Christoph Martin Wieland Cyrus Ein unvollendetes Heldengedicht in fünf Gesängen Aufgesetzt im Jahre 1756 und 57 Erster Gesang                       Singe mir, Muse, den Mann, der von den Bergen von Persis Mutig stieg, dem dräuenden Stolz der Tyrannen entgegen, Die vom furchtbaren Thron, auf Asiens Nacken getürmet, Rings um sich her die Erdebewohner mit Fesseln bedräuten; Bis, vom ewigen König zur heiligen Rache gerüstet Und zum Hirten der Völker geweiht, der göttliche Cyrus Gegen sie zog, ein kühner Beschirmer der Rechte der Menschen, Seiner Brüder. Umsonst verband sich der Könige Stärke Wider den Helden, vergeblich erhuben sich Babylons Mauern: Über ihm schwebte der Ruhm von seiner Weisheit, und legte Willige Völker zu seinen Füßen; die Weisen und Guten Flossen ihm zu, besiegt von seiner erobernden Güte; Denn sein zürnendes Schwert traf nur die Feinde der Menschheit. Viel Gefahren, viel ehrenvoller unsterblicher Arbeit Duldet' er, unüberwindlich, auf seine Tugend gestützet, Bis er den neuen Thron, der Könige Vorbild, erhöhte, Der vom geheimen Nil zum Rosenlager Aurorens Welten von Menschen lockt' in seinem Schatten zu wohnen. Dich, o Wahrheit , dich ruf ich aus deiner glänzenden Sphäre, Mutter der schönen Natur, zu meinen Gesängen herunter! Wenn in der Morgenröte des Lebens mein wankender Fuß schon Einsam die Pfade bestieg, die zu deinem Tempel sich winden; Wenn mein Gesang dir immer geweiht war, so höre mich, Göttin, Jetzt, da mein Geist von mehr als Liebe zu flüchtigem Nachruhm, Da er von Liebe der Tugend entbrannt, in sichtbarer Schönheit Ihre Gestalt dem Menschengeschlecht zu entwerfen gelüstet. Zeig o zeige sie mir, in ihrer Grazien Mitte, Jene sittliche Venus , die einst dein Xenophon kannte, Und dein Ashley mit ihm, die Mutter des geistigen Schönen. Und ihr, höret mich, Freunde der unentheiligten Musen Und der Tugend, vor andern Ihr künftigen Herrscher der Völker , Deren jugendlich Herz die Gewalt der Wahrheit noch fühlet: Hört mich, und lernt von Cyrus die wahre Größe der Helden! Durch die Pforte, die zwischen den medischen Bergen sich auftut, War der persische Held in die Ebnen von Assur gedrungen, Wo durch Auen und Haine der schnelle Zerbis sich wälzet. Unerschrocken erwarten mit ihm die Meder und Perser Ihren trotzigen Feind, der die unabsehbaren Felder Zwischen dem Strom und Arbela mit seinen Zelten bedeckte. Zwar der persischen Schar schien jede Stunde zu träge, Die vom Streit sie entfernt'; allein die Klugheit des Cyrus Bändigte noch das unzeitige Feuer, und zwang sie zu warten, Bis die Assyrer zum Angriff ihr festes Lager verließen. Unterdes spotteten sie von den äußersten Hügeln des Zagrus , Wo er die Täler Arbelens begrenzt, der feindlichen Mengen, Und verkürzten mit kriegrischen Spielen die Länge der Tage. Ihnen war die entmannende Wollust, das üppige Gastmahl, Und der nächtliche Tanz, und das weiche Lager auf Rosen Unbekannt; ihnen war's Lust, in schwerer eiserner Rüstung, Müde, nicht überdrüssig der harten Arbeit des Tages, Unter nächtlichem Himmel auf kalter Erde zu ruhen. Ihre gehärtete Faust, der sanften lydischen Flöte Ungewohnt, war geübt die wolkenstützende Fichte Niederzufällen; ihr schlüpfender Fuß mit fliehenden Rehen, Leicht wie der Zephyr, durch raschelnde Büsch in die Wette zu laufen. Ihre Speise war Brot und bluterfrischende Kresse, Wasser ihr Trank, mit dem blinkenden Helm aus der Quelle geschöpfet. Ihre männliche Brust, zu Geduld und Arbeit gestählet, Trotzte dem Schmerz, dem Hunger, dem Frost, der glühenden Sonne, Jeder Gefahr und jeder Gestalt des blutigen Todes, Wenn die Posaune des Ruhms in ihren Ohren ertönte; Söhne der Freiheit, unwissend den Nacken sklavisch zu beugen, Aber gewohnt dem Gesetz, des Vaterlands heiliger Stimme, Und mit schneller geflügelter Eile dem Winke des Feldherrn Freudig zu folgen. So war der kleine persische Phalanx, Welchen du, Cyrus , den zahllosen Sklaven des Königs von Babel; Doppelten Sklaven des Throns und der Wollust, entgegen führtest. Diese zögerten noch in ihrem üppigen Lager, Als mit barbarischem Pomp Gesandte des indischen Königs Fern vom Ufer des palmigen Indus zum Lager der Perser Kamen, und vor den Fürsten geführt zu werden verlangten. Mitten im Lager vertraulich von seinen Freunden umgeben, Fanden sie ihn. Kein fürstlicher Staat, kein Tyrischer Purpur, Kein Diadem bezeichnete ihn vor den übrigen Persern. Cyrus verschmähte den Stolz, der mit der Beute von Muscheln Und von Gewürmen sich schmückt. Die majestätische Schönheit Seiner Gestalt, in welcher die göttliche Seele sich malte, Ließ die Fremden nicht zweifeln, wer unter den Männern der Held sei, Den sie suchten. Doch blieben sie stumm mit staunenden Blicken Stehen vor ihm, bis endlich der Älteste also begonnte: »Cyrus, dein Name, der Ruf von deiner erhabenen Tugend Ist schon lange zu uns an die Ufer des Indus gedrungen. Unser König, das strahlende Bild des Königs der Welten, Ehret die Tugend, obgleich in seines Thrones Umschattung Tausend Völker, geblendet von seinem Glanze, sich hüllen. Königlich schaut sein Geist mit edelm verachtendem Zorne Auf die Erobrer herab, die, gleich dem Schöpfer des Übels, Nur durch Morden und Raub und allgemeine Verwüstung Ihre verhaßte Gewalt vor bebenden Völkern enthüllen; Aber er ehrt den Gerechten, den Freund der Menschen, den Weisen, Wo er ihn findt, auf dem Thron und in der niedrigsten Hütte. Selbst allein mit den sanfteren Künsten des Friedens beschäftigt, Zeucht er niemals das Schwert, als wenn die Stimme der Unschuld Gegen den Unterdrücker ihn ruft. Der ist es, o Cyrus , Der uns sendet, um dich mit der Stimme der Freundschaft zu fragen, Welch ein Unrecht dich zwinge, die neue Ruhe zu stören, Die nach langer Zerrüttung die Morgenländer beseligt? Ihn berechtigt der Thron, auf dem er zum Schirme der Menschen Und zum Wohltun nur sitzt, zu dieser billigen Frage. Und damit er dir zeige, wie tief er die Ränke der Staatskunst Unter sich hält, entdeckt er dir, daß der König von Babel Lange den indischen Hof mit seinen Klagen schon füllet, Alles versuchend den König in einen Bund zu verstricken, Der sich dem Anwachs des medischen Reichs widersetzen sollte. ›Größter der Könige‹, sagten ihm oft die assyrischen Redner, ›Siehe, zu welcher Macht so kürzlich die Meder gestiegen! Schon verbreiten sie sich von den Ufern des Kaspischen Meeres Bis zu den Rosengärten von Susa ; Armenien seufzet Unter dem neuen Joch; schon fürchtet der tapfre Hyrkaner , Selbst der unbändige Sazer in seinen beschneiten Gebirgen Fürchtet Armeniens Fall. Zu welcher dräuenden Größe Werden sie erst erwachsen, wenn unter dem mutigen Cyrus Persis , die Mutter der Helden, sich mit den Medern vereinbart! Herr, wir wissen was Cyrus zu unternehmen im Stand ist. Seinem Ehrgeiz ist Persis zu enge. Von Ländern zu Ländern Wird er eilen, und eher nicht ruhn, bis Menschen zum Würgen Seinem Stolz, und Länder, sie einzunehmen, gebrechen. Hat er sich nicht in Proben gezeigt, die den Klugen verrieten Was für Gedanken der Stolze in seinem verschwiegenen Busen Wälzet? Gedanken, die jetzt nur seine Schwäche noch hindert Furchtbar hervor zu brechen. Bald wird's, o König, zu spät sein Ihm zu begegnen! Dich selbst wird deine furchtbare Größe (Zollen dir gleich vom Indus zum dienstbaren Ganges die Völker) Nicht vor ihm schützen, wenn Babylon erst vor Cyrus dahin sinkt, Und der goldne Paktol sein Joch zu tragen gelernt hat.‹ Also sprachen, o Cyrus , mit schlauen beredenden Worten Babels Gesandte. Sie sprachen's umsonst. Den König des Indus Schreckt kein sterblicher Feind; er ehrt den Helden in Cyrus, Aber er fürchtet ihn nicht. Sein unbeweglicher Schluß ist, Nur zum Schirme der Unschuld und zur Bestrafung des Unrechts Seinen Arm zu entblößen! So bald das Gerücht uns verkündte, Daß du gewaffnet die Grenzen des Königs von Babel betreten, Sandt er uns, von dir selbst die wahre Ursach zu hören, Die dich bewaffnet. Wir haben Befehl, sodann auch ins Lager Zu den Assyrern zu gehn. Sind beide Teile gehöret, Alsdann wird sich der König zu dem mit mächtiger Hülfe Lenken, für den die Gerechtigkeit erst den Ausspruch getan hat.« Also sagte der Alte. Ein dunkles summendes Murmeln Lief durch's ganze Gezelt, bis mit der ruhigen Hoheit, Die Ihn aus allen erhob, der Fürst den Indern versetzte: »Freunde, mein erster Wunsch bei allem, was ich beginne, Ist der Beifall des innern Richters, welchen die Gottheit In die Brust uns gesetzt, – mein zweiter, der Beifall der Guten. Spräche mein Herz mich los, ich würd es mit lächelnder Ruhe Sehen, wenn sich die Welt zu meiner Verdammung empörte. Aber ich weigre mich nie, den Mann zum Richter zu nehmen, Der den geraden Pfad der Ehre wandelt. Ihr sollet Alles vernehmen, und Asia sei die Zeugin der Wahrheit! Aber ehe sich euch mein Herz vertraulich enthüllet, Sollt ihr mit uns des Gastrechts fromme Gebräuche begehen.« Also sprach er. Da eilten, von seinem Winke beflügelt, Persische Knaben (kein weiblicher Fuß betrat die Bezirke Seines Lagers), mit Anstand die mäßige Tafel zu rüsten. Unterdes führte der Fürst die Fremden, das Lager zu schauen. Was sie sehen, erfüllt sie mit Wunder. Die Ordnung des Lagers, Wo, wie im Schoße des Friedens, gesittete Mäßigkeit herrschte, Unter dem Heer die gesellige Eintracht, die Stärke der Krieger, Mut und Verachtung des Todes in jedem blitzenden Auge, Edler Wettstreit in jeder Brust, durch rühmliche Taten Unter dem Auge des Führers vor andern sich auszuzeichnen; Aber vor allen die persische Schar, die Söhne der Freiheit, Jeder ein Held, und Cyrus, wie unter den Helden ein Gott glänzt, Dessen Anblick ihr Herz zu neuer Größe begeistert: Alles entzückt die Fremden. Sie blicken in stummer Erstaunung Oft auf Cyrus, und schlagen geblendet die Augen dann nieder, Zweifelhaft, ob nicht etwa der hohen Unsterblichen einer, Die nach dem Winke des obersten Gottes die Sphären regieren, Sichtbar geworden, und, Cyrus genannt, die Sterblichen führe. Jetzo rief sie die neigende Sonne zum ländlichen Gastmahl, Wo die bescheidne Natur nichts, was sie fordert, vermißten Zwar kein Nektar, am sonnigen Strande von Cypern gereifet, Blinkt' in geschnittnem Kristall, kein Hirn von lyrischen Straußen, Keine Zunge von indischen Pfauen, noch purpurne Schnecken Reizten in künstlichem Golde die unverzärtelten Gaumen. Aber es mangelte nicht an Assurs köstlichsten Früchten, Noch an gewürztem Honig aus hohlen Fichten geraubet, Noch an der lächelnden Ros um die kleinen tauenden Becher. Als sie das Mahl geendet, da wandte Cyrus sein Auge Gegen die Inder ; das frohe gesellige Murmeln des Tisches Schweigt, es stört kein leisestes Lispeln die Rede des Helden: »Freunde«, spricht er, »nie kannte mein Herz ein größer Vergnügen, Als im weitesten Umfang die Menschen glücklich zu sehen. Ständ es bei mir, so würden noch heute von Volke zu Volke Alle Schwerter und Speere zu friedsamen Sicheln geschmiedet. Aber so lange die Sonne mit gleich belebendem Strahle Bösen und Guten scheint; so lange Tyrannen den Menschen, Seines Geburtsrechts entsetzt, zu grasenden Tieren verstoßen; Räuber, die unersättlich nach fremdem Eigentum schnappen, Die der steigende Flor von freien Völkern beleidigt, Die es Empörung nennen, wenn Freigeborne sich weigern Sklaven zu sein: so lange verbeut die Pflicht den Gerechten, Sorglos, in träger Ruh, der unersättlichen Raubsucht Und den Fesseln sich Preis zu geben. Der Krieg ist kein Übel, Wenn ein feiger Friede die Güter des Lebens uns raubet, Ohne welche der Mensch des Tieres Glück zu beneiden Ursach hätte. Ihr kennet den Geist, der Babylons Fürsten Seit Jahrhunderten treibt: oft haben vom Streite noch schnaubend Ihre Rosse den Ganges getrunken. Wer nennt mir von Memphis Bis zum skythischen Schnee das Land, das ihr trotziger Ehrgeiz Nicht mit blühender Jünglinge Blut und Tränen der Mütter Überschwemmte? – Das einzige Persis (beglückter als andre, Weil die Natur es mit Alpen vor ihrer Raubsucht umzäunte) Schützte sich, ruhmlos und arm, bei seinem Erbgut, der Freiheit. Medien hat, ihr wißt es, vorlängst der tapfre Arbaces Von dem schändlichen Joche des niedrigsten Sklaven der Wollust, Sardanapalus , befreit. Seitdem unabhängig von Babel, Hat es den Neid der Stolzen durch seine wachsende Größe Schuldlos gereizt. Lang war die beglückende Ruhe der Meder Nur ein Geschenk der Unmacht der Babylonischen Herrscher. Aber seit Nebukadnezar auf Ninives goldne Ruinen Seinen gewaltigen Thron, den Schrecken des Orients, setzte; Seit der Araber und Syrer und Palästiner ihm dienten, Schwoll des Eroberers Herz von grenzenlosen Entwürfen. Jetzt beschloß er, von hohen vergötternden Träumen berauschet, Seinen Namen den glänzenden Namen Sesostris und Ninus Gleich zu machen. Ihm sollten, wie jenen, die Völker des Morgens Zitternd nachsehn, wie er, an seinen Wagen gefesselt, Ihre Könige schleppte. In solchen Gedanken vom Tode Plötzlich hinweg gerafft, überließ er den Erben des Thrones, Sie zu vollziehen. Dies scheint die angelegenste Sorge Neriglissors zu sein. Man sagt, am Tage der Krönung Hab er im Tempel Bels auf seinen Zepter geschworen, Und von Babylons Fürsten die majestätischen Schatten Feirlich zu Zeugen hervor aus ihren Gräbern gerufen Seines Gelübds, nicht eher zu ruhen, bis alle Provinzen, Welche Semiramis einst errang, den assyrischen Zepter Wieder erkannten. Ekbatana sollte die erste von allen, Seinen Donner empfinden. Dem Übermütigen war es schon Verbrechen genug, daß sich die Meder und Perser Weigerten, Ketten zu tragen, die selbst der trotzige Baktrer Neulich von ihm zu tragen gelernt. Jetzt dürstet er Rache! Ungesäumt eilt der Befehl zu allen Fürsten des Reiches, Sich zu rüsten. Schon wimmeln die Ufer des Tigris, die Auen Ninives wimmeln schon von Welten gewaffneter Sklaven, Während daß Redner mit Trug und schmeichelnden Zungen bewaffnet Asiens Höf umschleichen, durch Gold und goldne Versprechen Zum Verderben der Meder die trägen Fürsten zu wecken. Nicht vergeblich! Sie haben zu Sardes den lydischen Krösus , Der sein Gebiet vom reichen Gestade des griechischen Meeres Bis zum Taurus erstreckt, in ihren Ränken gefangen; Einen gewaltigen Feind, von dem bis itzo die Perser Kaum den Namen gekannt. Schon sind drei Jahre verflossen, Daß sich Asien rüstet, den stolzen Entwurf des Assyrers Auszuführen. Sie sehen nicht (wer auch der zürnende Gott ist, Der sie verblendet), daß Mediens Macht, daß Persiens Freiheit Ihre Sicherheit ist, und daß die fallende Zeder Auch die kleinern Gesträuche, die unter ihr grünen, zersplittert. Unser Geschäft ist jetzt, der Gewalt entgegen zu gehen, Ehe die Legionen, die selbst ihr Führer nicht zählet, Mediens Auen zertreten. Die Sache, die wir verfechten, Ist die Sache der Völker; in uns sind alle beleidigt. Hört die Assyrer nun auch: dann mag der König der Inder Zwischen ihnen und uns das Urteil der Billigkeit sprechen!« Cyrus endigte hier. Mit stillem bewunderndem Beifall Hörten die Inder ihm zu, so lange die liebliche Rede Wie ein nektarner Strom von seinen Lippen herab floß. Sanfte Gespräch und Scherze, die gern um duftende Becher Flattern, verkürzten hierauf die stillen nächtlichen Stunden, Und betrogen den Schlaf. Der Morgen des folgenden Tages, Und des Königs Befehl, der kein Verzögern erlaubte, Weckte die Fremden. »O wär uns vergönnt«, so sagten sie scheidend, »Dir auf der Bahn der Ehre von fern, o Cyrus, zu folgen! Aber uns winkt der Befehl, von dem wir hangen, schon wieder Weg von dir; wir werden die schönen Taten nicht sehen Die du tun wirst; uns ist nur erlaubt, den jauchzenden Nachhall Deines Ruhms an den Ufern des Indus erschallen zu hören.