld bei seinem oft so widerwilligen, ungeduldigen Zögling. Er dachte der fröhlichen Zeiten, wo sie des Vaters Heimkehr erwartet; wo er jeden Abend und jeden Morgen mit der Mutter den Felsen erstiegen, von dem man auf das Meer hinausah; des hellen Jubels dachte er, wenn sie das Schiff erblickten und ihre weißen Tücher wehen ließen; der Freude, wenn sie mit dem Vater heimzogen; wenn er dann daheim seine Schätze auftat und seine Erlebnisse erzählte! Wie in einem Augenblick gingen all diese Bilder an Heinrichs Seele vorüber, und leise, leise, langsam und allmählich kam näher und näher das Rieseln und Rauschen des Wassers! Aber auch all das Unrecht, das er begangen, stand hell und klar vor seiner Seele, wie nie zuvor: der Trotz und Unwillen, mit dem er oft die Befehle und den Tadel der Mutter aufgenommen; das mürrische, störrische Wesen, mit dem er dem Lehrer seine Pflicht so schwer gemacht; vor allem der Ungehorsam, mit dem er so oft die Mutter betrübt, war es auch nur in kleinen Dingen, und der ihn jetzt in seinen Tod führte. Und immer näher rauschte die Flut heran; sie hatte schon den Boden der Höhle erreicht! Und er mußte denken, wie das Wasser höher und höher steigen und wie die Flut seine Leiche hinaustreiben werde, weit ins Meer zur Beute der Fische und Seetiere, so daß seine Mutter nicht einmal erfahren werde, wo er geblieben; er mußte denken, wie sein Vater heimkehren werde und das Haus leer finden – keinen Heinrich mehr und nicht einmal sein Grab! Und er fühlte, daß er nicht sterben könne, wie der junge Casabianca, der im Gehorsam gegen seinen Vater und Schiffsherrn ausgehalten hatte im Tod. Er konnte seine Eltern nicht mehr um Vergebung bitten, konnte nie mehr den Ungehorsam gutmachen, mit dem er sie so tief gekränkt – o, das war ein bittres Sterben! Aber wie die Flut näher rauschte, wie das Mondlicht voller und lichter seine Streifen zog auf der See und klare Sterne am Himmel glänzten, da stieg ein wunderbar tröstlicher Gedanke in ihm auf: an den Heiland und Erlöser, der die Kinder zu sich gerufen, der die liebliche Kunde erzählt von dem verlornen, reuevollen Sohn, den der Vater aufnimmt mit Freuden; an den Heiland, der gestorben ist unter Schmerzen, damit er reuevollen Heizen den Weg öffne zum Vaterhause. Ach, wie verdrossen und gelangweilt war Heinrich oft neben der Mutter gesessen, wenn sie ihn abends an Werktagen oder Sonntags aus der Bibel lesen ließ und versucht hatte, ihm diese Botschaft vom Himmel zu erklären! Und doch war durch Gottes Gnade ein Samen davon in seine Seele gefallen, der nun aufging in der Not und Todesstunde, und er konnte beten, nicht mit Worten, aber mit seinem ganzen Herzen, daß Gott ihm vergeben möge und ihn im Frieden zu sich nehme, und daß er seine armen Eltern trösten wolle. Er war sehr müde, als er wieder abwärts blickte und sah. daß das Wasser schon unten am Fuße des Felsblocks spielte, auf dem er saß. »Wenn's nur vorüber wäre!« dachte er, da – sah er auf einmal eine dunkle Gestalt am Eingang der Höhle! Nun war's zu Ende mit dem letzten Rest von Kraft und Mut. Es schien ihm ein grausiges Ungeheuer, das ihn verschlingen wolle, denn ein Mensch konnte ja nicht da heraufkommen aus der Tiefe und ein Schiff war weit und breit nicht zu sehen. Mit einem lauten Schrei sank der Knabe zurück und wußte nichts mehr von sich. Heinrich erwachte wie aus einem tiefen Schlaf; er wußte nicht, wie lange es war, seit er im Entsetzen vor dem Ungeheuer am Höhleneingang seine Augen geschlossen. Er lag nicht mehr auf dem kalten Stein in der Höhle, er lag auf weichem Rasen. Der helle Mond stand noch am Himmel und die klaren Sterne; über sich gebeugt aber schaute er in das Gesicht des ehrlichen Tom, – es kam ihm gar nicht häßlich vor in diesem Augenblick, es dünkte ihm wie eines Engels Angesicht. »So, Gott Lob und Dank, Musjeh Heinrich!« rief er lebhafter, als Heinrich ihn je hatte sprechen hören. »Sie sind doch am Leben!« – »Gott sei Dank!« rief Susanne, die treue Magd, die mit einer Laterne zur Seite stand. »Nun kannst du gleich mit zurück, die Madam daheim vergeht sonst vor Sorge; sie weiß ja noch gar nicht, was geschehen ist und hat mich nur ausgeschickt, um dich zu suchen. Ei, wie bleich siehst du aus und wie bist du so naß, du armer, dummer, böser Junge!« Heinrich war noch sehr betäubt, erfroren und müde. Ein andrer Fischersmann, ein Nachbar von Tom, hob ihn auf. Sie setzten ihn auf ihre verschränkten Arme; ganz matt lehnte er sich an die Schulter des treuen Tom. Er konnte noch gar nicht sprechen, es fror ihn durch und er war zum Tode erschöpft. Daheim wartete angstvoll die Mutter. So müde Heinrich war er bemerkte doch ihre verweinten Augen, die heißen Tränen, mit denen sie ihren wunderbar geretteten Sohn empfing, und das schnitt ihm tiefer ins Herz, als Schelten und Vorwürfe. Er mußte guten, heißen Tee trinken, wurde schnell in trockne, warme Nachtkleider gehüllt und gut zugedeckt. O, was war das eine süße Ruhe in dem weichen, bequemen Bett! – die gute Mutter daneben, die immer noch weinend seine Hand in der ihren hielt und seinen Schlummer bewachte. Er konnte gar nichts sagen, als »verzeih, Mutter!« und unter ihrem Kuß und ihrem Gebet schlief er ein so gut, so fest und tief; – er meinte, so habe er in seinem Leben nicht geschlafen, als er am hellen, lichten Mittag wieder erwachte. Das war dem armen Tom, dem vielverspotteten, hinkenden, schielenden Fischerjungen noch nie begegnet, daß Susanne, die sauber gekleidete Köchin der Frau Mordant, ihn förmlich zu Gast lud zu ihrer Herrschaft. Selbst der alte, taube Fischer, dem Susanne ein Stückchen Braten brachte, schien etwas von der Ehre zu merken, die seinem Sohn widerfuhr; er schaute ihm ganz wohlgefällig nach, wie er in seinem dunklen Sonntagswams, eine Hyazinthe im Knopfloch, dem Kapitänshause zuwandelte, so gut es eben gehen wollte. Etwas verlegen war Tom, als er in dem niedlichen Speisezimmer zwischen Mutter und Sohn als geehrter Gast zur Tafel sitzen mußte. Heinrich saß, warm eingewickelt, noch recht bleich und still in des Vaters Lehnstuhl und sah dem armen Tom mit so freundlichen Blicken an, wie diesen in seinem Leben noch niemand angeblickt. Er legte seine Hand zutraulich in die seines Retters und es wurde dem Tom ganz warm ums Herz; denn niemand auf der Welt hatte ihm noch gesagt oder gezeigt, daß er ihn lieb habe; sein Vater hatte ihn wohl gern, aber der konnte es nicht so ausdrücken. Nun sollte Tom erzählen, wie es denn gekommen, daß er Heinrichs Gefahr entdeckt und ihn gerettet habe. Das war in seiner einfachen Weise gar bald gesagt. Er war oben auf dem Felsen gerade über der Höhle noch spät mit Eiersammeln beschäftigt gewesen und nahe an den Rand gekommen. Da hatte er zwischen das Gekreisch der Vögel hinein durchdringendes Rufen gehört. »Ich hörte unter all dem Vogelgeschrei, daß das eine Menschenstimme war, und wie ich noch einmal hinhorchte, da war mir, als sei das des Musjeh Heinrichs Stimme, und es fiel mir ein, daß er mich vorher immer nach der Höhle gefragt und von der Meerfrau geschwatzt hatte. Ich hatte ihm wohl gesagt, es sei gefährlich wegen der hohen Flut: aber ich wußte auch, daß er manchmal gern tut, was man ihm abgeraten,« – Heinrich wurde sehr rot – »so dacht' ich also gleich, er sei in der Höhle und die Flut so gestiegen, daß er nicht zurückkönne. Hinunter oder gar hinaufklettern kann man da nicht am Felsen, da geht's nur mit dem Seil; die starken Seile aber sind weit weg bei dem Fischer Sam. So bin ich denn zurückgesprungen, so schnell's eben sein kann mit meinem kurzen Fuß, und hab' die Seile geholt und zwei starke Männer mitgebracht; die haben mir das Seil um den Leib gebunden und mich hinuntergelassen. Noch eine Viertelstunde und die Höhle wäre voll gewesen; so aber konnt' ich gerade noch durchwaten und konnte das Kind fassen, das auf dem Tisch lag; er hat noch aufgeschrien, gerade wie ich hineinkam. Ich hab' ihm auch ein Seil um den Leib gebunden und das festgemacht an dem meinen, und so haben uns die Männer alle zwei glücklich heraufgebracht.« Die Mutter dachte, es sei gut, daß Heinrich während der gefährlichen Luftreise bewußtlos gewesen, das Grausen darüber hätte ihm den Tod bringen können. Die Mutter war gleich nach ihrer Heimkehr sehr in Sorge gekommen, als sie Heinrich nicht antraf, und hatte Susanne mit der Laterne ausgeschickt, ihn zu holen; die war denn dazu gekommen, wie er im Freien wieder sein Bewußtsein erlangte. Dem guten Tom, der bis auf die Haut durchnäßt und erfroren heimgekommen war, hatte kein Mensch Tee gekocht oder ein Bett gewärmt. Aber er war Wind und Nässe gewöhnt und war ganz verwundert, daß man überhaupt so viel Aufhebens von seiner Tat machte; er hatte alles so einfach gefunden. Die Mutter machte Heinrich nicht viel Vorstellungen über seinen Ungehorsam und die schweren Folgen, die er hätte haben können; es war das nicht nötig. Jene Stunden in der Höhle und der Mutter Tränen waren ihm tief zu Herzen gegangen. Er selbst erzählte dem Vater bei seiner Heimkehr alles, was ihm begegnet war, und von nun an folgte er dem Rate desselben; er machte den Anfang mit pünktlichem Gehorsam auch beim kleinsten Wort und Geheiß der Eltern. So ist er mit der Zeit nicht nur ein tüchtiger Schiffskapitän geworden, der verstand zu befehlen, weil er Gehorsam gelernt hatte, sondern auch ein rechter Mann, der sich vor nichts auf Erden mehr zu fürchten brauchte, weil er in der Furcht Gottes auf guten und rechten Wegen ging. Tom und sein alter Vater hatten keine Not mehr zu leiden. Als Heinrich seine erste größere Seefahrt machen durfte, da hatte der alte Fischer sein letztes Pfeifchen ausgeraucht, und Toms höchste Sehnsucht wurde erfüllt: er durfte mit hinaus auf das weite Meer. Von da an hat er seinen jungen Herrn nicht mehr verlassen; er blieb sein treuer Begleiter in Glück und Gefahr. Noch in spätern Jahren wunderten sich oft des jungen Kapitäns Mordant Freunde, was er für eine besondere Vorliebe für den garstigen, hinkenden Diener habe. Heinrich lächelte dazu. Seit jener Nacht war ihm Toms Gesicht nicht mehr häßlich erschienen, und wenn er recht gut aufgelegt war, so erzählte er wohl seinen besten Freunden die Geschichte aus seiner Knabenzeit von der wunderbaren Höhle, wo er hatte die Meerfrau singen hören wollen. Ein einsam Kind Wenn ihr von Einsamkeit hört, so denkt ihr euch wohl eine Einsiedlerhütte tief im grünen Wald, oder die Höhle, wo die fromme Genoveva gelebt hat allein, ganz allein mit dem kleinen Schmerzensreich; wohl auch einen Leuchtturm draußen am weiten Meer, auf dem einsam der Wächter wohnt, oder ein Kloster in einem stillen, grünen Grunde. Das Kind aber, von dem ich euch erzählen will, war einsam und sehr allein mitten in einer großen, volkreichen Stadt, in einem stattlichen und reichen Hause; einsamer als der kleine Schmerzenreich mit seiner Hirschkuh unter den rauschenden Bäumen und bei den lustigen Vögelein und Schmetterlingen im grünen Wald. Als Serenas Mutter noch lebte, war es auch still gewesen in dem großen, steinernen Haus; doch war sie nicht so allein. Ihr Bettchen stand in dem kleinen Kabinett neben dem Schlafzimmer der Mutter und sie durfte morgens schon, sobald das Kindsmädchen sie angekleidet hatte, ihre Milch trinken an einem kleinen Tischchen neben der Mutter Bett; durfte ihre Puppe holen und ihre Spielsachen und spielen, bis endlich die Mutter aufstand und in dem Lehnstuhl saß. Dann erzählte ihr diese zuweilen eine schöne Geschichte oder redete mit ihr, bis sie zu müde war zum Sprechen. Auch sagte die Mutter wohl zum Kindsmädchen: »Betty, geh ein wenig spazieren mit der armen Kleinen, nimm sie mit auf einen freien Platz, damit sie auch an die frische Luft und Sonne kommt!« Das große steinerne Haus, in dem Serenas Eltern wohnten, stand in der Stadt London. Die Stadt ist unermeßlich groß und von all dem Steinkohlendampf, der aus den vielen tausend Kaminen aufsteigt, fast beständig in Dunst und Nebel gehüllt, so daß Sonnenschein und frische Luft da nicht zu häufig sind. Doch gibt es schöne Garten und grüne Plätze inmitten der Stadt, wo sich Kinder umtreiben können, und Serena freute sich, wenn das Kindermädchen so weit mit ihr ging. Nur war sie schüchtern unter den vielen geputzten Kindern; sie kannte keines. Solang sie wußte, war ihre Mutter krank und lag im Bette, oder saß in ihrem schneeweißen Morgenkleid in dem hohen Lehnstuhl von dunkelrotem Samt – es mußte, gar ruhig und still um sie sein; da konnte man keinen Kinderlärm brauchen, und Serena selbst hatte gelernt, ganz still zu spielen und hat nie Gefährten gehabt. So wußte sie denn nicht viel anzufangen unter fremden Kindern, die nichts nach ihr fragten; sie bekam bald wieder Heimweh nach ihrer Mama und war froh, wenn das Mädchen sie heimbrachte. Dann war sie wieder zufrieden, bei ihrer bleichen Mutter zu sitzen; sie verstand nicht recht, warum diese so oft seufzte: »Armes Kind!« Aber sie wurde daran gewöhnt und dachte selbst, sie sei ein armes Kind, obschon sie gerade nichts zu klagen hatte. Ihren Vater sah Serena gar selten. Er war Kaufmann, aber nicht ein Kaufmann mit einem offenen Laden, darin allerlei schöne Dinge verkauft werden, oder auch Kaffee, Zucker, Käse und Oel. Nein, er machte große Geschäfte, von denen Serena nichts verstand; dazu ging er schon früh morgens in die City; so heißt ein großer Stadtteil von London, in dem die meisten Geschäftslokale sind. Dort hatte er sein Kontor und von dort kam er erst abends nach Haus, wo in England zu Mittag gegessen wird. Da kam er denn jedesmal herauf zu Serena und ihrer Mutter und sagte: »Guten Abend, Kleine; guten Abend, liebe Anna, wie geht dir's?« Und die Mutter lächelte traurig und sagte: »Guten Abend, lieber William; du dauerst mich, daß du immer eine kranke Frau hast.« Dann redete er eine Weile mit der Mutter, stand wieder auf und sagte: »Aber ich mache dich müde, arme Anna; sei nur recht still und artig, Kleine, daß du der Mutter nicht Kopfweh machst!« Und damit küßte er sie und ging. So war es lange gewesen. Dann war ein Tag gekommen, wo die stille, bleiche Mutter noch viel stiller und bleicher geworden war, wo sie nicht mehr im Lehnstuhl saß, sondern ganz blaß in einem langen weißen Kleide auf dem Bette lag; wo Serena nicht recht verstehen konnte, warum die Leute sagten, ihre liebe Mutter sei jetzt im Himmel, und sie lag doch vor ihr. Die Dienstmädchen brachten schöne Blumen und legten sie auf das Lager, und Serena sah ihren Vater weinen zum erstenmal in ihrem Leben; es kam ihr alles sehr traurig vor. Und ein andrer Tag kam, wo sie die liebe Mutter in den Sarg legten; es war ein sehr feierliches Leichenbegängnis, wie es in England Sitte ist bei angesehenen Leuten. Die Pferde waren mit schwarzen Federn und schwarzen Floren geschmückt und viele, viele Wagen folgten dem Sarg. Nach diesem kam die Zeit, wo die kleine Serena erst so ganz allein war auf der Welt. Der Vater hielt sie noch für zu jung und klein, um schon eine Gouvernante zu haben. An das Kindermädchen war sie gewöhnt; es war gutmütig, wenn es auch gar nicht verstand, die Kleine zu unterhalten; es konnte sie morgens hübsch ankleiden und ihre Sachen in Ordnung halten: so hielt sie der Vater für ganz gut versorgt. Da saß denn Serena den lieben langen Tag allein in ihrer Kinderstube, wo die Fenster eiserne Gitter hatten, damit sie nicht hinausfallen könne. Das kam ihr vor wie ein Gefängnis und sie nahm ihre Puppe auf den Schoß und spielte mit ihr Genoveva, wie sie im Gefängnis war. Zu Mittag deckte man ihr unten im Eßzimmer an einem langen Tisch eine Serviette auf; darauf stand ihr Tellerchen und ihr kleines Besteck; da aß sie ganz allein und dann ging sie an guten Tagen hinunter in den trübseligen Hofgarten. Es wuchsen aber keine Blumen darin; nur hie und da stand ein Gänseblümchen, das war schon eine große Freude. Manchmal setzte sich auch ein kleines, rotes Käferlein auf ihre Hand; das hielt sie ganz sachte und freute sich dran; bis es seine kleinen Flügelein wieder ausspannte und davonflog; dann sah sie ihm traurig nach. Ihr Kindermädchen hatte sie ein Reimlein gelehrt: Herrgottsvög'lein flieg aus! Flieg' in meiner Ahne Haus, Bring' mir Aepfel und Birnen 'raus! Da hätte sie gern gewußt, wohin das Vögelein fliege; daß sie nicht mitfliegen konnte, das wußte sie ja wohl. Manchmal ging der dicke Doktor Schmid über den Hof, und Serena freute sich, so oft sie seinen schweren Tritt hörte. Herr Schmid war der Hausarzt, ein guter, alter Herr, der nie vorüber ging, ohne sein Späßchen mit der Kleinen zu haben. »Wie geht's, kleine Miß? Hat die Fräulein Puppe gut geschlafen?« »Potz, da haben sich ein paar Bonbons in meine Tasche verirrt, die wird die kleine Miß wohl essen müssen!« Es war schon eine große Begebenheit für Serena, wenn Doktor Schmid vorbeigekommen war. Ihr Vater kam meist spät nach Haus. Hie und da kleidete dann das Kindermädchen sie noch hübsch an und führte sie hinunter, wenn er beim Essen saß. Dann gab er ihr vielleicht einige Mandeln oder eine Feige von seinem Nachtisch und fragte: »Nun, kleine Serena, wie geht dir's? Brauchst du nichts? Geben sie dir auch genug zu essen? Du bist so dünn!« Serena war schüchtern, weil sie nie unter die Leute kam, selbst bei ihrem eignen Vater, den sie ja so selten sah; sie antwortete nur leise und wenig. Ihr Vater war gut und hatte sie lieb; aber er war nie viel mit Kindern umgegangen und wußte nicht recht, was er mit einem kleinen Mädchen reden sollte; so sagte er bald: »Nicht wahr, Kleine, du bist müde?« und Serena war auch ein wenig froh und erleichtert, wenn das Mädchen sie wieder hinaufführte. Einmal aber, nachdem Doktor Schmid dagewesen war, kam der Vater selbst in die Kinderstube, früh am Tage, noch ehe er in die City ging; er nahm die Kleine an der Hand, führte sie ans Fenster und sah ihr wehmütig in das schmale, blasse Gesichtchen. »Ja, ja,« sagte er, »es ist wahr, Doktor Schmid hat recht: du wirst mir ganz dünn und bleich in dem Käfig da; möchtest du aufs Land, Kleine?« »Aufs Land?« fragte Serena; »das ist, wo Kühe sind?« sonst hatte sie gerade noch nicht viel vom Lande gehört. Der Vater lachte. »Nun ja, Kühe auch, aber sonst noch allerlei schöne Sachen: grünes Gras, hohe Bäume und Blumen.« Serenas Augen glänzten vor Freude; sie sagte nur leise: »Aber Papa, ich kenne ja gar niemand auf dem Land, und so allein kann ich doch nicht hinaus gehen; ich weiß den Weg gar nicht aufs Land.« – »Das brauchst du auch nicht,« sagte der Vater wieder lachend. »Es lebt noch eine Tante von deiner lieben, seligen Mama; eine gar gute, alte Frau, die hat ein nettes, freundliches Haus auf dem Land und hat mir geschrieben, ich solle dich zu ihr schicken, wenn du groß genug seiest, daß du reisen kannst. Es ist sehr weit von hier; aber ein guter Freund von mir reist in der nächsten Woche und will dich mitnehmen; willst du, Serena? – Sie müssen dann die Kleine in die Stadt nehmen und ihr ein paar neue Kleidchen kaufen und Hüte, und was sie sonst braucht.« sagte er zur Haushälterin, küßte sein kleines Mädchen und ging fort. Serena aber tanzte in der Kinderstube herum, was sie sonst noch nie getan hatte, und lachte vor lauter Vergnügen. Ausgehen! Kleidchen kaufen! fortgehen, mit der Eisenbahn fahren und aufs Land! Sie freute sich gar zu sehr, aber ein bißchen fürchtete sie sich doch auch vor der weiten Reise mit einem fremden Herrn, und vor den Kühen, die nun einmal ganz unzertrennlich waren von ihrer Vorstellung vom Landleben. »Meinst du, sie stoßen mich nicht mit ihren Hörnern, Betty?« fragte sie immer wieder, als das Mädchen sie ankleidete. »Und wenn nur der Herr auch der Tante Haus weiß! Wenn er es ja vergessen würde, und ich müßte ganz fortfahren mit ihm in die weite Welt hinaus! Und die Tante, gelt, die wird alt sein und sehr lang und groß, wenn sie schon meiner Mama ihre Tante gewesen ist? Und weiß sie's denn, daß ich die Serena bin?« Die kleine Miß hatte in vielen Wochen nicht so viel geplaudert als heute, während Betty sie mit vieler Mühe ankleidete zu dem großen Ausgang, der eine ganz wunderbare Begebenheit war. Endlich aber war sie fertig und durfte fort mit der Haushälterin, weit fort in allerlei schöne Läden, wo man fertige Kinderkleider hat. Und die kaufte ein buntes Kleidchen und ein blaues für den Winter, das ganz weich und warm war, und ein weißes und ein rosenrotes. »Auf dem Land ist's warm,« sagte Frau Schneider, »da brauchst du schon leichte Kleider.« Und Serena dachte sich »das Land« wie lauter Sonnenlicht. Auch ein Strohhütchen kaufte man ihr und ein rundes Winterhütchen und niedliche Schürzen. »Auf dem Land muß man auch arbeiten,« sagte Frau Schneider; das konnte sich Serena nicht so recht vorstellen, wie sie auf dem Land arbeiten werde. Nach wenigen Tagen weckte Betty sie in aller Frühe, kleidete sie an und wickelte sie in ihr Mäntelchen. Der Vater selbst führte sie auf die Eisenbahn, die sie bis jetzt nur ganz von weitem pfeifen hören. Wie sie aber das unermeßliche Gewimmel von Menschen sah, das sich auf dem Bahnhof umtrieb, all den Lärm und das Geschrei hörte; da ein Paar, das sich weinend umarmte, dort andre, die sich stießen und drückten, um an die Kasse zu kommen: da ward ihr ganz ängstlich zu Mute; fast hätte sie lieber wieder mögen daheim sitzen in dem trübseligen Hofgärtchen, allein mit ihrer Puppe. Ihren netten, ganz neuen Koffer, mit glänzenden Nägeln beschlagen, in dem alle die schönen, funkelneuen Kleidchen waren, den trug so ein fremder Diener fort, weit fort auf einen andern Wagen, und sie hatte entsetzlich Angst, daß sie den in ihrem ganzen Leben nicht wieder sehen werde. Denn wie sollte man aus all den vielen, vielen Kisten, Koffern, Paketen und Schachteln der Serena ihr Köfferchen wieder herausfinden, und die Schachtel mit dem neuen Hütchen! Ganz ängstlich hielt sie sich fest an des Vaters Hand, als dieser sie an einen großen, schönen Wagen führte; da sollte sie hinein zu lauter fremden Leuten! Sie fürchtete sich, vor dem Vater zu weinen, und doch war ihr gar weinerlich zu Mut. Da hörte sie plötzlich eine fette, freundliche Stimme hinter sich: »Wie, was! will die kleine Miß nicht vorwärts? Meint sie, die Eisenbahn werde warten auf solche kleine Kreaturen?« Ach, das war ja der Doktor Schmid! – und er hatte einen Reiseüberrock an und eine Tasche umhängen, und eine blecherne Büchse in der Hand. Es war augenscheinlich, daß das der Herr war, der mitreiste; welches Glück! »Vorwärts, kleine Miß!« kommandierte Doktor Schmid – der eine kranke Schwester besuchen mußte in der Gegend, wo Serenas Tante wohnte – und ehe noch Serena ihre Verwunderung und Freude ausdrücken konnte, schob er sie mit einem gewaltigen Ruck in den Waggon. »Adieu, Töchterlein; meinst du denn, ich hätte dich allein reisen lassen? Grüß die Tante!« rief noch der Vater; dann aber ging's vorwärts, zuerst sachte, dann rascher und rascher, bis sie endlich pfeilschnell durch die Gassen von London fuhren, die Serena in ihrem ganzen jungen Leben noch nie gesehen hatte. Und so ging's denn in die Welt hinaus! Ganz sicher und geborgen lehnte sich das kleine Mädchen an die breite Gestalt des Herrn Schmid und sah nur hie und da mit ihren stillen Augen glückselig zu ihm hinauf. Der Doktor, der nie selbst ein Kind gehabt und dem etwas bang gewesen war, daß er sich auf der Reise mit einem kleinen Mädchen befassen solle, wurde auch ganz vergnügt über seine Schutzbefohlene und nannte ihr die Namen der Städte, an denen sie vorüberflogen. Serena behielt nicht viel davon; sie war des Reisens so gar nicht gewöhnt. Bald schlief sie ein, immer mit ihrem Köpfchen an den weichen, haarigen Aermel von Doktor Schmids warmen Reiferock gelehnt, und dieser hielt sich ganz still, um das kleine Mädchen ja nicht zu wecken. An einer Station wachte sie auf. Es war ein Eilzug, und so war es schon Mittag geworden, als sie zum erstenmal anhielten. Serena glaubte, sie seien am Ziel und griff hastig nach dem Körbchen, in dem ihre getreue Puppe schlief; aber Herr Schmid sagte: »Es eilt noch gar nicht, Töchterchen, wir haben zu fahren bis heute abend um sechs Uhr. Aussteigen wollen wir nicht; aber da komm und iß, kleine Miß!« Und Herr Schmid öffnete die blecherne Kapsel, die wunderbar viel enthielt: zwei kleine Teller, ein Besteck, Butterbrote mit Fleisch, Salz, kurz allerlei, was zu einer Mahlzeit gehört; dazu eine weiße Serviette, die breitete er auf seinen Knien aus, ordnete seine Mahlzeit darauf und lud das kleine Mädchen nochmals ein, es sich schmecken zu lassen. Dieses alles gefiel Seiena gar wohl, aber sie konnte nicht viel essen; sie war herzlich müde von dem langen, ungewöhnten Fahren. Als es wieder weiter ging, gab sie sich alle Mühe, die Städte und Gegenden zu betrachten, auf die ihr guter alter Freund sie aufmerksam machte, aber es wurde ihr zuviel; auch die Stationen gefielen ihr gar nicht, da es so düster war in den bedeckten Bahnhöfen, wo die Waggons hielten; sie schlief nicht mehr ein, aber sie sah mit recht müden Augen hinaus. Sie hatte immer geglaubt, wenn man reise, so müsse man erstaunlich viel erleben; sie aber erlebte nichts, als daß der gute Herr Schmid immer wieder seine Blechbüchse öffnete oder hie und da eine Dame sie mit ein paar Worten anredete. Endlich wechselten sie den Zug. »Nun, meine kleine, faule Miß, sind wir bald am Ziele.« sagte Doktor Schmid: »wie wird's gehen? Wirst deine Füßchen kaum mehr brauchen können, und den letzten Weg mußt du zu Fuß machen.