Ernst Toller Ernst Toller, Hoppla, wir leben! Ein Vorspiel und fünf Akte Der Textgestaltung lieg[t] folgende Ausgabe[] zugrunde: Ernst Toller, Hoppla, wir leben! Gustav Kiepenheuer Verlag, Potsdam 1927 Gruß an Erwin Piscator und Walter Mehring Personen des Vorspiels Karl Thomas Eva Berg Wilhelm Kilman Albert Kroll Frau Meller Sechster Gefangener Aufseher Rand Leutnant Baron Friedrich Soldaten Zeit: 1919   Personen des Stückes Karl Thomas Eva Berg Wilhelm Kilman Frau Kilman Lotte Kilman Albert Kroll Frau Meller Rand Professor Lüdin Baron Friedrich Graf Lande Kriegsminister Bankier Sein Sohn Pickel Diener im Ministerium Wärter im Irrenhaus Student Fritz Grete Erster Arbeiter Zweiter Arbeiter Dritter Arbeiter Vierter Arbeiter Fünfter Arbeiter Untersuchungsrichter Oberkellner Hausdiener Telegraphist Pikkolo Schreiber Wirt Polizeioberst Erster Polizist Zweiter Polizist Dritter Polizist Vorsitzender der Gruppe geistiger Kopfarbeiter Philosoph X Lyriker Y Kritiker Z Wahlleiter Zweiter Wahlbeisitzer Erster Stimmzettelverteiler Zweiter Stimmzettelverteiler Dritter Stimmzettelverteiler Wähler Alte Frau Der Gefangene N. Journalisten Damen, Herren, Volk   Das Stück spielt in vielen Ländern Acht Jahre nach einem niedergeworfenen Volksaufstand Zeit: 1927   Anmerkung für die Regie: Alle Szenen des Stückes sind auf einem Gerüst spielbar, das in Etagen aufgebaut ist und ohne Umbau verwendet werden kann. Die Filmteile können in Theatern, in denen aus zwingenden Gründen Filmeinrichtungen nicht möglich sind, fortgelassen oder durch einfache Projektionsbilder ersetzt werden. Um das Tempo des Werkes nicht zu unterbrechen, soll möglichst nur eine Pause, und zwar nach dem 2. Akt, stattfinden. Filmisches Vorspiel Geräusche: Sturmglocken Streiflichter knapp Szenen eines Volksaufstandes Seine Niederwerfung Des dramatischen Vorspiels Figuren auftauchend ab und zu Vorspiel Große Gefängniszelle Karl Thomas. Verfluchte Stille! Albert Kroll. Choräle singen gefällig? Eva Berg. In der Französischen Revolution die Aristokraten tanzten im Menuett zur Guillotine. Albert Kroll. Romantischer Schwindel. Man hätte ihr Unterzeug untersuchen sollen. Der Duft wird nicht nach Lavendel gerochen haben. (Stille.) Wilhelm Kilman. Mutter Meller, Ihr seid eine alte Frau. Ihr schweigt immer oder Ihr lächelt ... Habt Ihr gar keine Angst vor dem ... vor dem ...? Mutter Meller, (rückt an sie heran) in den Beinen, da schüttert es mich vor Hitze, und da, um mein Herz preßt sich ein Eisring ... Versteht. Ich hab' Frau und Kind ... Mutter Meller, ich hab' solche Bange ... Frau Meller. Ruhig mein Junge, ruhig, das sieht sich nur so schlimm an, wenn man noch jung ist. Später verwischt es sich. Leben und Tod, das fließt zusammen. Aus einem Schoß kommst du, in andern Schoß wanderst du ... Wilhelm Kilman. Glaubt Ihr an Leben dort? Frau Meller. Nein, laß. Den Glauben haben mir die Lehrer ausgeprügelt. Wilhelm Kilman. Keines besuchte Euch. Wolltet Ihr nicht? Frau Meller. Meinen Alten und meine beiden Jungen stahlen sie mir im Krieg. Weh tat's schon, aber ich dacht' mir, kommen andere Zeiten. Und es kamen ja welche. Verloren ... Werden eben andere kämpfen ... (Stille.) Karl Thomas. Hört zu! Ich hab' was gesehen. Eva Berg. Was? Karl Thomas. Nein, nicht zusammenrücken. Die Glotzaugen am Spion ... Wir fliehen. Albert Kroll. Blaue Bohnen gefällig? Karl Thomas. Seht das Fenster. Der Kalk an den Eisen ist losgebröckelt. Albert Kroll. Ja, wirklich. Karl Thomas. Sitzt das große Kalkstück nicht künstlich fest? ... Albert Kroll. Bestimmt. Karl Thomas. Seht ihr? Eva Berg. Ja. Ja. Kinder zum Tollwerden. Frau Meller. Ja. Wahrhaftig. Wilhelm Kilman. Da wollte mal einer von draußen die Bude anspucken ... War kurz vorm Ziel ... Na, ich weiß nicht. Frau Meiler (zu Wilhelm Kilman) . Was, Bangbüchs? Wilhelm Kilman. Ja, aber ... Karl Thomas. Was gibst da aber? Albert Kroll. Ihr wißt, daß ich nicht leichtsinnig bin. Doch es ist Nacht. Wie spät? Karl Thomas. Eben hat's vier Uhr geschlagen. Albert Kroll. Dann haben die Wachen gewechselt. Wir liegen im ersten Stock. Bleiben wir, können wir uns im Massengrab guten Morgen sagen. Fliehen wir, steht's zehn zu hundert. Und stünde es eins zu hundert, wir müßten's wagen. Wilhelm Kilman. Wenn nicht ... Karl Thomas. Tot so oder so ... Du, Albert marschierst Parademarsch, sechs Schritt hin und her, immer vom Fenster auf die Tür zu. Dann wird das Ochsenauge verdeckt für Sekunden, und dem draußen fällt's nicht auf. Beim fünften Male springe ich ans Fenster, brech' mit aller Kraft die Eisen los, und dann ade, Gevatter. Eva Berg. Ich schrei«! Karl, ich küss' dich tot. Albert Kroll. Später. Karl Thomas. Laß sie doch. Sie ist so jung. Albert Kroll. Erst springt Karl 'raus, als zweite Eva, dann packt Wilhelm Mutter Meller, schiebt sie hoch ... Wilhelm Kilman. Ja, ja ... ich meine nur ... Frau Meller. Laß ihn zuerst... Mir braucht keiner zu helfen. Ich nehm' es mit euch allen auf. Albert Kroll. Maul nicht. Du kommst zuerst, dann Wilhelm, als letzter ich. Wilhelm Kilman. Wenn die Flucht nicht gelingt. Wir sollten besser überlegen. Albert Kroll. Wenn die Flucht nicht gelingt... Karl Thomas. Weiß man je, ob Flucht gelingt? Wagen muß man, Genosse! Ein Revolutionär, der nicht wagt! Hättest bei Mutter Kaffee trinken sollen und nicht auf die Barrikaden gehen. Wilhelm Kilman. Nachher wären wir alle verloren. Keine Hoffnung gäb's mehr. Karl Thomas. Hoffnung, zum Teufel! Auf was Hoffnung? Das Todesurteil ist gefällt. Seit zehn Tagen warten wir auf die Vollstreckung. Frau Meller. Gestern abend haben sie nach den Adressen unserer Verwandten gefragt. Karl Thomas. Auf was also Hoffnung? Eine Salve und, wenn sie schlecht trifft, als Zugabe den Fangschuß. Guter Sieg oder guter Tod – seit Jahrtausenden hat die Losung nicht gewechselt. Wilhelm Kilman duckt sich.) Oder... hast du um Gnade gewinselt? Dann schwör wenigstens, daß du schweigen wirst. Wilhelm Kilman. Warum laßt ihr zu, daß er mich beleidigt? Hab' ich nicht geschuftet Tag und Nacht? Seit fünfzehn Jahren schinde ich mich für die Partei, und heut muß ich mir sagen lassen... Mir wurde das Frühstück nicht am Bett serviert. Frau Meller. Friede, alle beide. Karl Thomas. Denk doch ans Standgericht. Die und das Todesurteil aufheben... Schlag an eine Betonwand, glaubst du, sie könnte je klingen den Klang entschlackter Glocke? Albert Kroll. Los! Alle bereit? Eva, du zählst. Achtgeben, Karl... beim fünftenmal. (Albert Kroll beginnt hin und her zu gehen, vom Fenster zur Tür, von der Tür zum Fenster. Alle in Spannung.) Eva Berg. Eins... zwei... drei... (Karl Thomas schleicht sich ans Fenster.) Vier... (Geräusch an der Tür. Tür kreischt auf.) Albert Kroll. Verdammt! (Herein Aufseher Rand.) Aufseher Rand. Ob einer den Pfarrer wünscht? Frau Meller. Was schämen soll sich der. Aufseher Rand. Versündigen Sie sich nicht, alte Frau. Werden bald vor Ihrem Richter stehen. Frau Meller. Die Würmer kennen keine Konfessionen, hab' ich gelernt. Sagen Sie Ihrem Pfarrer, Jesus trieb Wechsler und Wucherer aus dem Tempel mit Peitschenhieben. Das mag er sich in seine Bibel schreiben, auf die erste Seite. Aufseher Rand (zum sechsten Gefangenen, der auf der Pritsche liegt). Und Sie? Sechster Gefangener (leise) . Entschuldigt, Genossen ... Ich bin aus der Kirche ausgetreten mit sechzehn Jahren ... jetzt ... vorm Tode ... furchtbar ... versteht mich Genossen ... Ja, ich will zum Pfarrer, Herr Aufseher. Wilhelm Kilman. Revolutionär? Hosenscheißer! Zum Pfarrer! Lieber Gott, mach mich fromm, daß ich in den Himmel komm'. Frau Meller. Willst du dem armen Teufel Vorwürfe machen? Albert Kroll. Vorm Tod ... Laß ihn. Wilhelm Kilman. Man darf wohl noch seine Meinung sagen. (Aufseher und sechster Gefangener hinaus. Tür wird geschlossen.) Albert Kroll. Er wird uns nicht verraten? Karl Thomas. Nein. Albert Kroll. Aufpassen! Jetzt muß er mit dem gehen, kann also nicht spionieren. Karl, los, ich helfe dir. Hier, auf meinen Buckel ... (Albert beugt sich. Karl steigt auf Alberts gekrümmten Rücken. Wie er beide Hände zum Fensterrand streckt, um die Eisenstäbe zu packen, knattern von unten Gewehre, Scherben und Kalkstücke fliegen in die Zelle. Karl Thomas springt von Albert Krolls Rücken. Alle starren sich an.) Albert Kroll. Bist du verwundet? Karl Thomas. Nein. Was war das? Albert Kroll. Nichts Besonderes. Sie bewachen unser Fenster. Kleine Kompanie. Eva Berg. Das... bedeutet...? Frau Meller. Sich bereit machen, Kind. Eva Berg. Für den... für den Tod...? (Die anderen schweigen.) Nein... nein... (Schluchzt, weint. Frau Meller geht zu ihr, streichelt sie.) Albert Kroll. Wein nicht, Mädchen. Wir Revolutionäre sind alle Tote auf Urlaub, hat mal einer gesagt. Karl Thomas. Laß sie, Albert. Sie ist jung. Kaum siebzehn Jahre. Für sie heißt Tod das kalte schwarze Loch, in dem sie liegen muß, ewig. Und über ihrem Grab warmes Leben, berauschend, bunt und süß. (Karl Thomas bei Eva Berg.) Deine Hände. Eva Berg. Du. Karl Thomas. Ich liebe dich sehr, Eva. Eva Berg. Ob sie uns zusammen begraben, wenn wir sie drum bitten? Karl Thomas. Vielleicht. (Albert Kroll springt auf.) Albert Kroll. Verdammte Quälerei! Warum kommen sie nicht! Ich hab' mal gelesen, Katzen quälen Mäuse so lange, weil die so gut riechen in Todesangst... bei uns muß es andere Finessen geben. Warum kommen sie nicht? Warum kommen die Hunde nicht? Karl Thomas. Ja, warum kämpfen wir? Was wissen wir? Für die Idee, für die Gerechtigkeit – sagen wir. Keiner grub so tief in sich, um vor dem letzten nackten Grund den Kopf zu beugen. Wenn – es letzte Gründe gibt. Albert Kroll. Versteh' ich nicht. Daß die Gesellschaft, in der wir leben, schmarotzt von unserer Hände Schweiß, wußte ich schon als sechsjähriger Junge, wenn ich morgens um fünf Uhr aus dem Bett gerissen wurde, um Semmeln auszutragen. Und was geschehen muß, damit das Unrecht ein Ende nehme, wußt' ich eher, als ich ausrechnen konnte, wieviel zehn mal zehn ist... Karl Thomas. Blick dich um, was stürzt sich alles zur Idee, in Revolution, in Krieg. Der läuft seiner Frau weg, weil sie ihm den Tag zur Hölle macht. Der andere wird nicht fertig mit dem Leben und hinkt und hinkt, bis er eine Krücke findet, die wunderbar aussieht und ihm bißchen Heldenschein gibt. Der dritte glaubt, er könne seine Haut, die ihm zuwider ward, wechseln mit einem Schlag. Der vierte sucht Abenteuer. Immer sind es wenige, die müssen aus innerstem Zwang. (Geräusch. Tür kreischt auf. Herein sechster Gefangener. Stille.) Sechster Gefangener. Nehmt ihr's mir übel, Genossen? Ich bin nicht bekehrt, Genossen... Aber... es macht ruhiger... Karl Thomas. Judas! Sechster Gefangener. Aber liebe Genossen... Albert Kroll. Wieder keine Entscheidung! Wieder warten! Rauchen möcht' ich, hat keiner einen Stummel? (Sie suchen in ihren Taschen.) Alle. Nein. Karl Thomas. Wart... wirklich... ich habe eine Zigarette. Alle. Her damit! Her damit! Albert Kroll. Streichhölzer? Essig. Wilhelm Kilman. Ich hab' eins. Albert Kroll. Die müssen wir uns teilen, versteht sich. Wilhelm Kilman. Wirklich? Eva Berg. Ja, bitte. Karl Thomas. Mein Teil kann Eva haben. Frau Meller. Meinen auch. Eva Berg. Nein, jeder einen Zug. Albert Kroll. Gut. Wer fängt an? Eva Berg. Wir losen. Albert Kroll (zerreißt ein Taschentuch in Stücke). Wer das kleinste Stück zieht. (Alle ziehen.) Mutter Meller fängt an. Frau Meller. Man zu. (Raucht.) Jetzt kommst du dran. (Gibt die Zigarette Wilhelm Kilman.) Wilhelm Kilman. Hoffentlich überrascht uns keiner. Albert Kroll. Was wollen sie uns antun? Vier Wochen Einzelhaft als Strafe! Hahaha. (Alle rauchen, jeder einen Zug. Beobachten sich scharf.) Karl, du darfst nicht zwei Züge rauchen. Karl Thomas. Red nicht so Zeug. Albert Kroll. Hab' ich etwa gelogen? Karl Thomas. Ja. Wilhelm Kilman (zu Albert). Du hast viel länger gesaugt als wir. Albert Kroll. Halt's Maul, Feigling. Wilhelm Kilman. Feigling nennt er mich. Albert Kroll. Wo verkrochst du dich in den Tagen der Entscheidung? Wo rutschtest du deinen Hosenboden blank, als wir das Rathaus stürmten – im Rücken den Gegner, vor uns das Massengrab? Wo stecktest du? Wilhelm Kilman. Hab' ich nicht zu den Massen gesprochen vom Balkon des Rathauses? Albert Kroll. Ja, als wir die Macht hatten. Vorher nicht für, nicht wider. Dann mit Wuppdich zum Futtertrog. Karl Thomas (zu Albert Kroll). Du hast kein Recht so zu sprechen. Albert Kroll. Bürgersöhnchen! Frau Meller. Pack, euch zu zanken, fünf Minuten vor der Mauer... Wilhelm Kilman. Feigling nennt er mich! Ich habe fünfzehn Jahre... Albert Kroll (äfft ihn nach). Fünfzehn Jahre... Bonze... Keine große Ehre, mit euch zusammen ins Gras zu beißen. Eva Berg. Pfui! Karl Thomas. Ja, pfui. Albert Kroll. Was pfui! Leg dich mit deiner Hur in die Ecke und mach ihr ein Kind. Das kann dann im Grabe auskriechen und mit den Würmern spielen. (Eva Berg schreit auf. Karl Thomas springt Albert Kroll an.) Sechster Gefangener (aufspringend). Himmlischer Vater, das ist dein Wille?! (Wie sie beide sich an der Gurgel halten, Geräusch. Tür kreischt auf. Sie lassen sich los.) Aufseher Rand. Gleich kommt der Herr Leutnant. Sie müssen sich bereit halten. (Geht.) (Albert Kroll geht auf Karl Thomas zu, umarmt ihn.) Albert Kroll. Man weiß nichts von sich, Karl. Das war ich nicht eben, das war ich nicht. Gib mir die Hand, kleine Eva. Karl Thomas. Seit zehn Tagen warten wir auf den Tod. Das hat uns vergiftet. (Geräusch. Tür kreischt auf. Herein: Leutnant mit Soldaten.) Leutnant Baron Friedrich (zu Albert Kroll). Stehn Sie auf. Im Namen des Präsidenten. Das Todesurteil wurde rechtskräftig gefällt. (Pause.) Als Zeichen seiner Gnade und seines Willens zur Versöhnung hat der Präsident das Urteil aufgehoben. Die Verurteilten werden in Schutzhaft behalten und sind sofort ins Interniertenlager zu überführen. Ausgenommen Wilhelm Kilman. (Karl Thomas lacht wiehernd auf.) Eva Berg. Du lachst so entsetzlich, Karl. Frau Meller. Die Freude. Leutnant Baron Friedrich. Lachen Sie nicht, Mann. Eva Berg. Karl! Karl! Albert Kroll. Der lacht nicht aus Spaß. Frau Meller. Sehn Sie ihn doch an. Den hat's geschmissen. Leutnant Baron Friedrich (zum Aufseher). Führen Sie ihn zum Arzt. (Karl Thomas wird abgeführt. Eva Berg begleitet ihn.) Albert Kroll (zu Wilhelm Kilman). Du allein bleibst. Verzeih mir, Wilhelm. Wir vergessen dich nicht. Frau Meller (im Hinausgehen zu Albert Kroll). Gnade. Wer hätte gedacht, daß die Herren sich so schwach fühlen. Albert Kroll. Schlimmes Zeichen. Wer hätte gedacht, daß die Herren sich so stark fühlen. (Alle hinaus, bis auf Leutnant Baron Friedrich und Wilhelm Kilman.) Leutnant Baron Friedrich. Der Präsident hat Ihr Gnadengesuch bewilligt. Er glaubt Ihnen, daß Sie gegen Ihren Willen in die Reihen der Aufrührer kamen. Sie sind frei. Wilhelm Kilman. Danke gehorsamst, Herr Leutnant. Filmisches Zwischenspiel Hinter der Bühne: Chor (rhythmisch anschwellend, rhythmisch verebbend). Prost Neujahr! Prost Neujahr! Extrablatt! Extrablatt! Große Sensation! Extrablatt! Extrablatt! Große Sensation!   Auf der Leinwand: Szenen aus den Jahren 1919–1927 Dazwischen: Karl Thomas im Anstaltskittel hin und her gehend in einer Irrenzelle 1919: Vertrag von Versailles 1920: Börsenunruhen in New York Menschen werden irrsinnig 1921: Faschismus in Italien 1922: Hunger in Wien Menschen werden irrsinnig 1923: Inflation in Deutschland Menschen werden irrsinnig 1924: Lenins Tod in Rußland Zeitungsnotiz: Heute nacht starb Frau Luise Thomas... 1925: Gandhi in Indien 1926: Kämpfe in China Konferenz europäischer Führer in Europa 1927: Zeigerblatt einer Uhr Die Zeiger rücken vor. Erst langsam... dann rascher und rascher... Geräusche: Uhren Erster Akt Erste Szene Kanzlei in einer Irrenanstalt Am Schrank Wärter. Am vergitterten Fenster Professor Lüdin. Wärter. Eine graue Hose. Ein paar wollene Socken. Unterkleider brachten Sie nicht mit? Karl Thomas. Ich weiß nicht. Wärter. Ach so. Eine schwarze Weste. Ein schwarzes Jackett. Ein Paar Halbschuhe. Hut fehlt. Professor Lüdin. Und Geld? Wärter. Keins, Herr Doktor. Professor Lüdin. Angehörige? Karl Thomas. Mir wurde mitgeteilt, gestern, daß meine Mutter starb, vor drei Jahren. Professor Lüdin. Werden sich schwer tun. Hart ist das Leben heute. Man muß Ellenbogen stemmen. Nicht verzweifeln. Kommt Zeit, kommt Rat. Wärter. Entlassungstermin 8. Mai 1927. Karl Thomas. Nein! Professor Lüdin. Doch, doch. Karl Thomas. 