Julius Verne Die Kinder des Kapitän Grant Reise um die Erde Zweiter Band Erstes Capitel. Die Rückkehr an Bord. Die ersten Augenblicke wurden dem Glücke des Wiedersehens gewidmet. Lord Glenarvan wollte nicht durch den Mißerfolg der Nachforschungen die Freude in den Herzen seiner Freunde abkühlen. Daher waren auch Folgendes seine ersten Worte: »Vertrauen, meine Freunde, Vertrauen! Noch ist zwar Kapitän Grant nicht bei uns, doch haben wir die Gewißheit, ihn aufzufinden.« Es bedurfte auch nichts Geringeres, als einer solchen Versicherung, um die Hoffnung der Passagiere des Duncan wieder zu erwecken. Wirklich hatten Lady Helena und Mary Grant, wahrend das Boot sich der Yacht wieder näherte, tausend Qualen der Erwartung empfunden. Vom Hinterverdeck herab versuchten sie die an Bord Zurückkehrenden zu zählen. Bald verzweifelte das junge Mädchen, bald glaubte sie im Gegentheil Harry Grant zu sehen. Ihr Herz klopfe; sie vermochte nicht zu sprechen und kaum hielt sie sich aufrecht. Lady Helena umschloß sie mit den Armen. John Mangles, der nahe bei ihr hinausblickte, schwieg still; seine Seemannsaugen, die so gewöhnt waren, ferne Gegenstände zu unterscheiden, entdeckten den Kapitän nicht. »Er ist da! Er kommt! Mein Vater!« sagte das junge Mädchen. Als sich aber die Schaluppe nach und nach näherte, wurde jede Täuschung unmöglich. Die Reisenden waren keine hundert Klafter mehr vom Bord entfernt, als nicht nur Lady Helena und John Mangles, sondern auch Mary selbst, deren Augen in Thränen schwammen, jede Hoffnung verloren hatten. Es war hohe Zeit, daß Lord Glenarvan ankam und seine beruhigenden Worte hören ließ. Nach den ersten Umarmungen wurden Lady Helena, Mary Grant und John Mangles über die Hauptereignisse der Expedition unterrichtet, und vor Allem theilte Glenarvan die neue Auslegung des Documentes mit, die man dem Scharfsinn Jacques Paganel's verdankte. Er pries auch Robert's Lob, auf den Mary mit gutem Rechte stolz sein konnte. Sein Muth, seine Ergebenheit, die Gefahren, die er durchgemacht hatte, Alles wurde von Glenarvan in helles Licht gesetzt, so daß der junge Mensch nicht wußte, wo er sich verbergen sollte, wenn er nicht in den Armen seiner Schwester eine Zuflucht gefunden hatte. »Da ist Nichts zu erröthen, sagte John Mangles, Du hast Dich eines Sohnes des Kapitän Grant würdig betragen!« Er streckte seine Arme nach dem Bruder Mary Grant's aus, und preßte ihm seine Lippen auf die Wangen, die noch von den Thränen des jungen Mädchens feucht waren. Erwähnen müssen wir auch, welcher Empfang dem Major und dem Geographen zu Theil wurde, und wie ehrenvoll man des edelmüthigen Thalcave gedachte. Lady Helena bedauerte, die Hand des braven Indianers nicht drücken zu können. Mac Nabbs hatte gleich nach den ersten Herzensergießungen seine Cabine aufgesucht, wo er sich mit ruhiger, sicherer Hand rasirte. Paganel flog wie eine Biene von Einem zum Andern, und erntete Ehrenbezeigungen und freundliches Lächeln ein. Er wollte die ganze Gesellschaft des Duncan umarmen, und da seiner Ansicht nach Lady Helena ebenso dazugehörte, wie Mary Grant, so begann er damit bei diesen und hörte endlich bei Mr. Olbinett auf. Der Steward glaubte eine solche Höflichkeit nicht besser erwidern zu können, als mit der Ankündigung des Frühstücks. »Das Frühstück! rief Paganel laut. – Ja, Herr Paganel, erwiderte Mr. Olbinett. – Ein wirkliches Frühstück, auf einem wirklichen Tische, mit Gedeck und Servietten? – Ja wohl, Herr Paganel. – Und wir werden kein Charqui, keine harten Eier und kein Straußfilet zu essen bekommen? – Oho, mein Herr! entgegnete der Wirthschaftsmeister, der sich in seinem Fache gekränkt fühlte. – Ich wollte Sie nicht beleidigen, lieber Freund, sagte lächelnd der Gelehrte. Einen Monat lang war das bei uns so das tägliche Brod, und wir speisten, nicht etwa an einem Tische sitzend, sondern auf der Erde liegend, wenn wir nicht gar dabei auf den Aesten eines Baumes ritten. Das Frühstück, welches Sie eben anmeldeten, erschien mir demnach wie ein Traum, eine Einbildung, wie eine Chimäre! – Nun wohlan denn, Herr Paganel, fiel Lady Helena ein, die sich des Lachens kaum erwehren konnte, wir wollen schnell die Wirklichkeit desselben bestätigen. – Hier, mein Arm, sagte der galante Geograph. – Ew. Herrlichkeit haben mir keine Befehle in Betreff des Duncan zu ertheilen? fragte John Mangles. – Nach dem Frühstücke, lieber John, erwiderte Glenarvan, werden wir das Programm unserer neuen Expedition mit Ruhe besprechen.« Die Passagiere der Yacht, nebst dem jungen Kapitän derselben, gingen die Treppe hinunter. Dem Maschinenmeister wurde aufgegeben, gespannten Dampf zu halten, um auf das erste Zeichen abfahren zu können. Der Major, der frisch rasirt war, und die Reisenden, welche oberflächlich Toilette gemacht hatten, nahmen an der Tafel Platz. Man that Mr. Olbinett's Frühstück alle Ehre an. Es wurde für ausgezeichnet und vorzüglicher als die splendidesten Festmahle in den Pampas erklärt. Paganel langte von jeder Schüssel, »aus Zerstreuung«, wie er sagte, zweimal zu. Dieses unglückselige Wort veranlaßte Lady Glenarvan zu der Frage, ob der liebenswürdige Franzose nicht einige Male in seinen Erbfehler verfallen sei. Der Major und Lord Glenarvan sahen sich lächelnd an. Paganel selbst brach ganz freimüthig in Lachen aus und verpflichtete sich auf Ehrenwort, wahrend der ganzen Reise keine Zerstreutheit mehr zu begehen. Dann erzählte er sehr anziehend von seinem Unglück und von seinen tiefen Studien über Camoen's Meisterwerke. »Alles in Allem, fügte er zum Schluß hinzu, ist doch jedes Unglück zu Etwas gut, und ich bedaure meinen Irrthum nicht. – Und warum nicht, mein werther Freund, fragte der Major. – Weil ich nun nicht allein das Spanische, sondern auch das Portugiesische kenne! Ich spreche zwei Sprachen, statt einer! – Meiner Treu! Daran hatte ich nicht gedacht, antwortete Mac Nabbs. Meinen Glückwunsch, Paganel, meinen aufrichtigen Glückwunsch!« Alle sprachen Paganel ihren Beifall aus, wobei dieser sich keinen Bissen entgehen ließ. Er aß und plauderte gleichzeitig; er bemerkte aber eine besondere Erscheinung nicht, welcher Glenarvan nicht entgehen konnte: Die Aufmerksamkeiten, welche John Mangles seiner Nachbarin Mary Grant erwies. Ein leichter Wink von Seiten der Miß Helena belehrte ihren Gemahl, daß es »richtig war«. Mit liebevoller Theilnahme sah Glenarvan die beiden jungen Leute an und richtete eine Frage, aber ganz andern Inhalts, an John Mangles. »Nun, und Ihre Fahrt, John, fragte er, wie ist sie abgelaufen? – Ganz vortrefflich, erwiderte der Kapitän. Ich habe Ew. Herrlichkeit nur zu melden, daß wir nicht durch die Magelhaensstraße gefahren sind. – Ei! rief Paganel, Sie sind um das Cap Horn gefahren und ich bin nicht dabei gewesen! – Nein! Da hängte ich mich auf! sagte der Major. – Egoist! Sie ertheilen mir diesen Rath? Ich sollte Ihnen den Strick zum Aufhängen schicken. – Sehen Sie, mein lieber Paganel, fiel Glenarvan ein, wenn man nicht gerade die Eigenschaft der Allgegenwart besitzt, kann man eben nicht überall dabei sein. Und, da Sie die Ebene der Pampas mit durchwanderten, konnten Sie doch nicht gleichzeitig das Cap Horn umschiffen. – Das hindert mich aber nicht, es zu bedauern«, erwiderte der Gelehrte. Man setzte dieses Gespräch nicht weiter fort und ließ es bei letzterer Antwort bewenden. John Mangles ergriff wieder das Wort und erstattete über seine Fahrt Bericht. Auf dem Wege längs der amerikanischen Küste hatte er alle westlichen Inselgruppen durchforscht, ohne eine Spur von der Britannia zu finden. Als er am Cap Pilares, dem Eingange in die Magelhaensstraße, ankam, war dort widriger Wind, so daß man nach Süden zusteuerte; der Duncan fuhr an der Insel Désolation vorbei, ging bis zum siebenundfünfzigsten Grade südlicher Breite, umsegelte Cap Horn, lief durch die Straße Lemaire, an Feuerland vorüber, und folgte dann der Küste Patagoniens. In der Höhe des Cap Corrientes hatte das Schiff furchtbare Windstöße auszuhalten, dieselben, welche den Reisenden während des Gewitters so sehr zusetzten. Die Yacht hielt sich sehr gut, und seit drei Tagen lavirte John Mangles auf hoher See, als ihm die Schüsse des Carabiners die Ankunft der so ungeduldig erwarteten Reisenden verkündete. Bezüglich der Lady Glenarvan und Miß Grant hätte der Kapitän des Duncan sehr ungerecht sein müssen, wenn er deren seltene Unerschrockenheit hatte verkennen wollen. Der Sturm erschreckte sie nicht, und wenn sie einige Zeichen von Furcht gaben, so rührten diese von dem Gedanken an ihre Freunde her, welche noch durch die Ebenen der Republik Argentina zogen. So endete John Mangles Berichterstattung, welche ihnen die Glückwünsche Lord Glenarvan's einbrachten. Dann wendete sich dieser an Miß Grant: »Meine liebe Miß, sagte er, ich sehe, daß der Kapitän John ihren hervorragenden Eigenschaften alle Ehre widerfahren läßt, und ich bin glücklich in dem Gedanken, daß es Ihnen ebenfalls an Bord seines Schiffes nicht mißfällt. – Wie sollte das auch anders sein? erwiderte Mary, die Lady Helena und vielleicht auch den jungen Kapitän ansah. – O, meine Schwester liebt Sie gar sehr, Herr John, rief Robert, und ich, ich liebe Sie auch! – Und ich erwidere Dir diese Zuneigung, mein lieber Junge«, antwortete John Mangles, der durch die Worte Robert's etwas verlegen wurde, wie denn auch eine leichte Röthe über Mary Grant's Antlitz flog. Dann setzte John Mangles, der das Gespräch auf einen weniger verfänglichen Gegenstand lenken wollte, hinzu: »Nachdem ich nun über die Reise des Duncan berichtet habe, möchte Ew. Herrlichkeit uns nicht einige Einzelheiten von Ihrer Ueberlandreise durch Amerika, und von den Thaten unseres jungen Helden mittheilen?« Nichts konnte Lady Helena und Miß Grant angenehmer sein, als diese Erzählung. Lord Glenarvan beeilte sich, ihre Neugier zu befriedigen. Er erzählte, ohne etwas zu übergehen, die ganze Reise von einem Ocean zum andern. Die Uebersteigung der Anden, das Erdbeben, das Verschwinden Robert's und seine Entführung durch den Condor, den Schuß Thalcave's, die Episode mit den rothen Wölfen, die Aufopferung Robert's, die Geschichte mit dem Sergeant Manuel, die Überschwemmung, die Zufluchtsstätte auf dem Ombu, ferner die Erzählung von dem Blitzstrahl, der Feuersbrunst, den Kaimans, der Trombe, der Nacht am Ufer des Atlantischen Oceans – alle diese erfreulichen oder schrecklichen Einzelheiten erregten wechselweise die Freude oder den Schrecken seiner Zuhörer. Mancher Umstand wurde berichtet, der Robert die Zärtlichkeiten seiner Schwester und der Lady Helena einbrachten; nie fühlte sich ein Knabe so innig und von so enthusiastischen Freundinnen umarmt. Als Lord Glenarvan seine Erzählung beendet hatte, fügte er hinzu: »Nun, meine Freunde, denken wir an die Gegenwart; was vergangen, ist vergangen. Die Zukunft gehört uns; kommen wir nun auf Kapitän Harry Grant zurück.« Das Frühstück war zu Ende; die Teilnehmer sammelten sich in dem Privatsalon der Lady Glenarvan; sie nahmen rund um einen Tisch Platz, der mit Karten und Plänen bedeckt war, und bald war das Gespräch im Gange. »Meine liebe Helena, sagte Lord Glenarvan, als ich au Bord kam, verkündete ich, daß, wenn die Schiffbrüchigen der Britannia auch nicht mit uns zurückkämen, wir doch mehr als je die Hoffnung hätten, sie wieder aufzufinden. Unsere Reise quer durch Amerika hat uns diese Ueberzeugung, oder besser gesagt, die Gewißheit verschafft, daß das Unglück weder an der Küste des Stillen, noch des Atlantischen Occans stattgefunden hat. Daraus folgt natürlicher Weise, daß die aus dem Documente hergeleitete Auslegung, wenigstens was dabei Patagonien betrifft, eine irrige war. Zum Glück hat unser Freund Paganel, durch eine Art plötzlicher Erleuchtung, diesen Irrthum bemerkt. Er legte uns dar, daß wir uns auf falschem Wege befänden, und hat das Document in einer Weise erläutert, die jeden Zweifel in uns niederschlug. Es handelt sich hier um das in französischer Sprache geschriebene Document, welches ich Paganel hier zu erklären bitten möchte, damit in dieser Hinsicht Niemand mehr einen Zweifel hege.« Als sich der Gelehrte in die Lage gesetzt sah, zu reden, that er's sogleich; er verbreitete sich über die Wortstücke -gonie und ini- in der überzeugendsten Weise; aus dem Stücke austral leitete er mit Notwendigkeit das Wort Australien ab; er zeigte, daß der Kapitän Grant, indem er Peru verließ, um nach Europa zurückzukehren, auf einem rhedelosen Schiffe durch die südlichen Strömungen des Stillen Oceans bis zu den Ufern Australiens habe verschlagen werden können; kurz, seine geistreichen Hypothesen, seine feinen Schlußfolgerungen errangen sich den vollen Beifall selbst John Mangles, der in solchen Dingen ein schwer zu gewinnender Richter war und sich von phantastischen Ausschweifungen nicht hinreißen ließ. Als Paganel seinen Vortrag geendet hatte, meldete Glenarvan an, daß der Duncan sofort Australien zusteuern werde. Indessen wünschte der Major, bevor der Befehl ertheilt würde, die Fahrt nach Osten zu beginnen, noch einige Bemerkungen zu machen. »Sprechen Sie, Mac Nabbs, erwiderte Glenarvan. – Es ist nicht meine Absicht, sagte der Major, die Beweiskraft der Argumente meines Freundes Paganel abzuschwächen, noch weniger, sie ganz abzuweisen; ich halte sie für gewichtig, für weise und unserer ganzen Aufmerksamkeit werth, und sie müssen mit gutem Grunde die Basis unserer zukünftigen Nachforschungen bilden. Ich wünsche aber, daß sie einer letzten Prüfung unterzogen werden, um sie zu ganz unbestreitbarem und unbestrittenem Werthe zu erheben.« Man konnte oder wollte dem klugen Mac Nabbs nicht entgegentreten, und seine Zuhörer lauschten ihm mit einer gewissen Aengstlichkeit. »Fahren Sie fort, Major, sagte Paganel, ich bin bereit, alle ihre Fragen zu beantworten. – Mein Frage ist ganz einfach, begann der Major. Als wir vor nun fünf Monaten im Golf von Clyde die drei Documente durchstudirten, schien uns ihre Erklärung ganz einleuchtend. Keine andere Küste, als die Westküste Patagoniens konnte der Schauplatz des Schiffbruches gewesen sein. Hierüber kam uns auch nicht der Schatten eines Zweifels. – Eine ganz richtige Bemerkung, fiel Glenarvan ein. – Später, fuhr der Major fort, als sich Paganel durch eine von der Vorsehung herbeigeführte Zerstreutheit bei uns mit einschiffte, wurden ihm die Documente vorgelegt und er billigte rückhaltslos unsere Nachforschungen an der amerikanischen Küste. – Das gestehe ich zu, antwortete der Geograph. – Und doch haben wir uns getäuscht, sagte der Major. – Wir haben uns getäuscht, wiederholte Paganel. Aber um sich zu täuschen, Mac Nabbs, braucht man nur ein Mensch zu sein, während derjenige ein Thor ist, der in seiner Täuschung beharrt. – Erlauben Sie Paganel, erwiderte der Major, ereifern Sie sich nicht. Ich verlange gar nicht, daß unsere Nachforschungen in Amerika noch fortgesetzt werden sollen . .. – Nun, und was verlangen Sie denn? fragte Glenarvan. – Ein Geständniß, nichts weiter, das Eingeständniß, daß Australien jetzt mit der nämlichen Sicherheit der Ort des Schiffbruches der Britannia ist, wie es vorher Amerika war. – Das gestehen wir gerne zu, antwortete Paganel. – Ich nehme davon Act, fuhr der Major fort, und benutze das, um Ihre Gedanken zu veranlassen, daß sie solchen Augenscheinlichkeiten, welche sich hinter einander widersprechen, etwas mißtrauen. Wer weiß, ob uns nach Australien nicht ein anderes Land dieselben Gewißheiten bieten, und ob, wenn diese Untersuchungen vergeblich gewesen, es uns dann nicht »zweifellos« erscheinen wird, sie anderswo von Neuem vornehmen zu müssen?« Glenarvan und Paganel sahen sich einander an. Die Bemerkungen des Majors machten durch ihre Richtigkeit Eindruck auf sie. – Ich wünsche demnach, fuhr Mac Nabbs fort, daß wir eine letzte Prüfung vornehmen, bevor die Richtung nach Australien eingeschlagen wird. – Hier sind die Documente und hier sind Karten. Gehen wir nach einander alle diejenigen Punkte durch, welche der siebenunddreißigste Parallelkreis schneidet, und sehen wir, ob sich nicht ein anderes Land findet, auf welches das Document genau hinweisen möchte. – Nichts ist leichter und kürzer, antwortete Paganel, denn glücklicherweise ist kein Ueberfluß von Ländern in dieser Breite. – Nun, wir wollen sehen«, sagte der Major, und breitete einen englischen nach Mercator's Projection entworfenen Planiglob aus, der auf einem Blatt die ganze Erdkugel darstellte.« Die Karte wurde vor Lady Helena gelegt und Jedermann stellte sich so, um Paganel's Darlegungen folgen zu können. »Wie ich Ihnen schon mitgetheilt habe, sagte der Geograph, trifft der siebenunddreißigste Breitengrad, nachdem er Süd-Amerika durchschnitten hat, auf die Inseln Tristan d'Acunha. Jedenfalls bin ich der Meinung, daß kein Wort aus den Documenten auf diese Inseln Bezug hat.« Nach genauester Prüfung der Documente mußte man zugeben, daß Paganel Recht habe. Tristan d'Acunha wurde einstimmig verworfen. »Weiter, fuhr der Geograph fort. Beim Verlassen des Atlantischen Oceans kommen wir zwei Grad unter dem Cap der Guten Hoffnung vorbei und gelangen in den Indischen Ocean. Nur eine einzige Inselgruppe findet sich dort auf unserm Wege, die der Amsterdam-Inseln. Wir wollen sie derselben Prüfung wie Tristan d'Acunha unterziehen.« Nach aufmerksamster Durchsicht wurden die Amsterdam-Inseln ihrerseits ausgeschieden. Kein einziges ganzes oder zerstückeltes deutsches, englisches oder französisches Wort paßte auf diese Gruppe des Indischen Oceans. »Wir gelangen nun zu Australien, fuhr Paganel fort; der siebenunddreißigste Parallelkreis trifft diesen Continent am Cap Bernouilli, er verläßt ihn bei der Twofold-Bai. Sie werden mit mir, und ohne dem Texte Zwang anzuthun, übereinstimmen, daß das englische Wortstück . . .stra und das französische austral sich auf Australien beziehen können. Die Sache ist so einleuchtend, daß ich nicht weiter darauf eingehe.« Jedermann billigte Paganel's Schlußfolgerungen. Dieses System vereinte alle Wahrscheinlichkeiten zu seinem Gunsten. »Gehen wir weiter, sagte der Major. – Recht gern, erwidert der Geograph, die Reise ist sehr leicht. Verläßt man die Twofold-Bai und überschreitet den Meeresarm, der im Osten Australiens hinzieht, so trifft man auf Neu-Seeland. Vor Allem will ich Sie daran erinnern, daß das Wort contin... aus dem französischen Schriftstücke unwiderleglich auf einen »Continent« hindeutet. Kapitän Grant kann also keine Zuflucht auf Neu-Seeland, da dieses nur eine Insel ist, gefunden haben. Doch wie dem auch sei, prüfen Sie, vergleichen Sie, wenden Sie die Worte und sehen, wenn es möglich ist, ob sie auf diese neue Gegend passen könnten. – Auf keinerlei Weise, antwortete John Mangles, der die Documente und den Planiglob mit möglichster Sorgfalt prüfte. – Nein, fügten die Zuhörer Paganel's, und der Major selbst, nein, von Neu-Seeland kann keine Rede sein. – Und nun, fuhr der Geograph fort, durchschneidet der siebenunddreißigste Breitegrad in dem ganzen ungeheuren Raum, der diese große Insel von der amerikanischen Küste trennt, nur noch eine unfruchtbare und verlassene Insel. – Und diese heißt? . . . fragte der Major. – Betrachten Sie die Karte. Es ist die Insel Maria Theresia, ein Name, von dem ich in den drei Documenten keine Spur entdecke. – Keine Spur, bestätigte Glenarvan. – Ich überlasse es nun Ihnen, meine Freunde, zu entscheiden, ob nicht alle Wahrscheinlichkeiten, um nicht Gewißheiten zu sagen, zu Gunsten des australischen Continentes sprechen. – Ganz zweifellos, erwiderten einstimmig die Passagiere und der Kapitän des Duncan. – John, sagte darauf Glenarvan, Sie haben Lebensmittel und Kohle in hinreichender Menge? – Ja, Ew. Herrlichkeit, ich habe mich in Talcahuano reichlich damit versehen, und übrigens wird die Capstadt uns Gelegenheit bieten, unser Brennmaterial leicht zu erneuern. – Wohlan denn, so nehmen Sie den Weg . . . – Noch eine Bemerkung, sagte der Major, seinen Freund unterbrechend. – Theilen Sie uns dieselbe mit, Mac Nabbs. – Wie groß nun auch die Garantien des Erfolges sein mögen, die uns Australien bietet, würde es nicht geboten erscheinen, einen oder zwei Tage auf die Inseln Tristan d'Acunha und Amsterdam zu verwenden? Sie liegen in unserem Course, bringen uns also keineswegs von unserem Wege ab. Wir werden auf diese Weise erfahren, ob die Britannia dort keine Spuren ihres Schiffbruches hinterlassen hat. – Der ungläubige Major! rief Paganel, er besteht auf seinem Kopfe. – Ich bestehe vorzüglich darauf, den Weg nicht zweimal zu machen, wenn Australien zufällig die Hoffnungen nicht erfüllen sollte, die es jetzt erweckt. – Diese Vorsicht scheint mir gut, meinte Glenarvan. – Und ich werde Sie nicht davon abzubringen suchen, warf Paganel ein. Im Gegentheil. – Nun denn, John, befahl Glenarvan, steuern Sie auf Tristan d'Acunha. – Im Augenblick, Ew. Herrlichkeit«, erwiderte der Kapitän und bestieg sein Verdeck, während Robert und Mary lebhafte Worte des Dankes an Lord Glenarvan richteten. Bald entfernte sich der Duncan von der Küste Amerikas, und sein schneller Vordersteven theilte, in der Richtung nach Osten, die Wogen des Atlantischen Oceans. Zweites Capitel Tristan d'Acunha. Wäre die Yacht der Linie des Aequators gefolgt, so hätten die hundertundsechsundneunzig Längengrade, welche Australien von Amerika, oder genauer Cap Bernouilli von Cap Corrientes trennen, elftausendsiebenhundertsechzig Seemeilen betragen. Auf dem siebenunddreißigsten Breitengrade stellen diese hundertundsechsundneunzig Längengrade, in Folge der Kugelform der Erde, nur neuntausendvierhundertundachtzig Seemeilen dar. Von der amerikanischen Küste bis Tristan d'Acunha rechnet man zweitausendeinhundert Meilen, eine Entfernung, welche John Mangles in zehn Tagen zurückzulegen hoffte, vorausgesetzt, daß nicht scharfe Ostwinde den Lauf der Yacht verzögerten. Uebrigens hatte er allen Grund zufrieden zu sein, denn gegen Abend fiel die Brise merklich ab, schlug dann um, und der Duncan konnte auf ruhigem Meere alle seine unvergleichlichen Eigenschaften zur Geltung bringen. Schon an demselben Tage hatten die Passagiere alle ihre Lebensgewohnheiten an Bord wieder aufgenommen. Es schien, als hätten sie das Schiff während eines Monats nicht verlassen. Nach dem Wasser des Großen Oceans dehnte sich jetzt das des Atlantischen Weltmeeres vor ihren Augen aus, und bis auf wenige feinere Unterschiede waren alle Wogen einander ähnlich. Die Elemente, welche sie erst so furchtbar geprüft hatten, vereinigten jetzt alle Kräfte, sie zu begünstigen. Friedlich war der Ocean, günstig wehte der Wind, und das ganze, von einer westlichen Brise geschwellte Segelwerk unterstützte den in dem Kessel aufgespeicherten, unermüdlichen Dampf. Diese schnelle Fahrt ging ohne Zufall und ohne Unfall von statten. Mit Vertrauen hoffte man auf die australische Küste. Die Wahrscheinlichkeiten wurden zu Gewißheiten. Man sprach vom Kapitän Grant, als ob die Yacht ihn in einem bestimmten Hafen abholen sollte. Seine Cabine und die Lagerstätten für seine zwei Begleiter wurden hergerichtet. Mary Grant gefiel sich darin, sie mit eigener Hand zu ordnen und zu schmücken. Sie war ihr von Mr. Olbinett abgetreten worden, der tatsächlich das Zimmer der Mss. Olbinett theilte. Diese Cabine grenzte an die berühmte Nummer sechs, welche an Bord der Scotia für Jacques Paganel bestimmt gewesen war. Der gelehrte Geograph hielt sich dort fast immer eingeschlossen. Er arbeitete vom Morgen bis zum Abend an einem Werke unter dem Titel: »Erhabene Eindrücke eines Geographen in den Pampas Argentiniens.« Man hörte ihn mit bewegter Stimme seine eleganten Perioden prüfen, bevor er sie den Weißen Blättern seines Collectaneenbuches anvertraute, und mehr als einmal rief er, Klio, der Muse der Geschichtschreibung, ungetreu, in seiner Begeisterung Kalliope, die Muse des epischen Gesanges, an. Paganel war sich darüber auch nicht im Unklaren. Apollo's keusche Töchter verließen für ihn willig die Gipfel des Parnaß oder des Helikon. Lady Helena entbot ihm darüber ihre aufrichtigen Complimente. Der Major beglückwünschte ihn auch wegen dieser mythologischen Besuche. »Aber vor Allem, fügte er hinzu, keine Zerstreuungen, mein lieber Paganel, und wenn es Ihnen zufällig in den Sinn käme, australisch zu lernen, so studiren Sie mir es nicht etwa aus einer chinesischen Grammatik!« An Bord ging Alles vortrefflich. Lord und Lady Glenarvan beobachteten mit Interesse John Mangles und Mary Grant. Sie fanden Nichts dagegen einzuwenden, und, da John nicht davon sprach, war es entschieden am besten, den Gegenstand nicht zu berühren. »Was wird Kapitän Grant dazu denken? sagte da Glenarvan einmal zu Lady Helena. – Er wird denken, daß John Mary's würdig ist, mein lieber Edward, und er wird sich nicht täuschen.« Inzwischen steuerte die Yacht rasch ihrem Ziele zu. Am 16. November, fünf Tage, nachdem man Cap Corrientes aus dem Gesichte verloren hatte, wehten günstige Westwinde, dieselben, welche sich die Schiffer beim Umsegeln der Südspitze Afrikas gegenüber den dort gewöhnlichen Südostwinden gern zu Nutze machen. Der Duncan zog alle Segel auf und fuhr wagehalsig rasch weiter. Seine Schraube griff kaum in das fließende Wasser ein, welches der Vordersteven durchschnitt, und es schien, als wäre er im Wettkampf mit den Yachten des Royal-Thames-Club. Am andern Tage erschien der Ocean mit ungeheuren See-Eichen bedeckt, die einem großen mit Gewächsen erfüllten Teiche glichen. Man konnte meinen, man befinde sich in einem sogenannten Tang-Meer, wie sie sich aus den Resten von Bäumen und Pflanzen, welche von benachbarten Continenten entführt werden, bilden. Lieutenant Maury hat sie ganz speciell der Aufmerksamkeit der Schifffahrer empfohlen. Der Duncan schien über eine große Wiese hinzugleiten, welche Paganel ganz richtig mit den Pampas verglich, und die seinen Lauf etwas verzögerte. Vierundzwanzig Stunden später, bei Tagesanbruch, rief die Stimme des auslugenden Matrosen: »Land! Land! – In welcher Richtung? fragte Tom Austin, der die Wache hatte. – Unter dem Winde«, erwiderte der Matrose. Auf diesen immer aufregenden Zuruf hin bevölkerte sich plötzlich das Verdeck. Bald streckte sich am Oberdeck ein Fernrohr aus, dem Jacques Paganel unmittelbar nachfolgte. Der Gelehrte sah in der angegebenen Richtung durch sein Instrument, konnte aber Nichts, was einem Lande ähnlich war, bemerken. – Sehen Sie mehr nach den Wolken, sagte John Mangles zu ihm. – Wirklich, erwiderte Paganel, man würde eine Art fast noch unbemerkbaren Pic zu sehen glauben. – Das ist Tristan d'Acunha, antwortete John Mangles. – Nun, wenn mein Gedächtniß treu ist, fuhr Paganel fort, müssen wir gegen achtzig Meilen davon entfernt sein, denn der Pic von Tristan ist bei einer Höhe von siebentausend Fuß so weit sichtbar. –- Ganz richtig«, erwiderte Kapitän John Mangles. Wenige Stunden später wurde die sehr hohe und sehr zerklüftete Inselgruppe am Horizonte vollkommen sichtbar. Die kegelförmige Kuppe von Tristan hob sich schwarz von dem glänzenden Himmel ab, der in der Farbenpracht der aufgehenden Sonne schimmerte. Bald sonderte sich auch an der Spitze eines nach Nordosten gerichteten Dreiecks die Hauptinsel von der Felsmasse ab. Tristan d'Acunha liegt unter 37° 8' südlicher Breite und 10° 44' östlicher Länge von Greenwich. 13° 4' östlich von Paris. Diese beiden ersten Meridiane differiren um 2° 20'. Achtzehn Meilen im Südwesten vervollständigt die Insel Inaccessible, und zehn Meilen im Südosten die Insel Rossignol die kleine in diesem Theile des Atlantischen Oceans gelegene Gruppe. Gegen Mittag kamen die beiden hauptsächlichsten Merkzeichen, welche den Seeleuten als Orientirungspunkte dienen, in Sicht, nämlich an einem Winkel der Insel Inaccessible, ein Felsen, der genau ein Fahrzeug unter Segel darstellt, und an der nördlichen Ecke der Insel Rossignol zwei kleine Eilande, die einem verfallenen Fort gleichen. Um drei Uhr lief der Duncan in die Bai Falmouth auf Tristan d'Acunha ein, die das Vorgebirge Help oder der guten Hilfe vor den Westwinden beschützt. Dort lagen einige Wallfischfänger vor Anker, die mit dem Fange von Robben und dem anderer Seethiere, von denen unzählige Arten sich an den Küsten aufhielten, beschäftigt waren. John Mangles suchte einen guten Ankergrund zu finden, denn diese offenen Rheden sind wegen der Windstöße aus Nordwesten und Norden sehr gefährlich, und genau an dieser Stelle ging im Jahre 1829 die englische Brigg Julia mit Mann und Maus zu Grunde. Bis auf eine halbe Meile näherte sich der Duncan dem Ufer, und warf bei zwanzig Faden auf felsigem Grunde Anker. Sogleich schifften sich die weiblichen und männlichen Passagiere im großen Boote ein und betraten am Strande einen feinen, schwarzen Sandboden, der aus verwitterten Felsen der Insel bestand. Der Hauptort der ganzen Inselgruppe Tristan d'Acunha besteht aus einem kleinen Dorfe, das im Hintergrunde der Bai an einem lebhaft rauschenden Bache liegt. Dort befanden sich etwa ein halbes hundert recht sauberer Häuschen, die mit jener geometrischen Regelmäßigkeit angeordnet waren, welche in der englischen Architektur immer das letzte Wort zu sprechen scheint. Hinter diesem Miniaturstädtchen dehnten sich Ebenen etwa auf fünfzehnhundert Hectaren aus, die mit einem ungeheuren Schuttwall von Lava umgeben waren. Ueber diesem Plateau erhob sich die kegelförmige Kuppe bis auf siebentausend Fuß in die Luft. Lord Glenarvan wurde von einem Gouverneur empfangen, der von der englischen Capcolonie abhängig ist. Er stellte sogleich seine Fragen wegen Harry Grant's und der Britannia. Diese Namen waren vollkommen unbekannt. Die Inseln Tristan d'Acunha liegen abseits der Schiffscourse und werden in Folge dessen sehr wenig besucht. Seit dem berühmten Schiffbruch des Blendon-Hall, der 1821 an den Felsen der Insel Inaccessible zerschellte, hatten nur zwei Fahrzeuge an der Hauptinsel Schiffbruch gelitten, nämlich 1845 der Primauguet und 1857 der amerikanische Dreimaster Philadelphia. Die Acunha'sche Statistik der Seeunfälle beschränkte sich auf diese drei Katastrophen. Glenarvan erwartete gar nicht, genauere Nachrichten zu erhalten und fragte den Gouverneur überhaupt nur mehr zur Beruhigung seines Gewissens. Die Schiffsboote sandte er auf eine Fahrt um die Insel, deren Umfang höchstens siebenzehn Meilen betragen mochte, aus. London oder Paris hätten darauf nicht Platz gehabt, und wenn sie dreimal so groß gewesen wäre. Während dieser Recognoscirung gingen die Passagiere des Duncan in dem Dorfe und auf der angrenzenden Küste spazieren. Die Bevölkerung von Tristan d'Acunha übersteigt nicht hundertfünfzig Seelen. Sie bestehen aus Engländern und Amerikanern, welche mit Negerinnen oder Hottentottenweibern vom Cap verheiratet waren, deren Frauen an Häßlichkeit Nichts zu wünschen übrig lassen. Die Kinder aus diesen ungleichartigen Verbindungen zeigten eine sehr unangenehme Mischung der angelsächsischen Steifheit und der afrikanischen Schwärze. Diese Promenade der Touristen, denen es wohl that, festes Land unter den Füßen zu haben, dehnte sich an dem Ufer hin aus, an welche die große Fläche cultivirten Bodens grenzt, der nur in diesem Theile der Insel vorkommt. An jedem andern Punkte bildet die Küste ein steiles, zerklüftetes und dürres Gestade aus Lavamassen. Dort zählt man ungeheure Albatrosse und die schwerfälligen Pinguins nach Hunderten. Nachdem die Besucher diese Felsen vulkanischen Ursprungs untersucht hatten, wendeten sie sich nach der Ebene zurück. Sprudelnde zahlreiche Quellen, genährt von dem ewigen Schnee des Kegelbergs, murmelten da und dort; grüne Gebüsche, auf denen das Auge fast ebensoviel Sperlinge als Blatter zählte, schmückten den Boden; eine einzige Baumart, eine Phylica, welche zwanzig Fuß hoch wird, und der »Tusseh«, eine gigantische Arundinacee mit holzigem Stamme, sproßten aus dem grünenden Weidegrund empor; eine rebenartige Azene, starte Lomarien mit verwickelten Filamenten, einige strauchartige Pflanzen, Ancerinen, deren balsamische Düfte die Luft mit durchdringendem Wohlgeruch erfüllten, Moose, wilder Sellerie und Farrnkräuter bildeten eine wenig artenreiche, aber üppige Flora. Man fühlte, daß ein ewiger Frühling seinen wohlthätigen Einfluß auf dieser bevorzugten Insel geltend machte. Paganel behauptete in seiner gewöhnlichen Begeisterung, daß diese Insel das von Fénélon besungene berühmte Ogygia sei. Er schlug Lady Glenarvan vor, sich eine Grotte aufzusuchen, es der liebenswürdigen Kalypse nachzuthun, und wünschte für sich keinen andern Dienst, als »eine der Nymphen zu sein, die ihr aufwarten.« So kehrten die Spaziergänger, unter Geplauder und Bewunderung, mit sinkender Nacht zur Yacht zurück. In der Nähe des Dorfes zogen Heerden von Rindern und Schafen vorbei; die Klee- und Maisfelder und die seit vierzig Jahren eingeführten Küchenpflanzen erstreckten ihre Naturreichthümer bis in die Straßen der Hauptstadt. Eben als Lord Glenarvan an Bord zurückkehrte, legten auch die Boote des Duncan wieder bei der Yacht an. In wenigen Stunden hatten sie ihre Fahrt um die Insel ausgeführt, auf ihrem Wege aber keine Spur von der Britannia entdeckt. Diese Umschiffung führte also zu keinem andern Ergebnisse, als zu dem, die Inseln Tristan d'Acunha endgiltig aus dem Programm der anzustellenden Nachforschungen zu streichen. Der Duncan konnte demnach diese afrikanische Inselgruppe verlassen und weiter nach Osten segeln. Daß man nicht noch denselben Abend abfuhr, geschah deshalb, weil Glenarvan seiner Mannschaft erlaubt hatte, auf die unzähligen Robben zu jagen, welche unter dem Namen von Seekälbern, -löwen, -baren und See-Elephanten die Ufer der Falmouth-Bai bedecken. Früher tummelten sich auch wirkliche Wallfische in den Gewässern der Insel; aber es hatten sie so viele Jäger verfolgt und harpunirt, daß von ihnen kaum noch einige übrig waren. Amphibien dagegen wurden dort heerdenweise angetroffen. Die Besatzung der Yacht beschloß also die Nacht über zu jagen und am folgenden Tage sich einen gehörigen Vorrath an Thran darzustellen. So wurde die Abfahrt des Duncan bis auf den zweitfolgenden Tag, den 20. November, verschoben. Während des Abendessens theilte Paganel noch einige Einzelheiten über die Inseln Tristan d'Acunha mit, welche das Interesse seiner Zuhörer erweckten. Sie vernahmen, daß diese Inselgruppe im Jahre 1506 durch den Portugiesen Tristan d'Acunha, einen der Begleiter Albuquerque's entdeckt, aber ein ganzes Jahrhundert lang nicht weiter erforscht wurde. Man hielt diese Inseln, und nicht ohne Grund, für »Sturmnester«, und so standen sie in demselben schlechten Ansehen, wie die Bermudas-Inseln. So näherte sich ihnen kaum ein Seefahrer, und kein Fahrzeug legte sich dort an's Land, wenn es nicht wider Willen durch Stürme im Atlantischen Occan dahin verschlagen war. Im Jahre 1697 liefen hier drei holländische Fahrzeuge ein, welche die geographische Lage der Inseln bestimmten, und dem großen Astronomen Halley die Sorge überließen, im Jahre 1700 die Richtigkeit ihrer Berechnungen zu prüfen. Vom Jahre 1712 bis 1767 machten mehrere französische Fahrzeuge die Bekanntschaft der Insel, vorzüglich »La Perouse«, der auf seiner berühmten Reise im Jahre 1785 durch seine Instructionen hierher geführt wurde. Diese bis dahin so wenig besuchten Inseln waren auch unbewohnt geblieben, bis im Jahre 1811 ein Amerikaner, Jonathan Lambert, ihre Colonisirung unternahm. Er landete dort im Monat Januar mit zwei Begleitern, welche herzhaft ihr Colonisirungswerk begannen. Als der Gouverneur des Caps der Guten Hoffnung in Erfahrung gebracht hatte, daß ihr Versuch gelang, bot er ihnen das Protectorat Englands an; Jonathan ging darauf ein und hißte auf seiner Hütte die englische Flagge auf. Ueber »seine Völker«, einen alten Italiener und einen portugiesischen Mulatten, schien er friedlich zu regieren, als er plötzlich, bei einer Recognoscirung der Küsten seines Reiches entweder, – es ist nicht ganz klar geworden – ertrank oder ertränkt wurde. So kam das Jahr 1816. Napoleon wurde auf St. Helena gefangen gesetzt, und von Seiten Englands wurde zu seiner besseren Bewachung eine Garnison nach der Insel Ascension und nach Tristan d'Acunha verlegt. Die Garnison von Tristan bestand aus einer Compagnie Cap-Artillerie und einem Detachement Hottentotten. Sie verblieb dort bis 1821 und wurde nach dem Tode des Gefangenen von St. Helena nach dem Cap zurückverlegt. »Ein einziger Europäer, fügte Paganel hinzu, ein Korporal, ein Schotte . . . – Aha, ein Schotte! sagte der Major, der für seine Landsleute immer ein ganz besonderes Interesse hatte. – Er hieß William Glaß, fuhr Paganel fort; und blieb mit seiner Frau und zwei Hottentotten auf der Insel zurück. Bald schlossen sich zwei Engländer, ein Matrose und ein Themseschiffer, ein Ex-Dragoner der argentinischen Armee, dem Schotten an, und endlich fand, im Jahre 1821, einer der Schiffbrüchigen des Blendon-Hall, sammt seiner jungen Frau, auf der Insel Zuflucht. So zählte die Insel 1821 demnach sechs Männer und zwei Frauen. Im Jahre 1829 war die Bevölkerung bis auf sieben Männer, sechs Frauen und vierzehn Kinder angewachsen. Im Jahre 1835 belief sich die Zahl der Bewohner auf vierzig und jetzt hat sie sich wohl verdreifacht. – So ist der Anfang der Nationen, sagte Glenarvan. – Um die Geschichte von Tristan d'Acunha zu vervollständigen, fuhr Paganel fort, füge ich hinzu, daß mir diese Insel ebenso wie Juan Fernandez den Ruf einer Robinsons-Insel zu verdienen scheint. Im Jahre 1793 verlief sich einer meiner Landsleute, der Naturforscher Aubert Dupetit-Thouars, beim eifrigen Botanisiren, und konnte sein Fahrzeug nicht eher wieder erreichen, als in dem Augenblicke, da es die Anker lichtete. Im Jahre 1824 blieb dann Einer Ihrer Landsleute, mein lieber Glenarvan, ein geschickter Zeichner, Namens August Earle, acht Monate auf der Insel verlassen. Sein Kapitän hatte vergessen, daß Jener an's Land gegangen, und war nach dem Cap abgesegelt. – Nun, das kann man doch einen zerstreuten Kapitän nennen, meinte der Major. Das war offenbar Einer von Ihren Verwandten, Paganel? – Und wenn er es nicht war, Major, so verdiente er es doch zu sein.« Mit dieser Antwort des Geographen brach die Unterhaltung ab. Während der Nacht machte die Mannschaft des Duncan reichliche Jagdbeute. An fünfzig große Robben wurden vom Leben zum Tode befördert. Hatte Glenarvan nun diese Jagd gestattet, so konnte er auch der Ausnutzung derselben nicht entgegen sein. Der folgende Tag wurde also mit Thrangewinnung und Zurichtung der Felle dieser einträglichen Amphibien hingebracht. Die Passagiere verwendeten natürlich diesen zweiten Tag des Aufenthaltes zu einem neuen Streifzug über die Insel. Glenarvan und der Major nahmen die Gewehre mit, um dem Wildpret von Acunha nachzustellen. Bei diesem Spaziergange drangen sie bis zu dem Fuße des Berges vor und zwar auf einem Boden, der mit zerfallenen Trümmern, mit Schlacken, mit poröser, schwarzer Lava und aller Art von vulkanischem Detritus übersäet war. Der Fuß des Berges erhob sich aus einem Chaos wankender Felsmassen. Nur schwer hätte man sich über die Natur des ungeheuren Kegels täuschen können, und der englische Kapitän Carmichaël hatte Recht, ihn für einen erloschenen Vulcan anzusehen. Die Jäger bemerkten einige wilde Schweine. Eines derselben fiel von der Kugel des Majors. Glenarvan begnügte sich, einige Paar schwarzer Rebhühner zu erlegen, von denen der Schiffskoch gewiß ein ausgezeichnetes Ragout herzustellen im Stande war. Auf den höheren Ebenen wurde eine große Menge Ziegen bemerkt. Räuberische, kühne und starke wilde Katzen, die selbst den Hunden gefährlich werden, waren in starker Vermehrung begriffen und schienen später eine sehr beachtenswerthe Raubthierclasse zu werden. Um acht Uhr war Alles an Bord zurück, und im Laufe der Nacht verließ der Duncan Tristan d'Acunha, das er nicht mehr wiedersehen sollte. Drittes Capitel. Die Insel Amsterdam. John Mangles beabsichtigte zunächst am Cap der Guten Hoffnung Kohlen einzunehmen. Er mußte sich deshalb etwas von dem siebenunddreißigsten Breitengrade entfernen und um zwei Grade nördlicher gehen. Der Duncan befand sich jetzt unterhalb der Zone der Passatwinde und traf auf guten und seiner Bewegung sehr günstigen Westwind. Es ist damit eine Art Gegen-Passate gemeint, deren Grenze der dreißigste Breitengrad zu bilden scheint. In weniger als sechs Tagen legte er die dreizehnhundert Seemeilen zurück, welche Tristan d'Acunha von der afrikanischen Südspitze trennen. Am 24. November, um drei Uhr Nachmittags, kam der Tafelberg in Sicht und etwas später bemerkte John auch den Signalberg, der die Einfahrt zur Bai kenntlich macht. Gegen acht Uhr lief er dort ein und warf im Hafen der Capstadt Anker. Paganel mußte in seiner Eigenschaft als Mitglied der Geographischen Gesellschaft wohl wissen, daß die Südspitze Afrikas zum ersten Male im Jahre 1486 von dem portugiesischen Admiral Bartolomeo Diaz erblickt, aber erst 1497 durch den berühmten Vasco de Gama umschifft worden war. Wie hätte das Paganel unbekannt sein sollen, da Comoëns in der Lusiade den großen Seehelden verherrlicht? Bei dieser Gelegenheit machte er aber eine sonderbare Bemerkung, nämlich daß, wenn Diaz im Jahre 1486, also sechs Jahre vor der ersten Reise des Columbus, das Cap der Guten Hoffnung umschifft hätte, die Entdeckung Amerikas auf ganz unbestimmte Zeit verzögert worden wäre. Wirklich war der Weg um's Cap der kürzeste und directeste nach Ostindien. Denn es suchte ja der große genueser Seemann, als er nach Osten hinaussteuerte, die Reise nach dem Lande der Gewürze abzukürzen. War das Cap schon umschifft, so wurde seine Reise zwecklos, und er hätte sie wahrscheinlich gar nicht unternommen. Die Capstadt, welche im Hintergrunde der Bai liegt, wurde im Jahre 1652 durch den Holländer Van-Riebeck gegründet. Sie wurde zur Hauptstadt einer wichtigen Colonie, die nach den Verträgen von 1815 England definitiv zugesprochen wurde. Die Passagiere des Duncan benutzten ihren Aufenthalt, um sie zu besuchen. Sie hatten nur zwölf Stunden auf ihre Spaziergänge zu verwenden, denn ein Tag genügte dem Kapitän John zur Vervollständigung seines Proviantes, und am 26. Morgens wollte er wieder abfahren. Mehr Zeit bedurfte es übrigens auch nicht, um die regelmäßigen Felder dieses Schachbrettes, das sich Kapstadt nennt, zu durchlaufen, auf welchem dreißigtausend Menschen, Weiße und Schwarze, die Rolle von Königen und Königinnen, Springern, Bauern, vielleicht auch von Läufern spielten. So wenigstens drückte sich Paganel aus. Wenn man das Schloß, welches sich im Südosten der Stadt erhebt, den Palast und den Garten des Gouverneurs, die Börse, das Museum und das von Diaz zur Zeit der Entdeckung gesetzte steinerne Kreuz gesehen, und ein Glas Pontai, das vorzüglichste Gewächs unter den Capweinen, getrunken hat, ist nichts mehr zu thun übrig, als abzureisen. Das thaten denn auch unsere Reisenden mit Anbruch des folgenden Tages. Der Duncan setzte alle Segel bei und in wenigen Stunden schiffte er über jenes berühmte Vorgebirge der Stürme hinaus, dem der optimistische König von Portugal, Johann II., sehr unpassend den Namen der Guten Hoffnung gab. Zwischen dem Cap und der Insel Amsterdam sind zweitausendneunhundert Seemeilen zurückzulegen. Es war das bei günstigem Wasser und unter gutem Winde eine Sache von zehn Tagen. Die Seefahrer, welche weit mehr Glück hatten, als die Wanderer durch die Pampas, hatten sich nicht über die Elemente zu beklagen. Luft und Wasser, die sich auf dem Festlande gegen sie verschworen hatten, vereinigten sich jetzt, sie vorwärts zu bringen. »O, das Meer! Das Meer! wiederholte Paganel, das ist das auserwählte Feld für die Entfaltung der menschlichen Kräfte und das Schiff ist der wahre Träger der Civilisation. Wäre die Erdkugel nur ein ungeheurer Continent gewesen, man kannte auch im 19. Jahrhundert kaum den tausendsten Theil davon! Betrachten Sie die Zustände im Innern großer Festlandmassen. In den Steppen Sibiriens, in den Ebenen Innerasiens, in den Wüsten Afrikas, in den Prairien Amerikas, in den ungeheuren Binnenländern Australiens, in den eisigen Oeden an den Polen wagt der Mensch kaum den Fuß vorwärts zu setzen; der Kühnste weicht zurück, der Muthigste unterliegt. Man kann nicht hindurchgelangen. Die Transportmittel sind unzulänglich. Die Hitze, die Krankheiten oder die Wildheit der Eingeborenen bilden ebensoviel unübersteigliche Hindernisse. Zwanzig Meilen Wüste scheiden die Menschen mehr, als fünfhundert Meilen Ocean! Man ist sich nahe von einer Küste zur andern, man ist sich fremd, wenn nur ein Wald uns trennt! England grenzt an Australien, wahrend Egypten z. B. Millionen Stunden weit vom Senegal entfernt, und Peking der Antipode von St. Petersburg zu sein scheint! Ueber das Meer reist man jetzt bequemer, als durch die kleinste Wüste, und ihm ist es zu verdanken, daß sich, wie es ein amerikanischer Gelehrter ganz richtig ausdrückt, zwischen allen Theilen der Erde eine Art internationaler Verwandtschaft herausgebildet hat.« Paganel sprach mit Feuer, und selbst der Major verwarf diesmal kein Wort dieser Hymne auf den Ocean. Wenn es zur Aufsuchung Harry Grant's nöthig gewesen wäre, in der Linie des siebenunddreißigsten Breitengrades einen Continent zu durchmessen, hätte man das Unternehmen kaum wagen können; jetzt war aber das Meer da, die kühnen Forscher von einem Lande zum andern zu tragen, und am 6. December schon, beim ersten Tagesgrauen ließ es einen neuen Berg aus seinem Wellenschoße auftauchen. Es war das die Insel Amsterdam, unter'm 37° 47' südlicher Breite und 77° 24' östlicher Länge 75° 4' östlich von Paris. , deren Gipfel bei heiterm Wetter wohl bis auf fünfzig Meilen weit sichtbar ist. Um acht Uhr glich ihre noch unbestimmt hervortretende Form ungemein der der Insel Teneriffa. »Und folglich, sagte Glenarvan, gleicht sie auch Tristan d'Acunha. – Ganz richtig, antwortete Paganel, nach dem geometrographischen Axiom, daß zwei Inseln, die einer dritten gleichen, sich auch unter einander gleichen. Ich füge hinzu, daß die Insel Amsterdam, wie Tristan d'Acunha, an Robben und Robinsons gleichmäßig reich war und noch ist. – Robinson giebt es also wohl überall? fragte Lady Helena. – Wahrhaftig, Madame, antwortete Paganel, ich kenne wenige Inseln, die nicht ihr derartiges Abenteuer erlebt hätten, und lange Zeit vor der Erzählung Ihres unsterblichen Landsmanns, Daniel de Foë, hatte der Zufall diese schon in der Wirklichkeit in Scene gesetzt. – Würden Sie mir wohl gestatten, Herr Paganel, sagte da Mary Grant, eine Frage an Sie zu richten? – Zwei, meine liebe Miß, und ich verpflichte mich auch, sie zu beantworten. – Würden Sie sich sehr entsetzen bei dem Gedanken, auf einer unbewohnten Insel verlassen zu sein? – Ich! rief Paganel. – Nun schnell, lieber Freund, sagte der Major, gestehen Sie nur zu, daß das Ihr sehnlichster Wunsch wäre. – Ich sehne mich nicht gerade darnach, erwiderte der Geograph, doch am letzten Ende würde mir das Abenteuer nicht allzusehr mißfallen. Ich würde eben ein ganz neues Leben beginnen. Ich ginge jagen und fischen, erwählte mir für den Winter zur Wohnung eine Höhle, für den Sommer einen Baum; richtete Magazine für meine Ernten ein und würde so meine Insel zu colonisiren suchen. – Sie ganz allein? – Ich ganz allein, wenn's nöthig wäre. Ist man denn übrigens jemals allein auf der Welt? Kann man sich nicht Freunde aus dem Thierreiche suchen? Kann man sich denn nicht eine junge Ziege zähmen, einen geschwätzigen Papagei, oder einen liebenswürdigen Affen? Und wenn Ihnen der Zufall einen Genossen, wie den treuen Freitag sendet, was braucht es dann mehr, um glücklich zu sein? Zwei Freunde unter einem Felsen, – da haben Sie das Glück. Nehmen Sie an, der Major und ich ... – Danke bestens, fiel der Major ein, ich finde nicht den geringsten Geschmack an der Rolle eines Robinson, und würde sie herzlich schlecht spielen. – Bester Herr Paganel, meinte Lady Helena, Sie verlieren sich so leicht in die Gefilde der Phantasie. Ich glaube nur, daß die Wirklichkeit dem schönen Traume sehr wenig entspricht. Sie denken nur an jene imaginären Robinson, die ganz vorsorglich an eine wohl ausgewählte Insel verschlagen werden und welche die Natur wie verwöhnte Kinder behandelt. Sie sehen eben nur die glänzende Seite der Dinge. – Wie, Madame, Sie glauben nicht, daß man auf einer verlassenen Insel glücklich sein könne? – Ich denke es nicht. Der Mensch ist zur Geselligkeit, nicht zur Einsamkeit geschaffen. Die Einsamkeit kann nur die Verzweiflung erzeugen. Es ist das übrigens eine Frage der Zeit. Wohl mögen die Sorgen um das materielle Leben, die Bedürfnisse für seine Existenz, den kaum vom Wellentode geretteten Unglücklichen zerstreuen, und die Noth der Gegenwart ihm die drohende Zukunft verschleiern; das ist wohl möglich! Dann aber, wenn er sich allein fühlt, fern von Seinesgleichen, ohne Hoffnung, sein Vaterland und seine Lieben wiederzusehen, was muß er dann denken, was muß er leiden? Sein Eiland ist ihm die ganze Welt; die ganze Menschheit stellt nur er da, und dann, wenn der Tod ihn antritt, der schreckliche Tod in der Verlassenheit, dann steht er da wie der letzte Mensch am jüngsten Tage. Glauben Sie mir, Paganel, es ist doch besser, dieser Letzte nicht zu sein!« Ungern unterwarf sich Paganel der Beweisführung der Lady Helena, und die Unterhaltung verbreitete sich noch weiter über die Vorzüge und die Uebel des Verlassenseins bis zu dem Augenblicke, wo der Duncan eine Meile von der Küste der Insel Amsterdam Anker warf. Diese vereinzelte Gruppe im Indischen Ocean besteht aus zwei verschiedenen Inseln, welche etwa dreiunddreißig Meilen von einander entfernt sind und genau im Meridian der Halbinsel Vorder-Indien liegen. Nördlich findet sich die Insel Amsterdam, oder St. Peter, südlich die Insel St. Paul; es muß aber erwähnt werden, daß dieselben von Geographen und Seefahrern häufig verwechselt worden sind. Im December 1796 wurden diese Inseln von dem Holländer Vlaming entdeckt, und dann von d'Entrecasteaux, der die Espérance und die Recherche zur Aufsuchung des La Perouse commandirte, wieder besucht. Von dieser Fahrt her schreibt sich die Verwechselung der beiden Inseln. Der Seemann Narrow, Beautemps-Beaupré in dem Atlas von d'Entrecasteaux, ferner Horsbury, Pinkerton und andere Geographen haben beständig die Insel St. Peter anstatt der Insel St. Paul eingetragen, und umgekehrt. Im Jahre 1859 vermieden es die Officiere der österreichischen Fregatte Novarra, bei deren Reise um die Erde, in denselben Irrthum zu verfallen, den Paganel speciell rügen zu müssen glaubte. Die Insel St. Paul, welche südlich von der Insel Amsterdam liegt, ist nur ein unbewohntes Eiland, und besteht aus einem kegelförmigen Berge, der ein erloschener Vulkan sein muß. Die Insel Amsterdam dagegen, zu welcher die Schaluppe die Passagiere des Duncan übersetzte, mag wohl zwölf Meilen im Umkreis haben. Sie ist von einigen freiwillig Verbannten bewohnt, welche sich in diese traurige Existenz ergeben haben. Es sind die Hüter der Fischerei, welche ebenso wie die Insel, einem gewissen Otovan. einem Kaufmanne auf Réunion, gehört. Dieser Souverän, der übrigens von den Großmächten Europas noch nicht anerkannt ist, bezieht von dort eine Civilliste von fünfundsiebenzig bis achtzigtausend Francs, durch Fischen, Einsalzen und Versenden eines »Cheilodactylus«, der unter dem Namen Kabeljau wohl allgemeiner bekannt ist. Uebrigens scheint diese Insel Amsterdam bestimmt, französisch zu sein und zu bleiben. Ganz zuerst gehörte sie, nach dem Rechte der ersten Besitznahme, einem Rheder aus St. Denis auf Bourbon, Namens Camin; später wurde sie durch irgend einen internationalen Contract an einen Polen abgetreten, der sie durch Malgachensclaven bebauen ließ. Pole oder Franzose ist ja ganz gleich, und so wurde auch die polnische Insel im Besitz des Herrn Otovan wieder französisch. Als der Duncan am 6. December 1864 an ihr beilegte, belief sich die Zahl der Bewohner auf drei, einen Franzosen und zwei Mulatten, alle drei Angestellte des Kaufmanns und Besitzers. Paganel konnte also in der Person des schon sehr bejahrten Herrn Viot einem Landsmanne die Hand drücken. Dieser »weise Greis« machte auf der Insel mit vieler Höflichkeit die Honneurs. Es war für ihn ein Glückstag, wenn er liebenswürdige Fremde empfing. St. Peter wird nur von Robbenjägern und wenigen Wallfischfängern, das heißt von Leuten mit ungeschliffenem Benehmen, besucht, die auch durch die häufige Berührung mit jenen Seegeschöpfen nicht viel gewonnen haben. Viot stellte seine Untergebenen, die beiden Mulatten, vor; sie bildeten neben einigen Wildschweinen, die ihr Lager mehr im Innern hatten, und Millionen Pinguins die lebende Bevölkerung der Insel. Das kleine Haus, in welchem die drei Insulaner lebten, lag im Hintergrunde eines kleinen natürlichen, nach Südwest gelegenen Hafens, der durch den Einsturz eines Theiles des Berges gebildet war. Schon lange vor der Regierung Otovan's I. diente die Insel St. Peter Schiffbrüchigen als Zuflucht. Paganel erregte das Interesse seiner Zuhörer auf's Höchste, als er seinen ersten Bericht mit den Worten: Die Geschichte zweier auf der Insel Amsterdam verlassenen Schotten , begann. Es war im Jahre 1827. Das englische Schiff Palmira, das der Insel in Sicht vorüberfuhr, bemerkte eine Rauchsäule, die sich in die Luft erhob. Der Kapitän näherte sich der Küste und bemerkte bald zwei Menschen, welche Nothsignale gaben. Er schickte ein Boot an's Land, welches Jacques Paine, einen jungen Mann von zweiundzwanzig Jahren, und Robert Proudfort, im Alter von achtundvierzig Jahren, aufnahm. Diese beiden Unglücklichen waren ganz unkenntlich. Seit achtzehn Monaten fast ohne Nahrungsmittel und süßes Wasser, nährten sie sich von Muschelthieren, angelten mit einem schlechten umgebogenen Nagel, erbeuteten manchmal einen Frischling im Laufe, harrten manchmal drei Tage lang aus, ohne überhaupt zu essen, wachten wie Vestalinnen an dem mit dem letzten Stückchen Schwamm entzündeten Feuer, das sie nie ausgehen ließen, und auf ihren Ausflügen wie eine Sache von größtem Werthe mitnahmen – so lebten sie unter Elend, Entbehrungen und Leiden. Paine und Proudfort waren von einem Schooner, der auf den Robbenfang ging, auf der Insel an's Land gesetzt worden. Nach Gewohnheit dieser Fischer sollten sie während eines Monats Vorräthe an Fellen und Thran sammeln und die Rückkehr des Schooners erwarten. Der Schooner kam nicht wieder. Fünf Monate später landete der Hope, der nach Van-Diemensland ging, an der Insel; der Kapitän verweigerte aber in Folge einer unerklärlichen, barbarischen Laune, die beiden Schotten aufzunehmen; er ging wieder unter Segel, ohne ihnen nur einen Schiffszwieback, oder einen Feuerstahl dazulassen, und die beiden Unglücklichen würden binnen Kurzem unterlegen sein, wenn sie nicht die Palmira, als sie in Sicht der Insel Amsterdam vorbeifuhr, an Bord aufgenommen hätte. Das zweite Abenteuer, dessen die Geschichte der Insel Amsterdam, – wenn man bei einem solchen Felsen von einer Geschichte reden kann, – erwähnt, ist das des Kapitän Péron, dieses Mal eines Franzosen. Es beginnt übrigens und endet auch ebenso, wie das der beiden Schotten, ein freiwilliges Zurückbleiben auf der Insel, ein Schiff, das nicht zurückkehrt, und ein fremdes Fahrzeug, welches durch das Spiel der Winde nach jener Inselgruppe getrieben wird, und zwar nach vierzigmonatlicher Verlassenheit. Doch zeichnet ein blutiges Schauspiel den Aufenthalt des Kapitän Péron aus und bietet wunderbare Aehnlichkeiten mit den erdachten Ereignissen, welche Daniel de Foë's Helden bei der Rückkehr nach seiner Insel erwarteten. Kapitän Péron hatte sich mit vier Matrosen, zwei Franzosen und zwei Engländern ausschiffen lassen, fünfzehn Monate wollten sie der Jagd auf Seelöwen widmen. Die Jagd war wohl glücklich, als aber ihr Schiff nach Verlauf der fünfzehn Monate nicht wiederkam, und als die Nahrungsmittel nach und nach zur Neige gingen, wurden die internationalen Beziehungen gespannt. Die beiden Engländer empörten sich gegen Kapitän Péron, der ohne die Hilfe seiner Landsleute unter ihren Händen erlegen wäre. Von dieser Zeit an führten die beiden Parteien, die sich Tag und Nacht unausgesetzt unter Waffen bewachten, wechselsweise als Sieger und Besiegte, unter Elend und Angst eine schreckliche Existenz. Und gewiß hätte endlich eine Partei die andere aufgerieben, hätte nicht ein englisches Schiff die Unglücklichen in ihr Vaterland zurückgeführt, sie, die ein erbärmlicher Nationalhaß auch auf einem Felsen des Indischen Oceans entzweit hatte. Das waren diese Abenteuer. Zweimal wurde die Insel Amsterdam so zur Heimat verlassener Matrosen, welche die Vorsehung beide Male von dem Elende und dem Tode rettete. Seitdem aber hatte sich kein Schiff wieder an diese Küsten verloren. Von einem Schiffbruche wären die Trümmer an das Ufer getrieben, die Schiffbrüchigen selbst wären durch die Fischereien Viot's aufgefangen worden. Der Greis bewohnte die Insel seit langen Jahren, aber nie bot sich ihm eine Gelegenheit, seine Gastfreundschaft an etwaigen Opfern des Meeres zu üben. Von der Britannia und dem Kapitän Grant wußte er Nichts. Weder die Insel Amsterdam, noch die Insel St. Paul, welche von Wallfischfängern und Robbenjägern häufig besucht wurde, konnte der Schauplatz dieser Katastrophe gewesen sein. Glenarvan war durch diese Antwort weder erstaunt, noch entmuthigt. Bei diesen verschiedenen Aufenthalten suchten seine Begleiter und er vielmehr festzustellen, wo Kapitän Grant nicht wäre, als wo er wäre. Sie wollten sich nur seiner Nichtanwesenheit auf den verschiedenen Punkten des betreffenden Breitegrades versichern, das war jetzt ihr ganzer Zweck. Die Abfahrt des Duncan wurde also auf den folgenden Tag festgesetzt. Bis zum Abend besuchten die Passagiere die Insel, deren Aussehen sehr einladend ist. Ihre Fauna und Flora aber hätten nicht ein Octavbändchen auch des weitschweifigsten Naturforschers ausgefüllt. Die Klassen der Säugethiere, Vogel, Fische und Wale bestand aus nur einigen Wildschweinen, Sturmvögeln, Albatrossen, Barschen und Robben. Warme und eisenhaltige Quellen drangen da und dort aus der schwärzlichen Lava hervor und ihre dichten Dämpfe breiteten sich über den vulkanischen Boden. Einige erreichten eine sehr hohe Temperatur. John Mangles prüfte sie mit einem Thermometer nach Fahrenheit, welches hundertsechsundsiebenzig Grad (= 80° hunderttheilig) zeigte. Fische, welche wenige Schritte davon aus dem Meere genommen waren, kochten binnen fünf Minuten in diesem beinahe siedenden Wasser. Gegen Abend, nach einem tüchtigen Spaziergang, verabschiedete sich Glenarvan bei dem wackeren Herrn Viot. Jeder wünschte ihm alles auf der verladenen Insel mögliche Gute. Dagegen wünschte der Alte den besten Erfolg der Fahrt, und das Boot des Duncan brachte die Passagiere wieder an Bord.   