« Ach, gehen! Das kam ja Serena ganz herrlich vor! Ihr war, als sei sie gewiß schon ein Jahr lang gefahren. Dieser Zug war kein Eilzug mehr, der nur an großen Stationen anhielt. Bald hielt er an einer netten, kleinen Station; ein Wärterhäuschen mit hölzernem Balkon, den dichter Efeu umrankte, und ein gar niedlicher Garten daneben, mit den allerschönsten, buntesten Blumen! Serena war ganz glücklich, als Herr Schmid sagte: »So, kleine Miß, jetzt bist du genug gefahren, nun darfst du gehen.« Sie konnte kaum auf ihren Füßen stehen, als sie ausstieg: aber es war ihr gar zu wohl, wieder in freier Luft zu sein, eine köstliche Luft, wie sie sie in London nie eingeatmet! Ihr Koffer und all ihre kleine Habe, um die ihr so bang gewesen war, wurden ganz sicher, ohne Schwierigkeit herbeigeschafft und auf den Bahnhof gestellt. Ehe sie sich in dem schönen Gärtchen noch recht umsehen konnte, kam ein älteres Frauenzimmer, gar sauber und einfach gekleidet, und fragte Herrn Schmid: »Wir erwarten heute ein Töchterlein von London; bitte, ist sie vielleicht mit Ihnen gekommen?« – »Freilich,« rief Herr Schmid. »Da komm her, kleine Miß; sieh, man will dich abholen zu deiner Großtante. – Bitte, wie ist Ihr Name?« fragte er das freundlich aussehende Frauenzimmer. »Sara,« erwiderte diese; »ich bin schon seit zwanzig Jahren im Dienst bei Frau Drummond; wir freuen uns alle zwei, daß die Kleine kommt.« Jungfer Sara gefiel der kleinen Serena gleich; sie hatte ein so nettes, braunes Kleid an mit weißen Blümchen, eine säuberliche, weiße Haube, und einen schön geflochtenen Korb am Arm. Nun aber mußte sie Abschied nehmen von dem guten, dicken Doktor, der ihr zulieb einen Umweg gemacht hatte und mit dem nächsten Zug zurückging. Der Abschied tat ihr leid und dem Herrn Schmid fast noch mehr; er schenkte ihr noch eine Menge Bonbons aus seiner Blechbüchse, so daß sie kaum Platz hatten im Körbchen neben der Puppe. Und er schaute ihr nach aus dem Wagen, als er schon davondampfte und Serena an der Hand der Jungfer Sara etwas schüchtern, aber doch seelenvergnügt den schmalen, grünen Pfad dahinging, der sich durch eine schöne Wiese schlängelte nach dem Wohnsitz der Großtante. Zu der Kleinen großer Beruhigung kam auch der Koffer mit den neuen Kleidchen und die Schachtel sicher hinter ihnen drein auf einem Handkarren, den ein alter Gärtner schob. Jetzt erst kam es Serena vor. als sei sie draußen in der Welt; es war da alles so ganz anders, als sie es je gesehen. – ein so weiter grüner Platz vor ihr – »und die Bäume mit rechten lebendigen Aepfeln!« rief sie in höchster Verwunderung – sie hatte noch nie einen Apfelbaum mit Früchten gesehen – und dort kamen wirkliche, wahrhaftige Kühe, die ihr früher in Gedanken schon so viel zu schaffen gemacht. »Nicht wahr, das ist jetzt auf dem Land?« fragte sie Sara ganz vergnügt. »Nun ja, wie man will.« sagte diese, die es beinahe ein bißchen übel nahm. »Es wohnt aber der Herr Pfarrer bei uns und ein Notar und ein Doktor, und das Landhaus der Madame Drummond ist sehr schön: so ganz und gar auf dem Lande sind wir doch nicht.« Serena verstand nicht, warum das nicht gerade das schönste sein solle, ganz auf dem Lande zu sein. Sie vergaß alle Reisemüdigkeit in dem glückseligen Gefühl, daß sie so im herrlichen Abendsonnenschein auf der weiten, freien Wiese hinwandeln durfte; sie hatte auch alles Bangen vor der unbekannten Großtante verloren, als sie von weitem das Landhaus sah, das schneeweiß sich aus dem grünen Wiesengrunde erhob. So groß und prachtvoll, wie Sara meinte, erschien nun dem kleinen Mädchen, das die Paläste von London gesehen hatte, das Landhaus »Marienruh«, wie es der selige Großonkel genannt hatte, eben nicht; aber so schön und so friedlich war ihr in ihrem Leben nichts vorgekommen. Der samtweiche Rasengrund vor dem Hause war mit einem leichten, schwarzen Gitterwerk eingefaßt; zu beiden Seiten stieg der silberne Strahl eines Springbrunnens von dem grünen Grund in die Höhe, und die Stufen, die zu dem Hause führten, waren mit den allerschönsten blühenden Blumenstöcken eingefaßt. Die Tante kam heraus, der Kleinen entgegen; ihr Gesicht war blaß, aber sehr freundlich, wie Mondschein. Sie trug auch ein braunes Kleid, das hatte aber keine Blümchen wie Saras: es war dunkel und vom feinsten Wollzeug; ihre Haube, Kragen und Manschetten, alles blendend weiß; es wurde einem ganz wohl und ruhig ums Herz bei der Tante Marie, sie hatte eine so gute, herzliche Stimme. »Grüß dich Gott, mein liebes Kind!« sagte sie liebevoll und nahm die kleine Serena in ihre Arme. »So groß wie du, ist deine Mutter gewesen, als meine liebe Schwester, deine Großmutter und ich noch beisammen lebten. Nun bleibe gern bei uns: wenn es dir nur nicht zu still hier ist nach dem großen, prächtigen London!« Zu still! Ach nein, dachte Serena, als sie um sich blickte: auf dem Seitenweg am Landhause vorüber zogen fröhliche Bauernkinder mit Ziegen und Böcken und Kühen unter lautem Lachen und Scherzen; ein kleiner muntrer Spitzer trieb sich auf dem Rasen herum und hüpfte dann wieder hoch hinauf an Serena, wie um sie zu begrüßen, und an einem offenen Fenster des Hauses sang und zwitscherte ein Kanarienvogel. – Was war das eine Lust und ein Leben, wenn Serena dagegen an das trübselige Hofgärtlein dachte! »Nein, Tante, zu still ist's mir gar nicht.« versicherte sie ernsthaft; »bei mir ist London nicht so prächtig gewesen, wie du meinst.« »Wie bleich sie ist, die arme Kleine,« sagte Sara mitleidig; »das kommt von dem Ruß und von dem Nebel in London, und ich höre auch, daß sie dort nichts Rechtes zu essen haben: Kalbshirn und Wasser statt Milch, und Gips im Brot! Wir wollen sie schon herausfüttern, daß sie rote Bäckchen bekommt!« Serena bekam ein eignes, kleines Kabinett neben dem Schlafzimmer der Tante. Sie schlief da herrlich in der ersten Nacht und wachte so fröhlich auf; sie fühlte sich gar nicht fremd, es war ihr, als sei sie schon lange bei der Tante gewesen. Ihr Zimmerchen war gar zu niedlich; sie hatte einen eignen Schrank zu ihren Kleidern und eine kleine Kommode, auch ein zierliches Tischchen, darauf ein Arbeitskörbchen stand. Freilich hatte noch niemand sie Handarbeiten gelehrt, obgleich sie bald sieben Jahre alt war; man hatte sich daheim nicht Zeit dazu genommen. Aber sie freute sich sehr darauf und konnte kaum erwarten, bis sie auf ihrem kleinen Stuhl sich neben die Tante setzen durfte. Im Körbchen war Stramin und farbige Wolle; da wollte sie denn in größter Eile die allerschönsten Sachen verfertigen. »Tante, soll ich dir einen Schemel nähen oder Pantoffeln; oder vielleicht einen Teppich für meine Puppe mit Rosen oder mit Astern, weil die jetzt im Garten wachsen?« Ja, das ging nicht so rasch! Wie sie nun lernen sollte, ein Stichlein ums andere machen, immer nur über zwei Fäden, da wurde ihr's gar bald langweilig; sie blieb nur aus Gehorsam gegen die Tante noch sitzen und war gar froh, als die große künstliche Uhr in der behaglichen Wohnstube zehn schlug und die Tante sagte: »So, nun ist's genug für heute: du kannst jetzt ein Weilchen spielen und dann um elf dein Buchstabenkästchen bringen, damit du lesen lernst und ein geschicktes Mädchen wirst.« Ja, zu spielen gab's genug: sie mußte doch zuerst ihre alte, liebe, heimatliche Puppe auspacken, Miß Mary genannt. Der hatte die Reise gar nicht geschadet; sie hatte so schöne, rote Backen als vorher und verwunderte sich gar nicht über den neuen Aufenthalt. Auch die gute Tante und Sara hatten für Serena eine Puppe fertig gemacht, ein Wickelkind in einem schneeweißen Bettchen mit einem grünen Schlummertuch darüber; das hatte ein gar hübsches, feines Wachsgesicht und konnte die Aeuglein schließen: das war zu schön! Serena hatte noch kein solches gesehen, obgleich sie von London kam, aber sie hatte dort ja keine Gespielen. Das war ihr nun ein gar zu liebes Kindlein; sie hieß es Klärchen, und Miß Mary wurde sogleich zur Kindsfrau ernannt. Freilich hatte das Kind einen etwas größern Kopf, als seine Bonne, aber das tat nicht viel: Miß Mary war doch jedenfalls viel älter. Es war sehr bald elf Uhr, und sie wäre vielleicht nicht gern mit dem Buchstabenkästchen zu der Tante gegangen, wenn das nicht eben auch etwas Neues gewesen wäre. Es war ein ganz niedliches, rotes Kästchen und Buchstaben wie ein Spielzeug. – Nun sollte sie also die einzelnen lernen: »a«, das war sehr leicht, auch »o« und »e«; aber sie sollte nun die Buchstaben, die sie gelernt, zusammensetzen und nachher in einem großgedruckten Buch wieder aufsuchen; das wurde nach und nach ein bißchen langweilig, und Serena schaute gar zu oft hinauf nach der Uhr. Diese Uhr war ein besonderes Kunstwerk; sie war von Bronze und stellte ein Hühnerhaus vor. Mit dem Schlage eins kam ein Hühnchen heraus, um zwei Uhr zwei und so immer weiter; Serena war hochvergnügt, als mit dem Schlage zwölf zwölf Hühnchen herausspazierten und sie ihre Buchstaben wieder zusammenpacken durfte. Bis zum Mittagessen, das man bei uns zu Lande Abendessen nennen würde, durfte Serena mit der Puppe spielen, und die ganze schöne Zeit vom Essen bis zum Schlafengehen durfte sie im Garten oder sonst im Freien zubringen. Vor dem Haus war nur der schöne Rasenplatz und hie und da unter dem Grün ein kleines Beet der herrlichsten Blumen; hinter dem Haus aber streckte sich ein großer Gemüsegarten hin, der an ein Wäldchen grenzte: alles lauter Freude und Herrlichkeit für die Kleine. Es war bereits ein Gärtchen für sie abgeteilt, um das ihr John, der alte Gärtner, eine Einfassung von Weidengeflecht gemacht hatte; in einem hölzernen Häuschen daneben fand sie eine ganz neue, kleine Hacke, Rechen und Gießkanne und einen niedlichen Schiebkarren, auf dem sie das Unkraut fortführen konnte. Das war nun eine Glückseligkeit! Sie hackte und rechte und grub mit allergrößter Lust und ließ sich von Sara Anweisung geben, wie sie Blumensamen aussäen sollte und Blumenstöckchen setzen. Bald hatte sie den Rasenboden ausgerupft, nur um genug Unkraut zu haben, das sie auf ihren niedlichen Karren laden konnte. Es gefiel ihr gar zu wohl bei der Tante; alles war schön und herrlich, nur das Arbeiten und das Lernen nicht; daran hatte sie am zweiten Tag schon genug, und als die Tante rief: »Nun bring' dein Buch, Serena!« da sagte sie ganz zutraulich: »Liebe Tante, ich will lieber gar nicht lernen und nicht geschickt werden, ich bin auch so vergnügt.« – »Nun, wenn du lieber willst, so wollen wir vorher ein wenig nähen.« – »Ja, nähen mag ich auch nicht, Tante.« – »So? willst du denn gar nichts tun?« – »O, freilich, Tante, recht viel will ich tun: spielen und im Garten arbeiten, und der Sara ein wenig helfen und herumspringen auf der Wiese und Blumen holen, und meine Kinder spazieren führen in dem netten kleinen Wagen. O Tante, ich habe so viel zu tun!« »Weißt du, liebe Serena, wer dich in diese schöne Welt erschaffen hat?« »Freilich weiß ich's,« sagte das kleine Mädchen, vergnügt, daß sie einmal etwas wußte, »der liebe Gott.« »Wozu bist du denn in der Welt?« Darauf hatte sich die kleine Serena noch nie besonnen, und es kostete sie einiges Nachdenken. »Nun, daß ich recht vergnügt sein soll,« sagte sie endlich, »und auch gut und brav,« gestand sie nach einer Weile noch zu. »Ja, Kind, du bist auf der Welt, daß der liebe Gott und gute Menschen eine Freude an dir haben sollen; dann erst kannst du recht vergnügt sein und wirst im Himmel einmal noch viel froher und glückseliger, als auf der Erde.« »Ja, wenn ich aber recht lustig bin und spiele, so hat der liebe Gott gewiß auch eine Freude.« »Aber wenn du nichts lernst, liebe Serena, so kannst du andern nie etwas tun und helfen, und dann kann sich der liebe Gott nicht an dir freuen; wenn du dir aber Mühe gibst, auch wenn du's nicht gern tust, und du lernst etwas, daß du andern helfen kannst und Freude machen, gib acht, kleine Serena, dann wird dein eignes Herzchen erst recht vergnügt und du spürst, daß dich Gott lieb hat. Du mußt noch viel lernen im Leben, Kind, was schwerer ist als Buchstaben und Kreuzstich; aber es geht leichter, wenn du als Kind gelernt hast, dein eigenwillig Herzchen zu überwinden.« So ganz verstand nun Serena nicht, wie die Tante es meinte; aber sie dachte, sie wolle einstweilen lernen und arbeiten, weil die gute Tante es wünschte, und es ging nicht so schwer; sie sprang dann so herzlich vergnügt in den Garten oder zu den Puppen, wenn sie fertig war. Sie fand alle Tage etwas Neues und etwas Schöneres; nur kam sie sich manchmal allein vor, wenn sie die Bauernkinder so lustig miteinander herumspringen sah, und doch wäre sie zu schüchtern gewesen, zu ihnen zu gehen, – sie war so gar nicht den Verkehr mit Kindern gewöhnt. Nun kam der Sonntag. Serena durfte das neue, kornblumenblaue Kleidchen anziehen und wandelte sittsam, ein schwarzes Büchlein in der Hand, obgleich sie noch nicht lesen konnte, an der Hand der Tante zur Kirche. Es war das erste Mal, daß sie ins Dorf kam, und es war solch ein netter Weg zwischen grünen Hecken, die die Wiesen und Aecker ringsum einfaßten! Von allen Seiten her kamen Bauersleute in ihrem Sonntagsstaat mit ihren Büchern und grüßten die freundliche Tante. Alles war so still, so feierlich, und ein goldner Sonnenschein lag über der weiten Flur. Serena war nie in einer Kirche gewesen, obgleich in London viel große und herrliche Kirchen sind. Die kranke Mutter hatte nicht hingehen können; den Dienstmädchen aber war es zu unbequem, sich mit dem kleinen Mädchen zu befassen. Da war sie denn am Sonntag morgen auf ihrem kleinen Stuhl an der Mutter Bett gesessen, und die hatte ihr mit schwacher Stimme schöne Geschichten aus der Bibel erzählt, aber eine Orgel und ein Kirchenlied hatte sie nie gehört. Es war nur eine kleine Kirche, in die sie in der goldnen Morgenfrühe mit ihrer Tante eintrat aus der hellen, sonnigen Welt da draußen; aber das Kirchlein stand so feierlich auf dem stillen, grünen Platz, rings umgeben von Gräbern und Kreuzen; so geheimnisvoll wurde es Serena zumute, als sie eintrat, in den kühlen, hohen Raum. Da klangen von der Höhe wunderbare Töne, nicht wie die Musik, die sie daheim wohl manchmal beim Vorbeiziehen der Soldaten oder von einem Klavier gehört hatte, – nein, wie ein Engelsgesang kam es ihr vor. Sie hob die Augen und sah das seltsame, silberglänzende Instrument, von dem die Wundertöne ausgingen – eine kleine Orgel von besonders reinem und schönem Ton. – Sie sah einen Knaben davor sitzen; aber es konnte doch wohl nicht sein, daß dieser solche wunderbare Musik machte! Nun begann der Gesang, und Serena versuchte mit ihrem schwachen Stimmchen mitzusingen, so gut es ging; dann kam der Geistliche auf die Kanzel. Serena kniete nieder zum Gebet; es fielen ihr die stillen Zeiten wieder ein in der Mutter Kämmerlein und wie die Mutter ihr gesagt, daß der liebe Gott alles höre, was sie auch noch so leise zu ihm sage. Sie mußte denken, wie schön es sei, daß jetzt alle die vielen Leute reden mit dem lieben Gott; sie konnte freilich noch nicht recht die Gedanken ihres Herzens in Worte fassen, aber sie dachte an die selige Mutter im Himmel und bat, daß sie auch einmal zu ihr kommen dürfe; sie dachte auch, ob sie den lieben Gott nicht bitten solle um ein kleines Mädchen, das mit ihr spielen könne; aber sie wußte nicht, ob das erlaubt sei in der Kirche. – Was nun der Pfarrer predigte, das verstand sie nicht so gut; sie verstand nur die schöne Geschichte, die er vorlas vom Heiland, der die Kindlein segnete. Das Orgelspiel und der schöne Gesang am Ende, die nahmen wieder ihre ganze Seele hin; sie hätte immer und immer darauf horchen und lauschen mögen. Als sie mit der Tante aus der Kirche ging, kam der Pfarrer der gepredigt hatte, mit einem Knaben, nicht viel älter als Serena, an der Hand. Er grüßte die Tante, und die sagte freundlich: »Nun, Edmund, willst du morgen nicht zu meiner kleinen Serena kommen und in ihrem eigenen Gärtchen spielen? »Gern,« sagte Edmund. Serena gab ihm auf den Wink der Tante die Hand; aber seine Augen, obgleich sie groß und hell waren, blickten so seltsam in die Luft hinaus; sie fühlte sich fast ein wenig scheu und war froh, als die Tante mit ihr heimwärts ging. »Tante,« sagte sie, »warum hat mich der Edmund gar nicht recht angesehen?« »Edmund ist blind,« sagte die Tante. »Blind?« Das konnte die kleine Serena gar nicht begreifen. – Sie hatte in London einen alten blinden Mann an Straßenecken spielen hören, sie hatte sich Blinde nur als alte Bettler gedacht; daß ein gutgekleideter, schöner Knabe wie Edmund blind sein solle, das ging über ihr Verständnis. »Ganz blind, Tante? Und er weiß gar nicht, wie die Welt aussieht und sein Vater und alle Leute?« »Gar nicht. Er ist blind geworden, als er noch ein ganz kleines Kind war; er hat nie die schöne Erde gesehen.« »Aber Tante, ist das denn auch recht vom lieben Gott? Du sagst ja, er sei lauter Liebe und Güte!« »So ist's, liebes Kind; auch wenn er deine liebe Mutter so früh zu sich genommen und Edmund hat blind werden lassen. Was Gott tut, das tut er, um die Menschenherzen zu sich zu ziehen, daß er sie seligmachen kann; warum er es so getan, das erfahren wir oft erst im Himmel. Auch mir hat der liebe Gott früh meine lieben Kinder sterben lassen, und mein einziger Sohn ist weit fort überm Meer; aber ich habe gelernt, nicht zu klagen, sondern mich zu freuen, bis ich beim Heiland sie wiedersehen darf und recht verstehen lerne, warum es der liebe Gott so gefügt. Gegen Edmund ist Gott aber sehr gut gewesen, er hat ihm ein frommes, fröhliches Herz gegeben und die schöne Gabe für Musik.« »O ja. Tante, das ist so wunderbar, daß er solche Musik selbst machen kann! Sehe ich ihn heute wieder? Aber ich fürchte mich ein wenig.« Serena fürchtete sich nicht lange vor dem blinden Edmund, den sein Vater nachmittags zur Tante brachte. Sie war anfangs noch etwas schüchtern, aber er wurde ihr bald ein ganz lieber Spielkamerad, so daß sie nicht mehr an ein kleines Mädchen dachte. Freilich war er etwas älter und größer als sie; aber das machte sie gerade stolz, daß sie einen so großen Knaben führen durfte. Die nächsten Wege um seines Vaters Haus und in seinem Garien wußte Edmund wohl; aber auf Pfaden, die er nicht gewöhnt war, mußte man ihn führen, und Serena tat es so nett und vorsichtig wie ein kleines Mütterlein; sie zählte für ihn die Treppen und bediente ihn beim Essen. Freilich rief sie anfangs noch oft: »Da sieh, Edmund, wie schönl« – »Sieh einmal den kleinen Käfer!« und erschrak dann, wenn sie dachte, es könnte ihn betrüben. Aber Edmund lächelte nur und sagte: »Ja, ich glaub's.« An Blumen hatte er eine große Freude, und es war eine seiner liebsten Unterhaltungen, wenn er in der Laube saß oder unter einem Baum in dem nahen Wäldchen, und Serena ihm eine Menge Blumen zutrug, aus denen er Sträußchen machte. Er freute sich dann, wenn Serena ihm sagte, daß sie schön ausgefallen seien. Springen konnte Edmund freilich nicht mit ihr. Auch mit der Puppe konnte er nicht gut umgehen; sie holte sie manchmal, und er sollte den Papa vorstellen. Das verstand er aber nie recht, und wenn sie ihm die Kleine auf die Arme legte und wohlgefällig sagte: »Behalt es nur ein wenig! Bei dir ist es am stillsten,« dann lachte er und sagte: »Es ist ja immerfort still,« und wollte nicht glauben, daß das Kind diesen Morgen schon geschrien habe. Aber Edmund konnte so schöne Geschichten erzählen; Serena konnte gar nicht genug bekommen. Auch lehrte er sie schöne Lieder und sang sie manchmal an dem Klavier der Tante, und es klang lieblich, wenn Serenas zartes Stimmchen darein tönte; die Tante hörte das zu gern. Edmund durfte nur in seinen Freistunden zu Serena kommen; denn obgleich er blind war, so mußte er doch arbeiten. Er lernte bei seinem Vater, und Serena hatte großen Respekt, wenn er sie puella hieß und lateinische Wörter lehren wollte. Auch lernte er Körbe und Matten flechten von einem geschickten Mann aus dem Dorf. Sogar lesen konnte er aus einem ganz künstlich gedruckten Buch, wo man die Buchstaben mit den Fingern fühlen konnte; nur gab es nicht viele Bücher, die so gedruckt waren. Edmund hatte selten Langeweile gehabt; doch war er nie zuvor so glücklich und vergnügt gewesen, wie jetzt mit seiner kleinen Gespielin. Die Knaben aus dem Dorf waren zu wild für ihn und hatten nicht lange Geduld mit dem armen Blinden. Serena aber war glücklich, daß sie nun Gesellschaft hatte; an lärmende Kinder war sie auch nicht gewöhnt, und es gefiel ihr gar zu wohl, daß sie für den großen Knaben sorgen durfte. Im Gärtchen pflanzte sie von jetzt an nur wohlriechende Blumen, die Edmund liebte, und Beeren, die er gern aß; auch spielten sie im Garten ihre schönsten Spiele. Am schönsten war es, wenn Edmund ihren Bruder vorstellte, der aus fremden Landen zu Besuch kam: dann führte sie ihn in die Laube und bereitete ihm einen Sitz von weichen Tüchern und trug ihm auf, was sie im Gärtchen hatte, oder was die gute Tante spendete; sie gab aber den Speisen allerhand vornehme und köstliche Namen. Die Haselnüsse hießen indianische Vogelnester und das Butterbrot Punschtorte, und wenn der weitgereiste Bruder genug geschmaust hatte, dann mußte er erzählen von den fernen Ländern, in denen er gewesen war, und das waren ganz wunderbare und schöne Geschichten; denn der blinde Edmund wußte viel von der Welt aus der Nähe und Ferne, was der Vater ihn gelehrt, und er behielt alles so gut, weil ihn nichts zerstreute. Auch große Reisen machten die Kinder zusammen. Das nahe kleine Wäldchen war ein amerikanischer Urwald, und wenn Edmund erzählte von den Affen, die jetzt über ihnen spielen in den hohen Bäumen, von den Riesenfröschen und ungeheuren Eidechsen: da bildete sich die Kleine am Ende ein, sie sei mitten drin und war seelenfroh, wenn sie wieder den grünen Pfad miteinander heimwärts wandelten und die Bauern unterwegs sie mit treuherzigem Gruße anredeten. Aber der blinde Edmund wurde auch Serenas Lehrer, und sie war aufmerksamer in seinen Lektionen, als in denen der Tante. Er konnte sie freilich nicht lesen und schreiben lassen; aber er lehrte sie Lieder und Sprüche, die heilige Geschichte und manches aus der Weltgeschichte, und sie mußte es ihm wiedererzählen. Sie tat das gern, auch weil es immer wieder Sachen gab, über die sie den großen Edmund belehren konnte. Das Beste aber, was sie von Edmund lernte, das war, ihr junges Herz mit all seinen kleinen Sorgen, die ja auch in einem Kinderleben nicht fehlen, vor den Vater droben zu bringen, der uns noch besser versteht als der beste Vater auf Erden. Und wenn sie von Edmund hörte, wie er oft so traurig und ungeduldig gewesen war, daß er nichts sehen durfte von all der schönen Welt, und wie er gelernt hatte, sich geduldig in Gottes Willen zu fügen, und sanft und freundlich zu bleiben bei allem, was er entbehren mußte, – da schämte sie sich ihrer kleinen kindischen Unarten und ihrer Ungeduld, wenn nicht alles nach ihrem Wunsche ging. Sie lernte andern zulieb auch tun, was sie nicht wollte, und sie wurde immer fröhlicher und zufriedener dabei. Fast drei Jahre hatten die Kinder so ein friedliches und glückliches Leben zusammen geführt. Einmal hatte Serenas Vater sie besucht; die Reise war sehr weit, und er konnte sich seiner Geschäfte wegen nie lang von Haus entfernen. – Er hatte ihr ein schönes, seidenes Kleidchen mitgebracht und war sehr freundlich; er sah so gern in Serenas Gesichtchen, das der seligen Mutter sehr ähnlich war, und freute sich von Herzen, daß sie jetzt so blühend und gesund aussah. Aber es ging ihm wie vor Zeiten: er wußte nicht recht, was er mit einem kleinen Mädchen reden sollte; er konnte unmöglich viel Vergnügen an ihrem Gesichtchen finden, und die neue Puppenfamilie, die sie selbst gekleidet hatte, verstand er gar nicht recht zu bewundern. Daß sie keine Gespielen haben sollte, als einen blinden Knaben, kam ihm auch traurig vor; er wußte ja nicht, wie glücklich die zwei Kinder miteinander waren. »Nun, sei nur ruhig, kleine Serena,« sagte er beim Abschied, »du darfst jetzt vielleicht bald wieder nach London, wo es so schön ist! Würdest du dich freuen, wenn du eine neue Mama bekämest?« Eine neue Mama! Das konnte sich Serena nicht recht vorstellen. Sie konnte sich ihre gute selige Mutter noch wohl denken, schneeweiß und blaß, wie sie im Sarge lag, mit lauter schönen Blumen bekränzt. Edmund hatte seine Mutter auch früh verloren; in seines Vaters Zimmer hing ein schönes Bild, wie ein lichter Engel himmelan schwebt und noch Grüße hinunterwinkt auf die Erde. So etwa dachte sie sich jetzt ihre Mutter; aber eine neue Mama auf der Erde, das war ihr nie eingefallen; sie vergaß es auch bald wieder und dachte nicht mehr daran. An einem recht schönen Abend saß Serena im Garten mit Edmund auf der kleinen Bank bei ihrem Gärtchen; oben in der Laube waren die Tante und der Herr Pfarrer beisammen und freuten sich über die Kinder. Edmund hatte seine kleine Violine und spielte die Melodie eines schönen deutschen Liedes, die er erst gelernt: »Was Gott tut, das ist wohlgetan ...« Serena aber legte ihr Püppchen in einen Korb zur Ruhe, weil es bei den sanften Tönen so leicht einschlafen konnte. Da kam Sara herunter: »Hier ist ein eigener Brief an Sie, Miß.