Ernst Weiß Tiere in Ketten Neue Fassung   Tiere in Ketten. Nahar Roman Kurt Wolff Verlag München 1910–1920 Copyright 1918 by S. Fischer Verlag, Berlin Druck der Spamerschen Buchdruckerei in Leipzig 1922 Erster Teil Erstes Kapitel In dem Freudenhause einer kleinen Stadt lebte ein schönes Mädchen, das Olga hieß. Olga liebte einen Mann, den Besitzer dieses Hauses, Franz Michalek. Sie liebte ihn mehr, als Menschen lieben. Er war ihre Wollust, ihre Mädchenschaft, ihr alles und eines, ihr Wachen und Traum, Mord und Erbarmen, Tier und Mensch. Ihr Schoß wurde angezündet, und sie verbrannte. Sie wurde mit Wahnsinn geschlagen, sie mußte sich zertrümmern und ihre Welt. Sie war in die gemeine Welt geworfen und mußte im Schmutze leben; Geld nahm sie und gab sie. Sie liebte bis zum Wahnsinn, raste, ein unzerstörbarer Motor, ruhelos von der Erde zur Hölle; sternabwärts, sternaufwärts. Ein Freudenmensch, bestimmt, sich zu verzehren, eine kinderlose Dirne, bestimmt zum Frieden der gesegneten Mütter, im Leben über dem Leben. Ein Tier, gekettet zwischen Erde und Hölle, jetzt mitten in der gemeinsten Welt. Man nannte sie Olga; die sie liebten, nannten sie Olympia. Seit Jahren lebte sie im Hause Nr. 37. Nie hörte man sie etwas von sich erzählen. Oft führte sie einen Mann an der Hand mit sich in ein Zimmer. Sie nahm ihn in ihre milchweißen Arme, dann ließ sie sich an ihm herabgleiten, sie rauschte weich vor seinen Füßen auf dem Boden zusammen. Die Beine rings um sich geschlungen, süß berührte sich Glied mit Glied, nackt und glatt unter der roten Seide ihres weiten Kleides und aus den Falten, tief ringsum gewellt, leuchtete ihm ihr weißes Gesicht empor, die niedrige, elfenbeinerne Stirn, die schwarzen Augen, ruhig glühend über dem tiefroten Mund, der in der Spannung der Sekunde, angespannt wie ein Muskel vor dem Sprung, zitterte in allen seinen Fasern. Leise klirrte ihr Lachen durch die vollen, kindlichen Lippen. Ein junger Mensch verliebte sich in sie, wollte sie, als er die Reifeprüfung bestanden hatte, aus den Fesseln ihres Ausbeuters befreien, sie sollte fort aus der giftigen Atmosphäre des schlechten Hauses und mit ihm in die Universitätsstadt ziehen. Aber ihr war das Haus nicht schlecht, die Luft nicht giftig, das Haus war heilig, die Luft gesegnet und gut. Er wollte, daß sie ein neues Leben beginne, aber sie blieb, wo sie war. In der letzten Zeit trieb es sie oft fort. Die Kirche war nicht weit, hoch ragte der heiligste Bau unfern dem Hause bei der stillgelegten Ölfabrik, das die Zahl 37 trug. Zweites Kapitel Das Haus Nr. 37 war nur nachts eine Spelunke. Tagsüber war es ein kleines, solides Wirtshaus, das »Der Felsenkeller« hieß, und in dem die Gäste sehr gutes böhmisches Bier sehr billig bekamen. Den Vormittag über waren die Mädchen unsichtbar. Sie schliefen. Der Geruch ihrer Pomade klebte noch an den Wänden, aber die Gendarmen und Kleinbürger, die morgens zum Frühschoppen kamen, vertrieben ihn sofort mit dem Knaster, der leise zischend aus ihren Pfeifen dampfte. Wer spät am Nachmittag kam, hörte hinter verschlossenen Türen ein Mädchen summen; über die Treppen rauschten gestärkte Röcke, klirrend fiel eine Brennschere zu Boden. Eines Tages behauptete der Gymnasiast Robert, der zum ersten Male das Haus aufsuchte, er höre ganz deutlich ein Mädchen im Badewasser plätschern. Aber das war Irrtum, ein solcher Luxus wäre in der kleinen Stadt Unsinn gewesen. Abends, Schlag acht Uhr, wurde das Haustor zugesperrt, der Wirt bezog seinen Posten und ließ den Hausschlüssel nicht aus der Hand. Er öffnete sofort, wenn jemand klopfte; das Haus stand völlig frei, hundert Schritte hinter der Ölmühle, die jetzt stillgelegt war, aber noch dünsteten schmierige Abfälle schwer über die Straße, den Vorgarten, das einstöckige Haus. Michalek trank sehr viel. »Ich habe das Bier halb umsonst. Wozu wäre ich auch sonst der Wirt?« – Aber seine Trunkenheit ging lange Zeit hindurch nicht so weit, daß er die Schelle draußen überhört hätte. »Ordnung muß sein. Das Geschäft geht vor, das Bier bleibt stehen, es läuft mir ja nicht weg.« Oft lag ein militärischer Ton in seiner Redeweise; er wußte sich bei allen Leuten Respekt zu verschaffen, nicht nur bei den Mädchen, die in seinem Hause wohnten, sondern auch bei den Gästen, bei den Lieferanten, den ehrenwertesten Leuten der kleinen Stadt, die ihm beim Vorübergehen einen Händedruck zu versagen nicht den Mut hatten. Als er vor zwei Jahren einen Schlaganfall erlitten hatte, war die Anteilnahme allgemein. Michalek erholte sich zwar in der kürzesten Zeit; nach wie vor schritt er Sonntag vormittags mit strammer Eleganz über die Hauptstraße der kleinen Stadt, ja, er hielt sich sogar militärischer als früher. Nur eines hatte sich geändert: er begann beim Trinken zu reden. Der Arzt behauptete, ein Stück seines Gehirns, in dem sich das Sprachzentrum befand, sei in Unordnung geraten. Aber was er sprach, klang vernünftig. Er begann frühmorgens, wenn der Gendarmeriewachtmeister vor seinem Postengang zu ihm kam, mittags sprach er, wenn die Professoren aus dem Gymnasium sich zu einem heimlichen Frühschoppen bei ihm einfanden, denn im Sommer war das Bier des »Felsenkeller« kühler als anderswo; besonders aber geriet er abends und nachts ins Reden. Es wollte ihm niemand zuhören. Die Leute kamen nicht seinetwegen her. Das Erzählen, das Reden wurde seine Schwäche, seine Leidenschaft. Er trieb es so weit, daß er die Besucher halb mit Gewalt festhielt, daß er, der Wirt, ihnen Bier aufdrängte und ihnen herzegowinische, selbstgestopfte Zigaretten anbot, ja, daß er im Rausche des Erzählens die Einlaßsuchenden draußen, im Scheine der roten Laterne, ungebührlich lange warten ließ. Natürlich war es, daß sich die Leute beschwerten, vor allem der wertvollere Teil der Besucher, und wäre nicht das beste Bier, die jüngsten Mädchen bei Michalek gewesen, so wären sie überhaupt nicht wiedergekommen. Nun aber blieb Michalek nichts anderes übrig, als den Schlüssel zu seinem Haus dem Mädchen Olga zu übergeben. Als nun Michalek alle ihm bekannten Anekdoten von sich gegeben hatte, nahm er die Privatverhältnisse, die letzten Geheimnisse der in seinen Diensten stehenden Mädchen vor. Aber diese letzten Geheimnisse waren zugleich die ersten. Die Geschichten dieser Mädchen waren ebenso gleichartig wie ihre Gesichter, es gab einige unter ihnen, die sich nur durch den Namen unterschieden. Zuerst erzählte er die Geschichte des stellenlosen Dienstmädchens und ihres Verführers, der Don Juan und Geschäftsmann zugleich war. Dann aber, nach längerem Schweigen, begann er von seinen Freunden zu berichten, von einem Oberleutnant, der, ebenso wie er, Franz hieß, einem Mordskerl in Liebe, Dienst und außerdienstlichem Schneid, mit dem zusammen er in einer kleinen ungarischen Stadt gedient haben wollte. Bloß von Olga erzählte er nichts, ja, er vermied sogar, ihren Namen zu nennen; er schwieg lange, nicht etwa aus Schonung und Zartgefühl, denn er behandelte sie sehr schlecht, ein Grund mehr für die Studenten, die mit ihr einen Roman erleben wollten, ihr nun das Unselige ihrer jetzigen Lebensweise mit pathetischen Worten, mit zitternder Stimme, ganz wie eine überraschende Neuigkeit vor Augen zu halten und dann noch Antwort zu erwarten, ob sie das nicht auch fühle, ob sie nicht ein neues Leben, eine glücklichere Existenz anderswo ersehne. Olga rührte sich nicht fort. So wie sie jetzt da war, war sie vor fünf Jahren da gewesen. Sie hatte, wie es schien, keine Ersparnisse, nicht einmal einen goldenen Ring. Michalek merkte mit der Zeit, daß ihm der Stoff ausging. Man lachte, wenn er sich allzu genau kopierte, wenn er sich zum dreißigstenmal wiederholte. Aber Sprechen war ihm Leben. Er schwieg wohl, aber doppelt unersättlich blieb seine Redegier. Er konnte nicht fort, das Haus Nr. 37 erforderte seine Anwesenheit. Zwei Wochen lang beherrschte er sich, er ließ seine Wut an den Mädchen aus, entzog Olga wieder den Schlüssel des Hauses, beschimpfte sie, behauptete, sie sei an allem schuld, schlug sie, warf ihr vor, sie hatte in sein Bier etwas Giftiges getan, um ihn zu »verrücken«. Aber selbst die Drohung mit der Polizei machte auf sie keinen Eindruck. Und eines Tages gab er ihr, da sie sich nicht abschaffen ließ, er ihre Nähe aber jetzt nicht mehr ertrug, den Schlüssel wieder zurück, vertraute ihr sogar ein kleines Büchlein an, in dem er mit Bleistift die Einnahmen und Ausgaben der Mädchen, mit Tinte aber die Adressen der Agenten verzeichnet hatte, welche ihm die Mädchen zugebracht hatten. Damit lieferte er sich ihr ganz und gar aus. Zugleich verbot er ihr aber, sich nach acht Uhr abends in dem Salon zu zeigen. Das bedeutete, daß Olga Haushälterin wurde und nicht mehr »eines von unseren guten, kleinen Menschern« war. Ihr Platz war der Korridor, die Küche, die Stadt; nicht mehr der Salon und die Kabinette. An demselben Abend noch erzählte er zwei jungen Studenten und einem kahlköpfigen Reisenden, der die Adresse des Hauses Nr. 37 von einem Kollegen in der Eisenbahn erhalten hatte, etwas von seiner Geschichte und von der Geschichte Olgas, die man Olympia nannte. Drittes Kapitel Der Geschäftsreisende hatte sich schon von seinem Mädchen verabschiedet und setzte sich nun mit den zwei Gymnasiasten an einen Tisch in die Ecke. Michalek, blaß, etwas gedunsen, holte aus dem Keller neun Flaschen Bier und stellte sie in einen Winkel hinter sich; er baute sie zu einer kleinen Pyramide auf, was er »das kleine Einmaleins« nannte. Die Gymnasiasten schielten unaufhörlich nach Olga hin. Sie waren ihretwegen hergekommen und gedachten nicht, vor Mitternacht fortzugehen. Sie fühlten sich in dem kleinen, überhitzten Salon, in der Nähe der Mädchen wie zu Hause. Es war Sonnabend, die Schule machte ihnen keine Sorgen. Jemand kam, ließ das elektrische Klavier spielen, das losfuhr wie ein Wagen über Steine. Und während sie hier saßen, träumten sie von der Großstadt und ihren Lasterhöhlen, von rubinroten Laternen, von jungen Mädchen, die in Rudeln versammelt waren und deren Häßlichste schöner war als Olga. Als Michalek sich gesetzt und die erste Bierflasche aus dem Winkel auf den Tisch gehoben hatte, verschwand Olga. Sein Blick war deutlich. Nun ging sie draußen, auf dem Korridor, hin und her; in Kürze kamen ihr auf den reifbeschlagenen Fenstern die stämmigen Schatten der Gäste entgegen. Bevor noch einer geschellt hatte, öffnete sich die schwere Tür. Olgas Hand schimmerte ihnen entgegen, schlüpfte aus dem weiten japanischen Ärmel ihres roten Seidenschlafrockes und leuchtete in hartem Weiß wie ein Stück Porzellan. Im Salon aber erkannten die Gäste mit Befriedigung die alten Gesichter, sie bestellten bei den Mädchen Bier, Schachteln mit Zigaretten, in welche die Mädchen mit fleischigen Händen hineingriffen, während die Gäste umherschauten. Viele begannen mit den Madchen zu sprechen, ganz so, als ob es Menschen ihresgleichen wären. Die Tür öffnete sich immer wieder, Olgas roter Schlafrock züngelte herein, die Neuangekommenen wurden mit Gelächter und Witzen begrüßt. Nur die Gymnasiasten blieben ernst. Einer von ihnen sah nach der Tür. »Kommt denn Olga nicht zurück?« »Nein, heute gibt es keine Olga«, sagte Michalek ruhig. »Muß es denn Olga sein?« »Die arme Olga! In ihrem leichten roten Schlafrock draußen auf dem offenen Korridor.« »Sie kann sich den Tod holen«, sagte der zweite Gymnasiast. »Den Tod? Ausgeschlossen!« sagte der Reisende. »Hier gibt es keinen Tod. Sie sind im Reich der Liebe.« »Ist sie nicht ein Mensch wie jeder andere?« fragte Robert, der Gymnasiast. Olga kam ins Zimmer, sie führte einen anständig gekleideten Herrn an der Hand, der das Lokal noch nicht kannte. Durch die geöffnete Tür kam kalte Luft. Olga ging zum Ofen und wärmte sich. Die dünne rote Seide ihres Rockes kräuselte sich an den weißen Kacheln. »Olympia,« sang der Gymnasiast, »reich' mir die Hand, mein Leben, trink ein Glas Sekt mit mir!« Michalek lächelte. Die Glocke draußen ging. Olympia machte sich fort. Der Reisende klopfte mit seinem Ring an das Glas. Augenblicklich kam Kathinka zu ihm und setzte sich auf seinen Schoß. Der Reisende lachte. »Nein, das ist zum Lachen! Ein andermal. Aber, wenn du deine Liebe beweisen willst, dann bring' schnell Kaffee mit Rum.« Kathinka verschwand sofort. Das Lächeln war aus ihrem Gesicht fortgewischt. »Warum darf nicht Kathinka draußen Wache stehen?« fragte Robert, der Gymnasiast. Kathinka war alt und blatternarbig. Sie hoffte, einmal nur Dienstmädchen zu sein. Inzwischen hatte sie die Narben in ihrem Gesicht mit Schminke ausgefüllt. Aber sie wandte sofort den Kopf weg, wenn sie jemand ansah. »Kathinka oder Olga, zwei alte Dragoner!« sagte Michalek. »Länger dienende Unteroffiziere.« »Aber doch nicht immer? Es hat sicher eine Zeit gegeben, da sie kein alter Dragoner war.« »Ich weiß nicht, was Sie von ihr wollen«, sagte Michalek. »Glauben Sie mir, ich kenne das Weib besser als Sie, ich weiß ganz genau, wie man mit solchen Menschen umzugehen hat. Wenn sie es nicht verdiente, dann wäre sie eben kein alter Dragoner. Übrigens hat sie es ganz gut. Verlassen Sie sich darauf, meine kleine Dame marschiert lieber sechs Stunden auf dem Korridor hin und her, als daß sie sich zu Ihnen an den Tisch setzt und Champagner mit Ihnen trinkt. Was ist ihr Champagner? Was bedeutet das für eine Olga? Ich kenne sie ganz genau, ich weiß, ich weiß alles. Ich habe sie noch gekannt, als sie Näherin war. Damals war sie das reinste Gespenst, eine Mumie in Flanell, wenn sie dabei nicht so hübsch gewesen wäre, hätten Sie sich vor ihr fürchten müssen. Erst hier ist sie so schön geworden. Ihre Augen waren so groß (er zeigte die beiden geballten Fauste), ja, sie war halb verhungert, und das andere an ihr war auch nur so la la. Das waren noch andere Zeiten als jetzt, und weil Sie vom Champagner reden, so gute Ideen hat bald einer, einmal hab ich ihr Champagner zu trinken gegeben, nicht etwa in schlechter Absicht, sehen Sie mich nicht so grimmig an, Herr Doktor, ich habe das nie notwendig gehabt, keine arglistige Betäubung an einem hilflosen Menschen, nein, ganz im Gegenteil. Ein normaler Mensch wird lustig, tanzt und singt, ich habe eine ungarische Komtesse gekannt, die tanzte auf einem Kaffeehaustisch Czardas, und wenn sie eine Flasche Champagner bekam, Czardas und alles andere, aber davon spricht man nicht... als Kavalier und Ehrenmann, aber die Olga, das arme Kind, sitzt ganz schüchtern im Chambre séparée« (er neigte den Kopf und schloß die Augen; er sah sehr verfallen aus) ... »die Zigeunerkapelle spielt und spielt, aber Olga sagt kein Wort, keine Spur von Singen und Tanzen, sie blickt mich gar nicht an... ah, da sieh her, sie legt den Kopf aufs Tischtuch und heult... Na, es gibt allerhand Menschen, warum auch nicht? ... nicht eine jede weint. Aber im Chambre séparée? Den Champagner hat die Komtesse getrunken, wir sind nach Hause gefahren. Über uns hat ein guter Kamerad gewohnt, ein Oberleutnant aus demselben Regiment, ein geborener Musikant, er konnte Mundharmonika blasen wie ein junger Gott, alle möglichen Melodien, alles ohne Noten, direkt aus dem Kopf. Damals hat die Olga Musik noch sehr gern gehabt. Ein Mensch fliegt auf das, ein anderer auf etwas anderes ... Musik zum Beispiel. Ich glaube wenigstens, daß es die Musik war, was sie zu mir gelockt hat. Ich denke nie etwas Schlechtes von den Menschen. Übrigens waren wir auch damals noch ganz solid. Sie hat sogar versucht, mir das Sparen beizubringen, aber dafür habe ich ihr das Geldausgeben angewöhnt. Nicht für Sekt, aber für schöne Toiletten hat sie geschwärmt. Im Grunde sind alle gleich ... Dirnen und Komtessen ... Sie sehen, noch jetzt paradiert sie mit einem seidenen Schlafrock, auch wenn sie es gar nicht mehr nötig hat, das liegt so in ihrer Natur. Und wenn sie auch gar nicht zum Schlafen kommt, sie schneidert sich doch ein paar Fetzen zusammen. Aber auch die Fetzen kosten Geld. Heut ist das eine Kleinigkeit. Aber damals! Sagen Sie selbst, was ist eine Gage von neunzig Gulden?« »Das verdient unsereins auf einen Sitz!« sagte der Reisende. »Sagen Sie das dem Staat! Sehen Sie, ich habe gern gedient, ich wäre im Ernstfall losgegangen wie drei ungarische Teufel, wie ein wildes Tier. Aber zu Hause sitzen, exerzieren, schreiben in der Kanzlei, Rekruten dressieren, und alles für hundert Gulden monatlich? Nur fünfzig Gulden mehr, und alles wäre besser gewesen« Furcht habe ich nie gekannt; ich habe nie gewußt, wovor ich hätte Furcht haben sollen. Daß ich da sitze, neben Ihnen, meine Herren aus dem Morgenlande, da in einer Spelunke, in ihren Augen vielleicht ärger als in einer Spelunke, das beweist Ihnen, daß ich nicht Furcht gehabt habe... vor nichts. Ich bin auch ein Mensch, ich habe Gemüt. Und das hat mir den Kragen gebrochen. Ich habe nicht nur an mich allein gedacht. Wie leicht hätte ich mich rangieren können! Ich habe nicht Schulden gehabt wie andere, zweitausend Gulden und mehr; meine Schulden waren immer kleiner als eine Monatsgage. Fünfzig Gulden monatlich mehr! Man gibt Stipendien für Studenten, für arme Waisen, Gott weiß, was für welche! Aber für Offiziere? Ja, du trägst des Kaisers Rock! Du hast ein Ehrenmann zu sein im Dienst und außer Dienst! Ja, mit dem größten Vergnügen! Warum auch nicht? Aber wenn ich leben muß wie ein Hausierer? Was dann? Das Leben kostet Geld, meine Herren, das Essen, die Monturen, das Pferd und die kleinen Damen. Man sieht so ein Mädchen gern, man läßt sich ein wenig beneiden, man führt die Dame aus. Angezogen muß es sein, denn anders wäre es eine Schande. Schließlich muß sich jeder Mensch anständig, nur anständig, sage ich, tragen, und wenn der Mensch auch nur eine Schneidermamsell ist, müssen das die Leute nicht gleich merken. Essen muß schließlich der Mensch auch. In die Offiziersmesse habe ich sie nicht mitbringen dürfen, zu Hause lassen konnte ich das arme Kind auch nicht. Schließlich sind zwar ärgere Schlampen am Offizierstisch gesessen. Eigentlich aber... Ordnung muß sein... Zwei oder drei Monate lang ist alles schön und gut. Wenn es keine Rebhühner gibt, dann gibt's ja Wiener Schnitzel oder kalten Aufschnitt oder ein kleines Gulyas. Wenn man sich keine ägyptischen Zigaretten kaufen kann, dann stopft man sich siebzehner Tabak mit Papierhülsen. Das hat die gute Olga schnell gelernt. Ach Gott, das glaubt man gar nicht, was ein anständiges Mädchen nicht alles lernt, und je anständiger, desto besser. Verderben lassen sich die Kinder alle, mit Wonne sogar, aber erziehen nicht. Und bin ich abends fortgegangen ... der Mensch muß doch auch seine Zerstreuung für sich allein haben, nicht wahr, Herr Doktor? Einmal gibt es einen Herrenabend beim Regimentsarzt, ein andermal gibt es ein kleines Spiel oder eine Wagenpartie mit ungarischen Juckern ... hochfeudal... ja, was wollte ich Ihnen nur erzählen, wenn ich abends heimgekommen bin, saß die kleine Olga noch da ... stopfte Zigaretten, und draußen war es schon Tag! Sagen Sie, was hat das für einen Sinn? Richtig, die Mutter hat sie am nächsten Tag herausgeworfen. Selbstverständlich, auch in der Familie muß Ordnung sein, selbst hier in einem Bordeaux muß Ordnung sein. Übrigens war das nicht das schlimmste Unglück. Sie war in einem Atelier angestellt. Wenn so ein Luder eine Nähmaschine in einer Scheuer stehen hat, nennt sie das schon ein Atelier. Wenn der Mensch fleißig ist, kann er überall etwas verdienen durch Überstunden und allerhand solche Sachen, verstehen Sie? Schließlich und endlich hat sie auch zu Hause nicht umsonst gewohnt, sie hat ihren Leuten für den Zins und das Essen tüchtig zahlen müssen. Umsonst ist der Tod. Und jetzt hat sie eben billiger gewohnt oder mehr gespart, sie hat immer Kleingeld im Taschchen gehabt... sie hat mir oft sogar was mitgebracht: eine Flasche Wein oder ein paar Zigaretten... allerhand dergleichen. Jetzt sagt einmal! Es kommt euch so ein kleines Menschenkind daher, können Sie sich das vorstellen, Herr Doktor, ein niedliches Kind, keine siebzehn Jahre alt, in ›der ersten Liebe erstem Traum‹ und bringt die Hände voll guter Sachen. Nun, Hand aufs Herz, werden Sie fragen: Woher hast du das, was hast dafür gezahlt? oder hast du es überhaupt nicht bezahlt, sondern von zarter Freundeshand geschenkt bekommend Nein, mir als Mann können Sie es schon sagen. Sie werden ruhig die Bagatellen annehmen und das Maul halten. Und wenn Sie einmal im Kartenspiel Pech haben und das süße Geschöpf hat gerade einen Zehner übrig, so werden Sie ihn ruhig einstecken, wenn es niemand sieht, und ihr dafür als nobler Kavalier das nächste Mal einen Hut für dreißig Gulden kaufen, stillschweigend. Welcher Kavalier redet mit seiner Dame von Geldgeschäften?« An der Tür stand Olga und lauschte. Durch den dicken Zigarettenrauch leuchtete ihr rotes Seidenkleid. Ein Gymnasiast hatte sich mit Kathinka fortgeschlichen, der Reisende aber schlief. Er liebte es nicht, zuzuhören, war aber selbst unermüdlich im Flunkern und im Erzählen unzüchtiger Anekdoten, die er sogar im Kaffeehaus aus dem »Kleinen Witzblatt« ausschnitt. Robert, der Gymnasiast, war bedrückt. »Erlösen«, dachte er. »Wenn doch nur die Menschen wüßten, was sie eigentlich sind. Kein Mensch ist unrettbar, selbst eine Kathinka nicht.« »Sie haben doch Olga sehr geliebt?« »O nein, woher denn?« sagte Michalek. »Ich habe zu dieser Zeit, zur Zeit der Überstunden, nicht mehr mit ihr gelebt. Ich habe sie nicht einmal mehr mit einer Fingerspitze angerührt. Muß man mit jedem Mädchen, das man einmal gern gehabt hat, auf ewige Zeiten eine Liebschaft haben? Man kann doch rein kameradschaftlich zusammenleben, ganz platonisch, das kommt tausendmal vor. Wenn das Fräulein Vertrauen zu mir hat, warum darf sie mir dann nicht ihre Ersparnisse in die Hand geben? ›Ja, aber das hätten Sie sich doch denken müssen‹, sagen die Herren vom Ehrenrat, ›daß die Sache nicht ganz ehrenhaft ist. So wie Sie handelt kein Offizier, so benimmt sich kein anständiger Mensch! Was heißt das,›Sie wissen nicht?‹ Das sieht doch ein Blinder ... Das ist Scheidemünze. Scheidemünze stinkt!‹ Ah, da staunst du! Ist das nicht gemein? Spricht so ein Kamerad? Ich habe ein Mädchen lieb, und alles ist schön und gut, ich staffiere sie aus eigenen Mitteln heraus wie einen leibhaftigen Engel, wie eine echte Komtesse. Ehrenwort! Das haben sogar die Offiziere zugegeben, und wenn sie mir einmal zum Geburtstag oder sonst bei einer Gelegenheit ein paar Geschenke macht, da soll ich sie erst vors Gericht stellen, vor den Ehrenrat! Fürs Gefühl gibt es keinen Ehrenrat, Gott sei Dank! Ich soll ihr alles vor die Füße werfen? Warum nicht gar den Polizeispitzel spielen und sie bei der Polizei anzeigen? Nein, o nein, dann lieber: Danke schön. Es war mir ein Vergnügen. Ich habe gern gedient. Aber so ... nein, das ist kein Kaffeehaus für mich. Sie glauben, ich sage das im Scherz? Keine Idee. Ich weiß ganz genau, was ich getan habe, das haben tausend andere auch getan, die es gar nicht notwendig gehabt haben. Jeder Mensch, jeder anständige Mensch handelt so wie ich. Mir haben sie den Rang abgeschnitten, die andern, die hinter mir waren, sind schneller avanciert. Mich haben sie herausgefeuert, was soll ich dagegen tun? Was kann ich antworten wenn ein alter Oberst mich andonnert wie verrückt? Schweigen, schweigen, und nicht weiterdienen. Aber Ihnen kann ich es, offen und ehrlich sagen: Stellen Sie sich vor, Sie sind der junge Mann von vierundzwanzig Jahren, Sie haben ein kleines Katzerl liebgehabt. Weiß wie Schnee das Katzerl, Sie wissen, im Grunde ist und bleibt es anständig, das muß Ihnen genug sein. Und wenn sie auch einmal... wenn sie gerade einmal, na in Gottes Namen, etwas anstellt, schließlich ist ein junger Offizier kein Sittenrichter. Ich hätte die Olga schön angeschaut, wenn sie mich nach meinen Liebschaften ausgefragt hätte. Was kümmern mich dann ihre Amouren? Nur nicht fragen! Das müssen Sie sich merken. Nie fragen nach dem, was vorher war, seien Sie froh, wenn Sie wissen, vorher war nichts. Es gibt solche Zufälle im Leben, glauben Sie nicht, Herr Doktor? Aber wenn Sie es nicht genau wissen, dann halten Sie schön den Mund. Fragen Sie auch nicht danach, was nachher passiert. Nein, mein Lieber, man muß nichts wissen wollen. Sehen Sie sich hier um: Sie amüsieren sich, und auch die Mädchen amüsieren sich. Sie bekommen ihre Prozente von den Getränken, jede hat ihr eigenes Konto. Daß mir die Mädel auch ihrerseits Prozente zukommen lassen, entschuldigen Sie, Herr, für nichts und wieder nichts würden selbst Sie sich nicht hierher setzen und das Haus führen, den Krempel anständig zusammenhalten. Ich habe noch eine stramme Hand ... aber wo käme auch sonst unsereins hin?« Der Salon war voll von Leuten. Olympias roter Schlafrock war verschwunden. Der Lärm stieg, das elektrische Klavier dröhnte, und man hörte, wie oben, eine Treppe höher, ein Paar nach der Musik tanzte. Bisweilen klang der Schall von Olgas Schritten, wie der eines Soldaten auf Wache, vom Korridor herein. Der Reisende war aufgewacht und blickte mit stieren Augen um sich. Kathinka kam mit schielendem Lächeln näher. Mizzi, die Wienerin, riß die Tür auf. Ihr Gast warf eine Handvoll Zigaretten den Mädchen zu, die kreischten. Michalek erhob sich und stieg in den Felsenkeller hinab, um frisches Bier zu holen. Das kleine Einmaleins war zu Ende gerechnet, er stellte ein zweites auf, zwölf Flaschen Bier, das »Große Einmaleins« genannt. Viertes Kapitel Der letzte Besucher kam halb fünf Uhr morgens. Die Glocke schellte. Olga erwachte sofort. Niemand sonst im Hause rührte sich. Michalek hatte in der letzten Nacht zum erstenmal beide Einmaleinse ausgetrunken. Olga zog den großen Hausschlüssel unter ihrem Kissen hervor. Sie gab sich alle Mühe, Kathinka aufzuwecken, diese aber lag wie ein Stein da, hatte die schwere, rotgewürfelte Bettdecke über den Kopf geschlagen. Warmer Dunst wogte um sie wie eine Wolke. Olga rief sie an, griff nach ihr, wollte sie unter den Kissen hervorziehen. Kathinka aber wehrte sich und hielt sich mit beiden Händen an den Bettpfosten fest. Im Lichte der Kerze schimmerten die Narben in ihrem Gesicht wie kleine Löcher. Inzwischen hatte sich Mizzi, »das Wiener Kind«, erhoben. Es gab übrigens stets eine Wienerin namens Mizzi in dem Hause. Auch die anderen Mädchen waren erwacht. Olga sah, daß Erna und Milena in einem Bett lagen und daß Erna Milenas Kette von weißen Korallen um den Hals trug. Die zwei Mädchen lachten, indem sie voneinander fortrückten. Kathinka aber schlief schon wieder, wie ein Igel zusammengerollt. Der Waschtisch, der an der Wand stand, klirrte. Die Wienerin wusch sich. Olga dachte an die grausamen Stunden, wenn sie sich frühmorgens, roh aus dem ersten Schlaf gerissen, waschen mußte, um im Salon einen nach Schnaps und Zigarren riechenden Gast zu empfangen, dessen Liebkosungen sie schon jetzt mit Widerwillen und Angst erfüllten, während sie das Gesicht in das kalte Wasser tauchte. Durch den Dunst ihres verflogenen Traumes schwebte immer noch eine Zigarette, und sie hätte weinen mögen, entsetzt fliehen vor sich selbst, die sich mit ihren zurückstrebenden Lippen und Augen zum Gast hinabbeugen mußte, wie zu einem Gefäß voll kalten Wassers, in eine Blechschüssel, die eisig klirrte. Nun aber stieg sie, ohne sich gewaschen zu haben, beinahe aus eigenem Willen die Treppe hinab, und in ihrer Tasche raschelten trocken und vergnügt viele Zigaretten. Mizzi, die Wienerin, ging voraus, zündete im Salon den Gaslüster an, während Olga an dem gleichen Hölzchen, das noch glimmte, ihre Zigarette entzündete. Der Ofen im Salon war kalt. Das Licht des Gaslüsters spiegelte sich auf der Politur des Klaviers. Der Morgen war lang. Es war ganz still, von Zeit zu Zeit aber hörte man Michalek im Schlafe stöhnen. Er war nicht erwacht, als die Glocke draußen geschellt hatte, er war nicht erwacht, als Mizzi mit dem fremden Gast in das Fünfer-Kabinett gegangen war, das neben seinem Schlafzimmer lag. Olga fror und war müde. Sie sehnte sich danach, in Michaleks Schlafzimmer zu gehen, einzutreten in den Dunstkreis seiner Wärme, einzuschlafen und plötzlich anderswo zu erwachen, ein geschliffenes Glas in der Hand, neugeboren, ein anderes Wesen, gekleidet in ein niegetragenes Kleid. Das alles war unmöglich, deshalb begnügte sie sich damit, zu weinen. Ihre Erinnerungen erschienen ihr schön, einzigartig, aber traurig. Sie weinte gern, ihre Trauer beruhigte sie. Sie dachte, es sei der neue Mond, der erste Frost. Sie sah zum Fenster hinaus, verschwommen blinkte das Fensterkreuz, die heilige Figur, durch ihre Tränen. Sie hielt die Zigarette weit ab, lehnte den Kopf dann mit tief gesenkten Nüstern über die blaue Rauchsäule. Aber es war kalt, immer wieder erweckte sie eine fremde Leere, ein ungeahnter Hunger, sie wußte nicht, was es war, sie hielt den Rauch in der Lunge zurück, wollte ganz durchatmet sein von seinem Duft, es war ja alles gut... beide Hände breitete sie aus, um ihre Tränen aufzufangen. Dann trocknete sie die Hände an den Fenstervorhängen ab. Der rote Schlafrock mußte geschont werden, und Tränen hinterließen ebenso Flecken wie Kaffee oder Bier. Vorsichtig hielt sie ihre Hände, die nach dem Staub des Fenstervorhangs und nach der Zigarettenasche des letzten Abends rochen, vor ihr Gesicht. Plötzlich erinnerte sie sich daran, daß sie sich nicht gewaschen hatte. Sie war vergnügt, schnupperte mit spitzbübischem Lächeln an ihren Händen. Als der fremde Gast über die steinernen Fliesen des Korridors trampelte, begriff sie mit einer nie geahnten Freudigkeit, daß ein neues Leben für sie beginne. Sie ergriff den Schlüssel, öffnete das Haustor weit, indem sie mit der linken Hand den Ausschnitt des Schlafrockes festhielt. Es war kalt, die Straße draußen war vereist, wie mit Zuckerguß überglänzt. Der Mond war gelb, und nun erschien er ihr unnatürlich groß, beängstigend nah, gewaltig wie die Sonne, wenn sie durchs Kirchenfenster brach, des Heilands Brust im hohen Glasfenster goldig durchleuchtend. Der fremde Gast drückte ihr eine Krone in die Hand. Olga steckte das Geldstück nicht in den Strumpf, sondern legte es im Salon auf den Tisch. Als sie aber oben, in dem gemeinschaftlichen Schlafraum angekommen war und sich zu Bett gelegt hatte, fiel ihr ein, daß das Geld am nächsten Morgen von einem Gast gestohlen werden könnte. Auch hatte sie es nicht, wie es sonst ihre Gewohnheit war, angespien. Aber es war ja eigentlich nicht Liebesgeld, sondern Sperrgeld. Fünftes Kapitel Am nächsten Tage weckte sie Michalek sehr früh. Der Salon war kein Salon mehr, sondern nur eine Wirtsstube, in der sich zufällig ein elektrisches Klavier und ein paar Samtfauteuils befanden. Die Köchin, die sich an jedem Abend schon um neun Uhr zur Ruhe legte, aber immer wieder des schwarzen Kaffees wegen geweckt wurde, kniete mit verdrießlichem Gesicht am Fußboden und fegte die Zigarettenreste zusammen. Nie hatte Olga zu so früher Stunde den Salon betreten. Michalek setzte sich mit ihr an einen Tisch, forderte ihr das Buch ab, in dem die Rechnungen verzeichnet waren. Beide begannen mit leiser Stimme zu rechnen. Es war Sonntag, die Glocken läuteten. Olga sah zum Fenster hinaus, der Schnee fiel. Ein Gendarm ging vorüber und salutierte ihr. Sie lachte, aber Michaleks Gesicht drohte. Er nannte ihr genaue Zahlen, die sie in das Buch unter verschiedenen Rubriken eintragen sollte. Trotzdem er gestern abend fast unaufhörlich erzählt und getrunken hatte, wußte er von jedem Gast und jeder Flasche Bier, von jedem kleinen oder großen Schnaps. Olga hielt den Bleistift ungeschickt in der Hand, sie erinnerte sich der Zeiten, in denen sie mit dem Offizier Michalek bei Tisch gesessen und ihm gesagt hatte: »Franz, ich liebe dich; ich liebe dich, daß es mich auseinanderreißt. Sei froh, daß du niemanden so lieben mußt.« Während sie nachdachte, feuchtete sie nach Dienstmädchenart den Bleistift mit den Lippen an. Er aber zog ihre Hand fort, der Bleistift kitzelte ihre vollen, zusammengepreßten, leicht gerunzelten Lippen. Sie lachte. Michalek sah sie erstaunt an, und plötzlich lachte auch er. Später sagte ihr Michalek, sie möge ihren roten Seidenrock Kathinka abtreten. Er nannte das »die Uniform austauschen«. Ihre Kleider, die sie vor fünf Jahren mitgebracht hatte, lagen in einem braunen Karton auf dem Dachboden. Sie probierte sofort die alten Kostüme an. Sie waren ihr zu klein geworden, spannten unter den Achseln und auch am Gürtel. In den Ärmeln befanden sich alte Zeitungen, in der Tasche eines Kleides sogar Bonbons und eine Eisenbahnfahrkarte, auf der das eingeprägte Datum noch erkennbar war. Endlich hatte sie ein Kleid gefunden, das ihr einigermaßen paßte und das auch Michalek gefiel. Es war grau, aus warmem, molligem Stoff. Sie gefiel sich darin, der Druck an den Achseln und am Gürtelschluß erschien ihr wie eine Liebkosung. Um der Köchin eine Arbeit zu ersparen und um sich bei ihr in Gunst zu setzen, holte sie aus der Küche eine große Kanne mit Kaffee, fünf Tassen, einen Teller mit Semmeln, eine Büchse mit Gänseschmalz. Fünfzehn Stück Zucker wurden von der Köchin abgezählt und in den Kaffee geworfen. Von dem Gebrauch einer Zuckerbüchse war Michalek abgekommen, weil manche Mädchen die Gewohnheit hatten, Zuckerstücke zu sammeln und selbst zu stehlen, obwohl ihnen der Zucker die Zähne verdarb. Kathinka und die Wienerin stritten miteinander. Die Wienerin hatte am Morgen nicht mehr einschlafen können, nun war sie grünlichblaß, und die Ringe um ihre Augen waren tief ausgehöhlt wie in Erde gegrabene Graben. Sie fürchtete, am Abend noch häßlicher auszusehen als sonst, ihre Habgier machte sie zittern. Kathinka hatte große, lustige Augen, in ihrem Gesicht waren die Narben ausgeglichen, es schien, als wäre jemand mit einem Plätteisen über ein Stück feucht zerknitterten Stoffes gefahren. Die Mädchen setzten sich um einen großen, viereckigen Tisch. Olgas Platz war zwischen Mizzi, der Wienerin, und Kathinka. Dann war noch Milena da, die Rothaarige, Gutmütige, und die schwarzhaarige Erna, die Butter zu stehlen pflegte, um sich damit heimlich die Haare einzufetten. Aber sie stahl auch andere Dinge. Einmal hatte man unter ihrem Kopfkissen Dutzende von Zigarettenspitzen gefunden, die sie nach und nach, im Laufe einer langen Zeit ihren Gästen entwendet hatte. Olga goß nun den Kaffee in die Tassen. Auf der braunen Flüssigkeit schwamm ein Stück eingekochter Sahne, ein weißes, fettiges Ding, das man die Haut nannte. Diese Haut blieb in der Kanne zurück und kam in Olgas Tasse. Michalek rief Olga an. Er kam fast nie in das Gelaß der Mädchen herein. Etwas in den Rechnungen stimmte nicht. Ihm fehlten drei Kronen, obwohl, wie sich Olga stillschweigend erinnerte, die Krone, die sie selbst am Tisch zurückgelassen hatte, mit verrechnet war. Es handelte sich um einen Rechenfehler. Michalek rechnete schlecht, sobald die Zahlen größer waren als fünfzig. Als Olga wieder an den Tisch zurückkam, war ihre Tasse vertauscht. Die Haut schwamm in der Tasse der Wienerin. Olga nahm ruhig ihre Tasse wieder zurück, aber Mizzis Mund zuckte vor Wut. »Was ist das für eine Art? Hier ist das Haus von Michalek! Hier bin ich zu Haus! Glaubst, du bist noch wer? Seit wann ist der ganze Schmetten dein?« Olga begann zu zittern; ganz schwach wurden ihre Knie; sie fühlte den Boden nicht mehr unter sich. »Gehört's mir?« fragte Mizzi und riß an der Tasse, die Olga festhielt. »Mir gehört's, meinen Schmetten muß ich haben! Nein? Und immer noch nicht? Jetzt warte, jetzt reiß ich dich mitten auseinander!... Wer bist denn du? Ich darf arbeiten, die ganze Nacht umeinandrackern, währenddem geht die gnädige Prinzessin am Gang spazieren, denkt nach, wem sie falsche Rechnungen ins Büchel schreibt? Du Dame! Du glaubst, du bist keine Dame? Weil du seit gestern in Pension gegangen bist? O du, ich kenne dich gut! Ich habe dich noch gekannt, wie du in Wien auf der Favoritenlinie mit Herren gegangen bist ... Für einen Kreuzer bist mit einem Slowaken gegangen, für ein paar ausgetretene Schuhe. Jetzt knirschst du mit den Zähnen? Da!... da sollst du sehen, ob ich Angst hab' vor dir?« und damit stieß sie die Tasse aus Olgas Händen. Der Kaffee noch ganz heiß, strömte Olga auf den Schoß. Sie stand auf, wollte hinaus. Ihre Hände zogen sich vor Wut zusammen, aber sie schlug sie nicht der Feindin ins Gesicht. Sie genoß ihre Wut und freute sich schon jetzt darauf, daß sie mit Michalek zurückkommen würde, versteckt hinter seiner Schulter. Michalek würde mit einem Schlag diesen blonden, zerzausten Menschenklumpen in die Ecke schleudern, und sie würde ganz ruhig dabeistehen, nicht allzunahe, nicht allzuweit – und etwas in ihr lächelte... Vielleicht war es nicht nur ihr Mund. Etwas war von unbekannten Wonnen ergriffen, zusammengerissen, wollüstig gepreßt um das Stück Mensch vor ihr. »Ja,« sagte Mizzi bittend, »nicht bös sein, Olga. Das war nur ein Witz. Ich bin ungeschickt, ein blöder Tolpatsch. Nein, du bleibst hier, sagst dem Herrn nichts? Ich putz' dir die Flecken aus dem Kleid, ja? Ist nur ein alter Fetzen, ja?... Nein?... Du willst fort? Du willst mich verraten? Beim Herrn? Grad bei ihm? Ich will dir's zahlen, dein Kleid, und doch?... Du Spion, du Spitzel, du Vigelant! Alsdann geh! Fort! Schlüpf heraus, du Schlieferl! Marsch und fort! Aber gib acht auf deine Augen, wenn du wiederkommst!« Schon war Olga an der Tür und lachte. Da warf sich Mizzi ihr nach. »Aha jetzt,« rief sie, »hallo jetzt! Jetzt sollt ihr etwas erleben! Erst kommst du, du tückischer Polizeihund ... Jetzt werden dir deine schwarzen Zotteln ausgerissen, warte, die wachsen dir nicht mehr nach! – Du läufst weg, zu ihm, zu deinem Michalek? Schon lang nicht, du alte Haubitzen, das ist jetzt mein Michalek! Du gemeiner Fetzen, der hilft dir nimmermehr... und lachen?... lachen? Nicht winseln, nicht weinen? Und lachst du jetzt? und jetzt? Hast jetzt deine Haut? Willst noch eine Haut?... Und lachen?... und noch... und noch... und immer noch!