Viertes Capitel. Die Wetten Jacques Paganel's und des Major Mac Nabbs. Am 7. December brummten auf dem Duncan die Oefen schon um drei Uhr Morgens, an den Winden wurde auch schon gearbeitet; der Anker kam in senkrechte Stellung, verließ den sandigen Boden des kleinen Hafens, die Schraube setzte sich in Bewegung, und die Yacht lief in die hohe See. Als die Passagiere um acht Uhr auf das Verdeck kamen, verschwand die Insel Amsterdam in den Nebeln des Horizonts. Sie bildete die letzte Haltestelle auf der Linie des 37. Breitengrades, und es waren nur noch dreitausend Meilen von da bis zur australischen Küste. Der Westwind brauchte nur zwölf Tage anzudauern und das Meer sich weiter günstig zu zeigen, so hatte der Duncan das Ziel seiner Reise erreicht. Mary Grant und Robert konnten nicht ohne tiefe Rührung die Wogen betrachten, welche die Britannia ohne Zweifel einige Tage vor ihrem Schiffbruch durchschnitt. Hier vielleicht hatte Kapitän Grant, nachdem sein Schiff rhedelos und seine Bemannung zusammengeschmolzen war, gegen die fürchterlichen Stürme des Indischen Meeres zu kämpfen gehabt und sich dann durch eine unwiderstehliche Gewalt nach der Küste treiben lassen müssen, John Mangles zeigte dem jungen Mädchen die auf der Karte angegebenen Küstenströmungen, und erklärte ihr die stets gleiche Richtung derselben. Eine derselben durchschneidet geradezu in der Richtung von Westen nach Osten den Indischen Ocean, treibt nach dem australischen Festland, und man fühlt ihre Wirkung ebenso im Stillen wie im Atlantischen Ocean. Und so hatte auch die Britannia, nachdem ihr das Mastwerk zerbrochen und das Steuer geraubt war, also schutzlos gegenüber der anstürmenden Gewalt des Meeres und Himmels, auf die Küste treiben und dort zerschellen müssen. Indessen hier stieß man auf ein Bedenken. Die letzten Nachrichten über den Kapitän Grant datirten der Handels- und Schiffer-Zeitung nach vom 30. Mai 1862 aus Callao. Wie konnte sich die Britannia am 7. Juni, acht Tage nachdem sie die Küste von Peru verlassen hatte, im Indischen Meere befinden? Paganel, über diesen Gegenstand zu Rathe gezogen, gab eine sehr einleuchtende Antwort, von der sich selbst die Bedenklichsten zufriedengestellt zeigten. Eines Abends, es war am 12. December, und sechs Tage nach der Abreise von der Insel Amsterdam, saßen Lord und Lady Glenarvan, Robert und Mary Grant, der Kapitän John, Mac Nabbs und Paganel auf dem Hinterverdeck und plauderten. Wie gewöhnlich sprach man über die Britannia, denn sie war der einzige Gedanke an Bord. Nun aber, genauer gesagt, dieses obgedachte Bedenken war beiläufig entstanden und hatte zum unmittelbaren Erfolg, die Herzen bezüglich dieser Reise mit neuer Hoffnung zu erfüllen. Paganel hatte bei jener von Glenarvan gemachten unerwarteten Bemerkung lebhaft den Kopf gehoben und war dann, ohne ein Wort zu antworten, fortgegangen, um das Document zu holen. Als er wieder kam, zuckte er nur die Achseln, wie ein Mensch, der sich schämt, nur einen Augenblick an einem »Elend der Art« Anstand genommen zu haben. »Nun, mein lieber Freund, sagte Glenarvan, geben Sie uns wenigstens eine Antwort. – Nein, antwortete Paganel, ich werde nur eine Frage erheben und sie an den Kapitän John richten. – Reden Sie, Herr Paganel, sagte darauf John Mangles. – Nun denn, kann ein gutsegelndes Schiff in einem Monat den ganzen Theil des Stillen Oceans zwischen Amerika und Australien durchschneiden? – Ja, wenn es zweihundert Meilen in vierundzwanzig Stunden macht. – Ist das etwas Außergewöhnliches? – Durchaus nicht. Die englischen Segelschiffe bringen es oft zu einer noch größeren Schnelligkeit. – Nun wohl, entgegnete Paganel, statt im Document 7. Juni zu lesen, nehmen Sie an, das Meer habe eine Ziffer dieses Datums getilgt, und wenn Sie dann lesen 17. Juni oder 27. Juni, so erklärt sich Alles. – In der That, meinte Lady Helena, vom 31. Mai bis zum 27. Juni ... – Konnte der Kapitän Grant den Stillen Ocean durchschneiden und sich im Indischen Meere befinden«, ergänzte Paganel. Diese Folgerung Paganel's befriedigte lebhaft. »Wieder ein Punkt aufgeklärt! sagte Lord Glenarvan an. – Dank unserm Freunde. Es bleibt uns also Nichts übrig, als nach Australien zu kommen, um an seiner Westküste nach den Spuren der Britannia zu suchen. – Oder an seiner Ostküste, entgegnete John Mangles. – In der That, Sie haben Recht, John. Nichts in dem Documente weist darauf hin, daß das Unglück vielmehr an der West- als an der Ostküste stattgefunden haben könne. Unsere Nachforschungen müssen sich deshalb auf die zwei Punkte richten, wo Australien vom siebenunddreißigsten Parallelkreis durchschnitten wird. – Also, Mylord, sagte das junge Mädchen, herrschen doch hier Zweifel. – O nein, Miß, erwiderte John Mangles hastig, um diese Befürchtung des Mädchens zu zerstreuen. Seine Herrlichkeit wolle in Betracht nehmen, daß, wenn Kapitän Grant an die Küste von Australien verschlagen worden wäre, er fast überall alsbald Hilfe und Beistand gefunden haben würde. Diese ganze Küste ist sozusagen englisch und von Kolonisten bewohnt. Die Bemannung der Britannia hätte nicht zehn Meilen zu machen brauchen, um Landsleute zu treffen. –- Gewiß, Kapitän John, entgegnete Paganel. Ich ordne mich Ihrer Ansicht vollständig unter. An der Ostküste würde Grant in der Bai Twofold, oder in der Stadt Eden nicht nur ein Asyl in einer englischen Colonie gefunden, es würden ihm sogar die Transportmittel nicht gefehlt haben, um nach Europa zurückzukehren. – Also, fragte Lady Helena, haben diese Hilfsmittel die Schiffbrüchigen in dem Theile von Australien, nach dem uns jetzt der Duncan bringt, nicht finden können? – Nein, meine Dame, antwortete Paganel, die Küste ist da öde. Kein Verkehrsweg verbindet sie mit Melbourne oder Adelaide. Und wenn die Britannia an den Klippen, die sie umgeben, scheiterte, so hat derselben ebenso jede Hilfe gefehlt, als wenn sie an die unwirthlichen Gestade von Afrika verschlagen worden wäre. – Aber was ist dann, fragte Mary Grant, seit den zwei Jahren aus meinem Vater geworden? – Meine liebe Mary, antwortete ihr Paganel, nicht wahr, Sie halten daran fest, daß der Kapitän Grant nach seinem Schiffbruche in Australien gelandet ist? – Ja, Herr Paganel, erwiderte das junge Mädchen. – Also, meinte Paganel, wenn er einmal auf diesem Continente war, was ist dann aus Kapitän Grant geworden? Da sind der Möglichkeiten nicht viele. Eigentlich beschränken sie sich auf drei. Entweder hat Harry Grant mit seinen Genossen die englischen Colonien erreicht, oder sie sind den Eingeborenen in die Hände gefallen, oder sie haben sich in den unermeßlichen Einöden Australiens verloren.« Paganel schwieg jetzt, und suchte in den Augen seiner Zuhörer nach einer Billigung seiner Annahmen. »Fahren Sie fort, Paganel, sagte Lord Glenarvan. – Gut, ich fahre fort, erwiderte Paganel, und zunächst verwerfe ich die erste Hypothese. Harry Grant hat zu den englischen Colonien nicht kommen können, denn alsdann wären wir über seine Rettung nicht im Zweifel, er würde in diesem Falle bereits lange bei seinen Kindern sein in der guten Stadt Dundee. – Aermster Vater! murmelte Mary Grant, seit zwei Jahren von uns fort! – Laß Herrn Paganel weiter reden, liebe Schwester, sagte Robert, er wird uns doch noch Aufschluß geben. – Ach nein, mein Junge! Alles, was ich versichern kann, ist das, daß der Kapitän Grant entweder Gefangener der Australier ist, oder ... – Aber diese Eingeborenen, fragte Lady Glenarvan lebhaft, sind wohl ...? – Nein, beruhigen Sie sich, meine Dame, fuhr der Gelehrte, der die Gedanken von Lady Helena zu verstehen glaubte, fort, diese Eingeborenen sind zwar Wilde und sind dumm und ohne höhere Bildung, aber sie haben doch keine so rohen Sitten und sind nicht blutgierig, wie die Bewohner von Neu-Seeland. Gesetzt, sie hätten die Schiffbrüchigen der Britannia gefangen genommen, so ist, seien Sie dessen versichert, deren Existenz keinen Augenblick bedroht gewesen. Denn alle Reisenden stimmen in dem Punkte miteinander überein, daß die Australier sich geradezu scheuen Blut zu vergießen, und oftmals schon haben jene in ihnen treue Verbündete gefunden, um den Angriff von ganz anders grausamen Räuberbanden zurückzuweisen. – So hören Sie jetzt, was Herr Paganel sagt, bemerkte Lady Helena, indem sie sich zu Mary Grant hinwandte. Ist Ihr Vater, worauf übrigens das Document fast schließen laßt, den Eingeborenen in die Hände gefallen, so werden wir ihn wiederfinden. – Und wenn er sich in diesem unermeßlichen Lande verloren hat? erwiderte das junge Mädchen, und ihre Blicke richteten sich fragend auf Paganel, – Ei nun, rief der Geograph in vertrauensvollem Tone, so werden wir ihn auch noch zu finden wissen. Habe ich nicht recht, meine Herren? – Gewiß, meinte Glenarvan, welcher der Unterhaltung gern eine etwas weniger traurige Wendung geben wollte. Ich kann es mir nicht denken, daß man sich so leicht verlieren soll. – Ich kann es noch weniger, entgegnete Paganel. – Ist denn Australien groß? fragte Robert. – Ja, mein Junge, Australien zählt so seine siebenhundertfünfundsiebenzig Millionen Hectaren und ist ungefähr vier Fünftel so groß wie Europa. – So groß doch! sagte der Major. – Ja, Mac Nabbs, und zwar fast bis auf ein Yard genau. Glauben Sie übrigens, daß ein anderes, gleich großes Land sich die Bezeichnung eines Continents beilegen dürfte, die sich im Documente findet? – O gewiß, Paganel. – Ich möchte hinzufügen, bemerkte der Gelehrte, daß man überhaupt nur wenig Reisende aufführt, die sich in dem großen weiten Lande verloren haben sollen. Ja ich glaube selbst, daß ich über Leichardt, den Einzigen, über dessen Verbleib man im Unklaren gewesen, in der Geographischen Gesellschaft einige Zeit vor meiner Abreise erfahren habe, daß Mac Intyre glauben dürfe seine Spuren wiedergefunden zu haben. – Ist denn Australien noch nicht in allen seinen Theilen bereist worden? fragte Lady Glenarvan. – Leider nicht, meine verehrte Dame, antwortete ihr Paganel. In Wirklichkeit ist dieser Continent nicht viel bekannter, als das Innere von Afrika, doch liegt die Schuld keineswegs daran, daß es an Männern gefehlt hätte, die Reisen dahin zu unternehmen. Von 1606 bis 1862 haben mehr als fünfzig Männer sich sowohl um die Erforschung des Innern wie der Küsten von Australien verdient gemacht. – Oho, fünfzig! äußerte der Major in zweifelndem Tone. – Jawohl, Mac Nabbs, sicher so viele. Ich verstehe darunter sowohl Seefahrer, welche die Gefahren einer Schifffahrt in unbekannte Gewässer nicht gescheut haben, um die australischen Küsten zu befahren, als auch Reisende, welche sich mitten in den großen weiten Continent begeben haben. – Dessenungeachtet fünfzig, entgegnete der Major, das will viel heißen. – Ja, ich möchte noch weiter gehen, Mac Nabbs, erwiderte der Geograph, der stets durch Widerspruch etwas gereizt wurde. – Gehen Sie nur noch weiter, Paganel. – Nun, wenn Sie mir nicht glauben wollen, werde ich Ihnen diese fünfzig Namen ohne Zaudern herzählen. – Oho! beschwichtigte der Major, da sieht man einmal wieder die Gelehrten, sie schrecken vor Nichts zurück. – Herr Major, sagte Paganel, wollen Sie Ihren Carabiner von Purdey Moore und Dickson gegen mein Fernglas von Secretan wetten? – Warum nicht, Paganel, wenn es Ihnen Vergnügen macht? erwiderte Mac Nabbs. – Schön, Herr Major, sagte der Gelehrte, hier also Ihren Carabiner, mit dem Sie nun keine Gemsen und Füchse mehr schießen werden, außer wenn ich Ihnen denselben leihe, was ich allezeit mit dem größten Vergnügen thun werde.« Hierauf erwiderte der Major in ernstem Tone: »Paganel, wenn Sie meines Fernglases benöthigen sollten, so wird es Ihnen jederzeit zur Verfügung stehen. – So kann man also anfangen, bemerkte Paganel. Sie, meine Damen und Herren, bilden unsern Gerichtshof, und Du Robert, Du merkst Dir jedesmal die Zahl.« Lord und Lady Glenarvan, Mary und Robert, der Major und John Mangles, die sämmtlich an der Unterhaltung Vergnügen fanden, schickten sich an, dem Geographen zuzuhören. Es handelte sich zudem um Australien, also das Land, zu dem sie der Duncan jetzt hinfuhr; etwas von seiner Geschichte zu hören, konnte also nur willkommen erscheinen. Und deshalb wurde Paganel aufgefordert, unverzüglich an sein Gedächtnißkunststück zu gehen. »Mnemosyne, begann derselbe dann, Göttin der Gedächtnißkunst, Mutter der keuschen Musen, begeistere Deinen treuen Anbeter. Nun denn, meine lieben Freunde, vor zweihundertachtundfünfzig Jahren kannte man Australien noch gar nicht. Man hatte höchstens eine Vermuthung von einem großen Continente im Süden. Denn zwei auf der Bibliothek Ihres Britischen Museums, mein lieber Glenarvan, aufbewahrte Karten aus dem Jahre 1550 führten ein Land im Süden von Asien auf, das sie portugiesisch Groß-Java nannten. Indessen diese Karten waren nicht authentisch genug. Wir kommen also dann zum siebenzehnten Jahrhundert und zwar war es das Jahr 1606, in welchem ein spanischer Schifffahrer, Namens Quiros, ein Land entdeckte, welches er Australia de Espiritu Santo nannte. Manche Schriftsteller behaupten, es handle sich dabei um die Gruppe der Neu-Hebriden, und nicht um Australien. Ich will diese Frage hier nicht erörtern. Merke diesen Quiros, Robert, und gehen wir dann zu einem anderen über. – Also einen, sagte Robert. – Im selben Jahre, fuhr der Gelehrte fort, unternahm Luiz Vaz de Torres, der Unterbefehlshaber der Flotte Quiros', mehr nach dem Süden hin, die Erforschung neuen Landes. Aber erst dem Holländer Theodorich Hertoge kommt die Ehre der großen Entdeckung zu. Dieser landete unter dem fünfundzwanzigsten Breitengrade an der Westküste von Australien und gab ihr den Namen, den sein Schiff trug, nämlich »Eendracht«. Von jetzt an kamen die Seefahrten mehr in Aufnahme. Im Jahre 1618 entdeckte Zeachen an der Nordküste Arnheim- und Vandiemens-Land. Im Jahre 1619 fuhr Jan Edels an einem Theile der Westküste hin und gab ihr seinen eigenen Namen. Drei Jahre später kam Leuwin bis zu dem ebenfalls nach ihm benannten Cap herunter, und 1627 vervollständigten de Nuitz und de Witt, der eine im Westen, der andere im Süden, die Entdeckungen ihrer Vorgänger, und ihnen folgte dann der Commandant Carpenter, der mit seinen Schiffen in den großen Landeseinschnitt einfuhr, der noch heute nach ihm der Golf von Carpentaria heißt. Endlich – es war im Jahre 1642, fuhr der berühmte Seefahrer Tasman um die Vandiemens-Insel herum, von der er geglaubt hatte, sie hänge mit dem Festlande zusammen, und gab ihr den Namen des General-Gouverneurs von Batavia – einen Namen, den die gerechtere Nachwelt mit dem Tasmaniens vertauscht hat. Nunmehr war man einmal um den australischen Continent herum, man wußte es, daß der Indische und der Stille Ocean ihn rings umgaben, und im Jahre 1665 legte man dieser großen Insel im Süden den Namen Neu-Holland bei, einen Namen, der nicht lange daran haften sollte, denn gerade zu dieser Zeit hörten die holländischen Seefahrer auf eine Rolle zu spielen. Bis zu welcher Zahl sind wir jetzt? – Bis zu zehn, antwortete Robert. – Gut, fuhr Paganel fort, so mache ich jetzt ein Kreuz und gehe zu den Engländern über. Im Jahre 1686 kam ein Seeräuberhauptmann, ein richtiger Küstenbruder, einer der berühmten Flibustier der Südsee, mit Namen William Dampier nach vielen Abenteuern an die Nordwestküste von Neu-Holland bei 16° 50' südlicher Breite. Er verkehrte mit den Eingeborenen und gab dann von ihren Sitten, ihrer Armuth und ihrer Bildungsfähigkeit eine ziemlich vollständige Beschreibung. Im Jahre 1669 erschien er wieder, und zwar in derselben Bai, in welche Hertoge bereits eingefahren war, aber nicht mehr als Flibustier, sondern als Kommandant des Roebuck, eines Schiffes der königlichen Marine. Bis jetzt bot jedoch die Entdeckung Neu-Hollands nur ein rein geographisches Interesse. Man dachte nicht, das Land zu colonisiren, und während dreiviertel Jahrhundert, von 1699 bis 1770, fiel es keinem Schifffahrer ein, dort anzulegen. Dann aber erschien der berühmteste Seefahrer der ganzen Welt, der Kapitän Cook, und der neue Continent ward bald das Ziel europäischer Auswanderer. James Cook kam auf seinen drei berühmten Reisen nach Neu-Holland, und zwar am 31. März 1770 zum ersten Male. Damals, als er auf Otahiti glücklich den »Durchgang der Venus« Dieser Vorübergang des Planeten Venus an der Sonnenscheibe muß im Jahre 1769 stattgefunden haben. Das Phänomen trifft sehr selten ein und bietet ein großes astronomisches Interesse dar; denn es gestattet in der That die Entfernung der Erde von der Sonne auf das Genaueste zu berechnen. beobachtet hatte, fuhr er mit seinem kleinen Schiff Endeavour in den westlichen Theil des Stillen Oceans. Nachdem er Neu-Seeland entdeckt, gelangte er in eine Bai der Westküste von Australien und fand in derselben einen solchen Reichthum von neuen Pflanzen vor, daß er ihr den Namen Botany-Bai gab, welchen dieselbe noch heute führt. Seine halbwilden Eingeborenen boten wenig Interesse. Als er nach Norden weiter gefahren war, lief der Endeavour unter'm sechzehnten Breitengrad, in der Nähe des Caps Tribulation, acht Meilen von der Küste auf eine Korallenbank und gerieth in große Gefahr unterzusinken. Deshalb wurden die Lebensmittel und Geschütze über Bord geworfen, doch in der nächsten Nacht machte die Fluth das erleichterte Fahrzeug wieder flott; daß es nicht untersank, kam daher, weil ein Korallenstück in die Oeffnung eingedrungen war und das Einströmen des Wassers genügend hemmte. Cook konnte also sein Schiff in eine kleine Bucht bringen, in die sich ein Fluß ergoß, den man sofort Endeavour nannte. Hier versuchten es die Engländer während der Reparatur, die drei Monate in Anspruch nahm, in einen nützlichen Verkehr mit den Eingeborenen zu treten; doch hatten sie wenig Glück darin und gingen dann wieder unter Segel. Der Endeavour setzte seine Reise nach dem Norden fort. Es kam Cook darauf an zu erfahren, ob zwischen Neu-Guinea und Neu-Holland eine Meerenge existire. Nach neuen Gefahren, nachdem er zum zwanzigsten Male sein Schiff geopfert hatte, bemerkte er, daß das Meer sich ganz weit im Südwesten öffnete. Man konnte also durchfahren; das war günstig! Cook landete auf einer kleinen Insel und nahm dann im Namen Englands Besitz von der lang ausgestreckten Küste, die er entdeckt hatte und der er den echt englischen Namen Neu-Süd-Wales gab. Drei Jahre später, als der kühne Seefahrer die Aventure und Resolution befehligte, untersuchte der Kapitän Fourneaux auf der Aventure die Küste von Vandiemens-Land und sprach die Vermuthung aus, daß dasselbe ein Theil von Neu-Holland sei. – Das bestätigte sich indessen nicht, als Cook im Jahre 1777 zur Zeit seiner dritten Reise in der Bai von Vandiemens-Land anlegte. Von da segelte er weiter und starb einige Monate später auf den Sandwichs-Inseln. – Es war ein großer Mann, sagte Glenarvan. – Jedenfalls der berühmteste Seefahrer, der jemals gelebt. Sein Genosse Banks brachte dann die englische Regierung auf den Gedanken, in der Botany-Bai eine Straf- und Besserungs-Colonie zu gründen. In seinem letzten der in Botany-Bai unter'm Datum des 7. Februar 1787 geschriebenen Briefe spricht der unglückliche Seemann seine Absicht aus, den Busen von Carpentaria und die ganze Küste von Neu-Holland bis zu Vandiemens-Land zu besuchen. Er reiste ab, um nicht wieder zu kommen. Im Jahre darauf gründete der Kapitän Philipp zu Port-Jackson die erste englische Colonie. Im Jahre 1791 nahm Vancouver in bedeutendem Umfang die Südküsten des neuen Continentes auf. 1792 schiffte d'Entrecasteaux auf seiner Expedition, die zum Zweck der Auffindung des La-Pérouse gemacht wurde, in der Richtung nach Westen und Süden um Neu-Holland herum und entdeckte auf seiner Fahrt bis dahin noch nicht bekannte Inseln. Im Jahre 1795 und 1796 setzten zwei junge muthige Leute, Flinders und Baß, in einer acht Fuß langen Barke die Erforschung der Südküsten fort, und ebenfalls im Jahre 1797 fuhr Baß zwischen Vandiemens-Land und Neu-Holland durch die Meerenge, die seinen Namen trägt. In demselben Jahre kam Vlaming, der Entdecker der Insel Amsterdam, an der Ostküste zu dem Schwanenfluß, in dem sich die wunderschönsten schwarzen Schwäne ergötzten. Flinders nahm im Jahre 1801 seine interessante Entdeckungsreise wieder auf, und begegnete unter 138° 58' östlicher Länge und 35° 40' südlicher Breite in der Encounter-Bai dem »Geographen« und dem »Naturforscher«, zwei französischen Schiffen, welche unter dem Kommando der Kapitäne Baudin und Hamelin standen. – Aha, der Kapitän Baudin? rief der Major aus. – Ja, weshalb sind Sie so verwundert? fragte darauf Paganel. – O, es ist Nichts, fahren Sie nur fort, mein lieber Paganel, sagte der Major. – So fahre ich denn fort, und füge den genannten Schifffahrern noch den Namen des Kapitän King zu, der in den Jahren 1817 bis 1822 die Erforschung der zwischen den Wendekreisen gelegenen Küsten von Neu-Holland vollendete. – Das wären bis jetzt also vierundzwanzig Namen, sagte Robert. – Gut, meinte Paganel, so habe ich Ihr Gewehr schon halb, Herr Major. Und jetzt, da wir mit den Schifffahrern fertig sind, kommen wir zu den Reisenden. – Vortrefflich, Herr Paganel, sagte Lady Helena, das muß man Ihnen lassen, daß Sie ein erstaunliches Gedächtniß haben. – Das allerdings eine Seltenheit ist, zumal bei einem Menschen, meinte Glenarvan, der so ... – So zerstreut ist, sagte Paganel schnell. Ich habe übrigens nur ein Gedächtniß für Zahlen und Thatsachen, nachher hört es aber auf. – Vierundzwanzig, sagte Robert noch einmal. – Nun ja, Nummer fünfundzwanzig war der Lieutenant Daws im Jahre 1789, ein Jahr also nach der Gründung der Colonie zu Port-Jackson. Man hatte bis dahin bereits den neuen Continent umschifft, aber was er einschloß, vermochte Niemand zu sagen. Eine lange Reihe von Parallelgebirgen an der Ostküste schien jedes Vordringen in das Innere von vornherein zu verbieten. Nach einem Marsch von neun Tagen mußte Lieutenant Daws auf demselben Wege zurückkehren und kam wieder nach Port-Jackson. Noch im Laufe desselben Jahres versuchte es auch der Kapitän Tench, diese hohe Kette zu durchbrechen; aber auch ihm wollte es nicht gelingen. Diese beiden Mißerfolge hielten drei Jahre hindurch die Reisenden ab, die schwierige Aufgabe wieder aufzunehmen. Im Jahre 1792 indessen versuchte es der Oberst Paterson, ein kühner Afrika-Reisender, wieder, doch scheiterte auch er. Erst im folgenden Jahre kam ein kühner Mann, der nur Quartiermeister bei der englischen Marine war, Hawkins, um zwanzig Meilen über die Linie hinaus, über welche seine Vorgänger nicht hatten dringen können. Aus den nächsten achtzehn Jahren kann ich nur zwei Namen anführen, und zwar den berühmten Seefahrer Baß und Bareiller, einen Ingenieur aus der Colonie. Aber beide waren nicht viel glücklicher, als ihre Vorgänger. Ich komme jetzt zu dem Jahre 1813, wo denn endlich ein Engpaß im Westen von Sydney entdeckt wurde. Im Jahre 1815 wagte sich der Gouverneur Macquarie durch denselben, und jenseits der Blauen Berge entstand die Stadt Bathurst. Hiernach kommen dann im Jahre 1819 Throsby, dann Oxley, welcher dreihundert Meilen in's Land hineinging, Howel und Hume, die gerade von der Twofold-Bai ausgingen, wo der siebenunddreißigste Parallelkreis schneidet, und der Kapitän Sturt, der in den Jahren 1829 und 1830 den Lauf des Darling und Murray entdeckte. Alle die Genannten bereicherten die Wissenschaft mit neuen Thatsachen und trugen zur Entwicklung der Colonien bei. – Bis jetzt haben wir sechsunddreißig, sagte Robert. – Richtig! Ich habe schon einen Vorsprung, sagte Paganel. Weiterhin führe ich dann die Reisenden Eyre und Leichardt auf, die in den Jahren 1840 und 1841 einen Theil des Landes besuchten; ferner aus dem Jahre 1845 Sturt; im westlichen Australien reisten im Jahre 1846 die Gebrüder Gregory und Helpmann; Kennedy nur ein Jahr später am Flusse Victoria, und im Jahre 1848 in Nordaustralien. Im Nordwesten des Continents waren im Jahre 1852 Gregory, 1854 Austin, von 1855 bis 1858 die Gebrüder Gregory; Babbage reiste vom Torrent- bis zum Eyre-See. Jetzt aber kommt der kühne Stuart, welcher im Buch der Geschichte Australiens als einer der berühmtesten Namen seine Reisen durch den Continent dreimal wiederholte. Seine erste Expedition in das Innere fand im Jahre 1860 statt. Vielleicht einmal später, wenn es Ihnen recht ist, will ich Ihnen erzählen, wie Australien vier Mal von Süd nach Nord durchforscht wurde. Heute beschränke ich mich darauf, diese lange Aufzählung von Namen zu beschließen, und so reihe ich denn an die Namen der bereits aufgeführten zahlreichen Pioniere der Wissenschaft noch die der Brüder Dempster, außerdem Clarckson und Harper, ferner Burke und Wills, Neilson, Walker, Landsborough, Mackinlay, Howit. – Schon sechsundfünfzig, rief Robert. – Also Sie sehen, Herr Major, sagte Paganel, ich gebe Ihnen volles Maß und habe gleichwohl weder Duperry, noch Bougainville genannt, auch Fitz-Roy, Wickam, Stokes ... – Lassen Sie es genug sein, sagte der Major, dem die Zahl schon allzugroß war. – Auch habe ich noch Peron, Quoy, fuhr Paganel fort, der durch das Wehren des Majors nur in neuen Eifer gerieth, dann Bennett, Cunningham, Nutchell, Tiers ... – Um Gotteswillen! unterbrach ihn der Major. – Ferner Dixon, Strelesky, Reid, Wilkes, Mitchell ... – Halten Sie jetzt ein, sagte Glenarvan mit herzlichem Lachen, beugen Sie den armen Max Nabbs nicht zu sehr. Seien Sie edelmüthig, denn er erklärt sich ja besiegt. – Und wie steht es mit seinem Carabiner? fragte der Geograph mit triumphierender Miene. – Er gehört leider Ihnen, Paganel, antwortete der Major, Sie haben allerdings ein Gedächtniß, um sich ein ganzes Zeughaus damit gewinnen zu können. – Es ist allerdings nicht denkbar, daß Jemand Australien besser kennen kann, sagte Lady Helena; denn auch nicht der unbedeutendste Name, nicht die geringfügigste Tatsache, fuhr sie fort ... aber der Major unterbrach sie. – Oho, auch nicht die geringfügigste Tatsache! rief er kopfschüttelnd. – Nun, was meinen Sie denn, Mac Nabbs? fragte Paganel. – O, ich meine nur, daß Ihnen vielleicht nicht Alles, was auf die Erforschung Australiens Bezug hat, bekannt ist. – Zum Beispiel also? fragte Paganel mit überlegener, stolzer Miene. – Ja, wenn ich Ihnen nun etwas angebe, was Sie nicht wissen, wollen Sie mir dann meinen Carabiner zurückgeben? fragte Mac Nabbs. – Den Augenblick, Herr Major. – Soll das ein Wort sein? – Jawohl! – Nun wohl, wissen Sie, Paganel, warum Australien nicht zu Frankreich gehört? – Ja, ich glaube wohl. – Oder doch wenigstens, wie es die Engländer begründen? – Nein, Herr Major, sagte Paganel jetzt mit der Miene eines Geprellten. – Nun ganz einfach, weil der Kapitän Baudin, der sonst durchaus nicht furchtsam war, sich so sehr vor dem Quaken australischer Frösche fürchtete, daß er die Anker schleunigst lichtete und auf Nimmerwiedersehen abzog. – Wie, rief der Gelehrte aus, sagt man wirklich so etwas in England? Es ist ja nur ein schlechter Spaß! – Es ist allerdings ein sehr schlechter Witz, gestehe ich ein, antwortete der Major, aber im Vereinigten Königreiche gilt es als eine historische Thatsache. – Das ist eine Beleidigung! rief der in seinem Patriotismus gekränkte Geograph. Wie kann man so etwas im Ernst wiedererzählen? – Ich bin allerdings mit Ihnen darin einverstanden, lieber Paganel, sagte Glenarvan, während die ganze Gesellschaft in ein helles Lachen ausbrach. Aber wußten Sie die Geschichte wirklich nicht? – Nein. Und ich erhebe dagegen Protest! Im Uebrigen nennen uns die Engländer »Froschesser«. Im Allgemeinen nun hat man keine Furcht vor dem, was man ißt. – Das sagt auch Niemand, Paganel«, erwiderte der Major mit lächelnder Miene. Der berühmte Carabiner von Purdey Moore und Dickson verblieb unter diesen Umständen im Besitze des Majors Mac Nabbs.   Fünftes Kapitel. Der Indische Ozean in seinem Groll. Es war zwei Tage nach dieser Unterredung. John Mangles hatte gerade seine Meridianbestimmung gemacht und meldete, daß der Duncan sich unter dem 103° 27' östlicher Länge befinde. Die Reisenden zogen die Schiffskarte zu Rate und nahmen nicht ohne Befriedigung wahr, daß sie kaum noch fünf Grade vom Cap Bernouilli entfernt seien. Zwischen diesem Cap aber und der Spitze Entrecasteaux beschreibt die Küste von Australien einen Bogen, zu dem der siebenunddreißigste Parallelkreis die Sehne bildet. Wenn jetzt der Duncan nach dem Aequator hingefahren wäre, so hätte er bald das Cap Chatam in Sicht bekommen, welches noch etwa hundertundzwanzig Meilen weit im Norden lag. Man fuhr dann in dem Theile des Indischen Meeres, der durch den Kontinent von Australien vor Wind und Wetter geschützt ist. In vier Tagen etwa durfte man so hoffen, daß das Cap Bernouilli sich am Horizonte zeigen werde. Bis jetzt war der Westwind der Fahrt unserer Yacht günstig gewesen; seit einigen Tagen jedoch ward derselbe nach und nach schwächer, um allmählig ganz aufzuhören, am 13. Dezember trat wirklich vollständige Windstille ein, und die Segel hingen schlaff längs den Masten nieder. Ohne seine mächtige Schraube hätte sich jetzt der Duncan hier festhalten lassen müssen. Dieser Zustand der Atmosphäre konnte lange Zeit dauern. Glenarvan unterhielt sich am Abend über diesen Gegenstand mit John Mangles. Der junge Kapitän, der es vor Augen sah, wie seine Kohlenvorrathsräume sich leerten, schien über diese Windstille sehr ärgerlich. Er hatte bereits auf dem Schiffe alle Segel aufspannen und sämtliche Bei- und Hilfssegel aufhissen lassen, um auch den geringsten Luftzug aufzufangen; jedoch es war auch nicht soviel Luft da, um, wenn ich mich eines Matrosenausdrucks bedienen darf, einen Hut damit füllen zu können. »Jedenfalls, sagte Glenarvan, darf man nicht zu schwarz sehen, Windstille ist immer noch besser als widriger Wind. – Ew. Herrlichkeit haben Recht, antwortete John Mangles; indessen führen in der Regel diese plötzlichen Windstillen Wetterveränderungen herbei. Und die fürchte ich ebenfalls sehr, wir fahren jetzt auf der Grenze der Passatwinde Es sind dies die Winde, welche im Indischen Ocean mit einer außerordentlichen Heftigkeit auftreten. Ihre Richtung bleibt sich nicht gleich; sie ändert je nach den Jahreszeiten und die Sommer-Passatwinde sind im Allgemeinen von der entgegengesetzten der des Winters. , die vom Oktober bis April von Nordosten herkommen, und uns nur eine kurze Zeit direkt entgegenzuwehen brauchen, um unsere Reise sehr aufzuhalten. – Nun, was denken Sie, John? Wenn wir diesen Widerwind bekommen, so unterwerfen wir uns seiner Macht einfach. Es kann uns doch höchstens etwas aufhalten. – Ja, wenn wir nicht zugleich Sturm bekommen. – Besorgen Sie denn etwa dergleichen wirklich, fragte Glenarvan, und besah sich den Himmel, der jedoch vom Horizont bis zum Zenith frei von Wolken erschien. – In der Tat, antwortete der Kapitän. Ew. Herrlichkeit kann ich es sagen, aber Lady Glenarvan und Miß Grant möchte ich um keinen Preis einen Schreck einjagen. – Das ist sehr vernünftig gedacht. Aber erklären Sie sich jetzt genauer. – Alle Anzeichen lassen stürmisches Wetter befürchten. Sie dürfen sich nicht an das Aussehen des Himmels halten, mein Herr. Nichts täuscht mehr als dieses. Seit zwei Tagen aber fällt das Barometer in wirklich beunruhigender Weise; es ist im Augenblick bereits auf siebenundzwanzig Zoll Das sind 73,09 Centimeter. Die normale Höhe der Barometersäule ist 76,0 Centimeter. herab; sehen Sie, dieses Anzeichen darf man nicht unbeachtet lassen. Ich fürchte aber ganz insbesondere den Groll des Australischen Meeres, denn ich habe schon einmal schwer mit ihm ringen müssen. Durch die Verdichtung der Dunstmassen an den bedeutenden Südpolgletschern entsteht ein außerordentlich heftiger Luftzug, und daher in weiterer Folge jener Kampf der polaren und äquatorialen Winde, welcher die Windstöße und Wirbel, und alle die anderen Formen gefährlicher Seestürme erzeugt, mit denen sich ein Schiff nie ohne Nachteil in einen Kampf einläßt. – Aber John, antwortete Glenarvan, der Duncan ist ja ein solides Fahrzeug, und sein Kapitän ein geschickter Seemann. Bricht wirklich ein Sturm aus, nun so werden wir uns zu verteidigen wissen. Indem John Mangles seine Befürchtungen hatte und sie aussprach, folgte er seinem Instinct als Seemann. Ein solcher ist aber eben ein Prophet, der sich auf die Beobachtung des Wetters wirklich versteht. Der tiefe Stand des Barometers ließ ihn alle Maßnahmen, welche ihm die Klugheit an die Hand gab, an Bord ergreifen. Er machte sich auf einen heftigen Sturm gefaßt, den ihm freilich der Zustand des Himmels noch nicht anzuzeigen vermochte, über dessen Nahen ihn aber sein sicheres Instrument nicht in Zweifel ließ. Die atmosphärischen Strömungen kommen aus Gegenden, wo die Merkursäule hoch steht, zu solchen, wo sie sinkt; je mehr sich diese nahe kommen, desto rascher stellt sich das Niveau in den Luftschichten her, und der Windstoß ist um so heftiger. John blieb während der ganzen Nacht auf dem Verdeck. Gegen ein Uhr verdüsterte sich der Himmel im Süden. Der Kapitän ließ darauf seine ganze Mannschaft aufklettern und die kleineren Segel fortnehmen. An den übrigen Segeln änderte er Nichts. Gegen Mitternacht erhob sich ein frischer Wind, der bald eine Geschwindigkeit von sechs Toisen in der Secunde erreichte. Das Krachen der Masten, das Aneinanderschlagen des Takelwerkes, das Pfeifen der auf den Wind gebraßten Segel, das Dröhnen der Verschlage im Innern – dies Alles gab den Passagieren kund, was sie bis jetzt noch nicht wußten. Paganel, Glenarvan, der Major und Robert erschienen auf dem Verdeck, die einen, um neugierig zu fragen, die anderen sofort bereit, mit Hand an's Werk zu legen. Am Himmel, der, als sie hinabgegangen waren, noch mit Sternen bedeckt, klar und hell ausgesehen, flogen dichte Wolkenmassen dahin, und dazwischen Streifen, die wie Leopardenfelle gefleckt waren. »Also wirklich Sturm? fragte Glenarvan John Mangles. – Wir haben ihn noch nicht, bekommen ihn aber bald«, antwortete der Kapitän, und zugleich gab er Befehl, die Segel zum Theil zu binden. Alsbald kletterten die Matrosen auf den Strickleitern in die Höhe, und es gelang ihnen mit schwerer Mühe die Segeloberfläche zu verringern. Es war John Mangles darum zu thun, den größten Theil des Segelwerkes möglichst so zu belassen, um die Yacht so zu stützen und ihre schwankenden Bewegungen gelinder zu machen. Nachdem diese Vorsichtsmaßregeln ergriffen waren, gab er Austin und dem Rüstmeister Befehle, dem Anprall des Sturmes, der bald losbrechen mußte, zu begegnen. Alles geschah nach des Kapitäns Anordnung, und dieser stand da wie ein Officier auf der Höhe einer Schanze, wich und wankte nicht, und strebte von seinem Posten aus dem sturmbewegten Himmel seine Geheimnisse zu entreißen. Das Barometer war jetzt auf sechsundzwanzig Zoll herabgesunken, ein so niedriger Stand der Quecksilbersäule, wie es nur selten vorkommt; das Sturmglas Man versteht darunter Gläser, die eine chemische Mischung enthalten, welche je nach der Windrichtung und der elektrischen Spannung der Atmosphäre ihr Aussehen ändert. zeigte den Sturm an. Es war jetzt ein Uhr Mittags. Eben wagten es Lady Helena und Miß Grant, die in ihrer Kajüte zu heftig hin- und hergeschüttelt wurden, auf das Verdeck zu kommen. Der Wind, welcher im Augenblicke eine Schnelligkeit von vierzig Toisen in der Secunde hatte, pfiff durch das Takelwerk mit äußerster Heftigkeit und die Metallsaiten desselben tönten, wie die eines Instrumentes, als ob ein riesiger Bogen in heftige Schwingungen versetzt würde. Die Zugwinden schlugen an einander, das Takelwerk aber pfiff scharf beim Hinaufziehen. Die Segel donnerten wie Kanonenschläge, immer mächtiger wälzten sich die Wogen auf die Yacht los, die wie ein Eisvogel sich auf ihren schäumenden Spitzen schaukelte. Sobald der Kapitän John die Passagiere bemerkt hatte, eilte er auf sie zu und bat sie inständig, in die Kajüte zurückkehren zu wollen. Gerade jetzt wurde das Schiff von einigen großen Wellen überspült. In jedem nächsten Augenblicke konnte eine Welle hinwegfegen, was sich auf dem Verdeck befand. Das Toben der Elemente war damals so stark, daß Lady Helena den jungen Kapitän kaum verstehen konnte. Sobald der Sturm nur eine Minute nachließ, richtete sie die Frage an ihn: »Es ist doch nicht etwa Gefahr vorhanden? – O, durchaus nicht, meine Damen, antwortete John Mangles, aber Sie dürfen unter keinen Umständen auf dem Verdeck bleiben, und auch Sie nicht, Miß Mary.« Lady Glenarvan und Miß Grant folgten der Weisung, die fast wie eine Bitte klang, unverzüglich, und gerade als sie wieder in die Kajüte traten, brandete eine Welle über das Hinterverdeck hinaus und es zitterten die Scheiben des Treppenschutzdachs in ihren Fugen. Im selben Moment verdoppelte sich die Heftigkeit des Sturmes; die Masten bogen sich unter dem Druck der Segel, und es schien fast, als ob die Yacht sich über die Fluthen erhebe. »Den Vordermast aufgeien! Das Mars- und die Fockmastsegel einziehen!« commandirte jetzt John Mangles, und die Matrosen stürzten sich auf ihre Posten. Die Hißtaue wurden schießen gelassen, die Geitaue stärker angezogen, die Vorderstagsegel mit lärmendem Getöse beigezogen, und der Duncan, dem schwarze Rauchsäulen entströmten, fuhr mit ungleichen Schlägen der Schraube, die mitunter aus den Wogen herausragte. Mit Bewunderung und Entsetzen zugleich sahen Glenarvan, der Major, Paganel und Robert diesem Kampfe des Duncan mit den Wogen zu. Sie mußten sich aber dabei fest an die Geländer klammern; ein Wort mit einander zu wechseln, war ihnen nicht möglich, stumm betrachteten sie die Reihen der geflügelten Satansboten, die unglückseligen Sturmvögel, die in den entfesselten Winden flatterten. Da vernahmen sie plötzlich neben dem Toben des Sturmes ein furchtbares Pfeifen. Gleichzeitig begann außerordentlich heftig der Dampf auszuströmen und zwar nicht auf dem gewohnten Wege, sondern durch die Ventilklappen; die Alarmpfeife ertönte mit einer ungewöhnlichen Stärke; Wilson aber, der am Rade stand, wurde plötzlich durch einen Schlag mit der Stange niedergeworfen. Der Duncan hatte keine Führung mehr. »Was ist das? rief John Mangles, und lief auf den Steg. – Das Schiff legt sich schief! antwortete Tom Austin. – Um Gottes Willen, ist das Steuerrad entzwei? – An die Maschine, an die Maschine!« rief jetzt der Ingenieur. Alsbald stürzte John nach der Maschine hin und eilte die Treppe hinab. Der ganze Raum war eine Dampfwolke; die Stempel bewegten sich nicht in den Cylindern, das Triebwerk stand stille. Der Maschinist, der jetzt die Vergeblichkeit seiner Anstrengungen sah, und da er für seine Kessel fürchtete, schloß den Zulaßhahn und ließ den Dampf durch das Ventil ausströmen. »Was giebt's denn? fragte der Kapitän. – Entweder ist die Schraube zerbrochen oder gehemmt, antwortete der Maschinist; jedenfalls arbeitet sie nicht mehr. – Und es ist schlechterdings nicht möglich, sie frei zu machen? – Nein.« Der Augenblick war jetzt nicht dazu geeignet, nach einem Mittel zur Abhilfe zu suchen. Die Thatsache war unbestreitbar, daß die Schraube nicht weiter arbeiten konnte, und der Dampf deswegen durch die Ventile fortgelassen werden mußte. Was blieb John nunmehr übrig, als wieder zu den Segeln zu greifen und mit Hilfe desselben Windes, der jetzt sein gefährlichster Feind war, seine Rettung zu suchen. Er begab sich wieder auf das Verdeck, und erklärte Lord Glenarvan mit zwei Worten die Sachlage, dann drang er in ihn, daß er zugleich mit den anderen Passagieren das Verdeck verlassen möge. Glenarvan aber wollte gern oben bleiben. »Nein, Ew. Herrlichkeit, antwortete John Mangles mit fester Stimme. Ich muß durchaus mit meiner Mannschaft allein hier sein. Gehen Sie schnell hinunter. Denn das Schiff kann jetzt jeden Augenblick in die bedenklichste Lage kommen, und die Wellen nehmen Sie dann ohne Erbarmen mit fort. – Aber wir können uns doch unter Umständen hilfreich erweisen. – Gehen Sie zurück, Mylord, ich wiederhole es. Es muß sein! Es können Fälle eintreten, wo ich unumschränkte Herrschaft an Bord habe! Ziehen Sie sich jetzt zurück, muß ich Sie auffordern.« Wenn John Mangles seine Autorität in solcher Weise geltend machte, so mußte die Situation wirklich zum Aeußersten gekommen sein. Glenarvan sah ein, daß er mit dem Beispiel des Gehorsams vorangehen müsse, und verließ mit seinen drei Genossen das Verdeck; sie trafen unten die beiden Damen, die mit Angst der Erlösung aus diesem Kampfe mit den Elementen entgegensahen. »Es ist doch ein energischer Mensch, der wackere John, sagte Glenarvan, als sie in die Kajüte traten. – Gewiß, antwortete Paganel, und ich habe eben lebhaft an den Steuermann denken müssen, den Ihr großer Landsmann Shakespeare im »Sturm« auftreten und dem König, als er sich an Bord begeben will, zurufen läßt: Hinweg, und gar kein Wort! In Eure Koje! Wenn Ihr nicht Ruh' gebieten könnt den Elementen, So schweigt, und gehet selbst mir aus dem Wege.« Inzwischen ließ John Mangles nicht eine Secunde unbenutzt, um das Schiff aus der gefahrvollen Lage, worin es durch die Unthätigkeit seiner Schraube gekommen, herauszuziehen. Es galt, die Kraft der Segel zu behalten, und diese schief zu richten. Die Yacht, welche von großer Seetüchtigkeit war, drehte sich rasch wie ein Pferd, welches den Sporn fühlt, und bot den auf sie einstürmenden Wellen die Flanke dar. Aber war auch das Segelwerk im Stande zu halten? Es war zwar aus dem besten Dundeeleinen fabricirt, doch war auch das stärkste Gewebe im Stande, einer solchen Gewalt zu widerstehen? Es hatte diese Vorkehrung den Vorteil, daß sie dem Anprall der Wogen die festesten Teile der Yacht darbot und dieser gestattete, ihre erste Richtung beizubehalten. Trotzdem war sie nicht gefahrlos, denn das Schiff konnte leicht zwischen den aufgetürmten Wogen in eine Lage geraten, daß es nicht im Stande war, sich wieder aufzurichten. Indessen John Mangles hatte keine Wahl mehr, und entschloß sich deshalb, dem Schiffe die Haltung zu geben, daß die Masten und Segel nicht abwärts kämen. Seine Mannschaft hielt sich unter seinen Augen, jeder einzelne stets bereit sich dahin zu begeben, wo seine Gegenwart erheischt wurde. Sich an dem Haupttau haltend, überwachte John das aufgeregte Meer. In dieser Situation durchlebte man auch den Rest der Nacht und trug sich mit der Hoffnung, daß mit Anbruch des Tages der Sturm sich legen würde. Aber man hoffte vergeblich. Gegen acht Uhr morgens wurde derselbe vielmehr noch stärker – seine Schnelligkeit kam auf achtzehn Toisen in der Sekunde – man hatte jetzt Orkan. John sprach kein Wort, aber er hatte nunmehr wirklich Besorgnis für sein Schiff, die Bemannung und Passagiere. Immer mehr kam der Duncan in eine so arg geneigte Lage, daß das Schlimmste zu befürchten war. Die Deckstützen krachten, und der Schaum der Wogen spritzte schon bis zum äußersten Ende des Vordermastes. Einen Augenblick glaubte man wirklich, die Yacht werde nicht wieder in die Höhe kommen. Schon standen die Matrosen, das Beil in der Hand, bereit, aufzuklettern und die Taue am Hauptmast abzuhauen, als die Segel losrissen und wie riesige Albatrosse davonflogen. Der Duncan kam wieder in aufrechte Lage; doch jetzt inmitten der Wogen ohne Halt und ohne Richtung, mußte er sich dergestalt hin- und herwerfen lassen, daß die Masten Gefahr liefen, bis zu ihrer Einfügung hinab abzubrechen. Lange konnte ein solches Schwanken nicht dauern; es drohten die Fugen auseinander zu gehen, so daß die Wogen eindrangen. John Mangles blieb jetzt nur das Eine übrig, einen Sturmfock herzustellen und mittelst seiner dem Wetter zu entfliehen. Aber es kostete mehrere Stunden Arbeit, und bis man soweit war, konnte man zwanzigmal verloren sein. Erst um drei Uhr Nachmittags ward man damit fertig. Der Duncan lief also in der Richtung nach Nordost, wohin ihn der Wind trieb. Die größtmögliche Schnelligkeit mußte er beibehalten, denn davon hing allein sein Heil ab. Manchmal übertraf er an Schnelligkeit die Wellen, mit denen er dahingerissen wurde; er durchschnitt sie mit seinem Vordertheil, so daß das Verdeck von vorn bis hinten überfluthet wurde. Dann wieder kam seine Schnelligkeit der den Wogen gleich, so daß sein Steuerruder Nichts zu leisten vermochte, und er kam wiederholt in Gefahr umzuwerfen. Schließlich kam es auch vor, daß unter dem Sturmeswehen die Wogen schneller liefen als das Schiff. Sie sprangen dann über Rand, und das Verdeck wurde mit einer Gewalt, der unmöglich Widerstand zu leisten war, vollständig abgespült. In dieser aufregenden Situation, fortwährend zwischen Furcht und Hoffnung schwebend, blieb man den ganzen 15. December und die auf ihn folgende Nacht. John Mangles wich keinen Augenblick von seinem Posten, nicht einmal um nur Nahrung zu sich zu nehmen. Fortwährend quälte er sich mit den schlimmsten Befürchtungen, welche er nicht in seinen Gesichtszügen verrathen wollte; starr blickten seine Augen, als möchten sie die im Norden sich dicht lagernden Nebelschatten durchdringen können. Aber er hatte in Wirklichkeit auch Grund das Schlimmste zu befürchten. Der Duncan konnte, einmal aus seiner Bahn geworfen, wie er war, auf die australische Küste mit einer Schnelligkeit anlaufen, die zu hemmen nicht möglich war. Jeden Augenblick fürchtete er den Anprall auf eine Klippe, wobei die Yacht in tausend Stücke zerschellen mußte. Er meinte, die Küste könne nur noch zwölf Meilen unter'm Wind entfernt sein. Aber Land, das war gleichbedeutend mit Schiffbruch, mit dem Verlust des Schiffes. Dagegen war der unbegrenzte Ocean weit besser, denn gegen seine Wuth konnte ein Schiff sich schützen, wenn es auch weichen mußte. Wenn es aber der Sturm an's Land warf, war es unter allen Umständen verloren. John Mangles suchte jetzt Glenarvan auf, und erstattete ihm ganz speciellen Bericht; er schilderte ihm die Lage, wie sie war, ohne ihr von ihrer Härte etwas zu nehmen; er schaute ihm dabei in's Gesicht mit der Kaltblütigkeit eines Seemannes, der zu Allem bereit sein muß, und sprach sich dann dahin aus, daß er vielleicht gezwungen sein würde, den Duncan an's Land zu werfen. Um, wenn es möglich ist, seine Passagiere zu retten, setzte er hinzu. »Thun Sie das, John, antwortete Glenarvan. – Und wie steht es mit Lady Helena und Miß Grant? – Ich gedenke sie erst im letzten Moment, wenn alle Hoffnung, daß wir uns auf dem Meere halten können, geschwunden ist, davon zu benachrichtigen. Sie werden mir bei Zeiten einen Wink geben. – Das will ich tun, Mylord. Darauf wandte sich Glenarvan zu den Damen, die, wenn sie auch die Gefahr noch nicht in ihrer ganzen Größe erkannten, es sich immerhin bewußt waren, daß sie groß genug sei. Ihr Muth, den sie zeigten, war mindestens dem ihrer männlichen Gefährten gleich. Paganel erging sich nun in den unzeitigen Theorien über die Richtung der atmosphärischen Strömungen, und entwickelte Robert, der ihm zuhörte, interessante Vergleiche über die Wirbelströmungen, die Wasserhosen und die gradlinigen Stürme. Der Major aber erwartete das Ende mit dem Fatalismus eines Muselmannes. Gegen elf Uhr schien sich der Sturm ein wenig zu legen; die feuchten Nebel zerstreuten sich, und als es mit einem Male klar geworden, erblickte John ein niedriges Land, etwa sechs Meilen unter'm Wind. Er lief jetzt mit vollem Segeln darauf los. Aber die See brandete dort zu außerordentlicher Höhe, wohl bis zu fünfzig Fuß und darüber. John nahm an, daß sich dort ein fester Stützpunkt befinden mußte, der sie bis zu einer solchen Höhe aufspringen ließ. »Es sind da Sandbänke, sagte er zu Austin. – Das ist auch meine Ansicht, antwortete der Steuermann. – Wir sind in Gottes Hand, fuhr John fort. Will Er dem Duncan keinen irgendwie fahrbaren Ausweg weisen, und ihn nicht selbst führen, so sind wir verloren. – Die Fluth ist in diesem Augenblicke auf der Höhe, Kapitän, vielleicht können wir über diese Sandbänke hinauskommen. – Aber was meinen Sie, Austin, dieser Aufruhr der Wogen. Wie könnte ein Schiff ihm widerstehen? Flehen wir um Gottes Beistand.« Inzwischen näherte sich der Duncan mit Hilfe seines Sturmfocks der Küste mit einer erschrecklichen Schnelligkeit. Schon waren es bald nur noch zwei Meilen bis zu den Sandbänken. Jeden Augenblick verdeckten die Nebel das Land auf's Neue. Nichtsdestoweniger glaubte John jenseits des schäumenden Gürtels ein ruhigeres Bassin wahrzunehmen. War man einmal dort, so befand sich der Duncan verhältnißmäßig sicher. Aber wie dahin durchkommen? John ließ jetzt seine Passagiere auf's Verdeck kommen. Er wollte nicht, daß sie, wenn wirklich die Stunde des Schiffbruches gekommen sei, in der Kajüte eingeschlossen wären. Glenarvan und seine Gefährten betrachteten das fürchterliche Meer. Mary Grant erblaßte. »John, begann Glenarvan leise zu dem jungen Kapitän, ich meinerseits will versuchen meine Frau zu retten, wenn es nicht möglich, mit ihr untergehen. Nehmen Sie sich der Miß Grant an. – Ja, Ew. Herrlichkeit«, antwortete John Mangles, und führte die Hand des Lords an seine feuchten Augen. Der Duncan war jetzt nur noch einige Faden weit vom Fuße der Bänke entfernt. Das Meer, gerade sehr hoch, hätte zweifellos genug Wasser unter dem Kiel der Yacht gelassen und ihr den Durchbruch der gefährlichen Sandbänke schon gestattet; aber damals mußte die Höhe der Wogen, das abwechselnde Steigen und Fallen, den Kiel unfehlbar auf den Grund stoßen lassen. Gab es nicht ein Mittel, die Bewegungen der Wellen zu besänftigen, das Gleiten ihrer flüssigen Elementarteile zu erleichtern, mit einem Worte, das stürmische Meer zu beruhigen? Zuletzt kam John Mangles noch auf eine Idee. »Oel! rief er, Kinder einen Strahl von Oel«, wiederholte er. Augenblicklich verstand die gesamte Mannschaft diese Worte. Es handelte sich darum, ein Mittel anzuwenden, das allerdings bisweilen glückte. Man konnte nämlich die aufgeregte Fluth dadurch besänftigen, daß man sie mit einer Oelschicht bedeckte, diese Schicht bleibt dann oben schwimmen, und wirkt dem Stoß der Wogen, die es schlüpfrig macht, entgegen. Die Wirkung folgt unmittelbar, aber sie dauert nicht an. Und sobald ein Schiff über diese Schicht hinaus ist, verdoppelt das Meer seine Wut, und wehe dann dem, der sich danach noch hineinwagen sollte. Die Seegesetze verbieten daher auch dem Kapitän die Anwendung dieses verzweifelten Mittels für den Fall, daß ein zweites Schiff nachfolgt und den Durchgang mit benutzen will. Die Tönnchen mit dem Vorrath von Seehundsöl wurden jetzt durch die Mannschaft, deren Kräfte inmitten der Gefahr hundertfach gesteigert waren, auf das Vorderdeck gezogen, mit dem Beil aufgeschlagen und an das Geländer des Steuer- und Backbords aufgehängt. »Nun gebt Achtung! rief John Mangles, der auf den richtigen Moment lauerte. In zwanzig Sekunden erreichte die Yacht den durch die brausende Springflut versperrten Durchgang. Jetzt war der Augenblick da. »Gott sei mit uns!« rief der junge Kapitän. Die Tonnen wurden umgewendet, und so ergoß sich denn aus ihnen die ölige Flut. Augenblicklich wurde die schäumende Oberfläche von der Oelschicht überströmt. Der Duncan glitt rasch über die beruhigten Wogen, und befand sich bald in einem ruhigen Becken jenseits der gefährlichen Bänke, während der Ocean hinter ihm mit unbeschreiblicher Wut tobte. Sechstes Capitel. Cap Bernouilli. Die erste Sorge John Mangles' war, sein Schiff mit zwei Ankern fest zu legen. Er fand bei fünf Ellen Tiefe Grund, und dieser war gut, ein harter Kies, der einen vortrefflichen Halt gewährte. Es war also nicht zu befürchten, daß man bei niedrigem Wasser scheiterte. Nach so langer Gefahr befand sich der Duncan in einer kleinen Bucht durch eine hohe, kreisrunde Uferwand gegen die Winde der hohen See geschützt. Lord Glenarvan drückte dem jungen Kapitän die Hand und sprach: »Dank, John.