« Also die Inder. Mit Reden antwortender Freundschaft entläßt sie Cyrus, und geleitet sie selbst zum assyrischen Lager. Unterdes schwangen sich noch drei Tage mit friedsamen Flügeln Über Arbelas Gefilde. Die äußersten Wachen der Perser Sandten umsonst von den Höhen des Bergs in die neblichte Ferne, Wo sich das feindliche Lager am Ufer des Zerbis herauf zog, Spähende Blicke, dem Anbruch des großen Tages entgegen, Der noch zögert' ihr Schwert mit Assurs Blute zu tränken. Aber am vierten Tag, als Cyrus, vom Morgen umdämmert, Einsam auf einem der waldigen Hügel gedankenvoll irrte, Kam Araspes , ein medischer Jüngling, mit fliegenden Schritten, Und mit glänzendem Antlitz voll Freude, die Botschaft zu bringen, Daß beim Aufgang der Sonne das feindliche Lager sich auftat Fluten von Kriegern ins offne Gefild Arbelas zu schütten. Lächelnd fragt ihn der ruhige Held: »Gesteh es, Araspes, Schauderte nicht dein Blut in der pochenden Ader zurücke, Als sie vor deinem Aug aus dem unerschöpflichen Lager, Heer' auf Heere, sich stürzten?« – Mit scherzendem Blicke versetzt ihm Rasch der Jüngling: »Wenn fürchtet der Löwe die Menge der Schafe? Deine Gefährten verlernten bei dir vor Gefahren zu beben, Sollten die Weichlinge Babels sie schrecken?« – »Der heutige Tag wird Für uns reden«, sprach Cyrus. »Itzt eile, versammle die Häupter Unsers Heeres zu mir.« – Araspes entweicht, und der Feldherr Bleibt auf dem Hügel gedankenvoll stehn. Indessen durchfähret Schnell wie ein laufender Blitz das frohe Gerüchte die Zelte, Daß die Feinde sich nahen. Ein lautes Frohlocken erhebt sich Aus den Gezelten, und schallt wiederholt von den Felsen zurücke. Ungestümes Verlangen ergreift die Männer, ihr Auge Suchet den Feind; der umlorbeerte Sieg, der ewige Nachruhm Schwellt mit stolzer Verachtung des Todes die ahnenden Seelen. Aber die Führer des Heers, die Häupter von hundert und tausend Und Myriaden versammeln sich schnell, von Araspes gerufen, Um den Fürsten. Mit scharfen, die Seele durchforschenden Blicken Überschaut er sie alle, dann spricht er: »Wir haben die Feinde Mutig durch unser Zögern gemacht, sie kommen nun selber Uns zu suchen. Was ratet ihr mir, ihr Männer? Was fordert Unser Vorteil, was fordert die Ehre? Wen sollen wir hören?« Cyrus sagt' es und schwieg. Ein ungeduldiges Feuer Schien aus den Augen der meisten die kühne Antwort zu blitzen, Als Pandates, ein Meder, an Jahren der erste, das Wort nahm: »Ist's mein Blut, das zu träg die schlaffen Adern hindurch schleicht, Oder ist's Vorsicht, was mir das erste zu raten gebietet? Zwar ich kenne die Seele, die deine Perser erhitzet, Kenne die Macht, womit sie dein Name zu Taten dahin reißt, Und das entschloßne Vertrauen, die Frucht des großen Gedankens, Daß der Liebling der Götter sie führt. Ich weiß es, dein Beispiel Könnte das feigeste Herz mit kühnen Entschließungen schwellen. Aber, ach! was vermag ein kleiner Haufe von Kriegern, Wären sie Göttersöhne, wie am Skamander einst kämpften, Gegen unzählbare Mengen, die, gleich dem gefabelten Drachen, Jedes sinkende Haupt mit hundert neuen ersetzen? Sind wir gekommen, die medischen Grenzen vor feindlichem Anfall Sicher zu stellen, so lasset uns hier ein Lager behaupten, Das der bewaffneten Hälfte der Welt zu trotzen im Stand ist. Sicher können wir hier die Pforte des Zagrus beschützen, Bis Chaldäa und Persis mit neuen Scharen uns stärket, Oder die Boten des indischen Königs den Frieden vermitteln.« Da er so sprach, umwölkte sich jede verfinsterte Stirne, Und ein zürnend Gemurmel, wie wenn in Wolken ein Sturmwind Fernher brauset, verriet den edeln Unmut der Männer Über den feigen Rat. Vor allen ergrimmte Pharnaces, Unter den Persern der feurigsten einer. Die Seele des Jünglings Dürstete Ruhm; ihm deuchte das Schlachtfeld ein lustiges Daphne, Lorbeern zu sammeln; Lob durch schöne Gefahren errungen, War für sein Ohr Sirenengesang. Mit Mühe befahl er Seinen Zorn von der runzelnden Stirn und der Lippe zurücke, Die sich ungestüm öffnet', als Cyrus mit mächtigem Blick ihn An sich selber erinnert'. Errötend sprach itzt der Jüngling: »O des unmännlichen Rats! Wie? Darf Pandates es wagen, Ihn zu geben? Und wem? – Zwar hier beschützt dich dein Alter; Aber nimm dich in Acht, daß unsre Krieger nicht hören, Daß dein Rat vorm Feind sie in sichre Verschanzungen einschließt, Wie man zu weichen Verschnittnen die weibliche Herde verschließet, Sicher des männlichen Blicks. Wie lange lechzet das Heer schon Ungeduldig dem Tage des Streits, des Sieges entgegen! Oder sollen die Jünglinge Babels, die zierlich gelockten Balsam düftenden Knaben, die, kürzlich vom üppigen Busen Ihrer Dirnen gerissen, aus goldnen Helmen itzt lächeln, Sollen die männlichen Weiber, geübter zu Kämpfen der Venus Als zur blutigen Arbeit der Schlacht (o feiger Gedanke!), Sollen uns diese den Sieg entwenden? Der persische Phalanx Soll erzittern? Vor wem? Vor jenen weichlichen Händen, Einzig gewöhnt zum Indischen Tanz auf silbernen Saiten Und um den Nacken der Mädchen zu fingern? – Die zürnende Wange Glüht mir vor Scham! – Doch nein! nicht diese sind es, Pandates, Welche dich schrecken; die Sklaven sind es, die bebenden Sklaven, Die Neriglissor aus hundert Provinzen zusammen getrieben, Fremd in den Künsten des Kriegs, und besser zum Fliehen bewaffnet Als zum Gefecht; ein nackender Haufe, den keine Belohnung, Keine Ehre, kein Vaterland reizt, kein Cyrus, zu siegen, Oder den schönen Tod durch rühmliche Wunden zu suchen.« Also sagt er. Mit spottender Stimm und trotziger Miene, Welche sein innerstes Herz nur halb vor Cyrus verlarvten, Rüstete sich der Meder zur stolzen künstlichen Antwort; Aber ihm kam der Feldherr zuvor: »Es ist nicht vonnöten, Unsre Gesinnung durch Worte zu zeigen, wenn Taten uns rufen. Eure Tugend, ihr Männer, und unsre geheiligte Sache Sind mir Bürgen des guten Erfolgs. Ich säume nicht länger, Euch den Feinden entgegen zu führen. Ein längeres Zögern Würd uns in ihren Augen den Schein der Furchtsamkeit geben, Sie vermuten wohl nicht, daß wir, die Schwächern an Anzahl, Kühn genug sind sie selber zu suchen. Die heutige Sonne Wird die Obergewalt der Tugend über die Menge, Wird vorm Antlitz der Erde des Himmels Urteil entdecken! Und was soll ich den Helden itzt sagen? Was bleibet mir übrig Als die Sorge, mich selbst der Ehre würdig zu zeigen Euer Führer zu sein? – Hat mir der Vater des Schicksals Irgend ein größeres Glück im dunkeln Schoße der Zukunft Aufbehalten, so wird es mir, Freunde, nur darum ein Glück sein, Um es mit euch zu teilen, den würdigen, treuen Gefährten Meiner Arbeit. Indes soll meinem spähenden Auge Keiner entgehn, der sich durch edle Taten vor andern Eifernd hervortut; und, tief in meinem Busen verwahret, Soll ihr Gedächtnis mich stets der würdigen Täter erinnern. Eilet itzt, und versammelt das Heer zum schleunigen Aufbruch. Nähret die kriegrische Flamme, die ihre Seelen erhitzet. Redet sie einzeln an. Zeigt jenen glänzende Ehren Winken am Ziel der rühmlichen Bahn; verbreitet vor diesen Alle Schätze des feindlichen Lagers, die Zelte von Purpur, Goldne Gefäß und Waffen von Gold, und blühende Mädchen, Willig, die müden Sieger in ihren Arm zu empfangen. Malet mit weislich gewählten Farben den Persern und Medern Jeden die Hoffnungen vor, die ihre Sehnsucht entzünden. Jeden locket sein Trieb. Nur wenigen Söhnen des Himmels Ist es gegeben, den Reiz der nackten Tugend zu fühlen.« Da er so sprach, da stieg die göttliche Seele des Helden Sichtbarer in sein Antlitz hervor, und haucht' in die Männer Neue erhabnere Trieb, als welche sie sonst in sich fühlten; Große Gedanken! sie glänzten wie Götter unter der Menge Ihre eignen. Ein buntes Gedräng von Szenen voll Ehre, Goldne Trophäen, und Kronen, vom Haupt der Tyrannen gerissen, Unter der Siegenden Fuß – die Tyrannen, machtlos, entgöttert, Tief in den Staub zu Würmern gedrückt – entfesselte Welten, Völker, festlich geschmückt, zu beiden Seiten sich drängend Ihre Retter zu schaun, mit Palmen den Weg zu bestreuen, Schweben um ihr begeistertes Aug; ihr lauschendes Ohr hört, Scharf wie Sinne der Geister, aus tiefer Ferne die Stimmen Später Jahrhunderte tönen, und auf den Flügeln des Ruhmes Ihre Namen, gesellt zum Namen Cyrus , erschallen. Itzo verteilen sie sich, von solchen Gedanken erhoben, Schnell durchs wimmelnde Lager. Indem sie entweichen, spricht Cyrus Zu Pandates : »Dir sei die Sorge das Lager zu schützen, Nebst Tiridates , vertraut. Nie scheucht die blendende Hoffnung Alle Besorgnis aus meinem Gemüt. Wir werden hier immer Sicherheit finden, wenn irgend ein Wechsel des flüchtigen Glückes Unsre Beständigkeit prüft.« Er sprach's, und verließ den Meder, Der in sich selbst triumphiert, daß seiner brütenden Seele Schwarzes Geheimnis dem schärfsten Blicke des Helden zu tief lag. Schon war alles bereit, als Cyrus ins Lager zurück kam. Froh, voll glückweissagender Ahnung im heitern Gesichte, Geht er mit munterm Schritt durch lange glänzende Reihen, Die ihn zu beiden Seiten mit lautem Jauchzen empfangen; Lobt mit belohnenden Worten den Mut des Volkes, die Ordnung Ihrer geflügelten Eil, und die Schönheit der spiegelnden Waffen; Lobt auch die Weisheit der Edeln, die ihre gehorchenden Scharen So zu bilden vermocht. Jetzt breitet der persische Phalanx Seine Flügel um ihn, ein würdiger Haufe von Cyrus Selber geführt zu werden. Mit Beifall winkenden Blicken Schaut er die Reihen hindurch, und nimmt die Stelle des Feldherrn An der Stirne des Heers. Sie sehn ihn mit stiller Entzückung Unverwandt an, wie er, furchtbar in seiner spiegelnden Rüstung, Unter den Helden an hoher Gestalt und Schönheit hervorragt. Wie auf Libanons Rücken die Zeder unter den Tannen Ihren gekrönten Wipfel erhebt, und hoch aus den Wolken Über die Wälder umher den Riesenschatten verbreitet; Also stand er. Itzt schallt der silberne Klang der Trompete. Schnell mit eilendem Fuß und gleichen harmonischen Schritten Geht der gewaltige Zug. Das Jauchzen der Männer, das Klingen Ihrer Waffen, vermengt mit dem Schall der kriegrischen Flöten, Schlägt die bebende Luft. Die Nymphen des felsigen Zagrus Jauchzen von fern den Eilenden nach. Nie sahe der Erdkreis Einen glorreicheren Zug. So herrlich war nicht die Reise, Welche Sesostris tat, vor Cyrus der Könige größter, Als er mit seinen Trophäen die blutende Erde zu decken Auszog, und vom Ganges bis an den dacischen Ister Über bezwungne Völker einher fuhr, und Sklaven in Purpur Durch die Tore von Memphis den Wagen des Schrecklichen zogen. Cyrus ging nicht, vom Geist des unmenschlichen Stolzes getrieben, Freie Völker in Bande zu werfen, nicht blühende Städte, Goldne Tempel der Künste des Friedens, in Asche zu legen, Nicht die Erde zum einsamen Grabe, zur Urne des Staubes Ihrer Erwürgten zu machen. Dich rief des Vaterlands Stimme, Göttlicher! auf, dich rief das Wimmern des zärtlichen Säuglings An der bebenden Brust, die Unschuld der Jungfrau, der Mütter Heilige Keuschheit, der Knabe, der schon zur Tugend des Vaters Seinem Vaterland wuchs, die zitternde Stimme des Greises, Rief dich, o Held, ins eiserne Feld! Vor schnöder Entehrung Und vor sklavischen Fesseln die Freigebornen zu schützen, Eilst du getrost den Tyrannen entgegen, ein schützender Engel! Heilige Tugend, nur Du erfüllst die Brust des Gerechten, Deinen Himmel, mit göttlicher Kraft. Nichts schrecket ihn, sicher Schaut er dem blassen Verbrecher ins Aug, und fürchtet den Arm nicht, Der zum tödlichen Streich sich erhebt; mit freudigen Schritten Folgt er der winkenden Pflicht, in Gefahren und Wunden und Tode. Nunmehr hatte die Sonne des Himmels Gipfel erstiegen, Als die persische Schar aus krummen mäandrischen Pfaden, Durchs Gebirge sich windend, ins Feld Arbelas hervor brach. Unabsehbar, mit Rossen und Wagen und Zelten bedecket, Tat es vor ihren Augen sich auf. Die feigen Assyrer Sehn das Gewölke von Staub, das unter der Kommenden Fußtritt Dunkel, gleich dem Rauch aus brennenden Städten empor wallt; Sehen's und beben! Die Nachricht, daß Cyrus mit Flügeln am Fersen Gegen sie eile (sie hörten von keuchenden Spähern die Nachricht), Hatte sie wieder zurück ins sichre Lager geschrecket, Das sie des Morgens verlassen. So flieht die hungrige Wölfin, Die, vom fernen Geblök der wolligen Herde gelocket, Über die Felder mit gähnendem Rachen blutdurstend einher lief; Knirschend flieht sie zurück, vergessend des blökenden Raubes, Wenn sie den Löwen hört, der aus den Bergen herab steigt, Und mit hohlem Gebrüll die bebenden Wälder erfüllet. Als die Perser itzt sahn, daß ihre Feinde sich wieder Hinter die Mauern des Walls zu ihren Weibern verbargen, Hielten sie still. Ein jauchzend Geschrei, mit dem Klappern der Schwerter Und der Schilde vermischt, zerteilt die Wolken, und hallet Laut im geschreckten Ohr der Babylonier wieder. Also stehn sie, den Feind erwartend, in furchtbarer Ordnung. Aber umsonst. Schon waren drei Stunden vorüber gegangen, Und noch hielt der Assyrer im schweigenden Lager sich stille, Und verschlang mit geduldigem Ohre die Reden voll Spottes, Welche die Perser, zur Wut sie zu reizen, ins Lager hinüber Riefen. Zuletzt erlag die Geduld der Männer des Cyrus. Glühend von heißem Verlangen und Unmut, drängen die Führer Sich um Cyrus herum, und der unerschrockne Phraortes , Einer der persischen Führer, erhub die geflügelte Stimme: »Cyrus, die Männer sind müd in träger unwirksamer Ruhe Ihren wallenden Mut zu verdunsten. Was säumen wir länger? Laß uns, daß wir die Feigen aus ihren Höhlen, vom Schoße Ihrer Mütter, wohin sie entflohn, ans Tageslicht schleppen!« Also sagt er. Mit Blicken voll Lob erwidert der Feldherr: »Edler Jüngling, du sprichst wie deine feurige Seele Dir es gebeut! Dies Feuer gefällt mir; die Göttin des Sieges Flicht nur Kränze für deines gleichen. Doch Klugheit befiehlt itzt (Und des Tapfern Wege soll immer die Klugheit beleuchten!) Unsern Mut im Zügel zu halten. Der Vorteil der Feinde Wäre zu groß, wofern wir auf ihre feste Verschanzung Einen Anfall versuchten. Mißlingt uns der Anfall, so sind wir Kleiner in ihrem Aug, in unserm kleiner; ihr Herz schwillt, Und wir lernen erzittern. Itzt sind sie, glaubt mir, nicht wenig Wegen der Zukunft besorgt. Hat nicht das ferne Getöse Unsrer Tritte sie heut ins Lager zurücke gescheuchet? Aber der Stolz, der beleidigte Stolz des Tyrannen von Babel Wird nicht lange die schimpfliche Ruhe den Feigen erlauben. Trauet nur seinem despotischen Trotz. Dem Erdenbezwinger Steht es nicht an, sich selbst für überwindlich zu halten. Flohen die Sklaven, so war's, weil ihrem Mute der Anhauch Seiner Gegenwart fehlte. Er wird nicht säumen, sie selber Uns entgegen zu führen. Indes besänftigt die Hitze Eurer Krieger. Wofern beim Aufgang der künftigen Sonne Sich das Lager nicht öffnet, so will ich nicht länger euch hindern Euerm Triebe zu folgen.