« Sie zuckte mit boshaft gekrümmten Fingern wie mit einer eisernen Harke Olga in die Haare. Olga wich zurück. Olgas Lachen aber lachte weiter, gegen ihren Willen. Sie dachte an Michalek. Plötzlich aber dachte sie nicht mehr. Ein wahnsinniger Schmerz krallte an ihr herab. Irgend etwas riß ihr von allen Seiten her die Hirnschalen auf. Sie atmete tief; wie ein Kind seufzte sie leise durch den noch im Lachen erstarrten Mund. Sie sah rings um sich die Erde, von der der Staub aufstieg. Sie senkte den Kopf, fortgeschwemmt von Schmerz. Plötzlich aber züngelte Mizzi noch einmal an ihr, riß sie empor. Sie sah auf, mit großen, aufgerissenen Augen, und sah in Mizzis Hand mitten zwischen ihren vielen, gekrümmten, blinkenden Ringen ein kleines, schmales Büschel ihrer dunklen Haare. Nun wich die Betäubung. Sie schnellte empor, ganz schmal, ganz starr, wie ein Eisendraht schnellte sie sich, dunkel und scharf, gegen Mizzi, und ihre kleinen Kinderhände, nun plötzlich voll Kraft und Beweglichkeit, rissen die Feindin im Spiel an sich heran. Fremd hämmerte ihr das Herz in der Brust. Sie atmete schnell und tief, und im Grunde ihrer Brust erwachte wonnevoll ein tiefes Sehnen. Sie schlug Mizzi von der Seite, von rechts, von links, wie ein Kind einen Spielball schlägt, und wartete mit festgeschlossenen Lippen darauf, daß die andere jammere. Einmal hatte sie etwas ähnliches empfunden, vor Jahren, in dem klopfenden Schmerz einer unvergeßlichen Stunde, Schmerz nehmen und Schmerz geben war emporgeglüht aus einer andern Olga. Wieder war ihr, als entfalte sich in ihr ein zweiter Mensch. Sie griff mit bezwingenden Armen Mizzi an sich und dachte, es sei Michalek, ein anderer Michalek, der heute nicht mehr war. Sie sah ihn wieder vor sich, seine weichen, schon damals etwas gedunsenen Züge, auseinandergerissen, zusammengekrampft von einem schmerzungeheuren Gefühl, unbewußt seiner selbst. Und als sie sich jetzt – steigernd schwoll und erstickend ihr Herz – über Mizzi herwarf, löste sich etwas in ihr und machte sie beseligt weinen. Sechstes Kapitel Michalek war nicht ganz nüchtern. Eben hatte er unten in der Wirtsstube sein tägliches Einmaleins begonnen, er hatte nichts von dem Getöse in der Mädchenkammer gehört. Der Gendarmenwachtmeister mußte ihn die Treppe zu dem Gelaß der Mädchen hinaufschieben. Auch jetzt übersah er nicht, was geschehen war. »Scherben, woher?« »Da, die Olga!« flüsterte Mizzi zischend. Die anderen schwiegen. Olga verteidigte sich nicht. Ihre sonst so glatte Stirn wogte, durchwühlt von Falten, ihre Augen von innenher verfinstert, glichen flüssigem Teer, unbewegt, schwarz, glühend. »Komm!« sagte schwerfällig der Mann, »so komm mit mir, du Haushälterin! Du – eine Haushälterin! Ihr anderen da, räumt die Scherben zusammen, das sind die letzten, die sie zerschlagen hat.« Olga ging stumm die Treppe herab. Ihre Hände zitterten. An ihrer Stirn brannte die Stelle, wo Mizzi ihr die Haare ausgerissen hatte. Sie war müde zum Umsinken. »Lege dich hin, Olga, ruhe dich aus, denn heute mußt du fort. Lange habe ich Geduld gehabt, aber heute ist dein letzter Tag! Lache nur, du unflätiger Geist, der mit anderen unflätigen Geistern sich auf der Erde umherwälzt! Schade nur um das teure Porzellan, aus Eisen müßte alles für euch sein, wie für das liebe Vieh!« »Mein letzter Tag! Weggehen! Das erlebst du nie!« »Vielleicht brauchst du nur Geld?« »Geld auch! Tausend Gulden!« »Tausend Ohrfeigen kannst du bekommen!« »Aber nicht von dir!« »Nein, von deinen tausend Gästen!« »Franz!« »Was, Franz! Ich bin kein Franz für eine Hure!« »Bin ich eine Hure, was bist dann du?« »Der Herr! Bin ich auch einmal vor Gericht gestanden, haben sie mir auch meine Offizierssterne abgerissen, überstanden ist es, hier bin ich Herr, jetzt bin ich Herr!« »Ein Herr? Ein Schinder!« »Und du, Olga, die am Schinder hängt?« »Franz!« »Schreie nur, mich rührt das nicht. Hundert Kronen biete ich dir, nimm sie und geh!« »Reiß mir doch das Hemd vom Leibe und jage mich nackt auf die Straße! Wieviel Tausend und tausendmal Tausend habe ich dir schon in deinen Schlund hineingeworfen? Wovon hast du gelebt? Wer hat dich gefüttert? Hast du vor meiner Zeit je etwas zu essen gehabt? Wer ist früher Tag für Tag in die Kaserne gegangen und hat die gemeine Mannschaftsmenage in sich geschlungen, ganz heiß noch, wie das liebe Vieh? Hundert Kronen! Wem habe ich Geld auf Geld gebracht, Silberkronen, die Rolle zu hundert jede Woche? Wer hat dich gekleidet von Kopf bis zu Fuß? Und den Zivilrock zum Schluß und den Spazierstock zum Spazieren und den Revolver? Alles für hundert Kronen? Glaubst du, ich weiß nicht, was du gestern den Leuten unten erzählt hast? Champagner! Du und Champagner! War es dein Geld, womit du ihn bezahlt hast? Wieviel Wochen und Tage und Jahre bin ich bei dir? Habe ich ein einziges Mal davon gesprochen? Nie habe ich gemahnt um mein Geld. Aber du, du, du, und wieder du, und dann willst du dich noch wichtig machen mit deinem Gerede! Wer hat mich zu dem Juden hingeschickt, deine Schulden zu bezahlen? Glotz mich nur an mit deinen Slibowitzaugen, ich fürchte dich nicht. Hundert Kronen, der ganze, bittere Lohn, alles zu wenig! Also auf, Olga! Auf zum Regimentsarzt! Also auf, Olga, auf zum Holzhändler, zum alten, beim Kartenspielertisch! Also auf, Olga, zum jungen Einjährigen, der unter dir gedient hat. Wer war das? Wer rühmt sich damit? Zwei Pferde im Stall, sagt er, der Offizier, eine Olga am Weg, die Pferde stehen und fressen, aber die Olga fliegt und verdient!« »Was soll das Schreien? Was soll das Knirschen mit den Zähnen? Das war einmal. Was willst du jetzt?« »Hätte ich dich doch damals erschlagen! Was wäre mir geschehen? Fünf Jahre Zuchthaus. Aber hier, das ist ärger als Zuchthaus!« »Ich gebe dich frei aus dem Zuchthaus!« »Aber bei dir, das ist ärger als Hölle!« »Du brauchst nur zu gehen. Dann bist du frei aus der Hölle und ledig!« »Und sind nicht alle Leute immer von dir gewichen? Schon als Kadett, als halbes Kind warst du, was du jetzt bist. Nicht einmal mit zwei Paar Handschuhen wollten deine Kameraden dich anfassen. Jeder hat dich gescheut. Du mußt verflucht sein, und wer dich anrührt, der ist mit dir verflucht. Und das Geld, das du zusammengräbst und der Rausch, den du dir antrinkst und dein Mund ist verflucht und jedes Wort...« »Alles gut, alles recht. Hundertundfünfzig Kronen. Gibst du mir dann Frieden?« »Frieden! Ja, hatte ich dich blutdürstige Bestie nicht lieb gehabt! Jeder weicht dir aus, du Abdecker, nur ich ...« »Zweihundert Kronen.« »Nicht ein Heller, den ich dir nicht mit Gewalt aus den Händen habe reißen müssen. Ich war mit dir von Anfang an und du hast mich gehabt. Und du hast mich gehabt und den anderen hingeworfen hast du mich und ich habe es getan für dich! Aber wenn ich vor Hunger vor deinen Augen hätte verrecken müssen, du hättest dich nicht gerührt. Aber wenn mein Fleisch pfundweis zu verkaufen gewesen wäre, du hättest es verkauft. So habe ich dich geliebt, so hast du mich geliebt.« »Wenn du mich so liebst, dann tu mir auch die letzte Liebe und laß mich los. Ich will dich nicht, ich sage es dir und so ist es. Ich will dir Geld geben, zweihundert und mehr. Mich brauchst du nicht, aber Geld brauchst du, das verstehe ich. Du wirst nach Haus zurück. Dort in der Stadt wirst du dir eine Schneiderwerkstätte eröffnen. Bei der Mutter wirst du ruhig leben.« »Ich brauche keine Mutter.« »Dort wirst du während der Woche arbeiten und am Sonntag in die Kirche gehen. Olga, dort weiß niemand etwas von dir. Hier ist kein rechtes Leben. Die Mizzi läßt dich nicht leben. In der Nacht kommt sie über dich und beißt dir den Hals durch. Olga, glaube mir, hier ist kein Leben mehr für dich. Für eine Mizzi ist das hier das rechte Leben. Die gehört zu mir, für die bin ich gerade gut. Aber du? Dort bist du ein Liebesmensch. Hier doch nur ein Massenmensch. Was hast du hier? Leben mußt du wie das liebe Vieh, das Fressen bekommt und Saufen. Dafür muß es hergeben, was es hat. Wenn es alt wird, wirft man es hin. Wenn es tot ist, wird es nicht begraben. Was bin ich dir? Der Blutsauger, der dich aussaugt. Der Schinder, der an dir reißt.« »Nein, Franz, nur bei dir kann ich leben. Wo soll ich leben, wenn nicht hier?« »Aber die Mizzi, die läßt dich nicht leben» Ihr könnt nicht beide zugleich bei mir sein. Und die Mizzi wird bleiben, solange ich lebe. Ich lasse sie nicht fort. Die Mizzi muß bleiben.« »So soll sie bleiben. Nur laß mich hier!« »Aber dann wird sie Haushälterin und du mußt wieder mit den Herren gehen!« »Aber laß mich nur nicht fort von dir! Ich habe dir Glück gebracht, ich werde dir noch viel Glück bringen. Ich habe dir viel Geld gebracht, was das Haus wert ist, das habe ich dir verdient. Was soll ich allein zu Hause? Was soll ich in der Kirche? Was nützt mir der Herrgott und Heiland? Ich weiß, du wucherst mich aus, du saugst mir das Blut. Aber es reißt mich zu dir. Besser hier das liebe Vieh, das sich auf allen vieren wälzt, als dort der reine Engel im seligen Paradies. Was Kirche! Du bist meine Kirche. Besser hin werden hier als selig werden dort!« »Du bist ja berauscht, besessen, wo bist du denn?« »Franz, barmherziger Heiland! Franz, allgütiger Herr! Franz, was wird aus mir? Laß mich reden, nur ein einziges Wort! Heute ist kein gewöhnlicher Tag! Hier ist kein verrufenes Haus! Ich will es dir sagen... ich weiß ...« »Wenn ich nur deine Stimme nicht hören müßte. Ja, ist denn das noch mein eigenes Haus! Ja, hat man nicht einmal am Sonntag seine Ruhe? Du bist angesteckt mit Wut! Die arme Mizzi hättest du mir erschlagen, wenn ich dich nicht weggerissen hätte von ihr! Wem wäre das nicht zuviel? Schreien, die Ordnung stören und dann noch die Menschen totschlagen, wovon unsereiner lebt, ja, ich bin ein guter Herr, aber das ist zuviel. Ja, Segen für euch beide, wenn man euch auseinanderbringt. Du wirst es mir einmal danken.« »Ich will keinen Segen, ich kann es nicht sagen. Hier will ich gerne bleiben. Ich muß hier sein.« »Jetzt auf, Olga!« Mit seiner schweren Soldatenfaust riß er sie empor von dem schäbigen Teppich, worauf sie kniete. Vor ihren Augen seine starren Knie, eine undurchdringliche Mauer, erhob sie sich mit Mühe, sie wankte vor in den alten, geliebten Raum. »Gehe! Marschieren, marsch! Links, rechts! Eins und eins und eins!« Die Tür in das Kabinett stand offen, es schimmerte wie Sommerlaub der grüne Raum. Olga warf sich auf Michaleks Bett. Als sie erwachte, war es abends spät. Das elektrische Klavier spielte. Draußen fiel der Schnee und durch die Schneeflocken schimmerten, mitten in lichten Wolkenkreisen geklärt, weiß und zitternd die Sterne. Siebentes Kapitel Fiebernd lag Olga in Michaleks Bett. Hinter den Augen schienen sich ihr irgend fremde, pochende Fingerchen zu bewegen. Ihre Haare schmerzten, mit beiden Händen hob sie das schwere Haar von ihrem Kopfe fort, plötzlich wuchsen in ihren Händen Gewichte, eisenschwer, aber nicht kühl wie Eisen, sondern warm wie menschliche Haut, wuchsen, spannten ihre Finger aus und schmerzten sehr. Ihr Mund war ganz trocken und rauh, sie dachte, Michalek hätte ihre Lippen mit Sand bestreut, einmal hatte er ja Kathinka, die stets schwer zu erwecken war, Zigarrenasche in den Mund gestreut. Wer hätte damals nicht gelacht? Aber wenn sie die Lippen mit der Zunge befeuchtete, wenn sie sie in den Mund hineinsaugte, dann war ihr plötzlich, als müsse sie heraus aus sich, mitten in eine Umarmung. Vor ihren Lippen waren andere Lippen heiß wie »kochende Glut«. Einmal war sie eine Woche lang still gewesen. Eine kleine Krankheit, kurz nachdem sie mit Michalek hergekommen war. Fieber, Träume, Angst und etwas in ihr, das hungerte. Nun aber berührte Michalek die noch Blasse, Zitternde nicht und ließ sie allein unter den andern. Während das elektrische Klavier schmetternd wie ein Orchestrion spielte, ging er draußen im Gang hin und her. Einmal sagte sie nein. Michalek ging draußen hin und her, heimlich spionierte er ihr nach, verdeckte aber seine »weißen Blicke« mit der dickrauchenden Zigarre, der Rauch der Zigarre verdarb die Gardinen und eingeatmeter Zigarrenrauch war scharf und sauer, nicht süß wie ein Zimmer voll von herrlichen Zigaretten, süßen. – Dann sagte sie ja ... Warum? Wofür? Eigentlich doch für nichts. Sie stand auf, sie dachte, Michalek stünde draußen, aber der Gang war leer. Weit entfernt schimmerte eine Tür, goldig in zarten Linien. Sie ging in die Küche. Die Köchin stand am Herd und kochte Kaffee, raspelte mit den Ringen auf der Ofenplatte. »Wo ist mein Abendessen?« »Was für ein Abendessen? Hier ist nichts, bitte Fräulein, ich weiß nichts.« »Hat der Herr nichts gesagt?« Die Köchin antwortete nicht. »Nichts?...« »Der Herr hat ja immer die Schlüssel«, sagte die Köchin. »Nicht einmal ein Stück Brot?« »Der Herr versperrt alles«, sagte die Köchin. Olga knirschte mit den Zähnen. Sie machte die Augen ganz klein. Sie war glücklich in ihrer Wut. »Hier ist noch etwas, Fräulein, aber das ist mein!« sagte die Köchin. In diesem Hause, das von Weibern lebte, war sie die einzige, die ein Weib war und die niemand berührte. Nun sah sie mit Rührung Olga an und ihr dunkles wollenes Kleid mit den Flecken. »Wir werden noch etwas anderes für Sie finden«, sagte sie. »Das wäre ja sonst zu traurig.« Sie ließ sie niedersetzen, trug den Kaffee nach vorn, brachte dann ein Stück Apfelstrudel von Mittag. »Es ist nur der Hansl,« sagte sie, »sonst bleibt ja nichts für unsereinen.« Es war die schlechteste Portion der Mehlspeise. Auch etwas Fleisch war noch da, in einem Winkel der Bratröhre auf einem kleinen Teller. »Nein, nicht essen«, sagte Olga. Sie hatte Angst, sie könne zufrieden werden, halb und halb glücklich und sie wußte doch, sie brauchte ihre Wut, den Schmerz ihres ausgehungerten Körpers, das zurückgedrängte Fieber ihrer Leidenschaft, die nun schon ein paar Tage müßig gegangen war. »Na, vielleicht ist Ihnen der Hansl zu schlecht? Mir nicht. Es ist ein und derselbe Teig. Dann gehen Sie schlafen...« sagte die Köchin beleidigt. »Für mich ist alles gut genug.« Sie setzte sich wieder an den Ofen, stellte die Weckeruhr neben sich und begann zu lesen. Sie hatte immer Romanhefte, welche die Mädchen gekauft und nicht ausgelesen hatten. Olga wollte zurück in Michaleks Zimmer. Es war geschlossen. Michalek war also dagewesen und hatte die Tür versperrt. Sie lief zum Salon, wollte die Tür aufreißen, schreien und Lärm machen! Schon sah sie sich, wie sie den großen Spiegel von der Wand riß, schauernd in einer blinden Phantasie von Wut. Sie sah Michalek daneben stehen und lachen. Plötzlich wurde ihr dunkel vor den Augen. Ein kleiner Spiegel hing hier, vor Alter fast grün, mit winzigen hellen Sprenkeln durchsetzt, da sah sich Olga gespiegelt: als Kind, in der Zeit lange vor Michalek. Sie hatte die zahme, schwere, weiße Taube auf dem Rücken der linken Hand; Olgas schwarze Haare hingen ihr tief über die Kinderstirn herab und streichelten das schnell atmende, in seinem weichen Flaus zitternde, warme, kleine Tier; mit ihren vollen Kinderlippen streifte sie über den Schnabel der Taube und lachte, müde, gerade vor dem Schlafengehen; auch die Taube schien müde, schien nach dem Käfig zurück zu wollen, der unter grünem Tuche verhangen, in der Ecke stand, nahe dem auslöschenden, aber immer noch glosenden Ofen. Olga erwachte, die Hände auf die immer noch warme Ofenplatte gelehnt. Niemand war in der Küche. Die Uhr schlug im Winkel, die Schläge konnte sie nicht zählen. Wie verzaubert schlug ihr Herz. Sie ging in das Mädchengelaß, wollte schlafen; aber es war eisigkalt. Sie suchte ihre Zigaretten, die sie in einem Winkel ihres Bettgestelles versteckt hatte. Sie waren nicht mehr da. Sie weinte. Sie hörte, wie eines der Madchen mit einem der Herren die Treppe heraufkam. Sie dachte, es könnte Mizzi sein, und lief auf den Korridor hinaus. In ihrer Hand zitterte besinnungslose Wut. Aber es war Kathinka. Die sprach sie flüsternd an. Kathinka bedauerte Olga, sie schien ihr krank. Sie hatte nur zwei Zigaretten, eine schenkte sie ihr. Olga kehrte in ihr Zimmer zurück, rauchte die Zigarette. Nach dem ersten Zuge konnte sie sich nicht mehr vor Sehnsucht nach den eigenen halten. Sie kroch unter die Betten, zerrte die Polster umher, brach die Schubladen auf, trieb es so stundenlang in dem dunklen Zimmer. Die Musik spielte unten, ab und zu rauschten die Röcke der Mädchen auf der Treppe... sie wurde sehr müde... Plötzlich war ihr, als sei sie eingeschlafen, an der Tür hatten Mizzi und Franz gestanden, um die Wette nach ihr hingespien. Alles war dunkel; ihre Stirn war feucht. Kathinka war schon zu Bett, schnarchte und bewegte sich träge. Das Bettzeug raschelte wie vertrocknetes Laub. Sie dachte daran, den letzten Gast mit sich zu nehmen; sie öffnete das Fenster und sah auf die Straße herab. Niemand kam. Das rote Licht leuchtete wie gestern. Plötzlich fiel sie in ihr Bett, schlief, schlief, schlief wie tot. Achtes Kapitel Am nächsten Tage stand Olga frühmorgens auf. Sie wusch sich, was sie gestern versäumt hatte, und das Wasser tat ihr wohl. Der Kamm, den sie durch das lange Haar schleifte, schmerzte nicht. Sie zog wieder das graue Kleid an; die andern Mädchen, auf die Ellbogen gestützt, müde in den Augen grabend, sahen sie an; endlich war sie fertig; ein Lächeln noch zog sie an, ein lächelndes, ruhiges Gesicht. Michalek war unten in der Stube. Er hatte drei Schnapsflaschen vor sich stehen und roch vorsichtig an den Korken. Olga setzte sich zu ihm. »Nun?« »Ja,« sagte sie, »du...« und lächelte. »Ich wußte es. Was soll denn auch das alles... Es nützt dir ja auch nichts. Und willst du dein Geld sogleich? Und wieviel war es? Zweihundert, nicht?« »Du bist doch kein Wucherer, vierhundert sagtest du gestern ... und hundert für alles andere.« Michalek antwortete ihr nicht gleich. »Willst du unsern Mädchen nicht adieu sagen?« fragte er. »Gut. Inzwischen schreibst du mir ein Zeugnis. So, als wäre ich bei dir im Dienst gewesen: Treu, ehrlich, fleißig.« »Ich weiß nicht, was du willst... Aber schreiben, nein, ich schicke es dir nach, ich weiß ja, wohin du fährst...« »Warum willst du nicht schreiben?« »Schreiben? Jetzt am frühen Morgen?« »Ich schreibe es dir selbst, du mußt nur deine Unterschrift darunter setzen.« Michalek war einverstanden. Olga nahm das Geld in Empfang. Die letzte Freude war, daß sie die Scheine vor Mizzi ausbreiten konnte, und daß sie Zigaretten an alle verteilte, Mizzi ausgenommen. Spät am Vormittag reiste sie ab. Nach zwei Tagen kam sie in die Heimat. Die Geschwister und die Mutter erwarteten sie. Der Vater war vor kurzem gestorben. Klagend sagte die Mutter, der Platz für das Grab sei nicht bezahlt. Olga gab Geld. Die Schwester, die ein Kind erwartete, bat Olga, Patin zu sein. Auch dies kostete Geld. Alle entfernten Bekannten kamen, brachten wertlose, kleine Geschenke und ließen sich dafür freihalten. Die Familie war arm. Nach kurzer Zeit begann Olga etwas anderes. Sie gab Geld, immer in kleinen runden Beträgen, aber nur gegen einen Zettel. Sie lieh den Vettern, die Geld zur Anzahlung auf einen neuen Anzug brauchten, lieh Geld für alle möglichen Bedürfnisse. Sie lernte einen ziemlich alten, abgenutzten Rechtsanwalt kennen; er gehörte zu der Art von Männern, die man im Hause 37 altbackene Kipfel, kalte Kapitelherren genannt hatte. Sie war nicht mehr Donna Olympia, zauberhaft mit Stimme und Körper, aber ihre Schönheit war unzerstörbar. Die Verwandten wollten das Geld nicht zurückzahlen; sie wurden ungemütlich. Der Platz wurde eng. Das Kind der Schwester kam zur Welt, nirgends hatte Olga Ruhe. Wenn sie vormittags lange schlief, sagte man ihr, sie solle doch spazierengehen, sich ein wenig zeigen; mittags, wenn sie beim Tisch sitzen wollte, flüsterten die Verwandten, richteten die Blicke nach ihr hin, warteten, ob sie doch endlich verschwände. Oft war es ihr, als lachten alle über sie, und niemand besah ihr Zeugnis, niemand befragte sie. Sie bat die Mutter um ihr Geld: nein, nicht um das Ganze, nur um einen Teil, eine Ratenzahlung. Aber die Mutter beschimpfte sie, nannte sie, plötzlich von Wut erfaßt, ein Bordellfräulein, einen ausgekochten Fetzen, ein wildes, undankbares Vieh. Das Zeugnis Michaleks hatte nichts genützt. Man wußte, auch so weit von dort, was er war. Olga schwieg still. Seit jenem Tag, da sie Mizzi in ihrer Wut beinahe erschlagen hätte, lag etwas tot in ihr. Sie klopfte bei dem Rechtsanwalt an, sie blieb bei ihm über Nacht. Am nächsten Morgen weigerte sich seine Haushälterin, ihr die Schuhe zu putzen. Es war Ende Februar, kotiges, warmes Wetter. Olga brachte den Rechtsanwalt dazu, die Haushälterin fortzujagen. Nun arbeitete sie Tag und Nacht für Dr. Richard Kühn, einen kahlköpfigen Junggesellen. Sie machte ihn glücklich. Nie hatte er ein Weib besessen, das sich täglich zweimal die Hände wusch. Der Verfallstag der kleinen Wechsel kam heran. Gemeinsam mit Dr. Kühn sah sie die Zettelchen durch. Kaum die Hälfte war rechtskräftig. Hier fehlte das Datum, dort die Unterschrift. Mit dem Bleistift in der Hand saß Olga da, befeuchtete die Spitze des Bleistiftes mit den Lippen, nach Dienstmädchenart. Der Doktor nahm ihr den Bleistift aus der Hand. Die Spitze kitzelte ihre vollen Lippen. Sie wurde weiß und zitterte. Plötzlich bereute sie, daß sie sich an jenem Dezemberabend nicht auf Michalek gestürzt und ihn erwürgt hatte. Seit einiger Zeit lebte sie wieder als Weib, in regelmäßigen Zeiten wurde sie wütend, zitterte, verkroch sich ins Bett, hungerte. Und in dem Schmerz des Hungers war etwas von dem brennenden Gefühl, das sie für Michalek gehabt hatte. Der Rechtsanwalt sah sie an, dann begann er zu sprechen, und nach seinem ersten Wort wurde Olga wie immer. Er holte seine Stempel heran, zahlte ihr die kleinen Beträge aus, die auf dem Zettelchen standen, und drückte seinen Namen nun auf die Forderungen. Einige Tage später war viel Geld, auch ein Teil der nicht rechtskräftigen Gelder, eingegangen, ungefähr 320 Kronen im ganzen. Die Mutter kam zu Besuch, brachte Kuchen und frug die Tochter, ob sie nicht etwa ein Mittel gegen das Zahnen kleiner Kinder wüßte? Sie wäre doch lange bei kleinen Kindern gewesen? Bei der Offiziersfamilie Michalek? Ihre Enkelin, das arme, stumme Wurm, bitte darum. Sie war süß und überfreundlich. Olga erschauerte vor Ekel. Seit einigen Tagen begannen sie die Verwandten auf der Straße zu grüßen, die Offiziere aber sahen sie nicht an, das grauwollene Kleid war alt und häßlich. Zu Hause trug sie den rotseidenen Schlafrock, ein neues Kleidungsstück, nach dem alten, unvergeßlichen Modell gearbeitet, so rauschte sie nachmittags durch die Zimmer. Die Hand, die kleine, weiche Hand auf das runde Knie geschlagen, las sie im Schaukelstuhl die Zeitung, lächelte von weitem dem Rechtsanwalt zu, wenn er nach Hause kam. Er glaubte, daß Olga ihn liebte. Die Luft war voll von Resedaduft und lichtflimmerndem Staub. Der Frühling nahm kein Ende. Olga wurde unaufhörlich mit der Bitte um Geld bestürmt. An ihrem Geburtstag (plötzlich hatte sie Geburtstag, jahrelang aber war sie von ihrer Familie wie »ausgerottet« behandelt worden) kamen kleine Kinder, nannten Namen, die sie nie gehört hatte, sprachen sie mit Tante an, trugen dicke Blumen in der Hand. Ihre Eltern hatten eine kleine Bauernhütte, ein Stück Vieh mehr war ihr einziger Wunsch. Olga versprach das Geld, nur zwölf Prozent Zinsen, aber auch eine große Provision, die durch die Hand des Doktor Kühn eingeliefert wurde. Dann machte eine Händlersfrau Konkurs. Die Verwandten waren zwar Konkurrenten, wollten aber aus Gnade und Barmherzigkeit das Lager kaufen. Geld war teuer. Der Rechtsanwalt schenkte Olga Geld, und Olga, deren gutes Herz nun bekannt wurde, machte das Geschäft. Offiziere ließen fragen, ob man ihnen Vorschuß auf ihre Gage geben wollte, Olga zögerte, dann sagte sie zu. Ihre Zinsen waren nicht übertrieben, aber sie schenkte keinem etwas. Tag und Nacht dachte sie an Geld. Das Geld wurde ihre Leidenschaft. Und da sie sonst ohne Leidenschaft lebte, wurde sie schwerfällig. Nur in ihren Augen blieb etwas von früher. Am Ende des zweiten Jahres hatte Olga zweitausend Kronen. Von Michalek war kein Brief gekommen. Sie hatte das Blatt der Stadt abonniert, in der sie früher gelebt hatte, sie sah es täglich durch, aber Michaleks Todesanzeige stand nicht darin. Die Gegend, in der sie lebte, war eine gute Weingegend. Aber die Weinbauern tranken selbst gern. Die Pflaumen waren weitberühmt, es gab ihrer so viel, daß im Herbst das Vieh und sogar die Kinder mit Obst gefüttert wurden. Einmal bekam Olga ein kleines Fäßchen Sliwowitz in Zahlung, sie wog es in den Händen, schaukelte es hin und her, roch an dem Stöpsel. Dann sandte sie es, obwohl es einen Wert von fünfundzwanzig Kronen hatte, an Michalek, der ihr dankte. Und so sandte sie ihm von Zeit zu Zeit etwas. Die Leute wußten, daß sie dergleichen stets in Zahlung nahm. Und in Erwartung künftiger Zeiten legten sie Früchte in Weingeist ein, Kalmus, Orangen, Kirschen. Eine Sorte Schnaps, die aus reinstem Weingeist, Ingwer, Pflaumen und Orangen bereitet wurde, war so wunderbar, daß Michalek Olga Geld dafür anbot. Sie ging darauf ein; aus der ganzen Gegend kamen Leute und brachten den Schnaps, der »Aranka« hieß. Olga sandte zehn Flaschen an Michalek, bekam aber kein Geld von ihm. Nun wußte sie doch, er lebte, war noch immer der alte. Gegen Ende des vierten Jahres mietete Olga sich eine eigene Wohnung, ließ sich gnädige Frau nennen. Der Rechtsanwalt kam täglich zu ihr. Er hätte sie gern geheiratet, aber Olga riet ihm ab. Er drängte, Olga versprach ihm, es sich zu überlegen. Sie war vom ersten Tag an die liebende Geliebte, das unbezahlte Dienstmädchen gewesen. So klug er war, ließ er sich doch überreden, Olga sei unverschuldet einmal ins Unglück gekommen. Seitdem er sie kannte, ging seine Praxis viel besser als früher. Oft sagte er, ihr Rot sei ihm wertvoller als der seines Konzipienten, der nichts vom wirklichen Leben der Menschen wußte, nichts von ihrer Gemeinheit auf Wechselseitigkeit. Er erzählte ihr alles, sie wußte alles und sprach nicht darüber. Die Gegend, in der sie lebten, war eben und reizlos. An manchen Tagen mußte sie allein sein; sie ging stundenlang, schleppte ihr Seidenkleid durch endlose Dorfstraßen. Die Leute kannten sie, grüßten und wichen ihr aus. Sie sah niemanden. Sie ging schnell, aber mit zusammengerafften Röcken, wie gebunden. Oft fand sie sich abends nicht mehr zurück; dann nahm sie einen Wagen oder übernachtete in einem Bauernhaus. Das war meist gegen Ende des Monats. Allmählich beruhigten sich ihre Gedanken. Das Gehen wurde ihr schwer. Sie blieb lange Zeit hindurch daheim und betete, legte die Hände in kaltes Wasser. Sie weinte nie. Neuntes Kapitel Olga hatte in allem Glück. Einmal gewann sie in der Lotterie. Der Rechtsanwalt spielte unter ihrem Namen an der Börse, alle Geschäfte, die ihm zweifelhaft erschienen, ließ er durch sie besorgen. Er hatte nicht Angst vor dem Unglück, nur vor der Advokatenkammer. Olga fürchtete nichts, hoffte nichts. Wenn sie stundenlang über ihre Geschäftsbücher gebeugt dasaß, war ihr, als sähe sie sich selbst von ferne. Sie konnte manchmal nicht glauben, daß sie Olga war, daß sie einen Dienstboten hatte, daß sie von sechs bis acht Uhr abends aus dem Fenster sah, warm angekrümmt, weich lastend über eine steinerne Brüstung, die an ihrem schwarzen Seidenkleid lichte Staubspuren zurückließ. Sie wußte noch von einer anderen Olga, von einem anderen Ort... Sie träumte davon, daß sie unter den Betten des Mädchengelasses im Hause Nr. 37 umherkrieche und aus allen Winkeln ganze Büschel von Zigaretten hervorhole, die da wie Blumen in dunklen Beeten wuchsen. Sie erwachte in Tränen, blieb den ganzen Tag gedrückt. In der nächsten Nacht träumte sie wieder: nun waren es Männerköpfe, bärtige Herren, kahle Herren, solche mit schiefen Augen, mit abstehenden Ohren, die sich widerlich atmend über ihr Gesicht legten. Plötzlich sah sie das Gesicht ihres ersten Gastes, sie begriff nicht, wie sie es je hatte vergessen können. War es denn möglich, daß irgend etwas ganz verschwand? Sie ließ den Rechtsanwalt nicht mehr vor, sagte, sie sei krank. Sie legte die Hände in kaltes Wasser; aber mit einemmal schien ihr das Wasser in die Haut einzudringen, mit tausend seinen Strömen in sie hineinzusteigen ... Es war im dunklen Zimmer. Sie stand auf, ging hin und her. Und zum erstenmal, seitdem sie aus dem Hause Nr. 37 fort war, fühlte sie die Erinnerung an Michalek. Sie legte sich zu Bett, Damit nicht die fremden Köpfe über ihr Gesicht sich legen sollten, verbarg sie das Gesicht in den Kissen. Ihr Herz schlug. Wild wuchs es aus der feuchten Haut der Brust empor, stemmte sich gegen die Polster, wehrte sich und donnerte dumpf. Die Träume waren grauenhaft, gottlos, mit Worten nicht zu schildern. An einem dieser Tage kam der Rechtsanwalt. Er war mit Gewalt eingedrungen; die Unruhe um seine Olga ließe ihn nicht schlafen, sagte er; sie werde nicht mehr krank sein, wenn er ihr die »große Neuigkeit« mitteilen würde. Denn er brachte die Nachricht, daß ihnen ein bedeutender Börsengewinn zugefallen sei. Ihr kam die Hälfte zu; und sie besprachen eine Badereise. Ihre Stimme war heiser, irgend etwas tönte mit, und sie schwieg erschreckt, mit starren Augen. Zwei Wochen nachher war Olga auf dem Wege nach Franzensbad. In der ersten Zwischenstation aber verließ sie den Zug und fuhr in die Stadt, in der Michalek lebte. Als sie von dem Bahnhof in die Straße ging, in der das Haus Nr. 37 stand, mitten auf dem leeren Anger, unweit der niedergelegten Ölfabrik, nahe der heiligen Kirche, war ihr wie einer Siebzehnjährigen zumute. Sie fühlte ein Lächeln, der Boden unter ihren Füßen schien ihr entgegenzustreben, und der Wind, der ihr in die weitgeöffneten Augen fuhr, war sanft, erwärmte, berauschte sie. Eidechsen glitzerten durch die Steine des Brachfeldes, die Sonne brannte. Sie verstand das nicht, ihr war, als sei sie in Afrika, in einem fernen Weltteil. All das verschwand, als sie Michalek wiedersah. Er war zum Erschrecken alt geworden, zitterte, zaghaft und schüchtern. Ein robustes Weib, die Haushälterin, wirtschaftete im Haus umher. Michalek hatte Angst vor ihr, er verbarg seine Hände, die eiskalt waren. Er freute sich, daß Olga gekommen war; mit sonderbaren Blicken sah er sie an, seine dicken, bläulichen Säuferhände spielten mit der goldenen Kette, die Olga um den Hals hing. Beide wollten sprechen, aber nichts fiel ihnen ein. Michalek war eben erst aufgestanden. In seinem immer noch vollen, grauen Haar schwebte eine Flaumfeder. Olga nahm sie fort, ganz zart. Dann bestellte sie eine Flasche Wein; er begann die Treppen hinabzusteigen, kehrte dann um, denn er hatte Angst vor der Dunkelheit. Die Haushälterin brachte dann alles herbei, setzte sich aber auch mit an den Tisch. Sie war nicht sehr alt, nicht sehr häßlich ... aber ... alle schwiegen. Aus einem schlecht geschlossenen Bierfaß tropfte das Bier auf ein Blechtäßchen. Das ganze Haus war von dem Dunst des Bieres erfüllt. Es war still, erst spät am Abend gackerten Hühner vorbei und man hörte, wie sie mit ihren Schnäbeln gegen die Steine stießen. Leer erschien Olga alles; in ihrer Erinnerung war dieses Haus bis an den Rand gefüllt von Hitze, von eilenden, keuchenden, zahllosen Menschen, die selbst glühten und von Musik, die aus den Winkeln hervorquoll, von dem Rauch der Zigaretten, auf deren Stummel man trat, wie auf weiße und braune Würmer ... Das Haustor wurde geschlossen. Ein Mädchen rief. Die Haushälterin verschwand, sie war es, welche die Mädchen frisierte. Olga und Franz sahen einander an, wie Kinder lächelten sie einander zu. Plötzlich lagen sie eines an des andern Brust. Beide weinten. Eine Dame des Hauses, in weißem, plissiertem Leinenkleid, blond, mit kleiner, schiefen Löckchen über den Ohren, stand schon da, stramm wie ein Soldat auf Wache. Sie sah sich erstaunt im Zimmer um, wie in einer fremden Wohnung. In ihrem Lackgürtel steckte ein Zigarettenetui wie eine Patronentasche. Sie kniff die Augen zu und begann zu rauchen, indem sie sich in den Hüften wiegte. »Franz,« sagte Olga, »ich muß schon heute abend fort.« Er schwieg. Sie stand auf. Michalek begleitete sie. »Ist das die, welche du liebst?« fragte Olga. »Ach was, Liebe,« sagte Michalek, »wozu? Sieh, Olga, ich habe es doch gut mit dir gemeint! Was wäre hier aus dir geworden?« Sie schwieg; seine Hände waren jetzt warm, das fühlte sie; alles zitterte in ihr. »Ja,« sagte er, »alles wäre schön und gut. Aber... du weißt. Ja, adieu, du hättest heute noch bleiben können ... Jetzt ist es Sommer, kein Mensch kommt hierher. Es ist viel zu lange hell. Als ob es eine Schande wäre. Du fehlst uns hier. Die andern Weiber sind zu langweilig. Die Mizzi ist fort...« »Ja! Im Spital?« »Nein, anderswo. Und hier, jetzt haben wir alle Hitzferien, ich bin auch nicht mehr so wie früher. Es ist doch kein Geschäft für mich. Auch dazu muß man geboren sein. Ich habe Gemüt, ich bin ein guter Mensch, kein Sautreiber. Nein, nein, ich hätte zur Post gehen sollen, nein, zur Bahn. Du hast dich gerade im rechten Moment ins Privatleben zurückgezogen. Du lebst in tausend Freuden... im Lande, wo Milch und Sliwowitz fließt, aber ich...« »Was denn? Was willst du denn?« fragte Olga. »Du brauchst nichts für den Schnaps zu zahlen. Ich habe ihn dir gern geschenkt.« »Danke! Danke schön.« Aber er sah sie so sonderbar an, mit einem tückischen, süßen Lächeln. »Du mußt nicht vor mir Komödie spielen ... ich denke, alte Freunde, wie wir ... erinnerst du dich noch? Das Rennpferd erinnert sich noch: der gute Herr! Der schöne Stall! Du hast vergessen? Ich nicht... Ich bin immer noch die alte Olga. Willst du mich wieder? Ich bin immer noch die Olga aus der Oberleutnantszeit.« »Ja, schöne Zeiten haben wir verlebt... Aber immer die Sorgen! Es ist nicht wegen Essen und Trinken, ich hungere ja gern, das trage ich ja leicht. Es ist nur wegen der Ordnung, denn Ordnung muß sein ... Ich bin aller Welt Geld schuldig, bin selbst dem alten Weibe Geld schuldig...« »Geld? Was? Geld? Wem? Der Dame? Ich dachte, du machst keine Geldgeschäfte mehr mit Damen?« »Die Leute haben die Hypothek gekündigt, heute oder morgen ist das Geld fällig, ich begreife das nicht, die Zinsen habe ich jedesmal gezahlt. Die Brauerei gibt auch keinen Zuschuß mehr, auch das, alles auf einmal, Schluß mit den Prämien. Es ist der Anfang vom Ende. Jetzt haben die in der Stadt ein Kaffeehaus aufgemacht, Damenbedienung, Mizzi ist jetzt dort, und ein Grammophon, mitten in der Stadt, ich gehe manchmal hin, warum auch nicht? Man muß Frieden halten, alle Leute wollen leben. Ich spiel' gern eine Partie Karambole, Billard... Sonderbar, um einen Kreuzer die Partie, glaubst du, daß das so ins Geld geht?« »Geld und Geld und wieder Geld«, sagte Olga. »Ja, das leidige Geld«, sagte Michalek. »Aber das ist nicht allein für mich ... meine Mädchen wollen leben. Ob Besuch kommt oder nicht, sie müssen jeden Tag essen. Jetzt will jede ihre Haut für den Kaffee, ja ... erinnerst du dich ... und die Zuckerdose kommt nicht vom Tisch ... und jeden Tag muß es Fleisch geben, mittags und abends ... auch Freitags ...« »Nein, entschuldige Franz, was gehen mich deine Weiber an?« sagte Olga. »Dann adieu«, sagte Michalek und wollte kehrtmachen. Aber er war nicht mehr der Michalek von einst. »Nun?« fragte Olga und hielt ihn an der Hand, »zweihundert? Nein, dreihundert? Vierhundert? Wie hoch soll ich dich lizitieren? Vierhundert? Was bist du noch wert?« Sie zog das Geld aus der Tasche. »Aber du nimmst es gar nicht umsonst. Ich könnte es auch nicht. Wovon sollte ich sonst leben? Jeder Kreuzer ist schwer verdient. Es ist auch nicht mein Geld. Aber dir kann ich es ja anvertrauen, selbstverständlich, du bist jetzt ein Kavalier. Weshalb siehst du mich so an? Erkennst du mich nicht mehr? Ach geh', was heißt das? Jetzt muß einer verständig sein: das sind jetzt andere Zeiten ... wenn jemand wie ich zurückkommt nach Haus, abgezehrt und abgelumpt, wie ich es war vor zwei Jahren, da heißt es brav sein und arbeiten ...« Sie reichte ihm ein weißes Papier. »Da steht doch nichts drauf?« »So? Du traust mir doch nichts Böses zu? Es ist ein Blankett, du kannst ruhig unterschreiben. Du kannst dich immer an mich wenden, ja, Franz, alte Liebe. Und jetzt kommst du mit mir. Nein, nur die paar Schritte bis zum Bahnhof. Gehst hinauf, sagst der Madam, daß du auf eine kleine Weile fortgehst. Hole dir deinen Hut...« Michalek ging nicht. Er hatte keinen Hut. »Na, dann kommst du in deiner Mütze mit. Da siehst du aus, wie ein ernster, guter Hausvater. Plauderst immer noch so viel? Ach, die kalten Hände schon wieder! Vielleicht solltest du dir einen Kessel mit Glut vorbereiten lassen? Oder, du kommst mit mir ins Kaffeehaus, trinkst einen Glühwein oder sonst etwas, ich wärme dich dort... und dann, ich möchte gern meine alte Freundin wiedersehen.« Sie traten in das Kaffeehaus ein. »Nicht ans Fenster setzen«, sagte Michalek. »Schämst du dich? Bin ich schon zu häßlich? Aber einmal war ich doch ein süßes Kind!... Jetzt bin ich's nimmermehr.« »Nein, es zieht mir am Fenster zu sehr...« Mizzi, in rotseidener Bluse, ein seifenartiges Lächeln auf dem aufgeschwemmten Gesicht, saß an der Kasse und tat Zuckerstücke, drei und drei, auf kleine Täßchen. Der Rum schimmerte braungold, der Arrak wie Bergkristall, der Kirschschnaps wie Rubin. Ein kleines silbernes Schildchen war an jeder Flasche befestigt. »Na, also du, Mizzi!« sagte Olga. »Erkennst mich doch wieder?« »Ach, du bist es?« sagte Mizzi und blickte nach zwei Studenten hinüber, die mit den Metallkrücken ihrer Spazierstöcke auf den Tisch schlugen. »Was führt dich her?« »Ich fahre jetzt nach Franzensbad. Mein Bräutigam wünscht es so. Im Herbst wollen wir heiraten, in den Gerichtsferien machen wir die Hochzeitsreise. Ich wollte doch noch einmal... Und du sortierst Zucker? Darfst du auch ein Stückchen aufessen? Aber nein, ein so böses Gesicht! Warum denn? Ich will dich nicht ärgern... ich denke nur, man bekommt leicht Hunger, wenn man so Stunde um Stunde dasitzt.