Dr. Erich Ebstein Tuberkulose als Schicksal Eine Sammlung pathographischer Skizzen von Calvin bis Klabund 1509 – 1928 Vorworte Erich Ebstein, dem die medizinische Forschung und die Literaturwissenschaft gleicherweise verpflichtet sind, hat das Erscheinen dieses Werkes nicht mehr erlebt. Am 17. April dieses Jahres hat ein Hirnschlag ganz unerwartet dem Leben des arbeitsfrohen Fünfzigers ein viel zu frühes Ziel gesetzt. Der Schmerz um den schweren Verlust wird verschärft durch den Gedanken, daß es ihm nicht vergönnt war, gerade diese Arbeit zu Ende zu führen, die ihn seit langer Zeit beschäftigte und die ein wesentliches Kapitel in seinem gesamten Schaffen umschließen sollte. Denn neben den zahlreichen monographischen Studien auf dem Gebiet der inneren Medizin und der Geschichte der Medizin, neben Arbeiten literaturhistorischer Art aus dem Dichterkreis seiner Göttinger Heimat, über Bürger zumal und Lichtenberg, sind in seinem Schaffen solche Veröffentlichungen besonders charakteristisch, die sich mit dem Grenzgebiet des Körperlichen und Seelischen befassen. Das Abnorme oder geradezu Kranke in seiner Rückwirkung auf die geistige Haltung hat ihn immer wieder angezogen, die Rothaarigen fesselten ihn in solchem Zusammenhang ebenso wie etwa die Buckligen. Und auf dieser Linie lag auch sein Bemühen, mit dem ihm eigenen Sammlereifer alle geistig hervorragenden Tuberkulösen ausfindig zu machen und zu studieren. Die vorliegende Untersuchung, die aus diesem allmählich gewonnenen Material nur eine Auswahl geben sollte, war im wesentlichen gedacht als eine Anregung, aus der die Forschung neue Erkenntnisse vom Wesen und den Lebensäußerungen der Tuberkulösen im Sinne konstitutioneller Eigentümlichkeit gewinnen könnte. Andrerseits wollte sie aber auch nichtärztlichen Kreisen einen Begriff geben, wie man heute das Wesen der Tuberkulose einschätzt und vom Schicksalsbegriff mehr oder minder loslöst. Die pathographischen Skizzen sollten dabei zeigen, daß kein Verlauf von Lungenschwindsucht dem anderen gleicht, daß alle denkbaren Möglichkeiten ihres Verlaufs und Ausganges vorhanden sind. Freunde des Verstorbenen haben es übernommen, die Drucklegung des Buches zu Ende zu führen. Über diese mehr oder weniger technische Arbeit hinaus galt es, den Text selbst im Sinne des Verfassers noch zu ergänzen. In einem noch ungeschriebenen Kapitel wollte er die Ergebnisse aus den pathographischen Skizzen zusammenfassen und eine Darstellung des im Titel angedeuteten Themas »Tuberkulose und Schicksal« geben. Da das Buch ohne eine solche Zusammenfassung fragmentarisch geblieben wäre, hat Professor Gg. B. Gruber in Göttingen, der dem Verstorbenen freundschaftlich verbunden war, ein einführendes Kapitel über das Thema des Buches beigesteuert. Und so übergeben wir dieses Buch dem Leser, wehmütig gedenkend dessen, der sich ein vielfaches Echo von seiner mühevollen und doch immer freudig geleisteten Arbeit erhoffen durfte, Erich Ebsteins. [Vorrede von Georg B. Gruber (1884-1977) aus Urheberrechtsgründen gelöscht. Re] Pathographische Skizzen von Calvin bis Klabund 1509 – 1928 In den letzten Jahren ist neben der Beschäftigung mit der Tuberkulose selbst das Interesse an der »Psyche des Lungenkranken« erwacht. So hat Erich Stern in seinem Buche (Halle, C. Marhold 1925) den »Einfluß der Lungentuberkulose und des Sanatoriumslebens auf die Seele des Kranken« trefflich zur Darstellung gebracht. Die Erfahrungen eines lungenkranken Arztes gibt Sanitätsrat Christian Bruhn unter dem Titel: »Vom gesunden und kranken Tuberkulösen,« in einem schmalen Hefte heraus (Verlag Parus, Hamburg 36. – 1926). Es spricht hier ein Kranker zum Kranken, und zwar mit bemerkenswerter Einfühlungsgabe. An dieser Stelle mag auch die Schrift über Hermann Burchard (1861–1923) erwähnt werden, der »der Gründer und Förderer der Deutschen Heilstätte für minderbemittelte Lungenkranke in Davos« wurde (Hannover, Lutherhaus, 1929). Auch »die seelsorgerische Behandlung der Lungenkranken« hat kürzlich Heinrich Bohlen (Verlagsanstalt Tyrolia: Innsbruck-Wien-München) als einen »Beitrag zur Pastoralmedizin und Pastoraltheologie« behandelt. Bereits 1917 hat Klabund in einer Erzählung: »Die Krankheit« das Leben und Treiben in Davos geschildert, und da fallen die Worte: »Davos ist Vineta, die bezauberte Stadt.« Später hat dann Thomas Mann in seinem Roman »Der Zauberberg« ebenfalls das Sanatoriumsleben in Davos dargestellt. Das Werk dieses großen Künstlers darf natürlich nicht zum Quellenstudium des Sanatoriumslebens verwandt werden. Sonst würde man es zum mindesten einseitig kennen lernen. Man darf aber nicht allein die Psyche des heutigen Lungenkranken in dem modernen Sanatoriumsbetrieb beleuchten, sondern man fragt sich, wie haben sich vor dieser Zeit Schwindsüchtige mit ihrem Leiden abgefunden, wie haben sie sich zu der Krankheit gestellt und wie half man ihnen damals. Mich hat diese Frage schon seit langer Zeit beschäftigt (Erich Ebstein, Lungenschwindsucht in der Weltliteratur in: Z. f. Bücherfreunde. N. Folge. V, 2. S. 272 – 1914 –). So dichtete einer meiner Kranken in seinen »Reiboldsgrüner Reimereien« Mich bewegen viele Fragen .... Manches quält mich auch im Stillen – Kommt bei mir das Versemachen Nicht vielleicht von den Bacillen? Der lungenkranke Dichter Klabund, der letzte in der Reihe dieser biographischen Skizzen, die, mit Calvin anfangend, gerade 400 Jahre umfassen, hat einmal in seiner »Geschichte der Weltliteratur usw.« (Leipzig 1923. S. 88) den für ihn naheliegenden Gedanken ausgesprochen: »Man müßte einmal eine Literaturgeschichte der Schwindsüchtigen schreiben. Diese konstitutionelle Krankheit hat die Eigenschaft, die von ihr Befallenen seelisch zu ändern. Sie tragen das Kainsmal der nach innen gewandten Leidenschaft, die Lunge und Herz zerfrißt.« Ähnlich hat sich Th. Wolff in seiner Einleitung zu Jens Peter Jacobsens »Niels Lyhne« geäußert. Friedrich Schillers Krankheiten zeigen, daß der Dichter durch die Kraft seines Willens und einer fast nie versagenden Energie Herr über sein Leiden geblieben ist. Novalis, der selbst früh an der Lungenschwindsucht starb, erklärt, die Krankheiten seien wahrscheinlich »der interessanteste Stoff und Reiz unseres Nachdenkens und unserer Tätigkeit«, und wirft die Frage auf, »ob Krankheit nicht ein Mittel höherer Synthesis sein könnte.« Aus seinen Tagebüchern ergibt sich, in welcher Weise er seine Krankheit nutzen will. Wenn auch eine Anzahl von Dichtern, Künstlern und Gelehrten durch ihre Krankheit nur eine beschränkte Lebenszeit hatten, so war es ihnen doch vergönnt, in ihren Werken hohe Werte zu schaffen und fortzuleben. Johannes Calvin 1509 – 1564 wurde am 10. Juli 1509 zu Noyon in der Picardie geboren, wandte sich 1534 der Reformation zu, mußte aus Frankreich fliehen, war 1536–1538 in Genf, ging von da nach Straßburg, wurde hier Lehrer der Theologie und Prediger der französischen Flüchtlingsgemeinde. Als kirchlicher Diktator und orthodoxer Fanatiker bestrafte er Serveto (1535) mit dem Feuertode und erhob Genf zur Hochburg des reformierten Protestantismus, dem er Glaubensbekenntnis und Verfassung verlieh. Er starb am 27. Mai 1564. In einer interessanten Arbeit hat Leon Gautier die Krankheiten Calvins nach Professor Doumergue besprochen. (Revue medicale de la Suisse Romande, 24. Jahrgang. Genf 1905. S. 494–502.) Schon in seiner Jugend litt er an dyspeptischen Beschwerden und an einer Schwäche des Magens (ventriculi imbecillitas), die sich zu Gastralgien steigerte. Diese wechselten mit häufigen Migräneanfällen, von denen er oft berichtet. So schreibt er am 4. Oktober 1546, daß seine Migräne so stark war, daß er kaum den Mund öffnen kann. Seit 1536 treten aber unangenehme Bronchialkatarrhe auf, besonders im Oktober 1536 und im September 1540. Im Jahre 1546 kamen Hämorrhoidalleiden dazu, die ihm das Reiten sehr erschwerten. Dazu traten seit September 1555 pleuritische Schmerzen, die die Vorläufer von schweren Lungenaffektionen waren. Nicht genug, dazwischen traten Malariaanfälle. Am 24. Dezember 1559 hatte er sich beim Predigen überanstrengt und es befiel ihn ein schwerer Blutsturz, der sich zwei oder drei mal wiederholte. Seitdem quälte Calvin ständig Husten und fortschreitende Atemnot. Im Frühjahr 1560 galt er bei seinen Freunden als lungenkrank, und man sagte ihm, daß er sehr lungenleidend sei (prorsum te pulmonarium esse). Zu diesen Leiden gesellten sich starke gichtische Beschwerden und Nierensteinkoliken. Er schrieb daher im Oktober 1561: «S'il a paru bon à Dieu d'ajouter la goutte aux autres maladies, il faudra supporter avec patience sa repréhension (castigatio) paternelle.« Die Gicht schmerzt ihn nicht nur in der großen Zehe, sondern er kann kaum vom Bett bis zum Tisch kriechen (reptando). Im Juli 1563 geht ein nußgroßer Stein ab, dem viele kleine folgten. Ende des Jahres änderte sich der Allgemeinzustand. Abmagerung und Körperschwäche wurden hochgradig. Allabendlich zeigte sich Fieber, die Atmung war kurz und angestrengt, und der Husten unaufhörlich. Calvins Briefe schildern seine Leiden sehr genau. Trotzdem hat er in diesen schweren Krankheitstagen u.a. Kommentarien zu den Büchern Moses und zum Neuen Testament geliefert. Gautier betont, daß es schwierig ist, die unmittelbare Todesursache anzugeben. Einmal kann er der fortschreitenden Tuberkulose erlegen sein. Dann könnte auch das Nierensteinleiden sich mit einer Pyelonephritis kombiniert haben, der man das hektische Fieber zuschreiben könnte. Schließlich scheint Gautier sich der Ansicht hinzuneigen, daß Calvin an einer sklerosierenden Phthise der Arthritiker litt. Unter den Calvin betreuenden Ärzten werden Benoit Textor († 1556) und Philibert Sarasin genannt, deren Rat er getreu einhielt. Gautier stellt zum Schluß die These auf, daß die Gicht ihn quasi vor dem Fortschreiten der Phthise bewahrt habe. Wäre Calvin als Skrofulöser geboren, so würde er wahrscheinlich nichts der Nachwelt überlassen haben. Lange-Eichbaum (Genie, Irrsinn und Ruhm. München 1928. S. 360) hält Calvin für einen extrem schizoiden Psychopathen und für einen Typus des Fanatikers. Hermann Weber (Die Theologie Calvins, ihre innere Systematik usw. Berlin 1930) schildert als charakteristisch für Calvins Persönlichkeit seine schizoide Konstitution. Ludwig XIII von Frankreich 1601 – 1643 Ludwig XIII. hat nur ein Alter von 43 Jahren erreicht. Er ist an einer rasch verlaufenden Tuberkulose gestorben (1643). Bei seiner Leichenöffnung zeigten sich Darmgeschwüre, die starke Durchfälle verursacht hatten und eine große Höhle in der linken Lunge. (Vgl. Corlieu, La mort des rois de France depuis Frangois Ier. Paris 1892, S. 119; ebenso Cabanes und bes. P. Guillon: La mort de Louis XIII, Thèse de Paris 1897.) In der Arbeit von Guillon, die 169 Seiten umfaßt, finden sich ausführliche Mitteilungen nicht nur über die letzte Krankheit des Königs, sondern auch über seine früheren Krankheiten. Nach den vorliegenden Sektionsprotokollen kommt der Verfasser schließlich zu folgenden Ergebnissen (S. 1 39): »Louis XIII. a fait de la tuberculeuse intestinale chronique, vraisemblablement primitive, et qui s'est terminée, en même temps que se produisait une poussée aigue du côté du poumon, de la pleure et peut-être des reins, par une péritonite aigue par perforation, conséquence d'une ulcération tuberculeuse ancienne.« Simon Dach 1605 – 1659 Als Simon Dach, der am 29. Juni 1605 in Memel geboren war, im Jahre 1636 Kollaborator an der Domschule in Königsberg wurde, wäre er bei schwächlicher Gesundheit und anstrengender Schularbeit hier fast erlegen, wenn er nicht an dem Dichter Robert Roberthin einen Freund gefunden hätte, der ihn in sein Haus und an seinen Tisch nahm. 1639 wurde Dach Professor der Dichtkunst an der Universität Königsberg; als solcher starb er nach jahrelangem Leiden an der Schwindsucht (am 15. April 1659). Es wird als Merkwürdigkeit angeführt, daß in der »Gesellschaft der Sterblichkeit Beflissener« sowohl Roberthin (1600–1648) als Dach und Albert (1604–1668) die Zeit ihres Ablebens ziemlich genau vorausgewußt haben (Erläutertes Preußen 1, 3 S. 191 aus Dachs Leben von Bayer). Gervinus bemerkt dazu (Geschichte der deutschen Dichtung Bd. 3. Leipzig 1872. S. 327): »Dies wird weniger wunderbar, wenn man sich merkt, wie krank und hypochonder diese Dichter waren. So schildert das Lied »Alles läuft mit mir zu Ende« den Simon Dach lange vor seinem Tode als schwindsüchtig und Roberthin beklagt ahnend in seinen melancholischen Liedern als das Schmerzlichste, was ihm selbst geschah, wenn einer aus der besten Lebensblüte ins finstere Grab getragen würde.« In seinem Lebensernst kann Dach soweit gehen, daß er seine gestorbene Schwester glücklich preist, ohne menschlich zu klagen.« Dach's Porträt Johann Valentin Pietsch (1690–1733), Leibmedicus und Hofpoet machte »auf das Bild des berühmten preußischen Dichters Simon Dachen« (Gebundene Schriften, Königsberg 1740, S. 289.) ein Gedicht. nach einem Ölgemälde von Philipp Westphal bei Könnecke, Literaturatlas S. 50, läßt ihn nicht gerade krank erscheinen. Nach der Darstellung von Wilh. Müller trat bei Dach zu der anfänglichen Hypochondrie später die Schwindsucht, »deren Keime er vielleicht schon mit auf die Welt gebracht hatte. Wenigstens lassen uns die Ohnmachten und andere Krankheitsanfälle dieser Art in der Zeit seiner unglücklichen Lebensperiode als Kollaborator darauf schließen.« (W. Müller, Bibliothek deutscher Dichter Bd. 5. Leipzig 1823. S. XXIX.) Simon Dachs schlichte Wahrheit und Ehrlichkeit rechnen wir ihm noch heute hoch an. So sprechen uns von seinen vielen Liedern besonders zwei ihrer einfachen Innigkeit wegen an: das »Anke von Tharau« und »Der Mensch hat nichts so eigen – So wohl steht ihm nichts an – Als daß er Treu erzeigen – Und Freundschaft halten kann.« Daß Simon Dach – 54 Jahre alt – an der Schwindsucht starb, ist erwiesen. Besonders eindrucksvoll ist sein neunstrophiges Gedicht: »Als er die ganze Nacht für Engbrüstigkeit nicht geschlaffen«, von dem hier nur die letzten vier Strophen wiedergegeben sein mögen. Erbarmt euch meiner Schmerzen, Ihr Ärzte, kommt zu Hauf, Nehmt meine Not zu Herzen, Schlagt eure Bücher auf. Was euer Rat wird bringen, Auch wär es Gassenkot, Ich will ihn in mich schlingen, So groß ist meine Not. Ach, daß ich nur verdrossen Mach eure Wissenschaft! Ich hab umbsonst genossen So manchen Trank und Saft, Mein Leid ist nicht zu heben, Es kriegt den Siegespreis, Ich muß verlorengeben Umbsonst ist Kunst und Fleiß. Mein Fieber ist verschwunden, Mich hungert allgemach, Ich gebe den Gesunden Fast nirgends etwas nach, Mein Durst hat sich geleget, Nur daß der zähe Wust Die Atemkürz erreget In meiner engen Brust. Mein Amt muß ganz erliegen, Vielleicht läßt manches Maul Von mir ein Urteil fliegen, Ich sei so arbeitfaul. Gott lasse mich genesen, So soll es kundbar sein, Was hie die Schuld gewesen, Die Krankheit oder Wein. Ebenso wahr und schlicht klingt sein »Klaggedicht bei seiner schmerzlichen Krankheit« Wie, ist es denn nicht gnug, gern einmal sterben wollen? Natur, Verhängnuss, Gott, was haltet ihr mich auf? Kein Säumnus ist bei mir, vollendet ist mein Lauf, Soll ich die Durchfahrt euch denn tausendmal verzollen? Was kränkt es, fertig sein und sich verweilen sollen! Ist Sterben mein Gewinn, o mir ein schwerer Kauf, Mich töten soviel Jahr und Krankheiten zuhauf, Ich lebe noch und bin wohl zehnmal tot erschollen. Weib, Kinder, macht es ihr, verlängert ihr mein Licht? Seht meinen Jammer an, ist dieses Liebespflicht, Zu schlechtem Vorteil euch mein Vorteil mir nicht gönnen? Ach, kränket mich nicht mehr durch euer Angesicht! Die allerletzte Pein ist, glaub ich, ärger nicht, Als leben müssen, sterben wollen und nicht können.« Jean Baptiste Poquelin de Molière 1622 – 1673 Poquelin, der sich als Schauspieler und Dichter Molière nannte, wurde am 15. Januar 1622 in Paris als Sohn eines wohlhabenden, auch in königlichen Diensten verwendeten Tapezierermeisters getauft. Er war der Erstgeborene unter 10 Geschwistern. Etwa 10 Jahre (1631–1639) lang besuchte er das Collège de Clermont, fühlte sich aber immer stärker zum Theater hingezogen und gründete bereits 1643 mit der Schauspielerin Béjart ein eigenes Theater. Als dies Unternehmen zusammenbrach, schloß er sich mit Madelaine einer Schauspielertruppe an und konnte endlich 1658 in Paris als Theaterdirektor wieder Fuß fassen. In den 14 Jahren, die ihm dort noch beschieden waren, entstanden die Werke, die ihn in seiner Zeit zum vielbewunderten und vielbefehdeten Manne gemacht haben. Im Februar 1662 heiratete Molière als Vierzigjähriger die 19jährige Schauspielerin Armande Béjart, die Schwester oder die Tochter Madelaines. Am 17. Februar 1673 ist Molière – 51 Jahre alt – gestorben. (Vgl. W. Küchler, Molière. Leipzig und Berlin 1929. S. 231 f.) Über die Entwicklung seiner Krankheit wissen wir nicht viel. Von Hause aus scheint er kränklich gewesen zu sein. Die erste ernste Erkrankung, die wie die späteren von der Brust ausging, fiel in den Winter 1665/66. Er selbst sprach von »Fluxion«. (La grande Encyclopédie XXIV. S. 12.) Damals wurde Molière durch fortwährenden Husten gequält, sowie durch Beklemmungen und Atemnot. Öfters versagte seine Stimme vollständig. Er konnte sich nur von Milch ernähren. (H. Schneegans, Molière. Berlin 1902. S. 150 f.) Die zweite schwere Erkrankung des Schauspielers und Dichters setzte am 10. Juni 1667 ein, und war so ernster Natur, daß man an seinem Aufkommen zweifelte. (Schneegans S. 169.) So sehr sich Molière über die Heilmittel der damaligen Arzneikunst lustig machte, so ersehen wir doch aus den überlieferten Rechnungen, daß er zwei Apotheker beschäftigte. Wir wissen sogar, daß man ihn während einer Beklemmung an einem Tage viermal zur Ader ließ. Seit 1669 hatte er einen ständigen Arzt Mauvillain, der allerdings bei der Pariser Fakultät als Ketzer galt. Als 1670 unter dem Titel: »Elomire hypocondre ou les médecins vengés« ein gehässiges Pamphlet gegen Molière erschien, vernehmen wir – wenn auch tendenziös gefärbt – von seinen Beziehungen zur Medizin und seinen Vertretern. So hören wir, daß Molière in seiner Krankheit erst die Hilfe der bekannten Ärzte, dann die der Spezialisten und Charlatane anrief. (Schneegans S. 234 f.) Drei Jahre später, am 10. Februar 1673, fand die Erstaufführung des: »Eingebildeten Kranken« statt. Als das Stück am 17. Februar zum vierten Mal über die Bretter ging, war Molières Zustand so besorgniserregend, daß seine Frau und Freunde ihn dringend baten, an dem Tage doch nicht zu spielen. Doch er ließ sich nicht abhalten, die Rolle des eingebildeten Kranken bis zu Ende zu spielen. Gerade, als er in der letzten Szene den Eidschwur leisten sollte und das Wort »juro« sprach, wurde er von einer Konvulsion ergriffen. Als er sah, daß das Publikum es merkte, verbarg er seinen Schmerz hinter erzwungenem Lachen. Als das Stück zu Ende ging, mußte er totenbleich und am ganzen Körper zitternd, nach Hause getragen werden. Zu Hause angelangt, setzte der Husten erneut wieder ein und zwar so stark, daß das Blut ihm so reichlich aus dem Munde floß, daß es ihn erstickte. Um 10 Uhr abends war der Tod eingetreten. In dem Stück »Der eingebildete Kranke« legt Molière, der Todkranke, Argan folgende Worte in den Mund: »Wenn ich Arzt wäre, würde ich mich an der Unverschämtheit dieses Mannes schon rächen; und wenn er krank wäre, würde ich ihn ohne Hilfe dahinsterben lassen. Er könnte noch soviel bitten, ich würde ihm nicht den geringsten Aderlaß, nicht das geringste Klystier verschreiben; ich würde ihm sagen: Krepiere, krepiere! das wird dich lehren, ein andermal die Fakultät zu verspotten.« Béralde antwortet darauf: Molière werde von den Ärzten wohl gar keine Hilfe verlangen. Aus guten Gründen, denn: »Er sei der Ansicht, daß sich dies nur die Stärksten und Rüstigsten leisten können; die, welche genug Kraft in sich hätten, die Heilmittel mit der Krankheit über sich ergehen zu lassen; er habe dagegen nur soviel Kraft, sein Leiden zu tragen.« Mit solchen Worten, sagt Küchler (S. 270) mit Recht, »erhebt sich Molière in der Komödie durch die Kraft des Humors über seine Krankheit. Wenn man nicht wüßte, daß Molière krank war, als er dieses Stück schrieb, aus dieser Stelle allein könnte man es herauslesen, und diese Stelle ist hochkomisch. Nirgends sonst durch die Worte und Szenen der Farce des eingebildeten Kranken bricht etwas von den körperlichen oder seelischen Schmerzen und Traurigkeiten des kranken Menschen Molière hindurch. Wir erleben nur die künstlerische Bewältigung des Themas »Le malade imaginaire« aus der komischen Gestaltungskraft des ungebrochenen Dichters. Es ist, als ob er im Schaffen sich selbst vergessen hätte. Wunderbares glückliches Vergessen seiner selbst im Feuer des Schaffens. Dem komischen Dichter vergönnt durch den Humor, der ihn alle Beschwerden und Leiden des Leibes vergessen läßt, ihn von der Materie befreit und hinaufträgt in das Phantasiereich der Kunst, in das ewige Reich, in dem er noch heute lebt, über dessen Tor das Wort steht: »Ars longa. Vita brevis est«. (Vgl. neuerdings Hanns Heiß, Moliere. Leipzig. Quelle und Meyer 1929, S. 46, 100, 132, 140 ff, 176 ff sowie O. Temkin, in Kyklos. Bd. 2, 1929, S. 66 ff.) Angelus Silesius (Johannes Scheffler) 1624 – 1677 wurde in Breslau Ende Dezember 1624 geboren. Seine Mutter war die Tochter eines schon 1614 gestorbenen angesehenen Arztes. Schefflers Vater, der am 14. September 1637 im Alter von 75 Jahren starb, hatte außer Johannes noch eine Tochter, Magdalena, die später einen Arzt heiratete, und einen Sohn, Christian, der später geisteskrank wurde und in der Umnachtung seinen älteren Bruder lange überlebte. Vielleicht hat das Beispiel des Großvaters mütterlicherseits mit dazu beigetragen, daß Johannes sich in Straßburg, wo er am 4. Mai 1643 immatrikuliert wurde, für die Medizin entschied. Doch wünschte sein Breslauer Lehrer, Köler, nicht, daß er sich auf die Medizin allein beschränke: denn die staatliche Gemeinschaft sei das im Großen, was der menschliche Leib im Kleinen. Deshalb tue der Arzt gut daran, die im Körper gemachten Erfahrungen auf den Staat anzuwenden. Aus diesem Grunde riet Köler seinem Schüler, die Heilkunde mit Politik und Geschichte zu verbinden. Im Sommer 1644 scheint Scheffler Straßburg verlassen zu haben. Jedenfalls wurde er am 6. September dieses Jahres in Leiden als Mediziner immatrikuliert. Über die Ausbildung in diesem Fach wissen wir nichts. Aber dort erfolgte die Wandlung, die sein Leben bis zum Ende bestimmt hat; es setzt die inbrünstige Hingabe an die Religion ein. Bis zum Frühherbst scheint Scheffler in Leiden geblieben zu sein. Dann wandte er sich nach Padua, wo er am 25. September 1647 immatrikuliert wurde. Nach bestandener Lehrzeit wurde Scheffler hier am 9. Juli 1648 zum Doctor Philosophiae et medicinae promoviert. (G. Ellinger, Angelus Silesius. Breslau 1927 und C. Seitmann, Angelus Silesius. Breslau 1896. S. 6 f.) Ob Scheffler eine medizinische Dissertation geschrieben oder über Thesen disputiert hat, geht aus dem erhaltenen Diplom nicht hervor. (Aug. Kahlert, Angelus Silesius. Breslau 1853. S. 11 ff.) Erst 1649 kehrte Scheffler nach Breslau zurück, wo er am 3. November des Jahres – durch die Empfehlungen seines Schwagers – und »um seiner beywohnenden guten Qualitäten und in Medicina erlangten Experientz« vom Herzog Sylvius Nimrod zu Württemberg und Oels zu dessen Leib- und Hofmedicus mit einem Gehalt von 175 Thalern sowie mancherlei anderen Bezügen angestellt und ihm zugleich das Recht zugesprochen wurde, auch eine Privatpraxis in der Residenzstadt wie auf dem Lande auszuüben. Scheffler siedelte also nach Oels über. Diese Stelle behielt Scheffler bis Ende 1652. Bereits am 12. Juni 1653 trat der Protestant Scheffler zur römisch-katholischen Kirche über und nahm den Namen Angelus an. Seine ärztliche Tätigkeit scheint er nicht mehr ausgeübt zu haben. Doch entschädigte man ihn dadurch, daß ihn Ferdinand III. am 3. März 1654 zum k. k. Hofmedicus ernannte. Scheffler erhielt damit denselben Titel, den sein Großvater getragen hatte. Die Verleihung dieser Würde entsprang dem Wunsche, ihn für seinen Bekenntniswechsel zu belohnen. (Ellinger S. 135.) Seit etwa 1665 hören wir, daß Scheffler kränkelte. Es scheint, daß sein durch Askese entkräfteter Körper den Aufregungen des Kampfes nicht gewachsen war; er zog sich daher immer mehr von der Welt in das Stift der Kreuzherren von St. Matthias zurück. 1675 fühlte er sich erschöpft und elend. Lungenschwindsucht war Schefflers Krankheit. In den letzten Wochen seines Lebens nahm er keinen Besuch mehr an. Dem Körper durch kräftige Speise aufzuhelfen scheint ihm sein asketischer Sinn verboten zu haben. Die Leichenpredigt berichtet: »Die wenige Nahrung hat ihm mit seinem Leib fast gleich gemacht denjenigen, so keinen Leib natürlich und wesentlich haben.« Am 9. Juli 1677 ist Scheffler gestorben »nach langer Leibesschwachheit, langen und dörrsüchtigen Beschwerden.« (E. Ebstein. Angelus Silesius als Dr. med. in Mitt. z. Gesch. d. Med. Bd. 18, 1919. S. 156); er wurde drei Tage darauf in der Matthiaskirche in Breslau feierlich beigesetzt. Aus der Zeit von Schefflers Krankheit, die ihn 12 Jahre lang quälte, haben wir zwei Bilder, die erst neuerdings an den Tag gekommen sind. (Ellinger a. a. O. bei S. III und S. 208.) An Ähnlichkeit gleichen sich beide; das eine ist kurz vor Schefflers Tode gemalt. Wir sehen ein hageres Gesicht mit Schnurr- und Kinnbart; die Züge durchgeistigt; der Gesichtsausdruck ernst, etwas zerstreut, als ob die Gedanken ganz anderswo weilten; die Augen tiefliegend, geisterhaft, unergründlich – alles das weist auf den Asketen, den ekstatischen Schwärmer, den Himmelssucher, der die sehnsüchtigen Blicke immer in die Ferne richtet, obgleich er sich selbst einst zugerufen hatte: »Halt an, wo laufst du hin? Der Himmel ist in dir, Suchst du Gott anderswo, du fehlst Ihn für und für.« Baruch Spinoza 1632 – 1677 Spinoza wurde in Amsterdam am 24. November 1632 geboren. Wegen Heterodoxie wurde er aus der jüdischen Gemeinde ausgestoßen. Er schloß sich keiner Kirchengemeinschaft an und erwarb sich seinen Unterhalt durch Schleifen optischer Gläser. Einen Ruf an die Universität Heidelberg schlug er aus. Am 6. Februar 1677 schrieb der Arzt G. H. Schuller an Leibniz, daß sein Brustleiden erblich und bereits so fortgeschritten sei, daß der Arzt das baldige Ende voraussehe. (Arch. f. Gesch. der Philosophie. Bd. 1. S. 588 f.) Wir wissen, daß er mehr als zwanzig Jahre brustkrank war und daß er im Mai-Juni 1665 trotz Aderlaß immer noch Fieber hatte. (Kuno Fischer, Gesch. der neueren Philosophie. 5. Aufl. 1909. S. 192 und 602 f.) Er starb am 21. Februar 1677, 45 Jahre alt. (Vgl. u. a. J. Fischer, De Geneesheeren onder Spinoza's Vrienden. Nederl. Tijdschrift voor Geneeskunde. 65. Jg. 1921. Nr. 14. Sonderabdruck von 20 Seiten.) Ein Porträt findet sich bei Max Picard. Das Menschengesicht. München 1929. S. 186. Ludwig Freiherr von Holberg 1684 – 1754 Ludwig Freiherr von Holberg, wurde am 3. Dezember 1684 in Bergen in Norwegen geboren. Auf verschiedenen Reisen ins Ausland – besonders nach England – geriet er in die äußerste Dürftigkeit. Auf einer Reise von Paris nach Rom erkrankte er in Genua an einem viertägigen Fieber (Wechselfieber). Auf der Rückreise, die er nicht zu Schiff, sondern ganz zu Fuß zurücklegte, verlor er das Fieber. Nach seiner Rückkehr nach Kopenhagen wurde er 1718 Professor der Metaphysik daselbst. Erst 1720 hören wir von ihm als Dichter, besonders von seinen Lustspielen. 1725 reiste er zur Wiederherstellung seiner schwächlichen Gesundheit nach Paris, wo er den Winter blieb. Erst im August 1753 hören wir ausführlich von Holbergs letzter Krankheit. »Er war zwar nur selten bettlägerig, doch so entkräftet, krank und ausgezehrt, daß er nicht aus seinem Zimmer kommen konnte. Diese Schwachheit rührte vornehmlich von seinem hohen Alter her, dazu kam eine Brustkrankheit, weil er schon längst mit hektischen Zufällen behaftet gewesen war, und ihn die Schwindsucht schon seit vielen Jahren sehr mitgenommen hatte; es plagte ihn auch der schlimme Zufall, daß er seit ein paar Jahren das Wasser nicht halten konnte; kurz: alle diese Schwachheiten drohten ihm endlich den Tod. Der Arzt, dessen er sich bediente, kündigte ihm auch, nach ernstlicher Befragung, wie es mit ihm stünde, den herannahenden Tod an.. . Übrigens war seine Krankheit freilich mit vielen Merkmalen der Ungeduld, welches doch bei hektischen Patienten etwas nichts Ungewöhnliches ist, verbunden... Als ihm endlich die Krankheit sehr heftig zusetzte, und ihm insonderheit die Brust durch empfindliche und gewaltsame Bewegungen sehr in die Höhe getrieben ward, mußte sie ihm ein Bedienter gar oft mit Gewalt niederdrücken; und bei solchen schmerzlichen Empfindungen war es nicht zu verwundern, wenn er seine Ungeduld sehr deutlich zu erkennen gab. Er hielt sich aber gleichwohl noch größtenteils außerhalb des Bettes, bis etwa einen oder zween Tage vor seinem Tode; da er endlich gezwungen ward, sich das letzte Mal ins Bett zu legen; worauf er in der Nacht zwischen dem 27ten und 28ten Jänner selig starb. (S. LXXXV f in: Holberg Peter Paars... Nebst einer Nachricht von dem Leben und den Schriften des Verfassers, hg. von Joh. Ad. Scheiben. Kopenhagen und Leipzig. 1764) (Univ.-Bibl. Kiel.) Holberg hat auch selbst in seinen opusculis latinis und in einigen Stellen seiner Vermischten Briefe (ebenda S. XC) von seiner körperlichen Beschaffenheit gesprochen. Aus der weiteren Krankengeschichte, die Scheibe (S. XCf) gibt, geht hervor, daß er zu Brustkrankheiten neigte, »die ihn schon lange vor seinem Tode mit auszehrenden Anfällen beschwerten, woraus auch endlich eine würkliche Schwindsucht entstand.« Bemerkenswert ist, daß Holberg sich selbst eine sehr abgemessene Diät in Essen und Trinken vorschrieb. Einige Jahre vor seinem Tode fing er sogar an, »sich seine Speisen abzuwägen, sich vor und nach Tische selbst zu wägen, um ja niemals aus dem Gleichgewicht zu kommen.« Sein liebstes Getränk war eine Tasse Kaffee, etwas Köstlicheres genoß er niemals. In seinen jüngeren Jahren hatte Holberg auch Tobak geschmaucht, den er aber wegen seiner schwachen Brust und der häufigen Kopfschmerzen bald abschaffen mußte. Schließlich nennt ihn Scheibe »einen beständig siechen, hectischen und hypochondrischen Körper«. Nur von Podagra ist Holberg frei gewesen, die »wie man dafür hält, selten bei einem Manne einkehrt, der dem Bacchus und der Venus niemals geopfert hat«. Seine Nachrichten über Holberg schließt Scheibe damit, »daß er in allen Dingen ein Original war; daß er ein großer Gelehrter, ein Patriot war, der seine Nation zur Aufnahme des guten Geschmacks in den Wissenschaften vorbereitet ...« (S. CXI) – Vgl. außerdem: Ludwig Holberg, Nachricht von meinem Leben in drei Briefen an einen vornehmen Herrn. Mit einem Essay von Georg Brandes. Frankfurt a.M. Frankfurter Verlagsanstalt. 1926. Antoine Watteau 1684 – 1721 hat nur ein Alter von 37 Jahren erreicht. Emil Hannover (A. Watteau. Berlin 1889. S. 64 ff) sagt von ihm: Seine ganze große Produktion kann mit zweifellosem Rechte als ein großes Entbehren, ein großes Sehnen aufgefaßt werden, – das Sehnen eines kranken Mannes nach Gesundheit und Kraft, eines von den Schönheitsgöttinnen verschmähten Mannes nach der Liebe und Anmut einer Frau. Denn er trug im Inneren ein unheilbares Leiden, und hatte von der Geburt an ein häßliches Äußere. Schon als Kind trug er wahrscheinlich den Keim der Brustkrankheit in sich, die sein Leben so schnell enden sollte. Seine Arbeitsweise ist die eines kranken Mannes, seine Lebensweise zeugt von einer gepeinigten Seele, sein Aussehen ist das Bild der Schwindsucht selbst. Es existiert eine kleine Reihe Selbstporträts, welche die Aussage der Biographen über seine Persönlichkeit bestätigen. Caylus sagt: »Watteau hatte keinen anderen Feind als sich selbst und einen gewissen Geist der Unstätigkeit, der ihn beherrschte.« »Düster, traurig, furchtsam und scharf«, nennt er ihn. Gersaint sagt von ihm, daß er ruhelos war, von kaltem Wesen und Fremden gegenüber zurückhaltend. »Ein guter aber schwieriger Freund, ein Misanthrop«, ja, »einen boshaften und beißenden Kritiker« nennt er ihn. Julienne (und Gersaint) berichten, daß er klein von Wuchs war, und von schwächlicher Konstitution. Über sein Äußeres geben uns die Porträts ergänzende Aufklärungen: er war häßlich, unförmlich und von geistlosen Gesichtszügen. Die Stirn war hoch und ohne Leben, die Augen groß und tot, wie die eines jungen Vogels, die Nase lang und charakterlos, der Mund schlaff und unbeweglich mit hervorspringender Oberlippe. Auf einem Porträt, wo er sich selbst ohne Perücke dargestellt hat, ist das Haar kurz, struppig und ungeordnet. Die Schultern sind niedrig, die Kleider hängen lose über der schmalen mageren Brust, die Hände sind knochig und groß. In der neuesten Würdigung Watteaus, die uns Edmund Hildebrandt (Berlin 1922. Propyläen-Verlag) geschenkt hat, teilt er des Künstlers Leben in vier Perioden. 1: 1684 bis 1705. II: 1705–1712. III: 1712–1717. IV: 1717 bis 1721. Diese letzte Periode ist die Zeit der höchsten Reife. Zunehmende Kränklichkeit treibt den Ruhelosen von Quartier zu Quartier. Im Spätherbst macht sich Watteau nach London auf, um dort bei einem berühmten Arzt Heilung von seinem Brustleiden zu suchen. Dieser Arzt war Richard Mead (1673–1754). Er war ein sehr berühmter Praktiker seiner Zeit, der auch ein sehr gutes Handbuch geschrieben hat. Darin warnt er z.B. vor der Unterdrückung der Fieber und gibt die China in Wechselfiebern mit großer Vorsicht, meist nur mit Rhabarber als Abführmittel. (E. Morwitz, Geschichte der Medizin. Leipzig 1848 I, 347 u. II, 221 f.) Max Neuburger nennt ihn den hervorragendsten Praktiker Englands in der ersten Hälfte des 18. Jahrhunderts, der ganz auf dem Boden der Stahl'schen Lehre stand. (Die Lehre von der Heilkraft der Natur im Wandel der Zeiten. Stuttgart 1926. S. 90 und N. Moore in Dict. of Nat. Biography Bd. 37, S. 181 ff.) Neben der Medizin beschäftigten Mead auch die Grenzgebiete. So schrieb er ein Werk »Medica sacra usw. Amsterdam 1749«, in dem er die in der Bibel vorkommenden merkwürdigen Krankheiten besprach. (W. Ebstein. Die Medizin im Alten Testament. Stuttgart 1901. Derselbe: Die Medizin im Neuen Testament. Stuttgart 1903.) Weiter schrieb Mead »de nummis quibusdam Smyrnaeis in medicorum honorem percussis« (London 1724). Auch besaß Mead eine große Gemäldesammlung, wie er überhaupt nicht nur ein freigebiger Förderer der Wissenschaften, sondern auch der bildenden Künste war. Davon zeugt der in Mead's Todesjahr (1754) erschienene: »Catalogue of the genuine and capital collection of pictures by the most celebrated masters oft the late great and learned Doctor Richard Mead.« (Hannover a. a. O. S. 127.) Bei Mead, der zugleich Arzt des englischen Königs war, wohnte Watteau und hat vermutlich gegen seine Krankheit Rat gesucht. Er malte auch einige kleinere Sachen für Mead, und ebenso bestellte der König vier Bilder bei ihm. Doch wirkte die herbstliche Stimmung Londons mit ihrem Nebel und Kohlenrauch ungünstig auf Watteaus Gesundheit. Sein Brustleiden, seine Schwermut nahmen zu, und er wurde bitter, besonders gegen die nichtsvermögenden Ärzte, über die er sich – ähnlich wie Molière – in seiner Kunst lustig machte. Die Verzweiflung treibt ihn einem Charlatan in die Arme. »Qu' ai-je fait, assassins maudits?