Heinrich von Treitschke Ausgewählte Schriften. Erster Band   Verlag von S. Hirzel 1923 Neunte Auflage. Siebzehntes und achtzehntes Tausend Die Freiheit. (Leipzig 1861.) Wann werden sie jemals aussterben, jene ängstlichen Gemüter, denen es ein Bedürfnis ist, sich die Mühsal des Lebens durch selbstgeschaffene Pein zu erhöhen, denen jeder Fortschritt des Menschengeistes nur ein Anzeichen mehr ist für den Verfall unseres Geschlechtes, für das Nahen des jüngsten Tages? Die große Mehrheit der Zeitgenossen beginnt, Gottlob, wieder recht derb und herzhaft an sich selber zu glauben, doch sind wir schwach genug, mindestens einige der trüben Vorhersagungen jener schwarzsichtigen Geister nachzusprechen. Ein Gemeinplatz geworden ist die Behauptung, die alles beleckende Kultur werde endlich auch die Volkssitten durch eine Menschheitssitte verdrängen und die Welt in einen kosmopolitischen Urbrei verwandeln. Aber es waltet über den Völkern das gleiche Gesetz wie über den einzelnen, welche in der Kindheit geringere Verschiedenheit zeigen als in gereiften Jahren. Hat anders ein Volk überhaupt das Zeug dazu, in dem erbarmungslosen Rassenkampfe der Geschichte sich und sein Volkstum aufrecht zu erhalten, so wird jeder Fortschritt der Gesittung zwar sein äußeres Wesen den anderen Völkern näher bringen, aber die feineren, tieferen Eigenheiten seines Charakters nur um so schärfer ausbilden. Wir fügen uns alle der Tracht von Paris, wir sind durch tausend Interessen mit den Nachbarvölkern verbunden; doch unsere Empfindungen und Ideen stehen heute der Gedankenwelt der Franzosen und Briten unzweifelhaft selbständiger gegenüber als vor siebenhundert Jahren, da der Bauer überall in Europa in der Gebundenheit altväterischer Sitte dahinlebte, der Geistliche in allen Ländern aus denselben Quellen sein Wissen schöpfte, der Adel der lateinischen Christenheit sich unter den Mauern von Jerusalem einen gemeinsamen Ehren- und Sittenkodex schuf. Noch ist der lebendige Ideenaustausch zwischen den Völkern, dessen die Gegenwart mit Recht sich rühmt, niemals ein bloßes Geben und Empfangen gewesen. In dieser tröstlichen Erkenntnis werden wir bestärkt, wenn wir sehen, wie die Ideen eines deutschen Klassikers über den höchsten Gegenstand männlichen Denkens, über die Freiheit, neuerdings von zwei ausgezeichneten politischen Denkern Frankreichs und Englands auf sehr eigentümliche Weise weitergebildet worden sind. Als vor einigen Jahren Wilhelm von Humboldts Versuch über die Grenzen der Wirksamkeit des Staates zum ersten Male vollständig erschien, da erregte die geistvolle Schrift auch in Deutschland einiges Aufsehen. Wir freuten uns, einen tieferen Einblick zu gewinnen in den Werdegang eines unserer ersten Männer. Die feineren Geister spürten mit Entzücken den belebenden Hauch des goldenen Zeitalters deutscher Humanität, denn wohl nur in Schillers nahverwandten Briefen über die ästhetische Erziehung des Menschengeschlechts ist das heitere Idealbild schöner Menschlichkeit, das die Deutschen jener Zeit begeisterte, ebenso beredt und vornehm geschildert worden. Unsere Politiker aber blieben von der Schrift fast unberührt. Dem geistvollen Jünglinge, der soeben den ersten Blick getan in das selbstgenügsame Formelwesen der Bureaukratie Friedrich Wilhelms II. und sich von diesem leblosen Treiben erkältet anwandte, um daheim einer ästhetischen Muße zu leben – ihm war wohl zu verzeihen, daß er sehr niedrig dachte vom Staate. Dalberg hatte ihn aufgefordert, das Büchlein zu schreiben – ein Fürst, der alle Güter des Lebens durch eine allwissende und allfürsorgende Verwaltung mit vollen Händen über sein Land auszustreuen gedachte. Um so eifriger betonte der junge Denker, der Staat sei nichts anderes als eine Sicherheitsanstalt, er dürfe nimmermehr weder mittelbar noch unmittelbar auf die Sitten oder den Charakter der Nation einwirken; der Mensch sei dann am freiesten, wenn der Staat das mindeste leiste. Wir Nachlebenden wissen nur zu wohl: das alte deutsche Staatswesen ging eben daran zu Grunde, daß alle freien Köpfe sich so krankhaft feindselig zum Staate stellten, daß sie den Staat flohen, wie der Jüngling Humboldt, statt ihm zu dienen, wie Humboldt der Mann, und ihn zu heben durch den Adel ihrer freien Menschenbildung. Die Lehre, welche im Staate nur eine Schranke, ein notwendiges Übel steht, erscheint der deutschen Gegenwart als überwunden. Doch seltsam, diese Jugendschrift Humboldts wird jetzt von John Stuart Mill in der Schrift On liberty und von Ed. Laboulaye in dem Aufsätze l'Etat et ses limites als eine Fundgrube politischer Weisheit für die Leiden der neuesten Zeit verherrlicht. Mill ist ein treuer Sohn jener echtgermanischen Mittelklassen Englands, welche seit den Tagen Richards II. im Guten wie im Bösen, durch ernsten Wahrheitstrieb wie durch finsteren, fanatischen Glaubenseifer, die Innerlichkeit, die geistige Arbeit dieses Landes vorzugsweise vertreten haben. Er ist ein reicher Mann geworden, seit er das köstlichste Kleinod unseres Volkes, den deutschen Idealismus, entdeckt und erkannt hat. Von dieser freien Warte herab sagt er der Befangenheit seiner Landsleute und leider auch der deutschen Gegenwart Worte des Tadels, bittere Worte, wie sie nur der gefeierte Nationalökonom ungestraft reden durfte. Aber als ein echter Engländer, als ein Schüler Benthams, prüft er die Ideen Kants an dem Maße des Nützlichen, natürlich des »wohlverstandenen, dauernden« Nutzens, und zeigt damit selber die tiefe Kluft, welche das geistige Schaffen dieser beiden Völker immer trennen wird. Er schwankt zwischen englischer und deutscher Weltanschauung – in der Schrift über die Freiheit wie in seinem späteren Werke Utilitarianism – und hilft sich endlich, indem er den rein materialistischen Gedanken Benthams einen idealen Sinn unterschiebt, der sie dem deutschen Wesen nahe bringt. An der Hand des Apostels deutscher Humanität gelangt er dazu, das nordamerikanische Staatsleben zu preisen, welches von der schönen Menschlichkeit des deutschhellenischen Klassizismus wenig oder gar nichts aufzuweisen hat. Laboulaye dagegen zählt zu jener kleinen Schule einsichtiger Liberaler, welche in der Zentralisation Frankreichs die Schwäche ihres Vaterlandes erkennt und die Keime germanischer Gesittung, die dort unter dem keltisch-romanischen Wesen schlummern, wieder zu erwecken trachtet. Mehr kühn als gründlich springt der geistreiche Mann mit den historischen Tatsachen um; er meint kurzweg, erst das Christentum habe den Wert und die Würde der Person erkannt. Nun muß unser herrlicher Heide Humboldt durchaus ein christlicher Philosoph sein, nun muß im neunzehnten Jahrhundert das Zeitalter nahen, da die Ideen des Christentums sich vollständig verwirklichen und das Individuum herrschen wird, nicht der Staat. Der Franzose wird unter zahlreichen Lesern nur eine kleine Gemeinde von Gläubigen finden. Mills Buch dagegen ist von seinen Landsleuten mit dem höchsten Beifall aufgenommen worden. Man hat es das Evangelium des neunzehnten Jahrhunderts genannt. In der Tat schlagen beide Schriften Töne an, welche in der Brust jedes modernen Menschen mächtigen Widerhall finden; darum ist lehrreich zu prüfen, ob sie wirklich die Grundsätze echter Freiheit predigen. Haben wir auch gelernt, die Worte des griechischen Philosophen tiefer zu begründen und ihnen einen reicheren Inhalt zu geben, so ist doch kein Denker über jene Erklärung der Freiheit hinausgekommen, welche Aristoteles gefunden. Er meint in seiner erschöpfenden empirischen Weise, die Freiheit umfasse zwei Dinge: die Befugnis der Bürger nach ihrem Belieben zu leben, und die Teilnahme der Bürger an der Staatsregierung (das abwechselnde Regieren und Regiertwerden). Die Einseitigkeit, welche der Hebel alles menschlichen Fortschreitens ist, bewirkt, daß die Völker fast niemals dem vollen Freiheitsbegriffe nachstrebten. Vielmehr ist bekannt, wie die Griechen sich mit Vorliebe an dieses letztere, an die politische Freiheit im engeren Sinne, hielten und einem schönen und guten Gesamtdasein willig die freie Bewegung des Menschen zum Opfer brachten. Gar so ausschließlich, wie gemeinhin behauptet wird, war die Vorliebe der Alten für die politische Freiheit freilich nicht. Jenes Wort des griechischen Denkers beweist ja, daß ihnen das Verständnis für das Leben nach eigenem Belieben, für die bürgerliche, persönliche Freiheit keineswegs fehlte. Aristoteles weiß sehr wohl, daß auch eine Staatsgewalt denkbar ist, welche nicht das gesamte Volksleben umfaßt; er sagt ausdrücklich, die Staaten unterscheiden sich voneinander besonders dadurch, ob alles oder nichts oder wie vieles den Bürgern gemeinsam sei. Jedenfalls blieb in dem ausgewachsenen Staate des Altertums die Vorstellung vorherrschend, daß der Bürger nur ein Teil des Staates ist, die rechte Tugend nur im Staate sich verwirklicht. Darum befassen sich die politischen Denker der Alten bloß mit den Fragen: wer soll herrschen im Staate? und wie soll der Staat geschützt werden? Nur als eine leise Ahnung regt sich dann und wann die tiefere Frage: wie soll der Bürger vor dem Staate geschützt werden? Den Alten steht fest, daß eine Gewalt, welche ein Volk über sich selber ausübt, keiner Beschränkung bedarf. Wie anders die Freiheitsbegriffe der Germanen, welche durchgängig auf das unbeschränkte Recht der Persönlichkeit das Hauptgewicht legen! Überall im Mittelalter beginnt der Staat mit einem unversöhnlichen Kampfe der Staatsgewalt gegen die staatsfeindlichen Unabhängigkeitsgelüste der einzelnen, der Genossenschaften, der Stände; und wir Deutschen haben am eigenen Leibe erfahren, mit welchen Verlusten an Macht und echter Freiheit die »Libertät« der Kleinfürsten, die »habenden Freiheiten der Herren Stände« erkauft werden. Ist dann endlich in diesem Streite, den bei den Neueren die absolute Monarchie glorreich hinausgeführt hat, die Majestät, die Einheit des Staates gerettet, so geht eine Wandlung vor in den Freiheitsbegriffen der Völker, und ein neuer Hader beginnt. Nicht mehr versucht man den einzelnen loszureißen von einer Staatsgewalt, deren Notwendigkeit begriffen worden. Aber man verlangt, daß die Staatsgewalt nicht unabhängig dem Volke gegenüber stehe; eine wirkliche Volksgewalt soll sie werden, wirkend innerhalb fester Formen und an den Willen der Mehrheit der Bürger gebunden. Jedermann weiß, wie unendlich weit unser Vaterland noch von diesem Ziele entfernt ist. Noch immer ist für den Deutschen eine schwierige, lohnende Aufgabe, was vor nahezu hundert Jahren Vittorio Alfieri als seinen Lebenszweck hinstellte: di far con penna ai falsi imperi offesa. Noch heute wiederholt mancher deutsche Heißsporn die grimmige Frage Alfieris: ob ein Mann voll Bürgersinnes unter dem Joche der Gewaltherrschaft es verantworten dürfe, Kinder zu erzeugen? – Wesen ins Dasein zu rufen, welche, je wacher ihr Gewissen, je fester ihr Rechtsgefühl, nur um so schwerer leiden müssen unter jener Verkehrung aller Begriffe von Ehre, Recht und Scham, womit die Tyrannei ein Volk verpestet? Aber es ist den Völkern geschehen, was Alfieri an sich selbst erlebte. Als er im Mannesalter das wilde Pamphlet »über die Tyrannei« herausgab, das der Jüngling einst in heiligem Eifer niedergeschrieben, da mußte er selbst gestehen: mir würde heute der Mut, oder, richtiger zu reden, die Wut mangeln, welche nötig war, ein solches Buch zu verfassen. Mit ähnlichen Empfindungen blicken heute die Völker auf den abstrakten Tyrannenhaß des vergangenen Jahrhunderts. Wir fragen nicht mehr: come si debbe morire nella tirannide , sondern mit gefaßter, unerschütterlicher Zuversicht stehen wir inmitten des Kampfes um die politische Freiheit, dessen Ausgang längst nicht mehr bezweifelt werden kann. Denn auch über diesem Streite hat das gemeine Los alles Menschlichen gewaltet, auch diesmal sind die Gedanken der Völker den Zuständen der Wirklichkeit um ein Großes vorangeeilt. Wie leblos, wie unfruchtbar stehen doch die Männer des Absolutismus den Freiheitsforderungen der Völker gegenüber! Nicht zwei mächtige Gedankenströme rauschen in mächtigem Wogenschwall aufeinander, bis endlich aus dem wilden Wirbel eine neue mittlere Strömung gelassen entweicht. Nein, ein Strom brandet gegen einen festen Damm und bahnt sich durch tausend und tausend Ritzen seinen Weg. Alles Neue, was dies neunzehnte Jahrhundert geschaffen, ist ein Werk des Liberalismus. Die Feinde der Freiheit wissen nur beharrlich zu verneinen oder die Gedanken längst versunkener Tage zum Scheine eines neuen Lebens wachzurufen, oder endlich, sie entlehnen die Waffen ihren Feinden. Auf der Rednerbühne unserer Kammern, mit der freien Presse, die sie den Liberalen verdanken, mit Schlagwörtern, die sie den Gegnern abgelauscht, verfechten sie Grundsätze, welche, durchgeführt, jede Preßfreiheit, jedes parlamentarische Leben vernichten müßten. Überall, sogar in Ständen, die vor fünfzig Jahren noch jedem politischen Gedanken sich verschlossen, lebt still und fest der Glaube an die Wahrheit jenes großen Wortes, das mit feiner bewußten Bestimmtheit den Markstein einer neuen Zeit bezeichnet, an den Ausspruch der Unabhängigkeitserklärung der Vereinigten Staaten: »die gerechten Gewalten der Regierungen kommen her von der Zustimmung der Regierten.« So unzweifelhaft ist diese Idee den modernen Menschen, daß sogar ein Gentz den gehaßten Vorkämpfern der Freiheit widerwillig zustimmen mußte, als er fügte, nur so lange dürfe die Staatsgewalt Opfer von dem Bürger fordern, als dieser den Staat seinen Staat nennen könne. Und so alt, so nach allen Seiten durchgearbeitet, so dem Austrage nahe sind diese Freiheitsfragen, daß bereits über die meisten derselben eine Versöhnung und Läuterung der Meinungen sich vollzogen hat. Begriffen ward endlich, daß der Kampf um die politische Freiheit kein Streit ist zwischen Republik und Monarchie, sondern das »Regieren und zugleich Regiertwerden« des Volkes in beiden Staatsformen gleich ausführbar ist. Nur ein Folgesatz der politischen Freiheit bleibt noch heute ein Gegenstand erbitterten, leidenschaftlichen Meinungskampfes. Bildet nämlich das sittliche Bewußtsein des Volkes in Wahrheit die letzte rechtliche Grundlage des Staates, wird das Volk in Wahrheit nach seinem eigenen Willen und zu seinem eigenen Glücke regiert, so erhebt sich von selbst das Verlangen nach nationaler Abschließung der Staaten. Denn nur wo das lebendige zweifellose Bewußtsein des Zusammengehörens alle Glieder des Staates durchdringt, ist der Staat, was er seiner Natur nach sein soll, das einheitlich organisierte Volk. Daher der Drang fremdartige Volkselemente auszuscheiden, und in zersplitterten Nationen der Trieb, das engere der beiden »Vaterländer« abzuschütteln. Es ist nicht unsere Absicht zu schildern, wie vielfachen notwendigen Beschränkungen und Abschwächungen diese politische Freiheit unterliegt. Genug, die Forderung einer Regierung der Völker nach ihrem Willen besteht überall, sie wird erhoben so allgemein und gleichmäßig, wie nie zuvor in der Geschichte, und wird schließlich ebenso gewiß befriedigt werden, als das Dasein der Völker dauernder, berechtigter, stärker ist denn das Leben der widerstrebenden Mächtigen. Doch sehen wir den Dingen auf den Grund, betrachten wir, wie gänzlich unsere Freiheitsbegriffe sich verwandelt haben in diesem vielgestaltigen Kampfe, dessen Zuschauer und Mitspieler wir selber sind. Nicht mehr mit dem Übermute, mit der unbestimmten Begeisterung der Jugend stehen wir den Freiheitsfragen gegenüber. Politische Freiheit ist politisch beschränkte Freiheit – dieser Satz, vor wenigen Jahrzehnten noch knechtisch gescholten, wird heute von jedem anerkannt, der eines politischen Urteils fähig ist. Und wie unbarmherzig hat eine harte Erfahrung alle jene Wahnbegriffe zerstört, welche sich unter dem großen Namen Freiheit versteckten! Die Freiheitsgedanken, welche während der französischen Revolution vorherrschten, waren ein unklares Gemisch aus den Ideen Montesquieus und den halb-antiken Begriffen Rousseaus. Man wähnte den Bau der politischen Freiheit vollendet, wenn nur die gesetzgebende Gewalt von der ausübenden und von der richterlichen getrennt sei und jeder Bürger gleichberechtigt die Abgeordneten zur Nationalversammlung wählen helfe. Diese Forderungen wurden erfüllt, im reichsten Maße erfüllt, und was war erreicht? Der scheußlichste Despotismus, den Europa je gesehen. Der Götzendienst, den unsere Radikalen allzulange mit den Greueln des Konventes getrieben, beginnt endlich zu verstummen vor der trivialen Erwägung: wenn eine allmächtige Staatsgewalt mir den Mund verbietet, mich zwingt, meinen Glauben zu verleugnen und mich guillotiniert, sobald ich dieser Willkür trotze, so ist sehr gleichgültig, ob diese Gewaltherrschaft geübt wird von einem erblichen Fürsten oder von einem Konvente; Knechtschaft ist das eine wie das andere. Gar zu handgreiflich scheint doch der Trugschluß in dem Satze Rousseaus, daß, wo alle gleich sind, jeder sich selber gehorche. Vielmehr, er gehorcht der Mehrheit, und was hindert, daß diese Mehrheit ebenso tyrannisch verfahre wie ein gewissenloser Monarch? Wenn wir die fieberischen Zuckungen betrachten, welche seit siebzig Jahren die trotz alledem große Nation jenseits des Rheins geschüttelt haben, so finden wir beschämt, daß die Franzosen trotz aller Begeisterung für die Freiheit immer nur die Gleichheit gekannt haben, doch nie die Freiheit. Die Gleichheit aber ist ein inhaltsloser Begriff, sie kann ebensowohl bedeuten: gleiche Knechtschaft aller – als: gleiche Freiheit aller. Und sie bedeutet dann gewiß das erstere, wenn sie von einem Volke als einziges, höchstes politisches Gut erstrebt wird. Der höchste denkbare Grad der Gleichheit, der Kommunismus, ist, weil er die Unterdrückung aller natürlichen Neigungen voraussetzt, der höchste denkbare Grad der Knechtschaft. Nicht zufällig, fürwahr, regt sich der leidenschaftliche Gleichheitsdrang vornehmlich in jenem Volke, dessen keltisches Blut immer und immer wieder seine Lust daran findet, sich in blinder Unterwürfigkeit um eine große Cäsarengestalt zu scharen, mag diese nun Vercingetorix, Ludwig XIV. oder Napoleon heißen. Wir Germanen pochen zu trotzig auf das unendliche Recht der Person, als daß wir die Freiheit finden könnten in dem allgemeinen Stimmrechte; wir entsinnen uns, daß auch in manchen geistlichen Orden die Oberen durch das allgemeine Stimmrecht gewählt werden, und wer in aller Welt hat je die Freiheit in einem Nonnenkloster gesucht? Der Geist der Freiheit, wahrlich, ist es nicht, der aus der Verkündigung Lamartines vom Jahre 1848 redet: »jeder Franzose ist Wähler, also Selbstherrscher; kein Franzose kann zu dem anderen sagen: du bist mehr ein Herrscher als ich.« Welcher Trieb des Menschen wird durch solche Worte befriedigt? Kein anderer, als der gemeinste von allen, der Neid! Auch die Begeisterung Rousseaus für das Bürgertum der Alten hält nicht stand vor ernster Prüfung. Die Bürgerherrlichkeit von Athen ruhte auf der breiten Unterlage der Sklaverei, der Mißachtung jedes wirtschaftlichen Schaffens, während wir Neueren unseren Ruhm finden in der Achtung jedes Menschen, in der Erkenntnis des Adels der Arbeit, jeglicher ehrlicher Arbeit. Der starrste Aristokrat der modernen Welt erscheint als ein Demokrat neben jenem Aristoteles, der unbefangen die Worte schrecklicher Herzenshärtigkeit spricht: »es ist nicht möglich, daß Werke der Tugend übe, wer das Leben eines Handarbeiters führt.« Durch solche Erwägungen wurden schon längst die tieferen Naturen veranlaßt, sorgsamer zu betrachten, auf welchen Grundlagen die vielbeneidete Freiheit der Briten ruht. Sie fanden, daß dort keine allmächtige Staatsgewalt die Geschicke der fernsten Gemeinde bestimmt, sondern jede kleinste Grafschaft ihre Verwaltung selber in der Hand hält. Diese Erkenntnis der segensreichen Wirkung des Selfgovernment war ein ungeheuerer Fortschritt; denn der entnervende Einfluß eines alles bevormundenden Staates auf die Bürger läßt sich kaum düster genug schildern, er ist darum so unheimlich, weil die Krankheit des Volkes erst in einem späteren Geschlechte in ihrer ganzen Größe sich offenbart. Solange das Auge des großen Friedrich über seinen Preußen wachte, hob der Anblick des Helden auch kleine Seelen über ihr eigenes Maß empor, seine Wachsamkeit spornte die Trägen. Doch als er dahinging, hinterließ er ein Geschlecht ohne Willen, gewohnt – wie Napoleon III. von seinen Franzosen rühmt – jeden Antrieb zur Tat vom Staate zu erwarten, geneigt zu jener Eitelkeit, welche das Gegenteil echten nationalen Stolzes ist, fähig einmal aufzuwallen in flüchtiger Begeisterung für die Idee der Staatseinheit, aber unfähig sich selber zu beherrschen, unfähig zu der größten Arbeit, die den modernen Völkern auferlegt ist. Zu kolonisieren, den Segen abendländischer Gesittung unter die Barbaren zu tragen vermögen nur solche Bürger, welche im Selfgovernment gelernt haben, im Notfalle als Staatsmänner zu handeln. Die Besorgung der Gemeindeangelegenheiten durch besoldete Staatsbeamte mag technisch vollkommener sein und dem Grundsatze der Arbeitsteilung besser entsprechen; jedoch ein Staat, der seine Bürger in Ehrenämtern die Sorge für Kreis und Gemeinde freiwillig tragen läßt, gewinnt in dem Selbstgefühle, in der lebendigen, praktischen Vaterlandsliebe der Bürger sittliche Kräfte, welche ein alleinherrschendes Staatsbeamtentum niemals entfesseln kann. – Sicherlich, diese Erkenntnis war eine bedeutsame Vertiefung unserer Freiheitsbegriffe, aber sie enthielt keineswegs die ganze Wahrheit. Denn fragen wir, wo dies Selfgovernment aller kleinen örtlichen Kreise besteht, so entdecken wir mit Erstaunen, daß die zahlreichen kleinen Stämme der Türkei sich dieses Segens in hohem Maße erfreuen. Sie zahlen ihre Steuern, im übrigen leben sie ihrer Neigung, hüten ihre Schweine, jagen, schlagen sich gegenseitig tot und befinden sich vortrefflich dabei – bis plötzlich einmal der Pascha unter das Völkchen fährt und durch Pfählen und Säcken handgreiflich erweist, daß die Selbstregierung der Gemeinden ein Traum ist, wenn nicht die oberste Staatsgewalt innerhalb fester gesetzlicher Schranken wirkt. So gelangen wir endlich zu der Einsicht: die politische Freiheit ist nicht, wie die Napoleons sagen, eine Zierde, die man dem vollendeten Staatsbau wie eine goldene Kuppel aufsetzen mag, sie muß den ganzen Staat durchdringen und beseelen. Sie ist ein tiefsinniges, umfassendes, wohlzusammenhängendes System politischer Rechte, das keine Lücke duldet. Kein Parlament ohne freie Gemeinden, diese nicht ohne jenes, und beide nicht auf die Dauer, wenn nicht auch die Mittelglieder zwischen der Spitze des Staates und den Gemeinden, die Kreise und Bezirke, verwaltet werden unter Zuziehung der Selbsttätigkeit unabhängiger Bürger. Diese Lücken empfinden wir Deutschen seit langem schmerzlich und machen soeben die ersten bescheidenen Versuche, sie auszufüllen. Doch ein Staat, beherrscht von einer durch die Mehrheit des Volkes getragenen Regierung, mit einem Parlamente, mit unabhängigen Gerichten, mit Kreisen und Gemeinden, die sich selber verwalten, ist mit alledem noch nicht frei. Er muß seinem Wirken eine Schranke setzen, er muß anerkennen: es gibt persönliche Güter, so hoch und unantastbar, daß der Staat sie nimmer sich unterwerfen darf. Spotte man nicht allzudreist über die Grundrechte der neueren Verfassungen. Sie enthalten mitten unter Phrasen und Torheit die Magna Charta der persönlichen Freiheit, worauf die moderne Welt nicht wieder verzichten wird. Freie Bewegung in Glauben und Wissen, in Handel und Wandel ist die Losung der Zeit: auf diesem Gebiete hat sie ihr Größtes geleistet; diese soziale Freiheit bildet für die große Mehrzahl der Menschen den Inbegriff aller politischen Wünsche. Man darf sagen, wo immer der Staat sich entschloß, einen Zweig des geselligen Wirkens ungehemmt sich entfalten zu lassen, da ward seine Mäßigung herrlich belohnt; alle Wahrsagungen ängstlicher Schwarzseher fielen zu Boden. Wir sind ein anderes Volk geworden, seit uns der Weltverkehr hineinzog in sein Wagen und Werben. Vor zwei Menschenaltern noch erklärte Ludwig Bincke als sorgsamer Präsident seinen Westfalen, wie man es anfangen müsse, um nach englischem Muster eine Landstraße auf Aktien zu bauen. Heute überspannt ein dichtes Netz freier Genossenschaften jeder Art den deutschen Boden. Wir wissen: durch seinen Kaufmann mindestens wird auch der Deutsche teilnehmen an der edlen Bestimmung unserer Rasse, daß sie die weite Erde befruchten soll. Und schon ist kein leerer Traum, daß aus diesem Weltverkehre dereinst eine Staatskunst entstehen wird, vor deren weltumspannendem Blicke alles Schaffen der heutigen Großmächte wie armselige Kleinstaaterei erscheinen wird. – So unermeßlich reich und vielgestaltig ist das Wesen der Freiheit. Darin liegt die tröstliche Gewißheit, daß zu keiner Zeit unmöglich ist, für den Sieg der Freiheit zu wirken. Denn gelingt wohl einer Regierung zeitweise die Teilnahme des Volkes an der Gesetzgebung zu untergraben: nur um so heftiger wird sich der Freiheitsdrang der modernen Menschen auf das wirtschaftliche oder auf das geistige Schaffen werfen, und die Erfolge auf dem einen Gebiete greifen früher oder später auf das andere hinüber. Überlassen wir den Knaben und jenen Völkern, die immer Kinder bleiben, mit leidenschaftlicher Hast der Freiheit nachzujagen wie einem Phantome, das den Gierigen unter den Händen zerfließt. Ein reifes Volk liebt die Freiheit wie sein rechtmäßiges Weib: sie lebt und webt mit uns, sie entzückt uns Tag für Tag durch neue Reize. Aber mit der steigenden Gesittung ergeben sich neue, ungeahnte Gefahren für die Freiheit. Nicht bloß die Staatsgewalt kann tyrannisch sein; auch die nicht organisierte Mehrheit der Gesellschaft kann durch die langsam und unmerklich, doch unwiderstehlich wirkende Macht ihrer Meinung die Gemüter der Bürger gehässigem Zwange unterwerfen. Und ohne Zweifel ist die Gefahr, daß die selbständige Ausbildung der Persönlichkeit durch die Meinung der Gesamtheit in unzulässiger Weise beschränkt werde, in demokratischen Staaten besonders groß. Denn, war in der Unfreiheit des alten Regimentes mindestens einigen bevorzugten Volksklassen vergönnt, die persönliche Begabung ungehemmt und im Guten wie im Bösen glänzend zu entfalten, so ist der Mittelstand, welcher Europas Zukunft bestimmen wird, nicht frei von einer gewissen Vorliebe für das Mittelmäßige, Er ist mit Recht stolz darauf, daß er alles, was über ihn emporragt, zu sich herabzuziehen, alle unter ihm Stehenden zu sich emporzuheben sucht; und er darf sein Verlangen, im Leben der Staaten zu entscheiden, auf einen rühmlichen Rechtstitel stützen, auf eine große Tat, welche er und mit ihm die alte Monarchie vollzogen hat: auf die Emanzipation unserer niederen Stände. Aber wehe uns, wenn dieser Gleichheitstrieb, der auf dem Gebiete des gemeinen Rechtes die köstlichsten Früchte gezeitigt hat, sich verirrt auf das Gebiet der individuellen Bildung! Der Mittelstand haßt jede offene gewalttätige Tyrannei, doch er ist sehr geneigt, durch den Bannstrahl der öffentlichen Meinung alles zu ächten, was sich über ein gewisses Durchschnittsmaß der Bildung, des Seelenadels, der Kühnheit emporhebt. Die Friedensliebe, welche ihn auszeichnet und ihn an sich zu dem politisch fähigsten Stande macht, kann nur zu leicht ausarten in träges Behagen, in das gedankenlose, schläfrige Bestreben, alle Gegensätze des geistigen Lebens zu vertuschen und zu bemänteln, nur im Bereiche des materiellen Wirkens (des improvement !) ein reges Schaffen zu dulden. Nicht leere Vermutungen sind es, die wir hier aussprechen. Vielmehr drückt in den freiesten Großstaaten der Neuzeit, in England und den Vereinigten Staaten, das Joch der öffentlichen Meinung schwerer als irgendwo. Der Kreis dessen, was die Gesamtheit dem Bürger als ehrbar und anständig zu denken und zu tun erlaubt, ist dort unvergleichlich enger als bei uns. Wer Kunde hat von den denkwürdigen Verfassungsberatungen der Konvention von Massachusetts aus dem Jahre 1853, wer es weiß, wie damals mit Geist und Leidenschaft die Lehre verfochten ward: »ein Bürger kann wohl Untertan einer Partei sein oder einer tatsächlichen Gewalt (!), aber niemals Untertan des Staates,« der wird die Gefahr eines Rückfalles in Zustande harter Sitte und schwachen Rechtes, die Gefahr einer sozialen Tyrannei der Mehrheit nicht unterschätzen. Dies hat Mill vortrefflich erkannt, und hierin liegt die Bedeutung seines Buches für die Gegenwart. Er untersucht, ganz abgesehen von der Regierungsform, die Natur und die Grenzen der Gewalt, welche füglich die Gesellschaft über den einzelnen ausüben soll. Humboldt sah die Gefahr für die persönliche Freiheit nur im Staate, er dachte kaum daran, daß die Gesellschaft schöner und vornehmer Geister, welche mit ihm verkehrte, den einzelnen je an der allseitigen Ausbildung seiner Persönlichkeit hindern könnte. Wir aber wissen nunmehr, daß es nicht bloß eine »freie Geselligkeit«, sondern auch eine tyrannische öffentliche Meinung geben kann. Um zu verstehen, in welcher Ausdehnung die Gesellschaft ihre Gewalt über den einzelnen ausüben solle, gilt es zunächst eine Frage wohlgemut über Bord zu werfen, womit die politischen Denker sich unnötigerweise viele böse Stunden bereitet haben, die Frage nämlich: ist der Staat nur ein Mittel zur Beförderung der Lebenszwecke der Bürger? oder hat die Wohlfahrt der Bürger nur den Zweck, ein schönes und gutes Gesamtdasein herbeizuführen? Humboldt, Mill und Laboulaye, sowie der gesamte Liberalismus der Rotteck-Welckerschen Schule entscheiden sich für das erstere, die Alten bekanntlich für das letztere. Mir scheint, die eine Meinung taugt so wenig wie die andere; der Streit betrifft, wie Falstaff sagt, eine gar nicht aufzuwerfende Frage. Denn alle Welt gibt zu, daß ein Verhältnis gegenseitiger Rechte und Pflichten den Staat mit seinen Bürgern verbindet. Zwischen Wesen aber, welche sich zueinander nur wie Mittel und Zweck verhalten, ist eine Gegenseitigkeit undenkbar. Der Staat ist sich selbst Zweck wie alles Lebendige: denn wer darf leugnen, daß der Staat ein ebenso wirkliches Leben führt wie jeder seiner Bürger? Wie wunderlich, daß wir Deutschen aus unserer Kleinstaaterei heraus einen Franzosen und einen Engländer mahnen müssen, größer zu denken vom Staate! Mill und Laboulaye leben beide in einem mächtigen, geachteten Staate, sie nehmen diesen reichen Segen hin als selbstverständlich und sehen in dem Staate nur die erschreckende Macht, welche die Freiheit des Menschen bedroht. Uns Deutschen ist durch schmerzliche Entbehrung der Blick geschärft worden für die Würde des Staats. Wenn wir unter Fremden nach unserem »engeren Vaterlande« gefragt werden, und bei den Namen Reuß jüngerer Linie oder Schwarzburg-Sondershausens Oberherrschaft ein spöttisches Lachen um die Lippen der Hörer spielt, dann empfinden wir wohl, daß der Staat etwas Größeres ist als ein Mittel zur Erleichterung unseres Privatlebens. Seine Ehre ist die unsere, und wer nicht auf seinen Staat mit begeistertem Stolze schauen kann, dessen Seele entbehrt eine der höchsten Empfindungen des Mannes. Wenn heute unsere besten Männer danach trachten, diesem Volke einen Staat zu schaffen, welcher Achtung verdient, so beseelt sie dabei nicht bloß der Wunsch, fortan gesicherter ihr persönliches Dasein zu verbringen; sie wissen, daß sie eine sittliche Pflicht erfüllen, welche jedem Volke auferlegt ist. Der Staat, der die Ahnen mit seinem Rechte schirmte, den die Väter mit ihrem Leibe verteidigten, den die Lebenden berufen sind auszubauen und höher entwickelt Kindern und Kindeskindern zu vererben, der also ein heiliges Band bildet zwischen vielen Geschlechtern, er ist eine selbständige Ordnung, die nach ihren eigenen Gesetzen lebt. Niemals können die Ansichten der Regierenden und der Regierten sich gänzlich decken; sie werden im freien und reifen Staate zwar zu demselben Ziele gelangen, aber auf weit verschiedenen Wegen. Der Bürger fordert vom Staate das höchstmögliche Maß persönlicher Freiheit, weil er sich selber ausleben, alle seine Kräfte entfalten will. Der Staat gewährt es, nicht weil er dem einzelnen Bürger gefällig sein will, sondern weil er sich selber, das Ganze, im Auge hat: er muß sich stützen auf seine Bürger, in der sittlichen Welt aber stützt nur was frei ist, was auch widerstehen kann. So bildet allerdings die Achtung, welche der Staat der Person und ihrer Freiheit erweist, den sichersten Maßstab seiner Kultur; aber er gewährt diese Achtung zunächst deshalb, weil die politische Freiheit, deren der Staat selber bedarf, unmöglich wird unter Bürgern, die nicht ihre eigensten Angelegenheiten ungehindert selbst besorgen. Diese unlösbare Verbindung der politischen und der persönlichen Freiheit, überhaupt das Wesen der Freiheit als eines fest zusammenhängenden Systems edler Rechte hat weder Mill noch Laboulaye recht verstanden. Jener, im Vollgenusse des englischen Bürgerrechts, setzt die politische Freiheit stillschweigend voraus; dieser, unter dem Drucke des Bonapartismus, wagt vorderhand nicht daran zu denken. Und doch führt die persönliche Freiheit ohne die politische zur Auflösung des Staates. Wer im Staate nur ein Mittel sieht für die Lebenszwecke der Bürger, muß folgerecht nach gut mittelalterlicher Weise die Freiheit vom Staate, nicht die Freiheit im Staate fordern. Die moderne Welt ist diesem Irrtume entwachsen. Noch weniger indes mag ein Geschlecht, das überwiegend sozialen Zwecken lebt und nur einen kleinen Teil seiner Zeit dem Staate widmen kann, in den entgegengesetzten Irrtum der Alten verfallen. Diese Zeit ist berufen, die unvergänglichen Ergebnisse der Kulturarbeit, auch der politischen Arbeit des Altertums und des Mittelalters in sich aufzunehmen und fortzubilden. So gelangt sie zu der vermittelnden und dennoch selbständigen Erkenntnis: für den Staat besteht die physische Notwendigkeit und die sittliche Pflicht, alles zu befördern, was der persönlichen Ausbildung seiner Bürger dient. Und wieder besteht für den einzelnen die physische Notwendigkeit und die sittliche Pflicht, an einem Staate teilzunehmen und ihm jedes persönliche Opfer zu bringen, das die Erhaltung der Gesamtheit fordert, sogar das Opfer des Lebens. Und zwar unterliegt der Mensch dieser Pflicht nicht bloß darum, weil er nur als ein Bürger ein ganzer Mensch werden kann, sondern auch weil es ein historisches Gebot ist, daß die Menschheit Staaten, schöne und gute Staaten bilde. Die historische Welt ist überreich an solchen Verhältnissen gegenseitiger Rechte, gegenseitiger Abhängigkeit; in ihr erscheint jedes Bedingte zugleich als ein Bedingendes. Eben dies erschwert scharfen mathematischen Köpfen, die wie Mill gern mit einem radikalen Gesetze durchschneiden, oftmals das Verständnis der politischen Dinge. Mill versucht nun der Wirksamkeit der Gesellschaft ihre erlaubten Grenzen zu ziehen mit dem Satze: eine Einmischung der Gesellschaft in die persönliche Freiheit rechtfertigt sich nur dann, wenn sie notwendig ist, um die Gesamtheit selbst zu schützen oder eine Benachteiligung anderer zu verhindern. Wir wollen diesem Worte nicht widersprechen – wenn es nur nicht gar so inhaltlos wäre! Wie wenig wird mit solchen abstrakten naturrechtlichen Sätzen in einer historischen Wissenschaft ausgerichtet! Denn ist nicht der »Selbstschutz der Gesamtheit« historisch wandelbar? Ist nicht ein theokratischer Staat um des Selbstschutzes willen verpflichtet, sogar in die Gedanken seiner Bürger herrisch einzugreifen? Und sind nicht jene »für die Gesamtheit unentbehrlichen« gemeinsamen Werke, wozu der Bürger gezwungen werden muß, nach Zeit und Ort von grundverschiedener Art? Eine absolute Schranke für die Staatsgewalt gibt es nicht. Es bildet das größte Verdienst der modernen Wissenschaft, daß sie die Politiker gelehrt hat, nur mit Beziehungsbegriffen zu rechnen. Jeder Fortschritt der Gesittung, jede Erweiterung der Volksbildung macht notwendig die Tätigkeit des Staates vielseitiger. Auch Nordamerika erfährt diese Wahrheit; auch dort sind Staat und Gemeinde gezwungen, in den großen Städten eine mannigfaltige Wirksamkeit zu entfalten, deren der Urwald nicht bedarf. Der vielgerühmte Voluntarismus, die Tätigkeit freier Privatgenossenschaften, reicht schlechterdings nicht überall aus, um den Bedürfnissen unserer Gesellschaft zu genügen. Das Netz unseres Verkehrs hat so enge Maschen, daß sich notwendig tausend Kollisionen der Rechte und der Interessen ergeben; in beiden Fällen hat der Staat die Pflicht, als eine unparteiische Macht versöhnend und vorbeugend einzuschreiten. Desgleichen entstehen in jedem hochgesitteten Volke große Privatmächte, welche tatsächlich den freien Wettbewerb ausschließen; der Staat muß ihre Selbstsucht bändigen, auch wenn sie nicht die Rechte Dritter verletzt. Das englische Parlament befahl vor einigen Jahren den Eisenbahngesellschaften, nicht bloß für die Sicherheit der Reisenden zu sorgen, sondern auch eine gewisse Anzahl sogenannter parlamentarischer Züge mit allen Wagenklassen für den gewöhnlichen Preis abgehen zu lassen. Niemand wird in diesem Gesetze, das den niederen Ständen das Reisen ermöglicht, eine Überschreitung der vernünftigen Grenzen der Staatsgewalt finden. Wer aber im Staate nur eine Sicherheitsanstalt sieht, kann diese Maßregel nur mit Hilfe einer sehr künstlichen und haltlosen Schlußfolgerung verteidigen. Denn wer hat ein Recht, zu verlangen, daß er für drei Schillinge von A nach B befördert werde? Die Eisenbahngesellschaft besitzt ja kein rechtliches Monopol, und es steht jedem frei, eine Parallelbahn zu bauen! Nein, der moderne Staat darf auf eine ausgedehnte positive Tätigkeit für die Wohlfahrt des Volkes nicht verzichten. In jedem Volke gibt es geistige und materielle Güter, ohne welche der Staat nicht bestehen kann. Der konstitutionelle Staat setzt ein hohes Durchschnittsmaß der Volksbildung voraus; nimmermehr mag er dem Belieben der Eltern überlassen, ob sie ihren Kindern den notdürftigsten Unterricht gewähren wollen; er bedarf des Schulzwanges. Der Kreis dieser für das Dasein der Gesamtheit notwendigen Güter erweitert sich unvermeidlich mit der zunehmenden Gesittung. Wer möchte im Ernst unseren Staaten ihre kostbaren Kunstanstalten schließen? Wir alten Kulturvölker werden doch nicht in die rohe Vorstellung zurückfallen, welche in der Kunst einen Luxus sieht; sie ist uns wie das tägliche Brot. In der Tat, der Ruf nach äußerster Beschränkung der Staatstätigkeit wird heute von der Theorie um so lauter erhoben, je mehr die Praxis, auch in freien Ländern, ihm widerspricht. Im Kampfe mit einer alles umfassenden Staatsgewalt, welche die Gesellschaft nicht leiten, sondern ersetzen möchte, ist unter dem zweiten Kaiserreiche die Schule der Tocqueville, Laboulaye, Ch. Dollfus groß geworden, welche ihrerseits über das Ziel hinausschlägt und im Staate nur eine Schranke, eine unterdrückende Gewalt sieht. Auch Mill ist beherrscht von der Meinung, je größer die Macht des Staates, desto geringer die Freiheit. Der Staat aber ist nicht der Feind des Bürgers. England ist frei, und doch hat die englische Polizei eine sehr große diskretionäre Gewalt und muß sie haben: genug, wenn der Bürger jeden Beamten zur gerichtlichen Verantwortung ziehen darf. Glücklicherweise wirkt dieser steigenden Ausdehnung der Staatsgewalt ein anderes historisches Gesetz entgegen. In demselben Maße als die Bürger reifer werden für die Selbsttätigkeit, in demselben Maße ist der Staat verpflichtet, ja physisch gezwungen, zwar dem Umfange nach vielseitiger, aber der Art nach bescheidener zu wirken. War der unreife Staat ein Vormund für einzelne Zweige der Volkstätigkeit, so umfaßt die Fürsorge des hochgebildeten Staates das gesamte Volksleben, aber er wirkt, soweit möglich, nur anspornend, belehrend, Hindernisse wegräumend. Diese Forderungen also muß ein reifes Volk zur Sicherung seiner persönlichen Freiheit an den Staat stellen: als ein Rechtsgrundsatz ist anzuerkennen das fruchtbarste Ergebnis der metaphysischen Freiheitskämpfe des vergangenen Jahrhunderts, die Wahrheit, der Bürger soll vom Staate nie bloß als Mittel benutzt werden. Sodann: jede Wirksamkeit der Regierung ist segensreich, welche die Selbsttätigkeit der Bürger hervorruft, fördert, läutert; jede von Übel, welche die Selbsttätigkeit der einzelnen unterdrückt. Denn am Ende beruht die ganze Würde des Staates auf dem persönlichen Werte seiner Bürger, und jener Staat ist der sittlichste, welcher die Kräfte der Bürger zu den meisten gemeinnützigen Werken vereinigt und dennoch einen jeden, unberührt vom Zwange des Staats und der öffentlichen Meinung, aufrecht und selbständig seiner persönlichen Ausbildung nachgehen läßt. So stimmen wir in dem letzten Ergebnisse, in dem Verlangen nach dem höchstmöglichen Grade der persönlichen Freiheit, mit Mill und Laboulaye überein, während wir ihre Anschauung vom Staate als einem Gegner der Freiheit nicht teilen. Hier endlich ist uns vergönnt, auszuruhen von der ermüdenden allgemeinen Untersuchung und zu sagen, was denn dies Nachdenken über die persönliche Freiheit für uns bedeute. Das Vorgefühl einer großen Entscheidung zittert durch den Weltteil und legt jedem Volke die Frage nahe, welchen Hort es besitze an der persönlichen Freiheit, der persönlichen Selbständigkeit seiner Bürger. Wir Deutschen zumal können diese Frage nicht umgehen, wir, deren ganze Zukunft nicht auf der gefesteten Macht alter Staaten, sondern auf der persönlichen Tüchtigkeit unseres Volkes beruht. Denn in diesem unseligen, selten verstandenen Zirkel bewegen sich ja die historischen Dinge: nur ein Volk voll starken Sinnes für die persönliche Freiheit kann die politische Freiheit erringen und erhalten; und wieder: nur unter dem Schutze der politischen Freiheit ist das Gedeihen der echten persönlichen Freiheit möglich, da der Despotismus, in welcher Form er auch erscheine, bloß die niederen Leidenschaften, den Erwerbstrieb und den alltäglichen Ehrgeiz entfesseln darf. Sehen wir, wie weit der Sinn für persönliche Freiheit in unserem Volke sich entwickelt habe, so dürfen wir wohl jenen Kleinmut verbannen, womit uns das Betrachten unserer Lage so leicht erfüllt. Auch wir tragen an dem gemeinen menschlichen Fluche, daß die Völker ihrer tiefsten und eigensten Vorzüge sich selten klar bewußt sind. Mit unbegreiflich leichtblütiger Hoffnung redet man von jener gewaltigen Macht, welche »die Million Bajonette« des einigen Deutschlands dereinst vorstellen werde. Und doch, gelingt einst das Werk der nationalen Reform, so wird zwar die Schande ein Ende haben, daß ein großes Volk durch sein Grundgesetz zu der defensiven Politik eines Kleinstaates verurteilt ist; aber unsere Macht wird nach wie vor fürs erste eine ziemlich bescheidene sein. Denn so schnell nicht verharschen die Wunden, welche die Sünden und das Unglück von Jahrhunderten geschlagen. Auch das ist eine Täuschung, wenn man meint, der deutsche Staat werde sofort durch seine inneren Einrichtungen zu einem Musterstaate werden. Freilich, wird unsere nationale Einigung je vollendet, so wird uns nicht länger mehr das empörende Schauspiel verletzen, daß einem gesetzlichen, maßvollen Volke kein Schimpfwort zu roh, kein Witzwort zu bitter scheint für die höchste deutsche Behörde; die Welt wird nicht mehr das Unerhörte sehen, daß die Verfassung des gedankenreichsten der Völker grundsätzlich so unwandelbar bleibt wie der Staat der Chinesen; nicht mehr wird man uns zumuten, das Geschenk unseres Todfeindes, die Souveränität der Einzelstaaten, als ein unantastbares Heiligtum zu verehren; und das deutsche Staatsrecht wird endlich auch von einem deutschen Volke zu reden wissen. Mit einem Worte, will's Gott, so werden Zustände schwinden, welche einem glücklicheren Geschlechte nur wie der wüste Traum eines fieberhaften Kopfes erscheinen werden. Aber wäre damit alles erreicht? Wäre damit mehr erreicht, als daß die Würde des Staats, welche nach dem Verhängnis dieses Volkes in den Teilen früher ausgebildet worden als in dem Ganzen, endlich auch im ganzen Deutschland zu ihrem Rechte gelangte? Erst beginnen würden wir dann, uns als Deutsche in jenen Formen der politischen Freiheit zu bewegen, welche andere Völker bereits seit Jahrhunderten ausgebildet haben. Dagegen unterschätzt man neuerdings ebenso leichtsinnig das köstlichste und eigentümlichste Besitztum unseres Volkes, jene Tugend, welche uns bisher trotz aller politischer Schmach noch immer vor der Verachtung der Fremden bewahrt hat, und welche, wenn wir das einige Deutschland je erschauen, den deutschen Staat zu einer völlig neuen Erscheinung in der politischen Geschichte machen wird: die unausrottbare Liebe des Deutschen zur persönlichen Freiheit. Gar mancher wird hier lächeln und uns die bittere Frage einwerfen: wo denn die Früchte dieser Liebe seien? Und gewiß, errötend stehen wir vor jener stattlichen Reihe von rechtlichen Schutzwehren, welche die angelsächsische Rasse ihrer persönlichen Freiheit errichtet hat. In einer langen Zeit der Entwürdigung hat der deutsche Charakter sehr, sehr viel verloren von jener einfachen Großheit, die unser Mittelalter zeigt. Wer die Geschichte des Deutschen Bundes näher kennt, muß tief beschämt gestehen: Tausende, viele Tausende niederträchtiger Denunziantenseelen und noch weit mehr untertänige Leisetreter hat dies edle Volk erzeugt während zweier Menschenalter. Doch wer das Volksleben als ein Ganzes überschaut, entdeckt notwendig Spuren der Kraft und Gesundheit, welche ihm die gehässige Verbitterung des Urteils verbieten. Wenn wir, wohin wir treten in der Fremde, der Kälte oder einem noch tiefer verletzenden Mitleid begegnen, so dürfen wir uns wohl jeder Anerkennung unserer staatlichen Befähigung freuen, welche uns, aufrichtig weil unwillkürlich, aus fremdem Munde gespendet wird. Mill ist weit davon entfernt, unser Volk zu vergöttern; er fühlt, wie man ihm nicht mit Unrecht nachgesagt, im stillen seine nahe Verwandtschaft mit dem deutschen Genius, aber er fürchtet die Schwächen unseres Wesens, er vermeidet geflissentlich zu tief in die deutsche Literatur einzudringen und hält sich an französische Muster. Und derselbe Mann gesteht: in keinem anderen Lande außer Deutschland allein ist man fähig, die höchste und reinste persönliche Freiheit, die allseitige Entwicklung des Menschengeistes zu verstehen und zu erstreben! Unsere Wissenschaft ist die freieste der Erde, sie duldet einen Zwang weder von außen noch von innen; ohne jede Voraussetzung sucht sie die Wahrheit, nichts als die Wahrheit. Die Rechthaberei unserer Gelehrten ward sprichwörtlich, doch sie verträgt sich sehr wohl mit der unbefangenen Anerkennung der wissenschaftlichen Bedeutung des Gegners. Trotz des Kastengeistes, der auch unter unseren Gelehrten spukt, darf ein freier Kopf, der auf seinem eignen Wege, nicht auf dem breitgetretenen Pfade der Schule, zu bedeutenden Ergebnissen gelangt, mit Sicherheit zuletzt auf warme Zustimmung zählen. Der rücksichtslosesten polizeilichen Bevormundung, welche deshalb um so schwerer drückt, weil sie im engsten Kreise und von unnatürlichen Mittelpunkten herab wirkt, ist trotz alledem nicht gelungen, den Drang des Deutschen nach persönlicher Eigenart zu brechen. Daß in allen Fragen des Gewissens ein jeder für sich selbst allein stehe, ist eine Überzeugung, welche bereits in den untersten Schichten dieses Volkes feste Wurzeln geschlagen. In Zwergstaaten, die jedes anderen Volkes Charakter bis zum Unkenntlichen verkümmern müßten, predigt man der Jugend das Ideal freier Menschenbildung: den rücksichtslosen Wahrheitstrieb, das Werden des Charakters aus sich selbst heraus, harmonische Ausbildung aller menschlichen Gaben. Und wie notwendig Freiheit und Duldung Hand in Hand gehen, so ist auch nirgendwo die Milde gegen Andersdenkende so heimisch wie bei uns; wir haben sie gelernt in der harten Schule jener Religionskriege, welche dies Volk zum Heile der ganzen Menschheit gefochten hat. Und auch der edelste Segen der inneren Freiheit ist uns geworden: das schöne Maß. Die verwegensten Gedanken über die höchsten Probleme, die den Menschen quälen, sind von Deutschen gedacht, aber nie findet sich bei unseren großen Denkern eine Spur jener fanatischen Verbissenheit, welche die kühnen Köpfe unfreier Völker entstellt: ein Mann, der über das Christentum das écrasez l'infame gesprochen, hätte bei uns nie als ein Heros des Geistes gelten können. Die menschliche Achtung vor allem Menschlichen ward dem Deutschen zur anderen Natur. Darum stehen, trotz alles Ständehaders, der unser Land zerfleischt hat, die Volksklassen in Deutschland in Sitten und Gedanken einander näher als in Ländern mit freieren Staatsformen. Man sieht dem Deutschen nicht so rasch, wie dem Russen oder dem Briten, von fernher an, wes Volkes Kind er sei, aber wir sind von jeher reich gewesen an eigenartigen Charakteren. Und weil das Volk sich die Freiheit seiner persönlichen Bildung niemals hat rauben lassen, so ruht in seinen Tiefen ein ungehobener Schatz starker nachhaltiger Leidenschaft, den dann und wann ein einsichtiger Fremder, ein Capodistrias, eine Frau von Staël, bewundernd erkannte. Was deutsche Leidenschaft bedeute, das wird jeder begreifen, der deutsche Dichtungen mit romanischen oder englischen aus der Zeit nach der Puritanerherrschaft vergleichen will: sie hat sich noch an allen Wendepunkten unserer Geschichte glorreich bewährt. Das ist der Segen der persönlichen Freiheit. Und glaube keiner, daß das freie wissenschaftliche Schaffen der Deutschen den bestehenden Staatsgewalten als ein willkommener Blitzableiter diene. Jeder geistige Erwerb, dessen ein Volk sich rühmen darf, wirkt hinüber auf das staatliche Leben, ist ein Unterpfand mehr für seine politische Größe. Jederzeit wird unter selbstgefälligen Fachgelehrten die Rede gehen, die Wissenschaft habe nichts zu schaffen mit dem Staate: die echten Größen der Wissenschaft denken anders. Man lese die Briefe von Gottfried Hermann und Lobeck. Unwiderstehlich werden die beiden großen Philologen, beide durchaus unpolitische Naturen, in den Kampf um die politische Freiheit hineingezogen; wie tapfer streiten sie bald mit attischem Witze, bald mit mutigem Zornwort, bald mit entschlossener Tat gegen die tenebriones ! Die Welt ringt nach Freiheit, und es bleibt in alle Wege unmöglich, auf dem einen Gebiete dem Lichte zu dienen, auf dem anderen der Finsternis. Vor wenigen Jahrzehnten noch bildeten die Männer der klassischen Gelehrsamkeit unzweifelhaft die geistige Aristokratie unseres Volkes. Dies Verhältnis beginnt sich zu ändern, denn wenn auch für wahrhaft vornehme Naturen die klassische Bildung eine unersetzlich segensreiche Schule bleibt, so steht doch der gemeine Durchschnitt der studierten Leute heute den Kaufleuten, den Technikern weit nach: der gebildete Gewerbtreibende beherrscht in der Regel einen weiteren Horizont, er ist unabhängiger in seinem Denken, und ihn beseelt das stolze Bewußtsein, der Zivilisation eine Gasse zu brechen, welches dem kleinen Theologen und Juristen gänzlich fehlt. Immerhin läßt Deutschlands neueste Geschichte klar erkennen, daß wir von dem geistigen Schaffen langsam zur politischen Arbeit übergehen. Der Trieb des freien genossenschaftlichen Zusammenwirkens, der in diesem Jahrhundert alle Völker ergreift, zeigte sich bei uns zuerst lebhaft auf dem Gebiete der Wissenschaft und Kunst: unsere Kunstvereine, Gelehrtenversammlungen, Liederfeste sind älter als die verwandten Erscheinungen bei fremden Völkern, während unsere politischen und wirtschaftlichen Vereine dem Beispiele der Nachbarn erst nachhinken. So steht denn auch mit Sicherheit zu erwarten, daß die freie und allseitige Bildung, der selbständige Wahrheitsmut der deutschen Gelehrten rückwirken wird auf die gesamte Nation. Neigung und Fähigkeit zur Selbstverwaltung sind bei uns in reichem Maße vorhanden. Städte wie Berlin und Leipzig stehen mit der Rührigkeit ihrer Verwaltung, mit dem Gemeinsinn ihrer Bürger den großen englischen Kommunen mindestens ebenbürtig gegenüber. Und wie viel Begabung und Lust zur echten persönlichen Freiheit in unserem vierten Stande wohnt, das offenbart sich klarer von Jahr zu Jahr in den Arbeitergenossenschaften. Ein Volk, das, kaum auferstanden aus dem namenlosen Jammer der dreißig Jahre, die frohe Botschaft der Humanität, der echten Freiheit des Geistes, an alle Welt verkündet hat – ein solches Volk ist nicht dazu angetan, gleich jenen verdammten Seelen der Fabel, in Ewigkeit in der Nacht zu wandeln, suchend nach seiner leiblichen Hülle, seinem Staate. Es ist unser Los – und wer darf sagen: ein trauriges Los? –, daß die innere Freiheit bei uns nicht als die feinste Blüte der politischen Freiheit zu Tage tritt, sondern den festen Grund bildet, auf welchem ein freier nationaler Staat sich erheben wird. Und wessen leidenschaftlicher Ungeduld der verschlungene Werdegang dieses Volkes gar zu langsam scheinen will, der soll sich erinnern, daß wir das jugendlichste der europäischen Völker sind, der soll sich des Glaubens getrösten: kommen wird die Stunde, da mit größerem Rechte als Virgil von seinen Römern ein deutscher Dichter von seinem Volke singen wird: tantae molis erat Germanam condere gentem . Es mag heute vielen wie Prahlerei klingen, aber die Zukunft ist nicht fern, da ein Deutscher den Schriften Mills und Laboulayes ein Buch entgegenstellen wird, welches das Wesen der Freiheit, der politischen und der persönlichen, tiefer, lebensvoller darstellt als jene beiden. Betrachten wir noch einige Lebensfragen der persönlichen Freiheit, deren Lösung zumeist der Sittlichkeit jedes einzelnen in die Hand gegeben ist. Mills Grundsatz: »in allen Dingen, die nur des einzelnen Heil berühren, soll jeder nach seiner eigenen Willkür handeln dürfen«, ist eben wegen seiner Einfachheit und Dehnbarkeit unanfechtbar. Einzig auf dem religiösen Gebiete hat er sich uneingeschränkte theoretische Anerkennung erobert, weil hier nicht bloß keine Partei einen vollständigen Sieg erfochten hat, sondern in Wahrheit unversöhnliche Gegensätze einander gegenüberstehen. Aber wie weit sind wir stolzen Kulturvölker selbst auf diesem einen Felde noch von echter Duldsamkeit entfernt! Welch schwere Anklagen muß Mill hier gegen seine Landsleute erheben! Nicht genug, daß das Gesetz jeden ehrlichen Ungläubigen, der den christlichen Eid nicht leisten will, des gerichtlichen Schutzes beraubt. Wo das Gesetz milder geworden, erhebt sich der finstere Fanatismus der Gesellschaft, besteht mit jüdischer Härte auf der puritanischen Feier des Sabbats, drückt dem ehrlichen Freidenker das soziale Brandmal auf die Stirn, welches tiefer schmerzt als alle Strafen des Staates, macht ihn brotlos und ächtet ihn aus den Kreisen der Bildung und der seinen Sitte. Und wie vieles ließe sich noch sagen gegen jene Engherzigkeit, welche die freie Bewegung des Menschengeistes in Ewigkeit einzwängen will in den beschränkten Gedankenkreis der standard works of theology ! Und haben wir Deutschen ein Recht, bloß mit pharisäischem Behagen dieser Schilderung englischer Unfreiheit zu lauschen? Auch unser Staat ist aus seiner theokratischen Epoche noch nicht gänzlich herausgetreten; noch sehr vielen unserer Gesetze steht auf der Stirn geschrieben, wie unendlich mühsam die Ideen der Toleranz dem unduldsamen Staate und der noch unduldsameren Macht geschlossener Kirchen abgerungen werden mußten. Auch in der Gesellschaft lebt noch weit mehr Unduldsamkeit und – was desselben Dinges Kehrseite ist – weit mehr religiöse Feigheit, als dem Volke Herders und Lessings geziemt. Wer irgendeinen Begriff davon hat, in welcher ungeheuren Ausdehnung der Glaube an die Dogmen der christlichen Offenbarung dem jüngeren Geschlechte geschwunden ist, der kann nur mit schwerer Sorge beobachten, wie gedankenlos, wie träge, ja wie verlogen Tausende einem Lippenglauben huldigen, der ihren Herzen fremd geworden. Nur die wenigsten haben nachgedacht über die grobe Unwahrheit der juristischen Fiktion, in welcher Staat und Kirche bei uns dahinleben, der Annahme: jeder bekennt sich zu dem Glauben, worin er geboren ist. Wie jedes staatliche Übel die Sitten der Bürger berührt, so hat auch die lange unselige Gewohnheit, vor dem Staate zu schweigen und sich zu beugen, entsittlichend eingewirkt auf das religiöse Verhalten des Volkes. Die Furcht vor einer streng gläubigen Behörde, ja die Furcht vor dem Nasenrümpfen der sogenannten guten Gesellschaft reicht hin, unzählige zum Verleugnen ihres Glaubens zu bewegen. In den vornehmen Klassen ist man stillschweigend übereingekommen, gewisse hochwichtige religiöse Fragen nie zu berühren, und so träumen der Gebildeten viele dahin, welche mit Absicht den Kreis ihrer Gedanken verengern, sich grundsätzlich ihres Rechtes begeben, über religiöse Dinge zu denken. In erschreckender Stärke wuchert auf dem religiösen Gebiete der Geist der Unwahrhaftigkeit. Geheime Worterklärungen, Mentalreservationen allerart zwingt man dem widerstrebenden Denken auf; damit gepanzert, geht man hin, teilzunehmen an kirchlichen Gebräuchen, deren eigentlichen Sinn man verwirft. Ganze Richtungen der Theologie, mächtige Zweige des vulgären Rationalismus hängen mit diesem Triebe zusammen: man leugnet die Dogmen der Offenbarung, aber man leiht den alten Worten einen fremden Sinn, statt mannhaft dem Widerwillen der trägen Welt zu trotzen und offen ein Band zu lösen, das für die Seelen nicht mehr besteht. Doch wie? Ist dies Geschlecht wirklich so tief gesunken? Steht es so gar jämmerlich um die innere Freiheit der Menschen, wie es nach diesen bedenklichen und unleugbaren Erscheinungen der Gegenwart scheinen sollte? Man muß sehr unerfahren sein in den Geheimnissen der Menschenbrust, um auf einem Gebiete, das der unberechenbaren Macht der Selbsttäuschung einen unermeßlichen Spielraum gewährt, einfach mit den Vorwürfen der Lüge und der Gleisnerei hervorzutreten. Und noch weniger wird ein besonnener Kenner der Geschichte die schlichtfriedliche Anhänglichkeit an die Gebräuche der Väter kurzerhand als Trägheit verdammen. Denn die ganze Bewegung der Geschichte besteht in einer fortwährenden Ausgleichung und Versöhnung zwischen den gleichberechtigten Mächten des Beharrens und der fortschreitenden Geistesfreiheit. Wirklich erklärt aber wird die befremdende Tatsache, daß in diesen hellen Tagen der Kritik der große Mittelschlag der Menschen am Leben der Kirche mit offenbar geringerer geistiger Regsamkeit teilnimmt, als vor dreihundert Jahren, nur durch die andere Tatsache, daß die helleren Köpfe unseres Volkes dem religiösen Meinungsstreite bereits entwachsen sind. Und dies gerade verbürgt uns den schließlichen unvermeidlichen Sieg der Ideen der Duldung, der inneren Freiheit. Nur wenige unserer Denker sind erfüllt von Verbitterung gegen das, was sie den falschen Idealismus der Theologen nennen. Die meisten leben der klaren, ruhigen Meinung: wie gebrechlich immer die Einrichtung der Welt, so gebrechlich ist sie nicht, daß der sittliche Wert des Menschen von Dingen abhängen sollte, die ein fester Wille, ein besonnenes Denken nicht bemeistern kann. Sie haben erfahren, daß von allen Meinungskämpfen allein der Streit über religiöse Fragen notwendig zur Verbitterung und Gehässigkeit führt. So sind sie zu jener Auffassung der Religion emporgehoben worden, welche allein eines freien Mannes würdig ist. Sie erkennen: religiöse Wahrheiten sind Gemütswahrheiten, für den Gläubigen ebenso sicher, ja noch sicherer, als was sich messen und greifen läßt, doch für den Ungläubigen gar nicht vorhanden; die Religion ist ein subjektives Bedürfnis des schwachen Menschenherzens und eben darum kein Gegenstand des Meinungskampfes. Denn über des Menschen sittliche Würde entscheidet nicht, was er glaubt, sondern wie er glaubt. Allzuoft haben wir erlebt, wie ein und derselbe Glaube den einen zum Größten begeisterte, den anderen in widrige Gemeinheit stürzte. Über diese Fragen denken die kühneren Geister der Gegenwart radikaler, als das achtzehnte Jahrhundert. Die Philosophen jener Epoche meinten zumeist, ohne Glauben an Gott und Unsterblichkeit bestehe echte Tugend nicht. Die Gegenwart bestreitet dies, sie erklärt rund und nett: die Sittlichkeit ist unabhängig vom Dogma. Wir haben inzwischen gelernt, wie grundverschiedene Dinge unter dem Namen der Unsterblichkeit begriffen werden. Daß, wie wir das Schaffen großer Männer und ganzer Völker handgreiflich fortwirken sehen von Geschlecht zu Geschlecht, so auch der schwächste Sterbliche ein notwendiges Glied ist in der großen Kette der Geschichte, daß darum keine unserer Taten ganz verloren geht, keine wieder zu vertilgen ist durch äußerliche Buße – dieser Gedanke ist allerdings die Grundlage jeder streng gewissenhaften Sittlichkeit. Diese Unsterblichkeit soll der Mensch – nicht glauben, denn wer darf beim Glauben von einem Sollen reden? – sondern ernst und klar erkennen. Wer den Mut dazu nicht findet, wird durch die Unsicherheit seines sittlichen Verhaltens die Buße zahlen. Wie anders der Glaube an ein bewußtes Dasein nach dem Tode! Unser Wissen über diese Frage bleibt bisher noch unzureichend, sie fällt noch nicht in das Gebiet des Erkennens, und ebendeshalb hat die Überzeugung von einer Fortdauer nach dem Tode mit unserem Glücke, unserer Tugend an sich nicht das mindeste gemein. Für schwache oder gemeine Naturen kann der Glaube an ein Jenseits ebensowohl eine Quelle der Unsittlichkeit werden wie das Leugnen derselben. Wenn es Menschen gibt, welche zugleich mit dem Glauben an die Unsterblichkeit der christlichen Dogmatik jede Lebensfreude, jeden sittlichen Halt verlieren würden, so leben auch unsittliche Asketen, welche über den entnervenden Träumen von der besseren Welt des Menschen erste Pflicht, die werktätige Liebe gegen den Nächsten, verabsäumen. Nein, unser Urteil über den Menschen und seinen Glauben hängt allein ab von der Frage, ob sein Glaube harmonisch und notwendig aus seinem innersten Wesen heraus sich gebildet habe, ob er in der Tat und in Wahrheit sagen dürfe: »das ist mein Glaube.« Jede Überredung kann wohl auf die Erkenntnis, doch schwerlich auf den Willen wirken, kann zwar den Inhalt des Glaubens ändern, aber selten oder nie das Wesentliche, die Form der Überzeugung. Von dieser Erkenntnis werden sich die freieren Köpfe der Gegenwart auch durch die scheinbarsten Gegengründe nicht abbringen lassen. Man sagt wohl: was ein Mensch glaubt, übt doch unmittelbaren Einfluß auf seine Tugend; wer sich das Jenseits mit rohem, begehrlichem Sinne ausmalt und für jede Liebestat hier unten ein noch reicheres Geschenk droben erwartet, der kann unmöglich, wenn er folgerichtig handelt, ein wahrhaft sittlicher Mensch sein. Gewiß, wenn er folgerichtig handelt! Aber nur die wenigsten sind dazu im stande; und wer nicht Herzen und Nieren prüfen kann, der soll diese geheimen Tiefen der Herzen seiner Nebenmenschen nicht ergründen wollen, sondern ruhig erklären: dies Gebiet des Glaubens ist ein Reich absoluter Freiheit. Solcher Einsicht voll hat sich ein großer Teil der Denkenden von jedem religiösen Meinungsstreite zurückgezogen. Und es zählte diese Ansicht, welche sich mit jedem religiösen Bekenntnisse sehr wohl verträgt, ihre stillen Anhänger bereits nach Tausenden. Denn wer unter unseren Freidenkern ist so roh, daß er lachen sollte, weil ein Geist wie Stein an den geschmacklosen Verslein des alten Gleim sich erbauen konnte? Wer, wie verwegen oder bescheiden seine religiösen Begriffe seien, sollte nicht vielmehr seine bewundernde Lust haben an einem Glauben, der den Gläubigen mit so unerschütterlicher Festigkeit des Gemütes segnete? – Diese humane Auffassung der Religion entbehrt offenbar des Triebes, neue kirchliche Genossenschaften zu gründen, sie sieht in dem Christentume das unvergleichlich wichtigste Element der modernen Kultur, aber doch nur ein Kulturelement, das mit anderen des antiken Heidentums sich vermischen und vertragen muß. Täuschen wir uns nicht, die Kultur der Gegenwart ist durch und durch weltlich. Die Kirche, weiland der Bannerträger der Gesittung, ist heute unzweifelhaft ärmer an geistigen Kräften als der Staat, die Wissenschaft, die Volkswirtschaft. Durch jahrhundertelange Arbeit ist ein Schatz weltlicher Kenntnis und Erkenntnis aufgestapelt worden, welcher alle Denkenden in schönem Frieden verbindet und sicherlich weit bedeutsamer ist als jene Dogmen, welche die Menschen trennen. Der deutsche Katholik – wenn er nicht zu dem kleinen herrschsüchtigen Kreise derer zählt, welche sich als »römische Bürger« gebärden – unser Katholik steht dem deutschen Protestanten auch in seinen religiösen Vorstellungen näher als dem spanischen Katholiken. Die ungeheure Mehrzahl der Menschen lebt heute unbefangen ihren endlichen Zwecken, und sie hat darum nichts an Sittlichkeit verloren, denn im irdischen Wirken erprobt sich die echte Tugend. Dieser Weltsinn der modernen Welt bricht endlich jedem konfessionellen Fanatismus die Spitze ab. Wie oft haben eifrige Protestanten versichert, es sei unmöglich eine Kirche im Staate zu dulden, welche sich für die alleinseligmachende ausgibt; und wie wenig hat die Erfahrung dies bestätigt! Wohl zeigt das kirchliche Leben der Gegenwart so ungeheure Gegensätze, daß sorgenvolle Gemüter verzweifelnd fragen, wie so grundverschiedene Bestrebungen sich je versöhnen sollen. Abermals träumt der Stuhl von Rom von den Tagen, da die weite Erde römisch sein wird, er gründet von neuem jene Bistümer, welche die Reformation beseitigt hat, er verkündet ungescheut die ungeheuerlichen Grundsätze heidnischen Gewissenszwanges. Und zur selben Zeit schreitet eine mächtige Richtung des Protestantismus bereits weit über Luther und Calvin hinaus, sie stellt die verhängnisvolle Frage, wie es denn mit jenen heiligen Schriften stehe, welche von den Reformatoren als eine Offenbarung anerkannt wurden. Wer tiefer blickt, wird trotzdem auf eine Versöhnung hoffen. Sie ist möglich, aber nicht auf kirchlichem Boden. Schon heute ist von dem unvergänglichen Kerne des Christentums bei den Weltlichen mehr zu finden als in der Kirche. Die christliche Liebe vornehmlich lebt unter den vielgescholtenen Ungläubigen häufiger als unter den Geistlichen. An dem großen Werke der jüngsten hundert Jahre, an der Befreiung des Menschen von tausend Schranken unchristlicher Willkür, hat die Kirche gar keinen Anteil genommen. Die Verteidiger der Kirche beanspruchen das Vorrecht, auch die beste Sache durch die unvergleichbare Gemeinheit ihrer Verteidigungsmittel zu verderben. Und diese Erscheinung wird nach menschlichem Ermessen fortdauern. Mehr und mehr wird der sittliche Gehalt des Christentums von weltlichen Händen ergründet und ausgebildet werden, und mehr und mehr wird sich herausstellen, daß geschlossene Kirchen den geistigen Bedürfnissen reifer Völker nicht genügen. So besteht außerhalb der Kirche ein hochwichtiges, tiefbewegtes religiöses Leben, welches voraussichtlich nie zu einer neuen Kirche sich zusammenschließen wird. Und weil von den fortschreitenden regsamen Geistern, welche allein Bewegung bringen in das geistige Leben, eine große Zahl die Hallen der Kirchen nicht mehr betritt, eben deshalb treibt in der Kirche die gedankenlose Trägheit, die beschränkte Unduldsamkeit ein so arges Wesen, ebendeshalb gehen Staat und Kirche dahin in dem behaglichen Wahne, daß unser Volk noch immer aus lauter gläubigen Katholiken, Protestanten, Juden bestehe. Eine lange Frist mag noch verfließen, bis die humane Auffassung der Religion so allgemein und unwiderstehlich geworden, daß die Fiktion, der sittliche Mensch müsse einer Kirche angehören, aus unseren Gesetzen verbannt werden kann. Bis dahin bleibt uns noch ein unermeßliches Feld der Arbeit offen, des Kampfes gegen die unduldsame Herrschaft der Gesellschaft und gegen die theokratischen Überlieferungen der Staaten, auf daß endlich die persönliche Freiheit des Menschen zu ihrem unveräußerlichen Rechte gelange. Die völlige Ungebundenheit, welche hier für die religiösen Anschauungen gefordert ward, ist nicht minder unerläßlich für alle anderen menschlichen Meinungen als solche. Denn unter jeder, politischen oder sozialen, Unterdrückung des Denkens leidet nicht bloß der einzelne von dem Banne der Gesellschaft Betroffene, sondern das gesamte Menschengeschlecht. Eine entscheidende Gewalt steht der Mehrheit der Gesellschaft überhaupt nur da zu, wo der Drang der Not einen Entschluß, eine Tat verlangt, also in allen politischen Geschäften. Die Wahrheit aber darf sich Zeit nehmen auf ihrem erhabenen Gange, sie dient nicht dem Augenblicke: darum unterliegt sie nicht dem Belieben der Gesellschaft. Keine Kunst der Rede hat je vermocht, den ketzerrichterlichen Geist zu bemänteln, der aus der Behauptung redet, die Gesellschaft habe das Recht, zwar nicht die Wahrheit, wohl aber die Gefährlichkeit der Meinungen zu prüfen. Ist einmal der Staat den rohen Formen der Theokratie, der Massen-Aristokratie entwachsen, hat er einmal die persönliche Freiheit des Bürgers im Grundsätze anerkannt, so hilft kein Sträuben mehr, so muß er auch ganz und mit allen Folgerungen das Recht des freien Denkens gewähren, das den Menschen erst zum Menschen macht. Denn bei der grenzenlosen Macht der Trägheit in der Welt ist die Gefahr, daß eine vor der Zeit verkündete Wahrheit die Ruhe der Gesellschaft störe, verschwindend klein gegen die andere Gefahr, daß auch nur Ein wahrer Gedanke infolge von Gewalt wieder verschwinde. Wir prahlen so gern mit dem reißend schnellen Fortschreiten der Gesittung. Dies Lob ist berechtigt, wenn wir die Gegenwart mit anderen Epochen vergleichen. Wer aber die Menschengeschichte im ganzen überschlägt, kommt zu der schwermütigen Betrachtung, wie schwer das Leben ist, wie unendlich langsam die Welt vorwärts schreitet. Schaut sie an, die hessische Bäuerin, wie sie dahingeht im selbstgewebten Linnenkleide, ihr Kind auf den Rücken gebunden, das Haar auf dem Wirbel in einen Knoten geflochten. Wie weniges von dem, was dieses Weib umgibt und ihr Hirn beschäftigt, ist wirklich neu, und wie viel mehr davon war schon ebenso vor tausend Jahren! Oder man blicke auf die Entwicklung der Wissenschaften: alle die einfachsten Grundgesetze, welche den Nachlebenden selbstverständlich erscheinen, sind erst nach langer Mühsal gefunden. Wie viele Millionen Äpfel mußten zur Erde fallen, bevor Newton das Gesetz der Schwere entdeckte! Und in welchen künstlichen Irrlehren hat die Volkswirtschaftslehre sich abgemüht, indem sie bald das Metallgeld, bald die Grundstücke für den einzigen Bestandteil des Volkswohlstandes erklärte, bis endlich die neueste Zeit den trivialen Satz fand, daß jede Tätigkeit, welche neue Werte erzeugt, das Volksvermögen vermehrt! Wer solches erwägt, kann nur mit Lächeln der Besorgnis gedenken, es könnte je zu hell werden unter uns blöden Sterblichen! Und ist es denn wahr, daß die freie Forschung jemals die Ruhe der Gesellschaft gewaltsam erschüttert habe? Nein, wo immer die Menschen um Meinungen sich zerfleischten, da geschah es, weil das unterdrückte Denken mit leidenschaftlicher Wildheit das alte Joch zerbrach. Lassen wir uns ja nicht einwiegen in trügerische Sicherheit von der immer wieder nachgebeteten Lehre, daß der Wahrheit eine Allmacht innewohne, welche ihr aller Verfolgung zum Trotz immer wieder zum Siege verhelfe. Was ist, in solcher Allgemeinheit hingestellt, ein gefährlicher Irrtum. Nicht sie freilich irrten, die Sokrates, Hus, Hutten und wie sie sonst heißen, die gewaltigen Dulder, welche noch in letzter Qual die Unsterblichkeit der Wahrheit verkündeten. Denn es gibt eine vornehme Höhe des Geistes, von welcher herab dem Sterblichen vergönnt ist, die Schranken der Zeit lächelnd zu überblicken. Gewiß, eine Wahrheit, welche heute erst einen einsamen verachteten Denker in seinem Kämmerlein mit seliger Freude durchschauert, irgendwo und irgendwann wird sie dereinst von den Dächern gepredigt werden, auch wenn er sie schweigend in sein Grab nahm. Dies leugnen hieße an der göttlichen Natur der Menschheit verzweifeln. Wir aber, die wir in der Zeit leben, sollen ernsthaft dem rechten Sinne des zweideutigen Wortes nachforschen, daß jedes Volk seine geistigen und leiblichen Bedürfnisse auf die Dauer wirklich befriedige. Das jagt in Wahrheit nur: von den unvergänglichen menschlichen Gütern, an Freiheit, Wahrheit, Schönheit, Liebe erwirbt jedes Voll genau so viel, als es durch eigene Kraft zu erringen und zu bewahren weiß. Ganze Jahrhunderte, ganze Völker kamen und gingen, welche große, fruchtbare Wahrheiten fanden, aber nicht zu bewahren wußten in dem harten Kampfe mit den Mächten der Trägheit und der Lüge. Wandelt es nicht noch unter uns, jenes Haus Habsburg, dessen gesamte Geschichte mit unvergeßlichen Zügen verkündet, wie die Macht der rohen Gewalt ein Herr werden kann über den Geist? Darum sollen wir wachen und streiten, daß die Wahrheit, welche nur für die ganze Menschheit unverlierbar ist, jetzt und hier, in dieser Spanne Zeit, unter dieser Handvoll Menschen, die wir unser nennen, zur Geltung gelange und ihrer Freiheit genieße. Aber warum in unseren aufgeklärten Tagen solche Gemeinplätze? Ist nicht ein uraltes Kleinod unseres Volkes, sind nicht die deutschen Hochschulen recht eigentlich auf dieser Freiheit der Meinung begründet, für das Platzen der Geister aufeinander geschaffen? So höre ich manchen erwidern. Mich aber gemahnt es an ein böses Wort, das ein geistvoller deutscher Gelehrter einst zu mir sprach – und er meinte, etwas sehr Freisinniges zu sagen –: »ich achte und dulde jede Meinung, nur nicht die verderbliche Lehre eines Moleschott.« Nun, solange wir noch nicht gelernt haben, all die Phrasen von »gottloser Meinung« aus unserem Wörterbuche zu streichen und auf jenes unselige »nur diese Meinung nicht« gänzlich zu verzichten, so lange lebt in uns noch, ob auch in milderer Form, der fanatische Geist jener alten Eiferer, welche fremde Meinungen nur deshalb erwähnten, um zu beweisen, daß ihre Urheber sich gerechte Ansprüche auf den Höllenpfuhl erworben hätten. Gereicht es etwa dem Lande Lessings zur Ehre, daß keine deutsche Hochschule sich getraut, einen David Strauß in ihren Hallen zu dulden? Auch in Deutschland gibt es (obwohl gottlob weniger als in England) sittliche Fragen von höchster Bedeutung, über denen »der tiefe Schlummer einer fertigen Meinung« – das will sagen: einer verblaßten, gehaltlosen, leblosen Meinung – brütet, welche die gute Gesellschaft niemanden laut besprechen läßt. Hat aber einmal die schleichende Macht der sozialen Unduldsamkeit Boden gewonnen, so erweitert sich unter der Hand der Kreis der Dinge, worüber nicht mehr geredet wird! – Solange Menschen leben, werden jene kühnen Denker nicht aussterben, deren bitteres Los es ist, daß ihre Lehren derweil sie leben verkannt, bald nach ihrem Tode trivial gescholten werden. Vor dem einen aber kann und soll die reifende Gesittung der Menschheit ihre bahnbrechenden Geister bewahren: vor der Schmach, daß als Gotteslästerer und unsittliche Menschen geschmäht werden, die von der Lust des Denkens nicht lassen wollen. Wie leicht läßt sie sich aufstellen, wie unwiderleglich verteidigen, diese Forderung einer vollkommenen Duldsamkeit der Gesellschaft gegen jegliche Meinung, und doch wie unendlich schwer ist sie durchzuführen! Die Besten gerade sind ihre Gegner. Denn jedes Wirken eines starken Mannes ist seiner Natur nach einseitig, ist undenkbar ohne rechtschaffenen Haß und tiefen Ekel. Und wir am wenigsten wollen jene windelweichen Narren verherrlichen, welche heutzutage nur allzuoft einem ehrlichen Manne mit dem haut-goût ihrer Bildung die Luft verpesten, welche vor lauter Duldung gegen fremde Ansichten nie zu einer eigenen Meinung, vor lauter Anerkennung fremden Rechtes nie zu entschlossener Tat gelangen. Aber es ist eine höchste Blüte feiner und dennoch kräftiger Bildung möglich, welche mit dem raschen Mute der Tat die überlegene Milde des Historikers verbindet. Es ist möglich, festzustehen und um sich zu schlagen in dem schweren Kampfe der Männer, und dennoch das Geschehende wie ein Geschehenes zu betrachten, jede Erscheinung der Zeit in ihrer Notwendigkeit zu begreifen und mit liebevollem Blicke auch unter der wunderlichsten Hülle der Torheit das liebe, traute Menschenangesicht aufzusuchen. Diese zugleich tätige und betrachtende Stimmung des Geistes, welche in jedem Augenblicke reif und bereit ist, abzuschließen mit dem Leben, soll einem geistreichen Volke immer als ein Ideal vor Augen stehen. Inzwischen wird menschliche Leidenschaft und Beschränktheit dafür sorgen, daß die Bäume nicht in den Himmel wachsen. So gelangen wir von selbst zu der letzten und höchsten Forderung der persönlichen Freiheit: daß der Staat und die öffentliche Meinung dem einzelnen die Ausbildung eines eigenartigen Charakters im Denken und Handeln gestatten müsse. Längst ward in Deutschland ein Gemeingut aller, was Mill seinen Landsleuten als ein Neues verkündigt, jene Humboldtsche Lehre von der »Eigentümlichkeit der Kraft und der Bildung«, von der »höchsten und verhältnismäßigen Ausbildung aller Kräfte«, welche durch Freiheit und Mannigfaltigkeit der Situationen gedeiht, jene einzige Verbindung platonischen Schönheitssinnes und kantischer Sittenstrenge, welche den Höhepunkt des Zeitalters der deutschen Humanität bezeichnet. Aber da diese Lehre, welcher ihrer Natur nach nur von vornehmen Geistern begriffen werden kann, bereits von den mittelmäßigsten der mittelmäßigen Köpfe gepredigt wird, so hat sie unmerklich sehr vieles von ihrem großen Sinne verloren. Man strebt nach einem gewissen Durchschnittsmaße vielseitiger Bildung und verliert darüber das Köstlichste, die Eigentümlichkeit der Bildung; man bemüht sich, seine Neigungen auf ein Mittelmaß des Anständigen, des »Menschlichen« herabzustimmen, und vergißt darüber, welche herrliche Gabe starke, aber durch ein reges Gewissen gezügelte Leidenschaften sind. Jede gereifte Sittlichkeit beginnt mit ehrlicher Selbsterkenntnis. So gewiß es aber verkrüppelte Leiber gibt, so gewiß gibt es Seelen, welche dieses oder jenes Organes gänzlich entbehren. Und Heil jedem, der dies bescheiden zu erkennen weiß, Heil jenen starken einseitigen Naturen, welche willig an der Breite ihrer Bildung opfern, was sie an Kraft und Tiefe tausendfältig wiedergewinnen! Das sind doch Menschen, welche den Haß oder die Liebe gebieterisch herausfordern. Mag ihr Sinn immerhin verschlossen bleiben für manches große Gut der Menschheit, sie sind doch harmonische Charaktere, denn ein schönes Gleichmaß besteht zwischen ihrer Kraft und ihrem Streben. Wie hoch ragen sie empor über die unerträglichen Durchschnittsmenschen, deren Zahl heute so erschrecklich anschwillt, welche jetzt eine Bemerkung über die sixtinische Madonna, dann ein Urteil über den Bonapartismus, dann wieder eine Betrachtung über die Dampfmaschinen zu sagen wissen, selten eine Dummheit, aber noch seltener etwas Gescheites, und sicherlich niemals eines jener derben urkräftigen Worte, wobei dem Freunde des Menschlichen das Herz im Leibe lacht, wobei der Hörer im stillen aufjubelt: das war er, so, gerade so konnte nur er sprechen. – Die Gegenwart rühmt sich mit vollem Rechte, daß zu keiner Zeit Wohlstand und Bildung über so weite Kreise der Menschen verbreitet gewesen. Dafür lebt in der heutigen Gesellschaft ein starker Trieb, nichts zu dulden, was über ein, allerdings liberales, Maß der Empfindung und des Denkens hinausgeht, und von jener großen Lehre Humboldts nur die Schale – die Vielseitigkeit der Bildung – zu bewahren, nicht aber den Kern, die Eigentümlichkeit der Bildung und der Kraft. Gab es vordem eine Zeit, wo die Willkür, die schrankenlose Unbändigkeit der Personen den Bestand der Gesellschaft gefährdete, boten spätere Tage das immerhin noch bunt bewegte Schauspiel mannigfaltiger Standessitten, so hat die Gegenwart zu fürchten, daß mit langsamem, unwiderstehlichem Drucke die Sitten und Begriffe der Einen guten Gesellschaft die Eigenart persönlicher Neigungen und Gedanken ersticken. Wir reden hier nicht von irgendwelchem gewaltsamen Zwange. Die natürlichsten vielmehr, die großartigsten Errungenschaften der modernen Kultur verstärken von selbst diesen Drang der Gesellschaft, die einzelnen nach einem gleichmäßigen Muster zu bilden. Wir pochen auf unseren vielseitigen Geist, unser Gemüt ist von einer erstaunlichen Reizbarkeit, wir haben gelernt, uns über die mannigfaltigen Geheimnisse der Menschenbrust mit einer Offenheit Rechenschaft zu geben, welche jedem Hellenen schamlos scheinen würde. Aber sind wir empfänglicher, reizbarer geworden, so leben wir auch sehr rasch. Eine Fülle von äußeren Eindrücken stürmt auf uns ein, wovon viele an einem minder gebildeten Geschlechte unbemerkt vorüberrauschen würden, doch nur sehr wenige berühren uns tief und gewaltig, und die meisten Menschen leben dahin halb bewußtlos unter dem unaufhörlichen Andrang innerer und äußerer Erlebnisse. Auf Zeitersparnis ist alles in dieser geschäftigen Welt berechnet, sogar unsere Kleidung. Selbst zur Erholung hat man keine Zeit; man will zugleich sich bilden, man liest »historische Romane« und schmeichelt sich neben der Erheiterung zugleich ein Stück Weltgeschichte gratis in die Tasche zu stecken. Aus tausend und tausend Erscheinungen des täglichen Lebens klingen uns Goethes tiefernste Worte entgegen: Daß in ewiger Erneuung Jeder täglich Neues höre, Und zugleich auch die Zerstreuung Jeden in sich selbst zerstöre. In diesem atemlosen Treiben geht den meisten der Sinn für das Große gänzlich verloren. Noch am häufigsten finden wir das Verständnis für echte Größe unter den Frauen, denn sie sind weniger beschäftigt und bewähren die schöne Sicherheit des natürlichen Gefühls. Auch tüchtige Männer sehen heute die Dinge allein darauf an, ob sie nützlich oder auffällig und interessant sind. Endlich, die wenigen Eindrücke, welche bestimmend auf uns einwirken, sind leider für die Mehrzahl der Menschen die gleichen. Denn unsere Bildung ist so uralt und überschwenglich reich; wir haben, ehe wir selbst an dem Fortbau der Welt mitarbeiten können, eine solche Masse Stoffes – und wie vieles leider auf Treu und Glauben – in uns aufzunehmen, daß gar mancher über der harten Arbeit des Empfangens nie zu einem selbständigen Urteile gelangt. Mit jedem Fortschritte der Kultur wird die Erziehung zwar humaner, aber auch gleichmäßiger, wird eine immer anwachsende Anzahl von Menschen mit den gleichen Kenntnissen, den gleichen Anschauungen erfüllt und gewöhnt, über gewisse Fragen eifrig nachzudenken, andere zur Seite liegen zu lassen. Mit dem Steigen des Wohlstandes verbreitet sich die Gewöhnung an die gleichen Genüsse über immer weitere Kreise, und seit das Reisen ein so demokratisches Vergnügen geworden, wird es bald erlaubt sein zu sagen, daß ziemlich jeder gebildete Mann dasselbe von der Welt gesehen habe. Trotz aller vereinzelter Rückschläge wird uns die Zukunft eine fortschreitende Erweiterung der politischen Rechte bringen; immer mehr Menschen werden also künftig die gleichen politischen Funktionen ausüben. Überhaupt sind die politischen Ideale, wovon unsere Zeit nicht lassen darf noch wird, nur durch Massenbewegungen zu erreichen; sie sind nur zu verwirklichen durch geschlossene große Parteien. Und welche ungewöhnliche Selbständigkeit des Charakters ist notwendig, um nach Bürgerpflicht Partei zu ergreifen und dennoch die innere Freiheit sich zu bewahren! Schon heute schöpft die ungeheure Mehrzahl des Volkes ihre politische Bildung aus Zeitungen, welche die Ertötung des Individuums grundsätzlich verlangen, welche von Namenlosen geschrieben werden und zumeist nur in etwas klarerer Form dieselben Ansichten aussprechen, die von der Mehrzahl der Leser bereits gehegt werden. Und so gewaltig hat dies notwendige Übel des Zeitungslesens, diese Gewöhnung an eine, im ganzen ehrenwerte, im einzelnen sehr mittelmäßige, populäre Literatur bereits auf die Menschen gewirkt, daß man schon beginnt, jeden für einen Narren zu halten, der sich zu keiner Zeitungsmeinung bekennt. Ja, sogar die Form dieser mittelmäßigen Tagesliteratur, diese breit dahinfließende, wasserklare, jedes wahrhaften Lebens ermangelnde Darstellung gilt bereits als ein Muster. Auch bei einem ernsten Buche will man sich nicht mehr die dankbare Mühe nehmen, sich einzuleben in das Weben und Wesen des Schriftstellers. Man schmäht über unklaren Vortrag, sobald einer die Dinge so darzustellen wagt, wie sie in seinem Auge sich widerspiegeln, sobald jemand noch den Mut hat, einen individuellen Stil zu schreiben. Wer je an einem Hauptsitze des Buchhandels gelebt, der weiß, welche Menge köstlicher Gaben und Neigungen erst zu Grunde gehen muß, bevor die Bildung eines »zeitgemäßen« Schriftstellers vollendet ist. Nirgends tritt uns die furchtbare Gewalt, welche die Gesellschaft über die persönliche Freiheit ausübt, unheimlicher entgegen, als wenn wir uns fragen, wie wir aussehen, wie wir uns kleiden? Wir sind in diesem Punkte die unbedingten Sklaven der Mode, und welcher Mode! Ist es etwa natürlich, daß wir allesamt freiwillig verzichtet haben auf ein Urrecht des Menschen, auf das Recht, uns zu kleiden nach unserem Belieben, und nun vergnüglich als eine gleichförmige schwarzgraue Herde einhertraben? »Nicht auffallen, nirgends anstoßen« – dieser Grundsatz unfreier Moral steht hoch in Ehren, und gewaltig herrscht die Neigung der Gesellschaft, zwar sich selbst als ein Ganzes fortzubilden und rüstig vorwärts zu bringen, aber jedem einzelnen zu verbieten, daß er sich absondere von der Bewegung der Masse. Trübe, ernste Fragen in der Tat. Aber ist denn wirklich die gewaltige Bewegung massenhafter Kräfte, worauf die Größe dieser Zeit beruht, nur möglich auf Kosten der Ursprünglichkeit und Selbständigkeit der einzelnen? Wer darf es wagen, eine so radikale, so tief einschneidende Anklage gegen einen ganzen Zeitraum zu erheben? Eine Zeit, welche mit so starker Vorliebe den historischen Wissenschaften sich hingibt, deren Sprache neben einer Fülle von Reminiszenzen und Anspielungen nur selten die wuchtige Entschiedenheit des schöpferischen Gedankens zeigt, eine solche Zeit ist keine Epoche fertiger Bildung, ist eine Periode des Übergangs. Sie gleicht einem Menschen, der zurückblickt auf sein Tun und Treiben und sich sammelt, gelassen lauschend auf die Stimme in seinem Innern; ihr ist auferlegt, die probehaltigen Ergebnisse eines Zeitraumes geistiger Kämpfe in die Wirklichkeit besonnen einzufügen. Und ist nicht schon dieser Übergang zu reinerer Menschenbildung ein großer Segen? Sollen wir uns etwa zurücksehnen nach dem Zeitalter der Originale, nach der erst halb überwundenen falschen persönlichen Freiheit des staatlosen Philistertums? Allerdings haben wir gelernt, der politischen Freiheit manches Opfer persönlicher Freiheit zu bringen. Es ist dem treuen Sohne dieser Zeit nicht mehr gestattet, sich ein Staatsideal aufzubauen nach seinem souveränen persönlichen Belieben. Je mehr uns ein freieres Staatswesen an die tägliche Erfüllung politischer Pflichten gewöhnt, je mehr wir unsere politischen Forderungen an den wirklichen Staat anknüpfen, desto uneigennütziger verzichten wir auf persönliches Besserwissen. Und wahrlich, es gereicht der Gegenwart nicht zur Schande, daß wir endlich die uns gemeinsamen Angelegenheiten auch durch gemeinsames Denken und Handeln fördern, daß wir willig unser Belieben dahin geben, wo es sich handelt, um unser Volk oder die Partei, von der wir das Heil des Staates erwarten. Dabei bleibt dem hervorragenden Talente noch immer ein weiter Spielraum; wir sind noch nicht so bettelhaft arm an begabten Menschen, wie das gedankenlose Gerede über unser Epigonentum behauptet. Denn