Nikolaus Ludwig von Zinzendorf Bekenntnis zu Jesus Christus nach dem Johannes-Evangelium Einführung Nikolaus Ludwig, Reichsgraf von Zinzendorf und Pottendorf (26. 5. 1700 bis 9. 5. 1760) gehört zu den großen Gestalten der Kirchengeschichte. Sein Leben und Werk ist in der Christenheit unvergessen geblieben. Was fesselt uns an dieser außergewöhnlichen Persönlichkeit, obwohl sie vor über zweihundert Jahren gestorben ist? Schon dies war zu seinen Lebzeiten etwas Aufregendes, daß ein Glied des ältesten europäischen Hochadels nichts anderes sein wollte als ein Bruder unter christlichen Brüdern aller Stände und Kreise. Der Sproß einer der ehrwürdigen österreichischen Adelsfamilien, die in allen Jahrhunderten mit den Habsburger Kaisern eng befreundet gewesen war, reihte sich unter die Männer und Frauen ein, die sich im rückhaltlosen Dienst für ihren Herrn Christus verzehrten. Er blieb dabei der Reichsgraf, der seine Vorrechte als Mitglied des führenden hohen Adels nicht aufgab und mit Fürsten und Königen wie mit seinesgleichen umging. Unter ihnen hat er unentwegt die Sache seines Herrn Jesu Christi vertreten. Er tat es mit der ganzen frischen Unmittelbarkeit, Heiterkeit und Natürlichkeit des mit österreichischem Charme begabten Edelmannes. Zugleich wurde er das geliebte und bewunderte Haupt einer Schar von Bauern, Akademikern, Handwerkern wie Adligen, die sich in der erneuerten Brüder-Unität zu gemeinsamem Dienst zusammenfand. Er begeisterte sie zu den höchsten Leistungen in bahnbrechender Missionsarbeit in vielen Erdteilen. Ihnen ging er in Opfer und Hingabe voran. An seiner Wiege ist ihm dieser Weg nicht vorgesungen worden. Er wurde in Dresden als Sohn eines kursächsisch-polnischen Kabinettsministers geboren. Hier hatte sein Vater ein hohes Amt gefunden, nachdem der Großvater um des evangelischen Glaubens willen seine österreichischen Besitztümer aufgegeben hatte. Der Vater starb wenige Wochen nach der Geburt seines Sohnes an einem Lungenleiden im Aufblick zu dem »Haupt voll Blut und Wunden«. Seine Mutter heiratete wieder und zog nach Berlin. So bekam der junge Zinzendorf seine Mutter und seinen Stiefvater, den Generalfeldmarschall von Natzmer, einen aufrechten Christen, nur selten zu sehen. Auf dem oberlausitzer Wasserschloß Großhennersdorf wurde der kleine »Lutz«, wie man ihn hieß, von seiner Großmutter, der Landvögtin Henriette Katharina von Gersdorf erzogen. Sie war eine sehr kluge und bedeutende Frau, die viele Sprachen sprach, malte, dichtete und ihre Bibel in den Ursprachen las. Die Gesangbuchlieder, die von ihr stammen, zeigen die Tiefe ihres Glaubenslebens. Die enge Freundschaft der Landvögtin mit August Hermann Francke, dem Gründer der Hallischen Schulstadt, führte zur Aufnahme des jungen Grafen in das hallische Pädagogium. Dort verblieb er von 1710 bis 1716. Es war eine harte Schule, in der er Zucht, Ordnung, Fleiß lernte. Vor allem empfing er an der Tafel, an der er mit August Hermann Francke täglich zusammen speiste, tiefe Eindrücke von dessen weiter ökumenischer Arbeit und erlebte den berühmten ersten indischen Missionar Bartholomäus Ziegenbalg. Die missionarischen und ökumenischen Unternehmungen Halles ließen früh in dem jungen Grafen Zinzendorf den Entschluß reifen, »in Kompanie zu gehen« und sein Leben für die Ausbreitung der Herrschaft Jesu und die Umgestaltung der Welt einzusetzen. Schon unter seinen Schulfreunden in Halle, unter jungen Adligen, die wie er das Königliche Pädagogium, die Adelsschule, besuchten, suchte er eine christliche Sozialität, eine Kampfgenossenschaft für das Reich Gottes zu gründen. Als er siebzehnjährig von Halle nach Wittenberg zog, um dort an der Universität Jura zu studieren (1716-1719), ließ er dieses Ziel nicht aus dem Auge. Er hätte gern Theologie studiert, aber seine Familie verbot ihm, theologische Vorlesungen zu besuchen und ließ ihn durch einen Hofmeister überwachen. Doch fand er Zugang zu den Theologieprofessoren, ohne sein eigentliches Studium zu vernachlässigen. Darum bemühte er sich im Jahre 1719, eine Versöhnung zwischen den streitenden christlichen Parteiungen, den Orthodoxen und den Pietisten in Wittenberg und Halle zu vermitteln. Seine Angehörigen trennten ihn von diesen Plänen und schickten ihn auf eine Kavalierreise nach Holland und Paris. Der junge Graf, ein ausgesucht guter Reiter und Fechter auf dem Fechtboden, sollte seine standesgemäße Ausbildung in Frankreich vollenden. Doch der junge Graf besaß andere Interessen. In den Niederlanden, dem gelobten Land der religiösen Duldung, sah er, wie sich die verschiedenen Kirchen und religiösen Gruppen ohne Verketzerung freundlich begegneten. In Frankreichs Hauptstadt kam ein neues Erlebnis auf ihn zu. Zwischen dem Erzbischof von Paris, dem greisen Kardinal de Noailles und dem neunzehnjährigen Reichsgrafen Zinzendorf entwickelte sich eine Freundschaft. Sie fand in der gemeinsamen Liebe zu Christus ihren Mittelpunkt und setzte sich in einem jahrelangen Briefwechsel bis zum Heimgang des katholischen Kirchenfürsten fort. In einem vielsagenden Satz faßte der junge Zinzendorf das Gesamtergebnis seiner Kavalierreise zusammen: »Von der Zeit an bemühte ich mich, das Beste in allen Konfessionen zu entdecken.« Auf der Heimreise durch Süddeutschland verliebte er sich zweimal in junge Gräfinnen, die seine Zuneigung nicht erwiderten. Er fand dann die richtige Lebensgefährtin in Erdmuthe Dorothea, Gräfin von Reuß-Ebersdorf, die in einzigartiger Weise ihn ergänzte, seine stürmische und unausgeglichene Art milderte und ihm, gleich an innerer Größe, unentbehrlich wurde. Nach der Heimkehr zerschlug Zinzendorfs Großmutter den Versuch des jungen Grafen, als Nachfolger des eben heimgegangenen Barons von Canstein in das große Werk August Hermann Franckes einzutreten. Sie zwang ihn 1721, in Dresden die unbezahlte Stellung eines Hof- und Justizrates bei der Regierung anzutreten, um sich auf eine staatsmännische Laufbahn vorzubereiten. Schweren Herzens und erst nach einem vergeblichen Fluchtversuch beugte sich der junge Graf. Stand, Herkunft und glänzende Begabung wiesen ihn auf eine staatsmännische Laufbahn. Er fügte sich, leistete sehr Beachtliches im juristischen Dienst, trat mit beachtlichen Reformvorschlägen vor und nahm sich der Straffälligen warmherzig und seelsorgerlich an. Doch sein Herz schlug nicht hier. Er sammelte in seinem Haus einen Hausbibelkreis und regte die ganze Stadt durch ein anonym herausgegebenes Wochenblatt auf. Hier geißelte er eingerissene kirchliche Mißstände und suchte vor allem, seinen zweifelnden Zeitgenossen die christlichen Entscheidungsfragen in Herz und Gewissen zu schieben. Sein Geheimnis wußte der junge Hof- und Justizrat gut zu wahren, der auf diesem polizeilich hart verbotenen Weg eines unzensierten Wochenblattes die Dresdner verblüffte. Nach seiner Verheiratung 1722 bezog er im Sommer sein Berthelsdorfer Schloß und wohnte dort mitten unter seinen Bauern. Auch hier sammelte er die religiös Suchenden in einem Hausbibelkreis, der auf dem Schloßsaal wöchentlich zusammenkam. Hier klopften nach 1722 die mährischen Glaubensflüchtlinge an. Vor allem der Zimmermann Christian David bahnte den Weg, daß diese unterdrückten und mißhandelten deutsch-mährischen Exulanten innerhalb des zinzendorfschen Gutsbezirkes sich ansiedeln durften. So entstand Herrnhut, eine Stadt, wie sie der Protestantismus noch nicht gesehen hatte. Hier vereinigten sich die Nachfahren der alten böhmisch-mährischen Brüderkirche, die im Dreißigjährigen Krieg dort untergegangen war, mit Glaubensbrüdern aus deutschen Landen. Was sie zusammenführte, war die Sehnsucht nach christlicher Bruderschaft, die auf Freiwilligkeit beruhend, sie zu einem weltweiten Zeugen- und Botendienst unter Erweckten, bedrohten evangelischen Minderheiten, unter Heiden und Juden, befähigte. In Herrnhut, der neuen Stadt, hielt Gott den jungen, stürmischen und genialen Grafen fest. Denn der neue dänische König, sein Vetter, scheute sich, seinen unberechenbaren Grafen Zinzendorf in seinen Dienst zu stellen. Auch in Dresdner Hofkreisen liebte man den jungen Zinzendorf nicht. Die er nicht gesucht und gerufen hatte, die Mähren und die anderen, die sich in Herrnhut einfanden, ließen sich von ihm zu einem großartigen Streitergeist entzünden. Doch kaum hatten sie in Herrnhut Fuß gefaßt, begann der Widerstand von vielen Seiten. Bereits 1727 von seinem Staatsamt in Dresden beurlaubt, 1732 endgültig ausgeschieden, wurde Zinzendorf 1756 aus Kursachsen verbannt. Doch die Herrnhuter waren längst dabei, in einem unstillbaren Drang als Boten und Zeugen Jesu Christi in die Weite auszuschwärmen. Einem unsicher gewordenen Geschlecht in einem kritischen Jahrhundert wollten sie, mit dem Grafen gemeinsam, das Evangelium auf eine weltoffene Weise verkündigen und leben und dadurch eine getrennte Christenheit einander näherbringen. Der Graf selbst suchte die weltweiten Unternehmungen bei dem wachsenden kirchlichen und staatlichen Widerstand durch Gutachten, durch sein Stralsunder Rechtsgläubigkeitsexamen und durch seinen in Tübingen erfolgten Übertritt in den Stand eines Pfarrers, schließlich durch Annahme des Bischofsamtes als kirchenrechtlichen Anschluß an die alte böhmische Brüder-Unität zu sichern. Es gelang ihm dann auch, das rückhaltlose Vertrauen des preußischen Soldatenkönigs Friedrich Wilhelms I. zu gewinnen. Dieser unbestechliche Menschenkenner hat drei Tage hindurch Zinzendorf auf Herz und Nieren geprüft. Von da an konnte der Graf mit dessen unverrücktem Beistand für seine Brüder rechnen. Nach seiner Verbannung aus Kursachsen begab sich Zinzendorf mit seiner »Pilgergemeine«, seinen engsten Mitarbeitern, einem kleinen Hofstaat, auf Reisen. In der hessischen Wetterau vermochte er auf freiem Felde unweit Büdingen eine völlig unabhängige, neue Brüdergemeine neben Herrnhut, das bestehen bleiben konnte, zu gründen. Durch die Finanzhilfe reicher holländischer Freunde, die den verschuldeten Büdinger Reichsgrafen beisprangen, konnte sich hier rasch die neue Gemeine Herrenhaag entfalten, ohne daß die Büdinger dazwischenredeten. Durch den Zuzug westdeutscher Adliger wie Bürger blühte die Siedlung rasch auf. Hier konnte Zinzendorf die typisch herrnhutischen Gottesdienstformen frei entfalten. Hier entstand der schlichte Gemeinesaal als gottesdienstliche Stätte, im strahlenden Weiß gestaltet. Das nahegelegene Schloß Marienborn dagegen wurde Sitz der »Pilgergemeine«, die zahlreiche Tochtergründungen in Europa und Amerika organisierte. Der Graf selbst reiste unermüdlich durch Europa, ja selbst nach Rußland. Überall fand er Brüder, die er inmitten einer glaubensarmen und glaubensunsicheren Zeit durch sein Glaubenszeugnis und seine Seelsorge stärkte. Er war ein unvergleichlicher Redner, der aus der Unmittelbarkeit seines Herzens sein klares Bekenntnis zu Christus aussprach. Die ganze Weite seiner Gesichtspunkte leuchtete hier auf. Er verstand wie wenige seine Zeitgenossen und führte mit ihnen gleichsam in seinen Reden ein Zwiegespräch um den Glauben. Bei aller Entschiedenheit wollte er ein weltoffenes Christentum, das keiner Frage scheu ausweicht. Er baute darum auch seine »Dörfer des Herrn«, wo seine Brüder und Schwestern in Chorhäusern miteinander lebten und wohnten, im heiteren, festfrohen Barock, umgeben von Parkanlagen und Lindenalleen, sein Herrenhaus und den Festplatz inmitten. Besonders nahm sich Zinzendorf der vielen Kirchenentfremdeten an. Zahlreich hatten sie sich in der Wetterau in sogenannten Inspirationsgemeinden gesammelt. Diese kirchenfeindlichen Separatisten konnte der Graf weithin wieder in kirchliche Bahnen zurücklenken. Zweimal ist Zinzendorf nach Amerika gereist und hat die nicht ungefährliche und strapazenreiche Überfahrt auf sich genommen. Zuerst besuchte er seine herrnhutischen Missionsboten, schlichte Laienbrüder, die unter den mißhandelten und verachteten Negersklaven auf St. Thomas das Evangelium predigten. Als er die Insel betrat, mußte er sie erst aus dem Gefängnis befreien. Die weißen Farmer wollten keine bekehrten und zu Christen gewordene Negersklaven. Vor allem die Negermädchen sollten für sie Freiwild bleiben. Doch zwang Zinzendorf durch Güte und Entschiedenheit die weißen Kolonisten, der Missionsarbeit freien Raum zu gewähren. Die zweite Reise führte Zinzendorf nach Nordamerika selbst. In Pennsylvanien befanden sich zahlreiche deutsche Einwanderer. Es fehlte an Kirchen, evangelische Geistliche waren nicht vorhanden. Die sonderlichsten frommen Gruppen hatten sich in diesem weiten und wilden Land gebildet. Unter diesen zertrennten evangelischen Deutschen in Pennsylvanien suchte Zinzendorf 1742 einen improvisierten Kirchenbund (Gemeine Gottes im Geist) ins Leben zu rufen. Hier wie im Aufbau einer deutschen lutherischen Kirche in Pennsylvanien blieb er erfolglos. Doch siedelten sich Brüder und Schwestern aus den Brüdergemeinen in Pennsylvanien an. Sie begannen mit der Indianermission, sammelten die deutschen Auswandererkinder in Schulen und versorgten verlassene deutsche Siedlungen mit Gottesdiensten, bis sich eine lutherische Kirche herausbildete. Nach Deutschland zurückgekehrt, vermochte Zinzendorf die Entwicklung der von ihm geführten Gemeinen von einer innerkirchlichen Erneuerungsbewegung zu einer Sonderkirche nicht mehr zu verhindern. Mit Leidenschaft hat er sich dagegen gestemmt. Doch hat er innerhalb der sich festigenden Brüderkirche mit Erfolg die Verbindung zu den großen Konfessionskirchen und den Weg in neue ökumenische Wirklichkeiten offen gehalten. So blieb Zinzendorf mit seinen Brüdern dabei, »das Beste in allen Konfessionen zu entdecken«. Inzwischen lenkte Herrenhaag, diese blühende Gemeine in der Wetterau, die Aufmerksamkeit der Öffentlichkeit auf sich. Hier wollte man dem gesetzlich gewordenen hallischen Pietismus das Gegenbild einer im Glauben an Jesus Christus froh und fröhlich gewordenen Schar vorexerzieren. Auch der langweilig gewordenen Aufklärung mit ihrem trockenen Moralismus wollte man zeigen, was es heißt, ein Christ zu sein, der aus der Gewißheit der Vergebung der Sünden lebt. Man sollte es weithin auch an den Festen und an dem Feuerwerk, das bei ihnen in Herrenhaag abgefeuert wurde, merken, daß der Nachfolge Christi ein Freudencharakter eignet. Denn Jesus Christus ist unter die Menschheit getreten, sie aus aller Knechtschaft in die herrliche Freiheit der Kinder Gottes zu führen. Man fand jedoch in einem Jahrhundert, das nach Natürlichkeit suchte und nach Heiterkeit sich sehnte, nicht das rechte Maß. Die heimliche Angst der Zeit vor dem Tod suchte man zu überwinden, indem man ganz einseitig einen Blut- und Wundenkult mit der Seitenwunde Jesus trieb. An dieser grotesk übersteigerten Konzentration, dem eine rokokohafte Dichtung mit merkwürdigen Stilblüten zur Seite ging, an einer Sprache, die förmlich im Blute Jesu schwamm und an schwärmerisch-ekstatischen Vorgängen, die sich dabei einschlichen, mußte alles zwangsläufig scheitern. Zinzendorf riß noch zur rechten Stunde das Steuer herum und beendete hart das Spielerische an dieser »Nachfolge des Lämmlein«. Daß die Gemeine im Grunde gesund und kernhaft geblieben war, bewiesen die ununterbrochenen Aussendungen von Boten in die Heidenwelt und der unverminderte freudige Opfersinn. 1750 führte ein Zerwürfnis mit dem neuen Grafen von Isenburg-Büdingen zur Auflösung der Wetterauer Gemeinen. In kurzen Zeitabständen packten bald tausend Menschen ihre Bündel und zogen aus dem schön aufgebauten Herrenhaag in andere Gemeinen, auf Missionsstationen, nach Amerika. Schockiert waren jedoch viele Zeitgenossen. Die Zeit der stürmischsten Ausbreitung der »Herrnhuter Sekte«, wie man die Brüderkirche damals oft boshaft nannte, war vorüber. Doch bildeten sich in dieser Zeit der Auflösung der Wetterauer Gemeinen im Westen Deutschlands neue blühende Gemeinen in Schlesien. Hier waren es bald wieder Tausende, die sich in ihnen um ihren geliebten Grafen scharten. Die schlesischen Gemeinen wurden neben der Muttergemeine Herrnhut das Reservoir für jene lange und ununterbrochene Reihe von Boten und Zeugen, die nach wie vor ihre Straßen zu den Heiden und den zerstreuten Christen zogen. Inzwischen hatte sich für Zinzendorf wieder die alte Heimat geöffnet. 1747 schon gestattete Kursachsen dem Grafen die Rückkehr. Zwei Jahre später empfing die Brüdergemeine in Herrnhut für Sachsen die königliche Zusicherung, hier für alle Zeiten ihrer Verkündigung und Gemeindegestaltung frei leben zu dürfen. Zinzendorf jedoch zog es vor, von 1751 bis 1755 vorwiegend in London zu leben. Auch in England waren kleine Brüdergemeinen entstanden, die 1748 durch Parlamentsakte offiziell als Brüderkirche in England anerkannt worden waren. Der Graf und seine Brüder haben hier einen entscheidenden Beitrag zur Entstehung des Methodismus geleistet. John Wesley hat sein Bestes doch den Brüdern zu verdanken, auch wenn er sich später von ihnen schied. 1753 gab Zinzendorf in London das sogenannte Londoner Gesangbuch heraus, das erste ökumenische Liederbuch mit liturgischen Schätzen aus den griechischen und orientalischen Kirchen. Eine Finanzkrise überschattete Zinzendorfs letzte Lebensjahre. Es war zu sorglos geborgt und gebaut worden. Die finanzielle Not wurde von allen Gemeinen gemeinsam überwunden. Doch der Graf zog sich von der Leitungsaufgabe auf die Seelsorge zurück. 1756 starb seine Gattin, tief betrauert von der ganzen Brüderkirche. Um der Seelsorge an Frauen und Mädchen willen schloß Zinzendorf eine zweite »Amtsehe« mit seiner langjährigen kongenialen Mitarbeiterin Anna Nitschmann, die nicht ganz drei Jahre währte. Es war wohl unklug, daß er diesen Schritt tat. Das meinten viele aus des Grafen vertrauter Umgebung. Wir wissen aber zu wenig von allem. Geliebt und verehrt von Ungezählten, die dem Grafen in seinen letzten stillen Lebensjahren begegneten, klang dieses außergewöhnliche Leben aus. Wie einen Fürsten trug man ihn zu Grabe. Seine Ruhestätte fand er auf dem Herrnhuter Gottesacker unter einer unvergleichlichen Schar von Brüdern und Schwestern. Durch den Adlerflug seiner Gedanken und Pläne hat er sie oft überfordert. Doch zogen sie ihm nach auf dem Pfad, der Jesus galt. Zinzendorfs Bedeutung liegt auf einem weiten Feld, das kaum abgeschritten werden kann. Dieses Leben, in einem so weiten Rahmen gelebt, umspannte in einem beispiellosen Einsatz so viele Länder in verschiedenen Erdteilen, daß es fast unübersehbar geworden ist. Durch ihn entstand die erste Freikirche auf europäischem Boden, die missionarisch und diakonisch im gleichen Atemzug tätig war. In ihr gab es keine verlassenen und verratenen Proletarier, keine Vereinsamten und Übersehenen. Hier hat man in Zinzendorfs Tagen im verhaltenen Enthusiasmus eine Bruderschaft praktiziert, die alle umspannte, die Weißen und die Schwarzen und die Rothäute, die in der Brüderkirche sich zusammenfanden oder die von ihr erreicht wurden. Die Jungen und die Alten gehörten dazu, die in die Welt als Boten hinauszogen und die müde heimkehrten. Man begann eine vorbildliche Erziehungsarbeit unter der Jugend. In schöner Freiheit konnten die Heranwachsenden unter den wegweisenden pädagogischen Gesichtspunkten des Grafen sich entfalten und ungezwungen heranreifen. Zinzendorf zählt unter die Befreier der Jugend von tötendem Drill. Die innerkirchlichen Erneuerungsbewegungen fanden in den Diasporaboten der Herrnhuter Brüder Helfer, die diese Arbeit nach den gräflichen Richtlinien als einen stillen Hilfsdienst in den verschiedenen Landeskirchen gestalteten. Wieviel Glaubensleben wurde hier in der dürren Aufklärungszeit von den herrnhutischen Diasporaarbeitern gehütet. Unvergessen sind die missionarischen Pionierleistungen unter bedrückten Völkern. Unter den geschundenen Negersklaven in Mittelamerika, unter den Indianern, die in die Urwälder Nordamerikas zurückwichen, unter den Hottentotten in Südafrika, die schiffsladungsweise nach Indien verkauft wurden, unter den Eskimos an den Eisrändern Grönlands stellten sich die schlichten Boten Zinzendorfs ein. Nicht ausgeschöpft sind Zinzendorfs verschwenderisch ausgestreute Anregungen auf vielen Gebieten. Er zählt zu den bedeutenden Kirchenliederdichtern, so wenig sich seine Lieder ohne nachträgliche Glättung als gesangbuchfähig erwiesen haben. Seine »Streiterlieder« gewannen im großen Aufbruch des 19. Jahrhunderts zur Weltmission eine besondere Bedeutung. Hier war schon ausgesprochen, was diese neuen Generationen von jungen Missionaren empfunden haben, als sie zum Dienst auszogen. Zinzendorfs Lospraxis kam und verblühte unter ihm als ein Weg, in Zweifelsfällen Gottes Willen zu erforschen. Die Losungen, die er als täglichen gemeinsamen Kampfruf für den Dienst Jesu einführte, haben in der neuen Form des Herrnhuter Losungsbüchleins eine weltweite Verbreitung gefunden. Sie leisten hier einen zwischenkirchlichen Dienst über alle Konfessionsgrenzen hinaus. Mühelos vermag man auf manches Ungereimte in Zinzendorfs Lebensstil, auch in seiner Gedankenwelt, hinzuweisen. Hier sind zeitbedingte Einflüsse nachzuweisen. Was aber jede Generation seit Zinzendorf neu zum Aufhorchen zwingt, ist des Grafen Zeugnis von Jesus Christus. Karl Barth hat den Grafen im Blick auf seine Predigt, Dichtung und Glaubenslehre den größten und vielleicht einzigen echten Christozentriker der Neuzeit genannt. Das war kein billiges Spiel. Sein Christozentrismus war sein Ausweg aus schweren Zweifeln und Anfechtungen. Bereits den Achtjährigen überfielen sie mit solcher elementaren Gewalt, daß er einmal eine ganze Nacht keinen Schlaf fand. Es war der würgende Zweifel an Gottes Existenz. Immer wieder brach in seinem späteren Leben die Versuchung auf, in den Atheismus abzugleiten. Zinzendorf überwand die Zweifel aus der Glut des großen Liebenden, dessen Herz voller Liebe zu Christus, seinem Heiland, entflammt war. Seinen Verstand vermochten die Anfechtungen hart zu bedrängen. Aber in der Tiefe seines ganzen Personseins wußte er, daß der Sohn Gottes sein Herr sei. »Das wußte ich so genau, wie ich meine fünf Finger wußte«. Zinzendorf standen stets die großen Paradoxien in den Aussagen über Christus lebendig vor Augen. Er denkt in ihnen, sie sind ihm immer gegenwärtig, er erlebt sie in der ganzen Intensität des großen Liebenden, in der Tiefe seines Gemütes. Daß eben Christus wahrhaftiger Gott und wahrhaftiger Mensch ist, muß immer in einem Atemzug ausgesagt werden. »Es ist ein Hauptstück, daß man den Heiland nicht nur göttlich vorstellt, sondern recht menschlich, wenn man von seiner Geburt und Wandel auf Erden sprechen will.« Weil er beides mit seinem heißen Willen anbetend und doch im klaren Nachdenken und Nachsinnen festhalten will, leuchtet bei ihm die Gestalt des Heilandes so klar auf. Er folgt hier seinem geliebten Martinus Luther. »Den aller Erdkreis nie beschloß, der liegt nun in Marien Schoß. Er ist auf Erden worden arm, daß er sich unser aller erbarm.« Darum läuft Zinzendorf gegen die landläufige Meinung Sturm, daß der Vater mehr ist als der Sohn. Daß Jesus Christus, der vor allen Zeiten war, durch den die Schöpfung wurde, als Mensch auf diese Erde herabstieg, um im schweren Kampf, in harter Anfechtung, am Kreuz die Menschheit zu erlösen, ist Mitte der Frömmigkeit und Theologie Zinzendorfs. Darum nennt er, wohl ungewöhnlich für die Ohren damals und auch heute, Christus den Schöpfergott. Aus seinem Einfall ging die Schöpfung hervor. Er ist für ihn der Gott des AT und des NT. Denn Gott ist unsichtbar für alle Kreaturen. Und dieser Christus ergreift einmal das Zepter über alle Welten am letzten, jüngsten Tag. Hier will Zinzendorf nicht spekulieren. Im Blick auf den, der unsere eigene Gerechtigkeit ruiniert hat und die Heiligkeit der begnadeten Sünder etabliert hat, im Blick auf die einmal vollendete Schöpfung vermag dann der Graf Worte von unvergleichlicher Schönheit zu finden: »Nun kommt zu ihm; es ist alles um seinetwillen. Wenn wir eine Meile gegangen sind in der Zeit, so gehen wir auf ihn zu; wenn wir hundert Meilen gegangen sind, so gehen wir auf ihn zu; wenn wir tausend Jahre gegangen sind, so gehen wir auf ihn zu und wenn wir eine Million Aeonen geflogen sind, so heißts immer: wir fliegen zu unserm offenen Fenster. Begegnet uns jemand in der zweiten Million der Aeonen unserer Währung und fragt uns, wo wir hinfliegen? so heißt es immer noch, zu unserm Fenster. Was ist das? was heißt das? die durchgrabene Seite: und die ist uns auch da noch immer neu. Er wird dein Herr sein, und mit all deinem Begehren wirst du ohne Unterlaß zu ihm hinwollen.« Es gibt für Zinzendorf an Christus vorbei keinen Weg zu Gott. Alles Reden von Gott ohne Jesus Christus ist für ihn verkappte Gottlosigkeit, Atheismus. An dem Leiden und Sterben Jesu vorbei gibt es kein Christentum. Unerbittlich ist Zinzendorf seinen Zeitgenossen in den Weg getreten, wenn sie versuchten, sich Christus gegenüber in einem ›reinen‹ Gottesglauben abzusetzen. Es gibt keinen Gottesglauben an Erlösung und Versöhnung vorbei. Es liegt in Zinzendorfs Christozentrismus etwas Prophetisches. Wir verstehen ihn erst dann, wenn wir seine Sorgen kennen. Er sieht, wohin seine Zeit wandert. »Man fängt schon wirklich an, Leute so zu unterrichten und zu erziehen; die Tugend, die Gottesfurcht, der Respekt vor dem oberen Wesen wird peu à peu so artig, so unanstößig für die Vernunft vorgetragen, daß man endlich für der kleinen Kinder ihrer Vernunft befürchten wird, daß man sie nicht mit der Lehre vom Kreuz choquiere ... Das ist die große Stunde der Versuchung, wenn einmal die Zeit sein wird, da man sich in den Religionen (gemeint Kirchen) durchgängig schämen wird, vom Heilande zu reden, und dazu läßt sich's gar ordentlich an.« Für Zinzendorf geht es im Christentum um den Glauben als den bewußten mannesfrohen Zusammenschluß mit dem, der durch die Menschheit schreitet wie ein einsamer Wanderer und zu jedem hinzutritt und zu ihm sagt: »Ich bin die Auferstehung und das Leben.« In diesem Sinn soll die Auswahl von Zinzendorf-Auslegungen verstanden werden, die wir hier vorlegen. Wir haben sie Auszügen aus ungedruckten und gedruckten Reden des Grafen entnommen, die Jakob Christoph Düvernoy 1790 zusammengestellt hat. Sie wurden damals in Barby von der Brüdergemeine im Druck herausgebracht. Seitdem wurden sie nicht mehr aufgelegt. Wir haben sie kürzen müssen, hier und dort auch sprachlich unserem heutigen Sprachstil angenähert, wo es um des besseren Verstehens willen notwendig wurde. Das ist aber behutsam geschehen, um die ganze Unmittelbarkeit der Zinzendorfschen Sprache wirken zu lassen. Luther über Johannes 17, 3 Das ist aber das ewige Leben, daß sie dich, der du allein wahrer Gott bist und den du gesandt hast, Jesus Christus, erkennen. Das sage ich immer, daß man sich hüten solle vor allen, die von Gott predigen ohne Christus, wie man bisher in den Hochschulen spekuliert hat. Sondern willst du sicher fahren und Gott recht ergreifen, daß du Gnade und Hilfe bei ihm findest, so laß dir nicht einreden, daß du ihn anderswo suchst, denn in dem Herrn Christus, noch mit anderen Gedanken umgehst und dich bekümmerst oder nach einem anderen Werk fragst, denn wie er Christus gesandt hat. An Christus fange deine Kunst und Studieren an, da laß sie auch bleiben und haften und wo dich deine eigenen Gedanken und Vernunft oder sonst jemand anders führt und weist, so tue nur die Augen zu und sprich: Ich soll und will von keinem andern Gott wissen denn in meinem Herrn Christus. Christus über alles Im Anfang war das Wort und das Wort war bei Gott und Gott war das Wort. Dasselbe war im Anfang bei Gott. Johannes 1, 1. 