Edgar Wallace Das Gesicht im Dunkel 1 Graue Nebelschleier lagen über London, als in den Abendstunden ein Mann mit unsicheren Schritten in den Portman Square einbog und nach einigem Suchen vor Nr. 551 anhielt. Während er zu den dunklen Fenstern hinaufstarrte, verzog sich sein Mund zu einem widerwärtigen Grinsen. Diesem alten Teufel wollte er schon beibringen, daß man nicht ungestraft Leute ausplündern konnte! Warum sollte Malpas ein üppiges Leben führen, während sich sein bester Agent elend und kümmerlich durchschlagen mußte? So oft Laker betrunken war, legte er sich diese Frage vor. Seine äußere Erscheinung, die in dieser vornehmen Gegend höchst sonderbar wirkte, verriet allerdings deutlich genug, daß es ihm schlecht ging. Er trug einen schäbigen Anzug, und sein Gesicht, das von der Backe bis zum Kinn von einer häßlichen Narbe entstellt wurde, sah verkommen und unrasiert aus. Nachdem er noch einen kurzen Blick auf seine abgenützten Schuhe geworfen hatte, stieg er die Stufen zur Haustür hinauf und klopfte. »Wer ist da?« fragte sofort eine Stimme von innen. »Laker!« erwiderte er laut. Geräuschlos öffnete sich die Tür. Er trat in die kahle Halle, ging die Treppe hinauf und stand gleich darauf in einem verdunkelten Zimmer. Nur vor dem Mann am Schreibtisch brannte eine schwache Lampe. Laker hatte kaum die Schwelle überschritten, als sich die Tür wieder hinter ihm schloß. »Setzen Sie sich«, sagte der Alte am anderen Ende des Zimmers. Grinsend ließ sich Laker drei Schritte entfernt auf einem Stuhl nieder. »Wann sind Sie gekommen?« »Heute morgen, mit der ›Buluwayo‹. Ich brauche Geld, und zwar schnell, Malpas.« »Legen Sie auf den Tisch, was Sie mitgebracht haben«, entgegnete der alte Mann barsch. »Kommen Sie in einer Viertelstunde wieder, dann können Sie sich das Geld holen.« »Ich will es aber jetzt haben!« rief der Betrunkene trotzig. Malpas wandte ihm sein grauenerregendes Gesicht zu. »Hier gilt nur mein Wille! Sie sind wieder einmal betrunken und benehmen sich danach. Blöder Narr!« »Ich bin nicht so ein blöder Narr, daß ich noch länger diese Gefahren auf mich nehme! Ihnen bekommt die Sache sicher auch bald schlecht. Sie wissen nicht, wer nebenan wohnt.« Malpas zog den Schlafrock enger zusammen und kicherte. »Ich weiß, daß Lacy Marshalt mein Nachbar ist, Sie Dummkopf! Würde ich sonst vielleicht hier wohnen?« Laker starrte ihn mit offenem Munde an. »Was? Aber er gehört doch zu den Leuten, die Sie ausplündern – wenn er auch ein Verbrecher ist, Sie bestehlen ihn! Warum wollen Sie denn neben ihm wohnen?« »Das geht Sie nichts an. Legen Sie jetzt den Kram hin, und machen Sie, daß Sie fortkommen!« »Ich lege nichts hin, und ich gehe auch nicht fort, bis ich alles weiß, Malpas«, erwiderte Laker und stand auf. »Für nichts und wieder nichts sitzen Sie nicht an dem einen Ende dieser dunklen Stube und lassen mich immer am anderen warten. Ich werde Sie jetzt einmal genau betrachten, mein Lieber. Sie sind nicht der, für den Sie sich ausgeben! Rühren Sie sich nicht – Sie können den Revolver in meiner Hand nicht sehen, aber er ist da, verlassen Sie sich darauf!« Er machte zwei Schritte vorwärts, prallte dann aber zurück. Ein in Brusthöhe quer durch das Zimmer gespannter Draht, der im Dunkeln nicht zu sehen war, hielt ihn auf. Im selben Augenblick ging das Licht aus. Wütend bückte er sich, um unter dem Hindernis wegzukommen, verhakte sich aber gleich darauf mit dem Fuß in einem zweiten Draht, der dicht über den Boden gezogen, war, und fiel hin. »Machen Sie Licht, Sie alter Halunke!« schrie er außer sich, als er wieder auf die Beine kam. »Sie nützen mich nur aus – seit Jahren leben Sie von mir, Sie Schurke! Heraus mit dem Geld, oder ich verpfeife Sie bei der Polizei!« »Das ist das drittemal, daß Sie mir drohen!« Die Stimme ertönte hinter Laker. Rasend fuhr er herum und feuerte. Die mit Stoff bespannten Wände dämpften den Knall, aber beim Aufflammen des Mündungsfeuers sah er die Gestalt, die auf die Tür zuschlich, und drückte noch einmal ab. »Machen Sie Licht!« brüllte er wieder, aber schon öffnete sich die Tür, und die Gestalt schlüpfte hinaus. Wenige Sekunden später stand auch Laker auf dem Treppenpodest, aber der alte Mann war verschwunden. Der Betrunkene sah eine andere Tür, warf sich dagegen und rief wild nach Malpas. Er erhielt keine Antwort. Plötzlich sah er etwas auf dem Boden liegen und hob es auf. Es war ein hervorragend gut modelliertes und gefärbtes Wachskinn mit zwei Gummibändern, von denen eins zerrissen war. Laker lachte laut auf. »Malpas, ich habe Ihr halbes Gesicht hier! Kommen Sie heraus, sonst trage ich es zur Polizei. Die Leute holen sich dann vielleicht den anderen Teil!« Als alles stumm blieb, ging er schließlich die Treppe hinunter und versuchte, die Haustür zu öffnen. Aber sie hatte keinen Griff, und das Schlüsselloch war so winzig, daß man nicht hindurchsehen konnte. Fluchend rannte er wieder die Stufen hinauf und hatte fast den ersten Absatz erreicht, als etwas herabfiel. Er schaute nach oben und blickte in das verhaßte Gesicht. Auch das schwarze Gewicht sah er noch und versuchte, ihm auszuweichen. Aber eine Sekunde später glitt er wie ein schwerfälliger Klotz die Treppe hinab. 2 In der amerikanischen Botschaft fand ein Ball statt, und schon seit einer Stunde brachten zahllose elegante Limousinen die vornehmen Gäste herbei. Aus einem der letzten Wagen stieg ein etwas untersetzter Herr mit jovialem Gesicht aus. Er nickte dem Polizisten freundlich zu, der den Eingang von neugierigen Zuschauern freihielt, und betrat gleich darauf die große Halle. »Colonel James Bothwell«, sagte er zu dem Diener und ging auf die Empfangsräume zu. »Verzeihung.« Ein hübscher Herr in tadellosem Frack nahm seinen Arm und führte ihn in ein kleines Vorzimmer. Colonel Bothwell zog die Augenbrauen hoch. Er war etwas erstaunt über diese Vertraulichkeit. »Sie irren sich wohl«, sagte er. »Ich glaube nicht –« Die grauen Augen des anderen lächelten ihn freundlich an. »Mein lieber amerikanischer Freund«, begann der Colonel wieder, »Sie täuschen sich bestimmt.« Der Fremde schüttelte sanft den Kopf. »Ich irre mich nie, und ich bin, wie Sie sehr gut wissen, Engländer – ebenso wie Sie. Es tut mir leid, mein armer, alter Slick!« Slick Smith seufzte. »Sehen Sie her, Captain, ich habe eine Einladung. Und wenn mich mein Botschafter zu sehen wünscht, so geht Sie das vermutlich nichts an.« Captain Dick Shannon lächelte. »Er wünscht Sie ja gar nicht zu sehen. Im Gegenteil, es wäre ihm höchst unangenehm, einen so gewandten englischen Dieb in der Nähe von einer Million Dollars in Diamanten zu wissen. Colonel Bothwell vom vierundneunzigsten Kavallerieregiment würde er gewiß gern die Hand drücken, wenn dieser Mann zu Besuch nach London käme, aber den Juwelendieb Slick Smith kann er wirklich nicht gebrauchen!« »Schade! Den Halsschmuck der Königin von Griechenland hätte ich mir doch zu gern angesehen. Es ist vielleicht die letzte Gelegenheit. Zu meinem Unglück bin ich nämlich mit einem Detektivinstinkt begabt, und Sie dürfen mir glauben, daß die Diamantenkette bereits vorgemerkt ist! Eine sehr geschickte Bande ist dahinter her – Namen nenne ich natürlich nicht.« »Sind die Leute hier?« fragte Dick schnell. »Ich weiß es nicht. Das wollte ich ja selbst feststellen. Ich bin in solchen Dingen wie ein Arzt – sehe gern bei Operationen zu. Man lernt dabei immer etwas Neues, was einem nie einfiele, wenn man immer nur seine eigene Arbeit studierte.« Dick Shannon überlegte einen Augenblick. »Warten Sie hier, und lassen Sie das Silber in Frieden«, sagte er dann und ließ Slick allein, der ihm entrüstet nachschaute. Er drängte sich in den überfüllten Räumen durch die Gäste, bis er von einer freien Stelle aus den Botschafter beobachten konnte. Der Amerikaner sprach mit einer hochgewachsenen, müde aussehenden Dame, zu deren Schutz Dick Shannon in die Gesandtschaft beordert worden war. An ihrem Hals glänzte eine Kette, die auch bei der leisesten Bewegung strahlend aufblitzte. Der Detektiv sah sich um und winkte unauffällig einen jungen Mann zu sich, der mit einem der Legationssekretäre sprach. »Steel, Slick Smith ist hier«, flüsterte er ihm zu. »Und er behauptet, daß man versuchen würde, den Schmuck der Königin zu rauben. Sie dürfen sie keine Sekunde aus den Augen lassen. Und sagen Sie irgendeinem Beamten, daß er die Liste der Gäste nachkontrollieren soll. Wenn sich ein Unbefugter findet, bringen Sie ihn zu mir.« Dann kehrte er zu Slick zurück. »Warum sind Sie eigentlich gekommen, wenn Sie von diesem Plan wissen?« fragte er. »Auch wenn Sie nichts damit zu tun haben, werden Sie doch verdächtigt.« »Das dachte ich mir auch schon. Daher kommt ja auch die Unruhe, die mich seit einer Woche plagt.« Die Tür nach der Halle stand offen, und die beiden konnten die Nachzügler beobachten, die verspätet eintrafen. Eben kam ein stattlicher Herr von mittleren Jahren vorüber, der von einer auffallend schönen Frau begleitet wurde. Sie waren schon außer Sicht, bevor Dick sie näher betrachten konnte. »Sieht ganz gut aus«, meinte Slick. »Martin Elton ist übrigens nicht hier. Seine Frau läuft viel mit diesem Lacy herum.« »Lacy?« »Ja, der Honourable Lacy Marshalt. Er ist Millionär und ein gerissener, zäher Kerl. Kennen Sie die Dame, Captain?« Dick nickte. Dora Elton war eine bekannte Persönlichkeit, die bei keiner Veranstaltung der ultramondänen Welt fehlte. Lacy Marshalt kannte er nur dem Namen nach. Er brachte Slick Smith zur Haustür und wartete, bis dieser mit einem Mietauto davongefahren war. Dann kehrte er in den Ballsaal zurück. Um ein Uhr brach zu seiner größten Erleichterung die Königin auf und fuhr zu ihrem Hotel am Buckingham Gate zurück, wo sie inkognito abgestiegen war. Neben dem Chauffeur saß ein bewaffneter Detektiv, und Dick zweifelte keinen Augenblick daran, daß sie ungefährdet ihr Ziel erreichen würde. Nachdem er sich von dem dankbaren Botschafter verabschiedet hatte, kehrte er nach Scotland Yard zurück. Aber der überaus dichte Nebel ließ nur ein Schneckentempo zu. Als er seinen Wagen nach allerhand Zwischenfällen schließlich in den Hof gesteuert hatte, gab er Auftrag, ihn in die Garage zu bringen. »Ich gehe lieber zu Fuß nach Hause«, sagte er zu dem diensttuenden Beamten. »Das ist sicherer.« »Der Inspektor hat nach Ihnen gefragt«, erwiderte der Mann. »Er ist zum Embankment hinuntergegangen. Sie suchen dort nach der Leiche eines Mannes, der heute abend in den Fluß geworfen wurde.« »Geworfen?« wiederholte Dick bestürzt. »Sie meinen wohl, er ist hineingesprungen?« »Nein. Eine Patrouille der Strompolizei ruderte an der Embankmentmauer entlang, als der Nebel noch nicht so dicht war wie jetzt, und dabei sahen die Leute, wie der Mann aufgehoben und übers Geländer geworfen wurde. Der Sergeant pfiff sofort, aber es war gerade keiner von uns in der Nähe, und so ist der Kerl, der es getan hat, entkommen. Sie suchen jetzt nach der Leiche. Ich sollte es Ihnen mitteilen, wenn Sie kämen, meinte der Inspektor.« Shannon zögerte keinen Augenblick und machte sich sofort wieder auf den Weg. Mühsam tastete er sich durch den Nebel, bis er mit dem Inspektor zusammenstieß. »Ein Mord«, sagte der Beamte. »Eben haben sie die Leiche gefunden. Der Mann ist totgeschlagen und dann ins Wasser geworfen worden. Wenn Sie die Stufen herunterkommen, können Sie ihn sehen.« »Wann ist es denn geschehen?« »Heute – oder vielmehr gestern abend gegen neun. Jetzt haben wir gleich zwei.« Shannon ging hinunter und beugte sich über die dunkle Gestalt, die ein Polizist mit seiner Taschenlampe beleuchtete. »Er hat nichts bei sich«, meldete der Sergeant, »aber seine Persönlichkeit wird sich leicht feststellen lassen. Er hat eine große Narbe im Gesicht.« Als Dick mit dem Inspektor nach Scotland Yard zurückkam, herrschte dort fieberhafte Tätigkeit, denn während ihrer Abwesenheit war eine Nachricht eingelaufen, die auch den letzten Reservedetektiv aus dem Bett jagte. Das Auto der Königin war an der dunkelsten Stelle der Mall überfallen, der Detektiv erschossen und die Diamantkette geraubt worden. 3 »Von den Hühnern hat jedes vier Schillinge gebracht«, berichtete die alte Mrs. Graffit und zählte das Geld auf den Tisch. Audrey Bedford rechnete rasch nach. »Mit den Möbeln macht das siebenunddreißig Pfund und zehn Schillinge. Reicht also gerade für den Hühnerfuttermann, Ihren Lohn und meine Reise.« »Eine Kleinigkeit könnten Sie doch noch für mich zulegen«, bat die Frau weinerlich. »Seit Ihre liebe Mutter starb, habe ich Sie betreut und alles für Sie besorgt –« »Seien Sie ruhig!« unterbrach sie das junge Mädchen. »Sie haben Ihr Schäfchen bei der Geschichte wirklich ins trockene gebracht. Hühnerzucht lohnt sich nicht und wird sich niemals lohnen, wenn der Generalstabschef einen heimlichen Eierhandel betreibt.« »Wohin wollen Sie denn?« fragte Mrs. Graffit, um das Gespräch auf ein weniger gefährliches Thema zu bringen. »Ich weiß es noch nicht. Vielleicht nach London.« »Eine fürchterliche Stadt! Nichts als Morde und Diebstähle –« »Weil Sie gerade von Diebstählen sprechen – was ist denn aus den letzten vier Hühnern geworden?« erkundigte sich Audrey freundlich. »Ach – habe ich Ihnen das Geld dafür nicht gegeben? Ich muß es tatsächlich verloren haben.« »Nun, dann brauchen wir ja nur den Gendarm zu holen, der versteht sich aufs Suchen.« Mrs. Graffit fand plötzlich das Geld sofort, legte es auf den Tisch und ging dann mürrisch hinaus. Audrey sah sich in dem Zimmer um. Sie hatte den Sessel verbrannt, in dem ihre Mutter immer mit düsteren Blicken in den schwarzen Kamin gestarrt hatte. Ihren Vater hatte sie nie gesehen. Er mußte wohl ein schlechter Mensch gewesen sein. Wenn Audrey als Kind fragte: »Ist er tot, Mutter?«, so antwortete Mrs. Bedford stets: »Hoffentlich!« Audreys Schwester Dora hatte niemals so unwillkommene Fragen gestellt; aber sie war auch älter und teilte die unbarmherzigen Anschauungen ihrer Mutter. Nein, dieses Haus barg keine freundlichen Erinnerungen für Audrey, und der Abschied fiel ihr nicht schwer. Sie war nicht betrübt und auch nicht besonders froh. Vor der Zukunft hatte sie keine Angst, denn sie hatte eine gute Erziehung genossen, viel gelesen, viel nachgedacht und sich an langen Winterabenden mit Stenographie beschäftigt. »Noch viel Zeit!« brummte der Omnibuskutscher, als er ihren Koffer in den dunklen, muffigen Wagen warf. »Wenn die blödsinnigen Autos nicht wären, würde ich erst später losfahren. Aber so muß man vorsichtig sein.« In diesem Augenblick erschien ein Fremder und zog den Hut vor Audrey. »Verzeihung, Miß Bedford. Mein Name ist Willitt. Könnte ich Sie heute abend nach Ihrer Rückkehr einmal sprechen?« »Ich komme nicht mehr zurück.« »Nicht? Darf ich dann um Ihre Adresse bitten? Es handelt sich um eine sehr wichtige Angelegenheit.« »Eine Adresse kann ich Ihnen noch nicht geben. Aber wenn Sie mir die Ihre mitteilen, schreibe ich Ihnen.« Er kritzelte sie auf einen Zettel. Sie nahm ihn, stieg ein und schlug die Wagentür zu. Gleich darauf setzte sich der Omnibus in Bewegung. An der Ecke von Ledbury Lane ereignete sich ein Unfall. Dick Shannon nahm die Kurve zu knapp und schnitt das eine Omnibusrad glatt ab. Audrey stand bereits auf der schmutzigen Landstraße, als Dick auf sie zueilte. Auf seinem hübschen Gesicht lag ein reumütiger Ausdruck. »Es tut mir furchtbar leid! Sie sind doch nicht verletzt?« Er schätzte sie auf siebzehn Jahre, obwohl sie schon neunzehn zählte. Sie trug billige Konfektionskleidung, war aber sehr schön. Dick fürchtete sich fast davor, ihre Stimme zu hören, denn vermutlich wurden seine Illusionen über dieses schöne Mädchen dann zerstört. »Nein, ich bin nur etwas erschrocken. Aber nun werde ich meinen Zug nicht mehr erreichen.« Bekümmert schaute sie auf das abgefahrene Rad. Mit Entzücken hatte er ihrer klaren, reinen Stimme gelauscht. Er hatte sich nicht getäuscht – diese Bettelprinzessin war wirklich eine Dame! »Sie wollen zum Bahnhof von Barnham?« fragte er eifrig. »Ich komme durch den Ort – und ich muß dem armen Kutscher doch auch Hilfe schicken.« »Warum passen Sie nicht auf?« schimpfte der Mann wütend. »Haben Sie vielleicht die Landstraße gepachtet?« Dick knöpfte seinen Mantel auf und nahm eine Visitenkarte und eine Banknote aus seiner Brieftasche. »Ich bitte vielmals um Entschuldigung«, sagte er und reichte ihm beides. »Ich schicke Ihnen sofort Leute aus Barnham.« Er wandte sich wieder an Audrey. »Wollen Sie sich mir anvertrauen?« Lächelnd stieg sie ein. Der Kutscher reichte den Koffer in den Wagen, und Dick nahm seinen Platz am Steuer ein. »Darf ich Sie nicht ganz nach London bringen?« fragte er, als sich das Auto in Bewegung setzte. »Danke, ich möchte lieber mit der Bahn fahren. Es ist möglich, daß mich meine Schwester abholt.« »Sie wohnen hier in der Gegend?« »Ich hatte eine Geflügelfarm in Fontwell. Aber von Hühnern kann man nicht leben, und ich habe das alte Haus verkauft – oder vielmehr, es hat sich alles in Hypotheken aufgelöst.« »Wie schön, daß Sie dann eine Schwester haben, die Sie erwartet«, erwiderte er in fast väterlichem Ton, denn sie erschien ihm so jung und schutzbedürftig. In Barnham stieg er mit ihr aus, brachte ihren kleinen Koffer auf den Bahnsteig und bestand darauf, die Ankunft des Zuges abzuwarten. »Ihre Schwester wohnt natürlich in London?« »Ja, in der Curzon Street.« »Ist sie – ich meine – ist sie dort angestellt?« »O nein. Sie ist verheiratet. Mrs. Martin Elton.« Er sah sie bestürzt an. Aber in diesem Augenblick lief der Zug ein, und Dick eilte zu dem Zeitungsstand, um noch ein paar Magazine für sie zu kaufen. »Es war sehr liebenswürdig von Ihnen, Mr. –? Ich heiße Audrey Bedford.« »Ich werde es nicht vergessen!« rief er ihr nach, als sich der Zug schon in Bewegung setzte. Nachdenklich kehrte er zu seinem Wagen zurück. Mrs. Elton war ihre Schwester, die berüchtigte Verbrecherin, die er seit langem zu fassen suchte! 4 Lacy Marshalt hatte einst als Senator dem Gesetzgebenden Rat von Südafrika angehört und führte seitdem zur größten Belustigung seines Kammerdieners Tonger den Titel Honourable, »der Ehrenwerte«. An einem trüben Morgen stand er am Fenster und starrte verdrießlich in den Regen hinaus, als Tonger die Post hereinbrachte. Er griff nach einem blauen Umschlag, riß ihn auf und las: »Alles in Ordnung. Es geht zu Ende mit ihm.« »Schick ihm zwanzig Pfund!« sagte er und warf Tonger den Brief zu. »Ob der wirklich aus Matjesfontein kommt?« meinte der Diener nachdenklich, nachdem er die Mitteilung auch gelesen hatte. »Hast du den Poststempel nicht gesehen?« »Hm, ja! Hören Sie mal, Lacy, wer ist eigentlich der Kerl, der nebenan wohnt? Malpas heißt er. Gestern sprach ich mit einem Polizisten, und der sagte, der Kerl müßte nicht richtig im Kopf sein. Wohnt ganz allein und macht alle Hausarbeit selbst. Wer kann das nur sein?« »Du scheinst ja schon alles zu wissen – was fragst du mich noch?« »Wenn er es nun wäre?« »Mach, daß du hinauskommst, du Esel!« fuhr ihn Marshalt an. »Der Privatdetektiv, den Sie bestellt haben, wartet draußen«, erwiderte Tonger gleichgültig. Lacy stieß einen Fluch aus. »Warum hast du das denn nicht gleich gesagt? Jeden Tag wirst du dümmer. Laß das blöde Grinsen und bring den Mann herein!« Der schäbig aussehende Detektiv, der hereintrat, überreichte Lacy ein Photo. »Ich habe sie gefunden und rasch diese Aufnahme von ihr gemacht. Das ist sie – sie heißt Audrey Bedford. Ihre Mutter ist tot – seit fünf Jahren. Aber auch von der habe ich ein Bild – auf einer Gruppenaufnahme.« Er wickelte ein größeres Blatt aus, das ihm Lacy schnell aus der Hand nahm. »Mein Gott! Ja, gleich als ich das Mädchen sah, hatte ich ein Gefühl –« »Sie kennen sie also, Mr. Marshalt?« »Nein! Was treibt sie? Lebt sie allein?« »Ja, bis jetzt. Aber vor kurzem hat sie ihr Haus verkaufen müssen. Sie soll mittellos sein und ist gestern nach London abgereist.« »Bildhübsch, nicht wahr?« »Ja, ungewöhnlich schön. Leider hatte ich das Pech, daß Captain Shannon im Gasthof von Fontwell abstieg, um einen Reifen auszuwechseln.« »Wer ist Shannon?« »Ein hohes Tier von Scotland Yard. Aber was ich in Fontwell vorhatte, hab ich ihm nicht verraten. Er hat mich aber fürchterlich ausgeschimpft, weil ich mich für einen Kriminalbeamten ausgegeben hatte.« Lacy schien kaum zuzuhören. »Verschaffen Sie mir vor allem Miß Bedfords Adresse, und versuchen Sie, mit ihr bekannt zu werden. Geben Sie sich für einen Geschäftsmann aus – borgen Sie ihr Geld – aber hüten Sie sich, sie ängstlich zu machen!« Er nahm ein paar Banknoten aus seiner Brieftasche und drückte sie dem Mann in die ausgestreckte Hand. »Bringen Sie das Mädel einmal zum Abendessen her«, fügte er leise hinzu. Der Detektiv machte große Augen und schüttelte den Kopf. »So was liegt mir nicht«, murmelte er. »Ich will nur mit ihr sprechen. Sie bekommen fünfhundert.« »Fünfhundert? Na, ich will sehen ...« Als der Mann gegangen war, trat Lacy ans Fenster. Er rühmte sich, keine Furcht zu kennen. Rücksichts- und reuelos hatte er Menschenherzen zertreten, um an sein Ziel zu kommen. In drei Erdteilen fluchten Frauen seinem Andenken, brüteten Männer Rache. Er aber fürchtete nichts. Er haßte Dan Torrington und wußte nicht, daß Haß nur aus Furcht entsteht. 5 Dick begrüßte seinen Assistenten Steel, der in seiner Wohnung auf ihn wartete, mit einer Frage. »Wissen Sie etwas über Dora Eltons Verwandte?« »Nein. Hat die denn überhaupt Verwandte?« »Vielleicht weiß Slick darüber Bescheid. Ich habe ihn zu sechs Uhr herbestellt. Ist übrigens die Leiche identifiziert worden?« »Nein. Aber nach den Schuhen und dem Tabaksbeutel zu urteilen, kam der Mann aus dem Ausland, wahrscheinlich aus Südafrika. Vielleicht ist er mit der ›Buluwayo‹ oder der ›Balmoral Castle‹ angekommen. Haben Sie mit dem Bognor-Mann wegen der Diamantenkette gesprochen?« »Ja, aber er behauptet, er hätte sich mit Elton verkracht und wüßte nicht, was der vorhätte. Eltons Haus wird doch bewacht, nicht wahr? – Gut. Ich glaube nicht, daß vor heute abend um dreiviertel neun etwas geschieht. Um diese Zeit wird die Kette die Curzon Street verlassen, und ich werde ihr persönlich nach ihrem Bestimmungsort folgen, weil mir viel daran liegt, das fünfte Mitglied der Bande kennenzulernen. Vermutlich ist es ein Ausländer. Und dann werde ich Dora Elton endlich haben.« »Denken Sie nicht, daß es Bunny sein könnte?« »Der hat wohl Mut, aber doch nicht so viel, daß er mit einer gestohlenen Kette durch London spaziert, die von der gesamten Polizei gesucht wird. Das ist nichts für Bunny. Seine Frau wird es versuchen.« Dick sah auf die Uhr. »Vor einer halben Stunde ist sie angekommen. Ich möchte nur wissen –« In diesem Augenblick erschien Mr. Slick Smith, wie immer sorgfältig gekleidet, selbstbewußt und sorglos. Steel nickte ihm grinsend zu und verließ das Zimmer. »Schön, daß Sie kommen«, sagte Dick Shannon. »Sie haben recht behalten – der Schmuck ist weg, und Elton ist in die Geschichte verwickelt.« Slick zog spöttisch die Augenbrauen hoch. »Wirklich? Nicht zu glauben!« »Lassen Sie Ihre ironischen Bemerkungen. Wissen Sie eigentlich etwas über Mrs. Elton?« fragte Dick und schob ihm die Whiskyflasche zu. »Eine reizende Dame – entzückende Person! Früher war sie ein braves Mädchen, aber eine schlechte Schauspielerin. Vermutlich hat sie Elton geheiratet, um einen besseren Menschen aus ihm zu machen.« »Hat sie eine Schwester?« erkundigte sich Dick gespannt. Slick leerte sein Glas. »Wenn sie eine hat, möge ihr Gott gnädig sein!« erwiderte er.   Audrey hatte eine Viertelstunde auf dem Victoria- Bahnhof zugebracht und die Anschläge über den Raub der Diamantenkette studiert, während sie vergeblich auf Dora wartete. Schließlich bat sie einen Polizisten um Auskunft und benutzte den von ihm empfohlenen Omnibus, um nach der Curzon Street zu fahren. Ein zierliches Zimmermädchen öffnete ihr. »Mrs. Elton ist beschäftigt«, sagte sie. »Kommen Sie vielleicht von Seville?« »Nein, ich komme aus Sussex. Bitte melden Sie Mrs. Elton, daß ihre Schwester hier ist.« Das Mädchen führte sie in ein kleines Wohnzimmer und ließ sie dort allein. Audrey redete sich ein, daß der Brief, in dem sie Dora ihre bevorstehende Ankunft mitgeteilt hatte, verlorengegangen sein müsse. Die Schwestern standen sich nicht nahe. Dora war vor Jahren zur Bühne gegangen und hatte sich dann kurz vor dem Tod ihrer Mutter »gut« verheiratet. Sie war Audrey stets als hervorragendes Beispiel hingestellt worden, und ihre Mutter hielt sie bis zuletzt für ein Muster von Vollkommenheit, obwohl sie von Dora völlig vernachlässigt wurde. Die Tür öffnete sich plötzlich, und eine junge Frau trat herein. Sie war größer als Audrey und fast ebenso schön wie diese, nur hatten ihre Haare nicht das strahlende Blond und ihre Augen nicht den freundlich-humorvollen Blick Audreys. »Aber liebes Kind, wo kommst du denn her?« fragte Dora Elton bestürzt und streifte mit ihrer schlaffen, ringgeschmückten Hand die Wange der Schwester. »Hast du meinen Brief nicht bekommen?« »Nein. Du bist aber groß geworden, Kind!« »Ja, allmählich zähle ich auch zu den Erwachsenen. Ich habe das Haus verkauft.« Dora sah sie erstaunt an. »Warum denn?« »Es gehörte mir ja längst nicht mehr – es war über und über mit Hypotheken belastet.« »Und nun kommst du hierher? Das ist sehr peinlich. Ich kann dich unmöglich zu mir nehmen.« »Ach, wenn ich nur einmal acht Tage lang hier schlafen könnte, Dora, bis ich Arbeit gefunden habe.« Ihre Schwester runzelte die Stirne und ging auf und ab. »Ich habe Gäste zum Tee«, sagte sie schließlich, »und heute abend ein kleines Diner. Was soll ich mit dir anfangen – in diesem Aufzug? Geh lieber in ein Hotel, schaffe dir elegante Kleider an und komme am Montag wieder.« »Das würde mehr Geld kosten, als ich besitze«, erwiderte Audrey ruhig. Dora kniff die Lippen zusammen. »Wie kannst du einem nur so einfach ins Haus schneien!« rief sie. »Na, warte hier – ich will mit Martin sprechen.« Audrey hatte sich den Empfang kaum anders vorgestellt. Nach einer Weile kam Dora zurück und zeigte ein erzwungen freundliches Gesicht. »Martin meint, du solltest hier bleiben«, erklärte sie und führte ihre Schwester zu einem hübschen Fremdenzimmer im zweiten Stock. »Du hast hier in London wohl gar keine Bekannten?« fragte sie, als sie das elektrische Licht andrehte. »Nein. Aber das ist ja ein entzückendes Zimmer!« »Ich war vorhin vielleicht etwas abweisend, Liebling«, fuhr Dora fort und legte eine Hand auf Audreys Arm. »Du bist mir doch nicht böse deshalb? Ich bin manchmal so nervös. Und du hast Mutter ja versprochen, für mich zu tun, was du könntest.« »Du weißt, daß ich mein Versprechen halte«, entgegnete Audrey. Dora streichelte ihren Arm. »Unsere Gäste brechen schon auf. Du mußt herunterkommen und Mr. Stanford und Martin kennen lernen.« Sie verließ ihre Schwester und ging in den Salon zurück. »Es wäre vielleicht doch besser, sie in ein Hotel zu schicken«, meinte ihr Mann. Dora lachte. »Ihr beide habt euch nun schon den ganzen Nachmittag den Kopf zerbrochen, wie wir das Ding zu Pierre hinschaffen könnten. Keiner von euch wollte sich der Gefahr aussetzen, mit der Diamantenkette der Königin von Griechenland abgefaßt zu werden –« »Nicht so laut!« brummte Elton zwischen den Zähnen. »Hör zu!« rief Big Bill Stanford. »Ich kann mir denken, was du sagen willst, Dora. Wer soll die Kette hinbringen?« »Wer? Natürlich meine kleine Schwester!« erwiderte Mrs. Elton kühl. 6 Big Bill war nicht sentimental, aber dieser Vorschlag ging selbst ihm zu weit. »Das ist unmöglich. Bedenke doch, wenn sie gefaßt wird und uns verrät?« »Das ist auch mein einziges Bedenken, und es ist nur gering«, entgegnete Dora. Der große Mann starrte einen Augenblick vor sich hin. »Das Ding muß unbedingt aus dem Haus«, sagte er dann. »Schließe die Tür zu, Dora!« Sie gehorchte. Auf dem Kaminsims stand eine wunderschön emaillierte Uhr, die mit einer kleinen Faungestalt geschmückt war. Stanford hob den Faun und damit einen Teil der Uhr ab, die ruhig weitertickte. Ein leiser Druck auf eine Feder genügte, um eine Seite des Bronzekastens zu öffnen und ein genau hineinpassendes Stanniolpaket zu zeigen. Er legte es auf den Tisch, und als er es auspackte, flammten blaue, grüne und weiße Blitze blendend auf. Voll Bewunderung sah Dora auf die Steine. »Hier liegen nun siebzigtausend Pfund«, meinte Stanford nachdenklich, »und daneben liegen zehn Jahre für irgendjemand – sieben für Diebstahl und drei für Majestätsbeleidigung.« Der elegante Martin Elton schauderte. »Schenke dir doch solche Bemerkungen. Es handelt sich jetzt nur darum, wer das Ding fortbringt.« »Audrey natürlich«, erklärte Dora gelassen. »Kein Mensch kennt sie, und niemand verdächtigt sie. Und Pierre ist leicht zu erkennen. Aber dann ist auch Schluß mit diesen Geschichten, Martin. Du weißt, der Krug geht solange zu Wasser, bis –« »Vielleicht macht Lacy Marshalt ihn zu einem Direktor«, höhnte Stanford. »Ich kenne den Mann ja kaum«, entgegnete sie. »Ich erzählte dir, daß ich ihn auf dem Ball bei Denshores getroffen habe, Bunny. Er ist Südafrikaner und steinreich, aber unerhört geizig.« Martin sah sie mißtrauisch an. »Ich wußte nicht, daß du ihn kennst –« »Zur Sache!« rief Stanford ungeduldig. »Was soll werden – wenn sie gefaßt wird? Elton, nach der Geschichte in Leyland Hall hast du den Kram doch durch einen Mann aus Bognor außer Landes schaffen lassen. Erinnerst du dich? Nun, mit diesem Freund aus Bognor hat sich Dick Shannon heute stundenlang unterhalten.« Martins hübsches, blasses Gesicht wurde noch einen Schein bleicher. »Er wird nichts verraten«, murmelte er. »Wer weiß! Wenn einer ihn dazu bringt, ist es Shannon.« »Der Schmuck muß weg«, sagte Dora. »Packe ihn wieder ein, Martin.« Er machte sich an die Arbeit, wickelte die Kette in Watte und legte sie in eine kleine, flache Zigarrenschachtel, die er mit braunem Papier umhüllte und verschnürte. Dann steckte er das Päckchen unter ein Sofakissen und brachte die Uhr wieder in Ordnung. »Plaudert deine Schwester aus, wenn sie gefaßt wird?« fragte Stanford. Dora überlegte einen Augenblick. »Nein, bestimmt nicht!« sagte sie dann und ging hinauf, um Audrey zu holen. Als das junge Mädchen ins Zimmer trat, fiel ihr Blick zuerst auf einen großen, breitschulterigen Mann mit kurzgeschorenem Haar, der sie mit ernsten, strengen Augen ansah. »Mr. Stanford«, stellte Dora vor. »Und dies ist mein Mann.« Verwundert betrachtete Audrey den zierlichen, stutzerhaften Mr. Elton, dessen bleiche Gesichtsfarbe durch das dunkle Schnurrbärtchen und die kohlschwarzen Augenbrauen noch mehr hervorgehoben wurde. Das war also der vielgepriesene Martin! »Sehr erfreut, dich kennenzulernen, Audrey!« sagte er und schaute sie begeistert an. »Du hast ja eine entzückende Schwester, Dora!« »Ja, sie ist jetzt hübscher als früher«, erwiderte seine Frau kühl, »aber fürchterlich angezogen.« Audrey wurde nicht leicht verlegen, aber der unverwandte Blick des großen Mannes, der sie geradezu durchbohrte und abschätzte, war ihr unbehaglich. Sie atmete erleichtert auf, als er sich verabschiedete. Martin begleitete ihn hinaus, um Dora Gelegenheit zu geben, ihre Geschichte vorzubringen. Sie erzählte von einer mißhandelten Frau, die sich genötigt gesehen hätte, aus Angst vor ihrem brutalen Gatten das Land zu verlassen, und nicht einmal Zeit gehabt hätte, das Miniaturbild ihres Kindes mitzunehmen. »Wir haben uns das Bild verschafft«, fuhr sie fort. »Nach dem Buchstaben des Gesetzes waren wir allerdings nicht dazu berechtigt, aber die arme Mutter tat uns so leid. Durch ein gutes Trinkgeld hat Martin einen Diener des Hauses bewogen, uns das Bild zu bringen. Nun scheint der Mann aber die Sache herausgebracht zu haben und läßt uns Tag und Nacht beobachten, so daß wir es nicht wagen, das Bild durch die bereits gewarnte Post oder durch einen Boten fortzuschicken. Heute kommt nun ein Freund der armen Lady Nilligan nach London, und wir haben verabredet, ihm das Bild auf den Bahnhof zu bringen. Nun fragt es sich – würdest du wohl so lieb sein, es hinzutragen, Audrey? Dich kennt hier niemand. Die Spione werden dich nicht belästigen, und du kannst einer bedauernswerten Frau einen großen Dienst erweisen.« »Aber das ist doch eine sehr sonderbare Geschichte!« rief Audrey und runzelte die Stirne. »Könnt ihr denn nicht einen Dienstboten schicken? Oder kann der Mann nicht herkommen?« »Ich sagte dir doch, daß unser Haus bewacht wird!« entgegnete Dora ungeduldig. »Aber natürlich, wenn du nicht willst –« »Selbstverständlich werde ich es tun«, lachte Audrey. »Wie nett von dir! Aber eins muß ich dir noch sagen: falls die Sache doch herauskommen sollte, darfst du unseren Namen nicht nennen. Ich bitte dich, mir bei dem Andenken an unsere tote Mutter zu schwören –« »Das ist nicht nötig«, unterbrach sie Audrey kühl. »Ich verspreche es dir – das genügt.« Aus dem kleinen Diner, von dem Dora gesprochen hatte, schien nichts geworden zu sein, denn um halb neun kam sie zu ihrer Schwester nach oben und übergab ihr ein längliches, fest verschnürtes und versiegeltes Päckchen. Sie beschrieb ihr den geheimnisvollen Pierre genau. »Vor allem aber kennst du mich nicht«, schärfte sie ihr noch einmal ein, »und du hast auch das Haus Curzon Street Nr.508 nie in deinem Leben betreten. Und zu dem Mann sagst du weiter nichts als: ›Dies ist für Madame.‹« Audrey wiederholte die Worte. »Welche Umstände für eine solche Kleinigkeit!« meinte sie dann. »Ich komme mir fast wie eine Verschworene vor.« Nachdem sie das Päckchen in einer inneren Manteltasche verborgen hatte, verließ sie das Haus und entfernte sich in der Richtung nach Park Lane. Martin folgte ihr, behielt sie im Auge, bis sie in einen Omnibus stieg, und fuhr dann in einem Mietauto hinter ihr her. Vor dem Charing Cross-Bahnhof stieg Audrey ab und eilte in die große Halle. Dort wimmelte es von Menschen, und es dauerte eine Weile, bis sie Pierre entdeckte, einen untersetzten, flachsbärtigen Mann mit einem kleinen Muttermal auf der linken Backe, das ihr als Erkennungszeichen dienen sollte. Ohne weiteres zog sie das Päckchen aus dem Mantel, ging auf ihn zu und sprach ihn mit den verabredeten Worten an. Er schaute sie forschend an und ließ das Päckchen so schnell in seine Tasche gleiten, daß sie seiner Bewegung kaum zu folgen vermochte. »Bien!« sagte er. »Wollen Sie Monsieur danken und –« Er fuhr blitzschnell herum, aber der Mann, der ihn am Handgelenk gepackt hatte, ließ sich nicht abschütteln. Im selben Augenblick wurde auch Audrey am Arm gefaßt. »Kommen Sie mit, meine Liebe«, sagte eine freundliche Stimme zu ihr. »Ich bin Captain Shannon von Scotland Yard.« Plötzlich stockte er jedoch und starrte entsetzt in ihr Gesicht. »Meine Bettelprinzessin!