« Das war der erste Brief, den Serena erhielt; ihr Vater schrieb selten, gewöhnlich an die Tante, und schrieb dann noch herzliche Grüße für sein kleines Mädchen dazu; diesmal aber war der Brief für sie selbst! Mit großer Freude und Begierde öffnete Serena den großen Brief, darin noch einer an die Tante war; aber sie wurde gar still, als sie ihn gelesen hatte. Sie ließ den Brief fallen und ließ ihr Köpfchen hängen und sagte kein Wort. »Liebe Serena,« schrieb ihr der Vater, »Du bist nun bald zehn Jahre, ein großes Mädchen, und es ist Zeit, daß Du Unterricht von guten Lehrern bekommst, wie sie hier in London zu finden sind. Du wirst auch eine Gouvernante bekommen, die Dich manches lehrt, was man auf dem Lande nicht lernt und nicht nötig hat. Damit Du aber nicht mehr so allein bist, wenn Du wieder zu mir kommst, habe ich eine neue Mama heimgeführt, die gut für Dich sorgen wird. Ich hoffe, Du wirst ihr ein gehorsames Kind sein. Meine liebe Frau, Deine neue Mutter, ist Witwe gewesen und bringt zwei Söhne mit, Robert und Richard; so triffst Du doch gleich Spielkameraden daheim an. Deiner lieben Tante will ich selbst noch vielmal danken für alle ihre Güte gegen Dich. Du bist ja so gesund und blühend bei ihr geworden, daß Du auch hier in London wohl bleiben wirst. Miß Martin, Deine neue Gouvernante, wird Dich in vierzehn Tagen auf der Station bei eurem Dorfe abholen. Wir freuen uns alle, bis wir unser Töchterlein hier haben. Deine neue Mama grüßt Dich freundlich.« Serena gab der Tante den Brief, der an sie eingeschlossen war, und sagte kein Wort. Sie blieb auch ganz still, als die Tante dem Vater Edmunds mitteilte, was in dem Briefe stand, und daß sie nun ihr Töchterlein verlieren müsse; – sie sah nur, daß große Tränen aus Edmunds blinden Augen flossen, und sie selbst wurde so traurig, daß sie nicht sprechen konnte. »Da werde ich recht allein sein,« sagte endlich Edmund leise und betrübt. »Komm nur, lieber Edmund,« sagte sein Vater freundlich, »Serena kommt morgen zu uns, heute reden wir nicht viel mehr davon.« Und Edmund legte stille seine Violine in das Kästchen, sagte gute Nacht und ging an seines Vaters Hand dem Pfarrhaus zu. »Tante,« sagte Serena heftig, als Edmund fort war, »ich will nicht heim! Ich bin so gerne bei dir, ich habe gar keine neue Mama nötig! Und Brüder brauche ich auch nicht! Ja, wenn es ein nettes, kleines Brüderlein wäre! Aber das werden gleich so große, dicke Buben sein, die wollen nichts von mir; der Edmund hat mich viel nötiger; wer soll ihn denn führen? Und in den kalten Hof daheim mag ich auch nicht wieder; bei dir ist es viel schöner. – Nein, ich gehe nicht!« Die Tante ließ sie ruhig ausreden. Dann fragte sie nur: »Weißt du noch das vierte Gebot, Serena?« – »Du sollst deinen Vater und deine Mutter ehren,« sagte Serena etwas verlegen. »Aber weißt du, Tante, das will ich ja; hier bei dir will ich meinen Vater so sehr ehren, wie ich nur kann; ich möchte bloß nicht nach London!« »Ehrst du denn deinen Vater, wenn du seinem Willen nicht folgst?« fragte lächelnd die Tante, und Serena schwieg beschämt. »Liebes Kind,« fuhr die Tante fort, indem sie sie zu sich zog. »Du weißt selbst wohl, daß es Gottes Wille ist, daß du deinem Vater folgst. Alles, was der liebe Gott in deinen Weg schickt, es mag dir nun angenehm sein oder nicht, das mußt du ansehen wie einen Ruf: ›Komm zu mir, mein Kind!‹ und mußt dann suchen und sehen, daß der neue Weg, den du gehen mußt, dich näher zu Gott bringt, auch wenn er nicht angenehm aussieht.« »Aber, Tante, daheim brauchen sie mich nicht, und Edmund hat mich so nötig; und du auch ein bißchen, Tante, nicht wahr?« setzte sie schüchtern hinzu. »Ich kann ja doch die Tassen waschen und den Vogel füttern und den Staub abwischen; da hat Sara doch viel zu schaffen, wenn sie das alles wieder allein tun muß!« »Freilich,« sagte die Tante und küßte sie auf die Stirn, und Tränen standen in ihren Augen. »Es wird uns allen sehr fehlen, unser Töchterlein; aber es ist deine Sache, liebes Kind, so zu sein, daß du denen daheim lieb wirst wie uns, daß sie sagen: ›Gottlob, daß wir unsere liebe Serena haben!‹ Probiere es nur! Wo man Liebe erzeugt recht von Herzen, da wird man auch nötig.« Die Tante hatte sehr recht. Aber traurig war Serena doch; sie glaubte, sie hätte gewiß genug von Edmund und seinem Vater lernen können und hätte keine Lehrer von London gebraucht. Die Kinder waren sehr betrübt, als sie zusammen noch alle ihre lieben Spaziergänge aufsuchten. Edmund hatte jedoch frühe gelernt, sein Herz in Gottes Willen zu ergeben; er tröstete Serena noch und half ihr geduldiger werden. Aber es war ein gar zu trauriger Morgen, als Serena zum Abschied ihre Hand in die seine legte; als sie scheiden mußte von dem lieben, schönen Hause, von ihrem Gärtchen, von allem, was ihr so teuer geworden war: sie meinte, sie könne in ihrem ganzen Leben nie mehr froh werden. Miß Martin, die Gouvernante, die sie auf der Station traf, sah sehr steif, lang und gerade aus und wußte mit dem weinenden Mädchen nicht viel anzufangen, als daß sie ihr sagte, es sei unschicklich, auf der Eisenbahn zu weinen. Serena konnte aber doch lange nicht aufhören, bis sie ganz matt ihr Köpfchen zur Seite neigte und einschlief. Die Reise war sehr lang, und Serena todmüde, als sie endlich in London eintraf; sie wurde mit Miß Martin hinaufgeführt ins Speisezimmer, wo ihr Vater und die neue Mama am Tische saßen. Ach, sie sah so ganz anders aus, als die liebe, selige Mama mit dem feinen, blassen Gesicht und den weißen Kleidern, wie Serena sie im Gedächtnis hatte! Es war eine stattliche, geputzte Dame; sie bot aber Serena sehr freundlich die Hand und sagte: »Nun, sei willkommen daheim! Ich hoffe, daß du gern bei uns sein wirst.« Der Vater nahm sie in die Arme und küßte sie, was er sonst nie getan hatte, und Serena meinte sogar, sie sehe eine Träne in seinem Auge. Sie musste sich setzen und Tee trinken mit den Eltern. In einer Ecke der Stube hörte sie immer einen dumpfen Lärm, bis mit großem Gepolter der Lehnstuhl, der dort stand, umfiel, und zwei krausköpfige Buben zum Vorschein kamen, die auf dem Boden herumpurzelten. »Wie, Dick und Bob, schämt euch!« rief die Mutter; »geht gleich her und gebt Schwester Serena die Hand! Die wird noch keine so unartigen Schlingel gesehen haben, wie ihr seid.« »Ja, das ist wahr,« hätte Serena beinahe gesagt, da sie noch Edmunds sanftes, freundliches Wesen im Sinne hatte; aber es fiel ihr doch ein, daß das nicht sehr höflich wäre. So bot sie denn den neuen Brüdern, Robert und Richard, was nach englischer Sitte in Bob und Dick abgekürzt wurde, die Hand; sie murmelten etwas vor sich hin und zogen sich alsbald zurück. Auch Serena war froh, als man ihr das neue, sehr nette Zimmer zeigte, das sie und Miß Martin nun miteinander bewohnen sollten. Sie schlief bald ein und träumte von der Tante und von Edmund und ihrem Gärtchen, bis sie am Morgen mit hellen Tränen aufwachte, als ihr einfiel, wie weit, weit sie sei von jener lieblichen Heimat. Brief Serenas an ihre Tante »Ach, liebe Tante, das hätte ich gar nicht geglaubt, daß ich an Dich noch werde heimlich schreiben müssen! Aber, siehst Du, gestern habe ich an Edmund geschrieben und habe ihm alles gesagt, wie ich so traurig bin, und wie ich das Heimweh nach euch habe. Da hat Miß Martin meinen Brief gelesen und gesagt, das sei ganz unpassend, wie ich geschrieben, sie wolle mir den Brief diktieren, und ich mußte anfangen: ›Wertgeschätzter, junger Freund!‹ und das ist ja nicht wahr. Edmund ist gar nicht mein junger Freund, ich bin über ein Jahr jünger als er, und so habe ich einen ganz steifen Brief schreiben müssen. Du wirst ihn ja sehen, liebe Tante, sag' nur dem Edmund, daß ich nichts dafür kann. An Dich will sie mir auch noch einen Brief diktieren, aber ich schreibe jetzt geschwind heute, wo sie ausgegangen ist, und der Laufjunge unten trägt ihn mir auf die Post, meinen Brief nämlich. O, liebe Tante, wenn ich doch wieder bei Dir wäre! Die neue Mama ist nicht bös gegen mich, gar nicht wie die Stiefmütter im Märchen. Aber sie muß immer sehr viel Besuche machen, oder es kommen Damen zu ihr, und ich esse oben im Lehrzimmer mit Miß Martin, und die belehrt mich in einem fort, und das ist so langweilig. Ich darf nicht mehr allein spielen im Hofgärtchen wie vor drei Jahren; ich muß jetzt mit Miß Martin spazieren gehen, immer den nämlichen Weg, und immer sagt sie, ich soll aufrecht gehen und die Füße auswärts setzen, und das ist auch so langweilig. Wenn ich doch nur ein einziges Mal wieder in meinem Gärtlein sein könnte oder im Wald mit Edmund! Und die Buben! O, liebe Tante, wie sind doch die Buben so bös und so unartig, und so wild! Sie schreien und lärmen in einem fort und jagen die Katze im Haus herum, oder plagen den Hofhund, daß er heult; und gegen mich sind sie so grob und lachen mich aus und sagen, ich sei ein Paradiesvogel und eine Marzipanjungfer, weil ich nicht so wild sein kann wie sie, und wenn ich es der Miß Martin sage, und die klagt es der Mutter, so gibt sie ihnen wohl einen Puff, aber sie sagt dann doch: »Das kleine Mädchen kann aber auch gar nichts ertragen!« und ich merke wohl, daß sie über mich ärgerlicher ist als über die unartigen Buben. O, liebe Tante, wenn ich doch bei Dir wäre und bei Edmund! Ich muß alle Nacht weinen, wenn ich in mein Bett komme, und Miß Martin sagt, ich sei so verdrossen und undankbar. Nicht wahr, liebe Tante, bei Dir bin ich nicht verdrossen gewesen und auch nicht undankbar? Aber ich darf nicht mehr schreiben; sie hat mir ja noch eine französische Konjugation aufgegeben, und ich muß eilen, daß ich dem Laufburschen noch den Brief geben kann: Porto kann ich keines bezahlen. O, liebe Tante, wenn ich nur noch bei Dir wäre! – und wenn jetzt noch ein Brief von mir kommt, der anfängt: ›Hochverehrte Frau Tante!‹ so glaub's nur nicht; es ist nicht wahr, und der Brief ist dann nur diktiert. Der aber gilt, und ich grüße Dich von Herzen. Deine betrübte Serena.« Die Tante an Serena »Ja, meine liebe Serena, das wäre freilich eine Freude, wenn Du noch bei uns sein könntest; wir denken viel an Dich. Sara tut es leid, daß sie kein Leibgericht mehr für Dich kochen kann; selbst unser Vögelein schaut oft aus seinem Käfig, als ob es Dich suchen wollte, und Deiner alten Großtante fehlt es recht um ihr Töchterlein. Weil es aber nicht sein sollte, so bitte ich Gott, daß es zu Deinem Heil und zu Deiner Eltern Freude sein möge, daß Du bei ihnen bist. Edmund ist vielleicht am meisten um Dich betrübt, aber er sagt nicht viel davon. Er sagte zu mir am zweiten Tag: ›Ich kann meinem Vater nicht soviel Freude machen wie ein gesunder Sohn, der helle Augen hat und geschickt und berühmt werden kann, da will ich ihn doch nicht betrüben mit meiner Traurigkeit.‹ Und er spielt sein Klavier und singt so schön, daß alle eine Freude haben; er flicht jetzt ein feines Körbchen, das Du bekommen sollst. Alle Morgen läßt er ein paar arme kleine Knaben vom Dorf kommen, solange ihre Eltern auf dem Feld sind; denen erzählt er aus der Bibel und andere schöne Geschichten und lehrt sie Lieder. Es sind freilich keine Gespielen für ihn, wie Serena war; aber sie haben ihn sehr lieb, und es ist so nett zu sehen, wie jeder der kleinen Bursche sich Mühe gibt, seinem blinden Lehrer eine kleine Freude zu machen: sie bringen ihm feine Weiden, Blumen und Obst, und sind ganz stolz und vergnügt, wenn sie ihn führen dürfen. Wie wär's, wenn auch meine liebe Serena versuchen würde, andern eine Freude zu machen, statt daß sie so gar viel an alles denkt, was ihr fehlt? Wenn Deine Mama gut gegen Dich ist und nicht wie eine Stiefmutter, so sei auch du ein gutes Kind und bringe ihr ein williges, freundliches Herz entgegen. Deine liebe, selige Mutter war krank und darum immer bei Dir; eine gesunde, junge Frau lebt anders. Je mehr Du Dir Mühe gibst, ein gutes, freundliches Kind zu sein für Deine Eltern auf Erden, desto gewisser kommst Du einst zu Deiner seligen Mutter im Himmel. Bitte Miß Martin, daß sie Dich lehrt eine hübsche Arbeit machen für Deine Mama; so sieht sie doch, daß Du den guten Willen hast, ihr Freude zu machen, und laß Dir's nicht entleidet sein, wenn Miß Martin Dich belehrt; wenn sie Dich aufrecht gehen heißt und die Füße auswärts setzen, so tu es nur! Deine alte Tante hat manches nicht gesehen, was doch nötig ist für ein gut erzogenes Mädchen. Ein paar gesunde starke Buben, wie Deine Brüder, werden freilich wilder und wohl auch unartiger sein, als unser Edmund, den der liebe Gott so früh schon besonders in seine Schule genommen hat. Aber versuche, wenn Du ihnen freundlich und gefällig bist, ob sie nicht auch freundlicher werden! Und vor allem, liebes Kind, bitte Gott um ein liebevolles Herz, daß Du gern und von Herzen tun kannst, was Du ihnen zulieb tust. Gib nur acht! der Bob und der Dick sind am Ende nicht so schlimm, und Du wirst noch gut Freund mit ihnen werden. Was mir aber am meisten am Herzen liegt, liebste Serena, das ist, daß Du offen und wahrhaftig bleibst in allem bis auf den innersten Grund Deiner Seele; nichts Verstecktes, liebes Kind, auch wenn es unschuldig scheint! Schreibe mir nie mehr heimlich, auch an Edmund nicht; Dein Herz verstehe ich doch, auch wenn Du mich eine verehrte Frau Tante heißt. Du weißt nicht, welch köstliche Gut es ist, wenn man jedem Menschen mit klarem Auge ins Gesicht sehen kann. Wer sich angewöhnt, etwas Heimliches und Verstecktes zu haben, der ist am Ende gegen den lieben Gott und gegen sich selbst nicht mehr wahrhaftig; davor behüte Dich der Herr! Denkst Du daran, liebes Kind, wie Du nicht hast lesen lernen wollen? Wie bist Du seither oft so froh gewesen, daß Du es gelernt hast. Daß Du nun aus unsrem stillen, friedlichen Leben in eine andre Welt gekommen bist, das ist auch eine Schule; darin sollst Du lernen, andern in Liebe zu dienen und ein freundliches und friedliches Herz zu bewahren, auch wo es schwer scheint. Gott sei mit Dir, mein liebes Mädchen! Versuch's einmal, besinne Dich zuerst, nicht auf das, was Dir jetzt lieb wäre, sondern was Du den Deinen zuliebe tun kannst. Sei fröhlich und zufrieden und behalte lieb Deine alte Tante.« N.S. »Edmund hat Deinen Brief erhalten und sich doch daran gefreut, wenn er auch weiß, daß Du allein anders geschrieben hättest. Mit seiner kleinen Druckerei hat er jetzt gelernt, Worte zusammensetzen, und will bald einen Brief an Dich drucken.« – Serena fühlte wohl, daß die Tante recht hatte. Es kam ihr auch alles gar leicht zu erfüllen vor; sie wollte nun auf einmal friedlich und glücklich leben mit jedermann und durch lauter Liebe und Freundlichkeit die Herzen der wilden Brüder gewinnen. – Aber es ging nicht so von selbst, wie sie gedacht, und wenn die Buben sie auslachten mit den kleinen Freundlichkeiten, die sie ihnen erzeigen wollte, und sagten: »O, jetzt stellt sie sich nur so brav, daß man sie loben soll und uns zanken!« oder wenn sie die Katze in ihr Stübchen sperrten, daß sie ihre Blumenstöcke umwarf und ihre Sachen verdarb, dann wurde sie auch wieder böse und heftig; und wenn die Buben schrien: »Ja, jetzt ist's aus mit ihrer Artigkeit; sehet, jetzt ist sie wieder zornig!« so weinte sie bitterlich und hatte Heimweh nach dem sanften Edmund und nach der Tante. Aber die Tante hatte gesagt, sie solle Gott bitten um ein liebevolles, geduldiges Herz. Das wollte sie nun doch versuchen; sie sah, daß sie allein es nicht zustande brachte, ihre guten Vorsätze zu erfüllen. Der Mama, die in letzter Zeit oft nicht recht gesund war, wurde es selbst zu viel mit den wilden Burschen. Man schickte sie zu einem Lehrer in der Nachbarschaft; dort blieben sie die ganze Woche und kamen nur an Sonn- und Feiertagen nach Haus. So wurde es denn ruhiger im Haus, und Serena gewöhnte sich mehr an die Lehrstunden und an die steifen Spaziergänge mit Miß Martin, nur einmal in ihrem Leben, dachte sie, möchte sie noch der Tante Landhaus sehen und das schöne, frische, grüne, weite Land! Einmal war Miß Martin unwohl, und Serena durfte in ihrer Erholungszeit wieder hinunter in das alte Hofgärtchen, wo sie sonst so oft mit ihrer Puppe gesessen. Sie nahm ein Buch mit und setzte sich auf das steinerne Bänkchen; von da sah man gerade hinüber in die Schule, die Robert und Richard besuchten. Eben klopfte es drüben ans Fenster, es war eine Pause; Robert schaute herüber und winkte ihr mit aller Macht. Serena war in großer Not; sie war so ängstlich der Schule näherzugehen, wo sich so viel wilde Knaben umtrieben, und doch fürchtete sie sich wieder, den Brüdern etwas zu verweigern. Die andern Knaben spielten auf der hintern Seite des Hauses. Ganz ängstlich, mit Zittern und mit Zagen, trat sie näher. Robert ließ ein Briefchen an einem Faden herunter. Serena nahm es mit klopfendem Heizen und setzte sich auf einen Stein, um es zu lesen; sie war so gar nicht an solches Heimlichtun gewöhnt, und es war auch noch Geld in dem Briefchen! Was stand darin?« »Liebe Serena!« – nun, das war verwunderlich, daß der grobe Bob so freundlich schrieb! – »Wir möchten gern in unsrer Klasse unten einen feuerspeienden Berg mit Pulver machen: aber der Herr Rektor erlaubt nicht, daß wir Pulver haben, und wir dürfen nicht ausgehen. Da ist Geld. Du willst ja immer so gefällig sein: hole uns gleich Pulver bei dem Kaufmann an der Ecke und binde es an die Schnur! Wenn du schnell gehst, so reicht es noch, und ich bin dann Dein getreuer Bruder Robert.« Ach. wie gern hätte Serena den Buben einen Gefallen getan! Aber sie fühlte und wußte gleich, daß das, was sie wollten, nicht recht sei. Der Vater selbst hatte oft gesagt, es sei so sehr gefährlich, mit Pulver zu spielen, und man sollte es gar nie Kindern ohne Aufsicht in der Hand lassen. Und doch wußte sie, wie bös die Knaben über sie sein würden: aber sie mußte tun. was recht war. Robert sah noch zum Fenster heraus. Serena schüttelte traurig ihr Köpfchen, sie knüpfte rasch das Papier mit dem Geld wieder an die Schnur und wendete sich dann ab, damit sie das böse Gesicht Roberts nicht sehen konnte. Sie war ganz traurig: hatte sie doch getan, was recht war, und sollte sich jetzt die Brüder verfeindet haben! Ja, das war freilich ein betrübter Sonntag, als Bob und Tick heimkamen! Sonst waren sie an dem einzigen Tag freundlicher gewesen als gewöhnlich und hatten gern mit Serena gespielt: jetzt machten sie greuliche Gesichter und redeten kein einziges Wort mit ihr. Wenn sie versuchte, freundlich zu sein und ihnen einen kleinen Dienst zu tun. so drehten sie ihr den Rücken und sprachen zusammen ganz laut von »falschen, scheinheiligen Dingern, die sich nur gut anstellen«. Die Mutter kam nicht viel in die Kinderstube und bemerkte es nicht, und Serena wollte nicht klagen. Aber recht betrübt war ihr kleines Herz, als sie an diesem Abend zu Bette ging. Sie hatte sonst wohl gedacht, Sorgen seien nur etwas für alte, große Leute, jetzt aber wußte sie auf einmal, was Sorgen sind. Sie wollte so gern mit jedermann gut und freundlich leben, und nun hatte sie den Haß der Brüder auf sich geladen, und sie durfte es keinem Menschen sagen, sonst hätten sie sie erst recht für eine Angeberin gehalten. Ganz in Tränen schlief sie ein; aber sie hatte doch nicht vergessen, auch dieses junge Herzeleid dem lieben Gott zu vertrauen und ihn um Hilfe zu bitten. Sie wachte früh auf am andern Morgen. Miß Martin schlief noch, und auch Serena blieb eine Weile behaglich liegen und schaute die schöne Schweizerlandschaft auf dem gemalten Fensterrouleau an. Ihre Tränen hatte der gesunde Schlaf getrocknet, aber ihre Sorgen hatte sie doch nicht vergessen. Da – kam ihr auf einmal ein guter Gedanke; ja, das mußte gehen! Ganz vergnügt wurde sie über ihren glücklichen Einfall und begann so rasch, sich anzukleiden, daß Miß Martin verwundert aufschaute; denn sonst stand Serena zwar folgsam auf, wenn sie ihr rief, aber nicht gerade mit besonderm Vergnügen. Sie fand immer ihr Bett gerade am besten und schönsten, wenn sie es verlassen mußte. Die Knaben kamen zum Frühstück ins Lernzimmer herauf, ehe sie wieder in ihre Schule einrückten. Sie bemühten sich aufs neue, ihre Verachtung gegen die arme, kleine Schwester auf die großartigste Weise an den Tag zu legen. Diese ließ sich's diesmal nicht so kümmern, gab sich auch nicht mehr besondere Mühe, sie zu versöhnen; sie war ganz beschäftigt mit ihrem neuen Plan. Beim Gehen verabschiedeten sich die Brüder viel höflicher als sonst von Miß Martin; an Serena aber, die ihnen die Hand bot, gingen sie trotzig vorüber, ohne ein Wort zu sagen, so daß die Gouvernante verwundert fragte: »Was haben denn die Bursche? Hast du Streit mit ihnen gehabt?« Serena hatte noch eine Träne im Auge, aber sie sagte leicht: »O, sie werden schon wieder gut werden!« und ging rasch an die Arbeit, damit Miß Martin sie nicht weiter fragen sollte. Es traf sich glücklich, daß gerade heute der Vater nicht ausging, sondern unten in seinem Zimmer arbeitete. Um elf Uhr, wo Verenas Freistunde war, klopfte es ganz leise an seine Tür. »Herein!« rief er und war verwundert, als sein Töchterlein eintrat, ganz schüchtern, denn sie war in ihrem Leben nie in Papas Arbeitszimmer gekommen. Dem Vater war das sanfte, stille Kind, das ihn noch nie betrübt hatte, lieber, als er sagen und zeigen konnte. »Nun, was will mein Töchterlein?« fragte er freundlich: »wie, komm näher, Kleine!« »Papa,« sagte Serena, immer noch ängstlich; »ich habe eine große Bitte; willst du sie erfüllen?« »Gern, mein Kind, nur nicht, wenn du wieder fort willst aufs Land und in die weite Welt.« Fast wären Serena die Tränen gekommen, wenn sie dachte, wie schön es wäre, wieder einmal aufs Land zu kommen; aber sie nahm sich zusammen und sagte: »Nicht wahr, Papa, übermorgen feiert man die Pulververschwörung?« »Na, die Pulververschwörung feiert man gerade nicht,« sagte lächelnd der Vater; »aber man feiert den Tag, wo durch die Entdeckung der Pulververschwörung ein schweres Unglück abgewendet worden ist.« »Papa, nicht wahr, man brennt manchmal dem Tag zu Ehren schönes Feuerwerk ab.« fuhr Serena herzhafter fort; »möchtest du nicht in unserm Hofgärtchen ein kleines Feuerwerk anstellen? Dick und Bob hätten so große Freude daran, sie haben noch nie eines gesehen und dürfen in der Schule nicht mit Pulver spielen.« »Ei, sieh da, wie üppig mein Töchterlein ist!« sagte gut gelaunt ber Vater; »will sie gar ein eignes Feuerwerk im Haus! Nun, gedulde dich nur, wir wollen sehen!« »Aber gar niemand vorher davon sagen, Papa!« bat Serena ganz vergnügt, da sie wohl merkte, daß der Vater es tun werde. »Bewahre, keiner Seele!« versicherte dieser, und Serena eilte getröstet zu ihren Lektionen zurück. Der Tag der »Pulververschwörung« ist ein freier Tag in allen Schulen in England; auch Bob und Dick waren daheim, aber keineswegs liebenswürdig; recht langweilig und brummig trieben sie sich im Spielzimmer herum. »Heinrich Melton darf heute mit einer rechten Pistole schießen.« erzählten sie sich, »und Eduard Braun läßt zwei Raketen los, und wir, wir dürfen nicht einmal reden von Pulver! Das scheinheilige Ding, die Serena, hat's gewiß dem Vater gesagt, daß wir haben kaufen wollen; wenn man ihr nur auch einen rechten Possen tun könnte!« Serena ertrug ihre finstern Gesichter ganz geduldig und freute sich nur auf den Abend. Die Kinder durften diesmal mit den Eltern essen. Alle waren verwundert, als nach Tisch, wie es schon dunkel war, der Vater sagte: »Kommt, wir wollen ein wenig in das Gärtchen hinuntergehen; zieh dich warm an, liebe Frau! es wird kühl.« Das war unerhört, daß der Vater ins Gärtchen ging, und dazu noch abends! Die Buben brummten vor sich hin: »Das ist jetzt ein rechtes Vergnügen, daß die ganze Familie in dem kleinen Winkel da drunten 'rumspazieren soll.« Unten aber stand der alte Diener mit einer Laterne und allerlei geheimnisvollen Anstalten beschäftigt: nahe dem Haus waren Sitze, auf denen sich die Familie erwartungsvoll niederließ. Zsch! zsch! da stiegen drei prachtvolle Raketen pfeilgerade, hoch, hoch an den dunkelblauen Himmel hinauf und fielen in glänzenden Sternchen von allen Farben wieder herunter; und ehe noch das vielstimmige bewundernde »Ah!« verklungen war, stiegen ganz leise strahlende Kugeln, rote, blaue, grüne, aus romanischen Lichtern empor, und als die verglüht waren, drehten sich prächtige Feuerräder und warfen schimmernde Funken nach allen Seiten; dann stiegen Schwärmer wie feurige Schlangen, stille Leuchtkugeln, bengalische Feuer. Die Buben waren ganz außer sich vor Verwunderung und Vergnügen, sie jauchzten und schlugen Purzelbäume; in der ganzen Nachbarschaft schaute alles zu den Fenstern heraus, und es erhöhte den Stolz und die Freude der Knaben nicht wenig, daß ihr Feuerwerk von der ganzen Nachbarschaft bewundert wurde. Ein Schwärmerkasten, der mit ganz ungeheurem Geprassel seine feurigen Schlangen nach allen Seiten hinausschleuderte, steigerte das allgemeine Vergnügen aufs höchste und bildete den Schluß der Feierlichteit. »Aber das war schön!« riefen die Knaben in vollem Jubel; es fiel ihnen sogar ein, aus freien Stücken hinzuzusetzen: »Danke Papa!« – »Wie ist dir's denn eingefallen?« fragte die Mutter, auch vergnügt über die Freude ihrer Jungen. »Es ist mir gar nicht eingefallen,« sagte der Vater; »da, bedankt euch bei der Serena! Die hat mir keine Ruhe gelassen, bis ich ihr versprochen, ihren galanten Brüdern eine Freude zum Feiertag zu machen.« »Ist's wahr?« rief Richard verwundert; »nun, so ist sie doch brav und hat sich nicht nur so gestellt!« »Komm her, Serena,« schrie Bob, »gib mir einen Patsch, du bist ein famoser Kerl!« Serena mußte lachen, daß sie ein famoser Kerl sei. Die Mutter streichelte ihren blonden Scheitel und sagte freundlich: »Das ist nett. Kleine, daß du daran denkst, deinen Brüdern eine Freude zu verschaffen; sie haben's nicht um dich verdient.