«, lautete die – nicht von Watteau verfaßte – Unterschrift auf einer nur im Stich erhaltenen Gemäldekarikatur, die er nach seiner Heimkehr entwirft: ein Zug von Quacksalbern, die, mit Klystierspritzen bewaffnet, einen Patienten verfolgen; dazwischen die hohe Fakultät, einen Eselssattel tragend. (E. Hildebrandt S. 136 f und Abbildung 87, Seite 171.) »Das Leiden, das sich so oft mit einem gesteigerten Verlangen nach Lebensgenuß verbindet, die Schwindsucht, nagte an diesem mißhandelten Körper und grub ihm ein allzufrühes Grab. Mit diesen Faktoren war der Keim zur Tragödie gegeben, die mit dem ersten Schritt ins Leben begann und erst mit dem letzten endete. Ihre Pausen hießen – Arbeit. Diesen Pausen, die in vielen Monaten des Jahres nur nach Stunden zählten, verdankt die Welt das Werk Watteaus.« (Hildebrandt S. 131.) Nach seiner Rückkehr zieht Watteau aufs Land; er plant auch noch eine Reise in die Heimat, die letzte Hoffnung aller Schwindsüchtigen. Es kommt aber nicht mehr dazu. Am 18. Juli 1721 stirbt der große Künstler in seines Freundes Gersaint Armen. Jean Jacques Rousseau 1712 – 1778 schreibt im fünften Buche seiner Bekenntnisse: »Ich weiß nicht, woher es kam, daß ich, obwohl von guter Leibesbeschaffenheit und ohne nach irgendeiner Richtung hin auszuschweifen, zusehends abnahm. Ich bin ziemlich kräftig gebaut und habe eine breite Brust, in der sich die Lunge frei bewegen kann; und doch hatte ich einen kurzen Atem, ich fühlte mich bedrückt, ich seufzte unwillkürlich, ich hatte Herzklopfen, ich spuckte Blut. Schleichendes Fieber trat hinzu, das ich nie wieder losgeworden bin. Wie kann man in der Blüte der Jugend, ohne irgend einen inneren Schaden, ohne durch irgend etwas seine Gesundheit zerstört zu haben, in einen solchen Zustand verfallen?« P. J. Möbius, der u. a. Rousseaus Krankengeschichte geschrieben hat (Leipzig 1903), bemerkt hierzu (S. 49 f), daß man nach Rousseaus Äußerungen zwar an eine tuberkulöse Erkrankung denken könnte, daß aber einer solchen Annahme die andern Symptome und der Verlauf widersprechen. Weiter spricht dagegen die Tatsache, daß Rousseau nie an Husten oder dergleichen gelitten hat und daß bei der Sektion seine Lungen vollkommen unversehrt gefunden worden sind. (Ebenda S. 300.) Nicht derselben Ansicht wie Möbius ist Georg Sticker (Über Naturheilkunst. Gießen 1909. S. 116). Er sagt, daß Rousseau, der infolge des Bluthustens seine Tätigkeit als Gesanglehrer aufgeben und aufs Land gehen mußte, durch die tägliche Beschäftigung im Freien und den Berufswechsel günstig sein Brustübel beeinflußte und es das geringste von den vielen Leiden geblieben ist, von denen der Dulder in seinem sechundsechzigjährigen Dasein verfolgt worden ist. Möbius faßte seine Epikrise über Rousseau kurz dahin zusammen (S. 309): »Die angeborene Krankhaftigkeit Rousseau's war die Quelle sowohl seiner Genialität, wie seiner Paranoia.« Laurence Sterne 1713 – 1768 Sterne, von Beruf Geistlicher, ist am 24. November 1713 in Irland geboren. Seine Hauptwerke sind »Leben und Meinungen von Tristram Shandy« (1757–1767) und »Sentimentale Reise durch Frankreich und Italien« (London 1768). Dieses letzte Werk ist in seinem Todesjahr erschienen. Goethe, dessen »Werther« stark von diesem Werk beeinflußt wurde, nennt Sterne den schönsten Geist, der je gewirkt hat. Der Zweck seiner Reisen war vor allen Dingen der, sich von seinem Leiden zu befreien. Schon als Student in Cambridge (1733) hatte er den ersten der Anfälle von Lungenbluten, die auch in seinem späteren Leben immer wieder auftraten. Bei diesem ersten Anfall kam er gerade mit dem Leben davon und erinnerte sich später noch lange daran. Von seinen Eltern hatte er eine schwächliche Konstitution geerbt. Ständig quälte ihn ein hartnäckiger Husten sowohl bei Tag wie bei Nacht. Ehe Sterne 1761/62 nach Paris reiste – im totkranken Zustande – machte er sein Testament. Niemand seiner Freunde glaubte, daß er den Winter überstehen würde. In den Zeitungen wurde er fälschlich tot gesagt. In Paris hatte er einen Fieberanfall mit Blutsturz. Aber bereits im folgenden Monat fühlte er sich soweit wieder hergestellt, daß er die Heimreise aus Frankreich vorbereiten wollte. Doch die Gesundheit von Sterne's Tochter, deren Asthma, an dem sie schon länger litt, zugenommen hatte, bestimmte ihn anders. Sterne nennt die Krankheit seiner Tochter eine angeborene Schwäche der Lungen, genau wie bei ihm selbst. Er wollte ihr dieselben Chancen zum Leben geben, die das seinige gerettet hatten. Im Juni brachte ihn ein neuer Anfall von Lungenbluten an den Rand des Grabes. Ein Aderlaß rettet ihn, und er muß drei Tage lang eine Schweigekur durchmachen. Dieses Vorkommnis bewog Sterne um so mehr, mit der Tochter nach dem Süden von Frankreich zu gehen. Dazu hatten ihm die Ärzte in Paris geraten. Während der Zustand der Tochter sich dort gebessert hatte, litt er selbst ständig an Schüttelfrösten und Fieber und mußte ärztlich behandelt werden. Man verordnete ihm kräftige Fleischbrühen und Suppen, von denen er annahm, daß sie ihm wieder Fieber machten, das Fieber zu Blutverlust führe und dieser wieder zu Schüttelfrösten. Sterne spricht weiterhin von seiner miserablen Konstitution und legt sich die Frage vor, wieviele solcher Anfälle er noch aushalten könne. Er will bis an sein Ende dagegen kämpfen. In Toulouse verordnen ihm die ihn behandelnden Ärzte morgens Eselsmilch und abends Kuhmilch zwischen den Mahlzeiten. Dort muß er außerdem noch an einem epidemisch auftretenden Fieber liegen. Auf Anraten der Ärzte geht Sterne nach Bagnères in den Pyrenäen, um dort die Kur zu gebrauchen. Dann will er noch über den folgenden Winter nach Nizza, von wo er im Frühjahr heimzukehren hofft. Er scheint den Winter aber in Montpellier verbracht zu haben, wohin damals viele Kranke zu Winterkuren gingen. Von hier begab sich Sterne in die Heimat zurück. In York befiel ihn Ende April 1765 ein erneuter Blutsturz, der ihn zwang, sehr ruhig zu leben. Er war in Behandlung des Dr. Dealtry. Aber bereits im Spätsommer begab sich Sterne auf die Reise nach Italien. Auf der Reise über Florenz nach Rom hätte er sich gern in den kleineren oberitalienischen Städten aufgehalten, aber er sagte sich, daß es bei seiner schwachen Gesundheit zweckmäßiger sei, in Rom zu sein. Dort fühlte er sich im ganzen recht wohl und war der Ansicht, durch diese Reise sein Leben um 10 Jahre verlängert zu haben. Nach mehreren Monaten Aufenthalt in Rom besuchte er in der Franche-Comte seine Frau und Tochter. Seine Frau war erschrocken über sein krankes Aussehen, Sterne aber reiste nach England zurück. Im April 1767, als seine Freundin Eliza Draper nach Indien reiste, hatte er am Abend desselben Tages wieder schwere Lungenblutungen, die erst am nächsten Morgen gestillt werden konnten. Gegen Mitte März 1768 hatte Sterne einen Krankheitsanfall, den er für Influenza hielt. Er war aber hartnäckiger als gewöhnlich, denn es war der Beginn einer Rippenfellentzündung. Am 10. März ließ man ihm dreimal zur Ader und legte ihm Zugpflaster auf. Danach war er mehrere Tage sehr erschöpft, und in diesem Zustand schrieb er den letzten Brief an Mrs. James, der er seine Tochter empfahl. Am 18. März 1768 ist Sterne in London gestorben. Seine Leiche wurde nach zwei Tagen aus dem Grabe gestohlen und von den Räubern an die Anatomie nach Cambridge verkauft. Der Professor Collignon hatte zu der Anatomierung einige Freunde eingeladen. Erst zu spät erkannte ein Freund Sterne's dessen Leiche. Auch das Skelett Sterne's war auf der Anatomie in Cambridge zu sehen. Im Tristram Shandy (Buch 8, Kapitel 6) hat Sterne offenbar seines eigenen Leidens gedacht: »Und ist es nicht zwei Monate her, daß Du durch einen Lachkrampf, der Dich befiel, als Du sahest, wie ein Cardinal gleich einem Chorsänger sein Wasser mit Hilfe beider Hände lassen wollte, Dir ein Lungengefäß sprengtest, so daß Du binnen zwei Stunden zwei Quartmaß Blut verlorst? so daß, wie die Herren von der Fakultät Dich versicherten, Du ein Stübchen verloren haben würdest, wenn es noch einmal soviel gewesen wäre als es war?« (Vgl. Percy Fitzgerald, The Life of Laurence Sterne. 2 Bände. London 1864 und W. L. Cross. The Life and Time of Laurence Sterne. 2 Bde. New Haven 1925.) Christian Fürchtegott Gellert 1715 – 1769 wurde am 4. Juli 1715 als eines Pastors Sohn, der 13 Kinder hatte, als Fünfältester in Hainichen im Erzgebirge geboren. Nach dem Handbuch zur Geschichte der deutschen Literatur (Leipzig 1906, S. 160) ergriff Gellert 1752 »sein Leiden, die Hypochondrie, von dem er trotz einer Kur in Karlsbad nicht mehr befreit werden sollte.« Dieser Satz bedarf einer mehrfachen Korrektur, wie wir sehen werden. Wir wissen nämlich, daß Gellerts Kränklichkeit schon während seiner Schülerzeit einen bedrohlichen Charakter annahm (W. Milberg, in: Arch. f. Sächsische Geschichte. 1864. Bd. 2. S. 113 ff). Danach war Gellert kaum zwei Jahre – vom 14. Juli 1729 an – in die Fürstenschule zu St. Afra aufgenommen, als schwere Krankheit ihn auf ein volles Vierteljahr wieder ins Elternhaus trieb. Als Gellert wieder den Schulbesuch aufnahm, stellte der damalige Amts-, Schul- und Stadt-Physicus Dr. Joh. Chr. Müller folgendes Zeugnis über ihn aus: »Christian Fürchtegott Gellert hat sich fast die gantze Zeit seines hierseyns unpäßlich befunden, so daß dessen Herrn Vater genöthigt worden, ihn wegen Geschwulst der Schenkel auf 13 Wochen lang nacher Hauße zu nehmen. Ob nun gleich diese Zufälle sich nach gebrauchter Cur verlohren: So habe doch bey seiner Wiederkunfft gefunden, daß Er einen starken Ansatz zur Schwindsucht habe: Indem er beständig hustet, Blut und zähe Materie auswirfft, sehr kurzen Athem, Engbrüstigkeit und Sticken hat, auch wenn er sich ein wenig beweget oder alterieret, welches ohnedem ein besonderer Zufall derer Phthisios ist, so starkes Herzklopfen hat, daß man es nicht allein von außen siehet, sondern auch höret. Dahero auf Begehren Ihm in die Cur genommen, auch noch zur Zeit damit continuire.« Über die Art der Kur ist nichts gesagt. Doch schreibt der Vater des Kranken, daß dieser »Anfangs nur Wasser, nachmahls ein wenig Wein unter dem Wasser habe trinken dürfen.« Hinfort galt Gellert unter seinen Mitschülern als ein »schwindsüchtiger, kranker Mensch«. Da sich Gellerts Lungenschwindsucht nicht gebessert hatte, reicht Gellerts Vater unter dem 31 .Oktober 1733 ein Entlassungsgesuch mit der Begründung ein, daß der Sohn »nicht nur allerhand besorgliche Zufälle erlitten, sondern auch ganz außerordentliches Herzklopfen, kurtzen Odem und Engbrüstigkeit empfindet; hiernächst wird er vom Husten und Blutausspeyen zum öfteren incommodiert, mithin er, da er gleichwohl bei aller seiner kränklichen Disposition denen Studiis, nach dem Zeugnis seiner Präceptorum, gar fleißig oblieget, gleichsam ganz vergehet und von Kräften kömbt, auch daher besorgen muß, er möchte ob vitam hanc sedentariam zuletzt gar crepiren und statt seines bisher erwiesenen Fleißes unwiederbringlichen Schaden seiner Gesundheit leiden müssen.« (Kurt Lindner, Gellerts vorzeitiger Abgang von der Meißner Fürstenschule, in: Wiss. Beilage der Leipziger Zeitung. 1919 Nr. 41. S. 161–162.) In einem dem väterlichen Gesuche beiliegenden ärztlichen Zeugnis des Dr. Müller vom 26. Oktober 1733 wird außer den oben genannten Krankheitssymptomen betont, daß die Maladie den jungen Geliert im Winter weit stärker als im Sommer anwandle und der Befürchtung Ausdruck verliehen, daß nicht etwa »eine starke Blutstürzung, wie auch vor ezlichen Jahren seinen ältesten Bruder wiederfahren, Ihm einen plötzlichen Tod verursache.« Gemeint ist Friedrich Leberecht Gellert (1724–1730?), der also bereits, 6 Jahre alt, starb. So verließ der junge Gellert als ein Todeskandidat vorzeitig die Meißner Fürstenschule. Über die weitere Entwicklung von Gellerts Lungenleiden und über die dagegen unternommenen drei Kuraufenthalte in Karlsbad usw. gibt es bisher keine besondere Arbeit. Es lohnt sich schon, daraufhin Gellerts Briefe und die an ihn gerichteten zu durchmustern. Ich benutzte dazu die Bände 8–10 von Gellerts sämtlichen Schriften, hg. von J. L. Klee. Leipzig 1839, und werde die hauptsächlichen in Frage kommenden Stellen genau aufführen, mit Angabe des Standortes. In einer kleinen autobiographischen Skizze (8,287 ff), die sich Friedrich Nicolai von ihm im Januar 1 760 erbat, sagt Gellert, daß er »schon seit zwanzig Jahren (1740) mit hypochondrischen Zufällen beschwert« ist, »von welchen ihn weder Brunnen noch Bäder haben befreyen wollen, auch drey tödliche Krankheiten nicht, die ihn seit zwölf Jahren befallen (1748) und wovon er die letzte, eine Pleuresie, auf dem Lande ohnweit Roßbach eben zur Zeit der Roßbacher Battalie (!) überstanden.« (5. November 1757.) An dieser Stelle will ich gleich hinzufügen, daß Gellert viermal zur Kur in Karlsbad war, und zwar 1753, 1754, 1763 und 1764. Entsprechend der oben gegebenen Notiz, daß Gellert seit 1740 an hypochondrischen Zufällen litt, hören wir, daß er im Juni 1742 (8,1) Gottsched unmöglich in Person aufwarten konnte, »weil ich von meinem Hypochonder gemartert werde, und Arzney zu gebrauchen genöthiget bin.« Zehn Jahre später (Januar 1752) dankt Gellert (8,39) einem Freunde für übersandten Wein und hofft, daß ihn »diese Arzney gesund mache«. Im Sommer beabsichtigt Gellert in ein Bad zu gehen; »denn was ist das Leben der Menschen ohne die Gesundheit?« (8,40.) Vorher ist ihm eine Reise nach Dresden »aus eigener zwölfjähriger Erfahrung« der Hypochondrie »unter einer steten Beklemmung der Brust ohne Reiz und ohne Geschmack« gewesen. (8,41.) Im Sommer nennt er seine Gesundheit »sehr mittelmäßig«; aber er ist dankbar, daß er noch imstande ist, »allemal über den anderen Tag auszureiten und mir eine Bewegung zu machen.« (8,45.) Im Herbst hat Gellert 4 Wochen das Bad in Lauchstädt gebraucht. (8,46.) Er glaubte sich zu stärken, aber von Mitte September ab ist ihm drei Wochen elender gewesen, als in seinem ganzen Leben. (8,48.)     1753 Seit dem Gebrauch des Lauchstädter Bades ist Gellert immer noch mit der Hypochondrie »außerordentlich beschweret, und meine Seele leidet mit meinem Körper zugleich... Ehe ichs denke, ermüdet mein Körper, und drückt die Seele mit sich nieder. Ich fürchte, weil ich seit einigen Wochen in der linken Hand und dem linken Fuße zu verschiedenenmalen in den Junkturen anhaltende Schmerzen gefühlt habe, daß vielleicht mein Übel gar in eine Gliederkrankheit ausarten dürfte.« Dabei beschuldigt er sich, daß er mäßiges Kaffeetrinken und Tobakrauchen nicht ganz lassen könne. (8,52.) Über seine erste Karlsbader Kur erzählt Gellert aus Leipzig unter dem 22. Juni 1753 (8,54 f): »Ich reiste den vierten May mit Doctor Tillingen, der Bademedicus im Carlsbade und mein Freund ist, dahin, ob er mir gleich nicht sehr dazu rieth. Ich reiste (denn was wagt ein Elender nicht, den bald sein Geist, bald sein Körper martert), ich reiste ins Carlsbad, und vorgestern, den zwanzigsten d. M., bin ich wieder in Leipzig angekommen, nachdem ich drey Wochen in Annaberg, sowohl wegen der kalten Witterung, als wegen des Mangels der Kräfte stille gelegen habe, und alsdann drey Wochen im Bade gewesen bin. Von dem Erfolge der Cur kann ich Ihnen zur Zeit nichts sagen, als daß ich sehr matt und etwas schlaflos bin. Ich verlange keine Herstellung der Gesundheit; nein, nur eine kleine Linderung. Möge es doch dem Vater der Menschen gefallen, nur meinen Geist zu stärken, das Leiden des Leibes will ich gern in mein Grab tragen!« Einmal gibt Gellert zu, daß er sich nach Karlsbad »nicht kränker und auch nicht viel gesünder« fühlt (8,57), ein andermal gesteht er, daß er »nach dem Carlsbade weniger beängstigt gewesen, als nach dem Lauchstädter.« Aber er habe die Ruhe, Heiterkeit, die er suche, auch da nicht gefunden. »Aber so will es mein Schicksal: ich beziehe die Bäder, ringe nach Gesundheit und verseufze die Zeit, die ich in den Armen der rechtschaffensten Freunde süß verwehren könnte.« (8,63.) Nach zehn Jahren schreibt Gellert an Fräulein Lucius unter dem 25. August 1763 (9,182) in Erinnerung an den ersten Aufenthalt »in dem mir traurigen Carlsbad, in welchem ich schon vor 10 Jahren viel tausend Tränen auf den höchsten Bergen, von allen Menschen ungesehn, verweinet habe.«     1754 Über seinen zweiten Kuraufenthalt schreibt Gellert unter dem 4. Juni 1754 an seine Schwester (8,85): »Ich bin, Gott sey gepriesen! wieder in Leipzig, und habe das Mühselige der Reise und der Cur zum andernmale überstanden. Ich habe das Wasser nur vierzehn Tage getrunken, und bin überhaupt nur 16 Tage in Carlsbad gewesen; aber unruhiger als das erstemal, ich weiß nicht warum, vielleicht hat der Mangel an Gesellschaft etwas, oder wohl das Meiste, beygetragen. Es war, außer Dr. Tillingen, niemand zugegen, mit dem ich umgehen konnte, und dieser gute Mann machte mich durch seine Furchtsamkeit noch furchtsamer. Gleich nach den ersten Tagen wünschte ich mich wieder fort, und dieser Wunsch verließ mich selten usw. ... Dr. Tilling hat sich wieder als ein wahrer Freund um mich verdient gemacht.« Johann Chr. Tilling hat (Lipsiae 1751) veröffentlicht: »Observationes med. singulares circa verum usum thermarum Carolin, in diversis morbis institutae« und 1756 (ebenda 1756) eine »Nachricht vom Carlsbade; nebst Abriß der Stadt- und Landkarte« geschrieben. Im Verlauf des Jahres 1754 kamen für Gellert im Juni bei wandelbarer Gesundheit »etliche glückliche Tage«. (8,87.) Im November geht es ihm »erträglich, besser als vor Jahren um diese Zeit; nicht so gut, als ich wünschte; weit besser, als ich verdiene.« (8, 94.)     1755 Am letzten Tage des Jahres sagt Gellert resümierend in einem Brief an seine Schwester: »Es ist wahr, daß meine Gesundheit nicht die beste ist; allein sie ist vor drey Jahren weit schlechter gewesen. Ich habe in diesem Jahre viel Sorgen ausgestanden, und dennoch sind sie nie ganz über meine Kräfte gewesen« (8,155); dabei fühlt er freilich »die Last eines siechen Körpers und eines schweren Geistes nicht selten.« (8,146.)     1756 Aus Leipzig (27. März 1756) schreibt Gellert: »Ich habe zehn Tage das bittere Wasser eine Stunde von hier... getrunken und wenig Hülfe davon gehabt.«     1757 Seit dem 18. Juli ist Gellert außerhalb Leipzig, geht erst ins Lauchstädter Bad, das er »traurig« nennt und sucht dann seine Zuflucht in Bonau, um von dem Bade auzuruhen. Hier erkrankt er Anfang Oktober unter den Erscheinungen von Hitze, unerträglichen Kopfschmerzen und wird tödlich hinfällig. Ein »Balbier aus Naumburg« machte sofort einen Aderlaß, »um einer tobenden Pleuresie Herr zu werden. Das Blut bewies ihm die Gewißheit der vermutheten Krankheit; ein schreckliches harziges Blut!« Das war am 7. Oktober; am 9., dem fünften Tag der Krankheit, ging es ihm am schlechtesten und er fühlte sich am Rande des Grabes. Als Arzt kam auch noch der Dr. Springsfeld aus Weißenfels zu Hilfe und auch Dr. Heine war zugegen. »Ich stand bei Dr. Heines Ankunft in dem traurigen Gedanken, daß mir der Aderlaß schädlich gewesen; und zum Glück war noch das Blut aufbehalten worden. Er sah es, erschrak, und versicherte mich, daß ich ohne die Öffnung der Ader schwerlich würde haben leben können ... Ich übergehe die übrigen Tage der Krankheit, damit ich nicht ein medizinisches Verzeichnis statt eines Briefes aufsetze. Genug ... ich bin in der siebenten Woche so weit hergestellt, daß ich diesen langen Brief habe schreiben können; und wenn Gott uns Friede schenkt, hoffe ich bald in Leipzig zu seyn.« (8,224–230 und 8,241–243.) Als Ursache der Rippenfellentzündung führt Gellert seine ehemalige Flucht nach Eisenberg an, wo er in einer neu geweißten Stube wohnte. Die ausgestandene Krankheit hat ihn »auf lange Zeit zum Nachdenken und Sitzen unfähig gemacht.« (8,232 u. 233.) Die Nachricht von Gellerts schwerer Krankheit hatte jetzt und schon früher öfter das Gerücht verbreitet, daß er gestorben sei. Major von Kleist's Verse zitiert Gellert selbst (8,239): Als Dich des Todes Pfeil, o Gellert! jüngst getroffen, Klagt' ich und weint', und sah den Himmel plötzlich offen; Auch den belebten Raum der weiten Welt sah ich: Die Erde weinete, der Himmel freute sich. »Ich bin bey der letzten Zeile beynahe in Ohnmacht gefallen. O Gott, wer wäre ich, welcher Engel wäre ich, wenn ich diesen Lobspruch verdiente!« 1758 Am 25. Februar 1758 (8,240): »Meine Gesundheit hat seit einigen Wochen vermuthlich durch die Jahreszeit gelitten. Ich schlafe wenig, und habe wenig Athem, insonderheit gegen Abend, und alsdann, wenn ich ins Bett komme, wo ich oft aufsitzen muß, so kurz wird er.« Außer der offenbar zunehmenden Atemnot fühlt Gellert in der Mitte der Stirn fast täglich ein Nagen oder Spannen. (8,246 f.) Kaum ist er nach langer Abwesenheit wieder in Leipzig, so zeigt sich eine Zahngeschwulst, die vom Chirurgen Breyer geschnitten wird (8,250 f), dazu kommt ein böser Hals (8,255) und im Herbst ein Flußfieber. (8,256.) Am Ende des Jahres stirbt sein guter Freund Dr. Bach »an einer Auszehrung«. Er geleitet ihn zu Grabe – und Gellert denkt an seinen eigenen Tod.     1759 Der Januar bringt den Tod von Gellerts Mutter, die hochbetagt stirbt. Pfingsten fühlt sich Gellert krank, ohne bettlägerig zu sein, klagt über geschwächte Nerven und einen kraftlosen Magen. Daher trinkt er eine »Bouteille Bitterwasser.« (8, 277.) Kurz vorher war sein Freund, der Advokat Thomä, schnell an verhärteter Leber gestorben. Er getraut sich selbst keine Reise zu, und bleibt zur Messezeit in Leipzig.     1760 Die Kopfbeschwerden halten an (8,292 und 297). Die Woche vom 1.–7. Juni ist »eine der schrecklichsten meines Lebens gewesen« (8,307 ff); es scheint sich um »heftige Anfälle« (8,310) gehandelt zu haben. Im Juli geht er zum Brunnentrinken nach Störmthal bei Leipzig. Seiner Schwester gegenüber spricht er von diesem »traurigen und schmerzhaften Jahr«. (8,335.) Im Juni hat Gellert Oeser auf seine Bitten einige Stunden zu einem Bilde gesessen (Gellert an Frl. von Schönfeld. Leipzig 1861. S. 133). Im Dezember findet des Königs Gespräch mit Gellert statt, bei dem er ihm für die Krankheit Traben mit dem Pferd und »eine Menge Boerhaave'sche Mittel« vorschlägt. (An Frl. Schönfeld S 155.)     1761 Für das Jahr 1761 sind wir so glücklich, neben Gellerts Briefen auch sein Tagebuch benützen zu können, das in Leipzig 1863 in zweiter Auflage erschien. (Die Stellen daraus sollen mit Tgb. bezeichnet werden und Seitenzahl.) Gellerts Tagebuch, das er in seinem 46. Lebensjahr führte, bedeutet nicht nur ein Beispiel für »moralisierende Aufzeichnungen eigener Erlebnisse«, sondern es ist darin ganz deutlich die Geschichte seiner körperlichen Beschwerden zu lesen. (W. Mahrholz, Deutsche Selbstbekenntnisse. Berlin 1919, S. 172–174.) Charakteristisch ist es, daß Gellert unter den Todesfällen von Bekannten, die er notiert, eine ganze Reihe von Fällen mit Auszehrung nennt. Nebenbei wird Tag für Tag Buch über seine Seelenzustände geführt. So spricht Gellert am 2. Januar von einer entkräftenden Excretion, von der er schon vor etlichen Tagen den Anfang gespüret. Unpäßlichkeit und Schwachheit beunruhigen Gellert auch im neuen Jahr. (9,1.) So bespricht er auch mit dem König die Kur seiner Hypochondrie. (9,4.) Im Januar quält ihn 14 Tage lang ein Husten und er ist von Schmerzen in der linken Hüfte krank. (9,10.) Auch im Tagebuch (14. Januar) klagt Gellert über Zahnschmerz und nachmittags über »heftigen Schmerz im linken dicken Beine«, so daß er sich deshalb zu Tisch tragen lassen muß. Am 18. Januar brach ihm die Krone des Zahnes aus – dabei noch Schmerz in der Hüfte und Tags zuvor »öftere subtile Excretion«. Der Hüftschmerz hält sogar während des ganzen Monats mit Unterbrechungen an. Der König hat geraten, ihn zu kurieren: »Er muß sich Bewegung machen, alle Tage ausreiten, alle Wochen Rhabarber nehmen.« Darauf erwidert Gellert: »Ihro Majestät, diese Cur möchte wohl eine neue Krankheit für mich seyn.« Kaum ist der Hüftschmerz verschwunden, so meldet sich der Kopf. (9,26.) Am 8. März kommt er frei von seiner körperlichen Plage mit einem elenden Geiste von seinem Lager. (Tgb.) Im März beschweren Gellert »Titillationen«. (Tgb.) Am 12. April schreibt er seiner Schwester, daß für ihn während seiner Krankheit in Bonau (1757) Gerste und Wasser, Honig und Essig und eine gute Wärterin die besten menschlichen Arzneimittel waren. Dagegen widerrät Geliert eine warme Stube und heiße Betten, da sie meistens das Friesel im Körper hervorbringen. Er trinkt auch »seit der Bonauschen Krankheit keine Eyer mehr im Kaffee, der Hitze wegen«, seit August 1760 auch keinen Wein mehr. Dabei spricht er die Befürchtung aus, daß er »einer Auszehrung nahe« ist. (9, 42.) Am 25. April: »Kützeln innerlich unter der Brust.« Am 5. Mai gibt er die Reise zum Brunnentrinken auf; »mehr aus Furcht meiner Seele, als meinem Leib zu schaden.« Am 12. Mai beginnt er Bitterwasser zu trinken. Am 29. Juli notiert er: »Dein Körper kann viel Antheil haben, aber kann er nicht auch, wie er ist, die Schuld deiner Sünden seyn?« Ende Juli trinkt er in einem Garten »den Pyrmonter Brunnen mit Milch«. (9, 59.) Zwei Tage darauf bekam er einen »sensum volutatis« und empfand »vehementissimum turpissimumque stimulum.« (Tgb.) Am 1. August geht er mit Dr. Hebenstreit spazieren, nachdem sich diese Beschwerden gelegt haben. (Tgb.) Am 4. August: »Wieder den Brunnen und die Milch zu trinken angefangen.« Am 26. September schreibt er, daß er »zeither bei dem Gebrauche der Chinapulver große Beängstigungen und anhaltende Schwermut empfunden«, und daß er am Leibe und am Geiste abgenommen habe. Am Schlüsse des Jahres 1761 dankt er Gott u. a. »daß er die körperlichen Leiden und Schmerzen hat erträglich seyn lassen, und dir immer noch Schlaf und ruhige Nächte gegeben.« (Tgb.) Die zweite Hälfte des Jahres 1761 ist er einigermaßen zufrieden und beschließt es in leidlicher Gesundheit. (Tgb.)     1762 verläuft ohne wesentliche Klagen über die Krankheit in seinen Briefen. Wir erfahren nur noch nachträglich (9,165), daß Geliert 1762 zweimal Ipecacuanha, ein Brechmittel, hat einnehmen müssen, das ihn zum Tode gemartert hat. Und er wirft die Frage auf, warum nicht leichtwirkende Pillen? Trotz Hebenstreit und Heine, die seit ein paar Jahren seine Ärzte sind, will er kein Vomitiv mehr nehmen. 1763 Im März holt er sich an einem windigen Tage beim Reiten »den Husten und gegen Abend den Hüftschmerz.« Beide Ärzte raten wieder zu einer Kur in Karlsbad. »Aber die guten Leute wissen nicht, wie schwach ich bin, weil sie es nicht sehen und nur fühlen.« (9,165.) Am 21. April kam Gellert krank aus der Kirche und fühlte einen seiner schrecklichsten Zufälle, wogegen er sich selbst Fasten verordnete. (9,172.) Die Karlsbader Kurliste, deren Einsicht ich der Freundlichkeit des Herrn Stadtarchivar in Karlsbad, Prof. K. Ludwig verdanke, enthält für 1763 folgende Eintragung: Nro 202. July. 8. Arriv. (Titl:) Herr Bucher, Kammer Commissions Rath, nebst (Titl:) H. Professor Gellert, beede (!) aus Leipzig, logieren 3 Lerchen am Marckt.« Am gleichen Tage war übrigens Laudon in Karlsbad angekommen. (Vgl. K. Ludwig. Alt-Karlsbad. S. 83.) Gellert ist offenbar von Leipzig am 5. Juli aufgebrochen. (Gellerts Briefe an Frl. von Schönfeld. Leipzig 1861. S. 207.) Nach »sieben, langen Wochen« kehrt er ruhiger, obgleich nicht gesünder zurück. Es ist also etwa dieselbe Stimmung wie 10 Jahre zuvor. (Vgl. 1753.) 1764 Bis in den Januar hinein hat Gellert seit der Rückkehr von Karlsbad keine Hüftschmerzen mehr gehabt. (9, 238.) Er hat auch den Winter die Collegia »ununterbrochen und ohne eine Stunde auszusetzen« halten können. (9, 247.) Etwa den 29. Juni soll Gellert zum dritten Mal ins Karlsbad gehen, und zwar mit dem Kammerherrn von Zedtwitz und dessen Frau. (9,253.) Gellert geht wieder mit »widerstrebendem Herzen.« Anfang August kehrt er nach Leipzig zurück. Die Kur scheint die gleiche gewesen zu sein wie 1763. »Ich habe den Brunnen 34 Tage getrunken, ohne kränker und gesünder zu sein, als ich außer dem Carlsbade war.« (9, 255.) Denn auf der Rückreise und in Bonau hat Gellert »mehr erduldet und verloren, als die ganzen fünf Wochen im Bade.« (9, 264.) Das größte Unglück war für Gellert – lieber hätte er all seine Bücher verloren – die Einbuße des »zum Sprechen notwendigsten oberen Vorderzahns«, da beide Nachbarn schon lange vorher verloren gegangen waren. Ein Prager Zahnarzt Sauer, dessen Geschicklichkeit gerühmt wurde, setzte dem Dichter neue Zähne ein, marterte ihn dabei sehr; denn er konnte mit ihnen weder reden noch essen noch schlafen. Nachmittags mußte der Zahnarzt sie wieder entfernen und erhielt drei Dukaten für seine Mühe. Auch Dr. Springsfeld war damals in Karlsbad und er ist mit Gellert im Gespräch gewesen. Es ist wohl anzunehmen, daß er ihn auch wie früher in der schweren Krankheit behandelt hat. Er praktizierte seit 1745 während des Sommers in Karlsbad, sonst war er fürstlich sächsischer Hofrat und Stadtphysikus in Weißenfels. In einer Abhandlung über Karlsbad (1749) wandte sich Springsfeld gegen die Unsitte, daß man die Kur nach Tagen abzählt und, ohne auf die Nebenumstände und die Wirkungen des Wassers im Körper achtzugeben, mit Trinken, Purgieren und Baden abwechselt. Denn die Kur müsse nach medizinischen Gründen eingerichtet werden. »Ein vernünftiger Medicus muß wissen, warum er heute zu trinken aufhören läßt und morgen ein abführendes Mittel verordnet, warum er die Trinkkur verlängert und die Badekur verkürzt. Der Körper muß zum Baden gehörig zubereitet werden nach der Regel: Kein unreiner oder noch angefüllter Körper soll das Bad gebrauchen.« Springsfeld trat wieder für die Badekuren in Karlsbad ein, während die Vorfahren nur dort badeten und das Wasser garnicht tranken. Wegen seiner Verdienste um Karlsbad wurde Springsfeld durch ein Hofdekret vom 20. Februar 1751 auch gestattet, »specialiter et sine clausula« zu ordinieren. Fünf Jahre später, als Gellert das letzte Mal in Karlsbad war – 1769 – verließ Springsfeld seine erfolgreiche Praxis, und er zog sich, da ihm von Kollegen und Bürgern der Aufenthalt verleidet wurde, nach Wien zurück, wo er am 13. März 1772 starb. (Vgl. K. Ludwig. Alt-Karlsbader Ärzte und ihre Kurmethoden, in: Karlsbader ärztliche Vorträge. Bd. 10. 1929, S. 331–333.) Kehren wir nach diesem Exkurse über Gellerts Arzt wieder zu ihm selbst zurück, so hören wir, daß er im Sommer keine Collegia las und u.a. auch wegen des »Aufwandes im Carlsbade« in pekuniären Nöten war. (9, 285.) 1765 Sein Geburtstag war für Gellert ein »trüber kranker Tag«. Er fühlt sich schwach und klagt auch wieder über nicht sehr heftige Hüftschmerzen. (9,312.) Im Herbst gefällt ihm die rauhe Witterung nicht auf dem Lande und er eilt wieder zurück. (9,313.) 1766 Im April schreibt er der Schwester, mit der er sich gern über seine Krankheit unterhält, daß er nicht klagen wolle, das sei oft Unzufriedenheit und Undankbarkeit. Im Juni (10. 18) fühlt er sich so kraftlos, daß er kaum einen Brief schreiben kann. Im August tritt wieder Husten und Hüftschmerz auf. (10,24.) 1767 Ende Februar betont Gellert der Schwester gegenüber, daß seine Gesundheitsumstände täglich schwerer werden. Besonders sei sein Kopf »hart angegriffen«. (10, 30.) Ende Oktober freut sich Gellert der überstandenen »für seine Gesundheit und seine Gemütsruhe gefährliche Messe«, während der er dem Kurfürsten zwei Vorträge halten mußte. (10,48.) Besonders wertvoll für Gellerts Krankengeschichte und für die von ihm ausprobierten Arzneimittel ist der an Borchward gerichtete Brief vom 13. Dezember 1767. (10,56 bis 57): »Die schlechten Wirkungen Ihrer angeführten Arzneymittel kenne ich beynahe alle aus eigener trauriger Erfahrung; ich glaube fest, liebster Borchward, wenn Sie sich derselben gänzlich enthalten; es wäre denn, daß Ihnen das Aderlassen, wegen der unordentlichen goldenen Ader, von Ihrem Medico vorgeschrieben würde. Ich brauche seit vielen Jahren bey allen meinen Übeln fast gar keine Medicin, als Diät, Bewegung (nur keine heftige), Geduld, Gebet und Arbeit. Ich esse die einfältigsten Speisen ohne alle Würze: täglich, Sommers und Winters, gekochten Spinat und getrocknete Pflaumen, mehr Brod als Fleisch, und weil ich am Magen und Zähnen leide, stets weichbereitete Speisen. Ich trinke mittags ein Glas Burgunder, Abends ein Glas Moslerwein, und Wasser. Ich trinke keinen Tropfen Coffee mehr, den ich durchaus nicht vertragen kann, sondern früh um sechs Uhr etliche Tassen Hallerischen Kräuterthee, oder Alpenthee, und eine Stunde darauf meine Gesundheitschokolade, die aus nichts als Cacao, und ein wenig China und Zucker besteht. Ich reite täglich eine Stunde, auch im Winter eine halbe; habe ein stilles und gutes Pferd aus dem Stalle Ihres lieben Prinzen Heinrichs, habe nie reiten gelernt, scheue keine Witterung, nicht Regen noch Schnee, nur den Wind, der mir Husten und Hüftweh verursachet. Im Sommer trinke ich früh um 5 Uhr (denn ich wache früh auf) statt des balsamischen Kräuterthee ein oder zwey Gläser Spaawasser, ohne eine Cur daraus zu machen, und alsdann nehme ich meine Chokolade, die niemanden sehr, als mir, schmecken dürfte, und eine Pfeife Tabak, die mich beyde öffnen. Selten brauche ich etwas Abführendes, ja ich fürchte mich mit Recht davor, weil ich ohne Kräfte und Säfte bin. Ich werde wahrscheinlicherweise nie weder Brunnen, noch Bad, als Medicin brauchen, sondern bey guter Lebensordnung mich dem Willen Gottes überlassen. Ihnen aber, mein Freund, rate ich künftiges Frühjahr das Carlsbad, wenn es Gott gefällt, Sie länger leiden zu lassen. Folgen Sie mir. Mir hat es die beyden letztenmale nichts geholfen, sondern gewiß geschadet; dennoch rate ichs Ihnen. – Und hiermit befehle ich, Ihr kranker und sehr schwacher Freund, Sie Gott und seiner Gnade, bete für Ihre Ruhe und Gesundheit ... und bin der Ihrige Gellert.« 1768 Im Anschluß an diesen Brief schreibt Gellert am 3. Februar ebenfalls an Borchward: »China in Pulver kann ich nicht nehmen, sie macht mir großen Krampf im Schlunde, aber im Extracte, ja kann ich sie Löffelweise vor Tisch vertragen.« (10, 64.) Wegen Gellerts Kränklichkeit verbietet ihm Dr. Heine das Correcturlesen bei der geplanten Gesamtausgabe seiner Werke. (10, 76.) Der Schlaf ist aber wieder besser, und er liest wieder Collegia. Ende Dezember stirbt Gellerts geduldiges Pferd. Er erhält vom Kurfürst sofort ein neues, wobei er in die Worte ausbricht: »Ein kranker alter Professor und ein gesundes junges Pferd schicken sich nicht recht zusammen.« (10,78.) 1769 Am 13. Februar schreibt Gellert an seine Schwester (10, 123): »Unser Leben währet siebenzig Jahr, und das meinige, das sehr schwache, wird nicht so lange währen.« Im Mai besucht er nochmal seinen Geburtsort Hainichen. Die Reise wird ihm schwer. Mit Gebet und Tränen nimmt er Abschied. Im August ist er zwar kraftlos, kann aber noch ausgehen. (10, 130.) Im September hat Gellert mit einem »neuen Übel« zu streiten gehabt. Er sagt aber nicht, um was es sich gehandelt hat. (10, 131.) Ende September wird ihm die Berufsarbeit immer schwerer. (10,133.) Nach J. A. Cramers Gellertbiographie (1744) beschwerten den Dichter schon lange die schmerzlichsten Verstopfungen. (10,281.) Anfang Dezember 1769 »äußerte sich ein völlige Unfähigkeit zu den gewöhnlichen Absonderungen mit den schlimmen Folgen, die sie zu begleiten pflegen.