2   11. Juni 1741 Wer ist der Herr Jesus? Gott über alles gelobt in Ewigkeit, Römer 9, 5. Darum ist er Gott über alles, weil die ganze Schöpfung von allen Welten, von allen Geistern und allen Kreaturen durch ihn entstanden. Er ist die Ursache sowohl, daß ein Blatt auf dem Baume als daß ein Mensch ist. Er ist die Ursache, daß ein Stern am Himmel und ein Tropfen im Meere ist. Es ist alles von ihm und durch ihn und zu ihm geschaffen. Von dem kleinsten Würmlein bis zum höchsten Erzengel ist alles um seinetwillen. Darum hat der arme Mensch Jesus solche übersteigende und unendlich weitgehende Namen, weil er der Schöpfer von allen Zeiten und Wesen ist. So ist er, der die Ursache aller Dinge war, die Ursache der Rettung geworden, der Seligkeit. Darum ist er selbst Mensch geworden und hat an dem eigenen Leibe alles durchgestanden dreißig Jahre und hat am Holze den Tod ausgestanden, die Strafe abgetan, dem Teufel seine Sachen zerstört, ans Holz geheftet und das Verderben aus dem Sattel gehoben.   3. Juni 1750 Die Lehre von der heiligen Dreieinigkeit ist ein Geheimnis. Wer da sicher gehen und sich nicht verfitzen will, muß sich an den Erlöser Jesus Christus halten. Davon findet sich eine Stelle im Neuen Testamente. Der Heiland pflegte von seiner Göttlichkeit wenig oder nichts zu reden und hatte sich selbst so darüber erklärt: »Ich suche nicht meine Ehre« Johannes 8, 50. Wie er's nun nie an sich fehlen ließ, immer vom Vater zu reden, so kam dem Philippus die Begierde an, den Vater zu sehen; er kriegte aber den Verweis: Philippus, solange bin ich bei euch und du kennst mich nicht! Wer mich sieht, der sieht den Vater. So ungewöhnlich es dem Heilande war, in dem Tone (von sich) zu sprechen, so vielmehr müssen wir drauf aufmerken. Es gehört mit zu denjenigen Äußerungen, da er gesagt hat: Er könne noch den Augenblick, da er ins Leiden ging, etliche Legionen Engel haben, die für ihn streiten würden, wenn er nur wollte. Niemand nehme sein Leben von ihm, er habe es Macht, zu lassen und wieder zu nehmen. Das sind Sachen, die den Heiland über alle Kreaturen himmelhoch wegsetzen. Welch einen Vorteil haben wir! Es ist eine strafbare Unbesonnenheit, wenn sich das menschliche Gemüt nicht an dem höchsten Gute begnügen kann, so wie es sich in unser armes Fleisch und Blut verkleidet hat und unser Bruder geworden, und will noch weiter gehen, mehr sehen, und sich mit einem Haufen Möglichkeiten und Wahrscheinlichkeiten und doch vielleicht leeren Phantasien verwirren. Hin, zu eurem Jesus hin. Auf den muß man aufschauen, den kann man haben, mit dem kann man in die allerinnigste Gemeinschaft kommen. So lebt man ihm, so lebt man in ihm und durch ihn, wie es in dem alten Reimen heißt: »Herr Jesu, dir leb' ich, dir sterb' ich, dein bin ich tot und lebendig.« So bedarf es also zum Seligwerden keines anderen Glaubens, als daß man die Geschichte von Jesus Christus von Herzen glaubt, ihn als seinen Erlöser und Seligmacher aufs kräftigste inne wird und sich an ihn hält, als sähe man ihn, als wäre er vor unsern Augen gekreuzigt. Dabei sind wir selige Menschen. Aber wir wünschen es jedermann von ganzem Herzen, drängen nur niemanden nicht und mögen niemand zur Unzeit in etwas hineinführen. Je mehr wir Mitgenossen kriegen (wie ihrer denn gewiß viele Tausend sind, die wir nicht kennen), je mehr freut sich unser Herz, wir haben's gar zu gern. Das Licht In ihm war das Leben und das Leben war das Licht der Menschen. Und das Licht scheinet in der Finsternis und die Finsternis hat es nicht begriffen. Johannes 1, 4. 5   27. Dezember 1746 Das Leben ist das Licht der Menschen. Man hat also keine Klarheit, keine Wahrheit im Herzen, keine gründliche Erkenntnis, ehe man das Leben hat. Wir wissen, daß alle Menschen von Natur tot sind in Sünden, und der Mensch hat keine Augen, ehe er lebt. Darum sagt der Heiland: Mit sehenden Augen sehen sie nicht und mit hörenden Ohren hören sie nicht, denn sie verstehen es nicht (Matth. 13, 13). Warum denn? Das Herz ist noch steintot, es kann nichts hineinkommen; das steinerne Herz muß erst weggenommen werden, dann wird es lichte. Das Kind redet wie ein Kind, der Mann wie ein Mann, alle aber reden wahre und verständige Worte nach ihrer Fähigkeit, es geht immer weiter vom Irrtum weg und näher zur Wahrheit, und die Gnade, die sich nach der Fähigkeit richtet, hat dabei solange ihr Spiel, bis nach und nach die Sache immer wesentlicher, ganzer, und das Licht immer ausgebreiteter wird, da man alles in seiner rechten Gestalt sieht. Darum ist nun eine ausgemachte Sache, daß kein Mensch das Leben aus Gott geben kann; sondern das tut die ewige Gottesgewalt, die den armen Menschen erhält, bis die Stunde seines Auflebens kommt. Das mag nun im Mutterleibe sein, wie bei Johannes, dem dieses Leben aus Gott ins Herz gekommen ist, oder es mag im sechzigsten, siebenzigsten Jahre sein. Bis dahin muß eine Gottesgewalt das kranke Fleisch (den unerlösten Menschen) unter der schweren und fast erdrückenden Last erhalten, daß es nicht zum ewigen Tode einschlafe. Wer nun zu der Zeit, da der Heilige Geist das arme, totkrank und unempfindlich daliegende Herz aufleben will, sein bißchen Verstand und Sinnen anwendet, den Heiligen Geist zu hindern, der versäumt die Gnadenzeit und entschläft endlich im Tode. Wenn Menschen, die Weisheit und Licht suchen, in ihrer Finsternis gern Licht haben wollen und sind ihres Sitzens in der Finsternis müde, so läßt der Heiland einen Strahl in die Finsternis hineinscheinen von seinem Leben, von seiner Person. Er läßt einmal das Evangelium predigen, daß helle wird, was dunkel war. Da sitzen hernach die bösen Kinder, wenn das Licht kommt und mögen es nicht, sondern machen die Augen zu oder kehren sich weg, das Licht blendet sie und wird ihnen beschwerlich. Dieser Verdruß gegen das Licht entsteht aus der Tücke des Herzens, da man nicht gern entdeckt, nicht gern gestört, nicht gern gesehen sein will, wo man ist, sondern man will seine Finsternis entschuldigen, auf seine Art erleichtern und mag das wesentliche Licht, das aus dem Leben des Schöpfers herkommt, nicht. Nun muß ich noch etwas von der großen Seligkeit, der Weihnachtsfreude, anführen, darin wir jetzt stehen. Die Frommen des Alten Testamentes, ehe der Heiland ist geboren worden, hießen auch Kinder Gottes, sie konnten ebenfalls nicht in ihrem natürlichen Tode bleiben, sie mußten auch lebendig werden. David sagt: »Du hast meine Seele aus dem Tode errettet« Psalm 116, 8. Wenn sie nun das Licht hatten, was sahen sie da? Da sahen sie in die Unermeßlichkeit der Gottheit und dachten: »Du bist ein unbegreiflich Meer, wir sinken hin in dein Erbarmen. Das Herz ist wahrer Weisheit leer, umfasse uns mit deinen Armen. Wir stellten dich uns hier und andern gerne vor. Doch wird man seiner Schwachheit innen, weil alles, was du bist ohn End' und Anfang ist.« So war's. Darum mußte sich der liebe Gott schon damals durch mündliche Gespräche, durch Erscheinungen, durch einen äußerlichen, sichtbaren Gottesdienst offenbaren, dabei er ihnen aber gleichwohl verbot, sie sollten sich keine Bilder machen. Unterdessen tat er sich ihnen doch so nahe als es sein konnte, daß sie mit dem unsichtbaren, unendlichen, ewigen Gott freundschaftlich umgehen konnten. Deswegen er sich manchmal ihren Vater, ihren König genannt hat. Das hatte eine schöne Wirkung und machte, daß das arme Volk bis zu Christi Geburt getröstet wurde, es half ihnen, die Zeit hinbringen; sie wünschten und starben über ihren Wünschen, aber sie starben in der vergnügten und seligen Hoffnung, sie würden es sehen, wenn's Zeit wäre. Endlich kam aller Heiden Trost, »der der alten Väter Schar höchster Wunsch und Sehnen war.« Und von derselben Stunde an, da er am Stamme des Kreuzes sein Leben gelassen hat, von dem Tage an, da er in der Gestalt mit fünf Wunden sich seinen Jüngern wieder gezeigt hat, haben sie auch Befehl, ein Bild vor die Augen zu malen (Gal. 3, 1), das Bild, »wie er für unsere Not am Kreuze sich so milde zu Tode geblutet hat«; das Bild des Menschensohnes, das man nicht mehr unbegreiflich, sondern faßlich ist, nicht mehr einen bloßen Geist, sondern Fleisch und Bein darstellt. Das wird gepredigt und das scheint in die Finsternis hinein. Das Bild geht vor ihrem Herzen einmal vorbei, sie können's nicht ohne Eindruck sehen. Sie sehen es entweder mit Entsetzen oder himmlischer Freude; das Herz streckt sich entweder danach und möchte es gern fassen oder zieht sich zurück und denkt, es ist ein Gespenst; nachdem man Lust zu glauben hat oder nicht, nachdem man zubereitet ist oder nicht. Die Predigt des Evangeliums bringt die Sache beständig wieder auf, redet immer davon, weiß von nichts als von dem Jesus, dem Gekreuzigten (1. Kor. 2, 2); damit wenn eine Seele Leben kriegt und ihre Augen auftut, ihr erster Blick sein mag, nicht in eine Wüste und einen leeren Raum, sondern in ein Bild eines Menschen wie wir, eines Menschenkindes, »des sel'gen Schöpfers aller Ding, der anzog einen Leib gering, daß er das Fleisch durchs Fleisch erwürb', und sein Geschöpf nicht all's verdürb'.« Darin haben wir's sehr leicht, denn wir haben ein solches menschliches, erträgliches Licht und dürfen nicht in die Sonne hineinsehen, sondern sehen den Tag und lauter Wahrheit. Wir gehen mit der Wahrheit, daß wir einen Heiland haben, daß er aussieht wie wir, daß man ihn lieben, ihn anbeten kann, so viel man will durch dieses Leben durch. Sollen wir was anders wissen, so muß es uns der Heiland durch den Heiligen Geist zu erkennen geben. Wir gehen eigentlich keiner anderen Sache nach, wir haben gefunden. »Was wir lange gesucht und nicht gefunden, trafen wir endlich an in den Wunden des Opferlammes«, in Gottes menschlicher Person, in dem Fleisch und Blut gewordenen Schöpfer der ganzen Welt, in dem in unser armes Fleisch und Blut hineingekleideten ewigen Gut. Zu seiner Freude Er kam in sein Eigentum und die Seinen nahmen ihn nicht auf. Johannes 1, 11   27. April 1740 In der Welt ist es so, daß die Familien zueinander halten. Im Reiche der Gnaden aber, in geistlichen Sachen, geht es nicht nach der Natur. Ein Prophet gilt nichts bei den Seinen, spricht der Heiland. Selbst seine Brüder glaubten nicht an ihn. Die Seinen nahmen ihn nicht auf. Es ist eines jeden Hauptpflicht, die er sich selbst schuldig ist, seine Hauptsorge, damit er Tag und Nacht umgehen muß, damit er zu Bette gehen und aufstehen soll: »Er muß den Heiland aufnehmen.« Was heißt aber das? Das heißt: Außer dem Heilande in der Welt nichts haben, mit Wahrheit sagen können, was David spricht: was hab' ich im Himmel und auf Erden als dich? Der Heiland muß bei uns das Triebwerk zu allem sein und unser Gehen und Stehen, unser Essen und Trinken, unser Schlafen und Wachen muß im Namen Jesu geschehen, mit demselbigen Sinne und mit derselbigen Macht, wie ein Bevollmächtigter die Sache seines Herrn ausrichtet in seinem Namen. Jesu Bevollmächtigte sind wir in der Welt. Darin besteht nun die Sünderschaft, daß man solange sein Elend gefühlt und davon gequetscht worden ist, bis man, ohne sich selbst übereilig herauszuzwingen, Gewißheit gekriegt hat in seinem Herzen: Er meint mich, ich meine ihn, nun sind wir eins; ich bin gleich noch so elend als ich zuvor war, bin ich gleich noch derselbe Mensch, bin ich gleich nicht von einem andern Schrot als mein Nachbar, ich bin eben der arme Mensch, eben die elende Kreatur, eben der Staub wie zuvor, so ist mir doch Barmherzigkeit widerfahren, sein Geist erhält mich, Christus, der ist mein Leben. Und so leben wir nicht darum, daß wir besser als andere sind, wir sind von Natur nichts als lauter Sünder, aber wir sind so glücklich, wir sind so selig, daß wir ganz sein sein dürfen. Wenn wir ihn so haben, so sind wir nicht nur äußerlich in seiner Familie, sondern dann sind wir seine Familie, sein geliebtes Volk, seine nahen Verwandten, wie es vom Johannes heißt: der Jünger, den er lieb hatte. Aber er hatte ihn nicht darum so lieb, weil er sein Anverwandter war, sondern weil er sein Jünger war. Ich dächte also, das sollte aller Sache sein, daß das ihnen eine Freude wäre, wenn sie dem, der für sie gestorben ist, mit allen Schritten und Tritten dienten. Der Herr Jesus sagte: Wer an mich glaubt, der wird leben um seinetwillen; er wird das ewige Leben haben, weil ich lebe, er wird darum in der Welt sein, daß er meine Freude sei. Wir sind vom Sohne geschaffen, damit er an uns satt werde, sein Genügehaben und sein Verdienst, seinen Tod und seine Wunden vergolten kriegen mag und sein Schmerzgeld mit uns bekomme, für alles, was er gelitten hat. Wir sind ursprünglich zu seiner Freude bestimmt, wir sind sein Haus, da er wohnen, da er sich seines Leidens erholen will. Wir wären nicht wert, daß wir lebten, wenn wir diese Seligkeit nicht achteten, wenn wir das gering schätzen, daß wir den Heiland so nahe haben können. Nehmts auf den Knien an und laßt uns immer mehr darin eins werden, darin ein Herz und eine Seele werden und sooft wir wieder zusammenkommen, uns wieder daran erinnern und sooft wir wieder voneinander gehen, uns darauf verabschieden, daß Jesus uns alles sein soll, daß, wo wir gehen und stehen, was wir tun mit Worten oder Werken, vor ihm tun zu seinen Füßen. Vollmacht Wie viele ihn aber aufnahmen, denen gab er Macht, Gottes Kinder zu werden, die an seinen Namen glauben. Johannes 1, 12   18. September 1746 Es sind Millionen Leute in Europa, die von ihm hören, die seine Historie haben und die Bücher, darin sie steht. Denen tritt er ans Herz, bald bei diesen, bald bei jenen Umständen. Aber in was für Gestalt kommt er? Antwort: In seiner Leidensgestalt. Das unzweifelhafte Kennzeichen, da man einen Menschen versichern kann, daß seine Stunde geschlagen hat, selig zu werden, ist, wenn sich die Worte, die er von der Gottesmarter gehört hat, ihm mit Nachdruck ans Herz legen, entweder zur Freude oder zur Traurigkeit über seine Sünden, über seine Untreue und seine Gottlosigkeiten. Denn es ist doch wahr, die Sünde hat Gott so erzürnt, daß sie den Menschgewordenen zerfleischt und bis zum Tode gemartert haben. Aber damit ist auch die Sünde abgetan im Gerichte Gottes; nicht ein Mensch wird mehr verdammt, weil Adam gefallen ist, denn die Sünde ist am Kreuze auf einmal versöhnt, der ganze Fall ausgestrichen und das ganze Urteil über den Fall Adams mit Jesu Nägeln zerrissen, denn wie sie in Adam alle sterben, so sind sie in Christo alle lebendig gemacht, 1. Kor. 15, 22. Am Stamme des Kreuzes ist die Welt auf einmal erlöset worden; was nun verloren geht, geht verloren, weil's den Heiland nicht annehmen will, weil's von neuem fällt und Adams Fall wiederholt, weil's aus einer gewissen Widrigkeit und Feindseligkeit gegen seinen Versöhner die Partei seines Feindes ergreift, der noch lebt, der noch geschäftig ist, der noch eben das an den Seelen versucht, was er am ersten Menschen versucht hat. Und wenn die Menschen auf ihren eigenen Fall acht geben, so werden sie ihre und Adams Umstände ganz gleich finden. Ich habe von einer Voraussetzung geredet, nach der man selig wird, und dieselbe heißt: Annehmen den Heiland. Das ist in sich gar nichts Gezwungenes, denn beim Seligwerden gibt es gar nichts, dazu ein Mensch ein Körnchen aus eigenem Verstände, Geschicklichkeit oder eigener Kraft bringen muß, sondern die Bedingung unterstellt nur, daß wir uns von allem Widerstände enthalten und uns gern und willig dreingeben, uns Gutes tun lassen, so hat's keine Schwierigkeit, die Seligkeit zu erlangen. Was ist dann nun die Bedingung? Keine, als an ihn glauben, sein Leiden und Sterben für eine göttliche Wahrheit annehmen, ehren und unser Vertrauen darauf setzen, daß er uns so wahrhaftig der Versöhner unserer Sünde sei, als wenn wir ihn vor unseren Augen hätten kreuzigen sehen und wir bei der Gelegenheit unser leibliches Leben gerettet hätten. Das heißt glauben, darauf kommt's an: Denen gab er Macht, Gottes Kinder zu werden, die an seinen Namen glauben, die setzte er in Besitz einer schon vorhandenen, schon erworbenen, einer ihnen schon gehörigen Sache. Das Testat, womit die Seelen beweisen können, Kinder Gottes zu sein, ist das freie und runde Zeugnis von ihrem eigenen Herzen: »Ich glaube, daß mein Schöpfer mein Heiland ist, ich glaube, daß mich derselbe mit seinem eigenen Blute, mit seinem wahrhaftigen Tode am Kreuz in das Recht gesetzt hat.« Anstatt daß man sonst eine Sache kaufen muß, daß man sonst eine Sache teuer und kostbar erwerben muß, daß man 40, 50 Jahre zu Land und See darum dienen und schwitzen muß, daß man hundertmal sein Leben wagen muß und endlich unter Tausenden ein einziger ist, der dieses oder jenes für seine Mühe als seine Beute davon trägt, so wird hingegen zur Seligkeit und dazu, daß man des Heilands Eigentum, daß man seiner ewigen Gnade, seines ewigen Reichs teilhaftig wird, nichts erfordert, als glauben, daß ein anderer, daß Jesus für mich bezahlt hat, daß er für mich gearbeitet, sich bis in den Tod für mich hat martern lassen, für mich ist vom Kreuz abgenommen und sein erblaßter Leichnam ins Grab gelegt worden, daß ich leben kann. Dieses nun glauben und darauf vertrauen, das ist die Sache. Die eigentliche Ursache aber, warum man die leichte Sache nicht kann, warum man nicht glauben kann, daß ein anderer für uns gelitten hat, daß ein anderer uns die Seligkeit errungen, ist die Feindschaft gegen Jesu Leiden, Tod und Verdienst, der Stolz, der im Herzen liegt, aus welchem man denkt: wenn er mich hieße wohin gehen, es möchte sein wohin es wollte, ich wollte es tun, aber daß ich soll selig werden, ohne daß ich selbst etwas beigetragen haben sollte, ohne daß ich irgend etwas dafür getan oder gegeben, ohne daß ich das geringste Recht dazu haben sollte, aus bloßen Gnaden, als ein Bettler, das ist keine Sache für mich. Das ist aber die Bedingung. Er wollte dich gern selig machen, er wollte dich gern zum Kinde Gottes machen und sein Vater wollte dich gern zu seinem Kinde annehmen, aber du mußt's halt annehmen als ein Bettler, in voller Armut des Geistes, du mußt nicht das geringste dazu tun können oder gekonnt haben, sondern er muß es allein sein, der dir dazu hilft: zu mir, spricht er, alle die ihr mühselig und beladen seid, ich will helfen. Das eigene Können baut eine Scheidewand zwischen Gott und uns. Wenn Leute so stehen, daß sie sagen können: Ach, um Gottes willen, ich sollte selig werden, aber ich merke kein rechtes Wollen, ich muß unter einer fremden Macht, unter dem Gesetz der Sünde und des Todes stehen, ich elender Mensch, wer wird mich erlösen von dem Leibe dieses Todes! Wenn ich auch möchte glauben, ich kann nicht, es ist so ein halber Wille da, aber ich weiß nicht, es widersteht mir etwas, so sagt der Heiland: Ach, ihr armen Leute! ihr werdet nicht fertig, kommt zu mir. Er befiehlt den Lehrern: weiset die Seelen zu mir, sobald mein Name über ihnen genannt wird, so will ich meine unsichtbare Segenshand über sie ausstrecken. Da kommt die Seele zur Freiheit und weiß kaum wie. Sie weiß aber auch kaum, wie sie zu ihrer bisherigen hartnäckigen Widersetzlichkeit gekommen, wider die Art und Weise ihres Seligwerdens zu murren. Sie liest die Texte, sie hört die Predigt, sie singt die Lieder und es ist ihr, als wenn sie es zum ersten Mal in ihrem Leben hörte. »Christi Blut und Gerechtigkeit, das wird ihr Schmuck und Ehrenkleid, darinnen sie vor Gott besteht.« Irrtum Die Gnade und Wahrheit ist durch Jesum Christum worden. Johannes 1, 17   23. Juli 1750 Man muß also gleich beim Anfang alles Wahrheitsuchens sogleich Gott, unsern Heiland finden (den Weg, die Wahrheit und das Leben) in seiner Versöhnungsgestalt. Wer aber so den Heiland gefunden und zu ihm gekommen ist, der wird nicht denken: »nun muß ich weiter gehen und noch mehr suchen.« Er ist ihm alles geworden. Sein Leiden und Blutvergießen bleibt das ewige Objekt des Herzens. Seinen Tod verkündigen wir bis er wiederkommt und sollens tun. Solange bis er kommt, soll's immer in dem Gang fortgehen, so daß, wenn er kommt, er uns mit der Passionsmaterie beschäftigt finde.   17. Juli 1751 An der Wahrheit ist sehr viel gelegen. Wenn die Menschen anfangen, nach der seligmachenden Wahrheit zu fragen, nach dem einzigen Notwendigen, worauf es in Zeit und Ewigkeit ankommt und sie finden das, da vergessen sie alles andere, da ist's, als wenn Schuppen von ihren Augen fielen, sie sehen ganz anders als vorher. Es ist aber seit einiger Zeit etwas Schlimmes dreingekommen, daß die einzige Wahrheit, ohne die man nicht selig werden kann, anfängt von den Lehrern teils widersprochen, teils geschwächt zu werden, oder wie es der Apostel ausdrückt, verfälscht. Es ist drauf angestellt worden, den Heiland und sein Kreuz unter den Händen wegzuschaffen. Die ganze Ordnung des Heils wird umgekehrt und ein anderer Grund gelegt als Christus; der Heiland soll nicht mehr alles in allem sein: wenn du den Heiland nicht kennst, so hilft dich alles dein Lernen nichts, wenn du aber den Heiland kennen lernst und gleich sonst nichts weißt, so weißt du genug. Das ist jetzt nicht mehr so. Das macht unsere Sache zur Notwendigkeit, nun werden unsere Gemeinen Freistädte, wo das Wort Gottes lauter und rein gelehrt wird. Das erhalte uns der Heiland. In alle Herzen Siehe, das ist Gottes Lamm, welches der Welt Sünde trägt. Johannes 1, 29   24. Juni 1741 In diesen Worten liegt die klare Idee: ihr habt euch müde geopfert an Lämmern ohne Fehl. Da kommt eines von einer andern Art, das trägt der ganzen Welt Sünde weg. Gott hat's gegeben. Es trägt auf einmal alle Sünden aller Länder. Das hat Johannes in seiner Epistel Kapitel 2, 2, erklärt: Er ist die Versöhnung für unsere Sünde, nicht allein aber für unsere, sondern für die der ganzen Welt. Bei allem, was man in der Welt weiß oder lernt, kommt's auf das an, das man gleich im Anfang braucht und das man hernach in der ganzen Sache auch nie entbehren kann. Bei Sprachen, Lesen und Schreiben kommt's auf die Buchstaben an, die sind die Hauptsache. So ist's auch mit der Theologie, mit den göttlichen Wahrheiten, mit dem Christentum. Der Heiland heißt der erste und letzte Buchstabe. Er muß dem Kinde solange genannt werden wie dem ältesten Zeugen, dem festesten und vollkommensten Manne. Das ist die große Hauptsache, die die Toren, die Falschklugen, auch die unverständigen Kinder Gottes, die verführten und verrückten Gemüter nicht einsehen können: Das Lamm Jesus, der Christus Gottes, unser Schöpfer, Bürger und Mittler, der ist das A und das Z, oder nach dem griechischen Alphabet das A und O. Man kann in der Theologie nichts Ganzes vorbringen, das Lamm Gottes, der Heiland muß mit hinein. Das muß allen Materien, allen Seufzern, allen Schriften, allen Predigten, allen unsern Gedanken Salz geben, heiligen Zusammenhang, Nachdruck und Leben der Sache geben. Wer das Lamm Gottes und sein Verdienst nicht kennt, dem läßt sichs wohl zuhören, wenn er von andern Sachen redet; wenn er aber auf die Sache kommt, so möchte man die Ohren zuhalten, so kommt alles tot, gezwungen, halb, kalt und abgeschmackt heraus. So wunderlich es würde herauskommen, wenn man reden und doch kein a, e, i, o, u aussprechen wollte, so töricht ist es auch, göttliche Wahrheiten hören und lernen wollen, ohne daß der Heiland der Laut wird. Wo die Wunden des Lammes dabei sind, die machen die Rede ganz und das Wort vom Heiland deutlich. So ist's mit der Heilslehre, es wird ein verworrenes Werk daraus, wenn der Heiland fehlt. Es gibt kluge, gelehrte, geschickte Leute, von denen man nicht sagen kann, sie reden keine Wahrheit, man kann sie keiner Ketzerei beschuldigen aber das Lamm Gottes fehlt und es fehlt alles. Sie sagen hübsche Sachen, aber sie stehen alle am unrechten Orte und es hängt nichts zusammen. Die Lehre vom Kreuz ist die tiefe Weisheit, die kein Mensch erreichen kann. Das ist das kündlich große Geheimnis der Gottseligkeit, den Weisen versteckt und den Unmündigen offenbar. Die sich auf ihren Verstand verlassen, die können es nicht kriegen. Wenn sie aber umkehren und werden wie ein Kind und lassen sich vom Heiland in die Schule führen und der Heilige Geist zeigt ihnen die große Sünde des Unglaubens, was kommt da heraus? Siehe, das ist Gottes Lamm, welches der Welt Sünde trägt. Das wird zum Grundgedanken. Das ist die geheime Weisheit, der Stein der Weisen; Gottes Lamm, das der Welt Sünde trägt. Wer 80 Jahre dem Heiland gedient hätte und gedächte, darum, um meines Dienstes willen, hat mich der Heiland lieb, der wäre ein elender Pharisäer. Wir sind ihm alles schuldig, wir sind seine Kreaturen, wir sind darum da, daß wir seine Knechte sind. Alle Engel und Erzengel verdienen nichts, so wenig als die Kachel im Ofen etwas verdient, daß sie die Hitze vom Feuer von sich gibt. Ebensowenig verdienen auch die großen Zeugen etwas, die doch einmal leuchten werden wie die Sonnen. Sie verdienen nicht mehr als der Ochse, der auf dem Acker pflügt. Beide sind darum da, daß sie das tun sollen. Wenn aber der Herr Jesus stirbt, so ist's verdienstlich; der Vater hat ihn darum lieb und der Teufel verliert die Seelen drüber und Jesus wird die Ursache aller Seligkeit. Woher kommt das? Antwort: Weil er, nach einem uralten Bekenntnis, nicht geschaffen, nicht gemacht ist, und weil alles, was sonst von ihm in der Bibel steht, daß er geboren ist, daß er der Erstgeborene unter den Brüdern ist, lauter Erniedrigungen sind, die in diese Zeit gehören. Er ist an und für sich der Vater der Ewigkeiten, ein Kind aber ist er geworden. So weissagte Jesaja schon von ihm: uns ist ein Kind geboren, ein Sohn ist uns gegeben, der die ganze Regimentslast auf seinen Schultern hat, der da ist Rat, starker Gott, Vater der Ewigkeit, Fürst des Friedens. Und Paulus schreibt: Das ist das große Geheimnis der Religion, Gott ist offenbaret im Fleisch. »Den aller Weltkreis nie beschloß, der liegt in Marien Schoß. Er ist ein Kindlein worden klein, der alle Ding erhält allein.