daß die moderne Gesellschaft als ein Ganzes fortwährend erstaunlich fortschreite, wird nur ein Verblendeter leugnen; jeder Antrieb aber zu einer wirklichen Verbesserung geht nicht aus von der Masse, sondern entspringt aus einem einzelnen lichten Haupte. Sehr wenig dankbar freilich ist diese rastlose moderne Welt; denn wo immer ein heller Kopf einen guten, der Zeit gemäßen Gedanken gebiert, da bemächtigt sich seiner die gebildete Gesellschaft, verarbeitet ihn als ihr Eigentum, und rasch ist der Urheber vergessen. Darum soll, wer heute die Kraft in sich fühlt, emporzuragen über den Durchschnitt der Menschen, seine Seele frei halten von dem unmännlichen Gefühle der Verbitterung und Verkennung und sich fest stützen auf den freudigen Glauben edler Geister, auf den Glauben an die Unsterblichkeit nicht des Namens, sondern der Idee. – Ganz arm an eigenartigen Naturen ist diese Zeit noch nicht. Auf weiten Gebieten der Wissenschaft und der Kunst tummelt sich noch ein wahrhaft ursprüngliches Schaffen, das den Stempel der modernen Gesittung auf der Stirn trägt. Und auch die Masse des Volkes ist noch keineswegs geneigt, als eine unterschiedslose, gleichdenkende und gleichgesittete Menge dahinzuleben. Wenn der Chinese und der Europäer des vergangenen Jahrhunderts sich mit altklugem Wohlgefallen an seiner geschmacklosen einförmigen Tracht weidete, so regt sich heute, seit dem Wiedererstarken des germanischen Geistes, in immer weiteren Kreisen der Widerwille gegen das gleichmäßig langweilige, farblose Leben unserer guten Gesellschaft. Auch die zunehmende Mannigfaltigkeit der Beschäftigungen, die Arbeitsteilung wirkt in dieser Richtung. Und wer mit seinem Ohre die Naturlaute des Volkslebens zu belauschen weiß, wird in der Geschichte aller modernen Volksbewegungen an zahlreichen Erscheinungen erkennen, welcher starke Sinn für persönliche Selbstbehauptung, für individuelle Sitten noch in unserem Volke lebt. Nicht als eine abgeschlossene Vergangenheit liegt die Geschichte vor uns. Sie ist nicht tot, nicht für immer verschwunden, die Herrlichkeit des alten deutschen Bürgertums, das einst in farbenreichem, wogendem Gewimmel durch die geschmückten Straßen türmestolzer Städte sich drängte. Die Mode freilich wird ihre Herrschaft behaupten, solange unsere Kultur dauert; sie entsteht von selber in jedem Volke, sobald der Trotz des einzelnen sich dem Staate gebeugt hat und ein lebendiges Gemeingefühl sich bildet. Es ist damit wie mit den Namen. Wohl war es eine poetische Sitte, daß in der Jugendzeit der Völker die Eigennamen etwas bedeuteten, den Träger bezeichneten; überwiegend ist doch der praktische Vorteil, daß unsere leb- und sinnlosen Namen unveränderlich feststehen. Desgleichen wird die phantasielose Mode bleiben; aber das öffentliche Leben eines freien Volkes bietet auch in nüchternen Epochen einige Gelegenheit, die Schönheit und Mannigfaltigkeit persönlicher Sitten zu entfalten. Weil wir ohne phantastische Sehnsucht, mit klarer, bewußter Bewunderung auf die Tage Pirkheimers und Peter Vischers schauen, eben deshalb ist die Hoffnung unverloren, daß die Pracht und Lust der alten Bürgerfeste der deutschen Zukunft nicht gänzlich fehlen werde. Soweit aber die Gefahr doch vorhanden ist, daß der die Zeit beherrschende Mittelstand die Freiheit der persönlichen Ausbildung auf ein Mittelmaß des Denkens und Empfindens beschränke, so liegt das Heilmittel dagegen, wie bei allen sozialen Fragen, in der reiferen Gesittung der einzelnen. Lernen wir wieder in allen Dingen, die nur uns selbst angehen, recht trotzig uns selbst zu behaupten. Will ein Mensch einmal gedankenlos handeln, so ist ihm besser, er läßt sich leiten von einem unklaren Einfalle seines eigenen Kopfes, als daß er sich, nach der heutigen unfreien Weise, die jämmerliche Frage vorlege: was tut man, was tuen die anderen in solchem Falle? Eine Gesellschaft aber, deren Beste in selbständigem Geiste handeln, wird notwendig duldsam gegen das Salz der Erde, die starken, eigentümlichen, ganz auf sich selbst stehenden Menschen, gewährt die Freiheit der persönlichen Selbstbehauptung. – Überall erwächst der Mensch in einer natürlichen Gebundenheit, befangen in fertigen Begriffen, welche ihm das Haus, die Landschaft, der Stand, worin er geboren ward, in die Wiege legten; und überall beginnt die Arbeit der persönlichen Freiheit damit, daß er solche Vorurteile nicht geradezu abschüttelt, aber vergeistigt und in Einklang bringt mit der humanen Duldung gegen alles Menschliche. Denn ein freier Geist erträgt nichts in sich, was ihm bloß von außen zugeflogen, was nicht durch seine eigene Arbeit zu seinem Eigentume geworden ist. Gleichwie die Bildung von uns verlangt, daß wir die Eigenheiten des Dialektes ablegen, soweit er nur eine verderbte Schriftsprache ist, aber nicht, daß wir unsere Worte setzen wie der Bettelmann die Krücken, sondern vielmehr, daß wir auch unserer gebildeten Sprache die Naturkraft des Dialekts und seiner anschaulichen Redeweise erhalten: – ebenso fordern wir nicht mit den Radikalen des letzten Jahrhunderts, daß ein freier Mann seine ständischen und landschaftlichen Neigungen gänzlich aufgebe, sondern nur, daß er sie zu läutern wisse durch die Ideen der Freiheit und Duldung. Insbesondere von Standesvorurteilen zu reden ist noch immer sehr wohl an der Zeit. Ein niederschlagender Gedanke, fürwahr, daß dieses große Kulturvolk noch den barbarischen Rechtsbegriff der Mißheirat kennt, welchen die Alten schon zu Anfang ihres Kulturlebens über Bord warfen. Von jenem rohen Junkertume freilich, welchem die Stallkarriere anständiger scheint als ein wissenschaftlicher Beruf, das Faustrecht adliger als der gesetzliche Sinn des freien Bürgers – von ihm reden wir nicht: dies Zerrbild des Adels hat seinen Lohn dahin. Aber auch die buntscheckige Masse der sogenannten gebildeten wohlhabenden Stände hegt und pflegt eine Fülle unfreier unduldsamer Standesbegriffe. Welche lieblose Härte des Urteils über die schändlicherweise sogenannten gefährlichen Klassen! Welch herzloses Absprechen über den »Luxus« der niederen Stände, während ein freier und vornehmer Mann sich daran freuen sollte, daß auch der Arme beginnt, etwas auf sich selbst und den Anstand seiner Erscheinung zu halten! Welche gemeine Angst bei jeder Regung des Trotzes und des Selbstgefühls unter dem niederen Volke! Deutsche Herzensgüte hat uns zwar davor bewahrt, daß diese Gesinnungen der Gebildeten bei uns eine so rohe Form annähmen wie bei den schrofferen Briten; aber solange die aristokratischen Neigungen, wovon wohl noch nie ein feiner Kopf gänzlich frei gewesen, in solcher Gestalt auftreten, steht es gar traurig um unsere innere Freiheit. Vollends ein Gebiet, auf welchem Unfreiheit und Unduldsamkeit in Fülle wuchern, betreten wir, wenn wir fragen nach den Standesbegriffen des mächtigsten und geschlossensten der »Stände« – oder wie sonst wir diese natürliche Aristokratie nennen wollen – des männlichen Geschlechts. Unglaublich weit verzweigt besteht unter uns Herren des Erdkreises eine stille Verschwörung, den Frauen einen Teil der menschlich harmonischen Bildung grundsätzlich zu versagen. Denn einen Teil ihrer Bildung erlangen die Frauen nur durch uns. Unter uns aber versteht sich von selbst, daß religiöse Aufklärung für den gebildeten Mann eine Pflicht, für den Pöbel und die Frauen ein Verderben sei, und wie viele finden eine Frau ganz absonderlich »poetisch«, wenn sie den plumpsten Aberglauben zur Schau trägt. Nun gar »politisierende Weiber« sind ein Greuel, darüber verlieren wir kein Wort mehr. Ist das unser mannhafter Glaube an die göttliche Natur der Freiheit? Ist die religiöse Aufklärung wirklich nur eine Sache des nüchternen Verstandes und nicht weit mehr ein Bedürfnis des Gemütes? Und doch meinen wir, die Herzenswärme der Frauen werde leiden, wenn wir sie in ihrer Weise sich erfreuen lassen an der großen Geistesarbeit der jüngsten hundert Jahre. Kennen wir die deutschen Frauen wirklich so wenig, daß wir meinen, sie würden jemals »politisieren«, jemals sich den Kopf zerbrechen über Grundsteuern und Handelsverträge? Und doch bietet das politische Elend dieses Volkes eine rein menschliche Seite, welche von den Frauen vielleicht tiefer, feiner, inniger verstanden werden kann als von uns. Soll denn von dieser Fülle des Enthusiasmus und der Liebe, vor der wir so oft kalt und bettelarm und herzlos dastehen, nicht ein ärmliches Bruchteil dem Vaterlande gelten? Muß erst die Schande der Franzosenzeit sich erneuern, wenn unsere Frauen wieder, wie längst schon alle ihre Nachbarinnen in Ost und West, sich empfinden sollen als die Töchter eines großen Volkes? Wir aber haben in unfreier Engherzigkeit allzulange vor ihnen geschwiegen von dem, was uns das Innerste bewegte, wir hielten sie gerade gut genug, um ihnen von dem Nichtigen das Nichtigste zu sagen, und weil wir zu klein dachten, ihnen die Freiheit der Bildung zu gönnen, ist heute nur eine Minderzahl der deutschen Frauen im stande, den schweren Ernst dieser bedeutungsvollen Zeit zu verstehen. – Gewaltsam müssen wir unserer Feder ein Ziel setzen, denn unzählig sind die natürlichen und konventionellen Schranken, welche die Gesinnung bald einzelner Klassen, bald der gesamten Gesellschaft verengern und dem Gedanken der persönlichen Freiheit entfremden. Mögen diese Andeutungen daran erinnern, wie Großes ein jeder in seinem Innern zu wirken hat, ehe er sich einen freien Mann nennen darf, und wie unendlich vieles enthalten ist in der aristotelischen Forderung der persönlichen Freiheit, in jenem »Leben nach eigenem Belieben«. Nicht bloß die Zwangsgewalt des Staates soll dem Bürger die Ausbildung eines eigenartigen Charakters unverkümmert vergönnen. Die Gesellschaft soll hinausgehen über diese wohlfeile theoretische Anerkennung, soll praktisch duldsam werden gegen das Tun und Meinen der einzelnen. So verwandelt sich jenes politische Verlangen unter der Hand in eine sittliche Anforderung an die Humanität jedes einzelnen. Wenn wir aber heute noch die Worte Humboldts von der allseitigen Ausbildung der Persönlichkeit zur Eigentümlichkeit der Kraft und Bildung freudig wiederholen, so liegt doch heut ein anderer Sinn in der alten Rede; denn diese Zeit ist eine neue, sie zehrt nicht bloß von der Weisheit der Altvorderen. Sie genügt uns nicht mehr, jene innere Freiheit, welche leidlos und freudlos sich abwandte von dem notwendigen Übel des unfreien Staates; wir wollen die Freiheit des Menschen im freien Staate. Wie die persönliche Freiheit, welche wir meinen, nur gedeihen kann unter der Segnung der politischen Freiheit; wie die allseitige Ausbildung der Persönlichkeit, welche wir erstreben, nur da wahrhaft möglich ist, wo die selbsttätige Ausübung mannigfaltiger Bürgerpflichten den Sinn des Menschen erweitert und adelt: so führt uns heute jedes Nachdenken über sittliche Fragen auf das Gebiet des Staates. Seit die jammervolle Lage dieses Landes in gar so lächerlichem Widerspruche steht mit den gereiften Ideen seines Volkes, seit wir edle Herzen brechen sahen unter der unerträglichen Bürde der öffentlichen Leiden, seitdem ist in die Herzen der besseren Deutschen etwas eingezogen von antikem Bürgersinne. Die Erinnerung an das Vaterland tritt warnend und weisend mitten hinein in unsere persönlichsten Angelegenheiten. Gibt es irgendeinen Gedanken, der heute einen rechten Deutschen lauter noch als das Gebot der allgemein-menschlichen Pflicht zu sittlichem Mute mahnen kann, so ist es dieser Gedanke: was du auch tun magst, um reiner, reifer, freier zu werden, du tust es für dein Volk. Das deutsche Ordensland Preußen. (Leipzig 1862.) Nicht die Jahre der Geschichte zähle, wer eines Volkes Alter messen will; sicherer zum Ziele führt ihn die tiefere Frage, welcher Teil der Vergangenheit noch als Geschichte in der Seele des Volkes lebendig ist. Wer aus dem Kampfe der Gegenwart um den Grundbau des deutschen Staates noch nicht die Einsicht gewonnen hat, dies alte Land komme jetzt zum zweiten Male zu seinen Tagen: der mag die Jugend unseres Volkes erkennen an der vergeblich geleugneten Tatsache, daß unser Mittelalter dem Bewußtsein der heutigen Deutschen unendlich fern steht. Nicht bloß der Masse ist nahezu alles aus dem Gedächtnis geschwunden, was über die Tage der Schwedennot und der Reformation hinaus liegt. Auch das Urteil der Gebildeten ist nur über sehr wenige Erscheinungen jener reichen Zeit zu einem festen Schlusse gelangt. Der heute mit neuem Eifer entfachte Streit über das Kaisertum, wäre er möglich in einem Volke von einfacher, ungebrochener Entwicklung? Noch mehr, sogar das durchschnittliche Maß unserer Kenntnisse von dem deutschen Mittelalter ist erstaunlich dürftig für ein so gelehrtes Volk und nach so emsiger Arbeit der historischen Wissenschaft. Was anders lehren in der Regel unsere gelehrten Schulen, als ein willkürliches Gemisch gleichgültiger Tatsachen, das man Geschichte des engeren Vaterlandes zu taufen liebt, und jene Kaisergeschichte, welche dahinging wie der Traum einer Sommernacht und mit all ihrem Glanze die Deutschen doch nur als die Lernenden zeigt? Kaum daß eine hingeworfene Notiz dem süddeutschen Knaben eine Ahnung gibt von der größten, folgenreichsten Tat des späteren Mittelalters, von dem reißenden Hinausströmen deutschen Geistes über den Norden und Osten, dem gewaltigen Schaffen unseres Volkes als Bezwinger, Lehrer, Zuchtmeister unserer Nachbarn. Ein glücklicheres Geschlecht, emporgewachsen auf den Werken unserer Tage, wird vielleicht dereinst als einen köstlichen Segen preisen, was wir an der Unfertigkeit unseres Gemeinwesens noch schmerzlich empfinden: daß die Deutschen so eigen zu ihrer Geschichte stehen, daß wir so alt sind und so jung zugleich, daß unsere uralte Vorzeit nicht als eine Last auf unseren Seelen liegt, wie vormals die Größe Roms auf den romanischen Völkern. Preußen insbesondere mag mit Stolz den Namen führen, womit seine Neider es schmähend ehren, den Namen des Emporkömmlings unter den Mächten. Dennoch sollten wir öfter, als es namentlich bei uns in Süd- und Mitteldeutschland zu geschehen pflegt, den Blick verweilen lassen auf jener kraus verschlungenen Entwicklung, welche den kurzen zwei Jahrhunderten der modernen preußischen Geschichte voranging. Ein kräftiges Gefühl der Sicherheit dringt uns zu Herzen, wenn wir das so plötzlich zur Reife gediehene Werk durch die harte Arbeit langer Jahrhunderte vorbereitet sehen. Wir lachen des hämischen Geredes über die willkürliche Entstehung des preußischen Staates, wenn wir die deutsche Großmacht der modernen Welt auf demselben Boden gefestet schauen, wo einst das neue Deutschland unserer Altvordern, die baltische Großmacht des Mittelalters sich erhob. Und wer mag das innerste Wesen von Preußens Volk und Staat verstehen, der sich nicht versenkt hat in jene schonungslosen Rassenkämpfe, deren Spuren, bewußt und unbewußt, noch in den Lebensgewohnheiten des Volkes geheimnisvoll fortleben? Es webt ein Zauber über jenem Boden, den das edelste deutsche Blut gedüngt hat im Kampfe für den deutschen Namen und die reinsten Güter der Menschheit. Gelehrte Bearbeiter haben dem reizvollsten Teile dieser Vorgeschichte, der Geschichte des Ordenslandes Preußen, nie gefehlt. Wie hatte es nicht jede lautere und jede lüsterne Phantasie locken sollen, den Geschicken der geheimnisvollen Ordensburgen mit der morgenhellen Pracht ihrer Remter und dem Spuk ihrer unterirdischen Gänge nachzuspüren? Diese rätselhaften Menschen zu verstehen, die zugleich rauflustige Soldaten waren und streng rechnende Verwalter, zugleich entsagende Mönche und waghalsige Kaufleute und, mehr als all dies, kühne, weitschauende Staatsmänner? Den Staatsmann vornehmlich mußte sie reizen, diese Geschichte einer schroffen Aristokratie, deren beste Kraft in ihrem Bunde mit dem Bürgertume gelegen war – einer geistlichen Genossenschaft, welche der Kirche so herrisch wie nur je ein weltlicher Despot den Fuß auf den Nacken setzte – eines Staates, der uns bald traumhaft fremd erscheint, wie eine versunkene Welt, ein Anachronismus selbst in seiner Zeit, bald die rationalistische Nüchternheit moderner Staatskunst vorbildet – einer Kolonie, die keiner Theorie des Kolonialwesens sich einfügen will und dennoch die Lebensgesetze der Pflanzungsstaaten typisch veranschaulicht in ihrem atemlosen Steigen, ihrem jähen Falle. Eine Geschichte tut sich hier auf, welche uns bald heimisch anmutet durch die trauliche Enge provinzialen Sonderlebens, bald die Seele erhebt durch den weiten Ausblick auf welthistorische Verwicklungen: eine Geschichte so wirrenreich und verschlungen wie nur die Schicksale unseres alten Reichswappens, jenes einköpfigen Adlers, der von dem Stauferkaiser dem Hochmeister in sein Schild geschenkt ward und in der fernen Pflanzung sich erhielt, derweil er dem Reiche selber verloren ging, bis ihn endlich der deutsche Großstaat der neuen Zeit zu seinem verheißenden Zeichen wählte. Doch was uns Bewohner der Kleinstaaten zu dieser Geschichte mehr noch hinzieht als ihr romantischer Reiz, das ist die tiefsinnige Lehre von dem Segen des Staates, der bürgerlichen Unterordnung, welche sie lauter vielleicht predigt als irgendein anderer Teil unserer Vergangenheit. Das Bild des alten Ordensstaates war in der Epoche des evangelischen Glaubenseifers in Altpreußen selber fast vergessen, und wurde dann im Wetteifer verzerrt und entstellt bald von dem nationalen Hasse polnischer Geistlichen, bald von dem Bürgerstolze gelehrter Danziger Stadtschreiber, bald endlich von der selbstgefälligen Aufklärung der Kotzebue und Genossen. Auch läppischer Fabelsucht war Tür und Tor geöffnet. Denn des Ordens alte Chronisten ermangeln nicht nur, nach der Weise epischer Zeiten, der Gabe Charaktere zu schildern; sie verschmähen es sogar grundsätzlich, gemäß dem hocharistokratischen Geiste des Ordens, die großen Männer des Staates in den Vordergrund zu stellen. Wie mußte da nicht in den modernen Schriftstellern das echtmenschliche Bedürfnis sich regen, gewaltige Taten zu personifizieren? Erst Johannes Voigt hat die wissenschaftliche Geschichtforschung in Alt-Preußen begründet, als er vor nahezu fünfzig Jahren seine »Geschichte von Preußen« aus den Archiven des Ordens zu schöpfen begann. Leicht mögen wir heute die Mängel des Werkes tadeln: die reizlose Darstellung, die oft stumpfe Kritik der Quellen, den Mangel großer staatsmännischer Gesichtspunkte und vor allem jene sanguinische Schönseherei, welche sich aus der Freude des ersten Entdeckers und aus dem dünnen Idealismus der Tage der alten Romantik vollauf erklärt. Uns jüngeren Skeptikern wird oft gar lustig zu Mute unter all diesen edlen und biederen Rittern, deren Taten doch so laut verkünden: ein guter Teil ihrer Größe bestand in dem gänzlichen Mangel jener Gutmütigkeit, die man fälschlich als eine deutsche Tugend preist. Trotz alledem bleibt dem ehrwürdigen Verfasser ein unvergängliches Verdienst. Dafür zeugt am lautesten der lebhafte Eifer, den alle Stände der Provinz seit dem Erscheinen des Voigtschen Werkes auf die Erforschung ihrer alten Geschichte verwenden; die rührende Liebe zur Heimat, die in Altpreußen vielleicht kräftiger lebt als in irgendeiner anderen deutschen Landschaft, betätigte sich gern in historischer Forschung. Diese stille Arbeit ging Hand in Hand mit dem Wiederaufbau der Marienburg; ihre Ergebnisse liegen vor in zahllosen Einzelschriften und Sammelwerken, die freilich gründliche historische Kritik oft vermissen lassen. Erst neuerdings, seit Töppen in seiner Geschichte der preußischen Historiographie (1853) die alten Chroniken des Landes einer eingehenden Prüfung unterwarf, ist abermals ein vollständiger Umschwung eingetreten in der Auffassung der preußischen Vorzeit; die von Hirsch, Töppen und Strehlke herausgegebene musterhafte Sammlung der preußischen Geschichtsquellen (Scriptores rerum Prussicarum) hat den Weg gebahnt für eine der strengeren Methode der heutigen Wissenschaft genügende Darstellung der altpreußischen Geschichte. Ein solches Werk ist noch zu schreiben. Wir versuchen in den raschen starken Strichen einer anspruchslosen Skizze die Entwicklung des Ordenslandes zusammenzufassen.– Der helle Tag des alten deutschen Rittertums ging zur Rüste. Noch einmal, glänzender denn je zuvor, war die Blüte des adligen Deutschlands, an vierzigtausend Ritter, um ihren Helden versammelt, als der alte Kaiser Rotbart auf dem Reichshoftage zu Mainz seinen Söhnen »den ehrenreichen Schlag schlug« und selber noch mit der Lanze im adligen Spiele sich tummelte (1184). Drei Jahre noch – so nahe berühren sich Glanz und Fäulnis auf diesem steilen Gipfel altritterlicher Zeit – und der ritterfreundliche Kaiser legte dem deutschen Adel selber die Axt an die Wurzel, gab ihm das selbstmörderische Recht der Fehde. Nach abermals drei Jahren hatte der ruhmreichste Vertreter deutscher Ritterherrlichkeit im Morgenlande sein Grab gefunden. In diesen verhängnisvollen Tagen, auf demselben Kreuzzuge, der dem Kaiser den Tod gab, entstand der deutsche Orden von Sankt Marien, ein nachgeborenes Kind des älteren deutschen Rittertums. Als die Lateiner die Feste Akkon belagerten, erbarmten sich reiche Kaufleute aus Lübeck und Bremen der siechen Landsleute und nahmen sie auf in ihre Segelzelte. Deutsche Ritter boten den Verwundeten fromme Pflege, wie der Welsche sie längst schon bei seinen Templern und Johannitern fand. Nach der Eroberung der Stadt ward die ritterliche Brüderschaft für die Dauer gestiftet, vereinigte mit sich ein älteres Hospital der Deutschen zu Jerusalem und gründete in Akkon ihren Hauptsitz (1190–1191). So standen bedeutsam deutsche Bürger an der Wiege des Ritterordens in Zeiten, da bereits adliger Übermut dem Bürger das Recht der Waffen zu bestreiten versuchte; und solange seine Größe währte, hatte der Orden alltäglich für seine frommen Mitstifter von Lübeck und Bremen gebetet. Wie unser Volk wahrend der Kreuzzüge in dem großen Ideenaustausche der lateinischen Christenheit immer mehr empfing als gab, so ward auch der Orden nach dem Vorbilde der Welschen gestiftet. Seine kriegerische Ordnung entlehnte er den Templern, die Regeln für Siechenpflege und geistliche Zucht den Johannitern. Aber während die Templer bald in sittlicher Entartung verkamen, die Johanniter als Markmannen der Lateiner wider die Türken ein unsicheres Dasein führten, sollte der deutsche Orden beide überflügeln. Später gegründet, blieb er eine lange Zeit hindurch reiner als beide von der sittlichen Fäulnis des Orientes. Von Anbeginn nahm er, mit schrofferem Nationalstolze als jene, nur Söhne deutscher Zunge in seinen Kreis, und bald entsprang seines Meisters lichtem Haupte der große Gedanke der Staatengründung. Während eines Menschenalters schien es, als sollte der Orden, der noch kaum mehr als zweihundert Mitglieder zählen mochte, abenteuernd dahinleben auf den Grenzgebieten abendländischer und morgenländischer Bildung. Er drillte und führte das neu gebildete Fußvolk der Kreuzfahrer, erwarb mit dem Schwerte und durch fromme Stiftung manch schönes Gut im heiligen Lande und in Griechenland, das meiste in Sizilien und einiges in Deutschland. In solchem heimatlosen Treiben blieb er klüglich dem heiligen Stuhle ergeben, und die Kurie schützte »ihre geliebtesten Söhne«, wenn eifersüchtige Fürsten mit den trotzigen unbequemen Untertanen haderten, befahl dem murrenden Klerus, auf jede Gerichtsbarkeit über den Orden zu verzichten, und mahnte die Templer, den weißen Mantel der deutschen Herren zu dulden: unterschied sie doch das schwarze Kreuz genugsam von den Templern. – Ein Zug der Größe kommt in des Ordens Geschichte erst mit dem Hochmeister Hermann von Salza. In Thüringen erwachsen, als dort am sängerfreundlichen Hofe der Wartburg die Blüte christlich-deutscher Dichtung sich entfaltete, hatte er später am Kaiserhofe zu Palermo eine weltlichere Bildung genossen. Dort ward er von seinem Freunde Friedrich II. eingeweiht in die weltumspannenden Pläne kaiserlicher Staatskunst. Er lernte die verständigen Grundsätze jenes nahezu modernen Absolutismus kennen, welchen der Staufer zum guten Teile den Sarazenen abgesehen hatte und in seiner sizilianischen Heimat durchführte. Der Staat übte hier eine vielseitige Tätigkeit, wovon die germanische Welt vordem nichts ahnte, ein zahlreiches wohlgeschultes Beamtentum entfaltete alle Mittel fiskalischer Politik, eine kodifizierte Gesetzgebung hielt das Ganze in strenger Regel. Aber neben diesem welschen Kaiser, inmitten sarazenischer Leibwächter und leichtfertiger südländischer Sänger blieb Salza ein Deutscher. Und während der geistvolle Kaiser mit seinen skeptischen Gelehrten gern der christlichen Glaubenssätze spottete, und die Welt sich von den süßen Sünden des kaiserlichen Harems zu Lucretia erzählte: der kirchliche Glaube des Hochmeisters blieb unerschüttert, sein Wandel unsträflich. Der kluge überlegene Kopf verstand, sich zwischen den streitenden Mächten des Kaisertums und der Kirche hindurchzuwinden, beide für seines Ordens Größe zu benutzen. Bald ward der besonnene maßvolle Mann der gesuchte glückliche Vermittler in den Kämpfen der Weltmächte, So bereiste er Deutschland, um den Dänenkönig Waldemar zu bewegen, daß er seinen Ansprüchen auf Holstein entsage, und beschwichtigte die aufsässigen Städte der Lombardei. Noch in späteren Jahren betrieb er den Friedensschluß zwischen Papst und Kaiser: er war allein zugegen, als zu Anagni die beiden im Zwiegespräche sich verständigten. Für solche Dienste überhäufte der Kaiser den Unentbehrlichen mit Gnaden und schenkte ihm den schwarzen Reichsadler in das Herzschild des Hochmeisterkreuzes. Wie hätte dem klarblickenden Staatsmanne bei seinem wiederholten Verweilen zu Akkon entgehen sollen, daß des Ordens Besitz im Oriente schwer gefährdet, der Sinn der Christenheit der »lieben Reise« in das heilige Land entfremdet sei? Bereits trug er sich mit dem Plane, dem Orden im Abendlande eine gesicherte Heimat zu gründen – denn solange nicht ein anderes erwiesen wird, muß es bei der Dürftigkeit der Quellen gestattet sein, den Ruhm dieses Gedankens dem Hochmeister zuzuweisen – und gern schickte er eine Schar seiner Ritter, als König Andreas von Ungarn wider die heidnischen Kumanen der starken Hand des Ordens bedurfte und ihm als Kampfpreis Siebenbürgens schönes Burzenland zu Lehen gab. Die Ritter kamen, und Hermann bewog den Papst, das ungarische Lehen für ein Eigentum St. Petri zu erklären – in jenem Geiste kraftbewußter, rücksichtsloser Selbstsucht, der von da an des Ordens Staatskunst erfüllt. Doch der Ungarkönig eilte, die gefährlichen Freunde aus dem Lande zu treiben. Noch war das Fehlschlagen dieses kecken Anschlags nicht verschmerzt: da erschien bei dem Hochmeister – er verhandelte gerade in Sachen des Kaisers mit den Kommunen der Lombardei – die Gesandtschaft eines polnischen Kleinfürsten, seine Hilfe erflehend gegen die heidnischen Preußen (1226). Und es geschah, daß der Orden seinen großen christlich-deutschen Kreuzzug begann, eifrig gefördert von einem Kaiser, der weder christlichen noch deutschen Sinnes war. So stoßen wir schon an seiner Schwelle auf die geheimste Unwahrheit des Ordensstaates: sein Werk kriegerischer Heidenbekehrung ward begonnen in Tagen, die dem naiven Glauben der alten Zeit bereits entwuchsen. Sehr wenig günstige Zeichen fürwahr bot dies dreizehnte Jahrhundert dem Beginne eines Ritterstaates. Überall im Weltteil wankte das alte Rittertum in seinen Fugen. Wieder und wieder versagte unser Adel den Dienst zur Romfahrt; er begann bereits die romantische Staatskunst seiner großen Kaiser als eine Last zu empfinden. Stumm lagen die Hallen der Wartburg, und bald, mit dem Aussterben der Babenberger, sollte auch aus Österreich der ritterliche Sang entweichen. Noch eine kurze Frist, und in der Verwilderung der kaiserlosen Zeit schwanden die letzten Trümmer der zierlichen Bildung alter Rittersitte, und teilnahmlos hörte der Adel die Frage des welschen Sängers, wie Deutsche leben könnten, derweil Konradin ungerächt sei. Auch der feine französische Adel war entartet unter den Greueln der Albigenserkriege. Noch einmal erstand ihm in dem heiligen Ludwig ein glänzender Vertreter der alten Zeit, der ein Ritter war und doch ein König; aber alsbald eröffnete der kalte Rechner Philipp der Schöne eine rauhere, modernere Epoche. Um dieselbe Zeit ward in England unter schweren Wehen das Unterhaus geboren. Darauf begann das Jahrhundert der drei Eduards, welches trotz seines romantischen Glanzes in seinem Kerne schon die Keime des modernen englischen Staatslebens zeigt. Mit der alten Rittersitte schwand auch die Kunstform, die ihr Wesen aussprach, die edle Anmut des spätromanischen Stiles. Aber aus dem üppigen Boden dieses reichbegabten Geschlechts wucherten rasch neue Gestaltungen empor. In Rom erstand die unheimliche Größe der Inquisition und der Bettelorden. Und in unserem Norden hatte bereits um das Ende des zwölften Jahrhunderts eine neue Entwicklung eingesetzt, minder glänzend vielleicht als die Politik der Staufer, aber dauernder, stetiger, die große Lehrzeit für die aggressiven Kräfte unseres Volks. Wenn einst die Franken deutschen Geist mit der antiken und christlichen Gesittung verschmolzen: jetzt trug der Stamm der Sachsen die Werke der Franken nach Osten. Als Heinrich der Löwe und Albrecht der Bär die Wenden vernichteten, als Arkonas alte Tempelfeste von den Dänen erstürmt und das geheimnisvolle Heiligtum des Suantevit durch die Christen zerstört ward, da drängten sich deutsche Bürger und Bauern in die verödeten Lande, wie der Kampf für gemeine Freiheit, die Not der Übervölkerung, die Wut des Meeres oder kecke Wagelust sie ostwärts trieb. Ohne Verständnis, vertieft in die italienischen Händel, schauten die Kaiser dieser großen Fügung zu. Ja, auf Weihnachten 1214 schenkte Friedrich II. alle Lande jenseits der Elbe und Elde dem dänischen Könige. So ward unserem Norden jene Politik aufgezwungen, welche er seitdem getreu behauptet hat: ohne Hilfe vom Reiche, oftmals gegen das Gebot des Reichs, mußte er durch eigene Kraft handeln als ein Mehrer des Reichs. Das Bürgertum von Niederdeutschland regte sich, machte die dänische Macht zuschanden bei Bornhöved, und Lübeck erfocht (1234) bei Warnemünde seinen ersten Seesieg. Nun, in raschem Steigen, ohne jede Gunst der Natur an der hafenarmen Küste, erhebt sich die bürgerliche Macht. Die massiven Gaben deutscher Gesittung, das Schwert, der schwere Pflug, der Steinbau und die »freie Luft« der Städte, die strenge Zucht der Kirche verbreiten sich über die leichtlebigen Völker des Ostens. Die Handelsplätze Skandinaviens werden deutsch, alle merkantilen Kräfte des Nordens herrisch ausgebeutet durch die deutschen Bürger, die sich, alle anderen Völker ausschließend, »reinen Weg« in die Fremde erkämpfen. Der deutsche Kaufmann allein darf daß ungastliche Rußland durchstreifen und begleitet, im schweren Eigenhandel dieser unsicheren Zeiten, selber seine Warenzüge nach dem deutschen Hofe von St. Peter in der Handelsrepublik Nowgorod, dem Markte der köstlichen »Peltereien« des Nordens. Der deutsche Bürger tritt das Erbe der Wenden an, die Herrschaft auf der Ostsee; und mit der Hanse entfaltet sich die bürgerliche Kunst der Gotik. Im Laufe des Jahrhunderts werden selbst die Gebiete der slawischen Kleinfürsten in Pommern und Schlesien von deutscher Bildung überherrscht. Ja sogar Polen, das einst die Ansprüche seiner Lehnsherrlichkeit bis an den Harz getragen, läßt jetzt, rasch gesunken durch innere Kriege, diesen grandiosen Siegeszug deutscher Gesittung auf sich wirken. Bis Sendomir und Krakau verbreitet sich der Einfluß deutschen Gemeindewesens, überall auf kirchlichem und landesherrlichem Boden erheben sich deutsche Städte. Bloß der Adel Polens wendet sich in sicherem Instinkte von diesen unheimischen Gewalten ab und benutzt das eindringende deutsche Immunitätswesen, lediglich um die königliche Gerichtsbarkeit abzuschütteln und die Herrschaft polnischer Adelsfreiheit über die Masse mißhandelter gemeindeloser Bauern zu gründen. Noch weiter gen Osten drang der deutsche Kolonist. Niederdeutsche Kaufleute, die nach der verwegenen Weise der Zeit auf kleinen Flußschiffen die Küste befuhren, wurden vom Sturm in den Meerbusen der Düna verschlagen. Darauf unterwarf der große Bischof Albert von Buxhövden, im Bunde mit deutschen Bürgern und dem ritterlichen Schwertorden, das ferne Livland, und bald erstanden als deutsche Städte die geliebten »Täuflinge« der Hanse, Reval, Dorpat und vor allen Riga (1201), das die Wappen von Hamburg und Bremen in seinem Schilde vereinte. In dieser gewaltigen, die Ostsee umspannenden Kette deutscher Kolonien fehlte noch ein Glied, – das Land Preußen östlich der Weichsel. Durch das unendliche Gebiet der Sümpfe am Dnjepr, Dnjestr und Pripecz vor slawischen und byzantisch-christlichen Einwirkungen gesichert, hatte dort ein vermutlich mit anderen Völkertrümmern vermischter Stamm des Litauervolkes durch Jahrtausende ein harmloses Sonderdasein geführt. Wie noch heute die Ostsee minder tief als andere Meere in das Binnenland einwirkt, so blieb vollends dort, wo Nehrungen und das süße Wasser der Haffe den Verkehr mit der hohen See erschweren, der mäßige Tauschhandel des städtelosen Volkes mit einigen westlichen Häfen ohne Einfluß auf die Sitten. Eine geheimnisvolle Priesterschaft, selten dem Heimischen, dem Fremden niemals sichtbar, hütete in heiligen Eichenwäldern die geweihten Schlangen und entzündete auf den Opfersteinen das duftende Bernsteinfeuer vor den Göttern eines Glaubens, der von den Greueln aller Naturreligionen, Blutdurst und Wollust, nur weniges offenbarte. Die den deutschen Spartanern den Namen geben sollten, lebten dahin als ein still friedliches Volk von Hirten und bequemen Ackerbauern, die langen Winternächte mit dem Zauber einer milden elegischen Dichtung verkürzend, zersplittert in Kleinstaaten und ohne jeden Trieb, den Partikularismus ursprünglicher Menschheit in harter staatlicher Arbeit zu überwinden – aber ein Volk von Freien, eingesessen seit uralten Tagen, geschützt gegen Westen durch das Sumpftal der Weichsel, gegen Süden durch gewaltige Verhaue, Seen und Waldungen, und darum furchtbar jedem fremden Dränger. Das hatten wiederholt die Polen erfahren: ihre Grenzprovinz gegen Preußen, das Kulmerland, ward von dem gereizten Heidenvolke oftmals mit blutiger Plünderung heimgesucht. Hartnäckig wahrten die Preußen ihren heimischen Glauben. Schon im zehnten Jahrhundert ward der kühne Heidenbekehrer, der Tscheche Adalbert von Prag, der später in christlicher Zeit als Preußens Schutzheiliger galt, von den Erbitterten erschlagen, da er frevelnd den heiligen Wald von Romove betrat. Bald darauf fiel auch der Sachsenfürst Bruno, der erste deutsche Mann, der dies ungastliche Gestade betrat, als ein Blutzeuge des christlichen Glaubens. Jetzt, im Anfang des dreizehnten Jahrhunderts, nahm der Zisterziensermönch Christian von Oliva diese Versuche wieder auf, er gründete die ersten christlichen Kirchen jenseits der Weichsel und wurde vom Papste zum Bischof von Preußen erhoben; die heilige Jungfrau, die weithin am fischreichen Strande der Ostsee als die Schirmerin der Küsten galt, sollte auch das Land am frischen Haff beherrschen. Die Kurie nahm das Heidenland als eine Stätte der Bekehrung in ihren besonderen Schutz, nach jenem notwendigen Rechte, das von den Kulturvölkern jederzeit wider die Barbaren behauptet wird und damals nach dem Glauben der Christenheit unzweifelhaft dem heiligen Stuhle zustand. Aber kaum hatte der Bischof im Bunde mit dem Herrn des Kulmerlandes, dem Herzoge Konrad von Masovien, ein Kreuzheer in das Heidenland geführt, so erhoben sich die Preußen, vernichteten jede Spur christlicher Niederlassungen und trugen Mord und Brand in das Gebiet des polnischen Herzogs. Der Herzog – ohne Rückhalt an der Anarchie und dem unreifen Christentum der Polen – rief endlich den Todfeind Polens, den Deutschen zu Hilfe. Hermann von Salza gewährte seinen Beistand, aber nicht als Hilfstruppen sollten die Kreuzheere der deutschen Herren auftreten. Der Plan, dem Orden einen Staat zu gründen, gedieh jetzt zur Reife. Leicht war der Kaiser beredet, dem Orden das Kulmerland und alle künftigen Eroberungen in Preußen mit aller Gerichtsbarkeit und Herrlichkeit eines Reichsfürsten zu verleihen (1226). Sodann ward Konrad von Masovien veranlaßt, sein Kulmerland dem Orden abzutreten (1230). Endlich (1234) bewog der Hochmeister den Papst, das Land für ein Eigentum St. Petri zu erklären und dem Orden gegen einen mäßigen Kammerzins an die Kurie zu überlassen. So entschied sich alsbald jene zweifelhafte Stellung Preußens zum deutschen Reiche, die sich später bitterlich rächte. Doch entschieden war auch, daß ein deutscher Staat sich zwischen Polen und das Meer drängen sollte, entschieden damit die ewige Feindschaft zwischen Polen und dem Ordensstaate. Allerdings bieten die Urkunden keinen Anhalt für die neuerdings von Watterich und andern gewagte Behauptung, durch die Gründung des Ordensstaates seien die Rechte des Bischofs Christian und des Herzogs Konrad verletzt worden. Aber gewiß bleibt, daß die Interessen der beiden mit den hochstrebenden Plänen des Ordens keineswegs zusammenfielen. Der Bischof durfte nicht wünschen, unter die Oberherrlichkeit des Ritterstaates zu geraten; war doch in dem benachbarten Livland der Schwertorden abhängig von dem Erzbischof von Riga! Noch weniger konnte der polnische Herzog die Gründung eines deutschen Staats an der Ostsee erstreben. Nur zögernd – wie die Urkunden zeigen – in äußerster Bedrängnis entschloß er sich, das Kulmerland aufzugeben, das jetzt der Ausgangspunkt ward für die deutsche Eroberungspolitik, Mit dem Jahre jener päpstlichen Schenkung endet die anfängliche Unterstützung des Ordens von seiten der Polen. Sie beginnen zu begreifen, daß der politisch-nationale Gegensatz stärker sei als die religiöse Gemeinschaft; nur die eigene Zerrissenheit und die Unsicherheit barbarischer Politik hindert sie, schon jetzt den natürlichen Weg offenen Kampfes gegen den Orden zu betreten. Alle Hebel geistlicher Gewalt setzte die Kurie in Bewegung, um dem Orden von St. Marien die Eroberung des Heidenlandes für seine Schutzheilige zu sichern. Das Kreuz ward gepredigt im Reiche. Wer teilnahm an der Kreuzfahrt – sogar die der Brandstiftung und der Mißhandlung von Geistlichen Schuldigen, ja selbst die Ghibellinnen –, war jeder Buße ledig, und gern willigte der Papst in die Ehescheidung der Gatten, die unter die »neuen Makkabäer in der Zeit des Heils« treten wollten. Es war die Zeit, da das Papsttum den Höhepunkt seiner weltlichen Macht erreicht hatte, da der römische Stuhl in Portugal widerstandslos einen König stürzen, in Island der Republik ein Ende setzen, in Deutschland die Königswahl ohne päpstliche Bestätigung für ungültig erklären konnte. War an sich schon jeder Kreuzzug ein Vorteil für die geistliche Gewalt, so durfte Rom hoffen, in dem neugewonnenen Gebiete dieser von Feinden rings bedrohten geistlichen Brüderschaft durch seine Legaten eine schrankenlose Macht zu üben. Im Jahre 1231 setzt der von Salza gesendete Landmeister Hermann Balke mit seinem Kreuzheere und sieben Ordensbrüdern über die Weichsel, und nun beginnt ein Vorschreiten, sicher und stetig, nach festem Plane, einzig in dieser Zeit regelloser Kriegführung. Kaum ist ein Stück Landes von den Deutschen durchstürmt, so führen deutsche Schiffe Balken und Steine die Weichsel herab, und an den äußersten Grenzen des Eroberten entstehen jene Burgen, deren strategisch glückliche Lage Kriegskundige noch heute bewundern – zuerst Thorn, Kulm, Marienwerder. Diese vorgeschobenen Posten sind im kleinen, was das Ordensland dem Reiche ist: ein fester Hafendamm, verwegen hinausgebaut vom deutschen Ufer in die wilde See der östlichen Völker. So werden neue Stützpunkte gewonnen für das weitere Vordringen, das Auge der Barbaren abgelenkt von dem bereits eroberten Lande, und indem man die Preußen zwingt, sich in hellen Haufen gegen diese Burgen zu scharen, entgeht der berittene Deutsche der Gefahr des kleinen Krieges, der in diesem Lande der Wälder und Sümpfe unrettbar ins Verderben führen muß. Mit jener Unfähigkeit, der Zukunft zu denken, welche den Barbaren bezeichnet, lassen die Preußen das erste fremdartige Beginnen des Burgenbaues geschehen, bis allmählich das Verständnis der Lage erwacht, die lange schlummernde Wildheit des Volkes furchtbar ausbricht und ein Krieg sich entspinnt von unmenschlicher Grausamkeit. Alle Härte unseres eigenen Volksgeistes entfaltet sich hier, wo der Eroberer dem Heiden gegenübertritt mit dem dreifachen Stolze des Christen, des Ritters, des Deutschen. Die wild feierliche Poesie des hohen Nordens erhöht den romantischen Reiz dieser Kämpfe. Willkommen ist der Frost, der die Straße bahnt durch die unwegsamen Wälder, gefürchtet der weiche Winter. Oftmals erhebt sich das Würgen bei grellem Nordlichtschein auf dem Eise der Flüsse und Sümpfe, bis unter der Wucht der Streiter die Decke bricht und die Wellen Freund und Feind begraben. Die politisch und militärisch zersplitterte Macht der Preußen muß endlich der fest organisierten Minderzahl der Deutschen weichen, und nach dem ersten großen Siege an der Sirguna (1234) hallt wieder und wieder durch das Land das übermütige Lied der Eroberer: »wir wollen alle fröhlich sein, die Heiden sind in großer Pein.« Sechs Jahre darauf wird ein großer Aufstand der Unterjochten blutig niedergeschlagen. Immer häufiger wird durch den Ruf solcher Siege waglustiger deutscher Adel zur Kriegsreise nach Preußen gelockt. Auch Otakar der Böhmenkönig unternimmt eine Preußenfahrt, die von der Sage mit einer bunten Fülle abenteuerlicher Züge ausgeschmückt wird. Nachdem die Wasserstraße der Weichsel und des frischen Haffs gewonnen, und durch die Feste Elbing gesichert ist, rüstet sich der Orden, den Kern der Heidenmacht, das Samland zu erobern. Das uralte Heiligtum, der Wald von Romove, wird genommen, die Götter-Eiche fällt unter den Axtschlägen christlicher Priester, und der erste samländische Edle wird auf den Namen des Böhmen getauft, der mit slawischer Wahrheitsliebe sich rühmt, das gesamte Volk Samlands getauft und das Böhmer-Reich von der Adria bis zur baltischen See vergrößert zu haben. Doch unter diesem phantastischen Gebaren bleibt des Ordens nüchterne militärische Staatskunst unverändert, das System der vorgeschobenen Posten wird stetig erweitert. Noch ehe Samland erobert worden, schickt er Truppen und frönende Bauern ostwärts über die kurische Nehrung, gründet die Memelburg. Dem königlichen Gaste zu Ehren wird eine Feste in Samland errichtet, empfängt den Namen Königsberg und einen Ritter mit gekröntem Helm in ihr Wappen (1255), und Otakars Kampfgenosse, der Askanier Markgraf Otto III. schenkt der neuen Feste Brandenburg am Haff seinen roten Adler in ihr Wappen. Noch höher, bis zu dem verwegenen Plane der Herrlichkeit über die Ostsee, erhoben sich die Gedanken des jungen Militärstaats. Schon im Jahre 1237 ward der livländische Schwert-Orden mit dem deutschen Orden vereinigt. Also sah Hermann von Salza zwei Jahre vor seinem Tode seinen jüngst noch heimatlosen Orden als den Herrn einer Staatsgewalt, welche ihren Besitz und Anspruch über einen Küstensaum von hundert Meilen erstreckte. Was aber diesen Eroberungszug der deutschen Herren von Grund aus unterscheidet von der trivialen Rauflust gemeiner ritterlicher Abenteurer und ihn in Wahrheit zur besten Tat des deutschen Adels erhebt, das ist die treue Verbindung der Kreuziger mit unserm Bürgertume. War der Plan des Ordens ursprünglich vermutlich bloß dahin gegangen, das Land zu behandeln gleich den der Christenheit unterworfenen Ländern des Orients, d.h. es lediglich zu erobern und für des Siegers politische und kirchliche Zwecke auszunutzen, war die Mehrzahl der Kreuzfahrer bisher nach einjähriger Kriegsreise wieder heimgekehrt, so ergab sich bald aus dem zähen Widerstande der erbitterten Preußen die Notwendigkeit, deutsche Kraft in vollerem Strome in das Land zu leiten. Die Bürger Niederdeutschlands wurden nach Preußen gerufen, eine Stadt gegründet neben jeder Hauptburg der Ritter, und nun erklang auch in Preußen, wie in Schlesien, das Lied der einziehenden deutschen Ansiedler: »in Gottes Namen fahren wir.« In der Kulmischen Handfeste (1233) gewährte der Orden den neuen Ansiedlern großherzig die Freiheit des Magdeburger Rechtes, das seitdem für die Mehrzahl der preußischen Städte den Rechtsboden bildete. Ja, er gestattete den Bürgern Lübecks, ihre Pflanzstadt Elbing nach ihrem Rechte zu ordnen. Auf solche Gunst verweisend durfte er später in den Tagen der Not getrost sich wenden an die Bürger der Hanse, die »dieses Feld des Glaubens so oft mit ihrem Blute benetzt«. Von diesem Kerne deutscher Gesittung in Städten und Ordensburgen schien das flache Land leicht zu bändigen. Es genügte, mochte man meinen, wenn überall im Lande Kirchen erstanden, jedes Dorf erbarmungslos verbrannt ward, das nach der Taufe noch den alten Göttern geopfert, und die Kinder der preußischen Edlen in deutschen Klosterschulen erzogen wurden. Sehr rasch verstanden die slawisch-lettischen Nachbarn in Ost und West die drohende Bedeutung der deutschen Pflanzung. Zu wiederholten Malen erschien der Herr des linken Weichselufers, der christliche Herzog Suantepolk von Pommern, im Bunde mit den heidnischen Preußen, Kuren und Litauern. Bald ward es ein feiner Grundsatz der litauischen Staatskunst, dem nahenden Verderben durch die Taufe zu entgehen und alsbald nach entschwundener Gefahr zu den alten Göttern zurückzukehren. Trotz dieser ruhelosen Kämpfe schien um das Jahr 1260 der Besitz Preußens ziemlich gesichert. Aber noch einmal muß der Orden um die Eroberung, ja um sein Dasein kämpfen. Murrend ertragen die Besiegten den Übermut der fremden Kinderräuber, die jede Vermischung mit undeutschem Blute herrisch verschmähen. Nicht einmal der Klerus lernt die Sprache der neuen Christen; von dem Treiben der deutschen Priester ist dem Preußen nichts verständlich, als der Hohn wider die alten Heiligtümer. Und wie der Deutsche selber nicht wagt, in den unheimlichen Stätten böser Geister, den heidnischen Götterhainen, seinen Wohnsitz aufzuschlagen, so ist kein Samländer zu bewegen, den Pflug zu führen durch den heiligen Wald von Romove. Durch die Fremden erst lernt das staatlose Volk die schweren Opfer und Lasten wirklichen politischen Lebens kennen, die Preußen müssen Burgen bauen, Landwehrdienste leisten wider die Stammgenossen. Aus dem schleichenden Grolle der Knechtschaft bilden sich neue, unholde Züge in dem harmlosen Volkscharakter. »Ein Preuß seinen Herrn verriet«, sagt das deutsche Sprichwort. Kein Preuße darf dem Deutschen einen Humpen reichen, er habe denn selbst zuvor daraus gekostet. In den Sommernächten des Jahres 1261 geht ein geheimnisvolles Leben durch die preußischen Wälder, ein Oberpriester erscheint unter den verschworenen Heiden, aus den Kronen der Eichen verkündet die Stimme der alten Götter, daß die Stunde der Rache geschlagen. An der Spitze der Bewegung stehen preußische Edle, gebildet in deutschen Klosterschulen, deutscher Mannszucht gewohnt und bereit, den Herrn mit seinen eigenen Waffen zu schlagen. Da ladet der wilde Ordensvogt auf Lenzenberg am frischen Haff eine Schar verdächtiger preußischer Edlen zu sich, zündet die Burg über ihren Häuptern an. Die erbitternde Kunde fliegt durch die Lande, im September steht das gesamte Volk in Waffen, verbrennt die Ordensburgen, erschlägt die Bauleute. Eine ungeheure Gefahr, furchtbarer als jene der Vernichtung durch die Tataren, welcher das Land zwanzig Jahre zuvor durch ein glückliches Ungefähr entrann! Soeben erst ist der livländische Meister von den Litauern aufs Haupt geschlagen, Kurland hat sich befreit, und die wendischen Fürsten im Westen senden bereitwillig Hilfe wider die verhaßten Deutschen. Alle Greuel der vergangenen Kriege verschwinden gegen das Entsetzen dieses Kampfes. Es geschieht, daß der gefangene deutsche Herr in dreifacher Eisenrüstung dem Donnergotte zum Opfer verbrannt wird, oder daß die Heiden ihm den Nabel an einen Baum nageln und ihn dann mit Peitschenhieben um den Stamm treiben, bis der ausgeweidete Leib zusammenbricht. Nach zehn Jahren, da die deutsche Herrschaft nahezu vernichtet ist, kommen dem Orden wieder Tage des Siegs durch den entschlossenen Landmarschall Konrad von Thierberg, von dem wir leider nur den Namen kennen, und nach abermals zehn Jahren ist unter Mordbrand und Verwüstung die Herrlichkeit der Deutschen hergestellt. Denn zwar Zucht und Waffengewandtheit haben die gelehrigen Barbaren von dem überlegenen Sieger gelernt, doch nicht das eine, Entscheidende – die einheitliche Leitung des Krieges in allen Gauen. Am längsten währt der Kampf in der südöstlichen Landschaft Sudauen, wo an Seen und in ungeheuren Wäldern ein wohlhabendes Volk gesessen war, mit zahlreichem berittenem Adel, abgehärtet in der Jagd auf Auerochs, Bär und Elen. Endlich (1283) verheert der letzte Sudauerhäuptling Skurdo mit den Getreuen seine Heimat und zieht hinüber zu den Heiden nach Litauen. Sein Fluch ist der Stätte geblieben: die große Wildnis von Johannisburg erstreckt sich heute, wo einst die reichen Dörfer des Heidenvolkes standen. So, nach einem halben Jahrhundert, mit dem Chronisten zu reden, beugen die letzten der Preußen »ihren harten Nacken dem Glauben und den Brüdern«, um dieselbe Zeit, da auch Kurland dem Orden wiedergewonnen wird. Belehrt durch diese furchtbare Erfahrung beginnt der Orden nunmehr eine neue, härtere Politik gegen die Unterjochten. War er bisher gepriesen als »des Christenglaubens Mehrung, Mauer und starker Friedensschild«, so verdient sich jetzt Preußen den Namen des neuen Deutschlands. Durch zahlreiche neue Burgen wird die Eroberung gedeckt, vornehmlich das Samland, das wichtige Verbindungsglied zwischen den Nord- und Südprovinzen. Das gesamte Recht der Preußen ist verwirkt durch die Empörung. Keine Friedensschlüsse mehr, wie sonst, mit den Besiegten, sondern Unterwerfung und Begnadigung, deren Bedingungen sich lediglich richten nach dem Grade der Schuld und nach militärischen Gesichtspunkten. Der größte Teil des preußischen Adels wird in den Stand der Unfreien hinabgestoßen, die deutschen Bauern dagegen und die treu gebliebenen Preußen, auch die unfreien, mit reichen Vorrechten bedacht. Ganze Dorfschaften versetzt der Orden in Gegenden, wo sie minder gefährlich scheinen. Die letzten der Sudauer müssen den Götterwald Romove im Samlande roden, den kein Samländer zu berühren wagt, und die Stätte heißt noch heute der sudauische Winkel. So wird aller Zusammenhang, der alten Stände und Landschaften zerschnitten, und wenige vereinzelte Aufstände lassen sich leicht ersticken. Wie der gesamte Ordensstaat uns erscheint als eine verspätete Mark, nach karolingischer Weise auf Eroberung gerichtet, so dienen auch die Pflichten, welche er den Unterworfenen auferlegt, diesem höchsten Zwecke des Staats. Nicht gar schwer sind die bäuerlichen Lasten, allgemein aber die drückende Pflicht, dem Orden zur Landwehr und auf seinen Reisen Heerfolge zu leisten. Nur die deutschen »Kölmer« und sehr wenige getreue Preußen werden von dem verhaßten Kriegsdienste außer Landes, dem Reisen, entbunden, aber auch sie müssen aufstehen für das »Vaterland«, müssen »zujagen«, wenn das »Kriegsgeschrei« durch das Land geht und den Einfall des Feindes verkündet. Nach der streng zentralisierenden Art militärischer Staaten werden diese Pflichten des Landvolks gleichmäßig geordnet über das ganze Land. Kein deutscher Grundherr darf seine Hintersassen mit anderen Rechten beschenken als jenen, deren die Leute des Ordens genießen. Damit das Bewußtsein unbedingter Abhängigkeit rege bleibe, stellt der Orden, der alleinige Eigentümer des Landes durch jene Schenkung des Papstes, den Preußen fast niemals Urkunden aus über ihren Landbesitz. Doch diese feste Ordnung allein konnte nicht genügen. Es bedurfte neuer, stärkerer Einwanderung deutscher Bauern, die nun erst in ausgedehntem Maße begann. Jetzt erst verlieren die jungen Städte den dörflichen Charakter, neue Städte entstehen. Zur selben Zeit, da im Reiche Kaiser und Fürsten verblendet die Freiheiten der rheinischen Bürger bekämpfen, gewährt der Orden seinen Städten freie Bewegung. Er darf es, denn das Recht des Staates bleibt gewahrt, die Autonomie wird nicht gestattet, jede Änderung der städtischen Ordnungen muß der Ordensvogt bestätigen. Nicht minder herrisch stellte sich der Orden zu der Macht der Kirche. Als eine geistliche Genossenschaft gebot er nicht nur über jene Fülle von geistiger Kraft und politischer Erfahrung, welche die Kirche zur ersten Kulturmacht des Mittelalters erhob. Ihm blieb auch der aufreibende Kampf mit der Kirche erspart. Überall sonst war sie der Herr oder der feindliche Nachbar, in Preußen allein ein Glied des Staats; überall sonst vermittelte der Klerus die Verhandlungen der Staatsgewalt mit dem römischen Stuhle, der preußische Geistliche verkehrte nur durch den Orden mit dem Papste. Auch hier gereichte dem Ordenslande zum Segen, daß in diesem Staate nichts zu spüren ist von jener mit Unrecht gepriesenen organischen Entwicklung des mittelalterlichen Lebens. Ein durchgreifender Wille vielmehr ordnete die Dinge gleichsam aus wilder Wurzel. Ein Dritteil des Landes ward den vier Bistümern als Eigentum gegeben, doch auch für dieses galten die Landesgesetze über das Recht der Bauern und der Städte, sowie die allgemeine Landwehrpflicht. Jede weitere Erwerbung von Grund und Boden war der Kirche untersagt. Das Erzbistum der Ordenslande blieb in Riga, man hielt diese gefährliche Macht, die an der Düna noch Herrschaftsrechte beanspruchte, weislich aus Preußen entfernt. Wie der Orden in seinem Innern alle kirchlichen Funktionen durch seine eigenen Brüder vollzog, so war er auch oberster Patron in seinen Landesteilen und übte selbst in dem bischöflichen Dritteil das Visitationsrecht, Noch mehr: außer in Ermeland wurden alle Bistümer und Domkapitel mit den geistlichen Brüdern des Ordens selbst besetzt. Daher die geschlossene Einheit dieses Staates, daher die Treue des Klerus gegen den Orden selbst in dessen Kämpfen wider Rom. Denn, natürlich, sobald der Orden, in Preußen wahrhaft heimisch geworden, die steilen Bahnen weltlicher Staatskunst ging, entschwand ihm sofort die alte Gunst der Kurie. Der römische Stuhl begegnete der zum weltlichen Landesherrn gewordenen geistlichen Genossenschaft nunmehr mit jener vollkommenen, frivolen Freiheit des Gemüts, worauf überhaupt Roms Stärke allen weltlichen Gewalten gegenüber beruht: der Ordensstaat war dem Papste fortan, wie jeder andere Staat, nur ein gleichgültiges Mittel in den wechselnden Kombinationen geistlicher Politik. Freilich war mit dieser unerhörten geistlichen Machtfülle des Ordens zugleich die Unmöglichkeit einfacher Weiterbildung seines Staates gegeben; denn wo Staat und Kirche beinahe zusammenfielen, war jede Besserung des Staates undenkbar ohne gänzliche Umwandlung des religiösen Lebens, Vorderhand aber vollendeten die kraftvolle Einheit der Staatsgewalt und die Wucht der deutschen Einwanderung die rasche Germanisierung des Landes. Nicht eine Vermischung der Deutschen mit den Preußen vollzog sich, vielmehr eine Verwandlung der Ureinwohner. In der Fülle des rings aufsprießenden deutschen Lebens erstickten die letzten Triebe preußischer Sprache und Sitte. Schon zu Anfang des vierzehnten Jahrhunderts herrschte die Sprache des Eroberers, dem Deutschen war verboten, mit seinem Gesinde preußisch zu reden. Fünfzig Jahre darauf, da ein preußischer Sänger auf einem Hoftage zu Marienburg unter die Spielleute der Deutschen trat, schenkten ihm die lachenden Ritter hundert falsche Nüsse, denn »Niemand hat verstanden den armen Prüsse«. Noch im sechzehnten Jahrhundert mußten in einzelnen Kirchen Tolken, Dolmetscher, der Gemeinde die deutsche Predigt erklären, ja, in tiefgeheimer nächtlicher Versammlung schlachtete da und dort noch ein Heidenpriester den Bock zu Ehren der alten Götter, und Matthäus Prätorius fand sogar zweihundert Jahre später einzelne kirchenfeindliche, an altem Wunderglauben hangende Fischer, die ihm als »rechte alte preußische Heiden« erschienen. Doch seit Luther Tagen verhallten allmählich die letzten Laute der preußischen Sprache. Nur das zähere Volkstum der Litauer in Schalauen und Nadrauen hat sich noch heute sein heimisches Wesen bewahrt: noch heute lebt die schöne liederreiche Sprache, die Männer tragen noch den Bastschuh, die Mädchen die reichgeschmückte blaue Kasawaika. So ward das Weichseltal in die Geschichte eingeführt und das neue Deutschland gegründet – trotz aller politischen und militärischen Gemeinschaft im schroffsten Gegensatze zu der Eroberung der Länder am Dünabusen. Fassen wir in wenigen Sätzen die Charakterzüge der Kolonisation Preußens und der heutigen russischen Ostseeprovinzen zusammen, welche allein schon den Abstand ihrer späteren Geschichte erklären. Preußen ward germanisiert, doch in Kurland, Livland, Estland lagerte sich bloß, eine dünne Schicht deutscher Elemente über die Masse der Urbewohner. Zur See, in geringen Scharen, kommen die Deutschen ins Land, finden ein litauisch-finnisches Mischvolk, das den Fürsten von Polozk Zins zahlt, treten an die Stelle dieser fremden Herren und verteilten den Boden an den Orden, die Kirche, eine geringe Zahl von Kreuzfahrern und an das Patriziat der wenigen Städte. – So trug diese Pflanzung von vornherein einen einseitig aristokratischen Charakter. Von deutschem Bauerntum nur geringe Spuren, um so schwächer, je weiter nach Osten. Eigentümliches bürgerliches Leben entwickelte sich allein in Riga, Dorpat, Reval; die anderen Städte blieben stille Landstädte, ganz Kurland besaß keine einzige Stadt von selbständiger Bedeutung. Noch ein anderes hochwichtiges Verhältnis lag günstiger im Westen. Preußen war eine Kolonie des gesamten Deutschlands. Seine Städte sind Pflanzungen der Osterlinge, daher, wie überall in der Hanse, die Sprache ihrer Gemeindebücher und Handelsbriefe niederdeutsch, die Silberwährung Nordeuropas alleinherrschend, der Handel streng beschränkt auf die den Niederdeutschen vorbehaltenen nordischen Gebiete, der ganze Zug des bürgerlichen Lebens kühner zugleich und roher als in den oberdeutschen Städten, die mit den köstlichen Waren der Mittelmeerlande auch die Wissenschaften und Kunstsitten des Südens, die Lust an Wandgemälden und zierlichen Brunnen über die Alpen bringen. Auch die bäuerlichen Einwanderer kommen vornehmlich aus dem Norden, finden in Preußen die Marschen und Deiche der Heimat wieder. In dem herrschenden Stande jedoch, im Orden, überwiegen die Oberdeutschen; denn die Einwanderung geht über Land und der süddeutsche Ritter verzichtet gern auf weitere Fahrt gen Osten, da er in Preußen schon kriegerische Arbeit in Fülle findet. Daher ist die Amtssprache des Ordens in Preußen ein allen verständliches Mitteldeutsch. Livland dagegen war wesentlich norddeutsche Pflanzung; der deutsche Eroberer wird noch heute von den Letten als Sachse bezeichnet. Dorthin gelangen die Niederdeutschen, namentlich Westfalen, auf den Schiffen der Hanse, zumeist über Lübeck. Im fünfzehnten Jahrhundert wird der Eintritt in den livländischen Zweig des Ordens den Norddeutschen allein vorbehalten, und seitdem begegnen uns unablässig in den Reihen der Ordensgebietiger die westfälischen Geschlechter der Plettenburg, Kettler, Mallinkrodt. Die plattdeutsche Sprache beherrscht das Land ausschließlich, bis Luthers Bibel dem Hochdeutschen auch hier die Bahn bricht; noch am Ende des sechzehnten Jahrhunderts schreibt Balthasar Rüssow von Reval seine Chronik niederdeutsch. – Dazu tritt ein vierter einschneidender Unterschied. Während in Preußen der Orden auf eine beinah moderne landesherrliche Machtfülle sich stützt, werden die östlichen Länder von mittelalterlicher Anarchie zerrissen. Der provisus des Ordens, der Erzbischof von Riga, beansprucht das Gericht über die deutschen Herren, ruft zuweilen selbst die litauischen Heiden zu Hilfe, beschützt die mißhandelten Letten wider die Deutschen. Nicht minder trotzig gebärden sich die drei großen Städte; oftmals tobt blutiger Kampf um die Wälle des Wittensteen, der Feste, die der Orden zur Bändigung Rigas erbaute. Nachher erwacht das Selbstgefühl der ländlichen Vasallen; Erzbischof und Orden, Stiftsadel und Ordensadel, Bürgertum und Ritterschaft schwächen einander in sozialen Kämpfen. Also hat unser Volk auf enger Stätte jene beiden Hauptrichtungen kolonialer Politik vorgebildet, welche später Briten und Spanier in den ungeheuren Räumen Amerikas mit ähnlichem Erfolge durchführten. Bei dem unseligen Zusammenprallen tödlich verfeindeter Rassen ist die blutige Wildheit eines raschen Vernichtungskrieges menschlicher, minder empörend als jene falsche Milde der Trägheit, welche die unterworfenen im Zustande der Tierheit zurückhält, die Sieger entweder im Herzen verhärtet oder sie hinabdrückt zu der Stumpfheit der Besiegten. Ein Verschmelzen der Eindringlinge und der Urbewohner war in Preußen unmöglich, wo weder das Klima des Landes noch die Kultur der Bewohner dem Deutschen irgendeine Lockung bot, und die Unfähigkeit des Volkes zu nationalem Staatsleben, sogar den Slawen gegenüber, klar am Tage lag. Ein menschliches Geschenk daher, daß nach der Unterjochung der Herr dem Diener seine Sprache gab, ihm so den Weg eröffnete zu höherer Gesittung. Weit tiefer als die Preußen standen das Lettenvolk und die finsteren finnischen Esten – zerstückt in Kleinstaaten, mit wenig entwickeltem Gemeindeleben, in der eintönigen Öde ihrer Wiesen und Sümpfe und Nadelwälder nicht mehr vertraut mit dem üppigen Wuchse der Eiche und der freudigen königlichen Jagd auf den Hirsch, die Preußens milderes Klima noch kennt. Diese wenig bildungsfähigen Völker mit deutscher Sprache und Bildung zu befreunden, war bei den anarchischen Zuständen des Landes, bei der geringen Zahl der Deutschen unmöglich. Der Sieger hält die Unterworfenen dem deutschen Wesen fern; ihm genügt es, wenn der Este den harten Frondienst, den Gehorch leistet. Der undeutsche »Wirt«, dem der deutsche Grundherr ein dienstpflichtiges Bauerngut, ein »Gesinde«, zuweist, ist leibeigen; Läuflingseinungen unter den Herren verhindern das Entweichen der Mißhandelten. So erhält sich hier zähe das unberechtigte Volkstum eines Volks von Knechten, während der preußische Bauer mit der deutschen Sprache allmählich auch die Freiheit des Deutschen gewinnt. In den großen Städten entstehen einzelne stattliche Unterrichtsanstalten, so schon ums Jahr 1300 die ehrwürdige Domschule von Reval; doch das undeutsche Volk wird den Quellen der Bildung fern gehalten. Unter tausend Bauern, klagt Balthasar Rüssow, kann kaum einer das Vaterunser hersagen. Die Kinder schreien, die Hunde verkriechen sich, wenn ein Deutscher die raucherfüllte Hütte des Esten betritt. In den hellen Nächten des kurzen hitzigen Sommers sitzen dann die Unseligen unter der Birke, dem Lieblingsbaume ihrer matten Dichtung, und singen hinterrücks ein Lied des Hasses wider den deutschen Schafsdieb: »bläht euch auf, ihr Deutschen, vor allen Völkern der Welt; nichts behagt euch bei dem armen Estenvolke; darum hinunter mit euch zur tiefsten Hölle.« Jahrhundertelang hat solcher Haß der Knechte, solche Härte der Herren angehalten; erst in der Zeit der russischen Herrschaft entschloß sich der deutsche Adel, den Bauern von der Schollenpflichtigkeit zu befreien. – An diesem Gegenbilde ermessen wir, was die Germanisierung von Altpreußen bedeutet. Kaum war Preußens Unterwerfung vollendet, so richtete der Orden seine Pläne auf das Land westlich der Weichsel, das von polnischen Vasallen beherrschte Pomerellen. Nicht bloß die ruhelose Natur des Militärstaats, sondern ein ernsteres politisches Bedürfnis trieb den Orden in diese Bahn. Mit der zunehmenden Bebauung des Landes hörte die Weichsel auf, eine natürliche Grenze zu sein, und ohne unmittelbare Verbindung mit der starken Wurzel ihrer Macht, mit Deutschland, konnte die junge Kolonie nicht bestehen. Am glücklichsten freilich für Deutschland, wenn der Orden es verstanden hätte, in stetigem Bunde mit der anderen Nordost-Mark des Reichs, mit Brandenburg, das Werk der Germanisierung hinauszuführen. Aber einen so weiten Horizont umfaßt der politische Blick eines mittelalterlichen Territoriums nicht. Schon damals allerdings griffen die Geschicke dieser beiden, durch mächtige Interessen natürlich verbundenen Marken ineinander ein, doch nur insofern, als sie sich ablösten im Vorkampfe gegen die Völker des Ostens. Sobald die Macht der Askanier in der Mark zerfällt, tritt der Orden gewaltig vor die Bresche der deutschen Kultur, und wieder nach dem Siege der Polen in Preußen erhebt sich das Haus Hohenzollern und ordnet das zerrüttete Brandenburg. Zunächst begegneten sich die Askanier und die deutschen Herren sogar in offener Feindschaft. Schon längst nämlich hatte der Orden mit jener Feinheit diplomatischer Kunst, welche die Aristokratien aller Zeiten auszeichnet, kleine Landstriche Pomerellens friedlich erworben. Gleich Rom wußte er die geistlichen Nöte der Menschen als Hebel seiner weltlichen Macht zu nutzen. Manch geängstetes Christenherz erkaufte sich das Heil der Seele durch Schenkungen an die Gottesritter. Als König Waldemar der Däne die gelobte Kreuzfahrt in das heilige Land unterlassen mußte, sühnte er die Schuld durch ein reiches Geldgeschenk an die deutschen Herren. Anderwärts förderte den Orden die wirtschaftliche Überlegenheit der Deutschen inmitten des sorglosen Leichtsinns der Slawen. Seine treffliche Verwaltung, geleitet nach jenen Grundsätzen orientalischer Finanzkunst, welche auch Venedig und Neapel mit Glück anwendeten, bot ihm Schätze baren Geldes – eine furchtbare Macht in diesen Tagen der Naturalwirtschaft. Bald löst er einen wendischen Fürsten aus der Kriegsgefangenschaft, bald bezahlt er einem Wedell seine Schulden oder schenkt einem Bonin einen Streithengst und 50 Mark Pfennige – und erhält in reichem Landbesitz den Lohn der guten Tat. Endlich naht die willkommene Stunde, diese zerstreuten Güter westlich der Weichsel zu einer stattlichen Provinz abzurunden. Nach dem Aussterben der pomerellischen Herzöge bestreiten die Polen das unzweifelhafte Recht der Markgrafen von Brandenburg auf das verwaiste Herzogtum, König Wladislaw von Polen ruft den Orden zu Hilfe, um die Askanier aus Danzig zu vertreiben. Der Orden wiederholt die alten kühnen Ränke, verjagt die Brandenburger (1308) – aber auch die Polen, und verlangt von Polen für dies Werk der Befreiung eine unerschwingliche Entschädigung. Als Polen sie zu zahlen verweigert, kauft der Orden den Brandenburgern ihre Ansprüche auf Pomerellen ab (1311), vertreibt alle polnisch Gesinnten, organisiert das Herzogtum zwischen Weichsel und Leba als Ordensland und gewinnt die Gunst der Bauern, indem er die unmenschlichen slawischen Frondienste erleichtert. So tritt zu den längst blühenden Städten, der alten Landeshauptstadt Kulm, der festen Elbing und der schönen Thorn, die reiche Danzig hinzu. Diese alte slawisch-dänische Ansiedlung, erst seit kaum hundert Jahren von einigen Deutschen bewohnt, wächst unter der Ordensherrschaft mit wunderbarer Lebenskraft empor. Eine Ordensburg erhebt sich an der Stelle des slawischen Herzogsschlosses, und neben der Altstadt und dem slawischen Fischerviertel, dem Hakelwerke, entsteht, beide rasch überflügelnd, die deutsche Jung-Stadt Danzig, reich begnadigt von dem neuen Landesherrn. Durch diese verwegene Erwerbung mußte der oft gereizte Haß der Polen endlich zum Losschlagen gedrängt werden. Und schon hatte sich dem Orden im Osten ein zweiter, schrecklicherer Feind erhoben, das wilde Litauervolk, das damals, auf dem Gipfel seiner Macht, die Lande bis Kiew und Wladimir beherrschte. Ein ruheloses Grenzerleben war das Los der Deutschen ostwärts von Königsberg. Wartleute des Ordens, unterhalten durch das schwere Wartgeld der Umwohner, stehen in den kleinen Festen und Wachthäusern der weiten Grenzwildnis, die das Ordensland gegen die Barbaren deckt. Mehrmals im Jahre ertönen die warnenden Signale der Ordensleute. Dann retten sich Weiber und Kinder in die Fliehhäuser des Ordens und die Landwehr rückt aus. Lärmend sprengen die Feinde heran auf ihren kleinen Gäulen, sengen und verwüsten, führen alles Lebendige hinweg in die Eigenschaft, als willkommene Ackerknechte in ihre entvölkerte Heimat. Dies die unwandelbare Kriegskunst der Barbaren des Ostens, die noch Peter der Große gegen die Deutschen geübt hat. – Auch diese Feindschaft war eine notwendige. Denn nimmermehr konnten die Heiden einen Nachbarn dulden, dem das Gesetz die Pflicht des ewigen Heidenkampfes auferlegte; und noch minder durfte der Orden von diesem Gesetze lassen, solange die litauische Provinz Samaiten sich als ein trennender Keil zwischen Ostpreußen und Kurland einschob, ja sogar den deutschen Küstensaum zerriß. – Also von Feinden umringt sah der Orden zu Anfang des vierzehnten Jahrhunderts ein neues Unheil nahen. Verlassen standen die Ritterorden in der zur monarchischen Ordnung heranreifenden Zeit. Als ein Satrap der neuen Monarchie von Frankreich betrieb Papst Clemens V. zu Avignon die Vernichtung der Templer. Die Johanniter, von ähnlichen Anschlägen bedroht, verstärkten sorglich ihre Macht durch die Eroberung von Rhodus. Auf die Klage des aufsässigen Erzbischofs von Riga schleuderte jetzt der Papst den Bann wider die deutschen Herren, drohte »die Dornen des Lasters auszureuten aus dem Weinberge des Herrn«. Ein staatsmännischer Gedanke rettete den Orden aus dieser Gefahr. Er beschloß – was seit langem die Eifersucht der Ritter verhindert – den Schwerpunkt seiner Macht, den Hochmeistersitz, nach Preußen zu verlegen. Denn bereits hundert Jahre nach seiner Gründung war, vornehmlich durch die Zuchtlosigkeit der beiden andern Ritterorden, die letzte Feste der Lateiner im Oriente, das Ordenshaupthaus Akkon, in die Hände der Ägypter gefallen (1291). Seitdem hatten die Hochmeister, in Hoffnung auf einen neuen Kreuzzug, zu Venedig Hof gehalten. Aber wie konnte Eine Stadt die Häupter zweier mißtrauischer hochstrebender Aristokraten auf die Dauer beherbergen? Von den sieben Säulen, welche, nach dem alten Ordensbuche, das Hospital von St. Marien stützten, waren gefallen oder ins Wanken gekommen Armenien, Apulien und Romanien. In Alemannien und Österreich war der Orden nur ein reicher Grundbesitzer, bot den nachgeborenen Söhnen des Adels eine warme Herberge; und schon verspottete der Volkswitz das träge Zeremonienwesen am Hofe des Deutschmeisters: »Kleider aus, Kleider an, Essen, Trinken, Schlafen gahn, ist die Arbeit, so die deutschen Herren han.« Der Landmeister von Livland endlich teilte seine Macht mit der Kirche. Nur in Preußen besaß der Orden unbeschränkte Staatsgewalt. Marienburg also sollte der neue Hochmeistersitz werden – eine glücklich gewählte Hauptstadt, im Westen das noch ungesicherte Pomerellen beherrschend, in leichter Verbindung mit Deutschland und der See, etwa gleich weit entfernt von Thorn und Königsberg. Als der Hochmeister Siegfried von Feuchtwangen in Marienburg einzog (1309) und die Pflichten des Landmeisters in Preußen selber übernahm, da war entschieden, daß der Orden der verlebten Romantik orientalischer Kreuzfahrt den Rücken wandte und allein dem Ernste seines zukunftreichen staatlichen Berufes leben wollte. Und alsbald bewährte sich, welche nachhaltige Kraft dem Orden aus seiner weltlichen Gewalt erwuchs. Trefflich unterrichtet durch die ganz moderne Einrichtung einer ständigen Gesandtschaft bei der Kurie, den Ordensprokurator, wußte der Hochmeister, daß Rom seine Schafe nicht ohne die Wolle weide, beschwichtigte eine Weile den päpstlichen Zorn durch das bewährte Mittel der Handsalbe und zog endlich selbst gen Avignon, wo er bald erfuhr, daß der Staat der deutschen Herren sicherer stehe als die staatlosen Templer. Als später der Orden nach seiner keck zugreifenden Art über die polnischen Bischöfe in Pomerellen dieselben gestrengen Rechte in Anspruch nahm, deren er in Preußen genoß, als er gar der Kurie den Fischzug des Peterspfennigs verbot, da war bereits das preußische Volk selbst erfüllt von dem Rationalismus kolonialer Völker und dem Trotze der deutschen Herren. Die Stände des Kulmerlandes verweigerten den Peterspfennig, und das mit dem Interdikte belegte Land »ließ sich sein Brot und Bier darum nicht schlechter schmecken«. Nicht minder glücklich verfuhr der Orden gegen Polen. Alle Lebensbedingungen beider Staaten, die innerste Natur beider Völker drängten zum Kriege. Eben jetzt erwachte in Polen wieder ein starkes nationales Bewußtsein. Der Erbe der polnischen Krone freite die Erbtochter von Litauen, und das werdende große Ostreich stiftete, als ein Symbol seiner verwegenen Ansprüche, den Orden vom weißen Adler. So drohte zum ersten Male die – vorderhand noch durch ein freundliches Geschick beseitigte – Gefahr der polnisch-litauischen Union, welche hundert Jahre später sich vollziehen und den Orden in das Verderben reißen sollte. König Kasimir der Große war persönlich den Deutschen wohl geneigt, er förderte ihre Einwanderung in seine Städte, aber der nationalen Leidenschaft seines Adels vermochte er auf die Dauer nicht zu widerstehen: er verbot den Städten den Rechtsgang nach Magdeburg, gründete einen polnischen Gerichtshof zu Krakau. Unaufhörlich mahnte der polnische Adel die Krone zum Kriege gegen die deutschen Herren. Wie sollte er dulden, daß die Deutschen seinem Reiche zu der Weichselstraße auch noch das letzte Stück der Küste raubten? Wie sollte der polnische Woiwode ertragen, daß jetzt auf altpolnischem Boden der Ordensvogt den Starosten die Karbatsche aus der Hand nahm, die sie gewohnt waren, über ihren Frönern zu schwingen? daß der deutsche Herr als einen plumpen Bauer den polnischen Edlen verlachte, der es doch so trefflich verstand, den Schuh vom Fuße seiner Schönen zu ziehen, ihn mit Met zu füllen und in einem Zuge zu leeren? daß, mit einem Worte, der strenge Staat, die milde Sitte der Deutschen die zuchtlose Roheit des Slawentums verdrängten? – An dreißig Jahre währte der oft unterbrochene Krieg, oftmals schwankte die Entscheidung. In dem blutigen Kampfe bei Plowcze war das Ordensheer der Auflösung nahe, als der Vogt von Pomesanien, Heinrich von Plauen, die Schlacht wiederherstellte. Der Kalischer Frieden (1343) brachte endlich den Deutschen vollständigen Sieg: Polen verzichtete auf Pomerellen und einige Grenzlande – darunter ein guter Teil des weitgerühmten Weizenlandes Kujavien zwischen Weichsel und Netze. Während des ganzen Kampfes stand Rom mit seinen geistlichen Waffen den Polen zur Seite. Um so fester schloß sich der Orden an das Reich, dessen er in seinen frohen Tagen nur zu oft vergaß. Eben jetzt unter Kaiser Ludwig dem Bayer lebte der alte Streit zwischen Staat und Kirche als ein Prinzipienkrieg wieder auf. Ghibellinische Schriftsteller eröffneten den Federkrieg wider Rom, unsere Kurfürsten behaupteten wider Frankreich und seinen Knecht, den Papst, mannhaft die Freiheit der Kaiserwahl, und, zum ersten Male im Schoße der Kirche, ward von den Minoriten der Satz verfochten: das Konzil steht über dem Papste. In diesem großen Kampfe nahm der Hochmeister offen Partei für den Kaiser als »sein Fürst und Geliebtester des Reichs«. +++ So hatte die weltliche Staatskunst der geistlichen Genossenschaft ihrem Gebiete eine gesicherte Abrundung erobert. Dieselbe weltliche Politik bewog den Hochmeister Werner von Orselen, in diesen Tagen (1329) die alten Statuten der bescheidenen Hospitalbrüderschaft nach den kühneren Gesichtspunkten der baltischen Großmacht abzuändern – soweit die zähe Bedachtsamkeit kirchlicher Sitten dies zulassen mochte. Nach dem Siege über Polen wird auch das Drohen der Litauer minder gefährlich. Als Angreifer tritt nun der Orden den Völkern des Ostens gegenüber und steigt in wenigen Jahrzehnten zur Sonnenhöhe seines Ruhms empor. Nach Orselen besteigt eine Reihe begabter Männer den Meisterstuhl, so der sangeskundige Luther von Braunschweig, Dietrich von Altenburg und – vor allen – Winrich von Kniprode. Vom Niederrhein gebürtig, ein freudiger Rittersmann von Grund aus und doch ein kalt erwägender Staatsmann, war er den Ideen seiner Zeit insoweit untertan, als es nötig ist, um groß in der Zeit zu wirken, doch weltlich heiterer, freier im Gemüte als die meisten der Zeitgenossen – mit einem Worte, gleich Frankreichs viertem Heinrich, eine jener frohen, prachtliebenden, siegreichen Fürstengestalten, an deren Namen die Völker die Erinnerung ihrer goldenen Zeiten zu knüpfen lieben. Unter ihm – in den Jahren 1351 bis 1382 – wird der Ordensstaat in Wahrheit eine Großmacht, zugleich, wie ein Jahrhundert später Spanien, der Mittelpunkt und die hohe Schule der lateinischen Ritterschaft. In der Tat, nur durch die Strenge einer heiligen Genossenschaft, durch den Ernst großer staatlicher Aufgaben konnte das verfallene Rittertum der Zeit wieder geadelt werden. Längst verflogen war in diesen Tagen kirchlichen Haders die religiöse Wärme des früheren Mittelalters; nicht die Begeisterung des Christen, nur phantastische Abenteuerlust führte jetzt noch Reisige in die Heere der Kreuziger. Auch jene naive, derbe Rauflust suchen wir vergeblich, die, nach dem hochgemuten Reiterspruche, »kühn und munter, fromm mitunter«, sich durch eine Welt von Feinden schlägt. Nein, einen künstlich verfeinerten, einen epigonenhaften Charakter trägt jenes vielgerühmte zweite Rittertum, das nach der wüsten Verwilderung der kaiserlosen Zeit im vierzehnten Jahrhundert sich wieder erhebt. Schon beginnt das Volk seine politischen Ideale sehnsüchtig in der Vergangenheit, in der Stauferzeit zu suchen, und bescheiden gesteht der Dichter: »die weisen meister habent vor den Wald der kunst durchhauwen.« Fällt es der Harmonie und Tiefe der modernen Empfindung ohnehin gar schwer, warmen Anteil zu nehmen an den jähen Sprüngen, ja – sagen wir nur das allein zutreffende Wort – an der zerfahrenen Liederlichkeit des Seelenlebens mittelalterlicher Menschen: so erschrecken wir geradezu vor der Herzenskälte und Armut dieses zweiten Rittertums. In bewußter Nachahmung vergangener Zeiten werden die Frauen wieder schwärmerisch verehrt von Rittern, deren schamlose Tracht und wüstes Leben häßlich absticht von den zierlich gesetzten Worten. An den Abenteuern der alten Heldenbücher erhitzen sich die Köpfe, während der kindliche Wunderglaube längst entschwunden ist. War der Adel einst begeistert in den Kampf gezogen für die erhabenen Pläne kaiserlicher Staatskunst, so irrt jetzt der deutsche Ritter planlos, würdelos umher, prahlerisch nach Abenteuern suchend von Ungarn bis zum spanischen Maurenlande. Dem deutschen Adel am mindesten wollte dies phantastische Treiben zu Gesicht stehen. Freilich auch in der guten Zeit des echten Rittertums war unser Volk in die Schule gegangen bei den Welschen, doch bald hatte es seine Stauferkaiser, seinen Walther von der Vogelweide den größten Helden und Sängern der Romanen kühnlich an die Seite gestellt. In der furchtbaren Verwirrung aber des vierzehnten und fünfzehnten Jahrhunderts bot Deutschland nur Raum für nüchterne prosaische Fürsten, die mit dem Bürgertum zu rechnen wußten. Fremd, fast schwächlich erscheint die adlige Gestalt Friedrichs des Schönen von Österreich neben dem schwarzen Prinzen, roh und krämerhaft neben den Helden der englisch-französischen Kriege jene österreichische Ritterschaft, die ihrem Könige gewissenhaft jedes auf der Kriegsfahrt verlorene Hufeisen in Rechnung stellt. Preußen allein von allen deutschen Landen darf sich in dieser Zeit an ritterlichem Glanze dem Westen vergleichen. Denn nicht lediglich leere Schlaglust, das innerste Lebensgesetz des Militärstaats vielmehr trieb den Orden in die Litauerkriege. Meisterhaft verstanden die besseren seiner Meister, dem Orden selbst die Strenge der geistlichen Zucht zu bewahren, die Wappenspielerei der neuen Zeit ihm fern zu halten, und dennoch die phantastischen Neigungen des neuen Rittertums für seine Zwecke zu benutzen. »In Preußen da ward er zu Ritter«, war lange der beste Ruhm des christlichen Edlen, und stolz trug der Preußenfahrer sein Lebtag das schwarze Kreuz. Auch Könige rechneten sich's zur Ehre, wenn der Orden sie aufnahm unter seine Halbbrüder, und kein höheres Lob weiß der alte Chaucer von seinem ritterlichen Pilger zu sagen als dieses: in Littowe hadde he reysed and in Ruce . Es war der Ehrgeiz jener Tage, dort im Osten mit dem Kriegsruhm der Eroberer des heiligen Grabes zu wetteifern; der flandrische Ritter Gilbert de Lannoy, der uns in einem treuherzigen Tagebuche la reyse de Prusse geschildert hat, nennt die mécréans de Lettau zuweilen geradezu »Sarazenen«. »Durch Gott, durch er, durch ritterschaft« zogen aus allen Ländern Europas junge Degen herbei, auf der Kriegsreise in Litauen die goldenen Sporen sich zu verdienen. Vom Morgen bis zum Mittag wehte dann vor einer feindlichen Burg die Ordensfahne im Christenlager, und fand sich keiner, auf des Herolds Ruf, den Neulingen den Ritternamen im Zweikampf zu bestreiten, so gab ihnen der Meister Sankt Görgens Segen. Aber auch bewährte Ritter fuhren gen Preußen zum Dienste unserer Frauen. Wir finden unter den Gästen nicht nur den Donquijote dieser donquijotischen Zeit, den Franzosen Boucicaut, sondern auch den kalten Rechner, Graf Heinrich von Derby-Bolingbroke, der später im verschlagenen Ränkespiel den Thron der Lancaster gründete. Einmal weilten zwei Könige zugleich am Hofe des Hochmeisters: Ludwig von Ungarn und jener ritterliche Johann von Böhmen, der in den Sümpfen Litauens ein Auge verlor. Kamen so namhafte Gäste, dann ward »zu Ehren dem von Österreich und auch der Maget tugendreich, die Gottes Mutter wird genannt«, sofort eine Heidenfahrt begonnen. In dringender Not versuchte der Meister die stärkste Lockung: er schrieb den »Ehrentisch« aus unter den lateinischen Rittern, und durch alle Lande erklangen dann die Namen jener Zehn, die nach erfochtenem Siege der Orden als die Würdigsten erfand und unter prunkvollem Zelte, gleich den Degen von Artus' Tafelrunde, bei Zitherklang und Pfeifenspiel mit einem feierlichen Ehrenmahle bewirtete. Sehr ernsthaft und planvoll, offenbar, waren diese Kämpfe selten, und bald sanken sie herab zu einer leeren und rohen Spielerei. Die meisten ritterlichen Kriege des Mittelalters waren tumultuarisch und von kurzer Dauer, schon weil die Rosse nicht leicht Unterhalt fanden. Pfadfinder des Ordens, »Leitsleute«, führten das Heer in das Heidenland hinüber; die Fahne der Grenzburg Ragnit hatte den Vorkampf. Einige Nächte lang ward »in der Wild« geheert – »heid ein, busch ein, unverzagt, recht als der fuchs und hasen jagt« – alle Habe zerstört nach dem einfachen Grundsätze, »was in tet we, das tet uns wol«, und sodann nach lauter Feier des großen Sieges die Rückkehr angetreten und ein Haufe Litauer »gleich den jagenden Hunden« gekoppelt gen Preußen geführt – wenn es nicht dem Feinde noch gelang, die siegreichen Ritter in die Sümpfe und Moore zu locken, oder sie einzuschließen zwischen den Hagen, jenen mächtigen Verhauen, die das Barbarenland durchschnitten. Überall zeigen die Ritter seltsame Züge prahlerischer Tapferkeit, so jener Komtur Hermann von Oppen, der beim Anzug des Feindes die Tore von Schönsee öffnen ließ, und also die Feste verteidigte. Die wüsten Sitten der Gäste begannen dem Orden selber verderblich zu werden, und schlimmer noch als die Heere hauste das ungeordnete leichte Kriegsvolk der Struter ( latrunculi heißen sie in den lateinischen Chroniken), das in dichtem Gewölk den Heeren beider Teile folgte. Und doch erkennen wir leicht auch in solchem verworrenen Kriegsgetümmel den Grundcharakter des Ordens, seinen Januskopf, der mit dem einen Gesichte hinausschaut in den hellen Bereich moderner politischer Gedanken, mit dem anderen zurückblickt in die verschwommene Traumwelt des Mittelalters. Abgeschwächt freilich war längst der unversöhnliche Gegensatz christlichen und heidnischen Wesens. Schon unter Winrich von Kniprode schloß der Orden, was sein Gesetz streng verbot, zum ersten Male einen Frieden mit den Heiden. Doch um so zäher hielt der Ordensstaat an dem politischen Gedanken seiner Kriege, an dem Plane, das Litauerreich zu brechen, das die Provinzen der Düna und der Weichsel trennte. Im Jahre 1398 erfüllte sich ein guter Teil dieser Absichten, da das Samaitenland dem Orden abgetreten ward und nun die gesamte baltische Südküste den Deutschen gehorchte. Keineswegs ward dies Ziel erreicht allein durch jene räuberischen Kriegsreisen adliger Gäste. Oftmals rückte die gesamte organisierte Wehrkraft des Militärstaats ins Feld – so in dem glorreichsten Jahre der Ordensgeschichte 1370. Damals fiel des großen Winrich Ordensmarschall mit dem harten Herzen und dem harten Namen, Henning Schindekopf, als Sieger in jener gräßlichen Rudauschlacht, die noch heute im Gedächtnis der Altpreußen lebt. Tiefen Sieg entschieden die Maien der Bürger – waffenkundige Genossenschaften von Patriziern und Zünftlern, die in guten Zeiten jeden Frühling in festlichem Aufmarsch aus den Toren zogen, den König Lenz nach alter Sitte einzuholen, aber wenn das Kriegsgeschrei erscholl, unter der Führung ihres Ordenskomturs zu den Fahnen des Ordens stießen. In ernstfröhlicher Weise verstand Winrich die Wehrbarkeit der Bürger zu kräftigen: er ordnete den gewohnten Brauch des Vogelschießens in allen Städten des Landes nach fester Satzung und ermutigte die gewandten Armbrustschützen durch Staatspreise. Glücklicherweise leisteten auch die Grundherren und Bauern ihren Komturen Heerfolge, nach strenger Regel, auf bedeckten Hengsten vollgerüstet, oder in der leichteren Plattenrüstung, je nach der Größe des Hufenbesitzes. Auch die modischen fremden Gäste standen unter den Befehlen der Ordensritter, die noch den altritterlichen Schmuck des Vollbartes und des langen würdigen Mantels bewahrten. Alle Fahnen mußten sich senken – hier in dieser deutschen Grenzerwelt, wo das herrschende kaiserliche Banner nie geweht hat – wenn die große Ordensfahne mit dem Bilde der gnadenreichen Jungfrau dem Ordensmarschall vorangetragen wird. Unbedingt – wenn nicht der Hochmeister selber das Kommando übernahm – verbanden die Befehle des Marschalls, der in friedlicher Zeit in dem gefährdeten Osten, zu Königsberg, hauste, im Kriege sich mit dem Generalstab seiner Kumpane umgab. Der harte Spruch des Reisegerichts traf die Widersetzlichen – Gäste, Preußen und deutsche Herren – vornehmlich jeden, der die strenge Marschordnung störte. Auch im Lager mahnte der Altar, der inmitten des Heeres von den Fahnen umweht sich erhob, an den geistlichen Ernst des Kampfes. – Also verstand sich hier der Stolz der schweren adligen Reiterei zum Zusammenwirken mit dem Fußvolke der Landwehr. Sogar leichte Reiter, die Turkopolen, wußte der Orden zu verwenden. Und wohl nirgendwo ist das schwere Geschütz der Arkolei so früh und so häufig benutzt worden, als hier – schon zu Anfang des vierzehnten Jahrhunderts – von dem Ritterbunde, welcher der Erfindungslust seiner kriegskundigen Städte immer ein williges Ohr lieh. Die alte Mönchspflicht der Krankenpflege diente jetzt weltlichen Zwecken, ein großes Invalidenhaus wurde zu Marienburg eingerichtet, worin der Orden für die alten Tage seiner wunden Brüder sorgte. – Noch lebt ungeschwächt in den Herzen der Litauer und Slawen der alte Volkshaß wider die Deutschen. Als eine Burg am Niemen von den Unsern erstürmt wird, da bieten Hunderte der Heiden ihren Nacken dem Beile einer greisen Priesterin, also daß keiner in der Deutschen Hände fällt. Aber schon begegnen uns dann und wann Züge menschlicher Annäherung. Scharen mißhandelter Leibeigener fliehen aus Litauen hinüber unter das mildere Recht des Ordens; und gern nimmt er sie auf – unter der bezeichnenden Bedingung, daß sie zurückgeführt werden sollen in die Heimat, sobald ganz Litauen dem Orden gehorche. Sehen wir in den Kriegen des Ordens, wie billig, eine streng monarchische Ordnung walten, so herrscht in seiner politischen Verwaltung der aristokratische Geist des Mißtrauens. »Da ist viel Heil, wo viel Rat ist,« dies Wort erhärtet an dem Beispiele Christi, der auch mit den Aposteln frommen Rates pflog – bezeichnet den kirchlich-aristokratischen Grundgedanken seiner Verfassung. Wohl schmückte sich das Land mit königlichem Pomp, wenn der Statthalter des gestorbenen Hochmeisters alle Gebietiger des Ordens mit den Landmeistern von Deutschland und Livland gen Marienburg berief und dann das Glockengeläute der Schloßkirche verkündete, daß die auserwählten Dreizehn im tiefgeheimen Wahlkapitel einen neuen Fürsten erkoren, Christi Statt im Orden zu halten. Aber den die mächtigsten Könige der Christenheit »lieber Bruder« nannten, er durfte nur über das Kleinste und Alltägliche frei verfügen. Die fünf obersten Gebietiger, der Großkomtur, der Oberstmarschall, der Oberstspittler, der Obersttrappier, der Obersttreßler mußten zu jedem wichtigen Beschlüsse ihre Zustimmung geben; jede Verfügung über Land und Leute war gebunden an das Ja der beiden Landmeister; und wiederholt geschah, daß der Deutschmeister mit dem großen Ordenskapitel die Absetzung eines hoffärtigen Hochmeisters verfügte. Als die Macht des Ordens reißend anschwoll, der persönliche Verkehr mit fremden Fürsten sich vermehrte, befreite sich der Hochmeister allmählich von den kleinlichen Regeln mönchischer Zucht und bildete sich einen glänzenden Hofstaat. Aber auch dann noch erhielt der Herr der Ostseelande, wenn er teilnahm an den Mahlzeiten des Ordens, seine vier Portionen zugeteilt, damit er spende an die Armen und Büßenden. Nur in dringender Not mochte der Hochmeister auf eigene Hand verfahren und durch einen Machtbrief unbedingten Gehorsam befehlen. Immerhin ließ diese beschränkte Macht von geschickter Hand sich wirksam nutzen, was der Orden selber in seiner guten Zeit durch die Wahl fast ausnahmslos tüchtiger Männer anerkannte. Wie der Hochmeister dem gesamten Orden, so stand der Komtur in jeder größeren Ordensburg »mehr als Diener denn als Herr« den zwölf Brüdern gegenüber, die nach dem Vorbilde der Apostel seinen Konvent ausmachten. Die furchtbare Härte der genossenschaftlichen Zucht allein hielt diese Aristokratie zusammen. Die »Regeln, Gesetze und Gewohnheiten« des Ordens zeigen uns noch heute, wie hoch hier die Kunst, Menschen zu beherrschen und zu benutzen, ausgebildet war. Ein begebener Mensch war geworden, wer die drei Gelübde der Armut, der Keuschheit und des Gehorsams geschworen, »so die Grundfeste sind eines jeglichen geistlichen Lebens,« und dafür von dem Orden empfangen hatte ein Schwert, ein Stück Brot und ein altes Kleid. Ihm war verboten, seines Hauses Wappen zu führen, zu herbergen bei den Weltlichen, zu verkehren in den üppigen Städten, allein auszureiten, Briefe zu lesen und zu schreiben. Viermal in der Nacht wurden die Brüder, wenn sie halb bekleidet mit dem Schwerte zur Seite schliefen, von der Glocke zu den »Gezeiten« gerufen, viermal zu den Gebeten des Tagamts; an jedem Freitag unterlagen sie der mönchischen Kasteiung, der Juste. Wem der Orden ein Amt befiehlt, zu Riga oder zu Venedig, übernimmt es unweigerlich und legt es nieder am nächsten Kreuzerhöhungstage vor dem Kapitel seiner Provinz; seine Rechnungen bewahrt das Archiv. Ist einer in Schuld verfallen, so tagt das geheime Kapitel, das mit einer Messe beginnt und mit Gebet endigt, und verweist den Schuldigen an den Tisch der Knechte oder läßt die Juste an ihm vollziehen, denn »nachdem die Schuld ist, soll man die Schläge messen«. Doch darf der Meister Milde üben, der in der einen Hand die Rute der Züchtigung führt, in der anderen den Stab des Mitleids. Nur die »allerschwerste Schuld« – die Fahnenflucht, den Verkehr mit Heiden und die »vormeinsamten Sünden« der Sodomie – kann auch des Meisters Gnade nicht sühnen; sie geht dem Sünder an sein Kreuz, er hat den Orden verloren ewiglich. Noch über das Grab hinaus verfolgt der Orden die ungetreuen Brüder. Wird in dem Nachlasse eines deutschen Herrn mehr gefunden als jene kümmerliche Habe, die das Gesetz erlaubt, so verscharrt man die Leiche auf dem Felde. Derselben mönchischen Zucht unterlagen auch die zahlreichen nicht-ritterlichen Ordensbrüder, die das schwarze Kreuz auf grauem Mantel trugen und in mannigfachen Berufen, namentlich in der leichten Reiterei des Ordens, Verwendung fanden. Außerdem umgab den Hochmeister eine mit der Macht des Staates wachsende Schar von weltlichen Dienern und Hofleuten; preußische Landedelleute, die der Orden in politischen Geschäften brauchte, Gelehrte und Künstler, Bediente und Subalterne. – In dieser furchtbaren Zucht, in einer Welt, die den Orden immer groß und prächtig, den einzelnen klein und arm zeigte, erwuchs jener Geist selbstloser Hingebung, der den Hochmeister Konrad von Jungingen auf dem Totenbette die Gebietiger beschwören hieß, sie sollten nimmermehr seinen Bruder zum Nachfolger in seinem Amte wählen. Freilich, eine nahe Zukunft sollte zeigen, daß bei so unmenschlicher Ertötung aller niederen Triebe weder die Freiheit des Geistes noch stetige politische Entwicklung gedeihen kann. Noch redete das Gesetz von dem »Golde der Minne, womit der Arme reich ist, der sie hat, und der Reiche arm, der sie nicht hat.