« Außer den Ärzten, Heine und Hebenstreit wurde auch deren Lehrer, Ludwig, herbeigerufen, um zu helfen. Vier Tage vor seinem Tode besprach Gellert noch, besonders mit Dr. Heine die Herausgabe seiner noch übrigen Schriften. Inzwischen hatte der Kurfürst einen seiner geschicktesten Leibärzte, Demiani, nach Leipzig gesandt. Es heißt, daß innerhalb 24 Stunden Gellert 16 unter den Händen des Wundarztes verbrachte. Er hatte die empfindlichsten Schmerzen, die durch eine Entzündung aller inneren Teile im Unterleibe hervorgerufen waren. Sein ganz erschöpfter Körper starb langsam. (10, 286 f.) Den 13. Dezember 1769 mitternachts entschlummerte der Dichter.     Mir ist seit langer Zeit bekannt, daß sich in der anatomischen Sammlung in Leipzig befand: »Gellerts Gallenblase, von der Größe einer kleinen Walnuß; durchaus verknöchert.« (Vgl. Wilhelm Horn, Reisen durch Deutschland. Bd. 1. Lpz. 1831. S. 14 ff und Erich Ebstein, Aus Leipzigs med. Vergangenheit, in: Die Leipziger Neunundneunzig. Leipzig 1929. S. 140-144.) Es mußte danach angenommen werden, daß Gellert vielleicht eine Gallenblasenentzündung gehabt haben könnte. Die Suche nach dem vollständigen Sektionsprotokoll war bisher vergebens. Nur ein Teil desselben hat sich erhalten in dem Elogium Gellerti, das der Leipziger Theologe Ernesti 1769 (Lipsiae, Weidmann) herausgegeben hat und das auch in deutscher Sprache (Dem Andenken des Herrn Gellert. Lpz. 1770) erschienen ist. Auf der letzten Seite des lateinischen Exemplars steht die betreffende Stelle, die wohl Ernesti von dem Obduzenten zur Verfügung gestellt wurde. Es heißt dort: »Finem dolorum et vitae fecit inflammatio intestinorum et gangraena die tertia decima Decembris. Triste spectaclum praebuit corporis aperti facies. Ventris imi intestina omnia arctius justo cohaerebant: ileum coecum et colon supra modum expansa et turgida: Colon etiam ex parte callo duratum et valde coarctatum: induratae glandulae et ulcerosae: tunicae utriusque ita expansae et flaccidae ut rupturae fuisse viderentur, nisi mors praevenisset: faeces intus nigrae ab atra bili.« Außer der oben erwähnten Gallenblasenentzündung darf man vielleicht an eine sekundäre Darmtuberkulose denken, wenn man auch von einem krankhaften Lungenbefund nichts hört. Indes muß hier nochmals an Gellerts Blutspeien im Knabenalter und an seine spätere Pleuritis erinnert werden. Auch in dem in Frankfurt a. M. erschienenen Journal vom 1. Januar 1770 (abgedruckt in: Maria Belli-Gontard, Vor mehr als hundert Jahren. Frankfurt. 1870. S. 43) heißt es, daß man von Leipzig schreibt, »daß alles mögliche versucht worden, ihn (Gellert) vom Tod zu retten, allein nicht zu hebende Verstopfungen verursachten innerliche Entzündungen und also den Tod.« In dem Büchlein eines Anonymus »Ueber die Hypochondrie« (Dresden 1777 in der Hilscher'schen Buchhandlung) gedenkt der Verfasser (S. 54 f) auch Gellerts, »eines der größten Hypochondristen« und sagt dann weiter: »Bey ihm fand man in seinen letzten Jahren alle Zufälle gehäuft, die wir bey der Beschreibung der Krankheit einzeln bezeichnet haben. Seine letzte Krankheit, und die nach seinem Tode vorgenommene genaue Section, ließen keinen Zweifel darüber übrig. Seine verfeinerte Empfindung, sein Mißtrauen gegen sich selbst, seine immer fortdauernde Traurigkeit – Zufälle, die man am besten aus seinen freundschaftlichen Briefen ersehen kann – zeigen den veränderten Zustand seiner Seelenkräfte sehr deutlich ... Nicht alle Hypochondristen sind Gellert. Nicht bei allen ist diese Veränderung der Seele und des Leides jener stillen, wohltätigen, zum Guten immer würkenden Disposition meines mir ewig unvergessenen Lehrers ähnlich.« Ein recht gutes Wachsrelief von Carl Leisser zeigt Gellert vor seinen Studenten im Hörsaal. Es läßt sein schmales Gesicht, seine eingefallenen Wangen und eine spitze Nase deutlich erkennen. (Vgl. die Abbildung bei Julius Vogel, Goethes Leipziger Studentenjahre. Leipzig 1909. S. 56.) Matthias Claudius 1740 – 1815 der unter dem Pseudonym Asmus oder »Der Wandsbecker Bote« schrieb, wurde am 15. August 1740 geboren. Sein großes tätiges Leben endigte er im 75. Jahre, am 21. Januar 1815 in Hamburg. Am 21. April 1759 – im Alter von 19 Jahren – wurde er in Jena unter die akademischen Bürger aufgenommen. In dieser Zeit nötigte ihn ein Brustleiden, das mit Blutspeien einherging, sein theologisches Studium mit dem von Jura und Kameralwissenschaften zu vertauschen. (W. Herbst, Matthias Claudius. Gotha 1857. S. 38 und W. Stammler, M. Claudius. Halle 1915. S. 12.) Ob Claudius in der Folge irgend eine Kur gegen sein Lungenleiden durchgemacht hat, ist nicht bekannt. Vielleicht stammt aus dieser Zeit seiner Erkrankung das folgende Gedicht (hg. von Redlich, 13. Aufl. Gotha 1912, S. 294 f): Ein Lied für Schwindsüchtige. Weh mir! Es sitzt mir in der Brust Und drückt und nagt mich sehr; Mein Leben ist mir keine Lust Und keine Freude mehr. Ich bin mir selber nicht mehr gleich, Bin recht ein Bild der Not, Bin Haut und Knochen, blaß und bleich Und huste mich fast tot. Die Luft, drein herrlich von Natur Gott seinen Segen senkt Und daraus alle Kreatur Mit Heil und Leben tränkt, Die ist für mich nicht frei, nicht Heil. Mein Atem geht schwer ein; Ich muß um mein bescheiden Teil Mich martern und kastein. Und doch labt's und erquickt's mich nicht, Macht's mir nicht frischen Sinn; Die Blume, die der Wurm zersticht, Welkt jämmerlich dahin! Auch Schlaf, der alle glücklich macht, Will nicht mein Freund mehr sein Und lasset mich die ganze Nacht Mit meiner Not allein. Die Ärzte tun zwar ihre Pflicht Und pfuschern drum und dran; Allein sie haben leider nicht Das, war mir helfen kann. Mein' Hilf allein bleibt Sarg und Grab. O sängen an der Tür Sie schon und senkten mich hinab! Wie leicht und wohl wär's mir! O sängen doch an meiner Tür, Sie laut: »Ich hab' mein Sach' usw.« Und trügen mich und folgten mir In langer Reihe nach Rund um die Kirch' ans Grab heran Und senkten mich hinein! – Ich lag' und hätte Ruhe dann Und fühlte keine Pein. Doch ich will leiden, bis Gott ruft, Gern leiden bis ans Ziel. Nur deinen Trost! und etwas Luft! Du hast der Luft so viel. Ein gutes Porträt findet sich bei Max Picard, Das Menschengesicht. München 1929, S. 22. Jh. Heinrich Pestalozzi 1746 – 1827 Der berühmte Pädagoge, der am 12. Januar 1746 in Zürich geboren wurde, hat ein Alter von 81 Jahren erreicht. Er starb am 17. Februar 1827 in Brugg. – Sein Vater war Chirurg und Wundarzt und starb im Alter von 33 Jahren (1718–1751). Pestalozzi selbst war ein zartes Kind, ohne in der Jugend eigentlich krank gewesen zu sein. Im Jahre 1767 – 21 Jahre alt – wurde Pestalozzi aber gefährlich krank, so daß die Ärzte ihm rieten, aufs Land zu gehen. (Henning, Pestalozziblätter 6. Jahrg., S. 62 ff, bes. S. 67.) Kurz nach seiner Hochzeit (1770) litt er an Erkältungskrankheiten. Im Januar 1786 bedankt er sich bei dem Arzt J. H. Rahn für ein »Magenpulver«, das er »mit sichtbarem Erfolg« genommen hat. Anfang der neunziger Jahre litt er vorübergehend an psychischen Depressionen. Die Einrichtung und Führung des Waisenhauses in Stanz (Herbst 1798 – Sommer 1799) hatte ihn aufgerieben. Er selbst schreibt darüber (Wie Gertrud ihre Kinder lehrt. 1801): »Ich fand in Gurnigel Tage der Erholung. Ich hatte sie nötig. Es ist ein Wunder, daß ich noch lebe. Aber es war nicht mein Ufer, es war ein Stein im Meere, auf dem ich ruhte, um wieder zu schwimmen. – Ich vergesse diese Tage nicht, solange ich lebe; sie retteten mich, aber ich konnte nicht leben ohne mein Werk; selbst in dem Augenblicke, da ich auf der Gurnigels Höhe das schöne unermeßliche Thal zu meinen Füßen sah – denn ich hatte noch nie eine so weite Aussicht gesehen, dachte ich mehr an das übel unterrichtete Volk, als an die Schönheit der Aussicht. Ich konnte und wollte nicht leben ohne meinen Zweck – ... Man erstaunte, als ich vom Gurnigel mit meinem alten Willen und mit meinem vorigen Zwecke wieder herabkam und nichts anderes wollte und nichts anderes suchte, als den Faden in irgend einem Winkel da wieder anzuknüpfen, wo ich ihn gelassen.« Die Biographen sagen über diesen Aufenthalt (1799), daß Pestalozzi im Gurnigelbade seine durch die Anstrengungen tief erschütterte Gesundheit wiederherstellte. (Escher in Ersch und Gruber, S. 314.) Ebenso wird betont (Allg. D. Biographie. Bd. 25, S. 449/450), daß er im Freundeskreise auf dem Gurnigel Heilung suchte. (Heubaum, Pestalozzi. 3. Aufl. Leipzig 1929. S. 187.) Um welche Erkrankung es sich bei Pestalozzi gehandelt hat, wird nicht gesagt. Nur Wilhelm Schäfer sagt in seinem Roman »Lebenstage eines Menschenfreundes« (1915, S. 262), daß Pestalozzi den Gurnigel als Höhenkurort seiner Lunge wegen aufgesucht habe. Woher er das hat, weiß er nicht mehr anzugeben. Gurnigel im Kanton Bern ist ein altes Bad. Von den beiden Schwefelquellen wird die eine bereits 1561 erwähnt und die zweite 1728 entdeckt. Die alte Badeanstalt wurde 1591, die neue 1825 erbaut. Man brauchte die Quellen u. a. gegen Verdauungsschwäche und Atonie der Brustschleimhaut. Übrigens hat Pestalozzi auf dem Gurnigel den »Brief aus Stanz« geschrieben. Es ergibt sich aus dem ausführlichen Werk von Morf über Pestalozzi (Bd. I, S. 194), daß Pestalozzi damals an »großer Ermattung und Blutspeien« gelitten hat. Es heißt dort: »Seine über alles Maß gehende Anstrengung hatte ihm nicht nur große Ermattung, sondern auch Blutspeien zugezogen. In Bad Gurnigel sucht er und fand er Erfolg. Aber länger duldete es ihn hier nicht.« Gottfried August Bürger 1747 – 1794 Bürger, dessen Lenore ihm Weltruhm verschafft hat, hat nur ein Alter von 47 Jahren erreicht. Er war in der Sylvesternacht 1747/48 in Molmerschwende im Südharz als dritter unter fünf Geschwistern geboren. Er hat in Halle und dann in Göttingen studiert. In Göttingens Nähe wurde er Amtmann, und dort spielte sich sein Liebesglück und Liebesleid ab. Kurz nachdem er nach Göttingen gezogen war, war ihm die erste Frau an Schwindsucht gestorben, bald darauf deren Schwester am Wochenbettfieber. Seitdem war Bürger ein körperlich und seelisch gebrochener Mann. Dazu kam, daß Bürger sich 1790 zu einer dritten Ehe mit dem »Schwabenmädchen« Elise Hahn verleiten ließ. Diese Ehe hat wohl – neben der verletzenden Rezension Schillers über seine Gedichte – sein rasches Ende herbeigeführt. Und so wollen wir uns auf eine kurze Schilderung dieser letzten Krankheitsjahre beschränken. Es mag nur erwähnt werden, daß Bürger in seinem kurzen Leben es mit manchen Ärzten zu tun hatte. Ich nenne hier nur seinen Göttinger Leibarzt Fr. Wilh. Weis, der zugleich der erste Komponist seiner Lieder wurde. Im Sommer 1785 brauchte Bürger in Bad Meinberg und Pyrmont »Brunnen und Bad« und rühmte in ersterem besonders »den medizinischen Adlerblick und die weit kräftigere Hülfe des ehrlichen« Doctor Joh. Chr. Fr. Scherf. (E. Ebstein, Z. f. d. Philologie. Bd. 35. S. 546 bis 547.) Gelegentlich konsultierte Bürger auch andere Ärzte, wie Chr. Ludwig Hofmann in Hofgeismar, dem er das Prädikat schnurrig zulegt (E. Ebstein, Aerzte-Memoiren usw. Berlin 1923. S. 154) und brieflich den Dichterarzt G. A. Gramberg. In den letzten Jahren leitete Ludwig Christoph Althof seine Behandlung, während Joh. Fr. Stromeyer der Arzt seiner Frauen, Dorette und Molly wurde. Bei Bürger überwogen zeitweise hypochondrische Beschwerden, die in starken Depressionen bestanden. Charlotte von Einem bezeichnet Bürger als einen äußerst hypochondrischen und launenhaften, immer exaltierten Menschen, der vom Ausgelassenen ins Düstere und Melancholische übergeht. (E. Buchholz, Der Konrector von Einem und seine Tochter Charlotte. Münden 1899. S. 14.) So schrieb Bürger einmal selbst über sich (Bohtz, Bürgers Werke. Göttingen 1835. S. 441): »Immerwährende Kränklichkeit des Leibes belastet mehr denn allzu oft die natürliche Kraft und Tätigkeit meines Geistes mit so drückenden Fesseln; sie lähmt dergestalt die lebendigsten Springfedern des Herzens: daß bisweilen kein Leben, kein Streben, kein Wunsch mir noch übrig zu sein scheint, als der letzte Wunsch aller Mühebeladenen und Müden, der Wunsch, aus einem beschwerlichen zusammen gepreßten Dasein in die Ruhe des Nichtseyns hinab zu taumeln.« In einer Notiz Joseph Wurzer's aus dem Winter 1792 bis 1793 heißt es von Bürger, daß er »schon damals sehr an der Schwindsucht litt.« Ebenso sah ihn der damals in Göttingen studierende Ludwig Tieck, ebenso Wendeborn, dem die »wenige Heiterkeit« des Dichters auffiel. Im Februar 1794 besuchte Matthison Bürger am Krankenbett. »Er liegt da abgezehrt und toten bleich: nur in seinen blauen Augen glimmt noch ein sterbender Rest jenes Feuers, das in seinen Gesängen sprüht ... Seine Stimmorgane scheinen gänzlich gelähmt und man hat Mühe, seine leisen Laute zu verstehen ... Seine Krankheit ist eigentlich ein hitziges Gallenfieber. Sein Arzt Althof hat indess immer noch gute Hoffnung. Sogar auf dem Krankenbette ist B. immer noch einer der einnehmensten und interessantesten Menschen.« Aber Althof selbst mußte am 5. April 1794 dem Buchhändler Voß gestehen (E. Ebstein. Z. f. Bücherfreunde. 17. Jahrg. 1925. S. 18): »Bürger ist leider noch nicht wiederhergestellt; sondern laborirt an einem schleichenden hektischen Fieber.« Und so schreibt auch Caroline Michaelis am 10. Mai: »Weißt Du, daß Bürger sterben wird – im Elend, in Hunger und Kummer? Er hat die Auszehrung ...« Bürger rafft sich am 22. Mai zu einem letzten Brief an seine Schwester, Frau Pfarrer Oesfeld auf »trotz der großen Beschwerde meiner Brust und meines Unterleibs ... Ich komme aus dieser entsetzlichen Krankheit nicht wieder empor. Freilich ist bis jetzt noch nicht alle Hoffnung verloren; es ist noch möglich, daß ich mich von dieser gänzlichen Atonie und Erschlaffung aller meiner Eingeweide erhole und einen noch zur Zeit nicht hectischen Husten, der keinen Mitteln weichen will, los werde: aber es ist nicht wahrscheinlich. Denn seit 3 Monathen wird mit allen Mitteln, die Natur und Kunst darbieten, vergeblich dagegen gearbeitet. Es wird nicht besser, vielmehr bisweilen schlimmer. Dieser jetzt blos noch latente Zustand muß notwendig in nicht langer Zeit in einen hectischen übergehen und dann rechne ich darauf, daß ich ungefähr mit dem Herbstlaube abfallen werde, wozu ich sehr ruhig und gefaßt bin... Liebe Seele, vielleicht sind dies die letzten Zeilen, die meine Hand an dich richtet. Denn wahrscheinlich wird mir das Schreiben immer saurer und unmöglicher werden... Herzlich umarme ich deinen theuren, lieben Mann, das wird ihm nichts schaden, denn es geschieht ja im Geiste und noch habe ich auch keine Hectik. Sage ihm, ich werde an einer sogenannten Phthisi pituitosa sterben. Ist es nicht sonderbar, daß ich mich aus dem Rachen der beiden hitzigen Krankheiten, der Leberentzündung und dem Gallen- und Schleimfieber loßreißen mußte, um nun der chronischen, die freilich größeren Spielraum gewonnen, zu unterliegen? Ich kann nicht weiter schreiben. Gott segne und lohne Euch allzusammen. Dein getreuer, liebender Bruder bis in den Tod. Bürger.« Wie das Kirchenbuch in Göttingen St. Johannis ausweist, starb »Prof. Bürger hierselbst und berühmter Dichter« »an der Hectik den 8. Juni«. Er wurde am 12. Juni auf dem Friedhof vor dem Weendertor begraben. Als Lichtenberg von seinem nahen Gartenhause »den Leichenwagen mit einer Art von Anlauf durch das Kirchhof-Thor rollen sah: so hätte nicht viel gefehlt, ich hätte laut ausgeweint. Das Abnehmen vom Wagen konnte ich unmöglich mit ansehen, und ich mußte mich entfernen..« Lichtenbergs Freund, »unser armer, unglückseliger, leichtsinniger, braver, vortrefflicher Bürger, der Dichter« war in die Ewigkeit gegangen. Und Goethe weihte dem Jugendfreunde, mit dem er eine Strecke Wegs zusammen gegangen, folgende Worte der Erinnerung in den »Sprüchen in Prosa«: »Es ist traurig anzusehen, wie ein außerordentlicher Mensch sich gar oft mit sich selbst, seinen Umständen, seiner Zeit herumwürgt, ohne auf einen grünen Zweig zu kommen. Trauriges Beispiel Bürger .« Nach den uns vorliegenden Berichten werden wir sagen müssen, daß Bürger an einer ziemlich rasch verlaufenden Lungenschwindsucht, zu der sich noch Kehlkopfschwindsucht gesellte, gestorben ist. L. Chr. Hölty 1748 – 1776 Seiner körperlichen Beschaffenheit nach war Hölty von mittlerer Statur. Ehe er als Knabe die Blattern durchmachte, galt er als schön. Sein Gang war schleichend und träge, und den Kopf pflegte er kränklich etwas vorzuhängen. Sein Haupthaar war licht, das Barthaar aber rötlich. Sein Gesicht färbte immer kränkliche Blässe, und sein Äußeres war etwas vernachlässigt. (Nach den Schattenrissen edler Teutschen 1784; W. Michael, Höltys Werke II , 216.) Auch hatten seine Augen durch die Blatternerkrankung gelitten. Dein eherner Fußtritt hallte mir oft, o Tod, In meiner Kindheit werdenden Dämmerung, Und manche Mutterträne rann mir Auf die verblühende Kinderwange. Als Göttinger Studenten schildert ihn Voß mit den Worten: »Stark von Wuchs, niedergebückt, unbehilflich, von trägem Gange, blaß wie der Tod, stumm und unbekümmert um seine Gesellschaft.« Am 24. Februar 1775 meldet Hölty zum ersten Mal seiner Freundin Charlotte von Einem aus Göttingen: »Ich befinde mich garnicht wohl; fühle Schmerzen in der Brust, und muß alle Morgen Blut und Eiter auswerfen. Richter schüttelte den Kopf, als ich ihm die Sache erzählte, und sagte, es sei gefährlicher als Voßens Zufall. Er hat mir Arzney verschrieben, und Fleisch und Wein verboten. Studiren soll ich auch nicht viel; es ist ein Glück, daß er mir auch das Versemachen nicht verboten hat. Ich muß nun erwarten, was aus dem Zufalle wird. Doch nichts soll mir ängstliche Sorgen machen, selbst der Tod nicht. Ich gehe aus der Welt, wie ich über Feld gehe .« (Steinberger, Aus dem Nachlaß Charlottens von Einem. Göttingen 1923. S. 31.) Zur Beruhigung schreibt Hölty weiter (ebenda S. 32), daß das Blut nur aus einem Brustgeschwür, aber nicht aus der Lunge zu kommen scheine. Ende März meldet Hölty, daß er sich ein halbes Pfund Blut habe abzapfen lassen. Im April 1775 hat er 3 Wochen Selzerbrunnen mit Ziegenmilch getrunken, und danach brauchte er China. Hölty bemerkt, daß sich dadurch der Schleim zwar etwas gelöst habe, aber daß er jeden Morgen noch Blut auswerfe. Ende des Monats scheint sich der Zustand etwas gebessert zu haben, und er läßt Voßens Arzt in Wandsbeck, den Dr. Hensler, fragen, ob er im Sommer wieder den Brunnen trinken soll, da er in Mariensee bei Hannover keinen Arzt in der Nähe habe. Deshalb sucht er in Hannover gleich den Rat Zimmermanns, weil er wieder alle Morgen Blut auswirft, »das wie Eiter aus Geschwüren aussieht«. Zimmermann schrieb im Januar 1776 an Lavater über Hölty (E. Ebstein, Ärzte-Briefe usw. S. 30): »Am Anfang des letzten Jahres schien er ein Opfer der Schwindsucht werden zu wollen; ich half ihm durch malgré lui, denn er spie Blut die Menge, hatte die heftigsten Brustschmerzen und beständiges Fieber, ohne sich dadurch einen Augenblick in seiner göttlichen Seelenruhe stören zu lassen.« Über die Kur, die Zimmermann seinem Patienten angeordnet hat, erfahren wir unter dem 5. Mai 1775: »Der Leibmedikus Zimmermann hat mir eine langwierige Kur verordnet, und eine noch strengere Diät, als ich in Göttingen beobachten mußte. Vorgestern habe ich mich nach seiner Vorschrift zur Ader gelassen, und ich soll die Aderlässe oft wiederholen. Vielleicht, hat Zimmermann Leisewitzen gesagt, könnt' ich noch vor der Schwindsucht gerettet werden, wenn ich die verordneten Arzneien gebrauchte, und die vorgeschriebene Diät befolgte. Du siehst also, wie gefährlich meine Krankheit ist, und auf welch einem schmalen Scheidewege zwischen Leben und Tod ich wandle. So wenig ich mich auch vor dem Tode fürchte, so gern lebt' ich doch noch gern ein Paar Olympiaden, um mit Euch Freunden mich des Lebens zu freuen, um nicht unerhöht mit der großen Flut hinunterzufließen. Doch Gottes Wille geschehe!« Diese Gedanken hat der Dichter in folgende Verse gegossen: O wunderschön ist Gottes Erde Und wert darauf vergnügt zu sein! Drum will ich, bis ich Asche werde, Mich dieser schönen Erde freun! Hölty erholt sich soweit, daß er einen lang ersehnten Herzenswunsch erfüllen kann: er reist nach Hamburg und verlebt mit Klopstock, Voß und Matthias Claudius die acht reichsten Tage seines Lebens. Hölty trägt sich immer wieder mit dem Gedanken, in Wandsbeck ein Zimmer zu mieten und mit Voß und Claudius das Idyll des ländlichen Lebens zu teilen. Alle drei hatten ja dieselben Krankheitszustände durchgemacht. Aber Hölty wurde durch den Fortschritt der Lungenkrankheit in Hannover zurückgehalten, und Zimmermann rät von jeder Reise ab. »Wenn es so mit der Krankheit fortgeht«, meint Hölty, »so möchten vielleicht meine künftigen Verse etwas nach dem Gellert schmecken.« Wie ich gezeigt habe, verbarg sich unter Gellerts Hypochondrie ebenfalls eine Lungenschwindsucht. Da Hölty die Wandsbecker Luft versagt blieb, genoß er die Landluft von Mariensee, wo er noch die letzten sterbenden Schläge der Nachtigall hörte. Nebenher brauchte er Molken und Spiritus Vitrioli. »Wenn ich jetzt meine Gesundheit durch eine anhaltende Kur, durch Landluft und Bewegungen nicht befestige, so fällt sie ganz über den Haufen.« Nach Hannover zurückgekehrt, wurden die Leiden immer schlimmer. Als Hölty Zimmermann holen ließ, fand dieser seinen Zustand hoffnungslos. Dem Freunde Boie reichte er noch die Hand, wollte reden, war aber dazu nicht mehr instande, legte seinen Kopf in seinen Arm und verschied, 28 Jahre alt. Der Dichter hatte seine Mutter verloren, als er kaum sieben Jahre alt war. Es steht im Kirchenbuch zu Mariensee bei Hannover, Höltys Heimat, daß sie im Alter von 32½Jahr am 7. Februar 1756 »an der Schwindsucht verstorben ist.« (Vgl. K. Westerhausen, In Höltys Heimat, in: Die Spinnstube 1929, Nr. 8. S. 117.) Durch seine Geburt wurde der Mutter Krankheit verschlimmert, und sie selbst hat ihrem Kinde die Krankheit mitgegeben. Johann Wolfgang Goethe 1749 – 1832 Über Goethes Krankheiten in seinem langen Leben ist viel geschrieben worden. Die Frage: »An welcher Krankheit starb Goethe?« habe ich in Bd. 1 des Jahrbuchs der Sammlung Kippenberg (Leipzig 1921, S. 313-320) beantwortet. Besonders viel Federn hat des jungen Goethe schwere Krankheit in Leipzig (1768) in Bewegung gesetzt. Ich erinnere nur an die Pathographie von Möbius, an B. Fränkel's Studie (1910) und an die von Friedrich Schultze (1915), die sich alle für eine tuberkulöse Erkrankung Goethes entscheiden. Wilhelm Alexander Freunds Arbeit (Münch. med. Wochenschr. 1898 Nr. 48), neigte zu der Ansicht, daß die Leipziger Krankheit syphilitischer Natur gewesen sei. Er hat sie noch kurz vor seinem Tode in den »Allotria eines alten Mediziners usw.« Berlin (Jul. Springer) 1917, einer Abhandlung, die nicht in den Buchhandel kam, mit neuen Dokumenten verfochten. H. Kirstein (Allg. med. Centralzeitung 1898. S. 1209) trat mit Möbius der Freundschen Annahme entgegen, der sich B. Fränkel mit seiner kritischen Schrift anschloß, ebenso wie Fr. Schultze. Im Jahre 1919 schrieb H. Schelenz (Berliner klin. Wochenschr. Nr. 11) »Nochmals Goethe's Krankheit«, der (ebenda Nr. 45) eine Erwiderung von Hansen folgte. Schelenz kam zu dem Schluß: »Bündig dürfte die Frage kaum je beantwortet werden.« Bereits im Jahre 1904 (Baltische Monatsschrift Heft 4) hat Emil Rathlef – ein Nichtmediziner – ebenfalls den Nachweis einer tuberkulösen Erkrankung in Leipzig geführt und er sieht in Goethe einen »bei günstigem Verlauf der Krankheit fast gänzlich geheilten Tuberkulösen.« Rathlef nimmt dann weiter an, daß der damals verheilte Lungenherd auch den Altersblutsturz im September 1830 veranlaßt habe. Man kann aber deshalb nicht Goethe für sein ganzes Leben als Phthisiker betrachten. Denn jeder große Denker und Dichter trägt den Keim des Todes in sich, wie alle anderen Sterblichen. Als Goethe am 26. September 1830, zwei Tage, nachdem ihm der Tod seines Sohnes August gemeldet war, einen heftigen Blutsturz bekam, nannte ihn Goethes Arzt, Vogel, eine Lungenblutung und sprach sich darüber so aus: »Bei der Lungenblutung war der Puls weniger frequent (50), das erstickende, stromweise aus den geborstenen bedeutenden Blutgefäßen durch den Mund fließende Blut hatte ein tiefes und weites Waschbecken ausgefüllt.« Damals verordnete Vogel einen Aderlaß, durch den er dem 80jährigen Manne 2 Pfund Blut entzog. Goethe erholte sich danach schnell. Eine neue Notiz Goethes über seine Leipziger Erkrankung finde ich in den von Paul Zimmermann herausgegebenen Briefen Goethes an E. Th. Langer, die 1922 in Wolfenbüttel erschienen. Dort ist der erste Brief Goethes abgedruckt, den er nach seiner Rückkehr aus Leipzig – im Elternhause in Frankfurt – an Freund Langer geschrieben hat. Da heißt es: »Die Nachricht, daß meine Reise ruhig und glücklich abgelaufen, und daß mein Medicus hier, meinen Zufall nicht sowohl aus einem Schaden aus der Lunge als einer Beschädigung der Luftröhre herleitet, wird allen, die mich lieben, angenehm sein ...« Der in Leipzig zur ersten Hilfe hinzugezogene Arzt Dr. G. Chr. Reichel (1717–1771), in dessen Hause Goethe wohnte, war Prof. der Medizin in Leipzig und war damals 51 Jahre alt. Man konnte ihm daher wohl Erfahrung zutrauen. Reichel hatte den Blutsturz für den Beginn von Lungenschwindsucht gehalten. Daher schrieb Goethe an Chr. G. Schönkopf: »Ich befinde mich so gut als ein Mensch, der in Zweifel steht, ob er die Lungensucht hat oder nicht, sich befinden kann; doch geht es besser, ich nehme an Backen wieder zu.« Fast interessanter und schwieriger in der Deutung erscheint mir Goethes Erkrankung in Frankfurt, vielleicht eine Störung der Darmtätigkeit, auf die hier nicht näher eingegangen werden kann. Wie unkritisch auch bei der Beantwortung dieser Frage vorgegangen wurde, zeigt Hermann Türcks Annahme, daß Goethe Liquor Silicum (Kieselsaft) eingenommen habe und als Medizin gebraucht hätte. Davon steht in Dichtung und Wahrheit (II, 8) kein Wort. Türcks Annahme, daß »Goethes Kur der Tuberkulose mittelst Kieselsäure uns den Dichterfürsten gerettet hat«, entbehrt also jeglicher Berechtigung. Ich habe mich gegen diese »arzneiliche Goethe-Legende« in der Z. f. med. Chemie 1926. Nr. 8. S. 63 ausgesprochen. Zum Schluß werden wir uns, wie es Fränkel in musterhafter Weise getan hat, die Frage vorlegen, was Goethe etwa getan hat, um der Gefahr eines Fortschreitens der Lungenschwindsucht vorzubeugen. Wir wissen, daß Goethe soviel als irgend möglich im Freien lebte und soviel körperliche Übungen trieb, wie die Zeit irgend erlaubte. So wechselten 1777 Tanzen, Reiten, Wandern, Fischen, Jagen, Scheibenschießen, Baden, Eislauf, Schlittenfahren, Fechten, Kegeln nach der Jahreszeit miteinander ab. Damals bekam Goethes Gartenhaus einen neuen Altan, der aber nur noch auf älteren Abbildungen zu erkennen ist. Dort konnte er im Freien schlafen – und er tat es auch. Sonst im Altanstübchen bei geöffneter Türe. Vielleicht haben diese Abhärtungsmethoden, die heut noch mit zu den Grundzügen der modernen Phthiseotherapie gehören, dazu beigetragen, Goethes kostbares Leben zu verlängern. (Vgl. auch Gerber. Nochmals Goethes Leipziger Krankheit. Berl. Hin. Wochenschr. 1910. S. 1482 und H. Porzgen, Die Tuberkulose Johann Wolf gang Goethes. In: Auf dem Liegestuhl. Nr. 4, 1929, S. 70 f.) Corona Schroeter 1751 – 1802 Corona Schroeter wurde als die älteste Tochter eines unbemittelten sächsischen Musikus am 14. Januar 1751 zu Guben geboren. Von ihrem Vater vorgebildet, erhielt sie unter Hiller in Leipzig ihre musikalische Ausbildung und der Zauber ihres Wesens entzückte den jungen Studenten Goethe. Als er in Weimar war, gewann er die junge Künstlerin für die dortige Bühne. U. a. hat sie sich als Iphigenie ausgezeichnet. Über Goethes Liebe zu ihr unterrichtet Felix A. Theilhaber (Goethe. Sexus und Eros. Berlin-Grunewald 1929. S. 135 ff). Riemer spricht einmal von dem »freundschaftlichen Verhältnis zu Frau von Stein und dem mehr leidenschaftlichen zu Corona Schroeter«. (Riemer, Mitteilungen über Goethe. Leipzig 1921. S. 396.) »Marmorschön, doch marmorkalt«, nannte sie Karl August. Als im Jahre 1782 Goethe das Andenken des Theatermeisters Mieding durch ein Gedicht ehrt, läßt er die schöne Künstlerin an das offene Grab treten und dem Geschiedenen das Abschiedswort zurufen: »Als eine Blume zeigt sie sich der Welt: Zum Muster wuchs das schöne Bild empor, Vollendet nun, sie ist's und stellt es vor Es gönnten ihr die Musen jede Gunst, Und die Natur erschuf in ihr die Kunst. So häuft sie willig jeden Reiz auf sich, Und selbst dein Name ziert, Corona, dich. Sie tritt herbei. Seht sie gefällig stehn! Nur absichtslos, doch wie mit Absicht schön. Und hoch erstaunt, seht ihr in ihr vereint Ein Ideal, das Künstlern nur erscheint.« Übrigens mag hier erwähnt werden, daß Mieding im Alter von 57 Jahren hustend und frierend an der Auszehrung gestorben war. (Ebstein, in Bd. 3 des Jahrbuchs der Sammlung Kippenberg, S. 107 ff.) Zu ihren Verehrern hatte außer Johann Friedrich Reichardt auch Johann Gottfried Körner gehört. Im August 1787 lernte sie auch Schiller in Weimar kennen und schreibt darüber an Körner: »Dieser Tage hatte ich auch Gelegenheit Mlle. Schroeter kennen zu lernen. Ich traf sie von ungefähr beim Kammerherrn von Einsiedel. Die Figur und die Trümmer ihres Gesichts rechtfertigen Deine Verplemperung. Sie muß in der Tat schön gewesen sein, denn vierzig Jahr haben sie noch nicht ganz verwüsten können.« (Düntzer, Charlotte von Stein und Corona Schroeter. Stuttgart 1876, S. 278.) Im folgenden Jahre wollte sie zur Kur nach Karlsbad, aus der aber nichts wurde. Ende der neunziger Jahre trat die Erkrankung ernstlich auf. Die frische Gebirgsluft des Thüringerwaldes sollte ihrer kranken Brust Stärkung und Genesung zurückgeben. Sie siedelte daher nach Ilmemiu über, wo sie ihre Sommer zuzubringen pflegte. Dort ist sie auch an der »Auszehrung« gestorben und begraben. Die warme Verehrung der jugendlichen Prinzessin Caroline und Knebels Fürsorge stifteten auf ihrem Grab ein sinnig bescheidenes Denkmal. (A. Sauer, Frauenbilder. Leipzig 1885. S. 45.) Sie starb am 23. August 1802, 51 Jahre alt. Ihr Arzt war Dr. Schlegel. (R. Keil, Corona Schroeter. Leipzig 1875. S. 287f.) Goethe erwähnt Corona in den Annalen: »Indes auf unserer Bühne in jugendlich lebendiger Tätigkeit fortblühte, ereignete sich ein Todesfall, dessen zu erwähnen ich für Pflicht halte. Corona Schroeter starb, und da ich mich gerade nicht in der Verfassung fühlte, ihr ein wohlverdientes Denkmal zu widmen, so schien es mir angenehm wunderbar, daß ich vor soviel Jahren ein Andenken stiftete.« Johann Heinrich Voß 1751 – 1826 Heinrich Heine sagt in seinem heute noch lesenswerten Buche über: »Die romantische Schule. Hamburg 1836« von J. H. Voß: »Die Biographie des Mannes ist fast die aller deutschen Schriftsteller der alten Schule. Er wurde geboren am 20. Februar 1751, im Mecklenburgischen, von armen Eltern, studierte Theologie, vernachlässigte sie, als er die Poesie und die Griechen kennen lernte, beschäftigte sich ernsthaft mit diesen beiden, gab Unterricht, um nicht zu verhungern, wurde Schulmeister zu Otterndorf im Lande Hadeln, übersetzte die Alten und lebte arm, frugal und arbeitsam bis in sein fünfundsiebenzigstes Jahr.« 23 Jahre alt – im Mai 1774 – meldet Voß an Brückner: »Kaum hatte ich fünf Züge (an einer Pfeife Tabak) getan, so röchelte mir's in der Brust und gleich darauf spie ich Blut. Ich ließ mich des andern Tags zur Ader, und der Doctor (in Flensburg) versicherte mir, es hätte weiter nichts zu bedeuten. Allein des Abends stellte sich das Blutspeien von neuem ein, und weit stärker als vorher. In der Nacht hatt' ich's noch zweimal, und des Morgens wieder. Ich ward hierauf von neuem zur Ader gelassen, und verlor so viel Blut, daß ich von einer Ohnmacht in die andere sank, und man an meinem Leben verzweifelte. Gegen Abend war mein wenig übriges Blut in so starker Wallung, daß der Arzt wie ich hernach erfahren, einen Blutsturz befürchtete, der mich ohne alle Rettung würde getötet haben. Allein das verhütete Gott, und seit der Zeit bessere ich mich mit jedem Tage... Die Ursache von meiner Krankheit soll Vollblütigkeit und zu große Verdünnung des Bluts sein. Vollblütigkeit befürchtete ich nun garnicht, da ich mich nicht lange vor meiner Reise erst zur Ader gelassen...« (Briefe von Voß. Halberstadt 1829. B. 1,S. 163 f.) Im Juni hatte sich Voß in die Behandlung des Dr. Hensler begeben, der ihm von neuem Medizin gab und eine strenge Diät vorschrieb, »wobei er mir eine vollkommene Gesundheit zu verschaffen verspricht. Mein Übel soll vom Hypochonder kommen, ungeachtet ich von keinem Hypochonder gewußt. Etwas vom Stiche, der jedoch nur beginnender Schmerz ist, fühl' ich zu Zeiten in der Brust, und kann nur sehr langsam gehen ... Ich sehe meine Krankheit als eine Schickung Gottes an, die zu meinem Besten dient. Mein Gewissen ist frei, daß ich sie mir nicht zugezogen habe, und soll auch wegen der künftigen Schonung frei bleiben. Auch D. Mumsen macht mir die beste Hoffnung, wenn ich mich schonen werde ... (I, 167 f.) Die Reise von Hamburg nach Göttingen, wo er Ende Juni eintraf, ist ein wenig zu heftig für seine Lunge gewesen. »Auf Anraten Henslers hab ich mich Prof. Richtern anvertraut. Ich bin die vorige Woche zweimal zur Ader gelassen, und jetzo scheints, daß mein Blut anfängt ruhig zu werden. Herzklopfen und Engbrüstigkeit, bisweilen ein Stich in der rechten Brust war das einzige, was mich seit dem Blutspeien beunruhigte. Alle machen mir Hoffnung, daß auch dieses werde bald gehoben werden. Heute habe ich den Selterser Brunnen angefangen, und darf noch wenig lesen und schreiben ... (1,170.) Am 11. Juli muß Voß allerdings wieder berichten: »Mit mir ist es noch nicht so ganz richtig. Ich speie noch alle Morgen etwas rötliches aus, was Richter für Schleim hält, das mit Blut aus der Leber vermischt ist, denn meine Leber soll verstopft sein. Erich Ebstein, Leber- und Lungenblutungen, in: Die Tuberkulose. 1930, Nr. 5. S. 105. Ich habe in Ankershagen einmal nach einer starken Ärgerniß ein Fieber bekommen, wobei das Weiße in den Augen gelblich ward. Seit der Zeit habe ich des Morgens beständig immer einen bitteren Geschmack gehabt, und auch oft mehr oder weniger rötlichen Schleim aufgebracht. Ich habe nach der Zeit weniger darauf geachtet, weil ich mich sonst recht gut befand. Richter findet hier die erste Spur meiner Krankheit. Ich gebrauche noch den Brunnen und hoffe gute Wirkung. Mit meiner völligen Genesung kann es immer noch bis Michaelis dauern...« (1,172.) Im November fühlt sich Voß schon so stark, daß er von Göttingen nach Münden reisen und »eine halbe Meile von der Stadt, und ziemlich stark« gehen kann. Mit Voßens Genesung kehrte die Muse aufs Neue ein; die Schwermut, die auf ihm gelastet, wich und er schaute hoffend auf das, was kommen sollte. Es war die Zeit des glücklichen Bräutigams. Seit dieser Zeit ist Voß von Lungenkrankheit frei geblieben und stets tätig gewesen in Wandsbeck, Otterndorf und Eutin. Von hier zog er – reizbar und überarbeitet – erst nach Jena in Ruhestand, siedelte 1805 nach Heidelberg über, wo er nach kurzer Krankheit sein Leben beschloß. Der 29. März 1826 war Voßens Todestag. Am 28. April 1826 schrieb der Arzt Wedekind aus Auerbach (ungedruckt in meinem Besitz): »Wer war den Voßens Arzt? – Im Anfang Februar war bereits das Dasein eines organischen Fehlers im Herzen anzunehmen; in solchen Fällen müssen Arzt und Patient selbst alles anwenden, um einen auch unbedeutend scheinenden Brustkatarrh schleunigst zu beseitigen. Mit der Verknöcherung im Herzen hätte vielleicht Voß noch eine gute Weile leben können. Haec inter nos.