« Daher ist alles verdienstlicht, was er macht, so daß sein lieber Vater und der Heilige Geist voll Freude über ihn sind, daß sie ihn lieben, daß sie seine Wahrheit preisen, daß sie seine Ehre erzählen: das ist mein lieber Sohn, und: der Heilige Geist verklärt ihn. Sehet, das ist Gottes Lamm, das der Welt Sünde trägt! das ist der große Erfinder des Heils. Im Anfang war das Wort, die Ursach aller Dinge, die Ursach auch unserer Seligkeit. Durch ihn und um seinetwillen ist alles. Von ihm und durch ihn und zu ihm sind alle Dinge. Es ist alles versöhnt durch ihn selbst, mit ihm selbst. Das hätten wir so gern in alle Herzen mit Gottes Griffeln gegraben und mit dem Finger Gottes in die Herzen geschrieben mit funkelnder und flammender Schrift. »Wenn in des Herzens Grunde sein Name und Kreuz allein funkelt alle Zeit und Stunde, so kann man fröhlich sein.« Damit geht man unter die Heiden, unter die Christen, zu seinen Kreaturen und bezeugte Freunden und Feinden. Das macht die Gemeinde fest. Das ist der Grund, darauf sie steht, daß auch die Pforten der Höllen sie nicht überwältigen können, nämlich, daß Jesus der Sohn des lebendigen Gottes ist. Der beste Rat Des andern Tages stand abermals Johannes und zwei seiner Jünger. Und als er sah Jesus wandeln, sprach er: Siehe, das ist Gottes Lamm. Johannes 1, 35. 36   4. Dezember 1742 Johannes wies seine Jünger zu Jesu. Seht, sagte er, wie er Jesum kommen sah, das ist Gottes Lamm. Alle Menschen sind dahin zu weisen. Wenn man jemand einen guten Rat geben will, der nicht nur aufs jetzige Leben, sondern in der Ewigkeit hilft, so muß man ihm sagen, er soll sich nach dem Gotteslamm umsehen, und wenn ein Mensch dem Rat folgt, so kann er danach mit Simeon sagen: Meine Augen haben deinen Heiland gesehen, und mit Thomas: Mein Herr und mein Gott! wie er in die Nägelmale sah und legte seine Hand in Jesu Seite und ward gläubig. Kann man einen besseren Rat geben, als daß man sich mit ihm bekannt machen soll, der uns zur Weisheit, zur Gerechtigkeit, zur Heiligung und zur Erlösung gemacht ist? Wenn die Menschen an ihn glauben, so haben sie das ewige Leben und volle Genüge. Wer an den Sohn glaubt, der hat das Leben. Und warum hat man an ihm volles Genüge? Weil er ein Mensch, weil er das Lamm, weil er unser Opfer ist, weil er der ist, in dem es beschlossen ist, daß in ihm alle Fülle wohnen sollte und alles zu ihm versöhnet würde durch ihn selbst, es sei auf Erden oder im Himmel. Kolosser 1. Was kann mehr sein? Er ist der Mann gewesen, der es fordern konnte. Ihm ist das ganze menschliche Geschlecht schuldig gewesen. Ihm waren wir verhaftet, an ihm hatten wir gesündigt und übel vor ihm getan, und er ist es nun, der uns vom zukünftigen Zorn erlöset hat. Das macht eine Theologie, die über alles geht, daß der beleidigte Teil sein Leben für uns gelassen hat. Der beleidigte Gott, der, den die Sünder beleidigt und erzürnt hatten, der hat sich für uns dahingegeben. Freilich konnte er als der ewige Schöpfer aller Dinge, als der Erhalter aller Dinge, als der Sohn, der in Vaters Schoß ist, nicht am Kreuze sterben, konnte kein elendes Leben führen, konnte kein so jämmerliches Ende nehmen, konnte sich nicht martern lassen, wie ein Schlachtschaf; darum singt die christliche Kirche: »der Schöpfer aller Kreaturen nimmt an sich unsere Natur ...« Darum ward das Wort Fleisch und da die Zeit erfüllet war, geboren von einem Weibe. Er ward ein Fluch für uns, daß er uns erlöste von aller Ungerechtigkeit und reinigte ihm selbst ein Volk zum Eigentum. Das macht was aus. Das glauben, das in seinem Herzen fühlen, das für wahr halten: o Herr, du Schöpfer aller Ding'! wie bist du worden so gering! Das macht einen ganz neuen Menschen, der lebenslang nicht vergessen kann, was ihn das Erlösen seiner Geschöpfe von allem Bösen gekostet hat. Als der Herr, der für seine Knechte gestorben ist, hat er auch die Ehre, daß man ihn anbete, daß man mit ihm umgeht, als mit seinem einzigen Helfer und Heiland. Sein Vater will, daß er geehrt werde: daß sie alle den Sohn ehren, wie sie den Vater ehren und daß der Vater geehrt werde in dem Sohne. Das sieht der Vater gern und der Heilige Geist predigt ihn im Herzen, denn niemand kann Jesum nennen ohne durch den Heiligen Geist. Wie Johannes das gesagt hat: Siehe, das ist Gottes Lamm, so hörten ihn zwei seiner Jünger reden und folgten Jesus nach. Johannes war ein großer Mann, er hatte viele Leute, auch Priester, bekehrt und haufenweise getauft. Das war nichts Kleines; aber Jesus nachfolgen, war doch noch was besseres. Der Heiland gestand es auch. Er sagt: Von Weibern ist nichts geboren, der größer sei denn Johannes der Täufer, aber wer im Reich Gottes jetzt ist, wer am Reich Jesu Christi jetzt wahrhaftig teilhat und ist der geringste im Neuen Bunde, der ist größer als Johannes. Johannes sagt in seiner Epistel: Wir haben's gesehen mit unseren Augen, wir haben's betastet mit unseren Händen. Und wie es von Mose heißt: sein Angesicht glänzte und er wußte es nicht, so ist es den Aposteln und Jüngern des Heilands gegangen, sie haben einen Glanz davon bekommen, daß sie mit dem ewigen Leben umgegangen sind. Paulus sagt: Es spiegelt sich in uns allen des Herrn Klarheit mit aufgedecktem Angesicht, und wir werden verklärt in dasselbe Bild, von einer Klarheit zu der andern als vom Geist des Herrn. Es ist aber freilich nichts Geringes, mit Jesus gewandelt haben. Und wenn wir nicht könnten mit ihm wandeln, so wären wir sehr unglückliche Leute. Aber er hat seinen Jüngern gesagt: Ich bin bei euch (nicht nur solange der Apostel Johannes lebt), sondern alle Tage, bis an der Welt Ende. Rechnet einmal durch, was ihr habt: »Ich habe den Heiland!« Wenn auch alle eure Trübsale, daß ihr nicht gesund seid oder die eurigen, daß ihr leiden müßt, einfallen, und ihr wollt ein wenig traurig darüber werden, so denkt ihr: ich kann ja nicht traurig sein, lebt Jesus, was bin ich betrübt! Ich habe einen Heiland, ich kann nicht traurig sein, ich kann mirs Leben nicht sauer machen, weil er mein Herz erfreut. Es könnte dir aber doch noch genug kommen, du könntest so krank werden, daß dir der Leib verschmachtet, es könnten dich die Gedanken verlassen. O, sagt man, und wenn gleich mein Leib verschmachtet, wenn mir die Gedanken vergehen, o, was habe ich für einen Herrn im Himmel! Wenn ich den einmal habe, so frage ich nichts nach Himmel und Erden. Darum ist das eine so selige Sache, Jesus gefunden zu haben, daß, wer das sagen kann: »In ihm kann ich mich freuen, hab einen guten Mut, darf kein Gerichte scheuen, wie sonst ein Sünder tut.« Und das ist denn auch die große Sache, die ihr davon habt, wenn ihr dem Heiland nachfolgt, wenn ihr's macht, wie es des Johannes Jünger gemacht. Wenn man einmal aus der Zeit geht, so kann man sagen: Ich komme zu dir, ich bin dein, ich habe an dich geglaubt in der Zeit, ich bin immer mit dir umgegangen, ich habe gelebt, aber nicht ich, sondern du in mir, was ich im Fleisch gelebt, das habe ich im Glauben an dich gelebt, ich hatte dich nicht gesehen, aber ich hatte dich lieb und darum freue ich mich mit einer unaussprechlichen Freude, da ich zu dir kommen soll. Habe ich mich gefreut, da ich abwesend war, wie sollte ich mich nun nicht freuen, da ich zu dir komme! Das ist der Zustand einer Seele, die Jesus in der Zeit kennengelernt. Die Leute, die ihn nicht haben, haben ein elendes Leben. Es ist kein Frieden im Herzen ohne ihn. Es ist keine Ruhe, weder im Tun noch in allerlei guten Vorsätzen, es ist keine Ruhe als in Jesu Wunden, da ist sie ganz allein wider den Tod, Sünde und Satan. Ein seliger Mensch zu sein, sich weder vor dem Tod noch vor der Hölle zu fürchten, dazu ist der beste und kürzeste Weg, daß man mit einem wahren, treuen, aufrichtigen Sinne sagt: »Breit aus die Flügel beide, o Jesu, meine Freude, und nimm dein Küchlein ein.« Wie oft (sagt der Heiland von Jerusalem), wie oft hab' ich deine Kinder versammeln wollen, wie eine Henne versammelt ihre Küchlein, aber ihr habt nicht gewollt. Wollt's doch von ganzem Herzen, werft alle eure Sünden, all euer Elend, euren ganzen verderblichen Zustand von eurer Geburt an bis auf diese Stunde zu seinen Füßen, laßt euch als Küchlein unter seine Flügel nehmen, da findet ihr Sicherheit, und bleibt bei ihm. Denkt immer an ihn, mengt ihn in Essen, in Trinken, in Schlafen und Wachen, ja in alles hinein, daß, wo ihr euch bekehret und wendet, ihr mit seinem Tod und Blut zu tun habt, was er für euch ausgestanden, und was ihr ewig zu erwarten habt. Welcher Satan wird euch hernach in Furcht und Schrecken bringen können? Die Pforten der Höllen sollen eine solche Seele nicht überwältigen. Breite dann, du unser Heiland, breite deine Gnadenflügel aus über alle. O du Lamm Gottes, das für die Sünden der Welt geschlachtet ist, das die Sünden der Welt weggetragen hat, trage alle Last hinweg und nimm uns alle, wie wir sind, Gute und Böse, an in dein Erbarmen und mache uns selig auf Zeit und Ewigkeit. Amen. Höchster Wunsch Von nun an werdet ihr den Himmel offen sehen und die Engel Gottes hinauf und herab fahren auf des Menschen Sohn. Johannes 1, 51   17. Januar 1760 Wenn vom Sehen geredet wird, so bedeutet es nicht allein leibliches Sehen, sondern in der Heiligen Schrift wird das Sehen auch unter die Gnaden des Neuen Testaments gesetzt, und das muß doch einen Sinn haben. So muß auch mit den Worten: Von nun an werdet ihr den Himmel offen sehen, ein geistliches Sehen gemeint sein. Denn wer kann behaupten, daß die Jünger des Heilands die Engel in Person alle Tage herab kommen sahen auf des Menschen Sohn? Kurz vor der Himmelfahrt taten sie Fragen, die das gar nicht vermuten lassen, daß sie den Heiland in den Tagen seines irdischen Lebens vor seiner Marter und Kreuzigung in viel Umgang mit den Engeln Gottes gesehen hätten. Ihrer etliche haben ihn wohl in einer Unterredung mit Mose und Elia gesehen; daß er sie aber in Umgang mit den Engeln hätte sollen mitgenommen haben, ist darum nicht wahrscheinlich, weil er so oft nicht nur die 70 und 12 nicht bei sich gelassen, sondern auch keinen Johannes, Petrus und Jakobus mit sich genommen hat, und ganz für sich allein gegangen ist. Das ist vielmals geschehen und da kann in der Stille viel vorgegangen sein. Er hat auch seine Bekanntschaft und Umgang mit den Engeln geheimgehalten. Er hat keine Beschreibung von ihrem Wesen und Ämtern gemacht. Nachdem nun der Heiland sich einmal fürs Nichtsehen mit leiblichen Augen erklärt hat, so kann man nicht nur sagen: »Gönne mir schon in der Zeit deine Nähe, als ob ich dich sähe.« Es ist nicht der geringste Zweifel, so gut wir mit einem Ohr des inwendigen Menschen hören können, so gut gefühlt werden kann in unserm Herzen, daß auf die Weise auch gesehen werden kann. Das Sehen wünsche ich meinen Geschwistern vornehmlich bei sakramentlichen Handlungen, daß der Geist ihres Gemüts zu der Stunde alle die Eindrücke und Empfindungen haben möge, die den Festfeiern gemäß sind. In der Zwischenzeit sind wir gern wieder in dem ordentlichen Gang einer armen Menschenseele, in einem schlichten Umgang des Herzens mit ihm, in einem beständigen Hinblick auf seine Todesgestalt. Entschuldigt Er wußte wohl, was im Menschen war Johannes 2, 25   23. Mai 1745 Er ist ein Mensch. Er weiß, was von einem Menschen zu erwarten ist. Er mutet einem Menschen nicht mehr zu, als ihm zuzumuten ist. Er kann einen Menschen entschuldigen, wo keine Entschuldigung für ihn zu finden wäre, denn er ist selbst ein Mensch. Er weiß, ob die Herzen rechtschaffen sind, ob man sich einem Menschen vertrauen kann. Ein jeder Mensch hat seine eigene böse Art, ein ander Gemüt, eine andere Erziehung, eine andere Verfassung in vielerlei Stücken, darinnen sind sie unter sich sehr verschieden und nach dieser Verschiedenheit müssen sie beurteilt werden. Er aber weiß, was in einem jeden Menschen ist, er weiß, was er von einem erwarten kann. Es ist gut, daß ein jeder denkt: der andere ist besser als ich. Aber wenn die Rede vom Heiland ist, so muß einem jeden so sein: Lieber Heiland, du weißt, es kleben Herz und Sinnen an dir, mein Leben, das weißt du. Danach kann's sein, daß ich eine arme Kreatur bin, danach kann's sein, daß ich zu allem Bösen von Natur aufgelegt bin, danach kann's sein, daß ich mich noch nicht genug kenne, daß noch ein Haufen Dinge in mir verborgen stecken, die ich nicht weiß, das manchmal unversehens kann zum Vorschein kommen und sehr zur Unzeit. Aber du weißt, mein Herz klebt an dir. Wenn ich nun so ein elendes Geschöpf bin, noch so viel versehen habe, noch so schlecht bin, so ist allemal mein gerader Weg zu dir, ich gehe zu dir, mein Herz sagt mir's, ich komme immer gut an. Er weiß, was im Menschen ist. Das, wovor alle Menschen zittern, die Allwissenheit, die Augen wie Feuerflammen, die sind die allerseligsten Gedanken, die ein Kind Gottes haben kann. Wo soll ich hingehen vor deinem Geist? Wo soll ich hinfliehen vor deinem Angesicht? Bei uns heißt's: Sieh doch auf mich, Herr, ich bitte dich.   12. November 1750 Er weiß wohl, was im Menschen ist, er weiß, was entschuldigt werden kann und was verurteilt werden muß. Darum wird er einmal richten. Uns aber ist gesagt: Richtet nicht, bis der Herr kommt. Es ist Schmach genug für ein armes Herz, das unter Kindern Gottes ist, wenn's noch so viel Unanständiges an sich hat. Man sollte nicht nötig haben, es ihm zu sagen, es sollte aus anderer ihrer Gnade sehen, wieviel ihm an Gnade mangelt. Denn wenn nur ein jeder dem Herrn sein Herz überläßt, so kommt alles gewiß dahin, wo es hinkommen soll. Wir sind nicht gesetzt zum Zorn, sondern die Seligkeit zu besitzen durch unsern Herrn Jesum Christ. Wir leben in einer Welt, da man den Menschen nicht mehr recht kennt. Darum taugt auch die eigene Heiligkeit und Selbstgerechtigkeit nichts, weil wir kein Modell haben, wie wir einen vollkommenen Menschen (das ist die Lage der Menschlichkeit seit dem Falle) bilden sollten. Daher ist lediglich unsere Sache, uns ihm hinzugeben und uns der Leitung und Erziehung des Heiligen Geistes zu überlassen. Das ist nun schon gut für uns. Wenn wir aber unsern Mitmenschen dienen und helfen und es dabei nicht einmal übers andere versehen sollen, so muß uns der Heiland selbst darüber belehren. Aus eben dem Grunde, weil er den Menschen von Grund aus kennt, können wir uns auch in seinem Dienst keinen bessern Rat geben als wir bitten ihn: »Rat uns nach deinem Herzen«, so treffen wir's. Weil wir ihn aber nicht da haben können, so hat er uns versprochen, daß der Heilige Geist, der bei uns bleibt, uns in alle praktische Wahrheit leiten soll. Glaubensgewißheit Wir reden, was wir wissen, und zeugen, was wir gesehen haben. Johannes 3, 11   10. Januar 1745 Vater, Sohn und Heiliger Geist können es am allerbesten wissen, wie es im Himmel aussieht. Alle Propheten, alle Engel können nicht anders als unvollkommen davon reden. Sie wissen das, was ihnen vertraut ist, und ihr Wissen ist Stückwerk, und ihr Weissagen ist Stückwerk. Niemand weiß, was in Gott ist, ohne Gott. Der eingeborene Sohn, der in des Vaters Schoß ist, der hat es uns ausgelegt, und der Geist erforschet alle Dinge, auch die Tiefen der Gottheit. Was kein Auge gesehen, was kein Ohr gehöret, und in keines Menschen Herz gekommen ist, das hat uns Gott offenbaret durch seinen Geist. Es kann niemand zu mir kommen, es sei denn, daß ihn ziehe der Vater. Das sind lauter klare, unumstößliche Beweise, daß die ganze heilige Dreieinigkeit sich mit uns einläßt, uns zu unterrichten und niemand sonst kann uns Zeugnis geben. Nachdem Gott manchmal und auf mancherlei Art zu den Vätern geredet hat durch die Propheten, so hat er am letzten zu uns geredet durch den Sohn, welcher, da er ist der Glanz seiner Herrlichkeit, da er ist Abdruck seines Wesens, so ist er zu uns gekommen und hat uns alles erkläret. Wenn wir also gleich noch nicht so genau wissen, was man besonders mit dem Vater, was man besonders mit dem Heiland, als Sohn, was man besonders mit dem Heiligen Geist zu reden hat, so verlieren wir nichts, denn die Person, das Ebenbild Gottes, der Heiland steht immer da, der ist bei uns alle Tage bis an der Welt Ende, und sooft wir nicht eigentlich wissen, wo wir das und jenes hinlegen sollen, so legen wir's ihm dar. Wir können uns gewiß darauf verlassen, daß, was wir in den Worten des Heilandes und in der täglichen Handreichung des Heiligen Geistes, aus des Heilands seinem eigenen Munde (denn der Heilige Geist redet, was er von Jesus hört), was wir da hören, was wir davon gewahr werden, das sind alles Worte aus dem Herzen der Heiligen Dreieinigkeit, gewisse Worte, lauter Amen. Und darum haben wir uns auch in dem Stück an den zu halten, der unser Einundalles »unser einziges Wohlsein, unser Leben und Herz ist«, und können gewiß glauben: wenn wir ihn haben, so haben wir, was uns ewig erfreuen soll.   10. Januar 1746 Wenn der Heiland sagt: Wir, so meint er sich und seinen Vater und den Heiligen Geist. Er sagt selber: »Mein Vater zeuget von mir, wenn ihr mir nicht wollt glauben, so glaubt dem Zeugnis meines Vaters, der hat geredet: Das ist mein lieber Sohn, an dem ich Wohlgefallen habe.« Ein andermal, wie Jesus sagt: Vater! verkläre deinen Namen, so kommt eine Stimme: Ich habe ihn verklärt und will ihn abermal verklären. Das war der Vater, der geredet hatte. Von dem Heiligen Geist sagt der Heiland: Was er hören wird, das wird er reden. Er wird euch meine Worte wieder sagen, er wird euch an meine eigene Idee erinnern, er wird euch alles das sagen, was ihr von mir gehört habt, oder doch hättet hören können, er wird alles noch deutlicher machen, und das wird so fortgehen, bis ich wiederkomme. Der Vater hat also Zeugnis gegeben von seinem Sohn. Der Sohn hat den Vater verklärt auf Erden. Der Heilige Geist hat schon im Alten Testament auf die Leiden des Sohnes, sein Martertum, das er ausstehen und für der Menschen Heil übernehmen würde, gleichsam mit Fingern gewiesen. Und im Neuen Testament, nachdem alles geschehen, nachdem das Opfer vollendet war, so hat er es zu seiner Aufgabe gemacht, Prediger der Marter und Wunden Jesu zu sein, der Welt zu sagen, daß sie an ihn glauben müsse, wenn sie will selig werden, der Welt sagen, daß er, der hier gelitten hat, der hier gestorben ist, nun erscheint für sie in der Gegenwart Gottes, der Welt zu sagen, daß er den Gott dieser Welt überwunden und gerichtet, und daß der Prozeß Satans, den er gegen die Welt hatte, verloren ist. Das sind nun alles Zeugnisse Gottes, Zeugnisse des Vaters, des Sohnes und des Heiligen Geistes, des Sohnes von der Liebe seines Vaters, des Vaters von seinem Wohlgefallen an seinem Sohn, des Heiligen Geistes von der Marter Gottes für uns, die kein Mensch ersinnen noch begreifen, ja nicht einmal für sich selbst glauben könnte, wenn kein göttlich Zeugnis im Herzen wäre, das alles Vernünfteln und alle Bedenklichkeit zu Boden schlüge und machte, daß auch die gescheitesten Leute sagen müssen: »Amen, es ist wahr! Christus gab sich dar.« Wenn man auch in allen anderen Dingen mit der Kritik noch so weit geht, der Glaube bleibt dabei: aber doch ist Jesus gestorben, aber doch ist der Sohn Gottes Mensch geworden und hat sich für uns alle dahingegeben. Amen! das ist wahr. »Und wenn's nicht wahr wäre, und ich dran nicht Freude hätt', so wollt ich den Tod wünschen her, ja daß ich nie geboren wär.« Das muß aber auch der Heilige Geist wirken, das kann einem kein Mensch beibringen. Das ist eine eigene Schule, der niemand vorstehen kann als der Heilige Geist.   3. Juni 1750 Die Predigt des Vaters war: Das ist mein lieber Sohn, an dem ich Wohlgefallen habe, den sollt ihr hören, an den sollt ihr euch halten. Der Heilige Geist hilft des Vaters Gebot durchsetzen, daß alles an den Namen seines Sohnes glauben und alle Knie sich im Himmel und auf Erden und unter der Erden vor ihm beugen sollen. Der Heilige Geist hat ein paar Tausend Jahre vorher gesagt, was der Schöpfer tun und wie er sein Geschöpf erlösen würde. Da es nun wirklich geschehen und der Heiland wieder hingegangen ist, so predigt er in aller Welt, daß es eine Todsünde sei, nicht an den Heiland glauben und sich nicht vor dem Namen beugen, der allein den Menschen gegeben ist, darin sie selig werden. Was nun Lehrer und Zeugen an die Welt sind, die müssen des Heiligen Geistes Kanzelsprache brauchen, so wie der Vater vom Himmel gerufen: Den sollt ihr hören! das erkannte Paulus und sagte, er und die übrigen Apostel wären gesandt, den Glauben an Jesus Christus aufzurichten, das sei die Summe aller Theologie: Glaube an den Herrn Jesus, so bist du selig. Ist das alles? Ja. Weiter nichts? Nein. Und wer's nicht glauben will, dem hilft aller andere Glaube nichts, der Zorn Gottes bleibet über ihm. Verborgenheit Wie Moses in der Wüste eine Schlange erhöhet halt, also muß des Menschen Sohn erhöhet werden. Johannes 3, 14   13. März 1750 Eine Hauptsache beruht auf dem Also; also mußte des Menschen Sohn erhöhet werden. Der Heiland mußte sterben und das mußte gerade auf die Art geschehen, wie es im Rat der Wächter ausgemacht und dann geweissaget worden. Diesen Zweck zu erhalten, hat er Maßregeln nehmen und Methoden brauchen müssen. Er hat in seiner Jugend eine Zeitlang in der Fremde leben müssen. Er hat hernach bis ins dreißigste Jahr in seines Vaters Hause aufhalten, ein Zimmermann sein und es so sehr verbergen müssen, daß er eine besondere Person sei, daß sogar seine nächsten Verwandten dafür hielten, das Lehren sei sein Beruf nicht. Er maße sich etwas an, das er nicht ausführen würde. Sie ließen ihn darüber soviel verdrießliche Reden hören und trieben's in dem Unglauben so weit, daß der Heiland kein Zeichen unter den Leuten tat, weil alles nur Wasser auf einen heißen Stein gewesen wäre. Wenn das nichts Frappantes ist, daß selbst der Schöpfer aller Dinge, zur Ausführung seiner Absichten, dreißig Jahr in Mühseligkeit und Unerkanntheit hinbringen muß, so daß er immer ganz was anders zu sein schien und die Leute selbst daran gewöhnt, daß sie darüber alles vergessen, was in seiner Kindheit mit ihm vorgegangen, wenn das nichts Merkwürdiges ist, so ist's in der Welt nichts. Das mag ja aller Nachahmung wert sein bei uns armen Kindern, die noch dazu von ihrem Plan so wenig verstehen! Müssen wir uns nicht schämen, wenn wir manchmal kaum einige Wochen auf etwas warten können, da der Heiland dreißig Jahre drauf gewartet, daß er etliche Jahre in Ruhe lehren und dann wieder zu Gott gehen könnte, auf die vorbestimmte Weise, das ist: sterben, und am Kreuze sterben? Er war in den 2, 3 Jahren seines Lehramtes oft in Gefahr, in einem Tumult hingerichtet zu werden, welches die Pharisäer mehrmals versucht hatten. Es wäre auch wohl geschehen, und er wäre in der Stille auf die Seite gebracht worden, wenn sich nicht einer von seinen Jüngern angeboten hätte, ihn dem Gerichte zu überliefern. Er mußte öffentlich sterben, sein Tod mußte ein Spektakel sein, welches in die Geschichtsbücher kommen, und davon die ganze Welt reden sollte. Es mußte ein Zeichen seines Todes gesetzt und ein Kreuz dazu aufgerichtet werden, dessen Bildnis die Könige und Fürsten der Erden am Halse und auf den Kronen tragen, sich dadurch öffentlich zu dem an das Holz Gehenkten bekennen und vor dem Throne des Kreuzes ihre Kronen niederlegen könnten. Das mußte alles sorgfältig geplant werden, damit es also geschehen möchte, wie droben ausgemacht und drunten prophezeit worden. »Es dient zu unsern Freuden, bekommt uns herzlich wohl.« Es ist uns wichtig, daß er auch die Art und Weise seines Todes in seiner Hand gehabt. Herodes ließ ihn einmal aushorchen und etliche schlimme Hofleute taten, als wollten sie ihm einen guten Rat geben, daß er sich auf die Seite machen möchte, sonst würde ihn Herodes umbringen. O, sagte der Heiland, sagt dem listigen Manne wieder, er würde mir nichts tun, heute ist mein Tag noch nicht, daß ich sterben soll, morgen auch nicht, ich muß noch ein wenig Zeit haben, und wenn dann meine Stunde kommt, so wird er auch wohl etwas davon erfahren, bis dahin tue ich mein Werk und fürchte mich vor ihm gar nicht. Von der Art war Luthers Resolution, nach Worms zu gehen, wenn auch so viel Teufel da wären, als Ziegel auf den Dächern. Da ihn der Reichsfiskal aufs Leben verklagte, da verzagten seine Sinne nicht. Wie er aber zurückkam, so mußte er auf die Seite gehen und wie die Augsburgische Konfession übergeben wurde, durfte er auch nicht dabei sein. Es hat alles seine bestimmten Wege und guten Ursachen und Regeln, wenn wir die zu Herzen nehmen, so werden wir keine vergebliche Arbeit tun. Die Klugheit der Gerechten geht nicht darauf hinaus, uns dem Leiden zu entziehen, oder gelobt, geehrt und reich zu werden, sondern das ist der Punkt, den man immer im Auge zu behalten angewiesen ist, daß man den Zweck erhalte, daß man auf die vorbestimmte Weise leide und im Erliegen siege. Das kann man sich durch vorschnelle und unnütze Unternehmungen ohne Auftrag, durch unzeitige Heldenhaftigkeit, gar sehr verderben. Das müssen wir uns abgewöhnen und lernen Geduld haben, unsere Schmach tragen, einfältig darunter hingehen oder auch über uns weggehen lassen. Das wollen wir vom Heiland lernen und uns sein Exempel vor Augen setzen, nicht nur uns daran zu erfreuen, sondern auch als einen Spiegel, darin wir uns besehen und unsern Wandel danach prüfen und bessern können und sehen, ob wir bei unserer Heimfahrt auch sagen können: Ich habe deinem Willen gedient hier auf Erden, es ist geschehen, was du mir befohlen hast. Unfaßlich Also hat Gott die Welt geliebet, daß er seinen eingeborenen Sohn gab, auf daß alle, die an ihn glauben, nicht verloren werden, sondern das ewige Leben haben. Johannes 3, 16   26. Dezember 1741 Um in das ganze Geheimnis und in die Tiefen des Leidens Jesu und seiner großen Liebe zu uns, recht hineinzusehen, gehört schlechterdings, daß man wisse, daß der Herr Jesus beim Vater vor allen Ewigkeiten gewesen ist, und also mit ihm und dem Heiligen Geist in einer unaussprechlichen Seligkeit gelebt hat. Der Sohn Gottes war vor allen und hat die Welt gemacht. Und da es hernach auf ihre Erlösung, auf ihre Loskaufung vom Teufel und von der Sünde ankam, so hat er sich selbst dazu hergeben wollen. Er hatte das menschliche Geschlecht so lieb, das Elend der armen Menschen ging ihm so nahe, daß er ihnen mit einem Eide versprach, sie zu erlösen aus der Hand ihrer Feinde und zu dem Ende sein Leben für sie zu geben. Das hat nun der Vater nicht nur so geschehen lassen, wie es Jakob mit dem Benjamin gemacht hat, sondern er hat ihn willig hergegeben. Sein Sohn ist ihm nicht zu teuer, nein, er gibt ihn für uns hin, daß er uns vom ewgen Feuer durch sein teures Blut gewinn. Wir haben gewiß Ursache, daß wir die Handlung der göttlichen Personen bei unserer Erlösung recht ins Gemüt fassen. Und da hat, nach der Heiligen Schrift, der Sohn alles gemacht. Alle Dinge sind durch das Wort gemacht und ohne dasselbe ist nichts gemacht, was gemacht ist. Johannes 1. Da er nun der Mensch sich erbarmen wollte und sprach: Ich will Mensch werden, ich will durch meine Menschwerdung das menschliche Geschlecht erlösen, ich will büßen, was sie ewig hätten büßen sollen, und was sie verschuldet, über mich nehmen, das hat dem Vater wohl gefallen. Er hat seinen Sohn hergegeben. Er hat seines eingeborenen Sohnes nicht verschonet, sondern hat ihn für uns alle dahingegeben. Wenn mir meine Sünden vergeben sind, wenn ich Gnade gefunden, wenn ich Friede mit Gott habe, wenn meine Seele aus dem Kerker erlöset ist, daß ich danke seinem heiligen Namen, wenn ich von der Gewalt des Satans erlöset bin, wenn Stricke des Todes mich umgeben, Angst der Hölle mich getroffen hätten, und meine Seele ist errettet, und ich denke hernach: Wie ist das zugegangen? wie komme ich dazu? Ja, der Sohn Gottes hat sich meiner angenommen, der Sohn Gottes hat menschliche Natur an sich genommen, das hat der Sohn Gottes getan, da lernt man ihn kennen. Und was hat sein Vater dabei getan? Ist ihm das einerlei gewesen? Wer will das denken? Aber er hat die Welt so geliebt. Er hat seinen Sohn hergegeben. Ja, wer das glauben kann, der muß in seinem Herzen, wo er geht und steht, vor dem Vater hinsinken, er muß ihn über alles lieben, was man menschlicher Weise lieben kann. Er hat seinen eingeborenen, seinen lieben Sohn, sein ganzes Herz, hergegeben, nicht auf eine Minute nur, sondern auf »dreißig Jahr fürwahr arm und veracht, danach geschlacht't zum Lösegeld für uns und alle Welt.