« Noch erinnerten einige große Siechenhäuser, unter der Aufsicht des Ordensspittlers, und die reichversorgte Herrenfirmarie zu Marienburg an die Zeit, da der Orden, der nun drei Fürstenthrone besetzte, unter den Zelten von Akkon die Wunden pflegte; noch ward jedes zehnte Brot aus den Ordensvorräten den Armen gespendet. Aber ausschließlicher immer drängte sich des Ordens staatlich-kriegerischer Zweck hervor. Das kirchliche Wesen erscheint oft nur als Mittel, jene schweigende militärische Unterwerfung zu erzwingen, die in diesen Tagen ungebundener persönlicher Willkür allein durch den schrecklichen Ernst religiöser Gelübde sich erhalten ließ. Wenn mittags an der schweigenden Tafelrunde der Priesterbruder ein Kapitel der Bibel vorlas, wählte man gern die kriegerischen Mären von den »Rittern zu Josuas und Moses' Zeiten«. Immer wieder ward den jungen Brüdern das Makkabäerwort eingeschärft: »Darum, liebe Söhne, eifert um das Gesetz und waget euer Leben für den Bund unserer Väter.« Es war ein endloser Vorpostendienst. Tag und Nacht standen die Briefschweiken im Stalle gesattelt, um die Boten mit den Befehlen des Meisters oder mit dem Sterbebriefe, der den Tod eines Bruders kündete, von Burg zu Burg zu tragen – ein geregelter Botenlauf durch das gesamte Mittel- und Südeuropa. Alltäglich konnte ein Visitierer des Ordens erscheinen, alle Schlüssel und Rechnungen der Burg abzufordern, und sämtliche Brüder waren verpflichtet, ihm anzuzeigen, ob das Gesetz verletzt worden, das jede Tagesstunde in jeder Burg des weiten Reiches nach gleicher Regel leitete. Bei so unbarmherziger Aufsicht mußten die Finanzen des Ordens glänzend gedeihen. »Zu Marienburg,« läßt der Dichter den Pfennig sagen, »da bin ich Wirt und wohl behaust.« Bis zum fünfzehnten Jahrhundert findet sich in den peinlich genauen Rechnungen, die das Königsberger Archiv noch heute bewahrt, keine Spur eines Unterschieds. Ja, ein ganz moderner Gedanke der Finanzwissenschaft ist in dem Orden bereits verwirklicht: der Staatshaushalt war scharf geschieden von dem Haushalt des Fürsten, der seinen Kammerzins von bestimmten Gütern bezog. Überhaupt mußten Wohlstand und Bildung erstaunlich rasch emporschießen, wo die Kapitalien und die eingeübte Arbeitskraft eines gesitteten und dennoch jugendlichen Volkes, vereint mit den durchgearbeiteten Gedanken der päpstlichen, orientalischen und hansischen Staatskunst, auf die üppigen Naturschätze eines unberührten Bodens befruchtend einströmten. Wo der Adel selber, durch ein heiliges Gesetz gebändigt, herrschte, konnte der unselige Schaden des mittelalterlichen Staats, die Störung des Landfriedens durch räuberisches Junkertum nicht aufkommen. Hier war die Stätte nicht für das trutzige Liedlein, das der Adel im Reiche sang: »ruten, roven, dat is kein schande, dat doynt die besten im lande.« Die Ritter und Knechte des Landes, reich begütert zumal im Westen und im Oberlande, vermochten vorerst dem mächtigen Orden nicht zu trotzen. Sie erfreuten sich der Gunst des großen Winrich, der aus diesen Grundherren den Kern der berittenen Landwehr bildete. Sie blieben der Gerichtsbarkeit des Ordens unterworfen und standen mit den Städten in friedlichem Verkehr durch den schwunghaften Getreidehandel. Die übrige freie Landbevölkerung verschmilzt allmählich zu einer Masse; die große Mehrzahl der alten preußischen Freien erwirbt das freie kulmische Recht der deutschen Kölmer. Auch die Pflichten der Grundholden werden leichter, seit der Orden die Bedeutung der rasch eindringenden Geldwirtschaft erkennt und die Verwandlung der Dienste in Geldzinsen gestattet. Der den Hansebürgern abgesehene Grundsatz unbedingter Freizügigkeit befördert den Anbau und sichert die Freiheit, ohne doch, bei dem festen Erbrechte der Bauernhöfe, ein allzurasches Hin- und Wiederfluten der Bevölkerung zu bewirken. Und wie sollte des Landmanns Lage da auf die Dauer eine gedrückte bleiben, wo der rastlose Kampf mit der Flut des Meeres und der Ströme fortwährend die persönliche Kraft des Bauern herausfordert? Den Mahnruf des Dichters an die Monarchie des Mittelalters: »Dir ist befohlen der arme Mann«, befolgt die Aristokratie der deutschen Herren um so eifriger, je gefährlicher die Macht des städtischen und des Landadels emporwächst. Dem großen Winrich hat das Volkslied das edelste Fürstenlob, daß er ein Bauernfreund gewesen, nachgesungen. Die Kirche bleibt in der alten Abhängigkeit. Die Klöster vornehmlich unterliegen der strengen Aufsicht des Ordens, und allein kraft eines Terminierbriefes der Landesherrschaft darf der Bettelmönch fromme Gaben heischen. Nur in Ermeland, wo es nicht gelungen war, das Domkapitel mit deutschen Herren zu besetzen, begannen schon jetzt unheilvolle Händel zwischen dem Bistum und dem Orden. Solche Erscheinungen heben die preiswürdige Tatsache nicht auf, daß die Ordensherrschaft das ausgedehnteste Gebiet einheitlichen Rechtes im deutschen Mittelalter umfaßt. Jeder Komtur einer Ordensburg ist zugleich Bezirkshauptmann für die Landesverwaltung, führt den Vorsitz im Landthing, und selbst die mächtigen Städte müssen sich ihm beugen. Das Recht der Städte hat der Hochmeister durch eine allgemeine städtische Willkür geregelt, die nicht ohne seinen Willen geändert werden darf. Er allein entscheidet über die Freiheit des Handels und die Zulassung der Fremden, er bestimmt die Willkür für die Weichselschiffahrt. Ihm dankt das Land gleiches Maß und Gewicht; nur seiner Landesmünze zu Thorn ist der Münzenschlag vorbehalten. Und doch war die Stellung der großen Städte des Landes, die früh der Hansa Deutschlands beitraten, zu ihrer Landesherrschaft nach modernen Staatsbegriffen ebenso unbegreiflich, wie die Lage aller anderen landsässigen Hansestädte. Die »unter beiden Meistern sitzenden« Hansestädte (in Preußen die Sechsstädte Danzig, Elbing, Thorn, Kulm, Königsberg und das kleine Braunsberg, – denn das reiche Memel blieb butenhansisch) – sie beschlossen auf den gemeinen Hansetagen oder gar auf ihren preußischen Städtetagen zu Marienburg und Danzig den Krieg gegen Könige, die mit dem Orden in Frieden lebten. Sie spielten – ein Staat unter Staaten – die Rolle des Vermittlers in den Händeln des Ordens mit Litauen, oder baten den Hochmeister um seine Verwendung in hansischer Sache bei der Königin von Dänemark. Die bittere Not, der Ernst der politischen Arbeit und das nicht eingestandene, doch unzweifelhaft bereits lebendige Bewußtsein, auf wie schwachen Füßen die glänzende Ordensherrschaft stehe – das alles zwang den Orden, die ritterlichen Vorurteile zu verschmähen, den Eifer der Herrschsucht zu mäßigen und als treuer Bundesgenoß zu den Städten Niederdeutschlands zu halten. Waren doch beide im Innersten verwandt als Aristokratien von Deutschen inmitten halbbarbarischer Völker, als trotzige Eroberer unter fremden Zungen, verwandt sogar in ihrer inneren Einrichtung. Auch die Hansa konnte in der Fremde ihre Herrschaft nur erhalten durch die strenge klösterliche Zucht mönchischer Faktoreien. Auch das Gewerbe des Kaufmanns war in tiefes Geheimnis gehüllt gleichwie das Leben der geistlichen Genossenschaft. Der Blick der Osterlinge beherrschte einen weiteren Gesichtskreis als die Binnenstädte Oberdeutschlands; sie allein unter unseren Kommunen trieben große Politik gleich dem Orden, und sie begegneten sich mit ihm vornehmlich in dem Bestreben, den friedlosen Verkehr zur See endlich zu sichern. Diese Verbindung war so natürlich, daß das Anwachsen beider Mächte auch in der Zeit genau den gleichen Schritt einhielt und beide von dem Augenblicke an dem Verfalle entgegeneilten, da sie sich miteinander entzweiten. Das glorreiche Jahr des Ordens (1370) war auch der Höhepunkt der hansischen Macht. Als Meister Winrich die Kunde empfing von dem großen Litauermorden auf dem Rudaufelde, da weilte an seinem Hofe als ein Bettler, des Ordens Vermittlung erflehend, Waldemar Atterdag der Däne, verjagt aus seinem Erbe durch die Bürgermacht der Siebenundsiebzig Hansestädte; im selben Jahre unterschrieb der König den Stralsunder Frieden und versprach, daß fürderhin keiner den Thron von Dänemark besteigen solle, als mit dem Willen der gemeinen Hansa. Wenige Jahrzehnte später traten drei preußische Städte als Bürgen ein für das königliche Wort Albrechts von Schweden. Hat auch keine der Ordensstädte die unvergleichliche Lübeck völlig erreicht und das Wort des deutschen Liedes zu Schanden gemacht: »Lübeck aller stede schone, van richer ere dragestu die krone« – so stand doch von allen Gemeinwesen der Osterlinge Danzig der Travestadt am nächsten. Ein hochgefährliches Element in dem jungen Staate, fürwahr – diese überkräftige Kommune mit dem stolzen Adel, den leidenschaftlich bewegten Zünftlern und dem heute noch berüchtigten wilden Hafenvolke polnischer Weichselschiffer. Sie war die Erbin jener Handelsherrschaft im Osten des baltischen Meeres, welche dereinst dem alten Wisby auf Gotland gehörte. Wohl hielt die Stadt noch so streng wie nur der Orden selber auf deutsches Wesen, wehrte allem undeutschen Blute den Eintritt in die Zünfte. Rechtspflege und Verwaltung waren nach moderner Weise getrennt, jene geübt von dem Stadtschultheißen und seinen Schöppen, diese in den Händen von Bürgermeister und Rat; die Verfassung aristokratisch, doch so, daß für wichtige Entschlüsse die Zustimmung der Zünftler eingeholt ward. Aber schon geschah, daß die Zünftler in jähem Aufruhr aus ihrem Gemeindegarten lärmend vor den prächtigen Artushof der Stadtjunker zogen, und schon jetzt ward in dem Junkerhofe dann und wann der kecke Plan besprochen, die Stadt von dem gestrengen Orden loszureißen. Denn hatte der Orden auch ein einheitliches Handelsgebiet geschaffen und niemals Binnenzölle aufgelegt, so erhob er doch ein Pfundgeld von der Einfuhr. Ja, er ward jetzt selber ein großer Kaufherr und verfeindete sich also den monopolsüchtigen Geist der Hansa: er begann, gestützt auf päpstliche Dispense, einen ausgedehnten Eigenhandel, vornehmlich mit dem Bernstein, den außer den Dienern des Ordens niemand aufsammeln durfte. Er beanspruchte oft ein Vorkaufsrecht auf die Einfuhren seiner Städte, band sich selber nicht an die Getreideausfuhrverbote, die er zuweilen für sein Land erließ, und trieb den Kornhandel so schwunghaft, daß einmal 6+000 Last Roggen allein auf sieben Ordensburgen aufgespeichert lagen. Seine Handelsagenten residierten in Brügge, in den preußischen Städten und in dem Mittelpunkte des polnischen Verkehres, Lemberg. Nur im Zusammenhange mit diesen hansischen Verhältnissen läßt sich des Ordens baltische Politik begreifen. Auch Estland, dessen Ritterschaft der Orden schon längst durch einen Bund an sich gekettet hatte, wurde endlich ganz für den Ordensstaat gewonnen (1346), als der Meister von Livland dem Dänenkönige beistand gegen einen gefährlichen Aufstand der estischen Bauern und dann – nach der alten geistlichen Politik – eine unerschwingliche Entschädigung für die Hilfe forderte. So war dem Orden die Küste vom Peipussee bis zur Leba dienstbar, und alsbald begann er die Befriedung der See, schuf sich eine Seemacht als der Schirmherr des gemeinen Kaufmanns. Schon längst war der deutsche Kaufherr gewohnt, seine Koggen nur in starken Flotten auf die friedlose See zu senden. Vollends in den wüsten Kriegen zur Zeit der kalmarischen Union hatten die streitenden Mächte des Nordens das alte Unwesen der Seeräuber ermutigt durch ihre Stehlbriefe. Seitdem war der Piratenbund der Vitalienbrüder, geführt von adligen Abenteurern, den Sture, den Manteuffel, herrschend im baltischen Meere, hatte Gotland besetzt und das verfallene altehrwürdige Wisby in ein festes Raubnest verwandelt; seine Auslieger lauerten in allen Winkeln der buchtenreichen See versteckt. Was die skandinavischen Kronen nicht wagen, gelingt endlich der jungen Flotte des Ordens (1398): unterstützt von den Schiffen seiner Städte erobert er Gotland, verhängt ein furchtbares Strafgericht über die Räuber und läßt seine Friedensschiffe in der Ostsee kreuzen. Bald darauf setzen sich, kraft alter Herrschaftsrechte, die Dänen auf der Insel fest; der Orden aber rüstet eine neue Flotte, bringt an zweihundert dänische Schiffe auf, landet ein Heer von 15+000 Mann auf Gotland und pflanzt die Kreuzfahne wieder auf den Wällen von Wisby auf (1404). Auch tief in das Binnenland hinein reichen die Fäden der Ordenspolitik. Solange die baltische Welt noch nicht den russischen Ehrgeiz lockt, steht der Orden oft im Bunde mit dem weißen Zaren als dem alten Feinde der Litauer; und doch sendet der Hochmeister vorsichtig zugleich Gesandte an die Beherrscher von Kasan und Astrachan, findet an ihnen eine starke Rückenlehne wider die Moskowiter. – Den Polen und Litauern gegenüber weiß der Orden teilend zu herrschen; er schürt emsig den Bruderstreit, der das Großfürstenhaus von Litauen zerfleischt; seine Burgen sind die bereite Zufluchtsstätte aller Unzufriedenen der Nachbarländer. Und schon am Ausgang des vierzehnten Jahrhunderts legt der verschlagene Piaste, Herzog Wladislaw von Oppeln, dem Orden einen europäischen Plan vor, der seitdem nie wieder aus der großen Politik verschwunden ist – den Plan der Teilung Polens. – Von so umfassenden Kombinationen jedoch kehrte die Staatskunst des Ordens immer wieder zurück zu ihren einfachsten Aufgaben. Die Verbindung mit Deutschland blieb ungesichert, solange der launische Wille der pommerschen Wendenfürsten sie jederzeit abschneiden konnte. Der Erwerb von Stolp und Bütow und anderen Grenzstrichen vermochte nicht dies zu ändern. Endlich gelang es, den alten Übelstand zu heben und eine sichere Straße in das Reich zu erwerben: der Orden benutzte (1402) die Geldnot der märkischen Lützelburger zum Ankaufe der Neumark. Bürger und Bauern des neugewonnenen Landes fügten sich willig der Herrschaft der Aristokratie; nur der meisterlose Adel widerstrebte hartnäckig, er fürchtete den Landfrieden der Ordenslande. Nicht bloß für die Staatskunst, auch für die Wirtschaft des Ordens ward die neue Straße in das Reich hochwichtig; denn sein Besitz in Deutschland war allmählich stattlich angewachsen, umfaßte zwölf Balleien, darunter zwei von unerschöpflichem Reichtum, Österreich und Koblenz. Wenn der Orden die Völker des Ostens vor seiner Landwehr erzittern ließ: vergessen wir nicht, welches wetterfeste, in ewigen Kämpfen gestählte Bauernvolk ihm gehorchte. In altpreußischer Zeit hatten dereinst reiche Dörfer und Wälder geprangt, wo nun der Spiegel des Frischen Haffs sich dehnte. Aber auch noch unter der Ordensherrschaft verwandelten Einbrüche des Meeres die Gestalt der Küste. Die alte Einfahrt in das Frische Haff, das Tief von Withlandsort, kaum erst durch eine Feste geschützt, versandete; die See brach sich ein neues Tief, und der Orden ließ die Bauern fronden zu den starken Dammbauten bei Rosenberg. Gewaltiger noch war das Ringen mit dem tückischen Weichselstrome. Undurchdringliches Gehölz hob sich aus dem Röhricht der weiten Sümpfe zwischen den Armen der Weichsel und Nogat, bis alljährlich im Frühjahr der Schrecken des Landes, der Eisgang, herankam, Fußboten das unheimlich langsame Nahen des Feindes verkündeten und endlich die weiten Wälder in der großen Wasserwüste verschwanden. Hat auch die moderne Kritik den vielgefeierten Namen des Landmeisters Meinhard von Querfurt erbarmungslos seines Glanzes entkleidet: zu den Fabelgestalten zählen wir darum doch nicht jenen Ordensritter mit dem Wasserrade, der heute unter den Steinbildern der Dirschauer Brücke prangt. Der Orden war es, der, nicht durch Eines Mannes Kraft, nein, durch die nachhaltige Arbeit mehrerer Geschlechter, die Wut des Stromes bändigte. Der güldne Ring der Deiche ward um das Land gezogen, gesichert durch ein strenges Deichrecht, durch die Bauernämter der Deichgrafen und Deichgeschworenen, die noch heute alterprobt bestehen. Also geschützt, ward das Sumpfland der Werder, unter dem Wasserspiegel der Ströme gelegen, von holländischen Kolonisten in die Kornkammer des Nordens verwandelt, und bald blähte sich hier die Üppigkeit, der unbändige Trotz der überreichen Werderbauern. Auch anderer Orten im Lande blühte die Landwirtschaft. Die Schafzucht arbeitete dem Tuchhandel von Thorn in die Hände, und Preußens Falkenschulen versorgten den Weidmann aller Länder mit dem unentbehrlichen Federspiele. Die Beutener in den Wäldern von Masuren versandten das Wachs ihrer Bienenkörbe weithin an den Klerus, und selbst der Landwein von Altpreußen hat den unverdorbenen Kehlen unserer Altvordern gemundet. Wichtiger noch war die Ausfuhr des Holzes, das von den Baumbesteigern der Danziger und Rigaer Kaufhäuser in den Forsten von Polen, Litauen, Wolhynien ausgesucht und dann auf mächtigen Flößen, die dichtgedrängt oftmals den Flußverkehr sperrten, die Weichsel und Düna hinabgefahren ward – wenn anders die heilige Barbara in dem Bergkirchlein zu Sartowitz das Gebet des Weichselschiffers um gesegnete Fahrt erhörte. Desselben Weges kam der Flachs, den die Braker im Hafen prüften und stempelten. Der Handel über Land mit Polen und den Nachbarländern war Preußens Vorrecht; und seit der Orden das Kurische Haff mit dem Pregel durch einen Kanal verbunden, ward auch der Wasserweg auf dem Niemen bis in das Herz von Litauen seinem Kaufmann erschlossen. Das rührige Danzig gründete dort das hansische Kontor von Kowno. Dies Monopol des überländischen Verkehrs hinderte die Sechsstädte des Hochmeisters nicht, auch den anderen Handelszügen der Hansa zu folgen: sie nahmen teil an dem großartigen Verkehre des Weltmarktes zu Brügge und sendeten ihre Schiffe auf die Baienfahrt, um an der Loiremündung Salz zu kaufen. Indes dankten alle Städte der Osterlinge den Wohlstand ihrer Zünftler vornehmlich dem Aktivhandel nach den Ländern des Nordens und Ostens, welche der Produkte unsers Landbaues und Gewerbes nicht entraten konnten. Die Fischerei im großen, jederzeit das natürliche Vorrecht des seeherrschenden Volkes, ward in den nordischen Gewässern von der Hansa ausschließlich ausgebeutet. Allsommerlich bezogen die Hansen bei Falsterbo auf Schonen ihre Hütten, um des Heringsfangs zu pflegen, und durch die Gnade des bedrängten Waldemar Atterdag durfte dort Danzig sein Fischlager neben der Bitte des gebietenden Lübeck aufschlagen. – Der Kredit ward gefördert durch die vom Orden erlassene gemeine preußische Bankrottordnung und durch ein verständiges Wechselrecht, das in den Städten zur Regelung des Überlaufs sich gebildet hatte. Vor allem sorgte der Landesherr für die Sicherheit des Verkehrs. Jeder Komtur hielt in seinem Bezirke das strenge Straßengericht. Von den Stettiner Fürsten erlangte der Orden das Versprechen, ihm alle Verbrecher auszuliefern, und von den Herzogen von Oppeln ertrotzte er sich das Recht, die Räuber des preußischen Kaufguts noch auf schlesischem Boden niederzuwerfen. Dem verderblichen Grundsatze des mittelalterlichen Handels, daß jedermann sich seines Schadens erholen solle bei den Volksgenossen, suchte der Orden entgegenzuwirken durch Handelsverträge, zumal mit England, das bereits ein Konsulat in Danzig errichtete. Mit diesem gewaltigen Aufschwunge materieller Wohlfahrt hielt die geistige Bildung nicht gleichen Schritt. Ein banausisches Wesen geht durch die mittelalterliche Geschichte unseres Nordens, der Hansa wie der deutschen Herren. Von der schrecklichen Eintönigkeit des mönchischen Garnisonlebens mochte der deutsche Herr sich erholen in ritterlichen Spielen, obwohl das eigentliche Turnier ihm verboten blieb, oder in schwerer Jagd auf Bären, Wölfe, Luchse, »nicht durch kurze weile, sunder durch gemeinen vrumen«. Auf Hochmeisters Tag oder zu Ehren fürstlicher Gäste feierte man glänzende Gelage und Gaffenspiele; dann flossen statt des Bieres der Osterwein von Chios, die welschen Weine und der köstliche Rainfal aus Istrien. Zu Ostern zogen die Dirnen von Marienburg mit Maizweigen auf das Hochschloß, um den Fürsten nach gut preußischem Brauche einzuschließen, bis er mit einer Gabe sich löste. Meisters welscher Garten und Karpfenteich boten manche heitere Stunde, bald war der Lärm und Prunk fürstlicher Besuche zur Regel geworden an dem geistlichen Hofe. Edlerer geistiger Luxus aber schien dem rauhen Militärstaate bedenklich. Noch im fünfzehnten Jahrhundert begegnet uns ein Hochmeister, der »kein Doktor« ist, weder lesen noch schreiben kann. Wenn Meister Winrich befahl, daß in jedem Konvente zwei gelehrte Brüder, ein Theolog und ein Jurist, verweilen sollten, so hatte er nur kirchlich-politische Zwecke im Auge. Seine Schöpfung, die Rechtsschule von Marienburg, ging rasch zu Grunde, und die Universität von Kulm, die der Orden in jenen Tagen zu gründen gedachte, ist nie zustande gekommen. Die gelehrten Brüder haben Urlaub, das Gelernte zu üben, die ungelehrten aber sollen nicht lernen; genug, wenn sie das Paternoster und den Glauben auswendig wissen. Vollends von einem tiefern Nachdenken über göttliche Dinge meinte der Orden wie das frühere Mittelalter: »o weh dir armen Zweifeler, wie bist du gar verloren, du möchtest kiesen, daß du wärest ungeboren.« Ein Graf von Nassau ward nach tiefgeheimer Verhandlung zu ewigem Kerker verurteilt, »weil er ein Czwifeler was«. Im Bewußtsein solcher Schwäche bewies der Orden dem gelehrten Mönchstume offene Mißgunst. Die geistige Aristokratie der Mönche, die Benediktiner, duldete er gar nicht, die Zisterzienserklöster zu Oliva und Pelplin nur, weil sie von den pommerschen Fürsten bereits früher gegründet waren; allein den unwissenden Bettelmönchen blieb er gewogen. Unter allen Wissenschaften hat nur eine in dieser durchaus politischen Welt eine eigentümliche Ausbildung empfangen, die Geschichtschreibung. Die Chronisten des Ordenslandes stellen sich den besten des deutschen Mittelalters an die Seite: von Peter von Dusburg an, der am Anfang des vierzehnten Jahrhunderts die Preußenkämpfe des Ordens mit der frommen Begeisterung des Kreuzfahrers schilderte, bis herab auf Johann von Pusilge, der hundert Jahre später mit freierem Weltsinn und weitumfassendem politischem Blick seine Jahrbücher schrieb. Solche Berichte von den Taten des Ordens wurden zuweilen in den Remtern den Brüdern vorgelesen. Eine regelmäßige Annalistik freilich konnte in dem stürmischen Grenzerleben nicht aufkommen. Gleich der Wissenschaft schwieg auch die Dichtung fast gänzlich im Ordenslande. Gar seltsam hebt von solcher Herzenshärtigkeit der Glanz der bildenden Künste sich ab, welche allerdings nicht so unmittelbar auf die Veredelung der Gemüter wirken. Ihre Blüte in Preußen fällt in der Zeit genau zusammen mit dem politischen Ruhme der Tage Winrichs von Kniprode. Das edelste weltliche Bauwerk des deutschen Mittelalters ist unter dem großen Hochmeister vollendet worden – die Marienburg, die nach dem Glauben des Volks ihre Wurzeln, die mächtigen Kellergeschosse, so tief in die Erde streckt, wie ihre Zinnen hoch in die Lüfte streben –, bei Nacht mit dem Lichtglanze ihrer Remterfenster wie eine Leuchte ob den Landen hangend, weithin sichtbar an dem Weichselflusse, dem die Kulturarbeit des Ordens den lieblichsten Unterlauf von allen deutschen Strömen bereitet hat. Schon längst stand auf den Nogathöhen hinter den Ställen und Vorratshäusern der Vorburg, beschützt durch eine Kette von Basteien und Gräben, das Hochschloß mit dem Kapitelsaale und der Schloßkirche. Das kolossale Mosaikbild der heiligen Jungfrau mit dem Lilienstabe verkündete, daß hier des geistlichen Staates Hauptburg rage; auf dem Rundgang um die Burg ruheten des Ordens Tote. Neben diesem düster-feierlichen Bau erstand in Meister Winrichs Tagen das prächtige Mittelschloß, die weltlich heitere Residenz des Fürsten, mit der lichten Fensterfronte von Meisters morgenhellem Gemach und dem wunderbar kühnen Gewölbe in Meisters großem Remter, das gleich dem Gezweige der Palme aus Einem mächtigen Pfeiler emporsteigt. Aber selbst dies freudige Bauwerk verleugnet nicht den strengen Geist des Militärstaates. Nicht nur weisen unterirdische Gänge und der Rundgang um das Dach auf den Zweck der Verteidigung; aus der wahrhaftigen Keuschheit des erst von der Gegenwart wieder verstandenen Ziegelrohbaues redet ein spröder Ernst, der den meisten gotischen Bauten fremd ist. Geradlinig schließen sich die Fenster ab, der Reichtum der vegetativen Ornamente der Gotik fehlt; nur der leise Farbenwechsel des Ziegelmusters mildert die Einförmigkeit der schmucklosen Mauerflächen. Den gleichen Charakter massenhafter Gediegenheit tragen die Nebenbauten bis herab zu den schweren Türmen, die in die Gräben hinausragen – den unaussprechlichen Danzks. Wir mögen dieses spröde Wesen nicht allein der Dürftigkeit des Backsteins zuschreiben; zeigt sich doch an einem edlen Bruchsteinbau des Ordens, an der Marburger Elisabethkirche, dieselbe Bescheidenheit des vegetativen Schmucks. Dagegen mahnen ornamentale Inschriften und manche Eigenheiten des Stils an des Ordens Verkehr mit Sizilien und dem Morgenlande. Wie das Meisterschloß das Vorbild ward für alle Ordensburgen und sogar dasselbe Ziegelmuster mit militärischer Regelmäßigkeit sich in vielen Burgen wiederholte, so wirkte der strenge Charakter der Ordensbauten auch auf die Bauwerke der Städte. Wer kennt sie nicht, die aufstrebende Kühnheit, den würdigen Ernst der Giebelhäuser mit den weit vorspringenden Beischlägen in der Danziger Langgasse? Wie eine Festung ragt der Dom von Marienwerder über die Weichselebene und ist auch als eine Feste wiederholt von reisigen Bürgern verteidigt worden. Erscheint es blendend, einzig, dies kühne Emporsteigen der Ordensmacht zu schwindelnder Höhe: wie sollten wir doch die Einsicht abweisen, daß solche glänzende Frühreife die Gewähr der Dauer nicht in sich trug? Selten läßt sich – nach dem ernsten, unser Geschlecht beherrschenden welthistorischen Gesetze – in dem Kerne menschlicher Größe selber die Notwendigkeit ihres Verfalls so schneidend nachweisen, wie an diesem widerspruchsvollen Staate. Nur weil der Orden aus den Reihen des deutschen Adels sich fortwährend neu ergänzte, gebot er über eine Fülle großer Talente. Alle die meisterlosen Degen strömten ihm zu, denen die anschwellende Macht der Fürsten und Städte den Raum beengte, die tieferen Gemüter von religiöser Inbrunst wie die Männer von wagendem Ehrgeiz, welche hier allein noch hoffen durften, aus dem niederen Adel zum Fürstenthron sich emporzuheben. Aber ebendeshalb ward des Ordens Zukunft bestimmt von der augenblicklichen Lage des Adels im Reiche, die er nicht beherrschen konnte. Nur der Heiligkeit kirchlicher Zucht dankte der Orden die Spannkraft, in staatloser Zeit die Majestät des Staates zu wahren. Doch je klarer der also gefestete Staat seiner weltlichen Zwecke sich bewußt ward, um so drückender erschienen die kirchlichen Formen, die sein mütterlicher Boden waren. An sich bietet die Herrschaft des Ritterbundes nichts Unnatürliches in Zeiten, welche gewohnt waren, alle großen politischen Ziele durch die gesammelte Kraft von Genossenschaften zu erreichen. Aber rühmten wir ihm nach, daß er in seinem Lande nichts der organischen Entwicklung überließ, alles durch scharf eingreifenden Willen ordnete, so blieb er selber doch starr und unverändert, derweil in seinem Volke alles sich wandelte, mußte jedem Versuche innerer Reform sein theokratisches non possumus entgegenstellen. Eine furchtbare Kluft tat sich auf zwischen der Landesherrschaft und ihrem Volke, seit in den Enkeln der ersten Ansiedler allmählich ein preußisches Vaterlandsgefühl erwuchs, und das Volk murrend erkannte, daß eine schroff abgeschlossene Kaste von Fremden, Heimatlosen Preußens Geschicke lenkte. Einwanderer und Einwohner standen sich hier bald ebenso feindselig gegenüber wie im spanischen Amerika die Chapetons und Kreolen, ja, noch feindseliger; denn der ehelose deutsche Herr ward durch kein häusliches Band an das unterworfene Land gekettet. Wohl bot der Orden jeder reichen Kraft freie Bahn, doch nur wenn sie seine Gelübde auf sich nahm. Die unabhängigen Köpfe des Landadels sahen sich ausgeschlossen von jeder selbständigen staatlichen Tätigkeit; derselbe Orden, der willig die Bürger von Lübeck und Bremen unter seine Brüder aufnahm, erschwerte mit theokratischem Mißtrauen dem Adel seines Landes den Eintritt. Mochte der Orden mit kühlem Rationalismus jede neue politische Idee, so die Zeit gebar, sich aneignen: die Grundlage seiner Verfassung blieb unwandelbar. Der monarchische Gedanke, der einzige, der die Völker des Mittelalters zu dauernder Gesittung emporführen konnte, der soeben noch zu Beginn des fünfzehnten Jahrhunderts in Frankreich seine rettende Kraft erprobte – im Ordenslande fand er keine Statt, solange der Plan einer Säkularisation geistlicher Staaten dem Glauben der Völker noch als ein Verbrechen erschien. Erschüttert freilich war dieser Glaube schon längst. Denn allgemeinen Anklang hat die unmenschliche Lehre von der Ertötung des Fleisches unter unserem lebensfrohen Volke zu keiner Zeit gefunden. Nicht bloß die rohe Sinnlichkeit, auch die unbefangen weltliche Anschauung des geschlechtlichen Lebens lehnte sich schon im frühen Mittelalter dawider auf. »Daz schoeniu wip betwingent man, und ist da sünde bi, son' ist da doch nicht wunders an,« sagt ein freudiges Dichterwort. Jetzt vollends war der deutsche Herr, dem verboten war, seine leibliche Mutter zu küssen, verderbt im Verkehre mit den Heidenfahrern. Die alte Satzung ward mit Füßen getreten, manch unheimliches Geheimnis aus den verschwiegenen Zellen der Burgen drang in das Volk, der weiße Mantel ward oft gesehen in den »Ketzerhainen« der lebenslustigen Städte, und das Sprichwort mahnte den Hausvater, seine Hintertür zu schließen vor den Kreuzigern. Da offenbarte sich an dem steigenden Spotte des Volks wider seine unheiligen Herrscher, daß das Possenspiel der Theokratie auf die Dauer nur solche Völker ertragen, deren Gemüt ein geistloser Glaube einwiegt in waches Traumleben. Als im Reiche Fürstentum und Bürgertum an Macht und sittlicher Kraft den Adel weit zu übertreffen begann: wie hätte solcher Verfall des Standes nicht zurückwirken sollen auf seine ferne Pflanzung? Je tiefer der Adel sank, um so herrischer trat der Ritterbruder im Weißen Mantel den Graumäntlern gegenüber. Durch die geweihten Remter schritt die Lust, schamlos und freudlos. Die Ritter, seit der Rudauschlacht des ernsten Krieges entwöhnt, kürzten sich die Weile mit leerem Prahlen von der unbesiegbaren Stärke der Ordenswaffen. Junkerhafter Übermut verhöhnte die besonnenen Meister, welche, die Gefahren der Zeit erwägend, die alte Eroberungspolitik mäßigten. Als dann endlich – nach einer tragischen Notwendigkeit, die keines Menschen Witz abwenden konnte – diese Eroberungspolitik, das Lebensgesetz des Staates, noch einmal hervorbrach, da erlebte der deutsche Adel seinen jammervollsten Fall auf demselben Boden, wo er sein Höchstes geleistet. Inzwischen reifte die Treibhaushitze der kolonialen Luft in dem jungen, der Pietät ungewohnten Volke den Haß wider die fremden Herrscher. Denn fremd mußten den Preußen die Oberdeutschen erscheinen in Tagen, da die Abneigung der Stämme in unseliger Blüte stand. Zwei neue Aristokratien waren emporgewachsen unter der herrschenden Kaste, durch festere Bande, als der Orden, mit dem Lande verkettet. Die städtischen Geschlechter, zumal die mächtigen Ferver, Letzkau, Hecht in Danzig, murrten längst wider das harte Regiment. Und hier abermals stoßen wir auf den tragischen Widerspruch im Wesen des Ordens. Nur weil der Orden zugleich ein großer Kaufherr war, konnte er den Gedanken einer Handelspolitik im großen Stile fassen; und doch hat dieser selbige Eigenhandel ihm die Gemüter der Bürger verfeindet. Unter dem Landadel, den reichen Geschlechtern der Renys und Kynthenau im Kulmerlande, tat sich der ritterliche Eidechsenbund zusammen. Alle Eidechsenritter waren verschworen, einander beizustehen mit Leib und Gut in nothafter ehrlicher Sache wider jedermann – freilich »mit Ausnahme der Landesherrschaft«; aber wer hatte Kunde von den tiefgeheimen Bundestagen? Auch auf den Hort der monarchischen Gewalt, auf die Treue der niederen Stände, durfte der Orden nicht mit Sicherheit zählen – am wenigsten um die Wende des vierzehnten und fünfzehnten Jahrhunderts, in diesem schrecklichen Morgensturme, der dem Lichte der modernen Gesittung vorausging. Alles Heilige sah dies unselige Geschlecht geschändet und entweiht. Gräßlich erfüllte sich das strenge Seherwort, das Dante hundert Jahre zuvor gesprochen: »Der Stuhl von Rom, weil er in sich vereinigt zwei Gewalten, fällt in den Kot.« Zwei Päpste haderten um die dreifache Krone, zwei Kaiser um den Zepter der Welt, und frech spottete der Heide: »nun haben die Christen zwei Götter; will ihnen der eine ihre Sünde nicht vergeben, so gehen sie zu dem andern.« Auf den Stellvertreter Christi ward gefahndet auf der Heerstraße, und der Söldner von Neapel band sein Roß an den Altar von St. Peter. Vor kurzer Frist erst war der schwarze Tod und der Judenbrand durch die Städte gerast; der Kyrieleis-Gesang der Geißler, der Angstruf der schuldbeladenen Menschheit, war gellend in den Straßen erklungen. Mit schneidendem Hohne wandte sich das empörte Gewissen der Masse wider das Sündenleben der Reichen. Die Dirnen, spottete das Volk, kommen aus den gemiedenen Gassen zu dem Rate der Stadt und klagen wider des Rates Töchter: sie verderben uns das Handwerk.« Während die Häupter der Christenheit sich rüsteten, durch eine Reform der Kirche an Haupt und Gliedern wieder Frieden zu bringen in die geängsteten Gemüter, ging auch der Staatsbau der alten Welt aus seinen Fugen. Dahin war die Ehrfurcht des armen Mannes vor der alten Ordnung. In Frankreich, in den Niederlanden wie in Oberdeutschland rotteten sich die Bauern zusammen, und von England herüber tönte aus den wilden Haufen Walters des Ziegeldeckers zum ersten Male die lockende Weise, welche erklang und erklingen wird, so oft die rauhe Naturkraft der mißhandelten Menge aufsteht wider den kunstvollen Bau einer alten Kultur: – »als Adam grub und Eva spann, wer war denn da der Edelmann?« In Preußen auch schritt ein unruhiger Geist durch die Massen: schon mußte der Orden »Sammlungen« und bewaffnetes Umherziehen verbieten. Auch auf dem Schlachtfelde hatten die neuen populären Mächte ihre Überlegenheit gezeigt. Seit hundert Jahren schon hingen 8000 Paar goldene Sporen in der Kirche von Kortryk, prahlerische Trophäen, die der Weberkönig von Flandern mit seinem Bürgerheere von Frankreichs Adel erbeutet. Vor dem Morgensterne des Schweizers, dem langen Spieße des ditmarscher Bauern war die ritterliche Kriegskunst zu Schanden geworden, und prahlend sang der Eidgenosse von seiner Laupenschlacht: »den Grasen thet die Ruthen weh.« Eben jetzt, um die Wende des Jahrhunderts, kehrte, geschlagen von den Söldnern der Welschen, Kaiser Ruprechts ritterliches Reichsheer »halb wieder her in Armut, Schand und Spott«. In der Tat – schon längst empfand es schmerzlich der Orden – ein neuer Kriegerstand war erstanden. Mehr und mehr entfremdete sich die bürgerliche Gesittung der Zeit den ritterlichen Kreuzfahrten; schon spotteten die Lieder des Teichners über den Preußenfahrer, der von weiter Reise nichts heimbringe als das unverständige Lob des Haufens: »hei, wie der gevaren hat!« Bereits begnügten sich die Frommen im Reich, Söldner gen Preußen zu schicken zu ihrer Seelen Heil. Bald hörte auch dies auf, und der Orden war gleich anderen Staaten gezwungen, mit ungeheurem Geldaufwande den Kern der neuen Heere, das besoldete, gedrillte Fußvolk und die reichbezahlten Bogenschützen von Genua zu werben. Diese Wandlung der Kriegsweise war auf die Dauer der Wirtschaft der Völker heilsamer als die verzehrend kostspielige Kriegführung der Vorzeit; für den Augenblick aber ward dadurch selbst der Geldreichtum des Ordens erschöpft, mancher minder mächtige Staat ausgestrichen aus der Reihe der Mächte und der Staatengesellschaft eine mehr aristokratische Gestalt gegeben. Und vor allem, es war ein widersinniges, auf die Dauer unhaltbares Verhältnis, daß ein Ritterbund mit Söldnern seine Schlachten schlagen mußte. Während so aus dem heiligen Reiche wieder einmal Walthers altes Klagelied erscholl: »mein Dach ist faul, es sinken meine Wände,« sammelte sich drohend die zersplitterte Volkskraft der Slawen und erhob sich in tödlicher Feindschaft wider die Deutschen. Schon begann in dem genialsten der Slawenvölker die hussitische Bewegung. Vertrieben von dem nationalen Fanatismus der Tschechen entwich die deutsche Studentenschaft von Prag nach Leipzig, und die böhmische Hauptstadt ward für eine lange Zeit die große Bildungsstätte aller Westslawen. Um dieselbe Zeit hatte ein gewandter schlauer Fürst voll ausgreifender Ehrsucht den polnischen Thron bestiegen – Großfürst Jagjel von Litauen. In dreien Tagen führte er wider den Orden zwei furchtbare Schläge, da er getauft ward und die Erbin von Polen freite (1386). Als der Großfürst im Schlosse zu Wilna das heilige Feuer des Heidengottes löschen und die geweihten Schlangen töten ließ, da war entschieden, daß alle »bösen Christen« seines Volkes zu Christen wurden. Wo die wollenen Röcke, die des Fürsten neue Priester boten, nicht lockten, trieb man die Bauern zu Tausenden mit Gewalt in den Fluß zur Taufe. So zog der Schlaue der Eroberungspolitik des Ordens den Boden unter den Füßen hinweg. Wie mochte der Orden noch auf den Zuzug ritterlicher Kriegsgäste zählen, seit alle seine Nachbarn Christen, seine Kreuzzüge weltliche Kriege geworden? Dann bestieg »Jagjel, anders Wladislaw« den polnischen Thron, erweiterte die Libertät des Adels durch reiche Privilegien, schmeichelte dem Deutschenhaß der unbändigen Junker durch das Versprechen, daß er die entfremdeten Lande, Pomerellen vornehmlich, der Krone zurückbringen werde. Die unseligen Händel im litauischen Fürstenhause verstummten, seit Wladislaw seinen Vetter Witowd zum Großfürsten von Litauen erhob (1392). So war der enge Bund Litauens und Polens, der oft versuchte, endlich vollzogen; dem Orden der Heidenbekehrer stand jetzt eine feindliche Macht gegenüber, deren herrschende Stände nicht minder starr katholisch waren als er selber, und dies Doppelreich erweiterte bald seine Grenzen bis tief nach Podolien hinein, bis nahe an die Küsten des Schwarzen Meeres. Zu derselben Zeit haderten die Hansestädte untereinander wegen der Vorrechte Lübecks; sie waren im Innern geschwächt durch den Zank der Junker und der Zünftler und schauten träge zu, wie ihre alten Feinde, die drei nordischen Kronen, zu Kalmar unter der starken Hand der Dänenkönigin Margareta sich einten (1397). Alsbald sollte der Orden das erhöhte Selbstgefühl der Nachbarvölker empfinden. Die kaum von Litauen abgetretenen Samaiten standen auf »wie die jungen Wölfe, wenn sie satt, desto grimmiger werden gegen die, welche sie hegen«. Sogar Memel ward von den Barbaren erstürmt, und erst nach Jahren (1406) befestigte der Orden wieder seine Herrschaft. In so bedrängter Lage deckte sich der Orden den Rücken, trat Gotland ab an die Königin des Nordens (1408). Man mochte erkennen, daß der Gedanke einer selbständigen maritimen Politik, wie großartig immer, doch unhaltbar blieb, solange man nicht vermochte, die Verfassung des Bundes schwerer Reiter durch entschlossene Aufnahme beweglicher demokratischer Elemente von Grund aus umzugestalten. Aber diese Sicherung gegen Skandinavien frommte wenig, seit die Macht des Königs Wladislaw immer bedrohlicher anwuchs. Der hatte den Deutschen die Kunst, teilend zu herrschen, welche der Orden bisher gegen Polen und Litauen geübt, abgesehen und wandte sie jetzt gegen den Orden selber. Der Klerus von Livland, der ewig aufsässige, bat offen um den Beistand des Polen wider die Landesherrschaft; und auch in Preußen ging die Rede, daß geheime Boten aus Krakau oftmals mit den Eidechsenrittern des Kulmerlandes verkehrten. Die kleinen Wendenfürsten von Pommern huldigten der neuen Größe des Slawenkönigs. Weit über die Grenzen der Christenheit hinaus schweiften Wladislaws herrschsüchtige Pläne; er schloß ein Bündnis mit den heidnischen Tataren und Walachen. Ein ruchloser Frevel nach den Begriffen der Deutschen, aber eine sehr begreifliche Politik für einen Polenkönig; denn ein buntes Völkergemisch von Ruthenen und Sarazenen, Armeniern und Tataren hauste in dem Südosten dieses Grenzlandes der Christenheit – ein Gewirr von Völkertrümmern, das die Nähe des Orients ankündigte. Seit den Tagen Kasimirs des Großen waren auch noch Massen der aus Deutschland vertriebenen Juden hinzugekommen, und in diesem Durcheinander von Christen und Heiden, Juden und Schismatikern konnte selbst der strengkatholische Wladislaw die Hilfe der Heiden nicht verschmähen. +++ Also waren in derselben Epoche, welche die Grenzen der Ordenslande zum größten Umfang erweiterte, die sittlichen Grundlagen der Ordensherrschaft untergraben, die Macht unversöhnlicher Feinde angeschwollen und für den bedrohten Ritterstaat keine Hilfe zu erwarten aus dem wankenden Reiche. Fast unabweislich drängt sich bei diesem Anblick der Vergleich auf mit der Lage des neuen preußischen Militärstaats in den zwei Jahrzehnten nach dem Tode Friedrichs des Großen. Seit langem drohte der Krieg: die Pommerfürsten, aufgereizt von den Polen, verlegten den Kriegsvölkern, die gen Preußen zogen, die Straße; König Wladislaw verbot seinem Kaufmann den Handelsweg durch Preußen. Zum Schlagen endlich kam es, als der Orden den wichtigen Netzepaß Driesen zur Sicherung der Verbindung mit der Neumark erworben hatte. Im Jahre 1410 rückte der Hochmeister Ulrich von Jungingen, so recht ein Spätling des alten Rittertums, mit dem größten Heere, das der Orden je um seine Fahnen geschart, gen Süden. Nach tollkühner Ritterweise war alles auf diesen einen Wurf gesetzt. Unter 65 Bannern zogen wohl an fünfzigtausend Mann hinaus, ein Dritteil zu Roß, sogar das schwere Festungsgeschütz der Marienburg ward ins Feld geführt. Am Tage der Apostelteilung, 15. Juli, traf das Heer auf der Heide von Tannenberg den zweifach stärkeren Feind, die gesammelte Macht des Ostens. In ritterlichem Übermute verschmähte man die überraschten Polen zu überfallen und forderte sie heraus zu offener Feldschlacht. Schon waren die Litauer geschlagen, schon hallte das Siegeslied »Christ ist erstanden« aus den Reihen der Kreuziger. Da erfaßte Wladislaws Feldherr, der kleine Zyndram, den günstigen Augenblick, wo des Ordens linker Flügel im zügellosen Ungestüm der Verfolgung sich zerstreute. Er warf sich auf die Mitte des deutschen Heeres, mit ihm die böhmischen Söldner unter der Führung jenes Johann Ziska, der seinen Namen hier zum ersten Male dem deutschen Todfeind furchtbar machte. Und als nun die Eidechsenritter des Kulmerlandes verräterisch ihre Banner unterdrückten, da entschied sich der erste große Sieg, den die Slawen über unser Volk erfochten. Es war ein Schlachten, unerhört in der Geschichte des Nordens. Zahllose Leichen – mehr denn hunderttausend, sagt die Überlieferung – bedeckten das Feld, die Blüte des deutschen Adels war gesunken, von den obersten Gebietigern nur einer entkommen, und mit der Leiche des Hochmeisters trieb der Tatar und Kosak sein scheußliches Spiel. Einundfünfzig deutsche Banner ließ der König nach dem Kriege in dem Krakauer Dome aufhängen, der gelehrte Johann Dlugosz beschrieb die Trophäen in einer eigenen Schrift, und nach Jahrhunderten noch priesen die Lieder der Slawen den glänzendsten Tag der polnischen Waffen. Aber derweil der behutsame greise König mit seinem geschwächten Heer tagelang auf der Walstatt verweilte, die Häupter der gefangenen Großen unter dem Beile seiner Henker fielen, und der Wein aus den zerschlagenen Ordensvorräten in Strömen durch das polnische Lager floß und mit dem Blute der Gebliebenen sich mischte, da hob sich aus dem grenzenlosen Verderben der andere große Mann des Ordens, Heinrich von Plauen. Sie sahen sich alle gleich, wie ihre Namen und die springenden Löwen in ihren Schildern – diese Heinrich Plauen, aus dem vogtländischen Hause der heutigen Fürsten von Reuß, ein Geschlecht schroffer herrischer Menschen, einer königlichen Ehrsucht voll, hart und lieblos, mit dem kalten Blicke für das Notwendige. Seit langem war dies große Haus gewohnt, seine tapfersten Söhne in den Orden zu schicken; schon einmal, in der Schlacht von Plowcze, hatte ein Plauen des Ordens wankendes Kriegsglück wieder gefestigt. Kaum war die Kunde von dem Tannenberger Tage zu dem jungen Komtur von Schwez gedrungen, der an der Westgrenze die Pommerfürsten beobachtete, so begriff er, daß die Zukunft des zentralisierten Staates an den Geschicken der Hauptburg hing. Er warf sich mit seinen 3000 Mann in die Marienburg, rüstete die Festung und verbrannte die reiche Stadt zu ihren Füßen, daß sie dem Polen nicht zum Lager diene. Aber ehrlos und zuchtlos huldigte binnen einem Monat das gesamte Land dem Könige, der endlich gen Norden zog und alles verlockte durch das Versprechen der polnischen Libertät, »recht sam der Antichrist tun wird, der ihm auch untertenigen wird die Leute in sulchir weise, die her nicht kan betwingen«. Die Bischöfe, froh, der strengen Aufsicht sich zu entledigen, gingen mit bösem Beispiel voran, und die kopflose Feigheit der Befehlshaber der Ordensburgen trieb auch manchen treuen Mann in das polnische Lager. Vernichtet schien der Orden, sein Heer lag erschlagen, seine Schätze führte der Verrat der Entflohenen ins Reich. Mit Trompeten und Pauken, in feierlichem Zug, holte der Rat von Danzig den polnischen Hauptmann ein, und dem Verteidiger der Marienburg sandte die Ritterschaft des Kulmerlandes wütende Fehdebriefe. »Das Gott nimmer an ihnen lasse ungerochen,« flucht der Chronist; denn ein Abfall war es, unheimlich, ungeheuerlich selbst für jene Zeiten, welche die jähe Wandlung der Gemüter oftmals gesehen. Wohl durfte das Volk sich flüsternd erzählen, daß die Hochgebenedeite selber, den Polen blendend, in den Reihen der deutschen Herren gestanden, als das Unbegreifliche geschah und gegen solche Übermacht, gegen das eigene Festungsgeschütz der Meisterburg, in diesem Pfuhle der Gemeinheit die Marienburg sich hielt. Die Ruhr wütete im Lager des Königs; »je länger er lag, je minder er schuf.« Nach vergeblich wiederholtem Sturmangriff brach der alte meisterlose Sarmatengeist wieder aus, die beschränkte Gewalt des Königtums vermochte nicht den unsteten polnischen Adel bei den Fahnen zu halten. Die Litauer verweigerten die Kriegsfolge – so erzählen wenigstens die Polen, um die Schuld des Mißlingens von sich selber abzuwälzen – und Wladislaw zog ab nach zweimonatlicher Belagerung. Dieser ungeahnte Erfolg erfüllte die Getreuen im Lande mit neuer Hoffnung; Burg auf Burg ergab sich dem neuen Hochmeister. Als gegen Ende des Jahres König Sigmund von Ungarn mit einem Einfall in Polen drohte, schloß Wladislaw in verzagter Übereilung den Thorner Frieden (Anfang 1411), der alles wieder auf den Stand vor dem Kriege zurückführte. Nur Samaitenland ward für die Lebenszeit des Großfürsten an Litauen zurückgegeben. Vor wenigen Monden noch hatte Plauen sein Knie gebeugt im Zelte des Königs, Frieden erbittend von dem Übermütigen. Jetzt gebot er wieder über ein größeres Reich als jenes, das einst dem Meister Winrich gehorcht. Aber wie anders waren den beiden die Lose gefallen! Der eine leicht und freundlich dahin getragen von den Wellen des Glücks, sein finsterer Nachfahr rastlos und fruchtlos ankämpfend wider ein ungeheures Verhängnis. Wie sollte seinem klaren Auge entgehen, daß er dem Zufall die Gunst des Friedens verdankte? Die Kapelle, die er auf dem Tannenberger Felde erbauen ließ, mahnte den Orden an den Tag der Schmach, an die Notwendigkeit neuer Kämpfe. Eine unerschwingliche Schuld, das Lösegeld für die Gefangenen, lastete auf dem Lande, das die hunnische Wut des Feindes von Grund aus verwüstet hatte. Ein zäher Wille, der zu vergessen nicht verstand, sollte herrschen über einem Volke, das in kurzen Wochen zweimal den Eid gebrochen. Zornmutig brach der Meister selbst den Eid, den er beim Friedensschluß dem König zugeschworen, daß das Vergangene vergeben sei, ließ die entflohenen Brüder in Fesseln aus dem Reiche zurückführen. Und wenn er sie musterte, die Elenden, die noch übrig waren von dem weiland großen Orden, eine zuchtlos trotzige Jugend, die des Ordens schöne Tage nicht gesehen, und eine Handvoll verlebter Greise, die alltäglich baten um Erlösung von der Bürde ihres Amtes: dann erwachte in dem Freunde des ersten Hohenzollerschen Kurfürsten, dem stolzen Manne, der die Gnade Gottes sichtbarlich zu seinen Häupten gesehen, der verwegene Gedanke, daß des Ordens alte Satzung verwirkt sei durch den ungeheuren Frevel, daß des Erretters Wille allein herrschen solle unter den Ungetreuen. Mißachtete er also das Recht des verfallenden Ordens, so erkannte der Blick des Staatsmannes, daß der frischeren Kraft des Adels und der Städte die Teilnahme an der Leitung des Staats sich fortan nicht mehr versagen ließ. Darum errichtete er (1412) den Landesrat von Abgeordneten der Städte und des Landadels mit dem Rechte der Steuerbewilligung und der Zustimmung in allen wichtigen Landesfragen: – ein Schritt vermessener Willkür, denn das Gesetz verbot dem Orden strenge den Beirat weltlicher Leute, aber eine Notwendigkeit, denn furchtbare Leistungen mußte der Orden jetzt von dem Lande heischen. Während das Glück dem finsteren Herrscher den Rücken wandte und Seuchen und Mißernten zerstörten, was der Kosak zu vernichten vergessen hatte, mußte zweimal ein Schoß ausgeschrieben werden von jedermann bis herab zu den Mägden und Mönchen. Der harte Herr erschien dem Volke als ein verwegener Neuerer; auch die unsichere Überlieferung, die ihn einen Freund hussitischer Ketzereien nennt, gibt davon ein Zeugnis. Mehrmals schon war offener Aufruhr blutig niedergeschlagen worden. Eidechsenritter und deutsche Herren hatten sich verschworen wider das Leben des Meisters und hart gebüßt. Das reiche Danzig, in den letzten bewegten Jahren zum Bewußtsein seiner Macht gelangt, verweigerte den Schoß, vermauerte den Zugang zur Ordensburg, baute daneben einen festen Turm, den Kiek in de Kuk, um zu schauen, was man braue in des Ordens Küche. Endlich ließ der gewalttätige Komtur, des Meisters Bruder, einige Vornehme des Rats ungehört erschlagen – ein Verbrechen, das lange fortlebte im Gedächtnis der erbitterten Bürger. Der Hochmeister aber ließ die Bluttat unbestraft, bildete einen neuen Stadtrat aus Anhängern des Ordens. Dazwischen spielten widrige Händel mit den vertriebenen Bischöfen, den Häuptern des großen Landesverrates, die gemäß dem Frieden Wiedereinsetzung verlangten; Plauen jedoch verweigerte »die Natter im Busen und das Feuer im Gehren zu hüten«. So vergingen dem Meister zwei sorgenvolle Jahre. König Wladislaw erkannte an der jammervollen Zerrüttung des Ordenslandes die Torheit des übereilten Friedensschlusses. In der Tat, was auch überkluge Gelehrte dawider sagen, die alte Tradition der Schulen ist im vollen Rechte, wenn sie den Untergang des Ordens von der Schlacht von Tannenberg datiert: von jenem Tage an hörten die Deutschen auf, die Herrscher zu sein unter den Westslawen, und der Orden verlor, was einem Militärstaate die Hälfte seiner Macht bedeutet, den Ruf der Unbesiegbarkeit. Das Ordensland war, seit es von katholischen Feinden umringt stand, nichts Besseres mehr als die anderen deutschen Territorien; die Gäste, die jetzt noch nach Preußen zogen, wußten allein noch die Widerstandskraft der festen Ordensburgen zu rühmen, und diese defensive Kraft des ausgesogenen Landes konnte zuletzt doch nur durch die Geldmittel, die der Orden aus seinen deutschen Gütern zog, erhalten werden. Des Sieges gewiß, begann daher Wladislaw ein System frechster Gewalttätigkeit wider den Orden. Seine Hauptleute fielen plündernd ein in das preußische Grenzland, der preußische Kaufmann ward auf polnischer Heerstraße niedergeworfen; ja, der Litauerfürst erbaute auf dem Gebiete des Ordens die Feste Welun und gab den Klagenden die bedeutende Antwort, ganz Preußen habe dereinst seinem Volke gehört. Noch ging der Meister friedliche Wege. Er bat den Ungarnkönig Sigmund um seine Vermittlung. Der aber vergaß seiner Pflicht gegen das Reich. Gleichwie er später, dem Dänen zulieb, den deutschen Schauenburgern ihr Erbrecht auf Schleswig absprach, so sah er jetzt in dem Kampfe der Deutschen mit den Polen nur die willkommene Gelegenheit sich zu bereichern. Die Vermittlung mißlang. Nun erst entschloß sich Plauen, kraft eigenen Willens, ohne Rat der Gebietiger wie des Landes, den friedlosen Frieden zu brechen (Herbst 1413). Doch wenn der Plauen wagte, das Ungeheure zu tun, im Orden war einer, der Marschall Küchmeister von Sternberg, der wußte noch sicherer, dies Geschlecht werde das Ungeheure nicht ertragen. Der starke behäbige Mann, ein feiner Diplomat des gemeinen Schlages, berechnete in diesem welthistorischen Kampfe nur die niedere Leidenschaft des kleinen Menschen. Die Rechnung trog ihn nicht. Schon waren die Polen ins Land gefallen und der Kampf begonnen um die durch Plauens Eifer wohl gerüsteten Grenzburgen; da verbot der Marschall dem Bruder des Meisters vorzurücken, die Mannschaft folgte dem Rebellen, und der Kriegszug ward abgebrochen. Nun berief Plauen auf St. Burkhardstag (14. Oktober 1413) das Kapitel, den meuterischen Marschall zu bestrafen. Dort tagten zusammen alle die Neidischen, über deren Schultern der junge Held zum Meistersitze sich emporgeschwungen, die geängsteten Friedensseligen und die Tiefgekränkten, die seine zornige Herrscherhand gefühlt, und Sternbergs überlegene Nüchternheit wußte sie also zu leiten, daß von unreinsten Händen die Strenge des Gesetzes geübt und Heinrich Plauen des Meisteramtes entsetzt ward, weil er den Orden gerettet hatte, um – seine Satzung mit Füßen zu treten. Aber – zu so flauem Endschluß gelangten in dem kläglichen Kapitel der grimme Haß der Jungen und der Alten kurzsichtiges Mitleid – dem unerhört beleidigten gefährlichen Manne gab man die bescheidene Komturei von Engelsburg. Dort saß der Entthronte, in der Kraft seiner Jahre, im öden Einerlei eines subalternen Amtes. Er sah das Meisteramt in Sternbergs Händen; die Mörder, die einst sich gegen ihn verschworen, waren begnadigt, das Land, geleitet von dem Stumpfsinn der Feigheit, eilte haltlos dem Verderben entgegen. Aus dem Reiche herüber klangen die wütenden Klagen seiner Freunde wider die »meyneyden verretters selbwachsen kotzen kotzen sone«, aber nur scharfe Worte konnte das Reich ihm bieten. Da befreundete sich endlich, so scheint es, die verbitterte Seele des Mißhandelten mit dem Plane, abermals, wie einst im Lager vor Marienburg, das Knie zu beugen vor dem Polenkönige und unter dem Schutze polnischer Waffen zurückzukehren in das Meisterschloß. Ein tragisches Geschick hat ihm versagt, durch Taten zu beweisen, wie groß oder wie gemein er diesen Plan verstand. Der Verkehr seines Bruders mit Polen ward entdeckt, er selbst der Mitschuld geziehen und in festen Gewahrsam gebracht (1414). In häßlicher Prosa endet nun dies dämonische Heldenleben. Sechzehn Jahre lang hatte er den Tod bei lebendigem Leibe ertragen; noch besitzen wir die Briefe, worin der »Aldemeister« den neuen Gewalthabern klagt, daß seine Hüter Met und Brot ihm allzu spärlich reichen; erst am späten Abend seines Lebens ward ihm abermals ein bescheidenes Amt, das Pflegeramt zu Lochstädt, zugewiesen. Den Orden aber beherrschte fortan eine solche Wildheit blinder Parteiwut, daß die späteren amtlichen Darsteller der Ordensgeschichte über die unvergänglichen Verdienste des großen Mannes gänzlich schwiegen, nur von seiner Härte, seinem Verrate zu erzählen wußten. Die Geschichte seines letzten Sturzes liegt noch heute in tiefem Dunkel. Unzweifelhaft erwiesen ist nur, daß sein Bruder als Landesverräter nach Polen entwich; für die Teilnahme des Hochmeisters selber an den Zettelungen seiner Freunde spricht kein anderer Beweis als die Anklagen der Anhänger Küchmeisters. Die Aussagen dieser leidenschaftlich erbitterten, gewissenlosen Gegner verdienen wenig Glauben; sie lassen sich aber auch nicht kurzerhand beseitigen durch die gutmütige Behauptung, ein solcher Mann sei des Verrates nicht fähig gewesen. Wie die triviale Theologie sich die Idee der Gottheit nur aus lauter Negationen aufzubauen weiß, so spukt in der historischen Wissenschaft noch vielfach eine moralisierende Nüchternheit, welche Menschengröße nur als das Gegenteil des Frevels zu begreifen vermag, uneingedenk der tiefen Wahrheit, daß jeder große Mensch reich begabt ist zur Sünde wie zum Segen. Seit jenem St. Burkhardstage schwindet die letzte Spur der Größe aus dem entarteten Staate. Kaum daß dann und wann ein tapferer Kriegsmann auftauchte aus der Gemeinheit des verachteten Ordens, der nicht mehr auf des Reiches frische Kräfte zählen durfte, sondern in Wahrheit wurde »der deutschen Geburt Spital, Zuflucht und Behältnis«. In denselben Oktobertagen des Jahres 1413, da des Ordens sittliche Kraft zerbrach, hatte der Reichstag von Horodlo den Bund zwischen Polen und Litauen fester geschlossen, die litauischen Bojaren in die Sippen des polnischen Adels aufgenommen, den katholischen Charakter des Doppelreiches noch bestimmter ausgesprochen. In ewig neuen Einfällen berennt nun dies zum Bewußtsein seiner Überlegenheit erwachte Reich den Ordensstaat. Samaiten, Sudanen, Nessau werden in unwürdigen Friedensschlüssen abgetreten. Geschmäht von dem Deutschmeister, daß er »also gar weichlich und liederlich dem Feinde widerstanden«, beteuert der Militärstaat dem Kaiser, dem Papste, dem Konzilium seine Friedensliebe. Wer durfte sie bezweifeln, seit der Orden den alten Feind, den Litauerfürsten, unter seine Halbbrüder aufgenommen? Aber niemand mochte vermitteln in dem ungleichen Kampfe. Ganz offen vielmehr ward an den Höfen die Ansicht ausgesprochen, daß der Orden keine Stätte mehr habe in der monarchischen Welt; ihm wäre besser, daß er auf Zypern oder an der türkischen Grenze das Markgrafenamt wider die Heiden von neuem übernähme. Es waren Kämpfe von prinzipieller, nationaler Bedeutung. Fester schloß sich das fanatische Bündnis der Slawenstämme. Mit den Hussiten und den Pommerfürsten, als »den Verwandten ihres Blutes«, standen Polens Könige im Bunde. Schon wird von polnischen Unterhändlern unter den Preußen die slawische Lehre gepredigt, daß Preußen polnisch Land sei, wie seine Ortsnamen beweisen. Ja, als bei Tauß und Tachau des Reiches Adel den Dreschflegeln der hussitischen Bauern erlegen war und weithin durch des Reiches Niederlande der Klang der böhmischen Trommeln Verderben kündete allem, was deutsch war und Sporen trug: da brach auch eine Schar der Ketzer mit ihrer Wagenburg in die Ordenslande, plünderte das Kloster von Oliva, grüßte das Meer mit dem wilden Tschechensang: »die ihr Gottes Krieger seid« und füllte die Feldflaschen mit dem salzigen Wasser, zum Zeichen, daß die baltische See den Slawen wiederum gehorche, wie weiland in den Tagen Otakars des Böhmen. Aber so wenig, wie des Reiches Adel, wird der Orden durch dies verderbliche Anwachsen der Macht des Erbfeindes zu sittlicher Erstarkung begeistert. Von neuem entbrennt der innere Zwist. Drei Konvente zugleich sagen dem Marschall den Gehorsam auf, insgeheim unterstützt von Land und Städten; Hochmeister und Deutschmeister entsetzen sich gegenseitig. Endlich verliert der Orden sogar seinen reindeutschen Charakter. Schon Heinrich von Plauen wird von den Danziger Chronisten beschuldigt, er habe, das Gott erbarm, die Hochzungen zur Herrschaft gebracht. Seitdem trat im Orden selber der Haß der Niederdeutschen gegen die Bayern, Schwaben und Fränkelein widrig hervor, und nach langem häßlichem Zwist mußte der Hochmeister versprechen, die gleiche Zahl aus jeder Landschaft des Reichs in seinen Rat zu berufen. In dieser Anarchie festigt sich die Libertät des Landes. Schon stellen die Städte bestimmte Forderungen, bevor sie dem Hochmeister huldigen, das Land vermittelt in den Spänen der deutschen Herren. Der von Plauen gegründete Landesrat umfaßt in seiner neuen Gestalt (1430) unter 24 Mitgliedern nur 6 deutsche Herren – so gänzlich hatte sich der Schwerpunkt der Macht verschoben. Die endlosen Kriege fraßen das Mark des Landes, hohe Zölle und der Eigenhandel des Ordens erbitterten den Bürger. Dazu traten unverschuldete Unglücksfälle: wiederholte Mißernten und das rätselhafte Ausbleiben des Herings vom hansischen Fischplatze auf Schonen (seit 1425). Recht und Friede waren den Preußen verloren, seit die Landstreifen der Ordensritter sich machtlos zeigten wider das räuberische Gesindel, das der Krieg auf die Heerstraße geworfen. Rüstig schürten die Polen den Unmut unter dem Adel im Oberlande und in Pomerellen, dessen Väter vor hundert Jahren noch der polnischen Adelsfreiheit genossen. Aus solcher Verbitterung erwuchs der vermessene Gedanke des preußischen Bundes, der am 14. März 1440 auf dem Tage zu Marienwerder von einem Teile der Ritterschaft und der Städte beschworen ward. Ein Staat im Staate, sollte er anfangs nur einen jeden bei seinem Rechte schützen, bald aber bestellte er einen stehenden geheimen Rat und schrieb Steuern aus unter den Bündischen. Des Bundes Seele waren die Stadtjunker von Danzig und ein oberländischer Ritter Hans von Baisen, ein verschlagener ehrgeiziger Herr, der als Knabe schon am Hofe des großen Heinrich Plauen die Schwäche des Ordens durchschaut hatte und jetzt von weiten Kriegsfahrten eine ausschreitende Kraft heimbrachte, die unter der Ordensherrschaft den notwendigen Raum nicht fand. »Der vorgifte lame trache und basiliscus, aller vorreter der ergeste« heißt er in den Chroniken der Ordensleute. Die treulose Staatskunst unfähiger Hochmeister, welche den Bund zuerst bestätigte, um ihn bald nachher vor dem Kaiser zu verklagen, trieb neue Genossen in die Reihen der Bündischen und den Bund selber vorwärts auf seiner abschüssigen Bahn. Zwei Beweggründe vermischten sich seltsam in dieser Erhebung: die zu ihren Jahren gekommene Kolonie verlangte, wie billig, Selbständigkeit, Befreiung von einer altersschwachen Staatsgewalt, und das unruhige Volk sehnte sich nach der meisterlosen Anarchie der Polen. Als nun auf des Ordens Klage Kaiser Friedrich III. den Bund »von Unwürden, Unkräften, ab und vernichtet« erklärte und so der sinkende Ritterstaat sich an das Reich anklammerte, das er kalt vergessen hatte in seinem Glücke, da wagte der Trotz der Libertät den letzten Frevel. Am 4. Februar 1454 unterschrieben Land und Städte den Absagebrief an den Orden; ein Stadtknecht des Rates von Thorn überbrachte das Schreiben auf die Meisterburg. Ihr habt uns für eigen angesprochen, meinten die Bündischen, und die Natur selbst lehrt jeden die Gewalt abzutreiben, den Missetäter mit der Faust zu strafen. Die Burg zu Thorn, die erste, die vor zwei Jahrhunderten der deutsche Eroberer im Heidenlande gebaut, ward erstürmt von dem wütenden Pöbel. Auf das Feuerzeichen von den Thorner Türmen erhob sich das Land, in wenigen Wochen waren 56 Burgen in des Bundes Händen. Und schon war der Baisen auf dem Wege nach Krakau, dem König Kasimir IV. die Herrschaft anzubieten über Preußenland, »das einst ausgegangen von der Krone Polen«. Der König kam, und widriger wiederholte sich der Abfall des Tannenberger Jahres. Selbst einige der deutschen Herren huldigten; so gnadenreich war das Privilegium des Polen, das freien Handel und Teilnahme an der Königswahl in Polen verhieß und den Baisen zum Statthalter einsetzte. Nun tobt der gräßliche Bürgerkrieg: die deutschen Herren wüten wider die »bündischen Hunde«, die »das Eidechsengift« verderbt, Polen und Bündische wider die geistlichen Zwingherren und die »Meineiden Schälke« in den Städten des Ostens, die nach langem Schwanken sich dem Orden wieder zuwenden. Jedermanns Hand wider die andere. Inmitten der Gassen, im Pregelhafen, kämpfen die Bürger der drei Städte Königsbergs ihre wilde Flußschlacht. In Danzig erheben sich die Zünfte wieder und wieder für den Orden, bis endlich die Stadtjunker obsiegen, die Gefangenen an die Ruderbänke im Hafen schmieden. Als der polnischen Freiheit erste Segnung ersteht hier ein herrisches Adelsregiment; des Ordens blühende Schöpfung, die Jungstadt Danzig, wird vernichtet durch den Handelsneid der altstädtischen Patrizier. So schmachvollen Gewinn zu sichern, halten die Junker des Artushofes am zähesten zu dem Könige. Zumeist von Danzigs Gelde, von dem Geschmeide seiner Patrizierfrauen, bestreiten die Polen die Kosten des Krieges. Arm an Taten, überreich an allen Greueln eines verwilderten Geschlechts wälzt sich der Krieg durch dreizehn Jahre: ein vollendetes Bild wüster Gemeinheit – stünde nicht neben dem schwachen Hochmeister Ludwig von Erlichshausen die stolze Heldengestalt des Ordensspittlers Heinrich Reuß von Plauen, der, herrisch wie sein Ahn, auf dem Felde von Konitz das Glück noch einmal an des Ordens Fahnen fesselt. Ein neuer Feind ersteht dem Orden in seinen eigenen Söldnern. Die ungeheure Soldrechnung zu tilgen, versetzt der Meister mehr als zwanzig seiner Städte und Schlösser, darunter die Hauptburg selbst, an das Kriegsvolk. Als der letzte Termin verstreicht, rücken die Söldner, zumeist ketzerische Böhmen, in das Meisterschloß. Lärmend hebt an, inmitten dieser großen Tragödie, der Taumel des höhnischen Satyrspiels. Durch den Kreuzgang, wo des Ordens Helden ruhen, jagt der Peitschenschlag der hussitischen Söldner die Gebietiger; in die Zellen brechen die Rohen, binden die Ritter, scheren ihnen den Vollbart. Endlich, am Pfingsttag 1457, wird der Meister aus der geschändeten Burg vertrieben. Auf einem Kahne entkommt er die Nogat hinab nach Königsberg, und der mitleidige Rat der Stadt sendet ihm ein Faß Bier durch einen Stadtknecht. Das Meisterschloß indes war nebst den anderen Burgen längst von den Söldnern an den Polenkönig verkauft. Bald nach Pfingsten hielt der neue Herr seinen Einzug. Aber noch einmal hebt sich aus der scheußlichen Entehrung ein tapferer Mann. Der Bürgermeister Bartholomäus Blome öffnet die Tore seiner Stadt Marienburg dem Reuß von Plauen. Drei Jahre lang haben diese beiden letzten Helden des Ordensstaates die Stadt gehalten wider die Polen auf der Burg und im Lager. Dann erlagen sie der Übermacht, und der gefangene Bürgermeister ward von den Polen enthauptet. »Soweit das Auge reichte, war kein Baum und Gesträuch, daran man eine Kuh festbinden kann.« An 16 Millionen ungarischer Gulden hatten allein der Orden und der König an diesen jammervollen Krieg gewendet. Selbst die »Ungetreuen unserer lieben Frau« begannen dem Könige zu klagen, »wie jämmerlich wir von Euch und Euern Räten verleitet worden sind.« Nur die Söldnerhauptleute hatten reiches Gut erworben, sie wurden die Ahnherren von einem Teile des heutigen preußischen Adels. Aus dieser Erschöpfung beider Teile erklärt sich des Kampfes faules, unmögliches Ende: der ewige Friede von Thorn (19. Oktober 1466). Alles Land westlich der Weichsel und Nogat fiel an Polen, dazu das Kulmerland, Marienburg, Elbing und das ermeländische Bistum, das wie ein Keil in das ostpreußische Land hineinreichte. Die Weichsel war wieder ein slawischer Strom. Den Osten des Landes empfing der Meister zurück als ein polnisches Lehen; es sollen »der Meister und der Orden und alle ihre Lande für immer so mit dem Reiche Polen verbunden sein, daß sie zusammen einen einzigen Körper, ein Geschlecht und Volk in Freundschaft, Liebe und Eintracht bilden.« Zur linken Hand des Königs wird fortan im polnischen Reichstage der Hochmeister sitzen als »Fürst und Rat des Reiches zu Polen«, und die Hälfte der ritterlichen deutschen Herren wird aus Polen jeglichen Standes bestehen! Weinend, in zerrissenem Kleide, schwor der elende Hochmeister in der Gildehalle zu Thorn dem Polen den Eid der Treue. Nie hat eine Großmacht kläglicher geendet. Der Vorgang war eine unauslöschliche Schmach nicht nur, sondern eine Unmöglichkeit, denn der polnische Vasall sollte nach wie vor zwei unabhängigen deutschen Fürsten, den Meistern von Deutschland und Livland, gebieten. Teilnahmslos ließ Kaiser und Reich geschehen, daß die Ohnmacht einer unbeweglichen Theokratie und der anarchische Übermut der Patrizier und Landjunker »das neue Deutschland« an den Polen verrieten. »Sehet an die Beleidigung Eurer deutschen Nation und die Pflanzung Eurer Voreltern,« schrieb der Meister an den deutschen Adel. Der aber hatte soeben seine beste Kraft vergeudet in dem ruchlosen Kriege wider die Städte, Zucht und Gemeingeist schien diesem entarteten Geschlechte ganz entschwunden, ständischer Haß seine einzige Leidenschaft, blutiger Haß, wie er redet aus dem gräßlichen Hohnliede der Fürstlichen wider die Bürger: »sie sollen fürbaß Wollsäck binden! Gott wöll, daß sie mit ihren Kinden Land und Leut' verlieren!« Schnöde Selbstsucht überall: dem Landmeister von Deutschland kam nicht in den Sinn, seine reichen Güter zur Rettung des Kernes der Ordensmacht zu opfern. Der livländische Zweig des Ordens, verstimmt über die steigenden Anforderungen der Marienburger Brüder, ging längst seines eigenen Weges; er wählte jetzt seinen Landmeister allein, hatte vom Hochmeister ganz Estland zu ausschließlicher Beherrschung erhalten und kämpfte dort wie an der Düna mit den Landtagen seiner unbotmäßigen Vasallen. Kurz zuvor hatte der transalbingische Adel, verlockt von Dänemarks Gold und Freiheitsversprechen, das deutsche Erbrecht seines Fürstenhauses preisgegeben und den Dänenkönig zum Herzog der Lande Schleswig-Holstein gekürt. Und nicht lange, so traf des Ordens alten Schicksalsgenossen, die Hansa, ein tödlicher Schlag. Der Moskowiter zog siegend ein in Nowgorod, die Bürgerglocke des deutschen Freistaats verstummte, und als dem deutschen Narwa gegenüber das moskowitische Iwangorod sich erhob (1491), war eine neue Macht, Rußland, in die baltische Politik eingetreten. Ein einziger Mann im Reiche, Kurfürst Friedrich II. von Brandenburg, folgte mit dem Blicke des Staatsmannes diesem Niedergange des deutschen Wesens im Norden und Osten. Der hielt die Mark mit harter Faust zusammen und plante, die gesamte Ostseeküste als einen Wall des Reiches seinem Hause zu erwerben. Durch Heiraten und Erbverträge mit Lauenburg, Pommern, Mecklenburg bereitete er die Ereignisse einer großen Zukunft vor. Er erbot sich die Dänen vom Boden des Reichs zu vertreiben, wenn der Kaiser ihn mit Holstein belehne; doch in Wien gönnte man das Reichsland dem Fremden lieber denn dem Hohenzollern. Auch Preußen faßte Friedrichs hoher Ehrgeiz ins Auge. Er durchschaute die Fäulnis der Ordensherrschaft und hoffte dem Lande ein deutscher Erbfürst zu werden. Aber seine Macht reichte nicht aus für so weite Ziele; er mußte sich begnügen, dem Orden in seiner Geldnot die Neumark abzukaufen (1454) und dies alte Erbland der Marken mindestens vor den Slawen zu sichern. »Brecht nur den alten Sündenlasten ab, aber Kindeskind wird es beweinen,« so rief der Reuß von Plauen, als er die Bündischen eine Ordensburg zerstören sah. Das Wort erfüllte sich, in unseligem Elend schleppte der verstümmelte Staat sich weiter. Undenkbar blieb der Neubau des Ordens, schon weil die Meister von Deutschland und Livland jetzt mit vollem Recht dem polnischen Vasallen den Gehorsam weigerten und der Deutschmeister sogar förmlich als ein Fürst des Reichs investiert wurde. Unnütze Gesellen trugen den weißen Mantel, seit der ohnmächtige Orden keinen von dem Kaiser oder einem Fürsten Empfohlenen abzuweisen wagte. Die ganze Summe seiner Staatsweisheit beschränkte sich nun auf den armseligen Plan, die versprochene Aufnahme polnischer Ritter in den Orden zu hintertreiben und das Meisteramt so lange als möglich unbesetzt zu halten, auf daß der Lehnseid vor der Krone Polen vermieden werde. Umsonst. Man kannte in Krakau des Ordens Schwäche, man verstieg sich bis zu dem Gedanken, das Hochmeisteramt für immer mit der Krone Polen zu vereinigen. Auf alle Fälle war der instinktive Panslawismus der Zeit entschlossen, lieber alle Forderungen Rußlands zu bewilligen, als die Oberherrschaft über Preußen aufzugeben. Gegen diesen starken Willen blieb der Orden angewiesen auf die Hilfe Roms, das treulos zwischen dem Orden und seinen Feinden schwankte, und auf die großen Worte des Kaisers, der sich in der ärmlichen Prahlerei gefiel, »der alte ehrliche Orden müsse bei dem heiligen Reich und der deutschen Nation verbleiben.« Da brach sich endlich der Gedanke der Monarchie seinen Weg, Die deutschen Herren wählten Herzog Friedrich von Sachsen zum Meister (1498), damit die Macht des Wettiner Hauses den Orden stütze. Und das Aussehen der Monarchie allerdings hatte man gewonnen. Ein weltlicher Hof prunkte zu Königsberg; herrisch, nach Fürstenweise, klang des neuen Meisters Sprache. Ganze Komtureien zog man ein für den Unterhalt des Hofes; fürstliche Räte und Kanzler, die nicht des Ordens Glieder waren, leiteten das Land. Die Landesverwaltung ward die einzige Sorge der Komture, und kaum war noch die Rede von ihrem geistlichen Berufe. Kurz, die Trümmer des Ordensstaates waren auf dem Wege sich zu verwandeln in ein bescheidenes monarchisches Territorium wie andere auch im Reiche. Aber noch fehlte der königliche Wille eines Monarchen. Wie später in den großen Fragen der deutschen Staatskunst, so sollten hier in kleinen Verhältnissen die Hohenzollern das Spiel gewinnen, das die Wettiner schwach verloren. Nach Friedrichs Tode ward, in gleicher Absicht, Markgraf Albrecht von Brandenburg-Ansbach gewählt (1511), ein Fürst von mäßigen Gaben, doch beseelt von dem begehrenden Ehrgeize seines Hauses. Er war entschlossen, den Lehnsverband zu brechen, und Kaiser Max befahl ihm streng, den ewigen Frieden nicht zu beschwören. Aber da weder das Reich noch die beiden nächsten Nachbarn Sachsen und Brandenburg den Krieg gegen Polen wagen wollten, so opferte der Kaiser schließlich die bedrängte deutsche Kolonie dem Vorteil seines Hauses und schloß (1515) den Vertrag zu Wien mit den Königen von Ungarn und Polen, welcher den Habsburgern die Nachfolge in den Kronen von Böhmen und Ungarn zusprach und dafür Preußen wieder auf Grund des ewigen Friedens der polnischen Lehnsherrlichkeit unterwarf! Danzig und Thorn wurden eximiert von der Gewalt des neugegründeten Reichskammergerichts und polnischen Gerichten untergeben. Als dann zu Augsburg Gesandte des Ordens und der Polen vor Kaiser und Reich erschienen, ihre Späne zu vertragen, hörte der Kaiser den Polen gnädig an und verbot dem Gesandten der deutschen Herren den Mund! Alle die stolzen Reden des Kaisers, daß der Orden in der Weltlichkeit allein zu kaiserlicher Majestät sich halten dürfe – sie hatten allein bezweckt, den Polenkönig so lange einzuschüchtern, bis er seine Zustimmung gab zu dem Vertrage, der das Erbe der Jagellonen an das Haus Habsburg brachte. So vom Reiche verlassen, wagt der Hochmeister dennoch den ungleichen Kampf (1519), und zum letzten Male flackert unter dem deutschen Adel der Geist des alten Rittertums empor, den die Gewalten der neuen Zeit alsbald ersticken sollten. Franz von Sickingen, in Wahrheit der letzte Ritter der Deutschen, wirbt ein Heer und schickt seinen Sohn Hans dem Orden zu Hilfe, dazu »manche gute Vögel, die Nachtigall und die Singerin und anderes gute Feldgeschütz.« Aber des Meisters unsichere Hand weiß, der ungeheuren Übermacht gegenüber, das Heer nicht zu leiten. Geschlagen, schließt er einen Beifrieden und geht Hilfe suchend ins Reich. Jetzt endlich waren die Geister soweit gereift, um den anderen Gedanken zu verstehen, der allein die Monarchie in Preußen verwirklichen konnte, den Gedanken der Säkularisation. Was soll die müßige, oft wiederholte Klage, daß das Geschick dem Ordenslande nicht vergönnte, als ein mächtiger geistlicher Staat in die hellen Tage der Reformation einzutreten und dann sogleich in ein starkes weltliches Reich sich zu verwandeln? Gerade so, so verfault und tief verachtet mußten die politischen Gebilde der alten Kirche stehen, wenn der vermessene Plan das Heilige zu verweltlichen Fuß fassen sollte in den Gemütern. Längst durchschaut hatten die Preußen des heiligen Ritterbundes unheilige Weise; mit Leidenschaft also ergriffen sie den neuen Glauben. Am Christtag 1523 verkündete im Dome von Königsberg der Bischof von Samland, Georg von Polenz, selber der Gemeinde »die große Freude, daß der Herr seinem Volke zum zweiten Male geboren sei.« Er war der erste Kirchenfürst der Christenheit, der die Lehre des Evangeliums bekannte. Ein Jahr später entstand die erste Druckerei in Preußen. Mächtig wirkte die geistige Bewegung der alten Heimat auf das ferne Grenzland. Schon sah man deutsche Herren den Predigern der neuen Lehre horchen. Schon war der weiße Mantel nicht sicher mehr vor dem Spotte der Buben auf den Gassen. Viele legten freiwillig das mönchische Kleid ab. Auch an den Meister, auf seiner Bittfahrt durch das Reich, trat die neue Zeit heran. Nikolaus Osiander redete ihm ins Gewissen; in Wittenberg mahnte ihn Luther, falsche Keuschheit zu meiden und zur rechten ehelichen Keuschheit zu greifen. Eine köstliche Flugschrift ging jetzt aus von dem Reformator an die deutschen Herren. Schonungslos enthüllte sein waches Gewissen die geheimste Lüge des Ordensstaates: »Ein seltsamer Orden zum Streitführen gegen die Ungläubigen, darum weltlich und mit dem weltlichen Schwert in Händen – und soll doch zugleich geistlich sein? wie reimt sich das zusammen? Ein groß trefflich stark Exempel soll der Meister geben, eine rechte ordentliche Herrschaft gründen, die ohne Gleißen und falschen Namen vor Gott und der Welt angenehm wäre.« Die lautere Wahrheit solcher Gründe kam des Meisters dynastischer Ehrsucht zu statten. Er trat über zu dem neuen Glauben seines Volkes und empfing kraft des Krakauer Vertrags (8. April 1525) das Land Preußen als ein weltliches Erbherzogtum von seinem Oheim König Sigismund zu Lehen, weil »aller Krieg und Zwiespalt zwischen Polen und Preußen aus dem Mangel eines rechten, regierenden, erblichen Fürsten des Landes Preußen entstanden«. Die große Mehrheit der deutschen Herren begrüßte mit Freuden das neue Wesen; nur wenige blieben standhaft, allen voran – mit dem Starrsinn seines Hauses – ein Heinrich Reuß von Plauen. Die obersten Gebietiger des deutschen Ordens wurden die höchsten Beamten des neuen Herzogs. Das schwarze Kreuz verschwand aus Herzog Albrechts Schilde, aber des Landes schwarzer Adler blieb, nur daß er jetzt das S des Lehnsherrn auf seiner Brust tragen mußte. Der Staat des Ordens war vernichtet. Und dennoch war dies ruhmlose Ende der bescheidene Anfang einer gesunden Entwicklung. Als der Staat endlich ehrlich sein weltliches Wesen bekannte, gewann er die Kraft fortzuschreiten und sich umzubilden nach dem Wandel der weltlichen Dinge. Ein frischerer Strom deutscher Bildung ergoß sich wieder über das Grenzland, seit der neue Herzog die Hochschule Königsberg, die Albertina, gegründet hatte, und dankbar schrieb Luther: »siehe das Wunder, in vollem Laufe, mit vollen Segeln eilt das Wort Gottes ins preußische Land!« Die geistliche Hülle aber, die der preußische Staat kühnlich abgestreift, fristete noch lange ein spukhaftes Dasein. Den Herzog traf der Bannstrahl des Papstes und die Acht des Kaisers. Die deutschen Herren in Deutschland entsetzten den treulosen Meister, gaben den Überresten des Ordens neue Statuten. Im Südwesten, dem klassischen Gebiete der verfaulten geistlichen Herrschaften, hausten seitdem die neuen Hoch- und Deutschmeister. Die deutschen Herren führten das unnütze Dasein vornehmer Mönche, sperrten sich ab von den gesunden Kräften der Nation durch die peinliche Ahnenprobe, welche der Orden in seinen großen Tagen nicht gekannt. Unversöhnt und unbelehrt, nach theokratischer Weise, heischten sie jahrhundertelang das Land Preußen von den unrechtmäßigen durchlauchtigen Detentores. Vielmals trug sich der Hof zu Wien mit der Hoffnung, die Herrlichkeit des Ordens in dem Ketzerlande von neuem aufzurichten; noch der erste König in Preußen mußte die lärmenden Proteste des Ordens und des Papstes wider die angemaßte Würde belächeln. Die Stürme der Revolution haben auch den trägen Hof von Mergentheim hinweggefegt, doch in dem gelobten Lande der historischen Reliquien ist das Zerrbild alter Größe wieder auferstanden. Hart am Fuße der sonnigen Weingelände steht in Bozen das prächtige Deutschherrenhaus; auf seinen Toren prangt das schwarze Kreuz inmitten des Wappens der Habsburg-Lothringer. – War Preußen den Polen erlegen, so sahen sich die deutschen Lande im ferneren Osten den Angriffen der Moskowiter bloßgestellt. Welch unheilvolle Verwicklung! Rußland, der natürliche Bundesgenosse der Preußen gegen die Polen, war den Deutschen Livlands der »Erffiend«; ein Zusammenwirken des preußischen Ordens mit den Brüdern an der Düna blieb für jetzt unmöglich. Dazu die Zwietracht und Schwäche des heiligen Reichs, die beschränkte Binnenlandspolitik der Habsburger, endlich der Handelsneid unserer wendischen Städte, die den Livländern den Verkehr durch den Sund untersagten, gegen Riga und Reval dieselben Künste monopolsüchtiger Handelspolitik anwendeten, welche später England mit dem gleichen Erfolge gegen Nordamerika gebrauchte. Eine Zeitlang blühten die Städte am Dünabusen noch fort als die lachenden Erben der Handelsgröße von Nowgorod. In seinen letzten Jahren schaute der livländische Orden noch seinen ersten Helden, jenen gefeierten Walter von Plettenberg, der am See Smolin bei Pleskow (1502) – nach harter Arbeit zusammengesunken und auf den Knien weiterfechtend, wie die Sage geht – die Moskowiter aufs Haupt schlug und also seinem Lande einen fünfzigjährigen Frieden sicherte. Doch der altgläubige Meister fand den Entschluß nicht, zur rechten Zeit den Spuren Albrechts von Brandenburg zu folgen. Unterdessen hatten Knöpken und Tegetmeyer den Landen den evangelischen Glauben und einige Kenntnis der oberdeutschen Sprache gebracht. Dann, nach dieses Meisters Tode, mit den verheerenden Einfällen des schrecklichen Iwan begann die große Russennot, ein entsetzlich blutiges Ringen. Hier wie in Preußen schwächten sich die Deutschen durch Verrat und Zwietracht also, daß ein Tatarenfürst rufen konnte, der Deutsche habe sich selber die Rute gebunden. Umsonst klagten die Meister dem Kaiser; »der erschrecklich große und mächtige Moskowiter drohe der Ostsee mächtig zu werden.