« Diese zwei Worte erfüllten John mit edlem Stolz. Glenarvan vertraute ihm das Geheimniß seiner Besorgnisse, und weder Lady Helena, noch Mary Grant, noch Robert ahnten die Größe der Gefahr, welcher sie eben entronnen waren. Ein wichtiger Punkt war noch nicht klar gestellt. An welche Stelle der Küste war der Duncan durch den furchtbaren Sturm geschleudert worden? Wo sollte er seinen Breitegrad wieder aufnehmen? Wie weit war Cap Bernouilli südwestlich entfernt? Dies waren die ersten Fragen, welche an John Mangles gerichtet wurden. Derselbe nahm sogleich den Höhestand auf und trug seine Beobachtungen auf der Karte des Schiffes ein. Im Ganzen war der Duncan nicht allzuweit von seiner vorgezeichneten Richtung abgekommen; es betrug kaum zwei Grad. Er befand sich unter'm 136° 12' Länge, und 35° 0,7' Breite, beim Cap Katastrophe, an einer der Südspitzen Australiens, dreihundert Meilen vom Cap Bernouilli ab. Dem Cap Katastrophe,unheimlicher Vorbedeutung, steht als Pendant das Cap Borda zur Seite, welches von einem Vorgebirge der Känguru-Insel gebildet wird. Zwischen diesen zwei Caps öffnet sich die Straße Investigator, welche zu zwei ziemlich tiefen Golfen führt, dem Spencer nördlich, und im Süden dem Golf Saint Vincent. Auf der Ostküste dieses letzteren befindet sich der Hafen Adelaide, Hauptort der Provinz Süd-Australien. Diese im Jahre 1836 gegründete Stadt zählt jetzt vierzigtausend Bewohner, und bietet ziemlich vollständige Hilfsquellen dar. Aber sie befaßt sich mehr mit dem Anbau eines fruchtbaren Bodens, dem Ausbeuten seiner Trauben und Orangen, sowie aller Reichthümer des Landbaues, als mit der Schöpfung großer industrieller Unternehmungen. Unter seiner Bevölkerung finden sich weniger maschinenverständige Ingenieure, als Landbauer, und der allgemeine Geist ist Handelsunternehmungen oder mechanischen Künsten wenig geneigt. Es fragte sich, ob der Duncan sich wieder ausbessern ließ. John Mangles untersuchte durch Taucher, was in der Hinsicht möglich sei. Sie berichteten, eine der Schaufeln der Schraube sei beschädigt, so daß ihre Bewegung stocken mußte. Diese Beschädigung war um so erheblicher, als Werkzeug und Geräte zur Ausbesserung nötig waren, welche sich nicht zu Adelaide fanden. Glenarvan und der Kapitän faßten nach reiflicher Erwägung folgenden Beschluß: Der Duncan solle mit Hilfe seiner Segel den Küsten entlang nach Victoria zu fahren; er solle am Cap Bernouilli anlegen und weitere Erkundigungen einziehen, um die Fahrt bis nach Melbourne fortzusetzen, wo die Beschädigungen leicht auszubessern waren. Nach Wiederherstellung der Schraube sollte der Duncan an der Ostküste kreuzen, um seine Nachforschungen zum Ziel zu führen. Dieser Plan fand Beifall, und John Mangles entschloß sich, den ersten günstigen Wind zur Ausführung zu benutzen. Gegen Abend legte sich der Sturm völlig, und es trat ein leidlicher Südwestwind ein. Man traf seine Vorkehrungen durch Aufziehen noch weiterer Segel, und um vier Uhr früh wendeten die Matrosen den Spill. Bald stand der Anker senkrecht, lichtete, und der Duncan lief mit vollen Segeln, dem Ufer so nahe wie möglich im Wind des Küstenlandes von Australien. Nach zwei Stunden verlor man das Cap Katastrophe aus den Augen, und befand sich vor der Straße Investigator. Am Abend wurde Cap Borda umfahren, und einige Kabellängen weit längs der Känguru-Insel gesegelt. Dies ist die größere der kleinen australischen Inseln, welche den entronnenen Deportierten als Zufluchtsort dient. Ihr Aussehen war zum Entzücken schön. Weit ausgedehnte grüne Teppiche bekleideten die Felsen am Ufer. Man sah unzählige Trupp Känguru quer über die Ebene und durch die Gehölze springen. Am folgenden Morgen, während der Duncan der Küste entlang fuhr, wurden seine Boote an's Land geschickt, um die Beschaffenheit des Ufers zu untersuchen. Der Duncan befand sich damals unter'm sechsunddreißigsten Breitengrade, und Glenarvan wollte bis zum achtunddreißigsten keinen Punkt undurchforscht lassen. Im Laufe des 18. Decembers hielt sich die Yacht, die unter Preßwind wie ein echter Klipper mit vollen Segeln fuhr, nächst dem Gestade der Bai Encounter. Hier langte im Jahre 1828 der Reisende Sturt an, nachdem er den Murray, den größten Fluß des südlichen Australiens, entdeckt hatte. Es waren bereits nicht mehr die grünen Ufer der Känguru-Insel, sondern dürre Hügel, welche mitunter die Einförmigkeit einer niedrigen und ausgezackten Küste unterbrachen, hie und da ein genauer Bergabhang oder sandige Vorgebirge, kurz, die ganze Trockenheit eines polaren Continents. Während dieser Fahrt hatten die Boote einen sehr angestrengten Dienst, doch klagten die Matrosen nicht. Fast beständig waren sie von Glenarvan, seinem unzertrennlichen Paganel und dem jungen Robert begleitet, die mit eigenen Augen nach jeder Spur der Britannia forschen wollten. Doch gelang es der sorgfältigsten Untersuchung nicht, etwas von einem Schiffbruch zu erfahren. Die Gestade Australiens verhielten sich in der Hinsicht eben so stumm, wie die patagonischen Lande. Doch durfte man so lange, als man nicht jeden vom Document angezeigten Punkt erreicht hatte, nicht alle Hoffnung aufgeben. So verfuhr man aus übergroßer Vorsicht, und um nichts dem Zufall anheim zu geben. Während der Nacht lag der Duncan aufgebraßt, um so viel wie möglich an derselben Stelle sich zu halten; bei Tage wurde sodann die Küste sorgfältig untersucht. So kam man am 20. December dem Cap Bernouilli gegenüber, welches die Bai Laéepède abschließt; fand aber nicht das geringste Strandgut. Aber dieser Mißerfolg bewies nicht das Mindeste gegen den Kapitän der Britannia. In der That, seit zwei Jahren – der Zeit, wo das Unglück vorgefallen war – konnte, ja mußte das Meer die Reste des Dreimasters zerstreuen, von der Klippe wegspülen. Zudem mußten die Eingeborenen, welche Schiffbrüchige wittern, wie ein Geier das Aas, die kleinsten Trümmerreste weggenommen haben. Hernach wären Harry Grant und seine beiden Gefährten im Moment, als die Wellen sie an's Land warfen, zu Gefangenen gemacht und ohne Zweifel in das Innere des Festlandes geschleppt worden. Damit fiel aber eine der sinnreichen Voraussetzungen Jacques Paganel's zusammen. So lange von argentinischem Gebiet die Rede war, konnte der Geograph mit vollem Recht annehmen, die Ziffern des Dokuments bezögen sich nicht auf die Stelle des Schiffbruchs, sondern auf den Ort der Gefangenschaft. Da waren in der That die großen Ströme des Pampa-Landes, ihre zahlreichen Zuflüsse, um das werthvolle Dokument dem Meere zuzuführen. Hier dagegen, in diesem Theile Australiens, haben die fließenden Gewässer, welche den siebenunddreißigsten Breitengrad durchschneiden, keine überreichliche Strömung; ferner der Rio Colorado, der Rio Negro, fließen durch menschenleere, unbewohnbare und unbewohnte Landstriche dem Meere zu, während die Hauptströme Australiens, der Murray, die Yarra, der Torrens, der Darling, entweder ineinander überfließen, oder sich durch Mündungen in's Meer ergießen, welche viel besuchte Rheden geworden sind, Häfen mit lebhafter Schifffahrt. War es nun wahrscheinlich, daß eine zerbrechliche Flasche diese unaufhörlich befahrenen Gewässer hinab ihren Weg in den Indischen Ocean gefunden habe. Diese Unwahrscheinlichkeit mußte scharfblickenden Geistern in die Augen springen. Paganel's Annahme, die in Patagonien, in den argentinischen Provinzen vieles für sich hatte, mußte in Australien zu einem Fehlschluß führen. Paganel erkannte dies in einer Besprechung an, welche der Major Mac Nabbs über diesen Gegenstand in Anregung gebracht hatte. Es stellte sich klar heraus, daß die im Dokument erwähnten Grade sich nicht auf den Ort des Schiffbruchs bezogen, daß folglich die Flasche an der Stelle, wo die Britannia scheiterte, an der Westküste Australiens, in's Meer geworfen worden war. Doch war, wie Glenarvan richtig bemerkte, diese definitive Auslegung nicht im Widerspruch mit der Voraussetzung der Gefangenschaft des Kapitän Grant. Dieser hatte übrigens in seinem Document durch die beachtenswerthen Worte: »wo sie in Gefangenschaft grausamer Eingeborener gerathen werden«, die Vermuthung herbeigeführt. Aber es war kein Grund mehr vorhanden, um die Gefangenen lieber unter dem siebenunddreißigsten Breitengrade zu suchen, als unter einem andern. Diese lange Zeit besprochene Frage erhielt so ihre definitive Lösung, und veranlaßte die Schlußfolgerung, daß, wenn sich nicht, beim Cap Bernouilli Spuren der Britannia fanden, Lord Glenarvan nur nach Europa zurückzukehren hätte. Seine Forschungen waren fruchtlos geworden, aber er hatte muthig und gewissenhaft seine Pflicht erfüllt. Dieser Umstand mußte besonders die Passagiere der Jacht bekümmert, und Mary wie Robert Grant trostlos machen. Als sich diese in Begleitung von Lord und Lady Glenarvan, John Mangles, Mac Nabbs und Paganel an's Ufer begaben, sagten sie sich, daß die Frage in Betreff der Rettung ihres Vaters sich nun unwiderruflich entscheiden werde. Unwiderruflich, kann man sagen, denn Paganel hatte, in einer vorausgehenden Besprechung einsichtsvoll gezeigt, daß die Schiffbrüchigen längst in ihre Heimat zurückgekommen waren, wenn ihr Schiff an den Klippen der Ostküste gescheitert wäre. »Nur die Hoffnung aufrecht erhalten! sagte Lady Helena wiederholt zu dem Mädchen, das neben ihr in dem Boote saß, welches sie an's Land brachte. Die Hand Gottes waltet über uns! – Ja, Miß Mary, sagte der Kapitän John, wenn die Menschen ihre letzten Kräfte und Mittel erschöpft haben, erbarmt sich der Himmel, indem er unverhofft neue Bahnen des Heils eröffnet. – Das wolle Gott, Herr John«, erwiderte Mary Grant. Das Ufer war nur noch zwei Kabellängen entfernt; das Cap, welches zwei Meilen weit in die See vorsprang, verlief sich in sanftem Abfall. Das Boot legte in einer kleinen natürlichen Hafenbucht an, zwischen den Korallenbänken, welche in Bildung begriffen mit der Zeit einen Gürtel von Riffen um Süd-Australien herum bilden müssen. Es waren bereits manche solcher Korallenriffe vorhanden, welche den Rumpf eines Schiffes durchbohren konnten, so daß die Britannia mit Mannschaft und Gut konnte zu Grunde gegangen sein. Die Passagiere des Duncan stiegen ohne Schwierigkeit an einem durchaus menschenleeren Gestade aus. Steile Uferwände bildeten aufgeschichtet eine sechzig bis achtzig Fuß hohe Wand; ohne Leitern, Haken und Klammern wäre es schwierig gewesen hinauf zu klimmen. Zum Glück entdeckte John Mangles eine halbe Meile südlich von da eine Bresche, welche durch theilweisen Einsturz der Felswand entstanden war. Ohne Zweifel hatten die wüthenden Aequinoctialstürme den zerreiblichen Tuff, woraus die Wand bestand, zertrümmert, so daß die oberen Theile des Gesteins vollends zusammenfallen mußten. Glenarvan und seine Gefährten drangen in die Oeffnung ein, und gelangten über einen ziemlich steilen Abhang zum Gipfel. Robert kletterte wie eine junge Katze eine senkrechte Böschung hinan, und kam so zuerst oben auf den Grat, zu großem Verdruß Paganel's, der sich gedemüthigt fühlte, daß seine langen vierzigjährigen Beine von den kleinen zwölfjährigen übertroffen wurden. Doch blieb er weit hinter ihm zurück, samt dem friedliebenden Major, dem nichts darauf ankam. Die kleine Truppe, welche sich bald wieder zusammen fand, untersuchte die vor ihren Blicken ausgebreitete Ebene. Es war ein ungeheurer Landstrich ohne Anbau mit Buschwerk und Gesträuch, eine unfruchtbare Gegend, welche Glenarvan mit den »Glens« der schottischen Niederlande verglich, Paganel mit den dürren Heidesteppen der Bretagne. Schien jedoch diese Gegend längs der Küste unbewohnt, so gab sich doch die Anwesenheit menschlicher, nicht wilder Bewohner kund, da man nicht weit entfernt Werke der Menschenhand als gutes Vorzeichen gewahrte. »Eine Mühle!« rief Robert. Drei Meilen weit entfernt sah man wirklich eine Windmühle ihre Flügel drehen. »Ja wohl, eine Mühle, erwiderte Paganel, der eben sein Fernrohr auf den fraglichen Gegenstand gerichtet hatte. – Es sieht ja wie ein Kirchthurm aus, sagte Lady Helena. – Ja, Madame, die beiden Gegenstände gleichen einander; der eine mahlt Nahrung für den Körper, der andere für die Seele. – So gehen wir hin zur Mühle«, versetzte Glenarvan. Man schlug den Weg dahin ein. Nach einer halben Stunde gewährte der von Menschenhand bearbeitete Boden einen anderen Anblick. Die unfruchtbare Gegend ward plötzlich zur angebauten Landschaft. Ein kürzlich urbar gemachter Boden war von lebendem Gehäge umgeben; einige Ochsen und ein halbes Dutzend Pferde weideten auf dem Wiesengrunde, der von Akazien aus den Baumschulen der Känguru-Insel umgeben war. Nach und nach zeigten sich Getreidefelder, einige Hufen Landes mit fahlen Aehren bedeckt, Heuschober, die wie große Bienenkörbe emporragten, Baumgärten mit frischer Umzäunung, wo, nach Vorschrift des alten Horaz, das Angenehme mit dem Nützlichen verbunden war, endlich eine einfache bequeme Wohnung, auf welche die Mühle mit ihrem spitzen Giebel heiter hinabragte und mit dem beweglichen Schatten ihrer großen Flügel umspielte. In diesem Augenblicke kam, auf das Gebell von vier großen Hunden, aus dem Hauptgebäude ein Mann von etwa fünfzig Jahren mit gewinnenden Gesichtszügen. Fünf hübsche, starke Jungen, seine Söhne, kamen hinter ihm drein, sammt ihrer Mutter, einer großen, kräftigen Frau. Dieser Mann mit seiner rüstigen Familie inmitten dieser noch neuen Anlagen, auf diesem noch jugendlichen Landgut, stellte ein vollendetes Musterbild des irländischen Kolonisten dar, welcher, des heimischen Elends überdrüssig, Glück und Vermögen jenseits des Meeres aufsuchte. Glenarvan hatte sich mit den Seinigen noch nicht vorgestellt, sie hatten noch nicht Zeit, ihre Namen und Eigenschaften kund zu geben, als sie mit der herzlichen Einladung begrüßt wurden: »Fremde, seid willkommen im Hause des Paddy O'Moore. – Irländer seid Ihr? sagte Glenarvan, und ergriff die dargereichte Hand. – Vormals war ich Irländer, erwiderte Paddy O'Moore. Jetzt bin ich Australier. Treten Sie ein, meine Herren, wer Sie auch sein mögen, und betrachten Sie das Haus als das Ihrige.« Eine so herzliche Einladung war ohne Complimente anzunehmen. Lady Helena und Mary Grant traten, geführt von Mrs. O'Moore, in die Wohnung ein, während die Söhne des Colonisten den Gästen ihre Waffen abnahmen. Das Erdgeschoß des Hauses, welches aus starken, wagerecht gelegten Bohlen errichtet war, bestand aus einem geräumigen, luftigen und hellen Saal. An den mit grellen Farben angestrichenen Wänden waren einige Bänke befestigt; ein Dutzend Schemel, zwei Truhen von Eichenholz, worin weißes Steingut und Kannen von glänzendem Zinn aufgehoben waren, ein langer und breiter Tisch, woran zwanzig Gäste bequem Platz hatten, bildeten eine Ausstattung, wie sie zu dem soliden Hause und seinen kräftigen Bewohnern paßte. Das Mittagsmahl wurde aufgetragen. Die Suppenschüssel dampfte zwischen dem Roastbeef und der Hammelskeule, und umher standen reich belegte Teller mit Oliven, Trauben und Orangen; neben dem Nothwendigen also fehlte es auch nicht am Ueberflüssigen. Wirth und Wirthin luden so freundlich ein, die lockende Tafel war so groß und reich besetzt, daß es unschicklich gewesen wäre, nicht daran Platz zu nehmen. Die Diener des Gutes, welche der Herr als seines Gleichen behandelte, kamen herbei und theilten die Mahlzeit. Paddy O'Moore wies mit der Hand auf die für die Fremden bestimmten Plätze. »Ich erwartete Sie«, sagte er einfach zu Lord Glenarvan. – Sie erwarteten mich? versetzte der Lord mit Staunen. – Ich erwarte stets Leute, die kommen«, erwiderte der Irländer. Darauf sprach er, während seine Familie und sein Gesinde ehrfurchtsvoll standen, mit würdiger Stimme das Tischgebet. Lady Helena war von der musterhaften Einfachheit der Sitten innig gerührt, und ein Blick ihres Mannes gab ihr zu verstehen, daß er ihre Bewunderung theile. Das Mahl glich einem Festschmaus. Auf allen Seiten entspann sich die lebhafteste Unterhaltung. Schotten und Irländer reichen sich die Hand. Der einige Klafter breite Tweed bildet eine weitere Kluft der Trennung, als der Irländische Canal zwischen Alt-Caledonien und dem grünen Alt-Irland. Paddy O'Moore erzählte seine Geschichte, welche der allen Heimatmüden glich, die das Elend aus ihrem Lande treibt. Viele suchen ihr Glück in der Fremde, finden aber nur Unglück und bittere Nachwehen. Sie klagen ihr Mißgeschick an, anstatt ihren eigenen Unverstand, ihre Trägheit und Laster. Wer nüchtern und muthig ist, sparsam und sittentüchtig, dem fehlt der Erfolg nicht. Von solchem Charakter war Paddy O'Moore. Er verließ seine Heimat Dundalk, wo er den nothdürftigen Lebensunterhalt nicht fand, zog mit seiner Familie nach Australien, landete zu Adelaide, verschmähte die Grubenarbeit, zog die Beschwerden des weniger unsicheren Landbaues vor, und begann nach zwei Monaten seine jetzt so gesegnete Pflanzung. Das ganze Gebiet von Süd-Australien ist in Portionen von achtzig Morgen Flächeninhalt vertheilt. Diese Loose werden von der Regierung den Kolonisten zugetheilt, und auf solch einem Loos kann ein fleißiger Landmann nicht nur seinen vollständigen Lebensunterhalt gewinnen, sondern auch ein hübsches Kapital von achtzig Pfund Sterling zurücklegen. Paddy O'Moore verstand dies. Seine Kenntnis des Landbaues kam ihm dabei wohl zustatten. Er fand seine Nahrung, sparte und erwarb mit dem Ersparnis des ersten noch andere Loose. Mit dem Glück seiner Familie gedieh auch seine Schöpfung. Der irländische Bauer ward Grundeigentümer, und schon nach zwei Jahren der Gründung besaß er fünfhundert Morgen von ihm urbar gemachten Landes mit einem Viehstand von fünfhundert Stück. Nun war er sein eigener Herr, vormals dagegen Sklave der Europäer; nun war er so unabhängig, wie man im freiesten Lande der Welt sein kann. Diese Erzählung des irländischen Auswanderers beantworteten seine Gäste mit aufrichtigen, herzlichen Glückwünschen. Als Paddy O'Moore seine Erzählung beendet hatte, erwartete er wohl ein gleiches Vertrauen, wollte aber nicht dazu auffordern. Er gehörte zu den bescheidenen Leuten, welche sagen: So ein Mann bin ich, aber ich frage Euch nicht, wer Ihr seid. Glenarvan seinerseits hatte wohl ein unmittelbares Interesse, vom Duncan zu reden, dessen Anwesenheit am Kap Bernouilli, und von den Nachforschungen, welche er mit unermüdlicher Ausdauer verfolgte. Aber als ein Mann, der gerade auf sein Ziel zugeht, fragte er zuerst Paddy O'Moore über den Schiffbruch der Britannia. Die Antwort des Irländers war nicht nach Wunsch. Er hatte nie von diesem Schiff ein Wort reden gehört. Seit zwei Jahren war kein Schiff an der Küste zu Grunde gegangen, weder oberhalb noch unterhalb des Kaps. Vor zwei Jahren war der Schiffbruch vorgekommen; er konnte daher mit Zuverlässigkeit versichern, daß die Schiffbrüchigen nicht auf diesen Theil der Westküste geschleudert worden seien. »Jetzt, Mylord, fuhr er fort, möcht' ich Sie fragen, aus welchem Interesse Sie diese Frage an mich richteten.« Darauf erzählte Glenarvan dem Pflanzer den Vorfall mit dem Document, die Reise der Yacht, die angestellten Versuche, den Kapitän Grant wieder aufzufinden; er verhehlte nicht, daß so entschieden ausgesprochene Versicherungen seine theuersten Hoffnungen zu Boden schlügen, und daß er die Hoffnung aufgebe, jemals die Schiffbrüchigen wieder zu finden. Diese Worte verfehlten nicht einen schmerzlichen Eindruck auf alle Zuhörer zu machen. Robert und Mary waren anwesend und hörten sie mit Thränen in den Augen. Paganel wußte kein Wort des Trostes und der Hoffnung zu finden. John Mangles empfand einen Schmerz, dessen er nicht Herr werden konnte. Bereits ergriff Hoffnungslosigkeit die Seele der edlen Menschen, welche der Duncan vergeblich an diese fernen Gestade geführt hatte, – als man die folgenden Worte vernahm: »Mylord, Gott sei Preis und Dank! Wenn der Kapitän Grant noch bei Leben ist, so befindet er sich lebend auf dem Boden Australiens!«   Siebentes Capitel. Ayrton. Diese Worte machten einen erstaunlichen Eindruck, der sich nicht schildern läßt. Glenarvan stand hastig auf, stieß seinen Stuhl zurück, und rief: »Wer spricht so? – Ich, erwiderte einer der Diener des Paddy O'Moore, der am Ende des Tisches saß. – Du, Ayrton! sagte der Pflanzer, ebenso überrascht, wie Glenarvan. – Ich, erwiderte Ayrton, in bewegten, doch festem Ton, ich, ein Schotte, wie Sie, Mylord, ich, einer der Schiffbrüchigen der Britannia.« Diese Erklärung machte einen unbeschreiblichen Eindruck. Mary Grant, halb ohnmächtig durch die Bewegung ihres Gemüths, halb sterbend vor Glück, sank in die Arme der Lady Helena. John Mangles, Robert, Paganel sprangen von ihrem Sitz auf und stürzten auf den zu, welchen Paddy O'Moore auf dem Namen Ayrton angeredet hatte. Es war ein Mann von fünfundvierzig Jahren und von rauhem Aeußern, dessen leuchtender Blick sich unter tiefdunkeln Augenbrauen verlor. Trotz seiner Magerkeit schien er von außergewöhnlicher Körperstärke zu sein. Er war ganz Nerv und Knochen, und vergeudete, um einen schottischen Ausdruck zu gebrauchen, seine Zeit nicht damit, Fett anzusetzen. Ein mittelgroßer Wuchs, breite Schultern, ein entschiedener Gang, ein Gesicht, das trotz der Härte seiner Züge, voller Intelligenz und Entschlossenheit war,nahmen für ihn ein. Die Sympathie, welche er einflößte, wuchs noch durch die Spuren eines noch jungen Leidens, welche auf seinem Gesicht abgeprägt waren. Man sah, daß er gelitten, und zwar viel gelitten hatte, obgleich er der Mann zu sein schien, Leiden zu ertragen, ihnen zu trotzen und sie zu überwinden. Glenarvan und seine Gefährten hatten diese Empfindungen auf den ersten Blick. Die Persönlichkeit Ayrton's imponirte von Anfang an. Glenarvan, der sich zum Dolmetscher der Anderen machte, bestürmte ihn mit Fragen, welche Ayrton beantwortete. Das Zusammentreffen Glenarvan's und Ayrton's hatte offenbar in Beiden eine gegenseitige Erregung erzeugt. Die ersten Fragen Glenarvan's jagten sich auch ohne alle Ordnung, wie gegen seinen Willen. »Sie sind Einer der Schiffbrüchigen von der Britannia? fragte er. – Ja, Mylord, der Quartiermeister des Kapitän Grant, antwortete Ayrton. – Und mit ihm nach dem Schiffbruche gerettet? – Nein, Mylord, nein! In jenem schrecklichen Augenblicke wurde ich getrennt, vom Verdeck weggerissen und an die Küste geschleudert. – Sie sind also Keiner der zwei Matrosen, deren das Document erwähnt. – Nein. Das Vorhandensein dieses Documentes ist mir ganz unbekannt. Das hat der Kapitän in's Meer geworfen, als ich nicht mehr an Bord war. – Aber der Kapitän? Der Kapitän? – ich hielt ihn für ertrunken, verschwunden, für untergegangen mit der ganzen Besatzung der Britannia. Ich glaubte der einzige Ueberlebende zu sein. – Sie sagten aber, daß der Kapitän Grant noch lebe. – Nein. Ich habe gesagt: Wenn der Kapitän noch lebt ... – Sie fügten hinzu: – so befindet er sich auf dem australischen Festlande! ... – Und er kann auch wirklich nur da sein. – Sie wissen demnach nicht, wo er ist? – Nein, Mylord. Ich wiederhole Ihnen, daß ich glaubte, er sei von den Fluthen verschlungen oder an den Felsen zerschellt. Erst von Ihnen höre ich, daß er noch leben könnte. – Nun aber, was wissen Sie überhaupt? fragte Glenarvan. – Das allein: Wenn Kapitän Grant noch am Leben ist, so ist er in Australien. – Wo hat denn der Schiffbruch stattgefunden?« sagte da der Major Mac Nabbs. Offenbar hätte das die erste Frage sein müssen; in der Aufregung aber, die dieses Ereigniß veranlaßte, unterrichtete sich Glenarvan, dem es vor Allem darauf ankam, zu wissen, wo sich der Kapitän Grant befand, gar nicht über den Ort, wo die Britannia verloren gegangen war. Von jetzt an nahm die Unterredung, die bis dahin unbestimmt und unlogisch gewesen war, die sich nur in Sprüngen bewegte, die Gegenstände nur oberflächlich berührte, ohne sie zu erschöpfen, die die Thatsachen vermengte und die Zeitangaben umkehrte, einen geregelten Gang an, und bald standen die Einzelheiten dieser dunkeln Geschichte klar und bestimmt vor dem Geiste der Zuhörer. Auf Mac Nabbs' Frage antwortete Ayrton folgendermaßen: A»ls ich vom Vorderkastell, wo ich den Klüverbaum niederholte, weggerissen wurde, trieb die Britannia auf die Küste Australiens zu. Sie war kaum zwei Kabellängen davon entfernt. An der nämlichen Stelle hat der Schiffbruch stattgefunden. – Auf dem siebenunddreißigsten Grade südlicher Breite? fragte John Mangles. – Auf dem siebenunddreißigsten Breitengrade, antwortete Ayrton. – An der westlichen Küste? – O, nein, an der östlichen, erwiderte lebhaft der Quartiermeister. – Und wann? – In der Nacht des 27. Juni 1862. – So ist es! So ist es! rief Glenarvan. – Sie sehen also wohl, Mylord, fügte Ayrton hinzu, daß ich Recht hatte zu sagen: Wenn Kapitän Grant noch lebt, so ist er auf dem Festlande Australiens, und nirgends sonstwo, aufzusuchen. – Und wir werden ihn suchen, finden und retten, mein Freund! rief Paganel aus. O, Du kostbares Dokument, setzte er in voller Naivetät hinzu, mau muß gestehen, daß Du in die Hände scharfsinniger Leute gefallen bist.« Ohne Zweifel hörte Niemand Paganel's schmeichelhafte Worte. Glenarvan, Lady Helena, Mary und Robert hatten sich um Ayrton gedrängt. Sie drückten ihm die Hände. Es schien, als ob die Gegenwart dieses Mannes eine Gewähr für die Rettung Harry Grant's darböte. Wenn der Matrose den Gefahren des Schiffbruches entgangen war, warum sollte sich der Kapitän nicht aus dieser Katastrophe gerettet haben? Ayrton wiederholte willig, daß Kapitän Grant so gut wie er am Leben sein werde. Wo, wußte er nicht zu sagen, aber gewiß auf diesem Continent. Mit Intelligenz und bemerkenswerter Sicherheit beantwortete er tausend Fragen, die auf ihn einstürmten. Miß Mary hielt, während sie sprach, eine seiner Hände in den ihrigen. Es war ja ein Begleiter ihres Vaters, dieser Matrose, einer der Seeleute von der Britannia! Er hatte neben Harry Grant gelebt, mit ihm die Meere durchschifft, denselben Gefahren getrotzt! Mary vermochte ihre Augen gar nicht von dem rauhen Antlitz abzuwenden, und weinte vor Glück. Bis dahin war es Niemand eingefallen, in die Wahrheitsliebe und Identität des Quartiermeisters einen Zweifel zu setzen. Nur der Major, und vielleicht John Mangles, die sich nicht so schnell ergaben, fragten sich, ob denn die Worte Ayrton's wirklich unbedingtes Vertrauen verdienten. Sein unvorhergesehenes Zusammentreffen konnte wohl einige Zweifel, wenn nicht einigen Verdacht, erregen. Gewiß hatte Ayrton Thatsachen und Zeitpunkte mit schlagender Genauigkeit angegeben. Aber Einzelheiten, so zutreffend sie sind, bilden noch keine Gewißheit, und gewöhnlich sucht sich, wie Jeder beobachtet hat, die Lüge durch die Genauigkeit der Einzelheiten zu stützen. Mac Nabbs bewahrte seine Ansicht, sprach sie aber nicht aus. Was John Mangles betrifft, so wichen seine Zweifel bald der Rede des Matrosen, und er hielt ihn wirklich für einen Begleiter des Kapitän Grant, als er ihn gegen das junge Mädchen von deren Vater sprechen hörte. Ayrton kannte Mary und Robert vollkommen. Er hatte sie in Glasgow noch bei der Abfahrt der Britannia gesehen. Er erinnerte sie an das Frühstück, welches den Freunden des Kapitäns zum Abschiede noch an Bord gegeben wurde. Der Sheriff Mac Intyre war mit dabei. Man hatte Robert, – der damals gegen zehn Jahre alt war – der Fürsorge des Rüstmeisters Dick Turner anvertraut, aber er entwischte diesem und kletterte in den Bramstengen herum. »Das ist wahr, das ist wahr!« rief Robert Grant. So erinnerte Ayrton an tausend geringfügige Umstände, ohne ihnen ein so besonderes Gewicht, wie es John Mangles that, beizulegen. Als er schwieg, bat ihn Mary mit sanfter Stimme: »Erzählen Sie doch noch mehr von unserem Vater, Herr Ayrton!« Der Quartiermeister befriedigte, so gut er konnte, die Wünsche des Mädchens. Glenarvan wollte ihn nicht unterbrechen, und doch drängten sich zwanzig nützlichere Fragen in seinem Geiste; doch hielt Lady Helena, die ihn auf Mary's freudige Rührung aufmerksam machte, seine Worte zurück. Bei dieser Gelegenheit erzählte Ayrton auch die Geschichte der Britannia und ihre Reise über den Stillen Ocean. Mary Grant kannte schon einen großen Theil derselben, da die Schiffsnotizen bis zum Mai 1862 reichten. Während jenes Zeitraums eines Jahres lief Harry Grant alle Hauptländer Oceaniens an. Er berührte die Hebriden, Neu-Guinea, Neu-Seeland, war entrüstet über die oft wenig gerechtfertigten Besitzergreifungen, und litt von dem bösen Willen der britischen Behörden, denn sein Fahrzeug war in den englischen Colonien vorher angemeldet. Indeß hatte er einen wichtigen Punkt auf der Westseite von Papuasien gefunden; dort erschien ihm die Gründung einer schottischen Kolonie nicht schwierig, und ihr Gedeihen gesichert; wirklich mußte ja wohl ein guter Hafen auf dem Wege nach den Molukken und den Philippinen Schiffe herbeiziehen, vorzüglich wenn die Durchstechung der Landenge von Suez den Weg um das Kap der Guten Hoffnung unnötig machte. Harry Grant gehörte zu denen, welche in England das Unternehmen des Herrn von Lesseps lobend würdigten und nicht politische Eifersüchteleien mit einem großen internationalen Interesse vermengten. Nach dieser Erforschung des Papualandes segelte die Britannia, um frischen Proviant einzunehmen, nach Callao, und verließ diesen Hafen wieder am 30. Mai 1862, um durch den Indischen Ozean und um das Kap herum nach Europa zurückzukehren. Drei Wochen nach seiner Abfahrt wurde das Schiff von einem furchtbaren Sturm verschlagen. Die Masten mußten gekappt werden. Da zeigte sich auch ein Leck, das man nicht zu stopfen vermochte. Die Besatzung war bald erschöpft und am Ende ihrer Kräfte. Man vermochte das Wasser nicht völlig auszupumpen. Acht Tage lang war die Britannia ein Spiel des Orkanes. Sie hatte sechs Fuß Wasser im Raume und sank allmälig. Die Boote waren ihr durch den Sturm entrissen worden. Alles hätte an Bord umkommen müssen, als in der Nacht des 27. Juni, wie es Paganel ganz richtig verstanden hatte, die Ostküste Australiens in Sicht kam. Bald scheiterte nun das Schiff mit einem furchtbaren Stoße. In diesem Augenblicke wurde Ayrton durch eine Woge weggerissen und mitten in die Brandung geschleudert, wo er das Bewußtsein verlor. Als er wieder zu sich kam, befand er sich unter den Händen von Eingeborenen, die ihn in das Innere des Landes hineinschleppten. Seitdem hatte er nichts wieder von der Britannia gehört, und nahm nicht ohne Ursache an, daß dieselbe an den gefährlichen Riffen der Twofold-Bai mit Mann und Maus zu Grunde gegangen sei. Hier endete der Bericht, soweit er Kapitän Grant betraf. Mehr als einmal veranlaßte er schmerzliche Ausrufe. Nur ungerechter Weise hätte der Major an der Echtheit desselben zweifeln können. Nach der Geschichte der Britannia aber mußte die besondere Geschichte Ayrton's ein noch lebhafteres Interesse erwecken. Gewiß hatte Grant, daran zweifelte man wegen des Vorhandenseins des Documentes nicht, mit zwei seiner Matrosen, ebenso wie Ayrton, den Schiffbruch überlebt. Von dem Schicksal des Einen ließ sich voraussichtlich auf das des Andern schließen. Ayrton wurde also veranlaßt, seine Abenteuer zu erzählen. Sein Bericht war sehr einfach und kurz. Der schiffbrüchige Matrose wurde als Gefangener eines eingeborenen Stammes nach den Gegenden, durch welche der Darling fließt, in das Innere, vierhundert Meilen nördlich vom siebenunddreißigsten Breitengrade, abgeführt. Dort lebte er zwar im Elend, da der Stamm selbst elend war, aber doch nicht mißhandelt. Es waren zwei lange Jahre einer peinlichen Sklaverei, doch hielt ihn die Hoffnung, seine Freiheit wiederzuerlangen, aufrecht. Er spähte die geringste Gelegenheit zur Flucht aus, und sollte sie ihn auch mitten in unzählige Gefahren stürzen. In einer Octobernacht des Jahres 1864 täuschte er die Wachsamkeit der Wilden und verschwand in der Tiefe ungeheurer Wälder. Während eines Monats lebte er dort von Wurzeln, eßbaren Farrnkräutern und Mimosengummi, irrte mitten durch die ungeheure Einöde und nahm am Tage die Sonne, in der Nacht die Sterne zum Führer, oft niedergeschlagen von der Verzweiflung. So streifte er über Moräste, Ströme, Berge, kurz jenen ganzen Theil des menschenleeren Continents, welchen nur selten Reisende auf ihren kühnen Zügen berührt haben. Endlich gelangte er, halbtodt vor Erschöpfung, in der gastlichen Wohnung Paddy O'Moore's an, wo er durch seiner Hände Arbeit eine glückliche Existenz fand. »Und wenn Ayrton mich lobt, sagte der irländische Colonist nach Beendigung dieses Berichts, so kann ich meinerseits nur ihn beloben. Er ist ein intelligenter, braver Mann, ein guter Arbeiter, und wenn es ihm recht ist, kann Paddy O'Moore's Haus noch lange das seinige sein.« Ayrton dankte mit einer Handbewegung dem Irländer und wartete, daß weitere Fragen an ihn gerichtet würden. Er sagte sich, daß die berechtigte Neugierde seiner Zuhörer befriedigt werden müsse. Auf was hätte er hinfort nicht geantwortet, das nicht hundertmal gesagt worden wäre? Glenarvan wollte eben, unter Benutzung des Zusammentreffens mit Ayrton und der Nachrichten, welche dieser gab, einen neu aufzustellenden Plan zur Sprache bringen, als der Major an den Matrosen die Frage richtete: »Sie waren also Quartiermeister an Bord der Britannia? – Ja«, erwiderte Ayrton ohne Zögern. Da er aber herausfühlte, daß dem Major eine Art von Mißtrauen, von vielleicht ganz leisem Zweifel diese Frage eingegeben hatte, setzte er hinzu: »Ich habe übrigens auch meinen Schiffervertrag aus dem Schiffbruche gerettet.« Sofort verließ er den Saal, um diese offiziellen Papiere zu holen. Nur eine Minute war er abwesend, aber diese genügte, Paddy O'Moore zu sagen: »Mylord, ich empfehle Ihnen Ayrton als rechtschaffenen Mann. In den zwei Monaten, die er in meinen Diensten stand, hatte ich keinerlei Klage über ihn zu führen. Ich kannte die Geschichte seines Schiffbruchs und seiner Gefangenschaft. Es ist ein ergebener Mensch, der Ihres ganzen Vertrauens wert ist.« Glenarvan wollte eben antworten, daß er nie an Ayrton's Wahrhaftigkeit gezweifelt habe, als dieser wieder eintrat und sein ganz regelrechtes Engagement vorlegte. Es war ein von den Reedern der Britannia und dem Kapitän Grant, dessen Handschrift Mary sogleich wiedererkannte, unterzeichnetes Papier. Es bestätigte, daß »Tom Ayrton, Matrose erster Klasse, als Quartiermeister an Bord des Dreimasters Britannia, von Glasgow, angenommen worden war«. Ueber die Identität Ayrton's konnte also kein Zweifel mehr bestehen, denn es war schwer anzunehmen, daß dieser Vertrag in seinen Händen wäre, ohne ihm wirklich zu gehören. »Jetzt, sagte Glenarvan, spreche ich den Beirat Aller an, und möchte sogleich darüber verhandelt haben, was nun zu thun angemessen ist. Ihre Ansichten, Ayrton, sind für uns von besonderem Werthe, und ich würde Ihnen sehr verbunden sein, wenn Sie uns dieselben mittheilen.« Nach einigen Augenblicken Ueberlegung erwiderte Ayrton: »Ich danke Ihnen sehr, Mylord, für das Zutrauen, welches Sie mir schenken, und hoffe mich dessen würdig zu zeigen. Ich habe einige Kenntniß von dem Lande, von den Sitten der Eingeborenen, und wenn ich Ihnen nützlich sein kann ... – Ganz gewiß, unterbrach ihn Glenarvan. – Ich glaube so wie Sie, nahm Ayrton wieder das Wort, daß sich der Kapitän Grant mit seinen zwei Matrosen aus dem Schiffbruche gerettet hat; da sie aber die englischen Besitzungen nicht erreicht haben und nicht wieder aufgetaucht sind, so bezweifle ich nicht, daß auch sie mein Loos ereilt hat und sie die Gefangenen eines Stammes wilder Ureinwohner sind. – Sie wiederholen da, Ayrton, sagte Glenarvan, dieselben Gründe, welche ich schon erwogen habe. Offenbar sind die Schiffbrüchigen Gefangene von Eingeborenen, so wie sie es auch befürchteten. Ist man aber zu der Annahme berechtigt, daß Jene auch, wie Sie, nordwärts vom siebenunddreißigsten Breitengrade weggeschleppt worden sind? – Das ist anzunehmen, mein Herr, antwortete Ayrton; die feindlichen Stämme wohnen nicht in der Nachbarschaft der unter englischer Herrschaft stehenden Districte. – Das würde unsere Nachforschungen freilich sehr erschweren, sagte Glenarvan ganz betroffen. Wie soll man die Spuren der Gefangenen im Innern eines so großen Landes wiederfinden?« Ein längeres Schweigen folgte dieser Betrachtung. Lady Helena fragte mit den Augen Einen ihrer Gefährten nach dem Andern, ohne eine Antwort zu erlangen. Selbst Paganel blieb ganz gegen seine Gewohnheit stumm. Sein gewöhnlicher Scharfsinn ließ ihn im Stiche. John Mangles durchmaß mit großen Schritten den Saal, als ob er auf dem Verdeck seines Schiffes irgendwie in Verlegenheit gewesen wäre. »Und Sie, Herr Ayrton, sagte endlich Lady Helena zu dem Matrosen, was würden Sie thun? – Madame, erwiderte lebhaft der Gefragte, ich würde mich wieder an Bord des Duncan einschiffen und direct nach dem Orte des Schiffbruchs begeben. Dort würde ich nach den Umständen handeln und vielleicht nach den Fingerzeigen, die der Zufall darbietet. – Gut, sagte Glenarvan, aber wir werden warten müssen, bis der Duncan reparirt ist. – Ah, Sie haben Havarie erlitten? fragte Ayrton. – Ja, erwiderte John Mangles. – Schwere? – Nein, die Schäden machen aber Werkzeuge nöthig, welche wir nicht an Bord haben. Einer der Schraubenflügel hat sich verbogen, und das kann nur in Melbourne wieder ausgebessert werden. –- Können Sie dahin nicht segeln? fragte der Quartiermeister. – Ja wohl; aber wenn wir nur ein wenig widrigen Wind hätten, würden wir bis zur Twofold -Bai sehr lange Zeit brauchen; jedenfalls muß es wieder nach Melbourne. – Nun gut, rief da Paganel, so gehe das Schiff nach Melbourne, wir gehen ohne dasselbe zur Twofold-Bai. – Und wie? fragte John Mangles. – Wir reisen durch Australien, wie wir zuvor durch Amerika gezogen sind, immer längs dem siebenunddreißigsten Breitengrade. – Aber der Duncan? warf Ayrton ein, der dabei ganz eigentümlich beharrte. – Der Duncan wird uns wiedertreffen, oder wir den Duncan, je nach den Umständen. Wird der Kapitän Grant auf unserm Wege aufgefunden, so kehren wir zusammen nach Melbourne zurück. Haben wir dagegen unsere Nachforschungen bis zur Küste fortzusetzen, so wird uns der Duncan dort treffen. Wer hat Etwas an diesem Plane auszusetzen? Vielleicht der Major? – Nein, erwiderte Mac Nabbs, wenn die Reise durch Australien ausführbar ist. – Sie ist so leicht ausführbar, daß ich Lady Helena und Miß Grant einlade, uns zu begleiten. – Sprechen Sie im Ernste, Paganel? fragte Glenarvan. – Ganz im Ernste, mein bester Lord. Es ist das eine Reise von dreihundertundfünfzig (englischen) Meilen, nicht mehr! Bei zwölf Meilen täglich dauert sie kaum einen Monat, d. h. gerade so lange, als für die Reparaturen des Duncan Zeit nöthig ist. Ja, wenn es sich darum handelte, das australische Festland unter niedrigerer Breite zu durchmessen, wenn man da, wo es seine größte Breite hat, durch kürzere Wege zustrecken, jene ungeheuren wasserarmen Wüsten mit ihrer fürchterlichen Hitze passiren, und überhaupt das unternehmen müßte, was die kühnsten Reisenden noch nicht versucht haben, das wäre etwas ganz Anderes. Der siebenunddreißigste Breitengrad aber durchschneidet die Provinz Victoria, ein durchweg englisches Land, mit gebahnten Wegen und Eisenbahnen, und in unserer Richtung zum großen Teil gut bevölkert. Das ist eine Reise, die man nach Belieben in der Kutsche, oder noch besser mit dem Karrenwagen macht. Es ist eine Spazierfahrt von London nach Edinburgh, nichts weiter. – Aber die wilden Thiere? sagte Glenarvan, der alle etwa möglichen Hindernisse zu erwähnen suchte. – In Australien gibt es keine wilden Thiere. – Aber die wilden Menschen? – Unter dieser Breite gibt es keine Wilden, und in jedem Falle sind sie nicht so grausam als in Neu-Seeland. – Aber die freien Verbrecher? – In den südlichen Provinzen Australiens gibt es deren nicht, nur im Osten. Die Provinz Victoria hat diese nicht nur zurückgewiesen, sondern sogar ein Gesetz erlassen, um freigelassene Verurteilte aus anderen Provinzen auszuschließen. Die Regierung zu Victoria hat in diesem Jahre sogar der Peninsular -Compagnie angedroht, ihr ihre Unterstützungsgelder zu entziehen, wenn die Schiffe Jener fortfahren würden, in den Häfen des Westens, wo die Verurtheilten zugelassen sind, Kohlen einzunehmen. Und das wissen Sie nicht, Sie, ein Engländer? – Ich bin für's Erste kein Engländer, erwiderte Glenaruan. – Was Herr Paganel sagte, ist vollkommen richtig, bestätigte Paddy O'Moore. Nicht allein die Provinz Victoria, sondern das ganze südliche Australien, Queensland, selbst Tasmania, sind übereingekommen, die Deportirten von ihren Territorien fern zu halten. Seit ich diese Farm bewohne, habe ich noch von keinem Einzigen reden hören. – Und ich meinestheils bin noch Keinem begegnet, sagte Ayrton. – Sie sehen also, meine Freunde, fuhr Paganel fort, sehr wenig Wilde, keine Raubthiere, keine Verbrecher! Es wird wenig Gegenden in Europa geben, von denen man dasselbe sagen könnte. Nun, sind wir einig darüber? – Was denkst Du darüber, Helena? fragte Glenarvan. – Was wir Alle darüber denken, mein lieber Edward«, antwortete Lady Helena, und wandte sich mit einem »Vorwärts! Vorwärts!« zu ihren Gesellschaftern. Achtes Capitel. Die Abreise. Es war nicht Lord Glenarvan's Gewohnheit, zwischen der Aufnahme eines Gedankens und seiner Ausführung viel Zeit zu verlieren. Als Paganel's Vorschlag einmal gebilligt war, erließ er sofort seine Anordnungen, um die Vorbereitungen zur Landreise in kürzester Frist zu vollenden. Für den übernächsten Tag, den 22. December, wurde die Abreise festgesetzt. Welche Erfolge würde die Reise durch Australien haben? Da die Anwesenheit Harry Grant's zur unbestrittenen Thatsache geworden war, so konnten die Folgen dieses Ausflugs sehr wichtig sein. Die günstigen Aussichten nahmen zu. Niemand schmeichelte sich, den Kapitän Grant gerade auf der Linie des siebenunddreißigsten Breitengrades anzutreffen, die strenge innegehalten werden sollte; aber vielleicht kreuzte sie seine Fährte und jedenfalls führte sie genau auf den Schauplatz des Schiffbruchs; das war der Hauptpunkt. Wenn sich überdies Ayrton den Reisenden anschließen wollte, um sie durch die Wälder der Provinz Victoria zu führen und bis an die Ostküste zu geleiten, so lag darin eine neue Gewähr für den Erfolg. Glenarvan fühlte das wohl; er hielt ganz vorzüglich darauf, sich der nützlichen Mitwirkung des Genossen von Harry Grant zu versichern, und er fragte seinen Wirth, ob es ihm nicht zu unangenehm sein werde, wenn er Ayrton den Vorschlag mache, ihn zu begleiten. Paddy O'Moore gab seine Zustimmung, doch nicht ohne den Verlust eines so ausgezeichneten Dieners zu bedauern. »Nun Ayrton, werden Sie uns bei dieser Expedition zur Aufsuchung der Schiffbrüchigen von der Britannia begleiten?« Ayrton beantwortete diese Frage nicht sofort; er schien selbst einige Augenblicke in Zweifel zu sein, doch nach einiger Ueberlegung sagte er: »Ja, Mylord, ich werde Ihnen folgen, und wenn ich Sie auch nicht auf die Fährte des Kapitän Grant zu führen vermag, mindestens führe ich Sie nach der Stelle, wo sein Schiff zertrümmert wurde. – Ich danke, Ayrton, erwiderte Glenarvan. – Eine einzige Frage, Mylord. – Und die wäre, mein Freund? – Wo werden Sie den Duncan wieder treffen? – In Melbourne, wenn wir Australien nicht von einer Küste bis zur andern durchziehen. An der Ostküste, wenn unsere Nachforschungen sich so weit ausdehnen . . . – Aber der Kapitän des Schiffes? . . . – Wird im Hafen von Melbourne meine Instructionen erwarten. – Gut, Mylord, rechnen Sie auf mich. – Ich rechne auf Sie, Ayrton«, antwortete Glenarvan. Der Hochbootsmann der Britannia empfing die lebhaftesten Dankesbezeigungen seitens der Passagiere des Duncan. Die Kinder seines Kapitäns überhäuften ihn mit den zärtlichsten Liebkosungen. Alle waren glücklich über seinen Entschluß, bis auf den Irländer, der mit ihm einen einsichtigen und treuen Gehilfen verlor. Paddy begriff aber den Werth, den Glenarvan auf die Anwesenheit des Quartiermeisters legte, und gab sich dabei zufrieden. Glenarvan beauftragte ihn, die Transportmittel zu dem Zuge durch Australien zu besorgen, und die Passagiere gingen, nachdem diese Angelegenheit geordnet und das Zusammentreffen mit Ayrton verabredet war, an Bord zurück. Der Rückweg war ein sehr erfreulicher. Alles war verändert, jeder Zweifel geschwunden. Die kühnen Sucher sollten nun nicht mehr wie Blinde auf dieser Linie der siebenunddreißigsten Parallele wandern. Harry Grant hatte, daran war nicht zu zweifeln, eine Zuflucht auf dem Festlande gefunden, und Jedermann fühlte sich voll von der Befriedigung, welche die Gewißheit nach langem Zweifel verleiht. Unter günstigen Umständen konnte der Duncan schon in zwei Monaten Harry Grant an der schottischen Küste an's Land setzen! Als John Mangles den Vorschlag, quer durch Australien und das mit den Passagieren zu reisen, unterstützte, rechnete er wohl darauf, daß auch er die Expedition diesmal begleiten werde. Er sprach darüber mit Lord Glenarvan. Er führte allerlei Argumente zu Gunsten seiner Absicht an, seine Ergebenheit für Lady Helena, für Se. Herrlichkeit selbst, seine Nützlichkeit als Ordner der Karawane und seine Unnöthigkeit als Kapitän an Bord des Duncan, endlich noch tausend vorzügliche Gründe, außer dem allerwichtigsten, von dem er Glenarvan nicht erst zu überzeugen brauchte. »Eine einzige Frage, John, sagte Glenarvan, haben Sie vollständiges Vertrauen zu Ihrem zweiten Officier? – Vollständiges, versetzte John Mangles. Tom Austin ist ein ganz guter Seemann. Er wird den Duncan an den Ort seiner Bestimmung führen, ihn mit Geschick ausbessern und am festgesetzten Tage zurückführen. Tom ist ein Sklave der Pflicht und der Disciplin. Nie würde er es auf sich nehmen, die Ausführung eines Befehles zu ändern oder zu verzögern. Ew. Herrlichkeit können auf ihn, wie auf mich selbst, zählen. – Zugestanden, John, sagte Glenarvan, Sie begleiten uns; denn es wird gut sein, fügte er lächelnd hinzu, daß Sie anwesend sind, wenn wir den Vater Mary Grant's auffinden. – O, Eu. Herrlichkeit!« ... stammelte John Mangles. Doch, das war Alles, was er sagen konnte. Er erbleichte einen Augenblick und ergriff die Hand, die ihm Lord Glenarvan darbot. Andern Tages kehrte John Mangles in Begleitung des Zimmermanns und einiger für den Transport von Lebensmitteln bestimmter Matrosen nach der Meierei Paddy O'Moore's zurück. Er sollte mit Unterstützung des Irlanders die Transportmittel in Ordnung bringen. Die ganze Familie, bereit, seine Anordnungen auszuführen, erwartete ihn. Ayrton war auch da und mit seinem erfahrenen Rat nicht sparsam. Paddy war über den Punkt mit ihm einverstanden, daß die reisenden Frauen den Weg mittels Ochsengespanns, die Herren aber zu Pferde machen sollten. Paddy war in der Lage, die Tiere und das Gefährt zu stellen. Das Fahrzeug war einer jener zwanzig Fuß langen Planwagen, der auf vollen Rädern, ohne Speichen und Felgen und ohne eisernen Radreifen, kurz auf vier einfachen Holzscheiben ruhte. Der Vorderwagen war mit dem Hinterteil nur auf sehr rohe und einfache Weise verbunden, so daß ein kurzes Wenden unmöglich war. Daran war eine fünfunddreißig Fuß lange Deichsel befestigt, an welcher der Länge nach sechs Ochsen paarweise Platz finden sollten. Die so angeschirrten Tiere zogen mit dem Kopfe und dem Nacken, indem ein Joch auf ihrem Nacken durch ein Quereisen mit einem Kummet in Verbindung stand. Es erforderte große Gewandtheit, dieses schmale, lange, hin- und herwiegende, zum Abweichen vom Wege geneigte Fuhrwerk zu leiten und diese Bespannung mit dem Treibstachel zu leiten. Ayrton hatte jedoch seine Lehrzeit auf der irischen Farm bestanden, und Paddy trat für seine Geschicklichkeit ein. Ihm wurde also die Rolle des Schaffners zu Theil. Das Gefährt, welches auch keine Federn hatte, bot keinerlei Bequemlichkeit, doch man mußte es nehmen, wie es eben war. John Mangles ließ es, da er an seiner Construction im Ganzen nichts zu ändern vermochte, wenigstens im Innern so gut als möglich herstellen. Zunächst theilte man es mittels einer Bretterwand in zwei Theile. Die Hintere Abtheilung war zur Aufnahme des Proviants, des Gepäcks und Mr. Olbinett's tragbaren Herdes bestimmt; die vordere war ganz den Frauen zugetheilt. Unter den Händen des Zimmermanns verwandelte sich diese in ein bequemes Zimmerchen, das mit einem dicken Teppich belegt, mit einer Toilette ausgestattet und mit zwei für Lady Helena und Miß Mary bestimmten Lagerstätten versehen war. Dicke Ledervorhänge schlossen dasselbe, wenn es nöthig war, ab und schützten es gegen die kalte Nachtluft. Zur Noth konnten bei Platzregen auch die Männer darin eine Zuflucht finden, aber gewöhnlich sollten diese die Zeit während des Lagerns unter dem Schutz eines Zeltes verbringen. John Mangles war darauf bedacht, in dem engen Raume alles für zwei Frauen Nothwendige unterzubringen, was ihm auch gelang. Lady Helena und Miß Grant sollten in diesem fahrenden Stübchen die bequemen Cabinen des Duncan nicht allzu sehr vermissen. Was die Herren betraf, so lag die Sache sehr einfach: sieben kräftige Pferde waren für Lord Glenarvan, Paganel, Robert Grant, Mac Nabbs, John Mangles und die beiden Seeleute Wilson und Mulrady bestimmt, die ihren Herrn bei dieser neuen Expedition begleiteten. Ayrton hatte natürlich seinen Sitz auf dem Bocke des Wagens, und Mr. Olbinett, der zum Reiten nicht viel Lust hatte, richtete sich in dem Bagageraum ganz gut ein. Pferde und Ochsen weideten auf den Wiesen der Ansiedelung und konnten im Augenblick der Abreise schnell zusammengeholt werden. Nachdem John Mangles seine Anordnungen getroffen und seine Weisungen hinterlassen hatte, kehrte er mit der irischen Familie, welche Lord Glenarvan ihren Besuch abstatten wollte, an Bord zurück. Ayrton hatte es für passend erachtet, sich ihnen anzuschließen, und um vier Uhr kamen John Mangles und seine Begleiter in den Salon des Duncan. Sie wurden mit offenen Armen empfangen. Glenarvan bot ihnen ein Mittagsmahl an Bord an. Er wollte an Höflichkeit nicht zurückstehen, und seine Gäste nahmen gern die Erwiederung ihrer australischen Gastfreundschaft in dem Salon der Jacht an. Paddy O'Moore war ganz verwundert. Die Ausstattung der Kajüten, die Tapeten und Teppiche, die ganze Verkleidung von Ahorn und Palisander erregten sein Staunen. Ayrton dagegen schenkte diesen überflüssigen Kostbarkeiten nur einen mäßigen Beifall. Dagegen prüfte der Quartiermeister der Britannia die Jacht mehr von seemännischem Gesichtspunkte; er durchsuchte sie bis auf den Grund des Schiffsraumes; er stieg zu dem Gemach der Schraube hinab, beobachtete die Maschine, unterrichtete sich über ihre effective Stärke, er durchstöberte die Kohlenbehälter, die Kambuse, den Pulvervorrath; er interessirte sich vorzüglich für das Waffenmagazin, für die Kanone auf dem Bordercastell und ihre Tragweite. Glenarvan hatte es mit einem Manne zu thun, der seine Sache verstand; er hörte das aus den Einzelfragen Ayrton's. Dieser beschloß endlich seinen Rundgang mit der Besichtigung der Masten und der Takelage. »Sie haben da ein schönes Schiff, Mylord, sagte er. – Wenigstens ein gutes, erwiderte Glenarvan. – Und sein Tonnengehalt? – Es mißt zweihundertzehn Tonnen. – Werde ich mich sehr täuschen, fuhr Ayrton fort, wenn ich sage, daß der Duncan bei vollem Dampfe bequem seine fünfzehn Knoten läuft? – Sagen Sie siebenzehn, versetzte John Mangles, und Sie werden richtiger rechnen. – Siebenzehn! rief der Quartiermeister, dann kann es aber von keinem Kriegsschiffe, und ich spreche von den besten, die es giebt, eingeholt werden. – Von keinem! erwiderte John Mangles, der Duncan ist eine wahre Schnellyacht, die sich in keiner Art der Fahrt besiegen lassen würde. – Auch nicht beim Segeln? fragte Ayrton. – Auch dabei nicht! – Nun, Mylord, und Sie, Kapitän, empfangen Sie die Complimente eines Seemannes, der es weiß, was ein Schiff werth ist. – Schön, Ayrton, erwiderte Glenarvan, so bleiben Sie bei unserm Schiffe, und es wird ganz von Ihnen abhängen, daß es auch das Ihrige sei. – Ich werde darauf bedacht sein«, entgegnete einfach der Quartiermeister. Jetzt kam Mr. Olbinett, um Sr. Herrlichkeit zu melden, daß die Mahlzeit aufgetragen sei. Glenarvan und seine Gäste begaben sich nach dem Oberdecksalon. »Ein sehr intelligenter Mann, dieser Ayrton, sagte Paganel zu dem Major. – Zu intelligent!« murmelte Mac Nabbs, dem, er wußte nicht weshalb, die Erscheinung und das Benehmen des Quartiermeisters nicht recht gefiel. Während der Tafel lieferte Ayrton sehr interessante Mittheilungen über den australischen Kontinent, den er vollkommen kannte. Er fragte nach der Anzahl Matrosen, die Glenarvan bei der Expedition mitnahm. Als er vernahm, daß ihn nur zwei, Mulrady und Wilson, begleiten sollten, war er erstaunt. Er wollte Glenarvan veranlassen, zu der Reisegesellschaft die besten Seeleute des Duncan heranzuziehen. Er kam immer darauf zurück; eine Beharrlichkeit, welche, nebenbei gesagt, in den Augen des Majors jeden Verdacht auslöschen mußte. – Aber, meinte Glenarvan, unsere Reise durch das südliche Australien bietet doch keinerlei Gefahr? – Keinerlei, antwortete Ayrton schnell. – Nun wohl, so lassen wir an Bord so viele Leute, als möglich. Es ist Mannschaft nöthig, um den Duncan unter Segel zu führen und ihn zu repariren. Vor Allem kommt es darauf an, daß er pünktlich an dem Orte, der ihm endgiltig bezeichnet wird, eintrifft. Also soll seine Besatzung nicht geschwächt werden.« Glenarvan's Bemerkungen schienen Ayrton einzuleuchten, und er widersprach nicht weiter. Als der Abend gekommen war, trennten sich Schotten und Irländer. Ayrton und Paddy O'Moore's Familie kehrten nach ihrer Behausung zurück. Pferde und Wagen sollten für den andern Tag bereit sein. Die Abreise wurde auf acht Uhr Morgens festgesetzt. Lady Helena und Miß Mary trafen ihre letzten Vorbereitungen. Sie waren kurz und jedenfalls weniger umständlich, als die Jacques Paganel's. Der Gelehrte verbrachte einen Theil der Nacht mit dem Abschrauben, Reinigen und Wiederanschrauben der Gläser seines Fernrohrs. So schlief er denn auch noch, als ihn der Major bei Tagesanbruch mit schallender Stimme erweckte. Schon war durch die Fürsorge John Mangles' das Gepäck nach der Ansiedelung geschafft worden. Ein Boot erwartete die Reisenden, die sogleich darin Platz nahmen. Der junge Kapitän ertheilte seine letzten Befehle an Tom Austin. Er empfahl ihm auf's dringendste, in Melbourne Lord Glenarvan's Weisungen abzuwarten, und dieselben, sie möchten sein, welche sie wollten, auf's Genaueste auszuführen. Der alte Seemann erwiderte John Mangles, daß er auf ihn bauen könne. Im Namen der Mannschaft brachte er Sr. Herrlichkeit seine Glückwünsche für das Gelingen der Expedition. Das Boot stieß ab, und ein donnerndes Hurrah erschallte in den Lüften. In zehn Minuten erreichte das Boot das Ufer; eine Viertelstunde später kamen die Reisenden an der irischen Farm an. Alles war bereit. Lady Helena war ganz erfreut über die für sie getroffene Einrichtung. Der ungeheure Wagen mit seinen roh gearbeiteten Rädern und dicken Planken gefiel ihr ausnehmend. Das Gespann von drei Ochsenpaaren verlieh ihm ein ganz patriarchalisches Aussehen. Ayrton harrte, den Treibstachel in der Hand, der Befehle seines neuen Herrn. »Wahrhaftig, sagte Paganel, das ist ja ein prächtiges Fuhrwerk, das alle Postkutschen der Erde aufwiegt. Ich kenne keine bessere Art und Weise, die Welt wie ein Marktschreier zu bereisen. Ein Haus, das seinen Ort verändert, mit geht und still steht, wo es Einem gut dünkt, was kann man mehr wünschen? Das hatten auch die Sarmaten, die gar nicht anders reisten, schon lange eingesehen. – Herr Paganel, erwiderte Lady Helena, ich hoffe das Vergnügen zu haben, Sie in meinen Salons empfangen zu können? – Wie so, Madame? erwiderte der Gelehrte; das wäre ja eine Ehre für mich. Haben Sie schon einen Empfangstag bestimmt? – Für meine Freunde bin ich alle Tage zu sprechen, entgegnete lachend Lady Helena, und Sie sind . . . – Der Ergebenste von Allen, Madame«, erwiderte Paganel galant. Dieser Austausch von Höflichkeiten wurde durch das Eintreffen der sieben Pferde unterbrochen, welche ein Sohn Paddy's mit Sattel und Geschirr herbeiführte. Lord Glenarvan einigte sich mit dem Irländer über den Preis der verschiedenen Erwerbungen und fügte noch seinen herzlichen Dank hinzu, den der wackere Kolonist den Guineen mindestens gleich achtete. Das Zeichen zum Aufbruch wurde gegeben. Lady Helena und Miß Grant nahmen in ihrer Wagenabtheilung Platz, Ayrton auf dem Bocke, Olbinett im Hintertheile. Glenarvan, der Major, Paganel, Robert, John Mangles und die beiden Matrosen, alle mit Karabinern und Revolvern bewaffnet, gaben ihren Pferden die Sporen. »Gott sei mit Ihnen!