« Denn er hat die Welt lieb, das kann man sagen, daß das geliebt heißt. Warum er sie so liebt? wie das zugeht? Das ist eine Tiefe, da können wir weiter nichts dazu sagen. Aber das ist eine Erklärung von den Worten Jesu, niemand kommt zum Vater, denn durch mich. Wer da wissen will, was der himmlische Vater für ein Vater ist, das kann man nicht anders erfahren, als bis man Jesu Menschwerdung, seine Geburt, seinen Tod am Kreuz hat glauben lernen. Wenn man das recht zu Herzen nimmt, o seht, heißt's danach, welch eine Liebe hat uns der Vater erzeiget! Ist Gott für uns, wer mag wider uns sein? Welcher seines einzigen Sohnes nicht hat verschonet, sondern hat ihn für uns alle dahingegeben. O, es wäre eine selige Sache, wenn wir uns das könnten so gründlich zu Herzen nehmen und wenn wir könnten durch Jesu Wunden alle heil werden, so heil werden durch seine Beulen, daß die tiefe Betrachtung der Seligkeit, die uns dadurch widerfahren ist, in das Herz des Vaters hineinführte. Lieber Vater! Du Vater unsers Herrn Jesu Christi! Du anbetungswürdiger Gott! Wir legen dir unser dankbares Herz zu deinen heiligen Füßen. Du ewige Liebe! Hast du deines eingeborenen Sohnes nicht verschont und hast ihn für uns alle dahingegeben? Du hast uns unsinnige, mutwillige Sünder nicht wollen verderben lassen und hast deinen Gottessohn zum Lamme gemacht und zum Schlachtopfer für uns. O großes, majestätisches Wesen! diese Liebe können wir dir nicht genug danken mit allem unserm Glauben, mit aller unserer Liebe, Treue und Gottseligkeit. Ach, es hätte kein Bruder den andern erlösen, noch Gott jemand versöhnen können. »So konnt's nicht anders sein, denn Gottes Sohn mußt' leiden des Todes bittre Pein. So nicht wäre kommen dein Sohn in die Welt und an sich genommen unsere arm' Gestalt und für unsre Sünde gestorben williglich, so hätten wir müssen verdammt sein ewiglich.« Diese große Gnade und väterliche Gunst hast du uns aus lauter Liebe erzeiget in Christo, deinem Sohn, den du übergeben, hingeschenkt, überlassen hast in den Tod des Kreuzes zu unserer Seligkeit. Wer kann dir nun mit Worten dafür danken? Das ist nicht möglich. Alle Zungen sind zu wenig, das auszusprechen. Alle Engel und Himmelsheer können nur Amen sagen, Halleluja, Lob und Dank von Ewigkeit zu Ewigkeit. O nimm unser Herz, wie es ist, nimm du es an, mein Vater! verachte es nicht. Wir gebens, so gut wir es geben können. Das ist das einzige Opfer, das wir deinem Namen bringen können. Nimm an diesen Dank, mit unserm Lobgesang und vergib, was noch gebricht bei unserm Lobopfer, denn es ist nicht möglich, daß wir's ganz bereiten können. Aber, du treuer Gott! segne unsere Seele, heilige sie durch und durch und mache dir daraus wohlgefällige und für die bittren Schmerzen Jesu Christi bereitete Herzen. Habe du die Ehre und die Freude, daß vor deinem Sohne alles die Knie beuge auch in diesem Lande und alle Zungen schwören und sagen, in dem Herrn habe ich Gerechtigkeit und Stärke. Amen. Es sind in den Worten des Heilandes sehr viele Wunder, das größte Wunder aber ist: Also hat Gott die Welt geliebet. Wenn wir den Heiland nicht so gut kennen, daß wir ihm alles glauben, so dachte man, es wäre nicht wahr, daß Gott es so gut mit der Welt gemeint hätte, denn wenn man sich die unendliche Macht und Majestät Gottes vorstellt, und muß sich überzeugen lassen, daß Gott der Welt nicht anders hat helfen können, als er hat müssen seinen Sohn hergeben, da bleiben einem freilich die Gedanken und Sinne stille stehen. Und daraus fließt die unendliche Dankbarkeit, da man sein ganzes Herz zu seinen Füßen legt und weiß nicht, was man tun soll, wenn man noch was mehr als sich könnte hergeben, so täte man es. Ohne Christus Das ist aber das Gericht, daß das Licht in die Welt kommen ist und die Menschen liebten die Finsternis mehr denn das Licht. Johannes 3, 19 O weh dem Volk, das dich veracht't, der Gnad sich nicht teilhaftig macht, nicht hören will des Sohnes Stimm, denn auf ihm bleibet Gottes Grimm.   15. Januar 1747 Es ist ganz offenbar, daß der Heiland zum Seligmachen der ganzen Welt gekommen ist und daß er der Heiland aller Menschen und der Gläubigen vor allen Dingen ist. Denn so stehts ganz sonnenklar da. Nun kann einer unmöglich der Heiland sein, wenn er nicht helfen kann, oder nicht will. Wenn er nur zwei unter einer Million Menschen nicht helfen will oder kann, so ist er nicht mehr der Heiland aller Menschen. Das ist vollends wider allen Sinn. Aber der Heiland erklärt am besten: Ich will euch die Ursach vom Gericht sagen: Es gibt eine Sorte Menschen, die mögen das Licht nicht, die wollen mich nicht, die sind beinahe lieber nicht selig als durch mich selig, und die Leute werden danach gerichtet. Freilich, ich will nicht sagen, daß die Leute alle sollen verloren gehen, ich will alles an ihnen tun, was ich nur kann und wenn ich nur kann die geringste Ursach ihrer Seligkeit finden, so will ich es hervorsuchen, um ihnen nachzuhelfen, um meine Feinde selig zu machen. Aber ein Prozeß wird daraus, ein Gericht wird daraus, ein Urteilsspruch wird daraus, denn ihr eigen Herz sagt ihnen, daß sie mich nicht gemocht, daß sie mir feind gewesen sind, daß, wenn sie noch so weit sind mitgelaufen in allerhand christlichen Überzeugungen, so balds aufs Thema von meinem Blut und Wunden, von meinem Verdienst, so balds auf was Wahrhaftes gekommen ist, dabei sie sich einen leibhaften Heiland haben vorstellen können, so bald ist es ihnen unleidlich gewesen. Das ist die Ursach zu einem solchen Prozeß, daß es zu einer wirklichen Untersuchung kommt. Hör zu, du stehst gewiß nicht richtig, was sagt dir dein Herz? wie hast du bis daher gestanden? gehörst du daher unter die an Christus Gebundenen oder was erwartest du? Wenn also ein Herz in dieser Zeit gewiß weiß, daß es seinen Heiland liebt und sagen kann: Du weißt alle Dinge, du weißt, es hängen Herz und Sinnen an dir, mein Leben, so wahr du lebst, so fährst du gen Himmel und weißt von keinem Prozeß. Nichts bleibt verborgen Wer die Wahrheit tut, der kommt an das Licht, daß seine Werke offenbar werden, denn sie sind in Gott getan. Johannes 3, 21   16. Januar 1747 Nun ist es wahr, daß die andern Leute, die die Finsternis lieben, darum vom Lichte wegbleiben, damit sie nicht mit ihren Sachen zum Vorschein kommen: aber es ist auf der andern Seite gar nicht gesagt, daß die, so die Wahrheit tun, ans Licht kommen, auf daß ihre Sachen zum Vorschein kommen, sondern sie kommen ans Licht und lassen es darauf ankommen, daß ihre Handlungen von jedermann gesehen und beleuchtet werden. Man kann's drauf ankommen lassen, weil man weiß, daß sie alle in Gott getan sind. Aber in gewisser Beziehung sieht man es lieber, wenn man in einer gewissen Stille, in einer gewissen Armut und. Vergessenheit bleiben kann, daß das unselige Großwerden abgewendet wird, daß wir nicht in eine Achtung kommen, da uns unser eigen Herz das Gegenteil sagt, und man Dinge bei uns sucht, die nichts als lauter Gnade und Barmherzigkeit sind und gibt uns eine Ehre, die uns nicht gehört. Aber wenn's nun nicht anders ist, so sagen wir, laßt's ans Licht kommen, laßt es offenbar werden, wir wohnen ja da, wir wandeln ja am Tage, wir sind ja an den Landstraßen und Zäunen, seht uns, hört uns, gebt acht, was ihr bei uns findet, prüft's gründlich, nehmt euch Zeit dazu, mag's doch offenbar werden, denn es ist in Gott getan. Das ist so der praktische Sinn, den man aus den Worten des Heilandes ziehen kann: Wer die Wahrheit tut, der kommt an das Licht, der läßt's darauf ankommen, daß seine Werke offenbar werden. Er mag es ja tun, er weiß, wie er mit seinem Heiland dran ist. Über unsere Begriffe Wer die Braut hat, der ist der Bräutigam Johannes 3, 29   4. Dezember 1746 Ich habe immer gewünscht und wünsche es noch, daß sich niemand möchte die Mühe geben, unser wahres und reales Christsein mit vernünftigen Gründen zu beweisen. Solange man die Sache nur in der bloßen Idee hat, solange es nur lauter abstrakte Gedanken bleiben, solange kann man's noch ertragen. Aber von dem Augenblick an, da man Folgen auf sein und der andern ihre Herzen daraus ziehen soll, so bleibt man stecken und da ist's gut, daß man gleich anfangs sich für einen Narren halten läßt von denen, die nichts anders als natürliche Vernunft haben, als daß man erst lange mit ihnen geht und zuletzt doch für einen Narren gehalten wird. Ich halte viel davon, daß wir sagen, unser erster Satz ist Torheit. Wer an unsern ersten Satz glauben kann, der findet nachher eine unaufhörliche, kettenweis aneinander hängende göttliche Weisheit. Aber den ersten Satz muß er gleich glauben. Und wenn er den ersten Satz nicht glauben will, so ist's vergeblich, daß man sich über eine andere Wahrheit einläßt. Der Satz nun, den wir glauben müssen, das ist der: »Dem Heiland ist seine Braut untreu geworden, dem Heiland ist seine Braut genommen worden und er hat sie mit seinem eigenen Blute in menschlicher Gestalt erlöset, von ihrem Räuber losgemacht und ihr das Recht mit seinem Tode zuwege gebracht, daß sie wieder in seine Arme laufen kann, wenn sie will und daß sie die Räuber nicht halten müssen.« Das ist der erste Satz, das ist der Grundsatz der Kirche. Da sagt nun der Philosoph, der die Dinge nicht glaubt und der des Heilands Historie nicht glaubt: Wenn der Heiland hat wollen eine Braut haben, warum hat er sie sich nicht gleich geschaffen, wie er sie hat haben wollen? Warum hat er den Feind geschaffen, warum hat er den Feind nicht totgeschlagen, warum hat er solange gewartet, bis er ist ein Mensch worden, und ist ein Wiegenkind worden und hat sich 30 Jahre geplagt bei seinem Handwerk und ist Lehrer worden und hat sich lassen ans Kreuz hängen, ist gestorben und hat sich lassen ins Grab legen, hat er dann seine Braut nicht anders erwerben können? der allmächtige Gott, der Schöpfer aller Dinge, der den Teufel geschaffen hat? Nun, wer so klug ist und kann's beantworten, dem überlasse ich's, ich kann's nicht und ich rate es keinem Menschen, daß er sich damit einläßt, es zu beantworten; sondern da sagen wir: Wir glauben! Wir sagen nicht, wir haben's verstanden. Mein Gewissen sagt mir das Gegenteil. Ich denke aber so, weil der Heiland gesagt hat, wir sollen's glauben! weil er niemals gesagt hat, wir sollen's begreifen, wir sollen's erklären, wir sollen's andern Leuten beweisen, sondern wir sollen's glauben, und weil wir's glauben, so sollen wir's bezeugen und sollen ihn dafür sorgen lassen, wie er es andern wird begreiflich und glaubhaft machen, gleichwie er's uns begreiflich und glaubhaft gemacht hat; weil ich sehe, daß der Heiland spricht: Das hat dir kein Mensch gesagt, das hat dir Fleisch und Blut nicht beigebracht, sondern mein Vater im Himmel; weil ich sehe, daß sich die Apostel entschuldigt haben, daß sie mit der Philosophie nicht wollten vermengt sein, daß Paulus schlechterdings gesagt hat, es hat kein Meister, kein Kluger, kein Weiser, kein Doktor in allen Fakultäten jemals so einen Gedanken gehabt, es ist ihnen nie in den Sinn gekommen, was Gott mit uns angefangen, was Gott an uns gewendet hat, sondern uns ist es offenbaret worden durch seinen Geist: so denke ich, das ist die kleinste, geringste Treue, die wir unserm Herrn erzeigen können, daß wir seinen Worten durch seine Gnade glauben, daß wir unser Herz dafür reden lassen, daß wir zum ersten Argument sagen: so ist's, denn meine Seele sagt mir's, so haben die Alten in der Bibel geredet, meine Seele sagt mir's, so hat mir's bisher meine Seele gesagt, so sagen es meine Brüder von der Stunde an, da das Licht in dem Herzen angezündet wird, das wir das Licht des Glaubens nennen, bei dem man Sachen sieht und Sachen glaubt und Sachen faßt, die man in seiner natürlichen Weisheit nie denken, nie erfinden, auch wenn sie einem gesagt werden, nie begreifen kann, unser Herz sagt uns, daß er unser Heiland und Bräutigam ist. Wie hat er uns nun das ermöglicht? Er hat das Opfer, das ewig gilt, für uns vollendet, er hat sich lassen am Stamme des Kreuzes für uns zu Tode martern. Das ist geschehen, es ist vollbracht, nun sind wir nicht nur dazu geschaffen, sondern nun sind wir von neuem wieder dazu berechtigt, zu unserm Jesus heimzukommen. Wir haben keinen andern Ort, wir können uns nirgends anders hinbegeben als zum Bräutigam. Er ist aus dem Tode, sagt der Heiland, er ist aus der Verwirrung hinüber gekommen ins Leben, ins Land der Lebendigen, da Fried und Freude lacht, wo in Freuden über Freuden alles wird versenkt, was uns je gekränkt. Von den Seligkeiten, von den Herrlichkeiten reden wir eben nicht viel. Wir glauben alle die Sachen, wir glauben, es ist lange noch nicht alles offenbart, es ist noch viel herrlicher, als es jemand mit seiner Feder beschreiben und mit seiner Zunge aussprechen kann, als eines Menschen Gemüt ausdenken, als sich's ein Menschenherz wünschen kann, aber es ist doch alles für uns, wie sollte er uns mit ihm nicht alles schenken? Wenn man den Heiland hat, so fragt man nicht, ob noch eine Erde ist oder ob noch ein Himmel ist, man hat ihn. Weil er nun nicht haben will, daß wir vergessen sollen in unserm ganzen Leben, daß wir Kinder Gottes sind, daß wir erlöset sind, daß wir vom Satan und von der Sünde befreiet sind, daß wir Bürger und Hausgenossen sind mit den übrigen Heiligen: so hat er das teure heilige Abendmahl eingesetzt. Wer nun also des heiligen Abendmahls teilhaftig wird und glaubt und kann sich dahineinversetzen und sich die Freude machen, daß er denkt, nun werde ich mit Jesus vereinigt, nun tritt mir Jesus vors Gesicht, nun kommt er mir in Herz und Seel und Mund, nun kommt der Weinstock in die Reben, der hat's »und hat's umsonst, es kann niemand ererben und noch erwerben durch Werke, deine Gnad, die uns erretten vom Sterben.« Wie gut haben's die Menschen, die da wissen, was sie an ihm haben, die da wissen, wo sie zu Hause sind.   3. Juni 1748 Johannes, Jesu Vorläufer, hat gesagt: Der die Braut hat, das ist der Bräutigam. Der Heiland selbst hat von der Sache wenig Worte gemacht. Er hat einmal gesagt: Wie können die Hochzeitleute fasten, so lange der Bräutigam bei ihnen ist. Matthäus 9, 15. Er hat auch einmal erzählt, wenn er wird wiederkommen, wie es da wird sein. Aber eigentlich ist das des Heiligen Geistes Arbeit; der ist Brautwerber, seine ganze Predigt, seine ganze Arbeit besteht darin, daß er ruft, winkt, daß er zu verstehen gibt, wozu wir erkauft sind mit Jesu Blute. Du bist teuer erkauft, darum so preise Gott an deinem Geiste und preise ihn auch an deinem Leibe, laßt nicht nur eure Herzen so gestellt sein, sondern laßt auch euer Haus, eure Gemeinde, so eingerichtet sein, wie sich's schickt für den künftigen Bräutigam, das ist des Heiligen Geistes öffentliche Lehre. Das ist ein großes Geheimnis, von der Welt her verborgen, und findet noch jetzt nach 1900 Jahren immer Leute, die es glauben und die ihr Herz darin weiden.   19. September 1751 Es ist eine große, aber rätselhafte Wahrheit, daß uns unser Herr erlöset hat, sie ist aber nur so lange, bis die Menschen glauben, daß sie die Leute nicht sind, wozu sie geschaffen werden. Denn sobald man sein Elend kennt und glaubt, daß die Menschheit unmöglich dazu geschaffen sein kann, was sie jetzt ist und man erschrickt vor ihrem jetzigen Zustande und wird über seine Armut und Elend betrübt, danach wird man bald inne, daß uns unser Herr erlöset hat. Es ist ein dummkühner Versuch, den die Weltweisen unter den Theologen an den Menschen machen, daß sie sich durch Gründe, und zwar fremde, bereden lassen sollen, daß der Schöpfer ein Mensch worden und am Stamme des Kreuzes, wie ein Dieb am Galgen gestorben sei, nicht eben aus einer dringenden Not und weil kein anderer Rat war, sondern nur zum Beispiel, uns ein Exempel zu geben. Sie behaupten ferner, daß man die Vernunft gar wohl dazu brauchen könne, diese Lehre dem menschlichen Gemüte zu demonstrieren und weil das eine allgemeine Sache worden und die Oberhand gekriegt hat, so hat man einen Respekt davor bekommen. Wie kommt's aber, daß der Apostel Paulus so treuherzig zugibt, daß seine Lehre von Jesu Kreuze und der Marter Gottes eine Torheit sei, ein Rätsel der Vernunft, für Leute, die mit sich selbst zufrieden sind und sonst noch Mittel wissen, wie sie den Menschen ausstaffieren und zu einer rentablen Kreatur machen können. Weg mit solchen Hirngespinsten! der Hauptpunkt zum Glauben ist das Elendsgefühl und die Tränen darüber, dazu man sich nicht zwingen darf, sobald man sich selbst recht kennt. Wer ihnen danach die Botschaft bringt, daß ihr Schöpfer ihr Heiland ist, der ist ihnen Gottwillkommen, da geht es ihnen, wie dem Jakob »Nun will ich gern sterben, nun ich das erfahren habe!« Also, der der Menschenseele ihre Freiheit wieder zuwegegebracht hat, der sein Leben dran wagte, »und ins Todes Rachen sprang, uns frei und loszumachen von diesem Ungeheur«, das ist der Bräutigam, der die Braut hat, spricht Johannes: Der ist's. Meine Freude Dieselbige meine Freude ist nun erfüllet. Johannes 3, 29b   16. August 1744 So redet Johannes der Täufer, dessen Amt schon etwas von der Morgenröte, der neuen Sonne hatte, von der neuen Klarheit des Amts, das die Versöhnung prediget, und darum war er der größte unter allen denen, die von Weibern geboren sind. Die Hauptsache, die wir miteinander zu betrachten haben, ist die Freude, von der Johannes gesagt hat: dieselbe meine Freude ist nun erfüllet »was der alten Väter Schar höchster Wunsch und Sehnen war und was sie geprophezeit, das war erfüllt«. Da stand der Mann, der vor Johannes, der vor Abraham gewesen war, der vor allen Zeiten gewesen: Sehet, das ist Gottes Lamm, sagt er, es wird die Sünde der Welt wegtragen. Besinnt euch nun, sagt er, was für eine Freude allemal ist, wenn der Bräutigam kommt. Der Freund freut sich, sagt er. Aber deswegen ist er doch nur ein Gast auf der Hochzeit wie die andern. Die Braut ist nicht seine, der Bräutigam hat die Braut. Aber es ist dem Freunde genug, wenn er nur sieht, wie froh der Bräutigam ist, wenn er nur seine Freude sieht, da ist ihm wohl. Nun, sagt Johannes, das Glück habe ich nun, dieselbe Freude habe ich nun, und sie ist so weit, ich kann nun nichts mehr fordern, ich kann nichts mehr begehren, wie dort Jakob sagt: ich will nun gern sterben, meine Freude ist nun erfüllt. Nun habe ich sie ganz, nun habe ich nichts mehr zu wünschen und nichts mehr zu begehren. Meine Freude ist etwas Besonderes. Da die Jünger zum Heiland kamen und sagten: es sind uns auch die Teufel untertan! O, sagt der Heiland, das ist das geringste, darüber freuet euch nicht, freuet euch, daß eure Namen angeschrieben sind im Himmel, freuet euch, daß ihr die Leute selbst seid, dazu ihr andere machen wollt, daß ihr die Seligkeit selbst habt, die ihr andern geben wollt, du wirst dich selbst selig machen, sagt der Apostel, mit denen, die dich hören. Aber gleichwohl haben sie noch einen Gedanken dabei: nämlich, es ist ihnen nicht genug, daß sie seine Stimme hören, daß er sie kennt und daß sie ihn kennen und daß sie ihm nachfolgen dürfen, wo er hingeht, daß sie niemand aus seiner Hand reißen kann. Ich will euch also doch von der Freude was sagen, die die Leute haben, die da gebraucht werden an anderen Menschen, die das Amt der Freunde des Bräutigams haben, die der Heilige Geist selbst aussendet, daß sie sichtbar sollen im tausendsten Teil an den Menschen tun, was er in allen Teilen zugleich tut, was er im Ganzen tut. Sie haben eine Freude. Was ist das für eine Freude? Die Freude, daß der Bräutigam da ist. Das ist gar nicht einerlei, ob der Bräutigam selber da ist oder ob nur seine Leute handeln, reden und machen. Es ist uns das gar nicht einerlei, ob wir handeln oder er handelt. Wenn die Seelen sich an die Menschen hängen, wenn die Seelen mit Menschen zufrieden sind, wenn die Seelen den Menschen alles glauben, wie das so in der Welt zugeht, so wird der größte Teil betrogen. So bekehren Lehrer die Schüler zu sich, was sie glauben, das glauben die Anhänger auch, solange sie es glauben. Wenn ein solcher armer Mann dann in Verwirrung gerät, so sind sie alle verwirrt, wenn ein solcher armer Mann vor der Zeit von ihnen genommen wird, so sind sie alle hin. Wenn man in zehn Jahren wieder hinkommt und er hat zweitausend Menschen bekehrt, aber nicht zum Heiland, sondern zu sich, so ist's alles, was man noch erwarten kann, daß von Zweitausend noch zwölf sind, die den Mann loben, die sich seiner noch erinnern, die nicht etwa von dem Heiland und von seinem Gnadenwerke, sondern von der Arbeit des Knechtes Gottes lobend und rühmend sprechen. Ein jeder, wenn ihrer auch zehntausend sind, muß seine ganz eigene besondere Bekanntschaft mit dem Heiland haben, einem jeden muß der Freund selbst erscheinen in dem Bilde, wie er für ihre Not am Kreuze sich so milde geblutet hat zu Tod, und es muß sich kein Zeuge gegen die andern rühmen, daß er den Heiland gesehen hat und sie nicht, sondern das ist die neutestamentliche Gnade, daß sie alle eins seien, gleichwie du, Vater, in mir und ich in dir bin, daß sie alle meine Herrlichkeit sehen, die du mir gegeben hast, daß in Ansehung der Liebe und Anhänglichkeit gegen ihr gekreuzigtes Haupt kein Unterschied ist, wer eins sieht, der sieht sie alle. Ist ein Unterschied, so besteht er in Erfahrung, so besteht er in Jahren, so besteht er in Ämtern, so besteht er in allerlei Proben, so besteht er in der mehrern Kindlichkeit oder Ernst der Seelen, aber im Blick auf den Bräutigam, gleiche Liebe, gleiche Gnade, gleiche Erscheinung, gleiche Herzlichkeit. Denn bei ihm sind sie alle gleiche Leute. Die Freude selbst besteht darin, wenn ich weiß, daß alle, mit denen ich bekannt bin, die ich lieb habe, denen ich predige, mit denen ich das Abendmahl halte, die haben den Heiland alle selbst. Es heißt: Sie sollen mich – den Heiland – alle kennen, klein und große, beide, Anführer und Schüler, beide, Erwachsene und Kinder. Das ist meine Freude. Atheismus unter uns Wer es annimmt, der versiegelt's, daß Gott wahrhaftig sei. Johannes 3, 33   13. März 1746 Es haben sich die gescheiten Leute in unseren Tagen so weit gebracht mit dem Nachweis, daß ein Gott sei, daß es beinahe gefährlich ist, ihnen das zweifelhaft zu machen, und daß man sich selbst verdächtig macht, wenn man sagt: daß der Atheismus der menschlichen Natur und dem Verstande sehr nahe liege. Es ist aber gleichwohl nicht anders; und bei mir machen sich die Leute schon seit zwanzig, dreißig Jahren verdächtig, daß sie selbst halbe Atheisten sind, wenn sie den Atheismus als eine leichte Sache traktieren, darüber man nur so hingeht. Aber in der Tat läuft es darauf hinaus: man kann die Leute wohl eine Zeitlang dazu bringen, daß ihnen die Idee von einer Gottheit wahrscheinlich wird, aber man kann es nimmermehr dazu bringen, daß es ihnen wahr wird und Amen wird und ewig bleibt und daß sie Brief und Siegel darauf geben können, wie es in unserem Text steht, daß sie Leib und Leben, Kopf und Kragen dransetzen können, daß es Wahrheit ist, daß ein Gott ist, sie haben denn erst ihre Hand in Jesu Seite gelegt und von Herzen zu ihm gesagt: mein Herr und mein Gott! Wer ein bißchen in der Bibel bewandert ist, der wird finden, daß der Atheismus eine der allerältesten Ideen und beinahe so alt ist als die Welt und gleich angegangen ist, so bald mehr als zwei Menschen auf der Erde gewesen sind. Ich will nicht untersuchen, was den ersten Menschen begegnet ist, da sie dem Versucher mehr glaubten als Gott, und wo das im tiefsten Grunde hergekommen ist. Ich will nur bei der einzigen Sache bleiben, daß das Volk Israel von Abraham oder wenigstens von seinen nächsten Enkeln an in der Erkenntnis Gottes beständig geschwankt hat. Wenn's zwölf, fünfzehn, laß sein vierzig Jahre, gewähret hat mit dem Glauben, so sind sie immer wieder einmal Atheisten worden. Wenn ihnen die Wunder und Zeichen nicht beständig um den Kopf herum gebrauset, wenn sie nicht immer blitzen sahen und donnern hörten, wenn nicht immer eine Generation nach der andern mit sichtbaren Zeichen des göttlichen Zorns unterging oder gar scharenweise auf einmal dahinfuhr, wenn nicht sich etwa die Erde auftat, oder es war sonst einmal lange kein großes Unglück geschehen, so war ihr nächster Hang immer wieder, alles das, was sie mit ihren eigenen Augen gesehen hatten, zu vergessen und auf andere Grillen zu kommen. Sie sind im Stande gewesen, zu Moses und Aarons Lebzeiten aus ihren eigenen Ringen und Spangen, aus ihrem eigenen Schmuck, sich ein Rind zu gießen und zu sagen: Israel! das ist dein Gott, der dich aus Ägypten geführt hat. Das hat sich nun so fortgeschleppt von einem Jahr, von einem hundert Jahr, von einem tausend Jahr bis zum andern: so daß der Heiland, als er auf Erden war, das jüdische Volk in zwei Teile geteilt fand, in zwei große Hauptparteien, davon ein Teil, darunter Priester waren, nichts von Engeln, von der Auferstehung und von andern Grundsätzen der Religion hielten. Es kam wohl noch mehr. Paulus, der große Gesetz-Prediger, der große Pharisäer und Held in der Lehre, das Licht seiner Zeit, bekannte und leugnete nicht. Er bekannte: Wir, sagt er, wir waren ohne Christus und ohne Gott in der Welt. Und darum sagt Paulus 2. Korinther 4, 6: Gott selbst hat uns erst aufs Geheimnis gebracht, wie man zur bleibenden Erkenntnis Gottes gelangt, wie man nicht nur dahinter kommt, daß ein Gott ist, sondern es, wie es Johannes ausdrückt, besiegeln lernt, daß ein Gott ist. Man muß den Leuten den Kreuz-Gott vormalen, so entsteht in ihnen eine Erleuchtung von der Erkenntnis der Herrlichkeit der Majestät Gottes. Aber von welcher Ecke her? der Apostel sagt: im Angesichte Christi. »Malt den Leuten den Menschen her, der sich für ihre Not am Kreuze dort so milde geblutet hat zu Tod. Dann ist's richtig, danach haben sie die Erkenntnis von Gott ganz.