« Sie setzte sich wieder zu Michalek an den Tisch. »Nun, erzähle doch! Weshalb bist du so still? So kenn' ich dich gar nicht! Warum schaust du so an mir herum? Gefall ich dir noch? Gefällt dir mein Hut? Rate, was der gekostet hat! Nein, ich sage es lieber nicht... Und dabei bin ich im Grunde anständig, habe ich nicht recht? Fällt mir gar nicht ein, zu heiraten. Ich warte auf dich ... Was sagst du dazu? Ist ja nur Spaß, damit du erschrickst! Ich habe das vorhin nur der Mizzi erzählt, damit sie sich ärgert!... Aber sage es ihr nicht wieder, Franzl, Plauschkatzerl du! Na, jetzt ist Zeit...« Sie stand auf und ging zum Büfett. Mizzi saß vor einer großen Spiegelscheibe. »Mizzi, jetzt bist so gut und rückst ein klein wenig weiter,« sagte sie, »du erlaubst doch, ich muß mir meinen Hut aufsetzen.« Sie rückte den Hut auf ihrem dunklen Haar hin und her, daß die Paradiesreiher schwankten. »Sieh her, auch das Haar ist mir nachgewachsen ... Erinnerst du dich? Einmal hast du die Krallen drin gehabt. Ja, das waren lustige Zeiten.« Die Gymnasiasten waren still geworden und sahen nach ihr hin. Sie gab Franz die Hand; er blieb im Lokal zurück, als Olga fortging. Aber die zwei Gymnasiasten kamen ihr nach. Olga war es, als wäre Robert der eine von ihnen. Als sie aber zu sprechen begannen, stellte es sich heraus, daß Robert schon lange nicht mehr in der Stadt lebte. Die Gymnasiasten begleiteten Olga zur Bahn, sie versprach, in einer Woche wiederzukommen. Gegen acht Uhr abends reiste sie ab.  . . . .  Es war dunkel in dem Abteil. Der Zug, ein »gemischter Personenzug« der Sekundarbahn, hielt lange. Die Türen nebenan wurden aufgerissen, Schritte gingen hin und her. Plötzlich war ihr, als sei ihr Michalek nachgekommen, warte im Abteil nebenan, so wie er einst, in den ersten Tagen nach der Ehrengerichtsverhandlung und nach seinem Austritt aus dem Heere auf sie gewartet hatte. – Der Zug ging. Damals waren sie nach Wien gefahren, dort hatte er sich zuerst wieder auf der Straße gezeigt. Sie hatten zwei kleine Zimmer bei einer jüdischen Wirtin namens Kamelhar bezogen. Abends, gegen neun Uhr, sagte Olga gewöhnlich zu Michalek, er möge ins Kaffeehaus gehen und Karambol spielen. Sie wartete, bis er gegangen war, dann zog sie sich um; vielleicht dachte sie, er erkenne sie dann nicht mehr auf der Straße, beim Geschäft. Sie besprengte sich mit Parfüm, das sie beim Friseur gekauft hatte, der ihr Haar ondulierte. Nun schritt sie die etwas abschüssige Nußdorfer Straße hinab, wartete auf Herren. Weiter unten brannten grell die Lichter des Kolosseums. Es war ein Studentenviertel, aber auch Offiziere gab es da, fremde, die aus Rußland kamen, Kaufleute aus Berlin, die in der Nähe des Nordwestbahnhofes wohnten. Gegen zwei Uhr nachts ließ Michalek die Karten oder die Billardbälle, kam in die Wohnung zurück, sperrte leise auf, saß dann da und wartete auf sie. Meist war der letzte Gast schon fort, denn Olga hatte Angst, besonders im Anfang, Michalek könne ihr auf der Treppe begegnen. Sie hatte immer noch ein böses Gewissen. Sie wagte kaum, ihm Geld zu geben, sondern legte ein paar Silbergulden in die Blumenvase, die ihnen auch sonst als Sparbüchse diente. Er war nicht mehr der Franz von früher. Die Uniform fehlte ihm, und er vertrug den Müßiggang schlecht. Es war gut für ihn, daß er fortkam, in ein »böhmisches Dorf«, wo ihn niemand kannte. Das Haus Nr. 37 war herrenlos geworden, eine alte Frau hatte es geführt und war gestorben. Der Geistliche hatte sich geweigert, in das berüchtigte Haus einzutreten. Der Sohn schämte sich seiner Mutter, aber er schämte sich nicht, Michalek die Miete oder vollständige Übernahme anzubieten, gegen eine monatliche Zahlung, drei Jahre hindurch. Sie selbst hatte Michalek geraten, anzunehmen, war mit ihm hingefahren, bloß als seine Stütze, als seine Hausfrau. Der Herr im Abteil nebenan sprach mit dem Schaffner; er stieg zwölf Uhr dreißig nachts um, er mußte geweckt werden. Sie selbst reiste bis sechs Uhr morgens weiter; sie hatte Angst, die Nachbarn würden sie stören, aber nichts derart geschah. Nun lebte sie in dem Kurort einige Tage ganz ruhig. Dann trieb sie etwas zum Bahnhof, sie wollte zu Michalek zurück. Sie dachte an ihn, wie sie nie an ihn gedacht hatte. Sie sah Lokomotiven, schwarzglänzende, mit mächtigen Kolben, zur Abfahrt bereit. Nachts träumte sie davon, ihn an seiner schlaffen Halsbinde zu fassen, ihn wegzuführen, ihn in ihrem Bett niederzulegen ... irgendwie. Der Rechtsanwalt schwamm in ihrer Erinnerung, sie konnte sich sein Gesicht nicht vorstellen; ihr wurde bewußt, er sei nur einer der Gäste gewesen. Alle waren sie nur Gäste, schwer lagernde Gesichter, dumpf atmende Münder, die sie voneinander liehen. Wie waren sie namenlos! Zehntes Kapitel Olga schrieb an Michalek. Sie hatte nie Briefe geschrieben, nun lernte sie es nicht mehr. Er antwortete nicht. Sie lockte ihn mit Erinnerungen an alte Zeiten, ihr waren diese Erinnerungen wie eine Theateraufführung, wie ein nächtliches Feuerwerk, etwas Unsagbares. In dem Warten auf seine Antwort überfiel sie eine sinnlose Begierde, sie erwachte mitten in der Nacht mit wütend verkrampftem Mund. Sie schrieb ihm, daß sie ihm das Geld schenke, und vieles anderes Neues. Aber er schwieg. Alles, alles versprach sie ihm. Er sollte zu ihr kommen, mit ihr leben, in der kleinen Stadt. Der Arzt riet ihr, kalte Bäder zu nehmen; obwohl Olga noch so jung war, erstickte sie beinahe an ihrem Blut. Sie wußte der Qual nicht anders zu begegnen als durch Gedanken. Sie erinnerte sich, wie er zum erstenmal Geld von ihr genommen hatte, nicht viel, eine kleine Banknote, die gerade für eine Flasche inländischen Sekt reichte. Sie erinnerte sich, wie sie ihm gesagt hatte, sie hätte den Regimentsarzt zufällig getroffen, es sei nichts vorgefallen, er könne sich auf sie verlassen. Er brauche aber nicht die Spielschuld zu begleichen, sie hätte ihn losgebeten. Und wie glänzte ihr Lächeln in der Erinnerung! Dann war sie plötzlich wieder im Hause Nr. 37, ging mit ihrem ersten Gast die Treppe hinab, vorbei an ihm, Michalek, der emporstieg. Sie wanderte auf dem Korridor hin und her, während sein schamloser Mund die eigene Schande ausplauderte. Mit Macht, mit Wut schlug sie ihre Fäuste in Mizzis böses, übelriechendes Fleisch, krallte die harkenartigen, grausamen Hände fest, zwischen deren trägen Fingern noch eine Locke von ihrem Haar lag. Aber sie lächelte, ganz tief in ihr lächelte es, wenn sie an seine kalten, blauen Säuferhände dachte, an seinen verschwemmten, ausgewässerten Säuferschädel, an seine leere Geldbörse, wie Hängebacken ausgeweitet, aus abgeschabtem Leder, in die er ihre Banknoten gesteckt hatte. Nun saß er in dem Café, hörte das fremde Grammophon, das elektrische Klavier aber, sein Klavier, schwieg. Er selbst war zum Gaste herabgesunken, mußte aller Welt zahlen, Haut und Haare lassen, niemand, keine mehr hing an ihm; und es mußte noch etwas ganz Böses kommen, schon lange sprach er nicht mehr, er schwieg – Sterben? – Würde ihm eine eiserne Zunge sein Maul aufreißen, würde er jammern, winseln und sich an sie klammern ... endlich Mensch sein, wie sie selbst, armseliges Mensch? Schon sah sie ihn vor sich, wie er vor ihrer Tür wartete, wie er an einem einzelnen Tischchen Kümmelsuppe vorgesetzt bekam, während sie und der Rechtsanwalt an einem andern Tisch saßen. Und damit er wenigstens sein Brot verdiente, würde sie ein Dreirad kaufen, ihn durch die Stadt fahren lassen, um die bestellten feinen Delikatessen herbeizutragen und für den Rechtsanwalt Akten aus dem Bezirksgericht zu holen. Sie sah ihn deutlich im Traume, in der blauen Uniform, goldverschnürt mit schlangenartigen Borten das Dreirad treten, weibisch und schmerzhaft, mit bleischweren Beinen, so wie sie einst die Nähmaschine getreten hatte. Dieser Gedanke machte sie glücklich. Sie dachte ihn ohne Aufhören. Manchmal, wenn sie Musik hörte, wenn unter den sonnenrauschenden Bäumen die Kurkapelle spielte, sah sie auch einen Revolver vor sich, mit dem sie ihn tötete und dann sich... Sie ging in die Kirche. Sie sah die Kirche blendend durchsonnt. Gewaltig brach das Licht durch die Kirchenfenster. Die silberne Taube schwebte über allem, der heilige Geist wogte mit ausgebreiteten Flügeln über Gott Vater und seinem weißen wallenden Bart, er beschattete hochher des Heilands abgemagerte Brust, goldig in flammendem Glänze, von roten Strahlen blutig durchschossen. Von den Schatten umdunkelt, gleißte eine große Erzfigur neben dem Altar. Wie er dastand, stumm und ohne Bewegung, der gewaltige Mann, glich er dem Geliebten. Sie blickte ihn lange an. Ihr Auge verschwamm. Die Luft atmete kühl. Sie schlief ein, die Stirne betend am Boden. Sie erwachte mit eisigen Händen, schmerzenden Knien. Wo war Gott? Und sie fühlte, daß sie nichts aus dieser Qual erretten konnte; daß Gottes Hand nicht zu ihr reichte. Zweiter Teil Erstes Kapitel Und doch lebte Olga weiter, lebte es weiter in ihr. In dem Müßiggang der Sommertage, gewaltsam wuchs da Früheres, unaufhaltsam trieb es, wuchs mit Schmerzen wie eine böse Geschwulst. Endlos brüteten die Tage, wütend brannte die Sonne. Mitten hinein in die stärkste Glut zog es Olga, in den mittäglich gleißenden Staub. Nach matt blinkenden Metallklinken griff sie, nach schwarzen Gittern, deren Rost in der Hitze sich rötlich abblätterte und die dunkel standen neben dunklem Grün, eingebrannt von der Hitze des Tages. Endlos schienen die Tage. Sie wollte immer unter Menschen sein, anstoßen an Lebendiges, auch wieder einmal plaudern, lachen, sich austoben, sie mußte endlich Ruhe haben vor sich selbst, ausspannen, ausgespannt sein im Gespräch, im Leben, in der Berührung von Menschen; aber mit Menschen zu sprechen war ihr fremd. In dem Badeort schloß sie sich alten Leuten an, einem hochbejahrten, fast zerbröckelten Ehepaar. Gleich ihr drängten sich die alten Leute an die Pfosten des Musikpavillons, sie wollten die Musik recht nahe haben, keuchten vor Gier nach Lärm, öffneten hungrig den Mund, hungrig nach dem Schrillen der trillernden Flöte, nach dem tiefen Sausen des Cellos. Sie lächelten einander ängstlich zu, mühselig die Lippen auseinanderziehend, vom Alter versteint; lange nachher noch klaffte der Mund groß unter den ängstlichen Augen. Sie winkten dann geheimnisvolle Zeichen: die Musik war ja so laut, ganz wie in alten Tagen, wenigstens heute mußten sie nicht Taubheit fürchten, vor der sie zitterten, wie vor dem Tod. Mit ihren kleinen, dunkel ausgedorrten Fingern tasteten sie nach dem Holze des Pavillons, das heiß und hell von der Sonne, leise vibrierte im Brausen der Töne ... Wenn sie dann nach Hause schlotterten, wie glänzten ihre ausgeblaßten, ringsum wie in weißen Stein gefaßten Augen in der Wonne des Lebens, im Schimmer des letzten Tages, der seit Jahren nie dagewesenen Glut dieses Sommers; vom zahnlosen Mund glitzerten gute Worte herab, Sprüche, rührselige Anekdoten ohne Zahl. Olga lauschte stumm entzückt. Tief atmete sie den Geruch des erhitzten Asphalts, den Brandgeruch des Grases, das sich erblassend kräuselte in der Sonne. Wie leuchtete ihre niedrige, faltenlose, elfenbeinerne Stirn, dunkel wie flüssiger Teer gleißten ihre Haare unter dem schwarzen Helm ihrer Haare. Gerührt sah sie die uralten Leute an, folgte ihnen, strahlend in der unzerstörbaren Glut ihrer Jugend, sie wehte mit, mit der langen Schleppe der alten Frau, folgte mit dem Ohr dem grauen Gestammel des alten Herrn; nie, dachte sie, würde ihr eigenes Haar ganz so schäbig werden wie das der Greisin: niemals würde es grau und brüchig herabfallen unter verstaubtem, glimmerglänzendem Hut wie Mörtel von einer alten Kasernenwand. Diese Menschen taten ihr gut; wohl waren es alte Ruinen, aber auch sie war ja das Versorgungshaus schon einmal gewöhnt, das Ärgste war überstanden, noch lange würde sie dahinleben in Ruhe, bis sie ein wenig den zwei alten Leuten glich, die ihr auch da vorausgingen, deshalb beruhigten sie sie so tief; und Olgas Mund, endlich nicht mehr in völliges Schweigen gekrampft, lächelte jetzt über Worte, »mein Kind, mein kleines Herzenstöchterchen«, sie belustigte sich an Käfern, die von der grauen Hutkrempe der Greise herabfielen, an Kindern, die sich vor ihren Füßen braungebrannt im Staube wälzten, an Vögeln, die schrille Schreie hatten, wenn sie blaugrau schimmernd, niedrig über ihr die Luft durchzuckten, knapp vor dem Regen ... Nach den Regentagen war Olga von neuem allein, denn die zwei Alten erkannten sie nicht wieder. Hungernd in der Begier nach Reden, in der Begier nach menschlicher Berührung, hatte sie ihnen die Hand entgegengestreckt, aber die Alten starrten gläsern, zögernd griffen sie nach der Geldbörse, stammelten ratlos, flackerten in ihren gelben rohseidenen Gewändern schnell in den Schatten, unsicher, ärgerlich kreischend, in ratlosem Zickzack, da keines von beiden wußte, wohin. Abends stieß Olga, halb blind dahintreibend, einen Herrn in weißem Flanellanzug an. Der Herr lachte, hängte sich sofort ein, drängte sie mit harten Ellbogenstößen gegen den Wald, versprach »etwas besonders Schönes,« wenn sie dafür ein »braves Mädi« sein wolle. Sie wandte sich mit starrem Lächeln ab von ihm, der Geruch seiner Hände, mit denen er sie zu streicheln versuchte, hatte sie an den Geruch des Siebzehner-Tabaks erinnert, der stets Michaleks Hände umgeben hatte. Fröstelnd überkam sie die Erinnerung, mit Gewalt drängte Michaleks Bild vor. Unvergessen, mittäglich klar brannte von neuem die Wut böser Träume. Franz, schmählich wie ein Weib die Maschine tretend. Franz, röchelnd im Schmerz, den Mund, den immer nach Siebzehner-Tabak riechenden Mund aufgerissen durch eine eiserne Zange, Franz, gemartert, bis er schrie ... Meinte sie es wirklich böse? Es geschah ja auch das nur ihm zuliebe, mußte sein, damit er schrie, damit er Olga wiedererkenne, daß er sie aufnehme zu sich auf immer, damit er die andere, Mizzi, das schlechte Mensch, verstoße! Sie zitterte, ganz verstört. Blickte mit wütenden, brennenden Augen umher, suchte den Herrn im weißen Anzug, aber der Herr wich ihr aus, blieb hinter ihr zurück, scheinbar um eine Zigarette anzuzünden ... Dumpfe Pläne von Rache wollten nicht in ihr verlöschen. Wenn sie allein war, wenn alle, selbst Zivilisten, alt und jung, vor ihr kehrt machten, dann durften auch die andern, Mizzi und Franz, nicht zusammenbleiben und heimlich über ihr Mißgeschick lachen. Die Mizzi, die war ja zur Bestie geboren, die tat es zum Vergnügen, Gott zum Trotz. Olga wollte jetzt Gott mahnen, kniefällig, in der Kirche bitten, daß Mizzi »abgestraft« würde, aber am Eingang der Kirche ergriff sie Angst. Mit zuckendem Mund, heiß von Wut erregt, rannte sie durch die Straßen, drängte sich rücksichtslos an Auslagen, stieß andere beiseite, glücklich in der Berührung menschlicher Körper. In den Auslagen fluteten jetzt herrlich Schaufenstermodelle, hingegossen über rote Fauteuils, mit kleinen Blumensträußen wie zufällig geschmückt. Sie verlangte die Modelle, weich spannten sich die Meßbänder um ihren Körper beim Maßnehmen, Hände berührten sie von allen Seiten, lautlos lachte sie, wühlte in den Seidenstoffen, keine Farbe konnte grell genug sein. Dann aber, in einer Nacht, die von Anfang bis zu Ende erfüllt war mit boshaften Spekulationen, dachte sie, ganz bescheidene, »mädchenhafte« Farben würden Mizzi besonders ärgern, giften! Kalt zuckte der Gedanke an Gift: ja Gift wäre eigentlich das Rechte gewesen von Anfang an, in besonderes, dreifach starkes Gift müßte Mizzi eingetaucht werden, zur gerechten Strafe für alles Böse, zur Strafe für die jetzige »empörende« Zeit. Denn: das war Mizzis Werk, das war Michaleks Plan, sie endlich loszuwerden, sie abzuschaffen von der Erde. Zweites Kapitel Aber noch lange war Olga nicht vernichtet. Sie aß die besten, schwersten Speisen, trank zum Trotz dreierlei Weine, die schon vorbereitet sein mußten, denn sie konnte schwer sprechen, auch dem Kellner nicht kommandieren. Wieder zusammengeschlossen, eng verkrampft, schmerzhaft von gestautem Blut war ihr Mund, dunkel wie in der Sonne gedörrte Himbeeren. Nach langen Mahlzeiten raffte sie noch Konfekt zusammen, ballte es in kleine Pakete als Wegzehrung, nun begann sie ihren Spaziergang, schlampte mit langer Schleppe, leise fühlte sie das Streicheln der Seide über den erhitzten Sand, wie es am Rücken verzitterte. Sie fraß die Hitze, gierte nach mehr. Den Hut schlenkerte sie an einem Band. Von allen Seiten, von Steinen und Kalkwänden, hitzebrütenden Mauern, von schwarz gleißenden Dächern rann der Sturzregen der Sonne zusammen auf ihr schwarz gleißendes Haar, das schwer wie ein metallischer Helm dastand über ihrer niedrigen, faltenlosen, ewig kalten Stirn. Weit wehte der Rock um sie her, preßte sich zwischen ihre Knie, aber sie ließ sich nicht halten; als stieße sie einer ins Kreuz, so wurde sie dahingetrieben. Die Hitzwelle, von knisternd reifenden Feldern, steinenbesäten Bahndämmen breit entgegenwogend, betäubte sie süß, wärmte sie endlich, wie ein schweres, prallgefülltes Deckbett, von allen Seiten um sie gelegt. Mit Wonne sah sie jetzt in Gedanken Mizzi eiskalt an ihrem metallenen Tisch vor dem blinden, grünen Spiegel sitzen, festgeleimt an ihren Platz, dick und blaß in dem modrigen, verlassenen, begrabenen Geruch des kleinen Kaffeehauses. Michalek aber starrte jetzt wohl hinaus auf die ewig helle, ewig unbelebte Straße, vergeblich lauerte er auf Gäste, hungerte nach seinem täglichen Brot, gierte nach dem baren Geld. Für sie aber, als endliche Belohnung für ihre frühere empörende Zeit, waren schwere, süße Speisen hergerichtet. Es warteten zu ihrer Erholung, endlich, zu ihrer Gesundung weiche Waldpromenaden hier auf sie, benannt nach hohen Bürgermeistern, Erzherzögen. Mit ihrem seinen, aristokratisch diskreten, mädchenhaft zarten Seidenkleid rauschte sie über hohe Stiegen Aussichtspunkten entgegen, und während Franz und Mizzi auf Lebenszeit in das schmutzige, schmierige, schlecht gepflasterte, nie von Kurmusik durchtönte Nest gesperrt waren, breiteten sich da vor ihr die vielen prachtvollen Berge aus. Wälder waren ganz nahe, so daß man das Knistern der Tannennadeln hören konnte, die unter den Schritten von Menschen oder unsichtbaren Tieren sich regten ... Baumgipfel schwankten tief unter ihr: um die Höhe zu messen, »rein zum Spaß« zog sie eine Krone aus der Börse: schon war auch Mizzi da, schon wurde sie wie ein Hund vom Köder verlockt: Sie lachte hinauf zu ihr, züngelte mit der Spitze ihrer giftigen Zunge nach dem Geld. Aber Olga gab die Krone nicht, sie ließ sie fallen, sah, von klirrendem Lachen geschüttelt, dem glitzernden Silberstück nach, das in das Tannengrün herabschlüpfte. Am Rückweg wurde sie müde, lehnte sich an Häuser, lugte in Keller, Souterrains hinab. Scharfer Pferdedunst machte sie lachen oder weinen, Tränen fühlte sie in den Augen. Maschinen für elektrische Kraft, lautlos hin und her schlagend, mit vernickelten Kolben, glitzerten hell in sauber gekachelten Räumen, Wand an Wand mit den Küchen der großen Hotels, wo jetzt schon, früh am Nachmittag, ihr Abendessen vorbereitet wurde. Jetzt war für sie gesorgt, jetzt mußte sie nicht nehmen, was der Haushälterin gerade einfiel: oft hatte die Haushälterin ranziges Gänseschmalz statt Teebutter, Kuttelfleck und Beuschel statt Lungenbraten und Kalbsnuß gebracht, hatte viel Geld erspart in der Küche des Hauses 37, vielleicht kochte sie auch jetzt noch ihren Höllenfraß für Michalek und Mizzi ... Wären doch die beiden nur dagewesen, hätte sie sie nur hier festhalten können, sie gierig zappeln lassen, um sie nachher mit Hansl abzufüttern, mit bitteren Spargelüberresten, eingebrannter Suppe. Geblendet sah sie in die Küche hinab. Feiner fleischfarbener Teig wurde auf weißen Porzellantischen in Walzen gerollt, Zucker in Mörsern zerstoßen, ein riesengroßer Fisch, noch wild zuckend, zersägt. Lachend wusch sich ein Mädchen in weiß und blau gestreiftem Kleid die blutbefleckten Finger unter der schäumenden Brause. Wie etwas Lebendiges wand sich das Stück Seife zwischen ihren Fingern. Leichter, halb durchsichtiger Schaum umgab wie seine Batistspitzen nacktes Fleisch. Nie gab es Fisch im Hause 37. Die Hände der Köchin dort waren schwarz, so daß man ihr riet, sie einmal mit dem Reibeisen ordentlich zu scheuern, die Mehlspeise zäh, das letzte Stück, der »Hansl«, stets wie Leder, schlaff wie Michalek selbst, der alte, selbst nur Hansl des früheren, uniformumglänzten. Sie erschauerte, nun ganz kalt im Schatten des Hauses, zu nahe den Mauern. Sie fühlte Böses in sich, sie dachte, es sei nur Hunger, und der Hunger von jetzt verschwamm mit dem Hunger der letzten Nacht bei Franz in ihrer Erinnerung. Lang hockte sie an diesem Abend in dem Lesezimmer, wiegte sich im Schaukelstuhl, wollte die Unruhe, die empörende Zeit, die aufgebrachten Nerven zur Ruhe schaukeln, Angst erfüllte sie vor der Nacht. Doch vorausgeahnt im langsam rauschenden Umblättern großer Zeitungen, im knirschenden Wiegen des Schaukelstuhles, rauschte auch die Nacht fremd, ungelesen, beruhigend vorbei. Herrlich war am nächsten Tag die Kurmusik. Sturm brach los von dem schmetternden Blech, schäumte in harten Wellen gegen sie hin, dann aber, in süßen, langgezogenen Tönen hob es sie sanft, von den Hüften her sie umfassend, empor. Als alles, Gebrüll und leises Flöten verstummt war, da packten mit neuer Gewalt neue Hände, ließen sie gleiten, mit dem Rücken unendlich tief in ein verdunkeltes Zimmer fallen, dessen Wände sie nicht sah. Aber eine Sekunde erst war es um sie verfinstert, eben erst wonnevolles Schwarz um die Augen gebreitet, da trugen schon hilfsbereite junge Herren die Ohnmächtige aus der Sonne in den Schatten. Hunger fühlte sie an diesem Tage nicht mehr, nicht Durst, nicht Müdigkeit. Nach einer Stunde wollte sie aufstehen, hinaus ins Freie, in der frischen Luft sich auskühlen, die empörende Zeit, die aufgerührte Seele beruhigen. Aber sie konnte nicht fort, noch im Stehen warf es sie hin, während sie wachte, sich wachend klammerte an die Wirklichkeit, Hotelzimmer, Teppich am Boden, Vorhänge an den Fenstern, Lärm auf der Straße, Freitag, Ende der Woche, Doktor Kühn zu Hause, immer stark im Geldverdienen, ihr Haus dort, klein und weiß in der Ebene, von weitem, von der Eisenbahnstation schon sichtbar, endlich wiedergesehen von der endlich genesenen Olga, von der vom Geschwür Michalek befreiten, geheilten Olga ... Noch im Wachen warf es sie hin, im Wachen überwältigte sie ein Traum, ein urböses Gesicht, Beginn des Wahnsinns. Drittes Kapitel Entsetzen fuhr in die erstarrten Glieder wie ein Keil. Tumult heulte auf in der wehrlosen Olga, stachelte sie, zermarterte ihr Blut. Ein ungeheurer Kolben, dem Kolben an der großen Maschine im Keller gleich, pumpte in mächtig saugenden Stößen heiße Süßigkeit, im Sonnenbrand geschmolzene Schokolade und siedenden Wein in ihren kleinen Mund, gewaltsam aufgesperrt, füllte sie bis zum Schreien, sofort aber erstickte er das Schreien mit neuen, eben erst herangewalzten Mengen, die unabsehbar auf der Mittagstraße aufgespeichert lagen. Ein Haus, ein Dom, ein Turm aus Speisen, ungeheuerlich in seinem Übermaß. Eins in Eins mit dem Herzschlag pochte der Kolben ohne Erbarmen. Mit Mühe nur entzog sie sich dem Kolben, verkroch sich in den Schatten, sie klebte an der Häusermauer im Kühlen, glitt herab ... Glitt herab in den großen Zuckermörser, den Kopf nach unten, hart auf den ausgeriffelten Boden, die Beine an den glatten Wanden emporgereckt, rings von dem widerlichen Gerüche des Kupfers beschmiert ... Die erste Stimme: »Nun los, haben wir es, haben wir sie, alles in Ordnung? Das soll der Mörser sein? Der reicht ja gar nicht für eine so große Bestie. Es wird schon werden, gleich werden wir sie haben. Also anfangen, drei Herren auf einmal! Was, das Seidenkleid? – Ausgekochter Fetzen! Licht aus, ausgekochter Fetzen, und schon, und schon, und schon ...« In dem Takt dieses »und schon«, immer mehr anschwellend, aufheulend zum Tumult, keulte brutal der Mörserstößel auf sie nieder. Wütend dröhnte ringsum die metallene Wand, hitzebestrahlt. Unsagbares durchflammte sie. Aber noch war es nicht zu Ende, da gingen sie schon fort, bloß zwei Herren waren da, noch war es nicht zu Ende, schon stand sie vor dem Erwachen, da schlich sich wieder einer zur Tür, versuchte Licht zu machen, aber es war noch viel zu früh, in einer Stunde erst begann die Musik zu spielen, lange war es noch Zeit, deutlich hörte sie die Bäume vor dem Fenster rauschen. Spatzen zirrten, sie hatten einen Schnabel aus Eisen, der scharf dahingleitend, an der Metallbadewanne entlang kratzte, sie saß jetzt in der Moorbadewanne, den schweren, heißen Moor auf der Brust, den aufgekochten Morast auf dem ganzen Körper, in der Höhlung der Knie, am Nacken, wo er schwer an den Haaren zog, unmöglich war es, loszukommen, und draußen fuhren doch schon die Wagen zur Musik, die Offiziere lachten, ließen große Hunde bellen, winkten ihr von ferne zu, warteten auf sie, indem sie die ungeduldigen Hunde an den Köpfen zurückhielten. Aber man ließ sie ja nicht los von da, der Hahn war verdorben, immer neuer Moorschlamm wurde hereingelassen, Mizzi hielt die Badefrau zurück, schmeichelte ihr, nannte sie gnädige Frau, die Klingel ging nicht. Hilflos war Olga verloren, war schon ganz schwarz, ausgelaugt, von der scharfen Moorerde durch und durch verätzt ... Endlich brach sich Michalek Bahn, jagte Mizzi und die Badefrau fort, wollte zu Olga hin. »Oh, du mein Franz! Rette mich!« Die zweite Stimme: »Wo bleibst du denn, süßes Kind?« Mizzi erschien in der Uniform der Badewärterin, sollte die Zelle aufschließen, alles richtig verordnen, aber sie weigerte sich, ging in ganz andere Zimmer, schlüpfte in Kabinette, die Nummern trugen, wie im Hause 37. In der Zelle nebenan schien sie zu lachen, an die Wand zu pochen, mit Zigaretten zu rascheln. Olga raffte sich auf, in Wut warf sie die Moorklumpen von sich, lachte in Wut, lustig zwitscherte die elektrische Klingel. Die Stimme: »Na, Olga, sitzt du auf den Ohren? Die Gäste warten!« Auf dem Korridor standen viele Herren, in Gruppen zu je drei. »Schon wieder voll Wut? Also gehst du? – oder nicht?« Eine andere Stimme, aber auch Michalek: »Mizzi, Mizzi, Mizzi!« Schon stand Olga an der Tür, von ferne blinkerte das elektrische Klavier, der einzige Trost waren dünne Zigaretten, wie Zündhölzchen in einer Schachtel liegend, zum Entzücken knisternd. Mizzi ging vorbei, hob vom Boden, einem grünen Moosboden, eine Krone nach der andern auf. Olga selbst, in doppelter Gestalt, stand oben am Aussichtsturm, mitten in der weißen Sommerhitze, warf Mizzi das ganze schöne Geld wieder herab. Olga selbst, in doppelter Gestalt, in rotem Schlafrock, rot angestrahlt von der roten Laterne des Hauses 37, rauchte Zigaretten, hielt die »Gangtour« unten auf dem Korridor, schlürfte die Zigaretten, ließ sich wärmen, mitten im Winter, im lautlosen Schnee, gedunkelt von Nacht, endlos – – streicheln von innen her in der guten Dunkelheit, wo niemand sie sah. Viertes Kapitel Diesen Traum, diese Zeit wollte Olga auslöschen, das Empörende wieder gutmachen, sich ordentlich zusammenhalten, aber sie wollte das eine, etwas ganz anderes geschah unter ihren Händen, sie wollte nahrhafte Speisen essen, aber die hatte jemand schon vergällt, vielleicht in der Küche, so nahe der Kolbenmaschine, vielleicht hatten sie dort üblen Geschmack angenommen. Die Weine waren zu schwach, machten sie nicht genug müde, waren absichtlich mit künstlichem Zucker versetzt, die Tage endlos, von Dunst umzogen, alles eine rechte Marter. Der Arzt nannte es mit lateinischem Namen, aber sie wußte, daß es nicht Krankheit war. Sie ging an der Kirche vorbei, hörte sagen: »Die ist fertig und verloren, jemand hat sie angeflucht.« War der Fluch von Michaleks Fluch? Nein, Michalek hatte sie nicht angeflucht, der war erst kürzlich mit Geld gespickt, von ihm war nichts zu fürchten, ihr Geld konnte noch lange reichen, da er ja glücklicherweise nur billige Weine, ordinäre Schnäpse trank, oder solche, die ihm geschenkt wurden. Aber Mizzi, die saß, scharf gereizt durch den Reiherhut, durch Olgas Geld, nie ganz satt gegessen, schnell hineinalternd in ihre häßlichen Jahre, hinter ihrem Büfettisch. Vielleicht war sie es, die unlängst etwas Giftiges, vielleicht Grünspan, in den Kaffee geschüttet hatte, vielleicht war sie, Olga, durch Mizzis Fluch angeflucht? Mizzi hatte böse Kraft, noch jetzt fühlte sie das schmetternde Reißen von Mizzis bösen Händen in ihrem Haar. Sie dachte an das Haus 37. Es erschien ihr trotz allem schöner als andere Häuser. Die Jahre dort waren ihre besten Jahre. Auch Michalek, fühlte sie, hatte sie dort am meisten geliebt, dort hatte sie ihm am meisten Geld beigebracht, das kleine Einmaleins ganz, das große halb bezahlt, Tag für Tag, Nacht für Nacht, fünf herrliche Jahre lang. Herrlich wäre es gewesen, nur noch einen Tag, eine Nacht wieder dort zu sein, aber Mizzi war ja auch im Ort, allzu gefährlich war es, diese abgefeimte Bestie, den blonden Popanz, die tückische Diebin zu reizen. Langsam besserte sich Olgas Zustand, das Empörende ließ sie los, sie schlief gut, erwachte ganz nüchtern, aber unzufrieden, mit unerfüllter Sehnsucht nach dem Rausch, nach der wahnsinnigen Betäubung der vergangenen Tage. Mit unzufriedenen Augen sah sie sich um, fand alles bestaubt, das Wetter nur sehr mäßig, die Luft ohne rechte Würze. Die Musik war viel zu gemein, allzu schreiend, lauter Blech, nie etwas Weiches, nie etwas fürs Gemüt. Das Bad war verfallen wie eine alte Kaserne, das Publikum, besonders die jungen Herren, alle ohne feine Manieren, taten, als ob Olga hergekommen wäre, sich ihnen für drei Neukreuzer anzubieten, wie ein »Sträußchen Kirschen«, welche von einer aufgedonnerten Dame auf der Straße verkauft wurden, einer »Mizzi in anderer Gestalt«, die sicher nicht von den drei Kreuzern lebte und es sicher nicht auf obstessende Kinder abgesehen hatte. Endlich fand Olga Anschluß an eine gut bürgerliche Familie, wurde eingeweiht in finanzielle Transaktionen, intime Familiengeschichten. Man behandelte sie ganz als eine gutbürgerliche Dame, glaubte ihr, daß sie ein Zuhause habe, eine anständige Wirtschaft, einen gebildeten Mann. Plötzlich erschien es ihr möglich, wieder zu Doktor Kühn heimzukehren. Lange hatte sie sich ganz von ihm losgemacht. Nun war alles vergeben und vergessen, schließlich war sie ihm ja treu geblieben, es war nichts Unrechtes vorgefallen, und für ihre Reise zu Michalek war sie gestraft genug durch die bösen Träume, den Ohnmachtsanfall bei der Kurmusik, die unanständige Szene mit den alten Leuten. Noch nicht ganz sicher ihrer selbst, betete sie viel, im voraus, und für unwissentliche Todsünden, rollte auf der ganzen Heimreise, Litaneien murmelnd, einen neugekauften, vom Papst geweihten Rosenkranz zwischen den Fingern, berauschte sich am » Duft des Libanon «. Der Rechtsanwalt erwartete sie am Bahnsteig, sie begrüßte ihn sanft, verbarg den Rosenkranz zwischen Handschuh und Haut, wollte ihn niemandem zeigen. Die Wirtschaft zu Hause war vernachlässigt, das war ein Glück, ein Segen Gottes, Gott meinte es gut mit ihr, der Rosenkranz, mit den stärksten Weihen geweiht, tat ja so gut ... Mit der vielen Arbeit, den vielen Dimmern, den häuslichen Geschäften wollte sie sich abrackern, die bösen Nerven niederarbeiten, eine ordentliche Frau werden, in Frieden leben, in Frieden alt werden. Fünftes Kapitel Olga wollte in Frieden leben. Gern wollte sie eine gute Frau werden, wollte eingehängt gehen am Arm des Rechtsanwalts, leicht hinrauschen über die flachen Steine der Straßen mit ihren starr–seidenen neuen Kleidern, sie wollte sich pflegen, schön herausstaffieren; Doktor Kühn war ja noch in den besten Jahren, ein braver, guter Mann. Oder war er das nicht? Auf einmal nicht? Seit gestern nicht? Warum blickte er sie oft schief an, lauerte mit dem »gewissen Spionenblick« an ihr herum, setzte sich beim Essen stets zwei Sessel weit von ihr? Warum selbst dann noch, als sie das Parfüm, das sie gleich nach der Ankunft gekauft hatte, um ihn »ein wenig aufzuheitern«, wieder fortgeworfen hatte? Endlos dauerten jetzt die Verhandlungen, Kommissionen; er ließ sich oft entschuldigen, kam tagelang nicht. Endlich erschien er wieder in jämmerlich verwahrlostem Zustande; er hatte sich viel in Weinstuben, Kaffeehäusern, selbst in den Nachtlokalen der nächsten Stadt aufgehalten, um nicht mit Olga beisammen zu sein. »Mein süßes Herzenskind,« sagte er flüsternd, »ich muß dir nun sagen ... ich muß es dir nun doch sagen ... mich hat ein Unglück betroffen, ich bin leider Gottes zuckerkrank, das ist das schwarze Schicksal unserer Familie. Überhaupt die Israeliten, mit Zucker hat Gott die Juden gesegnet ... Gott kann mich bald ... abberufen ... das drückt die Stimmung ... aber mein Gefühl, mein Herz gehört meiner Olga ... Du bist mein tapferer Kamerad. Ich bin zwar krank, getroffen ins ... innerste Lebensmark, aber ich liebe ... liebe dich!« Er sprach viel vom Tode, machte sich Mut, tröstete Olga, tröstete sich. Endlich kam er über die zwei Sessel hinweg, näherte sich ihr, küßte ihr die Hand, streichelte sie bei abgewandtem Blick, nannte sie seine einzige Freude, die Poesie seines Lebens. Er klammerte sich jetzt an sie, schmeichelte ihr, ließ seine Betten, Decken und Polster, seine Medikamente zu Olga hinüberbringen. Aber seine Küsse waren eiskalt, seine Haltung nach diesem Gemütsausbruch reserviert, und täglich war es mehr Geld, das er ihr versprach, um sie zu entschädigen. Stumme Wut erfüllte Olga vom frühen Morgen an. Mit gewaltsam zerknittertem Gesicht raffte sie Arbeit zusammen, schleppte die schweren Möbel, statt sie zu rollen, drückte sie an die Brust, durchkeuchte die Zimmer. Auch abends gab es ihr keine Ruhe; vergebens wollte Richard sie bei sich haben, er wollte wissen, daß sie ihm nicht böse sei; aber sie ließ ihn allein, stieg in die Waschküche hinab, zerrackerte sich die Hände, taglöhnerte stundenlang, kam erst morgens zurück, umgeben von dem feuchten Dunst der Seife, des heißen Wassers ... Doktor Kühn war böse. Aber sie lachte. »Aber geh, es wäre schade um die guten, feinen Sachen, wer hat denn hier ein Gefühl für Spitzen? ... die Wäscherin vielleicht, das Trampel? ...« Ein böses Lächeln warf sie nach Richard hin, der sich schnell verkroch. Bis spät in die Nacht rumorte sie, kramte in Laden, Nachttischkasten, beugte sich schwer vor; tief atmete sie den modrigen Geruch feuchter Stiefel, alten Papiers ... plötzlich, unerwartet, grell: kupferner, schlecht versilberter Leuchter ... Mit ungeheurer Wucht wälzte sich im endlos erstarrten Augenblick der Kupfermörser des Traums mit tausend Zentnern über sie, er hämmerte hin, ungeheuerlich über ihren gebeugten Nacken. Kein Aufrichten, Aufstehen, Ausatmen. Der elende, zerstickende Kupferdunst empörte sie, der würgte sie ab. »Auf die Knie!« Erlösung vom »Ersticken in Kupferdunst« erringen durch Gebet, durch den Rosenkranz, der sich weiß, fein nach Zedernholz riechend, im dunklen Nachtkästchen ringelte! Am nächsten Tage flehte Olga Richard an: »Bleib bei mir, laß die Akten herbringen, die Geschäftsbücher! Du, du du! Sei nicht so geschreckt ...« Und selbst »geschreckt« mit Augen, die starr glühten, nie durch Lidschlag abgeblendet wurden, umfing sie Richards ausgemergelte Gestalt, die auch im Stehen zu knien schien. Aber er mußte fort. »Eine Hauptverhandlung ... ein Vermögen steht auf dem Spiel. Alles für meine Olga, du weißt doch, für meinen herzigen Engel!« sagte er gerührt. »Gewonnen!« schrie er ihr mittags entgegen, »und weißt du, wen ich dir bringe? Eine Stütze, ein niedliches Kind. Zu schrecklich, diese viele Arbeit. Ist es nicht jammerschade um deine feinen Handchen? Iboya heißt unsere neue Donna! Gefallt sie dir? Denk' nur: gestern, da war mir, als hätte ich ein graues Haar gesehen an dir. Aber Gott sei Dank, es war nur Staub!« Olga aber ließ die Arbeit nicht aus der Hand. »Ganz schwarz muß mir werden vor den Augen«; dann war sie »innen blind«, dann schlief sie ohne gemeine, empörende Träume. Die gute Iboya konnte ja tagsüber ruhig schlafen und abends dafür bei ihr wachen, bis ihr ganz schwarz wurde vor Müdigkeit. Wie gut waren die ersten Tage! Noch zwei Tage wollte sie warten, dann aber in die Kirche gehen, Gott danken, ihm die Hände küssen, auf den Knien sechsmal um den Hauptaltar rutschen. Ihr war so gut, so selig, so leicht! Sie schlich zum Alkoven, wo Iboya kauernd schlief. Sie tastete über den mageren Arm Iboyas, fühlte hin über eine winzige, flache, kühle Grube am Oberarm, die breite Narbe einer Impfpustel. Aber das tat sie nicht von selbst ... Die Schneidezähne über die eiskalten Lippen geharkt, schauerte sie zurück. Wer war hinter ihr her, wer warf sich rittlings auf ihren bloßen Nacken, streckte ihre beiden Hände flach aus? Wer drückte ihr die flachen Hände wieder hin, an Iboyas Arm? Wer drückte ihr den Hals zusammen mit eisernen Schenkeln, von beiden Seiten – rittlings sich wiegend auf dem bloßen Nacken? Angepreßt an die kalte Küchenwand, schmerzhaft angepreßt an die kalte Kachelwand! Wer bohrte sich dazwischen durch? Wo blieb Gott? Du lieber Gott! Du guter Gott! Du seliger Gott! Du leichter Gott, Gott mit dem heiligen, dreimal heilenden Rosenkranz ... Nachmittags arbeitete sie schwer, rückte die eiserne Kasse, putzte sie blank, nahm die nickelte Kopierpresse in die Küche, schmierte sie ein mit Putzpulver, hielt sie auf den Knien, schaukelte sie wie ein Kind, wollte singen. Aber die Lippen gingen schwer ... lange labte sie sich an der Arbeit ... aber immer noch war sie nicht abgerackert genug. Sie ergriff die schweren Hauptbücher, wollte sie in die Küche schleppen. Das Kupfer an den Ecken der Bücher, mit giftigem Glanz blinkend, mit giftigem Dunst ihr entgegenhauchend, Kupfer spie ihr ins Gesicht, riß herum an ihr; wild regte sich, mit plumpen Gliedern: erwachend die Bestie. Kindlich, mit langen blonden Zöpfen, ein unschuldiges Mädchen, mit zarten Schlangenarmen, so kam Iboya durch die Tür, aufmerksam hielt sie ein Kaffeetablett unter ihren Augen, sanft gesenkt. Es riß Olga, es stampfte auf, lockte sie mit langem, süßem Ruf, mit guter Gewalt, die sie überwältigte, endlich! am Nacken, festgeklammert mit eisernem Sitz auf ihr saß und sie vorwärts trieb: Hinzuschmettern die schwere Last, hinzukrachen den teuflischen Kupferdunst über das gebeugte Kindergesicht. Schon schwang sie die Bücher empor, zusammengekrampft war mit guter, starker Zunge ihr Mund: »Laß los, dann hast es, dann ist es gekommen, laß los!