« Da endlich rettete der Landmeister Gotthard Ketteler Kurland vor dem sichern Verderben, nahm dies Gottesländchen als weltliches Herzogtum von der Krone Polen-Litauen zu Lehen (1561). Eine leidliche Zeit kam jetzt über dies glücklichste der baltischen Länder; auch die Undeutschen wurden durch Rehmers lettische Passion, durch Übersetzungen des Psalters und des Katechismus mit der lutherischen Lehre vertraut. Livland aber und das klassische Land des Bauerndrucks, Estland, blieben durch viele Menschenalter der Zankapfel der nordischen Mächte. In diesen Jahrhunderten der Kriege gelangte der baltische Adel zu seiner Selbständigkeit – ein Geschlecht, herrisch gegen die Bauern, ausgestattet mit dem Rechte der »fliegenden Jagd« und zahlreichen anderen adligen Vorrechten, zähe haftend an den alten Sitten mittelalterlicher Gastfreundschaft gegen Gäste und Krippenreiter – ein Geschlecht von Deutschen freilich, doch mit einer Sprache, welche seit Luthers Tagen der Lebenskraft entbehrte, arm und ärmer ward, mit einem geistigen Leben, das an Gustav Adolfs edler Schöpfung, der Hochschule Dorpat, nur kümmerlich sich nährte. Dann rief ein livländischer Edelmann, Patkul, ergrimmt über schwedische Willkür, abermals die Russen ins Land. Peter der Große und Katharina unterwarfen die deutsche Pflanzung ihrem Zepter. Die neue Herrschaft brachte zwar einen, den einzigen Segen, den lang entbehrten Frieden, aber auch neue Gefährdung der deutschen Sitte durch die russische Propaganda. Die Sünden der Väter bestraften sich an den Söhnen. Obgleich der Adel jetzt in milderer Zeit die Lasten der Bauern erleichterte, so hatte sich doch der alte Haß zu tief in die Herzen der Unterworfenen eingegraben. Die Verführungskünste der Popen fanden Anklang bei den Esten und Letten; immer häufiger von Jahr zu Jahr sah der Wanderer aus dem eintönigen Nadelholze der Landschaft die glänzenden Kuppeln neuer griechischer Kirchen emporragen. Nach wie vor besaßen die Lande nur drei wahrhaft bedeutende Städte. Die Rechte der ritterlichen Landtage bildeten nahezu das einzige Bollwerk des Deutschtums in der Kolonie; und wenn der Übertritt zahlreicher baltischer Edelleute in den russischen Staatsdienst den Fortbestand dieser adligen Landesverfassung sicherte, so ward doch durch die enge Verbindung der deutschen Adelsgeschlechter mit dem Petersburger Hofe die Verschmelzung der Provinzen mit dem russischen Staate wesentlich gefördert. Selbst der Name der Herzogtümer ging den Landen verloren, und unter dem Zaren Nikolaus schien es in der Tat, als solle sich das knechtische Wort erfüllen, das damals aus Dorpat dem Kaiser zugerufen ward: »denn ewig ist des Schicksals Wille: wo Russen kommen, wird es stille,« Unter seinem milderen Nachfolger erschienen der deutschen Gesittung glücklichere Jahre. Das Volk begann zurückzukehren zu der in Torheit verlassenen lutherischen Landeskirche; auf der durch Alexander I. wiederhergestellten Landesuniversität blühte die deutsche Wissenschaft kräftig und ungestört; das deutsche Schulwesen schritt langsam vor, das Verhältnis zwischen Herren und Bauern gestaltete sich erträglicher. Aber seitdem sind neue Zeiten der Bedrängnis gekommen: neue dreiste Übergriffe einer verblendeten moskowitischen Partei, welche geradeswegs darauf ausgeht, das alte baltische Landesrecht zu vernichten und an dem Gleichheitsfanatismus dieser demokratischen Tage, an dem wiedererwachten Nationalgefühl der Letten und Esten mächtige Bundesgenossen findet. Jedenfalls bleiben die russischen Ostseeprovinzen unter allen Kolonien unseres Volkes die am meisten gefährdete: eine schwache Minderzahl von Deutschen, etwa 200+000 Köpfe unter einer Gesamtbevölkerung von nahezu zwei Millionen, erwehrt sich hier mühselig, unter den schwierigsten Verhältnissen, übermächtiger fremder Gewalten, und findet doch noch die Kraft, alljährlich Männer deutscher Bildung in das innere Rußland zu senden. – Im königlichen Preußen ward allein Danzig der neuen Herrschaft froh. Im Alleinbesitze des polnischen Handels sah der Stadtadel von den Woiwoden begünstigt seinen Reichtum herrlich gedeihen. Weithin erklang der Ruhm der Stadt, als ein Danziger, Johann von Kolno, die Hudsonstraße und die Küste von Labrador entdeckte. Zur selben Zeit, in den Kriegen der beiden Rosen, flammte der deutsche Nationalstolz der Danziger noch einmal hoch auf: der preußische Held der Hansa, Paul Beneke, trieb auf der See die Engländer zu Paaren und brachte reiche Beute heim, darunter jenes köstliche Gemälde »Das jüngste Gericht«, welches noch heute als »das Danziger Bild« in hohen Ehren bewahrt wird. Den Verrat an Deutschland belohnte der Hof von Krakau anfangs durch reiche Gnade, er schenkte der Stadt sogar seine Krone in ihr Wappen. Einmal freilich büßte sie furchtbar für die alte Untat: durch ein hartes Blutgericht des Polenkönigs (1526) ward das lutherische Bekenntnis heimgesucht. Aber bald erkannten die Polen, mit welchem schweren Ernste die Deutschen sich der neuen Lehre zuwandten; sie wurden duldsamer, um ihre wichtigste Provinz nicht zu verlieren. So behauptete sich Danzig, auch nachdem die Hansa zerfallen, inmitten der polnischen Anarchie als eine reiche freie Stadt, in einer ähnlichen selbständigen Stellung wie Straßburg unter den Bourbonen. Das übrige Land dagegen empfand schwer die Untreue, die klägliche politische Unfähigkeit der Polen. Untergraben wurden die Grundlagen reinerer Menschensitte, die deutscher Fleiß gelegt; in Preußens Ober- und Unterständen ward das Gebaren des polnischen Reichstags eifrig nachgeahmt. Ein Ziel nur lockte die neuen Herrscher, die Vernichtung deutscher Sprache und Sitte. Malborg hieß fortan die Meisterstadt, Chelmno das alte Kulm, und die deutschen Adelsgeschlechter Oppen, Hutten, Falken, Götzendorf dünkten sich adliger, seit sie sich Bronikowski, Chapski, Plachecki, Grabowski nannten. Von den verbrieften Landesrechten sank eines nach dem andern dahin. Schon Hans von Baisen sah die Vergeltung hereinbrechen über den Verrat, der die Freiheit bei dem Feinde gesucht, und starb gebrochenen Herzens. Das Amt des königlichen Gubernators ging ein, polnische Edelleute drängten sich in die Woiwodenstellen und auf den Bischofssitz von Ermeland. Hundert Jahre nach dem Thorner Frieden verkündigte der Reichstag von Lublin die vollständige Vereinigung der Provinz mit dem Polenreiche; die Stände Preußens sollten fortan auf den Reichstagen der Adelsrepublik erscheinen. Zwei Jahrzehnte darauf herrschte auch in den Landtagen des königlichen Preußens die polnische Sprache. Und wahrlich, der widernatürliche Zustand, daß Slawen über Deutsche herrschten, konnte dauern, das Werk der Slawisierung konnte auch in den Städten des Weichseltales gelingen wie auf dem flachen Lande, hätten nicht die Jesuiten ihr Lager in Polen aufgeschlagen und das Reich als getreuesten Bundesgenossen in die Händel der Habsburger verwickelt. Stanislaus Hosius, der rührige Apostel der Jesuiten, der Leiter der Gegenreformation in Polen, begann auch in Preußen seine emsige Arbeit; noch heute erinnert die Braunsberger Theologenakademie, das Hosianum, an sein Wirken. Im gemeinsamen Kampfe wider diese pfäffische Propaganda näherten sich einander die Städte Preußens und ein Teil des Adels, der von der Habsucht der Gesellschaft Jesu für seine Güter fürchtete. Weissagend rief nach dem Lubliner Tage der deutsche Edelmann Achatius von Zehmen den Polen zu: es werde dereinst ein Gewaltiger über sie kommen und ebenso mit ihnen verfahren, wie sie heute mit den Preußen. So gereichte die Eroberung des königlichen Preußens auf die Dauer den Polen selber nicht zum Segen; sie brachte nur ein neues Element des Widerstandes zu so vielen anderen grollenden Volksstämmen, die unter der Fremdherrschaft des polnischen Junkertums schmachteten. Halbwach erhielt sich in dem preußischen Bürgertume ein deutsch-protestantisches Gemeingefühl, und aus der Dunkelheit dieser polnischen Zeit strahlt uns dann und wann eine echteste Tat deutschen Geistes entgegen. Zu Frauenburg sann und forschte ein deutscher Domherr in jeder sternenhellen Nacht während eines Menschenalters, bis endlich die ungeheure Wahrheit des kopernikanischen Weltsystems dem Grübelnden sich erschloß, und sein großer Name der Stolz zweier feindlicher Völker ward. So recht den Kern des wüsten Regiments der Polen erfassen wir in den Schicksalen der Meisterburg. Geplündert und geschädigt von der heiduckischen Besatzung fiel die Hochburg zuletzt an die Jesuiten, und was die Roheit der Heiducken nur halb vollbracht, vollendete die Kulturbarbarei der frommen Väter. Anbauten im Jesuitenstile schoben sich nun zwischen die hehren Werke der Meister, die schmutzigen Hütten schottischer Krämer umgaben die Burg, und in den Grüften der Annakapelle räumten die Meisterleichen den Jesuiten die Stätte. Zwischen den Pfeilern der Remter zog der Pole dünne Wände, weil er der Kühnheit der deutschen Gewölbe nicht traute, und die ernste Wahrhaftigkeit des Ziegelrohbaues ward bedeckt mit der lügenhaften Hülle des Gipses. Es frommte nicht wider das Werk der Zerstörung, daß der prächtige August der Starke die Burg bezog, die er nicht verstand, und seine Gräfin Cosel eine Weile ihre feilen Reize in dem Remter zeigte, den einst der Sporentritt der deutschen Herren durchhallt. – Bei dieser erdrückenden und zugleich verführerischen Nachbarschaft des großen Slawenreiches, »wo alles adlig war,« vermochte das herzogliche Preußen, arm und entvölkert, nur durch zwei Häfen dem Weltverkehre geöffnet, durchaus nicht, jene vorschreitende Staatskunst zu wagen, welche sein ketzerischer Ursprung ihm vorschrieb. Unbändig vielmehr, beseelt von altem deutschherrlichen Trotze und den Ideen polnischer Adelsfreiheit, wuchs der preußische Adel den schwachen Herzögen und ihren Günstlingen über den Kopf, hielt in selbstgenügsamer Beschränktheit die Fürsten von allen europäischen Handeln fern, und selten nur griff er zu den Waffen – wenn es galt den wilden Aufruhr der Bauern wider den Druck der Junker blutig niederzuwerfen. Wie ein Mann hielten der Adel und das stolze Königsberg zusammen gegen die Bauerschaft und die Hinterstädte. Der lebendige Protestantismus war erstarrt und verwandelt in bewegungslose lutherische Rechtgläubigkeit. Schwert und Acht drohten den Anhängern Melanchthons, die der Hof begünstigte. Wenn die Herzöge das Lästern auf den Kanzeln wider den Calvinismus verboten, so ließ der Adel von dem polnischen Lehnsherrn das Verbot vernichten und die Lehre Calvins für Teufelswerk erklären. In die Fremde zog, wessen Herz noch erfüllt war von dem streitbaren Geiste der Reformation: aus dem öden Stilleben der Provinz eilte das heldenhafte Geschlecht der Dohna hinaus in die Glaubenskriege der Hugenotten. Es war die gelobte Zeit des lutherischen Junkertums; aber, gemeiner als in den Marken, sank hier, in der alten Heimat des schroffsten deutschen Nationalstolzes, der Trotz des Adels zu nacktem Landesverrate herab. Fortwährend »polenzten« die Herren Stände, sie verkehrten unablässig mit dem polnischen Hofe und nahmen die Jesuiten, als Helfer wider ihren Fürsten, gastlich in Königsberg auf. Willig schützte auf ihren Ruf die Krone Polen die ständischen Ansprüche gegen den Herzog und erwirkte sich sogar das ungeheuerliche Recht, preußische Landtage zu berufen ohne Willen des Herzogs. Gehässiger, schonungsloser noch ward die Widersetzlichkeit des Adels, als das Kurhaus Brandenburg zuerst die Vormundschaft über den letzten Ansbacher Herzog, dann die Herzogswürde selbst erhielt (1618). Jetzt galt es im Geiste des starrsten Partikularismus die »Politik des Vaterlandes« gegen den »märkischen Despotismus« zu behaupten. Unverstanden ging an dem Stumpfsinne dieses Junkertums die verheißende Erscheinung Gustav Adolfs vorüber, vergeblich mahnte er in seiner herzgewinnenden Weise, Extrema zu ergreifen, und rief dem Trotze der Libertät die warnenden Worte zu: »dankt Gott, daß ihr nicht Polens unmittelbare Untertanen seid.« Man wußte, daß der Hof von Wien damit umging, auch das herzogliche Preußen der Krone Polen gänzlich zu unterwerfen; dennoch blieben die Stände neutral in dem Weltkampfe. Das Land sah den tiefsten Fall der Monarchie, als Georg Wilhelm von Brandenburg, flüchtig vor dem deutschen Kriege, in Königsberg seinen ärmlich würdelosen Hofstaat hielt. Unter seinem Sohne endlich begann das alte Wort besorgter Polen sich zu erfüllen, daß Preußen in den Händen von Brandenburg der Untergang Polens sein werde. Wie mußte der große Kurfürst sich drehen und winden, um aufzusteigen aus dieser häßlichen Erniedrigung! Nur des Polenkönigs Gnade hatte ihm gestattet, seinem eigenen Vater eine calvinische Totenfeier zu halten. Seine Kommissarien wurden als »fremder Potentaten Abgesandte« von den Ständen Preußens zurückgewiesen, seinen Truppen schlossen die Städte die Tore. Doch nach wenigen Jahren war der mißachtete Vasall der Krone Polen das Zünglein in der Wage des polnisch-schwedischen Kriegs. Alle Kunstgriffe verschlagener Diplomatie mußte er gebrauchen, bis endlich mit der Schlacht von Warschau Brandenburg als eine neue Militärmacht in die Reihe der europäischen Mächte trat und der Vertrag von Welau dem Kurfürsten die Souveränität in Preußen gewährte (1658). Wieder kamen harte Kriegszeiten; der ganze Süden des Landes ward also entvölkert, daß späterhin in Sudauen und Galindien eine massenhafte Einwanderung polnisch-litauischer Arbeitskräfte erfolgen konnte, die sich der genauen historischen Kenntnis gänzlich entzieht. Ganz im Sinne dieser Zeit der Fürstenallmacht verstand der Herrscher seine neue Würde. Noch gab es in Preußen steife Nacken, die der neuen Größe sich nicht beugten; doch nach hartem Kampfe siegte die bittere Notwendigkeit der reinen Monarchie. Preußen und Cleve, Brandenburg und Minden waren fortan membra unius capitis , eines deutschen Staates Glieder. Und siehe, als der Kurfürst die Schweden in wilder Jagd über das Eis des Frischen Haffs bis vor die Wälle von Riga trieb, da stand freiwillig die Bauerschaft Preußens in Waffen, führte den kleinen Krieg wider den Reichsfeind. Mochte man fluchen der eisernen Zucht des Selbstherrschers; eine schönere Zeit war gekommen, dies Volk hatte wieder ein Vaterland. Selbst in den trübsten Tagen war in dem Grenzvolke ein Hauch deutschen Geistes lebendig geblieben. Dem verwilderten Geschlechte des großen Krieges hatte Simon Dach die herzerwärmende Weise reiner, rechtschaffener Liebe gesungen, und ein Jahrhundert nachher, mit Hamann, Herder, Kant, stieg über Preußen ein Tag geistigen Ruhmes empor, wie ihn die Zeit des Ordens nie gesehen. Als über dem roten Adler von Brandenburg der schwarze königliche Aar von Preußen sich erhob und die entlegene Provinz fest und fester mit dem Hauptlande verwuchs, da erlebte Preußen einen schönen Kreislauf der Geschichte, ein wahrhaftes ritornar al segno , wie es Machiavelli als das Heil der Staaten gepriesen. Denn wieder, wie in des Ordens großen Tagen, stand jetzt die geschlossene Einheit des deutschen Staats der staatlosen Anarchie der Polen gegenüber, und gebieterisch wahrten die Könige von Preußen die Rechte ihrer polnischen Glaubensgenossen wider die Gewalttaten der Jesuiten. Der große König hat endlich den alten Teilungsplan des Ordens verwirklicht und das geraubte Erbteil unserem Volke wieder zurückgebracht. Am 14. September 1772 stand General Thadden mit dem Regimente Sydow vor dem Tore von Marienburg, und von selber hob sich der Schlagbaum. Am 27. September tagten die Stände des Landes im Konventsremter der Burg und huldigten dem deutschen Fürsten. Ein erhebender Gedanke fürwahr, könnten wir König Friedrich uns vorstellen, wie er über die Jahrhunderte hinweg den Plauen und Kniprode die Hände reicht als der Retter ihres deutschen Kulturwerkes. Und eine Ahnung allerdings von dem großen welthistorischen Sinne der Wiedereroberung Westpreußens schwebte vor dem Geiste des Königs. Denn schon in jungen Jahren erzählte er in den mémoires de Brandebourg mit scharfen Worten die Schmach des deutschen Ordens, und die Marienburger Huldigungsmedaille führte die vielsagende Inschrift: regno redintegrato praestata fides . Aber auch nur eine leise Ahnung war in dem Könige lebendig. Die Schriften seines Alters sagen unzweideutig, daß er in der neuen Provinz zunächst nur die Kornkammer des Nordens, die Wasserstraße der Weichsel, die notwendige Verbindung zwischen Pommern und Ostpreußen erblickte und die willkommene Beute auch dann nicht verschmäht hätte, wäre sie von jeher slawisches Land gewesen. Auch die amtliche Rechtfertigungsschrift erwähnt des Ordens nicht, redet nur von den vergessenen Erbansprüchen Brandenburgs auf Pomerellen. Wie wenig die aufgeklärte Zeit die romantische Größe des Ordensstaates verstand, das hat die fortgesetzte Mißhandlung der Meisterburg noch unter Friedrichs Herrschaft klärlich bewiesen. Hüten wir uns also, in seine Seele ein Bewußtsein des Volkstums zu legen, das seinem Jahrhundert fern stand. Freuen wir uns vielmehr, daß kraft einer segensreichen Notwendigkeit dieser Staat dann unfehlbar seinen deutschen Beruf erfüllt hat, wenn er in kalter Berechnung sein eigenes Wohl zu fördern verstand. Längst verwischt ward die zweideutige Weise der Erwerbung durch die würdige Benutzung. Die halb erstickten Keime deutschen Wesens sind unter preußischer Herrschaft fröhlich aufgegangen, und seitdem ist Westpreußen unser nach jedem heiligsten Rechte; denn was dort gedeiht von Recht und Wohlstand, von Bildung und guter Menschensitte, ist deutscher Hände Werk. Und abermals sah Königsberg den flüchtigen Hof eines bedrängten Hohenzollern in seinen Mauern; und abermals, doch herrlicher als in den Tagen des großen Kurfürsten, erwuchs dem wankenden Staate frische Kraft aus der Liebe seines Volkes. Derselbe Königsberger Landtag, der vormals oft die Polen zu Hilfe gerufen wider seinen deutschen Fürsten, wagte jetzt die erste Tat unseres Freiheitskrieges, und das schwarze Kreuz des Landwehrmannes zierten schönere Kränze als jene, die einst das schwarze Kreuz des deutschen Herrn geschmückt. Damals hat das neue Deutschland des Mittelalters dem Mutterlande die alte Wohltat dankbar heimgezahlt. Als ein Nachklang jener hochaufgeregten Tage begann, gefördert von den Spenden des gesamten Landes, der Wiederaufbau der alten Meisterfeste: – ein bedeutsamer Wink für den Historiker, der die Herzensgeheimnisse einer Epoche am sichersten aus ihrer historischen Sehnsucht errät. Und – wie um den verzweifelten Trübsinn Lügen zu strafen, der unserer Zeit die Kraft des Schaffens abspricht – dem Meisterschlosse gegenüber spannen heute die Brücken von Dirschau und Marienburg ihr Joch über den gezähmten Strom, echte Werke der modernen Welt. Allerdings ein neues Leben ist in dieser Grenzerwelt erwacht. Wohl zeigte sich zuweilen in dem Blute des schwer lenksamen, herb urteilenden Volkes noch ein Tropfen von dem alten Eidechsengifte; doch in den Parteikämpfen dieses Jahrhunderts hat der selbstbewußte Rationalismus der Altpreußen jederzeit ein notwendiges Gegengewicht gebildet gegen die Mächte des Beharrens. Der erste Burggraf des neuerstandenen Meisterschlosses war Heinrich Theodor von Schön, der liberale Kantianer. Dem Preußen ziemt es nicht, sich selbstgefällig an dem Glücke der Gegenwart zu weiden. Denn noch sind die Schätze der Provinz nicht zur Hälfte gehoben; noch ist der Wohlstand, der das Land vor dem Tannenberger Tage schmückte, bei weitem nicht wieder erreicht; noch sind dem Handel die Adern unterbunden durch die Grenzsperre des Nachbarlandes. Doch bleibt es erquickend, zu gedenken, wie die zähe Arbeit vieler Geschlechter ein gutes Land gerettet hat aus dem großen Schiffbruche der deutschen Kolonien, Alltäglich noch tragen Deutsche die Segnung der Kultur gen Osten. Aber mürrisch wird im Slawenlande der deutsche Lehrer empfangen als ein frecher Eindringling; nur in Preußen blieb er Bürger und Herr des Bodens, den sein Volk der Gesittung gewann. Nach Jahrhunderten wieder ist das Grenzland eingetreten in den Staatsverband der deutschen Nation, enger denn jemals mit dem großen Vaterlande verbunden. Wie einst die vereinte Kraft des deutschen Ordens und der Osterlinge den Ruhm der Deutschen in den fernen Osten trug, so prangen heute, ein glückverheißendes Zeichen, die vereinten Farben Preußens und der Hansa im Banner unseres neuen Reiches. Die militärischen und die bürgerlichen Kräfte deutscher Nation haben abermals einen festen Bund geschlossen, der, so Gott will, nie wieder sich lösen wird; und jener Kaiseraar, den die entlegene Mark in allen Stürmen der Zeit treu bewahrte, breitet wieder herrschend seine Schwingen über das deutsche Land. Ein Tor, wer nicht beim Anschauen dieses wirrenreichen und dennoch stetigen Wandels einer großen Geschichte die vornehme Sicherheit des Gemütes sich zu stärken vermag. Kräftigen wir daran – was der Historie edelste Segnung bleibt – die Freiheit des hellen Auges, das über den Zufällen, den Torheiten und Sünden des Augenblicks das unabänderliche Walten weltbauender Gesetze erkennt. – Luther und die deutsche Nation. Vortrag, gehalten in Darmstadt am 7. November 1883. [Preuß. Jahrb., Band 52 (Dezemberheft 1883). Auch besonders erschienen: 1. und 2. Abdruck, Berlin, G. Reimer. 1883.] Hochansehnliche Versammlung! Mancher unter Ihnen hat vor einigen Wochen auf der Höhe des Niederwaldes gestanden, als unser greiser Kaiser das Bild der schwertumgürteten Germania enthüllen ließ, und dort das Glück genossen, mit allen Landsleuten von nah und fern das eine Gefühl dankbarer Freude zu teilen. Jahrhundertelang ist uns Deutschen dieser Einmut froher, neidloser Erinnerung, der zum Leben gesunder Völker gehört, versagt geblieben; denn jene Siege, die uns die neue Einheit unseres Reiches schufen, waren selber seit unvordenklicher Zeit die erste gemeinsame große Tat, zu der sich die ganze Nation in schönem Wetteifer zusammenfand. Wohl ist sie ruhmvoll, die Geschichte dieses Volkes, das so oft schon dem Weltteil den ersten Mann des Jahrhunderts geschenkt, so oft in den Kämpfen Europas das erweckende oder das versöhnende Wort gesprochen hat; doch fast alle ihre großen Namen waren in das Gewirr der Gegensätze, die unser inneres Leben zerrütteten, so tief verflochten, daß sie noch heute breiten Schichten des Volkes unverständlich bleiben und ihnen nur als die Vorkämpfer eines Stammes, einer Partei, eines Glaubensbekenntnisses, nicht schlechtweg als deutsche Helden erscheinen. Wir haben im achtzehnten Jahrhundert den letzten und größten Vertreter des alten unbeschränkten Königtums unter uns walten sehen, und seit seine Saat in Halme schoß, beginnen die Einsichtigen zu fühlen, daß er für Deutschland focht, als er gegen Österreich und das heilige Reich seine Schlachten schlug; dennoch wird König Friedrich, gleich seinem Ahnen, dem großen Kurfürsten, immer zunächst der Liebling seiner Preußen bleiben und der Masse der Oberdeutschen niemals ganz vertraut werden. Wir haben ein Jahrhundert zuvor durch einen greuelvollen Krieg der europäischen Welt die kirchliche Duldung gesichert, aber der Sieg ward um einen furchtbaren Preis, durch die Verwüstung unserer alten Kultur, erkauft, und der Held, der sich von jener finsteren Zeit als die beinahe einzige lichte Gestalt abhebt, Gustav Adolf, war ein Fremder; selbst seine Bewunderer können nicht leugnen, daß seine Siegeslaufbahn zu unserem Heile frühzeitig endete, eben in dem Augenblicke, da seine Macht unserem Vaterlande verderblich zu werden begann. So ist denn auch die Gedächtnisfeier, zu der sich in dieser Woche unser protestantisches Volk überall gehobenen Herzens versammelt, leider nicht ein Fest aller Deutschen. Millionen unserer Landsleute stehen teilnahmslos oder grollend abseits; sie wollen, sie können nicht begreifen, daß der Reformator unserer Kirche der gesamten deutschen Nation die Bahnen einer freieren Gesittung gebrochen hat, daß wir in Staat und Gesellschaft, in Haus und Wissenschaft, überall noch den Atem seines Geistes spüren. Wer über ihn redet, der muß bekennen, wie er sich selber zu den großen sittlichen Aufgaben der Gegenwart stellt. Leidenschaftlich, als stünde der Reformator noch mitten unter uns, erklingen die Anklagen derer, die seine Größe nicht zu fassen vermögen. Schon bei seinen Lebzeiten ist Martin Luther dem tragischen Geschick der Verkennung, das keinem großen Manne und am wenigsten dem Kämpfer erspart bleibt, nicht entgangen. In den hoffnungsreichen ersten Jahren seines öffentlichen Wirkens begrüßte ihn die Nation mit einer stürmischen Freude, wie sie der deutsche Boden erst in unseren Tagen wieder erlebt hat. Damals, als er zuerst der Katze die Schelle anband und dann kühn und kühner, fortgerissen von der zwingenden Macht des freien Gedankens und des wachen Gewissens, aus einem treuen Sohne der alten Kirche zum erklärten Ketzer ward, als er die Bannbulle des Papstes in das Feuer warf und in dem flammenden Aufruf »an den christlichen Adel deutscher Nation« seine Deutschen aufforderte zur Reform der Kirche und des Reiches, an Haupt und Gliedern: da stand er vor Kaiser und Reich als der Führer der Nation, heldenhaft wie ihr Volksheiliger, der streitbare Michael; da jubelte das Volkslied: »Zu Worms er sich erzeiget, er stand wohl auf dem Plan, seine Feind' hat er geschweiget, keiner durft' ihn wenden an«; da schien es wirklich, als sollten alle die elementarischen Kräfte, die in der tief erregten Nation arbeiteten, der Glaubensernst der frommen Gemüter, der Forschermut der jungen Wissenschaft, der Nationalhaß des ritterlichen Adels wider die welschen Prälaten, der Groll der mißhandelten Bauern, sich zu einem mächtigen Strome vereinigen und gewaltig aufwallend alles römische Wesen aus unserem Staate, unserer Kirche hinwegschwemmen. Aber noch war unsere deutsche Königskrone fest verkettet mit der weltumspannenden Politik des römischen Kaisertums. Einen Zufall dürfen wir es nicht nennen, daß in jenem verhängnisvollen Augenblick ein Fremdling unsere Krone trug, der unseres Herzens Schlag nicht hören konnte und, während die Deutschen dem lauten Freimut ihres Landsmannes zujauchzten, verächtlich lächelnd sprach: der soll mich nicht zum Ketzer machen. Sobald der Kaiser dem Rufe der Nation sich versagte, stand nicht bloß die politische Macht des spanischen Weltreichs wider den Reformator, sondern auch eine gewaltige sittliche Macht, die feste Kaisertreue unseres Volkes. Und nun trat auch die alte Todsünde unserer Geschichte, der Haß der Stände, wieder hervor. Die Ritterschaft vergeudete ihren ungestümen Tatendrang in einer ziellosen, unglücklichen Fehde. Die Bauern nahmen die Lehre der evangelischen Freiheit fleischlich auf und erhoben sich zu einem wütenden sozialen Kampfe. Luther aber meinte seine heilige Sache geschändet und ließ die Gecken, die das Evangelium mit Hammern und mit Zangen in den Kisten suchten, die ganze Wucht seines Zornes empfinden. Als der gräßliche Aufruhr durch die unbarmherzigen Herren gräßlicher bestraft war, da sah sich der Mann, den sein Volk soeben auf den Schild gehoben, mit den Verwünschungen der kleinen Leute beladen. Mittlerweile hatte sich auch der erste Gelehrte des Jahrhunderts, Erasmus, von den Wittenbergern abgewendet; auch Luthers Lehrer, Staupitz, der sinnige Mystiker, auch die geistreichen Humanisten Crotus Rubianus und Eobanus Hessus traten erschrocken zurück. Mit ihrem Abfall war entschieden, daß die neue Lehre selbst unter den Höchstgebildeten der Nation vorerst noch nicht überall Anklang finden konnte, und da sie mit der Selbständigkeit des Denkens auch den trotzigen Eigensinn des deutschen Charakters entfesselte, so verfielen ihre Anhänger bald einer gefährlichen Zersplitterung: zuchtlose Schwarmgeisterei und dogmatischer Streit schwächten ihre Einheit. Also von allen Seiten bedrängt und verlassen suchte Luther seine Zuflucht bei dem deutschen Fürstenstande. Noch immer reich an Erfolgen waren seine letzten Jahre noch reicher an schmerzlichen Enttäuschungen. Er hatte einst gehofft, in der gesamten Christenheit oder mindestens in seiner deutschen Nation das kirchliche Leben zu verjüngen. Nun mußte es ihm genügen, daß nach und nach in den größeren weltlichen Fürstentümern Deutschlands kleine evangelische Landeskirchen entstanden; und wer in der Geschichte nur die Erscheinungen des Tages obenhin betrachtet, mag es leicht eine glückliche Fügung nennen, daß der durch übermenschliche Arbeit früh Gealterte aus diesem Leben hinweggerufen wurde, unmittelbar bevor die deutschen Protestanten im Schmalkaldischen Kriege durch Hader und planlose Schwäche den Waffen der Fremdherrschaft schimpflich erlagen. Ja während sonst das Bild der geschiedenen Helden sich im Gedächtnis der Völker zu verklären pflegt, erschien Luther den Nachlebenden kleiner, als er gewesen. In jenen müden Jahrzehnten der politischen Tatenscheu und des theologischen Gezänks, welche den lichten Tagen der deutschen Reformation folgten, formte sich ein kleines Geschlecht die Gestalt des Reformators nach seinem eigenen Bilde, als wäre er auch nur ein bibelfester Prediger und ehrsamer Hausvater gewesen, als hätte er wirklich nur eine Sonderkirche, die sich nach dem Namen eines sündhaften Menschen nannte, stiften wollen. Erst die historische Wissenschaft unseres Jahrhunderts hat sich wieder das Herz gefaßt, den ganzen Luther zu verstehen, den zentralen Menschen, in dessen Seele fast alle die neuen Gedanken eines reichen Jahrhunderts mächtig widertönten; sie steht ihm fern genug, um auch die mittelbaren Folgen seines zerstörenden und aufbauenden Wirkens zu würdigen, um alle die Keime einer neuen Kultur, die er ahnungslos, nach der Weise des Genius, in den deutschen Boden senkte, wahrzunehmen und dankbar zu erkennen, wie treu er sein Wort erfüllt hat: »für meine Deutschen bin ich geboren, ihnen will ich dienen«. – Im deutschen Gemüte lag von jeher dicht neben der hellen Weltlust ein beschaulicher Ernst, der die Vergänglichkeit aller irdischen Dinge schmerzlich empfand, neben der wagenden Tapferkeit eine tiefe Sehnsucht nach Erlösung von dem Fluche der Sünde. Die Germanen allein unter allen Völkern Westeuropas haben schon in den Tagen ihres Heidentums etwas geahnt von dem dereinstigen Untergänge dieses frevelnden Geschlechts, von einer neuen Welt der Reinheit und der Klarheit, die da kommen solle. In einem solchen Volke mußte die frohe Botschaft aus Jerusalem bereite Herzen finden, und wie andächtig, wie innig die Deutschen den neuen Glauben aufnahmen, das erzählen die Wunderbauten unserer alten Dome. Gleichwohl hatte die christliche Lehre, als sie bei uns eindrang, bereits in Rom eine Gestalt angenommen, welche dem deutschen Volke niemals ganz vertraut werden konnte. Diesseits und Jenseits, alle Zeiten und alle Völker erschienen eingeschlossen in der einen großen Gemeinschaft der Heiligen, welche die streitende Kirche hienieden mit der leidenden Kirche der armen Seelen im Fegefeuer und der triumphierenden Kirche der Seligen droben im Himmel verband. Aus dem Gnadenschatze der guten Werke der Heiligen spendete die Kirche ihren Gläubigen die Vergebung der Sünden durch den Mund eines herrschenden Priesterstandes, der durch die geistige Zeugung der Weihe befähigt war, Brot und Wein in den Leib und das Blut des Erlösers zu verwandeln. Außer ihr war kein Heil; von der Wiege bis zur Bahre, von der Taufe bis zur letzten Ölung umfing und heiligte sie das Leben jedes Christen. Es war ein wunderbarer großer Gedankenbau; lange Jahrhunderte hindurch hatten die Weisheit und die Andacht so vieler heiliger Männer und eine seltene Kunst der Menschenbeherrschung daran gebaut; festgefügt stand Stein auf Stein, die unerbittliche Folgerichtigkeit dieser Lehre ließ dem Christen nur die Wahl zwischen der Unterwerfung und der Ketzerei. Doch die scharfe Logik der Romanen hat dem deutschen Geiste niemals ganz genügt; nicht so von außen her, nicht allein durch die Gnadenmittel der Kirche und durch vorgeschriebene gute Werke konnte das rege Gewissen unseres Volkes seinen Frieden finden. Schon im vierzehnten Jahrhundert erdröhnte das deutsche Land von den Kyrieleis-Rufen der Geißler, und immer lauter, immer verzweifelter, fast so herzzerreißend wie in den Anfängen der christlichen Geschichte, erklang seitdem der Aufschrei der sündigen Kreatur nach Versöhnung mit ihrem Schöpfer. Zugleich ward auch der kampfmutige Weltsinn der Deutschen an den Lehren der alten Kirche irr. So viele Kränze des Ruhmes, so viele edle Freuden bot diese schöne Erde dem tatkräftigen Manne; und das alles sollte nichts gelten neben der höheren Heiligkeit der begebenen Menschen, der Priester und der Mönche, die auf alles verzichteten, was Menschen menschlich aneinander bindet, die mit dem holden Glück auch die heiligen Pflichten des ehelichen Lebens verschmähten! Kummervoll sann der größte Dichter unseres Mittelalters, Walther von der Vogelweide, diesem dunklen Rätsel nach und klagte: Ach leider kann es nimmer sein, Daß Gottes Gnade kehre Mit Reichtum und mit Ehre Je wieder in dasselbe Herz. Und dieser Priesterstand, der sich so unnahbar hoch über die gehorchende Gemeinde erhob, der alle weltliche Arbeit so tief verachtete, war selber längst einer schamlosen Weltlust verfallen, die ihn den Weltlichen als ein Heuchlergezücht erscheinen ließ. Er besaß das reichste Drittel Deutschlands, gab auf den Reichstagen durch seine Überzahl den Ausschlag, und seine politische Macht ward von den Deutschen als Fremdherrschaft empfunden; denn in der Kirche regierte der Papst mit seinen italienischen Prälaten, und alle die Fülle von Geist, Witz und Bildung, die sich in dem Lügenstübchen des Vatikans gesellig zusammenfand, alle die Meisterwerke des Meißels und des Pinsels, die in der Sonne päpstlicher Gnade reiften, konnten unser Volk doch nicht darüber trösten, daß die Herrscherin der Christenheit die ruchloseste Stadt der Erde war. Vergeblich hatten die Deutschen, allen anderen Nationen voran, auf den Konzilien des fünfzehnten Jahrhunderts die Schäden der Kirche zu bessern versucht. Als Luther auftrat, war die Nation in unheimlicher Gärung, von widersprechenden Gefühlen stürmisch bewegt: hier die Gewissensangst der Frommen, die über ihre Sünden und guten Werke peinlich Buch führten und mit heiligem Schauer die volkstümlichen Bilder des Totentanzes betrachteten; dort der kecke Übermut eines sinnenkräftigen, lebenslustigen Geschlechts, das der derben Schwänke nicht satt ward und sich dreist spottend an dem Zerrbild der verkehrten Welt erfreute; dazu allen Deutschen gemein der Haß gegen das welsche Wesen. Die Tat der Befreiung ging aus den Kämpfen des ehrlichen deutschen Gewissens hervor; aus seiner Demut schöpfte Luther die Kraft der höchsten Verwegenheit. Getrieben von einer leidenschaftlichen Angst um seine und seiner Brüder Seligkeit hatte er einst Vater und Mutter verlassen und in seiner Klosterzelle durch alle Qualen mönchischer Buße den Himmel stürmen wollen, doch immer wieder klang es in seiner Seele: »o meine Sünde, Sünde, Sünde!« – bis dann endlich das Wort des Apostels von der Rechtfertigung durch den Glauben zündend in sein Herz schlug. Und nun kam sie über ihn, die Wandelung des inneren Menschen, die μετάνοια des Paulus; in demütiger Erkenntnis der Unzulänglichkeit alles menschlichen Verdienstes ergab er sich gläubig der Gnade des lebendigen Gottes und er wagte, dieses seines Glaubens zu leben. Der ganze Gegensatz romanischer und germanischer Empfindung tritt uns vor die Augen, wenn wir diese Seelenkämpfe Luthers vergleichen mit den inneren Anfechtungen, welche späterhin der Rittersmann der wiederhergestellten alten Kirche, Ignatius von Loyola, zu überwinden hatte. Der Spanier entledigt sich seiner Pein durch den Entschluß, diese Wunden seiner Seele nie mehr zu berühren; der Deutsche beruhigt sich erst, sobald sein Gemüt überzeugt ist und alle Zweifel vor der Gewißheit einer innerlich erlebten Wahrheit schwinden. Ohne jede Ahnung von der unermeßlichen Wirkung seiner Tat beginnt er nun den Kampf gegen den häßlichsten Mißbrauch der verweltlichten Kirche, und dann führt ihn Gott weiter wie einen Gaul, dem die Augen geblendet sind. Aus jenem entscheidenden Gedanken ergibt sich ihm die Erkenntnis, daß Gott keinen erzwungenen Dienst will und über die Gewissen niemand richten kann denn Gott allein. Kaum drei Jahre nach dem Beginne des Ablaßstreites sagt er sich schon los von der gebundenen Sittlichkeit des Mittelalters durch jenen mächtigen Hymnus der evangelischen Freiheit, das Buch von der Freiheit des Christenmenschen: der Christ ist niemand Untertan in seinem Glauben und eben darum jedermanns Knecht, dem geringsten seiner Brüder zum Dienst der Liebe verpflichtet, gute Werke machen nimmermehr einen guten Mann, sondern ein guter Mann machet gute Werke. Eine zugleich freiere und strengere Auffassung des sittlichen Lebens, die wieder anknüpft an die Kämpfe Jesu wider die starre Gesetzlichkeit der Pharisäer und den Schwerpunkt der sittlichen Welt im Gewissen des Menschen findet. An diese Erkenntnis wieder schließt sich die Forderung des Priestertums der Laien und der Gedanke der freien Gemeindekirche, die sich bescheidet, die äußeren Formen der Kirchengemeinschaft wie alles Menschliche in den Fluß der Zeiten zu stellen, und dem mißdeuteten Worte »auf diesen Felsen will ich meine Kirche bauen« das lebendig verstandene Wort entgegenhält: »wo zwei oder drei von euch versammelt sind in meinem Namen, da bin ich mitten unter ihnen«. Gewiß war Luthers Tat eine Revolution, und da der religiöse Glaube im innersten Kerne des Volksgemüts wurzelt, so griff sie in alles Bestehende tiefer ein, als irgendeine politische Umwälzung der neuen Geschichte. Es ist wahrlich kein Zeichen evangelischen Mutes, wenn manche wohlmeinende Protestanten dies zu leugnen oder zu verhüllen suchen. Nur ein Mann, in dessen Adern die ungebändigte Naturgewalt deutschen Trotzes kocht, konnte so Vermessenes wagen. Die ganze alte Ordnung der sittlichen Welt, die einem Jahrtausend heilig gewesen, die lange Kette der ehrwürdigen Traditionen, welche das Leben der Christenheit gebunden hielten, brach mit einem Schlage zusammen, und lebhaft können wir heute dem Gegner des Reformators, dem Elsasser Murner nachempfinden, wenn er beim Anblick der ungeheuren Zerstörung jammernd ausrief: Alle Bücher sein erlogen, Die je beschrieben sind, Die Heiligen han betrogen, Die Lehrer sein all blind! Die Größe der historischen Helden besteht in der Verbindung von Seelenkräften, die nach der Meinung des platten Verstandes einander ausschließen. So gewaltig die Kühnheit des schlichten Mannes, der sich selber nur eine Gans unter den Schwänen nannte und dennoch sich vermaß, gegen die stärksten politischen und sittlichen Mächte der Zeit in die Schranken zu treten, ebenso erstaunlich erscheint von Haus aus seine Mäßigung. Nie war er kühner, als da er den Bilderstürmern von Wittenberg die Mahnung der Liebe zurief: macht mir nicht aus dem Frei sein ein Muß sein! Mit kindlichem Vertrauen baute er auf die Macht des göttlichen Wortes allein. Und sein Glaube trog ihn nicht; denn nachdem erst die wilden Zuckungen des Bauernkrieges und der Wiedertäufern überwunden waren, vollzog sich der Sieg der Reformation in Deutschland fast überall friedlich, frei aus dem Volke heraus. Bei allem Häßlichen, das sich mit ansetzte, trug die große Bewegung doch jenen Charakter schlichter Treuherzigkeit und Kraft, der alle große Epochen der deutschen Geschichte auszeichnet; sie schenkte unserem Volke die Form des Christentums, welche dem Wahrheitsdrange und der unzähmbaren Selbständigkeit der deutschen Natur zusagt, gleichwie die römische Kirche der Logik und dem Schönheitssinne der Romanen, die orthodoxe Kirche der halborientalischen Gebundenheit der gräko-slawischen Welt entspricht. Und weit hinaus über den Kreis seiner Glaubensgenossen wirkte Luthers Wort; er war im Rechte, wenn er den deutschen Bischöfen zurief: »Ihr habt mein Evangelium verdammen lassen, habt es aber heimlich und in vielen Stücken angenommen.« Mit gutem Grunde nennen wir ihn heute einen Wohltäter auch der alten Kirche. Denn auch sie ward durch ihn gezwungen, ihre sittlichen Kräfte zusammenzuraffen, auch sie blieb nicht unberührt von der innigen, seelenvollen Auffassung des Glaubens, welche Luther der Christenheit wiedergab. Eine so sinnliche Ablaßlehre, wie sie Tetzel einst predigte, wäre auf deutschem Boden jetzt unmöglich; und sicherlich steht heutzutage der denkende deutsche Katholik dem deutschen Protestanten in seiner ganzen Weltanschauung näher als seinem spanischen Glaubensgenossen. In allen den mächtigen Wandlungen unseres geistigen Lebens seitdem ist der Grundgedanke der Reformation, die freie Hingebung der Seele an Gott, unwandelbar das sittliche Ideal der Deutschen geblieben. Er kehrt, ins Weltliche gewendet, wieder in dem strengen Ausspruch Kants, daß überall auf der Welt nichts für gut gehalten werden dürfe, als allein ein guter Wille; er tönt uns entgegen aus dem milden Gesange der Engel, die Fausts Unsterbliches gen Himmel tragen: »wer immer strebend sich bemüht, den können wir erlösen«. Wir danken der Reformation das lebendige Nebeneinander der Glaubensbekenntnisse, worauf die heutige deutsche Gesittung beruht, jene freie Duldsamkeit, die weder der Furcht noch dem Kaltsinn entspringt, sondern der Erkenntnis, daß das Licht der göttlichen Offenbarung, wie heute die Welt noch steht, nur gebrochen in vielen Strahlen dem Auge der Menschheit erkennbar ist; denn so gewiß kein Sohn des sechzehnten Jahrhunderts, auch Luther nicht, verstanden hätte, was wir heute Toleranz nennen, ebenso gewiß ist diese Duldung nur möglich geworden auf dem Boden des Protestantismus, der den hochmütigen Wahn einer alleinseligmachenden Kirche grundsätzlich verwirft. Wir danken ihr, daß der Deutsche zugleich fromm und frei empfinden kann, daß keiner unserer großen Denker, wie kühn sich auch die Flüge ihres Geistes erhoben, jemals in den lästernden Spott eines Voltaire verfiel, und die Todsünde der Heuchelei unter uns eine seltene Ausnahme ist. Denn das ist die Größe des Protestantismus, daß er einen Widerspruch zwischen dem Denken und dem Wollen, zwischen dem religiösen und dem sittlichen Leben nicht dulden will, sondern gebieterisch fordert: was du erkannt hast, das bekenne und darnach handle! Zu Luthers Zeiten standen die Italiener unserem Volke in Kunst und Wissenschaft weit voran. Bereits im vierzehnten Jahrhundert war unter ihnen Petrarca aufgetreten, der erste moderne Mensch, der ganz auf eigenen Füßen stand und die Binde sich von den Augen gestreift hatte; und nun gerade in den Tagen des deutschen Ablaßstreites schrieb Machiavelli jene zwei Bücher vom Staate, die mit den überlieferten Vorstellungen des Mittelalters weit rücksichtsloser brachen als Luther. Jedoch den Romanen fehlte die Kraft, ihre eigenen Gedanken in vollem Ernst zu nehmen, sie brachten es über sich, ihr Gewissen zu teilen und einer Kirche, die sie verspotteten, zu gehorchen. Die Deutschen wagten das Leben nach der erkannten Wahrheit zu gestalten, und weil die historische Welt die Welt des Willens ist, weil nicht der Gedanke, sondern die Tat das Schicksal der Völker bestimmt, darum beginnt die Geschichte der modernen Menschheit nicht mit Petrarca, nicht mit den Künstlern des Quattrocento, sondern mit Martin Luther. Merkwürdig früh hat die europäische Welt dies erkannt. Nur hundertundvierzig Jahre nach Luthers Tode stellte der deutsche Historiker Cellarius die Behauptung auf, gegen den Ausgang des fünfzehnten Jahrhunderts sei eine alte, für uns abgeschlossene Zeit zum Ende gelangt, das Mittelalter. Bei allen Völkern hat sich seitdem Begriff und Name des Mittelalters eingebürgert, und dabei wird es bleiben, obwohl die Selbstverliebtheit unserer Tage zuweilen, ganz vergeblich, versucht, die Geschichte der neuen Zeit erst mit der französischen Revolution zu beginnen. – Gleich allen echten Germanen hegte Luther ein tiefes Gefühl historischer Pietät, und er liebte, die große Neuerung, die er in der Kirche vollzog, sich nur als die Wiederherstellung der ursprünglichen Zustände des Christentums zu denken. Dagegen wußte er wohl, daß er das politische Leben der Völker mit einem schlechthin neuen Gedanken befruchtet hatte. »So stund's aber dazumal,« – sagt er über die Zeiten seiner Jugend – »es hatte niemand gelehret noch gehöret, wußte auch niemand von der weltlichen Obrigkeit, woher sie käme, was ihr Amt oder Werk wäre oder wie sie Gott dienen solle.« In der Tat war der Staat noch niemals zu seinem vollen Rechte gelangt, seit die schwere, der heidnischen Welt unbekannte Frage nach den Grenzen geistlicher und weltlicher Gewalt zuerst in der Christenheit aufgeworfen wurde. In ihren ersten Jahrhunderten hielt sich die Kirche scheu von dem Staate zurück, weil er heidnisch war, und als sie dann im Römerreiche die Oberhand gewann, entstand nach und nach, eng verbunden mit der Verfassung und dem Dogma der Kirche, das politische System der kirchlichen Weltherrschaft. Das ganze Leben der Christenheit erscheint als eine fest geordnete Einheit; Staat und Volkswirtschaft, Wissenschaft und Kunst, alle Berufe der Menschen empfangen ihre sittlichen Gesetze aus den Händen der Kirche; die Kirche ist der Staat Gottes, der weltliche Staat das Reich des Fleisches, ohne eigenen sittlichen Zweck und nur dann vor Gott gerechtfertigt, wenn er dem Schiedsrichter der Staatenwelt, dem Papste, seinen starken Arm zum Dienste leiht. Kein kräftiger Staat des Mittelalters hatte diese herrischen Ansprüche des Papsttums jemals vollständig anerkannt. Seit Dante, seit Marsilius von Padua und den tapferen ghibellinischen Schriftstellern, die sich um Kaiser Ludwig den Bayern scharten, war das Ansehen der kirchlichen Weltstaatslehre auch in der Wissenschaft bereits tief erschüttert. Sie ganz zu überwinden, konnte doch nur dann gelingen, wenn der Stier bei den Hörnern gepackt und die Herrschaft des Priesterstandes in der Kirche selbst verworfen wurde. Erst Luther warf den Satz »geistliche Gewalt ist über der weltlichen«, diese starke Mauer der Romanisten, in Trümmer und lehrte, daß der Staat selber eine Ordnung Gottes ist, berechtigt und verpflichtet, seinen eigenen sittlichen Lebenszwecken, unabhängig von der Kirche, nachzugehen. Damit ward der Staat für mündig erklärt, und da er wirklich schon zu seinen Jahren gekommen war, da die weltliche Gewalt überall an dem erstarkten Selbstgefühl der Nationen eine sichere Stütze fand, so wirkte diese Tat der politischen Befreiung fast noch gewaltiger, noch weiter in die Welt hinaus, als die Reformation der Kirche. Alle Kronen, ohne Ausnahme, katholische wie evangelische, sagten sich los von der politischen Herrschaft des gekrönten Priesters. Von einer Obedienzleistung, wie sie der Papst vordem den weltlichen Gewalten zugemutet, war fortan keine Rede mehr, und noch ehe Luthers Jahrhundert zu Ende ging, begründete Bodinus den Gedanken der Souveränität des Staates zuerst mit wissenschaftlicher Schärfe – eine neue Erkenntnis, die, einmal gefunden, das gemeinsame Besitztum der gesitteten Menschheit geblieben ist. Mochte die Gesellschaft Jesu noch von der Weltherrschaft des Gottesstaates träumen, unaufhaltsam verwuchsen die Staaten Europas zu einer neuen freien Völkergesellschaft und bildeten sich ein weltliches Völkerrecht, das, gerechter als weiland die Urteilssprüche der Päpste, in der Interessengemeinschaft und dem Rechtsbewußtsein der Nationen seine Wurzeln hat. Schritt für Schritt drängte der moderne Staat die Kirche auf ihr geistliches Gebiet zurück; er nahm ihr die Rechtspflege, die Schulverwaltung, das Armenwesen und bewies durch die Tat, daß er diesen politischen Pflichten besser als sie zu genügen vermag. Nichts zeugt so laut für die Gesundheit der politischen Gedanken der Reformation, wie die unleugbare Tatsache, daß die politische Entwicklung in den protestantischen Staaten fast durchweg friedlicher, minder gewaltsam verlaufen ist, als in der katholischen Welt. Keinem Volke brachte die Befreiung des Staates von kirchlicher Herrschaft so reichen, so lang nachwirkenden Segen wie uns Deutschen, denn nirgends war die alte Kirche fester mit dem Staate verflochten, als in diesem römischen Reiche und allen den geistlichen Fürstentümern, welche seine Krone stützten. Unleugbar hat die Reformation den längst schon beginnenden Zerfall des alten Reichs gefördert, die längst schon vorhandenen politischen Gegensätze noch durch kirchlichen Haß verschärft. Doch wer Wunden zu heilen vermag, darf sie auch schlagen. Nur aus dem Borne des Protestantismus konnte dies sieche Reich den verjüngenden Trank schöpfen. Nur wenn unser Staat wieder wahr wurde wie seine Kirche, wenn er die zur Lüge gewordenen Ansprüche seines heiligen römischen Kaisertums aufgab und seine Krummstabslande einer weltlichen Obrigkeit unterwarf, nur dann vermochte er wieder zu wachsen mit der wachsenden Zeit. Luther selbst hat diese letzten Schlüsse aus seinen Gedanken nie gezogen. Ihm graute vor den Schrecken eines Bürgerkrieges: »ehe man in Deutschland eine neue Weise des Reichs anrichtete, so wäre es dreimal verheeret«. Er wußte, daß er kein Staatsmann war, und teilte mit seinem Volke die ehrfürchtige Scheu vor der kaiserlichen Majestät, vor dem jung edlen Blut von Österreich; wie viele Zweifel mußte er überwinden, bis er sich nur entschloß, den Widerstand gegen kaiserliche Übergriffe, der doch im alten Reiche Rechtens war, gutzuheißen. Die Natur der Dinge, die Vernunft der Geschichte, hat schließlich dennoch vollendet, was in dem Heimatlande der Reformation nicht ausbleiben konnte: unrettbar brachen die geistlichen Staaten Deutschlands nach und nach zusammen, bis endlich im Anfang unseres Jahrhunderts die letzten verfaulten Trümmer der römischen Theokratie verweltlicht und mit ihnen auch die römische Kaiserkrone vernichtet wurde. Nun erst, seit unser Staat sich ehrlich zu seinem weltlichen Wesen bekannte, ward die Stätte geebnet für einen Neubau; und auch an dieser letzten heilvollen Wendung unserer Geschicke hat der Reformator seinen Anteil durch eine Tat, deren ferne Folgen ihm verhüllt blieben. Auf Luthers Rat entschloß sich der Hochmeister des Deutschen Ordens, Albrecht von Brandenburg, den weißen Mantel mit dem schwarzen Kreuze abzulegen, die falsche Keuschheit des Mönches zu meiden und »eine rechte ordentliche Herrschaft zu gründen, die ohne Gleißen und falschen Namen vor Gott und der Welt angenehm wäre«. So ward das Ordensland Preußen, die Pflanzung des gesamten Deutschlands, in ein weltliches Herzogtum verwandelt und vor der Begehrlichkeit des polnischen Nachbarn gerettet. Luther aber schrieb dankbar: »Siehe dies Wunder! In vollem Laufe, mit vollen Segeln, eilt jetzt das Evangelium durch Preußen!« Er ahnte nicht, welche größeren Wunder unser Volk noch an seiner entlegenen Ostmark erleben sollte. Aus diesem, der alten Kirche geraubten Lande, das mit dem Protestantismus stand und fiel, ist in unvergeßlichen Kämpfen die streitbare Großmacht unserer neuen Geschichte hervorgegangen und endlich, als die Zeiten sich erfüllten, der neue Staat der Deutschen, der nicht heilig sein will und nicht römisch, sondern, nach den Worten des Reformators, ohne Gleißen und falschen Namen ein weltliches, ein deutsches Reich. – Wie die Einheit des deutschen Staates erst möglich ward, seit die letzten Staatsgebilde der römischen Kirche von unserem Boden verschwanden, so verdanken wir auch den Kämpfen der Reformation das köstliche geistige Band, das uns in den Tagen deutscher Zerrissenheit lange fast allein zusammenhielt, unsere neue Sprache. Was selbst dem Zauber unserer ritterlichen Dichtung nicht gelungen war, den deutschen Norden unter die Herrschaft der hochdeutschen Sprache zu beugen, das gelang erst, als die schöne Lieblingsstätte des Minnesanges, die Wartburg, zum zweiten Male unserem Volke teuer ward und von dort die ersten Bücher der deutschen Bibel ausgingen – die heilige Schrift, übertragen mit strenger Treue durch einen wahlverwandten religiösen Genius und doch so ganz verdeutscht, so ganz beseelt von dem Hauche deutschen Gemütes, daß wir uns heute das Bibelwort in anderer Fassung kaum noch denken können. Gleich den Italienern empfingen wir unsere Schriftsprache mit einem Male durch die Tat eines Mannes. Es liegt aber im Wesen des Genius, das Notwendige, das einfach Natürliche zu wollen. Wie Dante nicht willkürlich neuerte, sondern nur die Volkssprache seiner toskanischen Heimat adelte und durchgeistigte, so hegte auch Luther nur schlicht und recht die Absicht, von seinem ganzen Volke verstanden zu werden, damit Gott deutsch zu den Deutschen rede. Er benutzte daher das gemeinverständliche Mitteldeutsch, das schon überall, wo Ober- und Niederdeutsche unter einem Herrscher zusammensaßen, in dem Staate des deutschen Ordens, in den Kanzleien der lützelburgischen Kaiser und der sächsischen Kurfürsten von der Obrigkeit geredet wurde. Also wirkten gebend und empfangend alle Stämme der Nation zu den Taten der Reformation zusammen. Im Norden fand der Protestantismus seinen festen politischen Rückhalt; die mächtige Sprache aber, welche fortan das evangelische Deutschland geistig beherrschte, kam aus dem Oberlande, aus jenen Gauen Süd- und Mitteldeutschlands, die zu allen Zeiten das warme Nest unserer Dichtung und also auch der Sprachbildung geblieben sind. Und dies Hochdeutsch war die Sprache von Luthers Heimat; seine Laute klangen ihm vertraut von Kindesbeinen an; so hatte er schon das Volk in den Mansfelder Bergwerken, seines lieben Vaters Schlegelgesellen, reden hören. Sprachgewaltig, wie seitdem nur einer noch, Goethe, ward er der volkstümlichste aller unserer Schriftsteller. In seinen Schriften vereinigt sich, was sonst unvereinbar scheint, der Tiefsinn, die gedrängte Gedankenfülle des Buchs und die fortreißende Macht, der sprudelnde Wörterreichtum der Rede, so daß der Leser immer die herzbewegende Stimme des Predigers zu hören meint; dem Einfältigen geben sie genug, und der Denkende findet des Nachsinnens kein Ende. In Kämpfen geboren, kann diese Sprache des Freimuts und der Wahrhaftigkeit bis zum heutigen Tage die Zeichen ihres Ursprungs nicht verleugnen. Gewaltig vermag sie zu zürnen, übermütig zu spielen in toller Laune, zu den Höhen des Gedankens steigt sie kühn empor, für jedes holde Geheimnis des Herzens findet sie ein liebliches Wort; doch wer sie zwingen will, ihre Meinung zu bemänteln oder tückisch unterm Zaum hervor zu beißen oder gar den überbildeten Geschmack durch das Pikante und Charmante zu reizen, dem schenkt sie wenig, den laßt sie betteln gehen an den Tischen der Fremden. Mehr denn hundert Jahre hat es noch gewährt, bis dies neue Deutsch, das in der Predigt und dem Gemeindegesange der evangelischen Kirche kräftig erklang, zum Gemeingut unseres Volkes wurde, bis auch die Wissenschaft volkstümlich und weltlich ward und das Wort sich ganz erfüllte, das Ulrich von Hutten schon in den ersten Tagen überschwenglicher Hoffnung zuversichtlich in die Welt hinausgerufen hatte: »sonst waren nur die Pfaffen gelehrt, jetzt hat uns Gott auch Kunst beschert, daß wir die Bücher auch verstahn«. Um die Mitte des sechzehnten Jahrhunderts kam über den lutherischen Zweig des deutschen Protestantismus eine lange Zeit unheilvoller Erstarrung, da fast allein die weihevollen Klänge des evangelischen Kirchenliedes noch Kunde gaben von dem ursprünglichen Geiste der Reformation und in der neuen wie in der alten Kirche herrschsüchtige Theologen der weltlichen Wissenschaft Richtung und Grenze vorschrieben. Nur der Heldenmut seiner tatkräftigeren Schwesterkirche, nur der Kampf der Calvinisten Niederlands wider die spanische Krone, bewahrte damals das verkommene Luthertum vor dem sicheren Untergange. Erst der Jammer des Dreißigjährigen Krieges brachte auch uns die Selbstbesinnung. Die Pietisten von Halle erweckten unserem Volke wieder den lebendigen evangelischen Geist, den Geist der brüderlichen Liebe, der das Evangelium leben wollte und über dem öden Buchstabengezänk der letzten Jahrzehnte ganz vergessen schien; Pufendorf vertrieb die Theologen aus den politischen Wissenschaften, Thomasius wagte zuerst auf deutschem Lehrstuhl deutsch zu reden; und auf dem also bereiteten Boden erhob sich sodann unsere neue Wissenschaft und Dichtung, ganz frei von konfessioneller Härte, weltlich von Grund aus, weit kühner in ihren Gedanken, als Luther selbst jeweils gebilligt hätte, und dennoch protestantisch. Alle ihre Führer gehörten dem Protestantismus an. Nur aus der Autonomie des Gewissens, die uns Luther errungen, konnte das neue Ideal der Humanität hervorgehen. Mit Entsetzen vernahmen die bayrischen Jesuiten das »lutherische Deutsch« dieser neuen Bildung; doch unhemmbar hielt sie ihren friedlichen Siegeszug auch durch das katholische Deutschland, bis sie schließlich alles, was deutsch war, in den frischen Strom ihrer Gedanken hineingezogen hatte; und heute sehen wir mit Freude, wie selbst die Vorkämpfer Roms unter unseren Landsleuten langst lutherisch deutsch gelernt haben, wie sie wider uns streiten mit Waffen, die in unserer Schmiede gehämmert sind. Seit die Kirche sich auf ihren geistlichen Beruf beschränkt sah, erhielt alles redliche weltliche Schaffen erst seine sittliche Rechtfertigung. Das Rätsel war gelöst, das jenem Dichter des Mittelalters so ganz unlösbar schien: wie Reichtum und Ehre sich mit der Gnade Gottes vertragen sollten. Die Ewigkeit trat dem Gläubigen mitten in sein Leben hinein, und er fühlte, daß er auch mit seiner Hände Arbeit dienen könne und solle. Selbst den Kriegsleuten gab Luther die tröstliche Gewißheit, daß sie auch in seligen Stand kommen würden, wenn sie ihres harten Handwerks in Treue warteten. Seit eine Kirche ohne Klerisei bestand, konnte auch in den rein katholischen Ländern der Klerus sich nicht mehr auf die Dauer als der erste Stand behaupten. In Deutschland aber wurden jene mittleren Schichten der Gesellschaft, zu denen Luther vornehmlich geredet hatte, mehr und mehr zum Kerne der Nation. Auch die soziale Macht, welche die gelehrte Bildung und mit ihr leider der Doktrinarismus im deutschen Leben behauptet, hat ihren ersten Ursprung in der Wirksamkeit des größten aller deutschen Professoren. Der Protestantismus entstammt einem derben männischen Jahrhundert, das nach den Frauen wenig fragte, und die nüchternen Formen seines Kultus vermögen der frommen Sehnsucht des weiblichen Herzens nicht immer zu genügen. Und doch hat Luther die deutschen Frauen höher erhoben, als sie je vordem gestanden hatten in den Zeiten, da noch die gnadenreiche Mutter Gottes angerufen ward; er hat den Wirkungskreis des Weibes, das Haus wieder zu Ehren gebracht vor Gott und Menschen. Schwer mußte er kämpfen, ehe er sich das Herz faßte, um die Hand seiner Käthe zu werben; was zuletzt den Ausschlag gab, war doch nicht bloß die Sehnsucht nach häuslichem Glück, sondern das Gefühl einer heiligen Pflicht. Wie oft hatte er den Klosterleuten zugerufen: »wer hat dich etwas geloben und schwören heißen, was wider Gott und seine Ordnung ist, nämlich daß du schwörest, du seiest kein Mann und kein Weib?« War er berechtigt also zu fragen, war die Ehe wirklich ein heiliger Stand, Gott wohlgefälliger als die Gelübde der Beschorenen, dann mußte er selber mit seinem Leib und Leben Zeugnis ablegen für seine Lehre. Er wußte, welch eine Schlammflut ekler Verdächtigungen sich nun heranwälzen mußte gegen ihn, dessen makelloser Name bisher einer großen Sache zum Schilde gedient und allen Pfeilen der Verleumder widerstanden hatte. Freiwillig nahm er dies Kreuz auf sich; denn überzeugender, siegreicher, konnte sich die sittliche Macht der evangelischen Freiheit nicht erweisen, als wenn die Ehe des entlaufenen Mönches und der entlaufenen Nonne zum Vorbild wurde für Tausende frommer Menschen. Und sie ward es. Dies mit allen Flüchen der römischen Kirche beladene Haus lebt in unser aller Herzen. Wir denken seiner, wenn am Weihnachtsabend vor dem Tannenbaume die hellen Stimmen unserer Kinder die frohe Botschaft singen, »Vom Himmel hoch da komm ich her«; wir sehen ihn vor Augen, den alten Doktor, wie er, ein Gewissensrat seiner lieben Deutschen, allen den Zweifelnden und Beladenen, die von nah und fern zu ihm eilen, Lehre, Trost und Hilfe spendet und immer mit seinem freien Gemüt Partei nimmt für das Recht des Herzens, für die Stimme der Natur, für die Billigkeit und die Liebe; wir hören sein herzliches Lachen, wenn er den zagenden Melanchthon mit kräftigem Zuspruch aufrichtet oder in neidloser Freundschaft die Größe seines kleinen Griechen preist; wir freuen uns seiner goldenen Laune, wenn er abends um seinen gastlichen Tisch den Becher kreisen läßt und die deutscheste der Künste, Frau Musika, zu den fröhlichen Zechern ladet: »hie kann nicht sein ein böser Mut, wo da singen Gesellen gut«; wir klagen mit ihm, wenn er, überwältigt vom menschlichsten Schmerze, an der Bahre seines Lenchens weint. So war das erste evangelische Pfarrhaus; und wie viele Tränen sind seitdem von den Frauen unserer Landpfarrer getrocknet, wie viele gute und hochbegabte Männer in diesen friedlichen Heimstätten einer gelehrten und doch der Natur nicht entfremdeten Bildung erzogen worden. All unser Tun ist Stückwerk, und in der Geschichte dauert der Name keines Mannes, der nicht größer war als seine Werke. Das köstlichste Vermächtnis, das Luther unserem Volke hinterlassen hat, bleibt doch er selber und die lebendige Macht seines gottbegeisterten Gemüts. Keine andere der neueren Nationen hat je einen Mann gesehen, der so seinen Landsleuten jedes Wort von den Lippen genommen, der so in Art und Unart das innerste Wesen seines Volkes verkörpert hätte. Ein Ausländer mag wohl ratlos fragen: wie nur so wunderbare Gegensätze in einer Seele zusammen liegen mochten: diese Gewalt zermalmenden Zornes und diese Innigkeit frommen Glaubens, so hohe Weisheit und so kindliche Einfalt, so viel tiefsinnige Mystik und so viel Lebenslust, so ungeschlachte Grobheit und so zarte Herzensgüte, und wie derselbe ungeheure Mensch, der einen Brief an Seine Fürstliche Ungnaden Herzog Georg von Sachsen kurzab unterzeichnete »Von Gottes Gnaden Martin Luther, Evangelist zu Wittenberg«, dann wieder zerknirscht vor Gott in den Staub sinken konnte. Wir Deutschen finden in alledem kein Rätsel, wir sagen einfach: das ist Blut von unserem Blute. Aus den tiefen Augen dieses urwüchsigen deutschen Bauernsohnes blitzte der alte Heldenmut der Germanen, der die Welt nicht flieht, sondern sie zu beherrschen sucht durch die Macht des sittlichen Willens; und weil er heraussagte, was im Gemüte seines Volkes schon lebte, nur deshalb konnte der arme Mönch, der soeben noch aus dem stillen Augustinerkloster am Monte Pincio demütig hinübergepilgert war nach den Hallen von St. Peter, in wenigen Jahren wachsen und wachsen und schließlich der neuen römischen Weltmacht ebenso furchtbar werden, wie einst die deutschen Kohortenstürmer dem Reiche der Cäsaren. Ein Menschenalter nach Luthers Tode bekannten sich schon vier Fünftel unserer Nation zum evangelischen Glauben. In den meisten der deutschen Landschaften, welche die römische Kirche heute beherrscht, verdankt sie ihre Herstellung der Macht des Schwertes, und fast überall, wo das Evangelium gewaltsam ausgerottet ward, kränkelt der deutsche Geist noch heute, als wäre ihm eine seiner Schwingen gelähmt. Wo immer deutsches und fremdes Volkstum feindselig aufeinander stößt, da war der Protestantismus allezeit unser sicherster Grenzhüter. In unseren Nordostmarken gilt deutsch und evangelisch, polnisch und römisch-katholisch längst als gleichbedeutend, und unter den deutschen Stämmen Österreichs bewahrt sich keiner sein Volkstum so treu, wie das evangelische Sachsenvolk Siebenbürgens. – Wohl ziemt es uns, in diesen Tagen der Feier, da die Gestalt des Reformators lebendig in unsere Gegenwart hineintritt, auch der Warnung zu gedenken, die er einst seinen Deutschen zurief: »Gottes Wort und Gnade ist ein fahrender Platzregen, der nicht wieder kommt, wo er einmal gewesen ist. Er ist bei den Juden gewesen, aber hin ist hin, sie haben nu nichts. Paulus bracht' ihn in Griechenland. Hin ist hin, nu haben sie den Türken. Rom und latinisch Land hat ihn auch gehabt: hin ist auch hin, sie haben nu den Papst. Und ihr Deutschen dürft nicht denken, daß ihr ihn ewig haben werdet, denn der Undank und Verachtung wird ihn nicht lassen bleiben. Darum greif zu und halt zu, wer greifen und halten kann, faule Hände müssen ein böses Jahr haben«. Dieselben Mächte des Verderbens, welche einst die Reformation in ihrem natürlichen Fortgang hemmten, treiben in verwandelter Gestalt noch heute unter uns ihr Wesen: der lieblose Bruderzwist der Gläubigen, das fleischliche Evangelium der Rottengeister und die dreiste Selbstgerechtigkeit der Epikureer, wie Luther sie nannte. Mächtiger als diese dunklen, erscheinen doch die lichten, die trostvollen Zeichen der Zeit. Das Gefühl einer tiefen inneren Verwandtschaft verbindet die Gegenwart mit den Zeiten Luthers, zwingt den Künstler unwillkürlich, die Bauformen des sechzehnten Jahrhunderts wieder aufzunehmen, den Gelehrten sich forschend in jene Zeit des Sturmes zu versenken. Vieles, was Luthers Tage nur ahnen konnten, hat unser Jahrhundert erst gestaltet und vollendet. Die neue Welt, die damals entdeckte, tritt jetzt erst in die Weltgeschichte ein, und ihre zukunftreichsten Lande gehören dem evangelischen Glauben, fern am Stillen Ozean denken in diesen Tagen fromme Herzen des Landes, wo die Wiege Martin Luthers stand; die Buchdruckerkunst bewährt sich jetzt erst als eine völkerverbindende Macht; die Einheit Deutschlands und Italiens steht aufrecht, und nach unseren deutschen Krummstabslanden ist auch der letzte und schlechteste der geistlichen Staaten, der Kirchenstaat des Papstes, ins Grab gesunken; die Freiheit des Denkens und des Glaubens ist allen Völkern der gesitteten Welt gesichert, und in der evangelischen Kirche arbeitet noch immer die ungebrochene Kraft eines starken Lebens. Der Unfriede, der sie erfüllt, beweist doch nur, daß die Religion in unseren Tagen die Herzen wieder tiefer und stärker ergreift, als einst im Zeitalter der Aufklärung. Und mitten im Hader sind ihr doch zwei Taten des Friedens gelungen: sie hat die getrennten Schwesterkirchen des Protestantismus zur evangelischen Union verbunden, und eben jetzt ist sie überall am Werke, den so lange verkümmerten Gedanken der Gemeindekirche in den Formen ihrer Verfassung auszugestalten. In so reicher Zeit soll kein guter Protestant die Hoffnung aufgeben, daß dereinst noch schönere Tage kommen werden, da unser gesamtes Volk in Martin Luther seinen Helden und Lehrer verehrt. Wir wissen alle, vor Zeiten gereichte es unserem Vaterlande zum Heile, daß die Reformation nur einen halben Erfolg errang; vollkommen siegreich, allein herrschend, hätte die evangelische Kirche jenen Geist menschlicher weitherziger Duldung, der heute im deutschen Leben überwiegt, schwerlich aufkommen lassen. Doch die Tage, da die Kirchenspaltung Segen brachte, gehen zu Ende. Seit die römische Kirche mit der Unfehlbarkeit des Papstes ihr letztes Wort gesprochen hat, empfinden wir schmerzlicher denn je, welche Kluft die Glieder unseres Volkes trennt. Diese Kluft zu schließen, das evangelische Christentum wieder also zu beleben, daß es fähig wird, unsere ganze Nation zu beherrschen – das ist die Aufgabe, welche wir erkennen und spätere Geschlechter dereinst lösen sollen. Nie kann dies Werk gelingen, wenn wir feig den Berg wieder hinabsteigen, den unsere tapferen Väter im Schweiße ihres Angesichts erklommen haben. Denn nimmermehr wird eine Priesterkirche das Volk Martin Luthers um ihre Altäre versammeln. Solches vermag nur eine Kirche, welche die evangelische Freiheit des Christenmenschen, die Selbständigkeit des gläubigen, bußfertigen Gewissens anerkennt und den sittlichen Mächten dieser Welt, vor allem dem Staate, ihr gutes Recht gewährt. Schwerere Zeiten als die unseren hat der Protestantismus schon siegreich überstanden: wie viele sind unter uns, deren Ahnen am Weißen Berge oder bei Lützen sich für das Evangelium schlugen oder das Brot der Verbannung aßen um ihres Glaubens willen. Getrost und dankbar dürfen wir am Geburtstage des Reformators sein hochgemutes Lied anstimmen: Und ob es währt bis in die Nacht Und wieder an den Morgen, Doch soll mein Herz an Gottes Macht Verzweifeln nicht noch sorgen! Gustav Adolf und Deutschlands Freiheit. Vortrag, gehalten am 9. Dezember 1894 in der Sing-Akademie zu Berlin. [Besonders erschienen: Leipzig, S. Hirzel. 1895.] Hochansehnliche Versammlung! Überall, wo auf deutschem Boden das Lied erklingt »Eine feste Burg ist unser Gott«, gedenken heute fromme Herzen des Tages, der einst unserer evangelischen Freiheit den Retter schenkte. Wohl empfinden wir schmerzlich als einen Nachhall alten deutschen Bruderzwistes, daß nur ein Teil der Nation an dieser Feier mitwirken kann, manche wackere Landsleute sie wohl gar wie einen Landesverrat verabscheuen. Wir aber wollen uns die Freude an dem nordischen Helden nicht darum stören lassen, weil er ein Fremder war und der Stern seines Ruhmes gerade in den dunkelsten Tagen unserer vaterländischen Vergangenheit hell aufleuchtete. In scharfem Gegensatze zu der nationalen Einseitigkeit des klassischen Altertums zeigt die christliche Völkergeschichte ein ewiges Geben und Empfangen, eine beständige Verkettung der allgemeinen europäischen Interessen, der Ideen der Menschheit mit den Sonderzwecken der Nationen. Ihr Reichtum und ihre Schönheit liegt in dem wechselreichen Schauspiele, wie diese freien verbrüderten Völker sich bald hassen und fliehen oder bekämpfen, bald sich finden und einander die Hände reichen zu gemeinsamer Arbeit. Selbst das britische Inselreich, das fremdes Wesen am leichtesten von sich abweisen konnte, verdankte zweimal eine große Wendung seiner Geschicke der wohltätigen Hand eines Fremdlings. Der Franzose Simon von Montfort schuf den Briten ihr Unterhaus und erwarb sich zum ersten Male den Ehrennamen eines Protektors des englischen Volkes; der Holländer Wilhelm von Oranien sicherte ihnen ihre heutige parlamentarische Verfassung. Auch Gustav Adolfs Heimat hat den Segen wie den Unsegen ausheimischer Gewalten von früh auf erfahren. Deutschland gewann einst diese unberührte nordische Heidenwelt für das Christentum, für die Gemeinschaft der lateinischen Gesittung. Deutschlands Hansa erschloß die Küsten Skandinaviens zuerst dem Welthandel und hielt zugleich mit der Übermacht ihres Kapitals die wirtschaftlichen Kräfte dieser jungen Völker so herrisch darnieder, daß die drei alten Hauptstädte des Nordens, Stockholm, Kopenhagen, Bergen, zu deutschen Häfen, und eine Zeitlang selbst die drei Kronen des Nordens nur mit dem Willen des gemeinen deutschen Kaufmanns vergeben wurden. Im sechzehnten Jahrhundert, als die Macht der Hansa zerfiel, begann sodann der notwendige Rückschlag gegen die deutsche Fremdherrschaft. »Alles durch Gott und die schwedische Bauernschaft« – unter diesem Schlachtrufe führte Gustav Adolfs Großvater, Gustav Wasa, seine Dalkarle zum Aufstand; er befreite sein Land von dem Joche der dänischen Unionskönige wie von der Vormundschaft der deutschen Kaufherren und gründete ein neues, nationales Königtum. Feurig, tatenfroh, hochgebildet, empfänglich für jeden neuen Gedanken, so ist dann seine wilde Wasabrut durchs Leben gestürmt, mancher sich selbst verzehrend in den Flammen der eigenen Leidenschaft. Mit unendlicher Liebe hingen die Schweden an dem Hause ihres Befreiers; sie wollten sich den Namen der Wasas und das Ährenbündel ihres Wappenschildes auch dann nicht nehmen lassen, als späterhin die Pfälzer und andere weibliche Nachkommen dem ausgestorbenen alten Mannesstamme folgten. Aber zur selben Zeit, da unsere Handelsherrschaft in Skandinavien zusammenbrach, drangen noch einmal Deutschlands Gedanken siegreich in den Norden ein. Gustav Wasa bekehrte sich zu Luthers evangelischer Lehre und verteilte das überreiche Gut der alten Kirche also zwischen der Krone und dem Adel, daß der Staat der Wasas fortan mit der lutherischen Kirche stand und fiel. Der Protestantismus ging hier nicht wie in Deutschland frei aus dem Gewissen des Volkes hervor; er ward, wie in England, durch ein starkes Königtum der Nation auferlegt, die sich erst allmählich, dann aber mit aller Kraft ihrer Seele dem evangelischen Glauben zuwendete. Und so stand Deutschland, das kirchlich zerspaltene Vaterland der Reformation, fortan mitteninne zwischen der katholischen Welt der Romanen und dem strengen Luthertum des Nordens. Der Bund zwischen der schwedischen Krone und der lutherischen Kirche schloß sich noch fester, als Gustav Wasas Enkel, König Sigismund, zugleich erwählter König von Polen, sich zur römischen Kirche zurückwandte und deshalb nach einem verworrenen Bürgerkriege aus dem Lande vertrieben wurde. Nun bestieg Gustav Adolfs Vater, der jüngste Sohn Gustav Wasas, als König Karl IX. den gewaltsam erledigten Thron, ein strenger, harter Mann der Geschäfte, gleich seinem Vater ein König der armen Leute, ein Schirmherr des Protestantismus. Alsbald brach ein dreifacher Krieg über dies arme Land herein, das auf einem ungeheueren Gebiete noch kaum eine Million Einwohner zählte, das seine wohlhabenden Südprovinzen Schonen und Blekingen noch in den Händen der feindlichen Dänen sah und nur aus einem einzigen Nordseehafen, unbelästigt vom dänischen Sundzoll, frei mit dem Westen verkehren konnte. Der vertriebene König in Krakau fordert seine geraubte Krone zurück; Polen, Rußland, Dänemark beginnen den großen Kampf um das Erbe der zerfallenen Hansamacht, um die Herrschaft auf der Ostsee. In solcher Bedrängnis sagte der alte König, da seine Tage sich zum Ende neigten, hinweisend auf den jungen Thronfolger: Ille faciet , der wird es tun! Den Völkern wie den hochbegabten Männern kommen Stunden, da ihnen eine innere Stimme sagt: Jetzt oder niemals sollst du dein Bestes, dein Eigenstes der Welt offenbaren. Von dem ersten Augenblicke der Regierung Gustav Adolfs an geht durch das schwedische Volk, mächtig anschwellend, ein Gefühl heller, froher Siegesgewißheit. Die tiefsinnige lutherische Lehre, die sonst ihre Bekenner so oft zum leidenden Gehorsam, zur Abkehr von den Kämpfen des Staatslebens führte, hier auf diesem jungen nordischen Boden ward sie streitbar, wie ihre tatkräftigere Schwester, der Calvinismus; und bald erklang von allen Kanzeln die Weissagung, dieser Gustavus solle der Augustus des protestantischen Nordens werden. So recht als ein Mann nach des Volkes Herzen erschien der siebzehnjährige Jüngling, blond, mit strahlenden blauen Augen, die hochgewachsenen Nordländer um eines halben Kopfes Länge überragend, heiter und lebensfroh, von altnordischer Einfachheit – denn wie oft hat er in guter Laune mit den Gesellen gewartet, bis der gefrorene Wein im Fasse auftaute – ein Meister in der Kunst des Gesprächs, und tat es not, dann kam auch die herzerschütternde, volkstümliche Beredsamkeit seines Großvaters über ihn. Eine sorgfältige Erziehung hatte den frühreifen, lernbegierigen Knaben in den ganzen Umkreis der Bildung der Zeit eingeführt. Doch sein Herz, das sah man bald, war bei den Waffen. Bilder von Kampf und Sieg schritten durch seine Träume. Wie war er froh des reinen gotischen Heldenbluts in seinen Adern. Unzertrennlich, ununterscheidbar für sein eigenes Bewußtsein verflocht sich mit diesem kriegerischen Nationalstolze der Ernst des evangelischen Glaubens. Die großen Erinnerungen des Wasahauses, die nahe Verwandtschaft mit den altprotestantischen Geschlechtern von Brandenburg, Holstein, Hessen, Pfalz, der Kampf gegen den katholischen Vetter in Polen, die gesamte Weltstellung des Schwedenreichs drängten ihn in das protestantische Lager; und mit königlichem Blicke die religiösen Kämpfe der Zeit überschauend, forderte er nur, daß die Kirchen, die einander nicht mehr bezwingen konnten, vielmehr lernen müßten sich zu vertragen. Aber er sah auch nicht, wie Richelieu oder Wallenstein, in der Kirche bloß ein Mittel für politische Zwecke; er lebte im evangelischen Glauben, er kannte die Kraft des Gebets, und aus vollem Herzen sang er sein Lied: Verzage nicht, du Häuflein klein! Die Wärme und Innigkeit seines religiösen Gefühls erinnert an die Männer einer langst vergangenen Zeit, an die Führer des Schmalkaldener Bundes, Johann Friedrich von Sachsen und Philipp von Hessen, nur daß in ihm die Macht des Glaubens nicht den Duldermut des Märtyrers, sondern den Tatenmut des Helden erweckte. Unterstützt von seinem jugendlichen Kanzler Oxenstierna, errichtete der König in seinem von Bürgerkriegen zerrütteten Staate binnen wenigen Jahren die bestgeordnete ständische Monarchie des Zeitalters. Lagerquist-Lorbeerzweig, Örnflycht-Adlerflug, Erenrot-Ehrenwurzel, so lauteten die stolzen Namen der Adelsgeschlechter, die hier, wie überall in der hocharistokratischen Welt der baltischen Gestade, ihren steifen Nacken nur ungern unter die monarchische Gewalt beugten. Erstaunlich schnell ward diese harthändige Aristokratie durch die lockende Aussicht auf Kriegsruhm und Beute für den Dienst der Krone gewonnen; jeder Edelmann, der in Kriegszeiten daheim blieb, den Kehricht zu hüten, verlor seine Kronlehen. Darum konnte auch der getreuen Bauernschaft die harte Last der Wehrpflicht auferlegt werden; alljährlich verlasen die Pfarrer von der Kanzel herab die Namen der einberufenen jungen Mannschaften. Durch fünf große Zentralbehörden leitete der König die gesamte Verwaltung. Die vier Stände seines Reichstags ließ er frei beratschlagen; doch sobald die königliche Entscheidung gefallen war, dann forderte er unverbrüchlichen Gehorsam, denn »es grünt kein kriegerischer Lorbeer unter diesem ewigen Zanken und Streiten«. Also seines Volkes sicher, unternimmt er die drei Kriege, die ihm sein Vater hinterlassen, zu beendigen, und bildet sich in einer neunzehnjährigen Kriegsschule ein sieggewohntes Heer. Gegen die Dänen vermag er nur mühsam seine Machtstellung zu behaupten. Dann wendet er sich, den gefährlichsten Feind umgehend, wider die Moskowiter; er vertreibt die Russen aus ihrem Raubnest an der Ostsee, unterwirft Ingermanland und Karelien, alle Umlande des finnischen Meerbusens, und in der Nähe des heutigen St. Petersburg errichtet er die Säule, die der Welt verkündet, daß hier Gustavus Adolfus die Grenzen seines Reiches gesetzt habe. Darauf führt er seine Getreuen wider Polen und tritt hier zum ersten Male den Heerscharen der Gegenreformation gegenüber; er bereitet dem siegesfrohen Polenreiche seit zweihundert Jahren die erste große Niederlage, er erobert Livland, sichert der evangelischen Kirche ihren bedrohten Besitzstand und nistet sich dann in den Häfen Preußens ein. Klarer und klarer enthüllte sich der leitende Gedanke seines Lebens: der Plan eines skandinavischen Großreichs, das alle Lande der Ostsee unter der Herrschaft der blaugelben Flagge vereinigen sollte. Alle diese Erfolge hatte Gustav Adolf errungen, ohne daß die Mächte des Westens sich einmischten. Denn es gab noch kein Staatensystem. Das Land der Mitte Europas, dies Deutschland, das dereinst berufen war, den Westen und den Osten Europas zu einer lebendigen Staatengesellschaft zu verbinden, lag eben jetzt aus tausend Wunden blutend darnieder, zerrissen von einem wütenden Parteikampfe; und erst als Gustav Adolf auf seinem Siegeszuge den deutschen Grenzen näher kam, ward auch er in die Strudel des großen deutschen Krieges hineingerissen. Dreiundsechzig Jahre lang hatte Deutschland wie träumend dahingelebt unter dem Schütze des Augsburger Religionsfriedens, eines unwahren Friedens, der die Herzen nicht versöhnte und alle die großen Streitfragen unseres Reichsrechts ungelöst ließ. Tatlos, ganz hingenommen von dem wüsten Gezänk der lutherischen und calvinischen Theologen, hatten Deutschlands Protestanten mit angesehen, wie die Jesuiten mitten im Frieden durch List und Gewalt weite Landstriche unseres Südens und Westens zur römischen Kirche zurückführten, wie im burgundischen Kreise des Reichs, an den Mündungen des deutschen Stromes, die Niederländer den Verzweiflungskampf gegen die habsburgische Weltmonarchie wagten, und Wilhelm von Oranien mahnend rief: Bleibt Deutschland der trage Zuschauer unserer Trauerspiele, dann wird dereinst auf seinem Boden ein Krieg entbrennen, der alle anderen Kriege in sich verschlingt! Jetzt erfüllte sich die Warnung. Der gräßlichste aller Kriege hob an, gräßlich nicht bloß durch seine wilden Verheerungen, sondern auch durch seine Ideenlosigkeit; denn in diesem zwischen vier Parteien hin und her geschleuderten Reiche verflochten sich die religiösen und politischen Gegensätze zu einem unlösbaren Wirrsal, und von den hohen Leidenschaften der ersten Zeiten der Reformation blieb fast nichts mehr übrig als der finstere, boshafte kirchliche Haß. Die beiden Linien des Hauses Habsburg, Österreich und Spanien, finden sich zusammen zur gemeinsamen Bekämpfung der Ketzerei; sie verbünden sich mit Max von Bayern, dem Haupte der katholischen Liga Deutschlands, mit italienischen Fürsten, mit der Krone Polen. Fast das gesamte katholische Europa, allein Frankreich ausgenommen, stellt seine Söldner in die Dienste dieser kaiserlichen Politik, die entschlossen, kühn, vom Glücke begünstigt, ihren Zielen zuschreitet, durch die rücksichtslose Kraft ihres Willens selbst Gustav Adolfs Bewunderung erregt. Der Kaiser, sagte er oft, ist ein großer Politikus, er tut, was ihm nützt. Schon sind alle Erblande des Kaisers, selbst die alte Ketzerheimat Böhmen und das evangelische Bauernvolk Oberösterreichs zur Glaubenseinheit der römischen Kirche zurückgegangen. Schon ist Süddeutschland unterjocht, der Kurfürst von der Pfalz von Land und Leuten vertrieben; Spanien gebietet über eine Kette fester Plätze den Rhein entlang und kann also seine Söldner sicher von Mailand über Tirol durch Deutschland gegen die Niederlande senden. Dann werden auch die kleinen Heere der protestantischen Parteigänger des Nordens zertrümmert, zuletzt noch der dänische Herzog von Holstein zurückgeschlagen. Die Heerscharen des Kaisers dringen wie in den Tagen der Ottonen bis nach Jütland vor. Seine Fahnen mit den Bildern des Doppeladlers und der Jungfrau Maria wehen siegreich an unseren beiden Meeren, und sein Oberfeldherr, der Tscheche Wallenstein, arbeitet schon an dem Plane einer kaiserlichen Seemacht; er will durch einen Kanal zwischen Wismar und der Elbe Ost- und Nordsee in eine Kette hängen und im Jahdebusen, da wo heute Wilhelmshaven steht, dicht vor der Türe der niederländischen Rebellen, einen kaiserlichen Kriegshafen gründen. Im Jahre 1629 sprach die kaiserliche Politik ihr letztes Wort. Das Restitutions-Edikt schloß die Reformierten von der Duldung des Augsburger Religionsfriedens aus und gebot, daß alle die geistlichen Stifter, die sich seit jenem Frieden der evangelischen Kirche zugewendet hatten, alle die großen reichsunmittelbaren Bistümer der alten Germania sacra , unseres Nordens, Magdeburg, Halberstadt, Bremen, Lübeck, desgleichen die Landesbistümer Meißen, Brandenburg und unzählige andere der römischen Kirche ausgeliefert würden. Welch eine Aussicht, wenn also die friedliche Entwicklung zweier Menschenalter durch einen Gewaltstreich aufgehoben, wenn das durch und durch protestantische Volk dieser vormals geistlichen Gebiete wieder dem Krummstab unterworfen wurde und ein Erzherzog als katholischer Erzbischof in Magdeburg einzog! Wenn das gelang, dann wurde der kirchliche wie der politische Bestand des deutschen Protestantismus in seinen Wurzeln zerstört; und er ward vollends vernichtet, wenn auch noch die erlauchten reformierten Fürstengeschlechter des Reichs, die Brandenburger, die Hessen, die Pfälzer, die anhaltischen Askanier als Rebellen und Ketzer ihre Reichslehen verloren, wie ja schon die Mecklenburger, die Braunschweiger und viele andere protestantische Fürsten ins Elend gezogen waren und ihre alten Stammlande der Gewaltherrschaft der kaiserlichen Feldobersten überlassen hatten. Niemals war unser Vaterland dem Einheitsstaate so nahe; wir brauchen keine Fürsten und Kurfürsten mehr, sagte Wallenstein drohend. Aber die Einheit, also geschaffen durch die spanischen Priester der Gesellschaft Jesu, durch vaterlandslose Kondottieri und Söldnerscharen, hätte alle Freiheit unseres Geistes, recht eigentlich unser deutsches Ich vernichtet. Ein Schrei des Entsetzens ging durch die protestantische Welt. Doch wo fand sich ein Helfer? Die beiden einzigen Protestanten, die noch den Kurhut trugen, der Brandenburger und der Sachse, sahen ihr Land von kaiserlichem Kriegsvolk überschwemmt; sie waren gelähmt durch ihre Willensschwäche, gelähmt durch die alte, auch in der Verirrung noch achtbare deutsche Kaisertreue, gelähmt durch die Zuchtlosigkeit ihrer Landstände, die jede ernste Kriegsrüstung verhinderte. Es stand nicht anders; dahin war es durch die Zwietracht und die Tatenscheu der deutschen Protestanten gekommen, daß nur eine fremde Macht noch retten konnte. Dem Schwedenkönig blieb keine Wahl mehr. Er erkannte den großen Zusammenhang der europäischen Dinge; er hatte sich schon längst vergeblich bemüht, die noch freien Mächte des protestantischen Nordeuropas, England, Niederland, Dänemark zu einem Bunde gegen die Habsburger zu bewegen, und schon einmal, während seines polnischen Feldzuges, auf der Stuhmer Heide mit kaiserlichen Scharen unglücklich gefochten. Wenn jetzt die Herrschaft der kaiserlichen Soldateska an der Ostsee sich noch weiter ausbreitete, dann war nicht nur seine erhoffte große septentrionalische Monarchie vernichtet, sondern auch sein kleiner heimischer Thron gefährdet; denn unzweifelhaft mußten dann die mit Österreich verbündeten polnischen Wasas die schwedische Krone wiederzugewinnen suchen. Durch die Sicherheit unserer Nachbarn, so sagte er zu seinen getreuen Ständen, müssen wir unsere eigene Sicherheit erringen; und in feuriger Rede fügte er, der nie heucheln lernte, die Beteuerung hinzu: ich will die unterdrückten Religionsverwandten vom päpstlichen Joche befreien. Die politische und religiöse Pflicht wiesen ihn beide auf dasselbe Ziel. Den Ausschlag gab doch, wie bei allen weltgeschichtlichen Entschlüssen, der dunkle Drang des Genius, die geheime Ahnung ungeheuerer Erfolge und einer göttlichen Berufung. Im Juli 1630 landet er auf Rügen, gerade hundert Jahre, nachdem Deutschlands Protestanten vor Kaiser und Reich ihr Glaubensbekenntnis überreicht hatten. Die verwaiste Wittib, die Augsburgische Konfession hatte endlich ihren Tröster gefunden. Aber noch währte es fast ein Jahr, bis die Fürsten Norddeutschlands die Scheu vor dem Kaiser, das Mißtrauen gegen die unberechenbaren Anschläge des Fremdlings ganz überwanden. Eine leuchtende Gestalt, ganz durchglüht von heldenhafter Zuversicht, tritt er unter die Zaudernden und Schwankenden. Ich sage euch, geht nicht den Mittelweg – so klingt es wieder in allen seinen Reden – der Rubikon ist überschritten, der Würfel ist gefallen; hier streiten Gott und der Teufel, es gibt kein Drittes; was ist das für ein Ding, Neutralität? Ich kenne es nicht! Langsam bohrend, in einem mühseligen Feldzuge, der nachher von Napoleon besonders hoch bewundert wurde, drang er nun mit seinem kleinen Heere in Pommern und den Marken vor, von Frankreich insgeheim mit Geld unterstützt und doch wachsam bemüht, diesen gefährlichen Nachbarn dem deutschen Kriege fern zu halten. Eine diplomatische Wendung am kaiserlichen Hofe brachte endlich Klarheit in die verworrene Lage. Wallenstein, der weltliche Held, der alle Teufel den Pfaffen ins Gedärm wünschte, wollte sich mit den Schweden abfinden, die deutschen Protestanten gewinnen durch schonende Ausführung des Restitutions-Edikts, und alsdann die gesammelte Macht Österreichs, Spaniens und des geeinten deutschen Reichs gegen das katholische Frankreich und die evangelischen Niederlande führen, um also die habsburgische Weltmonarchie über dem gesamten lateinischen Europa aufzurichten. Die katholische Liga dagegen und die Priesterpartei in der Wiener Hofburg forderten Ausrottung der norddeutschen Ketzerei und Kampf gegen ihren schwedischen Bundesgenossen. Kaiser Ferdinand stand zwischen seinem Feldherrn und seinem Beichtvater. Er entschied sich, wie er mußte, für den Priester. Wallenstein ward gestürzt, und in den dritthalb Jahren, da Gustav Adolf auf unserem Boden weilte, zeigte dieser wirrenreiche Krieg, der so oft die Farbe wechselte, ganz und gar das Wesen eines Religionskrieges. Jetzt ward wirklich gefochten um Sein oder Nichtsein des Protestantismus. An die Spitze des kaiserlichen Heeres trat der Wallone Tilly, der, minder unbarmherzig als der grausame Wallenstein, doch unserem protestantischen Volke immer verhaßter blieb, weil sich der kirchliche Glaubenshaß der römischen Partei in ihm verkörperte. Dem Schlachtruf der Kaiserlichen: Maria, Mutter Gottes! antwortete das Heer Gustav Adolfs mit dem Rufe: Gott mit uns! Erst als Magdeburg von den Kaiserlichen eingeäschert war und die papistische Welt den jammervollen Fall der treuen Märtyrerstadt des Protestantismus, die einst den Heeren Karls V. getrotzt, weithin mit lautem Hohnruf begrüßte, da erst entschloß sich Gustav Adolf, seinen immer noch zaudernden brandenburgischen Schwager zum Bündnis zu zwingen. Auch das geängstigte Kursachsen schloß sich an. Nun überschreitet der König die Elbe, und die Protestanten atmen auf, als er im Lager von Werben dem nie besiegten Tilly standhält. Darauf treibt ihn der Hilferuf Kursachsens südwärts, und dort auf dem Schlachtenboden Mitteldeutschlands, wo noch zweimal in diesem Kriege die eisernen Würfel rollen sollten, in der Leipziger Ebene bei Breitenfeld, fällt der entscheidende Schlag. Die kaiserlichen Reiter, die dem geschlagenen linken Flügel der Protestanten, den Sachsen, nachsetzen, sehen sich plötzlich von dem rasch einschwenkenden Zentrum des schwedischen Heeres selber in der linken Flanke gefaßt; Tillys unförmliche, dichtgedrängte Schlachthaufen erliegen den leicht beweglichen, schnell feuernden Linien der Schweden. Der Unbesiegliche ist aufs Haupt geschlagen, und mit einem Male birst die Rinde von den Herzen der verzweifelten Protestanten. Das treue Stralsund, die Besiegerin der Wallensteiner, sendet dem Helden den Heilruf zu: Der Leu aus Mitternacht, den Gottes Geist verheißen, Der Babels Stolz und Pracht soll brechen und zerreißen! Wo's Fahnen in der Lust, wo's Sturm und Schlachten gibt, Das ist ein Freudenspiel, das unser Leu beliebt. Zum ersten Male seit Martin Luthers Auftreten ersteht unserem Volke wieder ein Mann, zu dem jeder in Haß oder Liebe aufblicken muß. Es war der Tag der Befreiung. Der deutsche Protestantismus war gerettet, die Parität der Bekenntnisse gesichert. Von einer Ausrottung und Beraubung der Protestanten, wie sie das Restitutions-Edikt geplant hatte, konnte fortan nicht mehr die Rede sein; und bei dem Charakter dieses Krieges, der in einem Lande ohne Hauptstadt, von kleinen Herren auf vielen Schauplätzen zugleich, vor den Mauern unzähliger fester Plätze geführt wurde, ließ sich ein vollständiger Umschwung des Waffenglücks kaum noch erwarten. Seine treuesten Freunde fand Gustav Adolf unter den warmherzigen Protestanten Süddeutschlands, die schon fast zu hoffen verlernt hatten. Sie jauchzten auf in überschwenglicher Dankbarkeit, als er sich jetzt nach Franken wandte, um auch hier überall die blinden Pressuren der Papisten abzustellen. Wie drängte sich das Volk in Nürnberg um den König und feierte seine heroische Person in Lied, Bild und Rede; »Willst du ihn sehen ganz, so schaue durch die Welt!