Jules Verne Reisen und Abenteuer des Kapitän Hatteras Zweite Abtheilung. Die Eiswüste. Erstes Capitel. Die Inventur des Doctors. Ein verwegenes Unternehmen war es von Seiten des Kapitän Hatteras, daß er nach dem hohen Norden drang, nur um seinem Vaterlande England die Ehre der Entdeckung des Nordpols zu sichern. Was Menschenkraft nur zu leisten vermochte, dieser kühne Seemann hatte es vollbracht. Und jetzt, – nachdem er neun volle Monate gegen Strömungen und Stürme gekämpft, Eisberge durchbrochen und Eisdecken zertrümmert hatte, – jetzt, wo er einen Winterfrost, der auch in jenen hohen Breiten fast ohne Gleichen war, überstanden und auf seiner Reise die Arbeiten aller Vorgänger zusammenfassend, die Geschichte der arktischen Entdeckungen gewissermaßen controlirt und vervollständigt hatte; wo er mit seiner Brigg, dem Forward, schon außerhalb bekannter Meere weilte und sein Unternehmen schon halb gelungen schien – jetzt war Alles mit einem Schlage vernichtet. Der Verrath, oder sagen wir lieber die Entmuthigung der vielleicht zu hart geprüften Mannschaft, und die verbrecherische Thorheit einiger Rädelsführer hatten ihn in eine entsetzliche Lage gebracht. Von achtzehn auf der Brigg eingeschifften Männern waren nun noch vier übrig, die entblößt von allen Hilfsmitteln und ohne Fahrzeug mehr als zweitausendfünfhundert Meilen von ihrer Heimat entfernt waren. Die Explosion des Forward, welche soeben vor ihren Augen stattfand, beraubte sie auch noch der letzten Subsistenzmittel. Trotzdem war diese furchtbare Katastrophe nicht im Stande, Hatteras' Muth zu brechen. Die Männer, welche ihm noch blieben, waren die besten der ganzen Gesellschaft und ihr Heldenmuth bewährt. Er appellirte an die Energie und den Wissensdrang des Doctor Clawbonny, an die Ergebenheit Johnson's und Bell's, er betonte sein eigenes Vertrauen zu dem Unternehmen; jetzt, in der verzweifeltsten Lage, sprach er voller Hoffnung und fand Gehör bei seinen beherzten Kameraden, von welchen die vergangene Zeit auch für die Zukunft das Beste erwarten ließ. Nach den kräftigen Worten des Kapitäns wollte der Doctor sich genau über ihre jetzige Lage unterrichten und verließ die Anderen, die etwa fünfhundert Schritte von dem Wrack standen, um sich nach dem Schauplatz des Unglücks zu begeben. Von dem Forward selbst, der mit so großer, berechnender Sorgfalt gebauten und ohne Rücksichten auf die Kosten ausgestatteten Brigg, war so gut wie nichts übrig; zerrissene Eisstücke, formlose, geschwärzte, halb geschmolzene Trümmer, verbogene Eisentheile, Taustücke, welche noch wie Lunten fortglimmten, und in der Ferne einige Rauchwolken, die da und dorthin auf dem Eisfeld emporwirbelten, zeugten von der Heftigkeit der Explosion. Die Kanone vom Vordercastell war mehrere Klafter weit zurückgeschleudert und lag auf einem Eisblock, wie auf einer Laffette. Im Umkreise wohl von hundert Klaftern war der Boden mit Bruchstücken jeder Art bedeckt; der Kiel der Brigg in einen Eishaufen eingebohrt, und die Eisberge, welche vorher da und dort geschmolzen waren, hatten schon wieder ihre Granithärte bekommen. Trauernd gedachte der Doctor seiner verwüsteten Cabine, seiner verlorenen Sammlungen und der kostbaren, nun zertrümmerten Instrumente, seiner zerrissenen oder verbrannten Bücher. Alle diese Schätze waren vernichtet! Feuchten Auges übersah er das ungeheure Unheil, ohne der Zukunft zu gedenken, nur ergriffen von den fast unersetzlichen Verlusten, die ihn vor Allen schmerzlich getroffen. Bald gesellte sich Johnson zu ihm; seine Züge trugen die Spuren der Leiden, die er überstanden, und des Kampfes, den er gegen die rebellische Mannschaft aufgenommen hatte, um das ihm anvertraute Fahrzeug zu retten. Der Doctor reichte ihm eine Hand entgegen, die der Schiffer kummervoll drückte. »Was soll nun aus uns werden? fragte jener. – Das weiß Gott allein, erwiderte Johnson. – Vor Allem, versetzte der Doctor, gilt es, jetzt nicht zu verzweifeln und den Mannesmuth zu bewahren. – Ja, Herr Clawbonny, sagte der alte Seemann, Sie haben Recht, ein großes Unglück verlangt große Entschlüsse. Wohl sind wir in übler Lage, nun heißt es, sich herauszuziehen. – Das arme Schiff! seufzte der Doctor, wie fühlte ich mich daran gefesselt und liebte es fast wie den heimischen Heerd, wie das Haus, in dem sich unser ganzes Leben abspielte – und kaum ein Stück ist von jenem noch erkennbar! – Ja, wer sollte es glauben, Herr Clawbonny, daß solch' ein Bauwerk von Balken und Brettern uns so sehr an's Herz wachsen könnte. – Und die Schaluppe? fragte der Doctor sich umsehend, ist auch diese dem Verderben nicht entgangen? – Ja wohl, Herr Clawbonny; Shandon und die anderen Entwichenen haben sie aber entführt. – Und die Pirogue? – Ist in tausend Stücken; da, sehen Sie die noch warmen Blechstücke, das sind Ueberreste derselben. – So bleibt uns also nur noch das Halkett-Boot? – Ja, das danken wir Ihrem Einfall, es bei Ihrem Abstecher mitzunehmen. – Das ist freilich wenig, sagte der Doctor. – O, über die elenden, entflohenen Schurken! rief Johnson; strafe sie der Himmel, wie sie es verdient haben. – Johnson, mahnte begütigend der Doctor, vergessen wir nicht, daß ihnen eine harte Prüfung auferlegt war. Nur die Besten bleiben auch im Unglück wacker, wo die Schwächeren unterliegen. Beklagen können wir unsere Unglücksgefährten, verdammen dürfen wir sie nicht!« Einige Augenblicke verharrte der Doctor schweigend, und sandte unruhige, forschende Blicke rund umher. »Was ist denn aus dem Schlitten geworden? fragte Johnson. – Der ist nur eine Meile rückwärts geblieben. – Unter Simpson's Aufsicht, nicht wahr? – Nein, guter Freund, der arme Simpson ist den Strapazen erlegen. – Er ist todt? fragte bestürzt der Schiffer. – Todt! erwiderte der Doctor. – Der Unglückliche! meinte Johnson, und doch, wer weiß, ob wir nicht bald sein Schicksal zu beneiden haben! – Aber für einen Todten, den wir zurücklassen mußten, haben wir einen Sterbenden mitgebracht. – Einen Sterbenden? – Ja, den Kapitän Altamont.« Mit kurzen Worten erzählte der Doctor dem Schiffer das Vorgefallene. »Also ein Amerikaner! sagte nachdenklich Johnson. – Ja, Alles deutet darauf hin, daß jener ein Bürger der nordamerikanischen Freistaaten ist. Unklar bleibt, was es mit dem Schiffe 'Porpoise', das offenbar Schiffbruch erlitten, für ein Bewandtniß hat, und was es in diesen Breiten bezweckte. – Es ist eben untergegangen, entgegnete Johnson, es hatte seine Bemannung zur Todesfahrt eingeschifft, wie alle Diejenigen, welche ihre Kühnheit in diese Gegenden trieb. Aber sagen Sie mir zunächst, Herr Clawbonny, hat denn Ihre Excursion das beabsichtigte Ziel erreicht? – Das Kohlenlager? fragte der Doctor. – Ja, dieses.« Schweigend schüttelte der Doctor den Kopf. »Also Nichts erreicht? sagte der alte Seemann. – Nichts. Uns gingen die Lebensmittel aus, und Erschöpfung überfiel uns unterwegs. Nicht einmal die von Edward Belcher bezeichnete Küste erreichten wir! – Also, setzte der ergraute Schiffer hinzu, auch kein Brennmaterial erlangten Sie? – Nein! – Keine Lebensmittel? – Nein! – Und kein Schiff trafen Sie, um nach England heimkehren zu können?« Der Doctor schwieg und Johnson auch; wahrlich, es gehörte kühner Muth dazu, die entsetzliche Lage ruhig zu überschauen. »Nun denn, nahm der Schiffer wieder das Wort, unsere Verhältnisse klären sich wenigstens; wir wissen, was uns bevorsteht. Darum gehen wir zuerst an das Nöthigste; die Kälte ist bitter und wir brauchen zuerst irgend ein Unterkommen. – Ja wohl, erwiderte der Doctor, und mit Bell's Hilfe wird sich ein Eishaus leicht herstellen lassen; dann wollen wir den Schlitten herholen, den Amerikaner versorgen und mit Hatteras das Weitere berathschlagen. – Der arme Kapitän! meinte Johnson, der sich selbst dabei vergaß, wie wird er zu leiden haben!« Der Doctor und der Schiffer schlossen sich den Anderen wieder an. Da stand Hatteras, unbeweglich, mit gekreuzten Armen, und stumm die Pläne für die Zukunft überdenkend. Seine Gesichtszüge zeigten wieder die alte unbeugsame Festigkeit. Woran dachte wohl dieser ganz außergewöhnliche Mann? War es an seine verzweifelte Lage oder an seine zerstörten Pläne? Ueberlegte er doch vielleicht den Rückzug, da Menschen und Elemente sich gegen ihn verschworen zu haben schienen? Seine Gedanken vermochte Keiner zu errathen, er wußte sie tief verborgen zu halten. Der treue Duk lag neben ihm schlafend, er trotzte einer Kälte von zweiunddreißig Grad unter Null (-36° hunderttheilig). Bell, der auf dem Eise ausgestreckt, wie leblos dalag, bewegte sich gar nicht; seine Unempfindlichkeit konnte ihm das Leben kosten, er war in Gefahr, zu Stein zu gefrieren. Johnson rüttelte ihn kräftig auf und rieb ihn mit Schnee ab, dennoch konnte er ihn nur schwer seiner Erstarrung entreißen. »Frisch auf, Bell! Muth, Muth, rief er ihm zu, laß Dich nicht übermannen; steh' auf, wir haben zu reden zusammen, wir brauchen ein Obdach. Hast Du's denn ganz vergessen, wie ein Eishaus gebaut wird? Komm, hilf, Bell! Da ist ein kleiner Eisberg, den wir nur auszuhöhlen brauchen. An's Werk denn! Das giebt uns zuerst Kraft und Muth wieder, die wir hier vor Allem brauchen!« Bell, den auch diese Worte noch etwas gleichgiltig ließen, folgte doch der Leitung des alten Seemanns. »Unterdessen, fügte dieser noch hinzu, wird sich Herr Clawbonny der Mühe unterziehen, zum Schlitten zu gehen und diesen sammt den Hunden herzubringen. – Ich bin bereit, erwiderte der Doctor, und kann wohl in einer Stunde zurück sein. – Begleiten Sie ihn, Kapitän?« wandte sich Johnson fragend an Hatteras. Obgleich noch vertieft in seine Gedanken, hatte dieser den Vorschlag seines Schiffers doch vernommen, denn er erwiderte mit weicher Stimme: »Nein, mein Freund, wenn sich der Doctor der Sache annehmen will ... Noch diesen Tag muß ein Entschluß gefaßt sein, und ich will allein sein, um ungestört nachzudenken. Geht, macht, was Alle den Augenblick für das Nöthigste halten, ich denke an die Zukunft.« Johnson näherte sich dem Doctor. »Das ist merkwürdig, sagte er, der Kapitän scheint schon allen Zorn vergessen zu haben, nie war seine Stimme so sanft und weich. – Recht gut, entgegnete der Doctor, so hat er auch sein kaltes Blut wieder. Glauben Sie mir, Johnson, dieser Mann und kein Anderer ist im Stande, uns Alle zu retten.« Der Doctor hüllte sich so gut wie möglich ein, und ging, den eisenbeschlagenen Stock in der Hand, in der Richtung nach dem Schlitten, mitten durch den Nebel, den der Mond einigermaßen durchdrang. Johnson und Bell gingen nun sogleich an's Werk. Der alte Seefahrer trieb immer den Zimmermann an, der schweigend arbeitete; zu bauen gab es eben eigentlich Nichts, der gewählte Block war nur auszuhöhlen. Das harte Eis setzte ihnen vielen Widerstand entgegen, dafür versprach das Obdach desto fester und sicherer zu werden. Bald konnten die Beiden schon von der ersten Aushöhlung gedeckt arbeiten, indem sie die losgelösten Eisstücke hinter sich entfernten. Hatteras setzte sich von Zeit zu Zeit in Bewegung, aber immer blieb er bald wieder stehen, offenbar scheute er sich, bis an das Todtenbett seiner Brigg zu gelangen. Wie er versprochen, kam der Doctor bald zurück; auf dem Schlitten ausgestreckt und mit dem Zeltstoffe möglichst umwickelt, lag Altamont; nur mit Mühe noch zogen die mageren, entkräfteten und hungrigen grönländer Hunde; es war höchste Zeit, daß die ganze Gesellschaft, Menschen und Thiere, neue Nahrung und Ruhe fand. Während das Eishaus an Tiefe zunahm, hatte der Doctor, der immer hier und dorthin spähend umherging, das Glück, einen kleinen Ofen zu finden, den die Explosion fast unverletzt gelassen hatte, und dessen zusammengequetschtes Rohr unschwer wieder aufzubiegen war. Triumphirend schleppte ihn der Doctor herbei. Nach drei Stunden war das Eishaus im Ganzen fertig, der Ofen wurde darin aufgestellt; man füllte ihn mit Holzspänen, und bald knisterte das Feuer darin, eine behagliche Wärme verbreitend. Der Amerikaner wurde unter Dach und Fach gebracht und im Hintergrunde auf Decken gelagert. Die vier Engländer nahmen nahe dem Ofen Platz. Die letzten Lebensmittel aus dem Schlitten, etwas Zwieback und heißer Thee, erfrischten ihre Lebensgeister; Hatteras sprach nicht, und die Anderen respectirten sein Schweigen. Als die Mahlzeit vollendet war, winkte der Doctor Johnson, ihm nach außen zu folgen. »Jetzt, sagte er, wollen wir zunächst eine Inventur über den Rest unserer Habe aufstellen, denn wir müssen den Bestand unseres Besitzthums genau kennen. Alles ist umhergestreut, also wollen wir es sammeln, denn jeden Augenblick kann frischer Schnee fallen, und dann dürften wir wohl vergeblich nach irgend einem Ueberbleibsel aus dem Schiffe suchen. – So wollen wir also keinen Augenblick verlieren, versetzte Johnson, Lebensmittel und Holz sind für uns ja wohl das Wichtigste. – Nun gut, so wollen wir Beide dies sammeln, antwortete der Doctor, und den ganzen von der Explosion überstreuten Kreis absuchen; fangen wir in der Mitte an und machen immer größere Kreise bis zum Rande.« Sofort begaben sich die Beiden nach dem Eisbette, das der Forward eingenommen hatte, und jeder suchte sorgfältig bei dem zweifelhaften Lichte des Mondes nach den Trümmern des Schiffes. Es war eine wahre Jagd, auch hatte der Doctor dazu die Leidenschaft, ja dabei fast das Vergnügen eines Jägers, und das Herz schlug ihm lebhaft, wenn er eine halbwegs unversehrte Kiste entdeckte; aber die meisten waren leer, und nur ihre Trümmer bedeckten den Umkreis. Die Gewalt der Explosion mußte beträchtlich gewesen sein; eine große Menge Gegenstände war geradezu in Staub und Asche verwandelt; große Theile der Schiffsmaschine lagen da und dort, verbogen und zerbrochen; die zerbrochenen Flügel der Schraube fanden sich zwanzig Toisen weit weggeschleudert und tief in den harten Schnee eingesunken; die verbogenen Cylinder waren von ihrem Zapfen abgerissen; der in seiner ganzen Länge gespaltene Schornstein, an dessen oberem Theile noch Reste von Ketten hingen, lag zur Hälfte zerdrückt unter einem großen Eisstücke; Nägel, Haken, Segeltheile von den Masten, Eisentheile des Steuers, Platten vom Schiffsbeschlag, und alle Metalltheile der Brigg lagen zerstreut, wie aus Kartätschen geschossen, umher. Aber dieses Eisen, das einen ganzen Eskimostamm hätte glücklich machen können, hatte im Augenblick für die Verunglückten gar keinen Werth; auf Lebensmittel war ihr Verlangen gerichtet, und solche entdeckte der Doctor nur wenige. »Das läßt sich schlecht an, sprach er zu sich selbst; offenbar ist die Vorrathskammer, welche gleich neben der Pulverkammer lag, durch die Explosion total zerstört worden, und was nicht verbrannte, ist in tausend Stücke gegangen. Das ist schlimm, sehr schlimm, und wenn Johnson nicht mehr auffindet, als ich, sehe ich nicht wohl ein, was aus uns werden soll.« Dennoch entdeckte der Doctor, als er größere Kreise seiner Nachforschung unterzog, noch einige Reste Pemmican, etwa fünfzehn Pfund, und vier Krüge, welche, trotzdem sie weit weggeschleudert waren, doch durch den weichen Schnee, auf den sie zufällig gefallen, der Zerstörung entgangen waren und noch fünf bis sechs Pinten Branntwein enthielten. Weiter fand er noch zwei Päcke mit Meerrettich, der nach dem Verluste alles Citronensaftes deshalb sehr erwünscht war, da er denselben bei der Bekämpfung des Scorbuts wohl ersetzen konnte. Nach zwei Stunden fanden sich der Doctor und Johnson wieder zusammen. Sie theilten einander mit, was sie gefunden hatten, doch leider war das bezüglich der Nahrungsmittel nur wenig: kaum einige Stücke eingesalzenes Fleisch, etwa fünfzig Pfund Pemmican, drei Säcke mit Zwieback, einen kleinen Rest Chocolade, Branntwein und etwa zwei Pfund Kaffee, welcher aber Bohne für Bohne hatte aufgelesen werden müssen. Keine Decken, Hängematten oder Kleidungsstücke waren aufgefunden worden, offenbar waren diese vom Feuer verzehrt. Alles in Allem hatten der Doctor und der Rüstmeister Lebensmittel für etwa drei Wochen gefunden, wenn man deren Verbrauch auf's Aeußerste beschränkte; freilich war da schlechte Aussicht, die Erschöpften wieder zu kräftigen. So sah sich Hatteras, nachdem schon die Kohle ausgegangen, in Folge unglücklicher Umstände auch am Vorabende der Hungersnoth. Brennmaterial lieferten wohl die Trümmer des Schiffes, die Stücke der Masten und des Kieles auf ungefähr drei Wochen; bevor man diese aber zur Heizung in dem Eishause bestimmte, stellte der Doctor an Johnson die Frage, ob man aus diesen Resten nicht ein neues kleines Fahrzeug, mindestens eine Schaluppe, herzustellen vermöge. »Nein, Herr Clawbonny, erwiderte der Rüstmeister, daran ist nicht zu denken; da ist kein Stück Holz so unversehrt, um es benutzen zu können; Alles ist nur noch gut genug, uns ein paar Tage zu erwärmen, und dann ... – Nun, dann? versetzte der Doctor. – Dann, wie Gott will«, sagte der alte Seemann. Als die Inventur fertig war, begaben sich der Doctor und Johnson wieder zum Schlitten; wohl oder übel mußten sich die ermatteten Hunde anschirren lassen, und so kehrte man auf den Schauplatz der Explosion zurück. Dort wurden die wenigen, aber desto kostbareren, noch irgend wie tauglichen Ueberreste aufgeladen und in die Nähe des Eishauses geschafft; dann erst nahmen Beide, halb erfroren, neben ihren Leidensgefährten Platz. Zweites Capitel. Altamont's erste Worte. Als gegen acht Uhr Abends der Himmel eine kurze Zeit von den ihn erfüllenden Nebelmassen frei war, glänzte ein sternenreiches Firmament durch die klare, aber bitterkalte Luft. Hatteras benutzte sogleich diese Gelegenheit, um die Höhe einiger Sterne zu bestimmen; ohne ein Wort zu sagen, ging er mit den nöthigen Instrumenten hinaus. Er wollte ihre Stellung bestimmen und sich vergewissern, ob das ganze Eisfeld sich etwa fortbewegt habe, oder nicht. Nach einer halben Stunde trat er wieder ein, warf sich in einer Ecke des Hauses nieder und verharrte dort in tiefer Ruhe, fiel aber nicht in Schlaf. Am andern Morgen fiel wieder reichlich Schnee; der Doctor konnte froh sein, daß er seine Nachforschungen schon Tags vorher angestellt hatte, denn bald verhüllte eine ungeheure weiße Decke das Eisfeld, und jede Spur von der Explosion war unter einer drei Fuß mächtigen Schicht verschwunden. Während dieses ganzen Tages konnte man keinen Fuß in's Freie setzen; zum Glück bot die Wohnung genügende Bequemlichkeiten, mindestens erschien es unsern abgehetzten Reisenden so. Der kleine Ofen that gute Dienste, nur daß dann und wann ein ungestümer Windstoß den Rauch nach innen trieb; an seinen Flammen bereitete man sich Thee oder Kaffee, Genüsse, welche bei so niedriger Lufttemperatur doppelt wohlthätig waren. Die Schiffbrüchigen, denn diesen Namen verdienten sie wohl in der That, verspürten ein Wohlbehagen, das ihnen lange fremd geblieben war; dabei erfreuten sie sich nur an der Gegenwart, an der wohlthuenden Wärme und der augenblicklichen Ruhe, und vergaßen der grausigen Zukunft, die sie doch mit nahem Tode bedrohte. Der Amerikaner litt jetzt weniger und kam nach und nach in's Leben zurück; er öffnete schon die Augen, sprach aber noch nicht; seine Lippen zeigten die Spuren des Scorbuts und vermochten noch keinen verständlichen Laut zu bilden; doch da er nun offenbar hörte, wurde er von seiner Lage in Kenntniß gesetzt. Er bewegte nur den Kopf als Dank; er erkannte seine Rettung aus dem Schnee- und Eisgrabe, doch vermied der Doctor noch, ihm mitzutheilen, wie nahe er dem Tode gewesen war, und wie kurze Zeit dieser nur aufgeschoben schien, da ihnen Allen in höchstens drei Wochen die Nahrungsmittel völlig ausgehen mußten. Erst gegen Mittag regte sich Hatteras wieder und näherte sich den drei Anderen. »Meine Freunde, sagte er, wir müssen nun zunächst einen bestimmten Entschluß fassen, was wir jetzt vornehmen. Zuerst ersuche ich aber Johnson, zu erzählen, wie jener Schurkenstreich, der uns vielleicht Alle in's Verderben bringt, ausgeführt wurde. – Aber wozu das? meinte der Doctor, die Thatsache steht fest, und es ist wohl besser, ihrer nicht mehr zu gedenken. – Im Gegentheil, jetzt denke ich noch sehr daran, erwiderte Hatteras; nach Johnson's Bericht mag sie vergessen sein. – Nun gut, ich werde Alles erzählen, begann der Rüstmeister. Ich habe Alles gethan, das Verbrechen zu hindern ... – Das weiß ich, Johnson, und füge gleich hinzu, daß ich die Sache überhaupt schon für einen seit Langem geplanten Streich halte. – Ganz meine Meinung, fiel der Doctor ein. – Die meinige auch, nahm Johnson wieder das Wort, denn gleich nach Ihrer Abreise, Kapitän, schon den andern Morgen, zeigte sich Shandon, der uns immer das Leben sauer machte, in seiner ganzen Schlechtigkeit und maßte sich, von der ganzen Rotte unterstützt, zunächst das Commando auf dem Schiffe an; was half mir Einzigem da mein Einspruch dagegen? Von da ab handelte fast jeder nach eigenem Gutdünken, und Shandon ließ es zu; es kam ihm darauf an, der Mannschaft zu zeigen, daß nun die Zeit der Arbeit und der nöthigen Einschränkung vorüber sei. Nun wurde nichts mehr gespart; immer glühte der Ofen, der unbarmherzig vom Holze der Brigg geheizt wurde. Ueber den Proviant schaltete Jeder nach Willkür, über die geistigen Getränke desgleichen, und Sie können sich leicht denken, welchen Mißbrauch Leute, die bei dem Verlangen darnach sie doch so lange entbehrt hatten, damit trieben. So verlief die Zeit etwa vom 7. bis zum 15. Januar. – Also Shandon war es, der die Leute in Aufruhr brachte, sprach Hatteras mit ernstem Tone. – Ja, Kapitän. – Erwähnen Sie den Schurken nicht wieder. Jetzt fahren Sie fort! – Etwa am 24. oder 25. Januar kam nun die Absicht zum Vorschein, das Schiff zu verlassen. Sie wollten die westliche Küste der Baffins-Bai zu erreichen suchen, von dort sollte mit Hilfe der Schaluppe ein Wallfischfahrer gesucht oder doch auf die Grönländer Niederlassungen an der Ostseite losgesteuert werden. Proviant hatten sie in Ueberfluß; auch die Kranken erholten sich durch die Hoffnung auf die Rückkehr ganz auffallend. Nun betrieb man die Vorbereitungen zur Flucht. Zunächst wurde ein Schlitten gebaut, der Nahrungsmittel, Brennmaterial und die Schaluppe tragen sollte; die Mannschaft selbst sollte ihn ziehen. Das dauerte etwa bis Mitte Februar; Tag für Tag erwartete ich Ihre Rückkehr, Kapitän, und doch fürchtete ich sie fast; auch Sie hätten bei den Leuten nichts ausgerichtet, welche Sie eher ermordet hätten, als daß sie auf dem Schiffe geblieben wären. Ein wahrer Freiheitsschwindel hatte sie erfaßt. Ich nahm die Mannschaft Einen nach dem Anderen vor, ich bat sie, ermahnte, stellte ihnen die Gefahren ihres Vorhabens vor Augen; ich sagte ihnen auch, daß sie im Begriff wären, einen elenden Schurkenstreich zu begehen. Es war Alles umsonst, auch bei den Besten von ihnen! Die Abfahrt wurde auf den 22. Februar festgesetzt. Shandon wurde ungeduldig. Es wurde auf den Schlitten und in die Schaluppe gebracht, was nur an Proviant und Getränken aufzutreiben war; mit Holz versahen sie sich reichlich, wozu die Steuerbordseite bis auf die Wasserlinie herunter hatte herhalten müssen. Den letzten Tag gab es nun noch eine wahre Orgie; sie plünderten nach Herzenslust, und als sie toll und voll betrunken waren, steckte Pen mit noch zwei oder drei Anderen das Schiff in Brand. Ich stritt aus Leibeskräften dagegen; sie überwältigten und schlugen mich; dann wandten sich die Schufte, Shandon an der Spitze, nach Osten und entschwanden meinen Blicken. Ich war nun allein; was konnte ich aber gegen das Feuer anfangen, das schon an dem ganzen Schiffe fraß? Selbst unser Wasserloch war dick übereist und so hatte ich keinen Tropfen. Zwei Tage stand der Forward in Flammen, und – das Ende wissen Sie.« Dumpfes Schweigen herrschte in dem Eishause, als dieser Bericht beendet war. Das düstere Bild des brennenden Fahrzeuges, der Verlust der kostbaren Brigg, trat den armen Schiffbrüchigen grell vor die Augen; sie fühlten sich nur einer Unmöglichkeit gegenüber, der Unmöglichkeit nach England zurückzukehren. Kaum wagten sie einander anzusehen, aus Furcht, Einer möge auf des Anderen Antlitz die helle Verzweiflung lesen. Nur der beklommene Athem des Amerikaners war hörbar. Endlich nahm Hatteras das Wort:. »Ich danke Ihnen, Johnson, sagte er, Sie haben gethan, was in Ihren Kräften stand, mein Schiff zu retten. Aber allein vermochten Sie das nicht; noch einmal, ich danke Ihnen von Herzen, und nun – wollen wir von diesem Unglück nicht mehr sprechen. Mit vereinten Kräften laßt uns zur Rettung Aller wohl zusammenwirken. Vier Schicksalsgenossen sind wir hier, vier Freunde; des Einen Leben gilt so viel, wie das des Anderen. Nun gebe Jeder seine Meinung ab, was wir beginnen sollen. – Fragen Sie uns, Hatteras, begann der Doctor; wir sind Ihnen Alle ergeben, unsere Worte werden vom Herzen kommen. Aber haben Sie nicht zunächst selbst einen Vorschlag? – Ich darf noch mit keinem solchen hervortreten. Mein Urtheil könnte eigensüchtig aussehen. Erst möchte ich die Ansicht der Anderen hören. – Kapitän, sagte Johnson, bevor wir uns unter so schwierigen Umständen aussprechen, hätte ich noch eine Frage. – Reden Sie, Johnson. – Sie haben gestern unsere Position bestimmt; ist nun das Eisfeld weiter getrieben, oder sind wir noch an derselben Stelle? – Es hat seine Lage nicht verändert, erwiderte Hatteras. Ganz wie vor unserer Expedition habe ich achtzig Grad fünfzehn Minuten nördlicher Breite und siebenundneunzig Grad fünfunddreißig Minuten Länge gefunden. – Und, sagte Johnson, wie weit sind wir von dem nächsten Meere im Westen entfernt? – Gegen sechshundert (englische) Meilen. – Und dieses Meer ist? ... – Der Smith-Sund. – Also dasselbe, bis zu dem wir im vergangenen April nicht vorzudringen vermochten? – Dasselbe. – Gut, Kapitän, nun, da unsere Ortslage bekannt ist, können wir darauf hin einen Entschluß fassen. – So sprechen Sie«, sagte Hatteras, der den Kopf in beide Hände senkte. Er konnte so seine Gefährten hören, ohne sie anzusehen. »Nun denn, Bell, forderte der Doctor diesen auf, was ist nach Ihrer Ansicht am gerathensten zu thun? – Das bedarf wohl kein langes Ueberlegen, erwiderte der Zimmermann; wir müssen, ohne einen Tag, ohne eine Stunde zu verlieren, nach Ost oder West aufbrechen, und die nächste Küste zu erreichen suchen ... und sollten wir auch zwei Monate Zeit dazu brauchen. – Wir haben nur für drei Wochen zu leben, warf Hatteras ein, ohne den Kopf zu erheben. – Gut, sagte Johnson, so sind wir gezwungen, die nöthige Strecke in drei Wochen zurückzulegen, denn das bietet uns die einzige Aussicht auf Rettung; und sollten wir uns auf den Knieen fortschleppen, in fünfundzwanzig Tagen müssen wir an der Küste sein. – Aber dieser Theil des hohen Nordens ist noch ganz unbekannt, entgegnete Hatteras. Wir können auf unzählige Hindernisse, Berge und Gletscher stoßen, die uns den Weg völlig versperren. – Darin sehe ich keinen Grund, behauptete der Doctor, wenigstens nicht den Versuch zu wagen. Wir werden Beschwerden haben, vielleicht viele, und müssen uns mit der Nahrung auf's Aeußerste beschränken, wenn nicht zufällig die Jagd ... – Wir haben nur noch ein halbes Pfund Pulver, erwiderte Hatteras. – Wohlan, Hatteras, sagte der Doctor, ich unterschätze die Bedeutung Ihrer Einwürfe nicht und wiege mich nicht in leerer Hoffnung. Aber ich glaube, Ihre Gedanken zu errathen; haben Sie einen ausführbaren Vorschlag? – Nein, erwiderte der Kapitän nach einigem Zögern. – Sie mißtrauen unserem Muthe nicht, fuhr Clawbonny fort, Sie kennen uns Alle als Männer, die Ihnen bis zum Ende folgen; aber müssen wir nicht für jetzt jede Hoffnung aufgeben, noch bis zum Pole hinauszudringen? Eine Verrätherei hat Ihre Pläne zum Scheitern gebracht; den Widerstand der Elemente konnten Sie bekämpfen und besiegen, nicht so die Treulosigkeit und Schwäche der Menschen; Sie haben Alles gethan, was menschenmöglich war, und würden den Erfolg errungen haben, das glaube ich gern, aber angesichts unserer heutigen Lage, sollten Sie sich nicht gezwungen fühlen, Ihre Pläne zu verschieben und nach England, sei es auch nur aus dem Grunde zurückzukehren, um jene ein andermal wieder aufzunehmen? – Nun, was meinen Sie, Kapitän?« wandte sich auch Johnson an Hatteras, der eine Antwort lange schuldig blieb. Endlich erhob dieser den Kopf und sagte mit gepreßter Stimme: »Ihr glaubt also wirklich Alle, ermüdet wie wir sind und fast ohne Nahrungsmittel, die Küste der Meerenge zu erreichen? – Nein, erwiderte der Doctor, aber auf keinen Fall wird die Küste zu uns kommen. Wir müssen sie also aufsuchen. Vielleicht treffen wir auch weiter südlich auf einen Eskimostamm, mit dem wir leicht in Verbindung treten könnten. – Könnten wir nicht auch, fügte Johnson hinzu, in der Meerenge auf ein Fahrzeug stoßen, das dort zu überwintern gezwungen wäre? – Und im Nothfalle, sagte noch der Doctor, wenn die Meerenge zugefroren ist, könnten wir nicht über dieselbe hinaus bis zur Westküste von Grönland gelangen, und von da entweder über das Prudhon-Land oder über das Cap York bis zu einer dänischen Niederlassung vordringen? Nun, Hatteras, keine dieser Möglichkeiten bietet das Eisfeld hier! Der Weg nach England führt dahinunter, nach Süden, nicht dorthinauf nach Norden! – Ja, sagte Bell, Herr Clawbonny hat Recht, wir müssen uns ohne Zögern aufmachen. Bis jetzt haben wir die Heimat und Alle, die uns dort lieb und theuer sind, zu sehr vergessen. – Das ist also Ihre Ansicht, Johnson, fragte Hatteras noch einmal. – Ja, Kapitän. – Und die Ihre, Doctor? – Auch die meine, Hatteras.« Noch immer verharrte dieser Letztere schweigend; seine Gesichtszüge verriethen aber wider seinen Willen, was in ihm vorging. An die Entscheidung, welche er zu fällen im Begriff war, knüpfte sich ja das Schicksal seines ganzen Lebens. Wenn er jetzt zurückkehrte, war es wohl mit seinen kühnen Entwürfen für immer vorbei; er konnte nicht hoffen, zum vierten Male ein derartiges Unternehmen zu Stande zu bringen. Wieder ergriff der Doctor, da der Kapitän noch immer schwieg, das Wort: »Lassen Sie mich noch erwähnen, Hatteras, sagte er, daß wir keinen Augenblick zu verlieren haben; wir werden den Schlitten mit allem disponiblen Proviant und soviel Holz beladen müssen, als eben möglich ist. Ein Weg von sechshundert Meilen wird unter solchen Umständen lang, ich weiß das, aber nicht ohne Ende sein; wir können oder müßten vielmehr jeden Tag zwanzig Meilen zurücklegen, um binnen einem Monate, d. h. gegen den 26. März, die Küste zu erreichen ... – Aber, sagte Hatteras, könnten wir nicht einige Tage damit warten? – Worauf hoffen Sie? fragte Johnson. – Weiß ich das? Wer kann die Zukunft durchschauen? Nur einige Tage noch! Wir wollen unseren erschöpften Kräften aufhelfen. Keine zwei Tagereisen würdet Ihr zurücklegen und vor Müdigkeit umsinken, ohne ein Eishaus zum Schutze zu haben. – Aber hier erwartet uns ein furchtbarer Tod! rief Bell. – Freunde, sagte Hatteras fast mit bittender Stimme, Ihr verzweifelt etwas zu früh. Schlüge ich vor, im Norden den Weg des Heils zu suchen, so würdet Ihr mir wohl nicht folgen mögen. Uebrigens, leben ganz nahe am Pole nicht auch noch Eskimos, wie am Smith-Sunde? Jenes offene Meer, dessen Existenz so gut wie sicher ist, muß wieder Festland umspült sein. Die Natur verfährt logisch in allen ihren Werken. So muß man auch annehmen, daß die Vegetation da wieder zum Leben erwacht, wo der heftige Frost aufhört. Haben wir nicht ein Land in Aussicht, das unser im Norden harrt, und welches Ihr auf Nimmerwiederkehr fliehen wollt?« Hatteras wurde lebhafter durch die Rede; sein erregter Geist malte ihm Lieblingsbilder dieser doch so sehr problematischen Gegenden vor. »Noch einen Tag nur, wiederholte er, nur noch eine Stunde!« Doctor Clawbonny fühlte sich bei seinem abenteuerlustigen Charakter und regen Vorstellungsvermögen schon halb gewonnen; er wollte bereits nachgeben. Doch Johnson, der überlegender und kühler war, rief ihn noch zur Vernunft und Pflicht zurück. »Frisch auf, Bell, rief dieser, zum Schlitten! – Vorwärts denn! antwortete Bell. – O, Johnson! Auch Sie! Auch Sie! sagte der Kapitän, doch, es ist gut, geht, geht Alle! Ich bleibe! – Kapitän! fiel Johnson ein und blieb wider Willen stehen. – Ich bleibe, sage ich! Reist ab! Verlaßt mich so gut, wie die Anderen! Geht mit Gott! Komm her, Duk, wir Beide halten aus!« Bellend schmiegte sich das treue Thier an seinen Herrn. Johnson sah den Doctor an. Dieser war zweifelhaft, was er thun sollte, das Beste schien zu sein, Hatteras dadurch zu beruhigen, daß man für einen Tag auf seine Ideen einging. Der Doctor war schon dazu entschlossen, als er plötzlich seinen Arm berührt fühlte. Er drehte sich um. Der Amerikaner hatte seine Decken abgeworfen, er lag noch auf dem Boden, mühsam erhob er sich auf die Kniee und von seinen Lippen quollen einige unarticulirte Laute. Erstaunt, fast erschrocken sah ihn der Doctor schweigend an. Hatteras seinerseits näherte sich ihm und nahm ihn forschend scharf in's Auge. Er suchte die Worte zu errathen, die der Kranke nicht auszusprechen vermochte. Nach minutenlanger Anstrengung ward endlich ein Wort hörbar. »Porpoise ... – Der Porpoise! rief der Kapitän aus. – Der Amerikaner bejahte durch Zeichen. – In diesen Gewässern?« frug Hatteras klopfenden Herzens. Der Kranke gab dieselbe Antwort. »Im Norden von hier? – Ja! erwiderte der Unglückliche. – Und Sie wissen seinen Ort? – Ja! – Genau? – Ja wohl!« sagte Altamont. Einen Augenblick schwieg Alles; gespannt horchten die Zuschauer dieser unerwarteten Scene. »Passen Sie wohl auf, sagte endlich Hatteras zu dem Kranken, wir müssen die Lage des Schiffes natürlich genau wissen. Ich werde die Grade mit lauter Stimme zählen und Sie unterbrechen mich durch ein Zeichen.« – Der Amerikaner nickte zustimmend. »Nun gut, sagte Hatteras, bestimmen wir erst die Längengrade. Hundertfünf? Nein. – Hundertsechs? Hundertsieben? Hundertacht? – Wir meinen doch westliche Länge? – Ja, sagte mühsam der Amerikaner. – Also weiter. – Hundertneun? Hundertzehn? Hundertzwölf? Hundertvierzehn? Hundertsechzehn? Hundertachtzehn? Hundertneunzehn? Hundertzwanzig ...?« Der Amerikaner machte ein Zeichen. »Hundertzwanzig Grad westlicher Länge? fragte nochmals Hatteras. Und wieviel Minuten? Ich zähle wieder ...« Er begann bei Eins; bei Fünfzehn gab Altamont das Zeichen, inne zu halten. »Schön, sagte der Kapitän. Und nun gehen wir zur geographischen Breite über. Sie verstehen mich doch? – Achtzig? Einundachtzig? Zweiundachtzig? Dreiundachtzig?« Der Amerikaner hielt ihn durch eine Handbewegung an. »Gut. Und die Minuten? Fünf? Zehn? Fünfzehn? Zwanzig? Fünfundzwanzig? Dreißig? Fünfunddreißig?« Abermals machte Altamont lächelnd sein Zeichen. »Also, wiederholte Hatteras mit ernster Stimme, der Porpoise findet sich bei hundertzwanzig Grad fünfzehn Minuten westlicher Länge und dreiundachtzig Grad fünfunddreißig Minuten nördlicher Breite? – Ja«, stammelte noch einmal der Amerikaner, der kraftlos in die Arme des Doctors zurücksank. Die Anstrengung hatte ihn erschöpft. »Meine Freunde, rief Hatteras aus, Ihr seht, unser Heil liegt im Norden, immer im Norden! – Wir werden gerettet sein!« Aber gleich nach diesem Ausbruch der Freude schien es, als ob ein furchtbarer Gedanke ihn packe. Sein ganzes Wesen veränderte sich. – Die Schlange der Eifersucht biß sich in sein Herz. Ein Anderer, und noch dazu ein Amerikaner, hatte ihn in der Richtung zum Pole um drei Grade überholt. Warum? Zu welchem Ende war er in so hoher Breite? Drittes Capitel. Siebenzehn Tage unterwegs. Dieses neue Ereigniß, die ersten Aeußerungen Altamont's, hatten die Lage der Schiffbrüchigen vollkommen verändert; während sie früher abgeschnitten von aller Hilfe waren, auch nur eine sehr seichte Hoffnung hatten, die Baffins-Bai zu erreichen, und ihnen für die Länge des zurückzulegenden Weges eine Hungersnoth drohte, die bei der Erschöpfung ihrer Kräfte desto gefährlicher erschien, befand sich, etwa sechshundert Meilen von ihrem Eishause, ein Fahrzeug, das ihnen reiche Hilfsmittel bot und wohl gar die Aussicht eröffnete, den verwegenen Zug nach dem Nordpole fortzusetzen. Hatteras, der Doctor, Johnson und Bell, die schon so nahe der Verzweiflung waren, schöpften wieder Hoffnung. Da aber Altamont's Aussagen nur noch sehr lückenhaft waren, nahm der Doctor, als Jener sich etwas erholt hatte, die wichtige Unterhaltung wieder auf; wobei er alle Fragen so zu stellen wußte, daß der Kranke nur mit dem Kopfe zu nicken oder durch Bewegung der Augen zu antworten brauchte. Bald hatte er erfahren, daß der Porpoise ein amerikanischer Dreimaster aus New-York sei, der, belastet mit reichlichem Proviant und Brennmaterial, mitten im Eise Schiffbruch gelitten hatte. Wenn auch auf die Seite geworfen, war doch Aussicht, daß er der Zerstörung widerstanden habe, und seine ganze Ladung noch zu bergen sein werde. Schon zwei Monate hatte Altamont mit seiner Mannschaft das Schiff verlassen, wobei sie die Schaluppe auf einem Schlitten mitgenommen hatten; sie beabsichtigten bis zum Smith-Sund vorzudringen, wollten dort einen Wallfischfahrer aufsuchen und mit dessen Hilfe nach ihrem Vaterlande zurückkehren; bald aber überwältigten sie Erschlaffung und Krankheiten, und Einer nach dem Anderen kam unterwegs um. Zuletzt waren der Kapitän und zwei Matrosen von einer dreißig Köpfe zählenden Mannschaft übrig, und daß der Erstere noch lebte, war doch nur einem Wunder der Vorsehung zu danken. Hatteras lag vorzüglich daran, von dem Amerikaner zu hören, was der Porpoise in so ungewöhnlich hoher Breite vorgehabt habe. Altamont gab zu verstehen, daß das Schiff vom Eise eingeschlossen und dahinauf getrieben worden sei. Aengstlich suchte Hatteras noch den Zweck der Expedition zu erforschen. Altamont behauptete, daß man nur die nordwestliche Durchfahrt habe aufsuchen wollen. Der Kapitän beruhigte sich dabei und stellte keine weitere Frage der Art. Der Doctor ergriff wieder das Wort: »Alle unsere Anstrengungen, sagte er, können jetzt nur darauf gerichtet sein, den Porpoise aufzufinden; statt den gefahrvollen Weg nach der Baffins-Bai einzuschlagen, können wir nun auf einem um ein Drittel kürzeren Wege ein Fahrzeug erreichen, das alles Nöthige zu einer Ueberwinterung bietet. – Es ist gar keine andere Wahl möglich, meinte Bell. – Und ich füge hinzu, sagte der Schiffer, daß wir dazu keinen Augenblick zu verlieren haben. Freilich müssen wir, entgegen der gewöhnlichen Art und Weise, die Dauer unseres Zuges nach unserem Vorrath an Nahrungsmitteln berechnen und baldmöglichst aufbrechen. – Sie haben Recht, Johnson, erwiderte der Doctor; wenn wir morgen, den 26. Februar, abreisen, müssen wir, mit genauer Noth dem Hungertode entgehend, am 15. März beim Porpoise eintreffen. Was meinen Sie, Hatteras? – Treffen wir sogleich alle nöthigen Vorbereitungen zur Reise. Der Weg könnte auch weiter sein, als wir annehmen. – Warum? entgegnete der Doctor, der Mann scheint doch der Lage seines Schiffes sicher zu sein. – Wenn nun der Porpoise aber, antwortete Hatteras, mit seinem Eisberge weiter getrieben ist, wie es uns mit dem Forward erging? – Freilich, sagte der Doctor, diese Möglichkeit ist nicht ausgeschlossen.« Johnson und Bell berührten eine Sache gar nicht, die ihnen so verderblich gewesen war. Altamont, dem diese Reden nicht entgingen, bedeutete dem Doctor durch Zeichen, daß er sprechen wolle. Nach einviertelstündigen Bemühungen hatte Clawbonny so viel sicher erfahren, daß der Porpoise mit einer Seite auf dem Strande liege und sein Felsenbett unmöglich verlassen haben könne. Wenn das auch den vier Engländern einerseits eine sehr beruhigende Nachricht war, so raubte es ihnen andererseits doch die Aussicht, mit Hilfe des Schiffes nach Europa zurückkehren zu können, wenn es Bell nicht etwa gelänge, aus Theilen des Porpoise ein neues kleines Fahrzeug zu erbauen. Doch wie dem auch sein mochte, man war darüber einig, den Platz des Schiffbruchs baldigst aufzusuchen. Noch eine letzte Frage richtete der Doctor an Altamont; die, ob er in jener Breite von dreiundachtzig Grad schon Etwas von einem eisfreien Meere bemerkt habe. »Nein«, erwiderte dieser. Die Unterhaltung brach hier ab, und man begann sofort, sich zur Abreise zu rüsten; Bell und Johnson besorgten den Schlitten und stellten ihn jetzt, da ihnen Holz dazu nicht fehlte, dauerhafter her; die auf der Excursion nach dem Süden hin gesammelten Erfahrungen wurden nun verwerthet; vor Allem erhöhte man auch die Kufen, da man die schwachen Seiten dieser Transportmethode kennen gelernt, und auf reichlichen, dichten Schnee zu rechnen hatte. Auch ein bequemes Lager richtete Bell darauf ein, dem die Zeltleinwand als schützende Decke diente, und welches für den Amerikaner bestimmt war. Der wenig beträchtliche Proviant belastete das Gefährt ja nicht sehr, dafür wurde aber Holz so viel als möglich mitgenommen. Der Doctor, der die Provision ordnete, nahm ihre Menge mit peinlichster Sorgfalt auf. Seiner Rechnung nach mußte sich jeder Reisende für eine Zeit von drei Wochen mit Dreiviertelsrationen begnügen. Für die Zughunde reservirte man das volle Futter; zog Duk mit ihnen, so sollte dasselbe auch ihm zu Gute kommen. Die Eile der Arbeiten wurde jetzt freilich durch die gebieterische Nothwendigkeit, sich auszuruhen und zu schlafen, unterbrochen. Bevor sie sich aber niederlegten, umringten die Schiffbrüchigen den Ofen, den man nicht spärlich heizte. Die Armen gestatteten sich einen Luxus von Wärme, dessen sie lange entwöhnt waren; etwas Pemmican, Zwieback und einige Tassen Kaffee erzeugten eine fast heitere Stimmung, die wohl zur Hälfte dem Hoffnungsstrahl zuzurechnen war, der ihnen so schnell, wenn auch nur aus der Ferne, aufleuchtete. Um sieben Uhr Morgens ging man wieder an die Arbeit, welche erst gegen drei Uhr Nachmittags beendet ward. Schon dunkelte es wieder; zwar war die Sonne seit dem 31. Januar wieder sichtbar geworden, doch verbreitete sie nur ein schwaches und kurz dauerndes Licht. Zum Glück ging der Mond schon halb sieben Uhr auf und seine Strahlen erhellten bei dem klaren Himmel den Weg. Die Temperatur, welche seit einigen Tagen merklich herunterging, erreichte endlich dreiunddreißig Grad unter Null (-36° hunderttheilig). Der Augenblick der Abreise erschien. Altamont freute sich offenbar darüber, wenn ihn auch die Stöße beim Fahren mit erneuten Schmerzen bedrohten. Er hatte dem Doctor zu verstehen gegeben, daß er an Bord des Porpoise alle antiscorbutischen Medicamente, die zur Wiederherstellung des Kranken so nöthig waren, vorfinden werde. Man trug ihn also in den Schlitten, auf dem er so bequem als möglich gelagert wurde. Die Hunde, und Duk mit, wurden angeschirrt; noch einen letzten Blick sandten die Reisenden nach dem Eisbette zu, wo der Forward gelegen hatte. Einmal schien ein aufwallender Zorn in Hatteras' Geberden aufzublitzen, aber er bezwang sich, und die kleine Gesellschaft verschwand bald, bei trockener, heiterer Witterung, in den Nebeln gegen Nord-Nord-Westen. Ein Jeder nahm seinen gewohnten Platz ein; Bell ging voraus, der Doctor und der Rüstmeister zu Seiten des Schlittens, den sie im Auge hatten und wenn nöthig die Hunde antrieben; Hatteras machte den Schluß; er berichtigte den Weg und hielt Alle in gerader Linie. Der Marsch ging ziemlich schnell vorwärts; bei der so niedrigen Temperatur bot das Eis eine eben so feste, als glatte Oberfläche; die Hunde strengten sich mit ihrer Last, welche kaum neunhundert Pfund betrug, nicht übermäßig an. Aber Menschen und Thiere kamen bald außer Athem und mußten anhalten, um Luft zu schöpfen. Gegen sieben Uhr Abends brach das röthliche Bild der Mondscheibe durch die Nebel des Horizontes. Ihre ruhigen Strahlen erhellten die Atmosphäre, und wurden glänzend von den blanken Eisspiegeln zurückgeworfen. Gegen Nordwesten zeigte sich das Eisfeld als eine grenzenlose, weiße, vollkommen ebene Fläche. Keine Erhöhung, kein Spitzhügel war sichtbar. Dieser Theil des Meeres schien ruhig, wie ein friedlicher See, erstarrt zu sein. Es war eine unendliche, flache, einförmige Wüste. So war der Eindruck, den der Doctor von dem Bilde empfing, und den er seinem Begleiter mittheilte. »Sie haben Recht, Herr Clawbonny, erwiderte Johnson, eine Wüste ist es, aber mindestens werden wir in ihr nicht verdursten. – Das ist zwar ein Vortheil, meinte der Doctor, doch ihre ungeheure Ausdehnung giebt mir die Gewißheit, daß wir noch sehr weit von jedem Lande entfernt sind; gewöhnlich wird die Nähe einer Küste durch eine Menge Eisberge bezeichnet, aber nichts Derartiges ist ringsum zu sehen. – Der Horizont ist durch den Nebel sehr beschränkt, antwortete Johnson. – Gewiß, aber seit unserem Aufbruch sind wir nur über eine Fläche gezogen, die nicht enden zu wollen scheint. – Wissen Sie, Herr Clawbonny, daß wir übrigens auf recht gefährlichen Wegen sind? Man gewöhnt sich und denkt nicht daran, und doch birgt das Eis, über das wir gleiten, genug grundlose Klüfte! – Sie haben Recht, Freund, aber wir brauchen nicht zu fürchten, verschlungen zu werden. Der Widerstand dieser weißen Decke ist bei einer Kälte von dreiunddreißig Graden ganz beträchtlich! Denken Sie ferner daran, daß diese tagtäglich im Zunehmen ist, denn unter diesen Breiten fällt an neun Tagen unter zehn Schnee, selbst im April, im Mai, ja noch im Juni; und ich glaube, daß die größte Stärke der Lage wohl dreißig bis vierzig Fuß betragen dürfte. – Das ist beruhigend, sagte Johnson. – Wahrlich, wir sind nicht in der Lage, wie die Schlittschuhläufer auf dem Serpentine River, denen der zerbrechliche Boden jeden Augenblick unter den Füßen zu schwinden droht; solche Gefahr haben wir nicht zu befürchten. – Kennt man vom Eise die Größe des Widerstandes? fragte der alte Seemann, der in Gesellschaft des Doctors gern Etwas zu lernen suchte. – Vollkommen, entgegnete der Doctor. Was in der Welt wäre, Dank dem menschlichen Wissensdrange, noch nicht gemessen worden! Ist es nicht derselbe Drang, der uns hier gegen den Nordpol treibt, welchen der Mensch endlich kennen zu lernen verlangt? Aber, um auf Ihre Frage zurückzukommen, so kann ich diese etwa insoweit beantworten: Bei einer Dicke von zwei Zollen trägt das Eis einen Menschen; bei drei und einem halben Zolle einen Reiter sammt Pferd; bei fünf Zollen einen Achtpfünder; bei acht Zollen ein vollkommen bespanntes Feldgeschütz; bei zehn Zollen endlich eine ganze Armee, überhaupt eine beliebig vertheilte Last. Auf der Stelle, wo wir hier gehen, könnte man die Zollspeicher von Liverpool oder die Londoner Parlamentsgebäude errichten. – Das ist nur schwer zu begreifen, sagte Johnson, aber Herr Clawbonny, Sie sprachen auch von dem Schneefall, der in diesen Gegenden an neun Tagen unter zehn einträte; die Richtigkeit der Thatsache bestreite ich nicht; aber wo kommt der viele Schnee her, denn ich sehe nicht ein, wie die gefrorenen Meeresflächen hier die dazu nöthige bedeutende Verdunstung gestatten sollten. – Ihre Beobachtung ist ganz richtig, Johnson; meiner Ansicht nach entstammt auch der weitaus größte Theil des Schnees oder Regens, der uns hier trifft, den Meeren der gemäßigten Zone. Eine solche Flocke, ursprünglich ein Wassertröpfchen eines europäischen Flusses, hat sich dort dampfförmig erhoben, mit anderen gleichen Wolken gebildet und wird am Ende hier niedergeschlagen. Es ist also gar nicht unmöglich, daß wir, indem wir von diesem Schnee trinken, unseren Durst aus vaterländischen Flüssen stillen. – Immer der gleiche Kreislauf!« erwiderte der Rüstmeister. Da vernahm man Hatteras' Stimme, der ihre Abweichung vom Wege berichtigte und diese Unterhaltung unterbrach. Der Nebel wurde dichter und erschwerte sehr die Einhaltung der geraden Richtung. Gegen acht Uhr Abends hielt die kleine Gesellschaft endlich an, nachdem sie fünfzehn Meilen zurückgelegt hatte. Das Wetter blieb fortwährend trocken; das Zelt wurde aufgeschlagen, der Wärmespender in Thätigkeit gesetzt, man aß, und die Nacht verlief ruhig. Hatteras und seine Genossen wurden von erwünschter Witterung begünstigt. Sie setzten ihre Reise auch an den folgenden Tagen ohne Schwierigkeiten fort, obgleich die Kälte äußerst streng wurde, so daß das Quecksilber im Thermometer gefroren blieb. Erhob sich noch Wind dazu, so hätte Keiner einer solchen Temperatur zu widerstehen vermocht. Der Doctor constatirte bei dieser Gelegenheit die Richtigkeit der Beobachtungen, welche Parry bei seiner Excursion nach der Insel Melville machte. Dieser berühmte Seefahrer stellt den Satz auf, daß ein genügend mit Kleidung versehener Mensch ungestraft bei größter Kälte in freier Luft verweilen kann, vorausgesetzt, daß diese Luft ruhig ist; sobald aber der leiseste Wind sich erhebt, fühle man im ganzen Körper einen brennenden Schmerz, und es erfolge unter heftigsten Kopfschmerzen bald der Tod. Der Doctor wurde denn auch gar nicht mehr recht ruhig, da er sich sagte, daß schon wenig Wind hinreiche, sie bis auf das Mark zu erstarren. Am 5. März beobachtete er eine in diesen Breiten nur seltene Erscheinung. Bei vollkommen reinem Himmel und schönstem Sternenglanze fiel, ohne daß nur eine Wolke sichtbar gewesen wäre, ein reichlicher Schnee. Die Sternbilder blieben durch die Flocken sichtbar, welche sich schön gleichmäßig niedersenkten. Das währte etwa zwei Stunden, ohne daß der Doctor sich über die Entstehungsursache eine befriedigende Rechenschaft zu geben vermochte. Auch das letzte Viertel des Mondes war nun vorüber; während siebenzehn Stunden von je vierundzwanzigen war es völlig dunkel; die Reisenden mußten sich durch Stricke verbinden, um einander nicht zu verlieren. Eine gerade Richtung des Weges war kaum einzuhalten. Nach und nach fingen die muthigen Leute, obwohl die eiserne Nothwendigkeit sie trieb, doch zu ermatten an. Sie machten öfter Halt, und durften doch, in Rücksicht auf die vorräthigen Nahrungsmittel, keine Stunde vergeuden. Nach der Stellung des Mondes und der Sterne bestimmte Hatteras häufig ihre Lage. Als aber nun ein Tag nach dem anderen verfloß und die Reise sich endlos zu verlängern schien, fragte er sich manchmal, ob denn der Porpoise wirklich noch existire; ob bei dem Amerikaner nicht etwa durch das, was er hatte ausstehen müssen, auch das Gehirn gelitten habe, oder ob er nicht gar, da er für sich doch keine Rettung sah, aus Haß gegen die englische Nation, auch sie einem gewissen Tode entgegenführen wolle. Er theilte dem Doctor seinen Verdacht mit; dieser theilte ihn keineswegs, aber es war ihm klar, daß zwischen dem englischen und dem amerikanischen Kapitän eine unselige Eifersucht Platz greife. »Diese beiden Männer werden schwerlich in gutem Vernehmen mit einander bleiben«, sprach er zu sich selbst. Am 14. März, und nach sechzehntägigem Marsche befanden sich die Reisenden immer noch erst unter'm zweiundachtzigsten Breitegrade; ihre Kräfte gingen zur Neige und noch hundert Meilen trennten sie von dem Fahrzeuge; ihre Leiden zu vervollständigen, mußten die Rationen auf ein Viertel herabgesetzt werden, um nur den Hunden ihr volles Futter zu sichern. Auf Jagdbeute konnte man leider auch nicht rechnen – sie waren nur noch mit sieben Schuß Pulver versehen und sechs Kugeln war ihr ganzer Vorrath. Auf mehrere weiße Hasen und einige Füchse, die übrigens beide nur selten zu sehen waren, hatte man, ohne zu treffen, geschossen. Freitags, am 15., war der Doctor so glücklich, eine Robbe zu entdecken, die auf dem Eise lag. Er verwundete sie durch mehrere Schüsse, und da das Thier durch sein schon zugefrorenes Loch nicht entwischen konnte, wurde es bald erreicht und erschlagen. Es war ein großes Exemplar; Johnson weidete es kunstgerecht aus, aber bei seiner außerordentlichen Magerkeit bot es den Reisenden nur wenig Nahrung, da sie sich nicht entschließen konnten, nach Art der Eskimos dessen Thran zu trinken. Der Doctor versuchte zwar mit aller Ueberwindung, diese widerliche Flüssigkeit zu verschlucken, aber er mußte trotzdem davon abstehen. Das Fell des Thieres hob er, ohne recht zu wissen wozu, nur so nach Jägergewohnheit, auf und barg es im Schlitten. Am Morgen des Sechzehnten entdeckte man einige höhere und niedrigere Eisberge am Horizont. War das ein Anzeichen der nahen Küste oder nur die Folge von Bewegungen des Eismeeres? Die Entscheidung hierüber war schwer. Einen dieser Spitzhügel benutzten die Reisenden, als sie dahin gelangt waren, um mit Hilfe der Eisklingen sich darin ein besseres Obdach, als das Zelt bot, auszuhöhlen, und nach drei Stunden unausgesetzter Arbeit konnten sie sich schon um den behaglichen Ofen lagern. Viertes Capitel. Der letzte Schuß Pulver. Johnson hatte auch die müden Hunde mit in das Eishaus geführt; bei reichlichem Schneefall bereitet dieser den Thieren eine Decke, die ihre natürliche Wärme zusammenhält. Aber jetzt wären die armen Thiere bei einer trockenen Kälte von fast vierzig Grad in freier Luft ohne Zweifel bald erfroren. Johnson, der sich viel mit dem Abrichten von Hunden beschäftigte, versuchte die Thiere mit dem schwärzlichen Robbenfleische, das ihnen widerstand, zu füttern, und zu seiner großen Freude schien das ihnen gar nicht übel zu munden, wovon er dem Doctor bald Nachricht gab. Dieser war gar nicht besonders erstaunt darüber; er wußte, daß sich im Norden Amerikas die Pferde vorwiegend von Fischen nähren, und was dem pflanzenfressenden Rosse genügte, das mußte wohl den fleisch- und pflanzenfressenden Hunden gelegen kommen. Bevor er sich niederlegte, wollte der Doctor, obschon der Schlaf den Reisenden, die sich wieder fünfzehn Meilen über das Eis geschleppt hatten, sich dringend geltend machte, ihnen ihre thatsächliche Lage klar machen, ohne den Ernst derselben herabzusetzen. »Wir sind erst unter'm zweiundachtzigsten Breitegrade, sagte er, und schon drohen uns die Lebensmittel zu fehlen. – Das ist ein Grund mehr, erwiderte Hatteras, um keinen Augenblick zu verlieren. Wir müssen vorwärts! Die Stärkeren mögen die Schwächeren fortziehen. – Werden wir an bezeichneter Stelle auch ein Schiff finden? fragte Bell, den die Strapazen der Reise trotz seiner Gegenwehr niederdrückten. – Warum sollten wir das bezweifeln? Das Heil des Amerikaners ist auch das unsere«, antwortete Johnson. Zu größerer Sicherheit wollte der Doctor noch einmal Altamont befragen; dieser sprach jetzt, wenn auch schwach, doch mit größerer Leichtigkeit; er bestätigte nur alle früher angegebenen Einzelheiten; er wiederholte, daß das auf felsigem Ufer gelagerte Fahrzeug seinen Ort nicht zu verändern im Stande sei, und daß es sich also bei hundertzwanzig Grad fünfzehn Minuten Länge und dreiundachtzig Grad fünfunddreißig Minuten Breite finden müsse. »Wir können an der Richtigkeit dieser Aussage nicht zweifeln; die Schwierigkeit wird nicht darin liegen, den Porpoise aufzufinden, sondern ihn nur zu erreichen. – Wie viel haben wir noch Proviant? fragte Hatteras. – Etwa noch für drei Tage. – Nun gut, so werden wir binnen drei Tagen dort ankommen müssen, sagte der energische Kapitän. – Freilich ist das nöthig, fuhr der Doctor fort, und wenn wir es durchführen, werden wir es dem Wetter zu danken haben, das uns ganz auffallend günstig war. Fünfzehn Tage sind wir von Schnee verschont geblieben, und der Schlitten glitt leicht über das feste Eis. O, daß wir nicht noch zwei Centner Nahrungsmittel haben, unsere braven Hunde wären dann leicht dieser Aufgabe gewachsen. Doch wir müssen uns wohl in's Unvermeidliche fügen. – Könnte man denn, entgegnete Johnson, nicht mit ein wenig Glück und Geschick die paar Schuß Pulver verwenden, welche uns noch blieben? Wenn wir einen Bären erlegten, wären wir für den ganzen Rest der Reise versorgt. – Ohne Zweifel, sagte der Doctor, aber diese Thiere sind selten und flüchtig. Und gerade, wenn man daran denkt, was von dem Erfolge eines Schusses Alles abhängt, zittert die Hand und versagt das Auge. – Sie sind doch ein tüchtiger Schütze, sagte Bell. – Ja, aber nur dann, wenn nicht die Beschaffung der Nahrung für vier Mann von meiner Fertigkeit abhängt; giebt es aber der Zufall, so will ich mein Bestes thun. Für jetzt, lieben Freunde, begnügen wir uns mit diesen dünnen Pemmicanschnitten und suchen zu schlafen. Morgen früh mag's weiter gehen.