« rief Paddy O'Moore noch der Karawane nach, und seine Familie wiederholte es im Chore. Ayrton ließ ein eigenthümliches Geschrei vernehmen, und trieb seine Bespannung an. Der Wagen setzte sich in Bewegung, die Axen knarrten in den Naben der Räder, und bald verschwand bei einer Biegung des Weges die gastliche Pflanzung des brauen Irländers ihren Blicken. Neuntes Capitel. Die Provinz Victoria. Es war am 23. December 1864. Diesen, in der nördlichen Hemisphäre, so traurigen, düsteren, feuchten December hätte man auf diesem Kontinent Juni nennen können. Nach astronomischer Berechnung zählte man schon zwei Sommertage, denn am 21. hatte die Sonne den Wendekreis des Steinbocks erreicht, und ihr Stand über dem Horizont nahm schon einige Minuten ab. So sollte also in der heißesten Jahreszeit und unter fast tropischen Sonnenstrahlen diese neue Reise Lord Glenarvan's zur Ausführung kommen. Die englischen Besitzungen in diesem Theil des Stillen Oceans heißen insgesammt Austral-Asien. Es umfaßt Neu-Holland, Tasmanien, Neu-Seeland und einige umliegende Inseln. Das australische Festland ist in große Kolonien eingetheilt, die an Größe und Reichthum sehr ungleich sind. Wer einen Blick auf die von den Herren Petermann oder Peschel aufgenommenen neuesten Karten wirft, dem fällt sogleich das Gradlinige dieser Einteilungen auf. Die Engländer haben die vertragsmäßigen Striche, welche diese großen Provinzen von einander trennen, nach der Meßschnur gezogen. Sie haben weder den Gebirgsströmen, noch dem Lauf der Flüsse, weder der Verschiedenheit des Klimas, noch dem Unterschied der Racen Rechnung getragen. Diese Colonien grenzen rechtwinklig eine an die andere, und fügen sich in einander, wie die Stücke einer eingelegten Arbeit. An dieser Verkeilung von rechten Linien, rechten Winkeln, erkennt man das Werk des Geometers und nicht des Geographen. Schon die Küsten mit ihren verschiedenen Krümmungen, ihren Fjords, ihren Buchten, ihren Vorsprüngen, ihren Untiefen, erheben im Namen der Natur Einsprache durch ihre reizende Unregelmäßigkeit. Dieses schachbrettartige Aussehen erregte stets und mit vollem Recht die Laune Jacques Paganel's. Wäre Australien französisch gewesen, so würde der Geograph sehr wahrscheinlich sich nicht so leidenschaftlich des Richtscheites und des Lineals bedient haben. Die Colonien der Hauptinsel sind gegenwärtig sechs an der Zahl: Neu-Süd-Wales, Hauptstadt Sidney; Queensland mit der Hauptstadt Brisbania; die Provinz Victoria, Hauptstadt Melbourne; Süd-Australien, Hauptstadt Adelaide; West-Australien, Hauptstadt Perth, und endlich Nord-Australien, noch ohne Hauptstadt. Nur die Küsten sind von Kolonisten bevölkert. Kaum hat sich eine Stadt von einiger Wichtigkeit zweihundert Meilen weiter in's Land hinein gewagt. Das Innere des Festlandes, d. h. ein Flächeninhalt, der etwa zwei Drittel Europas an Größe gleichkommt, ist fast ganz unbekannt. Glücklicherweise durchschneidet der siebenunddreißigste Breitengrad nicht diese unendliche Einöde, diese unzugänglichen, jämmerlichen Gegenden, die der Wissenschaft schon so zahlreiche Opfer gekostet haben. Glenarvan hätte der Versuchung nicht widerstehen können. Er hatte es nur mit dem südlichen Theil Australiens zu thun, mit folgender Unterabtheilung. Ein kleiner Theil der Provinz Adelaide, die ganze Breite der Provinz Victoria, und endlich die Spitze des verkehrten Dreiecks, welches Neu-Süd-Wales bildet. Nun sind es kaum zweiundsechzig Meilen vom Cap Bernouilli bis an die Grenze der Provinz Victoria, also nicht mehr als zwei Tagemärsche, und Ayrton rechnete darauf, am folgenden Abend in Aspley, der westlichsten Stadt der Provinz Victoria, zu übernachten. Im Anfang einer Reise sind Reisende und Pferde immer frisch und kräftig; doch, hatte man auch gegen die Lebhaftigkeit der Ersteren nichts einzuwenden, schien es doch geboten, den Gang der Letzteren zu mäßigen. Wer weit kommen will, muß sein Thier schonen. Es wurde also bestimmt, täglich nicht mehr als fünfundzwanzig bis dreißig Meilen durchschnittlich zu machen. Außerdem mußten sich die Pferde nach dem langsameren Gang der Ochsen richten, die, wie leibhaftige mechanische Maschinen, an Zeit verlieren, was sie an Kräften voraushaben. Der Wagen mit seinen Passagieren, Lebensmitteln, war der Kern der Karawane, die wandernde Festung. Die Reiter konnten ihm zur Seite die Gegend durchstreifen, doch niemals sich weit entfernen. Da man also keine bestimmte Marschregel ertheilt hatte, stand es Jedermann frei, innerhalb einer gewissen Grenze zu thun, was ihm beliebte; der Jäger, die Ebene zu durchstreifen; den liebenswürdigen Gesellschaftern, mit den Insassen des Wagens zu plaudern; den Philosophen, unter einander zu philosophiren. Paganel, der alle diese verschiedenen Eigenschaften besaß, mußte überall zugleich sein, und war es auch. Der Zug durch die Provinz Adelaide bot nichts Interessantes dar. Eine Reihe kleiner, aber staubreicher Hügel, lange, wüste Strecken, die im Lande » Bush « genannt werden, einige mit salzhaltigem Gesträuch bedeckte Wiesen, dessen stachlige, eckige Blätter von den Schafen gerne gefressen werden, folgten sich mehrere Meilen lang. Hier und dort erblickte man einige » Pigsfaces «, Schafe mit einem Schweinskopf, eine Neu-Holland eigenthümliche Art, welche zwischen den Signalstangen der neuerdings von Adelaide bis zur Küste errichteten Telegraphenlinie weideten. Bis hierher erinnerten diese Ebenen merkwürdig an die einförmigen Strecken der argentinischen Pampas; sogar der glatte, rasige Boden, und derselbe, am Himmel scharf abgegrenzte Horizont. Mac Nabbs behauptete, das Land sei da gar nicht anders; aber Paganel äußerte, die Gegend werde sich bald ändern. Seiner Versicherung nach erwartete man also wunderbare Dinge. Gegen drei Uhr fuhr der Wagen durch einen großen, baumleeren Raum, der unter dem Namen »Moskitos-Ebene« bekannt ist. Der Gelehrte hatte die Genugtuung, seine Tüchtigkeit als Geograph beweisen zu können. Die Reisenden und ihre Tiere litten viel von den unaufhörlichen Stichen dieser lästigen Insekten; sie zu vermeiden war unmöglich; die Schmerzen ihrer Stiche zu mildern leichter, Dank der Ammoniakflaschen aus der Reiseapotheke. Paganel konnte sich nicht enthalten, diese blutdürstigen Tiere, welche seine lange Person mit ihren prickelnden Stichen quälten, zu allen Teufeln zu wünschen. Gegen Abend sah man die Ebene heiter, frische Akazienhecken; hier und dort Gruppen weißer Gummibäume; weiterhin eine frische Wagenspur; ferner Bäume europäischer Abkunft, wie Oliven-, Zitronenbäume und grüne Eichen, endlich gut unterhaltene Zäune. Um acht Uhr erreichten die Ochsen, von Ayrton mit dem Treibstachel angetrieben, die Station »Red-Gum«. Unter dem Wort Station versteht man die Niederlassungen im Innern des Landes, in denen Viehzucht, dieser größte Reichthum Australiens, getrieben wird. Viehzüchter sind die » Squatters «, das heißt Leute, welche sich auf den Boden setzen. Dies thut nämlich wirklich vor allen Dingen der durch seine Fußwanderungen über diese unendlich ausgedehnten Gegenden ermüdete Kolonist. Die Station Red-Gum war ein wenig bedeutender Platz, doch fand Glenarvan dort die herzlichste Gastfreundschaft. Der Tisch ist unablässig für den Reisenden unter dem Dach dieser einsamen Wohnungen gedeckt, und in einem australischen Kolonisten trifft man stets einen gefälligen Gastgeber. Am folgenden Morgen schirrte Ayrton schon bei Tagesanbruch seine Ochsen an, da er noch am selben Abend die Grenze von Victoria erreichen wollte. Der Boden wurde nach und nach unregelmäßiger. Eine Reihenfolge kleiner Hügel, sämmtlich mit scharlachrothem Sande bedeckt, zog sich wellenförmig hin, soweit der Gesichtskreis reichte. Es sah aus, als sei ein unendlich großes rothes Tuch, dessen Falten der Windhauch schwellte, über die Ebene geworfen. Einige »Malleys«, eine Art weißfleckiger Tannen mit glattem, geradem Stamm, breiteten ihre Zweige und ihr dunkelgrünes Laubwerk über fette Wiesen aus, auf denen es von munteren Springhasen wimmelte. Weiterhin erschienen große Felder voll Strauchwerk und jungen Gummibäumen; dann theilten sich die Gruppen auseinander, die einzelnen Büsche wurden Bäume und boten die erste Probe der australischen Wälder dar. Indeß veränderte sich das Aussehen des Landes bei Annäherung an die victorische Grenze merklich. Die Reisenden fühlten einen neuen Boden unter ihren Füßen. Ihre unveränderliche Richtung war immer die gerade Linie, ohne daß irgend ein Hinderniß, See oder Berg, sie nöthigte, eine krumme oder winkelige Linie einzuschlagen. Sie wandten unabänderlich den ersten theoretischen Lehrsatz der Geometrie praktisch an, und verfolgten, ohne Umweg, den kürzesten Weg von einem Ende zum andern. Von Mühseligkeiten und Schwierigkeiten kein Gedanke. Sie richteten sich nach dem langsamen Schritt der Ochsen; und kamen diese ruhigen Thiere auch nicht schnell voran, so gingen sie doch wenigstens ohne anzuhalten. So erreichte die Karawane nach einer Reise von sechzig Meilen in zwei Tagen, am 23. Abends, die Gemeinde Aspley, die erste Stadt der Provinz Victoria, auf dem hundertundeinundvierzigsten Längengrade, im Kreise Wimerra. Der Wagen wurde durch Ayrton im Crowns Inn eingestellt, einem Wirthshause, welches sich in Ermangelung eines Bessern den Namen »Gasthof zur Krone« beigelegt. Das Abendessen, einzig und allein aus Hammelfleisch bestehend, das in allen möglichen Arten zubereitet war, dampfte auf dem Tisch. Man aß viel, aber man plauderte noch mehr. Jeder, begierig sich über die Merkwürdigkeiten des australischen Festlandes zu unterrichten, befragte eifrig den Geographen. Paganel ließ sich nicht bitten, und erzählte von dieser Provinz Victoria, welche das glückliche Australien genannt wurde. »Falsche Bezeichnung! sagte er. Man sollte es lieber das reiche Australien nennen, denn es ist mit den Ländern wie mit den Menschen: der Reichthum macht das Glück nicht aus. Australien ist Dank seinen Goldminen, der verheerenden und wilden Rotte der Abenteurer anheimgefallen. Sie werden das sehen, wenn wir durch die goldhaltigen Landstriche kommen werden. – Ist die Colonie Victoria nicht ziemlich neuen Ursprungs? fragte Lady Glenarvan. – Ja, Madame, sie besteht erst seit dreißig Jahren. Es war am 6. Juni 1835, einem Dienstag ... – Um sieben ein Viertel Uhr Abends, fügte der Major hinzu, der sich gern mit Paganel über die Genauigkeit der Daten neckte. – Nein, um sieben Uhr zehn Minuten, versetzte der Geograph ernsthaft, als Batman und Falkner eine Niederlassung am Fort Philipp, in der Bucht, wo sich heute die große Stadt Melbourne ausbreitet, gründeten. Während fünfzehn Jahren machte die neue Colonie einen Theil von Neu-Süd-Wales aus, und hatte Sidney zur Hauptstadt. Im Jahre 1851 wurde sie für selbständig erklärt und nahm den Namen Victoria an. – Und seitdem ist sie sehr emporgeblüht? fragte Glenarvan. – Urtheilen Sie, mein lieber Freund, antwortete Paganel, nach den durch die letzte Statistik erlangten Ziffern, und was auch Mac Nabbs davon halten mag, ich kenne nichts Beredteres als die Ziffern. – Fangen Sie an, sagte der Major. – Im Jahre 1836 hatte die Colonie am Fort Philipp zweihundertvierundvierzig Einwohner. Heute zählt die Provinz Victoria fünfmalhundertundfünfzigtausend. Sieben Millionen Quadratfuß Weinbergsland liefern jährlich einmalhunderteinundzwanzigtausend Gallonen Wein. Einmalhundertunddreitausend Pferde galopiren über ihre Ebenen und sechsmalhundertfünfundsiebzigtausendzweihundertzweinundsiebenzig Stück Hornvieh nähren sich auf ihren unendlichen Weiden. – Hat sie nicht auch eine bestimmte Anzahl Schweine? fragte Mac Nabbs. – Ja wohl, Major, neunundsiebenzigtausendsechshundertfünfundzwanzig, wenn Sie nichts dagegen haben. – Und wie viel Schafe, Paganel? – Sieben Millionen einhundertundfünfzehntausendneunhundertdreiundvierzig, Mac Nabbs. – Auch das mit inbegriffen, welches wir jetzt eben essen, Paganel? – Nein, dies nicht inbegriffen, denn ist es schon zu drei Viertel verzehrt. – Bravo, Herr Paganel! rief Lady Glenarvan mit herzlichem Lachen aus. Man muß gestehen, daß Sie in diesen geographischen Fragen sehr bewandert sind, und mein Vetter Mac Nabbs mag es anfangen, wie er will, er wird Sie auf keiner Blöße ertappen. – Dies ist ja mein Gewerbe, Madame, ich muß diese Dinge kennen und sie im Nothfall lehren. Auch können Sie mir glauben, wenn ich Ihnen sage, daß dieses sonderbare Land uns noch Wunder aufspart. – Bisher, indessen, ... antwortete Mac Nabbs, welchem es Vergnügen machte, den Geographen zu reizen, und seinen Eifer anzuregen. – Aber warten Sie doch, ungeduldiger Major! rief Paganel. Sie haben kaum den Fuß über die Grenze gesetzt und sind schon unwillig! Nun wohl, ich sage Ihnen, und wiederhole es nochmals, daß ich behaupte, diese Gegend sei die merkwürdigste auf der ganzen Welt. Seine Gestaltung, seine Natur, seine Producte, sein Klima, ja sogar sein Verschwinden in der Zukunft, haben alle Gelehrten der Erde in Erstaunen gesetzt und werden es noch tun. Stellen Sie sich, meine Freunde, ein Festland vor, dessen äußere Teile und nicht der Mittelpunkt, sich ursprünglich aus den Fluten wie ein riesenhafter Ring, emporgehoben haben; ein Festland, welches vielleicht in seinem Mittelpunkt ein halb verdunstetes, unterirdisches Meer birgt; dessen Flüsse von Tag zu Tag austrocknen; wo die Feuchtigkeit weder in der Luft, noch im Boden existiert; wo die Bäume alle Jahre ihre Rinde statt der Blätter verlieren, wo die Blätter der Sonne ihre Seiten zuwenden, nicht ihre Oberfläche, so daß sie keinen Schatten geben, wo das Holz oft unverbrennbar ist; wo die Wälder niedrig, die Gräser riesenhaft sind, und die Tiere seltsam; wo die Vierfüßler Schnäbel haben wie der Ameisenigel und das Schnabeltier; wo das Känguru auf seinen ungleichen Füßen hüpft; wo die Schafe Schweinsköpfe haben, wo die Füchse von Baum zu Baum springen; wo die Schwäne schwarz sind; wo die Ratten Nester bauen; wo die Vögel durch die Mannigfaltigkeit ihres Gesanges oder Geschreies und ihrer Fähigkeiten den Geist in Erstaunen versetzen; wo der eine als Uhr dient, der andere mit einer Postillonspeitsche knallt, der eine den Ruderschlag nachahmt, der andere die Sekunden schlägt wie ein Uhrperpendikel, der eine des Morgens bei Sonnenaufgang lacht, und der andere Abends bei Sonnenuntergang weint! O, seltsames, närrisches, unlogisches, regelwidriges Land!« Der hastig vordringende Redefluß Paganel's schien nicht zum Stillstand kommen zu können. Der beredte Sekretär der Geographischen Gesellschaft konnte sich nicht mehr zurückhalten. Er sprach und sprach, wobei er heftig gestikulierte, und seine Gabel zur größten Gefahr für seine Tischnachbarn schwang. Aber zuletzt wurde seine Stimme durch einen Sturm von schallenden Bravos überboten, so daß er endlich zum Schweigen kam. Nach dieser Aufzählung der Merkwürdigkeiten Australiens dachte sicher Niemand mehr daran, ihn noch weiter zu fragen. Dennoch konnte sich der Major nicht enthalten, mit ruhiger Stimme zu sagen: »Und ist dies Alles, Paganel? – Ei nein, das ist nicht Alles, versetzte der Gelehrte mit neuer Heftigkeit. – Wie? fragte Lady Helena, der es ganz unheimlich wurde, es giebt noch staunenswerthere Dinge in Australien? – Ja, Madame, sein Klima! Es übertrifft durch seine Seltsamkeit noch seine Erzeugnisse. – Zum Beispiel! rief man. – Ich spreche nicht von den der Gesundheit zuträglichen Eigenschaften des an Sauerstoff so reichen und an Stickstoff so armen Australischen Festlandes; es hat keine feuchten Winde, weil die Passatwinde parallel an seinen Küsten wehen; die meisten Krankheiten kennt man dort nicht, vom Typhus an bis zu den Masern und den chronischen Leiden. – Dies ist indeß kein geringer Vorzug, bemerkte Glenarvan. – Ohne Zweifel, aber davon spreche ich nicht, erwiderte Paganel, das Klima hat hier, eine ... unwahrscheinliche Eigenschaft. – Welche? fragte John Mangles. – Sie werden es niemals glauben. – Doch, doch, riefen die auf's höchste gespannten Zuhörer. – Nun also ... – Was denn? – Es wirkt auf die Sitten wohlthätig! – Auf die Sitten wohlthätig? – Ja! antwortete der Gelehrte voller Ueberzeugung. Ja, sittenverbessernd. Hier oxydiren die Metalle nicht in der Luft, die Menschen ebenfalls nicht. Hier bleicht die reine, trockene Luft Alles auf's Schnellste, die Wäsche und die Seelen! Und man hatte in England wohl die Vorzüge dieses Klimas erkannt, als man sich entschloß, dies Land zu einer Besserungsanstalt zu machen. – Wie! Macht sich dieser Einfluß wirklich fühlbar? fragte Lady Glenarvan. – Ja, Madame, auf die Thiere und auf die Menschen. – Sie scherzen nicht, Herr Paganel? – Ich scherze nicht. Die Pferde und die Hausthiere sind hier von merkwürdiger Gelehrigkeit, Sie werden sehen. – Nicht möglich! – Aber es ist so! Und die in diese belebende und heilsame Luft verpflanzten Missethäter werden dort in einigen Jahren sittlich neu geboren. Diese Wirkung ist allen Philanthropen bekannt, in Australien werden alle Naturen besser. – Aber Sie, Herr Paganel, der Sie schon so gut sind, sagte Lady Helena, wie weit werden Sie es in diesem bevorzugten Lande bringen? – Zu einem ausgezeichneten Höhegrad«,Madame, antwortete Paganel, ganz einfach.   Zehntes Capitel. Wimerra-River. Am folgenden Morgen, 24. December, brach man mit dem Grauen des Tages auf. Die Hitze war bereits stark, aber erträglich, der Weg fast eben und dem Schritt der Pferde angemessen. Die kleine Schaar kam nun in einen ziemlich lichten Waldschlag. Am Abend, nach einer tüchtigen Tagereise, rastete sie an den Ufern des Weißen Sees, dessen Wasser salzig und nicht trinkbar ist. Dort war Jacques Paganel gezwungen, einzugestehen, daß dieser See nicht weißer als das Schwarze Meer schwarz und das Rothe Meer roth, der Gelbe Fluß gelb und die blauen Berge blau seien. Doch stritt der Geograph heftig aus wissenschaftlichem Selbstbewußtsein, aber man ließ seine Beweisgründe nicht gelten. Mr. Olbinett bereitete mit gewohnter Pünktlichkeit das Abendessen; darauf legten sich die Reisenden zur Ruhe, die einen im Wagen, die anderen im Zelt, und schliefen ungeachtet des kläglichen Geheuls der »Dingos«, der Schakale Australiens, unverzüglich ein. Eine wunderschöne Ebene, ganz mit Chrysanthemum bedeckt, erstreckte sich jenseits des Weißen Sees. Am folgenden Morgen hätten Glenarvan und seine Gefährten beim Erwachen dem prachtvollen Schmuck, der sich ihren Blicken darbot, gern länger ihre Bewunderung gezollt, doch mußte man aufbrechen. In der Ferne verriethen einige kleine Höhen die Erhebung des Bodens. Bis zum Horizont standen Wiese und Blumen im röthlichen Frühlingsschmnck. Der blaue Schimmer der Flachsblume mit den seinen Blättern vermischte sich mit dem Scharlachroth einer dieser Gegend eigentümlichen wachsenden Distelblume. Reicher Blüthenschmuck zierte die Grasfläche und der salzhaltige Boden prangte von buntblühenden Kräutern, aus welchen eine vorzügliche Soda gewonnen wird. Paganel nannte die verschiedenen Gewächse bei ihrem Namen, und bei seiner Liebhaberei, Alles zu beziffern, theilte er mit, daß die australische Flora bis jetzt viertausendzweihundert Pflanzenarten in hundertundzwanzig Familien zähle. Späterhin, nachdem der Wagen ungefähr zehn Meilen in größter Schnelligkeit zurückgelegt hatte, fuhr er rings umgeben von hohen Akazien-Mimosen und weißen Gummibäumen. Das Thierreich hingegen war weniger ergiebig an Erzeugnissen. Einige Kasuare sprangen durch die Ebene, ohne daß man sich ihnen hätte nähern können. Indessen war der Major so geschickt, ein sehr seltenes Thier zu erlegen. Es war ein »Jabiru«, der Riesenkranich der englischen Colonisten. Dieser Vogel war fünf Fuß groß und sein schwarzer, breiter, kegelförmiger, spitz zulaufender Schnabel achtzehn Zoll lang. Der violette Purpurglanz seines Kopfes stach grell ab von dem glänzenden Grün seines Halses, dem blendenden Weiß seiner Brust und dem hellen Roth seiner langen Beine. Man bewunderte den Vogel sehr, und der Major hätte die Ehre des Tages davongetragen, wenn nicht der junge Robert einige Meilen weiter ein unförmliches Thier tapfer erlegt hätte, das halb Igel, halb Maulwurf war, ein Wesen von unfertiger Gestalt, wie die ersten Thiere der Schöpfung. Eine dehnbare, lange, schlüpfrige Zunge hing aus dem zahnlosen Maule heraus und fing die Ameisen, welche seine Hauptnahrung bilden. »Das ist ein Ameisenigel! sagte Paganel. Haben Sie je ein solches Thier gesehen? – Ein abscheuliches Thier, antwortete Glenarvan. – Abscheulich, aber merkwürdig, versetzte Paganel; außerdem ist's ein Australien eigenthümliches Product; man würde es in jedem andern Welttheil vergeblich suchen.« Natürlich wollte Paganel das scheußliche Thier mitnehmen und beim Gepäck unterbringen. Doch war Mr. Olbinett so empört darüber, daß der Gelehrte darauf verzichtete, dieses Probeexemplar aufzubewahren. An diesem Tage kamen die Reisenden dreißig Minuten über den hunderteinundvierzigsten Längegrad hinaus. Bis hierher hatten sie wenig von Ansiedlern gesehen. Das Land schien öde, von Eingeborenen war keine Spur, denn die wilden Stämme durchziehen mehr die endlosen, von den Nebenflüssen des Darling und des Murray bewässerten nördlichen Einöden. Doch erregte ein merkwürdiges Schauspiel das Interesse der Gesellschaft Glenarvan's. Sie sollten eine jener unendlich großen Heerden zu sehen bekommen, welche kühne Speculanten aus den östlichen Gebirgen bis in die Provinz Victoria und nach Süd-Australien treiben. Gegen vier Uhr Nachmittags signalisirte John Mangles drei Meilen vor ihnen eine ungeheure Staubsäule, die sich am Horizont entwickelte. Woher kam diese Erscheinung? Man konnte sich dieselbe nicht erklären, und Paganel war geneigt, sie für ein Meteor zu halten, für welches seine lebhafte Einbildungskraft schon eine natürliche Ursache suchte. Ayrton that jedoch seinen Vermuthungen Einhalt, indem er erklärte, diese Staubwolke komme von einer auf dem Zuge befindlichen Heerde. Der Quartiermeister täuschte sich nicht; das dicke Gewölk kam näher; man vernahm ein Concert von Blöken, Wiehern und Brüllen. Menschenstimmen in der Form von Schreien, Pfeifen, Schelten vermischten sich mit dieser Pastoral-Symphonie. Ein Mann trat aus der lärmenden Masse hervor. Es war der Hauptanführer dieser vierfüßigen Armee. Glenarvan ging auf ihn zu, und es entspann sich ohne weiteres ein Gespräch. Der Führer oder » Stockeeper «, war Besitzer eines Theiles der Heerde. Er hieß Sam Machell und kam in der That aus den Provinzen im Osten, um sich nach der Bai Portland zu begeben. Seine Heerde bestand aus zwölftausendundfünfundsiebenzig Stück, nämlich tausend Ochsen, elftausend Schafen und fünfundsiebenzig Pferden. Alle diese Thiere, die in den Ebenen der Blauen Berge im magern Zustande angekauft worden waren, sollten auf den gesunden Weiden Südaustraliens fett gemacht und dann mit großem Vortheil verkauft werden; denn Sam Machell gewann dabei zwei Pfund Sterling am Ochsen und ein halbes Pfund Sterling am Schaf. Es war also ein bedeutendes Geschäft! Aber welche Geduld, welche Energie, welche Kraft zur Ertragung der Anstrengungen gehörte dazu, diese störrische Heerde an ihren Bestimmungsort zu führen! Sam Machell erzählte in wenig Worten seine Geschichte, während die Heerde ihren Zug zwischen den Mimosengebüschen fortsetzte. Lady Helena, Mary Grant und die Reiter waren abgestiegen und hatten sich in den Schatten eines großen Gummibaumes gesetzt, wo sie der Erzählung des Stockeepers zuhörten. Sam Machell war seit sieben Monaten unterwegs. Er machte ungefähr zehn Meilen täglich, und seine endlose Reise mußte noch drei Monate dauern. Um ihm bei seiner mühseligen Aufgabe zu helfen, hatte er zwanzig Hunde und dreißig Männer bei sich, unter denen sich fünf Schwarze befanden, die sehr geschickt waren, abirrende Thiere wieder aufzusuchen. Sechs Wagen folgten dem Heere. Treiber mit stockneipps, Peitschen mit achtzehn Zoll großen Stielen und neun Fuß langen Riemen, bewaffnet, machten die Runde, um die oft gestörte Ordnung wiederherzustellen, während die leichte Kavallerie der Hunde um die Flügel des Heeres streifte. Die Reisenden bewunderten die in der Heerde herrschende Ordnung. Die verschiedenen Racen gingen gesondert, denn wilde Ochsen und Schafe vertragen sich ziemlich schlecht; die ersteren wollen niemals dort werden, wo die letzteren gezogen waren. Deshalb war es nöthig, die Ochsen an die Spitze zu stellen, und diese, in zwei Bataillone getheilt, marschirten voran. Dann folgten fünf Regimenter Schafe, commandirt von zwanzig Führern, und die kleine Schwadron der Pferde bildete den Nachtrab. Sam Machell machte seine Zuhörer darauf aufmerksam, daß die Leiter der Armee weder Hunde noch Männer seien, sondern Ochsen, kluge »Leitochsen«, deren Ueberlegenheit von ihren Stammesgenossen anerkannt wird. Sie wandelten mit größter Würde voran, instinktmäßig den besten Weg einschlagend, und sehr bewußt ihres Rechtes, rücksichtsvoll behandelt zu werden. Man schonte sie auch, denn die Herde folgte ihnen ohne Widerstand. Wenn es ihnen beliebte anzuhalten, musste man ihnen nachgeben, und vergeblich hätte man den Marsch fortsetzen wollen, wenn sie nicht das Zeichen zum Aufbruch gegeben. So lange das Heer in der Ebene einherzog, war es gut, da gab es wenig Verwirrung, wenig Strapazen. Die Tiere weideten auf dem Wege, tränkten sich an den zahlreichen Flüsschen der Weideplätze, schliefen des Nachts, wanderten am Tage und sammelten sich, friedlich auf den Ruf der Hunde. Aber in den großen Wäldern des Festlandes, durch die Eucalyptus- und Mimosengebüsche hindurch, gab es schon mehr Schwierigkeiten. Schwadronen, Bataillone und Regimenter mischten sich durcheinander, oder kamen von einander ab, und man brauchte lange Zeit, sie wieder zusammenzutreiben. Wenn unglücklicherweise ein Leitochse sich verirrte, musste man ihn um jeden Preis wiederfinden, wollte man die Gefahr einer allgemeinen Unordnung vermeiden, und oft brauchten die Schwarzen mehrere Tage zu diesen schwierigen Nachforschungen. Wenn starker Regen fiel, so weigerten sich die trägen Tiere vorwärts zu gehen, und bei heftigen Gewittern bemächtigte sich eine Panik voll Verwirrung der vor Schrecken toll gewordenen Thiere. Doch der Stockkeeper überwand durch Willenskraft und Tätigkeit diese stets wiederkehrenden Schwierigkeiten. Er zog immer weiter Meile für Meile; ließ Ebenen, Wälder und Berge hinter sich. Aber neben so vielen vorzüglichen Fähigkeiten war der große Vorzug der Geduld erforderlich. Einer standhaften Geduld, nicht allein für Stunden, Tage, sondern für Wochen, bedurfte es beim Uebergang über Flüsse. Hier sah sich der Stockeeper von einem Gewässer, das nicht gerade zu tief war, gehemmt; ein Hinderniß entstand einzig durch den Eigensinn der Heerde, die sich weigerte, hinüber zu gehen. Die Ochsen, nachdem sie an dem Wasser geschlürft hatten, kehrten um. Die Schafe flohen nach allen Richtungen aus einander, um nicht dem nassen Elemente Trotz zu bieten. Man erwartete die Nacht, um die Truppe an den Fluß zurückzutreiben, es gelang nicht. Man warf die Böcke mit Gewalt hinein, die Schafe machten keine Miene, ihnen zu folgen. Man versuchte die Heerde durch Durst zu zwingen, indem man ihr mehrere Tage das Wasser vorenthielt; sie trank nicht und ging dennoch nicht vorwärts. Man trug die Lämmer an's andere Ufer, in der Hoffnung, daß die Mütter auf ihr Geschrei nachkommen würden; die Lämmer blökten und die Mütter rührten sich nicht am jenseitigen Ufer. Dies dauerte manchmal einen Monat, und der Stockeeper wußte nicht mehr was er mit seiner brüllenden, wiehernden, blökenden Armee machen sollte. Dann plötzlich, eines Tages, ohne Grund, aus Laune, man weiß nicht wie, durchschwimmt eine Abtheilung den Fluß, und jetzt entstand eine neue Schwierigkeit, die Heerde zu verhindern, sich in Unordnung hineinzustürzen. Die Verwirrung reißt in ihre Reihen ein, und viele Thiere kommen in den Stromschnellen um. Solche Einzelheiten hatte Sam Machell mitzutheilen. Während seiner Erzählung war ein großer Theil seiner Heerde in guter Ordnung vorbeigezogen. Es war Zeit, daß er sich an die Spitze seines Heeres begab, um die besten Weideplätze auszuwählen. Er verabschiedete sich also von Lord Glenarvan, bestieg ein ausgezeichnetes eingeborenes Pferd, welches einer der Männer am Zügel gehalten hatte, und bot Allen mit herzlichen Händedrücken Lebewohl. Nach einigen Augenblicken war er in einer Staubwolke verschwunden. Der Wagen setzte in entgegengesetzter Richtung seine kurze Zeit unterbrochene Fahrt fort und hielt erst Abends am Fuß des Talbotberges an. Paganel machte die richtige Bemerkung, dass nun der 25. Dezember sei, das von den englischen Familien so sehr gefeierte Christfest. Der Steward hatte es nicht vergessen, und ein erquickendes, unter dem Zelt aufgetragenes Abendessen trug ihm die aufrichtigen Lobsprüche der Theilnehmer ein. Man muß gestehen, Herr Olbinett hatte sich wirklich selbst übertroffen. Seine Vorratskammer hatte einen Beitrag europäischer Gerichte geliefert, welche man selten in den australischen Wüsten antrifft. Ein Renntierschinken, Stücke eingepökelten Rindfleisches, geräucherter Lachs, ein Hafer- und Gerstenkuchen, Tee nach Belieben, Branntwein im Ueberfluß, einige Flaschen Portwein machten dies stattliche Mahl aus. Man glaubte sich in den großen Speisesaal von Malcolm-Castle, mitten in den Hochlanden Schottlands versetzt. Gewiß, Nichts fehlte bei diesem Fest, von der Ingwersuppe an bis zur Fleischpastete des Desserts. Indes glaubte Paganel noch die Früchte eines wilden Orangenbaumes, der am Fuß des Hügels wuchs, hinzufügen zu müssen. Es war der » Maccaly « der Eingeborenen; seine Früchte waren ziemlich ungenießbar, aber seine zerdrückten Kerne brannten im Munde wie Cayennepfeffer. Der Geograph war aus Liebe zur Wissenschaft darauf versessen, sie so gewissenhafter Weise zu essen, daß er sich den Gaumen verbrannte und nicht mehr auf die Fragen antworten konnte, mit denen ihn der Major über die Eigenthümlichkeiten der Wüsten Australiens bestürmte. Am folgenden Tage, den 26. December, begab sich nichts Erzählenswerthes. Man traf auf die Quellen des Norton-Creek und später auf den halb eingetrockneten Mackenzie-Fluß. Das Wetter blieb anhaltend schön, bei erträglicher Hitze; der Wind kam aus Süden und erfrischte die Atmosphäre wie der Nordwind in der nördlichen Hemisphäre, worauf Paganel seinen Freund Robert Grant aufmerksam machte. »Ein glücklicher Umstand, fügte er hinzu, denn die Hitze ist durchschnittlich in der südlichen Hemisphäre viel größer als in der nördlichen. – Und warum? fragte der Knabe. – Warum? Robert, antwortete Paganel. Hast Du denn nie sagen hören, daß die Erde im Winter der Sonne viel näher ist? – Ja wohl, Herr Paganel. – Und daß die Winterkälte nur von den schrägen Sonnenstrahlen herrührt? – Gewiß. – Nun wohl, mein Junge, aus eben diesem Grunde ist es in der südlichen Hemisphäre wärmer. – Das verstehe ich nicht, antwortete Robert mit verwunderten Blicken. – Denke doch nach, versetzte Paganel. Wenn wir in Europa Winter haben, welche Jahreszeit herrscht dann hier in Australien, bei den Antipoden? – Der Sommer, sagte Robert. – Nun gut, weil genau zu dieser Zeit die Erde sich der Sonne nähert ... begreifst Du? – Ich begreife ... – So ist der Sommer der südlichen Himmelsstriche wärmer, in Folge der Nähe der Erde an die Sonne, als der Sommer der nördlichen Gegenden. – Wirklich, Herr Paganel. – Also, wenn man sagt, die Sonne steht der Erde »im Winter« näher, so gilt dies nur für uns, die wir den nördlichen Theil der Erdkugel bewohnen. – Daran hatte ich nicht gedacht, antwortete Robert. – Und jetzt geh', mein Junge, und vergiß es nicht mehr.« Robert nahm diese kleine kosmographische Lection gern an und lernte bald, daß die Temperatur der Provinz Victoria durchschnittlich 74 Grad Fahrenheit (+ 23° 33 hunderttheilig) betrage. Am Abend lagerte die Truppe fünf Meilen jenseits des Lonsdalesees, zwischen dem Drummont-Berg, der sich im Norden erhob, und dem Dryden, dessen mäßig hoher Gipfel sich am südlichen Horizont abzeichnete. Am folgenden Morgen, um elf Uhr, erreichte der Wagen die Ufer der Wimerra auf dem hundertunddreiundvierzigsten Meridian. Der eine halbe Meile breite Fluß floß in blauen Streifen zwischen zwei hohen Reihen von Gummi und Akazienbäumen. Einige prachtvolle Myrthenbäume ragten bis fünfzehn Fuß hoch ihre langen, niederhängenden, mit rothen Blüthen verzierten Zweige aus. Tausende von Vögeln, Goldammern, Zeisigen, goldgeflügelte Tauben, der geschwätzigen Papageien nicht zu vergessen, flatterten in dem grünen Gezweig umher. Auf der Oberfläche des Wassers belustigten sich ein paar schwarze Schwäne, die so scheu waren, daß man ihnen nicht nahe kommen konnte. Dieser seltene Vogel der australischen Flüsse verlor sich bald bei den geschlängelten Krümmungen der Wimerra, welche launisch durch diese anmuthige Landschaft stoß. Indessen hielt der Wagen auf einem Rasenteppich, dessen Ränder auf das reißende Gewässer herabhingen. Es gab kein Floß, keine Brücke. Dennoch mußte man hinüber, und Ayrton ging, um zum Hinüberfahren eine Furth zu suchen. Eine Viertelmeile aufwärts schien ihm der Fluß weniger tief, und er beschloß, hier an's andere Ufer überzusetzen. Verschiedenes Sondiren zeigte an, daß das Wasser nur drei Fuß hoch sei, deshalb konnte der Wagen es unternehmen, an dieser seichten Stelle ohne Gefahr hinüber zu fahren. »Es giebt kein anderes Mittel über diesen Strom zu kommen? fragte Glenarvan den Quartiermeister. – Nein, Mylord, antwortete Ayrton. Mir scheint dieser Uebergang nicht gefährlich; so werden wir uns aus der Verlegenheit ziehen. – Sollen Lady Glenarvan und Miß Grant den Wagen verlassen? – Keineswegs. Meine Ochsen gehen sicher, und ich nehme es auf mich, sie auf dem richtigen Wege zu erhalten. – Dann vorwärts, antwortete Glenarvan, ich vertraue mich Ihnen an.« Die Reiter umgaben das schwerfällige Gefährt, und man fuhr entschlossen in den Fluß hinein. Gewöhnlich werden die Wagen, wenn sie durch eine Furth gehen, mit einem Ring leerer Tonnen, die sie über dem Wasser erhalten, umgeben; hier fehlte aber dieser Schwimmgürtel. Man mußte sich deshalb den scharfen Sinnen der vom klugen Ayrton geführten Ochsen anvertrauen. Dieser leitete von seinem Sitze aus das Fuhrwerk; der Major und die beiden Matrosen durchschnitten den reißenden Strom einige Klaftern voraus; Glenarvan und John Mangles hielten sich zu beiden Seiten des Wagens, bereit den reisenden Damen zu Hilfe zu kommen. Paganel und Robert beschlossen die Reihe. Alles ging gut bis in die Mitte der Wimerra. Dort war der Grund tiefer und das Wasser stieg bis über die Radspeichen. Die aus der Furth gedrängten Ochsen konnten den Boden verlieren und die schwankende Maschine mit sich reißen. Ayrton bewies muthige Hingebung; er stieg in's Wasser und es gelang ihm, an die Hörner der Ochsen geklammert, sie auf den rechten Weg zurückzubringen. In diesem Augenblick erfolgte unversehens ein Ruck; es krachte und der Wagen neigte sich bedenklich auf die Seite; das Wasser drang an die Füße der Damen; der ganze Apparat kam aus dem Geleise; ungeachtet sich Glenarvan und John Mangles an die Wagenleitern anklammerten. Es war ein Moment höchster Angst. Glücklicherweise brachte ein heftiger Zug an der Halskette das Gefährt dem jenseitigen Ufer nahe. Die Füße der Ochsen und Pferde fanden unter sich einen aufwärts steigenden Bodengrund, und bald befanden sich Menschen und Thiere sicher am andern Ufer, sehr zufrieden, wenn auch durchnäßt. Nur das Vordertheil des Wagens war von dem Stoß zerbrochen, und das Pferd Glenarvan's hatte die Vorderhufen verloren. Dieser Unfall erforderte eine sofortige Ausbesserung. Man sah sich ziemlich verlegen an, als Ayrton zuletzt vorschlug, bis an die Station Black-Point, zwanzig Meilen nördlich, zu gehen und von dort einen Hufschmied zu holen. »Gehen Sie, gehen Sie, mein guter Ayrton, sagte Glenarvan. Wie viel Zeit brauchen Sie hin und zurück? – Fünfzehn Stunden vielleicht, antwortete Ayrton, mehr aber nicht. – Gehen Sie also, und in Erwartung Ihrer Rückkehr werden wir am Ufer der Wimerra lagern.« Nach einigen Minuten verschwand der Quartiermeister auf dem Pferde Wilson's hinter dichtem Mimosengebüsch. Elftes Capitel. Burke und Stuart. Der Rest des Tages wurde in Unterhaltungen und Spaziergängen verbracht. Die Reisenden durchstreiften plaudernd und bewundernd die Gegend an den Ufern der Wimerra. Die grauen Kraniche und die Ibis entflohen laut kreischend bei ihrem Nahen. Der Seidenvogel verbarg sich auf den hohen Aesten des wilden Feigenbaumes, Goldammer flatterten zwischen den herrlichen Liliaceen, die Martinsfischer verließen ihren gewöhnlichen Fischfang, während die ganze mehr civilisirte Familie der Papageien, der » Blue-Mountain «, in allen sieben Farben des Prismas schillernd, der kleine » Roschill « mit dem rothen Kopfe und der gelben Brust, und der » Lori « mit dem rothen und blauen Gefieder, – unaufhörlich bis zum Betäuben im Gipfel der blühenden Gummibäume schwätzten. So bewunderten die Spaziergänger diese schöne Natur bis zum Sonnenuntergang, bald im Grase am Rande murmelnder Bäche hingelagert, bald auf gut Glück in den Mimosengebüschen umherschweifend. Die Nacht kam nach kurzer Abenddämmerung überraschend schnell heran, als sie noch eine halbe Meile vom Lager entfernt waren. Sie kehrten zurück, geleitet nicht durch den Polarstern, der in der südlichen Hemisphäre unsichtbar ist, sondern durch das Kreuz des Südens, welches halbwegs vom Horizont nach dem Zenith glänzte. Mr. Olbinett hatte das Abendessen unter dem Zelte angerichtet, das einen besonderen Reiz durch ein Salmi von Papageien erhielt, welche Wilson zu erlegen und der Steward geschickt zuzubereiten verstanden hatte. Als die Mahlzeit beendet war, suchte man um die Wette einen Vorwand, um die ersten Stunden einer so schönen Nacht nicht dem Schlafe zu opfern. Lady Helena verständigte sich mit Allen, um Paganel zu bitten, ihnen von den großen australischen Reisenden zu erzählen, was er ihnen schon lange versprochen, hatte. Paganel war mit Vergnügen dazu bereit. Seine Zuhörer lagerten sich am Fuß einer prächtigen Banksia; Cigarrendampf stieg bald bis zu dem schattigen Laubwerk auf, und der Geograph ergriff, seinem unerschöpflichen Gedächtniß vertrauend, das Wort: »Sie erinnern sich, meine Freunde, und der Major hat es gewiß nicht vergessen, an die Aufzählung der Reisenden, die ich Ihnen an Bord des Duncan gab. Von all' denen, die in's Innere des Festlandes vorzudringen versuchten, ist es nur Vieren gelungen, dasselbe von Süden nach Norden oder umgekehrt zu durchziehen. Es sind dies Burke im Jahre 1860 und 1861; Mac Kinlay 1861 und 1862; Landsborough 1862 und Stuart ebenfalls 1862. Von Mac Kinlay und Landsborough kann ich Ihnen nicht viel sagen. Ersterer ging von Adelaide bis an den Golf von Carpentaria, der Zweite vom Golf Carpentaria bis Melbourne. Beide waren von australischen Comités zur Erforschung Burke's ausgesandt, der nicht wieder erschienen, und niemals wieder erscheinen sollte. Burke und Stuart, das sind die beiden kühnen Forscher, von denen ich weiter sprechen will. Im Jahre 1860, am 20. August, begann unter dem Schutze der königlichen Gesellschaft von Melbourne, ein ehemaliger irländischer Officier, früher Polizeiinspector von Castlemaine, O'Hara Burke, seine Reise. Er war von 11 Männern begleitet. Diese waren: William John Wills, ein junger ausgezeichneter Astronom, der Doctor Becker, ein Botaniker, Gray, King, ein junger Officier der indischen Armee, Landells, Brahe und mehrere Seapoys; fünfundzwanzig Pferde und fünfundzwanzig Kameele dienten den Reisenden, sowohl zum Reiten, als um ihr Gepäck und Lebensmittel auf achtzehn Monate zu befördern. Die Expedition sollte zu dem Golf von Carpentaria an der nördlichen Küste dringen. Dabei hielt sie zuerst längs dem Lauf des Flusses Cooper. Sie kamen ohne Mühe über die Ufer des Murray und Darling und erreichten die Station Menindie an der Grenze der Colonien. Da machte man die Wahrnehmung, daß das zahlreiche Gepäck sehr hinderlich sei. Diese Unbequemlichkeit und eine gewisse Härte in Burke's Charakter, erzeugten eine Verstimmung in der Truppe. Landells, der Kameelführer, trennte sich, gefolgt von einigen hindostanischen Dienern, von der Expedition und kehrte an die Ufer des Darling zurück, während Burke seine Reise fortsetzte, bald durch prachtvolle, reich bewässerte Weideplätze, bald durch steinigte und wasserarme Gegenden bis zu dem Coopers-Creek hinab. Am 20. November, drei Monate nach seiner Abreise, errichtete er das erste Depot für Lebensmittel an dem Ufer des Flusses. Hier wurden die Reisenden einige Zeit lang aufgehalten, da sie keinen Weg nach Norden fanden, auf dem sie sicher sein konnten, Wasser zu haben. Nach großen Mühseligkeiten erreichten sie einen Lagerplatz, den sie Fort Wills nannten. Dort errichteten sie einen von Palissaden umzäunten Posten, auf dem halben Wege von Melbourne nach dem Golf von Carpentaria. Hier theilte Burke seine Truppe in zwei Theile. Der Eine unter dem Befehl Brahe's sollte drei Monate, und wenn es nicht an Lebensmitteln fehlte, noch länger im Lager bleiben, und die Rückkehr des andern erwarten. Dieser bestand nur aus Burke, King, Gray und Wills. Sie nahmen sechs Kameele mit und Nahrungsmittel auf drei Monate, das heißt drei Centner Mehl, fünfzig Pfund Reis, fünfzig Pfund Hafermehl, einen Centner getrocknetes Pferdefleisch, hundert Pfund gesalzenes Schweinefleisch und Speck und dreißig Pfund Zwieback; dieser Vorrath sollte reichen, um eine Reise von sechshundert Meilen hin und zurück zu machen. Die vier Männer brachen auf. Nach einem mühseligen Weg durch eine steinige Wüste, kamen sie an den Fluß Eyre, den äußersten Punkt, welchen Stuart 1845 erreicht hatte, und schlugen, indem sie sich so genau als möglich an den vierzigsten Meridian hielten, den Weg nach Norden ein. Am 7. Januar passirten sie den Wendekreis unter einer glühenden Sonne. Sie wurden oft von trügerischen Luftbildern getäuscht, litten Wassermangel, wurden wieder durch Gewitter erfrischt, fanden hier und da umherstreifende Eingeborene, über die sie sich nicht zu beklagen hatten, kurz, sie waren im Ganzen wenig von Schwierigkeiten belästigt, die den Weg weder durch Seen, Flüsse oder Berge hemmten. Am 12. Januar zeigten sich im Norden einige Sandsteinhügel; unter andern der Forbesberg und eine Reihe von Granitfelsen. Jetzt wurde die Mühsal groß, und man kam kaum vorwärts, da auch die Thiere sich weigerten, weiter zu gehen. »Immer noch in Granitfelsen! Die Kameele schwitzen vor Angst!« schrieb Burke in sein Reisebuch. Trotzdem erreichten die Reisenden durch Ausdauer die Ufer des Turnerflusses, dann den obern Lauf des Flinders, den Stokes im Fahre 1841 sah, und der sich in den Golf von Carpentaria zwischen Palmen und Eucalyptengebüsche ergießt. Die Nähe des Oceans gab sich durch eine weite Strecke Sumpflandes kund. Eins der Kameele kam darin um, und die übrigen weigerten sich hindurch zu gehen. King und Gray mußten deshalb mit ihnen zurückbleiben, während Burke und Wills weiter nordwärts gingen und nach großen, in ihren Notizen nur dunkel angegebenen Schwierigkeiten an einem Punkt ankamen, wo die Meeresfluth die Sümpfe überdeckt; doch vom Ocean sahen sie nichts. Dies war am 11. Februar 1861. – Also, sagte Lady Glenarvan, konnten diese kühnen Männer nicht darüber hinaus? – Nein, Madame, antwortete Paganel. Der sumpfige Boden wich unter ihren Füßen, und sie mußten daran denken, zu ihren Gefährten am Fort Wills zurückzukehren. Eine traurige Rückkehr, versichere ich Sie! Schwach und erschöpft sich hinschleppend, kamen sie zu King und Gray zurück. Darnach wandte sich die Expedition auf der bisher verfolgten Straße südwärts dem Coopers-Creek zu. Die weitere Entwickelung dieser Reise, die Gefahren und Leiden derselben, kennen wir nicht genau, denn die Notizen fehlen im Taschenbuch der Erforscher. Sie mußten aber schrecklich gewesen sein. In der That, als sie im Monat April im Thale des Cooper anlangten, waren es nur noch ihrer drei. Gray war den Mühsalen unterlegen, desgleichen waren vier Kameele gefallen. Indeß, wenn es Burke gelang, das Fort Wills zu erreichen, wo ihn Brahe mit seinem Lebensmitteldepot erwartete, so war er mit seinen Gefährten gerettet. Sie verdoppelten ihre Energie, sie schleppten sich noch einige Tage fort, am 21. April bemerkten sie die Umzäunungen des Forts, sie erreichten es! ... An diesem Tage war Brahe nach fünfmonatlichem vergeblichen Warten fortgezogen. – Fort! rief der junge Robert aus. – Ja, fort! am selben Tage, durch ein beklagenswerthes Verhängniß! Die von Brahe zurückgelassene Notiz war nicht sieben Stunden alt! Burke konnte nicht daran denken, ihn einzuholen. Die unglücklichen Verlassenen erholten sich ein wenig durch die Lebensmittel des Depot, doch fehlten ihnen die Transportmittel, und vom Darling waren sie noch hundertundfünfzig Meilen entfernt. Nun dachte Burke, der Meinung Wills' entgegen, daran, die Australischen Niederlassungen am Berg Hopeleß, sechzig Meilen vom Fort Wills, zu erreichen. Man machte sich auf den Weg. Von den zwei übrig gebliebenen Kameelen kam eins in einem sumpfigen Zufluß des Coopers-Creek um; das andere will keinen Schritt mehr machen; man muß es tödten und sich von seinem Fleische nähren; bald sind die Lebensmittel aufgezehrt. Die drei Unglücklichen sind genöthigt, von »Nardu«, einer Wasserpflanze, deren Wurzelknoten eßbar sind, zu leben. Aus Mangel an Wasser, an Transportmitteln, können sie sich nicht von den Ufern des Cooper entfernen. Eine Feuersbrunst verzehrt ihre Hütte und ihre Lagereffecten. Sie sind verloren! Es bleibt ihnen nichts übrig, als sterben! Burke rief King zu sich und sagte ihm: »Ich habe nur noch einige Stunden zu leben, hier ist meine Uhr und meine Notizen. Wenn ich todt bin, so wünsche ich, daß Sie mir eine Pistole in die rechte Hand geben, und daß Sie mich so lassen, wie ich bin, ohne mich in die Erde zu graben!« Dies waren seine letzten Worte; er verschied am nächsten Morgen um acht Uhr. King, voll Schrecken und Bestürzung, machte sich auf den Weg, einen australischen Stamm aufzusuchen. Als er zurückkam, war auch Wills erlegen. King fand bei Eingeborenen Aufnahme, und wurde im Monat September von der Expedition des Mr. Howitt aufgefunden, der zugleich mit Mac Kinlay und Landsborough ausgeschickt war, Burke aufzusuchen. So überlebte also von den vier Forschern nur einer diese Reise durch das Australische Festland.« Die Erzählung Paganel's machte auf das Gemüth seiner Zuhörer einen schmerzlichen Eindruck. Jeder dachte an den Kapitän Grant, der vielleicht wie Burke und die Seinigen mitten in diesem traurigen Lande umherirrte. Waren die Schiffbrüchigen den Leiden entgangen, welche jene kühnen Bahnbrecher aufrieben? Diese Gedanken waren so natürlich, daß Mary Grant die Thränen in die Augen traten. »Mein Vater, mein armer Vater, murmelte sie. – Miß Mary, Miß Mary! rief John Mangles aus, um solche Leiden zu erdulden, muß man sich in die inneren Gegenden wagen! Der Kapitän Grant ist aber in den Händen der Eingeborenen wie King, und wie dieser wird er gerettet werden! Er hat sich niemals in eben so schlimmen Verhältnissen befunden! – Niemals, fügte Paganel hinzu, und ich wiederhole Ihnen, mein liebes Fräulein, die Australier sind gastfrei! – Gott gebe es! antwortete das Mädchen. – Und Stuart? fragte Glenarvan, welcher die traurigen Gedanken ablenken wollte. – Stuart? antwortete Paganel. O, Stuart ist glücklicher gewesen und sein Name ist in den Annalen Australiens berühmt. Vom Jahre 1848 an bereitete sich John Mac Doual Stuart, Ihr Landsmann, meine Freunde, auf seine Reisen vor, indem er sich in die im Norden von Adelaide belegenen Wüsten begab. Im Jahre 1860 versuchte er, nur von zwei Männern begleitet, vergeblich in's Innere Australiens zu dringen. Er war kein Mann, der sich leicht entmuthigen ließ. Am 1. Januar 1861 verließ er an der Spitze von elf entschlossenen Männern den Chambers-Creek und hielt erst sechzig Meilen vom Golf von Carpentaria an; da die Lebensmittel aber ausgingen, mußte er nach Adelaide zurückkehren, ohne das furchtbare Festland durchziehen zu können. Indeß versuchte er sein Glück noch einmal, und organisirte eine dritte Expedition, welche diesmal das so heiß ersehnte Ziel erreichen sollte. Das südaustralische Parlament begünstigte dies neue Unternehmen auf's Wärmste und setzte eine Summe von zweitausend Pfund Strl. als Unterstützung aus. Stuart traf alle Vorkehrungen, die ihm seine Erfahrungen als Wegbahner an die Hand gaben. Seine Freunde, der Naturforscher Waterhouse, seine früheren Begleiter Thring, Kekwick, sodann Woodforde, Auld, zehn im Ganzen, vereinigten sich mit ihm. Er nahm zwanzig amerikanische Lederschläuche mit, von denen jeder sieben Gallonen hielt, und am 5. April 1862 befand sich die Expedition am Newcastle-Water beisammen, jenseits des achtzehnten Breitengrades, an demselben Punkte, über den Stuart nicht hatte hinauskommen können. Seine Reiseroute folgte ungefähr dem hundertundeinunddreißigsten Meridian, und wich demgemäß sieben Grad westlich von der Burke's ab. Das Becken des Newcastle-Waters sollte als Basis neuer Forschungen dienen. Vergeblich versuchte Stuart durch dichte Wälder von Norden nach Nordosten vorzudringen. Dieselbe Erfolglosigkeit, westlich den Victoriafluss zu erreichen; undurchdringliche Gebüsche versperrten jeden Ausgang. Stuart entschloß sich nun, sein Lager zu wechseln, und es gelang ihm, dasselbe ein wenig weiter nach Norden in die Sümpfe des Hower zu verlegen. Von dort nun, nach Osten zu, traf er inmitten von Grasflächen auf den Dailybach, an welchem er ungefähr dreißig Meilen weit hinaufzog. Die Gegend wurde prachtvoll; ihre Weiden würden einem Squatter das Herz erfreut und ein Vermögen gebracht haben; die Eucalyptus wuchsen dort bis zu einer erstaunlichen Höhe. Stuart drang immer weiter, und erreichte die Ufer des Strangway-Flusses und des Ropers-Creek, den Leichhardt entdeckt hat; ihre Gewässer flossen rings unter Palmen, welche dieser Tropengegend entsprachen. Hier lebten Stämme von Eingeborenen, welche die Naturforscher freundlich aufnahmen. Von diesem Punkte aus nahm die Expedition ihre Richtung nach Nord-Nordwesten, und versuchte durch ein Terrain von Sandstein- und eisenhaltigen Felsen die Quellen des Adelaideflusses zu finden, welcher sich in den Golf Van-Diemens ergießt. Darauf zog sie durch das Arnhem-Land, rings umgeben von Kohl-Palmen, Bambus, Pinien und Pendanis. Der Adelaide wurde breiter, seine Ufer sumpfig; man war dem Meere nahe. Dienstag, den 22. Juli, lagerte Stuart in den Sümpfen des Fresh-Water; hier setzten ihn zahllose Bäche, die den Weg abschnitten, in Verlegenheit. Er schickte drei seiner Gefährten aus, um eine Furth aufzusuchen; am nächsten Tage erreichte er, nachdem er bald hemmende Buchtenflüßchen umgehen mußte, bald in kothigen Morästen stecken blieb, einige höher gelegene grasbewachsene Ebenen, die mit Gruppen von Gummi- und faserrindigen Bäumen bedeckt waren. Hier fanden sich Schaaren von Gänsen, Ibis und anderen äußerst scheuen Wasservögeln, die umherflatterten. Von Eingeborenen traf man wenige oder keine, nur in der Ferne sah man den Rauch aus den Lagern aufsteigen. Am 24. Juli, neun Monate nach seiner Abreise von Adelaide, brach Stuart um acht Uhr zwanzig Minuten morgens nach Norden zu auf, um das Meer noch am selben Tage zu erreichen; das Land steigt da leicht an, mit Eisenerzen und vulkanischem Gestein bedeckt; die Bäume werden kleiner und man sieht ihnen an, daß sie dem Seeufer angehören; ein weites Thal angeschwemmten Landes zeigt sich, das jenseits durch dichtes Gesträuch verdeckt ist. Stuart hört deutlich das Tosen der brandenden Wellen; doch sagt er seinen Gefährten Nichts. Man dringt in einen von Ranken wilder Reben versperrten Schlag. Noch einige Schritte, da sind sie am Ufer des Indischen Oceans! »Das Meer! Das Meer!« ruft Thring voll Erstaunen aus. Die Anderen laufen herbei, und drei weitschallende Hurrahs begrüßen den Indischen Ocean. So war man zum vierten Male quer durch das Festland gedrungen. Seinem, dem Gouverneur, Sir Richard Macdonnell, gegebenen Versprechen gemäß, badete Stuart seine Füße, und wusch sich das Gesicht und die Hände in den Meeresfluthen. Dann kehrte er in das Thal zurück und schnitt in einen Baum die Anfangsbuchstaben seines Namens I. M. D. S. ein. Ein Lager wurde neben einem kleinen Loch mit fließendem Wasser aufgeschlagen. Am nächsten Tage ging Thring aus, um zu untersuchen, ob man in südwestlicher Richtung die Mündung des Adelaideflusses erreichen könne; doch war der Boden für die Füße der Pferde zu sumpfig; man mußte darauf verzichten. Stuart wählte nun in einer Lichtung einen hochstehenden Baum aus. Er schnitt die niedrigen Zweige ab, und ließ vom Gipfel die australische Flagge wehen. In die Rinde des Baumes wurden folgende Worte geschnitten: »Einen Fuß südlich von hier grabe den Boden auf.« Und wenn eines Tages ein Reisender am angezeigten Ort nachgräbt, wird er eine Blechkapsel finden, und in derselben folgendes Document, dessen Worte sich meinem Gedächtniß eingeprägt haben: »Große Forschungsreise quer durch Australien von Süden nach Norden. Hier langten die Naturforscher unter Anführung von John Mac Doual Stuart am 25. Juli 1862 an, nachdem sie ganz Australien von dem südlichen Meer bis an die Ufer des Indischen Oceans mitten durch das Festland durchzogen. Sie hatten Adelaide am 26. October 1861 verlassen, und am 21. Januar 1862 verließen sie die letzte Coloniestation in nördlicher Richtung. Zur Erinnerung an dies glückliche Ereigniß haben sie die australische Fahne mit dem Namen des Führers der Expedition hier entfaltet. Alles steht gut. Gott schütze die Königin.« Folgen die Unterschriften Stuart's und seiner Gefährten. So wurde dies große Ereigniß, welches in der ganzen Welt einen unendlichen Wiederhall fand, beglaubigt und festgestellt. – Und haben diese muthigen Männer ihre Freunde im Süden wiedergesehen? fragte Lady Helena. – Ja, Madame, antwortete Paganel; alle, aber nicht ohne entsetzliche Mühsale. Stuart wurde am meisten geprüft; seine Gesundheit war vom Scorbut ernsthaft erschüttert, als er den Rückweg nach Adelaide einschlug. Anfang September hatte seine Krankheit solche Fortschritte gemacht, daß er glaubte, er würde die bewohnten Gegenden nicht wiedersehen. Er konnte sich nicht mehr im Sattel erhalten und mußte sich in einem, zwischen zwei Pferden aufgehängten Palankin tragen lassen. Ende October brachten ihn Bluterbrechungen an den Rand des Grabes. Man tödtete ein Pferd, um ihm Bouillon zu bereiten; am 28. October glaubte er sterben zu müssen, als ihn eine heilbringende Krisis rettete, und am 10. December erreichte die ganze Truppe die ersten Ansiedelungen. »Am 17. December zog Stuart in Adelaide mitten unter einer begeisterten Bevölkerung ein. Aber seine Gesundheit war erschüttert, und bald nachdem er die große goldene Medaille der Geographischen Gesellschaft erhalten hatte, schiffte er sich auf dem Indus nach seinem lieben Schottland, seinem Vaterlande, ein, wo wir ihn bei unserer Rückkehr wiedersehen werden. Jacques Paganel hat Stuart bei seiner Rückkunft nach Schottland gesehen; doch konnte er sich nicht lange der Gesellschaft dieses berühmten Reisenden erfreuen. Stuart starb am 5. Juni 1866 in einem bescheidenen Hause zu Nottingham-Hill. – Er war ein Mann, der im höchsten Grade moralische Willenskraft besaß, sagte Glenarvan, und diese führt noch eher als die körperliche Stärke zum Vollbringen großer Dinge. Schottland kann mit gutem Recht darauf stolz sein, ihn unter seine Kinder zu zählen. – Und seit Stuart, fragte Lady Helena, hat kein anderer Reisender neue Entdeckungen unternommen? – Doch, Madame, erwiderte Paganel. Ich habe oft von Leichhardt zu Ihnen gesprochen. Dieser hatte schon 1844 eine merkwürdige Entdeckungsreise in Nord-Australien gemacht. 1848 unternahm er eine zweite Expedition nach Nordosten, und seit siebenzehn Jahren hat man nichts mehr von ihm gehört. Im vergangenen Jahre hat der berühmte Botaniker Dr. Müller in Melbourne eine öffentliche Subscription veranstaltet, welche die Kosten einer neuen Expedition decken sollte. Diese Expedition ist schnell zu Stande gekommen, und eine Schaar muthiger Squatters, unter Anführung des klugen und kühnen Mac Intyre, hat am 21. Juli 1864 die Weideplätze am Ufer des Parooflusses verlassen. In dem Augenblick, in dem ich mit Ihnen spreche, muß sie tief in den Nachforschungen nach Leichhardt im Innern des Festlandes begriffen sein. – Möge es ihnen gelingen, und könnten wir selbst, wie sie, die uns theuern Freunde wiederfinden!« So endete die Erzählung des Geographen. Die Zeit war vorgeschritten. Man dankte Paganel, und Jedermann schlief nach einigen Augenblicken ruhig ein, während im Laube der weißen Gummibäume verborgen die Uhr regelmäßig die Secunden dieser ruhigen Nacht anschlug. Zwölftes Capitel. Von Melbourne nach Sandhurst. Der Major sah nicht ohne Besorgniß Ayrton die Lagerstätte am Wimerra verlassen, um einen Schmied auf der Station Black-Point aufzusuchen. Aber er ließ kein Wort von persönlichem Mißtrauen laut werden, und beschränkte sich darauf, die Umgebung des Flusses zu überwachen. Die Ruhe dieser friedlichen Fluren wurde nicht im Mindesten getrübt, und nach einigen Stunden der Nacht erschien die Sonne wieder am Horizont. Seinerseits fürchtete Glenarvan nur, Ayrton möge allein zurückkommen. Aus Mangel an Werkleuten konnte dann der Wagen nicht weiter fahren. Es gab dann vielleicht einen Aufenthalt von einigen Tagen, und Glenarvan, voll ungeduldiger Begierde, seinen Zweck zu erreichen, wollte durchaus keine Verzögerung. Ayrton hatte glücklicher Weise weder Zeit, noch Wege verloren. Am andern Morgen erschien er schon ganz frühzeitig. Ihn begleitete ein Mann, der sich für den Hufschmied der Black-Point-Station ausgab. Es war ein starker, hochgewachsener Kerl, aber von niedrigem, thierischem Aussehen, das keineswegs für ihn einnahm. Verstand er nur sein Handwerk, so machte das hier ja Nichts aus. Jedenfalls sprach er nur wenig, und sein Mund machte keine unnützen Worte. »Ist's denn ein brauchbarer Handwerker? fragte John Mangles den Quartiermeister. – Ich kenne ihn nicht mehr, als Sie, Kapitän, antwortete Ayrton. Wir werden es ja sehen.« Der Schmied ging an's Werk. Es war ein Mann von Fach, man sah es an der Art und Weise, wie er den Vordertheil des Wagens reparirte. Er arbeitete geschickt und mit ungewöhnlicher Kraft. Der Major machte die Beobachtung, daß sich an feinen aufgeriebenen Handgelenken ein schwärzlicher Ring von ausgetretenem Blute zeigte, der ein Beweis einer neuerlichen Verwundung war und von den Aermeln eines schlechten wollenen Hemdes nur unvollkommen verdeckt wurde. Mac Nabbs fragte den Hufschmied nach der Ursache dieser Hautwunden, welche doch sehr schmerzhaft sein müßten. Der aber antwortete nicht, sondern setzte seine Arbeit fort. Zwei Stunden nachher waren die Beschädigungen des Wagens wieder hergestellt. Glenarvan's Pferd war schnell besorgt. Der Schmied hatte vollkommen vorbereitete Hufeisen mitgebracht, welche eine Eigenthümlichkeit darboten, die dem Major nicht entgehen konnte. Diese bestand in einem roh abgehauenen Kleeblatt in deren vorderem Theile. Mac Nabbs zeigte es Ayrton. »Es ist das Zeichen von Black-Point, erwiderte der Quartiermeister. Es gestattet, die Spur der Pferde zu verfolgen, welche sich uon der Station entfernen, und diese nicht mit der von anderen zu verwechseln.« Bald waren die Eisen an den Hufen des Pferdes befestigt. Dann verlangte der Schmied seine Bezahlung und ging weg, ohne vier Worte gesprochen zu haben. Eine halbe Stunde später waren die Reisenden wieder unterwegs. Jenseit der Mimosengebüsche erstreckte sich ein weiter, unbewachsener Raum, der seinen Namen open plain mit Recht verdiente. Einige Trümmer von Quarz und eisenhaltigem Gestein lagen da und dort zwischen dem Gebüsch, dem hohen Grase und den Umzäunungen, in denen sich zahlreiche Heerden aufhielten. Einige Meilen weiter sanken die Räder des Wagens tief im sumpfigen Boden ein, über dem ungleichmäßig fließende Bäche murmelten, welche halb hinter riesigem Röhricht verdeckt waren. Dann zog man an ausgedehnten Salzlagunen, die im vollen Verdunsten waren, vorbei. Die Reise ging ohne Mühe und wie hinzuzufügen ist, ohne Langeweile vorwärts. Lady Helena lud die Herren ein, sie nach einander zu besuchen, denn ihr Salon war ausnehmend klein. Jeder erholte sich so von der Anstrengung des Reitens und vergnügte sich an der Unterhaltung mit dieser liebenswürdigen Frau. Lady Helena machte, unterstützt von Miß Grant, in ihrem wandernden Salon mit aller Anmuth die Honneurs. John Mangles wurde bei diesen täglichen Einladungen natürlich nicht vergessen, und seine etwas ernsthafte Unterhaltung mißfiel keineswegs; im Gegentheil. So kreuzte man diagonal die Poststraße von Crowland nach Horsham, einen sehr staubigen, von Fußgängern wenig benutzten Weg. Dann streifte man am Ende der Grafschaft Talbot eine Gruppe niedriger Hügel, und am Abend kam die Gesellschaft drei Meilen oberhalb Maryborough an. Ein feiner Regen, der in jedem andern Lande den Boden durchweicht hätte, fiel nieder; hier verzehrte die Luft so vollkommen und schnell alle Feuchtigkeit, daß das Nachtlager nicht belästigt wurde. Am andern Tage, den 29. December, wurde die Reise durch eine Reihe kleiner Berge, welche eine Miniatur-Schweiz bildeten, etwas verzögert. Immer ging es hinauf und herab und gab es sehr unangenehme Stöße. Die Reisenden machten deshalb einen Theil des Weges zu Fuße. Um elf Uhr kam man in Carlsbrook, einer ziemlich beträchtlichen Stadt, an. Ayrton war der Ansicht, um die Stadt herumzufahren, ohne selbst hineinzugelangen, um Zeit zu gewinnen, wie er sagte. Glenarvan stimmte ihm bei, Paganel aber, der auf alles Neue begierig war, wünschte Carlsbrook zu besuchen. Man ließ ihn gewähren, und der Wagen fuhr langsam weiter. Paganel nahm, wie er immer zu thun pflegte, Robert mit sich. Sein Besuch der Stadt war nur kurz, doch genügte er, ihm eine genaue Vorstellung von den australischen Städten zu geben. Es befand sich dort eine Bank, ein Justizpalast, ein Markt, eine Schule, eine Kirche und etwa hundert ganz gleichmäßige Steingebäude. Alles das war in einem regelmäßigen Viereck untergebracht, welches von parallel laufenden Straßen, ganz nach englischer Weise, durchschnitten wurde. Es giebt nichts Einfacheres, aber auch nichts Trostloseres. Vermehrt sich die Stadt, so verlängert man die Straßen, wie die Höschen eines Kindes, wenn es wächst, und so wird die anfängliche Symmetrie in keiner Weise gestört. In Carlsbrook herrschte eine rege Thätigkeit, das bemerkenswerthe Kennzeichen aller dieser Städte von gestern. Die Städte scheinen in Australien, wie die Bäume, unter der Sonnenhitze aufzuschießen. Beschäftigte Leute durcheilten die Straßen; Goldversender drängten sich an den Landungsbureaux; das kostbare Metall, das von eingeborenen Polizisten begleitet wurde, kam von Bentigo und vom Berg Alexander. Alle diese von eigenem Interesse gereizten Leute hatten nur ihre Angelegenheiten im Kopfe, und die Fremden gingen ganz unbeachtet mitten durch diese geschäftige Bevölkerung. Nach einstündigem Aufenthalt in Carlsbrook schlossen sich die Besucher ihren Genossen auf einem sorgfältig cultivirten Felde wieder an. Darauf folgten lange Prairien, welche unter dem Namen »Low lewel plains« bekannt sind, mit unzähligen Schafherden und Schäferhütten. Dann kam wieder Wüstenei, ohne allen Uebergang, in einer der australischen Natur eigenthümlichen Schroffheit. Die Simpson-Hügel und der Tarrangower-Berg bezeichneten die Spitze, in welche der District Loddo im Süden auf dem hundertvierundvierzigsten Längengrade ausläuft. Bis dahin hatte man noch keine im Zustande der Wildniß lebenden Eingeborene angetroffen. Glenarvan legte sich die Frage vor, ob die Australier in Australien wohl ebenso fehlen möchten, wie die Indianer in den argentinischen Pampas. Paganel belehrte ihn jedoch, daß die Wilden unter dieser Breite die Ebenen des Murray, welche hundert Meilen weiter östlich liegen, bevölkern. »Wir nähern uns dem Goldlande, sagte er. Noch vor Verlauf zweier Tage werden wir durch die reiche Gegend am Berg Alexander kommen, wohin sich im Jahre 1852 der Schwärm der Goldgräber wendete. Die Ureinwohner mußten in die Wüsten des Innern entweichen. Wir befinden uns, ohne daß es den Anschein hat, in civilisirtem Lande, und unser Weg muß noch heute die Eisenbahn schneiden, welche den Murray und das Meer verbindet. Nun, meine Freunde, braucht man es noch auszusprechen, eine Eisenbahn in Australien, das ist doch ein erstaunlich Ding!