« sagte er leise. »Bitte, lassen Sie mich los!« Schreckliche Angst packte Audrey, und sie versuchte sich freizumachen. »Ich muß zu –« Noch rechtzeitig verstummte sie. »Sie wollen natürlich zu Mrs. Elton«, ergänzte er. »Nein, ich kenne keine Mrs. Elton«, erwiderte sie atemlos. Er schüttelte den Kopf. »Ich fürchte, darüber müssen wir noch genauer sprechen. Ich möchte Ihren Arm nicht festhalten. Wollen Sie mich so begleiten?« »Sie – Sie verhaften mich?« keuchte sie. Er nickte ernst. »Ich muß Sie leider festnehmen, bis eine gewisse Angelegenheit aufgeklärt ist. Ich bin fest davon überzeugt, daß Sie in Unwissenheit gehandelt haben. Aber Ihre Schwester ist keineswegs unschuldig.« Sprach er von Dora? Das Herz wurde ihr schwer, aber sie nahm sich zusammen. »Ich will gern mit Ihnen sprechen und keinen Fluchtversuch machen. Aber ich komme nicht von Mrs. Elton, und sie ist nicht meine Schwester. Ich habe heute nachmittag geflunkert, als ich das behauptete.« Er winkte ein Auto heran, gab dem Chauffeur Anweisung, wohin er fahren sollte, und half ihr beim Einsteigen. »Sie lügen, um Ihre Schwester und Bunny Elton zu schützen«, sagte er unterwegs. Ihre Gedanken wirbelten durcheinander, aber eins wußte sie jetzt klar: es war kein Miniaturbild gewesen, das sie Pierre übergeben hatte. Es war etwas ganz anderes – etwas Entsetzliches! »Was war in dem Paket?« fragte sie tonlos. »Die Diamantenkette der Königin von Griechenland, wenn ich nicht sehr irre. Man überfiel sie und riß ihr das Kollier vom Hals.« Audrey richtete sich auf, und ein schmerzlicher Ausdruck trat in ihr Gesicht. Dora! »Sie wußten natürlich nicht, um was es sich handelte«, sagte er, als ob er zu sich selbst spräche. »Es ist in diesem Fall eine furchtbare Zumutung an Sie, aber Sie müssen die Wahrheit sagen – auch wenn es für Ihre Schwester ein Schicksal bedeutet, das sie längst erwartet.« Das Auto schien sich im Kreise zu drehen. »Tu alles, was du kannst, für Dora...« Die beharrliche Mahnung ihrer Mutter dröhnte ihr in den Ohren. Sie zitterte heftig, und ihr Gehirn war plötzlich wie gelähmt. Sie wußte nur, daß sie verhaftet war – sie, Audrey Bedford! »Ich habe keine Schwester«, log sie, und atmete schwer. »Ich habe die Kette gestohlen.« Als sie sein freundliches Lachen hörte, hätte sie ihn ermorden mögen. »Sie armes, liebes Baby! Der Überfall wurde von drei erfahrenen Banditen ausgeführt. Nun hören Sie einmal zu. Ich gestatte Ihnen nicht, daß Sie diesen tollen Plan in die Tat umsetzen und sich einfach für diese Leute opfern. Wußten Sie denn nicht, daß Dora Elton und ihr Mann zu den gefährlichsten Verbrechern Londons gehören?« Sie bedeckte das Gesicht mit den Händen und weinte. »Nein, nein –« schluchzte sie. »Ich weiß nichts ... sie ist nicht meine Schwester.« Dick Shannon seufzte. Es blieb ihm nichts anderes übrig, als sie anzuklagen. Pierre war schon vor ihnen auf der Polizeistation eingetroffen, und Audrey sah entsetzt zu, als man ihn durchsuchte, das Päckchen öffnete und seinen blitzenden Inhalt auf dem Schreibtisch niederlegte. Dann nahm sie Shannon freundlich an der Hand und führte sie hinter die Stahlschranke. »Name: Audrey Bedford«, sagte er. »Adresse: Fontwell, West Sussex. Sie wird beschuldigt, im Besitz gestohlenen Gutes gewesen zu sein und gewußt zu haben, daß es sich um gestohlenes Gut handelte. – Nun sagen Sie die Wahrheit!« flüsterte er ihr zu. Aber sie schüttelte den Kopf. 7 Lacy Marshalt saß in seinem Frühstückszimmer und verglich ein Foto mit der Momentaufnahme eines unternehmenden Pressefotografen, die in einer Zeitung wiedergegeben war: ein junges Mädchen, das in Begleitung eines Polizisten und einer Gefängniswärterin ein Auto verließ. Tonger kam hereingeschlüpft. »Haben Sie geklingelt, Lacy?« »Ja, vor zehn Minuten. Und nun ein für allemal: ich verbitte mir diese Anrede!« Der kleine Mann rieb sich vergnügt die Hände. »Ich hab' einen Brief von meinem Mädel bekommen«, sagte er. »Sie ist in Amerika und gut bei Kasse – wohnt in den ersten Hotels. Ein schlaues Kind!« Lacy faltete die Zeitung zusammen und legte sie beiseite. »Mrs. Elton wird gleich hier sein. Sie kommt durch die Hintertür. Erwarte sie dort und führe sie durch den Wintergarten in die Bibliothek. Wenn ich klingle, bringst du sie auf demselben Weg wieder zurück.« Als Dora kaum fünf Minuten später in der Bibliothek erschien, stand Lacy vor dem Kaminfeuer. »Ich habe meine liebe Not gehabt, um herzukommen«, sagte sie. »Konnte es denn nicht nachmittags sein? Ich mußte Martin allerlei vorlügen. Gibt es denn nicht wenigstens einen Kuß?« Er neigte sich zu ihr und streifte ihre Wange mit den Lippen. »Was für ein Kuß!« spottete sie. »Nun, und –?« »Dieser Juwelenraub! Die Polizei scheint anzunehmen, daß das angeklagte junge Mädchen deine Schwester ist?« Sie schwieg. »Ich weiß natürlich, daß du eine Diebin bist. Ich kenne Stanford von Südafrika her, und er gehört zu deiner Bande. Aber dieses Mädchen – ist sie auch daran beteiligt?« »Du weißt, wie weit sie beteiligt ist«, erwiderte sie unmutig. Sie war schließlich nicht unter soviel Gefahren hierhergekommen, um über Audrey zu sprechen. »Übrigens stand hinten ein Mann und beobachtete das Haus, als ich herkam. Er sah aus wie ein Gentleman, hager und vornehm, und er hinkte –« »Was?« Lacy packte sie am Arm. Er war bleich geworden. »Du belügst mich!« Sie riß sich erschrocken los. »Was soll denn das heißen?« »Ach, es sind die Nerven! Sie ist also deine Schwester?« »Meine Stiefschwester«, murmelte sie. »Ihr hattet verschiedene Väter?« Sie nickte. Er schwieg eine Weile und lachte dann unheimlich auf. »Und sie geht ins Gefängnis – um dich zu retten? – Nun, mir kann es recht sein. Ich habe Zeit.« 8 Audrey war fest geblieben, hatte ihre Schwester nicht verraten und war zu zwölf Monaten Gefängnis verurteilt worden. An einem trüben Dezembermorgen wurde sie wieder aus dem Holloway-Gefängnis entlassen. Sie ging in der Richtung nach Camden Town davon, stieg in eine Straßenbahn und fuhr zum Euston- Bahnhof. Ihr Gesicht war ein wenig schmaler geworden, und die Augen blickten ernster, aber es war die alte Audrey, die sich in einem Restaurant eine große Portion gebratener Nieren mit Ei bringen ließ. Neun Monate lang hatte das monotone Leben im Gefängnis sie zermürbt. Zweiundsiebzig Stunden in der Woche hatte sie mit dem Abschaum der Unterwelt verbracht, ohne auf das Niveau dieser Leute herabzusinken, und ohne sich ihnen maßlos überlegen zu fühlen. In bitteren Nächten hatte sie verzweifeln wollen, weil man ihr solches Unrecht angetan hatte. Trotzdem kam ihr Doras Handlungsweise nicht unnatürlich vor. Sie war immer rücksichtslos und egoistisch gewesen. Nur daß ihre Schwester im Charakter soviel Ähnlichkeit mit ihrer Mutter hatte, schmerzte Audrey. Mit einem Seufzer stand sie auf und ging nach der Kasse, um zu bezahlen. Wohin sollte sie sich nun wenden? Zuerst zu Dora, um sich zu vergewissern, ob sie ihr auch nicht mit ihren Gedanken unrecht getan hatte. Aber bei Tag wäre ein Besuch nicht angebracht gewesen. So machte sie sich denn auf die Wohnungssuche, mietete schließlich ein hochgelegenes Hinterzimmer und machte sich bei Einbruch der Dunkelheit auf den Weg. In der Curzon Street wurde sie von demselben Mädchen empfangen, das ihr bei ihrem ersten Besuch geöffnet hatte. »Mrs. Elton ist nicht zu sprechen«, erklärte sie schnippisch. Aber Audrey trat ruhig ein. »Gehen Sie nach oben und sagen Sie Ihrer Herrin, daß ich hier bin.« Das Mädchen eilte hinauf, und Audrey folgte ihr. In der Wohnzimmertür kam ihr Dora in großem Abendkleid entgegen. »Wie kannst du dich unterstehen, hierherzukommen?« fragte sie wütend. Audrey trat ins Zimmer und schloß die Tür. »Ich wollte mir deinen Dank holen«, sagte sie schlicht. »Ich habe etwas Törichtes – etwas Wahnsinniges getan, weil ich Mutter vergelten wollte, was ich ihr schuldig war.« »Ich verstehe nicht, wovon du sprichst.« Martin mischte sich ins Gespräch. »Daß Sie die Stirn haben, hierherzukommen! Sie versuchten, uns ins Verderben zu ziehen. Sie haben Ihre – haben Mrs. Elton mit Schande bedeckt und erscheinen nun hier ganz einfach im Haus. Verdammt unverfroren!« »Wenn du Geld brauchst, so schreibe!« rief Dora und stieß die Tür auf. »Solltest du dich noch einmal hier zeigen, so lasse ich einen Polizisten rufen.« »Das kannst du jetzt schon tun«, entgegnete Audrey kühl. »Ich bin zu gut bekannt mit Polizisten und Gefängniswärtern, um mich durch solche Drohungen einschüchtern zu lassen, liebe Schwester.« Dora machte die Tür rasch wieder zu. »Wenn du es denn durchaus wissen willst – wir sind keine Schwestern«, sagte sie leise und tückisch. »Du bist nicht einmal Engländerin! Dein Vater war Mutters zweiter Mann – ein Amerikaner! Und er sitzt lebenslänglich verurteilt in Kapstadt!« Audrey tastete nach einer Stuhllehne. »Das ist nicht wahr!« »Es ist wahr!« zischte Dora. »Mutter erzählte es mir, und Mr. Stanford kennt die ganze Geschichte. Dein Vater kaufte Diamanten und erschoß den Mann, der ihn verriet. In Südafrika ist der Ankauf von Diamanten ein Kapitalverbrechen, und er brachte Schande über Mutter. Sie nahm einen anderen Namen an und kehrte nach England zurück. Du hast nicht einmal ein Recht auf den Namen Bedford! Sie haßte den Mann so, daß sie alles änderte.« Audrey nickte. »Und Mutter verließ ihn natürlich«, sagte sie halb zu sich selbst. »Sie blieb nicht in seiner Nähe, um ihn zu trösten und sein schweres Los zu erleichtern. Sie verließ ihn einfach. Wie ihr das ähnlich sieht!« Ihre Worte klangen weder boshaft noch erbittert, denn sie hatte die Gabe, Tatsachen objektiv und leidenschaftslos zu betrachten. Langsam hob sie den Blick, bis sie Doras Augen begegnete. »Ich hätte nicht ins Gefängnis gehen sollen. Du bist es nicht wert. Und Mutter ebensowenig. « »Du unterstehst dich, so von unserer Mutter zu sprechen!« schrie Dora wütend. »Ja, sie war auch meine Mutter. Aber sie steht nun jenseits meiner Kritik und deiner Verteidigung. Wie heiße ich denn dann in Wirklichkeit?« »Das kannst du selbst herausbringen!« höhnte Dora. 9 Dick Shannon bewohnte ein Stockwerk am Haymarket, und am Tag nach Audreys Entlassung aus dem Gefängnis waren Inspektor Lane, Steel und er selbst dort versammelt. »Sie haben sie verfehlt?« fragte der Inspektor. Dick seufzte und nickte. »Aber da sie vorzeitig entlassen wurde, muß sie sich melden, und das wird man mir sofort berichten. Lassen wir das einstweilen. Wie steht es denn mit Malpas?« »Er bleibt nach wie vor ein Rätsel«, erwiderte Lane. »Und sein Haus ist ein noch größeres Geheimnis als er. Er bewohnt es ununterbrochen seit Januar 1917, und kein Mensch hat ihn gesehen. Seine Rechnungen bezahlt er prompt, und gleich nach seinem Einzug hat er viel Geld für allerlei neue Anlagen ausgegeben: elektrische Leitungen, Alarmapparate und dergleichen Finessen. Eine große Turiner Firma hat das Haus ausgestattet.« »Hat er keine Dienstboten?« »Nein. Das ist das Seltsamste an der Geschichte. Nahrungsmittel kommen nicht ins Haus, woraus hervorgeht, daß er entweder verhungern oder ausgehen muß. Ich habe es von vorn und von hinten beobachten lassen, aber keiner meiner Leute hat den Mann zu sehen bekommen, obwohl sie sonst verschiedene sonderbare Dinge bemerkten.« »Bringen Sie jetzt das Mädchen herein, Steel«, sagte Shannon, und gleich darauf schob sein Assistent eine stark gepuderte junge Dame ins Zimmer, die sich mißmutig auf einem Stuhl niederließ. »Miß Neilsen, Berufstänzerin ohne Anstellung?« fragte Dick. »Ja.« »Erzählen Sie uns von Ihrem Besuch in Portman Square Nr. 551.« »Hätte ich gewußt, daß ich gestern nacht, als ich so mitteilsam war, mit einem Detektiv sprach, dann hätte ich nicht soviel gesagt«, entgegnete sie unwillig. »Der alte Mann verlangte von mir, daß ich nebenan bei Mr. Marshalt Spektakel machen und schreien sollte, daß Marshalt ein Schuft wäre. Dann sollte ich ein Fenster einschlagen und mich verhaften lassen.« »Einen Grund dafür gab er nicht an?« »Nein. Die Sache paßte mir nicht, und ich war heilfroh, als ich wieder draußen war. War das ein scheußlicher Kerl! Und das Zimmer ganz dunkel! Ein richtiges Gespensterhaus! Türen, die von selbst aufgehen – Stimmen, die von nirgendwoher kommen – ich dankte meinem Schöpfer, als ich wieder auf der Straße stand.« »Woher kannten Sie denn den Mann?« fragte Dick mißtrauisch. »Er hatte meinen Namen in den Inseraten gelesen – bei den Stellengesuchen.« Da weitere Fragen ergebnislos blieben, wurde sie wieder entlassen, und nun berichtete Lane weiter. »Der Steuerbeamte beschwerte sich, daß er Mr. Malpas nicht zu sehen bekäme. Man glaubte, daß er zu wenig Einkommensteuer zahlte. Als er aber vorgeladen wurde, kam er nicht selbst, sondern sandte statt dessen einen Erlaubnisschein zur Einsicht in sein Bankkonto. Es war das einfachste Konto von der Welt: fünfzehnhundert Pfund jährlich bar eingezahlt und fünfzehnhundert Pfund im Jahr ausgezahlt. Keine Geschäftsquittungen. Nichts weiter als Abgaben, Grundsteuer und größere Summen für laufende Ausgaben.« »Und Besuch kommt nie ins Haus?« »Nur zweimal im Monat, gewöhnlich an einem Sonnabend. Wie es scheint, ist es jedesmal ein anderer Mann. Die Leute kommen immer erst nach Einbruch der Dunkelheit und bleiben nie länger als eine halbe Stunde. Einmal war es ein Neger, und einer meiner Leute machte sich an ihn heran, konnte aber nichts aus ihm herausbringen.« »Malpas muß schärfer beobachtet werden«, befahl Dick, und der Inspektor machte sich eine Notiz. »Nehmen Sie einen dieser Besucher unter irgendeinem Vorwand fest und durchsuchen Sie ihn. Vielleicht stellt sich dabei heraus, daß Malpas nur Almosen verteilt – oder auch nicht!«   Audreys kleiner Geldvorrat schwand dahin, und es war ihr noch nicht gelungen, eine Anstellung zu erhalten. Am ersten Weihnachtstag bestand ihr Frühstück nur aus einer trockenen Brotscheibe und kaltem Wasser. Am folgenden Dienstag erhielt sie jedoch zu ihrer größten Überraschung einen Brief, der nur aus zwei mit Bleistift geschriebenen Zeilen bestand: »Kommen Sie heute nachmittag um fünf zu mir. Ich habe Arbeit für Sie. Malpas, Portman Square Nr. 551.« Sie runzelte die Stirne und starrte auf den Zettel. Wer war Malpas, und wie hatte er von ihr erfahren? Aber Not kennt kein Gebot, und zur angegebenen Zeit stand Audrey, durchnäßt vom Regen, vor dem Haus und klopfte leise mit den Fingern an, da sie keinen Klopfer fand. »Wer ist da?« Die Stimme schien aus dem Türrahmen zu kommen. »Miß Bedford.« Nach einer kurzen Pause öffnete sich die Türe langsam. »Kommen Sie herauf – das Zimmer im ersten Stock«, sagte die Stimme. Die Haustür schloß sich wieder hinter Audrey. Von unerklärlichem Grauen gepackt, wollte sie entfliehen und suchte nach dem Türgriff, aber sie entdeckte keinen. Schließlich bekämpfte sie ihre Angst und stieg die Stufen hinauf. Im ersten Stock bemerkte sie nur eine Tür und klopfte nach einem kleinen Zögern dort an. »Herein!« Diesmal kam die Stimme von oben. Einen Augenblick brauchte Audrey noch, um Mut zu sammeln, dann trat sie durch die nur angelehnte Tür ein. Die Wände des großen Raums waren so dicht mit schwarzem Samt verkleidet, daß man nicht sehen konnte, wo sich die Fenster befanden, und wo die Decke anfing. Der dicke Teppich verschlang jedes Geräusch ihrer Schritte. Am entfernten Ende des Zimmers saß an dem Schreibtisch eine merkwürdig widerwärtige Gestalt. Das Licht einer Stehlampe, die von einem grünen Schirm bedeckt war, warf einen fahlen Schein auf sie. Der Kopf war kahl, das bartlose Gesicht von tausend Falten bedeckt, die Nase dick. Und das lange, spitze Kinn bewegte sich fortwährend, als ob der Mann mit sich selbst spräche. »Setzen Sie sich auf diesen Stuhl«, gebot die dumpfe Stimme. Audreys Augen hatten sich an das Dunkel gewöhnt, und sie nahm zitternd hinter dem kleinen Tisch Platz. »Ich habe Sie kommen lassen, um Ihr Glück zu machen«, murmelte die Stimme. »Schon viele haben auf dem Stuhl dort gesessen und sind als reiche Leute fortgegangen. Sehen Sie, was auf dem Tisch liegt?« Er mußte wohl auf einen Knopf gedrückt haben, denn plötzlich flammte über ihrem Kopf ein strahlend helles Licht auf, und sie sah ein Bündel Banknoten auf dem Tisch. »Nehmen Sie es!« sagte der Mann. Sie streckte zitternd die Hand aus und ergriff das Paket und einen Schlüssel. Das Licht erlosch langsam wieder. »Ihr Name ist Audrey Bedford, nicht wahr? Nach neunmonatlicher Haft, die Sie wegen Mitschuld an einem Juwelenraub verbüßt haben, sind Sie vor drei Wochen aus dem Gefängnis entlassen worden?« »Ja, ich mache kein Hehl daraus. Ich hätte es Ihnen auf jeden Fall gesagt.« »Sie waren natürlich unschuldig?« »Ja.« »Sie sind schlecht angezogen ... das verletzt mein Schönheitsgefühl. Kaufen Sie sich gute Kleider, und kommen Sie nächste Woche zur selben Zeit wieder. Der Schlüssel öffnet alle Türen, wenn die Sperrvorrichtung ausgeschaltet ist.« Endlich erholte sich Audrey von ihrem Staunen. »Ich muß aber wissen, welche Pflichten ich zu übernehmen habe«, sagte sie. »Es ist sehr großmütig von Ihnen, mir so viel Geld anzuvertrauen, aber Sie werden einsehen, daß ich es unmöglich annehmen kann, ohne zu wissen, was Sie von mir verlangen.« »Ihre Aufgabe besteht darin, einem Mann das Herz zu brechen!« lautete die Antwort. »Gute Nacht!« Sie fühlte einen kühlen Luftzug und drehte sich um. Die Tür stand offen, und Audrey wußte, daß sie entlassen war. Hastig eilte sie die Treppe hinunter. Als sie den Schlüssel in das winzige Loch stecken wollte, entglitt er ihren zitternden Fingern und fiel zu Boden. Sie suchte danach und fand dicht daneben einen nußgroßen Kieselstein, an dem ein Klümpchen roten Siegellacks mit dem deutlichen Abdruck eines Petschafts klebte. Sie nahm sich vor, den sonderbaren Gegenstand nächste Woche wieder mitzubringen, und steckte ihn in ihre Handtasche. Gleich darauf stand sie wieder auf der Straße. Ein Mietauto kam vorbei und hielt auf ihren Wink hin am Bordstein an. Schon wollte sie einsteigen, als sie plötzlich eine Frau in durchnäßtem Pelzmantel bemerkte, die sich taumelnd bemühte, den Klopfer des Nachbarhauses in Bewegung zu setzen. Trotz ihres Abscheus vor betrunkenen Frauen erregte diese Jammergestalt doch Audreys Mitleid, und sie wollte auf sie zugehen, um ihr behilflich zu sein. Aber im gleichen Moment wurde die Haustür aufgestoßen. »Was soll denn das heißen?« rief ein ältlicher Mann. »Wer macht hier einen solchen Spektakel vor dem Haus eines Gentlemans? Gehen Sie weg oder ich hole einen Polizisten!« Es war Tonger. Die Betrunkene schwankte auf ihn zu und brach zusammen. Er schleuderte sie ins Haus und schlug die Tür zu. »Das ist Mr. Marshalts Haus«, meinte der Chauffeur. »Er ist der afrikanische Millionär. Wohin soll ich Sie bringen?« 1O   Martin Elton war mit seiner Frau im Theater und schlenderte während einer Pause im Foyer umher. Er stammte aus gutem Haus, war aber durch Spiel, Wetten und manche andere Dinge allmählich immer mehr heruntergekommen. Nur ab und zu nickte ihm noch jemand aus der Ferne zu, und der einzige, der ihn anredete, war ihm unwillkommen. »Abend, Elton! Na, wie geht's? Stanford soll ja in Italien sein, wie ich höre? Haben Sie was vor?« fragte Slick Smith. »Nein.« »Kürzlich von Marshalt gehört?« »Ich weiß nicht viel von ihm.« »Aber ich. Er ist auch ein Dieb, und wenn er etwas stiehlt, bleibt gewissermaßen eine Lücke zurück. Aber da klingelt es schon – auf Wiedersehen!« Als Martin und Dora nach Hause kamen, wandte sie sich im Wohnzimmer ungeduldig an ihn. »Was hast du denn, Bunny? Diese Launen sind wirklich unausstehlich!« »Hast du etwas von deiner Schwester gehört?« entgegnete er und warf ein Scheit in den Kamin, bevor er sich niederließ. »Nein, und hoffentlich höre ich auch nie wieder von ihr! Die winselnde Gefängnisratte!« »Ich habe sie nicht winseln hören. Und ins Gefängnis haben wir sie gebracht.« Sie schaute ihn verwundert an. »Du hast sie doch selbst geradezu aus dem Haus gejagt, als sie das letztemal hier war!« »Ja, das weiß ich. Aber London ist ein verteufelter Platz für alleinstehende junge Mädchen ohne Geld und Freunde. Ich wollte, ich wüßte, wo sie ist.« »Überlassen wir sie dem Schutz Gottes«, erwiderte Dora spöttisch. Aber Martins Augen wurden klein und lauernd. »Wenn du dich so gegen deine Schwester benimmst, wie würde es dann wohl mir ergehen, wenn du einmal in aller Eile zwischen mir und deiner eigenen Sicherheit wählen müßtest?« fragte er langsam. »Sauve qui peut – das ist mein Wahlspruch«, erklärte sie lachend. Er warf seine Zigarre ins Feuer und stand auf. »Dora«, sagte er dann mit eisiger Stimme, »Lacy Marshalt ist kein wünschenswerter Bekannter.« Sie musterte ihn erstaunt. »Ist er unehrlich?« entgegnete sie harmlos. »Es gibt viele unehrliche Männer, mit denen eine Dame nicht in einem reservierten Zimmer bei Shavarri dinieren darf.« »Ach, du hast spioniert? Marshalt kann unter Umständen sehr nützlich für uns sein.« »Für mich nicht – am allerwenigsten, wenn er heimlich mit meiner Frau diniert.« Seine Stimme sank zu einem Flüstern herab. »Wenn es noch einmal vorkommt, suche ich ihn auf und jage ihm drei Kugeln durch die Brusttasche, in der er seine vorzüglichen Zigarren bei sich trägt. – Was ich mit dir machen würde, weiß ich noch nicht. Das hängt ganz von meiner Stimmung und von – deiner Nähe ab.« Sie war totenbleich geworden, suchte vergeblich nach Worten und lag ihm plötzlich schluchzend zu Füßen. »Ach, Bunny, sprich doch nicht so – schau mich nicht so entsetzlich an! Ich will ja alles tun, was du willst ... ich schwöre dir, daß nichts vorgefallen ist ... es war eine Laune von mir, daß ich hinging ...« Er strich über ihr goldenes Haar. »Du bedeutest mir sehr viel, Dora«, sagte er freundlich. »Ich habe dich nicht gut beeinflußt ... ich habe selbst die meisten guten Grundsätze über Bord geworfen, nach denen sich andere Leute richten. Aber an einem werde ich immer festhalten: ich verlange ehrliches Spiel unter Dieben, weil ich selbst ehrlich spiele!« 11   Dick Shannon klopfte heftig an die Glasscheibe seiner Autodroschke, riß das Fenster auf und beugte sich vor. »Wenden Sie und fahren Sie an der anderen Seite entlang«, sagte er. »Ich möchte mit der Dame dort sprechen.« Wenige Augenblicke später stand er Audrey gegenüber und zog lachend den Hut. »Miß Bedford! Das ist aber eine großartige Überraschung!« Und es war wirklich eine Überraschung, und zwar in mehr als einer Beziehung. Audrey war keine Bettelprinzessin mehr, sie war tadellos gekleidet und sah so jung und schön aus, daß sie die allgemeine Aufmerksamkeit auf sich zog. »Ich habe Sie schon wie eine Stecknadel gesucht! Als Sie Holloway verließen, kam ich drei Minuten zu spät, und nachher bildete ich mir unbegreiflicherweise ein, daß Sie sich bei der Polizei melden müßten.« »Nein, das blieb mir erspart. Aber ich sah Sie ein paarmal in Holloway, als Sie dort zu tun hatten.« Sie wußte nicht, daß er nur um ihretwillen hingekommen war, und daß sie ihm die Versetzung aus der Waschküche in die Bibliothek verdankte. »Ich werde jetzt einmal ganz offen und ehrlich mit Ihnen sprechen«, sagte er, als sie zum Hannover Square kamen. »Dora Elton ist doch Ihre Schwester?« »Eigentlich nicht – wenn ich es auch annahm. Wir haben nichts mehr miteinander zu tun. Ein Mädchen mit meiner Vergangenheit ist kein Umgang für Dora. So, nun aber genug von diesem Thema!« »Was machen Sie denn jetzt?« »Ich kopiere Briefe für einen garstig aussehenden alten Herrn und werde ungebührlich gut dafür bezahlt«, erwiderte sie etwas verlegen. »Wir wollen ein wenig in den Park fahren«, meinte er und winkte einen Chauffeur heran. »Dort können wir uns ungestört unterhalten.« In dem menschenleeren Park fanden sie zwei abseits stehende Stühle und ließen sich nieder. »Nun erzählen Sie mir einmal etwas Näheres über diesen garstig aussehenden alten Herrn«, begann Dick. Sie berichtete ihm über ihre Erfahrungen mit Mr. Malpas. »Sie werden es gewiß verächtlich von mir finden, daß ich das Geld überhaupt angenommen habe. Aber wenn man sehr hungrig ist und friert, hat man keine Zeit, über moralische Grundsätze nachzudenken. Als ich mich aber gemütlich im Palace-Hotel eingerichtet hatte, stiegen doch Bedenken in mir auf, und ich wollte gerade in ablehnendem Sinn an Mr. Malpas schreiben, als er mir etwa zehn bis zwölf flüchtig mit Bleistift gekritzelte Briefe sandte und mich ersuchte, sie abzuschreiben und wieder an ihn zurückzuschicken.« »Was für Briefe waren es denn?« fragte er neugierig. »Meistens Ablehnungen von allerlei Einladungen. Er machte zur Bedingung, daß ich sie auf dem Briefpapier des Hotels und nicht mit Maschine schreiben müßte.« »Die Sache gefällt mir nicht«, meinte Dick nachdenklich. »Kennen Sie den Mann?« »Ich weiß allerhand von ihm. Wieviel Gehalt beziehen Sie?« »Darüber haben wir noch nicht gesprochen. Er gab mir eine runde Summe und ersuchte mich, nach acht Tagen wiederzukommen. Seitdem habe ich alle Tage abgeschrieben, was mir mit der Morgenpost zuging. Es war ein Briefwechsel zwischen dem Gouverneur von Bermuda und dem Britischen Kolonialamt dabei, der gedruckt und wohl aus einem Blaubuch herausgerissen war. Was soll ich nun tun, Mr. Shannon?« »Ja, wenn ich das wüßte! Eins dürfen Sie jedenfalls nicht tun: nächsten Sonnabend wieder allein in dieses sonderbare Haus gehen. Ich werde Sie auf dem Portman Square erwarten und mit Ihnen hineinschlüpfen.« Er sah, daß sie erschrak, und lächelte. »Sie brauchen keine Bedenken wegen etwaiger hinterlistiger Polizeiabsichten meinerseits zu haben. Wir haben nichts weiter gegen Mr. Malpas, als daß er ›geheimnisvoll‹ ist. Ich bleibe nur unten in der Halle in Rufweite. Waren übrigens auch Briefe an Mr. Lacy Marshalt unter den Papieren?« »Nein. Das ist doch der afrikanische Millionär, der neben Malpas wohnt?« Sie erzählte ihm von dem kleinen Zwischenfall, der sich vor Marshalts Haus abgespielt hatte. »Hm! Das ist vielleicht eine kleine nachbarliche Bosheit des Alten. Ich muß einmal mit Marshalt sprechen und ihn fragen, was es eigentlich mit dieser Feindschaft auf sich hat. Aber hier ist es kalt. Kommen Sie mit, wir wollen eine Tasse Kaffee trinken.«   Tonger schien anfangs nicht geneigt, Shannon zu melden, als er dem Beamten öffnete. »Sie können Mr. Marshalt nur auf Verabredung hin sehen, wenigstens solange ich in der Nähe bin. Hat er Sie für diese Zeit bestellt?« Shannon hatte den Eindruck, daß Tonger hier im Haus noch eine andere Stellung als die eines Kammerdieners einnahm. »Vielleicht bringen Sie ihm meine Karte?« fragte er lächelnd. »Vielleicht – aber wahrscheinlich nicht. Alle möglichen sonderbaren Menschen kommen hierher und wollen Mr. Lacy Marshalt sprechen, weil er freigebig und großzügig ist.« Er griff nach Dicks Karte und las sie. »Ach, Sie sind ein Detektiv? Na, dann kommen Sie herein, Captain. Wollen Sie denn jemand verhaften?« »Wo denken Sie hin! In diesem wunderschön geordneten Haushalt, wo selbst die Bedienten so höflich sind, daß man sie kaum belästigen mag!« Tonger kicherte. »Ich bin kein Bedienter.« »Der Sohn des Hauses?« scherzte Dick. »Oder gar am Ende Mr. Marshalt selbst?« »Gott behüte! Ich möchte sein Geld und seine Verantwortung nicht haben. Bitte, diesen Weg!« Er führte Dick zu einem Salon und folgte ihm. »Es ist doch nichts Ernsthaftes?« fragte er besorgt. »Nicht daß ich wüßte. Dies ist ein freundschaftlicher Besuch.« »Nun gut, ich werde Mr. Marshalt Bescheid sagen.« Er verschwand und kehrte nach kurzer Zeit mit Lacy Marshalt zurück. Als er Miene machte, zu bleiben, deutete der Millionär stumm auf die Tür. »Hoffentlich hat sich Tonger keine Freiheiten herausgenommen«, sagte er, als er mit Dick allein war. »Er ist mit mir zusammen aufgewachsen und stellt meine Geduld manchmal auf harte Proben. Sie kommen von Scotland Yard, Captain Shannon? Was kann ich für Sie tun?« »Vor allem möchte ich wissen, ob Sie Ihren Nachbar, Mr. Malpas, kennen?« »Nein. Ich habe mich nur über das ewige Geklopfe nebenan beschwert –« »Das habe ich gehört. Die Sache ist wohl durch die Distriktspolizei erledigt worden. Sie kennen ihn also nicht?« »Ich habe ihn noch nie gesehen und kann Ihnen deshalb auch nichts Näheres über ihn sagen.« »Wissen Sie auch nicht vom Hörensagen, wie er aussieht, so daß Sie ihn vielleicht als einen Bekannten aus Südafrika identifizieren könnten?« »Nein, ich habe ihn auch nie beschreiben hören. Feinde hat man ja natürlich immer, wenn man es in der Welt zu etwas bringt.« »Ja, man könnte den Eindruck haben, daß Malpas Sie schikanieren will. Und zwar benützt er dazu immer andere Leute. Ich möchte zum Beispiel glauben, daß die betrunkene Frau, die neulich herkam –« »Eine betrunkene Frau?« Marshalts Stirne verdüsterte sich. Er stand auf und klingelte, worauf Tonger eilfertig erschien. Aber auf die ärgerliche Frage seines Herrn hatte er nur eine gleichmütige Antwort. »Ja, die war ordentlich eingeseift! Fiel ins Haus und auch gleich wieder hinaus. Sie sagte, sie wäre Mrs. Lidderley von Fourteen Streams –« Dick Shannon sah den Hausherrn an, während der Diener sprach und bemerkte, daß Marshalts Gesicht leichenblaß wurde. »Mrs. Lidderley?« wiederholte der Millionär langsam. »Wie sah sie denn aus?« »Ach, ein kleines Ding – aber Kräfte hatte sie!« »Klein? Dann hat sie geschwindelt!« Marshalts Stimme klang merklich erleichtert. »Vielleicht kennt sie die Lidderleys. Vor kurzem hörte ich aus Südafrika, daß Mrs. Lidderley schwer krank läge. Hast du sie nach ihrer Adresse gefragt?« »Ich sollte nach der Adresse eines betrunkenen Frauenzimmers fragen? Aber, Lacy –« »Zum Teufel, ich bin Mr. Marshalt für dich!« schrie ihn der Hausherr an. »Wie oft soll ich dir das noch sagen?« »Ach, es fuhr mir eben so heraus!« »Mach, daß du hinauskommst!« Marshalt schlug die Tür hinter seinem respektlosen Diener zu. »Der Mensch macht mich manchmal wirklich nervös«, entschuldigte er sich dann bei Dick. »Als Jungens haben wir uns natürlich Lacy und Jim genannt, und es wird mir jetzt schwer, auf einer passenderen Anrede zu bestehen, aber man muß die äußere Form doch wenigstens bis zu einem gewissen Grade wahren. – Verzeihen Sie die Störung. Um auf Malpas zurückzukommen, so weiß ich tatsächlich nichts über ihn. Es mag allerdings jemand sein, dem ich vor Zeiten einmal auf den Fuß getreten habe ... wissen Sie eigentlich, wie er aussieht?« »Alt und furchtbar häßlich, wie ich gehört habe. Außerdem hat er eine Kabarettsängerin beauftragt, Sie zu belästigen, was ja an sich nicht viel auf sich gehabt hätte. Aber Sie haben zufällig eine Abneigung gegen solche Damen.« »Könnten Sie nicht einmal den Mann besuchen?« fragte Marshalt nach einer kurzen Überlegung. »Das klingt natürlich wie eine Zumutung. Aber mir liegt wirklich daran, die Persönlichkeit von Malpas festzustellen.« Dick hatte ohnehin schon beschlossen, sich den geheimnisvollen Mann anzusehen, so daß dieser Vorschlag überflüssig war. Als Tonger die Haustür hinter Shannon geschlossen hatte, schlenderte der Detektiv zu dem Nachbargebäude und blickte zu den öden Fenstern hinauf. Er war schon oft hier gewesen, aber um eine Unterredung hatte er Mr. Malpas noch nicht gebeten. Er suchte nach einer Klingel, fand keine und klopfte schließlich an die Tür. Als alles still blieb, pochte er kräftiger, schrak aber gleich darauf zusammen. »Wer ist da?« fragte eine Stimme, scheinbar dicht an seinem Ohr. Bestürzt sah er sich um, entdeckte aber sofort die Lösung des Rätsels, als er in dem steinernen Türpfeiler ein kleines Gitter bemerkte. Dahinter befand sich ein lautsprechendes Telephon. »Ich bin Captain Shannon von Scotland Yard und möchte Mr. Malpas sprechen«, sagte er. »Sie können Mr. Malpas nicht sprechen«, knurrte die Stimme, und Dick vernahm ein leises Knacken. Obwohl er noch mehrmals klopfte, erhielt er keine Antwort mehr. 12 Nur wenige Dienstboten genossen so viel Freiheit und Behaglichkeit wie Tonger, der das ganze oberste Stockwerk des Hauses bewohnte. Marshalt hatte ihm dort ein Schlafzimmer, ein Wohnzimmer und ein Bad eingerichtet, und Tonger verbrachte den größten Teil seiner Abende in seinen eigenen Räumen, wo er mit Hilfe eines kleinen Roulettespiels endlose mathematische Berechnungen anstellte. Es war sein Ehrgeiz, die Kasinodirektion von Monte Carlo durch ein von ihm erfundenes unfehlbares System in Schrecken und Verzweiflung zu bringen. An diesem Abend war er jedoch anderweitig beschäftigt, als die Klingel über seiner Tür ertönte, und er machte sie sorgsam hinter sich zu, bevor er zu Lacy hinunterging, der bereits ungeduldig wurde. »Erwarte Mrs. Elton um sieben Uhr fünfundvierzig an der Hintertür«, befahl er ihm, »und laß sie herein. Dann bringst du das Auto zur Albert Hall und parkst bei den anderen, bis das Konzert vorbei ist. Nachher kommst du wieder an die Hintertür zurück.« »Ist das nicht ein bißchen gefährlich nach dem Brief, den Sie von Elton erhalten haben?« »Was weißt du denn von dem Brief? Ich hatte ihn doch eingeschlossen!« »Ach, das ist doch gleichgültig. Ich habe ihn jedenfalls gelesen, und ich sage Ihnen, daß es gefährlich ist. In einem Scheidungsprozeß möchten Sie doch wohl nicht auftreten?« »Mit dir als Zeuge!« höhnte Marshalt. »Sie wissen sehr gut, daß ich nie gegen Sie aussagen würde«, erwiderte Tonger gelassen. »Das liegt mir nicht. Aber wenn ein Kerl wie Elton mir schriebe, er würde mich niederschießen, wenn er mich noch einmal mit seiner Frau zusammensähe, würde ich mir die Sache doch sehr überlegen.« »Mrs. Elton hat geschäftliche Angelegenheiten mit mir zu besprechen«, sagte Marshalt kalt. »Tu das, was ich dir sage.« »Das Auto vor der Albert Hall soll beweisen, daß Mrs. Elton das Konzert mit angehört hat!« kicherte Tonger. »Was wollte denn der Detektiv? Kam der auch wegen Mrs. Elton?« »Unsinn! Er wollte sich nur nach dem verrückten Kerl nebenan erkundigen. So, das ist alles. Morgen abend esse ich zu Hause, und wenn ich Glück habe, mit einem sehr interessanten Gast.« »Haben Sie das Mädchen gefunden, hinter dem der Privatdetektiv her war?« fragte Tonger lebhaft. »Woher weißt du denn nun das schon wieder?! Ja, ich hoffe, daß sie kommt. Übrigens brauchst du dabei nicht in Erscheinung zu treten. Das Hausmädchen kann bei Tisch aufwarten.« »Um törichten Jungfrauen Vertrauen einzuflößen«, bemerkte Tonger und verließ das Zimmer ... Gegen halb zwölf hielt er wieder mit dem Auto an der Hintertür von Nr.551, nachdem er Marshalts Anweisungen genau befolgt hatte. Dora kam heraus und nahm seinen Platz am Steuer ein. »Haben Sie jemand gesehen?« fragte sie leise. Er dachte an den Mann, der an der Ecke des Portman Square gestanden und so geduldig gewartet hatte. »Nein«, sagte er aber. »An Ihrer Stelle würde ich jedoch ein solches Abenteuer nicht nochmal riskieren.