Ernst Weiß Der Gefängnisarzt oder Die Vaterlosen Erster Teil I. Im Herbst des Jahres 1923 wurde in einer vornehmen Villengegend von B., einer großen Stadt im deutschen Osten, ein Raubmord an einem alten Kriegsindustriellen und Grundstücksmakler, Jakob Zollikofer, genannt »Rosenfinger«, verübt, wobei dem Täter oder den Tätern große Geldbeträge in fremder Währung, aber auch einige tausend Mark in der neuen Rentenmark, zahlreiche teils deutsche, teils ausländische Wertpapiere und besonders viele kostbare Schmucksachen in die Hände gefallen sein mußten. Auch ein rosafarbener Brillant, in einem Platinring gefaßt, sowie eine mittlere Perle in einer Schlipsnadel fanden sich nicht vor. Sie hatten zum persönlichen Gebrauch des Ermordeten gedient, während er die anderen Pretiosen als »Sachwerte« in den Inflationsjahren gesammelt hatte. Außerdem fehlten noch einige Kleinigkeiten, z.B. ein mit Schweizer Spitzen besetztes »Kavaliertaschentuch«, das der sehr gepflegte alte Mann, der als Schönheitsfreund in jeder Form bekannt war, stets in seiner linken vorderen Jackettasche getragen haben soll. Der erste Verdacht, der dann am eifrigsten weiterverfolgt wurde, fiel auf einen gewissen Rudolf D., einen jungen, sehr schönen Mann aus bestem Hause, und zwar wurde der Verdacht durch einen der vielen »Vertrauten« der Polizei, Manfred v. G., und einen Beamten im Innendienst, namens Steffie, ausgesprochen, die den alten Herrn seit den Kriegsjahren gut gekannt hatten – aber unter vier Augen und ohne daß man sich an die Formalitäten eines Protokolles hielt. Manfred v. G. galt, ebenso wie Steffie, als ganz zuverlässig. Er betrieb zwar einen Spielklub, er soll sich aber weder dort noch sonst jemals etwas Unkorrektes zuschulden haben kommen lassen. Der Makler, vormals ein in kleinbürgerlichen Kreisen geachteter und persönlich nicht unbeliebter Mann, war erst im Kriege sehr reich geworden. Ohne ein selbständiges Fabrikunternehmen zu eröffnen, hatte er Kriegsmaterialaufträge zu erhalten gewußt und hatte sich dann an verschiedenen älteren Unternehmungen mit großem Nutzen beteiligt. Er wußte im voraus, was man brauchte, und er hatte die Dauer des Krieges annähernd richtig eingeschätzt. In den letzten Jahren hatte er an seinen Anteilen an den Unternehmungen nicht unter allen Umständen festgehalten, er hatte vielmehr dem Ausland sein Interesse zugewandt, und zuletzt hatte er nur »Gold für Gold« arbeiten lassen. Er rühmte sich, weder Kriegsanleihe gezeichnet, noch nachher einen nennenswerten Teil seiner Steuern gezahlt zu haben. »Wofür? Was gibt mir dieser sogenannte Staat? Für die vielen unnützen Beamten arbeiten? Nein! Rette sich, wer kann. Ich kann.« Tagsüber arbeitete er sehr intensiv, er hatte die meisten interurbanen Gespräche in der Stadt. Seine Arbeitslust hatte sich nach dem Tode seiner Frau, mit der er »nett, anständig, zimmerrein«, ohne große Liebe zusammengelebt hatte, »ich begreife es heute selbst nicht mehr, – aber es war eine andere Zeit!« – nur noch gesteigert. Oft sprach er von seiner Jugend in einem kleinen Schwarzwaldort, wo sein Großvater und sein Vater Lehrer gewesen waren. Aber er dachte nie daran, dorthin zurückzukehren. Abends umgab er sich jetzt mit »interessanten Menschen«, wie er es nannte. Unter diesen machten ihm besonders ein paar junge Leute »reine Freude«, hübsche, gut gewachsene Jungens, so um die zwanzig herum, aber er mochte auch ältere Männer gern um sich sehen in seinem prachtvollen Hause, selbst dann, wenn sie vom Leben schon etwas mitgenommen waren. Unter den Jüngeren hatte er besonders Rudolf D., der als siebzehnjähriger Junge im November 1918 einmal zu einer seiner Gesellschaften, der ersten nach dem Tode seiner Frau, gekommen war, in sein Herz geschlossen. Rudolf war für ihn »das Bild eines Menschen«. Vergebens hatte der Bruder Rudolfs, der um ein paar Jahre ältere Konrad, dagegen angekämpft. Der ältere Bruder fühlte sich verantwortlich für den jüngeren. Der Vater der zwei jungen Leute war gefallen. Der alternde Mann hatte den jungen Menschen verwöhnt, hatte ihm seine Kälte verziehen, ja, er liebte ihn wegen dieser Kälte nur um so mehr. Ihm vertraute er. So hatte er ihn zu seinem, Zollikofers persönlichen Schutz durch den sportkundigen Steffie im Jiu-Jitsu und im Schießen ausbilden lassen. Auf Rudolf D. fiel also der erste Verdacht, obwohl er nicht mehr und nicht weniger verdächtig war als eine Menge anderer »interessanter« Menschen, die in Zollikofers großer Villa ein und aus gegangen waren. Andererseits hieß es, Rudolf habe bereits einige Tage vor der Tat, deren man ihn beschuldigte, nach einem Streit mit seinem älteren Bruder die Stadt verlassen. Möglicherweise war er, wie schon oft, seinem eigenartigen Wandertrieb gefolgt, von dem er in den letzten Jahren nur scheinbar geheilt gewesen war. Der ältere Bruder setzte sich mit aller Liebe auch jetzt für den jüngeren ein. Aber warum meldete sich Rudolf nicht? Wußte er nichts von dem gewaltsamen Tode seines alten Freundes? Wäre er in B. anwesend gewesen, hätte er die nur im geheimen, unter vier Augen abgegebenen Aussagen des Spielbankbesitzers leicht Lügen gestraft. Vielleicht auch nicht. Nach den einander nicht widersprechenden Aussagen von Manfred und Steffie konnte man sich vorstellen, daß Rudolf, ein hemmungsloser, in den letzten Jahren den Rauschgiften völlig verfallener Mensch, ein arbeitsscheues Subjekt, das niemals durch bürgerliche Arbeit einen Pfennig verdient hatte, einer solchen Tat in seiner Sucht nach dem kostspieligen und immer kostspieliger werdenden und in immer größeren Mengen benötigten Kokain ganz gut fähig wäre. So stellte es Manfred dar, diskret die Hand vor den dünnen Lippen haltend, und der »Kamerad« Steffie, nicht so leicht Worte findend, hatte die Achseln gezuckt, die Krawatte zurechtgerückt, den Blick nicht von Manfred gelassen und hatte nicht widersprochen. So wurden manche in dem Verdacht gegen den Abwesenden bestärkt, andere aber hielten eine solche Tat gerade bei Rudolf für außerhalb jeder Möglichkeit. II. Der kinderlose, etwa achtundsechzigjährige Makler und Kriegsgewinnler und Inflationsspekulant war erst in den letzten Monaten vor seinem gewaltsamen Tode richtig gealtert. Bis dahin hatte er ein für seine Jahre ungewöhnlich jugendliches Aussehen gehabt und sich auch über seine Jahre hinaus jung, »unverbraucht« gefühlt. In den Kreisen, in denen er in Vorkriegszeiten mit seiner bescheidenen, dicklichen Frau verkehrt hatte, fühlte er sich jetzt schon lange nicht mehr wohl, die alten Bekannten staunten den neuen Luxus an, sie machten große Neidaugen, fragten nach dem Geheimnis des Erfolges, gingen dann, und der alte Makler rief sie nicht zurück, nahm ihre kümmerlichen Einladungen nie an. Die richtigen »großen« Kreise, die alten Vorkriegsindustriellen, verkehrten mit ihm nur geschäftlich, das heißt telephonisch. Im übrigen hielten sie sich zurück, ohne beleidigende Schärfe. Sie entschuldigten sich und kamen nie. Sein Haus hatte der alte Mann nach seinem Begriff von wahrer Schönheit eingerichtet. Junge, schöne, blühende Gestalten bei sich zu sehen war ihm eine Herzensfreude, allen sportlichen Betätigungen war er zugetan. Im Sommer ließ er in seinem Gartenplatz Tennis spielen, im Winter in seinem großen Turnsaal Jiu-Jitsu- und andere Kämpfe abhalten und sah still, eine gute Zigarre erloschen im Munde, aus einer Ecke zu. Auch junge Mädchen sollen ab und zu bei ihm ein und aus gegangen sein. Er liebte sie, liebte sie nicht; er mochte sie alle, nie einen einzigen, eine einzige. Den jungen Rudolf ausgenommen. Noch kurz vor seinem Tode (Halsschuß vor dem prachtvollen eichengeschnitzten Renaissancetisch in der übrigens außerordentlich vernachlässigten Wohnung) hatte er den Besuch des jungen Arztes Dr. Konrad D., Rudolfs Bruder, empfangen. Damals schien es seine größte Sorge (von Rudolf abgesehen) gewesen zu sein, den äußeren Anschein der Greisenhaftigkeit zu meiden. So hatte er sich das sehr spärlich gewordene Haupthaar dunkelbraun färben lassen, hatte sich »taktvoll diskret« geschminkt, hatte die buschigen, bärbeißigen Augenbrauen zum Teil ausrasiert und ihre Linie mit einem schwarzen Fettstift ästhetisch verbessert, und vor allem hatte er seine Fingernägel und auch sonst die Hände mit allem Raffinement schön und jugendlich zu erhalten versucht. Daher sein Spitzname Rosenfinger, den er im Munde seiner spottlustigen, sogenannten Freunde erhalten hatte und von dem er wußte. »Schmeckt euch doch ganz gut von meinen Rosenfingern«, sagte er lächelnd, wenn er sie bei sich mit seinen Freß- und Saufgelagen bewirtete. Und doch mußte er das Groteske an seiner unnatürlichen Erscheinung zum Schlusse selbst eingesehen und er mußte sich selbst, den ewig jungen Rosenfinger, zynisch-trostlos in seiner unabwendbaren Greisenhaftigkeit belächelt haben. Ein gewisser Humor, vielleicht auch eine gewisse Haltung, waren ihm nicht abzusprechen gewesen. Er konnte lieben. Eine Art Weisheit war ihm nicht fremd gewesen. »Die Zeit macht viele zum Narren«, hatte er einmal zu Chiffon gesagt, »mich nicht. Mich macht sie lachen. Lache ich aber nicht, so sehe ich mir die Zeitung an, oder da guck' ich in den Spiegel rein, und sieh mal, gleich lache ich!« Er wußte also, was er tat, vielleicht ahnte er auch, was ihm bevorstand. Nicht vor dem Tode, sondern nur vor dem Sterben oder, besser gesagt, vor den letzten Augenblicken unmittelbar vor dem Tode hatte er immer eine »blödsinnige« Angst gehabt. »Was gäb ich drum, könnt' ich aufwachen und wär' tot wie ein Klotz! Könnt ihr mir nicht helfen, Kinder?« Er hatte nur entfernte Verwandte, angeheiratete Cousinen, die in sehr dürftigen Verhältnissen in kleinen Ortschaften zwischen Freiburg im Breisgau und Basel lebten. Sie hätten in den letzten Jahren gern seine Entmündigung betrieben. Aber dazu war sein Verhalten eben doch noch zu »geordnet« gewesen. Es war die Zeit der zu Ende gehenden Inflation, und die furchtbar haltlosen Zustände begannen sich allmählich zu festigen. Die polizeiliche Untersuchung des Mordfalles Jakob Zollikofer, genannt Rosenfinger, die nach dem ersten Anlauf etwas kraftlos weitergeführt wurde, schlief über einigen ergebnislosen Nachforschungen ein. Von Rudolf D. war noch keine Spur zu entdecken gewesen. Aber auch die Verdachtsmomente gegen ihn hatten sich nicht weiter verstärkt. Man hatte dem ermordeten Makler einen unseligen Einfluß auf junge Menschen nachgesagt. Nach seinem plötzlichen Tode war er bald vergessen. Niemand hat ernsthaft um ihn getrauert. III. Der Polizeispitzel Manfred von G., genannt Chiffon, hatte sein Unternehmen in einem anständigen Wohn- und Geschäftsviertel, das man die »Schwedengänge« nannte. Der Klub, der in den Parterreräumen eines kleinen villenartigen zweistöckigen Hauses, mitten in einem Block größerer Mietshäuser, eingerichtet war, hieß »Hera«. Der Spielbankbesitzer war ein verhältnismäßig junger Mensch, 1923 kaum dreißig Jahre alt, aber schon etwas verbraucht. Von Natur aschenartige, trockene, nur durch viel Pomade fest anliegende Haare über einer runzligen, aber nicht ganz niedrigen Stirn, tiefe Falten um den verkniffenen Mund, trippelnder Gang, schüchterne, anmutige Gebärden, sehr sichere, aufrechte Haltung und gute Muskeln trotz seiner Magerkeit, tiefliegende, kluge Augen von undefinierbarer Farbe, eine leise, gewählte, ab und zu etwas stotternde Sprache. Er hatte immer zu tun, und doch schien er immer in Schwierigkeiten zu sein, zu deren Behebung er aber niemanden aufforderte. Es blieb immer bei den Worten, bei denen er lächelte, bestrebt, seinen Mund mit den langen, häßlichen Zähnen nicht zu öffnen, zwischen seinen dünnen Lippen hing fast stets eine Zigarette, er stöhnte immer über »Druck«, kam aus den Verpflichtungen angeblich nie heraus. Wenn man seinen Lamentationen glaubte, lebte er darbend und mutterseelenallein im Hinterzimmer und in der Küche der zu einem Spielklub hergerichteten Privatwohnung und verließ sie kaum. Es war nicht an dem, daß er immer höchstpersönlich Nacht für Nacht bei Trente-Quarante, Ecarté und Roulette die Bank hielt – dazu gab er sich nicht her, dazu hatte er seine Leute. Aber wie sollte er sich eine Erholung gönnen und sein Unternehmen verlassen, wenn es immer Differenzen zwischen den »Kindern«, damit meinte er die Spieler, den »Zockern« zu schlichten gab? – Erst seit einem »Unfall«, über den er viele, aber sich stets widersprechende Angaben machte, hatte er zu stottern begonnen. Mit Unrecht, ganz mit U-U-Unrecht, so jammerte er nun in abgehackten Ausbrüchen, beklagten sich seine Kinder über unfaire Methoden in den Schwedengängen – er zeigte mit seinem tabakgebräunten knochigen Zeigefinger auf die Gäste hin, jung und alt, ärmlich gekleidete Burschen neben sehr gepflegten Erscheinungen, wie sie sich alle im Lichte der strahlenden Lampen um die grünen Spieltische Kopf an Kopf drängten –, denn (jetzt lachte er, und seine Falten im Gesicht vermehrten sich) kamen nicht alle seine guten Kinder mit tausend Freuden wieder? Das war doch der klarste Beweis für seine Reellität. Und nie hätte die Polizei etwas zu beanstanden gefunden. Manfred von G. war immer freundlich, immer süß, bescheiden und höflich, immer Gentleman. Er ließ den Kindern für wenige Pfennige ausgezeichnete Mahlzeiten zukommen. Man bekam warme »Gedecke« bei Tag und bei Nacht, ohne Spielverpflichtung, wie er grinsend und seine häßlichen, überlangen gelben Zähne zeigend meinte, bei ihm würde immer Feuer für die Kleinen im Ofenherd gemacht, auch spät nachts, wenn die Restaurants in der Stadt schon lange geschlossen waren. Auf Spieler, die mit großen Einsätzen operieren wollten, legte er keinen Wert. Die Umsätze hielten sich in gewissen, nicht übertriebenen Grenzen. An fetten Fischen verdirbt man sich den Ma-a-gen, pflegte er zu sagen. Oft kam ein Familienvater vorbei, vielleicht bei Gelegenheit eines harmlosen Bummels, einer Bierreise oder von dem Bahnhof her, wo er mit dem Nachtzug angelangt war, und las die hinter Glas und Rahmen am Hauseingang des vornehmen stillen Grundstücks befestigte, gut beleuchtete, saubere Speisekarte mit den nur zu preiswerten Abendgedecken. Trat ein Gast ein und hatte er in einem gemütlichen kleinen Vorraum, dem »Speisezimmer«, in welches der diskrete Trubel des gutgehenden Spielklubs nur undeutlich hineindrang, seine Mahlzeit, z.B. einen delikaten Gänsebraten mit Rotkohl für 5 Mark bis, im Herbst 1923, 500 Milliarden Papiermark und dann wieder für eine schlichte RM genossen, so blieb er, sich eine Zigarre anzündend, noch einen Augenblick hier, schon aus Höflichkeit, oder sei es nur, um dem auf jeden Fall aufregenden Spiel zuzusehen. Fast jedes Kind, das etwas Geld bei sich hatte, begann dann »spaßeshalber« einen kleinen Betrag von einigen Mark bis zu ein paar Milliarden zu setzen, nachdem es »der Form wegen« irgendeinen Namen in das aufliegende Gästebuch eingetragen hatte. In der Inflationszeit waren die Männer oft froh, wenn sie die an Masse immer riesiger werdenden Geldbeträge noch am gleichen Tage umsetzen und womöglich in wertbeständiger Form fest anlegen konnten, da am nächsten Morgen der Kaufwert mit steigendem Dollar bereits halbiert sein konnte. Man hatte die Rocktaschen gebauscht voll von »Zeugs, das dem alten Geld ähnlich sah«, und spielte eben guten Gewissens »spaßeshalber«, »machte den Quatsch mal mit«. Und Devisen »schwarz« zu handeln war zwar verboten, aber es hieß, daß Manfred von G. auch solchen Geschäften mit Edelgeld, bar auf die Hand, nicht immer abgeneigt sei und daß er immer könne und stark sei, wenn er wolle, und daß er sich, wenigstens zeitweise, im Besitz von vielen Dollars, Schweizerfranken und Tschechenkronen befände. Man fragte nicht lange, woher sie kamen. Sollte doch auch nicht alle Welt wissen, wohin sie gingen. Die Zeit war aufregend, man berauschte sich an allem, auch an astronomischen Zahlen. Der grauhaarige, leicht parfümierte Spielbankbesitzer drängte seine »Kinder« nie zum Spielen, er forderte nie zum Bleiben auf. Mit einer blütenweißen Schürze angetan, die schwelende Zigarette im Mundwinkel, kümmerte er sich oft den ganzen Abend nur um die Küche. Weibliche Gäste, und waren sie noch so schön und liebenswürdig, sah er abends und nachts an seinen Spieltischen nicht sehr gern. Wenn man ihm glaubte, schien er außerhalb seines blühenden Unternehmens wenig persönlichen Verkehr zu haben, weder Freundschaft, noch Feindschaft, noch Liebe. Aber dies alles traf nicht zu; es war ebensowenig echt wie sein ewiges Stottern und seine erholungsbedürftigen Finanzen, seine drängenden Schulden. (Von seinen echten Leiden, seinem alten Magenleiden, seinem Feinde Rudolf, seiner Freundin Vera sprach er fast nie.) Wenn er aber einen zweifelnden Blick bemerkte, verstärkte er nur die Höflichkeit und das Stottern. Oft wurde dieses dann so stark, daß es eine Verständigung zwischen ihm und den anderen unmöglich machte und daß er sich auf das, wie sehr kluge! Schweigen beschränken konnte. Wie wehe tat es ihm, daß das bittere Leben ihm nicht erlaubte, daß er mit allen guten Kindern in Frieden leben konnte! Weil er so zart und gebrechlich aussah, glaubte man ihm seine Friedensliebe, seine Aufrichtigkeit, sein neutrales Wesen, und so glaubte auch die Polizei ihm und seinem »Kameraden« Steffie ohne den geringsten Zweifel und deckte ihn seit Jahren stillschweigend, wo es not tat. Natürlich hatte er Feinde, aber doch nur wegen seiner Korrektheit? Er zahlte Steuern und ließ wohltätige Kollekten nie ohne milde Gaben vorbeigehen. Wie hätte er sich an fremdem Eigentum, an fremdem Schmuck bereichern sollen? Er hatte ja genug. Wie hätte er, der Zartbesaitete, sich an einem fremden Menschenleben vergreifen sollen? Oder gar »Kamerad« Steffie, der immer seinen Dienst und mehr als das geleistet hatte? Es waren Männer von Ehre, und sie hatten es der Behörde oft und oft bewiesen. Er, Manfred, arbeitete. Rudolf ging müßig. Er, Manfred, zog sich schüchtern im Handgemenge zurück und wagte nicht einmal alle die erlaubten Griffe im Jiu-Jitsu, das er angeblich noch besser beherrschte als der zügellose Rudolf, der auch vor den unerlaubten Griffen nicht zurückschreckte. Aus welchen Gründen hätte der feine Chiffon einen Mann wie Rudolf verleumden sollen? Ihm böse sein? Nein. Ihm die melkende Kuh, Rosenfinger, nicht gönnen, von der der große, gesunde, baumstarke Kerl Rudolf gutes Gold melkte, nein! Rudolf sollte nur ruhig mit seinem alten, schwachsinnigen, von Todesangst besessenen Rosenfinger glücklich sein und den alten Narren vor eingebildeten Feinden mit den 606 Griffen des Jiu-Jitsu und mit seinem kleinen schwarzen Revolverchen schützen! Es hieß, daß irgendein unbekanntes Wesen den »ahnungslosen« Rudolf auf die Idee des Kokaingenusses gebracht hätte. Aber niemals hatte Rudolf selbst diesen Verdacht gegen Manfred ausgesprochen. Und Vera konnte soviel betteln, wie sie wollte, viel echtes Kokain bekam sie nicht mehr. Gewiß, er, Manfred, kannte gute Quellen, und zwar besonders preiswerte, für diese leckeren Sachen wie Heroin, Morphium, Kokain. Aber die armen Narren, die Giftnarren, diese Unterkinder, die nicht rechts von links unterscheiden konnten, warum sollten sie anderswo die Sachen dreimal so teuer bezahlen, als er sie ihnen an Hand geben konnte? Hätte nicht er »geliefert«, andere hätten es getan. Brot gab es in den Nachkriegsjahren nicht immer und Butter ebensowenig und Arbeit wurde knapp, aber Kokain gab es immer. Bekam er, Manfred, ordentliches Geld, gab er anständiges Kokain. Er war reell. Klagen kamen nicht. »Kinder brauchen eben Rausch, Zucker ist Zucker!« Wertbeständiges Geld, Edelvaluta, wurde im Herbst 1923 nach dem Erscheinen der sagenhaften Rentenmark nicht mehr in allen Cafés, Herrenklubs und Sportvereinen, an allen Straßenecken schwarz gehandelt. Man schwamm nicht mehr in den Milliarden, Pfunde und Tschechenkronen gab es nur in den Banken, niemand wollte sie mehr. Und die Rentenmark mit den winzigen Ziffern war leider spärlich. Nicht alle Spieler hatten genug von den graublauen, komisch gezeichneten Scheinen. Wohl aber hatten sie aus den Inflationsjahren gehamsterte oder durch alle diese Jammerjahre hindurch sorgfältig aufbewahrte Sachwerte, Uhren, auch Glashütter noch mit den niedrigen Fabrikationszahlen, Ketten, alte schwere 20-Mark-Stücke, Schlipsnadeln mit schönen Steinen oder großen Perlen, auch lose Steine und Perlen, ungemünztes Edelmetall, Goldgebisse, Klumpen Silber, Stänglein Platin, dann auch Silberkästen mit vollständigem Inhalt. Dann aber auch weniger wertvolle Dinge, die bloß den »Kindern« so wertvoll und unersetzlich erschienen, Tortenheber aus Silber, vergoldet, aber keineswegs massiv, wie man immer angenommen hatte, Kaviarbestecke aus Perlmutt, Kinderohrringe und Patengeschenke. Solche Gegenstände wurden ihm, da man ihn als reell, human und kapitalkräftig kannte, angeboten, damit er sie gegen Spielchips eintausche. Aber was sollte er mit dem Zeug? Er hatte kein Kind und wollte auch keines, wozu dann Kinderohrringe und Patengeschenke? Er hatte an seinen großen Kindern genug. Er litt am Magen, er aß keinen Kaviar. Er brauchte keine neue Uhr, er trug noch die dicke, silberne, die er von seinem Mütterchen zur Einsegnung erhalten hatte. Aber wenn sich ein Kind es in den Kopf gesetzt hatte zu spielen, warum sollte man ihm nicht behilflich sein? Man konnte die Sachen in aller Form ihm als Pfand geben, schönes Geld in Empfang nehmen und das Bargeld ruhig nach Hause tragen, statt ein Spielchen zu riskieren. Sein Nutzen sei auf jeden Fall nur gering. Nur mit Überwindung, so meinte er mit gezwungenem Lächeln auf den dünnen Lippen, nähme er sich der Sachen an. Er riskiere, flüsterte er neben seiner erloschenen Zigarette hervor, daß er auf den Dingern sitzenbleibe, die vielleicht im Einkauf viel gekostet hätten. Aber beim Verkauf hätte er schon oft mit Verlust abstoßen müssen. Das verstünden die Kinderlein nicht. Oft war es der letzte Wertgegenstand, den der Versorger einer verarmten Familie hier »angebracht« hatte, ihn sorgfältig aus den Seidenpapierhüllen lösend und die Stricke aufwickelnd, mit denen das Paket verschnürt gewesen war. Die Pfandscheine wurden dann in einem der zwei Hinterzimmer angesichts einer großen, von einer verkrachten Inflationsbank gekauften Eisenkasse modernster Art mit Buchstabenschloß ausgestellt, und die Eintragungen in ein großes, mit Messingrücken versehenes Pfandbuch in Folio waren unbedingt korrekt. Wie hätte man denn auch sonst die Sachen nach Jahr und Tag wiederfinden sollen? Auch hier kamen keine Unregelmäßigkeiten vor. Und doch zweifelte man, ob der Spielbankbesitzer eine gültige Konzession einer Pfandleihe besäße. Die Polizei hatte als Lokalbehörde nicht das Recht, eine solche Erlaubnis zu erteilen. Offiziell war nichts davon bekannt, im Telephonbuche stand nichts davon (ebensowenig von dem Klub »Hera«), und kein Schild an der Tür deutete darauf hin. Niemals wurde eine amtliche Kontrolle oder Bücherrevision vorgenommen. Hatte der Schuldner die betreffende Summe plus zehn Prozent Zinsen pro Monat, exklusive Spesen und Eintragsgebühr und Stempelsteuer, – (und diese Zinsen, Spesen etc. für mindestens drei Monate wurden stets bei der ersten Zahlung einbehalten, das heißt, von der oft jämmerlich niedrigen Schätzungssumme abgezogen, auch dann, wenn man den Gegenstand noch am gleichen Tage wieder einlösen wollte) – mit aller Mühe aufgebracht, dann war es ein beliebter Trick des Besitzers vom »Hera«, sein Geld vorerst nicht in Empfang zu nehmen. Er entschuldigte sich mit unsauberen Händen, oder er konnte im Augenblick nicht aus seiner Küche fortbleiben, wo er leckere Süßspeisen zubereitete oder seine berühmten Gänsekücken nach Hamburger Art briet. Er bat den Spieler, einen Augenblick zu warten. Welcher Spieler kann aber warten? Der Spielklubbesitzer ersuchte den Mann um ein Sekündchen Geduld und lächelte mit geschlossenen Lippen. Aber schon sah er, an der Schwelle zur Küche, während seine Blicke nur auf den Herd gerichtet zu sein schienen, wo seine Herrlichkeiten in feuerfesten Schamottetöpfen gemächlich brodelten, wie die Augen des durch allen Schaden noch nicht klug gewordenen Spielers aufleuchteten. Chiffon zündete sich eine neue Zigarette an. Er konnte ihn allein lassen. Wenn er dann einige Zeit später, auf den Armen eine wunderbar duftende Platte tragend, in die vorderen Räume zurückkam und dem guten Kind diskret auf die Schulter klopfte, hatte der Mann das mitgebrachte Geld entweder schon wieder verloren, oder aber er antwortete einfach nicht, er dachte nicht an das Zurückzahlen seiner Schuld, denn jetzt war er gerade in einer »positiven Strähne« drin, es war ihm, als schließe er ein gutes, für ihn wirklich vorteilhaftes Geschäft ab, und er glaubte den Anfangsgewinn in dem jetzigen, neuen, zwar äußerlich unscheinbaren, aber um so wertvolleren Rentenmarkgeld noch in der gleichen Nacht verzehnfachen zu können. In 7 von 10 Fällen verließ das Kind den Spielsaal nicht eher, als bis es durch die Angestellten des Besitzers, durch diese routinierten, mit allen Finessen des Spiels vertrauten Bankhalter unter der Maske anständiger Angestellter, um seinen letzten Pfennig gebracht worden war. Hatte es aber gewonnen, was sich nicht immer vermeiden ließ und was sogar in einzelnen Fällen beabsichtigt war, dann ließen es die Angestellten, in den guten Zeiten prozentual am Reingewinn beteiligt, nicht daran fehlen, den Spieler wegen seines Blicks, wegen seiner Chance, wegen seiner angeblichen Geschicklichkeit, wegen seines untrüglichen »Systems« zu bewundern und ihm in seiner dummen Eitelkeit (»Mensch, dreihundert Rentenmark in einer halben Stunde verdient! Ungelogen! Morgen mehr!« sagte einmal einer) zu schmeicheln, so daß sie sicher sein konnten, er würde dieses untrügliche System am nächsten oder spätestens am dritten Tage wieder in der »Hera« versuchen und immer wieder auf sein Glück am grünen Tische bauen, bis das Endresultat, so oder so, erreicht war. Wenn die Kinder im Gewinnen waren, wollten sie Bargeld sehen. Ihre Wertsachen interessierten sie dann nicht mehr. War der Mann aber endgültig »ausgesackelt« oder »abgehäutet« und verlegte er sich aufs Bitten, flehte er um einen neuen Einlösetermin für die Familienwertgegenstände, dann wandte sich ihm der Besitzer mit der freundlichsten Miene zu, er unterhielt sich flüsternd mit dem armen Opfer, hielt dem Kind die Speisekarte vor die Augen, als ob der Unglücksmensch jetzt Appetit auf Hühnchen und Koteletts hätte, er nahm ihn vertraulich beiseite, oft in die leerstehende Telephonzelle. Er schob ihn ab, um die anderen Spieler nicht zu stören und den Essenden im Speisesaal den Appetit nicht zu verderben. Chiffon war reell, war gut. Er hatte Geduld. Er schien dem Bittenden nur allzugern den Wunsch erfüllen zu wollen. Er nickte dem aufgeregten Menschen mit seinem grauen, wohlduftenden Pomadekopf zu – nur die widerspenstige Zunge wollte nicht ja sagen, es war, als müßte sie sich ihm im Munde verwickeln. Die Zigarette zuckte zwischen den Lippen. Tränen stiegen dem nach Chypre duftenden, dürren Teufel in die wässerigen bläulichen Augen, er stotterte an und kam nicht vom Fleck, sein Gesicht wurde weinrot bis in die Winkel der niedrigen Stirn, es schien, als müsse er, am Lachen? am Weinen? ersticken. Stotternd und den silbergrau glänzenden Kopf schüttelnd über dieses Mißgeschick, schob er das große, liebe Kind wieder sachte aus der heißen, dumpfen Zelle heraus, zündete eine frische Zigarette an der alten an und wandte sich von ihm ab. Er trippelte in die Küche und winkte dem armen Teufel mit seiner bräunlichen Hand scheinbar verzweifelt seinen Abschiedsgruß zu, als sei er es, der das Geld und das Pfand verloren hätte. Der Spieler stand dann oft tränenden Auges da, faßte sich aber meist wieder und hielt sich an das letzte billige und doch so teure Abendbrot, das ihm der Spielbankbesitzer Manfred von G. zubereitet hatte, der ihm nun von weitem zulächelte, verständnisinnig – und mit einer gewissen Gier, denn sich selbst gönnte er nichts Gutes zum Essen. Er vertrug es nicht. Nach dem Verfallstage sah niemals ein Schuldner sein Pfand wieder. War es etwas besonders Hübsches oder Wertvolles, so kam es oft in die Hände einer reizenden rotblonden, jungen Dame (der besten Charlestontänzerin der Stadt) namens Vera, mit der auch Rudolf D. innig befreundet war und an welcher der Spielbankbesitzer mit einer geradezu hündischen Liebe hing, ohne daß ihm diese Liebe, so schien es, ganz zurückgegeben wurde. Aber vielleicht schien es nur so. Andere wollten wissen, daß dieses junge schlanke Geschöpf keinem Mann außer dem früh gealterten, unschönen, stotternden Chiffon angehört habe. Wie war das zu vereinigen? Er selbst schwieg auf alle unzarten Anspielungen. Diese Frau mit Geld, Kleidern, Pelzen, Seidenwäsche und Schmuck zu überschütten schien das einzige Motiv des Spielbankbesitzers Manfred von G. für seine fast krankhafte Gier nach Geld zu sein. Aber wenn man die beiden im Spielsaal I oder II der »Hera« beieinander sah, was selten der Fall war, schien es gerade umgekehrt: Vera, bleich und aufgelöst, sah Manfred mit ihren grünen Augen groß an und bettelte, dann lachte sie und schlug nach ihm mit ihren Handschuhen, dann besann sie sich wieder und maulte in »Babysprache«, biß sich in die schwellenden Lippen ihres kirschrot geschminkten, herzförmigen Mundes. Zum Schluß verstummte sie plötzlich errötend und zitternd, sie versteckte das Köpfchen in dem hochgestellten Kragen ihres kostbaren Pelzes oder in ihrer schwarzweißen Federboa, besonders dann, wenn Bekannte auftauchten, während der grauhaarige, dürre, hämisch lächelnde Manfred achselzuckend, stotternd und eindringlich flüsternd neben ihr stand, ihre bezaubernd weichen, nackten, kleinen, reich beringten Händchen abwehrend, die aus den weiten, kimonoartig geschnittenen Ärmeln des silbergrauen Pelzes hervorguckten. Bei solchen Gelegenheiten sah der Spielbankbesitzer besonders elend aus, seine Hautfarbe war bräunlich-fahl wie ausgekochtes Rindfleisch. – Vera kam anfangs abends nicht gerne allein in die Spielsäle, oft hatte sie noch eine ebenfalls aufgeregt bettelnde Freundin bei sich. Wie oft hatte man beobachtet, wie diese Frauen ihn flehentlich angingen! Was wollten sie von ihm? Wenn man Manfreds betrübtem Mienenspiel glaubte, war er es, den sie aussaugten. Ab und zu war in früherer Zeit, um 1919 und 1920 herum, auch der junge Rudolf D. (der des Raubmordes Verdächtigte) mit Vera bei dem Spielbankbesitzer gewesen, bevor er auf lange Monate verschwand, während derer er politische Kämpfe mitgemacht haben sollte. Er hatte damals oft hinter verschlossenen Türen im Hinterzimmer lange mit Manfred verhandelt und war dann mit dem Mädchen entweder heiteren oder finsteren Gesichtes fortgegangen. Hatte er Geld verlangt? Das war nicht wahrscheinlich. Hatte er Wertgegenstände als Pfänder zu dem Spielbankbesitzer gebracht? Er spielte hier fast nie. Oft sah man damals die beiden, Rudolf und Vera, eng aneinandergepreßt, aber mit voneinander abgewandtem, erloschenem Blick auf der abgeschabten roten Plüschbank an der Wand des ersten Spielsaales sitzen. Rudolf D.s große Hand trug ein Armband, die kleinen Händchen Veras deren eine ganze Menge. Ab und zu klirrte das Metall, während sie stumm und fest einander an der Hand hielten und auf Manfred von G. warteten. Die bläulichen Augenlider schlugen in den schönen, aber etwas leeren Gesichtern müde über den tiefliegenden Augen. Die zwei jungen Menschen sahen gealtert aus. Gelangweilt gähnend und ihre schönen mandelförmigen Zähne entblößend, dann wieder seufzend, von innerer Unruhe getrieben und sich dennoch bezwingend, folgten sie mit den Blicken den Wechselfällen des Spieles, ohne sich daran zu beteiligen. Sie schmiegte sich an ihn, hüllte seine Hände in das geblümte Seidenfutter ihres Mantels ein. Er schrak bei der Berührung auf, rückte von ihr ab, kam zu ihr zurück, als wollte er ihr dankbar sein. Aber er blickte sie nicht an. Ziellos drehte er seine blaugrauen, blitzenden Augen im Kreise. Endlich wurden sie von dem Besitzer in das Hinterzimmer gerufen. Freudig sprangen sie auf, völlig verwandelt, hemmungslos. Für Manfred schien es ein teuflisches Vergnügen zu sein, sie jedesmal wieder möglichst lange auf die Folter zu spannen. Womit lockte er sie? Was hatte er ihnen zu bieten? Jungen Menschen, fast noch Kindern, wirklichen Kindern? IV. Das Treiben des Spielbankbesitzers Manfred von G. konnte der Polizei nicht unbekannt sein. Und doch ließ sie ihn gewähren. Offenbar schien er mit seinen Gefälligkeiten der Polizei mehr zu nützen, als seinen törichten Opfern, den spielwütigen Spießern und den auf die schiefe Bahn gekommenen Jugendlichen, wie Vera und Rudolf, zu schaden. Wenigstens hatte es ganz so den Anschein und alle Tatsachen sprachen dafür, daß er stets seiner Sache sicher war. In seinen Spielzimmern fanden sich oft Menschen ein, für die sich die Kriminalpolizei einigermaßen interessierte. Intelligenz konnte man Manfred von G. nicht absprechen, er beherrschte mehrere Sprachen fast vollkommen und hatte ein glänzendes Personengedächtnis. So still er anscheinend lebte, hatte er doch Verbindungen mit allen möglichen Kreisen. Nur eine einzige Berufsklasse durfte seine Schwelle nicht betreten, die »Heldenkinder«, das war das Militär und die Freikorps. Er, der oft die unmöglichsten Kerle abfütterte und sie dann seelenruhig an den Spieltischen Platz nehmen und sie ihr letztes bißchen Geld verlieren ließ, wies jeden Menschen, der auch nur entfernt nach Uniform aussah, kalt und bestimmt ab. Er irrte sich in diesem Punkt fast nie. Vielleicht wußte er, daß das Militärkommando von B. es nicht zulassen würde, wenn Offiziere oder Mannschaften der Reichswehr zu Spielern würden. Man mußte dafür sorgen, daß keiner ihrer Angehörigen hier, nahe der Grenze, in Versuchung kam. Im übrigen war die Gesellschaft sehr gemischt, man sah in der »Hera« neben einem dicken, vom Alkohol aufgeschwemmten Apotheker a. D., der sehr oft erschien, auch einen alten, etwas zweifelhaften Arzt, Dr. M., der bereits oft mit dem Gericht wegen des § 218 in Berührung gekommen, aber dank eines guten Verteidigers immer wieder freigekommen war, und oft von seiner Haushälterin vom Spieltisch weg zu seinen Patienten gerufen wurde – es kamen Journalisten, freilich mehr als Zuschauer denn als zahlungsfähige Hasardeure, Geschäftsreisende ohne Geschäft, Devisenhändler, jetzt leider meist ohne Devisen, Beamte außer Dienst, Vertriebene, Studenten ohne Studium, Gutsbesitzer ohne Gut und Arbeiter ohne Arbeit –, dann aber tauchten neben den regelmäßigen, mehr oder weniger bekannten Besuchern auch namenlose Existenzen auf, gut, oft zu gut für die schwere Zeit jener Jahre gekleidet, Herren, die ihre Unruhe, Angst und Getriebenheit hinter aufgeblasenem, hochfahrendem, arrogantem Benehmen verbargen, Menschen, die wohl ein Monokel hatten, aber kein sauberes Taschentuch, um das Glas zu reinigen, Leute, die möglicherweise aus dem Gefängnis ausgebrochen waren oder denen es bald bevorstand. Auch für diese »namenlosen Existenzen« hatte Manfred von G. einen guten Blick, ebenso wie für Reichswehrangehörige in Zivil und für »Bündische«. Er dankte schön dafür und hielt sich korrekt an seinen ungeschriebenen Pakt, an seine »guten« Kinder. Sie trugen ihm genug; und wenn er über schlechte Geschäfte klagte, hatte es einen feinen Reiz für ihn, sich bemitleiden zu lassen, ebenso wie es ihm einen Höllenspaß bereitete, wenn einer der von ihm Denunzierten beim Verlassen des Lokales ihm besonders herzlich die Hand drückte. Obwohl sich der Spielbankbesitzer sagen mußte, daß eines Tages seine Doppelrolle ans Licht kommen müsse, lieferte er jeden ihm verdächtigen Gast unverzüglich an die Polizei aus. Offenbar bekam er die offizielle Fahndungsliste der steckbrieflich verfolgten Verbrecher von der Polizei regelmäßig zur Einsicht. Dabei war Manfreds Methode ganz naiv. So naiv, daß lange Zeit kein Verdacht auf ihn fiel. Er ließ den verdächtigen Gast sich ruhig am Spieltisch niedersetzen, gab einem seiner Angestellten, dem ältesten, einen Wink, den Betreffenden eher gewinnen als verlieren zu lassen. Indessen trippelte er in die Telephonzelle, ließ, wie um zu zeigen, wie unverfänglich das Telephongespräch sei, die Türe der Zelle offen und bekam die Nummer des Reviers von dem verbindenden Telephonfräulein auf ein vereinbartes Kennwort. Dann machte er dem diensthabenden Beamten, immer nach einem Code, seine Angaben in ganz exakter Weise, so daß die Polizei nicht nur erfuhr, ob es sich um eine bloß vage verdächtige oder aber um eine steckbrieflich verfolgte »schwere Nummer« (ausgedrückt durch eine Zahl über zehn, z. B. »Zwanziger«, »Dreißiger« usw.) handelte oder um einen aus dem Zuchthaus Ausgebrochenen, genannt »Differenzeinwand« – sondern daß sich die Polizei auch danach richten konnte, ob der Betreffende nüchtern (»Wasserratte«) oder bereits durch Alkohol benebelt war (»Spirituskocher«), ob er allein (»Hagestolz«) oder von einer Kohorte seinesgleichen umgeben in den Klub »Hera« gekommen war (»Kegelklub«), ob er schon abschiedsbereit auf der Schwelle stand (»Lohengrin«) oder ob er voraussichtlich noch längere Zeit im Spielsaal bleiben wollte (»Nachtquartier«). Manfred von G. war kein schlechter Menschenkenner, seine Angaben waren meist richtig und in ihrer Form oft so erheiternd und (wenigstens für ihn) so komisch, daß die Zelle von seinem kichernden Lachen widerhallte. Wenn die Kriminalpolizei einen solchen Helfer an ihm hatte (er verrichtete seine »Gefälligkeiten« so gut wie freiwillig und lehnte die für die Fahndung ausgesetzten Geldbeträge fast immer zugunsten der aktiven Kripobeamten ab), konnte sie oft darauf verzichten, vier oder fünf Mann hoch in dem Klub zu erscheinen und persönlich die Verhaftung vorzunehmen. Sie konnte sich darauf beschränken, draußen, meist an der nächsten Ecke beim Zeitungskiosk, hin und her zu gehen, den Zeitpunkt abzupassen, den Betreffenden dann zur Ausweisleistung aufzufordern und gegebenenfalls zur Wache zu bringen. V. Im Falle des jungen Rudolf D. gelang dies aber alles nicht. Rudolf D. war kurz vor oder nach dem Tod seines alten Freundes spurlos verschwunden. Der Bruder versuchte alles, um ihn zu finden, vergeblich. Aber plötzlich war er eines Nachts im Frühjahr 1925 sehr spät noch im Klub erschienen. Manfred, etwas blasser als sonst, verstand es nicht, und er verstand doch so vieles, fast alles?! War Rudolf Veras wegen gekommen? Manfred telephonierte. Seine kleinen Augen glänzten. Er und Rudolf, diese zwei alten Bekannten, schienen einander nicht mehr zu kennen. Die Hand hatten sie einander nicht gegeben, sie sahen beide aneinander vorbei. Plötzlich aber gab Rudolf seinem alten Feind einen Wink. Sie tuschelten in der Ecke zwischen der Telephonzelle und dem Ausgang in den Korridor. Manfred ging und kam wieder. Und plötzlich war der große, eben noch so fahle und schlaffe Rudolf wie verwandelt. Er trat von Chiffon weg und unterhielt sich mit seinen Kameraden, aber nur ein paar Worte fielen. Vielleicht bat er sie um Geduld. Still vor sich hinlächelnd begab sich Chiffon wieder in die Telephonzelle. Seine Zigarette füllte die kleine Zelle mit Rauch. Er hustete, er lachte. Er hielt die filzgepolsterte Tür von innen zu. Er sah durch das Fensterchen hinaus, den Hörer beim Sprechen und Lachen und Stottern fest ans Ohr haltend. Vera war noch immer nicht zurück. Rudolf kam an ihm vorbei, unruhig, aber bemüht, sich zu beherrschen. Auch er stieg, nachdem Chiffon sein Gespräch beendet hatte, in die Telephonzelle, er hob den Hörer ab, aber Chiffon sah schärfer, er sah, daß Rudolf mit der einen Hand die Gabel wieder niedergedrückt hatte, so daß keine Verbindung entstehen konnte und daß er aus der anderen Hand die bewußte »leckere Sache« aufschnupfte. Die Nacht verging. Chiffon ging mit freundlichem Lächeln zwischen seinen Kindern und seiner Küche umher, er rechnete darauf, daß die Polizei seine gute Botschaft richtig verstanden hatte. Und doch war er, Rudolf, auf dem seit Jahr und Tag der Verdacht in der Mordsache Zollikofer lastete, keineswegs nüchtern, keineswegs eine »Wasserratte«, wie es der Angeber, Chiffon, seiner Behörde gemeldet hatte, er war auch keineswegs allein gekommen, nichts weniger als »Hagestolz«, und er würde auch nicht allein fortgehen, sondern er war von zwei baumstarken Enakssöhnen begleitet, die er sich hierher mitgebracht hatte und die bis jetzt bloß dumm herumgeglotzt, viel gegessen und noch mehr angesichts der billigen »Propagandapreise« getrunken hatten. Da sie nicht spielten und sich manierlich aufführten, so konnte ihnen Chiffon nicht den Aufenthalt verbieten, obwohl er seinen alten Rudolf lieber allein gesehen hätte. Endlich hatte sich Rudolf an den Spieltisch gesetzt, aber an jene Seite, die nach dem Ausgang Ausblick hatte, so daß er Vera beim Eintritt sehen mußte. Sie kam aber nicht. Sie verlebte, wie immer von Zeit zu Zeit, einen ganzen ursoliden Abend bei einer verheirateten älteren Kusine. Inzwischen hatte Rudolf eine Kleinigkeit im Ecarté gewonnen und war dann aufgestanden und hatte noch einmal die Telephonzelle aufgesucht, dann noch einmal an den Tisch zurück, aber schon ohne das Spiel richtig zu verstehen, so daß er jetzt seinen Nachbarn auffiel. Aber Manfred begütigte alle. »Vertragt euch doch, Kinder!« Auch hatte Rudolf sich jetzt mit dem Rücken zur Tür gesetzt. Er schwitzte stark, sein Auge blitzte, er streichelte sich selbst seine Hände, rieb die goldenen Manschettenknöpfe an dem dicken Armbändchen, erhob sich unvermittelt, ging mit seinen langen, sonderbar schnellenden Schritten auf die Toilette und kam nach einer Weile scheinbar ganz ruhig zurück. Das Gesicht war etwas gerötet, nur die Nase schneeweiß, er zog die Luft tief ein, hielt sich an die Wand gelehnt, starrte vor sich hin. Manfred beobachtete ihn scharf, aber mit der größten Seelenruhe. Auch die zwei Kameraden sahen ihn von der Seite an, wagten ihm aber nichts zu sagen. Sie hielten sich beieinander, sahen jetzt den letzten, aber eifrigsten Spielern über die Schultern in die Karten, flüsterten sich ihre Ansichten über den Verlauf des Spieles zu, was die Spieler mit wütendem Zischen aufnahmen. Beschämt zogen sie sich dann zurück, verlangten noch eine Lage Bier mit altem Korn. Chiffon hatte, so beschäftigt er schien, die Augen nicht von Rudolf gelassen. Er achtete auch sehr darauf, daß keiner der Spieler, die an dem großen, aufgeregt atmenden Menschen vorbeikamen, ihn aus Versehen anstieß. Denn in seinem Rauschzustand war Rudolf, der immer ein guter Schütze war, der aber in nüchternem Zustande lieber sich mit seinen alten guten Jiu-Jitsu-Griffen aus einer Verlegenheit half, nicht schwer zu reizen. Er »kollerte« dann beim ersten Anlaß, das wußte sein alter Bekannter Manfred, aber er hatte vergessen, es bei seinen verschiedenen Unterhaltungen am Telephon der Polizei mitzuteilen. Endlich kam Vera. Aber Rudolf empfing sie nur mit bösen Blicken. Seine Freunde drängten. Das Lokal war schon menschenleer. Er konnte oder wollte nicht bleiben. Es trieb ihn auf einmal fort. Sie hielt ihn fest, sie wechselten einige Worte, die ihn sehr zu treffen schienen. Offenbar ging aus ihnen hervor, daß sie jetzt mit Manfred in einer Art Ehe lebte. In seinem jetzt von plötzlichen Zuckungen heimgesuchten Gesicht wechselte der Ausdruck jede Sekunde. Er blickte voll Unruhe hinter sich. Er wollte noch einmal in die Zelle, aber Chiffon hatte sie schon abgeschlossen. Was tatsächlich in Rudolf vorging, war nicht zu erraten. Er nickte mit einemmal, man wußte nicht, nickte er Vera zu oder seinen Freunden. Seine Hand zuckte auch jetzt und das Kettchen klirrte. Vergebens wollte ihn Vera, trostlos über ihr Zuspätkommen, halten. – Ein hochgewachsener Mensch, blond, ein schönes, wenn auch etwas stumpf und leer gewordenes Gesicht. Breitschultrig gewachsen, mit prachtvoll gewölbtem Brustkasten, aber mit verhältnismäßig kleinem Kopf, den er wie ein auf der Flucht begriffenes Raubtier ruckartig nach rechts und links drehte, ohne das aus den Augen zu lassen, was vor ihm war. Aber war ihm das klar, was er sah? Verstand er es? Außerordentlich elegant gekleidet, mit fieberhaft glänzenden Augen, so schoß er unvermittelt jetzt endlich zur Haustür hinaus, mit einemmal begann er wie in höchster Aufregung ebenso leise wie ruhelos zu sprechen und dabei nervös zu gestikulieren. Mit den sich spreizenden und wieder zusammenziehenden Fingern um sich greifend, süffisant lächelnd, ohne Hut und Überrock, die er einem seiner Trabanten zum Tragen gegeben hatte, zog es ihn mit langen, schnellenden Schritten durch die schlecht beleuchtete Straße (die Kommune mußte sparen) dahin, zu einem verlassenen Zeitungskiosk, durch dessen Glasscheiben man die Titelseiten der farbigen Magazine, halbnackte Girls und die politischen, aufregenden Schlagzeilen der Zeitungen vom letzten Abend, im Laternenlicht hindurchschimmern sah. In seiner Nähe, einmal einen Schritt vor, einmal einen Schritt zurück, zappelte sich Vera ab, die Manfred vergeblich bei sich hatte zurückhalten wollen. Vera und Rudolf sprachen gleichzeitig und fast ununterbrochen miteinander, aber es ist später nie ganz genau bekanntgeworden, was der Inhalt des vielleicht sehr wichtigen, aber hastig geführten Gespräches war. Bloß ein Wort vom »Bruder Doktor« wollte Manfred aufgefangen haben, aber der größte Teil des Gesprächs wurde sehr leise geführt. Rudolf schien aus seinen Gefühlen kein Hehl zu machen. Vorwürfe, Liebesworte und unverständliche Wortwitze lösten einander ab. – An der von Manfred mit der Kriminalpolizei vereinbarten Stelle, zehn Schritte vor dem Kiosk, kamen der Gesellschaft die Polizeibeamten entgegen. Sie wollten den Verdächtigten nicht auf der Straße verhaften, schon deshalb nicht, weil man Manfred, den Angeber, dessen Hilfe man später immer gut brauchen konnte, nicht bloßstellen durfte. Man dachte vielmehr daran, den jungen Riesen anzurempeln, Gewalttätigkeiten zu provozieren und ihn vorerst wegen Widerstandes gegen die Polizei zur Wache zu bringen. Erst dort sollte die Verhaftung wegen Verdacht auf Raubmord an dem Makler erfolgen. Auch der gute Kamerad Steffie war da, hielt sich aber im Hintergrunde. Trotzdem mußte ihn Rudolf erkannt haben, denn er fixierte ihn, zögerte, dann trieb es ihn vorwärts. Aber kaum hatte der Kommissar, ein dicker, fester Mann mit Schmissen auf der linken Backe, ein früherer Student, der in der Not der Inflation sein Studium hatte aufgeben müssen, kaum hatte dieser Mensch unter einer Art von drohendem Lächeln, wie es die Soldaten im Kriege oft beim Stürmen gehabt hatten, versucht, Rudolf D. mit seinem Ellenbogen anzurempeln, als dieser, ohne daß der geringste Wortwechsel vorausgegangen war, seinen bleichen Kopf mit der hellblonden Mähne nach vorne und unten warf, die Schultern hochzog, den Rücken krümmte, geduckt mit der rechten Hand in die linke Brusttasche fuhr (wie um im ersten Schrecken eine Legitimation zu suchen, schien es in diesem Augenblick dem unerfahrenen Kommissar), einen etwas über daumenlangen Revolver herausriß und mit dieser winzigen Waffe, den Arm hebend und die Faust mit dem Revolver in einer werfenden Bewegung niederschmeißend und dann wieder schnell hochhebend, im Verlauf weniger Sekunden eine ganze Reihe von Schüssen abgab, wodurch er einen von den Kripos tödlich, einen anderen lebensgefährlich verwundete. Der tödlich Getroffene war ein junger, eben zum Probedienst eingestellter Mensch, der sich heute zum erstenmal auf einer Nachtstreife befand. Er schnellte auf und brach dann, sich in einem fürchterlichen Krampf um seine Achse drehend und dann unter Röcheln in einer Lache von Blut niedersinkend, mit dem Gesicht nach unten in dieser Lache zusammen. Seine Kopfbedeckung kollerte weiter und bewegte sich schaukelnd noch einige Sekunden auf dem im Morgendämmern silbern schimmernden Straßenstaub hin und her, während er selbst schon unbeweglich ausgestreckt dalag. Steffie war hinter einem der dicken Bäume verschwunden und rührte sich nicht. In den Zweigen der Bäume, auf dem kleinen kreisrunden Platze beim Kiosk regten sich die Vögel, von den Schüssen in der stillen Straße erwacht, und in ihr schüchternes, zirpendes Rufen mischten sich die schrillen langen Klageschreie des schwer verwundeten Polizisten, der den Schuß etwa eine halbe Handbreit über der rechten Kniescheibe bekommen hatte. Um Rudolf hatten sich sofort seine Freunde und seine geliebte Vera geschart, sei es, um ihn zu schützen oder um ihn von weiteren Schüssen abzuhalten. Aber er hatte sich jetzt wieder hoch aufgerichtet, den Kopf mit der Mähne wie sinnlos geschüttelt, hatte die Waffe sinken lassen, und jetzt fuhr er sich mit der großen, weißen, mit dem dicken Goldarmband geschmückten Hand, in der sich der winzige schwarzglänzende Revolver noch befand, an den Kopf, als wolle er ihn festhalten. »Weg da, ihr«, murmelte er, »oder ich schieße!« Auf seinen regelmäßigen schönen Zügen zeigte sich ein verlorenes, urblödes, gottverlassenes Lächeln, er blickte sich um, gähnte, wie aus tiefem Schlaf erwacht, schnüffelte, runzelte die Stirn, befeuchtete die Lippen. Plötzlich kam aus seinem Munde der Name seines Bruders. War er nicht bei klarem Bewußtsein? Wo war jetzt sein Konrad? Wo war er selbst? Er hielt die vor Aufregung an allen Gliedern wie Espenlaub zitternde Vera mit Mühe von sich ab, sie klammerte sich an seinen linken Arm, und, ohne daß er eine sichtbare Bewegung machte, bloß durch eine geheimnisvolle Anspannung seiner eisernen Muskulatur, taumelte sie mit einem Male drei Schritte fort von ihm .. Was ging in den beiden vor? Eben noch hatte er tiefe Liebe und Sehnsucht empfunden, hatte seinen Kopf in ihren Schoß wie in den seiner Mutter betten wollen, er hatte sich nur ihretwegen in die Höhle des Löwen gewagt und hatte lange dort gewartet, von seinen ungeduldigen Kameraden umgeben. Als sie aber gekommen war, war er gegangen. Als sie ihn an der Schwelle noch hatte zurückhalten wollen, war er davongeeilt, aber von seinem Feind hatte er angenommen, was er nie hätte nehmen dürfen, am wenigsten jetzt, in der Gefahr. Vielleicht hätte sie ihn noch deutlicher warnen wollen, sie kannte ja Chiffon besser als er, und sie fürchtete ihren Chiffon oft sehr. Warum hatte er sie nicht angehört, warum hatte es ihn fortgetrieben? Man begriff ihn nicht – und doch handelte er, er stand leibhaftig da mit seiner schönen Gestalt und seinem gelockten Haar und dem Armbändchen, er atmete still und regelmäßig, die Knöpfchen seines weichen weißen Oberhemdes hoben und senkten sich unter seinen Atemzügen, und er tat, als könne er sich hier ausruhen, hier in den kostbar gewordenen Schlaf sogar im Stehen versinken, als sei er hier sicher wie in Abrahams Schoß. Steffie kommandierte: »Hände hoch!« Er, Rudolf, kannte doch diese Kommandostimme seines ehemaligen »Sportlehrers«, er blickte ängstlich hinter sich, während Steffie doch ihm gegenüber auf dem linken Knie, halb durch den Kiosk gedeckt, dahockte – und er wich doch nicht, er hob die Hände nicht. Bloß sein Gesicht rötete sich langsam. Er zwinkerte angestrengt mit seinen schönen, metallisch glänzenden Augen. Vera wußte nicht, was tun, jetzt warf sie ihm in ihrer Verzweiflung etwas ins Gesicht, ihren Glacéhandschuh, aber sie traf ihn nicht, sondern der Handschuh sank zu seinen Füßen hin, ein kleines, weiches, matt glänzendes, nach Chypre duftendes Gebilde, die Fingerchen ausgestreckt. Rudolf sah es an, wie es zu seinen Füßen lag, dann wanderte sein Blick zu Vera, dann auf seine Kameraden, die sich im Hintergrunde hielten und, dann über die Leiche hinweg auf Steffie, auf den jammernden Polizisten, den Kiosk, die Straßen, die auf den kleinen Platz einmündeten ... Mit einem einzigen Blick erfaßte er, wo und wie er am leichtesten flüchten könne. Er sandte nur einen kurzen Blick auf seine Kameraden, »dicke Luft, los, Kinder!« flüsterte er ihnen zu und schon rannte er, in der Mitte seiner Kameraden, instinktiv einen Weg einschlagend, bei dem die arme Vera zwischen dem flüchtenden Rudolf und die Polizisten zu stehen kam, unschlüssig, ob sie dem immer lauter um Hilfe rufenden, schwerverwundeten Polizisten zu Hilfe eilen oder dem flüchtenden Rudolf folgen sollte. Je lauter Steffie seine wütenden Rufe, »weg von da, alberne Pute!« erschallen ließ, desto ratloser taumelte sie hin und her, und bevor sie endgültig aus dem Schußfeld gewichen war, bestand schon eine große Distanz zwischen den Flüchtenden und der Polizei. Die Polizei hatte die Deckung hinter dem Kiosk nicht gern aufgeben wollen, Steffie wagte sich nur auf Augenblicke vor und knallte den Fliehenden Schuß auf Schuß nach. Aber wie sollten sie in der halben Dämmerung gut zielen? Endlich, als die Schritte der Fliehenden längst verhallt waren, machten die Polizisten sich zu deren Verfolgung bereit, die Obsorge für den schwer Verwundeten überließen sie Vera. »Kümmern Sie sich um ihn, telephonieren Sie der Rettungsstation, wir kommen gleich wieder. – Mensch, gib doch nicht so an! Hab etwas Murr! Ist ja nur eine Schramme am Knie! Den andern hat es erwischt – ja, da ist nichts mehr zu holen«, sagte Steffie in Eile, nach allen Seiten sich umblickend, »ja, nur los! Fräulein, sehen Sie zu, was solls denn auch sein? Fassen Sie an und bleiben Sie da, in zwei Minuten sind wir zurück.« VI. Der Klubinhaber Manfred von G. hatte sich diesmal nicht wie sonst mit der telephonischen Benachrichtigung der Polizei begnügt, sondern war in seiner Eifersucht Rudolf D. und seiner Geliebten Vera nachgegangen und war aus sicherer Entfernung Zeuge der Straßenschlacht geworden. Als jetzt die Schüsse verklungen und die Polizeibeamten, ohne sich sofort ihres Kameraden anzunehmen, dem flüchtigen Rudolf im Laufschritt nachgeeilt waren, trippelte Manfred zu der vor Entsetzen wie versteinert dastehenden Vera, säuselte ihr: »Schrecklich, arme Maus, nicht?« zu, und jetzt wollte er sie mit sich ziehen, ohne sich um den schwerverwundeten, dumpf stöhnenden Polizisten zu kümmern. Als sie ihn mit wutverzerrtem, leichenblassem Gesicht zurückstieß, ließ er – »Gottverlassenes Geschöpf! Habe ich es nicht immer gut mit dir gemeint? Und mit ihm, dem Drehkopf, auch!« – von dem jungen Mädchen ab, grüßte ironisch durch Lüften seines Hutes die in ihrem Blute liegende Leiche und den schwerverwundeten, ohnmächtig und stumm gewordenen Polizisten, zündete eine Zigarette an und kehrte schleunigst in seinen Klub zurück. Von den unverletzt gebliebenen Polizisten hatte der eine mit Steffie die Verfolgung Rudolfs und seiner Gesellschaft auf sich genommen, während der andere sich beeilte, vor allem sein Revier – Revier 4 – anzurufen. Er lief in eine nahegelegene Portiersloge einer Fabrikswerkstatt, deren Fenster erleuchtet waren, und versuchte sich telephonisch mit dem Revier in Verbindung zu setzen. Vergeblich. Die Leitung war, was er nicht wissen konnte und vielleicht auch nicht wissen sollte, vom Klub »Hera« aus besetzt. Manfred hing, wie schon mehr als einmal in dieser Unglücksnacht, am Telephon, und, sei es, daß es seine Absicht war, sei es, daß er in der Aufregung nicht anders konnte, er war jedenfalls wieder in sein altes, schauerliches Stottern geraten, und die Beamten vom Nachtdienst am anderen Ende der Leitung konnten sich aus seinem umständlichen, immer wieder abgebrochenen Gelabber kein rechtes Bild machen, um so weniger, als Chiffon immer wieder in seinen nüchternen Tatsachenbericht seine mit der Polizei von früher her vereinbarten Kennworte dazwischenschob. Vielleicht wäre, indessen der Beamte nunmehr das Polizeipräsidium direkt anrief, ohne dort sofort an die richtige Instanz zu kommen, hier auf dem kleinen Platz bei dem Kiosk der arme Verwundete ebenso verblutet wie sein bemitleidenswerter Kamerad, wenn nicht wenigstens Vera zur Vernunft gekommen wäre. Mit beiden Knien, die bei der damaligen Mode der kurzen Röcke nur von dünnen Seidenstrümpfen bedeckt waren, kniete sie in der lauwarmen Blutlache neben dem Verletzten nieder. Es überrieselte sie glühend heiß und eisig kalt. Der keuchende, schnelle, stumme Atem des vor ihr Liegenden schlug ihr ins Gesicht. Die Augen des Ohnmächtigen waren nicht ganz geschlossen. Ihr war, als blicke er sie traurig, voller Furcht und Vorwürfe an, von Schmerzen gepeinigt, die sie nicht zu stillen vermochte. Die Vögel in den Bäumen waren still geworden. Nur ab und zu huschten sie, im Auffliegen einen fragenden, zirpenden Laut ausstoßend, durch die im Morgenwind sich wiegenden Zweige davon, um bald wiederzukehren. Im Lichte des herandämmernden Morgens suchte Vera, als unter ihren Augen das Gesicht des Verwundeten bis zur Leichenfarbe verblaßte und die Blutlache immer mehr zunahm, nach dem Ursprung der Blutung. Sie tastete den warmen, schweren, muskulösen Körper ab und merkte nach wenigen Sekunden, wie das heiße Blut rhythmisch an der Innenseite des linken Oberschenkels, etwas über dem massigen Knie des nunmehr sich unruhig regenden, die Hände über dem Knie zusammenkrampfenden, mit zusammengepreßten Zähnen aufstöhnenden und die Augen weiter öffnenden Mannes hervorschoß. Noch aus dem Kurs, den sie während der letzten Kriegsjahre als ganz junges Mädchen in einer Samariterschule genommen hatte, entsann sich Vera der vorgeschriebenen Maßregeln. Es wurde hell, die Sonne ging über dem stillen, sauberen Platze auf. Von den Glasscheiben des Kiosks her sah Vera die bunten, leeren Gesichter der Magazintitelbilder auf sich blicken, als sie sich hilfesuchend umwandte. Schauerlich war ihr die hart neben ihr auf dem Bauche liegende Leiche des Polizisten mit seinen sich in den Boden zwischen die Pflastersteine einkrallenden, blassen Fingern, aber sie faßte sich und suchte nach einem Gegenstand, um die Blutung des Verletzten abzubinden. Sie dachte an die Hosenträger des Verwundeten, die sich gut dazu eigneten. Diese aber von allen Knöpfen loszumachen erwies sich bei der Unruhe des armen Teufels für das schwache, in der Aufregung ungeschickte Geschöpf als unmöglich. Zum Glück aber sah sie durch ihre Tränen plötzlich den ledernen Gurt des getöteten Polizisten vor sich, sie riß ihn unter ihm hervor, atmete tief auf und führte zitternd den warmen, an einer Stelle noch nassen Riemen oberhalb der Wunde um den Oberschenkel seines Kameraden zusammen. Sie brachte den Dorn in eines der Löcher, dann versuchte sie ihre beringten, schmalen Händchen zwischen dem Riemen und dem Kleiderstoff durchzustecken. Sofort sah sie ein, daß der Riemen noch nicht fest genug gezogen sei, und machte den Dorn mit aller Anstrengung schnell wieder los. Ihre Tränen störten sie. Sie schüttelte den Kopf, so daß die Tropfen fortstoben. Dann nahm sie noch einmal das Ende des Lederriemens in ihre bereits furchtbar ermüdete, wie gelähmte rechte Hand, das andere Ende in die linke, und nun beugte sie sich, um die Enden fest zusammenziehen zu können, mit zusammengebissenen Zähnen und mit einem vor körperlicher und seelischer Anspannung ganz verzerrten Gesicht über den Verwundeten. Er stöhnte lauter, kläglicher, preßte Lippen und Augenlider zusammen. Plötzlich rief er leise, aber klar nach der Mutter. Der Blutfleck breitete sich zwar nicht mehr mit derselben rapiden Schnelligkeit unter ihm aus, aber noch wogte es in rhythmischen kleinen Stößen glucksend unter dem nassen Stoff. Während Vera ihre Schwäche mit der letzten Kraft unterdrückte, zog sie das eine Riemenende fest an sich und brachte den Dorn des Schlosses in die allerletzte Öffnung. Sie legte ihre Hand über die Wunde und merkte, daß die Blutung zum Glück jetzt vollständig aufgehört hatte. Jetzt erst dachte sie an ihren Rudolf, aber sie faßte keinen Gedanken klar, es wurde ihr nur bewußt, daß er verschwunden war, daß man nicht mehr hinter ihm herschoß. Daß sie ihn, ohne es zu wissen, geschützt hatte, hatte sie nicht bemerkt. Jetzt wünschte sie nur, daß sie beide retten könnte, den fliehenden Rudolf und den sich verblutenden Polizisten zu ihren Füßen. Und der andere da, der sich gar nicht mehr rührte? Er, Rudolf, hatte geschossen, und doch war es sicher nicht seine Absicht gewesen, er kannte ja die Polizisten nicht, und sonst war er immer so zart, so edel, so still, so gut gewesen! Er hatte sie nie berührt, vielleicht liebte er sie zu sehr ! VII. Der Verwundete schien immer mehr zu Bewußtsein zu kommen. Er fuhr sich bei geschlossenen Augen mit der linken Hand erst nach dem Knie, dann nach der Stirn. Vera holte aus ihrem Handtäschchen ein Fläschchen mit Kölnischwasser hervor, das neben kleinen roten Briefchen in der Form, wie man sie für Medizinpulver verwendet, in einer besonderen Abteilung des Täschchens untergebracht war. Sie spritzte aus dem kronenförmigen Verschluß des Fläschchens einige Tropfen auf ihre juwelengeschmückte Hand. Als sie aber die linke blutige Handfläche vor sich sah und als sie, tief einatmend, den säuerlichen Geruch des Kölnischwassers mit dem süßlichen Blutgeruch vermischt sich ins Gesicht steigen fühlte, stöhnte sie leise klagend auf, blickte sich hilfesuchend um. Aber weder Rudolf noch Manfred waren zu sehen. Vor ihren Augen wurde es langsam, aber unabwendbar dunkel, sie sank hockend in sich zusammen. Das reizende rotblonde Köpfchen, von dem der elegante Hut längst herabgerutscht war, legte sich schief auf die zwei Händchen, mit denen sie ihre beiden Knie bedeckt hatte, wie um sie vor Frost zu schützen, und ein leichter, lösender Schauer durchlief sie von oben bis unten in einer langen Welle. Auf ihrem schönen Schmuck brachen sich die Strahlen der rötlichen Morgensonne. Eine starke weiße Wolke legte sich über das Himmelslicht, und ein leichter, sausender, sehr frischer Wind erhob sich in den Zweigen über ihr. Die Vögel in den Zweigen zwitscherten matt und zart. Sie hörte noch, während sie das Köpfchen auf den Händen tiefer zu betten versuchte und das Zittern in ihr immer stärker wurde, das Rollen eines Autos von ferne, das Pfeifen eines Zuges, das quietschende Geräusch eines sich öffnenden Fensters, plötzlich kam ein nie gehörter, auch nicht zu beschreibender Laut, halb Rauschen, halb eine hohe, eintönige, nicht verstummende Stimme, die in ein Brausen wie von Meeresbrandung überging. Es war beruhigend und ihr war, als habe sie immer, schon seit den Schuljahren, darauf gewartet. In ihrem Munde fühlte sie etwas Süßes, wie einen Bonbon, lauwarm glitt er ihr zwischen die Lippen, auf die Zunge, als käme es aus einem anderen Munde, in einem Kuß. Sie glaubte, daß ihr Manfred, ganz in Schwarz gekleidet, neben ihr stand, dann wurde es noch tiefer dunkel, aber ihr Rudolf, nicht Manfred stand neben ihr, er versteckte sich hinter ihren langen, weichen Zöpfen, wie sie sie noch auf dem Lyzeum getragen hatte, zur Zeit, als sie beide, Manfred und ihren Rudolf, kennengelernt hatte, und die er mit seinen warmen lieben Fingern auflöste, und dann preßte er sein Gesicht an ihren Nacken, drückte ihren Kopf von rückwärts noch tiefer nieder. Ihr war wohl. Sie wußte nichts mehr von sich. Sie sank flach auf den Boden hin, mit ihren Händen immer noch den kurzen Seidenrock über den Knien festhaltend und ohne das Kölnischwasserfläschchen aus der Hand zu lassen. Das Parfüm strömte tropfenweise aus und sammelte sich in einer winzigen hellen Lache neben der großen, blutig roten. So fanden sie die Leute vom Polizeipräsidium, als sie im Überfallauto ankamen. Ihr Kamerad war eben aus seiner Bewußtlosigkeit ganz erwacht. Er hatte sich aufgesetzt und starrte mit verzerrtem Gesicht rings um sich. Er begann laut vor Schmerzen zu schreien. Aber die Blutung war gestillt, der Riemen, den Vera angelegt hatte, konnte bleiben, bis man den Armen im Polizeikrankenhaus eingeliefert hatte. Die Operation, die man dort sofort an ihm vornahm, rettete ihm das Leben. Ob er das Bein behalten würde, konnte man ihm, der verzweifelt die Ärzte mit seinen Armen festhalten wollte, nicht versprechen. Die Kugel hatte das Kniegelenk schwer beschädigt. VIII. Man suchte nun mit dem Aufgebot aller Kräfte des Revolverhelden und, wie man jetzt fast allgemein glaubte, des Raubmörders Rudolf D. habhaft zu werden. Aber weder von ihm noch von seinen Begleitern war eine Spur zu finden. Es hieß, daß sie sich in der Bahnhofsrestauration eine Lage Bier und Korn hatten geben lassen und daß sie dann mit einem Arbeiterzug ins Industrierevier gefahren wären. Aber die Angaben waren zu undeutlich. Es war auch möglich, daß sie die nahe Grenze ohne Kontrolle überschritten hatten. Denn die Grenze war unübersichtlich, sie verlief oft mitten durch die Ortschaften, so daß die eine Häuserreihe deutsch war, die gegenüberliegende nicht mehr. Bis jetzt hatte sein Bruder (der Gefängnisarzt und Assistent am Institut für gerichtliche Medizin, das im Jahre 1922 neu errichtet und der medizinischen Fakultät angegliedert worden war), der Dr. Konrad D. es durch Vermittlung seines sehr angesehenen Schwiegervaters verhindern können, daß der Steckbrief seines Bruders, der schon im Jahre 1923 nach dessen rätselhaftem Verschwinden ausgestellt worden war, an den Litfaßsäulen der Stadt befestigt würde. Jetzt aber, 1925, mußte der Arzt verstehen, daß man von Seiten der in so brutaler Weise angegriffenen Polizei auf kein Fahndungsmittel verzichten würde. Was der Bruder aber nicht verstand, war, daß sein Rudolf sich niemals gegen diesen Mordverdacht gewehrt hatte. Und doch war es unausdenkbar, daß er ein solches Verbrechen sollte begangen haben. Je öfter er die Photographien seines Bruders ansah und die Züge mit fast wissenschaftlicher Gründlichkeit studierte, desto fester wurde in ihm der Glaube, daß sein Bruder an der Mordsache unschuldig sein müsse. Er wollte die Bilder nicht an den Litfaßsäulen reproduziert sehen und entschloß sich, sie alle zu vernichten, angefangen von den Kinderbildern (eines davon, Rudolf und der Vater, beide auf einem weißen Schaukelpferd sitzend, war besonders niedlich, und der Vater war nirgend so gut getroffen wie auf diesem) – bis zu den Amateurbildern aus späterer Zeit, wo Rudolf, ein schöner, oft photographierter Mensch, sich bei seinem alten Freunde Zollikofer, aber niemals auf ein und demselben Bilde zugleich mit ihm, sondern immer nur in Gesellschaft von seinem Sportkameraden Manfred oder seinem Jiu-Jitsu-Lehrer Steffie hatte aufnehmen lassen. Ein Glück war noch, daß weder Manfred noch Steffie Exemplare dieser Bilder besaßen. Aus dieser Gegend wehte kein guter Wind für Rudolf, das ahnte Konrad, wenn er auch nicht wußte, warum. Seiner Frau Flossie sagte er nichts davon. Er packte die Bilder noch am gleichen Morgen alle in seine Aktentasche, brachte sie in sein Institut und verbrannte sie bei geschlossenen Türen, ganz, als handle es sich um eine gerichtsärztliche Probe, über einer Bunsenflamme. Als das letzte zu Asche geworden war, seufzte er tief auf, die noch warme Asche in seiner hohlen Hand sammelnd, als wäre sie etwas, was von dem Bruder herrührte. Er wußte nicht, wo Rudolf jetzt war. Jahrelang hatte er ihn nicht gesehen – jetzt war er hier gewesen. Aber statt ihn, seinen Bruder aufzusuchen, hatte er seine Irrsinnstat begangen. Er verstand ihn nicht. Aber er liebte ihn. Niemals war er ihm so bemitleidenswert erschienen. Die Mutter durfte nichts davon erfahren. Das war nicht schwer zu erreichen, denn sie lebte nicht mehr hier, sie war seit Jahren schwermütig, ohne Berührung mit der Umwelt, selbst ihren Herzenssohn, Rudolf, nicht ausgenommen. Es war Konrad schrecklich, sich auch nur vorzustellen, daß er an der nächsten Straßenecke seinen, seines Vaters und seines Bruders Namen auf einem der vielen orangeroten Steckbriefe groß gedruckt lesen sollte. Aber wenigstens war das Bild nicht zu sehen. Das war nun vermieden. Den ebenso beschämenden Blicken der vielen Bekannten konnte er aber nicht entgehen. Er wurde noch reservierter und schweigsamer und korrekter als sonst und brachte es dahin, daß er seine etwas exponierte Stellung halten konnte und daß niemals jemand eine Anspielung auf seinen Bruder machte, solange er, Konrad, sich seinen amtlichen Aufgaben widmete, die oft recht delikater Natur waren und auf den Ausgang wichtiger Prozesse den größten Einfluß hatten. Aber er vermied es, sich viel auf der Straße oder im Theater zu zeigen, er kam so gut wie gar nicht aus seinen vier Wänden heraus, wo er das glücklichste Familienleben zu führen schien, um so mehr, als ihm zu dieser Zeit ein Töchterchen geboren wurde. Sein Schwiegervater, der Konsistorialrat, hätte gern gesehen, wenn sein Schwiegersohn seinen Bruder verleugnet, dafür aber sich mit ihm politisch oder sozial betätigt hätte. Er fürchtete den drohenden Ausdruck im Gesicht seines Schwiegersohnes nicht, packte den Stier bei den Hörnern. Aber Konrad antwortete nicht und sah ihn nur starr an. Vergebens ergriff der Wehrkreispfarrer seine Hände und mahnte ihn, halb im Kommißton, halb mit Seelsorgerpathos, diese »schwere Schickung Gottes« nicht als seine, Konrads, persönliche Kränkung und Herabsetzung anzusehen. Wie weit war Konrad in Wahrheit davon entfernt! Im Grunde war er, er wußte nicht wie, sogar noch mehr verbunden mit dem armen Bruder, und der Sermon des Pfarrers endete damit, daß er seinem Schwiegersohn den kurz gefaßten Rat gab, er möge sich ein für allemal von dem verlorenen Subjekt, dem leider verluderten Gesellen, losmachen. Das gleiche, in etwas verständnisvollerer Form, riet ihm sein Vorgesetzter, der ihm von Vaters Zeiten her sehr freundschaftlich gesinnte Herr von Ohr, Direktor des großen Gefängnisses in B., der eine Zeitlang der Vormund Rudolfs und seiner Schwester gewesen war. Aber auch hier behielt Konrad sein obstinates, höfliches und ganz unangreifbares Lächeln bei. Er war nicht dazu zu bewegen, von seinem Rudolf abzurücken, obwohl man ihm sogar genau die Wege und Methoden hierfür klargemacht hatte, nämlich vorerst den Namen zu ändern, den Namen der Frau anzunehmen und auf einige Zeit aus der Stadt zu verschwinden, einen wissenschaftlichen Urlaub anzutreten. In jener Zeit, die infolge politischer und schwerer sozialer Kämpfe nicht einmal auf einen Monat zu reinem Frieden kam und die vielmehr durch die äußere wie die innere Politik in dauernder, qualvoller und zerstörender Unruhe gehalten wurde, vergaß man schneller als in normalen Zeiten. Sonst hätte man das Leben nicht ertragen können. Man war an das Furchtbarste gewöhnt, und das schauerlichste Erschrecken wurde übertönt von den Ereignissen des kommenden Tages. Die Verbrechen waren zahlreicher und bestialischer, als man es je gedacht hatte. Sie waren mehr als tierisch. Die Steckbriefe an den Litfaßsäulen nahmen einen großen Raum ein, wechselten aber alle Wochen. Hohe Beamte kamen ins Gefängnis, Minister gingen auf schauerliche Weise durch junge Fanatiker in einer Art Blutrausch zugrunde, diese konnten oft unentdeckt flüchten, und man fand sie nie wieder, Massenmörder blieben unbegreiflich lange in Großstädten unentdeckt, und manche nahmen sich dann im Gefängnis mit Duldung der Behörde das Leben nach schauerlichen Bekenntnissen, die nicht einmal von den mit wüsten Ereignissen überfüllten Zeitungen vollständig gebracht werden konnten. So ging nach verhältnismäßig kurzer Zeit im Falle Rudolf D. alles seinen alten Gang, und Konrad D. blieb in seiner Dienststelle als etatmäßig angestellter Arzt an der Männerabteilung des großen Gefängnisses in B. und lebte im übrigen seinen wissenschaftlichen Arbeiten und seiner Familie, seiner Frau. Die Mutter blieb dauernd von diesen Tatsachen verschont. IX. Sonderbarerweise hatte dieses schreckliche Ereignis für Manfred von G. keine üblen Folgen. Es wurde sogar bekannt, daß er es jetzt ärger trieb als zuvor. Durch seine ziemlich blühende Pfandleihe kam er viel mit gewerbsmäßigen Hehlern, die auch gern einmal ein Spielchen riskierten, in Verbindung, und er erfuhr durch sie wichtige Einzelheiten über Raub, Einbruch, Diebstahl, Mordverbrechen, auch über politische Machinationen, und er wußte alles der Behörde gegenüber gut zu verwerten. So erklärt sich unter anderm die Milde der Polizei, ihre auffallende Langmut, als es bekannt wurde, daß er Emigranten aus früher deutsch gewesenen Gebieten, die (wie er selbst vor soundsoviel Jahren) über die neue Grenze in das alte Reich gekommen waren und die zum Teil von der Regierung als Ersatz für ihren beschlagnahmten Bodenbesitz drüben größere Geldsummen als Abfindung oder Entschädigung erhalten hatten, zum Glückspiel verlockte und ihnen und ihren Familien den letzten Notpfennig aus der Tasche zog. Oft waren diese Männer durch die entsetzensvollen Ereignisse (nach all den bitteren Nöten des langen Krieges) so aus dem Gleichgewicht gebracht, daß sie zu einer neuen Aufbautätigkeit nicht mehr oder noch nicht fähig waren. Es waren Menschen, die noch vor kurzem ihre Wurzeln fest in ihrer väterlichen Scholle gehabt hatten; jetzt hatten sie diese verloren und gingen wie betäubt umher. Sie konnten nichts fassen. Oft verleugnete solch ein unseliger Spieler in seinem falschen Ehrgefühl vor seiner Familie, wo und wie er das ihm anvertraute Geld verloren hatte. Die Söhne, die Frauen, die Schwiegertöchter meldeten sich weinend und jammernd oder in stummem, furchtbarem, aber beherrschtem Kummer bei der Polizei, nachdem sie, oft nur durch Zufall, die Quelle des Verderbens ausfindig gemacht hatten. Die Polizei interessierte sich. Zuerst stritt man über das richtige Ressort, endlich wurde eines gefunden, der Beamte ließ sich lang und breit alles erzählen, dann kamen Recherchen, immer durch die gleichen Unterbeamten, und schließlich sagte man, die Untersuchung würde fortgesetzt, und wenn gedrängt wurde, zuckte man die Achseln. Man wollte die eigentlichen Verlustträger sprechen. Das war die wichtigste Zeugenschaft. Aber in den meisten Fällen hatten sie sich nicht in eigener Person beklagen wollen. Oft schien es sogar, als ob sie für den ebenfalls entwurzelten Spielbankbesitzer (der aus dem Elsaß stammte) eine Art Sympathie empfänden. Es schien ihnen ein »Ehrenpunkt« zu sein, sich ebenso mit dem Spielverlust abzufinden wie mit dem unwiederbringlichen Verlust der alten Arbeitsstätte in der Heimat. So war in vielen Fällen kein direkter Kläger da, und die Polizei tat nichts dergleichen, wenigstens bei dem ersten derartigen Fall nicht. Erst als sich solche Dinge wiederholten und als dann, vielleicht im Zusammenhang mit der Sache des jungen Rudolf D., auch einige wichtige Änderungen im Polizeipräsidium vorgenommen wurden (so mußte Steffie »wandern«, fiel aber dank seiner Eigenschaft als alter Ehrenmann und guter Kamerad, wenn auch mit ein paar Schwächen, die Treppen hinauf, da er in konservativen Kreisen einen großen Anhang hatte) – und als eines Tages der Konsistorialrat und Wehrkreispfarrer D. Fr., der Schwiegervater des Gefängnisarztes, als Vertreter einer Hilfsaktion ein ernstes Wort oben zur Sprache brachte, faßte man das Übel an einer der mannigfaltigen Wurzeln, ließ nun Manfred von G. neuerlich vorladen, um ihm einige Protokolle vorzulegen, die von dem Konsistorialrat mit den Familien einiger solcher »Abgehäuteten« oder »Ausgesackelten« aufgenommen worden waren. Manfred kam, pünktlich auf die Minute, sah alles genau durch, ließ sich Zeit, dann säuselte er unter süßem Lächeln hervor, er könne angesichts der »komischen« Art seines Betriebs nicht wissen, ob alle diese Angaben in den Protokollen zuträfen oder nicht. Mit den vielen Leuten, die, ihre Brieftaschen dick angefüllt mit seinem Geld, als Gewinner aus dem Klub herausgegangen waren, habe man ungerechterweise keine Protokolle angelegt, sondern nur mit den Verlustträgern. Habe denn er all das gewonnen, was sie alle verloren hätten? Vorausgesetzt, daß es wahr sei, daß sie verloren hätten? Solle er vielleicht noch Buch führen? Könne er es? Ein vielgeplagter, armer Steuerzahler in dieser schweren Zeit? Auf alle Fälle bedauere er das angerichtete Unglück, aber es habe nie jemand die Leute zum Spielen aufgefordert, weiter könne auch ein Pastor nicht gehen. Er persönlich sei immer mehr als korrekt gewesen. »Immer reell, immer sauber!« das sei die Grundlage von Handel und Wandel und vom Wiederaufbau des Vaterlandes. Ohne mit der Wimper zu zucken, erklärte er seine wurzelechte und treue deutsche Art, die er durch seine Option zugunsten des Reiches bekundet habe, er wolle noch mehr tun, er wolle eine größer Geldspende zu Händen der vaterländischen Hilfsaktion aus freien Stücken erlegen. »Nur zu gerne! Ja, nochmals ja! In dieser Zeit muß jeder opfern.« Man fragte ihn, ob er in seinem Betrieb etwas ändern wolle. »Liebend gern. Aber was? Aber wie?« Er hob die Augen zum Himmel. »Das sind Kinder!« Als man ihm näher an den Leib rückte, wurde er reserviert. Sein Klubraum sei kein Spielsaal im Sinne der Bestimmungen, sondern nur ein Versammlungsraum für gute deutsche Geselligkeit. Einfach vier Wände, in denen eine mehr oder minder geschlossene Gesellschaft sich in aller Harmlosigkeit träfe; was wäre schließlich dabei, das Menschliche müsse man verstehen, in einer so tristen Zeit wie heute wolle keine Christenseele daheim bleiben im kalten, öden Zimmer und allein. Ja, und ob alle die Namen stimmten, die in das Gäste- und Mitgliedsbuch eingetragen seien? Er hoffe es, ganz gewiß. Freilich, kontrollieren könne er es nicht und dürfe es nicht, da er keine polizeilichen Befugnisse habe. Und selbst auf amtliche Ausweise sei heute kein Verlaß mehr, da die Technik in bezug auf Fälschungen fortgeschritten sei, und zwar mehr, als sich der menschliche Charakter zum Guten entwickelt habe, mit Verlaub gesagt. Ja, und die Spiele? »Bitte, sagen Sie selbst, was sind das für Spiele? Das habe ich mich immer selbst gefragt. Die besten Fachleute, die Herren Spezialdezernenten vom Präsidium, haben sie immer für erlaubte Geschicklichkeitsspiele und nicht für unerlaubte Glücksspiele gehalten.« Er selbst habe sogar manchmal geschwankt. Denn er wolle ein reines Haus haben. Aber sollte er den Leuten widersprechen, die alles genau geprüft und ja und amen gesagt hätten? Man blätterte noch einmal die (von der Tochter des Konsistorialrates, einer Lehrerin namens Doralies, schön abgeschriebenen und von der anderen Tochter, Flossie, prachtvoll eingebundenen) Protokolle durch, sah den eleganten, früh ergrauten, etwas kränklichen, zartbesaiteten Chiffon von der Seite an. Er verbeugte sich und ging. Als sich aber im Verlauf der nächsten Wochen bei einem neuen Schub von polnisch-deutschen Emigranten dieselbe Sache wiederholte und man gezwungen war, ihn zum drittenmal vorzuladen, erschien er nicht auf dem Präsidium, sondern er entschuldigte sich mit »akuter Herzmuskelschwäche und chronischer Blutarmut«, was dem immer anfälligen, übel aussehenden Menschen, der auf seinen Schwächen spielte wie auf einem Klavier, zu simulieren oder zu übertreiben nicht schwerfiel. Er konnte seinen Herzschlag willkürlich beschleunigen, was er in der Kriegszeit erlernt hatte, um der Aushebung zu entgehen, und er hatte sich so in der Gewalt, daß er den Gerichtsarzt hinters Licht führte. So bildete er es sich wenigstens ein. Tatsächlich durchschaute ihn Konrad, dem in der gerichtlichen Medizin keine Art von Simulation unbekannt geblieben war, ebensowenig wie die grauenhaftesten Schattenseiten der menschlichen Natur, die er in seiner Praxis und in der wissenschaftlichen Literatur kennengelernt hatte. Er war ein kühler, aber außerordentlich tüchtiger Arzt, ein fast immer treffsicherer Diagnostiker, der eben in diesem Fall seine guten Gründe hatte, sich zu irren. Er sah den grauhaarigen Chiffon an, der fahl in seinem Bette hockte und seinen Willen spielen ließ, um seine Herztätigkeit unregelmäßig zu gestalten. Sie wechselten einige Worte, vermieden aber beide, den Namen des gemeinsamen Bekannten, Rudolf, auszusprechen. Konrad hatte von Manfred den Eindruck, daß es sich um einen schwächlichen, aber widerstandsfähigen, bis auf ein altes Magenleiden gesunden körperlichen Organismus, im übrigen aber um einen verschrobenen Charakter handle, der von dem Grundprinzip ausging, jeder Mensch wolle jedem Menschen von Natur aus schaden, und statt daran zu leiden, hatte dieser früh gealterte Mensch gelernt, daran zu verdienen. Er traute keinem, nicht einmal sich selbst. Konnte er darauf rechnen, daß sein Herz, jetzt wo er es brauchte, das eingelernte Stückchen spielen werde? Ohne ein Wort über den Krankheitszustand Manfreds zu sagen (schließlich war es für beide, für Manfred wie auch für ihn selbst keine entscheidende Angelegenheit), erhob sich Konrad. Er wusch sich ungewöhnlich lange die Hände. Daran wollte Chiffon erkannt haben, daß seine Sache gut stand, und so war es auch. Der Arzt hatte lange überlegt, eben während des Händewaschens, und sich dann kurz entschieden. Sein Gutachten war so vorsichtig, wie er noch niemals eins ausgestellt hatte. Obwohl ihn Chiffon sehr interessierte, wie jeder Mensch, der mit seinem Rudolf in Verbindung gestanden hatte – und vielleicht noch jetzt in Verbindung stand –, hütete er sich sehr, über diese Begegnung mit jemandem zu sprechen. Seine Frau, sein Schwiegervater, sein Chef fragten. Er zuckte die Achseln, verschanzte sich hinter das Berufsgeheimnis. Dieses hätte aber bloß den wissenschaftlichen Befund betroffen, nicht aber den rein persönlichen Eindruck, den er von Chiffon hatte. Je tiefer er seinen Bruder liebte, je mehr er ihm zu verzeihen hatte, desto verschlossener wurde er. Manfred trieb es nicht auf die Spitze. Er gab freiwillig einen wesentlich höheren Sühnebetrag ab und versuchte auch seinen Freund Steffie zubewegen, sich an der Wohltätigkeitsaktion zu beteiligen. Aber Steffie, der einen unverhältnismäßig großen, oft törichten Luxus trieb und bei dem das Geld (unter anderem auch eine große Erbschaft, die er 1923 gemacht haben wollte) in zahlreiche, dunkle Kanäle verrann, wollte nichts davon wissen. Zum erstenmal gerieten sich die alten Freunde in die Haare. Steffie, der beste Schütze und Jiu-Jitsu-Kämpfer der Provinz, ließ, als Chiffon in seinem Wohltätigkeitsdrang immer stürmischer wurde, einen kleinen »Trick« von Stapel, er fuhr dem Chiffon mit beiden Zeigefingern in die Nase und stülpte ihm die Nasenlöcher nach oben. Vor Schmerz krächzend ließ Chiffon vom Edelmut sofort ab. Er war überrascht worden, und das hätte ihm nicht passieren dürfen. Also war er von seinem Grundsätze, daß die guten Menschen-»Kinder« einander überall und immer zu schaden suchten, doch einmal abgekommen. Aber er lachte, augenblicklich wieder von seinem Schmerze befreit, wie es bei richtigen Jiu-Jitsu-Griffen immer der Fall war, denn die Schmerzempfindung soll genauso schlagartig aufhören, wie sie eingesetzt hat. Auch Steffie lachte. »Probiers doch auch mal, Kamerad!« sagte er zu Chiffon. Chiffon versuchte es, Steffie antwortete durch einen andern Griff, der aber schon früher bei den Lektionen vorgekommen war und den Chiffon tadellos parierte. »Na, hast du nicht was Ordentliches bei mir gelernt? Du solltest nicht so knickerig sein! Mach schnell! Irgend etwas Nettes wirst du doch unter deinen Pfändern haben. Ich habe da irgendein klein Mäuschen, das würde sich freuen.« Chiffon suchte seufzend unter den verfallenen Sachen etwas für das Mäuschen hervor, ohne zu fragen, ob es männlichen oder weiblichen Geschlechtes wäre. Eine Tabatiere aus echtem Schildpatt mit Goldecken konnte jedermann brauchen. Steffie war zufrieden und zog ab. Er war in großer Eile. Seine Eile war echt, ebenso wie die Geldnöte, ohne die er scheinbar gar nicht mehr leben konnte. Seinen Sühnebetrag erstattete Manfred diesmal nicht zu Händen des Konsistorialrates, wie man es ihm vorgeschlagen hatte und wie es auch Konrad gern gesehen hätte, dem seine Frau Flossie damit in den Ohren lag, sondern er gab ihn unmittelbar drei armen, verzweifelten Ehefrauen, die er aus einer Reihe ähnlicher Fälle ausgelost hatte, wobei Vera stolz die »Glücksgöttin« spielen durfte. Die Männer warteten vor dem Hause, sie waren nur mit Mühe von einem neuen Besuche des Spielklubs abzuhalten gewesen. Ihnen selbst etwas von dem ihnen abgejagten Gelde zurückzugeben erschien Manfred als Unsinn, denn sie hätten sofort das Geld in Chips umgesetzt, und wenn nicht im Klub Hera, wo sie vielleicht »Hemmungen« hatten, so doch sicherlich in einem andern Klub, eine Straßenecke weiter – denn die Konkurrenz hatte sich in letzter Zeit stark entwickelt. Auch die anderen Spielbankbesitzer arbeiteten jetzt mit dem Köder der billigen Mahlzeiten, sie fütterten oft ihre Gäste so gut wie ganz umsonst ab. Nur vermochte keiner eine so delikate und abwechslungsreiche Küche herzustellen wie der in französischer Kochkunst groß gewordene Manfred, der übrigens bald auch auf andere »niedliche« Einfälle, wie Tombolas etc., kam. X. Der Grund für Manfreds etwas menschlichere Haltung gegenüber den »Kindern« mochte darin gelegen haben, daß er in letzter Zeit mit Vera wieder guten Frieden geschlossen hatte. Sonderbarerweise erfolgte dieser Friedensschluß kurz nach dem Besuche Konrads bei dem »kranken« Manfred, bei dem auch nicht ein einziges Wort über Rudolf von der im Nebenzimmer an der Tür lauschenden Vera zu ergattern gewesen war. Vielleicht hatte sie bis dahin doch erwartet, daß der Bruder sich über Rudolf aussprechen würde, sie wollte ja so gern möglichst lange die Illusion haben, daß er, Rudolf, dem gegenüber sie immer ein schweres, süßes Schuldgefühl hatte – (von dem ersten Abend angefangen, war es der tiefste Reiz ihrer Liebe gewesen) –, noch einmal zurückkommen würde, vielleicht um sie wegen ihrer Treulosigkeit zu strafen oder vielleicht um sie mit sich zu nehmen und eine neue Existenz mit ihr zu beginnen. Nun aber schien es, daß Chiffon ihr klargemacht hatte, daß diese Illusion trügerisch sei. Ganz klar vermochte niemand diese Verhältnisse zu durchschauen. Chiffon, der »Vertraute«, hatte keine vertraute Seele außer Vera, und Vera sprach mit jedem über alles, sie plauderte gerne, oft sich komischer Sprachverstümmlungen bedienend, die sie im Lyzeum als »Lyzeumspanisch« geübt hatte, aber über Chiffon und Rudolf sprach sie nie. Jedenfalls sah man die beiden jetzt an einigen Sonntagvormittagen nacheinander auf der »großen Promenade« der Stadt Arm in Arm spazierengehen, kurz darauf ließen sie sich aufbieten und heirateten. Einige Zeit hindurch zeigte Manfred sich besonders zufrieden. Er grinste nicht mehr mit seinen langen gelben Zähnen in falscher Freundlichkeit, er ließ das Stottern sein, er zeigte nicht mehr das künstliche Mitleid mit den »Kindern«, und man hörte keine süßen Redensarten mehr von ihm. Er kochte jetzt für die andern nicht mehr mit der alten Liebe. Er bekam ein anderes, ernsteres Gesicht, das dem ähnelte, das er in seiner Jugend, im deutschen Elsaß, gehabt hatte. In dieser Zeit verließ er, was man bisher nicht bei ihm bemerkt hatte, auch während der »Geschäftsstunden« sein Unternehmen, früh am Abend schon, um seine bezaubernde junge Frau in großer Toilette ins Theater zu begleiten. An den Sonntagen fuhr er schon frühmorgens in einem alten, aber sehr bequemen zweispännigen Jagdwagen mit ihr, die meist im Glanze ihres herrlichen Schmuckes prangte, in die »Gottesnatur«, in die Umgebung, wo sich zwischen großen, rußigen Fabrikorten noch Reste alter schöner Wälder befanden. Aber der Frieden war nicht von langer Dauer. Das Glück schien nur zu bald brüchig zu werden. Das kleine Schlafzimmer des Paares ging auf einen Hof hinaus, und bald beschwerten sich die Nachbarn, daß sie oft spät in der Nacht durch gellende Hilferufe aus dem Schlaf geweckt würden. Wenn sie aber, notdürftig angekleidet, die Treppen hinunterrannten und an Manfreds Türe klopften, wurde ihnen nicht geöffnet. Sowohl der Mann als auch die Frau verhielten sich dann totenstill. Es lebten außer dem Ehepaar von G. jetzt noch drei kinderreiche Familien zusammengedrängt in dem kleinen Hause. Bei zweien von ihnen waren noch andere, halbwüchsige Kinder aus dem ehemals besetzten Gebiet zu Besuch, Jungen und Mädels, die von den in der früheren Heimat erlebten Schrecknissen so heruntergekommen waren, daß sie sich, wenn sie immer wieder nachts durch die Streitereien des Ehepaares aus dem Schlaf aufgeschreckt wurden, nicht mehr beruhigen ließen und ihrerseits in endlose Wein- und Schreikrämpfe verfielen. Oft brachen sie in den Stunden, wo es meist unten bei Manfred losgegangen war, von selbst in ihr Schreikonzert aus. Das ganze Haus, welchem der bis zwei Uhr, an den Sonnabenden und Sonntagen bis drei Uhr morgens dauernde Spielbetrieb ohnehin ein Greuel war, wurde jetzt derart in Aufruhr gebracht, daß die Mieter in einer Mieterratsversammlung in Abwesenheit Manfreds und Veras auf Exmittierung des Klubbesitzers bestanden, wenn nicht von jetzt an absolute Ruhe zu nachtschlafender Zeit gehalten würde. Jedenfalls ging dem Polizeipräsidium eine Klage wegen nächtlicher Ruhestörung und unerlaubten Geschäftsbetriebes zu. Die Polizei lud an einem Sommervormittag des Jahres 1926 das Ehepaar vor. Manfred von G. hörte sich alles schweigend an, er stand ruhig da, als betreffe die ärgerliche Sache alle, nur nicht ihn. Geleckt und zugleich krankhaft fahl, mit seinem alten, faltenreichen, in die Länge gezogenen Gesicht, hielt er seine wie ein Fischbauch glatten und bis auf die Tabaksfinger kreidigen Hände versteckt in den Taschen eines eleganten, silbergrauen Lüsterjacketts, das beinahe dieselbe Farbe hatte wie seine in der Mitte gescheitelten, nach Chyprepomade riechenden, fest aneinanderklebenden Haare; in der Brusttasche hatte er ein spitzenbesetztes Tüchlein, eine Perle schimmerte matt im schweren, dunkelblauen Schlips – so fixierte Chiffon den unter seinem Blick wider Willen errötenden Kommissar, dem er noch vor ganz kurzer Zeit wichtige Informationen gegeben hatte. Chiffon bewahrte Haltung, er überließ es als Gentleman seiner Frau, ihn anzuklagen oder zu verteidigen. Aber sie zwinkerte nur mit ihren schönen, grünlich-blauen Augen und steckte mit etwas unsicherer Hand eine hervorlugende gewellte, kleine Flechte ihres rotblonden seidigen Haares unter dem knappen, moorbraunen Hütchen zurecht. Als sie allein war, brachte sie, aufgeregt wie ein Schulmädchen, ihre Blicke abwendend, stammelnd ein paar nichtssagende Worte hervor, aus denen höchstens das eine hervorging, daß sie sich eben vor ihrem Mann »gruselte«, daß er aber sonst »furchtbar nett« sei und sie um nichts bitten lasse, sondern für alles sorge, bevor sie einen Wunsch ausgesprochen habe. Daß sie aber doch, was ihr früher bei ihrer Mutter nie passiert sei, nachts aus dem schönsten tiefsten Schlafe durch ihr eigenes dummes Schreien erwache. Denn sie habe es eben mit der Angst zu tun. Man fragte sie, warum sie denn vor einem so netten Mann Angst habe, den sie doch erst vor kurzem geheiratet habe? Aber sie antwortete darauf nicht. Man fragte sie dann: »Wollen Sie sich von jetzt an zusammennehmen? Sie sehen doch selbst, daß die Leute in ihrem Hause ihre Ruhe haben müssen. Denn die müssen ausgeschlafen sein, wenn sie an die Arbeit gehen.« Sie nickte zu jedem Wort verständnisvoll – und doch mechanisch wie ein Püppchen. Sie zwinkerte noch stärker, mühsam drängte sie die Tränen zurück. Zufällig betrat jetzt jener Polizist, der in der Schreckensnacht am Kiosk ohne ihre Hilfe verblutet wäre, den Raum. Er war auch jetzt noch nicht erholt, humpelte, ohne im Anfang Vera zu beachten, sich mit den Händen stützend, zwischen den Tischen und den aktengefüllten Regalen umher. Sein neuer Gehverband, sich ungefüge unter einer weiten Hose abzeichnend, knarrte und quietschte. Vera, ganz blaß, starrte ihn an. Jetzt rollten ihr, ohne daß sie es merkte, Tränen aus den großen Augen. Plötzlich war ihr, als sei es ihr Rudolf, der ihr den Rücken zuwandte, der mit seinen großen Händen in den staubigen Regalen umherfischte, obwohl keine Ähnlichkeit zwischen beiden Männern bestand. Da drehte er sich um, als hätte er ihren Blick gefühlt. Er hatte außer seinem steifen Knie eine nervöse Störung zurückbehalten, die sich in einem unwillkürlichen Heben der Mundwinkel äußerte. Als er die schöne junge Frau wiedererkannte, leuchteten seine treuherzigen braunen Augen auf. Er drückte Vera voll Dankbarkeit die Hand, seine Mundwinkel zuckten, als wolle er lachen. Er blieb aber ernst, ergriffen, konnte vor verlegenem Hüsteln keine Worte finden. Manfred war eingetreten. Er antwortete auf die jetzt ernst gemeinten Vorhaltungen des Kommissars, der sich inzwischen gefaßt hatte, in einer fließenden, von jedem Stottern freien Rede. Er meinte ganz überlegen, als wäre er der Auserwählte und der Kluge unter lauter Toren und Kindern, er selbst sei ja am allermeisten an Ruhe und häuslichem Glück interessiert, niemand habe mehr als er unter den nächtlichen Nervenszenen zu leiden, er hoffe, seine arme kleine Frau werde sich bald beruhigen: »Veralein, du Kind, wirst du?« Alles sei auf den Schwerverbrecher Rudolf D. und auf seine niederträchtige, brutale Schießerei beim Kiosk zurückzuführen, von der sie sich bei aller seiner Liebe und Sorgfalt eben doch noch nicht habe erholen können. Er verspreche zu tun, was nur möglich sei. »Alles?« fragte sie. »Alles!