« In der Todesanzeige der Familie (Paulus, Lebens- und Todeskunden über Voß, Heidelberg 1826. S. 3 f) wird gesagt, daß den Dichter »eine kurze, nicht schmerzhafte Krankheit« in dem »Augenblick, wo er mit einem plötzlichen Ach! nach dem Herzen griff«, fortgenommen hat. (Ebenda S. 43.) In dem Abriß seines Lebens (Paulus S. 16 u. 39) betont Voß, daß er von der oben beschriebenen »Brustkrankheit« durch »Wandsbeckländliche Luft« und Henslers Rat geheilt sei. Diesem seinem Arzte hat er aus Dankbarkeit eine tiefgedachte Ode gewidmet (Gedichte, Auswahl letzter Hand Bd. III, 78), in der er singt: »Du, der mir zweimal Leben aus Tod erschuf, Durch Heilungsbalsam, einst der bethränten Braut, Und jüngst der schon trostlosen Gattin, Ach! den verwaisenden Tag entfernend, Mein Hensler! kundig alter Belehrungen, Durch eigene Forschung kundiger, rasch von Blick, Stets wolkenlos zu Scherz und Liedern, Aber gefaßt, wenn es gilt, und mannhaft ...« Philipp Gabriel Hensler (1733-1805), dessen Lebensarbeit H. Rohlfs (Die med. Klassiker Deutschlands. 1. Abt. Stuttgart 1875. S. 176-247) am ausführlichsten gewürdigt hat, zählte während seiner Hamburger Zeit zu seinen Freunden u. a. Busch, Campe, Klopstock, Reimarus, Voß, Schönborn, Sturz, Basedow, Lessing, die Brüder Stolberg usw. Noch 1799 hatte Voß (Gedichte III, 282. Königsberg 1802) eine Ode »Der Gesunde« gedichtet, die so anhebt: »Gesund an Leib und Seele sein, Das ist der Quell des Lebens. Er strömet Lust durch Mark und Bein, Die Lust des tapfern Strebens. Was man mit frischem Herzensblut Und keckem Wohlbehagen tut, Das tut man nicht vergebens.« Aloys Blumauer 1755 – 1798 Blumauer, der durch seine travestierte Aeneide bekannt geworden ist, wurde am 21. Dezember 1755 zu Steier in Oberösterreich geboren. Erst für den geistlichen Stand bestimmt, wurde er dem Orden der Jesuiten in Wien übergeben (1772). Als der Orden aufgehoben wurde, mußte sich Blumauer durch Privatunterricht ernähren. Später erhielt er durch Kaiser Joseph II. die Stelle eines Hof Zensors, die er niederlegte, als er 1793 eine Buchhandlung übernahm. Im Jahre 1785 war Blumauer durch eine Wassersucht »aufs äußerste gebracht«. In dieser Krankheit behandelte ihn der Wiener Kliniker Maximilian Stoll (1742-1787), an den er voll Dank ein Gedicht richtete. (Erich Ebstein, Ein vergessenes Gedicht Blumauers an Stoll, in Janus. Sept. 1907.) Es existiert noch ein zweites Gedicht: »Mein Dank an Stoll« überschrieben, in dem er nicht nur Stoll, sondern den Edlen dankt, deren Freundeshand ihn dem gewissen nahen Tod entwand. Gemeint sind die Ärzte Hunczowsky, Karl von Mertens und Jacob Reinlein, denen er öffentlich seinen Dank ausspricht. (Ges. Werke. Bd. 3, 1841. S. 48 bis 50.) Wir wissen nur, daß es sich bei Blumauer um ein schweres Leiden gehandelt hat. (Fossel, Studien zur Geschichte der Medizin. Stuttgart 1909. S. 161.) Nach P. v. Hofmann-Wellenhof (S. 16) war es Wassersucht. Auf dem ihn darstellenden Stich (Kürschners Nat. Litt. Bd. 73. S. 298) sowie auf einem Schattenriß (bei Könnecke S. 117) erscheint Blumauer elend aussehend und hager, sehr gelb. Er litt oft an den Augen. (Ersch u. Gruber 1, 49 f.) Als Blumauer am 16. März 1 798 an Lungensucht gestorben war, wurde ihm von einem Witzling eine Grabschrift verfertigt, die in Akrostichen von A bis Z ausgeführt war. Sie ist bei Jördens, Lexicon, Bd. 1. S. 99 wiedergegeben. Die Inschrift charakterisiert ihn als Epicuräer, Hagestolz und Pfaffenfeind. Außerdem heißt es dort, daß Blumauer xerophthalmisch war d. h. an einer Vertrocknung der Lidränder litt, sodaß die Lider ihm zusammenklebten. Außerdem deutet der Ausdruck »Ybischartig« auf Blumauers Hagerkeit. (Vgl. P. v. Hofmann-Wellenhof, Biographie Blumauers. Wien 1885, S. 16 ff.) Blumauers Handschrift wird gedeutet: »Aufgesprungene splitterige Buchstaben, eckig, sarkastisch, mit hinaufgezogenen Mundwinkeln.« (Ad. Henze, Handschriften der deutschen Dichter usw. Leipzig 1855. S. 13.) Wenn wir auch über den Verlauf der Erkrankung Blumauers nur wenig wissen, so ist mit der Möglichkeit zu rechnen, daß er eine Bauchfelltuberkulose hatte (vielleicht kompliziert mit Lebercirrhose) und daß er an Lungensucht gestorben ist. (Grisebach, Ges. Studien. Leipzig 1884. S. 209.) Karl Philipp Moritz 1757 – 1793 Auf die vergessene Pathographie von Marcus Herz über Karl Philipp Moritz – in Hufelands Journal Bd. 5, 1 798, S. 259–339 – habe ich vor kurzem hingewiesen. (E. Ebstein, Z. f. d. ges. Neurologie usw. Bd. 117. S. 513–515.) Herz erzählt, daß Moritz von seiner Reise nach England – im Jahre 1782 – »eine mit einem kurzen Husten verbundene Engbrüstigkeit« mitbrachte. Der Arzt machte ihm Vorstellungen und Vorstellungen, daß Moritz sich zu einer förmlichen Kur entschließen solle. Aber Moritz wollte keine Arzneien nehmen, und vor einem Aderlaß hatte er eine »wirkliche Furcht«. »Nächst dem Gange mit offener Brust und dem kalten Baden gehörte zu den Affectionen des damals grassierenden Geniewesens, an welchem Moritz nicht wenig litt, auch der Abscheu vor dieser blutigen Operation«. Kurz danach fand Herz den Kranken gleich einer Leiche nach einem der heftigsten Bluthusten auf Stühlen liegend vor. Die verordnete Ruhe hielt Moritz nicht ein. Daher setzten wieder heftiges Fieber und starker Husten ein. Herz nannte ihn »einen Schwindsüchtigen im ansehnlichen Grade.« »Das schlimmste unter seinen Zufällen war die stürmische Unruhe in seiner Seele, eine Folge seiner übertriebenen Furcht vor dem Tode.« Da Moritz den Anordnungen auch weiterhin nicht folgte, verschlimmerte sich sein Brustübel; der Auswurf wurde eitrig und häufig, das Fieber heftiger und anhaltender. »Mit dieser Verschlimmerung wuchs immer das Toben in seiner Seele.« Moritz erlag – 16 Jahre später – am 26. Juni 1793 einem erneuten Blutsturz. Nach seinem Tode erschien in Schlichtegrolls Nekrolog 1793, 4. Jg., 2. Bd., S. 169–276 eine ausführliche Würdigung, die, wie aus dem Nachtrag (ebenda Supplementband, 2. Abt., Gotha 1798, S. 182–218) hervorgeht, von Lenz verfaßt war. Dort findet sich übrigens (S. 200 bis 217) auch ein Abdruck der Moritzschen Krankengeschichte, und ihm folgt ein Passus, der darum besonders interessant ist, weil er zeigt, wie ein zeitgenössischer Arzt sich über die Herzsche Pathographie ausspricht. Es heißt dort: »Ein Arzt, den wir über dieses ingeniöse Verfahren des Prof. Herz zu befragen Gelegenheit hatten, wollte in dieser Krankengeschichte für die Arzneywissenschaft nicht so viel Wichtiges und Neues finden, als sie uns Aufklärung über Moritz zu geben schien. Er sagte: Das eigentliche Brustübel, woran Moritz litt, sey garnicht bestimmt, die Arzneymittel, welche M. genommen habe, wären gar nicht angezeigt worden. So bedenklich, als es nach einigen angeführten Symptomen scheinen könne, müsse die Krankheit nicht gewesen seyn, weil sonst Herz nicht so gewiß hätte die Heilung erwarten können, da bey chronischen Brustübeln die Kunst gar wenig auszurichten vermöge. Überdies habe das ausgesprochene Todesurteil nur ein Hindernis der Heilung gehoben, sie nicht selbst bewirkt, für die Hülfsmittel nur empfänglich gemacht usw. Die Situation, in der Moritz war, sey gar nicht so selten; denn wie oft fühlte der Kranke sich in Gefahr, während der Arzt entweder die Krankheit nicht fürchtet oder seinen Mitteln gegen sie alles zutraut. Daß dieses Schwanken des Gemüthes sich bey M. so nachtheilig bewies, sey ihm unerklärlich – und er sey geneigt, die Erklärung anzunehmen, daß M., der nur ein Phantasiemensch war, habe einen besonderen Reiz darinn gefunden, von dem Arzt förmlich aufgegeben worden zu seyn, seinen frühen unvermeidlichen Tod selbst bemitleiden und von der Vorbereitung sprechen zu können, weise zu sterben, ein Gedanke, der, wie aus allem erhellt, ihn sehr frappirt habe. Dieser Reiz habe die Todesgefahr selbst in Schatten gestellt. – Was unser skeptischer Arzt noch über die Unwahrscheinlichkeit äußerte, daß ganz so gesprochen worden sey, als der beredte Dialog Herzens aussagt, über den Mißbrauch, welchen Ärzte mit Erregung und Künstelung von Leidenschaften auf Veranlassung einer so großen Autorität treiben könnten usw., gehört nicht hierher.« August Wilhelm Iffland 1759 – 1814 Über Iffland's, des großen Schauspielers der klassischen Epoche, Krankheit und Tod habe ich schon 1920 in Bd. 44 der Beiträge zur Klinik der Tuberkulose S. 291–296 gehandelt. Danach erlag Iffland, der, wie sein Arzt Formey bezeugt, von Natur einen robusten Körper hatte, noch nicht 56 Jahre alt, einem »der langwierigsten, martervollsten Übel, der Brustwassersucht, als Folge einer Verderbnis des rechten Lungenflügels.« Im Herbst 1811, als Iffland 52 Jahre alt war, eröffnete ein Blutauswurf das Krankheitsbild. Es bestanden abendliche Temperaturen, dabei verstärkter Husten, verbunden mit Heiserkeit. In diesem Zustand hatte es sich Iffland nicht nehmen lassen, vom 4. August bis 4. September zwanzig Rollen zu spielen und 140 Meilen zurückzulegen. Die Heiserkeit bekämpfte Iffland »durch mancherlei nicht immer zweckmäßige Mittel.« Indes hörte der Husten »mit einem verdächtigen Auswurfe, weder damals, noch je wieder gänzlich auf.« Bereits Ende Dezember 1812 war Iffland abgemagert und gewaltig vom Husten geplagt. Im folgenden Jahr traten besonders nachts Erstickungsanfälle auf, und es bestand Atemnot bei der geringsten körperlichen Bewegung. Der Auswurf vermehrte sich, und leichte Fieberbewegungen, häufiges freiwilliges Erbrechen, griffen ihn an. Dabei schwand der Appetit und mit ihm die Kräfte; der Körper magerte sichtbar ab, das Gesicht fiel zusammen. Bereits als die Füße anzuschwellen fingen, was Iffland sehr erschreckte, ging er noch über Breslau nach Bad Reinerz, um Molkenkur und Brunnen zu gebrauchen (vom 12. Mai bis 5. September). Ziemlich gestärkt, mußte er doch nach Berlin zurückkehren, wo er »ermattet, atemschwach, geschwollen an Händen und Füßen, des Nachts mit Erstickungsgefahr kämpfend«, ankam. Das Euphorische der Stimmung, wie es vielen solchen schweren Lungenschwindsüchtigen eigen ist, erleichterte auch ihm die Lage. So schrieb er noch zwei Tage vor seinem Tode an seine Schwester: »Der Arzt ist sehr zufrieden und ich bin es auch.« Am 21. September sah ihn Formey »zufrieden mit allem, nicht klagend.« Man erlaubte Iffland noch eine Spazierfahrt und bereits in der Frühe des nächsten Morgens war er sanft entschlafen. Am 22. September 1814 nachmittags machte der Generalchirurgus Görcke die Obduktion: »Bei Eröffnung der Brusthöhle stürzten sechs bis sieben Maß helles Wasser entgegen; die beiden Lungenflügel waren größtenteils davon bedeckt gewesen. Der rechte war in eine verhärtete, knorpelartige Substanz verwandelt und zeigte beim tiefer Einschneiden vielfache mit Eiter angefüllte Stellen. Der linke war völlig gesund, das Herz groß, das Rippenfell an mehreren Stellen angewachsen. Der Unterleib enthielt an 20 Maß gelbliche Lymphe. Die Leber, sowie alle Eingeweide des Unterleibes, waren in ihrem naturgemäßen Zustande. In der Gallenblase fand sich ein unbedeutender Gallenstein.« Es mag hier noch hervorgehoben werden, daß Iffland genau wie Schiller, im Jahre 1782 eine schwere Influenza durchgemacht hatte. Vielleicht hat diese Erkrankung Ifflands dazu beigetragen, den früher anscheinend gesunden Organismus für einen Lungenkatarrh empfänglicher zu machen. Die Worte, die Formey an den Anfang seiner Krankengeschichte über Iffland stellte, möchte ich an das Ende setzen: »Krankheiten, welche weder an sich, noch durch die Eigentümlichkeit ihres Verlaufs, oder durch ihre Seltenheit merkwürdig sind, erhalten oft durch das Individuelle desjenigen, der sie erleidet und den sie zum Tode führen, einen besonderen Charakter und gewähren dem Beobachter eigene interessante Ansichten.« Friedrich Schiller 1759 – 1805 Wenn ich hier in aller Kürze Vgl. Erich Ebstein , Schillers Krankheiten, in: Arch. f. Gesch. der Medizin. Bd. 19 (1927) S. 197-203. – Derselbe , Schiller als Arzt in: Z. f. med. Chemie. 1927, Nr. 3. – Derselbe , Über Schillers Krankheiten, in: Jahrbuch der Sammlung Kippenberg. Bd. 6 (1927) S. 128-239. Derselbe in: Forschung und Fortschritte. (1927), Nr. 15, S. 118-119. den Versuch mache, Schillers 15jährige Krankengeschichte epikritisch zu beleuchten, so handelt es sich für mich bei diesen posthumen Krankengeschichten nicht nur darum, die betreffende Krankheit genauer zu erkennen, als es bei Lebzeiten möglich war, sondern vor allem auch darum, zu zeigen, wie es um die Erkennung der Krankheiten zu der Zeit bestellt war und wie die behandelnden Ärzte sich zu ihnen und zu dem Patienten gestellt haben. Sind alle diese Fragen erledigt, so wird es dann Sache des Literarhistorikers sein, daraus das Fazit zu ziehen. Für Schiller haben derartige Untersuchungen bisher noch gefehlt. Bei der kaum zu übersehenden Literatur habe ich mich natürlich auf Schillers Briefe und die zeitgenössischen Stimmen stützen müssen. Wie kritiklos in den Schiller-Biographien von Schillers Krankheiten gesprochen wird, dafür nur ein Beispiel: »Manche erklärten das Übel für Magenkrebs, andere für ein Darm- und Herzleiden«. Derartige Sätze können nur ohne jegliches Quellenstudium niedergeschrieben sein. Nach Statur und Körperbau müssen wir Schiller zu den Asthenikern oder Schwächlingen rechnen, wie sie die heutige Konstitutions-Pathologie nennt Er war der zweitgeborene unter 6 Geschwistern. ). Die sogenannten »kleinen« Krankheiten in Schillers jugendlichem Alter dürfen wir heute nicht nur lediglich als bedeutungslos ansehen. In seiner Rothaarigkeit, die auch die Mutter, die dieselbe Konstitution hatte, zeigte, gepaart mit Sommersprossen, sehen wir u.a. ein Zeichen der Empfänglichkeit für Lungenschwindsucht. Die ersten Keime dieser Krankheit dürfen wir in diese Zeiten zurückdatieren. Unter Schillers Vorfahren finden sich mit Sicherheit keine schweren Lungenkrankheiten, jedenfalls sind die erreichten Altersstufen nicht als niedrig zu bezeichnen. Was Schillers Mannheimer Erkrankung anlangt, so hören wir, daß er damals an dreitägigem Fieber litt. Er kam immer zwei Tage dazwischen zu dem Verleger Schwan und las ihm vor, was an Dichtungen entstanden war; den dritten Abend, wo das Fieber kam, schickte er die Aushängebogen, auch nicht selten bekam er das Fieber in der Wohnung bei Schwan. Nach dieser Notiz ist kaum zweifelhaft, daß es sich bei Schiller um ein drittägiges »Wechselfieber« gehandelt hat. Dies ist bei uns heute noch der häufigste Typus. Mannheim war damals von allen möglichen Infektionskrankheiten heimgesucht. Es werden genannt: Ruhrepidemien und typhöse Erkrankungen im Sommer. Das Trinkwasser war dort so schlecht, daß sich der Hof dieses aus Heidelberg kommen ließ. Außerdem wird die Lungenschwindsucht epidemisch und für 1780 wird Grippe angegeben, die auch Schiller im Jahre 1782 bis in den Anfang Juni hinein ganz unfähig machte. Ob und inwieweit eine schwere Malariaerkrankung zur Lungentuberkulose disponieren kann, ist eine Frage, die auch heute noch nicht ganz einfach zu beantworten ist. Es ist jedenfalls nicht angängig zu sagen – und entspricht auch den Tatsachen nicht –, daß Schillers Arzt aus Unfähigkeit während der Erkrankung eine Hungerkur verordnete, wie manche Biographen behaupten. Wir treffen vielleicht das Richtige, wenn wir sagen, daß Schillers schwache Konstitution durch die infolge der Kur bedingte Unterernährung sowie durch die Rückfälle der Krankheit, die nachweislich bis in den Mai 1784 und vielleicht noch weiter reichen, stark mitgenommen wurde. Auch mögen die Folgen der Grippeerkrankung, die damals in schwerer Form pandemisch auftrat, so daß z. B. Mannheim die Theater schließen mußte, nicht spurlos an Schiller vorübergegangen sein. Es darf hier daran erinnert werden, daß auch Iffland damals erkrankte, der später in demselben Alter wie Schiller – 46 Jahre alt – der Lungenschwindsucht erlag. Bei den damaligen Kenntnissen über diese Erkrankung und die begrenzte Möglichkeit, ihr Frühstadium zu erkennen, wird es nicht wundernehmen, daß auch Schiller selbst, nachdem er der Mannheimer Seuchengefahr entronnen war, sich in der Dresdner Zeit, wie er schreibt, gesund, arbeitsam und im ganzen genommen heiter fühlte. Erst von Beginn des Jahres 1787, als Schiller im 29. Lebensjahr stand, beginnt die Kette von Beschwerden, die in Katarrhen und häufigen Schnupfenanfällen bestanden, so daß er es selbst ordentlich ein Wunder nennt, wenn er vier Wochen lang mal keinen Besuch von Schnupfen gehabt hat. Neben den ersten katarrhalischen Erscheinungen, die im einzelnen nicht zu analysieren sind, da von regelmäßigen Temperaturmessungen damals noch keine Rede war, scheinen sich ab und zu »dumme Geschichten im Unterleib« gemeldet zu haben. Es ist nicht ganz von der Hand zu weisen, daß von einer früheren Infektion noch ruhrartige Anfälle oder Neigung zu solchen zurückgeblieben sein mögen. Anderseits sind bei dem Dichter offenbar schon frühzeitig die Erscheinungen einer sekundären Darmtuberkulose Erich Ebstein , Einige Beiträge zur Geschichte der sekundären Darmtuberkulose. Archiv für Geschichte der Medizin, Bd. 18. S. 202-208. aufgetreten, die durch Verschleppung der Bazillen auf dem Blutweg und besonders durch Infektion mit verschluckten Sputis zustande kommt. Da die klinischen Untersuchungsmethoden zu dieser Zeit in den allerersten Anfängen waren, brauchen wir uns nicht zu wundern, daß die exakte Diagnose einer Lungen- und Rippenfellentzündung noch Schwierigkeiten machte. Selbst die Methode der Auskultation des Kranken wurde damals noch nicht geübt; deren Früchte haben vielleicht noch Goethe, aber nicht mehr Schiller zum Nutzen gereicht. Als Schillers schwere Krankheit sich im Anfang 1791 zeigte, der sich verschiedene Rückfälle anschlossen, wurde sie mit verschiedenen Namen belegt: heftiges Katarrhfieber, Lungenentzündung, hitzige Brustkrankheit, Brustzufall, Brustfieber, mehr Seitenstich als Lungenentzündung, Asthma convulsivum, Asthma suffocativum, endlich Verdacht auf Lungenschwindsucht, den Schiller wohl selbst am meisten fürchtete; es wurde ihm wohl aber von seinen Ärzten, besonders von dem Jenaer Professor Stark, in dessen Händen die Hauptbehandlung Schillers in den langen Reihen von Jahren lag, ausgeredet. Stark, ein Mann von großer Erfahrung, erklärt in seinem Handbuch merkwürdigerweise z. B. sehr ausdrücklich »eine Rippenfellentzündung werde besser Brustentzündung« genannt. Heute wissen wir, daß die Lungentuberkulose häufig durch eine Rippenfellentzündung eingeleitet wird. Auch hier gilt nach des Klinikers Wilhelm von Leubes Ansicht die Regel, daß die Pleuritis nicht den Grund zur Tuberkulose legt, sondern umgekehrt, daß das Rippenfell in solchen Fällen sekundär entzündlich affiziert wird. Dabei tritt zu einer beginnenden, bis dahin schleichend verlaufenen Lungentuberkulose, die dem Patienten überhaupt nicht zum Bewußtsein gekommen ist, eine scheinbar spontan einsetzende Pleuritis, in deren Verlauf oder nach deren Heilung die Spitzentuberkulose dann deutlich hervortritt. So bestätigt auch das von Huschke niedergeschriebene Sektionsprotokoll Schillers, daß seine linke Lunge mit der Pleura und selbst mit dem Herzbeutel so fest verwachsen war, daß diese kaum mit dem Messer zu trennen war; es hat sich also bei Schiller jedenfalls im Jahre 1790/91 um eine linksseitige tuberkulöse Pleuritis gehandelt. Dementsprechend hat Schiller auf der linken Brustseite immer noch jahrelang Schmerzen gespürt, die erst in der letzten Periode der Krankheit nachgelassen haben. Es mag hier erwähnt werden, daß Schiller – ebenso wie seinerzeit Gellert – von seinen Ärzten nach Karlsbad geschickt wurde, da man die Ursache des Übels im Unterleib vermutete. Der Gebrauch der Karlsbader Kur (vom 9. Juli bis 6. August 1791) bestand in Sprudeltrinken, von dem er 18 Becher täglich trank. Außerdem ging Schiller spazieren, ritt auf Eseln und machte Geselligkeit mit. (Vgl. E. Ebstein a. a. O. S. 170 f.) Im Jahre 1802 war Schiller bei dem Keuchhusten, den seine Kinder durchmachten, auch von dieser Krankheit über sechs Wochen geplagt. Jedes Jahr nach der großen Krankheit 1790–1791 ließ sich Schiller Anfang Januar zur Ader lassen. Dieses Verfahren war ihm von seinen medizinischen Studien her wohl vertraut, und er selbst erörtert ausführlich, wie das Blutlassen die Beklemmung auf der Brust aufzuheben vermag, wie anderseits, wenn das nicht geschieht, der Kranke dem Stickkatarrh erliegen kann. Wir müssen jetzt noch einmal im Zusammenhang auf die Erscheinungen zurückkommen, die Schillers Darmleiden betreffen und die wir bereits als sekundäre Darmtuberkulose angesprochen haben. Bei ihr zeigt sich anfangs unmotivierter Durchfall, dann auch Verstopfungssymptome, diese relativ am häufigsten bei örtlicher tuberkulöser Erkrankung in der Ileocöcalgegend. Darmblutungen sind im Verhältnis zu den häufigen und tiefen Geschwürsprozessen im Dünn- und Dickdarm selten. Schiller hatte im Juli 1804 einen solchen Anfall durchzumachen, den er selbst als »harten Stoß« bezeichnete, während die Zeitgenossen ihn als »rote Ruhr«, also als schleimigen Darminhalt mit Blutbeimengung buchen. Die kolikartigen Schmerzen, sein Malum domesticum, denen Schiller oft ausgesetzt war, beruhen auf der Anspannung der Darmmuskulatur zur Überwindung eines Hindernisses; sie lassen also auf Verwachsung oder gar Verengerung im Darm schließen. Meteorismus des Leibes, mit Atembeschwerden infolge Hochstand des Zwerchfells, peristaltische Unruhe, Übelkeit, periodisch auftretende Darmkoliken und Neigung zu Erbrechen treten auf, die Schmerzen und die sogenannte Darmversteifung können sich wehenartig steigern. Alle diese Erscheinungen sind dem Dichter nicht erspart geblieben. Bei dem sogenannten »Choleraanfall«, der Schiller im Dezember 1797 befiel, handelte es sich nicht etwa um eine echte Cholera, sondern, wie auch Stark dies in seinem Handbuch definiert, um eine Brechkolik. Auch Schiller selbst berichtet in diesem Sinne, daß er von einem starken Erbrechen und Durchfall befallen sei. Wenn Schiller hinzufügt, daß es sich, wie er höre, um ein epidemisches Übel in der Jenaer Gegend handele und den Schluß zieht, daß dieser Choleraanfall also mit seiner übrigen Krankheit, wie es scheine, nichts zu tun habe, so war das sicherlich auch die Ansicht Starks, der die wirkliche Ursache des Leidens dem Kranken vielleicht verheimlichen wollte. Aller Wahrscheinlichkeit nach muß auch dieser Anfall von Darmkolik, der mit Erbrechen vergesellschaftet war, den Erscheinungen der sekundären Darmtuberkulose zugerechnet werden. Als Schiller im Februar 1805 von dem zweiten »harten Stoß«, wie er ihn nennt, überfallen wurde, war sein Leib von Blähungen aufgetrieben, wie der junge Voß berichtet. Dabei litt Schiller an der hartnäckigsten Verstopfung und da er vier Tage nichts gegessen hatte, war er noch entkräfteter; er war so schwach, daß er nur mit Vossens Unterstützung durch die Stube gehen konnte. Es befiel ihn auch bald eine Ohnmacht, daß er wie tot dalag. Voß rieb ihm die Schläfe und Brust mit Spiritus; als er sich erholt hatte, gab ihm Voß Opium und Naphtha (Hoffmannstropfen). Nachdem Schiller die Ohnmacht überwunden hatte, erfolgte Erleichterung und Erholung durch den Stuhlgang; besonders der Mangel an Öffnung machte Schiller so unruhig und bange. Voß riet ihm, nur einen Versuch zu machen und geduldig die Zeit zu erwarten. Schiller tat es auch. »Als er nun so auf jenem Stuhle, der auch für Könige bedeutender wird als der Thron, saß, verglich er sich mit Cato, der auch einmal in dieser Positur gesessen und so Audienz gegeben habe.« Voß erzählte ihm dabei allerlei lustige ähnliche Geschichten und so verflossen ein paar fröhliche Stunden. »Endlich und endlich erfolgte Linderung, und Gott weiß, wie herzlich und innig ich gratulierte.« Nun sagte er ganz gleichgültig: »Nun bin ich gesund.« Damals tat er zu Voß den charakteristischen Ausspruch: »Ach! die verwünschten Verstopfungen, die rauben mir alle zwei Jahre zwei Trauerspiele, die ich ohne sie schreiben würde.« Damals schrieb Schiller an Goethe: »Die zwei harten Stöße, die ich nun in einem Zeitraum von sieben Monaten auszustehen hatte, haben mich bis auf die Wurzeln erschüttert, und ich werde Mühe haben mich zu erholen.« Geht man Schillers Briefwechsel sowie die zeitgenössischen Dokumente genau auf die krankhaften Zustände in seinem Leben durch, so zeigt sich, daß Schiller nur ungern, und zwar nur in allgemeinen Ausdrücken von seinen Leiden redet, deren Natur ihm wohl nicht unbekannt geblieben ist. Höchstens spricht er sich Körner oder Goethe gegenüber darüber aus. Die häufig auftretenden Darmerscheinungen in der eben skizzierten Weise verboten dem Dichter auch, längere Zeit Besuch zu empfangen. Daß unter dem in den Briefen Schillers gebrauchten Ausdruck »Krämpfe« nicht etwa nur Brustkrämpfe, die ihn natürlich auch heimsuchten, verstanden sind, sondern oft Krämpfe im Bereich des Unterleibes, Darmkoliken, Erscheinungen und Veränderungen des Darmes, wie sie eben bei der sekundären Darmtuberkulose und besonders bei der Ileocöcaltuberkulose in Erscheinung treten, dafür sei nur die Stelle im Brief an Goethe hier mitgeteilt, wo es heißt: »Ich habe immer noch viel von meinem Husten zu leiden, bin aber viel freier von meinem alten Übel, wobei indes meine Stimmung und meine Tätigkeit nicht viel gewinnt; denn das neue Übel greift mir den Kopf weit mehr an, als das Malum domesticum, die Krämpfe, zu tun pflegen. Überblicken wir Schillers Krankheitszustände in ihrer Gesamtheit, so sehen wir eine Kette von Leiden, denen er schließlich im Alter von 46 Jahren erlegen ist; aber seelisch ist Schiller, durch die Kraft seines Willens von einer fast nie versagenden Energie, Herr über sein Leiden geblieben. Von ihm gelten die Worte Wilhelm von Humboldts, daß Schiller »die Krankheit in dem Körper verschlossen hielt. Denn zu welcher Stunde man zu ihm kommen, wie man ihn antreffen mochte, so war sein Geist ruhig und heiter und aufgelegt zu wissenschaftlicher Mitteilung und interessantem, selbst tiefem Gespräch. Er pflegte sogar wohl zu sagen, daß man besser bei einem gewissen, doch freilich nicht so angreifenden Übel arbeite, und ich habe ihn in solchen wirklich sehr unerfreulichen Zuständen Gedichte und prosaische Aufsätze machen gefunden, denen man diesen Ursprung gewiß nicht ansah ... Er litt sehr, er litt dauernd und wußte, wie auch eingetroffen ist, daß diese beständigen Leiden nach und nach seinen Tod herbeiführen würden. Anhaltende selbsttätige Beschäftigung des Geistes verließ Schiller fast nie und wich nur den heftigeren Anfällen seines körperlichen Übels; dies schien ihm Erholung, nicht Anstrengung.« Jüngst hat ein Kliniker im Hinblick auf Thomas Manns Zauberberg den Gedanken ausgesprochen, Schiller würde, hätte er den Tuberkelbazillus schon gekannt und all unser heutiges Wissen um die Tuberkulose gehabt, hätte es zu seiner Zeit schon Lungensanatorien gegeben, möglicherweise ein paar Jahre länger gelebt, aber seinen »Wilhelm Tell« und das »Lied an die Freude« vielleicht nicht geschrieben haben. »Es ist der Geist, der sich den Körper baut.« Friedrich von Hardenberg – Novalis 1772 – 1801 Der Dichter Novalis gehört auch zu den Frühvollendeten. Er hat nur ein Alter von 29 Jahren erreicht. (Geb. 2. Mai 1772, gest. 25. März 1801.) Aus den eben erschienenen »Ahnentafeln berühmter Deutscher«, die P. v. Gebhard und Hohlfeld herausgegeben haben, ergibt sich u.a., daß Novalis Onkel der Staatskanzler K. A. von Hardenberg (1750 bis 1822) war. Der Name Hardenberg stammt vom gleichnamigen Schlosse bei Nörten unweit Göttingen. Der Dichter Novalis starb als »Chursächsischer Salinenassessor und designierter Amtshauptmann in Thüringen«. Von einer dichterischen Begabung oder Betätigung ist bei keinem Vorfahren der Novalis etwas zu finden, seine Mutter ausgenommen. Novalis war der älteste von 11 Geschwistern (sieben Söhne und vier Töchter). Er war in seinen ersten Kinderjahren sehr schwächlich, ohne an eigentlichen oder schweren Krankheiten zu leiden. Im neunten Jahr überfiel ihn eine gefährliche Ruhr, die eine völlige Atonie des Magens zur Folge hatte. (Tieck nach Kluckhohn-Samuel. Novalis Schriften. Bd. 4. S. 449.) Diese konnte nur durch eine langwierige Kur und die schmerzhaftesten Reizmittel gehoben werden. »Nun schien sein Geist wie aus einem Schlaf zu erwachen, und er zeigte sich plötzlich als ein munteres, tätiges und geistreiches Kind.« Im Herbst 1790 ging Novalis zuerst zum Studium nach Jena, dann mit seinem Bruder Erasmus nach Leipzig, endlich nach Wittenberg, wo er seine akademische Laufbahn beschloß. (Herbst 1794.) Kurz danach lernte der 24jährige Sophie von Kühn, ein 13jähriges Mädchen, kennen. »Dieses liebenswürdige Geschöpf ward seine Madonna«, so schreibt Just in dem Nachruf. (Schlichtegroll's Nekrolog. Bd. 4. Gotha 1805. S. 202.) Neben den naturwissenschaftlichen Studien (Mathematik, Chemie, Geologie) zog ihn einerseits die Neigung zur Arzneikunde, mit deren herrschenden Systemen und neuesten Entdeckungen er bekannt war, anderseits hatte die Krankheit seiner Braut zur Folge, daß er sich mit der Arzneiwissenschaft noch näher bekannt machte. Sophie wurde von Joh. Chr. Stark behandelt, der besonders als Schillers Arzt bekannt geworden ist. (E. Ebstein, Schiller a. a. O. S. 212.) Stark war also nicht nur bei den Klassikern, sondern auch bei den Romantikern ein gesuchter Arzt und sollte auch bald Novalis selbst betreuen. Am 23. November 1796 hat Stark an Novalis über Sophiens Krankheit berichtet. (Kluckhohn S. 160 f.) Zu der Lungenschwindsucht mit Fieber und Husten kam noch eine Eiterung, die als »Lebergeschwür« (ebenda S. 429 u. 452) bezeichnet wird, wohl aber als rechtsseitige Rippenfellentzündung gedeutet werden dürfte. Der rasche weitere Krankheitsverlauf (S. 511/512 u. 513) führte am 19. März 1797 mit einer Lungenblutung den Tod der nur fünfzehnjährigen Sophie herbei. Kaum vier Wochen später – am 14. April 1797 – starb Novalis Bruder Erasmus. Es mag hier gleich hinzugefügt werden, daß drei Wochen nach Novalis Tode (25. März 1801) seine älteste Schwester starb, die mit ihm erzogen war, sechs Monate nachher die zweite, und zwei Jahre darauf die dritte Schwester, so daß die Eltern, die sich noch 1796 im Besitz von 11 Kindern glücklich fühlten, im Zeitraum von 7 Jahren sechs erwachsene Kinder sterben sehen mußten. (Just bei Schlichtegroll a. a. O. S. 230. Anm.) Die ersten Anfänge von Novalis Krankheit scheinen mir in den Mai 1797 zu weisen (Kluckhohn S. 387), wo von »Kolik« die Rede ist. Beim Grabe Sophiens fiel ihm ein – »daß ich durch meinen Tod der Menschheit eine solche Treue bis in den Tod vorführe.« Ein Jahr später (Juli bis August 1798) weilt Novalis zur Kur in Teplitz, und im Oktober scheint er in Jena Stark konsultiert zu haben. (S. 429.) Ende August 1800 wird die Lungenschwindsucht offensichtlich, aus den Tagebüchern (1797/98, S. 400) geht hervor, in welcher Weise er seine Krankheit nutzen will. »Sollt ich krank werden, so sind Erbauungsschriften, Romane etc.– chemische Experimente, Zeichnen – Musiktreiben, Gitarre – Abschreiben oder Excerpieren – Kochen – Tafeln besehen – Handwerker besuchen, Drechseln , Schnitzen etc. – Kabinetter besehen – Beobachtung der Krankheit – akustische Versuche – Fossilienbeschreibungen – Wetterbeobachtungen etc. – Besuche – Motion – Ruhe – Gymnastik – (Spracherlernung) – und Geduld, an der Tagesordnung. (Moral und Religion in der Krankheit – und möglichste Tätigkeit aller Art.) Sollt ich jetzt krank werden – so kann ich diese Stunden, außer einigen möglichen, obenangeführten wissenschaftlichen und technischen Benutzungen, vorzüglich zur Ausbildung meiner Sittlichkeit und Religiosität, asketisch moralisch und religiös benutzen. Gehts ohne Hoffnung oder sonst zu übel, so bleibt mir Bittermandelwasser und Opium. Meine Gesundheit kann ich vorzüglich wissenschaftlich und technisch benutzen.« Diese Notizen in den Tagebüchern lassen einen Einblick tun, wie sehr sich Novalis mit der Krankheit, die er bereits in sich fühlte, beschäftigte. Ende Juli 1800 (S. 404) schreibt Novalis folgende Verse nieder: Ich will nicht klagen mehr, ich will mich froh erheben Und wohl zufrieden sein mit meinem Lebenslauf. Ein einz'ger Augenblick, wo Gott sich mir gegeben, Wiegt jahrelange Leiden auf. »Wenn man recht fleißig an die unendliche Unsicherheit der menschlichen Glücksgüter denkt, so muß man endlich gleichgültig und mutig werden.« »Wenn nur körperliche Unruhe nicht immer Seelenunruhe würde! Auf den Körper läßt sich nicht immer würken; aber in der Seele sollte man sich die Herrschaft mit Gottes Hilfe zu erwerben suchen, um recht ruhig zu sein.« »Ist die Seele ruhig, so wird auch der Körper bald beruhigt.« (S. 405.) Am 6. September notiert Novalis im Tagebuch: »Ich kann noch lange Blut auswerfen – aber wird das helfen, daß ich mich jedesmal von neuem ängstige? Angst schadet, Mut stärkt. So ein Zufall verliert sich nicht gleich. Des Herrn Wille geschehe, nicht der meinige. Ich muß darauf gefaßt sein und denken, es wird sich schon nachgerade verlieren. Hat es der Rector doch zwei Jahre gehabt. Geduld und Ergebung in den Willen Gottes sind die besten Hülfsmittel. Auch diese Läuterung soll ich empfahen. Gott weiß die Zeit der Krankheit, denn jegliche Krankheit hat ihre Zeit. Fein kindlich, das ist das beste. Es ist nichts schwerer, als mit sich selbst Geduld haben – seine eigene Schwachheit zu tragen. Gott hilft zu allem.« (S. 407.) Im Oktober 1800 spricht Novalis viel von Ängstlichkeit. (S. 409 f.) So am 8. Oktober: »Spät abends drohte ein Anfall. Ich ward sehr ängstlich.« Am 9. Oktober: »Heut früh war ich zwar etwas ängstlich. Indes habe ich doch fleißig gearbeitet und mich nicht stören lassen. Morgen kann wieder das Blut in Ruhe und die alte Behaglichkeit wiederhergestellt sein...« »Ganz spät kam eine Beängstigung, wahrscheinlich von Blähungen, die bald abgingen, und ich vermochte durch innige religiöse Vorstellungen das fatale Erschrecken zu vermeiden ...« 16. Oktober: »Seither habe ich mich sehr wohl befunden und keinen Anfall von Ängstlichkeit gehabt. Dies beweist deutlich, daß alle Ängstlichkeit ganz unabhängig von äußeren Umständen ist. Am besten ist es, wenn man den Sinn hat, alles Geschehene mit freudigem Herzen wie eine Wohltat Gottes hinzunehmen. Durch Gebet erlangt man alles, Gebet ist eine universale Arznei.« Das sind Gedanken, wie wir sie auch in Gellerts Briefen und seinem Tagebuch finden. Wenn Novalis erst mit seinem Dresdener Arzt Karl Weigel gesprochen hat, will er umständlich an Röschlaub schreiben, der Professor in Bamberg war. Dabei notiert er wiederum: »Opium und Mandelwasser anschaffen.« Heiratet er nicht, so will er nach Reichenhall und Klagenfurt. »Wird es schlimmer, so verreise ich nach Leipzig, Bamberg oder Jena.« In Jena war Stark, der ihn Ende September dort in Behandlung hatte. In Leipzig Chr. Erh. Kapp (1739–1824), der der letzte Arzt war, der konsultiert wurde. In Dresden, wo der schwere Blutsturz erfolgte, wurde Jon. Nathanael Pezold (1739–1813) herbeigerufen, der ein alter erfahrener Arzt war. Die Behandlung mit China mußte aber aufgegeben werden, da sie zu purgierend wirkte. (S. 535.) Novalis will in der Dresdener schweren Erkrankung auch reiten, doch er ist zu schwach, sehr abgezehrt, und das Blutspeien hört nicht auf. (S. 533.) Dabei bestand Husten und kurzer Atem. Er fuhr täglich 4 Stunden spazieren und brauchte Kalkwasser und Eselsmilch. (S. 534.) Es wurde noch die Reise von Dresden über Meißen, Oberhaldenhof und schließlich nach Weißenfels ausgeführt. Zunehmende Schwäche, die Auswürfe wurden »mit jedem Tage trüber«. Am 22. März trat ein Stickhusten auf. Novalis ahnte nichts von der Todesgefahr. Er entschlief am 25. März mittags sanft. In der amtlichen Nachricht heißt es, daß Novalis verstorben, »nachdem er seit einigen Monaten an der Auszehrung krank gewesen ist.