« Schon nach kurzer Zeit lagen Alle, von übermäßiger Müdigkeit bewältigt, trotz aller Gedanken, die sie beschäftigten, in tiefem Schlafe. Am Sonnabend darauf weckte Johnson frühzeitig; die Hunde kamen an den Schlitten und fort ging's nach Nordwesten. Der Himmel war prächtig, die Luft überaus rein, und die Temperatur sehr niedrig. Als die Sonne über dem Horizont erschien, hatte sie die Form einer langen Ellipse; ihr horizontaler Durchmesser erschien durch eine sonderbare Strahlenbrechung doppelt so groß als der verticale. Klar, aber kalt, schossen ihre Strahlenbündel über die ungeheure Eisebene. Schon diese Rückkehr zum Licht, wenn auch nicht zur Wärme, erfreute die Wanderer. Der Doctor schweifte, trotz Kälte und Verlassenheit, mit dem Gewehre eine bis zwei Meilen weit allein herum; vorher hatte er seine Munition sorgsam gemustert: er hatte nur noch vier Schuß Pulver und drei Kugeln, mehr nicht; und wie wenig war das, wenn man bedenkt, daß der starke und lebenszähe Eisbär oft erst auf den zehnten bis zwölften Schuß fällt. Der Ehrgeiz des Jägers war auch gar nicht auf ein so großes Wild gerichtet; nach einigen Hasen oder zwei bis drei Füchsen sehnte er sich aber doch, die dem Proviant einen erheblichen Zuwachs herbeigeführt hätten. Wenn er aber im Laufe dieses Tages ein derartiges Thier in Sicht bekam, konnte er ihm entweder nicht nahe genug kommen, oder es täuschte die Strahlenbrechung sein Auge, und er feuerte vergeblich; dieser Tag kostete ihm also eine vergeudete scharfe Ladung. Seine Gefährten, die schon voller Freude waren, als sie den Knall seines Gewehres hörten, sahen ihn gesenkten Kopfes zurückkehren; sie sprachen kein Wort darüber; man legte sich am Abend nieder wie gewöhnlich, nachdem noch die beiden letzten Viertelrationen sorgfältig zurückgelegt waren. Am folgenden Tage schien die Reise mehr und mehr beschwerlich zu werden. Man ging nicht mehr, man schleppte sich. Die Hunde hatten die Robbe bis auf die Eingeweide verzehrt und nagten schon wieder an dem Lederzeug. Einige Füchse trabten in ziemlich großer Entfernung vorbei, und nachdem der Doctor einmal, ohne zu treffen, darauf geschossen hatte, wagte er es nicht, seine letzte Kugel und vorletzte Pulverladung an dieses unsichere Ziel zu setzen. Abends machte man bei Zeiten Halt. Die Reisenden konnten kaum noch einen Fuß vor den andern setzen, und obschon der Weg durch ein prachtvolles Nordlicht erhellt war, mußten sie doch rasten. Die letzte Mahlzeit am Sonntag Abend wurde in trauriger Stimmung eingenommen. Wenn der Himmel ihnen jetzt nicht beistand, waren sie verloren. Hatteras sprach nicht; Bell dachte wohl gar nicht mehr; Johnson brütete still vor sich hin; nur der Doctor verzweifelte noch nicht. Johnson hatte den Einfall, für die Nacht einige Fallgruben anzulegen, da er aber keine Lockspeise hineinzulegen hatte, versprach er sich selbst nicht viel davon; er täuschte sich darin nicht; denn als er am Morgen darauf nachsah, fand man wohl Spuren von Füchsen, aber keiner von den Schlauköpfen war in die leere Falle gegangen. Er kam sehr entmuthigt zurück, als er einen sehr großen Bären bemerkte, der den Schlitten in einer Entfernung von etwa hundertfünfzig Schritten witterte. Dem alten Seemann kam der Gedanke, es habe ihn die Vorsehung bestimmt, diese unerwartete Beute zu erlegen; ohne seine Gefährten zu wecken, bemächtigte er sich der Flinte des Doctors und war dem Thiere bald zur Seite. Als er in Schußweite war, legte er an, doch als er schon den Drücker berühren wollte, fühlte er seinen Arm zittern; seine großen Fellhandschuhe behinderten ihn auch; schnell zog er sie aus und ergriff das Gewehr mit sicherer Hand. Plötzlich entfuhr ihm ein Schmerzensschrei; seine Finger klebten vermöge der Kälte des Laufes an diesem, während gleichzeitig die Waffe zu Boden fiel, sich entlud und die letzte Kugel in die Luft jagte. Durch den Knall aufgescheucht, lief der Doctor herzu; er durchschaute Alles; das aufgeschreckte Thier trottete ruhig von dannen. Johnson verzweifelte und dachte gar nicht mehr an seine eigenen Leiden. »Ich bin doch eine rechte Memme! rief er aus, ein Kind, das nicht den geringsten Schmerz ertragen kann. O Jammer! Was bin ich so alt geworden! – Halloh, Johnson, sagte da der Doctor, kommen Sie herbei; Sie werden erfrieren. Da, Ihre Hände sind schon ganz weiß, kommen Sie, kommen Sie! – Ich bin Ihrer Besorgniß nicht werth, Herr Clawbonny, erwiderte der Rüstmeister, lassen Sie mich nur! – Aber so kommen Sie doch, Sie Starrkopf! Kommen Sie! Es könnte bald zu spät sein.« Der Doctor mußte den grauen Seemann bis unter das Zelt fortziehen, wo er ihn die Hände in ein Gefäß mit Wasser halten ließ, das zwar der Ofen aus Eisstücken zusammengeschmolzen, aber noch nicht erwärmt hatte; aber kaum waren Johnson's Hände darin, als auch schon das Wasser, wo es sie berührte, gefror. »Sie sehen, daß es höchste Zeit war, hereinzukommen, sagte der Doctor, sonst hätte ich in die Lage kommen können, Sie zu amputiren.« Dank seiner Pflege war nach etwa einer Stunde jede Gefahr vorüber, aber doch hatte es wiederholter Abreibungen bedurft, das Blut in den Händen des alten Seemanns wieder in Umlauf zu bringen. Der Doctor empfahl ihm noch besonders, die Hände nicht dem warmen Ofen zu nähern, was nicht ohne sehr üble Folgen geblieben sein würde. An diesem Morgen nun mußte man das Frühstück entbehren; Pemmican oder Salzfleisch – Nichts war mehr da; keine Schnitte Zwieback. Kaum noch ein halbes Pfund Kaffee. Man mußte sich wohl oder übel mit diesem erwärmenden Getränk begnügen, und setzte sich dann in Marsch. »Nun sind wir am Ende! sagte Bell zu Johnson im Tone der Verzweiflung. – Vertrauen wir Gott! erwiderte der alte Seemann, er ist allmächtig genug, uns zu retten. – O, dieser Kapitän Hatteras! Von seinen früheren Zügen ist er wohl zurückgekehrt, der Verblendete! Von diesem kehrt er niemals wieder, und auch wir werden die Heimat nicht mehr sehen. – Muth, Bell! Ich gebe zu, daß der Kapitän ein Waghals ist, aber neben ihm ist noch ein anderer Mann, der nie um einen Ausweg verlegen ist. – Der Doctor Clawbonny? fragte Bell. – Derselbe, antwortete Johnson. – Was vermag er in unserer Lage zu thun? erwiderte Bell mit Achselzucken. Wird er die Eisschollen in Fleisch verwandeln können? Ist er ein Gott, der Wunder thut? – Wer weiß es! setzte Johnson allen Zweifeln seines Gefährten entgegen. Ich wenigstens habe Vertrauen zu ihm.« Bell zog den Kopf ein und versank wieder gedankenlos in düsteres Schweigen. Drei Meilen legte man an diesem Tage zurück; zum Abend gab es – Nichts zu essen; die Hunde drohten einander aufzufressen, und nur mit Mühe kämpften die Menschen den nagenden Hunger nieder. Kein Thier war sichtbar. Was hätte es auch genützt? Man konnte nur noch mit dem Messer jagen. Nur Johnson glaubte, etwa eine Meile unter dem Winde, den Bär zu bemerken, welcher der unglücklichen Gesellschaft nachtrabte. »Der lauert uns auf, sagte er sich, er hält uns schon für eine sichere Beute!« Gegen seine Genossen sprach sich Johnson nicht darüber aus; Abends machte man wie gewöhnlich Halt. Die ganze Abendmahlzeit bestand aus Kaffee. Die Unglücklichen bemerkten, wie ihre Augen sich trübten und ihr Gehirn eingenommen wurde; gepeinigt von wüthendem Hunger vermochten sie keine Stunde Schlaf zu finden; wilde und schmerzliche Träume betäubten ihren Geist. Unter einem Breitegrade, wo der Körper um so gebieterischer eine kräftigere Kost verlangt, hatten die Unglücklichen nun, am Mittwoch Morgen, seit sechsunddreißig Stunden Nichts gegessen. Mit fast übermenschlicher Anstrengung nahmen sie doch ihren Weg wieder auf und drückten noch den Schlitten vorwärts, den die Hunde nicht mehr zu ziehen vermochten. Nach zwei Stunden sanken sie erschöpft zusammen. Hatteras wollte noch weiter gehen. Er, der immer Energische, wandte alle Vorstellungen, alle Bitten an, auch seine Genossen dazu zu bewegen, aufzustehen, – vergeblich! Das hieß auch etwas Unmögliches verlangen. Mit Hilfe Johnson's arbeitete er noch eine Höhle in einem Eisberge aus. Es sah aus, als ob die beiden Männer ihr Grab grüben. »Vor Hunger will ich wohl sterben, sagte Hatteras, aber nicht vor Kälte.« Nach unendlicher Anstrengung war das Obdach fertig, und alle begaben sich hinein. So verging der Tag. Am Abend, während Alle schliefen, hatte Johnson eine Art Wahngesicht; er träumte von gigantischen Bären. Dieses von ihm öfter wiederholte Wort erregte endlich die Aufmerksamkeit des Doctors, der, aus seiner halben Betäubung erwacht, den alten Seemann fragte, warum er immer von Bären, und von welchem er denn spreche. »Von dem Bären, der uns folgt, erwiderte Johnson. – Ein Bär, der uns folgt? wiederholte der Doctor. – Ja, seit zwei Tagen! – So lange schon? Haben Sie ihn wirklich gesehen? – Ja, er hält sich etwa eine Meile unter dem Winde. – Und davon haben Sie mir Nichts gesagt, Johnson? – Was hätte es genützt? – Das ist wahr, sagte der Doctor, wir können keine Kugel nach ihm jagen. – Ja, wir haben auch keinen Spieß, kein Stück Eisen, nicht einmal einen Nagel!« setzte der Seemann hinzu. Nachdenklich schwieg der Doctor. Bald sagte er zum Rüstmeister: »Sie sind also sicher, daß das Thier uns nachfolgt? – Ja, Herr Clawbonny, das wartet auf ein Gericht Menschenfleisch; es weiß, daß wir ihm nicht entgehen. – Johnson! rief der Doctor, erregt von dem verzweifelten Tone des Gefährten. – Seine Nahrung ist ihm sicher, erwiderte der Arme, dem schon der Geist irre wurde; es wird hungrig sein, und ich sehe nicht ein, warum wir es warten lassen! – Johnson, beruhigen Sie sich! – Nein, Herr Clawbonny, da wir doch einmal dazu kommen müssen, warum sollen wir das Thier länger leiden lassen? Das hat Hunger, so gut wie wir, und es hat keine Robbe zu verzehren! Der Himmel sendet ihm Menschen, desto besser für den Bären!« Der alte Johnson wurde närrisch, er schickte sich schon an, das Eishaus zu verlassen. Der Doctor hatte alle Mühe, ihn zurückzuhalten, und wenn ihm das gelang, so dankte er es nicht seinen Leibeskräften, sondern folgenden Worten, die er ihm aus des Herzens Ueberzeugung zurief: »Morgen werde ich den Bären erlegen! – Morgen, sagte Johnson, der aus einem schweren Traume zu erwachen schien. – Morgen! – Sie haben keine Kugel! – Ich werde eine machen. – Sie haben kein Blei! – Nein, aber Quecksilber.« Nach diesen Worten ergriff der Doctor das Thermometer. Es zeigte jetzt im Eishause fünfzig Grad über Null (+10° hunderttheilig). Der Doctor ging hinaus, legte das Instrument auf eine Eisscholle, und kam bald wieder herein. Die äußere Temperatur war fünfzig Grad unter Null (-46° hunderttheilig). »Also auf morgen, sagte er zu dem alten Seemanne. Jetzt schlafen Sie und erwarten ruhig den Sonnenaufgang.« Unter den Qualen des Hungers verstrich die Nacht; nur der Rüstmeister und der Doctor konnten sie durch einen schwachen Hoffnungsschimmer etwas mildern. Beim ersten Tageslichte machte sich der Doctor, dem Johnson folgte, schon hinaus und lief zum Thermometer. Alles Quecksilber hatte sich in das untere Gefäß zurückgezogen und bildete einen compacten Cylinder. Der Doctor zerbrach das Instrument und zog daraus, mit Handschuhen wohl bedeckt, ein wirkliches, kaum hämmerbares Stück Metall hervor, einen wahren Barren. »O, Herr Clawbonny, rief der Rüstmeister erfreut, das ist wunderbar! O, Sie sind ein großer Mann! – Nein, lieber Freund, ich bin eben nur ein Mensch mit gutem Gedächtniß, der viel gelesen hat. – Was wollen Sie damit sagen? – Ich erinnerte mich eben einer Bemerkung des Kapitän Roß aus dessen Reiseberichte. Er hatte ein zolldickes Brett mit einer Kugel aus gefrorenen Quecksilber durchschossen; hätte ich Oel bei der Hand gehabt, so hätte das fast dasselbe gethan, denn er erzählt auch, daß eine Kugel aus süßem Mandelöl, natürlich aus gefrorenem, gegen einen Pfahl abgeschossen, denselben aufsplitterte und unzerbrochen zur Erde zurückprallte. – Das ist unglaublich! – Aber es ist doch so, Johnson. Da, dieses Stück Metall kann uns möglicher Weise das Leben retten; lassen wir es bis zum Gebrauche an der Luft liegen und sehen zu, ob uns der Bär nicht bereits verlassen hat.« In diesem Augenblicke trat Hatteras aus der Hütte, der Doctor zeigte ihm den kleinen Barren Quecksilber und theilte ihm den Gebrauch mit, den er davon machen wolle; der Kapitän drückte ihm schweigend die Hand, und die drei Jäger brachen auf. Das Wetter war ganz klar. Hatteras war seinen Genossen vorausgeeilt und entdeckte den Bären auf etwa achtzehnhundert Schritt. Das Thier hatte sich niedergesetzt; langsam bewegte es den Kopf und schnüffelte die ungewohnten Ausdünstungen seiner Wirthe ein. »Da ist er! rief der Kapitän. – Stille!« sagte der Doctor. Aber als der große Vierfüßler die sich Nähernden sah, fiel es ihm gar nicht ein, von der Stelle zu weichen. Ohne Schrecken und auch ohne Wuth sah er sie an. Dennoch war es nicht leicht, sich ihm genügend zu nähern. »Meine Freunde, sagte Hatteras, es handelt sich jetzt hier nicht um ein bloßes Vergnügen, sondern um die Rettung unseres Lebens. Also handeln wir mit Klugheit! – Ja, erwiderte der Doctor, wir haben nur einen Flintenschuß. Wir dürfen nicht fehlen; entflieht das Thier, so ist es für uns verloren, da es wohl einen Windhund im Laufe überholt. – Also müssen wir gerade darauf losgehen. Das Leben gilt es, sagte Johnson, doch was thut das jetzt – ich will das meine daran wagen. – Nein ich! rief der Doctor. – Das thue ich, sagte einfach Hatteras. – Nein, nein, stritt Johnson dagegen, sind Sie nicht für das Wohl Aller nützlicher, als ich alter Mann? – Nein, Johnson, erwiderte der Kapitän, laßt mich nur machen. Ich werde mein Leben nicht unnöthig auf's Spiel setzen; es ist sogar möglich, daß ich Euch zu Hilfe rufen muß. – Hatteras, fragte der Doctor, wollen Sie wirklich dem Bären zu Leibe gehen? – Wär' ich nur sicher, ihn zu erlegen, so thät' ich's, wenn er mir auch den Schädel zerschlüge! Aber, wenn ich nahe komme, reißt er wohl aus. Es ist ein sehr listiges Thier, und wir müssen ihn überlisten. – Was denken Sie zu thun? – Ich will versuchen, mich ihm auf zehn Schritte zu nähern, ohne daß er mich bemerkt. – Und wie das? – Das Mittel ist kühn, aber einfach. Sie haben doch das Fell von der Robbe aufgehoben, die Sie erlegt haben? – Es ist auf dem Schlitten. – Gut, so wollen wir jetzt zurückkehren, während Johnson auf Wache bleibt.« Der Rüstmeister glitt hinter einen Spitzhügel, der ihn den Blicken des Bären vollkommen entzog. Dieser aber blieb ruhig auf seinem Platze und schnüffelte arglos weiter. Fünftes Capitel. Robbe und Bär. Hatteras und der Doctor kehrten nach der Hütte zurück. »Sie wissen, sagte der Erstere, daß die Polarbären gern auf Robben Jagd machen, da sie ihnen vornehmlich als Nahrung dienen. Ganze Tage lauern sie denselben an Eisspalten auf, und erwürgen sie, sobald sie zu Tage kommen, zwischen ihren gewaltigen Tatzen. Ein Bär wird also bei der Erscheinung einer Robbe nicht erschrecken, sondern im Gegentheil darauf losgehen. – Ich erkenne Ihre Absicht, sagte der Doctor, doch ist sie nicht ohne Gefahr. – Aber erfolgversprechend, antwortete der Kapitän, also muß sie ausgeführt werden. Ich werde dieses Robbenfell umhängen und auf dem Eise hinkriechen. Wir wollen keine Zeit verlieren. Laden Sie mir Ihr Gewehr.« Was sollte der Doctor dagegen sagen? Er hätte ja dasselbe gethan, was sein Gefährte jetzt vorhatte. Er nahm zwei Beile, eins für Johnson, das andere für sich, verließ das Haus und begab sich mit Hatteras nach dem Schlitten. Dort machte Hatteras Jagdtoilette, d. h. er kroch in das Robbenfell, das ihn fast vollständig verhüllte. Unterdessen lud der Doctor die Flinte mit dem letzten Pulverreste, und setzte das Quecksilbergeschoß auf, das so hart wie Eisen und schwerer als Blei war. Hatteras, dem er die Waffe übergab, verbarg sie unter dem Felle. »So, nun gehen Sie mit zu Johnson, ich werde eine kurze Zeit zurückbleiben, um meinen Gegner irre zu führen. – Nun Muth, Hatteras! sagte der Doctor. – Seien Sie ohne Sorgen, und jedenfalls lassen Sie sich nicht sehen, bevor ich geschossen habe.« Schnell war der Doctor hinter dem Eishügel, der Johnson verbarg. »Nun? fragte dieser. – Nur etwas Geduld, Hatteras wagt sein Leben, um uns zu retten.« Der Doctor war selbst aufgeregt, er sah den Bären sich unruhig bewegen, als ob ihn eine nahe Gefahr bedrohe. Nach einer kleinen Viertelstunde kroch die vermeintliche Robbe auf dem Eise daher; sie hatte einen Umweg um große Eisblöcke herum genommen, um den Bären desto sicherer zu täuschen; jetzt war sie noch dreihundert Fuß von diesem entfernt. Er bemerkte sie, stellte sich auf die Füße und suchte sich offenbar zu verbergen. Hatteras ahmte mit großem Geschick die Bewegungen einer Robbe nach, und wenn ihm dies vielleicht auch nicht vollständig gelang, so ließ sich der Gegner doch davon täuschen. »Da ist sie! Da ist sie!« sagte Johnson leise. Die Robbe, die sich nun leise nach der Seite des Thieres heranschlich, schien dasselbe gar nicht zu bemerken; sie schien einen Spalt zu suchen, um in ihr nasses Element zurückzukehren. Der Bär seinerseits schlich sich um einige Eisschollen und näherte sich ihr mit größter Vorsicht, doch aus seinen flammenden Augen sprach die brennende Begierde; seit einem, vielleicht seit zwei Monaten fastete er wohl, und jetzt warf ihm der Zufall eine sichere Beute in den Weg. Nur zehn Schritte noch war die Robbe von ihrem Feinde entfernt; – dieser raffte sich auf, machte einen gewaltigen Sprung und blieb voll Staunen und Schrecken drei Schritte vor Hatteras stehen, der das Fell abgeworfen hatte und auf den Knieen liegend schon nach des Bären Herzen zielte. Der Schuß krachte – das Ungethüm wälzte sich auf dem Eise. »Vorwärts! Vorwärts!« schrie der Doctor. Von Johnson gefolgt, eilte er nach dem Kampfplatze. Das große Thier hatte sich wieder aufgerichtet, focht mit der einen Tatze in der Luft, und raffte mit der anderen Schnee auf, den es auf seine Wunde schob. Hatteras, ohne zu straucheln, wartete mit dem Messer in der Hand. Aber er hatte trefflich gezielt und mit sicherer Hand jenem eine gut sitzende Kugel zugesendet. Schon bevor seine Leute eintrafen, hatte er auch sein Messer dem Unthier bis an's Heft in die Kehle gestoßen, das nun vollends umfiel, um sich nicht wieder zu erheben. »Sieg! Sieg! rief Johnson, und – Hurrah! Hurrah!« der Doctor. Hatteras betrachtete in aller Gemüthsruhe mit gekreuzten Armen den gigantischen Körper. »Nun habe ich zu thun, sagte Johnson. Es war zwar die Hauptsache, das Stück Wild abzuthun, aber wir wollen nicht warten, bis es zu Stein gefroren ist, dann möchten unsere Zähne und unsere Messer nicht viel damit anfangen können.« Johnson begann demnach das große Thier abzuhäuten, welches an Größe fast einem Stiere gleich kam; es hatte neun Fuß in der Länge bei sechs Fuß Umfang; zwei tüchtige Fangzähne von drei Zoll Länge starrten aus seinen Kiefern. Als Johnson den Bären öffnete, fand er nur Wasser in dessen Magen; offenbar hatte er seit langer Zeit Nichts gefressen; dennoch war er reichlich fett und wog über fünfzehnhundert Pfund. In vier Theile zertheilt lieferte jedes zweihundert Pfund Fleisch, und freudig schleppten die Jäger diese Fleischmasse nach der Eishütte, ohne das Herz des Thieres zu vergessen, das drei Stunden vorher noch kräftig geschlagen hatte. Des Doctors Genossen hätten sich gerne sogleich auch auf das rohe Fleisch gestürzt, aber dieser hielt sie zurück, bis dasselbe geröstet sein werde. Als Clawbonny in das Eishaus zurückkehrte, fiel es ihm auf, daß es darin so kalt war; das Feuer im Ofen fand er denn auch vollkommen erloschen. Die Beschäftigungen am frühen Morgen und die darauf folgenden erregten Scenen hatten Johnson, dem das Nachlegen eigentlich zukam, seine Pflichten versäumen lassen. Der Doctor wollte das Feuer wieder entzünden, aber er fand auch kein Fünkchen mehr in der kalten Asche. »Nun denn, etwas Geduld«, sagte er für sich. Er ging nach dem Schlitten, um Feuerschwamm zu holen, und verlangte von Johnson dessen Stahl und Stein. »Der Ofen ist erloschen! sagte er. – Ei, daran bin ich Schuld«, erwiderte Johnson. Dieser suchte nun das Feuerzeug in der Tasche, in der er es immer trug, und wunderte sich, es nicht darin zu finden; er visitirte auch seine anderen Taschen vergebens; im Hause wandte er seine Lagerstätte nach allen Seiten um – vergebens. »Nun?« fragte der Doctor. Johnson kam zurück und sah seine Gefährten an. »Ja das Feuerzeug, haben Sie es nicht etwa, Herr Clawbonny? – Nein, Johnson. – Auch Sie nicht, Kapitän? – Nein, erwiderte Hatteras. – Sie haben es doch immer selbst gehabt, sagte der Doctor. – Ja wohl! Aber ich habe es nicht mehr ... murmelte erblassend der alte Seemann. – Nicht mehr?!« rief der Doctor, der unwillkürlich erzitterte. Es war kein anderes Feuerzeug vorhanden und der Verlust jenes einzigen konnte sehr üble Folgen haben. »Suchen Sie ordentlich, Johnson«, mahnte der Doctor. Dieser lief nach dem Schollenhaufen, von dem aus er den Bär beobachtet hatte; dann nach der Stelle, wo der Bär getödtet wurde und er ihn ausgeweidet hatte. Aber verzweifelnd kam er mit leerer Hand zurück. Hatteras sah ihn an, ohne ihm jedoch irgend welchen Vorwurf zu machen. »Das ist bitter, sagte er zum Doctor. – Ja wohl, erwiderte dieser. – Wir haben nun gar kein Instrument, nicht einmal ein Fernrohr, aus dem wir eine Linse nehmen könnten, um uns Feuer zu machen. – Ich weiß es, meinte der Doctor, und das ist besonders traurig, da die Sonnenstrahlen leicht hinreichen würden, um mit ihrer Hilfe Schwamm zu entzünden. – Nun, sagte Hatteras, so werden wir unseren Hunger mit rohem Fleische stillen müssen; dann nehmen wir den Marsch wieder auf und suchen das Fahrzeug zu erreichen. – Ja, sagte der Doctor nachdenklich, das wäre der letzte Ausweg. Aber warum? – Man könnte versuchen ... – Woran denken Sie? fragte Hatteras. – Da kommt mir ein Gedanke ... – Ein Gedanke! rief Johnson erfreut, ein Gedanke von Ihnen! O, dann ist uns geholfen. – Ob er ausführbar sein wird, versetzte der Doctor, ist freilich noch eine Frage. – Was denken Sie zu thun, sagte Hatteras. – Wir haben keine Brennlinse, nun gut, so werden wir eine machen müssen. – Was? fragte erstaunt Johnson. – Von einem Stück Eis, das wir zuschneiden. – Wie? Sie glauben ...? – Warum nicht? Es kommt ja nur darauf an, die Sonnenstrahlen auf einen Punkt zu sammeln, und dazu kann uns Eis so gut dienen, wie der schönste Krystall. – Ist das möglich? sagte Johnson. – Gewiß; ich hätte nur gern Süßwassereis dazu, das ist durchsichtiger und härter. – Nun, wenn ich mich nicht täusche, sagte Johnson, indem er nach einem kaum hundert Schritte entfernten Spitzhügel wies, so verräth jener dunklere Block mit grünlichem Schimmer ... – Ja wohl, Sie haben Recht; kommen Sie, Freunde, und Sie, Johnson, nehmen das Beil mit.« Die drei Männer verfügten sich nach dem Schollenhaufen, den sie wirklich aus Süßwassereis bestehend fanden. Der Doctor ließ ein Stück von etwa einem Fuß Durchmesser ablösen, das er erst im Groben mit dem Beil, später mit dem Eismesser bearbeitete; endlich polirte er es noch nach und nach mit Hilfe der Hand und erhielt so eine große durchsichtige Linse, die mit dem besten Krystall wetteiferte. Dann ging er vor den Eingang des Hauses, nahm ein Stück Zündschwamm und begann sein Experiment. Die Sonne stand in reinstem Glanze am Himmel; der Doctor hielt seine Eislinse in geeigneter Lage gegen ihre Strahlen, welche er auf dem Schwamme sammelte. In wenigen Secunden schon fing dieser Feuer. »Hurrah! Hurrah! rief Johnson aus der kaum seinen Augen traute. O, Herr Clawbonny! Herr Clawbonny!« Der alte Seefahrer konnte seine Freude gar nicht zügeln; wie närrisch lief er hin und her. Der Doctor war in's Haus zurückgegangen; in wenigen Minuten prasselte es im Ofen und bald weckte der köstliche Geruch eines Rostbratens auch Bell aus seinem Halbschlafe. Es versteht sich wohl, daß mit dieser Mahlzeit ein wahres Fest gefeiert wurde, doch rieth der Doctor seinen Genossen, ihre Begierde zu mäßigen, ging ihnen selbst mit gutem Beispiele voran und sprach noch beim Essen also: »Wir haben heute einen Glückstag und ausreichende Provision bis zu Ende der Fahrt. Dennoch dürfen wir uns nicht durch lucullische Mahle einschläfern, sondern werden gut thun, bei Zeiten wieder aufzubrechen. – Vom Porpoise können wir nur noch gegen achtundvierzig Stunden entfernt sein, sagte Altamont, der mehr und mehr der Sprache wieder Herr wurde. – Ich hoffe, wir finden da Etwas, um Feuer machen zu können, bemerkte lächelnd der Doctor. – Gewiß, erwiderte der Amerikaner. – Wenn mein Brennglas aus Eis auch ganz gut ist, so dürfte es an sonnenlosen Tagen doch den Dienst versagen, und solche Tage sind kaum sechs Grad vom Pole nicht eben selten. – Wahrlich, seufzte Altamont, kaum sechs Grade! Mein Schiff ist soweit hinausgekommen, wie vor ihm noch kein anderes. – Brechen wir auf! befahl Hatteras kurz. – Ja, vorwärts!« wiederholte der Doctor, der mit unruhigem Blicke die beiden Kapitäne musterte. Schnell hatten die Reisenden ihre Kräfte wieder gewonnen; die Hunde waren reichlich mit den Abfällen vom Bären gefüttert worden, und muthig wandte man sich wieder gen Norden. Unterwegs versuchte der Doctor von Altamont einigen Aufschluß über den Zweck seiner Reise, die ihn soweit nach dem Pole geführt hatte, zu erhalten; doch der Amerikaner gab nur ausweichende Antworten. »Da giebt es zwei Männer zu überwachen, sagte Clawbonny dem alten Rüstmeister in's Ohr. – Ja wohl! bestätigte Johnson. – Hatteras hat nie ein Wort für den Amerikaner, und dieser scheint auch wenig erkenntlich zu sein. Zum Glücke bin ich noch zur Vermittlung da. – Herr Clawbonny, antwortete Johnson, seit dieser Yankee wieder lebendig geworden ist, verspricht mir seine Miene nicht viel Gutes! – Entweder täusche ich mich arg, versetzte der Doctor, oder er muthmaßt unseres Hatteras' Zwecke. – Glauben Sie, daß der Fremde die nämlichen Absichten gehabt hat, wie wir? – Wer weiß es? Johnson! Die Amerikaner sind unternehmend und kühn, und was ein Engländer ausführen wollte, konnte Jener ja wohl auch versuchen. – Sie glauben, daß Altamont ...? – Ich glaube gar Nichts, fiel der Doctor ein, aber die Lage seines Schiffes auf dem Wege zum Pole giebt doch zu denken. – Altamont sagt aber, er sei wider Willen dahin verschlagen worden. – Ja, er sagte es, aber er schien mir dabei verstohlen zu lächeln. – Zum Teufel! Herr Clawbonny, eine Rivalität zwischen zwei Männern dieses Schlages könnte unter unseren Umständen eine schlimme Sache werden. – Gott gebe, daß ich mich täusche, Johnson, aber das kann schwere Verwickelungen nach sich ziehen, die vielleicht gar zu gewaltsamer Lösung führen. – Hoffentlich wird Altamont nie vergessen, daß wir ihm das Leben gerettet haben. – Und er jetzt uns, nicht wahr? Ich gebe zu, daß er ohne unsere Hilfe jetzt nicht mehr lebte, was wäre aber ohne ihn, ohne sein Schiff, und die Hilfsquellen, die es birgt, aus uns geworden? – Nun, Herr Clawbonny, Sie sind ja bei der Hand; Sie werden hoffentlich Alles zum Besten lenken. – Ich hoffe es wenigstens auch, Johnson.« Der Marsch ging ohne besondern Zwischenfall weiter; Bärenfleisch gab es ja genug, und so hielt man reichliche Mahlzeiten. Durch des Doctors Scherze und seine liebenswürdige Weltanschauung belebte sogar ein gewisser Humor die kleine Truppe. In seinem wissenschaftlichen Quersack fand er immer Anknüpfungspunkte, aus Dem und Jenem Belehrungen abzuleiten. Seine Gesundheit blieb immer gut; trotz aller Anstrengungen und Entbehrungen war er nicht besonders abgemagert; an der unverwüstlich guten Laune hätten ihn seine Freunde in Liverpool allemal wieder erkannt. Als der Sonnabend Morgen herankam, änderte sich die Natur der ungeheuern Eiswüste merklich. Uebereinander geworfene Schollen, einzelne häufigere Erhöhungen und Spitzhügel bewiesen, daß das Eisfeld hier unter den Einwirkungen anderer Elementarkräfte stand; offenbar hatte ein unbekanntes Land, vielleicht eine neue Insel, hier das Fahrwasser verengt und dadurch jenes Durcheinander erzeugt. Blöcke von Süßwassereis, die häufiger und größer sich fanden, deuteten auch auf eine nahe Küste. Sicher existirte in geringer Entfernung noch ungesehenes Land, und der Doctor brannte vor Begierde, die Karten der Umgebungen des Nordpols mit dessen Einzeichnung zu bereichern. Man kann sich wohl vorstellen, welches Vergnügen es gewähren muß, unerforschte Küsten aufzunehmen und mit dem Bleistifte ihre Form und Lage zu fixiren; das war, während Hatteras nur seinen Fuß auf den Pol der Erde setzen wollte, des Doctors Absicht, und mit Freude dachte er schon im Voraus an die Namen, die er den Meeren und Meerengen, den Baien und kleineren Einbuchtungen des neuen Continentes verleihen würde. Sicher würde er in diesem glorreichen Verzeichniß weder seine Gefährten, noch seine Freunde, »Ihre huldreiche Majestät« oder die königliche Familie vergessen, aber auch sich selbst wollte er nicht ganz übergehen, und bereits sah er mit einer gewissen berechtigten Befriedigung auch schon etwa ein »Cap Clawbonny« vor seinem geistigen Auge. Den ganzen Tag über fesselten ihn derlei Gedanken. Abends wurde das Nachtquartier in gewohnter Weise bereitet, und Alle nach der Reihe thaten ihre Wache, in der letzten Nacht vielleicht, die sie vor der Entdeckung eines neuen Continentes verbrachten. Am folgenden Tage, dem Sonntage, zogen die Reisenden nach einem tüchtigen Frühstück von Bärentatzen, welche vortrefflich mundeten, weiter nach Norden mit etwas Abweichung nach Westen; zwar wurde der Weg beschwerlicher, doch schritt man rasch vorwärts. Mit fieberhafter Anspannung beobachtete Altamont von dem Schlitten aus den Horizont. Seine Gefährten waren ebenso die Beute einer unwillkürlichen Unruhe. Die letzten Sonnenbeobachtungen hatten genau eine Breite von 83°35' und einer Länge von 120°15' ergeben. Das war der Punkt, wo das amerikanische Schiff sich finden sollte; die Entscheidung zwischen Leben oder Tod mußte also noch diesen Tag fallen. Endlich, es war gegen Nachmittags zwei Uhr, brachte Altamont durch einen wiederhallenden Aufschrei die kleine Gesellschaft zum Stillstande. Er hatte sich ganz aufgerichtet, und mit den Fingern nach einer weißen Masse zeigend, die jeder Andere freilich noch mit den benachbarten kleinen Eisbergen verwechselt hätte, rief er laut hinaus: »Der Porpoise!« Sechstes Capitel. Der Porpoise. Der 24. März war der Tag jenes hohen Festes, des Palmsonntags, an dem die Straßen der Dörfer und Städte des südlicheren Europas mit Blumen und Blättern überstreut sind; dann klingen die Glocken durch die Lüfte und die Atmosphäre füllt sich mit köstlichem Wohlgeruch. Welch' trostloses Schweigen herrschte dagegen hier, in diesem verlassenen Lande! Ein scharfer, fast schmerzender Wind fegte darüber hin, aber kein abgefallenes Blatt, kein Grashälmchen wehte er daher. Und dennoch war dieser Sonntag ein Freudentag für unsere Reisenden, denn endlich hatten sie Ersatz für die ihnen entzogenen Hilfsmittel gefunden, deren Mangel so nahe daran gewesen war, ihnen ein trauriges Ende zu bereiten. Sie verdoppelten ihre Schritte; die Hunde zogen kräftiger, freudig bellte Duk und bald erreichten sie das amerikanische Schiff. Der Porpoise war total in Schnee begraben. Man sah an ihm weder Masten, noch Raaen oder Tauwerk. Sein ganzes Takelwerk hatte der Schiffbruch zerstört; zwischen nicht sichtbaren Felsen lag der Rumpf desselben eingezwängt. Durch die Gewalt des Stoßes war das Fahrzeug auf die Seite gelegt und der geöffnete Schiffsraum versprach als Wohnung wenig Behaglichkeit. Hiervon überzeugten sich der Kapitän, der Doctor und Johnson bald, als sie nicht ohne Mühe in das Innere desselben gedrungen waren; über fünfzehn Fuß Eis waren wegzuschaffen, bevor sie zu den Vorrathsräumen gelangten; zur Freude Aller sah man aber, daß die wilden Thiere, von denen sich zahlreiche Spuren fanden, nicht zu dem ihnen besonders wichtigen Proviant gelangt waren. »Wenn wir hier nur, sagte Johnson, Feuerung und Lebensmittel genug haben, als Wohnung scheint mir dieser Rumpf nicht besonders tauglich. – Nun wohl, dann werden wir ein Eishaus bauen, meinte Hatteras, und uns auf diesem Lande so gut als möglich einrichten. – Gewiß, erwiderte der Doctor, aber nur keine Ueberstürzung. Zur Noth können wir vorläufig immerhin in dem Schiffe wohnen; unterdessen errichten wir ein solides Haus, das uns gegen den Frost und den Angriff wilder Thiere schützt. Ich werde den Architekten abgeben und Sie sollen mich bald bei der Arbeit sehen. – Ich bezweifle gar nicht Ihr Geschick dazu, Herr Clawbonny, sagte Johnson; doch für jetzt richten wir uns hier nach besten Kräften ein, und könnten eine Umschau halten über das, was noch in dem Schiffe da ist; leider sehe ich weder ein kleineres noch ein größeres Boot, und diese Reste sind in zu schlechtem Zustande, um daraus ein kleines Fahrzeug zu bauen. – Wer weiß! entgegnete der Doctor, kommt Zeit, kommt Rath! Jetzt handelt es sich aber nicht darum, zu Schiffe zu gehen, sondern eine dauernde Wohnung zu beschaffen. Ich schlage also vor, vorläufig alle anderen Projecte fallen zu lassen, und jedes Ding zu seiner Zeit zu thun. – Weise gesprochen! bestätigte Hatteras; laßt uns mit dem Nöthigsten anfangen.« Die drei Gefährten verließen also das Schiff, gingen zum Schlitten und theilten Bell und dem Amerikaner ihre Absichten mit; Bell war gleich bereit, an's Werk zu gehen; der Amerikaner schüttelte den Kopf, als er hörte, daß mit seinem Schiffe nichts anzufangen sei; da aber weitere Auseinandersetzungen darüber jetzt doch fruchtlos gewesen wären, hielt man sich daran, vorläufig ein Obdach im Porpoise zu suchen und an der Küste eine geräumige Wohnung zu errichten. Um vier Uhr Nachmittags waren die fünf Reisenden wohl oder übel im Zwischendeck untergebracht. Mittelst Sparren und Bruchstücken von Masten hatte Bell einen nahezu wagerechten Fußboden hergestellt. Die durch den Frost erhärteten Lagertheile wurden hineingeschafft; die Wärme eines Ofens versetzte sie bald wieder in brauchbaren Zustand; Altamont konnte sich, gestützt auf den Doctor, ohne zu große Mühe nach der ihm reservirten Ecke begeben. Als er den Fuß wieder in das eigene Schiff setzte, ließ er einen Laut der Befriedigung vernehmen, der dem Rüstmeister nicht das beste Anzeichen zu sein schien. »Er fühlt sich zu Hause, sprach der alte Seemann zu sich; und sieht es nicht aus, als ob er uns einlade?« Den Rest des Tages widmete man der Ruhe; einzelne Windstöße aus Westen deuteten auf einen Umschlag der Witterung; das Thermometer zeigte im Freien sechsundzwanzig Grad (-32° hunderttheilig). In Summa befand sich der Porpoise über dem Kältepol hinaus und unter einer zwar nördlicheren, aber verhältnißmäßig minder eisigen Breite. Man schloß den Tag mit einer Mahlzeit aus Bärenfleisch, nebst Zwieback, das sich im untern Schiffsraume vorfand, und einigen Tassen Thee; dann siegte aber die Ermüdung und alle verfielen in tiefen Schlaf. Am anderen Morgen erwachten alle Schicksalsgenossen erst etwas spät; ihre Gedanken waren in ganz anderen Richtungen beschäftigt; frei von der quälenden Sorge um den anderen Tag, dachten sie nur daran, sich recht wohnlich einzurichten. Diese Schiffbrüchigen fühlten sich fast wie Colonisten, die an ihrem Ziele angelangt sind, und die Leiden der langen Reise vergessend nur die Zukunft sich erträglich zu gestalten suchen. »Ah, rief der Doctor, die Arme ausstreckend, was ist es doch für ein Genuß, nicht fragen zu müssen, wo man den Abend schlafen, und was man den andern Tag essen werde. – Wir wollen nur erst das Inventar aufnehmen«, sagte Johnson. Der Porpoise war für eine sehr lange Fahrt ausgerüstet und mit Lebensmitteln versehen. Die Inventur ergab an Provisionen Folgendes: sechstausendundhundertfünfzig Pfund Mehl, Fett und Rosinen zu Puddings; zweitausend Pfund eingesalzenes Rind- und Schweinefleisch; fünfzehnhundert Pfund Pemmican; siebenhundert Pfund Zucker und eben so viel Chocolade; anderthalb Kisten Thee, welche sechsundneunzig Pfund wogen; fünfhundert Pfund Reis; mehrere Fässer mit conservirten Früchten und Gemüsen; Citronensaft, Löffelkraut, Sauerampfer und Kresse in Ueberfluß; dreihundert Gallonen Rum und Branntwein; in der Pulverkammer fanden sich große Vorräthe an Pulver, Kugeln und Blei. Holz und Kohlen waren in sehr großer Menge da. Der Doctor musterte sorgfältig die physikalischen und navigatorischen Instrumente, und fand zu seiner besonderen Freude eine starke Bunsen'sche Batterie, die zum Zwecke elektrischer Versuche mitgenommen war. Kurz, die Vorräthe aller Art reichten für fünf Menschen, bei reichlichen Rationen, gewiß über zwei Jahre lang, so daß alle Furcht, vor Hunger oder Frost umzukommen, verschwand. »Nun wäre ja unsere Existenz gesichert, sagte der Doctor zum Kapitän, und es hindert uns nichts mehr, bis zum Pole vorzudringen. – Bis zum Nordpole! erwiderte Hatteras freudig erregt. – Ohne Zweifel, fügte der Doctor hinzu, was sollte uns hindern, während der Sommermonate dahin eine Expedition zu Lande zu unternehmen? – Ueber das Land, ja, aber wie über das Meer? – Läßt sich nicht aus Theilen des Porpoise ein Boot erbauen? – Eine amerikanische Schaluppe, nicht wahr, erwiderte Hatteras geringschätzig, und von jenem Amerikaner befehligt!« Der Doctor durchschaute den Grund der Ablehnung des Kapitäns, und hielt es nicht für gerathen, diese Frage jetzt weiter zu erörtern. Er ging also auf ein anderes Thema über. »Jetzt, da wir wissen, welche Vorräthe uns zur Hand sind, sagte er, würden wir an die Errichtung eines Magazins für diese und einer Wohnung für uns denken müssen. An Material dazu fehlt's ja nicht, und wir können uns ganz behaglich einrichten. Ich hoffe, Bell, schloß er, zum Zimmermann gewendet, daß Sie sich dabei selbst übertreffen werden; übrigens würde ich Ihnen mit gutem Rath gerne zur Hand gehen. – Ich bin bereit, Herr Clawbonny, erwiderte Bell, aus den Eisblöcken hier baue ich zur Noth eine ganze Stadt mit Häusern und Straßen ... – Nun, nun, so viel brauchen wir nicht; nehmen wir uns die Agenten der Hudsons-Bai-Compagnie zum Muster: diese bauen sich kleine Forts zum Schutze gegen wilde Thiere und Indianer; das ist auch Alles, was wir bedürfen, verschanzen wir uns, so gut als möglich; auf einer Seite stehe die Wohnung, auf der anderen die Magazine, geschützt durch einen Mittelwall und zwei Bastionen. Ich werde versuchen, hierzu meine ganzen Kenntnisse der Lagerkunst aufzufrischen. – Meiner Treu, Herr Clawbonny, das weiß ich voraus, daß wir unter Ihrer Leitung etwas Rechtes zu Stande bringen. – Nun, wohlan, Freunde, so wollen wir denn zunächst die Oertlichkeit dazu auswählen. Ein guter Ingenieur muß vor Allem sein Terrain kennen. Kommen Sie mit, Hatteras? – Ich verlasse mich ganz auf Sie, Doctor, erwiderte der Kapitän. Wählen Sie aus, während ich einmal die Küste besichtigen werde.« Da Altamont noch zu schwach war, um sich an irgend einem Vorhaben betheiligen zu können, wurde er auf dem Schiffe zurückgelassen, während die vier Engländer an's Land gingen. Das Wetter war stürmisch und dunstig; zu Mittag zeigte das Thermometer elf Grad unter Null (-24° hunderttheilig), aber bei Windstille war die Temperatur ganz erträglich. Nach der Uferbildung zu urtheilen mußte sich nach Westen hin, über Sehweite hinaus, ein jetzt freilich ganz erstarrtes Meer ausbreiten. Nach Osten war es von einer abgerundeten Küste begrenzt, die, von tiefen Buchten zerrissen, sich zweihundert Yards hoch steil aufthürmte; es bildete demnach eine ungeheure Bai, die von den Felsen umschlossen war, an denen auch der Porpoise scheiterte; weiter landeinwärts erhob sich ein Berg, dessen Höhe der Doctor auf achtzehnhundert Fuß schätzte. Gegen Norden verlief ein Vorgebirge im Meere, das einen beträchtlichen Theil der Bai zu decken schien. Aus der Eisfläche erhob sich auch eine kleinere Insel, oder besser ein Inselchen, etwa drei Meilen von der Küste entfernt, welches, wenn es nicht zu schwierig war, den Eingang zu dieser Rhede zu gewinnen, wohl einen sicheren und geschützten Ankergrund bieten mußte. In einer Einbuchtung des Ufers befand sich sogar noch ein kleiner, für Fahrzeuge scheinbar leicht zugänglicher Hafen, vorausgesetzt, daß die Sommerwärme überhaupt jemals diesen Theil des arktischen Meeres schiffbar zu machen vermochte. Nach den Angaben Belcher's und Penny's mußte aber dieses ganze Meer während der Sommermonate frei sein. Dicht an der Küste entdeckte der Doctor eine Art kreisrunden Plateaus von etwa zweihundert Fuß Durchmesser: es beherrschte die Bai auf drei Seiten; die vierte war durch eine natürliche senkrechte Mauer von hundertzwanzig Fuß Höhe abgeschlossen. Nur durch Einhauen von Stufen in das Eis war jenes zu ersteigen. Dieser Punkt schien vorzüglich geeignet, dort einen dauerhafteren Bau aufzuführen, da er sich auch leicht befestigen ließ; die erste Hand dazu hatte hier schon die Natur angelegt, und es galt nur, das Gebotene auszunützen. Der Doctor, Bell und Johnson erstiegen die kleine Höhe, mußten sich aber mit der Axt den Weg durch und über das Eis zuhauen; sie fanden dieselbe völlig eben. Als der Doctor sich von der Vortrefflichkeit des Ortes überzeugt hatte, beschloß er, die etwa zehn Fuß dicke Lage gefrorenen Schnees, welche ihn überdeckte, davon abzuräumen, denn für die Wohnung und die Magazine bedurfte es eines solideren Baugrundes. Während des Montags, Dienstags und Mittwochs wurde nun eifrig daran gearbeitet; endlich kam der Urboden zu Tage, der aus feinkörnigem Granit bestand, dessen Kanten eine Glasschärfe aufwiesen; er enthielt ferner Granaten und Feldspathkrystalle eingeschlossen, die unter der Hacke Funken gaben. Der Doctor bestimmte nun die Größe und den Plan des Eishauses; es sollte vierzig Fuß lang, zwanzig tief und zehn hoch werden. Drei Abtheilungen desselben bildeten ein Wohnzimmer, einen Schlafraum und eine Küche, von denen ersteres in der Mitte, der zweite zur Rechten und die letztere zur Linken gelegen war; mehr Räumlichkeiten brauchten sie ja nicht. Fünf Tage lang wurden die Arbeiten fortgesetzt. Das nöthige Baumaterial fehlte ja nicht; die Eismauern mußten aber auch dick genug werden, um eintretendem Thauwetter zu widerstehen, denn auch für die Sommerzeit durfte man nicht wohl ohne sicheres Obdach sein. Je mehr das Gebäude aufwuchs, ein desto netteres Aussehen gewann es; in der Front hatte es vier Fensteröffnungen, zwei für das Wohnzimmer und je eine für die anderen Räume; als Scheiben dienten, so wie es bei den Eskimos Sitte ist, besonders klare Eisschollen, durch welche, wie durch mattes Glas, genügend Licht eindrang. Vor dem Wohnzimmer und zwischen seinen zwei Fenstern befand sich ein verdeckter Gang, von dem aus man in das Haus gelangte; eine gute Thüre, die man aus der Cabine des Porpoise entnahm, verschloß diesen vollkommen. Als das Gebäude fertig war, freute sich der Doctor selbst darüber; schwierig würde es freilich gewesen sein, zu sagen, welchem Baustyle es angehörte, obgleich der Architekt desselben seine Vorliebe für die in England so verbreitete sächsische Gothik aussprach; hier handelte es sich aber vor Allem um die Dauerhaftigkeit des Baues; der Doctor begnügte sich also, die Façade mit starken Strebepfeilern, gleich den kurzen dicken römischen Pfeilern, zu bekleiden. Oben lehnte sich ein steiles Dach an die Granitwand. Diese diente auch für die Rohre, welche den Ofenrauch ableiten sollten, als Stütze. Als so der Rohbau vollendet war, ging man an die innere Ausstattung. Die Lagerstätten wurden aus dem Porpoise in den dafür bestimmten Raum rund um einen großen Ofen angebracht. Bänke, Stühle, Fauteuils, Tische, Schränke wurden in das Wohnzimmer gebracht, das auch als Speisezimmer diente. Endlich erhielt die Küche ihre Feuerungseinrichtungen aus dem Fahrzeuge, nebst ihren verschiedenen Geräthschaften. Auf dem Boden ausgebreitete Segel vertraten die Stelle der Teppiche und dienten auch als Portièren vor den inneren Thüröffnungen, die eines anderen Verschlusses entbehrten. Durchschnittlich hatten die Wände eine Stärke von fünf Fuß, so daß die Fensteröffnungen allerdings mehr wie Kanonenluken aussahen. Alles dies war von größter Dauerhaftigkeit. Was konnte man mehr verlangen? Und wenn man gar immer auf den Doctor gehört hätte, was hätte der nicht Alles aus Eis und Schnee, die auf jede Art und Weise so verwendbar sind, gebaut! Den ganzen Tag ersann er tausend herrliche Projecte, und wenn es ihm auch gar nicht einfiel, diese auszuführen, so würzte er doch die allgemeine Arbeit durch seine geistreichen Einfälle. Ein Bücherliebhaber, wie er war, hatte er auch Kraft's so seltenes Werk mit dem Titel: »Genaue Beschreibung des zu Petersburg im Januar 1740 errichteten Eishauses und aller darin befindlichen Gegenstände« gelesen. Die Erinnerung daran reizte seinen erfindungsreichen Geist nur noch mehr. Eines Abends erzählte er selbst seinen Gefährten die Wunder dieses Eisbaues: »Was man in Petersburg gemacht hat, sollten wir das nicht hier auch können? Was fehlt uns dazu? Nichts, nicht einmal die nöthige Phantasie! – Das war dort wohl sehr schön? fragte Johnson. – Das war feenhaft, guter Freund. Das Gebäude, welches auf Befehl der Kaiserin Anna errichtet wurde und in welchem sie im Jahre 1740 die Hochzeit eines ihrer Hofnarren feiern ließ, hatte ungefähr die Größe des unsrigen; vor seiner Front aber lagen sechs Kanonen aus Eis auf ihren Lafetten; mehrmals schoß man mit Kugeln und auch nur mit Pulver daraus, ohne daß sie zersprangen; desgleichen waren Mörser für sechzigpfündige Geschosse ebenso hergestellt; wir könnten uns also zur Noth eine ganze formidable Artillerie errichten; die Bronze für die Läufe ist nicht weit und fällt uns vom Himmel. Ihren höchsten Triumph aber feierten Geschmack und Kunst an der Stirnwand des Gebäudes, wo Eisstatuen von seltener Schönheit angebracht waren; der Aufgang bot den Blicken Blumenvasen und Orangebäume aus demselben Material; zur Rechten befand sich ein großer Elephant, der Tags über einen Wasserstrahl von sich gab, in der Nacht aber mittelst brennender Naphtha leuchtete. Hei! Was könnten wir uns für eine Menagerie herstellen, wenn wir nur wollten! – Nun, was Thiere betrifft, warf Johnson ein, so werden uns diese nicht fehlen, und wenn sie auch nicht aus Eis sind, so dürften sie doch nicht minder interessant sein! – Schön, erwiderte der kriegsmuthige Doctor, wir werden uns gegen ihre Angriffe zu vertheidigen wissen. Um aber auf besagtes Haus in Petersburg zurückzukommen, so will ich noch hinzufügen, daß darin Tische, Toiletten, Spiegel, Armleuchter, Kerzen, Betten, Matratzen, Kopfkissen, Vorhänge, Uhren, Stühle, Spielkarten, Schränke mit vollständigem Geschirr u.s.w. – Alles aus Eis, ciselirt, guillochirt, vom Bildhauer gearbeitet, kurz ein Mobiliar war, an dem absolut Nichts fehlte. – Das war ja ein leibhaftiger Palast, sagte Bell. – Ein ebenso prächtiger, als einer Herrscherin würdiger Palast. O, das Eis! Wie war die Vorsehung weise, das zu erfinden, was zu solchen Wundern ebenso geeignet, wie wohlthätig für Schiffbrüchige ist!