« »Machen Sie den Schlag zu«, erwiderte sie schroff, und gleich darauf fuhr sie ab. Als sie nach Hause kam, fand sie Martin schon im Wohnzimmer vor. »Na, ist die Unterredung befriedigend verlaufen?« fragte sie vergnügt. Er hatte sich auf dem Diwan ausgestreckt und schüttelte mißmutig den Kopf. »Nein, wir werden das Etablissement wohl schließen müssen. Klein verlangt zuviel Prozente und droht mit der Polizei, um sie durchzudrücken. Das macht mir nun zwar keine Sorge, aber die Säle in der Pont Street bringen viel und regelmäßig Geld ein, so daß ich sie ungern schließen würde. Jetzt erwarte ich Stanford. – Übrigens habe ich Audrey heute abend gesehen.« »Wo denn?« fragte sie verwundert. »Im Carlton Grill. Sie aß mit Shannon.« Dora, die sich eben eine Zigarette anstecken wollte, hielt inne. »Mit Shannon?« »Ja. Sie schienen höchst fidel zu sein. Du brauchst aber keine Angst zu haben. Zur Angeberin eignet sich Audrey nicht. Es war mir noch nie klar geworden, wie schön sie eigentlich ist. Und dabei tadellos angezogen. Shannon hat sie ordentlich verliebt betrachtet.« »Na, du scheinst ja auch in sie verschossen zu sein! Das Konzert war übrigens ein großer Genuß für mich, Bunny! Kessler war hervorragend. Eigentlich mache ich mir ja nicht viel aus Geigenspiel, aber –« »Kessler trat doch gar nicht auf«, erwiderte er und blies eine Rauchwolke in die Luft. »Er war indisponiert und ließ absagen. Hast du es denn nicht in der Zeitung gelesen?« »Ach, ich kann diese Leute nicht voneinander unterscheiden«, erklärte sie nach einer kaum merklichen Pause gleichmütig. »Jedenfalls spielte der Mann, der ihn vertrat, glänzend.« »Wahrscheinlich war es Manz.« Er nickte. Zu ihrer Erleichterung klingelte es an der Haustür, und gleich darauf erschien Big Bill Stanford, todmüde von der langen Rückfahrt von Rom. Ohne große Vorrede begann er zu berichten. »Die Contessa trifft am Dienstagabend ein. Ich habe Photos von der Tiara und der Perlenkette. Die Imitation wird sich in fünf bis sechs Tagen herstellen lassen, und das weitere ist dann ja Kinderspiel. Stigman hat sich mit der Zofe angefreundet –« »Ich dachte, mit solchen Geschichten würden wir uns nicht wieder abgeben?« unterbrach ihn Dora unwillig. »Geschieht auch nicht«, murmelte Martin. »Daß du mir nichts von dem Kram ins Haus bringst, Bill!« »Hältst du mich für verrückt? Ich habe von der letzten Affäre noch genug!« »Können wir denn das nicht ganz aufstecken, Bunny?« wandte sich Dora an Elton. »Gewiß, warum nicht? Was bedeuten denn auch zehntausend Pfund für uns? Wir können ja auch ohne sie leben!« »Ich kann es jedenfalls«, entgegnete sie. »Willst du uns vielleicht mit Nähen ernähren oder Klavierstunden geben? Oder wieder zur Bühne gehen? Drei bis vier Pfund die Woche hast du ja wohl verdient, bis ich dich kennenlernte. Rede keinen Unsinn, Dora! Ich habe dich erst zu einer wohlhabenden Frau gemacht. Sogar dein Trauring stammt von einem Diebstahl her. Überlege dir das gefälligst!« Sie stand wortlos auf und verließ das Zimmer. 13 Audrey Bedford hatte von unbekannter Hand einen Brief erhalten, der folgenden Inhalt hatte: »Sehr geehrte Miß Bedford, angesichts des ungeheuerlichen Fehlurteils, dem Sie zum Opfer fielen, würde es mir eine Freude sein, Ihnen behilflich zu sein. Ich bitte Sie, mich deshalb morgen abend um halb acht aufzusuchen. Meine Adresse finden Sie oben. Ich glaube, daß ich Ihnen eine zusagende Beschäftigung verschaffen könnte. Ihr sehr ergebener Lacy Marshalt. P.S. Ich bitte um freundliche Drahtantwort.« Sie grübelte den ganzen Morgen über diesen Brief nach. Marshalts Name war ihr bekannt, und nachdem sie mit Hilfe eines Nachschlagebuches festgestellt hatte, daß es eine Mrs. Marshalt gab, sandte sie mittags ein zustimmendes Telegramm ab. Sie konnte ja unmöglich wissen, daß die erwähnte Mrs. Marshalt nur eine Finte war, die dem lebenslustigen Millionär seit fünfundzwanzig Jahren gute Dienste leistete. Da er nie von seiner Frau sprach, nahm man allgemein an, daß eine Entfremdung vorläge, und bedauerte ihn. Bei ihrer Ankunft in Portman Square wurde Audrey von einem korrekt gekleideten Hausmädchen empfangen. Sie sah in ihrem einfachen, schwarzen Abendkleid so entzückend aus, daß Marshalt sie überrascht anstarrte, während sie sich vergeblich nach Mrs. Marshalt umsah. »Ich hoffe, daß Ihnen ein Diner zu zweien nicht unangenehm ist«, sagte er und hielt ihre kleine Hand nicht länger als üblich in der seinen. »Vor zwanzig Jahren liebte ich große Gesellschaften, aber jetzt hasse ich sie.« Diese zarte Betonung seines Alters wirkte beruhigend auf sie. »Es war sehr freundlich von Ihnen, mich einzuladen, Mr. Marshalt, trotzdem Sie meine Vorgeschichte kennen«, erwiderte sie lächelnd. »Sie waren doch vollkommen unschuldig«, erklärte er mit einem Achselzucken. »Ich hatte sogar den Eindruck, daß Sie sich für andere aufopferten, und bewunderte Sie deshalb. Ich glaube, daß ich Ihnen helfen kann –« »Eine Anstellung habe ich ja bereits, aber ich bin nicht sehr begeistert davon. Ihr Nachbar, Mr. Malpas, beschäftigt mich mit Schreibarbeiten.« Es wurde gemeldet, daß angerichtet sei, und sie gingen zu dem elegant ausgestatteten Speisezimmer. Als sie eintraten, blieb Lacy etwas zurück und sprach leise mit dem Mädchen, worüber Audrey sich etwas wunderte. Plötzlich fiel ihr ein, daß nur diese Wand sie von dem Haus ihres geheimnisvollen Arbeitgebers trennte. Tapp, tapp, tapp! Im Malpas'schen Haus klopfte jemand an die Wand. Tapp, tapp, tapp! Es klang fast wie eine Warnung ... aber wie konnte der alte Mann wissen ...? Nach dem Kaffee lehnte Audrey dankend eine Zigarette ab, warf einen Blick auf die Kaminuhr und erhob sich. »Sie werden verzeihen, wenn ich so früh aufbreche, Mr. Marshalt, aber ich habe noch zu tun.« »Das hat doch Zeit! Miß Bedford, ich möchte Sie vor Mr. Malpas warnen. Ich glaube, hinter seinem Entgegenkommen verbergen sich sehr häßliche Absichten.« »Mr. Marshalt!« rief sie empört. »Wie können Sie so etwas sagen! Sie haben mir doch selbst erzählt, daß Sie den Herrn gar nicht kennen!« »Ich habe meine Informationsquellen. Bitte, nehmen Sie doch wieder Platz. Es ist ja kaum neun Uhr!« Mit innerem Widerstreben folgte sie seiner Aufforderung. »Ich kenne Sie bereits länger, als Sie ahnen. Sie werden sich wohl kaum daran erinnern, mich in Fontwell gesehen zu haben? Aber ich versichere Ihnen, daß sich mir Ihr Bild seitdem unauslöschlich eingeprägt hat. Audrey, ich habe Sie sehr lieb.« Sie stand wieder auf, und auch er erhob sich. »Ich kann Ihnen den Lebensweg sehr angenehm machen, liebes Kind.« »Ich ziehe aber einen rauheren Weg vor«, entgegnete sie gelassen und ging auf die Tür zu. »Noch einen Augenblick!« bat er. »Sie verschwenden nur Ihre Zeit, Mr. Marshalt. Ich verstehe dunkel, was Sie mir vorschlagen wollen, und ich hoffe, daß ich mich täusche. Törichterweise bin ich zu Ihnen gekommen, weil ich Sie für einen Gentleman hielt, der einer – ungerecht Verurteilten helfen wollte.« Sein Ton änderte sich plötzlich. »Als ob Ihnen das irgend jemand glauben würde!« rief er brutal und lachte laut. »Seien Sie doch vernünftig, und laufen Sie nicht davon. Dieser Teil des Hauses ist vollständig von dem übrigen Gebäude abgesperrt, und die Tür ist verschlossen.« Sie eilte hin und rüttelte an dem Griff, aber sie fand seine Worte bestätigt. Im Nu hatte er sie eingeholt, hob sie auf und trug sie zurück. Mit fast übermenschlicher Anstrengung befreite sie sich, ergriff ein spitzes Tranchiermesser, das auf dem Tisch lag und wandte sich ihm zu. »Wenn Sie mich anrühren, bringe ich Sie um! Öffnen Sie sofort die Tür!« Er nahm einen Schlüssel aus der Tasche und schloß auf. »Wollen Sie mir verzeihen?« flüsterte er. Ohne zu antworten, ging sie an ihm vorüber und ließ das Messer fallen. »Nach rechts!« rief er leise, und sie bog wirklich in den schmalen Gang ein, obwohl ihr ein Instinkt sagte, daß sie geradeaus gehen müßte. Bevor sie sich der Gefahr bewußt wurde, kam er hinter ihr her. Sie floh den Korridor entlang und mehrere Treppen nach oben, aber dann sah sie, daß es nicht weiterging. Über ihr befand sich nur ein unerreichbares Oberlichtfenster. Leise und behutsam schlich sie wieder nach unten. Plötzlich vernahm sie eine schluchzende Frauenstimme, wußte jedoch nicht, ob die Laute von oben, von unten oder von nebenan, aus Mr. Malpas' Haus, kamen. Sie horchte angestrengt, bis das Schluchzen leiser wurde und verstummte. Von Marshalt war nichts zu sehen, und sie erreichte schließlich den kleinen Vorplatz, hinter dem die Freiheit winkte. Aber dort ergriffen sie plötzlich wieder zwei starke Arme, und sie wurde ins Eßzimmer zurückgeschleppt. »So, mein Schatz!« rief Marshalt und schob sie in einen tiefen Lehnsessel. »Nun wirst du wohl Vernunft annehmen. Ich kann dir alles geben, was dein Herz begehrt. Für mich bist du die einzige Frau, die meiner Liebe wert ist ...« »Verschwenden Sie keine Worte mehr, Mr. Marshalt«, erwiderte sie und wandte den Blick nicht von ihm. »Ich werde ins Hotel zurückkehren, Captain Shannon anrufen und ihm mitteilen, was sich hier zugetragen hat.« Er lachte laut auf. »Ach, du willst mir mit der Polizei drohen, mein liebes Kind? Wie altmodisch! Übrigens ist Shannon ein Weltmann. Er weiß, daß ich mir keine Dame aus Holloway einladen würde, wenn ... Na, nimm deinen Verstand zusammen, Liebling! Und er weiß auch, daß du die Einladung nicht angenommen hättest, wenn du nicht mit meiner Liebeserklärung gerechnet hättest.« »Bei manchen Mädchen mag das stimmen, aber ich bin anders.« »Bei Gott, das bist du! Und deshalb mag ich dich ja so gern!« Er riß sie empor und zog sie in seine Arme. Sie fühlte sich entsetzlich hilflos und elend und glaubte, daß sie im nächsten Augenblick das Bewußtsein verlieren würde. Aber im selben Moment hörte sie ein leises Rasseln im Schloß. Er hatte es auch vernommen und ließ sie so jäh los, daß sie in die Knie sank. Als er sich hastig umwandte, ging die Tür auf, und eine schwarzgekleidete Frau stand auf der Schwelle. Drohend und düster starrte sie auf das Mädchen. Es war Dora Elton, und Audrey sah den Haß in den Augen ihrer Schwester. Schaudernd fuhr sie zusammen. »Ich störe wohl«, sagte Dora und begegnete Lacys zornigem Blick, ohne mit der Wimper zu zucken. Audrey erhob sich mühsam, ging mit zitternden Knien hinaus, griff nach ihrem Cape und trat in die kalte, reine Nachtluft hinaus. Marshalt schenkte sich mit unsicherer Hand ein Glas Wein ein und goß es hinunter. »Wenn du glaubst, daß ich in dieses Schaf Gottes verliebt bin, dann irrst du dich gewaltig«, sagte er. »Komm her, ich will dir etwas gestehen, und das mußt du mir glauben. Es gibt einen Mann, den ich mehr hasse als alle anderen Menschen auf der Welt. Und dieser Mann ist Audrey Bedfords Vater.« »Sie heißt gar nicht Bedford!« »Du hast recht. Sie heißt Torrington. Dan Torrington und ich sind alte Feinde. Ich habe eine lange Rechnung und bin noch durchaus nicht damit fertig.« »Ihr Vater ist ein Sträfling«, erwiderte Dora finster. »Ja, er sitzt in lebenslänglicher Haft in Kapstadt. Wenn ich eine bessere Büchse gehabt hätte, wäre er ein toter Mann gewesen. Aber er hatte Glück: ich traf ihn nur ins Bein und schoß ihn lahm. Wenn die Detektive ihn nicht in demselben Augenblick gefaßt hätten, wäre es wohl mit mir aus gewesen.« »Du hast ihn verhaften lassen?« rief sie. »Ja. Ich leitete den Geheimdienst für die Streams Diamond Corporation und entdeckte, daß Dan Torrington einen kleinen, unerlaubten Diamantenhandel betrieb. Ich stellte ihm eine Falle. Das ist die ganze Geschichte. Nur wurde er noch strenger bestraft, weil er auf mich geschossen hatte.« Doras Zorn war verflogen. »Ist das wirklich wahr, Lacy?« fragte sie. »Aber wie kannst du dich denn dadurch an Torrington rächen, daß du eine Liebschaft mit diesem Mädchen unterhältst?« »Ich wollte sie heiraten.« »Heiraten!« stieß sie atemlos hervor. »Du sagtest doch, daß du niemals heiraten würdest!« Er zog sie neben sich auf das Sofa und versuchte sie zu beruhigen. »Die Sache liegt so. Als Torrington damals Diamanten von den Eingeborenen kaufte, besaß er die Farm Graspan. Nun gibt es tausend Graspans in Südafrika, aber dieses Graspan lag an einem der Flüsse, nach denen Fourteen Streams genannt wurde. Er war kaum zur Zwangsarbeit weggeschickt worden, als auf seiner Farm Diamanten entdeckt wurden. Das habe ich erst kürzlich erfahren, weil die Mine unter dem Namen seiner Rechtsanwälte Hallam E Coold betrieben wurde und noch heute Hallam E Coold Mine heißt. Dan Torrington ist also Millionär, und zwar ein sterbender Millionär. Seit ich wieder in England bin, bekomme ich von einem der Gefängniswärter regelmäßig Berichte über den Mann, und das letztemal schrieb er, es ginge mit ihm zu Ende.« »Und wenn du Audrey heiratest –« Er lachte. »Ganz recht! Dann bin ich ein steinreicher Mann!« »Aber das bist du doch jetzt schon!« Sein Gesicht verfinsterte sich. »Ja, ich bin reich«, sagte er hart, »aber ich will noch reicher werden.« Es klopfte. »Wer ist da?« rief er gereizt. »Ein Herr wünscht Sie zu sprechen. Er sagt, es wäre dringend.« »Ich kann jetzt niemand empfangen. Wer ist es denn?« »Captain Shannon.« Dora sah ihn entsetzt an. »Er darf mich nicht sehen«, flüsterte sie. »Wo soll ich hin?« »Durch den Wintergarten und über den Hof!« erwiderte Marshalt ärgerlich. Er hatte sie kaum in die dunkle Bibliothek geschoben und die Tür hinter ihr geschlossen, als Dick Shannon eintrat. Er war im Frack, und sein Gesichtsausdruck verriet seine Stimmung. »Ich habe mit Ihnen zu sprechen, Marshalt.« »Mr. Marshalt«, brummte der Millionär, der nichts Gutes ahnte. »Sie hatten heute abend eine Dame eingeladen.« »Vielleicht hat sie sich selbst eingeladen?« »Sie luden sie ein und beleidigten sie in der gröblichsten Weise.« »Mein Lieber, Sie sind doch ein Weltmann. Glauben Sie etwa, daß dieses Mädchen zu mir kam, ohne – nun, sagen wir einmal, ohne gewisse Möglichkeiten ins Auge zu fassen?« Eine Sekunde lang starrte Dick Shannon den Mann drohend an, dann schlug er ihm mit dem Handrücken ins Gesicht, so daß er mit einem Aufschrei zurücktaumelte. »Das ist eine Lüge, die Sie nicht wiederholen werden«, sagte Dick leise. »Und Sie nennen sich einen Polizeibeamten – gehört ein solches Benehmen vielleicht auch zu Ihren Amtspflichten?« schrie ihn Marshalt an. »Ich kenne meine Pflichten sehr gut«, erwiderte Shannon streng. »An der Außenwand von Old Bailey ist eingegraben: ›Schützt die Kinder der Armen und straft die Übeltäter.‹« 14 Dick Shannon war etwas ruhiger geworden, als er das Marshaltsche Haus verließ. Rein mechanisch warf er einen Blick auf das Nebengebäude, das er beobachtet hatte, als Audrey herausstürzte und ihm geradenwegs in die Arme lief. Die Fassade war vorhin dunkel gewesen, aber jetzt erblickte er Licht in einem der Fenster. Als er aber näherkam, erlosch es wieder. Er klopfte an die Tür und glaubte, eine leise Bewegung in der Halle zu vernehmen. Würde der geheimnisvolle Mann doch endlich herauskommen? Fast zehn Minuten wartete er, bevor er seinen Wachtposten verließ. Er wollte Audrey noch sprechen und sich ihre Geschichte genauer erzählen lassen, die sie ihm vorhin nur abgerissen und zusammenhanglos mitgeteilt hatte. Vergeblich hielt er nach einem vorüberfahrenden Auto Ausschau und wandte sich schließlich um. Aber plötzlich blieb er wieder stehen. Bildete er es sich nur ein, daß eine dunkle Gestalt aus dem rätselhaften Haus herausschlüpfte und mit sonderbarem, etwas hinkendem Gang davoneilte? Sofort nahm er die Verfolgung auf und stellte den Mann an der Ecke der Orchard Street. »Verzeihen Sie!« Der Fremde kehrte ihm das schmale, strenge Gesicht zu. Durch die Gläser einer goldenen Brille musterten zwei forschende Augen den Detektiv, und unwillkürlich glitt seine Rechte in die Manteltasche. »Sie sind ein Bekannter von Mr. Malpas, nicht wahr? Ich sah Sie aus seinem Haus herauskommen.« »Nein, ich kenne Mr. Malpas nicht. Ich bin ganz fremd in London und wollte nach Oxford Circus.« »Aber ich habe Sie vor zwei Minuten noch nicht auf dem Platz gesehen.« Der Mann lächelte. »Das liegt daran, daß ich von dieser Seite kam und umkehrte, als ich merkte, daß ich fehlgegangen war.« »Wohnen Sie hier in London?« »Ja, im Ritz-Carlton. Ich bin Präsident einer Südafrikanischen Minengesellschaft. Verzeihung, es ist wohl eigentlich töricht von mir, einem zufälligen Bekannten diese Auskunft zu geben, aber Sie sind doch Captain Richard Shannon?« Dick war starr vor Staunen. »Ich entsinne mich nicht, Mr. –« »Mein Name kann Sie unmöglich interessieren. Mein Paß lautet auf den Namen Brown. Näheres können Sie im Kolonialamt erfahren. Nein, wir haben uns noch nicht getroffen, aber ich kenne Sie.« Dick mußte trotz seiner Enttäuschung lachen. »Gestatten Sie mir, Ihnen den Weg zu zeigen? Eine Autodroschke dürfte zu empfehlen sein. Ich will nach der Regent Street und werde mitfahren.« Der Fremde neigte höflich den Kopf. Gleich darauf kam ein leeres Taxi vorüber und wurde angehalten. Dick hatte ihn im Schein der Straßenlaterne genau betrachtet. Etwas Abschreckendes hatte der Mann nicht an sich. Sein dichtes Haar war weiß, die Schultern leicht gebeugt, und obwohl seine mageren, knorrigen Hände abgearbeitet waren, machte er doch entschieden den Eindruck eines Gentlemans. An der Ecke des Circus hielt das Auto, und der alte Herr stieg mühsam aus. »Ein armer Krüppel!« bemerkte er gutmütig. »Haben Sie vielen Dank, Captain Shannon.« Dick beobachtete ihn noch, während der Mann auf die Untergrundbahn zuhinkte. »Ich möchte nur wissen –!« murmelte er vor sich hin. Audrey erwartete ihn in der Halle des Palace-Hotels, und alle Spuren von Kummer waren aus ihrem Gesicht verschwunden. Sie wollte nicht auf ihr trauriges Erlebnis zurückkommen, aber er bestand darauf. »Der Kerl ist ein Schuft!« sagte er dann. »Audrey, vom Portman Square müssen Sie sich fernhalten.« »Audrey?« wiederholte sie lächelnd. »Nun, ich mache mir nichts daraus, obgleich ich fühle, daß ich etwas erwachsener sein müßte. In Holloway nannten sie mich ›83‹ oder einfach ›Bedford‹. Ich glaube, daß mir ›Audrey‹ besser gefällt – bei Leuten, die nicht dazu neigen, meine Hand festzuhalten und sentimental zu werden.« Er gab sich große Mühe, ärgerlich zu werden, aber es gelang ihm nicht. »Ich werde Sie Audrey nennen, und wenn ich sentimental werden sollte, so sagen Sie nur ›Geschäft‹, dann bin ich gleich wieder brav. Und Portman Square geben Sie auf.« »Sie meinen Mr. Malpas?« fragte sie schnell. Er nickte. »Ich weiß nicht, wieviel Sie von seinem Geld ausgegeben haben –« »Sechzig Pfund.« »Die werde ich Ihnen geben, und dann können Sie ihm das Geld zurückschicken.« Er spürte ihr Widerstreben. »Nein, das geht nicht, Mr. Shannon«, erwiderte sie rasch. »Ich muß die Sache selbst ordnen. Wenn ich am Sonnabend hingehe, werde ich ihn bitten, mir die Höhe des Gehaltes zu nennen, und ihm dann ganz offen sagen, wieviel ich verbraucht habe. Das Übrige gebe ich zurück. Wenn ich die Unterredung hinter mir habe –« »Sie darf nicht lang dauern«, warf er ein. »Sonst komme ich in sein gruseliges Wohnzimmer hineinspaziert –« Als sie später in ihrem Zimmer war und sich auskleidete, entdeckte sie auf dem Toilettentisch ein Briefchen. Die kritzlige Handschrift war ihr wohlbekannt, und sie riß den Umschlag auf. Er enthielt nur einen Zettel mit wenigen Zeilen: »Ich gratuliere Ihnen zu Ihrem Entkommen. Sie hätten sich des Messers bedienen sollen.« Der Atem verging ihr fast. Wie konnte Malpas wissen, was hinter verschlossenen Türen in Marshalts Privatzimmer vorgegangen war? ... Dick Shannon kehrte zu Fuß nach seiner Wohnung zurück und wollte eben ins Haus gehen, als er seinen Begleiter von vorhin am Rand des Gehsteigs stehen sah. Er trat auf ihn zu. »Haben Sie sich wieder verirrt, Mr. Brown?« »O nein«, erwiderte der alte Herr gelassen. »Aber nachdem wir uns getrennt hatten, fiel mir ein, daß ich gern ein wenig mit Ihnen gesprochen hätte.« »Bitte, treten Sie näher.« Dick führte ihn in sein Arbeitszimmer und schob einen Lehnsessel für ihn zurecht. »Stehen und Gehen ist etwas schmerzhaft für mich«, meinte Brown, als er sich mit einem Seufzer niederließ. »Danke sehr, Mr. Shannon. Was wissen Sie eigentlich über Malpas?« Fast bestürzt schaute ihn der Detektiv an. »Wahrscheinlich weniger als Sie«, entgegnete er zögernd. »Ich weiß nur, daß er sehr zurückgezogen lebt, sich nicht in die Angelegenheiten seiner Nächsten mischt und auch keine Einmischung ihrerseits wünscht.« War das eine Herausforderung? Dick war sich nicht klar darüber. »Wir wissen nur, daß seltsame Leute ihn besuchen.« »Wer bekommt keine solchen Besuche? Spricht das gegen ihn?« »Durchaus nicht. Aber alleinlebende, ältere Herren geben uns immer zu denken. Es kann jeden Tag die Notwendigkeit an uns herantreten, uns Eintritt zu erzwingen und dann eine Leiche vorzufinden. Weshalb nehmen Sie denn an, daß ich etwas über Malpas weiß?« »Weil Sie das Haus beobachteten, bevor die junge Dame aus Marshalts Haus herauskam und Ihre Aufmerksamkeit ablenkte. Um die Wahrheit zu sagen, ich beobachtete den Beobachter und dachte darüber nach, was Sie wohl gegen Malpas hätten. Übrigens – was ist denn dem Mädchen zugestoßen? Marshalt hatte früher einen schlechten Ruf, und man darf wohl annehmen, daß er sich nicht sonderlich gebessert hat. Haben Sie so etwas schon einmal gesehen?« Er nahm einen Kiesel aus der Westentasche, an dem ein rotes Siegel klebte. Dick betrachtete das Stück genau. »Was ist das?« »Ein roher Diamant mit dem Merkmal unserer Minengesellschaft. Wir versehen jeden größeren Stein mit einem solchen Kennzeichen und benützen dazu eine besondere Art von Siegellack, die nicht erhitzt zu werden braucht. Ich wüßte gern, ob jemand Ihnen einen Stein dieser Art gebracht hat. Die Polizei pflegt ja in den Besitz der seltsamsten Gegenstände zu kommen.« »Nein, einen solchen Stein habe ich noch nicht gesehen. Haben Sie einen verloren?« »Ja, wir vermissen einen. Haben Sie vielleicht einmal von einem gewissen Laker gehört? Nein? Den hätte ich Ihnen gern vorgestellt. Ein interessanter Mensch – leider trank er. Nüchtern war er ein Genie – betrunken ein kolossaler Dummkopf!« Mr. Brown erhob sich. »Der jungen Dame ist doch nichts Ernstliches passiert?« »Nein – sie hat nur eine sehr unangenehme Erfahrung gemacht.« »Wer könnte mit Lacy zusammenkommen, ohne unangenehme Erfahrungen zu machen?« »Sie kennen ihn also?« Brown nickte. »Sehr genau?« »Niemand kennt einen anderen genau«, erwiderte der alte Mann ruhig. »Gute Nacht, Captain! Verzeihen Sie die Störung. Meine Adresse kennen Sie ja. Sollten Sie mich einmal brauchen, so telephonieren Sie bitte vorher. Ich halte mich viel auf dem Lande auf.« Dick schaute ihm nachdenklich nach. Wer war dieser Mann? Und warum herrschte Feindschaft zwischen ihm und Lacy Marshalt? 15 Lacy Marshalt war in schlimmster Laune. Shannons Knöchel hatten rote Flecke auf seinem Gesicht hinterlassen, und er hatte eine schlaflose Nacht verbracht. Er saß noch beim Frühstück, als Tonger hereinkam und Mr. Elton anmeldete. »Guten Morgen, Elton!« »Guten Morgen, Marshalt!« Martin legte Zylinder und Stock beiseite und begann langsam, seine Handschuhe auszuziehen. Dann zog er einen Stuhl heran. »Ich schrieb Ihnen kürzlich und ersuchte Sie, meine Frau nicht wieder zu Tisch einzuladen«, sagte er ruhig. »Seit dieser Warnung ist sie trotzdem zweimal bei Ihnen gewesen. Das darf nicht wieder vorkommen.« »Ihre Frau war gestern mit ihrer Schwester hier. Audrey aß bei mir, und Dora kam her, um sie abzuholen ...« »Aber an jenem Konzertabend war Audrey doch wohl nicht hier?« fragte Elton mit einem bitteren Lächeln. Marshalt antwortete nicht. »Für die Gelegenheit wird sich schwer eine Ausrede finden lassen. Sie sind ein schlauer Kerl, Marshalt – ein dunkler Kunde allerdings auch, wenn ich nicht sehr irre. Ich denke, es ist nicht erforderlich, daß ich die üblichen heroischen Redensarten vorbringe und Sie zum Beispiel darauf hinweise, daß es besser ist, ein lebendiger Millionär zu sein als – sonst etwas. Die Geschworenen würden Ihren Anverwandten vermutlich ihr Beileid aussprechen – eine Auszeichnung, die mir nicht zuteil werden dürfte. Aber es ist viel angenehmer, einen Bericht über das Ableben anderer Leute zu lesen, als die Hauptrolle bei dem eigenen zu spielen.« Er erhob sich wieder und griff nach Stock und Hut. »Guten Morgen, Mr. Marshalt. Sie brauchen meine Frau nicht erst anzurufen. Ich habe unseren Apparat vorsichtshalber in Unordnung gebracht, bevor ich das Haus verließ.« Er nickte ihm noch einmal zu und ging. An einem strahlenden Wintertag seufzte Audrey erleichtert auf, als sie gegen Mittag ihre täglichen Schreibereien erledigt und das große, schwere Kuvert in den Hotelbriefkasten gesteckt hatte. Wer war nur dieser Mr. Malpas, und welche Geschäfte betrieb er? Mit Unbehagen dachte sie an die bevorstehende Unterredung, die vielleicht ein enttäuschendes Ende für sie nehmen würde. Aber noch mehr beschäftigte sie die Freundschaft, die zwischen ihrer Schwester und Marshalt zu bestehen schien. Sie war entsetzt darüber und hätte trotz aller bösen Erfahrungen dieses Verhalten nicht von Dora erwartet. Als sie zum Lunch hinunterging, überreichte ihr der Portier einen Brief, der eben für sie abgegeben worden war. Sie erkannte die Handschrift auf den ersten Blick und las die Mitteilung staunend: »Ich verbiete Ihnen, Marshalt wiederzusehen. Der Antrag, den er Ihnen heute machen wird, muß abgelehnt werden. Malpas.« Ungehalten über diesen gebieterischen Ton steckte sie den Brief ein und ging zum Speisesaal. Sie war noch nicht mit ihrer Mahlzeit fertig, als ein Angestellter ihr auch schon das angekündigte Schreiben von Marshalt brachte. Der Mann begann mit demütigen Entschuldigungen, erklärte, daß er sich selbst sein rohes Benehmen niemals verzeihen könne, und schloß mit den Worten: »Aber ich kenne Sie länger, als Sie ahnen, und ich liebe Sie heiß und aufrichtig. Wenn Sie einwilligen, meine Frau zu werden, machen Sie mich zum Glücklichsten aller Sterblichen.« Ein Heiratsantrag! Empört stand sie auf, um ihre Antwort unverzüglich zu Papier zu bringen. »Ich danke Ihnen für Ihre Zeilen, die wohl ein Kompliment für mich bedeuten sollen, aber ich bedaure, Ihren Antrag nicht in Erwägung ziehen zu können. Audrey Bedford.« »Senden Sie das durch Eilboten ab!« sagte sie zu dem Portier. Sie hatte einen Entschluß gefaßt, und am Nachmittag fuhr sie zur Curzon Street. Das Dienstmädchen erkannte sie nicht wieder und meldete sie Mrs. Elton als »Miß Audrey«. Wenige Minuten später standen sich die beiden Schwestern gegenüber. Dora sah die Besucherin zornglühend an. »Nur ein paar Worte«, sagte Audrey. »Jede Sekunde, die du in meinem Haus verbringst, ist zuviel! Was willst du?« »Ich möchte dich bitten, Marshalt aufzugeben, Dora.« »Um ihn dir zu überlassen?« »O nein, ich verachte ihn. Ich will nicht predigen, Dora, aber Martin ist doch nun einmal dein Mann, nicht wahr?« »Ja, er ist mein Mann.« Das klang so verzweifelt, daß Audrey unwillkürlich Mitleid fühlte und sich ihrer Schwester näherte. Aber Dora wich mit haßerfüllten Blicken von ihr zurück. »Rühr mich nicht an, du Gefängnisdirne! Du willst, daß ich Marshalt aufgebe, daß ich ihn dir überlasse? Ach, wie ich dich hasse! Von jeher hab' ich dich gehaßt! Marshalt aufgeben? Ich werde ihn heiraten, sobald ich Martin los – sobald es soweit ist. Hinaus mit dir, Audrey Torrington!« »Torrington!« wiederholte Audrey tonlos. Dann wandte sie sich ab, ging zur Tür hinaus und die Treppe hinab. Aber nun geriet Dora außer sich. »Du hinterlistige Diebin!« schrie sie. »Dich will er heiraten! Aber das soll niemals geschehen – nie!« Im Nu hatte sie aus einer an der Wand befestigten Waffentrophäe einen langen Dolch herausgerissen und stieß zu. Audrey duckte sich instinktiv, und der Dolch fuhr in den Türpfosten. Dora zog ihn heraus und stieß wieder zu. In ihrer Todesangst strauchelte Audrey und fiel. »Jetzt hab' ich dich!« kreischte Dora wie wahnsinnig und hob die Waffe. Aber plötzlich packte jemand ihr Handgelenk. Sie fuhr herum und starrte in ein Paar belustigte Augen. »Wenn ich eine Filmaufnahme unterbreche, tut es mir leid«, sagte Slick Smith. »Aber vor Stahl habe ich Angst – richtige Angst!«   Slick Smith führte die fassungslose junge Frau nach oben, brachte ihr ein Glas Wasser und sprach beschwichtigend auf sie ein. »Daß sich die Frauen doch immer wieder über irgendeinen Mann bei den Haaren kriegen! Und dieses Mädchen scheint so nett zu sein. Sie ging doch ins Gefängnis, um Sie zu retten?« Erst jetzt kam Dora zum Bewußtsein, daß er ein Fremder für sie war. »Wer sind Sie?« fragte sie mit stockender Stimme. »Ihr Mann kennt mich. Ich bin Smith – Slick Smith aus Boston. Verehrte Mrs. Elton – er ist es nicht wert!« »Nicht wert? Von wem sprechen Sie denn?« »Von Lacy Marshalt. Das ist ein ganz übler Bursche – das müssen Sie doch schon gemerkt haben. Martin mag ich leiden, und es würde mir verdammt leid tun, wenn er gerade in dem Augenblick gefaßt würde, in dem er den Revolver auf sich selbst richtete. So was kommt vor. Und vielleicht würden Sie im Gerichtssaal sitzen, und er würde Ihnen zulächeln, wenn der Richter die schwarze Kappe aufsetzte, bevor er Elton nach der Totenzelle schickte. Und Sie würden wie gelähmt sein und daran denken, welch ein elender Kerl Marshalt war, und daß Sie beide Männer ins Grab gebracht haben.« »Hören Sie auf! Sie machen mich verrückt –« »Sie wissen nicht, was für ein Hundsfott dieser Marshalt ist –« Sie hob abwehrend die Hand. »Ich weiß ... bitte, gehen Sie jetzt!« Als Slick Smith das Haus verließ, kam Elton gerade die Stufen herauf. »Zum Teufel, was suchen Sie denn hier?« fragte er gereizt. »Ich wollte Ihnen sagen, daß Sie sich in acht nehmen und nicht so leichtgläubig sein sollten. Das vortrefflich gemachte Geld, das Stanford Ihnen andrehen will, wurde auch mir angeboten. Giovanni Strepesi in Genua verfertigt es und hat schon eine Menge in Umlauf gesetzt, aber – als Nebengeschäft ist Einbruch weniger riskant, und Bakkarat eine wahre Sinekure.« »Ich weiß nicht, wovon Sie reden –« stammelte Martin. »Und ich sage Ihnen, selbst der Schwindel von Malpas ist besser als Stanfords neue Liebhaberei!« »Welchen Schwindel betreibt denn Malpas?« Slick überlegte einen Augenblick. »Ich weiß es nicht genau. Aber ich rate Ihnen, nie allein zu ihm ins Haus zu gehen! Ich sah ihn einmal – aber er bemerkte mich nicht. Deshalb bin ich noch am Leben, Elton.« 16 Am Sonnabendmorgen saß Marshalt in seinem Studierzimmer am Schreibtisch, als Tonger ihm ein Paket Briefe brachte. Der Millionär sah sie rasch durch. »Wieder nichts dabei von unserem Freund aus Matjesfontein«, sagte er dann unmutig. »Seit vier Wochen hat der Kerl nichts von sich hören lassen!« »Vielleicht ist er tot«, meinte Tonger. »Es könnte ja auch sein, daß Torrington etwas zugestoßen wäre.« »Sie sind ein Optimist, Lacy!« spottete Tonger, wurde dann aber nachdenklich. »Vielleicht kann er doch nicht schwimmen«, fügte er nach einer kleinen Pause hinzu. Lacy blickte rasch auf. »Was soll denn das heißen?« »Die Kinder eines königlichen Kommissars sollten eigentlich auch schwimmen können«, fuhr Tonger fort. »Oder wenn sie es nicht können –« Lacy schwang sich auf seinem Stuhl herum. »Jetzt hab' ich aber dein Gefasel satt!« rief er ungeduldig. »Sage jetzt gefälligst, was du meinst.« »Na, vor ungefähr anderthalb Jahren nahmen die Kinder von Lord Gilbury ein Segelboot und fuhren in die Tafelbai hinaus. Hinter dem Wellenbrecher kenterte das Boot, und sie wären ertrunken, wenn nicht einer der Sträflinge, die dort arbeiteten, ins Wasser gesprungen und hingeschwommen wäre. Der hat sie gerettet.« Lacys Mund stand weit offen. »War das Torrington?« fragte er leise. Tonger zuckte die Schultern. »Ein Name wurde nicht genannt. In den Zeitungen stand nur, daß der Sträfling lahm war, und daß man von einer Begnadigung spräche.« Wütend sprang Lacy auf und schlug mit der Faust auf den Tisch. »Natürlich! So muß es sein!« stieß er zwischen den Zähnen hervor. »Er ist frei, und seine Rechtsanwälte halten es geheim. Und du hast es die ganze Zeit gewußt, du Hund!« »Gewußt habe ich nichts«, erwiderte Tonger gekränkt. »Vermutet habe ich es allerdings. Aber glauben Sie, Dan Torrington würde Sie in Frieden lassen, wenn er ein freier Mann wäre? Und warum sollte ich Ihnen mit solchen Gerüchten Angst machen? Ich weiß, daß ich Ihnen viel Dank schuldig bin, Lacy, und ich kenne Ihre guten und Ihre schlechten Seiten. Und ich hab' wahrhaftig keinen Grund, Torrington zu lieben. Wollte er nicht gerade an dem Tag, an dem Sie ihn faßten, mit meiner kleinen Elsie auf und davongehen?« Er griff in die Tasche und holte einen zerlesenen Brief hervor. »Die ganzen Jahre hab' ich ihn mit mir herumgetragen. Es ist der erste Brief, den sie mir aus New York schrieb. Hören Sie zu: ›Liebes Väterchen, ich möchte Dir doch sagen, daß ich ganz zufrieden bin. Ich weiß, daß Torrington verhaftet ist, und in mancher Hinsicht bin ich froh darüber, daß ich auf seinen Wunsch hin hierher vorausreiste. Väterchen, willst Du mir verzeihen und mir glauben, daß ich zufrieden bin? Ich habe hier in der Riesenstadt neue Freunde gefunden, und mit dem Geld, das mir Torrington gab, habe ich ein ganz einträgliches, kleines Geschäft gegründet. Nach Jahren, wenn alles vergessen ist, werde ich zu dir zurückkehren.‹« Vorsichtig legte er das dünne Blatt wieder zusammen und schob es in die Tasche. »Nein, ich habe keinen Grund, Torrington zu lieben«, sagte er, »aber viel Grund, ihn zu hassen.« »Haß ist Furcht«, murmelte Lacy. »Du fürchtest ihn auch.« Unruhig ging er im Zimmer auf und ab. »Mrs. Elton sagt, sie hätte einen hinkenden Mann gesehen –« »Ach was! Solche Damen sind immer nervös und sehen alles mögliche –« Er unterbrach sich plötzlich, denn es klopfte dreimal gedämpft, aber deutlich an die Wand. Lacy blieb stehen und wurde totenbleich. »Was – was ist das?« flüsterte er mit zitternden Lippen. »Ach, irgendein Gehämmer. Vielleicht hängt der alte Mann Bilder auf.« Lacy feuchtete seine trockenen Lippen mit der Zunge an und riß sich zusammen. »Du kannst gehen. Heute nachmittag mußt du aber nach Paris fahren.« »Nach Paris? Was soll ich in Paris – ich kann doch kein Wort Französisch, und Seefahrten bekommen mir nicht. Schicken Sie doch jemand anders!« »Es muß ein Mann sein, auf den ich mich verlassen kann. Ich werde Croydon anrufen, damit sie ein Flugzeug bereithalten. Dann kannst du noch vor Einbruch der Nacht zurück sein.« »Flugzeuge sind auch nicht mein Geschmack! Wann komme ich denn zurück – wenn der Fall überhaupt eintritt?« »Um zwölf fliegst du ab, um zwei bist du in Paris, gibst den Brief ab, und um drei bist du schon wieder auf der Rückreise.