1927? Professor Lüdin. So acht Jährchen bei uns in Pension. Gekleidet, genährt, betreut. Es hat an nichts gefehlt. Sie können sich was einbilden: klinisch merkwürdiger Fall gewesen. Karl Thomas. Wie ausgelöscht. Doch... an etwas erinnere ich mich... Professor Lüdin. An was? Karl Thomas. Ein Waldrand. Braun strebten Bäume in Himmel wie Pfeiler. Buchen. Der Wald flimmerte grün. Mit tausend kleinen Sonnen. Sehr zart. Ich wollte hinein, brennend gern. Es gelang mir nicht. Die Stämme buchteten böse sich nach außen und warfen mich wie einen Gummiball zurück. Professor Lüdin. Halt! Wie einen Gummiball. Interessante Assoziation. Passen Sie mal auf, Ihre Nerven vertragen die Wahrheit. Der Wald: die Isolierzelle. Die Baumstämme: Gummiwände bester Qualität. Ja, ich erinnere mich, jedes Jahr einmal fingen Sie an zu toben. Man mußte Sie isolieren. Immer am gleichen Tag. Direkt eine klinische Spitzenleistung. Karl Thomas. An welchem Tag? Professor Lüdin. An dem Tag wo ... Na, Sie wissen doch. Karl Thomas. Am Tag der Begnadigung ... Professor Lüdin. Sie erinnern sich an alles? Karl Thomas. Ja. Professor Lüdin. Dafür sind Sie auch geheilt. Karl Thomas. Minuten warten auf den Tod ... Aber zehn Tage. Zehn mal vierundzwanzig Stunden. Jede Stunde sechzig Minuten. Jede Minute sechzig Sekunden. Jede Sekunde ein Mord. Vierzehnhundertvierzigmal gemordet an einem Tag. Die Nächte! ... Ich haßte die Begnadigung. Ich haßte den Präsidenten! Nur ein Schurke konnte so handeln ... Professor Lüdin. Sachte, sachte. Sie haben allen Grund dankbar zu sein ... Hier drinnen nimmt man Kraftworte nicht krumm. Aber draußen ... Sie hätten schon wieder ein Jahr Gefängnis zugute wegen Beleidigung des staatlichen Oberhauptes. Seien Sie vernünftig. Sie müßten die Nase plein haben. Karl Thomas. Sie müssen so sprechen, weil Sie zu den Herren gehören. Professor Lüdin. Beenden wir die Unterhaltung. Daß Sie im Irrenhaus waren, braucht Sie nicht zu deprimieren. Eigentlich sind die meisten Menschen reif dafür. Würde ich tausend untersuchen, müßte ich neunhundertneunundneunzig hier behalten. Karl Thomas. Warum tun Sie's nicht? Professor Lüdin. Der Staat hat kein Interesse daran. Im Gegenteil. Mit einem kleinen Schuß Verrücktheit werden die Menschen gute Ehemänner. Mit zwei Schuß Verrücktheit werden sie sozial ... Keine dummen Streiche machen. Ich will Ihr Gutes. Gehen Sie zu einem Ihrer Freunde. Karl Thomas. Wo mögen die stecken? ... Professor Lüdin. Sie waren doch mehrere damals in der Zelle? Karl Thomas. Fünf. Nur einer wurde nicht begnadigt, Wilhelm Kilman hieß er. Professor Lüdin. Der nicht begnadigt? Hahaha! Der ritt Karriere im Galopp! Klüger als Sie. Karl Thomas. Ich verstehe Sie nicht. Professor Lüdin. Werden mich schon verstehen. Gehen Sie nur zu ihm. Der könnte Ihnen helfen. Wenn er Ihnen helfen will. Wenn er Sie kennen will. Karl Thomas. Er lebt noch? Professor Lüdin. Sie werden Ihr Wunder erleben. Ausgezeichnetes Rezept für Sie. Klinisch habe ich Sie geheilt. Von Ihrem Ideenspleen mag der Sie kurieren. Gehn Sie zum Ministerium des Innern und fragen Sie nach Herrn Kilman. Glück auf den Weg. Karl Thomas. Guten Tag, Herr Doktor. Guten Tag, Herr Wächter ... Es duftet so stark nach Flieder hier ... Ach ja, der Frühling. Nicht wahr, draußen vorm Fenster wachsen wirklich Buchen ... keine Gummiwände ... (Hinaus.) Professor Lüdin. Schlechte Rasse. (Dunkel)   Filmisches Zwischenspiel Großstadt 1927 Straßenbahnen Autos Untergrundbahnen Aeroplane Zweite Szene Sichtbar zwei Zimmer: Vorzimmer des Ministers Arbeitszimmer des Ministers Man sieht nach Aufgehen des Vorhangs beide Zimmer. Das Zimmer, in dem nicht gesprochen wird, bleibt dunkel. Im Arbeitszimmer Wilhelm Kilman. Ich ließ Sie rufen. Eva Berg. Bitte. Im Vorzimmer Sohn des Bankiers. Wird er dich empfangen? Er hat dich nicht rufen lassen. Bankier. Mich nicht empfangen! Er soll es wagen. Sohn des Bankiers. Wir brauchen die Kredite bis Ultimo. Bankier. Warum zweifelst du? Sohn des Bankiers. Weil er beide Male die Chance abwies. Bankier. Ich ging zu plump vor. Im Arbeitszimmer Wilhelm Kilman. Sie gehören dem Vorstand des Verbandes weiblicher Angestellter an? Eva Berg. Ja. Wilhelm Kilman. Sie arbeiten als Sekretärin im Finanzamt? Eva Berg. Ja. Wilhelm Kilman. Seit zwei Monaten spielt Ihr Name in den Polizeiberichten keine unbedenkliche Rolle. Eva Berg. Ich verstehe nicht. Wilhelm Kilman. Sie hetzen die Arbeiterinnen in den Chemischen Werken auf, Überstunden zu verweigern? Eva Berg. Ich übe die Rechte aus, die die Verfassung mir gewährt. Wilhelm Kilman. Die Verfassung ist für ruhige Zeiten gedacht. Eva Berg. Leben wir nicht in ihnen? Wilhelm Kilman. Der Staat kennt selten ruhige Zeiten. Im Vorzimmer Bankier. Vor der Tarifkündigung muß die Schose geregelt sein. Zwei Überstunden, entweder oder. Sohn des Bankiers. Die Gewerkschaften haben beschlossen, an achtstündiger Arbeitszeit festzuhalten. Bankier. Was dem Staat recht ist, wird der Schwerindustrie billig sein. Sohn des Bankiers. Man müßte eine halbe Million Arbeiter aussperren. Bankier. Und wenn schon. Man wird zwei Fliegen mit einem Schlag klappen. Überstunden und Lohnsenkung. Im Arbeitszimmer Eva Berg. Ich bin Kriegsgegnerin. Hätte ich Macht, die Werke stünden still. Was machen sie? Giftgas! Wilhelm Kilman. Ihre persönliche Meinung, die mich nicht interessiert. Auch ich liebe den Krieg nicht. Sie kennen dieses Flugblatt? Sie sind die Verfasserin? Eva Berg. Ja. Wilhelm Kilman. Sie verletzen Ihre Pflichten als staatliche Beamtin. Eva Berg. Es gab eine Zeit, wo Sie Gleiches taten. Wilhelm Kilman. Wir führen ein dienstliches Gespräch, Fräulein. Eva Berg. In der Vergangenheit haben Sie ... Wilhelm Kilman. Halten Sie sich an die Gegenwart. Ich habe für Ordnung zu sorgen ... Liebes Fräulein Berg, jetzt seien Sie vernünftig. Wollen Sie sich den Dickkopf einrennen? Der Staat hat immer noch einen härteren Schädel. Ich will von Ihnen nichts Böses. Wir brauchen die Überstunden im Moment. Ihnen fehlt das praktische Wissen. Es wäre mir verdammt peinlich, gegen Sie vorzugehen. Ich kenne Sie doch von früher. Aber ich müßte es. Wirklich. Seien Sie vernünftig. Versprechen Sie mir das ... Eva Berg. Ich verspreche nichts. Im Vorzimmer Pickel (der von Beginn der Szene an unruhig hin und her ging, bleibt vor Bankier stehen) . Verzeihen der Herr ... Aus Holzhausen stamme ich nämlich. Vielleicht kennen der Herr Holzhausen? Zwar mit dem Bau der Eisenbahn soll erst im Oktober begonnen werden. Jedoch mir hat die Postkutsche auch genügt. Es gibt ein Sprichwort bei uns ... (Bankier wendet sich ab) . Ich glaube zwar, daß die Eisenbahn ... (Da niemand auf ihn hört, bricht er ab, geht hin und her.) Im Arbeitszimmer Wilhelm Kilman. Der Staat muß sich schützen. Ich war nicht verpflichtet, Sie rufen zu lassen. Ich wollte Ihnen meinen Rat geben. Man soll nicht sagen, daß ... Sie allein tragen die Verantwortung. Ich warne Sie. (Geste. Eva Berg geht. Wilhelm Kilman am Telephon.) Chemische Werke ... Herr Direktor? ... Kilman ... So? Werkversammlung um zwölf Uhr ... Telephonieren Sie mir das Ergebnis ... Danke ... (Hängt ein.) Durchs Vorzimmer geht der Kriegsminister Kriegsminister. Ah, guten Tag, Herr Generaldirektor. Auch hier? Bankier. Ja, leider, das elende Warten ... Gestatten, Herr Kriegsminister, daß ich meinen Sohn vorstelle ... Exzellenz von Wandsring. Kriegsminister. Freut mich ... Heikle Lage. Pickel (wendet sich an den Kriegsminister) . Ich meine, Herr General, zwar der Feind ... (Da der Kriegsminister ihn nicht beachtet, bricht er ab, geht in die Ecke, kramt aus seiner Tasche einen Orden, heftet ihn mühselig und hastig an.) Bankier. Sie werden's schon schaffen, Herr General. Kriegsminister. Gewiß. Nur ... es macht mir keinen Spaß, auf Leute zu schießen, denen man erst die Paukenschlegel in die Hand drückt und die man dann hindern will, zu trommeln. Diese liberalen Utopien von Demokratie und Volksfreiheit brocken uns das ein. Autorität brauchten wir. Destillierte Erfahrung von Jahrtausenden. Die widerlegt man nicht mit Schlagworten. Bankier. Immerhin, die Demokratie, allerdings mit Maß, brauchte einerseits nicht unbedingt zur Pöbelherrschaft zu führen, andererseits könnte sie ein Ventil sein ... Kriegsminister. Demokratie ... Mumpitz. Das Volk regiert? Wo denn? Dann lieber ehrliche Diktatur. Machen wir uns nichts weiß, Herr Generaldirektor ... Sehen wir uns morgen im Klub? Bankier. Sehr gerne. (Kriegsminister geht. Graf Lande geht ihm bis zur Tür nach.) Graf Lande. Exzellenz ... Kriegsminister. Ah, Herr Graf. Bestellt? Graf Lande. Jawohl, Exzellenz. Kriegsminister. Es geht Ihnen gut? Graf Lande. Die Frontbünde warten. Kriegsminister. Nicht hitzköpfig vorgehen, Graf. Keine Torheiten. Die Zeiten des Losschlagens sind vorüber. Was wir für unser Vaterland erreichen wollen, können wir legal erreichen. Graf Lande. Exzellenz, wir rechnen auf Sie. Kriegsminister. Herr Graf, bei aller Sympathie ... ich warne. (Kriegsminister geht.) Pickel (in militärischer Haltung). Zu Befehl, Herr General. (Kriegsminister, ohne ihn zu beachten, hinaus.) Bankier. Wie lange wird sich Kilman halten? Sohn. Warum machst du nicht durch Wandsring das Geschäft? Bankier. Kilman regiert heute. Sicher ist sicher. Sohn. Passé. Deinen Kilman kannst du in die Konkursmasse der Demokratie werfen. Riech mal die Luft in der Industrie. Ich würde dir raten, auf nationale Diktatur zu setzen. Pickel (wendet sich an Graf Lande) . Könnte mir der Herr sagen, wie spät es ist? Graf Lande. Zwölf Uhr vierzehn. Pickel. Die Uhren in der Stadt gehen immer vor. Ich hatte mir gedacht, eine Audienz beim Minister müßte zwölf ... Zwar die Uhren auf dem Lande gehen immer nach, infolgedessen ... (Da Graf Lande ihn nicht beachtet, bricht er ab, geht hin und her.) Graf Lande. Wie sprechen Sie Kilman an? Baron Friedrich. Exzellenz natürlich. Graf Lande. Daß die Brüder Exzellenz goutieren? Baron Friedrich. Alte Kiste, mein Lieber. Ziehen Sie einem Menschen Uniform an, und er schmachtet nach Gefreitenknöpfen. Graf Lande. Antichambrieren läßt er uns. Vor zehn Jahren hätte ich derlei nur in Wildleder gepökelt die Hand gegeben. Baron Friedrich. Erhitzen Sie sich nicht. Ich kann mit anderen Finessen dienen. Vor acht Jahren hätt' ich ihn beinah an die Mauer gestellt. Graf Lande. Fabelhaft interessant. Sie waren dabei damals? Baron Friedrich. Nicht zu knapp. Reden wir nicht darüber. Graf Lande . Daß er Sie trotzdem ins Ministerium berief. Immer in seiner Nähe. Sie müßten ihm auf die Nerven fallen. Baron Friedrich. Fürchtete ich sogar. Als er zum ersten Male ins Ministerium kam, große Cour in Kanzleien, machte ich mich mausig, wozu olle Kamellen aufwärmen. Man muß die Wirtschaft mitmachen, um parat zu sein, wenn wieder andere Zeiten kommen. Er, scharfer Blick. Von dem Tag an eine Beförderung nach der anderen, falle schon unliebsam auf. Aber reden tut er nie. Graf Lande. Also Art Schweigegeld? Baron Friedrich. Weiß nicht. Sprechen wir vom Wetter. Ich habe den Kerl im Verdacht über erstklassige Spitzel zu verfügen. Graf Lande. Alles haben die Brüder uns abgeguckt. Pickel (wendet sich an Baron Friedrich) . Zwar mein Nachbar in Holzhausen nämlich meinte ... Pickel, meinte er, für die Audienz beim Minister mußt du dir weiße Handschuhe kaufen. Das war im alten Staat so, das bleibt auch im neuen so. Das verlangt die Zeremonienvorschrift. Ich jedoch ... ich habe gedacht, wenn die Monarchie weiße Handschuhe verlangte, müssen wir in der Republik schwarze Handschuhe anziehen ... Nämlich gerade! ... Weil wir freie Männer jetzt sind ... (Da Baron Friedrich ihn nicht beachtet, bricht er ab, geht hin und her.) Baron Friedrich. Tüchtiger Kerl, muß man ihm lassen. Graf Lande. Manieren? Baron Friedrich. Ob er wie Napoleon bei Schauspielern Unterricht nahm, weiß ich nicht. Jedenfalls Gentleman vom Scheitel bis zur Sohle. Frühritt am Morgen in full dress, tadellos, sage ich Ihnen. Graf Lande. Und durch welche Ritzen stinkt der Prolet? Baron Friedrich. Durch alle. Sie müssen nur auf das bißchen zuviel achten bei jedem Wort, jeder Geste, jedem Schritt. Die Leute glauben, wenn sie bei erstklassigen Schneidern sich Fracks anmessen lassen, sei's getan. Sie merken nicht, daß erstklassige Schneider nur was taugen durch Kunden erster Klasse. Graf Lande. Jedenfalls würde ich bei des Teufels Großmutter dinieren, hülfe sie mir aus dem Provinznest in die Hauptstadt. Baron Friedrich. Die Großmutter, bei der Sie dinieren werden, führt eine Küche – nicht zu verachten. Graf Lande. Hat ja lange genug in herrschaftlichen Häusern gedient. Im Arbeitszimmer Diener. Ihre Exzellenz und Fräulein Tochter möchten Exzellenz sprechen. Sie warten im Salon. Wilhelm Kilman. Ich bitte, sich zehn Minuten zu gedulden. (Diener ab. Telephon klingelt.) Hallo. Ach Sie, Herr Geheimrat. Ja, ich bin's... Tut nichts... Aber nein, stören mich wirklich nicht... Die Baisse der Chemischen Werke... Kulissenzauber... Gemanaged, natürlich gemanaged... Dahinter stecken ganz Schlaue. Staatskredite haben wir gestern bewilligt...? Wie? Einstimmig... Dreiprozentige... Immer zu Ihren Diensten... Auf Wiedersehen, Herr Geheimrat... (Diener herein.) Diener. Die Damen meinen... Wilhelm Kilman. Sie sollen warten, ich habe zu arbeiten. Im Vorzimmer Baron Friedrich. Bitte, sagte das Töchterchen und entblößte das Knie. Graf Lande. Und die Mutter? Baron Friedrich. Meinte, das sei so feine Sitte, und errötete stumm. Graf Lande. Die Hauptstadt ist die Strapazen einer Jungfernschaft wert. Wie lange das dauert. Das Regieren scheint ihm nicht leichtzufallen. (Karl Thomas herein. Setzt sich in eine Ecke.) Im Arbeitszimmer (Wilhelm Kilman klingelt. Diener herein.) Diener. Exzellenz...? Wilhelm Kilman. Herr Baron Friedrich und Herr Graf Lande... (Diener verbeugt sich. Geht hinaus.) Im Vorzimmer Diener (zu Graf Lande und Baron Friedrich). Exzellenz lassen bitten... Bankier. Entschuldigen Sie, meine Herren. Geben Sie Exzellenz diese Karte. Nur eine Minute. (Diener geht ins Arbeitszimmer. Bankier und Sohn folgen ihm.) Im Arbeitszimmer Wilhelm Kilman. Guten Tag, Herr Generaldirektor. Guten Tag, Herr Doktor. Ich bin heute wirklich außerstande ... Bankier. Dann treffen wir uns doch lieber in Ruhe. Wilhelm Kilman. Bitte. Bankier. Abends im Grand Hotel. Wilhelm Kilman. Abgemacht. (Bankier und Sohn gehen.) Im Vorzimmer Diener (zu Graf Lande und Baron Friedrich). Exzellenz lassen bitten. (Öffnet die Tür zum Arbeitszimmer. Graf Lande und Baron Friedrich hinein. Diener will durch die seitliche Tür hinaus.) Karl Thomas. Entschuldigen. Diener. Exzellenz sind beschäftigt. Ich weiß nicht, ob Exzellenz heute noch jemand empfangen. Karl Thomas. Ich will nicht den Minister sprechen. Ich will zu Herrn Kilman. Diener. Suchen Sie sich andere für dumme Späße. Karl Thomas. Genosse, Späße ... Diener. Bin nicht Ihr Genosse. Karl Thomas. Herr Kilman arbeitet wohl als Sekretär beim Minister? Der Portier wies mich ins Vorzimmer des Ministers, als ich nach Herrn Kilman fragte. Diener. Kommen Sie vom Mond? Wollen Sie mir einreden, Sie wüßten nicht, daß Seine Exzellenz Kilman heißen? Überhaupt machen Sie einen sehr verdächtigen Eindruck ... Ich rufe den Herrn Kriminaloberkommissar. Karl Thomas. Meinen Sie nicht einen anderen Kilman? Es gibt doch so viele Kilman ... Diener. Was wollen Sie? Karl Thomas. Ich möchte Herrn Wilhelm Kilman sprechen. Kilman. K-I-L-M-A-N Diener. So schreiben sich Seine Exzellenz ... Individuum. (Diener will hinausgehen.) Karl Thomas. Kilman Minister? ... Nein, bleiben Sie. Ich kenne nämlich den Minister. Ich bin sein Freund. Ja, wirklich, sein Freund. Wir waren vor acht Jahren ... So bleiben Sie doch ... Haben Sie ein Stück Papier? ... Bleistift? Ich schreibe dem Minister meinen Namen, er wird mich gleich empfangen. (Diener unschlüssig.) So gehen Sie doch. Diener. Man soll sich auskennen bei den Zeiten. (Gibt Karl Thomas Papier und Feder. Geht hinaus. Karl Thomas schreibt.) Pickel. So so ... ein Freund des Ministers ... Obwohl nämlich ich ... Pickel ist mein Name ... Ei dieser Grobian von Diener ... Zwar man sollte gegen die alten Hofschranzen strenger vorgehen, jedoch wir Republikaner lassen uns alles gefallen ... Ich hingegen habe den Scherz mit Ihrem Freund, dem Minister, gleich verstanden ... Man darf sich wohl noch ein Späßchen mit dem Minister erlauben ... Ich meine, es müßte etwas geschehen ... In der hohen Verwaltung zum Beispiel dieser Diener ... Nämlich da hapert's in der Republik ... Im Arbeitszimmer Wilhelm Kilman. Man muß die Völker zu nehmen wissen, meine Herren. Baron Friedrich. Exzellenz meinen nicht, daß Amerika kein Interesse am Krieg ... Graf Lande. Bedenken Exzellenz Frankreichs friedliche Haltung ... Wilhelm Kilman. Weil die Minister von Völkerfriede schwatzen und mit Menschheitsideen paradieren? Aber meine Herren. Achten Sie in jeder Ministerrede darauf, wie oft »Völkerfriede« und »Menschheitsidee« sich blähen, garantiere, daß ebensoviel Giftgasfabriken und Flugzeuggeschwader im Geheimetat vorgemerkt sind, Ministerreden ... meine Herren ... Baron Friedrich. Man meinte, Exzellenz zählten Machiavell zu Ihren Lieblingsautoren. Wilhelm Kilman. Was brauchen wir Machiavell ... Der gesunde Menschenverstand. (Diener herein.) Diener. Ob die Damen jetzt ... Wilhelm Kilman. Ich lasse bitten. (Herein Frau und Tochter.) Du kennst ja Herrn Baron ... Baron Friedrich. Exzellenz ... Gnädiges Fräulein. Frau Kilman. Aber nennen Sie mich doch nicht immer Exzellenz. Sie wissen, ich mag das nicht. Wilhelm Kilman. Herr Graf Lande. Meine Frau. Meine Tochter. Graf Lande. Exzellenz ... Gnädiges Fräulein. Baron Friedrich. Wir stören wohl ... Frau Kilman. Nein. Zufällig schrieb ich Ihnen. Ich lud Sie ein für Sonntag. Graf Lande. Küß die Hand. Frau Kilman. Vielleicht bringen Sie Ihren Freund mit. Baron Friedrich. Zu viel Ehre, Exzellenz. Lotte Kilman (leise zum Baron Friedrich) . Du hast mich versetzt gestern. Baron Friedrich (leise) . Aber Liebling. Lotte Kilman. Dein Freund gefällt mir. Baron Friedrich. Da gratulier' ich ihm. Lotte Kilman. Ich las deinen Personalakt. Baron Friedrich. Wann treffen wir uns? Wilhelm Kilman. Ja, Herr Graf, man dürfte nur noch dementieren. Verleumdungen von links – lese ich nicht. Verleumdungen von rechts – Sie besitzen eine meiner Antworten. Ich kenne die Qualitäten der Männer des alten Regimes. Man ist nur ein Mensch, hat Schwächen, aber Gerechtigkeitsmangel werden mir die extremsten Konservativen nicht vorwerfen. Graf Lande. Aber Exzellenz ... Man schätzt Sie in nationalen Kreisen. Wilhelm Kilman. Ich schreibe heute Ihrem Landrat. Sie treten Ihren Dienst am Ministerium in vier Wochen an. Im Vorzimmer Karl Thomas (hin und her laufend). Minister ... Minister ... Im Arbeitszimmer verabschiedet der Minister Graf Lande und Baron Friedrich Im Vorzimmer Baron Friedrich. Was hab' ich gesagt? Graf Lande. Die Brüder ... Die Brüder ... (Beide hinaus) Karl Thomas. Das Gesicht hab' ich gesehen. Wo? (Herein Diener.) Hier der Brief für den Minister. (Diener nimmt den Brief und trägt ihn ins Arbeitszimmer.) Im Arbeitszimmer Diener. Ein Mann, Exzellenz. Wilhelm Kilman. Ich wünsche nicht ... (Karl Thomas klopft an die Tür, ohne Antwort abzuwarten herein.) Karl Thomas. Wilhelm! Wilhelm! Wilhelm Kilman. Wer sind Sie? Karl Thomas. Du kennst mich nicht mehr. Die Jahre ... Acht Jahre ... Wilhelm Kilman (zum Diener). Sie können gehen. (Diener hinaus.) Karl Thomas. Du lebst noch. Erklär mir ... Wir wurden begnadigt. Du als einziger nicht ... Wilhelm Kilman. Zufall ... glücklicher Zufall. Karl Thomas. Acht Jahre ... vermauerter als Grab. Ich hab' den Doktoren erzählt, an nichts erinnerte ich mich. O Wilhelm, oft sah ich mit wachem Gesicht ... Oft ... Oft ... Sah dich tot ... In meine Augen grub ich die Nägel, bis Blut spritzte ... Die Wärter glaubten, mich beutelten Anfälle. Wilhelm Kilman. Ja ... damals ... ich erinnere mich nicht gerne. Karl Thomas. Immer hockt der Tod unter uns. Einen hetzte er gegen den andern. Wilhelm Kilman. Was für Kinder wir waren. Karl Thomas. Stunden wie jene im Gefängnis kitten mit Blut. Darum kam ich zu dir, als ich hörte, du lebst. Du kannst auf mich zählen ... Frau Kilman. Wilhelm, wir müssen gehen. Karl Thomas. Frau Kilman, Guten Tag, Frau Kilman. Ich hab' Sie ja gar nicht bemerkt. Sie sind die Tochter? So groß sind Sie geworden? Lotte Kilman. Jeder wird einmal groß, mein Vater ist auch inzwischen Minister geworden. Karl Thomas. ... Erinnern Sie sich, wie Sie zum letztem Mal Ihren Mann besuchen durften in der Armesünderzelle? Was haben Sie mir leid getan. 