« Da gelang ihr noch ein Schrei, letztes Entschlüpfen wollustvoll gepreßter Luft. Heiser rollte die Kehle, Schrei der Katze, bevor sie springt. Mit großen blauen Augen blinkte das Kind auf. Sanft glitt es in die gebeugten Knie, es prasselten die Bücher nieder vor ihr, krachten dumpf, rissen das hellklirrende Geschirr mit sich. Die Kleine, gebückt über die Scherben, weinte. Das Weinen machte Olga wild, Wut entbrannte in Olga, von neuem entflammte sie in Glut, wollte die Kleine zustopfen, ersticken; sie schrie auf, aber nicht mehr in Worten, in krächzendem Gebrüll! erzitternd ganz in dem Zittern krampfgepreßter Kiefer. Sie wich zurück, hielt sich die Ohren zu, konnte den Schrei der eigenen Bestie nicht hören. Spät erst verstummte sie völlig. Schnell verkroch sie sich. Sie wollte Gott nicht länger warten lassen, mußte in die Kirche. Gott hatte es abgesehen auf sie, im letzten Augenblick hatte er noch gewarnt, in der spätesten Sekunde! Aber es hielt sie hier, noch keuchte stumm das Wilde, Empörende auf ihrem Nacken, hielt kalt ihr warmes Fleisch in der Hand. Sie hockte im Winkel, neben der eisernen Kasse, auf den aufgerollten Teppichen, horchte umher, regungslos. Sechstes Kapitel Olga tröstete sich, begütigte sich, streichelte sich. »Du hast es ja so gut, Olga. Hast du es gut? Die Leute auf der Gasse, die bücken sich tief vor dir; ›Euer Gnaden‹ schreit der Kutscher an der Bahn, selbst die Mutter kommt gekrochen, das kalte Herz ... Daheim braten sie, sieden Zuckerln ein, bringen immer etwas zum Kosten. Selbst um die Iboya schmeicheln sie schon herum, warten aufs Geld, ich bin ihr Los in der Lotterie. Am Abend war die Mutter hier, die Alte, sie hat geklopft, sie merkt, daß der Richard krank ist, der arme, armselige. Schon denkt sie, die Mutter, an die Erbschaft ... die Iboya hat nichts gehört, sie weint ja die ganze Zeit, der gute Tolpatsch ... Bei lebendigem Leibe wollen sie mich auffressen, aber niemanden laß ich ein. Beim Michalek, da war's anders. Das hätte es nicht gegeben, jemanden klopfen lassen draußen vor dem Tor ... der hohe geistliche Herr hätte ja vorüberwandeln können. Beim Michalek war stramme Wirtschaft, aufmachen mußte ich immer, wenn auch die Mädchen ausgezehrt waren wie der liebe Tod, spät am Morgen, schrecklich, bei helllichtem Licht. Die späten Gaste, das sind richtige Räubergesellen. Mit den Röhrenstiefeln schlagen sie die »Toilett« in Scherben. In die Knie stoßen sie zum Jux die Mädchen, daß sie wackeln. Und dann ... ja, das war noch gut ... aber dann ... zwei Ohrfeigen rechts, zwei Ohrfeigen links, da hast, süßes Weiberl ... da zahle ich dir: vier Gulden, Kronen magst ja nicht ... willst du noch Strumpfgeld? Und Michalek: »Gib immer her das Geld, hast du es versteckt unter der schmutzigen Wäsche? Keine Romane sollst du erzählen, Geld sollst du herzählen, mir in die Hand ... schnell, schnell!« »Hier ist gut, Olga, hier ist schön, Olga, hier ist leicht, Olga, so selig wäre es ohne das. Aber jetzt ist auch alles schon wieder gut, wart' nur, guter, allgnädiger Herrgott... Morgen ist dein Tag, weiß kleide ich mich an, du wirst mich sehen, vier Gulden nehme ich in die Hand, vier großmächtige Kerzen laß ich dir anzünden. Jeden Tag laß ich neue, funkelnagelneue anzünden: ich weiß, du hast es gern, das Licht, es sind ja nur alte Sünden ... abgetragene, nicht der Rede wert. Vier Dutzend Kerzen laß ich dir anzünden auf einmal! Mehr noch? Willst? Nimmst du mehr auch noch? Geld klingle ich dir herein, sehr viel ... an einem Tag soviel wie die Geizhälse in der ganzen Woche. Der Richard soll sich plagen. Du, du bekommst alles einmal, das ganze Geld. Dann aber mußt auch nicht so furchtbar sein mit mir, laß mich wieder ... Vater Gottes, im Himmel, allgütiger Jesus, Vater der Gnaden ...« Lange betete sie, gegen die eiserne Kassenwand klirrte der Rosenkranz, im dunklen, kühlen Abend dufteten süß die Zedernholzkugeln ... Sie stand auf, beugte sich aus dem Fenster. Heimchen zirpten sommerlich, Kröten unkten in kalten, versumpften Wiesen ... Weit lag die Straße vor ihr. Unten, rechts das letzte Haus war das Haus der Mutter, zwei Straßen mußte man gehen, dann kam sie zum Atelier der Schneiderin, der alten Scheune mit der Nähmaschine. Aber mitten in der Stadt stand hoch die Reiterkaserne, im zweiten Stock war ihr Zimmer, Michaleks Zimmer, das eiserne Feldbett, ausgedientes Offizier-Kavalett Muster 1848 nannte es Michalek ... Der Kamerad, der so schön, »so rührend lieb« Harmonika gespielt hatte, war längst bei der Finanzwache; das Nachtcafé, wo sie den ersten Champagner getrunken hatten, war gesperrt, die Offiziere durften nicht mehr hin, da einmal zwei Zivilisten durch einen sonderbaren Zufall das Gesicht zerschlagen bekamen, und diese Zivilisten auch sonst »schön zugerichtet« waren ... Die Straße war menschenleer, bloß ein schwerfälliges Weib patrouillierte mit dem geduldigen Gang einer alten Stute. Sie war das »Laster des Ortes«; eine Reiß- und Klopfmaschine hatte ihr, als sie noch in der Knochenfabrik arbeitete, zwei Finger glatt abgehackt. Doktor Kühn, der gute Herr, hatte sich ihrer angenommen, mit Mühe und Not ihr eine Unfallrente herausgeschunden. Aber sie wollte jetzt hoch hinaus, lamentierte, »verlangte sich besser« ... Schmerzensgeld wollte sie unbedingt; jedem hing sie sich an, mit jedem ging sie, mit jedem ließ sie sich ein; ratenweise wollte sie ihr Schmerzensgeld einkassieren, von einem verlangte sie Wurst, vom andern Schnaps. Kleine Münze, die zufällig am Tisch lag, auch Kissen aus den Betten nahm sie mit, trug sie unter dem Arm, dumm lachend, heim, Bücher, die sie nicht lesen konnte, sogar Zündholzschachteln. So besserte sie sich ihr Leben auf, man schonte sie in Anbetracht ihres Unglückes ... Als sie wegen ihrer Diebstähle niemand mehr auch nur mit Handschuhen anpacken wollte, verwies sie der Portier des Gasthofes an die Fremden, flüsterte ihnen ins Ohr, mit trinkgeldlüsternen Augen gemein zwinkernd, »etwas Außergewöhnliches, eine herrlich schön gebaute Zigeunerin, frisch von der Pußta«. Gott hatte die Zigeunerin gestraft. Erst hatte er ihr zwei Finger abgerissen, sie dann dem reisenden Gesindel ausgeliefert. Die Reisenden waren ja so schäbig, sie kannte sie, erinnerte sich vieler aus dem Hause 37. Mit ihr, Olga, aber meinte es der liebe Gott doch gut, er warnte sie. Sie hätte hier bleiben sollen, Kirchenlichter kaufen, regelmäßig der Kirche etwas spenden, nicht aber zu Michalek fahren, Michalek das Geld in den Schlund werfen und dann in der Kirche Gott nur durch leere Gebete, ohne guten Willen, ohne Geldspenden, nur durch rachsüchtige, boshafte Gedanken aufmerksam machen auf sich. Olga erwachte, vertrieb sich die Zeit, endlos zerzog sie die Zeit, pflückte sie auseinander, spitzte den Bleistift, wollte rechnen, sich zusammenhalten, vernünftig sein. Noch war es zu hell vor den Augen. Schlafen darfst du nicht, Olga, um Gottes willen, schlafen laß ich dich nicht; es ist auch zu weiß vor den Augen, schwarz muß es werden, ganz innerlich blind! Iboya rief sie zu sich: ein kaltes Fußbad besorgen! starken Kaffee kochen! um Zigaretten laufen, aus der Kasernenkantine die Hände voll Zigaretten bringen, sofort, schnell, schnell! Sie warf die Zigaretten vor sich auf den Tisch, stieß sie auf der Tischplatte auf, um die Tabakfasern aus dem Mundstück herauszukitzeln, damit sie ihr beim Rauchen nicht in den Mund kamen, sonst schmeckte die Zigarette wie Sand ... Franz hatte einst der Kathinka Sand in den Mund gestreut, das blatternarbige Mensch aus dem Schlaf gekitzelt ... Kathinka aber hatte geschlafen wie ein Stein, sie war nicht zu erwecken ... das Haus 37, am Vormittag war es wie ein Stall, wo die Kühe schlafen ... das Haus 37, nun erschien es ihr nicht mehr bis an den Rand gefüllt mit Hitze, mit eilenden, keuchenden Menschen, die selbst glühten, nicht mehr durchrauscht von Musik, die aus den Winkeln hervorquoll ... nun sah sie es: Fein spät in der Nacht, das Hauptgeschäft, die Hauptrackerei war vorüber; Michalek hatte das zweite Einmaleins glücklich hinter sich, machte Kasse: »Heute war's mal recht«, schlaftrunken grinste er, streckte beide Hände breit ausgehöhlt nach all dem Silbergeld ... An ihm vorbei trampelten die Mädchen, eins nach dem anderen, in die Küche, rüttelten die Köchin auf, die schon schlief, und die den »Zigarettengestank« in ihrer Küche nicht leiden konnte, und neckten die Köchin mit endlosen Plaudereien ... Wie herrlich war die letzte Zigarette vor dem Schlaf, die reine ausgekühlte Luft im Gelaß, das Rascheln der Betten ... Erna und Milena, verliebte Schmeichelkatzen, warfen eine tönerne Sparbüchse, in der ihr Geld klirrte, lachend von Bett zu Bett, preßten sie dann, tief aufseufzend, in der ersten Umarmung zwischen sich ... Schon dämmerte es: die ersten Wagen rasselten auf dem Ringplatz, heute war Markttag ... von ferne sah Olga den Platz mit den vielen Leiterwagen, von Leinwandplachen wie Himmelbetten überspannt ... dort waren hohe Haufen Obst, Pfirsiche und Trauben, quadratische Flaschen, je zehn Litern Aranka glosten wie Honig in dickem Gelb ... die bunten Hähne, zu zweit an den Füßen mit einem Band aneinander geknüpft, wurden an Hirtenstöcken hereingetragen, zehn Paar an einem Stock, dunkelrot geschwellte Kämme waren in einer einzigen Linie ... bildeten eine stramme Linie wie Soldaten, »gut ausgerichtet«. Langsam verdunkelte sich vor Olga das Licht. Aber noch sah sie, noch war es nicht »außen schwarz, innerlich blind«. Schwer saß sie da, von oben bis unten schwer, mit nur langsam dunkler werdendem Blut angefüllt: Olga, den Mund ganz klein, wie gedörrt durch Hitze, den Rock eng, hart in Seide starrend, um die harten, starken Beine umgewunden. Olga: heißen, glühend verkrampften Gesichtes. Olga, in Angst vor dem Wahnsinn. Der Rechtsanwalt atmete leise auf und nieder, knurrte, keuchte, rollte Schleim in der ausgemergelten Brust. Ganz gelb in den weißen Kissen richtete er sich auf, lächelte listig, schlängelte den blassen Mund: alles im Traum. Mit schabenden Händen kratzte er sich, scheuerte seine mageren Rippen mit zitternder Hand, wandte die Steine der Ringe nach innen, kratzte wieder, seufzte lange im Schmerz; wieder schabte er von neuem, machte sich selbst Schmerz; am Morgen sah man langgezogene Wundmale auf seinem armen Körper. So strafte ihn Gott. Nein, sie selbst war noch lange nicht von Gott gestraft. Er drohte nur, aber sie wollte ja zahlen, Geld, Gulden ... weiße Kerzen, weißes Licht. Iboya kam, blond im Dunkel der nächtlichen Zimmer, mit unschuldigem Mund lächelnd, Ringe um die großen Augen. Aber es waren unschuldige Ringe, blaue, zarte, nicht dunkel-schwarze, wie dort, im andren Hause. Die dicke Tasse mit dem heißen Kaffee hielt Olga in der Hand, einen gespitzten Bleistift hatte sie da, Rechnungen zu schreiben ... Langsam dämmerte sie ein. Schwarzrot war es vor ihr, rings um sie. Dunkel karminrot waren die Kämme der Hahne, hellrot, wie frisches Blut die Augen der Hähne, kleine Ringelchen, lange Reihe von Ringelchen, eine ganze Kompagnie lang ... die mußten aufgereiht werden, wie ein Rosenkranz ... wer war das nur? ... wer wollte in die Augen mitten ein ganz kleines Loch bohren, bloß um die Schnur durchzuziehen? Eine Kerze mittendurch. Einen Finger mittendurch. Einen gespitzten Bleistift mittendurch. Endlich, ja, ja, endlich: »ein brennendes Zigarett« ... Den ersten Hahn, den zweiten ... den Nachbarsmann ... Nach unten gebeugt, schlugen die armen Tiere um sich, suchten jappend nach Luft, lautlos klappten sie weit die Schnäbel auf, hackten nach der Zigarette, die darüber in der Augenhöhle steckte, weißrauchend ... Vergebens krümmten sie sich nach oben, schlangen die Hälse in krummen Linien, wie Schlangen ... Aber das dicke Band um die Beine der Hähne ließ nicht locker. Grob wie Sand scharrten die Krallen, die ausgespreiteten Federbündel schabten an der Erde, Sand an Sand. In unbeholfenen Sprüngen hoben sich die gepaarten Hahne in die Höhe ... Vier weiße Zigaretten schmauchten weißen Dampf ... Vier Zigaretten steckten fest in den vier Augenhöhlen, in Soldatendoppelreihen gepaart. Wie die verketteten Tiere atmeten, so glimmte das Feuer auf und ab; in der lang hinkeuchenden Qual flammte es rot, glühte empor, flackerte jetzt wie Kerzenlicht. Kirchenlicht, vier und vier, lange Reihen im langgestreckten Kirchenschiff, die Kerzen flackerten, standen unsicher in den Augenhöhlen, in den dunkelroten, ausgeronnenen Blutgruben, zwischen dem dicken, blutgefeuchteten Federngesindel, es zuckten die spitzen Köpfe, vier und vier, warfen die Kerzen durcheinander ... lange zischte es durch die spitzen Schnäbel: »Gräßliches Leiden, gräßliches Leiden, gräßliches Leiden ...« Lange noch zischte es, aber Olga erwachte; mit letzter Mühe, aufkeuchend, hatte sie sich aus dem Schlaf gerissen ... noch scharrten die Hände des Doktors am Körper, noch knirschten seine Fingerringe, mit den Steinen nach innen gewendet, über die mageren Rippen ... aber glückselig rauchte noch Olgas Zigarette, vor dem Einschlafen angezündet ... Olga wand sich aus den Falten ihres schwerseidenen Kleides, Iboya flüsterte sie hinein, zu sich, ganz nahe an sich heran: Neuen Kaffee! Neues Bad! Eis aus der Apotheke ... Draußen war es schon hell, die Apotheke längst geöffnet, in warmen Metallglanz dröhnten sonntägliche Glocken. Siebentes Kapitel Vorbei an des Doktors ewig ruhelosen Händen schlich Olga zum Kleiderschrank: »Das weiße Kleid, das Gott versprochene, für den heiligen Tag?« Aber bloß dunkle Kleider waren da, alles war dunkel, auch ihre Hände, sonst schneeweiß, schwelten blaurot; sie sah sie nicht mehr unter den Kleidern, sie merkte nur, daß die Kleider Falten schlugen, hin und her wogten; sie suchte, suchte, heißer glimmte ihr Blut durch sie; der tiefe Ton der Glocken schlug unaufhörlich nach ihr hin, wollte sie aufheben, hineindrängen, in die dunkle Höhlung des Schrankes niederwerfen, sie ersticken lassen mitten unter alten Kleidern. Sie schauerte zurück. Die Glocken kannten kein Aufhören, bliesen großmächtig, wie Trompeten. So ließ sie es sein, schlug das schwerschwarze Seidenkleid um sich. Herrlich dachte sie sich die eiskalte Stille der Kirche, eiskalt wie Apothekereis, das feine Klingeln der winzigen Silberglocken beim Allerheiligsten, die weißen Decken, spitzengekräuselt, am Hochaltar. Langsam schleppte sie sich zur Kirche. Schwer war der Himmel verhängt. Sie wollte in die Vorstadtkirche. Dort hatte man sie getauft, gefirmt, dort war sie gut bekannt, eingetragen ins Kirchenbuch; dorthin wollte sie auch Kerzen bringen, Geld in den Klingelbeutel spenden, alles, alles abgeben bei »ein und demselben Herrn«. Aber sie war schon lange nicht mehr dort gewesen, der Regen, großkörnig niederprasselnd, verwirrte sie, es hemmte sie die feuchte Schleppe, die sich spießte, nicht schnell genug mitwollte. Und die Glocken, in der schweren Luft dumpf gröhlend, betäubten sie, die Häuser kamen ihr unbekannt vor, schwarz: vom Regen wie von Erde verschüttet ... War denn die Kirche immer noch nicht hier? Ins Ohr hinein brüllten ja die Doppelglocken ... Die Häuser verloren sich, waren ganz wie Regen gefärbt, tauchten plötzlich wieder auf, kaum daß sie ausweichen konnte, und blieb sie stehen: ihr entgegen schienen sie sich zu drängen, aber zum Glück knapp vor ihr stehenzubleiben; sie hastete weiter, machte sich los von ihnen, rettete sich in einen Hohlweg. Von rechts und links war sie geschützt, eng erhoben sich neben ihr die Wände. Spärliches Gras hatten vorüberfahrende Karren abgeschabt. Ganz nackt, ganz gelb gleiste im Regen der Lehm. Kaum konnte sie vorwärts. Sie stand fest auf dem Kleid, aber sie riß, schleuderte sich weiter, sie krallte an der Schleppe herum, immer noch sah sie die Hände nicht, doch blieb der abgerissene Fetzen hinter ihr ... der Regen zielte ihr in die Augen, machte alles dunkel, zitterte an ihr herab, tötete die Nerven ab, machte alles dunkel, versunken. Mit Wonne ließ sie den Kopf nieder, stützte sich auf die Knie, auf vier Gliedern ging sie. Tierisch, selig versunken. Mit beiden Händen arbeitete sie sich die lehmigen Wände des Hohlweges entlang. Wonnevoll fühlte sie Erde unter allen Gliedern. Auf der Höhe: mühsam richtete sie sich auf, ließ die Arme an sich herabgleiten, leicht glitt der Regen über sie, zum erstenmal sah sie die Hände wieder weiß, rein, nahe vor sich. Nahe vor sich, mitten im Mittagsgewitter, erschien ein Turm, ein breites Haus, vom letzten Regen umprasselt. Sie ging näher, glückselig, daß die Glocken endlich ausgespielt hatten. Die Sonne brach durch, weiß flammte es vor ihr: das weiße Haus, der hohe Schlot der riesigen Knochenfabrik. Hitze schwelte, flimmernd hell im letzten Sprühnebel des Regens, durchblutet von brennenden Strahlen, durchdonnert vom dröhnenden Schwingen. Wo war die heilige Stille am Hochaltar, die Eiseskälte, die herrliche Kühlung? Knapp vor ihren Füßen breitete sich das Pferdebegräbnis , die Kadavergrube. Acht tote Pferde lagen da, rührten sich nicht mit ihren ehernen Gliedmaßen, jedes achtmal so schwer wie ein Mensch. Das Fell war ihnen abgezogen, bald verweste das schäbige Fleisch der geendeten Tiere, bald waren die starken Knochen reif für die Knochenmühle. In der Tiefe der Erdgrube lagen die Leichen der Tiere, schlafend Kopf an Kopf, und Glied an Glied gepreßt. Wo waren die Beter, aufgerichtet beim Knien neben ihr? Alle Tiere waren dunkel, dunkel wie das Seidenkleid, dunkel wie der tiefe Schrank ... Die Bäuche, mächtig geschwellt, glänzten grün, schillerten. Ein kleiner Knabe, knallend mit langer Peitsche, war plötzlich da, lachte still vor sich hin, zog kantige Steine aus der Tasche, warf sie, einen nach dem anderen, in das Pferdebegräbnis, klatschte in weiche Massen, mitten hinein. Es dröhnte eine Glocke. Grün schillernd hob sich weich, in langen Wellen sich beugend, eine Decke, glimmernd wie Samt: Milliarden von Fliegen summten, drehten sich in kleinen Kreisen. Grauenhaft nacktes Fleisch, süß rosenrot, braun vertrocknete Sehnen, alles beschneit mit weißen Würmchen, offenbarte sich auf einen Augenblick, und schon senkte sich der Fliegenschwarm wieder. Bloß eine Stelle blieb weiß, ein Knochen, den ein Hengst, grauenhafter noch als die anderen in seinem Fleisch, sich zu Lebzeiten gebrochen hatte; denn noch lag Erde an den Knochenkanten. Wo waren die weißen Decken, spitzenumkräuselt am Hochaltar? Wieder lachte der Knabe, wieder plumpste weich ein Stein; Därme, von spitzigem Splitter getroffen, zischten los, teuflischer Gestank explodierte mit Wut: Grauen drückte Olga nieder, Glocken dröhnten zum zweitenmal, ungeheure, glockensummende Fliegen machten sich heran an sie, setzten sich ihr ins Ohr, verstummten erst spät, als Olga mit den Fingern die Ohren verstopft hatte. Wonnevoll still wurde es, Olga war daheim ... Das war ihr heiliger Tag? War das der heilige Tag? Achtes Kapitel Hinter festgeschlossener Tür duckte sich Olga in den sichersten Winkel, schmiegte sich an die Kassenwand, lauschte, beglückt durch die Stille; zwischen leicht spielenden Fingern glitt dahin der Rosenkranz; in langen Atemzügen stieß Olga Gebete aus, keuchte sie aus, schüttete sie aus wie Atem, wie Herzblut, in einem Schwall, sie hatte ja so viel zu beten; lange hatte es sich angesammelt, nun gab sie es hin: um Gott zu bitten, Gnade zu erflehen, Erlösung vom irdischen Leiden, durch des Heilands süßes Blut sich rein zu waschen von der Erbsünde, von den Todsünden des Lebens, die Heiligen anzurufen, die mächtigen Fürsprecher; sie wollte es nicht umsonst, versprach ihnen alles, wollte alles Geld an das Heil der Seele wenden, da der Körper vielleicht schon bei Lebzeiten verflucht, und lebendig begraben, von der Hitze angefault war. Denn er war zum Pferdebegräbnis gegangen statt in die Kirche, hatte sich am »würmigen Aas« schmutzig gemacht. Der Körper brauchte nichts, er sollte hungern, schlafen im Hundeloch, in dem kleinen Winkel, zwischen der eisernen Kasse und der Wand. Sie wollte wuchern mit starken Zinsen, Richard, den ungläubigen Juden, bekehren, wenigstens sein Geld einheiligen, dem lieben Gott eine Kirche stiften; nur weiterhelfen sollte er, einen Tag noch, bis das Üble, die gestockten Säfte herausgekocht waren, ausgelöscht durch gute Tränen, heruntergewaschen das schreckliche Moorbad, das von oben her auf sie herab erstickenden Schmutz schmierte, statt der guten, teuren Moorerde, die man ihr doch bringen sollte in Holzkübeln zu endlicher Heilung! Der gräßliche Kupferdunst, der teuflische Hauch aus dem Munde des Bösen, der heiß einhauchte in sie Gewalt und Empörung, aber sie war schuldlos ! oder war sie doch selbst schuld, hatte sie jetzt mit Willen die Füße so böse gesetzt, hartnäckig vorbei am offenen, guten, hohen, heiligen Kirchentor, am offenen, hohen, heiligen Tag? Nun war sie schwarz angeraucht wie eine Zigarettenspitze von dem höllischen Pferdegestank, versengt in der brennenden Glut im Traum, wie die armen Hühner bei lebendigem Leib abgemartert, und ganz heruntergepeinigt, aber das war ja gut, noch lange nicht genug, sie nahm noch viel mehr auf sich, aber dann mußte man sie wieder ablösen. Nur um Tränen bat sie, nur Tränen wollte sie herunterbeten auf sich, mildtätige Tränen, warme Tränen, lehmabwaschende ... Aber von neuem packte sie mit bestialischem Griff ein Traum; Olga versuchte zu entfliehen, drückte sich jammernd, aufheulend an die Kassenwand, aber eine Pranke schlug nach ihr, mehr noch: ein Huf mit scharfen Eisen trat sie, ein Pferdebauch lastete sie nieder in den Kot; und Wolken, niedrig hängend und in Regen schnell zerprasselnd, mengten sich zusammen mit drei Milliarden von Schmeißfliegen, sechs Milliarden von Füßen von Fliegen ... unzähligen Rüsseln, die sich durch den Lehm durchnagten, scharf bis an ihr nacktes, enthäutetes Fleisch: Aber nackt, enthäutet, grauenhaft, rot, schauerlich, grauenhaft heiß, stand Michalek vor ihr, als großes Haus mit ungeheurem Turm, gewaltig glühendem Schlot, er nahm sie in die Hand, zerdrückte die Fliegenmilliarden, riß wie eisernes Reibeisen am kalten Lehm. Ja, ja, ja, Franz zog sie aus, das weiße Heiligenkleid, die Haut, das letzte, allerletzte, und nun: warf er sie mit Beben, mit Schrecken, mit Ängsten, o nein, mit Lust, o nein, mit Freuden, o nein, in tausend Herrlichkeiten empor, fing sie auf in den Armen ... Leicht erwärmt, leicht erhoben, wolkengleich dahingetrieben schwebte sie, in Milliarden von Kitzeln erschauernd, zwischen den weit ausgebreiteten Höhlen tausendfingriger Hände, milliardenfingriger ... Alle wuschen sich, unzählige Finger, mit ihr ... Von allen Seiten fühlte sie den Franz, böse zischte neben ihr Mizzi, mit Lehm nach ihr zielend, aber es ließ doch nicht nach, im Lachen, in der hoch trillernden Lust spielte sie mit ihm, zu entschlüpfen suchte sie im Fischsprung, ihm entgegen atmete sie, wand sich empor, verging, weiß und glatt erstand sie wieder, schäumte auf, zerfloß ... unzählige Male ... Der Traum dauerte vierzehn Stunden. Endlich sättigte sich die gequälte Natur. Wie ein Hund lag sie da, tief röchelnd; hinter der versperrten Tür schlichen Iboya und Richard: »Gott sei Dank, daß die gnädige Frau auch einmal zur Ruhe kommt, ... du wirst sehen, Iboya, so eine Herrschaft hast du nie gehabt, ... tu ihr nur alles zuliebe ...« Olga wand sich, drückte den Kopf mächtig zwischen die Knie, weinte, sprach, sang im Traum, stampfte, spreizte die Hände ... Lange schon war ihr der Rosenkranz entfallen, zerkrümelt unter ihren Tritten, den eisernen Stößen; blaßweiße Holzsplitter lagen am nächsten Tag am Boden, kaum durch eiserne Kettenglieder gehalten, als Olga aufstand, um in das Haus 37 zurückzukehren, die » letzte Station « aufzusuchen ... Neuntes Kapitel Olga stand auf, um in das Haus 37 zurückzukehren; sie raste zurück aus der Welt tierischer Dämonen in des Doktors verdunkeltes Zimmer; in dem verstummten Raum traf sie Richard, sah ihn sprechen, die Arme beugen, zwischen den ausgebreiteten, tausendfach durchfurchten Flächen der Hand sein fahles Menschengesicht entfalten, die gelben Zähne zücken zwischen gelben Lippen, es blähte sich die Wange vor seinem Atem, aufgerissen hob sich sein schweres, blaues Augenlid, so angestrengt sprach er ihr zu, aber sie hörte ihn nicht. Sie streifte schweigend im Zimmer umher, schnupperte mit angepreßten Nüstern, versteinerten Lippen, die ihr schmerzhaft im heißen Munde erstarrten, sie wollte sprechen, sie mußte sich selbst hören, aber alles war verstummt, in Taubheit betäubt, gesperrt in Tod. Aber sie war nicht tot, denn licht, elfenbeinfarben, sandelholzgelb, so rein und so duftend glitten ihre nackten, runden kleinen Füße unter der weinroten Seide ihres Kleides über den Teppich, traten beim kühlen Fenster in einen Streifen Licht am Boden, wie in ein Gefäß mit Milch; lange stand sie so, entzückt, entrückt. Schon kam Richard zu ihr, von weitem hörte sie ihn reden, in der Ferne sah sie neben den schwarzen Mauern der eisernen Kasse einen schwachen Mann gelehnt, zu ihr hingebeugt seinen blassen, zermergelten Kopf, die Hände beide verfangen in seine goldene Uhrkette, die sich ihm in schlaffer Girlande um den eingefallenen Leib ringelte. Während die Sonne auf Olgas nackten Füßen zärtlich schmeichelte, kam Olga langsam empor aus der schwarzen Grube der tiefen Verträumung, und es hob sich, lichtete sich der Augenblick, Welten durchglitt die ruhig Stehende, von Milchsonne mild Umspülte: Ausgeschüttelt aus Mizzis Klauenhänden; entgegenstarrend dem weißen Glitzern des Schnees, der zuckerüberglänzten Straße, die zu dem Haus 37 führte, unter flimmernden Sternen. Entglitten dem Moorbade, das heiß dunstend, schwarz und schwer alles überschmierte. Emporgesprudelt aus den Kupferkesseln, aus dem verregneten Pferdeanger gehoben, der weiß von Würmern überschneit, zuckte unter wallend grüner Fliegendecke, der irdischen Hölle. Olga, ausgewaschen, rein geschäumt, klar gekämmt, mit milchweißen, kleinen Füßen, in glattem Sprung entsprungen aus Michaleks Hand, der tausendfingrigen. Gewaltig brach, in Millionen Funken zitternd, das stabförmige Licht aus den verfallenen Rollläden in das verdunkelte Gemach. Gewaltig starrte die Sonne, durch ein Kirchenfenster gesehen. Gottvaters Bart, ein Stück lauteres Silber, so weiß. Des Heilands reine Brust, goldig wie Honig durchglänzt, mild in der scheidenden Sonne. Dort stand die Kirche fest im sumpfigen Gelände. Sandelholzduftend hinter der Ölmühle, der stillgelegten Fabrik, der mit faulenden Dünsten umhangenen. Dort war die Kirche zu finden, alle Wege und Reisen und Gänge mußten dort vorbei, kein Abweg führte in die Pferdegrube der hingeworfenen, verworfenen Tiere. Dort war das Zurück, das ruhende Haus, der mit warmen Menschen geplasterte Dom. Zuflucht, kühlende Hilfe, der segensreiche Gegentraum, die heilige Heilung. Dort wartete Franz und der barmherzige Heiland. Zehntes Kapitel »Was hast du, was willst du, warum weinst du, Olga?« »Fort, fort, Franz, Franz!« »Ich verstehe dich nicht! Was soll das, Franz? Wer ist das, Franz? Ein Name für Kutscher ... ich kenne das nicht. Olga, komm zu dir! Ich bitte dich, besinne dich, nimm Vernunft an, was fehlt meinem Liebling?« Flüsternd entquoll es ihr: »Komm und hilf mir! Hinter mir war einer her, bis aufs Genick springt er mir, den Hals würgt er zusammen. Komm und hilf mir! Komm und hilf mir! Komm und liebe mich!« »Gott ist mein Zeuge, ob ich dir helfen will, gegen jeden und immer. Gott allein weiß, ob ich dich liebe und wie sehr. Mehr als das, ich will dich heiraten. Aber ein ernstes Wort. Du bist nicht mehr die gleiche. Seit dem Sommer bist du nicht mehr die Olga von früher. Das müssen böse Träume sein, die dich verfolgen. Auch ich schlafe nicht zum besten, es scheinen Mäuse da zu sein in diesem gesegneten Haus, bei Nacht höre ich sie scharren und schaben, mag sein, ein Mäuschen ist dir nachts über den Nacken gehuscht. Aber auch bei Tage finde ich dich leider verändert seit deiner Reise, immer beschäftigt, immer alle Hände voll zu tun, in der einen Hand den Rosenkranz, in der anderen die Zigarette. Sollte das in Zusammenhang stehen mit dem Franz, von dem du sprichst, so laß dir raten, laß ab von dem! Ich weiß, er hat dir etwas mit Geld unterschrieben, aber das ist meine Agenda. Das Geld ist nicht verloren, ich werde es dir bringen, du brauchst nicht zu weinen. Und vom persönlichen Verkehr mit Schuldnern, und gar mit solchen, kann nie die Rede sein. Wir werden mahnen, bis sie schwarz werden, und pfänden obendrein. Du hast doch mich, und ich habe dich! Dein Geld – mein Geld, das ist unser Wahlspruch. Sieh mich doch an, bist du böse auf mich, du Herzenslieb, Herzensdieb? Was soll dir Franz? Was soll dir das Haus dort, die Hölle auf Erden? Ich bin dein Franz! Er ist der Judas. Hier hast du den Himmel auf Erden. Da ...« Er zog sie an sich, küßte plötzlich ihren Mund, er stieß die ganze Gewalt seiner schlaffen Lippen, seiner brüchigen Zähne, seine ausgeleierten Kiefer gegen ihren kleinen, dunklen, harten, roten Mund: Schmerz, Liebkosung, Befreiung! Rauschend schwang sich ihr das heiße Blut in die Lippen, die Hitze verzitterte in den sich lösenden Lefzen, den flackernden, den feuerbewegten. Sie riß den Doktor herab zu sich, preßte ihn an ihre hohe, schwere Brust, so daß seine goldene Kette ihr die starrenden, jungfräulichen Blüten süß schmerzlich umfaßte. »Komm, liebe mich! Warten darf ich nicht mehr, warten laß mich nicht mehr!« Sie knöpfte ihn los, sie machte ihn frei, sie schlang sich um ihn. Gerankt um ihn, schaukelte sie auf dem dunklen Boden hin und her, weiß mit strahlendem Körper, über sich seine gelbgebeizten Glieder, seine abgezehrte, herzklopfende Brust, seine mit roten Wundmalen gestrichelten Arme. »Das muß es sein! Jetzt bleib bei mir und liebe mich! Liebe mich einmal für tausendmal, liebe mich zu Tod! Ich will nicht ruhen, ich will nicht schlafen, du bist der Doktor, der gute, der hilft. Hilf mir, liebe mich! Der alten Zigeunerin hast du geholfen, die Zigeunerin ist einarmig und mager und dürr und giftig wie Grünspan, vergiftet im Blut, aber ich bin noch jung, ja, komm nur näher zu mir, näher das Köpfchen, Franz, näher den Mund und alles, aber du bist ein Richard, kalt wie Stein. Nein, liebe mich, wie du bist, in Kleidern und in Schuhen, nur komm!« »Aber Olga, was soll das? Ich bin kein Franz, mein Haus ist kein Haus 37. Zärtlichkeiten am hellen Tag? Komm zu dir! Laß mich los! Du bist nicht bei dir! Das ist nicht Eros, das ist Alkohol! Ich weiß, du hast, und noch dazu weit über dem landesüblichen Preis, Schnaps gekauft, fünfzigliterweise ... eine Dame wie du!« Schon hatte er sich, in seinen schlotternden, hängenden, weiten Kleidern, gerettet in die Ferne, sich in den Winkel bei der Kasse geflüchtet. »Olga, komm zu dir! Was bedeuten diese glühenden Äuglein, was sagt diese heisere Stimme? Das ist Aranka! Aranka verbrennt dir die Kehle, die zarte, du bist doch ein junges Mädchen, Aranka ist aber für Kutscher und für Köhler, für ausgepichte Kehlen!« »Komm zu mir, liebe mich!« »Laß mich nur, wo ich bin. Ich kann dir auch von hier sagen, was ich für dich fühle. Weißt du das heute noch nicht?« »Küsse mich, liebe mich!« »Sieh, Olga, so lange Jahre haben wir zusammengelebt, haben gemeinsam die schwere Bürde des Lebens ...« »Dann Geld!« »Uns getröstet über vieles unverdiente Leid ...« Sie hatte sich aufgerafft. Mit nackten Armen, tief an den Ellbogen die Schulterbänder des Hemdes, rings berührt und gestreichelt von den zart gezackten Spitzen, klopfte sie an die Türe der eisernen Kasse, die dumpf dröhnend widerhallte. »Und Geld? Wozu?« Sie kam zu ihm, halb nackt, elfenbeinfarben, grün überhaucht im Widerschein der Bäume, deren Smaragdglanz durch die fahlen Rolläden funkelte. Er wich zurück, sie schlich ihm nach, unhörbar, auf bloßen Sohlen. Eine Welt, von Dämonen ruhelos gehetzt, ihm nach, dem guten Herrn des bürgerlichen Hauses. »Statt Liebe Geld! Für Geld Liebe! Es ist für dich, damit du stärker wirst! Für mich auch: Frieden kaufen , beim lieben Gott. Du weißt es selbst, er droht uns, nicht umsonst! Wir müssen beide zahlen, Geld und Gulden. In die Kirche muß dein ganzes Geld, ich habe es versprochen, du mußt es halten, früher wirst du nicht gesund, früher hast du nicht für einen Kreuzer Kraft. Halte dir nicht die Ohren zu, du weißt, es muß sein, zu lange schon hast du gewartet und auch ich! Da, höre, wie es spricht!« Sie faßte ihn bei der Gurgel, pochte, wie vorhin, an die Kasse, an den knöchernen, hohlen Bau seiner abgemagerten Kehle. »Hörst du es? Da schütten sie schon Erde auf den hölzernen Sarg, aber noch ist es Zeit. Abgezehrt bist du, weil du nie etwas in die Kirche trägst und nichts in deinen Tempel!« Sie zog ihm das Hemd, das er eben geschlossen, an der Brust weit auseinander, sie zeigte ihm seine zitronengelbe Haut, die langen Wundmale. »Da! Das sind nicht die Mäuse, die kratzen und schaben die ganze Nacht, das bist du selbst. Das bist du nicht selbst, das ist Gottes Reibeisen, das dich kratzt. Süße Worte hast du, deshalb hat er dich geschlagen mit deiner süßen Krankheit!« Sie riß an seinen Lenden, die kraftlos und eisig schlotterten in seinem schweißfeuchten Gewande. »Da! Weißt du es, du Richard, da hat er dich angeflucht! Weißt du es?« »Nichts weiß ich, du Unverschämte! Mich! Mich soll jemand anfluchen!« »Oh, dich nicht allein, aber dich auch! Nein, das ist ein gesegnetes Haus? Du mußt nicht wachen in der Nacht und brauchst nicht zu schlafen am Tag? Nein, du kannst mich lieben, zehnfach und tausendfach, wenn du mich so lieb hast zum Heiraten? Aber statt der Liebe kannst du mir Geld geben, das ist gut. Geld gib, du kannst es nehmen, bist ein guter Nehmer, aber in die Grube führst du es doch nicht. Zittere nicht, komm nur zu mir! Ich werde es dir sagen, das große Geheimnis: mich hat es auch verflucht. Schon lang ist es hinter mir her, im Heilbad ist es gekommen, in der Kirche, wie ich gekniet bin am Boden, da hat es sich auf mich gewälzt. Ich habe an dich gedacht, ich weiß, du bist gut zu mir, an das Haus hier hab' ich gedacht, ich weiß, es ist schön für mich, an alles hab' ich gedacht, aber alles hilft nichts, es ist hinter mir her und bleibt hinter mir her, denn es hat mich angeflucht. In der Bahn, da läßt es auch nicht von mir, es fährt im Expreßzug, und hier, da schlägt es mich mit dem Silberleuchter, und zerstampft mich in dem Kupfermörser, dem großen, und in der Kirche war keine Hilfe und bei der Fabrik war das Begräbnis so schrecklich, alles verfault und verwest. Komm, leg' deinen Kopf zwischen meine Knie und hör' mich an, was ich dir sagen muß. Es ist zwar hier alles verflucht, aber es wird nicht so bleiben, glaube mir! Gib mir das Geld, alles was du hast, hunderttausend und noch, und wir werden es einheiligen, hier in der Kirche oder dort am Ort, dort war alles immer besser, aber ich komme dann wieder zurück zu dir, du wirst gesund sein und wir werden gut leben und lange leben. Ich bringe dir auch einen Rosenkranz, das wird dir gut tun, glaube mir! Das riecht so fein vom Duft des Libanon, das ist auch für dich, das ist aus dem jüdischen Königreich! Bleib bei mir und liebe mich! Bete mit mir, ich werde dich es lehren, da die Hände zusammen, zusammen die beiden mageren Hände, und jetzt die goldene Kette gebunden darum und jetzt, mein Richard, sprich nach und fürchte dich nicht: Vater Gottes, im Himmel, allgütiger Jesus, Vater der Gnaden ...« »Olga!« »Nein, du mußt nur bitten und beten! Sonst sind wir fertig und verloren, beide! Für beide die Litanei, für beide das Geld!« Sie nahm ihm, der mit goldgebundenen Händen in ihrem Schoße lehnte, den Schlüsselbund aus der Hosentasche und rüttelte schon an dem verwickelten Schloß der Eisenkasse, als er erwachte. »Halt, Olga, keinen Schritt weiter!« »Du willst also nicht?« »Beten, soviel du willst, Geld in deinem augenblicklichen Zustand, nein! Entweder bist du geistig gestört oder es spricht der Alkohol aus dir! An etwas anderes glaube ich nicht!« »Du glaubst nicht an Gott!« »Dein Gott ist, ich weiß, wer das ist! Wohin das Geld käme, weiß ich auch. Ich habe nein gesagt, dabei bleibt es.« »Aber es bleibt dir nicht. Was willst du denn mit deinem Geld! Ist es nicht Wuchergeld? Du asiatischer Wucherer; was soll es dir? Du wucherst dich ja zu Tod! Drei Prozent Zucker hast du, gut angelegt bei unserem Herrgott, daraus werden 10 und 100 und 1000!« »Das ist meine Sache. Außerdem ist es Verleumdung, Lüge, Ehrabschneider«. Mit solch einer Person will ich nichts zu tun haben. Willst du fort, so geh! Dort ist die Türe! Ich bin kein Profoß, aber vielleicht brauchst du einen bald. Ich weiß jetzt, was du willst. Ich verstehe, meine allerliebste Olga, was diese aufgeregte Szene bedeutet. Ich kenne dein Theater und deine Schliche! Der allerliebste Franz ruft dich, der Herr Mädchenagent, der lockt dich! Mit ihm willst du beten, dorthin soll das Geld wandern. In die Kirche 37 soll mein Vermögen einfließen, ja, kenne ich dich nicht? Ich kenne auch ihn, so sage ich es dir heute: mit Haut und mit Haaren wird er dich verschlingen, du arme Seele. Dein eigenes Geld, das du dort liegen hast, wirst du nicht kassieren, aber dich selbst wird er kassieren, glaube mir! In drei Tagen, mehr minder, wird das gute Leben ein Ende haben, vielleicht dein Leben ganz und gar, früher noch als das meine. Er saugt dich aus, schon wartet er auf dich, der lebende Schmutzfleck, er rennt herum, der ehrlose Schuft, du sollst ihn mit meinem Geld auslösen aus dem Versatzamt, wo er dunstet in tausend Ängsten, der Lump! Aber warte nur, du wirst nicht viele Vaterunser gebetet haben bei ihm, und er jagt dich fort wie das erstemal. Alles weiß ich, denn ich bin dir gut. Abgezehrt und abgezottelt seh ich dich nach Hause pilgern. Ja, in der ganzen Gegend weit und breit kennt man den Mann, niemand nimmt von dem auch nur etwas geschenkt, aber du, mehr verblendet als schlecht, du bringst ihm noch etwas, mit dem ganzen schweren Geld lieferst du dich ihm aus. Was willst du eigentlich? Ich bin nicht mehr jung, er ist auch über seine Blüte weit hinaus, und du bist auch kein Kind mehr!