« wiederholte er. Sie senkte den Kopf, hatte aber keine Tränen mehr in den Augen. Er wartete noch eine Minute. Aber man blätterte angelegentlich in den Akten. Was sollte man gegen ihn tun? Er verbeugte sich. Die Beamten schienen ihn nicht zu sehen, nur der Mann mit dem Gehverband kam ihnen zuvor, öffnete Vera die Tür. Arm in Arm gingen Manfred und Vera fort, er flüsterte ihr zärtliche Beruhigungen in ihr Ohr, von dem sie schelmisch ein widerspenstiges rotes Löckchen fortsteckte, als könne sie ihn dann besser hören. Plötzlich aber löste sie ihren Arm von dem seinen und ging in bestimmtem Abstand neben ihm die Straße weiter. Beide hatten begonnen, laut zu sprechen, Vera scheinbar erregter als er. Aber bald hörte man nichts mehr. Tatsächlich kamen keine Klagen der Anwohner mehr. Manfred ließ seine Frau die Wirtschaft führen, sogar selbst kochen, um sie abzulenken. Die junge Frau hatte bald so viel Spaß daran, daß sie auch dann nicht davon lassen wollte, als sich ihre Talentlosigkeit auf diesem Gebiet ergab. Wie sie es zustande brachte, mit den gleichen Zutaten, aus denen ihr Mann die wunderbarsten Gerichte bereitet hatte, ein fast ungenießbares Gemengsel zusammenzubrutzeln, war ihr Geheimnis. Weder mit Güte noch mit behutsamem Spott vermochte sie ihr Mann zu erziehen. Sie hörte, glühend rot vor Eifer, in ihrer weißen Schürze am Herde stehend, überhaupt nicht hin, und seine Einwendungen, daß die Gäste ausblieben, wenn es so weitergehe, belächelte sie nur. Mit noch größerem Eifer rührte sie die teuersten Dinge in den Töpfen und Pfannen zusammen, von denen sie nie genug auf ihrer kleinen Kochplatte stehen haben konnte, als ob die Menge der gleichzeitig kochenden Gerichte die Hauptsache wäre. Der Besuch ging tatsächlich binnen kurzem zurück, vielleicht infolge des schlechten Essens, vielleicht aber auch deshalb, weil es jetzt bekannt wurde, daß man bei Chiffon sein Geld besonders leicht loswerde, möglicherweise aber auch, weil man statt mit dummen Chips in der »Hera« jetzt auch wieder mit Rentenmark auf der Börse spielen konnte, wozu viele Bankinstitute, unter anderem auch die Depositenkassen der Großbanken, das Publikum selbst dann animierten, wenn die Beträge jeweils nur klein waren. Die Erlaubnis, den Spielbetrieb weiter zu führen, hatte man Manfred von G. gelassen. Seine Spielmethoden wurden aber auch angesichts des verminderten Besuches nicht entgegenkommender, und seine Haltung Leuten gegenüber, die Pfänder brachten, war eher noch rücksichtsloser als früher. Gierig raffte er alles zusammen. Es schien, als habe er sich geschworen, nur noch eine bestimmte Summe zusammenzubringen und, sobald sein Saldo (auf den Namen seiner Frau) auf der Provinzbank die richtige Höhe erreicht hatte, mit seiner Frau den Ort zu verlassen. Er hatte, hieß es, viel Geld in Papieren, besonders ausländischen, angelegt. Wohin er sich zu wenden beabsichtigte, wußte man nicht. Seine Vergangenheit war eher etwas dunkel. Er sollte auch bei verschiedenen delikaten Angelegenheiten halb politischer Art eine zweideutige Rolle gespielt haben, ob zugunsten der Deutschen oder des Auslandes, war eben nicht absolut klar. XI. Aber bevor Manfred von G. noch den Saldo erreicht hatte, den er sich zum Ziel gesetzt, spielte sich etwas Unerwartetes ab. Er hatte eines Abends, Sonntag, Mitte Juni, wie gewohnt seine Klubgäste bei sich gehabt, hatte sie mit den zwar immer noch billigen, aber nicht mehr wohlschmeckenden Mahlzeiten abgefüttert und hatte den Klub um zwei Uhr morgens geschlossen. Nach der Abrechnung mit seinen Angestellten hatte er seine Frau beauftragt, in ihrem Handköfferchen das Geld zu ihrer Kusine zu bringen, einer Vertrauensperson, die es am nächsten Morgen pünktlich wie immer in die Bankfiliale einzahlen sollte. Einer der Angestellten, der älteste, sollte, mit einem Revolver versehen, Vera bis zu der Verwandten begleiten; zurück, ohne das Geld, wollte sie dann allein kommen. Heute tat sie so, als kenne sie keine Angst, als hätte es ihr noch nie »gegruselt«. Manfred hatte zwar einen eisernen Kassenschrank, er hielt es aber für praktischer, niemals mehr als ein paar hundert Mark für die laufenden Rechnungen im Hause zu behalten. Er hatte während der letzten Zeit wiederholt mit Maschinenschrift verfaßte Erpresser- und Drohbriefe erhalten, die er der Polizei auslieferte, ohne daß diese sie tragisch nahm. Es hieß, daß Manfred einige seiner Angestellten stark in ihren ohnedies sehr schwankenden Bezügen gekürzt, andere rücksichtslos vor die Tür gesetzt und gegen noch anspruchslosere ausgetauscht hätte, und darauf wollte die Polizei diese Briefe zurückführen. Auch Vera zuckte über die Ängste Manfreds die Achseln, aber sie machte sich, seit dem Verschwinden Rudolfs und nach der Schießerei beim Kiosk nicht mehr zur Ruhe kommend, mehr Sorgen, als sie es Manfred zeigte. War vielleicht ihr Rudolf in Not? Und sie lebte in eitel Freuden mit dem »gruseligen« Manfred zusammen und verschwendete das Geld auf die neuesten Toiletten und Hüte, Schmuck und Parfüms? Sie hatte, was in dieser Zeit gar nicht mehr Mode war, die teuersten Brüsseler handgeklöppelten »Motive« an ihrer Wäsche, und Rudolf irrte vielleicht krank umher und schlief im Obdachlosenasyl. Und doch glaubte sie im Herzen nicht mehr an eine Wiederkehr ihres Rudolfs, oft weinte sie so über ihn, wie sie am Grabe ihrer Großmutter weinte, des einzigen Menschen, dem sie ein reines Andenken bewahrte. An ihrer Familie fand sie keine Stütze. Ja, sie, das ewige Kind, sollte ihrer Mutter eine Stütze sein! Der Vater, im letzten Kriegsjahr in Flandern vergast und verschüttet, hatte sich ganz von ihrer Mutter getrennt und wohnte mit einer älteren, sehr reichen Dame »wie ihr eigener Sohn« zusammen. Die Mutter lebte von dem, was ihr diese Dame aus reiner Freundschaft und Güte abgab. Von der Tochter nahm sie nichts an. Sie wollte nur Rat haben. Ein ziemlich junger Mann machte der Mutter den Hof. Sollte sie noch einmal heiraten? Vera wich diesen quälenden Gesprächen aus. Sie hatte ihre eigenen Sorgen. Sie betäubte sich, so gut sie konnte. Oft hatte sie sich mit einer besonderen Bitte, »ein bißchen Rouge, ja?« an Manfred gewandt, aber er sagte nein und behauptete dann, daß er aus Liebe nein sage. Er gab ihr kein Kokain. Und dabei wußte er doch, daß sie nicht süchtig wurde, jedenfalls nicht rauschgiftsüchtig. Sie und Manfred hatten soviel ergebnislos darüber gesprochen, daß er ihr den letzten Vorschlag machte, einen Arzt, vielleicht Konrad, den großen Sachverständigen, um Rat zu fragen. Aber vor Konrad hatte Vera Angst, ohne ihn näher zu kennen. Sie schmollte, daß ihr Manfred ihren Willen nicht tat, sie verweigerte sich ihm, fiel aus unbefriedigter Leidenschaft ab, dann warf sie sich ihm in Verzweiflung an den Hals, schluchzte, wollte ganz sein sein, spielte das »Baby«, kicherte und schwatzte in ihrem »Lyzeumspanisch«, saugte sich an ihm fest, ganz klein, ganz süß, ganz bebend, stöhnte tief, nannte ihn aber nicht beim Namen, starrte ihn nachher entgeistert an. Manfred zitterte um sie, und je mehr er sie liebte, desto weniger vertraute er ihr. Nachdem er ihr jetzt noch in den leichten Seidenmantel geholfen und ihr die neueste Errungenschaft, eine schwarzweiße Federboa, wie sie damals noch keine deutsche Modedame trug, um den schönen, zarten, rosagelben, unter einer hauchdünnen Schicht von Puder matt schimmernden Hals gewunden hatte, ließ er sie hinaus. Dann ging er in den Empfangsraum und in die Spielsäle I und II, knipste überall die elektrischen Birnen aus, ließ sie nur über dem Ecktisch in Saal II brennen. Hoffentlich verspätete sich Vera nicht bei dem Besuche bei der Kusine. So nützlich diese, ein älteres Fräulein, war, Manfred haßte sie und fürchtete, sie könnte gegen ihn hetzen. Wem durfte er trauen? Er ging hin und her. Als er sich endlich in den langen Korridor begeben wollte, der zur Küche und dem Hinterzimmer führte, und gerade an der Telephonzelle vorbeiging, die sich zwischen Saal II und dem Korridor befand, sah er mit furchtbarem Schrecken in der halboffenen finsteren Zelle, nur vom Kopf bis zur Brusthöhe sichtbar durch die Glasscheibe, eine stille, große, dunkle Gestalt und hörte sie schwer, wie im Schlaf, atmen. Es mußte ein ungewöhnlich hochgewachsener Mensch sein, der mit dem Gesicht abgewendet dastand und dessen auffallend kleiner, blonder Kopf, mit einem eleganten, weichen, hellen Filzhut bedeckt, von dem grünlichen Licht, das von der Spielsaallampe kam, fahl beleuchtet war. Manfred wollte sich einreden, es sei ein verspäteter Gast oder es sei der unbekannte Verfasser der nie beantworteten Erpresser- und Drohbriefe. Aber im Grunde wußte er besser, wer es sein mußte. Er dachte einen Augenblick daran, den unliebsamen Gast in der Zelle einzuschließen, aber der Schlüssel steckte innen, und als sich Manfred auf den Fußspitzen trippelnd heranwagte und vorsichtig in die Zelle hineingriff, schien der Mann zu erwachen. Denn im gleichen Augenblick wurde Manfreds Hand von einer anderen Hand mit brutalem Griff umklammert, blitzschnell nach Jiu-Jitsu-Art nach innen gedreht, und es ertönte ein leises metallisches Klirren dabei. Als Chiffon vor Schmerz aufstöhnte, ließ die andere Hand die seine augenblicklich wieder los. Es war totenstill. Er war wie gelähmt. Endlich kam aus Manfreds Brust ein tiefer Seufzer. Aus dem Inneren der halboffenen Zelle erscholl ein Echo, ein ähnlicher, nur etwas hellerer Laut; fast klang es wie das Gähnen eines halbwüchsigen Knaben. Manfred kannte die Stimme, das Organ, es war der junge, des Raubmordes an dem Makler verdächtigte Rudolf D. Oder täuschte er sich in seiner Angst vor Rudolf, die während der ganzen letzten Jahre ebensowenig erloschen war wie sein Haß gegen ihn? Auf den Zehenspitzen entfernte sich Manfred, sein Handgelenk verstohlen reibend, bis der Schmerz nachließ. Er verwünschte sein Schicksal, als er merkte, daß der Schlüssel zur Korridortür fehlte. Er war ohne Waffen, seinen alten braven Revolver noch aus den guten Zeiten mit dem Waffenschein mit Steffies Unterschrift hatte er seinem Angestellten geliehen, damit er seine Vera und sein Geld beschütze. Wußte Vera von Rudolfs Besuch? War sie vielleicht mit ihm im Bunde? Und alles, was er in den letzten Jahren versucht hatte, um seine Vera von ihrem Rudolf zu trennen, war vergebens gewesen? Waren die »Kinder« stärker als er? Aber Manfred war gewohnt, sich in jede Situation hineinzufinden. Stand denn alles so verzweifelt? Rudolf hatte ihn ja eben erst entkommen lassen, nachdem er ihn im wahrsten Sinn des Wortes mit seinem Griff »an der Hand« gehabt hatte. Was konnte er also wollen? Vera? Wenn er sie bis jetzt nie hatte erlangen können, war jetzt auch keine Gefahr mehr. Und Geld? Geldeswert? In der Eisenkasse waren nur wenige besonders wertvolle Gegenstände. Die Kostbarkeiten aus gutem Bürgerbesitz, die er in früheren Jahren zusammenbekommen hatte, hatte er immer sofort nach dem Verfallstag durch Vermittlung eines »schwarzen« Juweliers gegen Bargeld, am liebsten gegen Goldmünzen oder ungemünztes Edelmetall, für das er eine Schwäche hatte, abgestoßen. Diese Dinge aber hob er in Veras Safe in der Bank auf, anders als ein anderer reicher Mann, der aus Angst vor den Eingriffen der »unverschämten« Steuerbehörde nichts der Bank hatte anvertrauen wollen und alles in seinem trauten Heim aufbewahrt hatte. Er lauschte, spitzte die Ohren. Nichts rührte sich. Jetzt atmete Manfred auf. Er fühlte sich sicher. Das Glück war doch für ihn. War er bis jetzt »durchgekommen«, würde er auch weiter durchkommen. Er sah sich um. Hier war sein Geschäftsraum, seine Burg, sein Hafen im Sturm. Aber schon war es mit der Galgenlaune zu Ende, denn er hörte, wie jemand draußen an der Haustür manipulierte. Aber vielleicht nur, um das Haus zu verlassen? Rudolf war doch nie gegen ihn, Chiffon, aufgekommen, nicht einmal beim Jiu-Jitsu, auch da hatte Chiffons List immer gegen Rudolfs Stärke gesiegt, ein einziges Mal, einen Kehlkopftreffer ausgenommen, und auch dieser Treffer stand nicht einwandfrei fest. Jetzt aber waren die Schritte aus größerer Nähe zu hören, in der Entreetür drehte sich ein Schlüssel. Oder nicht? War das Glück doch nicht immer für die Schlauen? Warum ließ ihn Vera warten? Totenstille. Das Wasser tropfte aus dem nicht fest schließenden Hahn in der Küche metallisch klingend in das Ausgußbecken. Dann Schritte über den teppichlosen Speisesaal in den mit Linoleum bedeckten Spielsaal I, wo sie ein feines quietschendes Geräusch verursachten. Die Angst, die Manfred immer höher an die Kehle schlug und ihm jetzt schon fast den Atem benahm, hatte sein Gehör geschärft. Jetzt trat der Gast in den mit Velourteppichen ausgelegten zweiten Spielsaal, die Schritte tupften leise hin wie auf dickem Moos. Rächten sich die »Kinder«? Meinten sie es auf einmal schlecht mit ihm? Hatten sie es auf seine »leckeren Sachen« abgesehen? Er verstand es nur zu gut. Manfred hörte, wie die fremde Person sich eine Zigarette oder Zigarre anzündete und wie sie versuchte, die einzige, jetzt noch brennende Birne auszulöschen. Die Drehung an dem Schalter neben der Tür machte aber zuerst den ganzen Raum strahlend hell, erst bei einer weiteren Drehung wurde es ganz finster. Jetzt war alles, bis auf das Tropfen der Wasserleitung, ohne Laut. Aus einer der Wohnungen, deren Fenster auf den Hof gingen, kam ein unterdrückter leiser Schrei, dem ein Stöhnen und ein Hin- und Herwerfen folgte. Es war wohl eines der schreckhaften Flüchtlingskinder, das aus dem Schlaf aufgewacht war. Aber dann trat wieder Stille ein. Weshalb hatte das Kind nicht, wie sonst oft genug, seinen regulären Schrei- und Weinkrampf bekommen und dadurch das ganze Haus aufgeweckt? Dann wäre Hilfe für ihn, den Spielbankbesitzer, vielleicht etwas leichter zu erhalten gewesen. Jetzt war es sein einziger Wunsch, seine Frau möge bald kommen. Er fragte sich, während er mit der Hand an seine Brust faßte und durch einen Schlitz des von Furchtschweiß feuchten Hemdes die kalte, glatte Gegend über dem stoßenden Herzen fest preßte, um sich zu beruhigen, er fragte sich mit dem letzten Rest klarer Überlegung, den er noch hatte, ob dem »Drehkopf« Rudolf D. ein Mord, ein Raubmord zuzutrauen war? Er, der vor Jahr und Tag vor der Kriminalpolizei mit Bestimmtheit ausgesagt hatte, daß einem Rudolf D. unter allen Freunden des alten Maklers eine solche Tat am ehesten zuzutrauen sei, wollte sich jetzt einreden, Rudolf sei unter dem Einfluß von Rauschgift wohl einer impulsiven Zornestat, wie jener unsinnigen Schüsse gegen die Polizeistreife, fähig, nicht aber eines überlegten Mordes an ihm! Er empfand Mitleid mit sich selbst, mit dem armen, heimatlosen, zu wenig geliebten, früh ergrauten, magenkranken Manfred, der kein Kind war und den nur ein ganz entmenschter Verbrecher so unbarmherzig auf die Folter des Wartens spannen konnte – oder ein Wahnsinniger. Wie sehr klopfte ihm das Herz! Aber war es echtes Herzklopfen oder künstliches? Und wen wollte er betrügen? Er war allein. Jetzt schwor sich Manfred bei allem, woran er glaubte, und bei allem, woran er nicht glaubte, woran er aber jetzt in seiner Todesangst glauben wollte, daß er im Falle seiner Rettung aus der Not ein neuer Mensch, ein anständiger Kerl und Menschenfreund, koste es, was es wolle, werden müsse, ja ein Verschwender seines mit so großer Mühe zusammengehaltenen Geldes zugunsten der Armen, ein noch liebevollerer und zuvorkommenderer Gatte für seine Vera, ja, er wollte auf einen Teil seiner Reichtümer ganz verzichten zugunsten der vertriebenen Flüchtlinge, von denen manche in großem Elend lebten. Hatte er nicht schon einmal seinen guten Willen bewiesen? Weshalb kam niemand und nahm ihn gleich beim Wort? Er bildete sich im Ernst ein, jetzt, da er seine guten, kostspieligen Gelübde abgelegt habe, sei er endlich auch zum Kinde geworden wie die andern, die er bis jetzt verachtet hatte, und dem reuevollen Sünder sei verziehen. Etwas Nasses kam aus seinen Augen. War es Schweiß, waren es vielleicht gar Tränen? Seit Kindertagen hatte er nicht mehr geweint und auch als Kind nur aus Wut. Zuletzt, weil ihn seine Mutter wegen einer zu witzig ausgedachten, kleinen Niedertracht ganz nahe an sich herangezogen und ihn mit dem ganz humorlosen Worte »Schufterle« angeblasen hatte. Er hörte jetzt den Mann im Spielsaal schwer atmen. Vielleicht war es, »durch Gottes Hilfe«, gar nicht Rudolf, sondern nur ein armseliges Menschenkind, ein Gast, der sein ganzes Geld bei der unbarmherzigen Konkurrenz verspielt hatte, hier bei ihm im Hause nicht, das wußte er! und der sich in der Zelle versteckt hielt, weil er sich nicht nach Hause traute. Aber woher kannte dann dieses »armselige Menschenkind« den Jiu-Jitsu-Griff so gut, mit dem ihm eben seine Hand nach innen und oben gedreht worden war? War es aber Rudolf, dann war es unheimlich, denn zum Spaß war dieser, sein alter Feind, nicht hierhergekommen. Manfred zwang sich, eine Arbeit vorzunehmen. Sonst hätte er die Spannung nicht ertragen. Aber vielleicht wußte, so dachte er, während er die Buchstaben wählte, M. und V., mit denen er das Schloß des Kassenschrankes drehend aufbekam, vielleicht wußte Rudolf, der Drehkopf, nicht, welche Streiche er, Manfred, ihm seit Jahr und Tag in aller Stille und Heimlichkeit gespielt hatte. Streiche? Er wollte ja gut Kind sein, also bereuen. Er mußte wohl, das sah er ein. Aber Manfred konnte nichts dafür. Er haßte, weil er mußte, nicht weil er wollte. Der Haß war sehr unpraktisch, das begriff er. Nur die »Kinder« haßten. Seine Streiche gegen Rudolf waren sehr gefährlich, sehr zeitraubend, und man wußte wohl, wie man etwas begann, nicht aber, wie es endete. Wäre nur Vera wieder dagewesen! Der Haß gegen Rudolf war aber zu stark, fast ebenso stark wie seine ganze Liebe zu Vera, mit der dieser Haß, seit der ersten Begegnung, November 1918 in Rosenfingers, des Seligen, Hause, zusammenhing. Auch das Stottern hing damit zusammen. Rudolf hatte den unerlaubten Treffer an seinem Kehlkopf gelandet, aber diese böse Tat hatte ihm, Manfred, nur genützt, dadurch war er auf die Idee des künstlichen Stotterns geraten, das Riesenbaby, das Elefantenküken Rudolf hatte ihm durch seine zornige Handlung einen Profit verschafft; es war also klüger, nicht zu hassen. Aber er konnte deshalb doch nicht davon lassen. Es wallte zu ungebärdig in ihm auf. Und so sehr ins Blut war ihm diese Feindschaft übergegangen, daß sie sich immer, wenn er an Rudolf dachte, an Veras Rudolf, dadurch äußerte, daß sein Magen zu brennen begann, daß sein Eingeweide wie in Feuer aufging. Dieses innere Leiden hatte schon im Weltkriege begonnen, auch damals war es durch Aufregung, Angst und Haß hervorgerufen worden, Haß gegen die »Kinder«, die Ahnungslosen im Lande, die Drehköpfe diesseits und jenseits der Grenze, die Millionen froher, frommer Dummer. Aber niemals war es so furchtbar gewesen wie jetzt. Er stöhnte leise in sich hinein, damit es niemand höre. Aber eine scharfe Säure, mit etwas Bitterem stark gemischt, stieg jetzt aus der Tiefe seines Wesens so abscheulich, atemberaubend und würgend bis in seinen Mund empor, daß er sich mit aller Kraft beherrschen mußte, um nicht... ja, was konnte er denn noch tun? Er wollte ja gern das Brennen im Magen, die Bitterkeit auf der Zunge, die Unruhe in den Gliedern, die Eifersucht im Herzen ertragen, das furchtbare Gewicht der Angst auf der mageren armen Brust – nur eines wollte er nicht und konnte er nicht, nämlich sich seinem Feind offen stellen. Er wagte es nicht, heute nacht leider immer noch nicht, so wie er es nie gewagt hatte. Er wollte bleiben, wer er war, wo er war. Sich nicht einen Augenblick lang von seinem schweren, weit offenen Schrank aus Eisen wegrühren, dessen Tür aus handbreitem, feuerfestem, schußsicherem Stahl ihm als Deckung diente. Hier fühlte er sich noch am sichersten, sicherer als in den Armen seiner Frau, die ihn trotz aller ihrer Sinnlichkeit nicht genug lieben wollte, ruhiger als draußen in der »Gottesnatur«, wenn er mit seiner Vera Arm in Arm still auf dem Moose der Wälder in der Umgebung der Stadt spazierenging. Hörte er nicht auch jetzt Schritte, leise, getupfte, auf einem dicken Teppich? War es einer, der da ging, waren es zwei? Manfreds Gedanken verwirrten sich, er glaubte der Totenstille nicht, traute dem Frieden nicht, traute niemandem, nicht einmal sich selbst. Jetzt schichtete er die größeren und kleineren Schachteln, welche die Pfänder enthielten und die alle mit feinen Seidenschnürchen umwickelt und mit rotbraunem Siegellack versiegelt waren, aufeinander, dann legte er die Briefchen von verschiedener Farbe, die die verschiedenen Rauschgifte enthielten, ordentlich zusammen, Morphium blau, Heroin violett, Kokain rot (die Farbe der Liebe) und auch Veronal und die »Ersätze«, wertlose, unschuldige Nachahmungen, »Moc« genannt, in hellgrünem Papier, in der Farbe der Hoffnung. Mit diesen Mocs waren wohl die besten und noch dazu moralische, edelsinnige Geschäfte zu machen. Man mußte säuberlich mit ihnen umgehen, sie nicht zu billig hergeben. Einen Teil der Sachen schichtete er in das unterste, einen anderen zu den neuen Spielkartenpaketen in das zweitunterste Fach, das von dem untersten durch ein dünnes Brett aus Eichenholz getrennt war. In dem größten, obersten, durch ein eigenes Türchen verschlossenen Teil, dem Tresor, waren das Pfandbuch und das Scheckheft, die Safequittung neben seinen Spezialausweisen, den politischen Notizen und anderen Schriften verwahrt, neben seinen Andenken aus seiner Jugendzeit, den alten Zeichenheften und vergilbten Schulbüchern mit Eselsohren, von denen er sich nie getrennt hatte und in deren Seiten sich seine verschiedenen Pässe, alles liebe Dinge von Steffies Hand, befanden. Nun holte er das Pfandbuch heraus. Er blätterte, auf der Erde hockend und die Kanten des großen, schweren, in Messing gefaßten Buches (es sollte den Kindern immer imponieren) gegen seinen Leib drückend, was seine Magenkrämpfe etwas dämpfte, die Folioblätter eines nach dem anderen um und verglich die Nummern dort mit den auch auf den Schächtelchen notierten Fälligkeitsdaten, als ob es jetzt das wichtigste wäre festzustellen, was morgen oder übermorgen verfallen sei. War nicht er selbst verfallen? Es durchschoß ihn eiskalt, und sein schweres Buch entglitt ihm: »Kind, wirst du den morgigen Tag, den 17., noch erleben?« Nun hatte er sich selbst ein Kind genannt. Er schob das Buch, ohne sich umzuwenden, in die obere Lade. Er blickte, jetzt aufrecht stehend, die Kasse mit ihrem vielfältigen Inhalt an. Er lauschte, hörte aber nichts. Daß der morgige Tag gerade der 17. und ein Montag war, machte ihm unsinnige Angst und ließ ihn zugleich über seine Torheit lächeln. Aber auf einmal merkte er, daß er am ganzen Leibe zitterte. Es war fast ein Gefühl der Beruhigung, des unerbittlichen, unumstößlich festen Endes (endlich, endlich! als hätte er es immer ersehnt!) und zugleich ein Heranhauchen des furchtbarsten, alles auflösenden Schauders, mit dem er, in den Knien einknickend, eine schwere, kühle, große Hand mit metallisch klirrendem Armband auf seinem Nacken fühlte. XII. Manfred wandte sein Gesicht mit dem Aufgebot seines ganzen Mutes um. Rudolf stand, ohne ein Wort, ein verzerrtes, sinnloses Lächeln auf den zitternden blassen Lippen, hinter ihm. Auf seiner Stirn glänzten kleine Schweißperlen. Wie um sich abzukühlen, lehnte er sich mit seinem breiten Rücken gegen die Eisentür des Kassenschrankes. Er hatte das gleiche kindische, süffisante Lächeln, das sein Gesicht kurz vor jener Schießerei am Kiosk gezeigt hatte. Er war inzwischen etwas gealtert, das schöne, in breiten Wellen fließende Haar, wie immer nach rückwärts geworfen, leuchtete zwar noch in alter Fülle, aber es war schon von dünnen grauen Strähnen, gerade in der Mitte, durchzogen. Chiffon erwartete irgendeine Gewalttätigkeit, er wäre nicht überrascht gewesen, wenn sein Feind den Revolver gezogen hätte. Und doch! Zum erstenmal in seinem Leben entsann er sich mit Schaudern der Todesszene des alten Rosenfinger. Er hatte nicht geschossen, aber er war dabei gewesen – als Vertrauensperson beider. Aber jetzt kam er nicht zur Überlegung. Wortlos drückte ihn sein Feind auf die Erde nieder, wobei der Inhalt der unteren Laden des Kassenschrankes, die vielfarbenen Briefchen, die vielen hübsch verschnürten Schächtelchen und zum Schluß auch einige Spielkartenpakete in ihren Glanzpapierpackungen ihm in den Schoß fielen. Und jetzt ließen ihn zwar Rudolfs Hände los, aber der Druck wurde nur stärker, denn Rudolf hatte seinen Feind zwischen seine Knie genommen, und auf diese Weise hielt er die schmächtigen Schultern Manfreds, der in seinem dünnen Lüstersakko zu zittern nicht aufgehört hatte, wie in einem eisernen Schraubstock fest. Jetzt warf er dem aufschauernden und nur mit Mühe einen Schrei unterdrückenden Manfred den Stummel einer Zigarette zwischen den Hemdkragen und die Haut. Wußte er, daß die Zigarette schon erloschen war? Wollte er den wie gelähmt dahockenden, fahlen, grauhaarigen Menschen nur erschrecken? – Nun zündete sich Rudolf mit lässigen Bewegungen eine neue Zigarette an, und, wie ohne es zu beabsichtigen, preßte er die Schultern des mit aller Kraft widerstrebenden Manfred näher an die Kasse heran, so daß dieser mit dem Kopf nicht anders ausweichen konnte als dadurch, daß er ihn nach oben drehte und mit vor Angst aufgerissenen Augen dem sinnlos schweigenden, riesigen Menschen in sein nur zu regelmäßiges, ausdrucksloses, aber von einem dumpfen Willen beseeltes Gesicht blicken mußte. Wäre es nur das gewesen! Aber der magere Hals des Spielbankbesitzers wurde mit jeder Sekunde stärker gegen die scharfe Zwischenleiste gedrückt. Er kannte den Trick aus Steffies alten Jiu-Jitsu-Lektionen – dort war es das »koreanische Krafthalsband« genannt worden –, und er wußte, was dieser Trick an sich hatte. Er drehte und wendete sein dünnes Hälschen, ohne entrinnen zu können, sein Atem ging schnell, noch ging er leicht, aber ein schneidender Schmerz durchfuhr den Gepeinigten plötzlich so gewaltig, daß er das Schweigen und die Reserve brach und mit zusammengepreßten Zähnen ein wütendes und zugleich schauerlich hilfeflehendes Krächzen von sich gab, entgegen der Jiu-Jitsu-Vorschrift, niemals dem Schmerz hörbaren oder sichtbaren Ausdruck zu geben. Mit halb verrenktem Kopf, die Augen nach der Seite verdreht, wo Rudolf D. stand, begann er seinen Bedränger um Mitleid anzuflehen. Er stotterte zuerst, aber plötzlich kam ihm die Sprache in einem langen, die Worte nicht mehr voneinander trennenden Fluß, und bei alledem verließ ihn nicht das Gefühl, er spräche vor einem seiner Sinne nicht Mächtigen, er vergieße seine Tränen oder seinen Angstschweiß vor einem Wesen, das von einem normal fühlenden und denkenden Menschen nur die äußere Gestalt hatte. Der Bedränger machte sich den Spaß, sich mit seinem gewaltigen Rücken an die eiserne Kassenwand anzulehnen und in demselben Maße, als die Kassentüre sich leise schnurrend in ihren wohlgeölten Angeln drehte, sich mit ihr vor- und rückwärts zu schaukeln. Ging es rückwärts, bekam sein Opfer Luft, ging es vorwärts, dann ging es Manfred in dem wahrsten Sinn des Wortes an den Kragen. Die Hände hatte er zwar frei, aber was nützte es, sie zwischen den gefährdeten Hals und das dünne Trennungsbrett zu legen? Er kam nur in die Gefahr, daß das unbarmherzige Spiel des irrsinnigen Rudolf sie ihm zerquetschte. Irrsinnig? Es fiel ihm ein, er könne seinen Feind durch ein paar Kokain- oder Heroinbriefchen ablenken, besänftigen. Er versuchte, mit seinen beiden zitternden Händen soviel wie möglich von ihnen einzusammeln. In der Eile, in seiner Todesangst war er ungeschickt. »Aber gute Ware, reine Ware«, sagte er, so laut er konnte. Es war wirklich das Beste, das es auf Erden gab. Hatte denn Rudolf auf einmal keinen Appetit mehr auf die leckeren Sachen? Je mehr er häufte, je armseliger er bettelte, desto schauerlicher wurde ihm zumute, denn nichts hatte eine Wirkung. Rudolf fuhr fort, im Einklang mit der zentnerschweren Kassentür immer schneller zu schaukeln. Er versetzte das gewaltige massige Stück Eisen in immer wuchtigere Schwingungen, jetzt sprang er mitten im Schwung von der Tür fort, die sich mit sausender Gewalt auf den halb ohnmächtigen, wie im Alptraum sich an die Kehle greifenden Chiffon hinbewegte, um dann einen Bruchteil einer Sekunde vor dem Ziel durch einen klatschenden Schlag von der großen Hand Rudolfs angehalten zu werden. Mit jedem Schwünge aber sauste die Tür näher an den armen Manfred heran, immer geringer wurde der Zwischenraum, und das Fauchen der heranfegenden Eisenplatte erinnerte Manfred, der, auch jetzt noch den letzten Rest seines Verstandes und seiner Erinnerung behielt, an das fauchende »Schufterle! Schufterle!«, das ihm seine Mutter einmal in Gegenwart seiner Geschwister ins Gesicht geblasen hatte. War er denn nur Schufterle? War er denn nicht auch »Kind?« Jetzt waren es echte Tränen, endlich! Jetzt beugte sich Rudolf beim Fortschieben der Platte, die immer sehr langsam bis an den äußersten Angelpunkt gerückt wurde, was seine, Manfreds Qualen, seine beklemmende Ungeduld bis zum fast Unerträglichen steigerte, zu ihm, zu Manfreds Gesicht hinab. Um sich an der Qual zu weiden? Er selbst hatte die Wonne der Schadenfreude unzählige Male empfunden, bei seinen Opfern, bei Rudolf, bei Rosenfinger, auch bei Kamerad Steffie, »Kleckschen« genannt, bei seinen »Kindern« allen. Sollte er jetzt auch das Opfer einer Schadenfreude sein? Oder hatte ihn Rudolf deshalb auf die Folter gespannt? (Wie gern hätte er sich weggerührt, aber er konnte nicht, er war wie gelähmt, wie bezaubert, behext, wie sonst die Kinder alle.) Vielleicht war alles nur eine Methode, mit der falschen Vera im Verein ausgeklügelt, um von ihm das Wichtigste zu erpressen, nicht Kokainbriefchen, nicht Schmuckstücke, sondern das Geständnis, wie es beim Tode des armen Rosenfinger zugegangen war? Dann bekamen aber die anderen Gewalt über ihn, und er hatte alles verloren, bis auf Vera. Aber Vera hatte es ja selbst gewollt. Alles, was er für sie getan und gelitten hatte, war umsonst gewesen? Er wollte sich überlegen, was er alles an guten Werken für sie geübt hatte, aber die Kassentür sauste, eine Welle dumpfer Luft vor sich hertreibend, wieder einmal mit Riesengewalt auf ihn zu. Diesmal gab er nach. Nein, die Sache mit Rosenfinger verriet er nicht. Aber er gab sich hin, er schloß die Augen, empfand plötzlich einen groben Schmerz in seiner Flanke, rollte irgendwohin und wußte von nichts mehr. XIII. Im gleichen Augenblick hörte man ein rasselndes Geräusch von der Entreetür, einen donnernden Knall, und in derselben Sekunde begann ein Flüchtlingskind oben in der Wohnung aufzuschreien, im Spielsaal flammten die Lichter auf, Rudolf war mit einem gewaltigen Raubtiersatz zurückgesprungen in die Mitte des Zimmers, nachdem er noch, vielleicht ohne es zu wissen, vielleicht aber auch aus einem Gefühl des Mitleids heraus, das ihm nicht so fremd war wie seinem Opfer, mit einem brutalen Fußtritt den hockenden, des Todes gewärtigen, vor Angst ohnmächtigen, leichenblassen Manfred aus der Gefahrenzone herausgestoßen hatte. Manfred war, wie ein leichtes Kleiderbündel am Boden hingeschleudert, in dem gleichen Augenblick in Bewußtlosigkeit gefallen, als hart neben ihm die Kassentür donnerdröhnend ins Schloß krachte. Zugleich hatte Rudolf seinen kleinen Revolver herausgerissen, aber er war, durch den wohlgemeinten Fußtritt nach dem Spielbankbesitzer aufgehalten, diesmal um ebendiesen Bruchteil einer Sekunde zu spät gekommen, die winzige schwarze Waffe wurde ihm von dem ersten der eindringenden Kriminalpolizisten von unten her aus der Hand geschlagen. Der Kommandant der Streife feuerte einen Schreckschuß gegen die Decke, von welcher der Stuck rieselnd herabfiel. Vera kreischte hoch auf, als sie ihren Rudolf erkannte. Jetzt forderte die Kriminalpolizei mit den üblichen Worten Rudolf D. auf zu parieren. Der hochgewachsene Mensch, der die Polizisten fast um Haupteslänge überragte, warf sich mit der blinden Gewalt, die ihm in verzweifelten Augenblicken eigen war, und zugleich mit den raffinierten Tricks des Jiu-Jitsu, das er seit den Jahren bei dem Makler meisterhaft beherrschte, gegen seine Angreifer. Von dem Getümmel und dem dröhnenden Hin- und Herwälzen der Polizisten, denen Rudolf den Fuß gestellt und die er durch blitzschnelle unerwartete Schläge mit der Handkante getroffen hatte, hallte der kleine Raum wider. Die Polizisten, diesmal ihrer Sache sicher, dachten nicht daran, von der Waffe Gebrauch zu machen, nachdem sie Rudolf so schnell entwaffnet hatten; einer von ihnen hatte Rudolfs Revolver schnell vom Boden aufgenommen und fortgebracht. Jetzt erwachte Manfred stöhnend und stammelnd aus seiner Betäubung. Vera, seine Frau, welche die Polizeistreife herbeigerufen und in aller Hast hierher begleitet hatte, stand noch immer starr vor Schrecken da; noch immer hatte sie sich nicht von ihrem Entsetzen erholt. Wie konnte es denn sein, daß sie nicht einen wildfremden Einbrecher oder Erpresser, wie sie geglaubt hatte, sondern ihren guten, armen, alten Rudolf in die Hände der Polizei geliefert hatte. Jetzt warf sie sich zwischen ihn und seine Bedränger, versuchte ihm beizustehen, kratzte die Polizisten, schluchzte und schrie verzweifelt: »Lassen Sie ihn! Er kommt nur zu uns! Wir kennen ihn ja! Er ist es nicht!«, als hinge es von ihrem Dafürhalten, ob »er es sei«, ab, was mit Rudolf geschehen solle. – Manfred, kaum noch zu Bewußtsein gekommen, konnte es sich nicht versagen, sie von ihrem alten Freund fortzuzerren. Er ließ sich dafür ruhig die wütenden Schläge gefallen, mit denen die außer Rand und Band geratene, wutverzerrte, häßlich gewordene Vera ihn anfiel. Plötzlich aber verlor er die Geduld und packte ihre Hände und hielt sie fest. Nach zwei bis drei Minuten sah er aus seiner sicheren Ecke hervor, während er die sich windende Vera gewaltsam an sich preßte, sie abwechselnd mit zuckersüßen Worten umschmeichelnd, dann wieder sie finster bedrohend, seinen Todfeind Rudolf im stummen Handgemenge mit den Polizisten auf dem sich zusammenrollenden, verknäulten Teppich kämpfen. Plötzlich kam ihm ein witziger Einfall, als Rudolf mit einer letzten, verzweifelten Kraftanstrengung seine Angreifer abgeschüttelt hatte und schon Ausschau nach einer Rettungsmöglichkeit hielt, ihn von der linken Seite her unversehens zu Fall zu bringen und dann wie eine Wurst in den Teppich einzurollen. Der Jiu-Jitsu-Kämpfer mit seinen vielen Tricks kannte diesen neuesten Griff nicht, den der Gott der List seinem Feinde Manfred eingegeben hatte, und er konnte sich den dicken Falten nicht entwinden. Die Polizisten hatten nun sofort leichtes Spiel. Sie setzten sich schmunzelnd mit ihrem ganzen Gewicht auf das zuckende Bündel Mensch unter dem wogenden Teppich, sicherten zuerst die wild umherstampfenden Beine, dann faßten sie, Rudolfs brutal umherhackenden, weißen, scharfen Zähnen ausweichend, nach seinen Händen und brachten an jeder Hand einzeln Handschellen an, die sie dann mittels eines Verbindungsgliedes geschickt aneinanderknüpften. Jetzt stellte man Rudolf auf die Beine. Alle atmeten schwer. Vera war still, wie gebrochen, sie konnte nicht verstehen, wie alles gekommen war. Sie wollte auf den Gefangenen zu. Aber jetzt war er es, der sie von sich stieß. Sie versteckte ihr blasses, süßes Köpfchen zwischen den Federn ihrer Boa, die sie mitten im Tumult nicht von den Schultern gelassen hatte. Sie blickte ihren Rudolf verstohlen von der Seite an. Ein krampfartiges Lächeln ging um seinen Mund. Er konnte es ebensowenig wie sie fassen, daß sie, seine Vera, ihn in die Hände der Polizei hatte liefern können. Zweimal war er zu ihr zurückgekommen und beidemal zu seinem Verderben. Bloß Manfred verstand den Zusammenhang. Als Vera von ihrem Gange zurückgekommen war, hatte sie bemerkt, daß sich ein Fremder in die Wohnung eingeschlossen hatte. Später stellte es sich heraus, daß sie das Schloß der Haustür durch ein zylinderförmiges, winklig abgebogenes Stück Stahl, einen sogenannten Sicherheitsstecker, von innen versperrt gefunden hatte, der von Rudolf herrührte. Sie hatte sich sofort des am vorigen Tage eingelaufenen Drohbriefes erinnert. Auf Rudolf, an den sie doch so viel dachte, war sie nicht gekommen. Sie konnte sich nicht ausdenken, was er hier wollte. Sich an ihrem Manfred rächen? Nicht Manfred, sondern er hatte auf die Polizisten beim Kiosk geschossen. Sie mit sich nehmen? Nie konnte er damit rechnen, daß Manfred sie ohne weiteres mit ihm würde fortziehen lassen. Und wäre sie auf alle Fälle mit ihm gegangen? Vielleicht doch! Vielleicht aber auch nein, denn von ihrem Chiffon hatte sie sich nie losmachen können – und doch war sie auch Rudolf mit ihrem ganzen, dummen Herzen gut! Aber warum hatte er durch alle die Jahre nie geschrieben? Die Mutter hätte die Briefe immer weitergeleitet. Warum hatte er nicht einmal telephoniert? Hatte er sie denn ganz vergessen? Sie konnte es nicht glauben. Furchtbar traurig! Sie begriff nichts mehr. XIV. Manfred aber empfand jetzt ein ungeheures Gefühl der Erleichterung. Es beseligte ihn so, daß es ihm mit der ausgestandenen Angst und Qual und den Gelübden (kommt Zeit, kommt Rat) nicht zu teuer bezahlt erschien. Er war frei, er war (bis auf Steffie) unabhängig, er war nicht süchtig, er war reich, mit der Polizei war und blieb er gut Freund, mochten auch die Demokraten sich die Herren dünken, Rosenfinger war tot, er, Manfred, hatte geschwiegen, er hatte gesiegt, er genoß seine Rache kalt. Er sah, wie Vera einige glitzernde Metallplättchen von der Erde auflas und zu ihren Lippen führte. Noch immer blickte sie Rudolf an, aber er erwiderte glücklicherweise ihren Blick nicht mehr. Stumpfsinnig starrte er zu Boden. Jetzt schüttelte er die Hände, wie eine Katze die Beine schüttelt, wenn sie in Teer getreten ist. Unter seinen schlotternden, geknickten Hemdmanschetten klirrten zwar nicht die Handfesseln, denn diese lagen zu fest an, aber das kokette Armband. Mochte es nur klirren! Er kannte es ja gut, ebenso die Metallplättchen, die Vera eben vom nackten Fußboden aufgelesen hatte, sie waren nichts anderes als die Trümmer der Manschettenknöpfe, die sie ihm vor Jahr und Tag zum Namenstag verehrt hatte und die beim Handgemenge abgesprungen waren. Jetzt freute sich Manfred mehr darüber, daß dieses Andenken zugrunde gegangen war, als daß es ihn kränkte, daß die Knöpfe ein Liebesgeschenk seiner Frau an seinen Todfeind gewesen waren. Das war es, was ihm bei seinen »Kindern« immer den größten Heidenspaß gemacht hatte: mehr noch, als daß er sich bereicherte – daß die anderen ärmer wurden, das gab ihm Wonne. Daß Vera jetzt nur noch auf ihn angewiesen war, daß sie nicht mehr auf eine Wiederkehr des verlorenen Geliebten, des von der Polizei wegen Mordes verfolgten Schwerverbrechers rechnen durfte, das ließ ihn lächeln und mit übertriebener (und dabei doch echter!) Zärtlichkeit die Hand der Frau streicheln, von der er sich bei aller sinnlichen Hörigkeit jetzt gehaßt glaubte und von der er bei aller kalten Klugheit doch nicht lassen konnte. Aber andere im Elend zu wissen, besonders in selbstverschuldetem, das tat seinem schnöden Herzen unbeschreiblich wohl. – Er stieß mit dem Fuß in den zusammengeknäulten Teppich, hob die Spielkartenpakete, die im Tumult unbeschädigt geblieben waren, vom Boden auf und schichtete sie auf dem Schreibtisch auf. Der Gefangene blickte sich jetzt noch einmal im Räume um. War es hier, wo er von dem teuflischen Chiffon vor Jahren schon so manche Rauschgiftbriefchen erhalten hatte? Sie waren rot gewesen. Jetzt lagen sie auf der Erde. In seiner ernüchterten Wut blickte er auf die kostbaren, umhergestreuten, zum Teil aufgerissenen Pulverbriefe hinab. Plötzlich fletschte er die Zähne, dann spannte sich sein Gesicht zu zynischem, grinsendem Ekel, und er spie dem Spielbankbesitzer, der sich unvorsichtig zu sehr in seine Nähe gewagt hatte, ins Gesicht. Er bereute, daß er ihn von der sausenden Kassentür weggestoßen, daß er ihm das schäbige Leben gerettet hatte. Manfred beantwortete dies mit seinem alten, bösen Lächeln, holte sich aus der Tasche des wehrlosen Gefangenen dessen feines, handgesäumtes Taschentuch, wischte sich die Nässe ab, warf es dann auf den Teppichknäuel in die Ecke, unbekümmert auflachend. Dem Kommissar war dies nicht recht, er tadelte Manfreds Verhalten durch einen strengen Blick. Jetzt fielen auch ihm die in verschiedenfarbenes Papier gewickelten Briefchen auf. »Was haben Sie da? Wie kommen Sie dazu? Rotes Zeugs, grünes Zeugs, was soll das, wie? Was ist denn zum Beispiel das hier?« fragte er und hob eines der Briefchen auf, schüttete den Inhalt – weißes, glitzerndes Pulver – auf die Handfläche und dann auf den Boden, wo es wie Pulverschnee verstäubte. Manfred zuckte die Achseln. »Aspirin! Nein? Vielleicht doch kein Aspirin? Was glauben Sie?« fragte er ironisch den Polizisten. In diesem Augenblick war die Hitze in dem engen Raum durch die Anwesenheit so vieler Menschen bei geschlossenen Fenstern so gestiegen, daß Rudolf Durst bekam. Er fragte einen Polizisten (nicht Vera), ob er nicht »vorher« etwas zu trinken bekommen könne. Die Beamten waren des gefährlichen, baumstarken Menschen ohne Anwendung der Waffe Herr geworden. Das stimmte sie als Männer einem Mann gegenüber milde, auch wenn es ein Mörder sein sollte. Sie sahen den großen leichenblassen Menschen von der Seite an. Es war sonderbar, daß man Rudolf nicht leicht zürnen konnte. Und was lag an einem Glas Wasser? So ließen sie es, dem höhnischen Ausdruck auf Manfreds Gesicht zum Trotz zu, daß Vera in die Küche eilte und mit einer Flasche Wein zurückkam, die sie mit Hilfe des Wachtmeisters entkorkte, um aus einem zufällig dastehenden Wasserglas (ein Weinglas hatte sie vergessen) das Getränk ihrem Rudolf einzuflößen. Aber es schien ihm nicht zu behagen. »Bitter! Bitter!« sagte er heiser. – »Nein, nein! Rudolf!« antwortete Vera leise. Sie ließ die Augen nicht von seinen schönen, aber schon leicht angegrauten Haaren, von seinen regelmäßigen, aber doch schon sehr verwüsteten Zügen, von seinem kleinen zarten Munde, dessen hellrosa gefärbte, etwas kraftlose Lippen jetzt den Rand des Glases umfaßten. Er trank weiter, denn der Durst war stärker als die »Bitterkeit«, die er im Wein gespürt hätte. Sie strich ihm zart, fast ohne ihn wirklich zu berühren, mit ihrer freien linken Hand über sein immer noch lockiges Haupthaar. Die grauen Fäden, die sie bei ihrem Manne immer abgestoßen hatten, rührten sie bei ihrem »großen Jungen«, bei ihrem armen Rudolf, fast zu Tränen, aber sie beherrschte sich. Konnte sie ihm nicht helfen, ihm in nichts nützlich sein? Jetzt führte sie ihre kleinen, rosigen, ringgeschmückten Fingerchen zwischen die lauwarm gewordenen Handfesseln und die Haut ihres Geliebten. Sie war ihm jetzt so nahe wie noch nie, sie hätte fast immer bei ihm so bleiben mögen. Aber die Polizisten drängten zum Aufbruch. Fröstelnd schlang Vera die Enden ihrer Federboa um ihren Hals, einzelne weiche Federn berührten streichelnd seine beiden geballten Fäuste. Ihre Lippen bewegten sich stumm. Sie ließ sie halb offen, und zwischen ihnen schimmerten die bezaubernden, bläulichweißen Zähnchen hervor. Sie senkte den Blick. Unter ihren langen, emporgerollten, schön gebogenen, messingfarbenen Wimpern lagen bläuliche Schatten, und die Adern zeichneten sich ab in zarter Verzweigung, blau wie bei einem kleinen Kind. Sie hielt das Weinglas in der Hand, sie trank, während ein tiefer Seufzer aus ihrer Brust kam, den letzten Tropfen aus, dabei sah sie noch einmal von unten ihren großen Rudolf an, und er erwiderte diesen Blick von oben herab, aber unsicher, voller Zweifel und scheinbar ohne ganz zu verstehen, wo er war. Allmählich kam mehr Leben in seine Züge, und mit einem Male gab er ihr einen Wink, ein Zeichen, aber sie verstand es nicht, und bald war es vorbei. Jetzt, da sich auch in dem Gefangenen etwas löste und er nur mit aller Gewalt seiner Tränen Herr wurde, dachte Manfred, der abseits stand und sich mit seinem Taschentüchelchen den Schweiß von seinem fahlen, faltenreichen, alten Gesichtchen abtrocknete, daß dieser Rudolf, sein Feind, seine Vera überall und ganz allein hätte besitzen können. Wenn auch nicht körperlich. Aber was war der nackte Körper, wie er ihn, wie er seine Vera besaß, ohne sie selbst, ohne ihre Neigung? Nur ein Pfahl im Fleisch. Wenn er noch so ironisch über Liebe lächelte und statt Liebe lieber »Neigung« sagte, so wußte er doch, er wurde niemals ganz hingebend geliebt. Nicht von der Mutter, nicht von dem »Kameraden« Steffie, dem falschen Biedermann, nicht von seiner Frau Vera und auch von seinen »Kindern« nicht. Geliebt? Aber Rudolf wurde es doch! Nicht allein von der haltlosen kleinen Vera, die auch bei ihm ihr zweideutiges Herzlein spielen ließ, sondern sehr von seiner, Rudolfs Mutter, die angeblich aus Kummer über ihren Sohn schwermütig geworden sein sollte, und viel mehr noch von dem tüchtigen, sachlichen, allen Schwierigkeiten zum Trotz erfolgreichen, klugen und stets tadellosen älteren Bruder. So geliebt, daß dieser »tadellose« Konrad nur um Rudolfs willen sich die einzige Inkorrektheit seines Lebens, eben in dem amtlichen Gutachten über seine, Manfreds Krankheit, die ominöse Herzmuskelschwäche und Blutarmut, hatte zuschulden kommen lassen ... Und doch stand jetzt dieser vielgeliebte, schöne, hochgewachsene Rudolf mit Handschellen an den Händen da, und er, Manfred, konnte auf seinen Gummiabsätzen leise an ihn herantrippeln und ihm von unten in sein verzerrtes wahnsinniges Gesicht und auf sein grau gewordenes (auch er!!) Gelock sehen und dabei den Grundzug seines Wesens zu erforschen versuchen: Was war es? Was hatte diesen Unglücksmenschen in seinem Rausch hergetrieben? Mitten in der Nacht? An einen Ort, wo er niemals gern erwartet war? Was wollte sich Rudolf hier holen? Etwas Kokain oder etwas Rache oder etwas von seiner Vera – denn ganz wollte und konnte er sie nicht besitzen? Oder nichts von alledem? Nur zum Zeitvertreib? Nur um einen dummen Ulk zu machen? Zu sehen, ob er, Manfred, schreckhaft wäre? Ob es ihn kitzelte, wenn man ihm Zigaretten in den Raum zwischen dem Kragen und dem Hals warf? Ihn zittern zu sehen, wenn er das Heranpfauchen der Kassenschranktür spürte? Das alles hatte er ja nun zur Genüge gehabt, diese Genüsse hatte er genossen, und jetzt mußte er seine Dummheit bezahlen. Nicht jeder hat ein Recht auf unbeschränkte Dummheit! Man knallt nicht ungestraft auf Polizisten im Dienst los und wird zum Mörder, wenn man es bis jetzt noch nicht war, und schiebt den breiten Buckel unter die Last, die eigentlich ganz andere zu tragen gehabt hätten. Er, Manfred, wußte, man konnte sehr scharfe und respekteinflößende Hunde dadurch unschädlich machen, daß man ihnen, wenn sie erst einmal richtig gereizt waren (und war Rudolf nicht durch sein gehöriges Quantum Kokain gereizt genug gewesen?), ein einfaches Stück Holz vor die Beißerchen hält. Sie beißen sich fest, sie halten so fest ihre Zähne daran geklammert, daß man sie mit diesen Stöcken in die Höhe heben kann, sie lassen nicht locker und dünken sich noch fürchterlich dabei. Kinder! Kikikikinder! Nur ein gewisses Maß von Dummheit ist straflos. Die bodenlose Dummheit ist ein Abgrund, der den Menschen ebenso verschlingt – wie die Schuld. Vielleicht waren Dummheit und Schuld überhaupt das gleiche? Jetzt hatte er das dumme Biest an seinem Stocke hochgehoben, jetzt ließ er es zappeln und zog sich diskret zurück. Er aber, Rudolf, hatte sich immer von seinen Freunden zurückgezogen. Nur vor denen war er geflohen, die es gut, sehr gut, nur zu gut mit ihm gemeint hatten, vor seiner Mutter, vor seiner Vera, vor seinem Rosenfinger mit den Millionen, vor seinem Bruder, dem guten Arzt. XV. Rudolf mußte ins Gefängnis. Man hatte ihn. Man ließ ihn nicht mehr. Sein Fahndungsblatt war »unter heutigem«, 17. VI., endgültig erledigt, kam zu den Akten. Gefesselt mußte er auf die Straße hinaus, wo das Auto des Überfallkommandos bei laufendem Motor wartete. Die Scheinwerfer des Wagens brannten treu in der stillen Gartenstraße. Wenn auch nachts die Gegend wenig belebt war, es hatte sich doch eine ganze schöne Menge – (das höhnische Lächeln verschwand nicht von Manfreds Zügen, und doch war auch etwas Verzweiflung darin) von neugierigen Menschen angesammelt. Vera hatte alles Mögliche versucht, um das Los ihres Jugendfreundes zu mildern. Schließlich fiel ihr ein, daß man es ihm ersparen könne, mit seinen gefesselten Händen durch die Reihen der Neugierigen hindurch Spießruten zu laufen. Sie sah Schweiß von seinem blassen Gesicht fließen. Draußen war es frisch. Auch vor Erkältung hätte sie ihn gern geschützt. Sie holte daher den Paletot ihres Mannes, einen schönen, langen, bequemen, aus leichtem, fest gewebtem Stoff verfertigten Mantel, den der auf elegante Kleidung bedachte Manfred vor einem Jahr aus London sich hatte zusenden lassen, nachdem er schriftlich seine Maße angegeben hatte. Diesen Mantel holte sie aus dem Kleiderschrank und legte ihn, ohne ein Wort zu sagen, dem stummen, stumpfen, leichenblassen, mit den Händen zuckenden Rudolf um die breiten Schultern. Es war kein Wunder, daß er sich jetzt in diesem geistig gelähmten Zustand befand. Er hatte, seinem Rauschgift mehr hörig denn je, in den letzten Wochen so gut wie gar nicht geschlafen. Nur in den Minuten vorhin in der Telephonzelle hatte ihn, als er gerade im Begriff gewesen war, seinen Bruder anzurufen, im Stehen ein kurzer, viel zu kurzer Schlummer überfallen, aus dem ihn Manfred geweckt hatte, als er mit der Hand in die dunkle Zelle hineingriff. Manfred, eben noch seines Sieges triumphierend froh, erblaßte: daß seine Frau sich unterstand, ein ihm gehörendes Kleidungsstück seinem Todfeinde umzuhängen! Dem Menschen, der ihm eben noch nach dem Leben getrachtet hatte! Aber so sehr es ihn wurmte, so groß war auch seine Angst vor seinem Feind, er wagte nicht, sich ihm zu nähern. Um so größer war sein Entzücken, als Rudolf, der jetzt erst bemerkte, was vorging, von einem Augenblick auf den anderen, eben wie ein unberechenbar dummes, unerziehbares Tier, in hemmungslose Wut geriet, sich aufbäumte und den eleganten mausgrauen Paletot, der ihn doch vor der Schande decken sollte, abzuschütteln versuchte, als sei er nur durch diesen, nicht aber durch die Handfesseln seiner Freiheit beraubt. Natürlich gelang ihm dies nicht. »Wie kommt dieses stupide Subjekt zu solch einem Bruder!« dachte Manfred. Rudolf schüttelte sich, und als dies vergeblich blieb, drehte er seine Ellbogen nach außen, und mit seiner trotz aller Verwüstung nicht zu brechenden Ochsenkraft brachte er es zustande, zwar nicht vorne an der Brust die vielen geschlossenen Knöpfe aufzureißen, wohl aber den Kleiderstoff im Rücken auseinanderzusprengen. Der Mantel blieb vorne über den aneinandergeketteten, leise klirrenden Händen noch geschlossen, klaffte aber rückwärts in einem Riß von oben bis unten. Es sah aus, als habe man hinterrücks mit einem Schwert nach Rudolf geschlagen und seinen Mantel von oben bis unten mit einem Schnitt aufgeschlitzt. Vera, die nichts ahnend neben dem Geliebten stand, war bei dem krachenden Geräusch der platzenden Rückennaht zusammengeschreckt. Rudolf nickte aber jetzt mit befriedigter Miene, als sei er stolz auf diese Wirkung seiner Kraft, dem Polizisten zu. Die Leute warteten nur darauf, ihn abzuführen. Durch den engen Korridor, an der Küchentür vorbei, kam er zu der Telephonzelle. Hier machte er halt: »Darf ich meinen Bruder anrufen?« fragte er. »Im Leben nicht!« zischelte Manfred. Auch der Kommissar schüttelte den Kopf. »Ihr Bruder wird rechtzeitig verständigt. Sie können das auch vom Gefängnis durch Ihren Verteidiger besorgen lassen«, sagte er. »Aber dann – kann ich vielleicht Vera anrufen?« murmelte Rudolf und blickte sich mit hilflosem Lächeln um. Hatte er denn vergessen, daß seine Vera, vergebens von Manfred in heftigem Streit zurückgehalten, wobei sogar die Federn der weißschwarzen Boa flogen, daß seine geliebte, kleine, rothaarige Vera sich keine zehn Schritte hinter ihm befand, daß sie ihm eben, vor kaum zehn Minuten, von dem »bitteren« Wein zu trinken gegeben, ihm zugetrunken, ihm den schönen Mantel ihres Mannes umgehängt hatte? Daß sie ihm sogar, von ihrem Manne ungesehen, eines von seinen spitzenbesetzten Luxustaschentüchern, und zwar das kostbarste, das ihr Mann fast nie trug, in die Tasche des Paletots gesteckt hatte als Ersatz für das von Manfred beschmutzte, das zusammengeknäult in einer Ecke lag? Die Beamten hatten die Frage, wie es schien, überhört. Nur Manfred hatte sie wohl verstanden, ironisch machte er die Tür der Telephonzelle weit auf und schaukelte dann hohnlächelnd mit der Tür hin und her, wie es vor kurzer Zeit Rudolf mit der Kassentür gemacht hatte, aber Rudolf sah mit einem sonderbar leeren Blicke durch ihn und Vera und den alten engen Korridor hindurch. Draußen war es noch nicht Tag. Die Turmuhr in der Nähe des Platzes mit dem Zeitungskiosk begann zu schlagen, drei Uhr. Um halb drei war Vera mit dem Sonntagabenderlös fortgegangen, und Manfred hatte um sie – und um sich gezittert ... Der Kommissar hatte im Vorübergehen den Hut Rudolfs an sich genommen und ihn dem hochgewachsenen Gefangenen, sich auf die Zehenspitzen reckend – (was nicht nötig gewesen wäre, aber es zeigte Rudolfs körperliche Überlegenheit und verstärkte das Hochgefühl seines eigenen Erfolges) –, aufgesetzt, aber in der Halbdunkelheit verkehrt herum. Bloß Manfred sah es mit seinen Luchsaugen. Er konnte es sich nicht versagen, dem gefangenen Feind mit seinen zierlichen Schrittchen nachzutrippeln und ihm den Hut zurechtzusetzen: »Das Köpfchen nicht, das besorgen andere, aber das Hütchen wohl, ja Kindlein, nicht wahr, Bübchen?« Rudolf wandte sich um und versuchte einen Stoß mit dem Ellbogen gegen die Herzgegend Manfreds, aber Manfred wich blitzschnell aus und hatte schon den Hut von Rudolfs Kopfe mit einer flinken Bewegung fortgerissen, ihn auf den Boden geworfen und war mit beiden Füßen darauf gesprungen. »Mein Paletot, dein Hütchen, Bübchen, Auge um Auge, Liebe um Liebe!« Er hüpfte empor und ließ sich noch einmal auf den Hut niederfallen. Der Kommissar wandte sich um, beleuchtete den arg mitgenommenen Hut mit einer elektrischen Laterne und warnte: »Heben Sie sofort den Hut vom Boden auf. Ich ersuche Sie dringend, lassen Sie den Mann in Ruhe! Sie haben absolut kein Recht, sich an seinem Eigentum zu vergreifen! Die alten Zeiten sind vorbei, das werden Sie bald merken. Jetzt weht eine andere Luft bei uns, jawohl. Und was uns zwei anlangt, so sprechen wir uns morgen mit dem frühesten wegen der Rauschgiftsache. Wir haben im Präsidium jetzt mächtig ausgekehrt. Wir werden Ihnen Ihr »Aspirin« unverzüglich austreiben. Ich habe ein paar Gebrauchsproben bei mir, wir werden schon darauf kommen, was es ist.« »Ja, natürlich, wenden Sie sich nur an meinen Freund, den Doktor Konrad D., den Gerichtschemiker und Arzt.« »Der Teufel ist Ihr Freund, Mensch!« sagte der Kommissar voll Zorn. »Machen Sie, daß Sie schleunigst verduften. Und das sage ich Ihnen, einer von uns beiden wird schwitzen, merken Sie sich das!« – Manfred lächelte frech zurück, und machte vor dem Zuge weit die Korridortüre auf, ein stotterndes »I-i-immernurzu! Brüderleinfein! Au-au-aufwiedersehn!« hervorstoßend. So ließ er alle an sich vorbei, nachdem er durch eine halb drohende, halb komische Grimasse Vera gehindert hatte, nachzukommen. Es hatten sich noch ein paar Menschen mehr vor der Haustüre angesammelt. Meist waren es Leute, die im Hause oder in der Nachbarschaft wohnten und die das Überfallkommando hatten anfahren sehen. Eine solche Begebenheit war ihnen Gratiskino. Nur ungern wichen sie zurück, als der Zug der Kriminalbeamten mit dem hochgewachsenen Rudolf in der Mitte vorbeikam. Manfred sah mit nicht zu unterdrückendem Entzücken, wie sich die Schultern seines Feindes unter dem zerrissenen Paletot hoben und wie seine Ellenbogen so heftig zu zucken begannen, daß die leerhängenden Ärmel wie bei einer Vogelscheuche im Sturm in wilde Schwingungen gerieten, ja, es konnte nichts anderes sein, als daß Rudolf, das liebe, arme Kind, der schöne Mann, Veras Herzbube in Person, des großen Gefängnisdirektors von Ohr ehemaliges Mündel, des überweisen Konrads Bruder, jetzt ein wenig Schmerzen hatte, da ihm die scharfrandigen Handfesseln bei seinen unbeherrschten Zuckungen ins Fleisch schnitten. Immerzu! Immerzu! Vor der Tür des großen, schwarzglitzernden Autos, halb Personen-, halb Lieferauto, blieb der Zug stehen, Rudolf verhandelte mit den Polizisten, hoffentlich vergeblich. Worüber, konnte sich Manfred nicht klarwerden. War denn nicht schon alles sonnenklar? Er konnte die Worte auch mit seinen feinen Ohren nicht hören, konnte die Verzögerung nicht verstehen. Worauf wartete man noch? Vielleicht sollte jetzt der »große« Bruder, vielleicht gar der noch einflußreichere Herr von Ohr, Major der Reserve und Chef des größten Provinzialgefangenenhauses in Ostdeutschland, zu Hilfe kommen und zugunsten dieses vielgeliebten Rudolf etwas aufklären, wo es nichts mehr aufzuklären gab? Oder – alles? Mag sein, auch das. Waren die anderen alle Kinder, er, Manfred, wollte es nicht sein. Vielleicht war eben mit diesem Stundenschlag der Uhr auch seine, Chiffons, Zeit gekommen, es war vielleicht der glücklichste Moment, abzutreten von dieser traurigen Stätte und seinen lieben Kinderlein hier allen die Abschiedshand zu reichen? Auch in des Teufels Küche mußte man den Kopf oben behalten, Schadenfreude durfte kalt, aber nie im Übermaß genossen werden, und der berühmte Fisch, um den es sich ihm seit Jahr und Tag handelte, war vielleicht gerade jetzt im Begriff, zu fett zu werden? Zum Glück schien der liebe Fisch, Herr Rudolf D., nicht zu erreichen, was er, jetzt mit seinen großen, aneinandergefesselten Händen umherfuchtelnd, von seinen Wächtern verlangte. Der Anführer der Streife schüttelte den Kopf. Er zuckte die Achseln. Rudolf wandte sich um, er sah im Kreise umher, ruckartig seinen Kopf nach rechts und nach links wendend, zuckend wie ein armer Fisch auf dem Küchenbrett. Plötzlich duckte er den Kopf zwischen den Schultern. Wollte er nochmals angreifen, dachte er an eine Flucht, wollte er alles auf seine letzte Karte und sein liebes Leben aufs Spiel setzen? Oft genug hatte er es aufs Spiel gesetzt, zum Beispiel bei seinen patriotischen Kämpfen gegen die Kommunisten in der Eislebener Gegend, warum sollte er es nicht auch jetzt tun, wo es sich um etwas noch Wichtigeres für ihn, seine Freiheit handelte. Immerzu! Aber bald schien er sich doch zu besinnen, sein Kopf tauchte zwischen den Schultern wieder auf. Strack und steif blieb er stehen, rührte sich nicht, hielt mit seinen Ellbogen die Polizisten von sich ab, die fast wie Ameisen um einen Hirschkäfer um ihn herumwimmelten, sechs gegen einen. Manfred hatte an diesem Schauspiel genug. Er wollte kein Gratiskino. Die Nacht war aufregend genug für ihn gewesen, sein Magen brannte, sein wunder Hals brannte, vielleicht brannte ihm auch der Boden unter den Füßen. Er zog sich zurück. Strategischer Rückzug, oft der schönste Sieg und der sicherste. Aber mit einem letzten Blick, den er sich doch nicht versagen konnte, sah er, wie sein Rudolf, ganz wie ein widerspenstiges, aber im Grunde so recht ungefährliches Tier von drei Polizisten von rückwärts auf die Arme genommen und trotz allen Strampelns und Sträubens hochgehoben und über das Trittbrett des Autos hinweg in den Fond des Wagens abgesetzt wurde. Die Polizisten wollten ihn niederhalten, aber er wurde aller Herr, er stand aufrecht da, leicht schwankend, als das Auto sich endlich in Bewegung setzte. Ein Polizist postierte sich an seine linke, ein zweiter an seine rechte Seite, zwei hielten sich ihm gegenüber. Die Leute aus dem Hause sahen Manfred, und sie, die ihm sonst gern aus dem Wege gegangen waren, überschütteten ihn jetzt mit Fragen. Ersah sie alle verständnisvoll an und sagte stotternd: »Schaschaschade um ihn! Jejejetztgehtsumdiewurst. Gugutenacht, liebekinderchenallerseits!« Er sah Rudolfs bloßen Kopf mit den immer noch schönen blonden Locken, von dem zarten Licht der Straßenlaternen golden überglänzt, fortwehen noch über den schwarzglänzenden Landwehrlackhelmen der Polizei und verschwinden im Dämmerlicht des allmählich anbrechenden Morgens ... Rudolfs zertrampelter Filzhut war in der Wohnung zurückgeblieben. Vera verbarg sich jetzt hinter Manfreds Rücken, sie putzte den Hut mit sinnlosen, fieberhaft eifrigen Strichen ihrer silbergefaßten Bürste, bei jedem Strich nickte sie mit ihrem bleichen Köpfchen, und ihre Tränen hinterließen dunkle Flecken auf dem Haarfilz, die niemals herausgehen würden, wie Manfred in seiner Güte und Anteilnahme sie belehrte. Ihre Lippen, brennend rot in dem kreidigen, verzerrten Gesicht, öffneten sich nicht, sie antwortete nicht, sie sah nicht einmal auf. Manfred besann sich, er bezwang sich, ließ sie bei dieser Arbeit und hielt sich am Fenster des Spielsaales I, obwohl schon lange nichts mehr auf der Straße zu sehen war. Denn der Wagen war schon seit einer Ewigkeit über den Kioskplatz hinweg verschwunden, und die Leute hatten sich alle verlaufen. Aber Manfred konnte sich immer noch nicht von dieser Straße, in der er die wichtigste Zeit seines Lebens bisher verbracht hatte, trennen. Vorsichtig äugte er mit seinen farblosen, scharfen Äuglein auf die leeren, im Morgengrauen sich immer mehr erhellenden Häuserreihen hinaus, dann verließ er noch einmal schnell die Wohnung und holte vom steinernen Pfeiler des Vorgartenportals die, heute wie in jeder Nacht, hell beleuchtete Speisekarte, die noch mit dem Datum des vorigen Tages versehen war. »So erlebst du Glückspilz den 17. doch noch!« dachte er triumphierend. Dann ging er zu seiner Frau zurück, die, immer noch die elegante Federboa um den reizenden Hals, von neuen Weinkrämpfen geschüttelt wurde. Sie hatte sich in die Ecke auf dem zerknäulten Teppich hingehockt. »Ist doch alles nur Komödie, ist alles nur Traum«, zitierte er einen Tangoschlager jener Zeit. »Was will es denn, das Verakind? Es kann dem Rudolfkind nicht helfen. Jetzt müßt ihr eben beide Vernunft annehmen, ihr Spatzenköpfchen, nicht?!« Halb ironisch, halb zärtlich raunte er ihr dies ins süße, perlmuttfarbene, an den Rändern rosenblattrot schimmernde Öhrchen. Sie schüttelte den Kopf, aber so, daß ihr Ohr ihn nicht mehr streifte. Sie drückte das Gesicht fort von ihm, in die Falten des staubigen Teppichs, zum Boden, der deutlich Kratzspuren auf dem Parkett trug. Was wollte sie noch? Warum hatte sie sich so? War sie nicht seine, Manfreds ehelich angetraute, geliebte, mit allen erdenklichen Dingen verwöhnte Frau? Hatte sie sich ihn, Manfred, nicht selbst gewählt, hatte sie sich ihm nicht immer mit der größten Leidenschaft hingegeben? Und jetzt tat sie so, als ob in den Falten des abgenützten Teppichs, in dem befleckten Filz des alten Hutes noch etwas vom Wesen ihres »Herzensjungen« zurückgeblieben sein könne. War denn das Liebe? Was sollte sie ihr? Jetzt? Sie konnte weinen, soviel sie wollte, sie konnte ihren Mann nie mehr verlassen. Jetzt erst würde ihre Ehe zu einer wahren Seelenehe werden, dachte Manfred. In diesem Augenblicke hielt er alles für möglich. Er war sehr ruhig. Er wurde sanft. Er fühlte sich wohl. Seine Magenschmerzen waren verschwunden. Sie hatten sogar einem behaglichen Gefühl von Wärme Platz gemacht. XVI. Manfred hütete sich wohl, Vera durch ein ironisches Wort zu verletzen. Er redete vielmehr dem ganz zusammengebrochenen Frauchen vernünftig und so herzlich er nur konnte zu. Er versuchte sie von den Gewissensbissen zu kurieren, welche die Hauptquelle ihrer Verzweiflung zu bilden schienen. Wenn er auch in eigener Person niemals sehr von Gewissensbissen beunruhigt worden war, verstand er doch sehr gut, was sie für andere bedeuteten. Ihm bedeuteten sie fast nichts. Er war immer mit sich einig. Wie hätte er auch sonst in so großartiger Seelenruhe, anders als der nur nach außen großspurige Steffie, alle die Jahre nach Rosenfingers grausigem Ende verleben können? Gerade seine Überlegenheit hatte sie beide, Steffie und ihn, aus mancher brenzligen Situation gerettet, ohne sie hätte er nicht so ruhig seinen Aufenthalt in dieser Straße, »in der er die wichtigste Zeit seines Lebens verbracht hatte«, abbrechen können, einer besseren Zukunft an anderer Stätte entgegen ... er wußte nur noch nicht, wo ... Schon durch seine Ruhe – er tat jetzt so, als hätte er alles vorausgesehen – brachte er eine gewisse Wandlung bei seiner Vera zustande. Sie sah in dieser Nacht ein, daß sie mit einer endgültigen Wiederkehr ihres Rudolf nicht rechnen konnte, daß sie froh sein mußte, wenn sie möglichst schnell von hier fortkam. Wohl war ein Mensch, den sie so kannte wie Rudolf, nicht schuldig an einem scheußlichen Raubmord, wie er an ihrem alten, immer freundlichen und oft sogar zarten Gönner Rosenfinger begangen worden war, das wußte sie, davon ließ sie sich durch keinen Menschen auf der Welt abbringen. Aber das Blut der beiden Polizisten am Kiosk, des erschossenen wie des schwerverwundeten, klebte an Rudolfs Händen. Und wenn auch Manfred hievon niemals Erwähnung tat, so hatte sie doch diese Schüsse gehört, sie hatte das Blut gesehen ebenso wie die Waffe; heute nacht hatte sie sie wiedererkannt, und es war ihr ein Gefühl der Erleichterung gekommen, als man den Revolver rechtzeitig noch vor Rudolf in Sicherheit gebracht hatte – auch an ihren eigenen Händen, besonders der rechten, hatte das Blut gehaftet, lange Zeit, mehr als vierundzwanzig Stunden, hatte sie die Hand immer weit von sich gehalten, nachdem sie sie stundenlang in fließendem Wasser gereinigt, und sie hatte mit der linken Hand gegessen, um nichts mit dieser blutbefleckten Hand berühren zu müssen. Aber was hatte er getan? Vielleicht hatte er die Tat nur im Rausch begangen. Sie verstand es nicht, denn wenn sie etwas »Rouge« erbettelt hatte, machte sie das Schnupfen vergnügt, sie hätte dann immer vor sich hinsummen oder in ihrem »Lyzeumspanisch« vor sich hinschwätzen, immer die Hand ihres lieben Jungen Rudolf in ihrer halten mögen, bis sie müde wurde und an seiner großen breiten Schulter einschlief; sie machte das bißchen Schnee friedlich, ihn aber brachte es auf. Er hätte um ihretwillen davon lassen sollen, aber er hatte es nicht getan. Blut war Blut, und von ihrem Rudolf wusch es ihre ganze »reine« Liebe nicht ab. Und doch war ihr der Gedanke fürchterlich, daß er jetzt ungepflegt und einsam in der häßlichen engen Zelle sitzen sollte, vielleicht monate- oder gar jahrelang? Aber konnte sie ihm helfen? Sie mußte ihn vor Manfred schützen, an dem er sich erst heute nacht wieder vergriffen hatte. Wenn sie scheu von ihrem Teppichbündel aus ihren Mann betrachtete, wie er die bösen, strickartigen Schrammen, quer vor der mageren Kehle, mit ihrem Eau de Cologne – (auch nach dem Tode des Polizisten auf dem Platze beim Kiosk hatte Eau de Cologne eine Rolle gespielt, sie wußte nur nicht mehr welche?) – betupfte, weil er sich davon eine desinfizierende Wirkung versprach, vor Schmerz dabei die blasse dünne Nase rümpfend, so wußte sie, daß zu allen anderen belastenden Dingen auch nun noch der Mordversuch an ihrem Mann dazukam – wahrscheinlich hatte Rudolf, nachdem er die Tür durch einen Stecker barrikadiert hatte, Manfred vor der Kasse angefallen, hatte ihn am Hals gewürgt, hatte ihm nach dem Leben getrachtet. Alles um des dummen »Rouge« willen, das man mit allen den blutfarbenen Briefchen längst schon hätte verbrennen sollen. Und sie hatte dann noch nach ihm, Manfred, geschlagen! Er hätte ihr eher sehr leid tun müssen. Sie wußte nur das eine, Manfred mußte fort und sie mit ihm. Sie hatte die Schüsse beim Kiosk mit angesehen, sie konnte nichts anderes aussagen, und ihr Mann konnte und würde nichts anderes tun, als Rudolf belasten. Ihr Mann mußte fort. Er sollte nicht gegen Rudolf Zeugnis ablegen, er sollte nicht mit der Behörde ein Netz dem armen, unbegreiflichen Rudolf über den Kopf werfen. Oft hatte sie sich geschämt, daß sie einem Mann wie Manfred vom ersten Tag, von der ersten Nacht verfallen war. Sie liebte ihn anders, niedriger und heißer als Rudolf. Vor Rudolf hatte sie sich schuldig gefühlt, und dieses Gefühl des Schuldigseins vor Rudolf gab ihr in den Armen ihres Mannes erst das letzte, wollüstige, demütige, zerbrochene Zittern, das ihr den Nacken heiß und eiskalt übergoß, so daß er, Manfred, mit ihr machen konnte, was er wollte, je wilder, desto besser. So auch jetzt, wenn sie sich langsam vom Teppich erhob, ihrem Mann das leicht blutbefleckte Wattebäuschchen aus der Hand nahm und viel sanfter, als er es konnte, ihm über die wunde Stelle an seinem mageren Halse fuhr. Er streichelte ihr kaltes Händchen. Er lächelte. Er schwieg. Manfred konnte es sich nicht besser wünschen. Auch er wollte fort, denn er mußte. Zum letztenmal ging Vera in die Küche, sie schmorte als Abschiedssouper auf dem kleinen Herde ein scheußliches Mischmasch zusammen, aus dem Manfred eine »französische Ragoutomelette« herauserkennen sollte. Die Enden ihrer Boa, die sie in dieser Nacht nicht ablegen wollte, drohten immer in die Töpfe und Pfannen einzutauchen, immer wieder warf sie sie unter den vorwurfsvollen Blicken ihres Mannes mit ihren von Ringen glitzernden Händchen über die Schulter zurück ... Nach dem Essen näherte sie sich ihm. Auf einmal besann sie sich. Entsetzt starrte sie ihren Mann an, beide gingen stumm an die Arbeit. XVII. Um sieben Uhr wurde der Gefängnisarzt Dr. Konrad D. angerufen. Er schlief noch. Seine Flossie ging an den Apparat, eine Frauenstimme verlangte ihren Mann. Sie fragte nach dem Namen, Vera wollte ihn aber nur dem Arzte selber sagen. Als Konrad schlaftrunken an den Apparat kam, hörte er nur die Worte: »Herr Doktor, Ihr Bruder –«, dann wurde das Gespräch unterbrochen. Von der Verhaftung Rudolfs erfuhr der Arzt daher erst durch seinen Chef, den Gefängnisdirektor, nach neun Uhr. Am nächsten Morgen wurden der Spielbankbesitzer Manfred von G. und seine Frau Vera schon in den ersten Vormittagsstunden sowohl als Belastungszeugen von der Untersuchungsbehörde als auch wegen des Rauschgifthandels von der Polizei gesucht. Man fand in der strahlend hell erleuchteten Wohnung niemanden vor. Im Laufe des Vormittags erschienen die drei Angestellten Manfreds (in den blühenden Zeiten waren es sechs bis sieben gewesen, und einer von ihnen hatte, wie es später herauskam, die Drohbriefe an Manfred geschrieben). Auch eine stundenweise bezahlte, ältliche, verhärmte Scheuerfrau trat an, wurde aber ebensowenig wie die sehr bedrückten Angestellten in die Klubräume gelassen. Manfred und seine, jetzt nur »seine« Vera hatten längst die Stadt verlassen. Das kurze Telephongespräch mit Konrad war Veras Abschiedsgruß gewesen. Nach den ersten Worten hatte ihr Mann ihr den Hörer aus der Hand genommen, und sein Abschiedsgruß hatte Steffie gegolten. Auf dem Herde in der Küche fanden sich noch schmutzige Pfannen und Töpfe, auf den Tellern Reste der »französischen Omelette«. Dagegen waren große Mengen von Papieren verbrannt, die Kasse klaffte offen und leer, von dem Pfandbuch war nur der aus Messing bestehende Rücken und ein Teil des Deckels den Flammen entgangen. Alles, was man in der Zeit zwischen 4 Uhr morgens und 7 Uhr 45 in die Koffer hatte packen können, war fort. Bloß in der winzigen Garderobe war noch ein »Andenken« erhalten geblieben: der mißhandelte, aber sauber gebürstete Hut des verhafteten Rudolf D. Zufällig entsann sich der Kommissar des ebenso mißhandelten Taschentuches, das Manfred dem gefesselten Rudolf aus der Tasche gezogen und dann in eine Ecke auf den Teppich geworfen hatte. Man suchte es, fand es aber nicht. Aus allem ging hervor, daß man vorderhand weder mit Manfreds Aussagen noch mit denen seiner Frau rechnen konnte. Diese zwei Menschen waren aber sehr wichtige Zeugen. Aber wer war dieser Manfred von G.? Hieß er wirklich so? Waren seine Papiere echt? War vielleicht Chiffon sein richtiger Name? Vielleicht ja, vielleicht nein. Nachdem vor einiger Zeit die Leitung der Polizeibehörde gewechselt hatte, wurden nun die Nachforschungen ohne Rücksicht auf irgendeine Persönlichkeit, mochte sie sein, wer sie wollte, mit allem Eifer betrieben. Aber sie gestalteten sich vom ersten Morgen an schwierig und immer schwieriger. Unter anderem stellte es sich heraus, daß Manfred nicht einmal im Personenstandregister der Stadt verzeichnet war. Er mußte aber auf dem Meldeamt, das früher einmal Steffie geleitet hatte, gemeldet gewesen sein, da er doch bei seiner Verheiratung formell auf dem Standesamt aufgeboten worden war. Steffie hatte jetzt ein anderes, viel wichtigeres Ressort inne. Er hatte wenig Zeit, sagte aber freiwillig seine Mitwirkung zu. Aber er wußte eben nichts. Hätte er sonst immer mit den Achseln gezuckt, sich niemals auf ein klares Nein oder Ja festgelegt? Er berief sich auf seine Leistungen im Kriege, tat geheimnisvoll, zuckte mit den Ohren, ließ so nebenbei die Namen verschiedener, sehr hochstehender Herren in der Verwaltung (meist noch vom alten System her) fallen. Je mehr man in ihn drängte, desto überlegener wurde er, schließlich gähnte er und sah auf seine Uhr, nestelte an den Bändchen, die er im linken Knopfloch trug neben der Plakette einer neuen vaterländischen Vereinigung. Man wußte, daß Steffie auch im jüngeren Lager einen großen Anhang hatte, man sah ihn zu oft mit jungen, hübschen, gut gewachsenen Leuten. Aber davon schwieg man, und er brachte es auch nicht zur Sprache. Um der Sache ein Ende zu machen, gab er schließlich zu, daß die Personalakten Manfreds früher einmal dagewesen sein mußten. Der neue Leiter des Fremdenamtes, ein aus dem niederen Beamtenstand hervorgegangener, kluger, aber verschüchterter Mensch, stand dabei und nickte. Steffie blickte ihn von seinem Ledersessel aus nicht an. Er kleckste in seinen dicken, etwas zu schwarzen Schnurrbart hinein: »Ja, Kamerad, zu meinen Zeiten hat es keine Beanstandung gegeben. Die Akten sind korrekt beim Dienstantritt übernommen. Restlos! Also müssen sie da sein. Suchet, so findet ihr. Übrigens, meine Herren, Sie wissen ja, wer ich bin und wo Sie mich immer finden können. Jetzt sind Sie also zufrieden? Was haben die Herren denn von mir erwartet? Es fehlt nur noch, daß man mich in eine Disziplinaruntersuchung verwickelt, man hat ja vielleicht auch einen von den neuen demokratischen Herren für meinen jetzigen Posten?« Er lächelte bitter, schwieg und brachte es dazu, daß man sich bei ihm entschuldigte. Trotzdem fiel es auf, daß er fahl geworden war und daß man ihm aus seinem Lehnstuhl hatte heraushelfen müssen. Es hieß, daß er auf seinem alten Rücken viel zu tragen habe. Aber er sprach nie darüber, und man achtete ihn, weil er sich selbst achtete. Manfreds Akten fanden sich aber nicht, obgleich man jeden Winkel durchforschte. Bloß nebensächliche Dokumente, etwas sonderbarer Art freilich, wurden gefunden, die sich auf Manfreds »Krankheit« bezogen. Wer hatte also seine Personalakten, die verschiedenen Meldezettel eingeschlossen, beiseite geschafft? Über diese dunklen Punkte wurde man sich nicht klar. Der Rauschgifthandel? Seine Beziehungen zu Zollikofer? Seine politische Rolle, seine verschiedenartigen »Dienste und Verdienste«? Alles Fragezeichen. Dann die Pfänder! Von den Pfändern, die er genommen hatte, war nicht ein einziges mehr da. Eine reguläre Konzession hatte er niemals gehabt. Die Beamten, die bei ihm ein- und ausgegangen waren, wollten nie etwas davon bemerkt haben, daß er eine schwarze Pfandleihe betrieben habe. Seine Steuerschulden hatte er bis zum letzten Pfennig bezahlt, sogar Vorauszahlungen geleistet. Es kamen immer mehr Kunden von ihm und wollten klagen. Die Pfandzettel waren ungültig, der Aufdruck auf ihnen besagte nichts. Das Pfandbuch war verbrannt. Ob er Geld bei der Bank gehabt hatte, war nicht klar. Auf seinen Namen hatte das Konto keinesfalls gelautet. Man forschte und forschte. Die Pfandsachen gaben Anlaß zu schwierigen Verhandlungen (meist waren es sehr arme Leute), zu zeitraubenden Ermittlungen ohne Ergebnis. Die Polizei konnte sich nichts von alledem erklären. Aber konnte man es sich denn erklären, wie Rudolf das geworden war, was er heute war, am 17. Juni 1926? Zweiter Teil I. Der siebenundvierzigjährige Oberleutnant der Landwehr in der Reserve Ludwig D., der mit seiner Frau Lucie und seinen drei Kindern, zwei Söhnen, Konrad und Rudolf, und einer Tochter, Hilda, bis in die ersten Kriegsjahre ein glückliches Familienleben geführt hatte, war erst im Herbst 1918 in die vorderste Linie der Westfront gekommen. Er hatte seiner Frau Lucie so regelmäßig, als es bei den vielen Verschiebungen möglich war, geschrieben. Ab und zu hatte er seine Feldpostkarten an seinen schon erwachsenen Sohn Konrad gerichtet, der wegen einer leichten Rückgratsverkrümmung nur garnisondienstfähig und bis auf weiteres beurlaubt war. Dieser dreiundzwanzigjährige Mensch, ein sehr begabter Student mit besonderem Interesse für Rechtsphilosophie (aber auch für Medizin), wurde von dem Vater als sein Stellvertreter daheim angesehen, dem er besonders die Fürsorge für den körperlich schönen, ungewöhnlich großen und kräftigen, aber in seinem Wesen schwierigen jüngeren Sohn Rudolf anvertraute, welcher der Familie schon Sorgen genug bereitet hatte. Die letzte Nachricht aus dem Felde, die seine Familie erhalten hatte, stammte vom Anfang des Monats November 1918. Der Oberleutnant war, obwohl er an vielen schweren Gefechten – meist Rückzugsgefechten – teilgenommen hatte, bis dahin unverletzt geblieben. Auch die fürchterlich in der unterernährten Menschheit jener Jahre aufräumende »spanische Grippe« hatte ihn nie erfaßt. Sein Freund und Regimentskamerad war der Hauptmann der Reserve Peter von Ohr (in Zivil Vizedirektor des Gefängnisses in B.). Durch Frau von Ohr war Frau Lucie am 17. November 1918 benachrichtigt worden, daß ihr Mann, und aller menschlichen Voraussicht nach auch »unser guter Ludwig«, der Oberleutnant D., der im gleichen Bataillon stand, nach dem Abbruch der Feindseligkeiten zwischen den Zentralmächten und den Amerikanern (die an jenem Abschnitt dem Truppenteil der zwei Kameraden gegenüberstanden) in den nächsten Tagen demobilisiert daheim eintreffen würden. Frau Lucies Freude, nur durch die Sorge um die Tochter und den jungen Sohn gedämpft, war unbeschreiblich. Ihre Tochter Hilda, ein hübsches, überschlankes Mädchen von vierzehn Jahren, war in der letzten Zeit viel kränklich, der Arzt sprach von allgemeiner Körperschwäche und Unterernährung, den Hauptkrankheiten jener Zeit, und wenn die Mutter Morgen für Morgen an das Bett des Kindes trat und es jedesmal blasser und ätherischer fand, wurde ihr Herz schwer von Sorgen. Mutter Gottes hatte geholfen, dachte sie als gläubige Katholikin bei der Freudenbotschaft. Daß ihr Mann wieder heimkehrte, daß sie wieder für ihn und er wieder für alles sorgen konnte, daß er wieder – und nun in Frieden, auf immer – zu ihr kam, nachdem sie sich schon furchtbar um ihn gesorgt, in der letzten Zeit besonders, das war nur der Jungfrau Maria zu danken. Dennoch wurde es ihr beim besten Willen noch nicht ganz frei ums Herz, nicht mehr so, wie sie sich in Friedenszeiten gefühlt hatte. Warum hatte ihr Mann nicht ebenso wie sein Kamerad die Familie unmittelbar benachrichtigt? Nicht die häufiger werdenden grauen Haare quälten sie, von denen sie an jedem Tag mehr in ihrem Kamme fand, so wenig lieb es ihr war, daß ihr Mann eine alte Frau in ihr vorfinden sollte, wenn er heimkehrte – wohl aber bedrückten sie das unerklärliche Hinschwinden ihrer Hilda und das weder durch ihre Güte noch ihre Strenge zu beeinflussende Wesen des Sohnes Rudolf, des lieben, herzensguten, bildschönen, aber leider unberechenbaren, heftigen und zugleich wurzellosen, getriebenen Jungen, der keine Ruhe, keinen Halt gefunden hatte, keine Leistung anstrebte, niemandem sich bis in die letzte Faser seines Herzens verbunden zeigte und auf den bis jetzt einzig und allein sein Vater mit seiner ruhigen, gemessenen Hand Einfluß gehabt hatte. Wiederholt hatte Rudolf, ohne daß man das Motiv begriff, das Haus verlassen. Es war nie klargeworden, wo er sich in der Zwischenzeit herumgetrieben hatte, wovon er gelebt – wie er sich seine Zukunft vorgestellt hatte, welchen Trieben er gefolgt war. Nur sein Vater schien ihm gewachsen zu sein. Aber auch zur Zeit, als der Vater noch hier lebte, war Rudolf nach einem feindlichen Fliegerangriff im Jahre 1916 einmal verschwunden gewesen. Frau Lucie hatte zur Zeit, da ihr Mann während eines Heimaturlaubes den Befehl erhielt, aus der gefahrlosen Etappe an die Front abzugehen, ein Gelübde getan, ohne es ihrem Mann zu sagen und noch weniger ihren Kindern, denen sie ihre Sorgen und ihr schlimmes Vorgefühl verbergen wollte. In ihrem Heimatort, der nahe der russischen Grenze lag, befand sich ein berühmtes Muttergottesbild, schwarz vor Alter, in einem von Edelsteinen strotzenden, schwer goldenen Rahmen, zu dem sie zu Fuß, und zwar barfuß, zu pilgern gelobt hatte, wenn ihr Mann nach dem Ende des Weltkrieges lebend über die Schwelle des Hauses trat. Nur lebend! Nicht unverletzt, das wagte sie nicht zu verlangen, wenn es der Himmel nicht von selbst so wollte, dem sie sich demütig beugte. Sie hatte in diesem Vorgefühl, das sie bis in den Schlaf verfolgte und das nie mehr ganz gewichen war, mit einer Verwundung, selbst einer schweren, nur keiner lebensgefährdenden, gerechnet. Aber sie hatte bis jetzt ihr Vorgefühl, so gut es ging, bekämpft, hatte als gute Hausfrau sich schon am Tage des Waffenstillstandes daran gemacht, den Empfang ihres Gatten nach Kräften vorzubereiten. Das Schlafzimmer, Arbeitszimmer und das Badezimmer wurden noch einmal in gründlichster Weise sauber gemacht, die besten Wäschestücke, zum Beispiel ein mit den letzten Resten alter Friedensseife gewaschenes und mit den Überbleibseln von Friedensstärke gesteiftes, geplättetes Hemd, echt wollene Socken, die gute, schwere, dunkelrote Sonntagskrawatte wurden zurechtgelegt, der Sonntagsanzug, ein altmodischer, ernster Cut mit gestreiftem Beinkleid, wurde auf dem Balkon ausgelüftet, von Mottenpulver befreit. Jetzt war sie mit der großen Freudenbotschaft heimgekehrt. Sowohl ihre Hilda, der die gute Nachricht neue Gesundheit gegeben zu halben schien, wie ihr Konrad halfen nun bei diesen Vorbereitungen mit, so gut sie konnten. Rudolf, der zweite Sohn, der mit seinen siebzehn Jahren von der verhaßten Schule abgegangen und im Spätsommer 1918 freiwillig bei den in B. garnisonierenden Königsjägern eingetreten war, hatte in der letzten Zeit die Kaserne nicht mehr aufgesucht. Er hatte schon vor den Arbeiterumzügen, lange vor der Abdankung des Kaisers und den anderen Ereignissen des 9. November begriffen, daß die militärische »Tour« zu Ende war. Die Arbeiter hatten jetzt einen Teil der Kasernen besetzt, die Militärgefangenen befreit, in den Magazinen Lebensmittel, Kernleder, Wäsche und Kleider beschlagnahmt, auf den Kasernen die rote Flagge aufgezogen. Der Widerstand war schwach. Besondere Gewalttätigkeiten waren in der ersten Zeit nicht vorgekommen, jetzt herrschte scheinbar wieder Ruhe. Die Bevölkerung hatte nur Angst, die Kartoffel- und Brotversorgung könne vielleicht leiden. Rudolf wußte jetzt noch weniger als sonst, was er mit sich beginnen sollte. Sollte er weiterstudieren? Sollte er weiterdienen? Nichts lockte ihn. Mit den neuaufgestellten Soldatenräten wollte er nichts zu tun haben. In den engeren Kreis der sich bewußt abseits haltenden, durch die Ereignisse völlig kopflos gewordenen Offiziere war er vorläufig nicht aufgenommen worden, nur die Berufsmilitärs hielten zueinander. So trieb sich Rudolf wie in der Zeit vor seinem Militärdienst von morgens bis abends in der Stadt umher, wanderte von einem »Freund« zum anderen, aber er war in der letzten Zeit wenigstens jeden Abend heimgekommen. Schon dies schien seinen Angehörigen ein gutes Zeichen. Jedesmal, wenn draußen die Klingel anschlug, sagte sich die Mutter, er sei es, aber im Grunde ihres Herzens hatte sie seit der ganzen Zeit zum erstenmal jetzt auch die herzaufrührende Vorstellung, ihr Mann sei schon zurück, er wäre es, der vor der Tür stünde und ungeduldig zweimal nacheinander auf den Klingelknopf drückte. Minna, eine alte treue Seele (ein Dienstmädchen aus Frau Lucies Heimat an der russischen Grenze, das sie seit Beginn ihrer Ehe bei sich gehabt und das sie auch dann nicht entlassen hatte, als die Ernährungsschwierigkeiten sie zwangen, auf ihr zweites Mädchen zu verzichten, das viel jünger und geschickter gewesen war), stand seit dem frühen Morgen mit den Karten der Familie Schlange um das Ei des Monats und sollte nachher ein Päckchen Kamillentee für Hildas Umschläge mitbringen. Geklingelt hatte jetzt aber weder der Gatte noch der Sohn, sondern der alte Portier, der ihr, der Besitzerin des Hauses, ebenso wie den Parteien, die zur Miete wohnten, anriet, alle verfügbaren Eimer und die Badewanne mit Wasser auf Vorrat zu füllen, da mit einem Streik der städtischen Wasserwerke zu rechnen sei. Als die Mutter sich anschickte, die Wanne vollaufen zu lassen, klingelte es von neuem. Wieder stürzte sie hinaus. Diesmal war es Rudolf, der in seiner merkwürdigen Kleidung, halb Uniform, halb Sportanzug, den hübschen blonden Kopf ruckartig drehend, die Haltung schlaksig, die Augen überall und nirgends, ohne ein Wort zu sagen, an der Mutter vorbeiging, ihr ein leeres Lächeln zusendend, das sie trotzdem entzückte und sogar beruhigte, worauf er in seinem Zimmer verschwand. Bald darauf ging er ins Badezimmer, und die Mutter hörte ihn plätschern: er war dabei, sich zu rasieren und zu diesem Zwecke das Wasser in der Badewanne zu benützen. Sie, schwach wie immer gegenüber ihren Kindern und ihm gegenüber ganz besonders, rief den älteren Sohn Konrad zu Hilfe. Alle brauchten das Wasser. Mußte es vorzeitig abgelassen werden, so war vielleicht innerhalb von 24 Stunden kein neues mehr zu erwarten. Bloß die Krankenhäuser würden, wie es hieß, auch bei einem Streik mit Wasser und Strom beliefert. Die Mutter und der Bruder versuchten Rudolf durch logische Gründe davon zu überzeugen, daß er, ganz abgesehen von dem Vater, dessen Eintreffen man stündlich erwartete, und von den anderen Angehörigen, auch sich selbst schädige, wenn er das ganze Wasser verschwende, statt sich die nötige Menge aus der Badewanne zu nehmen und sich in seinem Zimmer zu rasieren. Denn wenn wirklich »Wassersperre« eintrat, wie sollte man am nächsten Tage, vielleicht an den nächsten Tagen, Wasser zum Kochen und Waschen herbeischaffen? Er hörte sich alles an, trat schließlich von der Badewanne weg nickte sogar dem Bruder in seiner ebenso freundlichen wie nichtssagenden Art zu –, ob er aber wirklich überzeugt war, konnte man bei einem so unberechenbaren Menschen nicht wissen. Es war ein düsterer, regnerischer Tag. Obwohl es längst an der Zeit war, wurden die nach oben gegen Fliegersicht mit Blechscheiben abgedeckten Bogenlampen draußen auf der Straße nicht wie sonst angezündet. Die Mutter zog die Vorhänge zur Seite. Eine fahle Dämmerung erfüllte den Raum. Nicht Tag, nicht Nacht. Die blanken Flächen der Möbel glimmerten matt. Eine alte Pendeluhr schlug diskret und beruhigend fünf Uhr. Die Tochter, eben noch munter und lebhaft, klagte, auf dem Sofa liegend, mit matter, eintöniger Stimme plötzlich wieder über Schmerzen im Kreuz. Die Mutter bettete sie noch sorgfältiger auf dem Sofa im Wohnzimmer, von dem sie die Kleidungsstücke und das Hemd ihres Mannes fortgeräumt hatte. Sie legte die einzelnen Stücke im Halbdunkel behutsam über die Lehnen der Stühle. Das schneeweiße, sehr lange Hemd ihres Mannes sammelte den Rest der Helligkeit auf sich. Es knisterte leise. Man konnte glauben, der Vater sei im Badezimmer, er könne jeden Augenblick eintreten, im schokoladefarbenen Schlafrock aus Kamelhaar, mit der roten Schnur gegürtet, seine Sachen an sich nehmen und, zum erstenmal wieder nach langer Zeit, als ein gutaussehender Mann in vorgerückten Jahren, ein höherer Beamter in der Verwaltung, mit seinem oft sehr ernsten, aber immer guten Gesicht in Zivil im Kreise seiner Familie erscheinen. Es war der einzige Anzug, der von der umfangreichen Garderobe des Vaters übriggeblieben war: das Rote Kreuz hatte bei Beginn des Krieges eine Sammlung veranstaltet, und alle vaterländisch Gesinnten hatten die entbehrlichen Kleidungsstücke mit begeistertem Opferwillen abgeliefert, ebenso wie sie später (nicht mehr alle) die Goldstücke und (nicht mehr viele) die Kupferteile der Gasbadeöfen und die Klinken der Türen abgeliefert hatten. Die Mutter trat zu Hilda, um zu sehen, ob sie schlafe. Das Mädchen schrak bei ihren etwas schweren Schritten empor, riß die großen grauen Augen auf, verstört zog sie die schöngeschwungene Unterlippe ein. Aber dann beherrschte sie sich, verschluckte die Seufzer, wollte nicht mehr klagen. Die Mutter holte das moderne elektrische Heizkissen herbei, das immer gute Dienste geleistet hatte, brachte die Schnur mit dem Steckkontakt in Verbindung und stellte den Schalter auf Stärke II. Nach einer Weile fühlte sie hin. Das Kissen, weißlich im dunklen Zimmer schimmernd, lag zwar ordnungsgemäß auf Hildas dünnem Kleidchen aus Nesselstoff, war aber immer noch kalt. Die Mutter drehte den Schalter der Beleuchtung an. Vielleicht war die Schnur, die aus Ersatzmetall und Isolierungsersatz (Papierfaser) angefertigt war, durch Kurzschluß unbrauchbar geworden? Der Schalter an der Wohnzimmerwand ließ sich zwar richtig drehen und knackte, aber das Licht des Lusters ging nicht an. Die Mutter rief Rudolf, um die Sicherung auszutauschen. Die neuen Sicherungen, die man in der letzten Zeit aus Ersatzmetallamellen etc. fabrizierte, wurden häufig ohne besonderen Anlaß unbrauchbar. Aber auch die neueingesetzte Sicherung (Rudolf hatte ab und zu Spaß an solcher Arbeit, auf die Dauer interessierte sie ihn nicht) brachte kein Licht. – »Ulkig! Kein Strom!« sagte Rudolf, stieg die Leiter wieder herab und zündete sich eine Zigarette an, obwohl ihn die Mutter gebeten hatte, in Gegenwart der leidenden Hilda, die den Rauch nicht vertrug, nicht zu rauchen. Diesmal aber kam die Mutter nicht dazu, ihm Vorwürfe zu machen, die Klingel an der Entreetür rasselte zum drittenmal im Verlauf dieser Stunde, 17. November, in der Zeit zwischen fünf und sechs. Rudolf verschwand in der Küche, neben der die kleine Dienstbotenkammer lag, und schlug die Tür hinter sich zu. Die Mutter merkte noch, daß er die Tür zur Dienstbotenkammer öffnete. Was wollte er dort? Aber sie hatte keine Zeit, sich darüber Gedanken zu machen, sondern sie beeilte sich und öffnete die Tür in das Entree. Es war zu ihrer Freude der Depeschenbote. Die Frau, die es als selbstverständlich annahm, daß ihr Mann aus Köln oder sonst einer Stadt auf der Heimreise ihr nun endlich die Stunde der Ankunft telegraphierte, gab dem Depeschenboten, einem ganz jungen, graublassen, ausgehungerten Menschen in Zivilkleidung mit einer blauroten Postbinde um den linken Arm, eine Mark. Der Junge dankte herzlich und schoß, ohne sich umzusehen, die halbdunkle Treppe wieder hinab. Die Mutter ging, stumm vor sich hinlächelnd, zu dem Zimmer des ältesten Sohnes. Als sie aber an der Tür des Wohnzimmers vorbeiging, hörte sie die Tochter drinnen ungehemmt stöhnen. Da hörte sie zu lächeln auf. II. Aus dem Zimmer des jüngeren Sohnes aber drang regelmäßiges, tiefes Atmen, offenbar war er aus der Küche wieder hervorgekommen, hatte sich eben hingelegt und schlief auch schon, nachdem er sich vom Morgen bis zum Spätnachmittag Gott weiß wo herumgetrieben hatte. Konrad, der sich beim Licht einer Kerze Notizen aus verschiedenen Büchern machte, hatte die Mutter kommen hören. Sie zeigte ihm triumphierend das noch mit einer Art Siegelmarke geschlossene Telegramm. Beide traten, ein jeder von einer anderen Seite das flackernde Licht der Kerze mit einer Hand vor dem Erlöschen behütend, in das Wohnzimmer. Hier erst wollten sie das Telegramm öffnen; auch Hilda sollte ihren Anteil an der Freude haben. Die Mutter sah, wie ihre Tochter sich aufrichtete und wie sie, aufgeregt und doch leichenblaß, die geweiteten Augen auf Mutter, Bruder und die Depesche richtete. Mit der einen Hand hielt die Mutter die Kerze, mit der anderen faßte sie nach dem Kind, um es sanft wieder auf das Sofa niederzudrücken – als sie merkte, wie ihr Ältester, der inzwischen die Depesche aufgerissen und mit einem Blick überflogen hatte, mit einer unwillkürlichen Bewegung ihren Oberarm so heftig preßte, daß sie fast aufgeschrien hätte. Die Kerze flackerte heftig, doch sie erlosch nicht. Während Konrad mit leiser, tonloser Stimme, ganz der Stimme seiner Schwester von vorhin, rief: »Das ist ja gar nicht möglich!«, hatte sie einen dumpfen Ruf ausgestoßen: »Was ist? Jesus Maria!