'rausschleppen mußte man Sie. Und die Tochter stand neben der Tür, Hände vorm Gesicht und sagte nur immer: Nein, nein, nein. Frau Kilman. Ja, ich erinnere mich. Es war eine schwere Zeit. Nicht, Wilhelm? Es geht Ihnen gut jetzt? Das ist schön. Besuchen Sie uns mal. Karl Thomas. Danke schön, Frau Kilman. (Frau Kilman und Lotte gehen.) Muß das sein? Daß deine Tochter die vornehme Dame markiert? Wilhelm Kilman. Wie? Karl Thomas. Dein Ministeramt ist doch Kniff, nicht wahr? Immerhin gewagter Kniff. Früher hätte man die Taktik nicht zugelassen. Ist der Apparat bald in unseren Händen? Wilhelm Kilman. Du sprichst, als ob wir noch Revolution hätten? Karl Thomas. Wie? Wilhelm Kilman. Seitdem vergingen zehn Jahre. Wo wir schnurgerade Wege sahen, kam die unerbittliche Wirklichkeit und bog sie krumm. Es geht dennoch vorwärts. Karl Thomas. So nimmst du dein Amt ernst? Wilhelm Kilman. Freilich. Karl Thomas. Und das Volk? Wilhelm Kilman. Ich diene ihm. Karl Thomas. Bewiesest du nicht früher, daß, wer in solchem Staat Ministersessel drückt, als Kollegen die härtesten Feinde, versagen wird, versagen muß, gleichgültig, ob ihn gute Absichten treiben oder nicht! Wilhelm Kilman. Das Leben spult sich nicht in Theorien ab. Man lernt aus seinen Erfahrungen. Karl Thomas. Daß sie dich an die Mauer gestellt hätten! Wilhelm Kilman. Immer noch der hitzige Träumer. Ich nehme dir deine Worte nicht übel. Wir wollen demokratisch regieren. Was ist denn Demokratie? Der Wille des ganzen Volkes. Als Minister vertrete ich nicht eine Partei, sondern den Staat. Wenn man die Verantwortung hat, lieber Freund, sehen die Dinge unten anders aus. Macht gibt Verantwortung. Karl Thomas. Macht! Was nützt es, daß du dir einbildest, Macht zu besitzen, wenn das Volk keine hat? Fünf Tage hab' ich mich umgesehen. Hat sich was geändert? Du sitzest oben und regulierst den Schwindel. Siehst du nicht ein, daß du die Idee verließest, daß du gegen das Volk regierst? Wilhelm Kilman. Es gehört mitunter Mut dazu, gegen das Volk zu regieren. Mehr als auf die Barrikaden zu gehn. (Telephon klingelt.) Entschuldige... Kilman... Einstimmiger Beschluß, Überstunden zu verweigern... Danke, Herr Direktor... Trägt das Flugblatt Namen? So... Notieren Sie: Wer um fünf Uhr die Fabrik verläßt, ist fristlos entlassen... Gut, werden die Fabriken schließen für einige Tage. Verhandeln Sie mit Privaten. Der Auftrag der Türkei muß ausgeführt werden... Auf Wiedersehen, Herr Direktor... (Hängt ein. Telephoniert wieder.) Setzen Sie sich mit Polizei in Verbindung... Akten Eva Berg... Beschleunigen... Danke. (Hängt ein.) Karl Thomas. Welch ein Mut! Du beherrschst die Methoden. Wilhelm Kilman. Wer hier oben arbeitet, muß dafür sorgen, daß die komplizierte Maschine nicht durch plumpe Hände ins Stocken gerät. Karl Thomas. Kämpfen die Frauen nicht für deine alten Ideen? Wilhelm Kilman. Darf ich dulden, daß die Arbeiterinnen irgendeiner Fabrik den Mechanismus des Staates stören? Karl Thomas. Deine Autorität litte wohl? Wilhelm Kilman. Soll ich mich blamieren? Soll ich mich unfähiger zeigen als die alten Minister? Es ist gar nicht so leicht oft... Versagt man einmal, dann... Es gibt Stunden... Ihr stellt euch das so vor... Ach, was wißt ihr?... Karl Thomas. Was wir wissen? Ihr verhelft der Reaktion in den Sattel. Wilhelm Kilman. Unsinn. In der Demokratie habe ich die Rechte der Arbeitgeber ebenso zu achten wie die Rechte der Arbeitnehmer. Wir haben eben noch nicht den Zukunftsstaat. Karl Thomas. Aber die andern haben Presse, Geld, Waffen. Und die Arbeiter? Leere Fäuste. Wilhelm Kilman. Ach, ihr seht nur immer den bewaffneten Kampf, hauen, stechen, schießen. Auf die Barrikaden! Auf die Barrikaden, du Arbeitervolk! Wir lehnen den Kampf roher Gewalt ab. Wir haben unermüdlich gepredigt, daß wir mit sittlichen, mit geistigen Waffen siegen wollen. Gewalt ist immer reaktionär. Karl Thomas. Ist das die Meinung der Masse? Nach deren Meinung fragst du wohl nicht? Wilhelm Kilman. Was ist die Masse? Hat sie positive Arbeit leisten können damals? Nichts! Sprüche klopfen und kaputtschlagen. Ins Chaos wären wir hineingeschliddert. Jeder Abenteurer bekam einen Kommandoposten. Leute, die ihr Leben lang die Arbeiter nur aus Kaffeehausdiskussionen kannten. Seien wir doch ehrlich. Wir haben die Revolution gerettet... Die Masse ist unfähig und wird unfähig bleiben vorerst. Jedes Fachwissen fehlt ihr. Wie vermöchte der Arbeiter ohne Schulung in unserer Epoche die Funktion meinetwegen eines Syndikatsleiters zu übernehmen? Oder eines Direktors der Elektrizitätswerke? Später... in Jahrzehnten... in Jahrhunderten... durch Erziehung... durch Entwicklung... wird es sich ändern. Wir müssen heute regieren. Karl Thomas. Und mit dir saß ich... Wilhelm Kilman. Und hältst mich wohl für einen »Verräter«? Karl Thomas. Ja. Wilhelm Kilman. Ach, lieber Freund, an die Worte bin ich gewöhnt. Für euch ist jeder Bürger ein Schurke, ein Blutsauger, ein Satan, was weiß ich. Wenn ihr nur begriffet, was die bürgerliche Welt geleistet hat und noch leistet. Karl Thomas. Halt! Du verdrehst meine Worte. Daß die bürgerliche Welt Mächtiges leistete, hab' ich nie bestritten. Daß das Bürgertum rabenschwarz und das Volk schneeweiß ist, hab' ich nie behauptet. Aber was ist aus der Welt geworden? Unsere Idee ist die größere. Wenn wir die durchsetzen, leisten wir mehr. Wilhelm Kilman. Es kommt auf die Taktik an, mein Lieber. Mit deiner Taktik regierte bald die finsterste Reaktion. Karl Thomas. Ich seh' keinen Unterschied. Wilhelm Kilman. Ihr habt wohl die Striemen vergessen, die euch den Rücken bleuten? Wie Kinder seid ihr. Den ganzen Baum wollen, wenn man einen Apfel haben kann. Karl Thomas. Auf wen stützest du dich? Auf die alte Bürokratie? Und wenn ich dir glaubte, deine Absichten seien ehrlich, was bist du in Wirklichkeit? Ein ohnmächtiger Popanz, ein Spielball! Wilhelm Kilman. Was willst du eigentlich? Sieh dir den inneren Betrieb an hier. Wie das klappt. Wie das am Schnürchen läuft. Jeder versteht sein Fach. Karl Thomas. Darauf bist du stolz? Wilhelm Kilman. Jawohl, ich bin stolz auf meine Beamten. Karl Thomas. Wir sprechen verschiedene Sprachen... Du nanntest einen Namen vorhin am Telephon. Wilhelm Kilman. Ich sprach über dienstliche Belange. Karl Thomas. Eva Berg. Wilhelm Kilman. Ach die... Sie arbeitet beim Finanzamt. Macht mir schwer zu schaffen. Was ist aus dem Püppchen geworden. Karl Thomas. Fünfundzwanzig Jahre muß sie alt sein heute. Wilhelm Kilman. Ich wollte sie schonen. Aber sie rennt ins Unglück... Ich muß dich verabschieden. Hier, nimm. (Will Karl Thomas Geld geben; der weist es zurück.) Anstellen kann ich dich leider nicht. Geh zur Gewerkschaft. Vielleicht findest du dort alte Bekannte. Ich vermute es. Man ist so beschäftigt. Man verliert den Kontakt. Laß dir's gut gehen. Mach keine Dummheiten. Im Ziel sind wir uns ja einig. Nur die Wege... (Schiebt Karl Thomas mählich ins Vorzimmer. Bleibt Sekunden stehen. Geste.) Im Vorzimmer (Karl Thomas starrt stumm.) Pickel (zum Diener) . Komm' ich jetzt dran, Herr Sekretär? Diener. Sind Sie angemeldet? Pickel. Zweieinhalb Tage fuhr ich mit der Eisenbahn, Herr Sekretär. Zwar man erlebt da sein reines Wunder. Kennen Sie Holzhausen? Diener. Weiß der Herr Minister? Pickel. Es ist doch wegen der Eisenbahn in Holzhausen. Diener. Ich werde fragen. (Diener ins Arbeitszimmer.) Pickel. Der Herr Minister ist wohl ein sehr strenger Mann? (Karl Thomas antwortet nicht!) Wenn der liebe Gott einen zum Minister gemacht hat, stelle ich mir meinerseits das so vor... (Da Karl Thomas nicht antwortet, bricht Pickel ab, geht hin und her.) Im Arbeitszimmer Wilhelm Kilman. Na meinetwegen. Führen Sie ihn herein. (Diener öffnet die Tür zum Vorzimmer.) Diener. Herr Pickel. (Herein Pickel.) Pickel. Habe die Ehre, Herr Minister. Ich hab' so viel auf dem Herzen, Herr Minister. Zwar sind Sie sicher sehr beschäftigt. Jedoch ich will Ihnen nicht Ihre Zeit stehlen, Herr Minister. Pickel ist mein Name. Gebürtig in Holzhausen, Bezirk Waldwinkel. Es ist nur wegen der Eisenbahn, die Sie nach Holzhausen legen wollen, Herr Minister. Sie wissen doch, im Oktober ... Zwar es gibt ein Sprichwort bei uns: Hannes will einer fetten Gans den Sterz einschmieren. Jedoch so eine fette Gans war Holzhausen. Die Dampfer fahren vorbei, jede Woche dreimal, die Postkutsche kommt hin, jeden Tag, den der liebe Gott geschaffen hat. Mir meinerseits hätte ... Zwar ich will mir gewiß nicht anmaßen ... Der Herr Minister wird das besser wissen ... Jedoch das ist sicher, das hat der Herr Minister nicht gewußt, wenn die Eisenbahn schon über mein Grundstück fahren soll, dann ... Ich halt' Sie auch nicht auf, Herr Minister? Wilhelm Kilman. Also, lieber Mann, was soll nun die Eisenbahn? Pickel. Ich hab' meinen Nachbarn gleich gesagt, wenn ich dem Herrn Minister vis-à-vis stehe, dann wird er ... Zwar er hat was gemeint, von weißen Handschuhen und so Zeug ... Jedoch ich hab' mir immer gedacht, ein Minister, was muß der alles kennen! Bald soviel wie der liebe Gott. Ob die Ernte gut wird, ob es Krieg gibt, ob die Eisenbahn über das Grundstück fahren soll oder über jenes ... Ja, so ein Minister ... Ach, ich komm' nicht nur wegen der Eisenbahn ... Zwar die Eisenbahn hat ihre Wichtigkeit ... Jedoch das andere hat auch seine Wichtigkeit. Da sitz' ich nun in Holzhausen ... Die Zeitungen, man wird nicht klug aus ihnen ... Ich hab' mir gesagt, wenn du erst dem Herrn Minister vis-à-vis stehst ... Wenn's nicht gar zuviel verlangt ist, wie stellen Sie sich vor, wie das alles weitergeht? ... Wenn nun die Eisenbahn durch Holzhausen fährt und man geradewegs bis nach Indien fahren kann? ... Und in China sollen die Gelben sich mucksen ... Und es soll Maschinen geben, mit denen kann man bis nach Amerika schießen ... Und die Neger in Afrika machen Sprüch und wollen die Mission 'rauswerfen ... Und das Geld will die Regierung abschaffen, sagt man ... Zwar da oben sitzt der Herr Minister, und mit all dem soll er fertig werden ... Jedoch wirst ihn mal selbst fragen. Herr Minister, was wird nun aus der Welt werden? Wilhelm Kilman. Was aus der Welt werden wird? Pickel. Was Sie aus ihr machen wollen, meine ich, Herr Minister? Wilhelm Kilman. Na, trinken wir zuerst einen Kognak. Rauchen Sie? Pickel. Zu gütig, Herr Minister. Zwar ich hab' mir gleich gesagt nur dem Minister vis-à-vis mußt du stehen ... Wilhelm Kilman. Die Welt ... Die Welt ... Hm ... es ist gar nicht so einfach darauf zu antworten. Trinken Sie doch. Pickel. Das hab' ich meinem Nachbar auch immer gesagt. Zwar mein Nachbar, ich meine den, der die Gemeindewiese gepachtet hat, erst sollte sie zweihundert Mark kosten, jedoch er ist mit dem Bürgermeister verwandt, und wenn einer verwandt ist ... (Es klopft) Diener. Ich möchte Exzellenz erinnern, Exzellenz müssen um zwei Uhr ... Wilhelm Kilman. Ja, ich weiß ... Also, lieber Herr Pickel, fahren Sie beruhigt nach Holzhausen zurück. Grüßen Sie Holzhausen ... Trinken Sie doch Ihren Kognak. Pickel. Ja, Herr Minister. Und die Eisenbahn ... Zwar wenn die schon über mein Grundstück fahren soll, dann ... Wilhelm Kilman (schiebt Pickel mählich ins Vorzimmer, ohne daß Pickel dazu kommt, seinen Kognak zu trinken). Es wird niemand ein Unrecht geschehen. Im Vorzimmer Pickel (hinausgehend) . Ich werd's ihnen schon besorgen in Holzhausen. Diener (zu Karl Thomas, der gleichsam erstarrt steht). Sie müssen gehen, es wird geschlossen. Filmisches Zwischenbild Frauen im Beruf Frauen als Schreibmaschinistinnen Frauen als Chauffeure Frauen als Lokomotivführerinnen Frauen als Polizistinnen Zweiter Akt Erste Szene Zimmer bei Eva Berg Eva Berg springt aus dem Bett, beginnt sich hastig anzukleiden Karl Thomas (im Bett) . Wohin willst du? Eva Berg. Arbeiten, lieber Junge. Karl Thomas. Wie spät ist es? Eva Berg. Halb sieben. Karl Thomas. Bleib noch bis acht liegen. Euer Bürodienst beginnt doch erst um neun Uhr. Eva Berg. Ich muß vorher zur Gewerkschaft. In einer Woche ist Wahl. Flugblätter für die Frauen haben sie gedruckt, scheußlich. Ich hab' gestern abend, als du schon schliefst, den Text für ein neues entworfen. Karl Thomas. Dieses Leben ohne Arbeit macht mich von Tag zu Tag fauler. Eva Berg. Ja, es wäre Zeit, daß du Arbeit fändest. Karl Thomas. Manchmal denk' ich ... Bubikopf nennt ihr die Frisur? Eva Berg. Gefällt sie dir? ... Zu dumm, im sechsten Bezirk fehlen noch Vertrauensleute. Wo habe ich nur die Papiere gelassen? ... Ach hier. (Liest, korrigiert, schreibt.) Karl Thomas. Die Frisur kleidet dich, da du ein Gesicht hast. Frauen ohne Gesicht müssen sich in acht nehmen. Die Frisur macht nackt. Wie viele vertragen Nacktheit? Eva Berg. Findest du? Karl Thomas. Die Gesichter in Straßen, Untergrundbahnen, schauerlich. Ich habe früher nie gesehen, wie wenig Menschen Gesichter haben. Fleischklumpen die meisten, von Angst und Dünkel aufgedunsen. Eva Berg. Der Schluß ist nicht schlecht ... Hat man Sehnsucht nach Frauen drinnen? Karl Thomas. In den ersten sieben Jahren war ich begraben ... Im letzten Jahr litt ich furchtbar. Eva Berg. Was tut man dann? Karl Thomas. Die einen halten's wie Knaben, die andern glauben, Laken, Stück Brot, buntes Tuch seien Geliebte. Eva Berg. Schlimm muß das letzte wache Jahr für dich gewesen sein. Karl Thomas. Oft habe ich das Kissen an mich gepreßt wie eine Frau, gierig mich zu wärmen. Eva Berg. In jedem bellen die Eishunde ... Du mußt Arbeit finden, Karl ... Karl Thomas. Wozu ... Eva, komm mit mir. Wir reisen nach Griechenland. Nach Indien. Nach Afrika. Es müssen irgendwo noch Menschen leben, kindliche, die sind, nur sind. In deren Augen Himmel und Sonne und Sterne kreisen, leuchtend. Die nichts von Politik wissen, die leben, nicht immer kämpfen müssen. Eva Berg. Dich ekelt vor Politik? Glaubst du, du könntest ihren Kreis durchbrechen? Glaubst du, du könntest über südlicher Sonne, über Palmen, Elefanten, farbigen Gewändern das wirkliche Leben der Menschen vergessen? Das Paradies, daß du dir träumst, existiert nicht. Karl Thomas. Seit meinem Besuch bei Wilhelm Kilman mag ich nicht mehr. Dafür? Damit die Unsern als verzerrte Spiegelbilder der Alten in die Welt grinsen? Danke. Du sollst mir Morgen sein und Traum der Zukunft. Dich, dich will ich, nichts weiter. Eva Berg. Flucht also? Karl Thomas. Nenn's Flucht. Was liegt an Worten. Eva Berg. Du betrügst dich. Schon morgen zernagte dich Ungeduld, Sehnsucht nach dem ... Schicksal. Karl Thomas. Schicksal? Eva Berg. Weil wir nicht atmen können in dieser Luft von Fabriken und Hinterhöfen. Weil wir eingingen sonst wie gefangene Tiere. Karl Thomas. Ja, du hast recht. (Karl Thomas beginnt sich anzuziehen.) Eva Berg. Du mußt dich nach anderer Wohnung umschauen, Karl. Karl Thomas. Darf ich bei dir nicht mehr wohnen, Eva? Eva Berg. Ehrlich, nein. Karl Thomas. Meckert die Wirtin? Eva Berg. Ich würde es ihr abgewöhnen. Karl Thomas. Warum dann nicht? Eva Berg. Ich muß allein sein können. Versteh mich. Karl Thomas. Gehörst du nicht mir? Eva Berg. Gehören? Das Wort ist gestorben. Keiner gehört dem andern. Karl Thomas. Verzeih, ich hab' ein falsches Wort gewählt. Bin ich nicht dein Geliebter? Eva Berg. Du meinst, weil ich mit dir geschlafen habe? Karl Thomas. Bindet das nicht? Eva Berg. Ein Blick, den ich mit fremdem Menschen tausche auf verwehter Straße, kann tiefer mich an ihn binden als irgendeine Liebesnacht. Die braucht nichts zu sein als sehr schönes Spiel. Karl Thomas. Und was nimmst du ernst? Eva Berg. Das hier nehme ich ernst. Auch Spiel nehme ich ernst ... Ich bin ein lebendiger Mensch. Habe ich, weil ich kämpfe, der Welt entsagt? Die Meinung, daß ein Revolutionär auf die tausend winzigen Freuden des Lebens zu verzichten habe, ist absurd. Alle sollen teilnehmen, das wollen wir doch. Karl Thomas. Was ist dir ... heilig? Eva Berg. Warum mystische Worte für menschliche Dinge? ... Du siehst mich an? ... Ich merke, wenn ich mit dir spreche, die letzten acht Jahre, in denen du »begraben« warst, haben uns stärker verwandelt als sonst ein Jahrhundert. Karl Thomas. Ja, ich glaube mitunter, ich komme aus einer Generation, die verschollen ist. Eva Berg. Was hat die Welt erlebt seit jener Episode. Karl Thomas. Wie du von der Revolution sprichst! Eva Berg. Diese Revolution war eine Episode. Sie ging vorüber. Karl Thomas. Was bleibt? Eva Berg. Wir. Mit unserm Willen zur Ehrlichkeit. Mit unserer Kraft zu neuer Arbeit. Karl Thomas. Und wenn du ein Kind empfingst in diesen Nächten? Eva Berg. Werde ich es nicht gebären. Karl Thomas. Weil du mich nicht liebtest? Eva Berg. Wie du vorbeiredest. Weil es Zufall wäre. Weil es mich nicht notwendig dünkt. Karl Thomas. Wenn ich dumme Worte jetzt sage, falsche Worte, hör nicht drauf, hör auf das Unsagbare, an dem auch du nicht zweifelst. Ich brauche dich. Ich habe dich gefunden in Tagen, da wir den Herzschlag des Lebens hörten, weil der Herzschlag des Todes pochte, laut und unaufhaltsam. Ich finde mich nicht zurecht in dieser Zeit. Hilf mir, hilf mir! Die Flamme, die glühte, ist verlöscht. Eva Berg. Du täuschst dich. Anders glüht sie. Unpathetischer. Karl Thomas. Ich fühle sie nirgends. Eva Berg. Was siehst du? Du fürchtest dich vor dem Tag draußen. Karl Thomas. Sprich anders. Eva Berg. Doch, laß mich sprechen. Alles Aussprechen beendet. Unwiderruflich. Entweder du gewinnst Kraft zu neuem Beginn oder du gehst zugrunde. Aus Mitleid dich in falschen Träumen halten, wäre Verbrechen. Karl Thomas. So hattest du Mitleid? Eva Berg. Wahrscheinlich. Ich bin mir nicht klar. Nie treibt ein Grund allein. Karl Thomas. Welches Erlebnis hat dich verhärtet in diesen Jahren? Eva Berg. Schon