« »Na, wenn es sein muß –« knurrte Tonger. »Wo haben Sie den Brief?« »In einer Stunde kannst du ihn dir holen.« Als Lacy allein war, meldete er erst ein Gespräch nach Paris an, ließ sich dann mit Stormers Detektivagentur verbinden und ersuchte, Mr. Willitt sofort zu ihm zu schicken. Darauf setzte er sich an den Schreibtisch und hatte seinen Brief gerade geschrieben und zugesiegelt, als Mr. Willitt auch schon gemeldet wurde. »Wenn ich nicht irre, sind Sie der Chef der Agentur?« begann Lacy sofort und deutete auf einen Stuhl. Willitt schüttelte den Kopf. »Nur Stellvertreter. Mr. Stormer verbringt seine Zeit meistens bei unserer New Yorker Zweigagentur. In Amerika nehmen wir eine viel bedeutendere Stellung ein und werden oft mit Regierungsaufträgen betraut. Hier in England –« »Ich habe einen Auftrag für Sie«, fiel ihm Lacy ins Wort. »Haben Sie schon einmal von einem gewissen Malpas gehört?« »Von dem alten Mann, der nebenan wohnt? O ja! Wir wurden bereits ersucht, seine Persönlichkeit festzustellen – unsere Auftraggeber möchten eine Photographie von ihm haben.« »Wer sind die Leute?« »Das kann ich Ihnen leider nicht mitteilen.« Lacy holte ein Bündel Banknoten heraus, wählte zwei aus und schob sie dem Detektiv hin. »Hm.« Der Mann lächelte verlegen. »Vielleicht kann ich dieses eine Mal eine Ausnahme machen. Es handelt sich um einen gewissen Laker, der vor einiger Zeit verschwand.« »Laker? Den kenne ich nicht. Sind Sie denn an den alten Mann herangekommen?« »Nein, der lebt wie eine Auster.« Lacy überlegte eine Weile. »Ich wünsche, daß Sie ihn unausgesetzt bewachen. Beobachten Sie das Haus Tag und Nacht von allen Seiten. Stellen Sie auch einen Mann oben auf dem Dach meines Hauses auf.« »Dazu würde ich sechs Leute brauchen«, meinte Willitt und zog sein Notizbuch hervor. »Und was sollen sie tun?« »Ihm folgen und feststellen, wer er ist. Und wenn möglich, mir eine Photographie von ihm verschaffen.« »Von wann ab?« »Sofort. Ich werde veranlassen, daß der Mann, den Sie aufs Dach beordern, eingelassen wird. Mein Diener Tonger wird dafür sorgen, daß es ihm an nichts fehlt.« Der Detektiv empfahl sich, als sich das Pariser Telephonamt meldete, und Lacy Marshalt gab in geläufigem Französisch eine Reihe von Anordnungen. 17 An dem Nachmittag desselben Tages machte Audrey einen Spaziergang im Green Park, wo es um diese Zeit immer sehr still und leer war. Es wehte jedoch ein so eisiger Nordwind, daß sie mitten auf der Brücke plötzlich umkehrte. Als sie an dem See entlangging, kam sie auch an einer Bank vorbei, auf der eine Frau weit zurückgelehnt saß und mit hintenübergebogenem Kopf zum Himmel starrte. Ihre Stellung war so unnatürlich und sonderbar, daß Audrey unwillkürlich anhielt, als auch ein anderer Spaziergänger stehenblieb. »Was mag mit der Frau sein?« fragte sie ängstlich. Der Mann trat rasch auf die Bank zu, und Audrey folgte ihm. Die Frau schien zwischen dreißig und vierzig Jahren alt zu sein. Ihre Augen waren halb geschlossen, Gesicht und Hände blau vor Kälte. Neben ihr lag eine kleine, silberne Reiseflasche ohne Stöpsel, aus der eine Flüssigkeit auf die Bank tropfte. Sonderbarerweise kam Audrey das Gesicht bekannt vor, aber sie konnte sich nicht darauf besinnen, wo sie die Frau schon gesehen hatte. Der Mann hatte seine Zigarre weggeworfen und hob den Kopf der Unglücklichen behutsam empor. Im selben Augenblick kam auch ein Schutzmann herbei. »Ist sie krank?« fragte er. »Sehr krank, fürchte ich«, erwiderte der Mann ruhig. »Miß Bedford, gehen Sie lieber fort.« Sie sah ihn verwundert an. Woher kannte er ihren Namen? »Gegenüber von der Horseguard-Wache steht noch ein Polizist«, sagte der Beamte zu Audrey. »Würden Sie so gut sein und ihm sagen, daß er die Unfallstation anrufen und dann herkommen soll?« Sie eilte davon, und erst als sie verschwunden war, erinnerte sich der Polizist an seine Vorschriften. »Ich habe ganz vergessen, nach ihrem Namen zu fragen! Kennen Sie die Dame vielleicht?« »Ja, es ist Miß Bedford«, erwiderte Slick Smith. »Ich kenne sie dem Aussehen nach. Wir haben eine Zeitlang im selben Büro gearbeitet.« Er griff nach dem silbernen Fläschchen, hob den Stöpsel vom Boden auf und schloß es sorgfältig. Dann überreichte er es dem Beamten. »Sie werden dies brauchen«, sagte er und setzte bedeutungsvoll hinzu: »An Ihrer Stelle würde ich niemand einen Schluck daraus tun lassen, mit dem Sie es gut meinen.« »Sie glauben, daß es Gift ist?« fragte der Mann erschrocken. »Riechen Sie es denn nicht? Wie bittere Mandeln – die Frau ist tot.« »Selbstmord?« »Wer weiß! Schreiben Sie sich lieber auch meinen Namen auf: Richard James Smith, der Polizei als Slick Smith bekannt. Ich stehe in den Registern von Scotland Yard. « Der andere Schutzmann erschien, und gleich darauf kam auch der Krankenwagen mit einem Arzt. Der Doktor erklärte sofort, daß die Frau durch Zyankali vergiftet und tot sei ... Dick Shannon hörte durch Zufall von diesem Ereignis, interessierte sich aber weiter nicht dafür, bis der mit dem Fall betraute Beamte zu ihm kam, um sich nach Slick Smith zu erkundigen. »Ja, ich kenne ihn: ein amerikanischer Schwindler und Dieb«, sagte er. »Hier hat er sich aber noch nichts zuschulden kommen lassen. Wer war die Frau?« »Unbekannt. Es scheint Selbstmord vorzuliegen.« Abends warf Audrey einen Blick in die Zeitung und bemerkte eine kurze Notiz: »Die Leiche einer unbekannten Frau wurde heute im Green Park gefunden. Man nimmt an, daß Selbstmord durch Gift vorliegt.« Sie war also tot! Audrey überlief ein Schauder. Wer konnte es nur sein? Sie wußte doch genau, daß sie die Frau schon gesehen hatte ... Plötzlich fiel es ihr ein. Es war die Betrunkene, die neulich vor Marshalts Haustür solchen Lärm gemacht hatte ... Audrey stand auf, ging ans Telephon und rief Shannon an. Der freudige Ton seiner Stimme weckte ein warmes Glücksgefühl in ihrem Herzen. »Wo sind Sie gewesen? Ich wartete schon dauernd auf einen Anruf von Ihnen ... es ist doch nichts geschehen?« »Nein, aber ich las eben von der toten Frau im Green Park. Ich war dabei, als sie gefunden wurde, und ich glaube, daß ich sie kenne.« »Ich komme sofort zu Ihnen«, erwiderte Dick. Kurze Zeit später saß er bei ihr, und sie berichtete ihm, was sie wußte. »Sie erinnern sich doch, daß ich Ihnen von einer Frau erzählte, die an Mr. Marshalts Tür klopfte?« Dick pfiff leise durch die Zähne. »Ich möchte nicht haben, daß Sie bei dieser Affäre als Zeugin auftreten«, meinte er nach kurzem Nachdenken. »Das kann Smith tun – und mit Tonger werde ich heute abend sprechen. Übrigens – wann besuchen Sie Malpas?« »Morgen.« »Sie flunkern, meine Liebe. Sie wollen heute abend hingehen.« Audrey lachte. »Ja, allerdings. Ich dachte nur, Sie würden Umstände machen –« »Das stimmt vermutlich. Zu wann hat er Sie bestellt?« »Um acht soll ich kommen.« Er sah nach der Uhr. »Ich werde zwei Fliegen mit einer Klappe schlagen«, entgegnete er. »Jetzt gehe ich zu Marshalt, und drei Minuten vor acht erwarte ich Sie an der Nordseite des Portman Square. Bitte, keine Einwendungen. Und geben Sie mir Ihr Wort, das Haus nicht zu betreten, bevor Sie mich gesprochen haben.« Sie zögerte eine Sekunde, gab ihm aber dann das Versprechen und fühlte sich wesentlich erleichtert. 18 Martin Elton legte die Zeitung beiseite und schaute auf die Uhr. Dabei fiel sein Blick wohl zum zwanzigstenmal auf seine Frau, die reglos mit aufgestützten Ellbogen vor dem Kamin saß und düster ins Feuer starrte. »Was hast du, Dora?« »Ich fühle mich nicht wohl. Du wolltest doch noch ausgehen?« »Ja, und ich komme spät zurück – erst gegen Mitternacht.« »Stanford war hier – hat er das Geld gebracht?« fragte sie, ohne aufzusehen. »Ja, drei Millionen Franken. Das Zeug ist gut gemacht und ungefährlich. Klein wird es absetzen.« »Wo hast du es?« »Unter der Matratze in meinem Bett. Mache dir deshalb keine Sorgen. Morgen lasse ich es fortschaffen. Gehst du noch aus?« »Ich weiß noch nicht – es kann sein.« Er nickte ihr zu und verließ das Zimmer. Sie hörte, wie er die Haustür zuschlug, und versank wieder in ihre Grübeleien. Martin war ihr unheimlich. Er beobachtete sie – er mißtraute ihr. Sie hatte Angst vor ihm, nicht für sich selbst, aber für den Mann, den sie liebte. Ja, allmählich hatte sie begonnen, Martin zu hassen! Sie vergaß, was er für sie getan hatte, aus welcher Laufbahn er sie gerettet hatte, und wie gut und freigebig er stets gegen sie gewesen war. Wenn Martin aus dem Weg wäre ... sie mußte ihn abschütteln, sonst würde er Lacy noch umbringen! Es gab nur einen Ausweg, und seit vierundzwanzig Stunden bemühte sie sich, mit dem Gedanken an diese Schandtat sich auszusöhnen ... Eine halbe Stunde später plauderte der diensttuende Sergeant mit Inspektor Gavon auf der Polizeiwache in der Vine Street, als eine bleiche Frau hastig in das kahle Büro kam. Gavon kannte sie. »Guten Abend, Mrs. Elton. Wollen Sie mich sprechen?« Sie nickte. Ihr Mund war wie ausgetrocknet, und ihre Zunge schien den Dienst versagen zu wollen. »Ja«, brachte sie schließlich hervor, aber ihre Stimme klang schrill und gequält. »In Italien lebt ein Mann – der französische Banknoten fälscht – es sind schon viele in Umlauf –« »Das ist richtig. Kennen Sie vielleicht jemand, der solches Geld hat?« »In unserem Haus finden Sie eine Menge. Mein Mann brachte es hin. Er hat es unter der Matratze in seinem Bett versteckt – Sie werden es finden –« Gavon verlor beinahe die Fassung. »Ihr Mann?« fragte er ungläubig. »Gehört es ihm denn?« »Ja!« Sie packte ihn am Arm. »Was steht darauf? Nicht wahr, sieben Jahre bekommt er mindestens?« Angewidert entzog sich der Inspektor ihrem Griff. Angebereien waren ihm nichts Neues – aber Dora Elton! »Sie wissen es ganz bestimmt? Warten Sie hier!« »Nein, nein, ich muß fort – das Mädchen wird Sie einlassen ...« In der nächsten Sekunde floh sie die Straße entlang, aber ein anderer war noch schneller als sie, und als sie in eine Seitenstraße einbog, war er neben ihr. »Martin!« schrie sie auf. Er sah sie mit wütenden Blicken an, und sie hob abwehrend die Hände. »Du warst in der Vine Street?« flüsterte er. »Ich – ich mußte –« stammelte sie, bleich wie der Tod. Er nickte. »Ich sah dich. Ich war darauf gefaßt, wenn ich es auch kaum für möglich hielt. Du kannst der Polizei viel Mühe sparen, wenn du wieder hingehst und sagst, daß kein Geld da ist. Seit acht Tagen trägst du dich mit dem Gedanken, mich festnehmen zu lassen.« »Martin!« stöhnte sie. »Du dachtest, du könntest dich besser mit Marshalt amüsieren, wenn ich aus dem Weg wäre«, fuhr er unerbittlich fort. »Aber darin irrst du dich, mein Kind! Mit Lacy rechne ich heute abend noch ab. Geh nur wieder hin und erzähle das auch deinen Freunden bei der Polizei!« »Wohin willst du?« Sie klammerte sich an ihn, aber er stieß sie beiseite und ging rasch davon. Als sie halb von Sinnen zur nächsten Telephonzelle wankte und Marshalts Nummer anrief, erhielt sie keine Antwort. 19 Inzwischen war Shannon zum Portman Square gefahren. Tonger machte ihm auf. »Marshalt ist nicht zu Hause«, sagte er schroff. Dick trat ohne weiteres in die Halle ein und machte die Tür zu. »Ich komme nicht nur seinetwegen«, erklärte er ruhig. »Erinnern Sie sich an die Frau, die vor acht Tagen hierherkam, und die Sie hinauswarfen?« Tonger nickte und öffnete die Tür zum Wohnzimmer. »Kommen Sie herein, Captain«, erwiderte er und machte Licht. »Ich bin eben erst von einer Reise im Flugzeug zurückgekehrt, und ich fühle mich infolgedessen etwas angegriffen. Was soll denn mit der Frau sein?« »Heute nachmittag wurde im Green Park eine Tote aufgefunden, und ich habe Grund zu der Annahme, daß es dieselbe Person ist, die hier den Spektakel machte.« Tonger starrte ihn mit offenem Mund an. »Das kann ich mir nicht denken. Im Park? Ich weiß nichts von ihr.« »Sie sagten doch, es wäre eine Mrs. Sowieso aus Fourteen Streams.« »Ja, den Namen gab sie an. Wünschen Sie, daß ich sie mir ansehe?« »Da Sie sich nicht wohlfühlen, hat es ja Zeit bis morgen.« »In ein Flugzeug kriegt mich Lacy nicht wieder«, bemerkte Tonger, als er Shannon wieder hinausbegleitete. »Übrigens – wie ist sie denn umgekommen?« »Vermutlich durch Gift. Eine silberne Flasche lag neben ihr.« Er stand schon auf der Schwelle, und während er noch sprach, schloß sich die Tür bereits leise. »Unmanierlicher Bursche!« dachte Shannon. Als er den Gehsteig erreichte, blieb er plötzlich stehen. »Mrs. Elton?« rief er halblaut. Sie wandte sich entsetzt um. »Wer –« begann sie mit zitternder Stimme – »ach, Sie sind es, Captain Shannon! Haben Sie Mr. Marshalt gesehen?« »Nein.« »Ich wollte zu ihm, aber das Schloß an der Hintertür muß geändert worden sein ... o Gott, was soll nur werden!« »Wieso? Was haben Sie denn?« fragte er erstaunt. »Martin ist doch nicht da? – Nein? – Ach, wie ich sie hasse, diese Heuchlerin! Sicher ist er wieder mit ihr zusammen – was Martin tut oder weiß, macht mir nichts aus, aber wenn mich Lacy betrügt –« sie schluchzte wild auf. »Von wem sprechen Sie denn nur?« »Ich meine Lacy und Audrey –« Plötzlich eilte sie wie gehetzt davon. Einen Augenblick starrte er ihr sprachlos nach, dann ging er weiter und traf Audrey an der verabredeten Stelle. »Kommen Sie bitte nicht mit nach innen«, bat sie, als sie vor Nr.551 standen. »Auf keinen Fall lasse ich Sie allein hineingehen!« erklärte er entschieden. »Lieber ist es mir natürlich, wenn Sie mich begleiten, aber es kommt mir wie ein Unrecht gegen den alten Mann vor.« Leise klopfte sie an die Tür. »Wer ist da?« fragte die harte Stimme durch das Gitter. »Miß Bedford.« Sofort öffnete sich die Tür, und sie schlüpften hinein. In der Halle brannte ein schwaches Licht. »Warten Sie hier«, flüsterte Audrey und schloß die Tür. Er nickte, aber als sie oben stand und die Hand hob, um anzuklopfen, sah sie ihn lautlos die Treppe heraufkommen und schüttelte abwehrend den Kopf. Zweimal klopfte sie an und hob die Hand eben wieder, als im Zimmer in rascher Folge zwei Schüsse fielen. Im Nu stand Dick neben ihr und stemmte die Schulter gegen die Tür, die sofort aufging. Er starrte in den dunklen Raum. »Ist jemand da?« rief er laut und vernahm eine schwache Bewegung. »Wer ist da?« rief er wieder. Im gleichen Augenblick flammten zwei Lichter auf: die Schreibtischlampe und eine verhängte Birne über dem kleinen Tisch und Stuhl zu seiner Linken. Und mitten im Zimmer, mit dem Gesicht nach unten, lag ein Mann. Shannon stürzte hin. Mit Hilfe seiner Taschenlampe war es ihm möglich, die Drahthindernisse zu umgehen. In der nächsten Sekunde kniete er neben der reglosen Gestalt und drehte sie um. Es war Lacy Marshalt. Über seinem Herzen war das Hemd von den Gasen einer aus nächster Nähe abgefeuerten Waffe geschwärzt. »Tot!« sagte Dick atemlos. »Was ist denn geschehen?« flüsterte Audrey, die von einer entsetzlichen Angst gepackt worden war. »Bleiben Sie dort stehen!« befahl Dick leise. »Verlassen Sie das Zimmer nicht!« Er ging um den Schreibtisch herum und entdeckte dahinter das kleine Schaltbrett für die Türen. Nacheinander legte er die Hebel um und kam dann zu Audrey zurück. »Ich denke, daß sie jetzt offen sein werden«, sagte er, nahm ihren Arm und eilte mit ihr nach unten. »Sagen Sie doch, was geschehen ist«, fragte sie wieder. »Wer war der – der Mann?« »Später sage ich Ihnen alles.« Die Haustür stand weit offen, und er lief auf die Straße hinaus. In der Ferne glühten die Lichter einer Autodroschke, die auf den schrillen Ton seiner Pfeife hin rasch herankam und vor dem Haus anhielt. »Fahren Sie ins Hotel zurück«, sagte er, »und erwarten Sie mich dort.« »Sie dürfen aber nicht wieder hineingehen!« bat sie entsetzt und packte seinen Arm mit beiden Händen. »Es stößt Ihnen etwas zu – ich fühle es!« Er löste sich behutsam aus ihrem Griff. »Sie brauchen keine Angst zu haben«, beruhigte er sie. »Ich habe in den nächsten Sekunden eine Schar von Polizisten bei mir, und –« Krach! Er drehte sich um – die Haustür war zugeschlagen. »Es ist noch jemand im Haus!« flüsterte sie. »Gehen Sie um Himmelswillen nicht wieder hinein! Captain Shannon – Dick, hören Sie auf mich!« Er rannte die Stufen hinauf und warf sich gegen die Tür, aber sie gab nicht nach. »Es sieht beinahe so aus, als ob man es mir unmöglich gemacht hätte«, entgegnete er resigniert. »Aber fahren Sie jetzt bitte nach Hause.« Das Auto hatte sich kaum in Bewegung gesetzt, als er schon wieder mit beiden Fäusten gegen das Holz hämmerte. Eine Antwort erwartete er nicht, und es überlief ihn eiskalt, als plötzlich dicht an seinem Ohr irrsinniges Gelächter ertönte. »Ich hab ihn – hab ihn – hab ihn!« kreischte eine Stimme. Dann trat Totenstille ein. »Machen Sie auf!« schrie Shannon heiser. »Öffnen Sie! Ich muß Sie sprechen!« Keine Antwort. Jetzt kam ein Polizist herbei, gleich darauf ein anderer Mann, in dem Dick sofort den Privatdetektiv Willitt erkannte. »Stimmt etwas nicht, Captain?« fragte er. »Was machen Sie denn hier?« entgegnete Dick. »Ich beobachte das Haus im Auftrag von Mr. Marshalt.« Shannon horchte auf. »So? Haben Sie auch jemand hinter dem Haus?« »Ja, und ein dritter Mann ist oben auf dem Dach des Marshaltschen Hauses placiert.« »Dann gehen Sie nach hinten zu Ihrem Kollegen. Sind Sie bewaffnet?« Der Detektiv zögerte mit der Antwort. »Ach so, Sie haben eine Pistole und keinen Erlaubnisschein! Nun, lassen wir das! Gehen Sie nach hinten und bedenken Sie, daß wir es mit einem Mörder zu tun haben, der nicht davor zurückscheuen wird, Sie niederzuschießen, wie er Marshalt erschossen hat!« »Marshalt!« stammelte Willitt. »Erschossen?« »Er ist tot«, erwiderte Dick kurz. Dann schickte er den Polizisten weg, um mehr Leute und einen Krankenwagen herbeizurufen, und ging in die Hinterstraße, wo die beiden Detektive Wache hielten. Dort war nichts zu sehen als eine hohe Mauer mit einer verschlossenen Tür. Mit Willitts Hilfe kletterte er hinauf und erblickte im Schein seiner Taschenlampe einen kleinen Hof und eine Tür, die sicher ebenso fest verwahrt war wie die vordere. Als er nach dem Portman Square zurückkehrte, fand er eine Reihe von Beamten dort und sah auch Steel darunter. Einer trug eine schwere Feuerwehraxt und begann, die Tür damit zu bearbeiten. »Sie ist mit Stahl verkleidet, wir müssen sie sprengen«, sagte Dick, nachdem der Mann den ersten Schlag geführt hatte. Aber im selben Augenblick knackte es leise, und die Tür öffnete sich von selbst. »Einen Keil dazwischen!« rief Dick und stürmte nach oben. Das Zimmer war jezt hell erleuchtet, aber Dick blieb wie gebannt auf der Schwelle stehen und sah sich verwirrt um. Marshalts Leiche war verschwunden! 20 »Alle Zimmer durchsuchen!« befahl Shannon. »Der Mann muß noch im Haus sein. Er ist hier gewesen.« Er deutete auf die Papiere, die wirr und teilweise blutbefleckt auf dem Schreibtisch umherlagen. Dann begann er hinter den Samtvorhängen nach einem zweiten Ausgang zu suchen. »Großer Gott!« stieß er plötzlich hervor. Hinter einer der Portieren thronte auf einem breiten Sockel ein großer, bronzener Götze, und hinter diesem war eine ungeheure goldene Sonne inkrustiert, deren tanzende Flammen mit Tausenden von kleinen Rubinen besetzt waren und wie Feuer zu lodern schienen. Rechts und links von dem Götzen standen zwei katzenartige Bronzetiere mit funkelnden, grünen Augen. »Smaragde – echte Smaragde«, sagte Dick. »Sind wir denn in Ali Babas Höhle geraten? Den Götzen kann ich nicht unterbringen – ein Mittelding zwischen Pluto und den Medusen – sehen Sie doch nur die Schlangenhaare!« Es war eine scheußliche Gestalt mit greulichem Mund und zackigen Elefantenzähnen, die sich zu bewegen schienen. »Der alte Herr scheint ein Teufelsanbeter zu sein«, erklärte Dick und zeigte auf zwei rauchgeschwärzte Schalen. »Das ist Blut«, murmelte Steel und beleuchtete einen schmierigen roten Fleck mit seiner Taschenlampe. »Und wonach riecht es hier so eigentümlich?« »Der Teppich sengt«, bemerkte einer der Leute und nahm mit seiner behandschuhten Hand eine halbverglühte Kohle auf. Schließlich wurde in einer Ecke eine kleine Tür entdeckt, die der Feuerwehraxt nicht widerstand. Eine Steintreppe führte von dort zu einem Vorderzimmer hinab. Hier waren allerlei seltsame Sachen aufgestapelt: Felle und Zulu-Assegais und eine große Sammlung greulicher Götzenbilder. Dazwischen ein in leuchtenden Farben bemalter ägyptischer Sarg, dessen Deckel aus einer geschnitzten Menschengestalt bestand. Shannon lüftete den Deckel – der Sarg war leer. »Marshalts Leiche befindet sich noch im Haus«, erklärte Dick mit Bestimmtheit, als sie wieder nach oben zurückkehrten. »Ob es wohl eine Verbindung zwischen den beiden Häusern gibt?« »Nein«, erwiderte Steel. »Die Wände sind massiv. Ich habe sie in allen Stockwerken geprüft.« Ein Polizeiinspektor hatte sich am Schreibtisch niedergelassen und überreichte Dick jetzt einen halben Briefbogen, bei dessen Anblick Dick ein kalter Schauer über den Rücken lief. Das Blatt trug den Briefkopf des Palace-Hotels und war offenbar von Audreys Hand beschrieben. »Wollen Sie mich heute abend um acht besuchen? Mr. M. wird Sie einlassen, wenn Sie klopfen. A.« Audrey! Aber er faßte sich gleich wieder, denn die Sache war ihm klar. Er nahm Steel beiseite und zeigte ihm den Brief. »Dies ist einer von den Briefen, die Miß Bedford für den alten Herrn abzuschreiben pflegte«, sagte er. »Ich werde jetzt hinübergehen und Tonger benachrichtigen.« Draußen hatten sich trotz der späten Stunde viele Neugierige angesammelt. Auch im Marshaltschen Haus brannte noch Licht, als Dick klingelte. Aber es meldete sich niemand. Steel rief nach Shannon, und dieser kehrte zurück, um zu sehen, was sein Assistent wollte. Sein Fuß berührte schon den Gehsteig, als in dem Haus hinter ihm ein Schuß knallte, dem rasch zwei weitere folgten. Gleichzeitig ertönte unten im Keller gellendes Geschrei, und die Tür des Kellereingangs wurde aufgerissen. »Mord!« kreischte eine Frauenstimme. Sofort stürzte Dick hinunter, schob eine ohnmächtig umsinkende Frau beiseite und lief in die Halle hinauf, wo er drei vor Angst halb wahnsinnige Dienstmädchen und eine etwas gefaßtere Köchin vorfand. »Oben, oben!« riefen sie. »Mr. Marshalts Arbeitszimmer!« Shannon eilte in langen Sätzen die Treppe hinauf und bemerkte rechts eine offenstehende Tür. Quer über die Schwelle ausgestreckt lag Tonger. Er war tot – aus nächster Nähe erschossen. Nachdem die Leiche fortgeschafft worden war, fragte Dick die Mädchen, wer die Kellertür geöffnet hätte, aber sie wußten es nicht. Er kehrte dann nach Nr. 551 zurück, wo man inzwischen alle Zimmer bis auf eins im obersten Stock durchsucht hatte. Dieses eine ließ sich nicht öffnen. »Holen Sie Brecheisen!« befahl Dick. »Ich gehe nicht aus dem Haus, bevor wir nicht jeden Winkel genau durchforscht haben.« Gleich darauf stand er allein in dem schwarz drapierten Zimmer, als ein Mann hereinkam, in dem er zu seiner Verwunderung den lahmen »Mr. Brown« erkannte. »Wie kommen Sie denn hierher?« fragte er. »Steht denn kein Polizist vor der Tür?« »Wenn einer da war, habe ich ihn nicht gesehen«, erwiderte Brown gelassen. »Ich bin doch nicht etwa überflüssig hier?« »Ich fürchte, ja«, entgegnete Dick kurz. »Aber ich werde Sie nicht wieder gehen lassen, bis ich weiß, wie Sie hereingekommen sind.« Er begleitete ihn nach unten. Der Beamte an der Tür hatte ihn nicht hineingehen sehen. »Was bedeutet das?« fragte Dick jetzt in offiziellem, amtlichem Ton. »Der Polizist hat offenbar vergessen, daß er auf den Gehsteig hinunterging, um die Menge zurückzudrängen«, bemerkte Brown lächelnd. Der Beamte gab das zu. »Wo wohnen Sie?« fragte Dick unmutig. »Immer noch im Ritz-Carlton.« Da Dick festgestellt hatte, daß er tatsächlich in dem eleganten Hotel logierte, ließ er ihn gehen, obwohl ihm die Sache nicht gefiel. Er begab sich wieder nach oben, wo zwei Schutzleute die verschlossene Tür bewachten, an der weder ein Griff noch ein Schloß zu entdecken war. »Sie muß von innen verschlossen sein«, meinte der eine Polizist. »Es ist jemand drinnen. Es klingt, als ob ein Tisch über den Fußboden gezogen würde.« Dick lauschte und hörte nach einer Weile ein kaum vernehmliches Geräusch. »Wir haben es mit einer Axt versucht, hatten aber nicht genügend Spielraum«, sagte Steel. »Jetzt kommen sie mit einer Brechstange.« »Hören Sie?« sagte einer der Leute plötzlich. Man hätte taub sein müssen, wenn man es nicht gehört hätte: erst klang es, als ob ein Stuhl umfiele, dann folgte ein dumpfer Ton. Endlich begannen die Leute, mit der Brechstange zu arbeiten, und nach zwei Minuten gab die Tür nach. Das Zimmer war bis auf einen Tisch und einen am Boden liegenden Stuhl völlig leer. Dick sprang rasch auf den Tisch und rüttelte an dem Oberlichtfenster, aber es war geschlossen. Er richtete den Lichtkegel seiner Taschenlampe nach oben und erblickte durch das schmutzige Fenster die Umrisse eines herabstarrenden Gesichts – aber nur eine Sekunde lang. Dann verschwand es. Ein langes, spitzes Kinn, eine hohe, stark vorspringende Stirne, eine scheußliche, große Nase ... »Die Brechstange – schnell!« rief Dick und stieß mit der Faust gegen den schweren Fensterrahmen. Nach wenigen Minuten schwang er sich auf das flache, bleigedeckte Dach und ging vorsichtig um einen Schornstein herum, als eine Stimme »Hände hoch!« rief, und Dick sich daran erinnerte, daß Willitt einen Mann auf dem Dach postiert hatte. »Gehören Sie zu Willitts Leuten?« fragte er. »Ja.« Ich bin Captain Shannon von Scotland Yard. Haben Sie hier jemand vorbeigehen sehen?« »Nein.« »Bestimmt nicht?« fragte Dick betreten. »Ganz bestimmt nicht. Einmal klang es, als ob hier jemand ginge, aber das war am anderen Ende des Daches.« Dick ließ den Schein seiner Lampe spielen und entdeckte schließlich einen mit Knoten versehenen Strick, der an einem Schornstein festgebunden war und über den Dachrand hinabhing. Mit Steels Hilfe wurden dann nach langem Suchen noch zwei Gegenstände auf dem Dach gefunden: eine Messinghülse aus einer automatischen Pistole und ein kleines, goldenes Zigarettenetui mit drei Zigaretten. Dick bemerkte mit Befriedigung ein Monogramm an einer Ecke des Etuis. »Ich glaube, jetzt haben wir den Mann«, sagte er ernst. 21 Dora Elton hörte, wie Martin nach Hause kam, und riß sich zusammen. Sie fror, obwohl sie noch in ihren Pelzmantel gehüllt war und in einem behaglich warmen Raum saß. Lacy Marshalt war tot. Auch wenn sie nicht hinter jener Menge auf dem Portman Square gestanden und es gehört hätte, wäre es ihr zum Bewußtsein gekommen, denn die wilde Besessenheit, die sie gepackt hatte, war plötzlich von ihr gewichen. Und nun war ihr zumute wie einem Mörder am Morgen des Hinrichtungstages. Der Türgriff drehte sich, und Martin Elton trat ein. Bei seinem Anblick zuckte ihre Hand zum Mund empor, um einen Schrei zu unterdrücken. Sein Gesicht und seine Hände waren schmutzig, sein Frackhemd mit Staub und Flecken bedeckt. Von dem Beinkleid hing ein Tuchfetzen herab und enthüllte ein zerschrammtes Knie. Die blutlosen Lippen machten sein Gesicht plötzlich alt, und die Augen lagen tief in den Höhlen. Eine Sekunde lang blieb er in der Tür stehen und starrte sie an. Es lag weder Vorwurf noch Zorn in seinem Blick. »Hallo, die Polizei ist also doch gekommen?« fragte er. »Die Polizei?« »Du schicktest sie doch her, um nach dem Geld zu suchen. Ich sprach mit Gavon: er hatte offenbar Lust, eine Haussuchung vorzunehmen. Du hast das doch wohl nicht vergessen?« Sie hatte es wirklich vergessen. Es war inzwischen so viel geschehen! »Ich habe es verhindert. Gavon glaubt, daß ich hysterisch bin.« Er spreizte die schmutzigen Finger über dem Feuer aus. »Der Ansicht bin ich auch. Aber jetzt will ich baden und mich umkleiden.« Plötzlich fuhr sie mit der Hand in seine Tasche, holte einen großen Browning heraus und untersuchte ihn. Die Pistole war erst kürzlich abgefeuert worden und roch noch nach Pulver. »Haben sie dich gesehen?« fragte sie leise. »Ich weiß es nicht – es kann sein. Was willst du tun?« »Zieh dich nur um. Ich habe noch einen Gang zu machen – in einer Viertelstunde bin ich wieder hier.« »Schön«, erwiderte er dumpf. Sie kannte eine Terrasse am Regent-Kanal und fuhr in einer Autodroschke hin. Nachdem sie den Chauffeur bezahlt und entlassen hatte, ging sie mitten auf die Brücke und ließ die Pistole hinabfallen. Sie hörte deutlich, wie die Waffe das dünne Eis durchschlug. Dann ging sie zu dem anderen Kanalufer und fand sehr bald wieder ein Auto. Martin saß in seinem Ankleidezimmer und trank heißen Kaffee, als sie zurückkehrte. Er erriet, wo sie gewesen war. »Es tut mir leid, daß du dich so dumm benommen hast – wegen des Geldes«, sagte er. »Ich hatte es mir anders überlegt und es Stanford zurückgegeben. Gavon war hier, während wir aus waren.« »Ja, Lucy sagte so etwas. Was hast du mit deinen Kleidern gemacht?« »Im Zentralofen«, erwiderte er kurz. »Ich gehe jetzt zu Bett«, murmelte sie und bot ihm die Lippen zum Kuß. »Frauen sind doch wunderlich«, sagte er vor sich hin, als sie das Zimmer verlassen hatte. Er selbst ging nicht zur Ruhe. Sein Anzug lag für die erwartete plötzliche Vorladung bereit. Die ganze Nacht hindurch saß er grübelnd am Kaminfeuer – aber er bereute nichts. Er war eingeschlafen, als er um sieben von dem Hausmädchen geweckt wurde. »Ein Herr möchte Sie sprechen – Captain Shannon.« Martin erhob sich fröstelnd. »Ich lasse bitten«, entgegnete er. Dick Shannon kam sofort herein. »Morgen, Elton! Gehört das Ihnen?« Er hielt ihm das goldene Zigarettenetui hin. »Ja.« Dick steckte es wieder ein. »Wollen Sie mir bitte erklären, wie es kommt, daß wir es dort fanden, wo Marshalt ermordet wurde?« »Um welche Zeit wurde der Mord begangen?« erwiderte Elton höflich. »Um acht.« Martin nickte. »Um acht befand ich mich auf der Polizeiwache in der Vine Street und setzte Inspektor Gavon auseinander, daß meine Frau zeitweise an Geistesverwirrung leidet. Wußten Sie das nicht?« In diesem Augenblick trat Dora bleich und hohläugig ins Zimmer. »Was ist geschehen?« fragte sie. »Shannon sagte mir eben, daß Lacy Marshalt tot ist. Das war mir ganz neu. Wußtest du es schon?« »Ja – und warum ist Captain Shannon hier?« »Weil mein Zigarettenetui wie durch Zauber sich auf das Dach des Malpas'schen Hauses verirrt hat«, entgegnete Martin lächelnd. »Ich habe nicht gesagt, daß es dort gefunden wurde!« warf Dick ein. »Dann muß ich es wohl geträumt haben«, antwortete Martin gelassen. »Hören Sie, Elton, ich rate Ihnen, mir gegenüber so offen zu sein, als es mit Ihrer Sicherheit vereinbar ist«, warnte ihn Dick. »Wie kommt es, daß das Etui auf dem Dach von Portman Square 551 gefunden wurde?« »Ich habe es dort verloren, als ich früher am Abend versuchte, in Marshalts Haus einzudringen, um – um eine kleine Abrechnung mit ihm zu halten. Aber es ist nicht möglich, das Dach zu erreichen. Auf das Haus nebenan kommt man ziemlich leicht hinauf, aber als ich von dort aus bei Marshalt eindringen wollte, stieß ich auf Schwierigkeiten. Und gestern abend wurde es noch schwieriger, weil sich ein Mann auf dem Dach befand – vermutlich ein Detektiv.« »Wie kamen Sie denn wieder hinunter?« »Das war das Erstaunliche. Jemand hatte glücklicherweise für einen Strick gesorgt, der am Schornstein angebunden und in regelmäßigen Abständen geknotet war – er war so bequem wie eine Leiter.« Shannon überlegte einen Augenblick und ersuchte Martin dann, mit ihm nach der Vine Street zu kommen. »Wir müssen Ihre Geschichte genau nachprüfen«, sagte er. Zu seiner Verwunderung wurden Martins Aussagen auf der Polizeiwache vollauf bestätigt. »Ja, Mr. Elton war um acht Uhr hier und sah aus, als ob er von einem Maskenball käme«, erwiderte der Beamte auf Dicks Frage. »Ganz zerlumpt und beschmutzt.« »Und diese Uhr hier geht richtig?« erkundigte sich Dick. »Ja, jetzt geht sie wieder«, entgegnete der Inspektor. »Nur gestern abend blieb sie einmal stehen – gerade um die Zeit, als Sie hier waren, Mr. Elton. Es muß wohl an der Kälte gelegen haben, denn wir brauchten sie fast gar nicht aufzuziehen, um sie wieder in Gang zu bringen.« »Die dumme Uhr wird Sie wahrscheinlich vor dem Galgen bewahren«, sagte Dick, als sie wieder draußen waren. »Ich habe mir eine Vollmacht für eine Haussuchung bei Ihnen verschafft und werde jetzt damit beginnen.« »Wenn Sie etwas finden, was für Sie von Wert ist, werde ich der erste sein, der Sie beglückwünscht«, erwiderte Elton kühl. 22 Die Zeitungen berichteten eingehend und wahrheitsgetreu über das Ereignis der vergangenen Nacht, und der ›Globe Herald‹ fügte hinzu: »Die Polizei steht vor einem fast unlösbaren Rätsel oder vielmehr vor einer Reihe von Rätseln, die wir hier aufzählen wollen: 1. Wie gelangte Marshalt in das sorgsam behütete Haus dieses Sonderlings? Da er seinen Nachbar so sehr fürchtete, daß er Privatdetektive mit seinem Schutz betraut hatte, muß er starke Beweggründe gehabt haben, um sich zum Betreten des geheimnisvollen Hauses zu entschließen. 2. Auf welche Weise wurde Marshalts Leiche aus Nr. 551 entfernt? 3. Wer tötete den Bedienten Tonger, und warum wurde er überhaupt getötet? 4. Wo ist Malpas? Ist er etwa auch in die Hände der gespenstischen Verbrecher gefallen?« Dick nickte anerkennend, als er diesen Artikel las. Daß bei aller Genauigkeit mehrere wichtige Punkte übersehen worden waren, konnte ihm nur lieb sein. Gleich morgens um zehn Uhr hatte er die Köchin Marshalts verhört. Die Frau wußte jedoch nur auszusagen, daß ihr Herr um halb acht abends das Haus verlassen hätte, und daß Tonger gut mit ihm gestanden hätte und ein nüchterner Mann gewesen wäre. Nur in der letzten Zeit hätte er angefangen zu trinken und zu seinen Mahlzeiten statt der Zitronenlimonade alkoholhaltige Getränke verlangt. All dies sagte Dick nicht viel, und er beschloß, Audrey aufzusuchen, um zu sehen, ob sie vielleicht eine der Lücken ausfüllen könnte. Er fand sie in dem leeren Speisesaal, wo sie ein spätes Frühstück einnahm. »Ich habe die Zeitungen schon gelesen«, sagte sie. »Sie sind recht gut unterrichtet.« »Ja«, bestätigte er und holte den auf dem Schreibtisch gefundenen Bogen hervor. »Ist das vielleicht einer von den Briefen, die Sie für Mr. Malpas geschrieben haben?« »Es ist meine Handschrift. Besinnen kann ich mich nicht darauf. Ich schrieb die Sachen immer ganz mechanisch ab, weil sie mir teils sinnlos, teils wunderlich vorkamen. Übrigens – was soll ich mit dem Geld machen, das er mir gegeben hat?« »Heben Sie es für seine Erben auf«, erwiderte er finster. »Er ist doch nicht etwa tot?« »Genau sieben Wochen nach dem Tag, an dem ich ihn fasse, wird der alte Teufel tot sein!