« Er ließ die Hand mit der Depesche fallen, als hätte man sie ihm heruntergeschlagen. »Man kann so schlecht lesen«, brachte er dann mühsam zwischen den zusammengebissenen Zähnen heraus, an allen Gliedern zitternd und doch beides, die gepreßte Stimme wie das Zittern mit allen Kräften zu unterdrücken entschlossen. Und als die Mutter in einem furchtbaren Vorgefühl, dem alten, dem schweren, dem herzabdrückenden, sich an ihn drängte mit ihrem weichen, schweren Körper, als sie mit der emporgehobenen Kerze an sein Gesicht heranleuchtete, das er vergebens zu einer friedlichen Miene zwingen wollte, blies er plötzlich die Kerze aus. In der ersten Sekunde hatte er das Ereignis in seiner ganzen Tragweite begriffen. Was ihn jetzt am tiefsten aufrührte, war die furchtbare Ungerechtigkeit an diesem Ereignis, der Ermordung eines tapferen Soldaten nach dem Waffenstillstand. Durfte das sein? War man so tief gesunken? Nur so konnten die Worte des Telegramms gedeutet werden; daß der Vater durch Feindeshand gefallen war, in einer Stunde, wo es keine Feinde mehr hätte geben dürfen und wo der letzte Schuß längst verklungen war. Aber er spintisierte nicht weiter, das Telegramm hatte einen Imperativ für ihn, und diesem Befehl des Freundes seines Vaters folgte er. Er hatte die Mutter nach Kräften »schonendst« vorzubereiten, und das versuchte er. Sein Plan, die Kerze auszulöschen, war gut, auf diese Weise hätte er etwas Zeit gewinnen, das Telegramm vorläufig beiseite bringen können, um die Mutter später, vielleicht nach und nach, auf das fürchterliche Ereignis vorzubereiten. Zum Unglück wurde aber in der gleichen Sekunde, während die Kerze noch schwelte, vom städtischen Elektrizitätswerk aus der elektrische Strom wieder eingeschaltet. Das Wohnzimmer erstrahlte blendend hell, denn der Schalter an der Tür war vorhin in einer solchen Stellung verblieben, daß bei laufendem Strom alle Birnen aufflammen mußten. Schon hatte die Mutter das Telegramm in ihrer Hand, und bevor es der Sohn fortreißen oder den Text mit der Hand verdecken konnte, hatte die Mutter die mit schrägliegender, deutlicher Blauschrift geschriebenen Worte gelesen. ADRESSE Konrad D., B., Königin-Augusta-Allee 54 TEXT: Euer Vater heute vormittag in belgischem Dorf Feindeshand schwer verwundet, Unglücksfall stop Zustand leider fast hoffnungslos stop Nachricht folgt stop bereitet Mutter schonendst vor tieferschüttert von Ohr Hauptm. d. R. Nachher waren unten noch die Zahlen 54 und 5 wiederholt. Frau Lucie las. Sie las immer wieder das »fast«, das »Nachricht folgt«. Was bedeutete die Zahl 5? Vielleicht hatte die hilfreiche Mutter Gottes doch Erbarmen? Sie war es, Mutter des göttlichen Herzens Jesu, Mittlerin zwischen ihrem Sohn und den Menschen, hilfreich und der eigenen Schmerzen eingedenk von jeher, niemand auf der weiten Welt war so wie sie, die auch dem Hoffnungslosen, dem Hoffnungslosesten in ihrer unerschöpflichen Liebe und Gnade doch noch ein »fast«, einen Rettungsanker gab, eine Hilfe gegen alle irdischen Übel. Sie war fast allmächtig im Himmel, obwohl aus Menschenblut und Menschentränen geschaffen, dem Gottvater stand sie als geheiligte Frau und gebenedeite Mutter zur Seite, den heiligen Geist hatte sie im blitzenden dreieckigen Himmelsauge über sich, die milde weiße Taube des Friedens spannte ihre Flügelchen nach beiden Seiten aus, über allem schwebend, die Allmacht konnte überallhin. Wunderwirkend, Tote auf den Felsen auf erweckend, das Meer betretend ... Nur durch Wunder war Maria, die sie in ihrer geheimnisvollen Form erkannte, berühmt geworden und angebetet in der ganzen Gegend an der deutsch-russischen Grenze, die dunkle Gestalt von den dichten, eckigen Falten des kargen Gewandes umgeben, schwarz das Gesicht und tief eingefallen die großen Augen, vorn an der kleinen Stelle der freien Brust das Schwert fast bis zum Griff im Herzen ... Aber gerade der schonungsvolle Nachsatz des als phrasenlos und wahr bekannten Freundes ihres armen Mannes gab ihr beim Wiederlesen die nüchterne Wahrheit, die kein Wunder und auch kein mitleidiges »fast« kannte. Andere Frauen würden heute jubeln, trotz Hunger, Frost und siegloser Heimkehr würden unzählige Familien von heute an wieder aufblühen. Nur die ihre nie mehr. Sie hatte es immer gewußt. Sie hatte sich geängstigt, im Herzen, in den Gliedern, bis zum Knie. Der Himmel ließ es sich nicht abbetteln. Nun gab es vielleicht im zukünftigen Leben eine Seligkeit, aber hier auf Erden kein Wiedersehen, »unser guter Ludwig« brauchte kein Hemd, kein Kleid, keine Speise mehr, keine Kinder, keine Frau. Sie krampfte aufstöhnend die Hände zusammen, sie wünschte sich den Tod und wußte doch, auch im Tod würde sie ihm nie mehr begegnen, da sie ihm hier nicht mehr begegnet war. Es wühlte in ihr, sie schrie heiser und faßte dann die Lippen zwischen ihre Finger und quetschte sie zusammen. Auch ihr Kind stöhnte jetzt lauter auf. Das aber erbitterte die Mutter nur noch mehr. Das Heizkissen, auf Stärkegrad II gestellt, jetzt wieder normal vom Strom durchflossen, wurde heiß und heißer und verstärkte die Schmerzen, statt sie zu mildern. »Was habt ihr da nur für dummes Zeug gemacht, das brennt ja«, klagte Hilda mit ihrem scharfen Stimmchen, »und was hast du, Mutti, warum graulst du so und hältst dir die Lippen? Hast du dir sie verbrannt? Ich habe genug! Laßt mich doch nur mal schlafen!« Sie warf das Heizkissen ungeduldig auf den Boden, wobei sich der Kontakt löste. »Hab dich nicht so, du mußt Geduld haben, Hilda«, sagte die Mutter. »Geduld, immer nur ich! Warum niemals Rudolf? Ihr sollt mir doch die Wahrheit sagen! Ich hasse diese Geheimniskrämerei, und Papa auch! Wann kommt er denn? Heute nun nicht mehr? Wer hat denn das Telegramm geschickt, was steht darin? Warum seid ihr so zusammengezuckt?« »Was du alles zusammenfragst!« sagte Konrad, der sich endlich gefaßt hatte. Er hielt krampfhaft die Hand der Mutter in der seinen. »Ach so! Du meinst eine Depesche? Die hier? Die ist nämlich gar nicht für uns. Natürlich, diese Aushilfsjungen von der Post! Jeden Tag ein neuer. Offenbar hat er sich im Stockwerk geirrt, das Treppenhaus war nicht beleuchtet. Sicher! Nicht? Es ist für die da droben! Zu peinlich, daß wir vor ihnen das Telegramm geöffnet haben!« – Die Mutter stöhnte nicht mehr, sie atmete nur tief. Sie schwieg. Fast war es, als schliefe sie im Stehen. Konrad lief, unfähig sich länger zu beherrschen, aus dem Zimmer, nahm die Depesche mit sich, tat, als ob er den Irrtum wiedergutmachen wolle. Er faßte sich erst draußen auf dem Vorplatz mit aller Energie, stieg eine Treppe höher hinauf, läutete der Form wegen bei einer Partei an, fragte, ob überall Wasserleitung und Stromzufuhr wieder in Ordnung seien. Als er zurückkam, sah er die Mutter bei der Arbeit. Es war keine Arbeit, es war nur die Form einer Arbeit – des Kindes wegen. Sie hatte das Beinkleid ihres Mannes auf ein Plättbrett gelegt, statt des elektrischen Heizkissens hatte sie das Bügeleisen an die Steckdose angeschlossen. Sie hatte zwei Tücher aus dem Wäscheschrank geholt, ein größeres und ein kleineres, die durch vieles Waschen schon fadenscheinig geworden waren. Beide netzte sie mit Wasser aus der Badestube, das kleinere legte sie Hilda auf die heiße Stirn, das größere breitete sie über dem dunklen Beinkleid aus und begann darüber hin- und herzuplätten. Die Mutter und der Sohn sahen einander nicht an und sprachen nicht. Niemand hatte Tränen in den Augen. Die Verzweiflung war zu schauerlich, zu ungeheuerlich, zu vernichtend. Hilda war über dem monotonen Geräusch des Plättens eingeschlafen, Konrad hörte sie tief atmen. Das Kind hatte den Frieden gefunden. Wie gern hätte er auch seiner armen Mutter eine kurze Pause, wenn auch nur einen vergänglichen Frieden von einigen Minuten, gegönnt. Es wurde empfindlich kalt. Obwohl B. in der Nähe großer Kohlengruben lag, konnte man in diesem Herbst den Kessel der Zentralheizung nicht regelmäßig heizen. Konrad breitete die Kleider seines verstorbenen Vaters über Hilda aus, die, ohne die Augen zu öffnen, wieder leise zu stöhnen begann. Die Mutter hielt sich mit unnatürlicher Kraft gefaßt, sie ging hinaus, um für Hilda einen schmerzlindernden Tee zu bereiten. Sie wollte Wasser aus der Wanne schöpfen. Neben der Wanne stand auch ein mit Wasser gefüllter Emaileimer. Als wäre das Wasser aus diesem Gefäß appetitlicher, holte sie sich einen halben Liter aus dem Eimer und ging in die Küche, um das Wasser auf dem Gasherd zum Kochen aufzustellen. Der Gashahn war offen, doch strömte zum Glück kein Gas aus. Streik. Offenbar war Rudolf inzwischen in der Küche gewesen, hatte sich etwas kochen wollen und hatte vergessen, den Hahn zu schließen. Die Mutter seufzte tief auf, aber mitten im Seufzer beherrschte sie sich und hackte ihn ab. Sie hatte sich bis jetzt fieberhaft zu tun gemacht, um niemandem den vernichtenden Schmerz zu zeigen. Auch jetzt suchte sie eifrig einen alten Spirituskocher und den Rest von Brennspiritus. Aber als sie mit dem Teetablett auf dem Arm ins Zimmer trat und auf der Erde ihres Mannes schönes, weißes Oberhemd liegen sah, verwandelte sich dieses plötzlich vor ihren Augen zu einem schwarzen Laken. Sie verlor die klare Besinnung, ihr war, als schwanke der Boden unter ihren Füßen, in ihre Knie schoß es wie heißes Blei, das Tablett entglitt ihr und stürzte splitternd auf den hellen, mit farbigen Blumenmustern gezeichneten Brüsseler Teppich. Das kochende Wasser dampfte in kleinen aufsteigenden Schwaden vom plötzlich dunkel gewordenen, die Flüssigkeit gierig aufsaugenden Teppich hoch. Hilda war aufgeschreckt: »Was ist los? Ist ja scheußlich! Wer ist hier?« fragte sie ganz verstört. »Ich war es, Hildchen«, flüsterte die Mutter, die sich sofort wieder zusammengerissen hatte, weil sie mußte , »guck mal, Scherben bringen Glück!« »Ihr mit eurem alten Aberglauben«, sagte das Kind altklug und gähnte. Es hatte Hunger und fragte, was es zu Abend gäbe. Im gleichen Augenblick kam die alte Magd mit dem Brot aus Kartoffel-Mais-Kornmehl und mit dem Kamillentee in einer kleineren Kanne. Die Mutter winkte ihr zu, und beide Frauen gingen, nachdem die Scherben aufgelesen und der Tisch gedeckt war, in die Küche, wo die Mutter der Magd den Unglücksfall ihres Mannes flüsternd mitteilte und ihr zugleich mit der Hand den verrunzelten, warmen, feuchten Mund zuhielt, um sie am Schreien zu hindern. »Hilda darf nichts wissen! Jetzt nicht!« Mürrisch machte sich die alte Magd, die keine Gewalt vertragen konnte, nicht einmal von ihrer geliebten Herrin, los. Entsetzt sahen die beiden Frauen einander an im Lichte einer kleinen Petroleumlampe, die noch immer wie in den lange vergangenen Zeiten, als es weder Gas noch elektrischen Strom in den Wohnungen gegeben hatte, an der Wand der Küche neben dem Tellerbord brannte. Jetzt betrat Rudolf die Küche, voller Neugierde, was es wohl außer Brot und Tee zu Abend geben würde. Die alte Magd war aus festerem Stoff als ihre Herrin. In ihre Augen wollten Tränen aufsteigen, aber sie rumorte unbeirrt, emsig in ihrer Küche umher. Auf ihrem silbergrauen Haar und den schwärzlichen Haarnadeln brach sich der rötliche Schein der Petroleumlampe. Aus schieferfarbenem Mehl, einem der heute zugeteilten Kalkeier und etwas Süßstoff konnte ein Eierkuchen »für die Kinder« bereitet werden, nämlich für Hilda und Rudolf. Die Mutter, Konrad und die Magd begnügten sich mit Margarinebroten und Tee. Man konnte die echten Teeblätter des ersten Aufgusses, die in der zerbrochenen Kanne zurückgeblieben waren, sehr gut noch einmal verwenden, besonders wenn man sie mit einigen Kamillenblüten streckte. Die Mutter überlegte, während sie in einem Küchenstuhl zusammengesunken dasaß, den Kopf zwischen den wie gelähmten Händen haltend, ob sie den zwei jüngeren Kindern die schreckliche Nachricht jetzt mitteilen mußte. Oder erst später, wenn die Nachricht zur unumstößlichen Gewißheit geworden war? Hilda mußte ihrer zarten Gesundheit wegen so lange als möglich geschont werden, das war klar. Aber einem großen Jungen wie Rudolf durfte man die Nachricht nicht vorenthalten. Auch er sollte beten, wie sie selbst die ganze Nacht um das Leben ihres Mannes beten wollte. Sie aber glaubte nicht mehr – und sie wußte auch, daß Rudolf schon lange nicht mehr glaubte. Sie zog ihn an sich, sie hielt ihn mit beiden Händen fest. Aber auch er konnte Gewalt nicht ertragen und machte sich los. »Ist ja nicht möglich«, sagte er, als ihm die Mutter, durch die geöffnete Tür des Küchenschrankes vor dem Dienstmädchen verborgen, von einer schweren Verwundung des Vaters erzählte, »ach, Kinder, das ist doch wohl alles nur stark übertrieben. Wir haben doch Waffenstillstand, nicht? Geschossen wird jetzt nur noch in München, Kiel und Hamburg, aber draußen geht keine einzige Knarre mehr los! Wozu denn auch?« – Als ihm auch Konrad, der, die Schranktüre schließend, hinzugetreten war, die Nachricht durch einen Blick bestätigte, meinte Rudolf achselzuckend: »Ach, ihr macht ja doch nur Unsinn! Ihr wollt mich wohl wieder mal schrecken, weil ich spät heimgekommen bin. Gilt nicht! Es schießt jetzt kein Schwein mehr, leider!« Konrad sah Rudolf fest an. Die Mutter war gegangen, sie konnte nicht mehr. Nun wurde Rudolf doch unruhig und begann mit der Hand die Küchenschranktür hin- und herzuschaukeln, sie an sich heranzuziehen und wieder fortzustoßen. »Lies!« sagte Konrad und hielt seinem Bruder das Telegramm hin. »Ach doch! Also wirklich?« sagte Rudolf betroffen. »Vielleicht haben die Mannschaften, die vermaledeiten Soldatenräte, die Bolschewisten, auf die Offiziere geschossen? Was denkt ihr?« fragte er überlegend, wie zu sich selbst. »Feindeshand? Feindeshand? Das kann aber doch gar nicht sein! Du, Konrad«, wandte er sich an seinen älteren Bruder, »du, Konrad, sag, das wäre ja zu scheußlich! Jetzt, wo wir endlich Frieden schließen? Und unser armer Vater! Was wird Mutter dazu sagen? Sie weiß doch nur von der Verwundung?« »Nein, sie weiß alles! Das Telegramm gibt keine Hoffnung. Der Hauptmann weiß, was er schreibt. Sie hat sich nur Hildas wegen beherrscht. Es ist unbegreiflich.« »Und wie, wenn ich zu Ohrs hinüberlaufe? Ich gehe ja gern mal ins Gefängnis. Die werden vielleicht schon genau Bescheid wissen.« »Willst du nicht vorher essen?« fragte Konrad. »Ja, schaden kann das nicht«, sagte Rudolf, plötzlich abgelenkt, und schüttelte seine blonde Mähne, »was gibt es denn heute? Eier? Fein! Auf einmal gibt es so was wieder. Na schön.« Er aß hastig und machte sich dann auf den Weg. Hilda ging es besser. Die Mutter brachte sie zu Bett und hielt die Hand des Kindes. Neben ihr stand Konrad, ihr Ältester, und hielt die Hand der Mutter. Keiner sprach ein Wort. III. Bis gegen zehn Uhr blieb die Familie zusammen. Konrad, mit seinen Gedanken ganz fern, spielte mechanisch mit Hilda Halma. Sie hatte auf der Bettdecke das Brett aufgestellt und hielt es mit der linken Hand fest. Er gewann fünfmal, verlor achtmal. Ihr machte es Spaß. Rudolf war nicht zurückgekommen. Die Mutter ging in ihr Schlafzimmer. Sie wollte sich ausweinen, und auch das konnte sie nicht. Sie weinte nur nach innen. Schlaflos, ohne ruhen zu können, verbrachte sie die Nacht. Sie hatte die Schuhe abgelegt, barfuß, als wandere sie in der Wallfahrt, die sie gelobt hatte, lief sie lautlos stundenlang im Zimmer umher. Um Mitternacht hörte sie die Entreetür zufallen. Kam jemand? Ging jemand? Ihr war, als sei sie aus einem Traum mit einem starken Schlage aufgewacht, und sie hatte doch noch kein Auge geschlossen! In den Knien brannte es und rollte schwer wie heißes Metall. Die alte Magd trat bei ihr ein. Die beiden Frauen setzten sich im Dunkeln zueinander, senkten die Köpfe und stöhnten, aber sie sprachen nicht, und die Magd versuchte nicht, ihre Herrin zu trösten. Erst gegen Morgen kehrte Minna in ihre Kammer zurück, nachdem sie das Bett der Mutter wie für eine Kranke frisch aufgeschüttelt hatte. Konrad war nach dem Einschlafen der Schwester in sein Zimmer gegangen, das, von den Räumen der Mutter und Schwester getrennt, nach rückwärts gelegen war. Er setzte sich in seinen Studiersessel, einen alten »Ohrenstuhl«, der schon seinem Vater beim Studieren gedient hatte. Er war so erschöpft, daß er sofort in einen tiefen Schlaf fiel. Er hatte nur die Schuhe ausgezogen, war aber sonst angekleidet geblieben. Er träumte vieles wirr durcheinander und zum Schluß davon, daß er mit dem Vater auf einer Seilbahn fahre und daß ein Stahlseil schnurrend über dem Waggon und zugleich ein zweites unter seinen Socken daherrolle. Als er aber aus dem Fenster des Waggons, an seinen Vater gepreßt, hinaussah, merkte er, wie die Seile nach oben und unten sich im leeren Raum verloren. Der Wagen, schräg im Steigen begriffen, stand in der Luft, grüne Wälder und Wiesen in der Sonne ließ er unter sich. Der Sohn faßte, außer sich vor Erstaunen, nach dem Handgelenk des Vaters, der, ohne sein Herausstarren aus dem Waggonfenster zu unterbrechen, in Schlaf versetzt schien, und rüttelte ihn: »Aufwachen! Aussteigen! Aufwachen!« – Doch nicht der Vater wachte auf, sondern er. In sein dunkles Zimmer drang aus dem Nebenzimmer ein zarter Lichtschimmer und zugleich ein Schnurren, das an das Rollen des Drahtseiles erinnerte. Er stand auf und öffnete die Tür ins Nebenzimmer. Sein Bruder stand am Waschtisch mit entblößtem, prächtig modelliertem Oberkörper aufrecht vor dem Spiegel. Die breite Brust ohne Haare, glatt wie Email, die Rippen in weichem Schwung bewegt, die schlanken Hüften in den Breeches von dem militärischen Koppel gegürtet. Sein blondes, in Naturlocken fallendes Haar war noch etwas feucht, in seiner rechten Hand hielt er einen vernickelten Trockenapparat hoch, einen sogenannten »Fön«, der heiße Luft erzeugte, und damit trocknete er, sich im Spiegel bewundernd, sein Haar. Das Erscheinen Konrads war ihm sichtlich unangenehm: »Könntest du nicht anklopfen, wenn du in ein fremdes Zimmer trittst?« »Ja, was machst du denn hier? Warst du bei Frau von Ohr?« »Jetzt in der Nacht aus der Stadt den Riesenweg hinaus zum Gefängnis? Fällt mir nicht im Traume ein! Ich habe dir ja gleich gesagt, ich gehe nicht hin, es hat keinen Sinn!« »Und was tust du da mitten in der Nacht?« »Oh, du grundgütiger Himmel! Was kann denn um Himmels willen ich dafür? Habe denn ich den alten Herrn niedergeknallt? Immer predigen! Laß mich doch gefälligst in Frieden! Kümmere dich um dich! Ich bin alt genug!« »Du hast doch zum Haarwaschen nicht etwa das ganze Wasser in der Wanne verbraucht?« »Nein! Ausgesoffen habe ich es! Ich muß mich auch einmal wieder saubermachen und mir die Haare waschen. Ihr könnt quatschen, was ihr wollt. Ich habe eine Einladung. Ein Millionär, Lieferungen en gros. Ich will dort nicht herumlaufen wie ein Schwein. Man ist kein Prolet. Ich lasse mich auch nicht in den Soldatenrat wählen, jetzt erst recht nicht. Ich bin eigens eingeladen, man ist unter gebildeten Menschen.« »Eingeladen – für heute?« »Warum nicht? Heute und egalweg! Mache ich den alten Herrn wieder lebendig, wenn ich mich hier einsperre? Soll ich lesen? Soll ich studieren? Soll ich Halma spielen? Schlafen kann ich ja doch nicht!« »Ja, begreifst du als erwachsener Mensch nicht, was vorgefallen ist?« »Aber Mensch, natürlich! Ich verstehe das sehr gut. Ich kann eben nicht nach einem solchen Tage schlafen! Du ja. Glaubst du, ich bin so herzlos? Da irrt ihr euch alle!« »Und wohin willst du?« »Zu einem netten Kerl, einem älteren Herrn, ich sage dir, mächtig reich, nennt sich Rosenfinger. Wir sind eine ganze Menge Jungens dort. Aber auch Damen. Und dann kommt ein junger Mensch, angeblich Elsässer, Halbfranzose, halbseiden, heißt Chiffon. Und dann auch ein Prachtkerl von der Polizei, Steffie, ein großartiger Boxer. Wir üben vielleicht am Punchingball.« »Rudolf!« »Aber gewiß doch, wenn er nämlich heute so ohne weiteres vom Dienst loskommen kann. Die roten Hunde knallen nämlich noch da und dort herum. Und dann, mußt du wissen, wollen wir uns alle miteinander wieder mal ordentlich die Wampe vollschlagen. Ja, im Hause Rosenfinger, da ist es goldrichtig. Da gibt es echte Zigaretten, Schnaps und Sekt massenhaft und Schmalzstullen, so dick bestrichen, ich lüge nicht. Sie sagen es alle!« »Wer sagt denn, daß du lügst?« meinte Konrad. »Ich kann verstehen, wenn du hier heute abend nicht recht satt geworden bist. Zieh dich nur warm an, es weht mächtig draußen.« »Na siehst du, kannst ja ganz vernünftig sein, mußt nur nicht immer meckern. Hör mal, ich habe da vorhin im Wohnzimmer die Cuthose vom Alten liegen sehen, famos geplättet – dir wird sie natürlich zu groß sein, nicht? Was denkst du, ob ich sie mir heute anziehe, hast du den Eindruck, daß das geht? In den alten Breeches aus Ersatzstoff möchte ich nicht gern erscheinen. Es kommen mächtig feine Leute hin, außer der Polizei auch Herren von Adel, Offiziere etc. sollen auch da sein. Und du gibst mir die Schlüssel? Es ist nur euer Vorteil, denn wenn ich die Schlüssel habe, komme ich bald wieder, wenn ich sie aber nicht habe, bleibe ich eben bis morgen mittag außerhalb oder bis übermorgen –« »Das wirst du doch unserer armen Mutter jetzt nicht antun! Junge! Rudolf! Du Lieber! Ich rechne auf dich – das kann ich doch? Alter! Ja? Ich glaube, Mutti ist aufgewacht, wir haben zu laut gesprochen –« »Du! Ich nicht!« »Gut, also ich. Du wartest, bis alles wieder ruhig ist, holst dir dann meinetwegen das Beinkleid aus dem Wohnzimmer –« »Ach, holen! Habe es schon lange hier –«, sagte Rudolf, »auf dem Hosenspanner von wegen der Falten, damit sie auch fein scharf bleiben, nicht? Oder ist das übertrieben? Jedenfalls, die Sachen werden geschont, darauf könnt ihr euch verlassen. Also? Alles wieder gut? Dann geh jetzt raus, damit ich mich in Ruhe anziehen kann. Und, was glaubst du, ist mein Haar schon ganz trocken?« Konrad fuhr dem Bruder durch das aufgeplusterte, nach Kamillen duftende, vom Fön erwärmte, knisternde, blonde Haar, in welchem einzelne der seidendünnen Strähnen eine besonders helle, fast silberfarbene Tönung zeigten. Konrad sprach nichts mehr, nickte bloß seinem Rudolf zu und zog sich in sein Zimmer zurück. Konrad wunderte sich über sich selbst. Statt daß ihn die Herzlosigkeit seines Bruders abgestoßen hätte, hatte sie ihn getröstet. War es zu verstehen? Ihm selbst war es etwas leichter geworden ums Herz, als er gesehen hatte, wie der andere Sohn seines Vaters dessen Untergang ohne einen besonders bitteren Schmerz überstand. Es gab ihm Stärke, daß sein Bruder Rudolf dem Furchtbaren im Leben so gewachsen schien, wie er selbst diesem Furchtbaren gewachsen sein wollte. Als er schon im Bette lag, holte er noch einmal das Telegramm hervor, das die Mutter ihm, als dem jetzigen Oberhaupt der Familie, am Bett der in das Halma vertieften Hilda zugesteckt hatte. Er las das Datum. Es war der heutige Tag. Noch an diesem Morgen hatte sein geliebter Vater gesprochen, gelebt. Lebte er jetzt noch, um zwölf Uhr nachts? Er schrak auf. Die Tür des Entrees war, gerade als die Uhr zum Mitternachtsschlag ausholte, schmetternd zugefallen. Der Freitag war zu Ende. Rudolf hatte das Haus verlassen. IV. Am nächsten Morgen, Sonnabend, erwachte Konrad dadurch, daß die alte Magd an seine Tür pochte. Sie brachte ihm ein Telegramm und eine Zeitung. Das elektrische Licht funktionierte nicht. Es war gegen acht Uhr, ein ebenso düsterer Tag wie der vorhergegangene. Konrad trat in seinem aus Mischgewebe verfertigten Nachtanzug frierend an das Fenster und öffnete das Telegramm. Die Adresse war die gleiche wie an der Hiobsbotschaft vom gestrigen Tag: »Konrad D., Königin-Augusta-Allee 54 in B.« Text: »Oberleutnant Ludwig D. heute vormittag ohne Todeskampf entschlafen, von Ohr, Hauptmann.« Das Datum war das des vergangenen Tages, das Telegramm war am Abend vorher aufgegeben worden, vielleicht hatte es die Post, nicht ohne Absicht, nicht noch in der gleichen Nacht austragen lassen. Auch die Zeitung hatte, aber offenbar infolge des Rückzuges, ungewöhnlich lange gebraucht. Die Zeitung, von der Konrad jetzt das Kreuzband löste, zeigte auf der Adresse die Handschrift seines Vaters, eine kleine, harmonische, sehr deutliche Hand. Auf dem Umschlag waren keine Marken, sondern nur der Stempel des Truppenteils, bei dem der Vater zuletzt Dienst getan hatte, und der Vermerk: Kaiserlich Deutsche Feldpost. Es war eine über vier Monate alte Feldzeitung, wie solche damals von fast allen Korps gedruckt wurden. Der Vater hatte im Innern der Zeitung, die der Sohn jetzt mit beiden Händen entfaltete, an die ziemlich breiten Ränder rechts, links und über dem gedruckten Text seine eigenen Sätze, Wort dicht an Wort, hingekritzelt. Das Datum der Zeitung war der erste Mai 1918, das Datum des Briefes der 11. November. Ein Gefühl des Schauders ergriff den Sohn, als er die Schrift des »ohne Todeskampf entschlafenen« Vaters vor sich sah. Als formalem Juristen fiel ihm die Ungenauigkeit des Ausdruckes auf. Es hätte heißen müssen »ohne langes Leiden« oder »ohne das Bewußtsein erlangt zu haben« oder »gegen jedes menschliche Recht und internationale Gesetz«, der Todeskampf selbst aber blieb keinem Menschen erspart, so sah er es als klar, logisch denkender Mensch, der früher eine starke Neigung zur Medizin gehabt hatte. Er zitterte vor Kälte, schlotterte am Fenster, das er, um besser lesen zu können, geöffnet hatte, in seinem dünnen Schlafanzug. Er war in diesem Augenblick noch nicht gefaßt genug, um die letzte Botschaft, die ihm sein toter Vater sandte, zu entziffern, er überflog zuerst den alten Heeresbericht vom I. V. 1918, der durch die Ereignisse längst überholt war: »Großes Hauptquartier, 1. Mai 1918. Westlicher Kriegsschauplatz. In Flandern lebte der Feuerkampf in den Abschnitten von Dranoeder zu größerer Heftigkeit auf. Frisch in den Kampf geworfene amerikanische Truppen versuchten vergeblich gegen Dranoeder vorzudringen. Ihre mehrfachen Angriffe brachen in unserem Feuer zusammen. Auf dem Schlachtfeld beiderseits der Somme führten wir erfolgreich Erkundungen durch. Vorstöße in die feindlichen Linien südwestlich von Noyon und über den Oise-Aisne-Kanal bei Varennes brachten uns fünfzig Gefangene ein. An der Balkanfront erfolgreiche Plänkeleien unserer Verbündeten.« An den Seiten dieses und anderer aktueller Berichte hatte der Vater mit seiner winzigen, jetzt in der trüben Morgendämmerung auch für den Sohn schwer leserlichen Hand folgendes geschrieben: »Mein lieber großer Junge! Ich schreibe Dir wahrscheinlich zum letztenmal aus dem Feld. Wir sehen uns bald wieder. Eben wurde uns der Radiospruch von Marschall Foch telephonisch durchgegeben. Die Feindseligkeiten wurden in der ganzen Front am II. XI. um elf Uhr – also jetzt vor einer Stunde war der große Augenblick – eingestellt. Die alliierten Truppen dürfen, bis ein neuer Befehl eintrifft, die an diesem Tage und zu dieser Stunde erreichten Linien nicht überschreiten. Mit diesem Funkspruch hat der Krieg für uns praktisch ein Ende gefunden. Ich schreibe lieber Dir als der Mutter, denn ich habe so ein komisches Vorgefühl. Wundere Dich ferner nicht, daß ich Dir auf diesem alten Wisch einer Feldpostzeitung schreibe. Erstens ist die Marketenderei und Feldbuchhandlung, die uns mit Papier (zu sehr verschiedentlichen Zwecken) und anderen Annehmlichkeiten des Frontlebens versorgt hat, wie so manches andere seit einigen Tagen spurlos verschwunden. Aber daran liegt uns jetzt natürlich nichts mehr. Es hat vielmehr noch einen anderen Grund, daß ich mich jetzt endgültig von diesem alten Wisch von einer Zeitung trenne, den ich bis jetzt immer in der inneren Tasche meiner Litewka mit mir durch dick und dünn herumgeschleppt habe. Ich habe an einer der anbei mit einem Pfeil gekennzeichneten, ziemlich dreckigen Aktionen – (dabei natürlich nur eine winzige Episode im Kriege) – teilgenommen und mir dabei das E. K. I. und unseren Hausorden zugezogen. Gleichzeitig habe ich aber auch die mich erstaunende Erfahrung gemacht, daß Dein Vater letzten Endes genauso verrückt, abgestumpft und verbiestert geworden ist wie tausend andere, indolent bis zum Einschlafen und zugleich hasenhörig. Trommelfeuer, besonders die großen Kalibers, wenn es länger als drei Stunden ununterbrochen dahingeht wenn es länger als drei Stunden ununterbrochen dahingeht – dann kann einer ebensogut dösen als wahnsinnig werden. Es heißt aber ja nicht das eine und ja nicht das andere tun. Du verstehst. Wer das nicht an sich erlebt hat, versteht es nicht. Und wer es erlebt hat, möchte es so bald wie möglich vergessen und tut alles dazu. Ich aber nicht. Denn zum ewigen Andenken an diese Stunden, deren Einzelheiten ich meinen zwei lieben Söhnen, oder besser nur Dir, getreuer Konradin, in alter Kameradschaft mündlich demnächst berichten werde, und zwar unter Ausschluß der holden Weiblichkeit, habe ich mir diese Zeitung aufgehoben, und sooft ich den Rock anzog oder auszog, was zum Waschen manchmal doch notwendig war, bekam ich sie unter die Hand, ebenso wie die geweihte Medaille, die mir Deine liebe Mutter mitgegeben hat. Jetzt kann ich ja alles sagen. Vielmehr kann ich gar nichts sagen. Denn man hat allmählich das Sprechen verlernt, was soll man sprechen, und ich wundere mich, daß ich so fließend schreiben kann. Also. Bin unberufen gesund, mit den jüngeren Herren vom Bataillon verstehe ich mich natürlich, weil es sein muß, oft aber kann ich mit ihren modernen Ideen nicht mehr mit. Hoffentlich kannst Du das winzige Geschreibsel entziffern. Es sind eben hundsjunge liebe Menschen, sie tun, was sie können, aber Kinder! Von Ohr, mein lieber alter Zeltgenosse vom Wigwam, ist furchtbar überarbeitet, er vertritt den Major, dem sich die Sauerei auf den Magen geworfen hat und der, sit venia verbo, dauernd k... Aber er harrt aus, alle Achtung! Dagegen hatte ich unlängst mächtigen Spaß an dem Divisionspfarrer, dem prachtvollen Vater Deiner kleinen Flossie, leider beides Protestanten. Er hat sich einen Vollbart stehen lassen, ist zu merkwürdig in seiner Vorliebe für Jagd etc. Daher heißt er Ulanenchristus. Ein paar von unseren jüngeren Herren, aus Berlin natürlich, nannten ihn so. Wider Willen mußte ich aber diesmal von Herzen lachen. Man lacht ja wahnsinnig gern mal. Mit der Verpflegung geht es so und auch anders. Es gibt auch oft Cognac, öfter als anständiges Fleisch. Durchgebackenes, schönes, leichtes Brot gibt es gar nicht. Aber ich gewöhne mich immer noch nicht recht an den Suff. Bei mir ist es eben G. s. D.! damit vorbei. Der Ulanenchristus ist übrigens neuerdings todtraurig, seitdem er vor der Kavalleriedivision fort ist und beim Etappenkommando steht, Gräberfürsorge oder Gefangenenseelsorge etc. Seither habe ich ihn aus den Augen verloren. Wenn es nach ihm ginge, wäre er bis zum letzten Schuß bei einem MG, natürlich einem berittenen. Wer möchte das der zarten blonden Flossie ansehen, daß sie so einen Prachtkerl zum Vater hat! Aber ich erinnere mich, sie wollte ja auch so gern als Schwesterlein fein in ein Etappenlazarett, doch gnade Gott denen, die in den Sündenpfuhl hineingeraten. Dieses ist kein Ort für eine Rheintochter. Es soll in der Etappe, Büro und Lazarett, von der Etsch bis an den Belt keine Jungfrau mehr geben. Dies ist natürlich nur ein Witz. Ich war zufällig da, nämlich in einem Etappenlazarett, und habe mir eine kleine Sache, die mich schon lange belästigt hat, einen Wasserbruch, Diskretion unter Männern, vor einigen Monaten in einer Operationspause, im wahrsten Sinn des Wortes, wegmachen lassen, absolut schmerzfrei und nach drei Tagen ohne Verband. Warum bist Du nicht Chirurg geworden, Herzensjunge? Du hast doch früher einmal Arzt werden wollen, vielleicht sind Ärzte, von allem anderen abgesehen, notwendiger als Richter und Verwaltungsbeamte. Es hat mir mächtig imponiert, schon vor allem diese Ordnung und Sauberkeit. Ziel klar. Methode fest! Die Ruhe! Jetzt und hier!! Sie lassen alles an sich herankommen und sie erledigen, was sie müssen, ohne viel Gerede. Auch die Schwestern machten tipptoppen Eindruck, die älteren Semester ebenso wie die jungen, so daß ich besonderen Respekt vor ihnen und ihrer oft furchtbaren Arbeit und Aufopferung empfand. Da war die Disziplin noch absolut unerschüttert, aber sie war auch nicht übertrieben, deshalb ging alles so fabelhaft am Fädchen, oder an den 7 Fädchen, die man mir aus meiner ›prima – prima‹ Wunde zog.« Auf der nächsten Seite las Konrad in der Feldzeitung vom I. Mai 1918 folgenden Text: »Unruhen in Rußland? Stockholm, 27. IV., verspätet eingetroffen. Seit gestern laufen hier aus verschiedenen Teilen Finnlands Meldungen der dort verbreiteten Gerüchte ein, denen zufolge in St. Petersburg Unruhen ausgebrochen sein sollen. Über den Ladogasee sind Nachrichten gelangt, daß sich in St. Petersburg schwere Straßenkämpfe zwischen Monarchisten und der Roten Armee abspielen. Heute früh wird aus Åbo telegraphiert, daß nach dort umlaufenden bestimmten Meldungen der frühere Thronfolger Alexej Nikolajewitsch wieder zum Zaren und Großfürst Michail Alexandrowitsch wieder zum Regenten in Petersburg ausgerufen sein sollen. Ein Brief, der vom 29. IV. datiert ist, besagt, daß man in Petersburg ein monarchistisches Pronunziamento (Ausrufung des neuen Herrschers, Anmerkung der Redaktion) erwartet. Auch der frühere Präsident der alten Duma soll sich in der Nähe von Petersburg befinden. Zahllose Flüchtlingsscharen aus Petersburg befinden sich derzeit auf dem Wege über Konowetz und Walaam (Inseln im Ladogasee, Anmerkung der Redaktion), die sich vor den in Petersburg bevorstehenden Straßenkämpfen retteten.« Mitteilungen des Chefs des Admiralstabes der Marine. »28 000 Tonnen versenkt. Im Sperrgebiet um England wurde der Handelsverkehr unseres Feindes durch Versenkung von 28 000 Bruttoregistertonnen geschädigt.« Am Rande dieser Mitteilungen hatte der Vater in seiner winzigen Schrift seinen langen Brief fortgesetzt: »Wir sehen uns also, wenn unser lieber Herrgott und die heilige Muttergottes es wollen, sehr, sehr bald wieder. Natürlich kann es auch Wochen dauern. Es sollten ursprünglich stündlich zehn Züge die parallelen Strecken bis nach Köln geleitet werden, jetzt ist, wie so vieles, auch dies umdisponiert worden, es heißt, daß wir per pedes Apostolorum, sowohl die Angriffstruppen aus dem Grabendreck als auch die Etappenschweine, bis an die Landesgrenze kommen sollen oder wenigstens weit nach Belgien hinein, von wo dann größere Truppentransporte zusammengestellt werden. Das hängt von der Ordnung ab, ob sie nämlich unter diesen alles auf den Kopf stellenden, jeden Deutschen tief beschämenden, geradezu unnatürlichen Verhältnissen noch aufrechterhalten werden kann. Wird Vater Hindenburg bleiben? Hat unsere kleine Hilda weiter abgenommen? Ich hoffe, nein! Deine Mutter schweigt sich leider darüber aus! Ist Rolf wieder einmal auf die Walze gegangen? Ich hoffe nein. Wir müssen froh sein, daß er bisher immer noch prompt zu uns zurückgefunden hat. Ich fahre fort: Bis jetzt geht es ja, und wir merken bei der braven, bloß blödsinnig verhetzten und schlecht verpflegten Mannschaft von russischen Methoden verhältnismäßig wenig. Wir hatten immer nur gesiegt, und dabei hatte ich immer größere Angst! Wie ist nur alles so gekommen? Aber jetzt, da ich weiß, daß das Schwerste überstanden ist, denke ich mit besonderer Liebe und Sorge an Euch daheim. Habt Ihr ordentlich zu essen? Ich konnte neulich mit dem alten Urlauber außer dem Sohlenleder, das ich mir am Munde absparte, nichts mehr schicken, weder Zucker noch Tabak als Tauschmittel fürs Hamstern; Urlaub war danach gesperrt, mit der Lebensmittelzufuhr haperte es von wegen Truppenverschiebungen und Munitionstransporten, wir vorne hatten dabei selbst auch nur das Nötigste. Und erst Ihr! Ich kann mirs ja denken! Das wird nun alles sofort wieder besser, sobald die feige, hundsgemeine Blockade hinfällig wird, wir nehmen bestimmt an, noch in diesem Monat. Es soll daheim sofort die Brotrate erhöht werden, hieß es unlängst aus ganz sicherer Quelle. Kümmere Dich, liebster Konrad, besonders um Rudolf, um den ich mich törichterweise sehr viel sorge. Er ist ein prachtvoller Junge, das sieht man ihm an, man kann ihm nicht böse sein, aber er leidet unter Angst! Sie ist unsinnig, das siehst Du jetzt an mir, und wenn die Krise vorbei ist, lachen wir selbst darüber. Aber sage ihm das nicht, er weiß es vielleicht selber nicht, und das Sagen allein nützt nichts, wenn man nicht auch ändern kann. Komme ihm auch nicht als Jurist und Rechtsphilosoph mit dem »Rechtsstandpunkt«! Das bringt ihn nur auf, fördert aber nichts! Es sind verstörte, erbärmliche, abnorme Zeiten für alle, ich habe das jetzt erst recht begriffen, und manches hat mich daher nicht ganz so überrascht wie Euch, nehme ich an. So erklärt sich zum Teil die Herumtreiberei, über die Mutter und Du klagen. Er braucht vielleicht mehr den Arzt als den Richter! Auch für die kleinen Eigentumsdelikte. Es kommt sicher wieder besser, für uns persönlich wie auch für unser armes Land. Wir dürfen nicht verstört sein. Jetzt adieu! Hoffentlich kommt meine nächste Nachricht schon aus dem ›Ort, weit in Belgien drinnen‹. Heute hatten wir Rast, das heißt, die Straßen sind derartig verstopft, daß marschieren keinen Sinn hat. Die Bevölkerung des Landes, durch das wir passieren, verhält sich kühl, aber korrekt. Mir hat die Ruhe hier sehr wohlgetan. Deshalb hatte ich Zeit zu diesem ellenlangen Brief, bitte sage aber unserer Mutter noch nichts von ihm. Das alles würde sie (ich weiß selber nicht warum, aber ich habe das dumpfe, sagen wir ehrlich, das dumme Gefühl), er würde sie beunruhigen, sie würde sich um das Wohl ihres alten Esels, verzeih das harte Wort eines von Schmutz starrenden, aber in Gedanken an seine liebe Familienbrut seelenvergnügten Frontschweins, mehr sorgen, als es Sinn hat. Hauptsache, ich bin bald wieder bei Euch, und ich umarme Euch alle, Mannsvolk wie Weibervolk. Mit wärmstem Gruß, in alter Liebe Euer Vater. Unser alter Gott und die heilige Jungfrau werden mich bewahren und Euch alle! Vater.« V. Konrad wollte den Zeitungsbrief erst später der Mutter und den Geschwistern zeigen. Er suchte nach einem Versteck, dabei fiel ihm der Geigenkasten seines Vaters in die Augen. Er öffnete ihn und legte die Zeitung ausgebreitet und mit den beschriebenen Seiten nach unten zwischen das Instrument und eine verschossene grüne Samtdecke, die über den erschlafften Saiten und dem schiefen, ausgerutschten Steg ausgebreitet lag. In einer Ecke des Kastens befand sich ein kleines Schächtelchen, aus dem ein angebrochenes Stück stark duftenden, honiggelben Kolophoniums hervorragte. Er schloß den Geigenkasten wieder zu und stellte ihn auf den Schrank, von wo ihn sein Vater ab und zu, meist an Sonntagabenden, in den letzten Jahren aber immer seltener, herabgeholt hatte. Minna, das alte Dienstmädchen, kam mit dem Tee. Sie hatte sich etwas verspätet, hatte sich für Hilda Wasser »ausleihen« müssen, da durch Rudolfs Schuld kein Vorrat mehr in der Badewanne gewesen war. Aber es hieß, daß noch im Laufe des Vormittags der Verkehrs- und Wasserstreik abgebrochen werden würde. Um welche Streikpunkte es den Arbeitern gegangen war, wurde keinem klar, da auch die Zeitungssetzer in Sympathiestreik getreten waren und keine Zeitungen hatten erscheinen können. Nachts sollten im Arbeiterviertel Kämpfe zwischen einer nur aus Offizieren bestehenden Bürgerschutzwehr und den unter dem Kommando der Arbeiter- und Soldatenräte stehenden Truppen stattgefunden haben. Konrad zitterte um die Mutter, die ausgegangen war. Die Magd aber meinte, Frau Lucie sei bei einer stillen Messe in der Ignatiuskirche, die vom Arbeiterviertel weit entfernt lag. Schon an der Tür wandte sich Minna noch einmal um und fragte mit stockender Stimme, ob der »junge Herr« ihr mit etwas Geld aushelfen könne. Sie hätte geglaubt, noch zwanzig Mark (in einem Schein) vom Haushaltsgeld übrigzuhaben. Es hätte in dieser Woche nur wenig auf Karten zu kaufen gegeben, deshalb sei heute, am Sonnabend, diese Summe zurückgeblieben. Aber sie müsse das Geld verloren oder für eine besondere Sache ausgegeben haben. Sie zählte aus dem Gedächtnis alle größeren Posten ihrer Haushaltsrechnung her und bat zum Schluß den Sohn des Hauses, ihr in ihrer Kammer nachforschen zu helfen, wo sie das Geld von jeher in einer Schublade eines Tischchens, die mit einem einfachen Schlüssel zu versperren war, untergebracht hatte. Vielleicht fand es sich doch noch? Und wenn nicht, so sollte es von ihrem nächsten Lohne abgezogen werden, darauf würde sie selbst bestehen. Das Geld fand sich nicht, obgleich man alle Winkel der Schublade durchsuchte; Konrad hatte sogar die Schublade umgedreht und ausgeklopft, als ob in den Ritzen etwas versteckt geblieben sein könnte. Bis jetzt hatten alle Wochenrechnungen Minnas Jahr für Jahr, im Frieden, Krieg und jetzt wieder im »Frieden«, immer auf Heller und Pfennig gestimmt. Die Magd war ein Muster an Ehrlichkeit und Genauigkeit. »Ich komme dafür auf«, sagte sie zum Schluß, »ich komme auf dafür!« Konrad beruhigte die Alte, die ihm sonderbar verstört schien, mehr, als dem Geldbetrag entsprach. Ihm lag jetzt daran, daß sie auch ihm Wasser zum Waschen verschaffte. Nach zehn Minuten war sie zurück, nur einen Wasserkrug halb gefüllt heimbringend, dessen Inhalt gerade den Boden des großen, alten Waschbeckens bedeckte. Sie hatte bei allen Mietern des Hauses um Wasser gebeten, aber jetzt nicht mehr davon erhalten können. Als sich Konrad über die Waschschüssel beugte, hörte er es durch die offene Tür in der Küche rauschen, Minnas Mühe war umsonst gewesen, das Wasser »ging« wieder, der Wasserstreik war zum Glück schon zu Ende. Er hatte keine 24 Stunden gedauert – aber die bürgerlichen Kreise der Stadt waren dadurch sehr erschreckt. Mehr als durch die Abdankung des Kaisers vor zehn Tagen! Die Mutter kehrte heim. Konrad wollte sie mit besonderer Herzlichkeit begrüßen. Aber sie wich mit den Blicken aus, nestelte mit den Händen wie geistesabwesend herum und schloß sich nach einem kurzen Zusammensein mit der Tochter allein in ihrem Zimmer ein. Konrad hörte sie leise, wie auf Moos, hin- und herwandern. Ohne Schuhe in ihrer ungeheizten Stube. Hilda rief ihn zu sich. Er nahm das Halmaspiel von dem Stuhl – (der gestrige Tag schien ihm lange vergangen) – und setzte sich an ihr Bett in dem kalten Zimmer. Er breitete den Schlafrock des Vaters über ihre Steppdecke aus und erzählte ihr, sich gewaltsam zum Lügen zwingend, der Vater hätte aus dem Feld einen langen Brief geschrieben, er sei – gesund und wohlauf, wollte er sagen, verschluckte es aber und sagte nur mit trockener, unnatürlicher Stimme, der Vater sei auf dem Weg. Kaum hatte Konrad diese Notlüge ausgesprochen, als er sie bereute. Er log nicht gern und log schlecht. Das Schwesterchen mußte früher oder später die Wahrheit erfahren – wie er glaubte, am besten heute. Denn wenn die Mutter plötzlich in Trauerkleidern erschien oder wenn Bekannte, Freunde der Familie zu Beileidsbesuchen kamen, dann würde die Schwester in ihrem labilen Zustand mehr erschrecken, als wenn er ihr jetzt alles schonend mitteilte. Aber er fügte sich. Die Mutter wollte es so. Und auch er hätte nur zu gern die Schwester, das zarte, durchsichtige, trotz ihrer Krankheit immer reizender werdende Mädchen, die einzige Freundin seiner Flossie, geschont. Was sollte man tun? Hilda fühlte sich heute elender als gestern. Die Schmerzen in der Hüftgegend und in dem Kreuz hatten zugenommen, aber sie wehrte sich heftig dagegen, den Hausarzt kommen zu lassen. Die Mitteilung vom Tode des Vaters war notwendig. Die Mutter war dagegen. Der Besuch des Arztes war notwendig, die Mutter ließ dem verwöhnten Kinde den Willen, ganz wie ihrem Rudolf. Was aber sollte er tun? War er verantwortlich und sollte er seine Willenskraft einsetzen, oder sollte er abwarten? Diese zwei Fragen waren verhältnismäßig unwichtig, aber es würden nicht die letzten sein, und einmal mußte er entweder seine Ansicht durchsetzen oder jede Verantwortung ablehnen. Aber konnte er das? Er schwankte. Er schwankte nicht aus Mangel an Energie, sondern weil er beide Seiten eines Problems ergriff. Er schwankte zwischen Jus und Medizin, zwischen Abwarten und Handeln, zwischen Sohn seiner Mutter sein und Stellvertreter des Vaters. Der Krieg war beendet, der Krieg ging weiter. Die Schwester gefährdet, der Bruder gefährdet, die Mutter, der stärkste Halt der Familie, gefährdet. Und dagegen er? Seitdem der Vater tot war, ohne Freund. Nur auf sich gestellt. Ein junger Mensch, 23 Jahre alt, durch die Entbehrungen des Krieges geschwächt, aber nicht gebrochen, mit einer ganz wenig schiefen Schulter, klug, ohne viel Erfahrung. Kein großer Redner, keine große Leidenschaft. Kein Revolutionär. Aber ein Charakter, der sich selbst mehr erzogen hatte, als daß ihn andere geführt hätten. VI. Konrad war sehr froh, als gegen elf Uhr Flossie erschien, und doch hätte er etwas Angst, seine Schwester könne durch ihre Freundin etwas vom Tode des Vaters erfahren. Flossie war ein Mädchen von fast 17 Jahren; sie war trotz des Unterschiedes im Glaubensbekenntnis seit langer Zeit mit den Geschwistern D. befreundet, ebenso wie ihre Schwester Doralies, die auf dem Lehrerinnenseminar studiert hatte. Flossie war nicht besonders hübsch, sie war groß und etwas vierschrötig trotz ihrer jungen Jahre, aber sie hatte ein offenes Gesicht mit prächtigen Farben, besaß wunderbare Zähne und Haare und hatte durchgearbeitete langfingrige Hände, auf die sie besonders stolz war. Sie arbeitete viel in der Wirtschaft mit, aber nie ohne Handschuhe. Sie hielt sich für sehr musikalisch, hatte aber weder ihren Vater, jenen in dem Feldpostbrief als »Ulanenchristus« gekennzeichneten Divisionspfarrer, noch weniger aber die Mutter ihrer Freundin Hilda von ihren Leistungen in der Musik überzeugen können. Doralies sang. So musizierten die Schwestern auch gemeinsam mit großem Genuß. Flossie übte täglich mit glühenden Wangen und feuchten Augen, in einem abgelegenen Zimmer einherstapfend, ihre drei bis vier Stunden und erhoffte von der Zeit eine Meisterschaft. Ihr Traum war, das Violinkonzert von Bruch spielen zu können. Jetzt klagte sie (sie hatte zum Glück noch keine Ahnung von dem, was hier vorgefallen war), daß ihr der letzte Rest Kolophonium ausgegangen sei. In fünf Geschäften sei sie schon gewesen, in vieren hätte man überhaupt nichts Derartiges mehr gehabt, nur noch Ersatzsaiten aus Spezialfaden oder Draht, im fünften einen angeblich »erstklassigen Kolophoniumersatz«, teuer genug, der aber die Haare ihres allerbesten, allerliebsten Fiedelbogens so zusammengekleistert hätte, daß er bei dem ersten Allegro mit Schwung auf den Saiten vollkommen irrsinnig herumgerutscht sei und bitterböse »au! au!« gequietscht habe. Mit größter Mühe habe sie mit grüner Seife und lauwarmem Wasser ihren Herzensbogen wieder sauber bekommen und ihn dann wieder von den Seifenresten befreit, ihn auf dem Heizkörper getrocknet, aber seitdem, das heißt seit vorgestern abend, sei der Ton heiser, die G-Saite, das Herz ihrer Violine, klinge wie Stroh, »und du kannst dir denken«, sagte sie zutraulich zu Konrad, mit ihren feinen Fingerchen seine kühle, knochige Hand fassend und ihn mit ihren blauen Augen verzweifelt ansehend, »nein, Junge, du kannst dir gar nicht vorstellen, was das für mich bedeutet – und gerade jetzt! Wir wollen doch nicht immer ›daran‹ denken! Lieber, lieber Gott! Doralies hat es die Stimme verschlagen. Sie ist heiser wie Papa nach einem Liebesmahl. Hast du die Punkte vom Waffenstillstand gelesen? Hat Gott die Preußen ganz verlassen? Und daß so etwas bei uns nicht einfach konfisziert wird! Aber ich glaube an das ganze Gerede nicht! Unser Kaiser in Holland?! – Die Geschütze sollen wir selbst vernichten, vielleicht sogar auch unsere dicke Berta, die bis London funkt, die Gefangenen laufenlassen, aber unsere armen gefangenen Landsleute sollen wir noch lange nicht wiederbekommen, unsere himmlischen Schiffe mit den prachtvollen Unterseebooten sollen wir zerstören lassen – sagt, sind sie nicht irrsinnig? Unsere großartigen Zeppeline sollen wir ins Blaue fliegen lassen, Schluß machen, unser russisches Gold abliefern? Hundert Millionen! Ja, das möchten sie alles wohl, aber wir tun es nie! Das ist ja alles nur Unsinn! Das ist nur für die Arbeiter bestimmt, verlaß dich darauf! In Wirklichkeit ist das nur eine Kriegslist der Heeresleitung! Verstehst du das auch, liebe Hilda? Du mußt nämlich wissen, wo wir stehen! Wir –«, sie flüsterte und nahm jetzt auch die schlaff daliegende Hand der blassen zarten Hilda in die ihre, »das wissen nur die Eingeweihten, wir gehen noch einmal los, aber wie! Und dann wehe ihnen! Wir haben noch unseren deutschen Glauben! Dann wirds blutiger Ernst! Allen, allen, den Amerikanern und Negern am meisten, wird es noch einmal ungeheuer dämmern! Denn wir wollen nicht unterliegen! Das muß noch kommen, das wissen wir! Papi hat uns geschrieben, er hat das alles nur durch die Blume angedeutet, die Roten halten jetzt Briefzensur wie früher wir, aber Mutter und ich und unsere alte Doralies verstehen schon, was er sagen will. Wir sind Deutsche. Deutsche dürfen nicht verzweifeln. Papi soll in ein paar Tagen kommen«, setzte sie naiv hinzu, ohne zu merken, wie sehr sie sich widersprach, »vielleicht bringt er mir ein Stück Kolophonium mit! Im vorigen Jahr hat er für mich in Russisch-Polen meinen Fuchs hier geschossen. Ich habe ihm vorgestern noch um das Kolophonium in die Etappe geschrieben. Dort gibt es noch alles, sicher! Der Brief muß ihn doch noch erreichen, bevor unsere Feinde kommen, nicht wahr?« Ihr kindliches Geplauder tat Konrad wohl. »Du brauchst nicht so lange zu warten. Flossie, was dein Vater kann, kann ich auch.« »Ach! Glaubst du?« fragte Flossie. Konrad ging in sein Zimmer (früher war es das Arbeitszimmer des Vaters gewesen) und holte aus dem Geigenkasten das Stück Geigenharz heraus, kam zurück und drückte es ihr in die Hand. Sie errötete und erblaßte abwechselnd vor Freude, fiel ihm um den Hals, küßte ihn auf die Wange, indem sie seinen Kopf zwischen ihre feinen langen Hände nahm und erst die linke Wange und dann die rechte abküßte, um schließlich seinen Kopf ein Stück von sich fortzuschieben und ihn mit leuchtenden Augen zu umfassen, als habe sie ihn noch nie im Leben gesehen. Dann riß sie sich ein paar von ihren langen, weizenblonden Haaren aus und ließ sie an dem Geigenharz vorbeigleiten. Die Haare nahmen, schlaff herabhängend, nichts von dem alt und trocken gewordenen Harz an. Nun knotete sie die Haare an einem Rockknopf Konrads mit dem einen Ende fest, an dem anderen Ende hielt sie sie zwischen zwei Fingern und spannte die Haare an, und jetzt fuhr sie, strahlend lächelnd und ihre kleinen Zähne zeigend, mit dem Geigenharz darüber, es gab einen feinen, singenden Ton, und das Harz haftete fest. Auf Flossies unregelmäßigem Gesicht mit den wunderbaren Farben strahlte reines Entzücken. In Konrad stieg der Wunsch auf, Flossie alles zu sagen. »Ich muß dir etwas Furchtbares –«, begann er impulsiv. Aber als er die von Schrecken geweiteten Augen seiner Schwester mit dem Ausdruck fassungslosen Entsetzens auf sich gerichtet sah, faßte er sich sofort und setzte nach einer unmerklichen Pause, durch dieses Wort seinen Beruf wechselnd und die Linie seines ganzen Lebens ändernd, fort: »– etwas furchtbar Wichtiges muß ich dir sagen, ich werde umsatteln, ich will Medizin studieren. Es ist eine andere Zeit, es kommt eine soziale Zeit, denkst du nicht auch?« »Sozial? Quatsch! Aber Medizin ist auch herrlich. Besonders operieren. Ein Schnitt – und der Mensch wirft seine dummen Krücken fort und ist gesund! Es dauert zwar zwei Jahre länger, das Medizinstudieren, aber das macht mir gar nichts, wir heiraten dann eben später, und ich bin dann deine erste Assistentin.« »Du redest heute nur Unsinn, Flossie, wie kannst du Konrads Assistentin werden?« – Hilda war durch ihre ziehenden Schmerzen im Kreuz und durch die Eifersucht auf ihren liebsten Bruder und die Eifersucht auf ihre liebste Freundin gequält. Nervös knäulte sie die Enden der roten Schlafrockschnur zusammen. Sie hatte den alten Schlafrock des Vaters, ein dick wattiertes, aus schokoladefarbenem Kamelhaarstoff gefertigtes Stück, als Überdecke auf dem Leib und den Knien, denn es fror sie noch immer. Das elektrische Heizkissen wollte sie nicht, es verursachte ihr Herzklopfen. »Und bitte, Flossie, mach die Haare von Konrads Jackett schnell wieder ab, bevor Mutti kommt!« Flossie errötete und zupfte die Härchen Stück für Stück von dem Knopf ab, aber nur, um sie in einen kleinen Zopf und den Zopf zu einem noch kleineren Knäuel zusammenzuflechten und diesen Talisman ihrem »treuen Konradin« heimlich in die Rocktasche zu schmuggeln, als er das Zimmer verließ. Ein Auto rasselte so schwer vorbei, daß die Fenster dröhnten. Vielleicht war es ein Panzerauto, das in den Arbeitervierteln Ordnung machen sollte? Es war von Soldaten gelenkt, neben und hinter dem Chauffeur hielten sie sich aufrecht, fünf oder sechs hagere, dunkle, große Gestalten, die mit aufgestellten Bajonetten und an der Koppel baumelnden, schwärzlichen Handgranaten bewaffnet waren und über ihren fahlen, scharfen Gesichtern den grauen Stahlhelm trugen. Aber der offene Lastwagen, der da unten vorbeifuhr, war nicht mit Maschinengewehren beladen, sondern mit gewichtigen Mehlsäcken. Kam das Mehl aus den roten Kasernen oder brachte man es hin? Wer hatte gesiegt? – Etwas enttäuscht kehrte Flossie vom Fenster zu ihrer Freundin zurück. Die Mutter trat ein. Flossie machte einen Knicks und wartete eine Weile, Frau Lucie und ihre Hilda ansehend. Dann, ohne sich von den ruhelosen, irren, ganz verstörten Augen der blassen, abgezehrten, dunkelhaarigen, leicht ergrauten Frau stören zu lassen, fuhr sie fort, zu plaudern. VII. Nach der schlaflosen Nacht und dem langen, aber ohne Erlösung gebliebenen Gebet in der Ignatiuskirche lastete auf der Mutter ein Gefühl, das sie, solange ihr Mann noch gelebt hatte, noch nie so empfunden hatte. Ihr Unglück empörte sie. Sie konnte sich nicht beugen. Es zerschnitt sie wie mit Messern, es riß sie auseinander. Sie hatte die hl. Muttergottes nicht verraten wollen, lieber verriet sie sich selbst. In der letzten Nacht, stumm und atemlos vor Druck über dem Herzen, hatte sie keuchend neben der asthmatisch atmenden alten Magd in ihrem dunklen Zimmer auf dem harten, scharfen, eckigen Rand ihres Ehebettes gehockt, bis es ihr ins Fleisch einschnitt, und hatte den Kopf hin und her geworfen, als könne sie die Gedanken dadurch ordnen, das verstörte Gemüt beruhigen. Und auf einmal huschte der Schmerz ins Knie. Aber die Verstörung und der Schmerz taten ja nur wohl! Sie hätte noch mehr Schmerz auf sich genommen, um sich ganz auszulöschen, sich ganz zu vernichten. Etwas drängte sie, das gleiche, das sie immer gedrängt hatte, selbst in der glücklichsten Zeit ihres Lebens, vor der Geburt des ersten Sohnes, der sie nachher (warum?) enttäuscht hatte; eine Stimme sagte ihr vor, du sollst sofort deine Kinder, dein Haus und deine Stadt verlassen. – Aber war das hier ihre Stadt? Ihre Heimat, ihre sonnige Kindheit lag weit fort von hier, an der russischen Grenze. Man sprach dort eine andere Sprache als hier, man atmete eine andere Luft – schon am Bahnhof, auf dem Weg nach dem Haus, in dem sie mit ihren Geschwistern ihre Kindheit verlebt hatte, lange bevor sie ihren Mann kennengelernt hatte. Das Haus dort war noch unverändert, selbst die Möbel standen noch an ihren alten Plätzen. – Der Gedanke, ihre Kinder zu verlassen, tat ihr wohl – sie leiden zu lassen, wie sie selbst litt! War sie, die Mutter, jetzt eine Witwe, eine Vollwitwe, so sollten die Kinder Vollwaisen sein! Selbst ihren geliebten Rudolf wollte sie zurücklassen, den Sohn ihres Herzens. Aber sie war nicht die Mutter seines Herzens, sie ahnte es wohl. Er würde nicht lange trauern und weinen um sie. Aber daß sie den sündigen Wunsch hatte, ihre von Gott eingesetzten Pflichten gegen ihr eigenes Fleisch und Blut zu verletzen, daß sie in ihrer Verzweiflung an der unerschöpflichen, süßen, grenzenlosen Gnade ihres für sie und ihre Erlösung hingeopferten Heilands irre werden konnte, war das nicht schon immer in ihr gewesen? Hatte sie nicht einmal bei der ersten großen Wanderung ihres Rudolfs (gerade diese Trennung von ihm hatte ihn ihr so teuer gemacht) in einer verzweifelten Stunde sich selbst gegenüber zugegeben, sie könne eher ohne ihren Mann, ihren Ludwig, leben als ohne ihren Sohn, ihren Rudolf? Also hatte sie schon damals die Muttergottes in ihrem Herzen verraten, ihren Mann ums Leben gebracht! Also war alles ganz gerecht! Nur zu gerecht! Nach ihren Sünden wurde sie gestraft, und nicht allein sie, sondern für ihre Schuld auch ihr armer Mann! Sie gab dem Himmel recht gegen sich. Es war eine verzweifelte Freude darüber in ihr, die sie entsetzte, sie ließ sich mit Wonne zerfleischen durch diese Freude. Sie empfand Haß und Neid gegen Hilda, ihr eigenes Kind, das hübsche, dumme, ahnungslose Geschöpf, das in dem warmen Schlafrock ihres armen, im eiskalten Erdboden liegenden Mannes sich ohne Sinn, ohne Arbeit, ohne Zweck auf dem Ruhebett umherwälzte und das nicht Weib und elende Kreatur werden wollte. Hilda ahnte noch nichts, und war sie nicht um dieses Nichtwissen zu beneiden? VIII. Inzwischen plauderte die ahnungslose Flossie mit glühenden Wangen über ihre Künste in der Wirtschaft. Sie, ihre Mutter und Doralies, die ältere Schwester, die ganze Familie des Divisionspfarrers, die grundsätzlich nur »von Karten lebten« und während der ganzen Kriegsjahre noch nicht ein Pfund Butter und nicht eine Speckseite gehamstert hatten, mußten den ganzen Grips zusammennehmen, um den mageren Tisch zu Hause zu bestellen. Welche Einfälle, welcher Eifer, welche Opfer! Welcher Stolz konnte darüber empfunden werden! – Während sie darüber sprach, spielte Flossie, selig in dem ersehnten Besitze des Kolophoniums und das Geschenk richtig als ein Zeichen von Konrads schüchterner und wortkarger, eben »grundanständiger« Liebe begreifend, mit dem würfelartigen Harzkästchen. Frau Lucie, die in Wirklichkeit nicht nur an Rudolf, sondern auch an ihrem Manne leidenschaftlich gehangen hatte (und ebenso an allem, was von ihm kam), erkannte das Kästchen sofort. »Woher hast du das, Flossie?« »Von Konrad! Ist das nicht süß von ihm?« »Mußt du nicht heim? Es soll Unruhen geben. Hat deine Mutter nicht Angst um dich?« mahnte Hilda ungeduldig. Aber Flossie, die nicht ahnte, was sie angerichtet hatte, sagte: »Ach, ich habe noch massig Zeit. Was soll mir passieren? Ich stelle mich vor die roten Maschinengewehre hin und sage: Na los! Schießt, ihr Hunde, wenn ihr Murr habt! – Aber wenn ich gehe, dann kommt vielleicht Konrad mit? Er muß doch auch ins Kolleg. Ach nein, nicht doch, er sattelt ja um, er studiert jetzt etwas anderes, Medizin, nicht?« »Wie? Studiert Medizin?« fragte die Mutter in furchtbarer Erbitterung. Und ich erfahre es durch Flossie? – Er ändert seinen Studiengang? Kaum, daß sein Vater tot ist (ist er denn tot?), wirft er alles um, was der Vater angeordnet hat? Die Mutter biß sich in die schmalen Lippen – (es war ganz Konrads Mund) – und stand auf. »Doch! Natürlich! Ich dachte, Sie wissen davon!« sagte Flossie. »Es macht doch euch gar nichts. Im Gegenteil. Medizin ist viel wichtiger als die Juristerei und viel sozialer! Er wird sicher ein himmlischer Arzt, nicht wahr? Und ich bin dann seine erste Patientin – wenn ich darf!« – Sie hatte nicht mehr gewagt, sich als erste Assistentin ihres getreuen Konradin zu bezeichnen. Die Mutter verließ das Zimmer und ging mit ihren schweren Schritten in die Küche. Ihr war, als sei die alte Köchin, die sie seit ihrer Jugend kannte, ihrem Herzen näher als ihre Hilda und ihr Konrad. Dabei wußte sie, daß auch dieser Gedanke eine schwere Versündigung war, eine Sünde gegen ihren Mann ebenso wie gegen ihre Kinder. Sie wußte, es war unchristlich und egoistisch von ihr, wenn sie dem unschuldigen Kinde Hilda nicht den Frieden des Herzens gönnte; das war etwas Großes. Sie wußte, daß sie der künftigen Frau ihres Sohnes, Flossie (und ihm selbst), nicht das jetzt völlig unnütze Stückchen Harz gönnte, nicht die Freude gönnte, die diese daran gehabt hatte, als sie es bekam, und ihm die Freude, als er es ihr gab. Vielleicht war das etwas Geringes; aber ob groß oder gering, in den Augen des Himmels war es Sünde, und sie wollte doch fromm und christlich sein, sie wollte in Demut tragen – die Hand Gottes, auch die strenge, küssen. Und jetzt sah sie diese Hand mager und bräunlichfahl an dem alten, goldgerahmten Muttergottesbild sich um den kantigen Griff des Schwertes schließen und es sich noch viel tiefer in die Brust, die eigene, hineinstoßen. Wie gern hätte sie jetzt ihren Rudolf gesehen! Sein schöner, herzerfreuender Anblick hätte ihr wohlgetan! Aber er war fort, war die ganze Nacht ausgeblieben. Mechanisch ging sie mit schweren und immer schwerer werdenden Knien in der Küche umher, öffnete die leeren Schränke. Sie wollte heute einen Sonntagskuchen backen, aber es gab weder Feinmehl noch Zucker, noch Ei, noch Hefe, noch Gewürz, ja nicht einmal die kupfernen Kuchenformen waren noch da, sie wären längst abgeliefert, ebenso wie ihre schönsten Tischtücher. Flossie, der endlich aufdämmerte, was sie angerichtet hatte, kam ihr in die Küche nach, band sich eine Schürze von Minna um, nachdem sie ihren Fuchs abgelegt hatte, und fragte: »Kinder, darf ich euch mithelfen?« – Kochen, besonders aus scheinbar unverwendbaren Zutaten etwas zusammenzuquirlen, das man dann essen konnte, war ebenso ihre Leidenschaft wie Säuglingspflege ohne Milch, Kaninchenzucht ohne Futter und Violinspiel mit Gesangsbegleitung. Alles war ihre größte Leidenschaft. Sie war (im Schweiße ihres blonden, strahlenden Angesichts) jetzt der einzige glückliche Mensch in diesem Hause der Trauer. Sie brachte auch hier, ohne es zu bemerken, wie wenig die Mutter und die Magd darauf eingingen, die Erzählung von der Kriegslist der Obersten Heeresleitung mit dem nur angeblichen, die Feinde irreführenden Waffenstillstand vor, dann meinte sie, die Deutschen hätten es wahrhaftig noch lange nicht nötig, von wegen Hungers klein beizugeben, man könne diesen Winter und sogar das nächste Jahr noch »tadellos« durchhalten bei ein bißchen gutem Willen. »Einen Schmachfrieden dürfen wir eben nicht annehmen, kein Volk, das Ehre hat, kann so handeln, und wir sind auch noch lange nicht besiegt. Deutschen Boden hat noch kein Fremder betreten und wird es auch nicht, solange der Kaiser oder – die Regierung eben – lebt! Die Roten müssen das – müssen das auch verstehen, sie sind doch auch deutsch gesinnt, und wenn jeder mit jedem zusammenhält und keiner hamstert, dann wird's geschafft! Keiner darf Hungers sterben! Alle für alle! Und keiner braucht frieren!« Sie berichtete von Hilfsmitteln, die Mehlrationen mit feingestoßener Baumrinde zu strecken. Aus einem Sack Bucheckern (von den Schulkindern unter Doralieses Leitung im Walde gesammelt) hatte sie ein Fläschchen ff. Öl gekeltert. Was die Kleider anbelange, so könne man aus Papiergewebe die schönsten Toiletten verfertigen, selbst Ballkleider und Uniformen, und Papier könne man jetzt »durch unsere deutsche Technik und mit deutschen Arbeitern« ohne die geringsten Materialkosten direkt aus der Luft erzeugen, wobei sie die Papierzellulose mit dem künstlichen Stickstoff für Dünger und Schießpulver verwechselte. »Und im Sommer, da bring' ich euch wieder wunderbares Wurzelgemüse, an allen Bahndämmen wächst es, die Leute ahnen es nur nicht, wir wußten ja im Frieden auch nicht, wie reich wir sind! Auch auf den Baustellen gibt es so etwas zu pflücken und auszugraben, die Wurzeln der gemeinen Nachtkerze – ist aber gar nicht gemein, heißt nur so –, aber nur die im Schatten wachsenden Nachtkerzen, müßt ihr wissen, Kinder« (Konrad war ihr eben nachgekommen, er konnte sich an diesem Tage nicht von ihr trennen), »nur die allein sind richtig fett, an die müßt ihr euch halten. Auch die Wurzeln der schönen Glockenblume sind himmlisch, schmecken zu schön, wie echter Speck! Ich füttere dich auf, Konrad, du bist mir zu blaß! Ich koche dann für euch! Darf ich? Und man nennt sie deshalb auch treffend Schinkenwurzeln. Nun, Konrad? Darf ich euch jetzt einen Pudding machen? Ihr habt ja hier so ein Pulver, und ich weiß ein besonderes Rezept, dann schmeckt er nach Butter! Konrad, du stehst mir im Weg! – Ja, und Kaninchenfutter, das gibt es auch überall, nicht? Auch vom Stadtpark, da holt man es sich, nachts, in einem Sack, aber die Sichel gut verstecken! Früher habe ich es mit einer großen Schere versucht, aber die faßt nicht genug! Und dann, an den Blütenknospen der Sumpfdotterblume, an denen haben wir dann mal etwas ganz Besonderes: man kann sie als Kapern einlegen und dann fein zu Kartoffelsalat nehmen, wenn es erst wieder genug Kartoffeln gibt! Und wenn man besonders feines Gemüse will, dann nimmt man die Blütenblätter von Veilchen und legt sie in Essig ein. Wenn man mal Essig hat! Und geradezu das grüne Brot auf der Wiese sind Rohrkolben und Lieschkolben, im Frühjahr ist die beste Zeit dazu, ich freue mich schon heute darauf, und ihr doch auch? – Die jungen Triebe schmecken wie reiner Zucker, bis dahin ist Hildchen wieder kerngesund, und wir ziehen alle aus mit Gesang! Die Triebe kann man roh essen oder wie Selleriesalat. Und wenn man nicht weit laufen kann oder wenn Hildchen doch müde wird und schlappmacht, darf man auch die Pflanzen vom Straßenrand nehmen, egal, ob sie durch Staub ein bißchen unansehnlich geworden sind. Das macht nichts. Die Kalorien bleiben natürlich. Wir waschen dann daheim die Pflänzchen mit kaltem Wasser sauber, das ist ganz leicht, wenn man Wasser hat. Aber Wasser wird es fortan immer geben, Streik wird verboten, im Ausland sollen sie streiken, aber bei uns nicht! Es ist noch nicht aller Tage Abend, man hat es den Arbeitern gezeigt, sie dürfen nicht mehr streiken. Sonst an die Wand gestellt, und Schluß! Ihr denkt doch auch? Aber die Arbeiter sind im Herzen ganz treu, sie selbst wollen keine Proleten sein, darum haben sie Schulter an Schulter gekämpft. Und jetzt das? Nein! Das Volk will es selbst nicht, jetzt kommt bald ein ganz anderer Zug in die Sache –« Sie sah auf ihre Armbanduhr, es war das gleiche Nickelührchen, das ihre Mutter, früher Oberschwester eines Diakonissenhauses, an einer glatten Nadel über ihrer üppigen Brust getragen hatte. Jetzt war das Ührchen rundherum in eine praktische, wenn auch sehr häßliche Zwinge gefaßt und an einem Riemchen aus »echtem« Leder um das Handgelenk der Tochter befestigt. »Goldig, nicht? Das hier – Geburtstagsgeschenk von Papi, und das – von Mutti«, sagte Flossie glücklich, während sie abwechselnd auf die Nickeluhr und auf das einst hellbraune, jetzt fast schwarze Lederbändchen zeigte, »und bitte seien Sie nicht böse«, sagte sie zu der Mutter, »ich muß jetzt wirklich schon leider gehen. Nein, nicht doch! Flossie, was bist du für ein Kamel! Jetzt hätte ich das Wichtigste beinahe vergessen! Man muß ja jetzt an soviel denken. Konrad, bleib hier! Bitte, einen Augenblick!« Sie lief in das Vorzimmer und trug dann mit beiden Händen ein etwa einen Liter fassendes, mit einer bräunlichen, geleeartigen Masse gefülltes Konservenglas in die Küche zurück, das sie sich beim Kommen auf dem Spiegeltischchen zurechtgestellt hatte, denn es sollte eine Schluß-Überraschung sein. »Wenn jetzt also Ihr lieber Mann kommt, so schickt Ihnen Mutti etwas zum Empfang. Darf ich vorstellen? Das ist Frau Holle! Sie wissen doch, unsere schneeweiße Häsin! Wir schafften es doch nicht mit dem Futter für die vielen Kaninchen jetzt im Herbst und nun gar erst im Winter! Und da haben wir unser Frauchen von Bekannten schlachten lassen und haben vier Gläser Frikassee davon bekommen. Aus ihrem prachtvollen, dicken, schnuckigen Fellchen machen wir wahrscheinlich Mutti zu Weihnachten süße Pantoffelchen. Und das alles von einem einzigen Kaninchen! Sehen Sie, ich lüge nicht! Hier steht: H., das heißt Frau Holle, Nr. III. Und sie müssen es bald verwenden, denn die Gummiringe sind nicht aus Gummi, und wenn Luft dazwischenkommt, ist es Essig. Aber es soll wunderbar schmecken, im eigenen Saft eingeweckt, ohne Fett, nur mit etwas Salz und mit einem Lorbeerblatt, echt, das haben wir eben noch gehabt aus Friedenszeiten.« Plötzlich stürmte Hilda hinein, in den schokoladefarbenen Schlafrock ihres Vaters gehüllt, leichenblaß: »Sie schießen! Sie schießen!« Tatsächlich hörte man durch die offene Tür jetzt von der Straße her das hämmernde Ticken der Maschinengewehre und in einer Pause das Rattern eines schweren Autos ohne Gummibereifung, das auf den bloßen Eisenrädern ohrenbetäubend durch die totenstill gewordenen Straßen rasselte. »Jesus Maria, was hast du denn?« fragte die Mutter entsetzt. »Dir geschieht doch nichts! Herzenskind! Hilda, fürchte dich doch nicht!« »O Mutti, Mutti!« jammerte Hilda, von Entsetzen geschüttelt und den Kopf mit Gewalt gegen die Brust der Mutter stoßend, als wollte sie dort hinein, sich verstecken. Unter Tränen schluchzte sie, und ohne sich um ihre entgeistert dastehende Freundin mit ihrem Glas in den Händen zu kümmern, stieß sie in einem einzigen langen Schwall hervor: »O Mutti, ich weiß alles! Er kommt nicht zurück, nein, Vati kommt nicht zurück, Jungens haben ihn erschossen! Kinder! O Mutti, ihr habt mich betrogen und belogen, du, Konrad auch, und Flossie auch, und ich will nicht, daß meine Flossie meinen Konrad heiratet! Und ich will auch ihre Frau Holle nicht, und fort mit deinem widerwärtigen Fuchs, der ist genauso falsch wie du! Sie soll nur hinaus auf die Straße und unter die Roten, und sie sollen sie auch erschießen, gerade recht, und mich auch, ja! Sicher doch! Mich zuerst! O liebste Mutti, ich kann gar nicht mehr weiterleben, und ich will auch sterben, und ich will nicht mehr hierbleiben, ich fahre zu Vati, kommt er denn wirklich nicht mehr zurück? Es soll doch schon Frieden sein, und da darf er doch nicht mehr erschossen werden, das darf doch gar nicht sein, sag doch, Mutti, ist es denn wirklich wahr, aber du sagst ja nicht die Wahrheit, ihr lügt ja alle, und Rudolf, der stiehlt, und ich will euch nicht mehr glauben, ach, ich kann das ja gar nicht mehr ertragen, ich glaube, ich verblute mich jetzt!« Sie sank zu Füßen der Mutter auf dem kalten Steinfußboden der Küche zusammen. Die Mutter hob sie auf und trug sie mit Konrads Hilfe in das Wohnzimmer zurück. Flossie kam mit, hielt die Hand der wie leblos daliegenden Hilda in der ihren. Dann trat sie, ihren Fuchs wieder um den schönen weißen Hals, zum Fenster. Der Lastwagen auf den Eisenrädern setzte sich wieder in Bewegung und ratterte los. Das Maschinengewehr war verstummt, nach einer sehr langen Pause, wie es allen im Zimmer erschien, begann es von frischem zu tacken, aber jetzt schon etwas weiter entfernt. Dann wieder schallte es sehr laut, wie durch ein Echo verstärkt. Dann Stille. Konrad war bei Flossie geblieben. Die Mutter saß am Tisch und brütete finster vor sich hin, die linke Hand mit dem goldenen Ehering am Knie. Rudolf war noch nicht daheim. Sie zitterte nur um Rudolf. Um Hilda zitterte sie nicht. Selbst um den kindlichen Schmerzensausbruch hatte sie die Tochter beneidet, so sehr war sie sich selbst entfremdet. Sie wollte nicht mehr die sein, die sie einmal war. Sie dachte nicht mehr an ihren Mann in diesem Augenblick. Sie dachte an ihr Trauerkleid, das sie aus einem Sonntagskleid, einem hellbraunen Tuchkleid, in 24 Stunden in Tiefschwarz umfärben lassen mußte. Sie hatte diese »Trauersachen promptest binnen 24 Stunden« während der vier langen Kriegsjahre immer in Inseraten der Zeitungen aller Städte, auch ihrer Heimatstadt, angekündigt gelesen und immer davor gezittert, einmal davon Gebrauch machen zu müssen. Zu früh hatte sie am 11. XI. gejubelt, zu früh der Gnade der Jungfrau Maria und des Erlösers von allem Leid getraut. Sie stöhnte dumpf auf. Auch Hilda stöhnte, aber weicher, wie jemand, der nach großen Schmerzen einschläft, beruhigt eindämmernd, die Glieder matt und sanft ausgestreckt. Die Mutter schämte sich ihres furchtbaren Unglücks. Sie hätte sich am liebsten vor aller Welt – vor der glücklichen Welt! jeder war glücklicher als sie! – in dem finstersten Winkel der Erde verkrochen. In Hilda hatte der Ausbruch den Krampf des Körpers und der Seele gelöst. Ihr Gesichtchen war jetzt so schön, so kindlich, so ganz entspannt, und sie begann echten, gesunden Hunger zu fühlen, was schon lange nicht mehr der Fall gewesen war. Flossie, sehr blaß und als einzige in diesem stillen Räume Tränen vergießend, näherte sich der Mutter mit ausgestreckter Hand. Aber die Hand wurde nicht ergriffen. Scheu wanderte Flossie im Kreise um den runden Tisch herum, der bauschige Schwanz ihres Fuchses schwankte hin und her, und die Glasaugen des Tieres schienen die Menschen anzustarren. Konrad gab ihr ein Zeichen, gemeinsam verließen sie das Zimmer und das Haus. Konrad brachte Flossie durch die Straßen, die im großen ganzen ihr gewöhnliches Aussehen zeigten, heim. Bloß am Ende der Straße waren die Litfaßsäulen zerschossen, auch die Mauern der Häuser und die herabgelassenen Rolläden aus Eisenblech wiesen Schußspuren auf. Flossies Schritte wurden langsamer, jetzt blieb sie stehen, sah Konrad an und bewegte die Lippen. Aber sie sprach nicht. Konrad wußte, was sie hatte sagen wollen, in ihrem klaren Blick lag ihr ganzer guter Wille, ihn von Herzen zu trösten. Er faßte ihren Pelz, den sie um den Hals trug, das eine Ende mit der rechten, das andere mit der linken Hand. So zog er ihren Kopf nahe an sich heran. Aber er küßte sie nicht, nur einen Augenblick lang hielt er sie so nahe bei sich im Schweigen. Dann begannen sie beide weiterzugehen, im gleichen Schritt, erst langsam, als ob sie sich schwer von der Stelle der Straße trennen könnten, und dann in ihrem gewöhnlichen Schritt, und so sagten sie einander an der Schwelle ihres Hauses adieu wie immer. Daheim trat die alte Magd ein und trug das Mittagessen auf: eine Kriegsspeise, Kälberzähne genannt, und als Nachtisch Wrukenkompott, sacharingesüßt, mit Roterübensaft gefärbt, und Flossies Werk, einen Pudding, der aus chemischen Bestandteilen zusammengesetzt war. IX. Konrad hatte auf dem Nachhausewege seinen Bruder getroffen. Rudolfs dünner Zivilmantel war naß, auf den Schultern hafteten Kiefernnadeln, seine Schuhe waren mit feuchter Erde bedeckt. »Wo kommst du her, Bruderherz?« fragte Konrad, dem noch das Herz vom Abschied von seiner Flossie schlug. »Ich? War wohl nur ein wenig spazieren.« Daheim angekommen, trafen sie die Mutter und die Schwester noch bei Tisch. Konrad konnte kaum etwas hinunterbringen, Rudolf und Hilda hatten Hunger und nahmen von allem, soviel sie bekommen konnten, selbst dem chemischen Pudding Flossies machten sie Ehre. Nach dem Essen gingen die Brüder in Konrads Zimmer. »Bist du nicht müde? Willst du nicht ausruhen?« fragte Konrad. »Nein, du sollst erst mal hören, was da heute nacht alles passiert ist! Übrigens, ich habe Zigarren in der Manteltasche, bist du so freundlich und bringst sie mir? Du glaubst nicht, was für fabelhafte, und Zigaretten auch.« Konrad ging und holte aus der Innentasche von Rudolfs Mantel zwei Zigarren und eine flache Schachtel Zigaretten hervor. »Na, willst du? Greif zu!« sagte Rudolf und hielt dem Bruder die Zigarren hin. »Wo hast du denn so etwas her?« fragte Konrad erstaunt. »Das gibt es ja schon lange nicht mehr, nicht einmal für Gold.« »Und du glaubst natürlich, ich habe das Zeug für euer Geld gekauft? Ach, im Leben nicht! Das Geld habe ich als Trinkgeld für die Gesellschaft gestern abend gebraucht. Es war keine andere Note da. Absichtlich habe ich gewechselt. 2 mal 10 = 20. Und alles für die Katz! Der Hausherr hatte alle Dienstboten fortgeschickt. Da stand ich nun mit Minnas Geld!« »Minnas Geld?« »Mensch, tu doch nicht so erstaunt! Ich weiß doch ganz genau, daß du mir deshalb auf der Straße aufgelauert hast. Aber wir kennen uns, du wirst mir die Hölle nicht zu heiß machen. Ist ja auch zu egal. Was soll ich dir vorlügen, siehst du, das Geld, da ist es, zwanzig Mark! Da liegt der ganze Bettel. Zweimal zehn ist zwanzig. Wenn es sein muß, geh hin und gib es dem alten Drachen in die Lade zurück. Ein Mensch wie ich stiehlt nicht. Minna ist jetzt beim Geschirrwaschen und merkt nichts.« »So findet sich das Geld wieder?« sagte Konrad betroffen und ging im Zimmer hin und her. »Und ich soll das Geld zurücktragen? Und wenn man mich sieht?« »Natürlich sollst du! Mich drückt es ja nicht!« »Also gib schon her«, sagte Konrad, »aber was du genommen hast, sind nicht zwei Zehner gewesen, sondern ein Zwanziger, und das muß doch auffallen, wenn das Geld wieder in der Tischlade liegt, denkst du nicht auch?« fügte er hinzu, da er sich besann, wie er selbst die Schublade ausgeleert hatte beim Suchen nach der Zwanzigmarknote. Die Mutter klopfte an die Tür. Hilda war nach dem Essen eingeschlafen, sie sollten nicht zu laut sprechen. Konrad erinnerte sich jetzt auch des Schreckensrufes der Schwester, Rudolf habe gestohlen. Sollte er der Mutter berichten, was er wußte? »Wenn ich nur irgendwo für die zwei Zehner eine Zwanzigmarknote finde und wenn mich nur niemand erwischt! Das hättest du nicht tun sollen. Wir hätten einen anderen Ausweg gefunden.« »Wenn du es nicht passend hast, gehst du eben einmal hinunter und wechselst in einem Laden«, sagte Rudolf ganz selbstverständlich. »Ja, gewiß doch! Die Hauptsache ist: das Geld ist da. Und am besten machen wir es so: du rufst jetzt Minna und sagst ihr, daß du gleich wieder fort mußt, und gibst ihr die schmutzigen Schuhe. Und während du sie festhältst, sehe ich zu, wie ich alles wieder in Ordnung bringe. Bitte, tu es nicht wieder! Rudolf, nein, tu es nicht! Noch in seinem letzten Brief schreibt Vater viel von dir. Eigentlich nur von dir. Er ängstigt sich. Das war sein letzter Gedanke. Sieh doch, wir wollen dein Bestes. Wer meint es gut, wenn nicht wir? Du sollst nicht stehlen! Du sollst es nicht nötig haben, verlaß dich auf mich! Du kannst mir alles sagen. Denk, ich sei dein Vater. Von jetzt an. Soweit ich es kann. Wo warst du übrigens? Du mußt viele Stunden auf der Landstraße gewesen sein –« »Ach, viele Stunden! Was du für Redensarten machst! Konrad, der kluge Hans, das rechnende Pferd! Der Prediger in der Wüste! Der wattierte Konrad! So war Vater nicht. ›Von jetzt an. Soweit ich kann.‹ So nicht!« sagte Rudolf. »Ruf lieber Minna her, ich lege mich inzwischen aufs Sofa, und dann beschäftige ich sie ein paar Minuten! Aber sag mal, wie kriegst du die Lade zu ihrem Tische auf, wenn sie sie abgeschlossen hat?« »Willst du nicht doch lieber die Sache Mutter erzählen?« fragte Konrad. »Dann sind wir alle Schwierigkeiten los. Mir sind diese Winkelzüge in tiefster Seele zuwider.« »Mutter? Im Leben nicht! Ich schwöre dir's zu. Mutter hat keine Ahnung von so etwas. Was weiß die von mir? Ja, wenn Vati noch lebte –« »Nicht doch, nicht doch, Rudolf!« »Laß mich! Was willst du von mir? Du bläst mir den Zigarrenrauch ins Gesicht, die Augen tränen mir – ist doch alles Quatsch! Und mach jetzt endlich los!« »Sei doch nur vernünftig, Rudolf!« »Los, sage ich! Schick das alte Kamel her, das dumme – und sieh mal, du mußt genau herhören! Weißt du, wenn du die Lade vielleicht doch nicht gleich glatt aufbekommst, dann nimm einen krummen Nagel und fang die Zunge mit einem Dreh linksherum im Schlosse auf, das ist nämlich furchtbar einfach. Aber du lernst es doch nicht; am besten, du schiebst den Schein durch einen Spalt hinein. Soll sich Minnachen wundern, da haben eben die braven Heinzelmännchen die zwanzig Mark wieder herbeigeschafft, und die Tugend ist wieder einmal gerettet –« Minna kam und zog Rudolf, der den Übermüdeten markierte, die Schuhe aus. Dann kratzte sie in der Küche, die Schuhe auf den dürren Knien haltend, mit einem alten Messer den teigartigen Schmutz von dem dünnen Leder, das schon feine Risse zeigte, lieferte dann die blankgeputzten Schuhe zu Füßen Rudolfs ab und merkte nicht, wie Konrad, der das Geld gewechselt hatte, aus ihrer Kammer kam. Kaum hatte sich Konrad an Rudolfs Seite auf das Sofa gesetzt, als es klingelte. Minna führte zwei junge uniformierte Männer herein. Es waren Leute von der neu formierten Bürgerwehr, die Rudolf zum Beitritt auffordern wollten. Sie stürzten sich auf die angebotenen Zigaretten, besonders der ältere. Mit monotoner Stimme und stereotypen Ausdrücken redend, versprachen sie Rudolf ein selbständiges Kommando. »Wird wieder strammer Grußzwang eingeführt?« fragte Rudolf. »Keine Frage! Sie werden Ihre Vorgesetzten grüßen, und Ihre Untergebenen werden Sie grüßen! Alles wie beim alten Heer! Alte Zucht! Bitte entscheiden Sie sich freundlichst noch heute bis zum Abend! Wir brauchen Mannschaft für den Nachtdienst und Posten!« Rudolf sagte: »Ach, jede Nacht um die Ohren schlagen? Gestern war ich aus – heute vielleicht wieder? O du mein Herrgott! Vielleicht vor dem Telegrafenamt Posten stehen? Kaltes Wetter! Sturm! Wenig Spaß!« Konrad wandte ein, daß Rudolf noch nicht großjährig sei, man müsse auch an seine Zukunft denken, es werde kein Berufsheer mehr geben etc. »Glauben Sie das ja nicht«, sagte der ältere der zwei Abgesandten, »der Wehrstand wird immer bestehen. Was jetzt vor sich geht, wird zum Glück unseres Landes nicht von Dauer sein.« »Sie richten sich aber doch danach ein«, sagte Konrad, auf die Achselstücke des älteren Fahnenjunkers zeigend. Sie waren, wie er mit seinen scharfen Augen gesehen hatte, mit Stecknadeln provisorisch befestigt, um im Notfalle leicht entfernt werden zu können. Jetzt hatten sie sich zufällig verschoben und hingen an der linken Seite herab. »Ach, mein Allerbester, wenn's weiter nichts ist«, sagte der Junker naiv, »wozu soll man sich mit allen aufgehetzten Menschen herumpöbeln? Zur Sache: Unsere Kommandostellen werden unseren Freiwilligen die doppelte Löhnung des alten Heeres geben, Arbeiter – und Soldatenräte lassen wir links liegen, ganz links – tadellose Bewaffnung und Uniform wird regulär aus alten Beständen geliefert. Wir haben noch Mäntel aus Friedensstoffen, Wachpelze, alles ist da.« »Offen gestanden«, sagte Rudolf, auf dem Sofa hingelümmelt, »ich mache mir im Augenblick auch aus den Wachpelzen nichts mehr. An was soll man denn jetzt noch glauben? Wer soll wen bewachen? Alles vorüber, alles vorbei! Ist ja, genaugenommen, nichts als Quatsch! Ja, wenn es noch an die Front ginge!« » Sie haben aber davon keinen Gebrauch gemacht, als es noch Zeit war, lieber Junge«, sagte der jüngere Abgesandte, der bis jetzt geschwiegen hatte, »Sie genausowenig wie Ihr Bruder. Wir zwei aber waren beide draußen, ich bin dreimal verwundet, mein Kamerad einmal verschüttet, einmal vergast. Wir kennen Ihren Herrn Vater.« »Bitte, lassen Sie meinen Vater aus dem Spiel! Sie sind jetzt hier, im warmen Zimmer und rauchen – er ist draußen geblieben. Und Sie, sitzt denn bei Ihnen alles fest?« Rudolf zerrte an den Achselstücken, aber bei dem jüngeren Menschen saßen sie fest, und ebenso fest war der Blick, mit dem er die Brüder fixierte. »Ach, Kamerad, laß ihn doch!« mahnte der ältere. »Mit solchen Brüdern ist nichts gewonnen. Wenn Sie zu uns wollen, melden Sie sich. Wollen Sie nicht, is egal. Wir gehen.« X. Als sie gegangen waren, begann Rudolf sofort von dem Gelage bei dem Hypothekenmakler zu erzählen. »Mensch! Konrad! Was hat es da zu saufen gegeben! Als ich hinkam, waren schon die meisten da, lauter Männer, aber auch zwei Mädels, die hatte der Manfred, der grauhaarige Bock, mitgebracht, er nennt sich auch Chiffon und will aus dem Elsaß sein. Eine Dame für sich, eine für den Hausherrn. Für sich eine zuckrige Puppe, sechzehn Jahre, rote Zöpfe, schlank wie ein Wiesel, hört auf ›Vera‹, geht ins Lyzeum. Eine Klasse unter Flossie, glaube ich. Der Manfred hat ihr gesagt: zieh dir feine Wäsche an! Da trabt das Dingelchen putzig an in den Paradehosen ihrer Mutter, weit über die Knie herab, mit himmelblauen Bändchen durchzogen, das schlottert nur so um unser geliebtes Püppchen herum, und dabei war in der Villa so schlecht geheizt, anständige Kohlen konnte der alte Kunde nicht aufbringen, nur Schnaps hatte er, und zwar alles, was es auf Erden gibt, den ganzen Vorrat wollte er präsentieren, alles, was Namen hat. Und damit die zwei Dinger nicht so frieren, hat er der einen seine Jagdjoppe geliehen, sah ja zu phantastisch aus, oben die grüne Jagdjoppe mit den Hirschhornknöpfen und unten die schneeweißen Zottelhöschen. Die andere wollte nicht sagen, wie sie hieß, die Kollegin der Vera. Orchidee nannte sie sich, hatten ja alle, Herren wie Damen, so ulkige Namen. Die Orchidee hatte ihr Turnhöschen an aus feldgrauem Stoff, sah ja himmlisch, wirklich schnuckig aus, und oben eine stramm gespannte, dünne Matrosenbluse. Den alten Makler, Kriegsgewinnler, glaub' ich – gar so alt ist er aber nicht, fabelhaft herausgemacht, Gold und Edelsteine, den nannten sie einfach Rosenfinger – jüdischer Name, aber von Juden keine Spur – die Pfötchen geleckt, die Hände wie aus Marzipan – – und einen interessanten Sportsmenschen sah ich da, der beim Spionageabwehrkommando Ost gewesen ist, der hieß Steffie, horcht aber auch, wenn man Kleckschen ruft, schwarzer Schnurrbart, scharf nach rechts und links, Damen und Herren, hat wohl so allerhand, aber hohe Klasse, riesig intelligent, in jedem Sport Ia, er weiß, was er ist. Alles sieht er, hört er, stellt die Ohren auf wie ein Hund, der geborene Spion. Als ich kam, waren sie schon alle da. Sie warteten auf mich, und das war eben mein Clou. Empfingen mich mit Hallo! Und Matrosen waren da und Jungs und ein paar fabelhafte Sportskanonen. Es war schon über Mitternacht, aber zuerst saßen sie alle bekümmert und trist herum im Speisesaal um die Teller mit den Schmalzstullen und stopften und stopften. Zu mir war der Rosenfinger eitel Zucker, Rudolf hier und Rudolf dort und meine blonden Siegfriedslocken – aber mir wurde es heiß. Und da fingen wir an, die Schnapsflaschen aufzumachen, die Jungens zogen die Röcke aus, die Mädels kuschelten sich aneinander und machten große Augen, rauchten wie die Schlote, husteten und kicherten, und eine verschluckte sich, und das Wasser kommt ihr aus dem Näschen und der Rauch aus dem Mund, und in der Joppentasche rechts und links hatte sie alles, das kleine Weib, nur kein Taschentuch! – Warum lachst du nicht, Konrad, sitzt da wie ein Klotz!« Er schlug dem Bruder auf die linke Schulter, aber der Schlag traf nicht, denn die Schulter war vom Schneider besonders wattiert, um die Unregelmäßigkeit im Bau des Rückgrates auszugleichen. »Du wattierter Konrad!« spöttelte Rudolf. »Du bist die Tugend selbst. Du und deine blonde Flossie, das frische Trampelchen, ihr hättet dabei sein müssen! Wir hätten euch eingeheizt, verlaß dich darauf! – Und höre nur zu, da gab es erstens einen Allasch, und ich trank diesen Allasch mit dem Gastgeber, Rosenfinger, auf langes Leben und gute Geschäfte, prosit! Und dann roten Cherry Brandy mit meiner süßen kleinen Vera, auf Ihr Wohl, gnädiges Fräulein! In Rot! Und trank auf unsere Freundschaft. Und trank diesen Cherry, und dann half and half auf das Wohl der kleinen Rotznase Orchidee in der grauen Turnerinnenhose, zu eng am Hintern, Ihr Spezielles! Und wenn Sie noch so ungnädig gucken! Und trank diesen half and half und dann gelben französischen Chartreuse mit dem gelben Manfred, dem Bild der hungrigen Jahre, liebster Bruder mein, ich sah aber weg, und er sah auch fort, Sekt gab es, aber der machte furchtbar durstig, und da waren wir auch schon auf du und du, ich und sie, und ich trank diesen Anisette, und mit dem ulkigen Steffie, den sie auch den scharfen Japaner heißen, weil er Jiu-Jitsu kann, trank ich einen ganz kleinen Anisette, ein Kleckschen dem Kleckschen, und der putzige Makler kam zu, und einen Arm um den Hals von Manfred, und seine Brillanten glitzerten wie toll, obwohl er alles so schummrig hatte beleuchten lassen, und den Kopf auf die Schultern des Japaners Steffie gelegt und einen Arm um meinen Hals, so zeigte er uns drei Männern stolz: das alles hier habe ich mit Lieferungen von Zeltösen gemacht, alles aus eigener Kraft, ohne fremde Hilfe, alle sollten wir Brüder sein und uns lieben wie Vater und Sohn und Bruder und Bruder, und ich soll heute abend wiederkommen, da wird der Manfred auch wieder da sein, und besonders wir zwei sollen von Herrn Steffie etwas Jiu-Jitsu lernen, die Kunst der Selbstwehr mit allen 606 Griffen, fabelhaft doch, nicht? Er, Rosenfinger, hat im Kriege auch die vielen ulkigen Eimerchen für Marmelade fabrizieren lassen aus Papier. Und da tranken wir eben etwas wie Kümmel, nur schärfer, aber wasserklar, und da war ein Offizier in Zivil, fühlte sich aber gar nicht gemütlich, hager wie ein Stock, war dem wohl auch zu heiß oder zu kalt, weiß der Himmel, er zog immer nur die Schultern vorne zusammen und rieb sich die Hände, als wäre ihm nicht ganz wohl, und zählte seine Worte, leckte an seinem Monokel, als wäre es aus Zucker. Aber den andern war es warm geworden, und Verachen schmiß die Joppe weg und die doofe Orchidee ihre Matrosenjacke und zog das graue Höschen an den Beinchen in die Höhe, weit über die Knie, und das Grammophon wurde aufgedreht, und eine schöne Twostep-Platte nach der anderen, da tanzten sie zusammen, die blassen, schlanken, niedlichen Gören, Köpfchen an Köpfchen und Hälschen an Hälschen, und schnippten mit den Zöpfen und schwankten schon mächtig. Mir zeigte der Rosenfinger seinen großen Trainingssaal mit dem Punchingball, da übten wir ein ganz klein wenig im Stoßen, aber das Seil, an dem der Ball zwischen den Türfüllungen hing, war nur Papierstrippe, bums, da war's aus, da kullerte er herunter und in eine Ecke. Aber jetzt ist ja Frieden, da gibt es wieder alles und alles wieder, wie es war. Weißt du, Konradin, ich bin nicht so, wie du denkst, ich habe immer meinen armen Vater vor mir gesehen. Und die Jungens, die sagen: so finster, du süßer, blonder Gott? Denen hätte ich am liebsten in die Fresse gespuckt. Ich schmiß mich hin, es waren da zwei Matratzen auf der Erde ausgelegt, nebeneinander, und über meinem Kopf schaukelten die Turnringe, mit echtem Leder bespannt. Und Vera kam und brachte zu trinken, Crème de vanille, glaube ich, und da lagen wir, sie auf der rechten Matratze und ich auf der linken, und sie war ganz außer sich, und mit ihren weichen Haaren kitzelte sie mich ins Ohr, sie trug ihre langen roten Zöpfe frei, nur unten mit etwas Schnürsenkel eingeknüpft, und sie sah mich von der Seite mit den feuchten grünen Augen an, sie wollte ganz sicher was von mir – ich konnte etwas nicht machen, und sie warf den Kopf zurück, machte das kleine Mäulchen auf und zu, leckte sich die Oberlippe, da sah ich ihre weiße Kehle, die zuckte, dann hatten sie auf einmal alle das Licht ausgemacht und hatten geschrien: ›Lichtstreik! eins, zwei, drei, Licht aus, Messer raus!‹ Aber ich lag ganz still da und hörte sie atmen, und dann raschelte was, da zog sie aus ihrer doofen Hose unten das himmelblaue Band, bei Licht nachher habe ich es gesehen, und damit hat sie mir die Hände gebunden und hat mich abgeknutscht, an der Stirn und hinter dem Ohr, wohin sie eben kam, wäre sie doch nur wieder fort gewesen, es war ja auch zu heiß. Und ich war selig, als die anderen wieder hereinkamen, mit Manfred und Steffie, da machte sie, Vera, mir schnell die Hände wieder frei und nahm es für ihr Haar, das Band. Dann sind sie alle marschiert, treppauf, treppab, bis in den Wintergarten und in das Schlafzimmer, mit Kerzen in der Hand, eine ganze Prozession, ich rechts, Vera links, Manfred in der Mitte, und trugen jeder in der rechten Hand eine Kerze und in der linken eine Schnapsflasche, und kein Mensch nahm mehr ein Glas zum Trinken. Wie die Wilden soffen wir direkt aus der Pulle. Dann waren wir wieder in dem großen Saal, wie im Anfang. Die Vera war immer noch bei mir. ›Ich muß Ihnen etwas sagen‹, sagte ich, und sie hielt ihr kleines Öhrchen gegen meinen Mund. Da kamen mir ihre Haare in den Mund, und ich mußte lachen und hielt ihr Köpfchen etwas weg von mir. Das mußt du doch verstehen? Das verstehst du doch, Konrad? Wärest du doch auch mitgekommen! Es waren so viele Menschen da, man hätte es nicht bemerkt. Vera drängte und drängte, und endlich sprach ich. ›Wissen Sie, Fräulein Vera‹, sagte ich, ›daß mein Vater gestern gefallen ist? Wie merkwürdig! Sechs Tage nach Waffenstillstand?‹ – ›Urchtbar raurig‹, sagte sie in ihrer putzigen Babysprache – auf einmal kreischte sie gar nicht mehr ›furchtbar traurig‹ auf und warf sich mit einem Ruck auf die andere Seite und fing an, mit ihrem Manfred sich herumzukugeln. Aber der Manfred war auch nicht glücklich. Er kann keine Schmalzstullen mehr vertragen. Er wollte niemals ins Feld, und da hat er monatelang in seinem finsteren Elsaß nur von schwarzem Kaffee und Kressensalat gelebt und schon paar graue Haare bekommen. Und dazu ein Magengeschwür. Solch ein Windhund verträgt keinen Schnaps und keine Schmalzstullen. Und ich konnte trinken, immerzu, und wurde nicht dun. Aber ein Praliné nahm er doch, der Manfred, direkt von Veras Mund. Ich tat, als hätte ich's nicht gesehen, aber ich hätte ihn zerreißen können und er mich auch, sicher! Und ich trank jetzt mit den anderen aus den Flaschen, Rosenfinger hat ja genug, und jetzt, wo Frieden ist, kommen immer neue Alkohole herein, da haben wir Prünelle getrunken und Curaçao, scheußlich süß, und dagegen zur Erholung Pfefferminz mit Eiskristallen und dann Sekt, gemischt mit Benediktiner, und dann Zeugs, das wie Bonbons schmeckte, aber ich mag mein lebelang keine Bonbons mehr essen, ich habe ja kein Magengeschwür, und wenn ich einen Menschen auf der Welt hasse, dann hasse ich diesen Manfred, und ich werde es ihm beim Jiu-Jitsu schon beweisen, verlaß dich drauf! Diesen Chiffon werde ich zerreißen, den Lumpen, der er ist! – Ach, mir tut das ja so wohl, daß ich wenigstens dich habe, ich habe dich doch, du bist der einzigste Mensch, der mir geblieben ist. Ich weiß es. Mit unserer frommen Mutter ist ja nichts anzufangen! Sie jammert. Sicher! Aber sie jammert nur um sich. Was weiß sie? Ja, ich lasse sie schlafen, ich bin ja so leise, ich muß dir erzählen, ich habe noch viel auf dem Herzen, ganz etwas anderes als die läppischen zwanzig Märker, und die Mutter soll nur ruhig schlafen! Ich wecke sie schon nicht auf. Es ist für uns alle ein fürchterlicher Schlag. Einer hat gesehen, daß meine Hose, die Cut-Hose vom Vati, im Gesäß zu voll ist, nein, nicht so, versteh mich nur recht, du Schwein. ›Mein blonder Tor‹, sagte er zu mir, ›Sie haben wohl das dunkle Beinkleid von Ihrem Herrn Vater geerbt?‹ Da habe ich aber dem grauen Bock eins in die blasse Fresse gelangt, mit oder ohne Jiu-Jitsu, und zwar so, daß der Manfred sich vor seiner Braut verstecken soll. Aber er hat nur gelacht, mit knallroter Backe, er, ja er beherrscht sich zu gut. Da habe ich die Achseln gezuckt und bin weitergegangen in die Bibliothek, da war ein Marmorkamin mit einem Eisbärfell, und da lagen schon ein paar Kerle, halb ausgezogen, aneinander, meist ältere, und die schmökerten in den Büchern, und ich guckte auch hinein. Aber es war ja zu scheußlich. Da tranken wir Jungens aus Sektgläsern eben einen Gin und dann etwas Martell, und dann gossen wir etwas alten Korn auf die Blätter von solch einem schweinischen Schmöker, und husch-husch, steckten wir ihn ins Feuer, hoch ging er wie bengalisch Licht, und da wurde uns allen wunderbar warm, ja, glücklich und selig waren wir, wir Jungens unter uns, du glaubst es nicht! Und ich holte einen noch dickeren Schmöker aus der Bibliothek, außen Pergament und dickes Bütten innen, mit allerlei Bildern, und dem gaben wir wieder ein wenig Aquavit, der brannte noch einmal so famos, und dann einen mit Schwedenpunsch, der wollte wieder gar nicht Feuer fangen und schmorte nur so trist dahin, aber dann, mit Schwarzwälder Kirsch, uralt, da brannte es lichterloh, und ich fing an zu flennen, und die andern Jungs flennten mit im gleichen Takt, bis die Mädels hereinkamen, so gut wie nackt. Da liefen wir schnell weg und ließen sie ans Feuer und an den Eisbärenkamin, und der alte Offizier kam mit uns, wollte fort, ich natürlich auch, aber ohne Vera wollte ich nicht gehen, ich konnte doch nicht. Und da gingen wir wieder los und trafen Vera an der Tür zum Badezimmer, da gingen wir frech hinein, und Steffie mit der Orchidee und ich mit der Vera, und das war ein ganz großer Saal, mit einer riesenhaften Spiegelscheibe und einem wunderbaren Badebecken und Glasvitrinen überall, mit großen Flaschen Parfüm, und ich machte eine Flasche auf und spritzte sie an, und sie quietschte ›nicht doch!‹ und wollte ›doch, doch!