« Eine Gefolgschaft deutscher protestantischer Fürsten, voran der vertriebene Böhmenkönig Friedrich von der Pfalz, sammelte sich jetzt um ihn; zu den Schweden und Livländern, die er einst nach Rügen geführt, traten neue in Deutschland geworbene Regimenter hinzu, beide Nationen fügten sich seiner unerbittlichen Manneszucht. Dann ging der Heerzug durch die schönen Weinlande der alten Pfaffengasse des Reichs, den Main abwärts bis zum Rheinstrom, und den rauhen Nordländern ward wohl beim edlen 1624er Weine. Inmitten des Volksjubels, der ihn brausend umringte, verlor Gustav Adolf doch nie das Gefühl, daß er unter Fremden stand, und sagte einmal bei einem Zanke seiner deutschen Umgebungen: Ich will lieber in meinem Lande die Säue hüten, als mit einer so törichten Nation verkehren. Vom Rhein zog der König gegen Bayern, die Hochburg der katholischen Liga. In einer blutigen Schlacht am Lech verliert Tilly den Sieg und das Leben. Kurfürst Max entflieht und überläßt sein München dem Eroberer. Die ewige Lampe, die so lange vor dem Bilde der Patrona Bavariae , der Mutter Gottes am Residenzschlosse, gebrannt hatte, mußte freilich verlöschen; aber frei ward der Gottesdienst für jedermann, und die Jesuiten zürnte der König an: Ihr seid die Sünder, ihr waret gesendet, Frieden zu stiften und habt den Krieg gesät. Noch nie hatte sich die Macht seiner Persönlichkeit so sieghaft gezeigt. Selbst dies tief verfeindete bayrische Volk begann ihn lieb zu gewinnen, wenn er allein im Reitermantel und Schlapphut durch die Gassen schritt, Geld unter den Haufen warf und mit den kleinen Leuten zutraulich verkehrte. Er stand auf der Höhe seines Ruhmes und zugleich am tragischen Wendepunkte. Auch an ihm mußte sich der Fluch erfüllen, der auf jeder Fremdherrschaft lastet. Das Tagewerk seines Lebens, soweit es uns Deutschen Heil bringen konnte, war getan. Gewiß barg er cäsarische Gedanken in seinem Haupte, und sie mußten mit seinen Siegen wachsen. Ein kleiner Preis konnte dem heißen Wasablute nicht genügen, und nicht zufällig prangten goldgestickte kaiserliche Doppeladler auf der Schabracke seines Paraderosses. Doch wahrlich nicht die römische Kaiserkrone, nicht diese mit der katholischen Kirche unzertrennlich verbundene und durch die katholische Mehrheit des Kurfürstenrates verliehene Würde konnte seinen Ehrgeiz reizen, der bei aller Verwegenheit sich doch immer den Sinn für das mögliche bewahrte. Er blieb König von Schweden. Wie hätte er also Deutschlands Einheit wünschen können, in diesem Zeitalter der harten Staatsräson, da jeder Nachbar den Nachbarn als Feind beargwöhnte? Auf meinem Staate da unten ruhen alle meine Erfolge hier oben, so sagte er oft; unwandelbar hielt er fest an dem Gedanken seines skandinavischen Großreiches. Er wollte Pommern und was sich sonst noch von deutschen Küstenländern gewinnen ließ, an seine Krone bringen, seiner armen Heimat den Unterhalt sichern aus der reichen vorpommerschen Kornkammer; er wollte also das deutsche Reich vom Meere absperren und Dänemark dermaßen umklammern, daß früher oder später alle Umlande des baltischen Meeres der Herrschaft der Wasas anheimfallen mußten. Wenn er in den eroberten fränkischen Bistümern sich, bis auf weitere Verfügung, huldigen ließ, so beabsichtigte er nur, diese Stiftslande zum Teil an Bernhard von Weimar und die Getreuen der protestantischen Fürstenpartei als Lehen dahinzugeben, zum anderen Teile sie als Faustpfand zurückzubehalten, um sie beim Friedensschlusse gegen deutsche Küstenländer auszutauschen. Mit diesem großen baltischen Besitztum dachte er als Reichsstand in den deutschen Reichstag einzutreten, als Direktor eines Corpus Evangelicorum , das, ein Staat im Staate, eine geordnete Opposition, die Parität der Bekenntnisse aufrecht halten sollte. Ein Teil dieser Entwürfe ist nachher durch die Hand seiner schwächeren Nachfolger im Westfälischen Frieden verwirklicht worden; und wer kann heute noch bestreiten, daß sie wohl den Religionsfrieden im Reiche sicherten, aber unsere politische Macht schwer, verderblich bedrohten? Wir dürfen es aussprechen: ein gnädiges Geschick rief den Retter des deutschen Protestantismus hinweg gerade in dem Augenblicke, da er der Feind unseres nationalen Staatswesens werden mußte. Erschreckt durch die Siege dieses Goten entschloß sich der Kaiser, dem abgesetzten Wallenstein mit unbeschränkter Vollmacht wieder die Führung seiner Heere anzuvertrauen; und sobald die Werbetrommeln des glückhaften Friedländers erklangen, strömten in Massen die raub- und ruhmbegierigen Kriegsknechte herbei. Gustav Adolf sollte bald erfahren, daß ihm endlich ein ebenbürtiger Feind gegenübertrat. Er konnte die Vereinigung der Kaiserlichen mit dem bayrischen Heere nicht hindern. Als sich dann Wallenstein in dem Hungerlager auf der Alten Feste bei Nürnberg tief in seine Schanzen vergrub, da stürmten und stürmten die Schweden vergeblich. Der König mußte die verwegenen Angriffe aufgeben, der Friedländer aber schrieb nach seiner prahlerischen Weise: hier hätte sich der Schwede hazzardosamento die Hörner abgelaufen. Jetzt zieht Wallenstein nordwärts gegen Mitteldeutschland. Sengend und brennend wüten seine Kroaten in Thüringen, die Holkischen Jäger im Erzgebirge. Gustav Adolf folgt ihm, um seinem Vaterlande desto näher zu sein; denn er sieht seine Rückzugslinie gen Norden bedroht. Das ausgeplünderte thüringische Volk empfängt ihn frohlockend und küßt ihm die Kniee. Er aber sagt beim Anblick der Nackten und Elenden tief erschüttert: Gott wird mich strafen, diese Menschen ehren mich wie einen Gott! Auf dem Felde von Lützen, dicht neben der Stelle, wo er einst den herrlichsten seiner Siege erfochten, befiehlt er die Schlacht. Beide Nationen, Deutsche und Schweden, begrüßen den anreitenden Feldherrn mit lautem Waffengetöse, und er betet: Jesu, Jesu, Jesu, laß uns heute in deinem heiligen Namen streiten! So mit einem Gebet auf den Lippen sprengt er in den dicken Herbstnebel hinein und findet den Heldentod. Sein Wirken war das letzte Aufleuchten der Idee in diesem greuelvollen Kriege. Rasch verwildernd nach dem Tode des gestrengen Zuchtmeisters, kämpften die schwedischen Heere nur noch um die elende Frage, wie viele Fetzen deutschen Landes ihnen als Satisfaktion und Entschädigung zufallen sollten; mit ihnen vereint Frankreich, das jetzt erst, nach Gustav Adolfs Hinscheiden, freie Hand erhielt für seine deutschen Pläne. So furchtbar hauste das entartete Kriegsvolk, daß der niederdeutsche Bauer heute alles, was über die Zeiten der Götterdämmerung hinaus liegt, ganz vergessen hat und jedes Hünengrab eine Schwedenschanze nennt. Doch schon hob sich aus der unverwüstlichen Kraft unseres Volkes ein neues Staatsgebilde empor. Gustav Adolfs Neffe, der große Kurfürst von Brandenburg, ward sein Erbe zugleich und sein Feind. Er ward sein Erbe; denn Kurbrandenburg errang auf dem Westfälischen Friedenskongresse den kirchlichen Ideen Gustav Adolfs den vollen Sieg; Kurbrandenburg erwirkte den ehrlichen Religionsfrieden, die unbedingte Gleichheit der Bekenntnisse. Auch im Innern des jungen preußischen Staates wirkten die schwedischen Überlieferungen noch lange nach. An dem Vorbilde seines Oheims lernte Kurfürst Friedrich Wilhelm die Macht seiner Landstände zu beherrschen und eine starke, kriegerische monarchische Gewalt zu behaupten. Durch die alten Schweden, die unter den Fahnen des roten Adlers dienten, drang viel schwedischer Kriegsbrauch in dies junge Heer ein: die rasche Beweglichkeit und die Feuerkraft des Fußvolkes, auch der Kriegsruf Gustav Adolfs: Gott mit uns! Aber Friedrich Wilhelm hat auch – so zweischneidig sind alle historischen Dinge – zuerst die Zerstörung begonnen gegen das politische Werk seines Oheims. Einen furchtbar schweren Lohn ließen sich die Schweden für ihre Hilfe zahlen. An allen unseren Küsten saßen sie als Herren; Weser, Elbe, Oderstrom wurden fremder Nationen Gefangene, wie Friedrich Wilhelm klagte. Gegen diese schwedische Fremdherrschaft mußte Preußen fast zweihundert Jahre lang, seit dem ersten nordischen Kriege und dem Fehrbelliner Siegestage, bald mit dem Schwerte, bald mit der Feder ringen, bis endlich im Jahre 1815 ihre letzten Trümmer vom deutschen Boden verschwanden und Norddeutschland wieder Herr ward im eigenen Hause. Von den drei Gewaltigen, welche damals die Welt mit dem Schrecken ihres Namens erfüllten, erscheint Wallenstein als die unheimlichste Gestalt: ein großer Kriegsfürst, gewiß, der Schöpfer des österreichischen Heeres, und doch nur ein Heimatloser, der sein Volkstum und Glauben gleichgültig der Ehrsucht opfert; ein genialer Abenteurer, der bald einen italienischen, bald einen deutschen Fürstenhut erhofft, bald von der Habsburgischen Weltmonarchie träumt, bald von der heiligen Impresa gegen Konstantinopel oder auch von einer neuen Plünderung Roms, und bei allen diesen gigantischen Entwürfen immer nur an sein eigenes großes Ich denkt. Gott im Himmel, ich auf Erden – so sagt er frevelnd und stirbt den häßlichen Tod des Verräters. Glücklicher war Richelieu. Denn dieser Bismarck Frankreichs stand auf dem festen nationalen Boden, worin alle staatsmännische Größe wurzelt. Er vollendete, was die Politik der französischen Könige seit Jahrhunderten bedachtsam vorbereitet hatte, die Einheit seines Vaterlandes. Durch Seelenadel und menschliche Hoheit überragt Gustav Adolf alle beide. Ihm ward ein Los bereitet wie jenem mazedonischen Alexander, dem sein Leben auch durch die raschen Siege und das jähe Ende auffällig gleicht. Alexanders Weltreich fiel mit seinem Schöpfer, aber auf Jahrhunderte hinaus blieb, was er für die Gesittung der Menschheit geschaffen hatte. Er zwang die Griechen, den nationalen Beruf mit dem weltbürgerlichen zu vertauschen, er verwandelte das Hellenentum in Hellenismus, er erfüllte ganz Vorderasien dermaßen mit griechischer Bildung, daß nachher das Evangelium Christi in griechischer Sprache den Völkern des Mittelmeeres verkündigt und von ihnen verstanden werden konnte. So ist auch Gustav Adolfs skandinavisches Großreich verschwunden. Die beiden künstlichen, auf zu schwachem Grunde aufgebauten Großmächte des siebzehnten Jahrhunderts, Niederlands Seemacht und Schwedens Landmacht vermochten sich nicht zu halten; sie wurden verdrängt durch England und das preußische Deutschland, die ihre Großmachtstellung mit ungleich stärkerer natürlicher Kraft behaupten konnten. Aber geblieben ist, und so Gott will für alle Zukunft, das freie evangelische Wort, das Gustav Adolf diesem Herzen Europas sicherte, geblieben das lebendige, duldsame Nebeneinander der Glaubensbekenntnisse in Deutschland. Und darauf beruht doch unser neues, kirchlich gemischtes und politisch einiges Reich; darauf der ganze Charakter unserer heutigen Kultur; darauf jene schöne Menschlichkeit, die dem Deutschen, dem Protestanten wie dem Katholiken, erlaubt, zugleich frei und fromm zu denken. Darum wollen wir heute aus bewegter Seele dem stammverwandten Nachbarvolke danken, das einst von uns den Segen der Reformation empfing und uns dann den Löwen aus Mitternacht als Retter sendete. Nirgends erklingt dieser Dank herzlicher als hier in den jungen Koloniallanden des alten Deutschlands, die ein wundervolles Geschick zur Vormacht des neuen Reichs erhoben hat. Nur dreihundert Jahre lang haben diese Marken der römischen Kirche angehört, und schon seit mehr denn dreihundertfünfzig Jahren bekennen sie sich zur Freiheit des Evangeliums. Wir leben und weben hier in freier protestantischer Luft. Wahrhaftig nicht um alte Wunden aufzureißen, sondern um Ehre zu geben, wem Ehre gebührt, hat das protestantische Deutschland die edle Stiftung, welche den bedrängten evangelischen Brüdern überall in der Welt Trost und Hilfe bringt, auf den Namen des Schwedenkönigs genannt. Er gehört nicht einem Volke allein, er gehört der gesamten evangelischen Christenheit. Milton. (Königstein 1860) Die Lust zu scheinen und zu blenden ist eine ewig gleiche Eigenheit unseres Geschlechts, zugleich ein Zeichen unserer vornehmen Natur und ein Quell häßlicher Verirrungen. Seltsam nur, in wie verschiedener Weise, je nach der Gesittung der Zeiten, diese Neigung sich Luft macht. In alten Tagen, da ohne kriegerische Tüchtigkeit niemand sich durch das Leben schlug, war das Prahlen mit erfundenen Heldentaten die üblichste Art der Lüge. Heute, da die gute Gesellschaft einen gewissen Grad von Kenntnissen und Belesenheit von jedermann als selbstverständlich erwartet, ist es ein Gewohnheitslaster der höheren Stände geworden, sich mit dem Scheine der Bildung zu schmücken; und der ehrliche Blick erschrickt vor dem Wuste von Unwahrheiten, welcher durch solche Unart in die Welt gekommen. Bemerkungen über die höchsten Probleme des Denkens hören wir aus dem Munde der Kinder und Narren, und ein gewiegtes Urteil über Platon oder Leibniz scheint eine Spielerei für jeden, der sich im Vollgenusse des ersten Frackes tummelt: also, daß ein gutmütiger Gesell über all dem gebildeten Gerede zu dem Glauben gelangen mag, die Stunde der Weltliteratur, von welcher Goethe träumte, habe bereits geschlagen. Auch über den Dichter und Denker, welchem diese Zeilen gelten, ist das allgemeine Urteil längst fertig: sein Name gleicht einer Münze, deren Gepräge uns der Mühe überhebt, ihren Goldgehalt zu prüfen. Und doch werden nur wenige der gebildeten, ja sogar der gelehrten Deutschen unverwirrt standhalten vor der einfachen Frage: was kennst du von Milton? Gewiß, ein solches Rechnen mit festen überlieferten Begriffen läßt sich nicht gänzlich vermeiden in einer Zeit, für deren eigenes Schaffen die Ergebnisse einer uralten Kultur bloß die Voraussetzung bilden. Nur ein Pedant wird dem Laien zumuten, daß er aus ihren eigenen Schriften jene bahnbrechenden Geister kennen lerne, deren Gedanken uns längst in Fleisch und Blut gedrungen: wer Goethe, Schiller und ihre Nachfolger kennt, der hat das Unsterbliche der Werke Herders und Wielands genossen. Milton aber ist nicht der Vorläufer größerer Geister gewesen; er steht in der Geschichte der Kunst so einsam wie die Revolution, welcher er als ein gläubiger Kämpfer diente, in der Geschichte der Staaten; und noch immer lohnt es der Mühe, das Bild des Mannes uns vor die Seele zu führen, denn jene einzige Verbindung von künstlerischem Genie und Bürgertugend, die wir in ihm bewundern, hat noch keineswegs das rechte Verständnis in Deutschland gefunden. John Milton ward am 9. Dezember 1608 zu London geboren, und der frühreife Knabe wuchs auf in einem strengen gottseligen Hause. Sein Vater, damals Notar, war in jungen Jahren von seinen katholischen Eltern verstoßen worden, als er zur protestantischen Lehre übergetreten, und erfüllte bald des Sohnes Herz mit Begeisterung für den neuen Glauben. Nur die feierlichen Klänge der Musik, welche der Vater mit vieler Begabung übte, unterbrachen dann und wann die gesammelte Stille dieses puritanischen Hauses, dem eine liebevolle und wohltätige Hausfrau mit gemessenem Ernste vorstand. Schon in London ward dem jungen John die Kenntnis des klassischen Altertums durch einige gediegene Gelehrte erschlossen; und denselben eisernen Fleiß wie bisher bewährte er auch, als er, sechzehn Jahre alt, in das Christchurch-College zu Cambridge eintrat. Die Freuden des Burschenlebens lockten ihn nicht. Wie oft, wenn der Schimmer seiner nächtlichen Lampe vor dem Lichte des jungen Tages verblich, wenn der frohe Schlag der Lerche sein stilles Denken störte, hat er damals jenen Zauber des Frühmorgens erlebt, welchen er später mit Vorliebe besungen hat. Doch er war mehr als ein guter Schüler. Der zartgebaute junge Mensch mit den sanften, mädchenhaften Zügen, den seine Kameraden neckend die lady of Christchurch nannten, offenbarte früh einen freien selbständigen Geist. Ihn empörte die Methode des englischen gelehrten Unterrichts, die selbst in dem freieren Cambridge nicht über mechanische Abrichtung hinausging; und als sein Vater ihm vorschlug, Theolog zu werden, erklärte er, daß er sich nie zu dem Sklavendienste herabwürdigen werde, die Artikel der bischöflichen Kirche zu unterschreiben. So hat an Milton sich ein Wort erfüllt, das er als Greis gesprochen: »die Jugend zeigt den Mann, gleichwie der Morgen den Tag verkündet.« In diesem ganzen reichen Leben erscheinen kaum leise Spuren innern Kampfes. Ernst und keusch und tätig verbringt er seine Tage in puritanischer Strenge und doch voll Bewunderung für die alte klassische Herrlichkeit. Eine feste Selbstgewißheit, ein glückliches Gleichmaß der Stimmung hebt ihn über Zweifel und Versuchung hinweg, »als ob das Auge seines großen Lehrmeisters immer auf ihm ruhte«. Sicher und notwendig wie das allmähliche Anschießen der Zweige und Knospen eines Baumes läßt dieser stetige Entwicklungsgang doch die Grenzen von Miltons Begabung klar erkennen. Wir sind zwar weit entfernt von jenem romantischen Wahne, der in dem Schlammbade jugendlicher Ausschweifungen die notwendige Schule großer Künstler sieht oder gar die leidenschaftlichen Schwächen der Dichter als das untrügliche Kennzeichen ihrer genialen Natur betrachtet. Aber wenn anders die Proteus-Natur, die Gabe mit tausend Zungen zu reden, eine wesentliche Dichtertugend bleibt, so muß ein junger Künstler das Liebliche, das Lockende der Sünde, die Gebrechlichkeit der Welt und die Verzweiflung aller Kreatur sehr tief und stark empfunden haben. Denn wie mag er das Leben in der ganzen Fülle seiner Pracht und seiner Widersprüche darstellen, wenn er nicht schrecklich im Innersten die gemeinen Kämpfe der Menschheit durchgefochten hat? In der Tat, wie Miltons Jugend in ihrem geradlinigen Fortgange sich von Grund aus unterscheidet von den stürmischen Anfängen fast aller großen Dichter und mehr an die ersten Tage einseitiger tatkräftiger Naturen erinnert, so ist auch der gereifte Dichter Milton nur groß in seiner Einseitigkeit. Und dieser Subjektivste der Poeten, der nie imstande war, ein Bild des ganzen Lebens zu schaffen, der nie etwas anderes schilderte, als seine eigene große Seele, – er tritt dennoch ebenbürtig ein in den Kreis der vornehmsten Dichter. Es ist nicht möglich, der lauteren Hoheit seines Charakters ein größeres Lob zu spenden. Von der hohen Schule kehrte Milton nach Hause zurück. Auf dem freundlichen Landsitze seiner Eltern in der Grafschaft Berk verbrachte er bis zu seinem dreißigsten Jahre eine lange Zeit in stillen Studien und genoß in vollem Maße jenes unschätzbare Glück, das in dem atemlosen Treiben unserer Tage so unendlich selten geworden, das Glück, sich auszuleben und erst in voller gesättigter Reife hinauszutreten auf den Markt des Lebens. Mit herzlichen Worten dankt er seinem Vater für solchen Segen: »Du zwangst mich nicht, den breitgetretnen Pfad zu wandeln, der zum Wohlstand führt; du nahmst mich weit hinweg vom Lärm der Stadt zur tiefen Einsamkeit und ließest mich beseligt weilen an Apollos Seite.« Es waren nicht bloß Jahre gelehrter Muße. Er tummelte sich gern in Wald und Feld, denn von seinen lieben Alten hatte er gelernt, die leibliche Verkümmerung der Gelehrten zu verachten; er schlug eine gute Klinge und verwarf nur die adligen Künste des Reitens und Jagens. Seine kleinen Gedichte aus jenen glücklichen Tagen lassen uns ahnen, daß auch er seinen aufrechten Gleichmut nicht gänzlich ohne Selbstüberwindung errungen hat. Über die gemeinen Zweifel der Jünglingsjahre freilich schreitet er rasch hinweg. Wohl überkommt ihn einmal (in einem Sonette, geschrieben am dreiundzwanzigsten Geburtstage) die Neigung dieses Alters, die Frucht vom blühenden Baume zu verlangen, aber bald schwindet die Reue über die Langsamkeit seiner Bildung, und er ermannt sich in dem klaren Bewußtsein, daß seine Stunde noch nicht gekommen sei. Weit bitterer empfand er, daß seine reiche Dichterkraft zur ungünstigsten Zeit, zu spät, geboren sei. »Jener glänzende Abendstern glückseligen Angedenkens, Königin Elisabeth,« liest der Brite noch heute dankbar in seinem Prayerbook . Welch eine Zeit, da dies Gestirn noch glänzte über einem reichen, befriedeten Lande, und dicht hinter Spenser, dem lieblichen Sänger romantischer Ritterherrlichkeit, der junge Shakespeare erstand! Noch schien die Welt nicht fähig, so viel Schönheit zu ertragen; der einzigen Größe folgte ein jäher Fall. Entsetzlich schnell verwilderte die Bühne nach Shakespeares Tode, sie ward eine Zofe der Stuarts und unterhielt den Hof mit unzüchtigen Spaßen. Es war ein Treiben, von Grund aus frivol wie nur das Königtum jener Stuarts selber, die ihren bibelfesten Untertanen befahlen, am Sabbat wider ihr Gewissen den Lärm weltlicher Lustbarkeit zu schauen. Inzwischen hatte der Werkeltag des siebzehnten Jahrhunderts begonnen. Ungeheure Kämpfe zerrütteten Staat und Kirche. Die Wissenschaft stand im Vordergrunde des geistigen Lebens der Völker. »Die Zeit will keine Verse,« klagt Hugo Grotius in einem seiner lateinischen Gedichte, »sie fragt: warum freie Worte in unnötige Fesseln schlagen?« Unselige Tage für einen ernsten Dichtergeist, da die Poesie zuchtlos war und die Tugend prosaisch! Sehr früh und mit Hellem Bewußtsein nahm Milton eine feste Stellung in dieser schweren Zeit. Sein Bürgerstolz verschmähte die Lakaienrolle eines Bühnendichters, seine herbe Sittenstrenge verwarf den Schmutz des entarteten Theaters. Voll Bewunderung allerdings schaute er auf zu dem Genius Shakespeares, vor dessen Größe der Betrachter »zu Stein erstarre«; doch ein Muster für sich wollte er in den »kunstlosen Waldliedern« dieser grandiosen Naturkraft nimmermehr erkennen. Daß diese ursprüngliche Dichtung zugleich vollendete Kunst und an den Sünden ihrer Nachfolger schuldlos war, hat er nie begriffen. Er war ein Gelehrter, er hatte sich, wie Rubens und die italienischen Maler seines Jahrhunderts, sorgfältig geschult an den großen Vorbildern vergangener Kunstepochen. Köstliche Kräfte der Jugend hatte er vergeudet, um mit bedachtsamem Fleiße die Treibhausgewächse der lateinischen Poesie zu erzeugen. Nun gedachte er, der Modedichtung des Tages eine hochgebildete, kunstgerechte Poesie entgegenzustellen, die den Spuren der Alten und der biblischen Sänger folgen sollte. Noch mehr, er tadelte jene echten Dichter, welche, wie Shakespeare als »fröhliche Kinder der Phantasie« das Schöne, nichts als das Schöne schufen. Er wußte sich berufen, zu schreiben »für die Ehre und Bildung seines Vaterlandes und zum Ruhme Gottes«. Mit unbefangener schöpferischer Lust hatte Shakespeare den erhabenen Gestalten seiner Kunst allein gelebt. Protestant durchaus, verschmähte er doch mit künstlerischer Weisheit den dogmatischen Streit. Nur dann und wann wirft er einen spöttischen Seitenblick auf die sauersehenden Puritaner, die Hasser der Bühne; und so ganz verschwindet er hinter seinen Gestalten, daß wir eben nur erraten können, der royalistische Dichter selber rede aus den zornigen Worten: »und soll das Bild von Gottes Majestät, sein Hauptmann, Stellvertreter, Abgesandter durch Untertanenwort gerichtet werden?« Diese Tage künstlerischer Seligkeit waren dahin. Die Parteien begannen sich zu scheiden. Jetzt galt es zu wählen zwischen dem weltverachtenden Ernste der Puritaner und der vornehmen Leichtfertigkeit der Kavaliere; mit nichten war Miltons Meinung, daß der Dichter solcher Wahl sich entziehen dürfe. Wie Milton sich in diesem Streite entschied, das mag ein feines Ohr schon heraushören aus den berühmten Gedichten l'Allegro und il Penseroso . In dem heiteren Gedichte besingt der Dichter die lachende Schönheit der Erde, den Zauber des englischen Waldes, die Freuden der Jagd und ländlicher Feste, das trauliche Treiben am winterlichen Herde; deutlich vernehmen wir den gedämpften Nachklang der herrlichen Frühlings- und Winterlieder in Shakespeares loves's labour lost . Doch alsbald stellt er im Penseroso diesen nichtigen Freuden, dieser Brut der Torheit ohne Vater geboren, das höhere Glück des Denkers gegenüber, der im Forschen die Welt vergißt, der seine Seele nährt an den großen Geisteswerken alter Tage und endlich im härenen Kleide, in moosiger Zelle die erhabene Weisheit des Propheten erlangt. Beide Gedichte gehören wegen der Pracht und anschaulichen Wahrheit der Schilderung zu dem Schönsten, was die Zwittergattung beschreibender Dichtung geschaffen; doch keines von beiden gibt rein und unvermischt die Stimmung wieder, welche der Titel andeutet. Weil aber jene schwankende, zweifelnde Verfassung des Gemüts, welcher die Gedichte Ausdruck geben, mehr nachdenklich als heiter erscheint, so hat das allgemeine, selbst von Macaulay geteilte Urteil irrigerweise dem Penseroso den Preis zuerkannt. Ungleich deutlicher spricht Miltons puritanische Gesinnung aus der Hymne auf Christi Geburt, dem Gedichte, das von seinen Jugendwerken den reinsten Eindruck hinterläßt, weil nur hier die wunderbare lyrisch-musikalische Begabung des Mannes zur freien Geltung gelangt. Wohl wirft er da einen wehmütigen Blick auf den Untergang der reichen Welt heidnischer Schönheit, aber ihr verführerischer Glanz verbleicht vor dem reinen Lichte, das von der Wiege des Erlösers ausgeht; die lockenden Gesänge der Nymphen müssen verstummen vor den feierlichen Harfen-Chören der Seraphim. Immer aufs neue drängt sich des Dichters puritanischer Eifer hervor. Ein Freund stirbt ihm; er legt einem dorischen Hirten ein Klagelied in den Mund, und selbst in diese Elegie (den vielbewunderten Lycidas) mischt er Zornreden wider die ungetreuen Hirten, welche Gottes Herde verwahrlosen: er droht, schon sei das zweischneidige Schwert erhoben, das die Pfaffen treffen werde. In offenem Kampfe tritt er der unzüchtigen Bühnendichtung entgegen mit dem Maskenspiele »Comus«. Die tendenziöse Bedeutung des Comus hat zuerst überzeugend nachgewiesen A. Schmidt, Miltons dramatische Dichtungen, Königsberg 1864. Wie oft hatten die Großen des Hofs den Triumph des Verführers im frechen Mummenschanze dargestellt! Der puritanische Poet feiert den Sieg der Keuschheit über die Versuchung. Die ausgelassenen Geister der Nacht, Comus und sein Gefolge, umschwärmen verlockend ein unschuldiges Mädchen, sie preisen die Wonne süßer Sünden, sie rufen das köstliche Narrenwort: »was hat die Nacht mit dem Schlaf zu tun?« Doch der Dichter ist mit nichten gemeint, den zügellosen Geistern, wie es ihnen gebührt, den kurzen Rausch eines selig-trunkenen Daseins zu gönnen; sie müssen das ernst-moralische Lob der Keuschheit aus dem Munde der Jungfrau hören und nehmen ein Ende mit Schrecken wie in der Kinderfabel. Gewiß, diese nüchterne Moral wirkt erkältend, sie ist das Gegenteil echter Kunst, und wenn es erlaubt ist von genialen Pedanten zu reden, so trifft dieser Name unsern Dichter. Doch diesem England tat not, daß endlich einmal in das wiehernde Gelächter der Lüsternheit die Stimme eines Sängers hineinklang, dem es heiliger Ernst war mit jedem seiner Worte. Dies Maskenspiel ward aufgeführt in dem Hause des Grafen von Bridgewater, und Milton verstand sich anzueignen, was allein in jenen adligen Kreisen der Nachahmung wert war: ein feines, weltmännisches Betragen. Mit seinen Ansichten und seiner Liebe hing er nach wie vor an den Mittelklassen. Wie alle reformatorischen Köpfe Englands, von Wicliffe bis herab zu dem verwegenen Demagogen des neunzehnten Jahrhunderts William Cobbet, fühlte er sich mit Stolz als ein Angelsachse. Dem Volksglauben getreu, verehrte er in dem guten Sachsenkönig Edward den Gründer englischer Freiheit; von den Dichtern seines Landes liebte er besonders den alten eifrigen Sachsen Chaucer, und nie hat er sich zu dem Eingeständnis entschlossen, daß sein Sachsenvolk von den Normannen unterworfen worden sei. In allen diesen vielverheißenden kleinen Gedichten offenbarte sich das Talent eines großen Hymnen- und Elegiendichters, dazu ein Gedankenreichtum und eine plastische Kraft der Zeichnung, die in der beschreibenden Poesie ihresgleichen nicht finden. Aber noch hatte Miltons Genius sein heimisches Feld nicht betreten. Immerhin genügten diese Werke, seinen Namen berühmt zu machen, denn trostlos arm war die Zeit an echten Künstlern. Damals gerade brach Deutschlands uralte Kultur zusammen, als unser Volk für die religiöse Freiheit des ganzen Weltteils blutete; mit Tasso war der letzte von Italiens Klassikern gestorben, und noch hatten die großen Tage der französischen Dichtung nicht begonnen. So war Milton ein berühmter Reisender, als er im Jahre 1638, tief erschüttert durch den Tod seiner Mutter, Italien besuchte, das noch immer wie in Shakespeares Tagen den Briten als das goldne Land der Künste galt. Seine Aufnahme war glänzend; denn man verehrte in ihm den Dichter und den urbanen Gelehrten, und – als erkenne man in ihm eine den Romanen verlorene Lauterkeit des Sinnes und der Sitten – der geistige Adel des Landes kam dem jugendfrischen und jugendlich reinen Inglese mit jener Innigkeit entgegen, welche noch heute den Verkehr der feineren italienischen und germanischen Geister belebt. Dort im Süden schaute Milton eine Farbenpracht und festliche Freudigkeit des Daseins, die der finstre Ernst seiner Heimat verwarf; an der Decke der Sixtinischen Kapelle sah er das verlorene Paradies von Buonarottis Pinsel verherrlicht; auf den zahlreichen Bühnen trat ihm eine kecke Lust an schönem Spiel und freier formvollendeter Nachahmung entgegen, die England selbst gekannt, aber längst wieder verloren hatte. In den Akademien der vornehmen Welt atmete er den Zauber feinster geselliger Unterhaltung. Er dichtete im eleganten poetischen Wettkampfe lateinische Elegien und italienische Sonette, ohne doch über der kunstvollen Nachahmung die Kraft selbständigen Schaffens zu verlieren, und ließ sich gefallen, daß seine zierlichen Freunde sein Dichterlob mit romanischer Überschwenglichkeit sangen; ja in Rom, so wird erzählt, war er nahe daran, sein Herz zu verlieren an die schöne Sängerin Leonora Baroni. Dennoch vermochte die Verführung epikureischen Genusses nicht seinen fertigen Charakter zu biegen oder die durchdringende Schärfe seines Blickes abzustumpfen. Als er in dem Hause des Marchese Manso, eines Freundes Tassos, weilte, ward ihm klar, daß dies Geschlecht von Epigonen, trotz aller Fruchtbarkeit seiner Maler, in der Dichtkunst jeder schöpferischen Kraft entbehrte. Durch solche Einsicht stählte er sich in seinem Lieblingsglauben, daß staatliche Freiheit unentbehrlich sei auch für die geistige Größe eines Volkes. Denn mit Erstaunen und Beschämung erfuhr er, daß England – das England Karls I. – dieser unglücklichen Nation, die unter dem Joche der Spanier seufzte, als ein beneidetes Reich der Freiheit galt. Und wie wertlos erschien dem Puritaner alle künstlerische Herrlichkeit Italiens, als er die römische Hure in ihrem eigenen Babel aufsuchte und den Pomp des Papsttums, »dies schwerste aller Gerichte Gottes«, vor Augen sah! In der Stadt des »dreifachen Tyrannen« wappnete er sich mit dem ganzen Stolze eines kühnen Ketzers; den Rat vorsichtiger Freunde verschmähend, gab er laut seinen Abscheu kund über das Treiben der Jesuiten. Voll Ehrfurcht besuchte er den greisen Galilei, das erlauchte Opfer pfäffischen Geisteszwanges. Und mächtiger vielleicht denn alles, was ihm Italien bot, wirkte auf Milton ein Gespräch zu Paris mit Hugo Grotius, dem Dichter und Denker, dem Vorkämpfer religiöser und bürgerlicher Freiheit. So vollendete Milton während drei reicher Jahre in Italien seine ästhetische Ausbildung. Aber noch immer suchte seine Dichterkraft unsicher tastend umher. Der Mann des Bürgertums trug sich, angefeuert durch die Erinnerung an Tasso, bereits mit dem Plane eines ritterlichen Heldengedichts von König Artur und seiner Tafelrunde. Da riß ihn der Sturm des Völkerkampfes aus seinen künstlerischen Träumen. Das englische Volk begann jenen Streit, in welchem sich offenbaren sollte, daß der Protestantismus, nachdem er lange als ein von außen aufgedrungenes Gut nur in den Institutionen des Landes bestanden, jetzt endlich nach langer, stiller, geistiger Arbeit in den Herzen der Nation festgewurzelt, ihr sittliches Eigentum geworden sei. Die große Kunde traf den Dichter, da er eben nach Griechenland, dem teuersten Lande seiner Sehnsucht, überzufahren gedachte. Alsbald kehrte Milton in die Heimat zurück, denn ihm galt es für »schmählich, fern zu weilen, derweil seine Mitbürger für die Freiheit stritten«. Ihm war, als sehe er seine »edle und mächtige Nation gleich einem Riesen sich vom Schlummer erheben und ihre Simsonslocken schütteln«. Noch ein kurzer, herzstählender Aufenthalt in Genf, der hohen Schule und dem Musterstaate der streitbaren Jünger Calvins; dann betrat er die heimische Insel, die ihm als die Wiege der Reformation galt und nun die letzten blutigen Siege des Protestantismus schauen sollte. Jetzt erfuhr er, welch ein Segen für den Poeten darin liegt, wenn er auch der ungebundenen Rede mächtig ist, damit er nicht nötig habe, die Muse zu mißbrauchen für die endlichen Zwecke, zu deren Verfolgung die Härte des Lebens unerbittlich zwingt: Milton hat kaum je einen satirischen Vers geschrieben, um die persönlichen Händel auszufechten, in welche sein Wirken als Publizist ihn verflocht. – Wollen wir diesen Streitschriften gerecht werden, womit er während eines Vierteljahrhunderts die drei Grundlagen jedes menschenwürdigen öffentlichen Lebens, die religiöse, die häusliche und die politische Freiheit, verteidigte, so müssen wir uns des gewaltigen Abstandes der Zeit lebhaft bewußt bleiben. Die meisten der Beweisgründe, welche er damals allen zur Überraschung zuerst aussprach, sind im Verlaufe des langen Kampfes um die Freiheit der Völker zu Gemeinplätzen, zu Vorurteilen aller Gebildeten geworden. Eine Eigentümlichkeit der Epoche ist die Form, eine Eigenheit des Volkes ist die Breite der Darstellung, welche Milton mit allen Gliedern dieser Nation lakonischer Sprecher sonderbarerweise teilt. Auch sein Mangel an historischem Sinne bei einer Fülle historischen Wissens wird uns nicht befremden, wenn wir bedenken, daß das Verständnis für die Geschichte, obwohl der Idee nach im Wesen des Protestantismus enthalten, damals noch unentwickelt war. Die berufene, gewaltige Heftigkeit seiner Polemik endlich, welcher es auf ein pecus oder stultissimum caput nicht ankam, erklärt sich von selbst aus den Sitten einer Zeit, deren göttliche Grobheit noch heute in den Streitschriften der Theologen fortwirkt, aus dem natürlichen Ingrimm eines Kampfes gegen mächtige Gegner, welche das Verbrennen durch Henkershand als die geeignete Antwort auf mißliebige Schriften ansahen, und aus Miltons persönlichen Erlebnissen. Denn ein hartes Geschick vereinigte in ihm wie in einem Brennpunkte die Leiden, Hoffnungen und Kämpfe seines Volkes. In seinem eigenen Hause sollte er die großen Schmerzen der Zeit erfahren; darum redet eine dramatische Wahrheit aus seinen Schriften. Der gemeinen Mittelmäßigkeit der Menschen ist der Ausdruck einer Meinung wichtiger als die Meinung selber; deshalb ist Milton, der gemäßigte Ansichten mit schonungsloser Ehrlichkeit aussprach, der törichten Nachrede verfallen, er zähle zu den Schwarm- und Rottengeistern, den Demagogen des Protestantismus. Ausgerüstet für seine Aufgabe war Milton mit einer allseitigen Bildung und einer schöpferischen Gewalt über die Sprache, deren Prosa er mit einer Fülle altertümlich kräftiger Worte bereichert hat. Und was mehr sagen will: er war durchaus getränkt von dem echten Geiste protestantischer Freiheit. Daß, wer erlöst sein will, seinen eigenen persönlichen Glauben haben müsse, blieb seine erste Überzeugung, und er stritt für sie mit reinen Händen. Was auch seine erbosten Gegner über die unlauteren Beweggründe seines Handelns fabelten: jede neue historische Forschung beweist immer klarer, daß nie etwas Niedriges, Unreines, Schwächliches in seine Seele Eingang fand. Vielmehr liegen Miltons Fehler auf der entgegengesetzten Seite – es sind die Sünden kühner aufstrebender Menschen. Obwohl kein eigentlicher Parteimann, besaß er doch die ganze jüdische Starrheit der Puritaner, er war vollkommen unfähig, die relative Berechtigung seiner Feinde zu begreifen. Er sah in ihnen nur Götzendiener, Hurer, Despoten, Priester des Bauches; und nie begegnet uns in seinen Schriften jenes überlegene, objektive Lächeln, das wir von einem genialen Menschen selbst im Feuer des Parteikampfes dann und wann erwarten. Auch Milton hatte das Schmettern der Posaunen und die frohe Botschaft des Engels vernommen: »sie ist gefallen, sie ist gefallen, Babylon die große und eine Behausung der Teufel geworden«; auch ihn, wie die Verwegensten der Puritaner, trieb ein heiliger Eifer, das Volk Gottes zu mahnen zum Auszuge von Babel, »auf daß ihr nicht teilhaftig werdet ihrer Sünden, auf daß ihr nicht empfanget etwas von ihren Plagen.« In jedem seiner Bücher liegt sein Innerstes ausgesprochen. Nur die Stimme seines wachen Gewissens hieß ihn die Waffen der Publizistik ergreifen – ihn, der sich immer bewußt blieb, daß er zu höherem geboren sei und in dem kühlen Elemente der Prosa nur den Gebrauch seiner linken Hand behalte. Doch gerade deshalb verfiel er in den alten Irrtum harmonischer, tief-gewissenhafter Naturen. Er fand einen objektiven Zusammenhang zwischen seinen politischen und religiösen, ästhetischen und sittlichen Meinungen, während dieser Zusammenhang doch nur subjektive Wahrheit haben konnte, nur für ihn, den ganzen einheitlichen Menschen bestand. »Religion und Freiheit hat Gott unzertrennlich in Eins verwebt, die christliche Religion befreit die Menschheit von den zwei schrecklichsten Übeln, Furcht und Knechtschaft.« Auf diese Sätze gestützt, gebrauchte er dreist religiöse Argumente für politische Zwecke, und umgekehrt – eine Verirrung, die freilich einer Partei sehr natürlich zu Gesichte stand, welche für die Freiheit des Staats und der Kirche zugleich auftrat. Daher hat er das scharfe philosophische Scheiden der Begriffe nicht verstanden, und er so wenig wie irgendein Brite besitzt die Gabe der deutschen und hellenischen Philosophen, die Dinge auf ihre letzten Gründe zurückzuführen. Der unvergängliche Wert seiner prosaischen Schriften liegt in der unermüdlichen Durchführung der ewigen Wahrheit, daß die sittliche Tüchtigkeit eines Volkes die Vorbedingung bleibt für seine staatliche Größe, die Blüte seiner Kunst und die Reinheit seines Glaubens. Auch darin zeigt sich der glaubenseifrige Puritaner, daß er nicht glänzen will durch einen großen Reichtum von Ideen, sondern überzeugen will durch fortwährende Vertiefung und Klärung weniger, aber mit ganzer Seele ergriffener Gedanken. Nur eines tritt als ein störender unharmonischer Zug in seinen Werken hervor. Selbst dieser freie Geist hat, wie alle seine Zeitgenossen und wie noch heute die ungeheure Mehrzahl der Briten, nicht gewagt, die letzten Konsequenzen der protestantischen Freiheit zu ziehen. Auch sein Denken ist theologisch gebunden, ist wesentlich scholastisch, obgleich er die alte scholastische Wissenschaft heftig bekämpft. Ihm gilt als selbstverständlich, daß die Forderungen der Vernunft mit den Aussprüchen der heiligen Schrift stets übereinstimmen müssen, und wird der Widerspruch gar zu handgreiflich, so hilft er sich mit dem verzweifelten Ausspruche: »so Unvernünftiges kann die Bibel gar nicht behaupten wollen.« Diese theologische Verbildung und die jüdische Härte des puritanischen Wesens entfremdet Miltons Werke gar oft uns Söhnen eines geistig freieren Volkes. Wer den ungeheuren Abstand zwischen deutscher Freiheit und englischer Befangenheit des Geistes ermessen will, der vergleiche Milton mit einem beliebigen Buche unseres Luther. Welche milde, menschenfreundliche Weisheit verbreitet sich in Luthers Tischreden über alle Höhen und Tiefen des Lebens! Wie herzlich weiß sich der Reformator das Leben der heiligen Familie auszumalen, er sieht es vor Augen, wie die Mutter Maria auf dem Zimmerplatze ängstlich auf ihren Knaben wartet und ihn fragt: wo bist du denn so lang geblieben, Kleiner? Wie pedantisch erscheint neben diesem traulichen Bilde der Jesus Miltons, der die kindlichen Spiele kalt verschmäht und als Knabe schon sich mit dem »öffentlichen Wohle« beschäftigt! Sicher, der deutsche Theolog predigt eine reinere, weltlich freiere Menschlichkeit, er redet uns auch heute noch lauter und freundlicher zum Herzen als der weltlichste und kühnste Kopf der Puritaner, der uns um anderthalb Jahrhunderte näher steht. Der Protestantismus war gefährdet, seit die Kreaturen König Karls versuchten, die anglikanische Kirche durch Verschärfung der bischöflichen Verfassung dem Katholizismus wieder anzunähern. Gegen diesen Grundschaden der englischen Reformation erhob sich Milton in fünf Streitschriften, welche nach seiner Rückkehr in die Heimat in den Jahren 1641 und 1642 erschienen. Mit dem sicheren praktischen Blicke seines Volkes, den er bei all seinem idealistischen Schwünge durchaus besaß, eiferte er zunächst nur gegen die Verfassung der Kirche. Durch ihn ward zuerst in vornehmer Sprache den Gebildeten der Nation bewiesen, was die eifrigen Apostel der Puritaner schon längst auf den Gassen gepredigt hatten, daß die bischöfliche Kirche – diese »ephesische Göttin« der Götzendiener – nur eine neue, nicht minder unevangelische Hierarchie an die Stelle der gestürzten römischen gesetzt habe, Abschaffung des Prälatentums, Beseitigung der Häufung der Pfründen in Einer Hand, welche bereits eine »Verteuerung der geistigen Speise« hervorgerufen, endlich Wahl der Seelsorger durch die Gemeinden – in diesen Forderungen gab er den Wünschen der Mittelstände klaren Ausdruck. Wie alle echten Jünger der Reformation mahnte er zur Rückkehr in die Armut und Einfachheit des apostolischen Zeitalters. Wie vordem Dante und mit Dantes Worten erklärte er die Schenkung Konstantins, welche den weltlichen Reichtum der Kirche gegründet, für »die wahre Büchse der Pandora«. Er stützte sich auf jenes goldne Wort, das die Summe aller protestantischen Weisheit über kirchliche Verfassungsfragen enthält: »wo zwei oder drei von euch versammelt sind in meinem Namen, da bin ich mitten unter ihnen.« Alsbald stürzten die Bischöfe sich auf ihn mit dem furchtbaren Rüstzeuge jener perfiden Mittel, welche nur gereizter Pfaffenhochmut nicht verschmäht. Weil Milton in seiner eifrigen Strenge einmal von falschen Bärten und Nachtschwärmern gesprochen, so ward die fleckenlose Reinheit seines Wandels verleumdet; denn nur wer Bordelle und Spielhäuser besuche, könne Kunde haben von solchen Dingen. Steinigt diese hündische Mißgeburt zu Tode, auf daß ihr nicht selbst verderbet, – das war der Ton, den die Bischöfe Hall und Usher anschlugen, um den kecken Reformator zu züchtigen. Doch die Entrüstung gegen die Prälaten ward allgemein; und nach seiner kühnen Weise, der es nur in den Vorderreihen der Streiter wohl war, verschmähte Milton jetzt, noch ferner teilzunehmen an einem Kampfe, dessen Ende nicht mehr zu verkennen war. Als er nach Jahren (1659) wieder über kirchliche Fragen zu schreiben begann, war sein Denken bereits kühner, sein Standpunkt freier. Er hatte erfahren, daß auch die Presbyterianer, denen er selbst zum Siege über die Bischöflichen verholfen, sich nicht frei hielten von jenen theokratischen Neigungen, deren jede organisierte Kirche voll ist. Man weiß, auf welchen zähen Widerstand Cromwell stieß, als er den finstern Fanatismus seiner Gläubigen zur Duldung bewegen wollte. Milton hatte nicht gesäumt, seinen großen Freund in diesen Kämpfen zu bestärken und anzufeuern, »denn auch der Frieden hat seine Siege«. Er sang ihm zu: »befrei die Seelen von der Mietlingsrotte, die ihrem Magen frönt als ihrem Gotte.« Nach dem Tode des Protektors, da die Gefahr religiöser Verfolgung wieder nahe gerückt war, richtete er an das Parlament die Denkschrift »über Regierungsgewalt in kirchlichen Dingen« – eine Verherrlichung der Duldung. Jetzt wagt er das kühne Verlangen »Trennung von Staat und Kirche«; denn der Vermischung dieser beiden Gewalten verdanken wir alle Kriege des letzten Jahrhunderts. Der Staat, der seinem Wesen nach nur »die Wirkung, nicht den Sitz der Sünde« treffen und strafen kann, verzichte fortan auf die väterliche Gewalt, die der Kirche gebührt. Die Kirche verschmähe, obrigkeitliche Rechte zu üben, »sie ist zu hoch und würdig, um sich gleich einer Weinrebe am Stamme des Staats emporzuranken«. Freilich, wenn die Kirche nicht von dieser Welt ist, so besteht und wirkt sie doch unzweifelhaft in dieser Welt; diese bittere Wahrheit hatte schon Luther erfahren. Noch um die Mitte des siebzehnten Jahrhunderts war niemand, auch Milton selber nicht, fähig, den wahren Sinn des vieldeutigen Wortes »Trennung von Staat und Kirche« zu begreifen und zu erfüllen. Auch Milton beurteilt den Staat nach religiösen statt nach rechtlichen Begriffen, und – seine Duldung hat ihre Grenzen. Sie umfaßt alle Sekten, deren Menge er als ein Zeichen des zunehmenden Denkeifers freudig begrüßt, sogar die Socinianer, welche unsern deutschen Lutheranern geradezu als Heiden erschienen; nur eines umfaßt sie nicht – popery and open superstition . Der Katholizismus ist ihm eine politische Partei, welche unter dem Scheine einer Kirche die priesterliche Tyrannei anstrebt. Selbst die Gottesleugner mag der Staat ertragen, nur diese Papisten nicht, denen der Papst jederzeit einen Freibrief für alle Verbrechen ausstellen kann. Milton so wenig wie nach ihm der Skeptiker Bayle wollte begreifen, daß mit dieser einen Ausnahme der Befreiung der Kirche vom Joche des Staates die Spitze abgebrochen wird. Fürwahr, wenn jede reinere Menschensitte von den Völkern nur auf Umwegen erreicht wird, so sind die Irrgänge der religiösen Duldung die seltsamsten von allen. Wie in Preußen die Toleranz, die köstliche Frucht der inneren Freiheit der Menschen, damit begann, daß sie den widerstrebenden Predigern vom Staate anbefohlen ward, so ward in England das friedliche Leben der Konfessionen nebeneinander erst dadurch möglich, daß man die aggressive Macht der römischen Kirche eine Zeitlang von der allgemeinen Duldung ausschloß. Selbst ein Idealist wie Milton konnte sich dieser handgreiflichen Notwendigkeit nicht verschließen. Sein starker Geist, gewohnt die historischen Dinge in der ganzen Schärfe ihrer Gegensätze zu begreifen, bekannte sich zu dem Worte: wer Autorität sagt, sagt Papst, oder er sagt gar nichts – zu jenem schrecklichen Worte, welches nur darum nicht wahr ist, weil der müden Mehrzahl der Menschen der Mut fehlt, ihren Glauben bis in seine letzten Spitzen zu verfolgen. Ein Ketzer ist in Miltons Augen nur, wer in Sachen des Glaubens menschlichem Ansehen folgt; das allein galt ihm als die wahre Sünde wider den heiligen Geist. Und es scheint nicht überflüssig, daran zu erinnern, daß diese Meinung mit den Lehren der ältesten Kirche, ja sogar noch der päpstlichen Dekretalien sehr nahe verwandt ist. So war Milton unter die kühnsten religiösen Reformer, unter die Independenten getreten, und eine neue, noch im selben Jahre erschienene Schrift »gegen die Mietlinge in der Kirche« gab davon Zeugnis. Hatte er vordem nur den Lippendienst der Agende bekämpft, weil sie die lebendige Kraft des freien Gebetes verdränge, so wendet er sich jetzt gegen die Geistlichkeit selber, den neuen Stamm Levi. Er versteht das Priestertum der Laien, dies Palladium der Protestanten, im verwegensten Sinne, er verwirft die Bildung einer theologischen Kaste und heischt das Recht des Predigens für jeden Bibelkundigen. Hatte er einst die harte puritanische Kirchenzucht verteidigt, so weiß er nun geistige und weltliche Dinge klarer zu scheiden und erkennt die Ausschließung als die einzige gerechtfertigte kirchliche Strafe. Während seiner reifsten Jahre hat der fromme Dichter nie mehr eine Kirche betreten. Noch im hohen Alter stellte er sich nach den Worten der Bibel eine christliche Dogmatik zusammen und wahrte sich damit sein protestantisches Recht auf einen persönlichen Glauben. Freilich, hätte er vermocht, die Fesseln der Scholastik abzustreifen, so mußte er noch einen Schritt weiter gehen. Denn er bekannte sich zwar im ganzen und großen zu den Lehren des Calvinismus: vereinigte doch diese Kirche damals, da die schöpferische Kraft des Luthertums erloschen schien, in sich alle treibenden, fortschreitenden Mächte, allen Freiheitsmut des Protestantismus. Aber ein wahrhaft unbefangener Blick in sein Inneres mußte ihm sagen, wie vieles ihn von diesem Glauben trennte. Nicht nur hielt er sich rein von den pfäffischen Verirrungen der Gottseligen, welche, gleich vielen Frommen unserer Tage, mit dem Gottseibeiuns auf weit vertrauterem Fuße lebten, als mit dem Herrgott selber; sondern als ein rechter Apostel der Freiheit verwarf er auch die entsetzliche Lehre von der Vorherbestimmung. Ohne die Freiheit des Willens war ihm das Leben des Lebens nicht wert; die Notwendigkeit, »der Rechtsgrund der Tyrannen«, fand keine Stelle in seinem Katechismus. Ja, in seinen letzten Jahren erkannte er bereits die Unvergänglichkeit der Materie, die Untrennbarkeit von Leib und Seele und die Immanenz Gottes. Noch mehr, in Worten und in Werken fügte er den mehr negativen Tugenden des Christentums die positiven des antiken Heidentums hinzu. Wie ehrlich gestand er, daß die ersten christlichen Jahrhunderte einen argen Rückschritt in den Sitten zeigen gegen die großen Tage der Hellenen und Römer! Mit welchem naiven Stolze, mit wie heidnischer Unbefangenheit sprach er, gleich dem modernen Heiden Scaliger, von seinem eigenen Werte! Und wie ganz »unchristlich« – nach den theologischen Begriffen der Zeit – war seine Auffassung der Moral: wir sollen zu stolz sein, uns zu hoch halten für die Sünde! »Alle Bosheit ist Schwäche«; er findet nicht Worte genug, die Kleinheit, die Verächtlichkeit der Sünde zu schildern. Mit diesen Zügen durchaus antiker Sittlichkeit vermischen sich in seiner Seele die herbsten Gedanken christlicher Askese, eine tiefe Weltverachtung und die heilige Überzeugung, alles Wissen, alle Kunst der Menschen sei wertlos, wenn sie nicht geradeswegs hinführen zu dem »Leben in Gott« – nur daß er selber dieser Widersprüche nimmer sich bewußt ward. Nach dem geistreichen Holländer Coornhert war Milton der erste Denker, welcher vermochte, in einer Zeit des konfessionellen Hasses den Geist des Christentums in gläubiger Seele zu hegen, ohne sich dem Dogma einer Konfession völlig anzuschließen. – Inzwischen hatten sorgenvolle Erlebnisse Milton zum Nachdenken geführt über einen andern Grundpfeiler des Völkerglückes, über die häusliche Freiheit. Der strenge Mann, der nie ein Liebesgedicht geschrieben, fühlte doch nach Art stolzer, spröder Naturen sehr lebhaft das Bedürfnis der Liebe. Er war vielleicht zu sehr ein in abstrakten Begriffen befangener Gelehrter, um jene dämonische Anziehungskraft zu besitzen, welche die Naturgewalt großer Künstler auf die Gemüter der Frauen ausübt; immerhin war er wohl imstande, ein Weib zu beglücken, das tief und innig genug empfunden hätte, um die Schroffheit des Gatten zu tragen und zu mildern. Leider fand er in seiner Gattin Mary Powel nur das platt Alltägliche. Die oberflächliche vergnügungslustige Tochter eines lustigen Landedelmanns sehnte sich bald hinweg aus der ernsten Einförmigkeit des stillen Gelehrtenhauses. Und Milton empfand die traurigste Nachwirkung politischer Kämpfe: die Wirren des Staates störten den Frieden seines Hauses. Die anerzogenen royalistischen Grundsätze seiner Gattin lehnten sich auf gegen das Puritanertum des Mannes. Nach Verlauf eines Monats kehrte sie zu ihrem Vater heim, und nachdem Milton vergeblich versucht, sie zurückzuführen, unterfing er sich, die Gesetzgebung seines Landes von einem Makel zu befreien, dessen Schwere er an sich selbst erfahren. Er verfaßte jene vier Schriften über die Ehescheidung (1643-1645), welche der sittlichen Bildung seiner – und leider auch unserer – Tage weit vorauseilten. Die ganze Kühnheit dieses Schritts begreifen wir erst, wenn wir uns erinnern, wie allgemein dieses Zeitalter – Milton selbst nicht ausgeschlossen – der Unart ergeben war, hinter jeder überraschenden Meinung unlautere persönliche Motive des Schriftstellers zu wittern. Von alters her war die Freiheit der Ehe ein Lieblingsthema jener sinnlichen Naturen, welche der laxen Moral ein bequemes Lotterbett bereiten wollen. Der puritanische Denker dagegen ward ein Verteidiger der Ehescheidung, weil seine stolze Tugend sehr streng und vornehm dachte von dem Wesen der Ehe. Milton war hier in der mißlichen Lage, allgemeine Regeln aufzusuchen für Fälle, welche als Ausnahmen von der natürlichen Ordnung nur eine individuelle Beurteilung dulden; aber er löste seine Aufgabe mit der Logik eines schlagfertigen Denkers und mit dem Mute eines guten Gewissens. Er will die Welt, wie von der Last des Aberglaubens in der Kirche, so von den eingebildeten Schrecken der Sünde im Kreise des Hauses befreien. Siegreich zeigt er die Sinnlichkeit des kanonischen Rechts, das nur durch fleischlichen Ehebruch die Ehe gelöst wissen will. Sein protestantisches Gewissen empört sich gegen die leichtfertigen Dispensationen vom Gesetz, welche solche übertriebene Härte notwendig veranlaßt. So streitet Milton, ihm selber vielleicht unbewußt, für die harmonische Gleichmäßigkeit der Sitte, die wir modernen Menschen verehren, und gegen die Roheit jener alten Tage, die zwischen Zwang und Ausschweifung haltlos taumelten. Mit ergreifenden Worten schildert er das Glück, das ihm selber versagt war, das Glück der Ehe als einer göttlichen, bürgerlichen und leiblichen Gemeinschaft. Freilich, diese leibliche Gemeinschaft ruhig zu würdigen, war den Männern der Reformation nicht gegeben. Auch Milton haftet noch an der lutherischen Meinung, der natürliche Trieb sei sündhaft, wenn nicht Gottes absonderliches Erbarmen seinen Mantel darüber decke. Der Beruf des echten Liebesgottes, ruft der Puritaner, beginnt und endet in der Seele. Ist jene göttliche Gemeinschaft gebrochen, so ist die leibliche wertlos, so sind die Kinder »Kinder des Zorns«. Der Zweck der Ehe ist das Glück der Gatten – und »kein Vertrag kann binden, wenn seine Ausführung dem Zwecke des Vertrages widerspricht«. Damit ist einer jener radikalen Sätze gesprochen, die mit ihrem schneidenden Klange die träge Welt aus dem Schlafe rütteln und ihr bei den verschiedensten Anlässen immer und immer wieder in die Ohren gellen: hat doch in unseren Tagen der Freistaat Venezuela genau mit denselben Worten seine Unabhängigkeit gerechtfertigt. So dringt dieser reine Mensch in allem, was er ergreift, auf das Wesen, auf den sittlichen Kern der Dinge. Nur leider hindert ihn auch hier seine theologische Verbildung, die köstlichsten Früchte seines Denkens zu ernten. Er ahnt, daß diese höchstpersönlichen Fragen durch die Aufstellung gesetzlicher Scheidungsgründe niemals gelöst werden können. Aber statt daraus zu folgern, daß sie billigerweise dem Wahrspruche eines Schwurgerichts von Standesgenossen unterliegen sollten, verwirft er kurzweg jede Einmischung der Gerichte in eheliche Verhältnisse; ja, er will die Entscheidung über die Trennung der Ehe dem Gewissen des Mannes anvertrauen und so unsere milderen Sitten verbessern durch die brutalen Rechtsbegriffe der Juden, welche die Menschenwürde des Weibes nicht fassen konnten! Abweichend von der dürren Jurisprudenz der Zeitgenossen, aber übereinstimmend mit den großen Staatslehrern unter den Alten sah Milton in der Familie die Grundlage des Staats. Um dem häuslichen Leben nach allen Seiten hin gerecht zu werden, schrieb er – damals beschäftigt mit der Erziehung der Kinder einiger Freunde – sein Buch »über Erziehung«. Vielleicht hat in jenen Tagen nur der Deutsche Samuel Hartlieb diese Schrift, welche der englische »Schulmeister« ihm widmete, ganz verstanden; so wenig hatte der Miltonische Plan eines freien, wahrhaft klassischen Jugendunterrichts mit den theologischen Begriffen des Jahrhunderts gemein. – Die häusliche Freiheit ward nicht zur Wahrheit, solange nicht »die Geburt des Gehirns ebenso frei war, wie die Geburt des Leibes«, solange der Staat die Preßfreiheit verkümmerte. Die Presbyterianer hatten im langen Parlament die Oberhand gewonnen, aber nach dem Siege bewiesen sie die gleiche Unduldsamkeit wie die gestürzten Bischöflichen, sie beschlossen (1644), daß für den Druck jeder Schrift eine Lizenz eingeholt werden müsse. Da erkannte Milton die Gefahr, daß der große Freiheitskampf seiner Nation mit dem Siege einer Partei über die andere kläglich ende. Er richtete an das Parlament die Areopagitica , die berühmte schwungvolle Rede zum Schutze der Preßfreiheit, unzweifelhaft die schönste seiner prosaischen Schriften. Hier ist Miltons großartiger Idealismus an der rechten Stelle, hier redet sein freudiger, zweifelloser Dichterglaube an die Allmacht der Wahrheit, die – ein umgekehrter Proteus – nur aller Fesseln ledig Worte des Heiles kündet. Ein gutes Buch ist wie eine Phiole voll der reinsten Lebenskraft des schaffenden Geistes; wer einen Menschen erschlägt, tötet ein vernünftiges Wesen, wer ein Buch vernichtet, tötet die Vernunft selber, denn allerdings ist möglich, daß eine Wahrheit, einmal gewaltsam unterdrückt, nie wiederkehre in der Geschichte. Mit der Vernunft hat uns Gott die Freiheit der Wahl gegeben. Daß Ein Mensch durch freie Wahl zur Tugend gelange, frommt der Welt mehr, denn daß zehn durch Zwang dazu getrieben werden. – Die Rede vermochte zwar nicht die Herrschsucht der siegreichen Partei zu belehren; doch an einzelnen tieferen Naturen fand der Apostel der Preßfreiheit schon jetzt willige Hörer. Ein Zensor legte sein Amt freiwillig nieder, weil er durch Milton die Verächtlichkeit seines Wirkens und den päpstlichen Ursprung der Zensur kennen gelernt hatte. Erst ein Jahrhundert später ging Miltons Saat auf. Seine Rede ward eine Macht in jenen Kämpfen, welche unter Georg III. die Unabhängigkeit der englischen Presse endgültig entschieden, und kurz vor der Berufung der französischen Nationalversammlung übersetzte Mirabeau die Areopagitica für seine Landsleute und schrieb dazu: nicht seine Verfassung hat den englischen Staat so hoch erhoben, sondern die Durchführung der Miltonischen Ideen, die Achtung vor der öffentlichen Meinung. Als diese Händel unter steigender Erbitterung der Geistlichkeit durchgefochten waren, verbrachte Milton vier Jahre (1645 bis 1649) in stiller Muße, schrieb an seiner Geschichte Englands in der angelsächsischen Epoche und folgte mit Spannung der anschwellenden Flut der Ereignisse. Das Königtum von Gottes Gnaden wurde von seinem Verhängnis ereilt. Ein Ausspruch Jakobs I. mag die Bedeutung des Kampfes bezeichnen – jenes blasphemische Wort aus der Thronrede vom Jahre 1609: »Gott hat Gewalt zu schaffen und zu zerstören, Leben und Tod zu geben. Ihm gehorchen Seele und Leib. Dieselbe Macht besitzen die Könige. Sie schaffen und vernichten ihre Untertanen, gebieten über Leben und Tod, richten in allen Sachen, selber niemand verantwortlich denn allein Gott. Sie können mit ihren Untertanen handeln als mit Schachpuppen, das Volk wie eine Münze erhöhen oder herabsetzen.« Zwischen dieser frivolen Selbstvergötterung eines durchaus ungermanischen Despotismus und dem gekränkten Rechtsgefühle eines gläubigen Volkes war jede Vermittlung unmöglich. Die Entscheidung mußte der Partei zufallen, welche allein den Mut hatte, ehrlich mit dem Königtume zu brechen, der Partei der Independenten, die nach dem eigenen Geständnis der Royalisten durch den Glanz ihrer Talente im Lager und im Rat alle anderen Parteien verdunkelte. Milton hatte ehemals Englands Heil gesehen in dem ehrlichen Befolgen der alten Verfassung mit ihrem »freien Parlamente unter einem freien, nicht bevormundeten Könige«. Er hatte dann sich zu Cromwells Meinung bekehrt, der von Anfang an die Dinge mit königlichem Blicke beherrschte und den Nagel auf den Kopf traf, als er erklärte, mit dem falschen versteckten Stuart sei jedes Verhandeln vergeblich. Wie sollte ihn, der den Zauber einer tiefern Poesie im Herzen trug, der romantische Reiz der ritterlichen Kavalierehre blenden? Eine edle Freundschaft verband ihn jetzt mit Cromwell. Er erkannte in dem Helden, »der Gottes Schlachten schlug«, der voran stand, »als des Messias großes Banner flog«, den gebornen Herrscher, dem die von Gott gewollte Regierung der Besten zufallen müsse. Wie verschieden geartet die beiden auch waren: der schöne, feingebildete Dichter und der plumpe, wetterfeste, nüchterne Mann des Kriegs und der Geschäfte begegneten sich in dem tiefen Ernste ihres Glaubens, in ihrer Verachtung des Scheines, und beide standen hoch genug, um keiner Partei sich gänzlich zu verpfänden. Solche grundverschiedene Naturen mit gleicher Überzeugung schließen sich leicht aneinander zu dauernder, werktätiger Freundschaft. Milton ward der Anwalt der großen Rebellion, er ward nach Dante der einzige große Dichter, der als politischer Schriftsteller sich einen Kranz errungen hat. An ihm mag man die Nüchternheit des gesunden Menschenverstandes verlernen, der schon bei dem Worte »Dichter und Politiker« selbstgefällig zu lächeln beginnt. Sicher, Milton war ein Idealist von verwegenster Kühnheit, er konnte an unabweislichen Tatsachen der Wirklichkeit mit einer, in dieser Nation von Baconianern unerhörten Gleichgültigkeit vorübergehen. Doch es ist gefährlich, zu spotten über die Weissagungen des Genius, denn noch ist keiner als ein falscher Prophet erfunden worden, der an das Edle in der Menschheit glaubte. Wenn die klugen Leute jener Tage des Dichters lachten, der die Befreiung von Griechenland und Italien träumte, mit welcher Ehrfurcht sollen wir vor solcher Sehergabe stehen! Wohl irrte er, wenn er meinte, »der Deutschen männliche Kraft« werde für den Freiheitskampf der Briten in die Schranken treten, denn unser Volk lag damals tief danieder in philisterhafter Verzagtheit und sah in den Puritanern nur eine unbändige Rotte wilder Mörder, – aber wie nun, wenn Milton heute lesen könnte in den Herzen der edelsten Deutschen? Rasch nacheinander hatte der Sturm der Revolution die bischöfliche und die presbyterianische Partei danieder geworfen. König Karl stand als Angeklagter vor dem Hause der Gemeinen; das Gemeinwesen von England war gegründet. Aus freiem Antrieb begann Milton, noch während der Prozeß des Königs schwebte, die Schrift »über die Stellung der Könige und Obrigkeiten« und ließ sie kurz nach Karls Hinrichtung erscheinen. Jetzt, da das Wohl des Staats eine große Tat gebieterisch forderte, schien es ihm feig und müßig, nach Präzedenzfällen und Gründen des positiven Rechts zu fragen. Er gab eine unbedingte Rechtfertigung der furchtbaren Tat nach Gründen des Naturrechts. Der Erfolg war ungeheuer bei Freund und Feind. Die neue Republik ernannte ihren feurigen Verteidiger zum lateinischen Staatssekretär, und im Auftrage des Staatsrats führte er nun den Federkrieg gegen die Kavaliere. Alsbald nach der Hinrichtung des Königs ward offenbar, wie schwere Wunden diese Tat der Sache der Freiheit geschlagen. Der Spruch war gefällt wider das Recht des Landes, in der Person des Königs schien die Sicherheit jedes Bürgers bedroht. Der königliche Märtyrer, der doch »nur für sich, nicht für die Wahrheit Zeugnis abgelegt«, fand sentimentale Bewunderer unter denen, welche dem lebenden Tyrannen geflucht, und die Kavaliere säumten nicht, diese weinerliche Stimmung zu benutzen. Der Bischof von Exeter verfaßte die berufene Schrift »Eikon Basilike, das Bildnis seiner geheiligten Majestät in seiner Einsamkeit und Qual«. Das Buch, voll gefühlvoller Todesbetrachtungen und frommer Wünsche für England, erschien anonym und gab sich für ein nachgelassenes Werk des Königs selber. Es ward bald in 47 Auflagen im Lande verbreitet, und ihm vornehmlich ist zu verdanken, daß der meineidige, herzlose Stuart fortan als ein edler, großmütiger Herr in dem Herzen der Masse lebte. Unverzüglich antwortete Milton mit seinem grimmigen Eikonoklastes. Dieser Bilderstürmer enthüllte unbarmherzig den plumpen Betrug, welcher jenem königlichen Bilde zugrunde lag. Er sprach goldene Worte wider die weibische Schwäche, welche die großen öffentlichen Sünden eidbrüchiger Fürsten vergißt über den kleinen Tugenden ihrer Häuslichkeit – goldene Worte, welche die harmlosen Bewunderer des musterhaften Familienlebens deutscher Kleinkönige noch heute nicht beherzigt haben. Ein neuer Anwalt des absoluten Königtums und der bischöflichen Kirche trat auf. Der bekannte philologische Polyhistor Claude Saumaise, der noch vor kurzem das Bistum als eine papistische Einrichtung verdammt hatte, schrieb jetzt »für den Judaslohn von hundert Jakobstalern« die defensio regia . Mit gutem Grunde spottete Milton: wenn Karl Stuart sich den Verteidiger des Glaubens nannte, so mag sich auch Salmasius den Verteidiger des Königs nennen, denn beiden ist eigen, daß sie zerstören, was sie verteidigen wollen. In der Tat, nicht unglücklicher konnte die Sache des Königtums verfochten werden. Wie leicht war es, die Unverantwortlichkeit des Königs als einen unumstößlichen Grundsatz des englischen Rechts aufzuweisen! Ja, selbst die absolutistischen Gewalttaten König Karls boten einem gewandten Sachwalter einen sehr dankbaren Stoff. Keine Frage, sie hatten das Land an den Rand des Verderbens geführt, aber dem positiven Rechte widersprachen sie keineswegs so unzweifelhaft, wie man gemeinhin behauptet. Hatten doch die Tudors hundert Jahre lang ungestraft ein nicht minder absolutes Regiment, freilich zum Ruhme des Landes und zum Besten der niederen Stände geführt. Aber der Streit zwischen Volk und Krone von England war längst ein großer Prinzipienkampf geworden. So stützte sich denn Salmasius, statt auf die schwer zu widerlegenden Gründe des positiven Rechts, auf das Naturrecht. Er erweiterte die fluchwürdige Politik der Habsburger, das » novus rex, nova lex « Ferdinands II., zu einem Systeme des Meineids. »Die Kreuzigung Christi war eine unschuldige Kleinigkeit im Vergleich zu Karls Hinrichtung. Wie der einzelne sich freiwillig in ewige Sklaverei verkaufen kann, so auch die Völker. Darum bindet den König kein Schwur, kein Gesetz; seine Gewalt ist göttlich, väterlich, schrankenlos.« – So furchtbar war die Verblendung und Verbitterung der Parteien, daß selbst ein solches Werk der jungen Republik gefährlich scheinen mußte. Milton schrieb zur Erwiderung die defensio pro populo Anglicano , das berühmteste seiner prosaischen Werke, und brachte damals seinem Lande ein Opfer, würdig der großen Taten römischer Bürgertugend, ein Opfer, schmerzlicher vielleicht als die Hingabe des Lebens. Längst schon war durch die wiederholte Anstrengung der Nachtarbeit die Gesundheit seiner Augen untergraben. Das eine Auge war bereits trübe geworden, und jetzt gerade erklärten ihm die Ärzte, daß auch das Licht des andern sich nur erhalten lasse durch sorgsame Schonung. Aber Salmasius hatte die Streiter Gottes ein Volk von Räubern und Mördern genannt: Milton ermaß die ganze Schwere des drohenden Verlustes, tröstete sich an dem Bilde des homerischen Achill, wählte gleich ihm ein schmerzenreiches Leben voll Ruhmes, schrieb die Verteidigung seines Volkes und – erblindete für immer. So offenbart sich in Milton in idealer Vollendung, was auch den Weltlichsten mit immer neuer Bewunderung zu diesem finstern Heiligen hinzieht – die Macht eines Glaubens, der Berge versetzen mag. Die Feinde frohlockten, sie erkannten in Miltons Erblindung Gottes sichtbare Rächerhand und schilderten ihn als das monstrum horrendum informe ingens cui lumen ademptum. Er aber schrieb einem Freunde: »was hält mich aufrecht in so schwerem Leid? Nur dies Gefühl: ich gab mein Augenlicht als Opfer hin für jenen hehren Streit, von dem die Welt im Nord und Süden spricht.« Das kleine Buch, geschmückt mit dem Wappen der neuen Republik – dem roten Kreuz und der irischen Harfe – ging von Hand zu Hand; die defensio wurde das politische Erbauungsbuch der Puritaner. Wohl ward das Werk in Paris und Toulouse von Henkershand verbrannt, aber Salmasius erlag dem Fluche des Lächerlichen, den Miltons erbarmungslose Polemik auf ihn herabgerufen. Um den Anwalt der Freiheit drängten sich preisend die Staatsmänner von England und die Gesandten der fremden Mächte. Noch in mehreren kleinen Flugschriften verfocht Milton die Sache der Republik. Das Kriegsrecht herrschte in England; ihn beirrte es nicht. In greuelvollem Kampfe ward Irland unterworfen, also daß die irische Mutter noch heute mit dem Namen Cromwell ihr weinendes Kind zur Ruhe schreckt; dem Dichter aber war kein Zweifel, wider Papisten und Rebellen müsse der Streiter Gottes das Schwert Gideons gebrauchen. In allen diesen politischen Streitschriften Miltons offenbart sich zunächst, welchen mächtigen Schritt die staatliche Einsicht vorwärts getan durch die Arbeit der Reformatoren. Der Staat war endlich zu seinen Jahren gekommen, er ward gewürdigt nach seinem eigenen Rechte und galt nicht mehr, wie in den Tagen des Papsttums, als ein Reich des Fleisches, als ein dienendes Anhängsel der Kirche. Hatte Luther einst, wie er gern von sich rühmte, als der erste gezeigt, was Stand und Würde christlicher Obrigkeit sei, so war der Glaube an die Selbständigkeit des Staats nunmehr allen Protestanten in Fleisch und Blut gedrungen. Unmöglich konnte die neue Kirche auf die Dauer sich beruhigen bei der lutherischen Lehre vom leidenden Gehorsam; wer die von Gott eingesetzten Oberhirten der Kirche nicht mehr anerkannte, mußte schließlich auch das unbeschränkte Königtum bekämpfen. Den Calvinisten bleibt das Verdienst, daß sie die letzten politischen Konsequenzen des Protestantismus gezogen. Seit den Greueln der Bartholomäusnacht ließ sich die Frage nicht mehr abweisen, wann das Recht des Widerstandes gegen tyrannische Obrigkeiten in Kraft trete. In schlagfertigen Schriften verfochten die hugenottischen Politiker, die Hotoman, la Boétie, Languet, das Recht des Volkes, den König, den es sich selber gesetzt, im Falle des Mißbrauchs der Gewalt wieder abzusetzen. Sie alle waren, wie schon früher der Schotte Buchanan, beherrscht von der calvinistischen Vorstellung, daß der Herr Zebaoth einen Bund, einen covenant , mit seinem gläubigen Volke geschlossen habe. Aber aus einem Wuste unklarer theologischer Begriffe brach doch bereits jene Lehre hervor, welche zwar noch der festen wissenschaftlichen Begrenzung bedurfte, doch in ihrem Kerne rechtlich und sittlich unanfechtbar bleiben wird, solange freie Männer leben. Hubert Languet faßte das Gleichgewicht der Pflichten und Rechte, die wahre Grundlage des Rechtsstaates, in dem klassischen Worte zusammen: »wir wollen uns vom Könige beherrschen lassen, wenn er sich von dem Gesetze beherrschen läßt.« An diese Denker knüpft Milton an, und er verhält sich zu ihnen, wie die Puritaner überhaupt zu den Hugenotten: er ist kühner, tiefsinniger, aber auch härter, fanatischer. Die unbequemen Tatsachen der Geschichte schiebt der Idealist mit einigen kühnen Griffen zur Seite: das Veto des Königs ist unvernünftig und hat daher wohl niemals in England zu Recht bestanden, das Unterhaus ist sicherlich älteren Ursprungs als das Haus der Lords! Osiris, Saul und David, die Erhebung der Schmalkaldener wider Karl V. werden als Präzedenzfälle für die Hinrichtung Karl Stuarts angeführt. Der Schwerpunkt seiner Beweisführung liegt durchaus in dem großartigen Idealismus seiner naturrechtlichen Doktrin. Angeboren ist die Freiheit den Menschen; kein Volk kann für immer darauf verzichten. Der König leitet seine Gewalt vom Volke her und darf sie nur üben innerhalb der Schranken des Gesetzes. Ein Tyrann ist nicht mehr König, nur die Larve eines Königs, er verfällt demselben Strafgesetze wie jeder andere Bürger, denn das Volk ist älter, mächtiger als der König. Doch nicht der Pöbel, zu welchem Milton den Adel und die niederen Klassen zählt, soll herrschen; von dem Kerne der Nation vielmehr, von dem gebildeten Mittelstande wird das christliche Gemeinwesen von England geleitet. Damit, offenbar, ist ohne jede Rücksicht auf die Verschiedenheit der Staatsformen, die den Staat auf den Kopf stellende vieldeutige Lehre der Volkssouveränität verkündet – das Kind einer Epoche, welche alles zu fürchten hatte von dem Mißbrauche fürstlicher Gewalt. Sie hat seitdem ruhigeren Theorien das Feld räumen müssen, welche auch erwägen, wie das Königtum zu schützen sei gegen die Übergriffe des Volkes. Dauern aber für alle Zeiten werden jene schlagenden Sätze, womit Milton das göttliche Recht des Königtums widerlegt: »daß ein Staat bestehe, ist Gottes Ordnung, die Wahl der Staatsformen aber ist in der Menschen Hand gelegt. Es ist mehr Göttliches in einem Volke, das einen ungerechten König entsetzt, denn in einem Könige, der ein unschuldiges Volk unterdrückt.« Eben jetzt war überall in Europa das absolute Königtum im Aufsteigen; doch allmählich begann in den Gemütern die Miltonische Lehre Wurzel zu schlagen: »es gibt keine Götter mehr von Fleisch und Blut,« und Cromwell durfte das stolze Wort sprechen: »der Wahn, das Volk gehöre dem Könige, die Kirche und das Heilige dem Papste und den Geistlichen, wie ihr sie nennt – beginnt in der Welt ausgepfiffen zu werden.« Hier wieder indes verfällt Milton seinem tragischen Lose, daß in den Ursachen seiner Größe zugleich die letzten Gründe seiner Irrtümer enthalten sind. Dieselbe Kraft und Innigkeit des religiösen Glaubens, welche allein ihn und seine Genossen befähigte, den Despotismus zu Boden zu schlagen, stürzte ihn auch in die entsetzlichen Lehren des jüdischen Rechts der Rache. Milton hat allerdings, wie Cromwell, die ganze schreckliche Verkettung der Umstände gewürdigt, welche für die Sicherung der Freiheit kaum einen andern Ausweg offen ließ, als die Hinrichtung des Königs. Aber der Beweggrund, welcher seinen Entschluß wirklich bestimmte, war ersichtlich seine tiefe Überzeugung von der Wahrheit der hebräischen Lehre »Aug' um Auge, Zahn um Zahn«. Dieser glänzende Geist dachte im Grunde der Seele nicht anders als jene gottseligen Dragoner, welche das Parlament bestürmten, »den Blutmann Karl Stuart zur Rechenschaft zu ziehen für das vergossene Blut«. – Die Anhänger des konstitutionellen Königtums waren vorderhand verstummt; nur die feilen Verfechter des frivolen Absolutismus traten dem Dichter entgegen. Was Wunder, daß Milton, solchen Feinden gegenüber, in eine streng republikanische Richtung hineintrieb? Er verdammt jetzt schlechthin die Monarchie. Unter den Menschen ragt kein Geschlecht durch seine Tugenden so unzweifelhaft hervor, wie unter den Pferden die Rasse von Tutbury; unter Gleichen aber – schon Aristoteles sagt es – darf keiner herrschen. Daß gerade die schreiende Ungleichheit unserer Bürger, die Macht unserer sozialen Gegensätze die Monarchie notwendig hervorruft – die Bedeutung dieser verwickelten wirtschaftlichen Tatsache vermag der starre moralische Rigorismus des Puritaners nicht zu begreifen. Er erklärt jede Staatsverfassung kurzerhand aus dem Volkscharakter; lebt ein Volk in einem unfreien Staate, so fehlt ihm eben jener edle Mut, welcher die Freiheit mit der Armut dem behaglichen Luxus der Knechtschaft vorzieht. Um dieser tief sittlichen Auffassung des Staates willen stehen Milton und alle die protestantischen Verteidiger der Volkssouveränität, welche die britischen Dissidenten gern als die » liberty authors « anführen, hoch über den Jesuiten, den Suarez und Mariana, welche dem Wortlaute nach eine sehr ähnliche Lehre verfochten, aber ohne Glauben an die sittliche Würde, an das selbständige Recht des Staats, lediglich Zum Zwecke der Herrschaft der Kirche über den Staat. Selbst jene milden Freidenker, welche später, gehoben durch den glücklichen Erfolg der zweiten Revolution, für Englands Volksrechte stritten, selbst Locke und seine Schüler haben zwar die Probleme der Staatslehre mit dem Lichte einer unvergleichlich reicheren Erfahrung erhellt; aber wie weit bleibt ihr mattherziger Versuch, das Gefühl an die Stelle der Tugend zu setzen, zurück hinter Miltons mannhafter sittlicher Strenge! Wieder und wieder mahnt der blinde Seher seine Landsleute, daß es in ihrer Hand liege, die ungeheure Umwälzung sittlich zu rechtfertigen. »Wenn ihr jetzt nicht alles von euch abweist, was klein und niedrig, wenn ihr jetzt nicht all euer Denken und Tun auf das Große und Erhabene richtet, dann ist jedes Schmähwort des Salmasius bewährt!« Die Tyrannei trachtet, die Bürger möglichst schafmäßig im Geist und Willen zu machen; ein freies Volk aber soll den Tyrannen im eigenen Busen niederkämpfen und den Staat also gestalten, daß er Einem großen Christenmenschen gleiche. Es läßt sich nicht verkennen: Miltons schwungvoller Idealismus, weil er so hoch denkt von dem Wesen des Staats, vermag nicht die Aufgabe des Staats in festen Grenzen zu halten, er vermengt Recht und Sittlichkeit, er führt in die moderne Politik antike Begriffe ein, welche die soziale Freiheitsliebe der Neueren niemals ertragen wird. Jeder scharfe Kopf mußte fragen, wie denn der Staat eine so ausgedehnte erziehende Gewalt üben könne, wenn es wirklich – wie Milton meint – nur eine religiöse Sittlichkeit gibt, die Religion aber dem Staate nicht unterworfen ist. Sehr erklärlich also, daß der geistreichste Gegner der Puritaner, Thomas Hobbes, mit der souveränen Verachtung eines mathematischen Kopfes auf die Widersprüche der Miltonischen Lehre herabschaute. Zu dem Streite des Salmasius mit Milton meinte er in seiner grimmigen Weise, er wisse nicht, bei welchem von beiden die schönere Sprache und die schlechteren Gründe zu finden seien. Wie viel folgerichtiger wußte Hobbes seine Staatslehre auszuführen, indem er dem alles verschlingenden Leviathan, dem Staate, die ausschließliche höchste Entscheidung über alle menschlichen Dinge zuwies: »gut und böse, heilig und teuflisch ist, was die Staatsgewalt dafür erklärt.« Der Verfechter der schrankenlosen Staatsallmacht dachte ebenso niedrig, materialistisch von der menschlichen Natur, wie Milton vornehm, idealistisch; die beiden redeten zwei Sprachen, Jede Verständigung zwischen den zwei größten politischen Denkern, welche England damals besaß, war unmöglich. Das mochten sie selber empfinden, sie haben beide weislich vermieden, sich miteinander zu messen. Am letzten Ende liegt die welthistorische Bedeutung Miltons darin, daß er kühner, eindringlicher, denn irgend einer zuvor, die Freiheit als ein angeborenes Recht der Völker verkündete, während die Völker noch immer nach mittelalterlicher Weise hergebrachte Freiheiten als einen privatrechtlichen Besitz verteidigten. Insofern war der Dichter wirklich einer der Pioniere einer neuen Zeit, deren Morgengrauen wir heute erst schauen, und es ist erklärlich, daß noch in den Tagen der heiligen Allianz ein Übersetzer der defensio in der Schweiz hart bestraft ward. Er selber kannte die Größe seines Wirkens. »Mir ward auferlegt, ruft er, eine edlere Pflanze als jene, die Triptolemus von Land zu Lande trug, von meiner Heimat aus unter den Völkern zu verbreiten, eine freie und bürgerliche Menschensitte in den Städten, den Reichen, den Nationen auszusäen.« Mit schöner Schwärmerei schaute Milton auf den Helden, welchem er nun diente. Seit Cromwell das Ruder der Republik ergriffen, sah die Welt endlich wieder eine wahrhafte Politik der Ideen. Nach innen freilich konnte das kühne Gebäude der Republik nur durch eine eiserne militärische Zucht vorläufig und notdürftig gestützt werden. Man bewegte sich in der unfruchtbaren, rein negativen Staatskunst eines Gemeinwesens »ohne König und Oberhaus«. Denn gar zu gewaltsam war der Zusammenhang einer uralten Verfassung zerschnitten, gar zu sehr entfremdet waren die Herzen der Stände, welche die Selbstregierung der Grafschaften vorzugsweise tragen, und gar zu schmerzlich vermißten die geängsteten Gemüter der Menschen in der strengen Ordnung des Freistaates jene belebende Kraft, deren auch der Staat nimmer entbehren kann – die Freude, den harmlos-fröhlichen Genuß der Stunde. Um so großartiger und freier entfaltete sich des Protektors Politik nach außen: der Protestantismus hatte wieder einen gewaltigen Schirmherrn gefunden. Die Staatsschriften, welche Milton im Dienste dieser erhabenen Staatskunst schrieb (ein Teil der unter dem Namen Epistolae Pseudosenatus Anglicani bekannten Sammlung), fesseln nicht bloß durch ihr klassisches Latein, sie reden auch eine Sprache voll Kraft und Wahrheit, welche wie voller mächtiger Glockenklang das dürftige Gezwitscher des »möchte« und »dürfte« gemeiner diplomatischer Redeweise übertönt. Cromwells Hoffnung war, »den gesamten protestantischen Namen in brüderlicher Eintracht zusammenzuknüpfen« und diese gesammelte Macht dem Hause Habsburg entgegenzustellen. Unermüdlich mahnte Milton den großen Kurfürsten von Brandenburg zum Frieden mit Schweden, die Lutheraner und Calvinisten Deutschlands zum Beilegen des Brüderstreits. Alle protestantischen Höfe rief er in die Schranken zum Schutze der verfolgten Waldenser; ihm schwoll das Herz von Grimm – ein schönes Sonett bezeugt es – wenn er diese ehrwürdige Heimat der Ketzerei mißhandelt sah, »dies Volk, das schon den wahren Gott bekannte, als unsre Väter noch vor Klötzen knieten«. So glänzend hatte der Inselstaat seit langem nicht dagestanden als jetzt, da Cromwell durch gebieterische Drohungen den Papst zur Herausgabe englischer Schiffe zwang und von dem Könige von Spanien seine »beiden Augen« – Abschaffung der Inquisition und freien Handel in Westindien – forderte. Freilich, diese protestantische Tendenzpolitik erschien zu spät. Schon begannen andere, rein politische Gegensätze die Welt zu erschüttern, schon hatte die Freiheit Europas mehr zu fürchten von dem begehrlichen Frankreich als von dem tief gedemütigten Spanien, und der große Kurfürst wußte wohl, warum er in dem protestantischen Schweden seinen Todfeind sehen mußte. Reiche, angeregte Stunden verlebte Milton an dem Hofe des letzten Helden des Protestantismus im Verkehre mit Waller, Georg Wither und Selden; dann und wann erschien Cromwell mit der Lady Protectreß in Miltons Hause und lauschte dem Orgelspiele des Dichters. Und doch lebte man in schwülen Tagen. Nie hatte das englische Volk die Herrschaft eines ruchlosen Königs so unruhig getragen wie das Regiment seines größten Beherrschers. Die Aufstände wollten sich nicht legen, das Pamphlet Killing no murder verlangte die Ermordung des Protektors. Und bald ist Milton selbst, wie es scheint, irr geworden an seinem Helden. Von jenen wüsten Träumern freilich, welche das Nahen des Tausendjährigen Reiches erwarteten, schied den eleganten Gelehrten schon sein guter Geschmack. Aber der die Wiedergeburt der antiken Freistaaten gehofft hatte, vermochte sich nicht zu befreunden mit der Fortdauer der Diktatur. Er begann den Staatsmann nicht mehr zu verstehen, welcher den Mut hatte, das Notwendige zu wollen, und das Königtum, das unentbehrliche, neu zu gründen trachtete. Seinem republikanischen Staatsamte ist der Dichter bis nach Cromwells Tode treu geblieben; und auch in den politischen Federkrieg trat er wieder ein, als die Zügel des Regiments, den schwachen Händen Richard Cromwells entgleitend, schlaff am Boden hingen, als der Freistaat verlassen ward von dem Glauben des Volkes, und immer lauter und zuversichtlicher der Ruf der Kavaliere erklang: the king shall rejoice his own again . Da erfüllte sich Miltons Prophetenwort: die Briten waren »unversehrt durch das Feuer gegangen, um dann an dem Qualm zu sterben«. Keine Spur der harten Tugenden, welche das gefährdete Gemeinwesen heischte: überall die verzweifelte Müdigkeit, die der Anspannung ungeheurer Taten zu folgen pflegt. In offenen Briefen und in der Schrift »der mögliche und leichte Weg, ein freies Gemeinwesen herzustellen« stritt Milton als der Letzte für die »gute alte Sache«. Nach der Weise solcher hellsehenden Naturen im einzelnen irrend, aber im großen und ganzen untrüglich, meinte er einen glatten Heuchler wie Monk durch den Hinweis auf die sittliche Reinheit der Republik zu rühren, und zugleich sprach er die tiefsinnigen Worte, daß ein zurückkehrendes Königtum die schlimmste der Gewaltherrschaften sei, daß Englands Volk noch einmal für sein Recht werde bluten müssen. Eben jetzt, da die kleinen Menschen an dem Gemeinwesen verzweifelten, erhob sich sein Idealismus zum verwegensten Fluge. War nicht mit Cromwells Tode die Gefahr der Tyrannis verschwunden und die Möglichkeit gegeben, den Staat nach den höchsten Anforderungen protestantischer Freiheit umzugestalten, eine feste Burg des Protestantismus, ein westliches Rom zu gründen? Et nos consilium dedimus Sullae, demus populo nunc , schrieb Milton und entrollte den Plan seines Staatsideals. Alle Standesunterschiede sollen schwinden, vornehmlich muß die Anhäufung des Grundbesitzes in wenigen Händen, welche die normannische Eroberung verschuldet, durch eine Äckerverteilung vernichtet und also der Schwerpunkt des Staats, der Mittelstand, gestärkt werden. Unbedingte Freiheit des Glaubens, des Wissens, des Verkehrs. Aber mit nichten wollte Milton, der auf die Masse mit dem vornehmen Stolze aller feineren Geister herabschaute, daß diese demokratisierte Gesellschaft auch demokratisch regiert werde. Auch er bewunderte jene seegewaltige Republik des Protestantismus, welche Cromwell durch einen ewigen Bund mit England zu vereinigen dachte. Ein lebenslänglicher Senat, ähnlich den Generalstaaten im Haag, sollte den verjüngten Freistaat regieren, Großbritannien sollte sich umgestalten zu einem Bunde freier Provinzen und Gemeinden nach dem Muster der Vereinigten Niederlande, nur mit einer ungleich stärkeren Zentralgewalt. Noch niemals waren die demokratischen Ideen des Calvinismus so kühnlich durchgeführt worden. Doch dies königliche England war nicht gesonnen, den Träumen seines Dichters zu lauschen. Erst hundert Jahre später, unter den Männern, die ihren puritanischen Glauben über das Weltmeer gerettet, trat das Staatsideal des Independenten ins Leben; aber auch die Union von Nordamerika hat jenen Adel der Geistesbildung nicht entfaltet, welchen der Dichter von der vollendeten Demokratie erwartete. Das waren die letzten Worte der sterbenden Freiheit. Milton selber verglich sich dem Propheten, der von den tauben Menschen sich abkehrend die schweigende Welt anruft: »O Erde, Erde, Erde!