« Er sagt's, und eilt mit den Edeln Selbst durchs murrende Heer, das wilde Verlangen der Männer Durch beredende Künst und gefällige Worte zu kühlen. Schon entfärbt sich der Tag; die abendrötliche Sonne Strahlt aus dem nahen Hain. Itzt lagern die Meder und Perser, Stets noch bewaffnet, sich unter die Schatten der wirtlichen Palmen, Oder ins offne Gefild, um lodernde Feuer, von Stoppeln Oder zerstreuten Reisern genährt, und pflegen der Ruhe. Allenthalben sind gegen das Lager, den Feind zu bemerken, Wachen gestellt. Indes durchforscht der geschäftige Feldherr (Von Tigranes und dir, Hyperanth , und Araspes begleitet) Rings mit denkendem Auge die ganze verbreitete Gegend, Jeden Hügel und jede Vertiefung, die Hain und die Ebnen, Und die Mäander des Flusses; er sieht und zeichnet sie schweigend Tief ins Gedächtnis; dann kehrt er, von dämmernden Schatten umhüllet, Unter frohem Gespräch zurück zu seinen Gefährten. Zweiter Gesang                       Nunmehr deckte die Nacht die schlummerträufelnden Flügel Über die Erde; die bräunlichen Stunden in ihrem Gefolge Schlichen mit leisem Tritt im sanften Monde vorüber. Unter den Palmen verstreut, doch immer in streitbarer Ordnung, Lagen die Männer des Cyrus, die Schild und die Länge der Speere An die Palmen gelehnt. Der Schlummernden Häupter umflattern Kriegrische Träume, vom eisernen Streit, von gegebenen Wunden Und von empfangnen; die Stimme des Fürsten, die flammende Sonne Auf des Göttlichen Helm, erhitzt sie zu Taten; dann folgen Szenen des lauten Triumphs der müden blutigen Arbeit. Also schlummert das Heer. Nicht deine wachsamen Augen, Cyrus ! Dich läßt dein tätiger Geist voll himmlischen Feuers Noch nicht ruhen, wiewohl die ersten Sterne schon sinken. Unbegleitet erforscht er die muntre Sorgfalt der Wachen, Und die Stille des feindlichen Walles, und gibt die Befehle, Welche die nächtliche Sicherheit heischt. Dann nimmt ihn im Haine Eine Laube von Laurus, zum grünen Gezelte geflochten, Hüllend in ihren umduftenden Schatten. Die Jünglinge hatten Ihm von Blumen ein Lager bereitet. In sanfter Ermüdung Legt er sich hin. Die Stille der Nacht, die elysische Dämmrung Wiegt ihn in liebliche Ruh; wie, wenn mit webendem Fittich Friedsame Zephyrn das Meer in den halkyonischen Tagen, Sanft an den kräuselnden Wellen hinschwebend, in schlummernde Stille Wiegen. Die ruhige Still erweckt in der Seele des Helden Jedes zärtre Gefühl, der Zukunft traurige Bilder. Ernst und traurig, wie Schatten der Toten, enthüllen sie langsam Ihre Schrecken vor ihm. Zerstörte Ruinen von Städten, Stürzende Tempel, verwüstete Auen voll Totengebeine, Väter, die ächzend die Urne des einzigen Sohnes umfassen! Alle Plagen des Kriegs, gedrängte Szenen voll Jammers, Schweben um seinen erschütterten Geist. Die zärtliche Träne Rollt von der Wange des Menschenfreundes, indem er voll Mitleid Weit ins Elend hinaus schaut, das über so viele Provinzen Kommen sollte.                           Vertieft in solchen Gedanken, bemerkt er Nicht den kommenden Fuß des Amitres hinter den Palmen Ihm sich nahend. Ein Greis mit dünnem silbernem Haupthaar War Amitres, und nahe dem Ziel des rühmlichsten Lebens: Einst der edelste Jüngling, der tugendvollste der Männer, Jetzt der weiseste unter den Alten. Der nüchternen Jugend Muntre Kräfte, durch Übung und strenge Tugend gehärtet, Hatten sein frisches Alter noch nicht verlassen; noch krümmt sich Unter der Last des Helms die Silberlocke des Greises, Waren gleich achtzig Jahre, mit Ruhm und Taten belastet, Über sein würdiges Haupt geflogen. Ihm hatte Kambyses Und das persische Volk die zarte Jugend des Cyrus Einst zu bilden vertraut. Wie der beste zärtlichste Vater Seinen einzigen Sohn, der Söhne bester den Vater, Liebten sie sich. Amitres vermochte nicht, seinen Geliebten In der Gefahr zu verlassen, in die ihn sein Vaterland sandte; Und der göttliche Held, obgleich zur völligsten Tugend Schon gereifet, hing noch, wie einst, mit Blicken voll Ehrfurcht An den Lippen des Weisen. Ihm deucht' Amitres ein Schutzgeist, Über sein Leben zu wachen und seiner geheimesten Taten Richter zu sein. Vor ihm nur lag sein Innerstes offen; Er nur hatte das Recht an den einsamen Stunden des Helden Teil zu nehmen. Der war's, der jetzt im Lichte des Mondes Leis ins grüne Gezelt, unbemerkt von Cyrus, hinein trat. Sanft bestürzt sah ihn Amitres in ernster tiefsinniger Stellung Liegen, das Haupt auf dem stützenden Arm, und schleichende Tränen Auf der männlichen Wang! Ihn wird, indem er sich nähert, Cyrus gewahr, und streckt mit erheitertem Auge die Arme Gegen ihn aus. – »Wie kommst du erwünscht« (so ruft er), »mein Vater! Wie verlangte mein Herz nach deinem tröstenden Anblick! Ach Amitres, es ist an der fühlendsten Nerve verwundet! Aber von deinen Lippen floß immer der heilende Balsam Meiner Schmerzen.« – »Was ist's, o Geliebter« (fragte der Alte Zärtlich besorgt), »was ist's, das deine männliche Seele So zu rühren vermag? Ich glaubt, in ruhigem Schlummer Würdest du deine Kräfte zur Arbeit des Morgens erfrischen.« Ihm antwortet der beste der Helden: »Mein Vater, mein zweiter Teurerer Vater, du kennst von der Morgenröte des Lebens Deinen Cyrus. Der mächtige Zug zu meinen Verwandten, Meinen Nächsten im weiten Bezirke der Schöpfung, hat immer Ihre Leiden mir eigen gemacht. Nichts hielt ich mir fremde Was die Menschen betraf; nichts kränkte mich tiefer, als wenn ich Ohne Vermögen mich sah, der Leidenden Elend zu lindern. Dies ist der Schmerz, der jetzt an meiner fühlenden Seele Innerlich nagt. Gedanken, die nie so mächtig mich rührten, Hat die Stille der Nacht und des morgenden Tages Erwartung In mir erweckt: sie schliefen betäubt von der Stimme der Ehre! Freudig ging ich, die Sache der Unschuld, des Vaterlands Sache Auszufechten; mein Herz, von edeln Gefahren gereizet, Schlug den Feinden entgegen, und schmeckte schon ahnend die Wollust Vieler Völker Erretter zu sein. – Wie konnt ich vergessen, Daß es Menschen sind, mir auch verbrüderte Menschen, Gegen welche mein dräuendes Schwert zum Töten gezückt ist? Ach Amitres, es wälzt sich mein Herz im bebenden Busen, Wenn ich den Jammer umschaue, das ganze Gefolge des Krieges, Heere von Plagen, bereit wie uferlose Gewässer Über die Länder von Assur zu stürzen! – Mein tränender Blick flieht Weg vom Gefilde des Todes, vom leichenwälzenden Zerbis, Von den Sterbenden weg, die winselnd dem langsamen Tode Flehen – wohin ich mich wende, begegnen mir Szenen des Elends, Tiefer verwundendes Elend! Dort jammert, von blutigen Leichen Ihrer Kinder umringt, die verlaßne Mutter; die Gattin Rauft auf dem Grabe des Mannes in tränenloser Verzweiflung Wütend die goldnen Locken, indem, mit kläglichem Wimmern An ihr hangend, die stammelnden Kinder den Vater ihr fordern. Scharenweis fliehn vorm kommenden Feinde die alten Bewohner, Greise mit wankendem Schritt, und Mütter von Schrecken entseelet, Mit dem nackenden Kind an der Brust (der Vater liegt ferne Unter den Toten!), sie fliehn, und senden oft Blicke voll Wehmut In die Flammen zurück, die ihre Hütten verwüsten. Ach was habt ihr getan, das solche Rache verdienet? Seid ihr nicht Menschen wie wir, gleich fühlend für Schmerzen und Freuden, Gleich bedürftig, zu jeglichem Glücke des irdischen Lebens Gleich berechtigt, wie wir? – O sage, wie kann ich, Amitres, Wie den Gedanken ertragen, auf unverschuldete Menschen So viel Jammer zu häufen? – Und doch – so will es mein Schicksal! Eine noch zärtere Liebe, von tausend Pflichten verstärket, Zwingt mich, die gleichen Übel vom Haupte der Meder und Perser Auf die Assyrer zu wälzen. Noch mehr, noch größerer Jammer Ist dir gedräut, mein väterlich Land! Doch blutet an jeder Klopfenden Ader mein Herz, daß deine Rettung das Elend Vieler Tausenden ist!« – Hier schwieg er, und blickte voll Tiefsinn Seufzend gen Himmel. Mit tröstender Stimm erweckt ihn Amitres. »Quäle dich selbst nicht länger mit diesen Bildern, o Cyrus! Laß den Tyrannen sich quälen, den einzigen Schöpfer der Übel, Die du beklagst! Ihn mögen sie rastlos in schreckenden Träumen Nächtlich verfolgen! Ihm rausche das Röcheln der sterbenden Menschen, Die er erwürgt, vom dampfenden Feld wie Donner entgegen! Aber Du folgest der Stimme der Pflicht, dem Winke der Weisheit Welche die Schickungen lenkt. Du bist zum Retter, zum Vater Vieler Völker bestimmt. Der König der Wesen und Welten Wirket, wiewohl dem Geiste nur sichtbar, in allem was lebet, Ordnet der Sphären Lauf, den Flug des dienenden Engels, Und die Geburt des Wurmes im Staub. Die Taten der Menschen Liegen, noch eh sie geschehn, vor seinen Blicken enthüllet. Unsrer Schwäche vergessend, vertieft in eignen Entwürfen, Wähnen wir, selbst die Erfinder und unabhängigen Schöpfer Unsrer Taten zu sein, und rühmen uns ihres Erfolges. Eitler Stolz! Er ist's, der erste Beweger der Dinge, Dessen geheime Begeistrung uns treibt. Ins Herz des Gerechten Haucht er den edeln Entschluß. Er straft die Sünden der Völker Durch die Verbrechen der Fürsten, die Fürsten durch ihre Verbrechen. Was dem sterblichen Aug ein Übel scheinet, im Plane Seiner Weisheit wird es ein Gut; durch göttliche Künste Zieht sie ein größeres Gut selbst aus den Folgen des Bösen. Cyrus, mir sagt's mein Herz, du wirst die traurigen Folgen, Allen Jammer des morgenden Tages, in Wonne verwandeln, Wirst das Seufzen der Trauer in Jubelgesänge verwandeln, Und mit ewigem Frieden sein ganzes Schwestergefolge, Überfluß, Künst und Freuden, und jede gesellige Tugend, Jedes irdische Glück, dem frohen Orient geben. Durch dich wird es der Himmel vollziehn! Es ist mir, ich sehe Einen dämmernden Strahl die Nacht der Zukunft erheitern. Cyrus, die Nationen, der alten Dienstbarkeit müde, Seufzen schon lange nach einem Erretter. Mit offenen Armen Werden sie dich empfangen, dich Schutzgott nennen! Dein Name, Nicht dein Schwert, dein Name, dein Anblick wird sie erobern. Herrlicher Ausgang! Du gingst, nur deine Freunde zu schützen, Und du wirst Macht erhalten, aus Feinden Freunde zu machen. Nicht dein dankbares Persis allein, unzählbare Länder Werden dich segnen, und, Cyrus, durch dich beseliget werden. Zwar dies alles ist noch mit Dunkel umhänget. Der Weg ist Lang und verwirrt, mit Gefahren umzäunt, auf dem du empor steigst; Aber ein würdiger Preis und unverwelkliche Lorbeern Winken von ferne dir zu. O möchte mein dämmerndes Auge Dich noch sehen, mein Cyrus, wie du die goldenen Tage Wieder den Sterblichen gibst, und dann im Frieden sich schließen!« Also der Greis. Mit erheitertem Antlitz umarmt ihn sein Cyrus: »Teurer Alter, was öffnest du mir für reizende Szenen! Welche Aussicht in Wonne! Mir war, als hört ich die Stimme Eines prophetischen Gottes aus heiligen Lorbeern ertönen. O wie selig, wofern dich deine Ahnung nicht täuschet, Wäre dein Cyrus! Wie nah der hohen Unsterblichen Wonne Grenzte sein Glück! – Ich erröte nicht, Vater, dir frei zu gestehen, Daß mein wünschendes Herz sich oft mit Träumen ergetzt hat, Welche den Hoffnungen gleichen, wozu Amitres mich aufruft. Als mich Astyages einst am modischen Hofe zurück hielt, (Wollichtes Milchhaar kränzte mir noch die blühenden Wangen) Ja, schon damals, wenn ich geblendet den strahlenden Pomp sah Der den König umgab, die Knechte mit goldenen Ketten Rasselnd, als wären sie stolz auf ihre glänzende Schande; Wenn ich es sah, was Myriaden beneidender Sklaven Seligkeit nannten, ein träges in Wollust schmelzendes Leben, Teure Bankette und Salben und nektarduftende Weine, Scharen dienstbarer Frauen, die ihre verblendenden Reize Eifersüchtig enthüllten, des Einzigen Wahl zu erbuhlen; Wenn ich es sah, dann bebte mir oft, Amitres, im Busen Meine Seele; ich staunt und strebte die Dinge zu fassen, Die mir Träumen gleich schienen. Wie kann ein denkendes Wesen, Dacht ich, sich in den Zirkel der Sinne, ins tierische Leben Selber verbannen? die süßesten Freuden sich selber mißgönnen, Die den Menschen vom Staub zum Rang der Geister erhöhen? Wie die Gewalt, im weitesten Kreise den Enkeln der Enkel Gutes zu tun, ein Schöpfer, ein Vater der Völker zu werden, Ungebraucht lassen? Wie kann er vergessen (erinnert nicht täglich Jedes Bedürfnis ihn dran?), daß auch ein Weib ihn geboren? Daß er ein Mensch ist, wie sie, auf die er als Sklaven herab sieht? Daß die Geburt nicht Könige macht; daß höhere Tugend, Höhere Weisheit nur, nicht Thronen, nicht Diadem ihn Über die Völker erhöhn? – O hätt ich, so wallte mein Herz dann Oft in feurigen Wünschen empor, o hätt ich die Allmacht Eines Königs, wie sollte mein Herz mir Freuden erfinden! Brüderlich wollt ich mit tröstender Hand die schuldlose Träne Von der Wange des Kummers wischen; der stammelnde Waise Sollte mir Vater stammeln; nur Tränen des Dankes, der Wonne Sollten aus jedem frohen Gesicht entgegen mir glänzen. Jede Tugend, jedes Verdienst, wohin es sich immer Vor mir verbärge, versammelt ich dann in glänzenden Reihen Rings um mich her; die Besten, die Weisesten sollten mir helfen Glückliche Völker zu machen. Wie unbegrenzt, o wie vergötternd Würde die Wonne dann sein, die meine Seele durchströmte! Also dacht ich, Amitres, und wünschte den reizenden Träumen Wirklich zu werden. Den einzigen Wunsch erlaubte die Tugend Meinem Herzen; und oft, wenn einsame Schatten mich hüllten, Glaubt ich, mir flüstre mit Zephyrlippen der Himmlischen einer Ein prophetisches Ja zu meinen zärtlichen Wünschen. Und was darf ich nicht hoffen, da jetzt Amitres sie billigt? Doch ich schweige! – Der ewige Vater der Geister und Menschen Kennt was gut ist. Vor ihm verstummen meine Begierden! Seine Winke zu spähn, und standhaft sie zu vollziehen, Sei mein erstes Geschäft! – Mich soll (so hast du, Amitres, Meine Jugend gelehrt, so ziemt's dem glücklichen Jüngling, Den du zum Menschen gebildet!), mich soll der beste der Wünsche Keinen Schritt dem ebenen Pfade der Tugend entlocken!« Also besprachen die Weisen sich unter einander. Indessen Hatte die braune sanft schleichende Nacht schon über die Hälfte Ihres Laufes durchmessen. Itzt sahen sie zwischen den Bäumen Einen Jüngling sich nahn. Araspes war es. Ihm hatte Cyrus befohlen, mit seinem gehorchenden Haufen von Medern Und Chaldäern, sich fertig um diese Stunde zu halten. Und nun eilt' er herbei, und sprach die geflügelten Worte: »Cyrus, wir stehen bereit; die Männer glühn von Verlangen Irgend zu einer rühmlichen Tat gesendet zu werden. Sage, welch Unternehmen soll diese Stunde bezeichnen?« Ihm antwortet der Held: »Du siehst den waldigen Hügel, Der dort das Tal zur Linken beherrschet. Die Vorsicht der Feinde Hat ihn mit Kriegern besetzt. Dir ist die Ehre bestimmet Sie zu vertreiben, mein Freund. Die Nacht begünstigt den Anschlag. Sieh, ein schwarzes Gewölk umhüllt den Wagen des Mondes; Alles schläft im assyrischen Lager. Du, eile, Geliebter, Eile, wohin die Tugend dich ruft!«                                                         Mit dankender Freude Fliegt der Jüngling hinweg. So fliegt ein feuriger Adler, Wenn er vom lüftigen Wege zur Sonn in tiefer Entfernung Einen Drachen erblickt, der, unter den Blumen verborgen, Schlummert; er schießt durch den Äther herab, und faßt den erwachten Sträubenden Feind: vergeblich schwingt er die zackige Zunge, Hebt vergeblich den blutigen Kamm; der Sieger durchwühlt schon Seine gespaltete Brust, und saugt die blutenden Adern. Unter dem Schleier der Nacht und mitternächtlicher Wolken Zieht Araspes, verteilt in kleine schwärmende Haufen, Zwischen dem Weidengebüsch, das die Hörner des Flusses umkränzet, Ungesehn fort. Den Fuß des Hügels, von dem er die Feinde Treiben sollte, bespülte die silberne Welle des Zerbis; Steile, verwachsene Pfade, mit dornigen Hecken verwebet, Wanden sich unzugangbar hinauf. Die sichern Assyrer Ließen sie ohne Beschützung, und lagen vom Schlafe gebunden Über den Hügel zerstreut. Nur gegen die Seite des Tales Hatten sie Wachen gestellt. Araspes wußt es; auch hatt er Ausgeforscht, wo der seichtere Strom den Durchgang erlaube. Dorthin führt er die Männer. Sie gleiten über den Sand hin, Der den Boden bedeckt, nur wenig über die Knöchel Von den Wellen umflossen. Dann schleichen sie, stets vom Gebüsche Und von Wolken beschützt, die krummen mäandrischen Pfade Schweigend hinauf, und achten es nicht, daß stechende Dornen Ihre durchbrechende Faust und die rauhen Wangen zerritzen; Schwierigkeit reizt den männlichen Mut. Mit schwitzender Arbeit Ist nun der Hügel erstiegen; Araspes erstieg ihn der erste. Leise versammeln sie sich, von jungen Fichten verborgen, Auf der Höh, und schöpfen begierig die blumige Nachtluft, Die zur Arbeit sie stärkt. Dann spricht Araspes zu Ihnen: »Brüder, ihr fühlet mit mir, wie sehr der göttliche Cyrus Uns vor allen geehrt, indem er dies kühne Geschäfte Uns vertraute, das blutige Vorspiel des kommenden Tages. Seine Wahl ist das herrlichste Lob, die schönste Belohnung Unsrer Müh, um den Beifall des ersten der Menschen zu werben. Möchten wir itzt, Gefährten, des Beifalls würdig uns zeigen, Den er uns gab! – Und ihr, die diese Schatten bewohnen, Holde Nymphen, verzeiht, wenn wir mit feindlichem Blute Eure geheiligten Stämme beflecken! Ein stärkerer Gott lenkt Unsern Fußtritt hierher; wir folgen dem Glücke des Cyrus!