« Wer ist also und bleibt der einige und unüberwindliche Theologe und Zeuge der Wahrheit? Er selber allein. Da heißt's immer: Er hat's gesagt, Hebräer 1. Er hat selbst deutlich davon geredet, Johannes 1, 8. Wer sein Zeugnis annimmt, wer das Testat seines Vaters annimmt, oder wer ihm auf sein bloßes Wort glauben kann durch des Geistes Antrieb, der hat einen Gott. Wer das nicht kann, der sieht Gott nicht, der kennt ihn nicht, der weiß nichts von ihm, der bleibt Atheist. Ich leg die Hand in deine Seite und spreche nicht nur, daß, wer weiß wo, ein Gott ist, sondern ich weiß ihn auch zu finden, ich rühre ihn an, im Geist, ich bezeuge, daß er es ist: Du bist's! Du hast die Erde gegründet, die Himmel sind deiner Hände Werk. Deine Hände haben mich zubereitet. Mein Heiland, der sein Leben für mich gelassen hat, der ist Gott, der ist mein Schöpfer, der hat mich gemacht und nicht ich selber. »Wißt ihr, wer das ist? Er heißt Jesus Christ: der Herr Zebaoth, und ist kein anderer Gott!« Johannes 5, 20. Das ist nun die große Sache, da ich wollte, daß sie sich alle tief ins Herz einprägten und sonderlich unsre Zeugen. »Geht, Zeugen! Tragt durch aller Erden Breiten das Wort von Jesu Todesgang.« Danach fragt die Heiden nur, ob sie einen Heiland nötig haben und bringt ihnen dann Jesus am Kreuz, so habt ihr sie auf einmal näher, so habt ihr sie ganz, so habt ihr sie so, wie sie ewig bleiben können. Das Argument ist: »Ich brauche ihn, mein Herz fühlt seine Notwendigkeit, da hab ich ihn erfahren, er hat mich gesegnet, er hat mich geheilt, er hat sich meiner Seele herzlich angenommen, daß sie nicht verdürbe«. Wer sich durch das Argument nicht gewinnen läßt, der läßt sich durch die andern nicht anders gewinnen, da ist nichts als Schein, es ist nicht die geringste Realität im Herzen. Und wenn er zwanzig Jahre lang Glaubensbekenntnisse auswendig lernt, und eines immer länger als das andere, eins immer künstlicher als das andere, eines verwirrter als das andere, so glaubt er von einem so viel als vom andern, glaubte er auch eine Zeitlang, in der Zeit der Bewährung, der Versuchung, würde er doch abfallen. Halte was du hast, so wird dir niemand den Kranz nehmen, der auf dich wartet.   20. Juni 1751 Es ist unbegreiflich, daß es Christen gibt, die sein Zeugnis nicht annehmen wollen, ja, wie sich der Heiland selbst erklärt, die lieber eines Menschen als sein Zeugnis annehmen, wie wir noch bis zu dieser Stunde sehen. Denn die Leichtgläubigkeit gegenüber einem Menschen ist größer als das Vertrauen zum Heiland, und es lassen sich eher tausend Menschen durch einen falschen Kommentar betrügen, als sich zehn Menschen zu den Herzensgedanken des Heilandes bekehren.   1. Juli 1752 Der Heiland hat zwei verschiedene Versiegelungen genannt, und in der Bibel wird noch einer dritten gedacht, mit welcher die Gläubigen versiegelt werden, wovon besonders in der Offenbarung Johannes geredet wird. Der Heiland wird von seinem Vater versiegelt, und wer ihn annimmt, ihn kennenlernt, dem Zeugnis glaubt, das der Vater vom Sohne abgelegt hat, wer die zwei neuen Gesetztafeln: »Glaubet an den Namen des Sohnes und liebet euch untereinander«, annimmt, der wird angesehen als ein Testamentszeuge, als ein Zeuge von dem Grundgesetz der Ewigkeit des Vaters dieses Sohnes; das versiegelt er, das ist eine große Ehre. Die Dokumente und Urkunden der Kaiser, Könige und Fürsten und alle ihre vornehmsten Handlungen sind allezeit von ihren höchsten Offizieren attestiert und besiegelt worden. In dieser Zeit der Sterblichkeit und Unvollkommenheit hat der Heiland seinen sündigen Kreaturen, nachdem er sie begnadigt, wenige Stufen von Würde gelassen, und sie nur in zwei Teile geteilt, in Glieder der Gemeinde, die bedient werden, und in andere zum Dienste. Darum wird jeder, der gläubig wird, zu der großen Ehre gelassen, das Dokument des Neuen Testaments, was er an uns gewandt, des Heiligen Geistes Instrument von des Herrn Tod zu attestieren und zu besiegeln. Diese Ehre und Gnade widerfährt allen Gläubigen, wer's annimmt. Wem das nun im Herzen zu einer besiegelten Wahrheit worden, der geht hin zu seinen Brüdern und verkündigt's ihnen. Er beruft sich darauf, daß er ein Zeuge sei, begnadigt und angenommen worden sei und daß er dazu die Hand in die Seite seines Herrn und Gottes gelegt habe. Und so predigt er, was Gott an uns gewendet hat und seine süße Wundertat, wie teuer er erworben ist aus lebendiger Erfahrung und Gewißheit, macht wieder solche Leute, ist ein Sauerteig, der wieder andere durchsäuert und dieser wieder andere, so daß eine beständige Zirkulation der Freunde und Geschwister des Heilands ist, bis daß er kommt. Die Materie hat unser Herz eingenommen, drum bringen wir unsere Lebenstage und -stunden so gern damit zu, darum ist's uns immer auf der Zunge, ja es drückt, wie es in unsern Liedern einmal hieß, es drückt auf Zung und Lunge, es möchte einem das Herz abdrücken, wenn man's verschweigen müßte und sein nicht gedenken dürfte. Er steht uns bei Wenn du erkennest die Gabe Gottes, und wer der ist, der zu dir saget: gib mir zu trinken, du bätest ihn und er gäbe dir lebendiges Wasser. Johannes 4, 10   2. Dezember 1754 Es wird vorausgesetzt, daß man was brauchen muß, wenn man bitten soll. Es ist nicht genug, daß man den Mann kennt, der einem helfen kann, sondern man muß seiner Hilfe bedürfen. Die Ursache, daß die Frau nicht bat, war: sie kannte den Mann nicht. Daß aber so viele Menschen heutzutage auch nichts kriegen, weil sie nicht bitten, kommt daher, weil sie wohl vorgeben, den Mann und seine Kraft, Vermögen und Reichtum zu kennen, aber sie denken, seiner nicht so nötig zu haben. Nun ist kein Zweifel, daß nicht nur inwendige, geistliche Sachen (die es eigentlich sind, darum wir bitten), sondern auch die Dinge, die zum äußerlichen Leben und Beruf gehören, einfältig und kindlich können begehret und gekriegt werden. Wer nun damit umzugehen weiß und erst mit seinem Herzensfreunde über die Notwendigkeit und Nützlichkeit der Dinge eins worden, fürs Kriegen hat's keine Not. Aber freilich ist unsre Hauptsache: Gib dich mir und nimm mich dafür hin, nebst allen Sachen, die ich dächte zu bedürfen, die mir zum Vergnügen und Nutzen gereichen könnten, mache damit, was du willst, gib sie mir nicht, gib mir nur dich selbst. Das ist ein Grundsatz, bei dem ein Bürger und solcher Pilger, der sich um nichts bekümmert, als daß eine Menge Seelen selig werde, gut zurechte kommt. Wenn der Heiland seine Jünger noch so leer ausschickt, »sie haben all's auf Erden, was sie erfreuet schon«. Es ist wahr, was er selbst sagt: Ich will dich nicht verlassen, nein, nein, ich will dich nicht versäumen. Wenn er dann treulich, herzlich, zuverlässig bei uns gestanden hat, so heißt's noch: am Ende kommt das Beste, nachdem man sich lange genug in seinen Wegen vergnüget und lauter Segen gefunden hat. Wir gehen also auf lauter Seligkeit zu. Darin sind wir von anderen Menschen unterschieden, die, wenn sie gute Tage haben, denken, wenn's immer so wäre! Ach, wer ihn einmal kennt, des Wohlstand nimmt kein End'! Durst Wer des Wassers trinken wird, das ich ihm gebe, den wird ewiglich nicht dürsten. Johannes 4, 14   17. Januar 1747 Meine Seele dürstet täglich nach dir, und es ist mit ein Zeichen eines gesunden Menschen, daß er täglich hungrig und durstig ist. Aber freilich nach der Welt und nach dem Himmel selbst nicht, sondern nach der Nähe des Heilands, nach dem Umgange des Heilands. Das ist eine Sache, die mir erstaunlich wichtig ist, daß man den Heiland selbst und nicht ein Stück von seinem Rocke, von dem Gewand, damit er umgeben war, in der Idee hat, sondern er ist's. Er! Wenn ich nur dich habe! Wer von ganzem Herzen so denken muß, weil es ihm sein Herz so sagt, weil's ihm so ums Herz ist: dem kann hernach kein Teufel seinen Glauben nehmen, dem können keine Umstände seinen Glauben nehmen, den kann die äußerste Stunde der Versuchung nicht in seinem Glauben irre machen, denn er hat seinen Glauben in die Person seines Heilands gesetzt und da ist er weit, weit über alles hinaus, mit seiner Hoffnung und mit seiner Seligkeit, und wo er ist, da ist der Himmel, wo er geht und steht, da ist die Seligkeit. Denn er weiß: Jesus ist sein Heiland, »daß ihn auch kein Todesbann ewig von ihm trennen kann«. Denn wenn einer nicht so gesinnt ist, was will er sonst machen? was will so ein Apostel, so ein Petrus, so ein Johannes anfangen, wenn der Herr vor seinen Augen ans Kreuz geschlagen und vor seinen Augen vom Kreuz genommen und vor seinen Augen ins Grab gelegt wird, und ein großer Stein davorgewälzet wird, wo bleibt der Glaube, der seligmachende Glaube, ohne den man keine Stunde sein kann? Das Herz ist immer dasselbe geblieben; und wie der Heiland das Herz fand bei seinen Jüngern. Bleibe bei uns, brannte nicht unser Herz, da er mit uns redete? wir haben wohl gefühlt, daß er's war, unser Herz hat's uns gesagt. Wer ihn einmal geschmeckt hat, der kann ihn keinen Tag mehr missen. Denn solange es nur noch im Kopfe herumgeht, im Gedächtnis, ja da ist's noch schlecht bestellt. Aber wenn das Herz die Erfahrung wahrhaftig gehabt, die im Matthäus, im Johannes und in der Epistel an die Korinther steht, und er kann zu seinem Nachbarn sagen, siehe nur meine Augen an, siehe wie heiter sie geworden, dann ist es Realität, danach ist es einem lieb, daß man's im Text auch so findet. Der Freudencharakter der Nachfolge Meine Speise ist die, daß ich tue den Willen des, der mich gesandt hat und vollende sein Werk. Johannes 4, 34   8. März 1742 Der Heiland hat eine Probe davon gemacht Matthäus 4, eine lange Probe, 40 Tage lang. Denn wir Brüder und Schwestern können wohl auch einen Tag oder ein paar Tage Essen und Trinken, Schlafen und dergleichen vergessen um des Dienstes des Heilands willen und nicht daran denken, und es wäre nicht gut, wenn man das Kranksein nicht auch vergessen könnte, wenn in der Sache des Heilands was zu tun ist. Aber der Heiland hat die Probe 40 Tage ausgehalten, und da er in der Zeit nicht gegessen hatte und hungerte, so trat der Satan zu ihm und sprach: Bist du Gottes Sohn, so schaffe dir doch Brot, du wirst vor Hunger sterben. Nein, sagt der Heiland, der Mensch lebt davon nicht allein, es ist nicht das Brot das eigentliche Mittel, wovon der Mensch lebt, sondern von einem jeglichen Worte Gottes, daß er seinen Sinn ausrichtet, daß allezeit, was der Herr will, geschiehet, davon lebt man. Das sollen unsere liebsten Sachen in der Welt sein, das sollen wir allen andern Vergnügen vorziehen, das soll unsere Nahrung sein, allezeit in unsers Herrn seinem Willen, nach seinem Worte, nach seinem Sinne zu handeln, das soll unser Leben sein. Das will der Heiland sagen zu seinen Jüngern: Habt mich so lieb, wie ich meinen Vater, so wird euch alles, was ich gesagt habe, so zur Speise, zur Nahrung und zum Leben werden, wie mir's zu meinem Unterhalt, zu meiner Nahrung und Natur worden ist, daß ich tue, was mein Vater gern hat. Die Werkheiligkeit hat nirgends keine Stelle. Wenn wir alles getan haben, so haben wir eben so wenig Lohn zu begehren, unser wenig oder viel Tun ist nicht die Ursache, daß wir Lohn kriegen, sondern daß wir die Ursach voraus weghaben, der Tod des Lammes, der hat voraus bezahlt, wir haben's empfangen, wir haben's vorausgenommen, unsere Seligkeit ist unser Lohn, den wir schon erworben und ausgezahlt gekriegt haben vom Heiland bei der Vergebung der Sünden, ehe wir das erste gute Werk taten, das da galt. Warum verdienen wir denn keinen Lohn? Warum ist denn das so billig? Weil's keine Kunst ist, weil's einem nicht sauer wird, weil man die Leute nicht fürs Essen und Trinken zahlt, man gibt keiner Kreatur etwas dafür, daß sie ißt und trinkt, sondern daß sie arbeitet. Wenn nun unsere Arbeit unser Leben, unsre Nahrung und Speise ist, was wollen wir dafür nehmen? Unser treuer Schöpfer ist überaus ungezwungen in allen Dingen und alles, was ihm gefallen soll, muß ungezwungen sein. Wenn die Äpfel und Birnen und Weintrauben und Feigen und kostbaren Früchte, die der Herr in seinem Garten suchte, erst auf die Bäume müssen gebunden werden, da mag er sie nicht, wenn sie aber darauf wachsen, aus dem Saft des Baums, dann sind sie ihm angenehm. Daß uns nun dies zur Natur wird, steht in der Epistel Petrus ausdrücklich, wir werden teilhaftig der göttlichen Natur, wir kriegen einen Teil daran, wir kriegen die Art. Wir haben Christus Sinn. Wie wir vorher eine ganz andere Art gehabt, so haben wir nun die Art und wie es Doktor Luther ausgedrückt, ehe wir ans Gutes-Tun gedenken, so ist es getan, und sind immer drin. Der Apostel Johannes sagt in seiner ersten Epistel 3, 9: Wer aus Gott geboren ist, der sündigt nicht, er hat die Lust zum Sündigen verloren, er ist begraben in Christi Tod, seine ganzen Sinnen und Ideen sind von den Sachen weg und auf was ganz anderes gerichtet. Wer beständig auf ihn sein Herz hinrichtet und nach dem Berge siehet, von welchem uns Hilfe kommt, und sich niemals vornimmt aufzustehen oder zu Bette zu gehen, zu essen oder zu trinken, über die Straße zu gehen, in sein Geschäft zu gehen, er befehle sich an die Gnade und Bewahrung seines Hirten, an seinen Hirtenstab, den läßt er nicht. Sein Stab und Stecken trösten ihn, er tröstet ihn unter der Arbeit, beim Essen und Trinken, beim Schlafen und Wachen, unter allen den Umständen. Wenn sie auf sich trauen und denken: nun bin ich drin, nun bin ich ein Mann in Christo und das Ich, ich selber, kriegt die Oberhand, ja, so zieht der Heiland seine Hand zurück und läßt zu, daß die Sünde ein solches Kind Gottes betrügt, einen solchen Streiter fängt, ihm wenigstens bange macht, ihm den Weg so vertritt, daß er sich keinen Rat mehr weiß und muß seufzen: Herr, erbarme dich mein. Dann reißt ihn der Heiland heraus, aber er läßt's ihn erst gewahr werden, was für Jammer und Herzeleid es bringet, dem Herrn, seinen Gott, aus dem Gesicht zu gehen, weglaufen, die Hand gehen lassen, die selige Hand, die einen immer führet. Wenn wir also beim Heiland und in der Leitung und Führung bleiben und im kindlichen Flehen vor ihm, daß er uns bewahren und zu ganzen Leuten machen wolle, so bewahrt er unsere Seele, der treue Hüter, der nicht schläft noch schlummert, der nicht läßt, der viel zu lieb hat. Mein Zweck war, in dieser gegenwärtigen Rede zu zeigen, daß das Ding, was man heiliges Leben, was man unbeflecktes Wesen, was man einen Wandel mit Gott nennt, bei einem Kinde Gottes nichts Gekünsteltes, nichts Gemachtes ist, sondern wie man von neuem aus dem Geiste Gottes gezeugt ist, so steht das da. Wenn einer hat sagen müssen, ich bin ein so verlorener, verdammter Mensch und kriegt Vergebung und Gnade, und kriegt eine neue Natur, sich hingibt zum Nutzen und zur Freude aller seiner Mitmenschen, zur Freude des Heilands und seines Vaters und Geistes, das ist alles Natur, nichts als Essen und Trinken und Ruhe und selig sein, von dem Augenblick an, wenn man ein erlöster und begnadigter Sünder worden ist. Saat auf Hoffnung Auf daß sich miteinander freuen, der da säet und der da schneidet. Johannes 4, 36 Sie dienen einem Herrn, der Acker ist des Heilands Feld.   15. August 1754 Der Säemann kann sich nicht dreinfinden, daß ein anderer ernten soll und denkt immer, er erntet für sich, da er doch weiß, daß er nicht für sich gesäet hat. Wenn man aber sich besinnt, daß weder der Säemann in sein eigen Land säet noch der Schnitter sein Eigenland erntet, sondern der Acker ist des Heilands Feld, dann ist der Streit gehoben. Ich will ein Gleichnis geben, daraus die lieben Säeleute sehen können, daß sie sich irren. Wo ist der Mann, der, wenn er einen Wald pflanzt, sagen kann, daß er ihn auch genießen werde? Wenn man nichts machen wollte, als was man selbst genießen kann, so bliebe alles wüste und ein Chaos. Denn davon schweigen, daß niemand weiß, wenn er in eine andere Heimat berufen wird, so sind gewisse Dinge in der Natur, die kein Mensch erwarten kann, sondern man tut es für die Nachkommen. Manche Werke des Heilands sind von der Art, daß sie lange Zeit brauchen. Die göttliche Kraft macht uns sieghaft Mein Vater wirket bisher, und ich wirke auch. Johannes 5, 17   1. März 1754 Aus dem Textzusammenhang kann man nichts anderes schließen, als der Heiland antwortete auf die Beschuldigung, daß er den Sabbat nicht hielte. Da sagt er, mein Vater wirket immer und ich auch. An einem andern Orte sagt er: Des Menschen Sohn ist auch ein Herr des Sabbats. Hier setzt er auch den Vater dazu und will sagen: Wir können beide am Sabbat arbeiten, wenn wir wollen. Daß wir den Sabbat zum Ruhetage haben, kommt daher, weil er am Sabbat von der Welterschaffung und vom Erlösungswerk geruhet hat. Aber er ist an nichts gebunden. Er macht die Gesetze, eine Sache wäre nicht gut, wenn er sie nicht für gut erklärte. Ich weiß aus dem Text nichts besseres zu beweisen, als daß der Vater und der Sohn in beständiger Arbeit sind. Es ist parallel mit dem: Der Hüter Israels schläft und schlummert nicht. Die Idee, daß Gott in beständiger Aktivität ist für seine Leute, ist den Menschen so tief eingeprägt gewesen, daß Elias eine Spottrede gegen den Baal draus macht: Er ist wohl ein Gott, der schläft, der Mittagsruhe halten muß. Das ist ein großer Trost für uns. Es wird viel getan, das wir nicht nötig haben zu tun. Da finden wir oft einen gebahnten Weg und die Steine weggewälzt, wenn wir viele Höcker und Schwierigkeiten gefürchtet haben. Ich will eine Tür für dich aufmachen und niemand soll sie zuschließen, und wenn ich's nötig finde, so kann ich zuschließen, daß niemand aufmachen soll, Offenbarung 3, 8. Wir haben schon gewonnen, wenn wir erst einmal wissen, woran wir sind, was in Kreuzgestalt getan werden muß und wo das hingegen hingehört. Die göttliche Kraft macht uns sieghaft, und zwar sieghaft, nicht, da man im Erliegen siegt, sondern da man in den Augen der Feinde Christi triumphieren muß. Beide Siege sind real. Wahrheit über Gott Der Vater hat den Sohn lieb und zeigt ihm alles, was er tut und wird ihm noch größere Werke zeigen, daß ihr euch verwundern werdet. Johannes 5, 20   26. Februar 1754 Die Welt gebraucht das, was der Heiland von seinem Vater gesagt, sehr übel. Denn weil die Leute keinen Sinn zum Heiland haben, weil ihnen seine Menschwerdung, Leiden und Sterben ärgerlich, und ihr Herz ferne von ihm ist, so wollen sie, wenn ja ein Gott angebetet sein muß, lieber einen anbeten, der weit von ihnen ist, mit dem sie natürlicher Weise keine Verbindung haben, sondern sich nur seiner Vorsehung überlassen dürfen. Die wahre Erkenntnis vom Vater ist, die der Heiland gegeben hat, die man von der Stunde an haben muß, wenn man ein Kind Gottes ist und Vergebung der Sünden hat. Wer erst seinen Gott und Schöpfer kennt und um seine Versöhnung weiß, dessen Herz ist froh, wenn man ihn nur nennt, vornehmlich wenn eins seine Marter bekennt, dann ist die Erkenntnis vom Vater das grade Gegenteil von dem, was sie der Welt ist. Man weiß, er ist mein lieber Vater in Christo und man dankt ihm von Herzen, daß er seinen Sohn für uns gegeben. Dabei muß man aber auch nicht verzagen, was der Heiland in unserem heutigen Text geredet hat: Der Vater wird euch erst Sachen sehen lassen, daß ihr euch wundern werdet. Des Heilands Verbindung mit uns ist, daß er uns geliebet und gewaschen hat von den Sünden mit seinem Blute, und es lange noch nicht erschienen ist, was wir sein werden. Aber den Vater muß man sich vorstellen in der unendlichen Herrlichkeit, Majestät und Glanz, davor die Sonne erblaßt, als den Schutzherrn der Kirche, der ihr Ruhe, Glück und alles schafft, was sie braucht, welches endlich alles dahinaus laufen wird, »daß sich vor dem Sohne aller Erden Ende beug' seinem Tod zum Lohne.« Herr vieler Welten Der Sohn macht lebendig, welche er will. Johannes 5, 21   5. Juni 1750 Daraus erhellet, welch eine herzliche Freude der Vater an der Schöpfung haben muß, daß sich sein Sohn vorgenommen, Zeiten und Ewigkeiten und Welten mit ihren Einwohnern zu schaffen und einzurichten und einem jeden Aeone eine besondere Signatur seiner Gnade und Liebe zuzueignen. Alles was in der Einteilung der Zeiten und Ewigkeiten vorgeht, gehört alles unter des Heilands Besorgung, der ist Vater der Ewigkeiten, worin alle Ewigkeiten begriffen werden. In allen diesen Zeitläufen, solange man von unserer Existenz sprechen kann, bleibt unser Katechismus Er. Er ist's, der in allen den unzähligen Aeonen lebendig machet, was er will. Er ist Töpfer vom kleinsten Würmlein bis zum unermeßlichsten Globus und allen den Sonnen des Weltsystems. Alles ist auf seiner Töpferscheibe gewesen, alles ist sein Ton. Die Barmherzigkeit und das Gericht Der Vater richtet niemand, sondern alles Gericht hat er dem Sohne übergeben. Johannes 5, 22   12. November 1750 Das Gericht ist dem Heiland übergeben, weil er ein Menschensohn ist. Er wird mit der größten Treue und haardurchschneidenden Billigkeit richten, wird aber die Barmherzigkeit vorwalten lassen, soviel nur der Respekt seines Amtes und Gerechtigkeit zuläßt. Mit seinem Kreuzeskampf hat er uns die Befreiung vom Gericht erworben. Wenn man also gleich weiß, man kommt nicht in die Hölle, so hat man doch keine Ursach, leichtsinnig zu sein, denn man weiß, daß alles hier desto genauer genommen wird, daß man dem Heiland so gut für seine Gedanken, als ein anderer für seine Worte und Handlungen Rede und Antwort geben muß. Die ich liebhabe, nehme ich in meine Zucht, denn ich weiß wohl, was im Menschen ist, ich weiß, wie man mit den Kranken Mitleiden und mit den Leichtsinnigen Ernst brauchen muß.   30. Oktober 1752 Wenn man sich den Heiland als Richter alles dessen, was tot und lebendig ist, vorstellt, so stellt man sich da weithin nichts anderes vor, als daß ihm das Recht überlassen ist, selig zu machen und zu verdammen, nach eignem Gutbefinden. Aber der Richter ist ein Mensch, »er weiß und kennt, was beißt und brennt, versteht wohl, wie zu Mute sei dem Kranken«. Er weiß Ursache aller Dinge, wozu kein Mensch keine mehr weiß. Wenn ein menschlicher Richter noch so viel Ausflüchte für einen armen Delinquenten weiß, ist er aber am Ende bei aller zugestandenen Billigkeit und Nachsicht durch die Gesetze verlassen, so kann er nicht helfen, denn er ist nicht Herr, sondern Kreatur der Gesetze. Aber der Heiland ist zugleich Richter und Gesetzgeber und souveräner Herr über Tod und Leben. Er hat die Schlüssel der Hölle und des Todes. Er macht damit, was er will. Wenn er also nicht mehr entschuldigt, wenn er nichts mehr vorbringt, eine Seele zu retten, so geht sie eben nach dem Gesetz verloren. Er sagt: Der Vater richtet niemand, sondern das Gericht ist mir überlassen. Er sagt aber auch, ich richte niemanden, sondern der Buchstabe des Gesetzes der Ewigkeit, das Wort, das ich geredet habe, wird richten an jenem Tage. Die eigentliche Ursache des Gerichts ist der Unglaube und daß die Leute wollen ungläubig sein. Sagt man, wir sehen doch aber auch nichts, es ist doch nicht sehen und doch glauben sollen. Antwort: wer hat denn gesagt: daß das Sehen mehr ist als das Hören, das Hören mehr als das Fühlen und das Fühlen mehr als das Denken und daß die Vorstellung im Gemüt nicht so gut ist als der Spiegel in den leiblichen Augen? Was sieht denn ein blindgeborenes Kind? Und wenn sich das gleich nicht vorstellen kann, wie sein Vater und Mutter aussehen, hat's darum auch keine Liebe zu seinen Versorgern? Es ist nirgends gesagt, daß der Glaube durchs Sehen vergrößert wird. Wieviel Tausend Sachen glauben wir, die wir nie sehen können, noch gesehen haben, ja, wir werden mit einer Zuneigung darauf hin- oder mit einer Abneigung davon abgeführt und machen uns eine angenehme oder unangenehme Vorstellung davon. Sind nicht viele Tausend Leute nach Amerika gegangen, die weder das Land noch Leute gesehen, die da gewesen, sondern nur dem getraut, was in Büchern davon gestanden und sind nicht zu halten gewesen. Wie kommt's dann, daß man so behutsam ist, die Sachen zu glauben, die den Heiland angehen und die einzige Bedingung, sich mit dem Herzen an ihn zu halten, bis man ihn sieht, nicht erfüllen kann? Der Heiland weiß es wohl, wie es kommt: sie lieben, sagt er, die Finsternis mehr, denn das Licht, Johannes 3, 19, und das wird die Ursache zum Verlorengehen. Da wird's nicht heißen: »mein Freund, ich tue dir nicht Unrecht«, sondern »ich habe alle meine Güte und Lindigkeit für dich erschöpft, ich kann nicht wider die Gerechtigkeit, ich habe in Wahrheit deine Bekanntschaft nicht erlangt, darum muß ich dich deinem Schicksal überlassen.« Das ist der eigentliche Schlüssel zur Materie vom Gericht, nur daß die Seite, wie sich das Gericht uns darstellt, eigentlich die ist, daß der Heiland dadurch noch das meiste Gute zu schaffen und die meisten Triumphe der Barmherzigkeit gegen das Gericht auszuführen weiß. Der unfaßbare Gott Auf daß sie alle den Sohn ehren. Johannes 5, 23   16. März 1754 Daß der Heiland Gott über alles ist, daß alles durch ihn und zu ihm geschaffen ist, daß er vor allem ist und alles in ihm besteht, daß alles durch ihn versöhnt ist, zu ihm selbst, es sei auf Erden oder im Himmel, das muß ein jeder wissen, der von uns ein Zeugnis ablegen soll. Wenn man mit der Kreatur von Gott redet und sie fragt: Wer er ist? Antwort: »Er heißt Jesus Christ, der Herr Zebaoth und ist kein anderer Gott«, wenn sie den nicht haben will, so ist sie ohne Gott in der Welt, denn wer den Sohn nicht hat, der hat keinen Gott (Eph. 2, 12; 1. Joh. 2, 23; 2. Joh. v. 9). Wer ins Wesen der Gottheit hineindenken kann ohne Schaden, der muß sehr obenhin denken. Denn es ist nicht nur ein Abgrund, sondern ein Ungrund, der nicht zu enthüllen ist, da man so tief hinunter als hinauf muß, daß man's nicht lange aushalten kann. Gott ist ein Wesen, das wir nicht begreifen können. Die Vorstellung eines solchen unübersehbaren, unausdenklichen Wesens, die ganze Fülle der Gottheit wohnt im Heiland und die Leute, denen die Augen geöffnet sind, die ein Herz haben und selig sind, die haben mit der Spekulation nicht gerne zu tun. Er kommt zu ihnen, er läßt sich zu ihnen herab, daß sie nicht erst hinaufflattern dürfen: Er ist nicht ferne von einem jeglichen unter ihnen, denn in ihm leben, weben und sind wir. Apostelgeschichte 17, 27-28. Das Geheimnis des neuen Lebens Es kommt die Stunde, und ist schon jetzt, daß die Toten werden die Stimme des Sohnes hören, und die sie hören werden, die werden leben. Johannes 5, 25   19. Februar 1738 Der Heiland, der treue Zeuge und Bestätiger alles dessen, was im Alten Testament gesagt worden, ist auch mit diesen Worten ein Zeuge von der Wahrheit der Worte des Herrn im Paradiese: Welches Tages du davon issest, wirst du des Todes sterben. 