« »Bin ich kein Kind, so gib mir, was mir gebührt.« »In der Ecke stehen gebührt dir, aber kein Geld! Olga, Olga, fesseln sollte man dich, denn du bist nicht zurechnungsfähig!« »So fessle mich doch!« flüsterte sie und hielt ihm ihre schwellenden weißen Arme hin. »Olga, wer weiß, was er mit dir gemacht hat!« »Aber ich weiß es ja. Ich war ja dort, 100 Jahre und noch! Dort ist es schön, dort ist es gut. Dort hat mich einer viel geliebt, ich ihn aber noch mehr, dort ist kein verrufenes Haus. Dort ist ein gesegnetes Haus, dem habe ich viel Glück gebracht und Geld! Was das ganze Haus wert ist, ich habe es verdient. Ihm, weißt du, ihm habe ich Glück gebracht, aber er heißt auch Franz! Dir hab' ich kein Glück gebracht, deshalb bist du so schwach und krank, gut ist an dir nur das Herz, aber er!« »Olga, ich danke dir. Ich weiß, du schätzt mich, so wie ich dich schätze. Deshalb sage ich dir das nicht um meinetwillen, denn was soll mir noch das Leben, aber um deinetwillen: Warte, bleib noch, in kurzem hast du es dir überlegt, in einer Nacht, in einem Traum wendet es sich dir ganz anders als jetzt! O Gott, was kann ich noch sagen, was kann ich noch erfinden? Olga, du Gute, ich warne dich, ich flehe dich an um Gottes willen, bei dem himmlischen Vater, an den wir beide glauben!« »Was weißt du von Gottes Willen? Warst du im Pferdebegräbnis wie ich? Was weißt du, wo ich bin in der Nacht? Wohin es mich jagt und hetzt? Ich weiß etwas, das heißt: gräßliches Leiden, davor hab' ich Angst, da hilft nur er. Er weiß alles im voraus, von dem toten Vieh weiß er, das man hinwirft, wenn es alt ist und niemand begräbt es, so liegt es unter dem Feld.« »Olga, ich verstehe dich nicht, nein, Olga, ich verstehe alles, denn ich liebe dich, anders als er, aber mehr! Ich schlage dir nichts ab, bitte dich nur um das eine, warte ab, eine Woche, drei Tage. Jetzt kommen auch höchstens dreitausend für dich in Betracht. Das ist dein Depot, auf Ehre und Gewissen! Ich weiß nicht einmal, ob ich soviel in der Kasse da habe. Wer war denn auf das gefaßt? Bleibe, bis du ruhiger geworden bist, bis sich alles geklärt hat. Ich will alles tun, selbst über einen neuen Glauben können wir gegebenenfalls reden. Alle guten Menschen haben den gleichen Glauben. Und dann, was auch nicht zu verachten ist, das mindest zehnfache, also 33 000 in bar und sicheren Papieren, bekommst du. Nach meinem Ableben hast du völlige Freiheit. Ich will das Wort Tod nicht fürchten, also, wenn ich tot bin, heiratest du, wen du willst, wer deiner wert und würdig ist, auch einen Offizier, nur diesen nicht, das ist ja nur der schäbige Schatten eines Offiziers, das ist der blutige Auswurf der militärischen Menschheit! Ich, ich liebe dich! So wahr ein höheres Wesen im Himmel lebt, du bist meine erste, meine einzige Liebe. Ein Mann in meiner sozialen Stellung spricht nicht von seinen Gefühlen, er hat Takt, er bewahrt Haltung. Aber das kann ich dir sagen, ich allein meine es gut mit dir! Nein, Olga, nein, laß mich nicht umsonst an dich, an deine besseren Instinkte appellieren. Tue es mir, tue es dir zuliebe, bleib!« Er ging zum Sofa, begann zu schluchzen, nach einer Weile kam er zurück, legte die Hände um ihr Gesicht. Sie aber fühlte seine kalten Hände nicht. Sie hörte seine flüsternd singende Stimme nicht. Sie ahnte seine aufgelöste, menschliche Erscheinung nicht. Seine Liebe drang nicht ein in sie, und sie fühlte nicht, ob er da war, oder fern im Zimmer umherschlich, an den Wänden getastet, wie ein Stück Tapete, grau und gebraucht über die Zeit. Vorausahnend den geliebten, den wirklichen Duft des einzigen, des nie vergessenen Hauses; im Kirchenduft der verkrümelten Sandelholzperlen ihres Rosenkranzes tief aufatmend vom Grunde des Lebens, löste sie ihre aufzitternden Lippen, ihr aufschlagendes Herz in stärkster Süßigkeit von innen her. In mächtigen Stößen saugte sie heiße Süßigkeit in ihren kleinen Mund, unabsehbar ahnte sie die Wollust, aufgespeichert auf der Mittagstraße, die hinführte im gleißenden Mittagsglück zu ihm und Ihm. Die Sonne brach hoch herab zwischen ihren ruhenden, ausgestreckten Füßen, ein schwerer, verdichteter, silberner Strahl. Stumm breitet sie die Hände aus nach dem Geld. Es wie eine eiserne Last nach der Kirche zu tragen, es im Weihwasser, im Wehwasser zu waschen und zu baden, sich selbst zu reinigen im heiligen Naß, dem endlichen, dreimal heilenden Bade , in seinen Händen abzuwaschen den Schmutz des vergangenen Lebens, den grünen Kupferdunst auszuräuchern im blauen Nebel des Weihrauches, einzugehen, selbst ein Gast , in das große, kühle, heilige, heilende Haus. So ließ sie sich denn fallen, rauschte weich auf dem Boden zusammen; die Beine rings um sich geschlungen, süß berührte sich Glied mit Glied, nackt und glatt unter der Seide: und aus den Falten, tief ringsum gewellt, leuchtete Olympias weißes Gesicht empor, die niedrige, faltenlose, elfenbeinfarbige Stirn, die schwarzen Augen, ruhig glühend über dem himbeerfarbenen Mund, der in der Spannung der Sekunde, angespannt wie ein Muskel vor dem Sprung, zitterte in seinen Furchen. Der Mann stand in der Ecke, drückte sich, niedrig wie die Kasse, mit aller Gewalt gegen die Eisenkiste. Seine unsicheren Hände versuchten das Schloß zu öffnen, Olga ihren Teil am Gelde zu geben, und in Ungeduld knirschte er mit den Zähnen, so gut es sein schadhaftes Gebiß erlaubte. Dritter Teil Erstes Kapitel Kaum war Olga im Zuge, als sie bereute, die kleine Iboya nicht mitgenommen zu haben. Sie war allein im Abteil, wie damals auf der Reise ins Bad. Mitgenommen hatte sie das Geld, um es der heiligen Kirche zu spenden, die letzten Flaschen mit Arankaschnaps, um sie Franz zu bringen, das rotseidene Kleid, sich selbst zur Freude. Sie war klar, ruhig, am guten Weg. Herrlich war das Entweichen aus der schweren »Verträumung«; Moorschlamm, Kupferdunst, Pferdekadaver, alles ließ sie in dem kleinen weißen Hause, sichtbar von der Bahn, inmitten der Ebene. Aber die Einsamkeit, die abgesperrte Luft, die Sonne, die, wandernd mit der Biegung der Strecke, in ihre Augen sich drängte, machten sie wild, trieben sie auf, ließen sie taumeln. Glücklich war sie, als sie an der nächsten Station Gesellschaft bekam, eine alte Dame, die sofort einschlief und im Schlafe wie mit Ketten rasselnd keuchte, später einen ungeheuer großen, tiefbrünetten Mann, der mit zwei sehr eleganten jungen Damen reiste; sie sprachen Französisch, aßen ununterbrochen, der Herr lachte, zeigte Zähne wie Mandeln, auch die zwei Mädchen waren schön, hatten schweres, dichtes Haar, goldgetönte Haut wie Pfirsiche: alle sprachen mit der gleichen Stimme, waren wohl eine Familie; ihnen blinkerten viele Ringe an den Händen, den Mädchen Perlen und Türkise, dem Herrn ein erbsengroßer Brillant am kleinen Finger und ein breiter Ring mit blaßrotem Stein am Daumen. Es war im Herbst, aber noch sehr warm; die Sonne, wie heißer Kalk, zischte auf dem blendend blauen Himmel. Die Fremden zogen japanische Fächer aus dem Necessaire und fächelten sich, auch der Herr hatte einen, den er mit seinem Lächeln Olga anbot. Da die zwei jungen Damen unaufhörlich plauderten, einander mit ihrer zwillingsgleichen Stimme zu überschreien versuchten, einander kleine, silberne Spiegelchen vorhielten, lachend den Herrn in die Seite stießen, aufkichernd hinter der zitternden Seide der blütenfarbigen Fächer, kam es zwischen Olga und dem Herrn zu keinem Gespräch. Olga, eingeschläfert durch das Gezwitscher der fremden Sprache, durch die Hitze und den Geruch von konzentriertem Parfüm, schlief ein. Sie erwachte in der Dämmerung, sah den »starken Blick« des eleganten Herrn auf sich gerichtet. Die alte Dame war ausgestiegen, die Fremden lachten noch immer, tranken Likör ... Auch Olga wurde ein Glas angeboten, sogar eine besondere Flasche für sie entkorkt. Der Schnaps roch sehr stark, war dunkelgrün, der Geruch erinnerte an Rosen und Himbeeren zugleich. Der Zug raste um eine scharfe Kurve, einige Tropfen des Likörs fielen auf die Bluse, brannten schwer auf der Haut. Olga war überrascht durch den fremdartigen Geschmack, lehnte aber ein zweites Glas nicht ab. Unerträglich schwül wurde das Abteil; kurz vor Wien waren noch viele Reisende eingestiegen. Alle waren jetzt ruhig, atmeten schwer, keuchten im Dunkeln, litten unter der Hitze. – – Olga kam um elf Uhr nachts am Staatsbahnhof an; ein Gewitter stand dunkel über der dunklen Stadt. Die Luft erstickend wie im Moorbad, wie in der alten Ölfabrik, war dick wie zum Greifen. In den engen Korridoren des Bahnhofes lagerten Auswanderer, Pußtahirten, in weißen, rotgeränderten Flausen; galizische Bauern, auch jetzt, in der Hitze, in erdfarbenen Pelzen, hatten in dem zottigen Fell ihre Füße verborgen, schliefen mit eingesunkenen Augen, vertrocknetem Mund, ganz eingekrümmt in ihrem Mantel wie Hunde. Geklemmt zwischen bunt mit Zwiebeln bemalten Koffern und weißen, mit Betten gestopften Sacken, hockten junge Burschen, umwogt vom Geruch ihres Schweißes, besät mit gelblichen, scharfen Splittern von Spelt, Grannennadeln an den hohen Stiefeln, mit denen sie durch die Felder gegangen waren. Weiber lagen da, die fast schwarzen Hände um kleine Bündel zu beiden Seiten geklammert. Kinder mit Gesichtern wie unreife Birnen, die Adern der Schläfe wie mit violetter Tinte auf die früh vergilbte, zerknitterte Haut gezeichnet, streckten sich weit aus, waren paarweise quer über die vielgefalteten bunten Baumwollröcke der Mütter gebreitet. Olga stieß sie mit dem Fuß an. Olga wollte nur schnell fort aus dieser Luft, aber der ganze Korridor strotzte von diesen Menschen. Ein alter Mann mit weißem Haar über dem sonnenverbrannten Gesicht, ein einziges, grauenhaftes Geschwür an Stelle des rechten Auges, starrte Olga mit dem linken Auge an; aber auch dieses spiegelte nur matt die hohe Lampe, das im Nebel schwebende Licht; er war blind, schlief im Stehen, an seinen mit Erde getränkten Stock gelehnt, wie die andern, keuchend atmete er, und in seinen schlaffen Lippen blähte sich die Luft. Die Stadt war verändert. Olga kannte die Straßen, jeden Stein: diese Nacht war so wie die, in der sie mit Michalek hierhergekommen war ... auch damals waren Auswanderer hier zusammengepfercht gewesen, dieselben Gesichter, ja, sie glaubte auch den Alten mit den Geschwür hier vor Jahren gesehen zu haben. Auch damals hatten sie die Absicht gehabt, hier am Bahnhof zu übernachten, Geld zu sparen, die letzten Groschen zusammenzuhalten: am nächsten Tag eine Stelle zu suchen, Blusen zu nähen oder Knopflöcher mit der Maschine in Massenkonfektionskleider zu setzen; Franz, der arme, degradierte Herr, sollte daheim, in einem billigen Kabinett, auf sie warten, fleißig sein, sich für die Postprüfung vorbereiten, was keineswegs einfach war. Aber er sollte es ja ihr zuliebe tun ... Aber die Auswanderer, den Bahnhof mit ihren Kindern, Sacken, Bündeln, Hirtenhunden, mit der schweren Luft ihres Lebens füllend, hatten sie fortgetrieben, Olga hatte eine vornehme Bekanntschaft gemacht, und Michalek hatte sie erwartet, wahrend er in einem kleinen Kaffeehaus mit dem Kellner Billard um die Zeche spielte. Er fragte nicht, als sie zurückkam und den Monatszins für ein besseres Zimmer im Täschchen brachte, und sie sprachen nie darüber ... Auf dem Bahnhofsplatz, wo früher freies Feld gewesen war, wo Zigeuner, gedeckt durch Haufen noch ungebrauchter Pflastersteine, ihre Wanderlager hatten, da wehte jetzt ein Park, weit, unabsehbar in der Nacht. Trotz der Hitze waren Blätter und Gras getränkt von Feuchtigkeit, auch die Gartenwege waren feucht ... Um fünf Uhr morgens ging der erste Zug in Michaleks Stadt. Am besten war es, ein paar Stunden in einem Nachtkaffee zu verbringen, und für das Geld, das das Hotelzimmer gekostet hatte, einen großen Haufen Zigaretten mitzubringen, die sie dann im Haus 37 verteilen – oder auch für sich selbst in einem sicheren Winkel, gut versteckt, aufbewahren konnte, als letzten Vorrat, als eiserne Ration. Zweites Kapitel Ein Mann streifte an Olga vorbei. Hünengroß, Sandalen an den langen, glatten Füßen, eine weitschleppende schwarze Hose um die flachen Hüften, so schattete er mit schleichenden Schritten neben ihr, glitt voraus, zeigte ihr in der Dunkelheit etwas Glitzerndes, das er aus seinen tiefen Taschen gegraben hatte. Sie hatte Angst vor dem fremden bosnischen Mann, suchte das Licht eines Kaffeehauses, so müde war sie, so dörrte ihr die Kehle der Durst nach Kaffee, mehr aber als Kaffee und Ruhe lockte sie der schwarzhaarige, riesengroße Bosniak. Sie atmete wild, atmete den aufhauchenden Geruch des grünen Likörs, der noch an ihrer Brust brannte, Rose und Himbeere, Süßigkeit und Ersticken in einem. Der Mann grinste sie an mit seinen mächtigen, gelben Zähnen, er war das Tier, das Hauer zwischen seinen Lefzen zückte, zwischen den Hauern aber bleckte er spitz die Zunge, der kleine, spitze, scharfe Bissen Rot machte sie zittern und taumeln, sie mußte stehenbleiben, aber sie mußte ihm nach, mußte zu ihm. Schon hatte das Dunkel der Gebüsche ihn verschlungen. Es war still, von den Blättern tropfte es metallisch. »Bleib da, Olga, bleib bei dir, Olga, laß ihn doch, er würgt dich, er beißt dich zusammen, mitten durch den Hals, Olga! Er hat kein Haus, auf einer Hundedecke schläft er, dort kannst du nicht schlafen, Olga! Im Massenquartier lebt er, von toten Pferden das Fleisch ißt er, das macht ihn so wild. Laß ihn, laß ihn, Olga!« Aber er stand wieder da, in der Finsternis, schlanker, sehniger als zuvor. »Auf mich wartet er, der ist klug. Das Geld aber darf er nicht finden, das darf er nicht haben. Auf der Brust liegt es, mitten unter dem höllischen Schnaps, nur das soll er nicht finden.« Aber nun hatte er sie, packte sie mit seiner Eisenhand im Rücken. Schwebend glitt sie hin, schloß die Augen. Nacht um sie, geschlossen mit hohen Wänden bis an den Himmel und höher. Langsam, wuchtig, schwer schlug ihr das Herz. In ihrem Mund, hinter eng zusammengekrampften Mädchenlippen, sammelte sich süße Flüssigkeit, streichelte ihr den Mund von innen her. Langsam berauschte es sie, umfing sie stark und schwer von allen Seiten, sein hartes Kinn, gebogen und rauh wie das Horn eines Tieres, grub sich an ihr Schlüsselbein, seine Adern, harte Stränge, pochten an ihrem Halse, schnürten, enger gefesselt, ihr die Kehle, wie im höllischen Traum der Strick, der den Hähnen die Kehle verschnürt hatte, mitten im höllischen Traum. Aber er war stark, er war gut, es war nicht zu entkommen, nirgendhin zu entrinnen. Alles dunkelrot, matt. Zuletzt schwebte noch in Gedanken eine weiße Hand, ihre eigene weiße Hand, die sie als Kissen unter den Kopf bettete, und alles wurde schwarz, wonnevoll still. Jetzt aber zischte es, knisterte hell, blendend zuckten vor ihren Augen die weißen Zähne in seinem aufgerissenen Munde, dem küsselosen, seine lichten Knochenhände sah sie funkeln, mitten durch die Finsternis, fünf gezackte Blitze, und mit Schmerzen nur griff er an ihr herab, überall traf er sie, wie ein Stein, mit letzter Gewalt geschleudert, wie ein Blitz, brennend im Biß. Aber ihr Mund war leer, leer ihr Schoß. Wie er ihr mit seinen Händen flüchtig an dem Körper tastete, wie er mit langen, diebischen Fingern ihre Börse packte, da erwachte sie, sie krallte ihn ein, in einem Sprung warf sie sich über ihn, umfaßte ihn ganz, zwang ihn stillzuliegen, in der eisernen Zwinge ihrer starken Glieder, wie eine Falle schlossen sich ihre kleinen Hände um seinen dürren Hals, der von Adern, wie von Galgenstricken durchzogen, in ihrer Hand sich bäumte, ohne Befreiung! Wort auf Wort schlug aus ihr heraus wie Feuer. »Was sagst du jetzt? Wer hat dich jetzt? Sei ruhig, nicht gezuckt, nicht gerührt! O du mit deiner spitzen Hundezunge! Warte, jetzt wirst du erwürgt! Ganz langsam wirst du erwürgt, das ist deine Todesstrafe, Franz! Unter den alten Mist werde ich dich werfen, in die schwarze Pferdegrube wirst du hineingeworfen, zu noch fünf anderen Raubmördern, dort wirst du verfaulen, du Franz! Wirst du, mit deinen Pferdezähnen, den gelben? Nein, du bist nicht der Franz, der ist nicht so eiseskalt, ein Richard bist du, wie ein toter Stein, so kannst du auch wie ein Stein liegen, im Pferdegestank, und die Millionen Fliegen über dir, die werden dich nicht auffressen. Schrei nur, niemand hört dich. Spring nur, du springst mir nicht weg unter der Hand. Dort im Pferdebegräbnis, dort wirst du ruhig sein, die Fliegen werden dich zudecken, warmen, niemand sieht dich, nur ich! Du willst mich aussaugen, du schäbiger Hund, aber jetzt sauge ich dich!« Mit ihren kleinen harten starken Lippen saugte sie sich an seinem Halse blutig fest, zwischen ihre festen kleinen Zähne nahm sie sein Fleisch, rollte es unter der Zunge, unnennbar beseligt. »Gut? Ist das gut? Was, kein Wort? Was, tot? Noch nicht tot, noch lange nicht, warte. Gut, ist das gut?« Sie ließ spielend die Klammer ihrer Würgehände nach, der Mann öffnete die tiefen schwarzen Augen, in denen sich Sterne spiegelten, in winzigen Funken erglühend. »Genug! Genug! Schlaf! Augen zu! So will ich dich lieben, ich muß, wenn du mich nicht lieben willst!« Näher und näher schlossen sich ihre Hände, starr lag der Mann, leblos, eine gewaltige Masse, verstummt. Sie ritt auf ihm. Zwischen ihre Beine nahm sie seinen Kopf, zwischen ihre weichen Knie spannte sie seinen langen Hals. »Muß ich dich so lieben? Nur das Geld hast du gewollt? Nur das Geld hast du geliebt? Jetzt wirst du geliebt, wie ich will!« »Gut so? Gut so?« Mit ihren entfesselten Locken wehte sie ihm um das nachtschwarze Gesicht. »Gut so, gut so?« sie deckte ihn zu mit ihren dichten Haaren. »Gut so, gut so?« mit ihren Knien glitt sie an seinem langen Hals in die Höhe. Olga, zu einem steilen Bogen getürmt, niedrig die milchweißen Füße ohne Schuhe, unter denen die Brust des Ohnmächtigen schwer noch atmete, langsam sein Herz sich hob. Niedrig ihr Haupt, das in schwarzem Haarhelm funkelte. Hoch die Hüften, gebäumt in den Himmel der Nacht. Ihre ganz durchblutete Wange legte sie an seine, ihr überblühendes Fleisch schmiegte sie an seine mageren Backen. Zwischen ihren Knien, aus den Spitzen heraus knisterte es. Gegen ihren Willen schlossen sie sich fester zusammen. Noch einmal warf er sich empor, ihr an die harte mädchenhafte Brust, wogte ihr weich unter den Gliedern, aber schon unsichtbar, schwarz in schwarz, den seidenen Gewändern gleich, die ihr gestern unter den Händen geknistert hatten. Unsichtbar sich selbst, langsam erlosch sie, verschwand, verging im Schatten ihrer selbst. Sie löste die Knie, nach rückwärts glitt sie, unter ihrem Kopf seine kalten langen Knochenfüße, über sich die Sterne der Nacht. Eine Mücke berührte sie leise im Nacken. Plötzlich fühlte sie wieder sich, kam zu sich, hauchte schlürfend Nachtatem ein, die Glieder erlahmten, sie neigte den Kopf, seufzte, erwachte. Jetzt war die Stille gebrochen, das Klingeln der Straßenbahn, das Klirren der schweren Säbel, welche die Soldaten in die Kasernen schleppten, alles weckte sie auf. Sie war unter Menschen, viele Lichter glänzten, als wären sie eben erst entzündet. Der Mann röchelte; daß er lebte, war gut; mit dem Saume des seidenen Rockes streifte sie mitleidig über ihn hin, unter ihren Füßen wehte seine offene Jacke im feuchten Abendwind. Er erhob sich. Halb gebrochen, immer noch gebückt, umfaßte er seinen Hals mit zögernden Händen, stumm. Um seinen Leib, über dem gebauschten weißen Hemd glimmerte ihm ein dunkler Seidengürtel mit Messingnesteln. Sie ging fort. Der Sand auf den Gartenwegen knisterte fein, auf dem Boden lag ein schmales Schnürchen, seidenschwarz, mit krummen Messingnesteln, ein Band, das dem Bosniaken gehört hatte. Sie nahm es mit sich. War es das, womit er, glitzernd in der Dunkelheit, sie gelockt hatte? Sie behielt es, wickelte ihre Banknoten, den geretteten heiligen Schatz, in einen besonderen Knoten, ein geheimes Siegel, das schien ihr ein guter Schutz, da ein ähnliches Band nicht wieder zu finden war. Drittes Kapitel Bis ins Innerste umwittert von ihrem Wahnsinn, Wahnsinn atmete Olga ein, Wahnsinn atmete sie aus. Erstickung fühlte sie nicht mehr, licht war der Moment. Sie ging in Michaleks Stadt vom Bahnhof in die Kirche, stellte den Handkoffer neben sich, beugte den Kopf, weich niederkniend. Aber die Flaschen Aranka klirrten böse, dumpf dunstete der Schnaps aus dem modrigen Leder, Kerzenflammen brannten gelb auf dem Altar. Gebete wollten nicht kommen, mit bösem Herzklopfen, unter rebellischem Dröhnen der innersten Adern suchte sie nach den Gebeten, haschte nach frommen Worten, »Gottesvater, jungfräuliche Gottesmutter« ... Hohn war es, daß sie heute die ganze Litanei verlegt hatte, sich nicht auf den lieben Herrn Herrgott besinnen konnte! Hohn war es, daß sie gestern, den Sonntagsgott suchend, alle Gebete offen vor sich im klaren Kopf, alle Gebete wie auf der flachen Hand, sich ins Pferdebegräbnis verirrt hatte. Gott verleugnete sie! Gott ließ sie nicht vor! duckte ihr den Kopf nieder auf den alten Judenkoffer! Gott ließ den verruchten Schnaps in der Kirche stinken. Schwarz war die Kirche, und doch brannte draußen hellichter Tag. Blau war der Bart des Gottvaters, verschwunden die hellgeflügelte Taube, dunkel im Grün war des Heilands segensreiche Brust. Eisig kalt das große Gewölbe, ein lebendes Grab, schwarz umflort. Von Totengeruch erfüllt, mit gelben Totenkerzen beleuchtet. Da war kein Zurück, da war kein Zuhause, es flüsterte tückisch hinter ihr her, es jagte nach ihr in zischendem Laut. An Gott dachte sie, aber von Franz sprach es herab aus der Höhe. Eine Stimme sagte ganz deutlich im Litaneienton: »Die Olga, die Olga! Dieses schwersündige Mensch! ... Wie eine kalte Kröte wird er sie austreten! ... Er hat sie hingetreten! In den Lehm hat er sie hingetreten, Auf allen vieren Zu marschieren in die Pferdegrube und zum Hochaltar Und noch oft hat er sie hingetreten, Alle viere von sich gestreckt, Auf dem Rücken zu liegen wie das tote Vieh! Hingetreten hat er sie im Bett, Im kaiserlich-königlichen Kavalett, Auf dem Gras am Exerzierplatz, Auf dem Samtsofa, beim Regimentsarzt: Schon damals warst du schmutzig und schmierig, Olga, Speckig und dreckig, Olga, Schleimig und schlecht, Olga, Ein Handtuch unter dir, Olga, In den Ofen wirft er es nachher, der Doktor. Dann hat er dich getreten, Oft und oft und immerdar bist du dagelegen, Mit dir haben sie alle gespielt, Gepfiffen haben sie über dir, Am Zigarettenspitzel gesogen, ausgespuckt, gerade über dir. Angespuckt bist du von oben bis unten, Armes Mensch, ganz kalt vor Schleim, Schwersündige Olga, du darfst nicht mehr in die Kirche! Du Fluch Gottes, So komme denn auch dein Lohn, In Ewigkeit, Ewigkeit, Lieber Gott, sei lieb, Amen! Olga, du bist verflucht, Amen! Lieber Gott, sei lieb, Amen! Olga, du bist verflucht, Amen. Lieber Gott!« Hinlauschend nach der Litanei, die hinter ihr herzischte, betäubt vom Duft des Aranka, zitterte sie, stumm zog sie das Geld aus der Brust, es war da: warm, trocken, raschelte, zu kleinen Röllchen geformt. Es knisterte zum Trost, wie die Zigaretten im Traum. Das Geld war süßer Trost, die Scheine waren rein, scharf an den Ecken, unberührt, eingewickelt in den Bosniakenstrick, duftend nach den Rosen, nach den Himbeeren, Erstickung und Süßigkeit zugleich. Es waren viele Scheine, viele Blätter, ein ganzes Gebetbuch von Geld. Sie ging hinaus aus der Kirche, in der einen Hand den Koffer, in dem die Aranka klirrte, in der anderen die Banknoten, die knirschten in der geballten Hand. Sie stieß mit der Schulter am Weihwasserkessel an; aber sie hatte sich nicht besprengt! Neu war eine schwere Sünde! Schwer war die neue Sünde! Sie konnte nicht wieder gutmachen, nicht mehr zurück, die versäumte neue Weihwassertaufe nie mehr nachholen. Nicht gebadet hatte sie das schmutzige, sündig erworbene Geld, es nicht geheiligt, nicht der Kirche verehrt. So mußte sie in das andere Haus. Das Böse lag in der Luft, sie wußte, überall war es da; nur nicht anstreifen wollte sie; wenn das Böse schon vorausbestellt war, wenn es lagerte in Michaleks Haus, aufgespeichert in Mizzi, dann wollte sie es nicht übernehmen ... dreimal strich sie scheu, auf den Fußspitzen, schwankend, mühsam den Koffer auf der Erde schleppend, rings um das Haus 37; stumm lag es da im Morgenlicht, duftend nach feuchtem Moos, herbem Morgengeruch. Noch wich sie aus, ging zur Ölfabrik; hinter den eng vergitterten Fenstern sah sie die Leinsamenpresse, weiß verschimmelt waren schmale Furchen in schwerem, flachem, breit verschmiertem Öl, starke Kolben, im Begriff, mitten hineinzufahren, aber noch wartend, starrend in Drohung, hoch emporgehoben eine Sekunde vor dem Einsausen, machten sie taumeln. Jetzt, jetzt hatte der Traum in ihr eingeschlagen, nun war alles vorbei, zu Michalek mußte sie hin, ausweichen mußte ihr das andere, sie selbst konnte sich nicht mehr zurückhalten, sie stieß dumpf schreiend die Tür auf, tief atmete sie (lächelnd, verstummend, beseligt) den Geruch des Salons, alter heimatlicher Sultanzigaretten, süßbitterlicher Pomade, Rauch von Knasterpfeifen, Staub nie geklopfter Teppiche, alles, alles lebte noch in Herrlichkeit: Da war das Zurück, da war das Zuhause, da war die ruhige, sanfte, gewärmte, benedeite, gesegnete Kirche! Sie wußte es, sie fühlte es, es warf sich empor in ihr, aber nicht mit Schmerzen, nicht mit Beben, nicht mit Schrecken, nicht in bösen Träumen, nein, in Wirklichkeit, in Lust, mit Freuden, in tausend Herrlichkeit: Franz war da! Viertes Kapitel Michalek war allein. Feist, gelb von dickem Fett, stierte er, schlaff und gebläht stieß er aus seinem leeren Zigarettenpfeifchen leere Luft von sich. Behäbig hing ihm sein gewelltes Kinn über den breiten Ausschnitt des Halskragens. Im langen Salonrock saß er da: der endlich zur Ruhe gesetzte Bürger. Er glotzte Olga an mit milchweißem Blick, blies nur leeren Atem statt der Worte zu ihr hin, und wie er mit dem Finger hin und herbohrte in der Höhlung des Suppenlöffels vor ihm, wie er mit Mühe die wulstigen fahlen Lippen bewegte, schien er Olga nur ein Hohn, ein Frost, der ihr das gute Wort in der Kehle erwürgte, ein Judas, die Hölle auf Erden. Ihr wogte nicht mehr der Mund in süßen Wellen, auch sie mußte schweigen, war verstummt, verödet, verdorrt, Olga, an der Schwelle des geliebten, nievergessenen Hauses ein vergessener Gast. Er schwieg, machte stumm mit dem Kopfe, dem breiten Oberkörper Soldatengebärde und »Habt Acht!« Die sprechenden Augen wälzte er ihr entgegen, gebannt in die Falten des speckigen Salonrockes, in Doktor Kühns schlottrige, eiskalte Gewandung. Noch immer sprach er nicht. »Ich, Olga!« sagte sie, »ich, Olga« hörte sie. Sie hörte! Jetzt hörte sie wieder, eigenes gesundetes Wort. Jetzt war ihr die Zunge nicht mehr versperrt, das gute Wort nicht mehr in der Kehle erwürgt, das Ohr nicht mehr mit Taubheit betäubt. Alles war im Auflösen, in der Heilung, am guten Weg! »Du armer Franz! Franz, steh auf! Franz, kannst du nicht aufstehen?« Hoch trillerte ihre Stimme, sonst heiser rollend durch tiefe Jahre in der armen begrabenen Brust. »Oder willst du nicht kommen? Erkennst du mich nicht? Ich bin es, Olga, ich bin es, Olympia!« »Aber natürlich! Olga, Olympia, immer die gleiche, ewig jung, immer schön! Das ist eine Freude! Gleich stehe ich auf, nur morgens wird es mir etwas schwer, das erste Mal! Aber dir zu Ehren! Gegen dich ist der alte Franz nur ein Krüppel! Denn wie eine Prinzessin kommst du gegangen, wie eine Praterfee, in Toiletten für hundert und mehr. Kommst du mich mahnen? Aber gegen dich bin ich doch nur ein Pfründner, ein armer!« »Franz!« »Nur leise, nur leise, mein Herz! Wir denken schon an dein Geld, alles wird gezahlt, nur nicht heute. Wir sprechen gleich darüber, aber nur leise, denn die Mizzi schläft noch.« »Die Mizzi?« Heiser rollte das Wort, der gehaßte Klang. »Aber natürlich, unsere Mizzi ist jetzt das liebe Mutterl hier, überall steht sie, alles sieht sie, aber sie geht auch mit den Herren. Lache nur, lache nur leise, damit sie nicht aufwacht, denn jetzt schläft sie, im grünen Kabinett, dem Fünfer-Kabinett, dort habe ich ihr die schönste Steppdecke gegeben. Du mußt warten, bis sie aufwacht!« »Und wenn sie nicht aufwacht? Das ist kein Mädel, das ist ein blonder Satan, ein giftmischerischer!« »Das ist kein Satan, das darfst du nicht sagen! Das ist ein feines Mädchen, alles ist jetzt in ihrer Hand! Wenn die nicht will, bekommst du nichts, keinen Kreuzer Geld. Sie lacht nur und du kannst weinen!« »Und wenn ich sie erschlag?« »Da muß aber ich selbst lachen, sei nicht bös, immer die gleiche, ich sage es immer, immer hast du noch Lust zum Erschlagen. Sei ruhig, wir wissen alle Schulden und wir zahlen alle Schulden, wem immer, ganz gleich! Alles wird gezahlt! Und wer verdient das Geld? Wer plagt sich für dich? Sie allein hat alles hier hergerichtet, wenn die Mizzi nicht wäre, dann fällt alles in Konkurs, alles wird versteigert. Statt dessen hat sie die Taxe in die Höhe gesetzt, jetzt kommen sie, die Gäste, von weither zu uns. Jetzt ist ihr Haus das feinste Haus im Land, früher habe ich draufzahlen müssen, bei jeder Bierrechnung, bei jedem Gast ist mir ein Gulden aus der Tasche geronnen, aber jetzt, da weiß ich, was ich wert bin. Recht hast du, setze dich zu mir an den Tisch, wer wird denn auch an der Tür stehen, nein, aber warum auf die Erde?« Sie ließ sich fallen, wie gestern, im himmlischen Augenblick. Ihre kleinen Füße stemmten sich gegen den Koffer, in dem die Flaschen leise klirrten. Aufrauschend breiteten sich ihre seidenen Röcke um ihre volle Gestalt, die bebend sich an die schweren, ehernen, kalten, totenstarren Säulen seiner Beine lehnte. »Ja, laß dir nur erzählen, Olga! Ja, jetzt kannst du dich auf die Erde setzen, jetzt kann man essen von der Erde, aber früher, da hättest du die Wirtschaft sehen sollen. Alles haben die Fräuleins dem armen Michalek ruiniert. In der Nacht waren sie zu faul zum Aufstehen, und auch am hellichten Tag, da haben sie ganz ohne Scham und Sitte, haben sie es in die Ecken hingemacht, Kleines und Großes. Die Gendarmen, unsere beste Kundschaft fürs Bier, kommen am Morgen. »Was ist denn das,« schreien sie, »o Michalek, die Lache hier, der Haufen dort, hast du denn Katzen hier, das riecht uns zu entsetzlich!« Ja, komm du zwischen meine Knie mit deinem schönen warmen Köpfchen! Oft war ich in Verzweiflung. Das sind schöne schwarze Haare, die bleichen nicht mehr. Heiß sind sie, wie wenn die liebe Sonne draufgeschienen hätte. Wenn ich nur wenigstens die Olga wieder da hätte, habe ich gedacht, ich hab dich immer vor mir gesehen im roten, japanischen Kleid. Jetzt hat es die Mizzi. Ja Olga, mit offenen Ärmeln und mit deiner Haut, bei dir ist alles wie Seide und Atlas, das knistert unter den Fingern, den ganzen Tag könnte ich dich so streicheln! Und das gute Herz! Keine andere hat sich an mich erinnert und mir Geld geschickt und Brief und andere seine Sachen!« Sie stieß, stumm wippend, mit der Fußspitze an den Koffer, damit die Flaschen klirrten. »Deshalb hat es sich dir auch belohnt, du bist jung und schön! Und diese volle Brust, alles wie am ersten Tag. Hör nur, mein Schatz, wie still es ist. Alle schlafen. Aber früher, da war ein Lärmen schon am heiligen Morgen, ein Jagen und Treiben und Hetzen, dafür abends, da waren die Mädchen nicht zu erwecken, o so fad, aber jetzt hat man sie abgerichtet, wie die Rekruten. Und deine Augen! Feuer und Flammen, das muß man fürchten, das muß man lieben! ... Ja die Mädchen, die Mizzi hat sie in der Hand, sie gehorchen wie Rekruten. Aber früher unter meinem Regiment, da nehmen die Kinder ein paar Herren herauf auf die Zimmer, und wie die sich rühren wollen, fangen die Mädchen an zu winseln wie junge Hundel, das hat den Herren freilich wenig gemacht, nur ein Spaß mehr, aber dann laufen sie ihnen halbnackt davon, sperren die Herren Gäste in die Zimmer ein und rennen mit Geschrei und Gejauchz mitten durch die Stadt, zur Musik auf den Tanzboden, und dort vor der Tür, da springt die Erna der Milada auf den Buckel und schon, die Schenkel auseinander, mitten in die Tanzerei hinein, bis auf das Podium springen sie, und stampfen und hopsen, denn tanzen können sie nicht unter dem Riesengewicht, schreien und toben wie Tolle, wollen den Veteranen die Flöten wegziehen vom Mund und selber posaunen, die alten Veteranen lachen, das war einmal ein neuer Witz, aber hier, jetzt denk nur, die armen Herren, die schreien und schimpfen, an den Türen bollern sie und spucken herunter aus den Fenstern und werfen das Geschirr auf die Straße, und ich höre nichts, ich weiß nichts, ich schlaf seelenruhig, denn das Bier war damals so stark, von dem amerikanischen Hopfen, heißt es, die Gendarmen kommen, mit einem Wort, das war mein letztes Bier und mein letzter Rausch. Denn das war der Mizzi das erste, mir das Bier wegnehmen, und ich mag auch nichts Geistiges mehr, seit der Zeit.« Olga zog leise das Köfferchen in der Zange ihrer Füße heran zu sich. Nun knisterte es, geborgen im dunkelroten Seidenschoß. Sie öffnete das klapprige Schloß. Aus den weißen Spitzen und raschelnden Atlasrüschen funkelte goldig der Schnaps, glucksend in drei großen Flaschen. »Olga, das riecht hier so eigen, ich weiß nicht, wie von Obst, von feinem, von gegorenem ... Aber gleich, die Mizzi war mir der Segen. Wie sie unter den Mädchen ausgemistet hat, das war ich selbst, das war mein System. Die stramme Hand vor allem auf die Leontine mit dem schiefen Lockenkopf, die Locken hat sie geschüttelt und gerauft, aber weg mußte sie, auf und davon. Und mit unserem letzten Geld hat Mizzi sich selbst ein wenig ausstaffiert, ein bißchen Batist und ein extrastarkes Parfüm und vor allem, keinen Tropfen mehr für mich, alles Geld ihr in die Hand, nicht einen Teller Suppe bekomme ich morgen ohne sie. Und wie Du küssen kannst! Mit den Zähnen, den kleinen! Jetzt hast du sie mir eingedrückt in die Hand. Alle hast du noch; eine Perle neben der anderen, so weiß! Aber die Mizzi, aus dem Kaffeehaus bringt sie die neue Ordnung, die Mädchen hat sie sich numeriert, ganz gleich, ob jung oder alt, ob schön oder zuwider, alles hat sie ihnen numeriert, Hemderl, Höschen, Eßgeschirr, Taschentuch, und jeder Bissen und jede Zigarette, alles ins Buch. Wenn etwas zerrissen war oder verloren, alles ins Buch. Jetzt war Buchhaltung in allem, deshalb war sogleich Geld da. Jeder gleich, ich wie die anderen, jede Flasche Bier, aufgeschrieben. Jedes Gläschen Schnaps, gezählt. Jede Zigarette, versperrt. So muß ich reich werden. Ein ordentlicher Mensch. Ein Steuerzahler und Gemeinderat.« Olga hatte den Stöpsel einer Flasche geöffnet, schwer und schön schwelte der Duft des Schnapses wie eine Weihrauchwolke hervor, Pflaumen, Ingwer, Zucker und Orangen, in Weingeist von der feinsten Mischung. »Aber das ist ein Wunderparfüm, das du hast!« Olga, hingelehnt, unbeweglich an Michaleks schweren, unbeweglichen Knien, den Geschmack seiner Hand an den Lippen, lauschte dem Klang seiner Stimme, der unvergessenen im unvergessenen Haus. Leise klingelten ihr im Schoße die Flaschen aus der Tiefe des Koffers, silbernen Ton wie Altarglöckchen. Von Olgas atmendem Leib erschüttert, von ihrem Beben durchwogt, sprühte ein Tropfen nach dem anderen, ein goldener Funken aus der hoch gefüllten Flasche. »Aranka! Das muß Aranka sein! Und du hast den Stöpsel offen, du verschüttest einen solchen Schnaps! Nein, Aranka, ist denn das möglich?« Selig erglänzten seine weißen Augen. Zum erstenmal erhob er sich, vom Dufte verführt, er stand schwerfällig da, wankte vor. Wie wenn Blei ihn niederbeugte, so senkte sich sein schwerer Leib nieder über Olgas Schoß, in dem die Flaschen glosten, gelb, gebettet in rote Seide und weiße Spitzen. »Aranka! Du solltest Aranka heißen, nicht Olga! Aranka!« flüsterte er bezaubert, berückt. Mit stampfenden Schritten ging er zum Schrank, holte Schnapsgläser. »Und du? Heißt du Mizzi?« flüsterte sie. Er hielt ihr den Mund zu. In Zauberschlägen schlug ihr Herz. Das war seine Hand, die glatte, große, tausendfingrige Hand des himmlischen Traumes. Olga zitterte Franz entgegen, wie sie die kleinen Gläser wegriß, die große Suppenschale ihm zu füllen: »Die sind für die Gäste, aber der Herr trinkt so.« »Trinken, ja! Aber nicht allein! Nicht allein lieben, nicht allein trinken!« Erglühend in der Vorfreude des wunderbaren Schnapses tauchte er den Suppenlöffel in die Schale und führte ihn Olga zum Munde. Wild zitterte seine Hand, das Metall kitzelte Olgas Lippen. Sie erbleichte, starrte in Wollust, in Wut. »Und jetzt ich! Und jetzt ich! Ah! Ach!« Er trank in langen Zügen, bebend schwang auf knarrendem Stuhl sein gewaltiger Körper, erschütterte das Weib in die innersten Fasern, den Tisch bis ins Vibrieren der Gläser. »Aber jetzt genug! Nicht einen Tropfen mehr! Was wird die Mizzi sagen?« Sie sprach leise zu ihm, in seinem Schatten gedeckt. Mit der Flache ihrer kleinen Hand verschloß sie die breite Öffnung der Flasche. Was Mizzi! Olga ist da, Aranka ist da! Aranka!« »Jagst du die Mizzi fort?« »Fortjagen? Wozu? Eine Haushälterin wie die? Für das Geschäft die Mizzi. Für die Liebe die Olga. Gib weg die Hand, ich bitte dich, gönnst du mir nicht einen feinen Tropfen, einen guten Tag?« »Ich?« schrie Olga und schüttete die Suppenschale voll, »ich! Einen? Zwei mal zwei ist Zwei! Die Mizzi gönnt es dir nicht. Laß sie ja nicht fort von dir! Du darfst gar nicht allein leben ohne deine Herzensflamme! Die wärmt dich! Die tut dir gut! Die liebt dich! Die macht dich jung! Die macht dich gesund! Oder nicht?« »Oder nicht?