‹, und die anderen zwei machten so allerhand in einem Winkel und gurrten und würgten, unheimlich, mein Ehrenwort, so etwas war mir neu, da war es schon dunkel, und ich stand mit Vera am Spiegel, und wir lehnten uns mit dem Gesicht zum Spiegel beide, da war es kühl, und mir war so sonderbar. ›Bleibst du mir treu?‹ – ›Icht ragen‹, flüsterte sie, ›du, ich habe Durst‹, und ich hatte auch so furchtbaren Durst und holte aus der Bibliothek vom Kaminsims zwei neue Flaschen Schnaps; im Salon war es dunkel, und überall stolperte man über die Jungs, und die Schmalzstullen lagen auch glitschig am Boden umher und, jammerschade, mit der Fettseite auf dem Teppich, und einer wispert zum anderen: ›Da ist immer jemand hinter uns her und erpreßt‹, und der andere flüstert so rauh: ›Fürchte dich nicht, Süßer, im Volksstaat gibt es neue Gesetze, denn wir sind neue Menschen‹ – das klang so gut, da hätte ich den Menschen direkt küssen mögen. Aber ich ging zurück zu Vera und traf sie noch am Spiegel, und die andern zwei stöhnten im Dunkeln, es war zu scheußlich. ›Ach nicht doch, Bubi, was soll der Schnaps, ich habe wirklichen Durst?‹ Da hatte ich natürlich auch gleich Durst nach Wasser, aber es gab im ganzen Hause keinen Tropfen Wasser, wir machten Licht, die Orchidee schimpfte fürchterlich und kiff, und der Steffie kleckste auch so etwas Giftiges vor sich hin, da verstand ich, warum der seinen Namen hatte. Aber Wasser fanden wir doch nicht. ›Wollen wir nicht bald gehen?‹ fragte ich. – ›Wohin denn? Ich habe Mutti gesagt, ich bin über Nacht bei Frieda‹ (das war die Orchidee in Zivil), ›und Frieda hat ihrer Mutter gesagt, ich bin bei Vera, und Vera, das bin ich, weißt du das auch? Und liebst du mich? Ich liebe dich auch, Süßer du, aber mein Mann ist Manfred –‹ ›Wie kann das sein, das ist doch Quatsch? Du bist noch nicht mal siebzehn, und Manfred ist dein Mann?‹ – Bruder, Konrad, hörst du mir auch zu? Da kommt es nämlich darauf an. Ich bin doch nicht dumm, aber das habe ich beim besten Willen nicht verstehen können. Verstehst du das, Konrad? Doch auch nicht?« Aber er erwartete Konrads Antwort nicht ab, wie besessen sprach er weiter. »›Und da kannst du jetzt noch nicht fort?‹ sagte ich. ›Manfred erlaubt es nicht?‹ fragte ich. – ›Was hat der schon zu erlauben? Ich liebe ihn ja nicht. Ich bin ihm nur hörig, das kommt oft vor.‹ ›Ich kann das nicht verstehen, du Liebes‹, sagte ich zu Vera. ›Sollst du auch nichts sagt sie, ›du bist ein süßes Dümmchen, üßes Ümmchen, deshalb habe ich dich auch so lieb.‹ – ›Versprich mir das eine‹, sagte ich, ›bleibe mir treu! Verstehst du? Dann kannst du so hörig sein, wie du willst.‹ – Habe ich nicht recht gehabt, Konrad, das ist doch nicht unmännlich, das mußte ich doch sagen. – ›Ach, ich bin zu müde und möchte zu gern heim, mein liebes Jungchen‹, sagt sie zu mir, ›und mir ist in der alten dünnen Hose furchtbar kalt, zu kalt‹, sagt die Vera, ›hätte ich nur meine Bluse wieder oder noch besser meinen Mantel, der liegt mitten in dem großen Haufen Garderobe im Vorzimmer draußen –.‹ Die Dienstboten waren ja alle fort, Rosenfinger wollte sie nicht dahaben. Ich ging in die Garderobe und suchte das Mäntelchen. Sie hatte es mir ganz genau beschrieben, aus feldgrauem Stoff, aber wunderbar dunkelblau eingefärbt, mit Metallknöpfen in zwei Reihen, daran hätte man natürlich keinen Mantel erkennen können, es gibt ja jetzt so viele in der Art, es waren ja aber nur zwei Mäntel von Mädels da. Doch wie ich den Mantel anbrachte, fand ich Vera nicht mehr. Die meisten schliefen schon, aber draußen war es noch dunkel, und nach Hause wollte ich nicht. Du weißt ja, ich kann so schlecht schlafen, und da gab ich Rosenfinger die Hand, und er kam mit mir hinunter, und mit seinen blitzenden Fingern kam er an mich heran und stopfte mir eben diese Zigaretten und Zigarren in die Taschen, überall – ich wollte aber nicht, ich sage dir die Wahrheit! ›Auf Wieder- wieder-sehen, heute abend Jiu-Jitsu!‹ rief er mir nach. Ja, schon gut. Und keine zehn Schritte war ich gegangen, da merkte ich, daß ich Veras blaues Mäntelchen mit den Kronenknöpfen noch immer auf dem Arm trug. Zu regnen fing's auch an, und es ging der Wind im Dunkeln. Wirf's in Dreck, dachte ich, aber ich konnte nicht, ich lief zurück und klingelte, er wohnt in seiner Riesenvilla allein, und nach einer Weile kam jemand die Treppe herab, nichts als Vera, leichenblaß und die Hand unten auf dem Bauch und die Unterlippe ganz zerbissen. Als sie mich sah, sagte sie nichts, und als ich sie sah, sagte ich nichts. Und ich legte ihr das Mäntelchen um die Schultern und sah, wie das Mäntelchen mit den Militärknöpfen sich schüttelte. Aber sie sagte immer noch nichts und nickte nur immer mit dem Kopfe. Siehst du? So! So! ›Komm nicht zu spät morgen in die Schule, du Liebes‹, sagte ich, damit ich doch was sage, ›habt ihr dort geheizt? Und mit uns – mit uns wird alles wieder gut. Wir verstehen uns ja beide. Ich bleibe dir treu. Wenn du ebenfalls willst, so – dann mußt du mit dem Kopfe nicken!‹ Da nickte sie weiter. Gott weiß, wo sie war. Da war ich wieder allein auf der Straße, es mochte wohl nicht mehr ganz so finster sein, und der Wind ging auch nicht mehr so scharf. Der Alkohol war verflogen, ich wußte gar nichts mehr davon. Da hätte ich zu Hause schlafen können. – Ich wollte aber nicht zurückkommen. Ich war schrecklich müde, aber in meinen Schultern schüttelte es mich, und mit den Knien stieß es mich, Schritt für Schritt. Ich mußte ziehen. Da bin ich denn gezogen, und bin erst mal eine Stunde gezogen, da wurde es schon ein wenig schummrig, und ich war da in dem großen Dorf, wo wir mit Vati und Mutti und Hilda mal waren, im Sommer, beim Anleiheurlaub von Vati, und dann zog ich noch so eine Stunde, da war ich mitten im Wald, wo wir beide einmal nahe ran waren, du und ich, aber jetzt ging ich noch weiter, auf dem glitschigen Boden, auf den vielen Nadeln und durch, und es wurde licht, nur so trübe licht, eben nur hell, aber die Luft so rein und stark, stillte den Durst, und ein kleiner Hügel mit nackten jungen Birken, eine neben der anderen, zwischen den Zweigen der Nebel, und dann zog ich noch eine, zwei, drei Stunden, da waren wieder Felder mit Winterkorn und Dörfern, da fing es erst langsam an, richtig bei mir in den Beinen zu ziehen und loszugehen, da spürt man keine Müdigkeit mehr, es geht von selbst, und je länger, desto schöner, da ist man fort und denkt nicht mehr –« »Aber dann bist du doch zu uns zurückgekommen, hast an uns gedacht«, sagte Konrad flüsternd. »Ach, wer wispert denn da?« sagte Rudolf, wie aus einem Traum erwachend mit seiner alten Stimme. »An solchen Quatsch werde ich gerade denken! Kommt ja gar nicht in Frage. Ich wollte einfach nicht mehr. Eine solche rothaarige Kröte soll sich nur ja nicht einbilden, daß ich ihretwegen ziehe. Nicht im Traum! Ihr zum Trotz gehe ich wieder auf die Schule, du kannst mich anmelden. Zur Bürgerwehr gehe ich nicht. Ich habe genug von der Uniform. Und Rosenfinger sieht mich niemals wieder. Die halten mich ja für dumm. Ich bin kein Waisenkind, ich nicht. Solange ich Mutti habe, brauche ich keinen Rosenfinger und keine Vera und keinen Manfred –« »Weine nur nicht, Mutti hört dich«, flüsterte Konrad. »Idiot! Du weinst. Nicht ich. Ihr könnt mich alle –« Fassungslos brach Rudolf in Tränen aus, während er mit den Füßen um sich stieß. Plötzlich besann er sich, setzte sich auf, und, das hübsche Gesicht noch von Tränen überströmt und die schönen hellblonden, an einzelnen Stellen fast silbern hell leuchtenden Haare zerwühlt, die blitzenden, kugelrunden, blaugrauen Augen auf den Bruder gerichtet, zischte er: »Wann bekomme ich die zwanzig Mark zurück?« »Welche zwanzig Mark?« fragte Konrad verständnislos. »Sag' ich's nicht? Bist du nicht ein Idiot? Die zwanzig Mark, die ich dir vorhin geliehen habe, erinnerst du dich denn nicht, für Minna?« Konrad, der in dieser Stunde alles für seinen Bruder getan hätte, ging zum Schreibtisch, zog die Schublade heraus und gab ihm das Geld in lauter kleinen Scheinen und Münzen. »Na also«, sagte Rudolf mit einem grinsenden, gemeinen, verzweifelten Lächeln, »wozu das Theater?« »Du mußt mir versprechen, bei allem, was dir heilig ist, daß du nicht mehr in diese Gesellschaft gehst«, sagte Konrad flehend, indem er die Hände des Bruders in die seinen nahm. »Laß mich los!« rief Rudolf wütend. »Ich tue, was ich will, ich lasse mir nichts befehlen! Du willst wohl den Vater spielen? Das schlage dir aus dem Kopf! Wenn ich mir das Befehlen gefallen lassen wollte, könnte ich ja in der Bürgerwehr dienen! – Aber versprechen kann ich es dir ja!« »Ja, versprichst du es? Es ist nur dein eigener Vorteil!« »Ich verspreche dir alles, was du willst«, sagte Rudolf, während er sich bückte, um seine Schuhe wieder anzuziehen, »nur das eine kann ich dir nicht versprechen, daß ich mein Versprechen halte. Oder soll ich lügen? Bin ich ein Dieb? Zwanzig Mark! Rosenfingers Freund? Veras Popanz? Was bin ich bei Manfred? Da hast du keine Worte, was?« – Und er lachte, als sei nichts vorhergegangen und als sei er derselbe Mensch, der am Abend vorher das Elternhaus verlassen hatte, um zu dem Makler und Kriegsspekulanten zu gehen, den man Rosenfinger nannte und zu dem er sich auch jetzt wortlos auf den Weg machte. Es war dunkel geworden und eiskalt im Zimmer. Von draußen kam der Klang von Schritten. Auf der langen, wie fremd und unbewohnt aussehenden Straße zogen Infanteristen in Feldgrau einher, drei in einer Reihe, die Mantelkragen hochgeschlagen, zwei mit nach unten, einer mit nach oben gerichteter Flinte. Dieser Soldat, ein blutjunger, blonder Mensch, auf den das grelle, bläulichweiße Licht der eben entzündeten Bogenlampen wie ein Scheinwerfer fiel, zog gelangweilt und müde an seiner schräg im linken Mundwinkel hängenden Zigarette, dann, ganz lässig, im Vorübergehen, hob er den Kolben des Gewehrs an die Backe, richtete den Lauf gegen das dunkle Fenster, hinter dem Konrad, atemlos vor Angst, stand, und schoß, gleichmäßig vorwärtsgehend, auf die Bogenlampe, die klirrend zersprang. Die Flamme zischte nur einen Augenblick auf. Im Dämmern lösten sich die Kameraden unten schnell voneinander, sie hielten ihre etwas heller schimmernden Hände vor die Gesichter, wie um sich vor den Scherben der Bogenlampe zu schützen, die längst hinter ihnen lagen. Es war in der Nacht von Sonnabend auf Sonntag. XI. Die Universität war infolge der herrschenden Unsicherheit auf den Straßen am Montag geschlossen. Die Kämpfe zwischen der Bürgerwehr und der sogenannten Sicherheitstruppe, die den Arbeiter- und Soldatenräten unterstand, waren immer noch nicht abgeschlossen. Es fanden noch vereinzelte, aber deshalb für Unbeteiligte besonders gefährliche Scharmützel an Straßenecken und in den Anlagen statt. In einer großen Schule war die Aula in ein Massenquartier für durchreisende Soldaten umgewandelt, im Schulhofe war eine Feldküche, eine sogenannte Gulaschkanone, in Betrieb, für welche das Ernährungskommissariat vorläufig nichts außer etwas Pferdefleisch, frostbeschädigten Kartoffeln und Dörrgemüse, genannt Drahtverhau, bereitstellen konnte. Im Turnsaal war die Entlausung und Desinfektion. Das Rote Kreuz und ein Lokalkomitee waren an der Arbeit. Als Konrad gegen Einbruch der Dämmerung heimkehrte und im Flur der Wohnung einen Stahlhelm auf dem Tischchen liegen sah und an dem Garderobenhaken neben einem Mannschaftsmantel ein Koppel mit einem Offizierssäbel und einer Revolvertasche, die er gut kannte, blieb ihm das Herz stehen. Der Atem stockte ihm in der Brust. Endlich trat er heran, er sah sich die Revolvertasche ganz aus der Nähe an, er erkannte sie wieder. Um ganz sicher zu gehen, öffnete er sie und sah in der Innenseite die Anfangsbuchstaben des Namens seines Vaters und die Bezeichnung des Regimentes. Er faßte das durch langen Gebrauch weich und mürbe gewordene Leder an, das er selbst schon zweimal in Händen gehabt hatte. Es standen neben dem Namen des Vaters das eine Mal: Leutnant, undeutlich, verwischt; das andere Mal: Oberleutnant, klar und deutlich. Die erste Bezeichnung und die Bezeichnung des ersten Regimentes hatte Konrad dem Vater mit eigener Hand zu Beginn des Krieges hineingezeichnet mit unverwischbarer Tusche, und als bei einem Urlaub die Nachricht von der Beförderung und Versetzung zu einem anderen Truppenteil gekommen war, hatte Konrad die ersten Aufschriften mit dem Messer, einem alten, schartigen Messer, demselben, das unlängst die alte Minna zum Abschaben des Kotes von Rudolfs Schuhen verwandt hatte, ausradiert oder ausradieren wollen. Denn die alten Schriftzüge waren nicht mehr ganz gewichen. Es war still in der kalten Wohnung, bloß Minna rumorte in der Küche umher. Im Wohnzimmer gingen Schritte. Aber jetzt begann sich Konrad zu ängstigen und sich zugleich seiner Angst zu schämen. Er zögerte. Er konnte sich nicht entschließen einzutreten. Schwer atmend stand er da, die rauhe Innenseite der Revolvertasche streichelnd. Plötzlich konnte er, klar, nüchtern, ohne Illusion, es nicht glauben, daß ein Totgesagter auferstanden sei. Ein Schritt über die Schwelle, aus dem dämmerigen Vorzimmer in das erleuchtete Wohnzimmer – und alles war deutlich, klar, und er wußte alles. Und doch wagte er nicht, der Wahrheit zu begegnen. Ja, einmal mußte er ihr begegnen. Aber jetzt noch nicht! Er nahm den Stahlhelm in seine Hand, faßte mit den Fingern in die kleinen Luftöffnungen rechts und links, er hob den Helm zu seinem Gesicht, er hielt den Helm vor seine geschlossenen Augen, aber es war nicht der Geruch, den er kannte, es war ein fremder, feindlicher Geruch nach Eisenbahnrauch und feuchtem Filz, der in dem schon zerfallenden, verbrauchten, dunklen, modernden, schweißbedeckten Leinenfutter des Stahlhelms steckte. Während Konrad noch mit der rechten Hand liebkosend und erschauernd über die wie Seide auf Rockaufschlägen glatte, kühle Außenseite des Helms fuhr, trafen seine Blicke, einem unüberwindbaren Zwange folgend, einen viereckigen, kleinen weißen Streifen innen im Stahlhelm. Es war fast dunkel geworden im Vorzimmer, er wußte, daß er hier den Namen nicht entziffern konnte, deshalb öffnete er die Korridortür und trat in das Treppenhaus. Kalte Luft – Grabesluft kam ihm entgegen. Drinnen im Wohnzimmer regten sich schwere, dröhnende Schritte, wie sie der Vater nie gehabt hatte – und an der Innenseite des Helms sah Konrad im Lichte der Treppenbeleuchtung in fremder, eckiger Handschrift mit roter Tinte, nicht in schwarzer, den Namen: von Ohr, Hptm. d. R. Er hatte alles gewußt, und doch! Eine furchtbare Bitterkeit stieg in ihm auf. Aber er dachte jetzt zuerst an seinen Bruder: seinem Bruder mußte er die Enttäuschung, die furchtbare Bitterkeit ersparen, das war seine erste Aufgabe. Er ging zurück in das Vorzimmer, nahm das Koppel und den Mantel und übergab alles Minna. Das alte Mädchen nahm die Dinge entgegen, sie fragte nicht. Die Küche war ungeheizt und kalt, die sauber geputzte Herdplatte mit Zeitungspapier ausgelegt. Minna rieb die gebrauchten Kochtöpfe mit Asche aus und sammelte diese in einen Steinguttopf. Nach einem Rezepte Flossies sollte man aus dieser Masse feine Fettseife kochen können. Die Mutter war wieder in der Kirche, sie hatte schon wunde Stellen an den Knien, hieß es, an den Strümpfen hatte Minna Blut gesehen. Sie war trotz der Kälte und Nässe ohne Mantel ausgegangen. Jedesmal betete sie in einer anderen Kirche, wie Minna flüsternd erzählte. Sie schonte sich nicht. Sie war verstört, verbarg sich, sie wollte nicht erreichbar sein, auch für ihre Kinder nicht. Rudolf war eben noch dagewesen, hatte sich Turnschuhe geholt, offenbar wurde bei dem Hypothekenmakler irgendein Sport getrieben. Hilda war bei Flossie. Von Ohr hatte die ganze Zeit ungeduldig auf Konrad gewartet. Er umarmte ihn stumm und sehr fest. Er schlug ihm auf die weiche, wattierte linke Schulter, ohne den düsteren, aber männlichen, ungebrochenen Blick seiner dunkelgrauen, kleinen Augen von ihm zu lösen. Zuerst förmlich: »Mein Sohn, ich habe Ihnen im Auftrage des Regimentskommandos ein paar Sachen von unserem armen Kameraden zu überbringen. Ich bin froh, daß wir unter uns sind, denn ich möchte Ihnen die Sachen vorerst allein geben und Ihnen das Nötigste mitteilen. Ihre Mutter schonen Sie am besten, wenigstens in den ersten Tagen. Recht so? Ich habe Eile, meine Frau wartet auf mich, ich habe meinen Burschen vorausgeschickt.« Er öffnete seinen feldgrauen Mantel (also einen zweiten), den er im kalten Zimmer anbehalten hatte und der noch die silbernen Achselstücke trug. »Seinen Revolver und sein Offiziersportepee haben Sie draußen im Flur wohl schon gesehen. Und hier ist seine Brieftasche mit den Papieren, seine Uhr, sein Bleistift, sein Ehering, ein Amulett, das er um den Hals getragen hat. Seine Ehrenzeichen. Sein Prismentrieder. Seine letzten Handschuhe. Nach einiger Zeit übergeben Sie das alles Ihrer armen Mutter. Und jetzt wohl adieu! Ich muß gehen!« Konrad brachte alles in einer verstaubten Hutschachtel unter, die neben dem Violinkasten auf dem Schrank stand und den alten Zylinderhut seines Vaters enthielt. Es war, wie der Vater oft erzählt hatte, sein erster und einziger gewesen, er hatte ihn bei Prüfungen, bei seiner Hochzeit, bei den Taufen und Firmungen seiner Kinder getragen. In die Höhlung des Hutes, die mit weißer Seide ausgeschlagen war, fielen mit dumpfem Klang die Andenken. Es dämmerte stark. Der Hauptmann zögerte. Der Parkettfußboden knackte. Weder Konrad noch der Hauptmann sprachen. Im Vorraum half Konrad dem Hauptmann in den Mannschaftsmantel, den dieser noch über den Offiziersmantel anzog. Die Sachen waren, von Minna zurückgebracht, wieder an der alten Stelle im Vorraum gehangen. »Nun, Gott mit Ihnen«, sagte von Ohr an der Entreetür. Aber er wußte ebenso wie der Sohn seines gefallenen Kameraden, daß sie an diesem Abend nicht so auseinandergehen konnten. Konrad nahm seinen Mantel und Hut, und auf der Straße gingen sie im gleichen Takt nebeneinander. Jetzt, im Marschieren, das an die vergangene Zeit erinnerte, taute der Hauptmann endlich auf, er blieb stehen, faßte Konrads Hand, fixierte sein Gesicht, dann sagte er: »Ich überlege mir die ganze Zeit, soll ich Ihnen die Wahrheit sagen oder nicht. Soldat waren Sie nicht. Aber ich hoffe doch, Sie sind ein Mann. Was da in der Zeitung steht, in eurer Traueranzeige im Stadtblatt, das stimmt leider nicht. Nein, nicht so, wie Sie meinen! Tot ist er, aber nicht auf dem Felde der Ehre gefallen, sondern einfach ermordet. Ich habe ja telegraphiert: Unglücksfall. Am 17. November 9 Uhr morgens. Auf dem Durchmarsch durch ein belgisches Dorf kam aus einem Haus ein Schuß, traf ihn von rückwärts, links über dem Wirbel durch den Uniformkragen in den Hals, herunter vom Pferd, kein Ton mehr, nichts, und zehn Minuten später war er tot. Der Bataillonsarzt war sofort da. Kein Arzt konnte helfen. Meine Kolonne stand. Die Leute drangen in das Haus ein und holten die Kanaille heraus. Und wer war es? Ein neunjähriges Mädchen stießen unsere Jungens mit dem Gewehrkolben aus der Tür, in beiden Händen schleppte es eine alte dreckbeschmierte Flinte, die sicher die ganzen vier Jahre metertief unter dem großen Misthaufen eingegraben gewesen ist. Und das Stück Unglück lachte, stupid oder frech. Wir standen da. Kein Mucks. Wir konnten es nicht glauben. Aber im ganzen Hause war kein Mann. Überhaupt waren im ganzen Ort nur junge Burschen, eben Kinder, dann die Mädels und die alten Leute, arbeitsunfähige Krüppel, alles andere war zur Schanzarbeit hinter unseren Linien verschoben. Der Vater von unserer Denise auch. War der Balg von Sinnen? Sie soll einmal was abbekommen haben. Was, wußten wir nicht. Ein paar alte Hexen waren im Erdgeschoß gewesen, aber in den Räumen, die nach hinten hinaus gingen. Eine solche alte Vettel war sofort nach dem Schuß herausgekommen, ›o mon Dieu, mon Dieu!‹ – sie wollte mit einem schmierigen Lappen unseren lieben Kameraden verbinden. Wir ließen sie nicht heran. Er ist in Frieden gestorben, hat kaum ein wenig geröchelt. War sofort hinüber. In die Luftröhre verblutet. Oder Rückenmarkschuß. Schließlich egal. Das alte Weib hat sich und ihn und ihn und sich bekreuzigt von oben bis unten, und in ihrem Kauderwelsch, da ging es wie in einer Mühle, hat sie dem Kinde auf die dreckigen Finger geschlagen: ›Wie oft hab' ich dir gesagt, du sollst nicht, du sollst nicht! Was wird dein Vater sagen! Oh du lieber Gott!‹ das waren exakt ihre Worte. Freilich, Gott allein weiß, was das Kind schon vorher alles angestellt hat! Vier Tage marschierten unsere Jungens auf dieser Landstraße, Kolonne auf Kolonne. Vielleicht war Ihr Vater nicht der erste. Was sollten wir tun? Trost ist ja Quatsch. Wir werden nicht flennen. Wir sind Männer und bleiben es auch jetzt! Ihr Vater kam auf ein Sanitätsauto, am Abend war der Wagen lange vor uns an der deutschen Grenze in dem Dorf Kr. Sie haben uns dort noch spät in der Nacht empfangen, in Ehren und von Herzen, mit Fahnen und heißen Würstchen. Und dort war er aufgebahrt, mein lieber, alter, treuer Freund, und einen Tag später haben sie ihn da begraben. Ich zeige Ihnen den Ort auf der Karte. Das Kind hatten die Soldaten mitgenommen. Es hat sich zuerst gefürchtet, blaß wie ein Mehlwurm und dünn wie ein Schatten im Mond, dann hat es sich beruhigt und ist zwischen den vielen Muschkos hin- und hergeflitzt, hat unverschämt gelacht und die spitzen Zähnchen gezeigt und französisch geschwätzt und eine Menge deutscher Brocken dazwischen. Neun Jahre alt, mit einem schwarzen Frühstückstäschchen an einem Riemen, zartes, kleines, abgemagertes Ding, nur in den Augen lag etwas, aber wer sieht hinein? Sie war nicht größer als eure Hilda, als ich sie 1915 sah. Ich erinnere mich noch genau. Bei Gott, es sind entmenschte Zeiten! Wie sind wir ausgezogen! Wie kommen wir zurück! O patria, o mores! Was sollten nun unsere Leute mit einem solchen Unglückswurm anfangen? Hat es gewußt, was es angestellt hat? Spiel oder Ernst? Gesund? – Krank? – Ein Kind! Rein aus der Welt. Man faßt es nicht! Die Soldaten hätten es, Gott weiß, vielleicht bis nach Deutschland mitgeschleppt. Kinder! Kinder! Alles Kinder! Als Waffenstillstand war, hatten die Amerikaner mit einzelnen von unseren Leuten zwischen den Drahthindernissen Tauschgeschäfte gemacht. Deutsche Stahlhelme und Uniformknöpfe und, im Vertrauen gesagt, auch unsere deutschen Verwundetenabzeichen und unsere eisernen Kreuze feste verschachert gegen amerikanische Wurst- und Obstkonserven, Schokolade, Kaugummi und Zigaretten. Friede auf Erden? Ja! Nie! Dreckzeug und Scheibenhonig! Ihr Vater hat das nicht mitgemacht. Er nicht. Aber unsere Soldaten hatten die Taschen voll damit – für Zuhause – und fütterten jetzt das belgische Balg! Der Herrgott mag wissen, ich hätte es erwürgen können, und doch, was konnte solch ein Viertel Menschlein dafür? Möglicherweise war es das beste, daß man es so verwöhnte. Denn, Kamerad, was glauben Sie, was tut das Unglückswurm? Zieht aus dem Frühstückstäschchen noch sone paar Magazine scharfer Patronen heraus und gibt sie den Soldaten, unter Lachen! Auf der offenen Hand! Also war die amerikanische Schokolade doch zu etwas gut! Das irre Teufelsbalg würde jetzt nicht mehr ›so dummes Zeug machen‹ –. Sind denn alles Irre oder Verbrecher, alt und jung? Gibt es keine Gerechtigkeit mehr unter den Menschen?« (hier fühlte Konrad aus ganzer Seele mit ihm – und zum erstenmal seit dem Tode seines Vaters kamen ihm echte Tränen) »– und keinen Herrgott oben, der deutsch versteht? Wie konnte es so gerade über uns kommen? Es sind doch so viel famose Menschen gewesen. Ist denn alles Mist und ... von oben bis unten? Das frage ich mich, nachdem ich den Rummel vier Jahre lang mitgemacht habe. Woran liegt es denn? Wo haben wir gesündigt? Ich kann ja gar nicht mehr ... Eine halbe Stunde von dem Ort kamen uns die Heimkehrer, die Deportierten, mit unserem Schanzzeug entgegen. Sie sangen die Brabançonne, die Unseren sangen ihre Lieder, wacker, unverzagt, das schwör' ich Ihnen, unverzagt! Die alten, die sie tausendmal gesungen hatten im schwersten Schlamassel, im ärgsten Dreck. Das Kind lief kreischend und lachend zu ihnen, den Belgiern. Vielleicht war sein Vater darunter. Wir ließen es fort. Barbaren sind wir nicht. Besiegt sind wir nicht. Nur erdrückt, nur vernichtet. Das war kein Zweikampf. Nur eine Katastrophe. Entschuldige ich mich jetzt vor euch, die ihr daheim geblieben seid? Alles ... Aber sie sangen, und wir sangen auch. Bald hörten wir sie nicht mehr und sie uns auch nie wieder. Aus war's. So war's. Und jetzt Gott befohlen. Ich bin zurück. Behalten Sie alles für sich. Wir sehen uns wieder. Ich will jetzt den Offiziersmantel mit den ehrlichen guten Silberstrippen nach außen tragen, so sollen mich meine Leute sehen. Kommen Sie bald zu uns. Kommen Sie zu mir! Kommt nur alle oft!! Ihrer armen Mutter erzähle ich eine Heldengeschichte und lasse auch die Tröstungen der Religion nicht aus, das sagt ihr ja soviel. Und Sie, schweigen Sie! Wir verstehen uns. Sollten Ihre Mutter und Sie mich als Vormund für den Schlingel Rudolf und das Mäuschen Hilda vorschlagen, euch werde ich nie NEIN sagen.« Konrad nickte. »Obgleich ein Berg Arbeit in dem Misthaufen hier auf mich wartet. Ihr sollt mich immer haben, wann und wo ihr mich braucht. O Gott, daß es so kommen konnte!« Dritter Teil I. An dem Morgen des 17. VI. 1926, an dem um vier Uhr Rudolf bei Chiffon verhaftet worden war und an dem gegen sieben Uhr Vera vergeblich versucht hatte, den Gefängnis- und Gerichtsarzt Konrad D. von dem Schicksal seines Bruders zu unterrichten, hatte sich der ahnungslose Konrad wie gewohnt um neun Uhr in das Gefängnis begeben. In seiner Aktentasche hatte er wichtige Akten von Untersuchungsgefangenen, über die er Gutachten abzugeben hatte, und zwischen den Aktenbündeln, in wasser- und fettdichtes Papier verpackt, Butterbrote, die ihm seine Frau Flossie eingepackt hatte. Schon am Portal des großen Gefängnisses, das wie Moabit in Berlin Untersuchungs- und Strafgefängnis in einem war, empfingen den Arzt seltsame Blicke des Personals. Er bemerkte sie sofort, war etwas betroffen, konnte sie sich aber nicht erklären. Er fragte nicht und begann seinen Montagsrundgang durch die Einzelzellen. Er ging die auch jetzt im Juni düsteren und säuerlich riechenden Korridore entlang, die totenstill waren. Nur selten hörte man die Schritte eines Sträflings schlurren oder die Blechdeckel auf die Eimer niederklappen, während aus den oberen Räumen, den Fabrikationslokalitäten, das Geräusch der arbeitenden Maschinen, das Schnurren und dann das Aufheulen der Marmorschleifmühlen, das quetschende Stöhnen und Klirren der Kartonagepresse hinabklang. Er war bei seinem Inspektionsgang noch nicht weit gekommen, als ihm ein Kalfaktor nachkam und ihm, ihn mit dem hündischen Blick des »verwendbaren« Sträflings von unten herauf anhimmelnd, meldete, der Herr Major ließe ihn sofort zu sich bitten. »Herr Major« wurde der Gefängnisdirektor Herr v. Ohr, zu Ende des Krieges Hauptmann der Landwehr i. R., von den besonders unterwürfigen Untergebenen und Gefangenen genannt. Er leitete das Gefängnis seit 1919, hatte verschiedene Fabrikationszweige mit verhältnismäßig gutem Gelingen eingeführt, so daß zu seinem Stolz die Aufwendungen des Staates, auf den Kopf des Gefangenen umgerechnet, von Jahr zu Jahr gesunken waren. Sofort nach der Beendigung seines Studiums war Konrad, der Sohn seines nach Kriegsende in Belgien gefallenen Freundes, zuerst aushilfsweise, dann etatmäßig als Gefängnisarzt unter ihm tätig gewesen. Die zwei Männer verkehrten außer Dienst auf dem Duzfuße, die Familien sahen einander häufig, trotz der gesellschaftlichen Isolierung, in die Dr. Konrad D. durch seinen Bruder gekommen war. Die kinderlose Frau v. Ohr hatte der Mutter Konrads in den ersten Zeiten ihrer schweren Depression Gesellschaft geleistet. Es war eigentümlich, daß die Mutter, nun schon seit Jahren in einem offenen Sanatorium, »Waldfrieden«, untergebracht, auf winzigen Blättern Briefe ausschließlich an Frau v. Ohr schrieb und sie in kleine Kuverts hüllte, wie sie Kinder zum »Postamt und Briefträger«-Spielen verwenden. Meist waren es nur wenige Worte, die vor allem die demütige Entschuldigung enthielten, wegen Raummangels könne sie nicht mehr schreiben, auch wenn sie sich noch so mit ihren winzigen Buchstaben einschränke. Daß sie zuviel Platz einnähme, sei zu traurig; daß sie anderen Menschen die Luft wegatme, daß sie eigentlich gar nicht mehr leben dürfe, das war ihr Wahn nach dem Tode ihres Mannes, mit dem sie sich nie abgefunden hatte. Sie betete, von einer furchtbaren Angst befangen, oft von Morgen bis Abend, aber sie war harmlos und geduldig. Unter den anderen, zum Teil ungefährlichen Kranken war sie beliebt, obgleich sie niemals direkt mit ihnen sprach und nur für sich in ihrer düsteren Ideenwelt lebte. Ihre Briefe begannen immer mit der durch die Anfangsbuchstaben gekennzeichneten Formel »G. s. J. Ch.« (Gelobt sei Jesus Christus!) und das Schlußwort »I. E. A.« stand meist schon auf der Rückseite des winzigen Kuvertchens statt des Absenders: In Ewigkeit Amen! Sie schrieb, sie warte nur auf den Tag, wo ihre durch eigene Schuld nur zu sehr verdiente, schwere Krankheit, »Herzverkleinerung«, geheilt sein würde, um zu ihren geliebten Kindern zurückzukehren. Aber sie fragte nie nach ihnen, selbst dann nicht, als von Rudolf, ihrem Lieblingskind, seit dem Herbst 1923 alle Nachrichten ausblieben. Was hätte man ihr schreiben sollen? Sie hatte aber auch nach der Geburt von Konrads Kind nicht Glück gewünscht. Der behandelnde Arzt, der emeritierte Leiter einer großen Anstalt, beurteilte ihren Zustand optimistisch, es würde Heilung eintreten, man möge die Kranke aber inzwischen nicht besuchen, sie äußere ihm oft ihre alte Angst vor den Menschen und ganz besonders vor sich, sie esse wenig und mit Mühe, werde aber doch aufrechterhalten. In der letzten Zeit waren übrigens ihre Briefe ausgeblieben, bloß die guten Berichte des Professors gingen weiter. Im Zimmer des Direktors v. Ohr befand sich außer einem riesigen Schreibtisch mit der »im Hause« aus Kunstmarmor verfertigten, monumentalen Luxusschreibgarnitur nur das notwendigste Mobiliar, und an den dunkelbraun tapezierten Wänden war kein einziges Bild, bloß eine etwas hellere, viereckige Stelle auf der Tapete: es war der Platz, den früher das Kaiserbild eingenommen hatte. Und unter dieser geweihten Stelle, an einem in die Wand geschlagenen Nagel, war angehängt der Degen des Reserveoffiziers, das vor Alter schwärzlich gewordene Offiziersportepee um den verbogenen, stählernen Degengriff gewunden. Als Konrad kam, traf er den Direktor sehr erregt. Seine sonst lederfarbene, derbe Haut war jetzt burgunderfarben gerötet, die Stirn unter dem dichten, eisfarbenen, bürstenartig emporstehenden Haar war finster, voller Furchen und er, der sonst stets »sein Personal« hinter dem großen Schreibtisch sitzend empfing, ging ruhelos die Wände entlang, bisweilen mit seinen starken, quadratischen Schultern den Nagel streifend, an dem der Offiziersdegen hing, und im Vorbeigehen mit der Troddel spielend. Den Gruß des Arztes beantwortete er mit der gewohnten knappen Verbeugung, ließ sich dann krachend in den schweren, ledergepolsterten Eichenstuhl fallen, bot dem Besucher einen stoffgepolsterten, ebenfalls braunen Stuhl an und starrte ihn lange mit seinen kleinen, festen, stahlgrauen Augen an. Konrad erwiderte sehr ruhig diesen Blick. Aber dann schlug der Direktor mit seiner geballten Faust auf den Tisch voller Akten und »Journale«. Der Arzt, der mit dem Direktor hier nur streng dienstlich verkehrte, fragte immer noch nicht. Aber plötzlich entsann er sich des sonderbaren, noch ungeklärten Anrufs von sieben Uhr morgens und der sonderbaren Blicke der Gefängnisangestellten, und er begann zu ahnen, was kommen sollte. Unvermittelt stand der Direktor auf, kam hinter seinen Rücken und, schwer atmend, zeigte er ihm eine Stelle in dem Aufnahmejournal, indem er mit seinem dicklichen, an den Gelenken höckerigen Zeigefinger auf drei Zeilen hinwies. Nr. 189. Rudolf D., geboren 12. April 1901 in B., ledig, unbestraft, verhaftet am 17. Juni 1926, siehe Blatt 875/9672/23 des Fahndungsblatts. Wortlos starrte Konrad das Blatt an. Fünf Minuten lang herrschte Schweigen. Wiederholt meldete sich der Hausapparat mit seinem schnarrenden Laut, aber der Direktor hob nicht ab. Er hatte sich stöhnend hingesetzt, war dann nochmals aufgestanden, hatte das Journalheft, hinter dem Konrad sein Gesicht stumm zu verbergen suchte, an sich genommen. Dann traten sie an das offene Fenster. In dem kleinen, wohlgepflegten Spezialgärtchen des Direktors blühten die ersten Rosen, man hörte eine ferne Amsel tief und in endlosen schluchzenden Kadenzen schlagen, dann plötzlich verstummen. Dann setzte das auf- und absteigende Maschinengeräusch in den oberen Etagen, durch die sehr dicken Mauern gedämpft, wieder ein. »Was sagst du jetzt, mein Sohn! Und dabei war es doch schon Jahr und Tag zu erwarten...« »Was war zu erwarten?« »Lies nur, Alter, lies! Steht doch alles hier. Du kennst ja das Fahndungsblatt. Hast du es denn nicht begriffen? Mehr weiß ich selbst noch nicht. Gesehen haben wir ihn, sofort, als die Meldung kam. Der Mensch ist in einem seltsamen Zustande. Nicht krank, etwas anderes. Scheinbar verrückt. So etwas habe ich im Leben noch nicht gefrühstückt. Wie wenn im Oberstübchen nicht alles klar wäre. Da haben wir zuerst an den Doktor aus der Weiberabteilung gedacht, haben sofort angerufen, der sollte nach oben gehen.« »So, den Kollegen Fabrizius? Warum denn nicht mich? Warum erfahre ich das alles erst hier?« »Eben den Fabrizius. Ich wollte es so. Du wirst auch das bald begreifen.« »Ich hätte ja doch...« »Ach, nicht doch!« »Ich soll ihn wohl noch nicht sehen? Bitte, sei ganz offen.« »Wir sind immer offen, manchmal vielleicht zu sehr. Sehen? Ob Sie ihn sehen können? Jetzt nicht. Unmöglich. Und niemals, lieber Doktor, solange Sie hier in Amt und Würden sind, das verträgt sich nicht, das geht nicht an. Nicht der Welt wegen. Der Sache wegen. Manchmal begreife ich Sie nicht. Also nein. Sie sind hier etatmäßiger Arzt.« »Da werde ich Urlaub nehmen. Nein, ich werde gehen. Solange ich im Amt bin, werde ich nichts tun können. Ich werde um meine Entlassung einreichen.« »Entlassung? Heute doch nicht?« »Doch! Sofort!« »So! Sofort? Wie? Und ohne die Frau zu fragen? Auch Ihr Schwiegervater wird Ihnen vielleicht raten können. Ist ja eine schauerliche Situation. Keine Frage! Konrad! Doktor! Aber wie soll's erst weiter werden?« »Was kann ich anderes tun, als alles daranzusetzen, ihn freizubekommen?« »Mensch! Halt! Frei? Frei! Das ist außer aller Möglichkeit. Frei wird dieser Mensch, der nach einem unbegreiflichen Ratschluß der stupiden Natur der Sohn Ihres Vaters und Ihr leiblicher Bruder ist, nicht so bald wieder werden. Unterbrechen Sie mich nicht! Konrad, nein! Wo bleibt Ihr Gerechtigkeitsgefühl? Wo haben Sie Ihren Verstand gelassen, Ihren Blick? Nur sein Feind kann wünschen, dieses verlorene Subjekt wieder auf die Menschheit loszulassen. Ich sage dies nicht aus Haß, Sie wissen, Haß ist mir fremd. Wer Menschen haßt, wird ein Haus wie dieses nicht auf sich nehmen. Ich habe den Willen und die Mittel, den Willen eines Verbrechers zu brechen. Dazu bezahlt mich der Staat. Was aber dieser Rudolf ist, den ich besser kenne als Sie, der mein Mündel war, Gott sei's geklagt und gepfiffen, und von dem ich alles weiß, was ein Mensch vom andern wissen kann...« »Und wenn er trotz allem nicht schuldig ist?« »Ja, und eben kommt ein Telephonanruf aus dem Kirchhof, daß Herr Jakob Zollikofer, genannt Rosenfinger, und Herr Max Birkholz, Polizist, ihre Grabstätten Arm in Arm verlassen haben und demnächst als Entlastungszeugen für Ihr Brüderchen an Gerichtsstatt erscheinen werden. Menschenskind! Wollen Sie sich denn ein Wunder vom Himmel bestellen?! Zu spät! Zu spät! Ja, daß er ohne bewußten Willen und klares Ziel in diesen schauerlichen Morast hineingeraten ist, das ist sein und unser aller Pech. Und wenn man den Burschen ansieht, merkt man ja, daß auch jetzt noch das gottverfluchte Kokain aus ihm spricht. Aber eben deshalb steht man da, ringt die Hände und macht schließlich ein Kreuz über ihn. Das mußt auch du tun, Konrad. Du mußt. Denn sieh, was soll es nützen, daß du seit Jahr und Tag die Augen vor dem schließt, was kommen muß. Hat er gemordet? Geschossen hat er. Menschen hat er ums Leben gebracht. Warum? Warum nicht? Kein böser Wille? Ja, wo nicht einmal ein böser Wille da ist, da ist auch nichts zu brechen. Gegen Wurstigkeit, was Menschenleben anbetrifft, dagegen gibt es keinen Strafvollzug, der fördert und an den man glaubt. Hier steht dein Bruder. Genau dort. Was rede ich da viel? Schade um den guten Knotenstock, den man an solchem Kaliber zerschlägt. Schade um alles.« »Und hätten Sie tausendmal recht, Herr Direktor, mich wird nichts davon abbringen, ihn zu ...« »Ihn ... was? Was mit ihm? Ich warte. Also was? Wovon soll Sie der »Herr Direktor« nicht abbringen? Nun sehen Sie, sehr verehrtester Herr Gefängnisarzt und Gerichtsgutachter. Ihnen fehlen sogar die Worte. Nein, nicht um ihn hat es zu gehen. Jetzt seid ihr an der Reihe, du, Flossie, und dein reizendes Kind. Türmt! Ziehet aus, aus diesem gelobten Lande. Zu lange schon habt ihr hier gewartet. Fort. Einem tüchtigen, arbeitsfrohen, ungebrochenen Menschen wie Ihnen steht die Welt auch heute noch und selbst in diesem traurigen Lande offen. Sie sind von anderem Schlag. Sie kennen diese Wurstigkeit Menschenleben gegenüber nicht. Sie haben Gerechtigkeitsgefühl, ich hoffe es wenigstens? Hier haben Sie dann nichts mehr verloren. Und wenn Sie Ihr Blut Tropfen für Tropfen für das arme Brüderlein vergießen, vergebens! Ihm wird immer Unrecht geschehen. Und er wird immer Unrecht tun. Habe ich nicht selbst, ein alter Erzieher der abgebrühtesten Zuchthäusler, die Hände lassen müssen von ihm, als ich sein Vormund war? Und was soll's jetzt mit ihm? Kommt er ins Zuchthaus – in unseres hier aber nicht, solange ich was zu bestimmen habe –, so wird man sagen, warum nicht in eine geschlossene Anstalt für Geisteskranke, für Degenerierte? Kommt er aber ins Irrenhaus, dann wird er durchbrennen, und man wird sagen, warum hat man den Knallfritzen nicht im Zuchthaus einquartiert? Ja, die Klassenjustiz. Ich kenne es ja. Nichts Neues unter der preußischen Sonne. Aber, wäre es nur darum, ich zerrisse mir mein Maul nicht deswegen. Solcher Menschen gibt es ja, oben und unten, mehr als uns lieb ist. Um Sie geht es mir. Da will ich Ihnen ganz zart etwas in Erinnerung bringen. Vielleicht dämpft dann dies etwas Ihren Eifer für den verlorenen Sohn?« »So? Und was könnte das sein?« fragte Konrad, in seinem empfindlichsten Punkt getroffen. »Bitte, sprechen Sie nur! Was könnte man mir vorhalten?« »Ja, das habe ich mich auch gefragt. Aber setzen Sie sich nur schön wieder hin, und lassen Sie mir mein gutes Tintenfaß in Frieden! Ein gewisser Dr. Konrad D. hat vor Jahr und Tag einem abgefeimten Halunken, von dem wir heute leider nichts wissen und nichts in Händen haben als seinen Spitz- und Spitzbubennamen Chiffon, ein gerichtsärztliches Sachverständigenzeugnis ausgestellt, Herzschwäche und Blutarmut, und hat ihn vom persönlichen Erscheinen zu einem bestimmten Termin befreit. Nur eine Kleinigkeit, gewiß. Chiffon hat Zeit gewinnen wollen, gewisse gute Freunde in höheren Regionen für sich interessieren wollen, was weiß ich? Aber das eine weiß ich, Doktor, Sie müssen weg von hier!« »Gerade nicht! Das Attest über Manfred von G. habe ich korrekt, nach bestem Wissen und Gewissen ausgestellt.« »Gerade nicht! Es ist nämlich sehr die Frage. Noch einmal, Kind, wo ist dein Gerechtigkeitsgefühl? Du schreibst akute Herzschwäche. Akute Herzschwäche, auch Bammel oder Sch... genannt, hat manch ein Gaunerstrick vor Gericht. Da wackelt das Herzchen und schlägt dreizehn statt zwölf. Und Blutarmut? Ja, eure Hilda hatte Blutarmut, aber ein Chiffon ... Wen hast du da gedeckt? Heißt der Kerl überhaupt so, wie er sich nennt? Hat er seine Hände im Mustopf gehabt? Mit dem Rosenfinger war er ja verdächtig dick befreundet, und manche sagen manches. Er, das ist bombensicher, er hatte seine Gründe, und du, mein Bester, auch. Es hat eben alles seine Gründe. Jetzt hat es sich ausgegründet, das Herzchen schlägt bei dem Schurken in gutem Takt, und seine Blutarmut hat ihn an nichts gehindert. So blutarm wie der arme Rosenfinger ist er jedenfalls nicht geworden. Wo seid ihr alle hingeraten? Dein Bruder, mein ehemaliges Mündel, du, der Sohn meines Herzens, dein Schützling Chiffon – und schließlich ich, der ich hier mit dir in dienstlicher Angelegenheit spreche, was ich nicht müßte und nicht sollte. Schweige soviel du willst und bohre deine Blicke auf meinen alten wackeren Kriegsdegen, es bleibt alles doch so, wie es ist. Schweige stundenlang, deshalb ist die Presse doch dahinter her, hinter euch allen und bald vielleicht auch hinter mir, jeder hat seine Feinde, wir beide stehen so exponiert, daß wir Feinde haben müssen. Aber bis jetzt hatten wir ...« »Lieber ... Herr ... Direktor, ich war doch korrekt.« »Korrekt! Korrekt! Korrekt genügt nicht. Für unsereinen nicht. Der Betreffende, von dem Euer Gnaden wußten – still jetzt, still –, daß er seine mehr oder minder losen Bande mit dem armen Brüderchen hat, jetzt brauchen wir ihn, und er ist über alle Berge. Wir interessieren uns für ihn, und seine Personalakten hat ein Mäuschen im Präsidium oben gefressen. Alles fort. Nur ein Dokument ist geblieben. Das Ihre. Nein, korrekt? Das ist nicht die Frage. Sie hätten es nicht ausstellen dürfen. Sie hätten die abgebrühte Kanaille nicht decken dürfen. Andere haben es getan. Ihre Sache. Sie hätten nicht zu ihnen gehören müssen. Alles war falsch an dem krummen Hund. Wußten Sie das nicht? Wo bleibt der Gutachterblick, das ärztliche Auge? Sie hätten irren können. Das dürfen alle, selbst ein preußischer General kann irren. Aber Sie hätten sich nicht in die Gefahr begeben dürfen, daß man Ihren Irrtum falsch deutet – oder richtig. Ablehnen hätten Sie müssen. Ja!« »Nein. Das erlaubt die Vorschrift nicht.« »Ach, Sch... Die Vorschrift erlaubt alles. Hättest du mich gefragt! Du fragst doch sonst oft genug. Schweig! Hättest du mir gefolgt! Es gibt immer Mittel und Wege, um als sauberer Mensch einer solchen klebrigen Geschichte auszuweichen. Und jetzt, Schluß mit dem Palaver. Aufgepaßt, die ganze Kompanie hinhören! Im Ernst, Kamerad! Die vergangenen Sünden, pascholl. Erledigt, geschenkt, laß fahren dahin. Zuviel Worte haben wir jetzt schon an diesen Mist gewendet. Aber von jetzt an, 17. Juni 1926, zehn Uhr und soundsoviel. Jetzt kannst du noch mit Ehren heraus. Jetzt gibt dir das Gesetz, die Vorschrift, wie du es nennst, die Möglichkeit, dich der Aussage zu entschlagen. Ja oder nein?« »Nein!« »Doch! Ja und ja und nochmals ja, zum Teufel hinein! Du hast dich jetzt mit Mann und Maus und Kind und Kegel aus dem brennenden Sodom und Gomorrha zu drücken und eine Frontverkürzung vorzunehmen. Es werden sich Leute finden, die den Rückzug decken. Darauf kannst du mein Wort haben, Mann. Was soll's denn sonst? Was soll es denn, heraus mit der Sprache! Ich will dieses verbiesterte Gesicht nicht sehen, rück heraus mit deinem Gegen ... wie soll ich's sagen? Ach was, es ist, wie es ist. Höre, oder besser, hören Sie. Mag sein, daß man auch hier von einer der vielen Kreaturen dieser Bande belauscht wird, wir wollen mehr als korrekt sein, und wir können es doch noch, was? Wir können es. Ihn können und werden Sie nicht retten, Rudolf meine ich, das Schmerzenskind, den Wurm im Apfel. Aber doch sich?! Die kleine Familie? Alles, was ihr euch in dem scheußlichen Schlamassel der letzten Jahre mühsam aufgebaut habt, zu zweien. Laß ihn! Stoß ihn nicht mit dem Fuß, aber geh ihm aus dem Weg! Er steckt an! Wo bleibt dein ärztlicher Blick, ich frage dich es noch einmal? Ich will nicht tranrotzig werden, aber sag, ist eine einzige Flossie nicht tausendmal mehr wert als hunderttausend solche Rudolfs etc.? Er hat ausgespielt. Er ist das Plakat von gestern. Er hat keinen Sinn mehr.« »Du verstehst ihn nicht. Du tust ihm Unrecht!« »Wie denn das? Das ist doch heller Wahnsinn?! Ist er denn nicht krank, ist er nicht wurzelfaul wie die Zeit, aus der er kommt? Leichenfaul. Mir graute es heute morgen, als ich ihn sah, ja, heute, und er spielte noch den Gent! Mir ekelt es vor ihm. Über uns alle sah er hinweg. Wo war der Kerl? Betrunken war er. So etwas kommt ja aus dem Rausch gar nicht heraus. Beim Proleten ist es Schnaps, bei ihm ist es Kokain, das ist die Art des Gents. Kokain ist ärger als Schnaps. Unheilbar. Ich habe noch keinen geheilten Kokainisten gesehen. Sie ja? Nun meinen Segen! Eher noch tausend gebesserte, zu weißen Lämmchen gewordene Raubmörder. Was sagst du jetzt? Lieber! Guter! Altes, gutes Rindvieh! Haben wir uns gefunden? Zieh deine Hand aus der Maschine, Mann Gottes, glaub mir, es ist keine Sekunde zu früh. Ich sage es dir als alter Freund deines Vaters. Hier an diesem Tische hat vor einer Weile Fabrizius, Ihr Vertreter im Amt des beauftragten Gerichtsarztes, Ihr Attest über Manfreden gelesen. Sehr stillschweigend hat er es gelesen. Nun der nächstwichtigste Punkt: Der Staatsanwalt, der wie ein hungriger Wolf hinter der Sache her ist, obwohl, unter uns gesagt, das Hauptobjekt, Rosenfinger, an sich keinen Pfifferling wert ist, ein Schieber, Schwein und Seelenfänger – darüber sind wir uns ja einig, aber die Staatsanwaltschaft wird spätestens in einer Viertelstunde hier anrufen bei mir und dich an den Apparat bitten und dich formell fragen, ob du aussagen willst oder nicht. Ich will's auf mich nehmen. Ich will für dich antworten. Wir sagen nicht aus. Ich habe den Kopf deines Vaters gehalten, als er an seinem Halsschuß in einer Scheune starb. Zucke nicht die Achseln! Sei ein Mann. Du brauchst ihn nicht mehr zu sehen. Wir andern tun, was wir sollen und was wir können, für ihn. Reiß das Auge aus, das dich ärgert. Was liegt an mir? In ein paar Jahren gehe ich in meine königlich preußische Pension. Meinetwegen heute schon, hols der Satan von Weimar. Du weißt, wie schwer ich diesem herzensgut gemeinten, aber von Anfang an leider völlig verkorksten System subordiniere. Genug, übergenug. Man hat die dumme Masse mit Freiheiten gefüttert, so wie du deinen Bruder mit Verzeihung und Liebe, bis alles allen zum Kotzen wurde, mit Verlaub gesagt. Wo soll das einmal hinaus? Du jedenfalls mußt einmal da raus. Ganz heraus. Einmal muß jeder ins Feuer. Es muß sein. Sag selbst, Bruder! Hat nicht die Welt seinesgleichen schon genug gesehen? Hat nicht mancher seinen Bruder an seiner Seite verloren, und auf ehrenhaftere Weise als du deinen Rudolf? Ja oder nein? Was sagst du, du wortkarger Junge? Du liebst ihn, willst du sagen? Du bist ihm treu? Treu magst du sein, soviel du willst. Hündisch nicht. Hündische Liebe ist keine Liebe, es ist nur Hundesitte. Verteidigen? Du hast ihn nicht zu verteidigen. Du hast ja auch andere Spießgesellen seiner Art nie verteidigt. Da warst du Vertreter des strengen Buchstabens, und recht war es so. Und was bist du ihm? Hat er dich gebeten, daß du ihn verteidigst? Überlaß das dem Rechtsanwalt, den wir ihm bestellen und der bezahlt wird für seinen Dienst. Beteilige dich an den Kosten, recht so. Damit hast du deinen Bruderpflichten genügt. Was will er denn von dir? Was weiß er von dir? Hat er dir die ganzen Jahre hindurch jemals ein gutes Wort gegeben? Hat er dich aufgeklärt? Hat er gebeichtet, hat er dich gebeten: Bruderherz, nimm dich meiner an, hilf mir aus dem Schlamassel, verschaffe mir Arbeit – oder auch nur das eine: hab Mitleid mit mir, und gib mir Brot? Von alledem – nichts. Sieh mich nur an. Ich sage, wie es ist. Was sieht er an dir? Nicht einmal die Mücke am Hintern, ich sage es ganz offen, nicht einmal die Mücke, die ihn kitzelt. Er schlägt nicht mal nach dir. Und wenn du ...« Das Telephon klingelte. Diesmal nicht mit dem hölzernen, schnarrenden Lautsignal der »Haus«verbindungen, sondern durchdringend metallisch, wie alle Verbindungen von Amts wegen. »Sind wir also einig, Herr Doktor D.?« fragte der Direktor. »Verzichten wir auf die Aussage?« Er hielt den Hörer in der Hand, den höckerigen, gichtigen Finger auf die bläuliche, dünne Stahlmembran gepreßt, damit man am andern Ende der Leitung nichts von dem Gespräch hier hören könne. Er war aufgestanden, ein großer, vierschrötiger, trotz der Last der Jahre und des verlorenen Krieges und eines unbefriedigten kinderlosen Lebens noch ungebeugter Mann und hatte sich so eng an den viel kleineren und zarteren Doktor gedrückt, daß dieser die gute Wärme spürte, die von dem alten Offizier zu ihm drang. Die Lippen nach innen gepreßt, den Blick fest auf den langsam mit dem Hörer zur Wand zurückweichenden Direktor geheftet, stand der Arzt völlig beherrscht da, er nahm ihm, ohne zu zittern, den Hörer ab und sagte dem Untersuchungsrichter zu, daß er in Sachen seines Bruders jederzeit aussagen wolle. Die Hände hinter dem Rücken gefaltet, ließ ihn v. Ohr gehen. »Ein Glück, daß man keine Kinder hat! Hol der Teufel die ganze Bredouille!« Das Geräusch der Maschinen im Obergeschoß hatte sich verstärkt, die Arbeit war in vollem Gange. II. Konrad hatte geglaubt, daß ihn der Untersuchungsrichter sofort vorlassen werde, und war atemlos vor der mit grünem Leder gepolsterten Tür, die in den Vernehmungsraum führte, angekommen. Aber der Bürobeamte im Vorraum bat ihn, sich einen Augenblick zu gedulden. Dieser Augenblick dauerte fast eine Dreiviertelstunde. Konrad wußte nicht, ob inzwischen das Verhör mit seinem Bruder weiterging. Er schrak auf, als er Schritte hinter der Tür hörte, die sich dem Ausgang zu nähern schienen, es waren auch Stimmen zu vernehmen, oder eine Stimme, ganz gedämpft, aber bald wurde es wieder still, die Schreibmaschine des Bürobeamten klapperte und klingelte, und aus den geöffneten Fenstern klang das Schilpen von Spatzen und das Schrillen zweier niedrig fliegenden Schwalben herein. Konrad kannte den Untersuchungsrichter, einen Staatsanwaltssubstituten in mittleren Jahren, er kannte ihn nicht erst aus dem Dienst, sondern bereits von einer kurzen, von beiden nie wieder erwähnten Begegnung im Spätherbst 1918, bei der dieser Mann, damals Leutnant d. R., in Begleitung seines älteren Kameraden bei Konrad und Rudolf erschienen war und Rudolf vergebens zum Eintritt in die Bürgerwehr aufgefordert hatte. Noch besser hatte ihn der Arzt aus einem eigentümlichen Gerichtsverfahren kennengelernt, welches vor ein und einem halben Jahr gegen einen Minister a. D. durchgeführt worden war, der unter Anklage der passiven Bestechung stand. Man war sich im Gefängnis nicht ganz klar über den hohen Beamten, er zeigte Symptome einer ungewöhnlich schweren Depression, er aß nicht, schlief nicht – klagte aber auch nicht. Der Staatsanwalt hielt alles für Simulation, der Arzt fand es angesichts der besonderen Umstände – gestern noch einer der geachtetsten Männer der Republik, heute von allen, auch von den Parteigenossen, gemieden und verachtet, der schwersten Einsamkeit, den Gewissensbissen ausgeliefert –, nur normal. Eines Nachts aber hatte man den jungen Arzt telephonisch verständigt, der Angeklagte habe einen Selbstmordversuch gemacht. Er war hingeeilt, hatte den Mann fast ausgeblutet, beinahe sterbend gefunden. Also war die Depression nicht Simulation gewesen, nicht »Tombak«, wie man sie im Gefängnisjargon nannte, sondern nur zu echt. Auch der Substitut war da, ging unruhig in dem kleinen Krankenraum, der dem Arzt in dem neu eingerichteten, mustergültigen Gefängnislazarett zur Verfügung stand, hin und her, fröstelnd sich die Hände, schöne, besonders wohlgepflegte Hände, reibend. Die Zentralheizung funktionierte zu so früher Stunde noch nicht, es war Winter, und draußen heulte der Sturm. Es war gegen Morgen, vielleicht ein halb sechs Uhr. »Hübsches Theater, was? Aber doch nicht etwa ernst?« hatte der Richter nach der Untersuchung und dem ersten Verband leise gefragt, während er mit seinen Fingern spielte. Der Arzt hatte nur durch einen Blick geantwortet, denn eben begann sich das Bewußtsein bei dem altern Mann, dessen graumelierter Bart stark gegen die wachsartige, todesverkündende Blässe abstach, wieder einzufinden. Rettung war nicht möglich. Der Puls wurde bald nicht mehr fühlbar. Die Hälfte des Blutes war verloren, man konnte und mußte ihn ruhig sterben lassen. »Ach so?! Das wäre doch bitter!« sagte der Substitut. »Sind wir unserer Sache ganz sicher? Geben Sie ihm doch etwas noch zu! Eine Woche, das genügt. Nein? Aber doch noch einen Tag? Nicht? Dann also wenigstens ein paar Stunden!« Der Arzt zuckte die Achseln. »Achselzucken, guter Doktor, hilft uns nicht«, hatte der Richter gesagt, »setzen Sie Dampf dahinter, pulvern Sie in den Mann hinein, was menschenmöglich ist, wir brauchen noch ein kleines, ganz kurzes Verhör –«, und er setzte, vor Frost die Hände reibend, ein etwas menschlicheres Lächeln auf, das angesichts seiner bekannten Geringschätzung alles Menschlichen auf jeden andern abschreckend gewirkt hätte, nur auf den Gerichtsarzt nicht, der durch seinen Beruf mit allen Schrecklichkeiten des Menschenherzens, der Justiz und der Medizin vertraut war. »Er hat Familie, Frau und vier Kinder, er wird letztwillige Verfügungen zu treffen haben, es ist also auch in seinem Interesse, machen Sie, machen Sie schnell!« Und der Arzt »machte schnell«, sparte nicht mit aufstachelnden Injektionen, Kampfer, Koffein, Digalen, er ließ in die ausgebluteten Gefäße Kochsalzlösung einfließen, er flößte dem Minister a. D. zwischen die dünnen, schon sehr fahlen Lippen, über die jetzt ein unbewußtes, fast pflanzliches Zittern irrte, kaum erkennbar im bleichen Wintermorgen, zwischen die kunstvoll, aber häßlich in Gold gefaßten Zähne heißen Tee, Rotwein, Sekt, Kognak ein, und so gelang es, den Minister a. D. auf fünfunddreißig Minuten zu einem Scheinleben zu erwecken. Aber in diesen Minuten hatte der Richter seine Künste spielen lassen, er hatte dem ganz gebrochenen Würdenträger – der um weniger tausend Mark willen, für ein Wochenendhäuschen für die Familie, alles aufs Spiel gesetzt hatte – Geständnisse entlockt, die einen führenden Abgeordneten der Linken zu belasten schienen. Und während die schnell alarmierten Familienangehörigen an der Tür harrten, um dem Armen ein letztes Lebewohl zu sagen, flog die Feder des Richters über das Papier. Der Richter ließ sich nicht stören, er hatte eine eiserne Geduld, seine Mission im Interesse der Allgemeinheit ging vor. Diese Mission allein hatte ein Recht auf den Mann, und so war er, im Namen des Volkes, wie es jetzt allgemein hieß, nicht von dem Bett gewichen, bevor er nicht alles erfahren hatte, was zur Aufklärung des sehr dunklen Prozeßstoffes durch den Mund des Angeklagten zu erreichen war. Weder der Richter noch der Arzt hatten nach dieser Amtshandlung bei einem Sterbenden Gewissensbisse. Zynisch in seiner souveränen Menschenverachtung sagte nachher der Richter, den Arzt unter den Arm nehmend und mit der andern Hand das so mühsam gewonnene Protokoll liebkosend, nun hätten doch alle ihren Willen gehabt, der Angeklagte sei auf »honorige Weise« dem schandbaren Prozeß entgangen und hätte ehrlich gesühnt, der Arzt hätte eine Wunderleistung vollbracht, die mehr wert sei, als wenn er... Er hatte sich unterbrochen, vielleicht in dem Bewußtsein, er sei an die äußerste Grenze des Erlaubten gegangen. Er hatte viele Feinde, seine Gesinnung war auch den Konservativsten eine Spur zu scharf, er amtierte zwar fanatisch unbestechlich, aber nicht immer erfolgreich, und so kam es, daß er nach relativ langer, korrektester Dienstzeit, trotz großer und sogar anerkannter Gaben, daheim eine unversorgte Familie, immer noch den relativ untergeordneten Posten eines untersuchungsführenden Staatsanwaltssubstituten einnahm. Auch in diesem Falle war sein Vorgehen nicht von Erfolg begleitet gewesen. Die Angaben des Ministers a. D. in der Agonie waren zu nebelhaft, es blieb leider keine hieb- und stichfeste Handhabe, gegen die »Großköpfigen«, gegen die »Revolutionsgewinnler«, die »Oberbonzen« vorzugehen. Auch der Gefängnisarzt stand immer auf Seite des Stärkeren. Er war Richter und Arzt in einer Person. Der Staat bezahlte ihn hauptsächlich wegen seiner Gutachtertätigkeit, wegen seiner richterlichen Eigenschaft, weniger deswegen, weil er dem einen oder andern langjährigen Zuchthausinsassen, dem die Arbeit an den hochtourigen Marmorschleifmaschinen die Lunge mit scharfem Marmorstaub angefressen hatte, das Leben um ein paar Monate verlängerte oder ihm das Sterben erleichterte. Die Haupttätigkeit des Arztes spielte sich nicht im Gefängnis ab, dessen Hygiene auch ohne ihn geregelt war, sondern an seinem Schreibtisch und in seinem Laboratorium im gerichtsärztlichen Institut, in dem er trotz seiner Jugend eine große Rolle spielte. Dort wog er das Für und Wider seiner Akten und seiner persönlichen Beobachtungen »an lebenden und toten Objekten« ab. Er hielt sich still, sein Atem ging zart, als fürchte er, etwas in der Ordnung der Apparate um ihn zu stören. Neben seinem Schreibtisch stand auf einem glasbedeckten Tischchen sein Mikroskop. In einem Glasschrank der Spektralapparat, dann eine auf zehntel Milligramm geeichte Waage, eine Menge anderer empfindlicher Prüfungsvorrichtungen, Chemikalien aller Art, anatomische Bestecke, photographische Apparate, Quarzlampe, Bunsenbrenner etc., chemische Retorten und Destillationsvorrichtungen. In einem kleinen eisernen Kassenschrank hatte er die Akten und die Untersuchungsobjekte verwahrt, in einem Kühlschrank im Keller die zersetzlichen Teile. Oft waren die Untersuchungsobjekte klein oder ganz unscheinbar, fast nicht zu erkennen, abstoßend für jeden andern, verfault, häßlich, aber sie umfaßten in ihrer Gesamtheit alles, was den Menschen und seine bösen Triebe betraf, angefangen beim ungeborenen oder mißgeborenen Menschenkeim bis zu der eckigen Todeswunde im morschen Schädel eines Greises. Alle Fälschungen, alle Gifte, alle Irrtümer und Bestialitäten und ihre Wirkungen auf den armen Menschen, das unschuldige Mädchen, den Selbstmörder, den in einer Katastrophe Untergegangenen, den Geisteskranken, den entmenschten Mörder bis zu dem ahnungslosen Opfer. Der Geist des Verbrechens, wie er sich, meist vergeblich, zu verbergen trachtet, angefangen vom anonymen Briefe auf einem abgerissenen Zeitungsfetzen bis zu dicken Aktenbündeln über Simulationen, über echte Geisteskrankheiten, über die Tatbestände aller Handlungen, die vor das Gericht gekommen waren. Er arbeitete mit einer Leidenschaft, die man ihm daheim nie angemerkt hätte. Gerecht gegen das Volk, so glaubte er, und ebenso gerecht gegen den einzelnen, den irrenden Menschen. Im Interesse der Allgemeinheit und des beleidigten Rechtsgedankens – und voll Verständnis für die oft absurden Gedankengänge der Verbrecher, welche sie vergebens hinter raffinierter Technik zu verbergen suchten. Er war überzeugt, immer objektiv zu sein. In Wahrheit aber konnte er nicht anders, als das Gesunde als das Sittliche, das Normale als das Förderungswerte anzusehen, das Kranke aber als das Vertilgenswerte und das Unsoziale als das Widerliche. So überwand er alle Schwierigkeiten, zeigte große Einsicht, bekam Erfahrung und machte sich seinen Beruf zur Freude, hatte Erfolg und fand täglich eine neue Befriedigung in ihm. Nur einen Menschen hatte er von jeher aus dieser Betrachtungsweise ausgenommen. Seinen Rudolf, seinen lieben, schönen, hochgewachsenen, blonden Bruder, in dem er niemals etwas Unsoziales, etwas Krankes sehen wollte. Das war sein Wahn. Hier war er blind. Denn er glaubte. Er liebte. Er nahm alles auf sich. Er hoffte alles, vielleicht auch das, daß sein geliebter Bruder, der nach seinen letzten Taten (beim Zeitungskiosk) verschwunden war, längst die Grenzen des Deutschen Reiches überschritten und in einem anderen Erdteil ein neues, ganz geregeltes, gesundes, zufriedenes Leben begonnen habe. Und er, der aus der mikroskopischen Struktur eines Haares oder aus dem Spektralbefund einer mit dunkelbraunroter Flüssigkeit getränkten Batistfaser die Grundlage für die schwersten Strafen bis zum (freilich in dieser Zeit selten gewordenen) Todesurteil lieferte, er, der sein Gutachten abgab mit der ruhigen Sicherheit des nur auf seine objektiven Erkenntnisse und auf seine unbeeinflußbare subjektive Erfahrung sich verlassenden, allgemein wissenschaftlich gebildeten, juristisch und forensisch besonders geschulten Arztes – bei seinem Bruder empfand er nur das eine, das ihm auch an der Seite seiner blonden, kerngesunden Flossie und in der Nähe seines niedlichen, nur etwas zu ernsten Kindes immer versagt geblieben war –, daß er ihn »unbedingt ohne Frage« liebe und ihn mit tausend Freuden auch weiterhin lieben werde, mochte kommen, was da wolle. Und das gab ihm die starke Hoffnung, ihn auch jetzt noch, ja gerade jetzt erst recht! zu retten. Denn, was konnten Menschenkraft – und Wille nicht alles? III. Als die grüne, filzgefütterte Tür in das Vernehmungszimmer aufging und das dicke, überfreundliche Gesicht des Untersuchungsrichters in einer Wolke von dichtem Zigarrenrauch erschien, war Konrad doch jäh aufgeschreckt. Der Richter war allein. Was Konrad von außen gehört hatte, waren nur Telephongespräche gewesen, die der Richter inzwischen geführt hatte. Hier in diesem kahlen Raum, der erfüllt war von dem säuerlichen, abgestandenen Zigarrenrauch, den der höfliche Richter mit geschwenkten Aktenfaszikeln zum offenen Fenster hinauszutreiben versuchte, sollte er also beginnen, sich für seinen Bruder einzusetzen, »ihn zu verteidigen«. Aber würde er es so gut können, wie er wollte? Und ihn – dann ganz für sich gewinnen? Nun nahm der Arzt auf dem Stuhl Platz, an jener Stelle, von der aus sonst die Zeugen, vereidigt, und die Angeklagten, unvereidigt, auszusagen hatten, während er, der Gerichtsarzt, bisher bei seinen dienstlichen Zusammenkünften mit dem Anklagevertreter frei im Zimmer umhergegangen war. Eine Lähmung, die ihn erfaßte, ließ er nicht hochkommen, er bekämpfte seine Schwäche mit krampfhafter Energie, und deshalb fragte er als erstes den etwas erstaunten Richter, ob er seinen Bruder, er betonte das Wort absichtlich scharf, noch heute sehen könne. Der Richter antwortete, während er das Ende seiner Zigarre mit den Zähnen glatt durchbiß, so nebenhin: »Ja, guter Herr Doktor, ob Sie den Häftling sehen können, hängt noch von dem und jenem ab, wir müssen einerseits alles vermeiden, aber andererseits, natürlich, mit einem Wort, grundsätzliche Bedenken bestehen nicht, oder wissen Sie vielleicht welche?« Er lachte über seinen ›Witz‹. Konrad blieb sehr ernst. Er hatte sich noch nicht ganz gefaßt und schwieg. »Nun, medias in res! Sie wollen also aussagen? Herrlich! Prachtvoll und fabelhaft. Ich begrüße es sehr. Ungemein! Erstklassige Sache. Je früher die Sache geklärt wird, und da helfen Sie eben wacker mit, desto besser für alle. Ich habe den – jungen Mann heute bereits gesehen. Wiedergesehen. Kenne ihn ja. Aber nur mit Mühe, der Wahrheit die Ehre, wiedererkannt. Und begriffen? Nein! Leider noch gar nicht. Er befindet sich in einem wahrhaftig nur als sonderbar zu bezeichnenden, aber ganz gefahrlosen Zustande, sicherlich, Herr Doktor! Nur ist er verworren, verworren! Wir haben ihn uns heute nacht aus dem Spielklub ›Hera‹ des Herrn Manfred von G. geholt. Auch das eine dunkle Sache. Nun aber, der junge Mann, er spricht nicht, aber es geht nun mächtig in ihm rundum. Er quasselt. Er sprudelt. Sie verstehen? Wir fragen. Er antwortet daneben. Absicht? Dämmerzustand? Kokainphantasien? Alles möglich. Wir haben da eine Stunde, ungelogen, beieinander gesessen, ich habe unendlich viel gehört. Weiß aber nichts. Weniger als vorher. Kannte ja die Umstände. Bedauerliche Sache. Aber wirklich interessant. Nicht ganz das Übliche. Nun, mein bester Herr Doktor, wir wollen uns heute nur ganz ...« Er lief mit den zwei Daumen über die Spitzen der anderen Finger, als spielte er Flöte. Es war ein Tic, den er neben anderen Tics an sich hatte, der aber dem Gerichtsarzt nie aufgefallen war. Jetzt erst sah er den Substituten, er beobachtete ihn scharf, in eigener Sache, denn er wußte, daß von der Art, wie dieser Richter vorging, und davon, was in ihm vorging, viel von der Zukunft seines Bruders abhing. »Ganz unsystematisch, sozusagen nur im Plauderton«, setzte der Richter fort, immer rascher Flöte spielend, »sehen Sie, ich habe gar keine Feder zur Hand«, er hielt jetzt die rechte Hand ans Ohr, als höre er etwas an ihr, und dichte Rauchwolken schwelten aus seiner Zigarre an seinen schon etwas eingefallenen Schläfen und an leicht ergrauten Haaren empor, »wir haben keine Zuhörer, wir sind unter uns, alte Kampfgenossen, nicht wahr, oder besser Sportkameraden – erstklassige? Die Sache läuft ja unerledigt schon Jahr und Tag, Schmach und Schande, nicht wahr, aber heute fangen wir ernstlich und letztlich an, lassen die Jupiterlampen brennen und schicken das Quarzlicht durch die Seelen und Sachen, es wäre ja auch zu doll, wenn zwei Leute wie wir einem simplen Raubmord nicht auf die Spur kämen, ein forensischer Pathologe, Chemiker und Psychologe, last not least, wie Sie, und dazu meine schwachen Kräfte – Rosenfinger wird gerächt, jetzt oder nie.« »Ja, lieber Herr Doktor«, sagte er dann nach einer Atempause, in einem ganz anderen Tone, im Gegensatz zu dem schwatzhaften Beginn jetzt jede Silbe abwägend und die blond behaarten, dicklichen, weichen Hände mit der braunen Zigarre mitten inne wie im Gebet zusammengefaltet, »da sind erst mal drei Komplexe. Eins: Raubmord an dem Grundstücksmakler Zollikofer, was denken Sie, wohl süddeutscher Name, na ja, die südlichen Sitten etc. Dieser Komplex spielt 1923. Zwei: Feuerüberfall auf die Polizisten bei der ›Hera‹ in den Schwedengängen auf dem Platze beim Kiosk. Und drittens und vorläufig letztens das, was sich heute nacht bei dem Spielbankbesitzer Manfred von G., wenn nämlich der Kerl wirklich so heißt – wiederum in der ›Hera‹, diesem Venusberg ohne Venus, zugetragen hat. Also eins Rosenfinger, zwei die Polizisten, drei Manfred, stimmt doch? Das nur zur ersten Orientierung, damit wir uns noch besser, sozusagen ganz erstklassig, verständigen.« Konrad stand auf. Zögernd ging er dem Richter, der seine eigenen Hände mit der Zigarre anpaffend zum Fenster gegangen war, nach. »Würde es Sie sehr stören, Herr Staatsanwalt«, begann er – und erschrak über den falschen Ton seiner Stimme, denn so kannte er sich nicht! –, »würde es Ihnen sehr ungelegen sein, wenn – ich ... wenn auch ich ... auf und ab ginge?« »Gewiß würde es mich stören, nur ein ganz klein wenig, aber doch, leider, ganz gewiß, mein Lieber«, sagte der Richter, sich mit freundlichem, klugem Lächeln umwendend und den Arzt an den Schultern auf den Sitz niederdrückend, »behalten Sie doch nur Platz! Es geht doch nicht recht an, daß wir beide wie zwei unfreundliche Sternchen in diesem Amtsraum umeinander kreisen, ich bin ja so glücklich, wenn ich mir ein wenig Bewegung machen kann – und Sie sind ja so schlank wie eine Birke, die Jugend, erstklassig, ja, die Jugend!« Konrad konnte also das Gesicht seines Gegners nicht immer sehen, wohl aber der Gegner jederzeit sein Gesicht. Hätte er doch die Aussage verweigern sollen? Hatte der alte v. Ohr doch gut geraten? Jetzt war es zu spät. Er schwieg, sammelte sich mit seiner ganzen Energie und wartete die erste Frage ab. »Es interessiert uns zum Beispiel folgende Kleinigkeit. 1.)Warum ist Rudolf – bleiben wir bei diesem familiären Namen, wir sind ja unter uns, nicht? – bei dem plötzlichen Tod seines väterlichen Freundes geflohen?« Konrad nahm sich vor, keine Frage sofort zu beantworten. Er saß still da. Sollte er sagen, der Bruder sei gar nicht geflohen, sondern nur seinem Wandertrieb gefolgt? Wahrscheinlich sogar vor dem Mord? Oder war es besser, wenn er einfach die Beantwortung ablehnte und sagte, er wisse es nicht? Würde er aber damit nicht dem armen Bruder schaden? Würde dann der Richter, von dem allein die Besuchserlaubnis abhing, ihm nicht Schwierigkeiten machen, wenn er den Bruder nach Beendigung des Verhörs besuchen wollte? Er entschloß sich, einen mittleren Weg einzuschlagen: »Ich habe ihn ungefähr vierzehn Tage vor der Ermordung des Maklers zum letztenmal gesehen.« »Also Ende Oktober 1923. Und wie war das? Sagen Sie ruhig alles, Sie langweilen mich sicher nicht!« Er lachte. »Ja, so ungefähr. Wir standen kurz vor unserer Verheiratung. Ich hatte meine letzten Prüfungen noch nicht bestanden, man wußte nicht, ob mir die juristischen Semester eingerechnet würden. Die Inflation war auf dem Höhepunkt angelangt, unser Vermögen betrug dreihundert Billionen. Wir wollten in Sachwerten retten, was zu retten war. Meine Frau kaufte, was sie gegen Mark bekam. Wir waren jeden Tag damals von morgens bis abends auf den Beinen. Ich nahm an, daß mein Bruder bei dem Makler, der außerordentlich gut lebte und der meinen Bruder wie den Sohn im Hause hielt und der natürlich über viele Devisen verfügte, gut aufgehoben sei. Er hat dort sein eigenes Zimmer gehabt, ebenso wie in unserer Wohnung. Rudolf und ich hatten einige kleine Differenzen. Aber so schlimm war es nicht. Es kam oft vor, daß ich ihn wochen-, monatelang nicht sah. Bisher war er immer von selbst zurückgekommen. Was sollte ich anderes tun als warten? Wie schon die erste Untersuchung im Jahre 1923 ergeben hat, war nicht festzustellen, ob Rudolf sein Quartier bei dem Makler in den letzten Tagen noch bewohnt hat oder nicht. Er konnte auch bei Freunden herumwohnen. Sein Dienstpersonal hatte der alte Mann damals Knall und Fall entlassen, als es die alte Mark nicht nehmen wollte, oder es hatte den Dienst aufgesagt, weil der Makler von seinen Devisen nichts hergeben mochte. Das alles ist damals festgestellt worden, glaube ich.« »Festgestellt? Das wäre ja erstklassig! Natürlich! So, glauben Sie?« nahm der Richter scheinbar zerstreut das Wort auf. »Es waren ja auch dolle Zeiten«, er lachte und verschluckte sich beinahe, »tolle Tage, kann man wohl flüstern. Im Rheinland die Separatisten losgelassen, jeder Buchdrucker druckt in amtlichem Auftrag Falschgeld, Tag und Nacht in Dauerschicht, einzige Chose, die floriert, vierhundert Trillionen im Umlauf, und da wollen die Schelme, die Drucker, streiken, wollen wohl auch Geld sehen! Das Brötchen auf Karten – zu einer Milliarde ist noch billig! Tolle Welt! In Thüringen sind es die Roten, in Bayern die Einwohnerwehr, am Rhein die Rheinische Republik, Franzosen, Belgier, Gott weiß, was noch alles, schwarze Franzosen und andere liebe Kinder Gottes bei Krupp. Alles im Matsch. Millionäre sind Bettler, und der Portier kündigt, weil er schlichte Deutsche Reichsmark nicht mehr nimmt, auch wenn man ihm einen ganzen Bäckerkorb voll gibt. Verstehe, verstehe. Da zieht so ein junger Mensch einfach los mit Gesang, die Welt ist weit – schöner Roman übrigens, weiß nicht von wem. Und der gute Bruder Medikus hat den Kopf voll eigener Sorgen. Aber warum gerade jetzt? Das war schade! Und inzwischen geht Rudolfs väterlicher Freund, der Makler, ab zu seinen Vätern und mäkelt nicht mehr. Ist ja sonderbar, nicht? Der alte Herr, der jetzt mit seinem Schuß, Einzeltreffer, vor seinem Renaissancetisch liegt, hat, soviel wir wissen, den jungen Mann vormals zu seinem persönlichen Schutz im Jiu-Jitsu ausbilden lassen, hat ihm Waffen gekauft, Revolver, Patronen, alles erstklassig, Schießeisen, so was muß ja auch solch ein grüner Bengel unbedingt haben, und jetzt, wo Not am Mann ist, ist jung Rudolf verreist, abgemeldet, verzogen, unbekannt wohin. Schade! Schade! Aber sei es drum. Jetzt bitte, jetzt bitte«, er atmete auf, denn all dies hatte er, während er im Geist schon die nächste Frage formulierte, schnell flötenspielend, fast mechanisch herausgeblubbert, »2.) warum ist Rudolf im Jahre 1925 – wir überspringen vorderhand die Zwischenzeit – wiedergekommen?« Jetzt antwortete Konrad sofort. »Ich weiß es nicht.« »Und auch das wissen Sie nicht, lieber Herr Doktor, warum der junge Mann nicht zu Ihnen oder zu Ihrer Mutter zurückkam, sondern in die Miniaturspielhölle, in das Montecarlinchen zu dem übelbeleumdeten Manfred v. G., genannt Chiffon?« »Meine Mutter war damals nicht mehr bei uns. Sie war im Erholungsheim Waldfrieden.« »Aber Sie waren doch noch immer da? Bei Ihnen war zwar kein Wald, aber doch auch Frieden. Sie hätten doch den Wanderburschen aufgenommen? Hätten das Kalb geschlachtet für den verlorenen Bruder? Das hätten Sie und Ihre Frau doch bestimmt getan?« »Bestimmt!« »Und sieh einer, der verlorene Sohn kommt nicht. Läßt auf sich warten. Und dort in der Höhle des Löwen tritt er auf, zwei starke Männer zur Seite, wohlbewehrt, einen zu Häupten etc., wie es in den Psalmen heißt. Ja, warum? Er muß doch etwas auf dem Gewissen gehabt haben.« »Weil er bei seinem alten Sportkameraden Manfred erschienen ist? Mit Manfreds Frau war er befreundet. Warum sollte er denn nicht hinkommen? Alle Welt ging hin. So etwas dürfte meiner Ansicht nach wenig beweisen.« »Gewiß. Viel eher der Umstand, daß er schwerbewaffnet auftritt. Und noch mehr der Umstand, daß er, ohne den geringsten Anlaß, als ihn eine zufällige Streife wegen nächtlicher Ruhestörung oder so etwas Ähnlichem beim Kiosk stellen will, sofort losknallt, einen Treffer nach dem andern.« »Er soll stark unter Kokain gestanden haben.« »Stark? Ansichtssache. Wir haben ihn beide nicht gesehen. Das darf ich doch einwenden? Und darf ich noch mehr einwenden? Ich glaube, wenn man unter Kokain steht, da ist man lustig oder sonstwie beduselt. Aber man schießt doch nicht? Rausch ist doch nicht Mord? Wohin käme man denn dann? Das wäre ja erstklassig! Da könnte ja jeder kommen und sagen, ich habe da etwas Kokain geschnupft, dann bin ich spazierengegangen, es kamen mir ein paar Polizisten entgegen, ich habe sie dann sofort abknallen müssen. Na, sehen Sie. Und jetzt folgender Punkt. 3.) Mit wem hat er in den Jahren 1923 bis heute in Verbindung gestanden?« »Mit uns nicht.« »Sie meinen, nicht mit Ihrer Frau und Ihnen – oder meinen Sie, nicht mit Ihrer Mutter?« »Ich hatte keine Nachricht von ihm. Ich kann mir nicht vorstellen, daß meine Mutter Nachricht von ihm hatte.« »Er hing wohl nicht gar zu sehr an der Mutter?« »Doch, aber an dem Vater mehr.« »Und Sie haben während der ganzen Jahre nichts von ihm bekommen, nichts Komma null, keinen Anruf, keine Postkarte, keine mündliche Botschaft?« »Nicht das mindeste.« »Aber um Geld hat er doch mal gebeten?« »Um Geld? Niemals.« »Sie hätten wohl auch keines geschickt?« »Ich glaube, ich hätte ihm doch welches geschickt. Er hatte übrigens noch ein winziges Guthaben hier.« »So, und auch daran lag ihm nichts? Finden Sie das nicht eigenartig?« »Nicht eigenartiger als das andere. Vielleicht hat er meine Vorwürfe gefürchtet.« »So. Aber er soll Sie doch heute nachts angerufen haben, aus Chiffons Telephonzelle heraus.« »Das höre ich zum erstenmal!« »Und Sie fassen auch das nicht als eine Art Schuldbekenntnis auf?« »Im Gegenteil!« »Aber nicht doch! Er meidet den Bruder, weicht der Familie aus, er schneidet alle Fäden ab. Nicht einmal eine Notadresse. Er ist wie auf einem anderen Planeten. Aber doch nur für Sie? Vielleicht hat er doch seine Fädchen mit Chiffon?« »Nicht daß ich wüßte.« »Und wie erklären Sie sich dieses, wie soll ich sagen, perverse Heimatgefühl, das ihn zweimal (soweit wir es wissen) in das Lokal in den Schwedengängen treibt?« »Ich kann mir das nicht erklären.« »Ob er von dort Zuschuß bekommen hat?« »Das halte ich bei der Art Manfreds für ausgeschlossen.« »Aber etwas Gemeinsames muß doch die beiden verbunden haben.« »Vera?!« »Aber es wäre das Hirnrissigste gewesen, sie gerade bei ihrem Mann aufzusuchen. Er hätte sie ja leichter vor der Tür erwarten, ansprechen, was weiß ich, entführen können.« »Das ist mir auch rätselhaft.« »Und Sie haben nie mit Manfred darüber gesprochen?« »Gesprochen nie. Ich habe ihn nur einmal in dienstlicher Angelegenheit gesehen, und dabei fiel der Name meines Bruders natürlich nicht.« »Aber Sie hätten ihn ja nachher anrufen können?« »Wozu das?« »Aus reinem Interesse für den Bruder! Er existierte ja die ganzen Jahre, er lebte nicht von der Luft, er lebte gut. Ich habe ihn ja heute gesehen. Auch damals hat man ihn gesehen. Immer angezogen wie ein Gentleman. Nur den Paletot im Rücken seit heut morgen etwas lädiert. Sonst tipptopp. Wäsche prima, ein Kavalierstaschentuch, schön gestickt, in der Tasche, alles, wie es edlen Männern ziemt.« »Mag sein.« »Das ist aber nicht gleichgültig, das hat seine Wichtigkeit. Hätten Sie nicht doch einmal Chiffon ins Gebet nehmen können? Er war Ihnen doch auch verbunden.« »Wie meinen Sie das, Herr Staatsanwalt?« »Nicht doch! In aller Unschuld. Durch die gemeinsame Liebe, eben durch Ihren armen Bruder verbunden, weiter nichts.« »So.« »Und weiterhin durch noch einen gemeinsamen Bekannten, Zollikofer. Und das hätte Sie doch stutzig machen müssen.« »Das ist mir absolut unverständlich. Wieso hätte mich das stutzig machen sollen?« »Nein, nicht sollen, nur können.« »Sie sagten ›müssen‹.« »Dann habe ich mich eben geirrt. Verzeihung, mein Herr. Wir müssen schon den kranken Zahn weiter ausbohren, da hilft nichts. Es hätte Sie also meiner Ansicht nach interessieren können, wieso es kommt, daß Ihr Bruder jahrelang ohne Zuschüsse lebt, gut lebt, daß er sich nicht an seine Familie wendet und daß Zollikofer zu dem engsten Kreise der beiden, Manfred und Rudolf, ich darf ihn doch so familiär nennen? gehört hat und daß Zollikofer massig reich war, daß bei seinem plötzlichen Ableben eine Unmenge Geld und Wertgegenstände abhanden gekommen sind!« »Entschuldigen Sie mich, wenn ich Sie unterbreche. Was Sie mir da vorschlagen, ist, daß ich und nicht die Staatsanwaltschaft die Untersuchung der Strafsache Zollikofer kontra Unbekannt hätte auf mich nehmen sollen.« »Strafsache Zollikofer kontra Unbekannt? Aber nicht doch, liebster Herr Doktor. Mord an Zollikofer, so heißt es, ganz gemeiner Raubmord. Und ein gewisses Interesse hätten Sie schon haben können an dem Ganzen. Zum mindesten mehr, als Sie gezeigt haben. Mag sein, es wäre inkorrekt gewesen, Sie hätten Chiffon auf den kranken Zahn gefühlt. Verstehen könnte ich es aber doch, denn es wäre nur zu natürlich gewesen!« »Das war nicht meine Sorge.« »Das sagen Sie.« »Mehr kann ich eben nicht sagen.« »Schön, ich will mich geschlagen bekennen, will sagen, daß es Ihnen nicht auffallen mußte, daß der junge Mensch konsequenterweise immer nur mit Chiffon unter einer Decke steckt, trotz aller Weibergeschichten und Sportrivalität, Chiffon – Rudolf, Rudolf – Chiffon und Chiffon – Rudolf – Zollikofer, das geht immer hin und her, nicht? Nein? Aber Sie hätten sich doch etwas mehr Sorgen machen können!« »Habe ich das nicht?« »Ich weiß eben nicht. Vielleicht nicht früh genug. Nicht ernst genug. Nicht energisch genug. Sehen Sie, ein junger hemmungsloser Mensch, von der Mutter her erblich belastet, so würde ich es als älterer Bruder sehen, mehr als einfach hemmungslos sogar, nennen Sie es, wie Sie wollen. Ich nehme an, wenn ich es mir und Ihnen klarmachen soll. ... Ich nehme an, eine sehr gut gemeinte, aber nicht richtig vollendete Erziehung, Vater ab – allerhand kuriose Triebe. Allerhand erstklassige Abenteuer. Romantischer Patriotismus. Ein rauher Landsknecht mit Luxuswäsche. So etwas weiß, was gut und teuer ist, und bon leben schmeckt ja jedem schön. So was kann aber auch ohne Arbeit leben, wenn das Vaterland auf einmal keinen Bedarf an Landsknechten mehr hat. Da hat man eben wieder die Rosenfingers. Regelmäßige Einkünfte, ein anständiges Lebensprogramm, eine bürgerliche Stellung hat aber so was nicht, und sagen Sie dann selbst, muß so etwas nicht rutschen? Was soll er denn sonst tun?« »Was hätte man aber noch unternehmen können? Bitte glauben Sie, alles, was man tun konnte, um den Jungen zu regelmäßiger Tätigkeit anzuhalten, habe ich getan, und in gewissem Sinne Rosenfinger auch.« »Komisch, auch Sie nennen ihn ›Rosenfinger‹! Wie doch solch ein neckischer Name klebt!« »Nun, ja. Der Makler hat alles versucht. Er hätte ihm jedes höhere Studium ermöglicht. Geld spielte für solche Zwecke keine Rolle. Bei ihm. Ich selbst und sein Vormund, Herr v. Ohr, konnten mit dem uns Geschwistern vom Vater her hinterlassenen Vermögen nicht weit kommen, im Sommer oder im Frühherbst 1923 haben wir die Verständigung von der Deutschen Bank erhalten, wir sollten das Konto, das mein Vater 21 Jahre lang unterhalten hatte, freiwillig liquidieren. Die Papiere waren wertlos geworden. Jedenfalls lohnten sie die Mühe des Buchführens nicht mehr. Nun war Rudolf eine Zeitlang Privatsekretär bei dem alten Herrn. Aber er konnte es nun einmal nicht den ganzen Tag im dumpfen Zimmer, bei der Batterie von Telephonen, bei der klapprigen Schreibmaschine aushalten. Man dachte an die Grammophonbranche, eine Zeit nachher an die Motorradbranche, das waren Sachen, die gut gingen. Er hatte viel technisches Geschick. Er war begabt. Ein guter Kerl. Ein Sportsfreund. Ein Naturnarr. Überall kam man ihm gern entgegen. Leider hielt er es nicht sehr lange aus. Einige Zeit war er mit ganzem Herzen dabei, die Menschen waren entzückt von ihm, Freunde hat er immer in Massen gehabt, aber dann kam's mal über ihn, er schüttelte sich, zog ab. Wo es ›rauchte‹, zog's ihn hin. Solche Menschen muß man nicht ›Landsknechte‹ nennen. Schließlich haben sie für das Deutsche Reich ihre Haut in O. S. und im sächsischen Industriegebiet zu Markte getragen.« »Stimmt. Stimmt auf ein Haar. 4.) Und da werden Sie auch nicht wissen, was ihn gestern hergeführt hat?« »Wenn er wirklich aus Chiffons Wohnung mich hat anrufen wollen, dann muß ich annehmen, daß er sich vielleicht mit uns aussprechen wollte.« »Lange nach Mitternacht?« »Vielleicht ist er so spät mit einem Zuge angekommen.« »Stimmt wieder. Das ist das Wahrscheinlichste. Aber warum dann nicht zu Ihnen, warum nicht ins Bahnhofshotel, das ist doch die ganze Nacht geöffnet, um die müden Wanderer zu erquicken, sondern zu dem üblen Kunden, dem Manfred? Es sieht ja ganz so aus, als ob da, unter Manfreds Dach, verschiedene Rauschgiftsachen mitgespielt hätten, und das ist ja auch etwas, das einen müden Wanderer erquicken kann. Nun aber ganz im Ernst, wie wir uns auch drehen und wenden, immer kommen wir auf das Kokain. Nicht wahr, wir können ihm nicht ausweichen, in der Sache mit dem alten Herrn scheint es mitzuspielen und hier bei Manfred auch, hier ganz besonders. Seit wann und auf welche Weise ist Ihr Bruder zum Kokain gekommen?« »Ich kann das nicht genau beantworten ...« »Nur das, was Sie über diesen Punkt wissen.« »Es mag in den Jahren 1922 oder schon 1921 gewesen sein, möglicherweise aber auch später, ich denke, so zur Zeit, als er nach der Oberschlesien-Abstimmung wieder daheim war. Ich hätte es nicht aus eigenem bemerkt.« »Ich dachte, Sie könnten mir diesen wichtigen Zeitpunkt präzisieren. Schade. Haben Sie an Stelle des Vaters, als Haupt der Gemeinde im allgemeinen und als sein besonderer Behüter im einzelnen nicht Ihr Hauptaugenmerk darauf gerichtet? Er schnupfte Kokain, und Sie hatten Ihre Augen anderswo? Ich nahm an, Sie hätten in einem besonders innigen Verhältnis zueinander gestanden?« »Nicht so, daß er mir alles anvertraut hätte. Vieles sagte er mir, nicht eben sofort, aber mit der Zeit doch. Ich kam durch sein eigenes ehrliches Geständnis auf das Kokain. Eines Tages erschien ich besonders frühzeitig zu Hause und fand ihn vor meinem geöffneten Medikamentenschränkchen.« »Es war doch sicherlich gut versperrt. Sie hätten doch die gefährlichen Sachen nicht unversperrt herumliegen lassen?« »Vielleicht doch. Es war nichts von Bedeutung darin, kein Gift, Kokain am allerwenigsten. Ich habe es wohl nicht mehr, bewahre jetzt alles Nötige im Institut auf, für den Hausgebrauch hat meine Frau eine sogenannte Familienapotheke, bestehend ausschließlich aus einer Unmenge Tees. Damals ...« »Entschuldigen Sie, wenn ich Sie unterbreche, aber es wäre für mich doch wertvoll zu wissen, ob und wie das Schränkchen verschlossen war. Gerade wenn wir jetzt immer daran denken wollen, daß es ein kokainsüchtiger, also ein unnatürlichen Gifteinwirkungen unterworfener Mensch ist, um den es geht, wäre es erstklassig, zu wissen, ob er, wie soll ich sagen, auch die Technik des Berufsverbrechers, der nur davon und dafür lebt, besessen hat?« »Verbrechertechnik? Nein! Das kann ich mir aber absolut nicht vorstellen. Weshalb hätte er zu solchen Methoden greifen sollen? Ihm stand ja alles offen.« »Alles, nur das Kästchen nicht, in welchem nach Ihrer Angabe keine Gifte waren, wo er aber solche vermutete! Doktor! Sie sind noch nicht dort; wo ich Sie haben möchte, und ich hatte mich so darauf gefreut, mit Ihnen zusammenzuarbeiten. Aber so geht es nicht! Nein, leider nein! Entweder wir sagen beide alles, was die Sache klärt, oder Sie entschlagen sich in aller Seelenruhe der Aussage, was Ihr gesetzliches Recht ist und was Ihnen niemand verübeln wird. Und ich zu allerletzt! Warum sollte ich Sie nicht verstehen? Meines Erachtens nützen Sie aber der Sache und damit dem armen, jungen Kerl viel mehr, wenn Sie frei von der Leber weg sprechen. Aber es soll nicht heißen, daß ich eine Pression auf Sie ausgeübt habe. Sehen Sie, es sind da überall, in allen drei Komplexen Dinge, die einen Berufsverbrecher kennzeichnen, und es kann ja auch ein Berufsverbrecher Kokainist sein. Zum Beispiel heute nacht sichert sich der junge Mensch, als er seine Visite bei dem Hauptbelastungszeugen in Komplex I, Manfred, genannt Chiffon, macht, durch einen Stecker in der Haustüre, Ihnen brauche ich nicht zu sagen, was das ist. Aber übergehen wir diesen Punkt, der Ihnen peinlich zu sein scheint, und kommen wir zu Ihrer Begegnung mit dem jungen Menschen vor dem – auf mysteriöse Weise – geöffneten Medikamentenschränkchen.« »Ich erinnere mich jetzt genau, es muß im Frühherbst 1923 gewesen sein, ich kam frühzeitig heim, weil der Dollar wie durch ein Wunder des Himmels an diesem Tage gefallen war und meine Braut mir den Rat gegeben hatte, den Rest unseres Vermögens, nämlich vorzeitig zurückgezahlte Hypotheken, in deutschen Aktien anzulegen. Auf diesen Rat hin haben wir etwas gerettet, dreihundert Billionen, allerdings nur einen Bruchteil dessen, was wir hatten. Denn es waren Schlußbillionen, nicht Anfangsbillionen. Ich kam von der Bank, die damals bis sechs Uhr geöffnet war, gegen halb sieben Uhr nach Haus in das Arbeitszimmer und sah, wie mein Bruder auf der Erde hockte, das Kästchen zwischen den Knien, und in den Sachen herumwühlte. Ich versuchte vergebens, es ihm fortzunehmen, wir kamen in ein Handgemenge, unser altes Dienstmädchen rannte auf das Gepolter herbei. Er, als großer, bärenstarker Mensch, wurde mit uns beiden in zwei Sekunden fertig, er hatte viel mehr Kraft als sieben Leute unseres Kalibers, das alte Mädchen stand heulend und maulend auf, er hatte einen seiner Griffe gemacht, ein sekundenlanger Schmerz, sofortige Wehrlosigkeit, aber er tat es nicht aus bösem Willen, eher instinktiv, weil wir ihn eben etwas gestört hatten. Er selbst war in einer furchtbaren Verfassung. Kaum waren wir allein, als er mich begütigte, mich streichelte, mir gute Worte gab. Dabei lachte er so reizend zaghaft, er schüttelte seine Mähne. Und mit einem Schlag begann er zu weinen, er faßte mich unter den Achseln, hob mich in den alten Ohrenstuhl, setzte sich auf die Lehne, nahm meine beiden Hände in seine Hand und wischte sich so mit drei Händen, meinen beiden und einer von ihm, die Tränen aus dem Gesicht und begann zu erzählen, daß er den Schnee oder den Koks vor einigen Wochen durch eine gute Empfehlung kennengelernt habe. Ich sagte ihm, ›nenn mir den Namen!‹ Er schweigt. Es könnte ihm nur ein Todfeind, sage ich ihm in allem Ernst, dieses furchtbare Gift, das nach kurzer Zeit Seele und Körper zerfrißt, in die Hand gegeben haben. ›Quatsch! Bruderherz!‹ sagte er. ›Sieh mich nur mal an!‹ er zog sich aus, ließ seine Muskeln spielen. ›Du kennst mich ja! Du hast mich im November 1918 ausgezogen gesehen! Nun sag, bin ich zerfressen, hat es mich zerfressen?‹ und lachte. ›Nein, ich bin erst seit dieser Zeit ein Mensch, Vera ist dann bei mir, sie sitzt in einem Fauteuil, so! Ich halte ihre weichen Patschen, wie ich deine Hände halte, Herzensbruder, aber wir weinen nicht, wir lachen! Laß dir sagen, eine halbe Stunde haben wir oft gelacht, dann ist man wie tot, aber wie schön tot! Das kennt ihr anderen nicht! Es ist nicht der blöde Rausch von Wein und Schnaps, kein Krach! Alles Seele! Wir sind ja ruhig, wir wissen alles, alles ist wasserklar, das ist Frieden. Wir sind ja ganz anders, ihr müßt das auch haben, Flossielein und du! Nein, vielleicht ihr nicht, aber für uns ist es der Himmel, wie er leibt und lebt. Wir atmen im gleichen Takt, das ist eine große Kunst, das ist nur möglich bei Menschen, die sich wie die Verklärten lieben, und sie gibt mir meinen Schnee, und ich gebe ihr ihren, und das, was wir sonst nicht können, das können wir jetzt, wenn du nur wüßtest, Bruder, wie es dann in mir ist, ich bin in allen Himmeln, phantastisch glücklich, so still vergnügt und ruhig bis ins innerste Herz, ich hätte nie geglaubt, daß es ein solches Glück geben kann. Was ist dagegen die öde Knutscherei und die Schweinerei im Bett? Das kann nichts Ähnliches sein, und ich fühle mich nachher immer stärker, und wir sind ein Herz und eine Seele.‹ – ›Und wenn es so ist, weshalb bleibt sie nicht bei dir?‹ fragte ich, er war wie berauscht, und dabei sprach er klar, so kannte ich ihn noch gar nicht. ›Es wäre ja alles möglich‹, sagte ich, ›wenn ihr heiraten wolltet, ich und dein Freund würden schon für einen Anfang sorgen, wenn ihr erst mal von dem kindischen Zeug die Hände laßt.‹ – ›Welcher Freund?‹ fragte er und zog sich an. Auf einmal war er wieder auf der Erde, ich weiß nicht wieso, ›Rosenfinger? Ach der! Den nennst du ›Freund‹?, Bruder, der ist ja schuld an allem. Bevor der mit Kies herausrückt, was muß ich da nicht alles aufführen, das reinste Affentheater! Er läßt mich kommen, leckt an meinen Händen, schweigt, klimpert mit den Goldpfunden in der Hosentasche und himmelt mich an. Und weshalb sie nicht bei mir bleibt, meine Vera? Weil ihr Manfred die süßen Sachen hinter Verschluß hat, einen ganzen Schneehaufen hat er, der blaßgesichtige Schuft, bei den Pfändern in seinem Kassenschrank, und damit hält er sie, denn sie kann nicht los, und dann vergewaltigt er sie, er kennt kein Erbarmen. Kannst denn nicht du es mir verschreiben? Ich brauche ja nicht viel, ein zehntel Gramm täglich‹, sagte der arme Kerl, ›ist ja nur eine Messerspitze, auf zwei-, dreimal verteilt. Ich kann sparen und will es. Damit kann man hundert Jahre alt werden, und das wollen wir gar nicht, Vera nicht und ich nicht, nicht einmal fünfzig, ja vielleicht beide zusammen fünfzig. Also bekomm' ich ein wenig Koks von dir?‹ – ›Nein‹, sagte ich, ›davon kann keine Rede sein. Du verlierst deine Zeit. Nein!‹ – ›Ist das dein letztes Wort?‹ fragte er und war schon an der Tür mit seinen langen Schritten, ›in der Bude hier habt ihr es hundsmäßig kalt, da ist es noch bei dem alten Knacker besser, der hat kein so hartes Herz wie du, immer korrekt, immer das Oberhemd gestärkt, nichts Warmes dahinter, immer nur korrekt.‹ Ich wollte weitersprechen, ihm sagen, was ihm droht, er hörte nicht mehr zu, schon war er draußen, und ich hörte ihn mit unserem alten Dienstmädchen dalbern, und das doofe Stück lachte und gluckste, als wäre nichts geschehen; das ist sein Geheimnis, wie er das mit den Menschen macht, sie kam nach einer Weile selig lächelnd zu mir herein, als käme sie von der Hochzeit, er hatte sie herumgekriegt, sie war auf seiner Seite, und mich sah sie schief an. Sie bückte sich und sammelte die verschiedenen Pulver und Fläschchen vom Boden auf und sah mich jedesmal bitterböse an, als hätte ich es in der Hand, dem armen Rudolf sein Tränklein zu geben, und wolle es nur nicht.« »Und Sie waren sicher, daß er doch Kokain bekommt?« »Gewiß, es wurde ja in allen Cafés, meist in der Damentoilette, verkauft, hatte seinen Kurs wie schwarze Devisen. Ich gab ihm kein Geld. Ohne Geld würde ihm, wie ich annahm, Manfred kein Kokain zukommen lassen. Das ist doch klar? So mußte es der Makler sein, dem er Geld dazu verdankte, und ich entschloß mich trotz starken Widerstrebens dazu, den alten Mann aufzusuchen. Ich habe die Hände nicht in den Schoß gelegt, Herr Staatsanwalt! Mein erster Weg war der zu Zollikofer. Ich habe das in meiner ersten Vernehmung im Jahre 1923 kurz zu Protokoll geben können.« »Wir können es immerhin rekapitulieren. Heute sieht man manches anders.« »Es war im Herbst 1923. Ich kam in die große, protzig eingerichtete Wohnung des Herrn Zollikofer, es war an dem Tage schon recht kalt, in dem riesigen Arbeitszimmer war der Schreibtisch zum Kamin gerückt, und vor dem Kamin war ein kleiner Gasofen. Offenbar wollte oder konnte er mangels Dienstpersonals das große Haus nicht beheizen, oder er fand es bei dem kleinen, glitzernden Kupferding, bei den vielen, winzigen Flammen in einer Reihe, für seine werte Person behaglicher. Ich sah den Mann zum erstenmal aus der Nähe. Er roch nach Rosen und Verwesung.« »Erstklassig, wunderbar gesagt, Doktor! Aber doch nur jetzt, in der Erinnerung?« fragte der Richter lächelnd. »So etwas klingt ja zu schön.