« »Und warum, Paganel«, fragte Glenarvan. »Warum?! Weil das nicht zusammenpaßt! O, ich weiß recht wohl, daß Ihr Anderen, gewohnt, entlegene Besitzungen zu colonisiren, die Ihr elektrische Telegraphen und allgemeine Ausstellungen in Neu-Seeland habt, das sehr einfach finden werdet! Das stört aber den Geist eines Franzosen, wie ich es bin, und verwirrt alle seine Anschauungen über Australien.« »Weil Ihr Blick auf die Vergangenheit, und nicht auf die Gegenwart gerichtet ist«, sagte John Mangles. »Zugestanden!« antwortete Paganel; »aber Locomotiven, welche durch die Wüste keuchen und Dampfwolken, die sich in den Zweigen der Mimosen, Eucalypten, Echidneen und Ornythorhynchen verlieren, Kasuare, die vor einem Eilzuge fliehen, und Wilde, die den Expreßzug drei Uhr dreißig Minuten benutzen, um von Melbourne nach Kyneton, Castlemaine. Sandhurst oder Echuca zu fahren, das setzt jeden Andern, als einen Engländer oder Amerikaner, in Erstaunen. Mit dem Dampfwagen entflieht die Poesie der Wüste. – Immerzu, wenn der Fortschritt dafür einzieht!« antwortete der Major. Da unterbrach ein greller Pfiff die Unterhaltung. Die Reisenden waren kaum noch eine Meile von dem Schienenwege entfernt. Eine von Süden kommende und nur mäßig schnell fahrende Locomotive hielt genau an dem Kreuzungspunkte des Schienenstranges und des von dem Wagen verfolgten Weges. Diese Eisenbahn verband, wie Paganel gesagt hatte, die Hauptstadt Victoria mit dem Murraystrome, dem größten Flusse Australiens. Dieser großartige, im Jahre 1828 von Stuart entdeckte Wasserlauf, der von den australischen Alpen, entspringt, und sich durch Aufnahme des Lachlan und des Darling vergrößert, benetzt die ganze Nordgrenze der Provinz Victoria und ergießt sich bei Adelaide in die Encounter-Bay. Er durchströmt reiches und fruchtbares Land, und immer nimmt, Dank der bequemen Eisenbahnverbindung mit Melbourne, die Anzahl der Stationen von Squattern längs seines Laufes zu. Diese Eisenbahn war damals in einer Länge von hundertfünf Meilen, zwischen Melbourne und Sandhurst, mit Kyneton und Castlemaine dazwischen, im Betriebe. Die im Bau befindliche Strecke reichte noch siebenzig Meilen weiter bis Echuca, der Hauptstadt der Colonie Riverine, welche in eben diesem Jahre am Murray gegründet worden war. Der hundertsiebenunddreißigste Breitengrad durchschnitt den Schienenweg einige Meilen oberhalb Castlemaine, genau an der über den Lutton, einen der zahlreichen Nebenflüsse des Murray, führenden Brücke. Nach diesem Punkte führte Ayrton den Wagen, im Gefolge der Reiter, welche bis zur Camden-Brücke im Galop liefen. Dorthin trieb sie übrigens auch die Neugierde. Nach eben dieser Stelle der Eisenbahn drängte sich nämlich eine beträchtliche Menschenmenge. Die Bewohner der benachbarten Stationen verließen ihre Häuser, die Schäfer ihre Heerden und füllten die Zugänge des Weges. Wiederholt war der Ruf: »Zur Bahn! Zur Bahn!« zu hören. Es mußte irgend ein wichtiges Ereigniß vorliegen, das diese Bewegung veranlaßte. Vielleicht ein großes Unglück. Glenarvan spornte sein Pferd und sprengte, gefolgt von seinen Begleitern, in wenigen Minuten zur Camden-Brücke. Dort wurde ihm die Ursache dieser Ansammlung klar. Es hatte ein schreckliches Unglück stattgefunden, zwar kein Zusammenstoß von Zügen, aber eine Entgleisung und ein Sturz, der an die schwersten Katastrophen auf amerikanischen Eisenbahnen erinnerte. Der unter der Bahn hinlaufende Fluß war mit Wagen- und Locomotivtrümmern angefüllt. Mochte nun die Brücke unter der Last des Zuges nachgegeben haben, oder dieser aus den Schienen gesprungen sein, kurz, von sechs Wagen waren fünf der Locomotive nach in den Lutton gestürzt. Der letzte Wagen nur war durch Reißen der Verbindungsketten wie durch ein Wunder erhalten geblieben und stand, eine halbe Klafter vor dem Abgrunde, noch auf den Schienen. Unten war nur eine traurige Anhäufung von geschwärzten und verbogenen Achsen, eingedrückten Wagen, verdrehten Schienen und halbverbrannten Schwellen zu sehen. Der Dampfkessel, der bei dem Stoße gesprungen war, hatte Stücken seiner Platten auf ungeheure Entfernungen geschleudert. Aus diesem ganzen Wirrwarr formloser Massen züngelten da und dort Flammen, und kleine Dampfstrahlen stiegen neben schwarzem Rauche daraus auf. Nach dem entsetzlichen Sturz die noch schrecklichere Feuersbrunst! Breite Blutspuren, abgerissene Gliedmaßen und verkohlte Rumpfe sahen hier und und da hervor, und Niemand wagte die Zahl der unter diesen Trümmern begrabenen Opfer zu schätzen. Glenarvan, Paganel, der Major und Mangles, die mitten unter der Menge waren, hörten die Ansichten, welche darüber von Einem zu dem Andern gingen. Jeder suchte eine Erklärung für die Katastrophe, während man an dem Rettungswerke arbeitete. »Die Brücke ist zerbrochen, sagte der Eine. – Zerbrochen! erwiderten Andere, sie ist so wenig zerbrochen, daß sie noch völlig ganz daneben steht. Es ist vergessen worden, sie für den Uebergang des Zuges zu schließen. Das ist Alles!« Es war nämlich hier eine Drehbrücke, welche zum Zwecke der Schifffahrt geöffnet wurde. Hatte sie der Wächter durch unverzeihliche Nachlässigkeit zu schließen vergessen, und war der in voller Fahrt begriffene Zug, dessen Weg plötzlich abgeschnitten war, in das Bett des Lutton hinabgestürzt? Diese Annahme hatte viel für sich, denn wenn eine Hälfte der Brücke unter den Wagentrümmern lag, so hing doch die andere, nach dem entgegengesetzten Ufer zu gedreht, ganz unversehrt an ihren Ketten. Es war also kein Zweifel mehr! Eine Nachlässigkeit des Bahnwärters hatte diese Katastrophe herbeigeführt. Das Unglück war in der Nacht dem von Melbourne um elf Uhr fünfundvierzig Minuten abgelassenen Expreßzug Nr. 37 begegnet. Es mochte drei und ein Viertel Uhr Morgens sein, etwa fünfundzwanzig Minuten nach der Abfahrt von der Station Castlemaine, als der Zug bei der Camden-Brücke anlangte und dort seinen Untergang fand. Sofort suchten die Reisenden und Beamten des letzten Waggons nach Hilfe, der Telegraph aber, dessen Stangen auf der Erde lagen, funktionirte nicht. Drei Stunden brauchten die Behörden von Castlemaine, um an der Stelle des Unheils zu erscheinen. Es war also gegen sechs Uhr Morgens, als das Rettungswerk unter Leitung des Herrn Mitchell, Generalaufsehers der Colonie, organisirt und von einer Abtheilung durch einen ihrer Officiere commandirter Polizisten in Angriff genommen wurde. Die Squatters und deren Leute unterstützten Jene, und waren zunächst beschäftigt, die Feuersbrunst zu löschen, welche die Trümmer mit unerhörter Gier verzehrte. Einige unkenntliche Leichname wurden an der Böschung des Bahndammes niedergelegt. Darauf aber, ein lebendes Wesen aus diesem Schmelzofen zu retten, war von Anfang an zu verzichten. Das Feuer hatte das Werk der Zerstörung schnell beendet. Von den Reisenden des Zuges, deren Zahl man nicht kannte, lebten nur noch zehn, die in dem letzten Waggon sich befanden. Die Bahnverwaltung hatte eben eine Hilfslocomotive gesendet, um sie nach Castlemaine zurück zu führen. Inzwischen sprach Lord Glenarvan, der sich dem Surveyor-General zu erkennen gegeben hatte, mit diesem und dem Polizeiofficier. Der Letztere war ein großer und magerer Mann von unerregbar kaltem Blute, der, wenn er überhaupt ein Gefühl im Herzen hatte, dasselbe wenigstens in seinen rührunglosen Zügen nicht sichtbar werden ließ. Er stand vor diesem Unglück wie der Mathematiker vor einem Problem: er suchte es zu lösen und die unbekannte Größe darin zu finden. Auf Glenarvan's Worte: »Das ist ein furchtbares Unglück!« erwiderte er ruhig: »Nicht so schlimm, Mylord. – Nicht so schlimm? rief Glenarvan, betroffen von dieser Redensart, aus, und ist ein solches Unglück nicht etwas sehr Schlimmes? – Schlimmer wäre ein Verbrechen!« antwortete gelassen der Polizeiofficier. Glenarvan hielt sich nicht länger bei dem Unpassenden dieser Worte auf und wandte sich mit fragendem Blicke an Mr. Mitchell. »Ja wohl, Mylord, entgegnete der Surveyor-General, unsere Berathung hat die Gewißheit ergeben, daß diese Katastrophe die Folge eines Verbrechens ist. Der letzte Packwagen ist beraubt, die überlebenden Reisenden sind von einer Rotte von fünf bis sechs Verbrechern angefallen worden. Die Brücke hat man absichtlich offen gelassen und nicht aus Nachlässigkeit; wenn man dazu diese Thatsache mit dem Verschwinden des Bahnwärters zusammen hält, so muß man zu dem Schlusse kommen, daß dieser Elende der Mitschuldige jener Uebelthäter ist.« Der Polizeiofficier schüttelte zu dieser Schlußfolgerung des Beamten etwas den Kopf. »Sie theilen meine Ansicht nicht?« fragte ihn Mr. Mitchell. »Nein; mindestens nicht bezüglich der Mitschuld des Wärters.« »Diese Mitschuld,« fuhr der Surveyor-General fort, »gestattet es indessen, das Verbrechen den in den Murrayländern umherschweifenden Wilden zuzuschreiben. Ohne den Wächter konnten die Eingeborenen die Drehbrücke, deren Mechanismus ihnen unbekannt war, nicht öffnen.« »Richtig«, sagte der Polizeiofficier. »Ferner«, fuhr Mr. Mitchell fort, ist durch die Aussage eines Schiffers, dessen Fahrzeug die Camden-Brücke um zehn Uhr vierzig Minuten Abends passirte, constatirt, daß dieselbe hinter ihm wieder regelrecht geschlossen worden ist.« »Vollkommen.« »Demnach scheint mir die Mitschuld des Bahnwärters unwiderleglich bewiesen.« Fortwährend schüttelte der Polizeiofficier den Kopf. In diesem Augenblicke entstand etwa eine halbe Meile stromaufwärts ein gewaltiges Lärmen. Es bildete sich ein Menschenhaufen, der zusehends anwuchs. Bald kam er bei der Station an. In der Mitte der Menschenmasse trugen zwei Männer einen Leichnam. Es war der schon erkaltete Körper des Bahnwärters. Ein Dolchstoß hatte ihn in's Herz getroffen. Die Mörder wollten offenbar dadurch, daß sie den Körper weit von der Camden-Brücke wegschleppten, den Verdacht der Polizei bei den ersten Nachsuchungen ablenken. Diese Entdeckung bestätigte vollkommen den Verdacht des Polizeiofficiers. Die Wilden waren an diesem Verbrechen unbetheiligt. »Die diesen Stoß geführt haben«, sagte er, »sind Leute, welche mit dem Gebrauche dieses kleinen Instrumentes schon vertraut waren.« So sprechend zeigte er ein Paar Handschellen, die aus einem doppelten mit einem Schlosse versehenen Eisenring bestehen. »In kurzer Zeit«, fuhr er fort, »werde ich das Vergnügen haben, jenen dieses Armband als Neujahrsgeschenk anzubieten.« »Nun, so haben Sie Verdacht ...?« »Auf Leute, welche auf Schiffen Ihrer Majestät unentgeltlich gefahren sind«. »Wie? Deportirte?«, rief Paganel. dem diese in den Colonien Australiens beliebte Bezeichnungsweise bekannt war. »Ich glaubte«, bemerkte Glenarvan, »die Devortirten hätten nicht das Recht, sich in der Provinz Victoria aufzuhalten?« »Pah!« erwiderte der Polizeiofficier, »wenn sie es nicht haben, so nehmen sie sich es eben! Das kommt so manchmal vor, und ich müßte mich sehr täuschen, wenn die Deportirten, um die es sich hier handelt, nicht gerades Wegs von Perth kämen. Nun wohl, sie werden auch dahin zurückkehren, glauben Sie mir.« Mr. Mitchell bestätigte durch eine Handbewegung die Worte des Polizeiofficiers. Jetzt kam auch der Wagen an der Stelle an, wo man auf gleichem Niveau der Eisenbahn über dieselbe kommen kann. Glenarvan wollte den Frauen den schrecklichen Anblick der Camden-Brücke ersparen. Er grüßte den Surveyor-General, verabschiedete sich von ihm, und winkte seinen Freunden, ihm zu folgen. »Das ist doch wohl kein Grund, unsere Reise zu unterbrechen?« sagte er. Beim Wagen angekommen, sprach er Lady Helena gegenüber nur von einem Eisenbahnunglücke, ohne des Antheils zu erwähnen, den das Verbrechen an dieser Katastrophe hatte; ebenso wenig that er der Anwesenheit einer Bande Deportirter in der Gegend Erwähnung, und behielt sich nur vor, Ayrton speciell zu instruiren. Dann fuhr die kleine Gesellschaft einige hundert Klafter oberhalb der Brücke über die Bahn und nahm ihren gewohnten Weg nach Osten. Dreizehntes Capitel. Ein erster Preis in der Geographie. Einzelne Hügel zeichneten am Horizont ihre leichten Umrisse ab und begrenzten die Ebene zwei Meilen von dem Schienenwege. Der Wagen fuhr bald durch enge, regellos gewundene Hohlwege, die in eine reizende Gegend ausliefen, wo schöne, vereinzelte Baumgruppen in üppiger Fülle des Tropenlandes prangten. Unter den bewundernwerthesten zeichneten sich die »Casuarinas« aus, die von der Eiche den starken Bau des Stammes, von der Akazie die duftenden Blüthen und von der Tanne die rauhen, grau-grünen Blätter entliehen zu haben scheinen. Ihre Zweige durchdrangen die kegelförmigen Gipfel der »L banksia lacifolia «, die sehr schlank, doch äußerst zierlich sind. Große Sträucher mit herniederhängenden Ästchen gaben dem dichten Gebüsch das Ansehen grünen, aus übervollen Gefäßen sprudelnden Wassers. Das Auge schwankte, wo es unter all' diesen Naturwundern den staunenden Blick sollte haften lassen. Die kleine Truppe hatte einen Augenblick angehalten und Ayrton auf Befehl der Lady Helena ebenfalls seinen Wagen. Die großen Karrenräder knarrten nicht mehr in dem quarzigen Sande. Ein weiter grüner Teppich erstreckte sich unter den Baumgruppen, und einzelne Bodenerhöhungen theilten ihn in regelrechte Felder, so daß er das Aussehen eines großen Schachbrettes bekam. Paganel täuschte sich nicht beim Anblick dieser grünen, so schön für die ewige Ruhe geeigneten Einsamkeit. Er erkannte diese Begräbnißfelder, deren letzte Spuren jetzt das Gras verwischt, und welche der Reisende so selten auf australischem Boden antrifft. »Todtenhaine«, sagte er. Wirklich lag ein Friedhof der Eingeborenen vor ihren Blicken, doch so frisch, so schattig, so heiter durch muntere Vögelschaaren, so einladend, daß er keine traurigen Gedanken erregte. Man hätte ihn gern für einen der Gärten Edens, als der Tod noch von der Erde verbannt war, gehalten. Er schien für die Lebenden geschaffen! Doch verschwanden diese von den Wilden mit frommer Sorgfalt unterhaltenen Gräber schon unter hohem, wallendem Graswuchs. Die Eroberungen hatten den Australier weit von der Erde, worin seine Vorfahren ruhten, vertrieben, und die Ansiedler sollten bald diese Todtenfelder den weidenden Herden Preis geben. Diese Haine sind auch schon selten geworden, und wie viele, die eine ganze neue Generation bedecken, werden bereits vom Fuß des gleichgültigen Reisenden betreten. Unterdeß waren Paganel und Robert ihren Gefährten voraus zwischen den Grabhügeln durch kleine schattige Alleen geritten. Sie plauderten und belehrten einander, denn der Geograph behauptete, viel aus der Unterhaltung des jungen Grant zu gewinnen. Doch hatten sie noch keine Viertelmeile zurückgelegt, als Lord Glenarvan sie anhalten, vom Pferde steigen und sich zur Erde bücken sah. Nach ihren ausdrucksvollen Gebärden zu urtheilen, schienen sie einen sehr merkwürdigen Gegenstand zu untersuchen. Ayrton trieb die Ochsen an, und bald hatte der Wagen die beiden Freunde eingeholt. Man erkannte sofort die Ursache ihres Haltes und ihres Erstaunens. Ein eingeborener Knabe von acht Jahren, europäisch gekleidet, schlummerte friedlich im Schatten einer prachtvollen Banksia. Es war nicht schwer, die charakteristischen Merkmale seiner Race zu erkennen. Die krausen Haare, die ungewöhnliche Länge der Arme, die fast schwarze Gesichtsfarbe, die platte Nase, dicken Lippen, reihten ihn sofort in die Classe der Eingeborenen im Innern des Landes. Doch sein Gesichtsausdruck zeigte entwickelten Verstand, und sicherlich hatte die Erziehung diesen jungen Wilden schon über seinen niedern Ursprung emporgehoben. Lady Helena, die bei seinem Anblick ihm volle Theilnahme schenkte, stieg aus, und bald umgab die ganze Truppe den tiefschlummernden Knaben. »Das arme Kind«, sagte Mary Grant, »hat sich wohl in dieser Wüste verloren?« »Ich vermuthe«, antwortete Lady Helena, »daß er weit hergekommen ist, um den Todtenhain zu besuchen! Hier ruhen ohne Zweifel die, welche er liebt!« »Aber, man darf ihn nicht verlassen!« sagte Robert, »er ist allein und ...« Die mitleidigen Worte Robert's wurden durch eine Bewegung des kleinen Eingeborenen unterbrochen, welcher sich umwandte, ohne aufzuwachen; doch wie groß war die Ueberraschung Aller, als man an seinen Schultern eine Tafel befestigt sah, auf welcher Folgendes geschrieben stand: »Toline. Nach Echuca zu bringen, durch Vermittelung des Eisenbahnbeamten Jeffries Smith. Fahrt vorausbezahlt.« »So sind die Engländer!« rief Paganel aus, »sie verschicken ein Kind wie einen Ballen Waare! Sie bezeichnen es wie ein Packet! Man hat mir's wohl schon gesagt, aber ich wollte es immer nicht glauben.« »Armer Kleiner!« sagte Lady Helena. »War er in dem Zuge, der bei Camden-Bridge entgleiste? Vielleicht sind seine Eltern dabei um's Leben gekommen, und er steht nun allein in der Welt!« »Ich glaube nicht, gnädige Frau,« antwortete John Mangles. »Diese Schrifttafel zeigt im Gegentheil an, daß er allein reist.« »Er wird wach«, sagte Mary Grant. Wirklich wurde das Kind munter. Nach und nach öffneten sich seine Augen und schlossen sich, vom Tageslicht geblendet, alsbald wieder. Lady Helena nahm den Knaben jedoch bei der Hand; er stand auf und warf einen erstaunten Blick auf die Gruppe der Reisenden. Ein Gefühl der Schüchternheit machte anfangs seine Züge befangen, doch die Gegenwart Lady Glenarvan's beruhigte ihn wieder. »Verstehst Du Englisch, mein Lieber?« fragte ihn die junge Frau. »Ich verstehe und spreche es«, erwiderte der Knabe in der Sprache der Reifenden, doch mit stark ausgeprägtem Accente. Seine Aussprache erinnerte an die der Franzosen, wenn sie sich der Sprache des Vereinigten Königreichs bedienen. »Wie heißt Du?« fragte Lady Helena. »Toline«, antwortete der kleine Eingeborene. »Ah, Toline!« rief Paganel aus. »Täusche ich mich nicht, so bedeutet dies Wort 'Baumrinde' auf australisch?« Toline machte ein Zeichen der Bejahung und wandte seine Blicke den Damen wieder zu. »Woher kommst Du, mein Kind?« begann Lady Helena wieder. »Aus Melbourne, mit der Bahn von Sandhurst.« »Du warst in dem Zuge, der auf der Brücke bei Camden aus den Schienen ging?« fragte Glenarvan. »Ja, mein Herr«, erwiderte Toline, »aber der Gott der Bibel hat mich beschützt.« »Du reistest allein?« »Allein. Der Ehrwürdige Herr Paxton hatte mich Jeffries Smith anvertraut; unglücklicherweise ist der arme Beamte bei dem Unfall getötet worden.« »Und Du kanntest Niemand in diesem Zug?« »Niemand, mein Herr, aber Gott wacht über die Kinder und verläßt sie nie!« Toline sagte Alles dies mit sanfter, zu Herzen gehender Stimme. Wenn er von Gott sprach, wurden seine Worte ernster, seine Augen glänzten und man empfand die ganze Inbrunst, welche diese junge Seele erfüllte. Diese fromme Begeisterung in so zartem Alter ist leicht zu erklären. Dies Kind war eins jener jungen Eingeborenen, die von den englischen Missionären getauft und von ihnen in den strengen Gebräuchen der methodistischen Religion erzogen werden. Seine ruhigen Antworten, sein sauberes Aeußeres, seine dunkle Kleidung, gaben ihm schon das Aussehen eines kleinen Geistlichen. Aber wohin ging er durch diese einsame Gegend, und warum hatte er Camden-Bridge verlassen? Darüber befragte ihn Lady Helena. »Ich wollte zu meinem Stamm im Lachlan zurückkehren und meine Familie wiedersehen.« »Australier?« fragte John Mangles. »Australier vom Lachlan«, antwortete Toline. »Und Du hast noch Eltern?« sagte Robert Grant. »Ja, mein Bruder«, erwiderte Toline, seine Hand dem jungen Grant reichend, welchen der Name Bruder empfindsam berührte. Er küßte den kleinen Wilden, und es bedurfte nicht mehr, um sie zu Freunden zu machen. Unterdeß hatten sich die Reisenden, welche an den Antworten des Knaben lebhaften Antheil nahmen, um ihn herumgesetzt und hörten ihm zu. Schon senkte sich die Sonne hinter den großen Bäumen. Da der Ort zu einem Halteplatz günstig schien, und es wenig darauf ankam, noch einige Meilen mehr vor Anbruch der Nacht zu machen, gab Glenarvan den Befehl, Alles zur Errichtung des Lagers vorzubereiten. Ayrton spannte die Ochsen ab; mit Hilfe Mulrady's und Wilson's legte er ihnen die Spannketten an und ließ sie nach Belieben weiden. Das Zelt wurde aufgespannt, und Olbinett bereitete die Mahlzeit zu. Toline nahm Theil daran, nicht, ohne vorher Umstände zu machen, obgleich er Hunger hatte. Man setzte sich also zu Tisch, die beiden Knaben neben einander. Robert wählte die besten Stücke für seinen neuen Kameraden aus und Toline nahm sie mit furchtsamer, doch anmuthsvoller Grazie an. Die Unterhaltung stockte indessen nicht. Jeder nahm Theil an dem Kinde und befragte es. Man wollte seine Geschichte wissen. Diese war sehr einfach. Seine Vergangenheit war die armer Eingeborener, die von frühester Kindheit an den mildthätigen Gesellschaften von den der Kolonie benachbarten Stämmen anvertraut werden. Die Australier sind von sanften Sitten. Sie legen nicht jenen wilden Haß gegen ihre Unterdrücker an den Tag, welcher die Neuseeländer und vielleicht einige Völkerschaften des nördlichen Australiens kennzeichnet. Man sieht sie die großen Städte besuchen, wie Adelaide, Sidney, Melbourne und dort in ziemlich naturgemäßen Costümen umherspazieren. Sie verhandeln dort verschiedene Gegenstände ihrer Industrie, Jagd- und Fischfanggeräthschaften, Waffen, und manche Stämme lassen, ohne Zweifel aus Sparsamkeit, ihre Kinder gern die Wohlthat der englischen Erziehung genießen. So thaten auch die Eltern Toline's, wirkliche Wilde aus dem Lachlan, einem großen, jenseit des Murray gelegenen Landstrich. Seit den fünf Jahren, daß der Knabe in Melbourne wohnte, hatte er Niemand von den Seinigen wiedergesehen. Und dennoch lebte das unverlierbare Gefühl für die Familie immer noch in seinem Herzen, und um seinen vielleicht auseinander getriebenen Stamm, seine wahrscheinlich kleiner gewordene Familie wiederzusehen, hatte er den beschwerlichen Weg durch die Wüste gemacht. »Und wenn Du Deine Eltern umarmt hast, kehrst Du nach Melbourne zurück, mein Kind? fragte ihn Lady Glenarvan. – Ja, Madame, erwiderte Toline, indem er die junge Frau mit aufrichtiger Zärtlichkeit ansah. – Und was wirst Du einmal für einen Lebensberuf haben? – Meine Brüder dem Elend und der Unwissenheit entreißen! Ich werde sie lehren, Gott zu kennen und zu lieben! Ich will ein Missionär werden!« Diese, von einem achtjährigen Kinde mit Empfindung ausgesprochenen Worte konnten leichtfertige, spöttische Geister zum Lachen veranlassen; von den ernsten Schotten jedoch wurden sie verstanden und geachtet; sie bewunderten den frommen Muth dieses jungen, schon zum Kampf bereiten Schülers. Paganel fühlte sich bis in's Innerste des Herzens gerührt, und er empfand eine echte Sympathie für den kleinen Eingeborenen. Offen gesagt, hatte ihm bis hierher dieser europäisch gekleidete Wilde nicht gefallen. Er war nicht nach Australien gekommen, um Australier im Ueberrock zu sehen! Er wollte sie nur einfach mit Tättowirung bekleidet haben, und dieser »anständige« Anzug brachte seine Ideen aus dem Geleise. Von dem Augenblick aber an, daß Toline so eifrig gesprochen hatte, kam er von seiner Ansicht zurück und wurde sein Bewunderer. Das Ende der Unterhaltung sollte außerdem den braven Geographen zum besten Freunde des kleinen Australiers machen. Auf eine Frage der Lady Helena antwortete Toline, er mache seine Studien auf der »Normalschule« in Melbourne, die vom Ehrwürdigen Herrn Paxton geleitet wurde. »Und was lehrt man Dich in dieser Schule? fragte Lady Glenarvan. – Man unterrichtet mich in der Bibel, Mathematik, Geographie . . . – Ah! Geographie! rief Paganel, an seiner empfindlichen Stelle getroffen. – Ja, mein Herr, antwortete Toline, ich habe sogar vor den Januarferien den ersten Preis in der Geographie erhalten. – Du hast einen Preis in der Geographie erhalten, mein Junge? – Da ist er, mein Herr«, sagte Toline, und zog ein Buch aus der Tasche. Es war eine schön gebundene Bibel in Duodezformat. Auf der Rückseite des ersten Blattes stand: »Normalschule zu Melbourne, erster geographischer Preis, Toline vom Lachlan.« Paganel konnte sich kaum fassen! Ein Australier und groß in der Geographie! Das entzückte ihn, und er küßte den Knaben auf beide Wangen, gerade als wenn er an einem Preisvertheilungstage der Ehrwürdige Paxton selbst gewesen wäre. Paganel hätte indeß wissen müssen, daß diese Thatsache in den australischen Schulen nicht selten vorkommt. Die jungen Wilden sind sehr fähig, die geographische Wissenschaft zu begreifen; sie zeigen sich dazu sehr geneigt, dem Rechnen dagegen können sie wenig Geschmack abgewinnen. Toline hatte für die plötzlichen Liebkosungen des Gelehrten kein Verständniß. Lady Helena mußte ihm erklären, daß Paganel ein berühmter Geograph, und nach Bedürfniß auch ein ausgezeichneter Professor sei. »Ein Professor der Geographie! rief Toline aus. O, mein Herr, bitte, fragen Sie mich! – Dich fragen, mein Junge! sagte Paganel, ich wünsche gar nichts Besseres! Ich hätte es schon ohne Deine Erlaubniß gethan. Ich bin nicht böse zu erfahren, wie man in der Normalschule von Melbourne die Geographie lehrt! – Und wenn das Ei klüger wäre als die Henne, Paganel! sagte Mac Nabbs. – Oho! rief der Geograph, klüger als der Secretär der Geographischen Gesellschaft von Frankreich!« Dann setzte er seine Brille auf der Nase zurecht, richtete sich etwas in die Höhe, nahm einen ernsthaften Ton an, wie es einem Professor geziemt, und begann sein Verhör: »Schüler Toline, sagte er, steh' auf!« Toline, welcher stand, konnte nicht noch mehr aufstehen, er erwartete also in bescheidener Stellung die Fragen des Geographen. »Schüler Toline, begann Paganel wieder, welches sind die fünf Erdtheile? – Australien, Asien, Afrika, Amerika und Europa. – Gut. Sprechen wir zuerst von Australien, da wir einmal gerade jetzt dort sind. Welches sind seine Haupttheile? – Es wird eingetheilt in Polynesien, Malesien, Mikronesien und in Megalesien. Seine größten Inseln sind Australien, das den Engländern gehört, Neu-Seeland, Tasmanien, die Inseln Chatham, Auckland, Maguarie, Kermadec, Makin, Maraki u.s.w., die alle den Engländern gehören. – Gut, sagte Paganel, aber Neu-Caledonien, die Sandwich-, Mendana-, Pomotu-Inseln? – Diese stehen unter dem Schutze Großbritanniens. – Wie, unter dem Schutze Großbritanniens! rief Paganel aus. Mir scheint, als ob im Gegentheil Frankreich . . . – Frankreich! sagte der Knabe mit erstauntem Gesicht. – Sieh, sieh! sprach Paganel, das also lehrt man Euch in der Normalschule zu Melbourne? – Ja, Herr Professor, ist dies nicht richtig? – Ja wohl, vollkommen, erwiderte Paganel. Ganz Australien gehört den Engländern! Das ist selbstverständlich! Fahren wir fort.« Paganel sah halb ärgerlich, halb überrascht aus, was dem Major viel Freude machte. Das Verhör ging weiter. »Gehen wir zu Asien über, sagte der Geograph. – Asien, antwortete Toline, ist ein ungeheures Land. Hauptstadt: Calcutta. Große Städte: Bombay, Madras, Calicut, Aden, Malakka, Singapore, Pegu, Colombo; die Inseln Laquedivia, Maldivia, Chagos u.s.w., gehören den Engländern. – Gut, gut, Schüler Toline. Und Afrika? – Afrika umfaßt zwei Haupt-Colonien, die am Cap, mit Capstadt als Hauptort, und im Westen die englischen Niederlassungen, Hauptstadt: Sierra Leona. – Gut geantwortet! sagte Paganel, der anfing, sich in diese anglo-phantastische Geographie zu finden, die so vollkommen gelehrt wurde. Was Algerien, Marokko, Egypten anbetrifft, ... gestrichen vom britannischen Atlas! Ich möchte jetzt gern ein wenig von Amerika reden! – Es wird eingetheilt, begann Toline wieder, in Nord-Amerika und Süd-Amerika. Das erstere gehört den Engländern, durch Canada, Neu-Braunschweig, Neu-Schottland, und den Vereinigten Staaten unter der Verwaltung des Gouverneurs Johnson. – Des Gouverneurs Johnson! rief Paganel aus, dieser Nachfolger des großen und guten Lincoln, den ein für die Sklaverei fanatisirter Narr ermordet! Vortrefflich es geht nichts darüber hinaus! Und Süd-Amerika mit Guyana, den Maluinen, dem Archipel von Shetland, Georgien, Jamaika, Trinidad u.s.w., es gehört auch den Engländern! Ich möchte nicht darüber streiten. Nun aber, Toline, wünschte ich Deine Meinung, oder vielmehr die Deiner Lehrer über Europa zu hören. – Europa? fragte Toline, dem die Aufregung des Geographen unverständlich war. – Ja, Europa! Wem gehört Europa? – Nun, Europa gehört den Engländern, antwortete das Kind im Tone der Ueberzeugung. – Ich dachte es wohl, versetzte Paganel. Aber wie? Das wünschte ich zu wissen. – Durch England, Schottland, Irland, Malta, die Inseln Jersey und Guernsey, die Ionischen Inseln, die Hebriden, die Shetland- und Orkney-Inseln . . . – Wohl, wohl, Toline, aber Du vergißt noch andere Staaten zu erwähnen, mein Junge! – Welche, mein Herr? antwortete das Kind, das nicht die Fassung verlor. – Spanien, Rußland, Oesterreich, Preußen, Frankreich! – Das sind Provinzen und keine Staaten, sagte Toline. – Wahrhaftig! rief Paganel, indem er die Brille von seinen Augen riß. – Ohne Zweifel. Spanien, Hauptstadt Gibraltar. – Bewundernswerth! Vortrefflich! Göttlich! Und Frankreich, denn ich bin Franzose – ich wäre nicht böse, zu erfahren, wem ich gehöre? – Frankreich, antwortete Toline ruhig, ist eine englische Provinz, Hauptort: Calais. – Calais! rief Paganel. Was! Du glaubst, daß Calais den Engländern noch gehört? – Ohne Zweifel. – Und daß es der Hauptplatz Frankreichs ist? – Ja, mein Herr, und dort wohnt der Gouverneur, Lord Napoleon.« Bei diesen Worten kam Paganel außer sich. Toline wußte nicht, was er dabei denken sollte Man hatte ihn gefragt, und er hatte nach bestem Wissen geantwortet. Man konnte ihm die Sonderbarkeit seiner Antworten nicht zur Last legen, er ahnte sie nicht einmal. Er schien indeß nicht außer Fassung gebracht und erwartete ernsthaft das Ende dieser unverständlichen Heiterkeit. »Sie sehen, sagte der Major lachend zu Paganel, daß ich Recht hatte zu behaupten, der Schüler würde den Meister belehren? – Gewiß, Freund Major, versetzte der Geograph. So also lehrt man die Geographie in Melbourne! Die Lehrer der Normalschule verstehen ihre Sache gut! Europa, Asien, Afrika, Amerika, Australien, die ganze Welt, Alles gehört den Engländern! Wahrlich, bei dieser sinnreichen Erziehung begreife ich, daß die Eingeborenen sich unterwerfen. Sag' doch, Toline, mein Junge, und der Mond, ist der auch den Engländern. – Er wird es werden«, antwortete der junge Wilde ernsthaft. Nun aber stand Paganel auf. Er konnte nicht mehr auf seinem Platze bleiben. Er mußte sich auslachen, und ging eine Viertelmeile spazieren, um seine Anwandlung los zu werden. Unterdessen hatte Glenarvan ein Buch aus seiner kleinen Reisebibliothek geholt. Es war der »Abriß der Geographie« von Samuel Richardson, ein in England geschätztes Werk und mehr auf dem Laufenden der Wissenschaft, als die Lehrer von Melbourne. »Hier, mein Kind, sagte er zu Toline, nimm und behalte dies Buch. Du hast einige falsche Begriffe in der Geographie, die Du zu verbessern nöthig hast. Ich schenke es Dir als Andenken an unsere Begegnung.« Toline nahm das Buch, ohne zu antworten; er betrachtete es aufmerksam, schüttelte den Kopf mit ungläubiger Miene, ohne sich entschließen zu können, das Buch in die Tasche zu stecken. Inzwischen war es völlig Nacht geworden; es war zehn Uhr Abends und man mußte an's Schlafengehen denken, um in aller Frühe aufstehen zu können. Robert bot seinem Freunde Toline an, sein Lager mit ihm zu theilen, und der Knabe nahm es an. Unverweilt nahmen Lady Helena und Mary Grant wieder Platz im Karren, und die Reisenden streckten sich unter dem Zeltdach auf ihre Lagerstätten, während Paganel mit hellem Lachen die sanften und tiefen Töne der wilden Elstern accompagnirte. Als aber am folgenden Morgen die Schläfer um sechs Uhr vom Sonnenstrahl aus dem Schlafe geweckt wurden, sahen sie sich vergebens nach dem australischen Knaben um. Toline war verschwunden. Eilte er wieder heim an den Lachlan-See? Hatte Paganel's Lachen ihn verletzt? Man wußte es nicht. Aber als Lady Helena aufstand, fand sie auf ihrer Brust einen frischen Strauß Sensitiven, und Paganel in seiner Westentasche das »Handbüchlein der Geographie« von Samuel Richardson. Vierzehntes Capitel. Die Minen des Alexander-Berges Im Jahre 1844 entdeckte Sir Robert Impey Murchison, damals Präsident der Königlichen Geographischen Gesellschaft zu London, beim Studium der Gebirgsformationen sehr bemerkenswerte Aehnlichkeiten zwischen der Uralkette und dem Gebirgszuge, der sich unfern der Südküste Australiens von Norden nach Süden erstreckt. Da nun der Ural ein goldführendes Gebirge ist, fragte sich der gelehrte Geolog, ob dieses kostbare Metall sich nicht auch in der australischen Cordillere wiederfinden möchte, und er täuschte sich nicht. Wirklich wurden ihm zwei Jahre später einige Goldproben aus Neu-Süd-Wales zugesendet, und er entschied die Auswanderung einer großen Anzahl Arbeiter aus Cornwallis nach den Goldregionen Neu-Hollands. Als der erste Anstoß gegeben war, strömten Minengräber aus allen Theilen der Erdkugel, und zwar Engländer, Amerikaner, Italiener, Franzosen, Deutsche und Chinesen, zusammen. Erst am 3. April 1851 entdeckte indessen Mr. Hargraves reiche Goldlager, und schlug dem Gouverneur der Provinz Sidney, Sir Ch. Fitz-Roy, vor, gegen die mäßige Summe von fünfhundert Pfund Sterling ihm Kenntniß von den Lagerstätten zu geben. Sein Anerbieten wurde abgelehnt, doch das Gerücht von dieser Entdeckung verbreitete sich allerwärts. Die Goldsucher wandten sich nach Summerhill und dem Leni's Pond. Die Stadt Ophir ward gegründet und machte sich durch die ausgebeuteten Reichthümer bald ihres biblischen Namens würdig. Bis dahin war von der Provinz Victoria noch gar nicht die Rede, sie sollte jedoch bald durch den Reichthum ihrer Goldlager weitaus die wichtigste werden. Wirklich wurden einige Monate später, im August 1851, die ersten Goldgeschiebe der Provinz ausgegraben, und bald befanden sich vier Districte reichlich in Ausbeutung. Diese vier Districte waren die von Bellarat, vom Ovens, von Bentigo und der des Alexander-Berges. Sie waren alle sehr reich; beim Flusse Ovens aber erschwerte die große Wassermenge ungemein die Arbeit; in Bellarat täuschte eine sehr ungleiche Vertheilung des Goldes oft die Berechnungen der Suchenden; in Bentigo endlich entsprach der Erdboden nicht den Anforderungen der Arbeiter. Am Berge Alexander fanden sich alle Bedingungen des Erfolges bei einem gleichmäßigen Boden vereinigt, und dieses kostbare Metall, welches bis vierzehnhunderteinundvierzig Francs Gegen 1200 Mark. per Pfund galt, erreichte die höchste Taxe von allen Märkten der Welt. Gerade über diesen an traurigen Verlusten und unverhofften Glückszufällen so reichen Ort führte der Weg auf dem siebenunddreißigsten Breitengrade die Sucher nach dem Kapitän Grant. Nachdem sie am 31. December den ganzen Tag über auf sehr unebenem Terrain, welches Pferde und Stiere ermüdete, gezogen waren, kamen ihnen die abgerundeten Gipfel des Alexander-Berges zu Gesicht. Sie schlugen ihr Lager in einer engen Schlucht dieser kleinen Bergkette auf. Die Thiere suchten sich, mit den Spannriemen an den Füßen, ihr Futter selbst zwischen den Quarzblöcken, die da und dort den Boden bedeckten. Hier war noch nicht die Gegend der ausgebeuteten Terrain-Loose. Erst am anderen Tage, dem ersten des Jahres 1866, drückte ihr Gefährt seine Furchen in die Wege dieser überreichen Landschaft. Jacques Paganel und seine Begleiter waren hoch erfreut, im Vorüberfahren jenen berühmten Berg, der in australischer Sprache Geboor heißt, zu sehen. Dahin strömte der ganze Schwärm von Abenteurern, Räubern und ehrlichen Leuten. Solche, welche hängen lassen, und Solche, welche es dazu bringen, daß man sie hängt. Beim ersten Bekanntwerden jener großen Entdeckung, im Goldjahre 1851, wurden die Städte, die Felder und die Schiffe von den Bewohnern, den Anbauern und den Seeleuten verlassen. Das Goldfieber wurde epidemisch, ansteckend wie die Pest, und wie Viele gingen daran zu Grunde, die schon ihr Glück fest in der Hand zu halten glaubten! Die verschwenderische Natur hatte, so sagte man, Millionen über mehr als fünfundzwanzig Breitengrade in diesem Wunderlande Australien ausgesäet. Jetzt war die Zeit der Ernte, und die Schnitter eilten zum Einbringen derselben. Das Geschäft des »Diggers«, des Goldgräbers, stand allen anderen voran, und wenn auch nicht zu leugnen ist, daß Viele schon beim Anfange den Strapazen unterlagen, so gelangten doch auch Einige manchmal durch einen einzigen Hieb der Hacke zu Reichthümern. Man schwieg die mißlichen Fälle todt, und hing die Glücksfälle an die große Glocke. Die Letzteren fanden in allen fünf Erdtheilen ihr Echo. Bald strömte eine Fluth Ehrgeiziger aller Classen an den Küsten Australiens zusammen; während der letzten vier Monate des Jahres 1852 landeten in Melbourne allein vierundfünfzigtausend Auswanderer, eine Armee, aber ohne Führer, ohne Disciplin, eine Armee am Tage nach einem Siege, der noch nicht errungen war, kurz, vierundfünfzigtausend Raubgesellen der schlimmsten Art. Während dieser ersten Jahre toller Trunkenheit herrschte eine unbeschreibliche Unordnung. Doch wußten sich die Engländer mit gewohnter Energie zu Herren der Situation zu machen. Die Policemen und die eingeborenen Gensdarmen verließen die Partei der Diebe zum Besten der ehrlichen Leute. Es trat nun ein Umschwung ein. Auch Glenarvan sollte von den gewaltthätigen Auftritten des Jahres 1852 Nichts mehr sehen. Dreizehn Jahre waren schon seit dieser Zeit vergangen, und jetzt vollzog sich die Ausbeutung der Goldfelder mit Methode und nach den Vorschriften einer strengen Organisation. Dazu begannen die Terrain-Loose sich auch zu erschöpfen. Bei der Hast, sie zu durchwühlen, kam man auf ihren Grund. Und wie hatte man nicht diese von der Natur aufgespeicherten Schätze ausgesaugt, da die Goldgräber von 1852 bis 1858 dem Erdboden von Victoria dreiundsechzig Millionen einhundertundsiebentausendvierhundertachtundsiebenzig Pfund Sterlings Eintausendzweihundertzweiundsechzig Millionen einhundertneunundvierzigtausendfünfhundertundsechzig Mark = eine und eine Viertel Milliarde = sechshunderteinunddreißig Millionen vierundsiebenzigtausendsiebenhundertundachtzig österr. Gulden. entnommen haben? Die Auswanderer haben sich deshalb in bemerklichem Grade vermindert und haben sich auf noch unangetastete Gegenden geworfen. So werden die in Otago und in Marlborough auf Neu-Seeland neuentdeckten »Goldfelder« thatsächlich von Tausenden zweifüßiger ungefiederter Termiten durchlöchert. Immerhin ist es möglich, daß sich die Emigranten getäuscht haben. In der That sind die goldführenden Lager noch lange nicht erschöpft. Laut neueren Nachrichten aus Australien schätzt man die Loose von Victoria und Neu-Süd-Wales auf fünf Millionen Hectaren; das annähernde Gewicht des goldhaltigen Quarzes würde zwanzigtausendsechshundertundfünfzig Milliarden Kilogramm betragen und die Aufarbeitung desselben mit den gebräuchlichen Hilfsmitteln die Arbeit von hunderttausend Mann während dreier Jahrhunderte erfordern. In Summa schätzt man den Goldreichthum Australiens auf sechshundertvierundsechzig Milliarden zweihundertundfünfzig Millionen Francs = fünfhunderteinunddreißig Milliarden vierhundert Millionen Mark = zweihundertfünfundsechzig Milliarden siebenhundert Millionen österr. Gulden. Gegen elf Uhr kam man im Mittelpunkte der Goldgräbereien an. Da erhob sich eine wirkliche Stadt mit Hüttenwerken; Bankgebäude, Kirche, Kaserne, Landhäuser und Journalbureaux; Hotels, Meiereien, Villen fehlten ebenso wenig. Auch gab es ein sehr besuchtes Theater mit Plätzen zu zehn Schilling. Mit großem Erfolge führte man dort ein locales Schauspiel, mit dem Titel »Francis Obadiah, oder der glückliche Digger« auf. Die Lösung desselben läuft darauf hinaus, daß der Held in der Verzweiflung noch einen letzten Hieb mit der Hacke thut, und einen Goldklumpen von ganz unglaublichem Gewicht findet. Glenarvan ließ, da er begierig war, die weitverbreitete Ausbeutung des Alexander-Berges zu besuchen, den Wagen unter Ayrton's und Mulrady's Leitung vorausgehen, und wollte ihn einige Stunden später wieder treffen. Paganel war über diesen Entschluß hocherfreut und gab, ganz nach seiner Gewohnheit, den Führer und Erklärer für die kleine Gesellschaft ab. Auf seinen Rath hin begab man sich nach der Bank. Die breiten Straßen waren macadamisirt und sorgfältig gesprengt. Ungeheure Anschlagzettel der Golden Company (limited), der Digger's General Office und der Nugget´s Union fielen in die Augen. Die Association der Kräfte und des Kapitals waren an die Stelle des einzelnen Goldgräbers getreten. Ueberall hörte man die Maschinen arbeiten, welche den Sand wuschen oder den kostbaren Quarz pulverisirten. Außerhalb der Wohngebäude erstreckten sich die Placers, das sind ausgedehnte zur Ausbeutung bestimmte Terrains. Dort arbeitete die Hacke der von den Gesellschaften angestellten und hochgelöhnten Grubenleute. Kein Auge vermochte alle die Löcher zu zählen, welche die Erde zum Siebe machten. Das Eisen der Spaten erglänzte in der Sonne und warf unaufhörlich strahlende Blitze zurück. Unter den Arbeitenden waren die Typen aller Nationen vertreten. Kein Streit war zu hören; als wohlbezahlte Leute vollendeten sie schweigend ihr Tagewerk. »Deshalb darf man aber nicht glauben, sagte Paganel, daß auf australischem Boden kein einziger fieberhitziger Goldsucher mehr sei, der sein Glück vom Zufalle in den Goldminen abhängig machte. Ich weiß recht wohl, daß der größte Theil seine Arme den Compagnien vermiethet, und das geht nicht wohl anders, da die goldhaltigen Ländereien alle verkauft oder von der Regierung verpachtet sind. Für Denjenigen aber, der Nichts besitzt, der weder pachten, noch kaufen kann, giebt es doch noch einen Weg, sich zu bereichern. – Und welchen? fragte Lady Helena. – Durch den Gebrauch des «Jumping», erwiderte Paganel. So könnten wir, die wir kein Recht auf diese Placers haben, dennoch, – versteht sich bei sehr günstigen Umständen – unser Glück machen. – Aber auf welche Weise? fragte der Major. – Durch das «Jumping», wie ich eben die Ehre hatte, Ihnen zu sagen. – Aber was ist das Jumping? fragte wiederholt der Major. – Es ist das eine Art stillschweigender Uebereinkunft zwischen den Goldsuchern, die nicht selten heftige Auftritte und Unordnungen herbeiführt, welche die Behörden aber nie abzuschaffen vermochten. – Nun denn, Paganel, sagte Mac Nabbs, Sie machen ja, daß uns der Mund wässert. – Nun gut; es wird angenommen, daß jede Grube innerhalb des in Angriff genommenen Terrains, an welcher, mit Ausnahme der kirchlichen Festtage, vierundzwanzig Stunden lang nicht gearbeitet wird, der Allgemeinheit verfällt. Wer von ihr Besitz ergreift, kann darin graben und sich Reichthümer sammeln, wenn ihm der Himmel hilft. Also Robert, mein Sohn, suche ein verlassenes Loch zu finden, und es gehört Dir! – Herr Paganel, sagte Mary Grant, setzen Sie meinem Bruder nicht solche Gedanken in den Kopf. – Ich scherze ja nur, meine liebe Miß, entgegnete Paganel, und Robert weiß das sehr wohl. Er – und Goldgräber! Niemals! Die Erde zu furchen, zu wenden, zu cultiviren, dann zu besäen, und ihr eine Ernte für die gehabten Mühen abzuzwingen – recht schön! Aber sie so wie ein Maulwurf, und ebenso blind wie dieser, zu durchwühlen, um ihr ein wenig elendes Gold zu entreißen, das ist ein trauriges Geschäft, und man muß von Gott und den Menschen verlassen sein, um dieses zu ergreifen.« Nachdem sie die Hauptstätten der Minen besucht, auch ein abgetretenes Grundstück, das zum großen Theil aus Quarz, dann aus Thonschiefer und Sand bestand, welcher von verwitterten Felsen herrührte, betrachtet hatten, gelangten die Reisenden nach dem Bankgebäude. Es war das ein sehr umfassendes Bauwerk mit der Nationalflagge am Giebel. Lord Glenarvan wurde durch den Generalinspector empfangen, der im Hause die Honneurs machte. Dort deponiren die Gesellschaften nämlich gegen Empfangschein das den Eingeweiden des Bodens entzogene Gold. Längst war die Zeit vorüber, daß der Goldgräber durch die Kaufleute der Colonie ausgebeutet wurde. Diese bezahlten ihm in den Placers dreiundfünfzig Schilling für die Unze, die sie in Melbourne für fünfundsechzig wieder verkauften! Freilich ist es wahr, daß der Kaufmann das Risico des Transportes auf sich nahm, und als die Speculanten der Heerstraße sich vermehrten, war nicht immer genügende Schutzbedeckung zur Hand. Den Besuchern wurden ganz merkwürdige Goldproben vorgelegt, und der Inspector begleitete sie mit sehr interessanten Einzelheiten über die verschiedenen Arten der Gewinnung dieses Metalles. Im Allgemeinen trifft man es unter zwei verschiedenen Formen, als Waschgold und als Staubgold. Als rohes Metall findet es sich entweder gemengt mit dem angeschwemmten Lande oder in Quarzgänge eingeschlossen. Auch verfährt man behufs seiner Gewinnung je nach der Natur des Bodens, indem man einmal nur die Oberfläche weggräbt, das andere Mal in die Tiefe eindringt. Das Waschgold liegt im Grunde der Bergströme, der Thäler und Schluchten, nach der Schwere seiner Theile geschichtet, zunächst die Körnchen, dann die Blättchen und endlich die gröberen Körner. Das Gold dagegen, dessen Muttergestein durch Einwirkung der Luft zersetzt ist, findet sich zusammengehäuft und bildet das, was die Goldgräber »Täschchen« nennen. Solche Täschchen schließen öfter allein einen ganzen Reichthum ein. Am Alexander-Berg wird das Gold vorwiegend in thonigen Schichten und den Spalten von Schiefergestein gefunden. Dort finden sich ganze Lager von Goldgeschiebe; dort hat ein glücklicher Gräber manchmal die Hand auf das große Loos in den Placers gelegt. Nachdem die Besucher die verschiedenen Goldsorten einer genaueren Betrachtung unterzogen hatten, gingen sie noch durch das mineralogische Museum der Bank. Sie sahen, wohl bezeichnet und classificirt, alle Producte, welche den australischen Boden bilden. Das Gold bildet nicht seinen einzigen Reichthum, sondern er kann vollberechtigt als ein großer Schrank betrachtet werden, in welchem die Natur ihre kostbarsten Kleinode bewahrte. Unter den durchsichtigen Mineralien erglänzte der weiße Topas, ein Rival der brasilianischen Topase; der Karfunkel-Granat; der Thallit, eine Art Silicat von schönem Grün; der Rubinbalbaß, der durch scharlachrothe Spinelle und eine rosafarbene Varietät von hoher Schönheit vertreten war; hell- und dunkelblaue Saphire, wie z. B. der Corindon, der ebenso gesucht ist, wie der von Malabar oder Tibet; ferner röthliche Brillanten und endlich ein kleiner Diamantenkrystall, der an den Ufern des Turon gefunden wird. Nichts fehlte an dieser glänzenden Sammlung edler Steine, und das Gold zu ihrer Fassung war ja nicht weit zu suchen. Außer daß man sie alle schon gefaßt gewünscht hätte, blieb wirklich nichts zu wünschen übrig. Glenarvan verabschiedete sich von dem Inspector der Bank mit herzlichem Danke für seine Freundlichkeit, von der sie so ausgedehnten Gebrauch gemacht hatten. Dann wurde der Besuch der Placers fortgesetzt. So wenig auch Paganel an den Schätzen dieser Welt hing, so that er doch keinen Schritt, ohne diesen freigebigen Boden mit den Blicken zu mustern. Er unterlag der Versuchung, und die Neckereien seiner Begleiter vermochten das nicht zu ändern. Jeden Augenblick bückte er sich und hob einen Kiesel auf, ein Stückchen Erz oder verwitterten Quarz; er prüfte sie aufmerksam und warf sie dann verächtlich weg. Das dauerte während des ganzen Spazierganges fort. »He, Paganel, fragte ihn der Major, haben Sie Etwas verloren? – Gewiß, entgegnete Paganel, man hat in diesem an Gold und Edelsteinen reichen Lande immer verloren, was man nicht gefunden hat. Warum sollte ich nicht gern ein kleines Gewicht von einigen Unzen, oder auch ein solches von einigen zwanzig Pfund mit wegnehmen. – Und was thäten Sie damit, mein werther Freund? sagte Glenarvan. – O, darum würde ich nicht verlegen sein, erwiderte Paganel, ich würde es meinem Vaterlande widmen. Ich deponirte es bei der Bank von Frankreich ... – Die es auch annehmen sollte? – Gewiß, in Form von Eisenbahnobligationen!« Man beglückwünschte Paganel wegen der Art und Weise, wie er seinen etwaigen Goldfund »seinem Heimatlande widmen« werde, und Lady Helena wünschte ihm, den größten Nugget der Welt zu finden. Immer scherzend durchzogen so die Reisenden den größten Theil des in Abbau befindlichen Terrains. Ueberall ging die Arbeit regelmäßig, mechanisch, aber ohne allen Eifer von statten. Nach zweistündigem Spaziergange machte Paganel auf ein sehr anständig erscheinendes Gasthaus aufmerksam, wo er auszuruhen und die Zeit bis zum Wiedereintreffen des Wagens abzuwarten vorschlug. Lady Helena stimmte zu, und da es in einem Gasthause nicht ohne Erfrischungen abgeht, so ließ Paganel den Gastwirth einige landesübliche Getränke auftragen. Man brachte für jede Person einen »Nobler«. Ein Nobler aber ist ein ganz ehrlicher Grog, nur ein umgekehrter. Statt daß nämlich ein kleines Glas Branntwein in ein großes Glas Wasser gegeben wird, nimmt man hierbei ein kleines G!as Wasser zu einem großen Glase Branntwein, versetzt es mit Zucker und trinkt es. Das war doch etwas zu australisch, und zum großen Erstaunen des Gastwirths ward der Nobler, gekühlt durch eine große Flasche Wasser, zum gewöhnlichen englischen Grog. Dann plauderte man von den Minen und Minirern. Trotzdem Paganel von dem Gesehenen sehr befriedigt war, meinte er doch, daß es früher, in den ersten Jahren der Ausbeutung des Alexander-Berges, weit merkwürdiger ausgesehen haben müsse. »Die Erde war damals, sagte er, siebartig durchlöchert, von einer Legion emsiger Ameisen, und welcher Ameisen, angegriffen! Alle Emigranten hatten deren Begierde, aber nicht deren Vorsicht. Das Gold wurde in Thorheiten weggeworfen. Man vertrank, man verspielte es, und das Gasthaus, wo wir uns befinden, war «eine Hölle», wie man früher sagte. Der Fall der Würfel führte zu Messerstreitigkeiten. Die Polizei vermochte Nichts dagegen, und manchmal mußte der Gouverneur der Colonie mit den regulären Truppen gegen die empörten Goldgräber ausrücken. Doch gelang es ihm, sie zur Vernunft zu bringen; er verlieh jedem Goldgräber ein Patent, welches indeß nicht ohne Mühe zu erhalten war, und so waren Alles in Allem die Unordnungen hier geringer, als in Californien. – Kann denn, fragte Lady Helena, Jedermann das Geschäft als Minengräber treiben? – Ja, Madame, dazu braucht man keinen akademischen Grad. Es genügen schon ein Paar tüchtiger Arme. Die vom Elend getriebenen Abenteurer kamen bei den Minen meist ohne alles Geld an; die Reichen mit einer Axt, die Armen mit einem Messer; Alle brachten zu der Arbeit aber einen Feuereifer mit, den sie einer gewöhnlichen ehrlichen Beschäftigung gewiß nicht gewidmet hätten. Der Anblick dieser Goldfelder war einzig in seiner Art! Der Boden war bedeckt mit Zelten, mit Pfortsegeln, kleinen Hütten und Baracken aus Lehm, aus Brettern und aus Laubwerk. In der Mitte ragte das Zelt des Gouvernements, mit der britischen Flagge geziert, hervor, die blauen Zwillichzelte der Regierungsagenten und die Etablissements der Wechsler, der Goldhändler, der Handelsleute, die auf diesen ganzen Reichthum und die Armuth speculirten. Diese Alle haben sich gewiß bereichert. Man mußte die Diggers sehen im rothwollenen Hemd, wie sie im Wasser und im Kothe lebten. Die Luft war erfüllt von dem fortwährenden Geräusch der Aexte und von übelriechenden Ausdünstungen, die von in Fäulniß übergehenden Thiergerippen herrührten. Ein erstickender Staub umhüllte wolkenähnlich diese Unglücklichen, die ein ungeheures Sterblichkeitscontingent lieferten; ja in einem Lande mit weniger gesunder Luft wären sie wohl bald vom Typhus decimirt worden. Und dann, wenn diese Abenteurer noch einen endlichen Erfolg gehabt hätten! Aber gar so viel Elend fand keinen Ersatz, und wenn man genau nachzählte, würde sich herausstellen, daß auf einen Gräber, der sich bereicherte, hundert, zweihundert, ja vielleicht tausend elend und verzweifelt umgekommen sind. - Könnten Sie uns wohl sagen, Paganel, fragte Glenarvan, wie bei der Goldgewinnung verfahren wurde? – Das war höchst einfach, antwortete Paganel. Die ersten Gräber betrieben das Geschäft als Goldwäscher, wie es noch in einigen Theilen der Cevennen in Frankreich in Gebrauch ist. Die Gesellschaften gehen jetzt anders zu Werke; sie gehen gleich bis zu der Quelle selbst, bis zu dem Erzgange zurück, der den Goldstaub, die Flitter und das Geschiebe liefert. Die Goldwäscher begnügten sich aber, den goldhaltigen Sand zu waschen, und damit genug. Sie höhlten den Erdboden aus, sammelten die Erdschichten, die ihnen Etwas zu enthalten schienen, und behandelten sie mit Wasser, um das kostbare Metall daraus abzuscheiden. Dieses Waschen geschah mittels eines Instrumentes amerikanischen Ursprungs, das «Craddle» oder Wiege hieß. Es bestand aus einem fünf bis sechs Fuß langen Kasten, einer Art offenen und in zwei Felder getheilten Bahre. Das erste war mit einem groben Siebe ausgestattet, das über anderen Sieben mit immer engeren Maschen angebracht war. Das andere Feld wurde nach unten zu enger. An dem einen Ende brachte man nun den Sand auf das Sieb, schaffte Wasser darauf, und bewegte oder wiegte vielmehr den Apparat mit der Hand. Die Steine blieben dabei auf dem ersten Siebe, das Mineral und der Sand je nach ihrer Größe auf den anderen und die ausgewaschene Erde ging sammt dem Wasser an dem unteren Ende wieder heraus. Das war die am gewöhnlichsten benutzte Hilfsmaschine. – Aber diese mußte man doch zunächst haben, sagte John Mangles. – Man kaufte sie von reich gewordenen oder ruinirten Goldgräbern, antwortete Paganel, je nach dem sich das traf, oder man behalf sich eben, so gut es ging. – Und wie ersetzte man sie dann, fragte Mary Grant. – Durch eine Platte, meine liebe Mary, durch eine einfache Eisenplatte; man schwang die Erde, so wie es mit dem Korne geschieht, nur sammelte man statt der Getreidekörner manchmal Goldkörner. Im ersten Jahre hat mancher Goldgräber ohne andere Auslagen sein Glück gemacht. Sehen Sie, meine Freunde, das war die gute Zeit, trotzdem ein Paar Stiefeln hundertfünfzig Francs (= hundertzwanzig Mark = sechzig österr. Gulden) kosteten und man zehn Schilling für ein Glas Limonade bezahlte! Wer zuerst kommt, hat doch immer den Vorzug. Das Gold war da überall, im Ueberfluß, auf der Oberfläche des Bodens; die Bäche flossen in einem Bette von Metall; man fand solches fast in den Straßen von Melbourne; man macadamisirte mit Goldpulver. So betrug der Werth des kostbaren Metalls, das vom 26. Januar bis zum 24. Februar unter Regierungsschutz vom Alexander-Berg nach Melbourne gebracht wurde: acht Millionen zweihundertachtunddreißigtausendsiebenhundertfünfzig Frs. (= sechs Millionen fünfhundertundeinundneunzigtausend Mark = drei Millionen zweihundertfünfundneunzigtausend und fünfhundert österr. Gulden). Das macht im Mittel hundertvierundsechzigtausendsiebenhundertfünfundzwanzig Francs den Tag! – Ungefähr die Civilliste des Kaisers von Rußland, sagte Glenarvan. – Der arme Mann! versetzte der Major. – Berichtet man auch von besonderen Glücksfällen? fragte Lady Helena. – Von einigen, Madame. – Und sie sind Ihnen bekannt? sagte Glenarvan. –- O, gewiß! erwiderte Paganel. Im Jahre 1852 fand man in dem Districte von Ballarat einen Goldklumpen, welcher fünfhundertdreiundsiebenzig Unzen wog; einen anderen in Gippsland von siebenhundertzweiundachtzig Unzen und im Jahre 1861 einen von achthundertvierunddreißig Unzen. Endlich entdeckte ein Goldgräber in Ballarat einen Klumpen von fünfundsechzig Kilogramm (= hundertdreißig Pfund), der, das Pfund zu siebenzehnhundertzweiundzwanzig Francs (= dreizehnhundertsiebenundsiebenzig sechs Zehntel Mark = sechshundertachtundachtzig österr. Gulden achtzig Kreuzer) gerechnet, zweihundertdreiundzwanzigtausendachthundertsechzig Francs = hundertneunundsiebenzigtausendundachtundachtzig Mark = neunundachtzigtausendfünfhundertvierundvierzig österr. Gulden beträgt! Eine Hacke, welche mit einem Hieb elftausend Francs = achttausendundachthundert Mark = viertausendundvierhundert österr. Gulden Rente einbringt, ist denn doch eine schöne Hacke. – In welchem Verhältniß wuchs die Production des Goldes seit der Entdeckung dieser Gruben? fragte John Mangles. – In ganz enormem Maße, lieber John. Diese Produktion, welche im Anfang des Jahrhunderts nur siebenundvierzig Millionen Francs (= Siebenunddreißig sechs Zehntel Millionen Mark = Achtzehn neun Zehntel Millionen österr. Gulden) betrug, wird gegenwärtig, inbegriffen die Minen von Europa, Asien und Amerika, auf neunhundert Millionen Francs (= siebenhundertundzwanzig Millionen Mark = dreihundertundsechzig Millionen österr. Gulden), ja eine Milliarde Francs (= achthundert Millionen Mark = vierhundert Millionen österr. Gulden) angeschlagen. – Also, Herr Paganel, sagte der junge Robert, giebt's an der Stelle, worauf wir eben stehen, vielleicht viel Gold? – Ja, lieber Junge, es stecken da Millionen! Wir gehen darüber umher! Wir mißachten es! – Australien ist also ein bevorzugtes Land? – Nein, Robert, versetzte der Geograph. Die golderzeugenden Länder gehören nicht zu den gesegneten. Da sind die Leute nur Faullenzer, niemals ein kräftiger, arbeitsamer Menschenschlag. So geht's in Brasilien, Mexico, Kalifornien, Australien. Wie weit ist's im neunzehnten Jahrhundert gekommen! Ein Land, wo Eisen wächst, nicht Gold, mein Lieber, hat den Vorzug vor den anderen.