wieder gebrauchst du Begriffe, die nicht mehr stimmen. Ich war ein Kind, zugegeben. Wir können es uns nicht mehr leisten, Kinder zu sein. Wir können Hellsichtigkeit, Wissen, das uns zuwuchs, nicht mehr in die Ecke werfen wie Spielzeug, das wir nicht mögen. Erlebnis – gewiß, ich habe viel erlebt. Männer und Situationen. Seit acht Jahren arbeite ich, wie früher nur Männer arbeiteten. Seit acht Jahren entscheide ich über jede Stunde meines Lebens. Darum bin ich, wie ich bin ... Glaubst du, daß es mir leicht wurde? Oft, wenn ich in einem dieser häßlichen möblierten Zimmer saß, habe ich mich aufs Bett geworfen ... hab' geheult, wie zerbrochen ... hab' gedacht, ich kann nicht mehr weiterleben ... Dann kam die Arbeit. Die Partei brauchte mich. Ich habe die Zähne zusammengebissen und ... Sei vernünftig, Karl. Ich muß ins Amt gehen. (Fritz und Grete lugen durch die Tür. Verschwinden wieder.) Bleib den Morgen hier. Brauchst du Geld? Sag nicht nein aus dummem Ehrgefühl. Ich helfe dir als Kamerad, basta. Leb wohl. (Eva Berg geht. Karl Thomas bleibt Sekunden allein. Fritz und Grete, die Kinder der Wirtin, öffnen die Tür, schauen neugierig.) Fritz. Darf man mal 'reinkommen? Grete. Wir möchten Sie nämlich sehen. Karl Thomas. Ja, kommt nur. (Fritz und Grete herein, beide betrachten Karl.) Fritz. Wir müssen nämlich bald gehen. Grete. Wir haben Karten fürs Kino. Fritz. Und heut abend gehen wir zum Boxkampf. Wollen wir mal boxen? Karl Thomas. Nein, ich kann nicht boxen. Fritz. Ach so. Grete. Aber tanzen können Sie, nicht? Verstehen Sie Charleston oder Black Bottom? Karl Thomas. Nein, auch nicht. Grete. Schade ... Sie waren wirklich acht Jahre im Irrenhaus? Fritz. Sie will's nicht glauben. Karl Thomas. Doch. Ja. Grete. Und vorher waren Sie zum Tode verurteilt? Fritz. Mutter hat's uns erzählt. Sie las es in der Zeitung. Karl Thomas. Eure Mutter vermietet Zimmer? Grete. Freilich. Karl Thomas. Eure Mutter ist arm? Fritz. Reich wären heute nur die Schieber, sagt Mutter immer. Karl Thomas. Wißt ihr auch, warum ich zum Tode verurteilt wurde? Grete. Weil Sie im Krieg mit dabei waren. Fritz. Gans! Weil er in der Revolution mit dabei war. Karl Thomas. Was wißt ihr denn vom Krieg? Hat Mutter euch von ihm erzählt? Grete. Nein, Mutter nicht. Fritz. In der Schule müssen wir doch die Schlachten lernen. Grete. An welchem Tag sie waren. Fritz. Blödsinn, daß der Weltkrieg kommen mußte. Als ob wir nicht schon genug zu lernen hätten in der Geschichtsstunde. Von 1618 bis 1648 dauerte der Dreißigjährige Krieg. Grete. Dreißig Jahre. Fritz. Von dem müssen wir halb soviel Schlachten lernen wie vom Weltkrieg. Grete. Und dabei hat der nur vier Jahre gedauert. Fritz. Die Schlacht bei Lüttich, die Schlacht an der Marne, die Schlacht bei Verdun, die Schlacht bei Tannenberg ... Grete. Und die Schlacht bei Ypern. Karl Thomas. Mehr wißt ihr nicht vom Krieg? Fritz. Es genügt uns. Grete. Und wie! Das letztemal habe ich mangelhaft bekommen, weil ich 1916 mit 1917 verwechselte. Karl Thomas. Und ... was wißt ihr von der Revolution? Fritz. Von der brauchen wir nicht so viel Zahlen zu lernen, die ist einfacher. Karl Thomas. Was bedeuten Leid und Erkenntnis von Millionen, wenn schon die nächste Generation dafür taub ist? Alle Erfahrung rinnt ins Bodenlose. Fritz. Was sagen Sie? Karl Thomas. Wie alt seid ihr? Grete. Dreizehn. Fritz. Fünfzehn. Karl Thomas. Und ihr heißt? Fritz, Grete. Fritz, Grete. Karl Thomas. Was ihr vom Krieg lerntet, ist sinnlos. Nichts wißt ihr vom Krieg. Fritz. Oho! Karl Thomas. Wie ihn euch schildern? ... Müttern wurden ... nein. Am Ende der Straße, was steht da? Fritz. Eine große Fabrik. Karl Thomas. Was wird darin gemacht? Fritz, Grete. Säuren ... Gas. Karl Thomas. Was für Gas? Grete. Weiß ich nicht. Fritz. Aber ich. Giftgas. Karl Thomas. Wozu dient das Giftgas? Fritz. Wenn die Feinde uns überfallen. Grete. Ja, gegen die Feinde, wenn sie unser Land verwüsten wollen. Karl Thomas. Wer sind denn eure Feinde? (Fritz, Grete schweigen.) Gib mal deine Hand Fritz ... Was wird mit dieser Hand, wenn eine Kugel sie durchlöchert? Fritz. Dank' schön. Futsch. Karl Thomas. Was wird mit deinem Gesicht, wenn es ein Quentchen Giftgas umnebelt? Hast du es in der Schule gelernt? Grete. Und ob! Zerfressen wird's. Ratzekahl. Und dann stirbt man. Karl Thomas. Möchtest du sterben? Grete. Sie fragen komisch. Natürlich nicht. Karl Thomas. Und nun will ich euch eine Geschichte erzählen. Kein Märchen. Eine Geschichte, die passiert ist, bei der ich dabei war. Während des Krieges lag ich irgendwo in Frankreich im Schützengraben. Plötzlich, nachts, hörten wir Schreie, so, als wenn ein Mensch furchtbare Schmerzen leidet. Dann war's still. Wird wohl einer zu Tode getroffen sein, dachten wir. Nach einer Stunde vernahmen wir wieder Schreie, und nun hörte es nicht mehr auf. Die ganze Nacht schrie ein Mensch. Den ganzen Tag schrie ein Mensch. Immer klagender, immer hilfloser. Als es dunkel wurde, stiegen zwei Soldaten aus dem Graben und wollten den Menschen, der verwundet zwischen den Gräben lag, hereinholen. Kugeln knallten, und beide Soldaten wurden erschossen. Noch mal versuchten's zwei. Sie kehrten nicht wieder. Da kam der Befehl, es dürfe keiner mehr aus dem Graben. Wir mußten gehorchen. Aber der Mensch schrie weiter. Wir wußten nicht, war er Franzose, war er Deutscher, war er Engländer. Er schrie, wie ein Säugling schreit, nackt, ohne Worte. Vier Tage und vier Nächte schrie er. Für uns waren es vier Jahre. Wir stopften uns Papier in die Ohren. Es half nichts. Dann wurde es still. Ach, Kinder, vermöchte ich Phantasie in euer Herz zu pflanzen wie Korn in durchpflügte Erde. Könnt ihr euch vorstellen, was da geschah? Fritz. Doch. Grete. Der arme Mensch. Karl Thomas. Ja, Mädchen, der arme Mensch! Nicht: der Feind. Der Mensch. Der Mensch schrie. In Frankreich und in Deutschland und in Rußland und in Japan und in Amerika und in England. In solchen Stunden, in denen man, wie soll ich's sagen, hinabsteigt bis zum Grundwasser, fragt man sich: Warum das alles? Wofür das alles? Würdet ihr auch so fragen? Fritz, Grete. Ja. Karl Thomas. In allen Ländern grübelten die Menschen über die gleiche Frage. In allen Ländern gaben sich Menschen die gleiche Antwort. Für Gold, für Land, für Kohlen, für lauter tote Dinge, sterben, hungern, verzweifeln die Menschen, hieß die Antwort. Und dort und dort standen die Mutigsten des Volkes auf, riefen den Blinden zu ihr hartes Nein, wollten, daß dieser Krieg aufhörte und alle Kriege, kämpften für eine Welt, in der es alle Kinder gut hätten ... Bei uns verloren sie, wurden besiegt. (Lange Pause.) Fritz. Wart Ihr viele? Karl Thomas. Nein, das Volk begriff nicht, warum wir kämpften, sah nicht, daß wir für sein Leben uns erhoben. Fritz. Auf der anderen Seite, waren da viele? Karl Thomas. Sehr viele. Waffen hatten sie und Geld und bezahlte Soldaten. (Pause.) Fritz. Und Ihr wart so dumm zu glauben, Ihr könntet siegen? Grete. Ja, da wart Ihr recht dumm. Karl Thomas (starrt sie an). Was sagt ihr? Fritz. Dumm wart Ihr. Grete. Sehr dumm. Fritz. Jetzt müssen wir gehen. Sput dich, Grete. Grete. Ja. Fritz, Grete. Guten Tag. Auf Wiedersehen. (Pause. Eva Berg kommt zurück.) Eva Berg. Nun könnte ich mit dir reisen. Karl Thomas. Was ist? Eva Berg. Prompte Antwort. Karl Thomas. Sprich! Eva Berg. Ich kam nicht hinein ins Amt. Der Pförtner gab mir den Entlassungsbrief. Aus dem Dienst gejagt. Karl Thomas. Kilman! Eva Berg. Weil ich gestern nachmittag zu den ausgesperrten Arbeiterinnen sprach. Karl Thomas. Dieser Kerl! Eva Berg. Es wundert dich? Wer mit Lehm patzt, muß kneten. Karl Thomas. Bist du überzeugt nun, Eva? Komm. Hier liegt ein Kursbuch. Wir fahren noch heute nacht. Fort! Nur fort, nur fort! Eva Berg. Du sprichst von uns beiden? Nichts hat sich geändert. Glaubst du im Ernst, ich würde die Kameraden im Stich lassen? Karl Thomas. Verzeih. Eva Berg. Magst du nicht mit uns arbeiten? ... Überleg's dir. (Eva Berg geht. Karl Thomas starrt sie an. Dunkel.) Filmisches Zwischenbild Osten einer Großstadt Fabriken Schornsteine Feierabend Arbeiter verlassen Fabrik Menge in Straßen Zweite Szene Arbeiterwirtschaft Der hintere erhöhte Raum ist als Wahllokal eingerichtet. Am Tisch der Wahlleiter, neben ihm die Wahlbeisitzer. Rechts die Wahlkabine. Eingang dem Zuschauerraum zugewandt. Vorne an Tischen Gäste. Wenn an einem Tisch gesprochen wird, ist er hell beleuchtet, der andere Raum dunkler. – Herein dritter Arbeiter Dritter Arbeiter. Na, hier flutscht es. Der Schwindel blüht. Zweiter Arbeiter. Mensch, schweig doch. Mit deinem blöden Anarchismus kämen wir auch nicht weiter. Dritter Arbeiter. Weiß schon, wenn ihr wählt, da kommt ihr weiter. Erster Arbeiter. Es hat alles seine Richtigkeit. Auch die Wahl. Sonst wäre sie nicht da. Wenn du so dämlich bist, das nicht zu begreifen... Dritter Arbeiter. Nur die allerdümmsten Kälber wählen ihre Metzger selber. Erster Arbeiter. Meinst du uns? Zweiter Arbeiter. Kinnhaken gefällig? (Von hinten.) Wahlleiter. Ruhig vorne. Man kann seine eigene Stimme nicht verstehen... Wie heißen Sie? Alte Frau. Barbara Stilzer. Wahlleiter. Wo wohnen Sie? Alte Frau. Ab ersten Oktober werde ich Schulstraße sieben wohnen. Wahlleiter. Wo Sie jetzt wohnen, möchte ich wissen. Alte Frau. Wenn der Hauswirt glaubt, er könnte mich kujonieren, weil ich mich beschwert hab' beim Mietsamt... Margaretenstraße elf, vierter Stock. Wahlleiter. Stimmt. (Alte Frau bleibt stehen.) Sie können Ihren Stimmzettel abgeben. Alte Frau. Ich komme nur, weil's heißt, sie bestrafen einen, wenn man nicht wählt. Wahlleiter. Also, liebe Frau, Sie nehmen den Bleistift, malen ein Kreuz hinter den Namen Ihres Kandidaten und tun ihn in die Urne da drinnen. Alte Frau. Ich hab' keinen Stimmzettel, Herr Kriminalkommissar... Ich hab' nicht gewußt, daß ich einen Stimmzettel mitbringen muß... Wie soll man sich auskennen bei den vielen Paragraphen... Wahlleiter. Ich bin kein Kriminalkommissar. Ich bin der Wahlleiter. Dort stehen die Stimmzettelverteiler. Lassen Sie sich einen geben, und dann kommen Sie wieder. (Wahlhandlung geht weiter. – Alte Frau geht nach vorne.) Erster Stimmzettelverteiler. Hier, junge Frau, hinter eins müssen Sie ein Kreuz machen. Da wählen Sie den richtigen Präsidenten. Der Kriegsminister wird für Ruhe und Ordnung sorgen und für die Frauen. (Alte Frau wendet unschlüssig den Zettel hin und her.) Zweiter Stimmzettelverteiler. Na, Mutterchen, immer das Kreuz hinter zwei setzen. Wollen Sie, daß die Kohlen billiger werden und das Brot? Alte Frau. Schande, wie die Preise wieder steigen. Zweiter Stimmzettelverteiler. Alles die Großagrarier, Mutterchen. Die scheffeln den Speck. Hier das Kreuz her, da stimmen Sie für die Volksversöhnung. (Alte Frau wendet unschlüssig den Zettel hin und her.) Dritter Stimmzettelverteiler. Als klassenbewußte Proletarierin wählen Sie Nummer drei. Klare Entscheidung, Genossin. Ruhe und Ordnung – Quatsch. Ruhe und Ordnung für die Kapitalisten, nicht für Sie. Volksversöhnung – Quatsch. Wenn Sie sich kuschen, dann dürfen Sie die Bruderhand lecken, sonst setzt's Fußtritte. Hinter drei das Kreuz, oder Sie drehen sich selbst den Strick. (Alte Frau wendet unschlüssig den Zettel hin und her.) Erster Stimmzettelverteiler. Hinter eins, junge Frau! Nicht vergessen! Zweiter Stimmzettelverteiler. Hinter zwei, Mutterchen! Dritter Stimmzettelverteiler. Nur drei hilft die Ketten sprengen, Genossin! (Alte Frau geht nach hinten.) Wahlleiter. Haben Sie jetzt Ihren Stimmzettel? Alte Frau. Hier, drei Stück. Wahlleiter. Nur einen 'reinwerfen. Sonst ist Ihre Stimme ungültig. (Alte Frau geht in die Kabine.) Alte Frau. Darf ich wieder herauskommen? (Kommt heraus.) Schön guten Abend, Herr Kriminalkommissar. (Im Hinausgehen zu den Stimmzettelverteilern.) Schon gut, schon gut, regt euch nicht auf, regt euch nicht auf, ich hab' hinter jeden ein Kreuz gemacht. (Am Tisch links.) Zweiter Arbeiter. Den Weibern das Wahlrecht geben. Nur die Pfaffen profitieren davon. Zweiter Arbeiter. Früher, wo ich Arbeit hatte, saß ich nicht im Monat so viel im Wirtshaus wie jetzt an einem Tag. Erster Arbeiter. Und deine Frau? Ich möcht's nicht klatschen hören. Schrammen hast genug. Zweiter Arbeiter. Bei der Unterstützung können wir vier Tage Hering und Marmelade fressen und drei Tage die Nase gegen den Wind halten. Es kommt auf eins 'raus. Erster Arbeiter. Geh ich gestern aus der Tür, steht draußen vor der Schenke ein Bourgeoisweib, weißt du, mit Spitzen prima, voll Speck oben und unten, sagt laut: »Mit den Leuten soll man Mitleid haben.« Hab' ich geantwortet: »Frau Kommerzienrat«, hab' ich gesagt, »vielleicht kommt noch mal eine Zeit, wo Sie froh sein werden, wenn ich mit Ihnen Mitleid hab'«, hab' ich gesagt. Zweiter Arbeiter. Aufhängen sollte man sie, nichts als aufhängen. Alle miteinander. Erster Arbeiter. Wir werden's ihnen zeigen bei der Wahl. (Karl Thomas herein.) Karl Thomas (zum Wirt) . Bei Ihnen verkehrt Albert Kroll? Wirt. Er war grad hier. Er muß gleich wiederkommen. Karl Thomas. Ich werde warten. (Setzt sich an Tisch rechts.) (Vor dem Tisch des Wahlleiters.) Wähler. Das lasse ich mir nicht gefallen! Wahlleiter. Herr Sekretär, ein Irrtum... Wähler. Der mich mein Stimmrecht kostet. Ich werde Einspruch erheben gegen die Wahl! Die Wahl muß als ungültig erklärt werden! Ich werde nicht ruhen! Ich geh' bis zu den höchsten Instanzen! Wahlleiter. Ich gebe ja zu, daß Ihre Eintragung in die Wählerliste zu unrecht unterblieb... Wähler. Dafür kann ich mir was kaufen! Mein Recht will ich! Mein Recht! Wahlleiter. Ich darf nach dem Gesetz nicht... Wähler. Mich rechtlos machen, das dürfen Sie. Ich werde hier Ordnung schaffen! Ich werde den Saustall anprangern! Wahlleiter. Haben Sie Einsehen, Herr Sekretär. Bedenken Sie, welche Unruhe Sie ins Volk... Wähler. Ist mir egal. Recht muß Recht bleiben... Zweiter Wahlbeisitzer. Bitte schön, Herr Sekretär... Wahlleiter. Als Staatsbürger werden Sie nicht wollen, daß... Wähler. Es muß in die Presse, schwarz auf weiß. Dahinter steckt was andres. Gerade mir muß es passieren, immer muß es mir passieren, immer, immer, immer! Aber jetzt ist Schluß! (Läuft davon, stößt in der Tür mit Albert Kroll zusammen, der hineinkommt. Albert Kroll stutzt, erkennt Karl Thomas.) Albert Kroll. Menschenskind. Karl Thomas. Endlich find' ich dich. Albert Kroll. Armer Kerl. Schlimme Zeiten gewesen. Auch für uns. Arbeit gefunden? Karl Thomas. Sechsmal war ich auf dem Arbeitsnachweis. Ich hab' doch Setzer gelernt, als sie mich aus der Universität schmissen. Kollegen sind dir manche Sekretäre! Wie Abteilungschefs im Warenhaus. Kalte Schulter, schlimmer als die echten. Könnten auch in anderen Warenhäusern perfekt arbeiten. Albert Kroll. Der Alltag. Karl Thomas. Du sagst es, als ob's so sein müßte. Albert Kroll. Nein. Nur es regt mich nicht mehr auf. Wart einen Augenblick, ich geh' nach oben, ich gehöre zum Wahlvorstand. Man muß den Kerlen auf die Finger sehen. (Oben am Wahltisch.) Zweiter Wahlbeisitzer. Eine Beteiligung! Eine Beteiligung! In einer Stunde ist die Wahl zu Ende und schon achtzig Prozent. Achtzig Prozent! Albert Kroll. Es haben dreihundert Arbeiter protestiert, weil sie nicht in die Wahlliste aufgenommen werden. Wahlleiter. Nicht meine Schuld. Die aus dem Siedlungsblock bei den Chemischen Werken mußten gestrichen werden. Sie wohnen nicht vier Monate hier. Albert Kroll. Aber die Studenten haben Wahlrecht. Seit wann sind die hier? Seit drei Wochen! Wahlleiter. Das Ministerium des Innern hat so entschieden, nicht ich. Albert Kroll. Wir werden Einspruch erheben gegen die Wahl. Zweiter Wahlbeisitzer (am Telephon) . Ist dort sechster Bezirk? Wieviel haben gewählt? Fünfundsechzig Prozent? Bei uns achtzig! (Hängt Telephon ein.) Meine Herren, wir marschieren an der Spitze, und Sie wollen Einspruch erheben... (Albert Kroll geht zu Karl Thomas.) Albert Kroll. Kilman hat den Arbeitern bei den Chemischen Werken das Stimmrecht gestohlen! Karl Thomas. Meinetwegen. Was liegt daran. Albert, Genosse, was ist aus unserm Kampf geworden. Warenhaus hab' ich vorhin gesagt. Jeder sitzt auf seinem Pöstchen. Kasse eins... Kasse zehn... Kasse zwölf. Kein frischer Hauch. Die Luft modert vor Ordnung. Mir hat irgendein Wisch gefehlt, ich mußte noch mal meine Papiere einreichen an die zuständigen Instanzen. Es schimmelt nach Bürokratie. Albert Kroll. Wissen wir. Noch mehr wissen wir. Die versagt haben, als es um die Entscheidung ging, spucken heute wieder große Töne. Karl Thomas. Und ihr laßt es euch gefallen? Albert Kroll. Wir kämpfen. Zu wenige sind wir. Die meisten haben vergessen, wollen ihre Ruhe. Wir müssen Kameraden gewinnen. Karl Thomas. Hunderttausende sind arbeitslos. Albert Kroll. Schleicht sich Hunger zu einer Tür 'rein, schleicht Verstand zur andern Tür 'raus. Karl Thomas. Wie ein alter Mann sprichst du. Albert Kroll. Jahre wie diese zählen zehnfach. Man lernt. Karl Thomas. Hat der Herr Minister Kilman auch gesagt. Albert Kroll. Möglich. Weil er was zu verbergen hat. Ich will dir die Wahrheit zeigen. Vierter Arbeiter (herein) . Albert, die Polizei hat unser Lastautomobil beschlagnahmt. Albert Kroll. Warum? Vierter Arbeiter. Wegen der Bilder! Wir hätten den Kriegsminister verhöhnt. Albert Kroll. Wählt gleich eine Delegation, sie soll ins Ministerium, sich beschweren. Vierter Arbeiter. Haben wir schon heute vormittag getan wegen der Flugblattverteiler, die verhaftet wurden. Kilman läßt niemand vor. Albert Kroll. Dem Kriegsminister hat er die Militärkapelle gratis serviert... Los, geht ins Ministerium. Gleich telephonieren, wenn er sich weigert. (Vierter Arbeiter geht.) Hast du gehört, Karl? Karl Thomas. Was geht mich die Wahl an. Deinen Glauben zeig mir, den alten, der Erde und Himmel und Sterne fortfegte. Albert Kroll. Du meinst, den hab' ich nicht mehr? Soll ich dir aufzählen, wie oft wir ausbrechen wollten aus den verfluchten Sielen? Soll ich dir die Namen nennen der alten Kameraden, die ermordet wurden, eingesperrt, gehetzt? Karl Thomas. Nur der Glaube zählt. Albert Kroll. Wir wollen keine Seligkeit im Himmel. Man muß sehen lernen und sich dennoch nicht unterbekommen lassen. Karl Thomas. Die großen Führer haben nicht so