« Höher und höher schwoll »die Sündflut dieses epidemischen Wahnsinns«, man hatte die traurigste der Künste gelernt, die ein Volk niemals lernen soll, die Kunst, das Unwürdige zu vergessen. Ohne jede Bedingung ward der Staat einem Stuart ausgeliefert, »auf den Knieen ihrer Herzen« begrüßen die Gemeinen von England den legitimen König. Die »Rückkehr nach Ägyptenland« war vollbracht. Das Volk, entledigt des puritanischen Zwanges, tanzte jubelnd um das goldene Kalb, und in den Ratsälen der Cromwell und Bradshaw tummelte sich die Gemeinheit eines verwilderten Hofes. Als jetzt das Gericht der Rache verhängt ward über die großen Rebellen, als man die Leiche des Protektors aus dem Grabe riß, da ward auch Milton von den Verfolgern ereilt. Am 16. Juni 1660 verbrannte der Henker die defensio , und nur der Verwendung einflußreicher Freunde gelang es, den bereits verhafteten Dichter zu befreien. Aber wenn man meinte, der verstockte Rundkopf werde sich freuen, so billigen Kaufes zu entkommen, so kannte man wenig den unbeugsamen Rechtssinn des Mannes: nicht eher schied er aus dem Gefängnis des Hauses der Gemeinen, als bis er eine Klage eingereicht gegen den serjeant at armes , welcher ihm zu hohe Gebühren angerechnet. Und nun stand der Letzte der Puritaner allein, das England Karls II. hatte keinen Platz für einen Milton. Alles, was ihm heilig, war ein Spott der Buben geworden, und jene wunderbare Fügung, welche unter die Herrschaft des verächtlichsten Königs den Beginn des gesicherten konstitutionellen Regiments in England verlegte – er sollte sie nicht mehr erkennen. Den ganzen Schmerz eines Patrioten, der an der Würde seines Volkes verzweifelt, legte er nieder in den trostlosen Worten eines Briefes an einen Freund: »Meine kindliche Liebe zum Vaterlande hat mich endlich ohne ein Vaterland gelassen.« War es möglich, baß ein römischer Bürger das Verderben seines Landes über den Freuden seines Hauses vergessen konnte, so sollte Milton auch dieser Trost versagt bleiben. Häusliches Unglück, das Los der meisten großen Dichter Englands, war auch das seine. Seine ungetreue Gattin hatte nach mehrjähriger Abwesenheit endlich zu Miltons Füßen sich niedergeworfen und die Verzeihung des Sanftmütigen erfleht. Dann waren die beiden bis zu Marys Tode nebeneinander hingegangen, ohne daß ihre Seelen sich fanden. Darauf, in den Tagen seines politischen Wirkens, ward ihm das Glück, in Catharina Woodcock ein Weib nach seinem Herzen zu finden – doch nur für ein kurzes Jahr. Wie oft ist dann die liebliche Gestalt der Toten mit ihrem gütigen Lächeln durch seine Träume geschritten, bis ein trauriges Erwachen ihn zurückführte in die kalte Nüchternheit seiner Vereinsamung: »ich wache – und der Tag bringt meine Nacht zurück.« Endlich ließ sich der fünfzigjährige hilfsbedürftige Blinde durch das Zureden seiner Freunde zu einer dritten Heirat bewegen. Den der gewaltige Wechsel der Völkergeschicke zu Boden geschmettert, er sollte jetzt noch durch die Nadelstiche alltäglicher kleinlicher Leiden gepeinigt werden. Die rohe, derbe Haushälterin Elisabeth Minshull blieb seinem Herzen ebenso fremd, wie die unholde Kälte seiner älteren Töchter. Und wie sehr mußte er den etwas willigeren Gehorsam seiner jüngsten Tochter Deborah ausbeuten, wenn er sie die unverstandenen griechischen Werke vorlesen ließ oder ihr buchstabenweise seine lateinischen Briefe diktierte. Sein Vermögen war in den Wirren des Bürgerkrieges verloren, sein Haus von dem großen Londoner Brande vernichtet worden. Nur einige armselige Gesellen, wie der Quäker Elwood, wagten noch den gemiedenen Puritaner aufzusuchen, wenn er abends im ärmlichen Zimmer seine Tonpfeife rauchte. Am schwersten aber lastete auf seiner tatenlustigen Natur das Gefühl seines Leibesgebrechens. Wenn die verzärtelte Prüderie der Gegenwart dem Dichter gern das Reden über höchst-persönliche Leiden untersagen möchte, so empfand Milton bei allem Stolze viel zu einfach und sicher, um sich die natürlichste der Klagen zu verbieten. Sein Sonett » on his blindness « gehört zu den schönsten Klageliedern aller Zeiten: auf die vorwurfsvolle Frage, warum sein Pfund so frühe sich vergrabe, findet der fromme Poet die tröstliche Antwort, daß der Herr in seinem königlichen Haushalt tausend bereite Diener habe, und die nur stehn und harren, dienen auch. Freilich, wie verstand sein feuriger Geist dies »stehn und harren«! Ein Teil seiner selbst geworden war das freudigste aller Bibelworte: »daß denen, die Gott lieben, alle Dinge zum besten gereichen.« Auch er, wie alle edleren Naturen, ward durch das Körperleid geadelt, gehoben. Eine Zeit der Schande war gekommen, da jedes ernste, fromme Wort den Schriftsteller in den Verdacht rebellischer Gesinnung brachte. Abermals, und frecher noch als unter Karl I., ward die Unzucht der Bühne vom Hofe begünstigt. Weder Drydens zierliche Reime, noch jene unflätigen Späße, womit Butler in seinem Hudibras die geschlagenen Puritaner bewarf, konnten den Kopf eines Milton beschäftigen. Aus dieser Welt der Flachheit und Gemeinheit flüchtete er unter die unvergänglichen Schätze, die er seit langem im Geiste trug. In den stillen Stunden einsamer Sammlung fühlte er die Kräfte seiner Seele wachsen; laut und lebendig in ihm wurden der Geist der Bibel und die Nachklänge jener großen Dichterwerke, welche die Liebe seiner Jugend gewesen. Während sein leibliches Auge geschlossen war, schwebten vor seiner Seele die reinen Gestalten einer höheren Welt und mahnten ihn, sie festzuhalten. So wurden ihm die Tage körperlicher Leiden, häuslichen Kummers und staatlichen Elends verklärt von einem Glücke, das seinen sonnigsten Jugendtagen so schön nicht gelächelt hatte. Allnächtlich – er selber erzählt es – erschien vor seinem Lager seine Muse, der Geist Gottes, und hauchte ihm himmlische Melodien zu. Der alternde Milton schuf das Verlorene Paradies, und mit gerechtem Stolze durfte er sich selbst der Nachtigall vergleichen, die im Dunkel am herrlichsten singt. Fünfundzwanzig Jahre lang hatte das Feuer unter der Asche geschlafen, das jetzt in hellen geläuterten Flammen hervorbrach. Nur selten hatte er die harte politische Arbeit unterbrochen und eines jener Sonette hingeworfen, welche darum so tief und unvergeßlich wirken, weil in ihnen der lange verhaltene Strom politischer Empfindung mit gesammelter Kraft hervorbricht. Eine alte Schuld war einzulösen, denn wiederholt war in seinen prosaischen Schriften verkündet, daß er sich mit dem Plane eines großen Epos trage. Wenn andere, ausschließlicher als er für das Schöne geschaffene, Künstler sich weislich hüteten, den Zauber vorlaut zu stören, der über einem werdenden Gedichte wacht, so hatte Milton solche Vorsicht nicht nötig. Die Aufgabe des Dichters war ihm nicht wesentlich verschieden von dem Berufe des Predigers: »er soll die Tugend und öffentliche Gesittung in den Massen pflegen, die Unruhe des Herzens stillen und die Leidenschaften in harmonischen Einklang bringen.« Um einen Gentleman in Tugend und Edelmut zu erziehen, versichert Milton, ist unser weiser und ernster Dichter Spenser ein besserer Lehrer als Scotus oder Thomas von Aquino. – Man darf in dieser Meinung nicht bloß die moralisierende Befangenheit des Puritaners sehen. Wenigstens Eine Eigentümlichkeit der Kunst ist damit aufs klarste erkannt: die wunderbare Tatsache, daß die Kunst, indem sie ein Äußerliches darstellt, dennoch den Menschen sammelt und auf sich selber zurückführt, während das Äußerliche der Wirklichkeit uns zerstreut. In diesen Aussprüchen Miltons über den Beruf des Dichters besitzen wir einen Schlüssel, der uns das Verständnis des Paradise lost besser erschließen wird, als der jedes theologische Gedicht verwerfende Christenbaß der Enzyklopädisten, oder die bornierte Salbung jener englischen Kritiker, welche, um das »christliche« Gedicht recht hoch zu erheben, allen anderen Dichtern nur eine uninspired inspiration zuerkennen. Wie unendlich viel hatte doch das englische Leben an Farbenpracht, an Lebenslust und kerngesunder Freude in dem halben Jahrhundert zwischen Shakespeares und Miltons Tagen verloren! Nie bewährte sich umbarmherziger und schneidender das traurigste und tiefsinnigste der historischen Gesetze, wonach jeder Fortschritt der Völker zugleich notwendig einen Verlust enthält. Der protestantische Glaube war ein Gemeingut des Volkes geworden; aber so gänzlich war in dem besseren Teile der Nation die alte glückliche Lust am künstlerischen Spiel erstorben, daß ein Genius wie Milton in die embryonische Form der Allegorie zurückfallen konnte, wenige Jahre, nachdem sein Volk das vollendete Kunstwerk des Dramas geschaffen! Und so gänzlich hatte frostige Gelehrsamkeit unter den Puritanern die heitere Natürlichkeit der Sitten bewältigt, daß Milton es noch für nötig hält, das Dichten in englischer statt in lateinischer Sprache ausdrücklich zu entschuldigen! Verschwunden war das merry old England der jungfräulichen Königin, vollzogen jene harte Ernüchterung des Volkscharakters, welche noch heute Englands Epos und Drama in dem engen Kreise des Sittenbildes festgebannt hält. Wie später Byron – der einzige englische Dichter, der nach Milton den Mut fand, den Kothurn zu führen – zu solcher Kühnheit nur durch das Beispiel der deutschen Muse begeistert worden ist, so ward Milton nur auf den Flügeln der Religion, der biblischen Dichtung über die prosaische Kälte seiner Zeitgenossen emporgehoben. Es konnte nicht fehlen, eine Richtung, so überschwenglich reich an geistigen Kräften, wie der Protestantismus, mußte auch nach künstlerischer Verklärung ihrer Ideen streben. Bereits hatte Shakespeare in Gestalten von unerreichter Großheit jene sittliche Weltanschauung des Protestantismus verkörpert, welche den Schwerpunkt der Welt in das Gewissen verlegt, die Idee der Pflicht über alle andern stellt. Doch solche echte dramatische Kunst, von Grund aus sittlich und dennoch sinnlich schön, konnte dem konfessionellen Eifer einer religiös hochaufgeregten Epoche nimmermehr genugtun. Die junge Kirche bedurfte einer religiösen Dichtung, welche der Stimmung der gläubigen Gemüter hinreißenden Ausdruck gab, die Glaubenswahrheiten des gereinigten Christentums verherrlichte. Wunderbar glücklich entsprach diesem Drange das deutsche Kirchenlied – das Herrlichste, was die spezifisch-religiöse Poesie der Evangelischen aufzuweisen hat, denn nur die Lyrik vermochte dem spiritualistischen, durchaus unsinnlichen Wesen des Protestantismus gerecht zu werden. Aber nicht umsonst lebte man in einer gelehrten Epoche. Hatten die Heiden des Altertums ihre falschen Götter in Epen und Dramen verherrlicht, so sollte auch die religiöse Poesie der Protestanten diesen höheren Flug wagen. Der edle Hugenott Salluste du Bartas war der erste, der dies widerspruchsvolle Unternehmen versuchte. Sein Epos La Semaine de Création besang die alttestamentarische Schöpfungsgeschichte – ein Werk voll hohen sittlichen Ernstes, an einzelnen Stellen schwungvoll, doch im ganzen prosaisch, lehrhaft, ein dem modernen Leser unerquickliches Gemisch von christlicher Moral und klassischer Mythologie, worin der Herr Zebaoth friedlich neben Venus und dem paphischen Bogenschützen prangt. Das Gedicht fiel zündend zur rechten Stunde mitten hinein in die Erregung der Hugenottenkriege. Mit überschwenglicher Bewunderung dankten die Streiter Gottes ihrem Sänger. Er war der »Fürst der französischen Dichter«, sie verhießen ihm au lieu, d´un mort laurier l´immortelle couronne und bezeichneten also mit unbewußter Ironie die Zwitternatur seiner Dichtung. Dem gefeierten Vorgänger folgten glaubenseifrige Dichter in allen Ländern des Calvinismus – alle überragend Hugo Grotius mit seinem Christus patiens und andern lateinischen Tragödien aus der heiligen Geschichte. Auch Milton lebte des Glaubens, daß ein biblischer Stoff »ein heroischerer Gegenstand sei als der Zorn des Achilles.« Alle Pläne weltlicher Dichtung, die er vorzeiten gehegt, stieß er von sich. Dem Höchsten sollte jetzt sein Dichten gelten. Um Beistand und Erleuchtung rief er an »den Geist des Herrn, der mit gespreizten Schwingen gleich einer Taube ob dem Chaos schwebte – den Geist, dem ein aufrechtes, reines Herz willkommener ist als stolzer Tempelbau«. Und nicht durch einen Zufall lenkte sich der Sinn des harten Puritaners auf eine Erzählung aus dem Alten Bunde. Aus dem milderen Neuen Testamente hat nur Eine Schrift seinen Dichtergeist mächtig erregt – die Offenbarung Johannis; sie fesselte ihn durch ihren phantastischen Schwung und durch ihren starren judenchristlichen Fanatismus. Von allen Mythen des Alten Testaments wählte er den schrecklichsten: wie durch den Fall der ersten Menschen der Tod in die Welt kam – und nur kurz verkündet in den letzten Gesängen der Engel des Herrn die Botschaft der Versöhnung, daß »ein größerer Mensch« erscheinen und das verlorene Paradies wiederfinden werde. – Wenn die theologische Einseitigkeit der Briten, sogar eines Hallam, in diesem Stoffe, welcher jeden Nichtgläubigen kalt läßt, das menschlichste Thema aller Dichtung finden will, so können wir nicht entschieden genug betonen, daß das Paradise lost ein symbolisches Werk ist. Milton schafft nicht Bilder, in denen eine Idee ungesucht ihren vollkommenen Ausdruck findet, sondern seinen Bildern hat der religiöse Glaube eine ihnen ursprünglich fremde Idee untergeschoben. Er war zu sehr Dichter, um gleich seinem trockenen Freunde Harrington einen puritanischen Staatsroman zu schreiben, aber er war zu sehr Theolog, um ein reines Epos zu schaffen. Sein Zweck ist didaktisch, er will die Wege Gottes dieser Welt erklären und Zeugnis geben von der ew'gen Vorsicht. Wahrend die naiven Epiker der Alten den Helden zuerst nennen, dem ihre Gesänge gelten, bekennt der Dichter des Verlorenen Paradieses gleich in der Anfangszeile den abstrakten Inhalt seines Gedichtes: of man´s first disobedience etc. Der harte Sohn eines Jahrhunderts der Kriege, will Milton seine Leser aus dem dumpfen Genußleben des Alltagslebens emporreißen zu der grandiosen Vorstellung, daß die Geschichte der Welt anhebt mit dem Kampfe Gottes wider den Bösen. In der katholischen Zeit hatte der Volksglaube seine derben Possen getrieben mit dem dummen, dem geprellten Teufel. Seit Luther erschien der böse Feind als eine beängstigende, schreckliche Macht. Milton war der erste Dichter, der diesem finsteren Teufelsglauben der Protestanten einen erhabenen Ausdruck gab. Vor seiner Seele schwebten die Bilder der Apokalypse von dem Kampfe der Seraphim mit den gefallenen Engeln: »Michael und seine Engel stritt und der Drache stritt und seine Engel.« Er macht Ernst mit den Ideen der Zend-Religion, welche das Judentum in sich aufgenommen. Ihm ist der Teufel der Ahriman, der Fürst der Finsternis. Die Fülle des Wissens und des Könnens leiht er seinem Satan, also daß der jüngere Pitt an der prachtvollen Rhetorik dieses Höllenfürsten sein Rednertalent schulen konnte. Herrliche Worte des Titanentrotzes, unbeugsamer Willenskraft läßt der Sänger seinen Teufel sprechen, und es ist bekannt, wie oft besiegte Helden im Unglück sich an dem unbezähmbaren Mute des Miltonischen Satan erhoben und getröstet haben; dem frommen Dichter aber erschien der Heldenmut, der nicht dem Himmel dient, als das schlechthin Böse. Er kann sich kaum genug tun in der Schilderung der finsteren Herrlichkeit der Hölle. Thrones, Dominations, Princedoms, Virtues, Pow´rs redet Satan die Fürsten des Pandämoniums, die Millionen der Dämonen mit den flammenden Schwertern an. Wohl wird der König der Finsternis zu Schanden vor dem Herrn der himmlischen Heerscharen, und der Fluch, welcher auf Adams Samen haftet, wird hinweggenommen durch den Gottessohn, der das Nahen des himmlischen Reiches verkündet. Aber noch wird die Jahrtausende hindurch die Sünde eine Macht sein unter den Menschen, klein die Zahl der Treuen, die inmitten des Abfalls und der Bosheit zu dem Herrn halten und hienieden schon die Seligkeit des göttlichen Friedens genießen. Und nun zieht der Dichter mit dem ungeheuren Stolze selbstgewisser Tugend die gesamte Menschengeschichte vor seinen Richterstuhl und scheidet die Böcke von den Schafen, spendet durch den Mund seines Engels Segen und Fluch. Erbarmungslos geht er ins Gericht mit seinen Zeitgenossen. Die spitzfindigen Dogmatiker der Hochkirche, die gewandten, gottlosen Künstler des Königsschlosses von Whitehall sitzen zu den Füßen Satans in Miltons Hölle. Die Frechheit der entfesselten Begierde, die am Hofe Karls II. ihre Orgien feierte, geht gräßlich zu Grunde in der Sintflut, die der zornige Herr über die entartete Welt ergießt. Wahrlich, mild ist sie nicht, die Muse des Puritaners. Nach alledem wird deutschen Lesern einleuchten, daß das Verlorene Paradies ein echtes Epos nicht ist. In der Tat, das siebzehnte Jahrhundert, in welchem gewaltige Gegensätze des staatlichen und des kirchlichen Lebens in bewußtem Kampfe aufeinander prallten, war himmelweit entfernt von jener Einfachheit und naiven Unmittelbarkeit der Empfindung, welcher die epische Dichtung entströmt. Nur mit Wehmut können wir das Los des zu spät geborenen großen Dichters betrachten. Nicht einmal von dem Beifalle seiner Glaubensgenossen ward er getragen. Wenn die Helden der Hugenottenkriege den Sänger der »Woche der Schöpfung« auf den Schild hoben, so stritt Milton für eine leidende Sache. Er stand in argen Tagen, unter bösen Zungen, blind, einsam, von Gefahren rings umdroht, doch nicht allein. Noch in einem tieferen Sinne ist das Verlorene Paradies ein zu spät geschaffenes Werk, ein Anachronismus. Der protestantische Glaube kann und darf keine Mythen bilden, und auch Milton ist an diesem Versuch gescheitert. Wenn die unvollkommenen Götter des Homer, die in Milton den gleichen prosaischen Unwillen hervorriefen wie in Platon, unsere volle menschliche Teilnahme herausfordern, so sind die reinen religiösen Begriffe des Christentums poetisch ganz wertlos. Denn was wir blöden Sterblichen so gern als den Fluch unseres Geschlechtes beklagen, die Schwäche, die Beschränktheit unserer Kräfte – das ist in Wahrheit der Kern alles Lebens. Statt geistlos nachzubeten, was Englands Essayisten uns vorgesagt, sollen wir ehrlichen deutschen Ketzer uns ein Herz fassen und grad' heraus bekennen: dem Satan Miltons, seinen Kämpfen und Sünden folgen wir mit dem lebendigsten Mitgefühle, aber kalt und teilnahmlos blicken wir auf den poetischen Gott Vater und Gott Sohn, die nicht fehlen, nicht irren, alles wissen und dennoch kämpfen, deren unfaßbares, zwischen Besonderheit und Allgemeinheit hinschwankendes Wesen mit Gewalt die prosaischen Bedenken der Logik, das monumentale o omnis determinatio est negatio in uns wachruft. Nicht ungestraft verachtete Milton die Sinnlichkeit, welche dem Dichter ist was den Fischen das Wasser. Sein Bemühen, das Unsinnliche, das Ewige poetisch zu gestalten, mußte oft scheitern, ja, dann und wann in das Komische umschlagen: so wenn Adam dem Gott Vater die Langeweile seiner Einsamkeit klagt, und dieser erwidert: »was denkst du denn von mir, der ich in Ewigkeit allein bin?« Auf den ersten Blick mag es scheinen, als böte eine Welt, wo alles Wunder ist, der Phantasie ungeheuren Spielraum. Doch schauen wir schärfer zu, so waren auf dem Gebiete der christlichen Mythologie der schöpferischen Kraft des Dichters sehr enge Grenzen gesetzt. Dem bibelfesten Protestanten ist es schwerer, trockner Ernst mit seinem Glauben; selbst den Wortlaut der Heiligen Schrift sieht er nicht gern durch dichterische Änderungen gestört. Wir würden dies noch stärker empfinden, wäre das Paradise lost in deutscher Sprache geschrieben. Die lutherische Bibelübersetzung ist mit unserem Volke gewachsen und wir mit ihr; wer als Kind die herzerschütternden Worte der lutherischen Bibel in seine Seele aufgenommen hat, der überwindet nie gänzlich das Gefühl des Befremdens, wenn ihm die biblische Weisheit in poetischer Umbildung entgegentritt. Auch Milton selber hätte es für eine Blasphemie gehalten, die Glaubenslehren der protestantischen Kirche aus ästhetischen Gründen umzugestalten. Die theologischen Fanatiker Englands sind in ihrem guten Rechte, wenn sie den Dichter wegen seiner arianischen Lehren verketzern; denn allerdings, wäre Milton nicht als ein Arianer überzeugt gewesen, daß kein Zeilchen in der Bibel von der göttlichen Natur Christi rede, nimmermehr hätte er in seinem Gedichte den Gottessohn als einen Menschen dargestellt. Nun aber ist jeder Dichter notwendig Polytheist; schon Goethe gestand dies mit jener edlen Unbefangenheit, welche unsere frommen Leute »heidnisch« nennen. Auch Milton fühlte die Notwendigkeit, den öden protestantischen Himmel zu bevölkern. Die katholischen Heiligen verwarf sein evangelischer Eifer; so blieben ihm nur die Gestalten der Engel und Teufel und einige allegorische Figuren wie »Urania und ihre Schwester, die himmlische Weisheit« – frostige Abstraktionen, welche durchaus den Eindruck lebloser Maschinerie hinterlassen. Ja selbst das Los des ersten Menschenpaares wird durch das Einwirken überirdischer Mächte der menschlichen Teilnahme entrückt. Nur für frei handelnde Menschen empfinden wir Mitgefühl. Wenn aber Gott Vater zu Adam spricht: Alles ist vorher bestimmt, und dennoch deiner freien Wahl anheimgestellt – so erweckt der Dichter philosophische Zweifel, die jedes ästhetische Interesse ersticken. Desgleichen, daß Ein geringfügiger Ungehorsam grenzenlosen Jammer über die Menschheit bringt, ist, als freie Erfindung betrachtet, widersinnig und muß, je nach der Stimmung des Lesers, Gelächter oder Empörung erregen; nur der religiöse Glaube führt über diese Widersprüche hinweg. Mögen also die englischen Eiferer und jene Deutschen, welche die Geistesfreiheit unseres Volkes wieder zu der Beschränktheit englischer Rechtgläubigkeit zurückzuführen denken – mögen sie immerhin versichern, es gehe bei dem »HErrn« des blinden Dichters »gar zu menschlich« her! So Dr. L. Wiese, Miltons Verlorenes Paradies. Berlin 1863. Der unverbildete Schönheitssinn unseres Volkes wird sich nicht wieder von der goldenen Wahrheit trennen, daß die Poesie nur das Menschliche darstellen kann und Miltons Epos ebendeshalb keine ungetrübte Freude erregt, weil diese übersinnliche Welt zu wenig menschlich ist. Und dennoch ist das Verlorene Paradies ein unvergängliches Werk, das nicht mit dem Maße der ästhetischen Theorie allein gewürdigt werden kann. Als Mulciber, der Künstler der Hölle, den Prachtbau des Pandämoniums gegründet, da – erzählt Milton – »bewunderten die einen das Werk, die andern den Meister des Werks« – eine Unterscheidung von Lessingscher Schärfe, die auch Lessings warmen Beifall fand. Wenden wir dies Wort auf Miltons Gedicht selber an, so ist kein Zweifel, daß dem Meister des Werks der größere Ruhm gebührt. Vergessen wir bei Homer den Dichter völlig über seinen Helden, so empfängt das Verlorene Paradies seinen ganzen Wert von dem erhabenen Charakter des Dichters, der hinter jeder Zeile hervorschaut. Nie wirkt Milton gewaltiger, als wenn er unter fremdem Namen sein eigenes Leben und Leiden schildert, wenn er den Noah, den Abdiel vorführt, – »der getreu erfunden ward unter den Ungetreuen, er allein getreu« – oder den Adam neben der reuig vor ihm niedersinkenden Gattin. Die schönsten Stellen des Gedichtes sind jene, wo der Dichter die Schranken des Epos geradezu überspringt, seinem lyrischen Genius die Zügel schießen und einen mächtigen Choral zum Himmel steigen laßt. Das Paradise lost ist ein Werk von wunderbarer subjektiver Wahrheit: in seiner ernsten Hoheit, seiner herben Strenge ein lebendiges Bild des heldenhaften Mannes, der, leidend für eine große Sache, noch den Mut fand, die Geschichte aller Zeiten dem Richterspruche des Puritanertums zu unterwerfen. Es ist unsterblich, als das Werk eines reinen und reichen Menschen, der selbst »die letzte Schwachheit edlerer Naturen«, den Durst nach Ruhm, lächelnd überwunden hatte und seine schöpferischen Gedanken nur noch in den höchsten und heiligsten Regionen schweifen ließ, hoch ob dem Lärm und Qualm des trüben Punkts, den Menschen Erde nennen. Und nicht bloß die Person des Dichters, auch die Leiden und Kämpfe des puritanischen Englands treten uns aus den Versen des Paradise lost entgegen. Kein Gesang darin, der nicht mahnend, strafend, begeisternd auf die Nöte des Jahrhunderts wiese. Wenn Milton das Heer des Erzengels wider die Dämonen der Hölle ausziehen läßt, so meinen wir sie mit Händen zu greifen, jene »Männer, wohlgewappnet durch die Ruhe ihres Gewissens und von außen durch gute eiserne Rüstung, feststehend wie ein Mann« – jenes gottbegeisterte Heer, welchem England seine Freiheit dankt. Wir sehen vor Augen das Schlachtfeld von Dunbar, wir schauen, wie die Eisenseiten Oliver Cromwells ihr blutiges Schwert in die Scheide stecken und das Haupt entblößen und über das leichenbedeckte Feld das Siegeslied des streitbaren Protestantismus erschallt: »lobet den Herrn, alle Helden, preiset ihn, alle Völker!« Dieser Hintergrund einer großen Geschichte verleiht dem Gedichte Miltons jenen Reiz dramatischer Wahrheit, welchem auch Goethe nicht widerstehen konnte. In diesem subjektiven Sinne ist selbst dies Werk didaktischer Kunst ein Werk harmonischer Schönheit. Denn wie oft wir auch bei den herrlichen Dialogen des Gedichts die Frage aufwerfen möchten, warum Milton nicht, seinem ersten Plan getreu, ein wirkliches Drama geschaffen, so kehren wir doch immer wieder zu der Einsicht zurück, daß ihm die Berechnung des Moments, der weltliche Sinn, die bewegliche Raschheit des Dramatikers gänzlich fehlte, daß er der tiefen Innerlichkeit seines Wesens nur in einem philosophischen Gedichte gerecht werden konnte. So wenig ein natürlich empfindender Mensch ein Gedicht zum Lebensbegleiter wählen wird, das uns fortwährend spannt und emporträgt über Raum und Zeit: so gewiß wird jeden das volle Gefühl menschlicher Kraft und Größe überkommen, der in einer trüben Stunde der Abspannung oder Verwirrung einen Gesang des Paradise lost aufschlägt, um den Heldenmut eines ganzen Mannes zu schauen, welcher »in Worten mächtiger war, als seine Feinde in Waffen«. Haben wir so den nur bedingten – den mehr historischen und subjektiven als rein-ästhetischen – Wert des Verlorenen Paradieses begriffen, so dürfen wir um so freudiger die gewaltige Dichterkraft bewundern, welche einen widerstrebenden Stoff so sicher beherrscht. Milton hat in diesem Werke das Höchste und Edelste von allem niedergelegt, was ihm je Kopf und Herz bewegte. In poetischer Form kehren hier wieder seine Ideen über das Verhältnis des Menschen zu Gott, über die Freiheit des Willens und die Notwendigkeit eines selbsterrungenen persönlichen Glaubens. Auch der zweite Ideenkreis, der seine Mannesjahre beschäftigte, lebt hier wieder auf – seine Gedanken über das Verhältnis von Mann und Weib. An jenem unsterblichen Gesange, welcher erzählt, wie Eva – »der Himmel war in ihren Augen« – dem Manne entgegentritt, wie die beiden geschaffen waren – he for God only, she for God in him – an der ganzen Darstellung des ersten Menschenpaares mag man erkennen, wie warm und innig der strenge Poet von der Seligkeit der Ehe dachte. Nur leider war der alternde Dichter doch einer der wunderlichen Heiligen (das Wort scheint recht eigentlich für die Puritaner geschaffen). Er ist im stande, dicht auf die feurigsten Schilderungen die trockensten moralischen Betrachtungen folgen zu lassen – so jene Rede des Engels, welche dem Adam the rule of not too much einschärft. Er predigt geradezu, die Liebe sei erlaubt, doch nicht die Leidenschaft – was doch nur sagt, das Feuer solle nicht brennen. Milton war nicht bloß verbittert durch schwere persönliche Erfahrungen; er sah auch, wie der Übermut unzüchtiger Weiber Unheil über das Land brachte. Daß die Frauen durch den Reiz der Sinne den Mann und die ganze Welt beherrschen, war ein Lieblingsthema der schmutzigen Poesie des Tages, so der letzten Gesänge von Butlers Hudibras. Nur um so fester hielt der Puritaner seine finstere Meinung, der Mann entwürdigte sich, der das Weib als seinesgleichen gelten lasse. Endlich hat Milton auch den Kern seines politischen Nachdenkens in dem Gedichte ausgesprochen. Ganze Stellen seiner prosaischen Schriften wiederholen sich in poetischer Umschreibung, die staatliche Freiheit wird verherrlicht als die Belohnung der Tugend der Völker, und das Glaubensbekenntnis des Republikaners ausgesprochen in dem berühmten Worte: man over men God made not lord. Nicht allein die Früchte seines eigenen Nachdenkens, auch das Köstlichste von fremder Geistesarbeit hat Milton hier versammelt. Aus jedem Gesange tönen uns Anklänge an die Werke älterer Dichter entgegen, ganze Kapitel der Bibel werden umschrieben. Darum hat die kleinmeisterliche Altklugheit der Kritiker des achtzehnten Jahrhunderts das Verlorene Paradies oft als eine Schatzkammer voll geraubter Kleinodien verdammt. Für uns erledigt sich die Frage durch die eine Tatsache, daß Miltons Werk lebt und leben wird, derweil die unzähligen geistlichen Gedichte, die er ausbeutete, längst der Vergessenheit verfielen. Dem englischen Sänger fällt nicht ein Blatt aus seinem vollen Kranze, wenn man uns nachweist, daß schon vor ihm der gelehrte deutsche Jesuit Jakob Masenius ein lateinisches Epos Sacrotis schrieb, zur Übung der Jesuitenschüler in der lateinischen Verskunst, und darin die Versammlung der höllischen Geister des Pandämoniums schilderte. Uns, die wir zurückschauen auf eine so lange Arbeit frischen, vollkräftigen Künstlertums, steht hoffentlich jene Auffassung des geistigen Eigentums fest, welche zu Recht bestehen wird, solange rüstige Künstler schaffen: der ohnmächtige Schwächling, dem eine gute Idee über Nacht gekommen, hat nicht das mindeste Recht zur Klage, wenn ein schöpferischer Kopf sie seiner unfähigen Hand entreißt und lebendig verkörpert. Miltons Talent war lyrisch und, was die Charakterzeichnung anlangt, dramatisch. Die Kraft des Dramatikers aber liegt im Gestalten, die des erzählenden Dichters im Erfinden. Darum haben Shakespeare, Calderon, Molière kraft göttlichen Rechtes mit höchster Unbefangenheit fremde Dichtungen benutzt. Es scheint, als müßten manche große Stoffe der Poesie erst durch viele Hände gehen, bevor das Eisen zu Stahl wird und nun ein echter Künstler die schneidige Klinge schmieden kann. Darum ist auch Milton durchaus original: die fremden Zieraten sind von einer nicht minder energischen selbständigen Künstlerhand neugeschaffen, wie die homerischen Helden in Troilus und Cressida; sie fügen sich so harmonisch in die Dichtung ein, wie die antiken Kapitäle der Säulen an alten romanischen Kirchen. In gleicher Weise verfuhr Milton auch mit jenem Gedichte, das ihm offenbar die erste Anregung zu seinem Epos gab, mit der Tragödie Adamus exul von Hugo Grotius. Die Holländer, arm wie sie sind an großen Dichtern, hatten dies Jugendwerk ihres großen Landsmanns schon bei seinem ersten Erscheinen, 1601, mit dem enthusiastischen Zurufe nationalen Stolzes begrüßt, und sie pflegen noch heute nicht selten das Verlorene Paradies für eine Kopie des Vertriebenen Adam zu erklären. Unter den Deutschen könnte dies Märchen nicht so oft nachgesprochen werden, wenn nicht die Tragödie des Grotius zu den literarischen Seltenheiten gehörte. Wer sie kennt, wird zwar die getragene, an Vergil gemahnende Würde der Darstellung preisen und an einzelnen kraftvollen Sentenzen sich erfreuen, indessen das Ganze doch nur als die Schulübung eines geistreichen Jünglings und eleganten Lateiners gelten lassen. Dürr und prosaisch dehnt sich das Stück, in lehrhafter Breite und doch ohne jene Fülle des poetischen Details, die den Dichter bezeichnet. Wie reizlos ist die Eva des Grotius, ein gewöhnliches, schwaches Weib, während sie bei Milton trotz aller Gebrechen nie den Adel, die zauberische Hoheit der Ahnmutter unseres Geschlechts verleugnet. Rücksichtsloser, als heute dem Dichter gestattet wird, hat Milton einzelne Stellen des Holländers verwendet, doch der Raub wird zur Beschämung für den Beraubten. Wenn der Satan des Grotius sagt: alto praeesse Tartaro siquidem juvat caelis quam in ipsis servi obire munia – so spricht er bei Milton kurz und wuchtig: better to reign in hell than serve in heav´n. Dies eine Beispiel sagt mehr als eine lange Betrachtung. Gerade an der Tragödie des Niederländers mag man lernen, wie grundprosaisch dies siebzehnte Jahrhundert empfand, wie einsam Miltons Künstlergeist in solchen Tagen stand. Aus der Heimat des guten Geschmacks und der eleganten Gelehrsamkeit schreibt Grotius seine Vorrede an den Prinzen von Condé und rühmt die Nützlichkeit seines Gedichts, da viele Verse für den Theologen und Metaphysiker, den Astrologen und Geographen Belehrung böten, welche Stellen denn auch im Index säuberlich verzeichnet stehen! – Dann und wann freilich zeigt sich selbst Milton angekränkelt von dieser prosaischen Schwerfälligkeit seiner Zeit; die ungeheure Gelehrsamkeit des Dichters stört den künstlerischen Eindruck. Wir begreifen leicht, wie der Klang großer historischer Namen dem blinden Sänger, der das wache Traumleben der Erinnerung führte, eine Welt glänzender Bilder vor die Seele führen mußte. Da geschieht es denn, daß »Dame Gedächtnis«, die er die Muse schlechter Dichter nennt, auf Augenblicke auch seine Muse wird: oft füllt er ganze Verse mit mächtig tönenden Namen, und nur des jungen Macaulay blinde Schwärmerei konnte diese Schwäche bewundern. Auch die ausführliche Schilderung der Kämpfe der Engel ist einer gelehrten Grille entsprungen. Es war die Meinung der Ästhetiker der Zeit, das kunstgerechte Epos bedürfe der mit Ariostischer Breite ausgeführten Schlachtszenen. Man wußte nicht, daß Ariost und seine Leser als Freunde der schönen Fechtkunst den Kampfschilderungen ein Kennerinteresse entgegenbrachten, welches im siebzehnten Jahrhundert nicht mehr bestand. Wie das Werk um seiner subjektiven Erregtheit willen ganz einsam dasteht unter den epischen Gedichten, so ist auch die gedrungene Knappheit der Komposition das gerade Gegenteil der behaglichen Breite epischer Darstellung. Auch der reimlose blank verse , den Milton zum Erstaunen der Zeitgenossen zuerst in das Epos einführt, ist der Vers des Dramas; er gewährt dem sprachgewaltigen Dichter volle Freiheit, hebräische, griechische, altenglische Redewendungen zu gebrauchen. Schon oft wurde das musikalische Gefühl des Dichters bewundert, der durch seine Erziehung, seine Bibelkunde, seine Blindheit und seinen Glauben gleich sehr auf die »christlichste der Künste« geführt ward. Merkwürdiger noch, wie mit dieser musikalischen Innigkeit eine solche Prägnanz der Sprache, eine solche plastische Kraft der Schilderung sich paaren. Denn Milton wußte, wie Shakespeare, das reiche Erbteil der altenglischen Mysterienspiele zu verwerten: er ist Meister im anschaulichen Personifizieren abstrakter Begriffe. Mit so dämonischer Kraft reißt er uns in seine Welt hinein, daß wir den bloß symbolischen Gehalt derselben oft gänzlich vergessen: eine ästhetisch so unbedeutende Tat wie der Apfelbiß berührt uns mit dem ganzen Schauder eines ungeheuren Weltereignisses. Freilich kommt es Milton dabei zu gute, daß die wenigsten Leser im stande sind, solche von dem Glauben von Jahrtausenden getragene Mythen mit bloß ästhetischem Blicke zu betrachten. Den ganzen Farbenreichtum seiner Einbildungskraft verschwendet der blinde Dichter, wo es gilt, die Herrlichkeit der Erde zu schildern, die an goldner Kette dicht bei dem saphirnen Wall des Himmels schwebt – der Erde, deren Pracht auch den vom Himmel niedersteigenden Engel noch mit Bewunderung erfüllt. Die Schrecken der Hölle dagegen liebt er mit andern, mehr geistigen Mitteln darzustellen. Zwar verschmäht er nicht, seinen diabolischen Figuren jene halb menschliche, halb tierische Mißgestalt zu geben, welche schon die Alten als das Grauenhafteste erkannten. Aber den tiefsten Schauder ruft er hervor durch den sittlichen Ekel; nichts scheußlicher, als jene Reihe von Inzesten, wodurch Tod und Sünde mit Satan verwandt geworden. Die Unmöglichkeit, eine Welt zu schildern, »wo Lange, Höhe, Breite, Zeit und Raum verloren sind,« weiß er dadurch zu überwinden, daß er das unseren Sinnen Hohnsprechende recht laut und entschieden betont: die berühmten Darstellungen der »sichtbaren Finsternis« und »des festen Feuers« wirken wie die leibhaftigsten Bilder. Auch Milton allerdings ist nicht immer glücklich mit diesen Versuchen, das Grenzenlose, Unbestimmte, Formlose darzustellen: oft tragen wir statt des Genusses nur einen unklaren panischen Schrecken davon und erinnern uns der echten Künstlerworte Goethes, daß das Gefühl der Wasserwage und des Perpendikels den Menschen erst zum Menschen macht. Noch weniger vermag der puritanische Eiferer die tief gemeinen, diabolischen Geister in objektiver Wahrheit vorzuführen. Der Charakter des Satans mit seinem erhabenen Ehrgeiz, seiner gewaltigen politischen Leidenschaft ward von Milton verstanden und lebendig verkörpert, aber die niedrigen, sinnlich lüsternen Geister, die Mammon und Belial, wußte er nur mit tendenziöser Bitterkeit zu schildern. Die größte Kunst entfaltet der Dichter in der Schilderung des Paradieses. Hier gelingt ihm das Unmögliche, in das ermüdende Einerlei ungetrübten Glückes einiges Leben zu bringen. Zur rechten Zeit immer weiß er den Schauplatz zu wechseln; nur der kontrastierende Reiz der himmlischen, irdischen, höllischen Szenen macht dem Leser möglich, die überstarke Anspannung der Seele, die der Poet ihm auferlegt, zu ertragen. – Der wahre Zauber des Gedichts, wir wiederholen es, liegt in dem Charakter des Dichters, in dem tief melancholischen, weltverachtenden Geiste, der das Ganze überschattet. So wird die Welt dahingehn Den Guten feindlich und den Bösen hold, Aufstöhnend unter ihrer eignen Last – dies der Weisheit letzter Spruch, die der erzählende Engel aus der Betrachtung der Historie zieht. Und selbst der am Ende des Gedichts auftauchende Hinweis auf die Erlösung des Menschengeschlechts vermag nicht den Eindruck dieser ernsten Stimmung zu verwischen. Durch solche strenge Hoheit des Sinnes ist Milton nahe verwandt mit dem ersten großen christlichen Epiker, Dante. Beide Männer von ungeheurer Willenskraft und sprödem Stolze, durch das untrügliche Bewußtsein eines großen Berufs über die gemeinen Nöte des Lebens emporgehoben, hatten beide die beste Kraft der Mannesjahre an die politischen Kämpfe einer tiefbewegten Zeit gewendet und eine geniale Begabung nicht zu gut gehalten für das Handwerk des Tagesschriftstellers. Und der glühende Verteidiger der kaiserlichen Monarchie, der den Brutus erbarmungslos in die Hölle verstößt, steht dem radikalen Anwalt des Königsmordes, dem Feinde der Cäsaren in seinen politischen Schriften näher, als der oberflächliche Blick erkennen mag. Denn der eine wie der andere lehrte, daß die Obrigkeit besteht um des Volkes willen, eiferte für die Rückkehr der Kirche zur ursprünglichen Einfachheit und Reinheit und ahnte, ohne doch zu den letzten Folgesätzen zu gelangen, die große Wahrheit der Trennung geistlicher und weltlicher Dinge. Nach Bürgerpflicht ergriffen beide Partei, aber der Überlegenheit dieser Köpfe blieben die Sünden ihrer Genossen unverborgen: wie Milton aus reiner Höhe vornehm herabschaute auf die plumpe Unduldsamkeit der Puritaner, so mahnte der ghibellinische Dichter: »mit andern, andern Waffen zieh zum Streit der Ghibelline; jeden wird's gereuen, der trennt den Aar von der Gerechtigkeit.« Dann sahen beide ihr eigenes Lebensglück in den Schiffbruch ihrer vaterländischen Hoffnungen hineingerissen; gleich schwer vom Schicksal heimgesucht steht der blinde, verfolgte Puritaner neben dem landflüchtigcn Florentiner, der mit Tränen lernte, wie gesalzen das Brot aus fremden Händen schmeckt und wie bitter es ist, fremde Treppen zu steigen. Nun sammelten sich beide in ihren reifsten Tagen, um in einem religiös allegorischen Gedichte die Bilderfülle ihrer stürmischen Laufbahn in dem plastischen Stile Vergils darzustellen, ihre religiösen und politischen Ideale zu verkörpern und die große Summe ihres Lebens zu ziehen. Beiden erschien der Cherub, der einst den Mund des Propheten gesegnet, und sprach: »siehe, hiermit sind deine Lippen gerühret, daß deine, Missetat von dir genommen und deine Sünde versöhnet sei.« Also von Gott geweiht, sprachen beide ihren Wahlspruch über die Geschichte der Welt, und noch kühner sogar als der Stolz des Protestanten erscheint die hohe Sicherheit der Seele des mittelalterlichen Menschen, der sich vermaß, er, der katholische Christ, das Tun aller Päpste, Kaiser und Könige zu verdammen oder zu begnadigen und von seinem Gedichte also redete: »Gegenstand ist der Mensch, wie er durch Sündigen oder Gutestun nach freiem Willen der Gerechtigkeit der Strafe oder des Lohnes verfällt.« Beide legen ihrem Werke ein festgeschlossenes System von Glaubenslehren zu Grunde, das nicht bloß poetisch wahr sein soll, beide erkennen in der »Hinaufläuterung des Sinnlichen zum Himmlischen« den Sinn alles Lebens und glauben, der Gerechte werde schon hienieden der Seligkeit teilhaftig. Der eine wie der andere übersieht das gesamte geistige Vermögen seiner Epoche und legt in seinem Gedichte einen Schatz von neu geschaffenem fremden Wissen und Denken neben seinem eigenen nieder; doch weder Milton noch Dante vermag die lehrhafte Tendenz zu verleugnen und Massen prosaischen Wissens vollkommen in schöne Gestalten umzugießen. Beide verstehen die Eintönigkeit eines übersinnlichen Stoffs reizvoll zu machen, indem sie den Schauplatz und den Ton der Darstellung wechseln. Beide halten eine unübersehbare Fülle von Bildern durch eine kraftvolle Komposition zusammen, nur daß der Bau des Kunstwerks bei dem modernen Sänger dramatisch, bei dem mittelalterlichen in scholastische Formeln gebannt ist. Aber der Florentiner gibt in seinen Selbstgeständnissen zugleich ein vollkommenes Abbild des innersten Wesens seines Zeitalters. Die tiefsinnige Mystik der Göttlichen Komödie, ihr phantastischer Frauenkultus, ihr halb antiker, halb kirchlicher Ideengehalt entspricht den tiefsten Herzensgeheimnissen der zwiegeteilten mittelalterlichen Bildung. Die harmonische Gesittung einer protestantischen Zeit dagegen konnte in einem allegorischen Werke nimmermehr ihren vollen Ausdruck finden. Vor diese beiden christlichen Epen trete jeder, der verstehen will, was dem Dichter der Glaube seines Volkes bedeutet. »Der war in der Hölle!« raunten sich die Veroneser erschrocken zu, wenn die düstere Gestalt des verbannten Florentiners majestätisch durch die Straßen schritt. Das Kind einer solchen Zeit erscheint Dante – so seltsam es klingen mag – neben Milton als ein naiver Künstler. Gänzlich unbefangen weist er die Zeitgenossen und die Menschen vergangener Tage der Hölle oder dem Fegefeuer zu; er nennt sie beim Namen, erzählt ihr Geschick, schildert sie ab vom Wirbel bis zur Zehe. Solche Kühnheit durfte Milton inmitten der skeptischen modernen Welt nicht mehr wagen: die Weltgeschichte betrachtet er in Bausch und Bogen in raschem Überblick, und den Zeitgenossen gegenüber muß er sich mit Anspielungen behelfen: wir erraten nur, daß unter den grübelnden Dämonen des Pandämoniums die Dogmatiker der Hochkirche gemeint sind. Dergestalt ist das Gedicht des Italieners ungleich reicher an echt historischem Gehalt. Jeder Gesang der »Hölle« führt uns in monumentaler Großheit ein erschütterndes Bild von Menschenschuld und Menschenleiden vor Augen; und solange warme Herzen schlagen, werden die Erzählungen von Ugolino, von Francesca von Rimini auch jene Leser im Innersten ergreifen, welche für die symbolische Bedeutung des Gedichts, für Dantes mystische Weltanschauung kein Verständnis haben. Solche Szenen von rein menschlicher Schönheit sind im Paradise lost weit seltener zu finden. Und wie viel würdiger eines Dichters war Dantes Geschick! Sein Italien war das Herz der Welt; alle Schönheit, alle Tugenden und Laster der Zeit drängten sich zusammen in den gewaltigen Städten seiner Heimat, und über dieser farbenreichen Erde prangte noch der katholische Himmel mit seiner Fülle glänzender Gestalten. In dieser Welt lernte Dante den Reichtum des Lebens und des Menschenherzens in ganz anderer Weise kennen, als der einseitige Puritaner. Freier, klarer zum mindesten mögen Miltons sittliche Ideen ein; doch um Dantes Haupt schwebt jener Zauber, welcher der großen Künstlerseele die höchste Weihe gibt, der Zauber der Liebe. Der finstere Sänger, der die Greuel der Stadt der Qualerkorenen kündete, er rühmte sich auch, daß er auf alle Liebestöne lausche, er hat auch – menschlicher als der puritanische Weiberfeind – die schmelzende Weise gesungen: »die ihr die Liebe kennt, ihr edlen Frauen.« Der Gedanke der Hinaufläuterung des Fleisches zum Geiste ist für Milton ein philosophischer Satz; Dante erfaßt ihn inniger, künstlerischer, er besingt, wie die irdische Liebe sich zur himmlischen verklärt. Der Puritaner wußte mit kühlerem Gleichmute als der leidenschaftliche Romane den schweren Wandel seines Geschicks zu tragen; gleichmäßig, stetig wuchs er auf, er hat nicht wie dieser einen Tag von Damaskus erlebt. Aber Dante vermag auch den vollen Sturm der Leidenschaft durch seine Verse brausen zu lassen und das Herz des Hörers sogar noch mächtiger als Milton aufzuregen. Der Florentiner wagte, Gott und göttliche Dinge in der mißachteten Sprache der Frauen zu besingen, und erweckte seiner Nation das helle Bewußtsein ihres Volkstums; ja, der gesamten Dichtung der modernen Welt wies er die Bahn, denn sein Gedicht ist das erste seit dem Altertume, das die scharfen Züge eines eigenartigen Menschen zeigt; durch ihn gelangte die Persönlichkeit in der Kunst wieder zu ihrem unendlichen Rechte. Dem englischen Sänger fiel ein härteres Los: als ein Spätling erschien er am Ende einer großen Kunstepoche, und erst lange nach seinem Tode, auf fremdem Boden gab seine Dichtung den Anstoß zu einer neuen Entwicklung der Literatur. Das große Werk, das dem Dichter zweimal fünf Pfund Sterling einbrachte, hatte Mühe, der Zensur zu entrinnen. Keine Zeile in dem Gedichte, die den Fanatikern der Restauration nicht staatsgefährlich erscheinen mußte, und doch – da ja das Völkchen den Teufel nie spürt – waren es nur zwei Verse, welche der Zensor hochbedenklich fand und nach langem Verhandeln endlich freigab. Noch bei Miltons Lebzeiten ward das Werk viel gelesen, freilich nur von der aufstrebenden Jugend und den Stillen im Lande, die sich daran ihren puritanischen Glauben stärkten. Unter die anerkannten Größen der englischen Dichtung ist das Paradise lost erst eingetreten, seit Addison seine Landsleute darauf hinwies, wie Milton ihrer Sprache neue Kraft und Würde gegeben. Seitdem ward die – leider mehr erbauliche als ästhetische – Bewunderung von Miltons Genius in England so allgemein, daß selbst der arge Spötter Voltaire bei seinem Londoner Aufenthalte den christlichen Dichter bewundern lernte und in Ferney das Bild des Puritaners neben Franklins Porträt bewahrte. Noch mächtiger wirkte Miltons Vorbild in Deutschland. Nachdem einmal der gerade Weg verlassen war, den Shakespeare der modernen Dichtung gezeigt, fand Er zuerst wieder den Deutschen einen Pfad, auf dem sie fortschreiten konnten, um die Fülle und Tiefe ihres Gemütslebens in erhabenen Gestalten zu verkörpern. Von ihm erbten unsere Bodmer und Klopstock den Mut, Schwung und Empfindung unserer ernüchterten Sprache wiederzubringen, und nur die Gottsched und Genossen schreckten zurück vor dem, was sie Miltons Überschwenglichkeit nannten. Unfähig, das Wesen der volkstümlichen Dichtung – also auch des echten Epos – zu verstehen, sah unser achtzehntes Jahrhundert, selbst Lessing nicht ausgeschlossen, in Milton das Urbild des epischen Dichters. Dann verdrängte Shakespeare den puritanischen Sänger aus den Herzen der Deutschen. Erst die politische Bewegung der neuesten Zeit zeigt wieder einige Teilnahme für Milton den Bürger, und eben jene Härte des Charakters, welche die Menschen des achtzehnten Jahrhunderts erschreckte, erwirbt ihm heute Verehrer. Hatte in dem Verlorenen Paradiese Milton, der Dichter und der Denker, sein volles Selbstbekenntnis abgelegt, so ist in den beiden Gedichten seines Greisenalters je eine dieser beiden Seiten seines Wesens gesondert zur Darstellung gebracht. Das Wiedergefundene Paradies wird immer aufs neue das Befremden erregen, wie doch ein frommer Christ von den heiligsten Glaubenssätzen der christlichen Kirche so weit abweichen, und wie doch ein großer Dichter ein Kunstwerk von so geringem poetischen Werte schaffen konnte. Nicht das Leiden und Sterben und die Auferstehung Christi war für Milton das Bedeutungsvollste in dem Wirken des Erlösers. In allen theologischen Schriften des Puritaners wird dieser letzte, für die Kirche wichtigste Teil des Lebens Jesu nur kurz berührt. In Miltons Glauben ist nichts von Mystik, nichts von Liebe. Ein Mann der Tat, erfüllt von dem alttestamentarischen Gedanken der Gerechtigkeit, sieht er in Jesus vor allem den makellosen, den gerechten Menschen. Das Paradies ward verloren, weil das erste Menschenpaar der Versuchung des Teufels erlag, es wird wiedergewonnen, weil ein gerechter Mensch alle Verführungskünste des bösen Feindes abschlägt, Paradise regained ist die Erzählung von der Versuchung Christi durch Satan. Nicht ästhetische Gründe bewogen den Dichter, zu dem Paradise lost dies Gegenbild zu schaffen; die Idee des Werks – die Erlösung der Welt – lag ja bereits poetisch genugsam ausgesprochen in den letzten Gesängen des Verlorenen Paradieses. Nur seine Gedanken über die Nichtigkeit und Schalheit weltlichen Tuns und weltlicher Lust wollte er aussprechen; zu diesem didaktischen Zwecke ergriff er den biblischen Stoff und ließ in langen Gesprächen den Erlöser und den Satan den Wert weltlicher Größe philosophisch erörtern. Schon der Mangel jeder Steigerung des Interesses beweist, daß Milton – ein Meister in der Komposition – gar nicht daran dachte, seine Leser ästhetisch zu befriedigen. Die Versuchungsgeschichte ist von Matthäus sehr einfach und sehr wirksam dargestellt: dreimal, und mit immer steigender Kühnheit, versucht Satan den Menschensohn zu betören. Diese einfache Form der Erzählung, die sich dem Dichter von selber empfahl, hat Milton verschmäht. Er folgt der weit künstlicheren Schilderung des Lukas und schiebt in die Darstellung des Evangelisten neue, selbsterfundene Versuchungen ein: er will den beiden Disputierenden Gelegenheit geben, ihr Thema, den Unwert irdischer Herrlichkeit, nach allen Seiten hin zu erschöpfen. Und schrecklich, grausam sind die Weisheitssprüche dieses Miltonischen Jesus. Immer mehr verbitterte sich der Geist des einsamen Puritaners inmitten einer verworfenen Zeit, immer tiefer lebte er sich ein in die unmenschliche Härte des Alten Testaments. Die herbsten, die düstersten Stellen des Paradise lost kehren umschrieben im Paradise regained wieder. In den zwei Büchern de doctrina Christiana , die er in diesen Jahren zusammenstellte, verteidigte er sogar die Vielweiberei als eine von Jehova den Patriarchen gestattete Sitte. Selbst die Gedichte seiner Griechen erscheinen ihm jetzt leer, eitel, weltlich gegenüber den heiligen Gesängen Davids. Ja er läßt seinen Jesus das für einen Dichter entsetzliche Wort sprechen: Die Schönheit wird allein bewundert von schwachen Seelen, die sich kirren lassen! Offenbar, ein so trocken lehrhaftes und zugleich so finsteres Gedicht kann keine ästhetische Freude erregen. Daher ist einer unserer geistreichsten Literaturkenner, J. W. Loebell, auf die Vermutung gekommen, das Paradise regained sei ein Bruchstück, Milton habe ursprünglich das Leben des Erlösers weiter führen wollen bis zu der Auferstehung, der rechten Wiedereroberung des Paradieses. Loebell, Vorlesungen über die Entwicklung der deutschen Poesie seit Klopstock. 1856, I, 185. Loebell erklärt, nur die Faulheit der Literaturhistoriker, die einander gedankenlos abschreiben, habe diese unzweifelhafte Tatsache übersehen können. Nun, der Vorwurf gegen die Literaturhistoriker ist nicht grundlos; es steht zu fürchten, daß in Zukunft die Behauptung, das Paradise regained sei unvollendet, aus dem Loebell abgeschrieben werde. Darum will ich in Kürze nachweisen, daß diese Vermutung sich nicht halten läßt. Wir wissen, das Wiedergewonnene Paradies war dem Dichter das liebste seiner Werke, alle Lebensweisheit seines Alters hatte er darin niedergelegt. Ist es wahrscheinlich, daß er dies Lieblingswerk unvollendet gelassen hätte, da er doch nachher noch den Samson und prosaische Schriften verfaßte? Gehen wir an die erste Quelle, zu der ausgesprochenen Absicht des Dichters selber zurück. Milton eröffnet das Gedicht mit den Worten: »Ich habe vordem besungen, wie das Paradies durch Eines Menschen Ungehorsam verloren ward: jetzt will ich singen, wie es wiedergewonnen ward durch Eines Menschen festen, in jeder Versuchung erprobten Gehorsam, wie der Versucher abgeschlagen und Eden wieder aufgerichtet ward in der weiten Wildnis.« Nun folgt die Versuchungsgeschichte. Auf das Wort Jesu, »es steht geschrieben: versuche nicht den Herrn, deinen Gott«, bricht Satan zusammen und stürzt hinab zur Hölle. Engelscharen erscheinen, tragen den Erlöser auf ihren Schwingen in ein blumiges Tal und singen ihm zu: Now, thou hast avenged supplanted Adam and by vanquishing Temptation, hast regain'd lost Paradise – und weiter »ein schönres Paradies ist jetzt gegründet«. – Ich begreife nicht, wie man nach diesen Worten noch bestreiten kann, der Dichter habe die Aufgabe, welche er sich selbst gestellt, wirklich zu Ende geführt. Loebell erklärt es für unmöglich, daß ein Milton ein Gedicht mit den Worten schließen konnte: he (Jesus) unobserved home to his mother's house private return'd. Gewiß, diese Verse sind steif und unschön, aber kein unpassender Schluß einer Erzählung. Der Held tritt ab – jene Worte sind das episch ausgeführte exeunt omnes des Dramatikers, ja sie bilden ersichtlich eine Parallelstelle zu dem Schlüsse des Paradise lost , wo der Dichter ebenfalls die Helden, Adam und Eva, abtreten läßt: they hand in hand, with wand'ring steps and slow throug Eden took thoir solitary way. Und wie diese schönen melodischen Zeilen sich zu jenen hölzernen Versen verhalten, genau so verhält sich der poetische Wert des Verlorenen zu dem des Wiedergewonnenen Paradieses; jenes ist ein herrliches Epos mit einzelnen didaktischen Stellen, dieses ein ernsthaftes Lehrgedicht in epischer Einkleidung. Allerdings, nachdem die Engel dem Menschensohne Glück gewünscht, weil er das Paradies wieder erobert habe, schließen sie ihr Lied mit den Worten: Queller of Satan, on thy glorious work now enter and begin to save mankind – Worte, welche in die Zukunft hinausdeuten. Aber wir wissen bereits aus dem Paradise lost : durch die Erscheinung und den straflosen Wandel eines vollkommenen Menschen war, nach Miltons Glauben, der Fluch hinweggenommen, den Adam über unser Geschlecht gebracht; die Vollendung der Erlösung, die Gründung des Reiches Gottes sollte sich erst im Verlaufe der Weltgeschichte, durch fortwährendes Ringen der Gläubigen mit dem Bösen, vollziehen. Wer Milton zutraut, er habe die Leidensgeschichte Christi besingen wollen, der setzt bei dem Puritaner die Gesinnung nicht eines Milton, sondern eines Klopstock voraus. Dieser dritte der großen christlichen Epiker nämlich ging zwar gleich dem Puritaner auf die religiöse Erbauung seiner Leser aus, er war beseelt von grenzenloser Verehrung für den englischen Dichter, dessen Bild er »weinend angestaunt wie Cäsar das Bild Alexanders«. Aber wie gänzlich hatte sich inzwischen der Protestantismus verwandelt! Das erstarrte Luthertum war, dank den Pietisten von Halle, neu belebt. Eine tief gemütliche, innige Religiosität beseligte die gläubigen Seelen, und diese Stillen im Lande betonten gerade jene christlichen Dogmen von dem Leiden und Tode des Erlösers, welche Milton kalt ließen. Von diesen deutschen Pietisten, welche »in tätiger, brüderlicher und gemeiner Liebe das Evangelium leben« wollten, ging Klopstock aus. Sein Gott ist der Gott der Gnade, des Erbarmens, Miltons Herr der gerechte, zürnende Jehova der Juden. Erschrecken wir oft vor Miltons Härte, so lachen wir Söhne einer derberen Zeit bereits herzlich über die zerflossene Empfindelei in Klopstocks Versen: eine getreue Zähre der Huld – die seh' ich noch immer – netzte sein Antlitz; ich küßte sie auf. Jede Vergleichung des Verlorenen Paradieses mit Klopstocks Messias richtet sich selbst. Beide Dichter freilich waren wesentlich lyrische Genien, aber Milton besaß zugleich jene plastische Gestaltungskraft des Epikers, welche Klopstock versagt war. Während Klopstocks lyrische Gedichte in den Herzen seines Volkes fortleben, hat der Messias heute nur noch historische Bedeutung. Was man auch sagen möge – er ist unlesbar für die moderne Welt; es schwirrt uns vor den Augen, wenn wir ein Epos lesen, das keine Gestalten enthält. Nur eines darf der deutsche Dichter als einen Vorzug für sich beanspruchen: das humane Lächeln einer milderen Epoche blickt aus Klopstocks Versen. Seit Jahren lebte Milton wieder wissenschaftlichen Arbeiten, auch in dem Paradise regained war überwiegend sein Verstand tätig gewesen. Da ergoß sich noch einmal alle Leidenschaft des Dichters glühend aus seiner gequälten Brust. Er schrieb das Drama Samson Agonistes. Die Briten, gewohnt, an jede Tragödie den Maßstab der Shakespearischen Dramatik anzulegen, sind gegen Miltons letztes Werk ebenso ungerecht, wie sie seine anderen Gedichte in der Regel überschätzen. Sie vergessen, daß die Reinheit der Dichtungsart, welche sie in diesem lyrischen Drama vermissen, bei Milton überhaupt nirgends zu finden ist. Und sie bedenken nicht, daß Milton von dem Shakespearischen Drama in bewußter Absicht sich entfernte: die Einmischung des Komischen schien ihm eine Entwürdigung der Tragödie, und er bekannte sich bereits zu der mißverstandenen aristotelischen Lehre von den dramatischen Einheiten. Das Gedicht zeigt Spuren jener manierierten Schreibweise, welche alternde Künstler selten vermeiden. Auch gelehrte Grillen kehren wieder: nach der wunderlichen Art der lateinischen Dramendichter jener Zeit benutzt Milton die Versmaße der Chöre der Alten ohne ihre Musik. Trotzdem bleibt der Samson ein wunderschönes Gedicht, ein Werk aus einem Gusse, wie es Milton sonst nie gelungen, von der ersten bis zur letzten Zeile ein Mark und Bein erschütterndes Klagelied. Der ausgewählte Streiter Gottes, der, geblendet und mißhandelt von den Unbeschnittenen, sich zur letzten Tat heiliger Rache emporrafft, um die Heiden und Lästerer zu Jehovas Ehren in den Staub zu schmettern – wahrlich, das war ein Held, zu dessen Preise dem blinden verfolgten Puritaner die Verse von selbst zuströmen mußten. Hier ist Milton ganz Leidenschaft; die Weisheitssprüche, die auch diesmal nicht fehlen, werden mit einer fanatischen Heftigkeit hervorgestoßen, welche ihnen die lehrhafte Trockenheit nimmt. Die Götzendiener, die ihn mißhandelt, sollten es hören, daß der Tag der Vergeltung nahe; nicht ihn, den Herrn selber hatten sie beleidigt – Der Kampf ist zwischen Gott und Dagon nun allein. Und wie gewaltig rauschen die Klagen dahin, von dem ersten Ausbruche des Schmerzes: O Dunkel, Dunkel, Dunkel! Mitten im Mittagsglanz Unwiederbringlich Dunkel! Ewige Finsternis – Und nimmer wird es tagen! Warum gilt mir nicht Gottes erst Gebot: Es werde Licht! – und Licht ward's überall? – bis zu dem finsteren, eines Hiob würdigen Chorgesange über die Falschheit der Weiber und der schweren Frage: was ist der Mensch, wenn die Helden, so Gott feierlich erhoben, dem Schwert der Heiden wehrlos vorgeworfen sind? – Nicht als ein Drama, wohl aber als ein erhabener Hymnus in dialogischer Form ist der Samson das ästhetisch vollendetste von Miltons Gedichten. Schlägt unser Urteil der Meinung der berühmtesten englischen Kritiker ins Gesicht, so steht uns dafür ein deutscher Geistesverwandter Miltons zur Seite: durch den Samson Agonistes ließ Händel sich anregen zu seinem unsterblichen Oratorium. – Dies Werk des Hasses und der Klage war das letzte Gedicht des Sängers, der am 8. November 1674 verschied. Wir verwerfen die Unart der modernen Kritik, welche nur allzu geneigt ist, die Frage nach dem Kunstwerte eines Gedichtes zu vermengen mit der Frage nach dem sittlichen Werte des Dichters. Wir wissen sehr wohl, daß eine geheimnisvolle Fügung gar oft den lauteren Wein der Dichtkunst in unreine Schläuche füllt. Wenn aber ein Dichter die Aufgabe, welche Milton dem Künstler zugewiesen, wirklich löst und sein Leben selbst zu einem wahren Gedichte zu gestalten weiß, dann scheint uns das Höchste gelungen, was dem Menschen zu erreichen beschieden ist. Als ein solcher Mann ist Milton »durch des Lebens eitles Maskenspiel« geschritten. Sein Name wird leben, solange die edlen Geister aller Nationen das große Evangelium der Freiheit singen und sagen werden, solange das Wort eine Wahrheit bleibt: no sea swells like the bosom of a man set free. Fichte und die nationale Idee (Leipzig 1862.) In rascher Folge haben sich in den jüngsten Jahren die Feste gedrängt, welche das Andenken der großen Männer unseres Volkes feierten. Aber laut und schneidend klingen in den Jubel der Menge die fragenden Stimmen der Mahnung und des Spottes: ob wir denn gar nicht müde werden, uns behaglich die Hände zu wärmen an dem Feuer vergangener Größe? ob uns denn gar zu wohl sei in dem Bewußtsein einer epigonenhaften Zeit? ob wir denn ganz vergessen, daß alle Straßen und Plätze von Athen prunkvoll geschmückt waren mit den Standbildern seiner großen Männer, zur Zeit da Griechenland des Eroberers Beute ward? – Nicht ein Wort mag ich erwidern auf den Vorwurf, daß wir in einem Zeitalter der Epigonen lebten. Denn mit solchem Willen soll eine jede Zeit sich rüsten, als ob sie die erste sei, als ob das Höchste und Herrlichste gerade ihr zu erreichen bestimmt sei; und ruhig mögen wir einem späteren Jahrhundert überlassen zu entscheiden, ob unser Streben ein ursprüngliches gewesen – wie ich denn sicher hoffe, es werde unsern Tagen dies Lob dereinst nicht fehlen. Aber wohl gebührt sich eine Antwort auf den anderen Vorwurf der Selbstbespiegelung, Nein, nicht die Eitelkeit, nicht einmal jene ehrenwerte Pietät, die andere Völker treibt, ihre großen Toten zu ehren – ein tieferes Bedürfnis der Seelen ist es, was gerade jetzt gerade unser Volk bewegt, seiner Helden zu gedenken mit einer Innigkeit, die von den Fremden vielleicht nur der Italiener versteht. Auf uns lastet das Verhängnis, daß wir staatlosen Deutschen die Idee des Vaterlandes nicht mit Händen greifen an den Farben des Heeres, an der Flagge jedes Schiffes im Hafen, an den tausend sichtbaren Zeichen, womit der Staat den Bürger überzeugt, daß er ein Vaterland hat. Nur im Gedanken lebt dies Land; erarbeiten, erleben muß der Deutsche die Idee des Vaterlandes. Jeder edlere Deutsche hat entscheidungsvolle Jahre durchlebt, da ihm im Verkehre mit Deutschen aus aller Herren Ländern die Erkenntnis anbrach, was deutsches Wesen sei, bis endlich der Gedanke, daß es ein Deutschland gebe, vor seiner Seele stand mit einer unmittelbaren Gewißheit, die jedes Beweises und jedes Streites spottet. Wachsen wir so erst im Verkehre mit den Lebendigen zu Deutschen heran, so begreift sich das Volk als ein Ganzes in seiner Geschichte. Und das ist der Sinn jener Feste, deren die politisch tiefbewegte Gegenwart nicht müde wird, daß wir, rückschauend auf die starken Männer, die unseres Geistes Züge tragen, erfrischen das Bewußtsein unseres Volkstums und stärken den Entschluß, daß aus dieser idealen Gemeinschaft die Gemeinschaft der Wirklichkeit, der deutsche Staat erwachse. Darum fällt die Feier solcher Tage vornehmlich jenen als ein unbestrittenes schönes Vorrecht zu, die sich nicht genügen lassen an dem leeren Worte von der Einigkeit der Deutschen, sondern Kopf und Hände regen zum Aufbau des deutschen Staates. – Und das auch ist ein rühmliches Zeichen für das lebende Geschlecht, daß aus der langen Reihe von Jahrhunderten, welche dies alte Volk hinter sich liegen sieht und in der Gegenwart gleichsam neu durchlebt, keine Epoche uns so traulich zum Herzen redet, uns so das Innerste bewegt, wie jene siebenzig Jahre seit der Mitte des vorigen Jahrhunderts, da unser Volk sich losrang zuerst von der Geistesherrschaft, dann von dem politischen Joche unheimischer Gewalten, Erst heute werden die Helden jener Zeit von ihrem Volke verstanden, besser oft verstanden als von den Zeitgenossen; und wenn es ein Herrliches war, eine Zeit zu schauen, die einen Stein und Goethe gebar, so mögen wir auch als ein Glück preisen, in Tagen zu leben, die diesen Männern zuerst ganz gerecht geworden. Ein gesegneter Winkel des obersächsischen Landes fürwahr, der in kaum hundert Jahren den Deutschen Lessing, Fichte, Rietschel schenkte – drei Geister im Innersten verwandt, wie fremd sie sich scheinen, der kühne Zertrümmerer der französischen Regeln unserer Dichtung, der tapfere Redner und der weiche sinnige Bildhauer – jeder in seiner Weise ein Träger der besten deutschen Tugend, der Wahrhaftigkeit. Ein Dorfwebersohn, wuchs Fichte auf in dürftiger Umgebung, in der altfränkischen Sitte der Lausitzer Bauern. Frühzeitig und stark arbeitet er im Innern mit dem Verstande und mehr noch mit dem Gewissen. Der so begierig lernt, daß er eine Predigt nach dem Hören wiederholen kann, wie rüstig kämpft er doch gegen die Dinge, die so lebendig auf ihn eindringen! Das schöne Volksbuch vom hörnernen Siegfried wirft er in den Bach als einen Versucher, der ihm den Geist ablenkt von der Arbeit. Als ihm dann durch die Gunst eines Edelmannes eine gelehrte Erziehung auf der Fürstenschule zu Pforta zuteil wird, stemmt sich der eigenwillige Knabe wider jene Verkümmerung des Gemüts, welche der familienlosen Erziehung anhaftet, sein waches Gewissen empört sich gegen die erzwungene Unwahrhaftigkeit der Gedrückten. Er gesteht seinen herrischen Oberen den Entschluß der Flucht; er flieht wirklich; auf dem Wege, im Gebete und im Andenken an die Heimat kommt das Gefühl der Sünde über ihn; er kehrt zurück zu offenem Bekenntnis. So früh sind die Grundzüge seines Wesens gereift, wie zumeist bei jenen Menschen, deren Größe im Charakter liegt, Der Knabe schon bezeichnet seine Bücher mit dem Sinnspruch, den der Mann bewährte: Si fractus illabatur orbis, impavidum ferient ruinae . Schwerer, langsamer entscheidet sich die Richtung seiner Bildung. Kümmerlich schlägt er sich durch die freudlose Jugend eines armen Theologen, und sein Stolz – »die verwahrlosteste Seite meines Herzens« – schämt sich bitterlich der Armut. Erst in seinem siebenundzwanzigsten Jahre wird ihm das Schicksal gütiger. Er sammelt auf der weiten Fußwanderung nach einer Hauslehrerstelle in Zürich eine für jene Zeit ziemlich ausgedehnte Erfahrung von dem Elend des armen leidenden Volkes, er wird in der Schweiz mit der großen Arbeit der deutschen Literatur vertraut, er lernt in Zürich das schmucklose Wesen eines ehrenhaften Freistaates verstehen, das seinem schlichten Stolze zusagt, und findet dort endlich in Johanna Rahn, einer Nichte Klopstocks, das herrliche Weib seiner Liebe. Eine verwandte Natur, sehr ernsthaft, wirtschaftlich nach Schweizer Weise, nicht gar jung mehr und längst schon gewohnt, ihr warmes Blut in strenger Selbstprüfung zu beherrschen, tritt sie ihm fertig und ruhig entgegen, und oftmals mochten ihre Augen strenge unter dem Schweizerhäubchen hervorblicken: »Höre, Fichte, stolz bist du. Ich muß dir's sagen, da dir's kein anderer sagen kann.« Auch in der abhängigen Stellung des Hauslehrers weiß er sich seine feste Selbstbestimmung zu wahren; er zwingt die Eltern, die Erziehung bei sich selber anzufangen, führt ein gewissenhaftes Tagebuch über ihre wichtigsten Erziehungsfehler. Nach zwei Jahren sieht er sich wieder in die Welt getrieben; eine Fülle schriftstellerischer Pläne wird entworfen und geht zu Grunde. Da endlich erschien seines inneren Lebens entscheidende Wendung, als er, bereits achtundzwanzigjährig, in Leipzig durch einen Zufall Kants »Kritik der reinen Vernunft« kennen lernte. »Der Hauptendzweck meines Lebens ist der,« hatte er früher seiner Braut geschrieben, »mir jede Art von (nicht wissenschaftlicher, ich merke darin viel Eitles, sondern) Charakterbildung zu geben. Ich habe zu einem Gelehrten von Metier so wenig Geschick als möglich. Ich will nicht bloß denken, ich will handeln, ich mag am wenigsten denken über des Kaisers Bart.« Und mit der gleichen Verachtung wie auf die Gelehrten von Metier schaute er hinab auf die »Denkerei und Wisserei« der Zeit, auf jene Nützlichkeitslehre, welche nur darum nach Erkenntnis strebte, um durch einzelne hastig und zusammenhanglos aufgegriffene Erfahrungssätze die Mühsal des Lebens bequemer, behaglicher zu gestalten. Der rechte Gelehrte sollte gar nicht ahnen, daß das Wissen im Leben zu etwas helfen könne. Sein Trachten stand nach einer Erkenntnis, die ihn befähige, »ein rechtlicher Mann zu sein, nach einem festen Gesetze und unwandelbaren Grundsätzen einherzugehen.« Aber woher diese Sicherheit des Charakters, solange sein Gemüt verzweifelte über der Frage, die vor allen Problemen der Philosophie ihn von früh auf quälend beschäftigte, über der Frage von der Freiheit des Willens? Sein logischer Kopf hatte sich endlich beruhigt bei der folgerichtigen Lehre Spinozas, wie Goethes Künstlersinn von der grandiosen Geschlossenheit dieses Systems gefesselt ward. Sein Gewissen aber verweilt zwar gern bei dem Gedanken, daß das einzelne selbstlos untergehe in dem Allgemeinen, doch immer wieder verwirft es die Idee einer unbedingten Notwendigkeit, denn »ohne Freiheit keine Sittlichkeit«. Welch ein Jubel daher, als er endlich durch Kant die Autonomie des Willens bewiesen fand, als er jenes große Wort las, das nur ein Deutscher schreiben konnte: »es ist überall nichts in der Welt, überhaupt auch außerhalb derselben zu denken möglich, was ohne Einschränkung für gut könnte gehalten werden, als allein ein guter Wille.« Über Kants Werken verlebt er jetzt seine seligsten Tage; all sein vergangenes Leben erscheint ihm ein gedankenloses Treiben in den Tag hinein, der Weisheit Kants verdankt er »seinen Charakter bis auf das Streben, einen haben zu wollen.« Wer Verkündigung dieser Lehre soll nun sein Leben geweiht sein; »ihre Folgen sind äußerst wichtig für ein Zeitalter, dessen Moral bis in seine Quellen verderbt ist.« Und zum sichersten Zeichen, daß er hier einen Schatz von Gedanken gefunden, der seinem eigensten Wesen entsprach, entfaltete sich jetzt seine Bildung ebenso rasch und sicher, als sie schwer und tastend begonnen hatte. Eine Reise nach Polen und Preußen führt ihn zu dem Weisen von Königsberg, dem er ehrfürchtig naht, »wie der reinen Vernunft selbst in einem Menschenkörper.« Bei ihm führt er sich ein durch die rasch entworfene Schrift »Kritik aller Offenbarung, 1791.« Damit beginnt sein philosophisches Wirken, das näher zu betrachten nicht dieses Orts noch meines Amtes ist, so reizvoll auch die Aufgabe, zu verfolgen, wie die Denker, nach dem Worte des alten Dichters, die Leuchte des Lebens gleich den Tänzern im Fackelreigen von Hand zu Hand geben. Es genüge zu sagen, daß Fichte die Lehre von der Selbständigkeit und Unabhängigkeit des Willens mit verwegenster Kühnheit bis in ihre äußersten Folgesätze hindurchfühlte. Weil die Bestimmung unseres Geistes sich nur verwirklichen läßt im praktischen Handeln, das praktische Handeln aber eine Bühne fordert, deshalb und nur deshalb ist der Geist gezwungen, eine Außenwelt aus sich herauszuschauen und als eine wirkliche Welt anzunehmen. »Ich bin ja wohl transzendentaler Idealist,« gesteht Fichte, »härter als Kant, denn bei ihm ist noch ein Mannigfaltiges der Erfahrung; ich aber behaupte mit dürren Worten, daß selbst dieses von uns durch ein schöpferisches Vermögen reproduziert wird.« Hatte Kant die große Wahrheit gefunden, daß die Dinge sich richten nach der Beschaffenheit unseres Erkenntnisvermögens: sein Nachfolger schreitet weiter und behauptet getrost: »die Dinge werden erst durch unser Ich geschaffen; es gibt kein Sein, sondern nur Handeln; der sittliche Wille ist die einzige Realität.« Allein an der Kühnheit dieser Abstraktionen, der verwegensten, die deutscher Denkermut zu fassen wagte, können wir den aufrechten Trotz des Mannes ermessen. Zuversichtlich glauben wir ihm, daß »seine wissenschaftliche Ansicht nur die zur Anschauung gewordene innere Wurzel seines Lebens« selber war; denn »was für eine Philosophie man wählt, richtet sich danach, was für ein Mensch man ist.« In sicherem Selbstgefühle faßt der Mann sich jetzt zusammen, als die namenlose Schrift des Anfängers für ein Werk des Meisters Kant gehalten wird, und der triviale Lärm seichter Lobreden ihn rasch die Nichtigkeit der literarischen Handwerker durchschauen läßt. So steht sein Charakter vollendet, mannhaft, fast männisch, des Willens, die ganze Welt unter die Herrschaft des Sittengesetzes zu beugen, gänzlich frei von Schwächen, jenen kleinen Widersprüchen wider die bessere Erkenntnis – und eben darum zu einem tragischen Geschicke bestimmt, zu einer Schuld, die mit seinem Wesen zusammenfiel, die er selber unwissend bekannte, indem er sich also verteidigte: »Man paßt bei einer solchen Denkart schlecht in die Welt, macht sich allenthalben Verdruß. Ihr Verächtlichen! Warum sorgt ihr mehr dafür, daß ihr euch den andern anpaßt, als diese euch und sie für euch zurecht legt?« – Andere für sich zurecht legen – das ist die herrische Sünde der idealistischen Kühnheit. Als in der Not des Krieges von 1806 sein Weib, einsam zurückgeblieben in dem vom Feinde besetzten Berlin, voll schwerer Sorge um den fernen Gatten, in Krankheit fällt, da schreibt ihr der gewaltige Mann: »ich hoffte, daß du unsere kurze Trennung, gerade um der bedeutenden Geschäfte willen, die dir auf das Herz gelegt waren, ertragen würdest. Ich habe diesen Gedanken bei meiner Abreise dir empfohlen und habe ihn in Briefen wieder eingeschärft. Starke Seelen, und du bist keine schwache, macht so etwas stärker – und doch!« So hart kann er reden zu ihr, die ihm die Liebste ist; denn er glaubt an die Allmacht der Wahrheit. Ihm ist kein Zweifel, wo die rechte Erkenntnis sei, da könne das rechte Handeln, ja das rechte Schicksal nicht fehlen, und jeden Einwand menschlicher Gebrechlichkeit weist er schroff zurück. Warum keine Spur von Humor, von liebenswürdigem Leichtsinn, nichts von Anmut und Nachgiebigkeit in ihm, der das derbe Wort gesprochen: »eine Liebenswürdigkeitslehre ist vom Teufel.« Nichts von jener Sehnsucht nach der schönheitssatten Welt des Südens, die Deutschlands reiche Geister in jenen Tagen beherrschte. Unfähig, ungeneigt sich liebevoll zu versenken in eine fremde Seele, verkündet er kurzab, er lehre alle Dinge nur von einer Seite zu betrachten, »nämlich von der rechten.« Entfremdet der Natur, die ihm nur besteht; um unterjocht zu werden von dem Geiste, mahnt er zur Hingebung, zur Selbstvergessenheit eine sinnliche, selbstsüchtige Zeit: auch essen und trinken sollen wir nur um Gottes willen. Nicht die leiseste sinnliche Vorstellung soll uns den erhabenen Gottesgedanken trüben: »ein Gott, der der Begierde dient, ist ein Abgott. Gott will nicht, Gott kann nicht das Gute, das wir gern möchten, uns geben außer durch unsere Freiheit; Gott ist überhaupt nicht eine Naturgewalt, wie die blinde Einfalt wähnt, sondern ein Gott der Freiheit.« Die Freuden des Himmels, die bequeme Tröstung schwacher Gemüter, müssen schwinden vor einer geistigeren Auffassung: »die Ewigkeit kommt der neuen Zeit mitten in ihre Gegenwart hinein;« die vollendete Freiheit, die Einheit mit Gott ist schon im Diesseits möglich. Beseelt von solchen Gedanken der Ertötung alles Fleisches, der asketischen Sittenstrenge, ist Fichte ein unästhetischer Held geblieben, wie groß er auch dachte von der Kunst, die der Natur den majestätischen Stempel der Idee aufdrücke. Auch in ihm, wie in allen edleren Söhnen jener an den Helden Plutarchs gebildeten Tage, wogte und drängte ein großer Ehrgeiz; er gedachte an seine Existenz für die Ewigkeit hinaus für die Menschheit und die ganze Geisterwelt Folgen zu knüpfen; aber, fährt er fort, »ob ich's tat braucht keiner zu wissen, wenn es nur geschieht!« Jene hohe Leidenschaft, die dem strengsten aller Dichter, Milton, nur als die letzte Schwäche edlerer Naturen erscheint, der Durst nach Ruhm, wird scharf und schonungslos, als eine verächtliche Eitelkeit verworfen von dieser selbstgewissen Tugend, welche leben will aus dem erkannten rein Geistigen heraus. In Augenblicken des Zweifels – als gälte es Schillers witziges Epigramm zu bewähren – prüft der gestrenge Mann, auf welcher Seite seine Neigung stehe, um dann mit freudiger Sicherheit des anderen Weges zu gehen. Selber folgerichtig im Kleinsten wie im Größten, sagt er den Zeitgenossen erbarmungslos auf den Kopf zu, welches die notwendigen Folgen ihrer weichlichen Grundsätze seien. Trocken spricht er: »dies weiß man gewöhnlich nicht, gibt es nicht zu, ärgert sich daran, glaubt es nicht; aber es kann alles dieses nichts helfen, so ist's.« Er findet unter den Menschen nur wenige bösartig und gewalttätig – »denn hierzu gebricht es bei der Mehrzahl an Kraft: – sondern sie sind in der Regel bloß dumm und unwissend, feige, faul und niederträchtig.« In diese Welt tritt er ein mit dem stolzen Bewußtsein eines apostolischen Berufs: »so bin ich drum wahrhaft Stifter einer neuen Zeit – der Zeit der Klarheit – bestimmt angebend den Zweck alles menschlichen Handelns, mit Klarheit Klarheit wollend. Alles andere will mechanisieren, ich will befreien.« – Wenn Goethe fürchtete, der eigenrichtige Mann sei für sich und die Welt verloren: für den Philosophen war das Widerstreben der Welt gar nicht vorhanden. »Wenn ich im Dienste der Wahrheit stürbe,« sagt er einfach, »was täte ich dann weiter als das, was ich schlechthin tun müßte?« – Ein Eloge zu halten ist nicht deutsche Weise, und in Fichtes Geiste am wenigsten würde ich handeln, wenn ich nicht trotzig sagte, wie gar fremd unserer Zeit, die an sich selber glaubt und glauben soll, dieser Idealismus geworden ist, der so nur einmal möglich war und keinen Schüler fand. Seit jenen Tagen ist das Leben unseres Volkes ein großer Werkeltag gewesen. Wir haben begonnen in harter Arbeit den Gedanken der Welt einzubilden und sind darüber der Natur freundlich näher getreten. Sehr vieles nehmen wir bescheiden hin als Ergebnis der Natur und Geschichte, was Fichte dem Sittengesetze zu unterwerfen sich vermaß. Mit dem steigenden Wohlstande ist ein hellerer Weltsinn in die Geister eingezogen; ein schönes Gleichmaß von Genuß und Tat soll uns das Leben sein. Wer unter uns bezweifelt, daß die Sittlichkeit der Athener eine reinere war als die Tugend der Spartaner und dem Genius unseres Volkes vertrauter ist? Seitdem ist auch die gute Laune wieder zu ihrem Rechte gelangt, wir heißen sie willkommen selbst mitten in der Spannung des Pathos; die kecke Vermischung von Scherz und Ernst in Shakespeares Gedichten ist erst dem realistischen Sinne der Gegenwart wieder erträglich geworden. Doch eben weil jener Idealismus Fichtes unserem Sinne so fern liegt, weil längst der Zeit verfiel, was daran vergänglich war, weil Lust und Not des rastlosen modernen Lebens uns von selber ablenken und jeder Überspannung des Gedankens – ebendeshalb gereicht es unseren fröhlicheren Tagen zum Segen, sich in diese weltverachtenden Ideen weltverachtender Sittlichkeit zu versenken wie in ein stählendes Bad der Seele, Selbstbeherrschung daran zu lernen und zu gedenken, daß ein tatloses Wesen dem Humor anhaftet und der Dichter sicher wußte, warum er seinem Hamlet die Fülle sprudelnden Witzes lieh. Wie beschämt muß all unsere heitere Klugheit verstummen vor dem einen Worte: »nur über den Tod hinweg, mit einem Willen, den nichts, auch nicht der Tod, beugt und abschreckt, taugt der Mensch etwas.« Noch immer, leider, werden übergeistreiche Beurteiler nicht müde, das Bild des Denkers in eine falsche Beleuchtung zu rücken. Man nennt ihn einen Gesinnungsgenossen der Romantiker – ihn, dessen spartanische Strenge so recht den Gegensatz bildet zu der vornehm spielenden Ironie der Romantiker – ihn, der, obwohl nicht frei von mystischen Stimmungen, dennoch als ein herber Protestant, für alle katholisierenden Richtungen nur Worte schärfster Verachtung hatte. Auch Fichte genoß ein wenig von dem Segen jener schönen, reizvollen Geselligkeit, welche die Gegenwart nicht mehr kennt; geistreiche Frauen saßen zu seinen Füßen und stritten sich um die Ehre, ihm Famulusdienste zu leisten, wenn er über die höchsten Gegenstände der Erkenntnis sprach. Und doch ist nie ein Mann freier gewesen von jeder romantischen Vergötterung der Frauen. Abhängigkeit, Bedürftigkeit war ihm das Wesen des Weibes. Leidenschaftslos, voll warmer, treuer Zuneigung steht er ehrenfest neben seinem Weibe, gleich einem jener derben Bürger auf alten deutschen Holzschnitten; kein schöneres Lob weiß er ihr zu sagen als »männlichere Seele, Johanna!« – Das Ärgste aber in der Umkehrung der Wissenschaft hat Stahl geleistet; er nennt Napoleon das verkörperte weltschaffende Ich Fichtes. Also, in dem Helden der souveränen Selbstsucht wäre Fleisch geworden das System des deutschen Denkers, der unermüdlich eifert, es sei die Seligkeit des Ich, sich der Gattung zu opfern?! – Auch das ist vielen ein Rätsel gewesen, wie dieser schroffe, schneidige Charakter gerade aus dem obersächsischen Stamme hervorgehen konnte. Er selber sagt von seiner Heimat, sie berge »einen Grad von Aufklärung und vernünftiger Religionskenntnis, wie ihn in dieser Ausdehnung gegenwärtig kein Land in Europa besitzt.« Doch das alles sei »durch eine mehr als spanische Inquisition eingezwängt. Daraus entsteht denn eine knechtische, lichtscheue, heuchlerische Denkungsart.« In der Tat, alle Voraussetzungen echter Geistesfreiheit, eine Fülle von Bildungsmitteln, eine weit verbreitete Volkskultur waren vorhanden in dem Mutterlande der Reformation. Aber Druck von oben und das Übermaß geistigen Schaffens, dem kein großes politisches Wirken das Gegengewicht hielt, hatten in dem ohnedies mehr elastischen als massiven Stamme endlich jene Schmiegsamkeit und Höflichkeit erzeugt, welche schroffe, reformatorische Naturen nur schwer erträgt. Nächst dem schwäbischen hat das obersächsische Land die größte Zahl von Helden des deutschen Geistes geboren; aber Obersachsen verstieß die Mehrzahl seiner freieren Söhne. In allen diesen Heimatlosen, in Pufendorf und Thomasius, in Lessing und Fichte, erhebt sich der freie Geist, der so lange mit der zahmen Sitte seiner Umgebung gerungen, zu schroffem Stolze; rücksichtsloser Freimut wird ihnen allen zur Leidenschaft. – Dem Vielgewanderten kamen endlich frohere Tage, als eine Änderung seiner äußeren Lage ihm erlaubte, seine treue Johanna heimzuführen, und der Ruf ihn traf zu der Stelle, die ihm gebührte, zum akademischen Lehramte in Jena. Schon der erste Plan des jungen Mannes war der kecke Gedanke gewesen, eine Rednerschule zu gründen in einem Volke ohne Rednerbühne. Nach seiner Auffassung der Geschichte wurden alle großen Weltangelegenheiten dadurch entschieden, daß ein freiwilliger Redner sie dem Volke darlegte, und er selber war zum Redner geboren. Zur Tat berufen sind jene feurigen Naturen, denen Charakter und Bildung zusammenfallen, jede Erkenntnis als ein lebendiger Entschluß in der Seele glüht; doch nicht das unmittelbare Eingreifen in die Welt konnte den weltverachtenden Denker reizen. Von ihm vor allen gilt das Stichwort des philosophischen Idealismus jener Tage, daß es für den wahrhaft sittlichen Willen keine Zeit gibt, daß es genügt, der Welt den Anstoß zum Guten zu geben. Auf den Willen der Menschen zu wirken, des Glaubens, daß daraus irgendwo und irgendwann die rechte Tat entstehen werde, das war der Beruf dieses eifernden geselligen Geistes. Daher jener Brustton tiefster Überzeugung, der, wie alles Köstlichste des Menschen, ich nicht erklären noch erkünsteln läßt. Daher auch der Erfolg – in diesem seltenen Falle ein sehr gerechter Richter – denn was der große Haufe sagt: »ihm ist es Ernst,« das bezeichnet mit plumpem Wort und seinem Sinn den geheimsten Zauber menschlicher Rede. Vergeblich suchen wir bei Fichte jene Vermischung von Poesie und Prosa, womit romanische Redner die Phantasie der Hörer zu blenden lieben. Sogar die Neigung fehlt ihm, freie Worte als ein Kunstwerk abzuschließen; der Adel der Form soll sich ihm gleich der guten Sitte ungesucht ergeben aus der vollendeten Bildung. Nur aus der vollkommenen Klarheit erwächst ihm jede Bewegung des Herzens; die Macht seiner Rede liegt allein begründet in dem Ernste tiefen gewissenhaften Denkens, eines Denkens freilich, das sichtbar vor unseren Augen entsteht. Er strebt nach der innigsten Gemeinschaft mit seinen Hörern; an der Energie seines eigenen Denkens soll ihre Selbsttätigkeit sich entzünden; er liebt es, »eine Anschauung im Diskurs aus den Menschen zu entwickeln.