« Heute abend war große Eintracht in dem kleinen Reich der Kinderstube und die Kinder spielten höchst vergnügt zusammen. Serena vergaß nicht, ehe sie einschlief, dem lieben Gott zu danken, daß er ihr geholfen, ihre Betrübnis so in Freude zu verkehren. Gar zu lang dauerte nun freilich die Dankbarkeit der Brüder nicht; sie fingen bald wieder an, Serena zu necken und zu plagen; doch wurden sie nie mehr so ganz unartig gegen sie. Serena nahm sich's aber auch nicht mehr so zu Herzen; denn sie hatte eine andere große Freude erlebt: – ein niedliches, kleines Brüderchen lag auf schneeweißen Kissen im Zimmer der Mama drunten und schlief mit seinem runden Köpfchen und machte manchmal seine verschlafenen Aeuglein auf: die waren so blau wie Serenas Augen und wie die der seligen Mutter, und die neue Mama hatte doch braune Augen! Serena war unbeschreiblich glücklich: sie schrieb einen langen Brief an Edmund, wo sie das Brüderlein schilderte, wie es seine ganz kleinen, weißen Händchen hinauflegte neben das Köpflein, wenn es schlief, und gar nicht viel schrie, und wie sie es manchmal tragen dürfe. Aber mit höchstem Glück berichtete sie nach vier Wochen, daß es nun zum erstenmal gelacht habe, und gerade gegen sie, und wie es sie bald kennen werde, und daß man es Eduard getauft, was fast laute wie Edmund. – Das Brüderlein war eine unerschöpfliche Quelle der Freuden für sie, so daß sie sich seitdem viel weniger um den groben Bob und Tick bekümmerte. Nur durfte sie sich gar selten des kleinen Eduards erfreuen? – Miß Martin sah die Besuche in der Kinderstube nicht gern. »Du lernst dich schlecht ausdrücken unter den Dienstboten,« sagte sie; »du darfst ja hinunter ins Speisezimmer, wenn der Kleine nach Tisch zu Papa und Mama gebracht wird, und wenn er größer ist, so darf er herauf ins Lehrzimmer kommen.« »Wenn er größer ist!« Ach, das ging erstaunlich langsam. Es schien Serena, als sei es nicht zu erwarten, und wenn sie im Lehrzimmer saß so allein mit Miß Martin, und hatte eine Lektion um die andre, und sie hörte im Hofgärtchen drunten den Kleinen lachen und jauchzen, dann konnte sie's oft fast nicht mehr aushalten; – aber die erste Lehrstunde bei der Tante fiel ihr ein und die sanfte Stimme, die ihr gesagt hatte: »Liebes Kind, wenn du zu Gottes Freude und zum Segen für andre aufwachsen willst, so mußt du lernen dein eigen Herz bezwingen, auch wenn dir's sauer wird.« Und sie lernte das, selbst wenn sie allein war und ihr Herz sie noch so sehr trieb, zu dem Kleinen zu springen; und es tat ihr doch wohl, wenn Miß Martin sagte: »Ich weiß, Serena, daß ich mich auf dich verlassen darf.« Sie war dann um so vergnügter, wenn sie zum Brüderlein durfte. Die guten, treuen Briefe der Großtante machten ihr immer wieder guten Mut und ein freudiges Herz. Seit einiger Zeit aber schrieb die gute Tante oft recht müde und meinte, sie werde vielleicht ihre liebe Serena auf Erden nicht mehr sehen. Da wollte Serena so gern ihr etwas Fröhliches schreiben, damit sie heiterer würde; so besann sie sich auf alles Gute und Freundliche aus ihrem Leben, und es fiel ihr immer etwas ein, besonders von dem Brüderlein: wie es endlich aufrecht sitzen, auf dem Boden herumkrabbeln und auf seinen Füßen stehen konnte; auch kannte sie der Kleine bald, obgleich sie nicht oft bei ihm sein durfte. Er nannte sie »Nena«, als er endlich ein wenig sprechen lernte, und hatte Nena gesagt, so bald als Papa und Mama. Serena war ganz stolz und glücklich, wenn sie einmal den Kleinen ein wenig ins Hofgärtchen nehmen durfte; es kam ihr gar nicht mehr so trübselig vor. Vater und Mutter hatten eine Reise angetreten, von der sie erst in acht Tagen zurückkehren sollten. Dick und Bob sollten indes ganz beim Rektor bleiben. Miß Martin war ausgegangen, um eine Schwester zu besuchen und hatte Serena viele und große Aufgaben gegeben, die sie fertig machen sollte; sie saß so ganz, ganz allein in dem stillen, düstern Lehrzimmer; es war wie in den einsamen Zeiten nach der Mama Tod. Da hörte sie etwas draußen auf dem Gang gehen oder rutschen; ein leises Stimmchen rief »Nena!« Ach, das war ja der kleine Eduard, der von der weiten Kinderstube ganz allein hergekrabbelt kam und von selbst ihre Stube gefunden hatte. Nun, das war ein Jubel, und was für ein Wunder, daß das Brüderlein so talentvoll war und allein ihre Stube fand! Sie freute sich schon, das der Tante und Edmund zu schreiben und sprang indes auf und trug den kleinen, dicken Kerl mit tausend Freuden herein. Miß Martin mußte diesmal noch Nachsicht haben, wenn auch nicht alle Aufgaben fertig waren. Aber der Kleine war nicht lustig wie sonst, wo er fortwährend laut auflachte und jauchzte, wenn die Schwester mit ihm spielte; er blieb auf ihrem Schoß sitzen, schlang seine kleinen Händchen fest um sie und lehnte sein heißes Köpfchen an ihre Seite. »Wo ist der Kleine, Miß Serena?« rief die Köchin, die in hellem Schreck hereineilte; »da hat das leichtsinnige Ding, die Betty, das Kind wieder allein gelassen; das gibt gewiß noch ein Unglück! Erst gestern ist sie mit dem Kind in ihrer Base Haus gewesen und dort sind die Blattern!« »O still. Margret!« bat Serena leise, »der Kleine ist so müd; da fühlen Sie her, wie heiß sein Köpfchen ist; er ist gewiß krank.« – »Freilich ist er krank!« schrie die Köchin jetzt wieder mit aller Macht; »da in dem Köpfchen klopft's ja wie in einer Schmiede! Hab's doch gesagt. – Betty, hab' ich gesagt, wenn das Kind nicht die Blattern erbt, wo doch der Schneidersjung' in Ihrer Base Haus schwarz voll ist mit Blattern, so will ich Madel heißen, hab' ich gesagt, und Madel ist doch gewiß ein garstiger Name.« Serena aber war's gleichgültig, ob die Köchin Madel hieß oder nicht, sie bat sie nur flehentlich, so schnell als möglich den Doktor zu holen; sie wußte sich nicht zu raten mit dem kranken Kind, dessen Köpfchen immer heißer und röter wurde. Mühsam trug sie ihn hinüber in die Kinderstube, kleidete ihn aus und legte ihn in sein Bettchen, währenddessen die Köchin nach dem Doktor sprang. Der Kleine sah ganz betrübt aus; doch hielt er mit seinem heißen Handchen ihre Hand fest und sagte nur ganz leise und müd: »Rena!« Endlich kam die Köchin wieder, streckte aber nur vorsichtig den Kopf zur Türe herein und rief: »Der Doktor kommt, Sie sollen geschwind herauskommen zur Miß Martin.« Ungern machte Serena ihre Hand los und ging hinaus, wo sie Miß Martin in großer Aufregung traf. »Kind, das ist eine böse Sache,« sagte sie; »allem Anschein nach hat dein kleiner Bruder die Blattern und das ist die allerschlimmste Krankheit; mein eigener Bruder ist daran gestorben. Geh' ja nicht mehr hinein zu dem Kind! Die Köchin sagt, daß der Arzt gleich kommen werde, der wird auch eine Wärterin mitbringen. Wir wollen indes deine Sachen unten rüsten; ich nehme dich sogleich mit mir zu meiner Schwester, die Gefahr der Ansteckung ist so groß.« Da hörte man von drinnen ein leises Weinen und ein klägliches Stimmchen »Rena!« rufen. »Liebe Miß Martin,« sagte Serena eilig, »ich kann gewiß nicht fort von meinem Brüderlein; der liebe Gott wird mir schon helfen.« Und sie eilte zurück zu dem weinenden Kind. Bei Miß Martin war die Furcht vor Ansteckung so groß, daß sie sich nicht mehr ins Zimmer getraute; sie packte ihre Kleider zusammen und sagte dann dem Doktor, den sie im Gang traf, daß sie nicht wage, sich dieser furchtbaren Krankheit auszusetzen. »Bitte, Herr Doktor, schicken Sie mir gleich das eigensinnige kleine Mädchen nach; die Köchin weiß die Wohnung meiner Schwester, und senden sie sogleich eine gute Wärterin für den Kleinen, ich bin so in Sorge.« Der Doktor, der gute Herr Schmid, der Serena einst zu ihrer Tante begleitet hatte, sagte bedächtig: »Wir wollen sehen,« und trat ein zu dem kranken Kind. »Ja, da sieht's bedenklich aus,« sagte er, als er den Kleinen untersucht hatte; »die Blattern werden demnächst ausbrechen; mach, daß du fortkommst, Kleine! Ich will gleich eine Wärterin schicken.« «Ich gehe nicht, lieber Herr Doktor!« sagte Serena sehr bestimmt und stellte sich ganz entschlossen vor ihn hin; »ich lasse mein Brüderlein nicht allein.« »Nun, das ist ja nicht nötig; das große Weibsbild, die Köchin, soll auf den Platz, oder die Kindsmagd!« Und er ging hinaus und rief der Margret. »Ja, sehen Sie, Herr Doktor,« sagte diese, »die Betty geht nicht mehr her aus lauter Angst, weil sie schuld ist an der Krankheit, und ich wollte gern alles tun, du lieber Gott, was habe ich schon Kranke verpflegt! Leute, die schon gestorben waren! Aber Blattern, sehen Sie, das kann ich nicht: wäre ja mein Lebtag verschimpfiert, wenn ich so ein blatternarbiges Gesicht bekäme, als ob man mich mit Erbsen gedroschen hätte. Nein, Herr Doktor! Aus christlicher Gesinnung will ich noch im Haus bleiben, damit doch jemand kocht und nach dem Rechten sieht; aber hineingehen, das tue ich nicht, eine rechtschaffene Person muß nach sich selber sehen! Es tut auch dem Kleinen nichts, wenn er allein bleibt, bis die Wärterin kommt; er liegt ja in seinem Bettchen und ich gebe schon acht.« Der Doktor kam nachdenklich wieder herein. »Kleine, du solltest doch fort,« meinte er; »es ist eine böse Krankheit und so sehr ansteckend! Komm sogleich mit mir zu deiner Gouvernante; die Wärterin kommt bald.« »Lieber Herr Doktor,« sagte Serena und blickte ihn zutraulich an mit ihren großen, blauen Augen; »ich gehe nicht fort von meinem Brüderlein, wenn niemand bei ihm ist. Schicken Sie mir nur Arznei, daß es gesund wird; für mich wird schon der liebe Gott sorgen.« Die Augen des Doktors wurden feucht. »In Gottes Namen, Kind,« sagte er; »ich kann nicht bleiben, aber ich schicke dir gleich Arznei und einen Trank, den du dem Kleinen geben darfst. Wenn du ihm die Arznei reichst, so gib acht, daß er dich nicht anhaucht, und sonst gehe nicht zu nah zu ihm; die Wärterin wird bald kommen. Dann gehst du gleich fort, die Köchin kann dich begleiten; du weißt nicht, Kind, was die Blattern sind!« So blieb denn Serena ganz allein mit dem kranken Kind. Es lag in großer Hitze und tonnte kaum die Aeuglein auftun; doch rief es immer noch »Nena« und streckte sein heißes Händchen nach ihr; sie konnte nicht so genau befolgen, was der Doktor ihr gesagt. Der Apothekerjunge kam und brachte Arznei und einen Trank, den das arme Kind begierig einschlürfte; dann wurde es dunkel und sie war wieder allein, ganz allein. Es wollte ihr graulich werden; aber ihr war, als hörte sie innerlich sagen: »Fürchte dich nicht, ich bin bei dir,« und sie setzte sich getrost wieder ans Bettchen. Bald klopfte es. »Da kommt die Wärterin!« schrie Margret durchs Vorzimmer herein; »und da will ich Tee und Butterbrot hinstellen, Miß Serena; dann gehen Sie in Ihr Bett und morgen können Sie fort!« Die Wärterin war eine gute, freundliche, dicke Frau, die gleich alles reckit verständig ordnete in dem Krankenzimmer; aber das kranke Kind schrie furchtbar, wenn ihm die fremde Person nahe kam, und wollte die Arznei nicht nehmen. So war die Wärterin am Ende selbst froh, daß Serena noch da blieb, weil der Kleine immer ruhig wurde, wenn sie an sein Bettchen kam. Gegen Morgen wurde er still; die übermüdete Seren« war auf ihrem Stuhl eingeschlafen und die Wärterin trug sie sanft hinunter in ihr Bett. Nach acht Tagen waren die Eltern wieber zurück. Der kleine Eduard, bei dem die Krankheit so heftig ausgebrochen, war schon wieder besser, so daß die Mutter mit ihm und der Wärterin aufs Land gehen durfte, wo gesundere Luft war, in der sich das Kind erholen sollte. Serena aber lag schwerkrank, bedeckt mit Blattern in großer Fieberhitze. Allein war sie nicht. Herr Schmid, der Arzt, kam zu ihr, so oft er nur konnte und hatte eine sehr gute, besorgte Wärterin gebracht. Selbst Margret, die Köchin, wagte sich zwar nicht ins Zimmer, aber sie brachte alle Arten guter, kühlender Getränke und Speisen vor ihre Tür und war äußerst bekümmert um sie. »Ich sag' Ihnen,« versicherte sie den Doktor, »unsere Kleine ist mehr als brav, und ich gebe lieber sechs so dickköpfige Buben her, wie unsern Dick und Bob, als daß die uns sterben sollte!« Sterben sollte Serena nicht, aber sie hatte lange, trübe Tage in Hitze und großen Schmerzen. Oft wußte sie gar nichts von sich oder sie hatte recht schwere Träume; oft aber hörte sie wieder die tröstende Stimme in sich, die sagte: »Fürchte dich nicht, ich bin bei dir.« Ihr Vater war im Hause geblieben; er kam manchmal ganz in der Stille und setzte sich an das Bett des Kindes. Serena war so wenig gewöhnt, um ihn zu sein; da tat es ihr unbeschreiblich Wohl, daß er so besorgt um sie war, wenn sie ihn in hellen Augenblicken erkannte. Eines Morgens sagte sie zur Wärterin: »O, Frau Millner, bitte, ziehen Sie die Rouleaus auf, es ist ja so nacht.« – »Es ist langst heller Tag, Miß,« sagte die Wärterin und blickte besorgt nach ihr hinüber. – »Dann bin ich ja blind!« schrie Serena laut auf, »ich sehe gar nichts; o, und die Augen tun mir so weh!« – »O, bitte, bleiben Sie doch ruhig,« bat Frau Millner; »rühren Sie ja die Augen nicht an!« Aber Serena fand es schwer, geduldig zu sein; es kam ihr ganz entsetzlich vor, blind zu bleiben; sie glaubte, sie müsse mit Gewalt ihre Augen aufreißen. Blind! Nacht, immer Nacht, das war gräßlich! Da fiel ihr Edmund ein, der so lange kein Tageslicht mehr gesehen und der doch so geduldig war, und so sanft und fröhlich, und sie schämte sich ihrer Ungeduld. Bei der Tante hatte sie viel Bibelsprüche lernen müssen und sie hatte es damals nicht immer gern getan. «Tante, das kommt mir unnötig vor,« hatte sie mit großer Weisheit versichert; »ich habe ja eine Bibel und kann darin lesen, so oft ich will; warum soll ich denn die Sprüche auswendig lernen?« – »Tu es einstweilen, weil ich es will,« hatte die Tante gesagt; »warum du es getan hast, das wirst du vielleicht später besser verstehen.« Jetzt konnte sie nicht lesen; aber so viele der Sprüche, die sie damals gedankenlos gelernt hatte, weil sie von Leiden nichts wußte, – die kamen ihr jetzt zu Sinn. »Alles, was dir widerfährt, das leide und sei geduldig in allerlei Trübsal.« »Fürchte dich vor keinem, das du leiden wirst.« Alle diese tröstlichen Worte taten ihr jetzt wohl im innersten Herzen und sie lernte allmählich geduldig sein, auch wenn sie blind bleiben müßte. Und Edmund! Was würde der sagen, wenn er wüßte, daß sie blind sei! Sie konnte ihn ja nicht mehr führen und ihm nicht vorlesen! Man hatte ihr ein seidenes Tuch über die Augen gebunden und das Zimmer dunkel gemacht; da war es nacht, ganz nacht. Sie hatte niemand, der ihr vorlesen konnte. Aber ihr Vater kam öfter als zuvor zu ihr; so still er sonst war, er hätte jetzt gern etwas getan, um sein Töchterlein zu unterhalten. Da fing er an, ihr zu erzählen von seiner Kinderzeit, von seiner Mutter, die eine arme Pfarrwitwe gewesen, von seinen Brüdern und von ihrer dürftigen, fröhlichen Jugendzeit and Kindheit auf dem Lande; wie Gott später seinen Fleiß gesegnet und ihn zum wohlhabenden Mann gemacht habe. »Aber was Gott gegeben, das kann er auch wieder nehmen,« setzte er mit einem tiefen Seufzer hinzu; »es sind bedenkliche Zeiten für einen Kaufmann, Kind!« Diesen Seufzer verstand nun Serena nicht; es freute sie nur, so viel vom Vater zu erfahren, was sie nie zuvor gewußt, und er selbst wurde oft ganz heiter dabei. Eines Morgens, als der Doktor und der Vater bei ihr waren, sagte sie zu diesem: »Lieber Vater, wolltest du nicht der Tante schreiben, wie es mir geht und sie bitten, Edmund zu sagen, ich sei nun auch ganz blind und könne ihn nicht mehr führen; aber ich habe gelernt, geduldig zu sein, auch wenn ich blind bleibe.« »Ist gar nicht nötig,« fiel der Doktor ein; »unsere kleine Miß braucht keine so herzbrechende Botschaft zu senden, sie wird ihren blinden Kameraden noch führen können, so oft sie will.« Und sachte nahm er das Tuch von ihren Augen; in dem halb verdunkelten Raum konnte sie doch deutlich ihren Vater erkennen, der sich besorgt und freundlich über ihr Bett herbeugte. »Ich sehe! o Gott Lob und Dank, ich sehe!« rief sie glückselig. »O Vater, schreib' jetzt nur der Tante, daß ich sehen kann; aber geduldig will ich doch sein.« Und still und zufrieden legte sie sich zurück und ließ sich die Augen wieder verbinden. Serena wurde wieder gesund. Der Vater selbst führte sie in das Haus in einer Vorstadt, wo die Mutter mit dem Kleinen war; auch Richard und Robert durften ihre Ferienzeit dort zubringen. Es war Serena bange, bis sie alle wiedersah; denn als sie nach ihrer Krankheit zum erstenmal in den Spiegel gesehen, hatte sie sich fast selbst nicht mehr gekannt. Ihr Gesicht war sehr entstellt, blaß und voll roter Flecke, ihre Lippen farblos und ihre Augen eingesunken. Als sie zuerst den kleinen Eduard wiedersah, der nun ganz rüstig in der Stube herumgehen konnte, da kannte er sie nicht gleich und versteckte sein Köpfchen. Wie sie aber ganz traurig rief: »Neddy, Neddyl« da erkannte er sie im Augenblick, kam gern zu ihr und streichelte ihr bleiches Gesicht. Die Mutter war sehr herzlich und freundlich mit ihr, viel mehr als je vorher, und erzählte oft dem Kleinen, wie Schwester Nena so gut sei und den kleinen Ned gepflegt habe. Er verstand nicht viel davon; er sagte nur immer wieder: »Liebe Nena« und streichelte sie. Bob und Dick, denen die Mutter auch gerühmt hatte, was Schwester Serena getan, waren zwar freundlich, doch steckten sie immer die Köpfe zusammen und flüsterten sich zu: »Aber die ist häßlich geworden!« und lachten, und das tat Serena sehr weh, so daß ihr Tränen in die Augen kamen, und sie dachte: »O, wenn ich bei Edmund wäre, der würde nicht lachen über mein entstelltes Gesicht!« Aber sie hatte doch eine gute, freundliche Zeit hier in dem Landhaus mit der Mama und mit dem Kleinen, der täglich lieber und lustiger wurde, und mit dem sie den ganzen Tag im Freien sitzen und spielen durfte; »fast so schön wie bei der Tante!« dachte sie mit einem leisen Seufzer. Sie war immer noch sehr müde und saß am liebsten auf einer Bank vor dem Haus in Sonnenschein; der kleine Eduard trug ihr dann Kiesel in den Schoß und erzählte, »das sei viel, viel doldiges Deld,« – Sie konnte gar nicht weit vorausdenken; nur das hätte sie wissen mögen, ob sie wohl einmal in ihrem Leben noch das liebe Haus der Tante und ihren blinden Freund sehen werde. Der Vater brachte jeden Sonntag bei den Seinigen zu. Serena hatte großes Mitleid mit dem armen Papa, daß er die ganze Woche so allein in dem großen, düstern Haus zu London sein mußte. Es schien ihn auch wirklich trübselig zu machen, er wurde immer ernster und stiller. Serena wagte einmal, ihn zu fragen: »Aber, Papa, was hast du denn? Du bist so traurig und Eduard ist doch so nett und so lieb!« – »Laß mich, Kind!« sagte er dann; »vielleicht erfährst du's noch bald genug.« Es war mitten in der Woche, als er eines Morgens schon früh heraus kam. Serena war eben aufgestanden; der Kleine war dem Dienstmädchen entflohen, die ihn ankleiden wollte und sprang lustig barfuß und im Hemdchen in der Stube herum. Mit lautem Lachen wollte Serena ihn einfangen und der kleine Kerl wurde immer wilder und jauchzte vor Lust. Serena wurde plötzlich still, als der Vater eintrat; denn er sah totenbleich aus und konnte kaum mehr stehen. »Setz dich doch, Papa!« rief sie, indem sie eifrig einen Stuhl hertrug; »bist du denn nicht gefahren?« Der Kleine selbst schien etwas zu merken; er ließ sich ganz still von dem Dienstmädchen fortführen. »Ruf die Mama!« sagte Herr Seyton mit schwacher Stimme. »Sie wird noch nicht angekleidet sein,« sagte Serena, indem sie ängstlich den bleichen Vater betrachtete. »Ruf sie doch,« wiederholte er. »sie möchte gleich kommen.« Erschreckt durch Serenas Botschaft kam Frau Seyton herab. Der Vater hatte sich inzwischen etwas gefaßt. »Liebe Frau,« sagte er nach kurzem Gruß, da er nicht recht wußte, wie er seine Mitteilung anfangen sollte, »wir müssen das Landhaus hier verlassen; es ist für nächste Wache schon an andre vermietet.« – »Jetzt gerade fort von hier?« rief Frau Seyton, aufs höchste betroffen, »jetzt, wo die Luft noch so gut ist und den Kindern so wohlbekommt! Das kann dir nicht ernst sein! Und im Hause in der Stadt muß ja erst noch geputzt und neu tapeziert werden ...« »Das Haus in London wird verkauft; ich habe eine kleine Wohnung in Tavernstreet gemietet,« sagte, ohne sie anzusehen, Herr Seyton. »Aber, ich bitte dich!« rief die Frau und blickte ängstlich nach ihm hin, ob er auch bei Verstand sei. »was soll denn das alles heißen?« – »Es soll heißen,« fuhr er mit tonloser Stimme fort, »daß der Krieg, durch den alle Handelsgeschäfte gelitten, mich um mein ganzes Vermögen gebracht hat. Lange habe ich noch gekämpft und glaubte, schon euretwegen, noch etwas retten zu können; jetzt kann ich nichts mehr retten als meinen ehrlichen Namen.« – »Aber um Gotteswillen.« rief die arme Frau, »das kann ja nicht sein! Und warum sollten wir denn gleich alles aufgeben und leben wie die Bettler? Ich weiß ja viele Kaufleute, die auch Unglück gehabt haben, und die leben nicht anders als vorher.« – »Die haben dann ihren ehrlichen Namen vielleicht nicht gerettet,« sagte Herr Seyton; »so weit es mir noch möglich ist. so soll durch mich niemand etwas verlieren; meinen Kindern möge Gott weiter helfen!« Was ihnen zuerst nur wie ein böser Traum erschienen war, das mußten sie bald als eine traurige Wahrheit glauben lernen. Und jetzt noch schien es ihnen oft wie ein Traum, als nach einem Vierteljahr das große Haus mit all dem schönen Gerät verkauft war und sie in einer ganz kleinen, wohlfeilen Wohnung einer engen, dumpfen, schmutzigen Gasse wohnten. Der arme Herr Seyton wollte London nicht verlassen und ging Tag für Tag in die City, um kleine Geschäfte für andere Kaufleute zu besorgen, er, der einst einer der ersten, stolzesten Handelsherrn gewesen war. Dick und Bob hatten aus der teuren Kostschule herausgenommen werden müssen; der Vater wollte sie selbst unterrichten, aber das war schwierig. Es war doch schon ein bißchen lange her, seit Herr Seyton Latein und Griechisch gelernt hatte, da wollte es nicht mehr so recht gehen; dazu kam denn ein Lehrer, und beim Vater lernten sie Rechnen und Französisch. Es wurde ihm aber alles sehr sauer, denn seine Kraft war ganz gebrochen durch den Schlag. Es war eine recht schwere und trübe Zeit in dem düstern, kleinen Haus in Tavernstreet; selbst die wilden Knaben schlichen scheu umher; sie schämten sich, mit den Jungen zu spielen, die sie hier auf der Straße sahen, und daheim saßen sie langweilig und trübselig in den Ecken. Die Mutter war nicht in einem reichen, aber in einem vornehmen Hause erzogen. Sie war von zarter Gesundheit und ihr lebenlang an viele Bedienung und viele Bedürfnisse gewöhnt worden; ihr wurde es jetzt entsetzlich schwer, sich auf einmal mit so wenigem behelfen zu müssen. Sie weinte fast den ganzen Tag, oder schlich matt und zerstört umher. Das Kindsmädchen hatte den Dienst aufgesagt, noch ehe man aus dem großen Haus ausgezogen war. »Sie nehmen mir das nicht übel, Madame.« hatte sie gesagt; »aber ich habe auf großen Lohn zu sehen und habe immer in vornehmen Häusern gedient; es wäre gegen meinen Respekt, in einem Dienst in Tavernstreet zu sein.« Margret, die Köchin, zeigte sich anhänglicher. »Schämen Sie sich, Betty.« sagte sie zum Kindsmädchen; »ich lasse die Leute nicht gleich im Stich, wenn sie jetzt im Unglück sind. Ich habe mich dazumal nachher geschämt, als der Kleine die Blattern hatte und wir uns gefürchtet; das kleine Mädchen, die Serena, hat bei ihm ausgehalten. Jetzt will ich noch dableiben, auch um geringen Lohn, wenn's gleich eine wüste Gasse ist, und will für die Leute sorgen, so lang die Madame noch so elend ist, wie vor den Kopf geschlagen, bis sie ein anderes taugliches Mädchen finden von geringerem Stand als eine Herrschaftsköchin. Wir werden schon miteinander fertig werden ohne ein Stubenmädchen, Miß Serena,« sagte sie zutraulich zu dieser. Wie sie's nun angreifen sollte, eine Magd zu ersetzen, das wußte freilich Serena gar nicht; doch hatte sie bei der Tante wenigstens gelernt, ihr Bett zu machen und ihr Zimmer in Ordnung zu bringen; nun probierte sie, auch Eduards Bettchen zu machen und ihn zu waschen und anzukleiden. Anfangs war das sehr schwierig; es war auch bei Betty nicht ohne viel Lärm, Geschrei und Ausreißen des wilden, kleinen Kerls abgegangen; aber Serena fing an, ihm zu erzählen von dem Wolf, der die kleinen Geißlein gefressen, oder von den Kindern beim zuckrigen Häuschen, in dem der Bär sitzt; oder sie wußte zum Waschen ein nettes Reimlein, das ihm Spaß machte. Wenn sie dann anfing: »Dein Härchen rupf' ich, Dein Stirnlein tupf' ich, Deine Wänglein wasch' ich, Dein Näslein hasch' ich; Und dein rotes, rotes Mäulchen, Ei, das küß' ich noch ein Weilchen!« so lachte und jauchzte er laut auf und ließ alles mit sich anfangen. – Viel Gelegenheit zum Spazierengehen gab es hier nicht; da war nicht einmal ein Hofgärtchen wie an dem großen Haus, und auf die schönen, grünen Plätze, wie man sie inmitten der Stadt London findet, war es schon ziemlich weit. Aber es war eine Stelle auf der Straße, wo ein schmales Streifchen Sonnenschein hereinfiel; dahin nahm sie den Kleinen, daß das arme Kind doch etwas an die Luft kam. Er fühlte den traurigen Wechsel am wenigsten und war immer vergnügt mit seiner Nena. Auch dem Vater war sein Töchterlein der einzige Trost in der trübseligen Zeit; sie klagte nicht und war immer freundlich, sie lernte ihm nach und nach die kleinen Dienste tun, die er bedurfte, und es freute ihn viel mehr, wenn ihm statt eines verdrossenen Bedienten oder Zimmermädchens sein Töchterlein die Pantoffeln bereit hielt und den Waschtisch in Ordnung brachte. Serena lernte sogar der Mama, die nie gewöhnt worden war, sich selbst zu bedienen, die Haare flechten; – ja, die kleine Serena, die nun freilich allmählich zwölf Jahre geworden, wurde, ohne daß sie es selbst wußte, ein ganz schätzbares Glied im Haushalt. Auch die großen Brüder, denen sie ihr Vesper brachte und abends Geschichten erzählte, waren sehr freundlich gegen sie, und Bob sagte einmal vertraulich zu Dick: »Du, sie ist am Ende doch im Ernst gut und stellt sich nicht nur so!