« (Vgl. H. Rötteken, Besprechung von W. Dilthey's, Das Erlebnis und die Dichtung, in: Z. f. vergl. Litg. Bd. 18. 1919, bes. S. 121.) Philipp Otto Runge 1777 – 1810 Am 23. Juli 1777 wurde Philipp Otto Runge in Wolgast als neuntes Kind von elfen dem Schiffsreeder und Kaufmann Daniel Niklaus Runge geboren. Runge war, so berichtet der Naturphilosoph Steffens, von mittlerer Größe, schlank gebaut, zeichnete sich aber besonders durch einen starken Knochenbau aus, den man an den Händen, aber auch am Gesicht erkannte. (Fr. Märker, in: Die lit. Welt. 1927. Nr. 30, S. 3.) Die schon im Sommer 1809 heftig auftretende Krankheit, augenscheinlich Schwindsucht, legte sich lähmend auf sein Schaffen, und die seit März 1810 sich verschlimmernde Schwäche machte bald jede Arbeit, selbst das geliebte Handhaben der Schere und des Bleistifts unmöglich. Eine Besserung seines Zustandes durch den Aufenthalt auf dem Lande, in Borstel und Harvestehude, hielt nicht an. Vom Oktober dieses Jahres an nahmen seine Leiden die Form eines qualvollen Todeskampfes an, und am 2. Dezember 1810 verschied er in Hamburg in den Armen seiner liebsten Menschen. (Paul Ferd. Schmidt, Philipp Otto Runge. Sein Leben und sein Werk, Leipzig 1923. S. 15.) Sein Selbstbildnis in Kreidezeichnung zeigt deutlich den leidenden Zug des Kranken. Den frühen Tod des Künstlers hat Goethe schmerzlich beklagt und an seinen Bruder am 17. Dezember 1811 die prophetischen Worte geschrieben: »Der Gang, den er nahm, war nicht der seine, sondern des Jahrhunderts, von dessen Strom die Zeitgenossen willig oder unwillig mit fortgerissen werden.« Runge ist ein Vorläufer der modernen Malerei geworden. Die Literaturgeschichte dankt ihm die Aufzeichnung der Märchen vom Machandelboom und vom Fischer und siner Fru. (Vgl. Runge's »Hinterlassene Schriften«, 2 Bände. Hamburg 1840/41.) René Théophile Hyacynthe Laennec 1781 – 1826 Laennec muß als der Begründer der Lehre vom Behorchen und Hören in der Krankenuntersuchung bezeichnet werden. Man findet zwar schon in den ägyptischen Papyris den Satz: »Das Ohr hört darunter« und in dem Corpus hippocraticum heißt es:: »Wenn man lange Zeit das Ohr an die Brustwand drückt, kocht es drinnen wie Essig«, aber es genügt zu sagen, daß vor Laennec niemand etwas Rechtes damit anzufangen gewußt hat. So sagt z.B. Robert Hooke (1635–1703) in seiner Micrographia, die 1665 in London erschien, daß er durch die Erfahrung etwas mehr ermutigt sei, da er »sehr deutlich die Schläge des menschlichen Herzens gehört habe«. Derartige Sätze kehren auch bei Laennec's Lehrer, Corvisart (1775 bis 1821), wieder, ebenso in Doubles Lehrbuch, das 1812 erschien. Aber auch sie haben nichts damit anzufangen gewußt. Die Erziehung Laennec's, der am 17. Februar 1781 in Quimper in der Bretagne geboren war, lag mehr in den Händen seines Onkels, der Arzt in Nantes war, als in der seiner Eltern. Als Neunzehnjähriger kam Laennec (1800) nach Paris, um seine medizinischen Studien zu vollenden. Dort schloß er sich an Corvisart, den großen Kliniker und Leibarzt Napoleons, an und konnte 1804 mit einer Dissertation: »Proposition sur la doctrine d'Hippocrate à la Medicine practique« promovieren. Durch diese Arbeit wurde der junge Arzt ein genauer Kenner der hippocratischen Schriften, und hier fand er wohl neben dem oben genannten Ausspruch auch den folgenden: »Es knirscht wie von einem Lederriemen«. Durch Laennec's planmäßige Versuche wurden diese wertvollen Lesefrüchte zu einem neuen Leben erweckt. Der Gedanke des Behorchens hatte offenbar Laennec schon längere Zeit beschäftigt, bevor er 1816 auf die Idee kam, mit festzusammengerollten Papierrollen die Herztöne seiner Kranken zu belauschen. Mit Bayle zusammen hatte er das Ohr auf die Brust der Kranken gelegt, den Versuch aber wieder aufgegeben, sicherlich nicht bloß wegen der Unappetitlichkeit der Spitalkranken und wegen der damaligen prüden Zurückhaltung der Frauen, sondern weil sie der pathologisch-anatomischen Grundlage des zu Hörenden noch nicht sicher waren. Das Horchen mit dem bloßen Ohr war Laennec auf die Dauer unsympathisch und er fürchtete sich vor allem vor einer Ansteckung an Lungenschwindsüchtigen, worüber er genau orientiert war. Daher ersetzte er die Papierrollen durch einen Holzzylinder, dem er im Laufe der Jahre verschiedene Formen gegeben hat. Das im Museum in Nantes noch aufbewahrte Originalhörrohr, das er als Sthetoscop-Brustprüfer benannte, war aus poliertem Nußbaum hergestellt, 33 cm lang und von einem Querdurchmesser von 3,8 cm. Das von Laennec eigenhändig gedrechselte Hörrohr wurde von seinem Verleger für 3 Francs verkauft, gleichzeitig mit der 1. Auflage seines klassischen Werkes, das am 1 5. August 1819 erschien, und zur Feier von Laennec's 100. Todestag wieder neu gedruckt wurde. Als Laennec sein Buch herausgab, war er schon ein schwer kranker Mann. Die Lungenschwindsucht, die seinen Freund Bayle (1774–1816) dahingerafft hatte, hatte auch ihn befallen und zwang ihn, sein Arbeitsfeld zu verlassen, um im abgelegenen Kerlouarnec in der Bretagne seiner Gesundheit zu leben. Leidlich erholt kehrte er nach Paris zurück. Schon vor Jahren hatte Laennec am eigenen Körper erfahren, daß die Tuberkulose durch Einimpfung übertragen werden kann, als er sich bei einer Sektion einen Leichentuberkel zugezogen hatte. Hatte sich Laennec schon damals von der Möglichkeit überzeugt, daß ein tuberkulöser Herd ausheilen kann, so tritt er in seinem Werk gegen die verbreitete Ansicht auf, daß die Lungentuberkulose im Anfangsstadium heilbar sei. In den letzten Jahren, in denen Laennec nicht nur gegen seine Krankheit, sondern auch um seine Anerkennung in Paris rang, war er körperlich und seelisch nach vielen Jahren innerlicher Läuterung zusammengebrochen. Die zweite Auflage seines Buches, das er zu einem Lehrbuch umgestaltet hatte, war das letzte Vermächtnis für seine Anhänger und Schüler, die so reichlich aus aller Welt herbeigeströmt waren, um nicht nur seine neuen Lehren zu vernehmen, sondern auch die neue Krankenuntersuchungsmethode kennen zu lernen. Laennec's Name als eines Genies, das für alle Zeiten als Pfadfinder und Bahnbrecher auf dem Gebiete der Brustkrankheiten unsterblich sein wird, trägt das Tragische in sich, daß er vereinsamt am heimatlichen Gestade am 13. August 1826 der von ihm wie von keinem anderen aufgeklärten Lungenschwindsucht zum Opfer fiel. (Vgl. E. Ebstein, Leipziger Illustr. Zeitung Nr. 4249; C. Gerhardt, Die med. Woche. 1900. Nr. 50; Karcher, Schweiz, med. Wochenschrift, 1927. Nr. 4; E. Ebstein, Ärzte-Briefe usw. Berlin 1920. S. 81–83.) Niccolo Paganini 1782 – 1840 Der berühmte Violinvirtuose Paganini wurde am 27. Oktober 1782 in Genua geboren. Von 1828–1834 machte er Kunstreisen nicht nur durch Italien, sondern auch durch Deutschland, die Niederlande, Frankreich und Großbritannien. In den letzten Jahren zog er sich – offenbar durch seine Krankheit gezwungen – auf seine Villa bei Parma zurück. In der Biographie von Schottky (1830, S. 266) wird von seiner großen Krankheit, die Brust und Unterleib betraf, gesprochen und daß er dreimal operiert wurde. In einem anderen Werk (Mendel-Reimann, Musikal. Conversationslexicon. Bd. 7. 1877, S. 465 ff) wird von Paganinis »in schleichenden Fieber- und Brustkrämpfen stetig zunehmenden Hinfälligkeit des Körpers« gesprochen. Fetis (Biographie universelle des musiciens Bd. 6, 413) bezeichnet Paganinis Krankheit als Kehlkopfschwindsucht. Danach scheint sich die Kehlkopftuberkulose sekundär im Verlauf seiner chronischen Lungentuberkulöse entwickelt zu haben. Genaueres über Paganinis Krankheitszustände und deren Entwicklung erfahren wir aus dem Buche von Julius Kapp (1. Aufl. 1913; 14. Aufl. 1929 Deutsche Verlagsanstalt Stuttgart). Danach hat er 1813 einen neuen Anfall seines Unterleibsleidens durchgemacht. Im Oktober 1816 hatte sich Paganini wieder von einem schweren Krankheitsfall zu erholen. Bereits im Sommer 1819 verbreitete sich die Kunde, er sei von der Schwindsucht befallen. Der Wirt hielt ihn für ansteckend und stellte kurz entschlossen sein Bett mit all seinem Hab und Gut ins Freie. Im März 1824 bezauberte ihn die junge Antonia Bianchi, die er heiratete, und mit ihr ging er für längere Zeit nach Sizilien. Dieser Aufenthalt tat seiner angegriffenen Gesundheit sehr gut. (April 1825.) Im Herbst 1827 erkrankt Paganini wieder in Florenz und beginnt seine Kur mit Elixier de »Le Roi«. Im August 1828 sehen wir Paganini zur Badekur in Karlsbad. Aber bereits Ende Dezember hören wir von seiner schweren Erkrankung in Prag. Sein chronisches Halsleiden – die Kehlkopfschwindsucht – war auch in Italien nicht besser geworden. »Kaum vermochte man«, erzählt Berlioz, »wenn man das Ohr nahe an seinen Mund hielt, ein paar Worte zu verstehen.« Im Juli- August machte er eine Badekur in Ems und Ende 1830 in Baden-Baden. Seine Hände, die stark abgemagert waren, hingen mit ihren stahlharten Sehnen an seinem Körper herab. Es existiert auch ein Gipsabguß von Paganinis rechter Hand. Im August 1839 nahm er nicht nur Schwefelbäder in Vernet-les-Bains, sondern griff immer zu neuen Arzneien und Geheimmitteln, doch alles vergebens. Die Unruhe trieb ihn von Ort zu Ort, und er landete schließlich in Nizza, auf dessen mildes Klima sich seine letzte Hoffnung gründete. Seine Leiden wurden mit jedem Tage unerträglicher. Er mußte ins Bett. Die Stimme war völlig vernichtet, seinem heiß geliebten Sohn konnte er nur mit zittriger Hand seine Wünsche auf kleine Zettel kritzeln. Das Schlucken war so erschwert, daß er sich oft stundenlang quälte, den kleinsten Bissen herunterzuwürgen. Dabei bestanden die heftigsten Brustkrämpfe, die ihm schließlich den Rest gaben. Als Paganini einmal – 1830 – in Cassel auftrat, charakterisierte man ihn Ludwig Spohr gegenüber dahin, daß ersterer wie ein Teufel und letzterer wie ein Engel spiele. (Vgl. E. Ebstein, Paganini auf der Konzertreise in Göttingen. Die Spinnstube. 1927, Nr. 9. S. 140.) Paganini starb am 27. Mai 1840 in Nizza. (G. Conestabile. Vita di Paganini. Perugia 1851. S. 168-174: Ultima malattia e morte.) Der Pariser Physiologe Dr. Bennati hat 1831 – als Paganini nach Paris kam – der Akademie eine »Notice physiologique« eingereicht, die bei Kapp abgedruckt ist. (S. 116-120.) Ludwig Börne 1786 – 1837 Bei Goedeke (VIII, 521) heißt es von Börne: »Er war von Jugend auf schwächlich, und alle seine Briefe zeigen ihn von gebrechlicher Gesundheit. Dazu kam die unglückliche Grille der Hypochonder, sich selbst zu heilen und bald ungehörig zu verzärteln, bald tollkühn abzuhärten. An dieser Kurmethode ist Börne am 13. Februar 1837 in Paris gestorben, nicht an gebrochenem Herzen, die nur in Romanen vorkommt.« Auch Heinrich Heine kommt (Bd. 12, Hamburg 1868, S. 182 f) auf Börnes Tod zu sprechen, den er selbst verschuldet haben soll. Statt seinen Arzt Dr. Sichel rufen zu lassen, hatte er bereits eine »terroristische Selbstkur an sich vorgenommen und seinen ganzen Körper ruiniert.« Heine traute Börne keine großen medizinischen Kenntnisse zu, denn er sagt über ihn: »Börne hatte früher etwas Medizin studiert und wußte von der Wissenschaft gerade so viel, als man braucht, um zu töten.« Damit ist natürlich nichts anzufangen. In Halle hatte er Medizin studiert, wo er u. a. Reil hörte. In Heidelberg (1807) wandte er ihr ganz den Rücken und wurde Journalist. Nach seinem zweiten Aufenthalt in Paris kehrte Börne (1824) nach Deutschland zurück. In München hatte er bereits gekränkelt, in Heidelberg verfiel er einem schweren Brustleiden. Ein wiederholter Aufenthalt in Bad Ems machte ihn wieder leidlich gesund und arbeitsfähig. In den Wintermonaten 1825 war er in Stuttgart, von Siechtum gepeinigt. Zum Brustleiden gesellte sich Harthörigkeit. Aus Krankheit und persönlicher Erregung arbeitete er sich immer wieder zur geistigen Erhebung empor. Nach einem längeren Aufenthalt in Berlin (1828) ging er erst an den Rhein, dann nach Hamburg und über Hannover nach Frankfurt zurück. Auf dieser Rückreise wurde er neuerdings von einem Blutsturz befallen, von dem er sich schwer und langsam erholte. Die Ärzte sandten ihn nach Soden, wo er wiederholt monatelang weilte. Als Börne zu Beginn 1837 in Paris war, wurde er von der Grippe erfaßt, an der er auch gestorben ist. (Ed. Beurmann, Ludwig Börne. Frankfurt a. M. 1837. S. 1.) Dr. Julius Sichel, der ihn behandelte und der ihn kurz vor seinem Tode fragte, ob er einen schlechten Geschmack habe, antwortete er: »Gar keinen, wie die deutsche Literatur.« Es ist also nicht richtig, wenn Hamann (Biologie deutscher Dichter usw. Wien 1923, S. 138 f) behauptet, daß Börne an einem Blutsturz in Paris starb und eine in Paris epidemische Grippe sein chronisches Lungenleiden in eine floride Tuberkulose verwandelte. Man kann sagen, daß sein Körper, der durch die chronische Lungenkrankheit geschwächt war, die neue Infektion der Grippeerkrankung nicht ausgehalten hat. In seinen Schriften finden sich Äußerungen, die nur ein Kranker schreiben konnte. »Wenn man körperlich krank ist, fallen Seelenleiden schwerer zu tragen; ein schwacher Körper dagegen saugt wie ein Schwamm einen großen Teil der Schmerzen ein.« (Werke hg. von Klaar, Band 8, 99.) »Wie die Jugend eine Krankheit ist, so ist Kränklichkeit in reifen Jahren eine Art künstliche Jugend und Ersatz derselben (Gärung).« (Bd. 8,99.) »Kranke Menschen sagen: Gesundheit sei das höchste Gut; aber kranke Menschen haben kein gesundes Urteil. Es ist als sagte man: das Leben ist das höchste Glück, und es ist doch nur des Glückes Bedingung. Was nützen einem armen Teufel die schönsten Zähne? In Krankheit ist Poesie, Kampf, schönes Spiel um das Leben; man fühlt doch selbst als Deutscher, daß man da ist. Ich wünsche mir und meinen Freunden bis in das späteste Alter im April jeden Jahres ein böses und gefährliches Nervenfieber; die Wiedergenesung in des Monats letzten Tagen; am ersten Mai den ersten Ausflug in den Frühling ...« (Bd. 8, 144 f.) Carl Maria von Weber 1786 – 1826 »Weber tod im vierzigsten Jahre« schrieb sich noch im Juni 1826 der ertaubte Beethoven in das Konversationsheft. Über Karl Maria von Webers Vorfahren (1926) hat F. Hefele berichtet (Karlsruhe i.B. 1929). Aus der beigegebenen Stamm- und Ahnentafel kann ich nicht erkennen, daß Lungenschwindsucht in der Familie vorgekommen ist. Hefele hebt nur hervor (S. 52), daß seine Ahnen kleinbürgerlicher, bäuerlich-gewerblicher Herkunft waren. Seine Urgroßväter waren ein Müller, ein Perückenmacher, ein Bauer und ein Jäger. Webers Mutter wird als eine sanfte stille leidende Frau geschildert. Der Sohn, Carl Maria, geboren in Eutin am 18. Dezember 1786 hatte von Geburt an ein Leiden am Schenkelknochen, das ihn in der ersten Jugend den Knabenspielen entzog und niemals im Leben das Gefühl voller Gesundheit genießen ließ. Infolgedessen lahmte er in späteren Jahren etwas auf dem rechten Fuße. (L. Nohl. Weber, bei Reclam.) Es bestand wohl eine tuberkulöse Hüftgelenksentzündung. Es mag hier erwähnt werden, daß Weber, Vater und Sohn, im Oktober 1802 in Eutin Freundschaft mit Joh. H. Voß schlossen, von dem der Sohn manches Lied komponiert hat. In den Jahren 1810 bis 1812 – in Webers Wanderjahren – wird seine Gestalt als schwach, klein und unscheinbar geschildert, dabei war der Hals schlank und lang über den schmalen Schultern. Auch in den Jahren 1822 bis 1823, in denen er die »Euryanthe« komponierte, wird er – nach einer schweren Krankheit (1819) – als kleiner schmalbrüstiger Mann mit etwas langen Armen und sehr blassem Gesicht geschildert. Bereits im Dezember 1821 zeigte sich die Brustkrankheit, die seinem Leben nach wenig Jahren ein so frühes Ende bereiten sollte. 1824 schreibt Weber an den Hofkapellmeister Sutor in Hannover (Katalog Salomon. 71,17 491); es war die Zeit, als er die Arbeit am »Oberon« begann: »Seit 2 Monaten war ich abgestorben für alles, schrieb keine Zeile und war allein, nach der Vorschrift des Arztes, beschäftigt, meine Gesundheit in Marienbad wieder etwas herzustellen. Inwieweit dieser Zweck erreicht worden ist, muß die Zukunft lehren; noch fühle ich mich sehr angegriffen.« Im Frühjahr 1825 sehen wir Weber in Ems, das ihn auch körperlich so weit erfrischte, daß er mit erneuter Hoffnung an die Arbeit ging. Aber die Krankheit, die sich in Lunge und Kehlkopf festgesetzt hatte, nahm bedenklich zu. Als Weber von Holtei gefragt wurde, wie sein Befinden sei, antwortete er: »Wie mir's geht? Sehr gut! Nur daß ich die Halsschwindsucht habe; aber das macht weiter nichts, theuerster Gönner.« Als Weber im Frühling 1826 auf der Reise nach London in Berlin war, traf er mit Gubitz zusammen, den die »offenbarsten Zeichen seines höchst gesteigerten Krankheitszustandes« erschütterten. Als Weber dann von seinem Leiden sprach und Gubitz ihn beruhigen wollte, entgegnete dieser: »Lieber Freund, ich erwerbe in London ein gut Stück Geld, das bin ich meiner Familie schuldig; aber ich weiß, ich gehe nach London, um dort zu krepieren!« »Was ich erwiderte,« sagt Gubitz, »ist meinem Gedächtnis entschwunden; die Festigkeit des Ausdrucks in seiner Rede hatte mich erschreckend bestürzt.« (Vgl. Gubitz, Erlebnisse, hg. von P. Friedrich. Berlin 1922. S. 328 ff.) In Webers Briefen an seine Gattin Carolina (Leipzig 1886), von den Reisen, die ihn 1825 nach Wien zur ersten Aufführung der »Euryanthe« und 1826 nach London zur ersten Aufführung des »Oberon« führten, hören wir viele Einzelheiten über das sich immer mehr entwickelnde Lungen- und Kehlkopfleiden. Als Weber Ende 1821 von Blutspucken befallen wurde, und er beim Anblick desselben blaß wurde, rief er aus: »Wie Gott will!« Aber dabei blieb er gefaßt, und konnte selbst nach wie vor heiter und sogar ausgelassen sein. In den Reisebriefen an seine Frau sucht Weber über seinen Gesundheitszustand möglichst zurückhaltend zu berichten, redet höchstens über ein bissel Husten, aber nicht stärker als zu Hause. Als Weber aber am 7. Februar 1826 – bereits mit geschwollenen Füßen – in den Reisewagen stieg und seine Frau die Wagentüre zuwerfen hörte, rief sie entsetzt: »Ich habe seinen Sarg zuschlagen hören.« Auf der Reise hat »der Mosjö Husten seine Capricen, er kommt und geht ohne Ursache.« Mitunter tritt ein schlimmer »Krampfhusten-Anfall« auf. In London setzen Anfälle von Atemnot ein; Dr. Struve verordnet Selterswasser mit heißer Milch, das ihm gut zu tun scheint. Immerhin ist ihm der Husten ein Patron, der ganz seiner eigenen Phantasie folgt. »Möge er mich hassen und fliehen.« Der Chemiker und Arzt Severin verordnet noch Pillen zur »Beruhigung des krampfhaften Reizes« und – ein Hasenfell auf die Brust. Am 9. Dezember 1825 konnte Weber in seinem Tagebuch notieren, daß die Ouvertüre zum »Oberon« beendigt sei, und damit die ganze Oper. »Gott sei Dank!« Seit dem 11. April 1826 beginnen Notizen in seinem Tagebuch über seinen Krankheitszustand, ein Zeichen, daß der merkliche Niedergang der Kräfte eingesetzt hatte. So z.B. am 16. u. 17.: »Mehr Blut ausgeworfen, darüber sehr erschrocken. Nichts gegessen, sehr unwohl« und »Schmerz in der Seite.« 18. April: Lange Conferenz mit Dr. Kind (Arzt). 19. " Sehr unwohl. Zweiter Besuch des Dr. Kind. 20. " Erträglich. 22. " Sehr unwohl. 23. " Unwohl. 24. " Sehr unwohl. Dr. Kind brachte die Blausäure, – in Gottes Namen auch dieses noch. (Weber sollte Blausäuredämpfe einatmen.) 25. " Unwohl. 27. " Um 10 Uhr so unwohl, solcher Krampf!!         O Gott! 28. " Ohne Appetit. Abends Dämpfe eingeatmet. 1. Mai:   Auf einmal Fieber. 2. " Sehr krank. Am 3. Mai 1826 schreibt C. M. von Weber in einem offenbar bisher unbekannten Brief (Katalog von Hellmuth Meyer und Ernst 1930, Nr. 949): »Ich bin ganz elend. Mittwoch reise ich ab. Gott sey Dank. Der Himmel vergelte Ihnen Ihre liebe Teilnahme. Mein Dank folgt Ihnen überall. Gott erhalte Sie immer gesund und mir Ihr Andenken.« 6. " Zwei Mal Krämpfe, sehr unwohl. 7. " Fieberhaft. 8. " Sehr schlechte Nacht. Husten, Bruststechen. 9. " Sehr unwohl, entsetzlich asthmatisch. O Gott! Am 12. Mai schreibt Weber der Frau, die um sein Wohl sehr besorgt ist: »Es wäre freilich kein übler Ruhm für einen jungen Mann, wenn er mich herstellen könnte, – aber lieber Gott, ich glaube an Nichts, als an Ruhe und die Natur selbst.« Am 13. Mai dirigierte er noch den »Freischütz« und die Jubelouverture. Am 16. heißt es im Tagebuch: Schreckliche Nacht, trockene Hitze. 17. Mai: Höchst leidend, den ganzen Tag ... Sehr schlecht, gar keine Luft. 19. Mai: Sehr gute Nacht, ziemlich wohl, mit ziemlichem Appetit gegessen. Gottlob, seit Monaten ein ganz guter Tag! 20. Mai: gegen 3 Uhr wieder unwohl. Abends im Familienconcert sehr krank. 21. Mai: Recht wohl. (Ausflug nach Richmond.) 24. Mai: Sehr unwohl. Krampfhusten. 26. Mai: Sehr angegriffen, sehr unwohl, so erschüttert. Ich hielt es im Concert mit der größten Not aus. Senfpflaster auf die Brust, entsetzliche Beängstigung. 27. Mai: Süße Nacht, ziemlich wohl, ganzen Tag recht erträglich. Gegen 10 Uhr wieder die Kurzatmigkeit. 28. Mai: Sehr angegriffen und erschüttert, täglich um 4 kaltes Fieber, sehr krampfig gehustet. 29./30. Mai: Sehr unwohl, gar keinen Atem, früh entsetzliche Hitze, 4–5 Uhr Kälte. Abweichen. 31. Mai: Gute Nacht, aber dieselbe Kurzatmigkeit. Abends sehr schlecht. 1. Juni: Sehr krank, gar keinen Atem (»handgroßer Vesicator auf der Brust«). 2. Juni: Gute sanfte Nacht. Im Bett bis 12 Uhr. Sehr matt. Webers Wunsch, seinen »Freischütz« noch einmal zu seinem Benefiz dirigieren zu können, wurde nicht mehr erfüllt. Er konnte nur noch im Lehnstuhle liegen, seine matte Stimme berührte immer wieder die Rückreise. Eine fiebernde Angst quälte ihn, die Seinen doch vielleicht nicht wiedersehen zu sollen. »Ich muß fort zu den Meinigen, sie noch einmal zu sehen, und dann geschehe Gottes Wille«, sagte er zu seinen Freunden, die Weber zum Abwarten mahnten. Am 4. Juni mußten Webers Freunde den Künstler zu Bette bringen. »Nun laßt mich schlafen!« waren seine letzten Worte. Am Morgen fand man ihn tot im Bett, friedlich auf der rechten Hand eingeschlafen. (5. Juni.) Kein Kampf, kein Schmerz hatte seine edlen Züge entstellt. (Eine gute Photographie der Weberschen Totenmaske findet sich auf Tafel 12 in Langer-Gruhle, Totenmasken. Leipzig 1927. Exemplare der Maske sind in Düsseldorf, Dresden und in der Gesellschaft der Musikfreunde in Wien. Vgl. auch Benkart, Das ewige Antlitz. S. 66.) Die Sektion der Leiche, die in London vorgenommen wurde, ergab (Nohl, S. 91): »ein nußgroßes Geschwür im Halse und die Lunge voll von Tuberkeln.« Eines der beiden, fährt Nohl fort, hätte genügt, den Tod mit Sicherheit herbeizuführen. Der bis zum Gerippe abgemagerte Leichnam wurde in einen Metallsarg gelegt. Erst Ende 1844 wurde auf Anregung Richard Wagners die Leiche in Dresden beigesetzt. (5 Abbildungen von Weber, sein Geburtshaus, seine Wohnung in Klein-Hosterwitz, sein Grab in Dresden usw., sowie biographische Daten finden sich in den Klassikern der Tonkunst. Universal-Edition. S. XXXV–XLV.) So erlag in der Nacht vom 4. auf den 5. Juni 1826 Carl Maria von Weber in London, durch Anstrengungen aufgerieben, von Heimatsehnsucht verzehrt, seinen langen qualvollen Leiden. Ernst Schulze 1789 – 1817 Der einst gefeierte Dichter der »Bezauberten Rose«, für die er kurz vor seinem Tode, der mit 28 Jahren erfolgte, einen Preis erhielt, ist auch der Lungenschwindsucht erlegen. Über die Entwicklung des Leidens wissen wir nicht viel. Mit 17 Jahren bezog er bereits die Universität Göttingen, wo er sich nach Beendigung seiner Studien habilitierte. Der Tod seiner Braut, Cäcilie Tychsen, der Tochter des Göttinger Orientalisten, machte ihn schwermütig. Seine Gesundheit wurde schwankend. Er setzte alle Kraft zu, um seine dahingeschiedene Geliebte in einem größeren Gedicht zu feiern. Doch mußte er bald (1814) unter die Reihen der Freiwilligen, und konnte erst nach seiner Rückkehr an die Vollendung dieses Gedichtes gehen, dem er den Namen »Cäcilie« gab. Diesem folgte dann ein zweites, die oben genannte »bezauberte Rose«. Kaum war Schulze von einer Fußreise an den Rhein (1816) zurückgekehrt, als er von einer schon lange keimenden Brustkrankheit indem Grade befallen wurde, daß er kaum noch zu seinen Eltern nach Celle, seinem Geburtsort (22. März 1789), reisen konnte, wo er bereits am 29. Juni 181 7 verschied. In Schulzes Tagebüchern und Briefen, die zum ersten Mal Hermann Marggraf (Leipzig 1855) herausgegeben hat, wird im Jahre 1813 (S. 170 f) von Brustschmerzen gesprochen, zu denen Schulze immer eine Anlage gehabt habe. Diese sog. rheumatischen Schmerzen, die als wahrscheinliche Folgen der militärischen Strapazen angesehen wurden, obwohl dabei ein quälender Husten bestand, sind wohl sicherlich als Zeichen der Lungenschwindsucht zu betrachten. (S. 205.) Ende November hatte Schulze in der Nacht »einen heftigen Blutsturz, wahrscheinlich infolge eines sich öffnenden Lungengeschwürs«. (S. 343.) Die Behandlung leitete der erfahrene Hofrat Johann Friedrich Stromeyer (1750 bis 1830). Schulze's letzter Brief, der aus Göttingen vom 8. Mai 1817 datiert ist (Deutsche Dichtung, Bd. 16, S. 293), berichtet, daß, als ihn der Brief des Frl. Auguste von Egloffstein erreichte, er ihn nicht weit »vom Rande des Grabes« traf, »um welches ich nach einer achtwöchentlichen Schifffahrt mit großer Anstrengung meines Piloten, des Hofraths Stromeyer, jetzt endlich herumgesteuert bin, oder, um nicht Jean Paulisch, sondern deutsch zu reden«, erst jetzt »durch die Hülfe meines Arztes und meiner guten Natur auf der Genesung von einem gefährlichen, rheumatischen Brustübel, welches mich seit beinahe zwei Monaten ans Bett und Sopha gefesselt hat.« Stromeyer war einer der beliebtesten Praktiker von Göttingen, so daß ihn G. F. L. Stromeyer (Erinnerungen eines deutschen Arztes. Hannover 1875. Bd. I, 111 f) den Dr. Heim von Göttingen nennt. Niemand wurde krank, zu dem er nicht gerufen wurde. Weil er die Göttinger nicht im Stich lassen wollte, ließ er sich auf Reisen nicht ein. Neben dem Hausarzt betreute den kranken Dichter sein Freund Bergmann, der auch Arzt war; dieser bemerkt, daß die von der Mutter ererbte Anlage zur Lungenschwindsucht sich nach der Rheinreise ausgebildet habe. »Den Hauch, der so süß durch seine Stanzen weht, hätte er jetzt lieber für einen freien Hauch aus seiner freien Brust vertauscht.« (S.341.) So kam Schulze »mit allen Zeichen eines schon fortgeschrittenen Lungenübels« in Celle an. »Seinen Mut und seine Hoffnung konnte sein Siechtum nicht beugen; er zeigte sich auch während seiner letzten Krankheit meist heiter und gesprächig.« (S. 344.) Am 29. Juni 1817 begrub man ihn in Celle, während Cäcilie Tychsen in Göttingen ihre Ruhe fand. Ihr dort heute noch vorhandenes Grab schmücken Verse von Schulze (vgl. Erich Ebstein, Erinnerung an Cäcilie Tychsen, in: Die Spinnstube. 1925. Nr. 5, S. 78), während sein eigenes Grab schon lange verwahrlost daliegt. (Marggraff S. 346.) Prophezeiend hatte der Dichter (dritter Gesang der »Bezauberten Rose«) ausgerufen: »Dies Lied kann nur der arme Sänger geben, Sein letztes ist's, er gibt sein letztes gern, Und wirst du einst, wer es gesungen, fragen, Wer weiß dir dann auch nur sein Grab zu sagen?« Zum Schluß mag hier darauf hingewiesen werden, daß ungedruckte und bisher unbekannte Stücke aus dem Nachlaß Ernst Schulze's unter Nr. 261/2 des Kataloges von Hiersemann (1920) Nr. 477 auftauchten. Die Stücke gingen nach Amerika und der Schweiz, ohne daß ich die Namen der jetzigen Besitzer erfahren konnte. John Keats 1796 – 1821 John Keats, geb. im Oktober 1796 in London, gest. am 23. Februar 1821 in Rom, hatte die Dichterkrankheit, die Schwindsucht, sagt Klabund in seiner Geschichte der Weltliteratur. (Leipzig 1923, S. 76.) Er starb an den Folgen eines Blutsturzes, den er nach einer heftigen Erregung erlitt, in die ihn eine gehässige Kritik versetzt hatte. Als Baudelaire später davon las, notierte er in seinem Tagebuch: »Jede Zeitung ist von der ersten bis zur letzten Zeile ein Gewebe von Greueln. Und dieses widerliche Aperitif nimmt jeder civilisierte Europäer jeden Morgen zum Frühstück. Ich verstehe nicht, wie eine saubere Hand ein Zeitungsblatt berühren kann, ohne Krämpfe von Ekel zu bekommen.« Keats schrieb in den Jahren 1819–1820 »Briefe an Fanny Brawne«, die, von Adolf Girschick ins Deutsche übertragen, 1924 in München (Musarion-Verlag) erschienen sind. In diesen Briefen hören wir von dem Heranschleichen der tückischen Krankheit, der schon die Mutter des Dichters zum Opfer gefallen war. Von der Insel Wight, auf der diese Briefe geschrieben sind, geht er 1820 zur Wiederherstellung der Brustkrankheit erst nach Neapel und dann nach Rom, wo ihn Dr. Klark ärztlich betreute. Dort an der Cestiuspyramide liegt er begraben. Keats' klagende Angst, er könnte von hinnen gehen müssen, ohne sich dem Gedächtnis schönheitsliebender Menschen durch sein dichterisches Schaffen für immer eingeprägt zu haben, hat ein Jahrhundert als grundlos erwiesen. Die Lebendmaske des Dichters wurde 1818 von dem Maler Haydon abgenommen. Das Original befindet sich in der National Portrait Galery in London. (Vgl. E. Benkard. Das ewige Antlitz. Berlin 1927. S. 67.) Seine Gedichte, von denen die schönsten in H. Bethges »Die Lyrik des Auslandes in neuerer Zeit« stehen, enthalten auch »Des Dichters letztes Sonett«, das Stefan Zweig sehr wirkungsvoll übertragen hat. Ein anderes Sonett, das jüngst Erika Mitterer übertragen hat (Voss. Zeitung vom 17. 8. 1930), sei hier noch mitgeteilt: Wenn ich mich manchmal fürchte, früh zu sterben, eh Worte die Ideen nachgestalten, eh viele Bücher, sicher vor'm Verderben, die reiche Beute aufgespeichert halten: Wenn ich der Nacht ins Sternenantlitz blicke, das Riesenwolken sinnvoll übergeistern, und weiß: nicht ich werd' diese Traumgeschicke einst mit dem Zaubergriff des Zufalls meistern: Und wenn ich fühle, daß ich dich, du Wesen des Augenblicks, nie wiedersehen werde, nie mehr an deinem Zauber soll genesen: Dann tret ich fort und steh am Rand der Erde und denke nach, allein, in tiefem Sinnen, bis Ruhm und Liebe schemengleich zerrinnen. Annette von Droste-Hülshoff 1797 – 1848 wurde am 10. Januar 1797 auf ihrem väterlichen Gute bei Münster geboren. Es ist bekannt, daß sie schon früh kränklich war und 1818 und 1819 Bad Driburg aufsuchen mußte. 1826 verlor sie ihren Vater und 1829 ihren Bruder. So zog die Mutter mit ihren beiden Töchtern auf ihren Witwensitz Rüschhaus bei Münster, der auf alle Zeiten mit Annettens Andenken verbunden ist. Nach der Verheiratung von Annettens Schwester – Jenny – mit Freiherrn von Laßberg (1834), der später nach Schloß Meersburg am Bodensee zog, brachte Annette dort im südlichen Klima ihrer ewigen Kränklichkeit wegen die Jahre 1841-1844 zu. Nach einem kurzen Aufenthalt in der Heimat ging Annette im September 1846 wieder dorthin an den Bodensee. Dort verlebte sie den Sommer 1847 in einem einigermaßen erträglichen Zustand. Indes im Frühjahr 1848 mehrten sich ihre Leiden, denen sie am 24. Mai 1848 erlag. Adolf Bartels läßt die Dichterin an Herzschlag sterben, und Otto Hamann, Biologie deutscher Dichter usw. (Amalthea-Verlag. 1923. S. 113 f) an Bluthusten und Herzschlag. Zur Aufklärung des Krankheitsbildes Annettes hat jüngst Hulda Eggart wertvolle Beiträge geliefert (Süddeutsche Monatshefte, Januar u. Februar 1928). Danach erweist sich das Leben der zarten Dichterin so verschlungen, »daß man sich fragt, ob sie mit 51 Jahren der konstitutionellen Schwäche ihres Nervensystems oder einer frühzeitig auftretenden, bald akuten, bald schleichenden Form der Lungentuberkulose erlegen ist.« Im Jahre 1814 schreibt Annette an Freund Sprickmann (1749-1833), der einst den Göttinger Bündlern des Hains nahe gestanden hatte: »Eine täglich zunehmende Magerkeit und Blässe, das Verschwinden meines Appetits, eine immerwährende Mattigkeit und die mit einem solchen Zustande unzertrennlich verbundene Niedergeschlagenheit, brachte mich auf den Gedanken der Auszehrung.« Von dieser Zeit, besonders seit 1817, womit ihr Driburger Badeaufenthalt in Zusammenhang stehen wird, mehren sich die Klagen über ihren Gesundheitszustand. Wir hören, daß in Annettens nächster Verwandschaft mehrere Fälle von Schwindsucht auftraten und daß sie in späteren Jahren, selbst leidend und hinfällig, wochenlang eine lungenkranke Zofe pflegen mußte. 1828 wird Annette in einem schwindsuchtartigen Zustande von ihrem früheren Arzte einem Homöopathen überwiesen. So spricht Annette mit ihrer »elfenhaften« Figur, dem goldhellen reichen Haar, manchmal von ihrem »schwachen, miserablen Körper«, der sie z. B. im Winter 1815/16 garnicht vor die Tür kommen ließ. In den letzten Lebensjahren spann sie sich förmlich ein, weil sie »durch und durch krank, mutlos und müde geworden« war. Aus ihrem elenden Leben flüchtet Annette in die Kunst, aber das intensive Schaffen treibt sie – besonders 1834/35 – aufs neue in schweres Siechtum. Damals verbot man ihr Lesen und Schreiben. Ein andermal bezeichnet sie ihre Krankheit als »kaltes Fieber« und Wechselfieber. Es war eine recht beliebte Diagnose, weil es damals in Deutschland noch viel Malaria gab. Im Jahre 1838 spricht Annette von ihrer Kurzatmigkeit, die sich in häufigen Beklemmungszuständen äußerte. Daneben bestand ein »böser, hartnäckiger Husten.« Ehe Annette für immer Rüschhaus Lebewohl sagt, um als Totkranke und mutterseelenallein sich an den Bodensee aufzumachen, kommt sie sich vor »wie ein armer Soldat, der sich auf dem Schlachtfeld verblutet.« Dort ist sie fünf Monate ans Bett und dreiviertel Jahr ans Zimmer gefesselt. Sie »hustet sich halb zu Tode« und bereitet sich, ihr nahes Ende ahnend, gleichsam auf den Tod vor. »O schlafen möcht ich, schlafen bis meine Zeit herum!« – Die unmittelbare Ursache ihres Todes war ein Blutsturz. Hulda Eggart, die Verfasserin obiger Ausführungen, denen ich nur auszugsweise folgen konnte, legt sich zum Schlusse die Frage vor, ob Annette vielleicht ohne ihre Krankheit unvollkommener, etwas Armseliges, etwas Alltägliches und das Krankhafte, Ekstatische, das Asketische ihr wahres, ihr notwendiges Ich, ihre Weise gewesen sei, sich als Mensch und Dichterin zu erfüllen. Wie mir mitgeteilt wird, enthält der amtliche Eintrag des Sterberegisters der Pfarrei Meersburg keine Angabe der Todesursache. Ein Porträt der Droste findet sich bei Max Picard, Das Menschengesicht. München 1929. S. 166. Theodor von Kobbe 1798 – 1845 Fast sämtliche Schriften Theodor von Kobbe's, des Freundes von Grabbe und Heinrich Heine, sind mir nicht nur seit langer Zeit bekannt, sondern befinden sich auch in meiner Bibliothek. Nach seinem Tode, der in Oldenburg am 22. Februar 1845 durch Lungenschwindsucht erfolgte, kündigte der Verleger der von Kobbe herausgegebenen Humoristischen Blättern den Freunden das wohlgetroffene Bildnis des Geschiedenen nach einem Ölgemälde von L. Strack – in Steindruck sorgfältig ausgeführt – an. Gleichzeitig setzte ihm der Freund Adolf Stahr einen Denkstein (Oldenburg 1845), dem ich hier hauptsächlich folge. Am 8. Juni 1798 in Glückstadt geboren, bezog er 1817 die Universität Heidelberg, 1819 setzte er seine Studien in Kiel fort, wo er 1820 Auditor wurde. v. Kobbe war von Jugend auf zart von Körperbeschaffenheit. Er war schnell aufgeschossen und niemand glaubte, wie er in seinen »Humoresken aus dem Philisterleben« (1841) erzählt, daß er das erforderliche Alter, um Bischof zu werden, je erreichen würde. Seit dem Sommer 1841 war seine Gesundheit wankend geworden. In Hamburg (August 1842; Humoristische Reisebilder. Hamburg 1843. S. 170) »wünschte man mir, vielleicht durch mein blasses, krankes Äußere bewogen, daß die Schwindsucht, die ich in mir trüge, bald um sich greifen und daß ich auf die schrecklichste Weise verrecken (so lauteten seine Worte) möge.