« »Nein, ich hatte schon damals einen ziemlichen Abscheu gegen ihn, ich reichte ihm nicht die Hand. Auch ich muß ihm nicht sehr sympathisch erschienen sein, er maß mich mit seinen schleimigen Blicken, verglich mich wohl in Gedanken mit meinem Bruder, dem ich nicht sehr ähnlich sehe. Er war – wie soll ich sagen – von Indigestionen befallen, allerhand unappetitliche Geräusche waren zu hören, und wenn er rülpste, sprach er sich an und drohte seinem Magen neckisch mit seinem kleinen Finger. Diesen Finger mit dem brillant gelackten, langen Nagel, auch er mit einem großen Edelsteinring geschmückt, den mußte er besonders in sein Herz geschlossen haben. Das Telephon kam nicht zur Ruhe, zehnmal in einer halben Stunde wurde er angerufen, es handelte sich unter anderem um eine riesige Transaktion, bei der hunderttausend Dollar und eine Viertelmillion Schweizer Franken eine Rolle spielten und das in einer Zeit, wo ein Ausländer für fünf Dollar ein Haus hier kaufen konnte, ich weiß es, denn für unser Haus wurde mir diese Summe, umgerechnet in deutsches Geld, geboten, da jonglierte dieser affektierte, geschniegelte Greis mit diesen Riesensummen, trat von einem Fuß auf den andern, seine Opanken knarrten dabei, solches Zeug trug er damals, und lutschte in widerwärtig süßlicher Weise an seinem kleinen, rosenroten Finger. Nachher wischte er das Fingerchen an seinem Batisttaschentuch ab, einem reichgestickten Schweizer Kavaliertüchelchen, wie es die Portokassenlebemänner damals in den Tanzdielen trugen. Auf der Schreibtischplatte und auch unter den zwei Telephonapparaten aus Elfenbein mit goldgefaßten Handgriffen lag dicker Staub, überall, wo man hinsah, lag Staub. Ich bezwang mich, ich sprach zu ihm, als wäre er wirklich ein väterlicher Freund meines Bruders gewesen. Ich weiß nicht, tat ich ihm unrecht? Er war ganz verstört, als ich ihm sagte, daß er mit seinem Geld dem armen, jungen Teufel die Mittel gäbe, sich vollständig zugrunde zu richten. Er sagte mir, während er auf einmal in seinem schweren, geschnitzten Lehnstuhl aus wappengeprägtem Leder zusammensackte, mit käsebleichem Gesicht, wobei auch sein widerwärtiger Fingernagel erblaßte, daß er niemals Rudolf Geld für solche Zwecke gegeben habe und niemals, auf Ehre! geben würde, er habe ihm vor einigen Tagen das bare Geld, das heißt Devisen oder Geld überhaupt verweigert und sei auf alle Bitten hart geblieben, selbst auf die Drohung Rudolfs, er werde wieder ziehen, das heißt, wie schon mehr als einmal wandern, und ihn, den alten Mann, allein lassen. Nun hatte der alte Mann Angst vor – nicht vor dem Tod –, nur vor dem Sterben. Er wollte, daß, wenn er soweit sei, sein junger Freund bei ihm wäre. Was sollte er tun, wenn der inzwischen auf der Landstraße lag oder sonst irgendwo im weiten Land, ohne erreichbar zu sein? Und doch hatte der alte Rosenfinger ihm nein gesagt, und mein armer Bruder war nicht wiedergekommen. Er habe geglaubt, ich, die Familie, vor der er alle Achtung habe, und er verbeugte sich aus seinem knarrenden Lehnstuhl heraus, stünden dahinter, aber jetzt sähe er ein, er habe mir unrecht getan. Er fing an zu flennen, die Tränen kamen rosenrot auf seinem Hemdkragen an, denn der alte Bursche war geschminkt. Mich empört es, daß er mein Mitleid in Anspruch nahm. Ich weiß nicht, wieso es kam, je mehr ich ihn verstand, desto widerwärtiger wurde mir das lebensgierige Subjekt. ›Sie haben gehört, wie gut ich noch verdiene‹, sagte er mit zittriger Stimme, und auch dies Zittern empörte mich, es stieß mich ab, mehr, als ich sagen kann, ›alles kann ich mir für mein Geld kaufen, wozu bin ich vielfacher Millionär in Rentenmark, der besten und modernsten Währung?‹ Diese Rentenmark, oder waren es Roggenscheine auf Goldbasis, dieses Geld war damals etwas Neues, niemand glaubte so recht an sie, aber der Makler hatte sich schon darauf umgestellt und arbeitete wieder in winzigen Beträgen, eine Million, ein Millionär, was war das damals, wo ein Habenichts mit dreihundert Billionen, also dreihunderttausend Milliarden, jede Milliarde zu tausend Millionen – was soll ich Ihnen das aufzählen? ›Alles kaufe ich mir für mein Geld‹, kam es aus dem feudalen Wappenstuhl heraus, ›nur Jugend nicht, ich bin heute über siebenundsechzigundeinhalb Jahre alt, und Gesundheit nicht, ich habe hundertneunundachtzig Blutdruck, daher die roten Hände, und doch eiskalt, und muß mich hier am Metallöfchen wärmen wie zu Lebzeiten meiner Frau – und wer spricht zu mir, wenn ich allein bin? Mein Magen, der Schuft, und mal kommen auch Manfred oder Steffie vorbei. Ich mag sie aber jetzt nicht mehr. Was kaufe ich also für Geld? Wieder Geld! Liebe steht auf keinem Kurszettel, und ich hab' es mit Ihrem jungen Fohlen gut gemeint. Aber er! Aber er!‹ Er schwieg und sah mich mit einem hündischen Blick aus seinen Greisenaugen an, als wolle er sagen: Bring mir ihn, bring mir ihn, und du sollst haben, was du willst! Er war im Begriffe, sich auszusprechen. Er war sehr allein in seinem großen, dunklen, überladenen, eiskalten Haus. Mit meinem Bruder und noch viel weniger mit dem Gelichter, das er mit seinem Geld, wie ein Kuhfladen in der Sonne die Schmeißfliegen, herlockte, konnte er nicht sprechen. Anhänglichkeit konnte er von ihnen allen nicht erwarten, ich sah wohl, daß er verzweifelt war und daß er in mir, wie soll ich sagen, eine gleichgestimmte Seele zu finden glaubte. Aber er stieß mich ab, genau wie er alle andern abstieß, niemand wollte etwas von ihm persönlich. So waren auch die Telephongespräche. Ich schüttelte nur den Kopf und ging, er wollte mich aber nicht so schnell loslassen, er wollte mir etwas anbieten, Zigarren und Kognak vielleicht, ich konnte die Luft nicht ertragen, wenn er da duftgeschwängert und widerlich geleckt zu mir trat, die braune Zigarrenschachtel mit dicken Importen in den Brillantenhänden und jetzt wieder von seinem Rülpsfränzchen geplagt, das sich nicht beruhigen wollte. Ich rannte wie gehetzt über die Treppe, das Telephon läutete, aber er ließ es läuten und rief mir nach: ›Werden Sie nie sehr alt!‹ und wartete, ob ich auf diese Weisheit etwas sagen würde. Und doch hätte ich bleiben sollen, vielleicht wäre alles anders geworden, ich weiß es nicht. Wir hätten den Jungen internieren müssen, entmündigen, vielleicht ›Waldfrieden‹, genauso wie die alte Dame.« »Schön! Sehr schön! Das, was Sie erzählen, gibt immerhin einen gewissen Einblick in die Situation. Demzufolge halten Sie es also nicht für möglich, daß er sich das bare Geld, Devisen oder Gold, für das Kokain auf andere als auf rauhe Weise von dem alten Tappergreis hätte verschaffen können?« »Ganz ausgeschlossen. Für Kokain hätte der alte Mann weder auf rauhe noch auf milde Weise mit Geld herausgerückt. Das wußte Rudolf. Geld an sich hätte er stets in so gut wie unbeschränktem Maße von dem Alten haben können. Zollikofer war bei seinen Freunden nicht knickerig, nur seinem Personal gegenüber, er warf mit dem Geld herum, er überschüttete meinen Bruder mit den wertvollsten Geschenken, die rosarote Perle in der Schlipsnadel, von der auch einmal die Rede war, war sicher ein Geschenk. Mein Bruder sagte mal: ›Was soll mich in die Tretmühle stoßen? Wozu soll ich arbeiten? Warum soll ich zehn Stunden am Tage mich abrackern und mir die Knochen abschinden, wenn Geld so ein Dreck ist?‹ Er verachtete das Geld.« »Das Geld? Nein, die Arbeit verachtete er«, sagte der Richter. »Bis jetzt ist aus allem, was Sie sagen, nur das eine ganz klargeworden: daß der Weg zu dem Kokain – und dieses Gift war ihm das einzige Lebensbedürfnis – nur über die Leiche des alten Herrn ging.« »Zu richtiger Gewalt hätte er aber nie greifen müssen. Daß er des Geldes wegen die Waffe auf den alten Mann anlegte, halte ich für außer aller Wahrscheinlichkeit. So standen sie nicht!« »Das heißt nur, daß Sie es nicht so sehen. Geben Sie aber zu, daß Sie manches, was leider Tatsache ist, auch nicht vorausgesehen haben? Nun, sei es, wie es sei. Nun aber eine andere Möglichkeit, nur eine Konjunktur, eine psychologische Konstruktion. Sie sagen selbst, daß der alte Mensch mit seinen kuhwarmen Gefühlen eine abstoßende Figur war. Könnte es nicht sein, daß solch ein Mensch, lebensgierig nennen Sie ihn, sich wie ein Vampir auf den jungen, schönen, haltlosen Menschen stürzt, daß er sich an ihm festsaugt, daß er ihn mit Liebesanträgen und scheußlichen Zudringlichkeiten verfolgt. Und als der komische Alte ihm gar zu innig auf die Pelle rückt, da hat der komische Junge zufällig seine Waffe bei der Hand. Nicht einmal zufällig, sondern pflichtgemäß, weil der Alte sie ihm ja gekauft hat und Rudolf sie immer bei sich tragen soll. Und es wäre doch möglich, daß da einen Augenblick lang so eine Art Zweikampf stattfindet, ganz ähnlich wie zwischen ihm und Ihnen und Ihrem alten Hausfaktotum, und daß da die Kugel vorzeitig losgeht und unseligerweise eine tödliche Stelle trifft?« »Ausgeschlossen! Ganz und gar unmöglich! Was der alte Herr wollte, war etwas ganz anderes und mußte es aus einem bestimmten Grunde sein. Mein Bruder hat niemals anders geliebt, soviel ich weiß, als so, wie er es mir damals erzählt hat. Niemals hat er eine richtige sexuelle Beziehung gehabt, weder zu einem Mann noch zu einer Frau. Das weiß ich ganz sicher.« »Das ist etwas ganz Neues. Das klingt ja zu schön! Geradezu märchenhaft. Oder sehen Sie es bloß so, als Bruder, als braver Ehemann, als solider Mensch? Nein! Nie? Auch mit Vera nicht?« »Mit Vera erst recht nicht. Er nannte es ja ›verklärt‹. Er schämte sich zu sagen, wie es die andern nannten. In diesem Punkte glaube ich ihm. Und auch Sie müssen ihm glauben, bitte, wenn er sagte, daß sie wie zwei Kinder nebeneinander gesessen seien und nach ihrer Art auch glücklich, nein, ›phantastisch glücklich und still vergnügt‹ gewesen sind. Ihm war es genug. Vera nicht. Deshalb konnte er das junge, sinnliche Ding nicht halten. Und wenn es ihm doch nicht genug war, wanderte er, ›er zog‹.« »Sonderbar! Aber es wäre schließlich doch möglich bei den jungen Menschen. Da sieht man auch jetzt oft ganz seltsame Verbindungen. Aber daß der Alte nicht etwas für sein Geld haben wollte?« »Und doch ist es so. Nichts Greifbares. Nichts Strafbares. Von einem Rudolf nie. Es mag vorgekommen sein, daß der Alte dem jungen Mann manchmal die Hand geküßt hat, das entspricht dem süßlichen Wesen des Rosenfinger, und man sieht es auch bei anderen älteren Herren, die ihren jungen Freunden voller Demut und Idealismus und Schönheitsanbetung zu Füßen liegen und sich mit dem Anhimmeln begnügen. Hier bin ich fest überzeugt, daß nichts anderes vorgefallen ist.« »Und Rosenfinger verlangte auch nichts als das? Ihm genügte das?« »Er wollte, daß mein Bruder bleibe, das war alles.« »Und das wollte Rudolf nicht?« »Er konnte es nicht. Er mußte ziehen.« »Ja, das ist von großer Wichtigkeit, dieses Wandern spielt ja unbedingt eine Riesenrolle in seinem Leben. Aber bevor ich Sie um nähere Auskunft darüber bitte, wissen Sie vielleicht, durch wen Rudolf Unterricht im Jiu-Jitsu erhalten hat?« »Ja, ich weiß es. Durch einen früheren Offizier, der so ähnlich wie Stefan oder Stefani heißt.« »Steffie wohl? Aber mein liebster Doktor, nein, kein ehemaliger Offizier, alles eher als das. Will dem edlen Herrn nicht zu nahe treten, es waren sicher famose Dienste, die er geleistet hat, aber er war nur Beamter oder nicht einmal Beamter, sagen wir, ein regelmäßig besoldeter Agent des Landesverteidigungs-Ministeriums, in besonderen Angelegenheiten, delikaten Missionen ... etc. Und von wem hat er schießen gelernt? Noch von seiner kurzen Ausbildungszeit hier bei den Königsjägern? Oder doch wohl auch von diesem Steffie? Jedenfalls ein erstklassiger Lehrer und ein begabter Schüler, denn schießen kann der Junge. Er mag es in O. S. und gegen verschiedene Lümmels im Industrierevier und bei Halle auch geübt haben. Sie haben recht, ›Landsknecht‹ ist zu scharf; aber dies nur so nebenbei. Sie erlauben doch, daß ich mir jetzt ein paar Notizen mache, es ist doch sehr aufschlußreich, was ich durch Sie erfahre. Kein formelles Verhör, versteht sich, versteht sich, nur Hinweise, das hat für uns drei, Ihren Rudolf, Sie und mich große Wichtigkeit. Also, seit wann besteht dieser Wandertrieb?« »Seit 1915. Zum erstenmal rückte er nach einer furchtbaren Nacht aus, Sie erinnern sich, man hat es Ihnen sicher ins Feld geschrieben, oder nein, das war ja verboten, Briefzensur, beim ersten Fliegerangriff. Er war bis dahin immer couragiert, eher zuviel als zuwenig, ein frischer, gesunder Bengel wie alle anderen, denke ich. In dieser Nacht kam etwas absolut Unverständliches über ihn. Der arme Kerl jagte wie von tausend Teufeln gehetzt in der Wohnung umher, rüttelte an allen Türschlössern, ruhte nicht eher, als bis wir ihm, mitten im ärgsten Getöse, während die Flieger in den dunklen Wolken herumsurrten und ihre Bomben schon da und dort im Fabriksviertel explodierten und man überall die Lichter gelöscht hatte, als bis wir ihm also alle Türen vom Entree bis zum Haustor und zur Gartentür geöffnet hatten. Wir hatten Angst um Mutter, die in die Ignatiuskirche geflüchtet war, in der richtigen Annahme, die Kirche würde jetzt geöffnet werden. Wir anderen waren im Keller. Mein Bruder sagte: ›Wo ist sie denn, die Mutter? Wir fallen, und sie frömmelt!‹ Am unbefangensten war meine kleine Schwester, sie ahnte nichts, das Knallen machte ihr Spaß. Auch mein Vater hatte seine Kaltblütigkeit nicht verloren, ihm gelang es auch, meinen Bruder zu beruhigen. Es schien wenigstens so. Aber als wir am nächsten Tag beim Mittagbrot beisammensaßen, fehlte er, er war fort. Er hatte keine Zeile hinterlassen. Meine Mutter litt furchtbar, vielleicht war das der Beginn ihrer Depression, aber sie hatte einen sehr festen Charakter, sie überarbeitete alles. Arbeit und Kirchenandacht, das war ihr Widerstand. Sie zeigte ihren Kummer nicht. Mein Vater erstattete die Abgängigkeitserklärung bei der Polizei. Wir hörten drei und eine halbe Woche nichts von dem Jungen, dann tauchte er wieder auf, gesund und als ob nichts gewesen wäre. Er ging wieder auf die Schule. Er war das Sorgenkind des Oberlehrers, aber er wurde nicht relegiert. Man ging zur Tagesordnung über. Wo er gewesen war, wovon er gelebt hatte, was ihn fortgetrieben hatte, mein Vater wußte es vielleicht, wir wußten es nicht. Gegen eine ärztliche Untersuchung sträubte sich der Junge, wozu auch, die Sache war klar, mein Vater hielt es für eine Pubertätserscheinung, durch die furchtbare Angst in der Nacht ausgelöst. Ein anderer hätte auch eine andere Art der Erziehung in Angriff nehmen können, Fürsorge oder ein Sanatorium für psychisch belastete Kinder, aber mein Vater dachte nicht daran. Er verstand es, mit dem Jungen umzugehen, er hielt ihn fest, der Junge benahm sich tadellos, und solange der alte Herr hier war im Hinterland, hielt sich der Junge kreuzbrav. Er hatte in der Schule in zwei Wochen wieder alles nachgeholt, seine Zeugnisse aus dieser Zeit waren die besten. Mein Vater ging dann ab ins Feld, in dieser Zeit ist der Junge wieder ein- oder zweimal ausgerückt. Wir mußten es dem alten Herrn schreiben. Stets kam Rudolf freiwillig zurück, nie hatte er mit der Polizei Anstände. Wo er gewesen war, verschwieg er.« »Rückte er aus Angst vor einer Strafe aus? Wegen schlechter Zeugnisse? Wegen irgendwelcher Raufereien mit Schulkameraden?« »Nein, durchaus nicht. In der Schule kam er immer noch gut mit. Man verlangte nicht zuviel, zumal wenn einer Kriegsfreiwilliger wurde wie er. Mit den Jungs balgte er sich nicht. Er muß bei diesen Wanderungen meist zu Fuß von Ort zu Ort gekommen sein, vielleicht, daß er mal hie und da einen vorüberfahrenden Bauern gebeten hat, ihn mitzunehmen. Er konnte auch kutschieren, hatte Tiere, besonders Pferde, sehr gern. Die Jahreszeit entschied nicht, einmal im Herbst, einmal im strengen Winter, einmal im Sommer, schlechtes Wetter war ihm egal, er kam nach der Winterreise ohne Frostbeulen, ohne Ungeziefer heim, im Sommer schien ihm dieses Leben geradezu gutzutun. Vielleicht hat er sich die Lebensmittel von den Bauern erbettelt, vielleicht auch mit Arbeit ausgeholfen. Installationsarbeiten konnte er gut verrichten, mit ein wenig Draht, Bindfaden und Isolierband und Blech, wie man es damals hatte, konnte er elektrische Leitungen, einfache landwirtschaftliche Maschinen in Ordnung bringen, oft waren damals große Höfe nur von Kriegerfrauen bewirtschaftet, da wurde er sicher mit großer Freude aufgenommen. Genaues haben wir, Mutter und ich, nie erfahren. Er sprach, er sprach sogar sehr viel, aber er antwortete nicht gern, Sie kennen ihn jetzt, er antwortet daneben. Einen gewissen Schönheitssinn hat er gewiß – große Naturliebe, die Natur, die Erde, der Wald, das Wasser –, das liegt ihm am Herzen, oft gab er uns Schilderungen der Landschaft, man sah sie förmlich zum Greifen nahe vor sich. Wenn wir ihn wiedersahen, fing für uns alle ein neues Leben an, ich kann es nicht anders ausdrücken. Wie hätten wir ihm Vorwürfe machen sollen? Wir waren dankbar, daß wir ihn wiederhatten. Er war sofort wieder heimisch, es brauchte keine langen Erklärungen, wir waren alle sofort wieder wie früher. Bei anderen Menschen hätte man sich an den Kopf gegriffen, bei ihm verstand ich alles, es war mir, als wäre ich es selbst gewesen.« Der Richter antwortete nicht sofort, dann sagte er nebenbei: »Vielleicht haben Sie sich alle zu sehr in ihn eingefühlt. Ich will Ihnen aber ganz offen sagen, ich sehe hier zwei ganz verschiedene Rudolfe. Der junge Mensch, den Sie schildern, paßt mir in den Kreis der Chiffons, Steffies und Konsorten nicht hinein.« Darauf antwortete Konrad nicht. IV. »Wäre es möglich«, fragte Konrad, der sich beim Erzählen beinahe wieder ganz wie in den alten Zeiten gefühlt hatte, »daß wir die Unterredung jetzt unterbrechen und daß Sie mir die Erlaubnis geben, meinen Bruder – nur auf einen Augenblick – aufzusuchen?« »Über die Besuchserlaubnis müssen wir uns noch schlüssig werden, gewiß, gewiß, ich verstehe, ich verstehe, aber wenn Sie nicht zu abgespannt sind, beantworten Sie mir noch in aller Kürze, also nicht mehr in so, wie soll ich sagen, epischer Form, einige Fragen, bitte, in aller Offenheit! Also, einverstanden? Die Frage, um die es jetzt geht im Zusammenhang mit den früheren, die 6.) lautet kurz: Wie steht es mit Eigentumsdelikten, Diebstahl, Einbruch, Veruntreuung und dergleichen? Wissen Sie etwas darüber?« Der Arzt sah den Blick des Richters starr auf sich gerichtet, die Füllfeder des Richters hatte eben auf dem Papier die Buchstaben K. D. aufgezeichnet und hatte dann einen von zwei Doppelpunkten minutiös hingezirkelt und exakt über diesem den zweiten. Er, der Bruder, wußte von Eigentumsdelikten. Schon vor Jahren hatte die Familie, Hilda eingeschlossen, von Rudolfs Diebstählen gewußt, die Schwester hatte es ja in Gegenwart von Flossie herausgeschrien: ›Und Rudolf stiehlt!‹ Was jetzt? Schweigen? Schweigen hieß den Bruder belasten, nein sagen hieß bewußt falsches Zeugnis geben. Er war zwar nicht vereidigt worden, stand aber dauernd unter seinem Eid als gerichtlicher Sachverständiger, und wenn auch der Richter es nicht ausdrücklich erwähnt hatte, war es doch so. Jetzt verstand er den Rat seines alten Freundes Ohr, sich der Aussage zu entschlagen, die Wohltat des Gesetzes in Anspruch zu nehmen. Nur seine Liebe zu dem Bruder, den er hatte entlasten wollen, hatte ihn bewogen, sich dem öffentlichen Ankläger zu stellen. Kalter Schweiß sammelte sich ihm, wie in schweren Augenblicken oft, zwischen den Augenbrauen und den Augen, und doch wagte er nicht, die Tropfen aufzufangen, damit der Staatsanwalt nicht glauben solle, er weine und wolle sein Mitleid herausfordern. Der Richter saß noch immer da, er hatte den Blick nicht von dem Arzt gelassen, aber der Arzt sah, daß die Hand des Richters, eine mit blonden, metallisch glänzenden Haaren besetzte, wohlgepolsterte Hand mit einem Siegelring am Mittelfinger und einem Ehering am vierten Finger langsam in Bewegung geriet und zuerst die zwei Doppelpunkte durchstrich und dann auch das Monogramm des Arztes durch einen kleinen, sehr regelmäßig gezeichneten Kreis einrahmte. Nach einer Weile fragte der Richter, nun auch das Monogramm kreuz und quer durchstreichend, ›da ist mir noch etwas aufgefallen, was ich in dieser Form noch nie bemerkt habe und was auch Sie als forensischen Psychologen interessieren wird. Der Untersuchungsgefangene ist manchmal über die Tempora, über das Vorher und Nachher, im unklaren, oder er tut so. Ob simuliert oder nicht, wird uns der Herr Sachverständige sagen, von Ihnen möchte ich nur wissen, ob auch Sie es schon früher beobachtet haben. Er verkennt nämlich infolgedessen die Situation ganz grotesk. Er kann z. B. aus seinem Revolver einen Haufen Schüsse loslassen und zwei Menschen zu Boden strecken – nicht wahr, so war es doch? –, von denen der eine in Todeskrämpfen sich auf dem Pflaster wälzt, der andere zum Steinerweichen heult mit seinem Knieschuß, und währenddessen kann er zu den andern Polizisten in Gegenwart seiner Spießgesellen und seiner Vera sagen: ›Weg da oder ich schieße!‹ Ähnliche Sprünge hat er heute in der Nacht bei Chiffon gemacht, und bei dem kläglichen Versuch, ihn zu verhören, ist er uns jetzt genauso gekommen. Haben Sie früher etwas Ähnliches bemerkt?« »Nie«, sagte der Arzt mit Exaktheit. Er erinnerte sich, früher alle seine Aussagen mit dieser ruhigen Gewißheit abgegeben zu haben, und er begriff, wie weit er sich von sich selbst, von seinem eigentlichen Ich entfernt habe. »So, nie?« fragte der Richter nachdenklich. »Dann mag es entweder auf Simulation beruhen oder auf der Wirkung des Kokains, das ja ein solcher Mensch nicht ungestraft jahrelang seinem bemitleidenswerten Körper zuführt.« Mit diesen Worten schien der Untersuchungsrichter die Unterredung für abgeschlossen zu halten. Der Arzt rührte sich nicht von seinem Platz. »Ja, bitte?« »Ich bitte jetzt um die Besuchserlaubnis bei meinem Bruder.« »Ach jaa! Die Besuchserlaubnis?« sagte der Richter, als hätte er nie eine ähnliche Bitte gehört. »Ich glaube aber nicht, daß ich sie Ihnen erteilen kann.« »Wie ist das möglich? Sie haben sie mir doch eben zugesagt!« »Aber nicht doch! Nicht, daß ich wüßte. Ich muß sogar leider nein sagen. Ersteht, so nehmen wir an, und so sagten Sie es vorhin auch selbst, stark unter Kokain. Das Gift muß ihm entzogen werden. Das geht allem anderen weit voran. Sehen Sie das ein?« »Das sehe ich ein.« »Wie wir wissen, ist das keine so einfache Prozedur, besonders hier in der Zelle, selbst im Gefängnislazarett nicht. Auch das wissen Sie?« »Das weiß ich. Aber gerade in einem solchen Zustand bedarf er meiner am meisten, ich kann ihm sowohl als Bruder wie als Arzt zur Seite stehen.« »Gerade das bezweifelt man. Sie sind nicht der Mann, bei allen Ihren sonstigen Qualitäten, ihn vielleicht mächtig angeben zu hören oder gar ihn etwas leiden zu sehen, denn ein reines Honigschlecken soll eine solche Roßkur von drei Tagen nie sein, und es könnte sich ja dann zufällig ergeben, daß sich in Ihrem Medikamentenschrank jetzt ein gewisses weißes Pulver findet und daß heute, Mitte Juni, Schnee fällt.« »Ich gebe Ihnen mein Wort.« »Mein lieber Herrgott von Mönchengladbach! Ihr Wort in allen Ehren! Ich habe Ihre Qualität als Ehrenmann nie bestritten, mein Verhör hier ohne Zeugen und ohne formales Protokoll beweist es, Doktor, aber Sie haben einen schwachen Punkt. Keine Diskussion! Hier sehen Sie rot. Die Entziehung wird Ihr Nachfolger oder, besser gesagt, Ihr Stellvertreter hier, Dr. Fabrizius, leiten, das wird er. Zwei können nicht kommandieren. Begreifen Sie das? Würden Sie es nicht ebenso machen, wenn Sie hier säßen und ich dort, wo Sie?« »Ich soll nicht dabei sein? Er wird leiden, das Kind wird fürchterlich leiden. Er wird nicht verstehen, daß ich nicht bei ihm bin. Es sind höllische Qualen, die ein Mensch bei einer solchen Kur auszuhalten hat.« »Mag sein, ich gebe es zu. Aber mit dem Kokain und Heroin und den anderen Zaubertränkchen, mit denen er sich bis jetzt über Wasser gehalten hat, muß es zu Ende sein. Da gibt's kein Deuteln. Noch steht die Sache nicht eindeutig schlecht für ihn, Beweise gibt es nur für die Schüsse am Kiosk, und die werden ganz anders gewogen, wenn es sich um die Schüsse eines von der Polizei verfolgten, gemeinen Raubmörders handelt oder um die Exzesse eines offenbar erblich belasteten, willenlosen und, wie Sie sagen, vielleicht stark berauschten Menschen. Alles andere sind nur unsere Arbeitshypothesen. Wie immer es sei, so kann er nicht weiterleben. Das ist nämlich nicht nur eine Hölle für ihn, obgleich Sie es paradiesisch schildern, sondern auch eine dauernde Gefahr für seine Mitmenschen. Am humansten ist, ihn mit Gewalt gesund zu machen. Er muß es tragen, er muß sich dann verantworten, und er wird es tragen, und er wird es verantworten. Verstehen Sie mich? Was sonst? Soll ich ihn auf Widerruf entlassen gegen Kaution? Könnten Sie das verantworten? Soll ich ihn einem Luxus-Sanatorium übergeben, aus dem er nie mehr zu uns zurückkommt? Niemals, nie!« »Lassen Sie ihn mir! Lassen Sie ihn mir!« »Aber Doktor, Sie haben ihn doch gehabt! Sie haben doch aus ihm gemacht, was er geworden ist, oder Sie haben es nicht verhindern können. Jetzt muß es anders werden!« »Lassen Sie ihn mir, lassen Sie ihn mir!« murmelte der Arzt verstört. Der Richter trat zu ihm, überlegen nahm er die Hände des Arztes in seine und redete ihm gut zu. »Gewiß sollen Sie ihn haben, aber nicht jetzt. Sie sollen ihn sehen, heute schon, sogar sofort, ich komme mit Ihnen, aber er soll Sie nicht sehen. Es muß ihm zum Bewußtsein kommen, daß jetzt nur wir die Herren sind und daß wir ihn ein wenig hochkanten wollen. Was wollen Sie mehr? Alle erlaubten Erleichterungen soll er haben, eigene Betten, eigene Kleider, eigene Wäsche, Zigaretten, Obst, Klosettpapier, Zeitungen, Bücher soviel er will, Beköstigung von daheim, wir wollen so human sein, daß es uns vor uns selbst graut. Was hat denn diese moderne Humanitätsduselei schon genützt? Ändert sie die Schuld? Das Wesentliche der Strafe darf sie nicht ändern. Was wollen Sie mehr?« »Und wenn es gefährlich werden sollte?« »Wie sollte es das? Es kann nicht noch gefährlicher werden, als es schon ist. Sein Zustand ist scheußlich! Ein Mensch, jung und stark und dauernd im Tran. Grüne Seidensocken, Goldarmband, Wildlederhandschuhe und – Tag und Nacht dun, ist das nicht überkotzig? Und Sie sehen ja auch, daß dieses fressende Gift schon tief genug gegriffen hat, wenn ein gebildeter Mensch heute von morgen nicht mehr unterscheiden kann und es blitzen läßt, nachdem es vor einer langen Weile gedonnert hat. Es ist also höchste Eisenbahn.« »Und wenn es doch kritisch wird?« »Ohne die Entziehung geht er sicher ad patres, vielleicht nicht, ohne noch ein paar Heldentaten zum Ruhme seiner Familie verübt zu haben. Wird er kokainfrei gemacht, besteht die Möglichkeit, daß er nach ein paar Jahren Gefängnis und infolge intensiver Erziehungsarbeit durch andere Naturen, als es Vater, Mutter, die diversen Konrads und Veras bis zu Steffies und Chiffons sind, wieder ein ordentlicher Bürger und Deutscher wird. Dann können Sie sich bewähren, ihm etwas Neues aufbauen helfen, dann! Jetzt nicht!« »Und wenn doch Gefahr eintreten sollte?« »Doktor, Doktor, Doktor, ich sage es noch einmal, sie wird nicht! Aber um Sie zu beruhigen, will ich noch weiter gehen. Sie versprechen, daß Sie unter keinen Umständen Fragen an ihn stellen und unter keinen Umständen Antworten an ihn erteilen, die mit den Straftaten in Zusammenhang stehen, darauf verpfänden Sie mir Ihr Manneswort. Das ist doch das letzte in diesen Sauzeiten, woran einer noch glauben möchte, nicht? Und dafür verspreche ich Ihnen in der gleichen formellen Weise, daß wir Sie ihm in wirklich kritischen Momenten heranzaubern werden. Das ist die äußerste Grenze des Zulässigen. Sie wissen es! Ich will es gar nicht davon abhängig machen, ob der junge Mensch nach Ihnen verlangt. Denn, das sagen Sie sich doch endlich einmal selbst, Sie bedeuten, wenn ich meinen eigenen Eindrücken folgen darf, ihm weniger als das Rülpsfränzchen seines alten Gönners, ich kann mir nicht zwei Menschen denken, die auf so verschiedenen Planken im Weltmeer segeln, wie Sie und er. Wäre es anders, er wäre nicht da. Aber gut, Sie sind der Bruder, Sie allein fühlen sich verantwortlich für ihn, ob mit oder ohne Grund, weiß ich nicht. Die Mutter ist außer Reichweite, ich sehe es ein, Sie sind die Familie. Und die Familie ist immer noch, gerade jetzt, ein fundamentum regnorum, die Basis der Nation. Gut! Ich will dafür sorgen, daß er unter ständiger ärztlicher Beobachtung bleibt. Man wird ihn also nicht einfach auf drei mal vierundzwanzig Stunden, mit zwei dicken Woilachs als Lager und einem Laib Brot als Futter und so weiter, in eine dunkle Kammer, in eine unbeleuchtete Beruhigungszelle mit gekehlten Ecken und ohne Griffe an den Türen stecken, wie man es in ähnlichen Fällen bei Leuten ohne Bruder etc. etc., Sie wissen es selbst, schon mit ganz gutem Erfolg gemacht hat. Er soll alles haben wie in einem Sanatorium, einen Spezialwärter, unsern alten Medikus B., übrigens auch ein alter Bekannter aus dem Spielklub »Hera«, der wegen seiner geliebten Abtreibung sein Jährchen hier verbringt, sich von Luft nährt und seinen Durst mit Tränen stillt. Hat der verantwortliche Arzt, also Dr. Fabrizius, irgendwelche Bedenken, sieht er, daß es wackelt, sollen Sie sofort kommen dürfen, Sie sollen bleiben dürfen, bis der junge Mensch über den Berg ist.« »Ich danke Ihnen.« »Ich danke Ihnen nicht. Wir wollen uns nicht gegenseitig beredensarten.« »Wollen wir jetzt gehen?« »Gewiß doch, Doktor, und vergessen Sie Ihren Aktenladen nicht. Ihre Agenden als Gerichtsarzt müssen unter den Ereignissen ja nicht leiden.« »Ich will zurücktreten.« »So? Warum denn? Würde ich für übereilt halten. Es muß ja nicht hiergeblieben werden, hier ist wohl der Klamauk zu groß. Bin aber nicht berechtigt, Ihnen in einer so wichtigen Angelegenheit einen Rat ungebeten zu erteilen. So bitte, das wird die Zelle sein, Nr. 47a, Sonnenseite, neben dem Unteroffizier Gruschky aus der Fememördersache, wie das die bösen Zungen nennen. Sehen Sie, bei dem braucht man keine psychiatrischen Sachverständigen und keine Entziehungskuren, im Gegenteil, da sind im Grund noch kerngesunde Wurzeln, die kann man ruhig auch mal mit etwas Alkohol begießen, ist ja schließlich doch 'ne andere Geschichte, da ist die Sache soo einfach. Aber Sie verstehen mich schon. Bitte, treten Sie leise auf, ich möchte nicht, daß der junge Herr merkt, daß Sie gekommen sind. Ja, Sie können sich an die Tür stellen und durch den Judas gucken, nur leise, sehen Sie sich Ihren Coeurbuben in aller Ruhe an!« »In aller Ruhe« sah Konrad, von dessen stürmischem Herzklopfen das schwere Eichenholz der Zellentür vibrierte, seinen geliebten, schönen Bruder Rudolf, der in diesem Frühling fünfundzwanzig Jahre alt wurde, einen hochgewachsenen, breitschultrigen Menschen. Eine dichte Mähne hellblonden Haares, in das sich einige graue Strähnen mischten, leuchtete in flachen Wellen, links sorgfältig geteilt, auf dem kleinen Kopf, den er jetzt ruckartig von einer Seite zur andern warf, während er mit langen, schnellenden Schritten in der Zelle umherschoß, lautlos auf seinen schlotternden, grünen Seidensocken. Mit einem Seitenblick seiner graublauen, fast metallisch leuchtenden, unruhigen Augen streifte er das Guckfensterchen. Er hatte wohl bemerkt, daß ihn jemand beobachtete – wer wohl? Mit den schönen weißen Zähnen fuhr er sich über die etwas schwammige, volle Unterlippe, dann sprach er vor sich hin, und es zuckte der Kopf wieder fort. Die Blicke hielten nicht still, die Wände hinauf und herab, in die Ecken, im Kreis herum und zurück auf die Tür. Auf dem Wandtischchen standen ein Napf mit Anstaltsessen und ein Krug Wasser, scheinbar unberührt. Den Rock hatte der junge Mensch ausgezogen und ihn auf den einzigen Stuhl gehängt, damit er die Form bewahre. An dieser Kleinigkeit erkannte Konrad den alten Bruder. Wenn aber der Bruder, unverständlich vor sich hermurmelnd, bald mit den Fingerspitzen, bald mit den Nägeln etwas Unsichtbares an der Wand zerdrückte und dabei verstört die Stirn runzelte, die Augen wie in Angst weit aufriß, begriff er ihn nicht mehr, aber er zitterte nur um so mehr um ihn. Als sich Konrad endlich abwandte, traf er den Richter nicht mehr an. Es war halb zwei, die übliche Zeit für den Staatsanwalt wie für den Arzt und die übrigen, auswärts wohnenden Amtspersonen des großen Gefängnisses zu B., ihre Mittagsmahlzeit einzunehmen. V. An dem Portal des Gefängnisses begegnete Konrad dem katholischen Gefängnisgeistlichen Stanislav Jarausky, der sich ihm beim Heimweg anschloß. Der schon über 58 Jahre alte Geistliche war mit der Familie D. seit vielen Jahren befreundet. Er war zeitweise der Beichtvater der Mutter Konrads gewesen, hatte Hilda bei ihrem Streben, von zu Hause fortzukommen, unterstützt und hatte sie in das geistliche Erziehungsinstitut hinbegleitet, wo sie sich jetzt, fast vollkommen von der Außenwelt abgeschlossen, befand; er hatte Konrads Töchterchen getauft. Konrads Freund war er trotz allem nicht. Dieser Geistliche, ein wahrer Menschenfreund, der in jedem Menschen, auch in der verworfensten Kreatur etwas Bemitleidenswertes und mit christlicher Liebe zu Umfassendes sah, war im Gefängnis nicht beliebt. Daß er den Subalternbeamten nicht sympathisch war, konnte man verstehen, denn er nahm zu oft die Partei der Unruhigen, der schwer »in stramme Zucht« zu Bringenden, er hörte stundenlang den Querulanten zu und erweckte in ihnen den Glauben, er halte ihre Klagen für berechtigt, ihre an Verfolgungswahn grenzenden Systeme für logisch. Er war auf Schonung der körperlich Schwachen bedacht, die sich in den »wie ein geölter Blitz« laufenden Fabriksbetrieb, Marmorschleiferei, Tüten- und Kartonagenfabrik, Hauswerkstatt, Garten und Feld, nicht so einfügen wollten, wie man es von ihnen erwartet hatte. Er redete mit den abgebrühtesten Verbrechern wie mit seinesgleichen und erlaubte ihnen sogar, sich in seiner Gegenwart zu setzen, er schloß die Augen vor ihrem höhnischen Lächeln, vor ihrem gotteslästerlichen »Trieb«, wenn sie aus den Heiligen- und Muttergottesbildchen mit den Nägeln oder durch raffiniert ausgeklügelte Kniffungen obszöne Bildwerke fabrizierten, um diese zu verkaufen oder für Gegendienste zu verleihen. Nicht er war es, der dies zur Anzeige brachte und dadurch den Betreffenden einige Tage »B.Z.«, das heißt Beruhigungszelle verschaffte, sondern regelmäßig waren es Mitgefangene, die sich ebenfalls an diesen Scheußlichkeiten hatten weiden wollen, denen dieses aber nicht gelungen war, weil sie den Gegenwert im Gefängnistauschhandel nicht hatten erlegen können oder wollen. – Weshalb aber liebten ihn auch die Gefangenen nicht? Selbst der Arzt, der im allgemeinen nicht »dußlig«, das heißt weichherzig war, und vor allem selbst der oft rücksichtslos energisch auftretende Direktor, ja selbst der knickerige Rentamtmann, der die Wirtschaft des Hauses und insbesondere die Küchenauslagen regelte, alle waren beliebter als Jarausky. Wie oft hatte er die körperlich Schwachen gegen die körperlich Überlegenen zu schützen gesucht, die Unerfahrenen und Verzweifelten gegen die Abgebrühten und Zynischen, man wich ihm nur um so mehr aus. Seine von Liebe und Mitleid überquellenden Predigten, die er, immer die gleichen nach einem gewissen Turnus, mit seiner etwas heiseren Stimme, oft unter echten Tränen, sonntags und feiertags von der Gefängniskanzel herab vortrug, machten auch die frischen, leicht zu beeinflussenden Gefangenen nur gähnen, und die älteren Insassen verständigten sich während der Predigten, aufgeregt mit der Zunge hinter den stummen Lippen spielend, durch Fingersprache an den hölzernen Trennungswänden, und ihr einziger Wunsch wäre nur der gewesen, Jarausky hätte weniger mit der Stimme gezittert, dafür aber lauter gesprochen, denn bei dem gar zu süßen, leisen Singsang seines aus dem Halse kommenden Organes mit dem wasserpolnischen Akzent konnten die Wachen das Pochen zu leicht hören, und dann »setzte es etwas«, nämlich die gesetzlich gestatteten Stockhiebe, mindestens zehn, oft aber mehr. Der protestantische Geistliche, der kräftig drauflosdonnerte, war bei »seinen« Gefangenen viel mehr beliebt, vor ihm nahmen alle, auch die katholischen Sträflinge, »Haltung« an, während sie an dem alten Jarausky oft mit schiefem Mund und scheelen Blicken vorbeischleiften, manchmal absichtlich einen erbärmlichen, hündisch flehenden Gesichtsausdruck annehmend, um sein Mitleid herauszufordern. Kam er aber hinter ihnen her, beseelt von dem Wunsche, ihnen, auch ohne daß sie es verlangten, zu helfen, liefen sie davon, der Geistliche in seinem schleppenden, vor Alter in den Nähten krachenden Gewande konnte nicht flink genug folgen und merkte zu spät, daß man sich über ihn lustig gemacht hatte. Aber ihn machte nichts irre. Er hatte seine geistlichen Examina nur mit Mühe bestanden, viele Gedanken gingen in seinem Kopf nicht um, aber er stand fest in seinem Glauben, er glaubte an das Wort des heiligen Augustinus (seine Prüfungsfrage im Examen), »die Vollendung des Gesetzes ist die Liebe«, er glaubte an die Erlösung jeglicher sündigen Menschheit durch das teure Opferblut Christi, er glaubte felsenfest an die gerechten Gerichte voller Zorn, aber noch mehr voller Gnade jenseits des Grabes und der Auferstehung, an die alles umfassende Heilkraft der heiligen Sakramente, die diesen verlorenen Schäfchen zu spenden seine Pflicht war. Seine mäßigen Einkünfte rechnete er nicht nach, er verbrauchte sie nur zum geringsten Teil für sich. Er sparte an Essen, an Kleidung, selbst an Seife. Seine Sauberkeit war nicht immer tadelsfrei, seine Kleider hatten Speckglanz, und ihr Schwarz war grünlich geworden, er ging oft tagelang unrasiert umher, was die Gefangenen höhnisch mit Anspielungen auf seine Abstammung feststellten, während der protestantische Geistliche stets wie aus dem Ei gepellt, mit sauberen, in gesundem Rot glänzenden Wangen unter ihnen erschien, kein Stäubchen auf seinem tadellos geschnittenen Gehrock. Seine Einnahmen waren, so glaubte Jarausky, nicht für seine unwichtige Person bestimmt. Einen Teil verwandte er auf Ausschmückung der Gefängniskapelle, sehr zum Verdruß des Protestanten, dann für die bunten, goldumrahmten, oft kunstvoll geprägten Bildchen, die er unverdrossen an die Gefangenen austeilte, obwohl sie doch immer wieder mißbraucht wurden. Schon im Mai jeden Jahres wurde von ihm ein Krippenfond angelegt für die Weihnachtsbescherungen, und nur der Rest seines Einkommens fiel, oft nach sehr erregten, in polnischer Sprache geführten Unterredungen, seiner alten, aber noch sehr lebenslustigen Mutter zu, die dieses Geld weniger in Essen, Kleidung, Miete als vielmehr in Spirituosen und in Lotterieanteilen anlegte und die durch keinen Mißerfolg bei den Losen und durch keinen Katzenjammer nach dem Schnaps zu belehren war. Er hielt, wie dies vorgeschrieben war, die Sträflingsschule und widmete ihr viel mehr Zeit, als im Anstaltsplan vorgesehen war. Trotzdem waren seine Erfolge sehr gering. Die Sträflinge gingen nur höchst ungern hin, obwohl sie doch während dieser Zeit von körperlicher Arbeit ebenso wie von der furchtbaren Einsamkeit in den Einzelzellen befreit waren. Sie dösten, in die engen Schulbänke geklemmt, mit leeren Augen und offenem Mund dahin, bei den Prüfungen antworteten sie widerwillig, gaben absichtlich alberne, zum Lachen reizende Antworten, waren bockig und boten der Aufsichtsbehörde solches Ärgernis, daß die Rede davon war, die Stelle des Gefängnisgeistlichen – und Lehrers möglichst bald durch eine jüngere und selbstbewußtere Kraft zu besetzen. Aber als man beim bischöflichen Ordinariat dies dem armen Jarausky vorschlug, wehrte er sich, er versprach mehr Energie, er wollte von seinen undankbaren Schülern nicht lassen, und da eigentlich nichts gegen ihn vorlag, ließ man alles, wie es war. Nun ging er neben dem Arzt einher und begleitete ihn heim. Es war sehr feinfühlig, und es war ganz christlich, daß er den Bruder Rudolfs schonte, daß er ihn weder zu trösten versuchte, noch daß er ihm Vorwürfe machte, wie solche der Untersuchungsrichter zum Beispiel beim Verhör in ganz unverhüllter Weise gemacht hatte; er ging in etwas ungleichem Takt neben ihm her, sah ihn von der Seite an, nicht zu oft, nicht mit der Neugierde, nicht mit dem Gedanken: das ist also der Bruder des unter Raubmordverdacht verhafteten, schwer kokainkranken Rudolf D. Er begann kein Gespräch über die häuslichen Angelegenheiten des Arztes, über seine Frau, sein Töchterchen Ottegebe, das er aus der Taufe gehoben hatte und das daheim nur den Namen »unsere Otto« trug, er versuchte den Arzt nicht abzulenken von dem, was ihn in seinem Inneren durchwühlen mußte. Der feinste Menschenkenner, der zarteste Seelenarzt hätte nicht schonender vorgehen können – und dennoch war er jetzt dem Arzt mit seinem Schweigen und seiner Feinfühligkeit zur Last. Konrad sehnte den Augenblick herbei, in dem der Geistliche sich endlich verabschieden würde. Auch das bemerkte der Menschenfreund, er suchte nach einer Form, und da er sie in seiner Schüchternheit nicht sofort fand, hängte er sich weiter dem Arzte an, der zu gern wenigstens fünf Minuten allein geblieben wäre. Schon war das Haus Konrads in der Nähe, in dem Speisezimmer waren die Fenster geöffnet. Der Frühsommerwind bauschte die sauberen, frisch geplätteten Vorhänge zu den Fenstern hinaus, und sowohl der Arzt wie der Geistliche sahen, wie Flossie hochroten Gesichtes sich zum Fenster herausbeugte, dann beim Anblick der zwei Männer wie erschrocken zurückfuhr. – Jarausky seufzte, drehte die Finger, und erst an der Haustür verabschiedete er sich, ungeschickt genug. VI. Konrad brauchte die Tür zu seiner Wohnung nicht zu öffnen, Flossie stand strahlend, aber nicht ganz so strahlend wie sonst, in ihrem hellgrünen Musselinkleidchen, mit roten Glasperlen um den Hals, vor der offenen Tür und nahm ihm sofort die Aktentasche ab. »Was? Mein Immelein hat seine Stullen alle wieder heimgebracht?« Der Arzt sah seine Frau an. Wollte sie nichts wissen? Der Tisch war gedeckt, die alte Minna kam und trug auf. Konrad ließ die Achseln hängen und aß nichts. Die Frau seufzte auf, beide schwiegen. Auch die Frau aß nichts, obgleich ihr »der Wolf im Magen saß«, denn sie hatte Bärenhunger. Während sie mit ihren schönen, langfingerigen Händen die bunten, nicht mehr ganz frischen Blümchen in einer Vase ordnete, ließ sie ihre Blicke zwischen dem Gesicht ihres Mannes und den gefüllten Tellern abwechselnd umherschweifen. Schließlich faßte sie sich ein Herz und stand auf. Leise, um ihr im ersten Nachmittagsschlaf liegendes Töchterchen Otto nicht zu wecken, trat sie hinter den Stuhl ihres Mannes und faßte ihn von rückwärts an den Schultern. Er zuckte zusammen, die Schultern waren seine schwache Seite. Vielleicht war der Druck zu stark, aber ihre Hände blieben da, in den gestreckten Armen zeigten sich auf beiden Seiten an den Ellenbogen niedliche, weiche Grübchen in der glatten Haut. Sie beugte sich lächelnd über ihn und sah ihn innig an. Ihr Kopf mit dem schönen weizenblonden Haar über den unregelmäßig geschnittenen Zügen rückte mit jedem warmen Atemzug von rückwärts näher an seine kalte Wange. Mit ihren kleinen Ohren rieb sie sich so lange liebkosend an ihm, bis er zu lächeln anfing, schwer, zögernd, aber doch. Als hätte sie nur darauf gewartet, lief sie um den Stuhl herum, schob den Tisch etwas heftig fort, so daß es klirrte, dann setzte sie sich ihm auf den Schoß und steckte ihm eine Kirsche nach der anderen, nachdem sie sie in einem Wasserglas gewaschen hatte, in den Mund. Die Kerne nahm sie ihm mit einem Suppenlöffel ab. Nachdem die schöneren, frischeren und festeren Kirschen von ihm verzehrt waren, begann auch sie welche zu nehmen, die minderen und weicheren, und dann auch etwas von dem Kotelett und ein winziges Kartöffelchen nach dem anderen, etwas für die liebe Imme, etwas für sich, und als das Mädchen wieder zum Abservieren kam, gab sie ihr einen Wink, alles da zu lassen, wie es auf dem Tische stand, denn sie wollte sich ein Herz fassen und den Stier bei den Hörnern packen. Es war ein ungeschriebener Vertrag in ihrer Ehe, das wußte sie und das war lange Zeit, besonders in den Jahren vor Otto, ihr Schmerz gewesen, über »ihn« zu schweigen. Aber auch viele andere Fragen hatten die Gatten in ihrer bisher vollkommen harmonischen, beneidenswert glücklichen, in ihren Kreisen geradezu als mustergültig bezeichneten Ehe nie besprochen. Wozu auch? Jeder der beiden Gatten regelte, was in seinem Bereich lag, und beide wußten sich im wesentlichen einig. Sie hatten nie Streit gehabt, nicht einmal einen kleinen. Heute wußten sich beide keinen Rat. Konnte man »ihn«, Rudolf, auch jetzt noch mit Schweigen übergehen? Sie konnte es nicht und wollte es nicht, obgleich ihr vor einer Stunde ihr Vater, der Konsistorialrat, unbegreiflicherweise diesen Rat gegeben hatte. Flossie war von Konrads etwas unbequemem Schoß wieder herabgeglitten. Sie hatte vor Worten keine Angst. Sie war sich bewußt, daß sie »guten Willens« war, und sie hatte während des ganzen Vormittags schon die Schritte überdacht, die sie, ihr Mann und ihre Angehörigen unternehmen müßten, und dabei war ihr klargeworden, daß vor allem einmal alles zur Sprache gebracht werden müßte. Wie gern wäre der Arzt die gleichen Konflikte, alles, was mit der Verhaftung seines Bruders, mit dessen Vergangenheit, dessen Zukunft zusammenhing, für sich allein in Gedanken durchgegangen! Hätte er nur die fünfzehn Minuten auf dem Heimweg für sich gehabt! Aber der gute Kaplan Jarausky war nicht von ihm gewichen, und er hatte sich nicht sammeln können. Jetzt zog er sich in sein Arbeitszimmer zurück. Seine Frau wollte ihn nicht allein lassen, sie kam ihm nach. Während er sich in dem alten Ohrensessel niedergelassen hatte, fegte sie mit ihren etwas schweren Schritten, so daß das Tintenzeug auf dem Tische klirrte, im Zimmer umher, mit einer stereotypen Bewegung strich sie über die Buchreihen der Bibliothek, um zu sehen, ob nicht da oder dort noch Staub lag, denn Staub haßte sie ebenso wie Lüge, Krankheit, Feigheit – und die Polen, die Kommunisten. In einem der grünseidenen Vorhängchen, die über einen Teil der Bücherei gespannt waren, hatte sie verdächtige Stellen bemerkt. Doch nicht Motten in ihrem Haus?! Aber neben der Erfüllung ihrer Hausfrauenpflichten, die ihr zur zweiten Natur geworden waren und denen sie oft ganz mechanisch nachkam, gingen ihr heute mittag andere Gedanken durch den Kopf. Daß ihr Mann so lange schwieg, schien ihr ein böses Zeichen. Hätte er ihr den Tatbestand, alles, was sie schon am frühen Vormittag durch ihre alte Freundin, Frau von Ohr, erfahren hatte, mitgeteilt, so hätte sie versucht, sich mit den Tatsachen abzufinden, vor allem aber ihr »Immenherz« zu verstehen, auch wenn sie es nicht verstand. Aber er preßte die dünnen Lippen nur um so fester zusammen. Die Kraft der Rede, die er in Gegenwart des Untersuchungsrichters entwickelt hatte – denn er konnte reden, wenn er mußte, und sogar sehr leidenschaftlich seine Meinung verteidigen – war dahin. Konnte aber Flossie zuwarten, sich noch länger in Geduld fassen? Durfte sie das? Wen konnte sie fragen außer ihren Imme? Imme hieß alles: Immer! (abgekürzt), Imme (die fleißige Biene), I. M. (innigstgeliebter Mann), in zahllosen zärtlichen Abarten, die ihr bei Tage unter der Arbeit, sogar nachts im Traume einfielen. »Aber du, mein geliebtes Immenherz«, begann sie, »wir müssen jetzt beide flink die Augen aufmachen, Blindekuh gilt nicht. Du brauchst nichts zu sagen, ich weiß, wie schwer es dir fiele, schließlich ist es doch dein Fleisch und Blut, und wie wäre es mir, wenn ich dir, mein alter Junge, erzählen sollte, Doralies hat gestohlen, einen goldenen Federhalter oder so, und sitzt im Gefängnis, es wäre mir furchtbar, lieber bisse ich mir die Zunge im Munde ab. Ich versteh' dich also gut, aber es hilft uns nichts, diesmal ist Reden Gold und Schweigen Silber. Nun, hörst du gut zu? Ich mag diese dummen Falten auf der Sorgenstirn nicht sehen, mach doch glatt, du Dummer! Glaubst du, ich weiß nicht, wer du bist und wer der andere ist? Das kann überall passieren, von dem gesündesten Baum klatscht einmal eine wurmstichige Birne herunter. – Jetzt mach dir's bequem, ich will dir den Kragen abknöpfen, ist wirklich ganz verschwitzt und muß dich ja würgen, du armer Immenwurm. Siehst du, und hier, wo der dumme Kragenknopf sitzt, da hast du eine rote Stelle, die möcht' ich zu gern wegküssen, du weißt janicht, wie rasend gern aus ganzem Herzen ich dir alles ersparen möchte, was dich drückt. Ist dir jetzt leichter, du Ärmster aller Armen? Doch! Denk an das Gute im Leben! Wir haben ja auch schon massig schwere Zeiten durchgemacht, verzagt wird nicht bei uns, verzagen sollen die anderen!! Erinnerst du dich an unser Verlobungsessen, an die rote Pferdefleischmarke, und wir haben doch kein Pferdefleisch gegessen! Hab Vertrauen zu mir! Flossie, die dämliche Kreatur, wird immer wissen, wo hinaus. Denk nicht daran, versprich es mir, nicht an ihn, meine ich, du alte Kummerstimme, was aus ihm wird, schlag's der Hagel! Nur an uns denk, an dein Kind und an mich, dein Mädilein, deine ehrbare Gattin, meine Winzigkeit! Es ist ja Lenz, Pfingsten kommt. Denkst du, du bist der einzige, der zu stöhnen hat? Aus! Aus! Stöhne nicht! Atme tief! Gestern hat mein Papi gepredigt in der Garnisonkirche vor der Reichswehr, wie ein Stahlgewitter hat es eingeschlagen, und immer mit der Faust aufs Bibelpult und mit dem Buch aufs Kanzelgitter, daß es nur so dröhnt! Es kann ja in der Welt so nicht weitergehen, wir müssen raus! Rauf! Ran! Wir müssen uns ermannen, und der Teufel soll die Weichlinge holen, mit den Starken aber ist Gott. Oft denke ich, wie traurig, daß mein allerliebster Herzensmann nicht neben mir im alten Familienkirchenstuhl sitzt, mitten in unserer alten Gemeinde. Und unser Kind von dem alten Speckkragen, dem polnischen Pfaffen, das heißt Pater, getauft, mein Kind! Wärest du unser, versteh mich recht, liebster Immenmeyer, alles wäre anders gekommen. Wir knien nicht soviel, wir betteln nicht um Gott, Frieden ist ja Quatsch, nicht? Um unseren deutschen Gott brauchen wir nicht zu betteln, wir holen ihn uns, das ist unser Pfingsten, das Fest der Auferstehung. Du sollst tief atmen, durch die Nase rein, diese prachtvolle Frühlingsluft, und durch den Mund wieder heraus! Aber du machst es ja umgekehrt, du stöhnst ja, so habe ich es nicht gemeint! Nein, du komisches Purzelchen, ganz verkehrt – jetzt hab' ich dich doch abgeschleckt, ich – mir ist ja zu wohl bei dir, dir auch? Mir ist wohl. Vorhin, während des ganzen Vormittags, war mir so nach dir, ja, du alte Flossie, hab' ich mir da gesagt, ich muß dir schon sagen, du bist oft ein kleinmütiges Schaf. Da hab' ich mir die alte Violine aus dem Kasten geholt und dem Kind, unserer Otto, einen alten Marsch vorgekratzt auf der Geige, ein bißchen rostig klang es wohl, aber der Takt war schon der rechte, und das Kind hat nach dem Fiedelbogen gegriffen und gekreischt und die Beißerchen gebleckt. Beinahe hätte Otto gelacht. Aber ganz doch nicht! Da könnt' ich es fressen und denk' mir, wie müßten wir drei glücklich sein! Und wir werden es auch sein, verlaß dich auf mich! Ich bin bärenstark, kein Wiesel, sondern solid in Knochen, mich wirft nichts um. Da habe ich nicht begreifen können, daß ihr zwei sollt Brüder sein wie ich und Doralies Schwestern. Es will und will mir nicht ein, immer mache ich mir vor, alles ist ein Fez, ein dummer Ulk, und Rudolf ist kein Dieb und kein Landstreicher und kein – ich schweig' schon, ich kann schweigen wie ein Massengrab – tausend drunter und nicht ein Name droben! Im Schweigen bin ich groß. Du kennst mich noch gar nicht. Aber was hilft's, die Leute munkeln und tuscheln nicht mehr, sondern nennen ihn ganz frech mit unserem Namen, das Blatt bringt »ihn« sicherlich großgedruckt, erste Seite. Alles er. Jetzt wissen es alle. Wir müssen es büßen. Heute nachmittag sollte Kaffeekränzchen hier sein, aber die Damen haben alle durch die Bank abgesagt. Ich hatte schon ein Achtel Schlagsahne bestellt, rechtzeitig habe ich noch abgerufen. Sie kommen nicht, jetzt kommen auch die nicht mehr, die uns bisher noch nicht gemieden haben.« Die Frau hatte sich auf die Platte des Schreibtisches gesetzt, den Kopf auf den linken Ellenbogen aufgestützt, die blonden Haare etwas zerrauft. Jetzt atmete sie hörbar, sie dachte angestrengt nach. Niemals war dem Arzt seine Frau so begehrens- und besitzenswert erschienen wie jetzt. Ihre korallenfarbenen, zart geschwellten Lippen, seit der Geburt der Tochter etwas weicher geworden wie das ganze unregelmäßige Gesichtchen mit den Rosenfarben – Purpurrose die Wangen und Teerose die Stirn und der Hals, und in den ebenmäßigen Zähnchen die Farbe der weißen Rose, nicht ein kalkiges Weiß, sondern ein ganz leicht cremefarben getöntes, alles Zeichen einer herrlichen, strahlenden Gesundheit. Niemals hatte Flossie einen Arzt gebraucht, nie war sie beim Zahnarzt gewesen. Es entströmte ihr ein feiner Duft, er erhob sich von der feuchten, hell schimmernden, faltenlosen Stirn, wo das blonde Haar ansetzte, von den Ellenbogen, den Achselhöhlen, dem kindlich geöffneten Mund. Konrad sah sie an und – dachte an seinen Bruder. Er hatte sich eben erinnert, daß schon in dem alten Feldpostbrief seines Vaters von Rudolfs »Eigentumsdelikten« die Rede gewesen war, und diese Eigentumsdelikte spielten vielleicht jetzt bei den Verhören und der Verhandlung eine große Rolle. Er stand leise auf, streichelte seiner Frau im Vorübergehen das Haar und holte aus dem Geigenkasten des Vaters, der wie ein älterer Bruder neben Flossies Geigenkasten stand, das alte Exemplar der Feldzeitung. Jetzt sah er am Fenster die stark vergilbten Blätter mit der fast unleserlich gewordenen Schrift der verblichenen Kriegstinte an. Mühsam fand er eine Stelle, sie war weniger umfangreich, als er gedacht hatte, eigentlich nur wenige Worte: »Er leidet unter Angst«, dieser Satz fiel ihm zuerst in die Augen, dann las er die anderen: »Kümmere Dich, liebster Konrad, besonders um Rudolf, um den ich mich törichterweise sehr viel sorge. Er ist ein prachtvoller Kerl, das sieht man ihm an... Er braucht vielleicht mehr den Arzt als den Richter ...« Konrad hatte nicht mehr die Geduld, die Stelle zu suchen, wo von den Eigentumsdelikten die Rede war. Schwer entschloß er sich, den letzten Brief seines geliebten Vaters zu vernichten, aber er tat es um derer willen, die über seinen Bruder zu Gericht sitzen und alles zu seinen Ungunsten auslegen würden. Ohne daß ihn, wie er glaubte, Flossie sah, ging er ins Speisezimmer zum Ofen und wollte das Schriftstück dort verbrennen. »Besetzt!« rief Flossie plötzlich mit ihrer hellen Stimme vom Schreibtisch her, und tatsächlich sah er im Ofeninnern etwas Weißes schimmern. »Das sind meine Geheimnisse, du Immentor«, sagte sie, »hier habe ich im Sommer meine Mottenkiste, Wollstrümpfe, aber auch mein seidenes Hochzeitspaar, das heben wir auf, bis ich Großmütterchen bin, Handschuhe, Jumpers, Schlumpers, alles fest in Papier verpackt und in die Ofenhöhle gestopft! Mein Rezept! Die Direktorsfrau macht's jetzt auch! Da müssen all die kleinen Motten weinen, vor dem Ofenloch sitzen sie, müssen ihr Ränzlein schnüren oder Hungers sterben, und ich soll wohl nicht lesen, was du da hast? Ja, gut so! Zerreiße das dumme Zeugs nur in tausend Stücke. Wenn mein Mann nicht will, daß ich etwas weiß, so soll ich es auch nicht wissen – eine deutsche Frau ist ihrem Mann aus Liebe Untertan. Nicht sklavisch, sondern immer nur frei, nur aus Liebe! Das ist Goethes Wahlspruch gewesen, im Petschaft eingekratzt, und, weißt du, ich bin nicht so, wie viele da bei uns im Lande. Denn wenn ich etwas von Goethe höre, dann stehe ich stramm. Zum Lesen komme ich nicht, aber das eine weiß ich, Goethe war deutsch, denn er hat alles verstanden, selbst eine Kindesmörderin, und das ist noch ärger als ... einfach das Gräßlichste von allem. Ich will versuchen, deinen Bruder zu verstehen, siehst du, ich kann nicht einmal sagen »mein Schwager«. Wäre er nicht dein Bruder, in weitem Bogen wiche ich ihm aus. Ja, sag, du brave Musterimme, du Herzensmann, weiß er denn, was er uns angetan hat? Oft, wenn ich's mir überdenke, ich begreife es nicht, mir ist, als wäre er irr. Aber dann käme er doch auch nach »Waldfrieden« wie deine Mutti, nicht? Und siehst du, dort ist es gar nicht so schlimm, die Leute können sich nur gegenseitig was antun, und das ist doch nicht so schade, nicht? Aber auf die anderen unschuldigen Menschen werden sie nicht losgelassen. Dein Bruder müßte doch fühlen, daß er ums Leben das nicht hätte tun dürfen, das alles. Wir werden hier nicht mehr leben können, du weißt ja, wie ich mit dir an jedem Stückchen hier hänge, selbst den dummen Schwedenpark liebe ich von Herzen, weil hier ein gewisser Jemand und eine gewisse Jemandin sich einmal hier unter dem Faulbaum beim Bismarckdenkmal den ersten Jugendschmatz gegeben haben. – Aber es hilft ja nichts, wir müssen rücken, am besten in aller Stille bei Nacht und Nebel. Denn kannst du dir denken, daß wir bei Frau Postinspektor und beim Herrn Rolandapotheker und bei meiner alten Schuldirektorin zum Abschied die Karten abgeben und sagen, ja, Dr. Konrad und seine Frau Flossie und Familie – wie süß jetzt die Otto schläft! – ja, die alle müssen fort, weil der Herr Bruder einen Raubmord – oder gut, soll es ein gewöhnlicher Mord sein – begangen hat? Sieh mich nur nicht so finster an, du Immenmürre, ich habe ja keine Waffe je gehabt, nicht einmal ein Gänslein kann ich schlachten, das müssen andere besorgen, Blut mag ich nicht sehen, auch keine Wurst aus rohem Blut, wie es manche fressen. Bei Männern ist das vielleicht anders, und draußen, im Kriege überhaupt, da ist es etwas Heiliges, ein Psalm mit roter Schrift, auf dem braunen Erdengrund, sagt Papi, schön! Nicht? War er, der Rolf, doch kurz vor Schluß noch in den Graben gekommen und dort gefallen und dein Papi wäre dafür heimgekommen! Oder war er noch länger gegen die Kommunisten gezogen und sie hätten besser getroffen, die dämlichen Kerle! Nein, ich bin schon still davon. Ich will nicht richten, richten sollen Männer. Aber was hilft's, wir müssen fort, die himmlische Wohnung hier räumen und abhauen und die Sachen auf den Speicher stellen. Aber solange ich noch da bin, will ich ihm helfen, da kannst du, mein liebstes Konradieschen, auf mich rechnen. Laß das mir! Du verreist, Vater möchte gern, daß du dir erst mal das neue evangelische Kinderheim in M. ansiehst, du könntest da ein paar Wochen bleiben, dich einarbeiten, bist ja nicht dumm, vielleicht hast du Spaß dran, denk nur, lauter kleine, unschuldige, bildschöne Kinder – nein, auch kranke und schwächliche –, na ja, und gar so bildschöne wie unsere Otto werden sie ja nicht alle durch die Bank sein, es sind ja viele armselige Waisen und Proletenblut –– aber immer noch besser als das Gesindel, mit dem du dich hier abgeben mußt –« »Nein, so einfach wird das leider nicht gehen, Flossie!« »Doch, ganz einfach. Du sollst sehen, wie ich inzwischen für deinen Bruder sorgen werde. Er soll essen wie ein Prinz. Er kann gleich heute zu essen bekommen, das ist ihm erlaubt, der Direktor hat es gesagt. Er soll auch Sachen zum Anziehen bekommen, die Pyjamas von dir, aber ohne Schnur, nur mit Knöpfen, da werde ich mich wohl heute noch hinsetzen und die Knöpfe annähen, Perlmutter wohl, denn wegen Selbstmordgefahr darf er keine Senkel und Strippen im Gefängnis behalten. Pantoffeln wird er auch brauchen. Die neuen nimmst du mit auf die Reise, aber wir haben noch alte hier, und der Fußboden dort wird kalt sein. Ich will doch alles tun, habe schon den Bleistift gespitzt, will alles notieren, damit es nicht heißt, Flossie, das sture Kamel, hat wieder mal vergessen. Kann ich noch etwas tun?« »Nein, liebes Kind!« » Wie du das sagst! Wie eingelernt! ›Nein, liebes Kind!‹ Aber ich verstehe dich. Es kam dir zu überraschend, wie dem Kalb der Schlag mit der Axt vors Köpfchen, da sieht sich mancher staunend um. Laß endlich deine alte Flossie für alles sorgen! Ich bin so bärenstark! Wenn die Sonne scheint, muß ich lachen, wenn's aber hagelt und gießt wie aus Kannen, da schrei ich vor Vergnügen und kreisch! Solange ich da bin, wird dir und unserem Kind nicht ein Haar gekrümmt. Auch in die Zeitungen sollst du nicht kommen. Tun sie es doch, geh ich hin und zerreiße ihnen die Blätter und werf sie ihnen ins Gesicht. Wir sind doch zu gut dazu, du, mein Vater und meine ganze Familie. Nur erst einmal fort von hier. Hinter uns mag's brennen. Du sollst den Namen niederlegen. Mein Vater hat gute Wege zum Ministerium des Innern, man kann es uns nicht verwehren. Du willst etwas sagen? Nein, sag nichts! Ich muß die Pläne machen, da soll mich niemand stören. Siehst du, wie komisch, dann heiße ich wieder ebenso wie als Mädchen – die Leute werden glauben, ich bin dir davongelaufen. Aber ich lauf' nicht, mich wirst du nicht los, Kamerad! Für ihn im Zuchthaus wird gesorgt. Warum soll es nicht auch dort gepflegt zugehen? Vorläufig ist es ja bloß Untersuchungshaft, bis dahin kann noch manches passieren, geb es Gott! Nein, hör nicht hin, das war nur so gesagt, gib acht, wir machen es ihm dort im Gefängnis so gemütlich, daß er gar nicht mehr wird fortwollen. Dort ist es am sichersten für ihn, und was er schon arbeitet, kann er auch dort tun, nicht?« »Nein!« »Ja, du siehst es also auch ein, ja? Willst du nicht doch noch was Ordentliches essen? Nein? Die Kirschen waren doch nur zum Naschen! Nein? Ich will nicht klagen, aber wenn ich denke, daß dein leibhaftiger Bruder dort ist, wo unsereins, du und v. Ohr und mein Vater, nur als Vorgesetzte und Anstaltsbeirat ihren Fuß hingesetzt haben, und daß er als Doraliesens Schwippschwager –« »Nein, Flossie! Jetzt mach einen Punkt! Du siehst es nicht so, wie es ist. Seine Schuld ist lange nicht erwiesen, der Staatsanwalt selbst ist im Zweifel. Ob der unselige Junge aller seiner Sinne damals beim Kiosk mächtig war, bei seiner Sucht, muß sich erst erweisen. Es ist heute nicht an der Zeit, über ihn den Stab zu brechen, und es gibt Wichtigeres, als an Doralies zu denken, die nicht das geringste mit: der Sache zu tun hat, liebes Kind!« Flossie wurde knallrot, ihre Augen blitzten und ihre Finger krampften sich zusammen. Aber sie beherrschte sich und sagte: »Wenn ich dich verletzt habe, habe ich es nicht gern getan. Mit Willen sicherlich nicht. Ich wünsche ihm alles Gute. Er soll freigesprochen werden und recht, recht lange leben zu unserer aller Freude und Trost!« »Ich glaube, du weißt nicht recht, was du sprichst! Wünschest du ihm, daß er zugrunde gehen soll? Ist das dein Ernst, liebes Kind?« »Jetzt schon zum zweitenmal ›liebes Kind‹! Warum? Was habe ich dir getan? Solche heuchlerische Waschlappenschmeichelzärteleien will ich nimmer von meinem Manne hören. Und da, sieh mich an«, sie war aufgesprungen, und mit ihrer mächtigen, vierschrötigen Figur, der vollen jugendlichen, leidenschaftlich bewegten Brust, den blitzenden Augen stand sie fest da, griff an und suchte sich zu verteidigen, »bist denn auch du süchtig? Siehst du nicht, in welche schauerliche Rue de Kack, mit Verlaub gesagt, wir durch das Untier geraten sind? Was wäre es nun für ein Unglück, das frage ich dich und jeden redlichen Menschen, wenn er plötzlich von selbst krank würde und uns die scheußliche Schmach und Schande ersparen würde? Was tun andere? Bevor sie sich ins Zuchthaus zerren lassen, knallen sie sich eins vor den Dez, und die Sache wird stillschweigend beigelegt!« »Schweig! Halt den Mund! Genug!« »Was, schweig? Halt den Mund? So etwas hört deine Frau heute zum ersten- und hoffentlich zum letztenmal von ihrem Mann! Will ich sehr hoffen! Verstehst du? Nein, du Mäuschen, versteh nicht, hör nicht hin, ist ja alles schnurzegal, wir wollen in einer solchen Stunde die Worte nicht auf die Wortwaage, nein, heißt wohl: Goldwaage, legen, nicht? Du bist ja mein allergetreuester Konradin, und ich bin wie immer. Gehen wir aus diesem Zimmer, hier liegt Zwietracht in der Luft. Und die Scharteken muffeln! Nein? Also auch gut! Mach doch die Stirn glatt, Liebster! Allerliebster! Oberimmeimmelein! Wir müssen ja jetzt zusammenhalten! Was soll denn sonst aus uns werden? Da darfst du mir nicht zürnen, nein? Lach doch lieber! Lachen hilft immer! Lache wer kann, weine wer muß! Und wenn du das nicht kannst, so atme tief, das kann die arme Seele noch am Fuß vom Galgen, dann rutscht es besser.« »Laß mich jetzt bitte allein!« »Nein, das will ich nicht. Bittebitte, verzeih mir, wenn ich was Ungezogenes gesagt habe, aber wir wollen jetzt nicht jeder für sich grübeln. Ich halte es nicht aus, ich halte es nicht aus!« »Schrei nicht so! Schrei nicht, du weckst mir das Kind!« »Schrei nicht! Du weckst das Kind? Und wenn ich es wecke, ist es deins? Bist du 48 Stunden in den Wehen gelegen? Und hast nicht gemuckt! Du oder ich? Da, da nimm dir deinen Bruder«, sie warf ihm die Aktentasche zu, in der sie Rudolfs Akten aufgehoben glaubte, »und laß mir mein unschuldiges Kind! Zwei Menschen ermorden und dann noch herkommen!! Das darf sein? Das ist dir recht? Wir müssen fort, bei Nacht und Nebel, mein armes Kind und ich, fort von dem Ort, wo unsere anständige Familie seit 1786 ununterbrochen und unbemakelt lebt, und ich soll noch nicht einmal den Mund auftun dürfen? Was, du glaubst doch nicht, daß ich mich an den Herd stelle, um für den Mordbrenner und Landstreicher zu braten und zu kochen? Im Leben nicht!« »Dann laß es! Dann bekommt er Essen aus der Restauration!« »Aber nicht von meinem Haushaltsgeld! Du hast kein Geld für ihn auszugeben! Zu verfügen habe ich. Ich spare, ich mache die schwerste Arbeit fast allein, mach du einmal einen solchen Haushalt sauber, scheuern und stöbern und putzen, überall muß es blitzen und blinken, aber von alleine kommt nichts. Ja, Menschen abknallen, das kann man allein, das macht keine Schwielen. Im Kriege habt ihr es ja gelernt. Nein! Sieh meine Hände an, hart und voller Nietnägel, was weiß ich von Handschuhen bei der Arbeit und von Maniküre, kaum daß ich Zeit finde, mich abends zu waschen und zu kämmen, wenn der gestrenge Herr heimkommt von seinen Sektionen und Visitationen. Du arbeitest ja auch? Du nennst es ja auch arbeiten! Aber besorge du einmal Kinderwäsche und Leibwäsche und Bettwäsche und Kochen und Plätten und Schrubben und Ausbessern und Gäste empfangen und Kleider instandhalten und flicken – mit 238 Mark im Monat, abzüglich Versicherung und tausend solchem Kram – alles mit einer alten, ungeschickten, ungelehrigen, unmodernen Dienstperson, das meiste allein, ich bin ja so allein, nicht, Imme?« Sie legte den Kopf auf die Schreibtischplatte und begann zu weinen. Doch weinte sie vorsichtig so, daß die Tränen nicht auf die neue, aus weichem Holz bestehende, brünierte Tischplatte fielen, sondern auf die Falten ihres Rockes; es war Waschstoff, an dem die Tränen keinen Schaden anrichten konnten. An ihrem kleinen, aber dichten Haarknoten, den sie im Nacken trug, hatte sich eine Nadel gelockert. Flossie fand es so schön, sich jetzt in aller Ruhe ausweinen zu können, daß sie die Nadel auf den Boden fallen ließ. Und während sie in ihrem echten Schmerz mit ihrem Schluchzen den nicht solid gebauten Schreibtisch erschütterte, dachte sie daran, ob ihr »Immelein« die Nadel vom Boden aufheben und ihr ins Haar zurückstecken würde. Dann kannte sie eine alte Liebkosung, eine von denen, die sie zuerst erfunden hatte, kurz nach ihrer Verlobung, in den traurigsten, unruhigsten Zeiten der Inflation nämlich ihren Nacken gegen seine innere Handfläche zu pressen und dann wieder nachzulassen, etwas, das ihm wohltat und was sie immer bis ins Innerste hatte erbeben lassen. Aber diesmal kam es nicht zu dieser unschuldigen Liebkosung. Sie hörte zwar, wie sich ihr Mann aus dem Ohrenstuhl erhob und sich nach der Nadel bückte, aber er steckte sie ihr nicht ins Haar, sondern legte sie neben seine häßlichen Akten hin. Aber er war nicht kalt, nicht böse, nicht trotzig, sie kannte ja ihren Allergetreuesten, sie war nicht überrascht, als er sie bei den Ohren faßte, ganz sanft, fast so sanft wie bei der Nackenliebkosung, und ihr verheultes, nassen Gesichtchen zwischen seinen kühlen Händen nahe an sich hob: »Flossiechen, Liebes, du mußt Vernunft annehmen, du mußt mich begreifen!« »Aber Konradin, was will ich denn anderes? Ich habe doch nur dich! Was ist mir Doralies, was ist mir der Direktor und der Apotheker? Ich kann doch ohne dich nicht eine Stunde ruhig leben, und ich möchte so gern, daß alles wieder ist wie gestern abend – noch vor diesem scheußlichen Anruf. Verstehst du mich denn nicht?« »Doch, mein liebes Kind, nein, das willst du ja nicht hören –« »Ja, ich will alles hören, auch ›liebes Kind‹, alles was du mir sagst, und alles tun, was du mir aufträgst, wir wollen ja immer das gleiche! Wie zwei starke Männer, nicht? Ich meine es ja gut mit dir! Und mit ihm auch. Er soll nachts die gelbe Daunendecke haben, ich brauche sie nicht unbedingt. Aber du mußt dich lossagen. Fort und nicht zurückgeguckt!« Er schüttelte stumm den Kopf. In Flossie regte sich der Zorn. Sie weinte selten, jetzt schämte sie sich ihrer Schwäche, um so mehr, als alles vergeblich schien. Absichtlich ihren Mann mißverstehend, sagte sie, während sie aufstand, um von nun an in dem Zimmer umherzugehen, was, wie sie wußte, dem ruheliebenden Konrad ein Greuel war. »Also die Decke braucht er nicht, meinst du. Hast ja recht, wie oft mag er auf freiem Felde geschlafen haben, nur von einem Heuschober zugedeckt. Er kann auch Anstaltskost essen, viele Arbeitslose und Kleinrentner würden sich alle zehn Finger ablecken, wenn sie es so fein hätten, alles ins Haus geliefert und ohne Arbeit! Ist es für die anderen gut, so ist es auch für ihn gut. Hab' ich recht?« »Nein, meine Flossie, du hast nicht ganz recht. Er ist mein einziger Bruder. Was immer er auch geworden ist, mein Bruder ist er und bleibt er. So wie ich dich liebe, so liebe ich ihn auch.« »So?« fragte sie höhnisch. »Das ist ja eine zu große Ehre. Prosche Panje! Küsse die Hand Euer Gnaden!« »Flossie, nein! Laß das! Das steht dir nicht. Das ist deiner nicht würdig. Was soll ich denn tun? Du mußt dich in meine Lage versetzen!« »Wozu denn? Auch das noch? Denke ja gar nicht daran!« »Flossie, du mußt! Wenn dir etwas an unserem Frieden liegt, mußt du anders denken. Vielleicht ist es besser, wenn du jetzt auf ein paar Wochen von hier fortgehst. Du machst eben unsere Urlaubsreise nach Bayern allein. Lasse mir alles. In absehbarer Zeit ist alles geordnet, ich kann es mir nicht anders denken, und dann –« »Und dann? Was? Du glaubst im Ernst, ich werde mich vor dem verkommenen Menschen, dem hergelaufenen Verbrecher davonmachen? ›Ein paar Wochen‹, sagst du so obenhin, und wenn es –« »Hergelaufen? Mein Bruder? Hergelaufen bist höchstens du.« »Also deine Frau! Danke schön! Immelein kann also auch stechen! Nein, ich gehöre hierher. Er nicht. Ich lasse mir den Mund nicht verbieten. Tu, was du willst, tut, was ihr wollt, ihr beiden treuen Kameraden, ich gehe nicht. Auf einige Wochen? Auf ein paar Jahre! Nach Bayern? Warum nicht gleich nach Amerika, nach Sibirien, nach –« »Flossie, noch einmal«, sagte der Arzt, sich mit größter Mühe bezwingend, »ich meine es gut. Glaube mir. Laß es genug sein! Wir haben bis jetzt nie über ihn gesprochen.« »Dumm genug! Feig genug! Niederträchtig genug!« »Du sprichst, liebes Kind«, sagte der Arzt im Zorn, »wie ein Maschinengewehr schießt. Aber glaube ja nicht, daß jeder Schuß trifft! Also genug! Frieden! Laß uns nicht jetzt gegenseitig in die Flanken fallen. Du brauchst mich, und ich kann ohne meine Flossie nicht sein. Was soll ich denn tun? Soll ich ihn hassen?« »Wer nicht hassen kann, der ist kein ganzer Mann. ›Die ganze Nacht: hab' ich gehaßt‹, hat mal Bismarck gesagt. Der war aber auch ganz drahtig. Ihr seid ja lauter Memmen. Wo ist denn euer Murr? Ist ja zu scheußlich! Wie komme ich zu euch? Dein Bruder und du! Du hast den Buckel außen, und dein Bruder hat den Buckel innen, Brüder seid ihr eben doch!« Der Arzt war erblaßt. Er antwortete nicht. Flossie trat zu ihm. Sie bereute sofort und war froh, daß er jetzt nicht vor ihr zurückwich. Mit dem sanftesten Stimmchen, das aus ihrer Kehle hervorzubringen war, begann sie von neuem. Dabei hatte sie ihre schönen langfingrigen Hände in seine Taschen gesteckt. In der vorderen Brusttasche links hatte der Arzt Bleistift, einen Taschenspiegel, Taschenlampe und andere Kleinigkeiten, welche die Frau jetzt Stück für Stück ausräumte, »es beult dir den Anzug gar zu sehr aus, nicht?«, und dabei liebkoste sie durch Rock und Hemd hindurch seine Brust, und in ihren Augen lag Angst, Liebe und eine tiefe Unruhe, wie er sie in den vielen Jahren nie an ihr gesehen hatte. »Ich habe nichts gesagt«, begann sie dann, »nimm den großen Schwamm, lösch es aus. Ich habe das nie gesagt. Es sieht ihn auch kein Mensch. Ich nur weiß davon, als deine Frau. Das ist ja weniger als nichts, es macht dich nur interessant! Du weißt, wie ich dir gut bin. Für mich bist du und nur du und immer du der schönste, himmlischste Mensch auf Erden, das habe ich immer bewiesen, du bist schön, nicht wie ein geschminkter, veraffter Filmheld, nein, geistige Schönheit, das ist mehr wert. Ich bin ein niederträchtiges Geschöpf, ich hätte das nicht sagen dürfen, alles, gelt? – Nur das nicht. Manchmal regt sich richtig der Schweinehund in einem, bellt und grunzt! Verzeih mir bitte! Und nie mehr –! Glaub nicht, daß ich ohne Schuld und Fehler bin, auch ich habe meine Sünde, ich habe oft Schmu gemacht, ich habe Ersparnisse zusammengekniffen, und das ist auch schon ein Verbrechen. Wir sind ja alle schlecht, nur hat der eine mehr Pech, wie dein Bruder eben. Ich will jetzt alles für ihn geben! Bis 30 Mark, ich weiß, kann er jeden Monat im Untersuchungsgefängnis Erleichterungszuschuß haben, die will ich von meinen Ersparnissen ihm abgeben, das soll meine Strafe sein. Lieber, Liebster! Liebester , das ist beides in einem, so sollst du von heute an heißen, Lieber und Bester in einem Wort, das habe ich eben erfunden. Nur tu doch du auch etwas dafür! Bleib also ruhig hier. Nur das eine, ja? Versprichst du mir, daß du, nur bis nach der Hauptverhandlung, nicht zu ihm hingehst. Ist einmal das Urteil gesprochen, dann ist es etwas anderes, dann ist es Christenpflicht. Lutherisch wie evangelisch wie katholisch. Ganz gleich. Und wenn es selbst Zuchthaus wäre! Gewiß, Liebimme, dann sofort gehen wir zusammen hin, einmal in einem halben Jahr darf man, glaube ich – und du sollst sehen, wie ich mich überwinde. Wenn ich dann nicht will, gebe ich mir einfach eine Backpfeife und sage, ›Flossie, du Biest! Los!‹, und dann muß ich parieren. Es soll nicht heißen, daß ich dem armen gottverlassenen Mann hinter den schwedischen Gardinen nichts gönne. Alles soll er haben. Nur dich nicht! Nein, dich nicht! Nun fang' ich wieder an zu flennen! Dumme Flossie, ermanne dich, Schluß!« »Flossie, es geht nicht.« »Was, mein Immelein, geht nicht? Alles geht!« »Daß ich so lange von ihm fortbleibe, bis das Urteil gesprochen ist. Er ist Kokainist, das weißt du. Man muß ihn davon befreien.« »Recht so! Nur viel zu spät!« »Gewiß spät, aber noch nicht zu spät! Er ist 25. Nur um ein Jahr älter als du. Er muß noch leben, aber ohne Kokain. Das ist ein sehr schwerer Eingriff in die seelische und körperliche Verfassung.« »Eingriff? Verfassung? Dummes Zeug! Warum denn, was denn, wie denn?« fragte Flossie ungeduldig. »Schwer, sehr schwer! Sogar der Staatsanwalt nennt es eine Roßkur. Ich kann ihn da nicht allein lassen. Er ist grau geworden.« »Und du machst ihn goldblond?! Konrad, du großes Kind! Du wirst ihm auch nicht helfen. Du sollst nicht! Nein, du sollst nicht!« – Sie hatte gedankenlos begonnen, ihm die Kleinigkeiten wieder in die Taschen hineinzustopfen, und dabei stieß sie ihn bei jedem Gegenstand mit dem Finger an, jedesmal heftiger. »Laß doch! Was soll das?« fragte Konrad und machte sich los. »Du kannst das eben nicht verstehen. Du kannst mir die Verantwortung nicht abnehmen.« »Doch kann ich es. Ich verstehe alles viel besser als du. Du kannst studieren und spekulieren, aber ich bin praktisch. Ich nehme glatt alle Verantwortung auf mich. Ich will es, und was ich will, setze ich durch. Es geschieht. Schüttle du nur lange den Kopf, ich bleibe doch dabei. Du hast nicht ins Gefängnis zu gehen, zu ihm! Du hast die Hand von ihm zu lassen. Schluß! Er sei blond oder blau oder grau – du hast abzurücken, so schnell wie möglich! Was zur Erleichterung seines verpfuschten Lebens geschehen kann, es wird geschehen, laß Papa Ohr und meinen Vater und mich dafür sorgen. Wir werden auch einen Verteidiger bestellen, einen ordentlichen Mann, denn das muß sein. Du, alte Imme, laß die Hände davon. Ich als deine angetraute Frau und die Mutter deines Kindes erlaube es nicht, daß du ihm auch nur einen Finger reichst. Schüttle nur, schüttle nur, ich bleibe bei dem, was ich sage. Genug! Genug geliebt! Bist du denn eine Knechtsseele? Sich einem verbrecherischen Irren unter die Füße zu legen – aus lauter Liebe?! Das ist ja krankhaft! Ist denn das Liebe? Ist ja gegen die Natur! Genauso unnatürlich wie sein Kokoin!« »Kokain!« »Ja, sehr wichtig, daß du mich unterbrichst! Kikain oder Kokoin, du weißt ja doch, was ich meine. Du bist seine Krankheit, du hast ihn verhätschelt und bepuppt, ist ja zu komisch! Und er ist deine Krankheit, dein Kokain. Ist es jetzt richtig? Es ist ja keine dumme Laune von mir, kein neues Kleid, das ich von meinem Einzigen durchaus haben will. Kannst du denn nicht vernünftig und normal sein? Du kannst doch, du kannst es gut, ich weiß es. Ob ich hier seinetwegen noch eine Zeitlang bleiben kann, wird zu erwägen sein. Ich kann den Leuten die Stirne bieten. Du aber mußt auf jeden Fall den Menschen aus den Augen, und zwar am ehesten. Und anderswo etwas Neues einrichten! Gib dir nur Mühe! Das heißt, wenn dich der Untersuchungsrichter reisen läßt, aber natürlich läßt er dich reisen, denn niemand kann dich zwingen, auszusagen gegen deinen Bruder.« »Für ihn.« »Ach zum Teufel noch mal! Heiliger preußischer Himmelhöllendonnerwetterhund! Du sollst mich nicht unterbrechen, sag ich! Hör zu, Mensch! Du hast nicht zu warten, bis der Scharfrichter draußen im Entree klingelt, der für deinen Herrn Bruder gekommen ist oder, wie es der gnädige Herr sagt, gegen ihn! Du sollst nicht und du wirst nicht. Es wäre ja zu fürchterlich für dich. Fort, nur fort! Sag ihm, du hast nie einen Bruder gehabt, er sei als Kind ertrunken! Und wenn es ›nur‹ Zuchthaus ist! Du sollst alles so hell und rein und sauber haben wie ich! Tu es doch! Tu es deiner Flossie zuliebe, deinem Töchterchen Otto! Ich habe bald vielleicht eine Überraschung für dich, du mußt mir erhalten bleiben, ungebrochen, Immenheld, du mußt das von dir abwerfen, was du in deiner Güte und Humanität dir aufgeladen hast. Human sind nur die Krüppel. Du bist ja sonst nicht so weich! Mich läßt du bitten und flehen, und ja, verzerrst nur den Mund und ziehst die Schultern wieder mal noch höher! Du sollst doch nicht! Quäl mich nicht! Ich sag es dir! Diese Flossie kennst du noch lange nicht! Ich habe auch meine Rechte.« »Willst du nicht endlich stille sein?« »Nein, nicht bevor wir alles gesagt haben, was zu sagen ist! Laß läuten, das alte Telephon, mich kann jetzt die ganze Welt ...« Er ging zum Telephon. Es war sein Schwiegervater, der seine Tochter sprechen wollte. Sie schüttelte nur mit dem Kopf. Er mußte noch einmal ans Telephon, den Konsistorialrat bitten, später noch einmal anzurufen. »Ja, alter Bursche, warum denn? Ist denn meine Tochter nicht da?« – »Meine Frau bittet dich, doch bald noch einmal anzurufen.« Er hatte gehofft, seine Frau würde sich inzwischen beruhigt haben. Aber sie begann sofort wieder: »Ja, hättest du ein so weiches Herz auch gegen mich oder für mich und meine Kinder! Nur bei ihm bist du so butterlich. Als dein Vater fiel, da konntest du seelenruhig mit eurer Hilda Halma spielen. Viel Tränen hat man an dir nicht gesehen. Du kannst dich also auch beherrschen. Mal ein Menschenleben weniger, so ein bißchen geschossen, vergiftet, verbrannt? ›Sehr, sehr interessant, da muß ich gleich den Mikroskopkasten aufmachen, ja?‹ Und dann gehts los mit zehn Pferdekräften bis drei Uhr in der Früh. Ich kann hier oben warten, ich bin ja nur deine Frau. Aber wenn es dein geliebter Rudolf ist, dem das Blut nur so von den Pfoten tropft, ja, dann siehst du zartfühlend weg. Du seufzt, du schweigst. Du beherrschst dich zu wunderbar. Los, mach, los! Jetzt beherrsche dich nicht, sonst wird es bald zu spät. Ach, der Arme ist so grau! Du hängst dich ihm an und wo soll's enden, wenn nicht in der Hölle? Graut es dir denn nicht vor deinem Bruder? Kannst du so ruhig an der schwarzen leeren Villa des armen Teufels, des alten Zollikofer, vorbeigehen, macht es dir nichts aus, wenn du in den grausigen Schwedengängen an den Kiosk kommst, wo dein Bruder die braven Polizisten im Dienst niedergeknallt hat? Hast du denn kein Stäubchen Gerechtigkeitsgefühl? Bist du ein Deutscher oder nicht? Einer darf massenhaft Menschen abschlachten, und du streichelst ihm noch die Hand, bloß, weil er dir wohlgefällt, nur, weil es dein Bruder ist? Was heißt denn Bruder? Sonst weißt du als Gerichtsarzt nie was von »Bruder«. Wo bleibt denn das Recht? Ich soll dir keine Vorwürfe machen, es steht mir wohl nicht zu, was? Ja, was ist dir denn das alles? Ich kenne ja diese scheußlichen Bücher hier, diese ganze Giftkammer, an der du dich nicht sattsehen kannst, worin du noch stöberst am Abend, wenn ich meine Pfennigrechnungen im Haushaltsbuch zusammenkrabbeln muß. Ich, mich nennen sie nur die Pfennigkönigin auf dem Buttermarkt, weil ich so markten muß. Und ich muß ja. Du nicht. Aber du fühlst dich in all dem Graus wohl. Und doch ist es nichts als Scheuel und Greuel. Nein, ich Kamel versteh' nichts davon. Als ob ein Bröselchen abgestorbenes Männerblut oder Weiberblut nicht ganz das gleiche wäre. Und was hast du geschafft, wenn du herausbekommst, daß das eine Bröselchen stammt von einem, der Hosen getragen hat, und das andere von einem Unterrock? Na, sprich doch, erklär es mir armem, dummem, unbelesenem Wesen! Was liegt denn daran, ob jemand so rum oder links herum erdrosselt oder erhängt worden ist? Das nennt sich wohl auch Medizin? Das soll wohl auch hohe Wissenschaft sein wie Theologie oder doppelte Mathematik oder die neue Astrologie? Wie lebst du denn? Was hat ein anständiger Mensch wie du bei einer Hinrichtung zu tun? Dann willst du dich an einen Tisch mit uns setzen und Zeitung lesen? Bist du ein Richter? Bist du ein Pfarrer? Bist du Beamter im Strafvollzug? Was du da alles treibst, es trägt ja nichts als nur ein lächerliches Schandgehalt, ein guter Operateur oder geschickter Zahnarzt verdient das, was sie dir im Monat geben, an einem einfachen Wochentag! Und was soll erst werden, wenn uns mal mehr Kinder kommen? Und wenn ich gar nicht an mich und meine dumme Wirtschaft denke, sag, du Kluger, was nützt es der Welt und deinem armen Volk, wenn du nachweist mit deinen Lexikas und Spektro- und Mikroskops, ob da ein bißchen Arsenik mehr oder minder in der Graberde ist, wen macht der Herr Doktor damit wieder lebendig? Oder ob jemand tot oder lebend noch, oder halb und halb, ins Wasser oder Feuer geraten ist? Laß doch die Toten die Toten begraben. Kümmere dich um die Lebenden! Es haben es, Gott weiß, viele nötig. Es soll ein Heim gegründet werden für die Flüchtlingskinder aus O. S. – die Flüchtlingsfürsorge sucht nur noch einen Wohltäter mit einer halben Million, könntest du nicht an einem solchen Werk als Doktor mitarbeiten, national und human und gut bezahlt, hoff´ ich, alles, was der Mensch sich wünscht! Und alles Gute in einem Brei! So wäre es auch für mich ein anderes Leben! Erinnerst du dich, immer habe ich mir gewünscht, ich möchte mitarbeiten. Dümmere Arztweiber helfen ihren Männern, es erspart eine Hilfskraft und trägt. Glaubst du, es ist ein Märchenspiel, wenn ich nichts als in der Küche stehe und emsig Zwiebeln schneide zum Hackepeter? Wenn ich dich dann mit einem Kuß bedenken will, muß ich mir mit Zitronenscheibchen die Lippen abreiben, bis es feste brennt. Das ist mein Parfüm. Die Violine kenne ich schon eine Ewigkeit nicht mehr. Glaubst du, es füllt mein Leben aus, Rezepte für Resteessen zu machen, daß ja nicht ein Hühnerflügelknöchelchen in unserem Haushalt verlorengeht, erst in den Mund genommen und alles Fleisch abgenagt und dann montags durch den Wolf gedreht und dann Mehlschwitze daran und Parmesankäse, deutschen, versteht sich, zerrieben und das Ganze in einem hohlen Apfel oder in einer neuen Kartoffel ausgebraten. So muß ich mich plagen, und ich tue es ja gern, aber abends, wenn ich unter der Hängelampe bei dir sitze, Liebster, denkst du nicht, daß ich es da so recht, recht von Herzen gemütlich haben möchte mit meinem einzigen Mann? Aber was tut der Mann? Er verfaßt Gutachten und Bösachten über Verbrannte und Erhängte, Selbst- und andere Mörder, Irre und Zuchthäusler, und ich bin ihm Luft.« »Aber das bist du niemals! Man muß doch nicht alles aussprechen. Was braucht es das zwischen uns? Und was hat das alles mit Rudolf zu tun?« »Du kannst noch fragen? Alles! Alles und noch mehr! Das ist ja sein Leben, nicht das meine. Aber neben ihm würdest du nicht so still sitzen und in den muffigen Zeitschriftenbänden kramen und mir die Nadeln aus dem Nähkörbchen stibitzen und die Seidenfädchen aus dem Flockknäuelchen ziehen, um dir Lesezeichen zu machen. Da würdest du sprechen, würdest erzählen, was du Schönes und Gutes tagsüber erlebt hast. Eine Hausfrau ist ja auch ein Mensch! Ich will ja verstehen, so dumm ich auch bin. Aber mich liebst du ja nicht! Ihn, den Halunken mit der ondulierten Tolle, den liebst du!« »Flossie, wie kannst du so etwas sagen? Wie kannst du nur einen Augenblick –« »Das sind ja alles nur polierte Redensarten! Das ist keine Natureiche. Mich läßt du gehen. Ihn willst du behalten. Nimm ihn doch als Schlafburschen! Aber er geht ja nicht zu dir! Nimm ihn nur an dein Herz! Er gibt dir einen wackeren Rippenstoß oder einen abgefeimten Jiu-Jitsu-Griff! Wozu brauchst du eine Frau? Was soll dir ein Kind? Er ist dir ja das Kind und die Frau! Geh doch hin in das Kittchen und wache über seinen Schlaf und füttere ihm sein geschminktes Maul! Mich laß in Frieden! Nein, ich lasse dich nicht gehen. Du sollst mir nicht den Mund verbieten. Habe ich nicht alles getan, Liebster, was eine Frau tun kann? Ich habe dich ja geheiratet, ich Dumme, und habe gewußt, in was für eine Familie ich hineinheirate. Ihr seid ja alle nicht recht gesund, die Mutter in ›Waldfrieden‹, auf unsere Kosten, Hilda, das schwindsüchtige Seelchen, in einsamer Zelle, in frommen Jungfraugebeten, Rudolf auch in der Zelle, vor Gericht, und unschuldig ist er nicht, ich schrei es heraus, ich fürchte ihn nicht! Und doch will ich mich immer noch an dich hängen, du alter Undank, du gräßliches Scheusal! Schüttle mich nicht ab! Du weißt, du darfst das nicht! Jetzt besonders nicht! Laß das Kind rufen, ich werde schon kommen, das Mädchen ist ja auch noch da! Ich gehe schon, aber nur mit dir! Laß das Telephon klingeln. Ich will rangehen, aber erst, wenn ich weiß, daß alles wieder ist wie zuvor. Doch! Bitte, Konradchen, doch! Bitte! Honigimme! Bitte! Du sollst mich wieder liebhaben, nur mich, ich will kein Zankweib sein, kein Maschinengewehr! Weißt du denn, wie du mich kränkst?« »Nicht mit Willen! Nimm Vernunft an, und alles ist vergessen.« »Ich soll Vernunft annehmen, ich ? Du, du mußt! Du mußt heute abend noch fort. Ich will dir packen helfen. Den kleinen Schweinsledernen sollst du haben, unsern schönsten. Ich will nicht, daß du noch eine Stunde hierbleibst. Vorhin habe ich verdächtige Gestalten auf der Straße umherlungern sehen, es sind sicher Journalisten, Pressephotographen. Sie nehmen dich auf der Straße auf, wer kann sich wehren, Schnappchen, und du bist verewigt, und du, mein Geliebtester, sollst dann an allen Bahnhöfen für 20 Pfennig als der Bruder des Raubmörders zu verkaufen sein? Nein, das wäre mein Tod, wo wäre dann unsere Ehre, ich ertrüge es nicht!« »Nein, Flossie, was du verlangst, ist unmöglich. Wenn ich zu meinem Bruder gerufen werde, gehe ich. Das ist abgemacht. Dein Rat ist gut gemeint, aber ich kann ihm nicht folgen. Du weißt, ich kann auch nicht viel Worte machen. Du mußt dich damit abfinden. In ein paar Tagen denkst du selbst ganz anders darüber.« »Niemals. Ich ertrage die Schande nicht. Die Leute werden mit Fingern auf uns zeigen.« »Das werden sie erst recht, wenn ich ihn jetzt im Stich lasse.« »Nein, du sollst ja an einen Ort, wo dich niemand kennt, und sollst vorläufig unseren Namen annehmen. Tu es! Tu es doch! Tu es für mich! Das ist für mich eine Frage auf Leben und Tod, auf Bleiben und Scheiden!« »Hast du dir wohl überlegt, was du sagst?« »Ich weiß, was ich sage. Ich bin nicht mehr das dumme Bäslein aus unserer Verlobungszeit. Wenn du den Menschen dort nicht aufgibst, bist du Flossie los.« »Wie meinst du das? Drohst du mir? Was soll das sagen?« »Ich will nicht.« »Du willst dich also scheiden lassen?« »Wenn du nicht nachgibst, ja.« »Das Kind würdest du verlieren.« »Laß es darauf ankommen. Kommt, holt es euch! Aber kommt nicht ohne Gesichtsschuster wie bei einer Studentenmensur! Paßt nur auf, wenn euch eure Augen lieb sind! Ich möchte wohl das deutsche Gericht sehen, das der Tochter meines Vaters zumutet, einen solchen Namen zu tragen und meinen Kindern auch.« »Es ist das erstemal, daß du die Tochter deines Vaters gegen mich ausspielst.« »Ich kann ja nicht anders, du treibst mich zum Äußersten. Du liebst mich ja nicht.« »Ich will dir das Wort nicht zurückgeben. Willst du dir nicht noch einmal alles in Ruhe überlegen? Morgen können wir weitersprechen, jetzt möchte ich allein sein.« »Morgen? Damit du heute die ganze Zeit bei dem armen ergrauten Kind im Gefängnis hocken kannst? Ja, Ottochen. Deine Mutti kommt schon. Nun, Konrad, sprich! Sag ja! Ich habe überlegt.« »Ich möchte allein sein. Ich habe zu arbeiten. Ich will mich auch mit einem Anwalt in Verbindung setzen.« »Wegen der Scheidung oder wegen der Verteidigung?« »Überlaß das mir!« »Nein, das überlasse ich dir nicht! Soll es zur Scheidung kommen, dann werde ich es sein, die sie eingereicht hat.« »Gut. Und jetzt kümmere dich um das Kind, bitte, ja?« VII. Am Morgen des 17. Juni wollten Vera und Chiffon abreisen. Chiffon hatte angenommen, daß seine Frau mit jedem Ort einverstanden sein würde. »Also Köln? Vera, ja? Wir bleiben nicht lange dort. Es soll nur die Zwischenstation sein für Paris, die schönste aller schöschönen Städte.« Sie schüttelte den Kopf. »Aber wir müssen uns entschließen. In zwanzig Minuten geht der Zug, das große Gepäck muß aufgegeben werden!« Sie schüttelte immer noch den Kopf, diesmal mit immer kleineren, aber schnelleren Bewegungen, so daß es zum Schluß aussah, als zittere ihr Köpfchen. »Was willst du also?« fragte er. »Hier bleiben!« »Hier?« »Bei meinem Rudolf bleiben! Wo wirst du wohl jetzt sein, Rudolf, mein Baby, mein Schöner, ach, wenn ich nur daran denke, er und in einer Zelle!« »Hast du dich denn nicht endlich damit abgefunden? Er braucht dich nicht. Er hat doch seinen Bruder!« »Aber mich hat er nicht! Rudolf, wo bist du? Rudolf, Udolf, Rolf, Olf!« sagte sie, die Worte ohne Anfangsbuchstaben mit erlöschender Stimme wiederholend, und plötzlich entsann sie sich wieder des Lyzeumspanisch, das zu der gleichen Zeit unter den Backfischen aufgekommen und besonders von ihr damals zur Meisterschaft gebracht worden war, als sie die beiden, Chiffon und Rudolf, kennengelernt hatte. »Erstehst U ich, Iffon? Ummes Ind?« »Natürlich verstehe ich. Aber was soll das jetzt? Bist du mit Paris einverstanden?« »Aris? Etersburg? Reußisch Renzlau? Ufterle? Iffon? Anfred? Oder Rag? Ja, Rag! Rag, eißt U, o as ist? Nein, jetzt habe ich ›ist‹ gesagt, die Partie hat diesmal unser Veralein verloren! Veralein üde ein, Äugelchen zu! Rag ich ort! Rag ich ort!« »Wohin also, Vera?« »Ach. Rag?« »Meinst du Prag?« »Trag mich fort!« sagte sie leise und tief. Sie streifte die Wildlederhandschuhe ab, und lächelnd ihre eigenen Hände mit dem weichen Leder liebkosend, sagte sie, während sie ihre großen Augen mit einmal voll zu ihm aufschlug und unvermittelt in ein gurrendes Lachen überging: »Manfred, Anfred, Fred, Red, Ed und du! Wir können ja gar nicht fort!« »Warum?« »Ich habe ja alle Flammen in der Wohnung brennen lassen!« »Ach, du Kindsköpfchen, deshalb hältst du mich auf? Es ist die höchste Zeit, wenn wir fortwollen. In zehn Minuten ist der Kölner Zug da! Ich muß zur Kasse.« »Eh icht ort! Nein! Oder ja! Lieber doch ja! Ja! Laß Verachen allein! Ich will dableiben. Verachen immerzu weinen, dableiben, ihrem Mann immerzu nachwinken, auf der Hutschachtel einschlafen. Nicht mehr aufwachen. Zur Strafe!« »Vera, Närrchen, ich bitte dich!« »Nein, ich bitte dich, Kuschelchen! Laß mich da. Ich bin dir nur eine Last.« »Nein, keine Last! Ich brauche dich! Wir werden deshalb den Rudolf nicht vergessen.« »Wir werden ihm gleich aus Prag eine Ansichtskarte schreiben?« »Ja, alles, was du willst. Nun, bitte ich dich, erhebe dich schnellstens von deiner Hutschachtel und komm mit mir zur Kasse.« »Ill icht!« »Laß doch die dumme Babysprache!« »Früher hast du immer gesagt, sie ist süß! Und Rudolf hat sie auch immer gefallen.« »Ich habe das nie gesagt.« »Aber Rudolf. Ja, er! Ich gehe nicht fort von hier.« »Dann bleibe auch ich. Ich verlasse dich nicht. Leider muß ich dann gegen ihn aussagen. Sieh meinen Hals an. Die Würgespuren lasse ich sofort konstatieren vom Gerichtsarzt. Du weißt, was das für ihn bedeutet. Nimm doch Vernunft an, Liebes! Du warst doch schon heute morgen soweit ...« Er faßte sie fest am Handgelenk, um sie emporzuziehen. »Icht ehe uhn, ösewicht!« »Also bleib da.« »Ausschlafen? Darf ich? Ein bißchen?« »Gut!« »Und Prag?« »Gut!« »Und zwei zweiter Klasse!« »Wir haben aber so wenig Geld! Veralein, weißt du das nicht? Wir konnten doch nichts Rechtes mitnehmen?« »Also dann erster, ja?« »Nein!« »Ein? Oeser Ann ein Erz ür Aedylein aben? Nein, Manfred, ich bin schon stille. Aber du wirst bereuen, daß du mir nicht gefolgt hast. In der Luxusklasse bist du vor der Polizei am sichersten! Und dort paßt du hin, Muschelchen, überall haben sie da Samt und Seide. Und du bist mein liebster Chiffon. Ich habe es mir immer so gewünscht, sooo!! Wir waren ja nie zusammen fort. Ich will dich auch – furchtbar, urchtbar liebhaben. Nur bleib jetzt hier!« »Komm doch mit! Wir müssen sehen, wie wir am besten den Anschluß nach Prag bekommen!