« »Ich würde,« sagt er schon in einer Jugendschrift, »die Handschrift ins Feuer werfen, auch wenn ich sicher wüßte, daß sie die reinste Wahrheit, auf das bestimmteste dargestellt, enthielte, und zugleich wüßte, daß kein einziger Leser sich durch eigenes Nachdenken davon überzeugen würde.« Diese Selbstbesinnung des Hörers zu erwecken, ihn hindurchzupeitschen durch alle Mühsal des Zweifels, angestrengter geistiger Arbeit – dies ist der höchste Triumph seiner Beredsamkeit, und es ist da kein Unterschied zwischen den »Reden« und den Druckschriften; alle seine Werke sind Reden, das Denken selber wird ihm alsbald zur erregten Mitteilung. Ein Meister ist er darum in der schweren Kunst des Wiederholens; denn wessen Geist fortwährend und mit schrankenloser Offenheit arbeitet, der darf das hundertmal Gesagte noch einmal sagen, weil es ein Neues ist in jedem Augenblicke, wie jeder Augenblick ein neuer ist. Doch vor allem, er denkt groß von seinen Hörern, edel und klug zugleich hebt er sie zu sich empor, statt sich zu ihnen herabzulassen. Die Jugend vornehmlich hat dies dankend empfunden; denn der die Menschheit so hoch, das gegenwärtige Zeitalter so niedrig achtete, wie sollte er nicht das werdende Geschlecht lieben, das noch rein geblieben war von der Seuche der Zeit? Der stets nur den ganzen Menschen zu ergreifen trachtete, er war der geborene Lehrer jenes Alters, das der allseitigen Ausbildung der Persönlichkeit lebt, bevor noch die Schranken des Berufs den Reichtum der Entwicklung beengen. Endlich – fassen wir die Größe des Redners in dem einen von tausend Hörern wiederholten Lobe zusammen – was er sprach, das war er. Wenn er die Hörenden beschwor, eine Entschließung zu fassen, nicht ein schwächliches Wollen irgend einmal zu wollen, wenn er die Macht des Willens mit Worten verherrlichte, die selbst einem Niebuhr wie Raserei erschienen: da stand er selber, die gedrungene überkräftige Gestalt mit dem aufgeworfenen Nacken, den streng geschlossenen Lippen, strafenden Auges, nicht gar so mild und ruhig, wie Wichmanns Büste ihn zeigt, welche die Verklärung des Toten verkörpert, voll trotzigen Selbstgefühles und doch hoch erhaben über der Schwäche beliebter Redner, der persönlichen Eitelkeit – in jedem Zuge der Mann der durchdachten Entschließung, die des Gedankens Blässe nicht berührte. Darum hat sich von allen Lehrern, die neuerdings an deutschen Hochschulen wirkten, sein Bild den jungen Gemütern am tiefsten eingegraben; sein Schatten ist geschritten durch die Reihen jener streitbaren Jugend, die für uns blutete und in seinem Sinne ein Leben ohne Wissenschaft höher achtete denn eine Wissenschaft ohne Leben. Jene »mehr als spanische Inquisition« seiner Heimat sollte endlich auch ihn ereilen. Eine pöbelhafte Anklage bezichtigte Fichte bei dem kursächsischen Konsistorium des Atheismus und vertrieb ihn aus Jena, weil er nicht imstande war, den Schein des Unrechts auf sich zu nehmen, wo sein Gewissen ihm recht gab. Da wollte eine glückliche Fügung, daß der Rat des Ministers Dohm ihn nach Preußen führte, in den Staat, der gerade diesem Manne eine Heimat werden mußte. Der Staat Preußen hat den Lehrer und Philosophen zum Patrioten gebildet. Ein strenger Geist harter Pflichterfüllung war diesem Volke eingeprägt durch das Wirken willensstarker Fürsten, fast unmenschlich schwer die Lasten, die auf Gut und Blut der Bürger drückten. Was andere schreckte, Fichte zog es an. Nur das eine mochte ihn abstoßen, daß jener Sinn der Strenge schon zu weichen begann, daß zu Berlin bereits ein Schwelgen in weichlichen unpoetischen Empfindungen, eine seichte, selbstzufriedene Aufklärung sich brüstete, deren Haupt Nicolai unser Held bereits in einer seiner totschlagenden humorlosen Streitschriften gezüchtigt hatte. Ein rührender Anblick, wie nun der Kühnste der deutschen Idealisten den schweren Weg sich bahnt, den alle Deutschen jener Tage zu durchschreiten hatten, den Weg von der Erkenntnis der menschlichen Freiheit zu der Idee des Staates: wie ihn, dem die Außenwelt gar nicht bestand, die Erfahrung belehrt und verwandelt. Noch zur Zeit der Austerlitzer Schlacht konnte er schreiben: »welches ist denn das Vaterland des wahrhaft ausgebildeten christlichen Europäers? Im allgemeinen ist es Europa, insbesondere ist es in jedem Zeitalter derjenige Staat in Europa, der auf der Höhe der Kultur steht. Mögen doch die Erdgeborenen, welche in der Erdscholle, dem Flusse, dem Berge ihr Vaterland erkennen, Bürger des gesunkenen Staates bleiben; sie behalten, was sie wollten und was sie beglückt. Der sonnenverwandte Geist wird unwiderstehlich angezogen werden und hin sich wenden, wo Licht ist und Recht. Und in diesem Weltbürgersinne können wir über die Handlungen und Schicksale der Staaten uns beruhigen, für uns selbst und für unsere Nachkommen bis an das Ende der Tage.« Dann ward durch den Wandel der Weltgeschicke auch der Sinn des weltverachtenden Philosophen nicht verwandelt, aber vertieft und zu hellerem Verständnis seiner selbst geführt. Kein Widerspruch allerdings, aber eine höchst verwegene Weiterentwicklung, wenn Fichte jetzt erkennt, daß der Deutsche Licht und Recht nur in Deutschland finden könne. Er begreift endlich, daß der Kosmopolitismus in Wirklichkeit als Patriotismus erscheine, und verweist den einzelnen auf sein Volk, das »unter einem besonderen Gesetze der Entwicklung des Göttlichen aus ihm« stehe. – Längst schon war der Philosoph der freien Tat durch das Wesen seines Denkens auf jene Wissenschaft geführt worden, welche den nach außen gerichteten Willen in seiner großartigsten Entfaltung betrachtet. Aber sehr langsam nur lernte er die Würde, den sittlichen Beruf des Staates verstehen. Auch er sah – gleich der gesamten deutschen Staatswissenschaft, die ihre Heimat noch allein auf dem Katheder fand – im Staate zuerst nur ein notwendiges Übel, eine Anstalt des Zwanges, gegründet durch freiwilligen Vertrag, um das Eigentum der Bürger zu schützen. Unversöhnlichen Krieg kündete er dem Gedanken an, daß der Fürst für unsere Glückseligkeit sorge: »Nein, Fürst, du bist nicht unser Gott; gütig sollst du nicht gegen uns sein, du sollst gerecht sein.« Diese Rechtsanstalt des Staates aber soll sich entwickeln zur Freiheit, also daß jeder das Recht habe, »kein Gesetz anzuerkennen, als welches er sich selbst gab;« der Staat muß das Prinzip der Veränderung in sich selber tragen. – Der also dachte, war längst gewohnt, von dem vornehmen und geringen Pöbel sich einen Demokraten schelten zu lassen. Und radikal genug, mit dem harten rhetorischen Pathos eines Jakobiners, hatte er einst die Revolution begrüßt als den Anbruch einer neuen Zeit, und die staatsmännische Kälte, womit Rehberg die große Umwälzung betrachtete, gröblich angegriffen. Mit grimmiger Bitterkeit hatte er dann die Denkfreiheit zurückgefordert von den Fürsten; denn die einzigen Majestätsverbrecher sind jene, »die euch anraten, eure Völker in der Blindheit und Unwissenheit zu lassen und freie Untersuchungen allerart zu hindern und zu verbieten.« Doch im Grunde ward sein Geist nur von einer Erscheinung der Revolution mächtig angezogen: von dem Grundsatze der Gleichheit des Rechts für alle Stände. Privilegien fanden keine Gnade vor diesem konsequenten Kopfe: aus seinen heftigen Ausfällen wider den Adel redet der Zorn des sächsischen Bauernsohns, der eben jetzt seine mißhandelten Standesgenossen sich erheben sah gegen ihre adligen Bedrücker. Sehr fern dagegen stand er den Ideen der modernen Demokratie, welche die freieste Bewegung des einzelnen im Staate verlangen; eine harte Rechtsordnung sollte jede Willkür des Bürgers bändigen. Dieser despotische Radikalismus trat in seiner ganzen Starrheit hervor, als er jetzt das Gebiet des »Naturrechts« verließ und das wirtschaftliche Leben der Völker betrachtete. In sozialistischen Ideen ist jederzeit der verwegenste Idealismus mit dem begehrlichsten Materialismus zusammengetroffen. Durch die Mißachtung des banausischen Getriebes der Volkswirtschaft wurde Platon auf das Idealbild seiner kommunistischen Republik und die Alten alle zu dem Glaubenssätze geführt, daß der gute Staat des Notwendigen die Fülle besitzen müsse; durch die Überschätzung der materiellen Güter gelangten die modernen Kommunisten zu ihren luftigen Lehren. Und wieder die Verachtung alles weltlichen Genusses verleitete den deutschen Philosophen zu dem vermessenen Gedanken: der Staat, als eine lediglich für die niederen Bedürfnisse des Menschen bestimmte Zwangsanstalt, müsse sorgen für die gleichmäßige Verteilung des Eigentums. Solchem Sinne entsprang die despotische Lehre von dem »geschlossenen Handelsstaate,« der in spartanischer Strenge sich absperren sollte von den Schätzen des Auslandes und das Schaffen der Bürger also regeln sollte, daß ein jeder leben könne von seiner Arbeit. Aus dem Gebiete des Rechtes und der Wirtschaft gelang es dem Idealisten wenig, die Welt für sich zurecht zu legen. Indessen sank der Staat der Deutschen tief und tiefer. »Deutsche Fürsten,« ruft Fichte zornig, »würden vor dem Dei von Algier gekrochen sein und den Staub seiner Füße geküßt haben, wenn sie nur dadurch zum Königstitel hätten kommen können.« In diesen Tagen der Schmach brach ihm endlich die Erkenntnis an von dem Tiefsinn und der Größe des Staatslebens. Er sah vor Augen, wie mit dem Staate auch die Sittlichkeit der Deutschen verkümmerte, er begriff jetzt, daß dem Staate eine hohe sittliche Pflicht auferlegt sei, die Volkserziehung. Auf diesem idealsten Gebiete der Staatswissenschaft hat Fichte seine tiefsten politischen Gedanken gedacht. Wir fragen erstaunt: wie nur war es möglich? Ist doch dem Politiker die Erfahrung nicht eine Schranke, sondern der Inhalt seines Denkens. Hier gilt es nach Aristoteles' Vorbild, mit zur Erde gewandtem Blicke eine ungeheuere Fülle von Tatsachen zu beherrschen, Ort und Zeit abwägend zu schätzen, die Gewalten der Gewohnheit, der Trägheit, der Dummheit zu berechnen, den Begriff der Macht zu erkennen, jenes geheimnisvolle allmähliche Wachsen der geschichtlichen Dinge zu verstehen, das die moderne Wissenschaft mit dem viel mißbrauchten Worte »organische Entwicklung« bezeichnet. Wie sollte er dies alles erkennen? Er, dessen Bildung in die Tiefe mehr als in die Breite ging, der die Menschheit zur Pflanze herabgewürdigt sah, wenn man redete von dem langsamen natürlichen Reifen des Staates? Er hat es auch nicht erkannt; nicht einen Schritt weit kam sein Idealismus der Wirklichkeit entgegen. Aber er lebte in Zeiten, da allein der Idealismus uns retten konnte, in einem Volke, das, gleich ihm selber, von den Ideen der Humanität erst herabstieg zur Arbeit des Bürgertums, in einer Zeit, die nichts dringender bedurfte als jenen »starken und gewissen Geist«, den er ihr zu erwecken dachte. Mit der Schlacht von Jena schien unsere letzte Hoffnung gebrochen; »der Kampf – so schildert Fichte das Unheil und den Weg des Heils – der Kampf mit den Waffen ist beschlossen; es erhebt sich, so wir es wollen, der neue Kampf der Grundsätze, der Sitten, des Charakters.« Wohl mögen wir erstaunen, wie klar der Sinn des nahenden Kampfes in diesen Tagen der Ermannung von allen verstanden ward, wie diese Worte Fichtes überall ein Echo fanden. Die Regierung selber erkannte, daß allein ein Volkskrieg retten könne, allein die Entfesselung aller Kräfte der Nation, der sittlichen Mächte mehr noch als der physischen – »einer der seltenen, nicht oft erlebten Fälle,« sagt Fichte rühmend, »wo Regierung und Wissenschaft übereinkommen.« So, gerade so, auf dieser steilen Spitze mußten die Geschicke unseres Volkes stehen, einen Krieg der Verzweiflung mußte es gelten um alle höchsten Güter des Lebens, eine Zeit mußte kommen von jenen, die wir die großen Epochen der Geschichte nennen, da alle schlummernden Gegensätze des Völkerlebens zum offenen Durchbruch gelangen, die Stunde mußte schlagen für eine Staatskunst der Ideen, wenn gerade dieser Denker unmittelbar eingreifen sollte in das staatliche Leben. Nicht leicht ward ihm seine Stelle zu finden unter den Männern, die dieser Staatskunst der Ideen dienten. Denn was den Nachlebenden als das einfache Werk einer allgemeinen fraglosen Volksstimmung erscheint, das ist in Wahrheit erwachsen aus harten Kämpfen starker eigenwilliger Köpfe. Wie fremd stehen sie doch nebeneinander: unter den Staatsmännern Stein, der Gläubige, der schroffe Aristokrat, und Hardenberg, der Jünger französischer Aufklärung, und Humboldt, der moderne Hellene, und Schön, der trotzige Kantianer; unter den Soldaten die denkenden Militärs, die Scharnhorst und Clausewitz, denen die Kriegskunst als ein Teil der Staatswissenschaft erschien, und Blücher, dem der Schreibtisch Gift war, der eines nur verstand – den Feind zu schlagen, und York, der Mann der alten militärischen Schule, der Eiferer wider das Nattergezücht der Reformer; unter den Denkern und Künstlern neben Fichte Schleiermacher, dessen Milde jener als leichtsinnig und unsittlich verwarf, und Heinrich v. Kleist, der als ein Dichter mit unmittelbarer Leidenschaft empfand, was Fichte als Denker erkannte. Ihm zitterte die Feder in der Hand, wenn er in stürmischen Versen die Enkel der Kohortenstürmer, die Römerüberwinderbrut zum Kampfe rief. Einen Schüler Fichtes meinen wir zu hören, wenn Kleist seinem Könige die Türme der Hauptstadt mit den stolzen Worten zeigt: »sie sind gebaut, o Herr, wie hell sie blinken, für beßre Güter in den Staub zu sinken.« Und er selber war es, der Fichte die höhnenden Verse ins Gesicht warf: setzet, ihr träft's mit euerer Kunst und zögt uns die Jugend nun zu Männern wie ihr: liebe Freunde, was wär's? Wenn er seine Adler geschändet sah von den Fremden, wie mochte der stolze Offizier ertragen, daß dieser Schulmeister herantrat, die Nöte des Augenblicks durch die Erziehung des werdenden Geschlechts zu heilen? Und dennoch haben sie zusammengewirkt, die Männer, die sich befehdeten und schalten, einträchtig in dem Kampfe der Idee gegen das Interesse, der Idee des Volkstums wider das Interesse der nackten Gewalt. Schon vor der Schlacht von Jena hatte sich Fichte erboten, mit dem ausrückenden Heere als weltlicher Prediger und Redner, »als Gesandter der Wissenschaft und des Talents,« zu marschieren, denn was – ruft er in seiner kecken, die Weihe des Gedankens mitten in die matte Wirklichkeit hineintragenden Weise – »was ist der Charakter des Kriegers? Opfern muß er sich können; bei ihm kann die wahre Gesinnung, die rechte Ehrliebe gar nicht ausgehen, die Erhebung zu etwas, das über dies Leben hinaus liegt.« Doch das letzte Heer des alten Regimes hatte solchen Geist nicht ertragen. Die Stunden der Schande waren gekommen. Fichte floh aus Berlin und sprach: »ich freue mich, daß ich frei geatmet, geredet, gedacht habe und meinen Nacken nie unter das Joch des Treibers gebogen.« Auch ihn überwältigte jetzt auf Augenblicke die Verzweiflung, da er zufrieden sein wollte ein ruhiges Plätzchen zu finden, und es den Enkeln überlassen wollte zu reden – »wenn bis dahin Ohren wachsen zu hören!« Nicht die Zuversicht fand er wieder, aber die Stärke des Pflichtgefühls, als er nach dem Frieden dennoch redete zu den Lebendigen ohne Hoffnung für sie, »damit vielleicht unsere Nachkommen tun, was wir einsehen, weil wir leiden, weil unsere Vater träumten.« In Stunden einsamer Sammlung war nun sein ganzes Wesen »geweiht, geheiligt«; der alte Grundgedanke seines Lebens, in eigener Person das Absolute zu sein und zu leben, findet in dieser weihevollen Stimmung eine neue religiöse Form, erscheint ihm als die Pflicht »des Lebens in Gott«. Rettung um jeden Preis – dieser ungeheueren Notwendigkeit, die leuchtend vor seiner Seele stand, hatte er manches geopfert von der Starrheit des Theoretikers. Er pries jetzt sogar Machiavellis Weisheit der Verzweiflung; denn von der entgegengesetzten, der niedrigsten Schätzung des Menschenwertes gelangte dieser Verächter aller hergebrachten Sittlichkeit doch zu dem gleichen Endziele, der Rettung des großen Ganzen auf Kosten jeder Neigung des einzelnen. Gereift und gefestigt ward dieser Ideengang, als Fichte jetzt sich schulte an den großartig einfachen Mitteln uralter Menschenbildung, an Luthers Bibel und an der knappen Form, der herben Sittenstrenge des Tacitus. Also vorbereitet hielt er im Winter 1807/8, belauscht von fremden Horchern, oft unterbrochen von den Trommeln der französischen Besatzung, zu Berlin die »Reden an die deutsche Nation«. Sie sind das edelste seiner Werke, denn hier war ihm vergönnt, unmittelbar zu wirken auf das eigentlichste Objekt des Redners, den Willen der Hörer; ihnen eigen ist im vollen Maße jener Vorzug, den Schiller mit Recht als das Unterpfand der Unsterblichkeit menschlicher Geisteswerke pries, doch mit Unrecht den Schriften Fichtes absprach, daß in ihnen ein Mensch, ein einziger und unschätzbarer, sein innerstes Wesen abgebildet habe. Doch auch der Stadt sollen wir gedenken, die, wie eine Sandbank in dem Meere der Fremdherrschaft, dem kühnen Redner eine letzte Freistatt bot; die hocherregte Zeit und die hingebend andächtigen Männer und Frauen sollen wir preisen, welche des Redners schwerem Tiefsinn folgten, den selbst der Leser heute nur mit Anstrengung versteht. Riesenschritte – hebt Fichte an – ist die Zeit mit uns gegangen; durch ihr Übermaß hat die Selbstsucht sich selbst vernichtet. Doch aus der Vernichtung selber erwächst uns die Pflicht und die Sicherheit der Erhebung. Damit die Bildung der Menschheit erhalten werde, muß diese Nation sich retten, die das Urvolk unter den Menschen ist durch die Ursprünglichkeit ihres Charakters, ihrer Sprache. – Unterdrücken wir strenge das wohlweise Lächeln des Besserwissens. Denn fürwahr ohne solche Überhebung hätte unser Volk den Mut der Erhebung nie gefunden wider die ungeheuere Übermacht. Freuen wir uns vielmehr an der seinen Menschenkenntnis des Mannes, der sich gerechtfertigt hat mit dem guten Worte: »ein Volk kann den Hochmut gar nicht lassen, außerdem bleibt die Einheit des Begriffs in ihm gar nicht rege.« – Diesem Urvolke hält der Redner den Spiegel seiner Taten vor. Er weist unter den Werken des Geistes auf die Größe von Luther und Kant, unter den Werken des Staates – er, der in Preußen wirkte und Preußen liebte – auf die alte Macht der Hansa und preist also die streitbaren, die modernen Kräfte unseres Volkstums – im scharfen und bezeichnenden Gegensatze zu Fr. Schlegel, der in Wien zu ähnlichem Zwecke an die romantische Herrlichkeit der Kaiserzeit erinnerte. In diesem hochbegnadeten Volke soll erweckt werden »der Geist der höheren Vaterlandsliebe, der die Nation als die Hülle des Ewigen umfaßt, für welche der Edle mit Freuden sich opfert, und der Unedle, der nur um des ersteren willen da ist, sich eben opfern soll.« Und weiter – nach einem wundervollen Rückblick auf die Fürsten der Reformation, die das Banner des Aufstandes erhoben nicht um ihrer Seligkeit willen, deren sie versichert waren, sondern um ihrer ungeborenen Enkel willen – »die Verheißung eines Lebens auch hienieden, über die Dauer des Lebens hinaus, allein diese ist es, die bis zum Tode fürs Vaterland begeistern kann.« Nicht Siegen oder Sterben soll unsere Losung sein, da der Tod uns allen gemein und der Krieger ihn nicht wollen darf, sondern Siegen schlechtweg. Solchen Geist zu erwecken, verweist Fichte auf das letzte Rettungsmittel, die Bildung der Nation »zu einem durchaus neuen Selbst« – und fordert damit, was in anderer Weise E. M. Arndt verlangte, als er der übergeistigen Zeit eine Kräftigung des Charakters gebot. Noch war die Nation in zwei Lager gespalten. Die einen lebten dahin in mattherziger Trägheit, in der lauwarmen Gemütlichkeit der alten Zeit; ihnen galt es eine große Leidenschaft in die Seele zu hauchen: »wer nicht sich als ewig erklärt, der hat überhaupt nicht die Liebe und kann nicht lieben sein Volk.« Das sind dieselben Töne, die später Arndt anschlug, wenn er dem Wehrmann zurief: »der Mensch soll lieben bis in den Tod und von seiner Liebe nimmer lassen noch scheiden; das kann kein Tier, weil es leicht vergisset.« Den anderen schwoll das Herz von heißem Zorne; schon war unter der gebildeten Jugend die Frage, wie man Napoleon ermorden könne, ein gewöhnlicher Gegenstand des Gesprächs. Diese wilde Leidenschaft galt es zu läutern und zu adeln: »nicht die Gewalt der Arme, noch die Tüchtigkeit der Waffen, sondern die Kraft des Gemütes ist es, welche Siege erkämpft.« Ein neues Geschlecht soll erzogen werden fern von der Gemeinheit der Epoche, entrissen dem verderbten Familienleben, erstarkend zu völliger Verleugnung der Selbstsucht durch eine Bildung, die nicht ein Besitztum, sondern ein Bestandteil der Personen selber sei. In Pestalozzis Erziehungsplänen meint Fichte das Geheimnis dieser Wiedergeburt gefunden. War doch in ihnen der Lieblingsgedanke des Philosophen verkörpert, daß der Wille, »die eigentliche Grundwurzel des Menschen,« die geistige Bildung nur ein Mittel für die sittliche sei; gingen sie doch darauf aus, die Selbsttätigkeit des Schülers fort und fort zu erwecken. Wenn die Stein und Humboldt unbefangen den gesunden Kern dieser Pläne würdigten: dem Philosophen war kein Zweifel, der Charakter der Pestolozzischen Erziehungsweise sei – »ihre Unfehlbarkeit«; fortan sei nicht mehr möglich, daß der schwache Kopf zurückbleibe hinter dem starken. Zu solchem Zwecke redet er »für Deutsche schlechtweg, von Deutschen schlechtweg, nicht anerkennend, sondern durchaus beiseite setzend und wegwerfend alle die trennenden Unterscheidungen, welche unselige Ereignisse seit Jahrhunderten in der einen Nation gemacht haben.« »Bedenket – beschwört er die Hörer –, daß ihr die letzten seid, in deren Gewalt diese große Veränderung steht. Ihr habt doch noch die Deutschen als Eines nennen hören, ihr habt ein sichtbares Zeichen ihrer Einheit, ein Reich und einen Reichsverband, gesehen oder davon vernommen, unter euch haben noch von Zeit zu Zeit Stimmen sich hören lassen, die von dieser höheren Vaterlandsliebe begeistert waren. Was nach euch kommt, wird sich an andere Vorstellungen gewöhnen, es wird fremde Formen und einen anderen Geschäfts- und Lebensgang annehmen, und wie lange wird es noch dauern, daß keiner mehr lebe, der Deutsche gesehen oder von ihnen gehört habe?« – Auch den letzten kümmerlichen Trost raubt er den Verzagten, die Hoffnung, daß unser Volk in seiner Sprache und Kunst fortdauern werde. Da spricht er das furchtbare Wort: »ein Volk, das sich nicht selbst mehr regieren kann, ist schuldig, seine Sprache aufzugeben.« So geschieht ihm selber, was er seinem Luther nachrühmte, daß deutsche Denker, ernstlich suchend, mehr finden als sie suchen, weil der Strom des Lebens sie mit fortreißt. In diesem radikalen Satze schlummert der Keim der Wahrheit, welche erst die Gegenwart verstanden hat, daß ein Volk ohne Staat nicht existiert. – »Es ist daher kein Ausweg,« schließen die Reden – »wenn ihr versinkt, so versinkt die ganze Menschheit mit ohne Hoffnung einer einstigen Wiederherstellung.« Wir Nachgeborenen haben den bewegenden Klang jener Stimme nicht gehört, welche die andachtsvollen Zuhörer zu Berlin ergriff, – und jeder rechte Redner wirkt sein Größtes durch einen höchstpersönlichen Zauber, den die Nachwelt nicht mehr begreift – aber noch vor den toten Lettern zittert uns das Herz, wenn der strenge Züchtiger unseres Volkes »Freude verkündigt in die tiefe Trauer« und an die mißhandelten Deutschen den stolzen Ruf ertönen läßt: »Charakter haben und deutsch sein ist ohne Zweifel gleichbedeutend.« – Und welchen Widerhall erweckten diese Reden in der Welt? Achselzuckend ließ der Franzose den törichten Ideologen gewähren, gleichgültig erzählte der Moniteur von einigen Vorlesungen über Erziehung, die in Berlin einigen Beifall gefunden. Die Fremden wußten nicht, aus wie tiefem Borne dem deutschen Volke der Quell der Verjüngung strömt, und kein Verräter erstand, ihnen den politischen Sinn der Reden zu deuten. Mit wieviel schärferem politischen Blicke hatte einst Machiavelli seinem Volke den allerbestimmtesten Plan der Rettung mit den bestdurchdachten Mitteln vorgezeichnet! Aber sein Principe blieb ein verwegenes Traumbild, die Reden des deutschen Philosophen wurden einer der Funken, daran sich die Glut der Befreiungskriege entzündete. Fichte freilich meinte, sein Wort sei verhallt in den »tiefverderbten« Tagen, sein ganzes System sei nur ein Vorgriff der Zeit. Denn es ist das tragische Geschick großer Männer, daß sie ihren eigenen Geist nicht wieder erkennen, wenn er von den Zeitgenossen empfangen und umgeformt wird zu anderen Gestalten, als sie meinten. Und dennoch war der Redner an die deutsche Nation nur der Mund des Volkes gewesen, er hatte nur dem, was jedes Herz bewegte, einen kühnen, hochgebildeten Ausdruck geliehen. Denn was war es anders, als jene höhere Vaterlandsliebe, die der noch ungeborenen Enkel denkt – was anders war es, das den Landwehrmann von Haus und Hof und Weib und Kindern trieb, das unsere Mütter bewog, alles köstliche Gut der Erde bis zu dem Ringe des Geliebten für ihr Land dahinzugeben? Was anderes war es, als daß sie unser gedachten? In diesem Sinne – denn wer ermißt die tausend geheimnisvollen Kanäle, welche das durchdachte Wort des Philosophen fortleiteten in die Hütte des Bauern? – in diesem Sinne hat Fichtes Wort gezündet, und die Kundigen stimmten ein, wenn Friedrich Gentz, diesmal wahrhaft ergriffen, sagte: »so groß, tief und stolz hat fast noch niemand von der deutschen Nation gesprochen.« Wieder kamen Jahre stiller Arbeit. Unter den ersten wirkte Fichte bei der Gründung der Berliner Hochschule, die dem erwachenden neuen Geiste ein Herd sein sollte. Ein Glück, daß Wilhelm Humboldt, als ein besonnener Staatsmann, an die altbewährten Überlieferungen deutscher Hochschulen anknüpfte und die verwegenen Gedanken des Philosophen verwarf; denn mit der ganzen Strenge seiner herrischen Natur hatte Fichte einen Plan mönchischer Erziehung entworfen, der die Jugend absperren sollte von jeder Berührung mit den Ideenlosen, doch in Wahrheit jede echte akademische Freiheit vernichtet hätte. Um so unerschütterlicher bekämpfte er auf der neuen Hochschule die falsche akademische Freiheit; er fand es verwerflich, grundverderblich, Nachsicht zu üben mit alten unseligen Unsitten der Jugend. Das wüste Burschenleben war ihm eine bewußte, mit Freiheit und nach Gesetzen hergebrachte Verwilderung. In diesen Jahren weihte er seine ganze Kraft dem Lehramte. Die gewohnte Macht über die jugendlichen Gemüter blieb ihm nach wie vor. Er nutzte sie, den Keim zu legen zu der deutschen Burschenschaft. Er förderte, wie schon früher in Jena, unter den Studierenden den Widerstand gegen den Unfug der alten Landsmannschaften und warnte die Gesellschaft der »Deutsch-Jünger« vor jenen beiden Irrtümern, welche später die Burschenschaften lähmten: sie sollten sich hüten, mittelalterlich und deutsch zu verwechseln, und sorgen, daß das Mittel – die Verbindung – ihnen nicht wichtiger werde als der Zweck – die Belebung deutschen Sinnes. – Endlich erfüllten sich die Zeiten; dies Geschlecht, das er verloren gab, fand sich wieder; denn so tief war es nie gesunken, als der Idealist meinte. Die Trümmer der großen Armee kehrten aus Rußland heim, die Provinz Preußen stand in Waffen, der ostpreußische Landtag harrte auf das Wort des Königs. Der König erließ von Breslau den Aufruf zur Bildung von Freiwilligenkorps; aber noch war der Krieg an Frankreich nicht erklärt. Auf der Straße begegneten den französischen Gendarmen dichte Haufen still drohender Bauern, die zu den Fahnen zogen; und Fichtes Schüler zitterten vor Ungeduld, dem Rufe des Königs zu folgen, doch sie warteten des Lehrers. Wer meinte nicht, daß in diesen schwülen Tagen der Erwartung ein glühender Aufruf aus Fichtes Munde wie ein Blitzstrahl hätte einschlagen sollen? – Schlicht und ernst, wie nach einem großen Entschlusse, tritt er endlich am 19. Februar 1813 vor seine Studenten. Nur selten berichten die lauten Annalen der Geschichte von dem Edelsten und Eigentümlichsten der großen historischen Wandlungen. So ist auch das Herrlichste der reinsten politischen Bewegung, die je unser Volk erhob, noch nicht nach Gebühr gewürdigt – jener Geist schlichter, gefaßter Manneszucht, der das Ungeheuere vollzog so ruhig, so frei von jedem falschen Pathos, wie die Erfüllung alltäglicher Bürgerpflichten. Nichts staunenswürdiger an diesen einzigen Tagen, als jener ernste, unverbrüchliche Gehorsam, der unser Volk selbst dann noch beherrschte, da die hochgehenden Wogen volkstümlicher Entrüstung die Decke sprengten, die sie lange gehemmt. Ein Heldenmut ist es, natürlich, selbstverständlich in den Tagen tiefer Bewegung, dem Rohre der feindlichen Kanone freudig ins Gesicht zu blicken, aber jedes Wort des Preises verstummt vor der mannhaften Selbstbeherrschung, die unsere Väter beseelte. Als ein Heißsporn des ostpreußischen Landtags die Genossen fragte: »wie nun, meine Herren, wenn der König den Krieg nicht erklärt?« – da erwiderte ihm Heinrich Theodor von Schön: »dann gehen wir ruhig nach Hause.« Durchaus getränkt von diesem Geiste ernster Bürgerpflicht war auch die Rede, die Fichte jetzt an seine Hörer richtete. Er habe, gesteht er, lange geschwankt, ehe er mit solchem Worte vor seine Schüler getreten sei. Die Wissenschaft allerdings sei die stärkste Waffe gegen das Böse, und in diesem Kampfe würden Siege erfochten, dauernd für alle Zeit. Aber zu dem geistigen Streite bedürfe es des äußern und des innern Friedens: und nur darum, weil diese Ruhe des Gemütes ihn selber, trotz vielfacher Übung in der Selbstbesinnung, zu verlassen beginne, schließe er jetzt seine Vorlesungen. – Das einfache Wort genügte, die Jünglinge in die Reihen der Freiwilligen zu führen. Noch einmal ist ihm dann der Gedanke gekommen, als ein Redner in das Lager zu gehen – noch einmal vergeblich. Dann ist Fichte krank und halb gelähmt mit den gelehrten Genossen und dem kaum mannbaren Sohne in den Landsturm getreten; Lanze und Säbel lehnten nun an der Tür des Philosophen. Als die Kunde erscholl von den herrlichsten deutschen Siegen, von den Tagen von Hagelberg und Dennewitz, selbst dann hat er nicht gelassen von der alten tüchtigen Weise, den Dingen nachzudenken bis zum Ende. Im Sommer 1813 hielt er vor den wenigen Studierenden, die dem Kampfe fern blieben, Vorlesungen über die Staatslehre. Auch jetzt noch bewegt er sich ausschließlich im Gebiete der Ideen; seinen kühnsten Sätzen fügt er stolz abweisend hinzu: »es gilt vom Reiche (der Vernunft), nicht von ihren Lumpenstaaten.« Noch immer geht er dem Staate der Wirklichkeit mit radikaler Härte zu Leibe; Erblichkeit der Repräsentation ist ihm ein absolut vernunftwidriges Prinzip, »die erste Pflicht der Fürsten wäre, in dieser Form nicht da zu sein,« der Wahn der Ungleichheit ist bereits durch das Christentum praktisch vernichtet. Aber wie viel reicher und tiefsinniger erscheint ihm jetzt der Staat! Mit scharfen Worten sagt er sich los von der naturrechtlichen Lehre, die er bereits in den Reden an die deutsche Nation verlassen hatte. Er verwirft die »schlechte Ansicht«, welche im Staate nur den Schützer des Eigentums erblickt und darum Kirche, Schule, Handel und Gewerbe allein den Privatleuten zuweist und im Falle des Krieges die Ruhe für die erste Bürgerpflicht erklärt. Der Staat ist berufen, die sittliche Aufgabe auf Erden zu verwirklichen. In den beiden schönen Vorlesungen, die »von dem Begriffe des wahrhaften Krieges« handeln, stellt er scharf und schroff die sinnliche und die sittliche Ansicht vom Staate einander gegenüber. Nach jener gilt »zuerst das Leben, sodann das Gut, endlich der Staat, der es schützt.« Nach dieser steht obenan »die sittliche Aufgabe, das göttliche Bild; sodann das Leben in seiner Ewigkeit, das Mittel dazu, ohne allen Wert, außer inwiefern es ist dieses Mittel; endlich die Freiheit, als die einzige und ausschließende Bedingung, daß das Leben sei solches Mittel, drum – als das einzige, was dem Leben selbst Wert gibt.« – Der einst mit dem Mißtrauen des deutschen Gelehrten die Zwangsanstalt des Staates betrachtet, er sieht jetzt mit der Begeisterung eines antiken Bürgers in dem Staate den Erzieher des Volkes zur Freiheit, alle Zweige des Volkslebens weist er der Leitung des Staates zu. Nur in einem solchen Staate ist »ein eigentlicher Krieg« möglich, denn hier wird durch feindlichen Einfall die allgemeine Freiheit und eines jeden besondere bedroht; es ist darum jedem für die Person und ohne Stellvertretung aufgegeben der Kampf auf Leben und Tod. Schon längst waren seine radikalen Theorien dann und wann erhellt worden durch ein Aufblitzen historischer Erkenntnis; bereits in seiner Jugendschrift über die französische Revolution hatte er Friedrich den Großen gepriesen als einen Erzieher zur Freiheit. Noch jetzt erst beginnt er die historische Welt recht zu verstehen. Er erkennt, daß ein Volk gebildet werde durch gemeinsame Geschichte, und berufen sei, »in dem angehobenen Gange aus sich selber sich fortzuentwickeln zu einem Reiche der Vernunft.« Alle Staaten der Geschichte erscheinen ihm jetzt als Glieder in der großen Kette dieser Erziehung des Menschengeschlechts zur Freiheit. Ist diese Erziehung dereinst vollendet, dann wird »irgendeinmal irgendwo die hergebrachte Zwangsregierung einschlafen, weil sie durchaus nichts mehr zu tun findet,« dann wird das Christentum nicht bloß Lehre, nein, die Verfassung des Reiches selber sein. In diesem Reiche werden die »Wissenschaftlichen« regieren über dem Volke, denn »alle Wissenschaft ist tatbegründend«. So gelangt auch Fichte zu dem platonischen Idealbilde eines Staates, welchen die Philosophen beherrschen. Und wenn der nüchterne Politiker betroffen zurückweicht vor diesem letzten Fluge des Fichteschen Geistes, so bleibt doch erstaunlich, wie rasch die große Zeit sich ihren Mann erzogen hat: der Held des reinen Denkens wird durch den Zusammenbruch seines Vaterlandes zu der Erkenntnis geführt, daß der Staat die vornehmste Anstalt im Menschenleben, die Verkörperung des Volkstums selber ist. Näher eingehend auf die Bewegung des Augenblicks schildert er das Wesen des gewaltigen Feindes, der unter den Ideenlosen der Klügste, der Kühnste, der Unermüdlichste, begeistert für sich selber, nur zu besiegen ist durch die Begeisterung für die Freiheit. So stimmt auch Fichte mit ein in die Meinung unserer großen Staatsmänner, welche erkannten, daß die Revolution in ihrem furchtbarsten Vertreter bekämpft werden müsse mit ihren eigenen Waffen. Fast gewaltsam unterdrückt er den unabweislichen Argwohn, daß nach dem Frieden alles beim alten bleibe. Nicht ungerügt freilich läßt er es hingehen, daß man in solchem Kampfe noch gotteslästerlich von Untertanen rede, daß die Formel »mit Gott für König und Vaterland« den Fürsten gleichsam des Vaterlandes beraube. Aber alle solche Makel der großen Erhebung gilt es als schlimme alte Gewohnheiten zu übersehen; »dem Gebildeten soll sich das Herz erheben beim Anbruche seines Vaterlandes.« Beim Anbruche seines Vaterlandes – die aus der Ferne leidenschaftlos zurückblickende Gegenwart mag diese schöne Bezeichnung der Freiheitskriege bestätigen, welche die hart enttäuschten Zeitgenossen kummervoll zurücknahmen. Auch zu einer rein publizistischen Arbeit ward der Denker durch die Sorge um den Neubau des Vaterlandes veranlaßt. Alsbald nach dem Aufrufe des Königs an sein Volk schreibt er den vielgenannten »Entwurf einer politischen Schrift«. Die wenigen Blätter sind unschätzbar nicht bloß als ein getreues Bild seiner Weise zu arbeiten – denn hier, in der Tat, sehen wir ihn pochen und graben nach der Wahrheit, den Verlauf des angestrengten Schaffens unterbrechen mit einem nachdenklichem »Halt, dies schärfer!« und die Schlacken der ergründeten Wahrheit emporwerfen aus der Grube – sondern mehr noch, weil uns hier Fichte entgegentritt als der erste namhafte Verkündiger jener Ideen, welche heute Deutschlands nationale Partei bewegen. Schon oft war, bis hinauf in die Kreise der Mächtigsten, der Gedanke eines preußischen Kaisertums über Norddeutschland angeregt worden. Hier zuerst verkündet ein bedeutender Mann mit einiger Bestimmtheit den Plan, den König von Preußen als einen »Zwingherrn zur Deutschheit« an die Spitze des gesamten Vaterlandes zu stellen. Parteien freilich im heutigen Sinne kannte jene Zeit noch nicht, und Fichte am wenigsten hätte sich der Mannszucht einer Partei gefügt; er schreibt seine Blätter nur nieder, damit »diese Gedanken nicht untergehen in der Welt.« Aber kein Parteimann unserer Tage mag das tödliche Leiden unseres Volkes, daß es mediatisiert ist, klarer bezeichnen als er mit den Worten, das deutsche Volk habe bisher an Deutschland Anteil genommen allein durch seine Fürsten. Noch immer schwebt ihm als höchstes Ziel vor Augen eine »Republik der Deutschen ohne Fürsten und Erbadel«, doch er begreift, daß dieses Ziel in weiter Ferne liege. Für jetzt gilt es, daß »die Deutschen sich selbst mit Bewußtsein machen«. – »Alle großen deutschen Literaturen sind gewandert,« ruft er stolz; und jenes freie Nationalgefühl, das diese glänzenden Geister trieb, die Enge ihres Heimatlandes zu verlassen, muß ein Gemeingut des Volkes werden, damit zuletzt der Einzelstaat als überflüssig hinwegfalle. Ein haltbarer Nationalcharakter wird gebildet zunächst durch die Freiheit, denn »ein Volk ist nicht mehr umzubilden, wenn es in einen regelmäßigen Fortschritt der freien Verfassung hineingekommen.« Aber auch im Kriege wird ein Volk zum Volke, und hier spricht er ein Wort, dessen tiefster Sinn sich namentlich in Fichtes Heimatlande als prophetisch bewährt hat: »wer den gegenwärtigen Krieg nicht mitführen wird, wird durch kein Dekret dem deutschen Volke einverleibt werden können.« Als einen Erzieher zur Freiheit, zur Deutschheit brauchen wir einen Kaiser. Österreich kann die Hand nie erheben zu dieser Würde, weil es unfrei und in fremde undeutsche Händel verwickelt ist; sein Kaiser ist durch sein Hausinteresse gezwungen, »deutsche Kraft zu brauchen für seine persönlichen Zwecke.« Preußen aber »ist ein eigentlich deutscher Staat, hat als Kaiser durchaus kein Interesse zu unterjochen, ungerecht zu sein. Der Geist seiner bisherigen Geschichte zwingt es fortzuschreiten in der Freiheit,, in den Schritten zum Reich (das will sagen: zum Vernunftreiche); nur so kann es fortexistieren, sonst geht es zu Grunde.« So – nicht eingewiegt, nach der gemeinen Weise der Idealisten, in leere Illusionen, aber auch nicht ohne frohe Hoffnung ist Fichte in den Tod gegangen für sein Land. Welch ein Wandel seit den Tagen der Revolutionskriege, da er der Geliebten noch vorhielt, daß sie gleichgültig sei gegen die Welthändel! Der Schwung der großen Zeit, die opferbereite Empfindung weiblichen Mitgefühls führt jetzt Johanna Fichte unter die wunden Krieger der Berliner Hospitäler. Alle guten und großen Worte des Gatten von der Macht der göttlichen Gnade werden ihr lebendig und strömen von ihrem Munde, da sie die unbärtigen Jünglinge der Landwehr mit dem hitzigen Fieber ringen, in letzter Schwäche, in unbezwinglichem Heimweh die Heilung von sich weisen sieht. In den ersten Tagen des Jahres 1814 bringt sie das Fieber in ihr Haus. Einen Tag lang verweilt der Gatte an ihrem Lager, eröffnet dann gefaßt seine Vorlesungen und findet, zurückgekehrt, die Totgeglaubte gerettet. In diesen Stunden des Wiedersehens, meint der Sohn, mag den starken Mann der Tod beschlichen haben. In seine letzten Fieberträume fiel noch die Kunde von der Neujahrsnacht 1814, da Blücher bei der Pfalz im Rheine den Grenzstrom überschritt und das feindliche Ufer widerhallte von den Hurrarufen der preußischen Landwehr. Unter solchen Träumen von kriegerischer Größe ist der streitbare Denker verschieden am 27. Januar 1814. Sein Lob mag er selber sagen: »Unser Maßstab der Größe bleibe der alte: daß groß sei nur dasjenige, was der Ideen, die immer nur Heil über die Völker bringen, fähig sei und von ihnen begeistert.« Seitdem ist eine lange Zeit vergangen, Fichtes Name ist im Wechsel gepriesen worden und geschmäht, ist aufgetaucht und wieder verschwunden. Als die kriegerische Jugend, heimkehrend von den Schlachtfeldern, in die Hörsäle der Hochschulen zurückströmte, da erst ward offenbar, wie tief das Vorbild des »Vaters Fichte« in den jungen Seelen haftete. »Die Jugend soll nicht lachen und scherzen, sie soll ernsthaft und erhaben sein,« war seine Mahnung, und wirklich, wie Fichtes Söhne erschienen diese spartanischen Jünglinge, wie sie einherschritten in trutziger Haltung, abgehärteten Leibes, in altdeutscher Tracht, hochpathetische Worte voll sittlichen Zornes und vaterländischer Begeisterung redend. Die Ideen, welche diese jungen Köpfe entzückten, lagen zwar tief begründet in der ganzen Richtung der Zeit, aber unzweifelhaft gebührt den Lehren Fichtes daran ein starker Anteil. Vor seinem Bilde, dessen lautere Hoheit uns kein Schopenhauer hinwegschmähen wird, erfüllte sich das junge Geschlecht mit jenen Grundsätzen herber Sittenstrenge, die unseren Hochschulen eine heilsame Verjüngung brachten. Und welch ein Vorbild der »Deutschheit« besaß die Jugend in ihm, der aus der dumpfen Gemütlichkeit des kursächsischen Lebens sich emporrang zu jenem vornehmen Patriotismus, welcher nur noch »Deutsche schlechtweg« kennen wollte und den Kern unserer Nation in der norddeutsch-protestantischen Welt erblickte. Mochte er immerhin seinen politischen Ideen die abwehrende Weisung hinzufügen: »auf Geheiß der Wissenschaft soll die Regierung jene bändigen und strafen, welche diese Lehren auf die Gegenwart anwenden«: – die Jugend wußte nichts von solcher Unterscheidung. Die Hoheit seiner Ideen und der Radikalismus seiner Methode wirkten berauschend auf die deutschen Burschen. »Der deutsche Staat ist in der Tat einer; ob er nun als einer oder mehrere erscheine, tut nichts zur Sache« – solcher Worte diktatorischer Klang drang tief in die jungen Seelen. Die Vorstellung, daß das Bestehende schlechthin unberechtigt sei und einem deutschen Reiche weichen müsse, ward durch Fichtes Lehren mächtig gefördert. Als eine edle Barbarei hat man treffend die Stimmung der Burschenschaft bezeichnet, und auch an den Sünden dieser edlen Barbaren ist Fichte nicht schuldlos. Seine mönchische Strenge spiegelt sich wider in dem altklugen, unjugendlichen Wesen, das uns so oft zurückstößt von der wackeren teutonischen Jugend. Wenn er immer wieder die Bildung des Charakters betonte, war es da zu verwundern, daß schließlich die Jugend, die den Wert eines gereiften Charakters noch nicht zu beurteilen vermag, mit Vorliebe den polternden Moralpredigern folgte und an alle glänzenden Geister unseres Volkes den Maßstab der »Gesinnungstüchtigkeit« legte? Wenn er unermüdlich die Jugend darstellte als den noch reinen Teil der Nation und die »Wissenschaftlichen« als die natürlichen Lenker des Volkes: – mußte da nicht endlich die Anmaßung aufwuchern in der wissenschaftlichen Jugend? – »Unser Urteil hat das Gewicht der Geschichte selbst, es ist vernichtend!« – in solchen Reden, die im Burschenhause zu Jena, als Arnold Ruge jung war, widerhallten, offenbart sich die Kehrseite des Fichteschen Geistes. Fichte starb zu früh; bei längerem Leben wäre all seine wache Sorge dahin gegangen, die edle Barbarei der Jugend maßvoll und bescheiden zu erhalten. Weder Luden noch Oken oder Fries, und am allerwenigsten der alte Jahn stand hoch genug, um die spartanische Rauheit des jungen Geschlechts zu mäßigen. – Vornehmlich in dieser sittlichen Einwirkung auf die Gesinnung des werdenden Geschlechts liegt Fichtes Bedeutung für die Geschichte unserer nationalen Politik – und wer darf leugnen, daß der Fluch dieses Wirkens tausendmal überboten ward von dem Segen? Nimmermehr wird diesem Denker gerecht, wer ihn lediglich beurteilt als einen politischen Schriftsteller. Der Publizist mag lächeln über Fichtes ungeübten politischen Scharfblick, der »Gelehrte von Metier« mag erschrecken vor seiner mangelhaften Kenntnis der politischen Tatsachen; aber hoch über die Fachgelehrten und die Publizisten hinaus erhebt sich der Redner an die deutsche Nation, wenn er mit der Kühnheit des Propheten das Ethos unserer nationalen Politik verkündet, wenn er den zersplitterten Deutschen den Geist der echten Vaterlandsliebe predigt, der über den Tod hinaus zu hassen und zu lieben vermag. Das war mithin kein Zufall, daß der Name dieses Denkers durch den deutschen Bundestag in den Kot getreten ward. Viel zu milde, leider, lautet das landläufige Urteil, daß unser Volk mit Undank belohnt worden für die Errettung der Throne, die sein Blut erkauft. Als ein Verbrechen vielmehr galt zu Wien und Frankfurt der Geist des Freiheitskrieges. Und wer hatte den »militärischen Jakobinismus« des preußischen Heeres schroffer, schonungsloser ausgesprochen als Fichte in den Worten: »kein Friede, kein Vergleich! Auch nicht falls der zeitige Herrscher sich unterwürfe und den Frieden schlösse! Ich wenigstens habe den Krieg erklärt und bei mir beschlossen, nicht für seine Angelegenheit, sondern für die meinige, meine Freiheit.« Wie sehr mußte die Woge demokratischen Zornes und Stolzes, welche in diesen Worten brandet, jene Schmalz und Kamptz erschrecken, die den Freiheitskrieg für eine Tat gewöhnlichen Gehorsams erklärten, vergleichbar dem Wirken der Spritzenmannschaft, die zum Löschen befehligt wird! Darum, als die Zentral-Untersuchungskommission zu Mainz den unbeschämten Augen des Bundestages die demagogischen Umtriebe darlegte, standen obenan unter den verbrecherischen Geheimbünden,– die Vereine, welche in den Jahren 1807–13 sich gebildet zum Zwecke der Vertreibung der Franzosen, und die Liste der Verdächtigen ward eröffnet mit den erlauchten Namen von – Fichte und Schleiermacher. Nur mit Erröten denken wir der Tage, da man in Berlin verbot, die Reden an die deutsche Nation aufs neue zu drucken. Mag es sein, daß Fichtes nervige Faust den Bogen zu heftig spannte und über das Ziel hinausschoß; in der Richtung nach dem Ziel ist sicherlich sein Pfeil geflogen. Die Zeit wird kommen, die Sehergabe des Denkers zu preisen, der Preußen die Wahl stellte, unterzugehen oder fortzuschreiten zum Reiche. Mag es sein, daß der verwegene Idealist oftmals abirrte in der nüchternen Welt der Erfahrung: – ein Vorbild des Bürgermutes ist er uns geworden, der lieber gar nicht sein wollte, als der Laune unterworfen und nicht dem Gesetz. Und auch das praktisch mögliche hat der Theoretiker dann immer getroffen, wenn er handelte von den sittlichen Grundlagen des staatlichen Lebens. Alle Vorwände der Zagheit, all das träge Harren auf ein unvorhergesehenes glückliches Ereignis – wie schneidend weist er sie zurück, wenn er versichert, keiner der bestehenden Landesherren »könne Deutsche machen«, nur aus der Bildung des deutschen Volksgeistes werde das Reich erwachsen. Wenn wir willig diesem Worte glauben, so hoffen wir dagegen – der vielmehr wir müssen es wollen, daß ein anderer Zukunftsspruch des Denkers nicht in Erfüllung gehe. Schon einmal sahen wir ihn, nach der Weise der Propheten, sich täuschen in der Zeit: sechs Jahre schon nach den Reden an die deutsche Nation erhebt sich das Geschlecht, das er gänzlich aufgegeben. Sorgen wir, daß dies Volk nochmals rascher lebe, als Fichte meinte, daß wir mit eigenen Augen das einige deutsche Reich erblicken, welches er im Jahre 1807 bescheiden bis in das 22. Jahrhundert verschob. – Wieder ist den Deutschen die Zeit des Kampfes erschienen; wieder steht nicht der Gedanke gerüstet gegen den Gedanken, nicht die Begeisterung wider die Begeisterung, Die Idee streitet gegen das Interesse, die Idee, daß dieses Volk zum Volke werde, wider das Sonderinteresse von wenigen, die an das nicht glauben, was sie verteidigen. Wenn die Langsamkeit dieses Streites, der uns aus sittlichen noch mehr denn aus politischen Beweggründen zu den Fahnen ruft, uns oft lähmend auf die Seele fällt, dann mögen wir uns aufrichten an dem Fichteschen Worte der Verheißung, daß in Deutschland das Reich ausgehen werde von der ausgebildeten persönlichen Freiheit und in ihm erstehen werde ein wahrhaftes Reich des Rechts, gegründet auf die Gleichheit alles dessen, was Menschenangesicht trägt. Damit, fürwahr, sind bezeichnet die bescheidensten, die gerechtesten Erwartungen der Deutschen. Was die Deutschen, wenn sie den Einmut finden, ihren Staat zu gründen, bei mäßiger Macht dennoch hoch stellen wird in der Reihe der Nationen, ist allein dieses: kein Volk hat je größer gedacht als das unsere von der Würde des Menschen, keines die demokratische Tugend der Menschenliebe werktätiger geübt. Mit schönen Worten pries Fichte das Schicksal des großen Schriftstellers: »unabhängig von der Wandelbarkeit spricht sein Buchstabe in allen Zeitaltern an alle Menschen, welche diesen Buchstaben zu beleben vermögen, und begeistert, erhebt und veredelt bis an das Ende der Tage.« Nicht ganz so glücklich ist das Los, das den Werken Fichtes selber fiel; denn nur wenige scheuen nicht die Mühe, den echten Kern seiner Gedanken loszuschälen aus der Hülle philosophischer Formeln, welchen die Gegenwart mehr und mehr entwächst. Doch daß der Geist des Redners an die deutsche Nation nicht gänzlich verflogen ist in seinem Volke, davon gab die Feier seines hundertjährigen Geburtstages ein Zeugnis. Wohl mancher Nicolai verherrlichte an jenem Tage den lauteren Namen des Denkers und ahnte nicht, daß er seinen Todfeind pries. Aber nimmermehr konnte ein ganzes, ehrliches Volk einen Helden des Gedankens als einen Helden der Nation feiern, wenn nicht in diesem Volke noch der Glaube lebte an die weltbewegende Macht der Idee. Und er wird dauern, dieser vielgeschmähte Idealismus der Deutschen. Und dereinst wird diesem Volke des Idealismus eine schönere Zukunft tagen, da eine reifere Philosophie die Ergebnisse unseres politischen Schaffens, unseres reichen empirischen Wissens in einem großen Gedankensysteme zusammenfaßt. Wir Lebenden werden Fichtes Geist dann am treuesten bewahren, wenn alle edleren Köpfe unter uns wirken, daß in unsern Bürgern wachse und reife der »Charakter des Kriegers«, der sich zu opfern weiß für den Staat. Die Gegenwart denkt, wenn Fichtes Name genannt wird, mit Recht zuerst an den Redner, welcher diesem unterjochten Volke die heldenhaften Worte zurief: »Charakter haben und deutsch sein ist ohne Zweifel gleichbedeutend.« – Königin Luise. Vortrag, gehalten am 10. März 1876 im Kaisersaale des Berliner Rathauses. [Preuß. Jahrb., Band 87 (Aprilheft 1876), S. 417 ff. Auch erschienen unter dem Titel: Königin Luise. Zwei Festreden von Th. Mommsen und H. v. Treitschke. (Berlin, G. Reimer 1876.) S. 5ff.] In Wort und Schrift, in Bild und Reim ist die hochherzige Königin, zu deren Gedächtnis ich Sie hier versammelt sehe, oft gefeiert worden; in der Erinnerung ihres dankbaren Volkes lebt sie fort wie eine Lichtgestalt, die den Kämpfern unseres Befreiungskrieges, den Pfad weisend, hoch in den Lüften voranschwebte. Wollte ich dieser volkstümlichen Überlieferung folgen oder gar jener Licht ins Lichte malenden Schmeichelei, die nach den Worten Friedrichs des Großen wie ein Fluch an die Fersen der Mächtigen dieser Erde sich klammert, so müßte ich fast verzweifeln bei dem Versuche, Ihnen ein Bild von diesem reinen Leben zu geben, wie der Künstler sich scheut, das unvermischte Weiß auf die Leinwand zu tragen. Das ist aber der Segen der historischen Wissenschaft, daß sie uns die Schranken der Begabung, die endlichen Bedingungen des Wirkens edler Menschen kennen lehrt und sie so erst unserem menschlichen Verständnis, unserer Liebe näher führt. Auch diese hohe Gestalt stieg nicht wie Pallas gepanzert, fertig aus dem Haupte Gottes empor, auch sie ist gewachsen in schweren Tagen. Sie hat, nach Frauenart, in schamhafter Stille, doch in nicht minder ernsten Seelenkämpfen wie jene starken Männer, die in Scham und Reue den Gedanken des Vaterlands sich eroberten, einen neuen reicheren Lebensinhalt gefunden. Dieselben Tage der Not und Schmach, welche den treuen schwedischen Untertan Ernst Moritz Arndt zum deutschen Dichter bildeten und dem Weltbürger Fichte die Reden an die deutsche Nation auf die Lippen legten, haben die schöne anmutvolle Frau, die beglückende und beglückte Gattin und Mutter mit jenem Heldengeiste gesegnet, dessen Hauch wir noch spürten in unserem jüngsten Kriege. Wie die Reformation unserer Kirche das Werk von Männern war, so hat auch dieser preußische Staat, der mit seinen sittlichen Grundgedanken fest in dem Boden des Protestantismus wurzelt, allezeit einen bis zur Herbheit männlichen Charakter behauptet. Er dankt dem liebevollen frommen Sinne seiner Frauen Unvergeßliches. Am Ausgange des Dreißigjährigen Krieges blieb uns von der alten Großheit der Väter nichts mehr übrig als das deutsche Haus; aus diesem Born, den Frauenhände hüteten, trank unser Volk die Kraft zu neuen Taten. Dem öffentlichen Leben aber sind die Frauen Preußens immer fern geblieben, im scharfen Gegensatze zu der Geschichte des katholischen Frankreichs. Ganz deutsch, ganz preußisch gedacht ist das alte Sprichwort, das jene Frau die beste nennt, von der die Welt am wenigsten redet. Keine aus der langen Reihe begabter Fürstinnen, welche den Thron der Hohenzollern schmückten, hat unseren Staat regiert. Auch Königin Luise bestätigt nur die Regel. Ihr Bild, dem Herzen ihres Volkes eingegraben, ward eine Macht in der Geschichte Preußens, doch nie mit einem Schritte übertrat sie die Schranken, welche der alte deutsche Brauch ihrem Geschlechte setzt. Es ist der Prüfstein ihrer Frauenhoheit, daß sich so wenig sagen läßt von ihren Taten. Wir wissen wohl, wie sie mit dem menschenkundigen Blicke des Weibes immer eintrat für den tapfersten Mann und den kühnsten Entschluß; auch einige, nur allzuwenige, schöne Briefe erzählen uns von dem Ernst ihrer Gedanken, von der Tiefe ihres Gefühles. Das alles gibt doch nur ein mattes Bild ihres Wesens. Das Geheimnis ihrer Macht lag, wie bei jeder rechten Frau, in der Persönlichkeit, in dem Adel natürlicher Hoheit, in jenem Zauber einfacher Herzensgüte, der in Ton und Blick unwillkürlich und unwiderstehlich sich bekundete. Nur aus dem Widerscheine, den dies Bild in die Herzen der Zeitgenossen warf, kann die Nachwelt ihren Wert erraten. Nach dem Tage von Jena mußte auch Preußen den alten Fluch besiegter Völker ertragen: eine Flut von Anklagen und Vorwürfen wälzte sich heran wider jeden Mächtigen im Staate. Noch schroffer und schärfer hat in den leidenschaftlichen Parteikämpfen der folgenden Jahre die schonungslose Härte des norddeutschen Urteils sich gezeigt; kein namhafter Mann in Preußen, der nicht schwere Verkennung, grausamen Tadel von den Besten der Zeit erfuhr. Allein vor der Gestalt der Königin blieben Verleumdung und Parteihaß ehrfürchtig stehen; nur eine Stimme von Hoch und Niedrig bezeugt, wie sie in den Tagen des Glückes das Vorrecht der Frauen übte, mit ihrem strahlenden, glückseligen Lächeln das Kleine und Kleinste zu verklären, in den Zeiten der Not durch die Kraft ihres Glaubens die Starken stählte und die Schwachen hob. – Das gute Land Mecklenburg hat unserem Volke die beiden Feldherren geschenkt, welche die Schlachten des neuen Deutschlands schlugen; wir wollen ihm auch die Ehre gönnen, diese Tochter seines alten Fürstenhauses sein Landeskind zu nennen, obgleich sie fern dem Lande ihrer Väter geboren und erzogen wurde. An dem stillen Darmstädter Hofe genoß die kleine Prinzessin mit ihren munteren Schwestern das Glück einer schlicht natürlichen, keineswegs sehr sorgfältigen Erziehung. Da sie heranwuchs, erzählte alle Welt von den wunderschönen mecklenburgischen Schwestern. Jean Paul widmete ihnen seine überschwengliche Huldigung. Goethe lugte im Kriegslager vor Mainz verstohlen zwischen den Falten seines Zeltes hervor und musterte die lieblichen Gestalten mit gelassenem Kennerblicke; seiner Mutter, der alten Frau Rat, lachte die Kinderlust aus den braunen Augen, wenn die jungen Damen nach Frankfurt kamen und im Dichterhause am Hirschgraben Specksalat aßen oder an dem Brunnen im Hofe sich selber einen frischen Trunk holten. So menschlich einfach wie die Kindheit der Prinzessin verlief, ist auch der Schicksalstag der Frau in ihr Leben eingetreten; dort in Frankfurt, am Tische des Königs von Preußen, fand sie den Gatten, der ihr fortan »der beste aller Männer« blieb. An lauten Huldigungen hat es wohl noch niemals einer deutschen Fürstenbraut gefehlt; das war doch mehr als der frohe Zuruf angestammter Treue, was die beiden mecklenburgischen Schwestern bei ihrem Einzug in Berlin begrüßte. In einem Augenblicke gewann die Kronprinzessin alle Herzen, da sie das kleine Mädchen, das ihr die üblichen Hochzeitsverse hersagte, in der Einfalt ihrer Freude, zum Entsetzen der gestrengen Oberhofmeisterin umarmte und küßte. Die unerfahrene siebzehnjährige Frau, aufgewachsen im einfachsten Leben, sollte sich nun zurecht finden auf dem schlüpfrigen Boden dieses mächtigen Hofes, wo um den früh gealterten König ein Gewölk zweideutiger Menschen sich scharte, wo der geistvolle Prinz Ludwig Ferdinand sein unbändig leidenschaftliches Wesen trieb und der Kronprinz mit seiner frommen Sittenstrenge ganz vereinsamt stand; da fand sie eine treue und kundige Freundin an der alten Gräfin Voß. Wer kennt sie nicht, die strenge Wächterin aller Formen der Etikette, die in siebzig Jahren höfischen Lebens das gute Herz, das gerade Wort und den tapferen Mut sich zu bewahren wußte? Sie gab ihrer Herrin den besten Rat, der einer jungen Frau erteilt werden kann: keinen anderen Freund und Vertrauten sich zu wählen als ihren Gemahl; und dabei blieb es bis zum Tode der Fürstin. Für den edlen, doch früh verschüchterten und zum Trübsinn geneigten Geist Friedrich Wilhelms ward es ein unschätzbares Glück, daß er einmal doch herzhaft mit vollen Zügen aus dem Becher der Freude trinken, die schönste und liebevollste Frau in seinen Armen halten, an ihrer wolkenlosen Heiterkeit sich sonnen durfte. Aber auch die Prinzessin fand bei dem Gatten, was die rechte Ehe dem Weibe bieten soll: sie rankt sich empor an dem Ernst, dem festen sittlichen Urteile des reifen Mannes, lernt manche wirre Träumerei des Mädchenkopfes aufzugeben. Unablässig strebt sie »sich zur inneren Harmonie zu bilden«; ihre wahrhaftige Natur duldet keine Phrase, keinen halbverstandenen Begriff. Etwas Liebenswürdigeres hat sie kaum geschrieben als die naiven Briefe an ihren alten freimütigen Freund, den Kriegsrat Scheffner. Da fragt sie kindlich treuherzig, damals schon eine reife Frau und viel bewunderte Königin: was man eigentlich unter Hierarchie verstehe, und wann die Gracchischen Unruhen, die Punischen Kriege gewesen; »frägt man aber nicht und schämt sich seiner Einfalt gegen jeden, so bleibt man immer dumm, und ich hasse entsetzlich die Dummheit«. Sie lebt sich ein in die Geschichte des königlichen Hauses, teilt mit ihrem Gemahl die Begeisterung für Friedrich den Großen und wählt sich unter den Fürstinnen des Hohenzollernstammes ihren Liebling: jene sanfte Oranierin, die schon einmal den Namen Luise den Preußen wert gemacht, die erste Gemahlin des Großen Kurfürsten, die unserem evangelischen Volke das Lied »Jesus meine Zuversicht« sang. A. W. Schlegel hatte einst der einziehenden Braut zugerufen: »Du bist der goldnen Zeit Verkünderin«. Fast schien es, als sollte der Dichtergruß sich erfüllen. Leicht und heiter flossen die Tage; wir Nachlebenden, die wir auch davon zu reden wissen, schenken der guten Gräfin Voß willig Glauben, wenn sie in ihrem Tagebuche am 22. März 1797 vergnüglich von der Geburt eines Prinzen erzählt und weise hinzufügt: »es ist ein prächtiger kleiner Prinz«. Wenn der Blick der glücklichen Mutter auf der dichten Schar ihrer schönen Kinder ruhte, dann rief sie wohl: »die Kinderwelt ist meine Welt!« Nach der Thronbesteigung ihres Gemahls lernte die junge Königin auch die entlegenen Provinzen des Staates kennen; überall, selbst bei den Polen in Warschau, derselbe jubelnde Empfang, wie einst in der Hauptstadt, Sie war stets bereit, für den schweigsamen König das Wort zu nehmen zu einer freundlichen Ansprache, doch jeden Eingriff in die Staatsgeschäfte des Mannes wies sie bescheiden von sich. Jeder von uns hat wohl einmal aus dem Munde des alten Geschlechts, das heute zu Grabe geht, vernommen, wie das Volk mit seiner schönen Königin lebte. Alls ich vor Jahren auf die Kösseine im Fichtelgebirge wanderte, da erzählte der Führer, ein steinalter Mann, wie er einst als junger Bursch mit dem König und der Königin desselben Wegs gezogen; er fand des Schwatzens kein Ende, dann zerschnitt er ein Farnkraut, zeigte uns die dunklen Punkte auf dem Querschnitt des weißen Stengels und meinte stolz: das sei der brandenburgische Adler, und dies Adlerfarnkraut wachse nur hier auf den alten Preußischen Fichtelbergen. Überall in Preußen war die junge Fürstin behaglicher Ruhe, warmer Anhänglichkeit begegnet, überall schien das Volk von der alten Ordnung befriedigt; die getreuen Breslauer versicherten beim Einzüge: »von Freiheit schwatze wer da mag«, der Preuße finde in dem geliebten Königspaare sein höchstes Glück. Und doch schwankte der Staat, der so sicher schien, längst haltlos einer entsetzlichen Niederlage entgegen. Kein Zeitraum der preußischen Geschichte liegt so tief im Dunkel, wie das erste Jahrzehnt Friedrich Wilhelms III. Das furchtbare Unglück und die glorreiche Erhebung der folgenden Jahre haben ihren breiten Schatten über diese stille Zeit geworfen; niemand bemüht sich, sie zu durchforschen. Man schließt aus den schweren Gebrechen, welche der Tag von Jena bloßlegte, kurzerhand zurück und verdammt den Anfang des Jahrhunderts als eine Epoche geistloser Erstarrung. Dies Urteil kann schon deshalb nur halb richtig sein, weil die Helden der Wiedererhebung, Stein und Hardenberg, Scharnhorst und Blücher, allesamt schon vor dem Jahre 1806 dem Staate dienten, manche bereits in hohen Ämtern. Fast alle die reformatorischen Taten, welche nachher dem niedergeworfenen Staate neue Stärke brachten, die Befreiung des Landvolks, die Neugestaltung des Heeres, die Stiftung der Universität Berlin, sind schon vor der Jenaer Schlacht erwogen und vorbereitet worden. Der König betrachtete die Bluttaten der Revolution mit dem Abscheu des ehrlichen Mannes, doch über den berechtigten Kern der furchtbaren Bewegung urteilte er unbefangener als die Legitimisten seines Hofadels. Schlicht und bescheiden, arbeitsam und pflichtgetreu, ganz unberührt von adeligen Vorurteilen, wollte er ein König der Bettler sein nach der Überlieferung seines Hauses. »Er ist Demokrat auf seine Weise – sagte einer seiner Minister zu dem französischen Gesandten Otto: – er wird die Revolution, die ihr von unten nach oben vollzogen, bei uns langsam von oben nach unten durchführen; er arbeitet ohne Unterlaß, die Vorrechte des Adels zu beschränken, aber durch langsame Mittel; in wenigen Jahren wird es keine feudalen Rechte mehr in Preußen geben.« Aber keiner dieser wohlgemeinten Entwürfe kam zur Reife; es lag wie ein Bann auf den Gemütern. Die Keime frischen jungen Lebens, die in dem Staate sich regen, vermögen die Decke nicht zu sprengen; die ganze Zeit, so reich an verborgenen geistigen Kräften, trägt jenen schwunglos philisterhaften Charakter, den wir alle aus der kahlen Nüchternheit ihrer Bauten, aus der Alten Münze und ähnlichen einst vielbewunderten Kunstwerken genugsam kennen. Man blieb bei bedachtsam schüchternen Vorbereitungen, die kaum für Tage tiefen Friedens genügten. Und währenddem wankte die alte Welt in ihren Fugen, auf rollenden Rädern stürmte die neue Zeit daher, ein kurzes Jahrzehnt warf die Grenzen aller Länder durcheinander, erhob auf den Trümmern der alten Staatengesellschaft das napoleonische Weltreich. Der preußische Staat verlor den Boden unter seinen Füßen; das deutsche Reich kam ins Wanken, und die waffenlosen Kleinstaaten des Südwestens, Preußens altes Werbegebiet, wurden durch die gewaltige Faust des Eroberers zu größeren Massen zusammengeballt, bildeten sich selber ihre Heere, verschlossen ihr Land den preußischen Werbern. Wie war es möglich, daß in diesem scharf urteilenden, bis zur Tadelsucht freimütigen norddeutschen Volke so lange die Frage gar nicht aufkam: ob denn unser Norden immerdar wie eine friedliche Insel in dem tosenden Meere des Weltkrieges ruhen, ob Preußen allein unwandelbar bleiben könne in diesem großen Wandel der Zeiten? Die Königin, die so oft das rechte Wort zu finden wußte, hat auch hier die zutreffende Antwort gegeben: »wir waren eingeschlafen auf den Lorbeeren Friedrichs des Großen.« Die Größe der fridericianischen Tage lastete lähmend auf diesem Geschlechte. Dieser Staat, kaum erst durch wunderbare Siege emporgehoben in die Reihe der großen Mächte, war noch vor wenigen Jahren der bestregierte des Festlandes gewesen; noch im letzten Kriege hatten seine wohlgeschulten Soldaten den verachteten französischen »Katzenköpfen« ihre Überlegenheit gezeigt. Nun ruhte er so wohlgeborgen hinter der Demarkationslinie des Baseler Friedens, den ganz Norddeutschland als eine Wohltat pries; unter dem Schutze der preußischen Waffen blühten Handel und Wandel, die deutsche Dichtung sah ihre schönsten Tage. Dem Könige schien es ein Frevel, so vielen Segen leichtfertig auf das Spiel zu setzen. Wenn sein klarer Verstand zuweilen sich fragte: wie es doch zuging, daß die vielen kleinen Siege der rheinischen Feldzüge am Ende nur zu einer politischen Niederlage geführt hatten? und ob die neue Zeit nicht neue Formen fordere? – dann traten ihm die alten Generale, die noch die Kränze der fridericianischen Siege um die Stirn trugen, mit überlegener Sicherheit entgegen, und scheu verbarg er seine guten Gedanken wieder im Busen. An einem großen Mißgeschicke des Gemeinwesens ist niemand ganz schuldlos, und auch die Königin war es nicht. Sie wußte wohl, warum sie in den Tagen des Unglücks die rührende Klage: »wer nie sein Brot mit Tränen aß« in ihr Tagebuch schrieb und selbst den letzten herben Vorwurf sich nicht ersparte: »denn jede Schuld rächt sich auf Erden«. Die unbewußte Selbstsucht des Glückes hatte auch ihr den Gesichtskreis verengert, so daß sie von den sittlichen Schäden des sinkenden Staates lange nichts ahnte. In der reinen Luft ihres befriedeten Hauses blieb ihr verborgen, welche wüste, überfeinerte Unzucht ihr Wesen trieb in diesem Berlin, das wenige Jahre später allen anderen deutschen Städten mit opferfreudiger Vaterlandsliebe voranging; sie selbst wie ihr Gemahl verkehrte leutselig und schlicht mit jedermann, doch im Heere und in den höheren Ständen herrschte ein Ton geringschätzigen Übermutes gegen die kleinen Leute, der alle Grundlagen des bürgerlichen Friedens zu erschüttern drohte. Die Glückliche ahnte nicht, wie alles morsch ward in dem Staate, wie das Auge des großen Königs zürnend auf die Erben niederblickte. Die Gräfin Voß hatte schon vor Jahren, da ihre Herrin um die Geburt eines toten Kindes trauerte, feinfühlend erkannt, wie dieser Charakter durch das Unglück gehoben wurde. Erst als das Verderben dem Staate näher rückte, begann die Königin mit gespannten Blicken dem Gange der Ereignisse zu folgen, und Friedrich Gentz erstaunte, sie so genau und sicher unterrichtet zu finden. Seit der Besetzung Hannovers durch die Franzosen lag die Schwäche der Monarchie vor aller Augen; nicht einmal ihren Stolz, die Sicherheit des deutschen Nordens, hatte sie zu hüten verstanden; seitdem ahnte die Königin, daß die Friedensliebe des Hofes zur Feigheit wurde. Ihr ganzes Wesen wird freier und größer in diesen sorgenvollen Jahren, auch ihr Geschmack edler und reiner: wenn sie vordem an den tränenseligen Romanen des Modedichters Lafontaine sich gern erbaute, so läßt sie jetzt nur noch das Echte und Tiefe gelten und erhebt sich das Herz an Herder und Goethe, wie an Schillers mächtigem Pathos. Das heilige Reich brach zusammen, die Fürsten des Südens und Westens traten als Vasallen unter Frankreichs Schutz. Da endlich wagte König Friedrich Wilhelm allzuspät die Überlieferungen seines Oheims wieder aufzunehmen und »die letzten Deutschen unter seinen Fahnen zu sammeln«. Er versuchte, dem Rheinbunde einen norddeutschen Bund entgegenzustellen; diese Rückkehr Preußens zu seiner alten deutschen Politik führte den verhängnisvollen Krieg herbei. An einem Tage stürzte der Waffenruhm des fridericianischen Heeres in Trümmer, und es folgte jene Zeit der Schmach und Schande, die uns noch heute, so oft und so glorreich gesühnt, in der Erinnerung empört. Die Königin hat noch später die Vorstellungen eines französischen Unterhändlers zurückgewiesen mit den Worten: »Die Frauen haben über Krieg und Frieden nicht mitzusprechen.« Sie weilte fern im Bade zu Pyrmont, als in Berlin der Krieg beschlossen wurde; aber »ich würde – so gestand sie beim Ausbruch des Kampfes an Gentz – für den Krieg gestimmt haben, wenn man mich gefragt hätte, weil die Ehre gebot, aus unserer zweideutigen Haltung herauszutreten.« Mit sicherem Instinkt ahnte Napoleon die Kraft des Widerstandes, die in diesem schwachen Weibe schlummerte; wie er allezeit in den sittlichen Mächten des Völkerlebens die gefährlichsten Feinde seines Weltreichs sah und die »Ideologen« mit seinem wildesten Hasse verfolgte, so überhäufte er auch die fromme Frau auf dem preußischen Throne mit den pöbelhaften Schimpfreden der Wachtstube; er schildert sie in seinen Bulletins als die Kriegsfurie Preußens, als die Armida, die im Wahnsinn ihr eigenes Schloß anzündet: elle voulait du sang! Die Königin bemerkte wohl die ratlose Verwirrung im Hauptquartiere, und zu dem zaudernden Feldherrn, dem alten Herzog von Braunschweig, wollte sie kein Vertrauen fassen. Einen so jähen Fall, wie er nun ihrer Krone bereitet wurde, hatte sie doch nicht erwartet. Das glänzende Bild von dem Staate Friedrichs des Großen, daran sie seit dreizehn Jahren bewundernd geglaubt, lag plötzlich in Scherben vor ihren Füßen; weinend erzählte sie ihren Söhnen auf der Flucht: »der König hat sich getäuscht in der Tüchtigkeit seiner Generale, seines Heeres.« Aber mitten im Unglück erhebt sie sich zu jener Ansicht des Völkerlebens, welche der mutigste Mann immer mit dem frömmsten Weibe teilen wird. »Die Zeiten machen sich nicht selbst, die Menschen machen die Zeit« – und wieder: »es kann nur gut werden in der Welt durch die Guten«. Das ist die königliche Auffassung der Geschichte; der gesamte Staatsbau der Monarchie ruht auf dem Gedanken, daß Personen die Geschichte machen. In solchen Zeiten der höchsten Not darf die Stimme des natürlichen Gefühles mitreden im Rate der Staatskunst; die Königin übte Frauenrecht und Fürstenpflicht, wenn sie jetzt dem tiefgebeugten Gemahl tröstend zur Seite stand und ihn bestärkte in dem Entschlüsse, den ungleichen Kampf fortzuführen bis zum Schwinden der letzten Hoffnung. Alle Schrecken des Krieges brachen über die Unglückliche herein. Krank und fiebernd flieht sie aus Königsberg vor dem Feinde, denn »lieber in die Hände Gottes fallen, als in die Hände dieser Menschen«; da sie in einem elenden Bauernhause auf der Kurischen Nehrung übernachtet, jagt der Sturm die eisigen Flocken durch das zerbrochene Fenster über das Bett der kranken Königin. In Memel, auf der letzten Scholle deutscher Erde, die noch frei und preußisch war, fand sie ein bescheidenes Obdach. Damals lernte sie unter strömenden Tränen das Wort verstehen: »Leid und Elend sind Gottes Segen.« Den Haß der Römerin hat das sanfte Herz der deutschen Frau nie gekannt; nur ihre stolze Verachtung traf den großen Feind, der ihr der Held der rohen Selbstsucht war, und niemals wollte sie glauben, daß Gottes Weisheit diese Herrschaft der frechen Gewalt auf die Dauer zulassen könne. Sie sah, wie der alte deutsche Heldenmut wieder lebendig ward unter den tapferen Verteidigern von Kolberg, Graudenz und Danzig; ihre tiefe Frömmigkeit und das gute Zutrauen zu ihrem Volke begegneten sich in der Überzeugung, daß dieser Staat nicht untergehen könne: »der politische Glaube ist wie der religiöse, eine feste Zuversicht dessen, was man hoffet, aber nicht siehet«. Vor diesen Briefen der schmerzbeladenen, hoffnungsstarken Königin wird uns ein uraltes Gefühl des Germanenherzens wieder lebendig: die fromme Scheu vor dem Weibe: und wir verstehen, warum unsere Ahnen einst im Dickicht der cheruskischen Wälder eine heilige und weissagende Macht, sanctum aliquid providumque , an ihren Frauen ehrten. Der Mann geht auf in den Kämpfen und Sorgen des Augenblicks; das sichere gesammelte Gefühl des Weibes vermag in schweren Tagen klarer als er die Zeichen der Zeit zu deuten, hinter dem Glanze des Siegers die hohle Nichtigkeit, unter der Schmach des Besiegten die ungebrochene Kraft zu ahnen. Als der König nach der Schlacht von Eylau, der ersten, die der Unbesiegte nicht gewonnen, die lockenden Friedensvorschläge Napoleons zurückweist und sich weigert, den russischen Bundesgenossen zu verlassen, da schreibt seine Gemahlin einfältig wie ein gläubiges Kind: »das wird Preußen einst Segen bringen!« So einfach, wie sie wähnte, sind Lohn und Strafe im Leben der Völker nicht verteilt; gleichwohl bleibt dem frommen Worte seine Wahrheit: ohne den Sinn altpreußischer Ehre, den der König bei jener schweren Versuchung bewahrte, hätte der Staat sich nie wieder erhoben. Was die Preußen empfanden, da sie also den heldenhaften Sinn ihrer schönen Königin kennen lernten, das wissen wir aus den Versen Heinrich von Kleists: Denn eine Glorie in jenen Nächten Umglänzte deine Stirn, von der die Welt Am lichten Tag der Freude nichts geahnt. Wir sah'n dich Anmut endlos niederregnen; Daß du so groß als schön warst, war uns fremd. Noch eine letzte, schmähliche Demütigung stand der mißhandelten Frau bevor. Zar Alexander gab seinen treuen Bundesgenossen preis und schloß den Tilsiter Frieden; aus Rücksicht auf den neugewonnenen russischen Freund verstand sich Napoleon dazu, die Vernichtung Preußens, die längst beschlossene Sache war, aufzuschieben und dem Könige die Hälfte der Monarchie zurückzugeben. Da ersann die frevelhafte Torheit feigherziger Ratgeber den Vorschlag: die unvergeßlich beleidigte Königin solle selber den Sieger um mildere Bedingungen bitten. Auch dies Äußerste nahm sie auf sich, in der frauenhaften Hoffnung, es könne ihr vielleicht doch gelingen, das Herz des Eroberers zu rühren und ihrem Volke einige Erleichterung zu bringen. Die Hoffnung trog. Mit rohem Spotte schrieb Napoleon an seine Josephine: »es hätte mir zu viel gekostet, den Galanten zu spielen;« und an Clarke: »Sie begreifen, daß der König von Preußen sehr unzufrieden ist, da er sein Bollwerk, Magdeburg, in meinen Händen lassen muß.« In der entlegensten Provinz des verstümmelten und ausgesogenen Staates verbrachte nun der Hof zwei schwere Jahre. Man zeigt noch in dem alten Ordensschlosse zu Königsberg das bescheidene Eckzimmer mit dem dunklen Alkoven daneben, wo die Königin wohnte: ein kleiner Schreibtisch, ein mehr als einfaches Klavier; von der Wand blickt das Bildnis Scharnhorsts mit großen, tiefen Augen hernieder. Welche Zeiten! Ringsum auf Schritt und Tritt die Erinnerungen an Preußens Macht und Glück: von jenem Fenster da hatte Luise vor zehn Jahren den Jubel des Huldigungsfestes mit angehört; hier vor diesem Tore steht das Schlütersche Standbild des ersten Königs, von ihrem Gemahl einst »dem edlen Volke der Preußen gewidmet«; dort im Vorzimmer der Ofenschirm stammt noch aus den Hohenfriedberger Tagen, da der große König wie ein junger Gott von Sieg zu Sieg stürmte, irgendeine übermütige kleine Prinzessin hat zierlich die Inschrift darauf gestickt: pour nous point d'Alexandre, le mien l'emporte! Und daneben diese jammervolle Gegenwart! Der Staat, ausgestoßen aus dem Kreise der großen Mächte, mitten im Frieden von feindlichen Truppen überschwemmt, verspottet und geschmäht von seinen Landsleuten. Die deutsche Nation fand kein Wort des Mitleids, nur Hohn und Schadenfreude für die Besiegten. In Preußen aber lebte noch die alte Treue. Fürst und Volk traten einander näher, wie im verwaisten Hause die Überlebenden sich inniger zusammenschließen; der ärmliche Hofhalt zu Königsberg und Memel empfing von allen Seiten rührende Beweise der Teilnahme, der König lud seine getreuen Stände als Paten zur Taufe der jüngsten Prinzessin. Dies stolze und trotzige Ostpreußen, das Stiefkind Friedrichs des Großen, schloß in Not und Trübsal, ohne viele Worte, den Herzensbund mit seinem Herrschergeschlechts der im Frühjahr 1813 seine Kraft bewähren sollte. Die schwere Natur Friedrich Wilhelms verwand nur langsam die Schläge des Unglücks; er glaubte oft, daß ihm nichts gelinge, daß er für jedes Unheil geboren sei. Da er einmal mit der Königin die Gräber der preußischen Herzöge im Chore des Doms zu Königsberg besuchte, fiel sein Blick auf die Grabschrift: »meine Zeit in Unruhe, meine Hoffnung zu Gott.« »Wie entsprechend meinem Zustande!« rief er erschüttert und wählte sich das ernste Wort zum Wahlspruch für sein eigenes Leben. Nur das Pflichtgefühl hielt ihn aufrecht unter der Bürde seines schweren Amtes. Er begann mit Scharnhorst die Herstellung des zerrütteten Heeres und berief den Freiherrn vom Stein für den Neubau der Verwaltung. Mit herzlichem Vertrauen begrüßte die Königin den Mann »großen Herzens, umfassenden Geistes: Stein kommt, und mit ihm geht mir wieder etwas Licht auf«. Sie war mit ihm und ihrem Gemahl einig in dem Gedanken, daß es gelte, alle sittlichen Kräfte des erschlafften Staates zu beleben; fast wörtlich übereinstimmend mit den allbekannten Worten, die der König seiner Berliner Hochschule in die Wiege band, schrieb sie einmal: »wir hoffen den Verlust an Macht durch Gewinn an Tugend reichlich zu ersetzen.« Die Acht Napoleons trieb den stolzen Reichsfreiherrn aus dem Lande, gerade in dem Augenblicke, da ein neuer Krieg des Imperators gegen Österreich sich vorbereitete und die Königin auf eine Erhebung des gesamten Deutschlands hoffte. Sie besaß nach Frauenart wenig Verständnis für die mächtigen Interessen, welche trennend zwischen den beiden Großmächten des alten Reiches standen, und sah in Österreich schlechtweg den stammverwandten Genossen. Mit der Mahnung, unsere leidenden österreichischen Brüder dereinst zu rächen, hatte sie vor Jahren ihren ältesten Sohn begrüßt, da er zum ersten Male den Offiziersrock trug. Vor wie nach dem Kriege bekannte sie: »meine Hoffnung ruht auf der Verbindung alles dessen, was den deutschen Namen trägt« – während der König, die militärische Lage richtiger schätzend, nicht ohne Rußlands Beistand den neuen Kampf wagen wollte. Jetzt aber fochten die Russen auf Frankreichs Seite; die Absichten des Wiener Hofes, der die Schlacht von Jena mit kaum verhohlener Schadenfreude begrüßt hatte, blieben in verdächtigem Dunkel. Das unfähige Kabinett, das die Erbschaft Steins angetreten, fand in der schwierigen Lage keinen festen Entschluß; Österreich unterlag, und die kriegerische Begeisterung des deutschen Nordens verrauchte in einigen kecken Parteigängerzügen. Die Königin aber schrieb verzweifelnd: »Österreich singt sein Schwanenlied, und dann ade, Germania!« Zwei Tage der Hoffnung waren ihr noch beschieden am Abend ihres kurzen Lebens. Sie kehrt zurück in ihr geliebtes Berlin, und als sie durch das Königstor einzog in dem neuen Wagen, den ihr dir verarmte Stadt verehrt, nahebei der König zu Roß und die beiden ältesten Söhne im Zuge ihres Regiments, da begrüßten die dichtgedrängten Massen den Hof wie die Truppen mit herzlichem Willkommruf; Preußens Volk und Heer, die einander so bitter gescholten und angeklagt, feierten ihre Versöhnung, um fortan einig zu bleiben für alle Zukunft. Bald nachher, wenige Tage bevor die Königin ihre letzte Reise antrat, entließ Friedrich Wilhelm das Ministerium Altenstein; er verwarf die Abtretung von Schlesien, die ihm seine kleinmütigen Räte zumuteten, und berief Hardenberg an die Spitze der Geschäfte. Mit dem neuen Staatskanzler kam frisches Leben in die Verwaltung; er führte das Werk der Reformen des Freiherrn vom Stein kühn und besonnen weiter und bereitete durch ein vielverkanntes kluges diplomatisches Spiel die große Erhebung vor, während Scharnhorst die Waffen schärfte für den Tag der Befreiung. Diesen Tag zu erleben hatte Luise nie gehofft. Ihr zarter Körper erlag dem verzehrenden Kummer. In ihrer Heimat, in den Armen des Gatten ist sie den Tod der Christin gestorben. Die letzten Zeilen ihrer Feder lauteten: »ich bin heute so glücklich, liebster Vater, als Ihre Tochter und als die Frau des Besten der Männer.« Das gesamte Volk trauerte mit dem Witwer; doch auf dem Leben des schwergeprüften Fürsten blieb ein dunkler Schatten; niemals, auch nicht in den Tagen der leuchtenden Siege, hat er das starke, schwellende Gefühl des Glückes wiedergefunden. Ohne jede Ahnung des eigenen Wertes, wie sie immer war, hat die Königin einst selber ausgesprochen, was sie von dem Urteil der Geschichte erwartete: »die Nachwelt wird mich nicht zu den berühmten Frauen zählen; aber möge sie von mir sagen: sie duldete viel, sie harrte aus im Dulden und sie gab Kindern das Dasein, welche besserer Zeiten würdig waren, sie herbeizuführen gestrebt und endlich sie errungen haben.« Wie über alles menschliche Hoffen hinaus ist diese demütig-stolze Erwartung in Erfüllung gegangen! Die historische Wissenschaft führt ihre denkenden Jünger zurück zu dem schlichten Glauben, daß der Eltern Segen den Kindern Häuser baut; denn sie lehrt, wie die Vergangenheit fortwirkt mitten in der lärmenden Gegenwart, und das Leben des Menschen nicht abschließt mit dem letzten Atemzuge. Nur wenigen Glücklichen ist ein so reiches Leben nach dem Tode beschieden gewesen, wie dieser deutschen Königin. Die Hoffnung besserer Zeiten war in der Tat, wie Schleiermachers Trauerpredigt sagte, ihr köstlichstes Vermächtnis. Wer noch deutschen Stolz im Herzen trug, gedachte ihres Ausspruchs: »wir gehen unter mit Ehren, geachtet von Nationen, und werden ewig Freunde haben, weil wir sie verdienen.« Der alte Blücher meinte grimmig, da er die Nachricht ihres Todes empfing: »wenn die Welt in die Luft flöge, mir wär' es recht.