« fragte Franz und flößte Olga einen neuen Löffel Schnaps ein. Starr sahen seine Augen sie an, die weißen, die zittrigen im fahlen, fetten, unbewegten Gesicht. »Oder nicht?« flüsterte Olga von neuem, in Strömen drängten sich die Worte aus ihr, im Schwall, wie die Gebete einst, Träumen gleich und guten Gesichten, »oder nicht? Bist du nicht abgemagert und abgezehrt wie eine kranke Katze, eine arme? Oder nicht? Du bist nicht halb schon vorbei und vorüber? O, dann kommst du sicher in den Gemeinderat, in den großen, beim lieben Gott, du wirst keine Steuer zahlen, aber sie wird sie zahlen, für dein Grab, für deinen Platz. Aber jetzt schon, wie einen Toten steckt sie dich in das lange Gewand! Oder nicht? Kannst nicht gehen, trittst dir selbst auf die Füße, oder nicht? wenn du gehst. Aber du gehst ja schon lange nicht mehr, nicht einmal zur Tür trägt es dich, nicht zu mir! Aber die anderen werden dich schon tragen, wenn du erst tot bist! Noch hast du das Herz warm, aber wenn es zum Herzen steigt, dann ist es geschehen. Nicht stehen, Franz, nicht gehen, nicht sprechen, nicht lieben, was hat sie aus dir gemacht, dein Mutterl? Oder nicht? Nicht trinken, nicht lieben? Nein, oder bist du noch, was du warst, bei mir? Halte dich! Halte dich!« Sanft nur rührte sie ihn an, stieß ihn gelinde gegen die breite Brust, schon schwankte er, »Halte dich!«, ein stürzender, sinkender, brechender, vergehender Koloß. »O nein, ich halte dich! Ich helfe dir. Ich weiß deine Krankheit, ich weiß das Warum! « In dem Rollen des Warum! wurde ihre Stimme wieder heiser, dumpf dröhnte sie hin. »Die Mizzi ist das Warum, der blonde Satan, das ist deine Krankheit, da in der Suppenschale, da ist dein Warum. Denn dein Haus ist ihr Haus, sie erbt von dir, das ist das Warum. In den Kaffee schüttet sie es dir, jeden Tag bekommst du dein Tröpfchen Gift! Hat sie denn nicht auch mich vergiftet, damals im Kaffeehaus, wo ich mit dir war? Ich komme in das Bad ... ich komme in das Bad, noch ein Glas, mein Franzl, du, drei mal eins ist drei, drei ist heilig, da trink, trink dich nur los von ihr!« »Ich küsse dir die Hand!« »O nein, die Hand! O ja, den Mund! Küsse mich und liebe mich! Das Trinken ist gut, das löst die schlechten Säfte, die verstockten, das verdorbene Blut! Jetzt bin ich stark, jetzt bin ich gesund, aber damals in dem Bad, wie war in mir alles voll Wut, alles voll Grauen. Ich war sehr krank! Der Doktor war außer sich, Sie haben das schärfste Gift in sich, wie kommen Sie dazu? Da hab ich es ihm gesagt. Von ihr. Ja, das allein kann es sein, denn sie hat sich immer in mich hineingeträumt! Und im Traum hat sie mich gemartert. Zerstampfen hat sie mich wollen in einem Kupfermörser und ertränken in dem schwarzen Moor. Hundert Zentner Graberde mir auf die Brust. Aber dann, das Träumen von dir, das war mein Gegengift! Mit dir sein, das ist gut. O nein, die Hand, o ja, den Mund, o gut!« »O gleich, bald, nur nicht jetzt! Wenn sie uns sieht!« flüsterte er scheu. »Bleib du da! Aber du bleibst ja da. Du darfst nicht leiden, daß sie mir etwas tut. Sie darf es nicht sehen, aber dann schüttest du die Suppe fort, die ist gefährlich, davor graut es mir immer, aber Aranka gibst du mir, Morgen, Mittag und Abend, das ist mein Gegengift. Der ist klar wie Wasser, nichts Böses geht hinein. Aranka ist süß wie Honig, der ist gesund und gibt Kraft! Du bleibst bei mir, Olga, ich bitte dich zu sehr! Du mußt auch die Mizzi bitten, sie muß dich hierlassen. Sie wird dir auch ein Numero geben, denn Ordnung muß sein. Tu es mir zuliebe. Noch ein Glas? Noch einmal Aranka?« »Noch einmal? Noch einmal und tausend! Tausend Freuden! Das ist das richtige Einmaleins. Trink dich heraus aus ihr. Tausendmal tausend, das bin ich! Olga! Ich!« Sie umfaßte mit ihrem schlanken Arm seinen starren, schweren, fleischgepanzerten Leib, sie hielt ihm die übervolle Schale hin mit dem anderen Arm, der aufrauschend aus der Seide, strahlend wie Milch, in der Sonne sich erhob zu ihm. »So bleib, Olga! Jetzt darfst du mich nicht mehr verlassen! Denn ich habe so Angst vor ihr, und Furcht und Beben vor Schmerzen. Die Schmerzen, das ist Gottes Strafe! Drück mich nur fest mit deinem weichen Arm und höre zu, du darfst mich nicht verlassen, mein herzallerliebster Schatz! Horche, was ich dir sagen werde. Niemandem verrat ich es, nur dir! Denn ich liebe dich! Deshalb darfst du ihr ja nichts erzählen. Sag' ihr, wenn sie die Flasche sieht, du hast alles getrunken, du allein. Denn ich liebe dich gar zu sehr, ja? Deshalb mußt du wissen, wie es war!« Er stand auf, schwankte auf knarrenden Sohlen, mühsam ließ ersieh neben Olga auf die Knie nieder, ihr gegenüber hob er die Hände zum Schwur. »In die heilige Kirche hat die Mizzi mich mitgenommen, den neuen langen Rock hat sie eigens gekauft und weiße Handschuhe hat sie mir gekauft und schwören hat sie mich lassen: Nie werde ich wieder einen Tropfen trinken! Und ein Gebetbuch hat sie mir gekauft beim Trödlerjuden, mit besonderen, großen Buchstaben, ein anderes habe ich schon nicht mehr lesen können, denn die Augen waren ganz verdorben, vom Schnapstrinken ganz ausgelöscht und verdunkelt. Aber die großen Buchstaben, die habe ich verstanden, da hat sie mich schnell beten gelehrt, und von demselben Tag angefangen hat sie ein neues Leben angefangen mit mir und den neuen Mädchen. Nur die Kathinka hat sie von den alten dagelassen, zum Aushelfen in der Küche und so. Aber jetzt ...« »Aber jetzt?« fragte Olga lauernd, vergiftet von Mizzis Namen, der ihm von den fahlen Lippen zischte. »Und was jetzt?« Sie lachte, hielt ihr vom Lachen verzerrtes Gesicht neben das seine. Noch kniete er, schwankte. Die Zigarette, die Olga im Munde hatte, zielte nach seinem rechten Auge, das weit aufgerissen war und blind. Blind hielt es still im Starren, zuckte nicht zurück, langsam sank er zusammen, heulte auf, in langgezogenen Tönen, ein krankes Tier. Sie nahm seinen Kopf, der ihr bleischwer schien, angefüllt von den vielen Litern Schnaps, in ihre Hände, legte ihn tief in ihren rotseidenen Schoß, drehte ihn dann, den willenlosen, zur Seite, sich entgegen, ihrem Innern so nahe, jetzt. Sie gab ihm zu trinken, steckte ihm ihre Zigarette in den Mund, ließ ihn saugen, rauchen. Ganz warm noch von der Wärme seines Mundes kam der Rauch zu ihr, in Wolken umschwebte er sie hold und süß. »Mizzi, was hab ich getan! Was hab ich verbrochen? Mein Schwur! Mein Gelübde, alles hin, alles verloren.« »Was Mizzi! Steh auf. Laß sie dir kommen! Schrei nur noch lauter nach ihr! Und willst du noch lange knien vor mir?« »Vor dir nicht, du rabiate Person mit deinem rabiaten Schnaps! Ich war gewarnt, die Mizzi hat es gesagt, ich hätte es nicht tun sollen! Und jetzt! Dafür jetzt! Die Schmerzen, die Tortur. Überall reißt es an mir, mit höllischen Zangen. Betäubt, betäubt will ich werden. Chloroform her! Ist denn gar nichts hier? So gib mir Aranka her, die Sünde bleibt sich gleich und die Schmerzen nimmt die Aranka wieder fort. Du hast ja recht, du allerliebstes Herz, da wird so wohl, so gut, so herzensselig, alles nimmt es wieder fort!« Sie legte ihm das Gefäß wieder an die Lippen, die sich röteten in blasser Glut. »Aber das ist der letzte. Der allerletzte muß es sein. Denn ich weiß es noch gut, die Mizzi hat es gesagt. Ein ordentlicher Mensch, das muß aus dir werden, und ein Millionär. Die Mädchen sind eine Goldgrube, das Haus ist ein Schatz, aber mit Olga wärst du nie zu etwas gekommen, denn die, die hat dich immer jämmerlich eingetränkt, furchtbar warst du immer besoffen!« »Kusch von der Mizzi! Kein Geschrei mehr. Sei still! Steh auf!« »Durch und durch hat dich die Olga besoffen, sagt die Mizzi,« schrie Franz, immer noch auf den Knien, »wegen der Olga bist du der arme Schacher geworden, wegen der Olga machen die Huren dir ihren stinkenden Dreck in alle Ecken, wegen der Olga tragen sie dir das Klavier, das elektrische, heraus!« Olga blickte sich um, es stand nicht mehr da. »Wegen der Olga geben sie dich als Pfründner, als arbeitsunfähigen, krätzigen Greis in die Versorgung. Aber, Olga, ich bin noch der Herr, aber Olga, ich bin noch gesund, an Gewicht hab ich zugenommen, Olga, ich vertrag auch wieder Likör, ganz ohne Schmerzen, meine tausendliebe Olga, gib mir nur eine Schale zum Guten, denn ich habe immer nur eine geliebt! Bleib bei mir, herzenstreue Olga, denn sei gut zu mir, ich war auch immer nur gut zu dir, nie habe ich etwas gesagt von den gefälschten Büchern, nie habe ich jemandem etwas verraten von gestohlenem Geld. Denn ich habe nur die eine geliebt, du weißt welche, mein ganzes langes Leben lang, deshalb gib mir noch eine Schale, ich werde es noch vertragen, denn ich habe immer auch dich ertragen, aus Liebe, Olga, aus Liebe!« Noch kniete er, hinter sich ausgebreitet die Schöße des langen Rockes. Erschüttert wurde er durch Weinen, lautlose Tränen rannen ihm in den Schnapsbecher, den er schlucksend austrank. »Franz! Gestohlenes Geld! Niemals habe ich dich bestohlen! Schulden habe ich gezahlt, Geld habe ich geschleppt, jede Woche eine Rolle mit goldenen Gulden, das war mein Sonntag! Immer habe ich dir etwas gebracht. Eine Flasche Wein für die Nacht, eine Schachtel Zigaretten für den Exerzierplatz. Deine Schulden habe ich gezahlt, den braunen Uniformmantel habe ich bestellt, und den Revolver habe ich auch beschafft. Ich hätte ein Seidenkleid gebraucht, einen Ring an den Finger, eine Kette um den Hals, aber gespart habe ich nur für dich! Und jetzt! Ich habe doch nie gestohlen!« Olga sank nieder zu seinen Füßen, berauscht durch die fünf Suppenlöffel Aranka, den Schnaps, bestimmt für ausgepichte Kehlen. Sie weinte, er weinte aus sich heraus, tiefe Rührung zerrte an ihr, ließ sie zittern, hieß sie, das Geld, den heiligsten Schatz, hervorholen, ausbreiten vor Michaleks Augen. Stumm öffnete sie ihm die Hände mit dem Geld. Statt es wie eine schwere Last nach der Kirche zu tragen, häufte sie es auf seine schwarzen, staubigen Schöße. Statt es im Weihwasser zu waschen, wusch sie es mit ihren Tränen, die ihren Augen entquollen, in Strömen sich bis zu den Brüsten zu ergießen. »Da ist das Geld, da ist das Gottesgeld! Das nennst du stehlen und die tausendmal tausend sind für dich! Ich bin keine Diebin und habe es nur gespart für dich! Ich bin keine Hure, nur einen habe ich geliebt! Da, nimm zu trinken!« sie reichte ihm eine Schale, wahrend sie mit der anderen Hand seinen weich behaarten, grauen Kopf stützte. Bis an den Lippensaum tränkte sie seinen aufgeglühten Mund. »Und so werde ich dich aufheben, so werde ich dich tragen, wenn du nicht gehen kannst!« Sie ergriff seinen ungeheuren Körper unter den Kniekehlen mit der Linken und unter dem Nacken mit der Rechten, so trug sie ihn sanft zum samtenen Sofa, in die finsterste Ecke des Raums. »So lasse ich dich nach Wien bringen, im Schlafwagen wirst du nachts schlafen über mir! Dort laß ich dich gesund machen von den teuersten Doktoren! Und wenn du gesund bist, gehst du mit mir in die Kirche. Und wenn wir erst richtig in der Kirche sind, dann heiraten wir. Wir heiraten, wir gehen zusammen, weil ich dich gar so gern küsse, weil ich dich gar so gern liebe. Franz, Franz, dich liebe ich gar zu gern! Ich könnte einen Millionär heiraten, eine goldene Seele von einem guten Menschen, aber dem speie ich auf alles. Laß mich nur weinen! Das tut gut, beinahe so wie das Küssen. Weinen und küssen kann ich nur mit dir! Du bist mein Franz, deine Olga bin ich! Jetzt träumt mir, von was kann mir träumen, träumen muß es mir, sonst wäre es kein Leben, von dem Offiziersbett träumt mir, von dem eisernen Kavalett, nur einmal hat es geknarrt, da war es das erstemal. Aber wir haben Öl genommen, vom Gewehröl, vom Revolver ... Aber das träumt mir oft, in der Kirche und am Grab. Das bist du! Du bist mein Kuß, meine Liebe bist du! Franz, nur bei dir bin ich ein Mensch! Ich bin sonst in der Hölle, glaube ich, schon jetzt und an diesem Tag und in deinem Haus! Kannst du das verstehen? Du kannst das gar nicht verstehen, aber ich bleibe doch bei dir! Ich laß mich nicht wegzerren von dir. Ich weiß ja, wer du bist, aber ich bleibe doch bei dir, immer habe ich dich da drin, das ist mein Paradies, auch an dem gleichen Tag und im gleichen Haus, bei dir! Oft bin ich im Rausch, da denke ich an dich. Und wie ich an dich denke, da hätte ich gestern ein kleines Mädchen beinahe zertrümmert, da schlägt es mich selbst auf die Knie, ach, da brennt es aus mir, lichterloh! Und gestern, in der Nacht, da hatte ich einen Bosniaken, einen schwarzen, großen, beinahe erwürgt. Ganz langsam hätte ich ihn erwürgt, weil er nur das Geld gewollt hat von mir, wie einer, den ich kenne! Ja, laß deine Mizzi nur nicht zu mir, ich bitte dich, sonst müßte ich sie erschlagen, aber die will ich gar nicht erschlagen, um keinen Preis. Das verdient sie nicht! Zertreten müßte sie werden, zertreten, die kalte Kröte am Fußboden, aber ja nicht erschlagen, zertreten, ganz zunickt. Weil du sie so sehr liebst. Aber ich lache ja nur! Was ist mir der Franz? Der letzte im Einmaleins, da der allerletzte, das da, das da, Franz, Franz!« Sie riß mit trunkenen Händen das Gesicht des versunkenen, verstummten Mannes in die Höhe. »So etwas lieben! O nein, du bist keine Liebe, Franz! Du bist ja der Judas an dem heiligen Tisch! Du bist der dreizehnte Apostel! So etwas lieben? Du bist ja der leibhaftige Böse in militärischer Gestalt! Deine Gedanken sind Revolver und Pferde und Krieg, für Ordnung hast du Gedanken und Geld! Deshalb gehörst du zu deiner Mizzi, weil du sie gar so sehr liebst. Das ist Fleisch von deinem Fleisch, Geld von deinem Geld und Fluch von deinem Fluche! Beide habt ihr mich vergiftet! Gott weiß es! Die Kirche, wo ihr betet, die müßt sogleich neu ausgeweißigt werden! Das Kreuz, wobei sie dich schwören läßt ihren Hölleneid, das müßte euch verbrennen, mitten in eurer Hand, langsam, damit es euch nur recht martert, weil ihr beide mich martert! Du bist eine Strafe Gottes ! Deshalb kann ich in eurer Kirche nicht beten! Die Kirche ist verwunschen, die ganze Kirche stinkt, und weißt du auch, wie, weißt du auch, wie, weißt du auch?« Mit jeder Wiederholung der Worte beugte sie sich tiefer herab zu ihm, der kniend zu schlafen schien zu ihren Füßen. »Weißt du auch, wie? Wie dein Mund duftet, der holdselige! Wie deine Zunge duftet, die verwunschene und dein ganzes Gesicht. Deshalb graut es mir nicht vor dir, und ich muß dich küssen, weil du mich nicht küssest! Und tut das gut! Wie Feuer tut das gut! Wie Schmerzen tut das gut, nein, wie lauter Herrlichkeit! So sehr! So gut! Und noch küssen und noch und noch und lange noch!« Leiser wurde ihre Stimme, verschleiert der Blick. »Ja, und noch küssen, einmal noch, zweimal ... bis ich nicht mehr kann, du kannst ja schon lange nicht mehr...« Sie ließ sich fallen, rauschte auf dem Boden zusammen. Die Beine rings um sich geschlungen, süß berührte sich Glied mit Glied, nackt und glatt unter der Seide. Und aus den Falten, tief herum gewellt, leuchtete Olympias weißes Gesicht empor, die niedrige, elfenbeinerne Stirn, die schwarzen Augen, ruhig glühend über dem tiefroten Mund, der in der Spannung der Sekunde, angespannt wie ein Herz in höchster, flammenloser Glut, zitterte in seinen Fasern. Verstummend, lächelnd, beruhigt, eng legte sie ihre Stirn an seine Stirn. Ihr Haar, schwarz und knisternd über ihren sinkenden Augen, verfing sich in seinem Haar, dem bestaubten, ergrauten, über seinem weißen, nie geschlossenen Blick. Wärme tastete zwischen beiden. Lange lagerten sie so. Ruhende Seelen. Aus Olga kam es, entfaltet, der zweite Mensch, die unvergeßliche Stunde: Jetzt kommt es, das Geheimnis! Weißt du es? Heute ist kein gewöhnlicher Tag! In der Kirche singen sie von ihr. Weinen und küssen kann sie nur mit dir. Gespielt hat er oft und oft und selig mit ihr. Auf dem Rücken liegt sie wie ein toter Engel und er über ihr. So singen sie in der Kirche von dir! Franz, was wird aus mir? Franz, barmherziger Heiland! Franz, warmherziger ... Die toten Pferde haben gestern auf Olga getreten. Aber jetzt bist du bei mir. Der gute Franz, der hat gebeten. Der liebe Franz... Jetzt bei mir... Oh, gut! Oh, gut...« Jetzt erwachte sie, fühlte auf dem gekrümmten Nacken kalte Luft. Die Tür öffnete sich, Mizzi trat ein. Fünftes Kapitel Aus den Falten von Olgas japanischem Seidenkleid starrte Mizzis gräuliches Gesicht, spiegelnd in dick verschmierter Pomade. Mizzi stand ganz still, bloß die Augen wanderten, schielten, leuchteten tückisch im Anblick des knienden Michalek, der wutzitternden Olga, die von holdem, erst halb zu Ende geträumten Traum weggerissen, ihr Geld wieder versteckte in der zornig gekrümmten Hand. Zerstört war Mizzis Gesicht, zu einem kleinen Sattel war die Nase zerfressen. »Franz!« schrie Mizzi. »Jetzt hab' ich aber genug vom Schreien,« sagte Franz. »Halt's Maul, Mizzi, oder ...« »Oder?« »Frieden will ich hier! Verstanden? Meine Ruhe will ich haben in meinem Haus! Das Vieh laßt man saufen, wann's Durst hat, und mich nicht? Marsch hinauf, Olga, für heute gehst noch zu den andern Mädeln, morgen bekommst du das Fünferkabinett. Aber pass' auf: 25 Kronen ist zu zahlen für die Nacht... 25 Kronen wirst du zahlen. Willst? Ja? Dann ist es recht! Und jetzt gebt euch einen Kuß, einen echten Herzenskuß!« »Da hast du deinen Kuß!« schrie Mizzi, schwang die große Schnapsflasche, daß der Schnaps, starken Duft verbreitend, durchs Zimmer spritzte, dann hieb sie sie gegen den Tisch. Krachend zersprang das Glas. »Da hast du deinen Herzenskuß,« schrie sie, und wollte die zweite Flasche an sich reißen, doch schon hatte Olga sie ergriffen, war lachend zur Tür geglitten. Tränen rannen eilig an Mizzis geöltem Gesicht herab. Michalek, des Schnapses beraubt, starrte traurig. Mizzi flüsterte sich heran zu ihm: »Weißt auch, was du angestellt hast? Meineidig bist du, von oben bis unten meineidig!« »Ach, du glaubst ja selbst nicht dran.« »Ich glaube nicht dran? So eine Sünde, so eine Schande, besoffen warst du. Und ich glaub nicht dran? Wart' nur, bis du deine elektrischen Anfälle bekommst, dann wirst ja sehen! ... Und alles wegen der Olga ... aber sie soll dich auch pflegen, wenn du dich windest vor Schmerzen, jetzt erst werden sie kommen, doppelt und dreifach, denn jetzt hat der liebe Gott keine Gnade mit dir, denn du bist meineidig ...« »Ich geh' in die Kirche ...« »Und der liebe Gott soll dir wieder glauben, der soll dir wieder verzeihen? ... Ja, das paßt dir! Was? Hier hast dein Herzensmensch im Zimmer, die verworfene Person, die abgestrafte, mit ihrem Sündengeld und dort soll dir der Herrgott glauben? Wenn du es wenigstens zeigen würdest ... wenn du ihr das Sündengeld wieder abnehmen würdest ... Was könnten da Messen gelesen werden ... immerwährende ... wie würde sich der geistliche Herr freuen über dich! Hast du denn nur gesehen, das viele Geld! Hunderttausende oder mehr ... Wenn auch ein paar fehlen, sie merkt es selbst nicht, das zornwütige Mensch ... dir wär' geholfen, deine Sünde verziehen ... Sie hat dich besoffen gemacht, geschieht ihr nur recht, wenn man ihr das Geld fortnimmt, zum guten Zweck... Es könnt' ja ein klein wenig auch für sie gebetet werden, im schlimmsten Fall... Und der Spaß! Das wär' doch eine Hetz', wenn man ihr's so unter der Hand abluchsen könnt', denkst du nicht? Weißt, ich hätt' schon eine Idee... Aber heute noch müßt es sein, weißt, verstehst, denn später im Fünferkabinett ...« Lange noch flüsterte sie, Franz, plötzlich ernüchtert, starrte sie an, horchte hoch auf, lauschte, hielt seine blauen, zittrigen Säuferhände wie zwei Mauern neben ihren Mund. Sechstes Kapitel Olga schlief im Mädchengelaß. Lange hörte sie, halb eingeträumt, die andern Mädchen flüstern, lachen, mit den Gabeln klirren. Schon wollte sie in Schlaf versinken, da knirschte jemand in Wut mit den Zähnen: erschreckt blickte sie auf, aber nicht Mizzi war es, sondern die alte Kathinka, die zwischen ihren eisernen Zähnen Kümmelkörner des Schweinebratens zermalmte und gutmütig lächelnd mit ihrem großen, blatternarbigen Gesicht herabsah auf Olga. Olga, gesättigt und ruhend am Fuß des Traumberges, träumte sich ein in die seidne Steppdecke des grünen Kabinetts, knirschend in wollüstiger Wärme, von roter Laterne ferneher besonnt. Jemand rüttelte sie auf: Michalek war es, frisch, verjüngt, wiederbelebt durch den guten Schnaps. Seine Augen waren jetzt erst die guten alten wilden Augen des Michalek aus der Soldatenzeit, des Franz von einst. »Ausgeschlafen, kleine Katz? Kommst du zu mir? Wir müssen noch trinken. Das Lumpenzeug lasse da liegen. Was soll das bei der Liebe... so bist du am schönsten, Olga, voller Pracht wie am ersten Tag!« Im Hemd, mit bloßen, milchweißen Füßen, trat Olga auf die Treppe. Die Mädchen schliefen, stets schliefen die Mädchen bei Regen wie tot, Kathinka, die blatternarbige, ruhte eingehüllt in die rote Bettdecke, begraben im Schlummer, umwölkt von schwerem Dunst. Draußen prasselte der Regen, der machte die Mädchen so starr, streichelte sie ein in Schlaf. Von der Küche kam der warme Dunst des Abendessens, er blähte, von der Tiefe emporhauchend, die feine Kräuselspitze des Hemdes, umknisterte Olgas Knie sehr süß. Franz ging voran, er schwankte leicht, sie stützte ihn, sie hielt seinen eisernen Rücken, der in gewaltigen Muskeln schwellte, wie aus Erz geschmiedet war, aber auch heiß hauchte wie Erz; seines Körpers Wärme legte sich ihr wie fressendes Feuer ins Mut. Sie konnte nicht mehr. Sie ließ ihn los. »Warum stößt du mich denn?« knurrte er böse. Olga blieb stehen, allzusehr gepeinigt vom fressenden Feuer, vom fressenden Ton in Michaleks heiserer Kehle. Er ging hinab: sie stand, sie starrte ihm nach, sie atmete ihn ein: bis in die letzten Adern strotzend, schwer strömte ihr Blut. Aufzitternd in der geahnten Berührung, atmete sie auf vom Grunde ihres Lebens: die vollen Lippen im Beben; ihr Herz in stärksten Schlagen gegen die erkaltete Brust, gegen die niedersinkenden Blüten, still im ruhenden Hause. Da löste sich alles stumm in zauberhafter Süßigkeit von innenher. Sie betrat den grünen, verzauberten Raum. In den Händen schleppte sie das gute Getränk, die zwei Flaschen Aranka. »Zwei nur?« murrte er böse. »Du!« Lang atmete sie das Wort hin, der warme Hauch floß ihr über die nackte Brust. Sie glitzerte mit ihren weißen Zähnen, blinkte licht im Smaragdglanz des Zimmers. »Du«, sagte Olga dumpf. Kaum mehr öffnete sich ihr Mund, von innenher zusammengepreßt, von innenher mit süßem Speichel gefüllt, gestreichelt mit zauberhaft wallender Liebkosung. Sie stieß ihn, dumpf noch ihr Du brüllend, von sich, nicht mehr Mensch, noch nicht der tierverwunschene, tierverwandelte Dämon. Aber ungebändigt, mit der muskelstärksten Kraft der ungebändigten Bestie, warf sie sich gegen ihn, sie zitterte nicht in einer Faser des Körpers, des gluterfüllten. Er aber wankte, von trügerischer Kraft getragen, tückisch und traurig, mitleiderweckend war sein Menschenblick, der verstümmelte Offizier, dem der Oberst mit der Schere die vier goldenen Sterne von der Uniform geschnitten. Weinend war er, zum Weibe verwundet, zurückgekehrt zu ihr, beide Hände voll Scham um den Uniformkragen geklammert, um ohne Feuer, ohne Flamme, ohne Glut, ohne Liebe sie zu lieben, nur um Mitleid zu bitten, ihre Tränen zu locken mit den seinen. Er wankte, mühsam hielt er sich am Tisch. Die Arankaflaschen klirrten, taumelnd im taumelnden Raum, stürzend in der stürzenden Zeit. Die Flaschen, die kostbaren, zu schützen, blitzten ihre Hände hin, aber ihn schlugen sie, Michaleks Fleisch. In der Wucht des Augenblicks, mit dem Zucken der Berührung, warf es sich in ihr empor, das wilde Tier. Im Dunkel des Zimmers, angepocht vom Regen, der die Scheiben prasselnd schlug, erglühten Franz und Olga. Wie zwei erhitzte Eisen schlug die gewaltige Zange sie zusammen, ließ die erste Glut frei aus ihr, der innenher zerloderten, preßte letzte Glut aus ihm, dem alterserstarrten. Die Haarnadeln riß sie fort aus ihrem Haar, wie ein stürzendes Wasser brach die Welle ihrer Haare nieder auf sie, peitschte ihr die Brust, schlug wie ein schwarzes Segel im Sturm an ihre harten Hüften, von außen wehte es sie an, mit tausend Armen umfing sie der gewaltige Mann, mitten durch die Millionen Haare drangen seine Millionen Finger, sie rissen ihr die Haut auf und herab, das letzte vom Leibe, und jetzt, er zu ihr, zu ungeheurem Schmerz schwoll es ihr, rasend zu ungeheurer Wut entfesselte es sich, sie verging ihm unter den Händen, noch stieß sie ihn von sich, wie eine Ertrinkende gerade noch atmend, gerade noch sehend, gerade noch einen Herzschlag, schluchzend mitten im süßen Gewässer, da warf er sie nieder, unter ihm entatmete sie leise, von Wellen gehoben, in ruhelosem Schweigen, im Röcheln düster flammte es empor, ihres ganzen Lebens eingepreßte Wollust, eingesogen von unzähligen Gästen, keinem vergolten. Es rollte nieder in bewußtlosem Schrei, es hauchte in sein gezogenem Flüstern, betendem Atmen, silbernem Klingen, zartem Verstummen. Sie warf sich umher, ihm zu entgehen, tiefer nur sanken sie zusammen, sie hob sich fort, sie stieg, wolkengleich getrieben schwebte sie, mit ausgebreiteten Fingern, in weißem Dunst und Dämmer gelöst, mit sternartig verzweigten Gliedern, mit Händen ohne Ende, die über seinen Leib reichten bis ans Ende des Raums, mit ihren bergehoch getürmten Brüsten, welche mit glühenden Spitzen die Fenster durchbrachen, angeprasselt vom strömenden Gewitter rührten sie bis an die Himmelsgewölbe, die eine nach oben, die andere in die Tiefe schwellend, in unermeßlicher Kugelgestalt teilten sie sich in Tag und Nacht, zwischen ihnen aber, kindlich gebettet, schmiegte er sich, der gute, geliebte, in ihren bodenlos tiefen Schoß versank er, sie barg ihn in sich, Olga, ein lebendes, schützendes Dach, hielt ihn an seinem flaumbeschneiten, grauen Haar, wenn er ihr verschwinden wollte vor ihren vergehenden Augen. Wenn sie die schweren Lider über ihren Augen hob und senkte, Stunde um Stunde, drehendes Brüstegewölbe, Trockenheit, Schwärze, Licht, prasselndes Regengedröhne, Zeit ohne Ende. Atmen, tief, schluchzen, bitten. Mit letzter Kraft warf sie den Schrei. Mit ehernem Posaunenschrei krampfte sie sich zusammen vor der Vernichtung. In wütendem Zittern entrann sie, verrann sie. Mit beiden Fäusten die Haarflut zu fassen, die mild gewellte, in Bündeln gesammelt, hinströmend ihr um die Arme, sie schwarz zu umketten. Golden schien die Gewittersonne.  .  .  .  .  Mit letzter Menschenkraft die Haare zwischen sich und ihn zu pressen, sich zu verkriechen im eigenen Gelock, dem schützenden Mantel, wie ein Tier sich zu kleiden ins eigene Fell. Aber doch hob es sie, mit jedem Herzschlag hob es sie höher über sich selbst : Unter den heiligen Sternen, im neuen Mond, in der großen Verzückung. Ferne sah sie, auf dunklem Speicher, unter regenumprasselten Balken, auf rot samtenen Banken, die Millionen Gäste gelagert, nackt, mit schwer schwellenden dunklen Gesichtern, alle grau den Kopf, weich behaart, mit Flaumfedern beschneit. Alle aus Erz, rückwärts nur eiserne Rücken, wie sie sich wanden, vorne blutige, männlich dürre Brüste, ihren milchweißen Himmelskugeln strebten sie zu, an ihren milchweißen Füßen rissen sie, zwischen ihre langrollenden schwarzen Haare retteten sie sich, von Gewittern durchnäßt, mit regenfeuchten Händen faßten sie ihr an den Nacken, sich da zu wärmen. Und dort ins Geheimnis drängten sich alle, Millionen und tausend in einem. Sie aber bäumte sich auf, ein aufgehendes Gewölbe, gegeneinander eng die milchweißen, kleinen Füße gepreßt; ein einziger weißglühender Bogen. Niedrig die Füße, wie Perlen ohne Spitze gerundet. Niedrig das Haupt, schwarzgleißend in fließenden Locken. In der Mitte die Hüften, in lichtes Silber geschmiedet, hoch entronnen ihm und den tausend gierigen Männern, sich selbst nicht mehr sichtbar, in weiter Höhe wandelnd, ein weiß silberner Menschenmond, in die letzte Höhe des heiligen Domes gepreßt. Wie sie da knieten, das kalte Pflaster des Domes zu bedecken, unter ihr, unerkennbar in zahlloser Menge, da raunte er, außenher vom Regenprasseln durchbrochen, der liebe Name der Liebe, der heilige Ruf: Franz. Das war das Geheimnis, der Abend am unvergeßlichen Tag. Schon sank sie ihm nieder. Hoch den Kopf, den rot strotzenden Mund. Hoch die Füße, in selige Milch triefend gebadet. Sie fühlte, sie war Olga, gesegnet. Sie erkannte sich selbst. Eine lebende Hülle, ein Bogen, nach innen gebäumt, tief im Kern kreiste er ihr, im Grabe lebte er ihr, in der Grube erwachte er ihr, mit liebend verkrampften Lippen saugte sie ihn zu sich, sie trank ihn mit ihrer milchweißen Kehle, die sich bäumte über ihm. Ein weites Paradies durchraste Olga, gesegnet mit rasendem Zauber, Zeiten, endlose, durchlachte sie im verwunschenen Traum. Sie lachte und schweres glattes Geld entrollte ihren streichelnden Fingerspitzen, sie lachte und Papierscheine knisterten in kaum zu fassender Fülle aus ihrem knisternden Haar, in Gold und Millionenpapieren begrub sie den geliebten Mann, der tief unter ihr rauschte, von oben beschienen von einer kleinen roten Zigarettenflamme, die ihr aus den Lippen dämmernd gleißte. Sie zog, und stärker zuckte das Zigarettenlicht, aber nur um so schwerer ging Franz unter ihr hin, vom Golde beschwert, die liebe gute nackte Haut mit den großen Banknotenscheinen bekleidet. Bläulich er selbst im blauen Schimmer der Scheine. Noch einmal klang es, aber feindlich, ein böser, schneidender Laut: Franz! Die andere Welt, die teuflische Feindin, der ewige Frost, das ewige Nein. Ihre Locken schwanden, verblaßten, ihre Haut, die schöne, fiel ab, in Fetzen gekämmt mit eisernen Kämmen. Aber noch erwachte sie nicht. Noch weilte sie in tausendfacher Berührung, aber ferne schon verschwand der Mann, schleppend im Banknotenhemde , von einer Fremden gestützt. Olga aber rettete sich zu sich selbst, in ihre eigene Wärme verkroch sie sich, schlafend in unnennbaren Gesichten. Sich selbst zugewandt, im grünen Dämmer des geliebten Raumes. Es schwanden die ungeheuren Formen der unermeßlichen Brüste. Ihre kleine mädchenhafte Hand deckte ihre kleine mädchenhafte Brust. So ruhte sie, ihre eigene Seele gerollt um sich, bis ins tiefste befriedet. Siebentes Kapitel Franz!« gellte Mizzis Stimme. An der Türklinke wurde gerüttelt, gelb zuckte sie, wild bewegt, im grünen Dämmer des Zimmers, mitten in die Liebe, mitten in den himmlischen Traum. »Olga, bleib nur, Olga, schlaf!« flüsterte Franz und breitete die Decke über sie. Aber Olga stampfte auf der Decke, die seidenknirschend unter ihren Füßen sich bäumte. Entrissen dem friedlichen Paradies, der stillenden Wärme: weiß wie weißzischendes Gluteisen schleuderte sie sich im Bogen zur Tür. »Halt!« schrie Franz. Aber schon hatte Olga die Türklinke gepackt, mit ehernem Griff das kalte Metall zu umklammern. Draußen konnte Mizzi an die Klinke sich hängen, sie beugte sich nicht. Mizzi schlich fort. Klirrend in Lachen, schwarz das Haupt behelmt vom dichten Haar, so kam Olga zurück. »Du! Wie die Tür, so packe ich dich!« Sie riß ihm die Decke weg, zwischen ihre Hände nahm sie seinen Hals, sehr lind, zu vollkommen hohlem Kreise geweitet, so umfaßte sie seine schwer schlagenden Pulse. »Sieh mich an!« sie küßte sein Gesicht, die dicken, tief herabgelassenen blauen Lider der Augen. »Augen auf! Schlaf nicht!« Mit ihren harten glutgeschwellten Mädchenlippen zog sie ihm das Augenlid in die Höhe, über die Rundung des Balles, über das kleine glatte Gewölbe schmiegte sie ihren Mund hin. Sie fühlte, wie es unter ihr sich drehte, zart bebend. »Sieh mich an! Ich bin es, Olga! Ich, Olympia! Nur ich, niemand sonst darf zu dir. Nur ich kann zu dir. Ich habe dich geliebt, ich habe dich geküßt!« Sie ließ ihn los. In düsteren Flammen glühten ihre Augen, sie schlug die Fenster zurück. Blendend krachte die erwachte Sonne nieder auf ihren nackten, glühenden Körper. Strotzend erhoben sich Hügel und Berge. Sie kniete nieder, ihr Haupt ihm auf die Brust zu legen, ihr elfenbeinernes Kinn zu stützen auf seine Herzgrube, wo vergraben unten sein Herz sich regte, Grün im Tapetenglimmer des Zimmers schillerte seine Haut, in langen Wellen gleitend unter ihrer Last. Sie hauchte ihn an, aus nächster, geliebtester Nähe, mit reinem, heißen, trockenen Atem. »Spürst du es? Weißt du es? Es brennt in mir! Das warst du! Die Mizzi muß jetzt fort, sonst wird es sie erschlagen! Da packe meine Hände, halte sie, kannst du mich fesseln?« Sie gab sie ihm hin: schwammig und locker umfaßten seine blauen Säuferhände ihre lichten Gelenke, die faltenlosen. Aber mühelos mit ganz gesättigter Kraft riß sie sie ihm auseinander, mit ganz gelösten Fingern strich sie ihm durch das Haar. »Deshalb lass' sie fort. Ich tue ihr nichts, nur soll sie fort, heute noch, bald! Franz, manchmal, da hat es mich, mich selbst könnte ich zerfleischen!« »Und was sie verdient?« »Mich zerreißt es! Mich!« »Was sie verdient?« »Was die verdient? Aber ich! Weißt du, wer ich bin? Du weißt es! Du, ein Krüppel am Morgen und jetzt! Ein kaltes Stück Eisen und jetzt? Ein kratziger Greis, ein unfähiger Pfründner und jetzt! Du, ein Richard am Morgen. Jetzt der Franz! Franz!« »Aber das Geld!« »Deine Unschuld habe ich heute herausgerissen aus dir und du fragst nach Geld?« »Wer wird 100 Kronen verdienen wie sie?« »Und ich? Millionen! Millionen habe ich gebracht!« »Wo?« »Im Kleid!« »Das hat dir geträumt! Wer läßt eine Million in den Kleidern?« »Du hast sie am Morgen gesehen!« »Nichts habe ich gesehen.« »Zwei Hände voll habe ich gebracht. Auf die Schöße vom Rock habe ich sie gebreitet!« »Kann sein. Kann sein, auch nicht. Papiere habe ich gesehen. Ob es Geld war, habe ich nicht gesehen.« »Auf!« schrie Mizzi, wieder hinter der Tür. »Wer ist bei dir? Wer wispert bei dir? Die Olga ist es! Sofort heraus mit ihr. Das war das letzte Mal. Ich schmettre sie an die Wand!« »Laß sie schreien,« sagte Franz, »sie ist leicht aufgeregt, aber das beste Herz von der Welt. Du mußt dich mit ihr vertragen. Du bist das Mädchen, sie ist die Frau. Von ihr bekommst du alles, Brot und Lohn.« »Und was bekommt sie von mir? Laß mich heraus!« »Wozu das Geschrei? Vertragen mußt du dich, sonst kannst du nicht bleiben. Menschen find wir alle!« »Heraus! Heraus!« »Heraus? Ja, aber dann aus dem Haus!« »Heraus!« »Und in dem Anzug?« Olga, von unendlicher Angst beschwert, von unendlicher Wut gebläht, riß aus dem Schrank einen langen braunen Uniformmantel. Etwas schlug ihr an die Schenkel mit Macht. Ein langes Stück Eisen. Der Revolver. »Achtung! Geladen! Weg damit! Komm zu dir! Bist du bei Verstand? Wirf ihn in die schmutzige Wäsche – und dich dazu!« »O du! Franz!« »Schon wieder ›Franz‹! Mit meinem eigenen Namen könntest du mich vergiften, wenn du ihn so rufst! Bleib oder fahr ab, nur schrei nicht! Deine Million kannst du dir auf die Reise nehmen. Such' dir sie nur, wo du sie findest. Aber in Ruhe. Daß du tollwütig bist, sieht ein jeder. Daß alles nur ein Traum ist, sagst du selbst. Entweder Ruhe oder fort! Dich selber willst du zerfleischen, wer soll dich zur Braut nehmen? Die Augen zerreißt du mir mit dem Mund, welcher Gast läßt sich das gefallen. Geh nur zu deinem Millionär! Hier ist ein ordentliches Haus!« Namenlose Angst trieb Olga fort. Sie stürmte hinaus, sah nicht, wie Mizzi, fettglänzend mit ihrem fast handflächenglatten Gesicht, in das Zimmer hineinglitt. Olga stürmte empor auf endloser Treppe. Nie war ihr die Treppe, die sie oft und oft, Jahre lang, Nacht für Nacht erklettert hatte mit den Gästen, so hoch erschienen, mit so zahllosen Stufen wie jetzt. Endlich umfing sie das Mädchengelaß, das ruhige Atmen der andern, das Schlagen des Regens gegen die Fenster. Die Sonne war versunken. Weich dämmerte es in dem großen Gemach. Die Kleider, der Koffer, alles schien unberührt vor dem Bette zu liegen. Sie bückte sich, suchte das Geld. Die Mädchen erwachten. Müde in den Augen grabend, lugten sie schief hinüber, zischelten leise. Ganz gebückt kauerte Olga. Die Knie bohrten sich ihr in die Brust. Sie riß die Augen auf, klammerte sich, von innerem, fressenden Feuer geschüttelt, an die Uniformknöpfe des militärischen Mantels, an den Revolver, dessen Form durch den Stoff plump durchzutasten war. In ihr brannte es unerträglich. Sie blickte umher, blickte auf die plötzlich gelösten Hände, in denen kein Blatt Papiergeld war, kein Blatt aus dem Gebetbuch der höllischen Litanei raschelte ihr zwischen den weißen, eiskalten Fingern. Schwäche tastete sich süß empor, ihr war, als könne sie bald, im nächsten Augenblick schon zurückversinken in die Olga des himmlischen Traums. Noch rann ihr das Haar um die Schultern. Wie ein stürzendes Wasser brach die Welle des Gelocks nieder auf die Kauernde, peitschte ihr die Brüste, schlug wie ein schwarzes Segel im Sturm an ihre harten Hüften, von außen wehte es sie an, aber nur mit eisigem, frierendem Atem, mit tausend Armen umfaßte sie der gewaltige Mann, aber nur mit Schmerzen, mitten durch die Millionen Haare drangen seine Millionen Finger, aber nur mit Weh und mit Peitschen, jede Peitsche wie ein Haar so dünn, zu unerträglichen Schmerzen. Aus den Augen rann es ihr, zwischen den Fingern tropfte es hin, das Wehwasser, auf das rotseidene Kleid im schwarzen Koffer, auf den grauen feucht eisigen Boden. Olga, in doppelter Gestalt: die gute Seele sah sie, den schwachen stillen Mann, den andern, das gute weiße Haus, das andre Haus, weit aufgetan für die geheilte, von Michalek befreite, gesunde Olga, mit dem blassen Munde redete er, nur unhörbare Worte entströmten seiner gelben, rotgestrichelten Brust, aber seine Hand, dünngliedrig und fein, faßte sie an, ganz klein schmiegte sich Olga in die tausend Fasern, vergrub sich in ihren Schutz, zart, wie Spinnweben in Strahlen gegliedert. »Aufstehen, Menscher, auf!