« »Sag, Manfred, Mandily, Andily, warum können wir nie in Frieden und in Ruhe leben wie gute brave Eheleute mit einem guten braven Geschäft?« »Ja, das sage ich dir später. Jetzt muß ich an die Kasse.« »Ich lasse dich aber nicht fort. Ich bleibe nicht allein! Putziliy, meines! Mandily, süßes! Allein bleibt Vera nicht! Ich fürchte mich ja so. Gestern nachmittag nach Tisch hat mir noch von dir geträumt ...« Laß mich fort. Ich muß mich doch um alles kümmern. Wir fallen auf. Wir können doch nicht hier auf dem Bahnsteig bleiben. Wir müssen ...« »Nein, hör nur zu! Mir hat gestern von dir geträumt, ganz schauerlich, und doch – weißt du, tief ins Mark, dreißig Meter tief ... Tiefe Keller gibt es wohl in den Gefängnissen nicht mehr, wo sie den armen Rudolf hintun können? Nein, das haben sie doch mit der Revolution abgeschafft?« »Laß mich doch nur auf fünf Minuten fort!« »Liebst du mich denn nicht mehr? Jetzt redest du von fünf Minuten, das hat auch Rudolf immer gesagt, und dann ist er jahrelang fortgeblieben. Und geschossen hat er auch. Wenn es ihm gerade mal durch den Kopf geht! Und dabei ist er so lieb! So ritterlich! So zart! Aber den guten Paletot hat er doch kaputtgemacht! Neben der Naht ist er entzweigegangen. Ach, ich habe ja soviel Pech mit den Männern!« »Was soll denn nur jetzt geschehen?« fragte er ganz verzweifelt. »Draußen wartet unser Gepäckträger bei der Gepäckkasse mit den großen Sachen, und hier ...« »Komm, Manfred«, sagte sie, »ach, ulkig, wie du aussiehst, grau in grau, was ist dem armen Mann über das Leberlein gelaufen? Bist doch auch müde?! Komm setz dich neben mich, auf die Hutschachtel, die ist aus Sperrholz und fest wie Eisen. Die zwei Eisen haben sie dem armen Jungen wohl gleich abgenommen, wie sie ins Gefängnis gekommen sind? Mit dem Auto gehts ja schnell. Hättest mich doch nur mit seinem Bruder telephonieren lassen! In zehn Minuten wäre es erledigt gewesen. Und meine Mutti hätte ich doch auch ein Wort wissen lassen müssen. Und meine Kusine auch! Mit leichtem Herzen wäre ich abgereist ...« »Ich hole alles nach. Von Prag rufen wir ganz bestimmt an!« »Icht ügen! Anfred, icht ügen! Ersprichst u as?« »Ach, doch, alles!« sagte er. »Ich bin wohl dumm? Warum bist du so kalt?« »Ich?« »Freust du dich nicht auf unsere Hochzeitsreise?« »Doch, nur laß mich jetzt das Notwendige erledigen. Und inzwischen rühre dich nicht fort von hier, ich bitte dich!« »Ach Eralein, as ist u üd!« sagte sie. Sie gähnte laut, ihr rosiges Mäulchen mit den hübschen, scharfen, bläulich weißen Zähnchen machte sie möglichst weit auf, dann setzte sie sich, den Kopf bis an die Öhrchen tief in die schwarzweiße Federboa hineingekuschelt, bequemer auf der bedenklich knarrenden Holzhutschachtel zurecht, zündete sich aus ihrer goldenen Damentabatiere (auch dies war eines der Pfänder der spielwütigen Emigranten aus O. S. gewesen) eine Zigarette an. »Veralein, was bist du müd!« Als ihr Mann abgehetzt und noch fahler als sonst zurückkehrte, fand er seine Frau, auch sie im Gesicht fast ohne Farbe (bloß die winzigen Sommersprossen, über der Nasenwurzel quer hingestreut, zeichneten sich etwas deutlicher ab), friedlich schlafend wie nach Tisch daheim. Und so ruhig, daß die kleinfingerlange Asche von ihrer Zigarette noch nicht abgefallen war. »Kind! Kind!« sagte er leise zu ihr und machte sie wach. Sie schüttelte den Kopf, blickte ihn plötzlich groß an, als hätte sie von etwas ganz anderem geträumt. Die kleinen Gepäckstücke nahm der Träger, und nach fünfzehn Minuten kam der Zug, mit dem sie einen bequemen Anschluß nach Prag hatten. Prag war für Chiffon viel gefahrloser als Köln. Mittags kamen sie an eine größere Station, stiegen aus und aßen beide mit großem Appetit, und Chiffon, heute von seinen Magenschmerzen befreit, Vera an seiner Seite, fühlte sich zuversichtlich wie schon lange nicht. Am Nachmittag ging die Reise weiter. Erst spät am Abend schlief sie ein, noch Schokoladenreste auf den üppigen, kirschroten Lippen und das weiße Seidenmäntelchen voller Kuchenkrümel. Es wehte kühl durch das herabgelassene Fenster. Ein paar von den Krümeln hatten sich über ihrer kleinen, runden Brust in den Knopflöchern des Mantels versteckt, und er sah, wie sie sich mit jedem Atemzuge hoben und senkten. Die Deckenlampe, in blauen Stoff gehüllt, sandte ein einschläferndes Licht hinab. Seine Frau kuschelte sich noch enger an ihn, sie duftete sehr süß, jetzt anders als früher, er wußte nicht wie... Er mußte kurze Zeit, aber ungewöhnlich tief und schön geschlafen haben, als ihn der wilde Schmerz im Magen wieder erweckte. Nur zu gut kannte er ihn. Seine Frau schmiegte sich noch inniger an ihn, aber er konnte es nicht mehr ertragen, leise erhob er sich und schlüpfte aus dem dämmerigen Abteil heraus. Er drückte sich schwankend den Korridor entlang, er suchte die Toilette auf, wollte ein Taschentuch mit Wasser tränken und sich das feuchte Tuch auf den Leib legen. Aber irgendein Unverschämter hatte schon alles Wasser aus dem Reservoir verbraucht. Wie konnte jemand so gemein sein? Vielleicht hatte der Unverschämte aus Schadenfreude so gehandelt. Was war zu tun? Es kamen nur kärgliche Tropfen. Er preßte die Magengegend fest gegen die Kante des Waschbeckens und hielt den Atem an. Aber ein verrußter, etwas schmieriger Spiegel zeigte ihm, der gerade jetzt nicht darauf vorbereitet war, sein eigenes Gesicht. Niemals hatte er es besonders gern gesehen, aber jetzt, im Krampfanfall, nach dem jäh unterbrochnen Schlaf, in seiner Wut über das ihm »gestohlene« Wasser, erkannte er es kaum wieder. Er, der Schönheit und gepflegtes, erfreulich anzusehendes Wesen so sehr liebte, sah einen frühzeitig verwelkten, fahlen, bei aller Intelligenz häßlichen Menschen unbestimmbaren Alters mit verzerrten Zügen ohne jeden Reiz. Ja, wegen dieses Schimmers von Intelligenz waren die Züge vielleicht besonders abstoßend. Er sollte das sein? Diese hochgetriebene Stirn voller Querfalten, die widerliche, höhnische Partie um den Mund? Alles »echt Chiffon«, der reinste Chiffonismus? Auch wenn er lächelte, voller Hohn über sich selbst, hellte sich das Gesicht nicht auf, selbst wenn er auf seine Lippen biß, von einer neuen Krampfwelle geschüttelt, er gewann keine gute Farbe, kein kräftiges jugendliches Rot, wie es die Lippen seiner Vera gezeigt hatten. Sollte er sich vielleicht schminken, wie es ein anderer älterer Herr getan hatte? Er sah seine Haare, die an den gelblichen, eingefallenen Schläfen schon etwas spärlich zu werden begannen, zerrauft, in dicken, schnurartigen fettigen Zotteln zu beiden Seiten des noch immer haargenau (wenigstens in diesem Punkte noch echter Chiffon) gezogenen Scheitels zurechtgestrichen. Die Ohren fledermausähnlich dünn, das linke, vom Schlafen gedrückt, süßlich erdbeerrot und, wie es schien, noch stärker abstehend als das rechte. Auch das war »Chiffonismus«, daß er sich nicht damit abfinden konnte. Denn er tat das, was seine Mutter ihm als Kind immer getan hatte und was ihn schon damals zu furchtbaren Zornausbrüchen gereizt hatte, er preßte das abstehende Ohr mit der Hand fest an die Schläfe, als könne es dann besser anliegen und aus ihm einen schönen, prachtvoll aussehenden Menschen machen, aus dem elenden Lumpen Chiffon ein edles, wunderbar gewebtes und sublim gefärbtes Stück Seide. In B. redete er den »Kindern« ein, Chiffon bedeute Seide, aber in seiner Heimat hieß es Lumpen! Wer hatte ihm immer den Spitznamen nachgetragen? Vielleicht gar er selbst? Freute er sich über den eigenen Schaden, den eigenen Spott? Und wenn er auch die Augen von diesem schauderhaft häßlichen Bilde abwenden wollte, sein eigener Blick hielt ihn fest, es war ein unbezwingbarer Drang in ihm, sich selbst zu beobachten, ja, jetzt noch den Mund aufzusperren und die Zähne, diese häßlichen, trotz aller Mühe des Zahnarztes nicht zu bleichenden, langen, vorstehenden Zähne zu betrachten. Wohl sah er jetzt in seinem Geiste seinen Todfeind Rudolf mit verkehrt aufgesetztem Hute, fahl wie die Wand, den Korridor der »Hera« passieren, sich umwenden, um die Räume noch einmal zu sehen, aber er konnte nicht fahler gewesen sein, als jetzt er selbst. Voller Mitleid strich er sich über die Stirn. Er hatte das arme linke Ohr zu brutal an die Schläfe gepreßt, es war noch viel röter geworden, jetzt streichelte er es, er fuhr den heißen, schmerzhaften Rillen mit dem Zeigefinger nach, er faßte das Ohrläppchen zwischen die Fingerspitzen – und jetzt ließ er den gepreßten Atem in seiner beengten Brust sich lösen und ließ sich seufzen, soviel er wollte – – und mit einemmal, ganz allmählich, aber doch merkbar, verzog sich der bohrende, fressende Schmerz aus dem Magen, und die bittere Säure, die eben in seinem Munde aufsteigen wollte, versiegte, als er das Fenster öffnete. War ein Rudolf das alles wert? Langsam erhellte sich vor dem offenen Fenster die Landschaft. Es fehlte nicht viel auf vier Uhr. Sanfte Hügel, reifende Felder, noch unter dünnen, sich am Boden hinwindenden Nebelschwaden halb verborgen, junge Wälder, die Baumkronen triefend von Nässe, unter dem goldigen Widerschein von den beleuchteten Zugfenstern, dann Landstraßen durch einen dicken Schlagbaum vom Zuge getrennt, dann wieder bebautes Gelände, die ersten Arbeiter, den Kopf zwischen den Schultern, den hohen Rechen auf der linken Achsel, eine alte Frau, einen Knotenstock in der Linken, mit der Rechten eine kleine Ziege hinter sich her zerrend ... Plötzlich lebte eine Erinnerung in ihm auf an die blutjunge, mit langen Zöpfen einherschlenkernde Vera in ihrem schottisch karierten Lyzeumskleid, das sie damals immer getragen hatte. Wie knisterte es um ihre dünne, nicht ganz reife, elfenschlanke und vom ersten Tage schon aufregende Figur, als sie es endlich errötend fallen ließ und ihre Händchen, ineinander verschränkt, auf den Rücken legte, sich ihm entgegenbiegend mit allem, was sie hatte, die Kleine, das Kind! Noch einmal lieben können! Aber war es denn zu spät? Er wollte und konnte nichts bereuen. Aber er konnte vielleicht etwas mehr Mitleid haben mit sich selbst, sich selbst mehr gönnen, den anderen mehr gönnen, das Gelübde, das er gestern gemacht hatte und das zu brechen ihm ein teuflischer Spaß gewesen wäre, nun doch halten, noch mehr in seiner Vera aufgehen, sie noch mehr lieben, und zwar in ihrer Art, so wie sie es brauchte, nicht nur so, wie er es immer für sich gebraucht hatte! Vergessen, so wie jetzt das Magengeschwür in seinem Innern ihn vergaß ... Rudolf war doch das alles nicht wert. Mit einemmal lächelte er über sich. Er begriff das Komische seiner Erscheinung, den alten, abgebrühten Chiffon in einem Eisenbahnklosett über die moralischen Güter dieser Welt philosophierend. Jetzt sah er sich tapfer an. Er fand sich nicht mehr so abstoßend häßlich. Mit einem Male verstand er, daß sich Vera trotz ihres Rudolfs und trotz tausend solcher Rudolfe nicht von ihm getrennt hatte. Er besaß sie doch. Er konnte doch versuchen, ihr noch näher zu kommen. Er konnte ihr erzählen, was er um ihretwillen getan hatte. Hatte sie gestern viel um seinetwillen getan, warum sollte sie nicht verstehen, daß er auch um ihretwillen viel aufgegeben hatte? Er atmete schnell. Und während sonst bei schnellen Atemzügen sich die Wunde im Magen immer bemerkbar gemacht hatte durch Reißen und Zucken und Würgen bis in den Hals, jetzt konnte er so schnell atmen, wie er wollte, und er fühlte sich nur freier und sorgenloser und leichter darnach. Er zündete sich eine Zigarette an und rauchte sie in so schnellen und kräftigen Zügen, daß sie knisterte. Die Sonne brach jetzt immer mächtiger zwischen dem dichten Morgengewölke durch. Man war in einer Mittelgebirgslandschaft, in einem enger und dann plötzlich wieder breiter werdenden, wenig bewohnten Tal, magere Wiesen, wenig Felder. Felsen aus glatten, großartigen, mauerartig aufeinandergetürmten Sandsteinquadern erhoben sich aus dichten, steingrünen Nadelwäldern zu beiden Seiten des von leichten Nebelschwaden verhangenen Flusses, auf dem jetzt bei einer Kurve der Strecke die Silhouette eines massigen, schwarzen Remorqueurs auftauchte, der eine lange Reihe dunkelgrauer Lastkähne hinter sich herschleppte. Er erinnerte sich der Lebensgefahr, in der er gestern nacht geschwebt hatte. Daß es die Welt doch nicht ganz so schlecht mit ihm meinte, tröstete ihn darüber hinweg, daß er sein warmes Nest bei den Kindern hatte aufgeben müssen. Der neue Tag kam wunderbar und herrlich auf, aus Veras Abteil strömte ihm leiser Parfümgeruch entgegen und ihr ihm so vertrautes Aroma, das immer stärker wurde, je näher er kam. Im Schlafe sah Vera bezaubernder aus denn je. Etwas Unberührtes, Jungfräuliches mischte sich unter dem zerrauften Gewimmel ihrer rotblonden, gelösten Locken mit dem Ausdruck ungebrochener Sinnlichkeit. Aber zum erstenmal sah Manfred, ganz nahe über sie gebeugt, zwei wie mit einer Nadel gezogene Linien von der Nasenwurzel sich zu den Mundwinkeln ziehen. Sie erwachte unter seinem Blick, ihre großen graugrünen Augen öffneten sich, ihre Mundwinkel verzogen sich, halb wie zum Weinen, halb wie zum Lachen, und am Ende gähnte sie, ihre Arme weit ausstreckend und sie dann um Manfreds dünnen Hals zusammenschließend. Er fühlte noch die von Rudolfs Manöver an der Kasse zerkratzte Stelle vorn über der Kehle, aber selbst über der wunden Stelle tat ihm die Umarmung seiner Vera wohl. »Hast du wohl auch geschlafen, Manfred?« fragte sie. »Ist es nicht märchenhaft in der ersten Klasse? Die kleidet uns, ja? Du siehst so jung heute aus. Weißt du, wenn wir in Prag sind, lassen wir dir die Haare färben, schön dunkel, willst du?« Er lächelte nur still vor sich hin mit seinen dünnen Lippen und sagte nichts. Der Schaffner trat ein und sagte, daß man in einer halben Stunde an der Grenze sein würde. Immer war es Manfreds Sorge gewesen, wie er mit seinen vielen Rauschgiften über die Grenze kommen würde, denn es hieß, daß man zwar oft unmethodisch, aber manchmal sehr streng alles revidiere, und er hatte sich früher nie von seinem Vorrat trennen wollen, der ihm soviel Gewalt über die Kinder gab und so leichten, schönen Gewinn. Aber heute, in der Nähe seiner Vera, die ihn gar nicht aus den Armen lassen wollte und seinen grauen Kopf sogar an ihre Brust betten wollte, faßte er den Entschluß, die Rauschgifte zu vernichten. Er holte den Koffer, in den vor 24 Stunden die Pulver eingepackt worden waren, aus dem Gepäcknetz, nachdem er sich mit sanfter Gewalt von Vera freigemacht hatte. Sie sah ihn erstaunt an. Er öffnete den Koffer und begann die Pulver, die roten zuerst, zum offenen Fenster hinauszuwerfen. »Was fällt dir ein, Manfred, nicht doch! Weißt du denn, was du tust?« Er nickte mit dem Kopf. »Ach heb doch wenigstens ein paar für mich auf! Hast du es mir denn nicht versprochen?« Er schüttelte den Kopf. »So liebst du mich! O iebst u ich?!« wiederholte sie. »So und noch viel mehr!« sagte er. »Wiwiwiwillst du wiwiwissen, wie?« Mit einem Male war er wieder in sein Stottern geraten. War es ihm schon so zur zweiten Natur geworden und war die zweite Natur stärker als die erste? »So und noch viel mehr«, setzte er fort, glücklich, daß er das Stottern überwunden hatte, »soll ich dir sagen, wie? Soll ich dir sagen, was ich alles für dich getan habe? So allerhand, aber nur um deinetwillen, Vera, soll ich? Nun?« Sie antwortete nicht, die scharf eingeritzte Linie um den Mund vertiefte sich. Er verstand nicht, daß er sie bis jetzt nie bemerkt hatte. Einige Stäubchen waren auf die weißschwarzen Federchen ihrer Straußfedernboa geflogen, sie blies sie fort. »Sieh nur, wie wenn es schneit! Nicht? Aber was tust du jetzt? Auch die grünen Pulver tust du weg? Die Mocks? Warum denn? Was ist denn in dich gefahren? Die tun doch keinem mehr etwas, die sind doch nur zum Geldverdienen da?« »Wir werden jetzt auf ganz andere Weise Geld verdienen«, sagte er. »Wir? Ich auch? Ich kann doch nichts, ich bin so dumm wie ein Kind, ein Ind, ein Baby, ein Aby, ein Alg? Oder doch, eins kann ich, Lyzeumspanisch! Da kann ich Tunden geben, was glaubst du? Sag, Rudolf wird doch nicht glauben, daß ich ihn an die Grünen verraten habe? Er hat mir doch immer ganz vertraut?!« Und plötzlich auf ein ganz anderes Thema übergehend: »Was hast du da? Was ist in dem Glasröhrchen drin? Laß mal sehen! Veronal? Ja, was ist das? Ve-ro-nal? Was kann das?« »Das ist nur ein einfaches Schlafmittel. Wenn man das in etwas Wasser nimmt, schläft man tief ein und wacht nicht so leicht auf.« »Warum?« »Warum? Das weiß ich nicht!« »Ummer Nabe! Lödes Aby! Da, hast Hunger? Iß!« Sie reichte ihm ein Stück weich gewordener Milchschokolade. »Armer Irrer, friß! Nein, Liebling, erkläre mir alles, du bist ja klug! Warum heißt das ›Veronal‹? Heißt das nach mir? Nach Vera, meine ich?« »Sicher!« sagte er lächelnd, das Röhrchen in der Hand haltend, dessen Glashülle in der Morgensonne stark glänzte. »Sieh nur, Manfred, die bunten Vögelchen draußen, da!« Während er sich erstaunt zum Fenster hinausbeugte, hatte sie ihm durch einen geschickten Trick von untenher das Röhrchen aus der Hand geschlagen und hatte es sofort versteckt. Es war der gleiche Trick, mit dem gestern in der Unglücksnacht die Polizisten Rudolf entwaffnet hatten. »Nicht suchen!« sagte sie, ihn mit einem sonderbaren Blick ansehend, »es ist unter den Fußbodenbelag gerollt. Laß es dort, wozu brauchen wir es? Kinder sind wir, lafen ut, räumen üß?! Icht? Aber Rudolf, der war gestern nacht wie irr! So schön – wie verrückt! Er schläft sicher nicht richtig, was? Was kannst du dafür? Oder gar ich, ich dummes Balg? Ach was! Denk daran, jetzt sind wir bald in fremdem Land? Fließt hier das Meer? Ich meine, ein großes Wasser? An der deutschen Grenze sind wir doch!« Die Grenzkontrolle war sehr oberflächlich. Zum erstenmal hörte Vera eine fremde Sprache. »Wie ulkig die da allesamt quatschen! Phantastisch! Wie im Negerland! Aber untereinander, da verstehen sie sich doch! Sicher, sie verstehen sich, ich habe es gleich gemerkt.« »Jetzt sind wir glücklich über die Grenze«, sagte er. »Ja, erkennst du das an den Feldern? An den Kirchen? Ich sehe noch keinen Unterschied, aber glücklich bin ich doch. Sag, freust du dich auch ein bißchen? Ich will von jetzt an ganz anders zu dir sein. Wir hätten schon längst von dort fort sollen.« Nach einer Pause: »Sagt, ihr beiden, ihr habt mich wohl mächtig geliebt?« Als er schwieg, sagte sie: »Ich wäre ja so glücklich, wenn er wieder freikäme! Kannst du nichts dazu tun? Ich vergesse ihn dann. Ganz sicher! Telephoniere deine Aussage an die Polizei! Laß ihn frei! Bitte, tu's! Du kennst doch die vielen Herren im Polizeipräsidium, du konntest sogar Ulk mit ihnen treiben am Telephon. Und du bist doch so klug. Er ist dumm. Ich bin auch dumm. Ich habe nicht einmal ein klein weniges kochen erlernen können von dir. Auch in der Schule saß ich fast immer in der letzten Bank. Flossie, das blonde Pastorenduttchen, die saß auf der ersten. Ich hatte aber die schlankesten Beine, die kürzesten Höschen aus Seide, um dir zu gefallen, die längsten Zöpfe, nach denen waren alle verrückt. Bin ich immer noch etwas hübsch, übsch? Weißt du, ich fürchte, ich werde alt. Das macht aber alles nichts. Lieber Manfred – alt werden muß schrecklich sein, direkt ekelig. Rudolf und ich, in unserer Jugend, weißt du, wollten nur 50 zusammen alt werden. Hilf ihm doch. Manfred, sieh zu! Mach! Wenn einer auf der Welt, du kannst es! Du bist ja mehr als schlau. Und er hat nichts Böses gewollt, so etwas Weiches und Feines wie ihn erlebt man nicht mehr. Das siehst du doch auch ein und hilfst ihm?!« »Wie soll ich denn das? Gestern nacht hat er mich zwischen Kassenwand und Kasse zerquetschen wollen!« »Aber doch nur im Tran! Genau so dun wie damals, als er geschossen hat.« »Vielleicht. Vielleicht glaube ich es. Was nützt es ihm?« »Viel, Manfredily! Halte nur ein wenig fest zu ihm. Verzeih ihm. Du mußt ja nicht zurück in den Hexenkessel. Aber du schreibst an das Gericht. Oder du rufst schnell den scheußlichen alten Steffie an. Auch aus unserm Zug kann man telephonieren.« »Da kann man nur schwer verstehen.« »Aber von der nächsten größeren Stadt aus. Denk, wenn er noch heute herauskönnte ...« Chiffon schüttelte den Kopf. Sie kam zu ihm, faßte seinen Kopf zwischen ihre weichen, mit kostbaren Steinen geschmückten, parfümierten, nicht ganz sauberen Händchen und ließ ihn mit seinem Kopfe nicken. »Vielleicht!« sagte er leise. »Nein, sag jetzt klar und laut ja! Wie damals auf dem Standesamt. Denke nur nicht, daß ich zurückwill zu ihm. Es wäre zu himmlisch. Es darf nicht sein.« »So liebst du mich doch auch ein wenig?« »Hätte ich dich sonst geheiratet, üßes Ummchen? Hätte ich sonst die phantastischen Geschenke angenommen von dir? Hätte ich mich ...« »Nein, Vera, sag klar und deutlich. Du weißt es. Sonst niemand.« Sie hatte ihre Hände sinken lassen, hielt sie dann zu ihren Lippen, küßte sie, ganz in Gedanken verloren, und verschränkte sie zu einem rosigen, edelsteinglitzernden Knäuelchen über ihrem Schoß. Ihr blasses, reizendes Köpfchen schwankte im Rütteln des Zuges auf dem schmalen, perlmutterfarbenen Halse. Die schöne lange Perlenkette schaukelte hin und her. Er drängte nicht in sie. »Wenn ich nur nicht solche Bange hätte vor dir! Vielleicht ... Sag, hast du nicht doch bei dem armen alten Rosenfinger mitgespielt? Hast du nicht absichtlich Rudolf in der Nacht beim Kiosk aufgeputscht mit Koks? Hat nicht jemand eigens die Grünen auf ihn gehetzt, daß sie ihn knallen lassen? Auch Steffie wollte mir nie gefallen. Warum heißt er denn Kleckschen? Pfui! Rudolf aber heißt nur Rudolf, nicht? Ihr beiden mögt einander wohl gar nicht mehr? Und doch wart ihr einmal dicke Freunde. Echte Freunde? Und jetzt nichts als Gift und Galle? Sei nicht so! Nein?! Kannst du denn nicht anders? Warum? Er kommt zu dir, und du –? Hast du ihm nicht gestern ein Bein gestellt, hast du den Kripos nicht den Trick gegeben mit dem Teppich, hast du ihn nicht mit dem Hut gehöhnt im Korridor?« Er sah sie starr an und antwortete nicht. »Wenn du nur NEIN sagen könntest! Manchmal habe ich so schreckliche Gedanken. Ich habe euch kein Glück gebracht. Besser vielleicht, du kümmerst dich nicht mehr um ihn, nicht so, nicht so ... Aber das geht doch nicht. Aber um meinetwegen war es doch keinesfalls, ich könnte es mir nicht verzeihen. Manchmal hat es so scheußliche Gedanken in mir, dumme, glaube ich, aber so schwere, phantastische! Ich und dann auf der einen Seite du und auf der anderen Brücke er, wir drei, und es reimt sich nie. Vera, Manfred, Rudolf. Und diese eklige Denkerei, an ihn und an dich natürlich noch mehr, weißt du, die hatte ich auch an unserem hübschen Kochherd. Und da habe ich bisweilen alles ganz falsch zusammengerührt.« Er lächelte. »Es muß ja vielleicht schrecklich zu essen gewesen sein.« »Aber dein Mann hat es doch gegessen, nicht? Sogar gestern nacht die Omelette.« »Du mit deinem schwachen Magen, mit der scheußlichen Wunde innen. Guter! Armer! Kindlein! Indlein! Siehst du, Lyzeumspanisch, das konnte die gute Flossie nie erlernen... Und was denkst du, ob sie mir meinen Rudolf im Untersuchungsgefängnis ordentlich verpflegen? Und ohne Koks kann er nicht lange sein. Er ist hörig. Er muß es haben, sonst geht er ab. Aber der Bruder, der hat doch alles, kann es auch leicht durchschmuggeln. Ich aber... du! Jetzt haben wir es allesamt aus dem Zuge auf die leeren, öden Felder hinausgeschmissen! Woher neues nehmen? Sag doch schnell! Er muß es haben, unbedingt! Er tut es ja nicht aus bösem Willen. Ich könnte es sicher bringen, in Briefpapier zwischen dem Kuvert und der Seidenpapiereinlage oder so ...« »Willst du nicht doch noch zu ihm? Sprich ohne Furcht!« »Wie schön rein du jetzt sprichst! Ganz ohne Stottern und Stolpern.« »Willst du nicht doch noch einmal zurück zu ihm, Vera?« »Ich weiß es nicht mehr. Vor der Schießerei am Kiosk, sicher. Jetzt kaum mehr. Ich war wohl sehr schlecht gegen euch? Richtig gemein? Sag, Manfred! Hier hast du meine Handschuhe. Schlag mich auf die Hände, ins Gesicht! Aber nur mit den Fingerspitzen. Nicht mit den Knöpfen. Nicht in die Augen. Tu's doch!« »Wie kannst du so etwas von mir verlangen? Ich schlage dich nie.« »Nein? Wie soll das nur alles werden? Ich bin dir doch auch sehr gut. Ich bin immer nur mit dir allein richtig zusammengewesen. Ich habe, als ich Rudolf zum erstenmal gesehen habe, gleich gesagt: ›Manfred ist mein Mann.‹« »Dann mußt du noch viel mehr Vertrauen zu mir haben. Stehst du auf alle Fälle felsenfest zu mir?« »Was willst du denn wissen? Wir sollten gar nicht so reden. Wir müssen jetzt auch die Sachen zusammenpacken, wir werden gleich da sein.« »Du hast eben doch kein Vertrauen zu mir.« »Aber was soll ich denn noch tun? Habe ich vielleicht heute nacht im Schlaf geschrien? Mit Absicht nicht. Und den Paletot mußte ich ihm ja gestern nacht geben, dem Armen. Du kannst dir einen neuen kaufen.« »Was liegt an dem Paletot? Willst du alles – wissen? Ich will dir alles sagen. Du kannst dann tun, was du willst. Soll ich?« »Ich fürchte«, sagte sie leise, kaum ihren vollen, roten, blühenden Mund öffnend, »ich fürchte, ich liebe dich doch ein bißchen.« Die Tränen rannen ihr aus den großen grünblauen Augen. »Soll ich dir beichten? Soll ich dir alles beichten, Kind? Von Rosenfinger bis heute?« Sie schüttelte den Kopf. Die Tränen flogen auf die Federchen ihrer schwarzweißen Federboa, wo sie wie winzige Edelsteinchen glänzten. Der Zug fuhr eben im Prager Wilsonbahnhof ein. VIII. Am Morgen des 19. Juni wurde Konrad gegen vier Uhr aus tiefem, traumlosem Schlaf durch das Telephon aufgestört. Seine Frau schreckte auf, sie war früher wach als er. Mit ihren weißen, feinen Händen griff sie über seinen Hals hinweg nach dem Hörer, fragte: »Was los? Wer dort?« Konrad war schnell wach geworden. »Es ist für mich, gib her«, sagte er, »bleibe ruhig liegen, ich muß wahrscheinlich gleich fort.« Am Apparat meldete sich der Dr. B., der alte, wegen beruflicher Delikte zu einem Jahr Haft verurteilte Arzt, den man allgemein den »Luftschlucker« nannte, weil er im Gefängnis die Gewohnheit angenommen hatte, riesige Mengen Luft zu schlucken, wodurch er sich das Atmen und das Leben noch schwerer machte, als es ohnehin war. Jetzt flüsterte er, durch seine ständige Atemnot behindert, mit leiser Stimme dem Arzt zu, er möge zu seinem Bruder kommen. »Wie geht es ihm? Hat er nach mir verlangt?« fragte der Arzt. »Ja, nein, gut, mäßig, wie man es nimmt. Verlangt hat er nach Ihnen nicht, das nicht gerade, aber Dr. Fabrizius wünscht es und ...« »Und? Wie, was denn noch?« fragte der Arzt ungeduldig, da sich B.s Stimme in undeutliches Gemurmel verloren hatte. »Sollten Sie mir noch etwas sagen? Soll ich etwas Besonderes mitbringen? Ist Gefahr vorhanden? Sprechen Sie deutlicher!« »Ich spreche ja so deutlich, wie ich kann!« antwortete Dr. B. »Es ist nur die alte Geschichte, die Entziehung macht keinen Spaß. Gefahr? Hahaha! Mit fünfundzwanzig Jahren!« Der Arzt kleidete sich in aller Eile an. Gern hätte er mit seiner Flossie gesprochen, nachdem er sich sein Kind angesehen hatte, das mit rosigen Wangen, einem winzigen, verschlafenen Mund und zerzausten goldenen Löckchen, aber ernst wie immer, in dem Kinderbett schlief. Flossie schien aber wieder eingeschlafen zu sein. Schon den Hut in der Hand und die Aktenmappe unterm Arm, den frischen Geschmack des starken Zahnwassers auf den Lippen, nahm der Arzt ihre über den Bettrand herabhängende Hand, um sie, was er sonst sehr selten tat, zu küssen. Sie mußte aber doch wach gewesen sein, denn sie entzog sie ihm energisch, und obwohl der Arzt, seiner Ungeduld zum Trotz, noch ein paar Augenblicke an der Tür verharrte, blieb sie stumm. Sie streckte sich, kuschelte sich dann zusammen, fragte nicht und ließ ihn gehen ohne Gruß. Auf der stillen Straße, in der Allee mit den blühenden Kastanien, die schon vom hellsten Frühsommersonnenschein durchleuchtet wurden, begegnete der Arzt einer Autodroschke mit einem verschlafenen Chauffeur und ließ sich nach dem Gefängnis bringen. Der Chauffeur, fremd in diesem Viertel der Stadt, wußte nicht, wo das Gefängnis war, und so mußte sich der Arzt neben ihn setzen und ihm den Weg zeigen. Die Fahrt schien ungewöhnlich lange zu dauern, ebenso die Formalitäten bei der Torwache. Als aber der Arzt in seinem kleinen Lazarett angelangt war und auf die Uhr sah, waren seit dem Telephonanruf insgesamt erst achtzehn Minuten verstrichen. Dr. Fabrizius kam aus einem Krankenzimmer, dem größten und hellsten, am besten ausgestatteten Raum der ganzen kleinen Abteilung. Er drückte Konrad die Hand und sagte, neben ihm den Korridor entlang hin- und wieder zurückgehend: »Schön, daß Sie so schnell gekommen sind, Gefahr besteht keine, ach wo, keine Spur Gefahr im Augenblick, wenn auch der Puls recht minder ist. Hauptsache: die Entziehung ist mal eingeleitet. Macht ihm natürlich viel zu schaffen. Es ist da allerhand los, er quasselt und spinnet ohn' Unterlaß, ich glaube nicht, daß er genau weiß, wo er ist und so. Offenbar ist es die erste Entziehung und deshalb auch die aussichtsreichste. Müssen eben nur über den Berg. Wollten ihm dann mal Papyver geben, verabredetermaßen, unsere bewährte Kombination: Paraldehyd, Pyramidon, Veronal, damit er so drei, vier Täglein sich die Qualen abdämmert im Tiefschlaf. Will aber das Tränklein nicht nehmen. Es raucht in ihm! Hält er es für Gift? Er trinkt auch Wasser nicht. Trotz Durst. Von Essen keine Rede. Das sind wir ja gewohnt. Ein wenig Toben mag uns auch nicht gar schrecken. Jedem das Seine. Nur bei seinem elenden Zustand auf die Dauer doch nicht so unbedenklich – ich wollte Ihnen in aller Freundschaft doch meine Meinung sagen. Wir müssen ihn eben ein bißchen plagen, können ihn hier nicht weiter im Kokaindusel lassen. Wollen Sie nun dableiben? Ich habe eine recht bewegte Nacht hinter mir und möchte jetzt ein kleines Ende pennen oder dergleichen.« »Natürlich will ich bei ihm bleiben. Wenn es sein muß, auch allein!« »Allein? Kommt ja gar nicht in Frage! Ginge sicher über Ihre Kräfte. Wir haben ja hier unsern alten Herkules, den Hufeisenkneter, den Oberwärter M., Sie kennen ihn, der sonst bei mir in der Weiberabteilung dienstet, stark wie ein Waldteufel und ruhig im Sturm, Eisenzwinger heißt der Knabe, und zur Pulskontrolle unseren kleinen alten Luftschlucker, der sich in diesem Punkt heute nacht wieder einiges geleistet hat. Ja, natürlich, sofort! Dann haben Sie ihn ganz für sich. Aber vorher noch eine kleine, aber mir peinliche Nebenfrage, dürfen mir nicht böse sein, verehrter Kollege, wir sind doch stubenrein?« »Wie meinen Sie das, Kollege?« fragte Konrad betroffen. »Sind Sie keimfrei? Hahaha! Haben Sie nicht in einer Tasche einige Sonnenstäubchen, Kokain? Es könnte doch sein, daß sich das mitleidige Bruderherz der Leiden seines Nächsten erbarmet! Es wäre aber eine falsche Barmherzigkeit. Ein für allemal! Entzogen muß er werden, und zwar gleich jetzt. Längeres Hinauszögern wäre Tierquälerei.« Konrad sah dem Kollegen ruhig ins Auge, dann gab ihm Fabrizius den Weg frei. Konrad trat auf den Bruder zu, der ohne Kragen und Schuhe, in seinem zerbeulten, silbergrauen Anzug mit verschränkten Armen dasaß, den kleinen, grau-blonden Kopf auf die Brust gesenkt. Vor ihm, so daß seine Knie sich mit Rudolfs Knien berührten, stand der riesige Gefängniswärter aus der Frauenabteilung, unbeweglich wie eine steinerne Mauer, er atmete tief. Vielleicht hatte kurz vorher ein Kampf zwischen den beiden stattgefunden, denn als Konrad näher trat, sah er, daß der »Eisenzwinger« die großen Hände des Bruders gekreuzt hatte und sie mit den seinen, wahren Tatzen, festhielt. Auch Rudolf atmete tief, aber nicht so ruhig wie der Wärter, sondern schnell, wie gehetzt. Er wehrte sich nicht mehr. Seine Augen, kugelig, blaugrau, metallisch leuchtend, ruhten voller Verzweiflung einen Augenblick auf dem Bruder, der neben Fabrizius von der Tür her schrittweise näher kam, aber sie wandten sich sofort wieder ab, huschten inhaltsleer an dem weißen Kittel des Oberwärters empor, hinauf bis zu seiner Halsbinde, seinem kurzgeschorenen Kopf, dann rechts nach rückwärts an der Lehne des Lehnstuhls vorbei, links vorbei, ruckweise plötzlich nach vorwärts, nach oben zu der mit Eisendrähten verschmolzenen, quer rechteckig in ziemlicher Höhe eingesetzten Glasplatte, die das Fenster darstellte. Konrad kam immer näher, Fabrizius blieb zurück. »Nicht rutschen!« flüsterte er. »Aufgepaßt!« Konrad wandte sich erstaunt um. Dabei wäre er fast ausgeglitten, er hielt sich krampfhaft an dem Wärterkoloß fest, der weiterhin gutmütig lächelte, ohne sich zu rühren. Rudolf starrte jetzt stumpf vor sich hin. In seinen dichten Locken waren viele graue Fäden zu sehen. Auf dem hellgrauen Fußbodenbelag war eine Flüssigkeit ausgeschüttet. »Da, sehen Sie, haben wir sie ja, unsere drei Tage Schlaf, Papyver,« sagte Dr. Fabrizius. »Er hat nicht einmal einen Tropfen nehmen wollen. Wir haben zur Not unsere Kiefersperren, Schlundsonden und das ganze schöne Arsenal, aber ich wollte warten, bis Sie kommen, des Bruderarztes linde Hand. Freilich, es ist eine eklige Sache, einem lebenden Menschen solch ein Ding zwischen die Zähne zu klemmen und ihm den Rachen aufzureißen und ihm partout das werte Leben zu retten, er mag spucken wie er will! Vielleicht schaffen Sie es in Güte. Denn runter muß es. Zum Teufel mit allem Rausch! Komisch, jetzt ist er stumm. Bis vor einer Minute hat es sich nur so in einem Strom aus ihm ergossen, Redefluß ohne Ende und dergleichen. Und männermordender Kampf. Er hat ja niedliche Griffe an sich, der junge Held. Aber an Eisenzwinger prallt alles ab. Die Hand geben Sie ihm lieber nicht, stecken Sie sie in die Tasche, ein wenig tückisch ist das Brüderchen, hackt herum mit seinen Beißerchen, natürlich alles im Tran, Gott weiß, wo seine Gedanken sind, sicher jeden Augenblick woanders. Aber sprechen dürfen Sie natürlich mit ihm. Vielleicht versteht er die Stimme des Blutes doch.« »Du, hier bin ich – Rudolf!« sagte Konrad leise. »Nur lauter! Er hat Sie scheinbar nicht gehört. Oder doch? Und sieht er was? Der Teufel kenne sich aus! Das geht nun schon die ganze Nacht, immer ärger und ärger. Stimmt es, Eisenzwinger?« Hilfesuchend wanderte Rudolfs Blick über Konrads Gesicht, als ob er ihn wiedererkennen möchte, seiner selbst aber nicht sicher sei. Er suchte angestrengt nach Worten, auf einmal schien sich etwas in ihm zu lösen, er öffnete den Mund, als sitze ihm das erste Wort schon auf der Zunge. »Sehen Sie nur zu, daß Sie ihm möglichst schnell den wundersamen Trank beibringen! In einer Stunde bin ich wieder hier!« »Erkennst du mich nicht?« fragte Konrad. »Ich bin dein Bruder.« »Oh, nein – ich – habe – keinen – Bruder«, antwortete Rudolf mit einer Stimme, die ganz verschieden war von der, die Konrad seit Kinderzeiten an ihm gekannt hatte. »Oder doch! Ich weiß nicht! – Natürlich, hier nicht – er soll in B. sein mit Frau und Kindern. Sie haben ihm telephoniert. Er kann nicht kommen, heißt es.« Er lächelte müde, aber sehr freundlich und zeigte die schönen Zähne. »Wenn Sie es – aber vielleicht doch sind, dann kommen Sie – näher! Ich sehe jetzt schlecht. Sie haben ja ganz – seine Statur. Bist – du es, so sprich ein Wort!« »Rudolf! Rudolf!« »Also dann auf Wiedersehen! Brüderchen, aufgepaßt! Nicht mir in die Haare fassen! Da kreucht etwas, siehst du es nicht? Faß es doch, aber läuft das flink! So winzig und so flink! Es laufen die Tierchen zu zweien, Bruder und Schwester oder Mann und Frau, und hier sind noch kleinere, hast du sie? Rühr mich nicht an, bitte, blas sie fort und auf Wiedersehen! Sie quälen mich zu sehr, dahier unter dem Armband, da, wo der Wärter die Flosse hält, und am Nacken, drück sie tot, und unter den Achseln! Ach, du faßt sie nicht! Der andere ist fort. Wohin? Bitte, geben Sie die Pranke weg, lassen Sie mich los, mein alter Bruder ist jetzt da. Nicht wahr, du bist es doch? Verzeihung, tausend Dank! Der Angeklagte dankt schön! Er sorgt für mich, Sie können gehen. Einer ist für mich. Sie drücken zu stark, Herr Wärter, mein Handgelenk ist schon Mus und Brei. Wozu denn? Für die Milde des Gerichts! Sie können gehen! Ich tue ja nichts mehr, lassen Sie mich nur eine halbe Minute! Alle gegen alle! Auf Wiedersehen! In der Hölle, ja? Wie das juckt und wie das zuckt. Entschuldigen Sie, Herr Doktor, daß ich Sie belästige. Ihnen wird so etwas nichts Neues sein. Alte Späße. Aber mir. Sie sehen meinem Bruder so von Herzen ähnlich, aber ich weiß, Sie sind es nicht, ich habe vielleicht Halluzinationen, aber keine Luft und furchtbare Schmerzen. Fünf Jahre Koks und Mops, ist das schön? Aber mich können sie nicht täuschen, ich kenne sie alle schon lange, die Kleinen, die fängt man, und das große Tier läßt man laufen. Ja, glotzt mich nur an, ich fürchte euch nicht! Was wollt ihr auf einmal von mir? Wollt ihr mich wieder in den Teppich einrollen? Das gilt nicht, feiges Pack! Wo ist mein Hut? Hut runter! Bitte, loslassen! Freilassen!« »Rudolf, was willst du? Was brauchst du?« »Ich danke schön. Bitte sagen Sie, wo bin ich? Sagen Sie es leise, ich höre ja gut, nur mit dem Sehen ist es Essig. Ist es heute oder morgen? Heute oder übermorgen? Übermorgen muß ja auch einmal drankommen. Ja, das zieht in den Haaren, die halten dort wohl ein Turnfest ab oder ein ganzes Parlament. Das kribbelt wie verrückt. Und wo spielt der letzte Akt? Dann macht die Platzanweiserin die Lichter aus, und die Leute gehen nach Haus schlafen. Der Film war schön, der Film ist aus. Aber wo bin ich jetzt? Muß wohl ein polnisches Arrestlokal sein, ihr sprecht ja alle so ein verrücktes Zeug. Ihr glaubt wohl, ihr seid auch Menschen, weil ihr eine Fresse dort sitzen habt wo ein anderer ehrlicher Mensch sein Gesicht. Loslassen! Der gefesselte Mann. Das ist ja kein Recht, das ist Rache! Loslassen! In einem deutschen Krankenhaus, da ist es blitzsauber, da gibt es keine Wänzlein und Pflänzlein. Und niemand steckt hinter den Wänden und kritzelt mit dem Bleistift und will alles abhorchen. Wenn nur endlich mein großer Bruder da wäre! Er war doch eben noch da, auf den Korridor ist er gelaufen. Gestern habe ich ihn angerufen, aber es war kein Strom, bei Chiffon ist eben alles faul. Sagt mal, nicht? O komm doch, laß dich nicht so bitten. Ich kann und will nichts mehr ertragen, das tut man ja keiner Katze an. Loslassen! Ich kann dir die Hand nicht reichen, du treuer Kamerad! Vera ist nun wohl auch hier. Nur um sie tut es mir leid. Das größte Miststück auf Gottes grüner Erde. Bitte lassen Sie mich los, nur zur Probe! Bitte lassen Sie mich nicht mit mir allein! Hier tut es ihm weh. Stark im Nehmen war er immer und niemals feig vor dem Feind. So sind wir doch noch mal ins Feld gezogen. Unser heiliges Deutschland lassen wir euch nicht. Wenn er nur endlich da wäre! Eine bekannte Seele! Die Roten kommen alle aus der Hölle, Vera auch. Aber mein Bruder ist reines Gold! Weich, aber rein! Wir sind Waisen. Wäre doch erst übermorgen! Heute regnet es, heute ist untermorgen. Warum lacht ihr nicht! Konrad, du alter Philister, versteck dich nicht, du braver, wattierter Geselle, ich kenn' dich doch! Dieser Tag ist wohl das Untermorgen. Das ist ein schreckliches altes Haus. Wie das hier überall riecht! Arme Vera, hier wirst du an dein Chypre denken! Und ich kann nicht von der Stelle, nicht stehen, nicht liegen! Nur lehnen! Nicht gehen! Laßt ihn, laßt ihn doch endlich ein wenig los! Konrad, jetzt bist du wieder fort! Warum sprichst du nichts? Du bist doch ein Witz! Macht mal das Fenster raus! Zieht mir mit dem Kamm mal ordentlich stramm durchs Haar! Faß doch an, Bruderherz, mir bricht der Angstschweiß aus. Jetzt kommt's! Ist schon der Kragen fort? Loslassen! Luft! Ist das alles naß ringsum! Mich ekelt ja vor mir selbst. Drei Dezigramm Koks pro Tag, da krepiert ein Ochs. Ist gar zu scheußlich! In meinen Fingern zuckt es, die Ameisen kribbeln, das fleißige Volk, und die Millionen Würmer graben sich noch tiefer hinein. Ja, das heißt gefangen sein! Bitte, lassen Sie ein wenig nach, ich tue nichts mehr!« »Bitte, lassen Sie ein wenig nach, Herr Wachtmeister!« sagte Konrad. »Ist denn kein Fenster da? Verfluchte Wirtschaft! Gestern hätte ich noch massenhaft Koks haben können. Jetzt wäre mir geholfen. Ach, ich könnte mich erschlagen! Da stand ich vor dem Eisschrank, nein, vor dem Eisenschrank, und ganze Schaufeln Schnee kamen da rausgeschneit, weiß, eisigkalt, jetzt in der Hitze! Ach, Kinder, süße Kinder, Freundchen, Freundchen, Wachtmeisterchen! Was, Schufterle, lach! Ach, hätte ich ein klein' Stäubchen. Nur das letzte! Ich will sparen, täglich noch weniger, weniger als nichts. Gestern, da hätte ich es von Chiffon bekommen sollen, zwei Kilogramm hätte ich haben können, so zitterte er um sein schäbiges Leben, echte Ware von Merck, und ich habe es nicht genommen. Bruder, bleib doch, du hast es Mutti versprochen! Geh noch nicht fort! Ich studiere mit dir! Ach, wie schrecklich ist mir, es wird immer ärger und ärger! Vor den Augen flimmert es, oben in den Wolken müssen die Flieger sein, hörst du es surren, und jetzt wird es krachen. Siehst du denn nichts? Hast du denn noch Zeit? Erst war es schwarz und jetzt wird es aber rot. Brand, ja? Nein, es ist schon wieder still, nur mein Herz pocht toll! Es dreht sich im Kreise, alles ist ganz grün. Grün ist ja auch eine schöne Farbe, bringt Glück! Nur kein Rot! Jetzt sehe ich dich, Konradin! Bist du aber alt geworden! Aaach! Oooh! Luft! Luft! Wo seid ihr denn? Jetzt ist alles aus! Mutti! Oooh!?« »Wie geht es dir, Rudolf? Liebster, verstehst du mich?« »Wie es mir geht? Danke, sehr gut! Ich habe furchtbare Qualen auszustehen. Könnte ich etwas essen? Es brennt mir im Magen. Schmerzen habe ich nicht. Nein, trinken will ich nicht! Ich traue keinem, auch Vera nicht! Ihr vergiftet mich alle, Weiber wie Männer, in einem Fingerhut. Ich war immer zu sehr allein, Mutti! Ohne Vater, ohne Freund, ohne Frau! Jetzt bist du wieder weit fort. Er ist raus aus der Tür. Draußen im Garten geht er, warum habt ihr hier keine richtigen Fenster? Glas mit Eisendraht durchzogen! Ja, das ist der deutsche Gott, der Eisen wachsen ließ! Wozu das alles? Wer soll denn hier ausbrechen? Jeder ist selig, wenn er nur hier sein darf. Ach, Brüderchen, weine nicht! Bruderherz, loslassen! Ich breche nicht aus, mich habt ihr für immer! Ich war noch nie im Gefängnis. Rudolf, jetzt haben sie dich doch! Ihr schämt euch wohl alle sehr? Ich auch! Aber was tun? Das beste Argument ist immer noch der Revolver, das sage nicht ich, das sagt der Herr Instrukteur. Der Steffie hat es raus, sage ich euch. Aber als ich ihn raus hatte – sagt es nicht weiter –, da war es schon zu spät. Der Herr Lehrer lehrt alles, Jiu-Jitsu, Fechten, Schießen auf bewegliches Ziel, im Liegen, im Stehen, aus der Tasche, im Laufen, aus dem fahrenden Auto heraus. Vor dem Kiosk wird er mir nicht ein zweitesmal auflauern, ich weiß es, Vera lügt nicht, die Roten lügen aber alle. Und Rudolf stiehlt nicht. Kleckschen möchte ich nicht heißen um alles in der Welt. Da müssen es die Moneten tun und die brutale – Kraft. Schön kann nicht jeder sein, komm, tröste dich! Aber lebend bekommen sie ihn nicht! Steffie kann einem mit dem »Dreiunddreißiger« auf japanisch leise die Knochen im Leibe zerbrechen, ich weiß es genau. Versucht hat er es oft. Auf der Matratze bei Rosenfinger. Rosenfinger, fort mit dir! Gutes, rot angemaltes, rührseliges altes Schwein! Schufterle! Steffie, nun mach schon! Das Herz bleibt einem im Leibe stehen, und der kalte Saft bricht heraus wie jetzt! Aber Rudolf, halte dich! Nichts zeigen! Die Zähne aufeinandergepreßt, daß es knirscht! Oder gelacht, auf japanisch gelächelt! Lächeln, lächeln! Das beste Beruhigungsmittel ist die Repetierpistole, da sagt niemand gern nein. Jetzt die Augen aufgemacht, ihr glaubt mir wohl nicht, ihr zwei Schneemänner, daß ich euch erkenne! Das hier ist mein Bruder, der Doktor, und das hier ist der dicke Wärter. Was, Wärterlein fein, mit den Männern ist es netter als mit den doofen Weibern? Wir sind doch die besten Kameraden! Bitte, lassen Sie mich los, ich lege mich ins Bett und schlafe mich tot. Chiffon, paß auf, die Kassenwand kommt angesaust! Hui! Ja, Rudolf nimmt euch alle aufs Korn. Und dort hinten im Winkel hinter dem Bett hockt der Schreibersmann, der Engelmacher. Einer macht Bengel, einer macht Engel! Bitte, freilassen! Ich nehme keinen Koks mehr! Möchte zwar mal wieder, gebt nur her, möchte zu gern mal wieder! War schön! Mitten im Schnee liegen, mit offenem Maul, die Sterne laßt glitzern, sie tun uns wohl, vom Himmel hoch, da kommt es her, Schnee, was wäre es da so kühl! Noch einmal leben, das wäre allerdings schön. Weshalb lachen Sie, Sie sehen meinem armen Bruder so ähnlich, warum lachen Sie denn? Dein Wein war bitter, Vera, und mit dem Kochen wird es Essig sein, du Süße! Lachen ist hier streng verboten. Die Wände haben Ohren, denn der Direktor heißt von Ohr. Oh, bitte geben Sie mir etwas zur Beruhigung, ich möchte schlafen wie ein Windelkind. Der Vater hat mich mit seinem Vollbart gekitzelt und roch deftig nach rotem Wein und gutem, braunem Rauchtabak. O nein, so werde ich nicht gesund. Bitte, sehen Sie, dort läuft etwas! Warum guckten Sie sich nicht um? Ihr wart wohl nie gefangen? Gestern haben sie mir sogar Handfesseln angelegt wie einem Proleten und den Hut vom Kopf herunter, schmutzige Rache, im Auto gab's frische Luft, und alle guckten und staunten Gotts Wunder. So reist man durch die Welt. Oh, die Welt ist schöner, je weiter sie ist. Warum ist es nur hier so stickig? Es ist bald bei mir Schluß, ich weiß es.« »Nein, nicht doch! Bitte, Rudolf, nimm die Medizin! Du kannst sofort schlafen, und nachher ist alles gut!« »Wie herzlich du sprichst! Du bist sehr, sehr gut! Du bist wohl auch nicht vorbestraft? Herzsüßen Dank! Zu lieb! Aber einnehmen kann ich nichts, ich weiß doch nicht, was es ist. Selbst meine liebe schöne Vera hat mich vergiften wollen mit bitterem Wein! Ehrenwort! Wer sind denn Sie, was wollen Sie noch hier?« »Ich bin dein Bruder, du hast mich doch eben erkannt!« »Mein Bruder? Lächerlich! Mein armer Bruder hat vor drei Jahren im Herbst an mir Selbstmord verübt. Laßt mich lieber verrecken, es lohnt nicht, es wird doch mit mir nichts mehr!« »Nein, du mußt dich zusammennehmen! Du wirst wieder gesund.« »Ja, gebt mir nur den Todesstoß! Ich komme nie mehr frei!« »Doch! Sicherlich, bald! Wir meinen es alle gut mit dir!« Plötzlich stieß Rudolf mit seinem Kopf dem Wärter blitzschnell vor den Leib und wollte die Hände losreißen und sich frei machen. Aber auf alles vorbereitet, steckte der Wärter den Stoß ein und zuckte nicht einmal zusammen. Er hielt die Hände Rudolfs fester als vorher. »War wohl von mir nicht nett?« bettelte Rudolf. »Ich weiß selbst nicht, wie es kommt. Ich habe es euch gesagt, steckt den Rudolf ins kalte Wasser, mit dem Kopf voran. Ist es aus, so ist es aus, und allen ist geholfen. Wozu braucht ihr dann Fingerabdrücke? Ihr habt Ruhe und ich erst recht. Bin ich ein Mörder? Ach, wenn ihr mir die Brust aufreißen könntet, damit ich endlich Luft bekomme. Es ist fürchterlich! Glaubt ihr es nicht? Fühlt doch her, alle beide, hierher, hierher! Laßt doch richtige deutsche Luft herein, mir ist zum Ersticken! Ich war lange nicht im Wald. Im Wald geht der junge Jäger singend durch den Wald. Bitte, wischen Sie mir die Nase ab! Auch aus den Augen rinnt es, aus beiden, bitte, mein Herr, und auf Wiedersehen, Schufterle! Der Jäger, der nimmt den Bock aufs Korn. Ja, sehen Sie ihn, der ist erst recht alt geworden, der alte H....bock, der Chiffon. Es ist Winter und Schnee. Und unter dem Winterschutz, den dicken, altbemoosten, dunkelgrünen, weißbeschneiten Holzklötzen und Kloben und draußen auf dem runden, ausgetretenen Äseplatz, alle gedrängt, Fell an Fell, ja? Und die kleinen, schwarzen Kügelchen rollen ihnen unter, stehen die Rehe und Zicken und schnaufen still vor sich hin. Brot und Wurzeln und Eicheln und Rüben in Raufen, und überall ist etwas Schnee, das tut so gut wie Salz, da kommen sie, Rotwild, ja? Die Alten sichern, und die Jungen schauen mit blanken, schwarzen Lichtern und reiben die Geweihe an den Stämmen, mit den schwarzen, weichen Nüstern und wruddeln sie an dem Schnee und ziehen ihn ein und scharren die Erde leise auf mit den gespaltenen Hufen, und dann wird es still, es wird dunkel, und der deutsche Mond zieht auf, das dicke, himmlische Ding in den weißen Bäumen oben, und vom hohen Dorf kommt Glockengetön, und aus dem Försterhaus hört man das Grammophon. Und den Jägershund hört er bellen, und schon sind die Rehe in alle Winde, die alten voran. Der Hund spielt so nett mit dem jüngsten Kind, das reitet auf dem starken Hund! Denkt ihr wohl? Das war schön! Ich habe oft mit vielen Menschen gesprochen, ich aber habe mich – gar nicht gefürchtet – vor ihnen. Und getippelt sind wir oft zu zweien, zu dreien, einer hinter dem andern. Stundenlang, jahrelang, jahrelang. Im südlichen Schwarzwald sind die schönsten Blautannen, die Hänge rauf und runter, die dicksten Kerle, mehr blau als grün, da müßte er »Blauwald« heißen. Oder Rudolfswald, warum denn nicht? Dort, das ist das Herz vom Deutschen Reich, und nach Straßburg ist es nicht mehr weit, von dem hohen Dorf sieht man den Dom und nachts die Züge über der Brücke, die Lichter in den langen D-Wagen wie in einer Perlenschnur, gar nicht schnell, unten, ohne Laut. Ich habe das Leben doch schön gelebt! Auf Wiederleben! Ja, Sie, Wachtmeisterchen, und du, Brüderchen, ihr nicht? O doch, bitte! Wenn ich nur ein wenig von der Luft hätte von damals! Und wie das hier sticht und zuckt! Ein Buntspecht pickt an den Borken, an der Rinde herauf, herunter, im Kreis, hin und zurück, in den Fugen, da kriechen kleine Käfer, so rostrote, denke ich, sehen Sie, Herr Wärter, dies verdächtige Individuum? Da zwischen meinen Fingern drückt sich etwas Winziges herum, gucken Sie nur hin, an Ihrem schneeweißen Kittel, da klettert auch so ein brauner Hochtourist hinauf, darf ich es Ihnen abnehmen, ich tue es gern unter uns Männern. Eure Wand ist voller Wanzen, ihr seid wohl alle wanzenblind, bitte, die Hände hoch! Das geht wohl nicht, ich bin ja gefährlich! Die Wanzen, die nimmt der Jäger aufs Korn, aufs Gerstenkorn, und ist das Korn aus, dann geht's an die Zuckerrübe. Bei Magdeburg gibt's Zuckerrüben genug und genug, da haben die verdammten Roten sich feige versteckt. Proleten sind Proleten. Schützengräben und leichte Maschinengewehre auch. Aber wir haben schwere! Wir schießen scharf und knallen oft ganz schön auf die roten Brüder. Sei doch still, Rudolf, laß ihn schlafen, Bruder! Gib mir eine Spritze, ich möchte so gerne schlafen, erinnerst du dich, wir haben in Betten nebeneinander geschlafen, Konrad, das war fein kühl im Sommer, Fenster auf und der Wind in den Rolläden und die hellen Flecke auf der Zimmerdecke. Da waren silberne Linien gemalt. Ist wohl schon alles verblaßt? Ob der noch lebt? Ich habe mich nie zurückgetraut. Und im Winter bekam ich eine Wärmeflasche, damit spielten wir beide zwischen den Füßen und lachten uns eins. Mutti hat ein kleines Herz. Ulkig! Dann lacht sie wohl nie. Die Betten schüttelt sie auch nicht mehr auf. Ach, einmal nur schlafen! Ihr seid doch zwei, könnt ihr mir nicht Ruhe vor mir verschaffen? Beim Wandern, da ist es am besten. Aber ihr laßt mich ja nicht! Weit in die Welt! Welt in die Weit! Nur fort! Nicht hängen und haften! Verhaften! Mich verhaften! Habe ich denn jemals jemand etwas getan? Hätte ich denn gestern nicht den Manfred zerquetschen können zwischen der Kassenwand und der eisernen Kassentür wie eine Wanze? Nicht Mucks hätte er gemacht. Wanzen mucksen nicht! Aber, ich tue keiner Seele was. Vielleicht bin ich zu feig dazu. Ja, die zwei Polizisten sind freilich hin. Ja, kommt nur raus aus euren Ecken und seht mir gerade ins Gesicht! Ich sehe, Schufterle, sie schießen im Dunkeln auf mich zu, Hut runter! Sie fallen über mich her, alle gegen alle, Pack, vier oder vierzig, wer siehts denn genau im Dunkeln, und was können meine Augen sehen, ich bin ja wie blind, wenn ich ein Zentigramm habe. Gut war es deshalb doch! Gute Dinge danket Gott! Ich war dabei. Klar. Und der eine, schon liegt er am Bauch und krallt mit den Händen zwischen den Steinen, siehste mal, Schufterle, und der andere heult herzzerreißend, klar, ich war dabei, geschossen hat einer, aber doch nicht ich! Ich lebe ja selbst viel zu gern! Ich habe nur aus Angst gedrückt – und schon war's vorbei – ist das nicht ein Witz? Und deshalb unters Fallbeil? Erinnerst du dich, Bruderherz, wie wir es uns vorgestellt haben, wenn wir beide ganz alt sind, ich zweiundzwanzig? Da bist du schon ein Greis, Mensch! Fünfundzwanzig und etwas! Was habe ich schon gelebt? Gute Tage noch keine! Aber du? Du ja! Nicht wahr, Bruderherz? Vor Chiffon hüte dich! Oh, wenn er das wüßte, Schufterle, wie es mich jetzt hier quält! Gelacht hat er, gelacht und meinen neuen Filzhut zertrampelt! Bruder, Bruder! Es kommt wie vorhin! Jetzt drückt es an, und die Mutter rutscht am Hochaltar auf den Knien, von uns Kindern weiß sie nichts, Kinder, Kinder, oh, bitte, helfen, schnell! Guck mal her, zieh mir fix das Hemd auseinander, ich tu' dir nichts, sieh doch, da unter der linken Brustwarze ist es geschwollen, Bruder, ein dicker Eisenreifen geht da rings rum, innen wohl! Kann das sein? Das Herz zwingt es mir ab! Ich kann nicht mehr! Hau feste darauf! Doppelt und dreifach hat es sich zusammengezogen, und das zwingt mir das Herz ab. Reißt das Fenster auf! Schlagt die dicken Scheiben ein! Luft! Ach laßt mich doch atmen! Könnte ich künstlichen Sauerstoff bekommen? Ich möchte aufstehen! Luft! Nur ein bißchen Luft! Reißt mir den Mund auf! Kommt rasch! Eine Mark gebe ich für Luft! Alles was ich heimgebracht habe! Lauft, verkauft mir Luft! Wartet nicht! Wärter, warten Sie nicht, ich krepiere Ihnen unter den Händen. Meinem Vater hat auch niemand geholfen. Da ist er verblutet fürs Vaterland, glaubt ihr nicht?! Warum kommt unsere Mutter noch nicht? Ich habe Hunger, und in der Kirche ist jetzt nachts keine Seele mehr! Und der Durst! Und keine Luft! Jetzt ist es ernst! Weckt ihn auf, Bruder, holt mir den Arzt! Er darf mich nicht ersticken lassen! Was steht ihr denn da herum? Und sagen, daß das Koksen ein Genuß ist, ein Götterfraß! Rrraus!« »Bruder, warum quälst du dich so? Trink, und die Atemnot verschwindet sofort. Das ist ja Wahnsinn! Warum schüttelst du den Kopf? Du mußt! Sonst gehst du ein! Wachtmeister, ist noch eine Portion von dem Zeug vorbereitet?« Der Wachtmeister nickte stumm. Konrad sah seinen Bruder flehend an, aber Rudolf sah ihn nicht. Mit seinem kleinen Kopf hin- und herpendelnd, so daß er einmal mit seinen langen, graublonden Haaren sich in den Knöpfen des Kittels des Wärters verfing, dann wieder mit seinem Kopf Konrads Leib streifte – jetzt hieß es immer nur: – nein. Plötzlich brach er in ein endloses, automatisches Gelächter aus, das nichts Menschliches mehr an sich hatte. Das Lachen strengte ihn an, sichtlich wollte er es beenden und konnte nicht. Sein Körper zitterte, so daß auch der schwere Lehnstuhl vibrierte, er schüttelte den Kopf, als wolle er sich selbst Halt gebieten, die ursprüngliche Röte wich einem fahlen, unheilverkündenden Grau. Konrad ergriff seine feuchte, kalte Hand. Der Puls war langsam, wie immer bei Kokainisten, aber fadendünn, und setzte aus. »Rudolf, was ist mit dir? Wachtmeister, wir warten nicht mehr. Lassen Sie ihn los, bringen Sie die Medizin.« Der Wärter gehorchte sofort. »In einem Wasserglas? In dem Zahnputzglas?« fragte er, die ersten Worte, die man heute morgen von ihm hörte. »Einerlei! Nur rasch!« »In einer Kneipe in Kattowitz haben sie mir einen alten Menschen gezeigt in einer Ecke sitzen, das sollte ich sein, ja, Konrad?« flüsterte Rudolf mit kaum vernehmbarer Stimme. Der Wärter stand da, ein Wasserglas, zur Hälfte mit einer braunen Flüssigkeit gefüllt, in der massigen Hand. »Warten Sie, nein, so geht das nicht«, sagte Konrad. »Das Zeugs hat sich aus der Lösung ausgeschieden. Wärmen Sie das Ganze noch einmal schnell in der Teeküche. Bitte recht schnell!« Der Wärter lief, das Glas vorsichtig in seiner riesigen Hand haltend. Der Bruder schwieg und atmete flüchtig und schnell. Er bewegte die Lippen, die Augen traten aus den Höhlen, er deutete mit der Hand auf seine Brust, dann auf seinen Mund. Konrad nahm seinen Kopf und hielt ihn hoch. Rudolf flüsterte weiter, wehrte sich gegen die Hand des Bruders, wollte aufstehen und fort. Der Wärter trat ein, das Glas in der Hand. Er hielt es an seine bärtige Wange, um zu erkennen, ob es nicht zu heiß sei, dann gegen das Fenster schräg in die Höhe, um zu sehen, ob es klar sei. »Recht so, gut so«, sagte Konrad zu dem Wärter. »Nun passen Sie bitte auf. Wenn ich sage jetzt, dann flößen Sie meinem Bruder den Trank ein. Nicht überschnell. In aller Ruhe. Schluck für Schluck. Verstanden?« »Und die Hände?« »Das wird gar nicht nötig sein. Geben Sie mal das zweite Wasserglas her. So, und jetzt aufgepaßt!« Er schleuderte das leere Glas auf den Fußboden, wo es auf dem Linoleumbelag klirrend zersprang. Rudolf schrak aus seiner Lethargie empor, die über ihn gekommen war, riß die Augen auf, starrte den Bruder, den Wärter an, der Blick huschte zur Tür. Konrad ließ seine Hände los und faßte ihn energisch an der Schulter. »Hast du gehört? Der Vater ist da! Sofort trinken! Augenblicklich trinken bis auf den Nagelgrund, sofort! (Jetzt!) Ex! Jetzt!« Rudolf war noch nicht zur klaren Besinnung gekommen, als er schon den ersten Schluck getan hatte, den zweiten, den dritten und letzten. Der Wärter schmunzelte. Rudolf blickte sich hilflos lächelnd um. »Gut war es«, sagte der Bruder, das Glas zur Nagelprobe umkehrend, ohne daß ein Tropfen fiel, »sehr gut war es. Jetzt darfst du dich auch hinlegen. Bitte, Wärter, machen Sie ihm das Bett zurecht. Wir kleiden ihn dann aus.« Rudolf wischte sich mit der knöpfelosen, schlotternden Manschette seines Hemdes den Mund ab, er verzog die Lippen, denn der Trank hatte widerwärtig geschmeckt. Dann erhob er sich stumm und schwankend aus dem Lehnstuhl, in dem er die Nacht verbracht hatte, streckte die Arme waagrecht von sich, damit das Ausziehen leichter ginge, er wehrte sich nicht mehr. »Es sind allerhand Sachen für ihn gekommen«, flüsterte der Wärter, »auch Nachtgewänder, aber sie werden nicht passen, zu klein, wir nehmen jetzt ruhig die Anstaltswäsche, nicht?« Konrad nickte. Als sie den Bruder aus- und für die Ruhe eingekleidet hatten und der große, schöne, breitschultrige Mensch gebückt wie ein Greis und mit kleinen Trippelschritten wie ein Kind zu dem Bette gekommen war, dessen harte, fest mit Kapok gestopfte Kissen kristallweiß glänzten, sah er den Bruder scheu von der Seite an und murmelte: »Zähneputzen? – und dann Licht aus?« War das die Erinnerung an den Vater, der den Kindern nie erlaubt hatte, sich, ohne die Zähne zu reinigen, zu Bett zu begeben, während die Mutter immer darauf gedrungen hatte, daß sie vor dem Schlafengehen ein wenn auch noch so kurzes Abendgebet sprachen? Konrad und der Wärter nahmen den Bruder wieder zwischen sich in die Mitte, führten ihn zur Wand an den Waschtisch, setzten ihn auf einen Stuhl; und Konrad begann dem Bruder mit einem funkelnagelneuen Bürstchen, das der Anstaltsverwaltung gehörte und im Haus erzeugt worden war, die Zähne zu putzen, während ihm Eisenzwinger den Kopf über den Ausguß hielt. Dann brachten sie ihn zu Bett, und er schlief röchelnd schon bei den letzten Schritten ein, nachdem er mit dem Fuße eben noch den Glasscherben ausgewichen war, die man noch nicht hatte forträumen können. Die Sonne strahlte in voller Glut in den hellen Raum. Vierter Teil I. Wenn Frau Lucie D., die Mutter Rudolfs, Konrads und Hildas, lange Nächte in »Waldfrieden« schlaflos lag, sah sie von ihrem Bett aus ein Kreuz. Es war das Fensterkreuz, dessen breite Leisten sich gegen die herabgelassenen Leinwandvorhänge besonders dann scharf abhoben, wenn ein wolkenloser Mond draußen stand oder wenn ein Auto mit starken Scheinwerfern die serpentinenartig gewundene Bergstraße emporkam, an der das Erholungsheim idyllisch mitten im Walde lag. Sie wollte aber das Kreuz nicht andauernd vor sich sehen, sie sah es ja nicht leer, sondern – mit einer Gestalt. Sie wollte die Augen wegwenden und sah es dennoch – sie wollte die Gedanken fortdenken, und doch kreisten sie immer um das gleiche. Oft verzagte sie. Ihre Selbstvorwürfe durchschnitten sie, ohne daß sie wußte, wie sie ihnen entrinnen sollte. Aber selbst in den düstersten Zeiten, nämlich im ersten und im dritten Jahre ihres langen Aufenthaltes hier oben – damals, als sie ihr Herz ganz kalt und ganz klein und doch so scharf in ihrer eingeschrumpften Brust schlagen gefühlt hatte –, selbst damals hatte sie niemals die Hand gegen sich selbst erhoben. Das hatte ihr der Professor, der alterfahrene Leiter von »Waldfrieden« gleich bei ihrem Eintritt an den Augen, in die er seinen besonders eindringlichen Blick gerichtet hatte, angesehen. Er traute ihr. Während er sonst »echte Melancholiker« niemals mit sich allein ließ, durfte sie einen Teil des Tages und die ganze Nacht allein in ihrem Zimmerchen bleiben – und dies hatte ihr in aller ihrer Angst und Bedrückung wohlgetan. Er kam stets ganz nahe an ihr Bett heran, während er sich sonst vor tückischen Angriffen der Kranken in acht nehmen mußte. Wenn es sie fror (und es fror sie auch im stark geheizten, nach Tannenzapfen riechenden Zimmer oft), durfte sie die Hände unter der Bettdecke verborgen halten, was den anderen verboten war, weil man fürchten mußte, sie könnten sich in ihrer furchtbaren, unmenschlichen Verzweiflung selbst zerfleischen. Und doch lebte sie ein unbeschreiblich bitteres, kaum zu ertragendes Leben hier oben. Noch zu Hause, in den langen Zeiten, als ihr Herzenssohn Rudolf im Jahre 1915 von einem Tage auf den anderen spurlos verschwunden und nur ihr armer Ludwig bei ihr und den anderen Kindern geblieben war, auch damals hatte sie sich in der Nacht oder in den ersten Morgenstunden gegen die Versuchung wehren müssen mit aller Kraft. Auch während sie in der Kirche zu beten versuchte, hatte sie ihren geliebten Sohn vor sich gesehen, von Hunger gequält, auf der Landstraße, im Obdachlosenasyl – und das damals im Kriege – in der Kohlrübenzeit! –, krank vor Sehnsucht nach ihr, der Mutter, ohne einen Pfennig Geld für ein Telegramm, für eine Postkarte. Wie sollte sie selbst anders zu Frieden und Ruhe kommen als durch noch mehr Leid und – durch den Tod? Denn im Leben konnte ihr niemand helfen, auch die wundertätige Muttergottes nicht, die Mittlerin zwischen Gott und den Menschen, sie, die richtige, vollkommene, schuldlose Mutter. In späteren, ebenso schweren Zeiten, ja noch schwereren, in denen nach dem furchtbaren Tode ihres Mannes Rudolf wieder bei ihr gelebt, aber ihr dennoch mit jedem Tage fremd und fremder geworden war – nur durch ihre Schuld, warum denn sonst? –, als das Vermögen von Tag zu Tag trotz der größten Sparsamkeit zusammengeschmolzen war und die wertlosen Banknoten eines Tages im Mülleimer auftauchten, die feinen, prachtvoll lithographierten Hundertmarkscheine, und als ihr armer Rudolf seine Sachen aus der schlecht geheizten Wohnung in einem Köfferchen »zu einem reichen, feinen, alten Freunde« fortschaffen mußte und seine Augen mit anklagendem Ausdruck durch sie hindurchglitten – damals wurde sie von der Versuchung, meist nachts, so stark bedrängt, daß sie in ihrer Angst hatte aufstehen müssen, um zuerst in Rudolfs verlassenes, eiskaltes Zimmer, dann aber in das dumpfige Kämmerchen der Magd zu gehen auf bloßen Füßen. Mit der letzten Kraft hatte sie die schnarchende Magd an den dürren Schultern wachgerüttelt und sie himmelhoch angefleht, bei ihr zu schlafen, sie nicht zu verlassen. Sie hatte am nächsten Tage nichts mehr essen wollen, hatte bei Tisch alles Hilda und Konrad zugeschoben. Konrad und Minna hatten darauf gedrungen, daß sie ordentlich esse, aber das viele laute Reden dröhnte schauerlich in ihren Ohren. Sie wollte antworten. Sie schwieg. Ihre Kehle war wie zugewachsen. Als auch all ihr Bitten vergeblich gewesen war und sie nur das alte, trockene, tränenlose Weinen, das furchtbarste und quälendste und undankbarste auf der Welt, zur Antwort gehabt hatte, da hatte sie sich zuletzt von der Magd füttern lassen müssen. Sie saß ihr an einem schmalen Küchentischchen gegenüber, einen weißen Latz um ihren mageren, häßlichen Hals gebunden. Denn der alten Minna zitterten die Hände, wenn sie ihr den Löffel so lange an die zusammengepreßten Lippen halten mußte, und viele gute Bissen kleckerten herab, gingen verloren und machten unnütze Mühe beim Aufwischen. Sie sah umher, sie schüttelte den Kopf über sich. Kein froher, leichter Atemzug wollte ihr das Gewicht von der eingeschrumpften Brust wegheben. Die Küchenuhr holte aus und schlug. Es war noch früh. Aber das Leben gehörte ihr nicht mehr, es war vielleicht schon die letzte Stunde? Im Treppenhaus gingen die Menschen mit hohl tönenden Schritten an ihrer Tür vorbei. Immer eine Etage höher, eine Etage tiefer zu ihr niemand. Rudolf war nicht mehr zu sehen, er litt vielleicht Not, und bei ihr war es schade um die guten Bissen, die Minna ihr sorgfältig in winzigen Portionen an den Mund schob. Man hätte sie lieber der hochaufgeschossenen Hilda geben sollen, die in den letzten Jahren auch so wortkarg und scheu geworden war, mit ihren Gedanken in einer anderen Welt. Bei ihr blieb nur Konrad, der vernünftige, der sie nicht verstand und den sie nicht sehr herzlich lieben konnte. Warum nicht? Er verdiente alles Gute. Aber sie, sie hatte ein zu hartes, zu leeres Herz. Ihr kam deshalb nichts von den guten Dingen des Lebens zu. Es war schade um die viele Luft, die sie einatmete, die sie andern wegnahm, die glücklicher waren als sie. Sie wollte sich klein machen, sich in die Winkelchen verkriechen, die dunklen, die engen, die warmen, geschützten, und wenn sie auf dem von Flossie neu weiß lackierten Küchenstuhl saß, immer die Röcke noch fester an die knochige Gestalt heranziehend und auf einer Kante sitzend, dachte sie immer nur: Wozu denn der viele Platz für mich? Er gebührte ihr nicht, sie sollte »eigentlich« ganz und gar nicht mehr hier oben sein, sondern tief unten, weit weg, bei ihrem Mann, begraben an der Grenze, sechs Fuß guter Erde über sich. Dort war alles zu Ende und keine Angst mehr. Oft hatte sie nachts in ihrem alten Haus die schmerzende Stirn gegen die gute, kühle, dunkle Wand gepreßt. Aber wenn am Morgen ihr Sohn Konrad kam und sie mit seinen scharfen Augen ansah und mit seinen kalten Händen ihren Puls abtastete und daraufhin tiefe Sorgenfalten auf seinem unjungen Gesichte erschienen (warum war gerade er so absichtlich, übertrieben gut zu ihr?), so schämte sie sich vor ihm, und sie hatte immer den etwas dunklen Fleck sorgfältig verdeckt, den die feuchte Stirn auf der feinen Tapete der Wand zurückgelassen hatte. Jetzt auch das noch, daß ihre armen, vermögenslos gewordenen Kinder, denen der Vater entrissen war, unter ihren Leiden mitleiden sollten! Sie wollte und mußte es ihnen allen verbergen. Sie machte ihren Zustand vor dem Hausarzt, den Konrad geholt hatte, viel besser, als er war, und doch hatte sie beide nicht zu täuschen vermocht. Als einmal ihr Ältester eines Morgens, im Beginne des Frühjahrs, die Fenster aufgerissen und schönes, helles Licht und frische Luft hineingelassen hatte, war sie zusammengezuckt, mit einem leisen, aber durchdringenden Stöhnen sich möglichst tief unter die Decke verkriechend. Sie konnte sich jetzt beim besten Willen nicht mehr beherrschen, das Licht tat weh wie eine scharfe Messerschneide, die starke Luft »wehte« ihr Weh ganz durcheinander. Warum kniete sie auf ihren Knien nicht schon längst am Grunde der Erde, wo sie am finstersten war? Sie sollte ja gar nicht mehr leben, sollte lange schon ihrem armen Ludwig nachgefolgt sein. Was hatten denn die Kinder noch von ihr? Sie gehörte nicht mehr zu ihnen, sie begann sich vor ihnen zu fürchten, zu schämen ... Sie sahen sie immer so durchdringend an, dann senkten sie den Blick und hefteten ihn auf die Gegend ihrer Brust, als wollten sie mitten durch sie hindurchsehen, aber sie hielt die Hände über die Herzgegend, denn sie sollten nicht wissen, daß sie an »Herzverkleinerung« litt, sie stellte sich mit aller Anstrengung aufrecht hin. Sie wollte nicht nachgeben, denn sie durfte es noch nicht. Am liebsten wäre sie immer in ihrer warmen Betthöhle geblieben, wie zu einer Kugel zusammengerollt, Dunkel um sich und vollständige Ruhe, Tod noch im Leben ... Sie raffte sich aber immer wieder auf. Sie hatte ihre christlichen Pflichten, sie wußte es. Mit ihren zwei Söhnen hatte sie Unglück, der eine verschwand ihr zwischen den Händen, der andere war leider nie der Sohn ihres Herzens gewesen – aber da war noch klein' Hilda, und Hilda irrte in der letzten Zeit wie ein gescheuchtes Huhn ratlos umher, oder sie verbarg sich, unruhig mit den Seiten raschelnd, über ihren dicken, schweren Büchern. Sie ging viel zu kurz, zu kümmerlich angezogen, alles, was sie hatte, war schon verschossen, Flossie hatte ihr die Kleidchen immer wieder ändern müssen, nie hatte man etwas Ordentliches für sie kaufen können. Wenn man Hilda ansah, erkannte man sogleich das Waisenkind in ihr – und das hatte sie, diese kaltherzige, böse Mutter ja gewünscht: wenn sie selbst Witwe war, sollten die Kinder Waisen sein! Und wenn der Himmel ein hartes Ohr hatte, sobald sie, die Mutter und Gattin, gute Wünsche in ihrem Gebet ausdrückte, bei den bösen Wünschen hatte der Himmel sofort zugegriffen und die Strafen über die armen Kinder herabgesandt. Jetzt weinte die Mutter über Hilda. Wie hätte denn das Kleinchen in dieser Unglückswohnung glücklich leben können, wie sollte ein Hildachen unter den Augen solch einer Unglücksmutter Mut fassen und Lebensfreude gewinnen, um sich ordentlich auf einen künftigen Beruf vorzubereiten, wie sollte sie später einen guten Mann finden? Sie, die Mutter, brachte allen Unglück, sie konnte niemandem helfen, sie konnte eben im Grunde nicht mehr richtig lieben. Sie konnte ja nicht einmal sich selbst von Herzen gut sein. Denn sie hatte ein Geheimnis für sich, etwas, was sie erst dem Professor in »Waldfrieden« eingestanden hatte nach stundenlangem Bohren und Suchen: den GRUND ihrer Angst, dort, wo es bei ihr eben im Grunde lag. Sie ängstigte sich und wußte nicht recht, wovor, nur das eine wußte sie, wo diese Angst saß. Nicht im Herzen, nicht im Kopf, auch nicht in Händen und Füßen, sondern in den Knien, in dem linken besonders, da war der geheime, sündige Grund für diese Angst ... Wie oft hatte sie, als ihr dies nach dem Tode ihres Mannes in den ersten schlaflosen Nächten bewußt geworden war, in den verschiedenen Kirchen Hilfe gesucht, die Kirchen standen bereit, kalt zwar, eisiger noch als die Häuser in der Stadt, aber sie waren den ganzen Tag offen, der Eintritt kostete nichts, und sie mußte ihren armen Kindern nichts vom Munde abstehlen. Und wäre nur die Angst geschwunden, hätte sie sich vom GRUNDE ihres Lebens einmal wieder ein Herz fassen können, hätte sie wirklich ein einziges Mal noch hoffen können – voller Trost wäre sie zu ihren Kindern zurückgekommen und hätte versucht, in ihnen aufzugehen und ihre Pflichten als christliche Gattin und Mutter zu erfüllen. Aber je länger sie wartete, je krampfhafter sie betete, je öfter sie die schönen Litaneien abhaspelte und den alten Rosenkranz drehte zwischen den von Frost erstarrten Fingern, desto mehr hatte sie neue Angst wachsen gefühlt. Sie schonte das böse Knie nicht, sie strafte es mit Strenge, sie rutschte, zum Staunen der anderen, ruhig an ihrem Platze verharrenden, stillen Beter in der Kirche, am Rande der Mauern unermüdlich auf den durch die Jahre rauh gewordenen Fliesen von einer Seitenkapelle zur anderen, am hl. Hauptaltare und unter dem ewigen Licht vorbei und dann wieder an den anderen Seitenkapellen vorbei, bis sie am Ausgang angelangt war – oft war sie mittags eingetreten, und als sie wieder das Gotteshaus verließ, war es Nacht geworden, und das Weihwasserkesselchen aus glattem, abgenütztem Metall leuchtete in mattem, dunklem, schattigem Gold am Ausgangsportal der fast ganz verlassenen Kirche. Sie hatte das dünne Trauerkleid aus dem ehemals braunen, jetzt aber schwarz gefärbten Sommerstoff sorgfältig geschont, sie hatte sich nur die Haut über dem Knie blutig geschrunden und war dann im Dämmern nach Hause gehinkt, bei jedem Schritte an der wunden Stelle zerrend und immer noch nicht von ihrer Angst befreit. Am furchtbarsten war es, als ihr, während sie diese Strümpfe abends in ein wenig lauem Seifenwasser auswusch, ungerufen und ungewünscht die gräßliche Flossie in die Küche nachgekommen war und ihr hatte »helfen« wollen. Plötzlich war eine schreckliche, ihr selbst unbegreifliche Wut gegen die ahnungslos schwätzende, in ihrem dummen Eifer unter den giftblonden Haaren immer stärker errötende Flossie in ihr aufgekocht, und sie hatte Flossie, sich mit dem Rücken gegen sie stemmend, um sie nicht sehen zu müssen, fast mit Gewalt zur Tür hinausgedrängt und war dann über ihrem Becken mit den schmutzigen Strümpfen in ein langes, immer noch tränenloses Weinen ausgebrochen. An diesem Abend bestand sie darauf, daß der Hausarzt wieder komme, denn sie wollte wissen, was mit ihr war. Aber zu seinen neugierigen, quälenden Fragen schüttelte sie immer nur ihren dummen, schweren, toten Kopf. Nicht einmal dem Kaplan Jarausky, ihrem alten geistlichen Berater, konnte sie sich ganz anvertrauen. Und dann saß sie lange, wortlos, schnell atmend in ihrer Angst, bei ihrer guten Freundin, der immer noch schönen, aber auch schon weißhaarigen Frau von Ohr, die an jenem Abschiedsabend ein kirschrotes Samtband um den glatten Hals gehabt hatte und die, wie immer, einen feinen Duft nach Iris um sich verbreitete. – Keine Runzel war in dem milchweißen, zart gepuderten Gesicht – aber sie selbst, eine arme, böse, von Gott und den Menschen verlassene, von ihren Sünden fast erdrückte – häßliche, alte Frau, hatte jetzt, ihre Hände über die Knie gespannt, auf fast alle Fragen geschwiegen, denn sie hatte ihre furchtbare Last auch ihrer besten Freundin nicht mehr anvertrauen können – und jedes Wort, das sie nicht herauszubringen vermochte, drückte noch stärker auf ihr zu klein gewordenes Herz. Wenige Tage später war die Zusage aus »Waldfrieden« gekommen. Jetzt, viel zu spät, kam ihr die Reue. Welche Schande für sie, als alte, irrsinnige Frau das eigene, schöne Haus verlassen zu müssen, wo sie ihre armen Kinder alle geboren und großgezogen und wo sie mit: ihrem guten Ludwig so friedlich gelebt und wo sie ihn so schrecklich verloren hatte, und nun fortgehen, unter Bewachung, den Arzt und das alte Mädchen an ihrer Seite, von allen den falschen Herzen bemitleidet. Und, das Furchtbarste, ohne Abschied von ihrem Rudolf, den man nicht hatte erreichen können. Die anderen Kinder, Hilda und Konrad und die gesunde, junge, blühende Flossie, konnten ihr nicht sagen, wo er war. Wollte er nicht kommen, um sie noch einmal zu sehen? Vielleicht kam sie nie wieder zurück! Sie strich mit ihren Händen, während die Kinder und der Arzt schon zum Aufbruch drängten, über seine Bettstelle, wo seine alten Kissen, mit den weichsten, leichtesten Daunen, frisch überzogen, immer für ihn bereit sein sollten, auch wenn sie selbst auf immer fortblieb, und ebenso sein Nachtkästchen, auf dessen Holzplatte sie noch die Brandspuren der Zigaretten sah, die ihr armer lieber Junge früher in vergangenen Zeiten nachts geraucht hatte, weil er den Schlaf so schwer fand wie sie jetzt. Sie ließ sich nicht von hier fortdrängen, sie zog langsam die Lade heraus und schob sie sanft wieder hinein – sie wußte, er sehne sich im Herzensgrunde nach seiner Mutter und er könne es ihr nur nicht zeigen, genau wie sie es ihm nie hatte genug zeigen können. Aber er zweifelte doch nicht an ihr? An ihm zweifelte sie nie! Und doch war sie eine böse Mutter. Im »Grunde« sehnte sie sich nur nach dem Alleinsein, und es tat ihr wohl, daß auf dem Bahnhofe ihre Kinder und ihre Schwiegertochter und Frau von Ohr endlich zurückgeblieben waren und daß sie sie nie mehr »tröstlich« ansprechen konnten. Aber die Strafe folgte sofort. Auf der Bahnfahrt war die Versuchung mit ebenso großer Gewalt über sie gekommen wie damals in der Küche bei Flossie, sie hatte die Magd bitten müssen, ihr die Hände zu halten, denn sie durfte doch nicht dort zerfleischt ankommen. Aber die alte Magd tat ihr diesen Dienst mit großer Ruhe. Wie glücklich war die alte treue Seele! Sie konnte richtig weinen, richtig lachen, richtig atmen, richtig essen, richtig schlafen, richtig schaffen bis zum frommen gottergebenen Tode, um dann vom Heiland mit offenen Armen empfangen zu werden. Minnas Haare waren noch immer nicht ganz gebleicht, aber ihr brachen ihre Haare an der Wurzel ab, man mußte sie ihr kurz schneiden, wie bei den Modedämchen und Shimmytänzerinnen, wie der rothaarigen Vera, die »Pagenkopf« trugen. Ihre Fingernägel waren hart wie Pergament, ihre Zunge wie ausgedörrt, das Herz zu klein, schwer wie Blei und erst ihre Knie! Sie sah es ja, wie gut die Mitreisenden es mit ihr meinten, wie freundlich sie ihr Erfrischungen anboten, Obst, Kuchen, Milch und Limonade. Viel zu gut meinte man es mit ihr, weil man sie nicht näher kannte, und doch brachte sie kein Wort des Dankes heraus, und während der langen Fahrt hinderte sie ihre alte Minna, sich in ihrer Angst an sie klammernd und ihre alte, abgearbeitete Hand sich aufs Knie legend, die schöne Reise zu genießen. Wozu noch leben? Teures Brot essen? Gute Menschen, Frau von Ohr und andere, hatten ihr beim Abschied versprochen, sich um die Kinder zu kümmern. Konrad hatte seine Flossie. Hilda sollte in eine Lehrerinnenanstalt mit anschließendem Internat kommen. Man wollte einer so bösen, kalten, undankbaren Mutter alles abnehmen. Aber sicher war nichts. Seit jenem November 1918 wankte alles unter ihren Füßen. Sie traute ihnen gar nicht. Die Angst stieg, das Knie war wie Blei. Was wurde aus ihr? Man hatte ihr gesagt, sie solle sich nur erholen und wieder ganz ruhig werden, des Lebens froh. Um die Kosten sollte sie sich nicht grämen! Was aber tun, wenn nicht sich grämen? Sie sah die Mitreisenden forschend an, einen nach dem anderen. Keiner hielt den Blick aus. Nur die alte Magd, mit ihren schwarzen Augen unter dem rotbraunen Kopftuch, das sie schon vor Jahren gehabt hatte, blickte ihr fest in die Augen – und so starr, daß sie selbst den Blick senken mußte. Dann begann die Alte ihr laut und sehr gut zuzureden, nicht wie eine Dienerin der Herrin, sondern voll guten Willens, wie eine richtige Mutter ihrem Kind. Minna wußte , daß alles gut enden würde, und versprach ihr wunderbare Tage und die besondere Gnade der schmerzhaften Mutter Gottes von Czenstochau. Aber die Angst verließ sie auch in dem schönen stillen »Waldfrieden« nicht, und das ging schon Jahr um Jahr, die lange teure Zeit. Vielleicht war es in der letzten Zeit gegen Abend schon eine Spur leichter geworden, besonders, wenn der Professor bei ihr blieb, aber auch er hatte die Angst noch nicht wegbannen können, selbst mit den bitteren braunen Opiumtropfen nicht, die sonst Zauber wirken sollten. Bei allen – nur bei ihr nicht. Im linken Knie saß sie, die Angst, zwischen der Kniescheibe und dem Gelenk, denn von hier kam sie heraus. Sie wärmte das knochige Knie oft in ihrer hohlen Hand, aber es half nicht. Denn der »Grund« wollte es nicht, und in dem Grund lag eben alles. Jetzt setzte sie sich auf und sah, mitten in der schlaflosen Nacht, das Kreuz vor sich – und auf diesem Kreuz, die beiden Arme ausgereckt, den graumelierten Kopf mit den geschlossenen Augen auf die linke Schulter hinabgesunken, die mageren Knie scharf übereinander gekreuzt, beide blutigen Füße mit einem einzigen vierkantigen Eisennagel durchbohrt – wen? Nicht unseren Erlöser, nicht unseren lieben Herrn Jesum Christum, sondern ihren nach dem Kriege gefallenen Mann. Das war der Grund. Niemand außer dem alten Professor hier wußte von dieser gotteslästerlichen Sünde, von der Sünde gegen den heiligen Geist, nicht einmal dem guten alten Kaplan Jarausky hatte sie sich vor Jahr und Tag anvertraut – und mit dem hatte sie sich doch in ihrer Muttersprache aussprechen können, die ihr sonst immer die von jeher etwas trockene Zunge gelöst hatte. Und da sie von dieser Sünde geschwiegen hatte, hätte er ihr damals die Absolution eigentlich nicht erteilen, das Gnadengeschenk der Kommunion nicht schenken dürfen. Sie hatte also die hl. Sakramente gestohlen, ebenso wie die Luft zum Atmen und alles andere hier oben, das Gute und Liebe, womit man sie belastete. Immer wieder kamen die alten Gedanken, mit denen sie sich selbst vorwarf, daß es eine gerechte Strafe gewesen sei, wenn ihr Mann durch die Hand eines irrsinnigen, also unschuldigen Kindes zugrunde gegangen sei, und noch dazu ohne geistlichen Beistand, ohne die letzte Ölung zu empfangen. Zwar hatte v. Ohr das Gegenteil behauptet, aber sie hatte ihm nur in die Augen gesehen, und er war in seiner Ehrlichkeit sofort errötet und hatte geschwiegen, alles ein Zeichen, daß er ihr Vorwürfe machen wollte und es nur aus allzu großer Milde unterließ. Es war eine gerechte Strafe, daß sie nun am längsten von allen Patienten hier oben in »Waldfrieden« (welch ein Hohn schon der Name des Hauses!) leben mußte, fern von ihren Kindern und auf ihre Kosten! Und daß das Himmelslicht der Sonne ihr zur Qual wurde und die tiefe, gute, ruhevolle, trostreiche Nacht ihr ein Schrecknis wurde, und daß die Versuchung nie ein Ende nahm und nie ein gutes Ende nehmen konnte, nämlich die Versuchung, heimlich »an sich zu gehen« und sich selbst zu strafen – und über allem und unter allem war ihre Furcht vor dem Grund – sie fühlte sie immer, wie sie sie, vom linken Knie ausstrahlend, bis in die Fingerspitzen und in die Stirn erfüllte. »Jesus, Maria und Josef! Noch immer kein Tag? Du mußt beten. Hilf, Muttergottes, hilf! Ich will beten. Warum kannst du nicht? Beten mußt du und bei Gott ist immer Tag!« Sie wollte ja gut, fromm, gottergeben sein und sich beherrschen, sie wollte Gottes und des lieben gütigen Heilands himmlische Gnade anflehen, aber im »Grunde« glaubte sie an nichts mehr in ihrer unbeschreiblich immer noch neu wachsenden Angst. Nur ein einziges Mal noch friedlich schlafen! Dann wollte sie sich freuen auf den Tod. Ihre Kinder würden erlöst aufatmen, und Konrad würde keine unnützen Sorgen an sie wenden. Hatte sie denn Sorgen um ihn ? Der alte Arzt würde an ihr Bett kommen und ihre Hand halten, und ihr Puls würde langsamer und langsamer werden auf seiner goldenen schönen Chronometeruhr, und der Puls würde ganz versiegen, und doch würde es noch kein Ende nehmen wollen mit ihr. Sie hatte immer das Kreuz vor Augen, das alle anderen Menschen erlöst hatte von allem Übel, nur sie allein nicht. Nur sie allein war ausgenommen. Sie wich nicht von der Angst, und die Angst wich nicht von ihr. Das war der Grund ihrer Strafe bis in alle Ewigkeit. Bis in alle Ewigkeit? Die Ewigkeit hatte ja bereits zu rinnen begonnen, alles war jetzt so still, so tot, nur in ihr schlug es, ihr allein war es nicht gegeben, wie andere arme Menschenkinder eines ruhigen Todes zu sterben, oder hatte sie der Herrgott auf eine Probe gestellt, sollte sie einmal das andere, den Gegengrund, versuchen? Sie mußte es versuchen! Sie sollte vielleicht nicht anders. Ein Ende mit Schrecken, ein gutes, völliges Ende. Versuchen mußte sie es. Das war ein Trost. Das war das Ende vom Lied. Es war die richtige Stimme, es war der Sinn ihres ihr zugedachten überschweren Lebens und Leidens. Wenn sie ihre Strafe auf sich nahm, wenn sie endlich »an sich ging«, vielleicht erlöste sie ihren armen Mann aus den Qualen des Fegefeuers, vielleicht half sie ihren Kindern damit? Sie wollte noch einen Augenblickwarten, ob sich eine Gegenstimme meldete, die sie davon abhielt – aber alles blieb still. Ihr Wahn hüllte sie jetzt ganz warm und zwingend von den Fußspitzen her ein, sie fühlte, wie es an ihr emporkam, wie es in die Knie eingriff, wie es ihre Hüften und den unseligen Leib, der die armen Kinder geboren hatte in dieses Tal der Tränen, mit ergriff, wie es an ihr kleines, hartes Herz tupfte, und jetzt kam es von der rechten Achsel hinabgeschossen in ihre rechte Hand – und ihre Fingernägel bohrten sich mit einem unbeschreiblichen Gefühl in ihr eigenes Fleisch. Noch tiefer! Tiefer noch! Sonst würden alle von ihr wegsterben, ja, sie waren eigentlich schon lange vor ihr gestorben und webten an einer ihr ganz unerreichbaren Stätte, die Erde war ausgetrocknet in ihrem Grund wie ihre Augen, auch der liebe kleine Bach am oberen Ende der Waldserpentine über Haus Waldfrieden floß nicht mehr, denn statt des mit seinem Opfertode alles erlösenden Heilands war nur ihr guter, fürsorglicher armer Ludwig gekreuzigt um ihretwillen – sie bohrte die Nägel freudig noch tiefer in ihre Haut, die aber, trocken und hart wie sie war, noch bis zum Letzten zu widerstehen vermochte –, nur sie allein lebte noch weiter, immer das unselige Kreuz vor Augen, nie aber auf ihrer Schulter, denn sie hatte es nie in Demut auf sich nehmen wollen, und sie hatte ihren Sohn Rudolf nicht angehört, wenn er hatte sprechen wollen, so daß er sich bei dem kalten Konrad sein Herz erleichtern mußte im November 1918, im Unglücksjahr, am Unglückstag, sie hatte nur an der Türe gehorcht, aber nicht alles verstanden und lange auf ihn gewartet, ob er von selbst zu ihr käme, wie früher, vielleicht aber kam er doch noch einmal, er mußte doch, er war ja ihr Sohn! Es surrte gerade ein Wagen mit starken Scheinwerfern die Straße hinauf und hielt vor dem Haus Waldfrieden, nein, vor dem eigenen Haus der Stadt, wo sie immer mit ihrem Mann im Frieden gelebt hatte, sie war nur jetzt in ein höheres Stockwerk übergesiedelt, und der arme abgehetzte Junge mußte keuchend die Treppe hinauflaufen, immer vergeblich an den Wohnungstüren der linken Seite schellend, wo ihm fremde Menschen öffneten und ihn höher hinaufwiesen, jetzt war er endlich oben – aber er mußte wohl vor der Türe auf der Matte zusammengebrochen sein, sie hörte ihn ja keuchen und im Dunkeln dreimal leise von unterher an die Türe klopfen, und jetzt öffnete sie ihm schnell mit der rechten Hand die Eingangstür, während sie sich mit der linken abwechselnd durch das verwirrte kurze Haar fuhr und dann wieder das Schlafgewand über der eingesunkenen Brust zusammenzog, da sie sich vor dem großen, schönen Sohn schämte, der sich nun in seiner ganzen Größe von der knirschenden Matte erhob. Wie gern hätte sie ihn endlich ganz deutlich vor sich gesehen! Das wäre ihre erste Freude gewesen nach der schrecklichen Unglücksnacht! Aber als sie nach dem Lichtschalter tastete, hielt er mit seiner rechten, großen, weichen, warmen Hand, an der sein Goldkettchen klirrte, ihre Hand fest. Jetzt zog er sie mit sich fort in die Wohnung hinein und zeigte, lautlos flüsternd, auf einen Lehnstuhl. Dorthin solle sie sich setzen, und schon hockte er wie als Junge oben auf der Lehne und raunte ihr alles ins Ohr, mit seinen langen, weichen, nach frischer Seife duftenden, leise knisternden Haaren ihr Ohr streichelnd, sie solle nur ja kein Licht machen, die Bogenlampen vor den Fenstern leuchteten doch stark genug. Er konnte sie nicht richtig umarmen, in einer Hand, der linken, hielt er irgendeinen kleinen Gegenstand, und er brachte die Hand an ihr Ohr: »Hörst du es? Mutti, hörst du?« – »Du Armer, wie dein Herz pocht! Warum bist du so schnell gelaufen? Ich wußte ja, daß du kommst!« – »Ach nicht doch, Mutti, das pocht nicht, das tickt, das ist eine Chronometer-Schweizeruhr!« – »Und warum zeigst du sie mir nicht?« – »Ist das nicht doll? Ich soll sie gemaust haben, sagen sie!« – Sie hörte sich plötzlich lachen, etwas, das sie schon seit Jahren nicht gehört hatte, sie fühlte, wie es in ihrer Kehle gluckste. – »Nicht lachen, Mutti! Wir müssen doch mit der Uhr schnell etwas beginnen! Mutti, Mutti, Mutti! Weißt du keinen Rat?« – »Kannst du sie nicht schnell noch zurückgeben?« – »Ja, wie denn? Sie sind doch schon hinter mir her!« – »Wie konntest du nur das tun? Stehlen! Wenn das Vater wüßte!« – »Vater? Nein, hilf du, Mutti!« – »In der Kirche?« – »Nein, dort ja nicht, Mutti, dort wird nur gefrömmelt.« – »Unter der Erde wäre sie am sichersten!« sagte sie. »Versteck sie nur gut, versteck sie nur gut, Mutti, wo du willst! Hörst du sie kommen? Mir geht schon der Atem aus! Die vielen Treppen hinauf, jetzt hab' ich keine Luft!« – »Aber Rolfchen?! Du auch nicht? Wenn nur ich mehr davon hätte! Aber ich ... Hast du mich sogleich erkannt? Wo warst du so lange? Und warum nie geschrieben? Hast du gleich hergefunden? Willst du nicht etwas essen?« – »Später, ja, sicherlich, aber später! Jetzt nur verstecken!« – »Verstecken? Ja, wo?« – »Ich weiß wo«, flüsterte ihr Sohn, »ich weiß es genau! In deinem Knie! In dem linken! Wo du die alte Angst hast. Ja? Wo du die Angst hast! Links! Nicht? Nicht wahr, Liebes, links? Zwischen der Scheibe und dem Gelenk!« – »Kann man denn das?« – »Du kannst es! Mir zuliebe! Und nur schnell! Schnell Mutti, mach, bevor sie kommen!« – »Grundgütiger Himmel! Ja! Und tust du es dann nie, nie mehr, ja? Und bleibst du dann bei uns?« – »Immer! Mutti, ich lüge nicht! Da hast du die Uhr, Weißgold, talerdick. Guck nur, schön, nicht? Und versteck sie dort! Niemand weiß davon. Schnell! Ja, hier! Jetzt, da in den Spalt hinein, hast du etwas gespürt?« – »Nein, gar nichts, Junge! Wenn es nur nicht Diebsgut wäre!« – »Hörst du, wie sie draußen pochen? Aber jetzt laß sie nur!« – Er umarmte sie mit beiden Armen, Wange an Wange, dann Mund an Mund, die Hände an ihre Kehle kreuzend: »Jetzt können wir aufatmen, alle beide, nicht?« – »Ja, vielleicht doch, Rudolf!« – »Laß sie jetzt ruhig kommen! Tu die Augen auf und rufe ganz laut ›herein‹! – »Aber nie mehr stehlen! Alter Junge, das tust du nie mehr! Und bleibst du nun auch sicher bei mir?« – »Sicher! Mutti, nur ruf schnell!« – Die Mutter tat die Augen auf und rief laut: »Herein!« Der alte Professor, der Leiter von Waldfrieden, trat ein. »Nun, Frau Lucie? Was haben wir heute? Ich war schon einmal hier. Da haben Sie noch ordentlich geschlafen. Nun? Nun?! Wir sehen ja so aufgeregt aus? Schön geträumt?« – »Ja, Herr Professor. Von meinem Sohn!« – »Von dem Gerichtsarzt?« – »Nein, von dem jüngeren!« – »So, von dem jüngeren! Und war es etwas Gutes?« – »Er hat mir etwas anvertraut! Ich habe ihm geholfen.« Der Traum konnte nur wenige Augenblicke gedauert haben. Sie zog still die Nägel aus der noch unverwundeten Haut zurück und glättete die Stelle mit allem Bemühen. Sie sprach nichts mehr, sie sah ihn nur an, bittend: nur noch einmal hoffen! II. Von diesem Tage angefangen wurde es langsam besser. Gegen Ende Mai stand sie eines Morgens ruhig auf der Waage. Es war Sonnabend, der Tag, an dem sich die Kranken auf einer kleinen Waage wogen, bei der man sein Gewicht von oben selbst ablesen konnte, da mit der Waage ein Spiegel verbunden war. Mit leiser, aber klarer Stimme rief sie dem Professor ihr Gewicht zu, damit er es in sein Büchlein eintrage: 100 Pfund, das beste Gewicht, das sie jemals hier oben aufzuweisen gehabt hatte. In guten Zeiten vor dem Kriege hatte sie, eine ziemlich hochgewachsene Frau, über 145 Pfund gewogen. Mehr als 130 waren es beim Abgang ihres Mannes in die Etappe. Bei seinem Kriegsanleiheurlaub waren es noch 115, bei Kriegsende 111, vor ihrer Abreise nach Waldfrieden nur 94. Jetzt erst, nach vier Jahren, hatte sie die 100 wieder erreicht. Der Professor freute sich: »Nun wird es endlich, gnädige Frau, Gott sei Dank!« Er wollte noch etwas sagen, wurde aber abgerufen und ging aus dem Zimmer. Die Frau stand noch immer auf der leise vibrierenden Waage, den bläulichen Zeiger betrachtend, wie er zu ihren Füßen um die glückbringende 100 hin- und herschwankte. Zum erstenmal seit erdenklicher Zeit hatte sie den Wunsch, sich selbst zu sehen. Sollte sie es jetzt wagen? Würde sie nicht zu sehr vor sich erschrecken? Durfte sie sich selbst wiedersehen, bevor sie ihre Angehörigen, ihren Rudolf, ihre Hilda, ihre Minna, ihren Konrad wiedergesehen hatte? Sie hätte nur schnell vor der Waage niederzuknien brauchen – ihr Gesicht unten an das Glas halten, schnell, bevor der alte Professor wiederkam, dem es vielleicht nicht recht war, denn in keinem Krankenzimmer befand sich ein Spiegel. Aber sie war ihm zu dankbar. Sie mochte ihn ein wenig. Sie beherrschte sich, sie stand ruhig da. Ohne Angst. Sie befühlte ihr Knie, ihre Stirn, hinter der es seit der letzten Schreckensnacht vor dem Kreuz so herrlich frei war, sie betastete das Haar, das bereits viel weicher geworden sein mußte, denn es wellte sich so zart zwischen ihren dünnen Fingern, es knisterte so fein; sie strich sich über die hageren Wangen mit den breiten Backenknochen, die immer noch etwas hervorstanden, aber lange nicht mehr so scharf wie in früherer Zeit, sie sah auf ihre Hände herab, die sie vom Kopf herabgenommen hatte und die sie langsam vor sich in die starke goldene Frühlingssonne hinhielt und in denen oben und unten viele feine, wie mit einer Nadel eingeritzte Runzeln und Fältelchen liefen – und plötzlich stand in Gedanken wieder ihr Sohn vor ihr. Als Kind hatte er ja so feines Haar gehabt, so zart hatte es sich in goldenen Naturwellen gelockt zwischen ihren Händen, wenn sie ihn mit einem echten Schildkrötkamm, einem Geschenk ihres Mannes, gekämmt hatte. – Aber noch früher, gleich nach seiner Geburt, hatte sie sich törichterweise Kummer wegen seiner vielen Falten gemacht, sie sahen an seinem kleinen krebsroten Gesichtchen wie Kummer-, wie Schmerzensfalten aus. Aber die alte Hebamme und ihre erfahrene Minna hatten sie beruhigt, das sollten ja Glücksfalten sein, Zeichen einer besonders feinen Haut, Hinweise auf seine künftige Schönheit. Und hatte sich nicht alles bewahrheitet? In dem, was man sah, darin war Wahrheit. In den Träumen aber nur Krankheit. Sie hatte dem armen Jungen unrecht getan, denn sie hatte ihn in ihrer bösen Krankheit als Dieb vor sich gesehen, wie er von der Polizei verfolgt wurde. Jetzt lächelte sie vor sich hin. Ihr Rudolf – und eine gestohlene Chronometeruhr! Wie oft hatte Konrad ihm Uhr und Kette des Vaters angeboten, aber der Junge in seiner Bescheidenheit hatte sie nicht gewollt, und jetzt sollte er einen Fremden um eine Uhr bestohlen haben?! Alle ließen ihre bösen Gedanken an ihm aus, einmal hatte sogar Hilda von ihm als von einem Dieb gesprochen, und er, der stolze, reine, vornehme Junge hatte sich nicht einmal verteidigt. Sie sehnte sich heute nach langer Zeit so sehr nach ihm, sie hätte ihn da bei sich haben mögen, nur eine halbe Stunde lang, nur während einer Minute, nur so lange, bis der Professor zurückkam, der gute, dessen Schritte sie schon über die Holztreppe herabtapsen hörte – und jetzt merkte sie, wie etwas auf den schön geplätteten Umschlagekragen ihres Morgenkleides hinabtropfte. Es waren Tränen, wirkliche Friedenstränen, wie sie sie seit dem Kriege nicht geweint hatte. Glücklich und erleichtert, wie schon lange nicht, kam sie dem Professor entgegen, und was sie noch nie gewagt hatte, seitdem sie hier war, sie hielt ihn am Ärmel seines Kittels fest und fragte: »Werde ich noch lange hierbleiben müssen?