1. Mose 2. Denn Adam ist nicht gleich nach dem Tage gestorben, sondern hat noch unzählige Jahre gelebt. Er muß also, ob er gleich nach Seele und Leib gelebt hat, doch nach dem Geiste gestorben sein, nach welchem Gott in ihm gewohnt und er mit Gott den natürlichsten Umgang gehabt hatte. Und so ist es auch: daß der Mensch, nach Gottes Bilde erschaffen, aus Leib, Seele und Geist besteht. Und wie der Leib ohne die Seele tot ist, so ist auch der ganze Mensch tot in Gottes und der Engel Augen ohne den Geist aus Gott. Diesen Tod nun haben wir in Adam angeerbt bekommen, wie es auch heißt: Daß wir von Natur tot und zu allem Guten erstorben sind, zum Bösen zwar geneigt, aber zum Guten untüchtig. Aber die Menschen haben davon keinen Begriff, sie wissen nur vom leiblichen Leben und Tode zu reden, sie halten sich bei dem auf, was sie sehen, hören und fühlen können. Sie sehen nur auf die Erde, die sie mit leiblichen Füßen betreten und was ins äußerliche Leben gehört, aber vom geistlichen Leben und Ewigkeitssachen wissen sie nichts und denken, fragen und bekümmern sich darum nicht. Dazu sind sie auch ungeschickt, daß sie es mit ihren bloßen Sinnen und Vernunft nicht fassen. Darum ist eine Wiedergeburt von oben nötig, dergleichen der Herr dem Nikodemus empfohlen hat und muß der Mensch nun einen neuen Geist aus Gott haben, wo er nur will geschickt sein, mit geistlichen Dingen umzugehen, sonst kann er das Himmelreich gar nicht sehen. Johannes 3. Es ist zu verwundern, daß es Leute in der Kirche gibt, denen es nicht nur unbekannt, sondern gar ein Gespött ist, wenn sie vom Geiste hören, ja die bei ihrer Vernunft und Weisheit nicht glauben, daß es nötig sei, noch einen Geist aus Gott zu suchen oder zu haben, da es doch eine der Grundwahrheiten der Heiligen Schrift und allenthalben anzutreffen ist. Psalm 52 bittet David um einen neuen Geist, darauf er sich verlassen könne. Die Verheißungen in dem neuen Bunde gehen dahin, daß Gott will das steinerne Herz wegnehmen. Ezech. 36, 26-27, sein Gesetz uns ins Herz schreiben. Jerem. 31. Ob es dann endlich bekannt genug ist, daß die Menschen ohne Christi Geist tot sind, so kann man ihnen doch schwer begreiflich machen, daß sie es sind, sonderlich in der christlichen Religion, da die Leute heilig zu leben scheinen und sind oft von dem Leben, das aus Gott ist, am entferntesten. Epheser 4; Offenbarung 3, 1. Es können Leute den geschicktesten Verstand und die lebhafteste Phantasie haben, so daß man sie für besonders erfahrene und einsichtige Personen, ja für Wunder der Gelehrsamkeit halten muß, die aber bei allen Sachen Gottes, die sie zusammenzufassen wissen, dennoch ohne geistliches Licht und Verständnis sind. Solche Leute muß man an ihrem Teil stehen lassen und ehren und ihnen nicht sofort alles Gute absprechen, womit man ihnen oft Unrecht tut. Es hat Leute, die gut reden können und zwar mit großer Bewegung ihres oder des Zuhörers Gemüt, die doch noch natürlich, ohne Gnade und tot sind. Es gibt Leute, die gute Gaben und Geschicklichkeit, eine so gute Aufführung und Lebensart, von der guten Erziehung her und sonst haben, daß sie tugendhaft leben, wichtige Sachen ausrichten, und also in einer Republik unentbehrlich sind, die sind aber darum doch keine Kinder Gottes. Denn man muß wissen, daß das nicht eben allemal Kinder Gottes sind oder sein müssen, die vieles im Reiche Christi ausrichten oder von Gott zu Werkzeugen großer Dinge gebraucht werden, sondern es dürfen nur Werkzeuge Gottes sein und die sind oft dazu klüger und geschickter als die Kinder des Lichts, denn diese sind vielmehr albern und ungeschickt. Man muß bekennen, daß feine, vernünftige, brauchbare und oft in der Sache Gottes nicht wenig bewanderte Personen oft im Grunde des Herzens die größten Toren, Feinde Gottes und Atheisten sind, und die Heilige Schrift beschreibet sie als Menschen nicht aus Gott. Johannes 1. Auch sind die Menschen schwer zu bereden, daß sie kein Leben und Geist aus Gott haben, wenn sie Gutes tun, beten, singen und lesen, sie können nicht glauben, daß sie auch dabei tot sind, und solches weder Gnade beweist noch ihnen zur Gnade hilft. Man muß sogar stehen lassen, daß sie in gewissen Fällen können erhörlich beten und solches eben noch kein Zeichen der wahren Gnade ist. Weil wir im Gegenteil in Heiliger Schrift viele Exempel haben von dem erhörten Gebet der Unbekehrten, z. E. des Ismaels, Ahabs, der Niniviten usw., von deren rechter Bekehrung man doch nichts weiß. Solches ist alsdann nicht ihnen oder ihrem Gebet, sondern der allgemeinen Liebe Gottes zuzuschreiben, die sich aller ihrer Werke erbarmt und nach welcher Gott seinen Regen und Sonnenschein sowohl den Undankbaren als seinen Kindern zustatten kommen lässet, ja ihnen aus freier Gnade gern mehr Gutes erzeigen wollte, wenn sie es nur könnten fassen, wie er denn auch den jungen Raben ihr Futter gibt, die ihn anrufen. Die Menschen berufen sich auch auf ihre Leiden und die Errettung aus Not und Gefahr als auf Gnadenzeichen. Sie nennen es das Kreuz, aber das ist nur natürliches Elend und weder das Kreuz Christi noch ein Grund, sich für begnadigt zu halten. Aber wer in Christo steht als ein Zweig und Rebe, dessen Leiden ist Christi Leiden und alles, auch das geringste, was man dem tut und was er leidet, das ist wichtig bei Gott. Da nun der Selbstbetrug so gar groß ist, so müssen doch wohl Kennzeichen sein, wobei man an sich und andern untrüglich wissen kann und wonach man sich prüfen könne, woran man ist. Die Heilige Schrift gibt sie zur Genüge, aber, wer versteht ihre klarsten Worte? Wer läßt sie gelten in der Christenheit? Eines der gewissesten Kennzeichen des Lebens aus Gott ist die Bruderliebe. Das ist offenbar. 1. Johannes 3, 14. Damit wir uns aber in keinen Beweis einlassen, dazu die notwendigsten Sätze fehlen, so wollen wir uns nach andern Kennzeichen umsehen, nach solchen Merkmalen, die jedermann gleich sehen und gelten lassen muß. Das ist also kein wahrer Christ, der den Heiland nicht hat. 1. Johannes 5, 12 heißt es: Wer den Sohn nicht hat, der hat das Leben nicht. Das bestätigt er Johannes 6, 11, 5. Johannes sagte: Ein jeglicher Geist, der da nicht bekennet, daß Jesus Christus ist in das Fleisch kommen, der ist nicht von Gott, 1. Johannes 4, 3. »Wer Jesus nicht im Herzen hat, der ist gewiß lebendig tot.« Was heißt aber den Heiland haben? Das heißt nicht bloß, an ihn denken oder was von ihm wissen und reden, sondern den Heiland haben heißt: wenn man ihn wahrhaftig als seinen Heiland erfährt und mit Wahrheit sagen kann: Christus ist auch für mich gestorben und hat mir meine Sünden vergeben. Er lebet in mir und ich in ihm. Galater 2, wenn man das Geheimnis von Christo versteht und weiß, was das auf sich hat: Gott ist offenbart im Fleisch, Christus ist für uns dahingegeben und gestorben und kann dabei im Glauben sagen (Jes. 9): Mir ist ein Kind geboren, der Sohn ist mir gegeben. Das muß man nicht bloß wissen und nachsagen, sondern göttlich glauben und auf sich deuten können mit Freudigkeit und Gewißheit, daß der Heiland auch uns zu gut gekommen ist und dabei muß man einen solchen Eindruck erfahren haben, den man nimmer vergessen kann und dadurch der ganze äußerliche und inwendige Mensch verändert, alle seine Kräfte erschüttert und bewegt, ja, sein Gemüt in eine solche heilige Freude gesetzt wird, wie dort die Emmaus-Jünger und alle die drei- bis fünftausend Seelen, die zur Apostelzeit durch das Evangelium, darin lauter Leben war, erweckt und bekehrt sind, welches auch noch durch eben den Geist und göttliches Wort geschehen kann und geschiehet. Alle nun, die auf solche Art den Heiland nicht haben, noch je also erfahren haben, sind nach Heiliger Schrift im Tode, den Toten gleich. Sie sind eine abscheuliche Figur vor Gott und seinen Engeln, können vor seinem Angesichte nicht bleiben, sondern liegen lebendig im Grabe. Diese Erkenntnis kann einen rechten Eindruck vom Elend und der Gefahr der Sünde geben. Es ist wahr, die leiblich Toten liegen unterschiedlich. Einer in einem prächtigen Gewölbe, der andere im Staube, wenn sie aber erwachten, so würde keiner bleiben wollen, wo er ist, und die prächtigen Grabmäler würden ihren Einwohnern zu keiner Beruhigung dienen. Also ist's auch mit dem geistlichen Tode. Einer liegt freilich in den sichtbarsten Sünden, der andere in einer wohl nur übertünchten und geschmückten Gruft von mancherlei natürlichen Vorzügen. Aber sie sind beide Tote. Dazu kommt der Unterschied der äußerlichen Beschaffenheiten des menschlichen Lebens, die einem Reichen und Vornehmen die Anschaulichkeit seines Elends viel länger verbergen können als einem Armen und Geringen. Sie sind aber doch beide tot, der's eher weiß und der's später weiß. Überhaupt müssen wir uns nach Gottes Wort richten, und Gottes Wort richtet sich nicht nach uns, sondern wir gehen verloren und können nicht ins Himmelreich kommen, wo nicht ein Geist aus Gott durch Christus in uns kommt. Wenn einer fühlt, daß er tot sei und keinen rechten Geist, Leben und Wesen habe und bittet um den Geist des Lebens und gibt bei seiner toten Untüchtigkeit Gott die Ehre, so ist ihm schon so gut als geholfen. Er ist schon von oben gezeugt und erweckt, sonst würde er so nicht bitten. Gewiß, wenn der Heilige Geist ein Verlangen nach der Gnade wirket, so ist sie da. Johannes 5. Solche Zeiten sind nun im Neuen Testament, daß die geistlich Toten sollen lebendig werden und aufstehen mit Christo, Epheser 2, wie die leiblich Toten bei Christi leiblicher Auferstehung und zwar durch die Stimme des Sohnes Gottes. Das ist nicht die Stimme des Gesetzes, sondern die evangelische Botschaft von Christo, von der Gnade, von der Vergebung, Johannes 3, Ezech. 16. Wer nun die Stimme höret, der soll das Gnadenleben haben. Nun haben nicht alle Menschen Ohren zu hören, sondern Jesus ruft: Hat jemand Ohren zu hören, der höre. Der Glaube ist nicht jedermanns Ding, er ist eine Gnadengabe Gottes. Epheser 2, 8. Darum muß Gott sowohl Augen zu sehen als Ohren zu hören geben, wie es von der Lydia heißt, Apostelgeschichte 16, daß der Herr ihr das Herz aufgetan hat. Dabei ist der Glaube die einzige und nötige Pflicht, welche der Mensch erbitten, suchen und begehren muß. Das ist, was er auf seiner Seite dabei zu tun hat, das andere ist Gottes Werk, daß er uns zum Vertrauen und Gewißheit bringet, ja daß man nach der Angst zur Gnade und Frieden kommt. So muß der Tod mit seinem Recht aufhören und man kommt zum Leben und Freiheit durch Christum. Apostelgeschichte 26, 3. Diese Verheißung macht uns so gewiß, daß wir bei dem elendesten Zustande der Seelen noch hoffen können, man werde sie doch einmal lebendig und mit den Einwohnern im Lande der Lebendigen wohnen sehen. Das Zeugnis der Vergebung der Sünden verursachet ein Jubelfest in der Seele. Der Herr gibt uns eine Mahlzeit in seinem Hause. Da freuen sich alle Hausgenossen Gottes. Da kriegt man ein neues Kleid (2. Kor. 8), einen neuen Geist, der von Christi Fleisch und Blute immer genährt wird. Man bekommt solche Dinge zu sehen und zu hören, die sich keine Phantasie vorstellen kann (1. Kor. 2), noch sie begreifen mag. O, daß sich der Heilige Geist, der göttliche Lebenswind, regt, bewegt, die Seelen auftut. O, daß Jesus, der sich seines Lebens am Kreuze begeben hat, daß unser Tod aufhören und wir ein neues Recht zum Leben haben möchten, bald unser Leben und Auferstehung würde! Wegen der Unwürdigkeit hält er keine Seele zurück. Mit unserem unbegreiflichen Leichtsinn hat er Geduld. Die Falschheit aber kann er nicht leiden. Wer in einer andern Gestalt sich vor ihn hinstellt, als er hat, der redet sich selbst ums Leben. 1. Könige 2, 23. Menschlichkeit Der Vater hat ihm Macht gegeben, auch das Gericht zu halten, darum, daß er des Menschen Sohn ist. Johannes 5, 27   9. März 1738 Das sind des Heilands eigene Worte von sich, darin er sich deutlich erklärt über dieses große Geheimnis. Die Ursache seiner Menschwerdung ist bekanntermaßen die: da niemand Gott versöhnen konnte, kein Bruder, kein Engel, keine Kreatur, so hat der Vater seinen Einziggeborenen für uns alle dahingegeben. Gott konnte nicht sterben, das ist natürlich und sterben wollte er doch, darum erniedrigte er sich selbst und nahm Knechtsgestalt an, Philipper 2, 7, die Gestalt des sündigen Menschen, Römer 8, 3, und wurde so wahrhaftig Mensch, als er Gott war. So wie er vorher in göttlicher Gestalt war, so sah man ihn auch hernach in menschlicher Gestalt, einen so wahren Menschen in menschlicher Gestalt, als ihn die Engel Gottes in der Gottesgestalt angebetet hatten. Das ist's, warum wir, wenn wir uns einerseits in den Staub legen zu seinen Füßen, weil er in der Höhe Gott der Herr ist, uns auf der anderen Seite mit Freude, Herzlichkeit und voller Zuversicht zu ihm nahen, weil er ein ganzer Mensch ist, wie wir auch sind. Denn das Evangelium, das ist die Erzählung, daß Jesus in die Welt gekommen und unter uns gewohnt hat, samt der Geschichte, wie er verschieden ist, ist eine Kraft Gottes, selig zu machen alle, die daran glauben, Römer 1, 16. Ein jeglicher Geist, der da bekennet, daß Jesus ist ins Fleisch gekommen, der ist von Gott, 1. Johannes 4, 3. Darum ist die Arbeit der Zeugen Jesu, wenn sie mit den Menschen reden, ihnen den gekreuzigten Heiland ins Herz zu predigen und vor die Augen zu malen, wie er wahrhaftig einmal für sie gestorben und tot war und nun lebt von Ewigkeit zu Ewigkeit und die Schlüssel der Hölle und des Todes hat. Paulus hat darinnen seine Weisheit, seine große Weisheit sehen lassen, daß er zu Korinth keine Materie wußte und predigte außer Jesus, und zwar vom Kreuz, 1. Korinther 2, 2. Diese Materie ist seitdem verächtlich worden, weil sie so oft ohne Verstand hergesungen, hergebetet und gelehrt worden, daß der Lehrer nicht mehr weiß, was er sagt und der Zuhörer, was er denken soll. So ist dieses Geheimnis der Gottseligkeit durch Gewohnheit und Mißbrauch verfallen und vielen zur Torheit worden. Aber wer verständig oder wer, wie Paulus sagt, vollkommen ist nach Menschenweise, dem ist es doch Weisheit, 1. Korinther 2, 6. Daher wir diese Sache so weiter treiben wollen als der Herr Gnade gibt. Ein anderer Nutzen ist, daß er Gericht halten kann. Er weiß, wie uns zu Mute ist. Ebr. 2, 14-18. Er kann Geduld mit uns haben und versteht, Lauheit und Schwächlichkeit zu unterscheiden. Er hat unsere Not gefühlet, denn er ist wahrhaftiger Mensch gewesen nach Seele und Leib, wie alle Kinder, die Fleisch und Blut haben. Darum müssen wir ihn als einen treuen Hohenpriester ansehen und glauben, daß er in der Zeit, die er auf der Erde zugebracht, uns in allen Stücken gleich und in der Gemütsarmut und allen anderen Umständen auch gestanden ist, darunter seine Kinder noch jetzt hingehen. Er hat alles erfahren, was ihnen im Leben begegnet. Er ist dem Allergeringsten gleich worden. Es ist kein Mensch in einer so elenden Gestalt, der sich nicht sollte erinnern und trösten können, daß Jesus auch einmal so gewesen ist wie er. Er hat als Mensch gekämpft und hat sich mit Gottes Wort und Gebet, eben wie andere Kinder Gottes beholfen. Er hat in beständigem Glauben an seinen Vater verharrt. Wie er vierzig Tage gehungert, hat er eine große Schwäche des Gemüts erfahren und was einem sonst dabei begegnen kann. Er hat die Macht seiner ewigen Gottheit dennoch zur Unterstützung in den Umständen gehabt, darinnen wir ihn nun brauchen und zur Seite haben, wie er seinen und unseren Gott damals zur Seite gehabt. Daher kommt's, daß der Heiland in seiner Erniedrigung sagt: Mein Vater und euer Vater, euer Gott und mein Gott, Johannes 20, 17. Daher kommen die Reden Christi, die etliche, die gern nicht glaubten, daß er ewiger Gott sei, so fleißig wider seine Gottheit brauchen. »Gar heimlich hielt er seine Gewalt«, und konnte nicht leiden, daß seine Jünger es ausplauderten, wenn sie was Besonderes an ihm wahrnahmen, und da sie ihn verklärt gesehen, wollte er nicht, daß sie es andern sagten, Matthäus 17, 9. Er wußte wohl, daß die Menschen dazu nicht aufgelegt wären, an ihn zu glauben. Sie konnten nicht begreifen, daß ein Mensch aus dem Geiste müßte gezeugt werden, wie vielmehr würden sie erstaunt und verwirrt worden sein, wenn er von den Tiefen seiner Gottheit geredet hätte, Johannes 3, 12. Darum wandten sich auch viele seiner Jünger von ihm ab. Darum beweiset das nichts wider den Heiland und ist eine Torheit, dergleichen Sprüche anzuführen, die von der Zeit der Erniedrigung reden. Wenn ein Mensch in der äußersten Betrübnis, Ängsten und Erniedrigung seines Gemüts wäre und sagte: ich bin ein Wurm, eine unnütze Kreatur usw., wie es einige teure Zeugen Jesu bei ihrem Ende gemacht, und man wollte daraus schließen, sie wären's in der Tat und hätten nichts in der Welt getan, so wäre es ganz falsch. Moses Angesicht glänzte und er wußte es nicht, 2. Mose 34, 29. Es gereicht den Zeugen zu einer Ehre, daß sie selbst sich so gering und dem Herrn und den Menschen so wichtig seien. Ich weiß deine Armut, du bist aber reich, Offenbarung 2, 9. So ich mich selber ehre, sagt der Heiland, so ist meine Ehre nichts, Johannes 8, 54. Es wird die Zeit schon kommen, daß ihr seht, wer ich bin und was ihr an mir gehabt habt. Des Heilands Sache war's nicht. Er hatte kein Gefallen an sich selber, Römer 15, 3. Wenn euer Tröster (Jes. 66, 13) der Heilige Geist kommt, der wird es euch alles erklären, Johannes 16, 13. Wie wir nun unleugbar wissen, daß er Gott ist, so müssen wir auch glauben, daß er ein Mensch ist und gleich wie wir (unsersgleichen) Fleisch von unserem Fleische und Gebein von unserm Gebeine. Daraus folget notwendig (wie es in unserm Katechismus steht), daß wir seinem Wort durch seine Gnade glauben und göttlich leben wie er, hier zeitlich und dort ewiglich. Wenn wir es auf den höchsten Grad gebracht haben, so wissen wir immer, daß wir Menschen sind, er Hausherr, wir Knechte, er Sohn im Hause, wir angenommene Kinder, er Gott, wir seine Kreaturen, wir Glieder, er Haupt: Er hat das Leben in sich selber, wir haben's von ihm. Wir haben alles aus seiner Gnade und Barmherzigkeit. Das bleibt fest: in Ansehung der Würdigkeit sind wir nichts gegen ihn, kleine Stäublein und in keine Rechnung zu bringen. Wir haben alle Gnade, Kraft und Gaben von ihm. Dem ungeachtet werden wir, wie er war. Wir können glauben, wir können lieben, wir können den Glauben und gut Gewissen bewahren wie er. Das hat er uns auch in seinem letzten Testamente vom Vater ausgebeten, daß er in uns und wir in ihm seien, und daß uns der Vater bewahren sollte. Joh. 17, 15, 21, 23. Das ist eine Sache von äußerstem Gewicht und die einen Eindruck in aller Herzen machen soll. Uns soll's eine Freude sein, in seine Fußtapfen zu treten und zu wandeln, wie er gewandelt hat, denn wer solche Hoffnung zu ihm hat, der reiniget sich, gleich wie er auch rein ist. 1. Joh. 3, 3. Und wer das saget, daß er in ihm bleibet, der soll auch wandeln, so wie er gewandelt hat. 1. Joh. 2, 6. Wir können hier lernen, was Sünde und was das Böse sei. Der Vergleich mit dem Leben des Heilands entscheidet das gleich. Alle Gebrechen, die die Kindschaft Gottes nicht hindern, finden wir am Heilande. Wir finden ihn müde, traurig, ängstlich, hungrig und durstig und in Umständen, da er sich nicht zu raten und zu helfen wußte, in Unwissenheit solcher Dinge, die ihm zu wissen gut schienen, darum sagte er, als ihn seine Jünger nach einer gewissen Periode der Zeit fragten: Er wisse das nicht, sein Vater im Himmel wisse es allein; Matth. 24, 36, und als ihrer zwei begehrten, einer zu seiner Rechten und der andere zu seiner Linken zu sitzen, sagte er, das stünde nicht bei ihm, sondern bei seinem Vater im Himmel, Matth. 20, 33. Als seine Jünger mit ihm am Ölberg waren und aus Not, Traurigkeit und Verwirrung schliefen, so mahnte sie der Heiland dreimals, als wenn ihm noch viel daran gelegen wäre, und geriet in Schwermut seines Gemütes darüber, daß sie nicht wachen wollten. Wo ein Knecht Jesu in seinem Gemüt schwach wird und Dinge tut, die nicht aus seinem Herzen kommen, sondern aus einem vom Schmerz und Elend übernommenen Gemüt, so ist ihm dies Exempel des Heilandes zu einem Trost. Wissen wir, wie es dem Herrn Jesu ergangen, in was für Schmach, betrübte Umstände und Kämpfe er vor Gott und Menschen geraten, so kann uns das zur Ermunterung dienen, gern elend und verlassen zu sein. Alles aber, was er nicht hat begehen können und was er nicht getan hat, weil's seines Vaters Willen entgegen war, das sollen und können wir auch unterlassen. Das ist der Spiegel der Heiligkeit: Wir haben Christi Sinn. 1. Kor. 2, 16. Diesen Sinn können wir nicht anders erlangen, als daß wir uns erinnern, daß der Hohe und Erhabene, der ewiglich wohnet, Jes. 57, 15, sich heruntergelassen hat und in der Gestalt des sündigen Fleisches erschienen ist und die Sünde an seinem eigenen Leibe gebüßt, gerichtet und verdammt hat. Wer ernstlich daran gedenkt, und kann nur das Eine mit Wahrheit versichern: »Es solle Jesu Leiden, bis Leib und Seele scheiden, ihm stets in seinem Herzen ruhn«, der hat einen Grund in Christo gelegt, darauf er alles bauen kann, was gebauet werden soll, solange er hier in der Zubereitung ist. Alles muß auf die Erkenntnis von Jesu Menschwerdung sich gründen. Einen anderen Grund kann aber niemand legen, 1. Kor. 3, 11. Wollen wir vollkommen werden, was Paulus vollkommen nennt, Phil. 3, 15, so müssen wir dies Geheimnis lernen. Das ist nun das große Geheimnis der rechten Religion: Gott ist offenbaret im Fleisch. Das ist das Kleinod, das Paulus ergreifen wollte: Ihn zu erkennen und die Kraft seiner Auferstehung und die Bekanntschaft mit ihm und das Mitteilhaben an seiner Marter und Verdienst. Und wenn Paulus saget: Kämpfet den guten Kampf des Glaubens, werde Herr über Sünde, Welt und Teufel, so sagt er dabei, ergreife das ewige Leben. 1. Tim. 6, 12. Das gehört auch zum ewigen Leben, Jesus Christus erkennen lernen, Joh. 17, 3. Und das schrieb Johannes den Seinigen, daß ihre Freude vollkommen wäre. 1. Joh. 1, 4. Hier ist es Stückwerk mit allem unserm Wissen, aber dort ist es vollkommenes Wesen, wenn wir ihn erkennen werden, gleich wie wir erkannt sind. 1. Kor. 13, 12. Darum kommt es nicht darauf an, daß wir alles zusammenhängend wissen, sondern daß wir uns von Tage zu Tage in die Materie mehr einleiten lassen, daß Jesus aus Gnaden ein Mensch wie wir und unsersgleichen gewesen ist und daß es von uns endlich auch heißen könne und müsse: Wie er ist, so sind auch wir in dieser Welt. 1. Joh. 4, 17.   15. November 1744 Wenn man auf das ganz speziale Amt, das der Heiland hat, mit den Menschen umzugehen, einen genaueren Blick tut, so sieht man unter anderem, daß ihm das Gericht über die Menschen überlassen ist, und daß er darum Richter ist über die Lebendigen und Toten, daß ihm die große Funktion, der Gott, der alles richtet, zu sein, darum überantwortet ist: weil er ein Mensch gewesen ist, weil er nicht nur auf der Erde gewesen ist, sondern auch in unserer Haut gesteckt hat, darum ist's ihm übergeben, daß er richtet und urteilt, wie die Menschen anzusehen sind und was man an ihnen gut oder böse nennen kann, denn er weiß wohl, was in dem Menschen ist. Der Apostel Paulus hat sich viel Mühe gegeben, die Knechtschaft, davon der Heiland Joh. 8 sagt: Wer Sünde tut, der ist der Sünde Knecht, und Johannes: Wer Sünde tut, der ist vom Teufel, 1. Joh. 4, 8, auseinanderzuwirren, wie das aussieht, und was ein Mensch aussteht unter dieser Tyrannei. Römer 7. Die Kinder Gottes sind von derselben Tyrannei erlöst und haben einen Geist, der anstatt des Satans den Platz eingenommen hat. Der Heiland hat über die Menschen, die in des Satans Stricken liegen, gleichwohl die unumschränkte Oberdirektion. Er kann hundert Sachen anders drehen, als der Gott dieser Welt will und wünscht. Und können sich die armen Seelen gleich nicht helfen, so kann ihnen doch der Heiland helfen: Er bleibt doch ihr Gott, ihr oberster Regent, ihr Schöpfer, denn alle Seelen sind sein. Nachdem uns nun unsere Sünden vergeben sind, so wird uns der Geist wieder mitgeteilt, den wir verloren hatten in Adam. Und der Geist ist immer bei uns und kommt nimmer von uns; der hat wirklich sein Geschäft und Verrichtung in uns, so daß er es in Regierung unserer ganzen Person täglich und stündlich beweiset; der steht unmittelbar unter dem Geist Jesu Christi; er empfängt aus Gottes Wort und bei allen Gelegenheiten lauter wahre Worte des Heilandes. Der Heilige Geist erinnert ihn dessen, was Jesus wahrhaftig denkt und sagt. Und von derselben Stunde an sind desselben Menschen seine Ideen geändert; er hat nicht mehr die vorigen Grundsätze, die vorige Art. Da muß man nun ein gewisses Kennzeichen haben, daran man wissen kann, ob wir unser Herz dem Geiste wirklich wieder eingeräumt haben, so daß nunmehr in uns der rechtmäßige Besitzer wieder da und Herr, Haupt und Hausvater ist, der dem andern das Haus zuschließt. Das können wir an den Grundgedanken wissen, die wir haben. Die bloße Lust zum Guten ist noch kein Beweis, denn man kann viel Neigung zum Guten haben und man kann doch nur ein leeres Gefäß sein, das einem jeden Einfall offen steht. Man kann Lust haben zu Gottes Gesetz, sagt Paulus, aber es fehlt was, es fehlt der Abscheu vor dem Argen: Es fehlt der Greuel, der inwendige Greuel vor allem Bösen; es fehlt die verwandelte Natur, da sich der Mensch selber nicht mehr kennt, da der Mensch selber über sich verwundert ist. Denn vorher hat man Sachen können essen und genießen in seinem Gemüt, die einem nun sind, als wenn man Heu, als wenn man Spinnen essen sollte, als wenn man den Kalk von den Wänden kratzen und essen sollte, als wenn man ein Aas, das auf der Straße liegt, tunken und daraus essen und trinken sollte. So ist einem gegen das Böse, wenn der neue Geist da ist, der Geist aus Gott. Wenn der Geist da ist, so ist man so verändert in seinem Geschmack, in seinen Ideen, in seinen Neigungen und in dem, was man vertragen und nicht vertragen kann, daß man nichts Unreines, Unlauteres, Falsches, dem Sinne des Heilands und seines Vaters und des Heiligen Geistes Widerstehendes bei sich einlassen kann, ohne daß einen ein Schauer überfällt. Man kann ohne Ekel nicht sündigen, man kann ohne Grausen einer Sünde nicht nahekommen. Es braucht keines Buches, das man aufschlagen müßte, was recht oder unrecht ist, sondern es stellt sich dem Gemüt alles Falsche, alles Unrechte, alles dem Heiland Entgegene, alles Sündliche, in einer giftigen Abscheulichkeit dar und mit einer solchen Totwidrigkeit, daß man sich eher könnte in ein Grab verschließen lassen und zu einem fremden, faulen Körper hinsetzen, ehe man eine Viertelstunde könnte bei einem sündlichen Gedanken, bei einem sündlichen Appetit, bei einer Idee von seiner eigenen Größe, bei einer Idee von fleischlichen Lüsten, bei einer Idee von Geiz, Begierlichkeit, Neid, Feindschaft und dergleichen mit Wohlgefallen aushalten und verweilen. Wenn man nun noch unter der Botmäßigkeit des Satans stünde, so müßte man gewärtig sein, daß er einen mit Gewalt hineinstieße, daß er einen dazu zwänge, daß er einen in seine Bande brächte, wie David sagt: Er verfolgt meine Seele, er schlägt mein Leben zu Boden, er reißt mich herunter in die Gruft, er will mich lebendig begraben, siehe Psalm 143, 3. Aber das geht nicht an: denn er hat kein Recht an unsern Geist, und alles das Böse, Unlautere, Nichtsnutzige, das sich noch bei uns melden und regen kann, das muß augenblicklich unter die Füße, das muß sich gleich zertreten, das muß sich gleich wider die Wand schmeißen lassen wie eine Fliege. Die Kunst und List der Sünde und der sündlichen Unart ist, daß sie sich selten meldet, daß sie den Kindern Gottes lange Frieden läßt, daß sie nach vielen tückischen Vorbereitungen und Umständen sich endlich unter einer anderen Gestalt zeigt, denn es ist ihr eigener Schade, wenn sie sich oft meldet. Je mehr sich das Verderben sehen läßt, je öfter sich die Unarten blicken lassen, je mehr sich solche Aufwallungen des Bösen hervortun, je mehr werden ihrer totgeschlagen, je mehr werden unter die Füße getreten, je mehr werden ihrer zerstreuet und müssen zerrinnen vor dem Geist und seiner gewaltigen Hand. So sieht der Mensch in seinem Geist aus, der Mensch Gottes, der mit Wahrheit zum Heiland sagen kann: Ach, Bruder, der mit Weisheit zum Heiligen Geist sagen kann: Mein Tröster und Beistand! Der mit Wahrheit Abba sagen kann zum Vater Jesu, weil Jesus sein Bruder ist. Indessen bleibt's doch dabei, daß wir arme Menschen sind, daß wir sündige Menschen sind, daß wir elende Kreaturen sind, daß wir nicht tun können, was wir wollen. Den zwanzigsten Teil Gutes, das wir tun könnten und sollten, tun wir kaum. Darauf kann man ziemlich rechnen. Wenn wir auf das Verhältnis der jetzigen Zeit mit der Ewigkeit denken, neunzehn Teile liegen brach und ein einziger Teil bringt dem Heiland seine Frucht. Das ist die Schwachheit, die Unvollkommenheit, die Ungenügsamkeit des armen Menschtums. Daher geschieht's, daß wir mannigfaltig fehlen, daß wir die Leute unrecht beurteilen, entweder zu schlecht oder zu gut, daß wir die Handlungen zu früh oder zu spät tun, daß wir allerhand Versehen in Schriften, in Gesprächen, daß, wenn man eine halbe Stunde hernach fragt, so müssen wir's widerrufen. Da die gelehrten Leute denken, es wäre eine Todsünde, wenn sie sagen sollen: Ich habe gefehlt, so muß ein Kind Gottes gestehen: »Ich fehle, ja! Ich fehle. Du hast da und da gefehlt? Ja, ich habe gefehlt, wenn das mich ausschließet aus der Gemeinschaft Gottes, wenn ich darum nicht orthodox bin, wenn ich darum von anderen Mitgliedern sollte verstoßen werden, so ist's wahr, ich habe gefehlt da und dort, ich werde künftig wieder fehlen, ich werde es bekennen und mich bessern müssen.