« Aus der Wasserheilanstalt in Weinheim zurückgekehrt, fiel seinen Freunden die plötzliche Umwandlung seiner früheren »federkräftigen Haltung« und seine leidende Abgespanntheit auf. Von Jahr zu Jahr ging es sichtbar mit Kobbe bergab. Seinem großartigen Humor und seiner Willenskraft verdankte er es, daß er sich fast bis zum letzten Atemzug aufrecht und tätig erhielt. Als ihm der Arzt in den letzten Tagen vor seinem Tode ein Glas Wein erlaubt hatte, schrieb er an Stahr: »Der Wein hat mich wunderbar gestärkt, er wirkt auf mich wie das Blut auf die klassischen Toten des Hades.« Noch am Tage seines Todes redigierte er die letzte Nummer seiner »Humoristischen Blätter«, die in acht Bänden (1838–1845) vorliegen und ein reiches interessantes Material enthalten, aus denen ich öfter vergessene Dokumente ans Licht gezogen habe. Als Stahr an sein Lager ging, entließ Kobbe ihn mit den Worten: »Bitte, Lieber – geh! ich kann nicht mehr sprechen!« Zehn Minuten später hatte sein Herz zu schlagen aufgehört; ein mildes Lächeln lag um die geschlossenen Lippen. Am 22. Februar 1845 ist Theodor von Kobbe seinem langen Brustleiden erlegen. Wenige Monate zuvor war sein Bruder, Peter von Kobbe, gestorben. (In: Das Vaterland. 1845. Nr. 31. S. 123 u. 248.) Wilhelm Waiblinger 1804 – 1830 Waiblinger, geboren in Heilbronn am 21. November 1804, gestorben in Rom am 17. Januar 1830, hat nur ein Alter von 26 Jahren erreicht. Über Waiblingers Ende und Tod werde ich an anderer Stelle ausführlicher berichten. Hier mag nur Platens Bericht über Waiblingers Krankheiten an Fugger (vom 6. Februar 1830) nach der in München liegenden Handschrift seinen Platz finden: »Waiblinger ... ist an der Schwindsucht gestorben. Es ist keine italienische Krankheit; aber er hat sie (die Schwindsucht) sich durch ganz ins Viehische gehende Ausschweifungen zugezogen, und soll, während seines hiesigen Aufenthalts, 14mal venerisch gewesen sein. So versicherten wenigstens die Ärzte. Hinzu kamen noch die hitzigen Weine, besonders in Sicilien. Er bekam 8 Blutstürze nacheinander.« Seine Todeskrankheit scheint also Lungenschwindsucht gewesen zu sein. Nebenher hat er wohl auch Malaria durchgemacht. Frederic Chopin 1809 – 1849 hat nur ein Alter von 39 Jahren erreicht (geb. 1. März 1809). Cabanès (Chronique medicale 1899. S. 673) hat ihn unter die berühmten Phtisiker gerechnet – und mit Recht. Außerdem war er hochgradig nervös und überempfindlich. In der von James Huneker verfaßten Biographie (München 1914) sieht man viele Bilder von ihm aus den verschiedenen Lebensaltern. Besonders ergreifend ist Chopins Totenmaske (hinter S. 71), die bei Benkard und Langer-Gruhle fehlt. Dort ist auch der authentische Bericht über Chopins letzte Stunden wiedergegeben. (S. 67-70.) Danach war Chopins Leben durch viele Jahre nichts als ein Hauch. Sein zarter, schwächlicher Körper war augenscheinlich kein geeignetes Instrument für die Kraft, für die Macht seines Genius. Es war ein Wunder, wie er in seiner Schwäche überhaupt leben und manchmal sogar mit größter Energie handeln konnte. Sein Leib schien beinahe durchsichtig, seine Augen waren fast immer von einer Wolke umschattet, aus der zeitweilig die Blitze seines leuchtenden Blickes hervorzuckten ... In dieser geistigen Verfassung ergriff ihn das Lungenleiden. Durch den Todeskampf ermattet, sagte Chopin zu den Ärzten: »Laßt mich sterben! Warum verlängert Ihr mein Leben usw.« Liszt erzählt, daß Chopins Antlitz schön und jung war, als er in dem blumenübersäten Sarg ruhte. Im Frack wurde er beerdigt. Es war nicht sein eigener Wunsch; obwohl es polnische Sitte ist, daß sich die Sterbenden ihre Totengewänder selbst auswählen. Dagegen teilt Lombroso mit, daß Chopin in seinem Testament angeordnet habe, daß er mit weißer Kravatte, Halbschuhen und Kniehose begraben werden solle. Chopins unheilbares Lungenleiden entwickelte sich um so rascher, als seine zarte Konstitution den doppelten Anstrengungen einer überreizten künstlerischen Tätigkeit und eines aufreibenden gesellschaftlichen Lebens nicht gewachsen war. Dazu kam die Liebe zu der Dichterin George Sand, eine Leidenschaft, die ihn vollends verzehrte. Ein längerer Aufenthalt auf Majorka (1838) vermochte das körperliche Übel nur aufzuhalten. Als scheinbare Besserung ihn zu einer Konzertreise nach England und Schottland verleitet hatte, kehrte Chopin im Herbst 1849 völlig gebrochen nach Paris zurück und verschied dort am 17. Oktober 1849. G. Ernest hat jüngst (Die med. Welt 1930, 20, S. 723 bis 725) betont, daß Chopins »Herrlichstes« seine vielen kleinen Werke sind, die aus Schmerz, Sehnsucht und Trauer geboren sind und ihren Ursprung in seinen körperlichen und seelischen Leiden hatten. Andere haben Größeres als er in den großen Formen geschaffen, in den kleinen steht er unerreicht da. Bei Chopin fällt mir des Philosophen Karl Rosenkranz (1805-1879) Erörterung (Ästhetik des Häßlichen. Königsberg 1853. S. 33) der Frage ein, »unter welchen Umständen Krankheit Ursache der Häßlichkeit sein kann.« Darunter rechnet er nicht Hectik und Fieberzustände, die dem Organismus »jene transcedente Tinctur gibt, die ihn ätherischer erscheinen läßt. Die Abmagerung, der brennende Blick, die bleichen oder vom Fieber geröteten Wangen des Kranken können das Wesen des Geistes sogar unmittelbarer zur Anschauung bringen. Der Geist ist dann gleichsam schon von seinem Organismus geschieden. Er durchwohnt ihn noch, allein nur um ihn in der Tat zum reichen Zeichen zu machen. Der ganze Körper in seiner durchsichtigen Morbidezza bedeutet schon nichts mehr und ist durch und durch nur noch Ausdruck des von ihm bereits auswandernden, naturunabhängigen Geistes. Wer hätte nicht schon eine Jungfrau oder einen Jüngling auf dem Sterbebette gesehen, die als Opfer der Schwindsucht einen wahrhaft verklärten Anblick darboten! So etwas ist bei keinem Tiere möglich. – Aus denselben Gründen ergibt sich auch, daß der Tod keineswegs mit Unausbleiblichkeit eine Verhäßlichung der Gesichtszüge hervorzubringen hat, sondern ebensowohl einen schönen seligen Ausdruck hinterlassen kann.« Franz Josef Karl Napoleons I. Sohn, König von Rom, Herzog von Reichsstadt 1811 – 1832 Er wurde in Paris am 20. März 1811 geboren als einziger Sohn Napelons I. aus dessen Ehe mit Marie Louise von Österreich. Er empfing nach der Geburt, die übrigens recht schwierig war und in Steißlage erfolgte, den Titel eines Königs von Rom. Im Jahre 1814 wurde er nach Schönbrunn bei Wien gebracht und in der Hofburg zu Wien erzogen. 1817 wurde er für den Verlust seines Erbrechts auf Parma mit der Herrschaft Reichsstadt in Böhmen entschädigt. Am 22. Juli 1832 ist er in Schönbrunn der Schwindsucht erlegen. Am folgenden Tage wurde in Anwesenheit von 6 Ärzten die Leichenöffnung vorgenommen. (Vgl. E. Wertheimer, Der Herzog von Reichsstadt. 1902. S. 456 und Graf von Montbel, Der Herzog von Reichsstadt. Leipzig 1833.) Bereits in einem Krankenbericht vom 30. Juli 1830 wurde der Befund einer Brustkrankheit erhoben, die das Sektionsprotokoll bestätigte. Besonders war der rechte Lungenflügel von der Tuberkulose ergriffen. Außerdem fehlte das Brustbein fast gänzlich und »der schwache Bau seiner verengten Brust deckten hinlänglich die unheilbaren Ursachen seines Todes auf.« Nach diesem Wortlaut könnte man neben der Lungenschwindsucht an eine Deformation des Brustkorbs in Form einer sog. Trichterbrust denken. Trotz seiner Lungenerkrankung war der Herzog ein begeisterter Pfeifenraucher, wovon seine Mutter und seine Erzieher ihn zurückzuhalten suchten. (Corti, Die trockene Trunkenheit. Leipzig 1930. S. 247 und Abb. 61.) Alphonsine Plessis »Dame aux Camélias« 1824 – 1847 Alphonsine Plessis wurde am 16. Januar 1824 in Ninant in der Normandie geboren. Als sie ihr Vater nach Paris brachte, betrat sie dort die Bahn der galanten Dame. Sie unternahm Reisen ins Ausland und brachte es zu Dienerschaft, Pferd und Wagen. Im Theater fiel sie dadurch auf, daß sie stets einen Strauß weißer oder roter Kamelien mitbrachte und eine Kamelienblüte an der Brust trug. Daher erhielt sie den Namen »Kameliendame«; nach ihr benannte Dumas sein Drama. Bald war sie zur Comtesse Duplessis geworden. Im Frühjahr 1845 befiel sie eine heftige Lungenentzündung, die Koreff vom März bis in den Juni hinein behandelte – und heilte. Auch Liszt verkehrte in ihrem Hause. Den Frühling 1846 sah man sie in ihren Lieblingsbädern am Rhein. Aber weder die Landluft noch das von Koreff verordnete Strychnin konnten ihr Lungenleiden lindern. Sie starb am 22. Februar 1847 – dreiundzwanzig Jahre alt – in Paris und wurde auf dem Montmartre begraben. 1848 erschien des jüngeren Dumas Roman: »La Dame aux camélias«. (Vgl. Uhlendahl, Etwas von der Kameliendame, in: Die Leipziger Neunundneunzig. 1929. S. 205 bis 226.) Dumas sah sie im September im Theater, in Gesellschaft eines russischen Grafen. Dumas ließ sich vorstellen, soupierte mit ihr bei einer Freundin. Sie hatte dann einen solchen Hustenanfall, daß sie sich zurückzog. Später trennte sich Dumas von ihr, da, wie er in einem Briefe mitteilte, sein Vermögen nicht ausreichte, ihr eine Existenz zu sichern. Die Plessis starb, während Dumas mit seinem Vater Spanien durchreiste. Der Roman wurde innerhalb dreier Wochen fertiggestellt. Die Kamelien sind eine Erfindung von Dumas. Daher sind die Porträts, welche diese haben, als nicht authentisch zu betrachten. In ihrer Krankheit ist sie von Dr. Davaine behandelt, dessen Rechnung mitgeteilt wird. Aus ihrer Bibliothek kaufte Eugène Sue ihr Gebetbuch. (Vgl. Rondelet, Tuberculeuses celebres: La »Dame aux Camélias« in: La Medicine internationale 1913. Bd. 21. Nr. 1, S. 13 bis 31. Referat in den Mitteilungen zur Geschichte der Medizin usw. Bd. 12. 1913, S. 343.) Maurus Jókai 1825 – 1904 Jókai, der ungarische Romanschriftsteller, wurde am 19. Februar 1825 als fünfter unter fünf Geschwistern in Komorn geboren. In seinem langen Leben hat er etwa 29 Romane und andere Dichtungen (zusammen über 200 Bände) geschrieben. Die Biographien von Zsigmond (1924) und J. Gál (1925) sind mir nicht zugänglich gewesen. – Jedenfalls bekam Jókai in seinem 33. Jahre eine Lungenblutung. »Ein unheilbares Zeichen bei einem jungen Manne!« sagten die Leute. Der Hausarzt sprach zu ihm: »Du bedarfst keinerlei Arznei, sondern gehe auf Reisen und enthalte dich des Weibes!« – Jókai durchritt dann Siebenbürgen. Vierzehn Tage lang war er täglich fünf oder sechs Stunden im Sattel; stellenweise gings durch unwegsame Wälder, über steile Berghänge hinauf und hinab. Oft genug tanzte er abends auf einem Balle in denselben Stiefeln, die er unterwegs anhatte. Später meinte er: Das nenne ich eine Radikalkur gegen die Lungenblutung. Mir wenigstens hat sie geholfen. – Er sah nach einem stürmischen Leben in Gesundheit und Kraft seinen neunundsiebzigsten Geburtstag. (Nach G. Sticker, Über Naturheilkraft. Gießen 1909. S. 117 f.) Charles de Coster 1827 – 1879 Die belgischen Literaturhistoriker bezeichnen Charles de Coster's »Uilenspiegel und Lamme Goedzak«, das Albert Wesselski (Leipzig 1910) zum ersten Male ins Deutsche übersetzte, als belgische Bibel, als das belgische Nationalepos. Man verglich de Coster mit Shakespeare, Rabelais, Goethe und Beethoven. Merkwürdigerweise wurde de Coster in München am 20. August 1827 geboren, wo sein Vater Intendant des päpstlichen Nuntius war. Mit 6 Jahren kehrte der Knabe mit den Eltern nach Brüssel zurück. Sein Vater starb bereits 1834. Mit 17 Jahren nahm er eine Beamtenstelle an einer Bank an, die er indes 1850 aufgab, um sich fünf Jahre an der Universität in Brüssel dem Studium der schönen Künste zu widmen. Erst 1867 kam das schon lange mit Spannung erwartete Hauptwerk de Costers heraus, das ihn unsterblich gemacht hat. Das kleine väterliche Erbe hatte aber nicht lange vorgehalten, und die 1870 erfolgte Ernennung zum Professor für allgemeine Geschichte und französische Literatur in der Brüsseler Gemeinde Elsene (Ixelles) vermochte seine trostlosen Verhältnisse nicht zu bessern. Das Elend war sein ständiger Gast geworden und in trostloser Dürftigkeit, zu der sich noch Krankheit gesellte, starb de Coster am 7. Mai 1879. Über seine letzten Augenblicke hat Hektor Denis, sein Rechtsanwalt, einen Bericht niedergeschrieben, aus dem wir Einiges über seine Krankheit entnehmen können. (Inselschiff 1929. S. 222 f.) de Coster hatte sich den Tag zuvor zu Bett gelegt; die Harnruhr, an der er litt, und ihre unheilvolle Gesellin, die Schwindsucht, waren plötzlich schlimmer geworden. Selten pflegte er sich an Ärzte zu wenden. Einer seiner Freunde, der über das Fortschreiten seiner Krankheit erstaunt war, hatte einen Arzt an der Kriegsschule, den Doktor Vaucleroy, herbeigerufen. Dieser hatte aber keine Hoffnung, den Kranken zu retten. Wenn er auch sah, daß der Tod nicht unmittelbar bevorstände, so bemerkte er doch, wie schlimm es um ihn stand. Aber bereits wurde sein Blick trüber, und er begann zu röcheln. Sein Atem wurde schwächer und mühsam rang sich über seine Lippen: »Caroline«. An welcher Krankheit de Coster im Alter von 52 Jahren zu Grunde gegangen ist, ist aus der Wesselski'schen Übersetzung des flämischen Textes nicht zu sagen. Wir kennen eine sog. Zucker- und Wasserharnruhr. Beide Krankheiten können zu extremer Abmagerung führen, zu einer Zehrkrankheit, worunter man früher auch eine Schwindsucht verstand. Ob de Coster wirklich an einer Lungenschwindsucht gestorben ist, bleibt also auf Grund dieser wenigen Unterlagen eine offene Frage. Albrecht von Graefe 1828 – 1870 Albrecht von Graefe darf als der Begründer der modernen Augenheilkunde bezeichnet werden. Nachdem er Zehntausenden Licht gespendet und Tausenden Führer und Lehrer gewesen ist, wurde er im Beginn des besten Mannesalters durch tückische Krankheit hinweggerafft. Graefes Leidensgeschichte beginnt im Herbst 1868. Als er fühlte, daß sein dem Wohl der Kranken und dem Ausbau der Wissenschaft geweihtes Leben einem früheren Ende zuneigte, als sein noch jugendliches Alter hätte erwarten lassen, arbeitete er mit rücksichtslosem, verdoppeltem Eifer weiter, um die kleine Frist auszunützen, die ihm noch vergönnt war. Immer kürzer wurden die Zwischenräume leidlichen Wohlseins, immer verhängnisvoller bildete sich aus den Rückfällen der Rippenfellentzündung das erschöpfende Lungenleiden aus, über dessen Ausgang er sich selbst völlig klar war. In den an seine Freunde gerichteten Briefen spricht Graefe mehr von Arbeitsunfähigkeit als von Krankheit, mehr über die Erkrankung seiner Frau und vom Tode seines Söhnchens als von seinem eigenen Leiden. Julius Hirschberg hat in der kleinen Biographie (Feuer-Verlag, Leipzig), die er seinem Lehrer und Meister gewidmet hat, die Briefe aus Graefes letzter Zeit mitgeteilt, wo es u. a. am 23. Mai 1870 heißt: »Daß ich mir als verständiger Mensch und Arzt keine übertriebenen Hoffnungen mache, versteht sich von selbst; allein Beschäftigung bis zum letzten Augenblick scheint mir das Beste und hält jedenfalls von unnützem Grübeln ab.« Sein Arzt Traube hatte Graefe nach Inselbad bei Paderborn und später nach Lippspringe geschickt. Am 20. Juli 1870 ist Graefe in Berlin seinen Leiden allzufrüh erlegen. Obwohl Graefe nur in den Morgenstunden und auf seinen Reisen zu literarischer Arbeit kam, hat er doch 2500 Druckseiten mit seinen Schriften gefüllt, etwa soviel wie Lessing geschrieben hat. Erst zwei Jahre vor seinem Tode wurde Graefe ein besonderer Lehrstuhl, eine Abteilung für Augenkranke an der Universität in Berlin eingerichtet. Den Verlauf seiner Krankheit hat Graefe in einem Brief an einen Freund geschildert, der leider ohne Datum wiedergegeben ist. (A. v. Graefe, Ein Lebensbild von seinem Enkel Joachim von Bonin. 1917. Nicht im Handel. S. 46 ff.) »Mein Übel, ein rechtsseitiges pleuritisches Exsudat, hatte ich ohne Zweifel die letzten Wochen meines Berliner Aufenthalts bei mir herumgeschleppt ... Auf der Brust hatte ich jedoch nicht das Mindeste gespürt. Erst Abends, während des Treppensteigens bemerkte ich einige Beklemmungen, welches die erste Veranlassung gab, mich beim Schlafengehen zu percutieren. Ich traute meinen Fingern und Ohren nicht, soweit ich aus dem Percutieren meines Secretärs entnehmen konnte, bis zur Spina scapulae. Tags darauf war ich ein deprimierter Mann – aber Ende September kam der Hauptstoß ... Durch die Heftigkeit des Fiebers, die wiederkehrenden Fröste und typischen Exacerbationen bekam die Sache bald ein ziemlich ominöses Aussehen. Man mußte teils an eitrige Metamorphose des Exsudates, teils an eine bevorstehende tuberkulöse Infiltration denken. Hierbei nahm das Körpervolumen stetig ab und erreichte im November die macies einen formidablen Grad. Obwohl meine Gedanken nun zwischen der Chance des Unterliegens und der weit schlimmeren, einer bleibenden Invalidität, schwebten, so hatte doch meine moralische Stimmung seit jener Zeit ... wesentlich gewonnen, ja ich kam allmählich in eine gewisse Heiterkeit, soweit sie sich mit einer Summe bürgerlicher Plagen verträgt, hinein. Wenn der Mensch frisch von einem Unglück getroffen ist, mißt er nur die Größe des Verlustes, er fühlt sich auf der Glücksleiter plötzlich heruntergeschleudert, und kann seinen wehmütigen Blick von dem höheren Standpunkt nicht abwenden, den er früher einnahm. – Später, wenn sich das Unglück eingebürgert, lernt er von seinen früheren individuellen Glücksansprüchen abstrahieren, kommt auf die allgemeinen Menschenrechte zurück und gewinnt für sein Schicksal förderliche Vergleichspunkte. So ging es auch mir; ich war aus einem belebten und mich befriedigenden Wirkungskreise, aus den Trümmern eines langersehnten häuslichen Glücks plötzlich herausgerissen, um vielleicht nur dem Kampfe meines geschäftigen Temperaments gegen einen gebrechlichen Körper unfruchtbare Jahre zu weihen. Der Ruck in meinem Wesen war erheblich und warf mich anfangs moralisch sehr darnieder. Später, als sich das Bild des Glückshelden allmählich verdunkelte und das des allgemeinen menschlichen Pleuritikers – um in meiner Sprechweise zu bleiben – in den Vordergrund trat, da fühlte ich mich, umgeben von so vielen und treuen Pflegern, überschüttet mit den Zeichen der Teilnahme von allen Ecken und Enden relativ recht beglückt und vom Himmel wahrlich bevorzugt, wenn ich an den armen, verlassenen Pleuritiker in einem Hospitale dachte, welcher dieselben geistigen und körperlichen Zustände, ohne all' die physischen und gemütlichen Komforts durchzumachen hat, welche mir vergönnt waren. Könnten wir doch diese Auffassungsweise, die wir freilich oft genug formulieren, aber doch nicht eigentlich wirken lassen, in die gesunden Tage mit hinüber nehmen, wie anders würden wir das Dasein genießen! – ... Die Verhältnisse in der Brust haben sich in bestmöglicher Weise umgestaltet; vorn und in der Seite ist das Exsudat verschwunden; hinten reicht eine Dämpfung, von zurückgebliebenen Schwarten herrührend, noch ziemlich hoch hinauf. Es scheint, daß die Lunge ihre Functionen ohne wesentliche Störungen wieder übernehmen wird. Natürlich schwebt über meinem Haupte immer noch das Damoklesschwert, die Gefahr eines Recidivs. Auch der Tuberkulose halte ich mich nicht eher für entronnen, als bis der freie Verkehr mit der frischen Luft glücklich eröffnet ist ...« Anfang Februar – wohl 1862 – war Graefe soweit wieder hergestellt, daß er von Baden-Baden nach Nizza übersiedeln konnte, wo er den Winter (1862/63) blieb. Er schien soweit wieder hergestellt, daß er im Mai nach Berlin zur Arbeit in seine geliebte Klinik wieder zurückkehren konnte. Als ein Russe sein Kind Graefe – ein Jahr vor dessen Tode (1869) – zur Operation anvertrauen wollte, fand er ihn bleicher geworden, und ein leidender Zug umflorte sein Antlitz. Die Augen waren eingesunken, und die Stimme hatte ihren Silberklang verloren. Während Graefe sprach, überraschten ihn Anfälle von Lungenbluten. Dabei äußerte er resigniert und doch so richtig: »Cette maladie va vite, parfois il est tout arrosé de sang«, indem er auf das Taschentuch wies. Er hatte sich nicht getäuscht, daß er nur noch wenige Monate vor sich hatte. Robert Hamerling 1830 – 1889 Als ich vor einiger Zeit in H. Vierordts lehrreichem Buche: »Medizinisches aus der Weltgeschichte« (Tübingen 1910. S. 109) las, daß Robert Hamerling (1830–1889) – 59 Jahre alt – am Nierenkrebs gestorben sei, interessierte es mich, die Begründung dieser Diagnose in der Arbeit von J. Sadger zu lesen, die seiner Zeit in der Wiener med. Presse 1898, Nr. 9 u. 10 Sp. 343 f u. 386f erschienen ist. Herr Kollege Sadger war so freundlich, mir seine Arbeit zugänglich zu machen, auf die ich weiter unten zurückkommen werde. Inzwischen fand ich bei Otto Hamann, Biologie deutscher Dichter und Denker (Amalthea-Verlag 1923) S. 133 den Satz: »Hamerling litt durch zwanzig Jahre an Darm- und Nierentuberkulose; er hat aber eigensinnig nie einen Arzt beigezogen.« Als Quelle der kleinen Krankengeschichte Hamerlings wird Rabenlechners Ausgabe von Hamerlings Werken (Leipzig 1916) genannt. Bei der Verschiedenheit der Ansichten über Hamerlings Leiden hielt ich es immerhin der Mühe für wert, herauszubringen, was es mit der zwanzigjährigen Krankheit Hamerlings für eine Bewandtnis habe. Ein Sektionsprotokoll über Hamerling, wie wir es z. B. über Schiller besitzen, existiert nicht. Wenigstens schrieb mir Herr Prof. Beitzke in Graz, daß im dortigen pathologischen Institut ein solches nicht vorhanden sei. Es scheint mir aber so, als ob eine Autopsie bei Hamerling überhaupt nicht gemacht ist. (Sadger S. 386.) Kehren wir nun zu einer möglichst kurzen Wiedergabe der Sadger'schen Arbeit zurück. Gleichzeitig erschien von Sadger eine zweite Arbeit über Hamerling, in der der Nachweis versucht wird, daß der Dichter kein Belasteter war (in: Die Wage 1898). Diese zweite Arbeit war mir nicht zugänglich. Sadger hält den Dichter vor allem für einen »starken Angstneurotiker«. So hatte er ausgesprochene Krankheitsfurcht nicht nur vor Cholera und Diphtherie, sondern auch vor einfacher Angina. Außerdem bestand offenbar eine rheumatische Disposition, besonders mit Neuralgien im Bereich des Kopfes, Halses und Gesichtes, so daß Hamerling im Jahre 1858 von »hartnäckigen Kopfleiden« spricht. Von einer Beteiligung irgendwelcher Gelenke verlautet nichts. Die eigentliche Darmaffektion hatte im Mai 1855 eingesetzt. Sie währte mit geringerer Besserung von 1870 bis 1880 über 34 Jahre lang bis zum Tode, »der aus anderem Grunde erfolgte.« Die ganze Zeit bestanden fast tägliche Darmkoliken, besonders »unterhalb der Herzgrube«. In den Jahren 1855–1866 und zwei Jahre vor dem Tode – 1887 – hatte der Dichter buchstäblich keine gute Stunde mehr. So mußte sich Hamerling oft Tage lang auf »dumpfes Vegetieren« beschränken. Immer Neigung zum Durchfall, niemals Obstipation. Ob die Stühle Schleim usw. enthielten, wird nicht berichtet. 1867 wog der Dichter 100 Pfund. Sadger schließt Krebs und Tuberkulose aus, obwohl letztere zu Lebzeiten des Dichters diagnostiziert, sagen wir besser – angenommen oder vermutet wurde. Denn Sadger ist der Ansicht, daß eine Darmtuberkulose von 34jähriger Dauer eine Seltsamkeit sei. Von Nebenaffektionen ist für Sadger sicher »der chronische Dickdarmkatarrh, wahrscheinlich sind Geschwüre. Das Hauptleiden ist aber unbestimmbar ... Viel sicherer als die Darmaffektion kennt man das Nierenleiden des Dichters.« 8 bis 10 Jahre vor dem Tode traten Blasenblutungen, wenn auch nicht häufig auf. Darin erblickt Sadger die ersten Symptome einer »Pyelitis calculosa.« Im Jahre 1883 traten »dumpfe Nierenschmerzen« auf, und in den letzten Lebensjahren »litt er oft an Urinsperre und den halben Tag mußte er oft leiden, ja, er gebrauchte zuweilen den Katheter, aber alles allein, und trotz der innigsten Bitten rief Hamerling keinen Arzt. Ja, von dem letzteren Leiden wußte Niemand.« (Mitteilungen der Frau Gstirner an Sadger.) Da Hamerling in Wien bei Hyrtl Anatomie gehört hatte, bildete er sich ein, daß er etwas von dem kranken Körper verstände – und seiner Behandlung. In der »Geschichte meiner Krankheit«, die zuerst in seinen »Stationen meiner Lebenspilgerschaft« (Hamburg 1889. S. 431–440) erschien, erzählt er, daß er 1862 von einem Triester Arzte einem Homöopathen übergeben sei. Von Medikamenten hielt Hamerling nichts. Am meisten bewährten sich gegen seine Beschwerden Wärme und Ruhe, die Linderung brachten. Die durch das eigene Katheterisieren verursachte Cystitis bestand wahrscheinlich mehrere Jahre vor seinem Tode. In den letzten 3 Monaten kam es zu einer putriden Pyelitis. (Schwarzer Harn von üblem Geruch.) Der Katheter wurde nur in Wasser gereinigt, aber nicht ausgekocht. Diese 3 Monate war Hamerling völlig bettlägerig. Er war fast bis zum Skelett abgemagert. Mit zitternder Hand schrieb er einem Jugendfreund: »Mein Leiden hat sich allgemein verschlimmert, es ist ein unbeschreiblich peinvolles, beständiges. Aber ich darf wie Ahasver nicht sterben.« Jeden Augenblick geringster Linderung benutzte der Dichter noch zu intensiver Arbeit. In den letzten drei Tagen waren seine Sinne verwirrt; er glaubte sich oberhalb einer Apotheke wohnend und verlangte dringend nach Pulvis Doveri. Am Abend des 12. Juli verfiel er in Agonie. Am 13. Juli 1899 war der Dichter verschieden. Die Sadger'schen Mitteilungen ergeben also jedenfalls soviel, daß dort von einem Nierenkrebs keine Rede ist. Es ist seltsam, daß es auch bei Adolf Altmann, Robert Hamerlings Weltanschauung – ein Optimismus (Salzburg 1914. S. 6) heißt: »Die Krankheit nahm rasch zu und zum alten Unterleibsleiden gesellte sich ein Nierenkrebs, dem Robert Hamerling, allzufrüh, am 13. Juli 1889 erlag.« Wunderbar ist es, daß Hamerling im Hinblick auf die Schönheit, die die Welt erfüllt, das Leben noch in den trostlosesten Lagen so wundersam lebenswert fand: »Wem keine Rose das Schicksal flicht, Gelebt hat er vergebens nicht, Wenn er geschwelgt in der Schönheit Licht.« Auf Grund erneuter Durchsicht der Hamerling-Literatur vgl. R. M. Meyer, Grundriß der neueren Literaturgeschichte, Berlin 1907, S. 213), unter der ich besonders auf seine Briefe und seine Selbstbiographie (Stationen meiner Lebenspilgerschaft. Hamburg 1889) verweise, neige ich der Ansicht zu, daß wir Hamerlings Krankheit als Darm- und Nierentuberkulose ansprechen müssen. An eine Pyelitis calculosa im Sinne Sadgers glaube ich weniger. An Nierenkrebs als Todesursache zu denken, liegen gar keine Anhaltspunkte vor. Es mag hier zum Schluß daran erinnert werden, daß eine Sektion Hamerlings nicht stattgefunden hat, daß aber der Grazer Anatom Holl im Arch. für Anthropologie Bd. 18, Heft 3 u. 4. 1903, S. 257–270) im Jahre 1901 den Schädel Hamerlings untersuchen konnte. Danach dürfte bei Hamerling seine hervorragende geistige Veranlagung in der besonders mächtigen Entwicklung des Scheitelhirns zum Ausdruck gekommen sein. Wilhelm Wundt 1832 – 1920 hat sein arbeitsreiches Leben kurz nach Vollendung seines 88. Geburtstages geendet. Seine Memoiren hat Wundt unter dem bezeichnenden Titel: »Erlebtes und Erkanntes« herausgegeben. (Stuttgart, Alfred Kröner 1920. S. 116 ff.) Hier schildert Wundt, wie er im Alter von 25 Jahren – 1857 – bald nach seiner Habilitation in Heidelberg lungenkrank wurde. Es heißt dort: »Es war ein etwas kühnes Unternehmen, das ich wagte, als ich für dieses mein erstes Semester bereits die gesamte Physiologie in 6 wöchentlichen Stunden in meiner eigenen Wohnung mit Begleitung von Demonstrationen und Experimenten zu lesen begann. In der Tat zeigte sich bald, daß es ein allzu kühnes gewesen war. Ich hatte soeben den allgemeinen Teil der Physiologie glücklich vor meinen vier Zuhörern beendet, und war im Begriff, zu einem speciellen Kapitel überzugehen, als ich von einem jähen Blutsturz überrascht wurde, der sich am selben Tag, immer heftiger werdend, wiederholte und mich auf viele Tage an das Krankenlager fesselte. Auf die geplanten Vorlesungen mußte ich ebenso wie auf die Arbeiten, die ich mir für die nächsten Semester vorgenommen hatte, verzichten. Eine stille Leidenszeit begann, die erst nach reichlich Jahresfrist einer allmählichen Wiederaufnahme der nach der Rückkehr von Berlin begonnenen Arbeiten Platz machte. Den Einfluß, den dieser, wie ich bekennen muß, durch die Überhastung und Überlastung der letzten Jahre selbstverschuldete Zusammenbruch hatte, war in der Verzögerung, die er auf meine weiteren Unternehmungen ausübte, von geringer Bedeutung, wenn ich ihn mit der tiefgreifenden Wirkung vergleiche, die er auf mein gesamtes Leben gehabt hat. Da war es freilich nicht diese ganze Leidenszeit, sondern es waren ihre ersten Stunden und Tage, von denen ich sagen darf, daß sie eine völlige Umkehrung meiner Lebensanschauung hervorgebracht haben. Die Ärzte hatten mich aufgegeben, wie ich an ihrem Verkehr mit mir bemerken konnte. Ich selbst hatte meinen auswärts bei einem Amtsgericht tätigen Bruder kommen lassen, um von ihm Abschied zu nehmen. Niemals wieder in meinem Leben habe ich aber später den Eindruck einer so vollkommenen Ruhe empfunden wie in diesen Stunden. Das Gefühl abgeschlossen zu haben mit allem, was das Gemüt beunruhigen kann, mit allem Streben und Wollen, dieses Gefühl, das Leben vollendet zu haben, ist vielleicht dem andern des reinsten, vollkommensten Lebensgenusses am nächsten verwandt. Es setzt allerdings voraus, daß das Ende zugleich ein schmerzloses sei, und es mag sein, daß es eben darum vielen, wenn nicht den meisten Menschen in Wirklichkeit versagt ist, wie man wohl daraus schließen darf, daß so viel vom Todeskampf, aber kaum jemals von der Ruhe des Sterbens die Rede ist. Diese Ruhe des Sterbens einmal erlebt zu haben, schätze ich für einen Gewinn, dem nichts anderes gleichkommt. An ihn ist eben jenes Gefühl der Unvergleichbarkeit dieses Erlebnisses, der Unmöglichkeit, daß es sich jemals wiederholen könne, untrennbar verbunden. Eben darum mag es denen versagt sein, für die der Abschied vom Leben von Schmerzen begleitet ist. Gegen diese gibt es nur eine Hilfe, die vielleicht selten einmal einem Menschen erreichbar, den meisten aber versagt ist: diese Hilfe besteht darin, die körperliche Gebundenheit trotz der Macht, die sie ausübt, ganz zu vergessen und sich so durch Selbstüberwindung zu jener Seelenruhe durchzuringen, die dem schmerzlos Sterbenden von selbst beschieden ist. Mir ist dieser Gegensatz vor nicht langer Zeit noch einmal entgegengetreten in dem Abschied, den ich von einem mit dem Tode ringenden Freunde nahm. Er wünschte mir, dereinst einmal völlig bewußtlos aus dem Leben zu gehen, ohne von dem Augenblick des Scheidens eine Ahnung zu haben. Bei diesem Wunsche erneute sich bei mir momentan die Erinnerung an jenes Erlebnis meiner Jugend, und ich sagte mir: ich wünsche das Gegenteil, um keinen Preis möchte ich dieses Leben verlassen, außer mit vollem Bewußtsein diesen Akt selbst erlebt zu haben. Noch ein anderer Zusammenhang ist mir aber klar geworden, wenn ich mir in späteren Zeiten meines Lebens diese Momente der letzten Ruhe des Daseins zu vergegenwärtigen suchte. Das war die Verwandtschaft oder, wie ich wohl besser sagen würde, die Einheit dieser Ruhe vom Leben mit dem religiösen Gefühl. Als ich viele Jahre später zum ersten Male die Schriften des Meisters Eckehart zu Gesicht bekam, da fiel mir der Gedanke dieser Einheit wie eine plötzliche Erleuchtung in die Seele.« Über die Art der Behandlung und Gesundung sagt Wundt merkwürdigerweise kein Wort. Seine Tochter hat Adolf Bauer (W. Wundts Beziehungen zur Lungentuberkulose, in: Korrespondenzblatt der ärztl. Kreis- u. Bezirksvereine in Sachsen. 1915, Nr. 12. S. 196–198) darüber ergänzende Mitteilungen gemacht: »Er sagte manchmal scherzend, er sei eigentlich seiner Zeit vorausgeeilt. Denn damals habe man Lungenkranke nur in ein mildes Klima geschickt, an die Riviera oder nach Meran, während er instinktmäßig die Höhenluft gewählt habe. Er ging nämlich in die Schweiz nach Rigi Scheidegg, wo er ganz gesund wurde.« Weiter verordnete sich Wundt »selbst Atemgymnastik, indem er sich eines Apparats bediente, den er vor den Mund band und an welchem beim Ein- und Ausatmen eine Klappe abwechselnd geöffnet und geschlossen wurde.« – Damit wurde Wundt der Erfinder einer Atemmaske, wie sie später (1906) von Ernst A. Kuhn (geb. 20. Mai 1873 in Berlin, gest. ebenda August 1920) konstruiert wurde. Sie ermöglicht eine abgestufte Erschwerung der Atmung, wodurch Luftverdünnung im Brustraum und Ansaugung des Bluts nach den Lungen erzielt wird. (E. Kuhn, Die Lungensaugmaske in Theorie und Praxis. Berlin, Jul. Springer, 1911.) Ferdinand August Bebel 1840 – 1913 Bebel erblickte am 22. Februar 1840 in Deutz-Köln das Licht der Welt. Aus seinen Erinnerungen (Aus meinem Leben. Stuttgart u. Berlin 1922), geht hervor, daß er erblich mit Schwindsucht belastet war. Sein Vater starb nach dreizehnmonatiger Krankheit, 35 Jahre alt, an dieser Krankheit (I, 6 f), ebenso der Bruder des Vaters, sein Stiefvater, am 19. Oktober 1846, an derselben Krankheit. Anfang Juni 1853 starb auch seine Mutter an der Schwindsucht, an der sie mindestens sieben Jahre gelitten hatte (1, 20), sowie drei Geschwister als Kinder, ebenfalls der letzte Bruder im Alter von 16–18 Jahren. (Freundliche Mitteilung des Herrn Kreishauptmann a. D. Heinrich Lange in Leipzig.) Bei ungeheurer Arbeit, körperlicher wie geistiger, trat bei Bebel die Krise im Jahre 1872 ein, als er im Hochverratsprozeß zu 2 Jahre Festung verurteilt war und außerdem noch 9 Monate Gefängnis abzumachen hatte. Der Hausarzt hatte zu Frau Bebel gesagt: »Wird Ihr Mann zu einem Jahre verurteilt, so seien Sie froh, Ihr Mann braucht der Ruhe!« Am 8. Juli 1872 trat Bebel die zwei Jahre in Hubertusburg an. Als die Spannung nachließ, klappte er zusammen wie ein Taschenmesser. (II, 263.) Bebel schreibt ebenda darüber selbst in seinen Lebenserinnerungen: »Später stellte sich bei einer genauen ärztlichen Untersuchung auch heraus, daß mein linker Lungenflügel stark tuberkulös angegriffen war und eine Kaverne aufwies, die auf der Festung ausheilte. Freunde, die das erfuhren, meinten lachend, da sei ich ja dem Staate Dank schuldig, daß er mich auf die Festung geschickt. Ich antwortete: Dank würde ich ihm schulden, hätte er mich zu meiner Gesundung zu Festung verurteilen lassen. Ich hatte wieder einmal, wie so oft im Leben ›Schwein‹ gehabt. Was mein Verderben sein konnte, schlug zum Guten aus.« Später scheint er nicht mehr krank gewesen zu sein. Bebel hat ein Alter von 73 Jahren erreicht. Jens Peter Jacobsen 1847 – 1885 In seiner Jugend war Jacobsen sehr mager und lang aufgeschossen und pflegte immer ein wenig vornübergebeugt zu gehen. Wann seine Lungenkrankheit einsetzte, geht aus Theodor Wolff's biographischer Einleitung zu »Niels Lyhne« (Reclam) nicht hervor. Es ist aber bemerkenswert, daß Jacobsens Vater nie so recht an die Krankheit seines Sohnes glauben mochte, weil er selbst einmal in seiner Jugend brustkrank gewesen war – und davon geheilt wurde. Während Jacobsen an »Marie Grubbe« schrieb, nagte bereits die totbringende Krankheit zerstörend in ihm (1874). So schrieb er am 1. Dezember 1873: »Gesundheitszustand nicht gut, Schmerzen keine, aber Arbeitskraft ebensowenig.