« Da er dies sagt, bewaffnet er seine nervige Rechte Mit dem entblößten Schwert, mit dem scharfen Dolche die Linke. Jeder enthüllt den mördrischen Stahl, und schwingt ihn dem Blitz gleich In der schimmernden Luft. Der Mond, sein Angesicht wieder Aus den zerfließenden Wolken erhebend, erheitert des Haines Nächtliches Dunkel zu silberner Dämmrung. Nun öffnet der Wald sich. Um und um sehen sie zwischen den Bäumen die feindlichen Krieger, Auf die Schilde gestützt, den Boden bedecken. Aus kalten Nordischen Wäldern, wo ewiges Eis die Gipfel bedecket, Hatte sie Baktra gesandt, gigantische Leiber, von wilden Trotzigen Seelen belebt; die Haut des fleckigen Panthers Hing die fleischigen Schultern herab, herkulische Keulen Dräuten in ihrer sennigen Faust. So lagen sie furchtbar, Gleich dem schlummernden Löwen. Die mutigsten unter den Medern Schauern vor ihrem Anblick zurück. »Was zaudern wir länger? Folget mir«, ruft Araspes , und stößt den zackigen Wurfspieß In die Gurgel des nächsten, der vor ihm, am knorrigen Stamme Einer Eiche gelehnt, mit rückwärts hangendem Haupte Schlummerte. Brüllend erwacht er, und blitzt aus grimmigen Augen Tötende Rach; umsonst! er speit in purpurnen Strömen Seine Seele, dem mutlosen Arm entsinket die Keule Die er dräuend noch faßt. Vom Beispiel des Führers erhitzet, Stürzt sich die ganze Schar auf die ungewahrsamen Feinde. Ungestraft wütet ihr fressendes Schwert. Ein Augenblick würget Hekatomben. So fielen vordem die assyrischen Scharen, Als, in die Schrecknisse Gottes gehüllt, der Todesengel Mit dem flammenden Schwert durch ihre stillen Gezelte Unsichtbar ging, und die Feinde des Herrn bei Tausenden würgte. Doch bald weckte das wilde Geschrei der sterbenden Baktrer Ihre Gesellen. Sie raffen sich auf, wie ein Tiger erwachet, Wenn er den Pfeil des Jägers im brennenden Eingeweid fühlet. Bebend, mit neblichtem Blick, aus dem Bestürzung und Grimm blitzt, Schaun sie umher, und sehn die Szenen des Todes, die Leichen Ihrer Brüder, und tausend gezückte bluttriefende Schwerter Gegen sie blitzen. Mit lautem Geschrei ergreifen sie zitternd Ihre Waffen, und taumeln in dichte Haufen zusammen, Stürzen dann unter den Feind. Das erste Opfer der Rache War Korasdes , ein medischer Jüngling. Ihn hatte den Auen, Die der Amardus bespült, sein feuriger Ehrgeiz entrissen. Überdrüssig der üppigen Ruh, in welcher sein Leben Unberühmt schmolz, entwand er sich mutig den schmeichelnden Armen Seiner zärtlichen Braut; unerweicht von den Klagen des Mädchens, Unerbittlich dem flehenden Blick, und den ahnenden Tränen, Riß er sich los, von der Zaubergewalt des Ruhmes bezwungen. Ach! ihn weint, seitdem er entfloh, das liebende Mädchen, Sieht im schreckenden Traume des Jünglings blutigen Schatten, Und verschmachtet in ängstlicher Trauer. Dich täuschet dein Traum nicht, Zärtliche Schöne! Du wirst ihm nicht stolz mit deinen Gespielen, Kommt der Sieger zurück, entgegen eilen; er sinket Unter der schmetternden Keule des riesengleichen Axandras, Daß sein Gehirn, mit Blute vermischt, die Meder beflecket, Die ihm zu Hülfe sich drängen. Doch eh der herkulische Baktrer Von dem gewaltigen Streich sich erholt, durchbohrt ihn dein Wurfspieß, Schneller Hidarnes: er stürzt und erschüttert den zitternden Boden Durch den gigantischen Fall. Itzt heben sich hundert Arme, Die den Erschlagnen zu rächen, und die den Sieger zu schützen. Furchtbar raset der Streit. Der Mond erblaßt und verhüllet, Sanftern Szenen zu leuchten gewohnt, sein Antlitz in Wolken. Unterdes sieht Araspes die Meder, von Siegesbegierde Fortgerissen, zu feurig ins wilde Gedränge sich werfen. Eilends ruft er die Streiter zurück, und sammelt die kühnsten Rings um sich her. Sie hatte Chaldäa zum Streite gesendet; Söhne des Kriegs, vertraut mit jeder blutigen Arbeit. Speere von furchtbarer Länge, mit zweifach schneidenden Eisen, Starrten in ihrer nervigen Faust. Ein schrecklicher Phalanx Stehen sie, dicht geschlossen, und kehren die eiserne Brustwehr Gegen den Feind. Dann stellt Araspes die Meder zur Seite, Mit dem Schilde bedeckt, und dem krummen Säbel bewaffnet. Jenen befiehlt er im Sturm mit vorgehaltenen Speeren Auf die Stirne des dichtesten Schwarms der Baktrer zu stoßen, Diesen mit flüchtiger Wendung dem Feind in die Seite zu fallen. Plötzlich enthüllt sich die blutige Szene. So schnell wie ein Donner Bricht die chaldäische Schar mit unaufhaltbarer Stärke Unter die Riesen von Baktra; vergebens schwingen sie grimmvoll Ihre Keulen, und drängen umsonst sich dichter zusammen, Unwiderstehlich durchbohrt die eiserne Länge der Speere Ihre nackende Brust, und wirft sie in Schichten zu Boden. Auch die medische Schar dringt, von Araspes geführet, Unter sie ein, und mäht mit dem breiten gesichelten Schwerte Reihen hinweg. Entsetzliche Ströme von dampfendem Blute Rinnen den Hügel hinab. Die Stimme der bangen Verzweiflung Spaltet die Wolken, und heulet von fern in den Klippen zurücke. Todesangst spornt die Wilden, sie taumeln blutlos wie Schatten Über Hügel von Sterbenden weg. Die jauchzenden Sieger Folgen erhitzt, und heften den Tod an der Fliehenden Fersen. Wenigen half die günstige Nacht sich durch die Gebüsche Wegzustehlen. Sie keichten dem Lager die schreckende Botschaft. Endlich ermüdet das Schwert. Der schmetternde Klang der Trompete Ruft die Sieger zurück. Araspes umarmt sie, belohnet Jedes Verdienst mit feurigem Lob, und teilt sich in Sorgen Für die Verwundeten; setzt an seine Statt Arasambes Über das Volk. Er selbst kehrt durch die mäandrischen Pfade Wieder zurück, das schönste von allem, was sterblichen Ohren Reizend ertönt, verdientes Lob von Cyrus zu hören. Dritter Gesang                   Unterdes stieg der Herold des Tages am dämmernden Himmel Einsam herauf. Vom Schlummer besiegt lag Cyrus im Haine An der Seite des göttlichen Greises. Ihm nähert sein Schutzgeist Sich mit leisem ätherischem Tritt; dann steht er und heftet Blicke voll Huld, mit Bewundrung gemischt, auf des Schlummernden Antlitz. »Sei mir gesegnet!« (so dacht er bei sich) »Wie atmet die Ruhe Deiner Seelen aus dir! Wie sanft ist der Schlaf des Gerechten! Von Gefahren umringt, am dunkeln Rande des Todes Schlummert er sicher, im lächelnden Traum! O sei mir gesegnet, Bester der Menschen! Bald wirst du an Macht, wie an Güte, die Gottheit Unter den Sterblichen bilden. Wie könnte dich, Cyrus , die Tugend Schöner belohnen? Dein kühnstes Verlangen erreichte die Höhe Dieser Seligkeit nicht, die aus den Wolken herab steigt, Dich zu umfangen. Zwar kennest du noch den hohen Beruf nicht, Der zum Vollzieher der göttlichen Schlüsse, zum Rächer des Bösen Und zum Hirten der Völker dich weiht. Du wagst es nur furchtsam Jener geheimen Ahnung zu trauen, die oftmals mein Anhauch In dir erweckte. Doch nun (so ist des Ewigen Wille!) Soll ein Traumgesicht dir der Zukunft Szenen enthüllen.« Also denkt er und breitet itzt sanft sein goldnes Gefieder Über den Schlummernden hin. Ambrosische, süße Gerüche, Süß wie der Rosenatem des himmlischen Frühlings, entfließen Seinen Schwingen. Mit englischer Kunst bereitet der Schutzgeist Aus dem ätherischen Duft die hohen prophetischen Träume, Die er ins Haupt des Schlafenden sendet. Itzt deucht es dem Helden, Mitten auf einem verbreiteten Feld voll Totengerippe Einsam zu stehn; zerstreute Gebeine, mit modernden Schädeln Gräßlich vermengt, bedeckten die blutgeschwärzten Gefilde. Schauernd ging er hindurch, und siehe, die dürren Gebeine Leben rings um ihn auf, und sprossen in laubichte Stämme; Plötzlich umgrünt ihn von Lorbeern ein Hain. Unzählbare Scharen, Jünglinge, blühende Töchter und freudentränende Greise, Eilen hervor aus dem Hain, und streuen Blumen und Palmen Ihm in den Weg, und grüßen ihn Retter; ein freudiges Jauchzen Füllt triumphierend die Himmel umher. Dann führt ihn die Menge Segnend, in frohem Gedräng zu einem strahlenden Throne. Menschen von fremder Gestalt, von fremden Sprachen und Sitten, Eilen herbei, ein buntes Gewimmel! Vom krummen Euphrates, Von den Traubengeländern des Margus, vom duftenden Saba Und aus Libanons zedernen Schatten, vom waldigen Taurus, Vom Gestade des goldnen Paktols, und den blumigen Auen, Welche die jonische Welle bespült, vom üppigen Cyprus, Und vom beperlten Busen des persischen Meeres; unzählbar Kommen sie, sein Gesetz zu empfangen, und jauchzen ihm Vater. Um und um scheint die Natur sich ihm zu verschönern; die Ströme Hören von fern des Gebietenden Ruf, zu sandigen Wüsten Ihre befeuchtenden Wellen zu tragen. Die friedsamen Meere Schwellen von wallenden Segeln; der goldne Überfluß strömet Unerschöpflich umher durch alle Adern des Reiches. Cyrus sah es, und fühlte die Wonne der Götter im Busen. Itzo deucht ihn, er eile mit schlüpfendem Gang, die Provinzen Seines Reiches zu schaun; der Traum beflügelt die Reise. Tausend wechselnde Szenen ergetzen mit ändernder Schönheit Seinen forschenden Blick – bebaute Felder und Anger, Weiß von wolligen Herden, und stille elysische Haine, Wo sich die Unschuld in Hütten gefällt; dann marmorne Städte, Die sich am Ufer der Ström und spiegelnder Seen verbreiten, Mütter der Künste, vom Witze belebt, der, kühn und erfindsam, Eifert mit der Natur. Hier sah er des Elfenbeins Weiße Unter der bildenden Hand in Heldengestalten erwachsen; Dort auf Reihen kolossischer Säulen unsterbliche Tempel, Und Obelisken von grauem Porphyr, mit redenden Bildern Seiner Taten bedeckt, sich in den Wolken verlieren; Dort Myriaden geschäftiger Hände, den silbernen Kotton Oder des Seidenwurms zähes Gespinst in bunte Tapeten Künstlich zu weben, und Byssus im Blute der Purpurschnecke Zweimal zu tränken. Die Wissenschaft öffnet dem rastlosen Fleiße Neue Pfade; umsonst verhüllt vor den Blicken der Weisen Sich die Natur, sie dringen in ihre geheimste Werkstatt. Auch den Musen gefällt's, den Schwestern der Freiheit, im Schatten Seines beschirmenden Throns. In ihrem sanften Gefolge Kommen die Grazien alle, die feinern sittlichen Freuden, Und der zarte Geschmack, der Prüfer des Schönen und Edeln. Was das gesellige Leben beglückt, die Künste, die Freuden Zirkeln von Land zu Land. Die milde Seele des Friedens Atmet in allen, und schmelzt unzählbare Völker in eines, Ein harmonisches Volk, durch Sitten, weise Gesetze, Und das stärkste Gesetz, das Beispiel des Fürsten , gebildet. Alles das schildert der Traum vor seinen bezauberten Augen. Flüchtig, wie sich am Halse der Tauben die Farben verwechseln, Ändern die lieblichen Szenen sich ab, in bunter Verwirrung, Doch in den hellesten Farben des Lebens. Die Seele des Helden Schwimmt in frohen Gesichten, und staunt, ob's etwann ein Traum sei, Was sie entzückt. Indem er noch staunt, umleuchtet sein Antlitz Plötzlich ein himmlischer Glanz; die Gestalt des göttlichen Engels Schwebt ihm entgegen, und spricht mit mächtig begeisternder Stimme: »Cyrus, du siehest das Reich, zu dessen unsterblichem Stifter Dich Oromasdes erwählt: so werden die glücklichen Länder Unter dir blühn, so wird der Friede die Völker umfassen, So wird Ordnung und Freiheit und willige Tugend, die Tochter Deiner Gesetze, die Menschen zu ihrer ursprünglichen Güte Leiten; so wird die Liebe der Völker, der reizende Anblick Ihres Glückes, dein Herz mit Götterfreuden belohnen! Laß den hohen Gedanken dich stärken! Dich führet, o Cyrus, Unsichtbar, aus den Wolken gestreckt, des Allmächtigen Rechte!« Da er dies sprach, entschlüpft er dem Auge des Sterblichen wieder, Und die Bilder des Traums zerflossen in Düfte des Morgens. Wie die Seele des Frommen, der itzt, vom letzten der Kämpfe Mit dem Tod ermüdet, in sanftem Schlummer sein Haupt neigt; Unterdes windet, von Schauern des neuen Lebens ergriffen, Sich in süßer Betäubung sein Geist vom sterblichen Leibe; Wenn er dann, plötzlich erweckt, sich im Arm der Unsterblichen findet, Die mit zärtlichem Blick ihm lächeln und Bruder ihn nennen; Um und um schimmert von Engelsgestalten der Äther, sein Auge Schaut ins Unendliche hin, sein Ohr hört himmlische Töne, Hört aus tiefer Entfernung die Harmonien der Sphären; Wie er sich da in Entzückung erhebt, und seiner Empfindung Kaum die Wirklichkeit zutraut, und zweifelt, ob's nicht ein Traum war Als er zu leben vermeinte: so hob von seinen Gesichten Cyrus sich auf, und schaut voll Wunder dem fliehenden Traum nach. Noch erschüttern ihn heilige Schauer, noch schimmern die Bilder Um sein Auge, noch rührt ein Nachklang der englischen Lippen Säuselnd sein Ohr. Erstaunen und süße Bestürzung und Freude Fesseln auf Augenblicke die mächtige Seele des Helden. Aber bald reißt sie sich los, versammelt ihre Gedanken Alle zu sich, und prüft die Wunder des göttlichen Traumes. Dann erhebt er sein Auge gen Himmel, und heil'ges Entzücken Breitet sich über sein Angesicht aus. »Hier bin ich«, so ruft er, »Wer du auch bist, gewiß der Diener des Ewigen einer, Der du vor meinem Geist der Zukunft Heiligtum auftatst! Welch ein Gesicht! Welch himmlisches Feuer durchglüht mich! Wer hauchet Diese Seele mir ein? Ja, Vater der Geister, du selber Hauchst sie in mich! Du bist's! Ich fühle deiner Umschattung Unaussprechliche Ruh, ich hör im innersten Busen Deine Stimme! Sie weihet mich ein zum heil'gen Geschäfte, Unter den Menschen dein Engel zu sein, dein Werkzeug, der Erde Gutes zu tun. – Wo ist, wo ist von allen Erschaffnen Einer glücklich wie ich? Zu welcher Tugend, zu welchen Göttlichen Pflichten, zu welchem Bestreben, dir selber von ferne Ähnlich zu werden, berufest du mich! Mit frohem Gehorsam Eil ich die Wege zu gehn, wo deine Rechte mich leitet.