« Doktor Schmid, der gute alte Freund des Hauses, war krank gewesen in der Zeit, wo das Unglück über das Haus Seyton hereingebrochen war. Sobald er wieder gesund war, stieg er durch Straßen und Gäßchen, bis er das enge Häuschen in Tavernstreet fand. »Ja, das tut mir leid, meine Freunde, daß ich's so treffe,« sagte der gute, dicke Herr; »habe noch nie beklagt, daß ich nicht reich bin, als heute. Ihr wißt ja wohl, daß gar viele Arme, viel unbemittelte Vettern und Basen sich in mein Einkommen teilen, da kann ich nicht viel anbieten. Eure Buben kann ich auch nicht nehmen, ich bin so selten daheim, und meine Frau ist zu alt, um über so wilde Bursche Aufsicht zu führen. Aber gebt mir das Töchterlein da! Sie soll es gut bei uns haben und lernen, was sie noch braucht; oder wenn sie nicht zu uns will, so will ich sie nochmal zu der alten Tante bringen, wo sie schon einmal so vergnügt war. Das Kind ist zart, die soll nicht zugrunde gehen in der trübseligen Gasse.« Einen Augenblick leuchteten Serenas Augen auf in heller Freude; – sie kannte wohl die Frau Doktor Schmid, eine stille, freundliche Frau, so gut wie ihr Mann. Die alten Leute lebten gar behaglich in einem sehr netten, kleinen Haus, daran ein Gärtchen war; sie wäre gern zu ihnen gegangen, und vollends zu der Tante! Ach, die schöne, frische, freie Gegend, das anmutige Landhaus, der zierliche Balkon von wilden Reben umrankt, – das alles schien ihr jetzt wie ein Paradies, aber – in dem Augenblick hatte sich Eduard an ihr Kleid gehängt und rief: »Nena, zählen.« Der Vater sah ganz angstvoll herüber nach seinem Kleinod, seinem freundlichen, aufmerksamen Kind, die sein Trost in der trübsten Zeit gewesen, und die Mutter sagte traurig: »In Gottes Namen, Herr Doktor, wenn es für Serena nötig ist! Sie ist uns ein Trost und eine Hilfe gewesen in diesen traurigen Tagen und wird uns sehr fehlen; aber es muß das eben auch noch sein!« Nicht lange dauerte der stille Kampf in Serenas junger Seele zwischen dem, was sie wollte und was sie sollte: sie hatte früh gelernt, auf Gottes Stimme in ihrem Herzen zu hören und ihr zu folgen, auch wenn es ihr sauer wurde. »Ich danke herzlich, lieber Herr Doktor,« sagte sie, und gab ihm mit feuchten Augen die Hand; »aber ich glaube, es ist Gottes Wille, daß ich bei meinen Eltern und Geschwistern bleibe und ihnen helfe.« – »Es wird noch nicht gehen, Kind,« sagte der Vater mit einem tiefen Seufzer; »du bist noch zu jung, du hast noch viel zu lernen, du darfst nicht hier zugrunde gehen.« »Nun, Papa, Rechnen und Französisch lerne ich bei dir mit den Brüdern, und die Mama kann schön sticken und häkeln, das lehrt sie mich wohl auch, wenn wir mehr Zeit haben. Laß mich dableiben, bis wir alle besser eingewöhnt sind!« So blieb sie denn in Gottes Namen, und alle waren vergnügt darüber. Der Vater selbst raffte sich ein wenig auf, daß die Abendstunden nicht so trübselig sein sollten; und die Mama zeigte ihr durch große Freundlichkeit, wie sehr sie sich freute, daß sie ihr Töchterlein behalten. Der gute Doktor Schmid sah ein, daß Serena recht hatte und war nicht empfindlich; wo irgend eine kleine Freude ins Haus kam, ein Braten oder ein Kuchen an einem Festtage, da wußte man schon, woher es kam, obgleich der Doktor nie davon wissen mochte, wenn man ihm danken wollte, und nur sagte: »Behüte, fällt mir nicht ein, euch so etwas Kostbares zu senden; das ginge mir ab! Hab' selber keinen Braten und Kuchen zu essen; da werd' ich auch noch nach Tavernstreet schicken!« So gingen Monate vorüber. Die Mutter lernte sich allmählich besser gewöhnen, die Buben legten in etwas ihre Würde ab und waren so herablassend, sich zuzeiten tüchtig zu balgen mit den Straßenjungen. Serena und ihr Brüderlein waren manchmal recht vergnügt zusammen: aber das Heimweh nach grünen Bäumen, nach frischer Luft und Sonnenschein wollte nicht ganz vergehen, auch nicht die Sorge um den Vater. Herr Seyton trug schwerer als alle an seinem Unglück und konnte sich nicht recht erholen. Alle Entbehrungen der Seinigen lasteten wie eine Schuld auf seiner Seele: vor allem drückte ihn der Gedanke an die Zukunft seiner Kinder und wie er ihnen den nötigen Unterricht verschaffen sollte. Ja, wenn ich mich ein wenig erholen könnte und wieder frische Kraft sammeln'« sagte er einmal zu Serena. »Ich habe einen Freund in Indien, der mir gern helfen möchte, und der mir ein Geschäft hier im Lande übertragen will, das viel angenehmer und einträglicher wäre, als die elenden Geschäfte in der Stadt; ich müßte dabei viel Reisen machen, könnte aber immer wieder einige Monate bei euch sein.« »Aber, Papa, warum tust du das nicht?« »Um ein solches Geschäft zu übernehmen, müßte ich wieder gesunder und kräftiger sein, und das werde ich nicht, wenn ich nicht etwas Ruhe und frische Landluft habe.« »Warum gehst du nicht zur Großtante. Papa? Ich weiß ja Wohl, daß sie uns alle nicht einladen kann, sie ist zu alt und zu sehr an ihr stilles Leben gewöhnt; aber du allein könntest ja wohl zu ihr. Und bei der Tante muß man gesund und fröhlich werden!« setzte sie mit glänzenden Augen hinzu. »Du verstehst das nicht. Kind,« sagte der Vater traurig: »ihr könnt hier nicht allein leben und nicht ohne die kleine Einnahme von meinen Geschäften.« So wußte denn Serena keinen Rat, als daß sie auch diese Sorge dem Vater im Himmel befahl, der allein den Ausweg sieht, wo unsre Pfade dunkel sind. Sie hatte noch manche Freude in der armseligen Wohnung, die sie nicht gehabt in dem großen Hause. Das Brüderlein gehörte ihr eigen wie nie zuvor, und es wurde jeden Tag herziger und lieber. Auch schreiben durfte sie an die Tante und Edmund recht von Herzen weg, da niemand mehr ihre Briefe korrigieren wollte; zu langen Briefen hatte sie freilich nicht Zeit, aber doch war es ihr eine Freude und Erholung. Die Tante schrieb noch kürzere Briefe, sie schien schwach und müde zu sein; aber ihre herzlichen Worte taten Serena wohl in innerster Seele. Einmal kam ein großer Brief, viel größer und dicker, als sonst die Briefe der Tante; er war von Edmunds Vater. »Mein liebes Kind,« schrieb er ihr, »was ich dir mitteilen muß, wird dir zuerst schmerzlich weh tun. Deine gute Tante ist im Himmel; sie war sehr leidend und schwach in der letzten Zeit und hatte große Sehnsucht nach Erlösung. Gott hat sie heimgenommen zu seiner Ruhe, und wir alle wollen ihr diese süße Ruhe gönnen. Ich schicke Dir ihren letzten Gruß, den Brief, den sie selbst noch an Dich geschrieben. Mein Edmund ist tiefbetrübt, er hat seine beste Freundin verloren.« Es brauchte gar lange, bis Serena durch ihre heißen Tränen die Worte lesen konnte, die ihr wie über das Grab noch von der lieben, treuen Hand geboten wurden. »Meine liebe Serena,« schrieb die Tante, »ich sage Dir meinen letzten Gruß auf Erden. Es war mir nicht vergönnt, Dich, mein liebes Kind, noch einmal zu sehen. Ich habe gehört, daß Du Deine Pflicht tust, daß Du gelernt hast, mehr für andre zu leben, als für Dich selbst, und ich wollte Dich nicht den Deinen nehmen, denen Du so lieb und nützlich geworden bist. Gott schütze und segne Dich, meine liebe Serena; er erhalte Dich auf dem rechten Wege und bewahre Dir ein demütiges Herz, das sich nicht erhebt, auch wenn Du fühlst, daß Du den Deinen etwas sein und tun kannst! Nimm Dir nicht nur vor: ich will das tun und das nicht; mit solchen Vorsätzen allein kommst Du nicht weit; aber nimm Dir vor: ich will mein Herz dem Herrn zu eigen geben, – der wird es wohl lenken und führen zum Segen für die Deinen, zum Frieden für Dich. Lebe wohl, mein Kind, für diese Erde. Gott gebe, daß ich Dich mit Deiner lieben Mutter einst grüßen darf in einer Heimat, wo wir uns nicht mehr Lebewohl sagen dürfen! Bis in den Tod Deine treue Tante.« Recht lang und schmerzlich mußte Serena weinen; auch der Vater weinte mit ihr, als er in dem Briefe aufs neue sah, welch treues Herz seine Serena hier verloren. Der kleine Eduard sah gar bedenklich in das verweinte Gesicht der Schwester und wollte immer mit seinen dicken Händchen ihre Augen trocknen. Die Mutter nahm sie in die Arme und küßte sie so herzlich, wie nie zuvor und sagte: »Wir wollen dich alle so lieb haben, wie deine gute Tante getan hat.« Selbst Dick und Bob betrugen sich an diesem Abend anständig, und wenn Bob lärmen wollte, so stieß ihn Dick an und sagte leise in seiner feinen Weise: »Sei still, siehst nicht, daß Serena heult?« Es war ein besonders trüber und grauer Tag in der kleinen Wohnung in Tavernstreet, nicht gar lange, nachdem Serena den Tod ihrer Tante erfahren hatte. Draußen in der Welt wollte es bald Frühling werden; das Milchmädchen, das aus einer Vorstadt kam, hatte Serena am Morgen ein paar Schneeglöckchen gebracht. Die machten sie aber nur traurig: denn hier konnten sie auch gar nichts Grünes sehen, nicht einen Grashalm. Richard und Robert hatten unter ihrer Aufsicht den Kleinen im Kinderwägelchen nach einem entfernten Platz führen wollen, wo es grüne Büsche gab; aber nun war Regen eingebrochen, Regen den ganzen Tag aus dicken, grauen Wolken; die Straße war schmutzig, die Dächer grau, die ganze Welt sah grau aus. Der Vater saß in seinem alten Lehnstuhl, dem einzigen, den er von den schönen Möbeln des alten Hauses behalten hatte. Er war seit einigen Tagen sehr unwohl und konnte nicht ausgehen; er sah bleich und trübselig aus, und die Mutter betrachtete ihn mit stiller Sorge. Serena hatte den Kleinen auf dem Schoß, der sich fast ein wenig vor ihr fürchtete in den schwarzen Trauerkleidern; sie wollte ihm ein Geschichtchen erzählen, aber es fiel ihr heute gar nichts ein; es war ihr, als sollte es im ganzen Leben nicht mehr hell und freudig werden auf der Welt. Da klopfte es. Es war schon eine Begebenheit hier, wenn geklopft wurde; Besuche kamen keine, und Doktor Schmid erwarteten sie heute nicht, er war gestern erst bei dem Vater gewesen. Und doch war es der gute Doktor. Er kam aber heute nicht allein. Es war noch ein Herr bei ihm, der allen unbekannt war. »Ein schönes Wetter habt ihr bestellt.« brummte der alte Herr, »wenn man euch besuchen will; und ich komme dazu noch mit meinem gelehrten Freund, dem Herrn Rechtsanwalt Clarke, ganz expreß zu meiner kleinen Miß Serena Seyton.« Verwundert sah Serena zu ihm auf. «Nun, Clarke, erklären Sie'sl« sagte der Doktor. »Die verstorbene Frau Drummond, Tante Ihrer seligen Frau Mutter,« hob der Rechtsanwalt an, »hat in den letzten Wochen vor ihrem Tode die Nachricht von dem Tode ihres einzigen Sohnes in Australien bekommen. Sie hat nach dieser Nachricht ein Testament gemacht und in demselben einen anständigen Jahresgehalt für den blinden Sohn des Predigers in ihrem Orte ausgesetzt, so lange er lebt.« »Edmund!« rief Serena erfreut. »Feiner ein schönes Legat für ihre treue, langjährige Dienerin...« »O, die gute Sara,« sagte Serena erfreut; »die hat es Wohl verdient!« »Ihr Landhaus nebst dem Garten und den kleinen Grundstücken, die es umgeben, sowie ihr sämtliches bares Vermögen hat sie der Tochter ihrer geliebten Nichte, Miß Serena Seyton, Tochter des Herrn Heinrich Seyton, zu alleinigem freiem Besitz vermacht,« schloß der Rechtsgelehrte. Serena blickte ihn verwundert und erstaunt an, sie konnte alles nicht recht begreifen. »Da Ihre Tochter noch minderjährig ist,« sagte Herr Clarke zu Verenas Vater, »so bestimmen die Gefetze in einem solchen Fall, daß für des Fräuleins Erziehung die nötige Summe ausgesetzt wird. Haus und Garten werden vermietet, und das Vermögen auf Zinsen angelegt, bis sie volljährig ist und in den Besitz eintreten kann.« »Ja, ja, meine kleine Miß wird eine reiche Erbin,« sagte der Doktor lächelnd. Allmählich hatte Serena besser verstanden, wovon die Rede war. »Also der Tante schönes Haus und Garten gehören mir?« fragte sie mit bebender Stimme. »Dir ganz und gar und ihr Geld dazu,« antwortete der Doktor. »Und wir dürfen alle darin wohnen? und die Mama, und Richard und Robertl Und Papa kann im Garten sein den ganzen Tag, oder auf dem Balkon, und Eddy spielen auf dem Rasen!« »Ja, kleine Miß, wenn du nicht vorziehst, daß man Haus und Garten vermietet und du in einer prächtigen Pension erzogen wirst, um später ein reiches Fräulein zu werden.« »O, lieber Herr Doktor, so dumm sind Sie nicht, daß Sie das glauben!« rief Serena, ziemlich unhöflich in ihres Herzens Freude, »was hilft mir das Reichwerden, wenn jetzt mein lieber Vater und die Geschwister nichts davon hätten! O Papa,« rief sie glückselig, und hatte ganz die Fremden vergessen, »wie wird das so schön sein! Wir haben alle Platz, und du wirst wieder ganz gesund. Und gib acht, Mama, wie schön es ist auf dem Balkon! In dem netten kleinen Wäldchen, da könnt ihr Räubers spielen, Dick und Bob, und Ball schlagen auf der grünen Wiese! Und Edmunds Vater wird euch gewiß Stunden geben, der ist so geschickt! Und Eddy, mein Eddy, wie wollen wir schön spielen im Garten!« Eben wollte sie aus lauter Herzensfreude im Zimmer herumtanzen mit dem Kleinen, da sah sie ihr Trauerkleid, und es fiel ihr ein, daß sie das alles ja dem Tod ihrer lieben Tante verdanke. »O, es ist eine Sünde, daß ich mich freue,« sagte sie und setzte sich still nieder. »Keine Sünde, liebes Kind!« sagte der Doktor mit einer Träne im Auge. »Deine Tante wollte dich glücklich machen, und wenn sie auf uns niedersehen kann, so wird sie sich nur freuen, daß sie noch über das Grab hinaus dir so viel Freude bereiten konnte.« »Du meinst es gut, liebes Kind. Aber es wird dabei bleiben, daß Haus und Vermögen verwaltet werden muß, solange sie minderjährig ist?« fragte Herr Seyton, der sich nun auch von seinem Erstaunen erholt, den Rechtsanwalt. »Die Verstorbene hat vorausgesehen,« sagte dieser, selbst bewegt, »daß Ihre Tochter den Besitz nicht allein genießen will. Es ist nur eine Form des Gesetzes, daß ich dabei sein sollte, um mich zu überzeugen, daß es der freie Wille des jungen Fräuleins ist, schon jetzt mit den Ihren zu teilen. Die Ueberzeugung habe ich jetzt,« schloß er, selbst mit feuchtem Auge; »bei Ihnen als Vater ist ja Ihres Kindes Gut am besten geborgen; Sie können es in Besitz nehmen, sobald Sie wollen. Gott segne Ihnen das Erbe!« Die beiden Männer schieden in tiefer Bewegung. Serena fiel glückselig ihrem Vater in die Arme; der aber faltete die Hände und sprach: »Danket dem Herrn, denn er ist freundlich und seine Güte währet ewiglich.« Das war ein schöner Einzug am allerschönsten Maientag den die Familie auf dem Landhaus der Tante hielt! Die Reise war glücklich vorüber samt dem ersten Strudel des Auspackens; recht wie eine Segensgabe, die die treue Tante noch vom Himmel bot, lag die schöne, freundliche Heimat vor aller Augen. Vater und Mutter saßen auf dem Balkon im warmen Sonnenschein; jetzt schon schien der Vater vergnügt, trotz der Mühen der Reise, durch das Glück seiner Kinder. Drunten auf dem weichen Rasen saß der kleine Eduard, glückselig in einem Haufen Blumen, die ihm die alte Sara gepflückt, welche auf Serenas und der Eltern Bitten eingewilligt hatte, hierzubleiben. Der Kleine jubelte hellauf vor Freude. Dick und Bob trieben sich höchst vergnügt auf der Wiese umher, die an den Garten anstieß; sie musterten mit großer Sachkenntnis die herrlich blühenden Obstbäume und berieten, was wohl Aepfel- und was Birnbäume seien. »Du, ist's denn wahr,« fragte Bob, »daß das eigentlich der Serena gehört?« – »Ja, 's ist so,« sagte Dick; »aber sie will gar nichts für sich allein, es gehört alles auch uns.« – »Du,« meinte Bob, »weißt du, jetzt ist sie erst noch viel besser, als sie sich angestellt hat!« – »'s ist richtig.« sagte Dick. Serena war in aller Stille mit ihrem alten Freund, dem Pfarrer, der sie zuerst in der neuen Heimat begrüßt hatte, hinübergegangen den grünen Weg, den sie zum erstenmal an der Hand der Tante gewandelt war. Dort, hinter dem friedlichen Kirchlein lag der stille Totengarten; dort zog sie ihr Herz zuerst hin. Vor einem blühenden Fliederbusch erhob sich ein Kreuz von weißem Marmor, darauf standen der Name der Tante und die Worte: »Der Gerechten Seelen sind in Gottes Hand und keine Qual rühret sie an.« Da kniete Serena nieder und legte ihr Haupt auf den Fuß des Kreuzes und weinte, weinte recht lange und schmerzlich, und doch waren es keine bittern Tränen, sie machten ihr übervolles Herz leicht. Endlich erhob sie sich. Der Pfarrer stand still mit gefalteten Händen zur Seite, aus dem Kirchlein klangen schöne Orgelklänge. »Ich habe ja Edmund noch gar nicht gesehen!« rief Serena. »Orgelspiel ist noch immer seine liebste Freude,« sagte der Pfarrer; »er weiß, daß du wieder da bist, und wenn er fröhlich ist, so treibt es ihn, im Gesang oder Musik sein Heiz auszugießen.« Leise waren sie nähergetreten, und sie hörten zu den Tönen der Orgel in Edmunds tiefer, weicher Stimme die Worte des schönen Psalms: »Der Herr ist mein Hirte, mir wird nichts mangeln.« Sie blieben unter der Pforte stehen bis zu dem freudigen Schluß: »Gutes und Barmherzigkeit werden mir folgen mein Leben lang, und ich werde bleiben im Hause des Herrn immerdar.« Edmund hatte geendet. »Edmund!« rief Serena; »Edmund, ich bin wieder da und darf dableiben immer und immer!« Edmund eilte herbei, und in heller Freude grüßten sich die Kinder. Das weiße Kreuz auf der Tante Grab glänzte in lichtem Rot des Abendsonnenscheins. Das war wie ein Gruß der Seligen, mit dem sie sich freute über ihres Kindes Glück. Der Peterli von Emmental Der Peterli stammte aus einer hochstrebenden Familie; sein Großvater war Gemsjäger gewesen, und niemand wußte, in welchem Abgrund zwischen den Gletschern sein Grab war. Sein Vater fand nicht viel Gemsen mehr zu jagen, aber es gefiel ihm nicht auf ebenem Boden und bei ruhiger Hantierung, er wurde ein Führer und zeigte Fremden die Gebirgspfade. So war Peterli oft und viel allein, der Vater ließ ihm, wenn er hinausging, zum Essen da, was er eben hatte; hatte er nichts mehr, so suchte er Hilfe im Nachbarhaus. Das war nun freilich keine Nachbarschaft, wie bei uns, wo man sich in die Fenster sieht. Das nächste Haus war wohl eine Viertelstunde entfernt; aber die Witwe, die es bewohnte, hat doch gut nachbarlich an dem Büblein gehandelt, soweit sie konnte. Bei Sepp, dem Vater des Peterli, war allezeit entweder Ueberfluß oder Mangel; sein Weib war schon lange tot, und er lernte nun und nimmermehr den schönen Lohn, den er oft einnahm, ordentlich zu Rate halten. An den kühlen Morgen beim Bergsteigen hatte er das Branntweintrinken gelernt, und wenn er auch nicht zum Säufer wurde, so ging doch mancher Batzen den Hals hinunter, und er hatte es noch nicht einmal zu einem Bett gebracht. Er und Peterli schliefen auf Laubsäcken, und deckten sich mit dem Teppich zu, den Sepp auch bei hohen Bergreisen brauchte. In allen Notfällen nahm Peterli seine Zuflucht zur Nachbarin, die zwar auch arm, aber gar ein fleißiges, sparsames Weib war. Freilich war sie oft auch nicht daheim; sie ging aufs Feld, in Taglohn, und nahm ihre Buben mit, und so traf Peterli manches Mal, wenn er zum Nachbarhause hinüberging, die Haustür geschlossen. Auf der Bank vor dem Hause saß aber immer an schönen Tagen das Mareili, und das hatte jederzeit eine Handvoll dürrer Schnitze oder ein Stückchen Brot für den hungrigen Peterli. Mareili, das einzige Töchterlein der Nachbarin, war ein armes, kränkliches, an den Füßen gelähmtes Kind, das nur mit Krücken oder getragen vor die Hütte kommen konnte; da blieb sie denn auch gewöhnlich sitzen mit ihrem Strickstrumpf oder einer Strohflechterei, oft halbe Tage allein. Mutter und Geschwister hatten sie gar lieb und taten ihr zu Gefallen, was sie konnten; aber daß eines bei ihr daheim bleiben sollte, das fiel ihnen nicht ein. Ehe jedoch die Mutter aufs Feld ging und die Buben zur Schule, mußte Mareili ihren reichlichen Anteil haben, lieber wären sie hungrig fortgegangen. Mareili aber, das immer still saß, das aß gar wenig, und so hatte sie stets noch etwas übrig für den Peterli. Die armen Kinder waren einander recht zum Trost; das Gesicht des einsamen Mareilis heiterte sich auf, wenn der Peterli in seinem zerlumpten Jäckchen den schmalen, steinigen Weg herunterkroch, der zu ihrer Hütte führte; sie erzählte ihm allerlei schöne Geschichten und lehrte ihn die Gebetlein, welche sie selbst wußte. Viel gelernt hatte das arme Kind freilich nicht, denn die Mutter war zu arm, um einen Lehrer im Haus zu bezahlen; aber Mareili war ein verständiges Kind, und das Wenige, was ihr Mutter und Brüder zeigen konnten, benützte sie treulich und bedachte es in ihrem stillen Sinne, so daß sich oft die Mutter nicht genug wundern konnte, woher denn doch das Mädchen alles wisse. Peterli hätte freilich schon lang das Alter gehabt, in die Schule zu gehen, aber er war ein schwächliches Büblein und sah viel jünger aus, als er war; so war er indes noch durchgeschlüpft. Er suchte nun seinerseits dem Mareili auch Freude zu machen. Er wußte, daß sie die Blumen lieb hatte; da suchte er denn zusammen, was er von Blümlein fand, und entdeckte allerlei verborgene duftende Kräutlein für sie: »Lueg, Mareili, das schmeckt so wohl!« Auch brachte ihm der Vater hier und da auf seine Bitte von den schönen, seltenen Alpenblumen mit, die nur auf den höchsten Berggipfeln wachsen; da strahlten Mareilis Augen vor Freude, und wenn die Blumen welken wollten, trocknete sie alle und hob sie auf in dem Gebetbuch der Mutter. Und noch ein Kleinod hatten die Kinder, um dessen Besitz Peterli weit umher beneidet wurde: ein kleines Büchlein. Prachtvoll rot gebunden, mit goldenem Schnitt; darin waren prächtige Bilder, wunderschöne Frauen, auch Ritter auf Pferden, und Straßen mit stattlichen Häusern. Das Büchlein, das wohl einmal ein fremder Reisender verloren, hatte Peterlis Vater auf einem Berge gefunden: das war ein Schatz und eine Herrlichkeit! Peterli hatte es dem Mareili aufzuheben gegeben, und die holte es nur selten hervor, daß es nicht verderbt werde; aber es war auch jedesmal ein Fest, wenn sie es wiedersahen. »Ach, wie schön muß es draußen in der Welt sein,« dachten sie beide, »wo solche schöne Frauen und Herren herumgehen!« »Wenn ich groß bin, Mareili,« sagte Peterli, »da steig' ich auf die Berge, wie der Vater; wenn man so hoch droben ist, da sieht man gewiß die ganze Welt, und da, wo mir's am besten gefällt, da steig' ich hinunter. Wenn ich dann viel Geld habe, so bringe ich dir eine schöne, schöne, goldige Haube mit.« »Bis dahin,« sagte Mareili wehmütig, »bin ich im Himmel, da ist's noch viel höher droben, und da sieht man erst recht die Welt; aber dann ist's so schön, daß man gar nicht herunter mag.« So machten die Kinder ihre Pläne, und waren dabei zufrieden mit ihren zerrissenen Kleidern und ihrem kümmerlichen Brot. Peterli wäre gar zu gern einmal mit dem Vater gegangen; aber der sagte, daran sei noch nicht zu denken, es sei so ein gefährlich Ding um die Berge; sie lassen einen nimmer los, wenn man's einmal verschmeckt habe. Da sah er sie denn nur von weitem, und die Schneeberge sah man in seinem Tal gar nicht. In guten Sommern hatte der Vater einen schönen Verdienst; wenn aber auch keine Reisende zu führen waren, so liebte er, selbst auf den hohen Bergen umherzuklettern und neue Pfade und neue Aussichtspunkte für Reisende zu entdecken. Seines Vaters verwegenes Blut, welcher der keckste und verwegenste Bergsteiger in der Runde gewesen, stak in Sepp. Am meisten zog's ihn immer auf den Pilatus, einen der höchsten unter den Bergen, die den wunderbar schönen Vierwaldstädter See umgeben. Er kannte jeden der seltsamen Zacken und Klippen, die dem Berge eine so wilde und abenteuerliche Gestalt geben. Wie oft schon war er an dem kleinen unheimlichen See gestanden, der, von finsterem Tannengestrüpp umgeben, seltsam gestaltete Nebel aufsendet! Der Volksglaube sagt, daß hier der römische Landpfleger Pontius Pilatus, von Reue und Verzweiflung durch alle Lande gejagt, seinen Tod gefunden habe; sein ruheloser Geist soll die Nebel aus dem See treiben, welche Unwetter bringen, und wer ihn einmal sieht, wie er sich auf dem Wasser hier und da zeigt, der lebt kein Jahr mehr. Gespensterfurcht plagte den Sepp gar wenig; was ihn mehr als die Geheimnisse des Sees anzog, das war das Mondloch, eine tiefe Höhle, die durch den Felsen geht, aus der aber so todeskalte Luft strömt, daß es nicht möglich ist, tief in sie hineinzudringen. An der andern Endung erweitert sich dies Loch in die Dominikshöhle, in der man von fern ein Steinbild sieht, dessen rätselhafte Erscheinung schon viele Forscher beschäftigt hatte. Es ist die riesenhafte Gestalt eines sitzenden Mannes, vom Volke der heilige Dominik genannt, den viele für ein seltsames Naturspiel, mehrere noch für ein Werk von Menschenhand halten. Die Höhle, von schroffen, vorspringenden Felsen umgeben, ist auch dem kecksten Bergsteiger unzugänglich, und so wäre hier ein Bild von Menschenhand ein unerklärliches Rätsel. Sepp, der so oft schon Fremde hierher geleitet, ihre Streite und Vermutungen über diese Erscheinung gehört, mußte sich selbst Tag und Nacht mit dem Gedanken plagen, wie wohl das Rätsel zu ergründen sei. Einmal gelang es ihm, bis auf den Rand des überhängenden Felsens zu kommen, der von oben die Höhe deckt; keck wie kein andrer, befestigte er ein Seil an den Felsenzacken und ließ sich daran hinab, so daß er über der Höhle schwebte. Hirten, die weiter unten am Pilatus werdeten, sahen diese Kühnheit und schrien laut auf vor Entsetzen. Aber sie sahen, wie er sich an dem Seile wieder aufschwang, bis er den Felsen mit den Händen packen konnte und unversehrt seinen Weg zurückfand. Die Kunde, daß Sepp in der Dominikshöhle gewesen sei, verbreitete sich weit. Ein reisender Engländer, der eben in Luzern war, ließ ihn zu sich bescheiden, beschenkte und bewirtete ihn reichlich und fragte ihn, was er nun von dem Bilde ergründet. »Ich halte es für ein künstlich ausgehauenes Bild,« behauptete Sepp; »wie es einmal dahin gekommen, das weiß Gott! aber ich sah deutlich den Kopf und das Gesicht. Wäre nur mein Strick länger gewesen, so hätte ich näher kommen können.