« Daß er lungenkrank war, wußte er nicht oder – wollte es nicht wissen. In einem Brief aus dem Jahre 1874 meint er: »Es ist indessen nicht die Brust, es ist nur die Verdauung, und das wird schon besser werden.« Aber schon 1873, als er kurze Zeit nach Italien ging, wurde er in Florenz von einem Blutsturz befallen. (Jacobsens Briefe. Bd. I. Berlin 1919. S. 50.) Aber gerade in den letzten elf Jahren seines Lebens (1874–1885) sind unter den Qualen, die die schleichende Lungenkrankheit ihm bereitete, all seine größeren Arbeiten geschrieben. Ein nochmaliger Aufenthalt, der ihn 1877 über Montreux nach Italien führte, scheint den Verlauf seiner Krankheit nicht vorteilhaft beeinflußt zu haben. Am Anfang des Jahrs 1878 meldet er aus Montreux: »Ich bin mitten in einem Anfall von Husten.« Er schrieb gerade an »Niels Lyhne«, und hoffte, daß die Götter die Arbeit beschleunigen möchten. Als Jacobsen nach seiner Heimat (Thistedt, geboren 7. April 1847) zurückkehrte, und er trotz der Ermahnungen seines Arztes 27 Stunden lang ununterbrochen gereist war, stand es schon schlecht um ihn. Er erholte sich zwar noch für kurze Zeit, gewann neue Kräfte; aber als er nach Kopenhagen kam (Weihnachten 1884) verschlimmerte sich sein Leiden abermals. Eine ärztliche Untersuchung belehrte Jacobsen, daß er nun nichts mehr zu hoffen habe. In einer kleinen feuchten Studentenwohnung schloß er 1885 die Augen. Seine Mutter hatte ihn aufopfernd bis zuletzt gepflegt. In Jacobsens Wesen war die Ironie vorherrschend, die sich gegen seine eigenen Leiden wandte. Das Ironische ließ Jacobsen »die Wirkung der eigenen Passionsgeschichte durch wehmütigen Spott vernichten und in das Gegenteil verwandeln.« Jacobsen scheint die Leiden seines Körpers ironisch zu belächeln. »Jacobsens Spott entspringt dem Stolz, einer gewissen vornehmen Eitelkeit – er will unter dem Spott nur sein Leiden verbergen.« (Th. Wolff.) Als er in seiner letzten Krankheit in Kopenhagen, meist auf der Chaiselongue ruhend, von furchtbarem Husten gequält und von seinen Leiden gemartert wurde, klagte er niemals, war immer freundlich und liebenswürdig zu den ihn besuchenden Freunden. Alle seine literarische Pläne, die seine kranke Brust verwahrte, suchte er – ehrgeizig wie er war – noch möglichst zur Ausführung zu bringen. Dazu gehörte »Doctor Faust«. In seiner Krankheit war er niemals Hypochonder. Er hatte stets eine scherzhafte Wendung zur Hand, um zu erklären, auf welche neue Erfindung seine Krankheit jetzt verfallen war. Die Krankheit war für ihn Erkältung oder Kopfschmerz und schlechte Verdauung, nie aber war es Schwindsucht, niemals war es Tuberkulose, die an seinem feinen Organismus nagte. Im März 1885 wurden die Atembeschwerden so groß, daß er fast nicht mehr schlafen konnte. Um Mitte April schwollen auch seine Beine an, und er war nicht mehr fähig, auszuhusten. (Briefe I, 72.) Der 30. April war sein letzter Tag. Paul Ehrlich 1854 – 1915 Am 14. März 1854 wurde Paul Ehrlich, der große Pfadfinder auf dem Gebiete der Medizin, in Strehlen, in der Nähe von Breslau, geboren. In der Biographie von Weinberg (Ehrlich S. 6) und von A. Lazarus (1922, S. 11) wird erzählt, daß Ehrlich etwa im Alter von 30 Jahren sich bei seinen Laboratoriumsarbeiten eine tuberkulöse Infektion der Lunge zugezogen hatte. Als er eines Tages, veranlaßt durch das Gefühl eines eigentümlichen Hustenreizes, seinen Auswurf untersuchte, fand er Tuberkelbazillen. In Begleitung seiner Gattin suchte er ein südliches Klima auf und blieb 1½ Jahre auf Reisen in Ägypten und in anderen Ländern. Völlig geheilt, wenn auch seitdem etwas zart und anfällig, kehrte er in die Heimat zurück. Seit dieser Heimkehr beginnt erst eigentlich die Zeit seiner Großtaten in der Medizin. Aber bereits im Alter von 61 Jahren – am 20. August 1915 – erlag er nicht etwa der Tuberkulose, sondern einer Erkrankung des Gefäßsystems. Eleonora Duse 1859 – 1924 Eleonore Duse (Porträt bei Max Picard, Das Menschengesicht. München 1929. S. 160) wurde am 3. Oktober 1859 im Eisenbahnzug bei Vigevano geboren; sie ist am 21. April 1924 in Pittsburg, 65 Jahre alt gestorben. (Vgl. über sie das Buch von Ed. Schneider, Inselverlag 1926 und das von E. A. Rheinhardt, Das Leben der Eleonore Duse. Berlin. S. Fischer.) Das Beste über sie entnehme ich den Erinnerungen der Yvette Guilbert. (Lied meines Lebens. 1928. Berlin. Ernst Rowohlt S. 246–271.) »Zum ersten Mal sah ich die Duse in Brüssel, wo ich 1893 sang ... Ihr Gesundheitszustand beunruhigte mich, und mein Mann und ich wollten sie dazu bestimmen, nach Paris zu kommen und einen Spezialisten zu konsultieren. Sie kam und wurde, zumal sie selbst den Wunsch ausgesprochen hatte, in den Schwarzwald geschickt, eine Luftkur zu machen. Aber leider waren ihre armen Lungen schon angegriffen. Sie kehrte nach Italien zurück und hörte ganz auf, Theater zu spielen; das war, glaube ich, um 1910.« Im März 1913 schreibt sie der Yvette Guilbert, die ihr immer Mut macht und sie veranlassen will, mit ihr zusammen aufzutreten: »Sag niemand etwas davon, denn vielleicht werde ich nie mehr gesund, werde vielleicht nie mehr richtig arbeiten können. Aber mit Deiner Hilfe bekomm ich vielleicht Vertrauen.« Im Sommer des Jahres 1913 muß sie wieder Kur machen: »Ich habe Fieber: 37,6, 37,9 jeden Tag. Aber sprechen wir nicht davon. Mein Leben ist so schwer zu schleppen.« Sie ging nach Amerika, kehrte aber zurück, »krank, krank, entstellt, hustend, spuckend, immer in Atembeschwerden, mit letzter Kraft sich aufrecht erhaltend, betäubt von Arzeneien und ihren jüngsten Triumphen; und nun wollte sie in Paris auftreten...« »Und die Duse, meine Duse, ging nach Amerika sterben! ...« Anton Pawlowitsch Tschechow 1860 – 1904 Man hat Tschechow den »Dichter der Dämmerung, der Wehmut, der müden und gebrochenen Seelen, die so reich sind und mit ihrem Reichtum nichts anzufangen wissen, genannt.« (A. Luther, Geschichte der russ. Lit. Leipzig 1924. S. 377 ff.) Der Dichter wurde am 29. (17.) I. 1860 zu Taganrog am Asowschen Meer geboren. Nach Absolvierung des Gymnasiums wurde er in Moskau in der medizinischen Fakultät immatrikuliert. Die Wahl der Fakultät scheint rein zufällig gewesen zu sein. Später hat sich Tschechow in folgender Weise darüber geäußert: »Von den Fakultäten hatte ich damals eine recht schwache Vorstellung, und ich weiß selbst nicht mehr, warum ich mich für die medizinische entschied; aber ich bereute später diese Wahl nie ... Ich zweifle nicht, daß die Beschäftigung mit medizinischen Wissenschaften einen wichtigen Einfluß auf meine literarische Tätigkeit hatte; sie erweiterten bedeutend das Gebiet meiner Beobachtungen, bereicherten mich mit Kenntnissen, deren wahren Wert für mich, als einen Dichter, nur der ermessen kann, der selbst Arzt ist... Die Bekanntschaft mit den Naturwissenschaften ließ mich stets auf der Hut sein, und ich bemühte mich, wo es ging, mich nach den Ergebnissen der Wissenschaft zu richten; wo es aber nicht ging, zog ich vor, gar nicht zu schreiben.« Dieses Bekenntnis ist für die realistische Art Tschechows außerordentlich bezeichnend. (A. Eliasberg, Russische Literaturgeschichte in Einzelporträts. München 1922, S. 123 bis 181.) In dieser Beziehung sagte Tolstoi von Tschechow: »Er entnahm dem Leben das, was er sah, unabhängig vom Inhalt dessen, was er sah ... Und wenn er etwas nahm, so gab er es erstaunlich plastisch und verständlich wieder und klar bis ins kleinste Detail ... Er war aufrichtig, und das ist ein großer Vorzug; er schrieb über das, was er sah und wie er es sah ...« Mit 24 Jahren (1884) absolvierte Tschechow die Universität in Moskau und erhielt ein ärztliches Diplom. Zur Ausübung der ärztlichen Praxis in größerem Umfang scheint es nie gekommen zu sein. Nur gelegentlich leistete Tschechow Hilfe, wie in Moskau, wo an seiner Tür ein Schild » A. P. Tschechow, Arzt,« prangte, ebenso auf dem Lande, wo die Bauern sich an ihn wandten. 1890 unternahm Tschechow eine Reise nach der Verbrecherinsel Sachalin, deren Ergebnis eine der vollendetsten Reiseschilderungen war. 1891 und 1897 ging es nach Wien, Venedig und Paris. Denn ein Lungenleiden, über das er schon seit 1884 klagte, veranlaßte ihn, den Süden aufzusuchen. Im Frühjahr 1904 hatte sich die Krankheit so verschlimmert, daß er Badenweiler aufsuchen mußte. Über die Schwere seiner Krankheit war er genau unterrichtet. In der Nacht auf den 15. Juli starb Tschechow im 45. Jahr. Aus Tschechows Briefen (in: Karl Nötzel, Russische Meisterbriefe. München 1922, S. 337–359) seien hier einige Stellen wiedergegeben, die sich auf seine Krankheit und seine Tätigkeit als Arzt beziehen. Am 2. 1. 1885 an Frau Sawaljeff: »Meine Krankheit hat mich ein wenig erschreckt und mir dabei gleichzeitig (es kommen solche Wunderlichkeiten vor!) nicht wenig schöne, fast glückliche Augenblicke bereitet. Ich erhielt so viele Beweise aufrichtiger freundschaftlicher Teilnahme, daß ich mir vorkommen konnte wie ein Prinz von Arkadien, der viele Höflinge hat. Bis zu meiner Krankheit wußte ich gar nicht, daß ich so viele Freunde habe ...« Am 28. III. 1886 an Grigorowitsch: »Ich habe mich sehr rasch daran gewöhnt, meine eigenen Arbeiten mit Herablassung zu betrachten – und habe drauflos geschrieben! Das ist die erste Ursache. Die zweite – ich bin Arzt und bis über die Ohren versunken in meine Medizin, sodaß das Sprichwort von den zwei Hasen niemanden mehr schlaflose Nächte bereitet hat wie mir.« Am 30. V. 1888 an Suvorin: »Als Arzt bin ich gewöhnt, Leute zu sehen, die bald sterben werden, und es überkam mich stets ein ganz eigenartiges Gefühl, wenn vor mir Leute lachten oder weinten, denen der Tod ganz nahe war.« Von einer Ärztin heißt es: »Die Patienten sind für sie die richtige Folter, und sie ist für sie ängstlich bis zur Psychose. Bei den Beratungen sind wir stets verschiedener Meinung. Ich bin Heilverkündiger dort, wo sie den Tod sieht, und ich verdopple die Dosen, die sie verordnet. Wo aber der Tod offenbar und unabweisbar ist, da benimmt sich meine Ärztin durchaus nicht mehr ärztlich. Einmal empfing ich mit ihr Patienten auf einer Feldscherstation. Es kam da eine junge Bäuerin mit einer bösartigen Drüsengeschwulst am Nacken und am Hals. Die Krankheit war schon so weit vorgeschritten, daß jede Heilung ausgeschlossen war. Deshalb aber, weil dieses Weib zwar jetzt keine Schmerzen empfindet, in einem halben Jahr unter furchtbaren Qualen sterben muß, blickte die Ärztin sie so tief schuldig an, als wolle sie sich entschuldigen deswegen, weil sie selber gesund sei, und als schäme sie sich persönlich, daß die Medizin hier versage ...« (Vgl. E. Ebstein, Tschechow als Arzt. Dm. Wochenschr. 1925. Praemedicus Nr. 12.) Ossip Dymow berichtet (Vossische Zeitung 16. Juli 1929, Nr. 163) anläßlich von Tschechow's 25. Todestag, daß er sehr leicht zum Lachen aufgelegt war. Nicht einmal verstummte sein tiefes rollendes Gelächter, als er in den letzten Monaten vor seinem Tode bereits ununterbrochen Blut spie. Es existieren zwei Versionen, wie Tschechow zu seiner Lungenschwindsucht kam. Denn in der Familie litt niemand an dieser Krankheit. »Zur Zeit, als Tschechow von seinen leichten humoristischen Erzählungen, die er mit dem Pseudonym »Antoscha Tschechont« signierte, zu ernsteren Arbeiten überging, war in Rußland die Meinung verbreitet, daß ein Schriftsteller politisch »leiden« müsse. Er müsse vorbestraft, verhaftet, verschickt gewesen sein, sich im Gefängnis, in Sibirien aufgehalten haben. Sonst könne er den Ruf eines ernst zu nehmenden Schriftstellers nicht erwerben. Da aber niemand daran dachte, Tschechow ins Gefängnis zu setzen, so rieten ihm seine Freunde, nach der Insel Sachalin zu fahren, die damals der Verbannungsort für Verbrecher allerniedrigster Sorte war. Tschechow befolgte diesen Rat, fuhr nach Sachalin und erkältete sich dort. Daher, berichtet die Legende, stamme seine Krankheit. Seine Familie aber behauptet, daß er sich bei einem Kranken angesteckt habe, den er als Arzt behandelte. Tschechow selbst sprach nie davon und klagte auch nicht. Seine letzten Jahre verbrachte er in Jalta in der Krim, wo er ein eigenes Haus besaß. Seine Schwester Marie – »Mascha« – pflegte ihn. Wenn der Dichter zu einem Spaziergang auf die Straße trat, so riefen ihm die Straßenjungen nach: »Antoscha Tschachòtka!« So verdrehten sie seinen Namen, in dem sie eine Ähnlichkeit mit dem Wort »Tschachòtka« – die Schwindsucht – erblickten. Der Kranke tat, als höre er diese unbewußt grausame Verhöhnung nicht. Als seine Leiche aus Deutschland nach Rußland übergeführt wurde, erwartete eine Gruppe Verehrer den traurigen Zug auf dem Bahnhof. Zu ihrem größten Erstaunen lasen sie auf dem Wagen, in dem sich der Sarg befand: »Waggon zum Transport der Austern.« Das war ganz im Geiste der grotesken Einfälle Tschechows. Heute ist das Haus, in dem er gelebt hat, in ein Tschechow-Museum umgewandelt und zur Besichtigung geöffnet. Seine Schwester führt selbst die Besucher durch die Räume.« Maria Baschkirtscheff (Baskirceva) 1860 – 1884 Die Malerin Maria Konstantinowa Baschkirtscheff, die in der Blüte der Jugend und Schönheit von heimlich fortschreitender Schwindsucht ergriffen wurde, wurde von ihren Verwandten von Arzt zu Arzt, von Heilort zu Heilort geführt. Sie sollte sich schonen, sollte ausruhen, sollte genesen und später ein Leben in Reichtum und Glück genießen. Sie zog der unsicheren Zukunft die gewisse Gegenwart vor, dem ängstlichen Haschen nach Leben und Lebensgenuß angestrengte Arbeit und ein Lorbeerblatt des Ruhmes. (Vgl. G. Sticker, Über Naturheilkunst. Gießen 1909, S. 114.) Ihre Bilder haben seinerzeit in Paris Aufsehen erregt. Nach dem frühen Tode – im 25. Jahre – erschienen ihre Briefe, die Coppée herausgegeben hat. (Paris 1898.) Sie reichen von 1868–1884. Ihr Journal – die Tagebücher – beginnen 1873 und gehen auch bis zu ihrem Tode. Sie sind von Theodor Lessing (1900) auch ins Deutsche übersetzt, der der Künstlerin auch eine Studie gewidmet hat. (1898.) Erst 1925 erschienen in Paris von ihr vier Bände: Cahiers intimes. (1877–1882.) Dort (II, XIV) findet sich das Gebet der 14jährigen Künstlerin: »Si le bon dieu veut me conserver, fortifier et agrandir la voix, là je puis avoir le triomphe dont j'ai soif. Là, je puis avoir la satisfaction d'être célébre, connue, admirée!« Die Tragik dieses Gebetes bestand darin, daß sie wenige Monate später bereits eine Kehlkopfschwindsucht hatte. Interessant ist auch der Tagebucheintrag vom 5. Dezember 1880 (Bd. 2. 234): »Le docteur Potain est venu ce matin et veut que j'aille dans le Midi jus'au mois de mars, sans cela je nu pourrai respirer bientôt, ni bouger de mon lit. Voilà qui va bien. Depuis quatre ans, je fais tout ce que m'ordonnent les célébrités; je vais de mal en pis. Je suis allé même jusq' à porter la main sur ma beauté. Je me suis badigeonné d'iode la clavicule droite. Et ça ne va pas mieux. Est-ce que mes ennemis ordinaires auraient de l'influence sur ma santé, par hasard? Pourtant le larynx, les bronches ne sont généralement pas sujets aux affections morales. Je n'en sais rien. Je fais ce qu'on me dit de faire, me garde d'imprudence, ne me lave plus qu'à l'eau chaude et suis tout de même malade.« Am 31. Oktober 1884 endete das junge Künstlerleben in Paris. Sie war in der Nähe von Poltawa am 11. November 1860 geboren, wurde von ihrem Großvater erzogen, der sie 1870 nach Paris nahm. 1877 wurde sie Schülerin von Fleury, Julian und Bastien-Lepage. Mit zunehmender Kränklichkeit, die 1878 einsetzte, mußte sie allmählich ihre Studien in Malerei, Gesang und in alten Sprachen aufgeben. (Thieme-Becker, Allg. Lexicon der bildenden Künste. Bd. 2, S. 594.) Maxim Gorki 1868 – 1936 Gorki – eigentlich A. M. Peschkow – wurde am 27. März 1868 in Nishni-Nowgorod geboren. Aus dem Jahre 1898 haben wir eine Personalbeschreibung Gorkis, die der Gefängnisarzt Doktor Wojko mit aufgesetzt hat. Darin wird er als schwindsüchtig bezeichnet. Schon als sich Gorki zum Militärdienst stellen mußte, wurde er nicht genommen: »Ein Loch in der Lunge, querdurch!« Das betrübte ihn sehr. (S. 85.) Die Narben, die (S.190 f) genau beschrieben sind, rühren von dem Suicidversuch her (12. Dez. 1887); Gorki schoß sich in die Brust, mit der Absicht das Herz zu treffen. Die Kugel durchschlug die Lunge und blieb unter der Rückenhaut stecken. Damals behandelte ihn Prof. Studenski. Als im Jahre 1913 eine Amnestie erlassen wurde, wollte Gorki nach Rußland zurückkehren. Jedoch hielt ihn eine Verschlimmerung seines Gesundheitszustandes vorläufig noch in Capri fest. Im August 1913 nahm die Tuberkulose, an der Gorki seit 28 Jahren (also 1885, 27 Jahre alt) litt, eine sehr bedenkliche Wendung. Auch war gerade dieser Herbst windig und regnerisch. »Was Sie über Ihre Gesundheit schreiben, bekümmert mich schrecklich,« schrieb ihm Lenin. »Und Sie wollen jetzt im Winter aus Capri nach Rußland kommen??? Ich habe schreckliche Angst, das könnte Ihrer Gesundheit schaden und Ihre Arbeitsfähigkeit untergraben! Gibt es da in Italien erstklassige Ärzte?!« Und in einem anderen Brief wieder: »Die Nachricht, daß Sie sich nach einer neuen Methode von einem Bolschewisten behandeln lassen, hat mich tatsächlich beunruhigt. Behüt' uns Gott vor den Genossen Ärzten überhaupt, vor bolschewistischen Ärzten aber ganz besonders... Ich versichere Sie, – außer wenn es sich um Kleinigkeiten handelt, darf man sich nur von erstklassigen Capacitäten behandeln lassen!« Lenins Sorgen erwiesen sich aber als unbegründet. Gorki wurde vom Doktor Manuchin behandelt, den er kennen gelernt hatte, gerade als sein Lungenleiden in einem sehr schlimmen Stadium war. Zum Glück wandte Manuchin bei seinem Patienten ein neues, von ihm entdecktes Verfahren an, und es gelang ihm, das Leben des Dichters zu retten. Ende Dezember 1913 verließ Gorki Capri und reiste nach der Heimat ab.« (Jlja Grusdew. Das Leben Maxim Gorkis. Malik-Verlag. Berlin, S. 262-263.) Christian Morgenstern 1871 – 1914 Christian Morgenstern wurde am 6. Mai 1871 in München als Sohn eines Kunstmalers geboren. Er widmete sich in Breslau dem Studium der Rechte und der Nationalökonomie, darauf anderthalb Jahre dem der philosophischen und kunstgewerblichen Fächer, ging 1894 nach Berlin. Wie er selbst schreibt, führten ihn »fortwährend schwankende Gesundheitsverhältnisse« nach der Schweiz und Italien (1901 bis 1903). Von 1906-1910 hielt sich Morgenstern vorwiegend in Südtirol auf. Er kehrte dann nach Berlin zurück. Am 31. März 1914 ist er in Meran im Alter von 43 Jahren gestorben. Die letzten zwanzig Jahre seines Leben war er schwer krank. Im Jahre 1906 äußerte er: »Wenn ich heute stürbe, glaube ich, alt genug geworden zu sein. Ich bin dann wenigstens alt genug geworden, um sterben zu können.« (Aus: Stufen. München 1918. S. 15) und ein andermal (ebenda S. 18): »Es ist bitter sich sagen zu müssen, daß man zwischen 35 und 45 zu erledigen hat, was man zwischen 45 und 60 hätte sollen erledigen können.« Im Winter 1905/06, in den Wäldern von Birkenwerder, vollzog sich »die entscheidende Wendung: die Natur, die Welt vergeistigten sich ihm völlig.« »Es kamen nun – äußerlich in Südtirol verlebte – Jahre des Austragens, des Ausreifens, Zu-Ende Denkens, und diese Jahre überstand er so, wie er sie überstand, eigentlich nur, weil ihm Gesundheit und Mittel fehlten, sich irgendwohin zurückzuziehen, wo er in völliger Unbekanntheit seine Tage hätte vollenden dürfen. Er war doppelt geworden und in der wunderlichen Verfassung, sich sozusagen groß oder klein schreiben zu können.« (Morgenstern über sich selbst, in: Die Propyläen. 1929. Nr. 26, S. 204-205.) Oft hat Morgenstern an die zwei köstlichen Meraner Winter gedacht. Dort wurde 1910 – vier Jahre vor des Dichters Tod – seine Trauung mit Margarete vollzogen (1910). (G. Jsolani, Morgenstern-Briefe, Vossische Zeitung 1930, Nr. 25.) Sehr interessant und charakteristisch ist einer der letzten Briefe Chr. Morgensterns, der aus dem Sanatorium Gries bei Bozen vom 22. Januar 1914 datiert ist. (Das Goetheanum, 3. Jahrg. 1923. Nr. 4, S. 27 f): »Gewiß, ich bin seit zwanzig Jahren leidend, wie sich ja neuerdings in einem öffentlichen Almanach nachlesen läßt, aber so paradox es klingen mag, es sträubt sich alles in mir, von irgend jemanden als krank empfunden zu werden. Denn ein Gefühl wirklichen Krankseins ist bisher meiner noch nicht Herr geworden, trotz allem, und natürliche Depressionen abgerechnet, und wird es hoffentlich auch nie werden. »Leiden« kann man an allem, aber um »krank« zu sein, muß einen ein fremdes Etwas besitzen, muß man der Sklave seiner Krankheiten geworden sein. Nun, was mich betrifft, so müssen's meine Werke von der ersten bis zur letzten Zeile bezeugen.« Aus Morgensterns letzten Lebenstagen sei hier noch folgendes Gedicht mitgeteilt (ebenda 1927. Nr. 16): Gewaltiger, der Du aus Geisteshöhn auf Deinen armen Sohn der Erde schaust: – Ich sah! Und kann nun fürder nimmer leben mehr, Wie ich bisher gelebt. Wie gründlich zuwider Morgenstern jegliches Biographentum war, erhellt aus folgenden Worten, die ehrlich gemeint waren: »Wenn ich aber tot sein werde, so tut mir die Liebe und kratzt nicht alles hervor, was ich je gesagt, geschrieben oder getan. Glaubet nicht, daß in der Breite meines Lebens das liegt, was Euch wahrlich dienlich sein kann. – Ißt man denn an einem Apfel auch alles mit: die Kerne, das Kerngehäuse, die Schale, den Stengel. Also lernt auch mich essen und schlingt mich nicht hinunter mit allem, was nun zwar zu mir gehört und gehörte, aber von dem ich selbst so wenig wissen will, wie ihr davon sollt wissen wollen. Laßt mein allzuvergänglich Teil ruhen und zerfallen: dann erst liebt Ihr mich wirklich, habt Ihr mich wirklich verstanden.« (1908, zitiert nach Ger Trud – Gertrud Jsolani – Malererbe. Studie zum Lebenswerke Chr. Morgensterns. Pfeil-Verlag, Berlin 1920. S. 5 f.) Auf den verschiedenen Photographien Morgensterns, sieht man, wie sich die Schmerzensfalte über dem Mund immer tiefer einkerbt. Aus seinem Tagebuch mag noch eine bemerkenswerte Stelle über sein Leiden wiedergegeben werden: »(1906) ... ich bin krank, wenn ich es auch fortwährend wieder vergesse und mitten in meiner Krankheit Stunden, Tage, Wochen vollkommener Gesundheit durchlebe, Zeiten voll herrlichsten Blühens, in denen der Zerfall in mir gleichsam überblüht, hinweggesiegt wird, von einem Frühling, der Herbst und Winter des Lebens nicht anerkennt ... Aber dann kommt ein Spätnachmittag mit seiner gefährlichen Muse, dann kommt ein nasser, trübseliger Tag wie dieser, und mit dem Vergessen dessen, ›was ist‹, ist es vorbei ... Ich sehe ihn vor mir, meinen treuesten Begleiter und Verfolger, den seltsamsten Kauz der Welt. Seine Beschäftigung besteht seit zehn, seit vierzehn Jahren darin, mich mit einer feinen Federpose in der Luftröhre zu reizen, als wünschte er auf Erden nichts, als immer von neuem, Stunde um Stunde, Tag um Tag, Jahr um Jahr meine Stimme zu hören, lediglich die Stimme, unartikuliert, tierisch, ohne Form, ohne Inhalt, wie er dann wohl auch selbst nur ein tierischer Geist sein mag, ein Gespenst ohne Hirn, nichts als die fixe Idee von oben bis unten, und ich sein einziges Ziel, sein einziger Lebenszweck.« (Vgl. W. Eidlitz, in: Die schöne Literatur 1924. Nr. 3. S. 81 ff.) Wunderbar, daß trotzdem in Morgensterns Dichtungen nichts Hinfälliges, Krankes zu merken ist, höchstens etwas Fiebriges. Aubrey Beardsley 1872 – 1898 Aubrey Beardsley wurde am 24. August 1872 in Brighton geboren und starb bereits am 16. März 1898 an der Lungenschwindsucht in Mentone. Von dem jungen Künstler und zeichnerischen Vertreter einer raffinierten Dekadentenkunst besitzen wir aus den letzten drei Lebensjahren wertvolle Briefe. (Letzte Briefe. Übertragen von K. Moorburg. Mit Anmerkungen von Max Meyerfeld. Leipzig, Insel-Verlag 1910; Briefe, Kalendernotizen von A. Beardsley. Hans von Weber. München 1908 und Künstlerbriefe aus dem 19. Jahrhundert. Verlag B. Cassirer. Berlin 1914. S. 494 bis 503.) Im Mittelpunkt von Beardsleys Krankheit stehen die ewigen Blutstürze. So berichtet er (3. Mai 1896): »Mein Blut zeigt, nebenbei gesagt, schon seit langem nicht mehr die geringste Lust, wieder hervorzusprudeln.« Als Kranker eilt er von Ort zu Ort. Von Epsom geht er nach Boskombe, das seine Ärzte für ihn für ausgezeichnet halten. Aber auch dort treten die Lungenblutungen wieder auf. Dort heißt es: »Mein alter Freund, das Blut, ist wieder aufgetaucht, aber ich unterdrücke es durch Acidum Gallicum.« (22. Sept. 1896.) Resigniert schreibt Beardsley wenige Tage später: »Arzneien, Milch, Zurückgezogenheit und Boskombe-Luft scheinen nichts zu frommen und nicht zu vermögen, das Blut zurückzuhalten, das – wie Mord – ans Tageslicht will. Gestern lag ich infolge eines Blutsturzes gleich einer Leiche da. Für mich und meine Lunge scheint es wenig Hoffnung mehr zu geben.« – Am 1. November 1896: »Die Blutung dauert an; nicht möglich sie zu stillen. Gott allein weiß, in welchem Zustand sich meine Lunge befinden muß, da sie ewig leck ist.« Am 5. November kommen die Blutungen endlich zum Stillstand: »Worte vermögen nicht, den entsetzlichen Zustand zu schildern, in dem ich mich befand. Der heutige Tag brachte mir den ersten Stillstand im Blutspeien. Ich hatte aber auch Nachts über solch ein dreckiges Riesenpflaster aufgelegt.« Etwa ein Monat später (13. Dezember) heißt es: »Das Kapitel Blut scheint kein Ende zu nehmen. Immerhin geht es mir heute besser.« Beardsley bezweifelt Anfang des neuen Jahres (6. Januar) die Natur seiner Krankheit: »Vielleicht war es Influenza, woran ich litt. Alle Symptome sprechen dafür. Die Ärzte sind Betrüger.« Dazwischen tritt wieder ein Hoffnungsschimmer auf (19. Februar): »Ich könnte mich ja noch für unabsehbare Zeit hinschleppen, wenn nur das Blutspucken einmal ein Ende nähme.« – »Vorgestern kam ein Tröpfchen Blutsturz, das ich jedoch verheimlichte. Erwähnen Sie es also nicht. Ich glaube trotzdem, daß es besser um mich steht.« (25. Februar.) Am 4. März klingt es wieder traurig: »Wiederum Bett und Blut. Geradezu scheußlich. Diese Märzwinde haben mir teuflisch mitgespielt.« – »Der jüngste Anfall hat plötzlich eine heimtückische Fratze hervorgekehrt. Alle Pläne sind dadurch über den Haufen geworfen. Ich fürchte, London wird ein großes Wagnis sein. Sehen Sie, ich habe vielleicht nur wenige Monate mehr zu leben und muß für die nächste Zeit ein Fleckchen finden, wo ich mich endgültig niederlassen kann. Wo das sein wird, weiß Gott allein. Mein Arzt spricht heute von der Normandie und Bretagne; er hat Angst mich weiter reisen zu lassen. ... Das Blut ist hartnäckig, trotz Gallic. Acid. und Ergotin.« Doch es nahen Mitte März »neue Schrecken! Kaum hat das Blut aufgehört, der Lunge zu entströmen, fließt es in beträchtlichen Mengen aus der Leber, Briefe von Beardsley. München 1908. S. 126 und Beardsley, Letzte Briefe. Insel-Verlag 1910. S. 48: Das Blut ... floß ziemlich reichlich aus der Leber, wenigstens glaubt Dr. H., daß die neue Blutung daher kommt. Er meint, daß ich an einer Schwellung der Leber leide. (Vgl. Erich Ebstein, Leber und Lungenblutungen. In: Die Tuberkulose. 1930. Nr. 5. S. 105.) via ... Einfach scheußlich, nicht?« Ende des Monats meldet Beardsley, daß er in »ewigem Fieberschauer« lebt. Ende des Monats schreibt er glücklich aus Mentone: »Ich habe mich von meiner Erschöpfung wieder erholt und blühe in diesem wundervollen Sonnenschein auf. Ich kann dir nicht sagen, wie dankbar ich bin, wieder besser zu sein. Die Schmerzen in der Lunge sind verschwunden, und der Husten ist lange nicht mehr so quälend. Ich schlafe ohne jede Störung und esse tüchtig. Selbst nach diesen paar Tagen fällt es den Leuten auf, daß ich Fortschritte mache...Ich bin glücklicher und ruhiger, als da ich Dir zuletzt schrieb. Hoffentlich kann ich Dir bald immer bessere Berichte von mir schicken.« Aber bereits am 2. April 1897 schreibt Beardsley wieder seinem Verleger: »Heute morgen trat leider wieder ein leichtes Blutspeien ein. Gestern war es so kalt und winterlich, und meine Lunge geriet in einen so gereizten Zustand, darum war ich nicht allzu überrascht von diesem kleinen Rückfall. Dr. H. schlägt mir vor, bald in ein sehr viel wärmeres Klima zu gehen, ist aber nicht dafür, daß ich mich weiter als in den Süden von Frankreich wage. Das ist natürlich ein herrlicher Plan, wenn er sich nur ausführen läßt. Ich habe Dr. H. gebeten, Dir über mich zu schreiben, da er Dir einen viel sachlicheren Bericht über meinen gegenwärtigen Gesundheitszustand geben kann, als ich dazu imstande bin. Du wirst mir auch besser raten können, nachdem Du von ihm gehört hast. Ich glaube, daß er im ganzen mit mir recht zufrieden ist. Obgleich ich mir oft bange Sorgen um mich mache wegen meines Zustandes, so glaube ich dennoch manchmal, daß das Ende mir nicht so nahe ist, wie es den Anschein hat. Ich weiß, daß mein Leiden unheilbar ist, aber sein schnelles Fortschreiten kann doch gewiß aufgehalten werden. Halte mich nicht für töricht, wegen ein paar Monaten zu schachern. Du wirst verstehen, lieber ..., wie kostbar sie mir jetzt aus verschiedenen Gründen werden können.« Am 13. April 1897 hören wir von Beardsley aus Paris (Hotel Voltaire): »Die Bedienung ist gut, und die Kellner sind sehr willig, mich die Treppe hinaufzutragen, so oft ich es wünsche ... Ich bin ein ganz anderer Mensch, als ich es vor acht Tagen war, und wenn kein neues Unheil bevorsteht, wirst Du Dich über meine Besserung wundern.« Zwei Tage später meldet Beardsley seinem Verleger, daß es ihm glänzend geht. »Sie werden mich nicht wieder erkennen ... Ich unterziehe mich auf eigene Faust einer Heiß-Wasser-Kur, die, wie ich glaube, Wunder an mir wirken wird.« Ende April ist Beardsley »abermals zusammengebrochen und habe manch' blütenweißes Tuch mit meinem Blute rot gefärbt. Ist das scheußlich! Ich glaube nicht, daß ich den Winter überdaure.« Anfang Juni gibt der Arzt von St. Germain, der gelehrt, berühmt und dekoriert ist, über den Zustand seiner Lunge »ein sehr hoffnungsreiches Gutachten ab und sagt, daß man mich eigentlich garnicht schwindsüchtig nennen könne. Er behauptet, daß sich meine Schwäche bei nötiger Sorgfalt verlieren würde, und rät mir, früh morgens von 4–6 Uhr im Wald spazieren zu gehen. – Ich habe den Versuch noch nicht gemacht, da ich ein paar Stunden nach der Konsultation einen überaus heftigen Blutsturz hatte. Dieser ging übrigens rasch wieder vorüber und ich habe mich dann sogar wohler gefühlt. Es hat mich nicht Wunder genommen, daß er mich überraschte, denn ich habe mich die letzte Zeit hindurch fürchterlich abgesorgt und infolgedessen kaum irgendwelche Nahrung vertragen können.« – Wenige Tage später heißt es: »Mein großartiger Blutsturz hat mir außerordentlich wohlgetan. Der Arzt hegt jetzt die besten Hoffnungen und sagt, ich sei vollkommen heilbar. Er rät mir für den Winter seiner Lustbarkeiten wegen Monte Carlo an. Wetter und Kost sind göttlich hier. Ich fühle mich 1 a.« – Die Verstimmung tritt immer wieder auf. »Wenn ich mich nur rascher der Gesundung näherte, würde ich diese unwürdige Lebensführung noch verzeihen. Aber so hinzuleben, Monat um Monat, unfähig irgend etwas zu beginnen, das ist hassenswert.« Für den Sommer bringt man den kranken Künstler nach Dieppe und im Herbst nach Paris, von da nach Mentone. »Die Reise hat mich beinahe umgebracht (nebst anderem ein kleiner Blutsturz in Dijon).« Von Ende November bis zu seinem Tode (16. März 1898) bleibt er in Mentone. In dieser Zeit wird er die Zeichnung gemacht haben, die ihn im Lehnstuhl zeigt, mit der Unterschrift »Sickest«. Etwa acht Tage vor dem Hinscheiden haben wir noch jenen schaurigen Brief an seinen Verleger, der den vollen seelischen Umschlag zeigt, d. h. die schroffste Abwendung vom bisherigen Leben und Treiben, erzwungen durch die den inneren Menschen schwer bedrängende Todesnähe. Der Brief ist durchweht von allen Schmerzen und Ängsten der Sterbestunde: Hotel Cosmopolitain, Mentone, 7. März 1898. Jesus ist unser Herr und Richter! Lieber Freund, ich flehe Sie an, alle Exemplare der »Lysistrata« und alle unsittlichen Zeichnungen zu vernichten. Zeigen Sie dies Politt, und beschwören Sie ihn, dasselbe zu tun. Bei allem, was heilig ist, alle obscönen Zeichnungen. Aubrey Beardsley In meiner Todesagonie. Eugen O'Neill 1888 – 1953 Eugene Gladstone O'Neill wurde am 16. Oktober 1888 in New-York geboren. Sein Vater war einer der bedeutendsten Schauspieler. Der Sohn verbrachte seine ersten sieben Jahre in allen größeren Städten der Vereinigten Staaten. Die nächsten sechs Jahre besuchte er verschiedene Schulen, bis er 1906 die Universität bezog. Vor dem Schlußexamen wurde er wegen eines »Klamauks« relegiert. Erst wurde er Sekretär bei einem Versandgeschäft. 1909 ging er als Bergwerksingenieur mit einer Goldsucherexpedition nach Mittelamerika. Nach 6 Monaten kam er krank nach Hause; er hatte die tropische Malaria. Dann wurde er Hilfsregisseur bei der Theatergesellschaft seines Vaters. Dann machte er seine erste Seereise und lungerte als einfacher Matrose an den Landungsstellen herum – bis 1911. Nach einem Wiedersehen mit seinem Vater trieb er sich auf der Bühne herum und wurde dann Reporter am Telegraph. Schließlich brach er zusammen infolge des unregelmäßigen Lebens. Nun befiel ihn eine leichte Tuberkulose wie ein Blitz aus heiterem Himmel. Er mußte Ende 1912 in ein Sanatorium und blieb bis zum Frühjahr 1913. Dort begann er darüber nachzudenken, »wie es zusammenhängt.« »Hier zum erstenmal dachte ich ernsthaft über mein Leben, über Vergangenheit und Zukunft nach.« Als er im späten Frühjahr als geheilt entlassen wurde, blieb er ein Jahr lang bei einer englischen Familie. Dort arbeitete er – las, schrieb – aber im wesentlichen war er darauf bedacht, seine Gesundheit wieder aufzubauen. In ungefähr anderthalb Jahren schrieb er elf Einakter, zwei lange Stücke und auch Verse. »Der Jüngling, der ins Sanatorium eintrat, und der Mann, der es im nächsten Jahr verließ, sind zwei vollständig andere Wesen. Der eine war ein wilder Junge, dessen Ruhelosigkeit und Neugier ihn von Heim und Familie forttrieb. Der andere ein reifer Mensch. Keiner kann mehr als er in den letzten 15 Jahren seines Lebens gearbeitet haben. Nachdem er das Sanatorium verlassen hatte, wußte er, daß er zum Stückeschreiben geboren war.« Sein Weg ging langsam, aber stetig vorwärts. 1926 wurde er Ehrendoktor der Literatur in Yale. Auch im Ausland verbreitete sich sein Ruhm. 1923 reiste er nach Europa und dann nach dem fernen Osten. Man hält ihn für die merkwürdigste Kraft im Drama der Nachkriegszeit. (Biographie von Barret H. Clark, Verlag R. M. Mc. Bride, New-York und Elisabeth Loos, Der Theaterdichter Eugene O'Neil in: Vossische Zeitung, Unterhaltungsblatt vom 3. und 10. November 1929.) Klabund (Alfred Henschke) 1891 – 1928 Klabund, in Wirklichkeit Alfred Henschke, wurde am 4. November 1891 in Crossen geboren. Sein Pseudonym – eine Kreuzung von Klabautermann und Vagabund – soll »Wandlung« heißen und gibt nach Soergel ein Bild des Dichters, seiner inneren Umkehr, die wohl ursprünglich gemeint ist, »das Eingeständnis eines ewigen Wechsels, dessen Sehnsuchtsinhalt nie der gleiche ist«. Eine seiner ersten Gedichtbände, »Die Himmelsleiter« (1920),vereint die zwischen 1912 und 1916 entstandene Lyrik und die schönsten seiner Verse. Sie sind ein Gemisch von Spott und Ironie mit Zartheit und echter Empfindung. 