« Die Ausstattung des Hauses nahm die Zeit bis zum 31. März in Anspruch; auf diesen Tag fiel das Osterfest, und so ward er der Ruhe gewidmet. Man verbrachte ihn ganz im Salon, in dem auch ein Gottesdienst abgehalten wurde, und Alle hatten Gelegenheit, sich von der schönen Einrichtung des Eishauses zu überzeugen. Am anderen Tage ging man an die Errichtung der Magazine und einer Pulverkammer; das erforderte wieder eine Woche Arbeit, eingerechnet der für die vollständige Ausladung des Porpoise nöthigen Zeit, welche nicht ganz ohne Schwierigkeiten war, denn die wieder strengere Kälte ließ nicht lange dabei ausdauern. Endlich, am 8. April, waren Brennmaterial, Provision und Munition auf festem Lande unter Dach und Fach. Die Magazine lagen nördlich, das Pulverhäuschen südlich, mindestens sechzig Fuß vom Hause entfernt. Neben den Magazinen wurde noch eine kleine Hütte erbaut, bestimmt die grönländer Hunde zu beherbergen; der Doctor beehrte diese mit dem Namen: »Doggenpalast«. Duk theilte die allgemeine Wohnung. Darauf beschäftigte sich der Doctor mit der Wehrbarmachung des Platzes. Unter seiner Leitung wurde die kleine Hochebene mit einer wahren Fortification aus Eis umgürtet, die sie vor jedem Ueberfall sicherte. Ihre Höhe bildete eine natürliche Böschung, und da diese weder vor- noch einspringende Winkel bildete, war sie nach allen Richtungen hin gleich stark. Als der Doctor diese Art der Vertheidigung entwarf, erinnerte er unwillkürlich an den würdigen Onkel Tobias Sterne's, dessen milde Güte und gleichmäßig gute Laune er auch besaß. Man mußte ihn sehen, wie er den Abhang der inneren Böschung, die Neigungswinkel der Wälle und die Breite des Laufwegs dahin berechnete. Aber mit dem so gefälligen Schnee machte sich die Arbeit so leicht, daß sie ein reines Vergnügen war, und der liebenswürdige Ingenieur vermochte seinen Eismauern eine Dicke von sieben Fuß zu geben. Da das Plateau die Bai beherrschte, brauchte er weder Gegenwall, noch äußere Böschung, noch Glacis anzulegen. Die Brüstung aus Schnee, welche den Umfangslinien des Plateaus folgte, lief bis an die Felsen und schloß sich an die zwei Seiten des Hauses an. Am 15. April waren die Lagerbauten vollendet, das Fort war nun fertig und der Doctor nicht wenig stolz auf sein Werk. Der befestigte kleine Platz hätte in der That geraume Zeit den Angriffen eines Eskimostammes widerstehen können, wenn solche Feinde sich überhaupt je in so hohen Breiten gezeigt hätten. Die Küste aber zeigte gar nichts von menschlichen Spuren; auch Hatteras sah, als er die Küste aufnahm, niemals Reste von Hütten, wie sie in Gegenden, in welche noch Grönländer kommen, so häufig sind. Die Schiffbrüchigen vom Forward und dem Porpoise schienen die ersten Menschen zu sein, die diesen jungfräulichen Boden betraten. Wenn aber auch von Menschen nichts zu fürchten war, so blieb das doch zweifelhaft bezüglich der Thiere, und das Fort hatte eben vorzüglich den Zweck, die wenigen Insassen gegen deren Angriffe zu schützen. Siebentes Capitel. Eine kartologische Unterhaltung. Während dieser Vorbereitungen zur weiteren Ueberwinterung hatte auch Altamont seine Gesundheit und seine Kräfte wiedergefunden; er konnte sich schon bei der Entladung des Schiffes mit betheiligen. Seine kräftige Constitution hatte doch endlich gesiegt und die frühere Blässe wich nun bald dem wieder gesunden Blute. Jetzt erwachte in ihm wieder der kraftvolle, lebhafte Mensch der Vereinigten Staaten, der energische und intelligente Mann mit entschlossenem Charakter, der unternehmende, kühne, zu Allem geschickte Amerikaner; er stammte aus Newyork und war fast von Kindheit auf zur See gewesen, wie er seinen neuen Gefährten mittheilte. Sein Schiff war von einer Gesellschaft reicher Kaufleute der Union ausgerüstet worden, an deren Spitze der weltberühmte Grinnel Ein reicher Rheder der Vereinigten Staaten, der auch die Kosten für die Expedition des Doctor Kane trug. stand. Gewisse Beziehungen bestanden zwischen ihm und Hatteras; Aehnlichkeiten des Charakters wohl, aber keine Sympathieen, so daß aus beiden Männern schwerlich zwei Freunde werden konnten. Im Gegentheil. Uebrigens würde ein scharfer Beobachter bald genug Unterschiede zwischen Beiden bemerkt haben; so schien zwar Altamont mehr Offenheit auf den Lippen zu tragen, ohne sie im Grunde zu besitzen, seinem Gehenlassen der Dinge paarte sich eine geringere Biederkeit; sein scheinbar so offener Charakter flößte doch weniger Vertrauen ein, als der verschlossenere des Kapitäns. Dieser verlieh seinen Gedanken nur einmal den entsprechenden Ausdruck. Jener sprach viel, ohne immer Etwas zu sagen. So weit enträthselte sich der Doctor den Charakter des Amerikaners bald, und er ahnte mit Recht für später ein feindschaftliches Verhältniß, wenn nicht offenen Haß, zwischen den Kapitänen des Porpoise und des Forward. Von Beiden konnte doch zuletzt nur Einer den Befehl führen. Gewiß hatte Hatteras alles Anrecht, des Amerikaners Unterordnung zu erwarten; er hatte die Priorität und die Macht auf seiner Seite. Aber wenn der Eine das Haupt seiner Leute war, so befand sich der Andere an Bord seines Fahrzeugs. Und das spürte man. War es Politik oder Instinct, jedenfalls schloß sich Altamont gleich anfangs dem Doctor an; er verdankte ihm das Leben, aber mehr noch als die Erkenntlichkeit fesselte ihn ein inneres Gefühl an diesen würdigen Mann. Es war die natürliche Folge des Charakters Clawbonny's; wie die Halme im Sonnenschein, sproßten die Freunde rings um ihn. Man erzählt von Leuten, die um fünf Uhr früh aufgestanden seien, nur um sich Feinde zu erwerben; der Doctor that es schon um Vier, und kam nicht dazu. Doch suchte er von der Zuneigung Altamont's einen Vortheil zu ziehen, nämlich die wahre Ursache seiner Anwesenheit in den Polarmeeren zu erfahren. Aber bei all' seinem Wortreichthum antwortete der Amerikaner ohne eigentlich zu antworten und kam dabei immer auf sein beliebtes Thema von der Nordwest-Passage zurück. Der Doctor legte der Expedition indeß ein anderes Motiv unter; dasselbe, welches Hatteras befürchtete; ebenso beschloß er, die beiden Gegner niemals auf diesen Gegenstand zu bringen; aber das gelang doch nicht immer. Die einfachsten Unterhaltungen drohten oft wider seinen Willen dahin überzuspringen und jedes Wörtchen war im Stande, als Funke das rivalisirende Interesse zu entzünden. Wirklich kam das auch bald. Als das Haus fertig war, hatte der Doctor die Absicht, es durch ein festliches Mahl einzuweihen; es war ein guter Gedanke Clawbonny's, der hier die Gewohnheiten und Vergnügungen des europäischen Lebens einzuführen strebte. Bell hatte gerade zur rechten Zeit einige Ptarmigane und einen weißen Hasen, die ersten Boten des nahenden Frühlings, erlegt. Am 14. April fand die Festlichkeit statt, am Sonntag Quasimodogeniti bei schönem trockenen Wetter; der Frost vermochte aber nicht in das Eishaus einzudringen, die knackernden Oefen überwanden ihn leicht. Man speiste mit Vergnügen; das frische Fleisch war eine zu erwünschte Abwechselung gegenüber dem Pemmican und dem Pökelfleisch; ein köstlicher Pudding von des Doctors Hand bereitet, erntete sogar ein da capo; man verlangte ihn noch einmal. Der gelehrte Küchenchef, die Schürze um die Hüften und das Messer im Gürtel, hätte der Küche des Lordkanzlers von England Ehre gemacht. Zum Dessert erschienen Liqueure auf der Tafel. Die englischen Enthaltsamkeits-Vereine gelten in Amerika nicht, es war also kein Grund vorhanden, sich ein Glas Gin oder Brandy zu versagen; die anderen Tischgenossen, sonst ganz nüchterne Leute, heute konnten sie ja wohl einmal von der strengen Regel abweichen; kurz, auf des Arztes Aufforderung mußten sie sich zum Schluß der Mahlzeit Alle einmal zutrinken. Bei einem Toaste auf die Union hatte Hatteras einfach geschwiegen. Da brachte der Doctor eine interessante Frage zur Sprache. »Meine Freunde, sagte er, es ist nicht genug, daß wir die Meerengen, die Eisdecken und Eisfelder überwunden haben, und bis hierher vorgedrungen sind; wir haben nun noch eine Verpflichtung. Ich wollte Ihnen vorschlagen, dieses gastfreundliche Land, an dem wir Rettung und Ruhe gefunden haben, zu taufen; diese Gewohnheit haben die Seefahrer aus aller Welt, und es wird Keinen geben, der sie unter gleichen Umständen nicht geübt hätte; bei unserer Rückkehr werden wir neben der hydrographischen Beschreibung der Küste auch die Namen der Caps, der Baien, Spitzen und Vorgebirge, die sie auszeichnen, angeben müssen. Das ist unumgänglich nothwendig. – Das ist wohl gesprochen, rief Johnson; sobald man alle diese Landstrecken mit ihrem bestimmten Namen bezeichnen kann, giebt ihnen das ein ernsteres Ansehen, und man hat fast nicht mehr die Berechtigung, sich als verlassen auf einem unbekannten Continente zu betrachten. – Ohne das anzuschlagen, fügte Bell noch hinzu, daß es die etwaigen Reise-Instructionen vereinfacht und die Befolgung der Befehle erleichtert; wir können bei einer Expedition, ja schon auf der Jagd, dazu kommen, uns von einander zu trennen, und Nichts begünstigt mehr die Wiederauffindung eines Weges, als daß man ihn zu benennen weiß. – Gut, sagte der Doctor, da wir nun einmal bei diesem Gegenstande sind, so wollen wir uns zunächst über die zu gebenden Namen verständigen und weder unsere Vaterländer, noch unsere Freunde in dem Verzeichniß übergehen. Mich persönlich berührt, wenn ich die Augen auf eine Karte werfe, Nichts angenehmer, als dem Namen eines Landsmannes an einem Cap, an der Küste einer Insel oder auch mitten im Meere zu begegnen. Hier erweist die Erdkunde der Freundschaft einen liebenswürdigen Dienst. – Sie haben Recht, lieber Doctor, erwiderte der Amerikaner, und die Art und Weise, wie Sie das aussprechen, verleiht der Sache noch einen höheren Werth. – Wohlan, entgegnete der Doctor, gehen wir mit Ordnung daran.« Hatteras hatte sich noch nicht an der Unterhaltung betheiligt; er überlegte; als er aber die Augen der Anderen auf sich gerichtet sah, erhob er sich und sprach: »Meiner unmaßgeblichen Meinung nach, und doch denke ich, daß ihr Niemand hier widersprechen wird, – er sah dabei Altamont an – scheint es mir angemessen, unserer Wohnung den Namen ihres geschickten Architekten, des Besten unter uns, zu geben, und sie demnach 'Doctors-House' zu nennen. – So ist es, antwortete Bell. – Schön! rief Johnson, das Haus des Doctors. – Man kann nichts Besseres finden, setzte Altamont hinzu, ein Hurrah dem Doctor Clawbonny!« Ein dreifaches Hurrah erschallte einstimmig, und Duk bellte voll Zustimmung dazu. »So sei also, nahm Hatteras wieder das Wort, für jetzt diese Wohnung genannt, in der Erwartung, daß ein neues Land uns Gelegenheit geben wird, den Namen unseres Freundes daran zu knüpfen. – Ah, sagte der alte Johnson, wenn das Paradies auf Erden noch keinen Namen hätte, der Name Clawbonny stände ihm am besten!« Der Doctor, tief gerührt, wollte bescheiden ablehnen; es half ihm Nichts, er mußte es geschehen lassen. Es ward denn nun ganz gebührend festgestellt, daß dieses herzerquickende Mahl im großen Salon von Doctors-House abgehalten, in der Küche von Doctors-House bereitet war, und daß man sich in dem Schlafzimmer von Doctors-House freudig niederlegen werde. »Nun wollen wir aber, sagte der Doctor, zu unseren wichtigeren Entdeckungen übergehen. – Da ist dieses weite Meer, fuhr Hatteras fort, das uns umgiebt, und dessen Wogen noch kein Schiff durchsegelte! – Noch kein Schiff! rief Altamont dazwischen, es scheint mir jedoch, daß man den Porpoise nicht vergessen dürfe, wenigstens, wenn er nicht über Land hierher gekommen ist, setzte er scherzend hinzu. – Man könnte das fast glauben, erwiderte Hatteras, wenigstens in Anbetracht der Felsen, auf denen er jetzt schwimmt. – Gewiß, Hatteras! sagte Altamont etwas gereizt, aber, Alles zusammengenommen, ist das nicht noch besser als in den Lüften zu verduften, wie der Forward?« Schon wollte Hatteras lebhaft antworten, als sich der Doctor in's Mittel schlug. »Meine Freunde, sagte er, es handelt sich jetzt nicht um Schiffe, sondern um ein neues Meer ... – Es ist kein neues mehr, fiel ihm Altamont in's Wort. Es ist schon auf allen Karten des Poles benannt. Es heißt Nördliches Polarmeer, und ich halte es nicht für angemessen, diesen Namen zu ändern; sollten wir später entdecken, daß es nur ein Meerestheil, etwa ein Golf sei, so wird es sich finden, was zu thun ist. – Es sei, sagte Hatteras. – Darin wären wir also einig, erwiderte noch der Doctor, der schon fast bedauerte, eine Discussion hervorgerufen zu haben, welche die nationale Eitelkeit so sehr reizte. – Dann beschäftigen wir uns also mit dem Lande, dessen Boden uns jetzt trägt, nahm Hatteras das Gespräch wieder auf. Mir ist nicht bekannt, daß es selbst auf den neuesten Karten schon einen Namen trüge!« Als er so sprach, fixirte er Altamont, der seinen Blicken nicht auswich, sondern sagte: »Sie könnten sich doch irren, Hatteras. – Mich irren! Was? Dieses unbekannte Land ... – Hat schon einen Namen«, setzte der Amerikaner ruhig fort. Hatteras schwieg, aber seine Lippen zitterten. »Und wie heißt es? fragte der Doctor etwas erstaunt über die Versicherung des Amerikaners. – Mein lieber Clawbonny, erwiderte dieser, es ist die Gewohnheit, um nicht zu sagen, das Recht jedes Seefahrers, ein Land, wo er zuerst anlandet, zu benennen. Mir scheint also, daß ich bei früherer Gelegenheit von diesem Rechte Gebrauch machen konnte, ja durfte ... – Indessen ... sagte Johnson, den die Kaltblütigkeit des Yankee erregte. – Man wird schwerlich behaupten, fuhr dieser unbeirrt fort, der Porpoise sei nicht an diese Küste gekommen; selbst angenommen, er sei über Land gekommen, so ändert das Nichts an der Sachlage, fügte er mit einem Blick auf Hatteras hinzu. – Das ist eine Behauptung, die ich nicht gelten lasse, erwiderte Hatteras, der nur mit Mühe an sich hielt. Um etwas zu benennen, muß man es wenigstens entdecken, was Sie doch im Grunde nicht gethan haben. Uebrigens, mein Herr, Sie, der Sie uns Gesetze vorschreiben wollen, wo wären Sie ohne uns? Zwanzig Fuß unter dem Schnee! – Und Sie, mein Herr, erwiderte lebhaft der Amerikaner, wo wären Sie jetzt ohne mein Schiff? Vor Hunger und Frost elend umgekommen! – Meine Freunde, sagte der Doctor, der, so gut er konnte, sich in's Mittel legte, etwas Ruhe! Es wird sich Alles machen. Hören Sie mich! – Der Herr da, fuhr Altamont fort, indem er auf den Kapitän zeigte, mag allen weiteren Ländern, wenn er deren entdeckt, nach Belieben Namen geben, aber dieser Continent gehört mir! Ich könnte nicht einmal zugeben daß er zwei Namen bekäme, wie das Grinnel-Land, das auch Prinz-Albert-Land heißt, weil ein Engländer und ein Amerikaner es fast gleichzeitig entdeckten. Hier liegt die Sache anders. Daß ich zuerst hinkam, ist unbestreitbar! Kein Schiff vor dem meinigen ist nur mit seinem Plattbord an diese Küste gestreift. Keines Menschen Fuß hat vor dem meinigen dieses Land betreten; ich habe ihm also einen Namen gegeben, und den wird es behalten. – Und der ist? fragte der Doctor. – Neu-Amerika«, erwiderte Altamont. Hatteras' Hände ballten sich krampfhaft auf dem Tische. Aber er hielt an sich, wenn auch nur mit großer Selbstüberwindung. »Können Sie mir nachweisen, fragte Altamont noch einmal, daß ein Engländer je vor einem Amerikaner diesen Boden betreten hat?« Johnson und Bell schwiegen, obgleich sie, ebenso zornig wie der Kapitän, über das herrische Auftreten ihres Gegners aufgebracht waren. Aber es war eben Nichts auf seine Frage zu erwidern. Nach einigen Augenblicken peinlichen Schweigens nahm der Doctor wiederum das Wort. »Freunde, sagte er, das vornehmste menschliche Gesetz ist die Gerechtigkeit; es schließt alle anderen in sich. Seien wir also gerecht und geben uns nicht falschen Gefühlen hin. Die Priorität Altamont's scheint mir hier allerdings unzweifelhaft. Darüber ist nicht zu rechten; wir werden später Revanche nehmen und England soll bei unseren Entdeckungen nicht zu kurz kommen. Lassen wir also diesem Lande den Namen Neu-Amerika. Aber Altamont hat, als er es so nannte, damit nicht der Bezeichnung der einzelnen Baien, Landspitzen und Vorgebirge, die es enthält, vorgegriffen, und ich sehe keinen Grund, warum wir die Bai, in der wir uns befinden, nicht die Victoria-Bai nennen sollten? – Keinen, entgegnete Altamont, wenn das Cap, welches sich dort in's Meer erstreckt, den Namen Cap Washington erhält. – Sie hätten auch, rief Hatteras außer sich, einen für englische Ohren minder widerwärtigen Namen wählen können. – Aber keinen theureren für ein amerikanisches, erwiderte Altamont voll Stolz. – Halt! Halt! fiel der Doctor ein, der alle Mühe hatte, in dieser kleinen Welt Frieden zu erhalten, keine solchen Auseinandersetzungen! Ein Amerikaner möge stolz auf seine großen Männer sein. Ehren wir das Genie, wo wir es auch antreffen; und da Altamont seine Wahl getroffen hat, so reden wir nun für uns und die Unseren. Was unseren Kapitän ... – Doctor, sagte da der Letztere, das ist ein amerikanisches Land, und ich wünsche nicht, daß mein Name da verewigt wird. – Ist das unwiderruflich? fragte der Doctor. – Unbedingt!« erwiderte Hatteras. Der Doctor bestand nicht weiter auf diesem Punkte. »Nun denn, so ist an uns die Reihe, sagte er, sich an den alten Seemann und den Zimmermann wendend; wir wollen hier einige Spuren unserer Fahrt zurücklassen. Ich schlage vor, die Insel, welche man dort in der Entfernung von etwa drei Meilen sieht, die Johnson-Insel zu nennen, zu Ehren unseres Rüstmeisters. – O! sagte dieser etwas verlegen, o, Herr Clawbonny! – Den Berg, welchen wir da im Westen sehen, wollen wir Bell-Mount nennen, wenn unser Zimmermann zustimmt. – Zu viel Ehre für mich, antwortete Bell. – Es ist nur gerecht, erwiderte der Doctor. – Es ist ganz gut so, bestätigte Altamont. – Nun hätten wir also nur noch unser Fort zu taufen, sagte der Doctor; darüber wird es keinen Streit geben; weder ihrer huldreichen Majestät, der Königin Victoria, noch auch Washington verdanken wir es, jetzt hier gesichert zu sein, wohl aber der göttlichen Vorsehung, die uns Alle rettete, indem sie uns zusammenführte. So soll es also Fort Providence heißen. – Das ist gut ausgedacht! meinte Altamont. – Fort Providence, wiederholte Johnson, das klingt gut. Wenn wir also nun von unseren Ausflügen nach Norden zurückkehren, werden wir über Cap Washington gehen, um die Victoria-Bai zu erreichen, und von da nach Fort Providence, um Ruhe und Stärkung in Doctors-House zu finden. – Einverstanden, sagte der Doctor. Später und je nach Maßgabe und der Wichtigkeit unserer Entdeckungen, werden wir andere Namen zu geben haben, die keine Veranlassung zu Streitigkeiten werden sollen, wie ich hoffe; denn, meine Freunde, hier müssen wir doch zu einander halten und uns lieben. Wir repräsentiren die ganze Menschheit auf diesem Küstenende. Geben wir uns nicht den abscheulichen Leidenschaften hin, welche die Gesellschaft zerreißen, vereinigen wir uns, stark und untrennbar im Ungemach zu sein. Wer weiß, welche Gefahren uns der Himmel noch aufgespart hat, welche Leiden unser noch warten, bevor wir die Heimat wiedersehen? Stehen wir Fünf also für Einen und lassen wir alle Eifersüchteleien bei Seite, die vielleicht nirgends am Platze sind, hier aber wohl am wenigsten. Sie verstehen mich, Altamont? Und Sie auch, Hatteras?« Die beiden Männer antworteten nicht, aber der Doctor that so, als ob es geschehen wäre. Später sprach man über andere Sachen. Es galt, die Jagd zu organisiren, theils um die Provision zu ersetzen, vorzüglich aber, in diese eine Abwechslung zu bringen; mit dem Frühjahr mußten weiße Hasen, Schneehühner, selbst Füchse und Bären wiederkommen; man beschloß also, keinen geeigneten Tag vorüber zu lassen, ohne eine Recognoscirung auf dem Lande von Neu-Amerika vorzunehmen. Achtes Capitel. Ein Ausflug nach dem Norden der Victoria-Bai. Tags darauf beim ersten Sonnenstrahl erklomm Clawbonny mit Mühe den steilen Felsen, an welchen sich Doctors-House lehnte. Er endigte oben mit einer stumpfen Spitze; der Doctor gelangte leicht auf diesen Gipfel, von dem aus sein Blick eine weite Strecke zerrissenen Terrains umfaßte, welches einem vulkanischen Ausbruche seinen Zustand zu danken schien. Eine unendliche, weiße Decke lag über Land und Meer gebreitet, so daß es nicht möglich war, Eins von dem Anderen zu unterscheiden. Da der Doctor erkannte, daß dieser Punkt alle umgebenden Ebenen überragte, faßte er einen Gedanken, über den der Leser nicht wenig staunen wird. Er durchdachte ihn, veränderte und verfolgte ihn und war seiner ganz Meister, als er in das Haus zurückkam, um ihn seinen Gefährten mitzutheilen. »Da ist mir in den Sinn gekommen, sagte er, auf dem Gipfel des Kegels, der sich da über uns erhebt, einen Leuchtthurm zu errichten. – Einen Leuchtthurm? fragten Alle. – Ja, einen Leuchtthurm! Das wird den doppelten Vortheil gewähren, uns, wenn wir von weiteren Zügen heimkehren, bei Nacht als Führer zu dienen, und diese Hochebene während der Wintermonate zu beleuchten. – Gewiß, meinte Altamont, wäre eine solche Einrichtung ganz nützlich; aber wie wollen Sie diese treffen? – Mittelst einer der Schiffslaternen des Porpoise. – Gut, aber womit soll das Feuer im Leuchtthurm unterhalten werden? Etwa mit Robbenthran? – Nein; das Licht von diesem Oele ist zu schwach; das würde kaum den Nebel durchdringen. – Wollen Sie etwa aus unserer Steinkohle Leuchtgas bereiten? – Das Licht wäre ebenfalls unzureichend, und es wäre verkehrt, einen Theil unseres Brennmaterials zu verbrauchen. – Nun, sagte Altamont, dann sehe ich aber nicht ... – Was mich betrifft, meinte Johnson, so glaube ich seit der Kugel aus Quecksilber, der Brennlinse aus Eis, und seit der Errichtung des Forts Providence, daß Herr Clawbonny eben Alles kann. – Nun, versetzte Altamont, werden Sie uns mittheilen, welche Art Leuchtthum Sie zu errichten gedenken? – Sehr einfach, entgegnete der Doctor, einen mit elektrischem Lichte. – Einen elektrischen Leuchtthurm! – Ohne Zweifel, hatten Sie nicht an Bord des Porpoise eine vollständige Bunsen'sche Batterie? – Ja, antwortete der Amerikaner. – Gewiß haben Sie auch, da Sie diese mitnahmen, die Absicht gehabt, sie zu Versuchen zu benutzen; denn es fehlt an ihr Nichts, weder die völlig isolirten Leitungsdrähte, noch die nöthigen Säuren, um die Elemente in Thätigkeit zu setzen. Es wird also leicht sein, uns elektrisches Licht darzustellen. Man wird besser dabei sehen, und trotzdem kostet es uns Nichts. – Das ist herrlich, bemerkte der Rüstmeister, und ohne irgend Zeit zu verlieren ... – Nun ja, das Material ist vorhanden, erwiderte der Doctor; binnen einer Stunde können wir eine zehnfüßige Säule errichtet haben, die vollkommen ausreichend sein wird.« Der Doctor ging hinaus; die Anderen folgten ihm nach dem Gipfel des Felsenkegels; die Säule wuchs rasch empor und war bald mit einer der Schiffslaternen des Porpoise gekrönt. Dann brachte der Doctor die Verbindungs-Drähte daran an, welche mit dem anderen Ende an der Batterie hingen; diese war durch ihren Standpunkt nahe dem Ofen im Salon des Eishauses vor dem Einfrieren geschützt; von dort aus liefen die Drähte zur Laterne des Leuchtthurmes. Alles das war schnell hergestellt, und man erwartete nur den Sonnenuntergang, um den Effect zu sehen. Bei Nacht wurden die beiden Kohlenspitzen, welche in der Laterne in angemessener Entfernung gehalten waren, einander genähert und sogleich blitzte ein Strahlenbündel dazwischen auf, gegen das auch ein Sturm ohnmächtig war. Es war ein prächtiges Schauspiel, diese blendenden Strahlen, deren Weiße mit der der Umgebungen wetteiferte, und einen grellen Schatten von allen vorspringenden Punkten warf. Johnson konnte nicht umhin, in die Hände zu klatschen. »Da, seht den Herrn Clawbonny, sagte er, der Sonnenschein machen kann und wie schönen! – Ein wenig muß man wohl Alles können«, erwiderte bescheiden der Doktor. Die Kälte setzte der allgemeinen Bewunderung ein Ziel, und Jeder eilte sich in seine Decken zu hüllen. Die Lebensweise wurde nun regelmäßig eingerichtet. Während der folgenden Tage, vom 15. bis 20. April, war die Witterung sehr unbestimmt; die Temperatur änderte sich manchmal plötzlich um zwanzig Grade, und die Atmosphäre überraschte mit Veränderungen, war einmal voller Schnee und Wirbelwinde, dann wieder trocken und so kalt, daß man ohne Vorsicht nicht einen Fuß in's Freie setzen konnte. Als am Sonnabend darauf sich der Wind legte, ward ein Ausflug möglich; man beschloß also, diesen Tag auf die Jagd zu gehen, um den Proviant zu erneuern. Am Morgen schon machten sich Altamont, der Doctor und Bell, mit Doppelflinten, hinreichender Munition, und für den Fall, daß sie genöthigt wären, sich ein Obdach zu schaffen, mit Axt und Schneemesser ausgerüstet, bei bedecktem Himmel auf den Weg. Während ihrer Abwesenheit sollte Hatteras die Küste erforschen und einige Aufnahmen vornehmen. Der Doctor sorgte für Anzündung des Leuchtthurmes, dessen Strahlen mit dem Sonnenschein wetteiferten. In der That vermag nur das elektrische Licht, welches hier etwa dreitausend Kerzen oder dreihundert Gasflammen gleich war, die Vergleichung mit dem Sonnenglanze auszuhalten. Die Kälte war lebhaft, aber trocken und still. Die Jäger schlugen die Richtung nach Cap Washington ein; der harte Schnee erleichterte ihren Weg. In ein und einer halben Stunde legten sie die drei Meilen von dem Fort Providence aus zurück. Duk sprang um sie herum. Nach Osten hin zog sich die Küste zurück und die höheren Gipfel an der Victoria-Bai schienen nach Norden zu abzufallen. Das gab zu der Vermuthung Anlaß, daß Neu-Amerika am Ende nur eine Insel sei; aber es handelte sich jetzt noch nicht darum, seine Form zu bestimmen. Die Jäger hielten sich am Ufer des Meeres und schritten rüstig vorwärts. Keine Spur von Bewohntsein, kein Rest einer Hütte war sichtbar; sie wanderten auf bis jetzt noch von keinem Menschen betretenem Boden. So legten sie während der ersten drei Stunden gegen fünfzehn Meilen zurück, und machten nicht einmal zum Essen Halt; die Jagd aber schien erfolglos bleiben zu sollen. Wirklich sahen sie kaum die Spuren eines Hasen, Fuchses oder Wolfs. Doch hüpften da und dort einige Schneehühner, als Vorboten des Frühlings und des arktischen Thierlebens, umher. Die drei Jäger hatten weit landeinwärts gehen müssen, um tiefe Schluchten und spitze Felsen am Fuße des Bell-Mount zu umgehen; später gewannen sie indessen das Ufer wieder. Das Eis war noch nicht davon losgebrochen, und das Meer fortwährend fest gefroren; jedoch verkündigten einige Robbenfährten, daß diese Amphibien schon wieder auf dem Eisfelde erschienen. Mindestens war es, nach den breiten Spuren und frischen Eisbrüchen zu schließen, unzweifelhaft, daß mehrere Thiere der Art an's Land gegangen waren. Die Robben sonnen sich nämlich sehr gern und strecken sich behaglich an den Ufern aus, um die wohlthuende Wärme zu genießen. Der Doctor machte seine Gefährten auf diese Einzelheiten aufmerksam. »Wir wollen uns diese Stelle genau merken, sprach er; möglicher Weise treffen wir im Sommer die Robben hier in ganzen Schaaren an, in solchen von Menschen wenig besuchten Gegenden kann man sich ihnen leicht nähern und sie fangen. Wohl muß man sich hüten, sie zu erschrecken, denn dann verschwinden sie wie nach Verabredung auf Nimmerwiederkehr. So geschieht es nicht selten, daß ungeschickte Jäger, statt sie einzeln zu tödten, beim lärmenden Massenangriff auf dieselben ihre Beute einbüßen oder schmälern. – Jagt man sie nur um ihres Felles und Thranes willen? fragte Bell. – Die Europäer, ja; aber die Eskimos verzehren sie gar; sie leben davon, doch haben die Fleischstücke, welche sie mit Blut und Fett zurichten, wahrlich nichts Appetitliches. Indessen kann man doch einigen Gebrauch davon machen, und ich verpflichte mich, so schöne Cotelettes herzustellen, daß sie bis auf ihre schwärzliche Farbe gewiß nicht zu verachten sein dürften. – Nun, Sie werden das ausführen können, antwortete Bell; ich habe solches Vertrauen, daß ich mich verpflichte, davon soviel zu essen, als Ihnen beliebt. Sie verstehen mich, Herr Clawbonny? – Mein braver Bell, Sie wollen sagen, soviel es Ihnen selbst Vergnügen macht. Das können Sie getrost; den Verbrauch eines Grönländers werden Sie doch nicht erreichen, denn er ißt an einem Tage wohl fünfzehn Pfund davon. – Fünfzehn Pfund! rief Bell, das nenne ich einen Magen! – Ja, das sind Polarmagen, erwiderte der Doctor, die sich nach Belieben erstaunlich ausdehnen, aber, wohl zu merken, auch wieder zusammenschrumpfen, die Mangel und Ueberfluß gleichmäßig gut vertragen. Zu Anfang seiner Mahlzeit ist der Eskimo mager, wenn er aufsteht, aber dick und kaum wiederzuerkennen! Es steht fest, daß er manchmal einen ganzen Tag lang Mahlzeit hält. – Offenbar, sagte Altamont, ist diese Gefräßigkeit den Bewohnern kalter Länder eigenthümlich? – Ich glaube es, entgegnete der Doctor; in den arktischen Gegenden muß man viel essen, nicht nur um die Körperkräfte zu erhalten, sondern um überhaupt seine Existenz zu sichern. So liefert auch die Hudsons-Bai-Compagnie jedem Mann acht Pfund Fleisch oder zwölf Pfund Fisch oder auch zwei Pfund Pemmican täglich. – Das ist aber eine kräftigende Lebensweise, bemerkte der Zimmermann. – Es ist nicht so schlimm, als Sie denken, mein Freund, und ein so gefütterter Indianer leistet an Arbeit nicht mehr als ein Engländer, der sich von seinem einen Pfunde Rindfleisch und einer Pinte Bier ernährt. – Also ist Alles gut eingerichtet, Herr Clawbonny. – Gewiß, und doch kann uns eine echte Grönländer Mahlzeit manchmal in Erstaunen setzen. So war auch Sir Roß, als er auf Boothia überwinterte, verwundert über die Gefräßigkeit seiner Führer; er berichtet, daß zwei Mann, verstehen Sie wohl, ich sage zwei, an einem Morgen ein ganzes Viertel eines Bisonochsen vertilgten; sie zerlegten das Fleisch in lange Streifen, die sie nur so in die Speiseröhre gleiten ließen, dann schnitten sie unter der Nase davon ab, was ihr Mund nicht fassen konnte, und gaben es Einer dem Anderen; oder die Vielfraße ließen auch lange Bänder von Fleisch bis auf die Erde herabhängen und verschlangen sie nach und nach, so etwa wie eine Boa einen Ochsen, und lagen dabei ebenso lang auf der Erde wie jene. – Pfui, sagte Bell, das ist ja widerliches Vieh! – Jeder speist nach seiner Weise, erwiderte philosophisch der Amerikaner. – Ja, glücklicher Weise, sagte der Doctor. – Nun, bemerkte Altamont, wenn der Ernährungstrieb unter diesen Breiten so mächtig ist, wundere ich mich auch nicht mehr, daß man in den Reiseberichten der Eismeerfahrer auch immer der Mahlzeiten Erwähnung gethan findet. – Sie haben Recht, meinte der Doctor, dieselbe Bemerkung habe ich auch gemacht; und das kommt wohl nicht nur daher, daß man hier eine sehr reichliche Nahrung braucht, sondern auch daher, daß man sich dieselbe oft nur sehr schwer beschaffen kann. Daher rührt es, daß man immer daran denkt und folglich auch häufig davon spricht. – Wenn mich mein Gedächtniß aber nicht sehr trügt, erwähnte Altamont, so brauchen die Bauern in Norwegen, auch in den kältesten Districten, keine so stoffhaltige Nahrung; sie essen etwas Milchspeisen, Eier, Brod aus Birkenrinde, manchmal wohl Lachs, aber eigentlich nie Fleisch, und doch wachsen auch dabei ganz gesunde, kräftige Bursche auf. – Das ist Sache der Organisation, erwiderte der Doctor, über die ich mir kein Urtheil erlauben möchte. Dennoch halte ich dafür, daß die zweite oder dritte Generation etwa nach Grönland ausgewanderter Norweger zuletzt auch auf grönländische Art und Weise essen würde. Ja, wenn wir noch lange in diesem gesegneten Lande bleiben, werden wir selbst halb zu Grönländern und vielleicht zu Erzvielfraßen. – Herr Clawbonny macht mir ordentlich Hunger, wenn er so spricht, sagte Bell. – Mir nicht, entgegnete Altamont, das benimmt mir den Appetit und flößt mir vor dem Robbenfleische nur Ekel ein. Ah, da! Ich glaube, wir werden ein Pröbchen machen können. Ich täusche mich jetzt sehr, oder da unten streckt sich eine belebte Masse auf dem Eise aus! – Das ist ein Wallroß! rief erfreut der Doctor; nun still vorwärts!« Wirklich ergötzte sich ein starkes Exemplar eines solchen Thieres in einer Entfernung von etwa zweihundert Yards; es reckte sich und wälzte sich wohlgemuth in den bleichen Strahlen der Sonne. Die drei Jäger vertheilten sich so, daß sie dem Thiere den Rückzug abschnitten; so kamen sie, hinter Eishügeln verborgen, bis auf kurze Distanz heran und gaben Feuer. Das Wallroß überschlug sich, noch voller Kraft, es zertrümmerte die Eisschollen und versuchte zu fliehen, aber Altamont griff es mit dem Beil an und hieb ihm die Rückenflossen durch. Noch setzte es sich zu verzweifelter Gegenwehr, doch von etlichen Kugeln getroffen lag es bald leblos auf dem Eisfelde, das von seinem Blute gefärbt war. Es war ein tüchtiges Thier und maß vom Rüssel bis zum Schwanzende an fünfzehn Fuß, so daß es wohl mehrere Faß Oel geliefert hätte. Der Doctor schnitt die leckersten Stücke Fleisch aus und ließ den Cadaver dann einigen Raben zur Beute, die zu dieser Jahreszeit schon in den Lüften kreisten. Die Nacht war jetzt nicht mehr fern; man dachte daran, nach Fort Providence zurückzukehren; der Himmel war ganz klar geworden, und bevor der Mond aufging, erglänzte er in hellem Sternenlichte. »Nun denn, brechen wir auf, sagte der Doctor, es wird schon spät; unsere Jagd ist zwar nicht sehr glücklich gewesen, aber wenn der Jäger nur Etwas zum Abendbrod mit nach Hause bringt, soll er nicht klagen. Wir wollen jedoch den kürzesten Weg wählen und uns vor dem Fehlgehen hüten; die Sterne werden uns den Weg zeigen.« In den Gegenden aber, wo der Polarstern fast gerade über des Wanderers Kopfe glänzt, eignet er sich nur sehr schlecht zum Führer; in der That, wenn der Nordpunkt gerade am Scheitel der Himmelswölbung ist, bestimmen sich auch die anderen Hauptpunkte nur sehr schwierig; glücklicher Weise unterstützten der Mond und die auffallenderen Sternbilder den Doctor in der Bestimmung der Richtung. Um den Weg abzukürzen beschloß er, die Biegungen des Ufers zu vermeiden und quer über das Land zu gehen; das war zwar mehr geradaus, aber auch unsicherer; und so hatte sich die kleine Gesellschaft denn nach einigen Stunden wirklich vollkommen verirrt. Man berathschlagte, ob es nicht vorzuziehen sei, die Nacht in einer Eishütte zu verbringen, auszuruhen und am anderen Morgen nach der Küste zurückzukehren, um dann dieser zu folgen; der Doctor bestand aber, da er Hatteras und Johnson unnöthig zu beunruhigen befürchtete, darauf, den Weg fortzusetzen. »Duk leitet uns, sagte er, und Duk kann sich nicht irren; sein Instinct ist jetzt mehr werth, als Boussole und Sterne. Folgen wir ihm.« Duk lief voraus, und man vertraute seinem Spürsinn nicht mit Unrecht; bald wurde ein Lichtschein am Horizonte sichtbar; mit einem Sterne konnte konnte man ihn nicht verwechseln, da dessen Licht bei so niedrigem Stande des Nebels wegen nicht sichtbar gewesen wäre. »Da ist unser Leuchtthurm! rief der Doctor. – Glauben Sie, Herr Clawbonny? fragte der Zimmermann. – Ja, gewiß; gehen wir nur darauf zu!« Je näher die Jäger kamen, um so heller wurde das Licht, und bald gingen sie wie in einem Streifen Lichtstaubes hin. Der gewaltige Strahl warf über die Maßen lange Schatten, die sich scharf abhoben, über die Schneedecke. Sie verdoppelten ihre Schritte, und nach weiteren anderthalb Stunden erklommen sie den Wall des Forts Providence. Neuntes Capitel. Kälte und Wärme. Mit einer gewissen Unruhe warteten schon Hatteras und Johnson auf die Wanderer. Diese waren froh, so ein warmes und bequemes Obdach zu finden. Die Temperatur war seit Anbruch des Abends merklich gesunken; das Thermometer zeigte im Freien vierundzwanzig Grad unter Null (-31° hunderttheilig). Die Ankömmlinge, erschöpft von der Anstrengung und halb erfroren, hätten auch nicht mehr weiter gekonnt. Glücklicher Weise waren die Oefen gut im Gange; der Kochofen wartete nur auf den Ertrag der Jagd; der Doctor ward wieder zum Koch, schmorte einige Wallroßcotelette, und um neun Uhr saßen alle fünf Gefährten bei einem stärkenden Mahle. »Meiner Treu, sagte Bell, und wenn ich für einen Eskimo gehalten würde, ich gestehe, daß die Mahlzeit mir das wichtigste Ding bei einer Ueberwinterung zu sein scheint. Wenn man einmal eine vor sich hat, soll man ordentlich einhauen.« Alle Gefährten hatten den Mund voll und konnten nicht gleich antworten, aber der Doctor gab durch Zeichen seine Zustimmung zu erkennen. Die Wallroßcotelette wurden für delicat erklärt, und wenn das nicht mit Worten geschah, so aß man sie doch bis zum letzten Bissen auf, was wohl alle Erklärungen aufwiegt. Wie gewöhnlich bereitete der Doctor nach dem Essen Kaffee, er überließ es Niemand, dieses vortreffliche Getränk herzustellen; in einer Spiritus-Kaffeemaschine kochte er ihn auf dem Tisch und reichte ihn siedend. Er für seine Person verlangte, daß ihm das Getränk noch auf der Zunge brannte, sonst erachtete er es nicht werth, durch seine Kehle zu gleiten. Diesen Abend aber trank er den Kaffee so heiß, daß seine Gefährten es ihm nicht nachthun konnten. »Sie verbrennen sich noch, Doctor, sagte Altamont. – Das kommt nicht vor, erwiderte er. – Dann ist Ihr Gaumen mit Kupfer ausgeschlagen? warf Johnson ein. – Nein, Freunde; ich lade Alle ein, meinem Beispiele zu folgen. Es giebt eben Leute, und zu denen zähle auch ich, die den Kaffee in einer Wärme von hunderteinunddreißig Grad (+55° hunderttheilig) genießen. – Hunderteinunddreißig Grad! rief Altamont aus; solche Hitze vermag ja kaum die Hand auszuhalten! – Ganz recht, Altamont, da die Hand im Wasser gewöhnlich nicht mehr als hundertzweiundzwanzig Grad (+50° hunderttheilig) verträgt; aber Gaumen und Zunge sind in diesem Sinne auch weniger empfindlich als die Hand, und dauern noch da aus, wo es diese nicht könnte. – Sie setzen mich in Erstaunen, sagte Altamont. – Gut, ich werde Sie überzeugen.« Da tauchte der Doctor das Thermometer des Salons in seinen heißen Kaffee, und wartete, bis das Instrument nur noch hunderteinunddreißig Grad zeigte. Mit merkbarem Wohlbehagen nahm er dann das erquickende Getränk zu sich. Bell wollte es ihm tapfer gleichthun, verbrannte sich aber, daß er laut aufschrie. »Da fehlt's an der Gewohnheit, sagte der Doctor. – Clawbonny, fragte Altamont, könnten Sie uns wohl die höchsten Wärmegrade angeben, die der menschliche Körper zu ertragen vermag? – Sehr wohl, erwiderte der Doctor, man hat darüber Versuche angestellt und hat auch ganz merkwürdige Erfahrungen gemacht. An zwei bis drei erinnere ich mich eben, und sie mögen Sie überzeugen, daß man sich an Alles gewöhnen kann, selbst daran, nicht zu braten, wo ein Beefsteak braten würde. So erzählt man, daß die Dienstmädchen beim Bannofen der Stadt Rochefoucauld in Frankreich zehn Minuten lang in diesem Backofen aushalten konnten, wenn darin eine Hitze von dreihundert Graden (+149° hunderttheilig) war, d. h. neunundachtzig Grad mehr als die des siedenden Wassers, während um sie her Aepfel und Fleisch lustig brieten. – Was für Mädchen! rief Altamont aus. – Erlauben Sie, da hören Sie ein anderes unzweifelhaftes Beispiel. Acht unserer Landsleute, Fordyce, Banks, Solander, Blagdin, Home, Nooth, Lord Seaforth und der Kapitän Philips ertrugen im Jahre 1774 eine Temperatur von zweihundertfünfundneunzig Graden (+146° hunderttheilig), während Eier und ein Rostbeef um sie herum gar wurden. – Das waren aber auch Engländer, sagte Bell mit einem Anflug von Stolz. – Ja wohl, Bell, bestätigte der Doctor. – O! Amerikaner hätten das noch besser gekonnt, bemerkte Altamont. – Die wären gebraten worden, sagte der Doctor mit Lachen. – Und warum das? erwiderte der Amerikaner. – Jedenfalls haben's wenigstens Keine versucht; ich kann also nur von meinen Landsleuten sprechen. Ein letztes Beispiel will ich noch anführen, das ganz unglaublich wäre, wenn es nicht die Zeugen dafür außer Zweifel setzten. Der Herzog von Ragusa und ein Dr. Jung, ein Franzose und ein Oesterreicher, sahen einen Türken gar in ein Bad gehen, welches hundertsiebzig Grad (+77° hunderttheilig) warm war. – Mir will aber scheinen, sagte Johnson, daß das nicht der Leistung der Bannofenmädchen und der unserer Landsleute gleichkommt! – Entschuldigen Sie, erwiderte der Doctor, es ist ein großer Unterschied, ob man in heiße Luft oder in heißes Wasser geht. Die warme Luft ruft eine Verdunstung hervor, welche den Körper beschützt, während man in heißem Wasser nicht transpirirt und sich deshalb verbrennt. So ist die äußerste Temperaturgrenze, die man bei Bädern für zulässig erachtet, im Allgemeinen hundertsieben Grad (+42° hunderttheilig). Jener Türke mußte also ein außergewöhnlicher Mensch sein, um eine solche Hitze zu ertragen. – Herr Clawbonny, fragte Johnson, welche Temperatur haben im Allgemeinen die lebenden Geschöpfe? – Das ist je nach ihrer Natur verschieden, entgegnete der Doctor; so zeigen die Vögel unter allen Thieren die größte Eigenwärme und unter ihnen stehen Ente und Henne vornan; die Wärme ihres Körpers übersteigt hundertzehn Grad (+43° hunderttheilig), während die Nachteule z. B. nur hundertvier Grad (+40° hunderttheilig) hat; in zweiter Linie kommen dann die Säugethiere und die Menschen; die Temperatur der Engländer ist gewöhnlich hundertein Grad (+38° hunderttheilig). – Ich bin ganz sicher, daß Herr Altamont für die Amerikaner mehr beanspruchen wird, sagte Johnson lachend. – Nun gewiß, erwiderte dieser, es sind sehr Heißblütige darunter; da ich ihnen aber nie ein Thermometer in den Brustkasten oder unter die Zunge geschoben habe, kann ich unmöglich etwas Gewisses darüber sagen. – Gut, setzte der Doctor hinzu, der Unterschied zwischen den verschiedenen Menschenracen ist auch nicht merkbar, wenn sie sich unter gleichen Verhältnissen befinden und dieselbe Nahrung genießen. Ich möchte fast behaupten, daß die menschliche Eigenwärme unter dem Aequator und dem Pole dieselbe ist. – Also, sagte Altamont, ist hier unsere Körperwärme dieselbe wie in England? – Ganz sicher, antwortete der Doctor; was die anderen Säugethiere betrifft, so übersteigt ihre Temperatur meist ein wenig die des Menschen. Das Pferd steht ihm sehr nahe, ebenso der Hase, der Elephant, das Meerschwein und der Tiger; aber Katze, Eichhörnchen, Ratte, Panther, Schaf, Ochse, Hund, Affe, Bock und Ziege erreichen hundertdrei Grad, und endlich, das Bevorzugteste unter derart Thieren, das Schwein, hat gar über hundertvier Grad (+40° hunderttheilig).. – Das ist erniedrigend für uns, sagte Altamont. – Es folgen hierauf die Amphibien und Fische, deren Temperatur je nach der des Wassers sehr verschieden ist. Die Schlange hat nur sechsundachtzig Grad (+30° hunderttheilig), der Frosch fünfundsechzig (+18° hunderttheilig), der Hai im Mittel gar noch ein und einen halben Grad weniger; die Insecten endlich scheinen gar die Temperatur der Luft und des Wassers zu haben. – Das ist Alles ganz schön, sagte Hatteras, der jetzt endlich das Wort ergriff, und ich danke dem Doctor für die uns gewordene Mittheilung seiner Kenntnisse. Aber wir plaudern hier, als wenn uns große Hitze zu ertragen bevorstände. Wäre es nicht mehr am Platze, von der Kälte zu reden, zu wissen, was wir etwa zu erwarten haben, und welches die niedrigsten bis jetzt beobachteten Temperaturen sind? – Das ist richtig, meinte Johnson. – Nichts leichter als das, sagte der Doctor, und ich stehe gern mit Aufklärung zu Diensten. – Das glaube ich, sagte Johnson, Sie wissen ja Alles. – Ich weiß weiter Nichts, meine Freunde, als was ich von Anderen gelernt habe, und nach meinen Mittheilungen werden Alle ebenso unterrichtet sein, wie ich. Ueber die Kälte und die in Europa beobachteten niedrigsten Temperaturen kann ich nur etwa Folgendes sagen: Man zählt viele sehr harte Winter, und es scheint, daß die strengsten unter diesen nach einer Periode von etwa einundvierzig Jahren wiederkehren, ein Zeitraum, der mit dem reichlichsten Vorkommen von Sonnenflecken zusammenfällt. Ich erinnere hier an den Winter von 1364, wo die Rhône bis Arles hin gefror; an den von 1408, wo die Donau in ihrer ganzen Länge zufror und die Wölfe trockenen Fußes nach Jütland kamen; an den von 1509, während dessen das Adriatische Meer bei Venedig, Cette und Marseille fest wurde und die Ostsee noch am 10. April nicht zu befahren war; an den von 1608, während dessen in England alles Vieh umkam; an den von 1789, wo die Themse bis Gravesend, sechs Stunden unterhalb London, gefroren war; an den von 1813, an welchen sich die Franzosen mit Schrecken erinnern, und endlich an den von 1829, den strengsten und andauerndsten im neunzehnten Jahrhundert. Dies in Hinsicht Europas. – Aber welchen Grad kann die Kälte hier, oberhalb des nördlichen Wendekreises, annehmen? fragte Altamont. – Nun, meinte der Doctor, ich glaube, daß wir die härteste Kälte, die je beobachtet wurde, selbst erlebt haben; denn das Weingeist-Thermometer zeigte an einem Tage zweiundsiebzig Grad unter Null (-58° hunderttheilig), und, wenn ich mich recht entsinne, erreichen die niedrigsten von Polarreisenden bis jetzt aufgemerkten Temperaturen nur einundsechzig Grad auf der Insel Melville, fünfundsechzig Grad am Port Felix und siebzig Grad (-56°,7 hunderttheilig) am Fort Reliance. – Ja, wir sind hier durch einen sehr rauhen Winter zurückgehalten worden, sagte da Hatteras, und sehr zu unserm Unglück. – Sie sind aufgehalten worden, fragte rasch Altamont, den Kapitän scharf ansehend. – Auf unserer Fahrt nach Westen, beeilte sich der Doctor zu sagen. – Also schwankt, sagte Altamont, den Faden der Unterhaltung wieder aufnehmend, der höchste und niedrigste Stand der dem Menschen erträglichen Temperaturgrade etwa zwischen zweihundert Graden? – Ja, antwortete der Doctor, ein im Freien und geschützt vor jeder Rückstrahlung angebrachtes Thermometer steigt nie und nirgends über hundertfünfunddreißig Grad über Null (+57° hunderttheilig), so wie es andererseits nicht unter zweiundsiebenzig Grad (-58° hunderttheilig) herabsinkt. Sie sehen also, meine Freunde, daß wir uns ganz nach Bequemlichkeit einrichten können. – Wenn aber die Sonne, sagte Johnson, plötzlich verlöschte, würde die Erde nicht in eine weit beträchtlichere Kälte versinken? – Die Sonne wird zwar nicht verlöschen, erwiderte der Doctor, aber auch wenn es geschähe, würde die Temperatur schwerlich unter den vorhin angedeuteten Grad herabgehen. – Das ist merkwürdig. – O, ich weiß, daß man früher für die außerhalb der Atmosphäre gelegenen Räume Tausende von Graden annahm, aber nach den Forschungen eines gelehrten Franzosen, Fourrier, muß man das jetzt abweisen; er hat es zwar wahrscheinlich gemacht, daß, wenn sich die Erde in einer völlig wärmelosen Umgebung befände, die Stärke des Frostes, den wir jetzt am Pole beobachteten, zwar noch größer, auch zwischen Tag und Nacht ein beträchtlicherer Unterschied der Temperatur stattfinden würde; dennoch, meine Freunde, ist es auch Millionen Meilen entfernt nicht so sehr kälter als hier. – Sagen Sie mir, Doctor, fragte Altamont, ist die Temperatur Amerikas nicht geringer, als die der anderen Länder der Erde? – Ohne Zweifel, Sie dürfen aber darauf nicht eitel werden, sagte der Doctor lachend. – Und wie erklärt man sich diese Erscheinung? – Man hat eine Erklärung dafür gesucht, aber keine genügende gefunden; so stellte Halley die Vermuthung auf, ein Komet, der einmal schief auf die Erde getroffen sei, habe ihre Rotationsaxe verschoben, d. h. also ihre Pole. Nach ihm soll der Nordpol, welcher früher bei der Hudsonsbai war, weiter nach Osten gerückt sein, und die Gegenden des alten Poles wären dann so weit abgekühlt, daß sie die Sonne noch nicht wieder habe zu erwärmen vermögen. – Und Sie stimmen dieser Theorie nicht bei? – Keinen Augenblick; denn was für die Ostküste Amerikas wahr ist, gilt nicht für die Westküste, deren Temperatur eine höhere ist. Nein! Es ist nur zu bestätigen, daß es Isothermenlinien giebt, welche von den Parallelkreisen der Erde abweichen, das ist Alles. – Wissen Sie, Herr Clawbonny, sagte Johnson, daß es sich unter unseren jetzigen Verhältnissen recht hübsch von der Kälte plaudert. – Gewiß, mein alter Johnson; wir sind eben dabei, die Praxis zur Unterstützung der Theorie anzurufen. Diese Gegenden sind ein ungeheures Laboratorium, in dem man merkwürdige Versuche über niedrige Temperaturen anzustellen vermag. Seien Sie aber immer aufmerksam und klug; sollte Ihnen ein Körpertheil erfrieren, so reiben Sie ihn sogleich mit Schnee ab, um die Blutcirculation wieder herzustellen, und nehmen sich in Acht, wenn Sie an's Feuer zurückkommen, denn Sie könnten sich Hände oder Füße verbrennen, ohne es zu bemerken; das würde Amputationen nöthig machen, und wir wollen doch suchen, Nichts von uns selbst in diesen Polargegenden zurückzulassen. Ueberdies aber, meine Freunde, denke ich, wir werden gut thun, uns nun im Schlafe einige Stunden Ruhe zu gönnen. – Gern, antworteten des Doctors Gefährten. – Wer hat die Wache beim Ofen? – Ich, antwortete Bell. – Nun gut, Freundchen, so sehen Sie darauf, daß das Feuer nicht nachläßt, denn es ist eine Teufelskälte diesen Abend. – Beruhigen Sie sich, Herr Clawbonny, das spornt genug, und übrigens, sehen Sie doch, der Himmel steht ganz in Flammen. – Ja, erwiderte der Doctor, der sich dem Fenster näherte, ein Nordlicht von vollkommener Schönheit! Welch' prächtiges Schauspiel! Ich werde nie satt, es zu betrachten.