« kreischte Mizzis zerstörte Stimme. Schon raffte sich Olga empor, von neuem durchkrampften ihre Hände die Kleider, die Schnüre des Rockes, die Halseinfassung des Leibchens, den Erdboden scharrte sie, den feuchten, mit seinen rissigen Furchen. Hilflos, verloren sah sie auf. Die Mädchen kicherten. Das Geld war verschwunden. Mit einem Sprung setzte Olga hin an das rotgedeckte Bett, das bauschig getürmte, mit ihren starken Armen riß sie Kathinka, die alte, aus ihren Kissen, schleppte sie zu dem Kleiderbündel, drückte ihr den Kopf, den sie festhielt an den kurzen Haaren, in das Gewühle hinein. Kathinka schrie, gemartert durch den bösen Griff. »Schrei nicht! Schrei nicht! Suche mein Geld! Suche das Geld!« »Lassen Sie mich los! Was habe ich getan? Laß los!« Sie wollte aufzuckend sich dem Griff mörderischer Hände entreißen, aber aus Olgas Augen schlug so Fürchterliches hervor, daß sie stumm weinend sich bückte, um das Geld zu suchen. »Olga, erkennst du mich nicht? Olga ich halte es nicht mehr aus!« »Gib das Geld zurück!« »Ich halte es nicht mehr aus!« »Mein Geld!« »Ich bin es ja nicht!« »Wer?« »Mizzi!« »Welche Mizzi?« schrie Mizzi an der Tür. » Du ! Satan, du!« heulte Olga. »Ah, eine Sängerin ist unsere Olga geworden, du singst ja wie im Theater!« Dumpf aufbrüllend warf sich Olga gegen das blonde weiche Geschöpf, aber der Revolver, schwer in der Tasche baumelnd, verfing sich zwischen ihren Beinen. Mit Macht, mit tausend Schrecklichkeit, der furchtbare Mörserschlägel der Träume, fuhr er ihr wie eine Keule in die Eingeweide. Weithin überflutet von grauenhaftem Schmerz, stürzte Olga hin in heiße Finsternis! »Aber Schatz, steh doch auf! Warum kniest du auf der Erde vor mir?« »Betest du zum Satan? Olga?« »Mein Geld, mein Geld zurück!« »Du, Geld? Woher hast du jetzt schon Geld, bevor die Gäste da sind? Mir bist du Geld schuldig, du stehst schon im Buch!« »Mein Geld! Bei der heiligen Mutter Gottes Geld!« keuchte Olga. »Es ist nicht für mich, es ist für das Heilige, es ist für die Kirche! Es ist für mich, es ist für dich, Frieden zu kaufen, beim lieben Gott, Gebete zu erflehen. In die Kirche muß der ganze Lohn, ich habe es versprochen, ich muß es halten, mich hat es verflucht. Ihn hat es verflucht, dich hat es verflucht! Das Gesicht hat es dir zerfressen, unter dem Vaselin bist du eine einzige Wunde! Gib es mir nur zurück, alles wird heilen, alles wird dir verwachsen! Gib mir das Geld!« »Aber zuerst gib du das Geld zurück! Du hast uns immerzu bestohlen, die Bücher gefälscht, den Herrn berauscht und dich vollgefressen an unsern Groschen!« »Mizzi, Satan, gib das Geld zurück! Satan, warte, es hat mich! Satan, warte nicht, sonst ist dein letzter Tag! O, Satan, wie ist mir leicht, wie ist mir gut! Jetzt reißt es in mir, jetzt wird es kommen. Satan, jetzt schlagt es dich nieder und tot!« Höhnisch lachte Mizzi. Kichernd glitt ihr in Perlen das Lachen aus den nackten Nüstern. Noch bebte Olga zurück, den Revolver zwischen den Schenkeln. Es lockte sie mit langem, süßen Ruf, endlich hatte sie Gewalt in sich, endlich hatte sie es da, in Eisen geschmiedet. Der eiserne Revolver, geladen mit Feuer, mit Zorn, endliches, endloses Loskrachen maßlos zusammengepreßter Wollust. Noch hielt sie an sich, hatte Angst vor dem Blut. Niedergedrückt von dem schweren Metall, zitterte ihr versagend die Hand. Michaleks Stimme von unten: »Irma, Hertha, Lona, Kathinka! Gäste! Herunter!« Die Mädchen verschwanden. Mizzi blieb allein an der Tür. » Barmherzigkeit ! Mein Geld!« flüsterte Olga. »Marsch, Olga geh! Hure, geh huren!« »Mein Geld!« Hoch trillerte die Stimme, frei gelöst, in Vorfreude zitternd. »Aber such' es dir, Olga! Beim Herrn hast du es vergessen. Fische es heraus! Im Nachtgeschirr wird es schwimmen. Mein letztes Wort! Herunter, Mensch! Mensch du, herunter!« Unendlich eingepreßte Wollust krachte los aus Olgas Hand. Olga wogte zurück, wurde leicht, wie spielend, wie geschaukelt von süßem Traum, von seinen Mündern überallher eingesaugt. Nackt kauerte sie, zurückgeworfen, wie zur Verführung, ihre Fersen aufgestemmt gegen ihr Fleisch, strotzend die Brüste hoch, nach rückwärts in selige Finsternis ihr Haupt. Zeit ohne Ende. Ihr Körper, weiß, unendlich im Raum. Ein leicht rosenroter Vorhang senkte sich. Sehnsüchtig nach der eben getrunkenen Wollust streckte sie sich, beugte sich vor, ein straff gespannter Bogen, drückte noch einmal los und noch ein letztes Mal. Achtes Kapitel Nur ein leises Winseln rann durch das verdunkelte Zimmer; schwer stürzte etwas, weiß flimmerte ein Tischtuch durch die Luft, die, noch von rosarotem Schleier verhangen, wonnevoll wogte vor Olgas Augen ... In Michaleks Mantel hüllte Olga sich, selig in ihrer Müdigkeit, schlang hinab den süßen Schleim. Lange noch spielte sie mit den Fingern, an denen der geriffelte Griff des Revolvers abgeprägt war, mit den Knöpfen des Mantels, schnurrte, ließ Worte abschnurren aus seelenloser Kehle ... sie durchatmete die Zeit ohne Gedanken, ohne Wissen ihrer selbst. Fortgezogen wurde von ihr dann der rote Schleier; der scharfe berauschende Duft des Pulvers verdunstete, da dämmerte der erste lichte Moment: Knistern glaubte sie zu hören, Loslösen des Strickes vom Banknotenbündel, verstecktes Lachen, höhnisches. Sie schlich hin zu Mizzi, mit eingeknickten Beinen, halb kriechend, gestützt auf die Hände; kniend sich stützend auf die harten Handwurzelknochen, das Haupt zurückgestreckt, mit halbgeschlossenen Augen, scharf saugenden Nüstern glitt sie, ein suchendes, spürendes Tier, zu Mizzi hin, Speichel rann ihr aus dem klaffenden Mund, dem in Lust erschlafften! Mizzi lag ruhig da. Die blonden Stirnlocken, in kleine Strähnchen gekittet durch die Gesichtspomade, waren goldfarben, eine Stelle bloß schwarz, emporgekräuselt, versengt. Mit zitternder Zunge summte Olga, unbewußt ihrer selbst. Mit hauchendem Tieratem blies Olga Mizzis Haar fort. Ein rundes Loch fiel nieder, karminfarben, dunkel, mitten in der hellen Stirn, trocken, wie mit der Kerze gebrannt, ganz klein. Olga: Wahnsinn in sich, in allen Gliedern; Olga: Wahnsinn gegen sich, in dem toten Weib, dem toten Mund, zerrissen durch letztes Grinsen, in den toten Augen, matt zwinkernd ... Tief keuchte Olga, auf vieren kniend, gestützt auf die Ellbogen, ganz nahe ihren Kopf, nun dem Kopf der Toten; auf vieren schwankend ... Ausgedörrt war ihr der Mund, die Flanken hart, schmerzhaft angepreßt, und schmerzhaft, grauenhaft lichtete sich der Moment: Wirklichkeit stieg wie der böseste, erstickendste Geruch auf von der Leiche Mizzis hart vor ihr! Von ihrer Stirn, ihren Händen, die, in eine Kugel gekrampft, vielleicht noch das heilige Geld (klarstes Erinnern war Geld für Olga) hielten in ihrer starren Höhlung ... Aber noch einmal wich die Wirklichkeit und dunstete fort. Die letzte Welle des Wahnsinnanfalles fiel sie an, riß den letzten Wirbel in die verstörte Seele; aber nicht mehr in die gesättigte, sondern in die hungrige Bestie wirbelte sie der Moment, mit böser Macht führte er ihr die Hand: wie einst hinzufühlen an Iboyas impfzernarbten, schmalen Arm, aus der ruhigen Welt Richards auszuschlagen in die Welt der tierischen Dämonen: so riß es sie jetzt, lockte sie, versprach ihr Lachen und Sättigung und süß pochende Lust: Einmal, nur einmal, ein Fingerchen, das kleine Fingerchen nur an die Stirn der Toten zu legen, und es dann mitten hineinzubohren in das schmale, feine Loch in der Stirn der toten Mizzi. Der Traum der gemarterten Hähne erwachte, stieß in wilder Erschütterung in Olga. Noch wollte sie nicht ganz, sie ahnte die drohende, immer mehr sich nähernde Wirklichkeit! Sie wollte nicht, wehrte sich, sträubte sich, halb schon niedergeworfen, aber immer noch entgegenstemmend ihre letzte Kraft der lockenden Verführung. Mit starkem Schwung, sich widersetzend, setzte sie in Katzensprung fort von Mizzi ... auf allen vieren loszuckend von der Erde, nahm sie ihre Finger alle mit, schleppte sie fort von der Versuchung. Sie atmete tief; aus dem Kabinett nebenan, erfüllt von Lachen, schmatzenden Küssen, Knistern der Betten, hochgetürmt über hochgetürmten Menschen, schwelte süßer Zigarettenduft, ihm nach schnupperte sie, ihm nach schlich sie. Wonnig trat ihren Händen, ihren Knien Erde entgegen, sie spürte, ganz Tier wie einst! den liegenden Leichnam auf. In eine schwarze Wolke, das herabgesunkene Haupthaar, war Olgas Kopf gehüllt; blind bohrten die Finger sich in die Stirn der Toten. Unnennbar Süßes durchdrang die Wahnsinnige. Lange blieb sie so: stumm, mit den Schneidezähnen die Lippe harkend, durchatmend die schwarze Wolke ihrer Haare, die vor ihrem Mund schwankte, schwankend mit ihr, die ermüdet sich beugte ... Muskeln zuckten in Olga, aber in der ersten Zuckung, in der ersten Bewegung, als sie den schwarzen Helm ihrer Haare zurückwarf, blitzte auf sie der lichte Moment nieder, der Gegenwahnsinn, die Wirklichkeit ... Sie schrie auf, wand sich mit gehobenen, schiefgereckten Schultern empor, zitternd ... aber unmöglich war es, den tierisch geketteten Finger zu befreien. Alle Glieder waren erstarrt, gelähmt, sie konnte nicht empor, auf allen vieren hielt es sie. Sie jammerte hoch auf, zum zweiten Male. Neuntes Kapitel Kathinka stürmte herein. Wie anders klang ihr Schrei! Wie anders ihr gejammertes Wort! Eilends füllte sich der Raum, alle heulten, auch der Gast, ein junger Student, aus der ersten Lust erwacht zu Grauen. Michalek stampfte vor. Böses ahnend hatte er sich verkrochen, Olgas Geld gezählt, in Angst, das Gestohlene bald zu verlieren, halb nur verführt von Mizzis Plan, halb nur verführt von Olgas Umarmung. »Auf! Mizzi, auf! Kein Theater!« »Sie ist geschossen! Tot!« »Das hätte ich doch gehört! Ich habe gar nichts gehört! Gib den Fetzen weg, Kathinka, gib mir ihn her ... was? Blut ist daran ... und das ... o das! O Gott, o Jesus, Maria, Josef! O heilige Barmherzigkeit! Olga hatte die Mizzi erschossen. Marsch, Menscher, fort! Alle fort! Und die Gendarmen!« Er stieß die Mädchen vor sich her, zählte sie, gewohnt an die Ordnung, die Buchhaltung. Olga ging in Michaleks Zimmer. Noch war es dunkel dort, schwül die Luft, licht gleißte nur das Bett. Olga zog den Mantel aus, hing ihn in den Schrank, lange schwankte er, mit dem Revolver beschwert, hin und her, pochte an die Wände, die dumpfe Kirchenglocke, statt leiser zu werden, dröhnte es auf. Grauen drückte Olga nieder von untenher, frierend gekauert, umfaßte sie den Glockenschlagel, den schwarzen im schwarzen Gehäuse, machte ihn ruhen und schweigen. Ruhend, schweigend legte sie sich in Michaleks Bett. »Heraus, heraus aus dem Bett!« brüllte der Mann. Olga erschrak, Olga erkannte, wo sie war. Aber das Vergangene dunkelte noch in ihr. Nach ihm, dem wiedergefundenen Mann, nach dem wiedergefundenen, geliebten Raum sehnte sie sich. Hier war die weiche Decke, das gute Zuhause, die labende Stille. »Küsse mich, liebe mich!« flüsterte sie ihn an, sie nahm ihn, der fortstrebte, zu sich, schmiegte sich ihm in die Falten seines langen, schwarzen, gut deckenden Rockes, der sie vor allen verbarg. Irgendwo mußte es sein, die helle blonde, in Fett glänzende Stirn, von blonden Haaren übersonnt, von karminrotem, tiefen Loche durchbohrt, scharf mit zerbrochenen Rändern, ihr zum furchtbaren Gefängnis. Aber bei ihm war es gut, bei ihm war es dunkel, weich, süß duftete der alte Geruch der heimatlichen Sultanzigaretten aus seinen Falten, süßer noch schmeichelte sich der holde Arankaduft aus dem verstaubten, angegrauten Stoff, Erinnerung an gute vergangene wirkliche Zeit. »Küssen! Lieben! Heraus aus dem Bett! Die Gendarmen sind am Weg! Heraus!« Er packte sie am Arm, riß sie heraus. Willenlos folgte sie ihm. »Anziehen! Wo ist dein Kleid? Oben muß es noch sein.« Er ging, versperrte die Tür, öffnete sie bald wieder mit klirrendem Schlüssel, reichte mit der Hand die Kleider herein. Olga zog ihn zu sich. Das Wort Gendarmen hatte sie erschreckt. Das Klirren der Schlüssel hatte sie verstört. Mizzi dämmerte auf in ihr, in der Nähe mußte es sein, das tödliche Loch, scharf gerundet inmitten der vereisenden Stirn! »Komm zu mir, Franz! Laß dich nicht ziehen und zerren, sage und sprich!« »Was ist?« »Die Mizzi?« »Erschossen. Du hast sie erschossen. Tot.« »Ich, die Mizzi erschossen? Wann?« »Heute, vor einer Minute! Ja, das war ihr letzter Tag! Die arme! Aber deiner auch!« »Erschossen,« wiederholte Olga leise, »dann muß ich auch schnell von hier, dann laß mich auch schnell von hier, die Gendarmen kommen, da muß ich doch fort!« und sie drängte sich, immer noch im Hemde, zur Tür. »Da geht es nicht heraus«, zischte er böse. »Du wirst schon gehen, aber nicht allein, und wiederkommen wirst du diesmal nicht mehr. Aber erst ziehe dich an! Du! Du hast nicht früher Ruhe geben wollen. Jetzt hast du deinen Willen, jetzt ist die Mizzi tot. Was hat sie dir getan? Warum bist du hergekommen? Warum bist du vor ein paar Monaten dagewesen? Warum bist du mir Jahr auf Jahr dageblieben? Du warst nicht wegzubringen und bist nicht wegzubringen, nicht mit Güte, nicht mit Gewalt. Ein Pferd, wenn es gestallt hat, es bleibt nicht stehen in seinem Abwasser, es tritt heraus, aber du! Aber du!« In Wut knirschte er mit den Zähnen, über seinen schweren Wangen wogten Wellen im Zorn. »Alles hast du gehabt, einen Mann und Geld und ein Haus, nichts hat dir gefehlt, aus reiner Teufelei bist du hergeschlichen, nicht wegen des Geldes. Jetzt hast du es, jetzt hast du deswegen gemordet!« Plötzlich sank die letzte Finsternis von ihr. Herabgerissen wurde die gute Finsternis durch sein heiseres Gebrüll. Licht strahlte der Moment. Weiß in ihrem weißen Hemd, weiß an ihrer Stirn, dem vereisten, mordgesättigten Mund, weiß mit ihren starken, mordgesättigten Fingern: so trat sie aus dem Schatten seines Gewandes vor Michalek hin. »Franz, mein Geld!« »Weg mit dir! Warum drängst du dich an mich!« »Franz, mein Geld!« »Was weiß ich von deinem Geld! Hast du es mir zum Aufbewahren gegeben? Bin ich deine Geldbörse? Zieh dich an! Schnell! Schneller! Ich will nicht, daß die Gendarmen dich im Hemd bei mir sehen. Ich leide es nicht. Ich mag dich nicht!« Mit beidem Ellenbogen stieß er sie fort, die wutgekrampften Fäuste blau auf seiner schwammigen Brust gekreuzt. »O, das ist gut! Du, das tut gut! Endlich habe ich Ruhe vor dir! O du, mit deinem ... Wer hat dich herbestellt! Wenn ich dich so sehe, ich weiß nicht, was ich dir tun könnte ... O, gehen willst du nicht, herzenstreue Olga? Führen werden sie dich, mit dem Strick um den Hals. So, so, so, meine herzgeliebte Olga!« Endlich ging sie, kleidete sich an, wandte ihm den Rücken, schämte sich, versteckte sich. Noch regnete es, die Erde glänzte, unter dem Ausguß der Dachrinne war ein Loch, schwarz und tief in die Erde gebohrt, zwischen gekräuselten Gräsern, die lange vom Sommer her verdorrten. Ein rundes Loch fiel nieder, an der Schwelle des geliebten, heiligen Hauses. Die tödliche Wunde, furchtbar geahnt, furchtbar erkannt. Die Glieder erstarrten ihr eisig. Es jagte sie fort, es scheuchte sie zurück, schauernd wich die Starke zurück in das Zimmer, an den Ofen, in die letzte Ecke, die dunkelste, drückte sie ihr Gesicht, die harte Brust, den ermüdeten Leib. Sie preßte sich gegen die kühlen Kacheln des Ofens. Der Druck war gut, der steinerne Ofen, der hielt sie, der nahm ihr die Last von der Brust, und die zentnerschwere Graberde wollte sich schon lösen, in beginnenden Tränen, abwaschenden, mildtätigen, herabgebeten, reinen. Sie schwieg, sie atmete aus, es löste sich alles, bald, bald! Franz kam bald zu ihr, bald, bald! Alles in Auflösung, bald! Alles in Heilung, bald! Alles am guten Weg, bald! Michalek schwieg. Starr stand er, feist von dickem Fett, schlaff und geblendet stieß er nur leeren Atem hin zu ihr statt der tröstlichen Worte. Die letzte Begegnung mit dem Menschen, mit dem geliebten, mit ihrem Kuß und ihrer Liebe, ersehnte Olga. Zum letztenmal ganz als Mensch zitternd, der Schuld bewußt, liebend und durstig nach Liebe, noch einmal wandte sie sich ihm zu, ihrem Franz entgegen! Der Saum ihres roten Seidenkleides verfing sich am Ofentürchen, am Kupferknauf, am grünlich glitzernden, tückisch blinkenden. Sie sah hinab, griff mit beiden Händen, schauernd schon, aufgewühlt vom giftigen Dunst, an die Ofentür. Da, mitten in der Asche, war ein feines, mit Nesteln besetztes Schnürchen zu sehen. Das Geld, in bläulichen Scheinen, in Rollen verknotet, Gebetbuch der höllischen Litanei! Umklammert von der Schnur des schwarzgewürgten Bosniaken, des mörderischen. Das Geld, von Mizzi aus den Kleidern gestohlen. Mizzi stand an der Tür, tückisch lachte sie ihrem Geliebten zu, der zum Hohn die unselige Olga umarmte, von außen kicherte in Perlen ihr Lachen aus dem zerfressenen Antlitz. Mizzi machte sie lieben, mit ausgebreiteten Gliedern warf sie sie nackt hin vor den bösen Geliebten. Mizzi machte sie beten, knien mußte sie vor dem blonden Satan und Gebete erflehen von ihm. Mizzi machte sie morden, verdammte sie zur ewigen Hölle, zum ewigen Feuer! Höllensturz erfaßte die hinstürzende Olga. Höllenangst schlug aus ihr, der Mörderin. Höllendunst würgte ihr die Kehle ab, giftiger Kupferdunst. Das Kupfer, an den Knäufen der Höllentür blinkte in teuflischem Feuer, mit offenem Rachen, ihr entgegenhauchend. Kupfer spie ihr ins Gesicht, riß herum in ihr. Wild regte sich, mit plumpen Gliedern, schwellend zum Leben, hoch fauchend, erwachend: die Bestie. Sie mußte ihn lieben: den Bösen. Ihren milchweißen Himmelskugeln drängte er sich an, mit düsterem Gesicht, weich behaart den grauen Kopf, der Böse, mit Flaumfedern beschneit. Ins Geheimste wollte er, tausend und tausend in einem. Das war sein Einmaleins. Aber nur mit kaltem Schleim badete er sie, im Grabe von Schleim und schmutzigem Gift wollte er sie ewig versenken und ihr blühendes Leben, vergebens murmelte sie Segensworte und mildtätige Sprüche, tiefer in die Höllenflut wollte er sie tauchen, der Verfluchte, schaltend und waltend mit ihr, der Verfluchten. Die herrliche Kirche raste vorbei an ihr, lautlos rotierte am Himmel das hohe, ungeheuere, herrlichste Haus, mit seinen Glasfenstern in Kirchennacht blendend durchleuchtet, kreisend in namenlosem Schwung, auf Treppen schwer zu ersteigen, niemals zu ersteigen, auf Flügeln bald zu erschwingen, niemals bald, niemals. Keine Rettung. Die Hände umkettet von Richards metallener Kette, die milchweißen Füße umschnürt vom schwarzem Bosniakenstrick, die schwellende, liebende Brust umarmt von dem Bösen, dem guten Geliebten, den sie gar so gern liebte, gar so gern küßte. Die Höllenfabrik raste vorbei. Das breite Haus, von Regen umprasselt, weiß flammend, mitten im Regen. Der hohe, blutige Schlot der riesigen Fabrik vorbei in namenlosem Schwung. Funken heraus, heraus aus der Höllenesse, Millionen von Fliegen drehten sich spiralig hervor, summten, wirbelten ihr an den harten weißen Höllenhüften empor. Rasend im Höllensturz, Olga. Fliehend vor der im Raum hastenden, fliehenden, die Türe versperrt mit klirrenden Schlüsseln. Tief lag sie im Pferdebegräbnis, grauenhaft nackt im bloßen Fleisch, von Küssefliegen summend überdeckt, gezündet von Fliegenfunken. Rasend im Höllensturz, prasselnd im Höllengewitter. Von fünfzackigen Blitzen in tausend Flammen verendend. Franz, Erbarmen Hilfe, zu Hilfe! Erde auf mir! Verbrennen in Asche, verglimmen zu Ende, zunicht. Mizzi erschien, nur Lachen, ein einziger silbernperlender Laut, aus offenem Munde über sie. Ihr, Olga, wurde von fürchterlichen Messern und Eisen das Gesicht zerfressen, wie Mizzi, in Mizzis schielendes Antlitz wurden Olgas Züge verzaubert, das war ihre Strafe, Olga, gebannt in ihre verdammte, tausendfache Feindin hineingeträumt, hineingelebt, hineingezwungen, gekettet. Sie wehrte sich, sammelte sich, faßte sich und alle ihre tausend Kräfte. Aber die andere wollte nicht weichen, immer wieder kehrte sie zurück, war nicht zu verdrängen, nicht zu vertreiben. Die andere wollte den jungen, schönen Geliebten umfangen. Ihr sollte er die Unschuld nehmen, ihr Champagner geben zum Trinken, er ließ es für die andere erklingen über dem Dach, in dem Gewölbe, in der Welt über der Welt: wunderbare Musik. Olga fühlte, sie war verflucht. Olga wußte, sie stürze im Höllensturz. Zermalmt sprang ihr die Welt in Trümmer. In den tierischen Zaum biß sie mit Wollust, mit Grauen! In tierischer Urweltskraft schwollen ihr Glieder und Sehnen und das zornige Herz, unzerstörbar glühend. Olga hieß sie nicht mehr. Namenlos trieb es sie, den willenlosen Spielball zwischen Gottes Händen, den zertrümmerten Freudenmenschen durch die Welt. Sie wütete gegen sich selbst, sie wütete gegen den Geliebten. Blind stürzte sie gegen ihn. Olga, von Liebe zerrissen, mit Wahnsinn gesegnet, mit Wahnsinn verflucht. Zehntes Kapitel Ungeheure Wut entfesselte sich. Vor einer gereizten Bestie, die tückisch anschlich gegen ihn, wich Michalek zurück. Ohne Gegenwehr, ohne Gegenkraft wurde Olga vom Wahnsinn überwältigt; die Brust machte ihr der Wahnsinn weit, er riß sie ihr auseinander mit ungeheurem Schmerz! Schonend drückte er ihr die Brust wieder zusammen. Sie hörte sich selbst schreien, wie von ferne, tief, in jagenden Wellen heulen ... Sie zuckte an ihm empor mit den Händen, den gekrallten, mit den Füßen, die sich wild klammerten an seine haltlosen, bleischweren Glieder. Er stürzte nieder mit ihr. Der Strick, funkelnd mit tausend Messingnesteln, schlängelte sich hurtig in ihre Finger, schon kniete sie auf Michalek, auf seiner keuchend emporgehobenen Brust, blitzend schlängelte sich die Messingschnur unter seinem dicken, graubehaarten Kopf durch, schon würgte sie ihn, überkreuzend ihre Hände, dumpf gurgelnd, Bestie über der Bestie! Da raffte er sich auf, mit dem letzten Aufbäumen wälzte er die Last von sich, floh durch das Zimmer (an die Tür pochten hart Gendarmen); verfolgt von ihren jagenden, weiten Sprüngen verbarg er sich unter Stühlen, nahm schwer keuchend die Tür des Schrankes, das Tuch des langen Mantels als Schild vor der Tobsüchtigen. Aber sie verfolgte ihn nicht. Nicht mehr. Entfesselt war ganz ihr Körper, nur dumpf, wie durch Wände, ahnte sie sich selbst. Geschmeidig schwingend über spitzen Kanten, harten Mauern im Sprung ausweichend, besann sie sich ... aber schon steigerte sich die Welle, raste vor, an ihr empor. Sie wollte die Achseln zucken , aber ungeheuerliche Hände packten ihre Schultern, rasten sie hinein in Kreiselschwung, wirbelten sie wie eine Kugel, gleich nach allen Seiten! Sie hieben sie krachend vorne an den Tisch, ließen sie anprallen wie ein lebloses Gewicht an den Schrank, der stürzend Michalek fällte. Wie ein Stück Eisen, fortgewirbelt vom zerschmetterten Schwungrad, warf sie sich umher, dumpf knirschten die Zähne in Tobsucht: im Frieden des Tobens, in der letzten Erfüllung. In Spiralen funkelten ihre Hände weiß durch das halbdämmerige Zimmer, niedrig, hart das Kinn an das Schlüsselbein gepreßt, schimmerte das elfenbeinerne Gesicht, wieder verdeckt von der schwarzen Wolke ihrer Haare. Krachend zerspaltenem Holze gleich schwang sich dahin mit ihr: das Geheul. Blindheit war in ihr. Schlaf, kaum tastete sich feines Weich um ihre Brust. Ihr Körper aber schleuderte mit nie erlebter Gewalt sich selbst durch den Raum. Rollendes Gestirn, unbeseeltes. Sie strebte hinaus, schwang sich, leichtgeflügelt, durch das Fenster. Zweige umfingen sie; feucht zitternd spritzten sie ihr Tropfen ins Gesicht, Tropfen an die schlanken Beine, an denen die schwarzen Strümpfe schlotternd hingen. Von oben herab griff Olga in das regenweiche Erdreich mit geballten Händen ... Langsam verhallte ihr Gebrüll ... In die Zweige hinein, gekühlt von langem Regen, ragten Schultern, nach vorn gebogen, mädchenhaft, unzerstörbar – ragte das Haupt, nach rückwärts überstreckt, gelöst in Erschlaffung. In die weit aufgerissenen Augen regnete es. So fanden sie die Gendarmen. Vierter Teil Erstes Kapitel Ohnmächtig fanden sie Olga am Abend des Tages zwischen den Zweigen. Im holprigen Wagen brachte man die Mörderin zum Gefängnis. Im Untersuchungsgefängnis lebte Olga lange. Vertierend, ruhig, im Dämmer, im Dunkel, im Schlaf. Aus Raserei wanderte sie durch Stille, Finsternis, von lässigen, weichen Händen liebkost, zurück zur Raserei. Lange ruhte sie, um am Ende der Zeit sich selbst zu zertrümmern. Lange umfriedet, zur Vernichtung bestimmt. Jetzt strömten an ihr wie leerer Atem an festen Gestalten, Drohungen, Fragen, Verhöre nieder, Urteil und Strafe. Nichts von allem griff die Verwandelte. Verwandelt wurde alles an ihr. An ihren Händen und Füßen, früher wie Perlen ohne Spitzen silbern gerundet, ließ sie lange graue Krallen wachsen, verbarg sie allen. Es entstanden ihr Wunden in der Innenfläche der Hand. Nach innen gekrampft hielt sie die Finger. Wie schwere Gewichte, Klumpen aus blassem Fleisch und grauen Krallen, hingen an den schwindenden Armen die Hände. Die milchweißen Füße glänzten nicht mehr. Struppig verfitzt, zottelte ihr das Haar in die Stirn, das langhinrollende Gelock verdeckte ihr die Augen, ein heimlicher Fächer, hinter dem sie mit flackernden Lichtern die Mitgefangenen anfunkelte, schweigend, tief atmend. Grau geworden war ihr Haupt durch den Staub, durch den Mörtel der Wand. An der Wand rieb sie ihre Stirne durch Stunden, sie suchte Berührung, Helligkeit, einen geglätteten Spiegel, darin wiederzuglänzen, sie selbst. Ihre Augen hinter dem Haar glitzerten immer von Licht, selbst nachts. In enger Pupille sammelte sich das Licht, heimlich öffnete es sich zu grüner Feuerhöhle, dem smaragdnen Nachtauge der Tiere. Verzerrt war ihr Augenstern, eine schwarze Mondsichel, nach innen gebogen. Nach den Tagen im Hause 37 war lange Ruhe in ihr, auf lange gestillt das Toben, ausgekühlt das Rasen der Hände. Sie lebte als Tier, sie träumte als Mensch. Michalek träumte sich ihr ein. Mit ihm schaukelte sie am Tage nach der ersten Nacht, in junger, üppiger Schönheit, auf dem Nachmittagssee. Unter schwarzseidenem Schirm, von langen Fransen umgittert, lehnte sie im wiegenden Kahn, am zuckenden Stern, unter ihr zischte das Wasser, zitterte nach in den feuchten Schnüren des Steuers, ihr zwischen den Händen. Vor ihren Augen breitete sich, ungeheuer gewölbt, seine bloße Brust, erglänzend im ersten Schweiß, in goldiger Sonne, wie Honig so gelb, es weiteten sich mit den Rudern im Takte seine starken Arme, um sie heranzuzwingen, noch einmal, sie zu umkreuzen, aber langsam schwärzte sich schattig der See, ziehende Ströme, wehende Weiden, rauschendes Schilf, nächtliche Unken, Schlaf träumte Olga im Schlaf. Von Franz träumte Olga, sie aß Weintrauben mit ihm, die große, tausendjährige Traube, die einmal in ewigen Zeiten reifte im himmlischen Sommer. Es brannte die Sonne, weiß auf blauversunkenem Himmel, die Schalen der Beeren zerplatzten, die Liebenden aßen gemeinsam an der übermenschlichen Frucht, von einem anderen Ende ein jeder, immer naher die Lippen, immer süßer der Saft, aber noch lange kein Ende, zu weit noch die Lippen entfernt, die nackten, enthäuteten Beeren tropften zur Erde, dumpf wie Tropfen von Tränen oder Blut, weiß oder rot, nicht zu erkennen im Dunkeln, sie aber suchte ihn nicht, hinter ihren Lippen hatte sie den Geschmack seiner Küsse, da waren sie immer ihr eigen. Sättigung träumte Olga im Schlafe. Sie träumte sich lange schon tot. Bestimmt zum Begraben. Man wusch ihr die Hände, kämmte ihr die langen Haare, die Nägel schnitt man ihr, damit sie beim letzten Ankleiden nicht das weiße, heilige Totenkleid zerrissen, das Hochzeitskleid, denn im Grabe sollte sie getraut werden mit ihm. Auch in seinem Haare wühlte der Totenkamm, aus seiner grauen Haarflut kämmte er weiße Flaumfedern, Schneeflocken, ihnen zur Kühlung nach heißem Leben, eine weiß knisternde Decke aus silberner Seide, aus lauterem Silber in der Grabkirche unten. Schon sah sie sich in ihm gespiegelt, ihn neben sich gelagert, ihnen beiden war still, warm, heilig und Frieden, aber es drängte sich die andere nieder zwischen sie, die früher Gestorbene. Sie erwachte, wehrte sich, fesselte sich: sie hielt sich mit den Händen fest an den Beinen, mit dem Kopfe hütete sie wohl die jagende Brust über dem zornigen Herzen, sie fesselte Olga an Olga. Sie hielt den Atem an, rührte sich nicht, zitterte nicht, regte sich nicht. Sie blieb geklammert zwischen Erde und Hölle, in der Mitte, noch einmal dem Grabe enthoben, noch einmal mit Traumen gesättigt, erfreut und getröstet. Aber warum sprang ein Funken hervor, dort knisterte es, noch nachts machte sie sich auf, sie mußte das gute, warm schützende Traumhaus verlassen, sie stieg aus dem Traumgrab, in der engen Zelle wanderte sie eilig umher, auf schmerzhaften Füßen, horchend an den Türen, den anderen Gefangenen ihr Ohr an den Mund, bis sie erwachten, man wollte sie halten, man wollte sie küssen, sie lauschte hin, unter fremdem Atem rauschte der Vorhang ihrer Haare, aber sie sprachen in fremden Sprachen, sie hielten sie mit fremdem Händen, sie flatterte fort, huschte in die Ecke, abseits vom Mondlicht, in den finstersten Winkel. Morgens wollte sie nicht aus dem Bett, verhängte noch dichter die Augen mit den angepreßten Händen, sie klammerte sich mit aller Gewalt an die Pfosten. War sie allein, am ruhenden Morgen, so schlich sie hervor, wippte lange Stunden auf dem Stuhle, lächelnd ohne Unterlaß spielte sie Schaukelstuhl, sie spielte den guten Doktor zurück, das kleine weiße Haus, die sommererwärmte Brüstung am offenen Fenster, das Zimmer im grünen Resedaduft, das Kleid im roten Seidengeraschel, den Staub in der Luft, die weite, fruchtbare Ebene. Und nachher betete sie mit ihren eigenen Fingern den Rosenkranz. Sie führte einen Finger nach dem anderen betend zum Mund, sich selbst zu küssen, sich selbst zu segnen, aber nie gelang es ihr. Der Perlen waren nur wenige, nie reichte es zum vollen Gebet. Der Gefangenenwärter hielt sie für verstockt, verbrecherisch, ganz entmenscht. Strenge sprach er zu Olga, die lächelte, verzückt. Denn gerne hörte sie Sprache, mit Freude lauschte sie menschlichen Stimmen. Wunderbar war ihr Musik, der Leierkastenklang in der Ferne, selbst Lärm, das Teppichklopfen im Hofe. Am Tage nach der Verurteilung zu drei Jahren Kerker und Dunkelhaft nahm die Zellengenossin weinend Abschied von ihr. Olga stand steinern da. Mit ihren verkrampften Händen rührte sie leise der Genossin an die schluchzende Kehle, vibrierte mit dem Zittern der Kehle; die Haut des Mädchens war warm. Alles still in der Zelle. Mit Wollust saugte sich Olga, geklammert zwischen Erde und Hölle, in den Laut menschlicher Sprache. Nie sprach sie selbst. Zweites Kapitel Aus dem Untersuchungsgefängnis kam Olga in den Kerker. Dort empfing sie die weibliche Wache, ein grauhaariges, knochiges Weib, größer als alle Männer, breit wie ein Turm. »Zuerst werden wir dich baden,« sagte sie, »das alte Kleid legen wir fort, beim Abschied bekommst du es wieder. Die Haarnadeln mußt du auch geben, denn die Madchen hier sind eine eigene Rasse, schlecht sind sie eigentlich nicht, aber Zornteufel gibt es, solche wie dich! Nichts Eisernes darf man ihnen lassen. Im Spital war ich früher, auf der gesperrten Abteilung, da waren die kranken Madchen beisammen. Die Polizei hat sie uns gebracht, im Wagen, aber wenn sie gesund waren, haben sie zu Fuß gehen müssen, das hat sie sehr gekränkt. Marschieren haben sie nicht wollen, um keinen Preis, so sehr haben sie sich geschämt. Hier, du Olga, hast du ein Stückchen Seife, das ist mein eigen, privat, in der anderen Seife ist Sand. Für manches Mädchen ist Sandseife gut, aber du bist etwas Besseres und dann bist du auch schön. Aber die Nägel so lang, da machst du dir Wunden. Warum denn verstecken? Ich bin doch ein Mädchen wie du. Vor mir darfst du dich nicht schämen! So werde ich dich waschen, in der Zelle haben sie dich niemals gebadet! So den rechten Arm und die rechte Brust, und jetzt den Hals und jetzt den linken Fuß, gib ihn mir ruhig in die Hand, ich tue dir nichts. Das tut gut. Reines Wasser, gute Seife, da wirst du ein anderer Mensch. Vor Männern graut es mir, einer ist wie der andere, wenn kein Mann existiert, dann gibt es kein Weib hier, das weiß ich. Aber Mädchen, das ist meine Liebe. Deshalb hat mich der grüne Kommissar von der Polizei gefragt, als ich noch als Wärterin im Spital war! Kommen Sie, kommen Sie zu uns! Mit den männlichen Profossen ist gar kein Auslangen mehr, aber Sie könnten wir brauchen, Sie haben ein Herz für die Kreaturen. Und denken Sie nur, sagt der Kommissar, gib acht, Olga, daß dein Haar dir nicht in das Wasser fällt, es läßt sich schwer kämmen nachher, und du hast schönes Haar, wie ein Engel so lang, aber denken Sie nur, eben haben sich die Mädchen im Gefängnis gerauft, mit der Haarnadel hat die eine eine andere erstochen, grade hinein unter der linken Brust, keine Wunde zu sehen, aber augenblicklich tot. Ist das nicht schade? Aber seitdem ich hier bin, gib mir den Kopf her, halte recht still, jetzt laß mich dich frisieren. Nein, die Haare ganz aus dem Gesicht, so ist es lieb, so bist du schön! Und jetzt der eine Zopf, der geht zum Herzen, und der andere dreimal um den Hals. Jetzt wirst du lachen, mit einem Schnürchen werde ich dir das Haar einflechten, viel schöner als mit den Nadeln und keine Gefahr. Das mußt du selbst lernen, keine kann das, wenn sie herkommt. Und jetzt werden wir dich ankleiden, du junges Kind! Ein langes Hemd und einen schönen Rock, alles warm und bequem. Sie dürfen auch an die Luft, eine Stunde Spaziergang am Tage. Sieh nur, wie ruhig du bist, wie gut du mich ansiehst! Im Protokoll steht Totschlag und anderes, aber du bist gar keine Totschlägerin, nein. Hier ist auch kein Zuchthaus, weil alles – doch nur ein Traum ist! Aber die Füße, die muß ich dir trocken reiben, eine jede Zehe wie eine Perle, und jetzt gute Strümpfe und solide Schuhe, niemals getragene. Und jetzt, lieb Kind, werden wir in den Arbeitssaal gehen, da werden wir arbeiten lernen. Da sitzen die Mädchen wie in der Schule, jede in ihrem Bänkchen, ganz still.« In einem mittelgroßen Saal arbeiteten dreißig Weiber. Schwer dunstete der Geruch in schwebenden Wellen, dem Dunste rings um die Ölfabrik zu vergleichen. »Warum die Angst? Niemand tut dir etwas. Ich bin ja da, ich bleibe bei dir zum Schutz. Und arbeiten muß der Mensch, du erlernst es leicht, bist sehr intelligent. Ohne Arbeit müßte man verfaulen. Du kannst auch Geld verdienen. Für Geld bekommst du Wurst und besseres Brot, das kannst du brauchen, damit du jung bleibst und schön ... Was habt ihr zu gaffen?« rief sie den andern Weibern zu, die, obwohl sie, in ihren Bänken festgesperrt, nichts sehen konnten, doch durch Bewegung verrieten, daß sie Olgas Ankunft gemerkt hatten. Über ihrem Arm trug die Wärterin das rote Seidenkleid, von Erde beschmiert, die Falten verdrückt, das alte Hemd, die zarten Röcke, alles zerfetzt, wie aus der Gruft gegraben, in ein kleines Bündel verschnürt. Eine Gefangene, schwarzhaarig und dürr, den Scheitel stark überfettet, wandte sich um; den hageren Körper verrenkend, winkte sie Olga zu, es war Erna, die Zimmergenossin von einst, die Diebin. Um acht Uhr abends gab der Gendarm, der auf einer Art Thron herab die Gefangenen bewachte, den Befehl: Feierabend! Zum Essen! Eine lange Prozession wanderte in den Eßraum, wo die Profossin mit einer Schöpfkelle aus einem tiefen Kessel Erbsenbrei mit Speck verteilen wollte. »Schnell, heute noch!« Aber die Weiber zögerten. Niemand wollte die erste Portion in Empfang nehmen. Die letzten Portionen, vom Grunde des Kessels zusammengescharrt, schienen ihnen mehr Speck zu versprechen. »Aber ich sage es euch doch, alles ist mit dem Kochlöffel um und um gerührt, keine Portion ist anders als die erste. Wollt ihr oder wollt ihr nicht? So, dann nach der Reihe! Die ältesten zuerst, die Stammgäste. Also 1, 2, 3, 4, bis zum Schluß! Nur langsam, in Ruhe und Frieden!« Olga war die letzte. Neidisch zischten die andern. Erna, in stummem Lachen, mit tückischen Grimassen, näherte sich Olga, um ihr den Napf wegzunehmen, ihn gegen den eigenen zu vertauschen. »Her zu mir! Setz dich! Iß! Ihr! Ruhe, ihr!« Die Wärterin, riesig groß, schützte Olga. Im Schatten ihres guten Goliathrückens aß Olga, den Napf zwischen die schmalen Knie gespannt. In Hast, in Hunger aß sie alles, mit den Fingern tastete sie den Speck heraus. Lange saß sie noch da, die Fersen gegen das Fleisch der Lenden gestützt, witternd mit unendlichem Atem, wollüstig schlürfte sie, wortlos, stumm, den Geruch des gerösteten Fettes, der noch an ihren Krallen klebte. Erschreckt fuhr sie auf, als die Wärterin sie am Arme ergriff, um sie in die Schlafkoje zu führen. Unheimlich war ihr der fremde Raum, die Betten, grau bespannt, durch kreuzförmige Wände voneinander geschieden. Dunkelheit schlürfte sie ein, genoß den Duft vergangener Speisen, den Duft des eigenen Körpers, der gerollt um sich selbst dalag. Olga war gerettet zu sich selbst, sie verkroch sich in die eigene Wärme, sich selbst zugewandt, verwehend im grünen Dämmer des geliebten Raumes einst. Ihre kleine mädchenhafte Hand deckte ihr die mädchenhafte Brust, noch feucht vom morgendlichen Bade. Das Bad des Totentraumes war erfüllt. Sie ruhte, ihre Seele gerollt um sich, umfriedet, sie sehnte sich, gesättigt zu schlafen, ohne Gesichte zu bleiben. Drittes Kapitel Aber schon ging Licht auf, spiegelnd in Glas. Eine gelbrote Sonne, in Dunst verhangen, strahlte von oben herab, durchstach, zum Schreien reizend, Olgas Hände, die schützend vor den Augen lagen. Die Nachtlaterne hing schaukelnd an der Decke. Hinter ihr glitzerte ein Fenster, in die Decke eingelassen, durch das der Gendarm lauernd herabspähte, von oben alle Weiber zugleich sah, alle mit strengen Blicken umfaßt hielt. Böse trampelten seine Schritte auf der Decke. Die Nacht begann mit schaukelndem, taumelndem Licht; mit knarrenden Schritten gerade über Olga. Leise nur zischten neben ihr aus den Betten die Stimmen der Nachbarinnen, halb verschleiert, halb verborgen, weil das Stampfen an der Decke die Worte erstickte. »Ich weiß, die Olga ... Uns hat man gebadet, eine Olga nicht.« »Wer riecht denn so fürchterlich? Vielleicht die andere, die nebenan liegt?« »Ich muß den Geruch kennen: wildes Schwein.« »Das zahmste Schwein von der Welt. Olga, Michaleks Frau...