« Er fragte sie noch einmal, wie Malpas aussähe, und notierte sich ihre Beschreibung. Es war der Mann, dessen Gesicht er durch das Oberlichtfenster gesehen hatte! Als Dick gegangen war, legte sich Audrey wieder zu Bett, denn die Ereignisse des vergangenen Tages hatten sie sehr angegriffen und erschüttert. Sie mußte wohl eingeschlummert sein, denn plötzlich fuhr sie erschrocken in die Höhe. Ihre Tür war nur angelehnt, und sie wußte genau, daß sie sie vorher geschlossen hatte. Wer hatte sie geöffnet? Sie trat auf den Korridor hinaus, aber es war niemand zu sehen. Sollte sie sich doch getäuscht haben? Im nächsten Augenblick sah sie einen Brief am Boden liegen, bei dessen Anblick ihr fast der Atem verging. Er kam von Malpas. Mit zitternden Fingern riß sie den Umschlag auf und schaute auf das unordentliche Gekritzel: »Lacy und sein Untergebener sind tot. Sie werden denselben Weg gehen, wenn Sie mich verraten. Erwarten Sie mich heute abend um neun am Eingang von St. Dunstan, Outer Circle. Wenn Sie zu Shannon darüber sprechen, soll es Ihnen schlecht bekommen.« Sie durchflog die Zeilen noch einmal. St. Dunstan, das Heim für blinde Soldaten, lag weit draußen in einer einsamen Gegend. Sollte sie Dick zu Rate ziehen? Ihr erster Gedanke war, ihm von dieser Nachricht Mitteilung zu machen, aber ihr zweiter galt seiner Sicherheit. Sie durfte ihn nicht einweihen, denn er suchte nach Malpas, und dies konnte seinen sicheren Tod bedeuten. Den ganzen Tag über beschäftigte sie sich mit dem Problem, und dabei hatte sie ständig das dunkle, quälende Gefühl, daß sie bewacht und beobachtet wurde. Wer war nur dieser rätselhafte Mann – dieser graue Schatten, der ungesehen kam und ging? Sie hoffte immer noch, daß Dick nachmittags oder zu Tisch erscheinen würde, aber der Captain hatte keine Zeit. So zog sie sich denn nach dem Essen auf ihr Zimmer zurück, um einen Plan zu entwerfen. Erstens wollte sie all ihr Geld im Safe des Hotels zurücklassen, zweitens einen recht kräftig aussehenden Chauffeur wählen und sich keinen Schritt von der Autodroschke entfernen. Sie hätte gern einen Revolver mitgenommen, aber sie besaß keinen und verstand auch kaum, damit umzugehen. Sie mußte lange warten, bis endlich ein passender Chauffeur von der nötigen Größe und Stärke des Weges kam. »Ich habe eine Verabredung mit einem Herrn im Outer Circle«, sagte sie hastig. »Und ich – ich möchte nicht mit ihm allein gelassen werden – verstehen Sie?« Er verstand durchaus nicht. Sonst pflegten solche junge Damen ganz entgegengesetzte Wünsche zu haben. Es schneite und stürmte, und die Straßen wurden leerer und dunkler. Es war eine lange Fahrt, aber endlich hielt das Auto am Bordstein. »Hier sind wir bei St. Dunstan«, sagte der Chauffeur und blieb neben der Tür stehen. »Es ist aber niemand hier.« Aber im nächsten Augenblick glitt ein langes Auto heran und hielt dicht hinter ihnen. Audrey sah, daß eine gebeugte Gestalt mühsam ausstieg, und wartete gespannt, was folgen sollte. »Audrey!« Die Stimme war unverkennbar. »Bitte, kommen Sie hierher«, sagte sie. Er kam langsam auf sie zu – sie erkannte das lange Kinn über dem weißen Schal und die große Nase. »Kommen Sie her, und schicken Sie Ihre Droschke fort!« rief er ungeduldig. »Nein, der Chauffeur bleibt hier«, erklärte sie fest. »Ich habe nicht viel Zeit. Wissen Sie, daß die Polizei nach Ihnen sucht?« »Schicken Sie das Auto fort!« wiederholte er heftig. »Sie haben jemand drin – der Teufel soll Sie holen! Ich schrieb Ihnen doch –« Sie sah glitzernden Stahl in seiner Hand und wich zurück. »Ich schwöre Ihnen, daß niemand anders als der Chauffeur bei mir ist.« »Kommen Sie her!« befahl er. »Steigen Sie in mein Auto.« Sie wollte sich umdrehen, glitt aber in dem nassen Schnee aus. Rasch packte er sie an beiden Armen und stand nun hinter ihr. »Nanu – was soll denn das?« brüllte der Chauffeur ihn an und näherte sich in drohender Haltung. »Halt!« Eine Revolvermündung brachte ihn zum Stehen. »Fahren Sie fort! Hier!« Eine Handvoll Geld flog ihm vor die Füße, und als er sich bückte, es aufzuheben, sauste der Revolverkolben auf seinen Hinterkopf nieder. Er fiel um wie ein schwerer Klotz. Das geschah, bevor sich Audrey der großen Gefahr bewußt wurde, in der sie schwebte. Sie fühlte, daß der Mann sie aufhob. »Wenn Sie schreien, schneide ich Ihnen die Kehle durch!« zischte er ihr ins Ohr. »Sie sollen denselben Weg gehen wie Marshalt und Tonger – den Weg, den auch Shannon gehen wird, wenn Sie nicht tun, was ich will –« Er preßte eine Hand auf ihren Mund und zerrte sie auf sein Auto zu. Aber dann ließ er sie plötzlich los, und sie stürzte halb ohnmächtig zu Boden. Bevor sie wieder ganz zu sich kam, schossen die Lampen von Malpas Auto an ihr vorüber. Sie sah drei Leute laufen, hörte Schüsse knallen und wurde auf die Füße gestellt. Der Arm, der sie umfaßt hielt, gab ihr ein sonderbar beruhigendes Gefühl, und sie schaute in Dick Shannons Gesicht. »Sie unartiges Kind!« sagte er streng. »War das ein Schreck!« »Haben Sie – haben Sie ihn gesehen?« »Malpas? Nein, nur seine Scheinwerfer, aber es ist ja immerhin entfernt möglich, daß sie ihn an irgendeinem Tor anhalten. Mein Mann hatte Sie aus den Augen verloren, und es war ein reiner Glücksfall, daß er Sie bei Clarence Gate wiedersah. Er rief mich in Marylebone an – nun, wir wollen froh sein, daß alles so gut abgelaufen ist.« Er schauderte. »Hat der Kerl etwas von Belang gesagt?« »Nein, er stieß nur eine Menge ungemütlicher Drohungen aus, die hoffentlich nicht in Erfüllung gehen. Dick, ich kehre zu meinen Hühnern zurück.« Shannon lachte leise. »Selbst das grimmigste Ihrer Hühner würde nicht imstande sein, Sie jetzt zu beschützen. Malpas hält es aus irgendeinem Grund für notwendig, Sie zu beseitigen. Übrigens habe ich Sie Tag und Nacht von zwei eifrigen Leuten bewachen lassen. Haben Sie das nicht bemerkt?« Nachdem er sie ins Hotel zurückgebracht hatte, fuhr er nach Hause und stieß vor seiner Tür auf Mr. Brown. »Warten Sie hier auf mich?« fragte er. »Ja, seit einigen Minuten. Haben Sie ihn gefaßt?« Dick fuhr herum. »Wen?« »Nun, natürlich Malpas! Sie vergessen, daß Ihre Kanonade die friedlichen Bewohner von Regent's Park in fürchterliche Angst versetzt und lebhafte Reklame für Ihren Kampf mit dem Teufelskerl gemacht hat.« »Teufelskerl? Kennen Sie Malpas?« »Sehr genau, und Lacy Marshalt auch – noch besser als den verstorbenen Laker.« »Kommen Sie mit mir hinauf«, erwiderte Dick, und Mr. Brown folgte ihm so lautlos, daß er sich umdrehte, um sich zu vergewissern, ob er auch hinter ihm wäre. »Sie sprachen eben von Laker: wer ist das?« »Ein Dieb und Trunkenbold. Obwohl er Malpas kannte, war er unvorsichtig genug, ihn in berauschtem Zustand zu besuchen – infolgedessen wurde seine Leiche kürzlich aus der Themse gefischt.« »Meinen Sie den Mann, der am Embankment ins Wasser geworfen wurde?« »Ja, das war Laker. Wundern Sie sich, daß es sogenannte Teufel in Menschengestalt gibt, die sich durch Mord einen Ausweg aus ihren Verlegenheiten suchen? Warum auch nicht? Begeht man einen Mord, ohne ihn zu bereuen, so sind alle weiteren nur eine natürliche Folge davon. Ich habe viele Mörder gekannt –« »Gekannt!« wiederholte Dick bestürzt. »Ja, ich habe lange Sträflingsjahre hinter mir. Mein eigentlicher Name ist Torrington, und ich war zu lebenslänglicher Zwangsarbeit verurteilt, wurde aber begnadigt, als ich zwei Kindern das Leben rettete, und zwar den Kindern des höchsten Verwaltungsbeamten von Kapstadt. Aus diesem Grund hat man mir auch die Führung eines Passes unter falschem Namen gestattet.« Er lächelte flüchtig. »Ich gehöre sozusagen den privilegierten Klassen an. Und ich interessiere mich für Malpas, noch mehr allerdings für den verstorbenen Marshalt. Aber darüber brauche ich wohl keine weiteren Worte zu verlieren. Malpas ist gefährlich, Captain Shannon. Auf einen Mord mehr oder weniger kommt es ihm nicht an. An Ihrer Stelle würde ich ihn in Ruhe lassen.« »Ein netter Ratschlag für einen Polizeibeamten!« meinte Dick lachend. »Es ist ein guter Rat«, erwiderte Brown. »Wo mögen sie nur Marshalts Leiche hingebracht haben?« fragte er dann. Dick zuckte die Schultern. »Sie muß noch irgendwie im Haus versteckt sein«, entgegnete er ausweichend. »Das glaube ich nicht. Ich habe einen Gedanken – aber ich habe schon zuviel gesagt. Kommen Sie mit und trinken Sie bei mir im Hotel noch einen Nachttrunk, Captain Shannon!« Dick lehnte lächelnd ab. »Aber dann bringen Sie mich doch wenigstens nach Hause?« fragte Brown. »Ich bin ein schwacher, alter Mann und bedarf des polizeilichen Schutzes.« Dazu war Dick bereit. Unterwegs sah er, daß Mr. Torrington manchmal weniger hinkte. Es war, als ob er zuweilen vergäße, den Fuß nachzuschleppen. Schließlich machte Dick eine Bemerkung darüber. »Ich glaube, das beruht auf Gewohnheit«, entgegnete Torrington unbefangen. »Ich hatte mir das Nachschleppen des Fußes so angewöhnt, daß es mir zur zweiten Natur geworden ist.« Er spähte scharf um sich. »Erwarten Sie, jemand zu sehen?« fragte Dick. »Ja, ich sehe mich nach dem Schatten um. Er hat sich heute noch gar nicht blicken lassen.« Shannon lächelte. »Sie lieben es wohl nicht, beobachtet zu werden? Alle Achtung, daß Sie es bemerkt haben!« Torrington schaute ihn groß an. »Ach, Sie meinen den Polizisten, der mir folgt? Dort an der Ecke steht er. Nein, ich sprach von dem Mann, der auf Ihrer Spur ist.« »Auf meiner Spur?« »Wußten Sie das denn nicht? Du lieber Himmel, und ich dachte, Sie wüßten alles.« 23 Slick Smith wohnte in einem altertümlichen Haus in Bloomsbury. Er hatte dort das erste Stockwerk gemietet und nahm an der unmodernen Einrichtung keinen Anstoß. Im Gegenteil, die ewig gurgelnde Zisterne unter seinem Schlafzimmerfenster hatte etwas Beruhigendes und war eine bequeme Stufe für ihn, um über die Hofmauer zu gelangen. Auf diese Weise konnte er die Nebenstraße leichter erreichen, als wenn er die Treppe hinunter und durch die Haustür gegangen wäre. Welches Geschäft er eigentlich betrieb, wußte niemand im Haus. Nachts war er meistens außerhalb, und den größten Teil des Tages schlief er hinter verschlossenen Türen. Wenn ein Besucher kam, klingelte er nicht, sondern pfiff leise auf der Straße, worauf Slick selbst herunterkam und öffnete. Abends ging er im Frack aus und sprach in einer Bar oder einem eleganten Nachtklub vor, ohne eine Spur zu hinterlassen. Nacht für Nacht verfolgten ihn erfahrene Leute von Scotland Yard, aber stets verloren sie ihn an derselben Stelle aus den Augen, und zwar an der Ecke von Piccadilly Circus und der Shaftesbury Avenue, dem am strahlendsten beleuchteten Platz Londons. An dem Abend, an dem Audrey nach St. Dunstan fuhr, saß Slick Smith in einem Nachtklub. Er lauschte der Musik des Tanzorchesters, als sich ihm ein kleiner Mann näherte und zaghaft einen Stuhl heranzog. »Slick, im Astoria ist eine Dame mit enorm viel Ware abgestiegen –« »Sie heißt Levellier und trägt das Zeug auf dem Leib, und jeder Mensch in London weiß es«, fiel ihm Smith ins Wort. »Interessiert mich nicht.« »Aber im Hotel Imperial wohnt ein steinreicher Mann, der heute eine Diamanten-Tiara –« »Tiara – ja, für seine Frau. Zwölfhundert Pfund. Er heißt Mollins, trägt einen Revolver und hat eine Bulldogge, die am Fußende seines Bettes schläft.« Der Zuträger seufzte. »Das ist alles, was ich weiß. Aber in den nächsten Tagen kommt ein Kerl aus Südafrika mit einem großen Vermögen –« »Erzählen Sie mir alles, was Sie über den Kunden wissen!« sagte Slick plötzlich in verändertem Ton, legte die Hand auf den Tisch und bewegte sie scheinbar zufällig zu dem Mann hin. Dieser nahm die Banknote, die darunter lag, dankbar an sich. Bald darauf ging Slick fort. Überall, wohin er kam, wiederholte sich dasselbe Spiel. Als er sich schließlich den Bücken der Leute von Scotland Yard entzog, hatte er nicht viel erfahren. Erst später sollte er neue Nachrichten hören. Um zwei Uhr nachts schlich sich ein Vagabund zu den Hintergebäuden des Portman Square, und eine halbe Stunde später wurde Dick Shannon durch die Telephonklingel aus dem Schlaf geweckt. »Hier Steel, Captain ... ich spreche von Nr. 551 aus, bitte, kommen Sie doch her. Hier ereignen sich die sonderbarsten Dinge.« Eine Viertelstunde später stieg Dick vor Nr. 551 aus dem Auto. Steel und ein anderer Beamter erwarteten ihn in der offenen Haustür. »Was ist denn geschehen?« fragte er, als sie in der Halle standen und die Tür geschlossen war. »Um Mitternacht fing es an«, erwiderte Steel leise. »Es klang so, als ob jemand die Treppe hinaufginge. Wir saßen in Malpas' Zimmer und kamen heraus, konnten aber niemand entdecken. Beide können wir uns doch nicht getäuscht haben.« »Sie haben es auch gehört?« fragte Dick den hünenhaften Polizisten. »Ja – es lief mir ganz kalt über den Rücken –« Er fuhr herum und starrte die Treppe hinauf. Auch Dick hörte es und schauderte leicht zusammen. Es war ein Geräusch, als ob Pantoffeln über Steinfliesen schlürften. Gleich darauf ertönte unterdrücktes Gelächter. Shannon schlich auf die Treppe zu. Oben brannte ein verdecktes Licht, und der Schatten eines ungeheuerlichen Kopfes glitt über die Wand hin. Im Nu stand Dick oben – aber es war nichts zu sehen! »Sonderbar!« murmelte er. »Das würde Tante Gertrud bange machen.« Steel fing die Worte »Tante Gertrud« auf. Das war das verabredete Stichwort. Vor dem Hause stand ein Polizist, der sofort herbeieilte, als er eine Taschenlampe aufblitzen sah. »Telephonieren Sie, daß der Chef alle Abteilungsreserven braucht«, befahl Steel. »Und eine Schutzmannskette. Er wird es verstehen, wenn Sie ›Gertrud‹ sagen!« Als er zurückkehrte, fand er Shannon oben in Malpas' Zimmer, dessen Samtdraperien bis auf die Fenster und Alkovenvorhänge entfernt worden waren. »Hier war jemand«, sagte er. »Ich spielte mit dem Polizisten Karten und wollte gerade geben, als wir Schritte hörten. Ich legte die Karten gehäufelt auf den Tisch – und jetzt liegen sie auf dem Boden ...« Steel unterbrach sich, denn wieder ertönten die leise raschelnden Schritte, und diesmal wurden sie lauter, bis sie draußen auf dem Vorplatz anhielten. Die angelehnte Tür begann sich ganz langsam zu öffnen. Shannon griff in die Tasche und richtete den Revolver auf die Türritze. Aber es ereignete sich nichts weiter, und als er leise durch das Zimmer schlich und auf den Vorplatz hinaushuschte, war nichts zu sehen. Der Polizist nahm den Helm ab und wischte sich die Stirne. »Mit Menschen aus Fleisch und Blut nehme ich es jederzeit auf«, sagte er heiser, »aber das ist doch zu unheimlich!« »Durchsuchen Sie die Zimmer da oben!« befahl Dick. »Und scheuen Sie sich nicht, Ihren Knüppel anzuwenden.« Er hörte, wie der Mann langsam und schwerfällig die Treppe hinaufstieg, und als die Schritte verstummten, rief er nach oben, ob alles in Ordnung sei. Ein dumpfes Geräusch war die Antwort, und im nächsten Augenblick rollte der Helm des Polizisten die Stufen herab und flog Dick vor die Füße. Shannon und Steel stürzten die Stufen hinauf und sahen den Schutzmann mit einer Schlinge um den Hals unter der Decke baumeln und mit den Armen und Beinen strampeln. Er war schon fast erstickt, als Steel den Strick durchschnitt und ihn mit Dicks Hilfe nach unten trug. In Malpas' Zimmer legten sie ihn auf dem Teppich nieder und gossen ihm etwas Kognak zwischen die krampfhaft zusammengebissenen Zähne. »Da kommt der Inspektor!« rief Dick. »Stellen Sie die Türsperre ab und lassen Sie ihn herein.« Steel tat, wie ihm geheißen war, zog aber die Hand mit einem Schrei zurück. Der lähmende Schlag von zweihundertfünfzig Volt war ihm durch und durch gegangen. Unten wurde heftig an die Tür geklopft, und plötzlich erlosch das elektrische Licht. »Stellen Sie sich an die Wand und hüten Sie sich, Ihre Lampe zu benützen«, sagte Shannon leise. Aber Steel hatte sie schon angedreht. Sofort blitzte es neben ihm auf, und eine Kugel pfiff an seinem Kopf vorüber. Dick warf sich zu Boden und riß seinen Untergebenen mit sich. Das donnernde Gehämmer gegen die Haustür dröhnte durch das ganze Gebäude. Shannon schob sich vorwärts, indem er in einer Hand seine Lampe, in der anderen den Revolver hielt. Steel folgte seinem Beispiel. Die Dunkelheit im Zimmer war undurchdringlich. Shannon hielt inne, um zu lauschen. »Er ist in der Ecke neben dem Fenster«, flüsterte er. »Ich glaube, er steht drüben an der Wand«, erwiderte Steel ebenso leise. »Großer Gott!« Ein unheimlich grüner Lichtkegel blitzte plötzlich auf der getäfelten Wand neben einem Büfett auf, und in diesem Schein sahen sie eine Gestalt liegen. Das Licht wurde immer greller, so daß jede schauerliche Einzelheit sichtbar wurde. Es war ein Mann im Frackanzug mit einer pulvergeschwärzten Hemdbrust. Das Gesicht war wachsbleich, die Hände waren auf der Brust gekreuzt. Eine Sekunde lang packte selbst Shannon panische Furcht bei diesem grauenerregenden Anblick. »Es ist ein Toter!« stöhnte Steel. »Großer Gott! Es ist Marshalt! Shannon – sehen Sie doch, Shannon – es ist Marshalts Leiche!« Die Gestalt lag starr und steif, bis das grüne Licht trüber wurde und erlosch, während ein hohl rollendes Geräusch entstand. Dick sprang auf und tastete an der Täfelung der Wand herum. Im gleichen Moment ertönten von unten hastige Rufe und Schritte wurden laut. »Hier herauf! Lampen andrehen, das Licht ist aus!« schrie Dick. Aber im selben Augenblick flammten wie auf Kommando die Glühbirnen wieder auf. »Wer hat die Tür geöffnet?« fragte Shannon. »Wir wissen es nicht. Mit einemmal ging sie auf.« Shannon ließ sich eine Axt bringen und bearbeitete damit die Wandtäfelung. In wenigen Minuten hatte er sie an der Stelle zerschlagen, wo er Marshalts Leiche hatte liegen sehen. »Ein Speisenaufzug«, sagte er und atmete auf. »Das erklärt alles.« Aber von der Leiche war nichts zu sehen. Shannon ging durch den Keller und durch die offenstehende Tür nach dem ebenfalls offenen Hoftor. »Wo ist Ihre Schutzmannskette, Inspektor?« fragte er scharf, als er in die stille Hintergasse hinausblickte. Die zweite Hälfte der Absperrungsmannschaften schien sich verspätet zu haben, denn sie erschien erst, als Shannon wieder oben in Malpas' Zimmer war. Er war der festen Überzeugung, daß es dort eine Treppe geben müsse, die zur Küche hinabführte, und nach längerem Suchen entdeckte er wirklich eine verborgene Drehtür an der Stelle, wo die große Treppe den Vorplatz erreichte. »Hier ist der Kerl herumgeschlichen«, sagte er befriedigt und stieg ein paar Stufen hinunter, »und von oben hat er dann den Polizisten überfallen. Nun ist er natürlich über alle Berge. Verteufelt, daß die Leute nicht rechtzeitig da waren!« Er stieg aufs Dach hinauf, wo er zu seiner Verwunderung noch einen von Willitts Posten fand. Erstaunt fragte er ihn, was er noch hier zu suchen hätte. »Ich führe nur meinen Auftrag aus«, erwiderte der Mann. »Haben Sie etwas gesehen?« »Vor kurzem kam jemand auf den Hof heraus. Ich dachte, Sie wären es. Seit einer Stunde hielt auch ein großes Auto vor dem Tor. Der Mann schleppte etwas Schweres hinter sich her. Ich hörte ein Stöhnen, als er es ins Auto hob. Wer es war, konnte ich nicht sehen, nahm aber an, daß es einer von Ihren Leuten wäre.« Als Shannon wieder nach unten kam, überreichte ihm Steel einen auf dem Hof gefundenen Gegenstand: eine flache Ledertasche mit einigen winzigen Phiolen, einer Spritze und zwei Nadeln. Die Spritze war offenbar rasch weggepackt worden, denn sie war noch bis zur Hälfte mit einer farblosen Flüssigkeit gefüllt, und das Samtfutter der Tasche war durchnäßt. »Senden Sie den Inhalt der Spritze sofort zum Analysieren ein«, sagte Shannon ernst. »Ich fange allmählich an, klarzusehen.« 24 Eines Morgens stattete Mr. John Stormer seiner Detektiv-Agentur einen seiner nicht eben häufigen und stets überraschenden Besuche ab. Er warf sich in den Schreibtischsessel, klemmte einen Kneifer auf die breite Nase und fragte den ehrerbietig wartenden Willitt nach dem Stand des Geschäfts. »Heute morgen kamen fünf neue Fälle: vier Ehegeschichten und eine Erpressungssache.« »Und was gibt es Neues am Portman Square?« Willitt berichtete eingehend, und nachdem Stormer ihn stumm bis zu Ende angehört hatte, erledigte er mit unglaublicher Geschwindigkeit alle laufenden Angelegenheiten, die aber so zahlreich waren, daß er erst gegen neun Uhr abends den letzten Brief unterschrieb. »Was den Fall Malpas betrifft«, sagte er dann, »so gelten die Anordnungen weiter, bis sie von Marshalts Anwälten aufgehoben werden. Das Haus wird weiter bewacht, ein Mann bleibt auf dem Dach, und einer von unseren besten Leuten bleibt immer – Slick Smith auf der Spur. Sie verstehen?« »Jawohl.« »Es ist fatal, daß wir ihm derart auf den Fersen bleiben müssen, aber ich muß sichergehen. Kabeln Sie sofort, wenn sich etwas ereignen sollte. – Was wollte übrigens Marshalt von diesem Mädchen – Bedford heißt sie wohl?« »Ja. Bisher hat sie in Fontwell gewohnt.« »Und Mrs. Elton – ist sie nicht auch eine geborene Bedford?« »Ja, unter dem Namen hat sie geheiratet.« »Hm – ob dieses Mädchen –? Sie wohnt jetzt im Palace-Hotel? Wir brauchten eigentlich notwendig einen weiblichen Detektiv, und sie war noch dazu Sekretärin von Malpas –« »Ich glaube, Shannon ist in sie verliebt.« »So?« erwiderte Stormer zerstreut. »Na, einem hübschen Mädchen macht jeder Mann den Hof. Das hat weiter nichts zu sagen. Aber Shannon möchte ich ganz gern mal sprechen.« Er griff nach dem Telephonhörer. Willitt schlug ein Notizbuch auf und nannte erst die Nummer von Dicks Privatwohnung. Stormer rief an und hatte Glück, denn Dick war eben nach Hause gekommen. »Hören Sie, Shannon, ich habe Ihnen doch gelegentlich schon geholfen – wie Sie wissen, machte ich Sie auf Slick Smith aufmerksam, als der herüberkam.« »Ganz recht, aber hier bei uns benimmt er sich geradezu musterhaft!« erklärte Dick lachend. »Den Anschein gibt er sich gewöhnlich. Irgendwie muß er doch seinen Unterhalt erwerben. Aber ich habe Sie nicht seinetwegen angerufen. Es ist Ihnen doch bekannt, daß der verstorbene Marshalt uns mit der Bewachung seines Hauses beauftragt hatte. Wir setzen unsere Tätigkeit natürlich fort, bis seine Anwälte den Auftrag zurückziehen, und es wäre mir lieb, wenn Sie meine Leute inzwischen gewähren ließen. Ich habe ihnen befohlen, der Polizei nach Kräften beizustehen und ihr nichts in den Weg zu legen.« »Sehr liebenswürdig. Ich begreife Ihre Verlegenheit.« »Das bezweifle ich. Sagen Sie, haben Sie eigentlich den Herrn gesehen, den Marshalts Anwälte angestellt haben, um sein Haus zu bewachen?« »Gesehen habe ich ihn.« »Betrachten Sie ihn einmal genau!« Stormer lachte und hängte an. Er kicherte noch vor sich hin, als er zu Tisch ging. An diesem Abend speiste er in Audreys Hotel, und nach dem Essen schlenderte er in die Halle hinaus. »Haben Sie noch ein Zimmer frei?« erkundigte er sich bei dem Portier. »Ich sehe eben, daß ich heute nicht mehr nach Hause kommen kann.« Der Angestellte schlug im Register nach. »Sie können Nr. 461 haben.« »Das ist mir zu hoch. Ich möchte ein Zimmer im zweiten Stock haben.« Wieder blätterte der Portier in dem Heft. »Nr. 250 und 270 sind frei.« »Schön, dann geben Sie mir Nr. 270. Siebzig ist meine Glückszahl.« Audrey wohnte in Nr. 269. 25 Audrey war den ganzen Tag unterwegs gewesen, um sich Arbeit zu verschaffen. Dick Shannon hatte sie nichts davon gesagt, denn sie hatte ihn so gern, daß sie davor zurückscheute, seine Hilfe in Anspruch zu nehmen. Schließlich hatte sie sich an den Redakteur eines Blattes gewandt, für den sie früher ab und zu Artikel über Hühnerzucht geschrieben hatte, und dieser hatte sie auf ihre Anfrage hin kommen lassen und ihr eine Stellung in der Redaktion seines Fachblattes angeboten. Das Gehalt war nicht hoch, und Audrey verbrachte den letzten Teil des Tages damit, eine billige Wohnung zu suchen. Zu ihrer Freude fand sie in der Nähe der Redaktion ein behagliches Zimmer und teilte dem Portier bei ihrer Rückkehr mit, daß sie ausziehen würde. Gegen Abend sprach Dick Shannon bei ihr vor, der durch einen seiner Leute von ihrem bevorstehenden Umzug benachrichtigt worden war. Sie war etwas betreten, als er ihr verriet, daß er über ihr Tun und Lassen genau unterrichtet sei. »Es ist mir aber doch lieb, daß Sie gekommen sind«, meinte sie nach einer Weile. »Ich wollte Ihnen noch etwas zeigen.« Sie öffnete ihre Handtasche, nahm den kleinen Kieselstein heraus und legte ihn in seine ausgestreckte Hand. Er starrte verwundert darauf, drehte ihn hin und her und prüfte das Siegel. »Woher haben Sie das Ding nur?« fragte er sie bestürzt. Sie erzählte ihm, wo sie es gefunden hatte. »Was ist es denn?« »Ein Diamant – noch ungeschliffen. Er wird ungefähr achthundert Pfund wert sein.« »Ist das wirklich wahr?« fragte sie verblüfft. »Ja, ganz gewiß. Das Siegel ist von der Minengesellschaft. Darf ich ihn behalten?« »Ja, natürlich.« »Weiß jemand etwas davon?« »Nein«, erwiderte sie etwas zögernd. »Höchstens Mr. Malpas. Als ich mir neulich meinen Zimmerschlüssel ausbat, und er nicht da war, nahm ich alles, was ich in meiner Tasche hatte, heraus und legte es auf den Tisch, bis ich den Schlüssel in dem zerrissenen Futter fand.« »Dabei wird er ihn gesehen haben – er oder einer seiner Agenten!« rief Dick erregt. »Und deshalb versuchte er wahrscheinlich gestern, Sie zu fassen.« Audrey seufzte, als sie in ihr Zimmer zurückkehrte. Es fehlte nicht viel daran, daß sie sich nach ihrem Hühnerhof in Fontwell zurücksehnte. Aber es war immerhin ein Trost, daß sie neue und nicht unangenehme Arbeit gefunden hatte, und so schlief sie denn bald ein und erwachte erst nach langen Stunden, als etwas Kaltes, Klebriges ihr Gesicht berührte. »Audrey Bedford, ich komme, um dich zu holen«, sagte eine dumpfe Stimme. Mit einem Schrei fuhr sie empor. Es war ganz dunkel – nur ... Kaum eine Elle von ihrem Kopf entfernt schwebte scheinbar in der Luft ein matt und sonderbar beleuchtetes Gesicht ... Wie versteinert starrte sie in die schmerzverzerrten Züge Lacy Marshalts ...   »Die junge Dame hat einen schweren Nervenzusammenbruch erlitten. Ich habe nach einem Arzt und einer Pflegerin telephoniert.« »Wissen Sie, was ihr zugestoßen ist?« fragte Dick. Er stand im Schlafanzug neben seinem Bett und hielt den Hörer in der Hand. »Nein, Captain. Der Nachtportier im ersten Stock hörte einen gellenden Schrei, und als er hinaufrannte, stand Miß Bedfords Tür auf. Er sah, daß sie ohnmächtig war, und ließ mich holen. Ich war unten in der Halle.« »Keine Spur von Malpas?« »Nicht die geringste. Jemand muß wohl versucht haben, sie zu überfallen, denn der Herr, der nebenan wohnt, wurde besinnungslos am anderen Ende des Ganges aufgefunden. Wahrscheinlich hat er mit einem Gummiknüppel einen Hieb über den Kopf erhalten. Er ist ins Krankenhaus gegangen, um sich verbinden zu lassen.« Kurze Zeit später traf Dick im Hotel ein. Audrey hatte sich inzwischen ein wenig erholt. Sie saß in einem Morgenrock an dem Gasofen – sehr bleich, aber wie gewöhnlich ruhig und gefaßt. »Ich kann weiter nichts erzählen, als daß ich Mr. Marshalt sah.« »Sie auch!« Dick biß sich auf die Lippen. »Wir hatten gestern abend dieselbe Vision. Das bedeutet also, daß Marshalt noch lebt und in der Gewalt dieses Teufels ist. Gestern abend fanden wir eine Spritze in seinem Haus. Die Flüssigkeit wurde analysiert – es ist ein Gemisch von Hyoscin, Morphium und einem anderen noch nicht festgestellten Betäubungsmittel, mit dem man einen Menschen in vollkommene Bewußtlosigkeit versetzen kann. Heute erhielt ich auch einen Brief von Malpas.« Er nahm ein mit Maschine geschriebenes Blatt aus seiner Tasche. »Dies ist nur eine Abschrift. Das Original wird auf Fingerabdrücke geprüft.« Audrey griff danach und las: »Wenn Sie kein Dummkopf sind, müssen Sie gestern etwas entdeckt haben. Marshalt ist nicht tot, denn er trug eine kugelfeste Weste, wie Sie bemerkt haben würden, wenn Sie ihn untersucht hätten, statt sich nur um das Mädchen zu kümmern. Ich bin froh, daß er lebt – der Tod wäre zu gut für ihn gewesen. Er wird sterben, wenn ich die Zeit dazu für gekommen halte. Sollten Sie wünschen, daß er am Leben bleibt, so ziehen Sie Ihre Posten und Spione aus dem Haus zurück.« »Alle Beobachtungen stimmen mit dieser Angabe überein«, sagte Dick. »Marshalt wird in andauernder Betäubung gehalten und überall hingeschleppt, wohin es Malpas beliebt.« »Mir kam es aber nicht wie ein wirkliches Gesicht vor«, erwiderte Audrey mit einem leisen Schauder. »Sie glauben, daß es eine Maske war? Ich weiß nicht recht. Jedenfalls ist es eine sehr merkwürdige Geschichte!« Als Shannon das Hotel verließ, erkundigte er sich nach dem Herrn von Nr. 270, aber man wußte im Büro weiter nichts von ihm, als daß er sich als »Henry Johnson aus Südafrika« eingeschrieben hatte und noch nicht aus dem Krankenhaus zurückgekehrt war. Am nächsten Morgen fiel ihm Stormers Bemerkung über den von den Anwälten eingesetzten Hausverwalter ein, und er machte sich sofort auf den Weg zu dem Marshaltschen Haus. Ein Mädchen, das er bereits kannte, öffnete ihm und führte ihn ins Wohnzimmer. »Hier sind wohl große Veränderungen vorgegangen?« fragte Dick. »Wie ich höre, haben Sie jetzt einen Hausverwalter bekommen?« »So kann man ihn wohl nicht nennen«, erwiderte sie zögernd. »Der Herr war ein Freund von Mr. Marshalt und heißt Stanford.« »Was?! Doch nicht Bill Stanford?« rief Dick überrascht. »Doch, Mr. William Stanford. Er ist oben im Arbeitszimmer.« »Nun, dann werde ich einmal zu ihm hinaufgehen«, entgegnete Dick lachend. »Mr. Stanford und ich sind alte Bekannte.« Bill saß mit einer riesigen Zigarre im Mund am Kamin und las in einer Sportzeitung. »Guten Morgen«, sagte er gleichmütig. »Ich habe Sie schon erwartet, Captain. Sie glauben gar nicht, wie erstaunt ich war, als die Anwälte nach mir schickten!« »Sie kannten ihn wohl von Südafrika her?« »Ja. Aber hier bewegten wir uns doch in ganz verschiedenen Gesellschaftskreisen. Marshalt hat die Bestimmung aber selbst hinterlassen. ›Falls ich aus irgendeinem Grund verschwinden sollte‹, und so weiter, steht in dem Papier. Die Sache ist ja auch ganz einträglich, aber nicht sehr behaglich. Nachmittags darf ich ein paar Stunden ausgehen, aber nachts wird es hier derart ungemütlich, daß mir die Geschichte auf die Nerven geht. Und gestern abend war ja nebenan ein fürchterlicher Spektakel.« Dick setzte sich. »Ja, es ging allerlei drüben vor«, erwiderte er. »Hat sich die Tätigkeit der Gespenster auch bis hierher erstreckt?« Stanford fröstelte leicht. »Bitte, sprechen Sie nicht von Gespenstern, Captain! Ich sage Ihnen, gestern abend glaubte ich wahrhaftig, ich sähe – aber das ist zu albern!« »Marshalt?« »Nein, den anderen – Malpas.« »Wo denn?« »In der Tür der Vorratskammer. Nur eine Sekunde lang.« »Und was taten Sie da?« Bill lachte verlegen. »Ich lief nach oben und schloß mich ein.« Shannon stand auf. »Wenn Sie nichts dagegen haben, möchte ich mir die Vorratskammer einmal ansehen.« »Aber gern!« Stanford öffnete ein Schubfach und nahm einen großen Schlüsselbund heraus. »Der alte Tonger verwahrte die Gewehre und Patronen seines Herrn und sonst allerlei Gerümpel dort.« Der Raum lag am Ende des von der Halle abzweigenden Ganges und hatte ein stark vergittertes, kleines Fenster und einen verdeckten Herd. Außer Waffen, Sätteln, alten Kisten, einer Bank mit einem Gaskocher, einem verrosteten Schraubstock, einigen Werkzeugen und Putzlappen war nichts zu sehen als – »Was ist in diesen Kisten?« »Ich weiß es nicht – habe noch nicht nachgesehen«, sagte Stanford. Shannon zog einen Schiebedeckel auf. »Revolvermunition«, murmelte er, »und ein Paket ist kürzlich erst herausgenommen worden, denn das darunterliegende ist frei von Staub. Stanford, warum glauben Sie, daß es Malpas gewesen sein könnte?« »Ich weiß es nicht – nach den Beschreibungen nehme ich das an. Gesehen habe ich ihn ja nie.« Dick ging noch einmal mit ihm nach oben und untersuchte die Tür, die zu Marshalts Privaträumen führte. »Sie funktioniert doch noch?« fragte er. »Ich weiß es nicht«, entgegnete Stanford mürrisch. »Was machen denn Eltons?« erkundigte sich Dick, als er hinunterging, um das Haus zu verlassen. »Keine Ahnung. Dicke Freunde sind wir nie gewesen.« Stanford schloß die Haustür hinter ihm, kehrte dann ins Arbeitszimmer zurück, verschloß die Eingangstür und öffnete eine andere, die nach dem kleinen Eßzimmer führte. »Du hast gute Ohren, Martin«, sagte er. Elton ging aufs Fenster zu und folgte Shannon mit den Augen, bis er nicht mehr zu sehen war. »Immer wieder kommt der mir in den Weg!« erwiderte er ohne Erregung. »Ja, ich erkannte seine Stimme sofort, als ich euch sprechen hörte. Wie lange bleibst du noch hier? Ich habe etwas vor –« »Tut mir leid, Martin, aber ich muß jetzt hier ehrliches Spiel treiben. Ich war ein Freund Lacys.« »Und Malpas – kennst du den auch?« Stanfords Augen wurden klein. »Ja, ich kenne ihn«, flüsterte er, »und wenn es zu mausen gibt, dann weiß ich, wo ich mausen werde!« 26 Willitt war höchst verwundert, als er morgens ins Büro kam und es heftig klingeln hörte. Er fand seinen Chef in jämmerlichem Zustand auf einem Sofa. »Ich sterbe –« murmelte Stormer – »bringen Sie mir starken Kaffee und eine Kiste voll Phenacetin. O, mein Kopf! Ich habe eine Beule, so groß wie ein Hühnerei! Und bei Hühnern fällt mir ein: schaffen Sie mir die kleine Bedford her ...« »Ist Ihnen über Nacht etwas zugestoßen?« »Sehen Sie mir das nicht an? Aber niemand außer Ihnen darf es wissen. Wenn jemand nach mir fragt, bin ich in Amerika ...« Willitt beeilte sich, alles Gewünschte herbeizuschaffen. »Und nun telephonieren Sie nach einem Barbier, und holen Sie mir aus dem nächsten Laden einen Kragen!« Sein Gesicht verzog sich schmerzlich, als er sich aufrichtete und nach der Kaffeetasse griff. »Sie brennen natürlich darauf, mich auszufragen«, fuhr er dann fort. »Nun, ich hatte einen Kampf mit einem Gespenst und zog den kürzeren.« »Wer war es denn?« »Das weiß ich nicht. Ich wachte von einem Schrei auf, ging hinaus, um zu sehen, was los wäre, und entdeckte zwei, drei oder auch sechs Leute, die den Flur entlangliefen. Von ebenso vielen wurde ich über den Kopf gehauen und kam erst wieder zu mir, als mir der Hoteldetektiv den Kragen aufmachte. Vergessen Sie ja nicht die kleine Bedford. Sie hat eine Anstellung bei dem Hühnerblatt, und ich glaube nicht, daß es ihr dort gefallen wird. Gehen Sie zu ihr und bieten Sie ihr einen guten Posten mit beliebig hohem Gehalt an. Verstehen Sie?« »Jawohl.« »Fassen Sie das Mädel ab, wenn sie zum Essen geht. Sie soll dann Torrington alias Brown beobachten. Und kommen Sie mir nicht unverrichteter Sache zurück, Willitt! Ich bin derartig kaputt, daß ich sehr grob werden würde.« – Audrey begann ihre Arbeit in der Redaktion mit einer gewissen Befriedigung, die aber nicht lange vorhielt. Sie entzweite sich bald mit Mr. Hepps, als er darauf bestand, daß sie schriftlich ein Futtermittel für Hühner empfehlen sollte, das sie für absolut schädlich hielt. Und etwas später am Tag geriet er in Wut über einen von ihr verfaßten Artikel. »Viel zu lang!