« In der That bewunderte der Doctor immer diese kosmischen Phänomene, welchen seine Genossen keine große Aufmerksamkeit mehr schenkten; er hatte übrigens bemerkt, daß ihrem Erscheinen immer Störungen der Magnetnadel vorhergingen, und notirte sich seine Beobachtungen, die für das »Weather- Book« Das »Wetterbuch« des Admirals Fitz-Roy, in dem alle meteorologische Erscheinungen berichtet werden. bestimmt waren. Bald war dann Jeder, während Bell nächst dem Ofen wachte, auf seinem Lager gestreckt in ruhigen Schlummer gesunken. Zehntes Capitel. Wintervergnügungen. Das Leben am Pole ist von trauriger Einförmigkeit. Der Mensch ist vollständig den Launen der Atmosphäre unterthan, welche Stürme und strenge Kälte mit verzweifelter Eintönigkeit herbeiführt. Den größten Theil der Zeit ist es ganz unmöglich, einen Schritt aus dem Hause zu thun, und man bleibt in den Eishütten eingeschlossen. So vergehen lange Monate, welche die Ueberwinternden zu einer Maulwurfsexistenz verdammen. Am anderen Tage ging das Thermometer um einige Grade herab, und die Luft war voll wirbelnden Schneegestöbers, wodurch das ganze Tageslicht entzogen ward. Der Doctor sah sich an's Haus gefesselt und legte die Hände in den Schoß; er hatte Nichts zu thun, außer etwa den Verbindungsgang alle Stunden zu reinigen, der sonst sich ganz zu verstopfen drohte, und die Wände, welche von der Wärme im Innern feucht wurden, wieder zu glätten; das Eishaus selbst war höchst dauerhaft errichtet, und die Schneewehen, die seine Mauern verstärkten, erhöhten nur seine Widerstandsfähigkeit. Die Magazine bewährten sich gleichmäßig gut. Alle aus dem Schiffe geräumten Gegenstände waren in bester Ordnung aufgestapelt in diesen »Warendocks«, wie sie der Doctor nannte. Obgleich diese Magazine übrigens kaum sechzig Schritt vom Hause entfernt lagen, so war es an manchen stürmischen Tagen doch fast unmöglich, sich dahin zu begeben; daher mußte auch eine gewisse Menge Proviant für den täglichen Bedarf immer in der Küche aufbewahrt werden. Die Vorsicht, den Porpoise zu entladen, war ganz gerechtfertigt gewesen. Das Fahrzeug unterlag einem langsamen, unmerkbaren, aber unwiderstehlichen Drucke, der es nach und nach zerstörte. Es lag auf der Hand, daß aus seinen Trümmern Nichts zu machen sein werde; dennoch hoffte der Doctor immer, wenigstens eine Schaluppe zur Rückkehr nach England daraus zu gewinnen; der Augenblick, um deren Bau vorzunehmen, war aber noch nicht gekommen. So verbrachten die fünf Wintergenossen den größten Theil der Zeit in tiefem Müßiggange. Hatteras lag in Gedanken versunken auf seinem Bette, Altamont trank oder schlief, und der Doctor hütete sich wohl, sie aus ihrem Halbschlummer zu erwecken, denn er fürchtete stets irgend einen bösen Wortwechsel. Nur selten sprachen diese beiden Männer mit einander. Auch während der Mahlzeiten trug der kluge Doctor immer Sorge, die Unterhaltung zu führen und so zu leiten, daß keine Eigenliebe in's Spiel kam; er hatte aber alle Mühe, die überreizte Empfindlichkeit abzulenken. Soviel als möglich suchte er seine Genossen zu unterrichten, zu zerstreuen oder doch ihr Interesse zu erregen. Wenn er nicht mit der Ordnung seiner Reisenotizen beschäftigt war, besprach er lauter Gegenstände aus der Geschichte, der Erdbeschreibung oder der Witterungskunde, welche sich aus ihrer Lage ergaben; er trug die Sachen in ansprechender, dem Verstand einleuchtender Form vor; zog aus den geringsten Zwischenfällen eine Nutzanwendung; sein unerschöpfliches Gedächtniß ließ ihn niemals im Stich; er wandte seine Lehrsätze auf die anwesenden Personen an; erinnerte sie an Dies oder Jenes, was aus diesem oder jenem Umstande hervorging, und erhöhte so das Gewicht seiner Theorieen durch persönliche Beweisgründe. Man kann wohl sagen, daß dieser würdige Mann die Seele dieser kleinen Welt war, eine Seele, voll Offenherzigkeit und Gerechtigkeit, womit sie Alles durchdrang. Seine Genossen hatten zu ihm ein unbegrenztes Zutrauen; er verfehlte sogar seines Eindrucks auf Hatteras nicht, der ihn übrigens liebte. Durch seine Worte, sein Wesen und seine Gewohnheiten wirkte er so wohlthätig, daß die Existenz dieser wenigen, sechs Grad vom Nordpole vereinsamten Menschen ganz natürlich erschien; wenn der Doctor sprach, glaubte man ihn in seinem Zimmer in Liverpool zu hören. Und doch, wie verschieden war diese Lage von der solcher Schiffbrüchiger, die auf eine Insel des Stillen Oceans verschlagen wurden, jene Robinsone, deren anziehende Geschichte stets die Leser fesselt. Dort bot allerdings ein fruchtbarer Boden, eine üppig reiche Natur tausend Hilfsquellen; in jenen herrlichen Ländern genügte ein wenig Einbildungskraft und Arbeit, um sich materielles Wohlsein zu schaffen; Jagd und Fischfang befriedigten alle menschlichen Bedürfnisse; die Bäume trieben für den Menschen, natürliche Höhlen boten ihm ihren Schutz, die Bäche rieselten, seinen Durst zu löschen, prächtiger Schatten schützte ihn gegen die Hitze, und niemals bedrohte ihn arger Frost in jenen milden Wintern; pflegelos hingeworfene Samenkörner lieferten einige Monate später eine Ernte. Abgesehen von dem Mangel an Gesellschaft war die Glückseligkeit vollkommen. Dazu lagen jene bezaubernden Inseln, jene herrlichen Länder an dem Wege anderer Schiffe; der Schiffbrüchige konnte immer hoffen, wieder mit aufgenommen zu werden, und er wartete geduldig, bis man ihn seiner glücklichen Existenz entriß. Aber hier, an dieser Küste Neu-Amerikas, welcher Abstand! Diesen Vergleich stellte der Doctor zwar manchmal an, aber er behielt ihn für sich, obgleich er gewiß über den erzwungenen Müßiggang erzürnt war. Mit Begierde erwartete er den Wiedereintritt des Thauwetters, um seine Ausflüge von Neuem vornehmen zu können, und doch sah er ihn nicht ohne Furcht sich nahen, denn er prophezeite sich ernsthafte Auftritte zwischen Hatteras und Altamont. Wenn man jemals bis zum Pole drang, was würde aus der Rivalität der beiden Männer sich ergeben? Er mußte also zunächst Alles abzuwenden suchen, nach und nach diese beiden Rivalen zu einem unbewußten Einverständniß und zu freimüthigem Gedankenaustausche bringen; aber einen Engländer und einen Amerikaner unter einen Hut zu bringen, zwei Menschen, die schon ihre Abkunft zu Feinden machte, der Eine von ihnen erfüllt mit dem ganzen Ernste Alt-Englands, der Andere, begabt mit dem unternehmenden, kühnen und rücksichtslosen Geiste seiner Nation welche Arbeit voller Schwierigkeiten bot das! Wenn der Doctor über diesen unversöhnlichen Wettstreit der Menschen, diese nationale Eifersucht nachdachte, konnte er nicht umhin, nicht etwa mit den Achseln zu zucken, denn das kam bei ihm überhaupt nie vor, aber doch die menschlichen Schwachheiten zu bedauern. Mit Johnson sprach er oft über dieses Thema; der alte Seemann und er stimmten in dieser Hinsicht ganz überein; sie fragten sich dann, welche Mittel sie ergreifen, durch welches vorsichtige Verfahren sie zu ihrem Ziele gelangen sollten, und sahen wohl die in der Zukunft drohenden Verwickelungen. Indeß dauerte die üble Witterung fort; nicht auf eine Stunde konnte man daran denken, das Fort Providence zu verlassen; Tag und Nacht mußte man in dem Eishause verweilen. Man langweilte sich, ausgenommen der Doctor, der immer ein Mittel fand, sich zu beschäftigen. »Es giebt also keine Möglichkeit, sich zu zerstreuen? sagte eines Abends Altamont; das nennt man doch wahrlich nur nach Art der Reptilien leben, die den ganzen Winter über verscharrt liegen. – Es ist wohl wahr, bestätigte der Doctor; leider sind wir nicht zahlreich genug, um irgend ein System von Zerstreuungen zu organisiren. – Also glauben Sie, erwiderte der Amerikaner, daß wir weniger mit Müßiggang zu kämpfen hätten, wenn wir in größerer Zahl hier wären? – Ohne Zweifel, denn wenn ganze Schiffsmannschaften einen Winter in den Polargegenden verbracht haben, fanden sie allemal ein Auskunftsmittel, sich nicht zu langweilen. – Ich wäre wahrlich neugierig, sagte Altamont, zu wissen, wie sie das angefangen haben; es gehören sehr erfindungsreiche Geister dazu, um einer solchen Lage noch erheiternde Seiten abzugewinnen. Sie gaben sich, denk' ich, nicht Räthsel zu lösen auf! – Nein, es fehlte aber nicht viel, versetzte der Doctor; sie hatten in diese hochnördlichen Länder zwei mächtige Zerstreuungsmittel eingeführt: die Presse und das Schauspiel. – Wie? Sie hatten ein Journal? fragte der Amerikaner. – Sie spielten Komödie? rief Bell. – Allerdings, und sie fanden auch ein wahrhaftes Vergnügen dabei. So schlug der Commandant Parry bei Gelegenheit der Ueberwinterung auf der Insel Melville seinen Leuten diese beiden Arten Vergnügungen, und zwar mit bestem Erfolge vor. – Nun, offen gestanden, meinte Johnson, ich hätte wohl dabei sein mögen, das muß merkwürdig gewesen sein. – Merkwürdig und unterhaltend, mein braver Johnson; der Lieutenant Beechey wurde Theaterdirector, und der Kapitän Sabine Hauptredacteur der 'Winter-Chronik', oder 'Zeitung für Nord-Georgia.' – Schöne Titel, sagte Altamont. – Diese Zeitung erschien vom 1. November 1819 bis 20. März 1820 jeden Montag. Sie berichtete Alles, was auf die Ueberwinterung Bezug hatte, über die Jagden, kleine Vorkommnisse, Unfälle, über Witterung und Temperatur; sie enthielt eine mehr oder weniger ergötzliche Chronik; zwar durfte man den Geist eines Sterne nicht darin suchen, oder etwa die schönen Artikel des 'Daily-Telegraph'; aber doch half man sich immerhin damit fort und zerstreute sich; die Leser waren weder zu peinlich noch blasirt und niemals, glaub' ich, wird die Aufgabe eines Tagesschriftstellers eine angenehmere gewesen sein. – Wahrlich, sagte Altamont, ich wäre wohl begierig, Auszüge aus dieser Wochenschrift zu kennen, mein lieber Doctor; ihre Artikel müssen doch vom ersten Wort bis zum letzten von Frost gestarrt haben. – Gott bewahre, entgegnete der Doctor; was jedenfalls der Philosophischen Gesellschaft in Liverpool oder dem Literarischen Institut in London etwas naiv vorgekommen wäre, das genügte doch den im Schnee vergrabenen Mannschaften vollkommen. Wollen Sie selbst darüber urtheilen? – Was? Sie hätten das im Gedächtniß behalten ...? – Das zwar nicht, aber Sie hatten Parry's Reisen an Bord des Porpoise, und ich brauche nur seine eigenen Berichte vorzulesen. – Ja, thun Sie es! riefen die Gefährten des Doctors. – Nichts leichter als das.« Der Doctor suchte das betreffende Werk in dem Schranke des Salons, und fand leicht die einschlägige Stelle. »Seht, sagte er, da haben wir einige Auszüge aus der 'Zeitung für Nord-Georgia.' Hier ist ein an den Hauptredacteur gerichtetes Schreiben: 'Mit wahrer Befriedigung wurde in unserer Mitte Ihr Vorschlag zur Begründung einer Zeitung aufgenommen. Ich bin der Ueberzeugung, daß sie unter Ihrer Leitung uns manches Vergnügen bereiten und die Last unserer hundert finsteren Tage wesentlich erleichtern wird. Bei dem Interesse, welches ich persönlich daran nehme, habe ich den Eindruck Ihrer Anzeige auf die ganze Gesellschaft zu ermitteln gesucht, und ich kann Sie versichern, daß, um die der Londoner Presse geläufigen Ausdrücke zu gebrauchen, die Sache bei unserem Publicum eine tiefe Sensation hervorgerufen hat. Am Tage nach dem Erscheinen Ihres Prospectes entstand an Bord eine ganz ungewohnte, noch nie dagewesene Nachfrage nach Tinte. Die grünen Decken unserer Tische hatten sich bald mit einer wahren Sündfluth von Federabschnitzeln bedeckt, zum großen Verdrusse eines unserer Diener, der sich beim Abschütteln einen davon unter den Nagel stach. Ich weiß endlich aus guter Quelle, daß der Sergeant Martin nicht weniger als neun Federmesser zu schleifen hat. All' unsere Tische kann man unter der ungewohnten Last der Schreibepulte sich beugen sehen, die seit zwei Monaten nicht das Tageslicht gesehen hatten, und man sagt sogar, daß man aus den Tiefen des Schiffsraumes manches Ries Papier, das nicht so bald aus seiner Ruhe gestört zu werden glaubte, hervorgeholt habe. Vergessen will ich nicht, Ihnen mitzutheilen, wie ich einigen Verdacht habe, daß man versuchen wird, in Ihren Briefkasten einige Artikel schlüpfen zu lassen, welche, da sie jeder Originalität entbehren und keineswegs noch ungedruckt sind, Ihrem Plane nicht entsprechen dürften. Ich kann versichern, daß schon gestern Abend ein Autor zu sehen war, der in der einen Hand einen aufgeschlagenen Band des »Spectators« hielt, während er mit der anderen seine Tinte an der Lampenflamme aufthaute! Es wird unnütz sein, Ihnen zu empfehlen, daß Sie sich vor solcher Arglist hüten; wir wollen nicht das in der »Winterchronik« wieder erscheinen sehen, was unsere Vorfahren, vielleicht vor einem Jahrhundert, beim Frühstück lasen.' – Gut, sehr gut, sagte Altamont, als der Doctor zu Ende gelesen hatte, darin ist wirklich gesunder Humor, und der Verfasser des Briefes muß ein rechter Schlaukopf gewesen sein. – Schlaukopf, das ist das rechte Wort, antwortete der Doctor. Doch halt, da ist noch eine Anzeige, der es auch nicht an Humor fehlt: 'Gesucht wird eine gut beleumundete Frau in mittleren Jahren, um den Damen der Truppe des königlichen Theaters im nördlichen Georgia bei der Toilette behilflich zu sein. Neben angemessenem Salär gewährt man ihr Thee und Bier nach Belieben. Adressen werden an das Theater-Comité erbeten. – NB. Eine Witwe erhielte den Vorzug.' – Meiner Treu', sagte Johnson, unsere Landsleute waren für den Spaß noch nicht verdorben. – Aber die Witwe, fragte Bell, hat diese sich gefunden? – Man sollte es wohl glauben, erwiderte der Doctor, denn hier findet sich auch eine an das genannte Comité gerichtete Antwort: 'Meine Herren, ich bin Witwe und sechsundzwanzig Jahre alt. Für mein Verhalten und meine Geschicklichkeit kann ich unwiderlegliche Zeugnisse beibringen. Bevor ich aber die Toilette der Künstlerinnen an Ihrer Bühne in die Hand nehme, möchte ich wissen, ob dieselben ihre Hosen beibehalten wollen, und ob man mir zum Schnüren und Binden der Corsets zwei handfeste Matrosen zur Hilfe giebt. Wenn das der Fall ist, meine Herren, so zählen Sie auf Ihre ergebene Dienerin A. B. Nachschrift. Könnten Sie nicht Branntwein statt des Halbbieres liefern?' – Ah, bravo! rief Altamont, ich sehe nun schon Kammerfrauen, die mit der Schiffswinde zusammenschnüren. Aber wahrlich, lustig waren sie, die Begleiter des Kapitän Parry. – Wie alle diejenigen, welche je ihr Ziel erreicht haben«, versetzte Hatteras. Hatteras warf diese Bemerkung mitten in die Unterhaltung dazwischen, dann verfiel er wieder in sein gewohntes Schweigen. Der Doctor, der auf diesen Punkt nicht weiter eingehen wollte, las unverweilt weiter. »Hier findet sich nun, fuhr er fort, ein Gemälde der Leiden im hohen Norden; man könnte es in's Unendliche vervielfältigen; aber einige Beobachtungen sind gar zu treffend. Urtheilen Sie selbst: Morgens ausgehen, um frische Luft zu schöpfen und beim ersten Schritt aus dem Schiffe ein unfreiwilliges kaltes Bad in dem Wasserloche des Kochs nehmen. Auf die Jagd gehen, einem prächtigen Rennthier begegnen, anlegen und Feuer zu geben versuchen, und dann den abscheulichen Fehler begehen, von der Pfanne blitzen zu lassen, weil die Ladung feucht war. Sich mit einem weichen Stück Brod auf den Weg begeben, und wenn man Appetit fühlt, es so hart zu finden, daß man wohl die Zähne zerbrechen kann. Plötzlich die Tafel verlassen, da man hört, ein Wolf sei in Sicht des Fahrzeugs, und bei der Rückkehr sein Essen von der Katze verzehrt finden. Vom Spaziergang heimkehren, sich tiefen und nützlichen Grübeleien hingeben und plötzlich durch die Umarmung eines Bären wieder herausgerissen werden.« – Sie sehen, meine Freunde, wir würden nicht verlegen sein, dem noch mehrere andere polare Unannehmlichkeiten hinzuzufügen; aber wenn man diese einmal ertragen mußte, war es doch ein Vergnügen, sie zu constatiren. – Das ist wahrlich eine unterhaltende Zeitschrift, sagte Altamont, und es ist schade, daß wir sie nicht halten können. – Wenn wir nun versuchten, selbst eine zu gründen, bemerkte Johnson. – Wir, zu Fünf? erwiderte Clawbonny; wir würden höchstens die Redacteure dazu sein, und es bliebe keine hinreichende Zahl von Lesern. – Nicht mehr als Zuschauer, wenn wir uns in den Kopf setzten, Komödie zu spielen, fügte Altamont hinzu. – Was das betrifft, Herr Clawbonny, sagte Johnson, so erzählen Sie uns doch Etwas vom Theater des Kapitän Parry; gab man da neue Stücke? – Ohne Zweifel; anfangs wurden zwar zwei Bände mit solchen, die auf dem »Hekla« mit eingeschifft waren, benutzt; da aber alle vierzehn Tage eine Vorstellung gegeben wurde, ging das Repertoire bald total zur Neige. Dann machten sich improvisirte Schriftsteller an's Werk, und Parry selbst schrieb für Weihnachten ein ihrer Lage ganz angepaßtes Stück, welches »Die Nord-West-Passage«, oder »Das Ende der Reise« hieß, und ungeheuren Erfolg hatte. – Ein herrlicher Titel, sagte Altamont, doch gestehe ich, daß ich für meine Person bei der Behandlung desselben Sujets um die Lösung der Verwicklung verlegen sein würde. – Sie haben wohl Recht, meinte Bell; wer weiß, wie das noch enden wird! – Genug, sagte der Doctor; wer wird denn schon an den letzten Act denken, wenn die ersten gut verlaufen? Ueberlassen wir das der Vorsehung, meine Freunde; wir haben nur unsere Rollen nach besten Kräften zu spielen, und da die Lösung den Schöpfer aller Dinge angeht, so wollen wir auch seiner Weisheit vertrauen; er wird uns schon zu helfen wissen. – Nun wollen wir aber alles das beschlafen, warf Johnson ein, es ist spät, und da die Zeit der Ruhe da ist, wollen wir auch schlummern. – Sie haben rechte Eile, mein alter Freund, sagte der Doctor. – Was meinen Sie, Herr Clawbonny, ich befinde mich so wohl in meinem Bette! Und dann träume ich auch gewöhnlich so schön; ich träume von den heißen Ländern, so daß ich wahrlich sagen möchte, daß ich die eine Hälfte meines Lebens unter dem Aequator und die andere am Pole zubringe. – Den Teufel, sagte Altamont, da sind Sie ja glücklich organisirt. – Wie Sie sagen, erwiderte der Rüstmeister. – Nun gut, schloß der Doctor, es würde grausam sein, unseren braven Johnson noch länger sich sehnen zu lassen. Seine Tropensonne erwartet ihn; da wollen wir auch schlafen gehen.« Elftes Capitel. Beunruhigende Spuren. In der Nacht vom 26. zum 27. April schlug das Wetter um; das Thermometer sank merkbar, so daß die Insassen von Doctors-House die Kälte spürten, die bis unter ihre Decken drang. – Altamont, der die Ofenwache hatte, bemühte sich, das Feuer nicht ausgehen zu lassen, und mußte tüchtig nachlegen, um die Temperatur im Innern auf fünfzig Grad über Null (+10° hunderttheilig) zu erhalten. Der Wiedereintritt der Kälte bezeichnete das Ende des stürmischen Wetters, worüber sich der Doctor sehr freute; nun konnten ja die gewohnten Beschäftigungen, wie Jagden, Ausflüge, Erforschung des Landes und dergleichen wieder aufgenommen werden, was endlich der thätigkeitslosen Einsamkeit ein Ziel setzte, über die zuletzt auch die besten Menschen ärgerlich werden. Am folgenden Morgen verließ der Doctor frühzeitig das Bett und bahnte sich durch die aufgehäuften eisigen Massen einen Weg bis zu dem Gipfel, auf dem der Leuchtthurm stand. Der Wind war nach Norden umgesprungen; die Atmosphäre war klar; lange weiße Flächen boten dem Fuße ihren erhärteten Teppich. Bald verließen die fünf Wintergenossen Doctors-House; ihre erste Sorge war, das Haus von den umhergelagerten Eismassen zu befreien; das Plateau erkannte man kaum wieder, es wäre unmöglich gewesen, darauf die Spuren einer Wohnung zu erkennen. Der Sturm, der die Unebenheiten des Terrains zufüllte, hatte Alles geebnet; mindestens um fünfzehn Fuß war der Boden erhöht. Zuerst mußte man zum Wegräumen der Schneemassen schreiten; dann verlieh man dem Gebäude wieder eine architektonische Form, indem man seine Linien vereinigte und sein Aussehen wiederherstellte. Das war übrigens nicht allzuschwer, denn nachdem das Eis fortgeschafft war, genügte einige Arbeit mit dem Eismesser, den Mauern ihre normale Stärke wiederzugeben. Nach zwei Stunden anhaltender Arbeit ward der Granitboden wieder sichtbar; dann wurde auch der Weg nach den Magazinen und dem Pulverhäuschen wieder gangbar gemacht. Da sich bei dem so unzuverlässigen Klima ein solcher Zustand jeden Tag wiederholen konnte, entnahm man neuen Vorrath an Lebensmitteln und schaffte ihn in die Küche. Nun machte sich den durch das Salzfleisch gereizten Magen aber auch das Bedürfniß nach frischem Fleische fühlbar; die Jäger wurden demnach beauftragt, diese erhitzende Nahrungsweise einmal abzuändern, und sie bereiteten sich zu einer Partie. Doch war mit Ende April der polare Frühling noch nicht gekommen; das dauerte noch mindestens sechs Wochen. Die noch schwachen Sonnenstrahlen vermochten diese Schneeflächen nicht zu durchdringen und dem Boden die dürftige Flora jener Gegenden zu entlocken. Man mußte wohl fürchten, daß die Thiere, Vögel und Vierfüßler noch sehr selten seien. Doch hätten ein Hase, einige Paar Schneehühner, selbst ein junger Fuchs die Tafel in Doctors-House geziert, und die Jäger waren entschlossen, unerbittlich Alles, was ihnen vor den Flintenlauf kam, zu erlegen. Der Doctor, Altamont und Bell machten sich daran, das Land zu erforschen. Altamont mußte, seinem Auftreten nach, ein geschickter und entschlossener Jäger sein; er war ein trefflicher Schütze, aber auch etwas großsprecherisch. Er war also bei der Partie, ganz wie Duk, der in seiner Art gleichviel werth war, und weniger schwatzte. Die drei Reisegenossen stiegen auf die östliche Erhöhung hinauf und drangen quer über die weißen Ebenen; sie brauchten indeß nicht weit zu gehen, denn kaum zweitausend Schritte vom Fort wurden zahlreiche Fährten sichtbar; von dieser Stelle aus gingen sie nach dem Ufer der Victoria-Bai und schienen rings das Fort in concentrischen Kreisen zu umschließen. Nachdem die Jäger diese Spuren aufmerksam verfolgt, sahen sie sich einander an. »Nun, sagte der Doctor, das scheint mir jetzt klar. – Nur zu klar, setzte Bell hinzu; das sind Spuren von Bären. – Ein prächtiges Stück Wild, antwortete Altamont, aber heute scheint es mir doch einen großen Fehler zu haben. – Welchen? fragte der Doctor. – Seine große Anzahl, erwiderte der Amerikaner. – Was wollen Sie damit sagen, versetzte Bell. – Ich will sagen, daß das die Spuren von fünf vollkommen zu unterscheidenden Bären sind; und fünf Bären auf fünf Menschen ist doch etwas viel. – Sind Sie Ihrer Ansicht sicher? fragte der Doctor. – Sehen und urtheilen Sie selbst; hier ist eine Fährte, die jener anderen nicht gleicht; die Krallen von diesen hier sind weiter abstehend, als die von jenen; da ist auch noch die Fußtapfe eines kleineren Bären. Wenn Sie vergleichen, werden Sie in bestimmtem Raume immer die Spuren von fünf Thieren finden. – Es ist unzweifelhaft, sagte Bell, nachdem er sich die Sache genau angesehen. – Dann, meinte der Doctor, gilt es hier nicht unnütze Bravour zu zeigen, sondern auf unserer Hut zu sein; diese Thiere sind durch den strengen Winter ausgehungert, und können deshalb sehr gefährlich werden; und da über ihre Zahl kein Zweifel sein kann ... – Und auch nicht über ihre Absichten, fiel Altamont ein. – Sie glauben, sagte der Erstere, daß diese unseren Aufenthalt an der Küste aufgespürt haben? – Gewiß, wenn wir nicht nur auf eine Wechselfährte der Bären gestoßen sind. Aber warum gehen diese Spuren rund herum und verlieren sich nicht in der Ferne? Da sehen Sie, von Südosten sind die Thiere gekommen, haben dann hier Halt gemacht, und von dieser Stelle aus das Terrain durchstöbert. – Sie haben Recht, sagte der Doctor; es steht sogar fest, daß sie diese Nacht gekommen sind. – Und ohne Zweifel auch die früheren Nächte, antwortete Altamont, nur wird der Schnee ihre Spuren verdeckt haben. – Nein, erwiderte der Doctor, es ist vielmehr anzunehmen, daß die Bären auch das Ende der Stürme abgewartet haben; durch die Noth getrieben, haben sie sich dann nach der Küste der Bai aufgemacht, um einige Robben zu fangen, und haben uns dabei ausgewittert. – So ist's gerade, sagte Altamont; übrigens können wir leicht erfahren, ob sie nächste Nacht wiederkehren. – Wie das? fragte Bell. – Wir verwischen die Spuren auf einer Strecke Weges, und wenn wir morgen frische eingedrückte Spuren bemerken, ist es sicher, daß das Fort Providence das Ziel ist, nach dem sie trachten. – Gut, sagte der Doctor, dann werden wir wenigstens wissen, woran wir sind.« Die drei Jäger gingen an's Werk, und indem sie den Schnee darüber scharrten, hatten sie bald auf eine Entfernung von sechshundert Fuß jede Fährte zerstört. »Es ist doch auffallend, sagte Bell, daß die Thiere uns auf eine so große Entfernung hin aufspüren konnten, da wir kein Fett verbrannt haben, das sie hätte anlocken können. – O, sagte der Doctor, die Bären haben sehr scharfen Gesichts- und sehr feinen Geruchssinn; dazu sind sie sehr gescheit, wenn nicht die gescheitesten aller Thiere, und haben von hier aus gewiß etwas Ungewohntes gewittert. – Wer sagt uns übrigens, bemerkte Bell, daß sie nicht während des Sturmes sogar bis zu dem Plateau gekommen sind? – Ja, sagte der Amerikaner, warum hätten sie sich dann aber letzte Nacht gerade auf diese Grenze beschränkt? – Darauf giebt es freilich keine Antwort, erwiderte der Doctor, und wir müssen annehmen, daß sie den Kreis ihrer Nachforschungen immer enger um das Fort Providence ziehen werden. – Das werden wir wohl sehen, antwortete der Amerikaner. – Nun wollen wir unseren Weg fortsetzen, sagte der Doctor, aber wachsamen Auges!« Die Jäger lugten scharf aus; sie mochten fürchten, hinter irgend einem kleinen Eisberge lauere ein Bär; häufig hielten sie große Blöcke, die ungefähr die Form und Farbe derselben hatten, auch selbst für solche; aber zuletzt und zu ihrer großen Befriedigung war es immer eine Täuschung. Endlich kamen sie dem Bergkegel wieder nahe, von wo aus ihr Blick vergeblich vom Cap Washington bis zur Insel Johnson streifte. Sie sahen Nichts; Alles war unbeweglich und weiß; kein Geräusch, kein Krachen des Eises war hörbar. So kehrten sie in das Schneehaus zurück. Hatteras und Johnson wurden mit dem Vorgefallenen bekannt gemacht, und man beschloß mit angestrengtester Aufmerksamkeit zu wachen. Die Nacht kam; Nichts störte ihre Ruhe, Nichts ließ sich hören, was die Nähe einer Gefahr verrathen hätte. Am folgenden Tage machten sich Hatteras und seine Begleiter schon mit der Morgendämmerung wohlbewaffnet auf, den Zustand der Schneefläche nachzusehen; sie entdeckten Spuren, die denen des vorigen Tages vollkommen entsprachen, aber näher waren. Offenbar machten die Feinde Anstalt, das Fort Providence zu belagern. »Sie haben ihre zweite Parallele eröffnet, sagte der Doctor. – Sie haben sogar einen Posten vorgeschoben, erwiderte Altamont; sehen Sie dort diese Fährte, sie gehört einem gewaltigen Thiere an. – Ja, sagte Johnson, diese Bären kommen nach und nach heran; es ist augenscheinlich, daß sie uns angreifen wollen. – Das unterliegt keinem Zweifel, entgegnete der Doctor, darum vermeiden wir, uns sehen zu lassen. Wir sind nicht stark genug, um mit Erfolg einen offenen Kampf aufzunehmen. – Aber wo mögen diese verdammten Bären sein? rief Bell. – Hinter irgend einem Schollenhaufen im Osten, von wo aus sie uns beobachten; wir wollen uns keinem unklugen Abenteuer aussetzen. – Und die Jagd? warf Altamont ein. – Werden wir einige Tage aufschieben; wir wollen auf's Neue die nächsten Fährten verlöschen, und morgen nachsehen, ob sie wieder da sind. So werden wir uns bezüglich der Manoeuvres unserer Feinde auf dem Laufenden erhalten.« Des Doctors Rath ward befolgt, und man zog sich wieder in das Fort zurück. Die Anwesenheit dieser furchtbaren Thiere machte jeden Ausflug unmöglich. Man überwachte aufmerksam die Umgebungen der Victoria-Bai. Der Leuchtthurm wurde gelöscht, er hatte jetzt keinen thatsächlichen Nutzen und erregte eher die Aufmerksamkeit der Thiere; die Laterne und die Leitungsschnüre wurden in das Haus hereingenommen; ferner begab sich Einer nach dem Anderen zur Umschau auf das obere Plateau. Nun hatten sie auf's Neue die Unlust der Abschließung auszuhalten; aber konnten sie anders handeln? In einen so ungleichen Kampf konnte man sich nicht einlassen, und das Leben jedes Einzelnen war zu kostbar, um es unklug auf's Spiel zu setzen. Wenn die Bären Nichts mehr sahen, gaben sie vielleicht das Spüren auf, und traf man sie bei einem Ausfluge einzeln, so waren sie schon mit Erfolg anzugreifen. Diese Unthätigkeit wurde indeß auch durch ein neues Interesse belebt; es galt zu wachen, und Keiner bedauerte, ein wenig Vorposten stehen zu müssen. Der 28. April verging ohne ein Lebenszeichen der Feinde. Am anderen Tage suchte man mit lebhafter Neugierde die Fährte wieder auf, und war nicht wenig erstaunt, keine zu finden. Weit und breit sah man nur die unberührte Schneefläche. »Gut! rief Altamont, die Bären haben ihr Spüren aufgegeben, sie hatten keine Ausdauer und wurden des Wartens müde. Sie sind fort! Glückliche Reise! Und nun auf, zur Jagd! – Halt! Halt! wendete der Doctor ein, wer weiß? Zu größerer Sicherheit, meine Freunde, verlange ich noch einen Tag Ueberwachung; sicher ist nur, daß der Feind diese Nacht nicht zurückgekehrt ist, mindestens nicht von dieser Seite her ... – So umgehen wir das ganze Plateau, sagte Altamont, dann wissen wir gleich, woran wir sind. – Recht gern!« erwiderte der Doctor. Aber mochte man auch noch so achtsam den ganzen Raum innerhalb zwei Meilen absuchen, es war unmöglich, nur die geringste Fährte zu entdecken. »Nun, gehen wir nun jagen? fragte ungeduldig der Amerikaner. – Warten wir bis morgen, entgegnete der Doctor. – Also bis morgen«, versetzte Altamont, der sich nur mit Mühe zurückhielt. Alle gingen in's Fort zurück und Jeder mußte, wie den Tag vorher, immer eine Stunde auf dem Beobachtungspunkte verbleiben. Als die Reihe an Altamont kam, verfügte er sich zur Ablösung Bell's nach dem Bergkegel. Sobald er nur hinaus war, rief Hatteras seine Gefährten um sich zusammen. Der Doctor verließ sein Notizenheft und Johnson die Oefen. Man hätte glauben können, daß Hatteras mit ihnen über die Gefahren ihrer Lage habe reden wollen; aber daran dachte er nicht. »Meine Freunde, sagte er, benutzen wir die Abwesenheit dieses Amerikaners, um einmal von unseren Angelegenheiten zu sprechen; es giebt Sachen, die ihn Nichts angehen und in welche ich seine Einmischung nicht wünschte.« Die Angeredeten sahen sich an, da sie noch nicht wußten, wo er hinaus wolle. »Ich wünsche mich mit Euch, fuhr er fort, über unsere zukünftigen Projecte zu verständigen. – Gut, gut, erwiderte der Doctor, darüber wollen wir reden, da wir allein sind. – In einem Monate, sagte Hatteras, spätestens in sechs Wochen wird die Zeit zu größeren Ausflügen wieder da sein. Habt Ihr daran gedacht, was wir wohl während des Sommers unternehmen sollen? – Und Sie, Kapitän, fragte Johnson. – Ich, ich kann sagen, daß mir keine Stunde verstreicht, die mich nicht mit meiner Idee beschäftigt fände. Ich nehme an, daß Keiner die Absicht hat, den Weg rückwärts zu gehen?« Diese Anmuthung blieb ohne augenblickliche Antwort. »Was mich betrifft, fuhr Hatteras fort, und müßte ich allein gehen, ich ginge bis zum Nordpole, von dem wir höchstens noch dreihundert Meilen entfernt sind. Noch niemals näherten sich Menschen soweit diesem ersehnten Ziele, und ich möchte eine solche Gelegenheit nicht verlieren, ohne Alles versucht zu haben, selbst das Unmögliche. Was sind in dieser Hinsicht Ihre Absichten? – Die Ihrigen, antwortete lebhaft der Doctor. – Und die Ihrigen, Johnson? – Die des Doctors, erwiderte der alte Schiffer. – Es ist noch an Ihnen, zu sprechen, Bell, sagte Hatteras. – Kapitän, entgegnete der Zimmermann, uns erwartet keine Familie in England, das ist wahr, aber die Heimat bleibt doch die Heimat! Denken Sie denn an keine Rückkehr? – Die Rückkehr wird sich nach der Entdeckung des Poles noch ebensogut ausführen lassen, erwiderte der Kapitän. Selbst noch besser. Die Schwierigkeiten derselben werden nicht größer geworden sein, denn bei der Rückkehr entfernen wir uns immer mehr von den kältesten Punkten der Erdkugel. Wir haben noch für lange Zeit Brennmaterial und Nahrungsmittel. Nichts kann uns demnach abhalten, und wir würden uns eine wahre Schuld aufladen, nicht bis an's Ziel gegangen zu sein. – Nun denn, sagte Bell, wir sind Alle Ihrer Meinung, Kapitän. – Gut, antwortete Hatteras, ich habe auch nie an Ihnen gezweifelt. Wir werden siegen, meine Freunde, und England wird den vollen Ruhm unseres Erfolges haben. – Aber es ist ein Amerikaner unter uns«, sagte Johnson. Hatteras vermochte bei dieser Bemerkung eine zornige Bewegung nicht zu unterdrücken. »Ich weiß es, sagte er ernst. – Wir können ihn hier nicht zurücklassen, meinte der Doctor. – Nein, das können wir nicht, sagte mechanisch Hatteras. – Und er wird bestimmt mitkommen. – Ja! Er wird mitkommen! Aber wer wird den Befehl führen? – Sie, Kapitän. – Und wenn Ihr Anderen mir gehorcht, sollte dieser Yankee den Gehorsam verweigern? – Ich glaube es nicht, antwortete Johnson; und wenn er sich wirklich Ihren Anordnungen nicht fügen wollte ... – So wäre das dann eine Frage zwischen ihm und mir.« Schweigend sahen die drei Engländer Hatteras an. Der Doctor ergriff wieder das Wort. »Wie werden wir reisen? sagte er. – So viel als möglich längs der Küste, erwiderte Hatteras. – Aber wenn wir, wie es wahrscheinlich ist, auf ein offenes Meer stoßen? – Nun gut, dann setzen wir hinüber. – Aber wie? Wir haben kein Fahrzeug.« Hatteras blieb die Antwort schuldig; er war offenbar in Verlegenheit. »Man könnte vielleicht, sagte Bell, eine Schaluppe aus den Trümmern des Porpoise bauen. – Nimmermehr! fuhr Hatteras heftig auf. – Nimmermehr?« fragte Johnson. Der Doctor schüttelte den Kopf; er verstand das Widerstreben des Kapitäns. »Nimmermehr! wiederholte dieser. Eine Schaluppe aus dem Holze eines amerikanischen Schiffes gebaut, wäre auch eine amerikanische! ... – Aber, Kapitän! ...« begann Johnson. Der Doctor gab dem alten Schiffer einen Wink, jetzt nicht hierbei zu verharren. Diese Frage mußte für einen gelegeneren Augenblick erspart bleiben. Wenn der Doctor auch Hatteras' Widerstand vollkommen begriff, so theilte er ihn doch nicht, und hoffte schon, den Freund wieder von seiner so bestimmten Entschließung zurückzubringen. Er sprach nun von Anderem; von der Möglichkeit, von der Küste aus direct nach Norden zu dringen, und von jenem unbekannten Punkte der Erdkugel, den man den Nordpol nennt. Kurz, er vermied die gefährlicheren Seiten der Unterhaltung bis zu dem Augenblick, wo sie plötzlich unterbrochen wurde, und das war beim Wiedereintritt Altamont's. Dieser hatte nichts Neues mitzutheilen. So endete der Tag, und auch die Nacht verlief ruhig. Offenbar waren die Bären verschwunden. Zwölftes Capitel. Im Eis-Gefängniß. Am folgenden Tage dachte man daran, einen Jagdzug zu unternehmen, an dem Hatteras, Altamont und der Zimmermann theilnehmen sollten. Verdächtige Spuren waren nicht wieder bemerkt worden, und die Bären hatten gewiß auf einen Angriff verzichtet, sei es aus Furcht vor ihren unbekannten Feinden, oder weil ihnen neuerdings Nichts die Anwesenheit lebender Wesen in jener Schneemasse verrathen hatte. Während der Abwesenheit der drei Jäger sollte der Doctor zur Insel Johnson vordringen, den Zustand des Eises untersuchen und einige hydrographische Aufnahmen vornehmen. Es war zwar eine sehr lebhafte Kälte, aber die Ueberwinternden vertrugen sie gut; ihre Haut hatte sich an diese ungeheure Kälte bereits gewöhnt. Der Rüstmeister sollte in Doctors-House zurückbleiben, um die Wohnung zu überwachen. Die Jäger trafen ihre Vorbereitungen; sie bewaffneten sich Jeder mit einem gezogenen Doppelgewehre und Spitzkugeln, und nahmen etwas Pemmican mit, für den Fall, daß die Nacht sie vor Beendigung ihres Ausflugs überraschte; außerdem trugen sie das unvermeidliche Schneemesser mit sich, das unentbehrlichste Werkzeug in jenen Gegenden, und ein Beil steckte im Gürtel ihrer Damwildjacken. So ausgerüstet, bekleidet und bewaffnet konnten sie wohl ziemlich weit gehen, und, gewandt und kühn wie sie waren, auf einen guten Erfolg ihrer Jagd rechnen. Um acht Uhr Morgens waren sie fertig und brachen auf. Duk sprang munter voran; sie stiegen die kleine Höhe im Osten hinauf, umgingen den Leuchtthurm und verloren sich in der weiten, im Süden durch den Mount Bell begrenzten Ebene. Der Doctor seinerseits ging, nachdem er mit Johnson ein Alarmsignal für den Fall einer Gefahr verabredet hatte, nach dem Ufer hinab, um zu den vielgestaltigen Eismassen zu gelangen, welche die Bai Victoria umstarrten. Der Rüstmeister blieb im Fort Providence allein, aber nicht müßig. Er ließ zuerst die Grönländer Hunde, die im Doggenpalast unruhig wurden, in's Freie, wo sie sich lustig im Schnee wälzten. Dann beschäftigte sich Johnson mit den vielerlei Einzelheiten des Haushalts. Er mußte Brennmaterial und Speisevorräthe herbeischaffen, die Magazine in Ordnung bringen, manch' zerbrochenes Geräth wiederherstellen, die schlecht gewordenen Decken ausbessern und Schuhwerk für die weiten Sommerausflüge in Stand setzen. An Arbeit fehlte es ihm nicht, und der Rüstmeister gab sich ihr mit jener, dem Seemann eigenthümlichen Geschicklichkeit hin, die sich in Alles zu finden weiß. Als er sich so beschäftigte, kam ihm die Unterhaltung des vergangenen Tages wieder in den Sinn; er dachte an den Kapitän und dessen nach Allem so heroischen und ehrenhaften Eigensinn, der nicht wollte, daß ein Amerikaner, nicht einmal eine amerikanische Schaluppe vor oder mit ihm den Pol erreichen sollte. »Es scheint mir immerhin schwer, sprach er bei sich, den Ocean ohne ein Fahrzeug zu passiren, und wenn wir erst das offene Meer vor uns haben, wird man sich wohl der Nothwendigkeit, zu Schiffe zu gehen, nicht entschlagen können. Dreihundert Meilen weit kann man nicht schwimmen, und wenn man der beste Engländer wäre; der Patriotismus hat eben seine Grenzen. Nun wir werden's ja sehen. Noch haben wir Zeit vor uns; Herr Clawbonny hat sein letztes Wort in dieser Sache auch noch nicht gesprochen; er ist der Mann dazu, den Kapitän die Sache noch einmal überlegen zu lassen. Ich möchte wetten, daß er von der Küste der Insel her schon einen Blick auf das Wrack des Porpoise wirft, und dann am besten wissen wird, was sich daraus machen läßt.« Bis hierher kam Johnson mit seinen Betrachtungen, und die Jäger waren etwa eine Stunde lang fort, als er zwei bis drei Meilen unter dem Winde einen heftigen, deutlichen Knall hörte. »Schön! sagte der alte Seemann, sie haben Etwas gefunden, und ohne weit zu gehen, da man den Schall so deutlich hört. Zudem ist die Atmosphäre sehr rein!« Ein zweiter Knall und ein dritter folgten sich Schlag auf Schlag. »Nun, sagte Johnson, die sind an einem guten Platze.« Da fielen noch, offenbar näher, drei weitere Schüsse. »Sechs Schuß! stutzte Johnson, nun haben sie keine Ladung mehr in den Gewehren, das muß heiß hergegangen sein. Oder sollten etwa gar .....« Johnson erblaßte bei dem Gedanken, der ihm kam; schnell sprang er aus dem Hause und klomm in wenigen Augenblicken den kleinen Abhang bis zum Gipfel des Kegels empor. Was er sah, machte ihn erzittern. »Die Bären!« rief er aus. Die drei Jäger kamen, gefolgt von Duk, in vollem Laufe daher, verfolgt von fünf gewaltigen Thieren; ihre sechs Kugeln hatten jene nicht abzuwehren vermocht; die Bären liefen schneller als sie; Hatteras, der zurück war, verlor an Zwischenraum zwischen sich und den Thieren, und konnte diesen nur dadurch, daß er seine Mütze, seine Hacke und sogar seine Flinte wegwarf, erhalten. Die Bären hielten ihrer Gewohnheit gemäß an, um jeden ihrer Neugierde preisgegebenen Gegenstand zu beschnüffeln, und verloren so etwas an Terrain, während sie sonst das schnellste Pferd überholt hätten. So kamen Hatteras, Altamont und Bell, außer Athem vom Laufen, bei Johnson an und ließen sich mit ihm die Böschung nach dem Schneehaufe hinabgleiten. Die fünf Bären waren ihnen dicht auf dem Nacken, und der Kapitän mußte noch mit seinem Messer einen Tatzenschlag pariren, der kräftig nach ihm geführt wurde. In Zeit von einem Augenblicke waren Hatteras und seine Genossen im Hause eingeschlossen. Die Bären waren zunächst auf dem durch die Abstumpfung des Kegelberges gebildeten Plateau zurückgeblieben. »Endlich, rief Hatteras, werden wir uns nun besser vertheidigen können, Fünf gegen Fünf! – Nur Vier gegen Fünf, sagte Johnson voll Schrecken. – Wie das? fragte Hatteras. – Der Doctor! antwortete Johnson nur, auf das leere Zimmer zeigend. – Nun? – Er ist nach der Insel zu gegangen! – Der Unglückliche! rief Bell aus. – So können wir ihn nicht verlassen, meinte Altamont. – Nein, machen wir uns auf!« sprach Hatteras. Schnell öffnete er die Thür, aber konnte sie kaum rechtzeitig wieder schließen; ein Bär hätte ihm beinahe mit einem Tatzenschlage den Schädel zertrümmert. »Sie sind da! schrie er. – Alle? fragte Bell. – Alle!« erwiderte Hatteras. Altamont sprang nach den Fenstern, deren Oeffnungen er mit Eisstücken aus den inneren Wänden verrammelte; seine Genossen thaten dasselbe; durch Nichts ward das Schweigen unterbrochen, als durch Duks verhaltenes Bellen. Das muß man jedoch den Männern nachsagen, daß sie nur Ein Gedanke beseelte: sie vergaßen die eigene Gefahr und dachten nur an den Doctor; an ihn, nicht an sich. Der arme Clawbonny! So gut, so ergeben, die Seele der kleinen Colonie! Zum ersten Male war er nicht da; die größten Gefahren, vielleicht gar ein schrecklicher Tod warteten sein, denn nach Beendigung seines Ausflugs würde er ruhig nach Fort Providence zurückkehren und plötzlich vor den wilden Bestien stehen. Und es gab kein Mittel, das zu verhüten! »Jedoch, wenn ich mich nicht sehr täusche, sagte Johnson, wird er auf seiner Hut sein; Ihr wiederholtes Feuern muß ihn aufmerksam gemacht haben und ihn glauben lassen, daß irgend etwas Außergewöhnliches vorgehe. – Wenn er aber zu fern von hier war, antwortete Altamont, und es nicht gehört hätte? Mit der Wahrscheinlichkeit von acht zu zehn wird er ohne Ahnung einer Gefahr zurückkehren. Die Bären sind durch den Wall des Forts verdeckt, so daß er sie vorher nicht sehen kann. – Wir müssen uns also von diesen gefährlichen Gästen vor seiner Rückkehr befreien, erwiderte Hatteras. – Aber wie?« fragte Bell. Die Antwort hierauf war nicht leicht. Ein Ausfall erschien unausführbar. Man hatte Mühe gehabt, den Verbindungsgang zu verbarrikadiren, aber die Bären konnten, wenn es ihnen einfiel, dieser Hindernisse leicht Meister werden; sie wußten recht gut, wie sie bezüglich der Zahl und der Stärke ihrer Gegner daran waren, welche ohne Schwierigkeit bis zu ihnen gelangen konnten. Die Gefangenen vertheilten sich in alle Räume von Doctors-House, um jeden Versuch eines Einbruchs zu überwachen; wenn sie lauschten, hörten sie die Bären hin und her laufen, dumpf brummen und mit ihren ungeheuren Tatzen an den Wänden scharren. Doch, man mußte handeln; die Zeit drängte. Altamont beschloß eine Schießluke herzustellen, um auf die Angreifer zu feuern; in wenigen Minuten hatte er ein Loch in der Eismauer ausgehöhlt, in welches er sein Gewehr einlegte; kaum aber erschien dasselbe außerhalb mit der Mündung, als es seinen Händen auch schon mit unwiderstehlicher Gewalt entrissen wurde, ohne daß er zum Schießen kam. »Zum Teufel! rief er; dagegen sind wir nicht stark genug!« und beeilte sich, die Schießscharte wieder zu verstopfen. Diese Lage währte nun schon eine Stunde, und ihr Ende war vorläufig nicht abzusehen. Die Aussichten eines Ausfalls wurden noch besprochen; sie waren nur schwach, da man die Bären nicht würde einzeln bekämpfen können. Nichtsdestoweniger gedachten Hatteras und seine Genossen, die diese Lage gern ändern wollten, und, man muß es gestehen, sehr beschämt und verwirrt waren, so von Thieren gefangen gehalten zu werden, einen directen Angriff unternehmen; als der Kapitän noch auf ein neues Vertheidigungsmittel verfiel. Er nahm den Poker , der Johnson zum Reinigen der Ofenroste diente, und legte ihn in die Kohlengluth; dann machte er eine Oeffnung in die Schneemauer, ohne sie für jetzt bis nach Außen zu verlängern, so daß also noch eine dünne Eiskruste an der Mündung stehen blieb. Seine Gefährten sahen ihm zu. Als der Poker weißglühend geworden war, sagte Hatteras: »Diese weißglühende Stange soll mir dazu dienen, die Bären, welche sie nicht halten können, zurückzutreiben, und durch die Schießscharte wird ein wohlgenährtes Feuer auf sie gerichtet werden können, ohne daß sie uns die Waffen zu entreißen vermögen. – Gut ausgedacht!« rief Bell, der neben Altamont Posto faßte. Darauf nahm Hatteras das Eisen aus der Gluth und stieß es schnell vollends durch die Mauer. Der Schnee, der in Berührung damit schmolz und verdampfte, zischte mit betäubendem Geräusche. Zwei Bären sprangen herbei, faßten die noch rothglühende Stange an, und stießen ein schreckliches Geheul aus; in demselben Augenblick fielen vier Schüsse Schlag auf Schlag. »Getroffen! rief der Amerikaner. – Getroffen! wiederholte hurtig Bell. – Wiederholen wir's«, sagte Hatteras, und verstopfte die Oeffnung augenblicklich wieder. Das Schüreisen kam wieder in den Ofen; nach einigen Minuten war es rothglühend. Altamont und Bell, welche die Gewehre wieder geladen hatten, nahmen ihre Plätze wieder ein; Hatteras reinigte die Schießscharte wieder und brachte das weißglühende Eisen auf's Neue hinein. Diesmal aber stieß es auf eine undurchdringliche Schicht. »Verdammt! rief der Amerikaner. – Was ist los? fragte Johnson. – Was los ist! Nun, daß diese verwünschten Thiere Blöcke auf Blöcke häufen, so daß sie uns in unserem Hause einmauern und lebendig begraben. – Unmöglich! – Sehen Sie doch, das Schüreisen dringt nicht mehr durch; das wird am Ende spaßhaft!« Spaßhaft war es nicht mehr, es wurde beunruhigend; die Lage verschlimmerte sich. Die Bären, als sehr gescheite Thiere, wandten dies Mittel an, ihre Beute zu ersticken. Sie häuften die Schollen derart an, daß jede Flucht unmöglich wurde. »Das ist hart! sagte der alte Johnson mit höchst ärgerlicher Miene. Wenn Menschen uns so behandelten, möchte es noch gehen, aber Bären!« Hierauf verflossen noch zwei Stunden ohne wesentliche Veränderung der Lage; ein Ausfall war unausführbar geworden, die verdickten Mauern hielten auch jedes von Außen kommende Geräusch ab. Altamont ging unruhig umher, wie ein muthiger Mann, der erbittert ist über eine Gefahr, die alle seine Kühnheit übersteigt. Hatteras gedachte mit Schrecken des Doctors und der ernstlichen Gefahr, die ihm bei der Rückkehr drohte. »Ach! rief Johnson, wäre doch Herr Clawbonny hier! – Nun, was würde er beginnen? fragte Altamont. – Er würde uns gewiß aus der Noth zu helfen wissen. – Und womit? fragte lächelnd der Amerikaner. – Ja, wenn ich das wüßte, erwiderte Johnson, dann brauchte ich ihn nicht. Doch, einen Rath, den er uns jetzt geben würde, weiß ich doch. – Der wäre? – Den, einen Imbiß zu nehmen! Gewiß kann uns das nichts schaden, im Gegentheil. Was meinen Sie darüber, Herr Altamont? – Wir wollen essen, wenn es Ihnen Vergnügen macht, antwortete der Letztere, obgleich es in unserer Lage etwas Albernes, um nicht zu sagen Demüthigendes ist. – Ich wette, daß wir nach dem Essen irgend ein Mittel entdecken, hier heraus zu kommen«, sagte Johnson. Niemand antwortete, aber man setzte sich zu Tisch. Zwar versuchte Johnson, der in des Doctors Schule gebildet war, gegenüber der Gefahr den Philosophen zu spielen; doch gelang es ihm nur schlecht. Uebrigens fingen die Gefangenen auch allmälig an, sich unbehaglich zu fühlen; die Luft verschlechterte sich in diesem hermetisch verschlossenen Raume; die Atmosphäre konnte sich durch die Rauchfänge der Oefen, welche schlecht zogen, nicht erneuern, und es war leicht vorauszusehen, daß in nicht ferner Zeit das Feuer erlöschen werde; der Sauerstoff, welcher durch das Athmen und das Feuer verzehrt wurde, mußte bald der Kohlensäure, deren verderbliche Wirkung bekannt ist, Platz machen. Hatteras erkannte diese neue Gefahr zuerst und wollte sie seinen Gefährten nicht verheimlichen. »So werden wir also um jeden Preis hinaus müssen, sagte Altamont. – Ja, erwiderte Hatteras; aber wir wollen die Nacht abwarten, dann machen wir eine Oeffnung in die Decke, die uns frische Luft zuführen wird, dann nimmt Einer von uns auf dieser Stelle Platz, um auf die Bären zu feuern. – Das ist der einzige Ausweg«, erwiderte der Amerikaner. Als man dahin übereingekommen war, wartete man gespannt auf die Zeit zum Versuche dieses Abenteuers, doch machte in den folgenden Stunden Altamont seinen Verwünschungen Luft über eine Lage der Dinge, »in welche, wie er sagte, Bären und Menschen gekommen seien, und in der die Letzteren nicht die schönste Rolle spielten.« Dreizehntes Capitel. Die Mine. Die Nacht kam heran, und schon begann die Lampe in der sauerstoffarmen Atmosphäre des Salons düster zu werden. Um acht Uhr traf man die letzten Vorbereitungen. Die Gewehre wurden sorgfältig geladen, und eine Oeffnung in die Decke des Eishauses gemacht. Die Arbeit dauerte schon einige Minuten, und Bell unterzog sich ihr ganz geschickt, als Johnson aus dem Schlafraume, in dem er sich zum Aufpassen befand, eilig zu den Anderen gelaufen kam. Er schien unruhig zu sein. »Was ist Ihnen, fragte der Kapitän. – Was mir ist? Nichts, erwiderte der alte Seefahrer stockend, und doch .... – Nun, was giebt's? sagte Altamont. – Stille! Hören Sie nicht ein sonderbares Geräusch? – Von welcher Seite? – Da! Es geht irgend Etwas in der Mauer des Zimmers vor.« Bell unterbrach seine Arbeit; Jeder horchte. Ein noch entferntes Geräusch war zu vernehmen, das aus der Seitenwand herzukommen schien; offenbar wurde ein Loch in das Eis gemacht. »Man scharrt daran! sagte Johnson. – Ohne Zweifel, erwiderte Altamont. – Die Bären? fragte Bell. – Ja, die Bären, versetzte dieser. – Die haben ihre Taktik geändert, sagte der alte Seemann; sie haben es aufgegeben, uns zu ersticken. – Oder sie halten uns schon für abgethan, erwiderte der Amerikaner, in dem der Zorn aufschäumte. – Nun werden wir angegriffen werden, meinte Bell. – Nun gut! sagte Hatteras, so werden wir Auge in Auge kämpfen. – Tausend Teufel! rief Altamont, das ist mir lieber; ich für meinen Theil bin dieser unsichtbaren Feinde überdrüssig; jetzt wird man sich sehen und sich schlagen. – Ja wohl, erwiderte Johnson, aber nicht mit Flintenschüssen, das geht in dem engen Raume nicht an. – Nun gut, dann mit dem Beil, dem Messer!« Das Geräusch wurde hörbarer, man vernahm deutlich das Kratzen der Krallen. Die Bären hatten die Mauer an dem Winkel in Angriff genommen, wo sich das Haus an den eisigen Abhang des Felsens lehnte. »Das Thier, welches da arbeitet, ist jetzt keine sechs Fuß mehr von uns, sagte Johnson. – Sie haben Recht, antwortete der Amerikaner, aber es bleibt uns Zeit, uns zu seinem Empfange vorzubereiten.« Der Amerikaner nahm sein Beil in die eine, sein Messer in die andere Hand; auf den rechten Fuß gestützt, und den Körper zurückgebogen, hielt er sich zum Angriff bereit. Hatteras und Bell thaten desgleichen. Johnson hatte die Flinte bei der Hand, für den Fall, daß der Gebrauch der Feuerwaffe nöthig erschiene. Immer stärker wurde das Geräusch; das Eis krachte unter der Gewalt der stählernen Krallen. Endlich trennte nur noch eine dünne Kruste den Angreifer und seine Gegner. Plötzlich spaltete sich auch diese Zwischenwand, und ein großer schwarzer Körper erschien in dem Halbdunkel des Zimmers. Schnell erhob Altamont seine Hand zum Schlage. »Halt! Um des Himmels willen! rief da eine bekannte Stimme. – Der Doctor! der Doctor!« jauchzte Johnson. Wirklich, es war der Doctor, der mit der Wucht seines Leibes mitten in's Zimmer kollerte. »Nun, guten Tag, meine tapferen Freunde!« sagte er, indem er flink aufsprang. Seine Gefährten waren ganz verdutzt, aber auf dieses Staunen folgte die Freude; Jeder wollte den wackern Mann in seine Arme schließen; Hatteras drückte ihn, tief gerührt, lange Zeit an's Herz; der Doctor antwortete ihm mit einem warmen Händedruck. »Was, Sie sind es, Herr Clawbonny! rief der Rüstmeister. – Ich bin es, mein alter Johnson, und ich war über Ihr Loos gewiß unruhiger, als Sie es um das meinige sein konnten. – Aber wie haben Sie wissen können, daß wir durch eine Rotte Bären angegriffen waren? fragte Altamont; unsere Hauptsorge war die, Sie möchten ruhig, ohne Ahnung der Gefahr, nach Fort Providence zurückkehren. – O, ich habe Alles mit angesehen, erwiderte der Doctor; Ihre Flintenschüsse machten mich aufmerksam; ich war in dem Augenblicke nahe dem Wrack des Porpoise; ich erkletterte einen Eishügel und bemerkte die fünf Bären, die Ihnen auch auf der Ferse waren; ach, welche Angst hab' ich für Sie ausgestanden! Als ich Sie aber endlich von der Höhe des Hügels herabgleiten und die Bären Halt machen sah, war ich für den Augenblick beruhigt; ich nahm an, daß Sie noch Zeit hatten, sich im Hause verschanzen zu können. Dann hab' ich mich nach und nach genähert, bald kriechend, bald zwischen den Eisschollen gleitend; ich kam dem Fort nahe, und sah die gewaltigen Thiere, wie große Biber, bei der Arbeit; sie schlugen den Schnee an, thürmten die Blöcke, mit einem Worte, sie mauerten Sie lebendig ein. Glücklicherweise kamen sie nicht auf den Einfall, Blöcke von dem Berggipfel herabzuschleudern, denn dann würden Sie ohne Gnade zerschmettert worden sein. – Aber, sagte Bell, Sie waren doch nicht in Sicherheit, Herr Clawbonny; konnten die Ungethüme nicht ihren Platz verlassen und gegen Sie vorgehen? – Das fiel ihnen gar nicht ein; die Grönländer Hunde, welche Johnson losgelassen hatte, streiften mehrmals dicht bei jenen herum, ohne daß ihnen der Gedanke kam, auf sie Jagd zu machen; nein, die waren sich einer leckereren Beute gewiß. – Ich danke für das Compliment, sagte Altamont lachend. – O, darauf dürfen Sie nicht stolz sein. Als ich die Taktik der Bären durchschaute, beschloß ich zu Ihnen einzudringen; aus Vorsicht mußte ich die Nacht abwarten. Schon mit Eintritt der Dämmerung glitt ich geräuschlos nach dem Abhange von der Seite des Pulverhäuschens her. Diesen Weg wählte ich aus ganz bestimmten Gründen; ich wollte hier einen verdeckten Gang anlegen. Ich ging also an die Arbeit und griff das Eis mit meinem Schneemesser – wahrlich, ein prächtiges Stück Werkzeug das, entschlossen an. Ich hackte, bohrte, arbeitete, und da bin ich nun, zwar ausgehungert und kreuzlahm, aber doch angekommen ... – Um unser Loos zu theilen? sagte Altamont. – Nein, um Alle zu retten; aber erst geben Sie mir etwas Zwieback und Fleisch, ich falle fast um vor Hunger.« Bald zermalmten des Doctors weiße Zähne ein tüchtiges Stück Pökelfleisch; noch während des Essens gab er auf die ihn bestürmenden Fragen Antwort. »Uns retten! wiederholte Bell. – Ohne Zweifel, erwiderte der Doctor, der mit gewaltiger Anstrengung der Kaumuskeln seiner Antwort Bahn machte. – Uebrigens, sagte Bell, da Herr Clawbonny hereingekommen ist, können wir auch auf demselben Wege wieder hinauskommen. – Ja freilich, erwiderte der Doctor, und können der bösen Brut das Feld räumen, die zuletzt unsere Vorräthe entdecken und plündern wird. – Wir müssen hier aushalten, sagte Hatteras. – Ohne Zweifel, bestätigte der Doctor, aber uns nichtsdestoweniger bald jene Thiere vom Halse schaffen. – Und dazu gäbe es ein Mittel? fragte Bell. – Ein ganz sichres, erwiderte der Doctor. – Ich hab's doch immer gesagt, frohlockte Johnson, sich die Hände reibend; mit Herrn Clawbonny braucht man an Nichts zu verzweifeln; er hat in seinem Wissenssacke immer noch eine Aushilfe. – O, o! Mein armer Quersack ist sehr schmächtig, wenn man ihn aber tüchtig durchsucht ... – Doctor, fiel Altamont ein, die Bären können doch nicht durch den Gang, den Sie ausgehöhlt haben, nachdringen? – Nein, den habe ich hinter mir wieder gut verstopft; jetzt können wir von hier wenigstens nach dem Pulverhäuschen, ohne daß sie Etwas davon merken. – Gut! Aber nun theilen Sie uns auch mit, wie Sie uns die lächerlichen Belagerer vom Halse zu schaffen gedenken. – Das ist ein sehr einfaches Mittel, wofür die Vorarbeiten schon theilweise ausgeführt sind. – Wie so? – Das werden Sie gleich sehen. Doch ich vergesse ganz, daß ich ja nicht allein gekommen bin. – Was sagen Sie? fragte Johnson. – Ich habe Ihnen da einen Begleiter vorzustellen.« Bei diesen Worten holte der Doctor aus dem Gange einen frisch geschossenen Fuchs. »Ah, ein Fuchs! rief Bell. – Meine Jagdbeute von heute früh, erklärte bescheiden der Doctor, und Sie sollen einsehen, daß noch nie ein Fuchs zu gelegenerer Zeit erlegt worden ist. – Aber was haben Sie für einen Plan? fragte Altamont. – Ich will die Bären alle miteinander mit einem Centner Pulver in die Luft sprengen«, erwiderte der Doctor. Erstaunt sahen sie den Letzteren an. »Aber das Pulver? fragte man. – Ist im Magazin. – Und das Magazin? – Dieser enge Gang führt dahin. Ich habe doch nicht ohne Grund einen sechzig Fuß langen Stollen ausgegraben; ich hätte von der Brüstung aus auf näherem Wege in das Haus gelangen können, aber ich hatte so meine Gedanken dabei. – Nun, und die Mine, fragte der Amerikaner, wo wollen Sie diese anlegen? – Vor unserer Böschung, d. h. so entfernt von dem Hause, der Pulverkammer und den Magazinen als möglich. – Aber wie sollen die Bären dahin gelockt werden? – Das übernehme ich schon, antwortete der Doctor; genug der Worte, gehen wir zu Thaten. Während der Nacht haben wir einen etwa hundert Fuß langen Gang auszuhöhlen; das ist eine anstrengende Arbeit, aber zu Fünf werden wir, wenn wir uns ablösen, auch damit fertig. Bell mag anfangen und wir ruhen indessen aus. – Alle Wetter, rief Johnson, je mehr ich mir es überlege, desto besser erscheint mir Herr Clawbonny's Mittel. – Es ist wenigstens ein sicheres, erwiderte der Doctor. – O, von dem Augenblicke an, da Sie es sagen, sind die Bären schon so gut wie todt, und ich fühle schon ihre Pelze auf der Schulter. – Nun denn, an's Werk!