« »Für solche Weiber müßten eigene Striegel erfunden werden, Drahtbürsten am besten. Im Hofe draußen müßten sie ausgehängt werden, wie ein Teppich zum Lüften.« »Aber die hat alle bestochen. Allerhöchste Protektion. Zuerst hat es geheißen: Mord an der Prostituierten Mizzi, deshalb Tod durch den Strang in acht Tagen, dann waren die acht Tage um, da hat man ihr verziehen, nur lebenslänglichen Kerker, aber jeden Tag Dunkelarrest und jeden zweiten Tag Fasten. Und die Hölle nachher, denn oben gilt keine Protektion.« »So eine Person darf neben mir liegen. Das hatte mir früher einer sagen sollen, an dem Nasenknochen hätte ich ihm meinen Sonnenschirm zerbrochen!« »Das ist kein Spaß.« »Ist das kein Spaß, was ist dann noch Spaß?« »Aber die Olga ist es nicht, die ist am büßenden Weg. Die regt sich nicht mehr, die andere ist es, die neben ihr liegt, das Bauernmensch, das verblödete.«  .  .  .  .  »Was für Strümpfe?« »Champagnerstrümpfe! Die Farbe ganz wie Champagner und reine Seide, natürlich. Einen Gummimantel habe ich auch getragen, Glacehandschuhe bis an die Schultern aus Schwedenleder, mit 12 mal 12 Knöpfen...« »Eine schwarzhaarige, häßliche Jüdin. Nicht geschenkt...« »Für eine Nacht.« »Ohne Kerzen, recht im Dunkeln. Wanzen fangen, was soll man tun, an der Kerze verbrennen ... Das ist ihre Strafe für den Mord, lebendig verbrannt, eine Hölle auf Erden ... Für jeden das Seine!« »Auf die Straße hinaus, mitten im stärksten Leben ...« »Nackt wie sie war, im Miederleibchen und Rock ...« »Ein Dienstmädchen, wie sie es gewohnt war.« »Mit dem Rock bleibt sie hängen an einem erloschenen Gasrohr ... und jetzt, die ganze Straße steht da, nicht herauf, nicht herunter, die Feuerwehr heran, mit siebenunddreißig großen Leitern achtspännig gefahren, so kommt man sie holen.« »Ruhig liegen. Eine Flasche Slibowitz in der Hand, damit es wärmt, eine zweite unter dem Kopf, als Kissen zur Nacht. Wärmt außen, brennt innen ...« »Ein kleiner Hut, so kokett, Ein Regenschirm aus Gloria, Ein Gummimantel aus Hallodria, Eine Zigarett, Angezündet im lieblichen Bett, Ein Freudenleben. Ohne den starken Likör müßte man sein Leben lassen.« »Wohnen wo immer, aber nur nicht im geschlossenen Haus. Siebenunddreißig Häuser haben um mich geschrieben. Alles nein, alles umsonst. Einen Offizier haben sie um mich geschickt, mit Sternen und Orden vom heiligen Lu, alles nein, alles umsonst. Lieber im Freien, unter den Brücken, zwischen den Feldern, im Wartesaal warten, spazieren gehen die ganze Nacht, Täschchen fischen, silberne, goldene, aus Leder und Seide.« »Hübsch muß man ja sein. Wer kann das jetzt sehen, geschminkt muß man sein, angezogen und auch gewaschen am Hals. Jetzt siehst du nur ein armes Waisenkind. Ohne Toiletten ist die schönste Jungfrau nur ein toter Hund.« »Sie hat ihn geliebt. Aber er und die andere haben sie ausgeraubt, mitten im Schlaf, im himmlischen Traum.« »Wozu auch ein Zimmer? Für die drei schlechten Tage im Monat. Da habe ich mein Monatszimmer. Gerade nur liegen und ruhen. Aber sonst werde ich schlafen, bei einem alten Herrn im Kabinett, draußen im Garten, beim adeligen Kasino. Da kann ich immer zurück.« »Und sie vor der andern auf die Knie, dreimal herumgerutscht wie vor einer Heiligen. Aber nein, immer wieder nein. Der richtige Satan. Da hat sie sich nicht mehr gehalten.« »Gewußt haben es alle. In der Kirche haben sie gesungen, im Park haben sie geflüstert. Sie war angeflucht, alle andern mit ihr.« »Jetzt, wo die schöne Zeit kommt, nirgend liebt es sich so schön ...« »Ist lange vorüber ...« »Auch auf einem Billard habe ich einmal geschlafen. Er hat das Geld versoffen, wo soll man denn hin? Aber sie haben mich schnell wieder heruntergeworfen. Mir hat gerade geträumt, ich schlafe auf einer grünen Wiese. Jetzt haben sie in mich gestoßen, mit den hohen Absätzen hätte ich ihnen das Billardtuch zerrissen, aber gar nicht im Traum, die Mause waren es, die scharren und schaben, wer kann da noch schlafen?« »Da wollten sie die gestohlene Uhr. Verborgen, gebunden am heimlichsten Ort. Da wollten sie das goldene Täschchen, nein, niemals gesehen. Da wollten sie das silberne Täschchen, das hab' ich verschluckt, es kratzt noch im Hals. Da wollten sie das heilige Buch, das Millionenbuch mit dem heiligen Scheine, den heiligen Scheinen. Alles versteckt, alles vergraben, alles vergessen, alles vergangen ...« »So eine wie du bin ich noch lange nicht. Trauriges Laster!« »Ich ein trauriges Laster? Dann behalt ich meinen Kaffee.« »und die Olga den Schmetten.« »und die Mizzi die Schlüssel.« »und die Olga das Geld.« »und die Mizzi stiehlt und vergräbt es.« »und die Olga schießt. Totschlag und Mord!«  .  .  .  .  »Zehn Täschchen an einem Tag.« »Zehn Revolverschüsse in einer Nacht.« »Hatte ich es niemals getan!« »Zehn Jahre Zuchthaus!« »Was hast du zu lachen?« »Wieviel Taschchen hast du gezogen?« »Wieviel Kinder hast du umgebracht?« »Die Mizzi erschossen?« »Die kleine Betty?« »Ein wehrloses Kind!« »Wenn nur die Wand nicht wäre ... ich könnte dich!« »Wenn nur die Wand nicht wäre! Du meine Liebe, du mein Kuß!« »Wer ist die dritte, im braunen Mantel, im schwarzen Haar, im rotseidenen Kleid?« »Wer ist das? Die letzte. Ein Kreuzer die Taxe. Für die bloße Ehre die Tour, aus Liebe, zum Hohn. Im Prater, auf der Erde, im Wasser, im Sumpf, unter den Kröten, im Schilf, im Kahn ... so etwas lieben? Von Gott eine Strafe!« »Und die Mizzi?« »Im Dunkelarrest!« »Ja, aber im ewigen. Die hustet schon lange nicht mehr. Im Himmel spielt sie.« »Wahrhaftig. Sie hat sich zu Tode geliebt ... selbst dort ...« »Mitten in der Stirn.« »Man kommt nicht auf den Grund.« »Ohne Tafel liegt sie begraben. Den Friedhof haben sie streng abgesperrt. Drei Wachen am Tag. Sechs Posten zur Nacht. Die Kerzen sind gelb, die Kreuze sind rot, brennen immerwährend, die Hühner fressen das Gras, zwischen den begrabenen Steinen ...« »Ich glaube, wir sterben bald alle!« »Am Wochentag?« »Morgen ist Sonntag, da schlafen sie lang!« »Ein Zimmer aus Samt und aus Seide, ein großer Balkon mit einem prachtvollen Dach, das feinste Geflügel, dreierlei Weine, die einen gewärmt, in kleinen Körbchen, die andern gekühlt im silbernen Kühler, die dritten Natur, und immer noch einen Aranka drauf. Aber nicht schlafen! Da läßt es sie nicht, es treibt sie, sie muß. Die Kirche am Berg, die Pferde begraben im Tal. So kniet sie vor ihm, in ihrem Schoß hat sie die Flaschen, die klingeln so schön. Das kommt nicht wieder.« »Jetzt laß mich erzählen!« ... »Jetzt laß mich doch schlafen!« »Wir schlafen noch viel.« Viertes Kapitel »Schlafen so tief, wie die gelbe Todsonne scheint, in Trauer und Tränen. Menschen auf! Hörst du, wie er oben an der Decke marschiert. Das ist er in Soldatengestalt. Oh, nur bitten und beten, sonst sind wir verloren. Die Erde knarrt unter ihm. Bis hinunter muß man es hören.« »Jetzt laß mich erzählen.« »Der meine heißt Karl. Er ist Musikant. Wie er zum letztenmal kommt, ist es ganz finster bei mir. Kein Licht! sag ich. Das schönste siehst du im Dunkeln. Aber er schleicht nur zum Waschtisch. Kein frisches Handtuch? sagt er. Mich hat das sehr gekränkt. Komm her, du Herzschatz, sag ich, mit meinen Händen wollte ich ihm das Gesicht abstriegeln, aber er wehrt sich, sagt so recht kalt, kein Handtuch für den Gast und kratzen auch noch?« »Dein Gast? Hihihihi!« »Man hat damals schon sobald gesperrt, es war erst zwölf. Da habe ich ihn mit mir genommen. Er ist Musikant, spielt bei den Zigeunern. Bin ich dir nicht rein genug, sag ich, was bist du denn eigentlich gewohnt als Zigeuner? Oh, sagt er, du wärest wohl rein, aber hier, in dem Kabinett, riecht es so eigens, wie ... alte Kinderwäsche, zusammengestopfte unter dem Bett. Ich habe nichts gesagt, nur gelacht, aber mein Herz hat nicht gelacht. Mein großes Kind war da, im Gitterbett schläft es, still wie die Maus. Tief im Schlaf, da hatte niemand sie leicht aufgeweckt und dunkel war es zum fürchten. Er hat schon viel getrunken, denn sie lieben ihn alle, darum geben sie ihm recht starken zum Trinken, damit er besonders feurig spielt. Gesehen hat er nur einen Schimmer, aber gerochen hat er mein Kind. Und das war der ärgste Schmutz, davon erzähle ich später. Er aber, ein prachtvoller Mensch, mit blondem Schnurrbart und langen Haaren. Er ist ja auch von einer Künstlerkapelle, sie haben einen Primär, sie leben wie Fürsten, am Sonntag vormittag spielt er in der Kirche, ein Solo allein, für einen Gulden. Meine Nacht, das war die Samstagnacht. Aber lieben, nein. Kalt wie ein Stück Eis, die Hände wie Eiszapfen, vom Wasser naß. So geh nur, mein Liebling, sag ich, vielleicht kannst du noch fahren, einen Mann zu halten, bin ich zu stolz, und die Omnibusse fahren die ganze Nacht, hin zu den Bahnhöfen. Er geht auch zur Tür, und da schläft mein Kind. Er stößt an das Gitterbett, aber das Kind schläft so tief. Pardon, sagt er mit seiner schönen Stimme, wahrhaftig schöner als Geige, und lacht. Aber wann können wir uns wiedersehen, fragt er, Fräulein? Du weißt ja, wo ich bin, sag ich. Also Ende der Woche? Wird mich immer freuen, sag ich. Und so geht er. Warte noch, sag ich. Er dreht sich um. Nun Marie, nun? Dem Hausmeister mußt du nichts geben, sag ich, er bekommt ohnehin so viel von mir. Gut so, sagt er und geht. In mir wühlt es und wühlt, und kein Tropfen Schlaf die lange Nacht. Er, ein Mann wie ein Schloß, ein gebildeter Mensch, immer blitzblank, kein Staubchen im Haar, das ist mein Mann. Zerrissen hätte ich mich für ihn. Es wird mir schwül, so unheimlich im Bett, und ich kann nicht mehr bleiben, es geht um in mir, wenn nur das böse Kind nicht wäre. Ein boshaftes Kind war es, das hat es vom Vater geerbt, von dem treulosen Hund; wenn jemand das Kind fragt, wie heißt du, Kleiner, sage es schnell, du bekommst dann Süßes zu essen. Peitschi heiß ich, antwortet das Kind und zwinkert mit den kohlschwarzen Augen. Ein vierjähriger Teufel. Ich muß den lieben Gott beten, am Fenster knie ich, es ist nicht Tag, es ist nicht Nacht, mitten im Winter. Du mußt das Kind bessern, nimm doch du das Kind in die Arbeit, uns allen hast du geholfen, das Kind hat keinen Vater auf Erden, aber dich im Himmel, es hat's prächtig als Engelchen dort, dort ist es versorgt, ich bin hier versorgt mit meinem Karl. Immer denke ich, wenn er das Kind nicht gerochen hatte, so wäre er noch da, er hätte mich genommen, er hätte es getan, wir waren beide am Morgen zur Kirche. Aber ich war still, der Zorn brennt mich ganz aus. Aber hätte der Mann nicht das Fenster aufreißen können, frische Luft wäre herein, dem Kind auf die Brust und ein schmerzloser Tod! Aber ich kann es nicht halten, und der Zorn reißt mich in Stücke. Hätte der Mann doch das Bett umgeworfen im Dunkeln, hätte er es zertreten! Hätte er es doch zertreten! Mit dem Kind nimmt er mich nicht. Wegen dem Kind sagt er mir ›Fräulein‹, wegen dem Kind läßt er mich sitzen die ganze Nacht, ohne einen Kuß! Und wäre das Kind gewesen wie andre Kinder, aber es war wie aus Schmutz zusammengewachsen, das hat es vom Vater, der Vater hat Geld, Millionen und mehr, aber für mich nicht einen blutigen Heller, das Kind bekommt es zugeschrieben, ihm gehört es, liegt bei Gericht, ihm allein bleibt es, heute noch, im Grab. Todmüde komme ich von der Arbeit nach Haus, da sitzt das Kind schon wieder im Schmutz, daß nur die Augen heraussehen! Ich will leben, aber immer putzen, immer waschen, immer flicken, das Kind füttern, frisieren, pflegen, kämmen und bürsten; aber ich werde alt, ich werde grau, das Kind wächst auf, es bekommt sein Vermögen, und ich bin doch auch da, ja arm, abgearbeitet, wüst! Ist das gerecht, kann man das ertragen? Da muß es kochen, da kenn ich nichts mehr, da bin ich's nicht mehr. Wäre es mir doch nur ähnlich gewesen. Ich habe es doch geboren, ich habe es empfangen, ich habe es genährt, es ist doch mein Fleisch und mein Blut, aber nein, nicht ein Tropfen Blut ist von mir, nicht ein Gran Fleisch ist von mir, der Vater in allem, im Sprechen, im Gehen, die große Zehe verwachsen nach außen, das ganze Gesicht er, bis in die Haare nur er, dunkel, mit kleinen schwarzen Zotteln am Kopf! Was soll ich tun, mich reißt es, das Kind muß ich packen und reißen. Hätte er es doch zertreten! Jetzt laß mich erzählen l Kinder sind Freude, aber das war die Strafe, die Hölle auf Erden. Ohne Kinder lieben nur die Huren, das sind keine Menschen... In der Nacht, da wachsen die Kinder am schönsten. In der Nacht, da kommt die Liebe so leicht! In der Nacht wird es sterben, weiß nichts, sieht nichts, dann kann ich es baden am Morgen, recht reinlich baden, erst den rechten Arm, die rechte Brust, den Hals, den milchweißen, beide Füße mir in die Hand! ... Ich halte schon den Totenkamm, da kämmt es sich schön, zu beiden Seiten, die Schultern hinunter, bis tief ... »Schweig still! Der Gendarm macht das Fenster auf. Ah, das Licht aus! Herüber zu mir! Lieben und küssen!« ... »Das Petroleum ist ausgegangen, die Laterne oben, gleich wird sie verlöschen. Sie zünden sie vielleicht nicht mehr an, das Petroleum ist drüben, im andern Haus, es wird bald Tag.« Es zerflackerte langsam das Schaukeln der roten Laterne. Olga schlief ein, aber nur einen Augenblick glätteten sich ihre Züge, ruhten in Frieden die weißen Schluchten ihres Gesichtes, vom letzten Schimmer der Laterne umblutet. Da schrie es, da jammerte es laut. Es krachte im Bett, das Netz des Gitterbettes zerriß mit schrecklichem Rauschen, das Kind weinte, es schrie das gemordete Herz! Wie es sich warf, wie es sich klammerte an die eiserne Bettstelle, das gemordete Kind! Dieser Schrei drang Olga in die tiefsten Tiefen, sie erbebte, erwachte. Sie erkannte sich selbst. Sie war es, die schrie. Das Bändchen, mit dem ihr die Wärterin die Haare festgebunden hatte, hing fest an den Eisenstreben des Bettes. Mühsam machte Olga sich los, erschüttert, bebend, von Grausen angehaucht, eisig. Die Nachbarin fluchte. »Verdammtes Gesindel! Erst den Speck wegfressen, dann noch schreien, mich erwecken im besten Traum! Stopf dir die Faust in die Kehle, ersticke, damit du nicht schreist! Warte du, morgen sage ich es der Profossin. Du kommst an den Galgen.« Fünftes Kapitel Es krachte an der Decke. Das Fenster wurde zur Seite geschoben, rotgelbes Licht entfaltete sich neu. Die Augen des Mannes funkelten böse; zwei Augen brannten in eines zusammen, das aufglühte, wieder erlosch, wieder glühte. Wie Olga atmete, auf! In flehendem Gebet, auf, die Finger gesammelt zum Rosenkranz, zum einzig gnadenspendenden, noch einmal die Perlen, die Lippen entlang geküßt, immer zu wenig, oh, dann auf, brustauf, zum Himmel gewendet, zum flackernden Dach, und immer vergebens! Olga stand auf, sie lehnte sich an die Wand, die grabeskühle, eng schmiegte sie den flammenden Körper an die eisige Kälte, im Stehen mußte sie schlafen! Sie fühlte, in Wolken herabwallend von oben den Geruch des süßen Tabakes, als der Gendarm sich eine Zigarette anbrannte, rot gloste die alte Laterne, sie war im roten Salon, viele Zigaretten hatte sie vor sich, die eiserne Ration, den letzten Trost. Mizzi gab ihr Feuer, der Saal im Hause 37 war erleuchtet von zwei Zigaretten, Mizzi saß ruhig da, paffte vergnügt. Die blonden Stirnlocken, in kleine Strähnchen gekittet durch die Gesichtspomade, waren goldfarben, friedlich das zerstörte Gesicht, das handflächenglatte. Nur an einer Stelle waren die Löckchen schwarz, die gekräuselten Haare versengt. Dort war die Wunde, nie mehr zu schließen, dort strömte der armen Mizzi Rauch in starken Wolken aus der karminroten Wunde. »Mizzi, nicht! Nicht! Du sollst den Rauch nicht so tief einziehen!« flüsterte Olga im Traum, »der Rauch ist zu scharf, du bist sehr krank! Die Wunde muß heilen, dort oben an der Stirn!« sagte Olga in ihrer zweiten Wirklichkeit. »Ich, die Hure kinderlos, das Mädchen freudenlos, ich meine es gut! Jetzt nicht mehr leben, nur noch beten! Jetzt wird alles verheilen, alles verwachsen. Mizzi, mein Kind! Man soll sich erbarmen. Nur schlafen! Nicht rauchen, nicht trinken, nicht küssen, nicht essen, nicht lieben. Ruhen, nur schlafen. Gerade nur liegen, ruhen. Begraben.« Mit zitternder Hand strich Olga der Todfeindin die Haare aus dem Gesicht, breitete ihre Finger an die ewig offene Wunde, aus der der Rauch hervorströmte, sie wollte sie retten. Beide Hände, in heiligem Kreuz übereinandergelegt, an die Wunde gepreßt, sollten schützen, verbergen und heilen! Sie bettete das Kind Mizzi ins Gitterbett, legte es an die kühlende, heilende, heilige Wand. Das Kind, starrend in Schmutz, so daß nur die Augen heraussahen, das arme, gemarterte, schmutzbegrabene Herz, hatte Mitleid geweckt in Olga. Sie erbarmte sich ihrer Feindin. Aber Mizzi erbarmte sich nicht. »Pack ich dich, pack ich dich am Haar? Mich zerreißt es, an den schwarzen Zotteln muß ich dich reißen! Mit meinen Fingern dich kämmen. Eine Zange her, heiß gemacht mitten in der Glut! So werde ich dir die Haare brennen! Und jetzt Gift! Eine Flasche voll, ein Liter, ein ganzes Faß Gift, dir mitten in die Haare! Das ist' die Pomade für dein Haar! Sterben mußt du, und wenn du drei Leben in dir hattest. Zertreten! Umgeworfen! Hin und hin und hin! Zertreten! Das bin ich, Mizzi, ich! Du kannst beten, ich sage nein! Du kannst schrein, ich sage nein! Kein Herrgott zum Erbarmen, kein Franz zum Umarmen, kein Bissen zum Küssen, Nein, nein, nein. Schlafen nein, essen nein, leben nein, beten nein, ruhen nein, aber leiden, leiden allein! Mizzi, ich!« Mitleid hielt Olgas Hände an Mizzis Stirn, und doch brannte es erbarmungslos in Olgas Haar: Tiefe Wunden, unerträglich schmerzende Kreise rings um den Kopf, unerträglich glühende, Höllenkreise. Wie ein Kind seufzte sie durch den ermüdeten Mund. Spät war es am Tage. Sie allein war noch in dem ausgestorbenen Saal. Olga war erwacht. Von den Haaren wollte sie sich befreien. Dann konnte man sie nicht so leicht finden, nicht so leicht fassen. Vor der Wärterin kniete sie, flehte sie, ohne Worte, nur mit stummen Gebärden an, ihr das Haar zu schneiden. »Aber, was ist denn das? Mit der Dreimillimeterschere müßte ich dir die Haare schneiden, das wäre doch jammerschade. Das machen wir nur bei den räudigen Mädchen. Willst du das wirklich? So Hab nur Geduld, ich will es dir schneiden. Nur iß die Morgensuppe vorher, und ein Stück Brot, ein weißes, gutes, mit Zucker oder mit Mohn? Die erste Nacht war wohl schlecht? Heute ist Sonntag!« Sechstes Kapitel Unter der eiskalten Schere fielen Olgas Locken. Die andern Mädchen nahmen sie, kaum daß sie zur Erde gesunken waren, spielten damit, warfen sie in schwarzen Blitzen aus den vergitterten Fenstern hinaus in den Wind. Kühlend lag die Schneidemaschine an Olgas brennendem Haupte. »Warum küßt du mir die Hand? Was soll das bedeuten? Es ist alles gut!« »Aber ins Dunkelarrest muß sie doch!« zischten die andern. »Laß sie nur lachen, einmal muß es sein, und du triffst es gerade recht, es regnet draußen, in der Zelle ist es gut warm!« Fürchterliche Angst erschütterte Olga. Ihr Mund, seit langem in Schweigen verkrampft, öffnete sich zu flehender Bitte: »Nur nicht allein!« »Sei kein Narr! Du hast schon mehr überstanden. Was ist daran? Ich gebe dir eine schöne, schwere Decke! ...« »Nur nicht allein!« »Aber es darf ja nicht sein! Mir wird es befohlen, was kann ich tun, ich muß dich führen. Da lege dich hin, da hat schon manch eine vor dir geschlafen und hat mich böse angesehen, wenn ich gekommen bin, sie wieder zu wecken. Sieh her, da ist Wasser zum Waschen und da ist Wasser zum Trinken und da ist auch das Brot. Aber hier das, das ist von mir!« »Nur nicht allein!« »Das Betteln kann dir nichts nützen, nimm es nicht so ernst, lache doch! Hier das ist guter Kaffee, warte eine kleine Weile, trinke ihn nicht sogleich, dann hast du gleich etwas zum Freuen, zum Lachen!« Olga warf sich der Wärterin zu Füßen, umfaßte ihre Beine. Die Alte strich ihr über den glatten, schwarzen Kopf: »Nur keine Angst, nur kein Beben! Beten! Beten ist gut, denken Sie an den lieben Gott, dann denkt er auch an Sie. Nun, so geh', du kleine Olga mit deinem kurzen Haar!« Olga trieb ruhelos in der dunklen Zelle umher, es bäumten sich ihr unter den Füßen Bretter entgegen, von einer verfilzten Decke überbreitet, sie tastete mit der Hand vor sich hin, die geballte Hand war plump, immer noch wuchsen die Nägel nach innen, Schmerz erweckend und Geschwüre. Sie legte eine Faust vor das Auge; ließ sie fallen, dunkel war es, dunkel blieb es. Totenstille. Totenfinsternis. Sie kroch an der Stirnwand der Zelle empor, wie gut war das Knistern der Decke unter ihren Füßen, der erste lebendige Laut. Sie suchte das Fenster, die lebendige Luft, für einen Kreuzer Licht! Sie begann zu schreien, es blähte sich ihr Gesicht, zitternd stieß sie die Luft durch die Lippen, ein scharfes Zischen schnitt durch die Stille: Licht zeigte sich! Von der Tür her kam eine Messerschneide Licht. Freudebebend hielt sie die Hand hin, die Brüste, die harten, vereisten, verkümmerten Blüten, die schmalen Knie, die Füße, die lichten. Sie breitete die Finger aus, es glänzten matt ihre Wunden: Das bin ich! Langhin fuhren ihre Lippen über den Arm, erwärmend in süßer Erregung: Das bin ich. Es regte sich ihre Zunge im Munde, sie begann die Wunden zu liebkosen, leise klirrend streiften ihre Zähne das harte Hörn ihrer Nägel. Sie raffte, sich selbst zur Wärme und zu schützendem Dache, das kahle Haupt über die magere Schulter, streichelnd tastete ihr Kinn an die Brüste. Durch Stunden ruhte Olga, in Tierfrieden selig, mit Tieraugen saugte sie das spärliche Licht auf. Gesättigt, genährt an fremden Düften, sich selbst näher, alle Glieder näher an sich heranschlingend, alles zusammenpressend in stillstarker Umarmung, so schlummerte sie ein. Siebentes Kapitel Totenstille, Totenfinsternis. Olga in der zweiten Wirklichkeit, blühend in unzerstörter Jugend, milchweiß auf dem hohen, roten Teppich, eingehüllt in den roten, seidenen Stoff: sie rauschte weich nieder auf den Boden, die Beine rings um sich geschlungen, süß berührte sich Glied mit Glied, nackt und glatt unter der Seide. Und aus den Falten, tief herum gewellt, leuchtete ihr selbst das weiße Gesicht, die niedrige, elfenbeinerne Stirn, die schwarzen Augen, ruhig glühend über dem tiefroten Mund. Schlürfend den geliebten, den wirklichen Duft des einzigen, nievergessenen Hauses. Im Kirchenduft der Sandelholzperlen aufatmend vom Grunde des Lebens, jetzt löste sich ihr aufschlagendes Herz in stärkster Süßigkeit von innen her. Die Sonne brach herab zwischen ihren ausgestreckten, ruhenden Füßen, ein schwerer, verdichteter, silberner Strahl. Ihrem Franz unterworfen lag sie, bebend schmiegte sie sich an die ehernen, kalten, totenstarren Säulen seiner Beine. Ich bin es, ich, Olympia! Jetzt fuhr sie mit ihm auf dem himmlischen See, in den Händen die Schnüre des Steuers, vor den Augen die schwarzseidenen Fransen des Schirmes. Jetzt aß sie die tausendjährige Traube, sein goldbrauner Mund, sein holdselig duftender Kuß, immer näher heran, schwebend glitt sie hin, schloß die Augen, Nacht um sich, geschlossen mit hohen Wänden zum Himmel und höher. Langsam, schwer in Zauberschlägen schlug ihr Herz. In ihrem Mund, hinter eng zusammengekrampften Lippen, sammelte sich die süße Flüssigkeit wollüstig zerdrückter Trauben, die perlende Fülle der Beeren streichelte ihr den Mund von innenher. Langsam berauschte er sie, er war allein, er war gut, er war stark, nicht mehr zu entrinnen, nirgendhin zu entweichen. Auf der Erde lag sie, ein Stück Erde ausgegossen zu seinen Füßen. Erde und sterben. Achtes Kapitel In Dunkelheit erwachte Olga im Kerker. Schwarz wie ein Stein von innen die Zelle. Mit Gewalt donnerte Olga an die Türe, flehte, bettelte um das Licht von früher. Alles starrte Nacht. Sie riß an den Augen und plötzliches Licht zuckte, süß wonnevoll vibrierte eine kleinwinzige Flamme, weiß, rosenrot, verblassend in der Sekunde ins Nichts. Noch einmal flehte, bettelte sie, noch einmal versuchte sie es, sie peitschte sich die Augen, bereit zur Vernichtung, aber alles versagte, sie heulte, sie weinte, es dröhnte der kleine Raum, eine einzige Glocke. Es war kalt, die Zelle eisig, die Luft erfroren. Olga suchte den Kaffee der Profossin, fand ihn nicht in der völligen Finsternis, sie trank Wasser, leerte den Krug, sie hielt den Atem an, Hitze stieg auf in ihr, sie dachte an heiße Gewölbe unter dem Boden, Öfen der Hölle, sie fühlte mit zitternden Fingern hin an den Estrich. Sie zog sich aus, machte sich nackt, schmiegte sich an den Boden, lagerte sich wie in warmes Fleisch, die Fersen aufgestützt an ihre Lenden. Stimmen aus den Gewölben der Hölle flüsterten. Erde und Hölle im Kampfe. Von der Decke herab floß die erste Stimme. Die Decke war durchbrochen, schwarz, unsichtbar noch, saß ein Mann an der Decke, sprach über sie herab: der gute Mann, die obenher küssende Liebe, das ewige Ja. Vom Estrich her quoll die andere Stimme, die furchtbare Feindin: das ewige Nein. »Ja! Das arme Kind! Sie sperren es ein ohne Wasser, ohne Brot, ohne Leben, ohne Tod, ist denn keine Gnade?« »Nein, es ist besser, sie hängt sich selbst! Nur zu! Beide Hände um den Hals und jetzt zusammen!« »Ja! Aber an den Händen hat sie Wunden! Laß sie! Wie ist sie mager, nur die Augen groß in dem häßlichen Gesicht, eine Mumie in Flanell, halb gestorben, halb verdorben, alles verdorrt.« Olga, in Scham und in Zittern, wollte sich ankleiden, ihre Blöße dem Mann oben verbergen, aber die Kleider trieften vor Nässe, zum Trocknen hing sie den Rock an den Gashahn, schlüpfte unter ihm weg in drehender Flucht, die Schnüre des Rockes streichelten ihr nach, kitzelten den Hals, reizten zum Lachen. »Nein! Wie du lachen kannst! Was du für Glück hast! Ist das die Schnur vom Rock? Nein, das ist der Schleier, der weiße. Ist Olga im Zuchthaus? Nein, in der Hochzeitskirche zur Nacht. In der Nacht hat sie geliebt, in der Nacht wird sie getraut. Traurige Olga, nimm den Schleier um den Hals, und fest zugezogen, wie wird dir dann wohl!« Langsam erhellte sich das Zimmer, wie von Spitzenschleiern, wehend vor offenen Türen. Überallher strömte kalte Luft. Olga lag am Boden. Franz erschien, die Decke durchbrechend, dröhnte er nieder. Gewaltig wuchtete er. Ungeheure Kirchenfigur aus Kupfermetall. Der Erdenherr, dem Himmelsfürsten verwandt. Der Fuß, erstarrend in dunkelstem Erz, erhob sich langsam über Olgas Kopf. »Nein, ich darf es nicht, du darfst es tun. Drück ihr den Kopf ein. Jetzt ist sie drin, im eisernen Kabinett!« »Ja, willst du es auch wirklich, Olga?« Olga: »Hilfe! Hilfe! Rette mich!« »Nein Franz, hörst du sie schreien: Will ja, will ja, rette mich!« »Ja, kann man das tun? Und wenn sie unschuldig ist?« »Nein, es muß sein.« Olga: »Ach und weh, heilige Barmherzigkeit! Warmherziger! Herziger! Ich habe immer nur einen geliebt!« »Nein, ach und weh, lach' und geh, tu ihr die Barmherzigkeit, mach' ihr die enge Kehle weit.« Der Fuß, dunkel starrend in Erz, glühend in Hitze, bitterlich von Geschmack, mit ungeheurer Gewalt drang er in Olgas Kehle. Würgen empfand sie. Bitteres Wasser erbrach sie im Strom. »Nein! War das gut, Franz? Dich habe ich beten gelehrt, jetzt lernt deine Olga auch beten. Knietief steht sie in Tränen.« »Ja! Zurück! Ja, laß sie heim! Ja, sie darf zurück! Ja, sie hat genug geblutet!« »Nein! An den Füßen packe ich sie, ich an der Brust. Mittendurch zerreiß ich sie.« Olga: »Liebe mich! Küsse mich, Franz!« Aber leer blieb ihr Mund, nur Lachen, strömend wie ein entketteter Strom, durchdröhnte die Zelle. Olga raffte sich auf zum letzten Flehen, aber das ewige Nein zischte aus allen Ecken des vergitterten Raumes: Erbarmen! Nein! Zermalmen! Erbeten! Nein! Zertreten! Gott! Nein! Kröte und Kot! Liebe! Nein! Diebin! Rosenkranz! Nein, Totentanz! Pferdegrube! Erde verfluchte! Sterben und Ruhe! Es häufte sich ihr auf der Brust zu gewaltigem Erzberg, zum kupfernen Dom. Michalek stand vor Olga. Metallisch klirrte sein Lachen, alles bebte an ihm, kupferfarben schillerte sein Schädel, seine blauen Säuferhände klatschten zusammen im Takte zu Olgas nackten, fliehenden Sohlen auf den nassen Steinen des Gefängnisses. Nirgends hin zu entweichen, die Arme in die Bänder verkettet, und wie ein Wasserstrom von allen Seiten das höllische Gelächter! »Lache nicht! Lache nicht! Ich bitte, ich flehe, ich knie, ich bete. Ich muß weinen, du kannst lachen, ich liege zertreten am Boden wie eine Kröte, eine arme elendige, ich kann mich nicht rühren, ein Tier, in Ketten gebunden. Lache nicht, lache nicht! Ich will weinen, ich will büßen, den Fuß dir küssen, warum ist er so heiß? Bist du krank, ich will dich gesund weinen. Bist du in der Hölle, in der glühenden, heißen, ich bin da mit dir, da ist es gut. Lache nicht, lache nur nicht? Franz, was wird aus mir? Lache nicht mehr! Barmherziger Heiland, lache nicht!« Einen Augenblick lang verstummte alles, dann krachte brüllendes Lachen von neuem los, Michalek zitterte, Tränen lockte ihm das Lachen aus den weißen Augen, sein Hals, fett schwabbernd, zuckte im blauen Höllenglänzen in den Stößen des Lachens. Aus seinem blauen Banknotenhemde raschelte es, der glitzernde Strick des Bosniaken wand sich in Ringeln vor Lachen. Hoch trillerte Mizzis Gelachter, in perlendem Kichern, der furchtbaren Wunde entfloß es, entsprudelte der tödlichen Grube, die gekräuselten Haare wehte es vor sich hin, das unzerstörbare Grinsen, der ewige Hohn. Olga, nackt, schwarz hockend in der Ecke der Zelle, horchte auf: Ihre Augen, grün glühende Sicheln, nach innen gekrümmt, ihre Hände, spitzige Pranken, mit tierischen Nägeln, aufgebäumt ihr Nacken, angehalten die Glieder, nach oben gereckt das kahlgeschorene Haupt. Das Tier, gespannt zum Sprung. Neuntes Kapitel Ungeheuer ragte er vor ihr, der eiskalte Mann, der hämische Böse, das rauschende Gelächter rings um ihr jammerndes, liebendes Herz. Blendend zuckten vor ihren Augen seine gelben Zähne in seinem lachend aufgerissenen Munde, seine Hände sah sie funkeln, mitten durch die Finsternis, blaue, fünfgezackte Blitze, Höllenflammen. Sein Hals, aufpochend im Pulsschlag des Lachens, unendlich reizte er Olga, lockte mit langem, süßen Ruf ihr Blut. Im tiefsten Wirbel der Hölle kreiste sie in lautloser Schwingung; über seinen Tod, mitten durch ihre Vernichtung trieb es sie, aufwärts, jenseits von Mensch, Erde und Hölle. In seinen unermeßlichen Leib krallte sie sich ein, auch sie im Traumwahn zu unermeßlicher Größe aufgerissen, in einem Sprung warf sie sich über den lebenslang geliebten, umfaßte ihn ganz, den jahrelang ersehnten, sie zwang ihn in die eiserne Zwinge ihrer starken Glieder, wie eine Kette schlossen sich ihre Hände um seine breite Kehle, unter der das Lachen, schon unterirdisch gedampft, dahinrann, immer näher zusammen, hinein die Krallenfinger in den Hals, der von Adern wie von Galgenstricken durchzogen, sich unter ihr bäumte, ohne Befreiung! Wort auf Wort schlug aus ihr wie Feuer. Sterben nein! Morden ja! Ganz langsam wirst du erwürgt, das ist deine Todesstrafe. O nein, den Mund, o ja, die Hand! O nein, den Kuß, o ja, den Tod! In der schwarzen Pferdegrube wirst du enden. Kein Erbarmen, kein Umarmen. Dort wirst du verfaulen. Beten? Nein, zertreten! Du eiskalter toter Stein, wie ein Stein liegen. Millionen Fliegen zur Marter über dir. Tausendmal hast du mich geliebt. Ich habe niemals geboren. Verflucht war ich mit dir! Schrei nur, du eiseskalter Satan, niemand hört dich! Du liebst mich niemals mehr. Du saugst mir das Blut? Jetzt sauge ich dich! Mit ihren kleinen, harten, starken Lippen, unabwendbar saugte sie sich an seinem Halse blutig fest, zwischen ihre festen, weißen, scharfen Zahne nahm sie sein Fleisch, rollte es unter der Zunge, unnennbar beseligt. Gut, ist das gut? Was, kein Wort? Tot? Schlaf! Augen zu! So will ich dich lieben, so muß ich dich küssen, Franz, Strafe Gottes. Das tut mir wohl. Muß ich dich so lieben? Bin ich ein Mensch? Das kahlköpfige, schwarz umdunkelte Weib, triefend in der Dunkelzelle, rittlings im Dämonenritt über der einst geliebten Gestalt, mit ihren entfesselten Locken wehte sie ihm um das nachtschwarze Gesicht. Entweibt, der langen Locken entkleidet, deckte sie ihn mit dem schweren Schleier ihrer Haare, schüttete das letzte Dunkel aus im Liebesgemache. Mit ihren Knien glitt sie an seinem Halse in die Höhe, aus ihr wuchs er, er selbst aus der tausendfach unfruchtbaren Umarmung. Er allein ausgeboren, der eisige Stein! Olga, zu einem steilen Berge getürmt, niedrig die milchweißen Füße, unter denen seine Brust schwer nur atmete, langsam sein Herz sich hob. Niedrig das Haupt, das in triefender Nässe schwarz funkelte. Hoch die Hüften, aufgebaut über das Leben, ragend aus der Hölle zur Höhe. Ihre ganz durchblutete Wange legte sie an seine, das Mädchen nahe dem ersten Geliebten, ihr überblühendes Fleisch schmiegte sie an seine kalten Wände. Aber nicht einen Atemzug lang ruhte sie, schon schoß unter ihr wie ein brennendes Feuer sein zischender Hohn hervor, das ewige nein, einstimmig von beiden Feinden geflüstert, ihm aus den Fingerspitzen entspringend, ihr aus der Wunde entrollend. Höllischer Laut. Lautgewordene Hölle. Aufwirbelnd aus dem tiefsten Grunde, sammelte sie sich zu der Vernichtung. Ausbrechend aus der geliebten, warmen, vertrauten, durchfreuten, durchlittenen menschlichen Gestalt, zersplitterte sie Franz, Mizzi, sich selbst. Erst starrte sie hinab unter sich, genau sicherte sie ihr Ziel. Dann spritzten ihr die Tieresnägel aus der entketteten, entfalteten Faust, sie faßte ihn unerbittlich in den Mund, mit ihrem Kopfe schmetterte sie nieder auf seinen Hals, durchhackte ihm die Adern mit spitzen Zähnen. Ausweitend ihre Lippenwinkel in tierischer Wollust, sog sie, langsam sich berauschend, an seinem schweren, süßen, schwarzen Blut. Auf und nieder stampfte sie. Über den knirschenden Filz der Pritschendecke krachte ihr Fuß. Sie trat den Geliebten nieder, wie ein Mörser zertrümmerte sie ihn ganz. Aber noch tönte ihr zum Hohn, zum ewigen Hunger, das ewige nein, noch war sie nicht gesättigt, verschwunden blieb Mizzi. Erste tierische Glut ergriff die Verwandelte. Sie suchte Mizzi in der Dunkelheit, geschmeidig ausweichend spitzen Kanten, steilen Mauern, die Finsternis durchwanderte Olga im Sprung. Verschwunden blieb die verhaßte Erscheinung, aber noch lebte sie, spritzte aus allen Ecken Gift und Schmerzen und Hohn. Wut raste in Olga empor. Warme Hände packten sie an den Schultern, langsam geriet sie ins Kreisen. Wie ein Stück Eisen, fortgewirbelt vom zerschmetterten Schwungrad, wie ein Stück Stern, fortgeschleudert von einer zertrümmerten Sonne, zu Atomen zerstiebend im eng geketteten Räume, so warf es sie umher in der Zelle, dumpf knirschten ihre Zähne in Tobsucht, im Frieden des Tobens, in der Freude des Wahnsinns, in der letzten Erfüllung. Der zertrümmerte Freudenmensch stürzte empor, aufwärts, rasend vom rasenden Menschen zum ruhenden schweigenden Tiere. In Spiralen funkelten ihre Hände durch das höllendunkle Gemach, niedrig, hart das Kinn an das Schlüsselbein gepreßt, wirbelte ihr kahles Haupt, es zagten die Brüste, eine tobende Meute, vor ihr her. Krachend zerspaltenem Holze gleich schwang sich mit ihr das Geheul. Ihr Körper schleuderte sich mit nie erlebter Gewalt durch den Raum. Glühender Stern. Rollendes Gestirn, unbeseeltes. Glücklicher Stern, rasend im Chaos. Glücklich im Chaos geborgen, im Chaos vergehend. Glücklich, da es sie ganz entriß, sie ganz zerriß. Mord, Liebe, Freudenhaus, Leidenswelt, Traum und Zuhause, Zurück und Zertrümmern, Vergehen, Vergessen, Verwehen, Verwandeln, Wahn, Wahnsinn, Wandlung und Tod, rotrauschende Seide, rotblühender Mund, silberne Heilandsbrust, silberne Mädchenbrust, silberner Sonnenstrahl, Licht war überall, sie atmete leicht, leicht. Ihre Pranken packten die Klinke der versperrten Tür, ihre Zahne bissen in das kalte Metall, den blonden, giftigen Flimmerstrahl, sie rissen es mit hinein in den wirbelnden Kreiselschwung, leuchtende Kreise vorfunkelnd den Tieraugen Olgas. Zehntes Kapitel Die Wache ging langsam an der Dunkelzelle vorbei. Lärm war etwas Gewohntes, deshalb ließ der Profoß die Sache auf sich beruhen. Als er aber am Ende des Ganges war, hörte er ein Kreischen, wie wenn ein schwerer Schlüssel in einem Schloß mit Mühe umgedreht würde. Gellend pfiff er auf der Trillerpfeife Alarm. Die Profossin erschien am andern Ende des Ganges; beide klammerten sich an die Klinke, schwankten, geworfen von der Wut Olgas. Die Profossin war besorgt, öffnete die Tür. Olga stürzte heraus. Nackt, mit blutunterlaufenen Augen, wild fauchend aus weit aufgerissenem Mund, so stieß sie ihr kahles, schwarzes Haupt vor. Man drängte, prügelte sie zurück, aber sie ergriff, sich bückend, mit der rechten Hand ihren schweren Holzschuh, deckte mit der linken ihre Augen, tückisch schmetterte sie den Holzschuh auf den Kopf der guten Profossin nieder, die lautlos starb. Der Wachsoldat zog sich unter fortwährendem Pfeifen zurück. Ungehindert warf sich Olga, nun erst in der vollen Glut ihres Wahnsinnes, sausend und heulend den Gang vorwärts. Die Zuchthäuslerinnen kamen ihr entgegen, wollten sie anhalten, aber der schwere Schuh dröhnte mit ungeheurer Wucht über ihre Köpfe. Blut spritzte von allen Seiten. Das Geheul Olgas, krachend zerspaltenem Holze gleich, mischte sich mit dem schrillen Pfeifen des Wachsoldaten. Kreischend wichen die Gefangenen in ihren Saal zurück. Der Soldat gab ein Zeichen, eine schwere Tür stemmte sich Olga entgegen. Sie lief zurück. – »Halt! Halt!« gellte der Soldat, »oder ich schieße!« Olga zischte ihm entgegen, schüttelte tobend den kahlen Kopf, in dem die Augen glühend brannten. Sie war fast bis zum Lauf des Gewehres gekommen, als der Soldat losdrückte. Sie fiel sofort zusammen, spannte beide Hände über den Unterleib und verging, bevor der dienstführende Soldat aus dem Arbeitssaal gekommen war. Die Gefangenen (Neugierde war stärker als Angst), waren wieder hervorgekommen. Sie sagten aus, sie hätten ein Gebrüll wie von einem »angeschossenen Katzerl« vernommen. Gefangen in der Raserei der letzten Stunde, endete Olga als Tier .