« Also wallet sein Herz, von seiner erhabnen Bestimmung Mächtig entzückt, in Empfindungen auf; unsterblicher Mut schwellt Seine Adern; sein Angesicht glänzt wie die herrschende Stirne Eines Engels. So geht er hervor, die Befehle zu geben, Daß sich das Heer, und mitten im Heer die Führer versammeln. Unterdes ruht noch furchtsam Stille mit bleiernen Flügeln Über dem feindlichen Lager. So sinken des Ozeans Wogen Vor dem nahen Orkan in stumme tödliche Stille; Ängstlich sehen die Schiffer am äußersten Kreise des Himmels Sich das schwarze Gewölk mit Untergang schwanger herauf ziehn; Eilend fleucht es, von Stürmen gejagt, schon donnert das Rauschen Ihrer Flügel von fern, den Schiffern erstarrt vor Entsetzen In den Adern das Blut, die Kniee schwanken, der Busen Keicht vor Angst, die Ruder entsinken den bebenden Händen: Also bebten vor banger Erwartung die Sklaven von Assur. Auch du bebest, Tyrann! und todweissagende Schrecken Stören, die Nacht hindurch, auf dem weichen seidenen Lager Deinen wollüstigen Schlaf. Vergebens umduften dein Antlitz Nardus und Ambra, vergeblich erschallen aus lydischen Flöten Schmelzende Töne, dein Herz in süßen Schlummer zu wiegen. Innerlich nagt in der Brust des Ungerechten die Unruh; Kein Sirenengesang besänftigt die stürmische Zwietracht Seiner mißhelligen Triebe; kein Lob, von sklavischen Lippen Zugejauchzet, betäubt die innerlich strafende Stimme. Bis ins Lager auf Rosen, in wollustatmender Weiber Üppigen Arm, verfolgt die unerbittliche Sorge Seine Seele. Dann bebt sein Gebein, und dunkle Gesichte, Bilder der angstvollen Zukunft, umflattern die starrende Stirne. Aber itzt naht im Dunkel der Nacht sein böser Dämon Sich dem Verbrecher, und haucht ihm ins Herz betrügliche Ruhe. Mächtig erwacht sein Stolz, und seiner gefürchteten Größe Süßes Bewußtsein – »Ich winke, so waffnen sich Welten voll Sklaven, Zürnt mein drohender Blick, so werden sie vor mir zu Staube« – Diese Gedanken erheitern ihn wieder. Sein schwellender Unsinn Spottet der Toren, die ihm in seinem Grimm zu begegnen Kühn genug sind. Schon sieht er sie blutend am Boden sich wälzen; Schon zermalmet im hohen Triumph sein goldener Wagen Ihre Häupter, schon bebt vor seinem Namen der Erdkreis; Schon erhebt sich der Thron des Königs der Könige furchtbar Auf den Trümmern der Welt, und wirft den entsetzlichen Schatten Über die Himmel umher. – In solche Träume gewieget Überrascht ihn der Tag. Er rafft sich vom schlaflosen Lager Ungestüm auf, und winkt aus tausend bepurpurten Sklaven, Welche der Morgen im Vorgezelt sammelt, dem hohen Gadates , Der die Assyrer führt, dem größten unter den Fürsten, Die mit entlehntem Glanze den Thron des Tyrannen umgaben. Ehrfurchtsvoll naht sich Gadates, so wie sich heuchelnde Priester Einem vergötterten Bilde, dem heiligen Schrecken des Pöbels, Feierlich nahn. Die edlere Seele des fürstlichen Mannes Sträubt sich in seiner Brust der Unterwerfung entgegen, Welche sein Angesicht lügt. Itzt hört er die herrschende Stimme: »Hast du, Gadates, die Feinde bemerkt, wie schüchtern die Kühnen Hinter die Schatten des Hains sich verbergen? Der Anblick des Lagers Kühlte den feurigen Mut. Sie hatt ihr zürnendes Schicksal Ihrem Verderben entgegen geführt. Heut sollen sie bluten. Rüste das Heer, Gadates, und bring den Fürsten der Völker Meinen Befehl. So bald der Sonnenwagen den Gipfel Jenes Hügels ersteigt, eröffnet das Lager, und führet Eure Scharen hervor. Ich will den trotzenden Anblick Länger nicht dulden! – Doch ist mein ernster Wille, Gadates, Daß ihr des Persers schont, des Jünglings, der sich erkühnt hat, Mir in Waffen entgegen zu gehn. Mit Fesseln belastet, Soll er meinen Triumph durch Babylons Straßen begleiten!« Also sagt er, von Stolze berauscht. Zu den Füßen des Herrschers Ausgestreckt, und sein Antlitz mit beiden Händen verhüllend, Gibt der Satrap ihm die Antwort: »Dein Wink, o Abglanz der Gottheit, Ist mein Gesetz. Befiehl, so soll der Erdkreis in Waffen Mich nicht schrecken. Mein feurigster Stolz, was kann er sich wünschen, Als die Ehre, vor deinen umschauenden Blicken zu siegen, Oder zu sterben? – Doch, zürne nicht, Herr, der bebenden Kühnheit Deines Sklaven! – Die Feinde, die deinem erhabenen Auge Nur wie ein Schwarm von Gewürmen erscheinen, sie sind in den Augen Deiner Völker Unsterblichen gleich. Der Name des Cyrus Macht sie zittern, der Schatten der Perser erschreckt sie von ferne. Diese Perser, auf die nicht umsonst ihr Führer so kühn ist, Sind Vertraute des Kriegs; sie spotten der Arbeit, der Wunden, Spotten des Todes; der blutige Krieg ist ihnen ein Lustspiel. Ihre Seelen, von Stolz und schwärmender Liebe des Traumes, Den sie Tugend nennen, geschwellt, sie kennen die Furcht nicht: Für ihr väterlich Land, für Ehre und Freiheit ihr Leben Auszuatmen, scheint den Unbezwingbaren Süßer, Als in üppiger Ruh Unsterblicher Tage zu pflegen. Laß nicht Wolken des Grimms auf deiner Stirne mich schrecken, Wenn ich es sag, o Herr, was deine schüchternen Sklaven Alle verschweigen. Mir öffnet mein feuriger Eifer die Lippen. Fordre mein Blut, es fleußt! Nicht ungerochen, nicht ruhmlos Soll es fließen! – Doch, Herr, ich traue dem Glücke nicht alles, Hat es dich gleich noch niemals getäuscht. Was haben wir nötig Einem einzigen Tage den Ruhm so vieler Triumphe Anzuvertrauen? Was zwingt uns im offnen Felde zu kämpfen? Laß den persischen Mut an diesen Wällen sich brechen! Schwächer an Anzahl, werden sie über dem Angriff des Lagers Wie der Schnee vor der Sonne zerschmelzen. Der zögernde Aufschub Ist uns Sieg, dem Feind ein unvermeidlich Verderben.« Hier unterbricht ihn mit flammendem Blick Neriglissor: »Verzagter, Bist du gekommen mich beben zu lehren? Wen fürchtest du, Sklave? Sind sie Götter, vor denen du mich ins Lager verschließest? Schleudern sie Blitz' in der furchtbaren Hand, und tötet ihr Auge? Fleußt aus ihren Wunden kein Blut? – Und wären sie Götter, Donnerten Blitz' in den furchtbaren Händen, so sollen sie dennoch Meine Triumphe vermehren! – Was konnten die Götter der Syrer Wider mich? Wer vermochte vor mir die Araber zu schützen? Wer die Hyrkaner? Was half es dem wilden, unbändigen Sazer, Daß er in seiner nervigen Faust entwurzelte Tannen Gegen uns schwang? Sie fielen, und ihre gigantische Stärke Schützte sie nicht! Wer soll denn von mir die Perser erretten? Ist nicht das Schnauben der Rosse, die mich unzählbar umgeben, Sie zu verwehen genug? Die Kleinheit des schimpflichen Feindes Kränkt mich allein! Der Ruhm, sie überwunden zu haben, Macht den Bezwinger der Völker erröten. – Hinweg denn, Gadates! Fleug, den Befehl zu vollziehn, der meinen Lippen entflohn ist; Laß die goldne Trompet ihn durch die Heere verbreiten.« Also sprach er, und wandte sein Antlitz. Mit stummer Verachtung Eilt der fürstliche Sklave den stolzen Befehl zu vollziehen. Unterdes hatten die Edeln, die Führer der Perser und Meder, Mitten im Heer sich versammelt. Da trat in glänzender Rüstung Cyrus unter sie hin, und sprach mit erhabener Stimme: »Freunde, der Tag, auf den ihr so lange mit Ungeduld harrtet, Strahlt itzt herauf. Ein himmlischer Traum befiehlt mir den Angriff, Und verspricht uns den Sieg. Ihr wißt es, der Himmel begünstigt Nur den Gerechten und Tapfern. So hab ich in Jahren voll Proben Euch bewähret. Ihr seid's, und unsre vom Himmel beschützte Redliche Sache, was mir an diesem entscheidenden Tage Diese Sicherheit gibt, die euch mein Anblick verkündigt. Möcht, ihr Brüder, der große Gedanke mit göttlicher Allmacht Eure Seelen ergreifen: Er selbst, der Schöpfer des Guten, Streitet mit uns! Wir sind zu seinen Engeln geweihet. Er errettet durch uns die Völker, die itzt ihr Leben Unsrer Tugend vertraun, zerbricht durch uns der Tyrannen Eisernes Joch, und sendet durch uns den himmlischen Frieden, Daß er auf tausend Geschlechter, durch Längen von goldenen Zeiten, Segnend die ganze Fülle der irdischen Seligkeit gieße! Glückliche Tage, mit Freuden, die niemals welken, umkränzet, Warten auf uns! – O dann, dann, meine Brüder, wird's süß sein, Sich der vergangnen Arbeit, der durchgekämpften Gefahren, Wieder von fern zu erinnern, und sich am innern Bewußtsein Seiner Taten zu weiden! Die schöne Tugend bedarf nicht Fremder Reize, die Seelen mit unaussprechlicher Liebe Zu entzünden; ihr fühlt es, wie ich, sie belohnet sich selber. Dennoch ergetzt sie sich auch am Beifall der Edeln und Guten. Lieblich schallet das Lob, das schöne Taten begleitet, In die Seele, die sich des Lobes wert zu sein zeuget; Dann erhebt sie, von ihrer gefühlten Würde beflügelt, Über die ersten Versuche sich weg, und ringet wetteifernd Mit sich selber, und steigt von einer Größe zur andern. O was fühl ich in mir, da mein befriedigtes Auge Euch überschaut, euch alle von Einer Seele begeistert, Freunde der Tugend, in dieser weit glänzenden großen Versammlung Keinen, dem nicht im glühenden Busen ein männliches Herz schlägt! Ja, ich bin stolz, euch Freunde zu nennen, Gehülfen des großen Ehrenvollen Entwurfs, den mir ein göttlicher Engel In die Seele gelegt. Doch diese glorreiche Aussicht Liegt noch dämmernd vor euch, mit Ungewißheit umnebelt, Wie sich Gebirge von fern im blauen Dufte verlieren. Der die Schickungen lenkt, hat weislich die Szenen der Zukunft Vor uns verhüllt. Sie würden uns, zög er den Vorhang zurücke, Bald mit Übermut schwellen, und bald zu Zagheit entnerven. Uns ist im engen Kreise der gegenwärtigen Stunde Unsre Arbeit vom Himmel bestimmt. Uns, Freunde, gebührt es, Daß wir, für den Erfolg (das Werk unsichtbarer Hände) Unbesorgt, selbst den Weg zur bessern Zukunft uns öffnen.« Also sagt er, und schaut mit triumphierenden Blicken Über sie hin. So sieht ein grauer würdiger Alter Über ein edles Geschlecht, das mit dem zärtlichen Namen, Vater, ihn grüßt, und itzt zu seinem Segen sich dränget; Söhne mit Ruhm und Verdiensten umkränzt, die Erben der Lorbeern, Die sein Vaterland einst um seine Scheitel gewunden; Sittsame Töchter, geschmückt mit jeder weiblichen Tugend, Und ein blühendes Volk von Enkeln, die Hoffnung der Nachwelt; Lächelnd, mit unverdunkeltem Auge, mit segnenden Blicken Ruht er auf ihnen, dann hüpft ihm sein Herz im Busen voll Freude Jugendlich auf, und hält sich an Glück den Unsterblichen ähnlich. Itzt trat aus der Versammlung der erste der persischen Edeln, Artabanus , hervor. »O Cyrus«, so ruft er, »wie stolz macht Deine Perser die Ehre, vor andern, du größter der Helden, Näher verwandt dir zu sein! Das Vaterland, welches sich deiner Rühmet, ist unser; die Schule, die dich zur Tugend gebildet, Bildet' auch uns; wir liefen mit dir die Rennbahn der Ehre, Eiferten deinem geflügelten Lauf mit kürzeren Schritten Unverwandt nach, und jeder entbrannte von kühnem Verlangen, Dir der nächste zu sein. Du kennest uns, Feldherr! Wir wurden Frühe gelehrt, durch Handeln zu reden. Vom Morgen der Jahre Wurden wir, früh der Wollust entwöhnt, durch stehlende Übung, Durch Enthaltung und Zucht zur männlichen Stärke der Seelen Und des Leibes geformt. Das Ziel, nach welchem wir ringen, Ist, die Kürze des Lebens mit unvergänglichen Taten, Und mit dem schönsten Tod ein schönes Leben zu krönen. Führ uns, wohin Oromasdes dich führt, o Cyrus, wir folgen!« Also sagt er. Dann spricht Teribazus , der Führer der Meder: »Laß den heutigen Tag vor deinen Augen uns richten, Ob wir es würdig sind, in dieser Gesellschaft von Helden Dich zu begleiten? Auch wir gehören dem Cyrus; die Liebe, Deine Verdienste, drei Jahr in deiner Aufsicht verlebet, Machten dich längst zum ersten, zum unbeschränkten Beherrscher Unsrer Herzen. Auch uns erhebt dein glänzendes Beispiel Über uns selbst. Hier, Cyrus, auf diesem Schauplatz der Ehre Alle begeistert ein gleicher Entschluß! – hier wollen wir siegen, Oder in Wunden für dich die dankbare Seele verhauchen.« Unter Armeniens Jugend an Mut und Würde der erste, Eilt itzt der schöne Tigranes hervor. Sein Auge voll Seele Hängt an Cyrus, schon streckt er, entzückt von Liebe, den Arm aus, Ihn zu umfangen; doch plötzlich enthält er aus Ehrfurcht sich wieder, Und ein glühendes Rot färbt seine sittsamen Wangen. Itzt ergeußt sich sein Herz in diese feurigen Worte: »Göttlicher Freund, wie wallt mir mein Herz von erhabenem Stolze, Mich vor dieser erhabnen Versammlung der Ehre zu rühmen, Daß du mich liebst – der größern Ehre (ist anders noch eine Größer), daß die Natur mein Herz so fühlend erschaffen, Dich zu bewundern! O Cyrus, seitdem mein seliges Schicksal Dir zum Gefährten mich gab, seitdem erst fühl ich mich selber. Ohne dich wäre mein Leben in trägen weiblichen Freuden Ruhmlos vorüber gewelkt. Du lehrtest die Gottheit mich ehren, Die im Busen uns schlägt, und, üppiger Ruhe gehässig, Sich durch edle Versuche das Land der Götter eröffnet. O wie entzückt mich der süße Gedanke, wie reißt er allmächtig Meine Begierden dahin, mit Dir unsterblich zu werden! Cyrus, mit dir auf den Lippen der späten Nachwelt zu schweben! Dann, wenn andre wie Träum in dunkles Vergessen zerfließen, Durch mein Beispiel die Sterblichen noch zur Tugend zu reizen! Blendende Aussicht, vor dir, der Hoffnungen schönste, verlischet Jeder schwächere Reiz! Du hast dem Schoße der Wollust Mich entrissen, der süßen Umarmung der liebenden Gattin Die mein Leben beglückte, dem Anblick des lächelnden Säuglings, Der noch mit zarten Lippen, wie junge Zephyrn um Rosen, Ihren Busen umscherzt; du hast mich dem besten der Väter, Allem, was mir am teuersten war, der Liebe, der Freude Willig entrissen! – Denn itzt hat eine stärkere Liebe Meine Seele bezwungen; ein reineres Feuer durchwallet Meine Adern: mit Dir, du göttlichster unter den Helden, Taten zu tun, den Tod in schönen Gefahren zu suchen, Durch dein Lächeln belohnt, das nennt Tigranes itzt Wonne.« Also ergoß sich sein feuriger Geist, von der Schönheit der Tugend Mächtig entzückt. Mit brüderlich zärtlichen Blicken voll Liebe Geht ihm Cyrus entgegen, umarmt ihn, und nennt ihn vor allen Seinen Bruder und Freund; dann ruft er voll freudiger Ahnung: »Heil mir! Ich sehe den Sieg in euerm Anblick, ihr Helden! Ja, so waren sie einst, die itzt in den himmlischen Sphären Bei den Unsterblichen sind; sie, deren göttliche Taten In den Gesängen der Weisen uns reizen, die Helden der Vorwelt! So schlug Großmut, und feurige Tugend, und Liebe zum Nachruhm, Und die erhabnere Liebe, die alle Menschen umfasset, Mächtig in ihrer Brust! Itzt leben sie unter den Göttern, Und bei den Sterblichen wird ihr frommes Gedächtnis nie sterben.« Also sagt er, und geht, an Würde den Himmlischen ähnlich, Durch die Versammlung umher; er ruft die einen beim Namen, Nimmt von andern die Hand, und spricht vertraulich mit allen, Reizt sie durch Lob noch mehr zu verdienen. Wohin er sich wendet, Hört er lispelnde Stimmen der Lieb und der leisen Bewundrung Segnend ihm folgen. Und nun entläßt er die Führer. Sie eilen Jeder zu seiner Schar, und hauchen die Seele des Krieges Unter die Männer; sie blitzt aus einem Auge zum andern Sympathetisch! Itzt deucht es sie schön fürs Vaterland sterben; Schön, mit Staub und Blut und rühmlichen Wunden bedecket, Hohe Trophäen von feindlicher Beute dem Siegesgott weihen! Also beseelt erwarten sie sehnlich das Zeichen zum Aufbruch. Unterdes hatten beim Aufgang des Lichts die persischen Weisen Einen Altar aus Rasen von pyramidischer Bildung Aufgetürmet, und hoch mit Reisern von Laurus und Myrten Und mit sabäischem Weihrauch bedeckt, das heilige Feuer Anzuzünden, und mit dem Geruch des festlichen Opfers Ihre Gebete gen Himmel zu senden. Der göttliche Zerdust Hatte noch nicht aus seiner prophetischen einsamen Grotte Ihnen Gesetze gegeben; das mystische Feuer des Mithras Brannte noch nicht auf dem ewigen Herde des magischen Tempels In der geheiligten Stadt. Noch kannten sie keine Gesetze Als die festlichen Sitten, von ihren Vätern geerbet, Daß sie die Sonne, das sichtbare Bild der unsichtbaren Gottheit, Jeden Morgen mit Hymnen und Wolken von Weihrauch verehrten. Alles erwartet das Opfer. Die Helme mit Laurus umkränzet, Stand das gerüstete Heer (so hatt es Cyrus befohlen) Und umschloß den Altar. In der Mitte des feiernden Kreises Stand der Altar, von Priestern umringt, bei ihnen der Feldherr Und die nächsten nach ihm. Itzt brannte das Opfer. Laut schallend Stieg mit dem süßen Geruch der Gesang der Weisen gen Himmel: »Sei uns gegrüßt, unsterbliche Quelle des goldenen Lichtes, Göttlicher Mithras! Und ihr, die flammend vor ihm einherziehn, Engel des Todes, ihr strengen Vollzieher des hohen Gerichtes, Eilet herauf, zur Rache gesandt! Hier stehn wir und weihen Feirlich vor deinem Antlitz, o Mithras, der Sache der Tugend Unser Leben! O schau mit milden freundlichen Blicken Auf uns herab, vom ätherischen Thron, ein heiliger Zeuge, Daß wir für unser väterlich Land, für Freiheit und Ehre Unsre Seelen nicht sparen. Geuß sanfte balsamische Strahlen Auf die Wunden der Männer, die rühmlich ihr Leben verschwenden! Aber den Feinden des Rechts, den Unterdrückern der Menschen, Zeige dich ihnen mit Schrecken umhüllt! Dein Sonnenglanz werde Siebenfältige Nacht um ihre Augen, und jeder Deiner Strahlen zum Blitz, der ihre Häupter zerschmettre! Und Du, dessen verborgenen Namen kein Endlicher nennet, Den kein Engel je sah, den deine Geschaffnen von ferne Schauernd nur ahnen, mit heiligen Schauern der ernsten Entzückung; Ja! wir fühlen dich, Schöpfer des Guten. Allgegenwärtig Gießest du Schönheit und Wonn und Licht und lächelnde Freude Durchs Unendliche aus. Du hauchtest die Geister ins Leben Glücklich zu sein! Du schufst die Welten zu heiligen Tempeln, Die du mit deinen Wundern erfüllst. Den reineren Wesen Gabst du die Sterne, dem Menschen die Erde. Nur Gutes, nur Wonne Fließet aus dir. O gib den goldnen seligen Tagen Flügel der Engel, den Tagen, wornach die Erde sich sehnet, Die den unsterblichen Frieden, den Sohn der Liebe, vom Himmel Zu uns herab, begleitet von jeder Seligkeit, bringen! Laß sie eilen, die Zeit, da deine Schöpfung, der Spiegel Deiner Güte, durchs Feuer von allen Flecken gereinigt, Neu erschaffen, unsterblich, in göttlicher Schönheit hervorgeht. Da der unbändige Krieg, in diamantene Ketten Ewig verstrickt, mit knirschendem Zahn und flammenden Augen, Ewig umsonst, die selige Ruh der Schöpfung bedräuet. Dann, o Ewiger, dann wird aus den unendlichen Räumen, Die du mit Seligkeit füllst, aus tausend harmonischen Welten, Und von allen Geschlechtern der Geister, von allem was lebet, Dank und Jubel dein göttliches Ohr unaufhörlich umschallen.