1914 wurde Klabund eingezogen, dann wieder als untauglich entlassen. Er erkrankte und ging 1916 von München nach Davos, wo er »Die Krankheit« schrieb, auf die wir weiter unten noch zurückkommen. Er verließ dann das Sanatorium und zog in den Tessin. In Locarno lernte er seine erste Frau kennen, die bald starb, und so ging er 1919 nach Bayern, im Winter 1920 nach Berlin, wo er im Kabarett auftrat. Die Vorträge hatten ihn aber so angestrengt, daß er wieder krank wurde, einen schweren Blutsturz bekam. Er ging nach Positano bei Palermo zur Kur. Obwohl er fieberte, schrieb er immerfort an seinen Büchern. Im Winter 1922/23 erkrankte Klabund zum dritten Mal, und zwar am allerernstesten. Er verlor die Stimme und blieb ein halbes Jahr vollkommen stumm. Er ging wieder nach Davos, wo er von seinem Arzt Dr. Ruedi dreimal operiert wurde. »Dieser Arzt hat an meinem Kehlkopf ein Wunder getan; ich verdanke ihm, daß ich heut wieder sprechen kann«. Von Davos ging er nach München; dort heiratete er die Schauspielerin Carola Neher; er zog mit ihr nach Breslau. In seiner »Totenrede für Klabund« (zuerst Berliner Tageblatt vom 14. Sept. 1928, 1 Beiblatt. Nr. 435, dann Gottfried Benn, Gesammelte Prosa. Potsdam 1928. S. 208 bis 215) erzählt sein Schulkamerad, Freund und Arzt Benn; daß für Klabund wohl die schönsten Jahre diejenigen waren, die er in Berlin bald nach dem Kriege verlebte. »Es waren die Jahre der zweiten Periode seiner Gedichte, seiner Romane und die Jahre, in denen ihm der Gedanke an den ›Kreidekreis‹ kam. Es waren auch Jahre der Krankheit, und ich ging oft zu ihm als Arzt. Manchmal nannte ich ihn in Freundschaft Jens Peter, das waren die Vornamen des großen dänischen Romanschriftstellers Jens Peter Jacobsen, dem er äußerlich ähnelte, und der an der gleichen Krankheit litt und starb. Oft auch sah ich Veilchen in seinem Zimmer, die Lieblingsblumen Chopins, seines anderen Krankheitskameraden. Einmal lasen wir zusammen die letzten Worte Chopins, die er an seinem Todestage schrieb, sie lauteten: ›Meine Versuche sind nach Maßnahme dessen vollendet, was mir zu erreichen möglich war.‹ – Das Abschiedswort eines wahren Künstlers, der das Fragmentarische des Individuellen erlebt hatte, ein Wort von Stille und Zurückhaltung, wie es auch Klabund hätte geschrieben haben können, dessen Grundzug seines Wesens alle die Jahre hindurch der einer tiefen brüderlichen Bescheidenheit war.« In Klabunds »Geschichte der Weltliteratur in einer Stunde« (Leipzig 1923, S. 88) kommt er selbst auf Jacobsens Lungenkrankheit zu sprechen und auf die von Hermann Bang. Dabei spricht er den bemerkenswerten Satz aus: »Diese konstitutionelle Krankheit hat die Eigenschaft, die von ihr Befallenen seelisch zu ändern. Sie tragen das Kainsmal der nach innen gewandten Leidenschaft, die Lunge und Herz zerfrißt.« Klabund war seit langem ein Todgeweihter gewesen. Und er hat es gewußt. Unter allen Kranken sind die Lungenleidenden am schwersten über ihr Schicksal zu täuschen, und zu alledem war Klabund einer, der jede Täuschung verabscheute und den auch der erfahrenste ärztliche Schauspieler nicht über seinen Zustand zu betrügen vermochte. Gegen Mitte August 1928 kam aus Davos, wo er oft Heilung von der Lungenschwindsucht gesucht hatte, die Nachricht, daß Klabund an den Folgen einer Lungenentzündung, zu der Rippenfellentzündung dazugekommen war, gestorben sei. Er hatte nur ein Alter von 37 Jahren erreicht. Arosa und Davos waren Klabund nur allzu vertraut. In seinen Versen spielt das Sanatorium, die Liegekuren und die Krankheit selbst eine große Rolle. Der Gedichtband, in dem er seine durchlittenen Nächte, die Prüfungen seines von der Schwindsucht heimgesuchten Körpers, seine Träume und seine Sehnsucht in erschütternden Versen niedergelegt hat, heißt »Das heiße Herz«. In den kleinen Liedern für Irene (Kleines Klabundbuch, Reclam Nr. 6251, S. 62) wird ein Tag im Sanatorium geschildert: Man erwacht im Sanatorium. Eimer klirrt, es klatscht der Besen. Heiliger wie ein Oratorium Tönt der Tag: geweint ... gewesen ... Gütig gehn des Arztes Schritte, Eine Schwester hüpft daneben. Aus der Finsternisse Mitte Schlägt ein Uhrenschlag ins Leben. Emsig schon an der Tabelle Träumt ein Assistent bedeutend. Und ich ziehe an der Schelle, Tee und Tag zum Bette läutend. In dem »Sanatorium« überschriebenen Gedicht (Morgenrot! usw. S. 67) sagt er von sich: »Er hüstelt, hustet, und zuweilen spuckt er Den gelben Auswurf in die blaue Flasche.« Und ein andermal (Die Himmelsleiter, S. 21) in »Arosa«: »Aber wir, auf den Veranden Liegen stumm wir Tag und Tag, Niemand ist, der uns Guirlanden Frommer Wünsche flechten mag.« Hier auf dem Liegestuhl fühlt sich Klabund »dem Arzt verdingt.« (Ebenda S. 24.) Immer sucht er »Hinter Schnee und Tannen, Hinter des Abendrotes Lungenbluten Des Horizontes Unermeßlichkeit.« (Ebenda S. 22.) Bisweilen kommen die Todesgedanken durch (S. 47): »Und so kriechen unsre Tage Ekle Würmer durch den Keller, Und wir hungern, und wir klagen Nie: schon pfeift die Lunge greller; Schmeißt die Schwindsucht uns in Scherben ... Laßt uns sterben, laßt uns sterben!« In einer »komischen Elegie« (S. 41) heißt es zum Schluß: »Zum Zwecke eines tröstenden Blutgeschwüres Kauf ich verschiedene Flaschen Schnäpse. Wo misch Ich sie? Wo sauf ich sie? O rühr es Den Himmel doch, wie meine Seele heute traurig zugleich und komisch.« In der »Davoser Bar« (S. 52) wird grotesk von Tuberkel und Kaverne gesprochen: »Ein Herr tanzt exaltiert wie ein Tuberkel, Des Frackes Schöße zwitschern vogelgleich ... Ein Jüngling träumt von einer fernsten Ferne. Aus seiner ausgeschnittenen Weste stiert Die Höhlung einer riesigen Kaverne, In der die Nacht wie eine Palme friert.« (Berlin 1917.) In der Erzählung »Die Krankheit«, die in Davos spielt kommen charakteristische Stellen vor: »Die Schwindsucht ist überhaupt keine Krankheit. Sie ist ein Zustand des Leibes und der Seele. Ich wollte schon längst einmal eine Psychoanalyse der Schwindsucht schreiben.« Interessant wird von den jetzigen Liege- und den früheren Reitkuren gegen Tuberkulose gesprochen. »Davos ist Vineta, die verzauberte Stadt.« »Alle dunklen Worte« – mit der Geisha O-Sen zu sprechen – »münden nächstens in die Liebe ein«, in die Liebe zu diesem Menschen Klabund-Henschke, dem Spielerei und Spiel mit Menschen und Schicksalen das Leben war, aus dem ihn seine trostlose Krankheit ausschloß. Anhang. Historische Betrachtung der Tuberkulose-Heilversuche. Die Auszehrung oder Lungenschwindsucht ist eine uralte Krankheit und ist stets einer der Hauptfeinde der Menschheit gewesen. In der indischen Medizin wird sie daher »der Krankheiten König« genannt. Bis vor etwa hundert Jahren galt die Lungenschwindsucht als unheilbar. Laennec (gest. 13. Aug. 1826) der Erfinder des Hörrohres, hat mit diesem Instrument nicht nur viel zur besseren Erkennung der Krankheit beigetragen, sondern auch schon auf die Möglichkeit ihrer Heilung und auf die Aussichten ihrer Behandlung hingewiesen. Einen Tag nach Laennec's Tode, der – kaum 46jährig – der Tuberkulose erlag, erstand in Hermann Brehmer ein neuer Pionier auf dem Gebiete der Bekämpfung der Lungenschwindsucht. Er verdient der Begründer der Lungenheilstätten genannt zu werden. Bereits in seiner Doktorarbeit hatte der junge schlesische Arzt die These ausgesprochen: »Die Lungenschwindsucht ist heilbar.« Was Robert Koch, der Entdecker des Tuberkelbacillus und des Tuberkulins für die Tuberkulose-Forschung gewesen ist, wurde Brehmer für die Behandlung dieser Krankheit. In Görbersdorf hatte er eine »Gesundheitsoase« für die Heilung der Schwindsüchtigen geschaffen, der später viele andere folgten. (Vgl. Erich Ebstein, Von der Heilbarkeit der Tuberkulose. Blätter für Volksgesundheitspflege. 1926. Heft 9. S. 157.) Die Anwendung des Höhenklimas zwecks Heilung der Lungenschwindsucht hat ihre Geschichte. (Vgl. B. Schuchardt, in: Jahrbücher der Kgl. Akademie gemeinnütziger Wissenschaften zu Erfurt. Neue Folge. Heft 24, 1898, S. 137–185.) In dem Corpus hippocraticum finden wir noch keine bestimmten Angaben über Höhenklimate und ihre Beziehungen zu Lungenkrankheiten. Aretaeus von Cappadocien (2. Jahrh. n. Chr.) spricht über die Behandlung der Phthisis durch Ortswechsel und Milchkur, während Cajus Plinius Secundus von einem Freigelassenen erzählt, den er wegen Bluthustens zuerst mit gutem Erfolg nach Ägypten schickte, dann aber, als das Übel sich wieder einstellte, nach Forum Julii, dem heutigen Friaul, zur Genesung bringen will. Erst in den Schriften des Galenos taucht die Empfehlung des Aufenthalts auf Bergen, und zwar in trockener reiner Luft in Verbindung mit einer Milchkur auf. Tabiä am südlichen Abhang des Vesuvs wird speziell genannt, ohne daß man die genaue Lage heute noch bestimmen könnte (Küchenmeister, Allg. Wiener med. Zeitung 1869 und 1870, Nr. 19 und Thomas in Göschens Deutsche Klinik 1875. S. 17–21). Dann kommt erst wieder Theophrastus von Hohenheim (1493–1541) auf den sehr günstigen Einfluß des Gebirgsklimas auf verschiedene Krankheiten zu sprechen und erwähnt (Tartar. Krankheiten, Kapitel 15) in der Schweiz das »Land Veldtlin«, das er 1525 auf der Rückreise von Italien kennen lernte. Es ist die Gegend, wo Bormio (1448 Meter hoch) liegt. Etwa 100 Jahre später findet man bei Richard Morton (1635–1698) den Hinweis in seiner »Phthisiologia« (London 1689), daß man nicht nur gesunde, reine Landluft, sondern auch Milchdiät und Mineralwasserkuren einhalten müsse. Haller und Sprengel rühmten besonders die Bewegung bei botanischen Exkursionen als Mittel, eine schwache Brust und die Gesundheit überhaupt zu stärken (v. Hovorka und Kronfeld, Vergleichende Volksmedizin Bd. 2, 60). Neben Eselinnenmilch spielten die Molkenkuren bis zur Mitte des 19. Jahrhunderts eine große Rolle. Dem 18. Jahrhundert gehört als übermäßig geschätztes Heilmittel der Lungenschwindsucht der beständige Aufenthalt in den Kuhställen oder in eigens dazu eingerichteten Zimmern über diesen. So ließ z. B. Quarin, der Leibarzt der Kaiserin Maria Theresia, einen jungen lungenkranken Arzt in einen Stall zu einem Schuster in die Umgebung Wiens bringen, wo er mitten zwischen den Kühen lag, kein Wort reden und sich nicht bewegen durfte. Nach ein paar Wochen stand er auf und ward gesund. Aber es gab damals auch Ärzte, wie z.B. L. Friedr. Benj. Lentin (1736–1804) in Klausthal am Harz, die klipp und klar den Satz aussprachen: »Oft habe ich gedacht, drei Wochen Aufenthalt in solcher herrlichen Luft würde die langwierigsten Lungenschäden sicherer und weit angenehmer heilen, als das Kontubernium im Kuhställe.« Was die oben genannten Mineralwasserkuren anlangt, so werden wir sowohl bei Gellerts wie bei Schillers Krankheit hören, daß beiden Dichtern wegen ihres Lungenleidens eine Kur in Karlsbad verordnet wurde. Geliert war mehrmals dort und stand in Behandlung des Dr. med. Gottlob Karl Springsfeld (1714–1772), der seit 1746 dort praktizierte und sonst fürstl. sächsischer Hofrat und Stadtphysikus zu Weißenfels war. In seiner 1749 erschienenen Schrift über Karlsbad trat er dafür ein, die Kur nach medizinischen Gründen einzurichten. Denn »ein vernünftiger Medicus muß wissen, warum er heute zu trinken aufhören läßt und morgen ein abführendes Mittel verordnet, warum er die Trinkkur verlängert und die Badekur verkürzt. Der Körper muß zum Baden gehörig zubereitet werden nach der Regel: Kein unreiner, oder noch angefüllter Körper soll das Bad gebrauchen.« (Vgl. K. Ludwig, Altkarlsbader Ärzte und ihre Kurmethoden, in: Bd. 10 der »Karlsbader ärztlichen Vorträge.« Bd. 10, 1929, bes. S. 331 f.) Von Schillers Karlsbader Kur (vom 9. Juli bis 6. August 1791) wissen wir, daß er täglich 18 Becher ohne den mindesten üblen Erfolg trank. (E. Ebstein, Schillers Krankheiten, in Bd. 6 des Jahrbuchs der Sammlung Kippenberg S. 170 ff.) Außerdem ging Schiller spazieren und ritt auf Eseln. Auch Schillers Vater, der Arzt war, riet zu einer Motionskur, und daher erwarb der Sohn ein Pferd. Diese bereits von Sydenham (1624-1689) in die Behandlung der Lungenschwindsucht eingeführte Reitkur bekam ihm indes schlecht. Auch Geliert bediente sich einer Kur, so daß Joh. Chr. G. Ackermann (1756-1801) in seinem Werk »über die Krankheiten der Gelehrten« (Nürnberg 1777, S. 193) schrieb: »Man weiß ja, daß Gellert nur auf einem sehr geduldigen, sanften, langsam gehenden Pferd reiten konnte.« Als Gellert etwa ein Jahr vor seinem Tode (1769) nach dem Verlust seiner alten Schecke vom Kurfürsten ein neues Pferd erhielt, fürchtete er sich doch »vor dieser Wohltat«; »denn ein kranker alter Professor und ein gesundes junges Pferd schicken sich nicht recht zusammen.« (Gellerts Schriften. Teil 6. S. 25/6. Reutlingen 1775.) Es mag noch bemerkt werden, daß der Hallenser Kliniker Friedrich Hoffmann (1660-1742), der selbst 20mal nach Karlsbad ging und es durch seine große Klientel populär machte, offenbar auch Lungenkranke mit eitrigem Auswurf dorthin schickte und Karlsbader mit Milch trinken ließ. (B. M. Lersch, Einleitung in die Mineralquellenlehre. Bd. II, 2. Erlangen 1857, S. 1382.) Ebenso lobte es der treffliche Karlsbader Arzt David Becher (1725-1792) bei Lungenkrankheiten und sah nach Anfällen Heilung, auch von hypochondrischen Symptomen. Becher, dem wir die Kurmethode danken, den Sprudel an der Quelle selbst zu trinken, ferner Kreysig (1826) und Fleckles (1844) berichten ebenfalls über Heilung von eingewurzelten Husten. Ja, Jean de Carro (1770–1837), der sich nicht nur um Einführung der Kuhpockenimpfung in Osterreich, sondern auch um die Entwicklung von Karlsbad verdient gemacht hat, behauptet, dadurch, daß er jedes Jahr 4 Wochen den Neubrunn trank, von einer Art Luftröhrenschwindsucht geheilt worden zu sein. (Lersch S. 1381.) Aus diesen Ausführungen ist ersichtlich, wie langsam die Kur der Lungenschwindsüchtigen in die richtigen Bahnen gelenkt wurde. Nach und nach traten diejenigen Ärzte hervor, die die Beobachtung gemacht hatten, daß die Lungentuberkulose in Gebirgen ziemlich selten sei, so Flechner in Wien (1840), C. A. L. Koch in Württemberg (1838) und besonders Brockmann in Klausthal (1843), der übrigens schon wie sein großer Landsmann Robert Koch eine Ahnung von der parasitären Natur der Lungenschwindsucht gehabt zu haben scheint. (Vgl. Schuchardt S. 169.) Etwa um dieselbe Zeit trat Ruedi in Davos hervor (1841), der dort eine Anstalt zur Heilung scrofulöser Krankheitsformen gründete. (Vgl. E. Ebstein, Z. f. Balneologie [1913.] Bd. 6. S. 177 f und Wehrli, Schweizerische med. Wochenschrift 1926. Nr. 6. S. 125–129.) Auf das weitere Aufblühen von Davos in den 60er Jahren des 19. Jahrhunderts kann hier nicht eingegangen werden. Es war eine Tat, daß Hermann Brehmer (1826 bis 1889), der im Todesjahr Laennecs (1781–1826) das Licht der Welt erblickte, 1853 in seiner Doktor-Dissertation den Satz aussprach: »Die Lungenschwindsucht ist heilbar.« (Vgl. Bd. 31, Heft 3 der Beiträge zur Klinik der Tuberkulose. Würzburg 1914.) Seine Bestrebungen, die in der Lungenheilstätte in Görbersdorf ihren sichtbaren Ausdruck fanden, haben eine tatkräftige Unterstützung in seinem Lehrer Johannes Lucas Schoenlein, der den Namen Lungentuberkulose prägte, und in seinem Gönner, Alexander von Humboldt, gefunden. Alexander von Humboldt hatte auf seinen Reisen die Erfahrung gemacht, daß Höhenorte für die Ausheilung von Lungenkrankheiten sich als besonders geeignet erweisen. Seit dieser Zeit hat man mit besonderer Vorliebe solche Sanatorien in Gebirgsgegenden errichtet. (Vgl. M. Fischer, Die deutsche Krankenpflege in der Neuzeit. Freiburg i. Br. 1924 S. 140.) Der in Görbersdorf von Hermann Brehmer 1854 errichteten ersten Lungenheilstätte, die lange Zeit die einzige ihrer Art in Deutschland blieb, reihte sich 1875 ebenfalls in Görbersdorf ein zweites Sanatorium an, das Römpler ins Leben rief. (Vgl. Bäumler, Die Behandlung der Tuberkulose im 19. Jahrh. Berl. klin. Wochensch. 1900.) Im Jahre 1876 gründete Brehmers Schüler, Dettweiler, eine Lungenheilstätte in Falkenstein im Taunus. Er war es, der durch die Einführung der Liegekuren die Tuberkulosebehandlung wesentlich ausgestaltete. Unabhängig von Dettweiler richtete ein amerikanischer Arzt, Edward L. Trudeau, der selbst schwer tuberkulös war und seine Besserung einer Liegekur in staubfreier Höhenluft verdankte, auf Grund seiner Erfahrungen am eigenen Körper die Freiluft-Liegebehandlung ein und begründete das erste Forschungsinstitut für Tuberkulose in Amerika. (V. Robinson, Trudeau and Tuberculosis, in: Neuburger-Festschrift 1928. S. 269–272; ebenso Knopf in Medical Life, Dezember 1926, mit Trudeaus Bild, Denkmal und der Abbildung seines ersten kleinen Sanatoriums.) In Andreasberg im Harz ermöglichte Ladendorf auch Unbemittelten, wenn auch nicht Anstaltsbehandlung, so doch Höhenkuren. Ende der 80er Jahre des 19. Jahrhunderts setzten die Bestrebungen ein, auch Volksheilstätten für Lungenkranke zu errichten. So wurde 1892 eine solche für männliche Brustkranke und 1893 in Blankenfelde eine für weibliche Brustkranke eingerichtet. Dadurch daß die Landesversicherungsanstalten die Trägerinnen der Lungenheilstättenbewegung wurden, insofern als sie teils die Kosten für die Kuren in ihnen übernahmen, teils eigene Lungenheilstätten errichteten, entstanden in ziemlich rascher Folge in Deutschland Lungenheilstätten. (Vgl. Wolf Becher, in Neuburger-Pagel's Handbuch der Geschichte der Medizin. Bd. III, 2. S. 1040 f.) Die Vorträge, die der Berliner Kliniker Ernst von Leyden über die Notwendigkeit der Errichtung von Lungenheilstätten usw. in den Jahren 1895–1904 gehalten hat, um den Gedanken zu popularisieren, sind in seinen »Populären Aufsätzen und Vorträgen« (Deutsche Bücherei, Bd. 67) leicht zugänglich. Dort finde ich die bemerkenswerte Tatsache erwähnt, daß in England der Kampf gegen die Schwindsucht früher als bei allen anderen Nationen ins Werk gesetzt wurde. Denn in England sind zuerst Spezialkrankenhäuser für Lungenkranke errichtet, als erstes das Royal Hospital for Diseases of the Chest mit 80 Betten. Es wurde bereits 1814 eröffnet. (Leyden ebenda S. 42.) Daher ist es nicht wunderbar, daß die Idee Wolf Becher's (1899), Walderholungsstätten – sog. Tagessanatorien – zu errichten, von denen die erste 1900 in der Jungfernheide bei Berlin entstand, ihren Vorläufer bei Dr. Robertson in Manchester hat, worüber Emil Isensee (1807–1845) in seinen: »Nord-West Europäischen Briefen« (Berlin 1837. S. 33–36) anschaulich berichtet, mit dem Wunsche, daß »eine ähnliche wohltätige Anstalt in allen großen Städten gestiftet würde.« (Vgl. Iwan Bloch, Zur Geschichte der sog. Erholungsstätten. Deutsche Ärzte-Zeitung 1903. Heft 23. S. 537 f.) Auch Paul Niemeyer (1832–1890) darf als ein Vorläufer der Freiluftbehandlung der Lungenschwindsucht betrachtet werden. In seinen medizinischen Abhandlungen (Bd. I. 1872. S. 130 ff) hat er der Klimatotherapie einen geschichtlichen Abriß gewidmet, aus dem wir einige Tatsachen hervorheben wollen. Bereits bei Aretäus (2. bis 3. Jahrh. n. Chr.) finden wir die Notiz, daß Brustkranken das Reisen zur See gewöhnlich sehr gut bekomme. Diese Bemerkung machte sich Laennec zu Nutze, indem er in seiner Abteilung für Brustkranke täglich frischen Seetang auf dem Fußboden ausbreiten ließ. Ende des 18. Jahrhunderts wurde in einer Edinburger Dissertation von Gilchrist »der medizinische Nutzen des Schiffens« erörtert und Gregory formulierte die Indication des Klimawechsels in der Schrift: »De morbis coeli mutatione medendis.« (Deutsch von Tabor: Heidelberg 1791.) Der Dubliner Kliniker Graves trat insbesondere für Malta und Australien ein. Henry Bennet nahm namentlich aus eigenen Gesundheitsrücksichten einen mehrjährigen Aufenthalt im Süden und ließ Nizza gegen Mentone und S. Remo zurücktreten. Außerdem wählte man Madeira und Ägypten. Dagegen kamen Florenz, Pisa, Rom und Neapel immer mehr außer Kurs und man schlug Venedig und den Comersee als Stätten mit gleichmäßig temperiertem Klima vor. Wunderlich trat für Corsica ein. Wir wissen, daß Canstatt, Eisenstein, Riemann, Rudolf Wagner usw. aus Florenz, Pisa, Neapel, Palermo mit großer Enttäuschung zurückkehrten. Auch die Frage der Bewegung nach Blutstürzen wird schon auf einer Weihtafel erwähnt: »Julian schien nach einem Blutsturz hoffnungslos verloren. Der Gott ließ ihn durch Orakelspruch kommen, vom Altare Pinienkörner nehmen und diese, mit Honig vermischt, drei Tage lang essen. Er ward gerettet, kam und dankte dem Gotte vor dem Volke.« Sydenham empfahl das Reiten als Therapie mit den Worten: »Tantum valere equitationem ad phthisim curandam quantum chinamchinam ad febres intermittentes.« (Schriften. Ulm 1845. Bd. II. S. 441.) Boerhave sagt in seinem Aphorismus 1208: »Nachdem sich eine Vomica in der Lunge gebildet hat, entsteht die Indication, sie sofort zur Reife und zum Aufbruch zu bringen: es geschieht dies durch Milchdiät, Reiten, lauwarme Räucherung und Expectorantien. Ist sie durchgebrochen, dann heißt es: Das Blut gegen die eitrige Ansteckung zu schützen. Das Geschwür so schnell wie möglich von Eiter zu entleeren und zu vereinen. Irgend etwas dem Körper einzuverleiben, was die wenigste Kraft erfordert, durch die Lungen zu fließen, dort Ordnung zu machen und dabei ernährt, ohne den Eiter zu ersetzen. Auch die folgenden Aphorismen Boerhaves mögen hier Platz finden: 1209. Der ersten Indication genügen leichte und angenehm säuerliche oder salzige Arzneien, Wundkräuter, zarte Balsame in jeder Form, die man in großer Menge anwendet; 1210. Der zweiten Indication genügen für das Austreiben harntreibende, hustenerregemde, innerlich und äußerlich angewandte Arzeneien, Bewegung, Reiten, Landaufenthalt; zum Reinigen nehme man diesem Zweck dienende Balsame, innerlich und äußerlich, und zur Vereinigung dazu gebräuchliche, besänftigende Mittel. 1211. Für den dritten Punkt eignen sich Gerstengrütze, Fleisch- und Milchsuppen. 1212. Hauptsächlich gilt es bei der Behandlung dieser Krankheit Husten, Angstgefühle und Diarrhöe zu mäßigen. 1213. Hindert hierbei die Diät (1211), dann setze man vorsichtig Opiate heißen Flüssigkeiten zu.« Wie vorsichtig man mit statistischen Tabellen umgehen muß, zeigt die Einsicht der Londoner Totenlisten vor 200 Jahren, die von Tuberkulose und Syphilis sprechen. Süßmilch (Göttliche Ordnung usw. 1776) macht darauf aufmerksam, daß in den Londoner Sterbetabellen (1728 bis 1757) zu viel Phthisische ständen, weil dort viele unter diese Rubrik kommen, die an dem Morbus venereus gestorben sind. Denn: »Alle, die sich ein wenig in guten Umständen befinden, verfinstern und bestechen die Untersucherinnen der Krankheit durch ein Glas Ale, daß sie die, so an der Venusseuche umkommen, zur Vermeidung der Schande zu denen zählen, so an der Auszehrung gestorben; nur der geringste und ganz ausgefressene Pöbel kommt unter diese Rubrik.« (Nach Gottstein, Zur Geschichte der Lungenschwindsucht. Hygienische Rundschau. 1902. Nr. 6. S. 270 f Anmerkung.) Wie man heute wieder mehr als früher auf ältere Anschauungen zurückkommt, zeigt sich besonders in dem Werke von Bernhard Aschner, Die Krise der Medizin (Hippocrates-Verlag 1928. S. 342 ff), in dem er besonders für die abdominellen Ursachen der Lungentuberkulose eintritt, die heute sehr oft übersehen werden. So pflichtet Aschner auch der Lehre bei, die, wie ich gezeigt habe, die Hypochondrie bzw. die ihr zu Grunde liegenden Unterleibsleiden (Magen- und Lebererkrankungen) als eine der häufigsten Mitursachen zur Lungenkrankheit berücksichtigt. Die Lehre geht vielleicht auf den Satz im Corpus hippocraticum (Coac. Praenat. Nr. 408) zurück: »Spumosum sanguinen spuunt, dextrum hypochondrium dolentes de hepate spuunt et multi pereunt.« Bei Christoph Bennet (1617–1655) heißt es (Theatrum tabidorum. London 1656. S. 107): »Magis periclitantur pulmones a pressura per denegatam epatis percolationem, quam a regurgitatione ab infarctis lienis vasculis.« Ähnlich schreibt Richard Morton (1637–1698) in Lib. II, Cap. 5. De phthisi an haemoptoe. (Opera omnia, Genevae 1696 S. 96): »Haemoptoe vero habitualis sicuti ab intestino sanguinis fermentescentis motu, et ab aperientis vasa acrimonia dependet Besonders lehrreich ist die Göttinger Dissertation von G. A. Gramberg (1766) mit dem Titel: »De haemoptysi in genere et speciatim eius nexu cum varia adversa ex hypochondriis valetudine.« Zum Schluß gesteht der Verfasser, daß er öfter an leichterem Blutspucken gelitten habe und daß es ihm, nachdem das Fieber nachgelassen, niemals besser gegangen sei als nach Bewegungen und selbst nach starkem Reiten. Es schadete ihm immer Ruhe, besonders mit zusammengedrücktem Bauch. (Nocebat mihi semper quies, imprimis cum abdomine compresso. Plus etiam fateor mutato a me vitae generi corporisque mei exercitiis debeo, quam exquisitissimis aliquamdiu mihi commendadtis, e penu pharmaceutico, remediis.« (Vgl. Erich Ebstein, Leber- und Lungenblutungen, in: Die Tuberkulose. 1930, Nr. 5. S. 105.) Was die verschiedene Behandlung der Lungenschwindsucht in verschiedenen Ländern anlangt, so darf hier eine recht interessante Bemerkung von Kurt Sprengel (kritische Übersicht des Zustandes der Arzneykunde im letzten Jahrzehend. Halle 1801. S. 38) ihren Platz finden: »Über die Natur und Behandlung der Schwindsucht erschienen zwei klassische Werke, von Raulin aus dem Französ. Jena 1874, 1787) und von Thomas Reid (aus dem Engl. Offenbach 1787), durch welche man den klimatischen Unterschied der Behandlung dieser Krankheit bestätigt findet, Der französische Arzt lehrt die Schwindsucht mit anthiphlogistischen und leicht nährenden Mitteln behandeln; der britische Arzt empfiehlt die Brechmittel als die vorzüglichsten zur Auflösung der Stockungen im Unterleibe, von welcher seiner Meinung nach die Lungensucht gewöhnlich abhängt. Dagegen rühmte Matth. Salvadori (Trident. 1789), ein italienischer Arzt, als neues Mittel, das Reiten und andere körperliche Bewegungen.« »Eine gewisse Einseitigkeit ist,« fährt Sprengel fort, »bei der Empfehlung dieser Methoden unverkennbar, indem man wenig Rücksicht auf die verschiedenen Arten und auf die verschiedenen Zeitpunkte der Krankheit nahm.« Aus den weiter unten mitgeteilten Biographien ergibt sich, daß eigentlich nur Wundt instinktmäßig die in Vergessenheit geratene Kur im Gebirgsklima einem Aufenthalt im Süden vorzog. Daher sagt von Oordt mit Recht (in Schwalbe, Irrtümer der Diagnostik und Therapie usw. Heft 2. Leipzig 1923. S. 287): »Man denkt nicht mehr an die logische Entwicklung der Therapie, welche mehr und mehr die Tuberkulösen aus den südlichen Wärmeklimaten, die weniger wegen der Sonnenwirkung als wegen der milden, feuchtwarmen Luft aufgesucht wurden, um durch Beseitigung des Schleimhautreizes vorwiegend ein quälendes Symptom, den Hustenreiz zu mildern, zurückführte in kühlere, ja kalte, aber strahlenreiche, trockene und windstille Höhen einerseits, andererseits wiederum an die viel rauheren, aber strahlenreichen Sommerküsten Nordfrankreichs, Belgiens, Englands und Deutschlands. All das war die Folge der zunehmenden Erkenntnis vom übenden, in letzter Linie nicht mehr schonenden, sondern aktiv, spezifisch oder unspezifisch immunisierenden Charakter der Höhenklimate und nordischen Küstenklimate.« Wenn auch die Lungenschwindsucht schwer und unaufhaltsam fortschreitend beginnen und in einigen Wochen bis Monaten zum Tode führen kann, so sind doch anderseits Erkrankungen von einer Dauer von Jahrzehnten – mit Einrechnung der oft sehr langen Stillstände – nicht allzu selten. Viele ehemals Lungenkranke erreichen ein hohes Alter. Daher gilt für keine Krankheit wie für die Lungenschwindsucht das Wort von Goethe aus der Achilleis:     »Oft begrub der Kranke den Arzt, der das Leben ihm kürzlich Abgesprochen, genesen und froh der beleuchtenden Sonne.« Literaturnachweise. Die in Frage kommenden Werke sind größtenteils an der betreffenden Stelle verzeichnet. Im übrigen sei verwiesen auf folgende Werke: Birnbaum , K., Psychopathologische Dokumente. Berlin 1920. J. Springer. Bloch , O., Vom Tode. 2 Bände o. Jahr. Axel Juncker Verlag. Brümmer, Franz , Lexikon deutscher Dichter und Prosaisten. Reclam. Leipzig. Ebstein , E., Schillers Krankheiten. In: Jahrbuch der Sammlung Kippenberg . (Insel-Verlag Bd. 6 1927. S. 128–239.) Hamann , O., Biologie deutscher Dichter und Denker. Amalthea-Verlag. (1923.) Lange-Eichbaum , W., Genie, Irrsinn und Ruhm. München. Ernst Reinhardt. 1928. Lewin , L., Die Gifte in der Weltgeschichte. Berlin 1920. (J.Springer.) Vierordt , H., Medizinisches aus der Geschichte. Tübingen 1910. H. Laupp. Vierordt , H., Todesursachen im ärztlichen Stand. Stuttgart 1926. Enke. Geschichte der Tuberkulose. Baumann , E. D., De phthisi antiqua. In: Janus. 34. Jahrgang. 1930. S. 209–246. Koch , Hans, Einfluß konstitutioneller Faktoren auf den Verlauf und die Gestaltung der Lungentuberkulose. Diss. Erlangen. 1928. Pagel . W., Die Krankheitslehre der Phthise in den Phasen ihrer geschichtlichen Entwicklung. In: Beiträge zur Klinik der Tuberkulose. Bd. 66. (1927) S. 66–98, und Pagel, Geschichtl. Überblick. In: Henke-Lubarsch, Handbuch, 111, 2. (1930) S. 139–149. Sticker, Georg , Zur Geschichte der Schwindsucht. In: Münch. med. Wochenschrift. 1922. Nr. 33 und 34. Vierordt, H. , Aus der Geschichte der Tuberkulose. In: Württtemberg. Corr. Blatt 1913. (Sonderabdruck von 25 Seiten.) Psyche der Lungenkrankheiten. Creischer , Psychologie von Lungenkranken. In: Beiträge zur Klinik der Tuberkulose. Bd. 67. H. 4. (1928.) Engel, H. , Über den Einfluß chronischer Lungentuberkulose auf Psyche und Nerven. Münch. med. Wochenschr. 1922. Nr. 33 u. 34. Heinzelmann , Psyche der Tuberkulösen. Münch. med. Wochenschr. 1894. Nr. 5. Herich , Zur Psyche der Lungenkranken. Praktische Tuberkulose-Blätter. 1928, Jchok , Die tuberkulöse Psychoneurose. In: Z. f. Tuberkulose;. Bd. 31. H. 6. 1929. Jessen, F., Lungenschwindsucht und Nervensystem. Jena 1905. (112 Seiten.) Klemperer, Felix , Thomas Manns Zauberberg im ärztlichen Urteil. (Ein Beitrag zur Psychologie der Lungentuberkulose und der Sanatoriumsbehandlung.) In: Frankfurter Zeitung vom 22. Juni 1926 Nr. 455. Kollarits , Wie leitet der Charakter den Kampf gegen die Tuberkulose? In: Schweizer med. Wochenschr. 1928, 855 mit viel Literatur. Köhler, F. , Tuberkulose und Psyche. In: Med. Klinik 1911, Nr. 47 Köhler, F. , Die psychischen Einwirkungen der Tuberkuloseinfektion. In: Beiträge zur Klinik der Tuberkulose. Bd. 3. Supplement. (1912.) Liebe, G. , Vorlesungen über die mechanische und psychische Behandlung der Tuberkulose. München 1901. (Lehmann) S. 1.36 ff und 238 ff. Liebe, G. , Zur Psychopathologie der Tuberkulose. In: Med. Klinik. 1910. Nr. 29. Schweitzer , Schwindsucht eine Nervenkrankheit. München 1903. Stern, Erich , Die Psyche des Lungenkranken. Halle. Marhold 1925. (168 Seiten.) Stern, Erich , Medizin und Weltbild. Münch. med. Wochenschr. 1925. Nr. 42. Stern, Erich , in: Med. Klinik. 1925. Nr. 42. Weygang, W. , Der Seelenzustand der Tuberkulösen. Med. Klinik. 1912. Nr. 3-4. Wolff, F. , Aus den Erinnerungen eines Heilstättenarztes. München 1928. II. Verzeichnis bekannter Persönlichkeiten, die an Tuberkulose erkrankt waren, in den pathographischen Skizzen dieses Buches aber nicht behandelt wurden. Abel, Niels Henrik (1802–1829), norwegischer Mathematiker, Albrecht, Eugen (1872–1908), Mediziner (vgl. die Fußnote auf Seite 1 dieses Buches), Alertz, Clemens August (1800–1866), Mediziner, Andersen Nexö, Martin (geb. 1869), Schriftsteller, Attila (gest. 453), König der Hunnen, Bamberger, Ludwig (1823–1899), Politiker, Bang, Hermann (1857–1912), dänischer Schriftsteller, Bartels, Carl Heinrich Christian (1822–1878), Mediziner, Baumgarten, Alexander Gottl. (1714–1762), Philosoph, Becker, Nikolaus (1809–1845), Lyriker, Verfasser von: »Sie sollen ihn nicht haben ...« Bellman, Carl Michael (1740–1795), schwed. Dichter, Bichat, Marie Francois Xavier (1771–1802), französischer Mediziner, Blumröder, Gustav (1802–1853), Mediziner, Boieldieu, Francois Adrien (1775–1834), französischer Opernkomponist, Brawe, Joachim Wilhelm von (1738–1758), Dramatiker, Brendel, Johann Gottfried (1712–1758), Mediziner, Bronte, Charlotte (1815–1855), englische Schriftstellerin, Bronte, Emily Jane (1818–1848), englische Schriftstellerin, Bronte, Anne (1819–1849), englische Schriftstellerin, Canitz, Friedrich Rudolf Ludwig von (1654–1699), Dichter, Canstatt, Carl Friedrich (1807–1850), Mediziner, Danzel, Theodor Wilhelm (1818–1850), Literarhistoriker, Diderot, Denis (1713–1784), französ. Enzyklopädist, Ebstein, Wilhelm (1836–1912), Mediziner (Vetter des Verfassers), Eisenstein, Ferdinand Gotthold (1823–1852), Mathematiker, Erxleben, Dorothea Christiane (1715–1762), Ärztin, Erxleben, Johann Christian (1744–1777), Mediziner und Naturforscher, Sohn der vorigen, Essig, Hermann (1878–1918), Schriftsteller, Ewald, Johannes (1744–1781), dänischer Dichter, Fontane, Theodor (1819–1898), Schriftsteller, Foster, Stephen Collins (1826–1864), amerikanischer Komponist und Liederdichter, Fournier, August (1850–1920), österreichischer Historiker, Franz von Assisi (1182–1226), Goldsmith, Oliver (1728–1774), englischer Dichter, Gren, Friedrich Albert Karl (1760–1798), Mediziner, Gretry, André Ernest Modeste (1741–1813), französischer Komponist, Günther, Agnes (1863–1911), Schriftstellerin, Günther, Johann Christian (1695–1723), Dichter, Hallmann, Eduard (1813–1855), Mediziner, Heinrich VII von England (1457–1509), Hillebrand, Karl (1829–1884), Historiker und Publizist, Hoffensthal, Hans von (1877–1914), Schriftsteller, Horny, Franz (1797–1824), Maler, Irving, Washington (1783–1859), amerikanischer Schriftsteller, Joseph II von Osterreich (1741 –1790), Kafka, Franz (1883–1924), Schriftsteller, Karl IX von Frankreich (1550–1574), Kobelt, Georg Ludwig (1804–1857), Mediziner, Kraus, Joseph Martin (1756–1792), Komponist, Krüger, Johann Christian (1723–1750), Dramatiker, Lambert, Johann Heinrich (1728–1777), Mathematiker, Lawrence, David Herbert (1886–1930), engl. Schriftsteller, Maupertuis, Pierre Louis Moreau de (1698–1759), Mathematiker, Mauthner, Fritz (1849–1923), Philosoph, Meyer, Victor (1807–1831), Bildhauer, Michaelis, Johann Benjamin (1746–1772), Dichter, Murger, Henri (1822–1861), französischer Schriftsteller, Nadson, Semjon Jakowlewitsch (1862–1887), russischer Dichter, Obstfelder, Sigbjörn (1866–1900), norwegischer Dichter, Petöfi, Alexander (1823–1849), ungarischer Dichter, Petzoldt, Alfons (1882–1923), österreichischer Dichter, Proust, Marcel (1871–1922), französischer Schriftsteller, Pyra, Jacob Immanuel (1715–1744), Dichter, Regelsberger, Ferdinand (1831–1911), Jurist, Rengger, Johann Rudolf (1794–1832), Zoolog, Riemann, Bernhard (1826–1866), Mathematiker, Rumohr, Karl von (1785–1843), Kunstschriftsteller, Spener, Johann Karl Philipp (1749–1827), Buchhändler, Spon, Jacques (1647–1685), Mediziner, Stevenson, Robert Louis (1850–1894), englischer Schriftsteller, Stoltze, G. H. (1784–1826), Professor der Pharmazie, Tychsen, Cäcilie (1794–1812), Braut des Dichters Ernst Schulze (vgl. S. 114 dieses Buches), Ungar, Hermann (1893–1929), Schriftsteller, Wackenroder, Wilhelm Heinrich (1773–1798), Schriftsteller, Wagner, Rudolf (1805–1864), Physiolog, Wetzel, Friedrich Gottlob (1779–1819), Schriftsteller, Wigand, Justus Heinrich (1769–1817), Gynäkolog, Wilhelmine, Sophie Friederike (1709–1758), Markgräfin von Bayreuth, Winckelmann, Johann Joachim (1717–1768), Kunstgelehrter, Zachariä, Friedrich Wilhelm (1726–1777), Dichter.