« »Würdest du dir noch einmal getrauen, mit besseren Hilfsmitteln in die Höhle zu gelangen?« Sepp besann sich einen Augenblick. »Herr,« sagte er, »es ist grausig, wenn man da oben hängt, und ich habe ein einziges Kind!« »Da sind zehn Louisdor,« sagte der wißbegierige Engländer; »dazu will ich zwei Männer bezahlen, welche dir die Stricke oben befestigen helfen, und dir das Zurücksteigen erleichtern. Das Geld soll dein sein, wenn du wirklich in die Höhle eingedrungen bist und mir die Wahrheit dessen, was du an dem Bild gefunden, beschwören kannst.« Sepp zögerte noch lange; aber das schöne Geld, das seinem Peterli so wohl käme und sein eigener, unwiderstehlicher Drang, die Geheimnisse der Bergwelt zu ergründen, siegten. Er ließ sich das Geld zusagen; für den Fall, daß er bei dem Versuche zugrunde ginge, solle es seinem Kinde werden, und er versprach, denselben schon am nächsten Tage anzustellen. Sepp schalt mit sich selbst, daß er diesmal mit so schwerem Herzen an ein Wagnis dachte, das doch nicht das keckste war. das er schon bestanden; aber er konnte es nicht ändern. Als der Engländer die bedungene Summe dem Wirt für ihn übergab, da war ihm, als hätte er Leib und Seele verkauft. Langsamer als sonst ging er nach Hause, um sich für den andern Tag zur Reise zu rüsten und das Nötige herbeizuschaffen. Peterli war hoch erfreut, als ihm der Vater einen großen Weck mitbrachte, und noch Käse zur Zehrung für den nächsten Tag. Es war früh am Morgen, fast noch dunkel, als Sepft leise von dem Lager aufstand, das er mit Peterli teilte. Peterli hörte ihn doch und richtete sich halb auf: »Gehst schon. Aetti?« »Ja, Büebli.« sagte Sepp, hob ihn auf und küßte ihn, was sonst gar nicht seine Sache war. »Was hast. Aetti?« fragte der Knabe verwundert. »Nichts. Büebli. gar nichts!« und er ging. Vor dem Haus aber kehrte er noch einmal um: »Komm'z Nacht gewiß heim, Peterli, wenn ich auch noch nicht da bin! ich komm' vielleicht spät.« »Schlaf ja alleweil da,« antwortete der Peterli, der schon wieder am Einschlafen war. Sepp aber schritt ganz nachdenklich vorwärts und blickte noch gar manchmal nach seiner Hütte zurück. Peterli schlief gehörig aus; es war ein trüber, grauer Tag und wurde spät hell in dem tiefliegenden Häuschen. Endlich stand er auf, aß den Rest seines Weckens, auch etwas Käs; seinen andern Vorrat wollte er drüben bei Mareili verzehren. Dann las er die raren Steinchen und Muschelschalen aus, die er nach und nach selbst gesammelt und vom Vater erhalten; er hatte seine Freude an den wunderlichen Gestaltungen der Steine, die bald wie ein Blatt, bald wie ein Hörnchen geformt waren. – Wie eigentlich diese Schneckenhäuschen und Muscheln so hoch hinauf auf die Berge gekommen, darüber besann sich der Peterli nicht im mindesten. Aber es war kalt; er wollte zu Mareili hinüber, wo er hoffte, eine warme Stube zu finden: so machte er sich auf und ging sachte, wie er's gewohnt war, seinen wohlbekannten Weg hinüber. Mareili saß richtig in der Stube am Ofen; die Mutter war in der Stadt, die Geschwister noch in der Schule, von der sie erst zur Abendzeit kamen. Peterli half ihr beim Strohflechten, weil er sonst große Langeweile gehabt hätte, und sie erzählte ihm allerlei schöne Geschichten von der Frauenblümlisalb, wo hoch, hoch droben über ewigem Schnee und Eis eine wunderschöne grüne Matte sei, auf der das arme Vieh, das harte Leute zu tot geplagt, werden und grasen dürfe in Ruh und in Fülle; von reichen Bauersleuten, die üppig und gottlos gelebt und den Armen ihr Haus verschlossen, wie dann aber eine Lawine gekommen und all ihr Hab und Gut verschüttet: da liegen sie nun tief drunten in der Nacht und Qual. Manchmal will die Bäurin noch kochen, dann sieht man den Dampf aus dem Boden steigen; aber das Feuer brennt nicht hell, und sie müssen Mangel leiden inmitten ihres alten Ueberflusses. Und Peterli spitzte beide Ohren und hörte zu und schrak zusammen, wenn draußen nur der Wind durch die Bäume fuhr. Gegen Mittag langte Mareili eine Milch vom Ofen, die ihr die Mutter hingestellt hatte, und Peterli zog seine Schätze an Brot und Käs hervor. Die Kinder teilten redlich und kamen sich gar reich vor bei ihrem Schmaus; sie nahmen sich wohl Zeit dazu, und es wurde spät bis sie wieder an die Arbeit kamen. Noch war lang nicht die Zeit, in der Mareilis Brüder von der Schule heimkommen sollten, als diese schon atemlos, lärmend wie das wilde Heer, hereinstürzten. Einer überschrie den andern: »Peterli, Peterli, dein Vater ist zu tot gefallen!« Jeder hatte der erste sein wollen, der die Botschaft überbrachte. Peterli war wie betäubt; er wußte gar nicht recht, was sie sagen wollten. Mareili wehrte ihnen ab, sie fingen aber immer wieder an: »Totgefallen ist er, vom Pilatus herunter! die Mannen sind fort und suchen ihn.« Bald lam auch die Mutter heim mit der traurigen Kunde. Sepp war mit andern Führern wieder auf den vorstehenden Fels geklettert, wo sie das längere Seil befestigten. Der Engländer wartete weiter unten in einer Sennhütte. Wie das letzte Mal hatte Sepp sich an dem Seil hinabgeschwungen, aber es wollte lange nicht gelingen, es in eine Richtung zu bringen, wo es möglich gewesen wäre, in die Höhle zu kommen; an den zackigen Felsen zerrieb sich das Seil, das nicht neu war: – im Augenblick, wo Sepp sich an die Felsen klammern wollte, riß es, und er stürzte in den Abgrund. Seine Begleiter suchten nun den Leichnam; der Engländer hatte das Geld zurückgelassen und war abgereist. »Du armes Büebli!« sagte die Mutter, während Mareili bitterlich weinte und schluchzte, »was tust jetzt du auf der Welt?« Peterli weinte nicht, er verstand alles noch nicht, der Tod war ihm nie so nahe getreten: er konnte es nicht glauben und versicherte immer wieder, er müsse heim, der Vater habe gesagt, er komme gewiß wieder. So ging er in die Hütte zurück und legte sich auf das Lager; er hatte schon oft allein geschlafen, heute aber war's ihm unheimlich; er schlief jedoch zuletzt im Weinen ein. Wie er aufwachte, war's hoch am Tag. Der Vater lag nicht neben ihm; er ging heraus, um wieder zu Mareili zu gehen. Wie er aber aus der Hütte trat, kamen ihm vier Männer entgegen, die trugen eine Bahre mit einem alten Teppich zugedeckt. – Sie sahen das Kind und hatten Mitleid; sie winkten ihm, abseits zu gehen, als sie die Bahre niedersetzten. Peterli wollte nicht, er deckte den Teppich auf. »Nit. Büebli, nit!« sagte einer der Männer. Es war zu spät. Da lag sein Vater, bleich und blutig mit zerschmettertem Kopf und zerbrochenen Gliedern. Jetzt sah er, was der Tod war und brach in jammervolles Weinen aus. Man brachte den Knaben in Mareilis Haus, das ihn lange vergebens zu trösten suchte; er konnte sogar nicht essen, was man nie bei Peterli gesehen hatte, und blieb traurig, bis der Schlaf sich wieder über ihn erbarmte. Am andern Morgen wurde der kecke Sepp begraben; wie sein Vater hatte auch er nun zwischen den Klippen seinen Tod gefunden. Obwohl man sein Wagnis für Gott versucht hielt, so erregte doch sein schauriges Ende aller Mitleid, und wer es noch erfuhr in der Gegend begleitete ihn zu Grabe. Den Peterli ließen sie vorangehen. Mareilis Mutter hatte ihm, so gut es ging, einen Traueranzug aus entlehnten Kleidern zugerichtet. Er ging gar traurig mit, und als er den Sarg versenken sah, und die Erde darauf rollte, da überkam ihn ein recht trostloses Gefühl von Verlassenheit, so wenig Liebe und Fürsorge er auch von dem Vater genossen hatte. Das Geld von dem Engländer und der Erlös aus der geringen Habseligkeit des Sepp reichten hin, die Leichenkosten zu bestreiten, dem Peterli einen guten Anzug anzuschaffen, und noch für die ersten Jahre etwas für seine Unterbringung zu bezahlen. Mareilis Mutter wollte ihn bei sich zurückhalten; aber die Gemeinde, die für Peterli zu sorgen hatte, gab das nicht zu. Der Bub sei so verwahrlost, hieß es, noch nicht einmal in der Schule gewesen, und doch schon über acht Jahre alt; er müsse in ein Haus, wo ein Mann sei, der ihn beizeiten zum Bauerngeschäft anhalte, dazu sei ein Weib nicht geeignet. So mußte denn Peterli Abschied nehmen von seinem Mareili und seinem Häuschen, und mußte mit einem alten Bauern, der sich erboten hatte, ihn zu nehmen, noch weit hinein in die Berge. Es war ihm gar trübselig ums Herz, wie er mit dem Bauern so weiterschritt, nicht als ob es jetzt in die weite Welt hinausginge; es dünkte ihm, es gehe aus der Welt hinaus: er fing an zu weinen. »Was heulst?« fragte der Bauer in gleichgültigem Ton; »ist unnötig!« und Peterli schwieg. Auf dem Hof des Bauern führte der Peterli wieder ein gar einsames Leben; das Gut war nicht sehr groß, und niemand da, als die alte Bäurin, eine schmutzige Magd und ein Knecht. Die Bäurin hörte nicht wohl, der Bauer sprach nicht gern; »'s ist unnötig,« war stets sein Bescheid, wenn die Frau gern etwas von draußen erfahren hätte; so gingen sie denn nebeneinander her und taten sich nichts zulieb und nichts zuleid. Die Magd und der Knecht hatten beständig Streit miteinander; wenn sie einen Tag lang einander angeschrien hatten, so trutzten sie am andern und redeten nichts. Peterli sollte allen helfen und konnte und verstand doch nichts. Er hatte in des Vaters Hütte und beim Mareili so für sich hingelebt, an keine ernstliche Arbeit gewöhnt; da war er gar ungeschickt zu all dem Bauerngeschäft, und obwohl niemand besonders hart gegen ihn war, mußte er doch zehnmal des Tages hören: »Aus dem Buben wird nichts; er ist eben nicht von rechten Leuten.« Dem Peterli, der in kein freundliches Auge mehr sah, kein trauliches Wort mehr hörte, war's wie einem Pflänzlein, das aus sonnigem Land in einen Topf verpflanzt und in den Winkel gestellt wird. Es war wahrhaftig keine große Herrlichkeit gewesen in der armseligen Hütte des Vaters und auf der Bank vor Mareilis dürftigem Haus, und doch kam ihm jene Zeit wie ein verlorenes Paradies vor; er hätte nur noch ein einziges Mal beim Mareili sitzen und ihre Geschichten hören mögen, oder auf den Vater warten, der ihm schöne Blumen und Steine brachte. Das Buch mit den Bildern hatte er Mareili zum Andenken gelassen; sie hatte ihm dafür ein Fragenbuch geschenkt mit ein paar schönen Heiligenbildern darin, das er in der Schule brauchen konnte. Das Beten hatte er ganz verlernt, er meinte, man könne nur mit Mareili beten; der Bauer las zwar alle Morgen einen Morgensegen, aber der Peterli dachte nicht viel dabei, er war von daheim nicht an die fromme Sitte gewöhnt worden. Daß man beten könne ohne auswendig gelernte Worte, so recht nach des Herzens Antrieb, das hatte er nicht recht begriffen, und es fiel ihm gar nicht ein. Nach Weihnachten kam er in die Schule; das war ein großer Wechsel in seinem Leben. Er war größer als die meisten Schulbuben und viel unwissender; so wurde er von allen ausgelacht und mußte zuerst auf einem besonderen Stühlchen neben dem Schulmeister sitzen. Das dauerte aber nicht lang. Der Schulmeister war ein alter, freundlicher Mann; wenn der ihn hernahm und fagte: »Lueg, Peterli, das ist ein i, will seh'n, ob du's 's nächstmal weißt,« dann fragte Peterli, so lang der Schulmeister bei den andern war, schnell privatim noch die Buben um andre Buchstaben; kam dann der Schulmeister wieder und fragte: »Jetzt, Peterli, was ist das?« so rief der ganz stolz: »Das ist ein i, und das ist ein a, und das ist ein e.« und das Vergnügen des Schulmeisters spornte ihn zu immer neuer Anstrengung. Mit dem Schreiben wollte es anfangs weniger gehen, die geraden und schiefen Linien waren dem Peter entsetzlich langweilig. Als ihm der Schulmeister das erstemal vorgeschrieben hatte und fragte: »Nun. Peterli, hast's schön nachgeschrieben?« da sagte der Peterli unbefangen: »Nein, ich hab' lieber einen Bock g'malt.« Als er aber nach und nach begriff, was man für schöne Sachen schreiben könne, so fing er doch an, sich Mühe zu geben, und der alte Abc-Schütz hatte bald die andern überholt; ja, er wurde so wohl dran bei dem Schulmeister, daß er in dessen Abwesenheit die Aufsicht führen durfte, worüber die Bauernsöhne sich sehr beklagten. Peterli war aber ein gnädiger Statthalter, und ließ sich hier und da mit ein paar raren Steinchen bestechen, einen Schuldigen wieder auszustreichen. Wegen seiner Freude an Pflanzen und Steinen hießen ihn die Kameraden den Steinpeterli. Weit kam es freilich nicht mit seiner Gelehrsamkeit, denn im Sommer durfte er nicht in die Schule, sein Bauer hielt das für unnötig. Seine Sehnsucht nach der weiten Welt war noch nicht befriedigt worden; der Hof stak zwischen niedrigen Hügeln, die mit struppigem Gebüsch bewachsen waren. Da hütete er seine Geißen, und wagte nicht, weiter hinauszuziehen auf die höheren Berge. »Ist unnötig,« meinte der Bauer, wenn er Lust dazu bezeugte; »dein Aehne hat den Hals gebrochen, dein Vater auch; ist unnötig, daß du ihn auch brichst.« Peterli hielt aber seine Geißen gut; er wußte ganz genau, von welchen Sträuchern und Kräutern sie am liebsten fraßen, und trieb sie dahin. Auf dem Feld war der Bauer nicht sonderlich mit ihm zufrieden; einmal war er zwar groß, aber etwas schmal und schmächtig für sein Alter, und dann hatte er eine viel zu große Freude am »Unnötigen«. Wenn er anfing, seine Steine in Reih und Glied zu legen: wenn er einen Jubel anschlug über die vielen Rittersporn und Kornblumen im Ackerfeld: wenn er seltsame Vogeleier heimbrachte: so schüttelte die Bäurin den Kopf. »Das gibt keinen Bauer,« sagte sie zu ihrem Mann. »Ist auch unnötig!« schrie ihr der in die Ohren, »wird doch keiner.« »Gibt aber auch keinen Knecht,« fuhr sie fort, und da konnte er ihr nicht widersprechen. Hatte die Bäurin den Peterli daheim zur Hilfe im Garten und Haus, so fand sie ihn weniger unbrauchbar; er kannte die Küchengewächse aufs beste, hielt das Gärtchen gar sauber, und verschönerte es mit Blumen, zu denen er den Samen bei der Schulmeisterin gebettelt hatte. Rühmte nun die Bäurin diesen Vorzug beim Bauer, und sagte: »Lueg einmal, wie sauber jetzt das Gärtlein ausschaut!« da meinte der wieder: »Ist ganz unnötig.« Einmal war ein gar nasser Sommer und Peterli fand, daß seine Geißen nicht recht gedeihen wollten in den niedrigeren Gründen; da beschloß er denn, dem Bauern einen Zug auf die höheren Berge vorzuschlagen. Dieser Plan war die erste Freude, die er seit langem hatte. Er lebte sonst so schweigsam und trübselig dahin wie alle Bewohner seines Hofs, der nicht umsonst Einöd hieß. Was ihn freute, das freute niemand sonst; was ihn betrübte, das war den andern gleichgültig; der alte Schulmeister war gestorben und der neue bekümmerte sich nicht um ihn. Endlich hatte er die Erlaubnis zu seiner Alpenfahrt herausgeschlagen, so »unnötig« es dem Bauern auch vorkam. Er rüstete sich eifrig aus wie ein rechter Sennhirt, obwohl ihn der Knecht auslachte, daß er ein altes Horn umband, das sonst nur ein Kuhhirte trägt. Lang vor Tag zog der Peterli aus und suchte seinen Weg auf den Berg; das Herz klopfte ihm vor stiller Erwartung, wie er so der duftigen Früh dahinschritt. Als er begann, den Berg zu besteigen, kamen ihm mancherlei Gedanken an seinen Großvater, der hoch oben unter dem ewigen Schnee die Gemsen verfolgte, keck wie keiner, bis er eines Tages nimmer heimgekehrt war; an den Vater, wie er ihn am letzten Morgen geküßt hatte, und wie er noch einmal umgekehrt, eh' er auf den Berg gegangen war in seinen Tod. Es war Peterli gar ernst zu Mut. »Sollt' ich auch meinen Tod finden auf dem Berg, wo mich's so hin verlangt?« dachte er bei sich. Währenddessen stieg er immer höher und höher, immer den Geißen nach, in großer Sorge, daß sich keine verlaufe; aber er sah nichts, Gestrüpp und Felsen hemmten jede Aussicht. Endlich war er hoch hinaufgestiegen; die Geißen, die sich satt gefressen hatten, legten sich müde nieder, auch Peterli war müd; aber er trat noch hinaus auf einen kleinen Vorsprung, um, wie er hoffte, endlich die Welt zu sehen. Ja, da stand er, und gar wundersam war dem Büblein zu Sinn; nicht in die Welt, in den offenen Himmel glaubte er zu blicken, so wunderbar schön breitete sich's aus vor seinen Augen. Tief unten lag der dunkelgrüne See; weiße Segelschiffchen glitten ferne, wie weiße Tauben, darüber hin; die mächtigen Berge spiegelten sich in seiner stillen Flut; dicht am Ufer standen freundliche, helle Dörfer, da und dort ein einsam Kirchlein, – unabsehbar weit breiteten sich die Gebirge aus, und hoch über ihm ragten die geheimnisvollen Gletscher blendend weiß in den tiefblauen Himmel hinein. Es war zuviel, zu wundersam vor seinen Augen, er wußte nicht, was er tat; er faltete seine Hände und betete: »O, lieber Herrgott, wie ist deine Welt so gar schön und so groß! gib mir auch einmal ein Plätzchen darin zu eigen!« Ach, es war gar zu schön, und wie die herrliche, frische Bergluft den Peterli umströmte! Da ward's ihm so wohl auf der Welt, so wohl, wie noch gar nie; und er dachte sich kein schöneres Los auf der Erde, als Küherbub zu sein, und an einem grünen Berg zu liegen all sein Leben lang. Als er sich satt gesehen, legte er sich hin und aß von seinen Vorräten; aber immer wieder mußte er hinaus und hinunterblicken und aufjauchzen vor lauter heller Lust. Gar still war es auf dem Berge und still in Peterlis Herzen. Er hatte viel schöne Sprüche gelernt von Mareili und in der Schule, er hatte sie dort mit lauter Stimme heruntergeleiert, und nie etwas dabei gedacht. Jetzt aber wachten sie alle wieder in ihm auf, und er sagte sie sich laut her; er verstand es hier so gut: »Herr, mein Gott, du bist sehr herrlich, du bist schön und prächtig geschmückt. Licht ist dein Kleid, das du anhast; du breitest aus den Himmel wie einen Teppich.« »Herr, wie sind deine Werke so groß und sehr viel! wer ihrer achtet, der hat eitel Lust daran.« Dann war er freilich wieder fast nicht so keck, zu beten; der Herr in dem hohen Himmel droben, dem all die große, reiche und schöne Welt gehörte, wie konnte er an so ein armes Hirtenbüble denken! Und wenn Gott so reich war, warum gab es doch so viel arme und traurige Leute auf der Welt? Er dachte an Mareili mit ihrem lahmen Fuß, an ihre arme Mutter, an seinen Vater und ihre Hütte, und er konnte das wieder nicht begreifen. »Wenn ich der liebe Gott wäre, ich gäbe allen Leuten schöne Häuser an den Bergen herum und viel Kühe; es müßte doch viel lustiger für den lieben Gott selber sein, wenn er auf lauter vergnügte Leut 'runter sähe!« Da fiel ihm aber wieder ein, was ihm Mareili oft von reichen und hartherzigen Bauersleuten erzählt, – das konnte doch nicht lustig sein für den Herrgott, und er fühlte, wie er, ein arm's Hirtenbüble, es doch dagegen so gut habe. Und nun erst dachte er recht an die Geschichte vom lieben Heiland, der aus dem schönen prächtigen Himmel heruntergekommen sei, auch ganz arm; der sei ja jetzt bei dem lieben Gott und wisse alles von den armen Leuten auf der Welt, und der denke wohl auch an so ein armes Büble. Alle die schönen Geschichten der Bibel, die er gelesen und gehört, ohne nur etwas dabei zu denken, wurden ihm jetzt lebendig, und die stille Einsamkeit des Berges lehrte ihn mehr, viel mehr, als aller Verkehr mit Menschen, seit er nicht mehr beim Mareili war. Von da an wußte Peterli von keinem andern Leben, als von dem auf den Bergen. Der Herbst, an dem man von der Alme 'runterzieht, war ihm die traurigste Zeit: das Geläute der heimkehrenden Herden klang ihm wie ein Grabgeläute. Aber als die Schule wieder anging, machte es ihm doch auch Freude; er hatte sich in der Bergstille an seinen schönen Sprüchen und Liedern so sehr ergötzt, daß er gern wieder neue lernen wollte. In seinen stillen Gedanken auf dem Berg droben war ihm so manches aufgestoßen, worüber niemand Auskunft geben konnte; nun fragte er den Schulmeister und sogar den Herrn Pfarrer so viel, daß man ihn jetzt nimmer den Steinpeterli, sondern den Fragenpeterli nannte. Sein Meister, dem er doch nicht recht war, ließ es ohne Schwierigkeit zu, daß er sich als Sennerbub bei einem reichen Bauern verdingte, der viel Vieh hatte; so war denn nun seine Heimat ganz auf der Alme. Er ging sorgfältig mit dem Vieh um, namentlich studierte er seine Krankheiten und fand allerlei Kräutlein, die ihm dienten; aber doch war ihm dies Nebensache, sein Leben war der Berg. Wie freute er sich, nun die seltenen Blumen Edelweiß und Alpenrosen in ihrer eignen Heimat selbst zu finden; wie oft dachte er dabei an das Mareili, von dem er jetzt noch viel weiter entfernt war, und wünschte, sie ihm bringen zu können; und wie reich wurde hier seine Steinsammlung, die er in zierlicher Ordnung in einer verborgenen Grotte bewahrte! Peterli war längst aus der Schule und ein großer Bursch, obwohl von etwas feinerem Bau und Aussehen als die Bauernburschen und Sennknechte der Gegend. Die Wunder der Bergwelt waren gar nichts Neues und Fremdes mehr für ihn; aber doch hauste er am liebsten da oben und hatte wenig Sinn für die Belustigungen seiner Altersgenossen, was ihm viel Neckerei zuzog. In die Welt hinaus lüstete ihn noch immer, und doch war er noch nicht einmal über seine nächsten Berge hinausgekommen; er lebte so hin, wie sich's von selbst gab und wußte nicht recht, wie er's angreifen sollte, in die Welt zu kommen. Eines Tags lag er nach seiner Gewohnheit an einem grünen Abhang, sah hinaus und hinunter und besann sich, wie's wohl in den vielen Orten in der Welt drunten aussehe; da kamen zwei fremde Herren mit Alpenstöcken und Botanisierbüchsen heraufgeklettert. Fremde sind für keinen Schweizer etwas Neues; doch war es selten, daß welche auf Peterlis Berg kamen, der nicht zu den höchsten und besonders genannten gehörte. Der eine der Herren hatte einen Stock, an dem ein Hammer angeschraubt war; er setzte sich bei jedem Stein, der ihm bedeutend erschien, und hub an zu klopfen; auch waren seine Rocktaschen schon so schwer von Steinen, daß sie ihn fast herunterzogen: der andre schien es auf Gras und Kraut abgesehen zu haben, er raufte alle Augenblicke ein Pflänzlein aus, zupfte daran, betrachtete es durch ein Glas und steckte es dann in seine Büchse. Peterli sah geruhig ihrem Treiben zu; daß solche Herren eine Freude an Steinchen und Blümlein hatten, das hatte er wirklich nicht gewußt. Der Herr mit dem Hammer schien nicht sehr zufrieden mit dem, was er gefunden. »Guter Freund,« rief er hinauf, als er den jungen Hirten gewahrte, »Ihr habt nicht viel Rares auf Eurem Berg da!« »So?« meinte Peterli; »ich will dem Herrn einmal meine Steine zeigen.« Mitleidig lächelnd folgte der Steinklopfer dem Peterli, der ihn auf allerlei halsbrechenden Wegen zu seiner Grotte führte. »Wird was Schönes sein, ein paar glatte Kiesel oder ein Schleifstein!« Der Grasrupfer stieg brummend nach. Nun waren sie in der Grotte; Peterli zeigte seine Schätze vor und glaubte nun, der Herr wolle ganz und gar närrisch werden vor Freude und Verwunderung; er hüpfte herum, er drehte sich auf dem Absatz, er packte Peter beim Wams: »Juwel von einem Viehhüter!« schrie er; »du ausgezeichneter Bursch, du Glücksvogel, wo hast du diese Prachtexemplare her, diesen Quarz, diesen Kristall? Da sieh nur, du lederner Grashüpfer du,« rief er dem andern zu, »der du die Schönheiten der Steinwelt nie fassen willst! sieh diese Krebsschere in einem Schiefer, dieses Palmblatt! was sind da eure grünen Dinger dagegen, die in einer Stunde welk sind? das ist unvergängliche Schönheit!« »In verbis, herbis et lapidibus,« sagte bedächtig der Botaniker, der auf der andern Seite der Grotte merkwürdige Entdeckungen gemacht hatte. »Dieser Ausbund von einem Alpenbauer ist scheint's auch ein botanisches Genie; hier ist, nur leider unrichtig gepflückt und unvollkommen gepreßt, eine Sammlung von Alpenpflanzen, wie ich sie in den letzten Tagen gesucht habe.« »Ich sag's ja,« rief mit neuem Entzücken der Steinklopfer, »es ist ein göttlicher Geißhirt! Könnt' ich doch meinen hölzernen Studenten den Blick dieses Naturkindes geben! Nein, dieser Petrefakt!« und er vertiefte sich aufs neue in den Anblick eines vieltausendjährigen Bockshorns. Peter glaubte wirklich lange Zeit, der Herr müsse von Sinnen sein, da er ihn immer wieder und wieder am Wams packte und ihn in seinem Entzücken fast den Berg hinabgeworfen hätte. Auch verstand er das Hochdeutsch nicht, das der Herr mit so flinker Zunge sprach. Der Botaniker, der ruhiger und nüchterner war, setzte sich endlich mit ihm ins klare und von ihm erfuhr er, daß die beiden Herren Professoren an einer deutschen Universität waren und eine wissenschaftliche Erholungsreise zusammen machten. Professor Glimmer, der Geolog, wünschte ihm seine Steinsammlung, in der freilich manches für ihn unbrauchbar war, für sein Kabinett abzukaufen; der Botaniker konnte zwar seine Pflanzen nicht für ein Herbarium brauchen; aber er wünschte, daß er sie auf ihrer Gebirgsreise begleiten möge, um ihm die versteckten Winkel der Alpenpflanzen aufspüren zu helfen. »Ja, das geht nicht,« sagte Peter, in dem die Reiselust mächtig erwachte, und kratzte sich hinter den Ohren; »das Vieh kann ich nicht verlassen.