« Der Doctor verschwand in dem dunkeln Gange, und Bell folgte ihm; die Gefährten wußten, daß er bei einer Sache, die er einmal anfing, auch mit frohem Muthe war. Die beiden Mineure kamen am Pulverhäuschen an und machten sich eine Oeffnung, die sie mitten unter die bestens geordneten Fäßchen führte. Der Doctor gab Bell die nöthigen Anweisungen, und der Zimmermann arbeitete durch die entgegengesetzte Mauer, auf welche sich die Böschung stützte, während sein Begleiter nach dem Hause zurückkehrte. Bell arbeitete eine Stunde lang und schachtete einen etwa zehn Fuß langen engen Gang aus, der kriechend passirt werden konnte. Nach dieser Zeit trat Altamont an seine Stelle, welcher ungefähr eben so viel förderte. Der aus dem Gange fortgeschaffte Schnee wurde nach der Küche gebracht, wo ihn der Doctor der Raumersparniß wegen einschmolz. Auf den Amerikaner folgte der Kapitän, auf diesen Johnson; in zehn Stunden, d. h. bis gegen früh acht Uhr, war der Gang vollendet. Beim ersten Morgengrauen beobachtete der Doctor die Bären durch die Luke, die er in die Wand des Pulverhäuschens gebrochen hatte. Die geduldigen Thiere waren nicht von der Stelle gewichen; er sah sie hin- und hergehen und brummen, aber im Ganzen standen sie doch mit bewundernswerther Ausdauer Schildwache; sie tummelten sich rund um das Haus, das der Eisblöcke wegen kaum sichtbar war. Plötzlich aber schien ihre Geduld zu Ende zu sein, denn der Doctor sah sie die Eisschollen, die sie erst aufgethürmt hatten, wieder wegräumen. »Schön! sagte er zum Kapitän, der neben ihm stand. – Was fangen sie an? fragte dieser. – Es scheint mir, als wollten sie ihr eigenes Werk wieder zerstören und bis zu uns vordringen! Aber Geduld, sie werden vorher zerschmettert sein; auf jeden Fall ist nun keine Zeit zu verlieren!« Der Doctor glitt bis zu dem Punkte, wo die Mine angelegt werden sollte; dort ließ er die Kammer zur ganzen Höhe und Breite der Böschung ausweiten; bald war diese nur noch von einer dünnen, kaum einen Fuß mächtigen Eiskruste bedeckt; man mußte sie stützen, damit sie sich nicht senkte. Ein auf dem Granitboden aufgestemmter Pfahl diente als Pfeiler; oben wurde der Fuchs daran gebunden, unten ein langer Strick, der bis zum Pulverhäuschen hinlief. Die Genossen des Doctors folgten seinen Anordnungen, ohne sie noch völlig zu verstehen. »Da ist die Lockspeise«, sagte er, auf den Fuchs weisend. Neben den Pfeiler rollte er ein Tönnchen, das einen Centner Pulver enthalten mochte. »Und hier ist die Mine, fügte er hinzu. – Aber, fragte Hatteras, mit den Bären werden wir gleichzeitig in die Luft gehen. – Nein, wir sind von dem Orte der Explosion weit genug entfernt; übrigens ist unser Haus fest, und wenn es etwas aus den Fugen ginge, nun, so werden wir es wiederherstellen. – Gut, erwiderte Altamont; aber wie wollen Sie zu Werke gehen? – Folgendermaßen: Wenn wir diesen Strick anziehen, reißen wir den Pfeiler um, der die Eisdecke über der Mine hält; der Balg des Fuchses wird dann sichtbar werden und Sie werden zugeben, daß die durch langes Fasten ausgehungerten Thiere sogleich darüber herfallen werden. – Zugegeben. – Nun wohl, in demselben Augenblicke lege ich Feuer an die Mine, und sprenge Mahlzeit und Gäste auf einmal in die Luft. – Schön, schön!« rief Johnson, welcher der Unterhaltung mit lebhaftem Interesse gefolgt war. Hatteras hatte zu seinem Freunde so vollkommenes Vertrauen, daß er nach keiner weiteren Erklärung verlangte; er wartete es ruhig ab. Altamont wollte aber näher unterrichtet sein. »Doctor, sagte er, wie wollen Sie die Brennzeit ihre Lunte so genau berechnen, daß die Explosion im rechten Augenblicke erfolgt? – Das ist sehr einfach, denn ich berechne sie gar nicht. – Sie haben doch eine hundert Fuß lange Lunte? – Nein. – Dann wollen Sie wohl eine Pulverspur anlegen? – Nein, die könnte versagen. – Dann wird sich also Einer entschließen müssen, die Mine zu entzünden? – Wenn es eines Mannes mit gutem Willen bedarf, sagte Johnson opferwillig, so biete ich mich freiwillig an. – Das ist unnöthig, mein würdiger Freund, antwortete der Doctor dem alten Rüstmeister, unsere fünf Leben sind kostbar, und sollen, Gott sei Dank, geschont werden. Dann höre ich auf, zu rathen, bemerkte der Amerikaner. – Aber, sagte der Doctor lachend, wenn man sich hierbei nicht helfen könnte, wozu hätte man dann Physik studirt! – Ah, sagte Johnson freudestrahlend, – die Physik hilft! – Natürlich. Haben wir da nicht eine elektrische Batterie mit hinreichend langen Leitungsdrähten? Ich meine dieselben, die uns beim Leuchtthurme dienten. – Nun, und ...? – Nun, damit werden wir augenblicklich, wenn es uns gefällt, und ganz ohne Gefahr, die Mine entzünden. – Hurrah! rief Johnson. – Hurrah!« die Anderen, unbekümmert, ob es die Feinde hörten oder nicht. Sogleich wurden die Drähte von dem Hause aus bis nach der Minenkammer gelegt. Ihr eines Ende blieb an der Batterie befestigt, die anderen tauchten in das Pulver, indem sie sich unweit gegenüberstanden. Um neun Uhr Morgens war Alles beendet; es ward auch die höchste Zeit; wüthend betrieben die Bären das Werk der Zerstörung. Der Doctor erklärte den Augenblick für gekommen. Johnson wurde in dem Pulverhäuschen damit beauftragt, den mit dem Pfeiler verbundenen Strick anzuziehen. Er bezog seinen Posten. »Jetzt, sagte der Doctor zu seinen Gefährten, halten Sie auch die Gewehre bereit für den Fall, daß die Belagerer nicht auf einen Schlag getödtet würden, und halten Sie sich an Johnson's Seite; sogleich nach der Explosion brechen Sie aus. – Einverstanden, sagte der Amerikaner. – Und jetzt haben wir Alles gethan, was Menschen thun können! Wir haben uns geholfen, nun helfe der Himmel weiter!« Hatteras, Altamont und Bell verfügten sich nach dem Pulverhäuschen. Bei der Batterie blieb der Doctor allein. Bald hörte er den entfernten Zuruf Johnson's: »Achtung! – Es geht Alles nach Wunsch!« antwortete er. Johnson zog heftig an dem Taue, es gab nach, indem es die Stütze umriß, dann eilte er nach der Luke und sah nach dem Erfolge. Die Decke der Boschung senkte sich nieder; über den Bruchstücken ward der Körper des Fuchses sichtbar. Die Bären, welche zuerst erstaunt schienen, stürzten sich doch bald dicht an einander gedrängt auf die willkommene Beute. »Feuer!« rief Johnson schnell. Sogleich schloß der Doctor den elektrischen Strom; eine furchtbare Explosion fand statt – das Haus erzitterte wie von einem Erdbeben; die Mauern barsten. Hatteras, Altamont und Bell stürzten hervor, um nöthigenfalls zu feuern. Aber ihre Waffen waren unnöthig; vier von den fünf Bären, welche die Explosion getroffen hatte, fielen da und dort zerrissen, unkennbar, verstümmelt und verbrannt nieder, während der Letzte, halb geröstet, sein Heil in eiliger Flucht suchte. »Hurrah! Hurrah! Hurrah!« riefen die Genossen Clawbonny's, während dieser freudig in ihre Arme fiel. Vierzehntes Capitel. Arktischer Frühling. Die Gefangenen waren erlöst; ihre Freude sprach sich in lauten Ausbrüchen und lebhaften Dankesbezeugungen gegen den Doctor aus. Die verbrannten und zu keiner Anwendung mehr tauglichen Felle der Bären bedauerte der alte Johnson zwar, ohne daß dies indeß seiner guten Laune besonderen Abbruch that. Der Tag verging mit Wiederausbesserung des Eishauses, das merkliche Spuren von der Explosion davon getragen hatte. Man entfernte die von den Thieren herangewälzten Blöcke wieder und verschloß die Mauerfugen auf's Neue. Die Arbeit schritt, begleitet vom lustigen Gesang des Rüstmeisters, rasch vorwärts. Am anderen Tage besserte sich die Temperatur wesentlich, und das Thermometer stieg in Folge einer plötzlichen Drehung des Windes bis auf fünfzehn Grad über Null (-9° hunderttheilig). Eine so beträchtliche Differenz war an lebenden und todten Wesen sehr bemerkbar. Der südliche Seewind brachte die ersten Anzeichen des nahenden polaren Frühlings. Diese relative Wärme dauerte mehrere Tage an; das Thermometer zeigte, geschützt vor dem Winde, sogar einunddreißig Grad über Null (-1° hunderttheilig); es traten Anzeichen von Thauwetter ein. Das Eis bekam Risse; da und dort sprang schon etwas Salzwasser hervor, wie die Wasserstrahlen in englischen Parks, und einige Tage später strömte reichlicher Regen herab. Ein dichter Dunst lagerte über dem Schnee; er war ein gutes Vorzeichen und verkündete die baldige Schmelzung der ungeheuren Massen. Die blasse Scheibe der Sonne färbte sich lebhafter und beschrieb längere Bogen am Himmel; die Nacht dauerte jetzt kaum drei Stunden. Ein anderes nicht weniger bezeichnendes Symptom bildeten die in großer Anzahl wiederkehrenden Schneehühner, Polargänse, Regenvögel und Birkhühner; die Luft ertönte nach und nach von jenem betäubenden Geschrei, dessen sich die Seefahrer noch vom vorigen Frühling her erinnerten; Hasen, welche man in großer Zahl schoß, erschienen an den Ufern der Bai, ebenso wie die arktische Maus, deren Bau eine Reihe regelmäßiger Zellen bildet. Der Doctor machte seine Gefährten darauf aufmerksam, wie fast alle diese Thiere ihre weißen Winterhaare oder –Federn verloren und gegen die Sommer-Pelze oder –Gefieder umtauschten, sie »machten selbst Frühling«, während die Natur ringsherum ihre Nahrung in Form von Moos, Mohn, Steinbrech und Zwergrasen hervorsprießen ließ. Ein ganz neues Leben brach durch den verschwindenden Schnee hervor. Mit den unschuldigen Thieren kamen aber auch deren ausgehungerte Feinde wieder; Füchse und Wölfe trabten ihrer Beute nach; und klägliches Geheul erscholl während der kurzen Dunkelheit der Nacht. Der Wolf dieser Gegend ist unserm Hunde nahe verwandt; er bellt wie dieser, und so täuschend, daß sich auch die geübtesten Ohren, nämlich die der Hunderace selbst, täuschen lassen; man erzählt sogar, daß diese Thiere jene Kriegslist anwenden, um Hunde heranzulocken und diese zu verzehren. Diese Thatsache wurde ebenso in den Hudson-Bai-Ländern beobachtet, wie sie der Doctor in Neu-Amerika bestätigen konnte, und Johnson sorgte deshalb, daß die Hunde des Gespanns, die sich in dieser Schlinge hätten fangen können, nicht umher liefen. Was Duk betraf, so hatte dieser zu viele gesehen, und war zu klug, um in den Rachen eines Wolfs zu laufen. Während vierzehn Tagen jagte man sehr fleißig und hatte bald frische Fleischvorräthe in Ueberfluß. Man erlegte Schneehühner, Rebhühner und Schnee-Ortolane, die eine leckere Speise boten. Weit vom Fort Providence brauchten sich die Jäger gar nicht zu entfernen; man konnte sagen, daß das kleine Wild ihnen selbst vor die Flinte lief; es belebte durch seine Gegenwart diese sonst so schweigsamen Gegenden ganz eigenthümlich, und die Bai Victoria gewann ein ebenso ungewohntes, als den Augen erquickliches Ansehen. Die vierzehn Tage nach dem ernsthaften Zusammenstoße mit den Bären wurden so auf wechselnde Art verbracht; das Thauwetter machte sichtliche Fortschritte; das Thermometer stieg auf zweiunddreißig Grad über Null (0° hunderttheilig). Bergströme rauschten in den Hohlwegen und tausend Wasserfälle bildeten sich an den Abhängen der Hügel. Der Doctor räumte etwa einen Morgen Landes auf und säete darein Kresse, Sauerampher und Löffelkraut, die eine so vortreffliche Heilwirkung beim Scorbut äußern. Schon sproßten kleine grüne Blättchen aus der Erde auf, als der Frost plötzlich wieder die Oberhand in seinem Reiche gewann. In einer Nacht sank das Thermometer bei strengem Nordwind etwa vierzig Grade, bis auf acht unter Null (-22° hunderttheilig). Alles war wieder gefroren; Vögel, Vierfüßler und Amphibien verschwanden wie durch Zauberschlag; die Robbenlöcher schlossen sich wieder; die Risse verschwanden und das Eis bekam wieder die Härte des Granites, während die Cascaden, in ihrem Herabsturz gehemmt, lange Krystallzapfen bildeten. Eine merkwürdige Veränderung des Anblicks ging in der Nacht vom 11. zum 12. Mai vor, und als Bell am Morgen die Nase in diesen schneidenden Frost hinaussteckte, hätte er sie beinahe draußen gelassen. »O, über diesen Norden, rief der Doctor etwas verdrießlich, das ist so eine seiner Plagen! Nun werde ich mein Säen von Neuem anfangen können.« Hatteras nahm die Sache weniger philosophisch, so sehr trieb es ihn, seine Untersuchungen aufzunehmen, doch wohl oder übel mußte er sich fügen. »Und werden wir diese Kälte lange Zeit haben? fragte Johnson. – Nein, mein Freund, antwortete Clawbonny, das ist gewöhnlich der letzte Anfall des Frostes! Sie wissen, daß er hier zu Hause ist und ohne Widerstand läßt er sich nicht vertreiben. – Er vertheidigt sich wirklich gut, warf Bell ein, sich das Gesicht reibend. – Ja wohl, bestätigte der Doctor; aber ich hätte das wissen können und meine Sämereien nicht wie ein Unwissender vergeuden sollen, zumal da ich sie nöthigenfalls in der Nähe des Küchenofens hätte treiben lassen können. – Wie, sagte Altamont, Sie konnten diesen Temperaturwechsel voraussehen? – Gewiß, und ohne deshalb Prophet zu sein. Ich hätte wenigstens meine Sämereien unter den unmittelbaren Schutz der Heiligen Mamertus, Pancratius und Servatius stellen müssen, deren Namenstage auf den 11., 12. und 13. dieses Monats fallen. – Können Sie mir beispielsweise sagen, Doctor, rief Altamont, welchen Einfluß die genannten drei Heiligen auf die Temperatur haben könnten? – Einen sehr großen, wenn man den Gärtnern, welche sie 'die drei Eisheiligen' nennen, Glauben schenkt. – Und wie das, wenn ich fragen darf? – Weil gewöhnlich im Monat Mai ein periodisches Froststadium einfällt, und der niedrigste Stand der Temperatur vom 11. bis 13. stattfindet. Das ist mindestens Thatsache. – Es ist merkwürdig; doch hat man eine Erklärung dafür? fragte der Amerikaner. – Ja; sogar zwei: Entweder erklärt man es durch die Annahme einer größeren Zahl Asteroïden , die an diesem Tage zwischen Sonne und Erde vorüberziehen sollen; oder einfacher durch die Schmelzung der Schneemassen, welche eine große Menge Wärme bindet. Beide Erklärungen haben Etwas für sich. Muß man die Richtigkeit derselben anerkennen? – Ich weiß es nicht; aber wenn ich das auch nicht thue, durfte ich doch die Thatsache nicht außer Acht lassen und dadurch meine Pflanzungen in Gefahr bringen.« Der Doctor hatte Recht; mochte nun Dies oder Jenes die Ursache sein, die Kälte hielt bis Ende des Monats an; die Jagd mußte unterbrochen werden, nicht weil der Frost zu heftig gewesen wäre, als weil es Nichts zu jagen gab; zum Glück waren die Vorräthe an frischem Fleische bei Weitem noch nicht erschöpft. Die Ueberwinternden waren also zu neuer Unthätigkeit verurtheilt; während der nächsten vierzehn Tage, vom 11. bis 25. Mai, wurde ihr eintöniges Leben nur von einem einzigen Ereigniß unterbrochen, einer schweren Krankheit, die Rachenbräune, welche den Zimmermann unerwartet überfiel; bei den heftig geschwollenen Mandeln und den falschen Membranen, die darauf abgelagert waren, konnte der Doctor bezüglich der Diagnose nicht in Zweifel sein; hier war er aber in seinem Elemente, und die böse Krankheit, die auf ihn gewiß nicht gerechnet hatte, wurde bald abgewendet. Die Behandlung Bell's war sehr einfach, und die Apotheke nicht weit. Der Doctor that Nichts weiter, als daß er den Kranken Eisstückchen in den Mund nehmen ließ; schon nach einigen Stunden sank die Anschwellung zusammen und die falschen Membranen stießen sich los; vierundzwanzig Stunden später war Bell wieder auf den Füßen. Als man sich über das Verfahren des Doctors wunderte, antwortete dieser: »Hier zu Lande sind die Halsentzündungen einheimisch, und das Heilmittel dagegen muß nahe dem Uebel sein. – Das Heilmittel und besonders der Arzt«, fügte Johnson hinzu, in dessen Augen der Doctor zu wahrhaft pyramidalem Ansehen stieg. Während dieser neuen Muße beschloß der Letztere mit dem Kapitän eine wichtige Auseinandersetzung zu veranlassen; es handelte sich darum, Hatteras darauf zurückzuführen, daß der Weg nach Norden unternommen werden solle, ohne eine Schaluppe, ein Canot, ein Stück Holz mitzunehmen, um mit ihm die See oder Meerengen zu überschreiten. Der Kapitän, der unbeugsam auf seinen Ideen beharrte, hatte sich ja in aller Form gegen die Erbauung eines Fahrzeuges aus den Resten des Porpoise ausgesprochen. Es wurde demnach dem Doctor nicht leicht, jenes Thema anzufassen, und doch war es wichtig, dasselbe gründlich bis zur Entscheidung zu behandeln, denn bald mußte nun ja der Juni die Zeit der größeren Ausflüge herbeiführen. Nach reiflicher Ueberlegung nahm er Hatteras endlich einmal bei Seite und sprach zu ihm mit dem Ausdrucke sanfter Freundlichkeit: »Hatteras, halten Sie mich für Ihren Freund? – Gewiß, erwiderte der Kapitän schnell, für den besten, vielleicht für den einzigen. – Wenn ich Ihnen einen, wenn auch unverlangten Rath ertheile, fuhr der Doctor fort, glauben Sie, daß ich das aus Eigennutz thue? – Nein, denn das persönliche Interesse hat nie Ihre Handlungen bestimmt; aber wohinaus zielen Sie? – Erlauben Sie mir noch eine Frage, Hatteras; halten Sie mich für einen eben so guten Engländer als Sie, und für eben so ehrgeizig auf den Ruhm unseres Vaterlandes?« Erstaunt maß Hatteras den Doctor mit den Augen. »Ja, erwiderte er, und forschte mit den Augen nach dem Zwecke seiner Fragen. – Sie wollen bis zum Nordpol vordringen, fuhr der Doctor fort; ich begreife Ihren Ehrgeiz, ja, ich theile ihn; aber um dieses Ziel zu erreichen, würden wir nichts Nothwendiges unterlassen dürfen. – Nun, habe ich bis jetzt nicht Alles diesem Zwecke geopfert? – Nein, Hatteras, Ihr persönliches Widerstreben haben Sie nicht geopfert, und noch jetzt sehe ich Sie die unumgänglichsten Hilfsmittel, den Pol zu erreichen, ausschlagen. – Aha, fiel Hatteras ein, Sie wollen von jener Schaluppe, von jenem Manne sprechen ... – Hatteras, wir wollen ganz ruhig und kaltblütig verhandeln, und die Sache von allen Seiten betrachten. Diese Küste, auf der wir den Winter zugebracht haben, kann unterbrochen sein; Nichts giebt uns einen Beweis, daß sie sich durch sechs Breitengrade bis zum Pole erstrecke; wenn die Angaben, welche uns bis hierher führten, sich bestätigen, so werden wir während des Sommers eine große Fläche freien Wassers vorfinden. Nun, und wenn wir vor dem Arktischen Ocean stehen, der frei von Eis, aber ohne Hinderniß für die Schifffahrt ist, was werden wir beginnen, wenn uns die Mittel fehlen, darüber zu setzen?« Hatteras antwortete nicht. »Wird es Ihnen genehm sein, sich wenige Meilen vom Pole entfernt zu befinden, ohne bis dahin gelangen zu können?« Der Kapitän hatte den Kopf in die Hände sinken lassen. »Und nun, betrachten wir die Frage einmal vom moralischen Standpunkte aus. Ich begreife, daß ein Engländer sein Vermögen, ja, seine Existenz einsetzt, um England ein neues Lorbeerblatt zu erwerben. Aber weil ein Boot aus einigen, von einem amerikanischen Schiffe genommenen Planken gezimmert worden ist, kann das die Ehre der Entdeckung schmälern? Und wenn Sie nun selbst hier ein verlassenes Schiff aufgefunden hätten, würden Sie Anstand genommen haben, sich seiner zu bedienen? Kommen nicht dem Chef einer Expedition allein die Früchte des Erfolges zu? – und ich frage Sie noch, wird denn diese Schaluppe, welche vier Engländer erbauen, und vier Engländer bemannen, wird sie nicht vom Kiel bis zum Deck eine englische sein?« Hatteras schwieg noch immer. »Nein, nahm der Doctor wieder das Wort, sprechen wir offenherzig, nicht die Schaluppe liegt Ihnen am Herzen, sondern der Mann. – Ja, Doctor, ja, erwiderte der Kapitän, dieser Amerikaner, der meinen ganzen englischen Haß wachruft; dieser Mann, den das Schicksal mir in den Weg werfen mußte ... – Um Sie zu retten! – Um mich zu verderben! Mir scheint es, als hänsele er mich, als rede er hier als Herr und Meister, als bilde er sich ein, mein Geschick in der Hand und meine Pläne errathen zu haben. Bekannte er nicht schon Farbe, als es sich darum handelte, diese neuen Länder zu taufen? Hat er je eingestanden, was er in diesen Breiten überhaupt vorhabe? Sie werden mir nicht einen Gedanken, der mich martert, nehmen können, nämlich den, daß er der Chef einer von der Unionsregierung auf Entdeckungsreisen ausgesendeten Expedition ist. – Und wenn das wäre, wer beweist, daß diese Expedition auch den Nordpol zum Ziele hatte? Kann Amerika nicht eben so gut wie England die nordwestliche Durchfahrt suchen? Jedenfalls kennt Altamont Ihre Absichten nicht im Mindesten, denn weder Johnson, noch Bell, noch Sie, noch ich haben vor ihm je ein Wort davon gesprochen! – Nun gut, so möge er sie auch nie kennen lernen. – Das wird nicht angehen, denn wir können ihn doch nicht allein hier zurücklassen? – Warum das nicht? fragte Hatteras mit einer gewissen Heftigkeit; kann er nicht im Fort Providence wohnen bleiben? – Da würde er schwerlich zustimmen, Hatteras; übrigens, diesen Mann zu verlassen, den wiederzufinden wir bei der Rückkehr nicht einmal sicher sind, wäre mehr als unklug, es wäre unmenschlich; Altamont wird mitkommen und muß es auch! Da es aber unnütz wäre, ihm jetzt Gedanken beizubringen, die er noch nicht hat, so sagen wir ihm auch nichts, sondern bauen eine Schaluppe, die scheinbar zur Erforschung dieser neuen Ufer bestimmt ist.« Noch vermochte Hatteras nicht auf die Ideen seines Freundes einzugehen; dieser erwartete vergeblich eine Antwort. »Und wenn dieser Mann die Zerstückelung seines Schiffes nicht zugäbe? sagte endlich der Kapitän. – In diesem Falle wäre das volle Recht auf Ihrer Seite; Sie würden trotz seines Widerspruchs eine Schaluppe bauen lassen und er hätte keinen weiteren Anspruch. – Gebe der Himmel, daß er es abschlägt! rief Hatteras. – Vorher aber, erwiderte der Doctor, ist eine Anfrage nöthig; ich erbiete mich, diese zu stellen.« Wirklich brachte noch denselben Abend, beim Essen, Clawbonny das Gespräch auf gewisse Projecte zu Ausflügen während der Sommermonate, wobei die Küste hydrographisch aufgenommen werden sollte. »Ich denke, Sie werden sich uns anschließen, Altamont, sagte er. – Gewiß, antwortete der Amerikaner, wir müssen doch wissen, wie weit sich Neu-Amerika erstreckt.« Hatteras sah seinen Nebenbuhler, als dieser so sprach, scharf an. »Und dazu, fuhr Altamont fort, müssen wir aus den Resten des Porpoise den besten Nutzen zu ziehen suchen. Wir wollen eine feste Schaluppe bauen, die uns weit tragen kann. – Sie hören es, Bell, sagte lebhaft der Doctor, von morgen an gehen wir an's Werk.« Fünfzehntes Capitel. Die nordwestliche Durchfahrt. Am anderen Tage begaben sich Bell, Altamont und der Doctor nach dem Porpoise; Holz bot das Wrack in Ueberfluß; die alte Schaluppe des Dreimasters war zwar leck durch die Stöße der Eisschollen, konnte aber doch die Haupttheile zu der neuen liefern. Der Zimmermann begann ohne Zögern seine Arbeit; man brauchte ein seetüchtiges Fahrzeug, das gleichzeitig so leicht war, um auf dem Schlitten fortgeschafft werden zu können. Die letzten Tage des Mai hob sich die Temperatur; das Thermometer stieg wieder bis zum Gefrierpunkte; dieses Mal kam nun der Frühling alles Ernstes, und die Reisenden konnten die Winterkleider ablegen. Häufig trat Regen ein; der Schnee schmolz zusammen und rann über die geringsten Terrainneigungen in Stromschnellen und kleinen Wasserfällen. Hatteras konnte seine Befriedigung nicht verhehlen, als die Eisfelder die ersten Spuren des Thauwetters zeigten. Freies Meer war auch für ihn die Freiheit. Ob seine Vorgänger sich mit der Annahme eines offenen Polarmeeres getäuscht hatten oder nicht, das hoffte er nun bald zu wissen, davon hing ja der ganze Erfolg seiner Unternehmung ab. Eines Abends, als nach einem warmen Tage sich die Spuren der Auflösung des Eises noch deutlicher zeigten, brachte er das Gespräch auf dieses hochinteressante Thema. Er brachte dafür alle ihm geläufigen Wahrscheinlichkeitsgründe vor, und fand in dem Doctor immer einen warmen Vertheidiger seiner Lehrsätze. Uebrigens hatten seine Schlußfolgerungen entschieden viel für sich. »Es ist einleuchtend, sagte er, daß, wenn der Ocean sich seiner Eismassen vor der Bai Victoria entledigt, sein nördlicher Theil bis Neu-Cornwallis hin frei sein muß, ebenso wie bis zu dem Canal der Königin. Penny und Belcher haben ihn so gesehen, und sie beobachteten gut. – Ich glaube das so gut wie Sie, Hatteras, erwiderte der Doctor, und Nichts gestattet, den guten Glauben dieser berühmten Seefahrer in Zweifel zu ziehen; nur wollte man ihre Entdeckung einer Luftspiegelung zuschreiben, doch waren sie offenbar zu sehr überzeugt, um der Thatsache nicht sicher zu sein. – So hab' ich immer gedacht, nahm dann Altamont das Wort; das Polarmeer erstreckt sich nicht nur nach Westen, sondern auch nach Osten. – In der That, das kann man annehmen; erwiderte Hatteras. – Man muß es sogar, entgegnete der Amerikaner, denn dasselbe freie Meer, welches die Kapitäne Penny und Belcher nahe den Küsten von Grinnelland gesehen haben, sah Morton, der Lieutenant Kane's, ebenfalls von der Meerenge aus, die den Namen dieses kühnen Gelehrten trägt. – Wir sind nicht im Kane-Meer, entgegnete Hatteras trocken, also können wir das auch nicht bestätigen. – Mindestens ist es wahrscheinlich, sagte Altamont. – Gewiß, fiel der Doctor ein, der einem unnützen Streite vorbeugen wollte. Was Altamont denkt, wird schon wahr sein; bei den eigenthümlichen Gestaltungen des umlagernden Landes treten unter gleichen Breiten auch die nämlichen Erscheinungen auf. Ich für meinen Theil glaube an das offene Meer im Osten eben so, wie im Westen. – Jedenfalls ist das für uns nicht von Belang! sagte Hatteras. – Ich spreche da nicht so wie Sie, Hatteras, sagte der Amerikaner, den die affectirte Gleichgiltigkeit des Kapitäns warm zu machen anfing, das könnte für uns von einer gewissen Wichtigkeit sein. – Und wann, ich bitte? – Wenn wir an die Rückkehr denken. – An die Rückkehr! rief Hatteras; wer denkt denn daran? – Jetzt Niemand, meinte Altamont, aber auf einem Punkte werden wir, denk' ich, doch einmal Halt machen. – Und wo wäre dieser?« fragte Hatteras. Diese directe Frage war hiermit zum ersten Male an den Amerikaner gerichtet. Der Doctor hätte einen Arm darum gegeben, um die Erörterung von Unannehmlichkeiten frei zu erhalten. Altamont antwortete nicht; der Kapitän wiederholte seine Frage. »Nun, wo wäre das? – Wo wir eben hingehen! erwiderte gelassen der Amerikaner. – Und wer kann das wissen? sagte beruhigend der Doctor. – Ich nehme doch an, sprach der Amerikaner weiter, daß, wenn wir das Polarmeer zur Rückkehr benutzen wollen, wir versuchen müssen, das Kane-Meer zu erreichen; das wird uns näher nach der Baffins-Bai bringen. – Sie glauben? fragte ironisch der Kapitän. – Ich glaube es, so gewiß wie ich überzeugt bin, daß, wenn diese nördlichen Meere jemals der Schifffahrt erschlossen werden, man jenen Weg, der offenbar weniger Hindernisse bietet, benutzen wird. O, die Entdeckung des Doctor Kane ist sehr wichtig! – Wirklich! sagte Hatteras, der sich die Lippen fast blutig biß. – Ja, man kann das nicht leugnen, fügte der Doctor hinzu, und muß Jedem seine Verdienste gönnen. – Ohne in Anschlag zu bringen, fuhr der hartnäckige Amerikaner fort, daß vor ihm noch Keiner so weit nach Norden vorgedrungen war. – Mir scheint, erwiderte Hatteras, die Engländer haben's ihm jetzt zuvor gethan. – Und die Amerikaner! setzte Altamont hinzu. – Die Amerikaner! rief Hatteras. – Nun, was bin ich denn? sagte Altamont stolz. – Sie sind, erwiderte Hatteras mit kaum verhaltener Stimme, ein Mann, der dem Zufalle und der Wissenschaft nur gleiche Theile des Ruhmes zugesteht. Ihr amerikanischer Kapitän ist weit nach Norden vorgedrungen, aber der Zufall allein ... – Dem Zufalle! Sie wagen zu behaupten, daß Kane seine große Entdeckung nicht der Energie und den Kenntnissen verdanke, welche er besaß? – Ich sage, entgegnete Hatteras, daß der Name Kane in einem durch einen Parry, einen Franklin, Roß, Belcher und Penny berühmten Lande gar nicht zu nennen ist, oder in Meeren, worin der Engländer MacClure die nordwestliche Durchfahrt gefunden ... – MacClure, rief lebhaft der Amerikaner; Sie führen diesen Mann an und wollen die Geltung des Zufalls bestreiten? Hat ihn nicht die Gunst des Zufalls allein dahin geführt? – Nein, erwiderte erregt Hatteras, nein! Vielmehr sein Muth, seine Ausdauer, vier Winter mitten im Eise auszuhalten ... – Das glaub' ich wohl, warf der Amerikaner ein, er war festgefroren, er konnte nicht fort und verließ endlich sein Schiff, den 'Investigator', um nach England zurückzukehren. – Meine Freunde ..., sagte der Doctor. – Uebrigens, unterbrach ihn Altamont, sehen wir von dem Manne ab und fassen das Resultat in's Auge. Sie sprechen von der nordwestlichen Durchfahrt; nun, diese Durchfahrt ist erst noch aufzufinden!« Hatteras sprang bei diesen Worten auf; nie ist eine Streitfrage zwischen zwei wetteifernden Nationen mit mehr Aufregung erörtert worden. Der Doctor suchte fortwährend in's Mittel zu treten. »Sie haben Unrecht, Altamont, sagte er. – Nein! Ich halte meine Behauptung aufrecht, erwiderte der Starrkopf, die nordwestliche Durchfahrt ist noch aufzufinden, oder doch zu durchschiffen, wenn Sie das lieber wollen! MacClure ist nicht bis zu ihr vorgedrungen, und bis auf den heutigen Tag ist noch kein Schiff von der Behrings-Straße nach der Baffins-Bai gelangt.« Buchstäblich genommen war das richtig. Was konnte man dem Amerikaner entgegen halten? Indessen erhob sich Hatteras und sprach: »Ich dulde nicht, daß der Ruhm eines englischen Kapitäns in meiner Anwesenheit länger angegriffen wird! – Sie wollen es nicht dulden! entgegnete der Amerikaner, der nun ebenfalls aufstand, aber die Thatsachen sind da, und Sie werden sie nicht ungeschehen machen können. – Mein Herr! rief Hatteras bleich vor Zorn. – Aber, Freunde, fiel der Doctor ein, etwas ruhiges Blut! Wir erörtern hier einen wissenschaftlichen Gegenstand!« Der gute Clawbonny wollte darin nur eine wissenschaftliche Erörterung sehen, wo der Haß zwischen einem Amerikaner und einem Engländer in's Spiel kam. »Die Thatsachen – ich werde sie Ihnen anführen, rief drohend Hatteras, der auf Nichts mehr hörte. – Und ich lasse mir's nicht wehren, zu reden!« entgegnete der Amerikaner. Johnson und Bell wußten nicht, wie sie sich hierbei benehmen sollten. »Meine Herren, sprach der Doctor mit Nachdruck, Sie werden mir das Wort gestatten! Lassen Sie mich reden; die betreffenden Thatsachen sind mir so gut, wo nicht besser bekannt, als Ihnen, und Sie werden mir zugestehen, daß ich sie unparteiischer darzulegen vermag. – Ja wohl! Ja wohl! riefen Bell und Johnson, welche über die Wendung des Gespräches besorgt waren, und mit ihrer Beistimmung dem Doctor die Majorität verschafften. – Fangen Sie nur immer an, Herr Clawbonny, sagte Johnson; diese Herren werden auf Sie hören, und wir dabei uns Alle unterrichten. – Reden Sie«, sagte der Amerikaner. Hatteras gab mit einem Zeichen seine Zustimmung zu erkennen, nahm wieder Platz und kreuzte die Arme. »Ich will Ihnen die Thatsachen in schlichter Wahrheit erzählen, sagte der Doctor, und Sie, meine Freunde, können berichtigen, wenn ich irgend Etwas übergehe oder falsch darstelle. – Wir kennen Sie zur Genüge, Herr Clawbonny, sagte Bell, und Sie können erzählen, ohne das zu befürchten. – Hier ist die Karte der Polarmeere, begann der Doctor, der aufgestanden war, die nöthigen Unterlagen zu beschaffen; es wird damit leicht sein, dem Zuge MacClure's zu folgen, und Sie werden, da Ihnen der Fall bekannt ist, leicht urtheilen können.« Der Doctor breitete auf dem Tische eine der ausgezeichneten, auf Befehl der Admiralität herausgegebenen Karten aus, welche auch die neuesten Entdeckungen in der Polarregion verzeichnet enthielt, und begann folgendermaßen: »Sie wissen, daß im Jahre 1848 zwei Schiffe, der 'Herald', Kapitän Kellet, und der 'Plover', Befehlshaber Moore, nach der Behrings-Straße ausgesendet wurden, um die Spuren von Franklin aufzufinden; ihr Nachsuchen war erfolglos; im Jahre 1850 stieß auch noch MacClure, der den 'Investigator' befehligte, dazu, ein Schiff, auf dem er die im Jahre 1849 vorgenommene Expedition unter James Roß mitgemacht hatte. Er fuhr in Begleitung seines Oberbefehlshabers, des Kapitäns Collinson, der sich auf dem 'Entreprise' befand; aber er segelte diesem voraus, und erklärte, als er an der Behrings-Straße angekommen war, nicht länger warten zu wollen, sondern auf eigene Verantwortlichkeit weiter zu schiffen, um, bemerken Sie wohl, Altamont, entweder Franklin oder die Durchfahrt aufzufinden.« Altamont gab weder Zustimmung noch Widerspruch zu erkennen. »Am 5. August 1850, fuhr der Doctor fort, drang MacClure, nachdem er noch ein letztes Mal mit dem 'Plover' in Verbindung getreten war, in die östlichen Meere, und zwar auf einem wenig bekannten Wege ein; sehen Sie, kaum einige Länder sind auf dieser Karte verzeichnet. Am 30. August erreichte der junge Officier Cap Bathurst; am 6. September entdeckte er das Barings-Land, zu welchem er vom Banks-Lande aus segelnd gelangte, und später das Prinz Albert-Land; dann wandte er sich entschlossen nach jener langen Meerenge, welche diese beiden mächtigen Inseln trennt und der er den Namen 'Meerenge des Prinzen von Wales' gab. Begleiten Sie hier im Geiste den kühnen Seefahrer. Er hoffte in das Melville-Bassin, durch welches wir gekommen sind, einlaufen zu können, und hatte wohl auch guten Grund dazu; aber am Ausgange der Meerenge thürmte ihm das Eis eine unübersteigliche Schranke entgegen. In seinem Wege aufgehalten, brachte MacClure dort den Winter 1850 auf 1851 zu und machte während dieser Zeit einen Ausflug über das Eis, um sich über die Verbindung der Meerenge mit dem Melville-Bassin zu vergewissern. – Ja, sagte hier Altamont, aber er fuhr nicht durch sie hindurch. – Gedulden Sie sich, entgegnete der Doctor. Während dieser Ueberwinterung durchstreiften MacClure's Officiere die benachbarten Küsten, Creswell das Barings-Land, Haswelt den südlichen Theil des Prinz Albert-Landes, und Wynniat das Cap Walker im Norden. Im Juli, beim ersten Thauwetter, versucht MacClure zum zweiten Mal, den 'Investigator' in das Melville-Bassin zu führen; bis auf zwanzig Meilen nähert er sich diesem, nur zwanzig Meilen! Aber unwiderstehlich drängen ihn Stürme nach dem Süden, ohne daß er dieses Hinderniß zu überwinden vermag. Nun entschließt er sich, die Meerenge des Prinzen von Wales zurückzufahren, Banks-Land zu umschiffen, und das von Westen aus zu versuchen, was ihm von Osten unmöglich war. Er wendet also um, und erreicht am 18. Cap Kellet, am 20. das Cap Prinz Alfred, zwei Grade nördlicher; dann aber, nach schrecklichen Kämpfen mit den Eisbergen, sieht er sich in der Banks-Durchfahrt, am Eingange jener Reihe von Meerengen, welche nach dem Baffins-Meere führen, festgehalten. – Aber er hat nicht hindurchschiffen können, sagte Altamont. – Warten Sie noch und haben Sie die Geduld MacClure's. Am 26. September bezog er Winterquartier in der Mercy-Bai, nördlich von Banks-Land, und blieb dort bis 1852; der April kam heran; MacClure hatte nur noch für achtzehn Monate Provision, und doch denkt er an keine Rückkehr. Er reist ab, setzt mittels Schlitten über die Meerenge von Banks und kommt auf der Insel Melville an. Folgen wir ihm. An ihren Küsten hoffte er die Schiffe des Commandanten Austin zu finden, die ihm durch die Baffins-Bai und den Lancaster-Sund entgegengeschickt waren. Am 28. April berührt er Winter-Harbour, an demselben Punkte, wo Parry dreiunddreißig Jahre vorher überwinterte. Von Schiffen sah er aber Nichts; in einem Cairn entdeckte er jedoch ein Document, aus dem er erfährt, daß Mac-Clintock, der Lieutenant Austin's, im vorigen Jahre hier vorübergekommen und zurückgesegelt sei. Wo jeder Andere verzweifelt wäre, MacClure verzweifelte nicht. Auf gut Glück legt er in den Cairn ein anderes Document nieder, in dem er seine Absicht ausspricht, durch die nordwestliche Durchfahrt, die er aufgefunden habe, nach England zurückzukehren, indem er den Lancaster-Sund und das Baffins-Meer zu erreichen hoffe. Wenn man zunächst nicht weiter von ihm reden hört, so kommt das daher, daß er im Norden oder Westen der Melville-Insel verschlagen worden war; genug er kam nach der Mercy-Bai, zum Zwecke einer dritten Ueberwinterung, von 1852 auf 1853, unentmuthigt zurück. – Seinen Muth habe ich nie bezweifelt, erwiderte Altamont, wohl aber seinen Erfolg. – Folgen wir ihm weiter, fuhr der Doctor fort. Als er Mitte März in Folge eines sehr strengen Winters, der keine Beute an Wild ergab, auf Zweidrittel-Rationen beschränkt war, entschloß sich MacClure, die Hälfte seiner Mannschaft nach England zurückzusenden, und zwar entweder durch die Baffins-Bai oder durch den Mackenzie-Strom und die Hudsons-Bai; die andere Hälfte sollte dann den 'Investigator' nach Europa zurückführen. Er suchte die minder Gesunden aus, denen eine vierte Ueberwinterung verderblich zu werden drohte. Alles war schon für ihre auf den 15. April festgesetzte Abreise vorbereitet, als MacClure am 6. bei einem Spaziergange mit seinem Lieutenant Creswell auf dem Eise von Norden her einen Mann heranlaufen sah, der mit Handbewegungen winkte; und dieser Mann war der Lieutenant Pim, vom 'Herald', der Lieutenant desselben Kapitäns Kellet, den er, wie früher bemerkt, zwei Jahre vorher in der Behrings-Straße verlassen hatte. Kellet hatte, als er nach Winter-Harbour gekommen war, das auf gut Glück zurückgelassene Document MacClure's gefunden; da er daraus dessen Aufenthalt in der Mercy-Bai erfahren, schickte er dem kühnen Seefahrer seinen Lieutenant Pim entgegen. Diesem folgte noch eine Abtheilung Seeleute des 'Herald', unter welchen sich auch ein französischer Schiffsfähnrich, Herr von Bray, befand, der als Volontär unter dem Stabe des Kapitäns Kellet diente. Sie setzen doch in diese Begegnung unserer Landsleute keinen Zweifel? – Durchaus nicht, erwiderte Altamont. – Nun gut, so wollen wir noch betrachten, was später geschah, und ob die Nordwest-Passage wirklich durchmessen worden ist, oder nicht. Bedenken Sie, daß wenn man die Entdeckungen Parry's mit denen MacClure's verbindet, zugeben muß, daß die Nordküsten Amerikas festgestellt sind. – Nicht durch ein einziges Schiff, antwortete Altamont. – Nein, aber durch einen einzelnen Menschen. Doch weiter. MacClure besuchte den Kapitän Kellet auf der Melville-Insel; in zwölf Tagen legte er die hundertsiebenzig Meilen zurück, welche die Mercy-Bai von Winter-Harbour trennen; er kam mit dem Commandanten des 'Herald' dahin überein, diesem seine Kranken zu schicken, und kehrte nach seinem Schiffe zurück. Andere würden an der Stelle MacClure's glauben, genug geleistet zu haben, aber der unerschrockene junge Mann wollte noch einmal das Glück versuchen. Dann verließ, und hierauf richte ich besonders Ihre Aufmerksamkeit, sein Lieutenant Creswell, der die Kranken begleitete, die Mercy-Bai, erreichte Winter-Harbour, und von da, nach einer Reise von vierhundertundsiebenzig Meilen über das Eis, am 2. Juni die Insel Beechey, wenige Tage nachher aber schiffte er sich mit einem Dutzend Mann an Bord des 'Phönix' ein. – Wo ich damals mit Kapitän Inglefield diente, schaltete Johnson ein, und wir kamen nach England zurück. – Und am 7. October 1853, fuhr der Doctor fort, traf Creswell in London ein, nachdem er den ganzen Raum, der zwischen der Behrings-Straße und Cap Farewell liegt, durchmessen hatte. – Nun, sagte Hatteras, auf der einen Seite angekommen und von der anderen ausgegangen sein, nennt man 'passirt haben'. – Ja wohl, erwiderte Altamont, wobei vierhundertundsiebenzig Meilen auf dem Eise zurückgelegt wurden. – Nun, was verschlägt das? – Daran liegt Alles, erwiderte der Amerikaner. Hat MacClure's Schiff den Weg zurückgelegt? – Nein, antwortete der Doctor, nach der vierten Ueberwinterung mußte es MacClure mitten im Eise verlassen. – Schön, bei einer Seereise kommt es aber darauf an, daß ein Schiff einen gewissen Weg macht, nicht ein Mensch. Wenn die nordwestliche Durchfahrt jemals benutzbar sein soll, so muß sie es für Fahrzeuge, nicht für Schlitten sein. Das Schiff muß also die Reise vollenden können, in Ermangelung die Schaluppe. – Die Schaluppe! rief Hatteras, der in diesen Worten einen bedeutungsvollen Wink herausfühlte. – Altamont, sagte der Doctor, da machen Sie denn doch einen zu kleinlichen Unterschied, und in dieser Hinsicht geben wir Ihnen Alle Unrecht. – Das ist für Sie nicht schwer, meine Herren, erwiderte der Amerikaner; Sie sind Vier gegen Einen. Das soll mich aber nicht hindern, meine Ansicht zu behalten. – Behalten Sie sie doch, rief Hatteras aus, und so fest, daß man Nichts mehr davon hört. – Mit welchem Rechte sprechen Sie in solchem Tone zu mir? fragte der Amerikaner wüthend. – Mit meinem Rechte als Kapitän, entgegnete Hatteras zornig. – Unterliege ich denn etwa Ihren Befehlen? fragte Altamont barsch. – Ohne Zweifel! Und wehe Ihnen, wenn ...« Der Doctor, Johnson und Bell sprangen dazwischen; es war höchste Zeit; die beiden Feinde maßen sich mit den Blicken; dem Doctor schwoll das Herz. Nach einigen versöhnlichen Worten legte sich Altamont indessen, den »Yankee doodle« pfeifend, nieder und sprach, ob er nun schlief oder nicht, dann keine Sylbe mehr. Hatteras verließ das Zelt und ging draußen mit großen Schritten hin und her; erst eine Stunde später kam er wieder herein und legte sich, ohne ein Wort zu reden, zur Ruhe. Sechzehntes Capitel. Arkadien des Nordens. Am 29. Mai ging die Sonne zum ersten Male nicht unter; ihre Scheibe strich über dem Horizonte hin und streifte ihn kaum, um sogleich wieder zu steigen; man trat in die Periode der vierundzwanzigstündigen Tage ein. Am andern Tage erschien das strahlende Gestirn von einem prächtigen Hofe umgeben, einem leuchtenden Kreise, der in allen Regenbogenfarben spielte; das häufige Auftreten dieser Erscheinungen erregte die Aufmerksamkeit des Doctors, der stets das Datum, die Ausdehnung und die Art derselben aufzeichnete; die an erwähntem Tage beobachtete zeigte durch ihre elliptische Form eine noch wenig bekannte Erscheinungsweise. Bald erschien das ganze Volk schreiender Vögel wieder; ganze Schwärme von Trappen und Canadagänsen, die aus dem so entfernten Florida oder Arkansas kamen, zogen mit erstaunlicher Schnelligkeit gen Norden und brachten den Frühling unter ihren Fittichen mit. Es gelang dem Doctor, einige derselben zu erlegen, sowie drei oder vier voreilige Kraniche, und selbst einen einsamen Storch. Inzwischen schmolz unter Einwirkung der Sonne der Schnee auf allen Seiten, das auf dem Eisfelde durch die Risse und die Robbenlöcher ausgetretene Salzwasser zersetzte das Eis schnell; mit dem Seewasser vermengt bildet das letztere eine Art schmutzigen Teiges, den die Nordpolfahrer »Slush« nennen. Breite Lachen bildeten sich auf dem Lande neben der Bai, und der bloßgelegte Boden schien, wie zu einer Vorstellung des arktischen Frühlings, mächtig zu treiben. Der Doctor wiederholte nun seine Anpflanzungen; an Samen fehlte es ihm nicht; übrigens war er verwundert, zwischen den trockener gewordenen Steinmassen eine Art Sauerampfer wild wachsen zu sehen, und er bewunderte die Triebkraft der Natur, die so wenig braucht, um sichtbar zu werden. Er säete Kresse, deren junge Triebe nach drei Wochen schon über einen Zoll lang waren. Auch Haidekraut begann schüchtern die kleinen Blüthen einer fast farblosen Rose zu zeigen. Kurz gesagt, ließ die Flora von Neu-Amerika viel zu wünschen übrig, dennoch sah man mit Vergnügen diese seltene, fast furchtsame Vegetation; es war ja Alles, was die schwachen Strahlen der Sonne zu leisten vermochten, ein letztes Liebeszeichen der Vorsehung, welche diese weitabliegenden Gegenden nicht gänzlich vergessen hatte. Endlich wurde es wirklich warm; am 15. Juni beobachtete der Doctor, daß das Thermometer siebenundfünfzig Grade über Null (+14° hunderttheilig) zeigte; er traute seinen Augen kaum, aber überzeugte sich von der Richtigkeit; das Land wandelte sich um; unzählige murmelnde Wasserfälle sprudelten von den Gipfeln, welche die Sonne liebkoste, herab; das Eis verschob sich und die große Frage über das offene Meer am Pole nahte der Entscheidung ... Die Luft erdröhnte von Lawinen, welche die Hügel herab in die Hohlwege stürzten, und das Bersten des Eises erscholl mit betäubendem Krachen. Man unternahm einen Ausflug nach der Johnson-Insel; sie bestand nur aus einem dürren, wüsten Eilande, aber der alte Rüstmeister war deshalb nicht weniger stolz, daß die paar im Meere verlorenen Felsen seinen Namen trugen; er wollte ihn selbst, auf die Gefahr hin, den Hals dabei zu brechen, in einem hochragenden Steinblock eingraben. Hatteras hatte bei seinen Ausflügen das Land bis jenseits Cap Washington genau durchforscht; das Schmelzen des Schnees veränderte das Aussehen der Umgebung merklich; Höhlungen und Abhänge erschienen da, wo der Winterteppisch scheinbar vollkommene Ebenen bedeckt hatte. Das Haus und die Magazine drohten nun auch zu verschwinden, und man mußte sie häufig wieder in guten Stand bringen. Glücklicher Weise ist eine Temperatur von siebenundfünfzig Graden in jenen Breiten selten, und durchschnittlich erhebt sie sich dort kaum über den Gefrierpunkt. Gegen den 15. Juni war die Schaluppe schon weit im Bau vorgeschritten und nahm ein gefälliges Aussehen an. Während Bell und Johnson an ihr arbeiteten, wurden einige große Jagden unternommen, welche reiche Ausbeute lieferten. Es glückte auch, Rennthiere zu erlegen, denen man sich nur sehr schwer nähern kann; doch Altamont half sich mit der Methode der Indianer seines Vaterlandes, er kroch auf dem Boden hin, wobei er sein Gewehr und die Arme so hielt, daß sie den Hörnern eines solchen scheuen Vierfüßlers ähnelten, und so konnte er sie, indem er auf richtige Schußweite herankam, sicher treffen. Aber das vorzüglichste Wild, der Bisonochse, den Parry in großen Heerden auf der Melville-Insel antraf, schien die Ufer der Victoria-Bai nicht zu besuchen. Es wurde demnach ein entfernterer Ausflug beschlossen, theils um dieses kostbare Thier zu jagen, theils um das Land im Osten kennen zu lernen; Hatteras hatte nicht vor, auf diesem Wege zum Pole vorzudringen, aber der Doctor war gar nicht böse, eine allgemeine Kenntniß des Landes zu gewinnen. Man entschloß sich also zu einem Abstecher östlich von Fort Providence. Altamont wollte jagen; Duk war natürlich bei der Gesellschaft. So verließen also die drei Jäger, jeder mit Doppelflinte, Beil und Schneemesser ausgerüstet und von Duk gefolgt, am 17. Juni bei gutem Wetter, wobei das Thermometer einundvierzig Grad (+5° hunderttheilig) zeigte, und ruhiger, reiner Luft früh um sechs Uhr Doctors-House; sie waren auf eine vielleicht zwei bis drei Tage währende Excursion eingerichtet und führten demnach Proviant bei sich. Um acht Uhr des Morgens hatte Hatteras mit seinen zwei Gefährten ungefähr sieben Meilen zurückgelegt. Noch kein lebendes Wesen hatte sie zu einem Schusse veranlaßt, und die Jagd schien in eine einfache Excursion umzuschlagen. Das Land zeigte weite Ebenen, die sich über Sehweite hinaus verloren; Bäche von gestern furchten es zahlreich, und große Lachen, die wie Teiche ohne Bewegung waren, spiegelten die schief einfallenden Sonnenstrahlen wieder. Wo das Eis geschmolzen war, zeigte es einen Sedimentboden, der dem Wasser seine Entstehung verdankt und der auf der ganzen Erde so weit verbreitet ist. Doch fanden sich einige erratische Blöcke von dem Boden ganz widersprechender Natur vor, deren Anwesenheit nur schwer erklärlich war; schiefrige Gesteine dagegen und die verschiedenen Bestandtheile der Kalkformation traf man in Ueberfluß an, und vorzüglich eine Art merkwürdiger, durchsichtiger und farbloser Krystalle, welche das eigenthümliche Lichtbrechungsvermögen des Isländischen Spathes zeigte. Wenn er aber auch nicht jagte, so konnte der Doctor jetzt doch nicht Geolog sein; hier hieß es nur Schritt zu halten, denn seine Gefährten gingen sehr rasch. Doch studirte er das Terrain, und plauderte so viel als möglich, denn ohne ihn hätte ein vollkommenes Stillschweigen die kleine Gesellschaft beherrscht; Altamont hatte keine Lust mit dem Kapitän zu sprechen, und dieser wohl auch keine, ihm zu antworten. Um zehn Uhr Morgens hatten die Jäger etwa ein Dutzend Meilen gegen Osten zurückgelegt; das Meer verschwand unter dem Horizonte; der Doctor schlug eine Rast zum Frühstücken vor. Der Imbiß wurde schnell eingenommen, und schon nach einer halben Stunde machte man sich wieder auf den Weg. Das Land ward in sanfter Abdachung niedriger; einzelne durch ihre Lage oder durch überhängende Felsmassen noch erhaltene Schneestreifen gaben ihm ein wellenförmiges Ansehen; man konnte meinen, lange Wogen zu sehen, welche durch einen kräftigen Wind getrieben sich vom offenen Meere aus gegen das Land hin verliefen. Noch immer bildeten vegetationslose Ebenen die Umgebung, die noch von keinem lebenden Wesen besucht zu sein schienen. »Unstreitig haben wir kein Glück auf unseren Jagden, sagte Altamont zum Doctor; ich gebe zu, daß der Boden den Thieren wenig Nahrung bietet, aber das Wild der Polarländer brauchte doch nicht so zurückhaltend zu sein und könnte sich etwas entgegenkommender zeigen. – Geben wir die Hoffnung nicht auf, antwortete der Doctor; wir stehen erst in Sommers Anfang, und wenn Parry auf der Melville-Insel so viele Thiere angetroffen hat, werden wir solche auch hier finden. – Doch befinden wir uns nördlicher, bemerkte Hatteras. – Allerdings, aber der Norden ist in dieser Frage nur ein Wort ohne Bedeutung; wir müssen vielmehr den Kältepol in's Auge fassen, d. h. jene ungeheuern Eismassen, zwischen denen wir mit dem Forward überwinterten; je weiter wir jetzt hinauskommen, desto mehr entfernen wir uns von den kältesten Punkten der Erde und werden nach jener Seite hin dasselbe wieder finden, was Parry diesseits derselben antraf. – Schließlich, sagte Altamont mit einem Seufzer des Bedauerns, sind wir bis jetzt mehr Reisende als Jäger! – Geduld! entgegnete der Doctor, das Land verändert sich nach und nach, und es sollte mich sehr wundern, wenn wir in solchen Hohlwegen, wo etwas Pflanzenwuchs möglich ist, nicht Wild antreffen sollten. – Man muß zugeben, erwiderte der Amerikaner, daß wir eine ebenso unbewohnte, als unbewohnbare Gegend durchstreifen. – O, unbewohnbar, das ist ein großes Wort, versetzte der Doctor, ich glaube nicht an unbewohnbare Gegenden; der Menschh würde, wenn auch zuerst mit Opfern, indem er Generationen hindurch die Hilfsmittel der Landwirthschaftslehre anwendet, auch ein solches Land ertragsfähig machen. – Sie glauben das? sagte Altamont. – Allerdings! Wenn Sie sich nach den aus dem Kindesalter der Erde berühmten Gegenden, etwa nach Theben, Ninive oder Babylon, begeben, in jene fruchtbaren Thäler unserer Ahnen, so würde es Ihnen unmöglich scheinen, daß dort je hätten Menschen wohnen können; ja, die ganze Atmosphäre ist dort seit dem Verschwinden der Bewohner verdorben. Es ist das ein ganz allgemeines Gesetz der Natur, daß sie diejenigen Oertlichkeiten, welche wir nicht bewohnen, ebenso wie die, welche wir zu dicht bewohnen, unfruchtbar und ungesund werden läßt. Bedenken Sie wohl, daß es der Mensch ist, der sich seine Naturverhältnisse schafft, durch seine Gegenwart, seine Gewohnheiten, seine Industrie, ja ich gehe noch weiter, auch durch seinen Athem; er verändert nach und nach die Ausdünstungen des Bodens und die atmosphärischen Verhältnisse, und er verbessert schon dadurch, daß er athmet. Sonach giebt es wohl unbewohnte, aber nie unbewohnbare Orte.« So gingen die Jäger plaudernd, indem sie Naturforscher geworden, immer weiter und erreichten ein weites Thal, in dessen Grunde ein fast eisfreier Fluß sich hinschlängelte; die Lage nach Süden hatte an seinen Ufern und etwas darüber hinaus einige Vegetation hervorgerufen. Der Boden schien mit Lust fruchtbar zu werden; es hätte nur einiger Zoll Erde bedurft, um ergiebig zu sein. Der Doctor machte auf dieses deutliche Streben aufmerksam. »Sehen Sie, sagte er, könnten sich nicht einige unternehmende Colonisten zur Noth in diesem Thale niederlassen? Mit Fleiß und Ausdauer würden sie noch etwas ganz Anderes daraus machen; ich sage nicht etwa, Felder, wie in den gemäßigten Zonen, aber doch ein Land, das sich sehen lassen könnte. Ah, wenn ich mich nicht täusche, giebt es hier auch vierfüßige Bewohner! Die Schelme kennen die fetten Gegenden. – Wahrhaftig, rief Altamont, sein Gewehr in Stand setzend, da sind Polarhasen. – Warten Sie noch, sagte der Doctor, Sie hitziger Jäger! Die armen Thiere denken gar nicht an die Flucht. Lassen wir sie in Ruhe; sie kommen auf uns zu!