gesprochen. Albert Kroll. Glaubst du? Ich stell' mir das anders vor. Drauflos marschierten sie. Unter den Füßen Glas. Und wenn sie durchsahen, sahen sie den Abgrund aus Feindschaft der andern und Dummheit der eigenen. Und sahen vielleicht noch mehr. Karl Thomas. Keine Handbreit hätten sie gerührt, würden sie je gelotet haben die Tiefe unter sich. Albert Kroll. Gelotet nie. Gesehen immer. Karl Thomas. Alles falsch, was ihr tut. Ihr macht den Wahlschwindel mit. Albert Kroll. Und was machst du? Was willst du tun? Karl Thomas. Geschehen muß was. Einer muß ein Beispiel geben. Albert Kroll. Einer? Alle. Jeden Tag. Karl Thomas. Ich mein' es anders. Einer muß sich opfern. Dann werden die Lahmen rennen. Tage und Nächte habe ich die Fäuste gegen meinen Schädel getrommelt. Jetzt weiß ich, was ich zu tun habe. Albert Kroll. Ich höre. Karl Thomas. Rück 'ran. Unauffällig. (Spricht leise mit Albert.) Albert Kroll. Uns nützest du nicht. Karl Thomas. Nur so helf ich mir. Der Ekel erstickt mich. (Albert Kroll ist wieder zum Tisch des Wahlleiters gegangen.) Albert Kroll. Die Polizei hat unser Lastauto beschlagnahmt. Das ist Sabotage des Arbeiterkandidaten. Ein Wähler. Euer Kandidat ist doch vom Ausland bestochen. Albert Kroll. Lüge! Wahlhetze! Wahlleiter (zu Albert Kroll) . Sie dürfen nicht beeinflussen. (Zum Wähler.) Hier ist keine Auskunftsstelle, Herr Metzgermeister. Albert Kroll. Niemand will ich beeinflussen. Ich darf wohl noch die Wahrheit sagen. Zweiter Wahlbeisitzer (am Telephon) . Wie spät ist es bei euch? Acht Uhr fünfzehn?... Ja, ja, bei uns flutscht es. Mächtiger Betrieb. Eben bringen sie die Kranken auf Tragbahren. (Hängt ab.) Die Uhr im fünften Bezirk geht acht Minuten vor. Acht Minuten! Ich hab' es ihm nicht gesagt. Da erfahren wir schon acht Minuten früher die Resultate. (Albert Kroll geht zum Tisch von Karl Thomas.) Albert Kroll. Mir den Mund verbieten, wenn ich die Wahrheit sagen will. Ich kusch' mich nicht. Karl Thomas. Großer Mut! In Wahrheit seid ihr Feiglinge! Alle, alle, alle! Wäre ich im Irrenhaus geblieben! Jetzt faßt mich schon vorm Plan der Ekel. Wofür? Für eine Herde feiger Wahlspießer? Albert Kroll. Du möchtest, daß um deinetwillen die Welt ein ewiges Feuerwerk sei, mit Raketen und Leuchtkugeln und Schlachtengetöse. Du bist der Feigling, nicht ich. (Am Tisch links.) Erster Arbeiter. Warst schon wählen? Zweiter Arbeiter. Nein, ich geh' jetzt. Warum soll ich nicht für Volksversöhnung stimmen, wo die Gnädige von der Lina auch dafür stimmt. Mit dem Kilman muß was los sein, sag' ich dir, die Gnädige von der Lina hat Grütze im Kopf. Die ist überhaupt pikfein. Am Sonntag, wenn die Lina Ausgang hat, kommt die Gnädige immer in die Küche. »Lina«, sagt sie, »ich wünsche Ihnen schönen Sonntag.« Und dann gibt sie ihr die Hand. Jedesmal. Erster Arbeiter. Da schau. (Zweiter Arbeiter geht zum Wahltisch. – Pickel kommt) Pickel. Entschuldigen Sie, kann man hier wählen? (Die Stimmzettelverteiler umringen Pickel.) Erster Stimmzettelverteiler. Ruhe und Ordnung im ganzen Land, mit Gott fürs teure Vaterland! Nur eins! Zweiter Stimmzettelverteiler. Wach auf, du Volk, noch ist es Zeit, nicht rechts, nicht links, sei staatsbereit! Nur zwei! Dritter Stimmzettelverteiler. Der Präsident von Nummer drei macht Arbeiter und Bauern frei! Nur drei! Pickel. Danke schön, danke schön. (Pickel geht zum Tisch des Wahlleiters.) Wahlleiter. Wie heißen Sie? Pickel. Pickel. Wahlleiter. Wo wohnen Sie? Pickel. Zwar wohne ich in Holzhausen, jedoch... Wahlleiter. Sie sind nicht eingetragen in die Wahlliste... Schreiben Sie sich mit Be? Pickel. Wo werde ich... Pickel... Pickel Pe... Pe... Nicht zwei Pe... Zwar ich möchte erklären, daß... Wahlleiter. Ihre Erklärung nützt nichts. Sie dürfen hier nicht wählen. Sie sind im falschen Wahllokal. Pickel. Ich muß Ihnen erklären... Zwar wohne ich in Holzhausen... Wahlleiter. Was wollen Sie hier? Halten Sie die Wahl nicht auf. Der nächste... (Wahlhandlung geht weiter.) Pickel (zu Karl Thomas gehend) . Zwar wäre mir meinerseits gleich, ob ich wähle, jedoch ich will nicht undankbar sein gegen den Herrn Minister... Ich möcht' ihm meine Stimme geben. (Pickel geht zum dritten Arbeiter.) Karl Thomas. Lassen Sie mich in Ruhe. Pickel. Zwar wäre ich längst nach Hause gereist, ich wollte nur einen Tag bleiben, jedoch es hörte nicht auf mit Regnen. Dritter Arbeiter. Wenn's hier nur 'reinregnen tät. Die ganze Bude müßte es überschwemmen. Alles Betrug! Den Hintern abwischen sollt' man sich mit den Zetteln. Pickel. Dieses meine ich nicht. Nämlich ich fahre nicht bei Regenwetter. Ich habe sechs Wochen gewartet, eh' ich zum Herrn Minister reiste, weil immer Gewitter in der Luft lag. (Bankier kommt. Stimmzettelverteiler umringen ihn.) Bankier. Danke. (Geht zum Wahlleiter.) Wahlleiter. Zu dienen, Herr Generaldirektor. Herr Generaldirektor wohnen immer noch am Opernplatz? Bankier. Ja. Ich komme ein bißchen spät. Wahlleiter. Früh genug, Herr Generaldirektor. Bitte sehr, dort. (Bankier geht in die Wahlkabine.) Pickel. Ich hatte einen Onkel, den erschlug der Blitz in der Eisenbahn. Zwar die Eisenbahnen ziehen den Blitz an, jedoch die Menschen sind schuld daran mit ihrem neumodischen Getös. Wahlleiter (zum Bankier, der die Wahlkabine verlassen hat). Ergebenster Diener, Herr Generaldirektor. (Bankier geht) Dritter Arbeiter. Der macht das Rennen, kein anderer, und die dummen Arbeiter schlucken den Staub. Pickel. Das Radio und die elektrischen Wellen, die bringen Unordnung in die Atmosphäre. Zwar... Wahlleiter. Die Wahlhandlung ist geschlossen. Erster Arbeiter. Da bin ich aber neugierig. Zweiter Arbeiter. Wollen wir wetten, daß der Kriegsminister durchfällt? Dritter Arbeiter. Gewählt wird er! Recht geschieht euch! Zweiter Arbeiter. Quatsch nicht so dämlich, alter Anarchiste!   Radio. Achtung! Achtung! Erstes Wahlresultat. Zwölfter Bezirk. Siebenhundertvierzehn Stimmen für den Kriegsminister Exzellenz von Wandsring, vierhundertvierzehn Stimmen für Minister Kilman, siebenundsechzig Stimmen für Maurer Bandke.   Zweiter Arbeiter. Au. Erster Arbeiter. Schiebung. Dritter Arbeiter. Bravo! (Erster und dritter Arbeiter gehen.) Pickel. Herr Wahlleiter, Sie dürfen nicht Schluß ma-machen. Ich bestehe... Zwar bin ich nur... jedoch wollen die in der Großstadt uns immer... Ich nämlich kenn' den Herrn Minister Kilman, ich bin mit ihm befreundet... Wahlleiter. Beschweren Sie sich. Pickel. Wenn Minister Kilman nun eine Stimme zuwenig erhält. Bedenken Sie, wenn's an meiner Stimme liegt ... Radio. Achtung! Achtung! Meldung aus Osthafen. Sechstausend für Maurer Bandke. Viertausend für Minister Kilman, zweitausend für Exzellenz von Wandsring. Menge auf der Straße. Hurra! Hurra! Albert Kroll. Die Werftarbeiter! Unsere Pioniere! Bravo! Karl Thomas. Was Bravo? Wie kannst du dich freuen über Wahlstimmen? Sind die eine Tat? Albert Kroll: Tat – nein. Sprungbrett zu Taten. Radio. Achtung! Achtung! In der Hauptstadt hat nach letzten Meldungen Minister Kilman die Majorität. Menge auf der Straße. Hoch Kilman! Hoch Kilman! Zweiter Arbeiter. Hab' ich's nicht gesagt? Meine drei Glas Bier! Berappen! Berappen! Erster Arbeiter. Wer hat von drei Glas Bier gesprochen? Eine Lage war ausgemacht. Zweiter Arbeiter. Jetzt drückst du dich! Erster Arbeiter. Hör bloß auf, sonst ... Pickel. Ich meinerseits werde nicht ruhen ... Der Herr Minister hätte, wenn meine Stimme ... Er hätte noch eine Stimme ... Zwar seine Wahl ... Zweiter Wahlbeisitzer. Meine Herren, wir haben den Rekord geschlagen. Siebenundneunzig Prozent Wahlbeteiligung! Siebenundneunzig Prozent! Karl Thomas. Wenn ich nur verstünde! Wenn ich nur verstünde! Bin ich in ein Tollhaus geraten? Radio. Achtung! Achtung! Neun Uhr dreißig verkünden wir das Resultat. Zweiter Arbeiter. Ich wette Kilman. Zehn Lagen? Wer hält? Pickel. Ich würde sofort ... Wenn ich meine Stimme ... Zweiter Wahlbeisitzer. Wir müssen es in die Zeitung setzten. Siebenundneunzig Prozent Wahlbeteiligung. Das ist noch nicht dagewesen! Das ist noch nicht dagewesen! Pickel. Wenn Sie mich hätten wählen lassen, würden die Prozente ... (Tumult vor der Tür. Arbeiter herein.) Dritter Arbeiter. Mutter Meller haben sie erschlagen! Vierter Arbeiter. Diese Bande. Eine alte Frau. Albert Kroll. Was gibt's? Fünfter Arbeiter. Sie wollte ein Wahlflugblatt ankleben an den Chemischen Werken. Vierter Arbeiter. Mit Gummiknüppel! Eine alte Frau! Dritter Arbeiter. Aufs Trottoir geklatscht und aus! Fünfter Arbeiter. Seit wann ist es verboten, Flugblätter anzukleben? Dritter Arbeiter. Frage! Weil wir freie Wahl haben. Vierter Arbeiter. Mitten auf 'n Kopf. Eine alte Frau. Karl Thomas. Hörst du? Albert Kroll. Platz, Kameraden. (Will zur Tür. In diesem Augenblick bringt man die ohnmächtige Frau Meller. Albert Kroll bettet sie auf die Erde.) Ein Kissen ... Wasser! ... Ohnmächtig. Sie lebt ... Vierter Arbeiter. Ohne Warnung. Gleich mit Gummiknüppel. Eine alte Frau. Albert Kroll. Kaffee! Fünfter Arbeiter. Und die Verfassung! Sie werden sich verantworten müssen. Dritter Arbeiter. Vor wem? Vorm Gevatter Richter? Mensch, du bist naiv. Albert Kroll. Ich, Mutter Meller ... Ruhig atmen ... So ... Jetzt dürfen Sie sich wieder hinsetzen. Das ist der Karl Thomas. Kennen Sie ihn wieder? Frau Meller. Der Karl ... Albert Kroll. Was ist passiert? Wollen Sie erzählen? Frau Meller. Ach, im Flugblatt fehlte ein I-Punkt. Den hat ein Kerl mit seinem Gummiknüppel mir auf 'n Rücken gesetzt. In Fettdruck ... Eva haben sie verhaftet. (Tumult an der Tür. Erster und dritter Arbeiter mit Rand herein.) Erster Arbeiter. Hier bringen wir das Brüderchen! Dritter Arbeiter. Ich kenn' ihn. In unsern Versammlungen Stammgast. Immer der Radikalste. Erster Arbeiter. Provokateur! Mehrere Arbeiter (auf Rand einstürmend) . Hin muß er! Hin! (Albert Kroll springt dazwischen, packt Rand mit der rechten Hand am Arm.) Albert Kroll. Ruhe! Karl Thomas. Den Teufel Ruhe! Sollen wir alles schlucken? Da habt ihr euren Wahlsieg! (Will Rand niederschlagen. Albert Kroll packt Karl Thomas mit der linken Hand.) Du ... Du ... laß los! Albert Kroll. Nimm du ihn, Mutter Meller. Fünfter Arbeiter. Sollte man nicht lieber die Partei fragen? Albert Kroll. Die Partei! Sind wir Wickelkinder? Rand. Danke schön, Herr Kroll. Albert Kroll. Woher kennen wir uns? Rand. Ich war doch Ihr Aufseher damals. Frau Meller. Ei Donnerwetter. Feines Wiedersehen. Wir sollten ein Täßchen Kaffee trinken miteinander. Rand. Hab' ich Sie nicht immer freundlich behandelt, Herr Kroll? Sie müssen es mir bestätigen. Albert Kroll. So freundlich, daß, wenn man Ihnen befohlen: »Umlegen«, Sie sich einen nach dem andern geholt hätten ... Stimme, honigsüß, Gesicht zum Küssen. »Bitt' schön, machen Sie es mir nicht schwer, ich tue nur meine Pflicht, gleich ist's vorüber.« (Arbeiter lachen.) Rand. Was soll man tun? Ich bin auch nur Arbeiter. Ich muß auch leben. Hab' fünf Kinder. Und ein Gehalt zum Kotzen. Ich führ' nur meine Befehle aus. Erster Arbeiter. Hier den Revolver knöpften wir ihm ab. (Karl Thomas springt auf, greift nach dem Revolver, legt ihn auf Rand an.) Albert Kroll (schlägt ihm auf den Arm) . Laß den Unsinn! (Frau Meller ist Karl Thomas nachgelaufen, zieht ihn zu sich.) Womit haben Sie sich den Bauch ausgestopft? Die schlanke Mode ist Ihnen schnuppe. (Zieht aus Rands Weste Flugblätter, liest.) »Genossen, hütet euch vor den Juden!« ... »Landfremde Elemente.« »Duldet nicht daß die Weisen von Zion ... Eine Überzeugung haben Sie auch? Rand. Und ob! Die Juden ... Albert Kroll. Wieviel Moneten bringt die Überzeugung ein? ... 'raus jetzt! Marsch! Einmal hab' ich Sie geschützt ... Ein zweites Mal werd' ich's nicht mehr können – wenn ich's wollte. (Rand hinaus.) Arbeiter. Laß dich erwischen! Karl Thomas. Nein, Mutter Meiler, nein, lassen Sie mich. Ich will sprechen mit ihm ... Warum bremst du? Albert Kroll. Weil ich mit Volldampf fahren will, wenn's Zeit ist. Es gehört Kraft dazu, sich zu gedulden. Karl Thomas. Kilman sagt es ähnlich. Albert Kroll. Narr. Karl Thomas. Was soll ich denn tun, um euch zu verstehen? Albert Kroll. Arbeite irgendwo. Frau Meller. Ich weiß Rat, Jung. Das Hotel, in dem ich schaffe, sucht Hilfskellner. Ich werde mich hinter den Ober stecken. Hast du eine Bleibe? Kannst bei mir schlafen? Albert Kroll. Tu's Karl. Du mußt in den Alltag hinein. Frau Meller. Du gefällst mir, Albert. Trinkst mir nichts dir nichts meinen Kaffee ... Noch eine Tasse, Herr Wirt ... Vierter Arbeiter. Mit Gummiknüppel. Eine alte Frau ... Radio. Achtung! Achtung! (Radio versagt ... Schnarrende Laute.) Pickel. Die Atmosphäre ... Radio. Der Kriegsminister Exzellenz Wandsring wurde mit großer Majorität zum Präsidenten der Republik gewählt. (Während auf der Straße Geschrei, Gesang aufquirlt, das Bild des Präsidenten am Horizont erscheint.) Dritter Akt Erste Szene Kleines Zimmer Student liest – Es klopft Student. Wer ist da? (Ein tritt Graf Lande.) Graf Lande. Na, was sagen Sie zum neuen Präsidenten? Student. Sicher hat er die besten Absichten. Graf Lande. Was nützt das uns ... Kilman ist Minister geblieben. Student. Wirklich? Graf Lande. Haben Sie eine Zigarette? ... Unser Frontbund soll aufgelöst werden. Student. Was? Was sagen Sie? Graf Lande. Kilman ... Student. Da muß doch etwas geschehen. Immer reden wir von der großen Tat ... Graf Lande. An der Tür kann niemand horchen? Student. Nein ... Was haben Sie? Graf Lande. Hier. Student. Die Entscheidung? Graf Lande. Lesen Sie. (Gibt Student ein Papier.) Student. Ich und Leutnant Frank? Graf Lande. Sie beide. Student. Wann? Graf Lande. Kann ich nicht sagen. Sie haben jede Stunde bereit zu sein. Student. Wie rasch das kam. Graf Lande. Zögern Sie? Haben Sie sich nicht zweimal freiwillig gemeldet? Können Sie vergessen, daß der gleiche Kilman, der vor acht Jahren an die Mauer gestellt werden sollte, heute als Minister das Vaterland verrät? Student. Zögern – nein. Es geht mir gegen das Gefühl, auf die Tat zu warten. Graf Lande. Kandarre sich anlegen, basta. Sie haben den Treueid geleistet die vaterländische Sache hat Sie ausgebootet, jetzt heißt's richtig vor Anker gehen. Student. Und wenn wir umstellt werden, gehetzt gejagt ... vor verschlossenen Grenzen? Graf Lande. Erstens ist das noch zweifelhaft ... Wenn Sie in eine Sackgasse geraten, wird man Ihnen helfen. Erreichen Sie die Grenze, gut. Erreichen Sie sie nicht ... Sie müssen das Opfer bringen ... Im übrigen brauchen Sie nicht daran zu zweifeln, daß die Richter Vernunft haben und für Ihre Motive volles Verständnis zeigen werden. Student. Darf ich einen Brief für meine Mutter zurücklassen? Graf Lande. Ausgeschlossen. Die nationale Sache darf nicht von Zufällen abhängen. Ich kenne die feigen Kompromißler in unseren Reihen. Die würden uns aus politischer Taktik glatt preisgeben. Student. Ich verstehe so wenig von Politik. Ich habe auch den Krieg nicht draußen mitgemacht. Ich wurde Soldat, einen Monat später brach alles zusammen. Ich hasse die Revolution, wie ich nie etwas gehaßt habe. Seit einem Tag. Mein Onkel war General. Wir Jungens haben ihn verehrt wie einen Gott. Zuletzt hat er ein Armeekorps geführt. Drei Tage nach der Revolution, ich sitze bei ihm, klingelt's. Fletzt ein Gemeiner herein. »Ich bin Soldatenrat. Man hat uns gemeldet, Herr General, Sie provozierten das Volk auf der Straße mit Ihren goldenen Achselstücken. Heute gibt's keine Achselstücke mehr. Wir haben alle nackte Schultern.« Mein Onkel stand kerzengrade. »Ich soll meine Achselstücke abliefern?« – »Jawohl.« Mein Onkel nimmt den Degen, der auf dem Tisch liegt, zieht ihn aus der Scheide. Ich erschrecke mächtig. Schiebe mich näher, daß ich ihm beistehen kann, da sehe ich, wie der Alte einmal ganz trocken hustet, in seinen Augen was Feuchtes. »Herr Soldatenrat, vierzig Jahre habe ich den Rock meines Obersten Kriegsherrn in Ehren getragen. Ich habe einmal erlebt, wie einem Unteroffizier die Tressen abgerissen wurden zu Schimpf und Schande. Was Sie heute von mir verlangen, ist das Niedrigste, das jemand von mir verlangen kann. Wenn ich den Rock nicht mehr in Ehren tragen soll, hier ...« Und dabei bog der Alte den Degen, zerbrach ihn und warf ihn dem Soldatenrat vor die Füße. Der Soldatenrat war Herr Kilman ... Graf Lande. Dieser Hund ... Student. Am nächsten Tag hat sich mein Onkel erschossen. Auf einem Zettel, den er zurückließ, standen die Worte: »Ich kann die Schande unseres geliebten Vaterlandes nicht überleben. Möge mein Tod dem verhetzten Volk die Augen öffnen.« Graf Lande. Meine Karriere ist auch futsch. Was sind wir heute im Vergleich zu dem Gesindel? Steigbügelhalter. Und in der Gesellschaft immer siebzehn Kilometer hinter den Geldprotzen ... Wir werden Ihren Onkel rächen. Der Laden muß geschmissen werden. (Dunkel.) Zweite Szene Schema zur 2. Szene Man sieht: Fassade des Grand Hotels Die vordere Wand öffnet sich Man sieht: Räume des Grand Hotels Dunkel Auf leuchtet Das Vestibül Tanzende Paare Dunkel Zwischen den einzelnen Szenen sieht man Momente das Vestibül. Hört Jazzband Auf leuchtet Dienstbotenzimmer Karl Thomas in Kellnerkleidung sitzt am Tisch. Durch die Tür schaut Frau Meller Frau Meller. Hier, Jung, ein Beefsteak. Es kam zurück vom Zimmer. Ich hab's rasch aufgewärmt. Karl Thomas. Dank' schön, Mutter Meller. Ich hab' grad noch fünf Minuten Zeit. Um acht Uhr beginnt mein Dienst. Frau Meller. Ich muß auch wieder in die Küche zum Aufwaschen... Wie siehst du aus? Ich hätte dich wahrhaftig nicht erkannt. Zehn Jahre jünger. Aber Karl, Karl, warum lachst du immer? Karl Thomas. Nicht erschrecken, Mutter Meller. Brauchst keine Angst zu haben, daß ich wieder verrückt werde. Auf allen Stellen, wo ich mich um Arbeit bewarb, fragten mich die Chefs: »Mensch, was haben Sie für eine Leichenbittermiene? Sie scheuchen uns die Kunden fort. In unserer Zeit muß man lachen, immer lachen.