« schrie er. »Und Ihre Handschrift mißfällt mir auch! Können Sie denn nicht mit Maschine schreiben? Sie werden sich ordentlich zusammennehmen müssen, wenn Sie hier – wo wollen Sie hin?« fragte er verblüfft, als sie aufstand und Hut und Mantel vom Haken nahm. »Nach Hause, Mr. Hepps«, erwiderte sie gelassen. Die Grundsätze, die hier herrschen, gefallen mir nicht.« »Dann scheren Sie sich zum Teufel!« brüllte er. Gegen vier Uhr ging sie fort und trat ausgehungert in ein benachbartes, kleines Restaurant. Gleich nach ihr kam ein Herr herein und nahm mit einer Verbeugung an demselben Marmortisch Platz. Als sie ihn flüchtig ansah, kam er ihr irgendwie bekannt vor, aber sie dachte nicht weiter darüber nach, sondern vertiefte sich in einen Zeitungsbericht über »Sonderbare Vorfälle im Palace-Hotel«. »Verzeihen Sie, Miß Bedford!« Bestürzt blickte sie auf. »Mein Name ist Willitt. Vielleicht entsinnen Sie sich – ich kam einmal nach Fontwell, um Erkundigungen einzuziehen –« »Ach ja – gerade als ich nach London abreiste.« »Ganz recht. Ich bin ein Vertreter der Stormerschen Detektiv-Agentur –« Audrey nickte. Von dieser bekannten Firma hatte sie schon öfter gelesen. »Mr. Stormer hat mich beauftragt, mit – mit einem Vorschlag an Sie heranzutreten, Miß Bedford. Wir sind nämlich in Verlegenheit. Eine Dame, die für uns arbeitete, hat sich verheiratet, und wir haben bis jetzt noch keinen Ersatz für sie gefunden. Nun meinte Mr. Stormer, ich sollte einmal anfragen, ob Sie vielleicht Lust hätten, in unsere Agentur einzutreten?« »Ich?! Sie meinen – als Detektivin?« »Wir würden Ihnen keine unangenehme Arbeit übergeben. Sie kämen nur für Fälle aus der guten Gesellschaft in Frage.« »Aber kennt Mr. Stormer denn – meine Vorgeschichte?« »Sie meinen den Juwelenraub? Ach, darüber weiß er selbstverständlich Bescheid. Das macht ihm nichts aus. Er möchte Sie damit beauftragen, einen Herrn zu beobachten, einen gewissen Mr. Torrington.« »Torrington? Wer ist das?« »Ein steinreicher Südafrikaner. Interessieren Sie sich für Südafrika?« Sie zuckte zusammen. »Jawohl – wenn alle Geschichten, die ich gehört habe – wahr sind –« erwiderte sie langsam. »Wir verlangen nicht, daß Sie hinter Torrington herlaufen«, fuhr Willitt fort. »Es wäre uns aber lieb, wenn Sie mit ihm bekannt würden.« »Ist er – ein Verbrecher?« »Gott behüte! Ein durchaus redlicher Mann. Wir möchten nur gern wissen, mit wem er verkehrt –« »Kann ich Mr. Stormer vielleicht selbst sprechen?« »Er ist schon wieder in Amerika«, flunkerte Willitt, »und vor seiner Abreise hat er mir ausdrücklich aufgetragen, Sie um jeden Preis als Mitarbeiterin zu gewinnen.« Audrey lachte. »Nun, versuchen kann ich es ja«, meinte sie vergnügt. Willitt atmete erleichtert auf. Als er ins Büro zurückkam, fand er John Stormer in milderer Stimmung und berichtete mit Genugtuung über den Erfolg seiner Sendung. Er hatte kaum das Zimmer verlassen, als Stormer sich ans Telephon begab. »Hier Stormer. Sind Sie es selbst, Hepps? Besten Dank für Ihre Hilfe.« »Es ging mir sehr gegen den Strich«, erwiderte der Redakteur in bedauerndem Ton. »Sie scheint ein nettes und begabtes Mädchen zu sein. Was wird sie nur von mir denken! Ich werde nicht so leicht wieder einem netten Mädel ins Gesicht sehen können – ich schäme mich wirklich!« »Ach was, das ist vielleicht nur zu Ihrem Besten!« lachte Stormer und hängte an.   Torrington bewohnte eines der teuersten Appartements im Ritz-Carlton-Hotel. Er empfing nur sehr selten Besuch, und als ein schäbiger, kleiner Mann sich bei ihm melden lassen wollte und eine Verabredung vorschützte, dauerte es eine ganze Weile, bis er vorgelassen wurde. »Mr. Brown« saß an seinem Schreibtisch und schob das Blatt, an dem er geschrieben hatte, zur Seite, um sich den Besucher genau anzusehen. »Sie kommen aus Kimberley?« fragte er. »Ich erinnere mich nicht, Sie jemals gesehen zu haben. Sie wissen natürlich, welchen Namen ich damals führte?« »Ich weiß«, erwiderte der kleine Mann, »aber ich werde ihn nicht aussprechen. Wenn ein Mann sich Brown nennt – so ist er für mich eben Mr. Brown. Offen gesagt – ich verbüßte zur selben Zeit wie Sie eine Strafe.« Torrington fuhr mit der Hand in die Tasche. »Ich besinne mich nicht auf Sie, aber ich habe mir auch große Mühe gegeben, alle Leute zu vergessen, mit denen ich am Wellenbrecher arbeitete.« Auf dem Schreibtisch lag der Brief, den der alte Herr gerade beendigt hatte. Der Fremde sah die schwungvolle Unterschrift, aber der Bogen war zu weit entfernt, als daß er ihn hätte lesen können. Er suchte nach einem Vorwand, um hinter den Tisch zu kommen. Torrington schob ihm eine Banknote zu. »Ich hoffe, daß es Ihnen in Zukunft besser gehen wird.« Der kleine Mann nahm den Geldschein, ballte ihn zusammen und schleuderte ihn zum Erstaunen seines Wohltäters an ihm vorüber in den leeren Kamin. Verwundert sah sich »Mr. Brown« um, und in dieser Sekunde wurde die Unterschrift gelesen. »Behalten Sie Ihr Geld!« sagte der Fremde. »Denken Sie, daß ich deshalb hergekommen bin – Torrington?« Daniel Torrington stand auf. »Nehmen Sie das Geld, und machen Sie sich nicht lächerlich!« Der Mann holte sich den zerknitterten Schein und ging. Torrington machte die Tür leise hinter ihm zu. Woher wußte dieser Mensch –? Da fiel sein Blick auf den Brief, und er begriff. 27 Elton war nicht lange bei Stanford geblieben und hatte gerade begonnen, einen Brief zu schreiben, als seine Frau erschien. Er legte die Feder aus der Hand. »Dora, was hast du eigentlich getrieben, ehe wir uns kennenlernten?« fragte er unvermittelt. »Ach, anfangs ging ich als Statistin mit Marsh und Bignall auf Reisen. Marsh machte Bankerott, und ich war dann in einer Schießbude und so weiter. Ich bin alles gewesen von der ersten Liebhaberin bis zur Garderobiere. – Von elektrischen Leitungen verstehe ich mehr als mancher Mechaniker. Aber warum fragst du danach?« »Wo lerntest du Marshalt kennen?« »Hier in London«, entgegnete sie nach kurzem Zögern. Ihre Hand, in der sie eine Zeitung hielt, zitterte leicht. »Ach, ich wollte, ich wäre vorher gestorben!« »Dora – hast du ihn lieb?« »Ich hasse ihn!« rief sie leidenschaftlich. »Ich habe ihn einmal geliebt – ja. Ich habe sogar an Scheidung gedacht. Aber ich war nicht schlecht genug. Ich fing an, ihn zu langweilen. In gewisser Weise bin ich vielleicht auch altmodisch.« Er hatte sich in den Sessel zurückgelehnt und beobachtete sie unter gesenkten Lidern. »Glaubst du, daß er tot ist?« Sie machte eine ungeduldige Bewegung. »Ich empfinde ihn nicht als tot – aber es ist mir gleichgültig.« Sie sprach aufrichtig, davon war er überzeugt. »Hat er jemals Malpas erwähnt?« »Ja, oft! Und dabei wurde er immer nervös. Malpas haßte ihn. Der Polizei gegenüber behauptete Lacy, nichts von ihm zu wissen, aber er wußte sehr viel. Er sagte, Malpas und er wären früher Partner gewesen, und er wäre mit Malpas' Frau durchgegangen.« Er stand auf und legte die Hände auf ihre Schultern. »Ich danke dir – für alles, was du gesagt hast. Ich glaube, wir beide werden jetzt fest zusammenhalten. Wie stehst du denn jetzt zu Audrey?« »Ich weiß es selbst nicht. Meine Abneigung gegen sie ist sehr groß. Ich wurde ja dazu erzogen, sie zu hassen.« »Das tut mir leid.« Martin klopfte sie sanft auf die Schulter und ging. Als er nachmittags nach Hause kam, traf er Dora in der Halle. Sie war zum Ausgehen angekleidet, aber er bat sie, ins Wohnzimmer hinaufzukommen. »Als Audrey das letztemal hier war, sagtest du ihr, sie hieße gar nicht Bedford, und ihr Vater säße wegen Diamantendiebstahls in einer Strafanstalt in Südafrika«, sagte er hastig. »War das wahr?« »Ja«, erwiderte sie verwundert. »Weshalb – ?« »Abends sagtest du mir, er wäre lahm – hätte bei der Verhaftung einen Schuß ins Bein bekommen. Wie hieß Audreys Vater?« »Daniel Torrington.« Martin pfiff leise durch die Zähne. »Ich habe – jemand getroffen, der behauptet, Torrington wäre hier in London. Man hat ihn begnadigt, und es scheint, daß er sich schon längere Zeit hier aufhält. Wußte Marshalt wohl davon?« »Nein, wenn er das gewußt hätte, wäre er wohl nicht so vergnügt gewesen. Ach!« Sie preßte die Hand einen Augenblick auf den Mund. »Malpas!« flüsterte sie. Er starrte sie an, denn ihm war derselbe Gedanke gekommen. »Marshalt muß es gewußt oder geahnt haben«, fuhr sie leise fort. »Er hat die ganze Zeit nebenan gewohnt! Bunny, Malpas ist Torrington!« »Das glaube ich nicht.« Martin schüttelte den Kopf. »Es klingt zu romanhaft! So rachsüchtig ist kein Mensch. Und nun gar Torrington, der nach seiner Tochter sucht!« »Er hält Audrey sicher für tot. Er hing sehr an dem Kind, und auf Marshalts Rat hin hat ihm Mutter geschrieben, daß Audrey an Scharlach gestorben wäre. Torrington hat ihr sogar unten bei Kapstadt einen Gedenkstein errichten lassen. Das weiß ich von Marshalt. Ist Torrington sehr reich?« »Er soll zwei Millionen Pfund wert sein. Was er wohl – für die Wahrheit zahlen würde?« »Nie im Leben soll er sie von uns erfahren! Mag er sie selbst herausbringen!« »Wie ist sie getauft?« fragte er langsam und nachdenklich. »Dorothy Audrey Torrington. Aber er weiß nicht, daß wir sie Audrey nannten. In seinem Brief schrieb er von Dorothy.« »Schreibe an Audrey und lade sie zum Tee ein«, sagte Martin langsam. Sie schaute ihn empört an. »Ja, schreibe ihr, es täte dir leid, daß du so unfreundlich zu ihr gewesen wärst und ihr allerlei vorgelogen hättest – über ihren Vater. Und wenn sie kommt, sagst du ihr, Torrington wäre dein Vater. Wo kann ich mir Audreys Geburtsschein verschaffen?« »Ich habe oben noch allerlei Papiere von Mutter. Es kann sein, daß er darunter ist. Hole sie doch herunter, Bunny! Sie liegen in meinem Schrank – in einem Blechkasten.« Er brachte ihn und öffnete ihn geschickt, als kein Schlüssel zu finden war. Auf dem Boden des Kastens lag ein blauer Briefumschlag mit zwei Geburtsscheinen. Martin breitete sie auf dem Tisch aus, und seine Augen glänzten. »Dorothy Audrey Torrington«, las er, »und du heißt Nina Dorothy Bedford. Aus dem Namen Audrey läßt sich etwas anderes machen. Dora, du mußt Audrey schreiben und ihr – mit oder ohne Tränen – sagen, sie wäre deine ältere Schwester –« Es klopfte. »Mr. Smith aus Chicago«, meldete das Mädchen. Martin zögerte einen Augenblick. »Du kennst den Menschen ja wohl, Dora«, sagte er schließlich. »Ich lasse bitten.« Slick Smith war wie immer tadellos gekleidet und legte seinen glänzenden Zylinder fast zärtlich auf einen Stuhl. »Ich störe doch nicht?« begann er mit strahlender Miene. »Ich dachte, es würde Sie interessieren, daß 147 Ihre verehrte Schwägerin in den Polizeidienst eingetreten ist. Streng genommen kann man es vielleicht nicht als Polizeidienst bezeichnen, aber jedenfalls ist sie bei Stormers Agentur angestellt.« »Soll das Scherz oder Ernst sein?« fragte Martin schroff. »Voller Ernst. Ich sah zufällig, daß sie mit Willitt in einen Juwelierladen ging, wo er ihr das Stormersche Abzeichen kaufte: einen kleinen silbernen Stern mit Stormers Namen auf der Rückseite. Ich kenne es, und die junge Dame schien sich sehr darüber zu freuen. Und wissen Sie, was Willitt tat, nachdem er sich von ihr getrennt hatte?« Martin zuckte ungeduldig die Schultern. »Er ging zu dem nächsten Telephon und rief das Ritz-Carlton-Hotel an, um dort eine Zimmerflucht für die junge Dame zu bestellen.« Smith zog sein Taschentuch heraus, betupfte die Lippen und fuhr dann lächelnd fort: »Mr. Brown – oder Torrington – wohnt im Ritz-Carlton.« Martin und Dora waren fassungslos. »Ich dachte, ich müßte es Ihnen mitteilen«, meinte Smith. »Für Leute, die heute ein gewisser Wilfred auf die Spur von Torringtons Millionen gebracht hat, kann die Nachricht ja von Wert sein. – Ein reizendes Mädchen, Ihre jüngere Schwester, Mrs. Elton!« Martin zuckte zusammen, aber Dora hatte ihre Fassung wiedergewonnen. »Sie meinen Audrey?« erwiderte sie lachend. »Ich bin ein volles Jahr jünger als sie!« Slick sah sie prüfend an. »Man scheint sich allseitig sehr für Ihre Schwester zu interessieren«, bemerkte er nachdenklich. »Jetzt hat schon der dritte Mann versucht, sie im Palace-Hotel zu fangen, und auch diesem dritten ist es mißlungen. Ich habe eine Ahnung, als ob ich noch zur Beerdigung des vierten gehen würde!« 28 Dick Shannon saß in seiner Wohnung am Haymarket und blätterte in einem Briefordner. Er las einen der mit Maschine beschriebenen Bogen durch, um sein Gedächtnis aufzufrischen. »Tonger trug einen grauen Anzug, schwarze Schuhe, blaugestreiftes Hemd und weißen Kragen. Taschen enthielten 27 £ und 200 Franken. (Notiz: Tonger fuhr am Morgen seines Todestages nach Paris, gab einen Brief an unbekannte Adresse auf und kehrte am selben Tag zurück); alte, goldene Uhr Nr. 984371, goldene Kette, zwei Schlüssel, eine Brieftasche mit einem Rezept für Bromkalium (Notiz: verschrieben von Dr. Walters, Park Lane, bei dem sich Tonger über Schlaflosigkeit beklagte) drei Fünfpfundnoten und ein dreikantiger Pfriemen ...« Dick schloß einen kleinen Safe auf, nahm eine Schachtel heraus und versenkte sich mit Hilfe einer Lupe in die Betrachtung dieses Pfriemens, der bereits von erfahrenen Technikern geprüft und gemessen worden war und viel Kopfzerbrechen verursacht hatte. Das Instrument war etwa vier Zoll lang, hatte eine stumpfe Spitze und endete in einem Korkziehergriff. Kurz vor dem Holzteil wurde es stärker, und an dieser Stelle verriet sich selbst dem ungeübten Auge Dilettantenarbeit. Dick erinnerte sich der Schrauben und der Feilen im Vorratsraum und war davon überzeugt, daß dieses sonderbare Werkzeug dort verfertigt worden war. Aber zu welchem Zweck? Mißmutig lehnte er sich zurück und grübelte, bis ihm wirr im Kopf wurde. Plötzlich schrak er zusammen. Wer warf denn Steinchen gegen sein Fenster? Er schaute hinaus, sah aber nur ein paar Leute mit aufgespannten Schirmen vorübereilen. Als er sich umwandte, klirrte es wieder gegen die Scheibe. Er rief seinen Diener, befahl ihm, sich zwischen das Fenster und die Lampe zu setzen, und ging leise zur Haustür hinunter. Behutsam öffnete er sie einen Zentimeter weit und lauschte angestrengt. Gleich darauf rasselte es wieder. Er stürzte hinaus und packte ein junges Mädchen im Regenmantel am Arm. »Was soll denn das bedeuten?« fragte er streng, hielt aber ein, als er in Audreys lachende Augen schaute. »Was in aller Welt –?« »Ich wollte Sie sprechen, und da Detektive niemals klingeln –« »Was soll das heißen? Kommen Sie herein! Womit warfen Sie denn – mit Hühnerfutter?« »Nein, die Hühnersache habe ich jetzt vollständig aufgegeben. Zum Glück kann ich ja ohne Ehrendame zu Ihnen kommen, da wir nun Kollegen sind.« Sie traten in sein Zimmer ein, und als der Diener entlassen worden war, zog Audrey feierlich einen silbernen Stern aus der Tasche und legte ihn mit einer theatralischen Geste auf den Tisch. »Stormer?« murmelte er, als ob er seinen Augen nicht trauen dürfte. »Aber Sie sagten doch, daß –« »Mit Hühnern habe ich ein für allemal Schluß gemacht«, erklärte sie, während sie ihren triefenden Mantel auszog. »Die bringen mich nur in Schwierigkeiten. Aber wie ich sehe, sind Sie nicht an Damenbesuch gewöhnt, Captain. Das spricht entschieden zu Ihren Gunsten.« Sie klingelte. »Sehr heißen Tee und sehr heißen Toast, bitte!« befahl sie dem höchst erstaunten Chauffeurdiener. Als der Mann gegangen war, wandte sie sich wieder an Dick. »Wenn eine Dame zu Ihnen kommt, müssen Sie zuerst fragen, ob sie Tee haben möchte, zweitens, ob sie hungrig ist. Dann schiebt man den behaglichsten Lehnstuhl ans Feuer und erkundigt sich teilnehmend, ob vielleicht ihre Füße naß geworden sind. Ich möchte aber gleich bemerken, daß das bei mir nicht zutrifft. Sie mögen ja ein guter Detektiv sein, aber Sie sind ein schlechter Gastgeber.« »Nun erzählen Sie mir aber, welche Abenteuer Sie inzwischen wieder erlebt haben«, bat er, nachdem er ihre Belehrung hingenommen und ihr so gut als möglich entsprochen hatte. Sie berichtete ihm auch bereitwillig von ihren Erlebnissen. »Ich habe also weiter nichts zu tun«, sagte sie zum Schluß, »als in einem netten Hotel zu wohnen und ein väterliches Auge auf einen sechzigjährigen Herrn zu werfen, der mich nicht einmal kennt. Er würde sonst wohl auch diese Bevormundung furchtbar übelnehmen. Aber es ist eine anständige Beschäftigung, und Mr. Stormer ist mir jedenfalls sympathischer als Mr. Malpas. Er ist auch bedeutend menschlicher.« Sie unterbrach sich, als der Diener den Tee brachte und sich anschickte, den Tisch zu decken, was Dick jedoch für überflüssig erklärte. »Ein Beruf ist es ja«, meinte Dick, »wenn auch kein angenehmer für ein junges Mädchen. Jedenfalls bin ich froh, daß Sie bei Stormer sind. Ich weiß nicht recht, was ich Ihnen nun raten soll. Einen Plan für Ihre Zukunft habe ich allerdings, und ich wollte, Sie fänden eine mehr erheiternde und ungefährliche Tätigkeit, bis ich mit diesem Portman Square-Rätsel fertig bin und Malpas hinter Schloß und Riegel habe. Dann –« »Nun – dann?« fragte sie, als er verstummte. »Dann werden Sie mir hoffentlich gestatten, mich um – Ihre Angelegenheiten zu kümmern«, entgegnete er ruhig. Der Blick, mit dem er sie betrachtete, veranlaßte sie, rasch aufzustehen. »Ich muß nach Hause – der Tee war köstlich.« Er klingelte nach ihrem Mantel, der in der Küche trocknete. »Was werden Sie sagen, wenn ich Ihre Zukunft in die Hand nehme?« Sie schüttelte den Kopf. »Ich – ich weiß nicht ... ich bin Ihnen ja sehr dankbar – für alles, was Sie getan haben –« In diesem Augenblick brachte der Diener den Mantel, und Dick half ihr gerade hinein, als es schellte, und Steel eintrat. Er verbeugte sich leicht vor Audrey und wandte sich dann an Dick. »Was sind das für Dinge?« fragte er und nahm eine Handvoll gelber Kiesel von verschiedener Größe aus der Tasche. Einzeln legte er sie auf den Tisch. »Das sind Diamanten – im Wert von etwa zweihundertfünfzigtausend Pfund«, erwiderte Dick langsam. »Noch dreimal soviel liegen in Malpas' Zimmer«, fuhr Steel fort. »Der ganze Götze ist damit gefüllt! Ich entdeckte das Versteck zufällig, als ich mich ein bißchen langweilte und an den beiden Bronzekatzen herumtastete. Ich überlegte, ob sie wohl nur zum Schmuck dienten oder irgendwelchen Nutzen hätten. Und plötzlich drehte sich das eine Tier halb um sich selbst, und als ich mein Heil mit dem anderen versuchte, wiederholte sich die Geschichte. Ich muß wohl unbewußt eine Feder berührt haben. Mit einemmal öffnete sich die Brust des Götzen in der Mitte – ganz wie eine Flügeltür. Ich kletterte auf den Sockel und leuchtete mit meiner Taschenlampe hinein, und – ich schwöre Ihnen, der Körper ist bis zur Hälfte voll von solchen und teilweise noch größeren Steinen!« Dick betrachtete die Diamanten. Jeder war mit einem kleinen roten Siegel versehen, der seinen Fundort bezeugte. »Er wird sie nicht verkauft haben, weil die Diamantenpreise in den letzten Jahren wegen Überproduktion gesunken sind«, sagte er. »Sie haben die Tür in dem Götzen natürlich wieder geschlossen?« »Selbstverständlich! Und glücklicherweise war ich auch allein im Zimmer, als ich die Entdeckung machte.« Shannon schüttete die Steine in eine Zuckerschale und verwahrte sie in seinem Geldschrank. »Die anderen müssen noch heute nach Scotland Yard geschafft werden«, ordnete er an. Dann forderte er Audrey auf, mitzukommen, nahm eine Ledertasche mit und machte sich auf den Weg. Steel hatte zwei Leute in Malpas' Zimmer als Wachen zurückgelassen. Ein dritter befand sich in der Halle, und der Inspektor kam von oben herunter. Auf Dicks Wunsch wurde im Hinblick auf etwaige neue Zwischenfälle noch der Mann aus der Halle heraufgerufen. Dann ging Dick auf die Nische zu und zog den Vorhang beiseite. Sobald er das eine Katzentier drehte, setzte sich die Maschinerie in Bewegung. Dick stieg hinauf und nahm eine Handvoll Steine aus dem Versteck. »Die Sache stimmt«, meinte er, als er wieder hinuntersprang und die Diamanten in die Ledertasche schüttete. Im selben Augenblick hörte er ein Knacken und fuhr herum. Beide Katzen begannen sich langsam zurückzudrehen, und gleichzeitig gingen alle Lichter aus. »Stellen Sie sich vor die Tür!« befahl Shannon rasch. »Einer von den Leuten soll sich zum Büfett hintasten und den Gummiknüppel dabei gegen die Täfelung drücken. Sobald sie sich bewegt, muß er zuschlagen. Wo sind die Taschenlampen?« »Draußen auf dem Flur«, sagte der Inspektor. »Holen Sie sie! Der Mann an der Tür läßt den Inspektor durch und gibt scharf acht, daß es auch wirklich der Inspektor ist, der zurückkommt.« Audreys Herz schlug heftig, und ihre Hand tastete instinktiv nach Dicks Arm. »Was wird geschehen?« flüsterte sie ängstlich. »Ich weiß es nicht«, gab er leise zurück. »Bleiben Sie dicht hinter mir, und halten Sie meinen linken Arm fest!« »Die Tür ist zu!« rief der Inspektor plötzlich. Steel kroch am Boden entlang auf den Götzen zu. »Hat nicht jemand ein Streichholz? Captain, haben Sie etwas gehört?« »Es kam mir vor, als ob ich ein leises Wimmern hörte. Können Sie den Götzen fühlen?« »Ich bin – o, mein Gott!« Audreys Blut erstarrte bei dem Schmerzensschrei. »Was ist los?« rief Dick. »Ich berühre etwas Glühendes!« Steel stöhnte. »Hier brennt etwas«, flüsterte Audrey. »Riechen Sie es nicht?« Dick machte sich sanft von ihr frei. »Ich muß einmal sehen, was geschehen ist.« Im gleichen Augenblick flammte das Licht wieder auf. Allem Anschein nach hatte sich nichts bewegt. Steel befühlte seine Hand, deren innere Fläche einen roten Striemen aufwies. »Eine scheußliche Brandwunde«, sagte er und biß die Zähne zusammen. Dick rannte zu dem Sockel des Götzen und betastete ihn. Er war eiskalt. »Ich glaube, es kam etwas aus dem Fußboden heraus«, meinte Steel, »eine glühende Schranke oder so etwas Ähnliches...« »Erst wollen wir uns jetzt einmal die Steine holen!« erklärte Dick und drehte die Katzen. Die kleine Tür öffnete sich, und er stieg hinauf. Aber als er die Hand hineinstreckte, fand er die Höhlung leer. 29 Alle Nachforschungen blieben ergebnislos. Eine Falltür war nicht vorhanden, und die Stahltrossen des Aufzugs hatte Dick durchschneiden lassen. »Holen Sie die Lampen!« befahl er. »Und von jetzt ab trägt jeder eine bei sich.« Als ob diese Worte als Signal gewirkt hätten, erlosch das Licht von neuem, und die Tür schloß sich, bevor jemand sie erreichen konnte. Aber diesmal dauerte die Dunkelheit nur einen Augenblick. »Die Geschichte fängt an, unheimlich...« begann Dick und verstummte plötzlich. Vor dem Götzen lag ein Lederbeutel. Er war neu und groß. Dick sprang hin, hob ihn auf und legte ihn auf den Tisch. »Seien Sie vorsichtig!« warnte Steel. Rasch betastete Dick den Beutel. Fast wäre er in Ohnmacht gefallen, als er den Beutel bis zum Rand mit den gelben Steinen gefüllt sah, die er in der Brust des Götzen entdeckt hatte. Er holte tief Atem und winkte Steel zu sich. »Das sind wohl ungefähr alle, die darin lagen?« fragte er. Steel war sprachlos vor Erstaunen und konnte nur nicken. »Inspektor, sagen Sie Ihren Leuten, sie sollen ihre Sachen zusammensuchen«, befahl Dick. »Ich hebe die Bewachung dieses Hauses auf.« Kurz darauf verließen sie alle das rätselhafte Gebäude. Dick streckte gerade die Hand aus, um die Tür zu schließen, als sie von selbst ins Schloß fiel. Zugleich wurde es drinnen hell. Am Fenster schob jemand die Gardine beiseite und schaute hinaus. »Ich versuche es!« rief Dick und hob den Revolver. Drei Schüsse knallten, Scheiben klirrten, der Lichtstreifen erlosch. »Jetzt kann ich in ernste Schwierigkeiten kommen«, sagte Dick, »aber ich hoffe, daß ich ihn getötet habe!« »Wen?« fragte Audrey ängstlich. Aber er gab keine Antwort, denn schon ertönten Polizeipfeifen, und von allen Seiten strömten Polizisten und Neugierige herbei. Trotz seiner hohen Stellung in Scotland Yard mußte Dick seinen Namen, seine Adresse und die Nummer seines Revolvers angeben, bevor er in ein Auto steigen konnte. Den Lederbeutel stemmte er fest auf die Knie. »Wir fahren erst zu meiner Wohnung und legen die übrigen Steine dazu«, sagte er zu Audrey. »Dann bringe ich sie nach Scotland Yard. Ich habe keine Ruhe, bis ich sie hinter bombensicheren Stahltüren weiß.« »Ich glaube, ich bin ein schlechter Detektiv«, murmelte sie. »Beinahe hätte ich geschrien!« »Ich auch, Miß Bedford«, meinte Steel. »Können Sie wohl einen Umweg machen und mich beim Middlesex- Hospital absetzen? Ich möchte meine Hand verbinden lassen.« Sie kamen seinem Wunsch nach. »Eigentlich hätten Sie einen Polizisten mitnehmen sollen, Captain Shannon«, sagte Audrey, als Steel ausgestiegen war. Er lachte. »Ach, zwischen der Wardour Street und Scotland Yard kann uns doch nichts passieren.« Aber schon wenige Minuten später ereilte sie das Schicksal. Ein großes Auto kam hinter ihnen her, machte plötzlich eine Wendung und fuhr in die kleinere Droschke hinein, so daß sie krachend auf den Gehsteig geschleudert wurde. Dicks erster Gedanke galt Audrey. Im Nu hatte er sie mit einem Arm umfaßt und zog sie an sich, um ihr Gesicht zu schützen, als die Scheiben in tausend Stücke zersprangen. Gleichzeitig wurde die Tür aufgerissen, und eine Hand tastete hinein. Dick sah, wie die Finger nach dem Lederbeutel griffen, und seine Faust stieß zu. Der Schlag traf den Mann gegen die Schulter, so daß er eine Sekunde lang den Beutel losließ. Dann führte dieser einen Stoß durch die Tür. Dick sah Stahl aufblitzen. Er wand und drehte sich, um auszuweichen und seinen Revolver herauszuziehen, und wehrte sich durch einen gewaltsamen Fußtritt, der glücklicherweise traf. Ein Schrei ertönte, und ein Messer fiel klirrend auf die Scherben. »Haltet den Mann!« schrie Dick. Er hatte den herbeieilenden Polizisten gesehen, aber das Knattern der Maschine übertönte seine Stimme. Im Bogen glitt der große Wagen um den Beamten herum und verschwand in der Shaftesbury Avenue. Mühsam kletterte Dick aus dem Taxi und half Audrey auf die Füße. »Haben Sie sich die Nummer gemerkt?« fragte er. »Ja«, erwiderte der Chauffeur. »X.G. 97435.« Dick lachte. »Meine eigene! Unser Freund hat jedenfalls Humor.« Jetzt fand sich auch ein Polizeiinspektor ein, der nach einer kurzen Unterhaltung mit Dick ein Auto besorgte und mit ihm zum Haymarket fuhr. »Hallo!« rief der Captain, als sie vor der Wohnung vorfuhren, und er zu den Fenstern hinaufschaute. Er hatte seinem Diener befohlen, das Wohnzimmer nicht zu verlassen, bis er selbst zurückkehrte, und nun war oben alles dunkel. »Kommen Sie herein in den Flur und halten Sie den Beutel«, sagte er zu dem Beamten. »Audrey, Sie bleiben hinter dem Inspektor stehen.« Er schaltete die Treppenbeleuchtung ein und öffnete die Vorsaaltür. Aber in dem Raum war die Birne entfernt worden, so daß er vergebens auf den Lichtknopf drückte. Mit vorgehaltenem Revolver trat er die verschlossene Wohnzimmertür ein, drehte das Licht an und sah seinen Diener William blutend vor dem Sofa liegen. Der Safe stand offen, wie er erwartet hatte. Die gesprengte Tür hing in den Angeln, und die Zuckerschale mit ihrem kostbaren Inhalt war verschwunden. Glücklicherweise erwies sich Williams Wunde als ungefährlich, und als der Mann wieder zum Bewußtsein kam, ging Dick in das nebenan liegende Schlafzimmer, wo ein Fenster offenstand. Er schloß es und ließ das Rouleau herab. Die Schubladen seines Toilettentisches waren geöffnet und das Bett durchwühlt worden. Er verließ die Wohnung wieder und bemerkte, daß es im Treppenhaus dunkel war. »Wer hat das Licht ausgedreht?« rief er hinab. »Ich dachte, Sie hätten es getan!« erwiderte der Inspektor. »Kommen Sie herauf und bringen Sie den Beutel mit.« »Den Beutel? Aber den haben Sie doch genommen!« »Was?« schrie Dick. »Als Sie eben herunterkamen, sagten Sie doch: ›Geben Sie den Beutel her und bleiben Sie hier stehen‹«, entgegnete der Beamte erschrocken. »Ach, Sie Quadratesel!« tobte Dick. »Haben Sie denn nicht Ihre Augen aufmachen können?« »Es war doch dunkel –« »Audrey, haben Sie den Mann gesehen?« Keine Antwort. »Wo ist die junge Dame?« rief Dick wild. »Hier unten, neben der Tür.« Dick fuhr herum und drehte das Licht an. Audrey war verschwunden. Der Chauffeur wartete noch. Er hatte einen Herrn mit einem Beutel in der Hand herauskommen sehen, nachher war die Dame gefolgt. Aber in welcher Richtung sie sich entfernt hatten, oder ob sie zusammen weggegangen waren, konnte er nicht angeben. In kürzester Zeit hatten alle Polizeiwachen Londons von dem Raub erfahren. Motorfahrer waren unterwegs, um die Schutzleute zu veranlassen, auf einen Mann mit einem Lederbeutel zu achten, ebenso auf eine genau beschriebene junge Dame im Regenmantel. Der Diener William wußte nur anzugeben, daß er die Zeitung gelesen und dann plötzlich das Bewußtsein verloren hatte. Als Dick hastig herauskam, um nach Scotland Yard zu fahren, begegnete er einem Polizisten in Zivil, den er kannte, und fragte ihn, ob er vielleicht Audrey gesehen hätte. Aber der Mann verneinte. »Ich stand oben am Eingang zur Untergrundbahn«, sagte er. »Wie immer war ein großes Gedränge dort. Aber es ist mir niemand aufgefallen. Nur Slick Smith kam in einem ganz durchweichten, dunkelblauen Mantel vorbei.« »Wann?« »Vor ungefähr fünf Minuten.« In Scotland Yard waren noch keine Nachrichten eingelaufen, als Dick dort eintraf, und er machte sich daher sofort auf den Weg, um Slick Smith aufzusuchen. Dieser war nicht in seiner Wohnung, aber der Hauswirt hatte nichts dagegen, daß Dick nach oben ging, um ihn dort zu erwarten. Die Tür war zu, ließ sich jedoch leicht öffnen. Dick trat in das Zimmer ein, hatte aber keine Gelegenheit, sich genauer umzusehen, weil der Inhaber der Wohnung ihm fast auf dem Fuß folgte. Slick lächelte und hatte eine große Zigarre im Mundwinkel. »Guten Abend, Captain!« sagte er vergnügt. »Wie nett von Ihnen, daß Sie mich besuchen!« »Erzählen Sie mir bitte genau, was Sie von fünf Uhr an getrieben haben«, erwiderte Dick schroff. »Das ist nicht so einfach. Ich weiß nur, daß ich mich um Viertel nach neun auf dem Haymarket befand. Einer Ihrer Spürhunde sah mich. Es wäre albern, es abzuleugnen. Während der übrigen Zeit bin ich herumgebummelt. Das Bequemste für Sie ist, wenn Sie sich bei der Stormerschen Agentur erkundigen. Die Firma läßt mich nämlich beobachten. Sie brauchen nur dort anzufragen. Aber ich will Ihnen etwas sagen, Captain: lassen Sie uns die Karten aufdecken. In Ihrer Wohnung ist heute eingebrochen worden – wollen Sie mich deshalb holen?« »Ich will Sie gar nicht holen. Aber Sie sind als verdächtig bekannt und wurden in der Nähe des Haymarket gesehen, als der Einbruch stattfand. Was ist denn eigentlich mit Ihrem Gesicht los?« Er drehte ihn nach der Lampe hin. Von der Backe bis über das linke Ohr hinauf zog sich eine lange Schramme, die sogar einige Haare entfernt hatte. »Das ist ja die Spur einer Kugel! Und hier am Kinn – rührt die Wunde etwa von Glasscherben her? Hören Sie zu, Smith: Sie standen hinter einem Fenster, die Kugel fuhr durchs Glas, streifte Ihre Stirn, prallte dann an Ihrem Kopf ab, und ein Glassplitter – ach, was ist denn das?« Er zupfte einen winzigen Glassplitter von dem nassen Mantelärmel des Mannes und hielt ihn Slick vor die Augen. Eine Weile schwiegen beide und sahen einander an. »Alle Achtung, Shannon!« sagte Slick Smith dann. »Sie haben das Zeug zu einem tüchtigen Detektiv. Ja, man hat auf mich geschossen – durch das Fenster einer Autodroschke. Einer von diesen schäbigen Halunken in Soho hat einen heimlichen Groll gegen mich. Hier ist die Nummer des Wagens – falls Sie Nachforschungen anstellen wollen.« Er holte eine Karte mit einer darauf gekritzelten Nummer aus der Tasche und legte sie auf den Tisch. Sein Alibi war gut vorbereitet. Diese Kaltblütigkeit reizte Dick aufs äußerste. Seine Nerven waren bis zum Zerreißen gespannt, und er wußte im Grund seines Herzens, daß er sich weniger um den Verlust der Diamanten als um Audreys Sicherheit sorgte. »Smith«, sagte er eindringlich, »wollen Sie mir den Gefallen tun, wenigstens bis zu einem gewissen Grad offen gegen mich zu sein? Als ich nach Hause fuhr, befand sich Miß Bedford in meiner Begleitung – kennen Sie die Dame?« »Ich habe sie einmal getroffen.« »Schön. Es ist mir jetzt vollkommen gleichgültig, ob Sie mit dem Einbruch zu tun hatten oder nicht, aber sagen Sie mir, ob Sie Miß Bedford heute abend gesehen haben.« Smith lächelte strahlend. »Natürlich hab' ich sie gesehen! Vor zwei Minuten stand sie noch vor diesem Haus.« Er hatte kaum gesprochen, als Dick auch schon die Treppe hinabstürmte. Auf dem Gehsteig ging jemand im Regenmantel auf und ab. »Audrey!« rief er, und bevor er selbst wußte, was er tat, hielt er sie schon in den Armen. »Ach, Kind, Sie wissen nicht, was diese Minute für mich bedeutet«, sagte er mit zitternder Stimme. Sie machte sich sanft von ihm frei. »Hat Mr. Smith Ihnen nicht gesagt, daß ich hier warte?« »Nahm er denn an, daß ich hier sein würde?« entgegnete er erstaunt. Er führte sie nach oben, und sie erzählte. »Ich dachte auch, daß Sie es wären, als jemand herunterkam und dem Inspektor etwas zuflüsterte. Aber als er die Tür aufriß, sah ich, daß Sie es nicht waren. Dick – es war Malpas! Ich hätte beinahe laut aufgeschrien, aber meine Hand berührte zufällig das silberne Abzeichen in meiner Tasche, und ich wurde mir wieder meiner Verantwortung als Detektivin bewußt. Ich eilte hinter ihm her und verfolgte ihn durch die Panton Street zum Leicester Square und zur Coventry Street. Dort bog er in eine Nebengasse ab, ging am Pavilion-Theater vorüber und die Great Windmill Street hinauf. Dort wartete ein Wagen auf ihn, aber als er einstieg, beging ich eine Dummheit. Ich schrie ›Halt!‹ und rannte darauf zu. Zu meiner größten Überraschung fuhr er nicht davon, sondern schaute aus der geschlossenen Limousine heraus und sagte: ›Sind Sie es, Miß Bedford? Steigen Sie doch bitte ein. Ich möchte mit Ihnen sprechen.‹ Und als er dann blitzschnell aus dem Auto sprang, ergriff ich die Flucht. Wie ich ihm entkommen bin, weiß ich selbst nicht. Es war kein Mensch in der Nähe, und ich war in einer entsetzlichen Todesangst! Ich rannte um mehrere Straßenecken und konnte kaum noch laufen, als plötzlich Mr. Smith in Sicht kam. Ich erschrak zuerst furchtbar, denn ich dachte, es wäre Malpas. Das ist alles. Mr. Smith brachte mich dann zu Ihrer Wohnung, und dort hörten wir von einem Polizisten, daß Sie sich nach ihm erkundigt hätten.« Dick holte tief Atem. »Wie kam es denn, daß Sie in der Nähe waren, Smith?« »Ich war der jungen Dame gefolgt – was ich vielleicht unterlassen hätte, wenn ich gewußt hätte, daß sie zur Firma Stormer gehört«, entgegnete Slick, ohne mit der Wimper zu zucken. »Aber jetzt werden Sie gehen wollen. Gute Nacht!