« »Es gefällt Ihnen also hier oben nicht mehr besonders?« fragte der Professor. »Nein, sagen Sie mir heute die Wahrheit! Ich möchte noch einmal nach Hause zurück!« »Das sollen Sie auch. Es wird nicht mehr so lange dauern, als es gedauert hat. Aber so einfach ist es nicht. Wir sprechen bald mehr darüber. Und jetzt gehen Sie in das Frühstückszimmer, trinken Sie Ihren Kakao, und dann können Sie tun, was Sie wollen, Briefchen schreiben zum Beispiel.« Auf dem Tische in ihrem Zimmer lagen schon die Miniaturbriefchen vorbereitet, wie sie sie an ihre Freundin, Frau v. Ohr, zu schreiben pflegte. Aber diesmal räumte sie alle wieder fort. Sie durfte sich vielleicht noch nicht auf die Heimkehr und auf ihre Kinder freuen – aber sie wollte auch nicht mehr klagen und nie mehr verzweifeln. Ganz bescheiden, ganz still wollte sie warten. Ohne an etwas Bestimmtes zu denken, bloß so, im Frieden des Lebens, zog sie mit ihrem Zeigefinger auf der Tischplatte die vertrauten Buchstaben: I. E. A. In Ewigkeit Amen. Dann schrieb sie neue Buchstaben, auch drei, K. R. H. Konrad, Rudolf, Hilda. Die Buchstaben lange nicht mehr so kleinwinzig wie bisher, das H von Hilda sehr groß, voll von Hoffnung, den Schlußdurchstrich nach oben gewendet ... Aber sie konnte sich des Gesichtes ihres Töchterchens nicht mehr deutlich entsinnen, nur ihr Herzenssohn stand immer unverlöschlich vor ihr ... Sie wurde jetzt so schnell müde. Der Frühling kam mit Macht nach dem vielen Regen. Aus der Küche im Souterrain drang das Klirren der Teller, die dröhnenden Kommandos der Oberschwester, dann wieder das Lachen der Küchenmädchen und das Summen der Geschirrputzmaschine und das Brausen der Dusche aus einem der »Wasserzimmer«. Jetzt legte sie ihren müden alten Kopf über die spiegelnde Tischplatte, welche undeutlich ihr Bild wiedergab, das weiße Haar und im helleren Gesicht die dunklen Augen ... Ob wohl noch viele Falten und Runzeln gekommen waren in den letzten Jahren? Sie entzifferte die Linien nicht, die Augen schlossen sich ihr. Von draußen kam das aufgeregte Zwitschern der Vögel, es war, als stritten und versöhnten sie sich, dann schwirrten sie auf und davon. Sie schlief ein. Mitte Juni bekam sie als einzige unter den Kranken die »große Freiheit«, das war die Erlaubnis, ohne Begleitung in den Park und sogar in den tiefen, dichten Wald zu gehen, der jenseits der Landstraße begann. Es war gemischter Forst. Neben vielen Kiefern und seltenen, edlen Tannen gab es viele Birken, meist Niederholz auf schlechterem steinigem Boden, man sah sie von weitem im dunklen Walde eingestreut, mit ihren auch jetzt noch, im Frühsommer, etwas wässerigen, ganz hellgrünen Blättern und ihrer zarten, seidenartigen Rinde. Dazwischen, in dunklere Gruppen gesammelt, Buchen mit ihren braunen, samtartig weichen, fugenlosen, ganz aufrechten Stämmen und ihrem tief smaragdgrünen, schwer beweglichen Laub. Gräser von besonderer Höhe zitterten auf schönen gesunden Wiesen im lauen Wind, Glockenblumen, weiß, hellblau und lila, schwankten, auf kahlem Boden sprossen zwischen den Steinen auch prall purpurne, winzige Steinnelken, an den feuchten Stellen des Waldes schöne, saftstrotzende Farnkräuter mit großen, alles verdeckenden Wedeln, die an der Unterseite heller gefärbt waren und kleine Wärzchen trugen, scharfrandige Schilfgräser oben an den vielen Rinnsalen, die jetzt noch, reichlich gespeist von den starken Regengüssen her, sich im stillen Waldgebiet weither durch ihr tiefstimmiges Murmeln anzeigten. Weiter oben, wieder den Serpentinenweg entlang, aber tiefer im Bergwalde, sah sie ein Stück hellblau-weißen Himmels über einer schmalen, aber hoch hinaufreichenden Waldblöße. Am Rande standen, vom Heger in zinnoberroter Farbe und mit sonderbaren Zahlen und Buchstaben bezeichnet, viereckige, mannshohe Holzschläge. Und von dem derben Duft des geschnittenen, in der Sonne gelblich-weiß strahlenden, rindenlosen Holzes umwittert, ging es sich ihr auf dem mit Nadeln teppichartig belegten Boden so voller Kraft. Sie fühlte sich leicht – die Brust weitete sich ihr. Silbrig blinkten auf dem federnden Boden zwischen den braunen Nadeln und den dicken Moosballen die abgeschälten, eingerollten Stücke der Rinde noch vom letzten Herbste her. Es duftete nach Gras und erhitztem Gestein. Seit dem letzten Regen (wie gut hatte sie in dieser Regennacht geschlafen, eingemummelt von dem sprießenden Tropiengeriesel an den Fenstern) waren die Pilze sicherlich überall hochgeschossen, und das Holz hatte überall die reiche Feuchtigkeit eingesogen. Jetzt, gegen Mittag, stieg der reine warme Brodem empor aus dem ganzen Bergwald, der bald im Winde aufrauschte, bald wieder nach säuselndem Rieseln verhauchte. Das Harz begann überall stärker aus den kreisrunden Schnittwunden der abgesägten Bäume mit den fünfzig und hundert Jahresringen herauszuquellen. Es hatte Form und Farbe von dicken, klaren Honigtropfen, an die sich kein Insekt heranwagte, und doch war es nicht giftig, es war Kolophonium, dasselbe wie das Geigenharz ihres lieben Mannes. Bienen summten, nahe dem Waldboden, sich dann in der helleren Luft der Lichtung, in den freien, sonnenerfüllten Räumen verlierend. Im Schatten bohrten dickliche Hummeln brummend ihre plumpen Köpfchen in die Kelche der blaßblauen Glockenblumen, die sich unter dem Gewicht drehend senkten, um sich dann wieder, wie verwundert, zu erheben. Schwarze, wie Pech glänzende Käfer rannten zwischen ganzen dahinwuzelnden Ameisenzügen auf dem Boden dahin, und kleine Eidechsen züngelten in der grellsten Sonne, beim leisesten Laut erschreckend und wie im Boden versinkend. Seit ihren Kinderjahren hatte sich die Frau nie mehr so an den vielen Geschöpfen gefreut. Jetzt, erst in diesen langen Tagen und Wochen, sah und hörte sie alles, und Hören und Sehen taten ihr gut, und langsam wurde sie sehr froh in ihrem Innern, bloß darüber, daß sie noch lebte. Seit undenklichen Zeiten war sie nicht so unbeschwert wie heute den Abkürzungsweg emporgestiegen, der zwischen zwei Schlingen der Serpentinenstraße verlief. Sie fühlte, wie gut ihr altes Herz arbeitete. Die neue Kraft war bis in die Fingerspitzen, in die Knie und die Knöchel zu spüren, in raschem Takte schlug es bis an die Schläfen, wie lange schon nicht mehr, eigentlich seit den Kinderjahren ihres Rudolf nicht mehr, damals, als sie ihn, im Anfang ungeschickt bei aller ihrer Liebe, auf dem Arm getragen hatte. Wie klar sah sie ihn jetzt vor sich, den Schmeicheljungen, den langen, schlanken – das hellblonde Köpfchen mit dem dunkelblauen Mützchen und den seidenen Bändern war ihr oft auf die linke Schulter hinabgesunken, wo sie es ganz leicht mit ihrem gesenkten Kinn festhielt. Denn er war immer eingeschlafen, kaum daß sie ihn aufgenommen hatte. Seine Füßchen in den vorne stumpf geschnittenen kleinen Kinderschuhchen aus grauem Glaceleder hatten sich manches Mal in den Gürtel ihrer überhängenden Seidenbluse verfangen, wie man sie damals trug. Ihren linken Ellbogen hatte sie eng an sich gezogen und dort, im Ellbogen, suchte sich sein rechtes, etwas großes Händchen immer sein Plätzchen, zur Faust geballt, während die Hauptlast seines warmen, weich atmenden Körpers auf ihrem rechten Unterarm ruhte. Stundenlang konnte sie ihn so tragen, ohne müde zu werden. Aber auch nur ihn. Flossies Kind hätte sie nicht so lange getragen. War sie heute zu schwach dazu? Oder schonte sie sich nur zu sehr? Hätte sie nicht viel gewissenhafter den Pflichten gegenüber den Ihren während der letzten Jahre nachkommen sollen? Aber ihre großen Kinder brauchten sie ja nicht mehr. Kaum daß Konrad einmal in vierzehn Tagen schrieb, Hilda einmal im Monat und Rudolf nie. Nur Flossie schrieb oft, aber diese Briefe las sie nie. Wäre es sein Kind gewesen, Rudolfs Ebenbild, von dem ihr alle so dumm entzückt geschrieben hatten! Selbst die kühle schöne Frau v. Ohr fand dieses Kind ungewöhnlich lieblich, nur etwas zu ernst, denn es lachte sonderbarerweise nie ... Hatte es dies von ihr, der Großmutter? Es klang ihr so komisch, wenn sie sich vorstellte, daß man sie »Großmutter« nannte. Sie hatte ja eben erst zu leben begonnen ... Vielleicht hätte sie auch dieses Kind, nein Enkelkind, ebenso mit Freude und mit kräftiger sicherer Hand auf ihre Arme nehmen sollen, vielleicht hätte sie auch dieser verhaßten, heidnischen Flossie mit demütiger christlicher Liebe entgegenkommen sollen, denn es hieß, daß Flossie eine ganz gute Frau sei, eine wahre Stütze für ihren Mann. Was war ihr aber dieser Mann, ihr erstgeborener Sohn? Doch war er ihr etwas. Sie fühlte jetzt etwas viel Wärmeres in ihrem Herzen für ihren armen Konrad, etwas wie Dankbarkeit, als hätte er, der gute und allgemein geachtete Arzt, sie gesund machen wollen, mit dem alten Professor im Bunde, vielleicht hätten sie beide die Arznei gesucht, ihr zur Unzeit klein und hart gewordenes Herz wieder stärker und größer zu machen. Aber die eigentliche Wunderkur hatte niemand anderer als ihr Rudolf vollbracht, er hatte, bei ihr im letzten, tröstenden Augenblick wie ein Engelchen im Traume erscheinend, den Grund im bösen Knie behoben. Sie war ihm sehr gut. Sicherlich lebte er glücklich! Das Schwerste lag schon weit hinter ihr und hinter ihnen allen. Lächelnd und tief aufatmend sah sie durch den flimmernden Dunst der Sommerluft hindurch das mit bläulich-grauen, schimmernden Schiefertafeln gedeckte Dach von »Waldfrieden« tief unter sich am Rande der hellbraunen, vom Nachttau noch glänzenden Straße, und die weißen Mäntel gleißten aus dem saftigen Grün der großen Parkwiese zwischen den rotgestreiften Liegestühlen mit ihren Armstützen aus honigfarbenem Rohr. Vielleicht waren es der Professor und seine rechte Hand, die alte Dame, die erfahrene Oberpflegerin mit ihren weißen Bartstoppelchen um den eingesunkenen, aber noch kräftig roten Mund ... Hier kam, wenn sie weiterstieg – und sie konnte jetzt so gut steigen und wandern, und sicherlich würde sie das Kind und die andern Kinder ihres Konrads gut betreuen können, wenn man sie ihr anvertrauen wollte –, hier öffnete sich eine zweite Waldblöße, die sie noch nicht recht kannte. Sie war ja früher, während ihrer Krankheit, neben der geduldigen Oberpflegerin immer wie mit verbundenen Augen trübselig durch den Wald gestockert. Hier oben waren die Wurzelklötze meist schon ausgerodet. Man hatte sie mit Dynamit schon vor bald einem Jahr aus dem Boden gesprengt. Sie hatte es, sich im Bette voller Furcht und Angst zusammenrollend und die Hände um ihr böses Knie pressend, bis in ihr Zimmerchen unten in »Waldfrieden« gehört. Jetzt aber ging es ihr gut, es ging sich ihr so leicht über die freie, prachtvoll duftende Fläche, von der sich die Feuchtigkeit der Nacht in weichen, wallenden, halb durchsichtigen Schwaden erhob. Alles war hier längst mit dichtem blütenreichem Rasen überwachsen. Bloß kleine, wie alte Gräberchen eingesunkene Stellen zeigten, wo früher große Stämme mit ihren ausgreifenden dicken Wurzeln gestanden haben mußten. Solch eine kleine, eingesunkene, dicht übergrünte Stelle mochte es sein, wo ihr geliebtester guter Mann in Frieden ruhte. Er hatte sicher den Frieden gefunden, sie wußte es jetzt, wo sie selbst diesen Frieden gefunden hatte. Es tat ihr wohl, zu leben, und sie glaubte auch, es würde ihr wohltun, dereinst, nicht zu bald, zu sterben, nachdem sie zu den Ihren zurückgekehrt war und sie alle, so gut es ging, versorgt gesehen hatte. Sicherlich war Rudolf, der schönste und liebste und der klügste und beliebteste unter allen, schon in einer angesehenen Stellung, er hatte immer gute Freunde und viel Glück bei Menschen gehabt, und Lernen war ihm nie schwergefallen, und ihr erster Weg, wenn sie zurückdurfte, sollte der zu ihm sein. Er hatte doch nicht geheiratet? Sicherlich noch nicht, man hätte es ihr sonst geschrieben. Vielleicht konnte sie mit ihm leben, ihm das Haus besorgen, abends bei der Lampe bei ihm sitzen und mit ihm eine Partie Halma spielen, ihm die Socken ausbessern und ihm – helfen, die Briefe an seine Braut zu beantworten, denn er, Rudolf, war immer so zart, so scheu Mädchen gegenüber gewesen ... Sie sah sich auf der Waldblöße um, wo sich die Feuchtigkeit schon ganz im strahlenden, kristallklaren Licht verloren und im Mittag aufgelöst hatte. Zahllose weiße sternförmige Erdbeerblüten schimmerten, von den großen, dreigliedrigen Erdbeerblättern (hl. Dreifaltigkeit hat doch geholfen) umgeben, wie die weißen, ausgezackten Fittiche des Täubchens über dem Auge Gottes in der Dreieinigkeit. Stachlige Brombeerranken faßten mit ihren lila Dornen nach ihrem langen schwarzen Rocke, ihre elfenbeinfarbenen Blütenblätter jetzt bei der geringsten Bewegung ohne weiteres abschüttelnd. Und wenn sie genau durch das Pflanzengewühl im ungebrochenen Sonnenglanz hindurchsah, erkannte sie einen kleinen, von goldbraun blühenden, lebhaft winkenden, hohen Gräsern fast ganz überwachsenen Weg. Über diesem Weg standen zwei große irisierende Libellen mit zartem Surren, fast unbeweglich in der heißen Luft. Dann wiegten sie sich mit ihren schlanken, zugespitzten, durch eine feine Taille unterbrochenen Körperchen und begannen sich in immer höheren Zirkeln zu umkreisen, das Licht ging durch ihre durchsichtigen, bläulich-golden funkelnden Flügelchen hindurch, deren Farbe plötzlich in violett-grünlich umschlug, sie bewegten sich, wie von der warmen, vom Erdboden aufsteigenden Luftwelle gehoben und gesenkt ohne Sorgen, auch sie. Noch weiter oben kam das Bett eines kleinen Baches, bis weit in den Rasen hinein lagen viele Steine umher, abgeschliffene, mit sanften, grauen, matten Farben, über denen die stille Sonnenluft flirrte. Frau Lucie legte sich hin, das Gesicht über den Uferrand, die Augen geschlossen, unter ihrer Brust und ihrem Leib und den ausgebreiteten Armen die glatten Steine, die sie bis in die Tiefe ihres Wesens erwärmten. Das Wasser rieselte tief versunken, voller Ruhe, voller Stille, voller Dauer, aber immer anders, einmal aufglucksend, einmal wie versickernd und dann wieder ganz eintönig, die Erde war in ihrem Grund nicht ausgetrocknet, es rauschte von untenher. Sie atmete mit vollen Zügen ein, es gab ja soviel Luft, sie öffnete den Mund, die Nasenflügel angelegt, die Zunge zwischen den kühl und trocken werdenden Zahnreihen, die Finger weit auseinandergespreizt, den Pfefferminzgeschmack der strotzenden, dunkel steingrünen Gewächse im Gaumen als wunderbares Labsal – immer wollte sie so frei atmen bis an ihr Ende! Aus dem Walde kam das Zwitschern der Vögel, das tiefe, traurige Flöten einer Amsel, aber sie wollte nicht traurig sein, sie hatte ja nie geglaubt, daß sie noch einmal so werden würde wie jetzt, es mahnte sie etwas an früher, an ihren Mann, an ihre verlassenen Kinder, aber wenn sie tief einatmete, berauschte sie es immer von neuem, selbst der Duft des Wassers und der dicken Minzen unter ihrem Gesicht wurde stärker, das traurige Lied des Vögleins hatte aufgehört, und die anderen Vögel musizierten voller Freude, einander in die Rede fallend, eines das andere übertönend, dann wieder still und zart, schüchtern ansetzend mit Werben und Fragen, vielerlei Stimmen, oft im Verein, im Fluge, hinter den Stämmen, von überallher – auch menschliche, zwei hellere und eine tiefere, und als sie zwischen den Büschen am Bachrande hindurchsah, bemerkte sie auf der Landstraße, immer nur einen Augenblick lang zwischen den Bäumen die Konturen, die hellen Kleider erhaschend, drei junge Menschen, zwei Jungen und ein Mädchen. III. Oft erwachte Chiffon in seinem bescheidenen Hotelzimmer tief in der Nacht von seinem alten Hungerschmerz. Vielleicht hatte er kurz vor dem Einschlafen zuviel an seinen Feind Rudolf gedacht und sich, törichterweise, wie er selbst einsah, vorgestellt, daß dieser durch eine Fügung des Himmels wieder freigekommen sei. Aber er überzeugte sich selbst mit allen Vernunftgründen, daß solch ein Wunder des Himmels unmöglich sei, und dies beruhigte ihn etwas. Er wußte, daß auch ein Bissen trockenes Brot seine Schmerzen etwas lindern konnte. Er stand leise auf und holte sich aus einer Tischlade, die knarrte, eine alte, harte, beintrockene Brotrinde, legte sich nieder und bemühte sich, sie möglichst geräuschlos zu kauen. Er wollte Vera, die in der letzten Zeit etwas verfallen aussah, nicht wecken. Aber sie hatte nicht geschlafen. Sie kam zu ihm, streichelte seine Haare, sie fuhr ihm – eine Zärtlichkeit, die er noch nicht an ihr kannte – über die Augenlider, sie holte ihm, bloßfüßig über den Teppich huschend, ein Glas Wasser, damit er die Rinde besser hinunterbringe, sie fegte ihm im Dunkeln die Brotkrümelchen von dem Kragen des Pyjamas fort – alles zart und sanft, aber ohne ein Wort –, und als er etwas sagen wollte, hielt sie ihm ihr weiches, duftendes, mit vielen Ringen besetztes Händchen an die Lippen. Plötzlich, als er in seinem Glück – auch sein Magen hatte sich beruhigt und alles fügte sich ihm zum Besten – wieder einschlafen wollte, hörte er sie etwas vor sich hin murmeln. Er setzte sich sofort auf und sagte, in der Annahme, sie hätte gefragt, ob es ihm besser ginge: »Ja, ein wenig, und es wird immer besser, wenn du nur bei mir bist.« Nun richtete auch sie sich auf den Kissen hoch. Sein Auge hatte sich an die Dunkelheit gewöhnt, und er konnte gut den Ausdruck ihrer großen, jetzt lackschwarzen Augen erkennen und die etwas schärfer gewordenen Linien um ihren kleinen herzförmigen, nun ohne Schminke sehr blassen Mund. Sie flüsterte: »Du, sag ja oder nein!« »Warum soll ich das sagen? Veralein, warum? Kindlein, warum?« fragte er lächelnd. »Sag ja oder nein«, wiederholte sie, so ernst, wie er sie nur einmal gesehen hatte, vor einigen Tagen, als Rudolf den Wein bitter gefunden hatte – und damals, am Kiosk. »Also gut. Ich gehorche: Ja oder nein«, versuchte er zu scherzen. »Nein, nicht so«, sagte sie, legte noch einmal die Hand auf seinen Mund, ließ sie aber dann hinabgleiten und drückte sie auf die Gegend rings um sein Herz, dann über dem Magen. Und jetzt preßte sie so stark, daß er von neuem nagende Schmerzen zu empfinden begann: »Nur eines davon sollst du sagen, Manfred! Entweder ja oder nein.« »Aber dann muß ich doch vorher wissen, Dummchen, worauf sich dieses Ja oder Nein bezieht! Auf welche Frage soll ich dir denn antworten? Betrifft es dich oder ...« »Gar kein oder, das soll dich gar nichts angehen«, sagte sie und drückte noch fester, so daß ihn ein schneidender Schmerz durchzuckte. »Laß! Du tust mir weh! Liebling! Jetzt müssen wir schlafen. Bist du denn nicht müde? Ude? Äby uß afen ehen. Anfred auch lafen, ät achts. Itternacht!« »Sprich nicht diese dumme Babysprache! Jetzt ist es sehr wichtig. Ja oder nein?« Sie hatte die Hand von seinem Leib fortgenommen, hatte mit beiden Händen in seine Haare gefaßt und zog so sein Gesicht nahe an sich heran. Er konnte sich nicht wehren. »Nein!« sagte er. Sie zerrte sein Gesicht unruhig noch näher an sich heran. Ihre Augen waren über den seinen, und er fühlte ihren lauen reinen Atem über seine hageren Wangen streichen. Sie öffnete ihren Mund, er sah ihre niedlichen, blitzend weißen Zähne. »Lügst du auch nicht?« flüsterte sie – sie sah ihn lange an –, »Manfred, lügst du jetzt nicht?« Ohne es zu wollen, schloß er die Augen. Er konnte ihren Blick wie er da über ihm in der Dunkelheit schimmerte, nicht ertragen. »Also gut, wenn du es unbedingt willst: Ja!« sagte er und dann nochmals »ja!« »Also ja?« fragte sie nach einer langen Pause. Als er immer noch schwieg, faßte sie seinen Kopf, aber nicht mehr bei den Haaren, und legte ihn, als wäre es der Kopf eines Toten, zart auf seine Kissen zurück. Sie waren noch warm, noch feucht von seinem Schweiß. Die alten Schmerzen wühlten in seinem Innern. Trotzdem schlief er ein ... Da die Hitze in der Stadt um diese Zeit fast unerträglich geworden war und Vera immer elender auszusehen begann, entschloß er sich, einen ihrer Ringe zu versetzen – denn er hatte schon die Hoffnung aufgegeben, von Steffie Geld zu erhalten –, um mit seiner geliebten kleinen Frau nach einem bei Prag an Wasser und Wald gelegenen, kleinen Ort verreisen zu können, dessen farbenprächtigen Prospekt er im Hotel gefunden hatte. Als er an der Portierloge vorbeikam und sich an dem Schalter in das Adreßbuch der Stadt vertiefte, um die Adresse eines Versatzamtes herauszufinden, sagte man ihm, daß das Adreßbuch ganz veraltet sei. Er hätte nach einem »anständigen« Versatzamt fragen können, aber es war ihm zu peinlich. Lieber hätte er alles andere versucht, als daß er das Hotelpersonal mit seinen Geldnöten bekannt gemacht hätte. Und so sicher er sich auch fühlte, so hielt er es doch für sehr überflüssig, die Aufmerksamkeit auf sich zu lenken. Seine Wertsachen aber »schwarz«, d. h. an fliegende Händler am Kaffeehaustische loszuschlagen, sollte der allerletzte Ausweg bleiben, denn er wußte aus eigener Erfahrung, wie es dabei zuging. So unternahm er, wieder von bohrenden Schmerzen in seinem Magen gepeinigt, noch einen Versuch beim Poste-restante-Amt, und auf einmal kam er sich wieder wie ein Glückspilz vor, denn gerade heute morgen war etwas gekommen. »Steffie, du guter Kamerad, du verläßt mich nicht.« Drei Fünfzigmarkscheine in einem einfachen Brief – und kein Wort dazu. Auch dies trug zu seinem Glücksgefühl bei. Er fand es von seinem Freund Steffie sehr klug, keine großen Geldbeträge und vor allem keine geschwätzigen Erklärungen einem einfachen Briefe anzuvertrauen, und bei der Behebung einer Postanweisung oder eines Einschreibbriefes hätte er von einer seiner Legitimationen Gebrauch machen müssen, was er sich ebenfalls für die äußerste Not aufbewahrte, die jetzt glücklicherweise ganz in weite Ferne gerückt war. Selig kam er mit Blumen und Bonbons daheim an, und als er den Ring seinem geliebten Kind Vera an den Finger steckte, entsann er sich des Kinderorakels von gestern nacht, ja oder nein, bei dem er sich eigentlich gar nichts gedacht hatte. Nun aber hatte sich das »Ja« bestätigt, man war von den schwersten Sorgen befreit. Vera sah die Bonbons erstaunt an. Zuerst dachte sie, auch der Ring sei ein Geschenk. Sie hatte nicht einmal gemerkt, daß er verschwunden war, er hatte ihr nicht gefehlt, und auch jetzt fragte sie nicht. Sie, die noch in der letzten Zeit daheim stundenlang mit ihm oder auch für sich allein in ihrer Babysprache oder in weisen altklugen Redensarten vor sich hin geschwätzt hatte, war jetzt sehr schweigsam geworden. Wo war sie mit ihren Gedanken? Er hatte sich das Rauchen abgewöhnt, und jetzt war sie es, die eine Zigarette an der anderen anzündete. Sie hatte in der Aschenschale neben den Zigarettenstummeln (plötzlich entsann er sich wieder des Zigarettenstummels, den ihm Rudolf unlängst in der Unglücksnacht zwischen Kragen und Hals geworfen hatte) eine Menge winziger Papierschnitzel gesammelt. Zu lesen war nichts. Aber auf der Löschpapierunterlage entzifferte er die Adresse ihrer Mutter in Spiegelschrift. An Rudolf oder an seine Familie schien sie nicht geschrieben zu haben, wenigstens konnte er diese Namen nicht auf dem Löschpapier entziffern. Sie folgte ihm genau mit ihren großen, blaugrünen, tief umränderten Augen. Sie begannen die Koffer zu packen. Weil sie von der Hitze sehr erschöpft war, nahm er ihr bald die Arbeit ab. Zuletzt, als auch er schon etwas ermüdet war, fielen ihm seine Taschentücher in die Hände, es lagen die einfachen Herrentaschentücher neben den Kavalierstaschentüchern, alles war sauber und sicherlich vollzählig. Es schienen ihm sogar mehr zu sein als sonst. Obwohl sich etwas in ihm dagegen wehrte, sah er sie genauer durch, an einem bestimmten solchen Tuche lag ihm besonders, es war ein Andenken an ein bestimmtes grauhaariges, nein, dunkelhaariges »Kind« von sehr gepflegtem Äußeren, mit rosigen Marzipanfingern, er vergaß es nicht. Man hatte damit Ordnung gemacht, mit diesem kostbaren Tüchelchen, hatte sauber Staub gewischt, die Spuren, die Abdrücke der Finger auf einer glatten, staubbedeckten Tischplatte fortgebracht, es hatte gute Dienste geleistet, er hatte es nachher immer treu im verschlossenen Schrank aufbewahrt. Er suchte es, fand es aber nicht. Zuerst wollte er sich damit beruhigen, es sei der etwas unordentlichen Vera unter ihre eigenen Taschentücher geraten. Er suchte hier nach – und da waren Wunderwerke aus hauchdünnem Seidenbatist, mit breitem Rand von schneeweißer Stickerei, und andere Tücher, klein wie die Hand, mit bunten Pariser Mustern, aber auch hier war es nicht zu finden. Er sah Vera an. Niemals war eines von ihren Wäschestücken in Verlust geraten, denn beide, Vera ebenso wie er, hatten eine Leidenschaft für schöne Wäsche. Er blickte immer noch Vera an, Vera, bis an die Haarwurzeln errötend, sah ihn an. Er wußte, was es mit dem Tuch für eine Bewandtnis hatte. Sie wußte, wohin es gekommen war. Er begann zu zittern, in seinem Halse würgte es, in seinem Magen meldete sich der alte bohrende Schmerz. Aber er wußte, der »Himmel« war immer bei den Schlauen, er war bei ihm, auf seiner Seite. Schließlich kam er auf den Gedanken, das unselige Kavalierstaschentuch könne sich zufallsweise in der schmutzigen Wäsche befinden, er bückte sich, um das Bündel aus dem untersten Fach des großen Schrankes hervorzuholen. Da sprang sie auf ihn zu, riß ihm das Bündelchen aus der Hand und zischte: »Laß!« Er ließ ab. Schließlich beruhigte er sich damit, daß es unzählige solcher Tücher gab, daß es vor allem kein Monogramm getragen habe und daß auch mit dem schärfsten Mikroskop und auch mit den Luchsaugen eines Gerichtsarztes wie Konrad sich keine Spur mehr an dem Tuch entdecken ließe, selbst wenn es der Polizei in der Wohnung in den »Schwedengängen« in die Hände gefallen sein sollte. Schweigend und hastige Blicke auf ihn werfend, aus denen halb Zärtlichkeit, halb Schuldbewußtsein sprach, und mit großem Eifer hatte jetzt Vera das Packen des Koffers übernommen. Am nächsten Morgen reisten sie, ohne noch einmal von dem Kinderorakel oder von dem Schweizer Kavalierstaschentuch gesprochen zu haben, nach dem kleinen Ort ab. Es bestand nur eine einzige, etwas unbequeme Autobusverbindung dorthin, aber der Ort war reizend. Das Hotel war zwar fast menschenleer, wenigstens an Wochentagen – aber mit großem Luxus ausgestattet, sehr billig. Die Landschaft war schön. Das Essen war herrlich, und niemand fragte nach ihren Papieren. Ihre Fenster gingen auf eine kreisrunde Terrasse mit einer Tanzplatte hinaus, die auf Betonstützen über einem kleinen Gewässer errichtet war. Der See, halbmondförmig mit zahlreichen Buchten, war rings von hohen Tannenwäldern umgeben, ein einziges Fischerboot war ganz entfernt am Horizont zu sehen, dort, wo dieser See sich an einen anderen anschloß. Sie saßen auf der Terrasse nebeneinander, sie nahm seinen Arm und schmiegte sich an seine magere Schulter. Sie erschien ihm jetzt, seit den sonderbaren Vorgängen der letzten Tage, noch bezaubernder. Je weniger sie mit ihm sprach, desto inniger schien sie ihn zu verstehen, und so merkwürdig fragend manchmal ihr unruhiger Blick über ihn hinwegging, nachts, in der Stille des menschenleeren Hotels, gab sie sich ihm ungezügelt bis in ihre letzte Faser hin, so daß er in seinem Glück glaubte, es wäre eine andere Vera, die ganz die Erinnerung an die alten Zeiten, an den unseligen Rosenfinger, an den unseligen Rudolf, an die Ermordung des unseligen Polizisten verloren habe. Denn dieser Vera gruselte es nicht vor ihm. Nur ihr gar zu zartes Wesen machte ihm Angst. Er zitterte um sie. Und was er noch nie getan hatte, er begann ihr ganz zu vertrauen. Jetzt kam ihm manchmal der Gedanke, »richtige« Kinder zu bekommen, ein solides Geschäft mit seinem schönen Anfangskapital (hätte ich es nur über die Grenze!) anzufangen, eine neue Heimat jenseits der deutschen Grenze zu finden. Die alte sollte auf immer vergessen sein und ebenso alles, was er dort erlebt hatte. Trotz der großen Ruhe, die in dem nur schwach besetzten Hotel herrschte, konnte Vera neuerdings nur schlecht schlafen. Am Tage blieb sie allen Toilettenkünsten zum Trotz blaß, unter dem aufgelegten Rouge schimmerte es besonders abends grünlichfahl hindurch. Selbst die beste, »kußfeste« Lippenschminke konnte die Lippen nicht so röten, wie sie es wollte, vergebens biß sie sich in die Lippen, fast sofort nachher wurden sie wieder blutleer. Müde schleppte sie sich an Chiffons Seite in den kühlen, weiten Tannenwäldern oder am Seeufer entlang, wo zwischen dichtem Schilf das Wasser bleifarben gleißte, an einzelnen Stellen, weiter im See, silbern schillernd und drüben, am anderen Ufer, von dunkelblauen Schatten gedämpft ... Sie blieb stehen, sie sah ihn an. Sie hatten einen großen Spaziergang rund um den See geplant, sie hatten sogar gewettet, ob dies möglich sei, da sich ja der See an andere anschließen sollte. Jetzt war sie nach einigen Schritten schon müde. Er zog sein graues Lüsterjackett aus, legte es über das schwellende Moos. Seine arme, blasse, reizende Frau legte sich seufzend hin, die Arme unter dem rotblonden Köpfchen verschränkt, die Arme nackt bis in die Achselhöhlen. Er saß neben ihr, verscheuchte mit seinem grauen Hut die Mücken, die vom Wasser in dichten Schwärmen herüberkamen. Sie hielt die Augen geschlossen, atmete tief und friedlich wie ein Kind. Aber als er sie schon eingeschlafen glaubte, öffnete sie ihren Mund und fragte ihn, ohne die Augen zu öffnen: »Manfred, was wird nur mit allen den Pfändern?« Er hatte jede Frage eher erwartet als diese. Sie fuhr mit monotoner Stimme fort: »Hast du nicht Angst, daß die vielen Leute sich beschweren?« »Ach, beschweren«, sagte Manfred und zuckte die Achseln, »das sollte dich nicht im Schlafen stören.« »Aber die Polizei, wenn sie doch hinter uns her sein sollte? Was dann? Wenn sie uns hier finden? Wenn sie dich verhaften und mich auch, was dann? Oder nur dich allein? Was willst du ohne mich beginnen?« »Ach, du mein kleiner Liebling, schlafe, sage ich dir! Ich bin sicher wie in Abrahams Schoß!« »Wenn ich das nur glauben könnte!« »Doch, du kannst das. Ich bin sicher. Die Polizei dort hat Butter auf dem Kopfe. Ich bin und bleibe absolut sicher. Ich weiß zuviel. Ich weiß eben alles! Die haben noch ganz andere gedeckt. Was liegt denen an mir? Ich habe meinen Saldo noch lange nicht voll. Ich kann sogar jederzeit zurück. Wenn nur Steffie ...« »Jetzt aber lügst du, Manfred!« »Ich lüge?« »Können wir zurück? Kann dir nicht auch Rudolf etwas antun? Hast du selbst reine Hände? Ganz reine Hände? Es ist nicht um mich! Es ist nur um dich!« »Vera, du kannst die Augen öffnen. Sieh mich ganz scharf an, wenn du willst. Frag mich, wenn du willst. Ich werde dir alles sagen, wenn du willst. Nun? Nun, Kind? Kind, Kindlein mein, willst du wirklich alles wissen?« »Ich kann jetzt oft so jämmerlich schlecht schlafen. Rudolf in seinem Gefängnis wird sicherlich auch schlecht schlafen. Ich habe zuviel Sorge um ihn. Um dich auch, um euch beide.« »Zu gütig«, sagte Chiffon verletzt. »Hast du ihm vielleicht gar geschrieben?« »Ich? Nein. Ich schreibe euch beiden nie mehr.« »Wie meinst du das? Weshalb solltest du mir denn – schreiben? Wir wollen doch immer beieinander bleiben.« »Ich möchte es auch so sehr gerne! Jetzt ja! Jetzt sehr! Nur ...« »Soll ich dir also auch Rudolf kommen lassen? Wenn er frei wird, meine ich?« »Du solltest nicht über solche Sachen scherzen.« »Und du solltest kein so ernstes Gesicht machen. Das kleidet nur die Großen. Am schönsten bist du, wenn du Babysprache sprichst. Ich liebe dich dann wie mein Kind.« »Und ich dich wie meinen Vater! Du bist jetzt schöner geworden, wir brauchen dein Haar gar nicht färben zu lassen. Über dem braunen Gesicht sieht es fast wie Silber aus. Und du bist noch so jung. Weißt du, was ich meine?« »Ja, ich bin jung, und du bist eine alte Dame, Vera?« »Alt darf ich gar nicht werden. Dabei muß ich bleiben. Wort ist doch Wort, nicht? Ich habe es einmal einem geschworen.« »Das ist doch alles nur Unsinn. Ich bin nicht dein Vater, und du wirst noch einmal ...« »Nicht von der Zukunft sprechen! Wir sind ja jetzt so glücklich. Sag, Manfredlein, bist wenigstens du ganz glücklich? Wenn ja, mußt du nur nicken. So ist es recht. Das gibt mir wieder Ruhe, ich muß nämlich viel Ruhe haben, mußt du wissen. Manchmal denke ich an die komischsten Sachen. Du hast mich doch mal die Glücksgöttin spielen lassen, erinnerst du dich? Da waren die gelben, mageren, abgezehrten Emigrantenweiber im Spielklub, denen habe ich ordentlich Glück gebracht, was? Das war auch wirklich reizend von dir. Wenn ich an so etwas denke, da wird es ganz ruhig in mir. Aber dann muß ich an etwas Entgegengesetztes denken und ...« »Was soll denn das sein, du großes Kind?« »Sag nicht immer Kind zu mir, ich höre es nicht gern. An was ich denke? An Rudolf, wie er mir damals bei Rosenfinger mein Mäntelchen aus blau eingefärbtem Stoff mit den Kronenknöpfchen anbrachte, in der Nacht, und geregnet hat es auch. Er kam ohne Atem an das Portal bei Rosenfinger – und sah mich flehend an. Aber ich – und wenn er hundertmal fleht! Hätte ich denn sollen? Sag, Muschelchen, sag!« »Ist das alles, was dein kleines Herzchen bedrückt?« Sie nickte, daß die roten Löckchen flogen. »Dann wollen wir aufstehen und noch ein wenig gehen. Magst du?« Sie nickte noch einmal, noch stärker. Es waren die friedlichsten Tage, die Chiffon, der unter der Zucht eines ungewöhnlich strengen Vaters und einer sehr klugen, aber auch sehr harten Mutter aufgewachsen war, seit seiner Jugend erlebt hatte. Er blühte jetzt auf, selbst seine alte Magenwunde schien zuzuheilen, und sein Gesicht verlor die Falten. Feurig glänzten seine dunklen Augen unter der hohen, gebräunten Stirn. Auch seine Frau schien allmählich ihre Ruhe wiedergefunden zu haben. Sie klagte nicht mehr über den schlechten Schlaf. Nur wunderte sich ihr Mann, warum sie von dem wunderbaren Essen, diesen Gedichten auf dem Kochherd, so wenig aß, warum sie so zart und ätherisch wurde. Bei Tisch ließ sie fast alles stehen. Aber wenn sie abends beide von ihren Spaziergängen in ihr Zimmer gekommen waren, wünschte sie, mit den Händchen bettelnd, vor dem Schlafengehen noch etwas Süßes. Da um diese Zeit der winzige Kramladen des Ortes längst geschlossen war, schlich sie selig Hand in Hand mit ihm auf Strümpfen die Hoteltreppe hinab, um in der verlassenen Hotelhalle aus einem Schokoladenautomaten eine kleine Packung Schokolade oder Pfefferminzbonbons zu ziehen, »und noch eine solche und noch eine andere«, und nachher in ihren heißen und immer leidenschaftlicheren Küssen war dann der Geschmack der mit Vanille gewürzten Schokolade oder des herben, aromatischen Pfefferminzes. Nie hatte er sie tiefer geliebt, niemals hatte er, wie er glaubte, in so reiner Eintracht mit ihr gelebt. In seiner Liebe war die behutsamste Schonung, er hätte sie nur mit den Fingerspitzen berühren, vor jedem Windhauch bewahren mögen. Jetzt war er beinahe fest entschlossen, sein großes Gelübde zu halten. Nur erbat er sich etwas mehr Zeit, der Himmel sollte ihn nicht drängen. Der Himmel war ewig und hatte Zeit. Daher sollte man ihm auch etwas Zeit lassen, ihm ein wenig Glück und Frieden gönnen. Er freute sich über jeden Tag. So schön hatte er sich das Leben nie vorgestellt. Sein Veralein schmiegte sich so dankbar, so hingebend eng an ihn, daß sie sich eines Abends beide darüber wunderten, wie sie bis in die ersten Jahre ihrer Ehe vor ihm hatte – Angst empfinden und in ihren Anfällen die Nachbarn aus dem Schlaf hatte wecken können. »Das war gar nicht ich«, hauchte sie, »es ar ein öses Ind, ein ummes!« Das einzige, was ihm noch Sorge machte, war das Ausbleiben jeder Nachricht (Geld! Geld!) von Steffie – und der immer noch schlecht bleibende Appetit seiner geliebten kleinen Frau. Eines Abends aber bat sie ihn mit gesenkten Augenlidern, deren lange Wimpern auf den immer noch fahlen Augenrändern spielten, er möge in das anliegende Zimmer übersiedeln. »Ja, warum denn? Was habe ich dir getan?« »Du? Nur Gutes. Aber du störst mich doch beim Einschlafen.« »Das höre ich zum erstenmal. Ich dachte, du schläfst jetzt wie ein Musterkind! Laß mich doch hier! Ich habe dich doch noch nie gestört. Was ist dir denn?« »Darf ich dich denn um nichts bitten?« »Als ob ich dir schon je etwas abgeschlagen hätte!« »Doch hast du das«, sagte sie und setzte sich im Bette so rasch auf, daß das Seidenbändchen von der Schulter ihres Nachthemdes hinabschlüpfte. »Ich dir etwas abgeschlagen?« fragte er flüsternd, mit einem Blick auf ihre zarte, teerosenfarbene, sehr dünn gewordene Schulter. »Doch! Erinnerst du dich nicht? Das Rouge!« »Welches Rouge?« fragte er erstaunt. »Das Kokain! Das nannten wir doch Rouge, weil es immer ein rotes Mäntelchen trug. Nein? Wie? Hast du schon vergessen?« »Aber das war doch nur zu deinem Wohl. Du weißt ohnehin nicht, welches riesige Glück du bei dem Höllenzeug gehabt hast. Riesenglück! Riesenglück! Welcher Teufel hat dir das nur eingegeben?! Zum Glück aber wirkt es doch nicht bei allen! Baby, Kind, du bist ja so dumm – und so ... Danke Gott! Du weißt nicht, was es ist . . . Sonst ... Was wäre aus dir geworden!« »Ach, Manfred, nein, sieh, um mich ist es nicht schade. Warum hat denn er ...? Es ist ...« »Sprich doch weiter ...« »Nein, ich möchte lieber nicht! Laß mich doch heute nacht allein hier schlafen. Hast du denn Angst? Horch, höre, wie furchtbar ruhig es ist. Wer soll mich dir denn entführen? Ich bin nicht mehr hübsch, ich bin ein Gerippe nur noch, ein Erippe. Ich bleibe euch doch treu.« »Euch? Was meinst du denn immer damit, Liebling?« »Nur dich! Man sagt doch auch: ›Euch dien' ich, Euch auch lieb' ich, mein teurer Gebieter! ‹ Bitte, tu mir den Gefallen. Dann wache ich morgen wieder ganz unbekümmert auf, und wir fahren in dem komischen alten Boot aufs Wasser hinaus, und ich lehre dich etwas, willst du?« »Was soll das sein?« »Ach, ich kann doch nichts. Nur Babysprache und versalzene Suppe machen. Einmal hab' ich sogar ein kleines Händchen voll Salz in den Kaffee geschüttet, au, was hast du für eine Grimasse gezogen? Hast du mir verziehen? Bitte, verzeih mir alles. Gib mir dein großes Ehrenwort, daß alles quitt ist, du bist mein liebster Mann, ja? Nur heute nacht laß mich allein. Morgen ist alles wieder gut. Und einen lieben Kuß zum Abschied noch.« Spät in der Nacht erwachte Chiffon. Ihm war, als hätte Vera seinen Namen gerufen. Er warf den Bademantel über und pochte an die Verbindungstür. Niemand öffnete. Der schwache Lichtschimmer, der durch die Türritzen gekommen war, erlosch. Plötzlich mußte sich Chiffon der Szenen entsinnen, die sich zu seinem Entsetzen damals abgespielt hatten, als vor Jahr und Tag die Anwohner des Klubs Hera, durch Veras Schreien nachts erwacht, die Treppen hinabgelaufen waren, durcheinandergeschrien und an seiner Tür gepocht hatten. Aber er und Vera hatten, Hand in Hand, eng an die Tür gepreßt, dagestanden und hatten nicht geöffnet. Er pochte noch einmal, und nach einer Weile hörte er, wie seine Frau aufstand und im Dunkeln nach der Tür tappte und ihm öffnete. Er trat ein, während sie zurückschlüpfte. Er machte Licht. Sie saß am Bettrand, die schönen, langen, schlanken Beine fast nackt. Sie sahen einander an. Er wartete. »Hast du mich gerufen? Um Himmels willen, was hast du denn? Was ist mit dir? Sprich doch!!« Sie öffnete einigemal ihre Lippen, aber sie sprach nichts. Dann fuhr sie ihm mit ihren Fingerchen durch die Haare. Er setzte sich neben sie an den Bettrand, streichelte Vera, liebkoste ihre Schulter. Das Licht der kleinen Nachttischlampe brach sich auf ihren spiegelglatten, blaßrot glänzenden, schön geschnittenen Zehennägeln. Plötzlich verzog sie ihr abgemagertes Gesichtchen zu einer ernsten, altklugen Grimasse, sie faßte nach dem roten, in Gold gefaßten Lippenstift (auch er aus der alten Pfandleihe stammend) und begann auf ihrem runden, elfenbeinfarbenen rechten Knie mit dem Lippenstift einige Linien und Flecken hinzuzeichnen, als wolle sie die Aufmerksamkeit ihres Mannes ablenken. Denn er hatte eben etwas Merkwürdiges unter dem Kissen hervorschimmern sehen, fingerdick, zylindrisch, vielleicht ein Badethermometer? Sie hatte sich beklagt, daß die Bäder immer entweder zu heiß oder zu kalt waren. Aber was sollte dies jetzt hier unter dem Kopfkissen? Er hätte es gern aus der Nähe gesehen, aber sie hatte es, dabei eifrig weitermalend und das Zünglein hervorstreckend, mit ihrem Ellbogen tiefer in die Kissen hineingedrückt. Und jetzt hatte sie mit ihrer süßesten Stimme und in der von ihm jetzt so sehr geliebten Babysprache, in ihrem Lyzeumspanisch, das ihn in letzter Zeit lebhaft an die noch nicht ganz aufgeblühte, jungfräuliche Vera der Rosenfingerzeit erinnerte, zu schwatzen begonnen. »Uck al er«, flüsterte sie ihm ins Ohr, ihn dabei mit ihren seidenweichen, schimmernden Locken wie unabsichtlich liebkosend, um dann ihre wie bei einem Kätzchen runde, weiche Stirn an seinem Halse zu reiben, dort, wo sich die schon lange zugeheilten Schrammen von Rudolfs Zauberkunststückchen im Jiu-Jitsu befunden hatten. »Kannst du das erkennen? Ist das schön? Ön?« fragte sie und zeigte auf ihr Knie, wo sie in roter Farbe mit dem Lippenstift ein Menschengesicht aufgezeichnet hatte, das bei den Bewegungen des Knies die lustigsten Grimassen schnitt. »Sieh doch nur«, rief sie begeistert, »mach ich so, ist er lustig, ach ich o, ist er raurig. Urchtbar raurig! Urchtbar!« »Und wer soll das sein?« fragte er, immer wieder durch ihren unschuldsvollen Reiz bezaubert, das Achselbändchen des Nachthemdes zwischen den Fingern. Auf dem Nachtkästchen tickte eine in Silber gefaßte Weckeruhr (alles aus dem großen Schatz), jetzt war es zwei Uhr. Er hätte immer so bei ihr bleiben mögen, das Achselbändchen zwischen den Fingern, den Blick auf ihrer reinen, rosigen, unberührten Brust ... »Sieh doch nicht dorthin, Bösewicht, hierher mußt du sehen«, sagte sie und zeigte auf das Knie. »Ist wohl doch nicht schön?« »Herrlich! Kind, das hast du wunderbar gemacht, Vera«, sagte er mit schonungsvollem, gütigem Lächeln, »aber noch besser hättest du es gemacht, wenn du geschlafen hättest.« »Ach, Unsinn! Ich schlafe ja dann noch so lange. Ich mache noch eine Zeichnung. Darf ich? Lieber alter Vater Chiffon, darf ich?« Sie küßte ihn mitten in das Ohr, dann machte sie sich daran, eine Stange Schokolade unter den vielen Schmucksachen aus dem Nachtkästchen hervorzuholen, sie leckte an ihr und abwechselnd küßte sie ihn, wobei er den süßen, vanillegetränkten Geschmack der Schokolade spürte, und abwechselnd zeichnete sie mit der feuchten Schokolade ein Gesicht auf das andere Knie. »Der eine bist du, und der andere ist er. Rudolf, sei lieb! Manfred, sei auch lieb. Sofort! Vertragt euch! Ihr beiden Männer, Vera sagt, ihr sollt euch versöhnen! Gebt euch einen Kuß. Einen üßen Uß! Üßes Ummchen, nell! Chiffon schenkt dir neue Manschettenknöpfe. – Ach! Seht mich nicht beide auf einmal so bitterböse an, ich habe doch nur euch beide geliebt. Warum ist das so schlimm ...« »Aber das ist gar nicht schlimm? ...« »Ja, du hast aber das Blut am Kiosk nicht gesehen«, sagte sie altklug wie ein Kind, das einen Erwachsenen belehrt, und zündete sich flink eine Zigarette an, »das hast du eben nicht gesehen, und dann – jetzt habe ich dich auch noch mitten in der Nacht geweckt. Jetzt seid ihr beide böse, der Rudolf hier verflucht mich in seinem schrecklichen Gefängnis, und du ...« »Ich werde dir immer gut sein«, sagte er leise. »Du mußt mir auch vieles verzeihen.« »Ach, wir wollen doch lachen, wir wollen nicht weinen, as ist indisch, inder ürfen icht indisch ein! Ürfen icht!« »Nein!« »Also gut! Nun, geh schlafen, Herzensmann! Ich schlafe auch. Es ist doch furchtbar spät.« »Soll ich nicht doch bei dir bleiben? Ich werde mucksmäuschenstill sein, ich lege mich auf die Couch, du hörst mich nicht, ich verspreche es dir.« »Bitte, Manfred, versprich nichts! Ich bitte dich doch so! Gehe bitte jetzt und wecke mich morgen, bitte ja?« »Gut also. Morgens?« »Nein.« »Um Mittag? Ittag?« auch er versuchte sich im Lyzeumspanisch, als wäre er durch die unsinnige Sprache inniger vertraut mit ihr. Vera schüttelte den Kopf, den sie schon tief in die Kissen vergraben hatte, und zog an der Zigarette, so daß diese aufleuchtete. »Um Mitternacht? Itternacht?« »Ja, um Itternacht!« sagte sie lachend, ihre reizenden, bläulichweißen, perlartigen Zähnchen entblößend, zwischen denen sie aber doch noch die Zigarette festhielt. Er ging. Noch an der Tür wandte er sich um. Vera, die Fingerchen an der Nachttischlampe, um sie auszulöschen, winkte ihn mit der andern Hand zu sich heran, und während sie das Licht verlöschte, umarmte sie ihn fest, drückte die warmen, nach Tabak und auch nach Schokolade schmeckenden Lippen ganz stark und unbeweglich, viele Minuten lang, an seinen Mund, dann ließ sie ihn fortgehen, hielt ihm den Mund zu. Er sollte nicht reden. »Eb ohl, Äby«, flüsterte sie ihm zum Abschied zu, und als ob das für ihn nicht verständlich sein könnte, wiederholte sie, deutlich und Silbe für Silbe klar betonend: »Leb wohl, Baby!« Er schloß leise die Tür. Er war sehr müde. Vom Wasser kam über die Balkontür die schwere, feuchte Luft des Sees. Im nahen Schilf regten sich die Vögel. Der große, volle Mond ging bald hinter tiefgrauem Gewölk unter, ein leichter Wind hatte sich erhoben, und auf dem zart gekräuselten Wasser zeigte sich der erste Widerschein des beginnenden Morgens, und die Betonstützen, auf denen die Balkonterrassen und die Tanzplatte auf den See hinausgebaut waren, begannen sich allmählich in dem heller werdenden Wasser abzuzeichnen. Er begab sich in sein inzwischen ganz kalt gewordenes Bett, und in dem Maße, als er es erwärmte, empfand er ein Gefühl des Friedens, des Zuhauseseins, der Ruhe, des Mit-der-Welt-Einverstandenseins, das er noch nie gekannt hatte. Jetzt vertraute er ganz seiner geliebten kleinen Frau und seinem Glück. Am nächsten Morgen versuchte er, leise an ihr Bett trippelnd und sie zart anrufend, vergebens, seine Frau zu erwecken. Aber er schöpfte noch keinen Verdacht. Sie hatte die Tür nicht zugeriegelt. Was sollte ihr inzwischen zugestoßen sein? Jetzt beruhigte er sich. Jetzt erst sollte der schönste Teil ihrer Ehe, ihre richtige Herzensehe beginnen! Tief schlafend lag sie da, sie schnarchte sogar etwas, oder man konnte es ein feines Röcheln nennen. Aber ihr Gesicht schien aufgeblüht, und er hütete sich wohl, sie aus dem kostbaren Schlafe aufzuwecken. IV Rudolf schlief in der Krankenabteilung des Gefängnisses vier Tage und vier Nächte, von seinem Bruder fast ununterbrochen mit größter Sorgfalt gepflegt. Am dritten Tage wurde er noch während des Schlafes von den beiden Ärzten, Fabrizius und Konrad, unter den Arm genommen und zum Aufstehen gebracht. Leichenfahl, mit kleinen, trippelnden Schritten, zähneklappernd vor Frost mitten in der Junisonne, eine Wärmflasche mit Tüchern um den Leib gebunden, mit leeren, seelenlosen Augen vor sich hinstarrend, ließ er sich den Lazarettkorridor entlangführen, dann mußte er über zwei Stufen hinabsteigen, große, schwer zu besiegende Hindernisse, bis er zu dem kreisförmigen, kurz gehaltenen Rasenplatz des Hofes VII kam, der mitten in der Mittagssonne lag. Hier stand er still und sah vor sich hin. Die wenigen Schritte hatten den großen Menschen so erschöpft, daß er bald nachher mit einem tiefen Seufzer der Erleichterung in das inzwischen frisch gemachte Bett zurückkehrte. Konrad versuchte, sich mit Flossie telephonisch in Verbindung zu setzen. Aber es gelang nicht. Entweder war die Nummer besetzt, oder es meldete sich niemand. Bei seinem Schwiegervater anzurufen, hatte Konrad eine unüberwindbare Scheu. Seine Frau beunruhigte ihn. War es zum erstenmal in ihrer Ehe? Jetzt entsann er sich seiner Brautzeit mitten in der Inflation, wie er sie unlängst dem Untersuchungsrichter geschildert hatte. Damals hatte er seinen armen Rudolf um Flossies willen vernachlässigt. Jetzt wollte er ihn nicht eher verlassen, als bis er wieder der alte war. Noch am fünften Tag war der Bruder halb im Dämmerschlaf, wenn er auch ab und zu erstaunt die Augen öffnete. Erst zu Mittag des sechsten Tages konnte er zum erstenmal wieder allein trinken und Gabel und Löffel zum Munde führen. Von Flossie war keine Nachricht gekommen. Am siebenten Tage antwortete Rudolf mit klarem Bewußtsein auf die Fragen des Bruders. Es war die alte Stimme, aber – die Antworten kamen zögernd, die Silben abgehackt heraus, der Blick war voller Mißtrauen. »Weißt du, wo du bist, Rudolf?« »Im Krankenhaus.« »Und wer bin ich?« fragte Konrad lächelnd. »Mein Bruder, der Arzt –«, nach einer kleinen Pause, »im Gefängnis.« »Und weißt du auch, warum du hier bist?« fragte Konrad, ernst geworden. »Was wollt ihr noch von mir? Ihr wißt doch schon alles.« »Wie fühlst du dich?« Rudolf nickte und schwieg. »Hast du jetzt irgendeinen erfüllbaren Wunsch?« Keine Antwort. »Du kannst mir ruhig alles sagen. Vor allem: willst du jetzt einen Verteidiger?« Der Bruder schwieg. Er hatte wieder die Augen geschlossen. Jetzt sah er viel elender aus, vielleicht noch greisenhafter als vor seiner Entziehung, er zitterte in seinem Bett plötzlich am ganzen Körper, als habe er Schüttelfrost, seine Hand ließ er zwar dem Bruder, aber er drückte sie nicht. Aber war das alles echt? Der Puls ging ruhig, er war sogar auffallend gut und stark. Als ihn Konrad freiließ, holte sich Rudolf mit seiner großen blassen Hand, an der noch das Goldkettchen klirrte, sein Kopfkissen hervor, so daß er jetzt ganz flach dalag, und breitete sich das Kissen über das Gesicht. Nur ein paar graublonde Haarsträhnen sahen noch hervor. Er seufzte auf, erschöpft, wie nach dem ersten Spaziergang, und schien einzuschlafen. Konrad machte sich im Zimmer zu schaffen, dann entschloß er sich zu gehen. Leise, auf den Zehenspitzen, verließ er das Zimmer. Als er aber durch das Beobachtungsfenster noch einen letzten Blick auf den Bruder warf, sah er, wie dieser das Kissen wieder von seinem Gesicht fortgenommen hatte und ganz wach, mit einem sonderbaren, überlegenen Lächeln vor sich hinstarrte. War er glücklich, endlich allein zu sein und den Bruder fortgebracht zu haben? Der Arzt kehrte voller Gedanken jetzt, nach sieben Tagen, in seine Wohnung zurück. Zum erstenmal hatte er an diesem Abend eine Spur Fremdheit bei seinem Bruder empfunden. Daheim fand er die Räume verdunkelt, auf den Möbeln die Staubüberzüge. Die alte Minna besorgte ihm etwas mürrisch das Abendbrot, trocken gewordenen Schinken und ein wenig scharf riechende Butter zum Brot, offenbar hatte sie schon gestern oder vorgestern diese Dinge vorbereitet. Der Arzt wollte fragen. Aber er beherrschte sich und ließ die Magd wieder aus dem Zimmer gehen. Vielleicht war seine Frau hier, war immer hier geblieben, war mit Otto ausgegangen und kam doch noch heute am späten Abend heim? Es hatte ihn beim Heimkommen mit Hoffnung erfüllt, daß nirgends ein Brief von ihr zu finden gewesen war. Daß sie aber ohne ein Wort, ohne eine neue, ernste Auseinandersetzung das Haus verlassen könnte – ohne einen Abschiedsbrief, den selbst ungetreue Frauen immer ihren verlassenen Gatten hinterließen, traute er ihr nicht zu. Er setzte sich an den Schreibtisch, auf dem die Zeitungen der letzten Woche aufgeschichtet lagen. Er las sie nicht. Minna kam in das Speisezimmer und räumte das Geschirr ab. Sie fragte, ob der »junge Herr« (für sie war und blieb er der junge Herr) keine Wünsche habe. Dann wartete sie noch eine Weile, langsam die Teller aufeinanderschichtend. Offenbar wollte sie ganz gerne reden. Konrad aber wollte von ihr nichts hören. Plötzlich ging das Telephon. Einmal, vor einem oder zwei Monaten, hatte ihn Flossie von einer Gesellschaft beim Apotheker, bei der es ungewöhnlich spät geworden war, um diese Zeit angerufen. Er war damals im hellen Straßenanzug hingekommen, und man hatte unter anspruchslosen Menschen wieder einmal einen netten Abend verlebt. Sie konnte also nicht einmal eine Stunde ohne ihn, ohne ihre »Imme«, ihren »Liebesten« sein. War denn wenigstens das noch echt? Doch! Es konnte nicht mit einem Schlag alles zu Ende sein! Das Gespräch war eine falsche Verbindung, man verlangte nicht nach ihm. Draußen hatte sich ein schwüler Wind erhoben. Es sauste in den herabgelassenen Jalousien. Konrad ging in das Badezimmer. Aus der Kammer der Magd, die sich nebenan befand, drang bereits ein tiefes, dröhnendes Schnarchen heraus. Er weckte Minna nicht. Sollte er wirklich von jetzt mit ihr allein leben müssen? Aber wie? Kehrte seine Frau nicht zurück mit dem Kind, wie sollte er dann sein Leben noch weiterführen? Konnte er das Alleinsein ertragen? Konnte er ohne Liebe, ohne gute Ehe, ohne Familie leben, ohne Pflege, Ordnung und Regelmäßigkeit? Konnte er die für ihn allein viel zu große, viel zu teure Wohnung behalten? Die Frau fort mit dem Kind, die Mutter fort, die Schwester Hilda fort, vielleicht auch der Bruder fort? Und er allein? Und wie für alle und alles sorgen? Und wovon leben? Am Gefängnis konnte er nicht im Amt bleiben. Der Direktor hatte recht, er sah es ein. Und hier alles verlassen, an einem anderen Ort eine neue Existenz aufbauen? Und das alles ohne die Frau, ohne sein Kind? Aber er mußte sie ernähren, auch für die Mutter mußte gesorgt werden, für den Bruder am allermeisten. Jetzt konnte er sich plötzlich nicht mehr vorstellen, daß sein Bruder das Gefängnis ohne Strafe verlassen könnte. Er begann, seinen Bruder mit Flossies Augen zu sehen. Er wollte nicht. Aber an Rudolfs Hand, die er vor ein paar Stunden in der seinen gehalten hatte, klebte Blut. Mit einemmal begriff Konrad, daß sich sein ganzes Leben seit dem Telephonanruf unlängst um sieben Uhr morgens von Grund auf geändert hatte. An seiner Kleidung, an seinem Haar haftete noch der dumpf-säuerliche Gefängnisgeruch. Er begriff, wie sehr sich Flossie vor diesem Geruch ekelte. Er hatte Wasser in die Wanne eingelassen, jetzt war es schon bis an den Rand gestiegen, mit grellem Glanz die Deckenbeleuchtung widerspiegelnd. Früher hatte er in einer sonderbaren Scheu vor sich selbst am liebsten im Dunkeln gebadet, heute wollte er das Licht ertragen. An einem großen Nagel über dem leicht beschlagenen Badespiegel hing an der hellen Wand das alte, verzinnte Kinderwännchen, zerkratzt und verbeult, das ihm und seinen Geschwistern und zuletzt seinem Töchterchen Otto gedient hatte, darunter schimmerte die mit gebogenem blankem Holzgriff versehene Rückenbürste Flossies, mit den sauberen, schneeweißen, kurzen Borsten, die seine Frau so gerne unter der Brause verwandte, lauter Lieder eigener Erfindung aus voller Kehle singend, so daß das Badezimmer dröhnte, plötzlich auflachend wie gekitzelt, das Gesicht und den Oberkörper rot vor Anstrengung, die Haare nach vorne geworfen, bis über die aprikosenfarbenen, vollen, gesunden Brüste, die sich hoben, wenn sie nachher mit den nassen schönen starken Armen die Haare vor dem Spiegel kämmte. Die hellen, langen Haare warfen, von der Feuchtigkeit des Raumes noch glänzender gemacht, enge Wellen, und immer kleiner und immer glitzernder wurde dann in ihrem immer noch geröteten Nacken der Haarknoten, den sie sich steckte, plötzlich die Augen schließend und verstummend. Wenn er hinzugekommen war, sein Kind (verbotenerweise, als ob er es fallen lassen könnte!) auf dem Arm, da hatte sie nicht einmal nach rückwärts, nach der Tür gesehen, denn er war für sie ein Teil ihrer selbst und sie ein Teil von ihm. Bis vor zehn Tagen – und nie wieder? Er konnte es nicht glauben. Und doch, die großen Zimmer blieben leer und still, in dem Ehebett wartete niemand auf ihn, wenn er jetzt vor Müdigkeit etwas zitternd und die letzte Feuchtigkeit mit dem großen Badetuch wegfrottierend, ins Schlafzimmer kam. Ihre Seite, die rechte, war leer, auch die schöne gelbe Daunendecke fehlte. So hatte sie doch etwas von dem gemeinsamen Eigentum, von dem gemeinsamen Besitz, den man in den bösen Inflationsjahren Stück für Stück voller Eifer und im Glück des ersten »eigenen« Besitzes erworben hatte, mit sich genommen, ohne ihn zu fragen? Warum hatte sie aber dann ihren Pyjama dagelassen? Säuberlich lag er, das Beinkleid unter der Jacke sorgfältig zusammengefaltet, unter ihrem Kopfkissen, ebenso wie der seine unter seinem Kissen. Beide Pyjamas hatten die gleiche Farbe, den gleichen Schnitt, sie hatte sie selbst zugeschnitten nach einer Zeitschrift und sie mit der Hand sorgfältig genäht. Zur Unterscheidung hatte sie ihm links, über dem Herzen, ein rot-grünes Monogramm hineingestickt, ein kleines rotes K, das sich in der großen Höhlung des grünen D ganz verlor. Plötzlich entsann er sich des Monogrammes, das der Untersuchungsrichter aufgezeichnet und wieder ausgelöscht hatte, und zu gleicher Zeit ging es ihm auf, daß er seiner Flossie »wieder« Unrecht getan hatte. Sie hatte ihre schöne gelbe Daunendecke nicht mitgenommen. Sie hatte sie ja gleich am ersten Abend dem von ihr gehaßten Rudolf in das Lazarett geschickt. Wie konnte er das vergessen? Sie hatte sich überwunden, sie hatte also Frieden und Eintracht gewollt, bis zuletzt, bis zu der Zeit, wo er schon bei seinem Bruder gewesen war. Also war er es, der Frieden und Eintracht nicht wollte? Aber er liebte seine Flossie doch, so innig, wie an dem Novembervormittag 1918, als sie die blonden Haare an seinem Rockknopf festgeknüpft und des Vaters Kolophonium daran ausprobiert hatte. Er hatte sie seither nach seiner Art immer lieber gewonnen und sie ihn auch. Plötzlich hatte er Angst, daß er seinem Bruder seit heute nacht nicht mehr so zugetan sei wie bisher. Hatte er das Recht, enttäuscht zu sein? Er wußte nicht, ob er seinen Rudolf bei aller Liebe auch verstand. Er aber und Flossie, ja, sie verstanden einander. Auch ohne Worte, ja, ohne Worte ganz besonders. Während seine Gedanken ineinander verschwammen, entsann er sich, daß er hier in diesem Bette einmal Flossies hohen Leib einige Wochen vor ihrer Niederkunft durch die knisternde, weiche, duftende Daunendecke hindurch gestreichelt hatte, er war schweigend mit seiner hohlen Hand sanft über die kleine, knisternde, lauwarme Halbkugel gefahren, auch sie hatte lange nichts gesagt, kaum gelächelt, sondern hatte vielmehr mit geschlossenen Augen, einen strengen, abweisenden Ausdruck in ihrem unregelmäßigen Gesicht, dagelegen – aber das Kind hatte plötzlich geantwortet, er hatte es gefühlt, und auch das Gesicht der Frau hatte sich plötzlich verwandelt, war wachsam, aufgeregt geworden, verklärt, vielleicht auch etwas richtige Angst und Furcht vor der ersten Entbindung lag auf ihm und soviel zarte, stumme Liebe für ihn, Konrad: »Imme, merkst du ihn, den kleinen Schurken, wie er stößt?« Wie sollte er sie zurückrufen? Da schlief er schon. V. Am nächsten Tage sah er seinen Rudolf wieder, wie er, mit scheuen Schritten, in allen seinen Kleidern, auch die gelbe Decke um die breiten Schultern gehängt, mit unruhigen, fliehenden Blicken durch das Krankenzimmer strich, kaum seinen Bruder richtig betrachtend, sondern nur einen aufblitzenden Blick durch die geöffnete Tür sendend. Die Freiheit fehlt ihm wohl sehr, es muß doch sehr furchtbar sein für ihn, dachte Konrad. »Ich bringe dir etwas zum Rauchen«, sagte er, nahe an ihn herantretend, »mit oder ohne Mundstück? Oder gar eine Zigarre?« »Alles egal.« »Willst du also die Zigaretten?« »Danke, nein.« »Auch nicht eine – gleich anzuzünden?« »Ach, nein.« »Du rauchst doch sonst gern?« »Ach, ja, ja.« »Möchtest du andere Kost? Keks? Oder zum Beispiel etwas frisches Obst?« »Nein, danke sehr!« »Oder ein Buch?« »Kenn' ich ja fast alle!« »Also was denn?« Schweigen. »Eine Zeitung?« »Ewig das gleiche!« »Brauchst du also gar nichts?« »Nein.« – Dann begann Rudolf von selbst: »Muß ich denn noch sehr lange hierbleiben?« »Ich hoffe nicht. Es wird sich bald alles aufklären. Du mußt dir vor allem einen Verteidiger bestellen, dein Verteidiger kann sogar ein Haftentlassungsgesuch bei der Strafkammer einreichen. Du hast schon Zeit verloren, ich werde aber sofort dafür sorgen, daß du aus der Anstaltskanzlei das übliche Formular zur Bestellung eines Verteidigers erhältst. Du unterschreibst, und alles andere überläßt du mir.« »Warum denn dir?« »Du kannst natürlich selbständig als Verteidiger jeden wählen, den du willst. Hast du an einen bestimmten Anwalt gedacht?« »Ich – einen Anwalt? Wozu denn? Ich habe doch dem alten Rosenfinger nichts angetan!« »Aber die zwei Polizisten, am Kiosk!« »Das war wohl sehr schlimm? Denn sonst wäre es doch unter die große Amnestie vom Reichspräsidenten gefallen?« Konrad schüttelte den Kopf. »Du mußt doch alles daran setzen, daß die Sache Rosenfinger aufgeklärt wird.« »Alter Kohl! Ist mir ja so egal!« »Vor allem muß klar werden, was du mit Manfred gehabt hast und mit Steffie!« »Wie denn das? Kommt ja gar nicht in Frage! An meine Kameraden lasse ich nicht tippen! Was denkst du denn von mir?« Jetzt zuckte Konrad die Achseln. Er schwieg. Nach einer Weile warf Rudolf die bereits etwas schmutzig gewordene Daunendecke auf sein Bett und stellte sich ans Fenster. Im hellen Licht sah man seine fahlen Wangen, von der Farbe ungegorenen Brotteiges, mit dichten, starren, gelblichen Bartstoppeln besetzt. »Du darfst dich hier auch einmal rasieren lassen!« sagte Konrad, »das Recht steht dir zu.« »Ich werde mich hüten! Wozu auch? Für wen? Nee! Schmutzige Proletenhände an mich ranlassen! Bei mir – nicht!« »Warum Proleten? Leider sind es Leute aus allen Gesellschaftsschichten.« »Alles Pack!« »Und du?« »Vielleicht ich auch?« »Wie du willst, Mensch.« »Weshalb heiße ich auf einmal Mensch? Für dich bin ich noch lange kein Mensch.« »Tu nur nicht so zimperlich! Auch von Ohr läßt sich im Haus rasieren. Was dem Direktor hier recht ist, könnte dir auch billig sein, Junge! Oder nicht?« »Jetzt ist er böse! Nicht böse sein, Konrad, Kamerad, hör mich mal ruhig an, liebster, einzigster Bruder! Siehst du denn den ganzen Jammer nicht? Was soll ich denn tun?« »Komm endlich zur Vernunft!« »Das sagst du so! Jetzt habt ihr mich hier, ja? Und das Kokain habt ihr mir auch entzogen, ja?« »Ja, das haben wir. Denn das mußte sein.« »Und mich dabei zum alten Mann gemacht!« »Quatsch! Reiner Unsinn!« »Nun, so tut doch mit mir, was ihr wollt! Ihr könnt mich köpfen, danke! Macht es gut! Nur los! Ich sage nicht muh. Aber doch finde ich es scheußlich, daß ihr Mutti von mir fernhaltet. Das ist wohl auch Quatsch und reiner Unsinn?! Was mögt ihr ihr für Räuber- und Mördergeschichten aufgebunden haben von mir? Es ist doch meine Mutter! Du gönnst sie mir wohl nicht?« »Ich?! Mutter ist schon lange nicht mehr hier.« »Dir soll ich wohl glauben, ja?« »Glaub es oder glaub es nicht. Sie ist seit vier Jahren in einem Erholungsheim. Was weißt du von allem? Hast du dich je um sie gekümmert?« »Wie hätte ich das anfangen können?« »Schreiben!« »Ich schreibe eben nicht gern.« »Dann beklage dich auch nicht. Wie soll ich dir Mutti herzaubern?« »Ach so! Nicht mehr hier! Ihr seid wohl alle sehr böse auf mich und schämt euch bis in den nackten A...?« »Du bist wohl sehr unglücklich, Bruderherz?« »Ich? Warum? Nicht die Bohne!« Konrad sagte nach einer Weile: »Und wie war die letzte Nacht? Kannst du denn wieder ordentlich schlafen?« »Wie ein Gott! Also schönen Dank für alles!« »Dann soll ich wohl gehen?« »Kannst auch bleiben! Sag mal, Konrad, ob ich an meinem Geburtstag noch hier bin?« »Aber du hast doch erst vor kurzem Geburtstag gehabt, Ende April!« »So, Ende April, und das ist schon vorbei? Geburtstag im April? Ich bin von Kopf bis Fuß in Ordnung«, sagte Rudolf scheinbar ganz zusammenhanglos, »ich bin kerngesund, möchte gern wieder mal ein paar Bäume ausreißen. Oder, was meinst du, Flieger möchte ich werden. Siehst du, dazu hätte ich ehrlich Lust. Ach ja, Lust!« »Du hast dein Leben noch vor dir«, sagte Konrad ernst und stellte sich Rudolf gegenüber, der ihm mit seinen Blicken auswich. »Die Sache muß hier in Ordnung kommen. Das muß sein! Ebenso wie deine Sucht in Ordnung gekommen ist. Junge! Als alter Kokainist kannst du nicht mehr Flieger werden. Wie hast du mit dir geaast! Jämmerlich! Erbärmlich! Höre nur gut zu! Unmännlich! Unmännlich und feig dazu! Das muß ich dir ehrlich sagen. Du hättest dich selbst nicht erkannt, wenn du dich bei deinem Eintritt ins Gefängnis gesehen hättest, glaub es mir, Bruderherz! Vielleicht nicht feig. Ich will dich nicht verletzen, aber unmännlich ist und bleibt es. Rausch ist eine Schande, sei es Fusel, sei es Kokain, sei es, was es wolle. Mensch! Nicht wir haben dich zum alten Mann gemacht! Was du in Kattowitz in der Kneipe gesehen hast, das wird ganz einfach dein Bild im Spiegel gewesen sein!« »In der Kneipe in Kattowitz? Woher weißt du denn das? Da habe ich wohl im Dusel aus der Schule gequatscht. Und wohl auch feste um mich gehauen? Sehr fest?« »Wenn es weiter nichts ist, das haben wir dir verziehen! Rudolf, Rudolf, hättest du dich nur gesehen!« Rudolf hatte sich mit seiner Hand, an der die Nägel abgebissen waren (Nagelschere und -feile gab es hier nicht), spielerisch in Konrads Uhrkette verfangen. »Das ist doch noch die Uhrkette unseres alten Herrn, und die schöne, schwere Uhr trägst du wohl jetzt auch? Gehört mir nichts? Alles euch?« »Alles euch? Du kannst das Zeugs sofort haben, ich habe es dir oft angeboten, Kette wie Uhr, aber früher wolltest du beides nicht!« »Ja, früher«, flüsterte Rudolf, sich auf das Bett setzend und sich wieder fröstelnd in die Decke hüllend, »früher, was war das auch für eine Zeit! Sagt, was wollt ihr jetzt mit mir beginnen? Wozu tauge ich noch? Zum Flieger wohl nicht mehr. Stimmt. Ich zittere ja und sehe schlecht. Was meinst du? Ab und zu verliere ich die Besinnung und weiß von nichts, nicht wahr? Nun gut! Was soll ich noch? Straft mich, aber was dann? Sperrt mich ein, aber dann? Wozu? Das ist doch alles nur Ersatz. Schlagt mich tot, gebt mir nachts eine Spritze, wenn ich nur nichts davon weiß! Nein, das tut ihr wohl nicht? Ihr habt zwar mal daran gedacht, ja? Schufterle, was? Aber ihr traut euch doch nicht richtig? Sag, warum bin ich eigentlich hier? Ach ja, du hast es mir schon einmal gesagt, wegen der zwei Polizisten. Aber es war doch nur ein einziger, und bei mir war's Notwehr und etwas akute halluzinatorische Sinnesverwirrung – eines davon wird es wohl gewesen sein, nein? Paragraph 317 und 159. Stimmt doch, Brüderlein, nicht wahr?« »Weiß ich nicht!« »Du weißt das nicht?« »Mit mir darfst du nicht über juristische Einzelheiten sprechen, nur mit deinem Anwalt. Laß ihn doch kommen!« »Weißt du, Konradchen, eins wollte ich dir schon lange sagen, ich bin doch hier nur mit einem Oberhemd angerückt. Und mein anderes Gepäck muß ja irgendwo liegen, ich habe doch sicherlich noch eine Menge tipptopper Wäsche und Ersatzmanschettenknöpfe und so Schätze heimgebracht, aber frag nicht, wo. In einem Hotel? Auf dem Bahnhof? Oder einfach verschleudert? Ich dummer Matz weiß nichts mehr, nein, mein Kopf ist leer wie ein Bierfaß nach dem Turnerfest. Chiffon hat über meine Dummheit gelacht!« »Wozu die vielen Worte? Wieviel Hemden brauchst du? Welche Halsweite hast du? Früher hattest du 40.« »Nein, nein, ich will eigentlich gar nichts«, sagte Rudolf in sich zusammensinkend, »oder doch – ein ganz klein wenig Nachricht von Vera? Nur ob sie hier ist, im Gefängnis, meine ich. Es wäre mir zu leid um sie. Geht ihr wohl gut? Nun? Und wie ist es denn mit Chiffon?« »Ich darf dir nichts sagen«, antwortete Konrad, »ich habe dem Untersuchungsrichter mein Wort gegeben.« »Ach, die beiden, der Untersuchungsrichter und du, ihr seid die richtigen Brüder. Man kann eben gar nichts von dir haben.« – Er legte sich hin, drehte sich zur Wand und gab kein Zeichen, ließ stumm den Bruder ziehen, der noch einmal gefragt hatte, ob die Kragenweite 40 richtig sei. Auf dem Lazarettkorridor traf Konrad den Dr. Fabrizius. »Nun, Kollege, frater et domine, was sagen Sie zu dem alten Glückspilz? Ja, dem Gerechten gibt es Gott im Schlafe.« »Wie meinen Sie?« fragte Konrad zerstreut. »Mein Bruder – ein Glückspilz!?« »Aber nicht doch, lieber Kollege. Ihr Bruder übrigens auch. Ich hätte gar nicht geglaubt, daß er so schnell über den Berg käme, auch ihm hat es Gott im Schlafe gegeben. Gemeint aber habe ich diesen Dussel, den Jarausky, der sich mit seiner Mutter auf einmal im Golde wälzt. Ja, da staunen Sie! Die alte Dame hat angeblich eine Million in der Staatslotterie gewonnen. Wenn dieses östliche Naturvolk auch immer maßlos übertreibt, Geld muß jetzt jedenfalls da sein, und zwar massig! Nun, ich beneide trotzdem weder Mutter noch Sohn. – Kann man mal eine Zigarette von Ihnen haben, ich habe die meinen oben im Straßenanzug –« »Gewiß«, sagte Konrad mechanisch, »mit Mundstück? Ohne Mundstück?« »Ganz einerlei! Wir Barbaren nehmen alles!« »Wo habe ich sie denn nur?« sagte Konrad, seine Taschen durchsuchend. »Ach, lassen Sie, wenn es Mühe macht! Soviel liegt nicht daran.« »Doch! Mir liegt daran, mir liegt sehr viel daran! Ich muß sie wiederfinden.« »Ob Sie sie nicht eben bei Ihrem Bruder vergessen haben?« »Nein, das ist ausgeschlossen!« »Aber es zieht doch ein leises aromatisches Lüftchen durch die Welt, liebliches Geschmauche! Sollte mich sonst sehr irren! Und aus seinem Zimmer kommt es! Überzeugen Sie sich selbst! Ja, der zerstreute Professor! Sagen Sie, wann werden Sie Professor? Hoffentlich bald! Nanu, was haben Sie? Warum auf einmal so blaß? Hinsetzen? Aber natürlich! Bloß wo? Hier im Korridor? Was ist da jetzt bloß wieder los? Er raucht, und Sie haben Nikotinvergiftung, Blässe, Herzschwäche, weite Pupillen, frequenten, dünnen Puls?« »Lassen Sie mich, bitte, lassen Sie, es ist schon wieder alles in Ordnung.« »Um auf die alte Sache zurückzukommen, was hat solch ein Mensch noch viel vom Leben zu erwarten?« »Was, das sagen Sie, Fabrizius! Sie sagen das auch? Meine Frau hat es mir immer wieder gesagt!« »Ihre Frau?« fragte Fabrizius, sehr erstaunt zurücktretend, denn er war einen solchen Ausbruch bei dem immer beherrschten Konrad nicht gewohnt. »Wie kommt denn Ihre Frau mit der alten Hexe, der Mutter Jarausky, zusammen?« »Entschuldigen Sie«, sagte Konrad, sehr bleich, aber wieder völlig Herr seiner selbst, »ich habe Sie noch ein zweitesmal mißverstanden. Sie haben recht, gewiß.« »Mag sein, mag immerhin sein!« sagte Fabrizius abschließend, da er sich nur ungern auf persönliche Dinge einließ. »Bitte mich übrigens daheim zu empfehlen! Waren Sie überhaupt heute schon oben bei dem Alten? Ohr möchte Sie gern sprechen, deucht mich, er wäre einem Gentlemenpalaver nicht abgeneigt, so scheint mir fast.« Sehr langsam ging Konrad die altbekannten Gänge entlang, über die verschiedenen Höfe in das Direktionsgebäude. Seit dem technisch vollendeten Diebstahl der Zigaretten durch Rudolf war etwas in ihm zerbrochen, und dabei war es nichts Neues und konnte nichts Neues sein. Es war etwas, das alle Mitglieder der Familie seit über zehn Jahren an Rudolf kannten. Konrad liebte seinen Rudolf immer noch. Aber er erkannte, wie sehr er Flossie unrecht getan hatte, und jetzt fürchtete er, es sei zu spät zur Umkehr. Er ahnte, daß ihm der Direktor etwas Wichtiges, das Rudolf betraf, mitteilen wollte. Gestern noch wäre er atemlos, mit wehendem Kittel über die Korridore zu ihm hingelaufen, heute ging er ebenso schnell oder ebenso langsam, wie wenn er in rein dienstlicher Angelegenheit zu Ohr gerufen worden wäre. Lag es daran, wenn er diesmal zu spät kam? – »Vor einer Sekunde fortgegangen, der Herr Major«, sagte man ihm, »Herr Doktor müssen ihm auf der Treppe begegnet sein.« »Nein.« »Wollen Herr Doktor etwas hinterlassen?« »Danke! Nein!« »Und werden Herr Doktor dann heute abend telephonisch zu erreichen sein?« »Kann ich jetzt noch nicht sagen. Noch etwas?« »Nein, Herr Doktor.« VI. Chiffon hockte jetzt verzweifelt am Bette seiner Vera und versuchte vergebens, sie zu erwecken. Das, was er in der letzten Nacht für den Teil eines Badethermometers gehalten hatte, war nichts anderes als ein Röhrchen, das er längst hätte erkennen müssen, das alte Röhrchen mit zwölf Veronaltabletten. Jetzt hielt er es vor sich hin und schüttelte es, als hoffe er, einige Pulver seien darin zurückgeblieben. Aber nur ein Wattebäuschchen senkte sich hinab, das zum Schutz der leicht zerbrechlichen Pulver in der Tube gewesen war. Sollte er sofort einen Arzt kommen lassen? In diesem Ort war keiner ansässig, man hätte in das Nachbardorf telephonieren müssen. Das kleine, gottverlassene Hotel hier wäre in Aufruhr geraten und plötzlich bekam Chiffon Angst, die Polizei könne auf ihn aufmerksam werden, und bis jetzt war es ihm doch so schön gelungen (Gott verläßt die Schlauen nicht!), sie von sich fernzuhalten. Aber Vera! Seine innigstgeliebte Vera, die sich wie tot hin- und herschütteln ließ! Er wollte aber keinen Augenblick verlieren, wenn es galt, eine Gefahr abzuwenden. Bestand aber schon bei zwölf Pulvern eine solche Gefahr? Vera lag da, die nackten Arme ihrer ganzen Länge nach auf dem himmelblauen, seidenen, in Karos gesteppten Deckbett ausgebreitet. Ihre Farben waren nicht schlecht, die Falten um das Mündchen ausgeglichen. Sie atmete regelmäßig und tief. Und doch war wohl Gefahr da? Wer konnte ihm jetzt raten? Er ging zum Fenster, sein Herz pochte zum Ersticken, in seinem Innern wühlte es wie mit Messern, und doch durfte er jetzt nicht an sich denken, sondern nur an seine geliebte, einzige Vera. Wie konnte sie dazu gekommen sein? Hatte sie sich allen Ernstes das Leben nehmen wollen? Aber das große Kind kannte doch keinen Ernst! Er konnte es nicht fassen. Ein so glückliches Geschöpf, seine Vera, die endlich ebenso »phantastisch selig« war, mit ihm ihre Hochzeitsreise angetreten zu haben, wie er mit ihr. Hinter ihm in dem großen, hellen Zimmer raschelte es. Er wandte sich schnell um. Er glaubte, sie sei erwacht, ihre kräftige Natur, ihre glücklichen fünfundzwanzig Jahre hätten die betäubende Wirkung überwunden. Vielleicht hatte sie eben erst ihr Händchen bewegt? Er kehrte an das Bett zurück, ihm schien wirklich, das feine, weiße Händchen mit den vielen Ringen wäre in ein anderes Feld der Daunendecke gerückt. Wie aber sollte er das erkennen? Er hob ihre Hand auf (sie wog schwerer, als er gedacht hatte), und als er den Pulsschlag in einem ganz regelmäßigen Zucken einer kleinen Hautstelle unter dem Handgelenk, in einem winzigen Überschweben eines feinen Schattens über der Schlagader genau sechzigmal in der Minute sich abzeichnen sah, fühlte er sich ruhiger. Es war vielleicht eine zwar starke, eine »ordentliche« Dosis Veronal gewesen. Aber doch keine, die lebensgefährlich war? Jetzt machte er sich Vorwürfe, daß er früher Erzählungen von derartigen »Kindereien«, das ist: Selbstmordversuchen, nie hatte ernst nehmen wollen, da er immer sicher gewesen war, weder ihn selbst noch sein geliebtes Verachen könne einmal solch ein Schicksal treffen. Vor allem sollte unbedingt der Arzt geholt werden, aber möglichst ohne »Theater« (schon zu sehr waren er und seine Vera hier aufgefallen), und so legte er seine Vera noch etwas molliger in ihrem Bette zurecht, wobei er Kissen von seinem eigenen Bette aus dem Nachbarzimmer mit herzuschleppte, dann ging er, ganz leise die Tür schließend, als fürchte er, er könne die so hold Schlummernde aus ihrem rätselhaften, schweigenden Schlaf erwecken, aus dem Zimmer, begab sich in die Portierloge und verlangte eine Telephonverbindung mit dem Arzt. Heute, am Sonnabend, war ein etwas lebhafterer Betrieb in dem Hotel, das besonders für Wochenendgäste sich hatte einrichten müssen. Freilich war das Wetter nicht sehr einladend, wie es der Portier in einer langen geschwätzigen Rede betonte, die Wolken zögen sich im Wetterwinkel unheilverkündend zusammen. Für das Hotel bliebe die einzige Hoffnung, daß es in Prag herrlichsten Sonnenschein, hier aber ein ordentliches Regenwetter geben würde, denn unter solchen Umständen müßten viele Gäste sich im Hotel aufhalten und mehr verzehren. Chiffon in seiner Ungeduld verstand nicht, welche Wichtigkeit der Portier diesen Betrachtungen beimaß. Mindestens eine ebenso große wie dem Bitten Chiffons, den Arzt im nächsten Orte heranzurufen. Er selbst durfte ja nicht telephonieren, denn er konnte nicht in der Landessprache die Nummer nennen, obwohl sie ihm der Portier viele Male vorsprach. Er schüttelte sich vor Ungeduld, Sorge und Wut – aber er, er beherrschte sich. Der Portier verstand die Ungeduld Chiffons nicht. »Kommt Zeit! Kommt Rat! Nur mit der Ruhe!« Nach fast einer Viertelstunde, während der Chiffon, wie auf die Folter gespannt, von einem Fuß auf den andern trat, meldete sich endlich die Nummer des Arztes. Aber der Doktor war zu Patienten in der Umgegend gefahren – vor eben zehn Minuten – mit seinem Motorrad, man würde anrufen, sobald er zurückkäme. »Er soll dann sofort kommen!« wollte Chiffon rufen: »Er sososoll«, aber schon hatte er begonnen zu stottern, inzwischen wurde die Verbindung getrennt. Vergebens versuchte der Portier, sie wiederherzustellen. Endlich, als sich Chiffon bereits auf der Treppe befand, klingelte es wieder aus der Telephonzelle. Chiffon stürzte sofort wieder zurück, der Portier gab ihm aber den Hörer nicht in die Hand, sondern sprach, breit lächelnd, in seinem für Chiffon unverständlichen Idiom in den Apparat hinein, mit seiner Bärentatze Chiffon davon abhaltend, den Hörer zu ergreifen. »Wawawawawas ist, wawawann kommt er, der Arzt?« fragte endlich Chiffon, immer von neuem in sein unseliges Stottern geratend. Der Portier schüttelte den Kopf. »Aaaa-aber Sie haben doch eben erst –« »Nur mit dem Postamt. Macht siebenfünfzig.« »Wie, was? Siebenfünfzig? Wie, was?« »Sie können sofort zahlen, sieben Tschechenkronen, fünfzig Heller«, sagte der Portier etwas ungeduldig, da ein Motorrad mit zwei jungen Leutchen vor dem Portal des Hotels hielt, voraussichtlich die ersten Wochenendgäste. »Wann – kommt – er?« fragte Chiffon, da er sein ganzes Augenmerk darauf gerichtet hatte, deutlich zu artikulieren. Der Portier glotzte ihn verständnislos an. »Es ist gut – ich zahle später«, sagte Chiffon, sich mit aller Mühe fassend, »und sobald der Doktor kommt, soll er sofort hinaufkommen.« »Ja, was ist es denn? Die gnädige Frau fühlt sich vielleicht nicht wohl?« fragte der Portier, jetzt wieder höflicher werdend, als er gemerkt hatte, daß die jungen Leute das schwere Motorrad zu zweit an eine Barriere am Ufer des Sees geschoben hatten, da sie offenbar nicht die Absicht hatten, über Nacht hier zu bleiben. »Nichts! Eine Kleinigkeit! Das zarte Geschlecht! Hahaha! Schlechter Schlaf, nicht? Immerzu! Es wird schon besser!« sagte Chiffon, bereute aber diese Worte, sofort. Er hätte im Gegenteil den Zustand seiner Frau viel düsterer darstellen sollen, damit der Portier den Arzt schneller herbeischaffe. Chiffon lief jetzt die Stufen wieder empor, mit der Hand fest auf den Leib drückend, um die rasenden Schmerzen im Magen abzuschwächen. Als er die Tür öffnete, war ihm, als hätte sich Vera eben aufgerichtet, als hätte sie in ihrer kindischen Schelmerei bloß die Kranke spielen wollen. Aber sie hatte ihre Lage nicht geändert. Er setzte sich erst an den Bettrand, dann aber, sehr traurig, ließ er sich auf den Teppich zu Füßen des Bettes niedergleiten, legte den Kopf auf die Bettdecke, und zwar so, daß Veras warme, weiche Hand seine Haare gerade noch berührte. Die wütenden Magenschmerzen besänftigten sich etwas. Daß ihre Hand so weich, so warm war (wärmer als sonst, so schien es ihm), das war doch sicher ein gutes Zeichen. Nur ein klein wenig Geduld! Vielleicht schlug Vera sofort die Augen auf, wenn man sie beim Namen rief oder ihr ein Licht vor die Augen hielt oder... Er erhob sich sofort wieder und sah sie an, angestrengt nachdenkend. Plötzlich fiel ihm ein, ein »starker Sinnenreiz« würde sie vielleicht am schnellsten aus ihrem unseligen langen Schlafe wecken. Eine starke, schöne Musik, Pauken, Trompeten, Beethoven zum Beispiel. Aber hier Beethoven?! Am Nachmittag gegen fünf Uhr sollte es Tanzmusik geben. Und sie hatte sich in der letzten Zeit gewünscht, wieder einmal mit ihm zu tanzen. Vielleicht war sie bis dahin erwacht, hatte frische Augen, ihre guten alten schönen Farben ... Mit einem Seitenblick streifte er das Nachtkästchen, auf dessen Glasplatte neben ihren vielen schönen Ringen der goldgefaßte Lippenstift lag, mit dem sie sich in der letzten Nacht die Männergesichter auf die Knie gezeichnet hatte. Und ein solches Sonnenkindchen sollte Selbstmordabsichten haben? Einen Augenblick dachte er daran, sich das Bild auf ihrem Knie anzusehen, aber dann deckte er sie noch fester zu. Er beugte sich über sie und hätte sie gern geküßt, aber er hatte eine Art Scheu davor. Statt dessen nahm er die schweren großen warmen Perlen ihrer Perlenschnur, die sie anbehalten hatte, zwischen seine Lippen und ließ sie eine nach der andern hindurchgleiten, von einer in Worte nicht zu fassenden Zärtlichkeit für dieses, sein einziges, rotblondes Häschen erfüllt – langsam verzogen sich seine Schmerzen ganz –, plötzlich knirschte es unheilverkündend zwischen seinen Zähnen, denn er war an die Diamantschließe gekommen, die das Halsband im Nacken zusammenhielt. Er schrak auf. Veras Gesichtchen hatte sich etwas verändert, es waren Schweißtropfen auf dem Nasenrücken zu sehen, wo einige goldbraune Sommersprossen verstreut lagen in der flaumartig matten Haut... Vielleicht war ihr die Decke, die er vorhin bis zum Halse emporgezogen hatte, zu schwer. Ihr Hälschen war so dünn, die zwei Linien um ihren Mund, die er zuerst im Eisenbahnwagen zwischen B. und Prag an ihr beobachtet hatte, hatten sich verschärft. Nicht mehr wie mit einer Nadelspitze angeritzt, sondern wie mit einer Messerschneide eingeschnitten, liefen sie neben den kleinen Nasenlöchern hinab zu den Mundwinkeln. Wessen Werk waren sie? Nur Rudolfs Werk! Und Chiffons Haß, der sich in seinem Glück etwas beruhigt hatte, flammte wieder auf. Aber was konnte er tun! Er wußte ja nicht einmal, welches von den beiden Fratzengesichtern, die Vera auf ihre Knie gezeichnet hatte, sein Bild war und welches Rudolfs Fratze. Er trat von ihr weg und sah auf die Tanzterrasse hinab, wo die Kellner unter lauten Gesprächen die Tische deckten und die wehenden Tischtücher mit Klammern an den Tischplatten befestigten, denn es hatte sich unter dem stark bewölkten Himmel ein sausender Gewitterwind erhoben. Er wollte zornig auffahren. Schon hatte er in seiner Wut darüber, daß sie sein Verachen im Schlafe störten, ein lautes Wort hinuntergerufen, als ihm plötzlich einfiel, es wäre ja gut, daß sie Lärm machen, vielleicht weckten sie dadurch seine Frau wieder auf. Die Kellner hatten erschrocken nach oben gesehen. Er tat, als bemerke er es nicht. Einer von ihnen stellte, wie es schien, eine Frage an ihn, im Heranknattern eines Motorrades verstand er sie nicht und nickte nur gleichgültig, dann kehrte er vom Fenster ins Innere des Zimmers zurück. Im Zimmer herrschte eine starke Unordnung, wie er erst jetzt, genauer umhersehend, bemerkte. Flink auf den Zehenspitzen umhertrippelnd räumte er Verschiedenes in den Schrank, ein Käppchen, das weiße Mäntelchen, einen Gürtel aus Seide, die weißschwarze Federboa, ein Parfümfläschchen, eine Dose mit Gesichtspuder, ein Glasgefäß mit Hautpuder, Watte zum Abschminken, eine Nadel mit ihrem Buchstaben V., ein Kämmchen, den Rücken in Gold gefaßt, mit einem Haar von ihr, ihr Nähbeutelchen, ihren Manikürkasten, Magazinhefte mit Eselsohren, ein kleines Notizbuch mit klebrigem Einband, weiße Schuhpaste, gelbe Schuhcreme, viele kleine billige Spiegelchen, die Bildchen von Schokoladenpackungen, mit einer Nähnadel aneinandergeheftet, getrocknete Blumen in einem Kuvert ohne Aufschrift, Schachteln mit Zigaretten, Schachteln mit Knöpfen, mit allerhand Kleingeld, mit gebrauchten Fahrscheinen – Kuverte von Briefen an ihn aus der Zeit in B., eine Bürste mit silbernem Rücken –, dann zwei Paar weiße, etwas angeschmuddelte Handschuhe, einige Wäschestücke. Die cremefarbenen Schuhe schlug er über die Leisten, machte Ordnung überall, die winzigen Schokoladebrösel fegte er vorsichtig, damit sie auf der Daunendecke keine Flecken hinterließen, in die hohle Hand und schüttelte sie aus dem Fenster. Hätte sie nur Rudolf nie gekannt! VII. Der Arzt ließ auf sich warten. Es war ein Uhr Nachmittag, unter den Fenstern sah man einige Tische besetzt, und das Klirren der Eßbestecke auf den Tellern drang empor mit dem Geruch der Speisen, die unten serviert wurden. Und sie lag immer noch da, die kleine Langschläferin, das süße böse Faulpelzchen. Zu gern hätte er sie wach gemacht. Aber wie? Plötzlich fiel ihm ein, daß sie ihn bei der Reise, kurz vor der Ankunft in Prag gebeten hatte, sie zu schlagen. Mit den Handschuhen, den langen, den weichen, aber nicht mit den Knöpfchen, sondern mit den Fingerspitzen. Er hatte die Handschuhe eben erst in die Lade eingeräumt, sie vorsichtig glättend und die wie aufgeblasenen Fingerchen wieder zusammendrückend. Jetzt holte er sie hervor, sie waren aber so weich wie Blumenblätter, und wenn er sich selbst zur Probe ganz fest damit zu schlagen versuchte, empfand er es nur als Liebkosung, nicht anders. Aber es sollte ja jetzt nicht mehr liebkosen, nur wecken. Sollte er Vera schlagen? Konnte er sie damit erwecken? War sie wirklich tief betäubt, so merkte sie nichts davon. War es aber nur ein zu schwerer Schlaf, dann war der Schlag wie Medizin, und sie konnte noch jetzt, vor dem Mittagessen, aufstehen und essen, endlich sich gut nähren und wieder zu Kräften kommen. Von unten stieg verführerisch der Duft der Speisen empor. Zuerst schlug er zwei-, dreimal auf die Kissen, ohne daß sich etwas in Veras leichenblassem Gesichtchen, von dem die Schweißtropfen wieder verschwunden waren, rührte. Dann faßte er sich ein Herz und hob die Hand, um ihr auf die Wangen zu schlagen. Dann sah er, noch einmal zögernd, seine Hände an. Ein Fingernagel stand ziemlich weit vor, der des kleinen Fingers, den er immer sehr geschont hatte. Aber jetzt mußte er ihn opfern und schnitt ihn und die anderen kurz ab. Aber selbst jetzt graute ihm davor, sie hart anzufassen. Er hatte es nie getan, von ihrer ersten Liebesnacht angefangen bis zur letzten (nein, nicht »letzten«, das durfte und konnte ja gar nicht sein) hatte er sie immer mit aller Schonung, immer und überall ganz zart berührt, und jetzt sollte er ihr einen Schlag versetzen? Er versuchte noch ein anderes Mittel. Er zog die abgelaufene silberne Weckeruhr auf, stellte den Wecker auf halb zwei Uhr und ließ sie vor ihren kleinen Öhrchen losklingeln. Es klang grell, es dauerte lange. Endlich verstummte der Wecker. Geschlossene Lider. Sie rührte sich nicht. Es mußte also sein? Nun hob er die Hand und schlug seiner Frau, sie dabei mit den zärtlichsten Koseworten anstammelnd, ins Gesicht. Es schauderte ihn, als mit einem häßlichen Klatschen seine dürre, ausgebreitete Hand ihre weichen, kühlen Wangen berührte. Aber es schien ihm, als sei sie doch, unmerklich fast, zusammengezuckt, und die Wangen röteten sich lebhaft, und so atmete er tief auf und schlug zu. »Verachen, süßes, holdes, geliebtes Kind, Öseicht, Bösewicht, ach och auf! Wach doch auf, Verachen! Püppele, Üppele!« Schon schien sie ein elektrischer Strom, von den Schultern beginnend und die schlanken Arme hinablaufend, zu durchzittern, und er holte aus, um ihr noch einen Schlag, »den letzten, den aller-, allerletzten«, zu versetzen, als sich Schritte der Tür näherten und zugleich mit dem klatschenden Niederprallen seiner Hand, die er in ihrem Schwung nicht mehr hatte aufhalten können, sich die Tür auftat und der Portier mit dem Hoteldirektor und einem Serviermädchen auf der Schwelle erschienen. Das Serviermädchen hatte ein ganzes Gedeck auf dem Arm gebracht. Jetzt stand sie mit den Terrinen und Tellern da, genauso, wie er sie in der »Hera« seinen armen ausgebeutelten Gästen oft zu etwas ungelegener Zeit aufgetischt hatte. Der Direktor, ein würdiger älterer Herr, wandte entrüstet seine Augen fort, das Serviermädchen, bis an die Brust errötend, stellte das Tablett auf den Tisch, und der Portier allein behielt kaltes Blut. Er hatte Nachricht vom Arzt. Chiffon hätte vor Scham und Wut in die Erde versinken mögen. Plötzlich entsann er sich, wie sehr ihm Vera das feine zarte Wesen Rudolfs gerühmt hatte! Rudolf hätte nie geschlagen, auch aus Liebe nicht! Er faßte sich schnell, aber er hatte sich nicht mehr so in der Gewalt wie in früheren Zeiten, denn die Sorge um Vera machte ihn fast wahnsinnig, und so ließ er es dem alten Hoteldirektor gegenüber an Geduld fehlen und warf ihm und seinen Begleitern mit keifender, hoher Stimme vor, sie hätten sich, ohne anzupochen, wie es in einem anständigen Hotel Sitte sei, in das Zimmer hineingedrängt. Gerade im Punkt der Anständigkeit des Hotels war aber der Direktor empfindlich. Sich zu straffer Haltung aufrichtend, erwiderte er, in diesem Punkte brauche er keine Lektionen anzunehmen. »Ja, sehen Sie denn nicht meine Frau hier schwerkrank liegen?« rief Chiffon mit noch stärkerem Keifen aus. »Was können wir mehr tun? Mein Herr! Mein Herr, wir haben sogar das Mittagsmenu aufs Zimmer bringen lassen – ohne Extrazuschlag...« Chiffon, sich endlich zu einem Lächeln zwingend, das sich aber zu einer scheußlichen Grimasse verzerrte, schüttelte nur den Kopf, mit seinem langen, häßlichen Finger ohne ordentlichen Nagel immer noch auf die schlafende Vera zeigend. Mitten in dem leichenblassen Gesicht fielen die von den Schlägen geröteten Stellen besonders kraß auf. Der Direktor verbeugte sich, sagte nichts und verließ das Zimmer. Das Serviermädchen war schon früher gegangen. Chiffon wandte sich zum Portier. »Und wo bleibt denn der Arzt?« »Bei einer Geburt!« flüsterte der Portier mit wichtigtuerischer Miene. »Ein neuer Erdenbürger – großer Kopf, zarte Frau, schwere Arbeit!« Und er schmunzelte, als habe er einen guten Witz vom Stapel gelassen, dann aber, mit einem scheuen Blick auf Vera: »Geht es denn dem gnädigen Fräulein immer noch nicht besser? Was ist denn passiert?« »Ach, nichts. Sie sehen doch«, zischte Chiffon, der seine ganze Wut jetzt an dem Portier losließ, »meine Frau kann nachts in dem Lärm schlecht schlafen, da hat sie ein Schlafmittel zuviel genommen. Was ist da viel zu verstehen?« »Hier schlecht schlafen? In unserem Hotel? Ruhiger kann sie es nirgends finden – die gnädige Frau. Sie haben doch auch das Nebenzimmer zur Verfügung – und nicht ruhig? Nicht schlafen?« »Schon recht, schon recht«, sagte Chiffon, den Portier sanft aus dem Zimmer herausdrängend, »rufen Sie doch noch einmal bei dem Arzt an. Oder nein, bei einem anderen. Es wird doch noch ein anderer in erreichbarer Nähe sein?« »Wo? In der Nähe? Ein anderer?« fragte der Portier, schon an der Schwelle, in seiner dümmlichen Art. »Ach was! Bitte, rufen Sie jedenfalls noch einmal an, und zwar dringend!« »Kostet aber! Dringend? Kostet dreifachen Tarif, wenn dringend«, antwortete der Portier, der sehr gut bemerkt hatte, daß Chiffon mit seinem Geld haushalten mußte. »Wie meinen?« fragte Chiffon wütend. »Oh, bitte, nichts gesagt zu haben. Werde sofort anrufen. Aber bis drei Uhr ist das Amt geschlossen.« »Was, euer Dreckamt ist geschlossen?« »Nicht immer«, sagte der Portier eingeschüchtert, »ich werde dafür sorgen, ich schicke unseren Boy zur Postagentur. Verlassen Sie sich auf mich, ich selbst werde dafür sorgen, daß die arme Dame – in gute Hände kommt.« In fürchterlicher Unruhe verbrachte Chiffon die Zeit bis fünf Uhr nachmittags. Draußen hatte sich ein starker Wind erhoben, auf dem glanzlosen Wasser zeigten sich steingraue hohe Wellen mit weißen Schaumkränzen, in den Tannen heulte der Sturm, aber noch war kein Tropfen vom düster umhangenen Himmel gefallen. Um fünf Uhr begann der Lautsprecher, der auf der Balkonestrade angebracht war, zu dröhnen, und eine Tanzplatte nach der andern, fast nur alte abgetane Schlager, wurden aufgelegt, und die wenigen Paare, meist ganz junge, reizende Mädchen in lichten Kleidchen und junge hübsche schlanke Männer in Sportkleidung, begannen sich auf der kleinen Tanzplatte im Tanz zu drehen. Kaum war die eine Platte abgelaufen, als fast ohne Pause eine neue aufgelegt wurde, und so ging es stundenlang. Um sechs Uhr war das Serviermädchen erschienen und hatte, während sie das unberührte Essen wieder abräumte, zu Chiffon gesagt: »Der Doktor wird sich gleich kommen.« Angesichts der totenstillen, mit jeder Minute mehr verfallenden, schwer und röchelnd atmenden Vera war Chiffon ganz zu Boden geschmettert. Er lauschte auf jeden Schritt auf der Treppe, aber es waren nur die Wochenendpaare, die lustig plaudernd, singend, zwitschernd, lachend, eben wie himmlisch vergnügte, gesunde, blühende Kinder, die Treppen hinauf- und hinabschlüpften. Endlich, während ein gewaltiger Gewitterregen über dem See und der Tanzplatte niederprasselte, erschien der junge Arzt in einer kurzen Lederjoppe, regentriefend von oben bis unten, die nassen, schweren, kastanienfarbenen Fahrhandschuhe über der seidenen Daunendecke der schlafenden Vera ausschüttelnd. Er ließ sich von dem Gatten berichten, prüfte das Veronalröhrchen, ließ sich alles dreimal und viermal wiederholen, immer durch die draußen unbekümmert weiterdröhnende Tanzmusik am richtigen Zuhören gehindert. Endlich begriff er, was vorgegangen war, beugte sich über Vera, untersuchte sie, etwas ungeschickt zwar, aber gründlich und zart. Dann machte er ein ernstes Gesicht und knipste, da es durch das Gewitter im Zimmer etwas dunkel geworden war, die Nachttischlampe an – legte die Daunendecke vorsichtig zurück und entdeckte auf den reizenden Knien der jungen Frau die zwei Gesichter, die sie gestern nacht dort aufgemalt hatte, eines karminrot mit dem Lippenstift, das andere schokoladenbraun mit der Tafel Schokolade. Zuerst staunte er, dann brach er in ein prustendes gesundes Lachen aus. Als Chiffon herbeieilte, um mit einem nassen Schwamm die kindische Zeichnung zu entfernen, sagte er in unbeholfenem Deutsch, immer wieder von Lachstürmen unterbrochen: »Das ist bald zu Ende. Lassen der Herr nur!