« »Viehhirten gibt es genug in diesem gesegneten Lande,« rief Doktor Glimmer, »aber kein erlesenes Genie, wie du bist!« »Dein Meister wird schon einen Stellvertreter für dich finden,« sagte der Botaniker. »Das wird er freilich,« meinte Peter; »aber mich nimmt er nachher nicht mehr; Knechte gibt's genug, aber Amtsverweser sind nicht Mode bei Bauersleuten.« »Ich behalte dich ganz!« rief der Geolog wieder, »ganz und gar, mit Haut und Haar, und sorge für deine Zukunft. Einen solchen Diener für mein Kabinett habe ich noch nicht gefunden; da sollst du Steine sehen, Jüngling, nach Herzenslust, und die Welt obendrein!« Immer lockender klangen dem Peter diese Verheißungen. Die weite Welt breitete sich in all ihrer Herrlichkeit vor seinen Geistesaugen aus; die Reise, der neue Beruf, die Lobpreisungen des Fremden, wie komisch übertrieben sie auch waren, reizten ihn. All sein Lebtag hatte noch niemand so viel aus ihm gemacht, und es war doch ein wohlfeil verdienter Ruhm mit ein paar gefundenen Steinchen. Er sah die lange, hohe Gebirgskette an, die er durchwandern sollte; wie berühmt wollte er da erst werden, wenn er auf den Bergen allen herumsteigen dürfte! Der Steinprofessor meinte, er solle sogleich seine Kühe und Geißen dem Schicksal überlassen und mit ihnen ziehen. Doktor Braun, der Botaniker, sah wohl ein, daß das nicht anginge, und ließ sich den Hof seines Meisters zeigen, um einstweilen mit ihm zu unterhandeln. Die Herren stiegen hinab, da Peter erst auf den Abend, wenn der Melker heraufkam, sein Vieh verlassen konnte, und er blieb zurück, versunken in goldene Träume von der Herrlichkeit der neuen Welt. Die Sache machte sich, obgleich Peters Meistersleute sehr mißtrauisch gegen die Fremden waren und dem Peter abrieten, ihnen zu folgen. Dr. Braun besorgte seinen Reisepaß beim Gericht und wies dort sich und seinen Freund gehörig aus. In der Stadt wurde auch ein schicklicher Reiseanzug und ein starker Lederranzen für Peter gekauft, und so war er ausgerüstet zum Zug in die große weite Welt. Schon saß er mit seinem Herrn beim Abendessen im Wirtshaus, er, das arme Knechtlein. Wirt und Wirtin, die seine Herkunft wohl kannten, verwunderten sich, aber keines so sehr, als der Peter selbst. Da fiel ihm mit einemmal das Mareili ein, die er so lange Jahre nicht gesehen hatte; von der sollt' er doch Abschied nehmen. »Nun, morgen geht's in die Berge hinein,« sagte Dr. Glimmer; »da nimm dich zusammen, du göttlicher Kuhhirt, daß du keine von euren Herrlichkeiten außer acht läßt!« »Ja, wenn's die Herren erlauben wollten,« sagte Peter etwas schüchtern, »möcht' ich morgen zuvor noch einen Besuch machen.« »Bei wem denn?« sagte Dr. Braun; »du selbst hast ja gesagt, daß du keine Eltern und Verwandte hast.« »Ja ... ich möchte Abschied nehmen vom Mareili.« »Was, schon eine Braut! ein so blutjunger Bub, wie du bist! Das ist viel zu bald.« »Nein, nein,« sagte Peter, tief errötend; »das Mareili ist älter als ich, ein armes krankes Mädchen und lahm, aber sie hat mir viel Gutes getan, als ich noch ein armes Büblein war; da möcht ich sie noch einmal sehen. Wenn ich recht früh gehe, kann ich bis morgen nacht wieder da sein; mein Meister hat mich nie so lang fortgelassen.« »Nun so geh' und richt' dem Mareili einen schönen Gruß von uns aus! wir müssen eben noch einen Rasttag machen.« Peter ging noch bei Licht aus, um ein Geschenk für Mareili zu kaufen; er hatte ein paar Taler Lohn von seinem Meister in der Tasche. Er dachte an ein seidenes Tuch, an eine schöne Haube; aber er wußte ja, daß Mareili nie fort kam und keine Freude am Staat hatte. Da kam er endlich an einen Buchladen und kaufte ein schönes schwarzes Büchlein, weil es so fromm aussah; was darin stand, wußte er freilich nicht, aber er hatte nicht schlecht gewählt: es war Thomas von Kempen. Glücklich mit seinem guten Fund, machte er sich lang vor Tag auf den Weg und schlug die Pfade ein, die ihn an seines Vaters alter Hütte vorbeiführen mußten. Es war heller Tag, als er die Steige herunterging, auf der sonst der Vater heruntergekommen, dieselbe, auf der man seines Vaters blutige Leiche getragen, und es ward ihm recht wehmütig zu Sinn. Nun erst, wo's galt, die Heimat zu verlassen, fühlte er, wie so ganz allein er auf der Welt war. Des Vaters Hütte sah sauberer aus, als zu seinen Zeiten, obwohl er sich verwundern mußte, daß sie so gar klein sei; fremde Kinder standen unter dem Fenster, er wollte nicht hineingehen. Nun aber ging's den Weg, der von seinem Häuschen zu Mareilis Wohnung führte, auf dem er jedes Steinchen und jeden Grashalm kannte. Er hätte laut weinen mögen, wie ihm so die ganze Kinderzeit wiederkam; da das Brünnlein, aus dem er unterwegs getrunken, dort der Stein, auf dem er ausgeruht, und der kleine Hügel, von dem aus er allemal Mareilis Haus zuerst gesehen. Was war dies damals für eine weite Reise gewesen, die er jetzt mit ein paar hundert Schritten vollendete! Nun ging's um die Ecke in Mareilis Garten. Die Sonne schien voll und freundlich auf das Haus und an die Fenster, vor denen Nelken und Balsaminstöcke standen. Auf der Bank im Gärtchen saß Mareili; wenn sie nicht so auf dem alten Fleck gesessen wäre, Peterli hätte sie nimmer erkannt. Sie war nun zur Jungfrau erwachsen, ihr Gesicht war bleich, noch bleicher als früher; aber sie hatte ein Paar liebe, treue, blaue Augen, mit denen schaute sie verwundert den fremden Burschen an. Bald aber flog die helle Freude über ihr Gesicht: »Peterli!« rief sie, »bis Gottwillche (sei willkommen); kommst du auch noch einmal zu uns!« Bald hatte Mareili die leichte Schüchternheit vor dem großen Burschen überwunden, und sie saßen zusammen und plauderten wie in alter Zeit, sie hatten so gar viel zu berichten. Mareili war nicht gesunder geworden, aber sie hatte nun eine Krücke, an der sie sich ordentlich forthelfen konnte: da ließ sie sich 's nicht nehmen, ihren Peterli anständig zu bewirten. Sie brachte guten Kaffee und Eierkuchen, nachher Brot und Käse; ja sie schickte sogar ein kleines Mädchen fort, die mit einem Fragenbüchlein zu ihr kam, um Wein zu holen, wie sehr auch Peter wehrte. Es schien ein gewisser Wohlstand in dem Häuschen eingekehrt zu sein: »Ich habe mein eigen Geld,« sagte Mareili wohlgefällig, als sie aus einem Schächtelein das Geld für den Wein nahm; »ich habe jetzt das Sticken angefangen und mache auch Totenkränze, das trägt immer ein Schönes ein.« Es war Peter lange nicht mehr so wohl geworden, wie in Mareilis Stübli bei ihrem bescheidenen Gastmahl; und Mareilis Augen glänzten vor Freude, wie es dem Peterli nach seinem weiten Marsch so gar wohl schmeckte. Sie war allein wie sonst; die Mutter taglöhnte bei einer Bäurin, die Brüder waren nun auch als Knechte fort; sie rühmte aber, wie es ihnen gar nicht schlimm gehe; die Brüder brächten von ihrem Lohn, und seit sie sticke, habe es ihnen noch nie am Nötigen gemangelt. Peter hatte freilich noch mehr zu erzählen von seinen Erlebnissen, und Mareili horchte hoch auf, als sie vernahm, wie er durch seine Steine ein so wichtiger Mensch geworden, und nun in die weite Welt hinaus solle. Sie konnte gar nicht begreifen, wie man so weit fortgehen könne und nicht sterben vor Jammer. Aber sie wollte Peter doch auch nicht abreden von seinem Glück. Mit großer Freude nahm sie sein Geschenk an und machte ihm noch zum Abschied einen schönen Strauß von künstlichen Blumen zurecht. Peter mußte bald ans Scheiden denken, er konnte nicht einmal die Mutter abwarten; sein Weg war weit, und er wollte Wort halten. Aber er hatte bis heute noch nicht gewußt, daß das Scheiden so weh tun kann. Immer wieder gab er Mareili die Hand, immer wieder sagte sie: »Jetzt b'hüt dich Gott und verlerns Beten nicht!« Endlich war's zum letztenmal, und er schritt mit raschen Schritten seinen Weg zurück, nur einmal noch drehte er den Kopf; da saß Mareili im hellen Glanz der Abendsonne, – sie hatte die Hände gefaltet und blickte betend zum Himmel. Ein lustiges Leben dünkte es dem Peter in den ersten Tagen: so auf den Bergen und in den Tälern herumzuklettern, da einen Stein zu entdecken und dort eine Pflanze; den lauten Jubel seines Herrn zu hören über eine neue Entdeckung, zu rasten im weichen Gras und dann am Abend reichlichen Schmaus und gute Nachtruh im Wirtshaus. Doch war's auch nicht lauter Herrlichkeit. Er, der Peterli, hatte seither sein Steinsammeln nur so ganz nach Muße betrieben, wo ihm eben etwas gefiel; daß er jetzt tagelang gar nichts tun sollte als Steinklopfen, das kam ihm doch oft strenge vor; dazu wurde sein Ranzen immer schwerer, und dem Doktor Glimmer wollte es gar nicht genug werden. Peter hielt sich wieder lieber zum Professor Braun und ließ sich die Pflanzen von ihm zeigen und erklären, nur hätte er immer gerne gewußt, wozu sie zu gebrauchen seien; das war aber dem Dr. Braun ganz gleichgültig, denn er suchte nur nach ihren Staubfäden und Samenkapseln. Manchmal wußte er auch gar nicht, wohin springen, wenn er dem einen eine Pflanze graben, dem andern einen Stein abschlagen sollte. Auch entzweiten sich die Herren oft, wenn der eine in steinreiche, der andre in pflanzenreiche Gegenden gehen wollte; im Nachtquartier wurde aber immer wieder der Friede hergestellt. Endlich ging's auf den Heimweg: die Steine hatten sich so vermehrt, daß sie Peter nimmer schleppen konnte; sie mußten in eine Kiste gepackt und mit der Post ans Ziel geschickt werden. Wie es aus den Bergen herausging, da ward dem Peter das Herz gar schwer, fast so schwer, als beim Abschied vom Mareili. Auf der letzten Höhe meinte er, weit, weit noch den Berg zu erkennen, von dem er zum erstenmal die Welt geschaut; sein erstes Gebet fiel ihm wieder ein, in dem er den lieben Gott um ein Plätzchen auf seiner Welt gebeten hatte, – nun sollte seine Bitte erfüllt werden. Er sprach ein stilles Dankgebet und kämpfte sein beginnendes Heimweh nieder mit starkem Herzen; aber er fürchtete fast, auf dem ebenen Boden sei es gar nicht so leicht, den lieben Gott zu finden. Hast nicht umsonst gefürchtet, armer Peter! Die Ferien waren aus, die Reise war vollbracht; die Professoren und der Peter, die Pflanzen und die Steine waren alle sicher angelangt in der schönen nordischen Residenzstadt. Peter ging ein paar Tage herum wie im Traum. Er kam sich wie ausgetauscht vor. Wohl sah er mit Bewunderung die prächtigen Häuser, die breiten Straßen, die schönen Tore; aber wenn sein Auge dann weiter und weiter suchte und nirgends seine lieben Berge sah, da schlug er's traurig wieder nieder. »Was fehlt dir, Peter?« fragte Doktor Glimmer mitleidig. »Ach, Herr Doktor!« seufzte er, »es ist mir, als ob der ganzen Welt die Nase abgeschnitten wäre.« Peter hatte aber nicht viel Zeit zum Heimweh, und das war wohl gut für ihn. Die neuen Schätze mußten ausgepackt, geordnet, die alten wieder gereinigt werden, und Peter hatte genug zu tun, bis er nur das Nötigste über die Ordnung der vielen, vielen Steine und Mineralien lernte, was er wissen mußte, um seinen Dienst zu versehen. Sein Vorgänger im Amt, der schon lange gerne ausgetreten wäre und froh war, einen Nachfolger zu finden, belehrte ihn mit großer Weisheit. Doktor Glimmer selbst nahm sich seiner eifrig an und fand wirklich einen gelehrigen Schüler an ihm. Es gehörten freilich auch allerlei Dienste zu Peters neuem Amt, die ihm weniger gefielen, als vor Zeiten das Viehhüten. – Die Zimmer reinigen, tagelang Steine waschen und hin- und hertragen, das dünkte ihm oft recht langweilig und er freute sich sehr, wenn er in der Freistunde Professor Braun besuchen konnte, der, weniger feurig und enthusiastisch als sein Freund, sich mit größerer Geduld und Stetigkeit des jungen Menschen annahm, und ihm leicht verständliche Bücher lieh, in denen Peter ein ganz neues Licht über die Pflanzenwelt und ihre Bedeutung aufging. In den Hof, wo Peter gar oft mit seinen Steinen beschäftigt war, gingen die Fenster einer Stube, in der ein gar lustiger Bursch ein Gewerbe trieb, das für Peter ein höchst anziehendes war. Er stopfte Tiere aus und stellte sie in allerlei ergötzlichen Stellungen unter sein Fenster. Wenn Peter morgens in den Hof kam, war es sein erstes, nach dem Fenster des Ausftopfers zu sehen. Einmal nagte ein Eichhörnchen an einer Nuß, dann breitete eine Eule mit grimmigem Gesicht ihre Flügel aus; am andern Tag streckte ein pfiffiges Wiesel seinen schmalen Kopf heraus, – es kam das dem Peter viel lustiger vor, als seine toten Steine, obgleich er diese mit großer Treue in Ordnung hielt. Berno, so hieß der Ausstopfer, flößte Peter einen gewissen Respekt ein, obgleich sein Benehmen nicht sonderlich respektabel war. Er trug Studentenkleider, zwar etwas schäbige, eine bunte Cerevismütze, und lief mit einer langen Pfeife über die Straße. Peters große Bewunderung für seine Kunstwerke stimmten ihn gnädig gegen ihn: er lud ihn ein. sein Atelier selbst zu besuchen, welches Atelier eine schmutzige, rauchige Stube war, und als hier Peter fast närrisch wurde über den drolligen Tierszenen, die Berno zu seinem eigenen Vergnügen gebildet, wurde dieser so gut aufgelegt, daß er Bier bringen ließ und mit dem jungen Schweizer schmollierte. Peter besuchte ihn oft und ließ sich von ihm die Handgriffe seines Geschäftes zeigen; Berno belustigte sich an Peters schweizerischem Dialekt und seiner unschuldigen Weltanschauung und war überrascht von seiner lebendigen Auffassung aller Naturgegenstände bei so wenig Unterricht. Doktor Glimmer sah diese Freundschaft nicht gern. »Halt dich von dem Lumpen fern!« riet ihm auch Professor Braun; »er ist nichts als ein mißratener Student, der seine arme Mutter in Sünden um ihr Besitztum gebracht, und seine Zeit verjubelt und vertrunken hat, ohne es nur zu einem Examen zu bringen. Der Bursch hat Talent und könnte jetzt noch als Konservator sich anständig fortbringen, aber es muß gelumpt sein; er kann den Kreuzer nicht in der Tasche behalten.« Berno selbst wußte seine Laufbahn dem Peter in viel anziehenderem Lichte darzustellen. »Siehst du, Schwyzer,« sagte er zu ihm, »mich hat man ursprünglich zum Studieren hierher geschickt; nun wäre es aber höchst langweilig, die Wissenschaft allein zu betreiben, so lang man das Leben noch nicht recht kennt; das Studieren geht ganz nebenher, das Leben genießen ist die Hauptsache. – Meine Alte,« fuhr Berno lachend fort, »hat freilich oft aufgeschaut, wenn sie meine Rechnungen gesehen. Es mußte eins ums andre heraus: des Großpapas silberne Schnupftabaksbüchse, des Papas goldener Sackzwiebel, die goldene Kette, die ihr der Vater zur Hochzeit geschenkt; ich versicherte aber die Mama, die Kette stünde ihr doch nicht mehr gut und sie habe dafür den flottesten Studenten zum Sohn. – Aber es nimmt alles ein Ende, und wenn nicht ein reicher Vetter jetzt die Alte erhalten müßte, 's ging ihr wahrscheinlich fatal. Bei mir war's nun eben auch aus mit der Herrlichkeit, und wenn ich nicht das Ausstopfen so gut verstünde, daß sie mich beim Naturalienkabinett nicht entbehren können, so ginge mir's noch knapper als meiner Alten; denn der Vetter hat sich verschworen, für mich nichts zu tun. Nun aber habe ich allzeit genug, um gutes Bier zu trinken, lasse mir nichts abgehen und schreibe rührende Briefe heim, wie ich mich säuerlich ernähre von meiner Hände Arbeit und oft kein trocken Brot habe zum Abendessen, und wie ich die Verirrungen meiner Jugend bereue: daß meine Alte drei Schnupftücher voll weint, und der Vetter einen neuen Schwanz an sein Testament gemacht hat, in dem er mich wieder einsetzt. Da muß ich denn warten, bis der alte Herr abschwebt, dann soll erst die Lust wieder angehen.« Das alles wäre, Peter nun freilich abscheulich und ruchlos erschienen, wenn man es ihm kurze Zeit zuvor gesagt hätte; aber Berno hatte eine höchst drollige Weise, alles darzustellen; es schien wieder, als sei es ihm gar nicht so ernst und als sei er viel besser als seine Worte, und das Studentenleben war dem Peterli eben gleich von Anfang an lockend und lustig vorgekommen. In den ersten Wochen, als ihm seine ganze Umgebung so fremd und ihm noch so gar unheimlich zu Mute war, als ihm alles so eben und flach vorkam: da waren die hohen Kirchen und Kirchtürme eine rechte Erquickung für sein Auge, und auch sein Herz sehnte sich nach der heiligen Stätte; er meinte, da werde er zuerst wieder daheim sein. Er bat Doktor Glimmer, er möchte ihn am Sonntag mitnehmen, wenn er in die Kirche gehe. Der sah ihn etwas überrascht an: »Ich gehe nicht in die Kirche,« sagte er mit kühlem Lächeln; »aber du kannst immerhin gehen, wirst schon den Weg finden; geh' nur den andern nach!« »Ich gehe nicht in die Kirche,« hatte der Herr Doktor als etwas so ganz Natürliches gesagt. Das machte ihm viel zu denken: gingen denn die gescheiten Herrn gar nicht in die Kirche? Peter ging, und wenn auch die Sprache des Geistlichen seinem Ohr zum Anfang unverständlich war, so tat doch Gesang und Orgelspiel seiner Seele innig wohl; er vergaß zum erstenmal seine Berge und schickte seine Gedanken höher hinauf. So ging er nun, so oft er konnte. Aber Doktor Glimmer nahm gar zu wenig Rücksicht auf den Sonntag. Entweder mußte ihn Peter auf einem kleinen Ausfluge begleiten oder neu erworbene Vorräte ordnen, daß sie zur Vorlesung bis auf den morgenden Tag schon bereit waren; sah er Peter schon zur Kirche gerüstet, so meinte er gleichgültig: »Komm nur mit mir! beten kann man überall.« Peter sah aber nicht, daß sein Herr irgendwo gebetet hätte. Daß er zu denen gehörte, die des Wissens Gut mit ihrem Glauben bezahlt und die es verlernt haben, von der Schöpfung die Augen zu erheben zu dem Schöpfer; denen die Herrlichkeit des lebendigen Gottes verschwommen ist in einen wesenlosen Weltgeist: das wußte Peter noch nicht. Aber er sah, daß seinem Herrn, von dem er glaubte, daß er alles wissen müsse, das gleichgültig sei, was ihm lieb und heilig war – und das verkühlte auch ihn allmählich. Berno nun, der ließ ihn nicht gleichgültig seine Wege gehen, sondern verlachte ihn ungescheut. »Bist du by Gott in der Kirche gsi?« war die höhnische Frage mit der er und einige Genossen den armen Schweizer, der anfing, sich seines Dialektes zu schämen, am Ende allen Kirchen fern trieb. Er suchte sich nun Geltung in dem neuen Kreis zu verschaffen, in dem er alle schlechten Späße auftischte, die er jemals über Pfarrer gehört, und stellte sich viel kecker und frecher, als ihm zu Mute war, nur um nicht für den dummen Schweizer zu gelten. Seine beiden Beschützer bemerkten bald, in welche schlimme Hände er gefallen war. Doktor Glimmer war Feuer und Flamme, als Peter einigemal betrunken nach Hause gekommen war, und wollte ihn ganz und gar aufgeben. »Der Kerl ist ein Lump, ich kann ihn nicht brauchen, ich jag' ihn wieder heim!« Professar Braun fand jedoch, daß das ganz unbillig wäre, nachdem man ihn von seiner Heimat und seinem Beruf losgeschält habe. »Der Bursch ist zum bloßen Handlanger zu gut,« meinte er, »sein Kopf und seine Zeit sind nicht ausgefüllt; die Brocken von Wissen und Bildung, die für ihn abfallen, verdaut er nicht: darum lumpt er; wir sollten ihn studieren lassen.« »Ja wie?« »Will schon Mittel und Wege schaffen.« Der Schweizer-Peterli hat hoch aufgeschaut, als ihm seine Gönner zum erstenmal die Aussicht eröffneten, daß er studieren dürfe. Das war seines Herzens geheimste Sehnsucht gewesen: aber er hatte nie gewagt, daran zu denken. Lange sah er die Herren verdutzt an; dann aber machte er einen Satz vor Freude und rief: »Peterli, jetzt gilt's!« Professor Braun sprach bündig mit ihm: »Du weißt noch nicht, Bursche, wie schwer das ist, was du unternimmst, für einen, der so wenig Vorbildung hat. Wenn du dich nicht zusammennimmst mit Leib und Seele, so ist's bald zu Ende; denn Opfer, wie das kostet, bringt man nicht lang vergebens.« Peter hat sich zusammengenommen, und es war nichts Kleines. Kein Spaß für einen sechzehnjährigen Alpenbuben, mit kleinen Burschen ins Gymnasium zu gehen, unter denen er wie der Riese Goliath hervorragt, und mit mensa und amo zu beginnen; aber er hat's standhaft durchgemacht und sein guter Wille und seine Beharrlichkeit bewogen auch die Lehrer, ihm mitleidig unter die Arme zu greifen. So ungern Doktor Glimmer seinen brauchbaren Burschen verlor, mit so großem Eifer wirkte er später für seinen Plan. Er behielt ihn in seinem Hause und nahm ihn an den Tisch, eine wichtige Veränderung für den Peter, der vordem mit andern niederen Dienern der Universität an einem höchst bescheidenen Kosttisch gespeist hatte; er wirkte Stipendien, freien Unterricht, Beiträge für ihn aus; er bewog mit feurigster Beredsamkeit die Professoren, ihn zum Studium der Heilkunde zuzulassen trotz seiner sehr mangelhaften Vorbildung. Auch Professor Braun, der weder Frau noch Kinder hatte, nahm sich seiner treulich an und sorgte für seine Garderobe; Peter schämte sich einen ganzen Tag lang, als er zuerst in einem kurzen, modernen Rock und einer Mütze nach Art der Studenten ausgehen sollte. Die gewandte und freundliche Frau des Doktors Glimmer überwand in etwas seine Unbeholfenheit; sie ergötzte sich an seinem naiven Wesen und wußte ihn auf seine Weise in die Gesetze des geselligen Lebens in der gebildeten Welt einzuleiten. Von den wilden und rohen Gesellschaften des Ausbälgers war Peter ganz abgekommen. Außerdem daß er sich der ganz bestimmten Weisung seiner Gönner fügte, hatte er weder Zeit noch Mittel, hier mitzumachen. Er leistete gern in freien Stunden Doktor Glimmer einen Teil seiner ehemaligen Dienste; machte botanische und geologische Streifzüge und erwarb ein schönes Taschengeld durch Herbarien und Steinsammlungen, die er anlegte und durch Vermittlung seiner Gönner an Liebhaber verkaufte. Als Peter zu den Hörsälen zugelassen war, nicht nur als verstohlener Lauscher, sondern als wohlberechtigter Zuhörer: da ging ihm ein neues Leben auf; da war er schon viel besser daheim als im Zumpt und Buttmann, und er hatte gern oft aufgeschrien vor Freude, wenn es auf Themate kam, die ihm lang schon bekannt waren. Nun hatte der Peter sich's in Wahrheit zu Anfang ernst und sauer werden lassen mit seiner Ausbildung, und Doktor Glimmer drückte laut und lebhaft genug seine Verwunderung über seinen göttlichen Geißhirten aus. Wer sich aber heimlich am meisten über sein Wissen verwunderte, das war Peter selbst. Man kommt leicht dazu, das zu überschätzen, was man mit großer Mühe und vielen Opfern errungen hat. Obgleich er zwar bescheiden blieb in seinem Benehmen, so dachte er denn doch oft heimlich: »So wie mich gibt's keinen!« Alle Geschichten, die er las von berühmten Männern, die aus niedrigem Stande hervorgegangen, wandte er auf sich an; wenn Papst Sixtus einst Schweinehirte war, Menschikoff als Küchenjunge angefangen, und der große Duval ein Bettlerkind gewesen war: was konnte nicht aus ihm, dem Steinpeterli vom Schweizerland, alles noch werden! So gar sauer ließ er sich's mit den Arbeiten auch nicht mehr werden; er hörte oft, ein guter Kopf brauche nicht zu ochsen (hart arbeiten), und da er sich selbst mit Recht für einen solchen hielt, so wollte er sich auch nimmer plagen. Gott die Ehre zu geben für alles, was er bisher geworden, das fiel ihm nicht mehr ein; er dachte vielleicht, es verstehe sich von selbst, oder er dachte vielleicht gar nicht daran. Das Kirchgehen hatte er lange verlernt; das sei nur für die Schwarzröcke, versicherten ihm andre Studenten. Und mit dem Kirchgehen verlernte er auch das Beten, verlernte er jeden Gedanken an seine ewige Bestimmung. Er hatte jetzt seine eigenen Ansichten; wo er sonst den Herrn angebetet, da bewunderte er jetzt die Natur und den Sauerstoff und was sonst alles. Glücklich war Peter dabei nun einmal nicht geworden; wenn er sich Zeit vergönnte, von seinen Studien aufzuatmen und nicht eben in Gesellschaft war, so war's ihm gar leer und öde zu Mute und er wußte nichts, was ihn freute. Dann aber dachte er wieder: »Das ist nur, weil ich allein bin und nicht viel auf der Welt zu bedeuten habe; wenn ich erst ein berühmter Mann sein werde, ein eigen schönes Haus habe und heiraten kann – eine reiche, schöne Frau: dann fehlt mir nichts mehr!