« 30 Als Audrey am nächsten Morgen in ihrem luxuriös ausgestatteten Zimmer frühstückte, wurde ihr zu ihrer größten Verwunderung ein Brief von Dora gebracht. Ihr Erstaunen wuchs noch, als sie die Zeilen las, die ihre Schwester geschrieben hatte: »Mein liebes Kind, kannst Du mir wohl jemals verzeihen, daß ich Dich so entsetzlich behandelt habe? Der Gedanke, daß Du unseretwegen unschuldig ins Gefängnis gingst, läßt mir und Martin keine Ruhe, und wenn ich an meinen fürchterlichen Angriff auf Dich denke, kann ich mich vor mir selbst nur dadurch rechtfertigen, daß ich mir sage, ich war nicht mehr bei Sinnen. Willst Du vergeben und vergessen? Ich habe Dir viel zu sagen. Bitte rufe mich an. Deine Dich liebende Schwester Dorothy.« »Dorothy?« murmelte Audrey überrascht. Aber sie fühlte doch etwas wie Freude und eilte ans Telephon. Doras Stimme klang matt, als sie antwortete. »Wie lieb, daß du kommen willst. Du bist jetzt ja wohl für Stormer tätig?« »Woher weißt du das?« »Es wurde uns von jemand erzählt. Aber das ist ja gleichgültig, wenn du nur kommst.« Audrey ließ sich das Bad richten und erkundigte sich bei der Gelegenheit bei dem Zimmermädchen nach dem geheimnisvollen Mr. Torrington. »Sie sagen ja, daß er Millionär ist«, erwiderte das Mädchen achselzuckend, »aber ich kann nicht finden, daß er viel von seinem Geld hat. Den ganzen Tag sitzt er in seinen Zimmern herum und raucht oder liest, und abends geht er aus – aber nicht ins Theater oder ins Kino! Nein, er bummelt nur in den Straßen herum. Na, das Geld sollte ich mal haben! Ich wüßte, was ich damit täte!« »Ist er jetzt auch in seinen Zimmern?« »Ja, eben habe ich ihm das Frühstück gebracht. Höflich ist er immer, das muß ich sagen. Und er lebt auch sehr regelmäßig. Um fünf Uhr steht er schon auf, da muß ihm der Nachtportier Kaffee und heiße Brötchen bringen.« »Hat er eigentlich einen Sekretär?« »Nein – gar nichts! Nicht mal einen Papagei!« Audrey telephonierte mittags mit der Stormerschen Agentur. Man schien dort über ihren mageren Bericht sehr befriedigt zu sein. Sie wunderte sich noch darüber, als sie zur Curzon Street fuhr. Dora empfing sie sehr freundlich und umarmte sie. »Du hast uns also wirklich vergeben? Und wie frisch und blühend du aussiehst! Kein Mensch würde glauben, daß du ein Jahr älter bist als ich!« »Älter als du?« fragte Audrey erstaunt. »Ja, Kind! Für die Konfusion ist Mutter verantwortlich. Sie war ja nun einmal wunderlich – besonders in ihrer Abneigung gegen dich.« »Aber ich bin doch am 1.Februar 1904 geboren?« »Am 3. Februar 1903«, verbesserte Dora lächelnd. »Siehst du, hier ist dein Geburtsschein: Audrey Dorothy Bedford. Das war Mutters erster Mann.« Verwirrt starrte Audrey das Papier an. »Aber sie sagte doch immer, du wärst älter, und in der Schule warst du doch auch immer eine Klasse höher als ich! Wenn das wahr ist, dann ist mein Vater -« »Ganz recht, Liebling, dein Vater sitzt nicht im Gefängnis«, erwiderte Dora leise und schlug die Augen nieder. »Ich wollte es nicht wahrhaben, aber es ist mein Vater! Er war ein Amerikaner, der nach Südafrika kam und Mutter heiratete, als du kaum vier Wochen alt warst.« »Wie sonderbar!« murmelte Audrey. »Ich soll plötzlich nicht mehr Audrey sein? Und wir heißen beide Dorothy –?« Sie zuckte plötzlich zusammen und sprang auf. »Aber ich kann beweisen, daß ich die jüngere bin!« rief sie triumphierend. »Mutter hat mir ja selbst gesagt, wo ich getauft worden bin – in einer Kapelle in Rosebank, in Südafrika!« Als Dora ihre Schwester wieder zur Haustür gebracht hatte und ins Wohnzimmer zurückkehrte, kam ihr Mann mit bleichem Gesicht aus dem Nebenraum herein. Sie sah seine entstellten Züge und fuhr entsetzt zurück. »Martin – du willst doch nicht etwa – ?« Er nickte. Ein Leben stand zwischen ihm und traumhaftem Reichtum. Sein Entschluß war gefaßt.   Mr. Willitt fühlte sich in Dan Torringtons Gegenwart immer befangen. Auch jetzt verursachte ihm der forschende Blick des alten Mannes wieder Unbehagen. Torrington lehnte mit einer Zigarette im Mund am Kamin. »Ich habe volles Vertrauen zu Stornier«, sagte er lebhaft, »aber ein junges Mädchen als Sekretärin ist nichts für mich. Sie würde mir auf die Nerven fallen! Wer ist sie denn überhaupt?« »Es handelt sich um die junge Dame, die bei Malpas angestellt war.« »Doch nicht die Freundin von Captain Shannon?« »Jawohl.« Torrington rieb sein Kinn. »Und Shannon wünscht es?« »Er weiß gar nichts davon. Der Gedanke stammt von Mr. Stormer. Um die Wahrheit zu sagen –« »Aha!« bemerkte der alte Herr trocken. »Also endlich die Wahrheit! Na, lassen Sie hören.« »Sie ist bei uns angestellt, und wir möchten jemand in Ihrer Nähe haben – für alle Fälle.« »Ist sie eine so tüchtige Dame?« lachte Torrington. »Nun gut, schicken Sie mir sie heute nachmittag einmal her. Ansehen kann ich sie mir ja. Wie heißt sie denn?« »Audrey Bedford.« Der Name sagte Torrington nichts. »Also um drei«, erwiderte er. »Sie ist hier im Hotel. Würden Sie –« »Was, Sie haben sie gleich mitgebracht?« »Sie wohnt hier. Wir – wir hatten sie nämlich beauftragt, Ihnen ihre Aufmerksamkeit zu widmen – « Torrington lächelte belustigt. »Wenn mich mein Gedächtnis nicht täuscht, möchte ich fast glauben, daß ich alle Hände voll zu tun haben werde, um sie zu beschützen«, sagte er. »Aber mag sie kommen!« Willitt ging hinaus und kehrte gleich darauf mit Audrey zurück. Torrington umfaßte sie mit einem raschen Blick. »Etwas weniger Detektivhaftes habe ich noch nie gesehen«, meinte er trocken. »Ich komme mir auch nicht im geringsten wie ein Detektiv vor«, entgegnete sie lachend, als er ihre Hand nahm. »Mr. Willitt sagte mir, daß Sie mich als Sekretärin anzustellen wünschten?« »Mr. Willitt übertreibt«, erwiderte er gutmütig. »Ich wünsche durchaus nicht, Sie als Sekretärin zu haben, aber ich fürchte, daß ich Sie wider Willen bitten muß, diese Stellung anzunehmen. Sind Sie eine gewandte Sekretärin?« »Nein, leider nicht«, gestand sie bedrückt. »Um so besser!« Sein Lächeln wirkte ansteckend. »Das Zusammensein mit einer gewandten Sekretärin könnte ich wohl kaum ertragen – befähigte Menschen wirken entsetzlich bedrückend. Jedenfalls werden Sie nicht heimlich an meine Briefe gehen und sie lesen und photographieren. Und ich kann mein Geld sicher auch herumliegen lassen, ohne etwas davon zu verlieren. Es ist gut, Mr. Willitt, ich werde alles Nähere mit dieser Dame besprechen.« Er fühlte sich seltsam zu ihr hingezogen. »Pflichten werden Sie kaum haben«, erklärte er scherzend, »und Ihr Dienst beginnt erst, wenn ich wirklich Ihrer Hilfe bedarf. Ich glaube aber, dieser Augenblick wird wohl nie kommen. Ich erinnere mich Ihrer jetzt. Sie sind im vergangenen Jahr in Schwierigkeiten gekommen.« Dieser grauenvolle Diamantenraub! Würde er niemals in Vergessenheit geraten? »Ihre Schwester ist eine wenig erfreuliche Erscheinung – ach, verzeihen Sie, wenn ich Sie verletzt habe!« »Sie ist nicht so schlimm, wie man allgemein annimmt.« »Die Heirat mit Martin Elton war ihr Verderben. Den Herrn kenne ich besser, als Sie ahnen. Sie haben doch für Malpas gearbeitet? Ein sonderbarer Kauz!« »Ja, sehr sonderbar!« bestätigte sie mit Nachdruck. »Wissen Sie, daß er steckbrieflich verfolgt wird?« »Ich dachte es mir. Er ist ein Ungeheuer in Menschengestalt!« Ein leises Lächeln glitt über Torringtons Gesicht. »Das mag wohl sein. Gestern abend haben Sie wohl einen tüchtigen Schrecken gehabt? Sie waren doch dabei, als Shannon die Diamanten gestohlen wurden?« Sie schaute ihn verblüfft an. »Steht das denn in den Zeitungen?« »Nein, nur in meiner Privatzeitung. Haben Sie die Steine gesehen? Wunderhübsche, kleine, gelbe Dinger. Sie gehören mir.« Audrey war sprachlos, als er in gleichgültigem Ton diese Feststellung machte. »Ja, sie gehören – oder vielmehr, sie gehörten mir. Jeder Stein trägt das Siegel der Hallam \& Coold Mine. Sie können es Shannon mitteilen, wenn Sie ihn sehen. Aber vermutlich weiß er es schon.« Sein Blick fiel plötzlich auf ihre Füße, die er solange betrachtete, daß sie sich unbehaglich zu fühlen begann. »Bei nassem Wetter tut es etwas weh?« fragte er schließlich. »Ja, ein wenig«, entfuhr es ihr, aber dann hielt sie ein. »Was meinen Sie damit – wie konnten Sie wissen?« erwiderte sie aufs höchste überrascht. Er lachte, bis ihm die Tränen in die Augen traten. »Verzeihen Sie mir«, bat er. »Ich bin nur ein neugieriger, alter Mann.« Er schob ihr ein Paket Briefe hin und deutete auf den Schreibtisch. »Bitte, beantworten Sie die Sachen.« »Würden Sie mir bitte sagen, in welcher Art –« »Das ist überflüssig. An Leute, die Geld haben wollen, schreiben Sie ›Nein‹. Leuten, die mich sprechen wollen, erklären Sie bedauernd, daß ich mich in Paris aufhielte. Und für Journalisten bin ich ein für allemal soeben gestorben.« Er nahm ein zerknülltes Schreiben aus der Tasche. »Hier ist allerdings einer, der besonders beantwortet werden muß«, fuhr er fort, ohne ihr den Bogen zu geben. »Bitte, schreiben Sie: ›Am nächsten Mittwoch geht ein Schiff nach Südamerika ab. Ich biete Ihnen fünfhundert Pfund und freie Überfahrt. Wenn Ihnen Ihr Leben lieb ist, gehen Sie auf mein Angebot ein.‹ Audrey stenographierte hastig. »Und die Adresse?« fragte sie. »Mr. William Stanford, Portman Square 552«, erwiderte Torrington und warf einen zerstreuten Blick zur Decke. 31 Torringtons Wohnung im Ritz-Carlton wies bei näherer Betrachtung allerlei Eigentümlichkeiten auf, die Audrey erst bemerkte, als ihr neuer Chef nachmittags ausging und sie in seinen Zimmern allein ließ. Alle Türen waren zum Beispiel mit Riegeln versehen, und als sie ein Fenster öffnete, um einen Gardinenbrand in einem gegenüberliegenden Haus zu beobachten, erschrak sie heftig, denn plötzlich stürzten drei Männer im Laufschritt herein. Der eine war ein Agent von Stormer, den sie kannte, die beiden anderen waren ihr fremd. »Tut mir leid, Sie erschreckt zu haben«, sagte der Agent. »Wir hätten Ihnen mitteilen sollen, daß Sie keine Fenster öffnen dürfen.« Er schickte seine Begleiter hinaus und schloß das Fenster sorgfältig. »Sie haben den Alarmapparat berührt. Sehen konnten Sie ihn nicht, weil er durch das Drehen des Griffs in Gang gesetzt wird. Es ist nicht nötig, hier die Fenster aufzumachen, denn die Zimmer werden durch eine besondere Vorrichtung ventiliert. Wenn Sie mitkommen wollen, werde ich Ihnen noch etwas zeigen.« Er führte sie in Torringtons merkwürdig einfach eingerichtetes Schlafzimmer, in dem sonderbarerweise ein zweischläfriges Bett stand. »Auf dieser Seite schläft er, und wenn er den Kopf einmal zufällig auf dieses Kissen legt –« er hob es behutsam auf, und sie sah den fadendünnen Draht, der unter dem Bett verschwand. »Der geringste Druck bringt sofort die Nachtwachleute herbei.« »Aber ist Mr. Torrington denn wirklich in so großer Gefahr?« »Man kann nie wissen«, wich der Mann aus. – Im Lauf des Nachmittags fand Audrey Zeit, einige Zeilen an ihre Schwester zu schreiben: Liebe Dora, wir waren wohl beide etwas kindisch. Nenne mich meinetwegen ruhig Dorothy, oder wie Du sonst willst, und auch älter als Du will ich gern sein – als Oberhaupt der Familie fühle ich bereits ganz mütterliche Regungen Dir gegenüber! Auf Wiedersehen. Dorothy.« Dora gab den Brief an Martin weiter, nachdem sie ihn gelesen hatte. »Die Sache läßt sich nicht durchführen. Ein Kabeltelegramm würde ja hinreichen, um Audreys Behauptung zu bestätigen.« »Aber wir müssen es doch versuchen«, entgegnete er. »Die Bank drängt schon, weil ich mein Konto weit überzogen habe. Ich sitze fürchterlich in der Patsche. Audrey muß verschwinden – irgendwohin nach dem Kontinent.« »Und Shannon?« »Ach, Shannon! Wie ich mit Slick fertig werde, macht mir mehr Sorgen. Er weiß zuviel! Nicht nur in bezug auf Audrey. Erinnerst du dich noch an den Abend, an dem ich Marshalt erschießen wollte? Ich war gerade auf sein Dach geklettert, als unten der Spektakel losging. Am anderen Ende des Daches stand ein Detektiv. Er sah weder mich noch den Mann, der an dem Strick nach oben kam, das Oberlichtfenster bei Malpas öffnete und hineinstieg. Aber ich sah ihn, und ich machte, daß ich fortkam!« »Dann hast du also den Mörder gesehen?« flüsterte sie atemlos. »Ich sah noch mehr. Als er in die kleine Vorratskammer geklettert war, steckte er eine Kerze an und holte eine Perücke mit falscher Nase und falschem Kinn aus der Tasche und legte sie an. Seine eigene Mutter hätte ihn nicht von Malpas unterscheiden können, nachdem er das Ding befestigt hatte!« »Malpas!« stieß sie entsetzt hervor. »Wer war es denn?« »Slick Smith«, erwiderte Martin.   Shannon hatte beschlossen, das Götzenbild aus Portman Square Nr. 551 entfernen und nach Scotland Yard überführen zu lassen. »Nehmen Sie einen Mann in Zivil mit und lassen Sie die Leute von der Transportgesellschaft ein«, sagte er zu Steel. »Wenn wir das Ding hier haben, kann ich es von erfahrenen Mechanikern eingehend untersuchen lassen. Übrigens habe ich heute mit einem der Dienstmädchen bei Marshalt gesprochen. Sie erzählte mir, daß sich Marshalt wirklich sehr vor seinem Nachbar gefürchtet hat. Einmal war sie gerade im Zimmer, als es dreimal an die Wand klopfte. Marshalt soll halbtot vor Angst gewesen sein.« »Die Aussage kann uns wohl auch nicht viel helfen«, meinte sein Assistent. »O doch! Ich kann mir jetzt denken, wer der Schurke mit den zwei Gesichtern gewesen ist. Also, machen Sie sich an die Arbeit.« Steel beeilte sich, den Auftrag auszuführen, aber er und sein Begleiter warteten vergeblich auf die zum Abtransport bestellten Leute, und als er die Firma anrufen wollte, stellte sich heraus, daß der Fernsprecher nicht in Ordnung war. Er schickte den Mann, der bei ihm war, zur nächsten Telephonzelle und ging inzwischen vor der offenen Haustür auf dem Gehsteig auf und ab. Seine Hand lag auf dem Revolver, den er in der Tasche trug, und er entfernte sich nur wenige Schritte von der mit einem Holzklotz aufgekeilten Tür. Als er wieder einmal umkehrte, sah er eine wachsgelbe Hand hinter der Tür hervorkommen, die nach dem Holzklotz griff. Sofort riß er den Revolver heraus und rannte die Stufen hinauf. Der Klotz wurde zurückgezogen, und die Tür begann sich zu schließen. Als sie nur noch einen Zollbreit offenstand, warf er sich dagegen, aber von innen verstärkte jemand den Druck der Angeln durch sein Gewicht, und sie schnappte ein. Einen Moment später kam Steels Begleiter zurück und meldete, daß Shannon am Nachmittag seinen Auftrag selbst widerrufen hätte. »Das dachte ich mir doch«, brummte Steel grimmig. »Wir wollen mal sehen, was der Captain dazu sagt.« Glücklicherweise meldete sich Shannon selbst auf den Anruf und nahm den Bericht entgegen. »Ich habe natürlich keinen Gegenbefehl erteilt«, sagte er dann. »Wir wollen die Sache bis morgen aufschieben. Gehen Sie jetzt einmal nach hinten und sehen Sie zu, was dort vorgeht.« Die beiden kamen der Aufforderung nach und näherten sich bereits dem Hoftor, als ein elegant gekleideter Herr herauskam. »Slick Smith!« stieß Steel fast tonlos hervor. »Und er trägt gelbe Handschuhe!« Slick Smith wirbelte ahnungslos seinen Spazierstock in der Luft herum und schlenderte gelassen davon. Als er Maida Vale erreicht hatte, blieb er vor einem der imposanten, prunkvollen Grevilleschen Mietshäuser stehen und trat durch einen der beiden vornehmen Eingänge in die behagliche Portierloge. »Ich möchte Mr. Hill sprechen«, erklärte er mit strahlender Miene. »Mr. Hill ist verreist. Kommen Sie wegen einer Wohnung?« »Ja. Lady Kilferns Wohnung interessiert mich. Sie soll ja möbliert vermietet werden. Hier, bitte!« Er zog einen blauen Bogen aus der Tasche, den der Portier aufmerksam prüfte. »Schön, da Lady Kilfern die Besichtigung gestattet, werde ich Sie hinauffahren.« Beim Anblick der verhängten Fenster und zugedeckten Möbel schüttelte Smith den Kopf. »Ach, die Wohnung liegt nach vorne? Schade, bei dem Straßenlärm kann ich nicht schlafen.« »Nach hinten ist leider nichts frei.« »Wer wohnt denn da?« Sie waren an die Treppe zurückgegangen, und Smith deutete auf eine Tür hinter dem Aufzug. Während der Portier erklärte, daß ein Rechtsanwalt hier sein Zimmer hatte, schlenderte Slick den Gang entlang und blickte durch ein großes, nach hinten gelegenes Fenster hinaus. »Dies würde mir passen«, meinte er. »Aha, auch eine Rettungsleiter. Ich bin sehr ängstlich wegen Feuersgefahr.« Er lehnte sich hinaus und schaute auf den Hof hinunter. Dabei bemerkte er auch, daß die Eingangstür Nr.9 mit Patentschlössern versehen war, und daß ein furchtloser Mann von der Rettungsleiter aus das Flurfenster von Nr.9 erreichen konnte. »Ich möchte mir so gern eine von diesen nach hinten gelegenen Wohnungen ansehen, aber das geht wohl nicht?« fragte er bekümmert. »Nein. Ich habe zwar einen Hauptschlüssel, aber den darf ich nur bei Feuer oder Unfällen benützen.« »Einen Hauptschlüssel?« wiederholte Mr. Smith verwundert. »Was ist denn das?« Mit sichtlicher Genugtuung griff der Mann in die Tasche. »Hier sehen Sie einen«, sagte er stolz. Slick nahm ihn in die Hand und betrachtete ihn interessiert. »Wie merkwürdig!« rief er. »Sieht doch genau aus wie jeder andere Schlüssel? Wie funktioniert er denn?« »Das kann ich Ihnen nicht erklären«, erwiderte der Portier ernst und steckte den Schlüssel wieder ein. Im selben Augenblick klingelte es am Aufzug. »Entschuldigen Sie –« begann er, aber Slick hielt ihn am Arm fest. »Können Sie nochmal zurückkommen?« fragte er drängend. »Ich möchte Ihre Ansicht über diese Wohnungen hören.« »Ich bin gleich wieder hier.« Als er zurückkehrte, stand Slick mit nachdenklicher Miene an derselben Stelle, wo er ihn verlassen hatte. »Ja, wie ich Ihnen schon sagte, dieser Hauptschlüssel–« Er hielt plötzlich erschrocken inne. »Ich habe ihn verloren!« rief er. »Haben Sie nicht gesehen, daß ich ihn einsteckte?« »Doch Sie haben ihn genommen... aber da liegt er ja!« Slick deutete auf den Teppich. »Gott sei Dank!« Der Portier atmete erleichtert auf. »Sie sollten mal oben aufs Dach gehen, da hat man eine wunderschöne Aussicht. Soll ich Sie hinauffahren?« »Nein, ich gehe jetzt lieber«, meinte Slick Smith, als der Mann wieder durch die Fahrstuhlglocke nach unten gerufen wurde. Sobald der Lift verschwunden war, eilte Slick auf die jetzt nur angelehnte Tür zu. Ein leiser Stoß genügte, um sie zu öffnen, denn während der kurzen Abwesenheit des Portiers hatte er sie aufgeschlossen, den Griff zurückgebunden und sie wieder zugezogen. Nun schob er den Sicherheitsriegel vor und eilte von einem Raum in den anderen. Im Schlafzimmer raffte er allerlei Gegenstände zusammen und ließ sie in seinen geräumigen Taschen verschwinden. Dann schlüpfte er in die Küche, untersuchte die Vorräte in der Speisekammer, roch an der Butter, prüfte den Inhalt einer Dose Kondensmilch und fühlte an das Brot, um festzustellen, wie alt es wäre. Nachdem er sich orientiert hatte, schlich er auf den Vorplatz zurück und lauschte. Eben ertönte wieder das Summen des Fahrstuhls. Slick bückte sich, hob den Deckel des Briefkastens und sah den Lift nach oben gleiten. Im nächsten Moment war er draußen und stand unten in der Halle, als der Portier wieder mit dem Fahrstuhl herunterkam. »Vielleicht miete ich die Wohnung doch«, sagte er. »Aber zu diesem Zweck muß ich mich ja wohl an jemand anders wenden als an Sie?« »Ja. Vielen Dank.« Der Mann steckte das fürstliche Trinkgeld ein, während Slick das Gebäude verließ und ein Mietauto heranwinkte. 32 Am Nachmittag desselben Tages hielt sich Martin Elton fast eine Stunde lang in seiner Bank auf, prüfte den Inhalt seines diebessicheren Safes, zerriß allerlei Papiere und steckte vier einzelne, dicht beschriebene Briefbogen in seine Brusttasche. Sobald er wieder nach Hause kam, rief er Stanford an und bat ihn, sofort zu ihm zu kommen. Stanford erklärte sich erst nach längeren Ausflüchten und Einwendungen dazu bereit und war in übler Laune, als er kurz vor fünf in der Curzon Street erschien. »Zum Teufel, was fällt dir denn ein, daß du mich herbeorderst, als ob ich ein Kuli wäre!« fuhr er Martin wütend an. Elton lag auf einer Couch und blickte von seinem Buch auf. »Mach die Tür zu und schrei nicht so!« erwiderte er gelassen. »Die Sache ist ernst, sonst hätte ich dich nicht herbestellt.« Er stand auf, nahm sich eine Zigarre und bot auch Stanford eine an, die dieser mißmutig nahm. »Audrey ist jetzt bei Stormer angestellt, und das Kind ist schlau.« »Was geht mich das an! Wenn du mich nur deshalb-« »Ich sage dir, daß sie schlau ist. Und daß sie uns nach jener Diamantengeschichte nicht gerade freundlich gesinnt ist, kannst du dir wohl denken. Nun weiß ich zufällig, daß Stormer für fast alle Botschaften in London arbeitet –« Stanford lachte höhnisch. »Meinetwegen kann sie Beweise sammeln, soviel sie will!« sagte er. »Mir soll's recht sein. Ist das alles?« »Nicht ganz. Besinnst du dich noch auf den kleinen Feldzugsplan für die Sache mit der Königin von Griechenland, den du wie gewöhnlich bei solchen Gelegenheiten schriftlich ausgearbeitet hast?« »Gewiß, aber der ist doch vernichtet.« »Leider nicht«, fuhr Martin kaltblütig fort. »Es war eine so geniale Arbeit, daß ich sie dummerweise aufbewahrte. Audrey war vorgestern hier. Sie kam, während Dora und ich ausgegangen waren, und ging zu Doras Zimmer hinauf, um ihr Haar überzukämmen. Dora bewahrt die Schlüssel zu meinem Depositenfach in ihrem Schreibtisch auf.« Stanford starrte ihn an. »Nun - und?« »Als ich heute nach der Bank ging, um Geld herauszunehmen, waren all meine Papiere verschwunden.« Stanford wurde bleich. »Du meinst, daß mein Plan auch verschwunden ist?« »Ja, das meine ich.« Er hob abwehrend die Hand. »Geh bitte nicht gleich in die Luft. Ich gebe zu, daß es verrückt von mir war, ihn aufzuheben. Natürlich hätte ich ihn sofort vernichten müssen – besonders weil du darin sogar Namen genannt hattest, wenn ich mich recht erinnere. Für mich ist die Geschichte ebenso fatal wie für dich – vielleicht noch unangenehmer, da Dora und ich etwas bei ihr auf dem Kerbholz hatten, du dagegen nicht.« »Du hast mich reingelegt, du Schweinehund! Wie kann man nur so wahnsinnig sein, so etwas aufzuheben?« »Warum hast du Namen hineingeschrieben? Natürlich mache ich mir Vorwürfe, aber wenn die Sache vor Gericht kommt, so ist deine eigene Schlauheit daran schuld.« Stanford zuckte die Schultern. Trotz seiner scheinbaren Stärke und Großmäuligkeit war er im Grund ein Schwächling, wie Martin sehr wohl wußte. »Was soll ich denn jetzt tun?« fragte er verbissen. Elton begann nun, Mittel und Wege mit ihm zu besprechen ...   Torrington hatte Audrey für den Abend entlassen. »Ich habe noch eine wichtige Besprechung«, sagte er. »Sie können also ins Theater gehen oder sich sonst nach Belieben die Zeit vertreiben.« Audrey freute sich darüber, denn Dora hatte sie eingeladen, bei ihr zu essen. »Ich gehe nachher noch aus und muß deshalb früh essen«, hatte Dora am Telephon geäußert. »Du brauchst dich also nicht schön zu machen.« Sie öffnete ihrer Schwester selbst die Tür. »Meine Köchin ist eben auf und davon gegangen«, erklärte sie und küßte Audrey. »Und mein Mädchen wollte so gern ihre kranke Mutter besuchen. Ich hatte nicht das Herz, ihr die Bitte abzuschlagen. Du mußt also Nachsicht haben. Martin ist zum Glück in den Klub gegangen. Er kommt erst nachher, um mich abzuholen.« Der Tisch war sehr hübsch für zwei Personen gedeckt, und auch das Essen ließ nichts zu wünschen übrig, denn trotz all ihrer Fehler war Dora eine vorzügliche Hausfrau. »Wir wollen eine kleine Flasche Sekt trinken, um unsere Versöhnung zu feiern«, sagte sie beim zweiten Gang, stand auf, nahm eine Flasche aus dem silbernen Kühler und entfernte geschickt den Draht über dem Korken. Audrey lachte. »Ich habe lange keinen getrunken«, sagte sie. »Solchen Sekt hast du wohl noch nie bekommen«, plauderte Dora heiter. »Martin ist ein Kenner.« Der Propfen knallte, und sie füllte ein Glas, so daß der rosige Schaum überlief. »Auf unser nächstes vergnügtes Beisammensein!« sagte sie und hob ihr Glas. Audrey lachte leise und nippte. »Du mußt aber austrinken!« rief Dora. Ihre Schwester leerte das Glas mit feierlicher Miene. »Ach«, sagte sie dann etwas bestürzt, »das schmeckt ja ganz bitter – fast wie Chinin. Aber ich verstehe wohl nicht viel von Wein.« Eine halbe Stunde später kam das Hausmädchen unerwartet zurück. »Ich dachte, Sie wollten ins Theater gehen?« fragte Dora scharf. »Ich habe solche Kopfschmerzen bekommen«, erwiderte die Angestellte. »Leider konnte ich die Eintrittskarte, die Sie mir schenkten, nicht benützen. Aber wenn ich vielleicht bei Tisch aufwarten soll...« »Wir sind schon fertig mit dem Essen«, entgegnete Dora. »Miß Bedford ist eben gegangen.«   Torrington warf seinem Besucher einen scharfen, prüfenden Blick zu und deutete dann stumm auf einen Stuhl. »Wenn ich nicht irre, haben wir uns schon gesehen, Mr. Torrington«, begann Martin. »Ich weiß genau, daß wir uns nie gesehen haben, obwohl ich Sie vom Hörensagen kenne. Legen Sie Ihren Mantel ab, Mr. Elton. Sie baten um eine Unterredung unter vier Augen, und ich habe sie aus verschiedenen Gründen bewilligt. Ich glaube, Sie sind ein Schwager meiner Sekretärin.« Martin neigte den Kopf. »Ja, unglücklicherweise.« »Unglücklicherweise?« Der alte Herr zog die Augenbrauen hoch. »Ach, Sie meinen wegen ihrer Vergangenheit? Das arme Mädchen war ja wohl in einen Juwelenraub verwickelt.« »Sie hatte die Diamanten bei sich, als sie verhaftet wurde.« »So? Das ist ja schlimm! Natürlich wußte ich das, als ich die junge Dame anstellte. Sie wollen mich wohl vor ihren Ränken warnen?« »Nein, ich komme aus einem ganz anderen Grund her, erwiderte Martin, der trotz Torringtons ernster Miene das Gefühl hatte, der alte Mann triebe seinen Spott mit ihm. »Verzeihen Sie mir, wenn ich ein sehr peinliches Thema berühren muß. Sie wurden vor Jahren in Südafrika wegen unerlaubten Diamantenhandels verurteilt –« »Ja, ich war das Opfer eines der größten Schurken im Diamantengebiet, eines gewissen Lacy Marshalts, der jetzt tot ist.« »Sie hatten eine junge Frau«, fuhr Martin zögernd fort, »und ein Kind – ein kleines Mädchen, das Dorothy hieß.« Torrington nickte stumm. »Ihre Frau war außer sich über die Schande, verschwand aus Südafrika und ließ nie wieder von sich hören, nicht wahr?« »Doch, einmal schrieb sie.« Die Worte klangen wie ein Peitschenhieb. »Sie kam mit dem Baby und einer älteren Tochter nach England, nahm den Namen Bedford an und lebte hier von ihrem kleinen Einkommen.« »Von einer Rente«, verbesserte Torrington. »Ich hatte sie vor meiner Verhaftung in eine Rentenbank eingekauft. Bitte, sprechen Sie weiter!« Martin holte tief Atem. »Aus irgendeinem Grund erzog die Frau Dorothy in dem Glauben, daß sie die Tochter ihres ersten Gatten sei, während sie das andere kleine Mädchen für älter ausgab. Aus welchem Grund –« »Lassen wir das!« fiel ihm Torrington ins Wort. »All dies kann wahr oder unwahr sein.« Martin wagte nun den entscheidenden Schritt. »Sie sind der Meinung, daß Ihre Tochter Dorothy tot ist. Das stimmt aber nicht. Sie lebt, und zwar hier in England. Sie ist meine Frau.« Daniel Torringtons Augen schienen den Mann zu durchbohren. »Ist das die Geschichte, die Sie mir erzählen wollten?« fragte er. »Daß meine kleine Dorothy noch lebt und Ihre Frau ist?« Eine lange, drückende Pause entstand. Endlich brach Torrington das lastende Schweigen. »Sind Ihnen eigentlich die näheren Umstände meiner Verhaftung bekannt? – Nein? Dann werde ich sie Ihnen einmal erzählen. Ich saß auf der Vortreppe meines Hauses in Wynberg und hatte mein Baby auf dem Schoß, als ich Marshalt um das Gebüsch herumkommen sah. Ich war überrascht, daß er zu mir kam – bis ich zwei Detektive hinter ihm bemerkte. Er hatte Angst vor mir, Todesangst! Als ich aufstand und das Kind in die Wiege legte, zog er einen Revolver und schoß. Nachher sagte er, ich hätte zuerst gefeuert, aber das war eine Lüge. Ich hätte überhaupt nicht geschossen, aber seine Kugel traf die Wiege, und ich hörte das Kind schreien. Da erst legte ich auf ihn an, und er wäre ein toter Mann gewesen, wenn ich nicht des Kindes wegen in so große Aufregung geraten wäre. Ich fehlte, und sein zweiter Schuß zerschmetterte mir das Bein. Wußten Sie das?« Martin schüttelte den Kopf. »Ich dachte mir, daß es Ihnen neu sein würde. Das Kind war verwundet – die Kugel fuhr durch den kleinen Zeh des einen Fußes und zerbrach den Knochen – mich wundert nur, daß Ihre Frau Ihnen davon noch nichts gesagt hat –« Martin schwieg. »Meine kleine Dorothy ist nicht tot. Das weiß ich schon seit einiger Zeit, und nun habe ich sie auch mit Hilfe meines Freundes Stormer gefunden.« »Und sie weiß – ?« fragte Martin totenbleich. »Nein, sie weiß es nicht. Sie soll es erst erfahren, wenn meine Aufgabe erledigt ist.« Seine kalten Augen durchdrangen unbarmherzig Martins Gesicht. »Ihre Frau ist meine Tochter, wie? Sagen Sie ihr, sie möchte herkommen und mir ihren linken Fuß zeigen. Sie können Geburtsscheine fälschen, Elton – aha, das saß – aber kleine Fußzehen, die zerschossen wurden, können Sie nicht nachbilden!« Er klingelte. »Bringen Sie den Herrn hinaus«, sagte er, »und wenn Miß Bedford nach Hause kommt, möchte ich sie sofort sprechen...« Eine Viertelstunde später standen sich Dora und Martin im Wohnzimmer gegenüber, und er berichtete ihr das Ergebnis seiner Unterredung mit Torrington. »Vielleicht läßt sich alles noch zu unseren Gunsten verschieben. Er wird zahlen, um sie zurückzubekommen, wenn –« »Wenn -?« »Wenn sie noch lebt«, erwiderte Dora leise, »und wenn inzwischen nichts anderes passiert ist.« 33 Abends um elf erhielt Slick Smith den Besuch einer Dame. Der Hauswirt, der sehr auf guten Ruf hielt, erklärte unmutig, daß er das zu so später Stunde nicht dulden könnte. »Es handelt sich um eine äußerst wichtige Botschaft meines Freundes, Captain Shannon. Vielleicht würden Sie so freundlich sein, mir Ihr Wohnzimmer auf kurze Zeit zur Verfügung zu stellen?« erwiderte Slick. Dazu erklärte sich der Mann bereit. Nach einer Viertelstunde entfernte sich die Dame wieder, und Slick bedankte sich bei dem Wirt. Dann ging er in seine Wohnung hinauf, vertauschte den Frack mit einem Straßenanzug, schlüpfte in einen Flauschmantel und steckte allerhand rätselhafte Gegenstände ein. Die Dame, die ihn besucht hatte, wartete noch vor dem Haus auf ihn, und sie gingen zusammen bis zum Marble Arch. Slick bemerkte sehr wohl, daß der unvermeidliche Mann von Stormer ihm folgte, kümmerte sich aber nicht darum. Er verabschiedete sich von der Dame und fuhr in einer Droschke nach dem Greville-Gebäude, wo der Nachtportier ihn dienstbeflissen empfing und im Lift nach oben fuhr. Slick besaß zur Zeit eine elegante Wohnung im zweiten Stock des Hauses ...   Am selben Abend machte Sergeant Steel seine übliche Runde durch die zahllosen, außerordentlich verschiedenartigen Nachtklubs, die in London seit dem Krieg aus dem Boden geschossen waren. Gegen zwölf kehrte er heim und fühlte schon in der Tasche nach seinem Schlüssel, als ihm ein Mann mit einer Handtasche entgegenkam. Steel war todmüde, aber als er diese Tasche sah, nahm er die Verfolgung sofort auf. Sie war so schwer, daß der Mann sie bald in die eine, bald in die andere Hand nahm. Es war eine lange Jagd, denn der Mann merkte die Gefahr, beschleunigte seine Schritte, huschte bald um diese, bald um jene Ecke und begann schließlich zu laufen. Aber auch Steel hatte flinke Beine und ließ nicht von ihm ab, denn sein Instinkt sagte ihm, daß er diesen Mann stellen müßte. Der Flüchtling wurde immer nervöser, als die Verfolgung andauerte, und als er an einer Straßenecke einen Polizisten stehen sah und Steel dicht hinter sich wußte, zauderte er eine Sekunde, ließ dann die Tasche fallen und eilte blitzschnell davon. In diesem Augenblick erkannte ihn Steel: es war Slick Smith. »Folgen Sie dem Mann«, befahl er dem Polizisten und wandte seine Aufmerksamkeit der Handtasche zu ...   Dick Shannon war beim Auskleiden, als sein Assistent mit leuchtenden Augen ins Zimmer stürzte. »Sehen Sie her!« rief er und öffnete die Tasche mit einem Ruck. Wie versteinert schaute Dick hinein. »Die Diamanten!« flüsterte er. »Slick Smith hatte sie!« fuhr Steel atemlos fort. »Ich sah ihn von weitem und folgte ihm, ohne zu wissen, daß er es war. Er kniff aus, und als ich ihn erreichte, ließ er die Tasche fallen.« »Holen Sie ein Auto!« erwiderte Dick und zog sich schnell wieder an. Fünf Minuten später erschien Steel wieder, und diesmal hatte er die nötigen Vorsichtsmaßnahmen getroffen. Das Auto war von Polizisten umringt. Sie verteilten sich auf den Sitzen und brachten die Diamanten wohlbehalten nach Scotland Yard. Dick kehrte mit Steel dann zum Haymarket zurück. Vor seiner Haustür fand er einen kleinen, schmutzigen Jungen. William stand neben ihm. »Er sagt, er hätte einen Brief für Sie«, meldete der Diener. »Mir wollte er ihn nicht geben.« »Ich bin Captain Shannon«, sagte Dick, aber der kleine Mann schien immer noch abgeneigt, sich von seiner Botschaft zu trennen. »Bringen Sie ihn herein«, befahl Shannon. Im Wohnzimmer zog der Junge endlich einen unsauberen Fetzen Zeitungspapier aus der Tasche. Dick nahm ihn und sah, daß es ein Stück von einem Londoner Morgenblatt war. Die Botschaft war mit Bleistift auf den unbedruckten Rand gekritzelt: »Um Himmels willen, retten Sie mich! Ich bin am Foulds Kai. Der Teufel will mich noch vor morgen früh umbringen. Lacy Marshalt.« »Lacy Marshalt!« schrie Steel. »Großer Gott, das ist doch nicht möglich!« »Woher hast du das?« fragte Dick rasch. »Ein Junge gab es mir in der Spa Road. Er sagte, ein Herr hätte es dicht bei Dockhead durch ein Gitter gesteckt, und ich würde ein Pfund kriegen, wenn ich es Captain Shannon brächte.« »Warum kam er denn nicht selbst damit her?« Der Bursche grinste. »Weil er Sie kennt!« »Weißt du, wo Foulds Kai ist?« »Ja, ich hab' oft dort geangelt.« »Gut, dann kannst du uns den Weg zeigen. William, holen Sie den Wagen heraus. Setzen Sie den Bengel neben sich, und desinfizieren Sie ihn! Hier hast du dein Geld.« Sie fuhren bei Scotland Yard vor, um ein paar Beamte mitzunehmen, und hielten an der London Bridge an, wo sie einen Distriktssergeanten vorfanden, der am Fluß Bescheid wußte. Dann wurde der Junge entlassen. Kurz darauf sahen sie das glitzernde Wasser der Themse. »Nach rechts«, sagte der Sergeant. Sie betraten einen Pfahlrost, auf dem Dicks Schritte hohl und dumpf tönten, als er darauf entlangging und ins Wasser hinunterschaute. »Niemand zu sehen. Wir müssen ins Lagergebäude hinein.« »Hilfe!« Die Stimme klang schwach, aber Dick hörte sie und hob die Hand. Einen Augenblick standen alle reglos und lauschten, dann hörten sie das leise Wimmern wieder: »Hilfe! Um Himmels willen, Hilfe!