« Da ging ich denn, weil 's Verjüngen nur ein Sport der reichen Leute ist, zu einem Schönheitskünstler. Hier, die neue Fassade. Bin ich nicht zum Anbeißen? Frau Meller. Ja, Karl. Du wirst den Mädchen imponieren. Es war mir unheimlich zuerst... Was die alles verlangen. Nächstens wird man sich im Kontrakt verpflichten müssen, zehn Stunden zu lachen beim Schuften... Na, iß jetzt, Jung. Ich muß in die Küche zurück. Dunkel Auf leuchtet Separé Herein Bankier, sein Sohn, Oberkellner, Pikkolo Bankier. Alles bereit? Oberkellner. Hier das Gedeck. Wünschen Herr Generaldirektor Änderungen. Bankier. Gut. Mir persönlich bringen Sie etwas Leichtes, ich darf nichts Schweres essen, mein Magen... Vielleicht Brühe, ein wenig Hühnerfleisch, Kompott, aber ungezuckert. Oberkellner. Zu dienen, Herr Generaldirektor. (Die Kellner hinaus.) Sohn. Ich zweifle noch. Bankier. Warum soll man nicht den Weg über die Frau kutschieren? Ein Versuch, was liegt daran? Sohn. Sie soll die pure Einfachheit sein. Neulich hat sie beim Regierungsbankett aus ihrer Köchinnenepoche Geschichten erzählt. Bankier. Das Gesicht von Kilman hätte ich sehen mögen... Mein Lieber, man hört nicht ungestraft jeden Tag Exzellenz hin und Exzellenz her. Ja, wenn's noch Grafentitel und Orden gäbe... Heute ist die einzige Fundierung Geld. Hat einer die ersten Hunderttausend, hängt er den Idealismus an den Hutständer. Beruhige dich, er bekommt sein Konto, und ich bekomme die billigen Staatskredite. Sohn. Also wie du meinst. (Herein Wilhelm Kilman und Frau, begleitet vom Oberkellner und vom Kellner Karl Thomas, der beiden die Überkleidung abnimmt.) Bankier. Guten Abend, Herr Minister. Freut mich riesig, gnädige Frau. Wilhelm Kilman. Aufgefressen wird man im Dienst. Die Leute stellen sich immer vor, man säße im Klubsessel und rauchte dicke Zigarren. Entschuldigen Sie, daß ich mich verspätet habe. Ich mußte den mexikanischen Gesandten empfangen. Bankier. Wir können wohl beginnen. (Alle setzen sich an den Tisch. Oberkellner bringt Speisen, Karl Thomas hilft.) Frau Kilman. Was liegt da neben meinem Teller? Bankier. Ein petit rien, gnädige Frau. Ich habe mir erlaubt, Ihnen eine Rose mitzubringen. Frau Kilman. Eine Rose? Aber ich sehe ein Etui ... Aus Gold? ... Mit Perlen besetzt? ... Bankier. Hier öffnet man ... Dieser Knopf ... Sehn Sie, die Rose ... La France ... Meine Spezialrose. Ich hoffe, auch Sie lieben die Sorte ... Frau Kilman. Herr Generaldirektor, wirklich, sehr freundlich, ich kann es nicht annehmen. Was soll ich auch damit anfangen? Wilhelm Kilman. Aber Herr Generaldirektor ... Bankier. Lieber, bester Herr Minister, machen Sie doch kein Aufhebens. Ich habe da gestern auf einer Auktion drei von diesen Dingern erstanden, achtzehntes Jahrhundert, Louis quatorze, ob ich nun zwei oder drei besitze. Frau Kilman. Sie sind so nett. Wir danken Ihnen für Ihre Freundlichkeit, bitte, nehmen Sie das Etui zurück. Wilhelm Kilman. Sie kennen die bösen Zungen. Man muß selbst den Anschein vermeiden. Bankier. Ich bedaure unendlich, daß ich daran nicht gedacht ... Wilhelm Kilman. Also trinken wir auf das Kompromiß. Emma, bitte, nimm die Rose. Wie sie duftet, diese La France. Besser als die wirkliche, hahaha ... Das Etui werden wir, wenn wir Sie besuchen, in Ihrer Vitrine bewundern. Bankier. Auf ihr Wohl, gnädige Frau. Ihr Spezielles, Herr Minister ... Kellner, bringen Sie Mouton Rotschild, einundzwanziger ... Karl Thomas. Jawohl, mein Herr.   Dunkel Auf leuchtet Radiostation Telegraphist. Kommen Sie endlich? Ich habe schon dreimal geläutet. Karl Thomas. Ich war unten beschäftigt. Telegraphist. Hier das Telegramm für Minister Kilman. Es wurde auf Befehl des Ministeriums hierhergeleitet. Karl Thomas. Man hört wirklich die ganze Erde hier? Telegraphist. Ist Ihnen das was Neues? Karl Thomas. Wen hören Sie jetzt? Telegraphist. New York. Große Überschwemmung am Mississippi gemeldet. Karl Thomas. Wann? Telegraphist. Jetzt, in dieser Stunde. Karl Thomas. Während wir sprechen? Telegraphist. Ja, während wir sprechen, durchbricht der Mississippi die Dämme, flüchten die Menschen. Karl Thomas. Und was hören Sie jetzt? Telegraphist. Ich habe auf Welle tausendeinhundert eingestellt. Ich höre Kairo. Die Jazzkapelle des Mena House, dem Hotel bei den Pyramiden. Sie spielt zum Diner auf. Wollen Sie mal hören? Ich werde den Lautsprecher einschalten. Lautsprecher. Achtung! Achtung! Alle Radiostationen der Welt! Der neue Schlager »Hoppla, wir leben!«. (Man hört Jazzmusik.) Telegraphist. Sie können sie auch sehen. (Auf Scheibe sichtbar Restaurant vom Mena House. Damen und Herren dinieren.) Karl Thomas. Kann man auch den Mississippi sehen? Telegraphist. Bitte. Wo waren Sie denn, daß Sie sich anstellen wie ein Säugling? Karl Thomas. Ach, ich lebte nur auf einem ... Dorf die letzten Jahre. Telegraphist. Hier. Lautsprecher. Achtung! Achtung! New York. Zahl der Toten. Achttausend. Chicago bedroht. Weiterer Bericht folgt in drei Minuten. (Auf der Scheibe sichtbar Szene beim Dammbruch) Karl Thomas. Unfaßlich! In dieser Sekunde ... Lautsprecher. Achtung! Achtung! New York. New York. Royal Shell 104, Standard Oil 102, Rand Mines 116. Karl Thomas. Was ist das? Telegraphist. Die New Yorker Börse. Petroleum ist angeboten ... Ich schalte um. Letzte Nachrichten aus aller Welt. Lautsprecher. Achtung! Achtung! Aufruhr in Indien ... Aufruhr in China ... Aufruhr in Afrika ... Paris Paris Houbigant, das mondäne Parfüm ... Bukarest Bukarest Hungersnot in Rumänien ... Berlin Berlin Die elegante Dame bevorzugt grüne Perücken ... New York New York Die größten Bombenflugzeuge der Welt erfunden. Imstande Europas Hauptstädte in einer Sekunde in Schutt zu verwandeln ... Achtung! Achtung! Paris London Rom Berlin Kalkutta Tokio New York Der Kavalier trinkt Mumm Extra Dry ... Karl Thomas. Genug, genug. Stellen Sie ab. Telegraphist. Ich schalte um. Lautsprecher (man hört Hetzrufe). He, he, he! Feste, feste, feste! ... Er schwimmt! ... Schiebung! (Eine Glocke.) Er kommt los! ... MacNamara, Tonani! Mac-Namara! ... Eviva, Eviva ... Telegraphist. Sechstagerennen in Mailand ... Jetzt höre ich was Interessantes. Das erste Passagierflugzeug New York-Paris funkt, daß einen Passagier Herzkrämpfe beuteln. Es ersucht um Verbindung mit Herzspezialisten. Man will ärztlichen Rat. So, jetzt hören Sie den Herzschlag des Patienten. (Man hört aus dem Lautsprecher Schläge eines Herzens. Sieht auf der Fernscheibe: Das Flugzeug über dem Ozean. Den Patienten.) Karl Thomas. Eines Menschen Herzschlag, mitten über dem Ozean ... Telegraphist. Feine Sache. Karl Thomas. Wie wundervoll ist das alles! Und was machen die Menschen damit ... Sie leben wie Hammel, tausend Jahre hinterdrein. Telegraphist. Wir werden's nicht ändern. Ich hab' ein Verfahren erfunden, wie man aus Kohle Petroleum macht. Abgekauft haben sie mein Patent für eine Handvoll Papierfetzen und dann, was haben sie getan? Vernichtet! Die Herren Ölmagnaten ... Sie müssen jetzt gehen. Das Telegramm ist dringend. Wer weiß, was morgen ist. Vielleicht gibt's Krieg. Karl Thomas. Krieg? Telegraphist. Vorläufig dienen diese Apparate dazu, damit die Menschen sich desto raffinierter totschlagen. Was ist der Clou der Elektrizität? Der elektrische Hinrichtungsstuhl. Es gibt Maschinen mit elektrischen Wellen, wenn man die in London einschaltet, würde morgen Berlin ein Haufen Trümmer sein. Wir werden's nicht ändern. Los, beeilen Sie sich. Karl Thomas. Jawohl. Dunkel Auf leuchtet Klubzimmer Diskussionsabend der Gruppe der geistigen Kopfarbeiter Der Philosoph X. Ich komme zum Schluß: Wo Qualität fehlt, ist der Quantität nichts entgegenzusetzen. Also lautet mein Gebot: Es heirate niemand unter seinem Niveau. Es trachte vielmehr jeder, seine Nachkommenschaft, durch geeignete Gattenwahl, auf ein höheres Niveau, als er selbst innehat, hinaufzuheben. Was aber trieben wir, meine Herren? Nichts als negative Zuchtwahl. Die unterste, meine Herren, die unterste Bedingung jeder Eheschließung sollte Ebenbürtigkeit sein. Vertrauen wir dem Instinkt. Aber leider ist der Instinkt seit Jahrhunderten vereinseitigt, so daß es nicht leicht sein wird, vor mehreren Generationen, also in etwa zweihundert Jahren, Besseres neu emporzuzüchten. Der Lyriker Y. Wo steht das bei Marx? Der Philosoph X. Ich schließe: Die Instinkte müssen verfeinert und durchgeistigt werden, sie müssen vom Brutal-Vitalen immer mehr dem Schlechthin-Überlegenen zustreben. Der Lyriker Y. Wo steht das bei Marx? Der Philosoph X. Nur so ist der arg gesunkenen weißen Rasse wieder aufzuhelfen. Nur so kann sie höhere Blüten zeitigen als vorher. Ja, woran erkennt man denn, wird mancher fragen, ob einer guten Blutes ist? Ja, wer das bei sich und anderen, aber bei sich vor allem, nicht beurteilen kann, dem ist nicht zu helfen. Der ist so instinktlos geworden (zum Lyriker Y gewandt) , daß ich ihm persönlich nur dringend das Aussterben anraten kann. Das ist ja das Große an meiner Akademie der Weisheit, daß sie weise macht, daß sie diejenigen, die früher frischfröhlich fortgezeugt haben, zur Erkenntnis führt, freiwillig auszusterben. Geschieht dies nun konsequent, dann wird auch auf diesem Gebiet das Böse durch Gutes einmal überwunden sein. Rufe. Bravo! Bravo! Zur Geschäftsordnung! Vorsitzender. Der Lyriker Y hat das Wort. Der Lyriker Y. Meine Herren. Wir sind hier versammelt als geistige Kopfarbeiter. Ich möchte doch die Frage stellen, ob das Thema, über das Herr Philosoph X gesprochen hat, unserer Aufgabe, das Proletariat geistig zu erlösen, dient. Bei Marx ... Der Kritiker Z. Protzen Sie nicht immer damit, daß Sie Marx gelesen haben. Der Lyriker Y. Herr Vorsitzender, ich ersuche Sie, mich zu schützen. Jawohl, ich habe Marx gelesen, und ich finde, der ist gar nicht so dumm. Gewiß fehlte ihm der Sinn für jene neue Sachlichkeit, die wir ... Vorsitzender. Sie dürfen nicht zur Tagesordnung sprechen. Ich entziehe Ihnen das Wort. Der Lyriker Y. Dann kann ich ja gehen. Lecken Sie mich am Arsch! (Geht.) Rufe. Unerhört! Unerhört! Der Philosoph X. Ein Lyriker ... Der Kritiker Z. Man sollte ihn zum Psychoanalytiker schicken. Nach der Analyse wird er aufhören zu dichten. Nichts als verdrängte Komplexe, die ganze Lyrik. (Pickel kommt herein.) Pickel. Zwar glaube ich ... jedoch, bin ich hier im Hotel »Zum grünen Baum«? ... Vorsitzender. Nein. Geschlossene Gesellschaft. Pickel. Geschlossen? ... Zwar glaubt' ich, der »Grüne Baum« ... jedoch ... Ruf. Stören Sie nicht. Pickel. Danke gütigst, mein Herr. (Geht.) Vorsitzender. Was wünschen Sie, Herr Philosoph X? Der Philosoph X. Ein kurzes Postskriptum, meine Herren. Exempel beweisen. Der Herr Lyriker Y bezweifelt den Kausalzusammenhang mit der Aufgabe, die wir uns gestellt haben, das Proletariat geistig zu erlösen. Ungebrochene Instinkte finden sich heute einzig in den sozialen Niederungen. Fragen wir einen Proletarier, fragen wir den Kellner, ich werde den Beweis für meine Theorie erbringen. Rufe. Kellner! Kellner! (Karl Thomas mit einem Tablett, darauf Flaschen und Gläser, erscheint.) Karl Thomas. Gleich kommt der Oberkellner. Rufe. Sie sollen bleiben. Karl Thomas. Ich habe unten Dienst, meine Herren. Der Philosoph X. Hören Sie zu, Genosse Kellner, junger Proletarier. Würden Sie mit der ersten besten Frau, die Ihnen begegnet, den Koitus, den geschlechtlichen Verkehr, vollziehen oder würden Sie erst Ihren Instinkt zu Rate ziehen? (Karl Thomas lacht auf.) Vorsitzender. Sie haben nicht zu lachen. Die Frage ist ernst. Außerdem sind wir Gäste und Sie Kellner. Karl Thomas. Ah, erst Genosse Kellner und jetzt den Herrn markieren. Ihr ... Ihr wollt das Proletariat erlösen? Hier im Grand Hotel, was? Wo wart Ihr, als es losging? Wo werdet Ihr sein? Wieder im Grand Hotel! Eunuchen! Rufe. Unerhört! Unerhört! (Karl Thomas geht.) Der Philosoph X. Kleinbürgerlicher Ideologe! Vorsitzender. Wir kommen zum zweiten Punkt der Tagesordnung. Die proletarische Gemeinschaft der Liebe und die Aufgabe der Geistigen. Dunkel Auf leuchtet Separé Bankier. Wo bleiben Sie denn mit dem Likör, Kellner? Karl Thomas. Verzeihen der Herr, ich wurde aufgehalten. Bankier. Reichen Sie Zigarren. Rauchen Sie Zigaretten, gnädige Frau? Frau Kilman. Danke, nein. Wilhelm Kilman. Dieses Telegramm treibt den Konflikt auf die Spitze. Uns die Ölkonzessionen zu verweigern! Bankier. Nur gut, daß ich mit richtigem Riecher meinen Kunden geraten habe, die Türkenpakete abzustoßen ... Wie legen Sie eigentlich Ihr Geld an, Herr Minister? Wilhelm Kilman. Pfandbriefe, hahaha. Ich werde mich hüten zu spekulieren. Bankier. Wer spricht von Spekulieren? Sie haben schließlich Verpflichtungen, haben zu repräsentieren. Ein Mann mit Ihren Gaben muß sich unabhängig machen. Wilhelm Kilman. Als Staatsbeamter muß ich ... Bankier. Daneben sind Sie doch Privatmann. Was gibt Ihnen denn der Staat? Die paar Batzen. Warum nützen Sie Ihre Kenntnisse nicht aus? Wehren Sie nicht ab, sogar ein Bismarck, ein Disraeli, ein Gambetta haben nicht verschmäht ... Wilhelm Kilman. Wenn auch ... Bankier. Ich will Ihnen ein Beispiel sagen. Der Ministerrat beschloß, die Reportgelder einzuschränken. Da verkaufen Sie rechtzeitig Ihre Papiere. Und wer kann Ihnen einen Vorwurf machen, wenn Sie etwas mehr verkaufen? Es braucht ja nicht unter Ihrem Namen zu geschehen. Wilhelm Kilman. Hören Sie auf damit ... Bankier. Es würde mir eine Ehre sein, Sie zu beraten. Sie wissen, daß Sie mir vertrauen können. Wilhelm Kilman. Kellner, wo findet die Pressekonferenz statt? Karl Thomas. Im Schreibsaal. Wilhelm Kilman. Ist Herr Baron Friedrich unten? Karl Thomas. Jawohl. Wilhelm Kilman. Sagen Sie dem Herrn Baron, ich erwarte ihn um Mitternacht im Ministerium. (Pickel herein.) Pickel. Wenn ich hier recht bin ... Ich möchte nämlich ... Zwar die Preise ... jedoch ... Bankier. Wer ist der Mensch? Pickel. Ach, Herr Minister ... Wilhelm Kilman. Ich habe keine Zeit. (Dreht sieh um.) Pickel. Das habe ich nicht von Ihnen erwartet, Herr Minister! Haben wir Sie nicht zum Minister gemacht? ... Zwar wenn auch bei der Präsidentenwahl meine Stimme ... Jedoch Minister, den Posten haben Sie mir zu verdanken ... (Geht.) Dunkel Auf leuchtet Schreibsaal Journalisten schreibend. Karl Thomas an der Tür Baron Friedrich. Meine Herren, was früher die Aufgabe der Geschichtsschreiber war, die Handlungen, die die Staatsräson erfordert, als einzigen Ausweg, als sittliche Notwendigkeit darzustellen, ist jetzt die Ihre. In dieser schweren Zeit unseres Vaterlandes darf die Regierung erwarten, daß über alle Parteikämpfe hinweg jede Zeitung ihre Pflicht erfüllt. Wir suchen den Krieg nicht. Betonen Sie das immer wieder, meine Herren. Die sogenannten Sanktionen, die man uns geben will, sind besser nicht zu erwähnen. Wir wünschen den Frieden. Aber einmal reißt auch unsere Geduld, meine Herren, wenn das Prestige unseres Staates angetastet wird. Karl Thomas. Verzeihen, Herr Baron. Baron Friedrich. Was gibt's? Karl Thomas. Der Herr Minister wünscht, daß Sie um Mitternacht ... Dunkel Auf leuchtet Hotelzimmer Nr. 96 Graf Lande. Ich sah deutlich, wie du mit der Blondine am Nebentisch äugtest. Lotte Kilman. Hast du Angst, daß ich dich mit ihr betrüge? Graf Lande. Mich degoutieren diese Geschichten. Lotte Kilman. Vielleicht degoutiert ihr Männer mich. Vielleicht werdet ihr mir nachgerade langweilig. Graf Lande. Aber Schatz ... Lotte Kilman. Zärtlich im Bett können nur Frauen sein. Ich leugne es nicht, ich möchte die kleine Puppe verführen. Graf Lande. Du bist betrunken. Lotte Kilman. Das wäre ich vielleicht, wenn du spendabler gewesen wärst. Graf Lande. Lassen wir uns noch eine Flasche Cordon rouge bringen. Lotte Kilman. Bitte. Die kleine Blonde wär' mir lieber oder Koks. Graf Lande. Deck dich zu. Ich klingle dem Kellner. Dunkel   Auf leuchtet Office und Dienstbotenzimmer Beim Abendbrot sitzen Oberkellner, Karl Thomas, Hausdiener, Pikkolo Oberkellner. Beim Rennen in Paris hat Mussolini den ersten Preis bekommen. Vollblut. Dreijährig. Hausdiener. Sieg zweihundert, Platz vierundachtzig. (Kellner herein.) Kellner. Dreimal Entrecôtes. Oberkellner (durchs Klappfenster zur Küche rufend) . Dreimal Entrecôtes... Haben Sie wieder gesetzt? Hausdiener. Natürlich. Von dem Zaster hier kann man nicht fett werden. Kellner (herein). Sechsmal Suppe Oxtail, Madeira double. Oberkellner. Sechsmal Oxtail, Chef soll doppelt Madeira 'rein tun. Karl Thomas. Wonach schmeckt denn die Suppe? Hausdiener. Du willst wohl à la carte speisen? Kellner (herein) . Zwei Dutzend Austern. Oberkellner. Zwei Dutzend Austern. Karl Thomas. Ich verlange keine Austern, aber den Fraß... Warum tut der Betriebsrat nichts? Hausdiener. Weil er in Ellenbogenfühlung bleiben muß mit dem Hoteldirektor. Mir ist alles wurscht. Ich erwarte von niemand nichts. Alles ein Leisten. Vor der Inflation habe ich mir jede Woche eine Mark gespart. Immer wenn ich zehn hatte, ging ich auf die Bank und ließ mir einen Goldfuchs geben. Sonntags putzte ich ihn blank, und Montag trug ich ihn auf die Sparkasse. Sechshundert Wochen hab' ich gespart. Zwölf Jahre. Und was bekam ich zu guter Letzt? Einen Dreck! Siebenhundert Millionen. Nicht eine Schachtel Zündhölzer konnte ich mir dafür kaufen... Unsereiner ist immer der Angeschmierte. Oberkellner. Feine Zeche heute im Separé. Karl Thomas. Feiner Volksminister. Oberkellner. Davon verstehen Sie nichts. Wenn er mit dem Bankier speist, wird er wohl seine Gründe haben. Sonst wäre er kein Minister. Pikkolo. Oben der Herr von hunderteins kneift mich immer in den Popo. Oberkellner. Tu nur nicht so, du. Du weißt, wo's was zu holen gibt. (Es klingelt.) Welche Nummer? Pikkolo. Sechsundneunzig. Oberkellner. Karl, gehen Sie nach oben. Der Etagenkellner vertritt mich. Dunkel Auf leuchtet Flur Pickel (an der Treppe) . Da steht man nun... Zwar glaubt man... man fährt zwei Tage auf der Eisenbahn... man freut sich sein ganzes Leben darauf... in Holzhausen dachte ich, oben... da würde man doch die Menschen verstehen, aber oben ist's genauso wie mit der Eisenbahn, wie mit dem Grundstück... die Atmosphäre... (Karl Thomas geht vorüber.) Herr Kellner! Herr Kellner! Karl Thomas. Keine Zeit. Pickel. Keine Zeit... Dunkel Auf leuchtet Zimmer Nr. 96 Es klopft. Karl Thomas herein Graf Lande. Wo bleiben Sie so lange? Wirtschaft. Eine Flasche Cordon rouge. Gut gekühlt. Dunkel Auf leuchtet Gesindezimmer Karl Thomas sitzt allein am Tisch, den Kopf in Händen vergraben. Frau Meller öffnet leise die Tür Frau Meller. Müde, Jungchen? (Karl Thomas rührt sich nicht!) Es strengt an den ersten Tag. (Karl Thomas springt auf, reißt sich die