« In der That näherten sich drei bis vier junge Hasen, die sich in der niedrigen Haide und dem frischen Moose tummelten, den drei Männern, die sie gar nicht zu fürchten schienen; mit sorglos lustigen Sprüngen, welche Altamont fast entwaffneten, kamen sie heran. Bald waren sie dem Doctor zwischen den Füßen, der sie mit der Hand streichelte und sagte: »Warum auf Geschöpfe Feuer geben, welche zu freundlichem Verkehr mit uns herankommen? Der Tod dieser kleinen Thiere wäre uns doch unnütz. – Sie haben Recht, Doctor, meinte Hatteras, wir wollen sie schonen. – Und jene Schneehühner, die auf uns zufliegen, rief Altamont; und die Schnepfen, die dort auf ihren langen Beinen einherstolziren!« Ein ganzes Volk von Federvieh erschien vor den Jägern, ohne Ahnung der Gefahr, welche nur der Doctor noch beschwor. Selbst Duk verhielt sich verwundert ganz ruhig. Es war ein merkwürdiges, fast rührendes Schauspiel, die hübschen Thiere einherlaufen, hüpfen und umherflattern zu sehen; sie setzten sich auf die Schultern des guten Clawbonny, legten sich ihm zu Füßen und boten sich selbst den ungewohnten Liebkosungen desselben dar; sie schienen ihr Bestes zum Empfange der fremden Gäste zu thun, die zahlreichen Vögel stießen Freudenschreie aus, riefen immer einer den anderen, und bald kamen von allen Seiten noch mehr herzu. Der Doctor glich einem leibhaftigen Liebhaber. Die Jäger setzten, immer von der zutraulichen Gesellschaft gefolgt, ihren Weg an den feuchten Ufern des Flusses hinauf weiter fort, und als sie das Thal verließen, bemerkten sie eine Heerde von acht bis zehn Rennthieren, welche einige kümmerliche unter dem Schnee noch halb verborgene Flechten abweideten. Die graziösen stillen Thiere boten einen prächtigen Anblick mit ihrem gezahnten Geweih, welches das Weibchen ebenso stolz wie das Männchen trug; ihr scheinbar wolliger Pelz verlor schon das winterliche Weiß und tauschte dafür die graubraune Färbung für die Sommerzeit ein. Sie schienen ebensowenig scheu und ebenso zahm zu sein, wie die Hasen und die Vögel dieser friedlichen Gegend. – Solcher Art waren wohl die Beziehungen des ersten Menschen zur Thierwelt bald nach der Schöpfung der Erde. Die Jäger gelangten in die Mitte der Truppe, die keinen Schritt entfloh; diesmal hatte der Doctor nicht wenig Mühe, Altamont's Jagdtrieb zu zügeln; der Amerikaner konnte das herrliche Wild nicht sehen, ohne daß ihm das Blut berauschend zu Kopfe stieg. Hatteras betrachtete mit Rührung diese sanften Thiere, die ihre Nasen an den Kleidern des Doctors, der eben ein Freund aller lebenden Wesen war, rieben. »Aber sind wir denn nicht eigentlich zum Jagen hierher gekommen? sagte Altamont. – Um Bisonochsen zu erlegen, antwortete Hatteras, aber nichts Anderes! Wir wüßten mit diesem Wilde Nichts zu beginnen, da unsere Vorräthe noch reichlich sind. Wir wollen doch lieber das rührende Schauspiel genießen, den Menschen sich der Freude dieser schüchternen Thiere anschließen zu sehen, und ihnen keine Furcht einflößen. – Das beweist uns, daß sie noch nie einen Menschen gesehen haben. – Unzweifelhaft, bestätigte der Doctor, und daraus kann man auch noch den weiteren Schluß ziehen, daß diese Thiere nicht amerikanischen Ursprungs sind. – Und warum das? fragte Altamont. – Weil, wenn sie im nördlichen Amerika geboren wären, sie wissen würden, was sie von dem zweihändigen Geschöpfe, das man Mensch nennt, zu erwarten haben, und sie bei unserem Anblick dann sicher geflohen wären. Nein, wahrscheinlich sind sie aus dem Norden gekommen und entstammen jenen unbekannten Gegenden Asiens, denen Unseresgleichen sich noch nie genähert haben, von wo aus sie möglicher Weise die dem Pole benachbarten Continente überschritten. Demnach, Altamont, haben Sie nicht das Recht, sie als Landsleute zu beanspruchen. – O, entgegnete Altamont, darauf sieht ein Jäger nicht so genau; das Wild gehört immer dem Lande desjenigen an, der es erlegt. – Nun beruhigen Sie sich, tapferer Nimrod! Ich für meinen Theil würde lieber mein Lebenlang auf jeden Flintenschuß verzichten, als dieser liebenswürdigen Bevölkerung Schrecken einjagen. Sehen Sie, sogar Duk fraternisirt mit den allerliebsten Thieren. Glauben Sie mir, und bleiben wir gütig, so lange es möglich ist! Die Güte ist eine Macht! – Schön, schön! entgegnete Altamont, der dieses Feinfühlen nicht ganz verstand, aber ich möchte Sie mit dieser Güte statt jeder Waffe mitten in einem Haufen von Bären oder Wölfen sehen. – O, es fällt mir nicht ein, auch wilde Thiere zu liebkosen, entgegnete der Doctor, an die Zaubereien eines Orpheus glaube ich nicht sehr; übrigens würden Wölfe und Bären auch nicht wie jene Hasen, Hühner und Rennthiere auf uns zukommen. – Und warum nicht, erwiderte Altamont, wenn auch sie noch keinen Menschen gesehen hätten. – Weil derartige Thiere von Natur wild sind, und die Wildheit, so wie die Schlechtigkeit, den Verdacht nähren; das ist eine Beobachtung, die an Menschen und Thieren gleichmäßig zu machen ist. Wer schlecht ist, ist auch herausfordernd, und Furcht haben die selbst leicht, welche sie Anderen einzuflößen gewöhnt sind.« Diese kleine philosophische Belehrung schloß die Unterhaltung. Der ganze Tag verstrich in diesem Thale, welches der Doctor Arkadien des Nordens zu nennen beliebte, wogegen seine Genossen gar keinen Einwand erhoben; und als der Abend kam, schlummerten die drei Jäger nach einer Mahlzeit, welche keinem der Bewohner dieser Gegend das Leben gekostet hatte, in einer Felsenaushöhlung, die eigens für sie gemacht schien, friedlich ein. Siebenzehntes Capitel. Altamont's Vergeltung. Am andern Morgen erwachte der Doctor und seine zwei Gefährten nach einer völlig ruhig verbrachten Nacht. Die Kälte hatte sie, wenn sie auch nicht bedeutend war, doch am Morgen belästigt; aber gut bedeckt, wie sie waren, hatten sie, unter Obhut der friedlichen Thiere, fest geschlafen. Das Wetter blieb schön, und sie beschlossen, auch noch diesen Tag der Erforschung des Landes und dem Aufspüren von Bisonochsen zu widmen. Man mußte schon Altamont die Möglichkeit bieten, ein wenig zu jagen, und man einigte sich also dahin, daß, wenn diese Thiere auch die friedliebendsten der ganzen Welt wären, er das Recht haben solle, sie zu schießen. Uebrigens bietet ihr Fleisch, wenn es auch stark nach Moschus riecht, eine schmackhafte Speise, und die Jäger freuten sich darauf, einige Stücke solch' frischen und stärkenden Fleisches mit nach Fort Providence zu bringen. Während der ersten Morgenstunden bot die Reise nichts Besonderes. Im Nordosten fing das Land an, sein Aussehen zu ändern. Einige Terrainerhöhungen, die ersten Wellen einer bergigen Gegend, deuteten auf eine andere Art des Bodens. Dieses Land von Neu-Amerika mußte, wenn es nicht ein Continent war, doch eine sehr große Insel bilden; im Uebrigen handelte es sich jetzt nicht darum, diese geographische Frage zu lösen. Duk lief weit voraus und stand bald bei der Fährte einer Heerde Bisonochsen; schnell trabte er voraus, und schwand bald den Jägern aus den Augen. Diese folgten seinem lauten, deutlichen Gebell, dessen Eifer ihnen verrieth, daß das treue Thier endlich das Ziel ihrer Begierde aufgefunden hatte. Sie gingen schneller, und nach etwa anderthalb Stunden trafen sie wirklich auf zwei große und ihrem Aeußern nach wirklich furchterweckende Thiere; diese eigenthümlichen Vierfüßler schienen über Duk's Angriff sehr verwundert, ohne übrigens zu erschrecken. Sie fraßen eine Art röthlichen Mooses, welches den schneereinen Boden bedeckte. Der Doctor erkannte sie leicht an ihrer geringeren Größe, ihren breiten, an der Basis verbundenen Hörnern, an dem merkwürdigen scheinbaren Fehlen der Schnauze und an ihren kurzen Schwänzen. Der Gesammteindruck dieses Baus hat ihnen bei den Naturforschern den Namen »Ovibos« (Schafochse) erworben, ein Wort, welches also an die beiden Naturen, denen sich dieses Thier anschließt, erinnert. Ein Büschel dicker und langer Haare und ein feiner, brauner, seidenartiger Pelz ist ihnen eigenthümlich. Beim Erblicken der Jäger liefen die Thiere sogleich davon, und diese verfolgten sie in vollem Laufe. Aber für Leute, die ein halbstündiger Dauerlauf vollkommen außer Athem brachte, war es schwer, sie einzuholen. Hatteras und seine Genossen hielten an. »Teufel! sagte Altamont. – Teufel ist das richtige Wort, versetzte der Doctor, der kaum Athem schöpfen konnte. Diese Wiederkäuer überlasse ich Ihnen als Amerikaner, aber sie scheinen von ihren Landsleuten nicht die vortheilhafteste Meinung zu haben. – Das beweist, daß wir gute Jäger sind«, erwiderte Altamont. Indessen blieben auch die Bisonochsen, die sich nicht mehr verfolgt sahen, in staunender Haltung wieder stehen. Es war augenscheinlich, daß man sie im Laufen nicht erlangen würde; man mußte sie einzuschließen suchen; das kleine Plateau, auf dem sie jetzt waren, bot sich fast selbst dazu an. Die Jäger ließen durch Duk die Thiere necken, während sie in nahen Hohlwegen heranschlichen, das Plateau zu umgehen. Altamont und der Doctor versteckten sich an dem einen Ausläufer desselben hinter Felsenvorsprüngen, während Hatteras, der es von der anderen Seite unvermuthet erstieg, sie ihnen zutreiben sollte. Nach einer halben Stunde hatte Jeder seine Stelle eingenommen. »Jetzt werden Sie sich nicht widersetzen, sagte Altamont, diese Thiere mit Flintenschüssen zu empfangen? – Nein, das ist ehrlicher Krieg«, erwiderte der Doctor, der trotz seiner natürlichen Gutmüthigkeit doch Jäger vom Grunde seiner Seele war. So sprachen sie, als sie die Thiere, Duk ihnen auf der Ferse, sich schnell in Bewegung setzen sahen; weiter entfernt rief Hatteras laut und jagte sie nach der Richtung des Doctors und des Amerikaners, die sich bald dieser prächtigen Beute entgegenstellten. Sogleich standen da die Ochsen, und da sie vor einem einzelnen Feinde weniger Furcht hatten, so liefen sie gegen Hatteras wieder zurück. Dieser erwartete sie festen Fußes, legte, als sie nahe genug waren, an und gab Feuer, ohne daß seine Kugel, die eines der Thiere mitten auf die Stirn traf, sie im Laufe aufzuhalten vermochte. Der zweite Schuß von Hatteras machte die Thiere nur wüthend; sie stürzten sich auf den entwaffneten Jäger und warfen ihn jählings um. »Er ist verloren!« rief der Doctor. In dem Augenblicke, da Clawbonny diese Worte im Ton der Verzweiflung ausrief, that Altamont einen Schritt voran, um Hatteras zu Hilfe zu eilen, dann blieb er wieder stehen, im Kampfe gegen sich selbst und seine Vorurtheile. »Nein, rief er aus, das wäre ein Schurkenstreich!« So stürzte er mit Clawbonny schnell nach dem Kampfplatze. Keine halbe Secunde hatte sein Zögern gedauert, aber so wie der Doctor sah, was in der Seele des Amerikaners vorging, so verstand es auch Hatteras, er, der lieber umgekommen wäre, als daß er die Hilfe seines Nebenbuhlers angerufen hätte. Jedenfalls hatte er kaum Zeit, sich darüber Rechenschaft zu geben, denn Altamont war schon nahe bei ihm. Hatteras, der zu Boden lag, suchte die Hörnerstöße und Huftritte der beiden Thiere abzuwehren; lange hätte er indeß diesen Kampf nicht fortzusetzen vermocht. Er war nahe daran, unvermeidlich in Stücke zerrissen zu werden, als zwei Flintenschüsse fielen; Hatteras fühlte die Kugeln fast seinen Kopf streifen. »Nur Muth!« rief Altamont, der sein abgeschossenes Gewehr von sich schleuderte und auf die wüthenden Thiere losstürzte. Der eine der Ochsen stürzte, im Herzen getroffen, zusammen; der andere wollte in schäumender Wuth dem unglücklichen Kapitän den Leib aufschlitzen, als Altamont ihm gegenüber sprang und mit der einen Hand sein Schneemesser tief zwischen die geöffneten Kinnbacken stieß, während er ihm mit der anderen durch einen furchtbaren Beilhieb den Kopf spaltete. Das Alles geschah mit so wunderbarer Schnelligkeit, daß ein Blitz hinreichend gewesen wäre, die ganze Scene zu beleuchten. Der zweite Ochse brach in den Knieen zusammen und fiel todt nieder. »Hurrah! Hurrah!« rief Clawbonny. Hatteras war gerettet. Er verdankte also sein Leben demselben Manne, den er in der Welt am meisten haßte! Was ging in diesem Augenblick in seiner Seele vor? Welche menschliche Regung, die er nicht zu bemeistern vermochte, stieg in ihr auf? Hier liegt ein Geheimniß des Herzens, das sich jeder Deutung entzieht. Wie dem auch sei, Hatteras ging ohne Zaudern auf seinen Rivalen zu und sagte mit ernster Stimme: »Sie haben mir das Leben gerettet, Altamont. – Sie hatten es mir gethan, erwiderte der Amerikaner, und nach einer kleinen Pause fügte er hinzu: Wir sind quitt, Hatteras. – Nein, Altamont, erwiderte der Kapitän, als der Doctor Sie aus dem Eisgrabe hervorzog, wußte ich nicht, wer Sie waren, doch Sie haben mich mit eigener Lebensgefahr gerettet, trotzdem Sie wußten, wer ich sei. – Nun, Sie sind Meinesgleichen, entgegnete Altamont; doch sei dem wie ihm wolle, ein Amerikaner ist kein feiger Schurke. – Nein, gewiß nicht, rief der Doctor, er ist ein Mensch, ein Mensch wie Sie, Hatteras! – Und mit mir soll er den Ruhm theilen, der uns noch zu ernten bevorsteht. – Den Ruhm, zum Nordpole vorzudringen, sagte Altamont. – Ja wohl, erwiderte der Kapitän mit Selbstgefühl. – Ich hatte es also errathen, rief der Amerikaner; Sie haben gewagt, einen solchen Beschluß zu fassen! Sie haben zu versuchen gewagt, diesen unnahbaren Punkt zu erreichen. O, das ist schön; das sage ich Ihnen, ich; das ist herrlich! – Aber Sie, fragte Hatteras schnell, Sie befanden sich also nicht wie wir auf dem Wege zum Pole?« Altamont schien mit der Antwort zu zögern. »Nun? fragte der Doctor. – Nun denn, nein! sagte der Amerikaner. Nein! Die Wahrheit über die Eigenliebe! Nein, ich hatte den großen Gedanken, der Sie hierher geleitet hat, nicht. Ich wollte mit meinem Schiffe nur die Nordwestpassage durchfahren; das ist Alles. – Altamont, sagte Hatteras, dem Amerikaner die Hand entgegenstreckend, seien Sie also unser Ruhmesgefährte und kommen Sie mit uns, den Nordpol zu entdecken!« Und die beiden Männer reichten sich zum warmen, redlichen Drucke ihre Hände. Als sie sich nach dem Doctor umdrehten, standen diesem die Thränen in den Augen. »O, meine Freunde, sagte er, sich die Augen trocknend, wie vermag mein Herz die Freude, mit der Sie es erfüllen, zu fassen! O, meine theuren Gefährten, Sie haben für den gemeinschaftlichen Erfolg die leidige Frage wegen der Nationalitäten geopfert. Sie haben sich gesagt, daß weder England noch Amerika hierbei in Betracht kommen, und daß eine innige Sympathie uns gegenüber den Gefahren unserer Expedition verbinden muß. Wenn der Nordpol erreicht ist, was kommt darauf an, wer ihn entdeckt? Warum sich so erniedrigen und darauf pochen, daß man ein Amerikaner oder ein Engländer ist, wenn man sich rühmen kann, ein Mensch zu sein!« Der Doctor drückte die versöhnten Feinde in seine Arme; er konnte sich vor Freude kaum beruhigen, und auch die beiden neuen Freunde fühlten sich durch die Freundschaft, welche der würdige Mann ihnen entgegen brachte, nur noch mehr genähert. Clawbonny sprach, ohne sich zurückhalten zu können, von der Eitelkeit der Wettbewerbung, von der Thorheit des Rivalisirens, und von dem so nöthigen Zusammenwirken zwischen Menschen, die so weit von ihrem Vaterlande verlassen sind. Seine Worte, seine Thränen, seine Zärtlichkeiten, Alles kam aus dem Grunde seines Herzens. Doch beruhigte er sich endlich, nachdem er Hatteras und Altamont wohl zwanzig Mal umarmt hatte. »Und nun, sagte er, an's Werk, an's Werk! Da ich als Jäger zu Nichts gut gewesen bin, so wollen wir meine Fähigkeiten auf anderer Seite benutzen!« Er ging daran, den Ochsen auszuweiden, den er »den Ochsen des Versöhnungs-Opfers« nannte, und machte das so geschickt, daß er vielmehr einem Arzte glich, der eine sorgsame Section vornimmt. Lächelnd sahen ihm die Gefährten zu. Nach wenigen Minuten hatte der gewandte Operateur etwa einen Centner appetitlichen Fleisches herausgeschnitten, das er in drei gleiche Theile theilte; Jeder belud sich mit einem derselben, und zurück ging es nach Fort Providence. Um zehn Uhr Abends erreichten die Jäger, von den schiefen Strahlen der Sonne beleuchtet, Doctors-House, wo Johnson und Bell sie mit einer guten Mahlzeit erwarteten. Aber noch bevor sie sich zu Tische setzten, rief der Doctor, auf seine beiden Jagdgenossen zeigend: »Mein alter Johnson, ich hatte einen Engländer und einen Amerikaner mitgenommen, nicht wahr? – Ja wohl, Herr Clawbonny, erwiderte der Rüstmeister. – Nun, und zurück bringe ich zwei Brüder!« Freudig reichten die beiden Seeleute Altamont die Hände; der Doctor erzählte ihnen, was der amerikanische Kapitän für den englischen gethan hatte, und diese Nacht beherbergte das Eishaus fünf wahrhaft glückliche Menschen. Achtzehntes Capitel. Die letzten Vorbereitungen. Am anderen Tage wechselte die Witterung; es ward wieder kalt; Schnee, Regen und Wirbelstürme folgten einander mehrere Tage hindurch. Bell war mit der Schaluppe fertig; sie entsprach vollkommen dem Zwecke, dem sie dienen sollte; in Bordhöhe zum Theil verdeckt, konnte sie mit ihrem Fockmast und Klüverbaum auch bei schwererem Wetter See halten; dabei erlaubte ihre Leichtigkeit, sie auf dem Schlitten mitzunehmen, ohne dem Hundegespann zu schwer zu sein. Endlich vollzog sich in dem Polarmeere eine für die Ueberwinternden immerhin sehr wichtige Veränderung. Die Eishaufen in der Mitte der Bai fingen an sich in Bewegung zu setzen; die höheren, schon unterminirt durch das fortwährende Anprallen, brauchten nur noch einen kräftigen Sturm, um sich vom Ufer loszureißen und schwimmende Eisberge zu bilden. Doch wollte Hatteras nicht die Beseitigung des ganzen Eisfeldes erwarten, um den Ausflug anzutreten. Da die Reise über Land gemacht werden sollte, that es nicht viel Eintrag, ob das Meer frei war oder nicht; er setzte also die Abreise auf den 25. Juni fest; bis dahin sollten alle Vorbereitungen vollkommen beendigt sein. Johnson und Bell beschäftigten sich mit der Instandsetzung des Schlittens, dessen Gestell verstärkt wurde, und verfertigten neue Schneeschuhe. Die Reisenden suchten für ihren Ausflug die wenigen Wochen schöner Witterung zu benutzen, welche die Natur diesen hochnördlichen Gegenden zutheilt. Die Beschwerden mußten da leichter zu ertragen, etwaige Hindernisse besser zu besiegen sein. Einige Tage vor der Abfahrt, am 20. Juni, zeigte das Eis verschiedene offene Stellen, die man benutzte, um die Schaluppe bei einer Spazierfahrt nach Cap Washington zu erproben. Frei war das Meer freilich noch lange nicht, doch zeigte es keine feste Oberfläche mehr und eine Fußwanderung über die geborstenen Eisfelder wäre unmöglich gewesen. Dieser halbe Tag Schifffahrt gestattete, die guten nautischen Eigenschaften der Schaluppe schätzen zu lernen. Auf ihrer Rückfahrt waren die Reisenden Zeugen eines merkwürdigen Vorfalls. Es war die Jagd eines gewaltigen Bären auf eine Robbe; Ersterer war offenbar zu sehr in Anspruch genommen, um die Schaluppe zu bemerken, denn er würde nicht verfehlt haben, sie zu verfolgen. Er befand sich an einem Loch im Eisfelde, durch welches die Robbe jedenfalls entschlüpft war, auf der Lauer. Der Bär erwartete ihr Wiedererscheinen mit der Geduld eines Jägers oder vielmehr eines Fischers, denn er fischte ja in Wahrheit. Schweigend, ohne Bewegung, ja, ohne jedes Lebenszeichen, lag er auf dem Anstand. Plötzlich aber begann sich die Oberfläche des Wassers zu bewegen; die Amphibie tauchte zum Athemholen empor; der Bär streckte sich der Länge nach auf das Eis hin und legte die Tatzen rund um das Loch. Einen Augenblick später erschien der Kopf der Robbe über dem Wasser; es blieb ihr aber nicht Zeit, wieder unterzutauchen; die Tatzen des Bären umfaßten sie wie von einer Feder losgeschnellt, preßten das Thier mit unwiderstehlicher Gewalt zusammen und hoben es aus seinem Elemente empor. Es war nur ein kurzer Kampf; die Robbe vertheidigte sich einige Secunden lang, wurde aber an der Brust des gigantischen Gegners erstickt; dieser, der sie trotz ihrer Größe leicht wegtrug, sprang behende von einer Scholle zur andern bis an das feste Land und verschwand mit seiner Beute. »Glückliche Reise! rief ihm Johnson nach; der Bär hat etwas zu viel Tatzen zur Verfügung.« Die Schaluppe erreichte bald die kleine Bucht wieder, die ihr Bell im Eise ausgehauen hatte. Noch vier Tage nur trennten Hatteras und seine Gefährten von dem zur Abreise bestimmten Zeitpunkt. Hatteras beeilte die letzten Zurüstungen; es drängte ihn, dieses Neu-Amerika zu verlassen, dieses Land, welches doch nicht das Seine war und dem er nicht seinen Namen gegeben hatte; er fühlte sich hier nicht zu Hause. Am 22. Juni begann man den Schlitten mit den Lagergeräthschaften zu beladen, mit dem Zelte und dem Proviant. Die Reisenden nahmen zweihundert Pfund gesalzenes Fleisch mit, drei Kisten mit conservirtem Gemüse und Fleisch; fünfzig Pfund Salzlake und Limoniensaft; fünf Quarter (380 Pfd.) Mehl; verschiedene Päckchen Kresse und Löffelkraut aus den Anpflanzungen des Doctors; rechnet man hierzu zweihundert Pfund Pulver, die Instrumente, die Waffen, die Küchengeräthe, und dazu noch die Schaluppe, das Kautschukboot und das Gewicht des Schlittens, so ergab das eine Last von nahezu fünfzehnhundert Pfund, gewiß genug für vier Hunde, um so mehr, da diese nicht wie im Dienste der Eskimos, welche dieselben nur vier Tage hintereinander arbeiten lassen, keine Stellvertreter hatten, und alle Tage ziehen mußten; aber die Reisenden nahmen sich vor, ihnen im Nothfalle zu helfen und nur kurze Tagemärsche zurückzulegen. Die Entfernung von der Bai Victoria bis zum Pol betrug höchstens hundertfünfundfünfzig Meilen, wozu sie, bei zwölf Meilen täglich, einen halben Monat bedurften. Sollte übrigens das Land aufhören, so mußten sie die Reise mit Hilfe der Schaluppe ohne Anstrengung für die Menschen oder die Hunde vollenden können. Alle befanden sich jetzt wohl; der allgemeine Gesundheitszustand war ausgezeichnet; der Winter, obgleich streng, schloß doch unter für ihr Wohlsein günstigen Verhältnissen; Jeder entging, da sie alle dem Rathe des Doctors Folge geleistet hatten, den jenen rauhen Klimaten eigenthümlichen Krankheiten. In Summa, man war etwas abgemagert, was dem würdigen Clawbonny ganz erfreulich war. Aber man hatte auch Leib und Seele dieser rauhen Lebensweise angepaßt, und nun konnten diese acclimatisirten Männer den härtesten Proben der Ermüdung und der Kälte widerstehen, ohne zu unterliegen. Und endlich, sie eilten ja dem Ziele der Reise zu, jenem unnahbaren Pole, an dem keine andere Frage als die der Rückkehr noch übrig blieb. Die Uebereinstimmung, welche jetzt die fünf Mitglieder der Expedition beseelte, sollte ihnen helfen, ihre kühne Fahrt zu vollbringen, und Keiner von ihnen zweifelte an dem Erfolge des Unternehmens. In der Voraussicht einer lange dauernden Expedition hatte der Doctor seine Gefährten dahin vermocht, sich auch lange vorher darauf vorzubereiten. Am 23. Juni waren die Reisenden bereit; es war ein Sonntag, der vollkommen der Ruhe gewidmet wurde. Der Augenblick der Abreise nahte heran, und die Bewohner des Fort Providence sahen ihm nicht ohne Bewegung entgegen. Es ging ihnen doch etwas an's Herz, diese Schneehütte zu verlassen, die ihren Zweck als Wohnung so gut erfüllt hatte; diese Bai Victoria, diese gastliche Küste, an der sie die letzten Wintermonate verbracht hatten. Würde man diese Baulichkeiten bei der Rückkehr wiederfinden? Würden die Strahlen der Sonne diese zerbrechlichen Mauern nicht vollends schmelzen? Alles in Allem hatten sie hier schöne Stunden verlebt. Der Doctor rief beim Abendessen seinen Gefährten diese rührenden Erinnerungen wieder wach, und vergaß nicht, dem Himmel für seinen sichtbaren Schutz zu danken. Endlich kam die Stunde der Ruhe. Jeder legte sich zeitig nieder, um früh aufzustehen. So verfloß die letzte im Fort Providence verbrachte Nacht. Neunzehntes Capitel. Die Reise nach Norden. Am anderen Tage gab Hatteras zeitig das Zeichen zur Abreise; die Hunde wurden vor den Schlitten gespannt; wohl ernährt und ausgeruht, und nach einem sehr bequem verbrachten Winter, waren sie gewiß im Stande, für den Sommer große Dienste zu leisten. Sie ließen sich auch gar nicht bitten, ihr Reisegeschirr wieder anzulegen. Nach Allem zu urtheilen, sind diese Grönländer Hunde sehr gute Thiere; ihre wilde Natur hatte sich nach und nach verändert; sie verloren ihre Aehnlichkeit mit dem Wolfe und wurden Duk, diesem vollendeten Beispiele aus der Hunderace, ähnlicher; mit einem Worte, sie wurden civilisirt. Duk konnte sich gewiß einen guten Theil ihrer Erziehung zurechnen; er hatte sie gelehrt, sich gut zu vertragen, und war mit eigenem Beispiele vorangegangen; in seiner Eigenschaft als Engländer und etwas eigensinnig bezüglich der »Kunstsprache«, hatte es lange gedauert, bevor er mit diesen Hunden, »die ihm nicht vorgestellt waren«, vertraulicher wurde, und im Princip sprach er nicht mit ihnen. Da sie aber dieselben Gefahren, dieselben Entbehrungen, dasselbe Loos theilten, vertrugen sich endlich diese Thiere verschiedener Race ganz gut. Duk, der ein gutes Herz hatte, that die ersten entgegenkommenden Schritte, und das ganze vierfüßige Volk war bald eine Heerde Freunde. Der Doctor liebkoste die Grönländer Hunde, und Duk sah es ohne Eifersucht auf seine Kameraden. In nicht weniger guten Verhältnissen befanden sich die Menschen; wenn Jene tapfer ziehen mußten, so nahmen sich diese vor, gut zu marschiren. Bei günstiger Witterung reiste man früh um sechs Uhr ab; nachdem man den Umgebungen der Bai gefolgt war und das Cap Washington überschritten hatte, ließ Hatteras die Richtung direct nach Norden einschlagen; um sieben Uhr verloren die Reisenden im Süden den Leuchtthurmkegel und Fort Providence aus dem Gesicht. Die Reise begann unter guten Anzeichen, jedenfalls unter weit besseren, als die im tiefen Winter zur Aufsuchung von Kohlen unternommene! Hatteras ließ damals an Bord seines Schiffes die Empörung und die Verzweiflung zurück, ohne des Zieles, dem er nachstrebte, sicher zu sein; er verließ eine vor Kälte halbtodte Mannschaft und reiste mit Begleitern, welche durch die Leiden des arktischen Winters geschwächt waren; er, der Mann des Nordens, wandte sich nach Süden zurück. Jetzt dagegen strebte er, umgeben von kräftigen Freunden, im besten Wohlbefinden, unterstützt, ermuthigt, fast gedrängt, nach dem Pol, nach diesem Zielpunkt seines ganzen Lebens. Niemals war ein Mensch näher daran gewesen, diesen für ihn und sein Vaterland hellstrahlenden Ruhm zu erwerben! Dachte er wohl an alle diese bei den gegenwärtigen Verhältnissen so selbstverständlich erscheinenden Dinge? Der Doctor nahm es gern an, und konnte kaum daran zweifeln, wenn er Jenen so begierig sah. Der gute Clawbonny freute sich über das, was seinem Freunde offenbar Freude bereitete, und seit der Aussöhnung der beiden Kapitäne, seiner beiden Freunde, fühlte er sich als den glücklichsten der Menschen; er, dem die Empfindung des Hasses, der Mißgunst, der Rivalität so fremd war, er, das beste aller Geschöpfe! Was würde aus dieser Reise werden, welchen Erfolg versprach sie? Er wußte es nicht; indeß, sie fing gut an, das war schon viel. Jenseit des Cap Washington verlängerte sich die westliche Küste Neu-Amerikas mittels einer Reihenfolge einzelner Baien; um diese ungeheuren Bogen zu vermeiden, wandten sich die Reisenden, nachdem sie die ersten Abhänge des Mount-Bell erstiegen hatten, gegen Norden, um die höheren Ebenen zu gewinnen. Sie kürzten dadurch den Weg ganz wesentlich ab. Hatteras wollte, wenn nicht durch Meerengen oder Berge unvorhergesehene Hindernisse dazwischen träten, eine gerade Linie von dreihundertfünfzig Meilen vom Fort Providence bis nach dem Pole ziehen. Die Reise ging fröhlich vorwärts; die höheren Ebenen boten einen ungeheuren weißen Teppich dar, auf welchem der Schlitten, der mit geschwefelten Kufen versehen war, ohne Mühe dahinglitt, ebenso wie die Menschen mittels der Schneeschuhe einen raschen und sichern Gang hatten. Das Thermometer zeigte siebenunddreißig Grad (+3° hunderttheilig). Die Witterung war nicht beständig; bald war es klar, bald nebelig; aber weder Kälte noch Wirbelwinde hätten die Reisenden, welche so fest entschlossen waren, vorwärts zu dringen, aufzuhalten vermocht. Nach dem Compaß war die Richtung leicht inne zu halten; die Nadel war weniger träge, da sie sich vom magnetischen Pol entfernte; freilich drehte sie sich, als dieser magnetische Punkt überschritten war, nach diesem um, und zeigte also für die nach Norden Wandernden jetzt eigentlich den Süden an; aber dieses verkehrte Anzeigen machte ja keine beschwerliche Rechnung nothwendig. Uebrigens ersann der Doctor noch ein sehr einfaches Mittel zur Bestimmung der Richtung, welches das häufige Beobachten der Boussole unnöthig machte; war ihre Lage einmal festgestellt, so suchten sie bei heiterem Wetter einen genau nördlichen, zwei bis drei Meilen entfernten Punkt; auf diesen gingen sie zu, bis er erreicht war, und bestimmten von da aus einen neuen ebenso belegenen Punkt. So wichen sie gewiß nur wenig von dem geraden Wege ab. Während der ersten beiden Reisetage legte man immer zwanzig Meilen in zwölf Stunden zurück; die übrige Zeit wurde den Mahlzeiten und der Ruhe gewidmet; zum Schutz während des Schlafes erwies sich das Zelt als ausreichend. Die Temperatur hob sich dann und wann; stellenweise schmolz der Schnee, je nach der Art des Bodens, während andere Stellen ihre fleckenlose Weiße bewahrten, da und dort bildeten sich große Wasserflächen, manchmal wahre Teiche, welche mit etwas Phantasie wohl für Seen zu halten waren; sie mußten manchmal mit dem halben Bein im Wasser gehen, worüber sie nur lachten; ja der Doctor war über diese unerwarteten Bäder ganz glücklich. »Dem Wasser ist's gleichwohl nicht verstattet, uns in diesen Ländern zu durchnässen, sagte er; hier hat es nur in festem oder gasförmigem Zustande Rechte; sein flüssiger Zustand ist ein Mißbrauch. Eis oder Dampf, ganz schön, aber Wasser, nie!« Unterwegs wurde auch die Jagd nicht vernachlässigt, denn sie mußte frische Nahrungsmittel liefern; dazu durchstreiften Altamont und Bell, ohne sich zu weit zu entfernen, die Nachbarschaft; sie schossen Schneehühner, Taucherhühner, Gänse, einige graue Hasen u. dergl.; diese Thiere kamen übrigens bald von dem ersten Zutrauen zurück und wurden furchtsam; sie flohen scheu, und nur schwer konnte man sich ihnen nähern. Ohne Duk wären die Jäger häufig um ihr Pulver betrogen gewesen. Hatteras befahl ihnen, sich nicht weiter, als eine Meile zu entfernen, denn er hatte keinen Tag, ja keine Stunde zu verlieren, da auf mehr als drei Monate geeigneter Witterung nicht zu rechnen war. Außerdem mußte Jeder dem Schlitten nahe zur Hand sein, wenn eine schwierige Stelle, eine enge Schlucht oder starkgeneigte Ebenen zu passiren waren; dann spannte oder stemmte sich Jeder an den Schlitten, ihn ziehend, schiebend oder stützend; mehr als einmal mußte man ihn ganz entladen, und auch das verhinderte noch nicht alle Stöße und in Folge dessen Beschädigungen, welche Bell nach besten Kräften ausbesserte. Am dritten Tage, Mittwochs den 26. Juni, stießen die Reisenden auf einen See von mehreren Morgen Landes Ausdehnung, der in Folge seiner vor der Sonne geschützten Lage noch vollständig mit Eis bedeckt war; dieses zeigte sich auch stark genug, das Gewicht der Reisenden und des Schlittens zu tragen. Dieses Eis schien schon von einem früheren Winter herzurühren, denn in Folge seiner Lage konnte dieser See nie aufthauen. Es war ein compacter Spiegel, dem die arktischen Sommer Nichts anhaben konnten; was diese Ansicht noch bestätigte, war der trockene Schnee, der seine Ufer einrahmte, und dessen untere Schichten offenbar früheren Jahren angehörten. Von diesem Punkte aus ward das Land merklich niedriger, woraus der Doctor den Schluß zog, daß es gegen Norden sich nicht allzuweit erstrecken dürfte; es wurde immer wahrscheinlicher, daß Neu-Amerika nur eine Insel sei, welche sich nicht bis zum Pol ausdehnte. Nach und nach flachte sich das Land mehr ab; kaum waren noch im Westen einige theils in der Entfernung, theils in einem bläulichen Nebel verschwindende Hügel sichtbar. Bis hierher war die Expedition ohne Ermüdung verlaufen, die Reisenden litten höchstens durch die von dem Schnee zurückgeworfenen Sonnenstrahlen; durch diesen Reflex konnten sie der Schnee-Blindheit Eine eigenthümliche Erkrankung der Netzhaut, die durch den Widerschein des Schnees hervorgerufen wird. kaum entgehen. Zu anderer Jahreszeit wären sie während der Nacht gereist, um diesem Uebelstande zu entgehen, jetzt aber gab es ja keine Nacht. Glücklicher Weise neigte sich der Schnee zum Schmelzen, und verlor so, wenn er im Begriff war, in Wasser überzugehen, viel von seinem Glanze. Am 28. Juni hob sich die Temperatur bis auf fünfundvierzig Grad über Null (+7° hunderttheilig); dieser Wärmegrad war von reichlichem Regen begleitet, den die Reisenden ruhig, selbst mit Vergnügen ertrugen, denn er beförderte das Schmelzen des Schnees; man mußte wieder auf die Mocassins von Damleder zurückgreifen und auch das Gleitungsvermögen des Schlittens ändern. Der Marsch wurde dadurch zwar aufgehalten, da aber ernsthafte Hindernisse nicht auftraten, kam man doch vorwärts. Einige Male hob der Doctor unterwegs rundliche oder platte Steine auf, die das Ansehen der durch den Wellenschlag abgerundeten Steine am Seestrande hatten, und er glaubte deshalb, in der Nähe des Polar-Meeres zu sein; aber immer noch dehnte sich die Ebene zu unübersehbarer Ferne aus. Sie bot kein Anzeichen von Bewohntsein, weder Hütten, noch Cairns, noch Eskimohöhlen; offenbar waren unsere Reisenden die Ersten, welche dieses neue Land betraten; diejenigen Stämme der Grönländer, welche die arktischen Länder besuchen, drangen nie soweit hinauf, obgleich die Jagd hier reiche Ergebnisse diesen immer hungrigen Unglücklichen liefern mußte; manchmal bemerkte man Bären, die der kleinen Gesellschaft unter dem Winde folgten, aber keine Miene machten, sie anzugreifen; in der Ferne zeigten sich auch zahlreiche Heerden von Bisonochsen und Rennthieren, von welchen Letzteren der Doctor gern einige Exemplare zur Verstärkung der Schlittenbespannung gehabt hätte, doch waren diese sehr scheu und machten es unmöglich, sie lebend zu fangen. Am 29. tödtete Bell einen Fuchs, und Altamont war so glücklich, einen kleineren Bisonochsen zu erlegen, wobei er seinen Genossen eine hohe Meinung von seiner Kaltblütigkeit und Geschicklichkeit abnöthigte; wirklich war er ein ausgezeichneter Jäger, und der Doctor, der sich darauf verstand, bewunderte ihn höchlich. Der Ochse ward ausgeweidet und lieferte reichlich frische Nahrung. Dieses zufällige Glück guter und nahrhafter Mahlzeiten wurde immer freudig begrüßt; auch wer weniger Feinschmecker war, mußte unwillkürlich einen Blick der Befriedigung auf diese Schnitten saftigen Fleisches werfen. Der Doctor selbst lachte, wenn er sich über der Bewunderung dieser köstlichen Stücke ertappte. »Wir wollen den Mund nicht zu spitz machen, sagte er da, bei Nordpol-Expeditionen ist die Mahlzeit eine Sache von Bedeutung. – Zumal, erwiderte Johnson, wenn sie von einem mehr oder weniger geschickten Schusse abhängt. – Sie haben Recht, mein alter Johnson, versetzte der Doctor, wenn man den Kochtopf regelmäßig im Küchenofen brodeln sieht, denkt man weniger an's Essen.« Am 30. wurde das Land ganz unerwartet sehr uneben, als wenn es durch eine vulkanische Bewegung gehoben wäre; kegelförmige und spitze Erhabenheiten wurden unzählig und erreichten große Höhen. Ein Südostwind begann mit Heftigkeit zu wehen und steigerte sich bald zum tüchtigen Orkane; er verfing sich an den schneebekrönten Felsen und zwischen den Eisbergen, die auf der Ebene die Form von Spitzhügeln und Eisinseln des Meeres nachahmten; ihre Anwesenheit auf diesen Hochebenen war ihnen unerklärlich, selbst dem Doctor, der doch sonst für Alles eine Deutung hatte. Dem Sturme folgte warme, feuchte Witterung, ein wahrhaftes Thauwetter; von allen Seiten erscholl das Krachen des Eises, das sich mit dem noch mächtigeren Donner der Lawinen mischte. Die Reisenden vermieden sorgfältig, ihren Weg am Fuße der Hügel zu nehmen, ja sogar laut zu sprechen, denn schon das Geräusch der Stimme konnte durch die Bewegung der Luft Katastrophen herbeiführen; sie waren öfters Zeugen furchtbarer Stürze, vor denen sich zu schützen sie gar keine Zeit gehabt hätten; eine wesentlichste Eigenthümlichkeit der polaren Lawinen ist in der That deren erschreckende Schnelligkeit; sie unterscheiden sich damit von denen in der Schweiz und in Norwegen; dort bildet sich zunächst eine Schneekugel, die zuerst wenig beträchtlich, durch den Schnee und wohl auch durch Felsstücke auf ihrem Wege an Größe zunnimmt, mit wachsender Schnelligkeit niederstürzt, Felder verwüstet und Dörfer zerstört, aber immerhin eine gewisse Zeit zum Niederrollen braucht; anders aber ist es in den von arktischem Froste erstarrten Gegenden; die Ortsveränderung von Eisblöcken geschieht hier völlig unerwartet, blitzartig. Ihr Sturz fällt mit dem Augenblicke des Losbrechens zusammen, und wer sie gerade auf sich zustürzen sieht, wird von ihnen unrettbar zermalmt; die Kanonenkugel ist nicht schneller, der Blitz nicht sicherer. Sich ablösen, fallen und zerstören ist für die Lawinen der Polarländer ein und dasselbe, und das geschieht mit dem majestätischen Rollen des Donners und mit ganz fremdartigem, mehr kläglichem als geräuschvollem Echo. Vor den Augen der Zuschauer vollzogen sich auch nicht selten merkwürdige Veränderungen der umgebenden Ansichten; das Land wandelte sich um; der Berg wurde unter dem Einflusse eines plötzlichen Thaues zur Ebene; oder, wenn das Regenwasser, das in die Sprünge großer Blöcke gedrungen war, durch den Frost einer einzigen Nacht gefror, sprengte es durch die unwiderstehliche Kraft der Expansion jedes Hinderniß, eine Macht, die sich bei der Eisbildung noch stärker erwies, als bei der Dampfbildung, und auch diese Erscheinung vollzog sich mit erschreckender Augenblicklichkeit. Dem Schlitten und seinen Führern drohte glücklicher Weise kein Unfall; in Folge ihrer Vorsichtsmaßregeln wurde jede Gefahr vermieden. Uebrigens hatte dieses durch Gebirgskämme und daran lagernde Anhöhen, durch Bergspitzen und Eisberge zerklüftete Land keine große Ausdehnung, und drei Tage darauf, am 3. Juli, befanden sich die Reisenden wieder auf bequemerer Ebene. Da wurden sie aber durch eine andere Erscheinung in Erstaunen gesetzt, welche lange die mühsamsten Untersuchungen der Gelehrten beider Hemisphären erregte; die kleine Truppe folgte einer etwa fünfzig Fuß hohen Hügelkette, die sich mehrere Meilen weit zu erstrecken schien; ihr Abhang nach Osten war mit Schnee, aber mit vollkommen rothem Schnee bedeckt. Man begreift das Erstaunen Aller, ihre Ausrufe der Verwunderung und selbst den etwas erschreckenden Eindruck dieses langen carmoisinrothen Abhangs. Der Doctor zögerte nicht, wenn nicht sie zu beruhigen, so doch wenigstens seine Gefährten zu unterrichten; er kannte das Wesen dieses rothen Schnees aus den darüber ausgeführten chemisch-analytischen Arbeiten Wollaston's, Candolle's und Bauer's; er erzählte also, daß sich dieser Schnee nicht allein in den arktischen Gegenden finde, sondern auch mitten in den Alpen der Schweiz. Saussure sammelte im Jahre 1760 eine beträchtliche Menge desselben, und später brachten auch die Kapitäne Roß, Sabine und andere Seefahrer von ihren Polar-Expeditionen ebensolchen mit. Altamont befragte den Doctor über die Natur dieser außergewöhnlichen Substanz, und dieser belehrte ihn, daß die Farbe derselben einzig durch die Anwesenheit organischer Körperchen bedingt sei. Lange waren die Forscher im Zweifel, ob dieselben thierischer oder pflanzlicher Natur seien, aber sie erkannten endlich, daß sie zu der großen Familie mikroskopischer Pilze, und zu der Art »Uredo« gehörten, welche Bauer »Uredo nivalis« zu nennen vorschlug. Dann zeigte der Doctor seinen Genossen, indem er den Schnee mit seinem eisenbeschlagenen Stocke durchstieß, daß jene Scharlachkruste neun Fuß dick war, und gab ihnen zu berechnen auf, wieviel auf einen Raum von mehreren Meilen von diesen Pilzen, von denen die Gelehrten dreiundvierzigtausend auf einem Quadratcentimeter zählten, wohl vorhanden sein möchten. Nach der Natur des Abhanges mußte diese Färbung schon sehr alt sein, denn diese Pilze zersetzen sich weder durch Verdunstung, noch durch das Schmelzen des Schnees, und ebenso ist ihre Farbe unveränderlich. Das Phänomen blieb, wenn auch erklärt, doch nicht minder fremdartig; die rothe Farbe trifft man in der Natur nur selten in größerer Verbreitung an; der Widerschein der Sonnenstrahlen auf diesem Purpurteppich brachte eigenthümliche Effecte hervor; er verlieh den benachbarten Gegenständen, den Felsen wie den Menschen und Thieren, ein feuriges Aussehen, so als ob sie von einer inneren Gluth durchleuchtet wären, und als jener Schnee schmolz, schien es, als ob Bäche von Blut unter den Füßen der Reisenden dahinflössen. Der Doctor, welcher diese Substanz, als er sie auf den Crimson-Klippen der Baffins-Bai sah, nicht hatte untersuchen können, sammelte sie sich jetzt nach Gefallen und füllte sorgsam mehrere Flaschen damit an. Dieser rothe Boden, dieses »Blutfeld«, wie er es nannte, wurde erst nach dreistündigem Marsche überschritten; dann nahm das Land sein gewöhnliches Aussehen wieder an. Zwanzigstes Capitel. Abdrücke im Schnee. Der 4. Juli verlief mitten in dichtem Nebel. Die Richtung nach Norden konnte nur mit größter Mühe eingehalten, und mußte jeden Augenblick durch den Compaß verbessert werden. Kein Unfall ereignete sich glücklicher Weise während dieser Finsterniß, nur verlor Bell seine Schneeschuhe, die er an einem Felsenvorsprunge zerbrach. »Meiner Treu, sagte Johnson, ich glaubte, daß man, wenn man an der Mersey und der Themse bekannt ist, in Hinsicht der Nebel etwas schwer zu befriedigen sei, aber ich sehe, daß ich mich getäuscht habe. – Nun, sagte Bell, wir sollten Fackeln anzünden, wie in London und Liverpool! – Warum das nicht? versetzte der Doctor; wirklich, das ist eine Idee! Den Weg würden wir zwar nur wenig heller machen; doch wenigstens den Führer erkennen können, und besser in gerader Richtung vorwärts kommen. – Aber, meinte Bell, wie sollen wir Fackeln herstellen? – Durch Werg, welches mit Weingeist getränkt und an das Ende der Stöcke befestigt wird. – Gut ausgedacht, erwiderte Johnson, und das wird nicht lange Zeit erfordern, um hergerichtet zu sein.« Eine Viertelstunde später nahm die kleine Gesellschaft bei Fackelschein den Weg durch den feuchten Nebel wieder auf. Wenn man nun aber auch mehr gerade vorwärts kam, so geschah das doch nicht schneller, und diese dunkeln Dünste zerstreuten sich nicht vor dem 6. Juli; dann, als die Erde wieder kalt geworden war, verscheuchte ein frischer Nordwind den ganzen Nebel, wie Fetzen eines zerrissenen Stoffes. Der Doctor nahm alsbald die Ortslage, wo sie sich befanden, auf und fand, daß sie während dieser dunstigen Tage nur acht Meilen im Mittel zurückgelegt hatten. Am 6. beeilte man sich nun, die verlorene Zeit wieder einzuholen, und man brach schon früh am Morgen auf. Altamont und Bell nahmen ihre Stelle als Vortrab wieder ein, sondirten das Terrain und spürten das Wild auf; Duk begleitete sie; das Wetter war in Folge seiner erstaunlichen Veränderlichkeit sehr klar und trocken geworden, und trotzdem, daß die Führer wohl zwei Meilen dem Schlitten voraus waren, entging dem Doctor doch keine einzige ihrer Bewegungen. Er war daher nicht wenig erstaunt, sie plötzlich innehalten und mit offenbarem Erstaunen stehen bleiben zu sehen; sie schienen neugierig in die Ferne zu sehen, wie Leute, welche nach dem Horizonte ausschauen. Dann bückten sie sich nieder, prüften aufmerksam den Boden und erhoben sich mit Zeichen des Erstaunens. Bell schien selbst vorwärts gehen zu wollen, aber Altamont hielt ihn zurück. »Nun, was machen denn diese da? sagte der Doctor zu Johnson. – Ich mustere sie ebenso, wie Sie, Herr Clawbonny, antwortete der alte Seemann, aber ich verstehe ihre Bewegungen nicht. – Sie werden Spuren von Thieren gefunden haben, versetzte Hatteras. – Das kann nicht sein, sagte der Doctor. – Warum nicht? – Weil Duk bellen würde. – Es sind doch wohl Abdrücke im Schnee, die sie betrachten. – Nun vorwärts nur, sagte Hatteras, so werden wir bald sehen, woran wir sind.« Johnson trieb die Hunde an, welche hintrabten. Nach zwanzig Minuten waren die fünf Reisenden beisammen, und Hatteras, der Doctor und Johnson theilten die Verwunderung Altamont's und Bell's. Wirklich zeigten sich auf dem Schnee deutliche, unzweifelhafte Fußspuren von Menschen, und zwar so frisch, als ob sie erst am Tage vorher entstanden wären. »Das sind Eskimos, meinte Hatteras. – In der That, antwortete der Doctor, da sind Abdrücke von ihren Schneeschuhen. – Sie glauben ...? sagte Altamont. – Gewiß. – Nun, aber dieser Schritt hier? fragte Altamont weiter, auf eine sich mehrfach wiederholende Fußspur zeigend. – Dieser Schritt? – Meinen Sie, daß der auch einem Eskimo angehöre?« Aufmerksam betrachtete ihn der Doctor mit größtem Erstaunen, der Abdruck eines europäischen Schuhes mit Nägeln, der Sohle und dem Absatze war tief in dem Schnee ausgehöhlt; ein Mann, und zwar ein Fremder war hier gegangen. »Europäer hier! rief Hatteras aus. – Unleugbar! sagte Johnson. – Und doch, fügte der Doctor hinzu, ist es so unglaublich, daß man zweimal hinsehen muß, bevor man das behauptet!« Der Doctor prüfte die Fußtapfen zwei-, dreimal, er mußte aber ihren ganz außergewöhnlichen Ursprung anerkennen. Der Held Daniel de Foës war gewiß nicht mehr erstaunt, im Sande seiner Insel eingedrückte Fußtapfen zu finden; Jener aber fürchtete sich deshalb, hier ärgerte sich Hatteras nicht wenig darüber. Ein Europäer, so nahe am Pol! Man ging weiter, um diese Spuren zu deuten; eine Viertelmeile weit wiederholten sie sich, vermischt mit anderen Spuren von Schneeschuhen und Mocassins; dann verliefen sie sich nach Westen zu. An diesem Punkte angelangt, fragten sich die Reisenden, ob sie jene Spuren noch weiter verfolgen sollten. »Nein, entschied Hatteras. Vorwärts ...!« Da unterbrach ihn ein Ausruf des Doctors, der aus dem Schnee einen noch überzeugenderen Gegenstand aufhob, über dessen Ursprung kein Zweifel sein konnte. Es war das Objectivglas eines Taschenfernrohres. »Nun kann man freilich, sagte dieser, die Anwesenheit eines Fremden in diesem Lande nicht mehr in Zweifel ziehen! ... – Vorwärts!« trieb Hatteras. Er sprach dieses Wort so energisch aus, daß ihm Jeder folgte, und der Schlitten setzte sich nach kurzer Unterbrechung wieder in Bewegung. Jeder sah gespannt nach dem Horizont, außer Hatteras, den ein stummer Zorn aufregte und der Nichts sehen wollte. Da man aber auf eine Abtheilung Reisender zu stoßen befürchten mußte, galt es, die nöthigen Vorsichtsmaßregeln zu treffen; wahrlich, das hieß doch wirklich ein schlimmes Spiel, sich jetzt auf diesem unbekannten Wege überholt zu sehen. Der Doctor, wenn er auch nicht den Zorn Hatteras' theilte, konnte sich doch, trotz seiner natürlichen Philosophie, eines gewissen Verdrusses nicht entschlagen. Altamont schien ebenso unangenehm berührt; Johnson und Bell murmelten drohende Worte zwischen den Zähnen. »Nun wohlan, sagte endlich der Doctor, wir wollen gute Miene zum bösen Spiele machen. – Ich muß gestehen, sagte Johnson, ohne von Altamont gehört zu werden, es könnte Einem die ganze Lust zur Reise nach dem Pol nehmen, wenn der Platz schon in Besitz genommen wäre. – Und doch, erwiderte Bell, ist daran fast gar nicht zu zweifeln. – Nein, meinte der Doctor, wenn ich das Abenteuer noch einmal überlege, und mir immerhin sage, daß es unglaublich, daß es unmöglich ist, – wir müssen uns doch darein ergeben! Jener Schuh hat sich eben nicht in den Schnee eingedrückt, ohne an einem Beine zu sitzen, und ohne daß dieses Bein einem menschlichen Körper angehörte. Wären hier Eskimos, ich ließe es noch hingehen, aber ein Europäer! – Die Sache ist die, sagte Johnson, daß es sehr ärgerlich wäre, in der Herberge am Ende der Welt die Wohnung bereits in Besitz genommen zu finden. – Gewiß, höchst ärgerlich, erwiderte Altamont. – Nun, wir werden das ja am Ende sehen«, sagte der Doctor. Man machte sich wieder auf den Weg. Der Tag verlief, ohne daß ein neues Zeichen die Anwesenheit von Fremden in Neu-Amerika verrathen hätte, und man richtete sich endlich Abends zum Lagern ein. Von Norden her hatte sich ein heftiger Wind erhoben, so daß für das Zelt ein geschützter Standort in einem Hohlwege gesucht werden mußte; drohend sah der Himmel aus; lang gezogene Wolken jagten schnell durch die Luft; fast streiften sie den Boden, und das Auge hatte Mühe, ihrem wirren Laufe zu folgen; manchmal hingen Fetzen dieser Nebelmassen wirklich bis zur Erde, und nur schwierig widerstand das Zelt dem tobenden Orkan. »Das wird eine abscheuliche Nacht werden, sagte Johnson nach dem Abendessen. – Nicht kalt, aber geräuschvoll, erwiderte der Doctor, wir wollen auch vorsichtig sein und das Zelt durch große Steine sichern. – Sie haben Recht, Herr Clawbonny; wenn der Sturm unsere schützende Leinwand entführte, weiß es Gott nur, wo wir sie wieder antreffen würden.« Die sorgsamsten Vorsichtsmaßregeln wurden also getroffen, um diese Gefahr zu vermeiden, und dann versuchten die müden Wanderer zu schlafen. Aber das war unmöglich; der Sturm hatte sich entfesselt und blies mit unglaublicher Heftigkeit von Norden nach Süden; die Wolken zerstreuten sich in der Luft, wie etwa die Dämpfe aus einem explodirten Dampfkessel. Unter den Stößen des Orkanes prasselten die letzten Lawinen nieder in die Hohlwege, und das Echo gab seinen dumpfen Wiederhall zurück; die Atmosphäre schien der Schauplatz eines entsetzlichen Kampfes zwischen Luft und Wasser zu sein, zwei Elemente, welche jedes allein furchtbar genug sind, und nur das Feuer fehlte noch bei dem Kampfe. Das überreizte Ohr vernahm zwischen dem allgemeinen dumpfen Getöse noch eigenthümliche Töne; nicht das Gepolter herunterstürzender schwerer Massen, sondern mehr den hellen Laut zerbrechender Körper. Man hörte deutlich das kurze und glatte Zerbrechen, wie von zerspringendem Stahl, mitten durch das lange Rollen in Begleitung des Sturmes. Das Letztere fand seine natürliche Erklärung in den durch den Wirbelsturm hervorgerufenen Lawinenstürzen; das andere Geräusch aber wußte der Doctor zunächst nicht zu deuten. In den Augenblicken beängstigenden Schweigens, in denen der Orkan nur Athem zu schöpfen schien, um desto heftiger zu wüthen, tauschten die Reisenden ihre Vermuthungen aus. »Man hört die Stöße, sagte der Doctor, als ob Eisberge und Eisfelder gegeneinander stießen. – Ja, bestätigte Altamont, es ist als ob die ganze Erdkruste ihre Lage veränderte. Geben Sie Acht! Hören Sie es? – Wenn wir nahe dem Meere wären, fuhr der Doctor fort, so würde ich wirklich an einen Eisaufbruch denken. – Wirklich, sagte Johnson, der Lärmen ist gar nicht anders zu deuten. – Demnach wären wir also an der Küste angelangt? fragte Hatteras. – Das wäre nicht unmöglich, antwortete der Doctor; hören Sie da, fuhr er nach einem furchtbaren Krachen, das eben auftrat, fort, sollte man das nicht für das Bersten von Eisschollen halten? Wir dürften wohl dem Ocean nahe sein. – Wenn dem so ist, fiel Hatteras ein, würde ich keinen Augenblick zögern, über die Eisfelder vorwärts zu dringen. – O, sagte der Doctor, die dürften denn doch wohl bei einem derartigen Sturme gesprengt sein. Wir werden morgen darüber Gewißheit haben; doch wie es auch sei, ich bedauere alle Diejenigen, welche in einer solchen Nacht zu reisen gezwungen sind, von ganzem Herzen.