« Aber drittens (und das ist das schlimmste), wir sind hier in der Zeit: wir tragen unsern Schatz in irdenen Gefäßen, wir sind in mancher Gefahr, wir haben mit listigen Feinden zu tun, das Verderben ist noch wirklich da, es ist in unseren Gliedern. Es fehlt an einem rechten Ausdruck, damit wir's nennen könnten. Wir können auch nicht den Leib darunter verstehen, sondern es ist der Leib in einer ganz genauen Verbindung mit der Seele. Das wissen wir nur nicht mit einem Worte zu nennen; und wenn wir die Schwachheit begehen und nennen's mit einem Worte, so können wir uns irren, wir können uns unrecht ausdrücken. Kurz: das Verderben ist noch da, es liegt wirklich noch in uns. Die Theologie sagt: Wenn der Leib in der Erde liegt, so ist es weg. Es scheint also, daß sie es in den Leib verweisen. Aber es ist doch gewiß, daß die Seele in der Verbindung mit der Hütte (irdischer Leib) niemals ganz frei und ledig von dem Elend der Natur ist. Das Verderben nun, das Elend, das, wie ich vorher gesagt, in der Kraft Jesu Christi beständig kann angeschlagen, zerrissen, gekreuzigt werden, dasselbige hat die Art, daß es immer wieder hervorkommt; es hat die ordentliche Ungezieferart, daß, wenn es einmal rein weggemacht ist, es sich wieder regt, später oder früher. Das hat nun wohl keine Gewalt über uns und kann nichts mit uns machen, es ist eine bloße Beschwerde, ein bloßer drückender Schmerz, aber die Spitze ist abgeschlagen, sagt der Apostel: Tod, wo ist dein Stachel? Hölle, wo ist dein Sieg? 1. Kor. 15, 55. Die Pfeile sind stumpf. Aber wenn wir nicht Achtung geben, wenn wir leichtsinnig sind, wenn wir nicht durch das beständige Aufmerken auf die Stimme des Heiligen Geistes und durch das beständige Anblicken unsers gekreuzigten Heilandes immer in einem ordentlichen Gange bleiben, wenn der Friede Gottes nicht unser Herz und Sinnen bewahrt und wir kommen, wie wir zu reden pflegen, von unserm Herzen ab, so kann endlich die Schlange, die Eva verführte mit ihrer Schalkheit, uns unsere Sinnen verrücken von der Einfältigkeit, von dem geraden Blick auf Christus, von dem einfältigen (einfachen) Gehorsam gegen den Heiligen Geist und kann uns berücken, daß sie uns einmal was Böses für was Gutes ausgibt, und führt uns so weit hinein, daß wir's nicht eher merken, bis wir mitten darin sind. Das hebt meinen vorigen Satz nicht auf, daß ein Kind Gottes unmöglich kann etwas wollen, das wider den Sinn des Heilandes ist, aber es zeiget, daß die Menschlichkeit so schwach ist, daß ihr Geschmack und Gefühl kann betrogen werden durch Kunst und List dessen, der sich in einen Engel des Lichts verstellen kann, von einem Wirbelwind angeblasen werden kann, wie es dem Menschen in der Natur begegnet, wenn man sagt, es hat eins böse Luft gekriegt, daß ihm das Gesicht anläuft. Das kann einem wahren Kinde Gottes noch bis diese Stunde begegnen, wenn's unvorsichtig und von seinem Herzen abgekommen ist. Und das sind die beklagenswürdigen Stunden, da, anstatt daß man einer anderen Seele hart fallen soll, man vielmehr Mitleiden mit ihr haben, mit ihr weinen und für sie bitten soll, daß sie wieder gesund werde. Das versteht nun unser Herz, das weiß der Heiland, der ein Mensch gewesen ist, in solcher Präzision, daß wir unmöglich so treffend denken können als er. Danach richtet er, danach spricht er den Leuten das Recht zu oder nicht, danach läßt er den Verkläger ablaufen oder sein Recht hinausführen, denn er kennt die ganze Beschaffenheit eines Menschen. Insbesondere weiß er ganz genau: Wer nicht denkt wie er, der gehört nicht in seinen Stall, an seine Brust, denn er ist nicht wie er. Er kennt die Menschen nicht. Er spricht: »Ich kenne dich nicht.« – Lieber Heiland! Du bist ein Mensch: – Ja, das ist wahr. Wie? Solltest du die menschlichen Schwachheiten nicht wissen? – Die weiß ich, die habe ich erfahren. – Solltest du nicht die menschlichen Fehler verstehen? – Sehr gut, aber da ist was anders. Das ist der himmelweite Unterschied zwischen einer Seele, die da selig und die da sagen kann mit Paulus: Ich werde ihn kennen, wie ich erkannt bin, und zwischen einer solchen Seele, die vielleicht artig und hübsch von außen ist, daß sie die Menschen für etwas halten, der Heiland aber spricht: »Ich kenne die Art nicht: so ist mir nicht gewesen, ich kenne dich miteinander nicht.« +++ Davor behüte uns, lieber himmlischer Vater!   15. November 1749 Der Heiland muß Richter sein und die Ursache, warum ist die, weil er einmal Mensch gewesen ist und noch in Ewigkeit sich dazu bekennt, weil er erfahren hat in dieser Hütte, darin die anderen sind, wie es eine Seele in diesem Leibe erfährt, er mußte allerdings wie ein anderer Mensch sein, umgeben mit Schwachheiten, und da hat er sich auf das allergenaueste erkundigt, was beim Menschen Schwachheit ist, was beim Menschen Schalheit ist, er ist der Mann, der die Gedanken und Sinnen der Menschen abwiegt, er kann mit nichts hintergangen werden, er weiß, was im Menschen ist. Und wo es wahr ist, daß das Menschtum oder die Menschlichkeit schuld an etwas ist, da hat er erstaunlich Mitleid, da kann er mitweinen, da kann er die Leute lieb haben und recht liebhaben, aber wo auch ein Mensch nicht treu, nicht redlich ist, wo es am Herzen fehlt, wo das Auge ein Schalk ist, da steht's mit so einem Menschen nicht gut, denn wenn's einmal zum Urteil kommt, wenn der Heiland auf sein menschliches Gewissen sagen soll, ob eine solche Seele zu seinen Schafen gehört oder ob sie hinaus gehört vor die Tür, da richtet er nicht nach dem Ansehen, sondern aus dem Herzen heraus. Er weiß auch ihre ganze Geschichte, was sie gedacht und gemacht haben, solange sie in der Hütte gewesen sind. Aber das Allerwichtigste ist und bleibt, daß er die Hindernisse, die sie haben in der Zeit gehabt, sein Eigentum zu sein, alle nach dem Teil, den das Herz daran genommen hat, untersucht. Und da kann ein Mensch nicht so elend sein, er kann sich in der Welt nicht so schlecht aufgeführt und so wenig Gutes getan haben, er findet immer ein barmherziges Herz, wenn nur der Heiland, nach seiner Erfahrung, nach seiner Herzenskunde für den Menschen einstehen kann und sagen: sein Gemüt war besser als seine Figur, er hat mich doch liebgehabt, er hat eine Neigung zu mir gehabt, er hat nichts gegen mich gehabt, er ist eine arme Kreatur in der Welt gewesen, es ist etwa nicht viel Verstand dagewesen oder es sind erschrecklich viele Hindernisse dagewesen, die er nicht übersehen, daraus der Mensch sich nicht hat finden können und es würde noch weitergegangen sein, wenn man den armen Menschen nicht aus großer Barmherzigkeit aus der Zeit genommen und aus seinen verwirrten Umständen herausgerissen hätte, es hat da mehr am Kopf und an den Umständen als am Herzen gefehlt. Das ist ein gut Zeugnis. Und so können in der Welt viele Tausend Menschen sein, die ich nicht verdammen möchte. Unser Leib Es kommt die Stunde, in welcher alle, die in den Gräbern sind, werden seine Stimme hören. Johannes 5, 28 Bis die letzt' Trompet erklingt.   15. November 1747 Der Heiland hat den Schlüssel zu dem Kerker des Leibes, er kann unsere Seele herauslassen, wenn's ihm gefällt. Seitdem der Mensch gefallen, haben wir den Leib anzusehen als eine Art von Grabstätte und vom Moment der Zeugung an bis zum Abscheiden ist die Hütte in beständigem Sterben. An dem Sterben nimmt die Seele teil, es hindert die Kräfte des Gemüts, es drückt und beschwert unseren Geist, daß wir nicht immer können, wie wir wollen, wie der Heiland sagt, der Geist möchte wohl große Sachen wagen, aber das Fleisch kann nicht nachkommen. Das tragen wir so und lassen's uns darum gefallen, weil sich's der Heiland auch gefallen lassen, die Hütte zu fühlen, den Druck zu empfinden und sich darunter zu beugen. Es ist wahr, einer empfindet weniger als der andere, mancher hat so viel zu tun, daß er nicht recht dran denken kann, und so viel einer nicht dran denkt, so viel ist er munter und gesund. Darum ist die Arbeit eine Seligkeit, und eine Grundeinsicht ist: je mehr man über seine Hütte denkt, darum besorgt ist, je mehr empfindet man, macht sich zum elenden Menschen. Nicht ans Leben zu denken, weil Gott das Herz erfreut, ist das kürzeste und beste. So viel inzwischen der Heiland gut findet, so viel ist uns auch recht. Wenn's zu deutlichen Krankheiten kommt, wenn der Tod, der in den Gliedern liegt, zu einer gewissen Gärung kommt, so ist's eine Sabbatzeit fürs Gemüt, so hat man, wenn man krank ist, so viel Sabbate, als Krankentage, wenigstens sieht's der Heiland gern so. Wenn aber dann endlich die Seele mit ihrem Leib in guter Harmonie gelebt und ihr sterblich Gebeine mit Treue und Ehrerbietung bedienet hat, weil sie es anzusehen hatte als seine, ehe sich sie versieht, so schließt der Heiland auf und laßt das Vögelchen aus dem Bauer fliegen. Und das geht so fort, bis die letzte Trompete erklingt. Und werden hervorgehen, die da Gutes getan haben, zur Auferstehung des Lebens. Johannes 5, 29   30. Oktober 1750 Unsere Auferstehung, die an sich selbst was Edles und Schönes ist, ist uns darum wichtig, weil sie des Heilands Ordnung ist. Daß er es so gemacht und verordnet hat, daß auch das Hüttchen der Seele, nachdem es wieder zu seiner ersten Materie geworden, woraus es vorher formiert ward, zum andernmal, und zwar wieder eben dasselbe, zur Hütte und Wohnung des seligen Herzens gemacht werden, und sodann auf ewig unzertrennlich mit ihm verbunden bleiben soll, das ist schön und allerdings eins von den seligen Dingen, die sich unser Herz als eine künftige Seligkeit vorstellt und sich darum dran vergnüget, weil es unsers allerliebsten Herrn Belieben ist, weil unser Schöpfer es so verordnet hat. Der hat das irdische Gefäß gemacht, das macht er wieder zum Klümpchen, das Klümpchen soll wieder ein Gefäß werden, und immer schöner. In Gottes Namen. Nicht alle haben es vernommen Ein anderer ist, der von mir zeuget, und ich weiß, daß das Zeugnis wahr ist, das er von mir zeuget. Johannes 5, 32   3. Februar 1746 Er sprach: »Das ist mein lieber Sohn, an dem ich hatt' Gefallen, den will ich euch befohlen han, daß ihr ihn höret alle.« Die Stimme haben nicht alle Leute gehört, es ist aber genug, daß etliche sie gehört haben. Denn es ist mit denselben göttlichen Zeugnissen so, die haben nicht alle eine Zeit, auch nicht einen Plan, sie sind auch nicht für alle Leute. Was einem heute zu wissen nötig ist, das erfährt ein anderer erst in einem halb Jahre drauf. Und so haben die Apostel die Erscheinung und Offenbarung des Heillands beschrieben, wie es damit gegangen ist, erstlich dem, danach dem, dann dem, endlich fünfhundert Brüdern, zuletzt sagt Paulus, mir. Und wieder an einem andern Orte heißt's: nicht allem Volke, sondern uns den vorerwählten Zeugen. Es ist noch ein Umstand dabei. Wenn auch gleich Leute zugehört haben und sind mit dabei gewesen, so haben die Menschen die Worte nicht alle verstanden. Nicht nur ist das dem Apostel Paulus begegnet, wie er bekehrt worden ist, da haben alle das Licht gesehen, sie haben alle die Worte oder vielmehr den Schall der Worte gehört, aber es nicht verstanden. Es ist dem Heiland selbst begegnet, da die Stimme vom Himmel kam, da hörten es etliche, andere aber sagten: es donnert. Unterdessen ist es gewiß, daß etliche dergleichen Akte, dergleichen feierlichen Akte sind vorgegangen, da der himmlische Vater von seinem Sohne gezeugt hat. Insonderheit ist das der Fall gewesen, da der Heiland ist getauft worden, denn sein Vater sagte: Das ist mein lieber Sohn, an dem ich all mein Wohlgefallen habe (Matth. 3, 17). Das ist ein herrliches Testat, und wenn man einen solchen Zeugen hat, so braucht man keinen mehr. Es ist uns auch versprochen: Ich will mich zu dir bekennen, und das ist eine von unsern herzlichsten Bitten zu unserm treuen Haupte: O, du Gottes Lamm, das der Welt Sünde trägt, bekenne du dich zu uns!   8. Juni 1752 Wir sind nicht dazu da, daß wir den theologischen und philosophischen Disput der Leute, wie sie die göttlichen Geheimnisse auf ihre Art vortragen und ihre metaphysischen Voraussetzungen bei Beschreibung des höchsten Wesens, mit den biblischen Ausdrücken zusammenreimen. Unsere Pfarrer sind nicht dazu berufen worden, daß sie die metaphysischen Definitionen von Gott machen, und also haben wir sie weder zu bestreiten noch zu behaupten. Aber dafür müssen wir sorgen, wenn die anderen Menschen, die alles mit ihrer Vernunft reimen und zu allen Gottesgeheimnissen zureichenden Grund müssen finden können, konfus werden, daß doch wenigstens die Gemeinde ihnen in das Verderben nicht nachfolge. Nun haben wir einen zuverlässigen Weg, dazu der Heiland die Anleitung uns selbst gegeben. Man hält sich an die klaren Stellen der Heiligen Schrift. Die Person Jesu Christi ist das Objekt aller Anbetung für die ganze Welt, und der Text aller Predigt, und wenn man hernach mehr wissen und halten soll, das muß man vom Heiland selbst lernen. Niemand kommt zum Vater als durch ihn, und er will uns (nach den heutigen Texten) noch einen Lehrer schaffen, der uns niemals verlassen solle. Bei der Lehre vom Heiligen Geiste kommt es lediglich auf das an, was uns davon der Heiland gesagt hat. Der Heilige Geist nimmt alles von den Seinen, und wirkt im Gefolge der großen Gottestheologie, da Jesus Christus der Mittler aller Kreatur, Gott, ist, der die Schöpfung und Erlösung und durch seines eigenen Leibes Opfer die Heiligung vermittelt hat, daß der Leib ein Tempel des Heiligen Geistes wird. Nun sind sie alle drei verhüllt vor unseren Augen, und ob wir gleich vom Heiland historisch wissen, daß er einen menschlichen Leib gehabt hat und kein bloßer Geist ist, so sehen wir ihn doch nicht. In dem Stück ist er, mit dem Vater und Heiligen Geiste für unsere Sinnen einerlei, unsere Sinnen sehen ihn nicht. Darum drücken wir uns den Menschen, wie er gewesen, ins Gedächtnis. Fasset Jesum Christum ins Gedächtnis. Da habt ihr meinen Leib (sagt er), da gebe ich euch mein Blut zu trinken, damit ihr es euer Lebetage nicht vergeßt. Darum sagt Paulus 1. Korinther 11, sollt ihr, sooft ihr von diesem Brote esset, und von dem. Kelche des Herrn trinket, euch besinnen auf den Tod, den er für euch ausgestanden. Das ist der Sinn der Worte: Zu meinem Gedächtnis, gerade zu dem Zweck, daß ihr ja seine Person nicht vergeßt und euch nicht aus dem Gemüt komme, daß euer Herr und Mittler, eur' Schöpfer, Heiland und Heiligmacher, euer alles in allem, nicht nur ein Geist mit Gott, einer aus dem unausdenklichen Wesen, sondern einer aus uns ist und bleibt! Wie er ist, so sind auch wir in dieser Welt, 1. Johannes 4, 17. Ich bin nicht in der Welt, sie aber sind in der Welt (Joh. 17, 11) an meiner Stelle, sie repräsentieren mich unter den Menschen. Nun er hat's gesagt: Weil ich von euch abwesend bin oder vielmehr ihr von mir abwesend seid: so will ich euch versprechen, daß ihr einen gnädigen Vater haben sollt, der mit euch väterlich und ihr mit ihm kindlich umgehen könnt, und daß ihr einen Tröster kriegen sollt, den Heiligen Geist, der soll euch niemals verlassen, wenn ihr euch von dem leiten und führen laßt, so sollt ihr niemals vergeblich denken, reden und beten und er soll euch in eurem Herzen so stellen, daß euch eine Sache, mit der ihr euch nicht einzulassen habt, gleichgültig und unwichtig bleiben oder das Gegenteil wichtig werden soll. In solcher Pflege sollt ihr stehen und wenn ihr euch dieselbe nicht verscherzt, so sollt ihr euch bei allen Unvollkommenheiten und Schwachheiten, in dieser Zeit der Unvollkommenheit, mehr als andere Kreaturen, ja mehr als die Engel, in die Wege und Absichten der tiefsten Gedanken einpassen, die kein Mensch und Engel weder weiß noch auseinanderfindet. Wir glauben also, daß der himmlische Vater sich uns zum Vater gegeben hat, daß wir seine Kinder werden, daß ein Heiliger Geist, den uns der Heiland zum Tröster und Beistand gegeben, der ewig bei uns bleibt, wenn wir uns ihm dazu hingeben, sowohl die Gedanken ordnet als die Worte macht, der die ganze Kirche in ihren Ämtern leitet und mit Wundern und Gaben zieret, der dem Lamme die Priester weiht, der uns zu seinem Tempel weiht, bis er uns einmal den zeigen kann, den wir nicht gesehen und doch lieb haben und die ganze Zeit an ihn glauben. Aus dem Grunde glauben wir, daß, was wir tun und handeln, im Namen des Vaters, des Sohnes und des Heiligen Geistes geschehe. Wie sich das mit den metaphysischen Ideen von Gott reimt, wie das Wort Dreieinigkeit, das nicht in der Bibel steht, zu behaupten ist und wie man eine Sprache erfinden soll, die göttlichen Dinge menschlich auszusprechen, das müssen und können wir, ohne Gefahr unserer Seligkeit, mit vielen anderen Sachen abwarten. Dein Wort Solches sage ich, auf daß ihr selig werdet. Johannes 5, 34   24. Januar 1753 Alle Worte des Heilandes sind was Unschätzbares, und wenn wir dabei bleiben, so haben wir das Glück, daß wir ein ausgezeichnetes, seliges Christenvolk sind. Und das ist eins von den Dingen, darüber ich halte und wünsche, es käme unter uns recht ins Gleis, daß niemand sei, der sich nicht vorher besonnen hätte, ob er die Worte und Vorschriften des Heilandes für ein Vergnügen und »Segen für sein Herz halte«. Oder ob ihn der Gehorsam und die Aufmerksamkeit, die man drauf haben muß, zu viel kostet. Denn wen's viel kostet, dem macht's das Herz schwer und das macht danach keine gute Arbeit, es dünkt einem kein Segen, kein Friede, es macht vielmehr irre. Wenn man sich nicht dazu bekennt, sondern sich besser dabei befindet, daß man von einer anderen Art Menschen ist, als der Heiland da bezeichnet hat, wer hat was dagegen zu erinnern? Wenn man sich aber zu dem Christenvolk hält, das in besonderer Verbindung mit ihm steht und ihn lieb hat, und es ist einem, als ob man unter den Christen ruhiger und seliger lebte als in der ganzen Welt, so soll man es auch fein festhalten.   21. Januar 1754 Es ist nicht die Frage: Ob des Heilandes Gebote schwer oder leicht sind, denn das ist, als wenn der eine Lastträger sagt, das ist eine schwere Bürde, und der andere nimmt sie auf seinen Rücken und sagt: es wird sich schon tragen lassen. Der Heiland will sein Wort nicht als eine Bürde angesehen haben, da der am besten zurechtkommt, der die breitesten Schultern hat, sondern er traktiert alle seine Reden und Worte als einen Segen für uns, als unsere Freude und Erleichterung, allenfalls als eine Maschine, die wir gleichsam mit einem Finger regieren können. So wenig nun die Maschine, mit der man was aus dem Fluß herauswindet, die Last ist, die man heraushebt, so wenig sind des Heilands Gebote, Regeln und Ordnungen eine Last, über deren Leichtigkeit oder Schwere man zu reden hätte, sondern sie sind der Hebebaum, sie bringen Rat und Hilfe. Der Heiland hat's schon im Alten Testament sehr hart empfunden, wenn man die Befehle eine Last genannt hat. »Ihr sollt nicht sagen, Last des Herrn, mein Wort ist keine Last, sondern es ist eine Sache, durch welche der Mensch lebt, der sie hält.« Wir halten es für einen wahren Segen und Gnade, daß uns der Heiland was hat sagen mögen und alles, was er gesprochen und gedacht, sind uns lauter Kostbarkeiten und Schätze. Desto mehr sind wir zu schelten, wenn wir nicht genau darauf aufmerken und nicht treu sind. Wir wissen nur von Gnade, es ist unser Privilegium und Sicherheit, daß wir nicht zurückverdammt werden zum Sündertum. Es ist also nur zu wünschen, daß er uns zum Gehorsamsein seinen heiligen Segen geben möge.   23. Januar 1755 Wir haben 1725 gesungen: »Kein andere Pein und Kummer ist, als wenn man seines Herrn vergißt.« Wir können hinzutun: es gibt keine Plage, als die wir uns selber machen. Alles, was wir ausgestanden haben, ist lauter Ausessen der Früchte des Ungehorsams gegen ihn. So viele Treuerfahrung und solche treue, weise und solide Leitung haben wir gehabt, wenn wir gefolgt haben. Das bißchen Gehorsam hat uns unaussprechlichen Segen gebracht, worüber wir jetzt dem Heiland danken. Das haben wir dem bißchen Hören auf seine Anweisung zu danken, wenn wir gehört haben wie Jünger und nicht ungehorsam gewesen, sondern seinen Willen gern getan haben. Denn seine Befehle sind lauter Versprechen. Du bist ein verborgener Gott Ihr habt nie weder seine Stimme gehört noch seine Gestalt gesehen. Johannes 5, 37   18. März 1755 Seine Gottheit wird vom Vater und Heiligen Geiste behauptet, es wird der Welt gepredigt, daß sich vor seinem Namen alle Knie beugen und alle Zungen bekennen sollen, daß er der Herr sei, zur Ehre des Vaters (Phil. 2, 10. 11), der es zum Zwecke seiner ganzen Weltregierung gemacht hat, alle Feinde des Sohnes ihm zum Schemel seiner Füße zu legen und bis auf den letzten Feind zu vertilgen. Unter den Kindern Gottes arbeitet der Heilige Geist darauf, daß wir recht brüderlich mit ihm umgehen und uns recht nahe zu ihm tun sollen, daß wir mit ihm zugleich seinem und unserm Vater Lobpreis halten sollen. Es ist wahr, wir können den Vater nicht sehen, nicht anders als in dem Angesichte Jesu Christi, der läßt uns aber auch allemal, wer sein Vater ist, ihm aus den Augen lesen. Das bezeugen die Apostel, sie hätten an ihm die Majestät des eingeborenen Sohnes vom Vater gesehen, Johannes 1, 14. Und er sagt selber: Wer mich sieht, der sieht den Vater, Johannes 14, 9. Das muß man lernen und sich daran gewöhnen, das ist des Heilands Theologie, da ist er der Lehrer; und Johannes 17 sagt er zu seinem himmlischen Vater, daß er Gottes Namen seinen Brüdern bekannt gemacht. Er hat sich auch wirklich viele Mühe gegeben, seinen Jüngern Lust und Liebe zu dieser Theologie zu machen und sie an den Vater zu gewöhnen.   13. März 1754 Daß es so schwer ist, den Vater kennen: Wer hat seine Gestalt gesehen? Was die Gottheit betrifft, ist der Heiland in nichts vom Vater und Heiligen Geist unterschieden. Er ist ebenso unsichtbar, unanfänglich, unsterblich, allmächtig als der Vater und der Heilige Geist. Wenn man also von Personen in der Gottheit reden will, so muß man es nicht in den Tiefen der Gottheit suchen, sondern nach der Offenbarung. Ein jeder Blick in die Tiefe der Gottheit liegt transzendent. Wir müssen in dieser uns abgemessenen Zwischenzeit die Wirkung der Gottheit in unserer Leiblichkeit erwarten und finden. Er ist nicht ferne von einem jeden unter uns. Wer mich liebt, sagt der Heiland, der wird mein Wort halten, und mein Vater wird ihn lieben und wir werden zu ihm kommen, Johannes 14, 23. Kurz vorher sagt er: Ich will den Vater bitten, der soll euch einen Freund schicken, der bei euch bleibe, Johannes 14, 16. Darum müssen wir unsere ganze Stärke und alle Wahrheit unserer Gotteserkenntnis darein setzen, daß wir nicht, wie die Philosophen über den Wolken suchen, sondern die ganze Heilige Dreieinigkeit nicht ferne von einem jeden unter uns vermuten, sie in ihren Wirkungen bemerken, ihr da nachsehen und den seligen Effekt davon auf unser Herz erwarten und alle Tage finden, so werden sie sich uns gewiß offenbaren. Die Welt, die keine Verbindung mit des Heilands Menschheit hat, wird freilich nicht begreifen können, daß ein Vater ist, so wenig sie begreifen kann, daß ein Sohn ist. Wenn man es mit philosophischen menschlichen Augen ansieht, so kommt man auf nichts als Finsternis. Wenn's möglich wäre, daß die Welt erkennen könnte, so wär's gut, aber das kann nicht eher geschehen als bis sie glauben lernt, daß Gott offenbaret ist im Fleisch, damit er sterben möchte und Erlösung brächte, »daß er das Fleisch durchs Fleisch erwürb, und sein Geschöpf nicht alles verdürb.« Dies ist der einzige Weg zur Erkenntnis des himmlischen Vaters. »Denn wem wäre der Vater klar, wenn der Sohn nicht wäre?