« Fünfzehntes Kapitel. Die »Australian and New-Zealand Gazette.« Am 2. Januar, mit Sonnenaufgang, erreichten die Reisenden das Ende der Goldregionen und die Grenzen der Grafschaft Talbot. Ihre Pferde betraten nun die staubigen Pfade der Grafschaft Dalhousia. Einige Stunden später gingen sie unter 144° 35' und 144° 45' der Länge durch den Colban- und Campaspe-Fluß. Die Hälfte der Reise war zurückgelegt. Noch vierzehn Tage eines ebenso glücklichen Zuges, und die kleine Gesellschaft mußte die Küste der Twofold-Bai erreichen. Im Uebrigen waren Alle im besten Wohlsein. Paganel's Vorhersagungen in Betreff der gesundheitlichen Verhältnisse des Klimas trafen vollkommen ein. Von Nässe hatten sie wenig oder gar nicht zu leiden, und die Temperatur war erträglich. Weder von den Thieren, noch von den Menschen war eine Klage darüber zu vernehmen. Eine einzige Aenderung war seit Camden-Bridge in der Zugordnung eingetreten. Das auf ein Verbrechen zurückzuführende Eisenbahnunglück veranlaßte Ayrton, sobald es ihm bekannt wurde, einige bis dahin unnöthige Vorsichtsmaßregeln zu ergreifen. Die Jäger durften sich nicht mehr aus dem Gesichtskreis des Wagens entfernen. Während der Zeit der Rast hielt immer Einer von ihnen Wache. Morgens und Abends wurden die Zündhütchen der Gewehre erneuert. Offenbar machte eine Uebelthäterbande das Land unsicher; und wenn auch keine unmittelbare Gefahr drohte, so mußte man sich doch gegen jeden Zufall decken. Wir brauchen wohl nicht hinzuzufügen, daß die Maßregeln ohne Vorwissen der Lady Helena und der Miß Grant ergriffen wurden, da Lord Glenarvan diese nicht ängstigen wollte. Im Grunde hatte man wohl Recht, so zu handeln. Eine Unklugheit, selbst eine bloße Nachlässigkeit konnte theuer zu stehen kommen. Glenarvan richtete sich übrigens nicht allein nach diesem Stande der Sachlage ein. In den einsamen Flecken und Stationen waren die Bewohner und die Squatters gegen jeden Angriff und jede Ueberrumpelung wohl vorbereitet. Mit sinkender Nacht schlossen sich die Häuser. Die hinter den Umzäunungen losgekoppelten Hunde erhoben ihr Gebell, wenn irgend etwas nahe kam. Kein Schäfer sammelte mit Eintritt des Abends zu Pferde seine zahlreichen Heerden, ohne einen Carabiner am Sattelknopf zu tragen. Die Nachricht von dem an der Camden-Brücke begangenen Verbrechen rechtfertigte diese außergewöhnliche Vorsicht, und mancher Kolonist, der sonst vielleicht bei offenen Thüren und Fenstern zu schlafen pflegte, verriegelte sich sorgsam mit Einbruch der Dämmerung. Die Provinzverwaltung entwickelte einen löblichen Eifer und Scharfsinn. Abteilungen eingeborener Gensdarmen wurden in's Land gesendet. Man sicherte den Depeschendienst ganz besonders. Bis dahin fuhr die Post auf der Landstraße ohne Bedeckung. An jenem Tage, gerade als Glenarvan's Truppe die Straße von Kilmore nach Heatcote überschritt, sauste die Post, so schnell die Pferde laufen konnten, in dicken Staubwolken dahin. So schnell sie aber auch den Blicken entschwand, so hatte Glenarvan doch die Carabiner der Policemen, welche neben dem Schlage ritten, aufblitzen sehen. Man konnte sich in jene traurige Zeit zurückversetzt glauben, wo die Entdeckung der ersten Placers den Abschaum Europas nach Australien wälzte. Nachdem man nun eine Meile weit auf der Straße von Kilmore gekommen war, gelangte der Wagen in ein dickes Gehölz von Riesenbäumen, und die Reisenden kamen vom Cap Bernouilli aus zum ersten Male in einen jener Wälder, welche oft mehrere Längengrade bedecken. Ein Ausruf der Verwunderung erscholl bei dem Anblick der zweihundert Fuß hohen Eucalypten, deren schwammige Rinde bis fünf Zoll Dicke hatte. Stämme von zwanzig Fuß im Umfang, die von Streifen eines wohlriechenden Harzes gefurcht erschienen, erhoben sich bis hundertfünfzig Fuß über den Boden. Kein Ast, kein Zweig, kein wilder Schößling, nicht einmal ein Knoten unterbrach ihr Profil. Aus der Hand des Drechslers hätten sie nicht glätter hervorgehen können. Es waren ganz genau calibrirte Säulen, welche nach Hunderten zählten. In gewaltiger Höhe erst breiteten sie ihre Kronen mit rund herum stehenden Aesten aus, die erst an den Enden mit wechselständigen Blättern besetzt waren; aus den Blattwinkeln hingen dann Einzelblüthen herab, deren Kelch die Form einer gestürzten Urne hatte. Unter dieser immergrünen Decke hatte die Luft freien Zugang; eine fortwährende Ventilation sog die Feuchtigkeit des Bodens auf. Pferde, Rinderheerden und Wagen konnten bequem unter diesen weit von einander stehenden Bäumen durchziehen, welche mehr den Absteckpfählen eines in Angriff genommenen Hitzschlages glichen. Das war kein Holz mit niedrigem Gebüsch und knorrigen Wurzeln, kein jungfräulicher Wald, der von gestürzten Stämmen versperrt und von unentwirrbaren Lianen durchschlungen war, durch welche nur das Eisen und das Feuer einen Weg zu bahnen vermögen. Ein Grasteppich am Fuße der Bäume, ein grüner Ueberhang an ihren Wipfeln, lange Durchblicke durch kühne Pfeiler, wenig Schatten, wenig Kühle, in Summa eine auffallende Art von Helligkeit, wie von Lichtstrahlen, welche durch ein feines Gewebe dringen, merkwürdige Reflexe, scharfe Spiegelbilder am Boden, alles Das bildete ein bizarres und an neuen Effecten reiches Schauspiel. Der Wald dieses oceanischen Festlandes erinnert in keiner Weise an die Wälder der neuen Welt, und der Eucalyptus, der »Tara« der Ureinwohner, der in die Familie der Myrtaceen mit ihren kaum zählbaren Unterarten gehört, ist der hervorragendste Baum der australischen Flora. Wenn unter diesem grünen Blätterdome der Schatten nicht dicht, und die Dunkelheit nicht tief ist, so rührt das von einer sonderbaren Regelwidrigkeit her, welche diese Bäume bezüglich ihrer Blattstellung aufweisen. Keines wendet seine Fläche der Sonne zu, sondern immer nur den scharfen Rand. In diesem merkwürdigen Blätterwerk erblickt das Auge nur Profile. So gleiten auch die Sonnenstrahlen bis zur Erde, als ob sie durch die aufgerichteten Brettchen einer Jalousie drängen. Ein Jeder machte mit Erstaunen diese Beobachtung. Welchen Zweck hatte diese sonderbare Anordnung? Diese Frage wurde natürlich an Paganel gestellt. Er beantwortete sie als ein Mann, der nie in Verlegenheit war. »Was mich hier Wunder nimmt, sagte er, ist nicht etwa die Bizarrerie der Natur; diese weiß schon, was sie thut, aber die Botaniker wissen nicht immer, was sie sagen. Die Natur ist nicht fehl gegangen, als sie diesen Bäumen eine abweichende Blätterhaltung verlieh, aber die Menschen haben neben das Ziel geschossen, als sie dieselben «Eucalyptus» nannten. – Was bedeutet dieses Wort? fragte Mary Grant. – Seine Bedeutung im Griechischen sagt es, daß es «gut decke». Man hat Sorge getragen, diesen Irrthum durch Beibehalten des griechischen Ausdrucks minder fühlbar zu machen; aber es ist doch einleuchtend, daß der Eucalyptus nur schlecht bedeckt. – Zugestanden, lieber Paganel, sagte Glenarvan, aber nun erklären Sie uns, warum diese Blätter eben so wachsen. – Aus einem rein physikalischen Grunde, meine Freunde, erwiderte Paganel, den Sie unschwer einsehen werden. In dieser Gegend mit trockener Luft, seltenem Regen und ausgedörrtem Boden bedürfen die Bäume weder des Windes, noch der Sonne. Da die Feuchtigkeit mangelt, haben sie auch wenig Saft. Daher rühren diese schmalen Blätter, welche sich selbst gegen das Tageslicht und eine zu starke Verdunstung zu schützen suchen. Eben deshalb bieten sie den Sonnenstrahlen nur ihr Profil, und nicht ihre volle Fläche. Es giebt gar nichts Gescheiteres, als solch ein Blatt. – Und nichts Selbstsüchtigeres! versetzte der Major, denn diese haben nur an sich selbst, nicht aber an etwaige Reisende gedacht!« Alle theilten wohl in Etwas Mac Nabbs' Ansicht, bis auf Paganel, der sich die Stirn abtrocknete und doch beglückwünschte, auch einmal unter schattenlosen Bäumen dahinzuziehen. Dennoch hat diese Blätterhaltung ihre unangenehmen Seiten. Die Wege durch diese Wälder sind oft sehr lang und folglich beschwerlich, da den Reisenden Nichts gegen die Hitze des Tages schützt. Den ganzen Tag über rollte der Wagen zwischen diesen endlosen Eucalyptusreihen. Weder ein Thier noch ein Eingeborener kam zu Gesicht. Einige Kakadu bevölkerten die Laubkronen des Waldes, aber in dieser Höhe konnte man sie kaum unterscheiden, und ihr Geschwätz verschwamm zum unverständlichen Gemurmel. Nur manchmal trabte ein Schwarm von Straußen durch eine entfernte Allee und belebte sie mit rasch eilendem, vielfarbigem Scheine. Ueberhaupt aber herrschte ein tiefes Schweigen in diesem ungeheuren grünen Tempel, und nur die Tritte der Pferde, einige in unzusammenhängender Unterhaltung gewechselte Worte, und zeitweilig ein Zuruf Ayrton's, der seine stumpfsinnige Bespannung antrieb, unterbrachen diese unendliche Einsamkeit. Am Abend schlug man das Lager am Fuße von Eucalypten auf, welche noch die Spuren eines neuerlichen Feuers zeigten. Diese bildeten gewissermaßen hohe Schornsteine, denn die Flammen hatten sie im Innern ihrer ganzen Länge nach ausgehöhlt. Nur auf der zurückgebliebenen Rinde standen sie doch noch ganz fest. Doch wird diese üble Gewohnheit der Squatters oder der Eingeborenen diese prächtigen Bäume noch ganz vernichten, bis sie verschwinden, wie die vierhundertjährigen Cedern des Libanon, welche die ungeschickt angelegten Lagerfeuer zerstört haben. Olbinett zündete auf Paganel's Rath das Feuer zum Abendessen in einem dieser röhrenartigen Stämme an; sofort entwickelte sich eine beträchtliche Zugluft und der Rauch verlor sich in dem düstern Blätterwerke. Man ordnete dann die nöthigen Maßnahmen für die Nacht, und Ayrton, Mulrady, Wilson und John Mangles hielten abwechselnd Wache bis zum Aufgange der Sonne. Während des ganzen 3. Januars setzten sich in dem endlosen Walde die symmetrischen Baumgänge fort. Er schien gar nicht endigen zu wollen. Gegen Abend jedoch lichteten sich die Bäume, und in der Entfernung einiger Meilen erschien auf einer kleinen Ebene ein Häufchen regelmäßig gestellter Häuser. »Seymour! rief Paganel aus. Das ist die letzte Stadt, auf die wir in der Provinz Victoria stoßen. – Ist sie von Bedeutung? fragte Lady Helena. – Madame, erwiderte Paganel, es ist einfach eine Pfarrgemeinde, welche im Zuge ist, eine Stadt zu werden. – Werden wir dort ein passendes Hotel finden? sagte Glenarvan. – Ich hoffe es, antwortete der Geograph. – Nun denn, so ziehen wir in die Stadt ein, denn unsere muthigen Damen werden, wie mir scheint, nicht böse darüber sein, dort eine Nacht auszuruhen. – Mein lieber Edward, sagte Lady Helena, Mary und ich, wir gehen darauf ein, aber nur unter der Bedingung, daß dadurch keine Störung und keine Verzögerung verursacht wird. – Keineswegs, erwiderte Lord Glenarvan, unsere Zugthiere sind zudem ermüdet; morgen mit Tagesanbruch reisen wir weiter.« Es war nun neun Uhr geworden. Der Mond sank schon zum Horizonte und warf nur noch schiefe, im Nebeldunst verschwimmende Strahlen. Nach und nach ward es dunkel. Die ganze Gesellschaft zog unter Führung Paganel's in die breiten Straßen Seymours ein. Derselbe schien stets auch das völlig zu kennen, was er noch nie zuvor gesehen hatte. Ihn leitete sein Instinct und er kam direct vor Campell's »North British Hotel« an. Die Pferde und Ochsen wurden in die Ställe geführt, der Wagen untergebracht, die Reisenden aber erhielten ganz erträglich hübsche Zimmer. Gegen zehn Uhr nahmen Alle an einer Tafel Platz, über welche Olbinett seinen Kennerblick schweifen ließ. Paganel hatte schon mit Robert das Städtchen durchstreift und berichtete mit sehr lakonischer Kürze über den Eindruck, den er nächtlicher Weile empfangen hatte. Er hatte nämlich gar Nichts gesehen. Dennoch hätte, wer weniger zerstreut war, als er, wohl eine gewisse Bewegung in den Straßen von Seymour bemerken müssen, da und dort hatten sich Gruppen gebildet, die nach und nach anwuchsen; man sprach vor den Hausthüren; man befragte sich mit offenbarer Unruhe; einige Tagesblätter wurden laut vorgelesen, erläutert und besprochen. Diese Symptome konnten auch dem unaufmerksamsten Beobachter nicht entgehen; Paganel aber hatte darin nichts Besonderes gefunden. Der Major unterrichtete sich, ohne so weit zu gehen, ja, ohne das Haus zu verlassen, über die gerechtfertigten Befürchtungen der kleinen Stadt. Nach einem Gespräche von zehn Minuten mit dem geschwätzigen Dickson, dem Oberkellner des Hotels, wußte er, woran er war. Aber er verlor darüber zunächst nicht ein Wort. Erst als nach aufgehobener Tafel Lady Glenarvan, Mary und Robert Grant sich auf ihre Zimmer zurückgezogen hatten, hielt der Major seine Genossen zurück und sagte: »Man kennt nun die Urheber des Verbrechens auf der Sandhurster Bahn. – Sie sind gefangen? fragte lebhaft Ayrton. – Nein, entgegnete Mac Nabbs, ohne daß er den Eifer des Quartiermeisters zu bemerken schien, ein Eifer, der doch unter den gegebenen Verhältnissen ganz begründet erschien. – Desto schlimmer, meinte Ayrton. – Nun, fragte Glenarvan, wen klagt man dieser Unthat an? – Lesen Sie, erwiderte der Major, der ihm eine Nummer der «Australian and New-Zealand Gazette» hinhielt, und Sie werden sehen, daß der Polizei-Inspector sich nicht getäuscht hat.« Glenarvan las folgende Stelle laut vor: »Sidney, am 2. Januar 1866. – Man erinnert sich, daß in der Nacht vom 29. zum 30. des vergangenen December an der Camden-Brücke ein Unglück stattgefunden hat, das heißt fünf Meilen oberhalb der Station Castlemaine, an der Eisenbahn von Melbourne nach Sandhurst. Der mit voller Schnelligkeit dahinfahrende Nachtschnellzug von elf Uhr fünfundvierzig Minuten ist in den Luttonfluß hinabgestürzt. »Die Camden-Brücke ist beim Passiren des Zuges offen gewesen. »Zahlreiche Diebstähle nach dem Unfall, und die Auffindung der Leiche des Bahnwärters eine halbe Meile von der Brücke, deuten darauf hin, daß diese Katastrophe die Folge eines schweren Verbrechens sei. »Wirklich geht aus der Untersuchung des Coroners hervor, daß dasselbe einer Bande Sträflinge zuzuschreiben ist, welche seit sechs Monaten aus dem Besserungshause in Perth, West-Australien, in dem Augenblicke entsprungen sind, als sie nach der Insel Norfolk übergeführt werden sollten. Die Insel Norfolk liegt im Osten von Australien, wo das Gouvernement die rückfälligen und unverbesserlichen Sträflinge detinirt. Dort sind sie einer ganz speciellen Ueberwachung unterworfen. »Die Sträflinge sind ihrer neunundzwanzig, angeführt von einem gewissen Ben Joyce, einem Verbrecher der gefährlichsten Art, der seit einigen Monaten, man weiß nicht auf welchem Schiffe, nach Australien gekommen ist, und den der Arm der Justiz noch nicht hat erreichen können. »Die Bewohner der Städte, die Colonisten und die Squatters in den Stationen werden hiermit veranlaßt, auf ihrer Hut zu sein und dem Surveyor-General Alles mitzutheilen, was seine weiteren Nachforschungen unterstützen könnte. I. P. Mitchell, S.-G.« Als Lord Glenarvan die Vorlesung dieses Artikels beendet hatte, wandte sich Mac Nabbs an den Geographen mit den Worten: »Sie sehen, Paganel, daß man hier in Australien Sträflingen begegnen kann. – Entsprungenen, das liegt auf der Hand! antwortete Paganel, aber regelrecht zugelassenen Deportirten, nein. Die Leute, um die es sich dort handelt, sind unberechtigter Weise hier. – Ja, aber sie sind doch hier, warf Glenarvan ein, doch denke ich nicht, daß ihre Anwesenheit unser Vorhaben ändern, oder gar unsere Reise verhindern soll. Was meinen Sie, John?« John Mangles antwortete nicht sogleich; er schwankte zwischen dem Schmerze, den das Aufgeben der begonnenen Nachsuchung den beiden Kindern bereiten würde, und der Furcht, die Expedition einer Gefahr auszusetzen. »Wäre Lady Glenarvan und Miß Grant nicht mit uns, sagte er, so würde ich mich um die Bande dieser Elenden wenig kümmern.« Glenarvan verstand ihn und fügte hinzu: »Es versteht sich von selbst, daß von einem Verzichten auf unser Vorhaben nicht die Rede sein kann; vielleicht wäre es aber rathsam, den Duncan in Melbourne wieder zu besteigen, und die Spuren Harry Grant's vom Osten her zu verfolgen. Wie denken Sie darüber, Mac Nabbs? – Bevor ich mich ausspreche, erwiderte dieser, möchte ich Ayrton's Ansicht kennen lernen.« Der so unmittelbar befragte Quartiermeister sah Glenarvan an. »Ich denke, sagte er, daß wir zweihundert Meilen von Melbourne entfernt sind, und daß die Gefahr, wenn eine solche vorhanden, auf dem Wege nach Süden ebenso groß, als auf dem nach Osten ist. Alle beide sind wenig belebt und auch gleich lang. Uebrigens glaube ich nicht, daß an die dreißig Bösewichte im Stande sind, acht wohlbewaffnete und entschlossene Männer zu schrecken. Bis auf besseren Rath also würde ich vorwärts gehen. – Wohl gesprochen, Ayrton, entgegnete Paganel, Wenn wir weiter gehen, können wir den Weg des Kapitän Grant schneiden. Gehen wir nach Süden zurück, so entfernen wir uns im Gegentheil davon. Ich denke also, wie Sie, und ich würde nicht viel Federlesens machen mit den Entsprungenen aus Perth, auf welche ein Mann von Muth keine weitere Rücksicht zu nehmen hat.« Darauf wurde der Vorschlag, an dem Reiseprogramm Nichts zu ändern, zur Abstimmung gebracht und mit Einstimmigkeit angenommen. »Noch eine Bemerkung, Mylord, sagte Ayrton, als man schon auseinander gehen wollte. – Reden Sie, Ayrton. – Möchte es sich nicht empfehlen, dem Duncan die Weisung zugehen zu lassen, sich nach dem Küstenpunkte zu begeben? – Zu welchem Zwecke? antwortete John Mangles. Wenn wir an der Twofold-Bai angekommen sind, wird es dazu Zeit sein. Sollte uns nun gar ein unvorhergesehenes Ereigniß veranlassen, uns nach Melbourne zu wenden, so würden wir sehr zu unserem Leidwesen den Duncan dort nicht antreffen. Uebrigens können seine Beschädigungen noch nicht wohl ausgebessert sein. Ich glaube demnach aus diesen verschiedenen Gründen, daß es besser ist, damit zu warten. – Gut«, entgegnete Ayrton, der sich zufrieden gab. Am anderen Tage verließ die kleine Gesellschaft, bewaffnet und für jeden Fall vorbereitet, Seymour. Eine halbe Stunde später war sie wieder in dem Eucalyptuswalde, der sich auch nach Osten hin fortsetzte. Glenarvan hätte es vorgezogen, über offenes Feld zu reisen. Eine Ebene ist für Hinterhalte und zum Auflauern natürlich weniger günstig, als ein dichter Wald. Aber man hatte keine Wahl, und so schlich der Wagen den ganzen Tag über zwischen den einförmigen Bäumen hin. Man zog längs der nördlichen Grenze der Grafschaft Anglefey, erreichte am Abend den hundertsechsundvierzigsten Meridian, und schlug auf der Grenze des Murray-Districtes das Lager auf. Sechzehntes Capitel. Worin der Major behauptet, Affen vor sich zu haben. Am folgenden Morgen, den 5. Januar, betraten die Reisenden das große Territorium von Murray. Dieser ausgedehnte und unbewohnte District reicht bis an die hohe Kette der Australischen Alpen. Noch hat die Civilisation ihn nicht in bestimmte Grafschaften getheilt. Er ist der mindest bekannte und unbelebteste Theil der Provinz. Auch seine Wälder werden einst unter der Axt des Buschmannes fallen, seine Wiesenflächen die Heerde des Squatters nähren, aber noch ist's ein jungfräulicher Boden, wie er dereinst dem Indischen Ocean entstieg; noch ist es eine Wüstenei. Der ganze Landstrich trägt auf den englischen Karten den bezeichnenden Namen: »Reserve for the blacks« , das Revier für die Schwarzen. Dorthin sind die Eingeborenen durch die Colonisten gewaltsam zurückgedrängt worden. In weitentlegenen Ebenen hat man ihnen in unzugänglichen Wäldern einige bestimmte Landstrecken überlassen, wo die Race der Ureinwohner langsam erlischt. Jeder Weiße, jeder Colonist, Auswanderer, Squatter oder Buschmann hat das Recht, die Grenzen dieses Gebietes zu überschreiten, der Schwarze allein darf sie niemals verlassen. Paganel befaßte sich während des Reitens mit dieser wichtigen Frage der eingeborenen Stämme. Er hatte darüber nur das eine Urtheil, daß das britische System die überwundenen Völkerschaften der Vernichtung entgegenführe, schon indem es sie der Wohnsitze beraubt, die ihre Vorfahren inne hatten. Diese verderbliche Tendenz zeigte sich überall, und in Australien am meisten. In den ersten Jahren der Colonie betrachteten die Deportirten, ja selbst auch die freien Colonisten, die Schwarzen als wilde Thiere. Sie machten Jagd auf dieselben und schossen sie nieder. Man tödtete sie und rief auch noch den Wahrspruch der Gerichtshöfe an, daß der Australier außer den Gesetzen der Natur stehe und die Ermordung dieser Unglücklichen kein Verbrechen sei. Die Journale von Sidney schlugen sogar als durchgreifendes Mittel, sich von den am See Hunter lebenden Stämmen zu befreien, vor, dieselben in Masse zu vergiften. Man erkennt, wie die Engländer bei ihrem ersten Auftreten den Mord der Colonisirung zu Hilfe riefen. Ihre Grausamkeit war abscheulich. Sie verfuhren in Australien wie in Indien, wo fünf Millionen Indier spurlos verschwanden, oder wie am Cap, wo eine Bevölkerung von einer Million Hottentotten auf hunderttausend Köpfe zusammenschmolz. So ist auch hier die eingeborene Bevölkerung, welche durch Mißhandlung und Trunksucht decimirt wird, dabei, vor jener menschenmörderischen Civilisation von dem Festlande zu verschwinden. Manche Gouverneure haben allerdings Verordnungen gegen jene blutgierigen Bushmen erlassen. Mit einigen Peitschenhieben bestraften sie den Weißen, der einen Schwarzen die Nase oder die Ohren abschnitt, oder ihn auch des kleinen Fingers beraubte, »um sich einen Pfeifenräumer daraus zu machen«. Leere Drohungen! Die Mordgesellen organisirten sich in größerem Maßstabe und ganze Tribus verschwanden von der Erde. Hier sei beispielsweise nur die Vandiemens-Insel angeführt, deren fünftausend Eingeborene zu Anfang des Jahrhunderts im Jahre 1863 auf – sieben herabgekommen waren! Und kürzlich erst, konnte der »Mercure« melden, daß in Hobart-Town der Letzte der Tasmanier angekommen sei. Weder Glenarvan, noch der Major oder John Mangles widersprachen Paganel. Und wenn sie selbst Engländer gewesen wären, sie hätten ihre Landsleute nicht vertheidigen können. Die Thatsachen sprachen zu offenkundig und unbestreitbar. »Vor fünfzig Jahren, fügte Paganel hinzu, wären wir auf unserem Wege schon manchem Stamme Eingeborener begegnet, heut ist uns bis jetzt noch kein Einziger zu Gesicht gekommen. In einem Jahrhundert wird sich dieser Continent seiner schwarzen Race vollkommen entledigt haben.« Wirklich zeigte sich das Negerrevier völlig verlassen. Keine Spur von Lagerplätzen oder Hütten war bemerkbar. Freie Ebenen und große Gehölze reihten sich an einander, und mehr und mehr nahm die Gegend den Charakter der Wildniß an. Es schien fast, als ob kein lebendes Wesen, weder Mensch noch Thier, in diesen entlegenen Gegenden vorkäme, als Robert vor einer Eucalyptusgruppe hielt und ausrief: »Ein Affe! Da ist ein Affe!« Er zeigte dabei nach einem großen schwarzen Körper, der mit wunderbarer Behendigkeit von Ast zu Ast glitt und sich von einem Wipfel zum andern schwang, als wenn irgend ein Hilfsmittel, etwa eine Flughaut, ihn in der Luft erhielte. Sollten in diesem fremdartigen Lande vielleicht auch die Affen fliegen können, so wie jene Füchse, welche die Natur mit Fledermausfittichen ausgestattet hat? Inzwischen hatte der Wagen Halt gemacht, und jedes Auge folgte dem Geschöpf, welches sich nach und nach in der Krone des Eucalyptus verlor. Bald darauf sah man es mit Blitzesschnelle wieder herabsteigen, mit tausend Verrenkungen und Sprüngen auf der Erde dahinlaufen und endlich seine langen Arme nach dem glatten Stamme eines gewaltigen Gummibaumes ausstrecken. Man fragte sich, wie es wohl an diesem geraden und glatten Baum, den es nicht zu umspannen vermochte, emporklimmen werde. Der Affe aber hackte mit einer Art Beil kleine Stufen in den Stamm, und mit Hilfe dieser gleichweit von einander entfernten Stützpunkte gelangte er bis zur Gabeltheilung desselben. In wenigen Secunden verschwand er in dem Blätterdickicht. »Ei! Was ist das für ein Affe? fragte der Major. – Dieser Affe, erwiderte Paganel, ist ein Vollblut-Australier!« Noch hatten die Begleiter des Geographen nicht Zeit gehabt, mit den Achseln zu zucken, als aus geringer Entfernung Rufe, welche man schriftlich etwa mit »coo-eeh! coo-eeh!« wiedergeben könnte, an ihr Ohr schlugen. Ayrton trieb seine Ochsen an, und hundert Schritte weiterhin trafen die Reisenden unerwartet auf ein Lager von Eingeborenen. Welch ein trauriger Anblick! Ein Dutzend Zelte erhoben sich auf dem nackten Erdboden. Diese »Gunyos«, welche aus Rindenstücken, die man gleich Dachziegeln übereinander geschichtet hatte, gefertigt waren, gewährten ihren elenden Bewohnern nur nach einer Seite hin einigen Schutz. Diese durch Elend heruntergekommenen Wesen waren wirklich abstoßend. Es waren etwa dreißig, Männer, Frauen und Kinder, mit zerfetzten Kängurufellen bekleidet. Bei der Annäherung des Wagens suchten sie zunächst zu entfliehen, einige von Ayrton in unverständlichem Kauderwälsch ausgesprochene Worte schienen sie aber wieder zu beruhigen, so daß sie halb vertrauensvoll, halb furchtsam, wie Thiere, denen man einen leckeren Bissen hinhält, zurückkehrten. Diese Eingeborenen von fünf Fuß und vier bis sieben Zoll Körpergröße, hatten nußbraune Hautfarbe, wolliges Haupthaar, lange Arme, hervorstehenden Unterleib, und ihr Körper war mit Narben vom Tätowiren oder von Schnitten, die bei Leichenfeierlichkeiten beigebracht wurden, bedeckt. Es giebt nichts Abschreckenderes, als ihre wahrhaft ungeschlachten Gesichter, mit dem ungeheuren Munde, der platten Stumpf-Nase, dem vorstehenden Unterkiefer mit weißen, aber schiefstehenden Zähnen. Niemals können menschliche Wesen so ausgeprägt den Typus des Thierischen aufweisen. »Robert hat sich nicht geirrt, sagte der Major, das sind Affen, – meinetwegen Vollblut –, aber es bleiben doch Affen! – Aber, Mac Nabbs, erwiderte sanft Lady Helena, möchten Sie Denen Recht geben, die Jene wie wilde Thiere jagen? Diese armen Wesen sind doch Menschen! – Menschen! rief Mac Nabbs, höchstens Zwischengeschöpfe zwischen Mensch und Orang-Utang! Wenn ich ihren Gesichtswinkel mäße, würde ich ihn ebenso klein finden, wie beim Affen!« In dieser Hinsicht hatte Mac Nabbs wohl Recht; der Gesichtswinkel des australischen Eingeborenen ist sehr spitz und nähert sich auffallend dem des Orang-Utang, er beträgt nämlich sechzig bis zweiundsechzig Grade. Auch ist der Vorschlag de Rienzi's nicht unbegründet zu nennen, diese Unglücklichen als besondere Race der »Pithecomorphen«, das sind affenähnliche Menschen, zu betrachten. Aber mehr als Mac Nabbs war Lady Helena im Rechte, wenn sie diese Eingeborenen als seelenbegabte Wesen, wenn auch auf der untersten Stufe der Menschheit, auffaßte. Zwischen dem Thiere und dem Australneger bleibt immer noch eine nie zu überbrückende Kluft, welche die Arten scheidet. Pascal hatte gewiß Recht zu sagen, daß der Mensch nie und nirgends gleich dem Thiere ist; freilich setzte er nicht minder weise hinzu: »daß er auch nie zum Engel werde.« Nun bewiesen aber gerade Lady Helena und Miß Mary Grant die Unhaltbarkeit jenes Nachsatzes des großen Denkers. Die beiden liebenswürdigen Frauen hatten den Wagen verlassen, liebevoll streckten sie den elenden Geschöpfen die Hand entgegen und boten ihnen Nahrungsmittel, welche die Wilden mit widerlicher Gier verschlangen. Die Eingeborenen mußten Lady Helena desto leichter für ein überirdisches Wesen halten, als nach ihrer religiösen Anschauung die Weißen früher Schwarze waren, welche nach ihrem Tode gebleicht sind. Vorzüglich aber riefen die Frauen das Mitleid der reisenden Damen wach. Für die Verhältnisse einer Australierin existirt kein Vergleich; von einer stiefmütterlichen Natur auch nicht mit dem mindesten Liebreiz ausgestattet, ist sie eine von roher Gewalt entführte Sklavin, die kein anderes Hochzeitsgeschenk kennen lernt, als Schläge mit dem »Waddie«, das heißt, einem derben Stocke in der Hand ihres Herrn. Von dieser Zeit an muß sie sich, früh und schnell gealtert, den mühseligsten Arbeiten auf dem Wanderleben unterziehen, wobei sie auch mit ihren Kindern die in einem Binsenbündel eingepackten Jagd- und Fischergeräthschaften trägt, neben dem Vorrathe von »Phormium tenax« , aus dem sie die nöthigen Fäden herstellt. Sie muß die Nahrungsmittel für die Familie besorgen, sie verfolgt Dachse, Opossums und Schlangen bis in die Wipfel der Bäume; sie zerkleinert das Feuerholz, und schafft die Baumrinde zum Zelte herbei; ein geplagtes Lastthier, kennt sie keine Ruhe und verzehrt erst nach ihrem Herrn die unappetitlichen Reste, die Jener verschmähte. Jetzt waren einige dieser Bedauernswerthen, die vielleicht schon lange jeder Nahrung entbehrten, dabei, mittels hingestreuter Körner einige Vögel herbeizulocken. Sie lagen unbeweglich, todtenähnlich, ganze Stunden lang auf dem glühenden Boden ausgestreckt, und lauerten, bis ein naiver Vogel in das Bereich ihrer Hände kam. Ihre Kunst, Fallen zu stellen, reichte nicht weiter, und es gehörte eben ein gefiederter Bewohner Australiens dazu, um sich auf diese Weise fangen zu lassen. Unterdessen umringten die durch das Entgegenkommen der Reisenden vertrauter gewordenen Eingeborenen die Ersteren, welche alle Mühe hatten, sich der vorzüglich entwickelten Diebesgelüste derselben zu erwehren. Diese sprachen ein vorwiegend aus Zungenlauten bestehendes pfeifendes Idiom, das dem Schrei mancher Thiere ähnelte. Manchmal hatte ihre Sprache jedoch auch Schmeicheltöne von großer Zartheit; häufig wiederholte sich das Wort »Noki, noki« , welches die begleitenden Handbewegungen genügend verständlich machten. Es hieß »Gebt mir, gebt mir!« und wurde auch bezüglich des Besten, was die Reisenden besaßen, laut. Olbinett hatte viel zu thun, um den Lagerraum und vor Allem den Proviant der Expedition zu schützen. Die armen Verhungerten warfen erschreckende Blicke auf den Wagen und wiesen ihre scharfen Zähne, denen wohl auch Menschenfleisch nichts Fremdes war. Die meisten australischen Stämme sind zwar im Friedenszustande gewiß keine Anthropophagen, aber es giebt ja nur wenig Wilde, welche den Körper des besiegten Feindes zu verzehren verschmähen. Auf Helena's Wunsch ließ Glenarvan indeß einige Nahrungsmittel vertheilen. Die Eingeborenen benahmen sich dabei auf eine Art und Weise, welche auch das fühlloseste Herz bewegt hätten; sie stießen Laute ähnlich denen wilder Thiere aus, wenn der Wärter diesen das tägliche Futter bringt. Ohne dem Major völlig beizustimmen, war es doch nicht zu leugnen, daß diese Menschenrace dem Thiere sehr nahe stand. Olbinett glaubte galanter Weise erst die Frauen befriedigen zu sollen. Diese unglücklichen Creaturen wagten es aber nicht, vor ihren gefürchteten Herren zu essen. Letztere stürzten sich wie auf gute Beute auf das Backwerk und getrocknete Fleisch. Mary Grant traten bei dem Gedanken, daß ihr Vater unter ebenso rohen Eingeborenen gefangen sein sollte, die Thränen in die Augen. Sie stellte sich vor, was ein Mann, wie Harry Grant, als, Sklave eines solchen umherziehenden Stammes, zu leiden haben möchte, wo er dem Elend, dem Hunger und jeder Mißhandlung preisgegeben war. John Mangles, der sie mit sorgenvoller Aufmerksamkeit betrachtete, errieth die Gedanken, von denen ihr Herz voll war, und kam ihren Wünschen durch einige Fragen an den Quartiermeister der Britannia zuvor. »Ayrton, sagte er, sind Sie den Händen derartiger Wilden entlaufen. – Ja wohl, Kapitän, antwortete Ayrton. Diese Völkerschaften des Binnenlandes sind alle einander ähnlich. Hier sehen Sie indeß nur eine Handvoll dieser armen Teufel, doch wohnen an den Ufern des Darling noch zahlreiche Stämme, die von Häuptlingen beherrscht werden, welche mit furchtbarer Machtvollkommenheit handeln. – Was kann aber, fragte John Mangles, ein Europäer inmitten dieser Eingeborenen beginnen? – Das, was auch ich gethan habe, erwiderte Ayrton; er jagt und fischt mit ihnen, nimmt Theil an ihren Kämpfen und wird, wie ich schon erwähnte, je nachdem, was er leistet, behandelt. Ist er intelligent und tapfer, so nimmt er bei dem Stamme auch eine angesehene Stellung ein. – Aber er ist doch ein Gefangener? sagte Mary Graut. – Und so überwacht, fügte Ayrton hinzu, daß er weder bei Tage, noch bei Nacht einen Schritt thun kann. – Aber Ihnen, Ayrton, sagte der Major, der sich in das Gespräch mischte, ist es doch gelungen, zu entwischen. – Ja, Herr Mac Nabbs, und zwar gelegentlich eines Kampfes zwischen meinem Stamme und einer benachbarten Völkerschaft. Ich habe es durchgesetzt, nun wohl, jetzt bedauere ich es auch nicht. Sollte ich es, aber noch einmal ausführen, ich glaube, ich zöge eine ewige Sklaverei den Qualen vor, die ich beim Marsch durch die Wüsten des Innern erduldet habe. Gott bewahre den Kapitän Grant davor, einen ähnlichen Rettungsversuch zu wagen! – Ja, gewiß muß es unser Wunsch sein, Miß Mary, meinte John Mangles, daß Ihr Vater bei irgend einem Stamme Eingeborener zurückgehalten werde. So werden wir weit leichter auf seine Fährte kommen, als wenn er in den Wäldern des Continentes umherirrte. – Sie haben noch immer Hoffnung? fragte das junge Mädchen. – Noch immer die eine, Miß Mary, Sie dereinst mit Gottes Hilfe glücklich zu sehen.« Die feuchten Augen Mary Grant's allein konnten dem jungen Kapitän danken. Während dieses Gesprächs entstand unter den Wilden eine ungewöhnliche Bewegung; sie stießen gellende Schreie aus, liefen verschiedentlich durch einander, ergriffen ihre Waffen und schienen von wilder Wuth erregt zu sein. Glenarvan wußte nicht, wo das hinauswolle, als der Major an Ayrton die Frage richtete: »Da Sie lange Zeit unter den Australnegern gelebt haben, verstehen Sie zweifelsohne auch die Mundart Dieser hier? – So ziemlich, entgegnete der Quartiermeister, aber so viel Stämme, so viel Mundarten. Doch glaube ich annehmen zu dürfen, daß diese Wilden aus Dankbarkeit Seiner Herrlichkeit ein Kampfspiel aufführen wollen.« Wirklich war das die Ursache jener Bewegung. Ohne weitere Umstände griffen sich die Eingeborenen mit erheuchelter Wuth an, und das so täuschend, daß der weniger Unterrichtete einen ernsthaften Kampf vor sich zu haben glauben mußte. Die Australier sind aber nach Aussage aller Reisenden ganz perfecte Schauspieler und bei vorliegender Gelegenheit entwickelten sie ein ganz bemerkenswerthes Talent. Ihre Angriffs- und Vertheidigungswaffen bestanden in einer Art hölzerner Keule, welche auch für den dicksten Schädel genügen würde, und eine Art »Tomahawk«, einem spitzen, sehr harten Steine, der zwischen zwei Stäben durch einen Klebstoff befestigt war. Diese Hacke hat einen zehnfüßigen Griff, und ist ein ebenso furchtbares Werkzeug für den Krieg, wie nützlich für die Beschäftigungen des Friedens, und dient je nach Bedarf zum Abhacken der Aeste und der Köpfe, und zum Zerschneiden der Leiber und der Bäume. Alle diese Waffen wurden unter wildem Geschrei von wahnsinnigen Händen geschwungen, die Kämpfer warfen sich auf einander, Einige stürzten wie todt zusammen, Andere erhoben ein Siegesgeschrei. Die Frauen, vorzüglich die älteren, feuerten, wie von der Furie des Krieges besessen, zum Kampfe an, fielen über die falschen Leichname her und verstümmelten sie scheinbar mit einer Wildheit, die auch in der Wirklichkeit nicht schrecklicher erscheinen konnte. Jeden Augenblick fürchtete Lady Helena das Spiel in einen ernsthaften Kampf ausarten zu sehen. Doch gingen die Kinder, die auch daran Theil genommen hatten, dabei nicht frei aus. Die kleinen Knaben und Mädchen, die übrigens noch wüthender erschienen, behandelten sich mit ganz respectablen Ohrfeigen. Schon währte das Scheingefecht an zehn Minuten, als die Streiter plötzlich inne hielten. Die Waffen entfielen ihren Händen. Ein tiefes Schweigen folgte dem betäubenden Lärmen. Die Eingeborenen verharrten in ihrer zuletzt inne gehabten Stellung, wie die Figuren eines lebenden Bildes. Man hätte sie für versteinert halten können. Was war die Ursache dieses Wechsels und was veranlaßte plötzlich diese marmorne Bewegungslosigkeit? Eine Schaar Kakadus wurde in den Kronen der hohen Gummibäume bemerkbar; sie erfüllten die Luft mit ihrem Geschwätz und glichen mit den lebhaften Farben ihres Gefieders einem fliegenden Regenbogen. Die Erscheinung dieser glänzenden Wolke von Vögeln hatte das Gefecht unterbrochen. Die Jagd, welche doch nutzbringender erschien, folgte auf den Kampf. Einer der Eingeborenen ergriff ein roth gefärbtes, eigentümlich construirtes Instrument, verließ seine noch immer bewegungslosen Genossen und verfügte sich zwischen Bäumen und Gebüschen näher nach der Gesellschaft der Kakadus hin. Er kroch lautlos dahin, streifte ein Blatt und verrückte kein Steinchen; es war ein gleitender Schatten. Als der Wilde bis auf geeignete Entfernung nahe gekommen war, schleuderte er sein Instrument in wagerechter Richtung etwa zwei Fuß über den Boden hin. So flog diese Waffe etwa vierzig Fuß weit; plötzlich aber stieg sie, ohne die Erde zu berühren, senkrecht gegen hundert Fuß hoch aufwärts, verletzte ein Dutzend Vögel tödtlich und kam, eine Parabel beschreibend, zu den Füßen des Jägers zurück. Glenarvan und seine Begleiter waren erstaunt; sie trauten ihren Augen nicht. »Das war ein «Boomerang»! sagte Ayrton. – Der Boomerang! rief Paganel, der australische Boomerang!« Wie ein Kind lief er nach dem Instrumente, das er aufhob, um zu sehen, »was denn daran sei.« Man konnte wirklich zu dem Glauben verführt werden, daß ein innerer Mechanismus, etwa eine plötzlich losschnellende Feder, dem Wege desselben eine andere Richtung gegeben hätte. Aber nichts von dem Allen fand sich. Der Boomerang bestand einfach in einem Stücke langen, krummen, dreißig bis vierzig Zolle langen Holzes; in der Mitte etwa drei Zoll dick, spitzte er sich nach den Enden hin scharf zu. Seine concave Seite trat um sechs Linien ein, während die convexe zwei scharfe vorspringende Ränder aufwies. Das Ganze war ebenso einfach als unerklärlich. »Das ist also dieser berühmte Boomerang!« sagte Paganel, nachdem er das sonderbare Instrument genau betrachtet hatte. Ein Stück Holz und Nichts weiter. Wie steigt er aber von einem gewissen Punkte seines horizontalen Laufes auf in die Luft, um auch wieder nach der Hand, die ihn schleuderte, zurückzukehren? Nie haben Gelehrte oder Reisende den Grund dieser Erscheinung anzugeben vermocht. – Sollte das nicht eine Wirkung ähnlich derjenigen sein, nach welcher ein in gewisser Art geworfener Reifen zu seinem Ausgangspunkte zurückkehrt? fragte John Mangles. – Oder vielmehr, meinte Glenarvan, ein Rückschlag, ähnlich dem der Billardkugel, die an einen bestimmten Punkt antrifft? – Keineswegs, erwiderte Paganel; in beiden Fällen ist ein bestimmter fester Punkt die Ursache der Reaction; der Erdboden für den Reifen, die Billardbande für die Kugel. Aber hier fehlt jener völlig; das Instrument berührt die Erde nicht und steigt doch zu beträchtlicher Höhe auf! – Nun, Paganel, wie erklären Sie aber diese Erscheinung, fragte Lady Helena. – Ich erkläre sie gar nicht, Madame, ich bestätige sie nur von Neuem; gewiß hängt sie von der Art und Weise des Schleudern und der eigenthümlichen Gestaltung des Boomerangs ab. Was das Schleudern betrifft, so ist dies übrigens noch ein Geheimniß der Australier. – Jedenfalls ist die Sache ziemlich geistreich .... für Affen«, sagte Lady Helena mit einem Seitenblick auf den Major, der wenig überzeugt den Kopf senkte. Dabei verfloß unversehens die Zeit, und Glenarvan war dafür, den Weiterzug nach Osten nicht noch mehr zu verzögern; er ersuchte also die Reisenden, den Wagen wieder zu besteigen, als einer der Wilden im vollen Laufe daher kam und sehr lebhaft einige Worte aussprach. »O, übersetzte Ayrton, sie haben Kasuare gesehen! – Wie? Handelt es sich um eine Jagd? fragte Glenarvan. – Das müssen wir noch sehen! rief Paganel, das wird merkwürdig; vielleicht spielt der Boomerang dabei wieder seine Rolle. – Was meinen Sie, Ayrton? – Es wird uns das nicht lange aufhalten, Mylord«, erwiderte der Quartiermeister. Die Eingeborenen hatten keinen Augenblick verloren; für sie ist es ein Glücksfall, Kasuare zu erlegen. Der Stamm sichert sich dadurch für einige Tage Nahrung. Auch verwenden die Jäger alle Schlauheit, eine solche Beute zu erlangen. Aber wie ist es ihnen möglich, ohne Gewehre und ohne Hunde ein so schnelles Thier zu erlegen oder zu erlangen? Darin lag die interessante Seite des Schauspiels, das Paganel nicht versäumen wollte. Der Emu oder, haubenlose Kasuar, in der Ursprache »Mureuk« genannt, ist ein in den australischen Ebenen schon seltener werdendes Thier. Dieser große, zweiundeinhalb Fuß hohe Vogel hat ein weißes, dem des Truthahns ähnliches Fleisch; auf dem Kopfe trägt er eine hornige Platte, seine Augen sind hellbraun, der Schnabel nach unten zu gekrümmt; seine dreizehigen Füße haben mächtige Krallen; seine abgestutzten Flügel können ihm nicht zum Fliegen dienen; am Halse ist sein Gefieder, um nicht zu sagen sein Fell, dunkler als an der Brust. Wenn er aber auch nicht fliegt, so läuft er doch, und würde im Wettrennen das schnellste Pferd überholen. Man kann ihn also nur durch List, und zwar durch nicht ganz gewöhnliche, fangen. Auf den Anruf der Eingeborenen verstreuten sich etwa zehn Australneger nach Art der Tirailleurs. Das Ganze ging in einer wunderbaren Ebene vor sich, wo der Indigo wild wuchs und den Boden mit seinen blauen Blumen bedeckte. Die Reisenden postirten sich an dem Saume eines Mimosenwäldchens. Bei der Annäherung der Eingeborenen erhoben sich ein halbes Dutzend Emu's, flohen davon und setzten sich etwa in einer Meile Entfernung wieder nieder. Als der Jäger des Stammes sich über ihren Standpunkt vergewissert hatte, machte er seinen Kameraden ein Zeichen, stehen zu bleiben. Jene streckten sich platt auf den Boden, wahrend er selbst aus seinem Netze zwei geschickt genähte Kasuarbälge zog, mit denen er sich auf der Stelle vermummte. Den rechten Arm streckte er über den Kopf in die Höhe und ahmte die Bewegung eines Emu nach, der sich Nahrung sucht. Der Eingeborene wandte sich gegen die Heerde; bald machte er Halt, um scheinbar einige Körner aufzupicken, bald wirbelte er mit den Füßen den Staub um sich auf, und umhüllte sich mit einer dichten Wolke. Das ganze listige Verfahren war vollendet in seiner Art. Nicht treuer konnte die ganze Art und Weise eines Emu copirt werden. Der Jäger ließ noch ein dumpfes Gurren ertönen, durch welches selbst ein Vogel sich täuschen lassen mußte. So geschah es auch. Bald befand sich der Wilde mitten in der sorglosen Gesellschaft, aber plötzlich schwang sein Arm die Keule und fünf Emu von jenen sechs fielen ihm zur Seite nieder. Der Jäger hatte seinen Erfolg, die Jagd war zu Ende. So nahm denn Glenarvan nebst den Damen und die ganze kleine Truppe von den Eingeborenen Abschied. Diese zeigten keinerlei Betrübniß bei der Trennung. Vielleicht hatte die Frucht der Kasuarjagd sie ihren befriedigten Heißhunger vergessen lassen. Sie besaßen nicht einmal jene Dankbarkeit des Magens, welche bei uncultivirten Naturmenschen und Thieren stärker ist, als die des Herzens. Doch wie dem auch sei, nach gewissen Richtungen hin konnte man ihrer Intelligenz und Geschicklichkeit nicht alle Achtung versagen. »Jetzt, mein lieber Mac Nabbs, sagte Lady Helena, werden Sie doch zugestehen, daß die Australier keine Affen sind? – Weil sie ein Thier so vollendet nachzuahmen verstehen? versetzte der Major; das sollte vielmehr meine Annahme erhärten. – Ein Scherz ist keine Antwort, sagte Lady Helena, ich wünsche, Major, daß Sie auf Ihren Ausspruch zurückkommen. – Nun gut; ja! liebe Cousine, oder vielmehr, nein. Die Australier sind keine Affen, sondern die Affen sind Australier. – Potz tausend! – Uebrigens, erinnern Sie sich wohl, was die Neger bezüglich der interessanten Race der Orang-Utangs annehmen? – Das wäre? fragte Lady Helena. – Sie nehmen an, erwiderte der Major, daß diese Affen Neger sind, wie sie selbst, nur boshaftere. «Sprechen nur nicht, um nicht arbeiten zu müssen«, sagte ein Schwarzer in seiner Eifersucht auf einen zahmen Orang-Utang, den sein Herr nährte, ohne daß er zu arbeiten brauchte.« Siebenzehntes Capitel. Viehzüchter-Millionäre. Nach einer unter 146° 15' Länge ruhig verbrachten Nacht setzten die Reisenden, am 6. Januar um sieben Uhr Morgens, ihren Weg durch den weitausgedehnten District fort. Sie zogen immer gegen den Aufgang der Sonne und ihre Fußspuren bildeten auf der Ebene eine genau gerade Linie. Zweimal kreuzten sie die Spuren nach Norden ziehender Squatters, wodurch die hinterlassenen Eindrücke sich leicht verwirrt hätten, wenn nicht Glenarvan's Pferd die an zwei Kleeblättern erkennbare Marke von Black-Point dem Boden eingeprägt hätte. Da und dort war das Land von launenhaften Uferflüßchen, mit Buchsbaum umgeben und durchzogen, deren Wasser bald versiegten. Sie verdanken ihren Ursprung den Gebirgsbächen aus den »Buffalos-Ranges«, einer Kette mittelhoher Berge, deren pittoreske Linie den Horizont begrenzte. An einer solchen Stelle beschloß man zu übernachten. Ayrton trieb seine Bespannung an, und nach einem Tageszug von fünfunddreißig Meilen erreichten die Ochsen ziemlich ermüdet ihr Ziel. Unter großen Bäumen wurde das Zelt aufgeschlagen, und, da die Nacht schon hereinbrach, die Abendmahlzeit schnell abgemacht. Nach einer solchen Tagereise lag Jedem das Schlafen näher, als das Essen. Paganel, der zuerst die Wache hatte, legte sich nicht nieder, sondern patrouillirte, das Gewehr auf der Schulter, hin und her, um sich des Schlafes besser zu erwehren. Trotz mangelnden Mondscheins war die Nacht, Dank dem Glänze der Sternbilder Australiens, doch ziemlich hell. Der Gelehrte ergötzte sich, in diesem großen Buche des Firmamentes zu lesen, das immer offen und für Jeden, der es versteht, so überaus anziehend ist. Das tiefe Schweigen der schlummernden Natur wurde nur durch das Geräusch unterbrochen, welches die Spannketten an den Füßen der Pferde zeitweilig verursachten. Paganel überließ sich ganz seinen astronomischen Betrachtungen und war weit mehr mit den Angelegenheiten des Himmelsgewölbes, als mit denen der Erde beschäftigt. Da drang aus der Entfernung ein Ton in sein Ohr, der ihn aus seinen Träumereien herauszog. Er horchte aufmerksam und glaubte zu größter Verwunderung die Klänge eines Pianos zu vernehmen. Einige gebrochene langsame Accorde sandten ihre zitternden Schallwellen bis zu ihm hin. Es konnte keine Täuschung sein. »Ein Piano in der Wüste! sagte sich Paganel. Das hätt' ich doch nimmermehr erwartet!« Es war wirklich zu erstaunlich, und Paganel mochte lieber annehmen, daß ein fremdartiger Vogel Australiens hier die Töne eines Pleyel'schen oder Erard'schen Flügels nachahme. In diesem Augenblicke aber vernahm man auch eine klangvolle Stimme. Der Pianist wurde von einem Sänger begleitet. Noch immer horchte Paganel voll Mißtrauen, bald aber mußte er die herrliche Melodie erkennen, die an sein Ohr schlug. Es war Il mio tresoro tanto aus Don Juan. »Potz Blitz! dachte der Geograph, so wunderbar auch die australischen Vogelarten sein mögen, nein, und wären es die musikalischsten Papageien der Welt, aber Mozart können sie doch nicht singen!« Er hörte das herrliche Werk des Meisters bis zum Ende mit an. Die Wirkung dieser durch die helle Nacht tönenden reizenden Melodie war ganz unbeschreiblich. Lange genoß Paganel dieses unaussprechliche Vergnügen, dann schwieg die Stimme und rings war es wieder still, wie zuvor. Als Wilson zur Ablösung Paganel's kam, fand er diesen in tiefes Träumen versunken. Paganel machte dem Matrosen keine Mittheilung; er behielt sich vor, Glenarvan am andern Morgen von dem Gehörten zu unterrichten, und verschwand unter dem Zelte. Am andern Tage wurde die ganze Gesellschaft durch ein unerwartetes Gebell munter gemacht. Glenarvan erhob sich sogleich. Zwei prächtige, hochfüßige »Pointers«, wahre Musterexemplare von englischen Vorstehhunden, sprangen am Saum eines kleinen Gehölzes hin und her. Bei der Annäherung der Reisenden wichen sie unter die Bäume zurück und verdoppelten ihr Bellen. »Sicher ist hier eine Station in der Wüste, sagte Glenarvan, und auch Jäger müssen in der Nähe sein, denn das sind Jagdhunde.« Schon öffnete Paganel den Mund, um von den Eindrücken der verflossenen Nacht zu berichten, als zwei jüngere Männer sichtbar wurden, welche zwei Racepferde von hoher Schönheit, ganz leibhaftige »Hunters« ritten. Die beiden Gentlemen in eleganter Jagdkleidung machten beim Anblick der zigeunerartig gelagerten Gesellschaft Halt. Sie schienen sich zu fragen, was die Anwesenheit bewaffneter Männer in dieser Gegend bedeute, als sie auch die Damen bemerkten, welche eben den Wagen verließen. Sofort stiegen sie von den Pferden und gingen, den Hut in der Hand, auf diese zu. Lord Glenarvan schritt ihnen entgegen und nannte als Fremder zuerst seinen Namen und Stand. Die beiden jungen Herren verneigten sich, und Einer von ihnen, scheinbar der Aeltere, sprach: »Mylord, würden diese Damen, Ihre Begleiter und Sie uns die Ehre erweisen, in unserer Behausung auszuruhen? – Meine Herren –? sagte Glenarvan. – Michel und Sandy Patterson, Eigenthümer der Hottam-Station. Sie befinden sich schon auf unseren Grundstücken, und haben nur eine Viertelmeile weit. – Meine Herren, erwiderte Glenarvan, ich möchte eine so zuvorkommend angebotene Gastfreundschaft nicht mißbrauchen ... – Mylord, nahm Michel Patterson wieder das Wort, wenn Sie davon Gebrauch machen, so verpflichten Sie sich nur zwei arme Verbannte, die sehr glücklich sein würden, in ihrer Verlassenheit Ihnen ihre Honneurs machen zu dürfen.« Glenarvan verneigte sich als Zeichen der Zustimmung. »Mein Herr, fragte da Paganel, der sich an Michel Patterson wandte, darf ich mir die bescheidene Frage erlauben, ob Sie es waren, der in vergangener Nacht jenes himmlische Lied von Mozart sang? – Das war ich, mein Herr, erwiderte der Gefragte, und mein Bruder Sandy begleitete mich dabei. – So genehmigen Sie, fuhr Paganel fort, den aufrichtigsten Glückwunsch eines Franzosen, der ein leidenschaftlicher Bewunderer dieser Musik ist.« Paganel bot dem jungen Gentleman die Hand, der sie liebenswürdig annahm. Dann zeigte Michel Patterson den rechtshin zu verfolgenden Weg. Die Pferde wurden der Fürsorge Ayrton's und der Matrosen anvertraut, die Reisenden aber begaben sich, von den beiden jungen Männern geleitet, plaudernd und bewundernd, zu Fuße nach dem Herrschaftshause der Hottam-Station. Es war ein wirklich herrliches Besitzthum und mit der peinlichen Strenge altenglischer Parks in Ordnung gehalten. Unendliche, mit grauen Staketen umzäunte Wiesen erstreckten sich, so weit das Auge reichte. Dort weideten Rinder zu Tausenden und Schafe zu Millionen. Viele Schäfer und noch mehr Hunde hüteten dieses lärmende Heer. Zu dem Gebrüll und Geblöke kam das Anschlagen der Doggen und das scharfe Knallen der Stockwips. Nach Westen zu wurde der Blick durch einen Saum von Gummibäumen begrenzt, der bei siebentausendfünfhundert Fuß Höhe den Gipfel des Hottam-Berges krönte. Lange Alleen immergrüner Bäume strahlten nach allen Richtungen aus. Da und dort drängten sich dichtere Gehölze von »grass trees« zusammen, Sträuche von zehn Fuß Höhe, die der Zwergpalme ähnlich, aber ganz in ihren langen und schmalen Blättern versteckt waren. Die Luft erschien geschwängert von dem Dufte von Lorbeerbäumen, deren weiße Blumensträuße, die jetzt in voller Blüthe waren, die feinsten aromatischen Gerüche ausströmten. Mit den Gruppen dieser prächtigen einheimischen Bäume vermählten sich die hierher verpflanzten Erzeugnisse europäischer Klimata. Der Pfirsich-, Birnen-, Apfel- und Feigenbaum, die Orange und selbst die Eiche wurden von den Hurrahs der Reisenden begrüßt, und wenn diese noch nicht genug erstaunt gewesen wären, in dem Schatten heimatlicher Bäume zu wandeln, so wurde ihre Verwunderung doch durch den Anblick der Vögel erregt, die in den Zweigen hüpften, der »Satin-birds«, mit seidenartigem Gefieder und der »Sericules«, die halb mit Gold, halb mit schwarzem Sammet geschmückt erschienen. Unter Anderen war ihnen zum ersten Male Gelegenheit geboten, einen »Leierschwanz« zu bewundern, nämlich einen Lyravogel, dessen Schwanzfedern die Form von Orpheus' schönem Instrumente bilden. Er floh zwischen dem baumartigen Farrenkraut daher, und wenn sein Schwanz die Zweige berührte, war man fast erstaunt, die harmonischen Accorde Amphion's nicht zu hören. Lord Glenarvan begnügte sich indeß nicht, die Märchenpracht dieser in der Wüste improvisirten Oase zu bewundern. Er lauschte auf den Bericht der jungen Gentlemen. In England, inmitten der civilisirten Gesellschaft, hätte der Ankömmling seinem Wirthe zuerst mitgetheilt, wo er herkomme und wohin er gehe. Hier glaubten in Folge eines gewissen feinen Gefühles Michel und Sandy Patterson die Pflicht zu haben, sich den Reisenden, denen sie ihre Gastfreundschaft anboten, möglichst bekannt zu geben. Sie erzählten demnach ihre Geschichte. Es war die aller jungen, intelligenten und strebsamen Engländer, welche nicht in dem Glauben befangen sind, daß sie der Reichthum der Arbeit enthebe. Michel und Sandy Patterson waren die Söhne eines Londoner Banquiers. Als sie zwanzig Jahre alt waren, hatte das Familienhaupt zu ihnen gesagt: »Hier, Ihr jungen Leute, ist eine Million. Nun geht in eine entlegene Colonie, gründet Euch eine nützliche Beschäftigung und schöpft die Lebenserfahrung aus der Thätigkeit. Habt Ihr gute Erfolge, desto besser; schlägt es Euch fehl, so schadet das nicht viel. Wir werden die Millionen nicht beklagen, die dazu dienten, Euch zu Männern zu erziehen.