« Zehn Stunden dauerte der Orkan ohne Unterbrechung fort, und Keiner der Inwohner des Zeltes konnte nur einen Augenblick schlafen; die Nacht verging in fortwährender Unruhe. Jeder neue Unfall, ein Sturm, eine Lawine konnte unter den gegebenen Verhältnissen wichtige Verzögerungen herbeiführen; gern wäre der Doctor einmal hinausgegangen, um sich von dem Stande der Sachen zu überzeugen, aber sollte er sich bei diesem fessellosen Winde einer Gefahr aussetzen? Mit den ersten Tagesstunden legte sich glücklicher Weise der Wind; endlich konnte man das Zelt, welches tüchtig ausgehalten hatte, verlassen; der Doctor, Hatteras und Johnson wendeten sich nach einem etwa dreihundert Fuß hohen Hügel, den sie leicht erstiegen. Ihre Blicke schweiften über ein gänzlich verändertes Land, das aus bloßliegenden Felsen und scharfen Spitzen bestand, aber gänzlich frei von Eis und Schnee war. Der Sommer folgte hier ohne Uebergangszeit dem von dem Sturme verjagten Winter; der Schnee, welcher durch den Orkan wie mit einer scharfen Klinge weggefegt war, hatte zum Schmelzen keine Zeit gehabt, und der Boden erschien in seiner ganzen ursprünglichen Rauhheit. Wohin sich aber Hatteras' Blicke fast gierig wendeten, das war der Norden. Der Horizont erschien dort in schwärzlichen Dünsten gehüllt. »Dort, das könnte durch den Ocean hervorgebracht sein, sagte der Doctor. – Sie haben Recht, bemerkte Hatteras, dort muß das Meer sein. – Das ist die Farbe, welche wir den 'Blinck' (Schimmer) des offenen Wassers nennen, erwähnte Johnson. – Genau diese, versetzte der Doctor. – Nun denn, zum Schlitten, rief Hatteras, marschiren wir nach dem neuen Ocean! – Das ist ja herzerfreuend, sagte Clawbonny zum Kapitän. – Ja, ganz gewiß, erwiderte dieser mit Enthusiasmus. In Kurzem werden wir den Pol erreicht haben! Und Sie, mein guter Doctor, macht Sie diese Aussicht nicht auch etwas glücklich? – Ich, ich bin immer glücklich, und vor Allem über das Glück Anderer.« Die drei Engländer kehrten zu dem Hohlwege zurück, und man hob, nachdem der Schlitten in Stand war, das Lager auf; der Weg wurde fortgesetzt; noch fürchtete Jeder, die Spuren vom gestrigen Tage wiederzufinden; aber auf dem ganzen weiteren Wege fanden sich weder Fußtapfen von einem Ausländer, noch solche von Eingeborenen auf dem Boden. Drei Stunden später gelangte man an die Küste. »Das Meer! das Meer! riefen Alle einstimmig. – Und das eisfreie Meer!« setzte der Kapitän hinzu. Es war um zehn Uhr Morgens. Wirklich hatte der Orkan in dem polaren Bassin rein ausgefegt; nach allen Richtungen verschwanden die zerbrochenen Schollen. Die größten, welche Eisberge bildeten, »lichteten eben die Anker«, wie die Seeleute sagen, und schwammen im offenen Meere. Das Eisfeld war dem heftigen Anprall des Windes ausgesetzt gewesen; ein Hagel von spitzen Eiszapfen und eisigem Staube überdeckte die benachbarten Felsen. Das wenige Eis, welches noch an der Uferwand haftete, erschien morsch; an den der Brandung ausgesetzten Vorsprüngen hingen lange Seealgen und Büschel von entfärbtem Tang. Der Ocean erstreckte sich über Sehweite hinaus, ohne daß eine Insel oder ein neues Land den Gesichtskreis beschränkte. Im Osten und im Westen bildete die Küste zwei Vorsprünge, die sich in sanfter Abdachung in den Wellen verloren; das Meer brach sich an ihrer Spitze, und ein feiner Schaum wurde gleich weißen Tüchern von den Flügeln des Windes fortgeführt; der Boden Neu-Amerikas verschwand also in dem Polarmeer, ohne Zuckung, ruhig und sanft abfallend; er rundete sich zu einer weit offenen Bai ab und bildete eine von den beiden Vorgebirgen begrenzte offene Rhede. Im Mittelpunkte bildete ein vorspringender Felsen einen natürlichen nach drei Richtungen hin geschützten Hafen, der mit der breiten Rinne eines Baches sich in das Land hinein fortsetzte; der gewöhnliche Weg des Schneewassers nach dem Winter und jetzt ein reißender Sturzbach. Nachdem Hatteras sich bezüglich der Küstenbildung unterrichtet hatte, beschloß er, noch denselben Tag die Weiterfahrt vorzubereiten, nämlich die Schaluppe auf's Meer zu setzen, den Schlitten zu entladen und diesen selbst zu späteren Ausflügen einzuschiffen. Das erforderte wohl den Rest des Tages; das Zelt wurde also aufgeschlagen und nach einer kräftigenden Mahlzeit begannen die Arbeiten; während dieser Zeit holte der Doctor die Meßinstrumente, um die hydrographische Lage eines Theils der Bai zu bestimmen. Hatteras beeilte die Arbeit; er trieb zur Abreise; er wollte schon das feste Land verlassen und einen Vorsprung gewonnen haben, für den Fall, daß eine andere Gesellschaft an das Meer käme. Um fünf Uhr Abends konnten Johnson und Bell die Arme in den Schoß legen. Graziös wiegte sich die Schaluppe in dem kleinen Hafen; ihr Mast war aufgerichtet, der Klüverbaum niedergeholt, und das Focksegel hing an den Leinen; die Nahrungsmittel und die auseinander genommenen Theile des Schlittens waren darin untergebracht; nur das Zelt und einige Lagergeräthe waren am andern Tage einzuschiffen. Bei seiner Rückkehr fand der Doctor diese Zurüstungen beendigt. Als er die Schaluppe ruhig, vor dem Winde geschützt, erblickte, kam ihm der Gedanke, den kleinen Hafen zu benennen, und er schlug für ihn den Namen Altamont's vor. Das erregte keine Schwierigkeiten, da es Jeder ganz gerechtfertigt fand. Der Hafen wurde folglich »Altamont-Harbour« genannt. Nach den Berechnungen des Doctors lag er 87°5' nördlicher Breite und 118°35' östlicher Länge von Greenwich, d. h. also nicht mehr drei Grade vom Pol entfernt. Von der Bai Victoria bis nach Altamont's Hafen hatten die Reisenden zweihundert Meilen zurückgelegt. Einundzwanzigstes Capitel. Das offene Meer. Am folgenden Morgen beschäftigten sich Johnson und Bell mit der Einschiffung der Lagergeräthe. Um acht Uhr war Alles zur Abfahrt bereit. In dem Augenblicke, da sie diese Küste verlassen wollten, erinnerte der Doctor seine Gefährten an das Auffinden jener Fußspuren, ein Ereigniß, das ihm doch gar nicht aus dem Sinne wollte. Wollten jene Menschen den Norden erreichen? Hatten sie irgend ein Hilfsmittel, das Polarmeer zu überschreiten, bei sich? Würde man ihnen auf diesem neuen Wege wieder begegnen? Kein Anzeichen hatte seit drei Tagen auf die Anwesenheit jener Reisenden hingedeutet, und wer sie auch waren, gewiß waren sie in Altamont-Harbour nicht gewesen. Das war ein noch von keines Menschen Fuß betretener Ort. Trotzdem wollte der Doctor, dem seine Gedanken keine Ruhe ließen, einen letzten Blick über die Landfläche werfen; er erklomm also eine etwa hundert Fuß hohe Anhöhe; dort konnte er nach Süden hin den ganzen Horizont übersehen. Oben angekommen brachte er sein Fernrohr vor das Auge. Wie war er aber erstaunt, Nichts zu erkennen, nicht etwa weit draußen in den Ebenen, sondern auch nur auf einige Schritte Entfernung. Das war einzig in seiner Art; er versuchte es von Neuem, endlich sah er das Fernrohr selbst an ... das Objectivglas fehlte daran. »Das Objectivglas!« rief er aus. Man begreift, wie plötzlich es in seinem Geiste tagte; er stieß einen so lauten Schrei aus, daß seine Gefährten ihn hören konnten, und ihre Angst war groß, als sie ihn vollen Laufes den Hügel herabeilen sahen. »Ei! Was ist das?« fragte Johnson. Der athemlose Doctor konnte kein Wort hervorbringen. Endlich sagte er: »Die Spuren ... die Schritte ... die Reisegesellschaft! ... – Nun, was? forschte Hatteras, ... Fremde hier! – Nein! ... Nein! erwiderte der Doctor, das Objectiv ..., mein Objectiv ... mir ...« Er zeigte das unvollständige Instrument. »Ah, rief der Amerikaner, ... Sie hatten das verloren? – Ja! – Nun aber, die Fußtapfen ... – Waren die unserigen, Freunde, die unserigen! rief der Doctor. Wir hatten uns im Nebel verirrt, sind im Kreise gegangen und auf unsere eigenen Spuren zurückgekommen. – Aber dieser Abdruck von Schuhen? sagte Hatteras. – Rührt von Bell's Schuhen, von Bell selbst her, der, nachdem er seine Schneeschuhe zerbrochen hatte, einen ganzen Tag durch den Schnee wanderte. – Das ist wirklich wahr«, bekräftigte Bell. Der Irrthum war so augenscheinlich, daß Alle laut auflachten, nur Hatteras nicht, der bei dieser Entdeckung doch sicher nicht der am wenigsten Glückliche war. »Da haben wir uns recht lächerlich gemacht, fuhr der Doctor fort, als sich der Ausbruch der Heiterkeit legte. Hübsche Voraussetzungen, die wir machten! Fremde auf dieser Küste! Da sieht man, daß man sich erst überlegen soll, bevor man spricht. Doch da wir in dieser Hinsicht unserer Unruhe enthoben sind, bleibt uns nur übrig, abzufahren. – Vorwärts denn!« befahl Hatteras. Nach einer Viertelstunde hatte Jeder in der Schaluppe seinen Platz eingenommen, und diese verließ, als das Focksegel entfaltet und der Klüverbaum gehißt war, rasch Altamont-Harbour. Diese Meerüberfahrt begann Mittwochs, am 10. Juli; die Schiffer befanden sich dem Pole sehr nahe, genau hundertfünfundsiebenzig Meilen. Für den Fall, daß an diesem Punkte der Erdkugel noch ein Land lag, mußte die Seefahrt also eine sehr kurze sein. Der Wind war schwach, aber günstig; das Thermometer zeigte fünfzig Grad über Null (+10° hunderttheilig); es war ordentlich warm. Die Schaluppe hatte durch den Schlittentransport nicht gelitten; sie war in vollkommen gutem Zustande und lenkte sich leicht. Johnson führte das Steuer. Der Doctor, Bell und der Amerikaner hatten sich mitten zwischen den Reise-Effecten, die über und unter dem Deck verstaut waren, bestens eingerichtet. Hatteras, der vorn saß, heftete seinen Blick nach dem geheimnißvollen Punkte, nach dem er sich mit geheimer Kraft, wie die Magnetnadel nach ihrem Pole, hingezogen fühlte. Wenn irgend ein Ufer in Sicht käme, wollte er es zuerst entdecken. Diese Ehre verdiente er wohl vollkommen. Er bemerkte übrigens, daß die Oberfläche des Polarmeeres solche kurze Wellen zeigte, wie sie auf den Binnenmeeren vorzukommen pflegen. Er sah darin ein Vorzeichen nicht zu fernen Landes, und der Doctor theilte in dieser Beziehung seine Meinung. Man begreift unschwer, wie Hatteras so lebhaft wünschen mußte, einen Continent am Nordpole anzutreffen. Welche Enttäuschung harrte seiner, wenn da das unbeständige, unfaßbare Meer sich ausdehnte, wo ein Stückchen Land, und wenn es noch so klein war, dazu gehörte, seine Projecte zu krönen! Und wirklich, wie sollte man einem unbestimmten Meerestheile einen speciellen Namen geben? Wie sollte er auf offenem Wasser die Flagge seines Vaterlandes aufpflanzen? Wie endlich im Namen Ihrer huldvollen Majestät von einem Theile des flüssigen Elementes Besitz ergreifen? So blickte denn auch Hatteras unverwandten Auges, die Bussole in der Hand, in äußerster Spannung nach dem Norden. Nichts aber zeigte sich bis zum Horizonte, was die Fläche des Polarbeckens begrenzte; weit entfernt verschmolz es mit dem reinen Himmel dieser Gegenden. Einige in's weite Meer entfliehende Eisberge schienen den Schifffahrern freie Fahrt zu machen. Der Anblick dieser Gegend war ein besonders fremdartiger. Machte er diesen Eindruck nur auf den hocherregten und überreizten Geist der Reisenden? Es ist das schwer zu entscheiden. Doch hat der Doctor in seinen Tagesnotizen die bizarre Physiognomie dieses Oceans gezeichnet; er spricht darüber, wie Penny, nach welchem diese Gegenden einen Anblick, »der im stärksten Contraste zu einem von Millionen lebender Wesen bevölkerten Meere« steht, bieten sollen. Die Wasserfläche, welche in den unbestimmten Nuancen von Lasurblau gefärbt war, sah auffallend durchsichtig aus und hatte eine unglaubliche lichtzerstreuende Kraft, als ob sie aus Schwefelkohlenstoff bestände. Jene Durchsichtigkeit gestattete mit den Blicken in unmeßbare Tiefen zu dringen; es hatte den Anschein, als ob das Polarbecken, wie ein ungeheures Aquarium, vom Boden aus beleuchtet wäre. Irgend ein im Meeresgrunde erzeugtes elektrisches Phänomen beleuchtete wohl auch die untersten Lagen; so schien die Schaluppe über einer bodenlosen Tiefe zu schweben. Ueber der Oberfläche dieses wunderbaren Wassers flogen die Vögel in unzähligen Schaaren wie große dichte Sturmwolken. Zugvögel, Strandvögel, Meerhähne zeigten zusammen alle Arten jener großen Familie von Wasservögeln, von dem in südlichen Meeren so häufigen Albatros, bis zu dem Pinguin der arktischen Meere, aber mit riesenhaften Verhältnissen. Unaufhörlich ertönte ihr betäubendes Geschrei. Bei ihrer Betrachtung ging dem Doctor seine Kenntniß in der Naturwissenschaft zu Ende; er wußte die Namen dieser merkwürdigen Arten nicht zu nennen, und ließ den Kopf sinken, wenn ihre Flügel mit unbeschreiblicher Gewalt die Lüfte peitschten. Manche dieser Luftungeheuer hatten wohl bis zwanzig Fuß Flügelweite; sie bedeckten die Schaluppe vollständig, und hier waren legionenweise Vögel, deren Namen niemals im »Index Ornithologus« von London erschienen. Der Doctor war wie betäubt davon, und jedenfalls erstaunt, seine Wissenschaft so lückenhaft zu finden. Wenn dann sein Blick sich von den Wundern des Himmels weg nach der Oberfläche dieses friedlichen Oceans wandte, begegnete er nicht weniger wunderbaren Schöpfungen des Thierreichs; unter anderen Medusen, die eine Länge bis zu dreißig Fuß erreichten. Sie dienten dem beflügelten Volke als Hauptnahrung, und schwammen wie vollständige Inseln zwischen den gigantischen Algen und Meermoosen umher. Wie wunderbar war das! Welche Verschiedenheit von jenen mikroskopischen Medusen, welche Scoresby im Grönländischen Meere beobachtet hatte, und deren Anzahl auf einen Raum von zwei Quadratmeilen jener Seefahrer auf dreiundzwanzig Trilliarden, achthundertachtundachtzig Billiarden von Milliarden schätzte. Diese Zahl entzieht sich ganz unserem Begriffsvermögen, deshalb sagte der englische Wallfischjäger, um sie anschaulicher zu machen, achtzigtausend Individuen würden von Erschaffung der Welt ab bis heute Tag und Nacht daran zu zählen haben. Tauchte der Blick nun von der Oberfläche in das durchsichtige Wasser hinab, so war das Bild des von Tausenden von Thieren durchfurchten Wassers nicht minder übernatürlich; bald gingen diese Thiere schnell in die größten Tiefen des flüssigen Elementes, und das Auge sah sie nach und nach kleiner und weniger sichtbar werden, und zuletzt nach Art der Phantasmagorieen verschwinden; bald stiegen sie von unten auf und wuchsen, je nachdem sie sich der Oberfläche des Oceans näherten. Diese Seeungeheuer schienen über die Schaluppe nicht im Mindesten erschreckt; sie streiften sie im Vorüberschwimmen mit ihren enormen Flossen; da, wo Wallfischfahrer mit gutem Rechte erschrocken wären, hatten unsere Seefahrer gar keinen Gedanken an eine drohende Gefahr, trotzdem daß verschiedene dieser Meeresbewohner eine wahrhaft ungeheure Größe erreichten. Junge Seekälber spielten umher; der Narwal, ebenso phantastisch wie das Seeeinhorn, verfolgte mit seiner langen geraden und konischen Waffe, die übrigens ein sehr nützliches Werkzeug ist, um Eisschollen zu zertheilen, die furchtsameren Wallfische, deren unzählige aus den Luftöffnungen Wasser und Schaumstrahlen auswarfen und die Luft mit eigenthümlichem Pfeifen erfüllten; der Nord-Kaper mit seinem zarten Schwanze und breiten Schwanzflossen durchschoß die Wogen mit unmeßbarer Schnelligkeit, wobei er im Laufe sich mit ebenso schnellen Thieren, wie Schellfischen und Makrelen, ernährte, während der trägere weiße Wallfisch stille Mollusken, die ebenso indolent waren wie er selbst, verschluckte. Mehr in der Tiefe schwammen die Balenopteren mit spitziger Schnauze, die langen und schwärzlichen grönländer Anarnaks, riesige Pottfische, eine in allen Meeren weit verbreitete Species, zwischen Bänken von grauer Ambra, oder lieferten sich gewaltige Schlachten, die den Ocean mehrere Meilen weit rötheten. Die cylindrischen Blasenquallen, der große Tegusik von Labrador, Meerschweine, in Sandwellen liegend, die ganze Familie der Robben und Wallrosse, Meer-Hunde, -Pferde und -Bären, See-Löwen und -Elephanten schienen die feuchten Flächen des Oceans abzuweiden, und der Doctor konnte diese unzähligen Thiere eben so leicht bewundern, wie die Schalthiere und Fische durch die Glasbassins des Zoologischen Gartens. Welche Schönheit, welche Mannigfaltigkeit, welche Machtfülle in der Natur! Wie erschien Alles seltsam und wunderbar im Innern dieser Polgegenden! Die Luft war von übernatürlicher Reinheit; man hätte sagen können, sie sei mit Sauerstoff überladen; mit Wonnegefühlen sogen die Seefahrer diese Luft ein, die ihnen eine größere Lebenswärme eingoß; ohne sich darüber Rechenschaft zu geben, unterlagen sie einem schnelleren Verbrennungsprocesse, von dem man keine auch nur abgeschwächte Beschreibung geben kann; ihre geistigen Functionen, ebenso wie die der Verdauung und der Athmung, vollzogen sich mit übermenschlicher Energie; Gedanken entwickelte ihr überreiztes Gehirn bis in's Ungeheuerliche: in einer Stunde lebten sie das Leben eines ganzen Tages. Mitten unter diesen staunenerregenden Wundern wiegte sich die Schaluppe friedlich bei mäßigem Winde. Gegen Abend verloren Hatteras und seine Gefährten Neu-Amerika aus dem Gesicht. Die Stunden der Nacht schlugen wohl für die gemäßigten Zonen nicht anders, als für diese polaren; hier aber beschrieb die Sonne in immer weiteren Kreisen eine dem Umkreise des Meeres ganz parallele Bahn. Die von den schiefen Strahlen beschienene Schaluppe konnte diesen Mittelpunkt des Lichtes, der mit ihr fortrückte, nicht verlassen. Dennoch fühlten die lebenden Wesen der hochnördlichen Regionen den Abend kommen, ebenso als ob das strahlende Gestirn unter den Horizont versunken wäre; Vögel, Fische und Wale verschwanden. Wohin? Wer könnte es sagen? Aber auf ihr Geschrei, Gepfeife, auf das Erschüttern der durch das Athmen der Seeungeheuer bewegten Wogen folgte bald eine schweigende Ruhe; die Wellen schliefen unter kaum fühlbarem Auf- und Niedersteigen ein, und die Nacht gewann trotz der Strahlen der Sonne ihren Frieden ausstreuenden Einfluß. Seit der Abfahrt von Altamont-Harbour hatte die Schaluppe einen Breitegrad nach Norden zurückgelegt; am andern Tage erschien auch noch Nichts am Horizont; weder jene hohen Bergspitzen, welche schon von fern das Land melden, noch jene besonderen Zeichen, aus denen die Seefahrer die Nähe von Inseln oder Continenten schließen. Der Wind blieb gut, ohne stark zu sein; das Meer war wenig unruhig; die Begleitung von Vögeln und Fischen erschien ebenso wie am Tage vorher; der Doctor, der sich nach dem Wasser hinauslehnte, konnte sehen, wie die Wale ihre tiefen Zufluchtsstätten verließen und allmälig zur Meeresoberfläche aufstiegen. Einige Eisberge und hier und da verstreute einzelne Schollen unterbrachen allein die ungeheure Eintönigkeit des Oceans. Im Ganzen war das Eis selten und konnte den Lauf des Schiffes nicht hindern; es sei hier bemerkt, daß die Schaluppe sich zehn Grad oberhalb des Kältepoles befand, und bezüglich der Linien gleicher Temperatur – Isothermen – war das dasselbe, als ob sie zehn Grad unterhalb desselben gewesen wäre. Es war demnach gar nicht zu verwundern, daß das Meer um diese Jahreszeit offen war, wie es etwa so in der Linie der Bai Disko im Baffins-Meere sein mußte. Ein Schiff würde da also während der Sommermonate freie Fahrt gehabt haben. Diese Beobachtung ist von großem praktischen Werthe; wenn die Wallfischfänger wirklich einmal, sei es vom Norden Amerikas oder Asiens aus, bis in das Polarbecken vorzudringen vermögen, können sie sicher sein, dort sehr bald eine volle Ladung zu bekommen; denn dieser Theil des Oceans scheint der Fischkasten der Erde, der Hauptaufenthaltsort der Wallfische, Robben und überhaupt aller Seethiere zu sein. Zu Mittag fiel die Wasserlinie immer noch mit der des Himmels zusammen; der Doctor begann an dem Vorhandensein eines festen Landes in diesen hohen Breiten zu zweifeln. Und doch, wenn er darüber näher nachdachte, war er fast gezwungen, an die Existenz eines solchen zu glauben. In den ersten Tagen der Erde nach der Erkaltung ihrer Kruste mußte doch das durch den Niederschlag der in der Luft enthaltenen Dämpfe entstandene Wasser der Centrifugalkraft gehorchen und sich nach den Aequatorialgegenden hindrängen, woraus nothwendig das Emportauchen der dem Pole benachbarten Gegenden zu folgern ist. Der Doctor fand diesen Schluß ganz richtig. Und so erschien er auch Hatteras! Immer suchten die Blicke des Kapitäns die Nebel am Horizont zu durchdringen. Das Fernrohr kam nicht mehr von seinen Augen weg. Aus der Farbe des Wassers, aus der Form der Wogen, aus dem Wehen des Windes suchte er die Nähe eines Landes zu erspähen. Seine Stirn war nach vorn geneigt, und wer seine Gedanken nicht gekannt hätte, würde ihn doch bewundert haben, so sprachen sich in seiner ganzen Erscheinung die brennendsten Wünsche und die ängstlichsten Fragen aus! Zweiundzwanzigstes Capitel. Annäherung an den Pol. In dieser spannenden Ungewißheit verfloß die Zeit. An dem so klar gezeichneten Umkreis ließ sich nichts wahrnehmen: Nichts als Himmel und Meer; nicht einmal auf der Oberfläche des Wassers ein Hälmchen von Landgewächsen, wie es einst Columbus das Herz erfreute. Hatteras schaute unablässig. Endlich, gegen sechs Uhr Abends, zeigte sich über dem Meeresspiegel ein Dampf von unbestimmter Gestalt, aber merklich hoch aufsteigend, fast wie eine Rauchsäule. Bei völlig reinem Himmel konnte man's nicht für eine Wolke halten; mitunter verschwand er, dann kam er wieder zum Vorschein, wie in heftiger Bewegung. Hatteras beobachtete die Erscheinung zuerst, richtete sein Fernrohr auf den unerklärlichen Dampf und beobachtete ihn eine volle Stunde unausgesetzt. Plötzlich kam ihm vermuthlich ein sicheres Kennzeichen zur Anschauung; er streckte den Arm nach dem Horizont aus, und rief mit lauthallender Stimme: »Land! Land!« Bei diesem Wort sprang Jeder auf, wie von einem elektrischen Schlag getroffen. Eine Art Rauch stieg merklich hoch über der Meeresfläche auf. »Ich sehe es! Ich seh's! rief der Doctor aus. – Ja! Gewiß! ... Ja, fiel Johnson ein. – Eine Wolke, sagte Altamont. – Land! Land!« erwiderte Hatteras mit unerschütterlicher Ueberzeugung. Die fünf Seemänner fuhren fort, mit gespanntester Aufmerksamkeit zu beobachten. Aber wie es oft geschieht, wenn man der Entfernung wegen Gegenstände unbestimmt sieht, der beobachtete Punkt schien wieder verschwunden. Endlich konnten die Blicke ihn von Neuem wahrnehmen, und der Doctor glaubte sogar zwanzig bis fünfundzwanzig Meilen weit nordwärts einen flüchtigen Schimmer zu erkennen. »Es ist ein Vulkan! rief er aus. – Ein Vulkan? fragte Altamont. – Ganz gewiß. – Unter so hohem Breitegrad! – Und warum nicht? fuhr der Doctor fort; ist nicht Island ein vulkanisches Land, und so zu sagen durch Vulkane entstanden? – Ja! Island, versetzte der Amerikaner; aber so in der Nähe des Pols! – Nun, hat nicht unser berühmter Landsmann, der Commandeur James Roß, festgestellt, daß es auf dem Südpol-Land unter 170° Länge und 78° Breite zwei Vulkane, Erebus und Terror, in voller Thätigkeit giebt? Warum sollten nicht ebenso am Nordpol Vulkane existiren? – Wohl möglich, erwiderte Altamont. – Ei! Nun sehe ich's deutlich, rief der Doctor, es ist ein Vulkan! – Nun denn, sagte Hatteras, steuern wir gerade darauf los. – Der Wind fängt an widrig zu werden. – Ziehen Sie das Focksegel bei, so nahe wie möglich.« Aber dieses Manöver führte die Schaluppe nur von dem beobachteten Punkt ab, und man konnte ihn mit den achtsamsten Blicken nicht wieder zu sehen bekommen. Doch war an der Nähe der Küste nicht mehr zu zweifeln. Hier lag also das Reiseziel vor Augen, wenn es auch noch nicht erreicht war, und es sollte wohl keine vierundzwanzig Stunden mehr dauern, bis dieser neue Boden von eines Menschen Fuß betreten ward. Nachdem die Vorsehung den kühnen Seeleuten so nahe zu kommen gestattet, würde sie ihnen doch wohl das Landen nicht versagen. Dennoch gab unter den gegenwärtigen Umständen Niemand eine solche Freude kund, wie sie solch' eine Entdeckung hervorrufen mußte; Jeder verschloß sich in seinem Innern, und fragte sich, was es wohl mit diesem Pol-Land für eine Bewandtniß habe. Die Thiere schienen es zu meiden; am Abend sah man die Vögel, anstatt daselbst eine Zuflucht zu suchen, raschen Flugs nach dem Süden eilen! War's denn ein so ungastliches Land, daß eine Möve oder ein Ptarmigan daselbst keine Zuflucht fanden? Selbst die Wallfische sah man in den durchsichtigen Gewässern eilig von dieser Küste flüchten. Woher kam das Gefühl des Widrigen, wo nicht des Schreckens, wovon alle lebenden Wesen in dieser Weltgegend beseelt waren? Unsere Seefahrer theilten die allgemeine Empfindung; sie gaben sich den Gefühlen ihrer Lage hin, und allmälig fand sich der Schlaf ein, ihre müden Augenlider zu schließen. Hatteras hatte Wache zu halten. Er faßte das Steuer; der Doctor, Altamont, Johnson und Bell schliefen, auf die Bänke gelagert, einer nach dem andern ein, und waren bald in's Reich der Träume versenkt. Hatteras bemühte sich, dem Schlaf zu widerstehen; er wollte nichts von dieser kostbaren Zeit verlieren; aber die langsame Bewegung der Schaluppe wiegte ihn allmälig ein, und er sank trotz aller Anstrengung in unwiderstehlich bewältigenden Schlummer. Inzwischen kam das Fahrzeug kaum vorwärts; der Wind vermochte das ausgespannte Segel nicht zu schwellen. In der Ferne warfen einige unbewegliche Eisblöcke im Westen die Lichtstrahlen zurück, und bildeten auf dem Ocean glühende Streifen. Hatteras versank in Träume. In raschem Flug schweifte sein Gedanke über sein ganzes Dasein; er durchlief seine Lebensbahn mit der den Träumen eigenthümlichen Schnelligkeit, welche sich jeder Berechnung entzieht, dann warf er einen Rückblick über die letztverflossene Zeit, sein Winterlager, die Bai Victoria, das Fort Providence, das Doctors-House, das Auffinden des Amerikaners unter'm Eis. Darauf kehrte er weiter in die Vergangenheit zurück; träumte von seinem Schiff, dem verbrannten Forward, seinen Genossen, den Verräthern, welche ihn im Stiche gelassen. Was war aus ihnen geworden? Er dachte an Shandon, an Wall, den brutalen Pen. Wo mochten sie jetzt sein? War es ihnen gelungen, über die Eisflächen bis zum Baffins-Meer zu dringen? Sodann schweifte seine träumende Phantasie noch weiter hinauf zu seiner Abfahrt aus England, seinen früheren Fahrten, seinen mißlungenen Versuchen, seinen unglücklichen Erlebnissen. Da vergaß er seinen gegenwärtige Lage, sein nahes Gelingen, seine schon halbverwirklichten Hoffnungen. Aus der Freude verfiel er in Besorgnisse. In solchen Träumen lag er zwei Stunden lang, dann führte ihn der Schwung seiner Gedanken wieder dem Pol zu, wie er endlich dieses englische Land betreten und die Flagge des Vereinigten Königreichs aufpflanzen sollte. Während er so in träumendem Schlummer lag, stieg am Horizont ungeheures, olivengraues Gewölk auf und verdüsterte den Ocean. Man kann sich kaum eine Vorstellung machen, wie blitzschnell in den arktischen Meeren die Orkane entstehen. Wenn die in den Gegenden des Aequators entstandenen Dünste über den unermeßlichen Eisflächen sich verdichten, strömen die zu ihrem Ersatz dienenden Luftmassen mit unwiderstehlicher Gewalt heran. Daraus erklärt sich das energische Auftreten der Polarstürme. Beim ersten Windstoß raffte sich der Kapitän mit seinen Genossen aus dem Schlaf auf, zum Manövriren bereit. Die Wellen thürmten sich hoch auf schwach entwickelter Basis; die Schaluppe, von heftigem Wogendrang hin- und hergeworfen, sank bald in tiefe Wasserschlünde hinab, bald schwebte sie oben auf spitzen Wellen in Winkeln von mehr als fünfundvierzig Grad geneigt. Hatteras ergriff mit fester Hand das Steuer, das aber mitunter in Folge heftigen Gierschlags ihn zurückwarf und wider Willen krümmte. Johnson und Bell waren unablässig bemüht, das in die Schaluppe gedrungene Wasser wieder hinaus zu schaffen. »Eines solchen Sturmes hatten wir uns doch nicht versehen, sagte Altamont, an seine Bank sich klammernd. – Hier muß man auf Alles gefaßt sein«, erwiderte der Doctor. So sprachen sie mitten unter'm Zischen der Luft und dem Getöse der Wellen, welche vom Sturm gepeitscht in Staub zerstoben; es wurde fast unmöglich sich zu verstehen. Es war schwer, die nördliche Richtung zu halten; die dichten Staubregen gestatteten kaum einige Klafter weit den Blick über das Meer; jedes Merkzeichen verschwand. Dieser plötzliche Sturm im Moment, wo man sich am Ziele sehen konnte, schien ernste Mahnungen zu enthalten; er erschien den aufgeregten Gemüthern wie ein Verbot, weiter vorzudringen. Wollte die Natur den Zugang zum Pol verwehren? Doch sah man das energische Antlitz dieser Männer, so begriff man, daß sie Sturm und Wogen zu trotzen verstanden, um bis an's Ende auszuhalten. So kämpften sie den ganzen Tag lang, jeden Augenblick dem Tode trotzend, ohne weiter nördlich zu kommen, aber auch nicht zurückgeworfen, vom Regen durchnäßt und von entgegenspritzenden Wellen triefend; durch die pfeifenden Lüfte vernahm man unheimliches Vogelgeschrei. Endlich, gegen sechs Uhr Abends, legte sich plötzlich der Sturm, und das Meer zeigte sich so ruhig und eben, als wäre es seit zwölf Stunden nicht aufgeregt worden. Der Grund dieses plötzlichen Wechsels lag in einem außerordentlichen Phänomen, wie es einst der Kapitän Sabine in den Meeren Grönlands erlebte. Der Nebel ward, ohne aufzusteigen, in seltsamer Weise von Licht durchdrungen. Die Schaluppe fuhr in einem Streifen elektrischen Lichtes; einem ungeheuren Sanct Elmsfeuer voll Glanz, aber ohne Wärme. Der Mast, das Segel, das Takelwerk hob sich schwarz auf dem phosphorescirenden Hintergrund des Himmels mit unvergleichlicher Klarheit ab. Die Schiffenden waren rings von durchsichtigen Strahlen umspielt, und ihre Gesichter färbten sich in feurigem Reflex. Die plötzlich eintretende Windstille an dieser Stelle des Oceans rührte ohne Zweifel von der aufsteigenden Bewegung der Luftsäulen her, während der Sturm als eine Art Wirbelwind mit reißender Schnelligkeit rings um dieses stille Centrum fortwüthete. Aber diese feurige Atmosphäre regte bei Hatteras einen anderen Gedanken an. »Der Vulkan! rief er aus. – Ist's möglich? sagte Bell. – Nein! Nein! entgegnete der Doctor; solche Flammen würden, wenn sie bis hierher drängen, uns ersticken. – Vielleicht ist's sein Widerschein im Nebel, äußerte Altamont. – Ebensowenig. Man müßte denn annehmen, wir seien nahe dem Lande und in diesem Falle würden wir das Getöse des Ausbruchs vernehmen. – Aber dann? ... fragte der Kapitän. – Es ist ein kosmisches Phänomen, erwiderte der Doctor, welches bis jetzt noch wenig beobachtet worden ist! ... Fahren wir weiter, so werden wir bald aus dieser erleuchteten Sphäre heraus- und wieder in das Dunkel und das Sturmwetter hineinkommen. – Wie dem auch sein mag, vorwärts! versetzte Hatteras. – Vorwärts!« stimmten seine Gefährten ein, und dachten nicht einmal daran, an dieser ruhigen Stelle sich zu erholen. Das Segel mit feurigen Falten hing am funkensprühenden Mast herab; die Ruder tauchten in glühende Wogen und schienen Wellen von Funken aufzurühren, die aus hellleuchtenden Wassertropfen bestanden. Hatteras schlug nach Maßgabe des Compasses wieder die nördliche Richtung ein; allmälig verlor der Nebel seinen Lichtgehalt, dann seine Durchsichtigkeit; man hörte in der Nähe Windessausen, und bald kam die Schaluppe wieder in die Zone der Stürme. Aber der Wind schlug glücklicher Weise südwärts um, und das Fahrzeug konnte mit dem Wind gerade auf den Pol zufahren, zwar mit Gefahr zu scheitern, aber mit unsinniger Schnelligkeit; jeden Augenblick konnte es auf eine Klippe, Felsen oder eine Eismasse stoßen, wodurch es unfehlbar in Stücke gehen mußte. Inzwischen wurde die Nähe der Küste merkbar; es ergaben sich dafür auffallende Anzeichen. Plötzlich spaltete sich der Nebel wie ein Vorhang, den der Wind zerriß und man konnte einen Moment am Horizont eine ungeheure Flammensäule himmelwärts aufsteigen sehen. »Der Vulkan! Der Vulkan! ...« So rief's aus allen Kehlen, aber die phantastische Erscheinung verschwand wieder; der Wind schlug in Südost um, faßte das Fahrzeug quer, und trieb sie nochmals von diesem unnahbaren Lande zurück. »Verdammt! rief Hatteras, und zog sein Segel ein; wir waren nur noch drei Meilen von der Küste!« Hatteras vermochte der Gewalt des Sturmes nicht zu widerstehen; aber, ohne zu weichen, lavirte er im Wind, der mit unbeschreiblichem Ungestüm tobte. Mitunter ward die Schaluppe auf die Seite gelegt, daß zu befürchten war, ihr Kiel möge völlig emportauchen; doch gelang es mit Hilfe des Steuerruders, sie wieder aufzurichten. Hatteras, mit flatternden Haaren, die Hand wie an's Steuerruder geschmiedet, schien die Seele der Barke zu sein. Mit einem Mal bot sich ein schrecklicher Anblick seinen Augen dar. Keine sechzig Fuß weit entfernt schaukelte ein Eisblock auf der Spitze hochgethürmter Wellen; gleich der Schaluppe wogte er auf und nieder; er drohte herabzustürzen, wobei er sie dann schon bei einer Berührung zertrümmern würde. Aber neben dieser Gefahr, in den Grund hinabgerissen zu werden, zeigte sich noch eine andere, nicht minder schreckliche; denn dieser auf's gerathewohl treibende Block war mit weißen Bären besetzt, die wider einander gedrängt vor Schrecken betäubt waren. »Bären! Bären!« rief Bell mit stockender Stimme. Und Jeder sah mit Entsetzen dasselbe. Der Eisblock schwankte erschrecklich; mitunter neigte er sich in so spitzen Winkeln, daß die Thiere in wildem Durcheinander wider einander rollten. Dann stießen sie ein Gebrumm aus im Wettstreit mit dem Toben des Sturmes, und es ließ sich ein furchtbares Concert von dieser schwimmenden Menagerie aus vernehmen. Wenn dieses Eisfloß umstürzte, so würden die dem Fahrzeug zugeworfenen Bären auf dasselbe zu klimmen versuchen. Eine volle Viertelstunde lang wogten dergestalt die Schaluppe und der Eisblock neben einander, bald zwanzig Klafter weit auseinander weg geschleudert, bald nahe zum Zusammenstoßen; bald ragte der eine, bald der andere in die Höhe, und die Ungethüme brauchten nur sich fallen zu lassen. Die grönländer Hunde zitterten; Duk blieb unbeweglich. Hatteras und seine Gefährten verhielten sich stumm; es kam ihnen gar nicht in den Sinn, mit Hilfe des Steuers aus dieser gefährlichen Nachbarschaft wegzukommen, und sie hielten unabänderlich strenge ihre Richtung ein. Ein unbestimmtes Gefühl, mehr Staunen wie Schrecken, hielt ihren Geist befangen. Endlich kam der Block allmälig weiter ab, da der Wind ihn schneller trieb, als die Schaluppe. Jetzt erhob sich der Sturm mit doppelter Wuth zu einer unbeschreiblichen Entfesselung der Atmosphäre; das Fahrzeug, aus den Wogen gehoben, fing an mit schwindelhafter Schnelligkeit sich im Kreise zu drehen; sein Focksegel wurde losgerissen und entflatterte, wie ein Vogel; im Wirbel der Wellen bildete sich ein rundes Loch gleich einem Maelstrom; die Schiffenden wurden in diesen Wirbel hineingezogen und fuhren mit solcher Schnelligkeit, daß trotz dieser ihre Wasserlinien unbeweglich schienen. Allmälig wurden sie hineingedrängt. Im Mittelpunkt des Schlundes bildete sich eine mächtige Anziehung, die sie lebendig hinabzuziehen drohte. Alle Fünf sprangen sie mit verstörtem Blick auf. Schwindel erfaßte sie mit unbeschreiblicher Gewalt. Plötzlich stellte sich die Schaluppe senkrecht auf. Ihr Vordertheil ward der Wirbelbewegung Meister; die eigene Geschwindigkeit warf sie aus dem Kreis der Anziehung heraus, und sie ward mit der Schnelle einer Kanonenkugel weggeschleudert. Altamont, der Doctor, Johnson, Bell, wurden auf ihre Bänke niedergeworfen. Als sie wieder aufstanden, war Hatteras verschwunden. Es war um zwei Uhr früh. Dreiundzwanzigstes Capitel. Die englische Flagge. Ein vierfacher Schrei des Entsetzens entfuhr im ersten Moment der Brust der Männer. »Hatteras! schrie der Doctor. – Verschwunden! riefen Johnson und Bell. – Verloren!« Sie blickten rings umher. Nichts war zu sehen auf den tobenden Wogen. Duk bellte mit verzweifeltem Ton; er wollte mitten in die Fluthen springen, und Bell konnte ihn kaum zurückhalten. »Treten Sie an's Steuerruder, Altamont, sagte der Doctor, daß wir Alles thun, unsern verunglückten Kapitän aufzufinden!« Johnson und Bell setzten sich wieder auf ihre Plätze, Altamont faßte das Ruder, und die unstete Schaluppe kam wieder in die Richtung des Windes. Johnson und Bell ruderten aus Leibeskräften; eine volle Stunde lang hielt man sich an der Stelle der Katastrophe und suchte, aber vergeblich! Hatteras war vom Sturme fortgerissen leider nicht aufzufinden. Verloren! So nahe dem Pol! Das Ziel schon vor Augen! Der Doctor rief, schrie, feuerte sein Gewehr ab; Duk heulte jammervoll; aber die Antwort blieb aus. Da ward Clawbonny von tiefem Schmerz ergriffen; sein Kopf sank ihm auf die Hände, und seine Genossen hörten ihn weinen. In der That, so weit vom Lande entfernt, ohne Ruder, ohne ein Stück Holz, um sich daran zu halten, war es unmöglich, daß Hatteras die Küste erreichte, und wenn etwas von ihm an's Land gelangte, war's sein Leichnam. Nachdem man eine Stunde lang gesucht, mußte man wieder nordwärts fahren im Kampf mit der Wuth des Sturmes. Um fünf Uhr früh, am 11. Juli, legte sich der Wind; die Wellen wurden allmälig ruhig; der Himmel ward wieder klar, und kaum drei Meilen weit sah man das Land in vollem Glanze vor Augen. Dieses neue Land war nur eine Insel, oder vielmehr ein Vulkan, der einem Leuchtthurme gleich auf dem Nordpol emporragte. Der Berg, in vollem Ausbruch, warf eine Masse brennenden Gesteins und glühender Felsstücke aus; es war, als keuche ein Riese unter krampfhafter Erschütterung wiederholter Stöße; die ausgeschleuderten Massen flogen himmelhoch in die Lüfte, inmitten mächtiger Flammenstrudel und Lava-Ergießungen, die in reißenden Strömen sich seitwärts hinabwälzten: hier glühende Schlangen zwischen rauchenden Felsen; dort sprühende Kaskaden inmitten purpurnen Dampfes, und weiter abwärts ein Feuerstrom mit tausend funkelnden Zuflüssen durch die aufsprudelnde Mündung in's Meer stürzend. Der Vulkan schien nur einen einzigen Krater zu haben, woraus die Feuersäule aufstieg, quer von leuchtenden Blitzen durchzuckt; ein deutlicher Beweis des Antheils elektrischer Wirkung bei dem prachtvollen Phänomen. Ueber den keuchenden Flammen wogte eine ungeheure Rauchsäule empor, unten roth, oben schwarz. Diese stieg mit unvergleichlicher Majestät auf und wirbelte weithin in dichten Windungen. Die Luft war himmelhoch aschfarbig; die während des Sturms verspürte Dunkelheit, welche der Doctor nicht zu erklären wußte, kam offenbar von Aschensäulen her, von welchen die Sonne wie von einem undurchdringlichen Vorhang verhüllt war. Dieser enorme, feuerspeiende Felsen, der weit in's Meer vorsprang, maß tausend Klafter, eine Höhe, die ungefähr der des Hekla gleichkommt. Die von seinem Gipfel zur Basis gezogene Linie bildete mit dem Horizont einen Winkel von etwa elf Grad. Er schien, im Verhältniß wie die Schaluppe nahe kam, allmälig aus den Wellen aufzusteigen. Man sah keine Spur von Vegetation; selbst ein Uferrand ging ihm ab, und seine Seiten fielen senkrecht in's Meer ab. »Werden wir landen können? fragte der Doctor. – Der Wind treibt uns hin, erwiderte Altamont. – Aber ich sehe kein Stückchen eines Uferrandes, worauf wir Fuß fassen könnten! – Das scheint nur so von Weitem, erwiderte Johnson; aber es wird nicht daran fehlen, um mit unserem Fahrzeug anzulegen, und mehr bedarf es nicht. – Also voran!« versetzte Clawbonny traurig. Der Doctor hatte kein Auge mehr für das merkwürdige Festland, welches vor seinen Blicken heraustrat. Wohl war nun hier das Pol-Land, aber nicht der Mann, welcher es entdeckt hatte! Fünfhundert Schritte weit von dem Felsen war das Meer siedendheiß durch Einwirkung unterirdischer Feuer. Die Insel, welche es umfloß, mochte acht bis zehn Meilen Umfang haben, mehr nicht, und, wie man schätzen konnte, lag sie dem Pol sehr nahe, sofern nicht die Erdachse genau hinein ablief. Als die Schiffenden nahe waren, bemerkten sie eine kleine Bucht, die zum Einlaufen und Schutz des Fahrzeugs hinreichte; sie fuhren augenblicklich hinein, voll Besorgniß, den Leichnam des Kapitäns hier an's Land gespült zu finden. Doch schien ein Leichnam schwerlich daselbst ruhig liegen zu können; flaches Ufer war nicht vorhanden, und das Meer brach sich an steilen Felsen; dichte, von keines Menschen Fuß betretene Asche bedeckte die Oberfläche des Landes, wo die Wellen aufhörten. Endlich glitt die Schaluppe zwischen zwei Klippen, die an den Meeresspiegel reichten, durch ein schmales Fahrwasser, und fand sich da vollkommen geschützt gegen den Wellenschlag der Brandung. Jetzt fing Duk an noch kläglicher, wie zuvor zu heulen; das arme Thier sehnte sich rührend nach dem Kapitän, verlangte ihn von diesem erbarmungslosen Meer, von seinen Felsen ohne Echo. Er bellte vergebens, und des Doctors liebkosende Hand vermochte ihn nicht zu beruhigen; das treue Thier, als wolle es seines Herrn Stelle vertreten, setzte mit einem mächtigen Sprung zuerst an's Land, und lief die Felsen hinan mitten durch die Asche, welche es wie ein Gewölk umgab. »Duk! Hierher, Duk!« rief der Doctor. Aber Duk hörte nicht darauf und verschwand. Man schritt nun zur Landung: Clawbonny und seine drei Gefährten stiegen aus und die Schaluppe wurde festgeankert. Altamont war im Begriff, einen ungeheuern Steinhaufen zu erklettern, als man Duk weithin ungewöhnlich laut bellen hörte; und dies Bellen hatte den Ausdruck des Schmerzes, nicht des Zorns. »Hört! Hört! sagte der Doctor. – Ein Thier, das nichts aufgespürt hat? fiel der Rüstmeister ein. – Nein! Nein! entgegnete der Doctor zitternd, dieser Klageton bedeutet Jammer! Er hat die Leiche des Kapitäns gefunden!« Auf diese Aeußerung stürzten die vier Männer seiner Spur nach mitten durch die Asche, die ihren Blick verdüsterte. Sie gelangten in der Tiefe eines Fjords an eine zehn Fuß große Stelle, wo die Wellen unmerklich ihre Kraft verloren. Hier bellte Duk neben einem von der Flagge Englands umhüllten Leichnam. »Hatteras! Hatteras!« schrie der Doctor, und stürzte sich über den Körper seines Freundes. Aber sogleich stieß er einen Schrei aus, der sich nicht schildern läßt. Der blutige, dem Anschein nach entseelte Körper zuckte, als seine Hand ihn anrührte. »Noch bei Leben! Bei Leben! rief er aus. – Ja! sagte eine schwache Stimme, noch lebend auf dem Land des Pols, wohin mich der Sturm geworfen hat! Lebend auf der Insel der Königin! – Hurrah für England! riefen die fünf Männer einstimmig. – Und für Amerika!« fuhr der Doctor fort und reichte Hatteras die eine Hand, die andere dem Amerikaner. Duk rief ebenfalls sein Hurrah in seiner eigenen Weise, die ebensoviel galt, wie eine andere. In den ersten Augenblicken gaben sich diese wackeren Leute ganz dem Gefühl des Glücks hin, ihren Kapitän wieder zu haben; ihre Augen füllten sich mit Thränen. Der Doctor vergewisserte sich über Hatteras' Zustand. Dieser war nicht schwer verwundet. Der Wind hatte ihn bis zur Küste getrieben, wo die Landung sehr gefährlich war; dem kühnen Seemann gelang es, nachdem er mehrmals zurückgeworfen worden war, endlich durch seine Energie sich an ein Felsstück anzuklammern und über die Wogen empor zu schwingen. Hier verlor er, nachdem er sich in seine Flagge gehüllt, das Bewußtsein, und es kam ihm erst bei Duk's Liebkosungen, und als er dessen Bellen vernahm, wieder. Die erste Pflege wirkte so gut, daß Hatteras wieder aufstehen und am Arm des Doctors nach der Schaluppe zurückgehen konnte. »Der Pol! Der Nordpol! sprach er unterwegs. – Nun sind Sie glücklich! sagte der Doctor zu ihm. – Ja! Glücklich! Und Sie mein Freund, haben Sie keine Empfindung für dieses Glück, diese Freude, daß wir uns hier befinden? Dieses Land, auf welchem wir jetzt wandeln, ist das Land des Pols! Dieses Meer, welches wir durchschifft haben, ist das Meer des Pols! Diese Luft, welche wir einathmen, ist die Luft des Pols! O! Der Nordpol! Der Nordpol!« Indem Hatteras dieses sprach, war er von heftiger Aufregung fortgerissen. Es war eine Art Fieber, und der Doctor versuchte vergeblich, ihn zu beruhigen. Seine Augen strahlten von einem außergewöhnlichen Glanz und seine Gedanken sprudelten im Gehirn. Clawbonny schrieb diesen Zustand der Ueberreizung dem Umstande zu, daß der Kapitän eben die fürchterlichsten Gefahren bestanden hatte. Hatteras bedurfte offenbar der Erholung und man war bemüht, ihm eine Lagerstelle zu suchen. Altamont fand bald eine natürliche Felsengrotte; Johnson und Bell brachten die Lebensmittel dahin und ließen die grönländer Hunde frei. Gegen elf Uhr war Alles für eine Mahlzeit fertig; das Segel diente als Tischtuch; das Frühstück, bestehend aus Pemmican, gesalzenem Fleisch, Thee und Kaffee, wurde auf dem Boden aufgetischt; man brauchte nur zuzulangen und zu verzehren. Zuvor aber begehrte Hatteras, daß die Lage der Insel aufgenommen werde; er wollte genau wissen, wie er damit daran war. Der Doctor und Altamont nahmen darauf ihre Instrumente, und nach angestellter Beobachtung erhielten sie für die Lage der Grotte 89°59'15'' Breite. Die Länge war bei dieser Höhe der Breite nicht mehr von Belang, denn einige hundert Fuß weiter oben liefen alle Meridiane zusammen. Demnach lag die Insel wirklich unter'm Nordpol und der neunzigste Breitegrad war nur noch fünfundvierzig Secunden von da entfernt, gerade dreiviertel Meile, d. h. beim Gipfel des Vulkans. Als Hatteras das Ergebniß erfuhr, begehrte er, daß darüber ein Protokoll in zwei Exemplaren ausgefertigt und an der Küste in einem Cairn niedergelegt werde. Der Doctor ergriff also augenblicklich die Feder und redigirte das folgende Document, wovon gegenwärtig ein Exemplar sich im Archiv der königlichen Geographischen Gesellschaft zu London befindet: »Am 11. Juli 1861 ward unter 89°59'15'' nördlicher Breite die 'Insel der Königin' beim Nordpol entdeckt vom Kapitän Hatteras, Commandanten der Brigg Forward aus Liverpool, welcher sammt seinen Genossen hier unterzeichnet hat. Wer dieses Document auffinden wird, ist gebeten, es der Admiralität zu Händen zu stellen. Unterzeichnet: John Hatteras, Commandant des Forward; Doctor Clawbonny, Arzt; Altamont, Commandant des Porpoise; Johnson, Rüstmeister; Bell, Zimmermann.« – »Und jetzt, Freunde, zu Tische!« sagte fröhlich der Doctor. Vierundzwanzigstes Capitel. Eine Lection in der polaren Kosmographie. Es verstand sich von selbst, daß man sich zum Tafeln auf die Erde setzte. »Aber, sagte Clawbonny, wer gäbe nicht alle Tafeln und alle Speisesäle der Welt hin, um unter neunundachtzig Grad, neunundfünfzig Minuten und fünfzehn Secunden nördlicher Breite zu speisen!« Aller Gedanken waren natürlich auf die gegenwärtige Lage gerichtet. Die Idee des Nordpols beherrschte alle Geister. Der Erfolg ohne Gleichen ließ alle Gefahren vergessen, die bestanden wurden, um dies Ziel zu erreichen, und die noch zu bestehen waren, um zurückzukehren. Es war vollbracht, was bis jetzt weder das Alterthum, noch die Neuzeit, weder Europa, noch Amerika, noch Asien zu Stände zu bringen vermocht hatten. Daher hörten auch dem Doctor seine Gefährten gerne zu, wenn er Alles erzählte, was seine Wissenschaft und sein unerschöpfliches Gedächtniß ihm in Beziehung auf die gegenwärtige Lage an die Hand gaben. Mit wahrem Enthusiasmus wurde sein Vorschlag aufgenommen, vor Allem dem Kapitän einen Toast zu bringen. »Es lebe John Hatteras! rief er. – John Hatteras lebe! riefen einstimmig seine Gefährten. – Dieses Glas dem Nordpol!« erwiderte der Kapitän, mit einer Betonung, die bei diesem Charakter auffallen mußte, der bisher so kalt, so verschlossen war und nun einer beherrschenden Aufregung sich hingab. Man stieß an mit den Tassen, und auf die Toaste folgte warmer Handschlag. »Das ist nun, sagte der Doctor, doch das allerbedeutendste geographische Ereigniß unserer Epoche! Wer hätte denken können, daß diese Entdeckung der des Innern Afrikas oder Australiens vorausgehen würde. Wahrhaftig, Hatteras, Sie gehen über Sturt und Livingstone, über Burton und Barth! Ihr Ruhm sei gepriesen! – Sie haben Recht, Doctor, erwiderte Altamont; die Schwierigkeiten der Unternehmung ließen vermuthen, der Nordpol werde die letzte der Entdeckungen auf der Erde sein. An dem Tage, wo die Regierung den entschiedenen Willen hätte, das Innere Afrikas kennen zu lernen, würde sie durch Opfer an Menschen und Geld das Ziel erreichen; hier aber war der Erfolg höchst unsicher, und man konnte auf absolut unüberwindliche Hindernisse stoßen. – Unüberwindliche! rief Hatteras heftig, unüberwindliche Hindernisse giebt's nicht; es bedarf nur mehr oder minder energischer Willenskraft, das ist Alles! – Genug, sagte Johnson, wir sind jetzt glücklicher Weise hier. Aber schließlich, Herr Clawbonny, wollten Sie die Güte haben, mir zu erklären, was es für eine besondere Bewandtniß mit dem Pol hat? – Was für eine Bewandtniß, mein wackerer Johnson? Der Pol ist der einzige unbewegliche Punkt des Erdballs, während alle anderen Punkte sich mit äußerster Schnelligkeit umdrehen. – Aber ich merke gar nichts davon, erwiderte Johnson, daß wir hier unbeweglicher sind, wie zu Liverpool! – Ebenso wenig, als Sie zu Liverpool von Ihrer Bewegung etwas merken; das kommt daher, daß in beiden Fällen Sie selbst an dieser Bewegung oder Ruhe Theil nehmen! Aber die Thatsache ist darum nicht minder gewiß. Es wohnt der Erdkugel eine Rundbewegung um sich selbst inne, die binnen vierundzwanzig Stunden vor sich geht, und man nimmt an, diese Bewegung geschehe um eine Achse, deren äußerste Enden zum Nord- und Südpol werden. Nun, jetzt befinden wir uns an einem solchen Ende, und diese Achse ist nothwendig unbeweglich. – Also, sagte Bell, während unsere Landsleute sich rasch umdrehen, bleiben wir ruhig? – Beinahe, denn wir befinden uns nicht gerade auf dem Pol! – Sie haben Recht, Doctor, sagte Hatteras ernst und mit Kopfschütteln, es fehlen noch fünfundvierzig Secunden, um gerade auf dem Punkt zu sein! – Das macht nicht viel aus, erwiderte Altamont, und wir können uns schon als unbeweglich ansehen. – Ja, fuhr der Doctor fort, während die Bewohner des Aequators an jedem Punkt dreihundertsechsundneunzig (franz.) Meilen in der Stunde zurücklegen! – Und dabei werden sie nicht müde! sagte Bell. – Richtig! erwiderte der Doctor. – Aber, fuhr Johnson fort, unabhängig von dieser Achsenbewegung hat die Erde doch noch eine andere um die Sonne herum? – Ja! Eine Fortbewegung im Verlauf eines Jahres. – Ist diese schneller, als die andere? fragte Bell. – Unendlich rascher, und ich muß sagen, daß sie uns, obwohl wir uns am Pol befinden, gleich allen anderen Erdbewohnern mit fortreißt. So ist also unsere angebliche Unbeweglichkeit nur ein Hirngespinst: unbeweglich sind wir in Beziehung auf andere Punkte der Erdkugel, nicht aber in Beziehung auf die Sonne. – Schau, sagte Bell, mit komischem Bedauern, ich meinte doch, ich sei so ruhig! Diese Täuschung muß ich aufgeben! Man kann wahrhaftig in dieser Welt nicht einen Augenblick in Ruhe sein! – So ist's, Bell, erwiderte Johnson; und wollen Sie, Herr Clawbonny, uns lehren, wie groß diese Fortbewegung ist? – Sehr bedeutend, versetzte der Doctor; die Erde läuft um die Sonne mit einer Schnelligkeit, die sechsundsiebenzig Mal größer ist, als die einer vierundzwanzigpfündigen Kugel, die doch in der Secunde hundertundfünfundneunzig Klafter zurücklegt; Sie sehen, das ist wohl etwas anderes, als die Bewegung der Punkte des Aequators. – Teufel! sagte Bell, das ist nicht zu glauben, Herr Clawbonny! Mehr als sieben Meilen in der Secunde, und es wäre doch so leicht gewesen, unbeweglich zu bleiben, wenn Gott nur gewollt hätte! – Gut! sagte Altamont, stellen Sie sich vor, Bell, dann gäb's auch weder Tag noch Nacht, weder Frühling noch Sommer, Herbst oder Winter! – Ohne ein ganz entsetzliches Ergebniß in Anschlag zu bringen! fuhr der Doctor fort. – Und was für eins? fragte Johnson. – Wir würden auf die Sonne gefallen sein! – Auf die Sonne gefallen! entgegnete Bell voll Staunen. – Allerdings. Wenn diese Fortbewegung aufhörte, würde die Erde binnen vierundsechzig und einem halben Tage auf die Sonne stürzen. – Ein Fallen in vierundsechzig Tagen! erwiderte Johnson. – Nicht mehr, noch minder, versetzte der Doctor; denn es ist eine Entfernung von achtunddreißig Millionen französischen Meilen zurückzulegen. – Was hat denn die Erdkugel für ein Gewicht? fragte Altamont. – Es beträgt fünftausendachthunderteinundachtzig Quadrillionen Tonnen. – Gut! sagte Johnson; das sind aber Zahlen, welche dem Ohre nichts mittheilen! Man versteht sie nicht mehr! – So will ich Ihnen, mein wackerer Johnson, zur Vergleichung zwei Ausdrücke geben, die in Ihrem Geist haften werden. Erinnern Sie sich, daß auf das Gewicht der Erde fünfundsiebenzig Monde kommen, und auf die Sohne kommt dreihundertundfünfzigtausend Mal das Gewicht unserer Erdkugel. – Dies alles ist überwältigend! sagte Altamont. – Ueberwältigend, das ist das richtige Wort, erwiderte der Doctor; aber ich komme wieder auf den Pol, weil eine kosmographische Belehrung über diesen Theil der Erde jetzt mehr wie je an der Stelle ist, sofern es Sie nicht langweilt. – Fahren Sie nur fort, Doctor! sagte Altamont. – Ich habe Ihnen gesagt, fuhr der Doctor fort, dem es ebenso viel Vergnügen machte, seine Gefährten zu belehren, als diesen, belehrt zu werden, – ich habe gesagt, der Pol sei ein unbeweglicher Punkt im Verhältniß zu den anderen Punkten der Erde. Dies ist aber nicht völlig richtig. – Wie, sagte Bell, man muß noch einen Abzug machen? – Ja, Bell, der Pol nimmt, genau genommen, nicht immer dieselbe Stelle ein; ehemals ist der Polarstern weiter vom Himmelspol entfernt gewesen, wie jetzt. Unser Pol hat also eine gewisse Bewegung für sich; er beschreibt binnen etwa sechsundzwanzigtausend Jahren einen Kreis. Das kommt vom Fortrücken der Tag- und Nacht-Gleichen – Aequinoctien – worauf ich gleich zu reden kommen werde. – Aber, sagte Altamont, wäre es nicht möglich, daß der Pol einmal seine Stelle in einem weiteren Verhältniß ändert? – Ei, lieber Altamont, erwiderte der Doctor, Sie rühren da an eine sehr bedeutende Frage, worüber die Gelehrten in Folge einer ganz besonderen Entdeckung lange Zeit stritten. – Was für eine Entdeckung? – Hören Sie. Im Jahre 1774 fand man den Leichnam eines Rhinoceros an den Gestaden des Eismeeres, und im Jahre 1799 den eines Elephanten an den Küsten Sibiriens. Wie kam es, daß diese Vierfüßler aus den heißen Zonen unter einem solchen Breitegrad sich vorfanden? Daraus entstand ein seltsamer Lärm unter den Geologen, die nicht so gescheit waren, wie späterhin ein Franzose, Elie de Beaumont, welcher den Satz aufstellte, daß diese Thiere bereits unter höheren Breitegraden lebten, und daß ihre Leichname ganz einfach von Strömen und Flüssen dahin gefördert wurden, wo man sie fand. Aber bevor diese Erklärung gegeben war, was meinen Sie, worauf die Phantasie der Gelehrten kam? – Die Gelehrten sind zu Allem fähig, sagte Altamont lachend. – Ja, zu Allem, um eine Thatsache zu erklären. So stellten sie die Vermuthung auf, der Pol der Erde sei ehemals am Aequator gewesen, und der Aequator an den Polen. – Gerade so, wie ich sagte, und in vollem Ernst. Nun aber, wäre das der Fall gewesen, so würden, weil die Erde an den Polen um mehr als fünf Lieues abgeplattet ist, die Meere durch die centrifugale Kraft nach dem neuen Aequator getrieben, Gebirge von doppelter Höhe des Himalaya überschwemmt haben; alle Länder in der Nähe des Polarkreises, Schweden, Norwegen, Rußland, Sibirien, Grönland, Neu-Britannien, würden fünf Lieues unter Wasser gesetzt worden sein, während die Aequatorial-Gegenden, an den Pol verpflanzt, fünf Lieues hohe Plateaux bildeten. – Was für eine Umänderung! sagte staunend Johnson. – O! Die Gelehrten erschraken gar nicht davor. – Und wie erklärten sie diese Umkehrung? fragte Altamont. – Durch Zusammenstoßen mit einem Kometen. Der Komet muß für Alles aushelfen. Altamont, wenn man auf dem Gebiet der Kosmographie in Verlegenheit geräth, ruft man den Beistand eines Kometen an. Dieses Gestirn ist dann so gefällig, auf den ersten Wink eines Gelehrten sich einzufinden, um Alles in seine Fugen zu bringen! – Also, sagte Johnson, Ihrer Ansicht nach, Herr Clawbonny, ist so eine Umänderung nicht möglich. – Unmöglich! – Und wenn der Fall doch einträte? – Dann würde der Aequator in vierundzwanzig Stunden zu Eis gefroren sein! – Richtig! Und wenn die Aenderung jetzt vorginge, sagte Bell, wäre man im Stande zu sagen, wir seien gar nicht bis zum Pol gekommen. – Seien Sie ruhig, Bell. Um wieder auf die Unbeweglichkeit der Erdachse zu kommen, so ergiebt sich daraus Folgendes. Befänden wir uns während des Winters an dieser Stelle, so sähen wir die Sterne einen vollständigen Kreis um uns herum beschreiben. Die Sonne würde zur Zeit des Frühlings-Aequinoctiums, 22. März, uns erscheinen (die Strahlenbrechung nicht in Anschlag gebracht), als sei sie vom Horizont gerade in zwei Theile zerschnitten, und steige in sehr langen Curven allmälig aufwärts; hier aber tritt der merkwürdige Fall ein, daß sie, nachdem sie aufgegangen, nicht mehr untergeht und sechs Monat lang sichtbar bleibt; hernach streift ihre Scheibe zur Zeit des Herbst-Aequinoctiums, 22. September, abermals auf dem Horizont, und sobald sie untergegangen ist, sieht man sie den ganzen Winter über nicht mehr. – Sie sprachen vorhin von der Abplattung der Erde an den Polen, sagte Johnson; haben Sie doch, Herr Clawbonny, die Güte, mir dies zu erklären. – Damit verhält sich's so, Johnson. Als in den ersten Tagen der Welt die Erde flüssig war, so mußte, begreifen Sie wohl, die Achsenbewegung einen Theil ihrer beweglichen Masse nach dem Aequator hin drängen, wo die centrifugale Kraft stärker wirkte. Hätte die Erde unverändert ihre Stelle eingenommen, so wäre sie eine vollständige Kugel geblieben; aber in Folge der vorhin geschilderten Erscheinung hat sie die Form einer Ellipsoide, und die Punkte des Pols stehen etwa fünf und ein Drittel Lieues dem Centrum der Erde näher als die Punkte des Aequators. – Also, sagte Johnson, wenn unser Kapitän uns zum Mittelpunkt der Erde führen wollte, hätten wir einen um fünf Lieues kürzeren Weg dahin zu machen? – So ist's, mein Freund. – Ei nun! Kapitän, dann hätten wir um so viel einen Vorsprung! Die Gelegenheit wäre wohl zu benutzen ...