« Als endlich die Stunde der Erhebung schlug, da stiftete der König an Luisens Geburtstage den Orden des Eisernen Kreuzes, als ob er ihren Schutz anrufen wollte für den heiligen Krieg. Wer weiß es nicht aus den Liedern Theodor Körners, wie das Verlangen, die zu Tode gequälte Königin an dem ungroßmütigen Sieger zu rächen, die tapfere Jugend des Befreiungskrieges entflammte? Wer spürte nicht in dem gottesfürchtigen, menschenfreundlichen Sinne jener Heldenscharen einen Hauch von dem Geiste der Verklärten? Da der Friede kam, zogen jahraus jahrein Tausende zu dem stillen Tempel in Charlottenburg, und wahrlich nicht bloß um das Werk des Künstlers zu bewundern, dem die Tote einst selber den Weg zu großem Schaffen ebnete, sondern um sich das Herz zu erquicken an dem Anblick eines geliebten Menschenbildes. Die beiden gewaltigen Könige unseres achtzehnten Jahrhunderts wurden geehrt und gefürchtet, wenig geliebt. Mit dem Hause der Königin Luise lebte und litt das Land; seitdem erst entstand zwischen den Hohenzollern und ihrem Volke jenes einfach menschliche Verständnis, das die Leidenschaften der Parteien nie zerstören konnten. Wenn ich die Stimmung recht verstehe, welche an dem Gedenktage der Königin über unserer Stadt und über diesem Saale liegt, so ist uns allen zu Mute, als ob wir heute die ruhevolle Hoheit der lieblichen Gestalt mit eigenen Augen erblickt hätten. Zeiten des Glückes sind stark im Vergessen; diese Tote aber ward ihrem Volke nach jedem neuen Siege lieber und vertrauter. Die Mutter schrieb ihr klagendes: Ade Germania! Ihrem Sohne beschied ein wundervolles Geschick, den Morgen eines langersehnten neuen Tages über sein Volk heraufzuführen, mit seinem guten Schwerte die Herrlichkeit des deutschen Reiches wieder aufzurichten. An dem Grabe seiner Eltern – wir alle erlebten es ja mit tief erschüttertem Heizen – hat der Sohn sich Mut und Kraft gesucht für die Schlachten des großen Krieges, für den steilen Weg zur kaiserlichen Krone. Fern sei es von uns, heute einen verjährten Haß gewaltsam zu beleben, der seinen Sinn verloren hat, seit Frankreich längst die Buße seiner Schuld gezahlt, oder dies und jenes Wort der Königin leichtfertig auszubeuten für die Parteizwecke der Gegenwart. Wir werden das Andenken der Mutter unseres Kaisers dann am würdigsten ehren, wenn wir auch in den Tagen der Siege die Demut des Herzens und die stolze Geringschätzung der endlichen Güter des Lebens uns erhalten, wenn wir in diesem männischen Jahrhundert, unter den Hammerschlägen hastiger Arbeit und dem Lärmen der politischen Kämpfe die alte deutsche ritterliche Ehrfurcht vor Frauensitte und Frauenanmut uns bewahren, vor jenen menschlichen Tugenden, welche dem Ruhm und der Macht der Völker allein die Gewähr der Dauer geben. – Die Völkerschlacht bei Leipzig. Aus: Deutsche Geschichte im 19. Jahrhundert, Bd. I. Die Elbe war überschritten. In einer persönlichen Unterredung bewog Blücher den schwedischen Kronprinzen, seinem Zuge zu folgen; derweil Bernadotte in den süßesten Artigkeiten sich erging, rief der Alte seinem Dolmetscher zu: Sagen Sie dem Kerl, der Teufel soll ihn holen, wenn er nicht will! Schon am 8. Oktober stand die schlesische Armee in der Nähe von Düben, wenige Meilen nördlich von Leipzig, hinter ihr bei Dessau das Nordheer. Blüchers Vormarsch brachte alles in Bewegung. Während das böhmische Heer sich endlich anschickte auf Leipzig zu marschieren, nahm Napoleon seine Truppen vom rechten Elbufer zurück, mit dem Befehle, vorher alles bis auf den letzten Obstbaum zu zerstören, sicherte Dresden durch eine starke Garnison und eilte selber nordwestwärts, den beiden vereinigten Armeen entgegen. Doch Blücher wich abermals aus, zog sich westlich über die Saale, so daß ihm der Weg nach Leipzig offen blieb, und der diplomatischen Kunst Rühle von Liliensterns gelang es auch, den Kronprinzen, der schon über die Elbe zurückweichen wollte, zu dem Marsche über die Saale zu bewegen. Napoleon erkannte zu spät, daß er in die Luft gestoßen hatte. Jetzt, in der höchsten Bedrängnis, kam er nochmals auf seinen Lieblingsplan zurück und dachte an seinen fünften Zug gegen Berlin: so leidenschaftlich war sein Verlangen, den Herd der deutschen Volksbewegung zu züchtigen. Seine Vortruppen drangen bereits über die Elbe, Tauentzien trat mit seinem Korps einen übereilten Rückzug an, und am 13. Oktober befürchtete die preußische Hauptstadt noch einmal einen feindlichen Angriff. Doch inzwischen hatte der Imperator seinen Entschluß wieder geändert und wendete sich nach Leipzig zurück. Sein Stolz verschmähte die offene Rückzugslinie nach dem Rheine; er hoffte dicht vor den Mauern Leipzigs der von Süden heranrückenden böhmischen Armee die Schlacht anzubieten, bevor die beiden anderen Heere eintrafen. Das edle Wild war gestellt; das gewaltige Kesseltreiben dieses Herbstes näherte sich dem Ende. Gneisenaus Augen leuchteten, als er am Morgen des 18. Oktobers das ungeheure Schlachtfeld überblickte, wie vom Nordwesten und Norden, vom Südosten und Süden her die Heersäulen der Verbündeten im weiten Halbkreise gegen Leipzig heranzogen. Er wußte, die Stunde der Erfüllung hatte geschlagen, und wie er empfand das Volk. Wie oft hatten sich die Deutschen erfreut an den Schilderungen der Kaufleute von dem vielsprachigen Völkergewimmel, das von Zeit zu Zeit marktend und schachernd die hochgiebligen Straßen der alten Meßstadt erfüllte; jetzt strömten wieder alle Völker des Weltreichs vom Ebro bis zur Wolga in den schlachtgewohnten Ebenen Obersachsens zusammen. Die große Zahlwoche kam heran, die Abrechnung für zwei Jahrzehnte des Unheils und der Zerstörung. Nach der Schlacht erzählte sich das Volk in der Pfalz, wie die acht Kaiser aus den Grüften des Speirer Doms sich erhoben hatten und nächtens über den Rhein gefahren waren, um bei Leipzig mitzukämpfen; nach vollbrachter Arbeit ruhten sie wieder still im Grabe. Die Verbündeten hatten für sich den dreifachen Vorteil der Überzahl an Mannschaft und Geschütz, des konzentrischen Angriffs und einer sicheren Flügelanlehnung. Napoleon stand im Halbkreise auf der Ebene östlich von Leipzig; hinter ihm lagen die Stadt und die Auen – jene wildreichen dichten Laubwälder, die sich meilenlang zwischen der Elster, der Pleiße und ihren zahlreichen sumpfigen Armen ausdehnen, ein für die Entfaltung großer Truppenmassen völlig unbrauchbares Wald- und Sumpfland, das die beiden Flügel der Verbündeten gegen jede Umgehung sicherte. Gelang der Angriff, so konnte der Imperator vielleicht versuchen, irgendwo den eisernen Ring der alliierten Heere zu durchbrechen und sich ostwärts nach Torgau durchzuschlagen – ein tollkühnes Wagnis, das bei einiger Wachsamkeit der Verbündeten sicher scheitern mußte. Sonst blieb ihm nur noch der Rückzug nach Westen offen, erst durch die enge Stadt, dann auf einer einzigen Brücke über die Elster, endlich auf dem hohen Damme der Frankfurter Landstraße quer durch die nassen Wiesen der Auen – der denkbar ungünstigste Weg für ein geschlagenes Heer. Am 15. war Rühle von Lilienstern mit einer Botschaft des schlesischen Hauptquartiers bei dem Oberfeldherrn in Pegau angelangt. Gneisenau schlug vor, am ersten Schlachttage das Gefecht hinzuhalten, weil mindestens 80 +000 Mann von der verbündeten Armee noch nicht zur Stelle waren. Sobald diese Verstärkungen eingetroffen, sollte der Angriff auf allen Stellen des Halbkreises mit entschiedener Übermacht wieder aufgenommen und indessen durch ein in Napoleons Rücken entsendetes Korps dem Feinde die einzige Rückzugsstraße gesperrt werden; dann war nicht nur ein Sieg, sondern eine Vernichtungsschlacht, eine in aller Geschichte unerhörte Waffenstreckung möglich. Zu so hohen Flügen vermochte sich freilich Schwarzenberg nicht aufzuschwingen. Eine Zeitlang hoffte er sogar die Schlacht gänzlich zu vermeiden, schon durch das Erscheinen der drei vereinigten Armeen den Imperator zum Rückzuge zu nötigen. Auch als er sich endlich überzeugen mußte, daß ein Napoleon so leichten Kaufes nicht zu verdrängen sei, entwarf er einen überaus unglücklichen Schlachtplan. Da die böhmische Armee vom Süden, die beiden anderen Heere vom Norden herankamen, so mußte der Oberfeldherr – das war die Meinung des schlesischen Hauptquartiers – die Entscheidung auf seiner rechten Flanke suchen, dort auf der Rechten sich mit der Nordarmee zu verbinden streben, um die Umklammerung des Feindes zu vollenden. Statt dessen ballte er eine Masse von 35+000 Mann, lauter Österreicher, auf seinem äußersten linken Flügel zusammen und ließ sie durch das unwegsame Buschland der Auen gegen Connewitz vorgehen, in der sonderbaren Hoffnung, dort auf ganz unzugänglichen Boden Napoleons rechten Flügel von der Stadt abzudrängen. Sein General Langenau hatte diesen unseligen Anschlag eingegeben; der ehrgeizige Sachse, der erst im Frühjahr zugleich mit dem Minister Senfft in österreichische Dienste übergetreten war, brannte vor Begier, sich in der Gnade seines Kaisers festzusetzen, und wollte darum den Hauptschlag durch die Österreicher allein ausführen, den Preußen, die er mit dem ganzen Ingrimm des Partikularisten haßte, eine untergeordnete Rolle zuweisen. Der kleinliche Gedanke sollte sich grausam bestrafen. Napoleon sammelte die Hauptmasse seiner Streitkräfte bei Wachau, drei Stunden südöstlich der Stadt. Da er von dem Zauderer Bernadotte nichts befürchtete und die schlesische Armee noch weitab im Nordwesten bei Merseburg wähnte, so gab er dem Marschall Marmont, der im Norden bei Möckern stand, den Befehl, sich mit der Hauptarmee zu vereinigen, um die Niederlage des böhmischen Heeres vollständig zu machen. In der Tat entsprach Karl Johann den Erwartungen des Imperators. Die Nordarmee erschien am 16. gar nicht auf dem Schlachtfelde, dergestalt daß die Alliierten nur eine geringfügige Überzahl, 192+000 gegen 177+000 Mann, in das Gefecht führen konnten; eine weite Lücke blieb zwischen den beiden Hälften der verbündeten Heere offen, die Kämpfe des ersten Tages zerfielen in Wahrheit in zwei selbständige Schlachten, bei Möckern und bei Wachau. Blücher dagegen kam nicht auf dem Umwege über Merseburg, sondern geradeswegs von Halle auf der Landstraße am Ostrande der Auen heran und zwang Marmont durch sein unerwartetes Erscheinen, bei Möckern stehen zu bleiben. Wie lieblich war den tapferen Schlesischen das Leben eingegangen die letzten Tage über, als sie jubelnd in Halle einzogen, von den Bürgern der endlich befreiten treuen Stadt auf den Händen getragen, und dann bei Becherklang und vaterländischen Gesängen, nach altem Burschenbrauche die Nacht verbrachten. Dem Rausche der jugendlichen Lust folgte die ernste Arbeit, die blutigste des ganzen Krieges, denn wieder fiel dem Yorkschen Korps die schwerste Aufgabe zu. Als York am Morgen des 16. in Schkeuditz unter seinen Fenstern die Husaren zum Aufsitzen blasen hörte, da hob er sein Glas und sprach den Kernspruch seines lieben Paul Gerhardt: den Anfang, Mitt' und Ende, Herr Gott, zum besten wende! Wohl mochte er sich einer höheren Hand empfehlen, denn unangreifbar wie bei Wartenburg schien wieder die Stellung des Feindes. Marmont lehnte sich mit seiner linken Flanke bei Möckern an den steilen Talrand der Elster, hatte die Mauern des Dorfes zur Verteidigung eingerichtet, weiter rechts auf den flachen Höhen eine Batterie von 80 Geschützen aufgefahren. Gegen diese kleine Festung stürmten die Preußen heran auf der sanft ansteigenden baumlosen Ebene; sechsmal drangen sie in das Dorf und verloren es wieder; das Gefühl der einzigen Größe des Tages beschwingte beiden Teilen die Kraft. Endlich führt York selber seine Reiterei zum Angriff gegen die Höhen unter dem Rufe: »marsch, marsch, es lebe der König«, nach einem wütenden Häuserkampfe schlägt das Fußvolk den Feind aus dem Dorfe heraus; am Abend muß Marmont gegen die Stadt zurückweichen, 53 Kanonen in den Händen der Preußen lassen, und an den Wachtfeuern der Sieger ertönt das Lied: Nun danket alle Gott, wie in der Winternacht von Leuthen. Aber welch ein Anblick am nächsten Morgen, als die Truppen zum Sonntagsgottesdienst zusammentraten. Achtundzwanzig Kommandeure und Stabsoffiziere lagen tot oder verwundet; von seinen 12+000 Mann Infanterie hatte York kaum 9+000 mehr, seine Landwehr war im August mit 13+000 Mann ins Feld gezogen und zählte jetzt noch 2+000. So waren an dieser einen Stelle die Verbündeten bis auf eine kleine Stunde an die Tore von Leipzig herangelangt. Das Ausbleiben der Nordarmee hatte die üble Folge, daß Blücher seine Armee nicht schwächen durfte und nicht, wie seine Absicht war, ein Korps westlich durch die Auen auf die Rückzugslinie Napoleons entsenden konnte. Dort im Westen stand also Gyulay mit seinen 22+000 Österreichern den 15+000 Mann des Bertrandschen Korps allein gegenüber und er verstand nicht seine Übermacht zu verwerten; die große Frankfurter Straße blieb dem Imperator gesichert. Auch auf dem Hauptschauplatze des Kampfes, bei Wachau fochten die Verbündeten nicht glücklich. Hier hatte zwei Tage vorher ein großartiges Vorspiel der Völkerschlacht sich abgespielt, ein gewaltiges Reitergefecht, wobei König Murat nur mit Not dem Säbel des Leutnants Guido v. d. Lippe von den Neumärkischen Dragonern entgangen war. Heute hielt Napoleon selber mit der Garde und dem Kerne seines Heeres die dritthalb Stunden lange Linie von Dölitz bis Seifertshain besetzt, durch Zahl und Stellung den Verbündeten überlegen, 121+000 gegen 113+000 Mann. Auf dem linken Flügel der Alliierten, zwischen den beiden Flüssen, vergeudeten die unglücklichen Opfer der Feldherrnkunst Langenaus ihre Kraft in einem tapferen, aber aussichtslosen Kampfe; eingeklemmt in dem buschigen Gelände vermochten sie ihre Macht nicht zu gebrauchen, General Merveldt selbst geriet mit einem Teile seines Korps in Gefangenschaft; mit Mühe wurden die Reserven dieser Österreicher aus den Auen über die Pleiße rechtsab auf die offene Ebene hinaufgezogen. Es war die höchste Zeit, denn hier im Zentrum konnten Kleists Preußen und die Russen des Prinzen Eugen sich auf die Dauer nicht behaupten in dem verzweifelten Ringen gegen die erdrückende Übermacht, die unter dem Schütze von 300 Geschützen ihre Schläge führte. Die volle Hälfte dieser Helden von Kulm lag auf dem Schlachtfelde. Schon glaubt Napoleon die Schlacht gewonnen, befiehlt in der Stadt Viktoria zu läuten, sendet Siegesboten an seinen Vasallen König Friedrich August, der in Leipzig angstvoll der Entscheidung harrt. »Noch dreht sich die Welt um uns« – ruft er frohlockend seinem Daru zu. Ein letzter zerschmetternder Angriff der gesamten Reiterei soll das Zentrum durchbrechen. Noch einmal dröhnt die Erde von dem Feuer der 300 Geschütze, dann rasen 9+000 Reiter in geschlossener Masse über das Blachfeld dahin, ein undurchdringliches Dickicht von Rossen, Helmen, Lanzen und Schwertern. Da kommen die österreichischen Reserven aus der Aue heran, und während die Reitermassen, atemlos von dem tollen Ritt, allmählich zurückgedrängt werden, setzen sich die Verbündeten nochmals in den verlorenen Dörfern fest und am Abend behaupten sie fast wieder dieselbe Stellung wie am Morgen. Schwarzenbergs Angriff war gescheitert, doch der Sieger hatte nicht einmal den Besitz des Schlachtfeldes gewonnen. Trat Napoleon jetzt den Rückzug an, so konnte er sein Heer in guter Ordnung zum Rheine führen; denn die schlesische Armee, die einzige Siegerin des ersten Schlachttags, stand von der Frankfurter Straße noch weit entfernt und war überdies tief erschöpft von dem verlustreichen Kampfe. Aber der Liebling des Glücks vermochte das Unglück nicht zu ertragen. Nichts mehr von der gewohnten Kälte und Sicherheit der politischen Berechnung; sein Hochmut wollte sich den ganzen Ernst der Lage nicht eingestehen, wollte nicht lassen von unmöglichen Hoffnungen. Der Imperator tat das Verderblichste, was er wählen konnte, versuchte durch den gefangenen Merveldt Unterhandlungen mit seinem Schwiegervater anzuknüpfen und gewährte also den Verbündeten die Frist, ihre gesamten Streitmassen heranzuziehen. Am 17. Oktober ruhten die Waffen, nur Blücher konnte sich die Lust des Kampfes nicht versagen, drängte die Franzosen bis dicht an die Nordseite der Stadt zurück. Am 18. früh hatte Napoleon seine Armee näher an Leipzig herangenommen, ihr Halbkreis war nur noch etwa eine Stunde von den Toren der Stadt entfernt. Gegen diese 160+000 Mann rückten 225+000 Verbündete heran. Mehr als einen geordneten Rückzug konnte der Imperator nicht mehr erkämpfen; er aber hoffte noch auf Sieg, wies den Gedanken an eine Niederlage gewaltsam von sich, versäumte alles, was den schwierigen Rückmarsch über die Elster erleichtern konnte. Die Natur der Dinge führte endlich den Ausgang herbei, welchen Gneisenaus Scharfblick von vornherein als den einzig möglichen angesehen hatte: die Entscheidung fiel auf dem rechten Flügel der Verbündeten. Napoleon übersah von der Höhe des Thonbergs, wie die Österreicher auf dem linken Flügel der Alliierten abermals mit geringem Glück den Kampf um die Dörfer an der Pleiße eröffneten, wie dann das Zentrum der Verbündeten über das Schlachtfeld von Wachau herankam. Es waren die kampferprobten Scharen Kleists und des Prinzen Eugen; über die unbestatteten Leichen der zwei Tage zuvor gefallenen Kameraden ging der Heerzug hinweg, man hörte die Knochen der Toten unter den Hufen der Rosse und den Rädern der Kanonen knarren. Vor der Front der Angreifer lagen langhingestreckt die hohen Lehmmauern von Probstheida, auf beiden Seiten durch Geschütze gedeckt – der Schlüssel des französischen Zentrums. Unter dem Kreuzfeuer der Batterien begann der Angriff, ein sechsmal wiederholtes Stürmen über das offene Feld, doch zuletzt behauptete sich Napoleons Garde in dem Dorfe, und auch Stötteritz nebenan blieb nach wiederholtem Sturm und mörderischem Häuserkampfe in den Händen der Franzosen; man sah nachher in den Gärten und Häusern die Leichen von Russen und Franzosen, die einander gegenseitig das Bajonett durch den Leib gerannt, angespießt auf dem Boden liegen. Unmittelbar unter den Augen des Imperators ward auch heute den Verbündeten kein entscheidender Erfolg, obgleich sie dicht an den Schlüsselpunkt seiner Stellung herangelangten. Indessen rückte auf ihrem rechten Flügel das Nordheer in die Schlachtlinie ein, füllte die Lücke, welche die böhmische Armee von der schlesischen trennte, schloß den großen Schlachtenring, der die Franzosen umfaßte. Es hatte der Mühe genug gekostet, bis Karl Johann, der am 17. endlich bei Breitenfeld auf der alten Stätte schwedischen Waffenruhmes angelangt war, zur tätigen Teilnahme beredet wurde; um den Bedachtsamen nur in den Kampf hineinzureißen, hatte Blücher seiner eigenen Tatkraft das schwerste Opfer zugemutet, 30+000 Mann seines Heeres an die Nordarmee abgetreten und damit selber auf den Ruhm eines neuen Sieges verzichtet. Einmal entschlossen zeigte Bernadotte die Umsicht des bewährten Feldherrn. Während Langerons Russen auf der äußersten Rechten der Angriffslinie durch wiederholten Sturm den Feind aus Schönefeld zu verdrängen suchten, traf die Hauptmasse der Nordarmee am Nachmittag auf der Ostseite von Leipzig ein. Bülow führte das Vordertreffen und schlug das Korps Reyniers aus Paunsdorf hinaus. So stießen die alten Feinde von Großbeeren abermals aufeinander, doch wie war seitdem die Stimmung in den sächsischen Regimentern umgeschlagen! Wunderbar lange hatte die ungeheure Macht des deutschen Fahneneides die Truppen des Rheinbundes bei ihrer Soldatenpflicht festgehalten; außer einigen vereinzelten Bataillonen waren bisher nur zwei westfälische Reiterregimenter zu den Verbündeten übergegangen. Mit dem Glücke schwand auch das Selbstgefühl der napoleonischen Landsknechte; sie begannen sich des Krieges gegen Deutschland zu schämen, sie empfanden nach, was ihr Landsmann Rückert ihnen zurief: Ein Adler kann vielleicht noch Ruhm erfechten, Doch sicher ihr, sein Raubgefolg, ihr Raben Erfechtet Schmach bei kommenden Geschlechten! Die Sachsen fühlten sich zudem in ihrer militärischen Ehre gekränkt durch die Lügen der napoleonischen Bulletins; sie sahen mit Unmut, wie ihre Heimat ausgeplündert, ihr König von Ort zu Ort hinter dem Protektor hergeschleppt wurde; und sollten sie mit nach Frankreich entweichen, wenn Napoleon die Schlacht verlor und Sachsen ganz in die Gewalt der Verbündeten fiel? Selbst die Franzosen empfanden Mitleid mit der unnatürlichen Lage dieser Bundesgenossen; Reynier hatte bereits den Abmarsch der Sachsen nach Torgau angeordnet, als das Anrücken der Nordarmee die Ausführung des wohlgemeinten Befehls verhinderte. Nur König Friedrich August zeigte kein Verständnis für die Bedrängnis seiner Armee noch für seine eigene Schande. Unwandelbar blieb sein Vertrauen auf den Glücksstern des Großen Alliierten; noch während der Schlacht verwies er seine Generale trocken auf ihre Soldatenpflicht, als sie ihn baten, die Trennung des Kontingents von dem französischen Heere zu gestatten. Die deutsche Gutmütigkeit wollte dem angestammten Herrn so viel Verblendung nicht zutrauen. Die Offiziere glaubten fest, ihr König sei unfrei; keineswegs in der Meinung, ihren Fahneneid zu brechen, sondern in der Absicht, das kleine Heer dem Landesherrn zu erhalten, beschlossen sie das Ärgste, was der Soldat verschulden kann, den Übergang in offener Feldschlacht. In der Gegend von Paunsdorf und Sellerhausen schlossen sich etwa 3000 Mann der sächsischen Truppen an die Nordarmee an; mit ihnen eine Reiterschar aus Schwaben. Die Preußen und Russen nahmen die Flüchtigen mit Freuden auf; nur den württembergischen General Normann, der einst bei Kitzen die Lützower verräterisch überfallen hatte, wies Gneisenau mit verächtlichen Worten zurück. Friedrich Wilhelms Ehrlichkeit aber hielt den Vorwurf nicht zurück: wie viel edles Blut die Sachsen dem Vaterlande ersparen konnten, wenn sie ihren Entschluß früher, vor der Entscheidung, faßten! Der traurige Zwischenfall blieb ohne jeden Einfluß auf den Ausgang der Völkerschlacht; doch warf er ein grelles Schlaglicht auf die tiefe sittliche Fäulnis des kleinstaatlichen Lebens. Das Gewissen des Volkes begann endlich irr zu werden an der Felonie des napoleonischen Kleinkönigtums; trotz aller Lügenkünste partikularistischer Volksverbildung erwachte wieder die Einsicht, daß auch nach dem Untergange des alten Reichs die Deutschen noch ein Vaterland besaßen und ihm verbunden waren durch heilige Pflichten. Gegen 5 Uhr vereinigte Bülow sein ganzes Korps zu einem gemeinsamen Angriff, erstürmte Sellerhausen und Stünz, drang am Abend bis in die Kohlgärten vor, dicht an die östlichen Tore der Stadt. Da währenddem auch Langeron auf der Rechten das hart umkämpfte Schönefeld endlich genommen hatte und ebenfalls gegen die Kohlgärten herandrängte, so war Ney mit dem linken Flügel der Franzosen auf seiner ganzen Linie geschlagen. Durch diese Niederlage ward Napoleons Stellung im Zentrum unhaltbar. Noch am Abend befahl er den Rückzug des gesamten Heeres. Nun wälzten sich die dichten Massen der geschlagenen Armee durch drei Tore zugleich in die Stadt hinein, um dann allesamt in entsetzlicher Verwirrung auf der Frankfurter Straße sich zu vereinigen. Daß dieser eine Weg noch offen blieb, war das Verdienst des unglücklichen Gyulay, der auch am dritten Schlachttage auf der Westseite nichts ausgerichtet hatte; bis zur Saale hin hielt Bertrand den Franzosen die Rückzugsstraße frei. Die Hunderttausende, die beim Feuerscheine von zwölf brennenden Dörfern auf dem teuer erkauften Schlachtfelde lagerten, empfanden tief erschüttert den heiligen Ernst des Tages; unwillkürlich stimmten die Russen eines ihrer frommen Lieder an, und bald klangen überall, in allen Zungen der Völker Europas, die Dankgesänge zum Himmel auf. Die Sieger beugten sich unter Gottes gewaltige Hand; recht aus dem herzen der fromm bewegten Zeit heraus sang der deutsche Dichter: O Tag des Sieges, Tag des Herrn, Wie feurig schien dein Morgenstern! Nur der Feldherr, der von Amts wegen als der Besieger Napoleons gefeiert wurde, vermochte die Größe des Erfolges nicht zu fassen. Schwarzenberg weigerte sich die noch ganz unberührten russischen und preußischen Garden zur Verfolgung auszusenden – nicht aus Arglist, wie manche der grollenden Preußen annahmen, sondern weil sein Kleinmut die Geschlagenen nicht zur Verzweiflung treiben wollte. Blücher hatte den Tag über, wegen des verspäteten Eintreffens der Nordarmee, sein kleines Heer zusammenhalten müssen, um einen Ausfall in der Richtung auf Torgau, den man noch immer befürchtete, zurückweisen zu können; darum ward York erst am Abend auf dem weiten Umwege über Merseburg dem fliehenden Feinde nachgesendet. Also konnte Napoleon noch 90+000 Mann, fast durchweg Franzosen, aus der Schlacht retten. Die Deckung des Rückzugs, die Verteidigung der Stadt überließ er seinen Vasallen, den Rheinbündnern, Polen und Italienern; mochten sie noch einmal für ihn bluten, dem Kaiserreich waren sie doch verloren. So mußte denn am 19. der Kampf um den Besitz der Stadt selber von neuem begonnen werden. Während Blücher im Norden seine Russen gegen das Gerbertor führt und dort zuerst von den Kosaken mit dem Ehrennamen Marschall Vorwärts begrüßt wird, bricht Bülows Korps aus den Kohlgärten gegen die Ostseite der Stadt auf. Borstells Brigade dringt in den Park der Milchinsel, Friccius mit der ostpreußischen Landwehr erstürmt das Grimmaische Tor. Noch stehen die Regimenter des Rheinbundes dicht gedrängt auf dem alten Markte, da tönen schon die Flügelhörner der pommerschen Füsiliere die Grimmaische Gasse herunter, dazwischen hinein der donnernde Ruf: Hoch Friedrich Wilhelm! Bald blitzen die Bajonette, lärmen die Trommeln und gellen die Querpfeifen auch in den andern engen Gassen, die nahe bei dem alten Rathause münden. Alles strömt zum Marktplatze; die Sieger von der Katzbach, von Kulm und Dennewitz feiern hier in Gegenwart der gefangenen Feinde jubelnd ihr Wiedersehen. Neue stürmische Freudenrufe, als der Zar und der König selber einreiten; selbst die Rheinbündner stimmen mit ein; alle fühlen, wie aus Schmach und Greueln der junge Tag des neuen Deutschlands leuchtend emporsteigt. Während den König von Preußen sein tapferes Heer frohlockend umdrängt, steht nahebei – ein klägliches Bild der alten Zeit, die nun zu Grabe geht – Friedrich August von Sachsen entblößten Hauptes, mitten im Gewühle an der Tür des Königshauses. Der hat während der Stunden des Sturmes ängstlich im Keller gesessen, betrogen von den prahlerischen Verheißungen des Protektors noch bis zum letzten Augenblicke auf die siegreiche Rückkehr des Unüberwindlichen gehofft. Nun würdigen ihn die Sieger keines Blickes, sein eigenes Volk beachtet ihn nicht, vor seinen Augen wird seine rote Garde von Friedrich Wilhelms Adjutanten Natzmer zur Verfolgung der Franzosen hinweggeführt. Mit naiver Freude wie ein Held des Altertums schreibt Gneisenau die Siegesbotschaft den entfernten Freunden in allen Ecken des Vaterlandes: »Wir haben die Nationalrache in langen Zügen genossen. Wir sind arm geworden, aber reich an kriegerischem Ruhme und stolz auf die wiedererrungene Unabhängigkeit.« Dreißigtausend Gefangene fielen den Siegern in die Hände. Die Umzingelung der Stadt von den Auen her war bereits nahezu vollendet, als die Elsterbrücke an der Frankfurter Straße in die Luft gesprengt und damit den wenigen, die sich vielleicht noch retten konnten, der letzte Ausweg versperrt wurde. Ein ganzes Heer, an hunderttausend Mann, lag tot oder verwundet. Was vermochte die Kunst der Ärzte, was die menschenfreundliche Aufopferung des edlen Ostfriesen Reil gegen solches Übermaß des Jammers? Das Medizinalwesen der Heere war überall noch nicht weit über die Weisheit der fridericianischen Feldscherer hinausgekommen, und über der wackeren, gutherzigen Leipziger Bürgerschaft lag noch der Schlummergeist des alten kursächsischen Lebens, sie verstand nicht rechtzeitig Hand anzulegen. Tagelang blieben die Leichen der preußischen Krieger im Hofe der Bürgerschule am Wall unbeerdigt, von Raben und Hunden benagt; in den Konzertsälen des Gewandhauses lagen Tote, Wunde, Kranke auf faulem Stroh beisammen, ein verpestender Brodem erfüllte den scheußlichen Pferch, ein Strom von zähem Kot sickerte langsam die Treppe hinab. Wenn die Leichenwagen durch die Straßen fuhren, dann geschah es wohl, daß ein Toter der Kürze halber aus dem dritten Stockwerk hinabgeworfen wurde, oder die begleitenden Soldaten bemerkten unter den starren Körpern auf dem Wagen einen, der sich noch regte, und machten mit einem Kolbenschlage mitleidig dem Greuel ein Ende. Draußen auf dem Schlachtfelde hielten die Aasgeier ihren Schmaus; es währte lange, bis die entflohenen Bauern in die verwüsteten Dörfer heimkehrten und die Leichen in großen Massengräbern verscharrten. Unter solchem Elend nahm dies Zeitalter der Kriege vom deutschen Boden Abschied, die fürchterliche Zeit, von der Arndt sagte: »dahin wollte es fast mit uns kommen, daß es endlich nur zwei Menschenarten gab, Menschenfresser und Gefressene!« Dem Geschlechte, das solches gesehen, blieb für immer ein unauslöschlicher Abscheu vor dem Kriege, ein tiefes, für minder heimgesuchte Zeiten fast unverständliches Friedensbedürfnis. Zwei Kaiser. Sonderausgabe 1.–10. Abdruck. Berlin 1888, G. Reimer. 15. Juni 1888. Zum zweiten Male binnen hundert Tagen steht die Nation an der Bahre ihres Kaisers. Nach dem glücklichsten aller ihrer Herrscher beweint sie den unglücklichsten. Es ist, als sollten mit der Herrlichkeit von Kaiser und Reich auch die ungeheuren tragischen Schicksalswechsel unserer alten Kaisergeschichte sich erneuern. Recht eigentlich unter Gottes Führung, wie er es so oft in schlichter Demut aussprach, erreichte Kaiser Wilhelm die Höhen weltgeschichtlichen Ruhmes, wider alles menschliche Erwarten und Berechnen, weit über sein eigenes Hoffen hinaus, und doch beständig steigend, jeder neuen, jeder größeren Aufgabe, die ihm das Schicksal stellte, vollauf gewachsen, bis er schließlich an den letzten Grenzen menschlichen Alters wie in Verklärung endigte, im Tode noch der gewaltige Einiger der Deutschen, die einst beim Donner seiner Schlachten seit Jahrhunderten zum ersten Male wieder das Glück ungeteilter Siegesfreude genossen hatten und nun an seiner Gruft im Einmut heiliger Trauer sich zusammenfanden. In den Jahren, da der Charakter des werdenden Mannes sich zu entscheiden pflegt, konnte Prinz Wilhelm nur den Ehrgeiz hegen, dereinst als Feldherr seines Vaters oder Bruders die Heere Preußens zu neuen Siegen zu führen. Der jüngste fast unter den Kämpfern des Befreiungskrieges, teilte er mit Gneisenau, mit Clausewitz, mit allen politischen Köpfen des preußischen Heeres die Überzeugung, daß Deutschlands neue Westgrenze ebenso unhaltbar sei, wie seine lockere Bundesverfassung, und erst ein dritter Punischer Krieg den alten Machtkampf zwischen Galliern und Germanen endgültig entscheiden, dem deutschen Staate die Selbständigkeit sichern könne. An dieser Hoffnung hielt er fest, die ganze stille Friedenszeit hindurch. Noch im Jahre 1840 schrieb er sich das Beckersche Lied: »sie sollen ihn nicht haben, den freien deutschen Rhein« eigenhändig ab und setzte unter die Schlußworte »bis seine Flut begraben des letzten Manns Gebein« jenen kühnen Federzug, der seitdem aus der kaiserlichen Namensunterschrift der weiten Welt bekannt wurde. Haß gegen die Franzosen blieb seinem freien Gemüte fremd; aber scharf wie unter allen preußischen Staatsmännern der Zeit vielleicht nur der eine Motz, faßte er frühe schon die europäische Lage seines Staates ins Auge und erkannte, daß dies Preußen wachsen mußte, um sich der unerträglichen Pressung zwischen so vielen überlegenen Militärmächten zu entwinden. Von solchen Gedanken königlicher Ehrfurcht erfüllt, ward er, ganz Soldat, nach wenigen Jahren der Liebling und das Vorbild des Heeres, beliebt durch seine freundliche Leutseligkeit, gefürchtet durch eine dienstliche Strenge, die selbst dem letzten Troßknecht zeigte, daß ein sorgendes und strafendes Auge über ihm wachte. Auf sein Volk in Waffen und dessen »geweckte Intelligenz« schaute er mit der ganzen Begeisterung des Befreiungskrieges, aber auch mit dem nüchternen Entschlusse, die Ideen Scharnhorsts nach dem Wandel der Zeiten unablässig fortzubilden, so daß dies Heer allezeit das erste bliebe. Draußen in den Kleinstaaten hielt man für müßiges Paradespiel, was tiefer politischer Ernst war. Die öffentliche Meinung schwelgte in radikalen Träumen, sie schwärmte in fremdbrüderlicher Begeisterung für Polen und Franzosen, sie hoffte auf den ewigen Frieden. Im Dünkel ihrer Überbildung konnte sie nicht begreifen, was die schlichte kriegerische Tüchtigkeit und Pflichttreue dieses Prinzen für die Zukunft des Vaterlandes bedeutete. Erst unter der Regierung seines Bruders, als der »Prinz von Preußen« schon mit der Möglichkeit seiner eigenen Thronbesteigung rechnen mußte, trat er in die Staatsgeschäfte ein. Gleich seinem Vater wollte er die Grundlagen der alten monarchischen Verfassung unverändert erhalten: »Preußen soll nicht aufhören, Preußen zu sein.« Wort für Wort sagte er dem Bruder voraus, was er dereinst selber in den Tagen des Streites um die Neugestaltung des Heeres erleben sollte: der Landtag werde sein Steuerbewilligungsrecht mißbrauchen, um durch die Verkürzung der Dienstzeit die Schlagkraft der Armee zu schwächen, und könne durch den Schein der Sparsamkeit leicht auch die Treugesinnten betören. Seine Warnung ward überhört, und wie er einst um des Staates willen seine Jugendliebe geopfert hatte, so gab er jetzt gehorsam jeden Widerspruch auf, sobald die Entscheidung des Königs gefallen war. Ritterlich trat er auf dem Vereinigten Landtage selber in die Bresche, als erster Untertan des Königs, um allen Groll, der sich in der gärenden Zeit wider die Krone angesammelt hatte, auf sich abzulenken. Es kamen die Stürme der Revolution. Ein wahnsinniger Haß, eine ungeheure Verkennung entlud sich über seinem Haupte, nur das Heer, das ihn kannte, ward nicht an ihm irr; an den Beiwachtfeuern der preußischen Garde in Schleswig-Holstein erklang das Lied: »Prinz von Preußen, ritterlich und bieder, kehr' zu deinen Truppen wieder, heißgeliebter General!« Und als er dann heimkehrte aus der Verbannung, die er um des Bruders willen auf sich genommen, da stellte er sich sogleich, dem Könige gehorsam, auf den Boden der neuen konstitutionellen Ordnung. Was berechtigt war und lebensfähig in den Entwürfen des Frankfurter Parlamentes, erkannte er freudig an; allein die Ehrenrechte der deutschen Fürsten und die streng monarchische Ordnung des Heeres wollte er doktrinären Neuerungsversuchen nicht preisgeben. Die führerlose Bewegung endete mit einer schrecklichen Enttäuschung. Der Prinz selbst sah sich genötigt, den Aufruhr in Baden niederzuwerfen. In den langen Jahren der Ermattung nachher blieb ihm Muße genug, den Gründen des Mißlingens nachzudenken und den Ausspruch seines Bruders zu erwägen, daß eine Kaiserkrone nur auf dem Schlachtfelde erworben werden könne. Da führte ihn die Erkrankung König Friedrich Wilhelms IV. an die Spitze des Staates. Nach einem Jahre schonenden Zuwartens übernahm er, feingesponnene Ränke mit festem Griffe zerreißend, kraft eigenen Rechts die Regentschaft, zwei Jahre darauf die Krone. Aber nochmals, nach kurzen Tagen jauchzender Freude, unbestimmter Erwartungen, mußte er den Wandel der Volksgunst erfahren und jenen Kampf beginnen, den er einst als Thronfolger vorausgesehen, den Kampf um sein eigenstes Werk, um die Neugestaltung seines Heeres. Ins Ungeheuerliche schwoll der Parteihaß an, wie es nur möglich war in dem Volke des Dreißigjährigen Krieges; es kam so weit, daß die deutschen Witzblätter dies mannhaft treuherzige Kriegerangesicht, das doch immer von dem Lächeln der Königin Luise umspielt ward, unter dem Zerrbilde des Tigers darstellten, und so heillos verwickelte sich der Verfassungskampf, daß allein noch die durchschlagende Macht kriegerischer Erfolge den Knoten zerhauen, das Recht des Königs erweisen konnte. Und diese Erfolge kamen in jenen großen sieben Jahren, da mit einem Male die Summe gezogen wurde aus zwei Jahrhunderten preußischer Geschichte, da Schlag auf Schlag alle die Aufgaben ihre Lösung fanden, an denen die Staatskunst der Hohenzollern durch so viele Geschlechter hindurch gearbeitet hatte. Die letzte der deutschen Nordmarken ward der skandinavischen Herrschaft entrissen, und damit das Werk des Großen Kurfürsten vollendet; die Schlacht von Königgrätz verwirklichte, was am Tage von Kollin gescheitert war, die Befreiung Deutschlands von der Herrschaft des Hauses Österreich; und durch eine Reihe unvergleichlicher Siege, durch die Kaiserkrönung im Bourbonensaale von Versailles ward alles überboten, was die Kämpfer von 1813 einst von dem ersehnten dritten Punischen Kriege erhofft hatten. Die Preußen erkannten dankbar, daß ihre Verfassung unter diesem starken Königtum besser denn je gesichert war; denn sofort nach dem böhmischen Kriege leistete der König, der in der Sache so gänzlich recht behalten, freiwillig die gesetzliche Sühne für die Verletzung der Formen, und nicht ein Wort der Bitterkeit, das an den abgetanen Zwist erinnerte, kam aus seinem Munde. Die deutschen Bundesgenossen aber hatten durch die Siege dieses ersten wahrhaft gemeinsamen Kampfes endlich einen gesunden nationalen Stolz gewonnen und in der Freude an dem neuen Reiche des vielhundertjährigen Haders vergessen. In allen diesen wunderbaren Fügungen, die auch ein nüchternes Hirn betören konnten, erscheint König Wilhelm immer gleich fest und sicher, gütig und bescheiden. Während des Verfassungskampfes brachte er nach seinem eigenen Geständnis das schwerste Opfer, das seinem liebebedürftigen Herzen zugemutet werden konnte, er ertrug die Entfremdung von seinem geliebten Volke; und mit der gleichen Selbstüberwindung faßte er den schweren Entschluß zum Kriege gegen das altbefreundete Österreich. Doch ganz unbedenklich forderte er nach dem Siege die Eroberungen, die er aus den Händen der Revolution niemals angenommen hätte, als den Preis eines gerechten Krieges; noch während des ersten norddeutschen Reichstages sagte er mit seiner großartigen naiven Offenheit zu dem Abgeordneten für Leipzig lächelnd: »Ja, Leipzig hätte ich doch gern behalten.« Geschwankt hat er in diesen schweren Jahren nur dann, wenn sein soldatischer Gradsinn sich nicht sogleich entschließen konnte, an die Hintergedanken arglistiger Gegner zu glauben: so in Baden 1863, als der deutsche Fürstentag ihn so freundvetterlich und bieder zu den Frankfurter Verhandlungen einlud, so wieder in Eins bei den Unterredungen mit Benedetti. Es heißt aber die Geschichte verfälschen, wenn man ihre großen Wandlungen kleinmeisterlich allzu nahe betrachtet; der Nachwelt genügt, zu wissen, daß König Wilhelm nach kurzem Zaudern, das seinem Gemüte zur Ehre gereicht, in beiden Fällen den rechten Entschluß fand. Nach der Heimkehr sagte der neue Kaiser: »Lange lag dieser Ausgang in den Herzen. Jetzt ist es an das Licht gebracht. Sorgen wir, daß es Tag bleibe.« Er glaubte selbst in einer »kurzen Spanne Zeit« nur noch die ersten Anfänge der neuen Ordnung deutscher Dinge erleben zu können. Alles kam anders und schöner! Er sollte nicht nur selber alle die grundlegenden Gesetze des Reichs vollenden, sondern auch durch die Macht seiner Persönlichkeit dem werdenden Reiche den innern Halt geben. Zu Anfang sah mancher der verbündeten Fürsten in der Reichsverfassung nur eine Fessel, bald erkannten sie alle in ihr die Bürgschaft der eigenen Rechte, weil der unbestreitbar erste Mann des deutschen hohen Adels die Kaiserkrone trug und seine Treue jedem unverbrüchliche Sicherheit gewährte. So ist es geschehen, wesentlich durch das Verdienst des Kaisers und gegen die ausgesprochene Erwartung des Kanzlers, daß der Bundesrat, den einst alle Welt als den Träger des Partikularismus beargwöhnte, in wenigen Jahren die zuverlässige Stütze der nationalen Einheit wurde, während der Reichstag bald wieder dem unberechenbaren Spiele der Parteiung verfiel. Einen Vertrauten, der ihn in allem beriet, hat Kaiser Wilhelm nie besessen. Mit sicherer Menschenkenntnis fand er geniale Kräfte für seinen Rat heraus, und mit der Neidlosigkeit eines großen Herzens ließ er die Erprobten sehr frei gewähren, aber jeden, selbst den Reichskanzler, nur innerhalb seines Faches. Immer blieb er der Kaiser, nur in seiner Hand liefen alle Fäden der Herrschaft zusammen. Das höchste Glück des Lebens erblühte ihm erst, als er wie durch ein Wunder dem Meuchelmorde entgangen, den Feinden der Gesellschaft mit jener großmütigen kaiserlichen Botschaft antwortete, welche die sozialen Schäden der Gegenwart zuerst an der Wurzel abzugraben unternahm. Seitdem erst begriff die Nation ganz, was sie an ihrem Kaiser besaß; ein Strom der Liebe, wie er nur den Tiefen des deutschen Gemütes entquillt, hat ihn dann durch seine letzten Jahre dahingetragen. Europa gewöhnte sich in dem greisen Schlachtensieger den Wahrer des Weltfriedens zu verehren; um des Friedens willen schloß er, die alte Vorliebe für Rußland überwindend, das mitteleuropäische Bündnis. Im Innern trat der streng monarchische Charakter seiner Regierung mit den Jahren immer bestimmter hervor; der persönliche Wille des Herrschers behauptete sein gutes Recht neben den Parlamenten, und jetzt unter der warmen Zustimmung der endlich belehrten öffentlichen Meinung. Die Deutschen wußten, daß ihr Kaiser immer das Notwendige tat und in seiner einfachen, kunstlosen, bestimmten Sprache immer »sagte, was zu sagen war«, wie Goethe es nannte. Selbst auf Gebieten, die seinem Bildungsgänge ferner lagen, fand er sich mit seinem angeborenen königlichen Blicke schnell zurecht; wie Großes verdankt ihm auch das ideale Schaffen der Nation, niemals hat er unter den Künstlern und Gelehrten einen Unwürdigen ausgezeichnet. Einzelne Züge seines Charakters erinnern an die Ahnen, an den Großen Kurfürsten wie an den Großen König, an den ersten und den dritten Friedrich Wilhelm; eigentümlich blieb ihm die glückliche, ruhige Harmonie seines Wesens. An seiner schlichten Größe war nichts blendend, nichts rätselhaft, außer der fast übermenschlichen Lebenskraft des Leibes und der Seele. Alle konnten ihn verstehen, nur nicht der Hochmut der Halbbildung; allen, den Geistreichen wie den Einfältigen, konnte die stärkste Kraft seines Charakters, die unwandelbare Pflichttreue, zum Vorbilde dienen. So ward er der beliebteste aller Hohenzollernschen Herrscher. Wärmer, inniger von Jahr zu Jahr schloß sich die Nation ihrem Kaiser an. In schönem Einmut bewilligte ihm der Reichstag noch die notwendige Verstärkung des Heeres, und bis zum Ende schauten die treuen Augen aus den altersgrauen, verwitterten Zügen hoffnungsfroh auf alles, was lebendig war in der jungen Zeit. Noch kurz vor dem Scheiden sprach er mit Zuversicht von dem vaterländischen Sinne der deutschen Jugend. Als er dahinging, da war allen zu Mute, als ob Deutschland ohne ihn nicht leben könne, obwohl wir doch seit Jahren schon das Ende erwarten mußten. Welch ein Gegensatz zwischen diesem beständig aufsteigenden Lebensgange des großen Vaters und dem finsteren Geschick des edlen Sohnes! Zum Throne geboren und bei der Geburt schon am glückverheißenden Jahrestage der Leipziger Schlacht freudig begrüßt von allen preußischen Herzen, durch treffliche Lehrer sorgfältig für das Fürstenamt erzogen, erschien Prinz Friedrich Wilhelm, sobald er zum Manne gereift war, als der Herrlichste von allen, strahlend in männlicher Kraft und Schönheit. Und als er dann die englische Prinzeß Royal heimführte, da erwartete die gesamte liberale Welt von seiner Herrschaft eine Zeit des Völkerglückes; denn noch galt England als das Musterland der Freiheit, der Heiligenschein der politischen Legende verklärte noch die Häupter Leopolds von Belgien und des hochzeitsfrohen koburgischen Hauses. Man erfuhr bald, daß der Kronprinz mit jenen Verletzungen des formalen Rechtes, welche der Verfassungskampf herbeiführte, sich ebensowenig befreunden konnte, wie mit dem Plane der Einverleibung Schleswig-Holsteins. Aber niemals hätte er sich dazu verstanden, nach dem Brauche der meisten englischen Thronfolger an die Spitze der Opposition zu treten; den Gedanken, daß es jemals eine Partei des Kronprinzen geben könne, wies er als unpreußisch weit von sich. Im Dänischen Kriege erwarb er sich sein erstes großes Verdienst um den Staat; unter seiner kräftigen Mitwirkung entschloß sich die noch unerfahrene, mehrfach zaudernde Heerführung zu kühnerem Vorgehen. Und nun erschienen die glänzenden Tage seines Feldherrnruhms, die ihm für immer seine Stelle in der deutschen Geschichte gesichert haben. Er half durch die kühnen Angriffsgefechte seines schlesischen Heeres den Sieg von Königgrätz vorbereiten und entschied ihn durch den Sturm auf Chlum. Er führte die ersten zermalmenden Schläge des französischen Krieges; seine blonde germanische Reckengestalt verkündete den Elsassern zuerst, daß ihr altes Vaterland sie wieder zurückforderte; durch seine Kriegstaten und die herzbewegende Macht seiner heiteren, volkstümlichen Güte wurden die bayrischen und schwäbischen Krieger erst ganz für die Einheil Deutschlands gewonnen, und allezeit wird im deutschen Heere des Tages gedacht werden, da nach neuen, herrlichen Siegen »unser Fritz« vor dem Standbilde des vierzehnten Ludwig im Versailler Schloßhofe die Eisernen Krenze an seine Preußen und Bayern verteilte. Nach dem Frieden war die Stellung des hochgerühmten Feldherrn nicht leicht. Er stand als Feldmarschall schon zu hoch in der militärischen Rangordnung und fand auch an dem alltäglichen Friedensdienste zu wenig Freude, als daß sich ein angemessenes Kommando für ihn hätte finden lassen. Nur die wichtigste der deutschen Armee-Inspektionen, die Aufsicht über die süddeutschen Truppen, ward ihm übertragen, und alljährlich wartete er dieses Amtes einige Wochen lang: immer einsichtig, fest und freundlich, so daß er im Süden fast noch mehr Liebe fand als in der nordischen Heimat. Die Süddeutschen sahen ihn tätig, in seiner ganzen Kraft; daheim trat er nur selten in das öffentliche Leben hinaus. Er wurde das Opfer der wunderbaren Größe seines Vaters, darin lag sein tragisches Verhängnis. Lange Jahre männlicher Vollkraft, die er nach allem menschlichen Ermessen schon auf dem Throne hätte verleben müssen, verbrachte er in einem Stilleben, das ihm wohl des Vaterglücks die Fülle brachte und ihm auch oft Gelegenheit gab, seine schöne natürliche Beredsamkeit zu zeigen, für wohltätige und gemeinnützige Zwecke segensreich zu sorgen, aber nicht ausgefüllt war durch ganze Mannesarbeit. Schon als junger Prinz hegte Kaiser Wilhelm sehr strenge, wohlerwogene Grundsätze über die unvermeidliche Selbstbeschrankung der Thronfolger; er wußte, daß der erste Untertan nicht mitreden darf, wenn er nicht in Versuchung geraten soll, mitzuregieren. Wie alle großen Monarchen der Geschichte, wie sämtliche Hohenzollern mit der einzigen Ausnahme König Friedrich Wilhelms III., hielt er seinen Thronerben den Regierungsgeschäften fern. Nur einmal, nach dem letzten Mordversuche, wurde der Kronprinz beauftragt, die Stelle des Vaters zu vertreten. Es war eine ereignisschwere Zeit, der Berliner Kongreß soeben versammelt, die Friedensverhandlung mit der römischen Kurie kaum begonnen, das Sozialistengesetz noch im Entstehen. Alle die schweren Arbeiten bewältigte der Kronprinz mit musterhafter Umsicht, und nie soll ihm Deutschland vergessen, daß er, sicherlich gegen die Neigung seines milden Herzens, den hohen Mut fand, das Richtbeil niederfallen zu lassen auf den Nacken des Kaisermörders. Durch diese tapfere Tat verhalf er der im Reiche schon halbverschollenen Todesstrafe wieder zu der Geltung, die ihr in jedem festgeordneten Staate gebührt. Nach der Genesung des Kaisers trat er wieder in die Ruhe seines Hauses zurück, und es konnte nicht fehlen, daß der an den Höfen aller Thronfolger heimische Geist der Kritik sich auch hier dann und wann äußerte, aber immer nur in bescheidener, ehrerbietiger Form. Reich und fruchtbar ward sein Wirken für die Kunst: ohne ihn wäre der Hermes des Praxiteles nicht zum neuen Leben erweckt, das Berliner Gewerbemuseum nicht in so mustergültiger Formenreinheit vollendet worden. Er war der erste akademisch Gebildete in der Reihe der preußischen Thronfolger, und mit Stolz trug er den Purpurmantel des Rektors der alten Albertina. Doch in dem langen Stilleben verlor der Kronprinz zuweilen die Fühlung mit der gewaltig aufstrebenden Zeit und konnte ihren neuen Gedanken nicht mehr recht folgen. Die antisemitische Bewegung, deren Grund doch allein in der Selbstüberhebung der Judenschaft lag, meinte er mit einigen Worten zornigen Tadels abzutun, und die Königsberger Studenten warnte er gar vor den Gefahren des Chauvinismus – einer Empfindung, die nach zwei Jahrhunderten des Weltbürgertums den Deutschen so fremd ist wie ihr welscher Name. Aber die menschlichen Dinge erscheinen anders vom Throne, anders von unten her gesehen. Wie die Nation den vielgeliebten Prinzen kannte, hoffte sie zuversichtlich, daß er gleich dem Vater mit seinen Lebensaufgaben selber wachsen und als Herrscher sich ebenso kräftig zeigen würde, wie einst als Stellvertreter des Kaisers. Da brach das Unheil über ihn herein. Drei deutsche Ärzte, die Berliner Professoren Gerhardt, v. Bergmann, Tobold, erkannten zuerst das Wesen der Krankheit und sprachen die Wahrheit ohne Menschenfurcht aus, wie wir es von deutschen Gelehrten zu erwarten gewöhnt sind. Noch war Heilung möglich, wahrscheinlich sogar. Aber der rettende Entschluß blieb aus – und wer darf hier tadeln, da doch fast jeder Laie in gleicher Lage die gleiche Wahl getroffen hätte? Nunmehr ward der Kranke einem englischen Arzte ausgeliefert, der alsbald durch unerhörte Verlogenheit seiner Berichte den guten Ruf unseres alten, ehrlichen Preußens besudelte. In wachsender Angst begannen die Deutschen zu ahnen, dies teuere Leben sei in schlechten Händen. Der Erfolg übertraf die ärgsten Befürchtungen. Als Kaiser Wilhelm die Augen geschlossen hatte, kehrte ein sterbender Kaiser heim, das hohe Erbe anzutreten. Die Größe der Monarchie, ihre Überlegenheit gegenüber allen republikanischen Staatsformen beruht wesentlich auf der wohlgesicherten langen Dauer des fürstlichen Amtes. Ihre Kraft erlahmt, wo diese Sicherheit fehlt. Die Regierung des sterbenden Kaisers konnte nur eine traurige Episode der vaterländischen Geschichte werden, traurig durch die namenlosen Leiden des edlen Kranken, traurig durch das lügnerische Treiben des englischen Arztes und seiner unsaubern journalistischen Spießgesellen, traurig durch die Frechheit der deutschfreisinnigen Partei, die sich begehrlich an den Kaiser herandrängte, als ob er selber zu ihr gehörte, und einmal doch einen Erfolg, den Sturz des Ministers v. Puttkamer, erreichte – während die monarchischen Parteien durch das Gefühl der Pietät wie durch die Voraussicht des nahen Endes genötigt wurden, ihre Stimme zu dämpfen. In solchen Tagen der Prüfung offenbaren sich alle Herzensgeheimnisse der Parteien. Wer es noch nicht wußte, der muß jetzt begreifen, welch ein Sykophantentum unter der Flagge des Freisinns sein Wesen treibt, und welch ein Gesinnungsterrorismus jeden freien Kopf mißhandeln würde, wenn diese Partei jemals ans Ruder gelangte, die zu unserem Glück im ganzen Reiche nichts weiter hinter sich hat als die Mehrheit der Berliner, einzelne in die Politik verschlagene Gelehrte, die Kaufmannschaft einiger unzufriedenen Handelsplätze und die allerdings ansehnliche Macht des internationalen Judentums. Doch hinweg mit diesen finsteren Bildern; die Geschichte ist über sie hinweggeschritten. Halten wir fest in ehrfurchtsvoller Erinnerung, was der schmerzensreichen Regierung Kaiser Friedrichs die sittliche Weihe gibt. Mit einem frommen Duldermute, dessen Größe wohl nur wenige Eingeweihte ganz ermessen, mit einer Heldenkraft, die allen Glanz seiner Schlachtensiege überstrahlt, hat er die Qualen seiner Krankheit ertragen, der Sprache beraubt, im Angesichte des Todes immer und immer die alte Pflichttreue der Hohenzollern, seine warme Begeisterung für alle ewigen Güter der Menschheit bewahrt. Würdig der Väter ist er zum ewigen Frieden eingegangen, und solange deutsche Herzen schlagen, werden sie des königlichen Dulders gedenken, der uns einst als der glücklichste und frohmutigste der Deutschen erschien und nun in so tiefem Leide enden mußte. In jenen frohen Tagen, da das Bild »der vier Könige« an allen deutschen Schaufenstern hing, sagte sich mancher in banger Ahnung, das sei allzuviel des Glücks. Nun hat die ausgleichende Gerechtigkeit der Vorsehung auf die Fülle der Freuden ein Übermaß der Trauer folgen lassen, das fast zu hart scheint für ein monarchisches Volk. Von den vier Königen sind zwei nicht mehr. Aber das Leben gehört den Lebendigen. Mit hoffendem Vertrauen wendet die Nation ihre Augen auf ihren jungen kaiserlichen Herrn. Alles, was er bisher zu seinem Volke sprach, atmet Kraft und Mut, Frömmigkeit und Gerechtigkeit. Wir wissen jetzt, daß der gute Geist der wilhelminischen Zeiten dem Reiche unverloren bleibt, und schon in diesen ersten Trauertagen erlebten wir eine große Stunde deutscher Geschichte. In deutscher Treue scharte sich unser gesamter Fürstenstand um seinen Kaiser und erschien mit ihm vor den Vertretern der Nation. Die Welt erfuhr, daß der deutsche Kaiser nicht stirbt, wer immer seine Krone tragen mag. Welch ein Wandel der Dinge seit den Zeiten, da die Höfe an jedem Neujahrstage ängstlich auf die Aussprüche des geheimnisvollen Cäsars an der Seine lauschten! Heute gedenkt die deutsche Thronrede mit keinem Worte mehr dieser Westmächte, die sich einst anmaßten, die Gesittung der Welt allein zu vertreten, denn mit unbelehrbaren Feinden läßt sich ebensowenig rechten wie mit zudringlichen zweifelhaften Freunden. Mag Europa sich in Frieden an die Verschiebung der alten Machtverhältnisse gewöhnen, oder mag das deutsche Schwert nochmals aus der Scheide fahren zur Sicherung des Gewonnenen: für beide Falle hoffen wir gerüstet zu sein. Wenn nicht alle Zeichen trügen, so wird dies große Jahrhundert, das als ein französisches zu beginnen schien, als deutsches Jahrhundert enden: durch Deutschlands Gedanken und Deutschlands Taten wird die Frage gelöst, wie sich eine starke überlieferte Staatsgewalt mit den berechtigten Ansprüchen der neuen Gesellschaft vertragen könne. Einmal doch muß die Zeit kommen, da die Völker fühlen, daß die Schlachten Kaiser Wilhelms nicht bloß den Deutschen ein Vaterland geschaffen, sondern auch der Staatengesellschaft eine gerechtere, vernünftigere Ordnung gegeben haben. Dann wird sich erfüllen, was einst Emanuel Geibel dem greisen Sieger zurief: Und es mag am deutschen Wesen Einmal noch die Welt genesen! Zum Gedächtnis des großen Krieges. Rede bei der Kriegserinnerungsfeier der kgl. Friedrich-Wilhelms-Universität zu Berlin am 19. Juli 1895. Hochansehnliche Versammlung! Liebe Kollegen und Kommilitonen! Uns Älteren ruft die heutige Feier die goldenen Tage unseres Lebens vor die Seele, die Tage, da Gottes Gnade unter Kampf und Not und Jammer allen Träumen, aller Sehnsucht unserer Jugend über jedes Hoffen hinaus die herrliche Erfüllung schenkte. Und doch, indem ich zu reden beginne, empfinde ich lebhaft, wie tief sich die Welt in diesem Vierteljahrhundert verwandelt hat. Nicht jede Zeit vermag das Große zu tun, nicht jede vermag es recht zu verstehen. Auf die Entscheidungsstunden der Geschichte folgt gemeinhin ein Geschlecht, das die eherne Stimme des gewaltigen Völkerbildners, des Krieges, noch im eigenen Herzen nachzittern fühlt und sich mit jugendlicher Begeisterung des Errungenen freut. Aber ohne die beständige Arbeit der Selbstbesinnung und Selbstprüfung schreiten die menschlichen Dinge nicht vorwärts. Neue Parteien mit neuen Gedanken treten auf; sie fragen zweifelnd oder höhnend, ob das erreichte Ziel der gebrachten Opfer wert gewesen. Die Feldherren der Schreibstube berechnen, was sich wohl auf dem geduldigen Papiere noch vollkommener hätte gestalten lassen; betriebsame Ährenleser spüren emsig all das Widrige und Häßliche auf, was sich, wie der Schwamm an den Eichbaum, an jedes mächtige Menschenwerk ansetzt, und über der Fülle des Tadels gehen leicht Freude und Dank verloren. Es bedarf meist einer langen Frist, bis sich ein Volk entschließt, das Große seiner Vergangenheit wieder im Großen zu sehen. Der hohe Sinn des Befreiungskrieges ist der Mehrzahl der Deutschen doch erst fast ein halb Jahrhundert nachher durch die Werke von Häußer, Droysen, Bernhardt, Sybel erschlossen worden. Lassen Sie uns heute von allem Kleinlichen absehen und nur der sittlichen Mächte gedenken, die in dem glücklichsten aller Kriege walteten. Als Feldmarschall Moltke einst sein Regiment, die Kolbergischen Grenadiere, besuchte, da wies er auf das Bildnis Gneisenaus, des ersten Chefs, der vormals diese ehrenreiche Truppe hinter den Wällen der unbesiegten pommerschen Festung aus den verlaufenen Trümmern des alten Heeres gebildet hatte, und sagte: »Zwischen uns beiden ist ein großer Unterschied. Wir haben nur Siege zu verzeichnen gehabt. Er hat die Armee nach einer Niederlage zum Siege geführt. Diese höchste Probe haben wir noch nicht bestanden.« Wer kann diesen Ausspruch hören, ohne die tiefe Bescheidenheit und zugleich den hohen Ehrgeiz des Feldmarschalls zu bewundern? Aber nachsprechen dürfen wir die schönen Worte nicht; wir danken dem Helden vielmehr, daß er sie durch seine Taten selbst widerlegt hat. So, gerade so, unfehlbar wie der Hammer Thors mußte das deutsche Schwert schmetternd niederfallen, so, wider alle Erfahrung, mußte das wandelbare Kriegsglück zur Unwandelbarkeit gezwungen werden und Kranz auf Kranz um unsere Fahnen winden, wenn dies bestverleumdete und bestverhöhnte aller Völker wieder die rechte Stelle in der Staatenwelt erringen sollte. Wir waren die Jahrhunderte entlang durch die weltbürgerliche Macht unseres römischen Kaisertums, wie die Italiener durch ihr Papsttum, in der einfachen Arbeit nationaler Politik gehemmt und geschädigt worden; wir mußten dann in unserem Staatenbunde mehrere ausländische Mächte mittaten lassen und sahen uns zugleich angekettet an eine halbdeutsche Macht, an eine verhüllte Fremdherrschaft, deren Unwahrheit ein großer Teil der Nation, befangen in alten teueren Erinnerungen, niemals erkennen wollte. Der Ruhm der Unbesiegbarkeit, den einst niemand den Fahnen Friedrichs zu bestreiten gewagt, war durch alle die herrlichen Schlachten der Befreiungskriege nicht wiederhergestellt; denn immerdar höhnten die Fremden: als die Preußen bei Jena allein standen, wurden sie geschlagen, nur im Bunde mit anderen Mächten siegten sie wieder! Und dabei wuchs und wuchs in der Nation das Bewußtsein einer unermeßlichen Kraft, einer lebendigen, unzerstörbaren Gemeinschaft des gesamten geistigen und wirtschaftlichen Lebens. Ein Volk in so beispiellos schwieriger Lage, so stark in seinem berechtigten Selbstgefühl und so schwach durch seine jämmerliche Bundesverfassung, mußte notwendig in verworrene, ziellose Parteikämpfe, in alle Kinderkrankheiten des politischen Lebens verfallen. Im Ausland aber war unter Millionen nur einer, unser treuer Freund Thomas Carlyle, der in dem Wirrwarr unserer Parteiung den Adel der deutschen Volksseele liebevoll erkannte. Sonst stimmten alle überein in dem Gedanken, daß aus uns nichts werden dürfe, daß diese Mitte des Weltteils, auf deren Schwäche die alte Staatengesellschaft so lange beruht hatte, niemals erstarken solle. Wir waren den Fremden nur die lächerlichen festlustigen Sanges- und Schützenbrüder, und der deutsche Name Vaterland galt in England schlechthin als Schimpfwort. Als Preußen dann die alten Siegesbahnen des großen Kurfürsten und des großen Königs wieder eingeschlagen, unsere Nordmark befreit und im Schlachtendonner von Königgrätz die Fremdherrschaft des Hauses Österreich zertrümmert hatte, da blieb Europa noch weit davon entfernt, die neue Ordnung der deutschen Dinge anzuerkennen. Wir hatten vorzeiten nach der Weltherrschaft des römischen Reiches getrachtet und waren dann durch die grausame Gerechtigkeit der Geschichte lange zu einem leidenden Weltbürgertum verurteilt worden, so daß unser Boden den Tummelplatz abgab für die Heere und das diplomatisch? Ränkespiel aller Völker. Sollte das also bleiben? Was wir brauchten, war ein ganzer, unbestreitbarer, allein durch deutsche Kraft errungener Sieg, der die Nachbarn zwang, die freie Mündigkeit dieser Nation endlich zu achten. Das hat König Wilhelm, der so oft seinem Volke das Wort von den Lippen nahm, recht begriffen, als er in seiner Thronrede sagte: »Hat Deutschland Vergewaltigungen seines Rechts und seiner Ehre in früheren Jahrhunderten schweigend ertragen, so geschah es nur, weil es in seiner Zerrissenheit nicht wußte, wie stark es war.« Wir waren längst nicht mehr das arme mißhandelte Volk von 1813, das seine Fahnen geschändet, seine Felder verwüstet, seine Städte geplündert sah, das in heiligem Zorne betete: Rettung vor dem Joch der Knechte! und dann, auf das Ärgste still gefaßt, den ungleichen Kampf wagte. In heller Freude vielmehr erhob sich auf des Königs Wink eine freie, starke, stolze Nation; sie kannte ihre Kraft, aus dem brausenden Getöse der Volksversammlungen und des Straßenlärmes, der Zeitungen und der Flugschriften erklang übermächtig der eine Ruf: wir müssen, wir werden siegen. Dichter haben den greisen Herrscher, wenn er einherritt vor seinen Paladinen, wohl mit den Heerkönigen des germanischen Altertums verglichen. König Wilhelm war mehr, er war ein Held unserer Zeit, der gebietende monarchische Führer einer ungeheuren demokratischen Massenbewegung, die alle Höhen und Tiefen unseres Volkes erschütterte und ihres Zieles sicher über alle Bedenken zaudernder Höfe im Sturme hinwegschritt. Das verstand sich von selbst, daß die alten treuen Adlerlande Preußens freudig zu den Waffen griffen. Hier sprach man noch auf jedem Bauernhofe vom alten Fritz und vom alten Blücher. Hier hingen selbst in den französischen Kirchen die Tafeln mit dem Eisernen Kreuz und der Inschrift: Morts pour le roi et la patrie ; und die langen Reihen der französischen Namen darunter erzählten, wie tief ein edler Staat edle Fremdlinge mit seinem Geiste zu durchdringen vermag. Aber auch in den kleinen Staaten, die so lange der Siegesfreude entbehrt hatten und jetzt erst lernten, was ein Volk in Waffen ist, erwachte überall der gleiche Eifer und die gleiche Zuversicht. Dann fügte es ein gnädiges Geschick, daß gleich beim Beginn des Krieges das Schuldbuch deutschen Bruderstreites zerrissen, alle Sünden alten Haders für immer abgetan wurden. Die Bayern, die schon dreimal der Freundschaft Preußens die Rettung ihres Staates verdankten, neuerdings aber, durch die Verblendung des Hofes, sich ihrem alten natürlichen Bundesgenossen ganz entfremdet hatten, halfen jetzt, von Preußens Kronprinzen geführt, die ersten Siege des Feldzuges bei Weißenburg und Wörth mit erfechten. Unser Fritz mit seinem gütigen, strahlenden Lächeln ward ihrer aller Liebling, er schlug die Brücke zwischen den Herzen von Süd und Nord, und nicht lange, so nannte der Bayer den Preußen seinen treuesten Bruder. Einst hatte Moritz von Sachsen das Bollwerk Lothringens den Franzosen verraten. Jetzt führten kursächsische Regimenter, die Schuld der Väter edel sühnend, bei St. Privat die letzten Schläge in den Schlachten um Metz; und ihr Kronprinz Albert, der vor vier Jahren noch bei Königgrätz den Rückzug des geschlagenen Heeres ritterlich gedeckt hatte, erwies sich nunmehr als der besten einer unter den Führern des preußisch-deutschen Heeres. Der Neid und die Scheelsucht der deutschen Stämme verschwanden vor dem leidenschaftlichen Wetteifer guter Kameraden und Blutsfreunde. Nun gar an die ängstliche Schonung der preußischen Garden, die noch im Jahre 1814 so viel Mißmut erregt hatte, mochte niemand auch nur denken. Die Garde blutete und kämpfte, schwerer als viele andere Korps, und wenn einer klagte, so geschah es nur, weil er fand, daß seine Truppe nicht oft genug ins Feuer gekommen sei. Mit einem solchen Heere ließ sich alles wagen; jeder General trachtete nach dem stolzen Vorrecht der Initiative, das König Friedrich seinen Preußen zuerkannte. Ungewollt, ohne Plan, und doch notwendig geboten durch den Charakter unseres Heeres, entbrannte die furchtbare Schlacht um die Höhen von Spichern, weil jeder Korpsführer kurzerhand dem Donner der Kanonen entgegenging. Einen Tag früher als ihnen befohlen war, zogen die Brandenburger auf das linke Ufer der Mosel und versperrten dann den langen Sommertag hindurch, allem, erst spät unterstützt, dein gesamten feindlichen Heere den rettenden Rückzug, bei Mars la Tour, in der heldenhaftesten Schlacht des ganzen Krieges, also daß zwei Tage nachher jener verwegene, ungeheuere Kampf mit verkehrter Front möglich wurde, der unsere Scharen, wenn sie nicht siegten, mitten ins feindliche Land hinausgeschleudert hätte. Als das eine Heer in den Wällen von Metz eingeschlossen war, begann alsbald – so sagten die Musketiere – das große Kesseltreiben gegen das zweite. Bei Sedan überboten die Enkel alles, was ihre Vorfahren einst von der Paviaschlacht der frommen Landsknechte gesungen hatten: der Kaiser und sein letztes Heer streckten die Waffen. Bis dahin hatten die Unseren in zerschmetternden Angriffen, wie es der stolzen preußischen Überlieferung entsprach, ein wohlgeschultes Heer bekämpft, das zum guten Teile aus alten sieggewohnten Berufssoldaten bestand, aber der Kopfzahl des Gegners nachstand. Jetzt erwuchs ihnen plötzlich eine ganz andere, mühevollere, dem preußischen Wesen weniger zusagende Aufgabe. Es begann die in aller Geschichte beispiellose Belagerung einer mit fanatischem Mute verteidigten Millionenstadt. Derweil die Deutschen die beständigen Ausfälle des weit überlegenen Pariser Volksheeres zurückschlugen, drängten von allen Seiten her zum Entsatze der Hauptstadt neue Heere heran, unzählbare Massen, die Blüte der französischen Jugend, Trümmer der alten Armee und wüstes, zuchtloses Gesindel in krausem Gemenge. Gegen sie mußte der Belagerer selber große Ausfallskämpfe führen, durch kühne Vorstöße weithin bis zum Kanal und zur Loire. Wir Deutschen dürfen Gambetta wahrlich nicht, wie manche seiner Landsleute in der Hitze des Parteikampfes, den Namen des wütenden Narren geben. Für die Rettung des Vaterlandes das unmögliche versuchen, bleibt immer groß. Und schlechthin unmöglich waren die Pläne des Diktators nicht, der mit seinem revolutionären Ungestüm immer neue Armeen aus dem Boden stampfte und die heiße Vaterlandsliebe seines Volkes bis zur Wut des Rassenkrieges erhitzte. Die reichen, in langer Kulturarbeit angesammelten wirtschaftlichen Kräfte des vom Kriege noch nicht berührten südlichen Frankreichs schienen unerschöpflich; aber die sittlichen Kräfte sind es nicht, bei den Völkern so wenig, wie bei dem einzelnen. Den Heeren Frankreichs fehlten von vornherein die Treue, das Vertrauen, der Rechtssinn, die allein dem Geschlagenen einen Rückhalt gewähren, und als nun aller flammende Mut, alle Wucht erdrückender Massen, alle Überlegenheit der Feuerwaffen des Fußvolks in zwanzig Schlachten das Kriegsglück nimmer wenden konnte, als die Deutschen hinter dem Schleier ihrer weit dahinfegenden Reitergeschwader immer wieder unverhofft hervorbrachen, da packte auch tapfere Herzen der preußische Alp, 1e cauchemar prussien . Frankreich hatte die führende Stellung in Europa schon seit dem Sturze des ersten Kaiserreichs verloren und sie dann für einige Jahre scheinbar zurückgewonnen durch die diplomatische Kunst des dritten Napoleon. Sobald Preußens böhmische Siege ein gerechtes Gleichgewicht der Mächte wiederherzustellen drohten, da bemächtigte sich jener lärmenden Pariser Kreise, welche von jeher die willenlose Provinz beherrschten, ein phantastischer Rausch nationalen Hochmuts; der alte Wahn kam wieder auf, daß Frankreichs Größe auf der Schwäche seiner Nachbarn beruhe. Die öffentliche Meinung der Unberufenen nötigte den kranken Kaiser wider seinen Willen zur Kriegserklärung, sie meisterte und störte vorlaut jede Bewegung der Heere, sie erzwang den verhängnisvollen Zug nach Sedan. Nach den ersten Niederlagen fiel der Kaiserthron, der keine andere Stütze besaß als das Glück, und die Parteiherrschaft der neuen revolutionären Regierung konnte weder Gerechtigkeit üben noch allgemeines Ansehen erlangen. Daß der Befehlende befiehlt und der Gehorchende gehorcht, ward in dem allgemeinen unheimlichen Mißtrauen fast vergessen. Jedes Mißgeschick galt für Verrat, auch als der Krieg sich seine Männer gebildet und die Armee der Loire in Chanzy einen Feldherrn gefunden hatte; und zuletzt noch, nach der Übergabe von Paris, zerfleischten sich die Besiegten unter den Augen der Sieger selbst in einem gräßlichen Bürgerkriege. Selten hat sich so klar gezeigt, daß es der Wille ist, der in den Daseinskämpfen der Völker entscheidet, und in dem Einmut des Wollens waren wir die Stärkeren. Dies Frankreich, das so oft unfern inneren Zwist genährt und mißbraucht hatte, stand mit einem Male der lebendigen Einheit der Deutschen gegenüber; denn ein gerechter Krieg entfesselt alle natürlichen Kräfte des Gemüts, neben dem Hasse auch die Macht der Liebe. Unverbrüchliches Vertrauen verband die deutsche Mannschaft mit ihren Offizieren und alle mit der obersten Heeresleitung. Die Schwaben, Badener und Bayern, die uns bisher doch nur als Feinde gekannt hatten und erst durch das lose Band völkerrechtlicher Vertrage mit uns verbunden waren, sagten ganz ebenso zuversichtlich wie die Preußen: Der König und sein Moltke wird es schon machen. Welch ein Hort und Halt war dies unbedingte Vertrauen für die Masse der gemeinen Mannschaften, als sie nach dem Siegesjubel des Sommers nun im Winter die ganze entsetzliche Prosa des Krieges kennen lernten: Hunger, Frost, Ermattung und die notgedrungene Unbarmherzigkeit gegen das feindliche Volk, als sie nach kurzer Nachtrast in den schneeigen Ackerfurchen immer wieder durch den Klang der Trommeln und der Querpfeifen zu neuen Gefechten geweckt wurden, zu endlosen Märschen, deren Sinn und Zweck sie nicht begriffen. Manche lernten selbst den Wert ihrer eigenen Siege erst nachträglich, wie durch Hörensagen kennen, so die tapferen Sechsundfünfziger, die in blutigem Nachtgefechte die Mobilgarden der Bretagne aus dem Hofe La Tuilerie hinausschlugen, ohne zu ahnen, daß sie damit der dreitägigen Schlacht von Le Mans die entscheidende Wendung gaben. »Guter Wille, Ausdauer und Mannszucht überwanden alle Schwierigkeiten« – so urteilt Moltke einfach. Dieser gute Wille aber war nur möglich in einem frommen Kriegsvolk. In schlichter Demut, ohne viel Reden und Beten, beugten sich die Männer vor dem Unerforschlichen, der auf dem Schlachtfelde die Halme mäht, und wie oft vernahm der Feldprediger, wenn er den letzten Trost spendete, von den Lippen der Sterbenden rührende Geständnisse einer tiefen, schamhaften Gottesfurcht. Auch den Daheimgebliebenen ward das Herz freier, weiter, liebreicher, der Ernst der Zeit hob sie über die Selbstsucht des Werktagstreibens empor. Der Streit der Parteien verrauchte, vereinzelte vaterlandslose Toren wurden rasch zum Schweigen gebracht, und je länger das Ringen währte, um so fester vereinigte sich die gesamte Nation in dem Entschlüsse, daß dieser Kampf uns das Deutsche Reich und die verlorene alte Westmark wiederbringen müsse. Hundertunddreißigtausend deutsche Männer fielen dem unersättlichen Kriege zum Opfer, endlos schienen die Züge der nachrückenden alten Landwehrmänner, mehr als eine Million unserer Krieger überschritt nach und nach die französische Grenze. Alle kamen, es mußte sein. Wenn die Todesnachrichten aus dem Westen einliefen, dann sagten die Väter und die Brüder: viel Trauer, viel Ehre; und auch den Müttern, den Frauen, den Schwestern blieb im schweren Herzeleid doch der Trost, daß ihrem kleinen Hause ein Blatt gehöre in dem schwellenden Kranze deutschen Ruhmes. Ideen allein entzünden kein nachhaltiges Feuer im Herzen des Volkes, sie bedürfen der Männer. Und wohl war es ein Glück, daß die Nation einmütig aufblicken konnte zu dem greisen Herrscher, dessen ehrwürdiges Bild kommenden Geschlechtern immer größer erscheinen wird, je näher die historische Forschung herantritt. Seine Majestät sieht alles – so wetterten die Feldwebel ihre säumigen Leute an, und sie sagten die Wahrheit, Als ihn das Schicksal im hohen Alter auf den nie gesuchten Thron gehoben, da empfand er bald, daß die Vorsehung ihn und sein Heer zum Werkzeug für ihre Fügungen bestimmt hatte. Wenn ich das nicht glaubte, sagte er ruhig, wie hätte ich sonst die Last dieses Krieges tragen können? Er hatte als Jüngling das Volk in Waffen bewundert, da es sich nach Scharnhorsts Plänen im Drange der Not halbgeordnet zusammenscharte, er halte als Mann mit Scharnhorsts Erben, Boyen, beständig erwogen, wie diese unfertigen Gedanken sich lebenskräftig ausgestalten könnten, und endlich als König unter schweren parlamentarischen Kämpfen die dreijährige Dienstzeit der verstärkten Linientruppen durchgesetzt, die uns ein zugleich volkstümliches und kriegerisch ausgebildetes Heer sicherte. Er kannte jedes kleine Räderwerk der riesigen Maschine, jetzt sah er zufrieden, wie sie arbeitete. Allein, ohne Kriegsrat, faßte er seine Entschlüsse nach Moltkes Vorträgen. Früher und sicherer als alle seine Umgebungen ahnte er, daß die Schlacht von Sedan den Krieg entschieden, aber noch lange nicht beendigt hatte. Er kannte den glühenden Nationalstolz der Franzosen, er hatte vor allen anderen die reiche, in starkem Gedächtnis bewahrte Erfahrung des Greisenalters voraus; noch immer sah er leibhaftig vor sich, wie einst vor sechsundfünfzig Jahren die bewaffneten Bauernscharen der Champagne unter den Augen der Preußen aus der Erde aufgestiegen waren. Früher und klarer als alle durchschaute er die Gefahr, die von der Loire her drohte und befahl die Verstärkung des Heeres im Süden. So blieb er bis zum Ende der Kriegsherr, und als er den Boden Frankreichs verließ, da gedachte er, nach solchen Siegen, gewissenhaft des ewigen Wandels der menschlichen Dinge und ermahnte die Armee des nunmehr geeinten Deutschlands, daß sie sich nur bei stetem Streben nach Vervollkommnung auf ihrer Stufe erhalten könne. Es ist die anheimelnde Schönheit der deutschen Geschichte, daß wir nie einen jede Persönlichkeit niederdrückenden Napoleon gekannt haben. In allen großen Zeiten standen neben unseren führenden Helden freie Männer von fester Eigenart und sicherem Stolze, und König Wilhelm verstand, ein geborener Herrscher, starke, in ihrem Fache ihm selber überlegene Talente, jedes am rechten Ort, frei schalten zu lassen. Menschlich würdiger ist nichts als die treue Freundschaft, welche den Kriegsherrn mit dem Schlachtendenker verband, dem geistigen Leiter der Heere, dem wunderbaren Manne, dem die verschwenderische Natur neben dem untrüglichen Blick und der genialen Tatkraft des großen Feldherrn auch die Schärfe eines fast den gesamten Bereich menschlichen Wissens umfassenden Verstandes und den Künstlersinn des klassischen Schriftstellers schenkte. Und neben Moltke stand Roon, der Gestrenge, bitter Gehaßte; hart und unerschütterlich in seinen Grundsätzen, wie ein gottseliger Dragoner Oliver Cromwells, hatte er die Neugestaltung des Heeres nach den Vorschriften seines Kriegsherrn bewirkt, jetzt nannten ihn die bekehrten Gegner den neuen Waffenschmied Deutschlands. Und dann die Führer der Armeen und der Korps. Neben den Prinzen: Goeben, der ernste Schweiger, von dem seine Leute sagten, er könne nicht sprechen, aber auch nicht irren – sie ahnten nicht, daß seine Feder ganz im Stil der Kommentarien Cäsars zu reden wußte. Dann Konstantin Alvensleben, der echte Sohn des märkischen Kriegervolkes, munter und gütig, aber furchtbar in der Schlacht, stürmisch, unaufhaltsam, bis zuletzt noch bei Le Mans das Hurra Brandenburg! seiner Scharen erklang. Gott verzeih' mir's, sagte er nach dem Todesritte von Mars la Tour, ich fragte nicht, was auf oder unter der Erde lag, ich dachte nur an die Zukunft. Dann der geistvolle, feurige Franke von der Tann, der jetzt vollenden half, was er einst im brausenden Jugendmut als Führer der schleswig-holsteinischen Freischaren versucht hatte – und so weiter, eine dichte Wolke kühner und denkender Männer, die unser Volk, wie die Helden des Befreiungskrieges, im Laufe der Jahre immer lieber gewinnen wird. Wie der König selbst so schlicht und sicher auftrat, daß die Schmeichler der Höfe sich nie an ihn heranwagten, so zeigten auch seine Generale, sehr wenige ausgenommen, das anspruchslose Wesen, das deutscher Empfindung wohl tut. Wandern Sie hinaus durch den Wald nach dem kleinen Jagdhaus von Dreilinden. Dort im Gebüsch wohnte der Feldherr, dem die Meldung erstattet Wurde: » Monseigneur, j'ai l'ordre de vous rendre la garde impériale «, Prinz Friedrich Karl, der die größte Kapitulation der Weltgeschichte erzwang. Endlich kam die Zeit der Ernte. Paris ergab sich, der letzte verzweifelte Vorstoß der Franzosen gegen das südliche Elsaß scheiterte kläglich. Vier große Armeen waren gefangen oder entwaffnet, und an dem unermeßlichen Erfolge hatten alle deutschen Stämme den gleichen, schönen Anteil. In diesen letzten Wochen des Krieges trat der Mann wieder in den Vordergrund deutscher Geschichte, der Gewaltige, von dem die Truppen beim Beiwachtfeuer so oft gesprochen hatten. Solange es eine Geschichte gibt, haben die Massen des Volks das Gemüt und die Tatkraft allezeit höher geschätzt als den Geist und die Bildung; die allergrößte, die schrankenlose Volksgunst ward immer nur den Helden der Religion und den Helden des Schwertes zuteil. Der einzige Staatsmann, der eine Ausnahme zu bilden scheint, bestätigt nur die Regel. Dem Volke war Bismarck nie etwas anderes als der reckenhafte Kriegsmann mit dem erzenen Helm und dem gelben Kragen der Kürassiere von Mars la Tour, so wie ihn die Maler auf seinem Ritte durch die Pappelallee bei Sedan darstellen. Er hatte einst das rettende Wort gesprochen: Los von Österreich; er hatte durch die Verträge mit den Südstaaten den unausbleiblichen neuen Krieg umsichtig vorbereitet. Als er heute vor fünfundzwanzig Jahren dem Reichstage die Kriegserklärung Frankreichs vorlas, da war allen zu Mute, als ob er zuerst den Ruf erhöbe: Alldeutschland nach Frankreich hinein, und allen schien es, als ob er wie ein Herold den deutschen Geschwadern in Feindesland voranritte. Nunmehr zog er die Summe aus den großen Kämpfen, er brachte Metz und Straßburg ihrem Vaterlande wieder und vereinbarte in mühseligen Unterhandlungen die Verfassung für das neue Reich. Sie schien ganz neu und rief doch die altheiligen unvergessenen Empfindungen deutscher Kaisertreue wieder wach. Sie schien verwickelt bis zur Formlosigkeit und war doch im Grunde einfach, weil sie eine unendliche Weiterbildung ermöglichte. Dem Ausland gegenüber gab es fortan nur ein Deutschland, und trotz manchem Bedenken hofften die Einsichtigen alle: wir haben den Kaiser, das Reich wird sich auswachsen. Fast allen den alten Parteien, die sich bisher auf unserem Boden bekämpft, brachte dies Werk eine Befriedigung und Versöhnung. Sie alle hatten gefehlt und geirrt, und fast alle fanden in der Reichsverfassung einige ihrer eigensten Gedanken wieder. Gesündigt hatte vornehmlich unser Fürstenstand. Er war im Verlauf einer wechselreichen Geschichte oft ein Hüter deutscher Glaubensfreiheit und der reichen Mannigfaltigkeit unserer Kultur gewesen, aber oft auch durch dynastischen Neid und Stolz betört worden bis zum Verrat, und gerade um die Mitte des Jahrhunderts stand er in seines Hochmuts Blüte; denn was anderes bezweckte der Krieg von 1866, als den Staat des großen Friedrich zu zerschlagen, ihn hinabzureißen in die Erbärmlichkeit deutscher Kleinherrschaft? Da rief die Entthronung der Souveräne von Hannover, Kurhessen, Nassau den Fürsten ein donnerndes Memento mori zu. Sie besannen sich wieder auf sich selbst, auf die schönen Überlieferungen altfürstlicher Reichsgesinnung; sie scharten sich, sobald der Krieg begann, fest um den führenden König. Darum konnten sie, nach altem deutschen Fürstenrecht, nun selber ihren Kaiser küren und sich den gebührenden Anteil an der neuen Reichsgewalt wahren. Tort in Frankreich wurde der erste Grund gelegt zu jenem unsichtbaren deutschen Fürstenrate, der etwas anderes ist als der Bundesrat, der in keinem Artikel der Reichsverfassung verzeichnet steht und doch handgreiflich, immer zum Heile des Vaterlandes wirkt; noch niemals hat in ernster Stunde den Hohenzollernschen Kaisern die treue Hilfe der Fürsten gefehlt. Die konservativen Parteien Preußens waren mutig eingetreten für die Umgestaltung des Heeres, doch der deutschen Politik des neuen Bundeskanzlers anfangs nicht ohne Mißtrauen gefolgt; jetzt sahen sie die Kriegsherrlichkeit ihres Königs gefestigt und erkannten bald, daß die revolutionäre Idee der deutschen Einheit in Wahrheit nichts anderes bedeutete, als den Sieg der monarchischen Ordnung über dynastische Anarchie. Eine späte Genugtuung war den alten Gothaern beschieden, den verlachten Professoren der Frankfurter Paulskirche, Wohl hatten sie geirrt, als sie das Kaisertum durch den Machtspruch eines Parlaments zu erzwingen dachten; jetzt blieb ihnen doch die Ehre der ersten Pfadfinder des nationalen Gedankens, Wort für Wort ging in Erfüllung, was ihr Führer Dahlmann im Frühjahr 1848 gesagt hatte: Wenn Deutschlands einträchtiger Fürstenrat einen Fürsten seiner Wahl als erbliches Reichsoberhaupt dem Reichstage zuführe, dann würden Freiheit und Ordnung selbander bestehen. Selbst die Demokraten, sofern sie nicht ganz in den Wolken schweiften, durften sich eines Erfolges freuen. Ihr bester Mann, Ludwig Uhland, hatte doch recht behalten, als er weissagte: es wird kein Haupt über Deutschland leuchten, das nicht mit einem reichlichen Tropfen demokratischen Öls gesalbt ist. Ohne die Mitwirkung der Parlamente des norddeutschen Bundes und der Südstaaten konnte dies neue Kaisertum nicht entstehen. Am schwersten waren die Anhänger Österreichs, die Großdeutschen geschlagen, so schwer, daß selbst ihr Parteiname spurlos verschwand. Aber die Ehrlichen unter ihnen hatten den »kleindeutschen Gegenkaiser« doch nur darum bekämpft, weil sie fürchteten, ein preußisches Kaisertum würde zu schwach sein für die Weltstellung der Nation. Und wie stand es jetzt? Wer ein Deutscher sei, das konnte niemand je bezweifeln; den Stempel unserer Art und Unart trugen wir alle so deutlich auf die Stirn geprägt, wie vormals die geistes- und schicksalsverwandten Hellenen. Wo aber Deutschland lag, das blieb durch die Jahrhunderte immer bestritten; seine Grenzen wechselten beständig oder verschwammen im Nebel des Reichsrechts. Jetzt erst entstand ein deutscher Staat, der seine Grenzen kannte. Er hatte die Marken des Südostens verloren, die von langeher mit dem Reiche nur lose zusammenhingen, aber dafür die avulsa imperii am Rhein und an der Mosel endlich zurückerobert und durch den Staat der Hohenzollern im Osten und Norden weite Gebiete gewonnen, die dem alten Reiche niemals oder kaum dem Namen nach angehörten: Schlesien, Posen, das Ordensland Preußen, Schleswig. Er war mächtiger als das alte Reich seit sechs Jahrhunderten je gewesen; wer durfte ihn noch Kleindeutschland schelten? Aus dem ewigen Wogen und Fluten der Völker im Herzen Europas waren schließlich zwei große Kaiserreiche hervorgegangen, das eine rein deutsch und kirchlich gemischt, das andere katholisch und von vielen Nationen bewohnt, die doch deutscher Sprache und Bildung nicht entbehren konnten. Ein solcher Ausgang vielhundertjähriger Kämpfe mußte selbst der Phantasie großdeutscher Schwärmer vorläufig genügen. Die ungeheure Mehrheit der Nation stimmte jauchzend ein, als im Schlosse von Versailles der Heilruf der Fürsten und des Heeres den Kaiser begrüßte, der in seiner tiefen Bescheidenheit die neue Würde nur zögernd annahm. – Nicht alle Blüten jener hocherregten Tage sind zu Früchten ausgereift. Wir hofften damals, der begreifliche Groll der Besiegten würde in zwei Jahrzehnten mindestens sich mildern und ein freundnachbarliches Verhältnis zwischen den beiden, durch gemeinsame Kulturzwecke so eng verbundenen Nationen wieder möglich werden. Wir hofften umsonst. Unerwidert, aber unversöhnlich klingen uns über die Berge des Wasgaus die Stimmen des Hasses entgegen; ernste Gelehrte sogar muten uns zu, die altdeutsche, durch Hekatomben unserer Männer wiedergewonnene Westmark freiwillig herauszugeben, eine freche Beleidigung, die wir nur im Bewußtsein unseres guten Rechtes mit kalter Verachtung erwidern können. Es ist nicht anders, der Krieg von 1870 wirkt in der Gestaltung der Staatengesellschaft viel länger nach als einst die Befreiungskriege. Der unbelehrbare Haß der Nachbarn bannt unsere auswärtige Politik auf eine Stelle, erschwert ihr die überseeische Machtentfaltung. Wir hofften auch, sobald die alte lähmende Eifersucht schwände, Österreich und Deutschland als freie Verbündete selbständig nebeneinander ständen, dann würde unser Volkstum an der Donau kräftiger aufblühen. Auch dies war ein Irrtum. Rücksichtslos vollstrecken die subgermanischen Nationen des Donaureichs das alte Gesetz des historischen Undanks gegen ihre deutschen Kulturbringer, und furchtbar ernst tritt an uns die Mahnung heran, mindestens daheim, wo wir die Herren sind, jeden Zollbreit deutscher Gesittung gegen ausländische Gewalten zu behaupten. Es war der Lauf der Welt, daß nach dem Siege der Waffenstillstand der deutschen Parteien gekündigt wurde. Immer roher und gröber gestalteten sich von Jahr zu Jahr unsere Parteikämpfe; sie bewegen sich selten um politische Gedanken, meist um wirtschaftliche Interessen, sie schüren den Klassenhaß, bedrohen den Frieden der Gesellschaft. Diese Vergröberung der Politik hat ihren tiefsten Grund in einer bedenklichen Wandlung unseres gesamten Volkslebens. Vieles, was wir sonst für eine Eigentümlichkeit des sinkenden Altertums hielten, ist in Wahrheit die Ausgeburt jeder überbildeten städtischen Kultur und wiederholt sich heute vor unseren Augen. Eine demokratisierte Gesellschaft trachtet nicht, wie die Schwärmer wähnen, nach der Herrschaft des Talents, das immer aristokratisch bleibt, sondern nach der Herrschaft des Geldes oder des Pöbels, oder auch nach beiden zugleich. Erschreckend schnell schwindet dem neuen Geschlechte, was Goethe den letzten Zweck aller sittlichen Erziehung nannte, die Ehrfurcht: die Ehrfurcht vor Gott, die Ehrfurcht vor den Schranken, welche die Natur den beiden Geschlechtern und der Bau der menschlichen Gesellschaft den Begierden gesetzt hat; die Ehrfurcht auch vor dem Vaterlande, das dem Wahnbilde einer genießenden geldzählenden Menschheit weichen soll. Auf je weitere Kreise die Bildung sich ausdehnt, um so mehr verflacht sie; der Tiefsinn der antiken Welt wird verachtet, nur was den Zwecken des nächsten Tages dient, scheint noch wichtig. Wo jeder über jedes, nach der Zeitung und dem Konversationslexikon mitredet, da wird die schöpferische Kraft des Geistes selten und mit ihr der schöne Mut der Unwissenheit, der den selbständigen Kopf auszeichnet. Die Wissenschaft, die einst zu weit in die Tiefe hinabsteigend, das Unergründliche zu erweisen suchte, verliert sich in die Breite, und nur vereinzelt ragen die Edeltannen ursprünglicher Gedankenkraft aus dem niederen Gestrüpp der Notizensammlungen empor. Der übersättigte Geschmack, der das Wahre nicht mehr versteht, hascht nach dem Wirklichen, schätzt die Wachsfigur höher als das Kunstwerk. In der Langeweile eines leeren Daseins gewinnt der Zeitvertreib, die erkünstelte Natürlichkeit der Wetten und der Kampfspiele eine unverdiente Bedeutung, und wenn wir sehen, wie unmäßig man heute die Helden des Zirkus, die Tausendkünstler der Spielplätze überschätzt, so denken wir voll Ekels an das kostbare riesige Mosaikbild der 28 Faustkämpfer aus den Thermen des Caracalla. Das alles sind ernste Zeichen der Zeit. Aber niemand steht so hoch, daß er sein Volk nur anklagen dürfte; wir Deutschen zumal haben uns durch maßlose Tadelsucht oft an uns selbst versündigt. Und niemand darf sagen, daß er sein Volk wirklich kenne. Im Frühjahr 1870 ahnten die Frohesten selber nicht, daß unsere Jugend schlagen würde, wie sie schlug. So wollen auch wir hoffen, daß heute in den Tiefen unseres Volkes verjüngende Kräfte wirken, die wir nicht ahnen. Und wieviel Unvergängliches ist uns trotz alledem aus dem großen Kriege geblieben. Das Reich steht aufrecht, stärker als wir jemals erwarteten; sein mächtiges Wirken spürt jeder Deutsche selbst in den Gewohnheiten des Alltags, im Münzenanstausch des Marktes. Wir alle können ohne das Reich nicht mehr leben, und wie stark der Reichsgedanke die Herzen durchglüht, das zeigt uns die dankbare Liebe, welche den ersten Reichskanzler über die Bitternis seiner alten Tage zu trösten sucht. In meiner Jugend sagte man oft: wenn die Deutschen Deutsche werden, gründen sie das Reich auf Erden, das der Welt den Frieden bringt. So harmlos empfinden wir nicht mehr. Wir wissen längst: das Schwert muß behaupten, was das Schwert gewann, und bis an das Ende aller Geschichte wird das Männerwort gelten: βιά βιά βιάζεται, durch Gewalt wird Gewalt überwältigt. Und doch liegt ein tiefer Sinn in jenen alten Versen. Wie der Kampf um Preußens Dasein, der Siebenjährige Krieg, zugleich der erste europäische Krieg war, wie unser Staat die beiden alten Staatensysteme des Ostens und des Westens zu einer europäischen Staatengesellschaft vereinigte, so hat er auch, endlich erstarkt, als ein Land der Mitte, durch ein Vierteljahrhundert voll gefährlicher diplomatischer Reibungen dem Weltteil den Frieden geboten, nicht durch das Heilmittel der Friedensschwärmer, die Abrüstung, sondern durch das genaue Gegenteil, die allgemeine Rüstung. Deutschlands Beispiel erzwang, daß überall die Heere zu Völkern, die Völker zu Heeren, mithin die Kriege zum furchtbaren Wagnis wurden; und da noch kein Franzose je behauptet hat, daß Frankreich allein seinen alten Raub mit den Waffen wiedergewinnen könne, so dürfen wir vielleicht noch einige friedliche Jahre mehr erwarten. Unterdessen verwächst unsere Westmark langsam, aber unaufhaltsam mit dem alten Vaterlande, und die Zeit wird kommen, da die deutsche Bildung, die ihre Stätten so oft verändert hat, in ihren ältesten Heimatlanden wieder die volle Herrschaft erlangt. Und nach so mancher schmerzlichen Enttäuschung ist uns jüngst doch ein Werk gelungen, wie es nur einem großen, einigen Volke gelingt. Es war doch ein guter Tag, als die Wasserstraße zwischen Nord- und Ostsee erschlossen wurde und die Deutschen am schwäbischen Meere ihren Brudergruß zur fernen Küste sandten. An solche Stunden frohen Gelingens müssen Sie sich halten, meine lieben Kommilitonen, wenn Ihnen der Kopf wüst wird von dem Toben der Parteiung. Ihnen vornehmlich gilt doch unsere Feier. Aufzuschauen, hochgemut der Zukunft zu vertrauen, nicht die Taten der Väter zu verachten oder zu versinken im Gezänke des Tages, das ist der Jugend Recht und Glück. Sie haben nicht wie wir Älteren mit der Waffe oder dem Messer des Arztes oder mit der schwachen Feder sich Ihr Vaterland erobern helfen; Sie haben nicht wie wir, liebe Jugendfreunde verderben sehen an Leib und Seele, weil sie zu früh an Deutschland verzweifelten. Sie können die Idee des Vaterlandes vielleicht nicht mit so stürmischer Liebe erfassen, wie wir, als wir jung waren. Sie sind glücklicher. An Sie ergeht der einfache Ruf: Spartam nactus est, hanc exorna! Ja, Sie haben es gefunden, ohne Ihr Verdienst, dies einige Vaterland, das zum Heile der Menschheit von Fehrbellin bis Leuthen, von Belle-Alliance bis Sedan immer höher stieg. In ihm bleibt Raum für jede starke Manneskraft, und die beste ist ihm kaum gut genug. Sollte je die Stimme des Kriegsherrn Sie unter die Fahnen des Adlers rufen, dann werden Sie nicht schwächer sein wollen an Mut und Treue, an Gottesfurcht und Hingebung, als die alten Berliner Studenten, deren teuere Namen wir auf dem Marmor in unserer Aula bewahren. Mag Deutschland Arbeiten des Friedens oder Taten des Krieges von Ihnen heischen, immer beherzigen Sie das Gelübde, das einst der Dichter, niederschauend auf die Leichenfelder um Metz, in unser aller Namen ablegte: Nimmer soll, das ihr vergossen, Euer Blut umsonst geflossen, Nimmer soll's vergessen sein! Und nun, hochansehnliche Versammlung, wie bei allen vaterländischen Festen unserer Hochschule, gedenken wir in alter Königstreue ehrfurchtsvoll des Herrschers, der unser Reich mit seinem Zepter schützt. Gott segne Seine Majestät unseren Kaiser und König. Gott gebe ihm ein weises, gerechtes, festes Regiment, uns allen die Kraft, das köstliche Vermächtnis glorreicher Zeiten zu wahren und zu mehren. Hie gut Deutsch allerwegen! Stimmen Sie mit mir ein in den Ruf: Es lebe Kaiser und Reich