« – und berühmt werden, das war sein Gedanke bei Tag und bei Nacht. Der reiche Vetter des Berno war gestorben und hatte ihm in der Tat eine ansehnliche Summe vermacht. Nun zog dieser wieder als flotter Student auf und begann sein altes Leben. Auch Peter ließ sich in seinen Kreis ziehen, obgleich er sich vor Ausschweifungen hütete: denn das durfte man einem berühmten Manne nicht nachsagen, dachte er. Nun kam die Zeit des Examens. Die wildesten unter den Studenten wurden ganz zahm, wollten in vier Wochen einholen, was sie in vier Jahren versäumt hatten, schleppten Berge von Büchern und Heften zusammen und lasen sich halb dumm darin. Peter war ohne alle Anfechtung; war er doch fleißig gewesen all diese Zeit her und dazu noch ein ausgezeichneter Kopf, wie ihm andre und er sich selbst oft genug sagten: ihm konnte es nicht fehlen. Er erzählte überall recht geflissentlich seine Jugendgeschichte, wie er Geißen gehütet und Kühe gemolken; nicht um dadurch Nachsicht zu gewinnen, sondern nur, damit es ein gehöriges Erstaunen gebe, wenn er, der arme Hirtenbub, das glänzendste Examen machte. Was nachher aus ihm werden sollte, war er doch begierig; er glaubte kaum, daß man weniger als gleich einen Professor aus ihm machen werde; – doch, darum sorgte er nicht. Die heißen Examenstage brachen an. Peter fand das Ding etwas anders, als er sich gedacht. Er wußte doch so viel; warum mußte denn der dumme Examinator gerade nach dem fragen, was er zufällig nicht wußte? – es war gewiß die pure Bosheit von ihm. Der leidige Mangel an dem, was man Schulsack heißt, an gründlicher Kenntnis der Anfangswissenschaften, der freilich Peters Schuld nicht war, kam eben allenthalben in die Quer. Es gab nun allerdings auch vieles, was Peter wußte, und als die Schwitztage vorüber waren, trat er doch mit recht zuversichtlichem Schritt in das Zimmer des Rektors, der ihm das Ergebnis mitteilte. O weh, Peterli! er war noch für examiniert erklärt, aber, aber – in der letzten Klasse, und trotz seiner unzulänglichen Kenntnisse, aufgenommen mit besonderer Rücksicht auf seinen Fleiß, seinen Eifer für sein Fach und die praktischen Fähigkeiten, die er gezeigt. Das war ein harter Schlag, und Peter nahm ihn ohne alle Fassung auf. Vergebens wies man ihm die wirklichen Lücken seines Wissens nach und sagte ihm, wie natürlich dieselben bei seiner früheren Laufbahn seien; vergebens tröstete man ihn, daß er bei anhaltender Mühe und rechtem Fleiß doch noch ein guter Landarzt werden könne: – das war nie seine Absicht gewesen. Medizinalrat wollte er werden, Professor, und was sonst alles! Er hielt alles für gräßliche Ungerechtigkeit und haderte mit Gott und Welt. Sein Steinfreund und seinen Pflanzengönner, die von seiner Zuversicht auch angesteckt worden waren, wenn sie gleich keine hochfliegenden Träume gehegt, waren ziemlich enttäuscht und unwillkürlich etwas verkühlt gegen ihn. Auch waren sie wegen seiner nächsten Zukunft in einiger Verlegenheit. Peter hatte in der letzten Zeit mit einer Steinsammlung so viel Glück gehabt, daß er noch ein hübsches Sümmchen erübrigt hatte; aber das reichte doch nicht zu Reisen und weiteren Studien. Sie wollten es noch überlegen. Verbittert, verstimmt und ingrimmig über alles, nur nicht über seine Vermessenheit, die ihn irregeführt, begegnete Peter seinem alten Bekannten Berno. »Was ist's, Schweizerfuchs?« redete der ihn an; »siehst ja aus wie euer Pilatus in der Nebelkappe!« Peter schüttelte sein zorniges Herz gegen ihn aus. »Du Kamel, warum hast du auch ein Examen gemacht? – so dumm bin ich nicht,« entgegnete Berno. »Ja, was willst du denn am Ende tun? kannst doch nicht ewig hierbleiben?« »O, ich habe einen göttlichen Plan; sag' mir zuerst den deinen!« »Nun. was bleibt mir? – als Knecht zu einem Arzte zu gehen, oder um Gottes Willen mich in einem Krankenhaus herumschieben zu lassen; dann auf ein elendes Dorf sitzen um Hunger zu sterben. Wär' ich doch Geißhirt geblieben!« »Wirst kein Narr sein und das tun! Geh' mit mir! ich geh' nach Amerika und werde Wunderdoktor.« »Was?« »Wunderdoktor!« rief Berno mit schallendem Gelächter, »komm nur mit mir! ich habe schon eine Anzeige für amerikanische Zeitungen gemacht.« Sie waren indes in seine Wohnung gekommen. Er riß aus seinem Pult unter bodenlosem Durcheinander ein Papier und las: »Hört, hört, hört! Licht, Licht, Licht! Keine Blindheit mehr, kein umdüstertes Auge! Doktor Beroni, der in Europa viel- und weitgerühmte Augenarzt, hat sich der Neuen Welt zugewendet und bietet Heilung an, volle Heilung allen, denen das Augenlicht geraubt oder geschwächt ist: angeborne Blindheit, grauen und schwarzen Star, die größte wie die leiseste Schwäche des Gesichts hebt gänzlich und vollkommen unzerstörbar sein Augenlichterzeugungsbalsam, das Resultat seines ganzen Lebens. Berge von Zeugnissen liegen vor und können bei mir eingesehen werden ec.« »Nun siehst du,« fing mit immer neuem Lachen Berno an, »du wählst dir einen ähnlichen Zweig; kannst etwa Kahlköpfige kurieren oder Krumme oder was du willst, und wir machen zusammen unser Glück.« »Verstehst denn du die Heilkunde, oder hältst du die Amerikaner für Narren?« »Ich verstehe genug, um ihnen blauen Dunst vormachen zu können und weiß so viel von ihnen, daß wir, wenn wir's pfiffig angreifen und nirgends zu lange bleiben, einen so reichlichen Schnitt machen, daß er uns jede Art von Zukunft in Amerika glänzend begründet.« Er wußte die Herrlichkeit in der Neuen Welt, den mühelosen Weg, den sie dort einschlügen und den Spaß dabei so lockend darzustellen, daß Peter leicht hingerissen wurde. »Meine Mutter hat einen Pfleger angenommen,« erzählte ihm Berno, »der mir schrieb, daß ich nichts mehr kriege, wenn mein Teil an des Vetters Erbe verjubelt sei; was ich habe, reicht reichlich zur Ueberfahrt nach Amerika. Zuvor machen wir zusammen eine hübsche Reise nach Oberbayern, wo ich erst einen Freund abholen muß, daß man das alte Vaterland noch ein bißchen kennen lernt; dann geht's in die Neue Welt.« Peters Mittel hätten nun nicht so weit gereicht; Berno aber, der dessen solidere Kenntnisse für seine Schwindeleien wohl zu benützen hoffte, bot ihm gemeinsame Kasse an. Es lag ihm daran, ihn bei sich zu behalten, damit er vor der Abreise nicht noch auf andere Gedanken komme. Recht lächerlich stellte er ihm den elenden Beruf eines Arztes auf dem Lande dar, welcher um erbärmlichen Lohn in miserablen Hütten herumkriechen und Ruhe und Gesundheit aufs Spiel setzen müsse. Wie prächtig dagegen der elegante Salon des Wunderdoktors, der hinter dem Mahagonischreibtisch behaglich im samtnen Lehnstuhl sitzt und seinen Balsam teuer verkauft, der ihn vielleicht zwanzig Kreuzer kostet. Berno hatte alle in Amerika wirksamen Schwindeleien und die Gegenden, in denen sie noch möglich sind, gründlich studiert und wußte Peters Bedenklichkeiten siegreich zu widerlegen. Peter teilte seinen Gönnern die Absicht mit, nach Amerika zu gehen; in welcher Gesellschaft und mit welchen Plänen verschwieg er. Sie waren erstaunt, ja sogar betrübt darüber und rieten ihm, doch lieber dazubleiben; aber am Ende wollten sie ihn nicht verhindern und sorgten noch für seine nötige Ausstattung. Zunächst also auf die Reise! Ein paar lustige Kumpane von Bernos Schlag hatten sich angeschlossen; einige wollten nur nach Straßburg, einige auch nach Amerika. Der eine hatte ein Daguerreotyp bei sich, mit dem er Glück machen wollte; der andere, der ein wenig geigen konnte, nahm sich vor, Virtuos zu werden: alle waren voll der besten Hoffnung. Daß sie zu etwas andrem auf der Welt seien, als sich's wohl sein zu lassen solang als möglich, das fiel keinem ein. Peter jubelte mit, entwarf mit Pläne, und betäubte seine bessere innere Stimme, die ihm oft zurief: »Das ist nicht leben!« Warum diese Reisegesellschaft noch das bayrische Gebirg besuchen wollte, war schwer zu erraten; denn Bier und Wein schienen ihnen unterwegs wichtiger, als alle Schönheit der Natur. Peter aber wurde es wunderlich zumute, als er wieder Berge auftauchen sah, und er konnte nicht mehr in die geräuschvolle Freude der andern einstimmen. Noch bei Nacht kamen sie in einem Dorf unweit vom Chiemsee an; von dort aus, verkündete Berno, der Anführer der lustigen Bande, müsse auch einmal eine Bergtour gemacht werden, damit man wisse, wozu man ins Gebirgsland reise. In aller Frühe sollte aufgebrochen werden, um den Sonnenaufgang vom Hochberg aus zu sehen; der Wein aber im Posthause war gut, und sie tranken und sangen bis tief in die Nacht. Peter klopfte das Herz beim Gedanken, wieder einmal auf einen Berg zu kommen. Er schlief wenig und stand noch lange vor Tag auf, um die andern zu wecken. Die schliefen steinfest; als er einige aufgerüttelt, brummelte einer: »Was aufstehen, bergsteigen! Unsinn! 's ist ja Nacht, da sieht man den Sonnenaufgang nicht!« Berno aber seufzte: »O, meine zarte Gesundheit, du Barbar! stör' meinen kostbaren Schlaf nicht!« So ging denn Peter allein, und es war ihm nicht leid. Den Weg bezeichnete ihm der Wirt, im hellen Vollmondschein über eine tauige Wiese. Es war lange nicht so still gewesen in ihm und um ihn. Fern schimmerte der See im Mondlicht; der Weg führte sanft hinan; es war kein Steigen wie auf seinen Heimatbergen. Mit der lichten Dämmerung erreichte er den Turm, der für die Aussicht gebaut ist. Da hob sich die Sonne licht und klar wie eine reine Flamme, unten der klare Seespiegel, rings der Kranz der bayrischen Alpen, und über das alles der wunderbare Duft, der immer wieder die Worte neu macht: »Und der Geist Gottes schwebte über dem Wasser.« Und Peter stand und schaute hinaus, und seine ganze Seele schaute mit; er fühlte sich wieder umweht von Heimatluft, und der kühle, frische Morgenhauch führte fort auf leichter Schwinge, was Trübes und Unreines seither auf seiner Seele gelegen war. Er hatte sein kindliches Herz wiedergefunden und seinen Gott. Es stand ein Kind wieder an der Pforte des Vaterhauses und klopfte an, und die Engel im Himmel freuten sich darüber. Von drunten klang ein Glöcklein herauf, Peter kniete nieder und breitete die Arme in das lichte Blau; er betete wie damals, wo er als Knabe zuerst von einem Berge herabgesehen: »O, Herr Gott, gib mir ein Plätzchen in deiner schönen Welt!« Lange, lange stand er noch da oben, und ihm war so wohl ums Herz, als sei ihm die ganze Welt schon zu eigen gegeben. Wie es laut wurde im Tal drunten, stieg er herab, ein andrer, als er gekommen. Im Speisesaal des Posthauses lagen gähnend die Studenten und sangen Katzenjammerlieder. Peter packte seinen Koffer, bezahlte die Zeche, und als Berno nach ihm fragte, gab man ihm ein Billett, in dem Peter von ihm Abschied nahm und sich von ihm lossagte. – Man hat von da an gar nichts mehr von dem Peter gehört. Es waren wohl sechzehn Jahre verflossen, seit der Schweizer-Peter verschollen und vergessen war. Professor Braun und Doktor Glimmer hatten sich entschlossen, auch einmal wieder das schöne Schweizerland zu besuchen, obschon es mit dem Bergsteigen nicht mehr so gut gehen wollte wie vor zwanzig Jahren. Es war natürlich, daß ihnen, wie sie wieder eintraten in das wunderbare Reich der Berge, auch der Hirtenbube einfiel, den sie vor Jahren hier aufgelesen, und sie erschöpften sich in Vermutungen über sein Geschick. »Ich wollte, wir hätten den Burschen damals bei seinen Geißen gelassen,« brummte Braun; »wir haben ihm wohl nicht viel Gutes getan mit allem, was er uns gekostet.« »Nein,« rief Glimmer eifrig, »wenn er nichts geworden ist, so ist das seine Sache; zu einem Geißbuben war er nicht geboren. Warum mußte sich der einfältige Junge gleich in den Kopf setzen, er müsse auf einen Ruck Professor werden? Wär' er bei der Geologie geblieben ...!« »Nein, bei der Botanik!« rief der andre, und in dem uralten, nie entschiedenen Streit, ob Steine oder Pflanzen vortrefflicher seien, wurde der Peterli wieder vergessen. Aber bei ihrem Disput hatten die Herren übersehen, daß sich eine drohende Wolke über ihrem Haupte zusammenzog, und ein tüchtiger Regenguß machte allem Zwist ein rasches Ende. Sie eilten, was sie konnten; wurden aber tropfnaß, bis sie unter einer vorspringenden Felsenplatte ein schirmendes Obdach fanden. Sie waren solcher Unfälle nicht ungewohnt und sahen einander nur lachend an, wie sie triefend dastanden: Professor Braun noch mit einem Kräuterbüschel in der Hand, und Glimmer hübsch gefärbt von der Brühe, die von seinen Steinen ablief. »Aber die Richtung haben wir verloren, Herr Kollega,« begann Braun: »ich weiß nimmer, wo wir sind.« »Nicht zu weit von Doktor Sempachers Haus,« meinte ein armes Weib, das mit einem eigensinnigen Zicklein sich ebenfalls unter das Felsdach geflüchtet hatte. »So, geht Ihr auch dahin?« fragte eine junge Frau, die in der Ecke kauerte. »Dann haben wir ein' Weg,« ließ sich ein stämmiger Bauer vernehmen, »und Ihr könnt ihn mir nun zeigen. – Ist das auch ein Patient?« fragte er, indem er lachend auf das Zicklein deutete. »Nein, das ist meines Bübleins selig sein Böcklein,« sagte die arme Frau, und wischte sich die Augen mit ihrer schwarzen Schürze; »das war lang krank, und kein Doktor hat mehr kommen wollen; es helf' doch nichts, sagten sie. Aber der gute Doktor Sempacher ist gekommen, oft und viel, und wenn er auch nicht hat helfen können, hat er das Büble getröstet und hat mit ihm gebetet, und hat ihm schöne Bildlein gebracht. Wie nun mein Büblein doch gestorben ist, hat es vorher noch gesagt: ›Ahne, wenn ich tot bin, so bring' mein Böcklein dem Doktor für seine Kinder; sonst kann ich ihm ja nichts geben.‹ – Das hab' ich nun da.« »Ja, so gibt's kein' mehr.« sagte die junge Frau; »mein Mann ist Maurer und vom Dach gefallen und hat sich alle Glieder zerschlagen. Unser Barbier hat ihn einmal verbunden, dann liegen lassen, weil wir arm sind. So bin ich halt eben auch zum Sempacher; da hat's eine Art, wie der ihn verbunden hat und gehoben und gelegt! Jetzt ist's schon lang geheilt; aber ein Schmerz im Rücken ist meinem Mann noch geblieben, so daß er sich im Bett nicht drehen und wenden konnte, und niemand hat ihm so gut helfen können als der Doktor. Da ist er denn jede Nacht nach zehn noch den weiten Weg gegangen, nur um den Mann ins andre Bett zu heben und ihm eine gute Lage zu geben, daß er schlafen konnte. Heut will ich ihm sagen, daß der Mann jetzt wieder aufstehen kann. Gott vergelt's ihm, was er getan! wir können's nicht.« Der Mann, der vier Stunden weit herkam, um den Sempacher zu seinem kranken Weib zu holen, wußte noch schönere Geschichten von ihm, so daß Braun endlich ausrief: »Das muß ja ein weltberühmter Mann sein, der Doktor!« »Ja, er ist eben berühmt bei den armen Leuten,« sagte die alte Frau; »da ist's aber auch, als ob ein Engel käme, 's wird besser, wenn er nur hereinsieht.« Die junge Frau aber versicherte, daß ihn auch reiche und vornehme Herrschaften aufsuchen. »Sempacher! – hieß denn so nicht unser Schweizer?« fragte Braun seinen Freund. »Kann sein! Ich weiß nimmer, weil wir ihn immer Peter nannten,« antwortete dieser; »der Name ist aber, glaub' ich, hier häufig.« Der Regen hatte aufgehört, und die Herren entschlossen sich, mit den Leuten nach des Doktors Haus zu gehen, da es das nächste Obdach sein solle. »Wenn das so ein barmherziger Bruder ist, so wird er uns auch einen trockenen Rock leihen,« meinte Braun. Sie stiegen einen sanften Abhang hinab; der Rasen glänzte wie Samt im herrlichsten Grün nach dem Regen, in durchleuchteter Herrlichkeit schimmerten Bäume und Büsche in dem wieder vorbrechenden Sonnenschein. »Das ist ja ein Schweizerhäuschen wie aus einem Konditorladen!« rief fröhlich lachend Doktor Glimmer; und wirklich stand da ein ganz wundernettes Wohnhaus mitten im Tal, das Ideal eines Schweizerhauses. Hinter dem Haus lag ein Gärtchen, grünend und blühend, in dem des Botanikers Auge gleich Schätze seltener Pflanzen entdeckte. Der Vorplatz war mit blühenden Gesträuchern geziert; keine fremden und kostbaren, aber so schön zusammengestellt, daß sie ein fürstlicher Schmuck der einfachen Wohnung waren. Nach alter Schweizersitte war auch dieses Haus mit einem Spruch geziert; er hieß: »Einem jeglichen dünken seine Wege recht zu sein, aber der Herr allein machet das Herz gewiß.« Ein Hauch des Friedens und der Freude umgab die ganze Wohnung. Von der Laube, die mit Efeu und Jungfernreben ganz grün umwachsen war, lauschten ein paar rotbackige Kinderköpfchen und die anmutige Gestalt einer jungen Frau herunter. Beim Anblick der Fremden riefen die Kinder getäuscht: »Er ist's nicht!« Sie traten in die saubere Flur alle zusammen; die armen Leute führte die Frau Doktorin unten in die Wartstube und ließ einen guten warmen Kaffee für sie machen. Die fremden Herren, denen sie gleich ansah, woher sie kamen, grüßte sie mit herzlicher Unbefangenheit und führte sie in die helle, reinliche Wohnstube, deren Geräte aber viel einfacher waren, als man aus dem zierlichen Ansehen des Hauses schloß. Sie brachte den durchnäßten Herren trockene Wäsche. Sie baten auch um Schlafröcke; ja, da fehlte es. Ihr Mann hatte nur einen, seinen alten hatte er gestern einem armen Kranken geschenkt; den neuen konnte einer von ihnen indes schon anziehen, vielleicht trocknete sein Rock, bis der Herr kam; Professor Braun erhielt den Sonntagsrock des Herrn, aus dem er gar lange Arme und Füße herausstreckte. Während nun das geschäftige Fraueli draußen für Kaffee sorgte und die Kleider zum Trocknen aufhängte, traten die Herren in die Laube und ergötzten sich an dem fröhlichen Kinderhäufchen. An einem Tischchen in der Ecke saß eine schweigsame Person, eine Näherin, wie es schien, denn sie stichelte emsig an einem zerrissenen Röckchen, und hatte noch einen Korb mit ähnlichem neben sich stehen. Die Kinder baten und plagten sie, sie solle doch die schöne, arg schöne Geschichte weiter erzählen, die sie angefangen; aber sie schien sich vor den fremden Herren zu scheuen. »Keine Schweizerschönheit,« sagte Braun leise zu seinem Gefährten. »Ei, sieh du in ihre Augen!« sagte Glimmer, der sich auf Schönheit verstand; »so ein prächtiges Blau findet man nur in den Bergländern.« Und es war richtig, die Augen der stillen Näherin leuchteten in so eigentümlicher Klarheit, daß man ihr bleiches, unscheinbares Gesicht darüber vergaß. »Er chömmt!« rief die helle Stimme des Frauelis von draußen. »Er chömmt, er chömmt!« tönte ein vierstimmiges Echo wieder, und mit lärmendem Jubel stürzten die vier Kinder die Treppe hinab einem etwas magern, sehr einfach gekleideten Mann entgegen, der, auch durchnäßt, mit müdem Schritt auf das Haus zukam. Er konnte sich kaum des wilden Volks erwehren, das ihn begrüßte, seine Taschen leerte, in denen aber nur Steine waren, und ihn endlich im Triumph ins Haus brachte. Ehe er noch seine Frau grüßte, trat er in die Wartstube und gab den Leuten freundlich Bescheid. Die Kinder nahmen mit Jubel das Böcklein in Empfang, und die alte Frau weinte vor Freud und Leid, als sie im Gehen sah, wie glücklich sie die Kinder mit dem Vermächtnis ihres armen Friedli gemacht hatte. Endlich war der Papa fertig und trat in die Stube. Die Kinder hatten unterwegs schon erzählt, daß droben ein paar nasse Herren zum Trocknen seien. Es war schon etwas dunkel beim Eintreten; so grüßte er sie, ohne sie eben viel anzusehen, und setzte sich, nachdem er die Näherin in der Ecke begrüßt hatte, behaglich in seinen hölzernen Lehnstuhl. »Papili, dein Rock ist naß,« sagte die Frau in einiger Verlegenheit. Professor Braun erbot sich augenblicklich, den Schlafrock herzugeben; das nahm aber der Herr vom Hause nicht an. »Aber, Papali, du hast ja keinen andern Rock,« flüsterte sie »und bist naß.« »Weißt was, Fraueli?« sagte er, »bring' mir deinen Mantel!« Trotz alles Protestierens wickelte sich denn der Papa zu unbeschreiblichem Vergnügen der Kinder in den Mantel der Mama. Jetzt kam Kaffee und Licht, und der Doktor besah seine Gäste; er war schon bei Brauns Stimme vorhin aufmerksam geworden. »Ist's mögli, Ihr Herren!« rief er, stand auf und bot ihnen beide Hände. »Fraueli sieh, Kinderli lueget, da guck Mareili, das sind meine Herren, die mich arm's Bübli einmal mitgenommen und mich haben studieren lassen; ist's mögli!« Auch die Herren freuten sich sehr, so unverhofft den Steinpeterli in so freundlicher Umgebung wiederzufinden; und das Fraueli mußte oft mahnen, daß der Kaffee kalt werde, ehe die kleine Gesellschaft wieder in Frieden um die Tafel saß und ihrer Bewirtung die Ehre antat. »Noch viel mehr wollt' ich mich freuen,« fing Peter wieder an. – er bat sich's aus, daß die Herren ihn so nennen mußten – »wenn ich mich nicht so schämen müßt', daß ich Ihnen gar nicht geschrieben. Aber sehen Sie, ich wollte nicht schreiben, bis ich etwas Ordentliches geworden; das brauchte aber gar lang, und ich weiß jetzt noch nicht gewiß, ob ich's bin. Wenn ich dann schreiben wollte, so hätte ich Ihnen gern alles und alles gesagt, wie es mit mir gekommen, und das hat nie so recht in die Feder wollen; so hab ich's denn verschoben und verschoben, bis ich gar nimmer dazu kam.« Nun versprach er aber den Herren, morgen mit ihnen auf dem Berg herumzuklettern, Steine zu klopfen und Pflanzen zu graben, da wollte er ihnen dann alles erzählen. Der nächste Tag war schön und klar zur Bergtour; die freundliche Wirtin versprach, bis zum Abend ihr Allerbestes zu tun. Der Doktor schickte schriftliche Regeln an die Kranken, zu denen er heute nicht kam, und stieg mit seinen alten Herren guten Muts bergan. Es wurde nicht viel botanisiert. An einer schönen Stelle lagerten sie und da erzählte ihnen Peter seine Geschichte. Er gestand ihnen die hochfahrenden Gedanken, mit denen er sich getragen; seine Verbitterung über den geringen Erfolg seines Examens, und wie er sich dem Berno und seinen elenden Planen angeschlossen. »Sehen Sie, ich wollte nichts mehr, als mir's gut machen auf der Welt; sollte ich mich plagen und schinden um nichts, und ein Tropf wie der Berno ohne Müh' in Freud' und Herrlichkeit leben? Ich hatte damals viele lustige Stunden, keine einzige glückliche. – Nun kann ich Ihnen aber nicht sagen, wie jener Morgen im Gebirge mein Herz verwandelt hat. Es war mir, als schaute mich Gott selber an aus dem blauen Himmel, und ich schämte mich bis ins tiefste Herz hinunter, daß ich Träber gegessen, während ich als ein Kind im Vaterhause hätte leben können. Jetzt war es mir einerlei, wie viel oder wie wenig ich in der Welt bedeuten sollte; ich war meines Vaters Kind; wenn ich ihm treu diente, so war's seine Sache, mir den rechten Platz zu geben. Damals wäre ich mit gutem Willen wieder Viehhirt geworden; aber ich dachte doch, daß mir Gott nicht umsonst so weit auf einer andern Bahn geholfen. So ging ich denn zunächst in das große Krankenhaus zu Z** und bat um Aufnahme, als der niedrigste Gehilfe, wenn es sein müßte; da habe ich denn erst gelernt, wie man lernen soll, und habe mit großer Freude gefunden, daß ich doch mehr wußte, als ich zuerst geglaubt. Nun hielt ich mein Wissen hoch und wert als eine edle Gottesgabe; es war nicht genug, mich zum großen Mann zu machen, gewiß aber genug, um mir ein Plätzchen zu sichern, wo ich Menschen lieb und nützlich werden könnte. Es verlangte mich wieder in die Berge hinein; auch wußte ich, wie übel oft die armen Leute in meinem Vaterland mit ärztlicher Hilfe beraten sind in den zerstreuten Häusern, wo sie oft meilenweit zum Arzt gehen müssen. Als ich nun glaubte, genug gelernt zu haben, setzte ich mich in einer der ärmsten Gegenden und bot meine Dienste vorzüglich den Armen an. Es war ein saurer Anfang. Es brauchte gar lange, bis ich Glauben fand; ich wurde oft abscheulich angelogen und bin fast Hungers gestorben, habe aber doch ausgehalten. Nach und nach lernte ich die Leute kennen und die Leute mich; ich bekam auch Kunden unter den Reichen, und sie haben oft freiwillig für die Armen mitbezahlt. Vor acht Jahren habe ich mein liebes Fraueli gefunden, sie war eine Waise; aber obwohl sie ein nettes Vermögen hatte und hätte Regierungsherren haben können, so hat sie's doch nicht verschmäht, Frau Armendoktorin zu werden. Das Häuslein haben wir uns selbst gebaut.« »Und die Näherin, ist das nicht .... ?« fragte Braun. »Das ist das Mareili, Sie haben's erraten; ich habe sie geholt, sobald ich ein eigen Dach hatte; sie lebte allein bei fremden Leuten. Lahm und kränklich, wie sie ist, ist sie doch die rechte Hand meiner Frau; die kleinen Burschen sorgen, daß ihrer fleißigen Hand die Arbeit nicht ausgeht, und sie folgen ihr fast noch mehr als Vater und Mutter. Ihre Geschichten sind noch gerade so schön wie damals, als sie mir dieselben erzählt hat. Das Mareili freut sich immer noch auf den Himmel; aber sie sagt oft, sie hätte nie geglaubt, daß es ihr auch noch auf dieser Welt so wohl werde. Seht, Ihr Herren, so ist mir's gegangen,« schloß Peter, als sie langsam heimwärts gingen. »Ich darf wohl sagen, daß ich seit jenem Tag treulich und unverdrossen arbeite, nicht im Dienste meines Wohllebens, auch nicht im Dienste menschlicher Wissenschaft, wohl aber im Dienste eines ewig reichen Herrn. Er hat mir oft ein recht heißes Tagewerk beschieden, aber er ist nicht karg gegen mich gewesen; er hat mir Kraft und Geduld gegeben, viel Dank und Liebe von Menschen, eine friedliche Heimat und gute Kinder. Hat er mir nicht fünf Pfunde anvertraut, so habe ich doch mein eines nicht begraben, und ist der Herr mir, einem verlaufenen Schäflein nachgegangen, bis er mich vom Berge herabgeholt, wie sollte mich's nicht freuen, auch dem Aermsten und Geringsten nachzugehen!« Die Herren waren ganz still auf dem Weg; im Häuslein aber hatte die Frau ein Festmahl bereitet und sie erlebten einen so fröhlichen Abend wie lange nicht. Professor Braun brachte die Gesundheit der freundlichen Hausfrau aus; Glimmer ließ den Steinpeterli leben; selbst Mareili, die auch am Tisch saß, mußte mit anstoßen und ihre eigene Gesundheit trinken. Die Kinder aber, denen das ein Neues war, ließen Gott und Welten leben und jubilierten dazu wie ein ganzes Liederfest, sogar das zweijährige Mareili, bis man sie zu Bett brachte. Peter begleitete die Herren am andern Tage noch ein gutes Stück. Er war ihnen so dankbar für alles, was sie an ihm getan, und er hätte ihnen so gern mitgeteilt, was sie ihm hatten nicht geben können: seinen freudigen Glauben und seinen Frieden in Gott. Sie hörten ihm schon gern zu, wie er noch einmal mit überströmendem Herzen von jenem Morgen sprach, der seinen Sinn gewendet, und meinten, es sei ganz schön von ihm, wie er das Leben ansehe, er solle nur dabei bleiben. Ob ein Körnlein von all dieser Saat auch in ihre Herzen gefallen, das wird dereinst der Herr bei der Ernte finden. Der Berno soll in Amerika wirklich eine ganz brillante Karriere gemacht haben, nur ist er leider später dort irgendwo gehängt worden.