« Hatteras gab keine Antwort. Offenbar folgte er nicht dem Faden der Unterhaltung, oder er hörte wohl zu, ohne aufzumerken. »Wahrhaftig! erwiderte der Doctor, hört man gewisse Gelehrten, so läge in diesem Umstand wohl ein Grund, diese Unternehmung zu wagen. – Wirklich! sagte Johnson. – Doch lassen Sie mich zu Ende reden, fuhr der Doctor fort, ich will Ihnen dies später erzählen; zuvor will ich Ihnen zeigen, wie die Abplattung der Grund des Vorrückens der Aequinoctien ist, d. h. weshalb alljährlich das Frühlings-Aequinoctium um einen Tag früher eintritt, als es der Fall sein würde, wenn die Erde vollständig rund wäre. Das rührt ganz einfach daher, daß die Anziehung der Sonne in verschiedener Weise auf den unter dem Aequator befindlichen höher gehobenen Theil des Erdballs wirkt, welcher dann eine Bewegung rückwärts erleidet. In Folge dessen verändert der Pol ein wenig seine Stelle, wie ich vorhin gesagt habe. Aber unabhängig von dieser Wirkung, müßte die Abplattung eine noch merkwürdigere und persönlichere haben, welche wir wahrnehmen würden, wenn wir einen empfänglichen mathematischen Sinn hätten. – Was meinen Sie damit? fragte Bell. – Daß wir hier mehr Schwere haben, als zu Liverpool. – Mehr Schwere? – Ja! Wir, unsere Hunde, unsere Gewehre, unsere Instrumente! – Ist's möglich? – Ohne Zweifel, und aus zwei Gründen: erstens, weil wir dem Mittelpunkt der Erde näher sind. – Wie! sagte Johnson, in allem Ernst, wir haben also nicht an allen Orten das nämliche Gewicht? – Nein, Johnson; nach Newton's Gesetz ziehen sich die Körper an in directem Verhältniß der Massen und in umgekehrtem Verhältniß des Quadrats der Entfernungen. Hier bin ich schwerer, weil ich dem Mittelpunkt der Anziehung näher bin, und auf einem anderen Planeten würde ich mehr oder weniger Gewicht haben, je nach der Masse des Planeten. – Wie? sagte Bell, auf dem Mond? ... – Auf dem Mond würde mein Gewicht, welches zu Liverpool zweihundert Pfund beträgt, nicht mehr als zweiunddreißig ausmachen! – Und auf der Sonne? – O! Auf der Sonne würde ich über fünftausend Pfund wiegen! – Großer Gott! rief Bell aus, da wäre also eine Winde erforderlich, um Ihre Beine aufzuheben! – Vermuthlich! erwiderte der Doctor, über Bell's Verwunderung lachend; aber hier ist die Differenz nicht merkbar, und bei Entwickelung einer entsprechenden Muskelkraft wird Bell eben so hoch springen, als auf den Quais der Mersey. – Ja! Aber auf der Sonne? fragte Bell abermals, indem er nicht davon loskommen konnte. – Lieber Freund, erwiderte ihm der Doctor, aus alledem ergiebt sich, daß wir da, wo wir uns befinden, wohl aufgehoben sind, und nicht anderswohin zu eilen brauchen! – Sie sagten vorhin, fuhr Altamont fort, es sei vielleicht der Mühe werth, einen Ausflug nach dem Mittelpunkt der Erde hin zu machen! Hat man jemals den Gedanken gehabt, eine solche Reise vorzunehmen? – Ja, und damit will ich beschließen, was ich Ihnen in Beziehung auf den Pol zu sagen habe. Es giebt auf der Welt keinen Punkt, der zu mehr Hypothesen und Hirngespinsten Anlaß gegeben hätte! Die Alten, sehr unwissend in der Kosmographie, verlegten dahin den Garten der Hesperiden. Im Mittelalter meinte man, die Erde ruhe auf Thürmchen, die sich auf den Polen befänden, und worauf sie sich umdrehe; aber als man sah, daß sich die Kometen frei in den Regionen um den Pol herum bewegten, mußte man auf diese Art von Stütze verzichten. Später fand sich ein französischer Astronom, Baily, der behauptete, das gebildete verloren gegangene Volk der Atlantiden, wovon Plato spricht, habe daselbst gelebt. Endlich hat man in unseren Tagen behauptet, es sei an den Polen eine ungeheure Oeffnung, wo sich der Glanz der Nordlichter entwickele, und durch welche man in's Innere der Erde dringen könne. Sodann bildete man sich ein, in der hohlen Erdkugel befänden sich zwei Planeten, Pluto und Proserpina, und eine Luft, die in Folge starken Druckes leuchte. – Das Alles hat man gesagt? fragte Altamont. – Und man hat's in vollem Ernst geschrieben. Der Kapitän Synnes, unser Landsmann, hat Humphry Davy, Humboldt und Arago den Vorschlag gemacht, die Reise zu wagen! Sie lehnten aber ab. – Und das war wohl gethan! – Ich glaub's wohl. Wie dem auch sein mag, Sie sehen, meine Freunde, daß die Einbildungskraft in Hinsicht auf den Pol freien Spielraum hatte und daß man früher oder später auf die einfache Wahrheit zurück kam. – Uebrigens werden wir's wohl sehen, sagte Johnson, der an seinen Ideen festhielt. – Dann, sagte der Doctor, Excursionen auf morgen, – dabei lächelte er, daß er den alten Seemann nicht überzeugen konnte, – und wenn es eine besondere Oeffnung giebt, um in's Innere der Erde zu dringen, so wollen wir mit einander dabei sein!« Fünfundzwanzigstes Capitel. Der Berg Hatteras. Nach dieser gehaltvollen Unterredung richtete sich Jeder in der Grotte so gut wie möglich ein und sank bald in Schlaf. Nur Hatteras nicht. Was raubte dem außerordentlichen Manne den Schlaf? Hatte er nicht seinen Lebenszweck erreicht? Hatte er nicht die kühnen Entwürfe, welche ihm so sehr am Herzen lagen, in Erfüllung gebracht? Weshalb wurde die Unruhe dieser glühenden Seele nun nicht gestillt? Hätte man nicht glauben sollen, Hatteras werde nach Ausführung seiner Projecte in eine Art Abspannung verfallen, und seine gespannten Nerven nach Ruhe trachten? Aber nein. Er zeigte sich nur noch mehr aufgeregt. Doch war's nicht der Gedanke an die Rückkehr, welcher ihn so unruhig machte. Wollte er noch weiter dringen? Fand er die Welt zu klein, weil er bis an ihr Ende gedrungen war? Wie dem auch sein mochte, er konnte nicht schlafen. Und doch war diese erste am Pol verbrachte Nacht rein und ruhig. Die Insel war völlig unbewohnt: kein Vogel in der vulkanischen Luft, kein Thier auf dem aschebestreuten Boden, kein Fisch in seinem siedenden Gewässer; nur in der Ferne vernahm man das dumpfe Getöse des Berges, aus dessen Gipfel glühende Rauchsäulen empordrangen. Als Bell, Johnson, Altamont und der Doctor aufwachten, fanden sie Hatteras nicht in ihrer Nähe. Sie verließen unruhig die Grotte und sahen den Kapitän auf einem Felsen stehen, den Blick unverwandt auf den Gipfel des Vulkans gerichtet. Er hielt seine Instrumente in der Hand und hatte offenbar eine genaue Aufnahme des Berges vorgenommen. Der Doctor ging auf ihn zu und redete ihn mehrmals an, ehe er ihn aus seiner Gedankenvertiefung ziehen konnte. Endlich schien der Kapitän ihn zu verstehen. »Vorwärts! sagte der Doctor zu ihm, der ihn aufmerksam betrachtete, vorwärts; wir wollen unsere Insel ganz durchstreifen; wir sind zu unserm letzten Ausflug bereit. – Dem letzten, sagte Hatteras mit der Betonung von Leuten, welche laut träumen; ja, dem letzten, wirklich. Der ist aber auch, fuhr er mit großer Lebhaftigkeit fort, der merkwürdigste!« Indem er so sprach, strich er mit beiden Händen über seine Stirn, um die Wallungen im Innern zu beruhigen. In diesem Augenblick kamen Altamont, Johnson und Bell dazu, und Hatteras schien aus seinem Traumzustande heraus zu kommen. »Meine Freunde, sprach er mit gerührter Stimme, ich danke für Ihren Muth, Ihre Ausdauer, Ihre übermenschlichen Anstrengungen, durch welche es uns möglich geworden ist, dies Land zu betreten! – Kapitän, sagte Johnson, wir haben nur gehorcht, und Ihnen allein gebührt die Ehre. – Nein! Nein! fuhr Hatteras mit leidenschaftlicher Wärme fort, Euch Allen gleich mir! Altamont ebenso wie uns Allen! Wie dem Doctor selbst! O, lassen Sie mein Herz seine Empfindungen ausgießen! Es kann seine Freude und Erkenntlichkeit nicht mehr zurückhalten!« Hatteras drückte seinen Gefährten auf's Herzlichste die Hand. Er ging unruhig hin und her und war nicht mehr Herr seines Geistes. »Wir haben nur als Engländer unsere Schuldigkeit gethan, sagte Bell. – Unsere Freundespflicht, erwiderte der Doctor. – Ja! fuhr Hatteras fort, aber diese Pflicht haben nicht Alle zu erfüllen verstanden. Einige sind erlegen! Doch muß man ihnen verzeihen, denen, welche Verrath geübt haben, wie denen, welche sich zum Verrath fortreißen ließen! Die Armen! Ich verzeihe ihnen. Sie verstehen mich, Doctor! – Ja, erwiderte dieser, ernstlich beunruhigt durch die erhöhte Geistesspannung Hatteras'. – Auch will ich nicht, fuhr der Kapitän fort, daß das kleine Vermögen, um dessenwillen sie die weite Fahrt unternahmen, ihnen verloren sei. Nein! Nichts soll an meinen Verfügungen geändert werden, und sie sollen reich sein ... wenn sie jemals nach England zurück kommen!« Man konnte sich der Rührung nicht erwehren, wenn man den Ton hörte, womit Hatteras diese Worte sprach. »Aber, Kapitän, sagte Johnson, der zu scherzen suchte, man sollte meinen, Sie machen Ihr Testament. – Vielleicht, erwiderte Hatteras ernst. – Doch haben Sie ein schönes und langes Leben voll Ruhm vor Augen, versetzte der alte Seemann. – Wer weiß!« sagte Hatteras. Langes Schweigen folgte auf diese Aeußerung. Der Doctor wagte nicht den Sinn dieser letzten Worte zu deuten. Aber Hatteras ließ bald die Deutung finden; mit hastiger, kaum zurückgehaltener Stimme fuhr er fort: »Meine Freunde, hören Sie mich an. Bis jetzt haben wir viel geleistet, und doch bleibt noch viel zu thun übrig.« Mit tiefem Erstaunen sahen die Gefährten des Kapitäns einander an. »Ja, wir sind am Land des Pols, aber noch nicht am Pol selbst! – Wie so? fragte Altamont. – Das wäre! rief der Doctor, mit ahnender Besorgniß. – Ja! fuhr Hatteras mit Nachdruck fort. Ich habe gesagt, ein Engländer werde den Fuß auf den Pol des Erdballs setzen; das hab' ich gesagt, und ein Engländer wird es ausführen. – Was? ... erwiderte der Doctor. – Wir sind noch fünfundvierzig Secunden von dem unbekannten Punkt entfernt, fuhr Hatteras mit zunehmendem Feuer fort, und da, wo er ist, werd' ich hindringen! – Aber der Gipfel dieses Vulkans ist's, sagte der Doctor. – Ich dringe hin! – Ein unzugänglicher Kegel! – Ich gehe hin. – Ein klaffender Krater in Gluth und Flammen! – Ich dringe hinein.« Die energische Ueberzeugung, womit Hatteras diese letzteren Worte sprach, läßt sich nicht darstellen. Seine Freunde waren voll Bestürzung; sie blickten mit Schrecken auf den Berg, welcher rauchende Feuersäulen in die Lüfte schoß. Der Doctor ergriff darauf wieder das Wort; er setzte Hatteras dringend zu, auf sein Vorhaben zu verzichten; er sagte Alles, was sein Herz ihm einzugeben vermochte, von dringender Bitte bis zu freundlicher Drohung; aber er vermochte nichts über die reizbare Seele des Kapitäns. Es gab nur noch Mittel der Gewalt, um den Wahnsinnigen abzuhalten, daß er sich nicht in's Verderben stürze. Da er aber einsah, daß sie zu großen Unordnungen führen würden, wollte der Doctor nur im äußersten Nothfall dazu schreiten. Er hoffte übrigens, daß Hatteras durch physische Unmöglichkeit, unübersteigliche Hindernisse sich werde an der Ausführung seines Vorhabens hindern lassen. »Weil dem so ist, sagte er, wollen wir Sie begleiten. – Ja! erwiderte der Kapitän, bis zur Hälfte der Bergeshöhe! Weiter nicht! Müßt Ihr nicht das Duplicat des Protokolls über unsere Entdeckung nach England bringen, falls ...? – Doch .... – Abgemacht, erwiderte Hatteras mit unerschütterlichem Ton, und weil die Bitten des Freundes nicht ausreichen, befiehlt der Kapitän.« Der Doctor wollte ihm nicht länger zusetzen, und nach einer kleinen Weile setzte sich die kleine Truppe, für eine schwierige Besteigung gerüstet, Duk voran, in Bewegung. Der Himmel glänzte im Widerschein. Das Thermometer zeigte zweiundfünfzig Grad (+11° hunderttheilig). Die Atmosphäre war reichlich von der klaren Helle durchdrungen, welche jenen hohen Breitegraden eigenthümlich ist. Es war um acht Uhr früh. Hatteras mit seinem braven Hund ging voran; Bell und Altamont, der Doctor und Johnson folgten ihm unmittelbar. »Es ist mir angst, sagte Johnson. – Nein, nein, es ist nichts zu befürchten, erwiderte der Doctor, wir sind ja dabei.« Das Inselchen hatte etwas sehr Eigenthümliches von neuem, jugendlichem Charakter; der Vulkan schien nicht alt zu sein. Die über einander gewürfelten Felsen hielten sich wie durch ein Wunder im Gleichgewicht. Der Berg bestand, genau genommen, nur aus einer Zusammenhäufung herabgefallener Steine. Nichts von Erde, nicht das kleinste Moos, nicht die magerste Flechte, keine Spur von Vegetation. Die vom Krater ausgespieene Kohlensäure hatte noch nicht Zeit gehabt, sich mit dem Wasserstoff des Wassers, noch mit dem Ammonium der Wolken zu vereinigen, um unter Einwirkung des Lichtes organisirte Stoffe zu bilden. Diese im Meere verlorene Insel war lediglich durch allmälige Anhäufung vulkanischer Auswürfe entstanden, gleich dem Aetna, welcher bereits eine weit beträchtlichere Menge Lava ausgeworfen hat, als seine eigene Masse beträgt. Diese Steinhaufen, welche die Insel der Königin bildeten, waren offenbar aus dem Innern der Erde ausgeworfen worden; jene hatte den plutonischen Charakter im höchsten Grad. An ihrer Stelle befand sich früher das unermeßliche Meer, welches in der Urzeit durch Verdichtung der Wasserdämpfe auf dem erkalteten Erdball entstanden ist; aber in dem Verhältniß, wie die Vulkane der alten und neuen Welt erloschen, oder besser gesagt, verstopft wurden, mußten sie durch neue feuerspeiende Krater ersetzt werden. In der That kann man die Erde mit einem ungeheuren Kessel vergleichen, worin durch Wirkung des Centralfeuers unermeßliche Quantitäten von Dünsten entstehen, welche in einem umschlossenen Raum bis zu einer Spannung von vielen Tausend Atmosphären getrieben, den Erdball auseinandersprengen würden, wenn nicht nach außen hin Sicherheitsventile angebracht wären. Diese Ventile nun sind die Vulkane; wenn einer sich schließt, öffnet sich ein anderer, und an den Polen, wo ohne Zweifel in Folge der Abplattung die Erdrinde minder dick ist, kann es nicht auffallend sein, daß sich durch eine Erhebung des Erdkerns unter der Fluth unvermuthet ein neuer Vulkan bildet. Der Doctor nahm, während er Hatteras folgte, diese auffallenden Eigenthümlichkeiten wahr; sein Fuß betrat einen vulkanischen Tuff und Bimssteine, die aus Schlacken sich bildeten, Asche, ausgeworfene Steine, gleich den Syeniten und Graniten Islands. Den fast modernen Ursprung des Eilands nahm er deshalb an, weil das sedimentäre Terrain noch nicht Zeit gehabt hatte, sich zu bilden. An Wasser fehlte es gänzlich. Wäre die Insel der Königin schon mehrere Jahrhunderte alt, so würden heiße Quellen, wie sie in der Nähe der Vulkane häufig sind, aus ihrem Innern gesprudelt sein. Nun aber fand man hier nicht allein kein Tröpfchen Wassers, sondern die Dünste, welche aus Lavaströmen entstanden, schienen durchaus ohne Wassergehalt zu sein. Also war diese Insel neuerer Bildung, und so wie sie eines Tages zum Vorschein kam, so konnte sie eines anderen Tages wieder verschwinden und von Neuem in die Tiefe des Oceans versinken. Im Verhältniß, wie man höher kam, wurde das Besteigen schwieriger; die Seiten des Berges waren fast senkrecht, und man mußte äußerst vorsichtig sein, um ein Zusammenstürzen zu vermeiden. Oft wirbelten Aschensäulen um die Reisenden, und drohten sie zu ersticken, oder Lavaströme versperrten ihnen den Weg. An einigen horizontalen Stellen waren die Ströme eben erkaltet und fest geworden, während unter dieser Rinde noch siedende Lava floß, so daß also Jeder sondiren mußte, um nicht plötzlich in solchen glühenden Stoff einzusinken. Von Zeit zu Zeit spie der Krater Felsstücke aus, welche in brennendem Gas rothglühend geworden; manche von diesen Massen zerplatzten wie Bomben in der Luft, und ihre Trümmer zerstreuten sich weit und breit in allen Richtungen. Man begreift, wie diese Besteigung des Berges mit unzähligen Gefahren verbunden war, und nur von einem Narren vorgenommen werden konnte. Doch Hatteras stieg mit auffallender Behendigkeit immer weiter, und klomm, die Stütze seines eisenbeschlagenen Stockes verschmähend, die schroffsten Abhänge hinan. Er gelangte bald zu einem kreisrunden Felsen, der eine Art von Plateau von zehn Fuß Breite bildete; ein glühender Strom floß um denselben herum, nachdem er an der Spitze eines höheren Felsens sich gabelförmig getheilt hatte, so daß nur ein schmaler Weg dazwischen blieb, welchen Hatteras tollkühn betrat. Hier blieb er stehen, und seine Gefährten konnten ihn einholen. Darauf schien er mit den Augen den Raum zu messen, welcher ihm noch zu steigen blieb; horizontal befand er sich noch über hundert Klafter vom Krater, d. h. vom mathematischen Punkt des Pols entfernt; aber vertical waren noch über fünfzehnhundert Fuß zu ersteigen. Bereits seit drei Stunden war man im Aufsteigen begriffen; Hatteras schien noch nicht müde; seine Gefährten waren schon fast erschöpft. Der Gipfel des Vulkans schien unzugänglich zu sein. Der Doctor entschloß sich, Hatteras um jeden Preis vom Weitersteigen abzuhalten. Zuerst versuchte er's mit der Güte, aber die Aufregung des Kapitäns steigerte sich bis zum Wahnsinn; bereits während des Steigens hatte er alle Anzeichen wachsenden Irrsinns wahrnehmen lassen, und wer ihn kannte, wer ihn durch alle Phasen seines Lebens begleitete, konnte es nicht überraschend finden. Im Verhältniß wie Hatteras höher über den Meeresspiegel drang, wuchs seine Ueberspannung; er lebte nicht mehr in der Menschenregion. »Hatteras, sagte zu ihm der Doctor, nun ist's genug! Weiter können wir nicht. – So bleibet, erwiderte der Kapitän mit auffallendem Ton, ich steige höher hinauf! – Nein! Das wäre auch unnöthig! Hier sind Sie am Pol der Erde! – Nein! Nein! Noch höher! – Mein Freund! Ich, der Doctor Clawbonny, rede zu Ihnen! Kennen Sie mich nicht? – Höher! Höher! rief er wiederholt im Wahnsinn. – Nein! Nein! Wir dulden's nicht ...« Ehe noch der Doctor diese Worte zu Ende gesprochen, sprang Hatteras mit übermenschlicher Anstrengung über den Lavastrom, von seinen Gefährten getrennt, welche nicht zu ihm gelangen konnten. Diese schrieen laut auf, in der Meinung, Hatteras sei in den siedenden Strom gestürzt; aber der Kapitän war jenseits hingesunken, und Duk, der ihn nicht verlassen wollte, sprang ihm nach. Er verschwand hinter einer Hülle von Rauch, und man hörte seine Stimme, die in der Entfernung immer schwächer tönte: »Nordwärts! Nordwärts! schrie er. Zum Gipfel des Hatteras-Berges! Gedenken Sie des Hatteras-Berges!« Den Kapitän einzuholen, daran war nicht zu denken; es waren zwanzig Gründe dafür, daß man an der Stelle blieb, welche er mit dem Glück und der Geschicklichkeit, wie sie Narren eigen ist, verlassen hatte; den feurigen Strom zu überspringen war unmöglich; ebenso unmöglich, ihn zu umgehen. Altamont versuchte vergeblich über ihn hinüber zu kommen; wollte man über den Lavastrom dringen, so hätte man sein Leben daran gesetzt; wider Willen mußten seine Gefährten zurückbleiben. »Hatteras! Hatteras!« rief der Doctor. Aber der Kapitän gab keine Antwort, und nur das kaum vernehmliche Bellen Duks verhallte im Gebirge. Inzwischen sah man Hatteras in Zwischenräumen mitten durch Rauchsäulen und unter dem Aschenregen. Bald ragte sein Arm, bald sein Kopf aus dem Wirbel heraus. Dann verschwand er wieder den Blicken und zeigte sich höher oben auf den Felsen. Seine Figur sah immer kleiner aus, je höher er hinauf kam. Dumpfes Getöse des Vulkans füllte die Luft; es tobte in dem Berge gleich wie in einem siedenden Kessel. Hatteras ließ sich nicht aufhalten, von Duk begleitet. Von Zeit zu Zeit rutschte hinter ihm das Gestein, und ein Felsblock stürzte mit wachsender Schnelligkeit an den Spitzen abprallend bis zum Grund des Polarmeeres hinab. Hatteras wendete sich nicht einmal um. Sein Stab diente ihm als Schaft, um die englische Flagge daran zu befestigen. Voll Schrecken verfolgten seine Gefährten alle seine Bewegungen, während seine Gestalt sich mehr und mehr verkleinerte; Duk schien nicht mehr größer, als eine Ratte. Einen Moment verdeckte sie der Wind mit einem feurigen Vorhang. Der Doctor erhob ein Angstgeschrei; doch kam Hatteras wieder zum Vorschein, wie er aufrecht stand und seine Flagge schwang. Ueber eine Stunde lang dauerte das Schauspiel dieser erschrecklichen Besteigung. Eine Stunde des Ringens mit wackelnden Felsen, mit tiefen Aschenschichten, worin der Heros des Unmöglichen bis zu halbem Leibe einsank. Bald kletterte er, mit den Knieen und Hüften wider die Spalten sich stemmend, bald hing er mit den Händen an einem Grat, und flatterte im Winde gleich einem trockenen Büschel. Endlich langte er auf dem Gipfel des Vulkans an, unmittelbar an des Kraters Mündung. Da schöpfte der Doctor Hoffnung, der Unglückliche, nachdem er an seinem Ziele angelangt, werde vielleicht nun zurückkehren, und hätte dann nur noch das Gefährliche des Herabsteigens zu bestehen. Er schrie aus voller Brust und zum letzten Mal auf: »Hatteras! Hatteras!« Des Doctors Rufen drang dem Amerikaner bis auf den Grund der Seele. »Ich will ihn retten«, rief Altamont. Dann setzte er mit einem gewaltigen Sprunge über den feurigen Strom, mit Gefahr hinein zu fallen, und verschwand in der Mitte der Felsen. Clawbonny hatte nicht Zeit ihn aufzuhalten. Inzwischen drang Hatteras, als er auf dem Gipfel ankam, über den Schlund hinaus auf einen überhängenden Felsen. Die Steine regneten um ihn herum. Duk sprang ihm stets zur Seite. Das arme Thier schien bereits vom Schwindel ergriffen. Hatteras schwang sein Banner im Widerschein der Gluth, und das geröthete Tuch flatterte in langen Streifen beim Luftstrom des Kraters. Mit der einen Hand schwang es Hatteras hin und her. Mit der anderen wies er im Zenith auf den Pol der Himmelskugel. Inzwischen schien er zu zaudern. Er suchte nach dem mathematischen Punkt, wo alle Meridiane des Erdballs zusammenlaufen, auf den er in erhabenem Starrsinn den Fuß setzen wollte. Plötzlich wankte der Fels unter seinen Füßen; er verschwand. Ein fürchterliches Geschrei seiner Gefährten drang bis zum Gipfel hinan. Clawbonny hielt seinen Freund für verloren und auf ewig begraben in den Tiefen des Vulkans. Aber Altamont war noch da, auch Duk. Der Mann und der Hund erfaßten den Unglücklichen im Moment, wo er in den Abgrund stürzte. Hatteras war gerettet, gerettet wider Willen, und eine Viertelstunde nachher lag der Kapitän des Forward bewußtlos in den Armen seiner verzweifelnden Freunde. Als er wieder zu sich kam, fragte der Doctor in stummer Befürchtung seinen Blick. Aber dieser bewußtlose Blick, gleich dem eines Blinden, der ohne zu sehen anschaut, antwortete ihm nicht. »Großer Gott! sagte Johnson, er ist blind! – Nein, erwiderte Clawbonny, nein! Meine armen Freude, wir haben nur den Körper gerettet! Hatteras' Seele ist auf dem Gipfel des Vulkans geblieben! Seine Vernunft ist gestorben! – Wahnsinnig! riefen Johnson und Altamont voll Bestürzung. – Wahnsinnig!« antwortete der Doctor. Und Thränen rannen aus ihren Augen. Sechsundzwanzigstes Capitel. Rückkehr nach dem Süden. Drei Stunden nach diesem traurigen Ausgange der Abenteuer des Kapitän Hatteras fanden sich Clawbonny, Altamont und die beiden Matrosen in der Grotte am Fuße des Vulkans zusammen. Clawbonny wurde ersucht, seine Meinung über das, was nun geschehen solle, abzugeben. »Meine Freunde, sagte er, wir können auf der Insel der Königin nicht lange verweilen: das Meer vor uns ist frei, wir haben hinreichenden Proviant, und werden in aller Eile nach Fort Providence zurückkehren müssen, um dort bis nächsten Sommer zu überwintern. – Das ist auch meine Ansicht, sagte Altamont, der Wind ist günstig und morgen wollen wir wieder zur See gehen.« In tiefer Niedergeschlagenheit verging vollends der Tag. Die Geistesstörung des Kapitäns erschien von schlimmer Vorbedeutung, und als Johnson, Bell und Altamont ihre Gedanken bezüglich der Rückkehr austauschten, erschraken sie über ihre Verlassenheit und die weite Entfernung. Hatteras' unerschrockene Seele fehlte ihnen. Doch als geistesstarke Männer rüsteten sie sich, um von Neuem gegen die Elemente und gegen sich selbst zu kämpfen, wenn sie sich schwach fühlen sollten. Am anderen Tage, Sonnabend den 13. Juli, wurden die Lagergeräthschaften eingeschifft, und bald war Alles zur Abfahrt bereit. Bevor sie aber diesen Felsen auf Nimmerwiedersehen verließen, ließ der Doctor, um Hatteras' Absichten zu entsprechen, an dem Punkte, wo der Kapitän an der Insel gelandet war, einen Cairn errichten, der, aus großen, übereinander gelagerten Blöcken gebildet, ein leicht sichtbares Merkzeichen darstellte, vorausgesetzt, daß er von den Folgen der Eruptionen verschont blieb. In einen der Seitensteine grub Bell mit dem Meißel die einfache Inschrift: John Hatteras. 1861. Im Innern des Cairn und in einem vollkommen geschlossenen Blechcylinder wurde eine Abschrift des Documentes niedergelegt, und so ruhte das Zeugniß der großen Entdeckung verlassen unter den wüsten Felsen. Dann schifften sich die vier Männer und der Kapitän, – ein armer Körper ohne Seele – sammt dem treuen Duk, der jetzt so traurig war, zur Rückkehr ein. Es war um zehn Uhr des Morgens. Aus der Leinwand des Zeltes wurde ein neues Segel hergestellt. Die Schaluppe verließ, den Wind im Rücken, die Insel der Königin und am Abend warf der Doctor, auf seiner Bank stehend, einen letzten Blick zurück nach dem Mount-Hatteras, der noch am Horizonte Flammen sprühte. Die Ueberfahrt ging sehr schnell von Statten; das überall freie Meer erleichterte die Schifffahrt, und es schien wirklich, es sei angenehmer, dem Pole zu entfliehen, als sich ihm zu nähern. Nur Hatteras verstand nicht, was um ihn her vorging. Er lag in der Schaluppe mit stummem Munde, gebrochenem Blicke, die Arme über der Brust gekreuzt und Duk zu seinen Füßen. Vergeblich richtete der Doctor das Wort an ihn, – Hatteras verstand ihn nicht. Während achtundvierzig Stunden blieb der Wind sehr günstig und das Meer ziemlich ruhig. Clawbonny und seine Genossen ließen den Nordwind gewähren. Am 15. Juli bekamen sie im Süden Altamont-Harbour in Sicht; da aber das Polarmeer der ganzen Küste frei war, beschlossen sie, statt sich über Neu- Amerika hinweg des Schlittens zu bedienen, dieses bis zur Bai Victoria zu umsegeln. Dieser Weg war schneller und kürzer. In der That hatten die Reisenden denselben Weg, zu dem sie mittels Schlitten vierzehn Tage gebraucht hatten, unter Segel in kaum acht Tagen zurückgelegt, und waren dabei noch der durch Fjorde unterbrochenen Küste gefolgt, deren Entwicklung sie bestimmten. Montag Abends, am 23. Juli, erreichten sie die Bai Victoria. Die Schaluppe wurde am Ufer sicher verankert, und man begab sich nach Fort Providence. Aber welche Verwüstung zeigte sich da! Doctors-House, die Magazine, die Pulverkammer und die Befestigungen waren unter den Strahlen der Sonne zu Wasser zerflossen; die Vorräthe von reißenden Thieren beraubt. Ein trauriger, trostloser Anblick! Die Seefahrer waren mit ihren Lebensmitteln fast zu Ende und hofften sie in Fort Providence zu erneuern. Die Unmöglichkeit, jetzt einen Winter hier zuzubringen, lag auf der Hand. Als Leute, die gewöhnt waren, einen schnellen Entschluß zu fassen, entschieden sie sich, das Baffins-Meer auf kürzestem Wege zu gewinnen zu suchen. »Wir können keinen anderen Ausweg ergreifen, sagte der Doctor; das Baffins-Meer ist kaum sechshundert Meilen entfernt. So lange unserer Schaluppe das Wasser nicht mangelt, können wir segeln, den Jones-Sund und von da aus die dänischen Niederlassungen erreichen. – Gut, antwortete Altamont, so wollen wir den Rest der Provision sammeln und abreisen.« Bei genauerem Nachsuchen fand man einige da und dorthin verschleppte Kisten mit Pemmican und zwei Fässer condensirtes Fleisch, die der Zerstörung entgangen waren, zusammen Proviant für sechs Wochen, und einen Ueberfluß an Pulver. Alles wurde sorgfältig gesammelt; man benutzte den Tag noch, die Schaluppe zu kalfatern und in Stand zu setzen, und am folgenden Tage, am 24. Juli, stach man wieder in See. Unter dem dreiundachtzigsten Breitengrade fiel das Land nach Osten ab, und es war nicht unmöglich, daß es mit den unter den Namen Grinnel-Land, Ellesmeer und Nord-Lincoln bekannten Ländern, welche die Küste der Baffins-Bai bilden, in Verbindung stand. Man konnte demnach als ziemlich sicher ansehen, daß der Jones-Sund sich wie die Lancaster-Straße nach den inneren Meeren zu öffne. Die Schaluppe segelte von nun an ohne besondere Schwierigkeiten; die schwimmenden Eisblöcke waren leicht zu vermeiden. Der Doctor setzte jedoch mit Rücksicht auf unvorhergesehene Verzögerungen seine Gefährten auf halbe Speiserationen; dennoch kamen diese dabei nicht sonderlich von Kräften und blieben bei guter Gesundheit. Uebrigens konnten sie auch wiederholt von den Gewehren Gebrauch machen; sie erlegten Enten, Gänse und Taucherhühner, die ihnen frische und gesunde Nahrung lieferten. Ihr Wasserbedarf ward leicht durch Süßwasserschollen, deren sie genug antrafen, gedeckt, denn sie achteten immer darauf, sich nicht zu weit von der Küste zu entfernen, da sie es nicht wagten, mit der Schaluppe in das ganz freie Meer zu steuern. Zu dieser Jahreszeit hielt sich das Thermometer durchschnittlich schon immer unter dem Gefrierpunkte; das Wetter, das anfangs sehr regnerisch gewesen war, neigte sich zum Schneien und wurde düster; die Sonne begann den Horizont zu streifen und tagtäglich wurde ein größerer Theil ihrer Scheibe verdeckt. Am 30. Juli verloren sie die Reisenden zum ersten Male aus dem Gesicht, d. h. sie hatten eine wenige Minuten dauernde Nacht. Inzwischen segelte die Schaluppe recht gut und legte in vierundzwanzig Stunden manchmal sechzig bis fünfundsechzig Meilen zurück; nicht einen Augenblick wurde angehalten. Man wußte aus Erfahrung; welche Anstrengungen zu erleiden, welche Hindernisse zu überwinden waren, wenn man gezwungen wäre, auf das Land zurückzukehren; schon bildete sich hier und da junges Eis. Unter jenen hohen Breiten folgt der Winter ganz plötzlich dem Sommer; es giebt weder Frühling noch Herbst, die Uebergangszeiten fehlen. Man mußte sich also beeilen. Am 31. Juli bemerkte man, da der Himmel bei Sonnenuntergang heiter war, die ersten Sterne von den Sternbildern im Zenith. Von diesem Tage ab herrschte aber ein fortdauernder Nebel, der die Schifffahrt sehr behinderte. Der Doctor wurde, da er die Vorzeichen des Winters sich häufen sah, sehr unruhig. Er wußte, welche Schwierigkeiten Sir John Roß vorgefunden hatte, nachdem er sein Schiff verlassen, die Baffins-Bai zu erreichen; und zuletzt war dieser kühne Seefahrer, nachdem er einmal versucht hatte das Eis zu überschreiten, doch gezwungen gewesen, nach seinem Fahrzeuge zurückzukehren und ein viertes Mal zu überwintern; er hatte aber für die schlechte Jahreszeit doch wenigstens ein Obdach, Proviant und Heizmaterial. Wenn den Ueberlebenden vom Forward ein ähnliches Unglück zustieß, wenn sie gezwungen waren, anzuhalten oder gar umzukehren, so waren sie verloren. Der Doctor theilte seinen Gefährten seine Beunruhigung zwar nicht mit, aber er trieb, soviel als möglich nach Osten zu gelangen. Am 15. August endlich, nach einer schnellen dreißigtägigen Fahrt, nachdem sie achtundvierzig Stunden gegen sich häufende Eisschollen gekämpft, nachdem sie hundertmal ihre zerbrechliche Schaluppe in Gefahr gesetzt hatten, sahen sich die Schifffahrer vollkommen festgehalten, ohne weiter vorwärts zu können; das Meer war nach allen Seiten in Fesseln geschlagen, und das Thermometer zeigte im Mittel nur fünfzehn Grade über Null (-9° hunderttheilig). Uebrigens war nach Norden und Westen hin die Nähe einer Küste an den platten und abgerundeten kleinen Steinen, welche die Wellen so an den Ufern abreiben, zu erkennen; auch dem Süßwasser-Eise begegnete man immer häufiger. Altamont machte mit größter Sorgfalt eine Ortsaufnahme, und erhielt als Resultat 77°15' Breite bei 85°2' östlicher Länge. »Nun, dann ist unsere Lage also bestimmt, sagte der Doctor; wir haben Nord-Lincoln erreicht, und zwar genau am Cap Eden. Wir treten jetzt in den Jones-Sund ein; mit etwas mehr Glück hätten wir diesen bis zum Baffins-Meere offen gefunden. Doch wir dürfen nicht klagen; wenn mein armer Hatteras zuerst ein so leicht zugängliches Meer gefunden hätte, wäre er schnell bis zum Pol gelangt; seine Mannschaft hätte ihn nicht verlassen, und er hätte nicht unter dem Einfluß so schrecklicher Gemüthsbewegungen den Verstand verloren! – Nun, sagte Altamont, so haben wir keine andere Wahl, als die Schaluppe zu verlassen und die Ostküste von Lincoln mittels Schlitten zu erreichen. – Die Schaluppe verlassen und wieder zum Schlitten greifen, ja wohl, antwortete der Doctor; aber statt über Lincoln zu fahren, schlage ich vor, über den Jones-Sund zu setzen und auf dem Eise Nord-Devon zu erreichen. – Und warum? – Weil wir, je mehr wir uns dem Lancaster-Sund nähern, desto mehr Aussicht haben, Wallfischfängern zu begegnen. – Sie haben Recht, Doctor; doch glaube ich nicht, daß das Eis schon fest genug sein wird, uns den Uebergang zu gestatten. – Wir werden es versuchen«, erwiderte Clawbonny. Die Schaluppe wurde entladen; Bell und Johnson setzten den Schlitten wieder zusammen, dessen Theile alle in gutem Zustande waren; andern Tags wurden die Hunde wieder angeschirrt und man zog längs der Küste hin, um das Eisfeld zu erreichen. Nun begann diese schon so oft beschriebene, ermüdende und langsame Reise wieder. Altamont hatte Recht gehabt, der Haltbarkeit des Eises zu mißtrauen, man konnte nicht über den Jones-Sund setzen und mußte sich an der Küste von Lincoln halten. Am 21. August schnitten gelangten die Reisenden auf Umwegen an den Eingang der Glacier-Meerenge; dort begaben sie sich nun auf das Eisfeld und erreichten andern Tags die Insel Cobourg, die sie in weniger als zwei Tagen trotz andauernder Schneestürme durchzogen. Von hier aus konnten sie wieder den bequemeren Weg über das Eisfeld nehmen und setzten den Fuß endlich, am 24. August, auf Nord-Devon. »Nun haben wir, sagte der Doctor, nur noch dieses Land zu durchziehen und Cap Warender am Eingange des Lancaster-Sund zu erreichen.« Das Wetter wurde aber nun abscheulich und sehr kalt; Schneewehen und Wirbelstürme gewannen ihre winterliche Heftigkeit wieder; die Reisenden waren mit ihren Kräften zu Ende. Die Nahrungsmittel gingen auf die Neige und Jeder mußte sich mit einer Drittelration begnügen, um den Hunden ein ihren Anstrengungen entsprechendes Futter zu sichern. Die Natur des Bodens steigerte die Strapazen der Reise; dieses Land, Nord-Devon, war ungemein zerklüftet; man mußte das Trauter-Gebirg durch kaum zugängliche Schluchten überschreiten, und das im fortwährenden Kampfe gegen die entfesselten Elemente. Der Schlitten, die Menschen und die Hunde hätten beinahe nicht weiter gekonnt, und mehr als einmal bemächtigte sich die Verzweiflung der kleinen Truppe, welche doch so abgehärtet und an die Anstrengungen einer Polarexpedition gewöhnt war. Ohne sich davon Rechenschaft zu geben, waren diese armen Leute moralisch und physisch gebrochen; nicht ungestraft verträgt man achtzehn Monate lang unausgesetzte Anstrengungen und einen nervenzerrüttenden unaufhörlichen Wechsel von Hoffnung und Verzweiflung. Zudem ist nicht zu vergessen, daß die Hinreise mit einem Feuereifer, einer Ueberzeugung, einem Glaubensmuthe ausgeführt wurde, welche der Rückreise abgingen. So schleppten sich auch die Unglücklichen nur mit Mühe vorwärts; man könnte sagen, sie marschirten aus Gewohnheit, getrieben durch ein Ueberbleibsel thierischer, von ihrem Willen unabhängiger Energie. Erst am 30. August kamen sie aus jenem Chaos von Bergen heraus, von denen die Orographie niederer Breitegrade keine Idee giebt, aber sie kamen heraus halb todt und halb erfroren. Der Doctor war nicht mehr im Stande, seine Genossen aufrecht zu erhalten, er fühlte selbst seine zunehmende Schwäche. Die Trauter-Berge reichten bis zu einer zerrissenen und zerklüfteten Ebene. Dort mußte man wohl oder übel einige Tage ausruhen; die Wanderer konnten nicht mehr einen Fuß vor den anderen setzen; zwei Zughunde waren auch schon vor Erschöpfung verendet. Man suchte also, bei einer Kälte von zwei Grad unter Null (-19° hunderttheilig) hinter einigen Eisschollen Schutz; Niemand hatte den Muth, das Zelt aufzuschlagen. Die Lebensmittelvorräthe waren sehr zusammengeschmolzen und konnten trotz der äußersten Sparsamkeit bei den Rationen nur noch auf acht Tage hinreichen; das Wild wurde auch selten, indem es sich für den Winter in mildere Gegenden zurückgezogen hatte. Der Hungertod nahte drohender den erschöpften Opfern. Altamont, der eine große Ergebung und wahrhafte Selbstverleugnung bewies, raffte seine letzten Kräfte zusammen, um seinen Genossen mittels der Jagd einige Nahrungsmittel zu verschaffen. Er nahm seine Flinte, rief Duk zu sich und wandte sich zu den Ebenen im Norden; fast gefühllos sahen ihn der Doctor, Johnson und Bell sich entfernen. Während einer Stunde vernahmen sie keinen einzigen Flintenschuß und sahen ihn auch zurückkehren, ohne daß er einen solchen abgegeben hätte; der Amerikaner lief aber wie Jemand, der von Entsetzen ergriffen ist. »Was giebt es? fragte ihn der Doctor. – Da unten! Unter dem Schnee! antwortete Altamont mit dem Ausdruck des Entsetzens, indem er nach einem Punkt am Horizonte zeigte. – Was denn? – Eine ganze Gesellschaft Menschen. – Lebende? – Todt .... erfroren .... und sogar ...« Der Amerikaner wagte seinen Gedanken nicht zu vollenden, aber sein Ausdruck verrieth ein unsägliches Entsetzen. Der Doctor, Johnson und Bell, die durch diesen Zwischenfall wieder aufgerüttelt wurden, erhoben sich und zogen, den Spuren Altamont's nachgehend, nach jenem Theile der Ebene, den Letzterer ihnen durch Handbewegungen bezeichnete. Bald gelangten sie, im Grunde eines tiefen Hohlwegs, an eine enge Stelle – aber da – welches Schauspiel bot sich ihren Blicken! Halb unter dem weißen Leichentuche begrabene Cadaver sahen da und dort nach aus dem Schnee hervor; hier ein Arm, dort ein Bein, weiterhin runzlich gewordene Hände, Köpfe mit dem noch erhaltenen Gesichtsausdruck der Drohung und Verzweiflung. Der Doctor ging näher, aber schnell eilte er, erblaßt und mit entstellten Zügen zurück, während Duk ein dumpfes, wie erschrockenes Bellen hören ließ. »Entsetzlich! Grauenhaft! rief er. – Nun, was? fragte der Rüstmeister. – Sie haben sie nicht wiedererkannt? versetzte der Doctor mit dem Ton der Bestürzung. – Was sagen Sie? – Sehen Sie nur hin!« Der Hohlweg war unlängst der Schauplatz eines letzten Kampfes von Menschen gegen das Klima, gegen die Verzweiflung, ja gegen den Hunger gewesen; denn an einigen entsetzlichen Resten sah man, daß die Unglücklichen durch menschliche Cadaver ihr Leben gefristet, vielleicht noch zuckendes Fleisch gegessen hatten, und unter ihnen hatte der Doctor Shandon, Pen und die übrige nichtswürdige Mannschaft vom Forward erkannt. Kräfte und Lebensmittel waren diesen Unglücklichen ausgegangen; ihre Schaluppe war wahrscheinlich durch Lawinen zertrümmert worden oder in eine Schlucht gestürzt, so daß sie das Meer nicht hatten zur Schifffahrt benutzen können. Es war ja auch möglich, daß sie sich mitten in jenen Continenten verirrt hatten. Dazu kommt, daß Leute, welche unter der Aufregung der Empörung davongingen, doch nicht lange Zeit in solcher Einigkeit leben konnten, welche allein es möglich macht, große Thaten zu vollbringen. Ein Anführer von Aufwieglern hat immer nur eine zweifelhafte Macht in den Händen. Ohne Zweifel wuchsen die Anderen Shandon bald über den Kopf. Doch wie dem auch sei, jedenfalls hatte die Mannschaft tausend Qualen, tausendfache Verzweiflung zu bestehen und brachte es doch nur bis zu dieser schrecklichen Katastrophe. Aber die geheime Geschichte ihrer Leiden ist für immer mit ihnen unter dem Schnee des Poles eingesargt. »Entfliehen wir! Fort!« rief der Doctor. Er zog seine Genossen weit weg von dem Orte des Schreckens. Das Entsetzen verlieh ihnen eine augenblickliche Energie wieder. – Sie setzten ihre Reise weiter fort. Siebenundzwanzigstes Capitel. Schluß. Warum sollte ich bei den Leiden, welche unablässig die Ueberlebenden der Expedition trafen, lange verweilen? Sie selbst vermochten niemals sich an alles Einzelne wieder zu erinnern, was sie in den acht Tagen nach der gräßlichen Entdeckung der Reste der Mannschaft zu erleben hatten. Indessen gelangten sie am 9. September durch wunderhafte Energie zum Cap Horsburg, am Ende von Nord-Devon. Sie waren ausgehungert bis zur Erschöpfung: seit achtundvierzig Stunden waren sie ohne Nahrung und ihre letzte Mahlzeit hatte aus dem letzten Stück Fleisch ihrer Eskimohunde bestanden. Bell konnte nicht weiter, und der alte Johnson fühlte sich dem Tode nahe. Sie befanden sich am Ufer des Baffins-Meeres, das zum Theil fest gefroren war, also auf dem Wege nach Europa. Drei Meilen von der Küste ab brandeten die eisfreien Wogen mit Getöse an den Spitzen des Eisfeldes. Man mußte auf das zufällige Vorüberkommen eines Wallfischfahrers warten, und wie lange konnte dies dauern? ... Aber der Himmel erbarmte sich der Unglücklichen, denn am folgenden Tage gewahrte Altamont deutlich ein Segel am Horizont. Man weiß, welche angstvolle Spannung herrscht, wenn ein Schiff sich zeigt, welche Furcht vor einer Täuschung dieser Hoffnung! Das Fahrzeug scheint bald näher zu kommen, bald sich wieder zu entfernen, in schrecklichem Wechsel von Hoffnung und Verzweiflung, und es geschieht nicht selten, daß ein am Horizont erblicktes Schiff wieder in der Ferne verschwindet. Der Doctor und seine Gefährten hatten alle diese Prüfungen zu bestehen; sie waren, indem sie sich einander trugen und schoben, am westlichen Ende des Eisfeldes angelangt, und sahen allmälig das Schiff wieder verschwinden, ohne daß es ihre Anwesenheit gewahrt hatte. Sie riefen es an, doch vergebens! Da kam dem Doctor zum letzten Mal ein sinnreicher Gedanke, wie sie diesem erfinderischen Kopf bisher so oft zu Statten kamen. Ein Eisblock, der in der Strömung trieb, stieß wider das Eisfeld. »Dieser Eisblock!« rief er, und wies mit der Hand darauf hin. Man verstand ihn nicht. »Fahren wir auf ihm! Fahren wir mit!« rief der Doctor. Es war ein Hoffnungsstrahl für Alle. »Ach! Herr Clawbonny, Herr Clawbonny!« rief Johnson, und drückte dem Doctor die Hände. Bell eilte mit Hilfe Altamont's zum Schlitten, holte daraus einen Pfosten, steckte ihn wie einen Mast auf den Eisblock und band ihn mit Stricken fest; aus dem abgerissenen Zeltdach machte man wohl oder übel ein Segel. Der Wind war günstig; die armen Verlassenen stürzten sich auf das zerbrechliche Fahrzeug und fuhren in's weite Meer hinaus. Schon nach zwei Stunden unerhörter Anstrengungen wurden die letzten der Mannschaft des Forward an Bord des dänischen Wallfischfahrers Hans Christian, welcher nach der Davis-Straße zurückkehrte, aufgenommen. Der Kapitän empfing diese Gespenster, welche kaum noch wie Menschen aussahen, als ein Mensch von Gemüth; beim Anblick ihrer Leiden begriff er ihre Geschichte; durch die sorgfältigste Pflege gelang es ihm, sie am Leben zu erhalten. Zehn Tage darauf stiegen Clawbonny, Johnson, Bell, Altamont und der Kapitän Hatteras zu Korsör, auf Seeland, in Dänemark, an's Land; ein Dampfboot brachte sie weiter nach Kiel; von hier begaben sie sich über Altona und Hamburg nach London, wo sie am 13. desselben Monats ankamen, nachdem sie sich kaum von ihren langen Prüfungen erholt hatten. Vor allen Dingen erbat sich der Doctor von der königlich Geographischen Gesellschaft zu London die Erlaubniß, ihr eine Mittheilung zu machen; in der Sitzung des 15. Juli wurde ihm diese Gelegenheit zu Theil. Man denke sich das Erstaunen dieser gelehrten Gesellschaft, welche nach Verlesung der Urkunde Hatteras' enthusiastischen Beifall spendete. Diese Reise, einzig in ihrer Art, die in den Annalen der Geschichte ihres Gleichen nicht hatte, begriff alle früheren, in den Polarregionen gemachten Entdeckungen in sich; sie verband miteinander die Expeditionen von Parry, Roß, Franklin, MacClure; sie vervollständigte zwischen dem hundertsten und hundertfünfzehnten Meridian die Karte der hohen Nordlande, und endlich, sie führte bis zu dem bisher unzugänglichen Punkte des Erdballs, dem Pol selbst. Niemals, noch niemals hat eine so unerwartete Neuigkeit das staunende England überrascht. Die Engländer haben eine leidenschaftliche Empfänglichkeit für so große geographische Thatsachen; man begrüßte sie mit Theilnahme und Stolz, vom Lord bis zum Cockney, vom größten Kaufmann bis zum Arbeiter der Docks. Blitzschnell verbreitete sich die große Entdeckung mittels der Telegraphendrähte durch das Vereinigte Königreich; die Journale verehrten an der Spitze ihrer Spalten den Namen Hatteras' als eines Märtyrers, und England erhob ihn mit gerechtem Stolz. Der Doctor und seine Gefährten wurden mit öffentlichen Festen geehrt, und sie wurden vom Lord-Kanzler in feierlicher Audienz Ihrer Königlichen Majestät vorgestellt. Die Regierung bestätigte die Benennungen: Königin-Insel für den Felsen des Nordpols, Hatteras-Berg für den Vulkan, und Altamont-Hafen für den Hafen Neu-Amerikas. Altamont trennte sich nicht mehr von den Genossen seines Elends und Ruhmes, welche seine Freunde geworden; er begleitete den Doctor, Bell und Johnson nach Liverpool, wo sie bei ihrer Rückkehr mit jubelndem Beifall begrüßt wurden, nachdem man sie längst für todt und im ewigen Eisgrabe bestattet glaubte. Aber der Doctor Clawbonny wies diesen Ruhm beständig dem unter ihnen zu, welcher das Hauptverdienst hatte. In seinem Reisebericht: »Die Engländer und der Nordpol«, welcher im folgenden Jahre von der königlich Geographischen Gesellschaft herausgegeben wurde, führte er John Hatteras unter den größten Reisenden auf, als Nacheiferer der kühnen Männer, welche sich ganz dem Fortschritt der Wissenschaft als Opfer hingaben. Indessen lebte dieses traurige Opfer einer erhabenen Leidenschaft friedlich im Genesungshause zu Sten-Cottage, nächst Liverpool, wohin sein Freund, der Doctor, ihn selbst gebracht hatte. Sein Irrsinn war von milder Art, aber er sprach nicht, es mangelten die Begriffe, und mit der Vernunft schien ihm auch die Fähigkeit zu reden geschwunden zu sein. Ein einziges Gefühl knüpfte ihn noch an die Außenwelt, seine Freundschaft für Duk, der ihm ein treuer Gesellschafter war. Diese Krankheit nahm dann ihren ruhigen Verlauf, ohne irgend ein besonderes Symptom, als dem Doctor Clawbonny, der seinen armen Kranken oft besuchte, sein Benehmen auffiel. Seit einiger Zeit machte der Kapitän Hatteras in Begleitung seines treuen Hundes, der ihn mit sanftem und traurigem Blick ansah, täglich stundenlang Spaziergänge, aber diese Gänge hatten unabänderlich dieselbe Richtung in einer gewissen Allee zu Sten-Cottage. War er am Ende der Allee angekommen, so kehrte er rücklings zurück. Wollte ihn Jemand anhalten, wies er mit dem Finger auf einen bestimmten Punkt am Himmel. Wollte man ihn nöthigen umzukehren, so wurde er zornig, und Duk, der seine Gefühle theilte, bellte wüthend. Der Doctor beobachtete achtsam diese bizarre Manie, und der Grund dieser sonderbaren Hartnäckigkeit ward ihm klar; er errieth, weshalb dieser Spaziergang sich standhaft in derselben Richtung, so zu sagen, unter Einwirkung einer magnetischen Kraft erhielt: Der Kapitän John Hatteras bewegte sich unabänderlich in nördlicher Richtung.