« Die beiden jungen Leute gehorchten. Sie erwählten in Australien die Colonie Victoria, um die väterlichen Banknoten anzulegen, und hatten keine Ursache, es zu bereuen. Nach drei Jahren war ihr Etablissement in schönster Blüthe. Man zählt in den Provinzen Victoria, Neu-Süd-Wales und Süd-Australien mehr als dreitausend Stationen, die einen bewirthschaftet von Squatters, welche Viehzucht betreiben, die anderen von Settlers, deren Hauptthätigkeit die Bodencultur bildet. Bis zur Ankunft der beiden jungen Engländer war das beträchtlichste Besitzthum dieser Art das eines gewissen Jamieson, welches einen Flächenraum von hundert Hectaren bedeckte, und in einer Länge von fünfundzwanzig Kilometern an den Paroo, einen der Zuflüsse des Darling, grenzte. Jetzt überragte die Station Hottam jene an Flächengehalt und Geschäftsumfang. Die beiden jungen Leute waren gleichzeitig Squatters und Settlers. Sie verwalteten ihr ungeheures Besitzthum mit seltener Geschicklichkeit, und, was noch schwerer wiegt, mit ungewohnter Energie. Man sieht leicht, daß diese Station weit entfernt lag von den Hauptstädten, mitten in der wenig besuchten Einöde des Murray. Sie reichte von 146° 48' bis 147° der Länge, das heißt, das Terrain war fünf Stunden lang und breit, zwischen dem Buffalo-Ranges und dem Hottam. An den zwei nördlichen Winkeln dieses gewaltigen Vierecks erhoben sich zur Linken der Berg Aberdeen, zur Rechten die Gipfel des High-Barven. Es war auch an schönen und buchtenreichen Gewässern kein Mangel, Dank den Creeks und den Zuflüssen des Oven-Flusses, der sich im Norden in das Bett des Murray ergießt. So vereinten sich also gleichmäßig Viehzucht und Bodencultur. Zehntausend Acker Land, die bewundernswürdig eingetheilt und nutzbar gemacht waren, vereinten die heimischen Ernten mit exotischen Erzeugnissen, während mehrere Millionen Thiere sich auf den grünen Weideplätzen nährten. Die Producte der Hottam-Station wurden auch auf den Markten von Castlemaine und Melbourne zu hohem Course notirt. Michel und Sandy Patterson schlossen eben diese Mittheilungen über ihr gewerbfleißiges Leben, als am Ende einer Kasuarbaum-Allee das Wohnhaus derselben sichtbar wurde. Es war ein niedliches, in Holz- und Rohziegelbau ausgeführtes Gebäude, das unter Emerophilisbosquets versteckt lag. In elegantem Schweizerstyl errichtet, umzog es eine mit chinesischen Lampions geschmückte Veranda, gleich einem Impluvium des Alterthums. Die Fenster schützten noch vielfarbige Marquisen, die selbst im Blühen begriffen schienen. Es läßt sich nichts Coquetteres, und dem Auge Wohltuenderes, aber auch nichts Comfortableres denken. Auf den Rasenplätzen und in den dichteren Pflanzengruppen der Umgebungen erhoben sich bronzene Candelaber mit geschmackvollen Laternen; bei einbrechender Nacht erstrahlte der ganze Park in weißem Gaslicht, das aus einem kleinen Gasometer, der unter Laubgängen von Myalls und baumartigem Gesträuche verdeckt lag, gespeist wurde. Uebrigens sah man hier weder Gesindewohnungen, noch Ställe, oder Wagenschuppen, überhaupt Nichts, was an den Betrieb der Landwirtschaft erinnerte. Alle diese Dependenzen, – ein vollständiges Dorf, welches aus mehr denn zwanzig Hütten und Häusern bestand, – lagen in der Entfernung einer Viertelmeile in einem Thalgrunde. Elektrische Drähte vermittelten die augenblickliche Verbindung zwischen diesem Dörfchen und dem Herrenhause, welch' Letzteres fern von allem Geräusche unter exotischen Bäumen versteckt erschien. Bald war die Allee durchschritten; über ein leicht hingeworfenes eisernes Brückchen von höchster Eleganz, unter der ein munterer Bach plätscherte, gelangte man in die reservirte Parkabtheilung. Ein Aufseher von stattlichem Aussehen erschien vor den Reisenden; die Pforten des Hauses thaten sich auf und die Gäste der Hottam-Station traten in die kostbaren von Steinen und Blüthen verdeckten Räumlichkeiten ein. Aller Luxus eines kunstliebenden und vornehmen Lebens bot sich ihren Augen. Eine mit decorativen Gegenständen von Turf- und Jagdgeräthen geschmückte Vorhalle führte in einen fünffenstrigen Salon. In diesem befanden sich ein Piano, auf welchem classische und moderne Musikstücke lagen; Staffeleien mit angefangenen Malereien; kleine Piedestale mit Marmorstatuen; an den Wänden einige Meisterwerke aus der Niederländischen Schule; reiche Teppiche, auf die der Fuß so sanft wie auf dichten Rasen trat; Tapeten mit zierlichen Episoden aus der Mythologie; an der Decke ein antiker Lustre; kostbare Fayencewaaren; tausenderlei schöne und geschmackvolle Nippgegenstände, die man in einer australischen Niederlassung nur mit höchstem Erstaunen sah, gaben ein vollkommen harmonisches Bild der Kunst und der Behaglichkeit. Alles, was zu gefallen, Alles, was die Langeweile eines freiwilligen Exils zu erheitern, Alles, was die Gedanken auf die Erinnerung europäischer Lebensgewohnheiten zu führen vermochte, war zur Ausstattung dieses feenhaften Salons verwendet, der den Besucher unwillkürlich in ein fürstliches Schloß von Frankreich oder England versetzte. Die fünf Fenster ließen durch das seine Gewebe der Marquisen nur ein gedämpftes und schon durch den Halbschatten der Veranda gemildertes Tageslicht eindringen. Als Lady Helena sich diesen näherte, war sie ganz entzückt. Die Wohnung beherrschte von dieser Seite ein breites Thal, das sich bis zu dem Fuße der Berge im Osten erstreckte. Die Abwechselung von Wiesen und Wäldern, da und dort weite Lichtungen, die angenehm abgerundeten Hügel, und das Reliefbild des unebenen Erdbodens bot einen Anblick, der über jede Beschreibung ging. Keine andere Gegend der Welt möchte diesem Bilde zu vergleichen sein, selbst nicht das so berühmte Thal des Paradieses an den norwegischen Grenzen von Telemarken. Dieses ausgedehnte Panorama, in dem große lichtvolle und schattige Stellen abwechselten, änderte stündlich sein Aussehen, je nach Stellung der Sonne. Selbst die Phantasie konnte nichts Schöneres träumen, als diesen bezaubernden Anblick, der alle Wünsche des Auges befriedigte. Inzwischen war auf Sandy Patterson's Anordnung von dem Küchenchef der Station schnell ein Frühstück hergerichtet worden, und kaum eine Viertelstunde nach ihrer Ankunft nahmen die Reisenden an einer verschwenderisch besetzten Tafel Platz. Ueber die Güte der Gerichte und der Weine war gar kein Wort zu verlieren; am meisten aber gefiel Allen, mitten unter dieser raffinirten Opulenz, die Freude der beiden jungen Squatters, welche ganz glücklich erschienen, unter ihrem Dache solche freigebige Gastlichkeit üben zu können. Dabei wurde ihnen auch der Endzweck der Expedition bekannt gemacht, wobei sie den Nachforschungen Glenarvan's das lebhafteste Interesse widmeten. Auch den Kindern des Kapitäns flößten sie frohe Hoffnung ein. »Harry Grant, sagte Michel, ist offenbar Eingeborenen in die Hände gefallen, da er in den Küstenansiedelungen nicht wieder aufgetaucht ist. Er kannte nach dem Zeugniß des Documentes seine örtliche Lage ganz genau, und wenn er da keine englische Colonie zu erreichen im Stande war, muß er in dem Augenblicke, wo er an's Land kam, von Wilden gefangen worden sein. – Genau dasselbe, was auch seinem Quartiermeister Ayrton widerfahren ist. – Aber Sie, meine Herren, fragte Lady Helena, Sie haben selbst nie von der Katastrophe der Britannia sprechen hören? – Niemals, Madame, erwiderte Michel. – Und welcher Behandlung ist Ihrer Ansicht nach der Kapitän Grant, als Gefangener der Australneger, wohl ausgesetzt? – Die Australier sind nicht gerade grausam, Madame, entgegnete der junge Squatter, und Miß Grant darf in dieser Hinsicht ganz beruhigt sein. Man erzählt sogar häufigere Beispiele von einer gewissen Milde ihres Charakters, und einige Europäer haben lange Zeit unter ihnen gelebt, ohne je Grund gehabt zu haben, sich über Brutalitäten zu beklagen. – Unter Anderen King, warf Paganel ein, der letzte Ueberlebende von Burke's Expedition. – Nicht dieser kühne Forscher allein, fuhr Sandy fort, auch ein englischer Soldat, Namens Buckley, der im Jahre 1803 an der Küste von Port-Philippe entwichen war, wurde von den Eingeborenen aufgefangen und lebte dreiunddreißig Jahre lang mit ihnen. – Und nach dieser Zeit, fügte Michel Patterson hinzu, meldet uns eine der letzten Nummern der «Australian», daß ein gewisser Morin nach sechzehnjähriger Sklaverei in die Mitte seiner Landsleute zurückgekehrt ist. Die Geschichte des Kapitäns wird auch die Seinige sein, denn gleich nach dem Scheitern der Peruvienne, im Jahre 1846, wurde er von den Einheimischen gefangen und in das Innere abgeführt. Also glaube ich, daß Sie berechtigt sind, das Beste zu hoffen.« Diese Worte erfreuten die Zuhörer des jungen Squatters auf's Höchste. Sie bekräftigten die schon von Paganel und Ayrton gemachten Angaben. Nach aufgehobener Tafel sprach man von den Deportirten. Die Squatters kannten die Katastrophe an der Camden-Brücke, aber eine Bande entsprungener Verbrecher flößte ihnen keine Unruhe ein. Die Üebelthäter konnten keinen Angriff auf eine Station von über hundert Menschen wagen. Uebrigens war auch anzunehmen, daß sie sich gar nicht in den Einöden des Murray-Gebietes umhertrieben, wo sie nichts auszurichten vermochten, und auch nicht nahe den Colonien von Neu-Süd-Wales, wo die Wege sehr gut überwacht sind. Das war auch Ayrton's Ansicht. Lord Glenarvan konnte seinen liebenswürdigen Wirthen nicht abschlagen, diesen Tag auf der Hottam-Station zuzubringen. Die zwölf Stunden Verzögerung wurden zu zwölf Stunden der Ruhe; die Pferde und Ochsen erholten sich zu ihrem Vortheil in den bequemen Stallungen der Station. Die Sache galt als abgemacht und die beiden jungen Leute legten ihren Gästen für den Tag ein Programm vor, das mit eifriger Freude angenommen wurde. Zu Mittag stampften sieben kräftige Jagdpferde den Boden vor der Thür des Hauses. Ein für die Dame bestimmter eleganter Break, mit glänzender Ausstattung, gab seinem Kutscher Gelegenheit, seine Geschicklichkeit in der regelrechten Handhabung des »four in hand« Englischer Ausdruck für ein Viergespann. zu beweisen. Die Reiter, denen Rüdenknechte vorausgingen, und die mit ausgezeichneten Jagdflinten bewaffnet waren, saßen auf und galopirten neben dem Kutschenschlage, während die Jagdhundmeute lustig in dem Holze bellte. Vier Stunden lang bewegte sich der Reiterzug in den Alleen und Gängen dieses Riesenparks, der so groß wie ein deutscher Kleinstaat war. Reuß-Schleiz oder Sachsen-Koburg-Gotha hatten darin vollständig Platz gefunden. Wenn man darin weniger Einwohnern begegnete, so wog das die Anzahl der Schafheerden vollkommen auf. Was das Wild betrifft, so hätte auch eine ganze Armee von Treibern nicht mehr vor die Gewehre der Jäger bringen können. So entwickelte sich denn bald auf der ganzen Linie ein wahres Pelotonfeuer zum Schrecken für die friedlichen Bewohner der Wälder und Wiesen. An Major Mac Nabbs' Seite that der junge Robert wahre Wunder. Der kühne Knabe war trotz der Abmahnungen seiner Schwester immer weit voran und im dichtesten Feuer. John Mangles übernahm es aber, über ihn zu wachen, und Mary Grant beruhigte sich dabei. Bei dieser Treibjagd wurden auch gewisse landeseigenthümliche Thiere, die Paganel bis jetzt nur dem Namen nach kannte, unter Anderen der »Wombat« und der »Bandicoot«, erlegt. Der Wombat ist ein Pflanzenfresser, der sich einen Bau, ähnlich dem des Dachses, aushöhlt; er hat die Größe eines Schafes und giebt ausgezeichnetes Fleisch. Der Bandicoot ist eine Art Beutelthier, das an List den Fuchs Europas übertrifft, und diesem in der Beraubung der Hühnerhöfe Unterricht ertheilen könnte. Dieses seinem Aeußern nach abschreckende, anderthalb Fuß lange Thier fiel von Paganel's Schuß, der es mit der Eigenliebe des Jägers ganz reizend fand. »Ein bewundernwerthes Thier«, sagte er. Robert erlegte neben anderen tüchtigen Stücken Wild ein merkwürdiges Beutelthier, einer kleinen Fuchsart zugehörig, dessen schwarzes, weißgesprenkeltes Fell dem des Marders gleichsteht, und ein Opossumpärchen, welches sich in dem dichten Blätterwerk der großen Bäume versteckte. Unter allen diesen Großthaten war indeß ohne Widerrede eine Kängurujagd das Interessanteste. Gegen vier Uhr trieben die Hunde eine Rotte dieser merkwürdigen Beutelthiere auf. Die Kleinen flüchteten eiligst in den Beutel der Mutter, und die ganze Gesellschaft entfloh in einer Reihe. Es giebt gar nichts Erstaunlicheres, als die enormen Sprünge des Känguru, dessen Hinterfüße zweimal länger als die Vorderfüße sind, und die es wie eine Feder aufschnellen. An der Spitze der flüchtigen Truppe zog ein fünf Fuß hohes Thier, ein Prachtexemplar von «Macropus giganteus» , ein »Alter Mann«, in der Sprache der Bushmen. Vier bis fünf Meilen weit wurde die Jagd unablässig fortgesetzt. Die Kängurus ermüdeten nicht, und die Hunde, welche nicht mit Unrecht ihre kräftige, mit einem spitzen Nagel bewehrte Tatze fürchten, bemühten sich nicht, ihnen näher zu kommen. Endlich hielt der Haufen, vom Laufen erschöpft, an, und der »Alte Mann« stützte sich, zur Abwehr bereit, gegen einen Baumstamm. Einer der Jagdhunde, den sein Eifer zu weit trieb, stürzte bis zu ihm hin. Einen Augenblick später flog der arme Hund in die Luft und fiel mit aufgeschlitztem Bauche nieder. Gewiß wäre die ganze Meute nicht mit dem mächtigen Beutelthiere fertig geworden. Man mußte also zu den Gewehren greifen, da nur die Kugeln allein jenes gigantische Thier überwinden konnten. Ebendabei wäre Robert fast ein Opfer seiner Unvorsichtigkeit geworden. Um recht sicher zu schießen, näherte er sich dem Känguru so sehr, daß dieses mit einem mächtigen Satze auf ihn zusprang. Robert kam zum Fallen; man vernahm ein Jammergeschrei. Mary Grant streckte erschreckt, sprachlos, fast ohne sehen zu können, vom Break aus die Arme nach ihrem Bruder. Kein Jäger wagte auf das Thier zu schießen, da er den Knaben ebenso leicht treffen konnte. Plötzlich aber stürzte sich, auf die Gefahr hin, selbst aufgeschlitzt zu werden, John Mangles mit offenem Jagdmesser auf das Thier und stieß es ihm in's Herz. Als dieser Feind abgethan war, konnte sich Robert, ohne Schaden genommen zu haben, erheben. Einen Augenblick darauf lag er in den Armen seiner Schwester. Achtzehntes Capitel. Die Australischen Alpen. Eine ungeheure Schranke versperrte den Weg nach Südosten. Es war die Australische Alpenkette, ein ungeheures Bollwerk, dessen Wälle sich launenhaft unregelmäßig fünfzehnhundert Meilen weit erstrecken und viertausend Fuß in die Wolken reichen. Der bedeckte Himmel ließ nur durch eine dicke Nebelschicht Wärme auf den Erdboden dringen. Die Temperatur war daher erträglich, aber der Weg auf einem schon sehr unebenen Terrain schwierig. Die Bodenschwellungen in der Ebene traten immer deutlicher auf, und hier und da zeigten sich kleine, mit jungen, grünen Gummibäumen bewachsene Hügel. Weiterhin bildeten diese deutlich hervortretenden Anhöhen die ersten Stufen der großen Alpen. Man mußte fortwährend bergan und merkte dies wohl an der Anstrengung der Ochsen, deren Joch beim Ziehen des schweren Wagens krachte; sie keuchten laut, und die Muskeln ihrer Gelenke spannten sich, als müßten sie zerreißen. Die Bretter des Gefährtes stöhnten unter den plötzlichen Stößen, welche Ayrton, so geschickt er auch war, nicht zu vermeiden vermochte; die Reisenden ergaben sich heiter in ihr Loos. John Mangles und seine beiden Matrosen untersuchten einige hundert Schritt voraus den Weg; sie wählten die fahrbaren Stellen, um nicht zu sagen Pässe; alle diese Bodenerhebungen bildeten gleichsam Klippen, zwischen welchen der Wagen die beste Durchfahrt zu wählen hatte. Es war eine wahrhafte Schifffahrt durch unruhig aufgeregte Wogen. Eine schwierige, oft gefährliche Aufgabe. Manchmal mußte Wilson mit dem Beil mitten durch das dichte Gestrüpp einen Weg bahnen. Der feuchte Thonboden gab unter den Füßen nach und der Weg verlängerte sich durch die Umwege, welche man durch tausenderlei unübersteigliche Hindernisse, wie große Granitblöcke, tiefe Schluchten, verdächtige Wasserlachen, zu machen genöthigt war. So hatte man gegen Abend kaum einen halben Grad zurückgelegt. Man lagerte am Fuß der Alpen, am Ufer des Flüßchens Cobongra, am Saume einer kleinen, mit vier Fuß hohen Sträuchern bedeckten Ebene, deren hellrothe Blätter das Auge erfreuten. »Wir haben einen schlimmen Weg zu machen, sagte Glenarvan, indem er die Bergkette betrachtete, deren Umrisse schon im Abendschatten verschwammen. Alpen! Das ist eine Benennung, die zum Nachdenken veranlaßt. – Man muß doch den Anschlag etwas geringer machen, mein lieber Glenarvan, antwortete Paganel. Glauben Sie nicht, daß Sie eine ganze Schweiz zu durchreisen haben. Es giebt in Australien Grampian-Gebirge, Pyrenäen, Alpen, Blaue Berge, wie in Europa und Amerika, aber in verkleinertem Maßstabe. Dies beweist ganz einfach, daß die Einbildungskraft der Geographen nicht gar weit reicht, oder die Sprache für die Eigennamen sehr arm ist. – Also sind diese Australischen Alpen? ... fragte Lady Helena. – Gebirge in einer Miniatur-Ausgabe, antwortete Paganel. Wir werden über sie hinaus kommen, ohne es zu merken. – Sprechen Sie in eigenem Namen! sagte der Major. Nur ein zerstreuter Mensch kann eine Gebirgskette passiren, ohne es wahrzunehmen. – Zerstreut! rief Paganel aus. Aber ich bin nicht mehr zerstreut. Ich berufe mich auf die Damen. Seitdem ich den Fuß auf das Festland gesetzt, habe ich nicht mein Versprechen gehalten? Habe ich mich einer einzigen Zerstreutheit schuldig gemacht? Hat man mir einen Irrthum vorzuwerfen? – Keinen, Herr Paganel, sagte Mary Grant. Sie sind jetzt ein höchst vollkommener Mann. – Allzu vollkommen! fügte Lady Helena lachend hinzu. Ihre Zerstreutheit stand Ihnen so gut. – Nicht wahr, Madame? erwiderte Paganel. Wenn ich keinen Fehler mehr besitze, so bin ich im Begriff, ein Mensch zu werden, wie Jedermann. Ich hoffe also, daß ich binnen Kurzem irgend einen gehörigen Bock schieße, worüber Sie herzlich lachen werden. Sehen Sie, wenn ich nicht einen Verstoß mache, scheine ich aus meiner Rolle zu fallen.« Am nächsten Tage, den 9. Januar, unternahm die kleine Truppe, ungeachtet der Versicherungen des zuversichtlichen Geographen, nicht ohne große Schwierigkeiten den Uebergang über die Alpen. Man mußte auf gut Glück vorwärts gehen, in enge und tiefe Hohlwege eindringen, welche zuletzt in einen Sack auslaufen konnten. Ayrton wäre ohne Zweifel sehr in Verlegenheit gewesen, wenn man nicht, nachdem man eine Stunde weit gestiegen, unversehens auf ein Wirthshaus, ein elendes »Tap«, auf einem der Bergpfade gestoßen wäre. »Wahrlich! rief Paganel aus, der Besitzer dieser Schenke kann an einem solchen Orte nicht reich werden! Wozu kann es wohl dienen? – Uns auf unserem Wege die Auskunft zu geben, deren wir nöthig haben, antwortete Glenarvan. Laßt uns hinein gehen.« Glenarvan trat, von Ayrton gefolgt, in das Wirthshaus ein. Der Besitzer des »Bush-Inn« – so besagte das Schild der Herberge, – war ein grober Mann von widerwärtigem Aussehen, der sich als seinen Hauptkunden in Bezug auf Gin, Branntwein und Whisky betrachten mußte. Für gewöhnlich sah er kaum einige reisende Squatters oder Heerdenführer. Er antwortete mit einer Miene übler Laune auf die an ihn gerichteten Fragen. Doch genügten diese Antworten, um Ayrton's Entschluß über seinen Weg zu bestimmen. Glenarvan belohnte die Mühe des Wirthes mit einigen Kronen, und war im Begriff die Schenke zu verlassen, als ein an die Mauer geklebter Anschlag seine Blicke auf sich zog. Es war eine Bekanntmachung der Colonie-Polizei. Sie verkündete das Entweichen der Sträflinge zu Perth und setzte auf den Kopf Ben Joyce's einen Preis von hundert Pfund Sterling aus. »Entschieden, sagte Glenarvan zum Quartiermeister, ist dies ein Elender, den man hängen sollte. – Vor Allem einfangen! erwiderte Ayrton. Hundert Pfund. Das ist eine schöne Summe, die er nicht werth ist. – Was den Schenkwirth anlangt, fügte Glenarvan hinzu, scheint er mir trotz seines Maueranschlages nicht sehr Vertrauen erregend. – Mir auch nicht«, versetzte Ayrton. Glenarvan und der Quartiermeister kehrten zum Wagen zurück. Man wandte sich dem Punkte zu, wo der Weg nach Lucknow aufhört. Dort schlängelte sich ein schmaler Paß, der zu Umwegen nöthigte; man fing an bergauf zu steigen; ein mühsames Stück Arbeit. Mehr als einmal mußten die Reisenden aussteigen, und dem schweren Gefährt zu Hilfe kommen, indem sie es an den Rädern vorwärts schoben; oft an gefährlichen Abhängen, mußte man es zurückhalten, die Ochsen abspannen, deren Zug bei plötzlichen Wendungen sich nicht entwickeln konnte; es that Noth den Wagen zu stützen, der rückwärts zu gleiten drohte; und öfter mußte Ayrton die Hilfe der Pferde in Anspruch nehmen, die vom eigenen Hinaufsteigen schon ermüdet waren. Sei's nun in Folge dieser langen Anstrengung oder aus sonst einem Grunde, eins der Pferde fiel an diesem Tage. Es stürzte plötzlich nieder, ohne daß man irgend dieses Unfalls sich hätte versehen können. Es war das Pferd Mulrady's, und als dieser es wieder aufrichten wollte, fand sich, daß es todt war. Ayrton untersuchte das zur Erde gestreckte Thier und schien diesen plötzlich eingetretenen Tod nicht zu begreifen. »Das Thier muß sich irgend ein Gefäß zerrissen haben, sagte Glenarvan. – Wahrscheinlich, antwortete Ayrton. – Nimm mein Pferd, Mulrady, setzte Glenarvan hinzu, ich werde mich zu Lady Helena in den Wagen setzen.« Mulrady gehorchte, und die kleine Truppe setzte ihre anstrengende Bergfahrt fort, nachdem sie den Raben den Cadaver des Pferdes zurückgelassen. Die Australische Alpenkette ist nicht sehr stark, und ihr Fuß hat kaum acht Meilen Breite. Wenn also der von Ayrton ausgewählte Uebergangspaß auf der östlichen Rückseite auslief, konnte man binnen achtundvierzig Stunden über diese hohe Schranke hinaus sein. Dann würde bis an's Meer von unübersteiglichen Hindernissen, oder schwierigen Wegen keine Rede mehr sein. Im Laufe des 11. erreichten die Reisenden den höchsten Punkt des Passes, ungefähr zweitausend Fuß hoch. Sie befanden sich auf einem freiliegenden Plateau, welches den Blicken eine weite Aussicht gestattete. Nach Norden zu spiegelten sich die ruhigen Gewässer des Omeo-Sees, mit buntem Gewimmel von Wasservögeln, und weiter hinaus die großen Ebenen des Murray. Im Süden entrollten sich die grünen Flächen von Gippsland, des goldreichen Terrains mit seinen hohen Wäldern, das einem Lande der Urzeit gleicht. Dort war die Natur noch die Herrin ihrer Erzeugnisse, des Laufes ihrer Ströme, ihrer großen, von dem Beil noch unberührten Bäume, und die damals noch seltenen Ansiedler wagten es nicht, gegen sie zu kämpfen. Es schien, als ob die Alpenkette zwei verschiedene Landstriche trenne, von denen der eine seine natürliche Wildniß beibehalten habe. Die Sonne ging jetzt unter, und einige durch röthliche Wolken schimmernde Strahlen belebten die Beleuchtung des Districtes Murray. Im Gegensatz hierzu verlor sich das Gippsland, welches hinter dem Bergschirm im Schatten lag, in unbestimmtem Helldunkel, und man hätte sagen können, der Schatten tauche diese transalpinische Region in eine frühe Nacht. Dieser Contrast ward von den Zuschauern auf ihrem Standpunkt zwischen diesen beiden Ländern lebhaft empfunden, und eine gewisse Gemüthsbewegung bemächtigte sich ihrer beim Anblick dieser fast unbekannten Gegend, welche sie bis an die Victorischen Grenzen durchwandern sollten. Man übernachtete auf dem Plateau selbst, und am folgenden Tage begann das Hinabsteigen. Es ging ziemlich schnell von Statten, doch überfiel ein außerordentlich heftiger Hagel die Reisenden und zwang sie unter den Felsen eine Zuflucht zu suchen. Es waren keine Hagelkörner, sondern wirkliche handgroße Eisstücke, welche aus den Gewitterwolken niederstürzten. Eine Schleuder hätte sie nicht mit größerer Gewalt werfen können, und einige tüchtige Verletzungen belehrten Paganel und Robert, daß es gerathen sei, sich diesen Würfen zu entziehen. Der Wagen wurde an mehreren Stellen durchlöchert, und wenig Dächer hätten diesem Hagel spitzer Eisstücke widerstanden, welche sich sogar in den Stamm der Bäume einbohrten. Man mußte das Ende dieses merkwürdigen Niedersturzes abwarten, wenn man nicht gesteinigt werden wollte. In einer Stunde war jedoch Alles vorüber, und die Truppe begann auf's Neue die abschüssigen Felsen hinabzusteigen, die von dem Abfluß des Hagels noch ganz schlüpfrig waren. Gegen Abend fuhr der Wagen, sehr zusammengerüttelt und an verschiedenen Theilen des Gestelles zerbrochen, doch noch sicher auf seinen Holzrädern ruhend, die letzten Stufen der Alpen, zwischen großen, vereinzelt stehenden Tannen hinunter. Der Paß lief auf den Ebenen des Gippslandes aus. Die Alpenkette war glücklich überschritten und die gebräuchlichen Anordnungen für das Nachtlager wurden getroffen. Am 12. bei Tagesanbruch nahm man die Reise mit einem Eifer wieder auf, der nicht zu verkennen war. Jeder hatte Eile, an's Ziel zu kommen, d. h. an den Stillen Ocean, an denselben Ort, wo die Britannia gescheitert war. Dort erst konnte man wieder auf die Spur der Schiffbrüchigen kommen und nicht in den wüsten Gegenden des Gippslandes. Auch drängte Ayrton Lord Glenarvan, dem Duncan den Befehl zu schicken, sich an die Küste zu begeben, um alle Nachforschungsmittel zur Verfügung zu haben. Seiner Meinung nach mußte man den Weg, der von Lucknow nach Melbourne führt, benutzen. Später würde dies schwieriger sein, denn die directe Verbindung mit der Hauptstadt fehlte dann gänzlich. Dieser Rath des Quartiermeisters schien gut zu befolgen. Paganel war gleicher Ansicht, denn er glaubte ebenfalls, daß die Anwesenheit der Yacht unter solchen Umständen nützlich sein könne, und er fügte hinzu, daß, wenn der Weg nach Lucknow einmal hinter ihnen, jede Verbindung nach Melbourne abgeschnitten sei. Glenarvan war unentschieden, und vielleicht hätte er den Befehl, den Ayrton so besonders verlangte, ertheilt, wenn nicht der Major diesen Vorschlag lebhaft bekämpft hätte. Er bewies, daß Ayrton's Anwesenheit bei der Expedition nöthig sei; bei Annäherung an die Küste sei er es, dem das Land bekannt sei; und, wenn der Zufall die Karawane auf die Spuren Grant's bringe, sei der Quartiermeister mehr als jeder Andere im Stande, sie zu verfolgen; endlich, er könne allem den Ort angeben, wo die Britannia zu Grunde gegangen. Mac Nabbs stimmte also für die Fortsetzung der Reise ohne verändertes Programm. Er fand einen Verbündeten in John Mangles, der sich seiner Ansicht anschloß. Der junge Kapitän bemerkte sogar, daß die Befehle Seiner Gnaden dem Duncan leichter zugehen würden, wenn man sie von der Twofold-Bai expedirte, als durch das Ueberbringen eines Boten, der zweihundert Meilen durch ein wildes Land reiten müsse. Diese Ansicht gewann die Oberhand. Es wurde entschieden, daß man warten wolle, bis die Twofold-Bai erreicht sei. Der Major beobachtete Ayrton, der ziemlich ärgerlich schien. Doch sagte er Nichts und behielt, seiner Gewohnheit zu Folge, seine Beobachtung für sich. Die Ebenen am Fuß der Australischen Alpen waren flach, mit einer leichten Senkung nach Osten. Große Gruppen von Mimosen und Eucalyptus, mannigfach duftende Gummibäume unterbrachen hier und da die Einförmigkeit. Einige Creeks, einfache mit Binsen und Orchideen bedeckte Bäche, welche oft den Weg versperrten, wurden an seichter Stelle durchwatet. In der Ferne entflohen bei der Annäherung der Reisenden Schaaren von Trappen und Kasuaren. Ueber die Sträucher hinweg sprangen Kängurus wie eine Truppe beweglicher elastischer Gliedermännchen hinüber und herüber. Doch dachten die Jäger der Expedition kaum daran, sie zu jagen, und ihre Pferde waren gern einer größeren Anstrengung überhoben. Außerdem lag eine dumpfe Schwüle über der Gegend. Eine starke Elektricität sättigte die Atmosphäre. Thiere und Menschen unterlagen ihrem Einflüsse. Sie gingen mechanisch vorwärts, und die Stille ward nur durch den Ruf Ayrton's unterbrochen, der seine müden Thiere antrieb. Von Mittag bis zwei Uhr passirte man einen merkwürdigen Wald von Farrnkräutern. Diese baumartigen, in voller Blüthe stehenden Pflanzen hatten bis zu dreißig Fuß Höhe. Pferde und Reiter gingen bequem unter ihren niedergehenden Zweigen durch. Unter diesen unbeweglichen Sonnenschirmen herrschte eine Kühle, über die sich Niemand beklagte. Jacques Paganel, der sich immer äußern mußte, verscheuchte mit seinen Auslassungen der Befriedigung Schaaren von Papageien und Kakadus. Es war ein Concert betäubenden Geplappers. Der Geograph fuhr in seinen Ausrufungen des Entzückens fort, als seine Begleiter ihn plötzlich auf seinem Pferde schwanken und wie eine Masse niederstürzen sahen. War es Folge einer Betäubung oder hatte die hohe Temperatur eine Beklommenheit verursacht? Man eilte auf ihn zu. »Paganel, Paganel, was fehlt Ihnen? rief Glenarvan aus. – Was mir fehlt, lieber Freund? Ich habe kein Pferd mehr, antwortete Paganel, indem er sich aus den Steigbügeln losmachte. – Was! Ihr Pferd? – Todt, vom Schlage gerührt, wie das Mulrady's!« Glenarvan, John Mangles, Wilson untersuchten das Thier. Paganel täuschte sich nicht, sein Pferd war plötzlich vom Schlage getroffen. »Das ist sonderbar, sagte John Mangles. – Sehr sonderbar, in der That«, murmelte der Major. Glenarvan gerieth durch diesen neuen Unfall in große Besorgniß. Er konnte in dieser Wüste keine neuen Pferde anschaffen; wenn nun unter den Thieren der Expedition eine Epidemie ausbrach, so war er sehr in Verlegenheit, wie er die Reise fortsetzen solle. Leider sollte vor Ende des Tages das Wort »Epidemie« gerechtfertigt erscheinen. Ein drittes Pferd, das Wilson's, stürzte und, ein vielleicht noch ernsterer Umstand, einer der Ochsen gleichfalls. Die Transport- und Zugmittel waren jetzt auf drei Ochsen und vier Pferde beschränkt. Die Lage wurde bedenklich. Die Reiter konnten zwar absitzen und zu Fuß gehen. Viele Squatters hatten dies bereits in diesen wilden Regionen gethan. Wenn man aber den Wagen zurücklassen mußte, was sollte dann aus den reisenden Frauen werden? Konnten sie die hundertundzwanzig Meilen, welche sie noch von der Twofold-Bai trennten, zurücklegen? John Mangles und Glenarvan, die sehr beunruhigt waren, untersuchten die noch überlebenden Pferde. Vielleicht konnte man neuen Unglücksfällen zuvorkommen. Nach geschehener Untersuchung ergab sich kein Zeichen von Krankheit oder auch nur von Hinfälligkeit. Die Thiere befanden sich vollkommen gesund und ertrugen tapfer die Reiseanstrengungen. Glenarvan hoffte also, daß diese sonderbare Epidemie kein neues Opfer fordern würde. Dies war auch Ayrton's Ansicht, der gestand, daß ihm diese plötzlichen Todesfälle unbegreiflich seien. Man machte sich wieder auf den Weg. Die Fußgänger ruhten sich abwechselnd im Wagen aus. Am Abend wurde, wenn man auch nur zehn Meilen zurückgelegt hatte, das Zeichen zum Halt gegeben und das Lager errichtet. Die Nacht verfloß ruhig, ohne Störung unter einem großen Busch von Farrnkraut, zwischen denen ungeheure Fledermäuse, fliegende Füchse genannt, hin und her flatterten. Der folgende Tag, der 13. Januar, war ein guter. Die Unfälle des vorigen Tages erneuerten sich nicht, und der Gesundheitszustand der Expedition blieb ein befriedigender. Pferde und Ochsen thaten munter ihren Dienst. Der Salon Lady Helena's war sehr belebt, Dank der großen Zahl der Besucher, die ein- und ausströmten. Herr Olbinett war sehr thätig, Erfrischungen zu reichen, welche bei dreißig Grad Hitze Bedürfniß waren. Ein halbes Fäßchen Schottisch Ale wurde ganz vertilgt, und man erklärte Barklay \& Comp. für den größten Mann Großbritanniens, sogar über Wellington, der niemals solch gutes Bier gebraut hatte. Ein so gut angefangener Tag schien auch gut enden zu wollen. Man hatte gute fünfzehn Meilen mitten durch ein ziemlich unebenes Land mit röthlichem Boden zurückgelegt. Alles ließ hoffen, daß man denselben Abend noch an den Ufern des Snowy übernachten würde, eines ansehnlichen Flusses, der südlich von Victoria sich in den Stillen Ocean ergießt. Bald gruben die Räder des Wagens ihre Spuren in die weiten Strecken schwärzlichen angeschwemmten Bodens, zwischen wucherndem Grase. Der Abend kam, und ein am Horizont sich deutlich abzeichnender Nebelstreif zeigte den Lauf des Snowy an. Noch einige Meilen wurden mit aller Anstrengung gemacht. Hinter einer kleinen Bodenerhebung zeichnete sich ein Wald hoher Bäume ab, und dorthin richtete Ayrton das Gefährt über die im Schatten verlorenen Baumstämme. Er war schon eine halbe Meile vom Fluß über den Saum des Waldes hinausgekommen, als der Wagen plötzlich bis zur Hälfte der Räder einsank. »Aufgepaßt! schrie er den ihm nachfolgenden Reitern zu. – Was giebt es denn? fragte Glenarvan. – Wir stecken im Morast«, antwortete Ayrton. Mit Zurufen und dem Treibstachel regte er die Ochsen an, welche bis zur Mitte der Beine im Schlamm steckend, sich nicht bewegen konnten. »Wir wollen hier übernachten, sagte John Mangles. – Das ist das Beste, was wir thun können, erwiderte Ayrton. Morgen, bei Tage, werden wir sehen, wie wir herauskommen. – Halt!« rief Glenarvan. Die Nacht war nach einer kurzen Dämmerung schnell hereingebrochen, doch war die Hitze nicht mit dem Tageslicht verschwunden. Die Atmosphäre war mit erstickenden Dünsten erfüllt. Einige Blitze, blendender Widerschein eines entfernten Gewitters, leuchteten am Horizont. Das Lager wurde eingerichtet. Man machte sich so gut als möglich in dem eingesunkenen Wagen Platz. Der finstere Dom der Bäume schützte das Zelt der Reisenden. Wenn sich der Regen nicht hereinmischte, waren sie entschlossen, sich nicht zu beklagen. Nicht ohne große Mühe gelang es Ayrton, die drei Ochsen aus dem Schlammboden zu befreien. Die muthigen Thiere staken bis an den Bauch darin. Der Quartiermeister pferchte sie mit den vier Pferden ein und überließ niemand Anderem die Sorge für ihr Futter. Gewöhnlich verrichtete er diesen Dienst mit Einsicht, doch diesen Abend bemerkte Glenarvan, daß seine Sorgfalt sich verdoppelte, und er dankte ihm dafür, denn die Erhaltung des Gespannes war von großer Wichtigkeit. Währenddessen nahmen die Reisenden ein ziemlich kurzes Abendessen ein. Hitze und Müdigkeit überwogen den Hunger, und sie hatten weniger der Nahrung als der Ruhe nöthig. Lady Helena und Miß Grant zogen sich in ihre gewöhnliche Lagerstätte zurück, nachdem sie ihren Gefährten Gute Nacht gewünscht hatten. Von den Männern schlichen sich einige in das Zelt, andere streckten sich aus Neigung auf das dichte Gras am Fuße der Bäume, was in diesen gesunden Ländern ohne Nachtheil ist. Nach und nach sank Jeder in tiefen Schlaf. Die Finsterniß nahm unter einem großen Wolkenschleier, der den Himmel umhüllte, zu. Es regte sich kein Lüftchen, und das Schweigen der Nacht wurde nur durch krächzende Nachtvögel unterbrochen. Gegen elf Uhr nach einem schweren und ermattenden Schlafe, wachte der Major auf. Seine halbgeschlossenen Augen blendete ein unsicheres Licht, welches sich unter den großen Bäumen bewegte. Man hätte meinen können, es sei ein weißliches Tuch, sich spiegelnd, wie das Wasser eines Sees, und Mac Nabbs glaubte zuerst, es sei der erste Schein eines sich auf dem Erdboden fortpflanzenden Feuers. Er stand auf und ging auf das Gehölz zu. Seine Ueberraschung war außerordentlich, als er sich einem rein natürlichen Phänomen gegenüber sah. Vor seinen Augen erstreckte sich ein ungeheures Feld mit Pilzen bedeckt, die ein phosphorisches Licht ausströmten. Die leuchtenden Körperchen strahlten mit ziemlicher Stärke durch die Dunkelheit. Diese Erscheinung ist schon von Drummond in Australien bei Pilzen beobachtet worden. Der Major, welcher kein Egoist war, stand im Begriff, Paganel aufzuwecken, damit der Gelehrte dies Naturwunder mit eigenen Augen feststelle. Ein Vorfall hielt ihn ab. Der Phosphorschimmer erhellte das Gehölz auf eine halbe Meile weit, und Mac Nabbs glaubte am Rande des Scheines Schatten schnell dahingleiten zu sehen. Täuschten ihn seine Blicke? War es ein Wahngesicht, dem er sich hingab? Mac Nabbs legte sich auf die Erde, und nach genauer Beobachtung bemerkte er deutlich mehrere Männer, welche, sich bückend und wieder erhebend, auf dem Boden nach frischen Spuren zu suchen schienen. Er mußte wissen, was diese Männer suchten. Der Major zögerte nicht länger, und ohne seine Gefährten zu wecken, und auf dem Boden wie ein Wilder der Prairien dahinkriechend, verschwand er im hohen Grase. Neunzehntes Capitel. Ein Theater-Coup. Es war eine ganz abscheuliche Nacht. Um zwei Uhr Morgens fing es an zu regnen und bis in den Tag hinein ergossen sich die Gewitterwolken in Strömen. Das Zelt gewährte ungenügenden Schutz, so daß sich Glenarvan und seine Gefährten in das Gefährt zurückzogen. An Schlafen war nicht zu denken, man plauderte über dies und jenes. Nur der Major, dessen kurze Abwesenheit Niemandem aufgefallen war, bildete den stummen Zuhörer. Aber der schreckliche Platzregen strömte unaufhörlich. Man befürchtete deshalb mit Recht, daß der Snowy austreten möge, was für das Gefährt, das im aufgeweichten Boden stak, sehr bedenklich war. Mehr als einmal gingen Mulrady, Ayrton und John Mangles und untersuchten den Stand des Wassers, und kamen jedesmal von Kopf bis zu Füßen durchweicht zurück. Endlich wurde es Tag. Es hörte auf zu regnen, aber die Sonnenstrahlen vermochten noch nicht durch die dichte Wolkenschicht zu dringen. Auf dem Boden standen große Lachen gelben Wassers, trübe, schlammige Teiche. Aus dem aufgerührten Boden stiegen fortwährend feuchtwarme Dünste auf und sättigten die Atmosphäre mit gesundheitsschädlichen Miasmen. Glenarvan hatte von allem Anfang an Sorge um das Gefährt gehabt, denn es war in seinen Augen die Hauptsache. Als man jetzt das plumpe Fahrzeug untersuchte, fand man, daß es mit dem Boden zugleich niedergesunken sei und mitten im zähen Lehm stak; das Vordergestell war fast total verschwunden, das Hintergestell aber bis an die Räderachse. Man sah ein, daß selbst, wenn Alle, Menschen wie Thiere, ihre äußersten Kräfte aufböten, es seine Noth haben würde, die schwere Maschine wieder in die Höhe zu bringen. »In jedem Fall, sagte John Mangles, muß hier schnell gehandelt werden. Denn wenn dieser Thon erst trocken geworden, erschwert er uns die Arbeit sehr. »Also rasch an's Werk! bemerkte Ayrton.« Glenarvan also machte sich mit seinen beiden Matrosen nebst John Mangles und Ayrton nach dem Gehölz auf, wo die Thiere des Nachts über gewesen waren. Es war ein Hochwald von Gummibäumen, der einen traurigen Anblick bot. Lauter abgestorbene Stämme standen da in großen Zwischenräumen, seit Jahrhunderten ihrer Rinde entkleidet, wie Korkeichen zur Erntezeit. Bis zu zweihundert Fuß streckten sie das magere Netz ihrer entlaubten Aeste in die Luft und kein Vogel nistete in dem durchsichtigen Skelett, nicht ein Blatt regte sich in dem vertrockneten Geäst. Und aus welchem Grunde ist eine solche Erscheinung, die in Australien sehr häufig beobachtet wird, daß ganze Wälder von einer tödtlichen Epidemie befallen werden, herzuleiten? Man weiß es nicht. Weder die ältesten Eingeborenen, noch ihre bereits lange in den Särgen ruhenden Vorfahren haben sie jemals im grünen Zustande gesehen. Während Glenarvan fortwährend weiter ging und nach dem grauen Himmel aufschaute, auf dem sich auch die kleinsten Zweige der Gummibäume wie feine Zeichnungen abhoben, gerieth Ayrton in Erstaunen, daß sich die Pferde und Ochsen nicht mehr an der Stelle fanden, wo sie hingebracht waren. Doch da die Thiere mit Spannketten gefesselt wurden, konnten sie unmöglich weit fort sein. Man suchte also nach ihnen im Walde, doch vergebens. Ayrton wußte nicht, was er sagen sollte. Er begab sich nach dem Snowy-Fluß, an dessen Ufer prächtige Mimosen stehen, zurück, ohne sie gefunden zu haben. Er ließ jetzt seinen Ruf vernehmen, den sein Gespann wohl kannte, aber kein Laut kam zurück. Der Quartiermeister schien immer unruhiger, und seine Gefährten sahen sich mit sehr verlegenen Mienen an. Nachdem eine Stunde bereits mit vergeblichem Nachforschen verflossen war und Glenarvan schon zu dem etwa eine Meile entfernten Gefährt zurückzukehren im Begriff war, drang ein Wiehern an sein Ohr. Bald darauf ließ sich auch ein Brüllen vernehmen. »Dort sind sie!« rief John Mangles und schlich durch das hohe Buschwerk, das im Stande gewesen wäre, eine ganze Heerde zu verdecken. Glenarvan, Mulrady und Ayrton folgten seinen Spuren und theilten alsbald sein Erstaunen. Zwei von den Ochsen und drei von den Pferden lagen da, zu Boden gestreckt, wie vom Schlage getroffen, gleich den anderen. Schon waren ihre Cadaver kalt und eine Schaar hungriger Raben krächzte unter den Mimosen und lauerte auf die unerwartete Beute. Glenarvan und seine Gefährten warfen sich Blicke zu, und Wilson konnte nicht umhin, zu fluchen, wie es ihm in den Mund kam. »Sei ruhig, Wilson, sprach zu ihm Lord Glenarvan, der sich übrigens auch nur zur Noth zusammennehmen konnte, was hilft das jetzt. – Ayrton, sprach er zu diesem, nehmen Sie den übrig gebliebenen Ochsen und das Pferd mit. Es wird gut sein, daß wir uns bald aus der Verlegenheit ziehen. – Wenn das Gefährt nicht im Morast stäke, meinte John Mangles, könnten selbst diese beiden Thiere uns in zwei kleinen Tagereisen bis an die Küste bringen. Wir müssen jetzt unter allen Umständen das verfluchte Fahrzeug frei machen. – Wir wollen es versuchen, John, entgegnete ihm Glenarvan. Kehren wir also jetzt zum Lager zurück, wo man ohnehin über unser langes Ausbleiben unruhig sein wird.« Ayrton nahm dem Ochsen die Spannriemen ab, und Mulrady dem Pferde, und so zog man denn an dem gewundenen Ufer des Flusses hin. Eine halbe Stunde später wußten sowohl Paganel wie Mac Nabbs, Lady Helena und Miß Grant, woran man war. »Den Teufel auch! rief der Major gegen Ayrton, schade, daß Sie nicht gleich alle unsere Thiere beim Uebergang über die Wimerra beschlagen ließen. – Wie so, mein Herr? fragte Ayrton. – Von allen unseren Pferden ist gerade das, welches unter den Händen Ihres Hufschmiedes gewesen ist, dem gemeinsamen Schicksale allein entgangen. – In der That, sagte John Mangles, es ist ein sonderbarer Zufall. – Nur Zufall, allerdings, und nichts weiter«, entgegnete der Quartiermeister, und sah dem Major fest in's Auge. Mac Nabbs preßte die Lippen auf einander, als wenn er, was ihm auf der Zunge schwebte, zurückhalten wollte. Glenarvan, Mangles und Lady Helena schienen darauf zu warten, daß er seinen Gedanken weiter aussprechen werde, aber der Major schwieg und wandte sich nach dem Wagen hin, den Ayrton jetzt in Untersuchung gezogen. »Was hat er eigentlich damit sagen wollen? fragte Glenarvan John Mangles. – Ich weiß es auch nicht, erwiderte der junge Kapitän. Immerhin ist der Major kein Mensch, der Etwas ohne Grund sagt. – Da haben Sie Recht, John, meinte Lady Helena. Mac Nabbs muß irgend welchen Verdacht gegen Ayrton haben. – Verdacht? sagte Paganel mit Achselzucken. – Was meinen Sie? erwiderte Glenarvan. Kann er es für möglich halten, daß er uns die Thiere getödtet habe? Zu welchem Zweck soll er es gethan haben? Ist denn Ayrton's Interesse nicht ein und dasselbe mit dem unsern? – Du hast Recht, lieber Edward, sagte Lady Helena, und ich füge noch hinzu, daß uns der Quartiermeister von Anfang unserer Reise an unleugbar Proben von Treue gegeben hat. – Allerdings, erwiderte John Mangles. Aber was hat es dann mit der Bemerkung des Majors für eine Bewandtniß? Ich muß der Sache auf den Grund kommen. – Meint er denn, er sei mit den Sträflingen im Einverständniß? ... rief Paganel unvorsichtig. – Was für Sträflinge? fragte Miß Grant. – Herr Paganel ist im Irrthum, erwiderte John Mangles lebhaft. Er weiß doch, daß es in der Provinz Victoria keine Sträflinge giebt. – Ei wahrhaftig! erwiderte Paganel, der gerne seine Worte nicht ausgesprochen hätte. Wo zum Teufel hatte ich auch meinen Kopf? In Australien giebts keine Sträflinge, denn so wie sie ausgeschifft sind, werden die Missethäter ehrliche Leute! Das Klima, wissen Sie, Miß Mary, wirkt bessernd auf die Sitten ...« Es erging dem armen Gelehrten, als er seine Uebereilung wieder gut machen wollte, ähnlich wie dem Wagen; er gerieth nur tiefer hinein. Lady Helena sah ihn an, was ihn ganz außer Fassung brachte. Aber sie wollte ihn nicht noch mehr verlegen machen, und nahm deshalb Miß Mary mit fort nach dem Zelt, wo Mr. Olbinett gerade das Frühstück nach den Regeln der Kunst zubereitete. »Eigentlich hätte ich es verdient, wegtransportirt zu werden, sagte Paganel in kläglichem Tone. – Das denke ich auch«, erwiderte Glenarvan. Da diese Antwort ernstlich gemeint schien, mußte sie für den würdigen Geographen demüthigend sein. Glenarvan und John Mangles begaben sich jetzt auch nach dem Wagen hinüber. Ayrton und die beiden Matrosen waren eben damit beschäftigt, ihn wieder aus seiner tiefen Versenkung herauszuziehen. Sowohl der Ochse wie das Pferd, die zusammengespannt waren, boten alle ihre Muskelkraft auf; die Zugriemen waren schon bis zum Zerreißen gespannt, und ebenso konnten die Halsjoche unmöglich noch lange halten. Wilson und Mulrady schoben an den Rädern, während der Quartiermeister das ungleiche Gespann mit Zuruf und Treibstachel spornte. Aber das schwerfällige Gefährt rührte sich nicht von der Stelle. In dem Thon, der bereits trocken geworden war, wurde es so fest zurückgehalten, als wenn es in hydraulischen Cement eingelassen wäre. John Mangles ließ jetzt, um ihn nachgiebiger zu machen, den Thon benetzen, aber auch das war vergebens. Das Gefährt blieb unbeweglich. Noch einmal machten Menschen sowohl wie Thiere einen Versuch mit Aufgebot aller ihrer Kräfte. Wofern man nicht die Maschine Stück für Stück auseinander nahm, mußte man darauf verzichten, sie aus dem Schlammloche zu ziehen. Und wenn das Werkzeug fehlte, konnte man selbst an so etwas nicht denken. Ayrton, der um jeden Preis die Schwierigkeiten überwinden zu wollen schien, war eben daran, von Neuem alle Kräfte aufzubieten, als Lord Glenarvan dazukam und ihn anrief: »Halt, Ayrton, es ist genug. Wir müssen die beiden Thiere, die uns geblieben, nothwendig schonen. Während wir unsere Reise zu Fuß fortsetzen, kann das eine von ihnen unsere Damen, das andere unsere Vorräthe fortschaffen. Also können sie uns noch ganz gute Dienste erweisen. – Gewiß, Mylord, entgegnete der Quartiermeister, und spannte die erschöpften Thiere aus. – Kommen Sie jetzt, meine Herren, sagte Glenarvan, und lassen Sie uns zu unserer Lagerstätte zurückgehen, dort die Situation in Erwägung ziehen und zusehen, was für gute und was für schlimme Aussichten sind, und danach dann unsere Entschließung fassen.« Nach einer kleinen Weile erholten sich unsere Reisenden von dieser schlimmen Nacht durch ein ganz leidliches Déjeuner. Gleichzeitig wurde die Berathung eröffnet und jeder aufgefordert, seine Meinung abzugeben. Vor Allem indeß handelte es sich darum, den geographischen Ort des Lagers ganz genau zu wissen. Paganel, dem diese Sorge zufiel, machte die Bestimmung mit der gewünschten Schärfe. Nach seiner Berechnung befand sich die Expedition auf dem siebenunddreißigsten Parallelkreis und zwar 147° 53' östlicher Lange, am Ufer des Snowy-Flusses. »Und welches ist genau die Lage der Twofold-Baiküste? fragte Glenarvan. – Einhundertundfünfzig Grad, antwortete Paganel. – Das wäre also ein Unterschied von zwei Graden und sieben Minuten? . . . – Ja wohl von fünfundsiebenzig Meilen. – Und Melbourne liegt? . . . – Mindestens zweihundert Meilen entfernt. – Gut. Da unsere Lage nun genau bestimmt ist, was soll nunmehr geschehen?« Die Antwort lautete einstimmig: Ohne Verzug nach der Küste sich begeben. Sogar Lady Helena und Mary Grant machten sich anheischig, täglich fünf (englische) Meilen zurückzulegen. Die muthigen Frauen schreckten nicht vor dem Gedanken zurück, die Strecken zwischen dem Snowy-Flusse und der Twofold-Bai, wenn es sein müßte, zu Fuße zu gehen. »Du bist meine wackere Reisegefährtin, liebe Helena, meinte Lord Glenarvan. Aber finden wir, fragte er, auch sicher, wenn wir an der Bai ankommen, die Hilfsquellen, deren wir benöthigen? – Ohne allen Zweifel, entgegnete Paganel. Eden ist eine Municipalstadt, die schon seit einer Reihe von Jahren besteht. Zwischen ihrem Hafen und Melbourne muß sogar ein ziemlich lebhafter Verkehr stattfinden. Ich vermuthe auch, daß wir fünfunddreißig Meilen von hier, zu Delegete, an der Grenze von Victoria, uns frisch verproviantiren können und genügende Transportmittel finden. – Und wie ist es mit dem Duncan, fragte Ayrton, halten Sie es nicht für angemessen, ihm Meldung zu senden und ihn in die Bai kommen zu lassen? – Was halten Sie davon, John, fragte Glenarvan. – Ich glaube nicht, daß Ew. Herrlichkeit diesen Punkt beeilen soll, erwiderte der junge Kapitän, nachdem er darüber sich besonnen. Es wird noch immer Zeit genug sein, Ihre Befehle Tom Austin zu ertheilen und ihn an die Küste kommen zu lassen. – Das ist allerdings klar, fügte Paganel hinzu. – Bedenken Sie, sprach John Mangles weiter, daß wir in vier bis fünf Tagen bereits in Eden sind. – Sie meinen, in vier, fünf Tagen! entgegnete Ayrton kopfschüttelnd. Sagen Sie in vierzehn bis zwanzig Tagen, Kapitän, wenn Ihnen Ihr Irrthum nicht später leid sein soll. – Zu fünfundsiebenzig Meilen vierzehn bis zwanzig Tage! rief Glenarvan. – Mindestens, Mylord. Sie müssen ja den schwierigsten Theil von Victoria durchreisen, eine wahre Einöde, wo Alles fehlt, sagen die Squatters, durch große Strecken Gebüsch, ohne gebahnten Weg, wo sich bis jetzt noch keine Stationen errichten ließen. Nur mit dem Beil oder mit der Fackel in der Hand können Sie marschiren, und glauben Sie mir, rasch werden Sie nicht weiter kommen.« Ayrton hatte mit fester Stimme gesprochen. Paganel, auf den sich jetzt alle Blicke fragend richteten, erklärte sich durch ein Kopfnicken mit den Worten des Quartiermeisters einverstanden. »Nun also diese Schwierigkeit zugegeben, bemerkte John Mangles, so werden Ew. Herrlichkeit Ihre Befehle in vierzehn Tagen an den Duncan gelangen lassen. – Ich muß noch weiter sagen, fuhr Ayrton fort, daß die Schwierigkeiten des Weges nicht das Haupthinderniß sind; denn es wird sich auch darum handeln, über den Snowy zu setzen und wahrscheinlich das Fallen seines Wassers abzuwarten. – Abzuwarten! rief der junge Kapitän. Läßt sich keine Furth aussuchen? – Ich glaube schwerlich, entgegnete Ayrton. Heute Morgen habe ich ihn vergebens nach einem geeigneten Uebergang abgesucht. Man findet einen solchen überhaupt selten bei einem Flusse, der in dieser Jahreszeit so reißend ist; es ist das ein leidiger Umstand, wider den ich nichts vermag. – Ist denn der Snowy so breit, fragte Lady Glenarvan. –- Breit und tief, meine Dame, antwortete Ayrton; ja wohl eine Meile breit und furchtbar reißend. Selbst ein guter Schwimmer käme nicht ohne Gefahr hinüber. – Nun, dann bauen wir uns ein Boot! rief Robert, dem die Sache durchaus nicht bedenklich schien. Ein Baum wird gefällt und ausgehöhlt, und dann setzen wir uns hinein. Was ist da weiter? – Sieh einmal einer den Sohn des Kapitän Grant! sagte Paganel. – Er hat ganz recht, meinte John Mangles. Es wird uns gar nichts Anderes übrig bleiben; und ich finde es ganz zwecklos, weitere Zeit mit Discussionen zu verlieren. – Was denken Sie darüber, Ayrton, fragte Glenarvan. – Meiner Ansicht nach, mein Herr, werden wir, wenn uns keine Hilfe kommt, in einem Monat noch immer an den Ufern des Snowy sein. – Nun, haben Sie einen besseren Plan? fragte John Mangles mit einer gewissen Ungeduld. – Ja, wenn der Duncan Melbourne verläßt und die östliche Küste zu gewinnen sucht. – So! Immer der Duncan! Aber in wie fern wird uns seine Anwesenheit in der Bai die Möglichkeit, auch dahin zu gelangen, erleichtern?« Nachdem Ayrton einige Augenblicke nachgedacht, gab er eine ziemlich ausweichende Antwort. »Ich will, sagte er, meine Meinung nicht aufnöthigen. Wenn ich etwas thue, so thue ich es in unser Aller Interesse, und ich stehe zur Verfügung und breche auf, sobald Ew. Herrlichkeit das Zeichen zum Aufbruch giebt.« Er schlug die Arme übereinander. »Das ist keine Antwort, Ayrton, entgegnete Glenarvan. Theilen Sie uns Ihren Plan mit, und wir wollen ihn sogleich besprechen. Was ist Ihr Vorschlag?« Ayrton sprach darauf in ruhigem und festem Tone: »Mein Vorschlag geht dahin, in dem hilflosen Zustande, in dem wir uns gegenwärtig befinden, nicht auf's Gerathewohl über den Snowy zu gehen. Hier, an dieser Stelle, müssen wir Unterstützung abwarten, und diese kann nur vom Duncan kommen. Lassen wir uns also hier nieder, wo es uns an Lebensmitteln nicht fehlt, und Einer von uns überbringe Tom Austin den Befehl, daß er in die Twofold -Bai einlaufen soll.« Dieser unerwartete Vorschlag wurde mit einigem Erstaunen aufgenommen, und John Mangles verhehlte nicht, wie sehr er ihm mißfiel. »Während dieser Zeit, fuhr Ayrton fort, wird entweder der Wasserstand des Snowy fallen, und es dann möglich sein, eine Furth durch ihn zu finden; oder, wenn Sie auf ein Uebersetzen mit einem Boote zurückkommen müssen, so haben wir Zeit dafür, es herzustellen. Das ist, Mylord, mein Vorschlag, den ich Ihrer Billigung vorlege. – Gut, Ayrton, sagte Glenarvan jetzt. Ihr Vorschlag verdient in ernste Erwägung gezogen zu werden. Seine größte Schattenseite ist die, daß er eine Verzögerung veranlaßt, aber er erspart auch wieder große Beschwerden, und vielleicht auch ernstliche Gefahren. Wie denken Sie darüber, meine Freunde? – Reden Sie, lieber Mac Nabbs, sagte Lady Helena. Seitdem wir berathen, hören Sie blos zu und lassen nur höchst selten ein Wort hören. – Da Sie mich denn nach meiner Meinung fragen, erwiderte der Major, so will ich sie Ihnen ganz offen heraus sagen. Ayrton hat, wie mir scheint, als Sachverständiger und vorsichtig gesprochen, und ich schließe mich seinem Vorschlage an.« Man war auf eine solche Antwort desselben am wenigsten gefaßt, denn bis jetzt waren in Bezug auf diesen Gegenstand die Ansichten von Mac Nabbs und Ayrton immer auseinander gegangen. Auch Ayrton sah den Major ganz betroffen an. Paganel, Lady Helena und die Matrosen waren sehr geneigt, das Vorhaben des Quartiermeisters zu unterstützen. Nachdem der Major es gethan, trugen sie nicht das geringste Bedenken mehr. Somit erklärte denn Glenarvan den Plan Ayrton's im Princip für angenommen. Zu John aber sprach er: »Meinen Sie nicht, daß uns die Klugheit gebietet, so zu handeln, an den Ufern des Flusses zu bleiben, und auf die Transportmittel zu warten? – Ich meine, erwiderte John Mangles, wenn ein Bote von uns über den Snowy kommen kann, können wir es auch!« Alles blickte auf den Quartiermeister; der aber lachte wie ein Mann, der seiner Sache sicher ist. »Der Bote braucht gar nicht über den Fluß zu setzen, entgegnete er. – Ach so! – Er schlägt einfach die Straße nach Lucknow ein, die ihn direct nach Melbourne führt. – Zweihundertundfünfzig Meilen soll er zu Fuß zurücklegen! rief der junge Kapitän. – Nein, aber zu Pferde, erwiderte Ayrton. Es ist uns doch ein gutes Reitpferd geblieben. Damit läßt sich der Weg in vier Tagen machen. Rechnen Sie zwei Tage dazu, um mit dem Duncan in die Bai hinüber zu fahren, dann noch vierundzwanzig Stunden, um in das Lager zurückzukehren, so kommt eine Woche heraus, in welcher der Bote sammt der Mannschaft wieder hier sein kann.« Der Major stimmte durch Kopfnicken den Worten Ayrton's bei, und es kam nur darauf an, den in Wahrheit wohl überlegten Plan auszuführen. »Nun, meine Freunde, handelt es sich darum, unseren Boten zu wählen. Es wird, wie ich nicht verkenne, eine schwierige und gefahrvolle Reise sein. Wer will sich für seine Gefährten aufopfern und unsere Instructionen nach Melbourne bringen?« Unverzüglich erboten sich dazu Wilson, Mulrady, John Mangles, Paganel und selbst Robert. John namentlich bestand fast eigensinnig darauf, daß ihm diese Mission übertragen werde. Da ergriff Ayrton, der sich bis jetzt noch nicht gemeldet hatte, das Wort und sagte: »Wenn es Ew. Herrlichkeit recht ist, so will ich die Reise auf mich nehmen. Ich kenne doch das Land einigermaßen. Wie oft schon bin ich durch seine gefährlichsten Strecken gereist. Ich finde mich da heraus, wo ein Anderer unfehlbar hängen bleibt. Ich bitte deshalb in gemeinsamem Interesse, mich nach Melbourne begeben zu dürfen. Es genügt ein Wort, um mich bei Ihrem Stellvertreter zu accreditiren, und in sechs Tagen verpflichte ich mich, den Duncan in die Twofold-Bai hinüber zu führen. – Gut gesprochen, entgegnete Glenarvan. Sie sind ein Mann von Einsicht und Muth, und Sie werden wohl auch Glück haben.« Offenbar war der Quartiermeister geeigneter als irgend ein Anderer, diese schwierige Mission auszuführen. Das sah ein Jeder ein, und beschied sich. Nur John Mangles machte einen letzten Einwand, indem er sagte, die Anwesenheit Ayrton's sei durchaus nothwendig zur Auffindung der Spuren der Britannia oder Harry Grant's. Aber der Major entgegnete ihm, die Expedition bliebe an den Ufern des Snowy gelagert, bis Ayrton zurückkomme, und daß es gar nicht in der Absicht liege, ohne ihn die wichtige Nachforschung anzustellen, folglich könne auch seine Abwesenheit die Interessen des Kapitäns in keinerlei Weise beeinträchtigen. »So reisen Sie denn also, Ayrton, sagte Glenarvan. Lassen Sie sich die Sache angelegen sein und kommen Sie über Eden nach unserem Lager am Snowy zurück.« Des Quartiermeisters Auge glänzte im Gefühl der Befriedigung. Er wandte das Gesicht ab, aber, so schnell er es immer that, John Mangles war es doch aufgefallen. Instinctmäßig fühlte John, wie sein Verdacht gegen Ayrton nur zunahm. Der Quartiermeister traf nun seine Vorkehrungen zur Abreise, wobei ihm die beiden Matrosen zur Hand gingen, indem der eine sein Pferd, der andere die Reisevorräthe besorgte. Unterdessen schrieb Glenarvan den Brief an Tom Austin. Er befahl dem Unterbefehlshaber des Duncan, sich unverzüglich in die Bai Twofold zu begeben. Er empfahl ihm den Quartiermeister als einen Mann, der sein volles Vertrauen verdiene. Nach Ankunft an der Küste solle Tom Austin eine Abtheilung Matrosen der Jacht unter Ayrton's Befehl stellen . . . Als Glenarvan an dieser Stelle seines Briefes war, fragte ihn Mac Nabbs, der ihm beim Schreiben zusah, in auffallendem Tone, wie er den Namen Ayrton schreibe. »Ei nun, so wie man ihn ausspricht, erwiderte Glenarvan. – Das ist irrig, fuhr der Major ruhig fort. Man spricht ihn aus Ayrton, aber man schreibt ihn Ben Joyce!« Zwanzigstes Capitel. Aland – Zealand. Die Entdeckung des Namens Ben Joyce hatte die Wirkung eines Blitzschlages. Ayrton wendete sich plötzlich um, er hielt einen Revolver in der Hand, ein Schuß streckte Glenarvan zu Boden. Von außen hörte man Flintenschüsse. John Mangles und die Matrosen, anfangs überrascht, wollten sich auf Ben Joyce stürzen, aber schon war der kühne Bandit verschwunden und hatte sich mit seiner an den Saum des Gummibaumwaldes zerstreuten Bande vereinigt. Das Zelt bot keinen genügenden Schutz gegen die Kugeln, und man mußte an den Rückzug denken. Glenarvan, nur leicht verletzt, war wieder aufgestanden! »In den Wagen, in den Wagen!« schrie John Mangles, und zog Lady Helena und Mary Grant fort, die bald hinter den starken Leitern in Sicherheit waren. Dort ergriffen John, der Major, Paganel und die Matrosen ihre Carabiner und hielten sich bereit, den Banditen zu antworten. Glenarvan und Robert waren bei den Frauen, wahrend Olbinett an der allgemeinen Verteidigung Theil nahm. Diese Vorfälle hatten sich mit Blitzesschnelligkeit ereignet. John Mangles beobachtete aufmerksam den Saum des Waldes. Das Schießen hatte bei der Ankunft von Ben Joyce plötzlich aufgehört und tiefe Stille folgte dem lärmenden Gewehrfeuer. Einige Rauchsäulen wirbelten noch um die Zweige der Gummibäume, und die hohen Büsche des Gastrolobium blieben unbeweglich. Jedes Zeichen eines Angriffes war verschwunden. Der Major und John Mangles recognoscirten die Gegend bis an die hohen Bäume. Der Platz war verlassen; man sah zahlreiche Fußspuren, und halb verbranntes Zündpulver rauchte noch auf dem Boden. Als kluger Mann löschte der Major es aus, denn ein Funken genügte, um eine schreckliche Feuersbrunst in diesen trockenen Wäldern anzufachen. »Die Sträflinge sind verschwunden, sagte John Mangles. – Ja, antwortete der Major, und dies Verschwinden beunruhigt mich. Es wäre mir lieber, wir ständen ihnen gegenüber. Ein Tiger auf der Ebene ist besser als eine Schlange im Grase. Wir wollen diese Büsche beim Wagen absuchen.