« Also ertönte der Weisen Gesang, von Andacht beflügelt, Durch die azurne Luft. Und Mithras (so schien es den Männern) Bückte sich über den Wagen, von flammenden Rossen gezogen, Lächelnd herab, und strahlt' in siegweissagender Klarheit Ihnen entgegen. Ein Schauer des gegenwärtigen Gottes Faßt sie; ihr Herz, von heiliger Furcht der Gottheit durchdrungen, Fürchtet sonst nichts, und schwillt von nie gefühlten Gedanken. Nun erlosch allmählich die heilige Flamme. Die Weisen Traten zurück. Sogleich, vom Winke des Feldherrn beherrschet, Fügen die Scharen sich wieder in kriegrische Ordnung zusammen. Und ein glänzender Schwarm der edelsten Jünglinge sammelt Sich um Cyrus. Er hebt sich in majestätischer Schönheit Über sie alle. So glänzet der Mond am nächtlichten Himmel Unter den Sternen. Ein Kranz von Lorbeern, mit Rosen durchflochten, Schlingt sich um seinen ehernen Helm. Sein feuriges Schlachtroß Freut sich der edeln Last; es wirft den Schwanenhals schüttelnd Hoch in die Luft, und schießt aus feurig rollenden Augen Adlersblicke, und stampft mit tanzenden Füßen den Boden. Fliegend trägt es den Fürsten, von seinen Edeln begleitet, An die Spitze des Heers. Armeniens flüchtige Rosse Eilen voran; dann folgen, zu beiden Seiten geordnet, Mediens Flügel, und zwischen den Flügeln der persische Phalanx, Von den chaldäischen Scharen bedeckt. Mit freudigen Schritten Ziehn sie daher. So eilet ein Trupp von blühenden Hirten Hüpfend zum festlichen Tanz, wenn auf den Auen der Frühling Jugendlich scherzt, von Freuden und Liebesgöttern umflattert, Alle rosenbekränzt; sie fliegen mit schlüpfenden Tritten Über die Blumen, es winkt ein Chor von lieblichen Mädchen Gegen über, den Grazien gleich mit den Armen verschlungen. Also eilen sie freudig einher. Ein lautes Gemurmel Rauschet durchs Heer, wie wenn mit sausenden Schwingen ein Südwind Über den Tannenwald rauscht. Sie rufen einer dem andern Laut Ermuntrungen zu, und scherzen, des Sieges versichert, Über den Feind, der fern, durchs weite Gefilde verbreitet, Ihnen entgegen glänzt, und bebend den Angriff erwartet. Vierter Gesang                   Nenne mir itzt, Xenophontische Muse, die Menge der Völker, Mannigfaltig an Sprach und Gestalt, an Sitten und Waffen, Die, aus entlegnen Zonen der Erde vom herrschenden Winke Babels gerufen, sich neben einander zu sehen erstaunten: Nenne sie, melde die Sitten der Männer, dann gib sie, o Göttin, Ihrem Schicksal! – Erhöht auf dem elfenbeinernen Wagen Sitzt der Tyrann, die bunten unzählbaren Scharen zu schauen, Wie sie vor seinem Aug in sklavischer Stille vorbei ziehn. Aus den beblümten Gefilden, durch die der Tigris sich wälzet, Kamen zuerst die Assyrer . Ein leichter beflügelter Wurfspieß Schimmert in jeder schwingenden Hand, ein stählerner Köcher Tönt auf der Schulter, ein farbiger Schild beschützet die Linke. Einst ein mächtiges Volk, das seine gefürchteten Waffen Bis zum Ganges oft trug; itzt kaum die Schatten von ihren Kriegrischen Ahnen, die einst mit Ninus die Hälfte der Erde Unter Trophäen verbargen. – Die Scharen, die Babylon sandte, Folgen, von Intafernes geführt. In den Künsten des Krieges Fremdlinge, besser geübt am frohen Trinkfest zu siegen, Und im mäandrischen Tanz das weibliche Lob zu erringen. Jeder regiert ein parthisches Roß, mit Purpur bedecket Und mit starrendem Gold; auf jedem vergoldeten Helme, Der die gekräuselten Locken, von Salben triefend, umfasset, Schwimmt ein purpurner Busch; ein Rock von ägyptischem Byssus, Bunt mit der malenden Nadel gestickt, umflattert leicht wallend Ihre Schultern: so ziehn sie, auf ihre weit schimmernde Rüstung Weibisch eitel, daher, und zeigen den Feinden die Beute. Leicht, mit dem runden Schild und der schwachen Lanze bewaffnet, Ziehen die Syrer , ein schüchternes Volk, zu Künsten des Friedens Von der Natur bestimmt. Sie wohnen in Libanons Schatten, In den bezauberten Hainen von Daphne, und unter den Rosen Von Damaskus; in Gegenden, wo der Herbst mit dem Lenzen Brüderlich herrscht. Dort glänzen die Blumen in höherem Schmelze, Ewig grünen die Hügel von Myrten, dort kühlen nur Weste Säuselnd die üppige Luft, und hauchen die Seele der Wollust Durch die Natur in Menschen und Tiere. – Zu ihnen gesellen Sich die Araber , geübt den eisernen Wagen zu lenken, Oder vom Rücken des schnellen Kamels den Bogen zu spannen, Oder ums Haupt die Schleuder zu schwingen. Sie wohnen in Zelten, Weit durch Wüsten zerstreut, wo keine Quelle durch Blumen Rieselt, in felsigen Klippen, die, unzugangbar, den Nachbarn Ihre Räuber verbergen. – Mit ihnen strömen die Horden, Welche die blühende Küste des persischen Meeres bewohnen; Mild, wie ihr Himmel, verbreiten sie sich an den Myrrhengebirgen Und den umduftenden Hainen von Saba, durch lachende Fluren; Friedsame Hirten, im Schoß der Natur zur Einfalt erzogen, Ungebildet, gesetzlos und fremd in den Künsten des Witzes, Hatte sie Neriglissor dem ländlichen Frieden entzogen, Daß sie den persischen Speer mit ihrem Blute befleckten. Fern von den Ufern des Ochus , der unter Gewölben von Eichen Dunkel entfließt, wo Schwärme von Bienen den Nektar ergießen, Den sie dem Frühling entwandt, aus überfließenden Auen, Wo die Natur verschwendrisch dem Fleiße der Menschen zuvoreilt, Kam die hyrkanische Schar, unwillig den ruhigen Hütten Ihrer Väter entrissen. Noch blitzt in den Augen der Männer Dunkler verschwiegener Grimm, der neuen Knechtschaft gehässig, Welche sie Neriglissor gelehrt. Der mutige Sarkan Führt sie, der letzte Sprößling des alten vergötterten Stammes Ihrer Fürsten. Tief naget der Schmerz an der Seele des Jünglings, Die sich empört, die Fesseln des Überwinders zu tragen; Traurig geht er mit Wangen voll Scham und sinkenden Blicken, Aber sein männliches Herz pocht Rache. – Kadusiens Söhne Kommen mit ihm, aus den kalten Gebirgen des grauen Niphates , Wo die rohe Natur die unverzärtelten Leiber Nerviger bildet, und stark und freiheitatmend die Seelen. Dennoch gelang's dem Bezwinger der Völker, sie, gleich den Hyrkanern, Dienstbar zu machen: er würgte die edlere Hälfte des Volkes, Daß er die andre beherrschte. Die Herzen durch Liebe zu fesseln Unbesorgt, hielt sich der Tor des Leibes Meister. Der Ausgang Strafte die Torheit. – Dann ziehen die baktrischen Haufen, in Felle Fleckiger Tiger gehüllt, die Zähne und Klauen vergoldet. Frei geboren verließen die Wilden den fruchtbaren Boden, Den der Jaxart bespült, wo die fetten Auen vergebens Ihre Bewohner zum Bauen einladen. Nach skythischer Sitte Nährt sie der Raub und die Jagd, unkundig der sanfteren Künste, Welche das Leben zugleich mit den Sitten der Menschen verschönern. Ihnen rauschen die rauhen Gandarer , der Dadiker Scharen, Und die Korasmier nach; unbändige skythische Horden, Alle geübt mit sennigem Arme die eiserne Keule Mächtig zu schwingen, gewohnt in der tiefen Wüste den Löwen Oder den Pardel zu suchen, und unter der zottigen Beute Ihre Brust zu verbergen. Sie lockt die räubrische Mordlust Und der Gewinn von fern aus ihren Gebirgen, den Fahnen Neriglissors zu folgen. – Die Myriaden Ägyptens Kommen nunmehr, von den Ufern des Nils, dem Lande der Wunder. Itzt noch betrachtet mit heiligem Schauer der Fremde die alten Unvergänglichen Werke, und glaubt in der ersten Entzückung, Werke der Götter zu sehn. Lang füllte der Ruhm von Ägypten Alle Zonen der Erde. Freigebig verpflanzt' es den Reichtum Seiner Künste in Gräciens Boden; der Weise von Kreta Holt' im Tempel der Sonne das Urbild der heil'gen Gesetze, Die ihm das Richteramt im Reiche der Schatten erwarben. Lang war Ägypten die Mutter der Helden, der Musen und Künste Säugerin. Aber nicht länger! Ihr Glück verschwand mit der Einfalt Ihrer Sitten. Die Lorbeern der Ahnen, in besseren Zeiten Mit Sesostris erkämpft, verdorrten am wertlosen Haupte Üppiger Enkel. Unfähig, ihr väterlich Erbe zu schützen, Schmiegten sie sich ins Joch der Könige Babels. Itzt fordert Neriglissor, zum Dienst des menschenfeindlichen Stolzes, Ihren unmächtigen Arm. Zwar ziehn sie in stählerner Rüstung Schimmernd einher, mit Speeren und langen Schilden beladen; Aber die Seele, die einst in ihren würdigen Vätern Wallte, begeistert nicht mehr die ausgearteten Söhne. Endlich erscheinen, von Krösus gesandt, die lydischen Scharen, Zart von Gefühl, mit feinem Geschmack in den Künsten des Witzes Und der Wollust begabt. Sie verließen den üppigen Tmolus , Wo der reiche Paktol durch Traubengeländer sich schlängelt, Und den Kayster , von Schwanen bewohnt, und die reizenden Ufer, Welche die goldene Welle des sanften Hermus benetzet. Ihnen folget ein buntes Gemeng asiatischer Völker, Alle dem Lydier zinsbar; unzählbare nackte Barbaren, Einzig die Flucht zu vergrößern geschickt. Die Muse verschmähet Ihre unrühmlichen Namen. – Die kappadocischen Haufen Machen den Schluß des gewaltigen Zugs; vom waldigen Taurus Bis zum Euxin verstreut, ein Volk von knechtischer Seele, Blinde Verehrer des Throns, vom unbedingten Gehorsam Unter die Würde des Menschen hinab erniedrigt; zu blöde, Nur an weisen Monarchen der Gottheit Bild zu erkennen. Aribeus , der zinsbaren Fürsten des Lydiers einer, Führt sie, ein törichter Jüngling, im Schoße der Weiber gebildet, Und von Schmeichlern beherrscht. Gewöhnt, die Größe der Fürsten Nach dem Schimmer zu messen, womit sie den Pöbel betäuben, Äfft er mit eitelm Bemühn der Pracht des sardischen Königs Lächerlich nach, und schämt sich, an Glanz und üppigem Aufwand Übertroffen zu sein. Der kriegrische Klang der Trompete Weckte den Üppigen auf. Er hüllt die duftenden Locken In den goldenen Helm, vertraut dem schuppigen Panzer Seine verzärtelte Brust, und eilt, die Rennbahn der Ehre Mit den Assyrern zu laufen. Schon träumt er glänzende Siege, Neue Kronen, und Macht und Unabhängigkeit schmeicheln Seinem weibischen Stolz, schon zieht er, zu früh, im Triumphe; Aber sein Dämon lacht der unprophetischen Träume. Solch ein Gewimmel von Menschen, und Völkerschaften, und Waffen, Füllt' unabsehbar verbreitet die Ebnen zwischen Arbela Und dem Gebirg. Ein ungeheurer gigantischer Körper, Ungeschmeidig in jeder Bewegung, aus wilden Barbaren, Üppigen Völkern, unwilligen Sklaven und friedsamen Hirten Unharmonisch zusammen gefügt; ein Pöbel in Waffen! Keiner Ordnung gehorsam, in jeder kriegrischen Übung Ungeübt, wußten sie nicht, mit rascher Wendung in Haufen Sich zu verteilen, dann schnell sich wieder zusammen zu fügen, Nicht mit der Macht von tausend vereinigten Armen zu wirken, Nicht den erwarteten Blick des Führers schnell zu vollziehen; Itzt, wie ein Schwarm von Bienen, sich dicht zusammen zu schmiegen, Itzt mit langsamem Takt, und itzt mit geflügelten Schritten Sich zu bewegen, doch stets als ob die Menge von Leibern Eine Seele nur rege. Wie ungleich dem persischen Phalanx, Cyrus, von dir in den Künsten geübt, mit welchen der Römer Später die Erde bezwang! – Welch ein fanatischer Unsinn, Welche Furien spornten die Feigen zum Streite mit Helden? Eines Einzigen Stolz. Ihn zu besänftigen fallen Alle die Opfer! O blinde, der Zukunft unwissende Seelen! Dich, Tyrann, dich treibt dein Verhängnis! Die Furien reißen Dich unsichtbar dahin, wo deine Strafe dir wartet. Zwar, sie werden auch fallen, die jetzt in dummer Betäubung Ihren Erretter verkennen, nicht für ihr väterlich Erbe, Nicht für Freiheit, für Ketten und Elend ihr Leben verschwenden; Aber dein strömendes Blut wird ihre Schatten versöhnen! Nunmehr hatte Gadates mit schwerer Bemühung die Völker Angeordnet, drei Heere von unabsehbarer Länge – Erst die flüchtigen Scharen des leicht bewaffneten Fußvolks, Alle mit Reitern vermengt; dann mit den Hyrkanern die Baktrer Und die Assyrer, bedeckt von hundert gesicherten Wagen, Jeder mit Streitern belastet. Die Myriaden Ägyptens Stehen in schwerer Rüstung zuletzt. Von stolzer Entzückung Schwillt der Tyrann, indem er herab von der schimmernden Höhe Seines Wagens die Längen des dreifachen Heeres umschauet; Zahlreich genug, so denkt er, zwei Erden in Flammen zu setzen. Mutvoll wirft er alsdann auf die ferne Schlachtordnung des Cyrus Einen spottenden Blick. Sie naht sich, kleiner zu scheinen, Dicht ins Gevierte zusammen gedrängt. Die Assyrer erblicken Frecher den unbeträchtlichen Feind, und wagen es wieder, Seiner zu spotten. Die Blöden, die kürzlich der Name des Helden Halb entseelte, atmen itzt wieder mit freieren Zügen, Beben nicht mehr, und lachen nun selbst, vom Auge getäuschet, Ihrer vergeblichen Furcht. Indes durchreitet Gadates Mutig, mit heiterm entschloßnem Gesicht, die Längen der Reihen, Gibt den Führern Befehl, und erhitzt die Streiter zum Siege. Nunmehr kommen die Perser dem wartenden Feinde so nahe, Daß nur dreimal der Raum, den ein Pfeil vom Bogen durcheilet, Beide Heere noch trennt. Schnell hemmt die Stimme des Cyrus Ihren harmonischen Schritt. Sie stehn. Ein heiliges Schweigen Bindet das lauschende Heer, des Göttlichen Rede zu hören: »Itzt, ihr Männer, erhebet den Mut! Itzt denkt mit Entzückung Euer väterlich Land! Itzt ruft die liebende Gattin, Und das stammelnde Kind, und den alten würdigen Vater, Alle vor eure Stirn! Für sie, ihr Brüder, für alles, Was die Natur uns teurer als selbst das Leben gemacht hat, Stehen wir hier, von der Tugend gesandt, den schönsten der Siege Uns zu ersiegen; wo nicht, den schönsten der Tode zu sterben. Und was sollten wir scheun? Wem schlägt im männlichen Busen Tugend und Ehre, der nicht viel lieber rühmlich zu sterben, Als in Fesseln ein schändliches Leben zu schleppen, erwähle? Goldne Freiheit, du bestes Geschenk der allmächtigen Güte, Inbegriff aller Freuden des Lebens, du Vorrecht der Menschen Und der Götter, dir sollte der Mensch unedel entsagen? Sollte mit dir, mit dem Recht an jede irdische Wonne, Seinem erhabneren Recht an Ewigkeiten entsagen? Frei geboren, im Schoß der strengen Tugend erzogen, Nur der Vernunft zu gehorchen gelehrt und den Trieben der Menschheit, Nur zu den sanften Banden der Lieb und Treue gewöhnet, Sollten wir unsern Nacken vor einem Wütenden beugen, Der ein Säugling einst war, dem sterbliches Blut in den Adern Rinnet, der atmet wie wir? In Fesseln sollten wir zusehn, Wie er trotzig das Erbe von unsern Vätern verwüstet, Unsre Weiber entehrt, und unsre Söhne zu Hütern Seiner Sklavinnen stümmelt? – Wir sollten's sehen und leben? O der bloße Gedank empört die Menschheit! O lieber Laßt uns sterben, den Tod durch Heldentaten verdienen, Und ein unbefleckt Leben aus tausend Wunden ergießen! Heil euch, Brüder! ich seh die große Entschließung in euern Funkelnden Augen! – Doch wisset, nicht uns , den Häuptern der Feinde Schwebt ihr Verhängnis bevor. Der Sieg ist unser; wir gehen Unserm Triumph entgegen. So hat im nächtlichen Traume Mich der Unsterblichen einer belehrt. – Ja, himmlische Mächte, Ihr, ihr schützet die Tugend! Mit euerm still wirkenden Beistand Ist sie allmächtig wie ihr! Wir folgen euch, heilige Führer, Die ihr, dem sterblichen Auge verhüllt, mit schirmenden Flügeln Über uns schwebt! Ihr führt uns den Weg des Sieges; wir folgen.