Krawatte vom Hals, zieht den Frack aus, wirft ihn in eine Ecke.) Karl Thomas. Da und da und da!... Frau Meller. Was tust du? Karl Thomas. Wach bin ich, so wach, daß ich fürchte, nie mehr einzuschlafen. Frau Meller. Beruhige dich doch, Karl, beruhige dich. Karl Thomas. Beruhigen? Nur ein Lump beruhigt sich. Sag jetzt Narr, wie Albert zu mir gesagt hat. Ich habe mir vorgenommen, mich zu gedulden. Einen halben Tag war ich hier. Ich hab' den Alltag gesehen, im Frack und im Nachthemd. Ihr schlaft! Ihr schlaft! Aufwecken muß man euch. Ich pfeife auf eure Vernunft! Wenn die Klugen aussehen wie ihr, will ich den Narren spielen! Euch alle muß man wecken! (Es klingelt. – Pause.) Frau Meller. Karl... Karl Thomas. Mag der Teufel sie bedienen! (Es klingelt.) Frau Meller. Separé. Karl Thomas. Separé?... Kilman?... Gut, ich gehe. (Zieht sich hastig an.) Frau Meller. Ich komme gleich wieder. Wir sprechen miteinander, Karl. (Hinaus.) Karl Thomas (betrachtet Sekunden seinen Revolver) . Dieser Schuß wird alle wecken! Dunkel Auf leuchtet Zimmer Nr. 96 Es klopft leise Graf Lande. Sofort. Dunkel Auf leuchtet Halbdunkler Korridor Student. Wo? Graf Lande. Im Separé. Wer geht hinein? Student. Wir haben gelost. Ich. Leutnant Frank wartet im Auto. Graf Lande. Haben Sie den Kellnerfrack an? Student (öffnet den Mantel) . Ja. Graf Lande. Hals- und Beinbruch. Jetzt rasch. Man darf Sie nicht verhaften. Haben Sie Pech, dann... Sie dürfen keine Aussagen machen... Hüten Sie sich. Student. Ich habe mein Ehrenwort gegeben. Dunkel Auf leuchtet Separé Wilhelm Kilman. Großartig, dieser Witz, großartig. Schauen Sie nur meine Frau an. Wie rot sie wird. Dabei versteht sie nichts, hahaha. Bankier. Kennen Sie den von Herrn Meyer im Eisenbahnkupee? Wilhelm Kilman. Erzählen Sie. (Herein Karl Thomas.) Bankier. Endlich der Kellner. Noch eine Flasche Kognak... Was stehen Sie? Was schauen Sie mich an? Haben Sie nicht verstanden? Karl Thomas. Du kennst mich nicht? Wilhelm Kilman. Wer sind Sie? Karl Thomas. Nenn mich getrost Du. Als wir aufs Massengrab warteten, standen wir nicht auf Sie. Du schämst dich wohl meiner Bekanntschaft? Wilhelm Kilman. Sie sind's... Reden Sie nicht wirres Zeug. Kommen Sie morgen ins Ministerium. Karl Thomas. Du wirst dich heute verantworten. Wilhelm Kilman (zum Bankier) . Lassen Sie. Ein Phantast, den ich von früher kenne. Durch eine romantische Episode seiner Jugend aus dem Geleis geworfen. Findet keinen festen Halt mehr. Karl Thomas. Ich warte auf Antwort. Wilhelm Kilman. Wozu? Was begreifen Sie? Was begreifst du? Soll ich dir von neuem erzählen, daß die Zeiten sich geändert haben. Eher verfluchst du die Welt, als deine unsinnigen Forderungen preiszugeben, eher verfluchst du die Menschen, die sie ein Stück vorwärtsbringen wollen. Karl Thomas. Du... Wilhelm Kilman. Bitte laß Phrasen, sie wirken nicht. Bankier. Soll ich nicht lieber den Hoteldirektor rufen? Wilhelm Kilman. Um Gottes willen keine Szene. Bankier. Beruhigen Sie sich doch, Herr Kellner. Es geht Ihnen schlecht, ja? Hier, nehmen Sie zehn Mark. Wilhelm Kilman. Darf ich zehn Mark zulegen? (Karl Thomas, der mit der einen Hand den Revolver in der Tasche umkrallt, sieht fassungslos auf das Geld, zuckt, angewidert, die Schultern, so als wenn er der Tat müde wäre, und will sich umdrehen.) Karl Thomas. Es lohnt sich nicht. Du wirst mir grenzenlos gleichgültig. (Da öffnet sich leise die Tür. Student im Kellnerfrack kommt herein. Hebt den Revolver über Karl Thomas' Schulter. Dreht das elektrische Licht aus. Schuß. Schrei.) Bankier. Licht! Licht! Der Kellner hat auf den Minister geschossen. Vierter Akt Erste Szene Links vom Hotel. Am Park Hinter dem Studenten rennt Karl Thomas Karl Thomas. Du! Du! (Student dreht den Kopf, rennt weiter.) Du, ich will dir helfen, Genosse. Student. Was Genosse! Bin nicht Ihr Genosse. Karl Thomas. Aber Sie haben doch auf Kilman... Student. Weil er ein Bolschewik, weil er ein Revolutionär ist. Weil er unser Land an die Juden verkauft. (Karl Thomas macht fassungslos einen Schritt auf ihn zu.) Karl Thomas. Ist die Welt ein Irrenhaus geworden? Ist die Welt ein Irrenhaus geworden!!! Student. Zurück, oder ich schieße Sie über den Haufen! (Student rennt davon, springt in ein Auto, das lossaust. Karl Thomas begreift, reißt den Revolver aus der Tasche, schießt zweimal hinterher. Dann besinnt er sich, bleibt vor einem Baum stehen.) Karl Thomas. Bist du eine Buche? Oder bist du eine Gummiwand? (Betastet sie.) An fühlst du dich wie Rinde, rauh und rissig, und riechen tust du nach Erde. Aber bist du wirklich eine Buche? (Setzt sich auf eine Bank.) Mein armer Kopf. Trommelfeuer. Steigen Sie auf, verehrtes Publikum. Die Glocke schellt. Die Fahrt beginnt. Ein Schuß die Runde. – Du siehst ein Haus brennen, packst den Eimer, willst löschen, und anstatt Wasser gießt du Öl fuderweise in die Flammen... Du läutest Sturm über der Stadt zum großen Wecken, aber die Schläfer legen sich auf den Bauch und schnarchen weiter... Wo die andern Nacht umfängt mit braunen Schatten, seh' ich den Mörder sich ducken, nackt und mit entblößtem Hirn... Und renne als ein Wacher durch die Straßen, mit Gedanken, die im Kegel des Jupiterlichts sich wund stoßen... Ach, warum öffneten sie mir das Tor des Irrenhauses? War es nicht gut drinnen trotz Nordpol und Flügelschlag der grauen Vögel? – Ich bin der Welt abhanden gekommen – Die Welt ist mir abhanden gekommen. (Während der letzten Sätze sind zwei Kriminalpolizisten gekommen. Beide gehen auf ihn zu, packen ihn bei den Handgelenken.) Erster Polizist. Na, junger Mann, den Revolver haben Sie wohl eben gefunden? Karl Thomas. Was weiß ich? Was weißt du? Sogar der Revolver kehrt sich gegen den Täter, und aus dem Lauf spritzt Gelächter. Zweiter Polizist. Sprechen Sie mal anständig, verstanden. Erster Polizist. Wie heißen Sie? Karl Thomas. Jeder Name ist Schwindel... Sehen Sie, ich habe geglaubt, wenn ich den Weg gehe, schnurgerade durch den Park, komme ich ins Hotel. Eine Tasse Kaffee. Fünfzig Pfennige. Wissen Sie, wo man landet? Im Irrenhaus. Und die Polizei paßt auf, daß keiner gesund wird. Erster Polizist. Das möchte Ihnen so passen. Sie sind verhaftet. Zweiter Polizist. Leisten Sie keinen Widerstand. Bei Fluchtversuch knallt's. Karl Thomas. Lassen Sie mich. Erster Polizist. Im Gegenteil. Seien Sie froh, daß wir Sie beschützen. Das Volk würde Sie lynchen. Zweiter Polizist. Geben Sie zu, daß Sie auf den Minister geschossen haben? Karl Thomas. Ich? Erster Polizist. Ja, Sie. Zweiter Polizist. Los zur Wache. (Dunkel. Man hört Geschrei einer Volksmenge.) Zweite Szene Polizeipräsidium. Zimmer des Polizeiobersten Am Tisch Polizeioberst Scharfes Klingeln Polizeioberst ( am Telephon ). Hallo? Was gibt's? ... Was? ... Attentat im Grand Hotel auf Minister Kilman? ... Der Minister tot? ... Grand Hotel absperren ... Straßen säubern ... Ein Verdächtiger verhaftet? ... Hertransportieren lassen ... Ich warte ... (Hängt ab. Zur Sekretärin.) Bleiben Sie. Sie müssen protokollieren. (Telephoniert.) Sämtliche Stationen in Bereitschaft ... Danke ... Anruf bei Zwischenfällen ... Natürlich von links ... Demonstrationen unterdrücken ... Schluß ... (Inzwischen ist Polizist mit Pickel hereingekommen.) Pickel (zum Polizisten) . Sie haben mich nicht so anzufassen, Herr ... Wer sind Sie überhaupt? Zwar leben Sie in einer Großstadt, wo es Gesindel gibt, jedoch Sie sollten unterscheiden. Polizeioberst . Was gibt's? Polizist. Der Mann trieb sich im Korridor des Grand Hotels herum ... Kurz vor dem Attentat war er im Zimmer des Ministers. Er wohnt nicht im Hotel, benimmt sich verdächtig und kann nicht angeben, warum ... Polizeioberst. Gut. Wie heißen Sie? Pickel. Zwar heiße ich Pickel, jedoch ... Polizeioberst. Antworten Sie auf meine Fragen. Pickel. Ich möchte nämlich ... Polizeioberst. Sie waren im Zimmer des ermordeten Ministers kurz vor dem Attentat. Was wollten Sie dort? Pickel. Ich habe ihn ... Zwar, Herr General, ich habe geglaubt, der Herr Minister sei ein Ehrenmann gewesen ... Jedoch, wie ich zu ihm ins Hotelzimmer kam ... Polizeioberst. Sie geben zu, an der Tat beteiligt zu sein? Sie hatten einen persönlichen Zorn auf den Minister? Pickel. Ich wollte nämlich ... Polizeioberst. Was wollten Sie? Sind Sie Anarchist? Gehören Sie einem illegalen Verband an? Pickel Die ehemaligen Frontsoldaten haben nämlich ... Obschon ich nur in der Etappe ... Dem Kriegerverein. Herr General. Polizeioberst. Dem Kriegerverein? ... Können Sie das beweisen? Pickel. Jawohl. Hier ist meine Mitgliedskarte. Polizeioberst. Ach so ... Sie sind ein Vaterländischer? ... Darum ... Erzählen Sie, warum Sie den Minister ermordeten. Pickel. Ich glaubte ... Ich wäre durchs Feuer für ihn gegangen ... Polizeioberst. Achten Sie auf meine Frage. Pickel. Nämlich ... ich kam doch nur wegen der Eisenbahn ... Und da bin ich in das Ministerium ... Und mehr habe ich nicht ... Polizeioberst. Zur Sache. Pickel. Ach, Herr General, lassen Sie mich nach Hause fahren ... Das Wetter ändert sich ... Jetzt könnte ich reisen ... Und meine Kühe ... Meine Frau hat immer gesagt ... ( Telephon klingelt. ) Polizeioberst ( am Telephon ). Polizeipräsidium... Sie haben die Tatzeugen vernommen? ... Ein Mann im Kellnerfrack? ... Moment ... Pickel, ziehen Sie Ihren Mantel aus. Pickel. Ich trage nämlich ... Polizeioberst. Gehrock ... Aha ... Pickel. Jedoch nur, weil ich ... Polizeioberst. Seien Sie ruhig. ( Ins Telephon. ) ... Danke ... Sekretärin, nehmen Sie die Personalien Pickels auf ... Sekretärin. Sie heißen? Vatersname und Vorname? Pickel. Traugott Pickel heiße ich, mein Fräulein ... Als Knabe hieß ich Gottlieb ... jedoch eigentlich heiße ich Traugott ... Nämlich der Beamte auf dem Standesamt, der sich mit meinem Vater ... als sie noch gut waren, spielten sie jeden Abend. ... (Kriminalbeamte herein.) Polizeioberst. Was gibt's? Erster Kriminalpolizist. Wir haben einen Mann im Stadtpark verhaftet. In der Hand trug er einen Revolver. Zwei Kugeln fehlen. Polizeioberst. Hereinführen. (Kriminalbeamte mit Karl Thomas herein.) Sie heißen? Karl Thomas. Karl Thomas. Polizeioberst. Was wollten Sie mit diesem Revolver? ... Karl Thomas. Den Minister erschießen. Polizeioberst. Das geht ja rasch ... Der zweite ... Also Geständnis ... Gehören Sie auch dem Kriegerverein des Herrn Pickel an? Karl Thomas. Dem Kriegerverein? ... Pickel. Herr General, ich muß bemerken, daß unser Kriegerverein in Holzhausen ... Zwar wir nehmen überhaupt keine Ausländer auf ... nicht mal die aus dem Nachbardorf ... jedoch nur der Herr Reichspräsident ist Ehrenmitglied ... Polizeioberst. Schweigen Sie ... (Zum Polizisten.) Wie sieht der Mann denn aus? Zweiter Kriminalpolizist. Das Volk wollte ihn lynchen. Wir konnten die Menge kaum zurückhalten. Polizeioberst. Setzen Sie sich. Erzählen Sie, warum Sie den Minister erschossen haben. Karl Thomas. Ist er tot? Polizeioberst. Ja. Karl Thomas. Ich habe nicht geschossen. Polizeioberst. Sie müssen doch zugeben, daß Sie eben gestanden haben ... Pickel. Nein, Herr General, da irren Sie sich. Ich kenne ihn. Er ist nämlich ein Freund des Ministers ... Polizeioberst. Was reden Sie immer dazwischen? Pickel. Weil Sie mir nicht glauben ... Ich bin nämlich der Kassierer vom Kriegerverein. Und unsere Statuten ... Polizeioberst. Ich lasse Sie gleich abführen. (Zu Thomas.) Sie sahen in dem Minister einen Schädling, ja? Einen Landesverräter? Karl Thomas. Der Mörder meinte, er sei es. Polizeioberst. Der Mörder? Karl Thomas. Ich lief hinter ihm her. Ich habe auf ihn geschossen. Polizeioberst. Was reden Sie für wirres Zeug? Pickel. Wenn er's sagt, Herr General ... (Kriminalbeamter geht zum Polizeioberst, spricht leise mit ihm.) Polizeioberst. Den Eindruck macht er auch auf mich. Übrigens der andere, der Pickel auch ... Beide dem Dezernat Eins überstellen ... Ich komme gleich hinüber ... (Am Telephon.) Verbinden Sie mich mit dem Staatsanwalt ... Pickel. Herr General ... ich möchte nämlich ... ich möchte fragen ... Polizeioberst. Was gibt's noch? Pickel. Es ist beschlossen, Herr General? Ich soll ins Gefängnis? Polizeioberst. Ja. Pickel. Zwar ... Dann ... Nämlich in Holzhausen ... Und wenn sie erfahren ... Und wenn meine Frau ... Und wenn mein Nachbar ... der mit dem Bürgermeister verwandt ist ... Und wenn der Kriegerverein ... Wissen Sie, was Sie tun? ... Jetzt bin ich vorbestraft. Wohin soll ich, wenn ich aus dem Gefängnis komme? Wohin? Ich darf mich ja nicht mehr sehen lassen in Holzhausen ... Polizeioberst. Wenn sich herausstellt, daß Sie unschuldig sind, können Sie heimreisen. Pickel. Jedoch vorbestraft ... Polizeioberst. Ich habe keine Zeit. (Am Telephon.) Verbinden Sie mich mit dem Staatsanwalt. Pickel. Auch keine Zeit ... Weiße Handschuhe, schwarze Handschuhe... Woran soll man noch glauben? ... (Dunkel.) Dritte Szene Zimmer des Untersuchungsrichters Am Tisch Untersuchungsrichter und Schreiber. Vor dem Tisch Karl Thomas gefesselt Untersuchungsrichter. . Sie erschweren sich nur Ihre Lage. Es haben Zeugen ausgesagt, daß Sie in der Wirtschaft »Zum Bären« die Absicht äußerten, den Minister zu ermorden. Karl Thomas. Das leugne ich nicht. Aber ich habe nicht geschossen. Untersuchungsrichter. Sie gestehen die Absicht ein ... Karl Thomas. Die Absicht ja. Untersuchungsrichter. Der Zeuge Rand soll eintreten. (Rand herein.) Herr Rand, kennen Sie den Beschuldigten? Rand. Zu Befehl. Untersuchungsrichter. Ist das der gleiche Mann, der bei jenem Überfall im Wahllokal Ihren Revolver an sich nahm? Rand. Zu Befehl. Untersuchungsrichter. Thomas, was sagen Sie dazu? Karl Thomas. Ich bestreite es nicht. Aber ... Rand. Wenn ich mir eine Meinung erlauben dürfte, die Juden stecken dahinter. Untersuchungsrichter. Sie haben nicht geschossen, Rand? Rand. Zu Befehl, nein. Es müssen alle Kugeln in der Trommel stecken. Untersuchungsrichter. Es fehlen zwei. Das ist doch Ihr Revolver? Rand. Mein Dienstrevolver, Herr Untersuchungsrichter. Untersuchungsrichter. Wollen Sie die Tat immer noch leugnen, Thomas? Wollen Sie Ihr Gewissen nicht durch ein Geständnis erleichtern? Karl Thomas. Ich habe nichts zu gestehen, ich habe nicht geschossen. Untersuchungsrichter. Wie erklären Sie das Fehlen der beiden Kugeln? Karl Thomas. Ich habe auf den Attentäter gefeuert. Untersuchungsrichter. So, auf den Attentäter gefeuert. Jetzt fehlt nur noch der große Unbekannte. Kennen Sie vielleicht den geheimnisvollen Täter, der, wie Sie angeben, hinter Sie ins Zimmer trat und schoß. Karl Thomas. Nein. Untersuchungsrichter. Na also, der berühmte Herr X. Karl Thomas. Es war einer von rechts. Er hat's selbst gesagt. Ich lief hinter ihm her. Ich dachte, es wäre ein Genosse. Untersuchungsrichter. Reden Sie keinen Unsinn. Wollen Sie die Spuren Ihrer Hintermänner verwischen? Wir kennen sie, diesmal gibt's keine Amnestie. Ihre intimeren Genossen stecken hinter Schloß und Riegel ... Der Oberkellner aus dem Grand Hotel soll hereinkommen. (Oberkellner herein.) Kennen Sie den Beschuldigten? Oberkellner. Jawohl, mein Herr. Er war doch Hilfskellner im Grand Hotel. Wenn ich gewußt hätte, mein Herr, daß ... Untersuchungsrichter. Hat der Beschuldigte auf Herrn Minister Kilman geschimpft? Oberkellner. Jawohl, mein Herr, er hat gesagt, ein schöner Volksminister. Nein, ein feiner Volksminister, hat er gesagt. Untersuchungsrichter. Thomas, haben Sie das gesagt? Karl Thomas. Ja, aber geschossen habe ich nicht. Untersuchungsrichter. Frau Meller soll hereinkommen. ( Frau Meller herein. ) Sie kennen den Beschuldigten? Frau Meller. Ja, er ist mein Freund. Untersuchungsrichter. So, Ihr Freund. Sie nennen sich seine ... Genossin? Frau Meller. Ja. Untersuchungsrichter. Sie haben den Beschuldigten dem Oberkellner des Grand Hotel empfohlen? Frau Meller. Ja. Untersuchungsrichter. Der Beschuldigte soll zu Ihnen gesagt haben: »Ihr schlaft alle! Es muß einer hinwerden. Dann werdet ihr aufwachen.« Frau Meller. Nein. Untersuchungsrichter. Nehmen Sie sich zusammen, Zeugin. Sie stehen im Verdacht der Beihilfe. Sie haben dem Beschuldigten eine Stelle im Grand Hotel verschafft. Die Anklagebehörde nimmt an, daß diese Stellung nur eine Scheinstellung war. Der Beschuldigte sollte Gelegenheit erhalten, in die Nähe des Ministers zu kommen. Frau Meller. Wenn Sie alles besser wissen, dann verhaften Sie mich doch. Untersuchungsrichter. Ich frage Sie zum letztenmal: Hat der Angeschuldigte gesagt, es muß einer hinwerden? Frau Meller. Nein. Untersuchungsrichter. Der Pikkolo soll hereinkommen. (Pikkolo herein.) Kennen Sie den Angeschuldigten? Pikkolo. Bitte schön, ja. Er hat gleich, wie er die Teller hereintragen sollte, einen zerbrochen und mir gesagt, ich soll die Scherben verstecken, aber so, daß sie keiner findet. Untersuchungsrichter. Das ist sehr interessant. Haben Sie das getan? Karl Thomas. Ja. Untersuchungsrichter. Das wirft auf Ihren Charakter ein eigentümliches Licht ... Pikkolo, passen Sie gut auf. Haben Sie gehört, wie der Beschuldigte sagte: »Ihr schlaft alle! Es muß einer hinwerden. Dann werdet ihr aufwachen.