« Der Major und John untersuchten die umliegende Gegend und fanden vom Saume des Waldes bis an die Ufer des Snowy keinen einzigen Sträfling. Die Bande des Ben Joyce schien wie eine Schaar unheilbringender Vögel entflohen. Dies Verschwinden war zu sonderbar, um sich dabei vollkommen sicher zu fühlen. Deshalb entschloß man sich, immer auf der Hut zu sein. Der Wagen, ein von Morast umgebenes Bollwerk, wurde das Centrum des Lagers, und zwei Männer, die sich stündlich ablösten, hielten gute Wache. Lady Helena und Mary Grant machten sich es zur ersten Sorge, die Wunde Glenarvan's zu verbinden. In dem Augenblick, wo ihr Gatte unter der Kugel des Ben Joyce fiel, war Lady Helena im vollen Schrecken auf ihn zu gestürzt. Dann aber, ihre Angst beherrschend, führte ihn die muthige Frau in den Wagen. Dort wurde die Schulter des Verwundeten bloßgelegt, und der Major erkannte, daß die Kugel nur das Fleisch zerrissen und keine innere Verletzung hervorgebracht hatte. Jedenfalls schien kein Knochen getroffen zu sein. Die Wunde blutete heftig, aber Glenarvan gab durch Bewegung der Finger und des Unterarmes seinen Freunden selbst Beruhigung über das Resultat des Schusses. Nachdem er verbunden, wollte er, daß man sich nicht mehr mit ihm beschäftige, und man kam nun zu Erklärungen. Die Reisenden, mit Ausnahme von Mulrady und Wilson, welche draußen wachten, hatten sich so gut wie möglich im Wagen untergebracht, und der Major wurde aufgefordert zu erzählen. Ehe er seinen Bericht begann, setzte er Lady Helena von dem in Kenntniß, was sie noch nicht wußte, das heißt, von dem Entweichen einer Bande Sträflinge aus Perth, von ihrem Erscheinen in der Provinz Victoria und ihrer Mitschuld an der Eisenbahnkatastrophe. Er übergab ihr die Nummer der »Australian- und New-Zealand-Zeitung«, die er in Seymour gekauft hatte, und fügte hinzu, daß die Polizei auf den Kopf dieses Ben Joyce einen Preis gesetzt habe, eines schrecklichen Banditen, dessen seit achtzehn Monaten verübte Verbrechen ihm eine traurige Berühmtheit verschafft hatten. Aber wie hatte Mac Nabb's diesen Ben Joyce in dem Quartiermeister Ayrton erkannt? Hierin lag das Geheimniß, welches Alle aufgeklärt haben wollten, und der Major gab ihnen diese Erklärung. Vom ersten Tage ihres Beisammenseins mißtraute Mac Nabbs dem Ayrton. Zwei oder drei fast unbedeutende Vorfälle, ein zwischen dem Quartiermeister und dem Schmied am Wimerraflusse ausgetauschter Blick, das Zögern Ayrton's, die Flecken und Dörfer zu passiren, sein Drängen, den Duncan an die Küste zu commandiren, der seltsame Tod der ihm anvertrauten Thiere, endlich ein Mangel an Offenheit im Benehmen, – alle diese Einzelheiten summirten sich nach und nach, um den Verdacht des Majors zu erwecken. Er hätte indeß keine directe Anklage hervorbringen können, ohne die Ereignisse der vorigen Nacht. Unter dem dichten, hohen Gebüsch fortschleichend, kam Mac Nabbs bei den verdächtigen Schatten an, welche seine Aufmerksamkeit auf eine halbe Meile vom Lager erregt hatten. Die phosphorleuchtenden Pflanzen warfen einen bleichen Schimmer auf die Dunkelheit. Drei Männer untersuchten die Spuren am Boden, frische Fußtritte, und Mac Nabbs erkannte unter ihnen den Hufschmied von Black-Point. »Sie sind es, sagte der Eine. – Ja, antwortete der Andere, hier sind die Eisen der Pferde. – So ist es vom Wimerra an. – Alle Pferde sind todt. – Das Gift ist nicht weit ab. – Es ist genug, um eine ganze Cavallerie abzusetzen. – Eine nützliche Pflanze, dies Gastrolobium!« »Dann schwiegen Sie, fuhr Mac Nabbs fort, und entfernten sich. Ich wußte noch nicht genug, ich folgte ihnen daher, und bald begann die Unterhaltung wieder. «Ben Joyce ist doch ein geschickter Mann, sagte der Schmied, ein prachtvoller Quartiermeister mit seiner Schiffbruchserfindung! Wenn sein Plan gelingt, ist unser Glück gemacht! Verfluchter Ayrton! – Nenne ihn Ben Joyce, denn er hat seinen Namen wohl verdient!» In diesem Augenblicke verließen die Schurken das Gummiwäldchen. Ich wußte, was ich wissen wollte, und kehrte in's Lager zurück, mit der Gewißheit, daß nicht alle Sträflinge sich in Australien bessern, wenn Paganel nichts dagegen hat!« Als der Major geendet hatte, versanken seine Gefährten in schweigende Betrachtung. »Also, sagte Glenarvan mit zornigem Antlitz, hat uns Ayrton bis hierher geschleppt, um uns zu berauben und zu ermorden? – Ja, versetzte der Major. – Und vom Wimerra an verfolgt seine Bande unsere Spur und späht nach einer günstigen Gelegenheit? – Ja. – Dieser Elende ist also nicht ein Matrose der Britannia? Er hat seinen Namen Ayrton, seinen Dienst an Bord gestohlen?« Aller Blicke richteten sich auf Mac Nabbs, der sich selbst diese Fragen hatte vorlegen müssen. »Folgendes, erwiderte er mit seiner immer ruhigen Stimme, ist die Gewißheit, die man dieser dunkeln Situation entnehmen kann. Meiner Ansicht nach heißt dieser Mann wirklich Ayrton, Ben Joyce ist nur sein Kriegsname. Es steht unzweifelhaft fest, daß er Harry Grant kennt und Quartiermeister an Bord der Britannia gewesen ist. Diese, schon durch die uns von Ayrton gegebenen Details bewiesenen Thatsachen werden noch durch die Worte der Sträflinge, welche ich Euch mitgetheilt habe, verstärkt. Verlieren wir uns nicht in leere Vermuthungen, und halten wir uns versichert, daß Ayrton und Ben Joyce ein und dieselbe Person ist, das heißt, ein zum Anführer einer Räuberbande gewordener Matrose der Britannia.« Die Erklärungen Mac Nabbs' wurden ohne Widerrede angenommen. »Jetzt, versetzte Glenarvan, sagen Sie mir, wie und warum sich der Quartiermeister Harry Grant's in Australien befindet. – Wie? Das weiß ich nicht, antwortete Mac Nabbs, und die Polizei erklärt, nicht mehr darüber zu wissen als ich. Warum? Es ist mir unmöglich, es zu sagen. Es liegt darin ein Geheimniß, welches die Zukunft aufhellen wird. – Die Polizei kennt nicht einmal die Identität zwischen Ayrton und Ben Joyce, sagte John Mangles. – Sie haben recht, John, erwiderte der Major, und ein besonderer Vorfall, wie dieser, wäre geeignet, ihre Nachforschungen zu fördern. – Also hat sich, bemerkte Lady Helena, dieser Unglückselige in verbrecherischer Absicht in die Farm Paddy O'Moore's geschlichen? – Ohne Zweifel, antwortete Mac Nabbs. Er bereitete irgend einen bösen Streich gegen den Irländer vor, als sich ihm eine günstigere Gelegenheit darbot. Er hörte die Erzählung Glenarvan's, die Geschichte des Schiffbruchs, und als verwegener Mensch hat er sich schnell entschlossen, Nutzen daraus zu ziehen. Die Expedition war entschieden. Am Wimerra hat er mit einem der Seinen Verbindung gehabt, mit dem Schmied von Black-Point, und hat erkennbare Spuren unseres Weges zurückgelassen. Seine Bande ist uns gefolgt, eine giftige Pflanze hat ihm erlaubt, nach und nach unsere Pferde und Ochsen zu tödten. Dann, im richtigen Augenblick, hat er uns in die Sümpfe des Snowy gefahren und den Banditen überliefert, die er commandirt.« Es war Alles über Ben Joyce gesagt worden, seine Vergangenheit vom Major festgestellt, und der Elende erschien als das, was er war, ein kühner und Schrecken erregender Verbrecher. Seine klar bewiesenen Absichten erforderten von Seiten Glenarvan's eine außerordentliche Wachsamkeit. Glücklicherweise hatte man vom entlarvten Banditen weniger zu fürchten, als vom Verräther. Aber aus dieser klaren Darlegung der Sachlage entsprang eine ernste Folge, an die noch Niemand gedacht hatte. Nur Mary Grant schaute, während man die Vergangenheit besprach, in die Zukunft. John Mangles sah gleich, wie sie erblaßte und alle Hoffnung fallen ließ. Er begriff, was in ihrer Seele vorging. »Miß Mary, Miß Mary, rief er aus, Sie weinen! – Du weinst, mein Kind? sagte Lady Helena. – Mein Vater! Madame, mein Vater!« versetzte das junge Mädchen. Sie konnte nicht fortfahren. Aber ein plötzliches Licht ging im Geiste eines Jeden auf. Man begriff den Schmerz Miß Mary's, weshalb ihre Thränen flössen, weshalb der Name ihres Vaters auf ihre Lippen trat. Die Entdeckung von Ayrton's Verrath zerstörte jede Hoffnung. Der Sträfling hatte, um Glenarvan mitzuziehen, einen Schiffbruch vorgegeben. In ihrer von Mac Nabbs belauschten Unterhaltung hatten die Banditen es deutlich gesagt. Niemals war die Britannia an den Klippen der Twofold-Bai gescheitert! Niemals hatte Harry Grant den Fuß auf australischen Boden gesetzt. Zum zweiten Mal hatte die irrige Auslegung des Documentes die Sucher der Britannia auf eine falsche Fährte gebracht! Alle bewahrten vor dieser Sachlage, vor dem Schmerze der beiden Kinder ein düsteres Schweigen. Wer hätte wohl noch ein Wort der Hoffnung gefunden? Robert weinte in den Armen der Schwester, und Paganel murmelte mit ärgerlicher Stimme: »Ach, unglückseliges Document! Du kannst Dich rühmen, das Gehirn von einem Dutzend braver Männer auf eine harte Probe gestellt zu haben!« Und der wirklich gegen sich selbst aufgebrachte, würdige Geograph schlug sich heftig vor die Stirn. Indessen hatte Glenarvan die zur äußeren Wache aufgestellten Mulrady und Wilson aufgesucht. Ein tiefes Schweigen herrschte auf dieser zwischen dem Wald und Fluß gelegenen Ebene. Große, unbewegliche Wolken hingen am Himmelszelt. Mitten in dieser Atmosphäre dumpfer Betäubung hätte man das geringste Geräusch deutlich wahrnehmen müssen, doch Nichts ließ sich hören. Ben Joyce und seine Bande mußten sich in beträchtlicher Entfernung versteckt halten, denn Schaaren von Vögeln, die sich auf die niedrigen Zweige der Bäume niederließen, einige Känguru, die das junge Gras friedlich abweideten, ein paar Emu's, deren zutraulicher Kopf aus dem dichten Gebüsch schaute, bewiesen, daß die Gegenwart von Menschen diese friedliche Einsamkeit nicht störe. »Seit einer Stunde, fragte Glenarvan seine beiden Matrosen, habt Ihr Nichts gesehen, Nichts gehört? – Nichts, Ew. Herrlichkeit, antwortete Wilson. Die Räuber müssen einige Meilen von hier sein. – Sie sind gewiß nicht in genügender Anzahl, um uns anzugreifen, fügte Mulrady hinzu. Dieser Ben Joyce wird sich durch einige Bushrangers, die am Fuße der Alpen umher streifen, verstärken wollen. – Das ist möglich, Mulrady, antwortete Glenarvan. Die Schurken sind feig, und sie wissen uns gut bewaffnet. Vielleicht erwarten sie die Nacht, um uns anzugreifen. Wir müssen unsere Wachsamkeit bei Anbruch der Nacht verdoppeln. Ah! Könnten wir nur diese Sumpfgegend verlassen und unseren Weg nach der Küste fortsetzen! Aber das angeschwollene Wasser versperrt uns den Uebergang. Ich würde mit Gold ein Floß bezahlen, das uns an's andere Ufer brächte! – Warum geben Ew. Herrlichkeit uns nicht den Befehl, dies Floß zu bauen? An Holz fehlt es nicht! – Nein, Wilson, erwiderte Glenarvan. Aber dieser Snowy ist kein Fluß, sondern ein reißender Strom.« In diesem Augenblick kamen John Mangles, der Major und Paganel hinzu, nachdem sie eben den Snowy genau untersucht hatten. Das durch die letzten Regengüsse angeschwollene Wasser war um einen Fuß über seinen gewöhnlichen Wasserstand gewachsen. Es bildete einen reißenden Strudel, ähnlich wie die Stromschnellen Amerikas. Es war unmöglich, sich auf diese brausende Wasserfläche und diese mächtigen Wasserstürze zu wagen, die sich wirbelnd in den Abgrund bohrten. John Mangles erklärte einen Uebergang für unausführbar. »Doch, fügte er hinzu, müssen wir nicht hier bleiben, ohne irgend etwas zu versuchen. Was man vor dem Verrath Ayrton's thun wollte, ist jetzt noch nöthiger. – Was sagst Du, John? fragte Glenarvan. – Ich sage, daß Hilfe dringend Noth thut; und da man nicht nach Twofold-Bai gehen kann, muß man nach Melbourne gehen. Ein Pferd ist uns noch geblieben. Ew. Herrlichkeit wollen es mir geben, und ich reite nach Melbourne. – Aber das ist ein gefährlicher Versuch, John, sagte Glenarvan. Ohne von den Gefahren der Reise zu sprechen, zweihundert Meilen durch ein unbekanntes Land, so können die Wege und Stege von den Mitschuldigen des Ben Joyce bewacht werden. – Ich weiß es, Mylord, aber ich weiß auch, daß unsere Lage nicht länger so bleiben kann. Ayrton verlangte nur acht Tage, um die Leute vom Duncan herzuführen. Ich werde in sechs Tagen an die Ufer des Snowy zurückgekehrt sein. Nun, was befehlen Ew. Herrlichkeit? – Ehe Glenarvan sich ausspricht, sagte Paganel, muß ich eine Bemerkung machen. Man gehe nach Melbourne, aber nicht John Mangles sei diesen Gefahren ausgesetzt. Er ist der Kapitän des Duncan, und als solcher darf er sich nicht denselben aussetzen. Ich werde an seiner Stelle gehen. – Gut gesprochen, antwortete der Major. Aber warum sollten Sie es sein, Paganel? – Sind wir nicht da? riefen Mulrady und Wilson. – Und glauben Sie, versetzte Mac Nabbs, daß ich mich vor einem Ritt von zweihundert Meilen fürchte? – Meine Freunde, sagte Glenarvan; wenn einer von uns nach Melbourne gehen soll, so mag das Loos entscheiden. Paganel, schreiben Sie unsere Namen auf ... – Den Ihrigen wenigstens nicht, Mylord, sagte John Mangles. – Und warum nicht? fragte Glenarvan. – Sie wollen sich von Lady Helena trennen, Sie, dessen Wunde sich noch nicht geschlossen hat? – Glenarvan, sagte Paganel, Sie können die Expedition nicht verlassen. – Nein, versetzte der Major. Ihr Platz ist hier, Edward, Sie dürfen nicht fort. – Es giebt Gefahren zu bestehen, antwortete Glenarvan; ich will meinen Theil daran nicht Anderen überlassen. Schreiben Sie, Paganel. Mein Name sei unter die meiner Kameraden gemischt, und der Himmel gebe, daß er zuerst gezogen werde.« Man fügte sich seinem Willen und sein Name wurde den übrigen hinzugefügt. Man zog, und das Loos entschied für Mulrady. Der tapfere Matrose brach in ein Hurrahgeschrei aus. »Mylord, ich bin zur Abreise bereit«, sagte er. Glenarvan drückte Mulrady die Hand. Dann kehrte er an den Wagen zurück und überließ dem Major und John Mangles die Wache über das Lager. Lady Helena wurde alsbald von dem Entschluß, einen Boten nach Melbourne zu schicken, und von der Entscheidung durch das Loos unterrichtet. Sie fand für Mulrady Worte, welche dem braven Seemann in's Herz drangen. Man kannte ihn als tapfer, klug und stark, jeder Anstrengung gewachsen, und das Loos hätte wahrlich nicht besser fallen können. Die Abreise Mulrady's wurde auf acht Uhr festgesetzt, gleich nach der kurzen Abenddämmerung. Wilson nahm es auf sich, das Pferd zurecht zu machen. Er hatte die Idee, das Hufeisen des linken Fußes abzunehmen und es durch das Eisen von einem der in der Nacht gestorbenen Pferde zu ersetzen. Die Banditen konnten die Spuren nicht erkennen und ihm nicht folgen, da sie nicht beritten waren. Während sich Wilson mit diesen Details beschäftigte, schrieb Glenarvan den für Tom Austin bestimmten Brief; doch hinderte ihn sein verwundeter Arm, und er beauftragte Paganel damit. Der in einer fixen Idee befangene Gelehrte schien für Alles, was ihn umgab, fremd zu sein. Man muß zugeben, daß während dieser ganzen Reihenfolge unangenehmer Abenteuer Paganel nur an sein falsch ausgelegtes Document dachte. Er drehte die Worte um, um ihnen einen neuen Sinn zu entreißen, und blieb in dem Abgrunde der Deutung versenkt. Auch hörte er die Bitte Glenarvan's nicht, so daß dieser sie nochmals wiederholen mußte. »Ah, sehr wohl, erwiderte Paganel, ich bin bereit!« Und mit diesen Worten machte Paganel mechanisch sein Notizbuch zurecht. Er riß ein weißes Blatt heraus und war, mit dem Bleistift in der Hand, zum Schreiben bereit. Glenarvan begann folgende Instructionen zu dictiren: »Befehl für Tom Austin, in See zu stechen und den Duncan nach ...« Paganel vollendete das letzte Wort, als seine Augen zufällig auf die Nummer der »Australian- und New-Zealand-Zeitung« fielen, welche auf der Erde lag. Das zusammengefaltete Journal ließ nur die beiden letzten Silben seines Titels sehen. Der Bleistift Paganel's blieb stehen, und Paganel schien Glenarvan und seinen Brief vollständig vergessen zu haben. »Nun, Paganel? sagte Glenarvan. – Ah, rief der Geograph laut aus. – Was haben Sie? fragte der Major. – Nichts, nichts!« antwortete Paganel. Dann wiederholte er leiser: »Aland! Aland! Aland!« Er war aufgestanden und hatte das Journal in die Hand genommen. Er schüttelte es, wobei er versuchte, die Worte zurückzuhalten, die seinen Lippen entschlüpfen wollten. Lady Helena, Mary, Robert, Glenarvan betrachteten ihn, ohne etwas von dieser unerklärlichen Bewegung zu verstehen. Paganel glich einem Menschen, der auf einmal irrsinnig geworden. Aber dieser Zustand nervöser Ueberreizung hielt nicht an. Er ward allmälig ruhig, und die Freude, welche aus seinen Augen strahlte, erlosch. Er setzte sich wieder und sagte in ruhigem Tone: »Wenn es Ihnen beliebt, Mylord, stehe ich zu Ihren Diensten.« Glenarvan dictirte das in folgenden Ausdrücken abgefaßte Schreiben: »Befehl an Tom Austin, unverzüglich in die See zu stechen und den Duncan unter'm 37° Breite an die Westküste Australiens zu führen . .. – Australiens? sagte Paganel. Ja wohl! Australiens!« Als das Schreiben fertig war, reichte er es Glenarvan zur Unterschrift. Trotz der frischen Verwundung kam er damit zu Stande. Dann wurde es versiegelt und geschlossen. Paganel schrieb mit zitternder Hand die Aufschrift: »Tom Austin, Unterbefehlshaber der Yacht Duncan Melbourne.« Darauf verließ er den Wagen und rief wiederholt die unverständlichen Worte: »Aland! Aland! Zealand!« Einundzwanzigstes Capitel. Vier Tage der Angst. Der Rest des Tages verlief ohne weiteren Zufall. Man vollendete allseitig die Zurüstungen zu Mulrady's Abreise. Der brave Matrose schätzte sich glücklich, Sr. Herrlichkeit diesen Beweis von Ergebenheit liefern zu können. Paganel hatte sein kaltes Blut und seine gewohnte Art und Weise wieder angenommen. Noch immer zeigte sein Blick zwar eine deutliche Befangenheit, aber er schien sie bestimmt geheim halten zu wollen. Sicher hatte er gute Gründe, also zu handeln, denn der Major hörte ihn immer, wie einen Menschen, der mit sich selbst kämpft, die Worte murmeln: »Nein! Nein! Sie würden mir keinen Glauben schenken. Und dann, was nützt es denn? Es ist ja zu spät!« Als er sich auf diese Weise entschieden hatte, bemühte er sich, Mulrady die nöthigen Anweisungen, wie er Melbourne erreichen könne, zu geben, und zeichnete ihm, die Karte vor den Augen, seinen Weg vor. Alle »traks« , d. h. Fußwege der Prairie liefen auf der Lucknower Straße zusammen. Diese Straße beschreibt, nachdem sie in südlicher Richtung gerade bis zur Küste geführt hat, einen kurzen Bogen in der Richtung nach Melbourne. Ihr hatte er immer zu folgen, und sollte nicht versuchen, einen kürzeren Weg quer durch unbekanntes Land zu nehmen. Die Sache war also ganz einfach, und Mulrady konnte sich nicht wohl verirren. Gefahren waren, wenn er nur einige Meilen über die Gegend hinaus war, in der Ben Joyce mit seiner Bande versteckt liegen mußte, nicht weiter zu fürchten. War diese Gegend einmal passirt, so entfernte sich Mulrady schnell von den Sträflingen und konnte seine wichtige Mission zu gutem Ende führen. Um sechs Uhr wurde die gemeinschaftliche Mahlzeit eingenommen. Ein strömender Regen stürzte herab. Da das Zelt keinen hinlänglichen Schutz bot, hatten Alle im Wagen Zuflucht gesucht, der übrigens eine sichere Unterkunft bot. Der thonige Boden hielt ihn fest, und er ruhte darauf, wie ein Fort auf seinen Grundmauern. Die Waffenvorräthe bestanden in sieben Karabinern und eben so viel Revolvern, und genügten auch gegenüber einer längeren Belagerung, da weder Schießbedarf noch Lebensmittel mangelten. Uebrigens mußte der Duncan noch vor Ablauf von sechs Tagen in der Twofold-Bai ankern. Vierundzwanzig Stunden später konnte die Mannschaft das andere Ufer der Snowy ereichen, und sollte der Uebergang nicht ausführbar fein, so mußten sich die Sträflinge dann doch vor den überlegenen Kräften zurückziehen. Vor Allem aber bedurfte es des glücklichen Gelingens von Mulrady's gefahrvollem Unternehmen. Um acht Uhr wurde die Nacht sehr dunkel. Jetzt galt es, abzureisen. Das für Mulrady bestimmte Pferd wurde herangeführt. Seine Hufe, welche der Vorsicht halber noch mit Leinen umwickelt waren, machten auf dem Boden nicht das geringste Geräusch. Das Thier schien ermüdet, und doch hing von der Verläßlichkeit und Kraft seiner Füße das Wohlsein Aller ab. Der Major rieth Mulrady, es zu schonen, wenn er außer dem Bereiche der Angriffe der Sträflinge sein werde. Besser wäre ein halber Tag Verzögerung und ein sicheres Hinkommen. John Mangles übergab seinem Matrosen einen Revolver, den er möglichst sorgsam geladen hatte, – eine furchtbare Waffe in der Hand eines Mannes, welcher nicht zittert, denn sechs in wenigen Secunden abzugebende Schüsse durften wohl hinreichen, einen von Bösewichtern gesperrten Weg zu säubern. Mulrady saß auf. »Hier ist der Brief, den Du an Tom Austin überliefern wirst, sagte Glenarvan. Er solle keine Stunde verlieren! Er fahre nach der Twofold-Bai ab, und wenn er uns dort, im Fall wir den Snowy nicht passiren könnten, nicht antreffen sollte, so soll er uns unverzüglich entgegen kommen! Nun, mein wackerer Matrose, so geh' und Gott geleite Dich!« Glenarvan, Lady Helena, Miß Grant, Alle drückten Mulrady die Hand. Diese Abreise bei schwarzer, regnerischer Nacht, auf einem Wege voll drohender Gefahren und durch eine ungeheure, unbekannte Wüstenei, hätte ein minder furchtloses Herz, als das des Matrosen, wohl befangen gemacht. »Adieu, Mylord«, sagte dieser mit ruhiger Stimme, und verschwand bald auf einem Fußwege, der sich am Waldsaum hinzog. In diesem Augenblicke verdoppelte der Sturm seine Wuth. Die hohen Eucalyptusäste klapperten mit mattem Tone im Dunklen. Man konnte das Niederfallen des trockenen Geästes auf den weichen Boden hören. Mehr als ein riesiger Baum, dem der Saft fehlte, aber der doch bis jetzt aufrecht gestanden hatte, stürzte unter den heftigen Windstößen. Durch das Krachen des Holzes heulte der Wind und mischte sein trauriges Seufzen mit dem dumpfen Grollen des Snowy. Dicke Wolken, die er nach Osten trieb, zogen wie zerrissene Dampfwolken über die Erde hin. Eine traurige Dunkelheit vermehrte noch die Schrecken dieser Nacht. Die Reisenden schmiegten sich nach Mulrady's Abreise im Wagen zusammen. Lady Helena, Miß Grant, Glenarvan und Paganel nahmen die vordere Abtheilung desselben, welche vollkommen geschlossen war, ein; in der hinteren hatten Olbinett, Wilson und Robert ein notdürftiges Lager gefunden. Der Major und John Mangles wachten draußen. Es war das ein Act notwendiger Klugheit, denn ein Angriff seitens der Sträflinge war leicht und voraussichtlich möglich. Die beiden treuen Wächter hielten wacker aus und ertrugen philosophisch die Regen- und Windstöße, welche die Nacht ihnen in's Gesicht schleuderte. Sie trachteten mit den Augen die Finsterniß zu durchdringen, welche einen Hinterhalt so sehr begünstigte, denn das Ohr vermochte bei diesem Höllenlärmen des Sturmes, des Windgeheuls, des Klapperns der Aeste, der fallenden Stämme und dem Tosen des fessellosen Wassers Nichts wahrzunehmen. Manchmal unterbrachen kurze Augenblicke der Ruhe die wüthenden Windstöße. Der Sturm schwieg gleichsam, um frisch Athem zu schöpfen. Der Snowy seufzte allein durch das unbewegliche Rohr und den schwarzen Vorhang von Gummibäumen. Das Schweigen erschien in diesen kurzen Pausen um so tiefer; dann horchten der Major und John Mangles mit doppelter Aufmerksamkeit. In einer dieser Unterbrechungen war es, daß ein kurzer scharfer Pfiff bis zu ihnen drang. Schnell kam John Mangles zum Major »Hörten Sie das? fragte er ihn. – Ja, erwiderte Mac Nabbs. War das ein Thier oder ein Mensch? – Ein Mensch«, antwortete John Mangles. Dann horchten Beide. Plötzlich wiederholte sich das unerklärliche Pfeifen, und eine Art Knall antwortete darauf fast unhörbar, denn der Sturm wüthete schon wieder mit erneuter Wuth. Mac Nabbs und John Mangles konnten sich nicht verstehen. Sie stellten sich hinter den Wagen unter den Wind. Da öffneten sich die Ledervorhänge, und Glenarvan gesellte sich zu seinen beiden Begleitern. Er hatte, wie sie, das unheimliche Pfeifen gehört, und auch den Knall, der unter der Wagenplane ein Echo gefunden hatte. »In welcher Richtung war es? fragte er. – Dort, sagte John und wies nach dem dunklen Pfad, in der Richtung, die Mulrady eingeschlagen hat. – In welcher Entfernung? – Der Wind trug den Ton hierher, antwortete John Mangles. Es mochten mindestens drei Meilen sein. – Vorwärts denn! sagte Glenarvan, und hing rasch den Carabiner über die Schulter. – Nein! Nicht vorwärts! entgegnete der Major. Das ist eine Falle, uns vom Wagen wegzulocken. – Und wenn Mulrady unter den Streichen dieser Elenden gefallen wäre! drängte Glenarvan, und ergriff Mac Nabbs' Hand. – Das werden wir morgen erfahren, entgegnete kalt der Major, fest entschlossen, Glenarvan von einer nutzlosen Unklugheit zurückzuhalten. – Sie können das Lager nicht verlassen, Mylord, sagte John, ich werde allein gehen. – Dies eben so wenig! versetzte energisch der Major. Wollen Sie denn, daß man uns einzeln abthut, wir unsere Kräfte schwächen und uns der Gnade dieser Bösewichte überliefern? Ist Mulrady ihnen zum Opfer gefallen, so ist das ein Unglück, dem wir nicht noch ein zweites hinzufügen dürfen. Mulrady ist, durch das Loos bestimmt, abgereist. Hätte das Loos mich an seine Stelle berufen, wäre ich wie er aufgebrochen, aber nie würde ich Hilfe verlangt oder nur erwartet haben.« Wenn der Major Glenarvan und John Mangles zurückhielt, so hatte er in jeder Hinsicht Recht. Es war sinnlos und nebenbei unnütz, zu versuchen, den Matrosen aufzufinden und durch diese dunkle Nacht angesichts der in den Holzungen versteckten Sträflinge zu streifen. Glenarvan's kleine Truppe zählte nicht so viele Männer, daß man davon noch Einen hätte opfern können. Doch schien es, als ob sich Glenarvan diesen Vernunftgründen nicht fügen wolle. Seine Hand faßte krampfhaft den Carabiner. Er lief ab und zu rings um den Wagen, und lauschte beim geringsten Geräusch. Er suchte diese unselige Finsterniß mit den Blicken zu durchdringen. Der Gedanke, zu wissen, daß Einer von den Seinen, von tödtlichem Stoße getroffen, ohne Hilfe sei und vergeblich diejenigen rufe, für welche er sich geopfert, dieser Gedanke marterte ihn. Mac Nabbs wußte nicht, ob es ihm gelingen werde, ihn zurückzuhalten, oder ob Glenarvan sich, von seinem Herzen getrieben, den Streichen Ben Joyce's entgegenwerfen werde. »Edward, sagte er zu ihm, beruhigen Sie sich. Hören Sie auf einen Freund. Denken Sie an Lady Helena, an Miß Grant, an alle die Anderen. Wohin übrigens wollen Sie sich wenden? Wo Mulrady wiederfinden? Etwa zwei Meilen von hier ist er angefallen worden! Auf welchem Wege? Welcher Pfad ist zu wählen? ...« In diesem Augenblicke ließ sich, wie eine Antwort für den Major, ein Nothschrei hören. »Hören Sie!« sagte Glenarvan. Der Schrei ertönte von derselben Seite, wie vorher der Knall, kaum eine Viertelmeile entfernt. Glenarvan stieß den Major zurück und begab sich schon auf den Fußpfad, als etwa dreihundert Schritte vom Wagen die Worte: »Hierher! Hierher!« hörbar wurden. Die Stimme klang kläglich und verzweifelt. John Mangles und der Major stürzten in jener Richtung fort. Einige Augenblicke später erkannten sie am Saume des Waldes eine menschliche Gestalt, die sich unter qualvollem Seufzen mühsam fortschleppte. Mulrady war es, verwundet, fast sterbend, und als seine Genossen ihn aufnahmen, fühlten sie das Blut ihre Hände benetzen. Der Regen verdoppelte sich und der Wind wüthete in den Aesten der »dead trees« . Mitten durch diesen Sturm trugen Glenarvan, der Major und John Mangles den Körper Mulrady's. Bei ihrer Ankunft erhoben sich Alle. Paganel, Robert, Wilson, Olbinett verließen den Wagen, und Lady Helena trat ihre Wagenabtheilung dem unglücklichen Mulrady ab. Der Major zog dem Matrosen die Weste aus, welche von Blut und Regen troff. Er legte die Wunde bloß. Ein Dolchstoß hatte die rechte Seite getroffen. Mac Nabbs verband geschickt die Wunde. Ob die Waffe lebenswichtige Organe getroffen hatte, konnte er nicht sagen. Hellrothes Blut drang stoßweise daraus hervor; die Blässe und Schwäche des Verwundeten bewiesen, daß er ernstlich getroffen war. Auf die Mündung der Wunde brachte der Major, nachdem er sie sorgfältig abgewaschen hatte, eine dicke Lage Schwamm, und dann Charpieballen, die er mit einer Binde befestigte. Es gelang ihm, die Blutung zu stillen. Mulrady wurde auf die der Wunde entgegengesetzte Seite gelegt, Kopf und Brust höher, und Lady Helena ließ ihn einige Schluck Wasser trinken. Nach einer Viertelstunde rührte sich der bis dahin bewegungslose Verwundete. Seine Augen öffneten sich. Ununterbrochen murmelten die Lippen einige Worte, und der Major hörte, als er ihm das Ohr näherte, wiederholt: »Mylord ... der Brief ... Ben Joyce ...« Der Major wiederholte die Worte und sah seine Genossen an. Was wollte Mulrady sagen? Ben Joyce hatte den Matrosen angefallen, aber aus welchem Grunde? Geschah es einzig darum, ihn aufzuhalten und seine Ankunft beim Duncan zu verhindern? Dieser Brief ... Glenarvan durchsuchte Mulrady's Taschen. Der an Tom Austin gerichtete Brief fand sich nicht mehr darin vor! Unter Unruhe und Angst verstrich die Nacht. Jeden Augenblick fürchtete man, den Verwundeten verscheiden zu sehen. Ein brennendes Fieber verzehrte ihn. Lady Helena und Miß Grant, zwei barmherzige Schwestern, verließen ihn nicht. Nie wurde ein Leidender besser und von theilnehmenderen Händen gepflegt. Der Tag kam. Der Regen hatte aufgehört. Dicke Wolken wälzten sich noch am Himmel dahin. Der Erdboden war mit abgebrochenen Zweigen übersäet. Der durch die Wasserströme erweichte Thonboden hatte noch mehr nachgegeben, so daß der Zugang zum Wagen, der nun aber nicht weiter einsinken konnte, beschwerlich wurde. John Mangles, Paganel und Glenarvan machten sich mit Tagesanbruch auf, die Umgebung ihres Lagerplatzes zu durchsuchen. Sie gingen auch auf dem noch mit Blut befleckten Fußpfade dahin, sahen aber weder von Ben Joyce, noch von seiner Bande eine Spur. Sie gingen bis zu der Stelle, wo der Anfall stattgefunden hatte. Dort lagen zwei von Mulrady's Kugeln getroffene Leichen. Die Eine war die des Hufschmieds von Black-Point. Das vom Tode noch mehr entstellte Gesicht sah schrecklich aus. Glenarvan dehnte seine Nachforschungen nicht weiter aus, die Klugheit widerrieth es, sich zu sehr zu entfernen. Er kam also zum Wagen zurück, offenbar von dem Ernste der Lage durchdrungen. »Es ist nicht daran zu denken, einen anderen Boten nach Melbourne zu senden, sagte er. – Und doch ist das wohl nothwendig, Mylord, erwiderte John Mangles, und ich werde versuchen, durchzuführen, was meinem Matrosen nicht gelang. – Nein, John. Du hast nicht einmal ein Pferd, Dich diese zweihundert Meilen weit hinzutragen!« Wirklich war Mulrady's Pferd, das Einzige, welches noch vorhanden war, nicht wieder zum Vorschein gekommen. War es auch unter den Streichen der Mörder gefallen? Irrte es in der Wüste umher? Hatten sich die Sträflinge seiner bemächtigt? »Was da kommen möge, fuhr Glenarvan fort, wir trennen uns nicht weiter. Wir wollen acht oder vierzehn Tage warten, bis der Snowy wieder seinen gewöhnlichen Wasserstand hat. Dann erreichen wir die Twofold-Bai in kleinen Tagemärschen, und senden dem Duncan auf sicherem Wege den Befehl, nach der Küste zu kommen. – Das ist der einzig mögliche Ausweg, meinte Paganel. – Also, meine Freunde, wiederholte Glenarvan, keine weitere Trennung. Ein Mensch allein läuft zu viel Gefahr in dieser von Räubern unsicheren Wüstenei. Und nun errette Gott unseren armen Matrosen, und beschütze uns selbst!« Glenarvan hatte doppelt Recht; erstens, jedes vereinzelte Wagniß zu verbieten, und dann, an den Ufern des Snowy die Möglichkeit eines Uebergangs geduldig abzuwarten. Kaum fünfunddreißig Meilen trennten ihn von Delegete, der ersten Grenzstadt von Neu-Süd-Wales, wo er Transportmittel nach der Twofold-Bai finden mußte. Von dort wollte er dem Duncan die nöthigen Ordres nach Melbourne telegraphisch zugehen lassen. Das waren wohl ganz weise Maßregeln, doch man ergriff sie zu spät. Hätte Glenarvan Mulrady nicht auf den Weg nach Lucknow geschickt, wie viel Unglück hätte, abgesehen von dem Mordanfall auf den Matrosen, verhütet werden können! Als er nach der Lagerstelle zurückkam, fand er seine Begleiter ruhiger. Sie schienen wieder Hoffnung geschöpft zu haben. »Es geht besser! Es geht besser! rief Robert, der Lord Glenarvan entgegensprang. – Mulrady? ... – Ja, Edward, antwortete Lady Helena. Es ist eine Reaction eingetreten; der Major ist beruhigter. Unser Matrose wird leben. – Wo ist Mac Nabbs? fragte Glenarvan. – Bei ihm. Mulrady hat ihn sprechen wollen. Wir dürfen sie nicht stören.« In der That war der Verwundete seit einer Stunde aus seiner Ohnmacht erwacht, und das Fieber hatte abgenommen. Die erste Sorge Mulrady's aber, als er Bewußtsein und Sprache wieder bekam, war die, nach Lord Glenarvan, oder an dessen Stelle nach dem Major zu verlangen. Als Mac Nabbs ihn so schwach sah, wollte er ihm jede Unterredung verbieten; Mulrady bestand aber so sehr darauf, daß der Major nachgeben mußte. Schon währte das Gespräch einige Minuten, als Glenarvan zurückkam, und er mußte nun Mac Nabbs' Bericht abwarten. Bald bewegten sich die Vorhänge des Wagens, und der Major erschien. Am Fuße eines Gummibaumes, wo das Zelt aufgeschlagen war, traf er seine Freunde. Sein sonst so kaltes Gesicht zeigte eine sichtliche Erregung. Als seine Blicke Lady Helena und das junge Mädchen trafen, sprach eine schmerzliche Traurigkeit aus denselben. Glenarvan befragte ihn, und der Major berichtete im Wesentlichen das Folgende: »Als Mulrady das Lager verließ, folgte er einem der von Paganel bezeichneten Fußpfade. Er beeilte sich, so sehr es die Finsterniß der Nacht eben zuließ. Seiner Schätzung nach hatte er etwa zwei Meilen zurückgelegt, als sich mehrere Männer – fünf glaubte er – seinem Pferde in den Weg legten. Das Thier bäumte sich. Mulrady ergriff seinen Revolver und gab Feuer. Es schien ihm, als ob zwei seiner Angreifer stürzten. Bei dem Schein der Schüsse erkannte er Ben Joyce. Doch das war Alles. Er hatte nicht Zeit, seine Waffe vollständig abzufeuern. Er fühlte einen gegen seine rechte Seite geführten heftigen Stoß und fiel nieder. Dennoch hatte er das Bewußtsein nicht vollkommen verloren. Die Mörder hielten ihn für todt. Er fühlte, daß man ihn durchsuchte. Dann fielen die Worte: «Ich habe den Brief!» die Einer der Sträflinge aussprach. – «Gieb her, erwiderte Ben Joyce, und nun ist der Duncan unser.»« Bei dieser Stelle von Mac Nabbs' Berichte konnte Glenarvan einen Aufschrei nicht unterdrücken. Mac Nabbs fuhr fort: »Nun fangt Ihr Anderen das Pferd ein, sprach Ben Joyce weiter. In zwei Tagen werde ich an Bord des Duncan sein; in sechs bei der Twofold-Bai. Dort ist das Stelldichein. Mylords Gesellschaft wird noch in den Sümpfen des Snowy aufgehalten sein. Geht über die Brücke von Kemplepier, wendet Euch zur Küste und erwartet mich. Ich werde schon ein Mittel finden, Euch an Bord zu bringen. Sind wir einmal mit einem Schiffe, wie dem Duncan, auf offener See, so sind wir die Herren des Indischen Oceans. – «Hurrah! Ben Joyce!» riefen die Sträflinge. Mulrady's Pferd wurde herangeführt, und im Galop verschwand Ben Joyce auf dem Wege nach Lucknow, während sich die Bande südöstlich nach dem Snowy wandte. Trotz seiner schweren Verwundung hatte Mulrady die Kraft, sich bis dreihundert Schritte vor das Lager zu schleppen, wo wir ihn dem Tode nahe aufgenommen haben. Das ist, sagte Mac Nabbs, Mulrady's Geschichte. Sie begreifen nun, warum dem muthigen Matrosen so viel daran lag, zu sprechen.« Dieser Bericht machte Glenarvan und die Seinen erstarren. »Piraten! Piraten! rief Glenarvan aus. Meine Mannschaft ermordet! Mein Duncan in den Händen von Räubern! – Ja! antwortete der Major, denn Ben Joyce wird das Schiff übernehmen, und dann ... – Wohlan denn! So müssen wir vor diesen Elenden an der Küste ankommen, sagte Paganel. – Aber wie den Snowy überschreiten? fragte Wilson. – So wie Jene, erwiderte Glenarvan. Sie wollen über die Kemple-pier-Brücke gehen, und wir thun das auch. – Aber was soll mit Mulrady werden? fragte Lady Helena. – Wir tragen ihn! Wir lösen uns ab! Kann ich meine Mannschaft Ben Joyce's Bande ohne Vertheidigung überlassen?« Der Gedanke, die Brücke bei Kemple-pier zu benutzen, war ausführbar, aber kühn. Die Sträflinge konnten sich an dieser Brücke festsetzen und sie vertheidigen. Sie waren mindestens dreißig Mann gegen sieben! Aber es giebt Augenblicke, wo man Nichts berechnet und um jeden Preis auf's Ziel los geht. »Mylord, sagte da John Mangles, bevor wir diesen letzten Ausweg wählen und gegen diese Brücke hin uns in Gefahren begeben, wird es klug sein, sie erst auszukundschaften. Ich nehme das auf mich. – Ich begleite Sie, John«, erbot sich Paganel. Nach Annahme dieses Vorschlages rüsteten sich John Mangles und Paganel sofort zum Aufbruche. Sie mußten an dem Snowy hinabgehen, seinen Ufern bis zu der von Ben Joyce bezeichneten Stelle folgen, und sich dabei vor den Augen der Sträflinge verbergen, die an den Ufern herumstreifen könnten. Die beiden muthigen Genossen gingen also, mit Lebensmitteln und Waffen wohl versehen, ab, und bald verschwanden sie schleichend in dem hohen Schilfe des Ufers. Den ganzen Tag über erwartete man sie. Noch am Abend waren sie nicht zurück. Es regten sich lebhafte Befürchtungen. Gegen elf Uhr endlich kündigte Wilson ihre Rückkehr an. Paganel und John Mangles waren von einem Marsche von zehn Meilen ermüdet. »Die Brücke! Ist die Brücke vorhanden? fragte Glenarvan, der ihnen entgegenging. – Ja, eine Brücke von Lianen, sagte John Mangles. Die Sträflinge haben sie wirklich passirt. Aber . . . – Aber . . . sagte Glenarvan, der ein neues Unglück ahnte. – Sie haben dieselbe hinter sich – verbrannt!« antwortete Paganel.   Zweiundzwanzigstes Capitel. Eden   Jetzt war nicht die Zeit zum Verzweifeln, sondern zum Handeln. Da die Brücke von Kemple-pier zerstört war, mußte man um jeden Preis den Snowy passiren, um Ben Joyce's Bande an der Twofold-Bai zuvorzukommen. Es wurde auch keine Zeit mit leeren Worten verloren, und anderen Tages, am 16. Januar, untersuchten John Mangles und Glenarvan den Fluß, um den Uebergang einzuleiten. Die lärmenden und von den Regen geschwellten Wässer fielen noch nicht, sondern wirbelten mit unbeschreiblicher Wuth dahin. Ihnen die Stirn zu bieten, hieß fast, sich dem Tode weihen. Glenarvan stand mit gekreuzten Armen und gesenktem Haupte unbeweglich davor. »Wollen Sie, daß ich nach dem anderen Ufer schwimme? sagte John Mangles. – Nein, John! erwiderte Glenarvan, der den kühnen jungen Mann an der Hand zurückhielt, wir wollen warten.« Beide kehrten nach der Lagerstätte zurück. Der Tag verging in quälender Angst. Wohl zehnmal kehrte Glenarvan zum Snowy zurück. Er suchte ein verwegenes Mittel zu finden, darüber hinweg zu kommen. Vergeblich! Und wäre ein Lavastrom in diesem Bette geflossen, er würde nicht mehr Schwierigkeiten geboten haben. Während dieser langen verlorenen Stunden widmete Lady Helena, nach dem Rathe des Majors, Mulrady alle erdenkliche Sorgfalt. Langsam kehrte der Matrose zum Leben zurück. Mac Nabbs wagte zu behaupten, daß kein lebenswichtiges Organ verletzt sei. Der Blutverlust bot für die Schwäche des Kranken eine genügende Erklärung. Nachdem die Wunde geschlossen und die Blutung gestillt war, erwartete er seine völlige Wiederherstellung nur von der Zeit und der Ruhe. Lady Helena hatte verlangt, daß er in der Vorderabtheilung des Wagens untergebracht werde. Mulrady war ganz beschämt. Die größte Sorge machte ihm der Gedanke, daß Glenarvan durch seinen Zustand länger zurückgehalten werden könne, und man mußte ihm das Versprechen geben, ihn mit Wilson an der Lagerstelle zurückzulassen, wenn der Uebergang über den Snowy ausführbar würde. Unglücklicher Weise war Letzteres aber weder an diesem, noch am folgenden Tage möglich. Sich so zurückgehalten zu sehen, brachte Glenarvan ganz zur Verzweiflung. Lady Helena und der Major versuchten vergeblich, ihn zu beschwichtigen und zur Geduld zu ermahnen. Geduld haben, wenn Ben Joyce vielleicht in diesem Augenblicke an Bord der Yacht kam! Wenn der Duncan, seine Taue lösend, mit der Kraft des Dampfes diese verderbenbringende Küste zu erreichen suchte und sich ihr jeden Augenblick näherte! In seinem Herzen fühlte John Mangles alle Angst Glenarvan's mit. In der Absicht, das vorliegende Hinderniß um jeden Preis zu überwinden, construirte er aus breiter Gummibaumrinde ein Boot nach australischer Art. Die leichten Planken waren durch Holzstangen zusammengehalten und bildeten ein sehr zerbrechliches Fahrzeug. Der Kapitän und der Matrose stellten am folgenden Tage, am 18., Versuche mit dem schwachen Canot an. Was Geschick und Kraft, Gewandtheit und Muth thun konnten, thaten sie. Aber kaum in die Strömung gelangt, schlugen sie um und hatten ihren waghalsigen Versuch bald mit dem Leben bezahlt. Das Boot verschwand in den Wasserwirbeln. John Mangles und Wilson waren kaum zehn Klafter weit in den Strom hineingekommen, der durch den Regen und das Schmelzen des Schnees angeschwollen und noch eine Meile breit war. So ging auch der 19. und 20. Januar verloren. Der Major und Glenarvan gingen an dem Snowy fünf Meilen weit hinauf, ohne eine praktikable Passage aufzufinden. Ueberall dasselbe Ungestüm des Wassers, dieselbe brausende Schnelligkeit. Der ganze Südabhang der Australischen Alpen wälzte seine Fluthen in diesem einen Bette dahin. Auf die Hoffnung, den Duncan zu retten, mußte man nun verzichten. Fünf Tage waren schon seit Ben Joyce's Abreise verflossen. Jetzt mußte die Yacht an der Küste und in der Gewalt der Verbrecher sein! Indeß konnte diese Sachlage unmöglich lange andauern. Das zeitweilige große Wasser verläuft schnell im Verhältniß seiner Heftigkeit. Wirklich bestätigte Paganel am Morgen des 21., daß der übernormale Wasserstand im Sinken sei. Er theilte Glenarvan dieses Resultat seiner Beobachtungen mit. »Ja, was nützt das aber nun? antwortete Glenarvan, es ist zu spät! – Doch ist das kein Grund, unseren Aufenthalt hier noch zu verlängern, warf der Major ein. – Gewiß, meinte auch John Mangles. Morgen wahrscheinlich wird der Uebergang ausführbar sein. – Und wird das meine unglückliche Mannschaft retten? rief Glenarvan. – Belieben Ew. Herrlichkeit mich anzuhören, sagte John Mangles. Ich kenne Tom Austin. Er hatte Ihre Befehle auszuführen und abzufahren, sobald es möglich war. Aber wer sagt uns, daß er bereit war, daß die Havarien des Duncan ausgebessert waren, als Ben Joyce in Melbourne eintraf? Und wenn die Yacht nun nicht in See stechen konnte, und ein oder zwei Tage Aufenthalt erlitt! – Du hast Recht, John! erwiderte Glenarvan. Es gilt jetzt, Twofold-Bai zu erreichen. Wir sind nur fünfunddreißig Meilen von Delegete. – Ja wohl, sagte Paganel, und in dieser Stadt werden wir die schnellsten Transportmittel haben können. Wer weiß, ob wir nicht noch rechtzeitig eintreffen, um das Unglück abzuwenden. – Vorwärts denn!« rief Glenarvan. Sofort gingen John Mangles und Wilson daran, ein Fahrzeug von großen Dimensionen herzustellen. Die Erfahrung hatte gelehrt, daß die Rindenstücke dem Strome nicht genug Widerstand leisteten. John fällte also Gummibäume, aus deren Stämmen er ein rohes, aber haltbares Floß herstellte. Die Arbeit war lang und der Tag verging ohne Beendigung des Werkes. Erst am nächstfolgenden ward es vollendet. Der Wasserstand des Snowy war nun auch merklich zurückgegangen. Der Wirbelstrom wurde zum Flusse, wenn auch zu einem schnellströmenden. Dennoch hoffte John, wenn man auch eine schräge Linie einhielt und die Strömung nur zum Theile beherrschte, das andere Ufer zu erreichen. Um halb ein Uhr schiffte man Alles ein, was Jeder für eine Tour von zwei Tagen an Lebensmitteln mitnehmen konnte. Der Rest, nebst dem Wagen und dem Zelte, wurde zurückgelassen. Mit Mulrady ging es so gut, daß er schon transportfähig war; seine Wiederherstellung machte eilige Fortschritte. Um ein Uhr nahmen Alle auf dem Flosse Platz, das eine Leine am Ufer hielt. John Mangles hatte am Steuerbord eine Art Ruder eingerichtet, welches Wilson zu führen hatte, um den Apparat etwas gegen den Strom zu halten und seine Abweichung zu vermindern. Er selbst stand am Hintertheile und suchte mit einem rohen Bootsriemen etwas zu steuern. Lady Helena und Miß Grant nahmen an Mulrady's Seite die Mitte des Flosses ein und waren von Glenarvan, dem Major, Paganel und Robert umringt, welche für den Nothfall zu ihrer Hilfe bereit waren. »Sind wir fertig, Wilson? fragte John Mangles seinen Matrosen. – Ja, Kapitän, erwiderte Wilson, der sein Ruder mit kräftiger Faust ergriff. – Achtung also, und halte uns gegen den Strom.« John Mangles band das Floß los, und mit einem kräftigen Stoße trieb er es in die Wellen des Snowy. Die ersten fünfzehn Klafter weit ging Alles zum besten. Wilson vermochte der Abweichung zu widerstehen. Aber bald wurde das Fahrzeug von einem Wirbel erfaßt; es drehte sich um sich selbst, ohne daß weder Ruder noch Riemen es in gerader Richtung erhalten konnten. Trotz ihrer Anstrengungen waren Wilson und John Mangles bald in gerade umgekehrter Stellung, die eine Benutzung der Ruder völlig unmöglich machte. Man mußte sich fügen, denn es gab kein Mittel, diesen Wirbelbewegungen des Flosses zu steuern. Es drehte sich mit schwindelnder Schnelle und wich dabei ab. John Mangles stand aufrecht, mit blassem Gesicht und knirschenden Zähnen, und sah auf das wirbelnde Wasser. Indessen trieb das Floß in der Mitte des Snowy; es befand sich von seiner Abfahrtsstelle eine halbe Meile stromab. Dort hatte die Strömung ihre größte Gewalt, aber da sie damit die Wirbel brach, verlieh sie dem Apparate sogar einigen Halt. John und Wilson ergriffen ihre Ruder wieder und gelangten dazu, das Fahrzeug in einer schrägen Richtung fortzubewegen. In Folge dieses Manoeuvres näherte man sich jetzt mehr dem linken Ufer. Nur fünfzig Klafter waren sie noch davon entfernt, als Wilson's Ruder glatt wegbrach. Das nicht mehr gehaltene Floß wurde abwärts getrieben. John wollte auf die Gefahr hin, auch seinen Riemen zu zerbrechen, widerstehen. Wilson vereinte, mit schon blutenden Händen, seine Anstrengungen mit den seinen. Endlich gelang es, und das Floß stieß nach einer mehr als halbstündigen Ueberfahrt an das steile Ufer des Stromes. Der Stoß war heftig; die Stämme wichen auseinander, die Stricke rissen, und wirbelnd drang das Wasser vor. Die Reisenden hatten nur Zeit, sich an die überhangenden Ufergebüsche anzuklammern. Sie zogen Mulrady und die beiden halberstarrten Frauen zu sich. Kurz, Alle wurden gerettet, aber der größte Theil der eingeschifften Nahrungsmittel und die Waffen, mit Ausnahme des Karabiners des Majors, trieben mit den Trümmern des Flosses hinab. Der Fluß war überschritten, aber fast mittellos befand sich die kleine Gesellschaft fünfunddreißig Meilen von Delegete, mitten in den unbekannten Wüsten an den Grenzen von Victoria. Dort begegnet man weder Colonisten, noch Squattern, denn die Gegend ist nicht bewohnt, außer von wilden und räuberischen Bushrangers. Man beschloß also ohne Verzug weiter zu reisen. Mulrady sah wohl ein, daß er die Quelle von Verlegenheiten war; er verlangte also zurückzubleiben, und das sogar ganz allein, um Hilfe von Delegete aus zu erwarten. Glenarvan schlug das ab. Er konnte Delegete nicht unter drei, die Küste nicht unter fünf Tagen, das heißt, am 26. Januar, erreichen. Seit dem 16. hatte der Duncan voraussichtlich Melbourne verlassen. Was verschlugen ihm einige Stunden Aufschub? »Nein, mein Freund, ich will Niemanden verlassen. Wir werden eine Bahre herstellen und Dich abwechselnd tragen.« Die Tragbahre wurde aus Eucalyptusästen, die mit Zweigen überdeckt wurden, hergestellt, und Mulrady mußte wohl oder übel darauf Platz nehmen. Glenarvan wollte selbst der Erste sein, seinen Matrosen zu tragen, und während er an dem einen Ende und Wilson am anderen anfaßte, setzte man sich in Gang. Welch' trauriger Anblick, und wie übel endete diese so glückverheißend begonnene Reise! Jetzt suchte man nicht mehr nach Harry Grant. Dieses Land, wo er nicht war und nie gewesen war, drohte Denen, die seine Spuren suchten, verderblich zu werden. Und wenn nun seine kühnen Landsleute die australische Küste erreichten, sollten sie nun auch den Duncan nicht mehr vorfinden, um sie wieder heimzuführen! Schweigend und peinvoll verging dieser erste Tag. Von zehn zu zehn Minuten löste man sich im Tragen der Bahre ab. Alle Begleiter des Matrosen unterzogen sich ohne eine Klage dieser Mühe, welche durch eine beträchtliche Hitze noch vergrößert wurde. Abends lagerte man sich, nach Zurücklegung von nur fünf Meilen, unter einer Gruppe Gummibäume. Der Rest des Proviants, der dem Schiffbruch entgangen war, bildete die Abendmahlzeit. Jetzt war nur noch auf den Karabiner des Majors zu rechnen. Die Nacht war garstig; es fiel auch noch Regen, und erst spät ward es Tag. Man setzte sich wieder in Gang. Nicht zu einem Schusse hatte der Major Veranlassung. Diese traurige Gegend war noch mehr als Einöde, da sie selbst nicht von Thieren belebt war. Zum Glück entdeckte Robert ein Trappennest und in demselben ein Dutzend große Eier, welche Olbinett unter heißer Asche kochte. Diese machten, nebst einigen Portulakpflanzen, welche im Grunde eines kleinen Hohlwegs wuchsen, am 22. das ganze Frühstück aus. Der Weg wurde nun außerordentlich schwierig und schmerzensreich. Die sandigen Ebenen waren von »Spinefex« bedeckt, ein stacheliges Gras, das in Melbourne den Namen »Porc-épic« führt. Es zerriß die Kleider und verletzte die Füße. Trotzdem beklagten sich die muthigen Damen nicht; sie schritten tapfer mit gutem Beispiele voran, wobei sie Den und Jenen durch ein Wort oder einen Blick ermunterten. Abends machte man am Fuße des Bulla-Bulla und an den Ufern des Jungalla-Flusses Rast. Das Abendessen wäre sehr mager ausgefallen, hätte nicht Mac Nabbs zuletzt noch ein großes Murmelthier, einen » Mus conditor « erlegt, der rücksichtlich des Nahrungswerthes in bestem Ansehen steht. Olbinett briet ihn, und jener hätte noch seinen guten Ruf übertroffen, wenn er – nur die Größe eines Hammels gehabt hatte. Indeß, man mußte sich begnügen und nagte ihn bis auf die Knochen ab. Am 23. setzten sich die müden, aber immer entschlossenen Reisenden wieder in Gang. Nachdem sie den Fuß des Berges umzogen hatten, überschritten sie lange Wiesen, deren Gräser aus Wallfischbarten zu bestehen schienen. Es war ein Wirrsal von Stacheln, ein Gemenge spitziger Bajonnette, durch welche ein Weg erst mit Hilfe des Beiles oder des Feuers gebahnt werden mußte. An eben diesem Morgen war von keinem Frühstück die Rede. Es kann nichts so Dürres geben, als diese mit Quarzbrocken besäete Gegend. Nun machte sich aber nicht allein der Hunger, sondern auch ein quälender Durst fühlbar. Eine glühende Atmosphäre verdoppelte diese Qualen. Nicht eine halbe Meile in der Stunde legte Glenarvan mit den Seinen zurück. Wenn dieser Mangel an Wasser und Lebensmitteln bis zum Abend andauerte, so wären sie wohl auf diesem Wege umgefallen, um nicht wieder aufzustehen. Wenn dem Menschen aber Alles fehlt, wenn er aller Hilfsmittel baar vor dem Augenblicke steht, wo er die Stunde zum Erliegen in der Noth gekommen wähnt, gerade dann offenbart sich die eingreifende Hand der Vorsehung. Wasser lieferte sie in den »Cephaloten«, einer Art Blumenkelche, welche, mit wohlschmeckender Flüssigkeit gefüllt, von den Aesten eines korallenförmigen Strauches herabhingen. Alle erquickten sich daran und fühlten sich von neuem Leben durchströmt. Die Nahrung bestand in derselben, welche die Eingeborenen genießen, wenn Wild, Insecten und Schlangen zu fehlen anfangen. In dem ausgetrockneten Bette eines Flusses entdeckte Paganel eine Pflanze, deren vortreffliche Eigenschaften ihn öfters von einem Collegen aus der Geographischen Gesellschaft beschrieben worden waren. Es war das der »Nardou«, eine Kryptogame aus der Familie der Wasserlinsen, dieselbe Pflanze, welche Burke und King in den Wüsten des Binnenlandes das Leben gefristet hatte. Unter ihren kleeähnlichen Blättern saßen trockene Keimkörperchen von der Größe einer Linse, die, zwischen zwei Steinen gemahlen, eine Art Mehl liefern. Daraus wurde ein grobes Brod hergestellt, das doch die Qualen des Hungers stillte. Diese Pflanze fand sich hier sehr reichlich vor; Olbinett ließ davon eine so große Menge einsammeln, daß die Ernährung der Gesellschaft damit auf mehrere Tage gesichert war. Am andern Tage, am 24., machte Mulrady einen Theil des Weges zu Fuße. Seine Wunde war völlig vernarbt. Die Stadt Delegete war nun blos noch zehn Meilen entfernt, und am Abend lagerte man unter 149° der Länge auf der Grenze von Neu-Süd-Wales. Ein feiner und durchdringender Regen fiel seit mehreren Stunden. Sie wären ganz obdachlos gewesen, wenn John Mangles nicht zufällig eine verlassene und zerfallene Schnitterhütte entdeckt hätte. Man mußte sich mit dieser elenden, aus Zweigen und Stroh bestehenden Zuflucht begnügen. Wilson wollte zum Backen des Nardou-Brodes Feuer anzünden und sammelte zu dem Ende dürres Holz, welches auf dem Boden umherlag. Als er es aber anzünden wollte, gelang es ihm nicht; die große Masse eines thonartigen Stoffes, den es enthielt, verhinderte seine Entzündung. Es war dies das unverbrennliche Holz, dessen Paganel in seiner Aufzählung australischer Producte Erwähnung gethan hatte. Man mußte also auf das Feuer, in Folge dessen aber auch auf Brod verzichten und sich in der nassen Kleidung schlafen legen, während die in den hohen Aesten versteckten Spottvögel die bedauernswerthen Reisenden noch zu verlachen schienen. Doch war Glenarvan nun am Ende seiner Leiden. Es war die höchste Zeit. Die beiden jungen Damen machten heroische Anstrengungen, aber ihre Kräfte nahmen stündlich ab. Sie gingen nicht mehr, sie schleppten sich nur. Am andern Tage brach man mit der Morgenröthe auf. Um elf Uhr kam Delegete in Sicht, das in der Grafschaft Wellesley, fünfzig Meilen von der Twofold-Bai, gelegen ist. Dort waren neue Transportmittel bald beschafft. Da er sich so nahe der Küste wußte, zog auch wieder neue Hoffnung in Glenarvan's Herz. Vielleicht wäre er bei weniger Verzögerung noch vor dem Duncan dort angekommen. In vierundzwanzig Stunden sollte er nun bei der Bai anlangen! Zu Mittag verließen nach erquickender Ruhe alle Reisenden in einer mit fünf kräftigen Pferden bespannten Postkutsche Delegete schon wieder. Die Postillone führten, auf das Versprechen eines reichlichen Trinkgeldes, den schnellen Wagen auf einer wohlgehaltenen Straße dahin. Nicht zwei Minuten verloren sie beim Wechseln der Pferde, welches von zehn zu zehn Meilen statt fand. Es schien, als hätte Lord Glenarvan das Feuer, das ihn selbst verzehrte, auch ihnen mitgetheilt. Den ganzen Tag und auch die Nacht hindurch fuhr man mit einer Geschwindigkeit von sechs Meilen die Stunde. Am andern Tage verkündete bei Sonnenaufgang ein dumpfes Murmeln die Nähe des indischen Oceans. Man mußte um die Bai herumfahren, um ihr Ufer am siebenunddreißigsten Grade der Breite, genau an dem Punkte, wo Tom Austin die Reisenden erwarten sollte, zu erreichen. Als das Meer sichtbar wurde, richteten sich Aller Augen suchend in die Ferne. War der Duncan wohl durch ein Wunder der Vorsehung da, hin und her fahrend, wie einen Monat vorher, bei der Ueberlandreise nach Cap Corrientes, an der argentinischen Küste? Nichts war sichtbar. Himmel und Wasser verschwammen am Horizonte. Kein Segel belebte den weiten Ocean. Eine Hoffnung war noch übrig. Vielleicht hatte Tom Austin in der Twofold-Bai selbst ankern zu sollen geglaubt. Das Meer war hier gefährlich, und ein Schiff war in der Nähe derartiger Küstenstrecken nicht sicher. »Nach Eden!« befahl Lord Glenarvan. Sogleich schlug der Wagen den Weg ein, der an dem Ufer der Bai hinführte, und fuhr nach der fünf Meilen entfernten kleinen Stadt Eden. Die Postillone hielten unfern des Signalfeuers, welches den Zugang zum Hafen bezeichnet. Einige Fahrzeuge ankerten auf der Rhede, aber auf keinem Maste flatterte die Flagge von Malcolm. Glenarvan, John Mangles und Paganel verließen den Wagen, eilten nach der Douane und fragten die Beamten und alle in den letzten Tagen Angekommenen aus. Seit einer Woche war kein Schiff in die Bai eingelaufen. »Sollte er nicht abgefahren sein! rief Glenarvan, der durch einen gewissen, dem Menschenherzen so nahe liegenden Hoffnungsschimmer noch nicht verzweifeln wollte. Vielleicht sind wir noch vor ihm angekommen!« John Mangles senkte den Kopf. Er kannte Tom Austin. Sein zweiter Officier würde die Ausführung eines Befehles nie um zehn Tage verzögert haben. »Ich muß wissen, woran ich bin, sagte Glenarvan, die Gewißheit ist immer besser als der Zweifel!« Eine Viertelstunde später wurde an den Syndicus der Schiffsmäkler in Melbourne ein Telegramm abgelassen. Dann ließen sich die Reisenden nach dem Hotel Victoria führen. Zwei Stunden später kam die telegraphische Antwort an Glenarvan zurück, welche folgendermaßen lautete: »Lord Glenarvan, Eden. Twofold-Bai. Duncan ist am 18., unbekannt wohin, abgesegelt. J. Andrew. S.-M.« Die Depesche entfiel Glenarvan's Händen. Es war kein Zweifel mehr! Die schöne schottische Yacht war in Ben Joyce's Händen zu einem Piratenschiffe geworden! So endete diese unter so verheißenden Aussichten begonnene Reise durch Australien. Die Spuren des Kapitän Grant und der Schiffbrüchigen schienen unwiderruflich verloren; dieser Mißerfolg kostete einer ganzen Schiffsbesatzung das Leben. Lord Glenarvan unterlag in dem Streite, und diesen unerschrockenen Forscher, den selbst die verschworenen Elemente nicht in den Pampas aufzuhalten vermochten, mußte die Schlechtigkeit der Menschen nun auf dem Australischen Continente überwinden. Ende des zweiten Bandes.