« Also rief er. Die Engel, die stets den Helden umschweben, Tragen den Schall der mächtigen Worte auf säuselnden Schwingen Durch die Reihen des Heers. Der Geist des göttlichen Führers Fasset die Männer, er schwellt mit unbezwingbarer Stärke Jeden gewaltigen Arm, mit triumphierender Hoffnung Jede Seele. Nun winkt der Feldherr. Die Scharen verstehen, Unterrichtet, den Wink. Schnell, wie ein feuriger Blick fleugt, Dehnt vorm Auge des Feinds der dicht geschlossene Phalanx Schrecklich sich aus. So verbreitet, mit Donner und Untergang schwanger, Eine Wolke, die kaum in der Ferne der Wandrer bemerkte, Plötzlich herbei von Stürmen gewälzt, am schauernden Himmel Ihre schreckliche Nacht. Entnervt von bangem Entsetzen Sehn die Assyrer den Haufen, der ihrer betrogenen Augen Kaum so verächtlich erschien, durchs weite Gefilde verbreitet; Glänzende Scharen von ehernen Kriegern, und Haufen von Rittern Zwischen den Scharen. Ein Wald von hohen chaldäischen Speeren Deckt die Stirne des Heers, Armeniens feurigste Jugend Jeden enthüllten Flügel. Sie stehn in kriegrischer Schönheit, Majestätisch im Antlitz des Feindes. So stehet ein Kämpfer Auf dem olympischen Sand, und sucht, mit Augen voll Feuers, Einen, der kühn genug sei, mit ihm die Kräfte zu messen; Einsam steht er, und zeigt im Triumph die fleischigen Schultern Und den sennigen Arm; ihn sieht mit Entsetzen und Wunder Schauernd die Menge. So standen die Perser, so sahn mit Entsetzen Babylons Sklaven sie an. Auf einmal entsinkt den Verzagten Jede Hoffnung des Siegs; sie rollen die dämmernden Augen Schüchtern umher, und ziehen den Fuß zum Fliehen zurücke. Ungesäumt fliegt der persische Held an die Spitze der Scharen Denen Tigranes befiehlt. »Wo sind die Tapfern?« so ruft er; »Folget mir, Brüder!« Er ruft's, und spornt sein wieherndes Schlachtroß Gegen den Feind. Ihm folgen die Scharen. Der Zuruf des Helden Schallet von Munde zu Munde. »Wo sind die Tapfern?« so rufet Einer dem andern. Die leicht bewaffneten Mengen der Feinde Warten den Anfall nicht aus. Sie fliehn in furchtsamem Taumel, Werfen die Waffen zurück, und flattern wie Stoppeln im Sturme Über das Feld, und Todesangst spornt der Schüchternen Füße. Unterdes eilen mit hurtigem Lauf die chaldäischen Reihen, Dicht geschlossen, die Speere gefällt, den Raum zu erfüllen, Welchen die Flucht geöffnet. Ergrimmt, die Araber und Syrer Fliehen zu sehn, befiehlt der Tyrann, die gesicherten Wagen Gegen den Feind zu treiben. Er winkt. Mit blitzendem Donner Stürzen sie über die Ebnen daher. Die rauhen Chaldäer Trotzen dem kommenden Tod, vom eisernen dreifachen Walle Ihrer Speere beschützt. In undurchdringbarer Ordnung Stehen sie, jeder ein Held. Die Führer der tötenden Wagen Sehen's, und ziehn mit bebender Hand die wallenden Zügel Ängstlich zurück. Zu spät; die flammenschnaubenden Rosse Stürzen unbändig dahin. Noch lassen die Söhne Chaldäas Ruhig sie nahen; dann dringen sie schnell mit lautem Gejauchze Unter sie ein, und stoßen zugleich mit eiserner Stärke Jeder den stämmigen Speer in die Brust der wütenden Rosse. Reihenweis stürzen sie nieder, und schnauben, fürchterlich wiehernd, Ströme von dampfendem Blut; verwundet bäumen sich andre Ungestüm auf, entschütteln die Führer den taumelnden Wagen, Stampfen und wiehern und drehn sich im Kreis. Hier sinken die Streiter Zwischen den Rädern hinab, die von geschliffenen Eisen Um und um starren. Dort liegen vom stampfenden Hufe der Rosse Andre gequetscht, und Wagen und Roß und zappelnde Glieder Wälzen sich über einander. Das Heulen der wilden Verzweiflung Spaltet die Luft. Nichts schreckt die erhitzten Sieger. Sie stürmen In das Getümmel, und fühlen im Feuer der blutigen Arbeit Ihre Wunden nicht eher, bis endlich den kraftlosen Armen Plötzlich die Waffen entsinken. Nicht wenige fallen. Ihr Anblick Spornt die Brüder, und schärft die Siegesbegierde mit Rache. Unwiderstehlich dringen sie ein. Die blutenden Rosse Wenden sich um, und rennen gesetzlos, der Führer beraubet, Mitten ins Heer der Assyrer zurück. Verwirrung und Schrecken Zeichnen die Spur der tötenden Räder. Die feindlichen Haufen Trennen sich, zittern und fliehn. Die baktrischen Legionen Stehen allein, und trotzen dem Stoß des medischen Flügels, Den Teribazus führt.                                     Indes verbreitet die Flucht sich Bis zum Herzen des Heers, wo, von Satrapen und Edeln Neriglissor umringt, umsonst Befehle versendet, Denen die Furcht zu gehorchen verbeut. Von der Höhe des Wagens Sieht er das wilde Getümmel, das Würgen, den feurigen Sieger, Und die schimpfliche Flucht. Itzt fühlt er, zum ersten Mal schamrot, Daß er ein Sterblicher ist. Die Gefahr, die Schande bezwingen Seinen monarchischen Stolz. Er springt vom Wagen, und wirft sich Unter die Fliehenden, bittet, verspricht und dräuet und schmeichelt. Er, der kürzlich sich über das Los der Menschheit erhaben Wähnte, der stolze, sieht itzt sein Diadem und sein Leben In der Gewalt des niedrigsten Pöbels. Von ihnen verlassen, Ist er ein nackender Flüchtling, wie einer aus ihnen; sie sind es, Die der Verächter der Götter um seine Rettung itzt anfleht; Glücklich, hätten Worte, die fürstlichen Lippen entfließen, Magische Kräfte, den bebenden Sklaven zum Helden zu zaubern. Aber umsonst verschwendet er itzt die beredenden Künste, Goldne Versprechen umsonst; die taube Todesangst stopfet Ihre Ohren. Die Tugend allein, die Tochter der Freiheit, Zeugt den heroischen Sinn; entadelte knechtische Seelen Streben umsonst dem Leib zu gebieten. Nur wenige Haufen Sammeln sich hinter dem Heer von zehnmal tausend Trabanten, Welches den König umgibt. Verzweifelnd und grimmiger Wut voll Kehrt er zurück, und tritt, entschlossen dem Schicksal zu trotzen, Vor die Stirne des schimmernden Phalanx. In goldenen Waffen Stehen die Krieger, und blenden das Auge der Söhne Chaldäas, Die im Triumphe sich nahn. Ein schwacher Funke von Ehre Glimmt in den Sklaven auf, für ihren König ihr Leben Mutig zu wagen; doch unter der Pracht des schuppigen Panzers Klopft das schüchterne Herz. Pharnuch (er zittert allein nicht) Glänzt in der ersten Reih, und spornt sie mit feurigen Worten Mächtig zum Streit. Mit lautem Geschrei und klappernden Schilden Fallen sie auf die Chaldäer. So stürmen die rasenden Wellen, Wenn der Südwind das Meer aus seinen Tiefen empor wühlt, Gegen den Felsen, der hoch am unbewegten Gestade Ihren Empörungen trotzt. Nicht unbewegter an Mute Beut der Chaldäer die männliche Brust den feindlichen Lanzen Unerschreckt dar. Von neuem entflammt sich der Streit; die Trompete Weckt die kriegrische Wut; das Schwirren der fliegenden Lanzen Und der Schwerter Getön, die blitzend einander durchkreuzen, Mischt sich dem Klang des schmetternden Erzes. Der Boden erzittert Unter dem wilden Tumult. Orontes , das Haupt der Chaldäer, Sinket zuerst, von dir, verwegner Pharnuchus, durchbohret. Prahlerisch setzt der Sieger den Fuß auf den blutigen Nacken Seines Erschlagnen, und ruft: »Ihr seht es, Krieger, sie sind nicht Unverwundbar, sie fallen wie wir vom tödlichen Eisen! Traut es euch selbst nur zu, sie überwinden zu können, Und der Triumph ist unser.« So ruft er, und wirft sich von neuem Mitten unter den Feind. Von seinem Beispiel ergriffen Strömen die Scharen ihm nach, und doppeln die blutigen Streiche Auf die Chaldäer. Nicht ungerochen fallen die Tapfern, Ganz von Wunden durchbohrt, auf Hügel von feindlichen Leichen. Jeder entfliehende Geist geht in den Busen der Brüder Über, und waffnet die rächenden Arme mit doppelter Stärke. Niemals strahltest du, Sonn, auf kühnere Taten! Die Liebe, Rühmlich zu sterben, ergriff die kleine Schar der Chaldäer. Dreimal stürzten sie sich, mit den Schilden zusammen geschlossen, In die Assyrer, und warfen die dichtesten Reihen zu Boden; Dreimal flohen die Feinde. Doch, unerschöpflich an Menge, Setzt Neriglissor stets dem Mute der keichenden Sieger Frische Streiter entgegen. Itzt wären sie, müde vom Siegen Und von Wunden erschöpft, dem Schwall der Menge gewichen, Hätte nicht Cyrus von fern die Gefahr der Helden erblicket. Eilends schickt er Araspes mit tausend medischen Rossen Ihnen zu Hülfe; ihm folgen, geführt vom kühnen Pharnaces, Tausend bepanzerte Perser, mit Schild und Säbel bewaffnet. Schnell, wie der azurnen Luft ein himmlischer Engel zum Schutze Eines Gerechten entsinkt, erscheint Araspes. Ein lautes Siegesgeschrei, der Name des göttlichen Cyrus , verkündigt Ihn den Bedrängten von fern. »Heil euch, ihr Helden«, so ruft er Ihnen entgegen, »ihr habt die Ehre der Tugend behauptet! Ruhet itzt aus! Mich sendet vom rechten Flügel des Heeres, Wo Gadates nur schwach die Gewalt des Siegers noch aufhält, Cyrus, daß ich, erhitzt von euerm strahlenden Beispiel, Was ihr begannet vollende.« So spricht er, und wirft sich voll Feuer In die Assyrer. Der erste, der unter den Streichen des Jünglings Fiel, indem er zu rasch ins wilde Getümmel sich wagte, War Merodach , ein Bruder des Königs; ihm folgten im Tode Datis und Ixabates , und du, der Jünglinge schönster, Die sich dem schmeichelnden Arme der Töchter Babels entwanden, Auch du fielest, Belesis , und deine blumigen Wangen Schützten dich nicht; du sinkst, und befleckst mit blutigem Staube Deinen entpurpurten Mund, und die myrrhenduftenden Locken. Rings um Araspes gedrängt, von edler Eifersucht brennend Würgen die Meder. Es fallen die Feinde, wie unter der Sense Seufzendes Gras. Die Perser, die Intafernes herbei führt, Trennen mit Macht die Reihen des Feinds. Auch stehen Chaldäas Söhne nicht müßig; noch wallet ihr Mut, noch schwingen sie dräuend Ihre bluttriefenden Speer, und glühen, den Sieg zu vollenden. Alle stürmen vereint, vom Geiste des Cyrus gespornet, Auf den assyrischen Phalanx. Er weicht, die schimmernden Reihen Werden zersprengt, der Sieger verdoppelt die rastlosen Streiche. Dunkel umnebelt ihr Auge, die Furcht des Todes verschlinget Alle Gedanken, sie wenden in dummer Betäubung den Rücken. Taub den Bitten der Führer, dem donnernden Ruf des Tyrannen Taub, entfliehn sie, und werfen die goldnen Waffen weit von sich. Einsam steht Neriglissor ; nur seine getreuesten Sklaven Kämpfen noch um ihn her. Mit jedem Augenblick schmelzen Etliche weg. Itzt fühlt er sein Los. Der Engel des Todes Schwingt das flammende Schwert um seine Scheitel. Verzweifelnd Stürzt der Tyrann, an der Stirne der wenigen die ihm getreu sind, Unter die Meder. Sein Schwert, mit siebenfältiger Stärke Von der Verzweiflung geführt, verschafft dem Sterbenden Rache. Aber indem er den Arm auf deine Stirne gezückt hält, Kühner Araspes, durchbohrt zum Tode beflügelt ein Wurfpfeil, Von der geübten Faust des tapfern Pharnaces geschwungen, Seine vergebens umpanzerte Brust. Blutatmend entsinkt er Seinem Wagen, der Boden erklingt von der goldenen Rüstung. Heulend entfliehn die Sklaven, die ihn noch einzeln umgaben, Da sie den Fallenden sehn. Er liegt verlassen im Staube. Dreimal rafft er sich auf und öffnet die sterbenden Augen; Dreimal sinkt er zurück. Die Nacht des Todes umhüllet Seinen erlöschenden Blick, die Quellen des Lebens versiegen, Und mit Seufzen entflieht die zürnende Seele dem Leibe. Fünfter Gesang                   Unterdes hielt mit ermüdetem Arm Gadates den Helden Siegesbegierig noch auf. Im ersten Sturme des Treffens Hatt er den Anschlag gefaßt, mit seinen Mengen die Perser Um und um einzuschließen. Die Söhne des Nils, die Hyrkaner, Und die Kadusier sollten mit ihm die schönste der Taten Rühmlich versuchen, den Krieg mit Einem Streiche zu enden. Aber der Göttliche spähte von fern des assyrischen Führers Stolzen Entwurf; und ruhig und schnell, wie Götter im stillen Wirkend den nahen Erfolg der menschlichen Schlüsse zernichten, Kommt er dem Sichern zuvor. Er schickt mit Armeniens Rossen Seinen Tigranes , die feindlichen Flügel zu trennen: er selber Eilet indes mit den Persern, dem trägern Gegner die Flanke Abzugewinnen. Es fleugt der persische Phalanx. Der Panzer Und der Schwerter Gewicht und die Last des ehernen Schildes Hält die Geübten nicht auf. Dann dreht er mit mächtigem Schwunge Plötzlich sich um, und dehnt im bestürzten Antlitz der Feinde Seine Linien aus. Erbittert, die Hoffnung des Sieges Sich entrissen zu sehn, verdoppelt der kühne Gadates Seinen Eifer. Sein Mut, sein Beispiel, sein feuriger Zuruf Hemmt den Schrecken, der schon die ersten Reihen verwirrte. Auch dich, Sarkan , ergreift die Gewalt der Siegesbegierde, Ob sich dein Herz gleich sträubt, für deinen Tyrannen zu kämpfen. Mutig stellst du dein Heer, die wohl gewachsenen Hyrkaner, Söhne der freien Natur, dem ersten Angriff entgegen. Schnell, mit flüchtigem Schritt und unerschrockenen Blicken, Nahen die Perser, die Brust mit dem runden Schilde bedecket, In der Rechten das Schwert, zu blutigen Werken gezücket. Aber noch ruhn, so befahl es der Held, die tödlichen Waffen In der dräuenden Faust. Auf einmal ergießt sich ein Regen Schwirrender Pfeile den Männern entgegen. Doch immer geschlossen Stürmen sie fort, und lachen der leichten Wunden. Itzt schallet, Cyrus, dein mächtiger Ruf! Sogleich in schrecklichem Anlauf Stürzt sich der Phalanx, die dichten Schilde zusammen gedränget, In die Hyrkaner. So rauscht aus heulenden Wolken ein Sturmwind Auf den Tannenwald zu, und wirft die krachenden Stämme Reihenweis nieder. Itzt hätte die Flucht und der Taumel des Schreckens Schnell, wie in einem entzündeten Haine die wallende Flamme Durch die Gesträuche sich wälzt, die Söhne des Ochus ergriffen, Hätte nicht Sarkan der weichenden Schar und dem folgenden Sieger Mitten im wilden Gedränge sich selbst entgegen geworfen. Wütend, vor seiner Stirn Hyrkaniens edelste Blüte Unter dem persischen Schwert ungerochen fallen zu sehen, Rennt er, die Seelen der Brüder zu rächen, mit wallenden Zügeln Unter den Feind. Sein einzelner Arm, von der feurigen Seele Wie mit Allmacht geschwellt, hält ganze Scharen zurücke. Rastlos blitzet sein Schwert auf ihre Häupter herunter, Schlag auf Schlag. Schon liegen Peucest und der trotzige Smerdis Blutend im Staub; bald fallen Argast und Atys und Zedar , Würdige Brüder, die blühenden Söhne des grauen Argantes ; Jeder, indem er voll Edelmut sich dem Bruder zum Schilde Vorwirft, der eignen Gefahr und der strömenden Wunden vergessend! Um sie wird der untröstbare Greis die silbernen Haare Raufen, und jeden Morgen und jeden traurigen Abend Einsam mit jammernden Tränen den