« Dick beugte sich über das Wasser hinab. Die Flut stieg, und etwas weiter nach rechts lag ein Boot. Vorsichtig tastete er sich hin und sprang hinein. »Hilfe!« Jetzt klang die Stimme näher. »Wo sind Sie?« schrie Dick. »Hier!« Es war Marshalts Stimme! Da keine Ruder vorhanden waren, zog sich Dick, nachdem er das Boot losgemacht hatte, mit den Händen an den Planken entlang, bis er die Stelle erreichte, von der der Ruf gekommen war. Mit seiner Taschenlampe leuchtete er umher, und wenige Sekunden später fiel ihr Schein auf Marshalts Gesicht. Der Mann stand bis über die Schultern im Wasser, und seine über den Kopf emporgereckten Hände waren an einem Pfahl festgebunden. »Machen Sie das Licht aus – sonst faßt er Sie!« schrie er. Dick folgte der Aufforderung, und im selben Augenblick knallten zwei Schüsse. Sein Hut flog davon, und er fühlte einen brennenden Schmerz am linken Ohr. Rasch paddelte er das Boot mit den Händen zurück und holte Steel. »Holen Sie Ihren Revolver heraus und machen Sie Licht«, sagte er, während er das Boot wieder durch das Labyrinth der faulenden Pfähle steuerte. »Und schießen Sie, sobald Sie einen Kopf sehen!« Drei Minuten später war Marshalt aus seiner furchtbaren Lage befreit und sank keuchend auf dem Boden des Bootes nieder. So schnell als möglich brachten sie ihn zur nächsten Polizeiwache, wo er nach einem heißen Bad und in geborgten Kleidern etwas mehr zu sich kam. Er zitterte allerdings noch wie Espenlaub. Dick hatte inzwischen mit einigen Leuten das Lagerhaus durchsucht, ohne etwas anderes zu finden als eine der grünen Patronenschachteln, die er in Marshalts Vorratszimmer gesehen hatte. Marshalt selbst wußte nicht viel zu erzählen, als Dick erschien. »Es war dumm von mir, in die Falle zu gehen, als Tonger mir den Brief brachte«, begann er. »Den Brief einer Dame, die mir schrieb, daß ich sie dort treffen würde. Sie können Tonger fragen.« »Ich fürchte, er kann uns nichts mehr sagen«, warf Dick ein. »Wie? Er ist doch nicht –« »Eine Stunde, nachdem man Sie überfallen hatte, fand man ihn – erschossen auf.« »Großer Gott!« erwiderte Marshalt tonlos und schwieg eine Weile. »Ich weiß selbst nicht, wie ich dazu kam«, fuhr er dann mit einem Seufzer fort, »aber ehe ich hinüberging, zog ich eine kugelfeste Weste an – ein unbequemes Kleidungsstück, das ich während des Kriegs im Balkan getragen hatte, als ich dort in Geschäften herumreiste. Sie rettete mir tatsächlich das Leben. Ich ging ohne Mantel nach Nr. 551 hinüber und wurde auch gleich eingelassen, nachdem ich geklopft hatte. Als eine Stimme von oben mich aufforderte, hinzukommen, folgte ich der Einladung natürlich und stand plötzlich einem offenbar verkleideten Mann gegenüber. ›Nun hab ich dich!‹ rief er lachend und richtete den Revolver auf mich. Der Schuß war das Letzte, was ich hörte, bevor ich wieder zu mir kam. Auch was nachher mit mir geschah, weiß ich nicht recht. Ich muß wohl viel geschlafen haben, und ein paarmal kam der alte Mann und bohrte mir eine Nadel in den Arm ...« Er lehnte sich matt zurück. »Und das Weitere wissen Sie ja bereits.« Dick nickte. »Nur eins, Marshalt! Gibt es einen Durchgang oder eine Tür, die das Malpas'sche Haus mit dem Ihrigen verbindet?« »Meines Wissens nicht.« »Und Sie behaupten, Malpas nicht wiedererkannt zu haben? Sie müssen doch irgendeinen Gedanken – oder wenigstens eine Ahnung über seine Persönlichkeit haben?« Marshalt zögerte einen Augenblick. »Sie werden es vielleicht phantastisch finden«, meinte er dann, »aber es kommt mir so vor, als ob – als ob Malpas eine Frau wäre.« 34 Audrey hatte einen fürchterlichen Traum. Es war ihr, als ob sie auf der Kante eines hohen, schmalen Turmes läge, der dauernd hin- und herschwankte. Außerdem quälten sie entsetzliche Kopfschmerzen. Sie fühlte ein dunkles Verlangen nach einer Tasse Tee und streckte die Hand nach der Klingel aus, aber sie griff ins Leere, und nach einiger Zeit wurde ihr klar, daß sie auf einer Matratze am Boden lag, denn ihre tastende Hand berührte den Fußboden. Es war stockdunkel, und sie war sehr durstig. Die Zunge klebte ihr am Gaumen. Schließlich erhob sie sich langsam und unsicher, mußte sich aber an die Wand stützen, um nicht umzusinken. Sie suchte nach einer Tür, fand auch eine und öffnete sie. Sie hatte die unklare Empfindung, daß sie einen langen Gang vor sich hätte, an dessen Ende ein Deckenlicht brannte. Sie ging darauf zu und entdeckte in einem kleinen Raum eine Wascheinrichtung, wo sie sich erfrischen konnte. Sie wusch das Gesicht und trank nachher von dem Wasser, indem sie die Hände als Becher benützte. Dann ließ sie sich auf einer Fensterbank nieder und versuchte nachzudenken. Mühsam ging sie Schritt für Schritt in ihrer Erinnerung rückwärts, und plötzlich entsann sie sich des Sektes, der so abscheulich geschmeckt hatte ... Dora! Sie stand immer noch unter dem Einfluß des Betäubungsmittels, aber allmählich drang doch zu ihrem Bewußtsein durch, warum es so dunkel war. Sämtliche Fenster waren durch schwere Läden verschlossen. Vergeblich suchte sie die fest eingerammten eisernen Riegel zu bewegen. Die Anstrengung erschöpfte nur ihre schwachen Kräfte, und sie sank ohnmächtig' zu Boden. Als sie wieder zu sich kam, war sie erfroren und steif, aber die Kopfschmerzen hatten bedeutend nachgelassen. Sie trank noch etwas Wasser und kehrte dann in das Zimmer zurück, in dem sie erwacht war. Nach einigem Suchen gelang es ihr, dort Licht zu machen, und nun sah sie, daß die Einrichtung des Raumes nur aus der Matratze und einem zerbrochenen Stuhl bestand. Unter Aufbietung ihrer ganzen Kraft riß sie eine starke Stange von der Lehne ab, um sie im Notfall als Waffe zu benützen. Dann sank sie erschöpft auf die Matratze nieder und fiel sofort in tiefen Schlaf. Nach einer Weile erwachte sie wieder und richtete sich auf, denn sie hatte jemand sprechen hören. Lautlos schlich sie den Gang hinab bis zu der verschlossenen Tür und lauschte. Die Stimme kam von unten, und als sie sie erkannte, wäre sie beinahe in Ohnmacht gefallen. Es war Lacy Marshalt! Zitternd kauerte sie sich nieder und schaute durch das Schlüsselloch. Draußen war es hell, und sie bemerkte die Gestalt eines Mannes. »Hier irgendwo muß es sein!« sagte Marshalt eben wieder. Der Mann draußen schien ebenso angestrengt zu horchen wie sie selbst. Plötzlich drehte er sich um, und sie sah die große Nase, das lange Kinn – Malpas! Mit wankenden Knien flüchtete sie in das Zimmer zurück. Ein furchtbares Grauen hatte sie gepackt und raubte ihr fast den Verstand. Nach wenigen Sekunden klopfte es leise an die Flurtür. Mit angehaltenem Atem starrte sie auf die Tür. Noch zweimal klopfte es, dann wurde es wieder totenstill. Audrey wagte nicht, sich zu rühren. Endlich knirschte ein Schlüssel, es raschelte, dann fiel die Tür wieder zu. Audreys Herz schlug rasend, als sie sich nach einer Weile auf den Gang hinauswagte. Aber dann wäre sie vor Freude fast in Tränen ausgebrochen. Auf dem Fußboden stand ein Tablett mit heißem Kaffee, Brötchen, Butter und kaltem Fleisch, Nachdem sie gierig gegessen und getrunken hatte, klärten sich ihre Gedanken, und sie begann zu überlegen. Was konnte Dora nur veranlaßt haben, sie hier im Haus von Malpas gefangenzuhalten? Sie drehte alle Lichtschalter an, die sie finden konnte, und öffnete auch den Wasserhahn wieder. Die Helligkeit und das plätschernde Wasser übten eine beruhigende Wirkung auf sie aus. Ab und zu ging sie an die Flurtür, aber draußen herrschte tiefe Stille. Erst als sie zum siebtenmal hinaustrat, hörte sie jemand die Treppe herabkommen. Rasch kniete sie nieder und schaute durch das Schlüsselloch. Eine dunkle Gestalt glitt an der Tür vorüber und hielt auf dem breiten Treppenpodest an. Nun sah sie den Mann deutlich. Er trug einen langen Mantel und einen Schlapphut. Jetzt streckte er die Hand aus, und ein Teil der Wand öffnete sich – eine etwa sechs Zoll große Tür, die so gut durch die Tapete verdeckt war, daß nicht einmal Shannons geübtes Auge sie entdeckt hatte. Er griff mit der Hand hinein, eine blaue Flamme zuckte auf, und das Licht im Flur erlosch. Dann kam er auf die Tür zu. Audrey sah, wie das Ende des Schlüssels in das Loch fuhr, wandte sich mit einem entsetzten Schrei um, rannte in ihr Zimmer zurück, schlug die Tür fest zu und lehnte sich mit dem Rücken dagegen ... » Die Flurtür öffnete sich ... 35 Um vier Uhr morgens kehrte Dick nach Hause zurück, nachdem er Marshalt zu seiner Wohnung begleitet und sich an Stanfords Verlegenheit über diese unvermutete Auferstehung ergötzt hatte. In seinem Arbeitszimmer fand er zwei Herren: den übermüdeten, aber ausdauernden Willitt und – »Mr. Torrington! Sie sind hier?« Der Mann war vollständig verwandelt. Es war nichts mehr von dem leicht spöttischen Ton zu hören, in dem er sonst so gern sprach. »Ich warte sehnsüchtig auf Sie, Captain! Meine Tochter ist verschwunden –« »Ihre -?« »Meine Tochter – Audrey. Ach, Sie wissen wohl nicht, daß sie meine Tochter aus zweiter Ehe ist?« Dick starrte ihn entgeistert an. »Audrey – verschwunden?« »Gestern abend ging sie aus und kam nicht zurück. Ich sagte ihr, sie solle den Abend nach ihrem Belieben verbringen, weil ich eine Verabredung mit Elton hatte.« Er berichtete in kurzen Zügen über die Besprechung, die er mit Martin gehabt hatte, »Natürlich waren mir alle Tatsachen bekannt, und er war noch nicht zu Ende, als ich seine Absicht längst durchschaut hatte. Ich gab Auftrag, Audrey gleich nach ihrer Rückkehr zu mir zu bitten. Um elf war sie noch nicht zurück, und als ich um Mitternacht nach ihr fragen ließ, war sie auch noch nicht da. Nun weiß ich ja, daß junge Mädchen heutzutage bis in die späte Nacht hinein unterwegs sind, und machte mir keine Sorgen, bis es eins und schließlich zwei wurde. Dann rief ich Scotland Yard an, und als sie dort nichts von Ihnen wußten, konnte ich es nicht länger aushalten und kam hierher.« »Wohin wollte sie denn gehen?« fragte Dick schnell. »Ich weiß es nicht, und im Hotel hat sie auch nichts davon erwähnt.« »Wir müssen in ihren Zimmern nachsehen«, erwiderte Dick und fuhr mit Torrington zu dem Ritz- Carlton zurück. In Audreys Papierkorb fand er einen zerrissenen Brief, den er wieder zusammensetzte und las. »Ich muß zu Elton«, sagte er dann kurz. »Sie brauchen nicht mitzukommen.« Es dauerte ziemlich lange, bis Martin herunterkam. Er trug einen Schlafrock, aber Spuren von Zigarrenasche über einem Knopf verrieten, daß er nicht aus dem Bett aufgestanden war. »Ist Ihre Frau auf? Ich muß Sie beide sprechen«, sagte Dick in befehlendem Ton. Einige Minuten später erschien Dora. »Sie wünschen mich zu sprechen, Captain Shannon?« »Ich will wissen, wo Audrey Torrington ist.« »Das weiß ich nicht –« begann sie. »Hören Sie zu, Mrs. Elton. Ihre Schwester kam auf Ihre Einladung hin zu Ihnen. Sie ist gegen sechs hier eingetroffen ...« Er unterbrach sich. »Rufen Sie Ihr Mädchen!« Dora machte allerhand Einwendungen, aber Dick war unerbittlich, so daß Martin sich schließlich bequemte, hinaufzugehen und sie zu rufen. Zu seiner Verwunderung kam das Mädchen sofort vollständig angekleidet und in Hut und Mantel heraus. »Nanu!« rief er verwundert, faßte sich aber sofort wieder. »Captain Shannon wünscht Sie zu sprechen. Er fragt nach der Schwester meiner Frau. Sie hat ja gestern abend hier gegessen. Sagen Sie ihm doch, daß Sie die ganze Zeit im Haus waren und gesehen haben, wie sie fortging.« Sie folgte ihm schweigend. »Weshalb sind Sie denn angezogen?« rief Dora ärgerlich, als das Mädchen eintrat. Aber Shannon fiel ihr ins Wort. »Bitte, beantworten Sie erst meine Fragen. Miß Audrey Torrington, die Sie als Miß Bedford kennen, war gestern zu Tisch hier?« »Ich glaube, ja. Ich war nicht zu Hause, als sie kam, und ich habe sie auch nicht fortgehen sehen. Mrs. Elton schenkte mir ein Theaterbillett und entließ die Köchin, so daß nur drei Menschen im Hause waren: Mr. und Mrs. Elton und Miß Bedford.« »Ich war nicht hier!« warf Martin ein. »Ich war im Klub.« »Sie waren oben, aber hier im Haus«, erwiderte das Mädchen gelassen. »Ich habe Miß Bedford nicht fortgehen sehen, weil ich am anderen Ende der Straße mit einem unserer Leute sprach. Ich sah eine Droschke wegfahren, und als ich dann nach Hause kam, war Miß Bedford wohl wirklich fort.« »Einer von Ihren Leuten –? Wie soll ich das verstehen?« fragte Dick. Sie zog einen kleinen silbernen Stern aus der Tasche. »Ich bin bei Stormer angestellt, ebenso wie das letzte Mädchen Mrs. Eltons. Ich erwartete Sie schon, aber ich kann Ihnen nur eins sagen: hier im Haus ist Miß Bedford nicht. Ich habe es bereits bis auf den letzten Winkel durchsucht. Als ich den Ecktisch abräumte, habe ich den Weinrest aus Miß Bedfords Glas in dieses Fläschchen geschüttet.« Sie reichte Dick eine kleine Medizinflasche. »Und dies fand ich nachher in Mrs. Eltons Schmuckkasten.« Dora griff blitzschnell nach der blauen Phiole, aber das Mädchen war auf der Hut und legte sie in Dicks ausgestreckte Hand. »Es riecht nach Butyl«, sagte sie. »Sie hören, was diese Dame aussagt, Elton. Wo ist Audrey?« fragte Dick mit gefährlicher Ruhe. »Wenn Sie das wissen wollen, müssen Sie dafür zahlen«, erwiderte Martin. »Nein, nicht Geld! Aber ich verlange vierundzwanzig Stunden für Dora und. mich, um England verlassen zu können. Wenn Sie mir das gewähren, will ich Ihnen sagen, wo sie ist. Und ich rate Ihnen, auf die Bedingung einzugehen, Shannon. Sie ist in größerer Gefahr, als Sie ahnen. Versprechen Sie es mir?« »Ich verspreche nichts. Sie entkommen lassen? Nein! Nicht einmal, wenn Audreys Leben auf dem Spiel stände. Wo ist sie?« »Bringen Sie das doch selbst heraus!« rief Dora höhnisch. Dick sagte kein Wort, zog ein Paar Handschellen aus der Hüfttasche und legte sie um Martins Handgelenke. Elton leistete keinen Widerstand, aber sein Gesicht wurde plötzlich grau und alt. Im nächsten Augenblick war auch seine Frau gefesselt. Als Dick die beiden nach der Polizeiwache gebracht hatte, wandte er sich noch einmal an die Agentin Stormers. »Haben die zwei kürzlich Besuch gehabt?« »Ja, Stanford war bei ihnen, und sie zankten sich.« »Glauben Sie, daß Stanford damit zu tun haben könnte?« »Ich weiß nicht recht. Gute Freunde scheinen sie nicht zu sein.« »Hm! Als ich ihn diese Nacht sah, schien er mir jedenfalls nichts auf dem Gewissen zu haben«, meinte Dick und reichte ihr zum Abschied die Hand. Dann ging er aber doch zum Portman Square, wo er lange klopfen und schellen mußte, bis Stanford schließlich in Person erschien und ihm aufmachte. Beim Anblick des Detektivs schrak er leicht zusammen. »Wo ist Miß Bedford?« fragte Dick laut und schroff. »Überlegen Sie Ihre Antwort; Stanford! Eltons sitzen bereits im Loch, und für Sie ist auch noch in der Zelle Platz!« Der Mann starrte ihn wie betäubt an und suchte nach Worten. »Was ist denn mit Audrey Bedford?« erwiderte er schließlich mit stockender Stimme. »Und wie soll ich etwas über sie wissen? Ich war den ganzen Abend hier. Sie haben mich doch selbst gesehen. Und mit Elton hab' ich mich überworfen...« »Wer ist da?« ertönte eine Stimme von oben, und gleich darauf kam Marshalt im Schlafrock die Treppe herunter. »Audrey Bedford ist verschwunden«, entgegnete Dick. »Sie scheint betäubt und entführt worden zu sein, und ich habe Grund zu der Annahme, daß Stanford von der Sache weiß.« Die drei Männer gingen zusammen nach oben, aber Stanford leugnete beharrlich. »Ich kann Sie auch abgesehen von dieser Geschichte festnehmen!« drohte ihm Dick. »Sie haben den Lederbeutel gekauft, in dem die verschwundenen Diamanten lagen. Der Kaufmann Waller in der Regent Street hat das ausgesagt. Nun, wollen Sie jetzt sprechen?« Marshalt machte ein erstauntes Gesicht. »Antworten Sie jetzt, Stanford!« »Ich habe nichts zu sagen. Was Sie da von dem Beutel erzählen, ist einfach Blech!« »Kennen Sie Slick Smith?« »Gesehen hab ich ihn mal.« »Nun, wenn ich Sie brauche, werde ich Sie schon finden, und wenn es sich herausstellt, daß Sie an dieser Entführung beteiligt sind, sollen Sie es bitter bereuen!« Trotz der kurzen Entfernung schlief Dick zwischen dem Portman Square und dem Ritz-Carlton fest ein und mußte von dem Chauffeur geweckt werden. »Sie sind ja vollständig fertig!« sagte Torrington teilnahmsvoll, als er ihn sah. Gegen fünf Uhr kehrte Dick völlig erschöpft heim, schlief ein paar Stunden wie ein Toter und ging dann um neun wieder zum Portman Square. Seine Autodroschke war kaum um die Ecke gebogen, als aus einem gegenüberliegenden Portal Slick Smith heraustrat. Er mußte sehr vorsichtig sein, denn er wußte, daß sämtliche Polizisten Londons nach ihm Ausschau hielten. Aber er hatte Glück, denn eben kam ein Mietauto vorüber, und im nächsten Augenblick befand er sich auf Dicks Fährte. Sobald er sich davon überzeugt hatte, daß der Detektiv einen Besuch bei Marshalt machen wollte, stieg er aus und entließ den Chauffeur. Zwei Minuten später schlüpfte ein untersetzter Mann in das Hoftor des Malpas'schen Hauses, ohne daß die in der Hintergasse beschäftigten Kutscher und Chauffeure ihm irgendwelche Beachtung schenkten. Unterdessen ersuchte der Detektiv Mr. Marshalt, mit ihm zu Malpas zu gehen und ihm an Ort und Stelle zu schildern, was ihm dort zugestoßen war. Dick hatte einen Schlüssel, und als sie eingetreten waren, schob er einen in der Halle liegenden Holzklotz mit dem Fuß unter die Haustür, um sie offenzuhalten. Oben bat er Marshalt, sich dorthin zu stellen, wo ihn der Schuß getroffen hatte. Lacy ging auf die verhängte Nische zu. »Hier stand Malpas, und ich stand dort, wo Sie jetzt stehen«, sagte er. Im selben Augenblick fiel die Tür krachend ins Schloß. »Was ist das?« rief Lacy. Dick versuchte, die Tür zu öffnen, aber es gelang ihm nicht. »Wo ist Stanford?« fragte er. »Irgendwo in meiner Wohnung. Wer hat denn das getan?« »Das werde ich heute noch feststellen, und Sie sollen mir dabei helfen. Ah, da geht sie schon wieder auf!« Sie gingen ins Treppenhaus hinaus und schauten über das Geländer nach unten, aber es war nichts zu sehen. Als sie ins Zimmer zurückkehrten, zog Dick den Vorhang im Alkoven beiseite, fuhr aber mit einem Schrei zurück. Auf dem schwarzen Marmorsockel lag mit schlaff herabhängendem Kopf – Bill Stanford! Dick neigte sich über ihn. »Er ist nicht tot, aber es ist höchste Zeit, ihm zu helfen«, sagte er hastig. Marshalt eilte in sein Haus zurück, um die Unfallstation anzurufen. Dick untersuchte inzwischen den Unglücklichen und entdeckte drei Schußwunden: eine an der Schulter, eine dicht unter dem Herzen und die dritte am Hals. Der ganze Sockel war mit Blut überströmt, und Dick bemühte sich, den Bluterguß aus der Schulter zu stillen, als die schrille Klingel des Krankenwagens ertönte. Sanitäter kamen herauf und hoben den Bewußtlosen auf eine Bahre. »Wie ist das nur zugegangen?« fragte Marshalt düster. »Ich verließ ihn in einer Vorratskammer, wo ich allerlei Sachen aufbewahre. Wir hatten einen Wortwechsel, weil er meiner Meinung nach etwas über Audreys Verschwinden weiß, und er sagte, er würde das Haus verlassen. Sicher ist er dort umgebracht worden, nachdem wir fortgegangen waren.« »Haben Sie bemerkt, daß er keinen Kragen und Schlips trug?« fragte Dick nachdenklich. »Ja, das fiel mir auch auf. Vorher hatte er beides an.« »Zeigen Sie mir doch einmal, wo er war«, erwiderte Dick. Die beiden gingen nach Lacys Haus zurück. In der Vorratskammer waren Stanfords Kragen und Schlips über einem Zapfen aufgehängt. Sonst konnte Dick nichts Auffälliges bemerken. Die Dienstmädchen sagten aus, daß sie Stanford kurz vor Dicks Ankunft in der Vorratskammer gesehen hätten. Auch eine Untersuchung von Stanfords bescheidenem Gepäck führte zu keinem Ergebnis. 36 Nachdem Shannon bitter enttäuscht gegangen war, saß Marshalt noch lange Zeit mit aufgestütztem Kopf an seinem Schreibtisch. Schließlich klingelte er und erklärte den beiden noch im Haus befindlichen Mädchen, daß er seinen Haushalt auflösen müsse, weil er England zu verlassen gedenke. Er zahlte ihnen ihren Lohn aus und beobachtete von der Treppe aus, wie sie sich mit ihrem Gepäck entfernten. Er verschloß und verriegelte die Haustür sorgfältig und kehrte dann in sein Arbeitszimmer zurück. Eine halbe Stunde später weckten ihn heftiges Klingeln und Klopfen an der Haustür aus seinen Grübeleien. Vorsichtig schaute er durch das Fenster nach unten und sah auf den Stufen vor der Haustür Martin und Dora Elton. Auch Torrington war bei ihnen. Er erkannte ihn sofort wieder, obwohl er ihn seit langen Jahren nicht gesehen hatte. Und hinter diesen dreien standen ein Polizeiinspektor und vier Kriminalbeamte in Zivil. Marshalt nahm einen Pfriemen und einen flachen Griff aus der Tasche und befestigte sie aneinander. Dann ging er auf den Kamin zu und steckte den Pfriemen tief in das Schnitzwerk des Gesimses. Sein Handgelenk bewegte sich, und der ganze Kamin drehte sich plötzlich lautlos um einen verborgenen Zapfen. Zu seiner Rechten befand sich das große Götzenbild, zu seiner Linken der umgedrehte Kamin. Nun öffnete er eine Schublade in seinem Schreibtisch, zog unter einem falschen Boden eine Schachtel hervor und machte sich eine Weile mit dem Inhalt zu schaffen. Eine Perücke, eine Hängenase, ein langes, spitzes Kinn wurden mit wenigen geschickten Griffen befestigt. Dann trat er in den halbkreisförmigen Kaminvorsatz und drehte den Pfriemen wieder, diesmal nach der andren Seite. Als Wand und Kamin herumschwangen, stemmte er den Fuß auf, um einen heftigen Stoß zu verhüten. Der ungeschickte Tonger hatte das einmal versäumt, so daß eine glühende Kohle in Malpas Zimmer geflogen war. Wieder trat der Pfriemen in Tätigkeit, und der Kamin schwang zurück. Marshalt nahm das Instrument auseinander und legte die beiden Teile in seine Geldbörse. Dann stieg er langsam die Treppe hinauf. Audrey war da. Nur widerstrebend hatte Stanford es eingestanden. Und nun würde dieses Trauerspiel, das ihm sein Vermögen und beinahe auch sein Leben gekostet hätte, bei Audrey enden – bei der es begonnen hatte. Seine Lippen verzogen sich langsam zu einem Lächeln, das auf seinem Gesicht zu gefrieren schien. Aber plötzlich verjagte ein Gedanke das Lächeln. Wie kam es, daß sich die Tür geschlossen und geöffnet hatte, während er mit Shannon in dem Zimmer stand? Hatte das eine besondere Ursache? Schließlich zuckte er die Schultern. Das Wetter und tausend andere Dinge konnten auf die elektrische Verbindung einwirken ... Nun lauschte er vor der Tür, hörte leichte Schritte im Gang und lächelte wieder. Er öffnete das Schränkchen an der Treppe, legte einen Hebel um und wußte, daß es drinnen dunkel sein würde, wenn er nach seiner Beute suchte. Als er den Schlüssel umdrehte, hörte er, wie Audrey den Gang entlang lief und die Tür zuschlug. Sie war da – er fühlte es! »Komm her, mein Schatz! Diesmal entwischst du mir nicht wieder!« Er hörte etwas huschen und versperrte die Tür mit beiden Armen. »Dein Liebhaber, der blöde Shannon, und seine Kumpane stehen unten! Dein Vater ist auch dabei! Du wußtest wohl gar nicht, daß du einen Vater hast? Er wird dich zu sehen bekommen – nachher!« Plötzlich sprang er zu und packte einen Arm, aber es war nicht der Arm, den er erwartet hatte. Und jetzt zuckte vor ihm ein seltsamer, schauerlich grüner Lichtschein auf. Er gewahrte sein eigenes Gesicht – Nase, Kinn, Kopf! Ein anderer – grauenhafter, ungeheuerlicher Malpas hielt ihn fest. »Gott, was ist das?« schrie er entsetzt und versuchte, sich freizumachen. »Kommen Sie mit!« sagte eine hohle Stimme. Mit einem wilden Schrei schlug Lacy zu und ergriff die Flucht. Im gleichen Augenblick flammte das Licht auf, und als er sich umwandte, erblickte er sein Ebenbild – Malpas! Aber er selbst war doch Malpas! »Zur Hölle mit dir!« keuchte er und zog den Revolver. Er feuerte einmal – zweimal – »Sparen Sie sich die Mühe, mein Freund!« sagte sein Doppelgänger. »Die Patronen sind blind – ich habe sie ausgewechselt.« Wütend schleuderte Lacy ihm die Waffe ins Gesicht. Der Mann duckte sich, und im nächsten Moment sprang er Marshalt an die Kehle. Und irgendwo im Dunkeln stand Audrey und krampfte in Todesangst die Hände ineinander. 37 Unterdessen hatte sich auch Dick vor Marshalts Haus eingefunden, und da alles Klopfen kein Gehör fand, verschafften sich die Leute eine kurze Brechstange, der das Schloß zu weichen begann. »Sie ist hier – ganz sicher?« Martin nickte. »Stanford nahm sie gestern abend mit und sagte, er wollte sie in das Haus von Malpas bringen.« Die Tür von Nr. 551 hatte Dick schon zu öffnen versucht, aber sie war elektrisch gesperrt. Sobald das Schloß nachgab, stürmte Dick als erster ins Haus und eilte geradenwegs zu dem Arbeitszimmer hinauf. Er wußte jetzt, daß der Weg nur durch den Kamin gehen konnte. Das Loch war denn auch bald gefunden, und sobald sich Tongers selbstgefertigter Pfriemen darin drehte, schwang der Kamin herum und gab den Blick in Malpas Zimmer frei. »Rühren Sie den Griff nicht an!« rief er warnend, stellte rasch die elektrischen Sperrhebel ab und rannte durch die offene Tür, als er zwei Schüsse vernahm. Totenbleich hielt er eine Sekunde an, aber dann stürzte er um so schneller vorwärts. Als er die Tür erreichte, kamen zwei Männer heraus – zwei Männer, die einander so vollkommen glichen, daß er fast die Fassung verlor. »Hier ist der Schurke«, sagte der kleinere und übergab seinen mit Handschellen gefesselten Gefangenen den wartenden Polizisten. Dann riß er mit einem Ruck Nase, Kinn und Perücke ab. »Ich glaube, Sie kennen mich?« »Ja, sehr gut«, erwiderte Dick. »Sie sind Slick Stornier – oder, wenn Sie das lieber hören – Slick Smith.« »Wann erkannten Sie mich?« Dick lächelte. »Das müßte ein so kluger Detektiv wie Sie doch wissen!« Dann entdeckte er jemand auf dem Gang, der sich ängstlich fernhielt. Er stürzte auf Audrey zu und zog sie in die Arme. Slick warf einen Blick auf sie und wandte sich dann an Torrington. »Ich kann mir denken, daß Sie Ihre Tochter gern begrüßen möchten, und sie wird sich sicher auch freuen, Sie zu sehen, aber ich glaube, den Herrn kennt sie besser als Sie.« Torrington nickte stumm.   »Wie Sie mich hier eigentlich einschätzten, war mir nie ganz klar«, sagte Slick Smith, als er abends als liebenswürdiger Gastgeber an einer herrlich geschmückten Tafel präsidierte. »Ich übernahm diesen Auftrag vor nunmehr neunzehn Monaten, als mich Mr. Torrington ins Vertrauen zog und mich ersuchte, Nachforschungen nach seiner Frau und seiner angeblich gestorbenen Tochter anzustellen. Was er mir bei der Gelegenheit von Lacy Marshalt erzählte, interessierte mich nicht nur als Detektiv, sondern auch als Mensch. Nun weiß ich, daß Privatdetektive hierzulande nicht sehr angesehen sind, und teilte deshalb Captain Shannon in meiner Eigenschaft als Mr. Stormer mit, daß ein notorischer amerikanischer Dieb in England eintreffen werde. Ich fügte eine genaue Personalbeschreibung bei und erreichte, was ich wollte. Gleich bei seiner Ankunft wurde ›Slick Smith‹ gewarnt und von diesem Augenblick an dauernd beobachtet. Nun habe ich es mir zur Regel gemacht, daß mich nur drei oder vier meiner Angestellten persönlich kennen dürfen. Das hat für mich den Vorteil, daß diese drei oder vier mich identifizieren können, es aber nicht tun. Ferner konnte ich immer einen von ihnen in meiner Nähe haben, ohne irgendwelchen Argwohn bei meinen Bekannten in der Verbrecherwelt zu erregen. Sie werden sich erinnern, daß mir beständig ein Stormerscher Agent folgte. Ich war auch beauftragt worden, das Verschwinden eines Diamantenvorrats aufzuklären, der aus Torringtons Minen entwendet und nach Ansicht der dortigen Polizei nach England gebracht worden war. In Afrika ist es bekanntlich strafbar, ungeschliffene Diamanten zu besitzen, wenn man sich nicht darüber ausweisen kann. Lacy Marshalt betrieb einen solchen strafbaren Handel seit Jahren und hatte einen regelmäßigen Kurierdienst eingerichtet, um die Steine herüberzuschaffen. Unter verschiedenen Namen hatte er zwei Häuser am Portman Square gekauft und Nr. 551 durch eine italienische Firma mit ungemein klug erfundenen elektrischen Einrichtungen versehen lassen. Lacy ist selbst ein sehr geschickter Mechaniker, und der Kamin und das Götzenbild waren für ihn eine Arbeit, die ihm Freude machte. Den Götzen kaufte er in Durban. Ich stellte das vor ungefähr einem Jahr fest und kannte auch den Mechanismus genau. Aber die Drehzapfenöffnung war Marshalts eigene Erfindung. Die tragische Gestalt in der Geschichte ist Tonger. Marshalt hatte ein Verhältnis mit seiner Tochter angefangen, und als Tonger davon erfuhr, bewog Marshalt das Mädchen, die Schuld auf Torrington zu schieben, und schaffte sie rasch nach New York hinüber. Unter der Bedingung, daß sie das Geheimnis bewahrte und regelmäßig zufriedene Briefe an ihren Vater schrieb, zahlte er ihr monatlich eine angemessene Summe für ihren Unterhalt. Aber sie geriet in schlechte Gesellschaft, begann zu trinken, und kam schließlich in einem Anfall von Verzweiflung nach London. Sie war es, die damals in betrunkenem Zustand zu ihrem Vater flüchtete, als Sie vorüberkamen, Miß Audrey, und sie war es auch, die Sie später im Park tot auffanden. Obwohl Tonger es verheimlichen wollte, entdeckte Marshalt doch, daß sie sich im Haus aufhielt, und in seiner Angst, daß die Wahrheit ans Licht kommen könnte, beschloß er, die Unglückliche aus dem Weg zu räumen. Um sein Vorhaben ausführen zu können, schickte er Tonger unter einem nichtigen Vorwand nach Paris. Er gab dann dem Mädchen eine Flasche mit vergiftetem Kognak und sagte ihr, sie möchte nach dem Park gehen und dort auf ihn warten. Der Plan war geschickt ausgedacht, aber das Unglück wollte es, daß Tonger noch an demselben Abend von dem Tod seiner Tochter erfuhr – und zwar gerade in dem Augenblick, als Marshalt im Nebenhaus auf Miß Audrey wartete. Tonger geriet außer sich, stürzte durch den Kamin in Malpas Zimmer und forderte Rechenschaft von Marshalt. Er gab zwei Schüsse auf ihn ab und hielt ihn für tot, denn er wußte nichts von der kugelfesten Weste. Als Tonger dann nach Nr. 552 zurückkehrte, kam Marshalt wieder zu sich, folgte ihm, schoß ihn nieder und ergriff die Flucht. Vorsichtshalber hatte er für ein Versteck gesorgt. Unter dem Namen eines Rechtsanwalts Crewe hatte er eine prachtvolle Wohnung in den Greville-Gebäuden gemietet, was mir längst bekannt war, da ich nebenan wohnte. Dorthin ging er an jenem Abend, um sich etwas zu stärken und zu erholen, und kehrte dann zurück, um die Diamanten an sich zu nehmen. Das weiß ich, weil ich ihn gesehen habe.« »War es etwa Ihr Gesicht, das ich in jener Nacht durch das Oberlicht sah?« fragte Dick gespannt. »Natürlich!« erwiderte Stormer lachend. »Der Mann auf dem Dach hatte mich selbstverständlich auch gesehen, aber er durfte nichts davon sagen. Klettern ist immer meine Spezialität gewesen, obwohl mir Martin Elton darin noch überlegen ist. Der kam nämlich ohne Strick hinauf. Marshalt war verzweifelt, als sein Diamantenversteck entdeckt wurde, und mit Hilfe Stanfords, den er zu dem Zweck in das Geheimnis einweihen mußte, leerte er das Götzenbild gewissermaßen vor Ihren Augen. Aber Stanford war ungeschickt, und als die Steine in den Beutel gepackt waren, probierte er an dem Mechanismus herum. Das hatte zur Folge, daß der Götze ins Zimmer zurückgedreht wurde. Dabei hatte er das Licht abgestellt und muß den Beutel wohl in seiner Angst aus der Hand gelegt haben, denn der Götze nahm den Beutel mit, als er sich wieder drehte.« »Woran verbrannte ich mir denn eigentlich die Hand?« fragte Steel. »Am Kamin. Sie berührten die heißen Eisenstangen des Rosts, aus dem die Kohlen eben erst herausgenommen worden waren. Stanford brach dann bei Shannon ein und raubte die Steine, während Marshalt den kleinen Autozwischenfall in Szene setzte. Stanford hatte mehr Glück als Marshalt, denn er fand die Steine. Er war übrigens noch im Haus, als Shannon heimkam und seinen Diener in besinnungslosem Zustand entdeckte. Nachdem er die Beute wieder an sich gebracht hatte, verbarg Marshalt die Diamanten in seiner Wohnung in den Greville-Gebäuden. Ich fand sie, als ich dort einbrach, um nach Miß Audrey zu suchen. Natürlich nahm ich den Beutel mit und gab ihn erst heraus, als ich ihn in die rechten Hände legen konnte, ohne selbst verhaftet zu werden. Leider faßte Marshalt aber einen Verdacht gegen Stanford und schoß ihn nieder. Was zwischen den beiden vorgegangen ist, weiß ich nicht, aber vermutlich erfuhr Marshalt erst bei dieser Gelegenheit, daß Miß Audrey in dem Haus versteckt gehalten wurde. Und da das Spiel nun doch für ihn verloren war, wollte er sich zum Schluß noch an der Tochter des Mannes rächen, den er mehr als alles andere auf Erden haßte und fürchtete. Zu seinem Unglück war ich jedoch häufig im Haus, früher, um die Leute zu beobachten, die ihm Diamanten brachten, und jetzt, weil ich das Geheimnis jener Kammertür lösen wollte. Wenn ich bei ihm einbrach, verkleidete ich mich immer als Malpas. Einmal habe ich die junge Dame mit dem Gesicht halb zu Tode erschreckt.« Er lächelte, und auch Audrey konnte jetzt lächeln, als sie sich daran erinnerte. »Ich habe fürchterlich geschrien, nicht wahr?« sagte sie beschämt. »Ich schreie auch zuweilen«, erwiderte Smith, »oder ich hätte doch wenigstens Lust dazu. – Aber eins muß ich noch erwähnen, obwohl Sie es sich wohl schon gedacht haben, Shannon. Sobald Marshalt die Diamanten zurückerobert hatte, blieb ihm nichts anderes übrig, als auf dramatische Weise wieder aufzutauchen! Und das besorgte er beinahe allzu gründlich. Er stellte sich ins Wasser, legte sich selbst die Handschellen an und wartete mit dem Schlüssel in der einen und einem Revolver in der anderen Hand auf Ihr Erscheinen. Aber Sie kamen etwas später, als er berechnet hatte, und in den fünf Minuten ließ er aus Versehen den Schlüssel zu den Handschellen ins Wasser fallen, so daß er sich nicht wieder befreien konnte. Wenn Sie nicht erschienen wären, hätte er ertrinken müssen. Die Pistole warf er ins Wasser, sobald er auf Sie geschossen hatte. Ich habe sie nachher an mich genommen. Wenn er Sie getötet hätte, wäre seine Unschuld erwiesen gewesen – denn in der Verfassung konnte er allem Anschein nach die Tat nicht begangen haben .– Aber nun möchte ich Sie um Ihr Abzeichen bitten, Miß Torrington!« Etwas überrascht öffnete sie ihre Tasche und reichte ihm den kleinen silbernen Stern. »Danke!« sagte Slick liebenswürdig. »Hoffentlich nehmen Sie es mir nicht übel. Ich lasse mir jedesmal den Stern zurückgeben, wenn jemand aus meiner Firma ausscheidet und zu einem Konkurrenzunternehmen übergeht.« Er zwinkerte Shannon vergnügt zu, und beide lachten.