«? Pikkolo. Bitte schön, ja, und dabei hat er die Augen gekullert und die Fäuste geballt, ganz blutrünstig hat er dreingeschaut, solche Gesichter habe ich nur im Kino gesehen. Ich hab' mich gegrault. Untersuchungsrichter. Wo hielten Sie sich denn auf? Pikkolo. Ich ... ich ... ich ... Untersuchungsrichter. Sie müssen schon die Wahrheit sagen. Pikkolo (beginnt zu weinen, wendet sich vom Untersuchungsrichter weg zum Oberkellner) . Herr Ober, ich werd's nicht mehr tun, ich hab' Ihnen doch gesagt, ich möcht' mal austreten, ich bin gar nicht austreten gegangen, ich war so müde, ich hab' mich unter den Tisch gelegt und hab' ein bißchen schlafen wollen ... Herr Ober, bitte melden Sie's nicht dem Chef ... Untersuchungsrichter (lachend) . Es wird nicht so schlimm werden ... Thomas, was sagen Sie zu den Aussagen? Karl Thomas. Daß ich allmählich den Eindruck bekomme, ich befinde mich in einem Irrenhaus. Untersuchungsrichter. So, in einem Irrenhaus. Die Zeugen können abtreten. Frau Meller, Sie sind vorläufig festgenommen. Führen Sie sie ab. (Zeugen gehen.) Die verhaftete Eva Berg vorführen. (Eva Berg herein.) Sie heißen Eva Berg? Eva Berg. Guten Tag, Karl ... Ja. Untersuchungsrichter. Sie dürfen mit dem Beschuldigten nicht sprechen. Eva Berg. Die Hand kann ich ihm nicht geben, Sie müssen ihm erst die Fesseln abtun. Wozu fesseln Sie ihn? Glauben Sie, daß er fliehen wird? Draußen steht ein Dutzend Wärter. Oder haben Sie Angst vor ihm? Sehr tapfer scheinen Sie nicht zu sein. Oder wollen Sie ihn nur einschüchtern? Sie werden sich täuschen, nicht, Karl? Untersuchungsrichter. Ich lasse Sie sofort abführen, wenn Sie Ihren Ton nicht ändern. Eva Berg. Ich zweifle nicht daran, daß Sie dazu den Mut aufbringen ... Ich warte darauf, daß Sie mich freilassen. Untersuchungsrichter. Dazu bin ich nach dem Gesetz nicht befugt. Eva Berg. Wo es Ihnen paßt, verschanzen Sie sich hinter das Gesetz. Seit Wochen stecke ich in Haft. Ich habe die Rechte, ausgeübt, die die Verfassung jedem gewährt. Da öffentliche Rechte öffentliche Pflichten sind, müßten Sie eher Ihr Richteramt niederlegen, als zulassen, daß das Gesetz verletzt werde. Untersuchungsrichter. Ich habe an Sie zwei Fragen zu richten: Wohnte der Beschuldigte bei Ihnen? Eva Berg. Ja. Untersuchungsrichter. Standen Sie zu ihm in strafbaren Beziehungen? Eva Berg. Was ist das für eine lächerliche Frage? Stammen Sie aus dem fünfzehnten Jahrhundert? Untersuchungsrichter. Ich will wissen, ob Sie in geschlechtlichen Beziehungen zu dem Beschuldigten standen? Eva Berg. Wollen Sie mir nicht erst erklären, wie ein ungeschlechtliches Beisammensein ausschaut? Untersuchungsrichter. Sie stammen aus anständiger Familie ... Ihr Vater würde ... Eva Berg. Meine Familie geht Sie einen Pfifferling an. Und Ihre Frage halte ich für derart unanständig, daß ich mich schämen müßte, würde ich sie beantworten. Untersuchungsrichter. Auf die zweite Frage verweigern Sie also die Aussage ... Hat der Beschuldigte, während er bei Ihnen wohnte, die Absicht geäußert, den Minister Kilman zu ermorden? Eva Berg. Ich glaube, wir kennen uns von früher, Herr Untersuchungsrichter ... Sie beliebten daran zu erinnern ... Würden Sie einen Klubfreund, der Kameraden verrät, nicht zu den jämmerlichsten Lumpen zählen? Also ist auch Ihre dritte Frage unanständig, da Sie an die Wahrscheinlichkeit des Gesprächs glauben. Aber ich schwöre, bei jener Ehre, die Sie mir weder nehmen noch geben können, Karl Thomas hat nie die Absicht geäußert, Kilman zu ermorden. Untersuchungsrichter. Danke. Abführen. Eva Berg. Leb wohl, Karl. Laß dich nicht unterkriegen. Karl Thomas. Ich liebe dich, Eva. Eva Berg. Auch in dieser Stunde darf ich dich nicht belügen. (Eva Berg wird abgeführt.) Untersuchungsrichter. Ich habe Ihren Akten entnommen, daß Sie acht Jahre im Irrenhaus waren. Zwecks Feststellung Ihrer Zurechnungsfähigkeit werden Sie der Psychiatrischen Abteilung überwiesen. (Dunkel.) Vierte Szene Die Fassade verwandelt sich in die Fassade des Irrenhauses Offen Untersuchungsraum Professor Lüdin. Sie wurden mir vom Staatsanwalt zur psychiatrischen Behandlung überwiesen ... Bleiben Sie stehen. Puls normal. Hemd öffnen. Tief atmen. Anhalten. Herz gesund ... Sagen Sie mir ehrlich, warum Sie die Tat begingen? Karl Thomas. Ich habe nicht geschossen. Professor Lüdin (blättert in Akten) . Die Polizei hat Sie zuerst für einen Mann gehalten, der aus nationalistischen Motiven die Schüsse feuerte. Sie glaubte, ein gewisser Pickel sei Ihr Komplice. Die Untersuchungsbehörde kam zu dem Ergebnis, daß diese Annahme falsch sei. Sie vertritt die Auffassung, Sie gehören einem linksradikalen, terroristischen Verband an ... Ihre Gesinnungsgenossen wurden verhaftet ... Ich allerdings meine ... Vertrauen Sie sich mir getrost an, mich interessieren nur Ihre Motive. Karl Thomas. Ich kann nichts gestehen, wenn ich nicht der Täter bin. Professor Lüdin. Sie wollten sich rächen, nicht wahr? Wahrscheinlich glaubten Sie, der Minister würde Ihnen eine hohe Stellung geben. Sie sahen, daß die Herren Genossen, wenn sie mal oben sitzen, auch nur die eigene Suppe kochen. Sie fühlten sich enttäuscht, zurückgesetzt? Die Welt sah anders aus, als sie sich in Ihrem Kopf malte? Karl Thomas. Ich brauche keinen Psychiater. Professor Lüdin. Sie fühlen sich gesund? Karl Thomas. Kerngesund. Professor Lüdin. Hm. Diese Vorstellung beherrscht Sie immer? Ich glaube mich zu erinnern, Ihre Mutter hat auch an diesem Komplex gelitten. (Karl Thomas lacht.) Lachen Sie nicht. Kerngesund ist niemand. (Kurze Pause.) Karl Thomas. Herr Professor! Professor Lüdin. Wollen Sie mir jetzt gestehen, warum Sie geschossen haben? Begreifen Sie, nur das Warum interessiert mich. Die Tat geht mich nichts an. Taten sind belanglos. Einzig die Motive sind wichtig. Karl Thomas. Ich will Ihnen alles genau erzählen, Herr Professor. Ich kenn' mich nicht mehr aus. Was habe ich erlebt ... Darf ich Ihnen erzählen, Herr Professor? ... Professor Lüdin. Beginnen Sie doch. Karl Thomas. Ich muß Klarheit haben. Die Tür knallte hinter mir zu, und als ich sie öffnete, waren acht Jahre vergangen. Ein Jahrhundert. Ich besuchte zuerst, wie Sie mir geraten haben, Wilhelm Kilman. Zum Tode verurteilt wie ich. Ich sah ihn als Minister. Versippt mit den Feinden von einst. Professor Lüdin. Normal. Der war eben schlauer als Sie. Karl Thomas. Ich kam zu meinem besten Kameraden. Einem Kerl, der mit dem Revolver in der Hand eine Kompanie Weißer zurücktrieb, allein. Mein Ohr hörte ›Man muß warten können‹. Professor Lüdin. Normal. Karl Thomas. Und der dabei schwur, er sei der Revolution treu geblieben. Professor Lüdin. Anormal. Aber nicht Ihr Fehler. Man müßte ihn untersuchen. Wahrscheinlich leichte Dementia praecox in katatonischer Form. Karl Thomas. Ich war Kellner. Einen Abend lang. Es stank nach Korruption. Die Kollegen fanden es in Ordnung und waren stolz darauf. Professor Lüdin. Normal. Die Geschäfte blühen wieder. Jeder verdient daran auf seine Weise. Karl Thomas. Das nennen Sie normal?! Im Hotel traf ich einen Bankier, man sagte mir, er scheffle Geld wie Heu ... Was hat er davon? Nicht mal den Wanst mit Delikatessen füllen kann er sich. Wenn die anderen Fasanen futtern, muß er Brühe löffeln, weil ihn der Magen kneift. Tag und Nacht spekuliert er. Wozu? Wozu? (Hinter dem Projektionsbild leuchtet das Separé im Hotel auf.) Bankier (am Tischtelephon) . Hallo! Hallo! Börse? Alles verkaufen! Farben und Kali und Röhren... Das Attentat auf Kilman... Chemische Werke schon wieder um hundert Prozent gefallen... Was?... Amt!... Fräulein, warum unterbrechen Sie mich?... Ich werde Sie haftbar machen... Ruiniert durch eine Telephonstörung... Vater im Himmel! Professor Lüdin. Wozu? Weil er tüchtig ist, weil er etwas leisten will. Lieber Freund, der Bankier, den Sie sahen, ich wünsche mir sein Vermögen, war normal. Bankier (im Hotelzimmer grinsend) . Normal... Normal... (Hotelzimmer dunkel.) Karl Thomas. Und der Hausdiener im Grand Hotel? Zwölf Jahre hat er sich jede Woche einen Goldfuchs gespart. Zwölf Jahre! Dann kam die Inflation, ausgezahlt wurden ihm sechshundert Millionen, und kaufen konnte er sich vom Ersparten nicht mal eine Schachtel Zündhölzer. Aber er wurde nicht kuriert, er hält den Schwindel für unabänderlich, heute spart er sich die Brocken vom Mund und verwettet seinen letzten Groschen. Ist das normal? (Hinter dem Projektionsbild leuchtet das Gesindezimmer im Hotel auf.) Hausdiener. Wer hat im Pariser Rennen gewonnen? Die schöne Galathee... Schiebung! Schiebung! Ich habe alle meine Ersparnisse auf Idealist gesetzt, und nun bricht sich dieser verdammte Jockei das Genick... Ich will meinen Einsatz wiederhaben! Sonst... Professor Lüdin. Wer nicht wagt, nicht gewinnt. Der Hausdiener im Grand Hotel, ich habe früher dort gewohnt, ist absolut normal. Hausdiener (im Hotelzimmer, indem er sich mit seinem Messer ersticht, grinsend) . Normal... Normal... (Hotelzimmer dunkel.) Karl Thomas. Vielleicht nennen Sie auch eine Welt normal, in der es möglich ist, daß die wichtigsten Erfindungen, die den Menschen das Leben leichter machen könnten, vernichtet werden, nur weil irgendwelche Leute fürchten, daß sie dann nicht mehr so viel verdienen? (Hinter dem Projektionsbild leuchtet die Radiostation im Hotel auf.) Telegraphist. Achtung! Achtung! Alle Radiostationen der Welt. Wer kauft meine Erfindung? Ich will kein Geld, allen wird die Erfindung helfen, allen. Schweigen... Keiner antwortet. Professor Lüdin. Was soll daran anormal sein. Das Leben ist keine Wiese, auf der die Menschen Ringelreihen tanzen und Friedensschalmeien blasen. Das Leben ist Kampf. Wer die stärksten Fäuste hat, gewinnt. Das ist absolut normal. Telegraphist (im Hotelzimmer, indem er Kurzschluß legt, grinsend) . Normal... (Alle Zimmer des Hotels leuchten auf.) Chor der Insassen (in hockender Stellung sich ins Untersuchungszimmer hinunterbeugend, grinsend nickend). Normal!... Normal!... (Explosion im Hotel. – Dunkel.) Karl Thomas. Wie hätte ich diese Welt weiter ertragen können!... Ich faßte den Plan, die Menschheit aufzuscheuchen. Ich wollte den Minister niederschießen. In gleicher Stunde schoß ein anderer. Professor Lüdin. Hm. Karl Thomas. Ich rief hinter dem Täter her. Glaubte, es sei ein Genosse. Wollte ihm helfen. Er stieß mich zurück. Ich sah seine verkniffenen Lippen. Weil der Minister ein Bolschewik, ein Revolutionär gewesen sei, schrie er mich an. Professor Lüdin. Normal. Relativ würde es stimmen, wenn dieser Unbekannte existierte. Karl Thomas. Da schoß ich auf den Mörder des gleichen Mannes, den ich selbst ermorden wollte. Professor Lüdin. Hm. Karl Thomas. Der Nebel zerriß. Vielleicht ist die Welt gar nicht verrückt. Vielleicht bin ich es ... Vielleicht bin ich es ... Vielleicht war alles nur ein wirrer Traum ... Professor Lüdin . Was wollen Sie? Die Welt ist nun mal so ... Kommen wir wieder zu den Motiven. Wollten Sie mit diesem Schuß Ihre Vergangenheit abschütteln? Karl Thomas. Wahnsinn! Wahnsinn! Professor Lüdin. Spielen Sie nicht Komödie. Einen alten Psychiater können Sie so nicht beeinflussen. Karl Thomas. Oder gibt es heute zwischen Irrenhaus und Welt keine Grenze? Ja, ja ... wirklich ... Die gleichen Menschen, die hier als Irre bewacht werden, galoppieren draußen als Normale und dürfen die andern zertrampeln. Professor Lüdin. Ach so ... Karl Thomas. Und Sie! Sagen Sie bloß noch, daß Sie auch normal seien? Sie sind ein Irrer unter Irren. Professor Lüdin. Jetzt hören Sie auf mit den Kraftworten! ... Sonst lass' ich Sie in die Isolierzelle bringen. Sie möchten sich wohl mit dem Paragraphen für Geisteskranke retten? Karl Thomas. Ihr glaubt, Ihr lebt? Bildet Euch nur ein, die Welt werde immer bleiben wie jetzt! Professor Lüdin. Also Sie sind der Alte geblieben ... Sie wollen immer noch die Welt ändern, Feuerchen anlegen, ja? Wenn die Natur nicht gewollt hätte, daß etliche weniger essen, würde es wohl keine Armut geben. Wer was Tüchtiges leistet, braucht nicht zu hungern. Karl Thomas. Wer hungert, braucht nicht zu essen. Professor Lüdin. Mit Ihren Ideen würden die Menschen Schmarotzer und Faulpelze. Karl Thomas. Sind Sie mit Ihren glücklich? Professor Lüdin. Was, Glück! Sie leiden an der Überwertigkeit dieser Idee. Hirngespinst. Phobie. Der Glücksbegriff sitzt in Ihrem Kopf wie ein Staubecken. Wenn Sie ihn für sich pflegen würden, meinetwegen. Wahrscheinlich würden Sie lyrische Gedichte schreiben voller Seele, blaue Veilchen lieben, schöne Mädchen ... oder Sie würden ein harmloser religiöser Sektierer mit leichter Paraphrenia phantastica. Aber Sie wollen die Welt beglücken. Karl Thomas. Ich pfeife auf Eure Seele. Professor Lüdin. Sie unterminieren jede Gesellschaft. Jede! Was wollen Sie? Das Leben in seinen Fundamenten stürzen, den Himmel auf Erden schaffen, das Absolute, ja? Wahnidee! Wie infiziöses Gift wirken Sie auf die Schwachen im Geiste, auf die Masse! Karl Thomas. Was verstehen Sie von der Masse? Professor Lüdin . Meine Musterkollektion öffnet dem Blindesten die Augen. Die Masse, eine Herde von Schweinen. Drängt zum Kober, wenn's zu fressen gibt. Suhlt sich im Dreck, wenn der Wanst vollgeschlagen. Und da kommen in jedem Jahrhundert Psychopathen, versprechen der Herde das Paradies. Die Polizei sollte sie rechtzeitig uns Irrenärzten übergeben, statt zuzusehen, wie sie auf die Menschheit lostoben. Karl Thomas. Harmlos sind Sie nicht. Professor Lüdin. Es ist unsere Mission, die Gesellschaft vor gemeingefährlichen Verbrechern zu schützen. Sie sind der Erzfeind jeder Zivilisation! Das Chaos! Sie muß man unschädlich machen, sterilisieren, ausmerzen! Karl Thomas. Wärter! Wärter! (Wärter herein.) Sperren Sie diesen Irren in die Isolierzelle. (Professor Lüdin gibt Wärtern ein Zeichen. Wärter packen Karl Thomas.) Professor Lüdin. Morgen werden Sie ins Gefängnis zurück transportiert. Fünfter Akt Erste Szene Gefängnis Einen Moment sichtbar alle Zellen Dunkel Dann auf leuchtet Zelle von Albert Kroll Albert Kroll ( klopft zur Nachbarzelle ). Wer ist dort? Auf leuchtet Zelle von Eva Berg Eva Berg ( klopft ). Eva Berg. Albert Kroll ( klopft ). Du auch?... Eva Berg ( klopft ). Heute früh. Albert Kroll ( klopft ). Und die andern? Eva Berg ( klopft ). Alle verhaftet. Warum hat Karl es getan? Albert Kroll ( klopft ). Er sagt doch nein. Wo ist Karl? Eva Berg ( klopft ). Vielleicht weiß es Mutter Meller. Albert Kroll ( klopft ). Mutter Meller? Sitzt die auch hier? Eva Berg ( klopft ). Ja. Über mir. Wart, ich klopf'. ( Geräusch an Albert Krolls Tür. ) Albert Kroll ( klopft ). Achtung! Es kommt jemand. ( Zellentür Albert Krolls kreischt auf. Herein Aufseher Rand. ) Rand. Die Suppe... Machen Sie rasch. Heute ist Sonntag. Albert Kroll. Ach, das sind Sie. Rand. Ja, ich bin wieder Gefängnisbeamter. Man hat was Kompaktes unter den Füßen... Na, nun habe ich euch alle wieder beisammen. Bis auf Kilman. Von dem weihen sie heute das Denkmal ein. Albert Kroll. So? Rand. Kilman war der einzige unter Ihnen, der was taugte, das werden Sie doch zugeben. Das hab' ich ja immer gesagt. Albert Kroll ( ißt ). Fraß. Rand. Schmeckt Ihnen die Suppe nicht? Schweinebraten gibt's zu Weihnachten. Gedulden Sie sich bis dahin. Albert Kroll. Sagen Sie, ist Karl Thomas auch hier? Rand. Seit gestern abend... Was der für ein Leben hinter sich hat... ( Aufseher Rand hinaus. ) Albert Kroll ( klopft ). Jetzt, Eva. Eva Berg ( klopft ). Wo ist Karl? Überall Klopfen. Wo ist Karl? ( Die Zellen dunkel.) Auf leuchtet Zelle von Karl Thomas Karl Thomas. Wieder warten... warten... warten... Auf leuchtet Zelle von Frau Meller Frau Meller ( klopft ). Wo ist Karl? Karl Thomas ( klopft ). Hier... Wer bist du? Frau Meller ( klopft ). Mutter Meller. Karl Thomas. Was? Die alte Mutter Meller. ( Klopft. ) Wer ist noch hier? Frau Meller ( klopft ). Wir alle... Eva... Albert... Und die andern... Wegen des Attentats... Wir sind bei dir, lieber Junge... Karl Thomas ( klopft ). Weißt du noch, vor acht Jahren? Frau Meller ( klopft ). Ich versteh' ja nicht, was du getan hast... Aber ich halt' zu dir... ( Zelle von Frau Meller dunkel. ) Karl Thomas ( klopft ). Hör doch!... Auf leuchtet Zelle des Gefangenen N. Gefangener N. ( klopft ). Nicht so laut... Denk an die Hausordnung... Du schadest uns... Karl Thomas ( klopft ). Wer bist du? Gefangener N. ( klopft ). Wenn du so weitermachst, bleibt keine Hoffnung für uns... Ich antworte nicht mehr... ( Zelle des Gefangenen N. dunkel. ) Karl Thomas. Ach du bist's... Du bist auch wieder hier?... Ich dachte, du bist tot?... Alle seid ihr wieder hier?... Alle wieder hier... Ist es so?... Der Tanz beginnt von neuem?... Wieder warten, warten, warten... Ich kann nicht... Seht ihr denn nicht?... Was treibt ihr?... Wehrt euch doch!... Keiner hört, keiner hört, keiner... Wir sprechen und hören uns nicht... Wir hassen und sehen uns nicht... Wir lieben und kennen uns nicht... Wir morden und fühlen uns nicht... Muß es immer, immer so sein?... Du, werde ich dich nie verstehen?... Du, wirst du mich nie begreifen?... Nein! Nein! Nein!... Warum zertrümmert, verbrennt, vergast ihr die Erde?... Alles vergessen?... Alles umsonst?... So dreht euch weiter im Karussell, tanzt', lacht, weint, begattet euch – viel Glück! Ich springe ab... – O Irrsinn der Welt... – Wohin? Wohin?... Näher und näher rücken die steinernen Wände... Ich friere... und es ist dunkel... und das Treibeis der Finsternis klammert mich gnadenlos... Wohin? Wohin?... Auf den höchsten Berg... Auf den höchsten Baum... Die Sintflut... ( Karl Thomas dreht aus dem Bettlaken einen Strick, steigt auf den Schemel, befestigt den Strick am Türhaken. – Dunkel. ) Zweite Szene Gruppe vor einem verhüllten Denkmal Graf Lande. ... und so übergebe ich dem Volke... das Denkmal dieses verdienten Mannes... der in schwerer Zeit... ( Dunkel. ) Dritte Szene Gefängnis Auf leuchtet Zelle von Albert Kroll Geräusch. Tür kreischt auf. Aufseher Rand herein Rand. Weil Sie mal nett waren, erzähl' ich Ihnen was. Albert Kroll. Sie brauchen nicht. Rand. Wir sind gar nicht so. Eben ist vom Justizministerium telephoniert worden, Thomas ist nicht der Mörder. Den wirklichen haben sie in der Schweiz geschnappt. Ein Student. Wie er verhaftet werden sollte, hat er sich erschossen. Albert Kroll. Wir werden gleich entlassen? Rand. Heute nicht. Heute ist Sonntag... Da gratulier' ich Ihnen, Herr Kroll. ( Rand hinaus. ) Albert Kroll ( klopft ). Eva! Eva! Auf leuchtet Zelle von Eva Berg Eva Berg ( klopft ). Ja. Albert Kroll ( klopft ). Wir werden frei! Rand hat's erzählt. Der wirkliche Mörder ist entdeckt. Eva Berg. Kinder!... ( Klopft an der anderen Zellenwand. ) Mutter Meller! Auf leuchtet Zelle von Frau Meller Frau Meller ( klopft ). Ja. Eva Berg ( klopft ). Wir werden alle frei. Karl hat gar nicht geschossen. Sie haben den Mörder. Frau Meller ( klopft an der anderen Wand ). Du, Karl!... Du!... Du!... Du!... ( Klopft auf den Fußboden. ) Eva, Karl meldet sich nicht. Eva Berg ( klopft ). Klopf lauter. Frau Meller ( klopft ). Karl! Karl! Karl! Eva Berg ( klopft ). Albert, Karl gibt keine Antwort. Albert Kroll ( klopft ). Klopfen wir alle. Jetzt ist's so egal. ( Klopfen. Auch die anderen Gefangenen klopfen. – Stille. – Klopfen im ganzen Gefängnis. – Stille. ) Eva Berg. Er meldet sich nicht... ( In den Gängen rennen Aufseher. – Die Zellen dunkeln. – Dunkel das Gefängnis. – Die Bühne schließt sich. )