« Christus im Alten Testament Suchet in der Schrift. Johannes 5, 39   7. Januar 1753 Ich kann nicht leugnen, daß ich überzeugt bin, daß diese Stelle Johannes 5, 39 auf deutsch so viel heißt: Ihr suchet und forschet so viel in der Schrift, die handelt lediglich von mir und zu mir wollt ihr doch nicht kommen, was hilft euch alles Forschen? Also ist eigentlich hier der Ort nicht, das fleißige Bibellesen zu erweisen. Wenn wir aber heutzutage den Spruch recht anwenden wollen, so mögen und müssen wir einen positiven Befehl des Heilandes daraus machen. Uns wird es nützlich sein. So abgeneigt die Leute zur Zeit des Heilandes ihm gegenüber waren, mit denen er redete, und so unnütz, ja schädlich ihre Bibelgrübelei ausfiel, so sind wir zur Sache geschickt. Das ist mein ganzer Ernst, daß, wo im Alten Testament ein Wort oder eine Handlung von Gott steht und keine andere der heiligen drei Personen deutlich charakterisiert ist, wir niemanden als ihn, und wenn wir sonst jemanden finden sollen, so muß er uns deutlich machen. Wo der Vater unsers Herrn Jesu Christi ausdrücklich gemeint ist, da wissen wir auch, wer das ist; wo aber Gott steht, da verstehen wir, wenigstens im Alten Testamente, unseren Heiland. Wir können eben mit Wahrheit, mit tiefer Überzeugung singen: »Wo wären wir doch, wenn kein Heiland war? Wir wissen uns sonst nirgends hin.« Drum empfehle ich das Bibellesen als einen Befehl des Heilandes, und was an die Juden als ein Verweis gesagt worden, das sei unser Lob. Der Heiland hat sich deutlich hierüber erklärt: So meine Worte bei euch bleiben, so seid ihr meine rechten Jünger. Ihr werdet die Wahrheit erkennen, und die Wahrheit wird euch frei machen, Johannes 8, 31. 32. Keine Methode Und ihr wollt nicht zu mir kommen, daß ihr das Leben haben möchtet. Johannes 5, 40   10. Januar 1753 Das ist die große Sache, die kein Prophet, kein Apostel mit demselben Nachdruck und Deutlichkeit traktiert hat als der Heiland. Er hat behauptet, daß Lesen, Hören, Beten, Singen und alle Andacht, daß der Gottesdienst, ja selbst der beste Gebrauch des göttlichen Worts, welches David Psalm 119 von seiner Thora Tag und Nacht reden heißt, wohl ganz gut, aber doch nicht die Sache ist, denn, sagt er, es fehlt euch noch das Leben und lebendig macht eben der Sohn, und wen er will. Das Leben ist eine Sache, die man nicht beschreiben, in keine Methode und System bringen kann, der Wind bläst, wo er will, und man hört sein Sausen wohl, aber man weiß nicht, von wannen er kommt und wohin er fährt. Er will also nichts anderes sagen als daß das Ding in kein System zu bringen ist, denn wenn ich gleich weiß, was Ost, Süd, West und Nord ist, so kann ich doch, wenn ich in der Kabine liege, oft nicht eher wissen, was für Wind ist, bis daß ich danach frage. Wenn man also gleich mehrere Beschreibungen von der neuen Geburt hat, so kann doch sein, daß man des nächsten Nachbars seine nach keiner dieser Beschreibungen erklären und ausfinden kann, welche es eigentlich ist, bis man mit dem Bruder ausführlich redet und sich viele Exempel erzählen läßt, wie's mit ihm zugegangen ist und dann aus zwanzig Begebenheiten sieht, welches eigentlich ist die, da er das Leben aus Gott gewahr worden. Das sagt der Heiland nicht ohne Ursach, denn hätten wir eine rechte Methode des Lebendigwerdens, wir setzten uns drauf, probierten sie aneinander und wenn's ein Mensch so gemacht hätte, so dächten wir, er lebte und hätte er es nicht so gemacht, so dächten wir, er lebte nicht. Das würde ein Haufen Splitterrichten und falsche Beredungen von sich selber geben. Daher ist's dem Heiland gefällig gewesen, die Materie des Lebens zum Geheimnis zu machen, das ihm allein überlassen bleibt. Er macht lebendig, wen er will, Johannes 5, 21. Was ich nun fordere ist nicht, daß einer lebendig sein soll, ehe ihm der Heiland das Leben gegeben hat, sondern daß er nicht so darüber weg sei, sondern daß er eine stille, demütige Ahnung davon haben soll, daß ihm das Leben aus Gott noch fehlt, weil er noch das und jenes an sich gewahr wird, das damit nicht übereinstimmt. Das ist keine Werkheiligkeit. Ich setze nicht auf Taten und Beweise, sondern auf die Bewegungen im Gemüt. Das einzige, was ich gern will, ist, daß wir überzeugt sind von der Wahrheit des Satzes: Ihr müßt das Leben haben, ihr müßt zu mir kommen, ich muß euch den Geist, der in Adam gestorben, wiedergeben. Wenn der, solange wir in der Hütte sind, immer ein Kind bleibt, dagegen habe ich nichts, aber es muß ein lebendiges Kind sein.   20. Juni 1758 Solange der Heiland nicht wiederkommt, solange entschädigt man sich seiner Abwesenheit so gut man kann und hauptsächlich damit, daß man mit allen Sachen zu ihm zurückgeht, in den Umgang und das Gespräch des Herzens mit ihm, worauf man auch Antwort kriegt. Wer das gefunden hat, der hält daran fest und macht sein Tagewerk mit daraus, wenigstens bewahrt es seinen Gang, sein Wachen und Schlafen, daß er sich der Nähe seines Herrn versichern kann, daß er Besitz nimmt von dem Recht, das wir an ihm haben. Wenn man erst eine gründliche Erkenntnis von der Schrift hat, sie gelesen und behalten hat, so ist's hernach keine schwere Sache, daß einem das Bibellesen auf hundert Sachen bringt, die man mit ihm ausreden kann und er uns selbst den besten Kommentar zu seinem Wort macht. Alsdann hat man eine hübsche Vorarbeit, man kommt entgegen seiner Wiederkunft, und wenn er kommt, so ist man nicht fremd in der Sache, sondern besinnt sich, ihn schon sonst gesprochen und gekannt zu haben, und er weiß sichs auch zu erinnern, wie beim Nathanael, da er sagte: »Ich habe dich vor etlichen Tagen unter dem Feigenbaum gesehen, ich weiß, was dein Anliegen war, was du gemacht hast.« Zurüstung Es kann niemand zu mir kommen, es sei denn, daß ihn ziehe der Vater, der mich gesandt hat. Johannes 6, 44   5. Juni 1745 Der Heiland sagt: Ihr lieben Leute, ich nehme es euch nicht so übel, wenn ihr nicht an mich glaubt, wenn ihr mich nicht annehmt, wem es nicht so ist in seinem Herzen, von dem wird es nicht gefordert, daß er mich soll annehmen, ich bin noch nicht gestorben, ich bin noch nicht wieder auferstanden, es ist die Zeit noch nicht da, da ich alle Menschen erleuchte, jetzt ist noch eine Zeit der Auswahl, jetzt mache ich noch Jünger, jetzt sammle ich mir erst meine Leute, die ich brauchen will, die ich als Werkzeuge in alle Welt aussenden will, denen ich eine solche allgemeine Macht, das Evangelium zu predigen, geben will, aber jetzt kann mir nicht jeder nachfolgen, wer nur will, es sei denn, daß ihn ziehe der Vater, eben derselbe, mit dessen Willen ich in die Welt gekommen bin, der muß mich in den Herzen der Menschen legitimieren, ehe sie mich annehmen können, mein Vater, der mich in die Welt geschickt hat, muß alle dieselben Leute zu mir ziehen. Nun, das hat sich auch in der Praxis so bewiesen, wenn der Heiland nicht vorbereitete Herzen gefunden hätte, so hätte er mögen hin und her gehen und predigen, es würde sich niemand zu ihm gehalten haben, zumal da er immer gesagt: Ihr Leute, ich habe keinen Ort, der mein eigen ist, wo ich mein Haupt hinlegen kann, wer zu mir kommt und hasset nicht seinen Vater – der kann nicht mein Jünger sein. So getrost hätte der Heiland nicht reden können, wenn er nicht gewußt hätte, daß er alle die Leute, die ihm der Vater gegeben, schon vorbereitet fände. Es ist heutzutage mit der Jüngerschaft noch so, es kann niemand ein Jünger sein in der großen Sache des Vaters für seinen Sohn, in der Eroberung des Reichs Gottes, der Vater muß zuvor ziehen und zubereiten. Wer nun in seinem Herzen wahre Überzeugung hat, daß der Heiland seine Sünde getragen hat, und es ist ihm drum zu tun, es auch andern zu sagen, daß er ihre Sünden getragen hat, der kann singen, was wir jetzt gesungen haben: Du wirst mir's nicht versagen. Wer Christus nicht hat, der hat Gott nicht Wer es hört vom Vater und lernets, der kommt zu mir. Johannes 6, 45 Verleih, daß wir ihn recht lernen erkennen und nach dem ewigen Schöpfer uns sehnen.   7. Juni 1744 Des Vaters erstes Hauptgeschäft ist, daß er den Glauben an Jesus Christus verleihet, wie die Alten sungen in einem Kirchenliede: »Den Glauben in uns gründe, Vater, an Jesus Christ.« Und darum haben die Alten so fleißig vom Heiligen Geist gesungen: »Lehr uns Jesus Christ erkennen allein.« Und darum hat Doktor Luther zu seiner Zeit gesagt: »Fragst du, wer er ist? Er heißt Jesus Christ, der Herr Zebaoth, und ist kein anderer Gott.« Darum hat man in den alten Kirchen gesungen: »O Herr, du Schöpfer aller Ding', wie bist du worden so gering. Der sel'ge Schöpfer aller Ding' zog an ein's Knechts Gestalt gering, daß er das Fleisch, durchs Fleisch erwürb, und sein Geschöpf nicht all's verdürb.« Daher sagt Paulus: »Es ist das Wohlgefallen, daß in ihm alle Fülle wohnen sollte und alles durch ihn versöhnet würde zu ihm selbst, es sei auf der Erde oder im Himmel«. Darum spricht der Heiland: Wer den Vater hat predigen hören, der kommt zu mir. Und das ist die Erklärung dessen, was im Propheten steht: Weiset meine Kinder und meiner Hände Werk zu mir, ich bin der Hohe und Erhabene, ich schwöre bei mir selbst, und ein Wort der Gerechtigkeit gehet aus meinem Munde, dabei soll es bleiben, nämlich: Mir sollen sich alle Knie beugen (Paulus sagt: In Jesus Namen sollen sich beugen alle Knie derer, die im Himmel und auf Erden und unter der Erde sind) und alle Zungen sollen schwören und sagen: Im Herrn habe ich Gerechtigkeit und Stärke. Solche sollen auch zu mir kommen und solche will ich nicht hinausstoßen, aber alle, die mir widerstehen, müssen zu Schanden werden. Wer ihn nicht hat, der hat keinen Gott. Ihr wäret außer ihm, sagt Paulus an die Epheser, darum wäret ihr ohne Gott in dieser Welt. Man kennt freilich den nicht, der uns Jesus Christus erkennen lernt, der unsere Herzen zu Christus neigt, der, da er einmal ausgerufen vom Himmel: Das ist mein lieber Sohn, an welchem ich all mein Wohlgefallen habe, nun immer fortfährt, unvermerkt die Herzen der Menschen zu präparieren, die Herzen weich zu machen, ehe sie wissen, wer was an ihnen tut, wer die Gnade an ihnen beweist. Dann kommt der Heilige Geist und überzeugt die Welt von ihrem Unglauben und weist ihnen, daß ihr ganzes Unglück in der Sünde besteht, in der Sünde des Unglaubens, und daß der Unglaube darinnen besteht, daß alle nicht glauben an Jesus Christ. Er wird die Welt überzeugen von der Sünde, daß sie nicht glauben an mich. Wenn man einmal den Heiland hat und ist zu ihm gekommen und von ihm angenommen, dann lernt man erkennen, wer einem alles das getan hat, dann sagt einem der Heiland, das hat mein Vater getan, nun kennt ihr meinen Vater, und habt ihr auch meinen Vater gesehen, denn ihr habt mich gesehen, ihr habt an mich geglaubt und auch an meinen Vater, denn ich und er sind eins und nun soll mein Geist bei euch bleiben ewig, der soll euch durch die Welt führen, nun soll er nicht von euch kommen Tag und Nacht, der Geist meines Mundes soll von dir nicht kommen. Das sind allerdings große Seligkeiten, die alle Leute zu hoffen haben, die selig werden wollen, die Gnade in Jesu Blute suchen, weil sie bedürftig, weil sie elend und arm, weil sie verloren und verdammt sind und die die Gnade finden zur Zeit, wenn ihnen Hilfe not ist. Johannes sagt: Das ist sein Gebot, daß wir glauben an den Namen seines Sohnes Jesu, wir gehen täglich damit um, das ist des Heiligen Geistes Arbeit, das ist die Predigt an die Herzen, das ist des Vaters sein Wohlgefallen, das ist sein Hauptgebot, der Inbegriff des Katechismus, daß wir glauben an seinen Sohn und lieben uns untereinander. Und uns macht das Geheimnis der Heiligen Dreieinigkeit kein Kopfzerbrechen: Wir wissen, was unser Vater täglich an uns tut, wie er uns mit der ganzen Welt pflegt und wie er bei uns eines jeglichen Haare zählt, daß nicht eins ohne seinen Willen von unserm Haupte fallen kann. Wir wissen, was für eine treue Sorge der Heilige Geist für uns hat. Wir wissen, das alles geschieht dem Sohne zu Liebe, dem Gott, der zur Rechten Gottes sitzt, der wartet, bis alle Feinde zum Schemel seiner Füße gelegt werden, bis daß ihm der Vater alles Untertan gemacht hat, »der nun ruht in Sicherheit von aller seiner Arbeit«, und blickt mit Gnade auf sein Volk, auf seine Gemeinde, auf jedes Glied derselben, und dem es im Innersten des Herzens lieb ist, wenn er nun so eine Seele nach der anderen zum Lohn seiner Schmerzen einsammeln sehen kann. Und da wir sein Eigentum sind, so sollen wir's uns recht von Herzen lassen angelegen sein, wir sollen bitten und flehen und weinen, wenn es nötig ist, daß er an uns verherrlichet werde, im Großen und im Kleinen, daß wir vor das Angesicht seines Vaters treten und Abba sagen mögen als in seinem Namen, wenn wir bei ihm was anzubringen haben. Da das des Sohnes Ehre und eigne Herrlichkeit ist, daß wir getrost sagen können zum Vater: »Bedenke Jesu Leiden, es ist dein Sohn«, so werden wir allezeit erhört, wird uns alles gegeben, was wir bitten. Denn wenn der Sohn spricht: Vater, ich will, wie Johannes am 17ten, so steht alles zu seinen Geboten. Der Vater hat den Sohn lieb und schafft ihm alles in die Hände, er regiert um seinetwillen, um seinetwillen hat er dem Heiligen Geist die Seelen anvertraut, es ist alles für den Sohn. Dazu wolle uns sein noch immerwährendes Gebet, denn er lebt immerdar und bittet für uns, von einer Woche zur andern, von einem Jahre zum andern, fortbringen, um seines Kreuzes willen. Bruderschaft und Sünderschaft Es wird eine Herde und ein Hirte werden Johannes 10, 16 Warum? weil niemand gut kann sein, niemand, als Jesus Christus, der wahre Gott allein.   11. Oktober 1743 Ich bin der gute Hirte, hat er gesagt, ich bin allein euer guter Hirte, ihr müßt alle zu mir kommen. Meine Schafe hören meine Stimme und sie folgen mir und einem andern folgen sie nicht nach. Darum ist keine andere Möglichkeit, es muß nur ein Schafstall in der Welt sein, es muß nur eine Versammlung in der Welt sein, und diese Versammlung ist die Versammlung auf Jesus, die Versammlung um Jesus Christus herum. »Außer der Kirche wird kein Mensch selig«, singen die alten Böhmischen Brüder. Daher ist's freilich eine ausgemachte Sache, daß, wer die Brüder nicht lieb hat, der ist noch im Tode, 1. Johannes 3, 14. Wer dasselbe Gefühl, das die Brüderschaft und Sünderschaft mit sich bringt, gegen die nicht hat, die wahre Brüder und Sünder sind, der ist kein begnadigter Sünder und ist kein Bruder, der ist kein Glied am Leibe Jesu Christi, sondern er ist noch nicht eingesetzt in den Leib Jesu Christi, der ist noch fremd von der Bürgerschaft Israels und von den Testamenten der Verheißung, und da mag er im übrigen sein so gut er will und so viel schöne Qualitäten an sich haben, als er will. So sagt's Johannes. Es kommt aber eigentlich daher, weil's nicht anders sein kann, als die Glieder eines Leibes müssen einander fühlen, wenn sie einander gleich nicht kennen. Wenn ich gleich nicht an meinem Finger oder an meinen Fußzehen gedacht habe, so weiß ich, wenn mir jemand darauf tritt, daß er mein ist, oder wenn mir an meinem Finger was begegnet, so weiß ich, daß es mein Finger ist, wenn ich in zwanzig Jahren nicht daran gedacht habe, und so ist es mit allen Muskeln und Gelenken. Und wenn ich mich in achtzig Jahren nicht darauf besonnen habe, aber sobald an den Muskeln und Gelenken was vorgeht, so fühle ich, daß sie meine sind. Es kann sein, daß wir manche Glieder des Leibes Jesu Christi in unserem Leben nicht sehen, daß sie sterben und wir wissen's nicht, daß sie in der Welt gewesen. Aber sobald die geringste Kundschaft voneinander vorkommt, sobald wir ihnen nahe kommen oder sie uns, sobald ihnen was sehr Gutes oder was sehr Böses begegnet, so müssen wir uns entweder mit freuen oder mit leiden, und so müssen sie wieder gegen uns sich verhalten. Wer bei unserm Leiden gleichgültig ist und bei unsern Freuden gleichgültig ist, der ist kein Glied am Leibe Jesu Christi, der versteht die Harmonie nicht, der weiß nichts von der inneren Übereinstimmung, die in einem ordentlichen Leibe notwendig sein muß. Es ist sehr wichtig, es geht durch die ganze Welt, es kommt auf kein Wissen, auf kein Erkennen, auf kein Studieren, sondern auf die Empfindung des Herzens gegeneinander an. Es gibt manchmal einen Schwärmer in der Welt, der macht sich einen Anhang, es werden ihrer fünfzig, auch wohl hundert, und sie bilden sich ein, mit Ausschließung aller der andern, sie seien allein die Kirche. Aber eben das ist die Sache: Sobald die Kirche in äußerliche Formen gesetzt wird, und man in seinem Herzen denkt: das macht die Kirche aus, daß ein Mensch so und so erzogen, daß er in die und die Form eingegossen ist, so ist man irre mit der ganzen Gemeinsache. Aber, wenn man sagt: Man mag in was für eine Form in der Welt gegossen sein als man will, sobald man zu einer Gemeinde Jesu Christi kommt, so muß man ein Gefühl von ihr, wie sie von uns haben, so hat man's recht, das ist wahr. Nun unser Heiland hat uns gezeiget in seinem Wort, daran man sich kennen kann und unser Schiboleth ist bekannt: Die Gewißheit vom Verdienst und Blute Christi und die Überzeugung im Herzen, daß er unser Gott und wir das Volk seiner Weide und Schafe unter seiner Hand sind. Wer ihn lieb hat, wer ihn so lieb hat, daß man's ihm anmerken kann, der gehört zu seiner Gemeinde, er mag in der Welt sein, wo er will, er mag unsern Namen sein Lebetage nicht gehört haben, wenn er aber unsere Namen hört, wenn er Glieder des Leibes sieht, da ist die Harmonie gleich klar und bedarf weiter gar keiner Überlegung. In der Welt habt ihr Angst Johannes 16, 23   23. November 1744 Es sind dreierlei Leute, die zur Welt gehören und die mit den Kindern Gottes zu tun haben. Die eine Sorte sind die guten Freunde der Kinder Gottes, die sie erstaunlich ehren und lieben und die plagen die Kinder Gottes oft mit Projekten, mit Vorschlägen, die, wenn man sie nicht annimmt, so verdrießt sie es, und wenn es sonderlich in Verfolgungen und allerhand Übungen nicht recht nach ihrem Herzen gemacht wird, so betrüben sie sich und halten sie für eigensinnige Leute und gehen gar nicht den Ursachen nach, warum sie so handeln, zuweilen wollen sie eben das sein, was sie sind, und haben doch das Herz nicht, das sie haben und haben's immer an der unrechten Ecke, und man ist also auf allen Seiten mit ihnen geplagt. Die andere Sorte ist die, die keine Feinde der Kinder Gottes sind, die mögen auch gern was von ihnen hören oder lesen, es gefällt ihnen manches, und solange es gut geht, solange sich kein Mächtigerer als sie sind, erhebt und solange sie nicht, um ihre Absichten nicht zu verlieren, den Kindern Gottes Schaden tun müssen, so werden sie ihnen nie was in den Weg legen. Daher verläßt man sich manchmal auf ihren Schutz und weil sie keine Feinde sind, so ist es um so viel gefährlicher, und sie gehen einem gewiß durch die Hand, sobald man sich auf sie lehnt und der Schade ist um so viel größer, je tiefer sie einen hineingeführt haben. Die dritte Sorte sind die Feinde. Feind der Kinder Gottes zu sein, ist noch ganz was anderes, als was der Heiland sagt: Was ihr nicht getan habt einem unter diesen meinen geringsten Brüdern, das habt ihr mir auch nicht getan. Feinde sind Leute, die vom Teufel beherrscht sind, die mit eben der Wut gegen des Heilandes Volk toben, wie ihr Herr und Meister, der Satan, und die keine Verantwortung übernehmen, keinen Beweis brauchen, nach der Unschuld so wenig als nach der Schuld fragen, sondern wo sie nur können, da drücken sie. Daß die Leute die Kinder Gottes plagen, ihnen Verfolgungen ohne alle Ursache zuziehen, das ist gewiß, so daß wenn man bei einer kleinen Verfolgung solchen Personen in die Hand kommt, so machen sie sehr was Großes daraus. Darum sind auch die Verfolgungen der ersten Christen entstanden, die öfters viel weiter gingen als der Kaiser ihr Sinn war, weil sie unter einem Proconsul oder Konsul wohnten, der ein erklärter Feind war. So haben sie auch unter den kaiserlichen Personen solche Feinde gehabt, z. B. Julian. Sie haben es aber nie lange getrieben. Solche Leute folgen bloß der Wut ihres Herzens, aber weil sie sehr unklug handeln, ohne Grund handeln, so geschieht's vielmal, daß sie gerade das Gegenteil herausbringen von dem, was ihr Sinn gewesen. Nun, das ist die Angst, die man in der Welt hat. Aber dabei ist eine wichtige Sache, wenn einem die Angst wirklich ums Heilands willen begegnet, die einem die Freunde, die trägen und kaltsinnigen Leute, und die einem Feinde machen, so ist man immer selig, befiehlt dem treuen Schöpfer seine Seele und macht immer fort, aber wenn bei der Angst die geringste Unlauterkeit und Unrichtigkeit von unserer Seite zum Grunde liegt, daß der Heiland nicht mit uns zufrieden ist, daß der Heiland uns zu verstehen gibt: »Ich habe euch die Verfolgung zugeschickt«, da geht's schwer, da stockt's, da läßt man Hände und Füße sinken und weiß keinen Rat, bis es wiedergutgemacht, bis die Hand wieder geküßt ist und dann geht die Arbeit wieder im Segen fort. Laßt uns also um seine Gegenwart uns bekümmern, daß wir die bei allen unsern Handlungen haben. Überwindung der Angst Seid getrost, ich habe die Welt überwunden. Johannes 16, 33   23. November 1745 Ich glaube ganz gern, daß das Wort Welt eine gewisse Art Menschen auch bedeuten kann, die kleine Teufel sind und daß der Gott dieser Welt, der sein Werk hat in den Kindern des Unglaubens, gewisse Günstlinge hat, die ihm wirklich so mit Temperament dienen, und die, wenn der Heiland einen Prozeß oder Streit hat, sich so um ihren Feldherrn, den Satan, herum machen und sich seiner Sache so heftig annehmen, daß der Streitwagen des Vaters, wenn er so unter den Teufeln herumrasselt, sie ins Rad hineinzieht, und insofern wird das Wort überwinden, hier im buchstäblichen Sinne gebraucht. Die Welt überhaupt aber ist das menschliche Geschlecht, und die Oberwindung des Heilandes besteht darin: Laß dich nicht das Böse überwinden, sondern überwinde das Böse mit Gutem. Das hängt mit der Rede des Heilandes zusammen: In der Welt habt ihr Angst, aber seid getrost, ich habe die Welt überwunden. Ich bin in der Welt gewesen, und ich habe mich durchgebracht, ich bin mit Annehmlichkeit in der Welt gewesen, ich habe mir die Leute zu guten Freunden gemacht, sie haben mich lieb gekriegt, ich bin von jedermann gepreiset worden, sie haben mich gern gesehen, sie sind mir nachgelaufen, bis meine Stunde kam, daß ich aus der Welt zum Vater gehen sollte, ich habe sie mit so viel Wohltaten überhäuft, ich habe endlich (welches das Größte ist), die Welt mit meinem Blut, das ich für sie vergossen zur Vergebung der Sünden, so überwunden, daß, wer das glauben kann, daß ich mein Blut für ihn vergossen habe, der kann mir nicht mehr feind sein, der muß mich lieb haben, der läuft mir nach, um den ist's geschehen, ich habe durch meinen Tod die Feindschaft weggenommen, und den Zaun, der zwischen dem menschlichen Geschlechte und Gott war, abgebrochen, und die Kluft ist zusammengestürzt, wir sind einander nahe geworden, die Welt ist kirre geworden, sie kann ihren Gott lieb haben, wenn sie an seines Sohnes bittern Tod gedenkt, wenn sie an ihren Schöpfer denkt und an das Blut, das er so milde für sie vergossen hat. Daraus folgt, daß sie nicht verloren sind, wer an den Sohn glaubt, kann nicht verloren werden, wer an die Sache glaubt, wem sein Tod gewiß ist, wer nicht daran zweifelt, daß Jesus der Heiland der Welt ist. Das ist nun noch so, der Glaube ist der Sieg, die Methode, damit wir siegen. Wenn wir den Leuten den Glauben ins Herz reden, ihnen denselben so lang vorhalten können, bis der gekreuzigte Heiland in den Seelen steht, da haben wir die Seelen gleich überwunden, gleich gewonnen, so daß der Bär zum Lamme wird, der Löwe zu einem Kinde. Und dann ist es angenehm und lustig leben, dann kommt man zurecht. Allein Christus Das ist das ewige Leben, daß sie dich, daß du allein wahrer Gott bist, und den du gesandt hast, Jesus Christus, erkennen. Johannes 17, 3   12. Februar 1738 Es ist eine göttliche Wahrheit, daß die Kinder Gottes schon hier das ewige Leben haben und selig sind. Denn sie sind's von Stunde an, da sie Vergebung der Sünde haben. Drum hieß es Matthäus 5, 6. 7: Selig, selig, selig. So häuft auch David das selig sprechen. Psalm 1 und 32. Es wird dann droben völliger und ganzer, aber hier ist's auch nicht zu verachten. Denn das Reich Gottes ist nicht Essen und Trinken, sondern Gerechtigkeit, Friede und Freude im Heiligen Geiste, Römer 14, wenn sich Leib und Seele freuen in dem lebendigen Gott. Wollen wir's ganz deutlich wissen, worin es bestehet, ich hab's aus Jesu Munde gesagt: Das ist das ewige Leben usw. Ohne Jesu ist kein Leben, keine Gnade, keine Vergebung. Gott ist in seiner ewigen Majestät und Wesen den Menschen an sich so unerforschlich, hoch und tief, daß sie ihn nicht fassen können, und nun sind sie ihm so weit entfernt, daß kein Weg mehr zu ihm ist. Es muß alles durch den Jesus Christus geschehen, der zwischen Gott und Menschen der Mittler ist. Drum müssen wir uns keine anderen Ideen und Gedanken machen von Gott als die in Gottes Wort stehen, und die können wir kaum nachlallen, sondern müssen das meiste für die Ewigkeit aufsparen und indessen nur uns beugen und ihn bewundern. Das Herz ist voll: Heilig, heilig, heilig! wie der Mund der Engel in der Anbetung. Daß ein einiger Gott sei, ist aus der Schrift Alten Testamentes bekannt. Der Name des allwaltenden Gottes bringt nichts als Furcht und Respekt, wo er nach dem Gesetz (welches noch dazu Zorn und Bitterkeit anrichtet) betrachtet wird. Wenn wir ihn aber in dem Evangelium nennen hören, da haben wir ihn als einen lieben Vater und Tröster und vergessen das Wesen aller Wesen, das uns als Stäublein vor der Sonne zittern machte, aber nichts Faßliches für uns hatte. Daher haben wir den Menschen Jesus Christus erkennen zu lernen. Denn Gottes Name ist in ihm, in ihm wohnt alle Fülle. Wer nichts von Christus weiß, und ihn, den alle Zungen als ihren Herrn anbeten sollen, nicht erkennt, der ist ein Mensch ohne Gott in dieser Welt und muß mit aller seiner Weisheit und Gottverehrung verlorengehen. Denn wer den Sohn nicht hat, der hat keinen Gott. Wer aber den Sohn sieht, der sieht den Vater, Johannes 14. In ihm will der Vater verehret sein. Daher muß man vor allen Dingen Christus kennenlernen, der ist ebenso Gott der Herr wie der Vater und der Heilige Geist, danach ist er noch insbesondere unser Herr, seitdem er uns zu Liebe ein Mensch geworden und eine menschliche Natur angenommen hat, die uns an ihn bindet. Seitdem ist auch aus uns was zu machen zur Ehre Gottes. Er soll uns nun für sein Leiden zum Lohn haben und für seine tiefste Erniedrigung. Da kann man sich nicht genug wundern, daß so viel Leute ihn kennen und nennen wollen und doch nicht lieben. Zu den Zeiten der Apostel war es nicht so. Die ihn da bekannten und kannten, die liebten und hatten ihn auch.