leeren Aschenkrug netzen. Aber itzt naht sich dem kühnen Hyrkaner ein stärkerer Gegner, Arasambes , der schönste nach Cyrus von Persiens Söhnen, Und von Cyrus geliebt. Ihm hatten die Grazien alle, Als ihn die Mutter gebar, gelächelt, die schönste der Musen Selbst die nektarne Brust ihm unter Lorbeern gereichet. Früh entflog Arasambes den leichten Freuden der Jugend, Weisheit im Schoß der Natur, und in den Taten der Helden Dich, o göttliche Tugend, zu suchen. Oft hörten die Haine Und der entzückte Hirt, und das rosenwangige Mädchen, Unten im blumigen Tal bei ihren Schafen gelagert, Wenn er vom Gipfel des Felsen, im morgenrötlichen Schimmer, Seinen erhabnen Gesang aus silbernen Saiten beseelte. Mit den sanftern Künsten der keuschen Musen verband er Jede kriegrische Tugend. Ihm pflegte Cyrus zu rufen, Wenn die Zeit den Behenden, den Klugen, den Tapfern verlangte. Dieser war's, der sich den siegenden Arm des Hyrkaners Aufzuhalten getraut'. In silbernen spiegelnden Waffen Tritt er ihm kühn entgegen. Sie schauen schweigend einander Mit Bewunderung an, und jeder wünscht sich den Gegner Lieber zum Freund. Doch fordert die Pflicht itzt andre Gedanken. Hartes Geschick! Die Tugend, die ihren verschwisterten Seelen Liebe gebeut, befeuert sie selbst zu feindlichen Taten. Ungesäumt rüsten sie sich, den edeln Kampf zu beginnen. Jeder umfaßt den Schild, und hebt zu tödlichen Streichen Hoch den schimmernden Stahl. So laufen sie gegen einander. Unter der Kämpfenden Fuß ertönt die Erde, die Schilde Stoßen zusammen, die mächtigen Hiebe durchkreuzen sich klappernd, Prallen vom Schilde zurück, und glitschen am schlüpfrigen Helme Fruchtlos herab. Dir, Sarkan, gelingt's, den persischen Jüngling, Da er zu feurig dich preßt, zuerst an der wächsernen Schulter Leicht zu verwunden. Erhitzt vom Anblick des sprudelnden Blutes Das vom Arme herab ihm rieselt, rafft Arasambes Jede zerstreute Kraft zu Einem Streiche zusammen, Den er dem Haupt des Hyrkaners bestimmt. Doch, Sarkan, dein Schutzgeist Wacht, zur Seite dir schwebend, den mördrischen Schlag zu verhindern. Eh noch das persische Schwert den Helm des Hyrkaners berühret, Wirft sich, für beider Leben besorgt, ein Haufen von Streitern Zwischen die Helden. Sie zürnen umsonst, die Wellen des Krieges Reißen sie stürmisch hinweg, und öffnen dem Mute der Kämpfer Andre Szenen zum Sieg.                                         Dort, wo der göttliche Perser Mit Gadates noch ringt, enthüllt sich die blutigste. Sarkan Eilet dahin, den Bedrängten zu Hülfe. Die Tapfern verschwenden Fruchtlos ihr Blut, das besser die Sache der Freiheit zu schützen Angewandt wäre; sie toben umsonst dem Helden entgegen, Den der Himmel beschützt, für den die Unsterblichen streiten! Alles weicht der unsichtbaren Macht. Sein furchtbares Schwert blitzt Tod und Verderben umher. – Doch, Muse, ziehe den Vorhang Über die blutigen Taten! Verhülle den Todesengel, Dessen rächenden Arm die strenge Gerechtigkeit führet. Oder bezwingt dich der Reiz, den Unerschrocknen zu sehen, Wie er mit ruhigem Blick die Blitze des Donnerers schleudert, Wie er, mitten im Sturm, des Heeres Bewegungen lenket, Alles umschaut und alles besorgt und alles beseelet: Göttin, so laß den Augen, die voll entzückter Bewundrung Deinen Liebling beschaun, mitleidige Tränen entfallen; Tränen, daß den Gerechten, den liebenden Bruder der Menschen, Wider sein Herz die eiserne Not zum Würgen gezwungen! Doch nicht dann nur allein, wenn sein wohltätiges Lächeln Wonne den Völkern verheißt, auch wenn er zürnet und tötet, Ist er des Ewigen Bild. Dich selbst, o Vater der Wesen, Geber der Freude, die sich aus deiner unendlichen Fülle Durch die Welten umher zu allen Erschaffnen ergießet, Dich selbst nötigt die Wut der Störer deiner Gesetze, Wenn sie das Zögern der Strafe zu neuen Empörungen anreizt, Oftmals von der entheiligten Erde dein Antlitz zu wenden. Dann erblasset der Tag, dann beben die Pfeiler der Erde Und die Inseln des Meers, dann schwellen die siegenden Wogen Über die Ufer empor, die berstenden Felsen zerschmelzen, Flammend tut sich der Acheron auf, und sündige Städte Taumeln mit ihren Bewohnern hinab. Die goldnen Paläste, Wo mit der Wollust der Geiz und die unersättliche Raubsucht Wohnten, die marmornen Tempel, wo vor vergötterten Lastern Seiner Priester ein schwärmendes Volk im Staube sich wälzte, Stürzen krachend hinab. Das Heulen der Todesangst winselt Aus den Ruinen herauf. Umsonst, der zürnende Himmel Höret sie nicht! Vergeblich entfliehn die nackenden Scharen, Bleichen Gespenstern gleich, dem tausendfältigen Tode, Der sie von allen Seiten umstürmt, in wütenden Flammen Lodert, in Wassern braust, und aus den Wolken herab stürzt. Schon wich alles dem persischen Sieger. Die Scharen von Babel Waren zertrennt, und deckten in blutigen Schichten den Boden: Als das Geschrei vom Tode des Königs gegen die Seite, Wo Gadates noch stritt, sich wälzte. Die schreckende Nachricht Eilet von Mund zu Mund, verkündigt den Sieger Araspes, Und des Tyrannen Fall, und die Niederlage der Baktrer. Plötzlich entsinkt den Männern der Mut; das Schicksal des Königs Und der Hälfte des Heers verkündigt ihnen ihr eignes. Alle fliehen. Vergebens bemüht sich Gadates, mit Ordnung Sie zurücke zu ziehn; die taumelnde taube Bestürzung Höret den Führer nicht mehr. Auf blutbezeichneten Wegen Fliehn sie, verstreut, wie der Zufall sie treibt, zum bebenden Lager. Aber nicht minder vom Sieg, als jene vom Schrecken beflügelt, – Setzt Teribazus den Fliehenden nach. Armeniens Rosse, Leicht geschenkelt wie die, die, von Frühlingswinden empfangen, Thraciens lüftige Höhn mit ihrem Wiehern erfüllen, Rennen wetteifernd den medischen vor. Selbst Persiens Söhne Folgen dem reißenden Schwall, wiewohl des Panzers und Schildes Eherne Last sie hemmt. Nur Cyrus bleibet noch einsam Auf dem Schauplatz des Todes zurück. Mit trauernden Blicken Sieht er sich um und seufzt, und stille Tränen, von Engeln Aufgefasset, entschleichen den braunen Wangen des Siegers. Schauernd, mit bleicher Stirn, von der der Heldenschweiß träufelt, Steht er und schaut umher, vergißt des Sieges und jammert In sich selber verhüllt. Itzt wollten in heiligem Zorne Seine Lippen sich öffnen, dem Ungerechten zu fluchen, Dessen versöhnendes Blut itzt mit dem Blute der Opfer Seines unseligen Stolzes sich mischte. Doch faßt' er sich plötzlich Wieder, und schwieg, und sah mit tiefen Blicken gen Himmel Und mit gefaltetem Arm. – »O Vater der Götter und Menschen, Schaue herab! – O laß die bessern tröstenden Tage Eilen, die Wiederbringer der Ruh und der friedsamen Ordnung, Ganz dem heil'gen Geschäfte, die Menschen glücklich zu machen, Ganz dem Frieden geweiht! – – Aber noch sind sie fern. Dein unerforschliches Schicksal Fordert noch Blut. Noch ruft der Tugenden schwerste, der Pflichten Strengste mich auf.« – So denkt er, und steht in traurigem Tiefsinn Und in Wehmut versenkt. Ihm schwebt sein himmlischer Führer Ungesehen zur Seiten, und haucht balsamische Lüfte Um sein Antlitz, und Ruh und belohnende Freuden der Tugend Tief ins besänftigte Herz. Der Held erhebt itzt sein Auge Wieder, dann senkt es sich auf die edeln Leichen der Perser, Die um ihn her, von Wunden erschöpft, die mutigen Seelen Ausgehaucht hatten. Bewundrung und sanfte Trauer vermischt sich Glänzend im tränenden Blick. »Wie sind«, so ruft er, »die Helden, Ach! wie sind sie gefallen, die würdigen Schützer der Freiheit! Doch ich klage nicht Euch! Ihr fielet edel, mit Wunden Für die gerechte Sache geschmückt. Den schönsten der Tode Gab euch das Schicksal zu sterben: itzt öffnet die Wohnung der Götter Sich im Triumph den Söhnen der Tugend, unsterbliche Feste Mit den Geistern zu feiern, die auch durch göttliche Taten, Würdig des Danks der Erde, des Himmels würdig sich machten. Nein! ich klage nicht euch! Für dich, mein Vaterland, fließen Meine Tränen. Du hast die würdigsten deiner Söhne, Deine Beschirmer, verloren. Verzeiht, glorwürdige Schatten, Daß wir den Jubel, die Freuden des Siegs, die glänzenden Früchte Euers wohltätigen Todes, mit menschlichen Tränen beflecken! Hier auf diesem geheiligten Boden, hier, wo ihr geblutet, Soll den Wolken entgegen getürmt ein marmornes Denkmal, Ringsum mit goldnen Waffen behangen, der dankbaren Nachwelt Ihre Reiter erzählen! So oft die Sonne zurück kommt, Soll ein festlicher Tag mit Spielen der kriegrischen Jugend, Euerm Gedächtnis geweiht, die späten bewundernden Enkel Reizen, die Bahn der Ehre in euern Tritten zu laufen!« Also sprach er, und blieb in ernsten Betrachtungen stehen. Unterdes wälzt sich die Flucht, und das laute Jauchzen der Sieger Bis zum Lager. Zu Tausenden stehn die assyrischen Mütter Auf dem türmenden Wall, und werfen ängstliche Blicke Über die Ebnen, woher aus neblichter Ferne des Streites Gräßliches Antlitz sie schreckt. Ein kriegrisches wildes Getümmel Schlägt ihr lauschendes Ohr: wie wenn aus felsigen Wüsten Mit dem Sausen des Sturms und dem Schalle des fallenden Waldstroms, Der, von zerborstenen Wolken geschwellt, sich über die Felsen Stürzet, des Donners Gebrüll im Ohre des Wandrers sich mischet. Aber itzt wächst das Getös, und kommt den Bebenden näher. Unglückselige! welch ein Gesicht enthüllt sich auf einmal Euern Augen! Das Feld von Fliehenden wimmelnd, die Scharen Alle zerstreut, der Boden bedeckt von assyrischen Schilden! Wütend raufen sie sich den Schmuck der goldenen Locken, Heulen und schlagen die schuldlose Brust. Ein schwärmender Schrecken Faßt sie, die Furcht ersetzt den Mangel der Stärke, und schwellet In der Verzweiflung mit männlicher Wut die weiblichen Busen. Zitternd, mit nacktem Fuß und offnen fliegenden Haaren, Drängt die wehrlose Schar sich aus den Toren des Lagers, Unter die Fliehenden. Zürnender Spott und bittre Verweise Schallen aus jedem Mund, und blitzen im wütenden Auge. »Suchet ihr hier den Feind, Unmännliche? Kehret ihr also Im Triumphe zurück? Soll euch die wallende Länge Unsrer Schleier dem dräuenden Antlitz des Siegers verbergen? Oder sollen wir, daß ihr indes gemächlicher fliehet, Unsern Busen für euch den feindlichen Pfeilen entblößen?« Solche Reden entstürzten den scharfen weiblichen Lippen. Scham und vermischter Zorn entflammet die Männer, sie stehen Unentschlossen: doch bald vollendet die flehende Träne, Was der strenge Verweis nicht auszurichten vermochte; Denn itzt werfen sie sich zu den Füßen der Männer und weinen, Schlingen um ihre Kniee die wächsernen Arme, und schauen Gegen sie auf mit flehendem Blick. Beim Tage voll Schmerzen, Der ihn gebar, beschwöret den Sohn die jammernde Mutter, Sie vor der Schmach der Bande zu schützen. Mit zärtlichem Wüten Reißt die Gattin ihr Kind von der Brust, den wimmernden Erstling Ihrer Umarmungen, streckt es verstummend dem Vater entgegen, Und durchbohrt ihm sein Herz mit unaussprechlichen Blicken. Nicht vergeblich! Die Mutlosen fühlen die Allmacht der Schönheit Und der Natur, die Zaubergewalt des holden Geschlechtes, Das die Anmut allein statt aller Waffen empfangen, Feige zu Helden erhitzt, und Helden durch Tränen entwaffnet. Was dein Beispiel, dein Mut, was deine beredenden Künste Nicht vermochten, Gadates , das wirkt die weinende Schönheit. Haufenweis sammeln sie sich, und füllen die Pforten des Lagers Und den getürmten Wall, den Feind zu erwarten entschlossen. Sarkan allein, von andern geheimen Gedanken getrieben, Hatte sich unter der Flucht mit seinen Hyrkanern von ihnen Abgesondert, und wich, stets fechtend, mit langsamen Schritten Gegen das nahe Gebirge zurück. Die übrigen alle, Deren das Schwert geschont, verschloß das schirmende Lager. Aber dem persischen Mut und deinem Schicksal, o Cyrus, Türmten sich Alpen selbst nicht unersteiglich entgegen. Sengte gleich lybischer Sand die brennenden Sohlen, verwehrten Reißende Ströme den Weg und schneebeladne Gebirge; Nichts, nichts hemmet der Siegenden Lauf, sie lachen der Arbeit Und der bekannten Gefahr, und schämen sich leichter Triumphe. Tausend der kühnsten von Persiens Söhnen, mit Cyrus erzogen, Jünglinge, denen der Name der Furcht leer tönender Schall war, Hatten sich an die Stirne des wartenden Heeres gedränget, Ungeduldig, bis Cyrus, den Sturm zu erlauben, sich zeigte. Cyrus erschien. Schon neigte die Sonne den Wagen nach Westen Als er dem Heere sich zeigt'. Ein lautes Frohlocken der Männer Holt siegprangend ihn ein. »Nur Eine Arbeit noch«, ruft er Ihnen entgegen, »so ist der Siege schönster vollendet. Diese Wälle verbergen uns nur die Belohnung des Sieges. Haben wir nicht die keichenden Feinde, wie schüchterne Rehe Daß uns keiner entrinn, hierher zusammen getrieben? Laßt den Erschrocknen nicht Zeit, sich aus der Betäubung zu sammeln. Eilet, ersteiget den Wall, ergetzt mein begleitendes Auge Durch den Anblick wetteifernder Taten!« –                                                                       So spornt er mit Worten Voll Vertrauen die Willigen an. Die goldne Trompete Hallt den Befehl umher; die wilden kriegrischen Seelen Hüpfen in jedem Busen empor, indem der bekannte Siegweissagende Schall die horchenden Ohren bezaubert. Reihenweis rücken sie gegen den Wall; ein Sturmdach von Schilden Schlägt die Pfeile zurück, die aus den hölzernen Türmen Über sie regnen. Dann klettern die kühnsten von Persiens Jugend, Auf das eherne Dach von ihren Freunden gehoben, Mutig den neigenden Hügel hinauf. Der Zuruf der Brüder Feurt die Wetteifernden an. In wenigen Augenblicken Ist im bestürzten Antlitz des Feindes das Bollwerk erstiegen. Seellos, der letzten Hoffnung beraubt, der flehenden Weiber Und des gegebenen Worts uneingedenk, fliehn die Assyrer Taumelnd zurück, und lassen dem würdigern Sieger die Beute. Schon durchbricht er die Tore des Lagers, schon fallen die Baktrer, Die sie beschützen, von Speeren durchbohrt. Wie Wogen des Meeres Durch den zerborstnen Damm sich über die Felder ergießen, Strömen die Sieger hinein, indem die flüchtigen Scharen, Über einander gewälzt, aus der westlichen Pforte sich drängen. Schamvoll und unentschlossen entweicht auch Gadates , und fluchet Seinem Gestirn, das ihn zu Babylons Sklaven verdammte. Soll er entfliehn, um sich her die irrenden Flüchtlinge sammeln, Und mit dem Rest des zertrümmerten Heers sich unter die Mauern Babylons ziehn, den Staub vor dem neuen Beherrscher zu küssen, Den aus dem innern Palast der Tod Neriglissors zum Thron ruft? Soll er ein neues Heer, von den Persern geschlachtet zu werden, Aus den entvölkerten Ländern erzwingen, damit dem Tyrannen Wüsten doch übrig bleiben, die seinen Zepter erkennen? Oder soll er, vom Beispiel des Glücks und der Götter entschuldigt, Sich für Cyrus erklären? Das letzte rät ihm die Klugheit, Jenes befiehlt die herrschende Ehre! Auf einmal entschlossen, Drängt er sich aus der Verwirrung der Flucht zum benachbarten Walde, Wo, von den wachsenden Schatten begünstigt, die flüchtigen Haufen Sicherheit suchen. Ihm gönnt der ruhebedürftige Sieger, Sich zu verstärken, die Stunden der Dämmrung. Hier sammeln in kurzem Sich Myriaden um ihn. Sein hohes königlichs Ansehn, Und sein verwegener Geist, der stolz dem Unglück entgegen Kämpft und mitten im Sturm sich über den Wellen empor hält, Macht ihn in ihren Augen zum Gott. Sie schwören ihm Treue. Also zieht er, verhüllt in mitternächtliches Dunkel, Babylons Gegenden zu. Verheerung und flammende Hütten Zeichnen des Fliehenden Weg. Den Lauf des Siegers zu hemmen, Setzt er ihm Wüsten entgegen. Er eilt, vom folgenden Feinde Nicht erreicht, und wächst, indem er verwüstend sich fortwälzt, Bis er am vierten Tage die Ufer des Tigris ereilet.