« Chiffon starrte ihn entsetzt an. Hatte der Arzt gemeint, daß Vera verloren sei? Der Landarzt verstand endlich, daß Chiffon ihn mißverstanden hatte. »O nein, Gegenteil, das ist nix.« »Keine Gefahr?« »Keine Gefahr! Sofort nach Prag!« sagte der Landarzt, sich seine Sachen, die Lederhandschuhe und die Lederkappe zusammensuchend. An der Schwelle blieb er stehen. Chiffon suchte Geld in seiner Börse zusammen. Dankbar nahm der Arzt das Honorar entgegen und wiederholte zusammenfassend alles in drei Sätzen: »Keine Gefahr. Sofort nach Prag! Und bitte nicht mehr schlagen?!« Entgeistert blieb Manfred zurück. Zu seinem andern Jammer quälte ihn jetzt der Gedanke, man habe geglaubt, er habe seine Frau in Wut, mit böser Absicht geschlagen, er, der seine Vera nie anders als mit der zärtlichsten Schonung berührt hatte. Aber er hatte nicht lange Zeit, darüber nachzudenken. Der Direktor erschien, noch förmlicher als vorhin, und sagte: »Ich habe gehört, daß Sie unser Haus heute noch verlassen wollen.« »Ja, meine Frau soll nach Prag ins Sanatorium.« »Ja, gewiß, am besten zu Dr. A., ins Sanatorium«, sagte der Direktor. »Unser Personal wird Ihnen beim Einpacken behilflich sein.« Chiffon nickte, dankbar gegen den alten Herrn mit weißem Kaiserbart gesinnt. Plötzlich fiel es ihm schwer aufs Herz. »Aber wie-wie-wie...? Wie bringen wir sie aber fort?« »Zu Fuß kann sie nicht bis zum Postauto gehen. Auch ist es meist zum Platzen voll, es ist fürchterlich selbst für eine gesunde Person«, überlegte der Direktor. »Wir würden sie ja gar zu gern dabehalten, aber...« »Nein, nein, es ist schon das beste, sie kommt sofort in bessere Pflege.« »Natürlich, freilich, ganz gewiß, das mit dem Schlagen hilft eben nicht immer. Ich hatte mit meiner Frau auch mal Differenzen... Hat aber nie genützt. Jetzt ist sie lange schon glücklich hinüber.« Er lächelte. »Haben Sie denn kein Hotelauto für den Transport?« fragte Chiffon. »Hotelauto? Nein! Eigentlich nein. Das rentiert sich beim schwachen Besuch nicht. Die meisten kommen mit dem Autobus her, oder sie haben Motorräder...« »Ich habe aber einen kleinen Wagen in der Hotelgarage gesehen.« »So? Das ist mein Privatauto.« »Können Sie es mir nicht zur Verfügung stellen? Sie müssen doch Rücksicht auf meine arme Frau nehmen.« »Oh, ich bitte Sie! Halten Sie mich für einen Unmenschen?« »Also!« »Leider ist es kaputt. Der Ventilatorriemen ist gerissen.« »Das ist eine Kleinigkeit.« »Glauben Sie?!« »Lassen Sie ihn auf meine Kosten reparieren.« »Oh, das dürfen Sie mir nicht anbieten.« »Ja, was soll ich um Himmels willen denn noch tun?« schrie Chiffon ganz verzweifelt und faßte nach den Händen des Hoteldirektors. »O bitte, nicht so temperamentvoll im Krankenzimmer! Nicht so laut sprechen«, sagte der Direktor gemessen. »Wir haben doch noch andere Gäste.« Tatsächlich waren im Nebenzimmer Stimmen laut geworden, Lachen und zärtliche Ausrufe... Chiffon wußte nicht mehr, was tun. Die Daunendecke war wieder über die schlafende Vera gebreitet worden, bloß ihr winziges weißes Füßchen sah hervor. Er deckte es zu. In so tiefer, alles zerreißender Verzweiflung war er nie gewesen, selbst in seiner düsteren Jugend im »schwarzen Elsaß« nicht, in den seligen Rosenfingerzeiten nicht, nicht an der Eisenkasse, eingeklemmt von Rudolfs festen Knien und Rudolfs Zigarette zwischen Halskragen und Haut – jetzt hatte sich das Schicksal vielleicht doch an ihm gerächt, das, was die »Kinder« in ihrer glücklichen Einfalt den lieben Gott nannten? Sollte er ihm noch einmal ein Gelübde tun, ihm noch einmal etwas von seinem Geld anbieten? Würde ihm der Himmel trauen? Was sollte nur werden? Vera konnte doch nicht hier zugrunde gehen. »Keine Gefahr?« Was wußte der dumme Landarzt? »Sofort nach Prag!« das war die Hauptsache... Wenn doch nur der Himmel Einsicht hätte, ein letztes Mal noch! »Lieber Gott, ich schlage dir nichts mehr vor, du machst das Geschäft ja doch nicht. Aber wenn du dich schon meiner nicht erbarmst, erbarme dich meiner armen, unschuldigen, geliebten Frau!« (Jetzt erschollen die Zärtlichkeitsbeweise noch deutlicher vom Nebenzimmer her.) »Laß sie nicht hier zugrunde gehen!« Der Direktor war eben ganz nahe an ihn herangetreten und hatte, die Worte in seinen dicken Bart hineinmurmelnd, gesagt: »Wenn Sie es riskieren wollen, nehmen Sie in Gottes Namen den Wagen!« »Ach tausend Dank! Wirklich? Tausend Dank!« Draußen war es noch dämmerig, aber riesige Regenmassen strömten herab, auf dem glatten Tanzparkett aufplatzend. »Nichts zu danken, mein Herr«, sagte der Direktor gerührt, »auch ich bin ein alter Eheveteran, mir haben die Frauen derzeit auch genug Scherereien gemacht! Komisches Volk das, könnten es doch so gut haben! Veronal! Veronal! Wie kommt solches Frauchen zu Veronal? Sie hätten es besser verschließen sollen! Kenne das alles, es ist aber auch Theater dabei, ich war ein Ehekrüppel...« »Was ist nun jetzt mit dem Wagen?« fragte Chiffon ungeduldig. »Ach so! Den Wagen können der Herr sofort haben. Sobald nämlich der Riemen, auf meine Rechnung hier im Ort, geflickt ist.« »Und wer fährt?« »Ja, wer fährt? Ich kann meine Leute jetzt nicht entbehren, wir haben heute Hochsaison. Aber lassen Sie es gut sein, ich verschaffe Ihnen einen Chauffeur, der bringt sie zuverlässig nach Prag. Wenn nur die alte Karre bis dorthin aushält.« Chiffon drückte dem Direktor dankbar die Hand, dann machte er sich in aller Eile ans Packen, das Stubenmädchen war ihm behilflich, seine Frau warm anzukleiden. Jetzt waren endlich die vielen Koffer gepackt, Vera lag vollständig angekleidet in ihrem weißen Mäntelchen auf dem Bett. Von draußen hörte er starkes Motorengeknatter, aber es waren nur Wochenendgäste, die trotz des schlechten Wetters angekommen waren, denn die Voraussage des Portiers hatte sich erfüllt, noch am späten Nachmittag war in Prag das schönste Wetter gewesen. Der Wagen kam nicht. Endlich als Chiffon in seiner Verzweiflung die Treppe hinabrannte, sah er den Wagen im Regen stehen, vielleicht schon seit einer Stunde, und niemand hatte es ihm gemeldet! Es war ein kleiner Viersitzer, offen, das Wetterdach war nicht aufgespannt und der Regen klatschte über die abgenutzten Kissen und rann in kleinen Bächen über die blanken Teile des Wagens hinab. Endlich war das Verdeck aufgespannt, das Gepäck rückwärts, so gut es ging, und vorne neben dem Chauffeur verfrachtet. Man trug mit seiner Hilfe Vera in den Wagen (ihre zarten Beine zeichneten sich durch den dünnen Rock ab, und plötzlich entsann sich ihr Mann der Szene am Kiosk, wo sie mit ihrem dünnen Röckchen im Blut des Polizisten gekniet hatte, und es durchfuhr ihn ein Schauder der Furcht, wie er ihn nie gekannt hatte), dann war sie sorgfältig gebettet und mit Decken zugedeckt, er hatte sich neben sie gesetzt, der Motor war angelassen, und alles sollte losgehen, als ihm der Portier, verärgert durch ein viel zu kleines Trinkgeld (Chiffon mußte ja sparen), nachlief und ihn energisch aufforderte – sich in das Gästebuch einzutragen. »Muß denn das jetzt sein?« »Ja, natürlich, bitte freundlichst mit leserlicher Schrift, in lateinischen Buchstaben. Wie es so üblich ist. Ja, bitte hier! Bitte gleich! Sofort kommen der Herr an die Reihe, sobald die Herrschaften hier fertig sind.« Die »Herrschaften« waren ein junges, entzückendes Wochenendpaar. Das Mädchen war blutjung, goldblond. Das kleine Ding war bezaubernd, wenn auch sehr einfach angezogen. Offenbar war sie zum erstenmal auf einer Wochenendtour begriffen, jetzt tuschelte sie tief errötend mit dem jungen, hochgewachsenen Mann. Sie überlegten, welchen Namen sie in das Gästebuch einschreiben sollten. Sie kamen zu keinem Entschluß. Chiffon, in seiner verzweifelten Ungeduld, wollte sie von dem Schreibpult fortdrängen, aber der Portier, den Chiffon bis jetzt immer für ein »gutes dickes Kind« gehalten hatte, stellte sich mit seinem breiten Rücken schützend vor die Jugend, und es vergingen viele Minuten (nie hatte Chiffon geahnt, daß fünf Minuten so lange dauern könnten), bis er an die Reihe kam. Nun marterte ihn das »gute dicke Kind« in seinem langen, hechtgrauen, mit goldenen Borten geschmückten Portiersgewand damit, daß er ohne Ausnahme alle Spalten ausfüllen mußte, mit lateinischen Buchstaben, und zwar bis zu den Namen und Geburtsdaten von seinen und Veras Eltern. Endlich hatte er alles angegeben. Dann kam der Portier noch mit einer Nachtragsrechnung, es waren die vielen, zum Teil mit dreifachem Tarif zu bezahlenden Telephongespräche mit dem Arzt und auch eine »Kommission«, nämlich der Weg, den der Hotelboy für Chiffon zum Postamt gemacht hatte. Zähneknirschend vor Wut und doch sich mit seiner ganzen Charakterstärke bezwingend, griff Chiffon in die Tasche und zahlte jetzt fast sein ganzes Geld aus, während er sich damit zu beruhigen suchte, daß diese Forderungen des Portiers an sich berechtigt waren und auf den Heller stimmten. Und doch war er ganz gebrochen, als er nach einem letzten verachtungsvollen Blick auf den Portier und ohne dessen überdevoten Abschiedsgruß einer Antwort zu würdigen, zu dem Wagen zurückkehrte. Aber auch jetzt durften sie beide, er und seine unglückliche, kleine Frau, nicht fort. Der Portier kam noch einmal vor das Hotel, welches den Eingang beschützte, und begann, sein großes, Chiffons altem Pfandbuche ähnliches Gästebuch in Händen, um die Wahrheit seiner Beanstandung jedem beweisen zu können, laut von neuem: »Der Herr haben sich geirrt!« »Ich habe mich geirrt?« fragte Chiffon, an allen Gliedern bebend. »Ja, der Herr haben sich sehr geirrt!« »Scheren Sie sich zum Teufel!« »Wieso ich zum Teufel? Hier in dieses amtliche Buch haben der Herr eingetragen ›Manuel Chiffons‹ und in Wirklichkeit heißen der Herr vielleicht ganz anders.« »So, anders? Und wie?« »Wie? Mein Herr? Wie? Manuel v. G. heißen Sie.« »Ich heiße nicht Manuel!« zischte Chiffon. »Also dann stimmt auch der Vorname nicht. Sie heißen G., und so müssen sich der Herr hier einschreiben. Adel fällt hier bei uns fort. Sie müssen die erste Eintragung durchstreichen und müssen unter Vorweisung Ihrer Reisedokumente den richtigen Namen G. eintragen. Sonst ...« »So! Und wegen dieser Bagatelle wagen Sie mich und meine schwerkranke Frau hier aufzuhalten!« »Jawohl, mein Herr, Ordnung muß sein.« »Und woher wissen Sie, daß ich von G. heiße?« »Woher wir das wissen? Wir haben doch Briefe bei Ihnen umherliegen sehen. Bitte machen Sie sich das klar, das kann nicht so weitergehen.« »Unverschämt! Sie schnüffeln also meine Briefe in meiner Abwesenheit durch. Das brauche ich mir nicht gefallen zu lassen.« »So, nein? Dann müssen sich der Herr nur zum nächsten Gendarmerieposten hinbemühen. Aber wir werden Ihnen diese Scherereien ersparen. Wir werden Rücksicht auf ihr armes Mädelchen nehmen. Wir werden es nicht mit Ohrfeigen und Püffen aufwecken wollen. Wir sind ein erstes Haus!« »Wissen Sie, was Sie sind?« schrie Chiffon, rot anlaufend unter seinen schweißbedeckten grauen Haaren. »Wissen Sie, was das hier ist? Ein Puff seid ihr! Ein alter Puff! Und jetzt fahren Sie los, Chauffeur!« »Nein! Halt! Hiergeblieben! Wir sind ein Puff! Alt? 1924 erbaut?! Das werden Sie bereuen, Sie Zornteufel, Sie grauer Zornteufel! Machen Sie, daß Sie fortkommen! Wir aber ... Ich sage Ihnen zum ersten und zum letzten Mal, das werden Sie noch bereuen, Sie alter Manuel, Sie!« Das Auto zog an. Der Regen hatte sich inzwischen eher verstärkt. Die Wut und Ungeduld erstickten Chiffon beinahe. Nur das eine Gute gab es, daß der Wagen jetzt losfuhr, und zwar schneller, als er gedacht hatte. Der Sturm hatte nachgelassen. In seinem Rücken sah Chiffon durch die von Regen triefenden Zweige der hohen Tannen die lichten Mauern des Hotels, den Balkon, hinter dem sie gewohnt hatten, die in einem Halbkreis stehenden Lichter auf der Terrasse, wie sie sich in dem schwarzen, funkelnden See in goldenem Glänze spiegelten. »Nur endlich fort! Vera, bist du auch gut zugedeckt? Kindelchen! O Gott, was wird denn nur aus uns? Du frierst doch nicht? Ach, Vera, Vera ...« Jetzt kam der Waldweg, den er und seine Frau in den letzten Tagen oft gegangen waren in glühender Mittagssonne, die zwischen den Bäumen hindurchgeflirrt hatte und der jetzt ganz im Schatten und in der Finsternis dalag. Aber der Wagen hatte jetzt ein sehr schnelles, fast beängstigendes Tempo angenommen, und die Gegend wurde bald ganz fremd. Chiffon hielt Veras Händchen in den seinen, bald streifte er ihnen Handschuhe über, dann zog er sie wieder aus, bettete sie vorsichtig an seiner Brust, wo sie sich kühl und leblos an sein wild stoßendes Herz anlegte, dann wickelte er ihr die Decken noch besser um die feinen Knie, wohin der Regen besonders bei schnell genommenen Kurven hinspritzte. Eine zweite Decke bis an ihren Hals und dazwischen noch die kuschlige, duftende Federboa. Im ganzen war seine Vera gut gegen den Regen und die Kühle der Nacht geschützt. Langsam schien sich der Gewitterregen endlich zu verziehen, in der Ferne zeigte sich bereits ein etwas hellerer, violett getönter Lichtschein, wie er oft nachts über großen Städten zu sehen ist. Er atmete auf, er konnte hoffen, in einer halben Stunde in Prag zu sein. Plötzlich bremste der Chauffeur stark, so daß Veras Köpfchen nach vorne fiel, mit dem kalten, feuchten Munde auf seine Hände – der Wagen hielt. Fluchend nahm der Chauffeur die Motorhaube ab. Vorn aus dem Wassereinlaß über dem Kühlerschutz dampfte es in kleinen, milchweißen Wölkchen hervor, offenbar kochte das Wasser im Kühler. »Ventilatorriemen – hin«, sagte der Chauffeur lakonisch, den Unglücksriemen, ein nasses, schwärzliches Stück mürben Leders, Chiffon vor die Augen haltend. »Was ist denn nur heute! Heiliger Himmel, ist denn heute alles verflucht?« Der Chauffeur zuckte mit den Achseln. »Können Sie denn nicht einfach so losfahren? Was kann denn passieren?« »Hat der Chef verboten.« »Also, was tun?« »Reparieren!« sagte der Chauffeur und machte sich, unter seinem Sitz einen Kasten mit Werkzeug hervorholend und im Scheinwerferlicht, vom Regen noch leicht umstäubt, an die Arbeit. Der Regen begann schon deutlich nachzulassen. Zwischen den dichten Wolken bahnte sich das bläulichweiße, noch unsichere Licht des Mondes einen Weg. Zu beiden Seiten der Chaussee waren reife Getreidefelder, die Ähren hoben sich langsam, von der Last der Feuchtigkeit noch gehemmt. Sie glänzten honiggelb im Lichte der Scheinwerfer. Ein leichter Wind strich sanft über sie hin. Ein wunderbarer Duft stieg auf von der stillen dunklen Erde, eine Grille begann zu zirpen, und aus Veras Brust kam – zum erstenmal am heutigen Tage – ein tiefer Seufzer, ein gebrochenes, fragendes Stöhnen. Manfred begann zu weinen, und seine Tränen fielen auf die mit Leder eingefaßte, feuchte, weiche, von Veras Körper noch warme Lederdecke, mit der er seine Frau bis an den Kopf eingewickelt hatte. VIII. An diesem Abend war Konrads Sehnsucht nach seiner Flossie so groß, daß er seinen Stolz überwand und gegen neun Uhr bei ihrem Vater, dem Konsistorialrat, anrief. Es meldete sich Doralies. Es war Konrad unmöglich, sofort nach seinem Kind und seiner Frau zu fragen, und so kam eine gequälte Unterhaltung zwischen ihm und seiner Schwägerin zustande. Als sie binnen kurzem einander nichts mehr zu sagen hatten und Doralies nicht die geringste Anspielung auf die Ereignisse machte, fragte Konrad, zwar mit gepreßter Stimme, aber geradezu: »Sag, Doralies, kann ich mal meine Frau sprechen?« – Das Erstaunen der Schwägerin, die schon von dem Anruf überhaupt überrascht gewesen war, wurde scheinbar noch größer. »Ja – nein – natürlich – selbstverständlich – ich weiß nicht – eigentlich – ach, bitte einen Augenblick!« Der Arzt saß vor seinem Schreibtisch, er hielt den Hörer in der rechten Hand, in der linken eine Zigarette. Er sah sich in dem Zimmer um, das nur von der Schreibtischlampe unsicher erhellt war. Jetzt überkam ihn ein bitteres Gefühl, daß er hier allein im unheimlich stillen Zimmer sitzen und eine ihm fremde Person darum bitten mußte, seine eigene Frau sprechen zu dürfen. Dürfen! Er legte den Hörer auf die Holzplatte des Tisches, die Zigarette in die Aschenschale, bedeckte mit beiden Händen das Gesicht. Seine kalten Hände reichten von dem bebenden Unterkiefer beiderseits bis zu der heißen, trockenen Stirn, die Kühle tat ihm wohl. In dem Hörer blieb alles still, endlich zirpte es, er nahm den Hörer langsam auf, das Herz schlug ihm bis an den Hals: »Flossie, du?« »Nein«, meldete sich die Stimme, »ich bin es, Mutter.« Es war die Konsistorialrätin, die seit Jahren von ihrem Schwiegersohn mit Mutter angesprochen sein wollte, so schwer es Konrad auch fiel. Auch jetzt kam es ihn hart an, die richtigen Wort zu finden. »Entschuldige bitte, wenn ich so spät abends störe –«, und nach einer Pause, »– Mutter!« »Stören? Wie denn das?« antwortete die Konsistorialrätin voll gemessener Wärme, wie früher in ihrem Amt als Leiterin einer Diakonissenanstalt. »Dein lieber Anruf ist uns stets willkommen.« »Ja, ja –«, begann Konrad zum drittenmal, besonders deutlich sprechend, weil die alte Dame etwas schwerhörig war, »hat dir Doralies denn nicht gesagt, ich hätte doch gern mit Flossie gesprochen, und ich habe besonders an Doralies –« Leider hatte er die letzten Worte etwas undeutlich gesprochen, jetzt war es zu spät, sie zu wiederholen. »Ja, natürlich, Doralies«, unterbrach ihn die alte Dame, sofort einfallend, »Doralies soll wohl noch mal an den Apparat kommen? Ich dachte, du wolltest mich sprechen.« »Dich natürlich auch! Wie geht es dir?« »Mir geht es gut! Und Vater auch!« antwortete die Konsistorialrätin prompt. »Und meiner Frau? Flossie? Und Otto?« Die Konsistorialrätin, die bis jetzt immer sofort geantwortet hatte, schwieg. Nach einer Weile sagte Konrad, die Stimme heiser vor Erregung: »Bist du noch am Apparat, Mutter?« »Wo soll ich sein, Konrad?« fragte sie zurück. »Kann ich denn meine Frau nicht endlich sprechen?« Jetzt wurde die Pause noch länger. »Ich muß meine Frau sprechen!« sagte er sehr erregt. »Bitte, nur einen Augenblick!« sagte die alte Dame. »Ich gebe eben den Hörer weiter!« Der Arzt atmete auf. Jetzt konnte er darauf rechnen, daß sich endlich die Stimme seiner Flossie melden würde, aber statt dessen ertönte die etwas heisere, ausgeschriene Stimme seines Schwiegervaters aus dem Apparat: »Deutschen Gruß, Freund Konrad!« »Guten Abend, guten Abend! Sag bitte, kann ich denn meine Frau nicht mal einen Augenblick sprechen?« »Wen? Flossie? Hab' ich's euch nicht gesagt, Mutter und dir, Doralies, ihr sollt rechtzeitig – jetzt schickt ihr mich an die Front, ihr feiges Pack im Unterrock! Also: mein Sohn, deine Frau kannst du natürlich nicht bei mir sprechen.« »Will sie nicht? Oder ist sie nicht bei euch?« Lange Pause. »Du verstehst mich doch, Vater?!« – (›Vater‹ war zwischen ihnen, anders als zwischen ihm und seiner Schwiegermutter das ›Mutter‹, nur für feierliche Gelegenheiten aufgespart.) Der Wehrkreispfarrer begriff. »Was mich anbelangt, ich verstehe dich ja voll und ganz.« »Sag mir bitte, was ist denn los mit ihr? Ist sie bei euch? Was soll denn das alles!« »Sie ist nicht hier.« »Und wo ist das Kind?« »Dem Kind geht es gut. Sehr gut. Hat zugenommen und läßt grüßen, Otto, meine ich.« »Danke, Vater. Kannst du mir nicht wenigstens die Adresse Flossies sagen?« »Ich könnte wohl, aber ich darf nicht. Beim besten Willen nicht, Söhnchen, solange sie nicht selbst diesen Wunsch hat. Einfach: ich soll nicht.« »Aber Vater, das siehst du doch ein, sie kann als meine Frau nicht einfach unser Haus verlassen und mit dem kleinen Kinde fort. Ohne Vorbereitung. Ohne Geld. Gegen meinen ausdrücklichen Wunsch. Ihre Schlafsachen sind noch alle hier, auch die Kinderbadewanne hat sie vergessen.« »So, das hat sie vergessen.« Pause. »Und wenn sie vielleicht doch noch bei euch ist –« Jetzt setzte der donnernde Baß des Pfarrers sofort ein. »Wie ist das gemeint? Setzest du Zweifel in meine Worte? Ein Offizier der deutschen Armee sollte etwa lügen? Was also soll das heißen, ›und wenn vielleicht‹ –« »Nicht so, lieber Vater! Du bist doch auch ein Mann, du solltest mich nicht mißverstehen!« »Sicherlich! Sicherlich doch! Wir verstehen einander! Und ob ich dich verstehe, Sohn! Ich sagte es eben noch mal meinen Damen hier, und dabei bleib' ich. Diesfalls kann ich meinen beiden Kücken nicht recht geben. Auch Mutter findet es sonderbar. Ich wag's, ich klag's, ich sag's! Weib gehört zum Manne, komme was mag! Ja, gerade dann besonders.« Konrad seufzte. »Nichts zu seufzen, du arme Leberwurst! Laß dir von dem Weiberzeug die Pferde ja nicht scheu machen. Jetzt bist du mal hier, und Rolf, der Strolch, ist nun mal auch da. Hau du ihn heraus! Er ist doch dein Fleisch und Blut. Man kann ihn nicht absacken lassen. Du stell dich vor ihn. Richte nicht, das tun andere. Jetzt zeig den Leuten die Zähne! Und was man von dem Bengel sagen kann, dem Rudolf, Murr hat er, Murr über Murr! Er war in O. S., er hat zum Siege mitgeholfen, er hat sich nicht versagt, als ihn das Vaterland schickte, mit den Kommunisten in Eisleben kurzen Prozeß zu machen. Wer viel geliebt hat, dem wird viel verziehen. Laß ihn nicht fallen. Daß er sich an dem schmutzigen Geld eines Kriegsschiebers vergriffen hätte, glaub' ich nicht. Und wenn ihm das ruchlose, gottverdammte Kokain, diese Judenerfindung, körnerweis aus den Poren gespritzt wäre, das traue ich ihm nicht zu. Nein. Das sage ich dir, und ich bleibe dabei.« »Gewiß, gewiß, ich danke dir, daß du dich seiner annimmst! Nötig hat er es gewiß. Aber meine Frau?« »Ach, immer kommt er mit seiner Frau. Wo sie ist, das kann ich dir eben nicht sagen. Sie haben mir hier im trauten Familienkreis mein deutsches Wort abgelistet, daß ich reinen Mund halte.« »Und mein Kind?« »Jetzt fragt er gar nach dem Kind! Ich sage ja, es geht ihm gut. Was gibt es da für Neuigkeiten? Immer das gleiche: es ißt, es kackt. Es lacht nicht, aber dafür kann es kreischen, daß einem die Ohren gellen, und es nimmt zu, Gott sei Dank. Es weiß noch nichts von euren komischen Ehewirren und von Flossies anderer Sache –« »Was ist das? Was für eine andere Sache?« »Na, was wird das groß sein, Mensch, verstehste deutsch?« »Vater, bitte sehr, ja?« hörte Konrad gedämpft, und gleich die Antwort des Pfarrers im Donnerton: »Still dort, ihr Weibsvolk am Spinnrocken da hinten, ich höre schon. Sonst bist du ja so harthörig, Mutter, und jetzt hörst du wie ein Hase. Schon gut! Ich schweige. Wenn auch sehr gegen meinen Willen. Ich sag's dir, Schwiegersohn, wenn man sich nicht draußen vor dem andächtigen deutschen Christenvolk unter dem Stahlhelm mal ein wenig Luft machen könnte, daheim –. Aber sie sollen nicht triumphieren und uns in die Ferse beißen, Landgraf, bleibe hart.« »Ich weiß nicht –« »Was weißt du nicht?« »Ich habe vielleicht Flossie doch etwas unrecht getan. Wir müssen uns aussprechen, wir müssen –« »Ach, das macht untereinander aus. Eine Tracht Prügel wäre mal auch nicht schlecht. Gerade sag' ich es. Frieden muß sein am häuslichen Herd, der Mann ist die Kraft und daher auch der Herr, auch dann, wenn so etwas noch keine hundertzwanzig Pfund wiegt wie du. Du hast recht gehandelt. Halt Widerpart, steh fest dawider! Dann zieht der Teufel den Schwanz ein. Er stinkt, aber er weicht. Vielleicht paukst du den Bruder doch noch raus. Wozu sitzest du denn an der Quelle? Die Weiber gehören nach hinten, in die Wagenburg.« »Ich weiß nicht, ob du die Sache ganz richtig siehst.« »Was ist da viel richtig zu sehen? Geht's nicht so, geht es so. Gehen muß es. Kurz gesagt: du haust ihn heraus!« »Also schön; ich danke dir.« »Warum so geknickt? Fasse dich, du schwaches Herz! Ist Strohwitwer sein nicht auch ganz nett, jetzt im Sommer? Ja, ich bin schon ruhig, ihr zwei Nornen dort an der Nähmaschine, daß euch nur ja der Faden nicht reißt! Sag mal Junge, sind wir also einig? Flossie mag betulich tun, was weiß die, was ein rechter Mann ist? Laß Rolf nur wieder hochkommen. Das Kokain muß er lassen! Deutscher Wein, der gibt reinen Rausch. Aber der wird noch mal, der Rolf. Männer brauchen wir, Schützen. Ziele werden wir ihm schon geben, andere Ziele als arme Polizisten am Kiosk in der Nacht. Nicht in der Nacht, am Tage soll er schießen – aber treffen soll er wie bisher! Leute, bei denen es knallt, gibt's heute die Menge, aber wir werden dieser Jugend zeigen, wofür es zu knallen hat!« »Aber, lieber Vater, du kommst immer mit Politik.« »Und?« »Es gibt doch auch andere lebenswichtige Fragen. Für deine Tochter, für mich ... Flossie hat mir von einem neu zu gründenden, groß angelegten Heim für Flüchtlingskinder aus O. S. gesprochen, könntest du dich nicht dafür einsetzen, daß ich ...« »Ach was, was geht mich solches Kroppzeug an? Wo bleibt dein Idealismus? Alles hat deinem Volk zu gelten. Kinder? Frau? Laß sie betteln geh'n, wenn sie hungrig sind, hat schon der verdammte Judenbengel Heine gesungen.« »Das ist nicht dein Ernst!« »Und ob er es ist! Zum letztenmal, jetzt schlägt es dreizehn! Doralies und Mutter, wenn ihr das Tuscheln nicht laßt, ich, ich drohe nicht umsonst, ich nehme euch die Schere fort und – schneide die Telephonschnur durch, dann könnt ihr sehen, was ihr mit eurem hämischen Schnickschnack angerichtet habt! Laßt mich! So wie ich bin, bin ich gut.« »Ich danke dir, lieber Vater, und ich schreibe noch heute an Flossie.« »Nein, das hat keinen Zweck. Sie weiß doch, wo du zu erreichen bist, laß sie, laß sie nur! Ich sage es als Vater. Sie ist mein echtes, liebstes, armes Kind! Sie leidet vielleicht mehr als du, ihr seid ja beide höllisch dumm. Ich habe sie nicht so erzogen. Ich war im Felde. Fremde Hände haben daran herumgepfuscht. Aber ihr könnt immer auf mich rechnen. Überlege alles gut! Kannst du denn dein Spezialfach, deinen Beruf so ohne weiteres ändern? Du sollst doch schon allerhand darin geleistet haben.« »Ich muß es ja!« »Wer muß müssen? Wir müssen, wo wir wollen. Das ist die Freiheit eines Christenmenschen!« »Also vielen Dank, Vater! Den Brief schreibe ich. Sage nicht nein! Es ist meine erste Bitte! Gib ihn sofort weiter! Ja? Vielleicht sehe ich dich bald!« »Immer, wann du willst. Gib mir auch möglichst umgehend Nachricht über den Schlingel. Seine Sache soll bereits viel besser stehen. Halte du ihm das Seil! Er wird schon klettern! Ich bürge für ihn. Gute Nacht, altes Haus.« »Gute Nacht, lieber Vater. Gruß an die Mutter und Doralies!« IX. Kaum hatte Konrad den Hörer aus der Hand gelegt, als die Klingel des Apparates von neuem ertönte. Diesmal war es von Ohr: »Na endlich! Das war aber ein Dauergespräch! Du warst heute nachmittag bei mir?« »Ja, ich hörte, daß du mich sprechen wolltest.« »Stimmt. Es handelt sich um verschiedene Einzelheiten. Im Grunde immer um dieselbe unangenehme Sache. Hörst du?« »Gewiß. Ich nehme jedes Wort ernst, das du sagst.« »Hast du aber bis jetzt nicht bewiesen. Zur Sache nun: die Angelegenheit deines Bruders ist in der Zwischenzeit, während der du mich gemieden hast – bitte nicht unterbrechen, das hast du mir versprochen –, nach verschiedenen Gesichtspunkten weiter gediehen. Hast du die Blätter alle gelesen?« »Nein.« »Hättest du aber ruhig tun sollen. Also. Erstens: es wird übel aufgenommen, und zwar ebenso in den demokratischen wie den nationalen Blättern, daß Rudolf eine Ausnahmestellung genießt, z. B. im Untersuchungsgefängnis, daß er mehr Freiheiten hat als die sonst üblichen, und vor allem, daß du in deiner Stellung als Anstaltsarzt bei ihm ein und aus gehst. Nicht unterbrechen! Ich weiß es, und die diversen Redakteure könnten es jederzeit in Erfahrung bringen, daß du seit der Einlieferung des Jungen nicht mehr ex officio deine Amtspflichten hier oben ausübst. Tatsache ist aber doch, daß du jeden Tag in unserem Lazarett warst, daß du im Anfang bei der Entziehung auch die Nächte bei ihm verbracht hast. Das geht eben nicht. Formal sind die Presseleute im Unrecht. In der Sache nicht. Siehst du das ein?« »Kann sein.« »Nun gut. Du wirst also die Konsequenzen ziehen und vorläufig alle Besuche unterlassen.« »Ja, das ist die beste Lösung.« »Das ist ja prächtig. Fabrizius nimmt sich der Sache an, er studiert den Burschen an Herz und Nieren, er hat guten Kontakt mit ihm, etwas haben wir schon aus ihm herausbekommen und erhoffen mehr.« »Schön. Sehr schön.« »Der nächste Punkt ist, daß man die Entziehungskur als geglückt ansehen kann. Fabrizius meint, selten ginge es so glatt wie bei ihm. Du hast dich sehr wacker gehalten, und wir sind einen großen Schritt weiter. Aber auch wir müssen die Konsequenzen ziehen, müssen ihn als haftfähig erklären. Er wird morgen in aller Frühe wieder in die ordentliche Einzelhaft zurückkehren. Diese scheinbar etwas harte Maßnahme hat aber den großen Vorteil, daß er in der Zelle mit Berufsverbrechern nicht so leicht in Verbindung kommen kann wie in dem Lazarett, wo ein paar angeblich todkranke, aber immer noch ganz abgefeimte Gesellen liegen, von denen man ihn dort auf die Dauer nicht separieren könnte.« »Das halte ich für ganz richtig. Man kann mit ihm keine Ausnahme machen.« »Was, das sagst du? Aus einem Saulus ist ein Paulus geworden? Mir machst du nur Freude damit! Dagegen bin ich gar nicht entzückt von dem Anwalt, zu dem du deinem Bruder geraten hast, diesem Dr. N. C. Tüchtig mag er wohl sein, und es wird keine Lücke des Gesetzes zugunsten der Lumpenkerle geben, die er nicht kennt, aber er ist und bleibt der Mann der Unterwelt. Wußtest du das nicht?« »Gewiß wußte ich das, ich habe als Sachverständiger oft genug mit ihm zu tun gehabt. Aber man hat mich nicht gefragt. Man hat mir nichts gesagt.« »Nicht gefragt? Man? Nichts gesagt? Du warst doch heute bei ihm? Nun laß es gut sein! Junge, laß es! Du hast mehr getan, als du solltest. Vielleicht merkst du es jetzt selbst. Du kannst jetzt in Ehren abgehen. Die Sache steht für den Jungen seit heute etwas besser. Steffie ist verhaftet, Chiffon ist man hart auf der Spur.« »Auch davon weiß ich nichts! Von ihm hörte ich nichts als –« »Diesmal tust du ihm unrecht. Wenn er auch mit den bewußten schweren Jungen Tuchfühlung hat (denn wie sollte er sonst auf den Unterweltsanwalt gekommen sein?), so muß er von dem Fortschreiten der Untersuchung noch nicht alles erfahren haben. Unbekannt bleibt ja dem Gesindel nichts, Gott mag wissen, wie sich die Halunken untereinander verständigen, aber es braucht Zeit hörst du zu? Du bist so still.« »Sprich nur, mir ist jedes Wort wertvoll.« Konrad hatte einen Briefbogen herbeigeholt und hatte zu schreiben begonnen: »Liebe Flossie!« – Der Direktor fuhr fort: »Man hätte ja längst auf Chiffon und Steffie kommen müssen, aber ihre Fäden reichen weit. Hätte der unverschämte Bursche, der Steffie, seine Frechheit nicht so weit getrieben, daß er die Personalakten seines Spießgesellen Chiffon-Manfred beinahe vor aller Augen beiseite geschafft hätte, wir wären noch nicht soweit. Das will nicht sagen, daß man heute schon klarsieht. Steffie gibt nicht leicht nach. Er ist schlauer als schlau. Aber was willst du? Die Kreatur, der Mensch, ist voller Schläue und doch voll Jammer. Man weiß jetzt, daß er, Steffie, bei allen seinen Tricks und Künsten dauernd erpreßt worden ist, daß tolle Beträge durch seine Hände gegangen sind, angeblich sollen es Hunderttausende gewesen sein im Lauf der Jahre. Auch bei dem Einwohnermeldeamt hat er allerhand nette Sachen gemacht, Pässe ausgegeben gegen klingende Händedrücke. Jetzt aber bläst er auf der nationalen Trompete, aber sie hat Nebenluft, und es klingt zum Kotzen. Hörst du?« »Gewiß höre ich, sprich nur weiter!« – Konrad hatte die Anrede ausgestrichen und hatte dafür hingesetzt: »Meine Flossie!« »Alles was ein menschlicher Kloakenkübel an Lieblichem in sich hat, ergießt sich aus dem Kerl. ›Was soll mir Rosenfinger?‹ geht das los. ›Mir das? Mir, einem alten Kämpfer, einem bodenständigen deutschen Volksgenossen!‹ – ›Sie können doch nicht behaupten‹, sagt der Untersuchungsrichter, ›daß Sie aus vaterländischen Interessen einem Menschen wie Chiffon, der manches auf dem Kerbholz hat, einen erstklassigen Paß auf einen anderen Namen ausgestellt und seine Personalakten, zu denen Sie Zutritt hatten, aus dem Wege geräumt haben. Und weshalb schweigen Sie, wenn man fragt, wann Sie zum letzten Mal mit Herrn Zollikofer zusammen waren? Warum sagen Sie uns nicht, von wem Sie im Spätherbst 1923 diese Riesenbeträge geerbt haben? Und wer und wo ist Ihr Freund Chiffon?‹ – Daraufhin kuscht er, richtet seine Ohren auf und überlegt.« – Konrad hatte auch die zweite Anrede ausgestrichen, das Blatt zusammengeknittert und auf einem neuen Bogen zu schreiben begonnen. Es war halb zehn abends. Die Post wurde dreiviertel zehn Uhr nachts zum letztenmal geleert. Konnte er bis dahin seinen Brief an seine Frau in den Postkasten eingeworfen haben, so konnte ihr Vater ihn am nächsten Tage ihr nachsenden, und vielleicht war sie in vierundzwanzig Stunden wieder bei ihm! »Meine geliebte Flossie!« schrieb er. »Machst du dir Notizen?« fragte der Direktor. »Ich höre dich mit Papier rascheln. Sei unbesorgt, man wird die Fährte diesmal nicht loslassen. Sie paßt zu gut zu der Vorstellung, die sich die Staatsanwaltschaft von dem Mord an Rosenfinger gemacht hat. Unterbrich mich nicht, ich weiß, was du sagen willst –« »Bitte, kehre möglichst sofort mit dem Kind zu mir zurück«, schrieb Konrad, den Hörer mit der linken Hand ziemlich weit vom Ohr entfernt haltend, mit der rechten die Feder führend. »Ich werde dich nicht unterbrechen«, sagte Konrad, »ich denke gar nicht daran!« »Also dann höre weiter: ›Wer anders als Sie kann Ihrem Duzfreund Chiffon in wohlverstandenem Interesse die Flucht erleichtert haben?‹ fragt der Untersuchungsrichter. ›Wer anders? Und Flucht? Und Freund?‹ legt der gute Steffie mit geiferndem Munde los. ›Sind das nicht ausgesprochene, vom Gesetz verbotene Suggestionsfragen? Ja, das sind sie.‹ – In Parenthese gesagt, Konrad, das stimmt. – ›Mit mir könnt ihr euch alles erlauben‹, geht Steffie mit seiner Eisenstirn los, ›ich habe ja keinen Gefängnisdirektor als Vormund gehabt, ich bin mit Wasser aufgezogen, ich habe keinen Gerichtsarzt mit transparentem Sachverständigeneid zum Bruder, der Tag und Nacht bei mir Wache hält und mich schützt!‹ – Hab' ich's dir nicht gesagt, Konrad! Aber laß erst einmal die Sache abgeschlossen sein. Ich ziehe dann in Frieden ab und mit voller Pension und gehe, Gott weiß, wohin – vielleicht in die Politik. Es scheint da ein starker Bedarf an Männern zu sein. Übrigens will dich meine Frau sprechen, am besten morgen früh. – ›Wo also sind Ihre Beweise, Herr Staatsanwalt?« fragt Steffie. – ›Wir werden Sie Ihnen gewiß nicht vorenthalten. Nur Geduld!« – In Klammer, Konrad, der einzige Beweis ist vorläufig, daß einige Paßformulare fehlen, und was sonst gemunkelt wird, zählt vorläufig noch nicht. Trotzdem ist es ein Meistertreffer der Staatsanwaltschaft gewesen, oder ich will Pumps heißen!« ›Es gibt nichts, was Deine Abwesenheit, unter der ich sehr leide, notwendig macht«, schrieb Konrad, ›vor allem komm! Ich werde vielleicht Deinem Rat, was R. betrifft, folgen. Folge nun Du meinem Wunsch! Verstehst Du mich? Ich bitte Dich! Drahte Deine Ankunft. Ich hole Dich von der Bahn ab, wenn Du verreist sein solltest, wie ich nach den Worten Deines Vaters annehmen muß.« »›Sind etwa der Herr Staatsanwalt Jude?‹ geht es weiter aus Steffies Munde«, sagte von Ohr, »›Ich? Wie kommen Sie darauf?« – ›Will ich Ihnen gern sagen«, antwortete der unverschämte Geselle vor dem protokollführenden Referendar, ›lieber unter vier Augen, aber wenn es sein muß, auch so.‹ – Da wird der Staatsanwalt knallrot, ein nie dagewesenes Phänomen, mir hat es der junge Hund, der Referendar, nachher erzählt und dabei sich vor Lachen geschüttelt. – ›Ich könnte es sonst nicht verstehen‹, hat Steffie orakelt, ›daß Sie sich gegen einen in Krieg und Frieden stets national gesinnten und vielleicht sogar wohlverdienten Mann zu einer so gehässigen, haltlosen Anklage hergeben und meinen ehrlichen Namen in den Schmutz zu zerren versuchen. Wegen ein paar Läppereien im Büro! Das passiert überall, liegt nur an dem – System. Formulare! Formulare?! Deshalb gehen Sie mir an meine Ehre? Verhaften mich! Verhören mich Tag und Nacht. Mich! Aber, was will man von Ihnen groß verlangen?‹« Konrad fügte noch unten an: »Bitte Liebes, komm also unter allen Umständen und komme gleich, es mag der Grund Deiner plötzlichen, unüberlegten Abreise gewesen sein was immer. Ich grüße Dich und küsse Dich und mein Töchterchen in Liebe wie immer, Dein Konrad.« »Wie war das also?«« fragte er dann, den Hörer fester an sein Ohr pressend, und der Gefängnisdirektor erzählte weiter: »Dem Staatsanwalt imponiert soviel Unverschämtheit doch, und er läßt es so weitergehen, als wären sie beide am Stammtisch und nicht beim Verhör. ›Wie ich dazu komme, wollten Sie eben wissen, Herr Substitut? Du lieber Gott, sind Sie nicht Vertreter des Novemberstaates, der – Saurepublik?‹ ›Wie? Was? Was?‹ schreit der Substitut käsebleich und fingert wie verrückt mit seinen zehn Fingern herum, wie das seine Gewohnheit ist. ›Nanu? Nanu!‹ sagt Steffie. ›Was ist denn los? Welch ein Erstaunen? Ich meine natürlich – saubere Republik.‹ So kleckst der Kerl vor sich hin. Jetzt war er schlagfertig. Bei seinen Unterweltsbrüderchen leider nicht immer. Wer mag ihn wohl Kleckschen genannt haben? Eine ganze Menge von dieser Bande hat ulkige Spitznamen, meist dumme. Aber wer diesen Kerl Kleckschen getauft hat, der muß ihn sehr genau aus der Nähe gekannt haben, weiß Gott. Und so hat unser Kleinkleckschen auch diesen Pfeil seelenruhig auf unseren Vertreter der Obrigkeit abgeschossen, und immer noch läßt er nicht nach, und der andere hat Angst, bei den nächsten Wahlen könnte es scharf rechtsum gehen und er bliebe vielleicht zeitlebens auf seinem elenden Substitutsgehalt sitzen bei all seiner Klugheit und Anständigkeit, er hört sich also alles vor Zeugen an und ringt nur die Finger nach seiner Art. ›Herr Staatsanwalt haben mich wohl immer noch nicht recht verstanden‹ so kleckst der alte Bursche vor sich hin in seinen gefärbten Bart und sabbert in stiller Freude ein weniges auf seine Hemdbrust hinunter, ›wir werden nun mal die hochehrwürdige deutsche Republik von Weimars Gnaden buchstabieren, also: S wie Salomon, A wie – sagen wir Aaron, U wie Unkraut, B wie Benjamin, E wie Elias, R wie Ruth, sauber, sauber, kennen das Wort doch noch, sauber wie Novemberwetter, sauber wie mein ehemals weißes Hemdbrüstchen.‹ Darauf reckt sich der fiese Kerl, läßt seine alte, aber immer noch recht ansehnliche Muskulatur spielen, zieht die Manschetten mit den großen Brillantknöpfen züchtig vor und sieht dem Untersuchungsrichter starr ins Gesicht. Na, und was willst du, Herzenssohn, an diesem Tage, heute mittag war's, da wurde für die Republik mit dem unglückseligen Geburtsfehler keine Lanze mehr gebrochen. Und doch, das ist mir jetzt aufgegangen, wo sich allerhand Säue an diesem Pfahl den Rücken reiben, vielleicht ist der neue Staat besser als sein Ruf. Nicht an dem System hapert's, jedes System hat Schwächen, nur am Murr, am Zug, an der Menschenbehandlung. Aber das muß man ja. einem Steffie lassen, da ist noch etwas, er kann etwas, ritterliche Künste, Jiu-Jitsu, Fechten, Schießen, was du willst, und alles Ia. Ein welterfahrener Mann, allerdings ein zu großer Genießer, zu rücksichtslos, ein Menschenleben ist ihm keine Zigarette wert, darin begegnet er sich wunderbar mit der heutigen Jugend. ›Ich höre da immer von Rosenfinger. Was wollt ihr nur alle mit eurem Rosenfinger? Wieviel sind bei Verdun gefallen? 80 000 oder 800 000? Darüber sollt ihr trauern, aber Zollikofers, deren wird es immer geben. Immer zuviel.‹ Und man wagt ihm nicht recht an die Nieren zu gehen. Er schlägt zurück. Aber wenn er wirklich etwas zum Auspacken hat, dann gibt das eine Zirkusvorstellung mit allen Attraktionen zu Wasser und zu Lande und zur Luft! Aber sei unbesorgt, die Schlußrede haben wir. Seine Frechheit blendet im Augenblick, er schmettert einen mit seiner Unverschämtheit zu Boden und macht K. O., aber auf die Dauer kann er sich nicht halten. Es ist zuviel gegen ihn. Man tut nichts Besonderes dazu, und doch belastet fast alles ihn, und was übrigbleibt, belastet seinen Freund Chiffon. Rudolf ist aber genausosehr oder sowenig Himmel einen zerbrochenen Topf ganz gemacht hätte. Neuerdings scheint dein Bruder den Wunsch zu haben, die Mutter zu sehn. Nun, das wird ja ein Theater geben! Aber vielleicht schadet es nichts. Mag er nur beichten und flennen. Das alles ist ja so hohl!« »Das wäre doch ein großes Glück!« »Sicher, das wäre es. Man soll nie verzagen. Eure Mutter scheint sich jetzt zu erholen. Meine Frau weiß mehr. Langsam wird es Tag! Da ist auch noch von einem ominösen Spitzentaschentuch die Rede, das man in Rudolfs Paletottasche gefunden hat, das aber offenbar nicht Rudolf gehört und das er empfangen hat, als er schon gefesselt war. Vielleicht führt auch das weiter. Laß uns erst mal diesen Halunken Chiffon haben!« »Wo sucht man nach ihm?« »Wo? Wo? In Köln, glaube ich. In Köln wohl. Jetzt gute Nacht. War doch gut, daß wir uns gesprochen haben.« »Das hat auch mir sehr, sehr wohl getan. Ich danke dir sehr.« »Hättest du schon längst haben können. Versteck dich nie mehr vor mir! Nein?« »Nein!« »Und grüß Flossie! Alter Bursche, grüße sie bald!« X. Aus seinem verzweifelten Brüten auf der leeren Landstraße wurde Chiffon durch den Chauffeur aufgeschreckt, der ihm den Ventilatorriemen zeigte, an dem alle Versuche einer Reparatur vergeblich waren. »Zu oft geflickt!« sagte der Chauffeur. »Zu kurz!« »Um Himmels willen, was soll denn jetzt geschehen? Meine Frau muß ins Sanatorium. Sie ist schwer krank.« »Weiß ich, weiß alles, der Herr Direktor hat mir gesagt, sofort Prag, sofort Sanatorium Dr. A.« »Und jetzt sollen wir auf offener Straße übernachten?« »Ach nein, ach gar nicht!« sagte der Chauffeur, ein starker, großer Mensch mit dunklen, umränderten Augen unter einer blonden Mähne. »Wir sind in einer halben Stunde da, verlassen Sie sich auf mich.« »Aber wie? Aber wie?« »Nur Geduld! Du lieber Herr! Nur Geduld!« Während Chiffon in seinem Wagen verzweifelt die Hände rang und dann, da er Vera vor Frost zittern fühlte, ihr den Rücken entlang mit aller Kraft zu reiben begann, um sie zu erwärmen, holte der Chauffeur eine Kanne Autoöl unter seinem Sitz hervor und schüttete das dicke Autoöl vor Chiffons Augen auf die Landstraße, wo es sich, glitzernd wie Lack, sofort in einer großen Lache ausbreitete. »Und jetzt nur noch ein klein wenig Geduld! Gleich geht's wieder los!« sagte er, ging zum Graben, schöpfte seine Ölkanne voll Wasser und drückte sie Chiffon in die Hände. »Also sehen Sie«, sagte er, » so werden wir uns helfen. Sie halten die Kanne fest, und ab und zu halten wir an und schütten kaltes Wasser in den Kühler. Anders können wir uns nicht helfen.« Die Fahrt ging weiter. Chiffon merkte, wie sich Vera allmählich zu regen begann, er hörte, wie sie stöhnte, und obwohl es doch Zeiten der wiederkehrenden Besinnung waren, schnitten sie ihm doch ins Herz. Der Chauffeur fuhr jetzt sehr langsam, vielleicht, um auf der schlecht gehaltenen Straße Vera das Rütteln zu ersparen, ab und zu hielt er an, ließ Chiffon aussteigen, der gehorsam Wasser in den dampfenden Kühler schüttete, worauf die Fahrt weiterging. Chiffon begann mit dem Chauffeur ein Gespräch. »Wieso kommt es, daß Sie so gut deutsch sprechen?« »Zweieinhalb Jahre in Deutschland, in den Autowerken in Zwickau.« »Und jetzt?« »Arbeitslos!« »Wieso denn? Warum wollen Sie denn nicht arbeiten, ein so kräftiger, gesunder Mensch?« »Wollen? Können!« »Wie meinen Sie das?« »Es gibt keine Arbeit mehr für uns. Zu gute Maschinen. In Deutschland und jetzt auch hier laufen Hunderte herum wie ich.« »Und wie leben Sie? Sind Sie verheiratet?« »Verheiratet. Kinder drei.« »Wovon leben Sie?« »Man lebt eben ... Eben so.« Sie waren in der Stadt angekommen, der Chauffeur mußte auf den Straßenverkehr achten, und das Gespräch versiegte. Obwohl der Chauffeur von einer halben Stunde gesprochen hatte, hatte die Fahrt doch noch fast zwei Stunden gedauert. Es war elf Uhr nachts, als sie vor dem Portal des Sanatoriums ankamen. Der Chauffeur klingelte, aus dem matt erleuchteten Vorraum kamen zwei Diener, und Chiffon gab ihnen Auftrag, Vera auf einer Bahre in das Sanatorium zu bringen. Der Chauffeur half das Gepäck abladen, und Chiffon atmete erleichtert auf, als er sah, wie ordnungsgemäß sich alles abspielte. In wenigen Augenblicken war Vera auf einer gedeckten Tragbahre in das Haus hineingetragen worden. Man versprach, sofort den Hausarzt und die Hausdame zu verständigen. Der arbeitslose Chauffeur stand an seinem Wagen, schüttete den Rest des Wassers in den Kühler und machte sich an die Abfahrt. Chiffon, der noch einmal nachgesehen hatte, ob alle Gepäckstücke aus dem Wagen fortgebracht waren, empfand Dankbarkeit und Sympathie für den großen, wortkargen, hilfsbereiten Menschen, er hätte ihm gerne eine Kleinigkeit geschenkt, aber er besaß fast kein Geld mehr. Jetzt tat er etwas, was er zeit seines Lebens nie getan hatte, er faßte, etwas verlegen, in seine linke Westentasche und überreichte dem erstaunten Chauffeur seine alte silberne Taschenuhr, von der er sich nie getrennt hatte. Der Chauffeur wollte sie nicht annehmen. Chiffon wollte keinen Dank hören und trippelte, so schnell er konnte, in das Foyer des Sanatoriums. Seine Frau war nicht mehr da, der Aufzug schnurrte eben sanft nach oben, man hatte sie sofort in den Untersuchungsraum gebracht. Eine große üppige Dame, trotz der späten Abendstunde noch tadellos frisiert und zurechtgemacht, stellte sich als die Hausdame vor und bat Chiffon mit aller Höflichkeit in die Kanzlei. »Worum handelt es sich, bitte? Welcher Arzt schickt Sie her?« »Ganz offen gesagt, meine Frau ist plötzlich im Hotel in K. erkrankt, und man hat mir geraten, sie hierher zu bringen.« »Der Direktor dort hat sie also hierher empfohlen?« »Gewiß, der Herr Direktor.« »Unser Anstaltsarzt wird Ihre Frau Gemahlin sofort untersuchen und alles Nötige veranlassen. Inzwischen können wir vielleicht unten das Geschäftliche regeln.« »Wie Sie wünschen. Kann das aber nicht noch etwas später erfolgen?« »Warum denn? Nein! Bei uns ist das so Vorschrift, und ich persönlich bin dafür verantwortlich. Und haftbar. Ich tue nur meine Pflicht, Sie verstehen mich.« »Ich möchte nur vor allem wissen, was der Arzt sagt, nachher können wir das doch genausogut regeln wie jetzt.« »Aber hinauf dürfen Sie jetzt nicht!« »Ich, als der Ehemann?« »Aber nicht aus Formgründen, wo denken Sie hin? Unser Doktor muß ungestört untersuchen, dabei darf niemand anwesend sein.« »Gut.« »Nun also. Denken Sie nur, was sich sonst abspielen würde, bei einer Geburt z. B., nicht? Oder vor einer schweren Operation.« »Das kommt aber hier nicht in Frage. Bei meiner Frau ...« »Ja, gewiß, hoffen wir es, hoffen wir es. Aber was weiß der Mensch? Nun zur Sache. Ihre Papiere, wenn ich bitten darf.« Chiffon gab sie, schweren Herzens, aber er machte keine Schwierigkeiten. »Ich war schon einmal in Prag. Wir wohnten im Hotel X.« »Ach so, Hotel X., wo ist denn das, ich kenne es gar nicht.« »Bei der Bahn ist es«, sagte Chiffon, sich auf die Lippen beißend, »Sie werden es sicher schon gesehen haben.« »So, bei der Bahn, Hotel X., sehr schön«, sagte die Hausdame affektiert, »jetzt ein anderer Punkt. Hier ist die Hausordnung.« Sie übergab ihm eine Drucksache von ziemlichem Umfang. »Wollen Sie das jetzt durchlesen?« »Jetzt, wo ich ... wo meine Frau ...« »Ach, es wird nichts Ernstliches sein. Wir haben jedenfalls hier alle modernsten Behelfe, erstklassigen Operationsraum, die großen Professoren von Prag operieren nur bei uns. Wollen Sie sich also mit der Hausordnung einverstanden erklären?« »Wenn es sein muß.« »Aber Sie müssen nicht. Wenn ...« Er unterschrieb. Sie löschte die Unterschrift mit einem Löschpapier ab und sagte in ihrer süßen Art, mit ihrer dicken, unechten Perlenkette spielend und die Lippen wie zum Pfeifen spitzend, so höflich wollte sie sein. »Übrigens ist es Vorschrift, daß die Angehörigen, in diesem Falle also Sie, einen gewissen Betrag beim Eintritt erlegen.« »Wieviel?« Er überlegte, welche Anrede er ihr geben sollte, dann: »Wieviel also, gnädige Frau?« »Ja, mindestens fünf Tage reiner Aufenthalt ...« »Was heißt das, reiner Aufenthalt?« »Aufenthalt ohne Nebenspesen ... Ohne Arzt, ohne Röntgenuntersuchung, ohne Blut- und Harnuntersuchung, ohne Bäder, ohne Massage und Spezialpflege, ohne Operationssaalbenutzung, ohne Medikamente ...« »Und wieviel wäre das, gnädige Frau?« »Wir rechnen im allgemeinen von zweihundertfünfzig Kronen aufwärts bei tageweiser Abrechnung und für fünf Tage voraus, zweihundert Kronen erste Untersuchung und zehn Prozent für das Personal als Ablösung ...« »Und wenn meine Frau früher als in fünf Tagen das Sanatorium verläßt? Was dann?« »Fünf Tage sind eben das Minimum. Es ist eben Sanatoriumsbetrieb, kein Hotelbetrieb. Wenn Sie im Hotel X. wohnen und den Arzt kommen lassen, können Sie natürlich sparen ...« »Nein, nein«, sagte Chiffon, der alles, was möglich war, für seine geliebte Frau tun wollte, »ich habe eben nur so gefragt.« »So, das ist also dann sehr schön. Also heute ist der erste Tag ...« »Aber gnädige Frau? Den heutigen Tag rechnen Sie doch nicht?« »Warum denn nicht? Das steht in der Hausordnung und ist Vorschrift. Das macht also ... rund fünfzehnhundert Kronen. Erscheint es Ihnen viel? Im Vertrauen gesagt, das Sanatorium arbeitet mit Defizit. Daraus können Sie ersehen, wie Ihre Frau hier aufgehoben sein wird.« »Und ich ... aber iiich ... ich weiß nicht. Ich muß das erst mit ihr besprechen ...« »Tun Sie das ja nicht!« Jetzt entsann sich Chiffon plötzlich, in welchem Zustande seine Frau hier angekommen war und daß es unmöglich war, sie jetzt um Rat zu fragen. Er zuckte die Achseln, kreidebleich. »Tun Sie das keinesfalls, bitte!« fuhr die Hausdame fort. »Es ist für die Patienten meist sehr peinlich, daß man trotz ihres leidenden Zustandes diese Fragen in ihrer Gegenwart anschneidet. Man kann da Szenen erleben, sage ich Ihnen. Es sind doch Kranke! Was sollen sie denn auch antworten?« »Ja, was sollen wir aber tun?« »Die Summe ist Ihnen – zu hoch?« flötete die Hausdame, ihren Mund nochmals wie zum Pfeifen spitzend und diesmal wirklich ein leises Pfeifen von sich gebend, über das sie unter ihrem dicken Puder errötete. Draußen hatte sich wieder ein Sturm erhoben, und binnen kurzem begann es wolkenbruchartig zu gießen. »Wie schön, daß Sie Ihre Frau jetzt unter Dach und Fach gebracht haben!« sagte die Hausdame gutmütig. »Wir müssen einen Ausweg finden. Ich kann das alles verstehen. Fünfzehnhundert Kronen sind viel Geld, und vom heutigen Tage haben Sie wirklich nicht viel gehabt. Man kann dies, wenn es sein muß – ändern in unserem Eintragsbuch. Lassen Sie mich dafür sorgen ...« Chiffon war heute zum zweitenmal gerührt über die Gutmütigkeit der Menschen. Zuerst war es der Chauffeur gewesen, der das teure Öl auf die Straße gegossen hatte, wofür er sicherlich aufzukommen hatte, und jetzt war es die alternde ehemalige Weltdame mit ihren unter dem Puder nur schlecht verdeckten Runzeln und Falten, die sich gegen ihre Brotgeber auf seine Seite stellte. »Ich will es auf meine Verantwortung nehmen. Ausnahmsweise. Bitte, zahlen Sie den Betrag morgen bis spätestens zwölf Uhr mittag ein. Sonst käme ich um meine Stellung. Ich verdiene hier nur ein Taschengeld – und die Verpflegung natürlich ... An meinen Händen bleibt das Geld nicht haften. Auch an den Händen der Ärzte nicht. Wir sind hier erstklassig geleitet. Alles – frißt die Bank.« »Seien Sie ganz sicher, gnädige Frau«, sagte Chiffon, etwas getröstet bei all seinem Unglück, »ich stehe Ihnen gut. Darf ich jetzt nach meiner Frau sehen?« »Natürlich! Aber Sie müssen ganz leise sein. Auf den Korridoren nicht sprechen, bitte. Und wenn Sie dann fortgehen, geben Sie mir Ihre Telephonnummer, damit wir Sie im Notfalle jederzeit erreichen können. Hotel X. vielleicht? Ich erinnere mich jetzt, ich kenne es gut.« »Später, gnädige Frau, später! Und jetzt nur meinen besten Dank!« Er wollte sogar ihre fette, rosige, mit vielen, kleinen, billigen Ringen geschmückte Hand küssen, aber sie entzog sie ihm und wies auf den fast lautlos herabsinkenden Aufzug, der ihn hinaufbringen sollte. Als der Aufzug unten ankam, entstieg ihm der Anstaltsarzt, ein noch sehr junger, aber schon etwas fettleibiger Mensch mit scharfem Blick, der sich ohne weiteres mit Chiffon bekannt machte und ihn sofort beruhigte. »Seien Sie ganz unbesorgt. Eine Kinderei!« »Eine Kinderei bei zwölf Veronalpulvern?« »Zwölf? Ausgeschlossen, vielleicht drei. Immerhin habe ich Ihrer Frau den Magen erleichtert.« »Ausgepumpt?« »Wenn Sie es so nennen wollen. Nicht, weil ich den Zustand für bedrohlich hielte, sondern nur so auf alle Fälle und aus moralischen Gründen, denn es wirkt abschreckend.« »Und woher wußten Sie alles?« »Woher? Ihre Frau hat mir doch alles genau erklärt.« »Sie ist wach? Sie kann sprechen?« »Gewiß kann sie sprechen, und sogar sehr reizend.« »Und kann ich sie sehen?« »Auf einen Augenblick; gewiß. Übrigens, was mir weniger gefallen hat, war die Lunge. Eine kleine Reizung, eine minimal erhöhte Temperatur. Weshalb haben Sie sie denn in diesem Höllenwetter hierher transportiert?« »Aus Sorge! Aus Sorge! Ich dachte, es bestände Gefahr.« »Wer hat Ihnen das eingeredet? Nun kommen Sie, wir wollen ihr schön gute Nacht sagen.« »Ich kann doch heute abend nicht schon wieder fort von hier?« »Ja, warum denn nicht?« »Weil ich ... ich bin in größter Verlegenheit. Ich ... möchte sie eben heute nacht nicht allein lassen. Kann man denn gar nichts tun?« »Nur nicht so aufgeregt! Was haben denn Sie ? Mir scheint, Sie sind kränker als Ihre junge Frau. Nun kommen Sie, wir fahren erst einmal hinauf. Sie erwartet Sie schon mit Sehnsucht und bösem Gewissen ...« Im Aufzug fragte der Arzt noch einmal: »Nun, wo fehlt's? Haben Sie über etwas zu klagen?« »Etwas!« wiederholte Chiffon voll Bitterkeit. »Nun, immerhin anfangen«, sagte der Arzt gleichmütig. »Wo drückt es Sie? Im Herzen? Im Magen?« »Erraten!« sagte Chiffon kurz, denn sie waren in Veras Stockwerk angekommen. Veras Zimmer war sehr einfach eingerichtet, war aber ziemlich groß und blitzte vor Sauberkeit. Nur die vielen Koffer störten etwas. Vera war noch sehr blaß, aber sie war bereits ganz klar und bot ihrem Mann mit einem müden, scheuen Lächeln ihren Mund. Als er sie aber küssen wollte, wandte sie ihr Köpfchen schnell ab. »Nicht!« »Warum denn nicht? Liebes?« fragte Chiffon unter Tränen. »Ich verdiene das nicht!« »Ach, Vera! Kind!« »Und dann schmeckt mein Mund nach Gummi von der scheußlichen Magenspülung.« »Nun, Vera, du tust so etwas nie wieder?!« »Du kannst noch fragen? O du Armer! Wie siehst du aus! Und dein schöner Anzug voller Öl!« »Ja, ich habe auf dem Wege hierher eine Ölkanne zwischen den Knien gehalten ...« »Alles das erzählst du mir später, wenn ich gesund bin. Ich möchte – lach nicht, Manfred, und zürne mir nicht, ich möchte gar zu gern rauchen. Schnell, zünde dir eine Zigarette an und laß mich ziehen!« »Darfst du denn das? Was wird der Arzt dazu sagen?« »Ja, du hast recht. Ich soll mich schonen, die Lunge soll nicht ganz in Ordnung sein, und etwas Temperatur habe ich auch ...« »Was, du hast Fieber?« »Ach, nicht der Rede wert. Zu Hause hatte ich es ja auch immer, da ist so etwas Prickelndes, das ... bringt mich ganz auf. Und jetzt laß mich rauchen. Einen einzigen Zug nur ...« Er konnte ihr den Wunsch nicht abschlagen, wenn es dann wirklich nur bei einem Zug blieb. Dann saß er auf ihrem Bettrande, er rührte sie nicht mit der Fingerspitze an, er war so glücklich in all seiner Sorge, wenn er sie nur ansehen konnte. Sie hielt ihm die Hand über die Augen. »Sieh mich nicht so an«, sagte sie mit ihrer etwas heiseren Stimme, »was hast du denn an mir? Wie spät ist es denn?« Er hatte keine Uhr mehr. »Ach, so gegen Mitternacht wird es sein.« »Ja«, rief sie, plötzlich lebhaft werdend und mit ihrer Hand seine Wange leicht schlagend, »Mitternacht! Itternacht! Hab' ich dir nicht gesagt, gestern, daß du mich um Mitternacht wecken sollst?« »Gestern hast du das gesagt? Gestern? Du hast recht, es sind nur vierundzwanzig Stunden vergangen!« »Wie trübselig du aussiehst! Habe ich dir viel Kummer gemacht? Ich bin eben dumm, doof, ein Püppchen. Hab' ich dir nicht auf dem Hauptbahnhof in B. gesagt, laß sie da! Laß Veralein sitzen! Ich bin dir nur eine Last! Aber die Männer glauben ja nicht!« »Doch, sie glauben schon! Aber wie sollte ich dich allein lassen? Bei ihm – bei Rudolf?« Sie schüttelte den Kopf. »Du mußt keine Angst mehr um mich haben. Rudolf ist aus. Ich werde dir das schnell alles erklären, rücke doch etwas näher, ich muß leise sprechen, im Nebenzimmer verstehen sie deutsch!« »Woher weißt du das?« »Ich habe es doch gehört! Da hat eine Dame in deutscher Sprache geweint, ganz deutlich habe ich es durch die Wand gehört. Jetzt ist sie still! Pss! Hör mal! Ganz still! Vielleicht ist sie tot. Tu die Zigarette weg, ich kann doch nicht mehr daran ziehen, ich glaube, ich bin noch sehr müde. Aber ich erzähle es dir noch schnell. Weiß du, immer hat es mir vor dir gegruselt. Oft saß ich in der Anfangszeit mit ihm in deinem Spielsaal, und ich gruselte mich herrlich, und wir warteten, bis du uns riefst!« »Ja, du großes Kind!« »Nein, kein Kind mehr. Das muß alles jetzt vorbei sein. Kein Baby mehr sein, keine Lyzeumsprache quasseln, ich muß jetzt erwachsen sein, Kinder dürfen eben nicht kindisch sein, ich hätte überhaupt nicht so schrecklich lange Kind bleiben sollen, aber du wolltest es ja – und dadurch wurde es unser aller Unglück, du, ich und Rudolf. Nein, laß mich reden, du wirst staunen, wie klug ich jetzt bin, irekt lug, nicht wiederzuerkennen! Bleib doch! Du mußt bald gehen? Ich will dir nur sagen, wie ich auf das Veronal verfallen bin. Veronal kommt wohl auch gar nicht von Vera, es ist nur ein Zufall, nicht wahr? Auch das habe ich herausgebracht auf dem Land, als wir so schön im Walde lagen, wir beide.« »Wie konntest du das nur tun? War es dein Ernst?« »Natürlich. Ein Rnst! Lutiger Rnst! Ich ... es sollte ein Gottesurteil sein, denn so konnte es nicht weitergehen. Das Kinderorakel hast du vergessen. Ich nicht. Da sagtest du ›ja!‹ Das heißt, ich mußte es tun, nicht wahr? Als ich noch zu Hause war, da war es anders, da liebte ich dich doch noch nicht. Aber jetzt. Nein, nicht unterbrechen. Du warst leider eben zu gut zu mir. Da konnte ich nicht anders, da mußte ich dich lieben, ganz so wie du bist, gerade mit deinen scheußlichen grauen Haaren und den langen gelben Zähnen – ob man sie nicht bleichen kann oder abschleifen, aber dabei dir nicht wehe tun, Bösewicht, ja, und mit den schmalen Lippen und der Stotterei, der Ottrei! Ich liebe dich nun mal eben. Als wäre früher nichts gewesen. Und da fiel mir wieder der arme Rudolf aufs Herz. Ich hatte doch solchen Kummer um ihn. Aber dich lieb' ich. Du bist mein Mann, Ist das nicht furchtbar traurig? Urchtbar raurig? Urchtbar?« »Du wolltest doch keine Lyzeumsprache mehr sprechen?« »Richtig, richtig! Ich glaube, der Doktor kommt, ich muß schnell machen. Hast du übrigens draußen auf dem Korridor vor den Türen die vielen Blumen stehen sehen? Da sind wohl überall Tote drin? Und die Doppeltüren sind wohl dazu da, daß man sie nicht schreien hört in ihren Schmerzen? Nimm mich weg von hier! Trag mich fort! Sonst gruselt es mich wieder, Ehrenwort!« »Nein, du mußt dich nicht grauen und gruseln. Man stellt die Blumen nur deshalb heraus, weil der starke Duft nachts die Kranken stören würde.« »Dann graut und gruselt es mich ganz und gar nicht mehr. Ich weiß jetzt, wo ich hingehöre, nur zu dir! Und kommen, soll kommen, was will, ich bleibe dir angehangen, und solange ich lebe, nur dir. Ur ir. Mich gruselt bei dir nicht, und wenn du, Gott weiß was, auf dem Gewissen hast. Denn das Gottesurteil hat für dich gesprochen. Gestern nacht habe ich mir gesagt, Gott soll entscheiden, zu wem ich gehören soll. Ich habe auch die ulkigen Gesichterchen gemalt, gelt, das kann ich fein? Aber dann kam der Ernst, der Rnst! Das Gottesurteil. Das habe ich nicht erfunden. Solche Sagen haben wir gelernt im Lyzeum, viele, und jetzt wollte ich auch eine Sage machen. Eine raurige, aber öne Age, erstehst u ich?« »Doch, ich verstehe dich, mein liebstes, armes Kind!« »Gar nicht arm! Reich! Sehr reich!« Sie spielte mit ihrer kostbaren Perlenkette und rollte die Perlen durch ihre Fingerchen, bis sie bei der großen stehenblieb. »Ist denn das arm?« sagte sie. »Schauerlich reich, und nur durch deine Güte. Also, sieh mal! Ich habe natürlich etwas gemogelt beim Gottesurteil, denn ich wollte doch bei dir bleiben, verstehst du, wachsinniger Nabe? Ich sagte, wenn du zwölf Veronal nimmst, dann schläfst du ein, Vera, und dann kommt er, er das bist du, Anfred, der meinste – und dann rettet er dich. Vielleicht ja, vielleicht auch nein. Ach, jetzt beim Erzählen, davon werde ich müde, vielleicht fiebert es mich auch ein wenig – aber ich muß mich zusammenraffen und muß dir alles erzählen. Dann schlafe ich nur um so süßer. Und du bleibst da, im Zimmer auf dem Sofa! Heute darfst du!« »Wir werden sehen, ich werde alles versuchen!« »Ich habe ja auch alles versucht und habe dir zuliebe gemogelt. Siehst du, bei zwölf hätte es ja auch ganz gut schiefgehen können, ich wußte ja, was Veronal ist, denn meine Freundin, die Orchidee, die hat es mal gemacht und ist vierzehn Tage zwischen Tod und Leben gewesen ... Da habe ich dem lieben Gott das Gottesurteil etwas leichter gemacht und habe immer nur die Hälfte von einem Pulver gegessen. Immer in der Mitte durchgeknackt, so waren es eigentlich bloß sechs. Und auch das wird nicht alles hinuntergeschluckt worden sein, denn es ist abscheulich bitter, und das tat ich nur aus Liebe für dich. Siehst du das ein?« Er nahm sie um die zarte Taille, zog sie sanft zu sich und küßte sie auf die Achseln, auf die Stelle, wo das Achselband ihres Hemdes gelegen hatte. Der Arzt pochte laut an und führte Manfred hinaus. Er wollte es ausnahmsweise gestatten, daß Chiffon in seinem Dienstzimmer übernachte, er selbst wollte auf einem Sofa sich niederlegen. Chiffon, tief gerührt über die viele Liebe, die ihm heute entgegengebracht wurde, vertraute dem Arzt seine Nöte mit dem kranken Magen an. Der Arzt beruhigte ihn. »Aber das ist doch nur eine Kleinigkeit. Wenn Sie etwas daran wenden wollen ...« »Wie meinen Sie das?« »Wenn Sie drei Wochen Aufenthalt hier auf sich nehmen wollen und die Langeweile nicht scheuen, so bringe ich Ihnen das Magengeschwür fort. Diät und Natron in Massen. Das ist gar keine Kunst. Geduld und Methode. Drei Wochen Aufenthalt hier. Schmerzlos. Gefahrlos. Das ist eine der wenigen Sachen, worin die moderne Medizin geradezu prachtvolle Heilerfolge hat ...« Beruhigt schlief Chiffon ein. Er wurde des öfteren durch das Klingeln des Telephons aufgestört, sah wiederholt den Arzt aufstehen und in seinem weißen Mantel hinausschlüpfen. Aber er, Chiffon, kuschelte sich tiefer ein, dachte an seine Vera und schlief weiter. XI. Am nächsten Tag erwachte Manfred erst gegen zehn Uhr – in einem wildfremden Raum. Er hatte ganz vergessen, wie er hergekommen war. Endlich besann er sich. Er machte schnell Toilette und eilte zu seiner Frau, die ihn zärtlich empfing. Ihre Augen glänzten immer noch etwas fiebrig, aber sie hatte ein reichliches Frühstück mit großem Hunger verzehrt und wollte, daß auch ihr Mann »sich erholen« sollte. »Sehe ich denn so elend aus?« fragte er. Sie antwortete nicht, strich ihm mit ihren weichen, nach Chypreseife duftenden Händchen durch das eisgraue Haar und wollte ihn festhalten, als er sich sehr bald anschickte zu gehen. Es war ein halb elf, und um Mittag mußte die »Garantie« in den Händen der Hausdame des Sanatoriums sein. Wie sollte er in so kurzer Zeit soviel Geld auftreiben? Er spielte in Gedanken mit Veras schöner Perlenkette, die in den Jahren, während der sie sie getragen hatte, einen immer schöneren, weicheren Glanz bekommen hatte. Die Perlen hatten sich einander angeglichen, so kam es wenigstens Chiffon vor, und der Wert des Schmuckes hatte sich vergrößert. Eine einzige Perle hätte genügt, um die Summe, die notwendig war, herbeizuschaffen. Aber seine Vera berauben? Noch vor wenigen Wochen hätte er es als selbstverständlich empfunden, in der Verlegenheit einen ihrer Ringe zu versetzen. Jetzt tat er etwas, was er klugerweise bis jetzt vermieden hatte, er suchte aus einem seiner Koffer einige von den Pfandstücken heraus, steckte sie in die Tasche seines silbergrauen Lüsterrockes und verschwand in Eile. Auf der Treppe hielt ihn der Anstaltsarzt auf, der sich aus wahrem Interesse mit ihm und seiner Frau beschäftigt hatte. Aber Chiffon hatte keine Zeit, er trippelte, so schnell er konnte, auf seinen leisen Gummiabsätzen zu seinem alten Hotel, verirrte sich in der Stadt, wußte in der fremden Sprache nicht richtig nach dem Wege zu fragen. Plötzlich kam er am Postamt vorbei. Er fragte nach Briefen, aber auch diesmal hatte Steffie nichts gesandt. Aschfahl trotz der Hitze, müde, aber doch voller Hoffnung (Veras offenbare Liebe tat ihm unbeschreiblich wohl, und sie konnte ihm alles andere ersetzen, wie er jetzt fühlte) kam er in dem alten Hotel an. Er nahm ein Zimmer, sah es aber vorerst gar nicht an, trug sich in dem Hotelbuch vorläufig nicht ein, zog aber sofort den Portier beiseite und, ihm sein letztes Geld als Trinkgeld aushändigend, fragte er ihn unter starkem Herzklopfen, die Hand vor dem Mund haltend, wo und wie man hier ein paar kleine Schmucksachen loswerden könnte. Der Portier schien weniger erstaunt, als es Chiffon gefürchtet hatte, und nannte zuerst einen Juwelier, ein großes Geschäft, das die kostbarsten Steine in der Auslage liegen hatte, die Chiffon seinerseits mit Kenneraugen seinerzeit schon lange bewundert hatte. Chiffon schwieg jetzt und verzerrte nur etwas den Mund. Sofort besann sich der Portier, und ohne ein Wort zu reden, nahm er ein Rechnungsformular des Hotels, schnitt mit einer Schere oben den Namen des Hotels fort und schrieb eine Adresse darauf. Ohne Zweifel hatten sich die beiden verstanden. »Zehn Prozent«, flüsterte Chiffon dem Portier zu. Auch das war etwas, was er früher nie getan hätte, denn es machte ihn noch mehr verdächtig. Der Portier schüttelte den Kopf. »Den Zettel sofort zerreißen, sonst könnte ich ...« Er vollendete nicht, es waren neue Gäste gekommen. Chiffon nickte und trippelte schleunigst fort. Es war aber schon gegen Mittag, als er endlich die Adresse erreicht hatte. In einer Gegend, die er nie betreten hatte, befand sich an der Kreuzung zweier großer Straßen ein kleines, aber trotz der Mittagsstunde gut besuchtes Kaffeehaus. Er nahm Platz und zeigte dem Oberkellner den Zettel. Der Oberkellner brachte unauffällig an seinen Tisch einen älteren und einen jüngeren Herrn, beide anständig gekleidet, die sich zu ihm setzten, zuerst die Zeitung lasen und dann hinter den Blättern der Zeitung ihn in deutscher, tschechischer und französischer Sprache fragten, ob er »etwas Neues wisse«. »Gewiß«, sagte Chiffon, der sie an ihrer Art sofort als gewerbsmäßige Hehler erkannt hatte, die sicherlich im Nebenberuf auch mit »Leckereien« (das ist Kokain und Heroin) Handel trieben, »es sind ein paar Neuigkeiten da, größere und kleinere.« »Also zeigen Sie die kleineren zuerst!« Er zeigte die Schmuckstücke, welche die Herren mit dem ersten Blick abschätzten und vor sich hin auf eine schmutzige Aschenschale legten. Dann kramte er die besseren Stücke hervor, denen es ebenso erging. Endlich hatte er nichts mehr, die Herren fragten aber: »Ist das denn alles? Keine größeren Neuigkeiten?« Chiffon schüttelte den Kopf. »Wir suchen eigentlich erstklassige Stücke, ein großes Kollier zum Beispiel, einen punktreinen Stein, für Smaragde über ein gewisses Format hinaus hätten wir etwas übrig.« »Das ist alles, was ich habe. Erbstücke. Familienschmuck. Ich muß mich davon trennen, meine Frau ist krank, liegt im Sanatorium A.« »Sanatorium A.? Kenne ich«, sagte der jüngere und geschäftstüchtigere der beiden, der dem anderen einen Wink gegeben hatte, ihn das Geschäft allein machen zu lassen. »Ja, mehr habe ich vorläufig nicht«, flüsterte Chiffon in seiner Angst. Der Hehler schwieg und nahm die Zeitung wieder vor. Er spannte jetzt ruhig Chiffon auf die Folter, der mit Schrecken an der Armbanduhr des Hehlers sah, daß es weit über Mittag war. »Vielleicht kommen Sie ein andermal mit den größeren Stücken wieder«, sagte endlich der ältere, der etwas Mitleid mit Chiffon empfand, dem der Schweiß in hellen Tropfen auf der Stirn stand. »Können Sie mit denen hier gar nichts anfangen? Ich brauche im Augenblick dringend Bargeld. Ich kaufe es bald zurück. Gebe gute Zinsen, will es nur verpfänden.« »Da werden Sie aber wenig dafür bekommen«, sagte der jüngere, nahm die Stücke aus der Aschenschale und händigte sie dem älteren Herrn zu einer neuen Prüfung wieder ein. »Wir brauchen anderes.« »Die größeren Stücke bekommen Sie auch. Ich werde Sie ausschließlich Ihnen anbieten, verlassen Sie sich darauf.« »Wollen Sie also vielleicht heute abend wiederkommen?« »Gern! Aber ich brauche sofort das Geld.« »Ich kann Ihnen doch keinen Vorschuß auf Sachen zahlen, die ich nicht gesehen habe. Sollen wir zu Ihnen kommen?« »Nehmen Sie doch, was da ist!« »Gern, wenn Sie sich ausweisen können.« »Meine Legitimation?« »Genügt nicht. Sie kennen ja die gesetzlichen Vorschriften. Sie müssen nachweisen, wie Sie zu den Sachen gekommen sind: Fakturen! Fakturen!« Chiffon begann zu zittern. »Beruhigen Sie sich, Herr«, sagte der ältere der beiden Hehler, »wir sind nicht so genau. Wir wollen natürlich nichts mit den Behörden zu tun haben. Aber Ihnen wollen wir gern gefällig sein. Wir möchten Ihnen so gern helfen. Ihre Frau ist schwer krank? Operation? Krebs? Fehlgeburt? Ja, das Leben! Das Leben!« Chiffon schüttelte verzweifelt den Kopf. »Wieviel?« fragte brutal der jüngere, einen Brief herausziehend und die Schmuckstücke alle miteinander in das Kuvert verpackend, während er das Innenblatt zerriß. Jetzt schnalzte er mit der Zunge, wie um ein lahmes Pferd anzutreiben, und sah Chiffon frech an. »Fünfzehntausend!« sagte Chiffon leise. »Auf zwanzigtausend sind sie geschätzt – amtlich! Reell!« Der Hehler klebte das Kuvert zu und gab es Chiffon zurück. »Aber, Kindchen!« sagte er. »Also zwölf!« »Im Gegenteil!« sagte der andere und erhob sich, um fortzugehen. »Was soll ich tun«, sagte verlegen der andere Hehler, » ich möchte ja so gern, aber mein Schwiegersohn hat das Geld, Ihre Sachen sind gut, wenn auch altmodisch, wir brauchen leider anderes.« (Jetzt folgte noch einmal die Aufzählung der Sachen, für die sich der Hehler interessierte.) Chiffon hörte gar nicht mehr zu. Er hielt krampfhaft das Kuvert mit den Schmucksachen in der Hand und starrte in die Zeitung (eine tschechische), ohne auch nur ein Wort zu verstehen. Wer war jetzt der Schlaue? Bei welchem Partner war jetzt Gott? Bei ihm oder bei den zwei Hehlern hier? Plötzlich schrak er auf, der junge Hehler war vorbeigekommen und hatte ihm das Kuvert aus der Hand genommen, dabei grinste er, ein Gebiß aus schierem Gold entblößend. Er klopfte dem vor Schreck atemlosen Chiffon auf die Schulter. »Stimmt es aber auch, daß Sie noch größere Sachen haben? Können wir uns überzeugen? Und billig?« Chiffon nickte, obwohl er ahnte, daß er sich damit in die Fänge dieses skrupellosen Menschen begab – früher hatte er nie so undurchsichtige Geschäfte gemacht. »Dann also gut. Zweitausend.« Chiffon war aufgesprungen, er zitterte am ganzen Körper. »Kein Aufsehen!« sagte der junge Mann, den Mund schließend und den Vorhang über dem Golde fallen lassend. »Reden Sie weiter nichts. Also gut, weil Sie es sind, zweiundeinhalb.« Chiffon nickte ganz gelähmt. »Nichts zu danken«, sagte der Hehler so gleichmütig, daß man nicht wußte, ob es Ernst war oder Hohn. Genauso hatte er, Chiffon, oft seine Kunden in der »Hera« abgefertigt, die guten Kinder. Er streckte jetzt die Hand nach dem Gelde aus. »Nicht hier. Im Park, ganz nahe von hier.« Chiffon zahlte den Kaffee, den er nicht berührt hatte, und kam mit den beiden Herren mit, die nichts gezahlt hatten. Auf dem Wege zum Park (wozu diese neue Verzögerung?), sagte der junge Geschäftsmann: »Eigentlich möchte ich Ihnen einen besseren Vorschlag machen.« »Ja, tun Sie das! Tun Sie das!« sagte Chiffon aufgeregt. »Warten Sie nur! Warten Sie einen Augenblick. Nur Geduld! Sehen Sie das Steinchen hier? Sie sind ja Kenner. Was ist das wert? Unter Brüdern?« »Dreitausend vielleicht. Dreieinhalb.« »Und sehen Sie, ich biete es Ihnen an gegen die paar schäbigen Stücke, die Sie verkaufen wollen. Greifen Sie zu. Greifen Sie zu.« »Ich brauche bares Geld.« »Ach, das brauchen wir alle.« Chiffon winkte einem Autotaxi, er konnte die Folter nicht länger ertragen. Der ältere Hehler hielt ihn zurück, stieß seinen Schwiegersohn in die Seite und zischelte ihm etwas zu. Der jüngere schüttelte den Kopf. »Also dann ich, du Lausejunge!« sagte der ältere. Mürrisch besann sich der jüngere, wog noch einmal die Schmuckstücke in der Hand. »Die Fassungen allein bringen es ja ein«, sagte der ältere, unbekümmert, ob Chiffon es hörte. »Na, dann meinetwegen!« brummte der jüngere. »Ich hätte es nicht getan.« Chiffon erhielt das Geld ausgezahlt, obwohl der jüngere noch Abzüge hatte machen wollen. Welch eine Hyäne! dachte Chiffon in seinem Auto auf dem Weg zu Vera. Wie können denn Menschen so erbärmlich an Menschen handeln? Verschiedene Erinnerungen kamen ihm in den Sinn, aber er hatte im Laufe seines Lebens gelernt, seine Erinnerungen zu beherrschen und sich nicht im ungelegenen Augenblick mit Selbstvorwürfen und dergleichen zu belasten. Im Sanatorium hatte die Hausdame schon ängstlich auf ihn gewartet. Chiffon hatte aber auf dem Wege das Auto warten lassen, hatte zwei Bonbonnieren gekauft, eine für die Hausdame, eine für Vera, die ihn, nachdem er den geschäftlichen Teil erledigt hatte, jetzt mit doppelter Zärtlichkeit, aber die Wangen vom Fieber etwas gerötet, empfing. Er mußte dann mit ihr zu Mittag essen und verfiel auf der Chaiselongue während ihres Geplauders in einen tiefen Schlaf der Erschöpfung, aus dem ihn ein energisches Pochen erweckte. Es traten zwei Männer unbestimmten Alters ein, die Chiffon an ihrer betonten Unauffälligkeit sofort als Kriminalbeamte in Zivil erkannte. Er trat ihnen scheinbar ganz ruhig entgegen, nachdem er Vera im Vorbeigehen zugeflüstert hatte: »Sprich nicht!« »Meine Herren, Sie wünschen?« Die Beamten waren durch sein sicheres Auftreten etwas aus der Fassung gebracht. »Nur eine Auskunft.« »Bitte sehr, wollen Sie nicht Platz nehmen? Eine Zigarette?« Er hatte eine halbgeleerte Schachtel von Veras Nachtkästchen genommen. »Nein, danke, wir rauchen nicht im Dienst«, sagte der eine der Beamten formell. »Es stört Sie aber doch nicht?« fragte Chiffon und steckte sich eine Zigarette an. »Also?« »Wünschen Sie unsere Legitimation zu sehen?« »Danke. Ich bin zu jeder Auskunft bereit.« »Wollen wir nicht auf den Korridor hinausgehen? Wir stören vielleicht die kranke Dame.« »Meine Frau? Nein. Ich habe vor meiner Frau keine Geheimnisse.« »Stimmt das, gnädige Frau?« Vera nickte stumm und lächelte, ihre schönen, bläulich-weißen Zähne entblößend. Sie beherrschte sich mit aller Kraft. Ihr Fieber war gestiegen, aber es schien ihr mehr Fassung gegeben zu haben, als sie bisher in ihrem ganzen Leben besessen hatte. »Nun, zur Sache, bitte«, sagte Chiffon seelenruhig, während er sich niedersetzte und die Beamten stehen ließ. »Ja, so leid es uns tut. Wir müssen einige indiskrete Fragen an Sie richten!« »Bitte, bitte, ich warte nur darauf«, sagte Chiffon und blies ihnen den Rauch ins Gesicht. Er hatte sie sofort als »Kinder«, als durch seine guten Methoden beeinflußbare Menschen durchschaut, und er konnte sich auch ungefähr denken, weshalb sie kamen. Etwas Ernstliches war es nicht. »Nun, wir haben sichere Angaben darüber erhalten, daß Sie mit einer jungen Dame reisen, mit der Sie natürlich nicht verheiratet sind, daß Sie sie mit Gewalt, es heißt mit Stockhieben und Ohrfeigen zwingen, Ihnen zu Willen zu sein, weite Reisen mit Ihnen zu machen, nach Argentinien z. B., nicht wahr? Ferner, daß Sie unrichtige Angaben im Gästebuch des Hotels in K. gemacht haben, und vor allem, daß Sie, um die Angestellten von der Anzeige abzuhalten, sie bestochen haben.« Chiffon lächelte und zeigte seine langen gelben Zähne. »Ist das alles? Argentinien? Südamerika? Südamerika? Sie halten mich also für einen Mädchenhändler?« Die Beamten lächelten, waren aber verlegen. »Wir müssen uns an die Angaben halten. Sie kommen aus bester Quelle.« »Welche Papiere wollen Sie also?« »Sollte denn alles bloßes Gerede sein? Aber das junge Mädchen, das Sie mit sich herumschleppen, soll aus Verzweiflung einen Selbstmordversuch gemacht haben.« »Junges Mädchen? Jung, ja. Mädchen, eigentlich nein. Fragen Sie doch meine Frau, ob ich sie mit Gewalt und Stockhieben behandelt habe?« Vera schüttelte den Kopf, so daß die roten Löckchen flogen. Die Beamten tuschelten miteinander. »Können Sie nicht lauter sprechen?« fragte Chiffon frech. Die Beamten verstummten. Der eine zuckte ärgerlich die Achseln, der andere bestand auf seiner Meinung. »Papiere? Das ist ja alles Unsinn!« sagte der erste nachdenklich, seinen Ring betrachtend, einen billigen Topas, den er am Mittelfinger trug, und ihn so drehend, daß möglichst viel Licht darauf fiel. »Ich glaube, wir haben uns geirrt. Die Papiere haben wir ja unten in der Kanzlei, im Büro des Sanatoriums, eingesehen.« »Den Trauschein habe ich hier«, sagte Chiffon, »überzeugen Sie sich selbst. Ich kenne mein gutes Frauchen seit acht Jahren. – Ehekrüppel!« fügte er hinzu – der Ausdruck, den der Hoteldirektor gestern angewandt hatte, war ihm ins Gedächtnis gekommen. »Ich handle mit Mädchen nicht. Das wäre mir viel zu gefährlich«, sagte er ironisch. Der eine Beamte schickte sich an, zu gehen, aber der andere, der mit dem dünnen Ring und dem dicken gelben Stein, wollte jetzt nicht loslassen. »Weshalb haben Sie dann den Chauffeur bestochen? Kennen Sie das? Kennen Sie es?« Und er zeigte die alte silberne Uhr. »Bestochen? Ob ich das kekekekenne«, stotterte Chiffon los, im tiefsten Herzen durch den Undank des Chauffeurs getroffen, »sagen Sie selbst! Ich wollte mich dem armen Teufel dankbar erweisen. Ich hörte mir sein Jammern an. Er sagte, er sei arbeitslos. Arbeitslos?! Ich, ich bin arbeitslos! Ich hatte Mitleid mit ihm, ich hatte kein Kleingeld, da habe ich mich hinreißen lassen, ihm meine Uhr, ein altes Andenken, zu schenken.« Vera hatte sich aufgesetzt und starrte ihn entsetzt an. Aber sie gehorchte ihm und schwieg. »Wollen Sie also die Uhr wieder zurück?« »Gewiß, natürlich! Ich in meiner Herzensgüte, lasse mich fortreißen, und dafür denunziert man mich.« »Beruhigen Sie sich! Sie sehen, es hat sich bereits alles aufgeklärt.« »Wie komme ich dazu! Ich dachte, ich bin hier in einem zivilisierten Land?« »Na, schon gut, ich sage, schon gut. Die Uhr holen Sie sich beim Polizeipräsidium ab, wann Sie wollen. Sie erhalten sie gegen Quittung zurück.« »Zu gütig, zu freundlich!« höhnte Chiffon. »Sagen Sie einmal, Herr, wie heißen Sie denn? Manuel oder anders?« »Manfred! Meine Eltern haben mir diesen romantischen Namen gegeben. Hier steht er in der Geburtsurkunde.« »Diese Trottel in K. haben uns alles falsch durchgegeben. Es ist schon gut. Verzeihen Sie die Störung. Was für ein Landsmann sind übrigens der Herr?« »Muß ich darauf antworten?« »Nur wenn Sie wollen.« »Ach was«, sagte Chiffon, »Franzose, Deutscher, Emigrant! Sie halten mich nur auf.« »Na, dann werden wir also wieder gehen.« Kaum hatten sie sich, auf den Zehenspitzen gehend, um die scheinbar wieder eingeschlafene Vera nicht zu wecken, entfernt, als Vera sich hastig wieder im Bette aufsetzte und, mit den Fingerchen nervös über die mit Flaumpelz eingefaßten Ärmel ihres Nachtjäckchens streichend, ihrem Mann ins Ohr flüsterte: »Schnell, komm näher, ich hab' dir was Wichtiges zu sagen.« »Ach, beruhige dich nur, du Liebes, was können die mir antun? Ich hätte gar nicht zu antworten brauchen. Aber Kinder! Kinder, warum soll man ihnen den Willen nicht tun? Die einen wollen Kokain, die anderen wollen Kanonen, man soll ihnen immer den Willen tun. Aber dich hätten sie nicht aufregen sollen, deine Bäckchen sind knallrot, als ob dich einer geschlagen hätte ...« »Still, still«, flüsterte sie, »komm, setze dich ordentlich fest auf mein Bett, wir müssen sprechen ...« »Neieieinein, nicht sprechen, du sollst nicht, du bist erkältet, hast Fieber, du mußt Ruhe haben, ich lasse die Vorhänge herab, du mußt schlafen, du siehst elend aus! Liebstes! Süßestes!« Sie wehrte ihn ab. »Dazu ist keine Zeit. Du mußt abhauen. Heute noch. Sofort!« Er schüttelte erstaunt den Kopf. »Dich allein lassen? Jetzt, wo du Fieber hast? Jetzt, wo wir uns so gut verstehen? Ich denke nicht daran. Ich bleibe, wir bleiben beide hier. Sie kochen hier trefflich und sind so voller Güte. Der Arzt hier will meinen Magen gesund machen. Es soll drei Wochen dauern. Drei Wochen bleiben wir in einem Zimmer zusammen, und, wenn wir das Haus verlassen, sind wir beide gesund.« »Das ist alles Unsinn. Jetzt schweig! Sprich du kein Wort! Ich habe vorhin auch mucksmäuschenstill geschwiegen. Hast du Geld?« »Nicht viel.« »Wieviel?« »Was mir geblieben ist.« »Wovon geblieben?« »Ach, das ist meine Sache, du sollst dich nicht darum bekümmern.« »Du verstehst mich noch immer nicht. Du scheinst mir mächtig angebrannt. Das mit der Uhr war kindisch. Da müssen sie doch aufmerksam werden! Schweig! Sie schnappen dich. Ich habe das feste Gefühl. Hast du denn noch die schrecklichen Pfänder alle?« »Ja. Natürlich.« »Hast du sie wirklich? Nicht lügen, Manfred!« »Also gut. Ich habe ein paar losgeschlagen.« »Oh, das hättest du nicht tun sollen. Ich muß dir nämlich noch etwas beichten. Du sprachst unlängst von einem guten Seidenbatisttaschentuch? Erinnerst du dich?« »Ja! Nein, weiter, weiter!« »Ich weiß, wo es ist.« »Gott sei Dank!« »Nicht Gott sei Dank. Es ist beim Gericht, in B.« »Um Himmels willen, wiewiewie denn das?« krächzte Chiffon, leichenblaß geworden. »Ich habe es Rudolf in die Paletottasche gesteckt, weil du ihm das seine in den Dreck getreten hattest ... Ist es etwas Wichtiges? Hat es eine Bedeutung?« Er senkte den Kopf. »Warum sprichst du nichts? Sehr wichtig? Schlage mich doch! Jetzt habe ich es verdient! Jetzt habe ich dich den Grünen geliefert, wie Rudolf auch!« Er schüttelte den Kopf. »Was tun wir jetzt?« flüsterte er ihr ins Ohr. »Nimm hier meinen Schmuck. Die Kette, die Armbanduhr, die Ringe, den Ehering auch. Ich bleibe dir doch auch ohne treu, und wenn ich Jahre auf dich warten müßte. Ich verrate dich nicht mehr.« »Wo denkst du hin? Ich habe dir doch gesagt, mir können sie nichts anhaben. Es reicht nicht einmal zum Steckbrief.« »Nein, nein, ich habe das Gefühl, daß du in sehr großer Gefahr bist. Wie spät ist es jetzt? In einer Viertelstunde mußt du fort sein. Warum hast du mit den Beamten so aufgetrumpft?« »Es hat den Kindern doch imponiert.« »Das glaubst du so. Mir schien es nicht so. Reise sofort, gib mir Nachricht durch meine Mutter.« »Ich reise nicht. Ohne dich keinen Schritt. Und du bist nicht transportfähig.« »Du mußt ja. Du mußt, wenn du mich ein wenig liebst. Ich bin dir ja so gut. Du tust mir ja so leid. Alles war meinetwegen, ich weiß es genau. Was werden sie nur mit dir beginnen, dort?« »Wo – dort?« fragte er und steckte, ohne daß sie es bemerkte, den Rest des Geldes unter ihr Kopfkissen. Sie sollte keinesfalls am Anfang Sorgen haben. »Im Gefängnis! Rudolf ist stark und groß, dem schadet nichts, der ist jahrelang auf der Walze gewesen, aber du, mit deinem zarten Magen! Grauchen! Grauch-chen! Verzeihst du mir auch?« »Ach, Vera, Vera, weine nicht, beherrsche dich!« »Ich kann ja nicht! Doch ich muß! Wie wirst du nur leben, Graulein, wenn sie dich doch fangen? Im Gefängnis! Du verhungerst mir dort, ja, du verhungerst ja dort!« »Ach, ich!« sagte er und versuchte ein siegesgewisses Lächeln. »Ich und verhungern! Ich werde dort Koch, Gefängniskoch, und füttere alle durch, Steffie und Rudolf...« »Steffie ist also auch in dem Gewimmel? Schnell, sag, was ist gewesen? Ich will es jetzt wissen, unbedingt. Du hast es mir oft sagen wollen, aber ich habe mir die Ohren zugestopft, ich wollte nicht, daß du mir die Liebe zu dir so schwer machst. Sag alles!« »Alles?« »Ja, ganz alles! Alles bis ins letzte. Habt ihr Rosenfinger ermordet?« »Ich nicht.« »Schwörst du es?« »Bei allem.« »Das ist gut! Das ist wunderbar gut, süßer Mann, süßestes Grauchen, Rauchen, Chenlein du«, und sie preßte in ihrer fieberhaften Zärtlichkeit seine kalten Hände gegen ihre schönen kleinen Brüste, »darüber bin ich ja so froh. So himmlisch froh. Aber gewußt hast du es?« Er nickte. »Warst du dabei?« Er nickte nicht mehr, widersprach aber auch nicht. »Ich habe ihm kein Haar gekrümmt. Ich habe auch nicht einen Pfennig von den Geldern berührt.« »Aber warum? Warum hast du es getan?« »Ich habe nichts getan! Ich bin nur Gott nicht in den Arm gefallen!« »Ich habe aber so Sorge um dich!« »Sollte ich mich von dir trennen müssen, auf einige Zeit, paß mal ganz genau auf, Vera, so kannst du ruhig das Geld aus dem Depot verwenden. Es stammt nicht aus der Platanenallee. Es ist alles auf deinen Namen geschrieben. Hast du verstanden?« »Ja, ich habe verstanden. Aber ich brauche nichts. Ich spare die Zinsen. Ich werde zu meiner Mutter zurückgehen.« »Erst wenn du fieberfrei bist und ganz gesund.« »Ja, erst dann. Ich werde bei ihr bleiben. Sie soll nicht noch mal heiraten, das meinst du doch auch?« »Ja, und noch etwas, sage auf keinen Fall aus. Du bist, als meine Frau ... Du kannst darauf bestehen... Nimm einen guten Anwalt, spare nicht. Sprich nichts. Du hast das Recht der Aussageverweigerung. Auch über die Sache mit dem Kiosk schweige.« »Was denkst du, wie furchtbar mir das ist! Du hast ihn also gehetzt, den Dummen. So etwas Niederträchtiges wie dich gibt es nicht wieder, süßes Mandily! Also da bist du auch darin verwickelt! Und ich Unglückswurm liebe dich jetzt! Ich kann es nicht rückgängig machen. Sei nicht so kalt, gib mir einen Kuß! Ich gebe dir wieder! Ach, sie kommen nicht! Und wenn sie kommen, klopfen sie zuerst. Noch fester drück mich! Als ich da in dem Hotel am Wasser schlief, hast du mich da nicht geschlagen? Ich habe so süß davon geträumt. Aber ich schlug dich zurück, das war noch süßer, im Grunde schlugen wir uns gar nicht, wir spielten wie Kinder.« »Ich muß fort!« »Ach, noch eine Minute, bleib. Leihe mir meine kleine Uhr, ich will die Zeiger sehen! Eine Minute nur noch! Sechzig Sekunden, haargenau! Jetzt sollte es mich gruseln, aber mich böses, herzloses, albernes Geschöpf gruselt nicht. Wie kann man denn einen solchen Menschen lieben? Bleib mir treu! Wir sehen uns vielleicht lange nicht. Aber ich komme dir nach! Die Schmucksachen sind doch alle echt? Da kannst du jahrelang davon leben. Iß nichts Heißes, und alle paar Stunden nagst du mir zuliebe an einem Bissen Brot. Das hat bis jetzt am besten gegen deine Schmerzen geholfen. Dem Polizisten damals am Kiosk habe ich doch auch geholfen. Hier, nimm das hier mit, es ist guter Toast und böhmischer Zwieback und dänisches Knäckebrot, für die Reise, am besten, du reist die Nacht heute gleich in einem durch! Aber ohne Papiere? Den Paß hast du ja unten gelassen. Wie wirst du dir helfen? Nimm du unseren Paß, ich brauche nichts, ich bin hübsch, mir helfen alle. Aus diesem Lande mußt du fort. Und noch einen Kuß. Die Zeit ist vorbei, aber ich kann nicht ... Wie war das mit dem Mord? Ganz aus der Nähe zugesehen hast du? Und wer hat ihn erschossen? Rudolf doch nicht? Also Steffie ... Du lächelst? Liebes du, worüber lächelst du?« »Mir ist eben etwas eingefallen ...« »Sag schnell und dann geh, ich glaube, ich höre Menschen kommen, was ist dir denn eben eingefallen? Bei Rosenfinger ...?« »Da hat Steffie den militärischen Teil übernommen und ich nur den finanziellen. Er hat das Blut vergossen, und ich habe nur den Staub von der Schreibtischplatte gewischt, damit keine Fingerabdrücke bleiben. ›Na, hab' ich gekleckst?‹ sagte er nachher. Ich wollte lachen, aber eiskalt war mir doch. Und schnell mußten wir arbeiten ...« »Wie ulkig! Furchtbar traurig, nicht wahr? Noch einen letzten kleinen Kuß, und gehe! Schlag mir auf die Hände, wenn ich dich nicht loslassen will, ohne Mitleid, tu's! Und noch etwas!« »Was denn, Liebes?« sagte er unter Tränen, schon an der Tür. »Verzeih ihm, verzeih Rudolf! Tu nie etwas gegen ihn. Mir zuliebe. Und noch ein ganz winzig Küßchen, gelt?« »Leb wohl, gute, alte Vera! Hoffentlich sehen wir uns bald wieder!« »Noch nicht gehen! Jetzt hat es zu regnen angefangen, und dein schöner leichter guter Paletot!! Ich habe ihn dem Verrückten, dem Rudolf gegeben. Hör zu, einen kleinen winzigen Augenblick noch möcht' ich dich so halten, und versprich mir, du paßt gut auf dich auf, und dann, wenn du doch Rudolf sehen solltest, tut euch nichts an, alle sollen allen verzeihen, warum reißt du dich denn los? Das ist ja niemand, bloß die Schwestern, die kommen aus dem Operationssaal, die haben solch schweren Gang. Ach, geh schnell, wie ist denn das alles so gräßlich! Huch, ach ... nein, nicht doch, nicht ...« Ohne anzuklopfen, waren die zwei Beamten von vorhin wieder eingetreten, und hinter ihnen erschienen die zwei Hehler, der ältere sehr bedrückt und das Taschentuch vor die Augen haltend, der jüngere frech mit seinen goldenen Zähnen grinsend. Sie hatten die zwei Beamten in der Halle des Sanatoriums getroffen – und alle kannten einander nur zu gut. »Ja, sehen Sie mal!« begann der jüngere Kriminalbeamte, der die Demütigung von vorhin nicht verziehen hatte. »Das haben Sie nicht gedacht, daß wir so bald wiederkommen würden? Ja, wir sind in einem zivilisierten Land, in einem Rechtsstaate. Im Namen des Gesetzes, Sie sind verhaftet. Haben Sie Waffen bei sich?« »Waffen? Ein Zahnstocher, ein Taschenmesser, das ist alles!« sagte Chiffon. Er hoffte, sich auch diesmal aus der Schlinge zu ziehen. »Werden wir gleich haben, werden wir sofort sehen.« Er durchsuchte die Taschen Manfreds und förderte schmunzelnd die vielen kostbaren Schmucksachen Veras zutage. »Dahaben wir die großen Stücke! Da sind sie ja. Herrlich! Ihr habt wenigstens richtige Angaben gemacht«, sagte er zu den beiden Hehlern, »ich will Gnade für Recht ergehen lassen. Das letztemal! Aber der Herr kommt mit! Aber daß Sie beide nie mehr unbefugterweise Wertsachen von Unbekannten erwerben! Das nächstemal gibt es keine Gnade, es gibt drei Jahre Gefängnis, ohne Bewährungsfrist, denn Sie sind beide reichlich vorbestraft.« Der jüngere Hehler lächelte, noch ein letztesmal seine goldenen Zähne entblößend. »Und Sie, Herr Manfred, sind Sie vorbestraft?« fragte er Chiffon. Chiffon zuckte die Achseln, war aber leichenblaß. »Werden wir alles sehen. Kommen Sie unauffällig mit uns! Nehmen Sie das Notwendigste mit!« »Wozu? Abends bin ich zurück. Die Schmucksachen sind Privateigentum meiner Frau. Bitte, Vera, überlaß das mir! Abends hast du deine Sachen alle wieder. Und Sie haben sich ein zweitesmal blamiert.« »Haben Sie Geld für ein Autotaxi?« Chiffon schüttelte den Kopf. »Kein Geld für ein Taxi und Schmucksachen für eine halbe Million! Nein! Diesmal sind wir sicher! Los! Dann geht's zu Fuß durch die Straßen.« Der Anstaltsarzt war eingetreten. Chiffon wandte sich zu ihm. »Ich vertraue Ihnen meine Frau an. Ich muß fort. Dank für die Gastfreundschaft heut nacht! Sorgen Sie für meine Frau! Alles ist ein Mißverständnis. Wird sich heueheueheute noch auauauau –« »Na, werden Sie heute noch mit Ihrer Stotterei fertig? Los! Und kein Getuschle mehr. Die Dame bleibt hier? Wir werden sie zu verhören haben ...« Der Arzt sagte: »Heute ist jedes Verhör unmöglich. Die Dame fiebert hoch. Wir bürgen dafür, daß sie zu Ihrer Verfügung bleibt.« »Danke! Die Störung war uns peinlich, gerade im Sanatorium! Gegen die Dame liegt eigentlich nichts vor. Was ist Ihr persönliches Gepäck? Der große Koffer? Dieser kleine auch?« »Alles gehört meiner Frau!« »So, dann wird alles versiegelt. In einer Stunde wird es durch eine Kommission untersucht. Wir werden Sie persönlich, gnädige Frau, nicht weiter behelligen. Wir nehmen auch sicherlich Rücksicht auf Ihre Krankheit. Sie sind eben einem Schuft in die Hände gefallen.« Sie legten die Siegel an. Die Hehler hatten sich entfernt. Vera und Chiffon schwiegen. Endlich waren die Koffer versiegelt, Chiffon mußte gehen. »Folge dem Arzt in allem, schone dich! Weine nicht. Rege dich nicht auf. Keinesfalls bleibe länger hier, als du mußt. Abends aber bin ich wieder bei dir, davon bin ich fest überzeugt.« Vera antwortete nicht. Sie sah ihren Mann an, so lange und so innig sie konnte, und er ging rücklings hinaus, um seine Frau so lange wie möglich sehen zu können. Sie hatte ihn hier festgehalten, an ihr hatte er sich festgebissen wie der Hund, den er mit Rudolf verglichen hatte und der sich so lange an einem Stöckchen festbeißt, bis man ihn daran hochgehoben und unschädlich gemacht hat. War er jetzt unschädlich? Waren die »Kinder« endlich seiner Herr geworden? War seine Schuld auch Dummheit gewesen? Alles darf man tun, dachte er, über die roten Linoleumläufer der Treppe auf leisen Sohlen hinabtrippelnd, alles darf man anstellen in dieser Welt der Kinder – nur lieben soll man lieber nicht. Aber er hatte wenigstens durchgesetzt, was er gewollt hatte, und Vera blieb ihm treu, es mochte kommen, was wolle. Um Eltern, Verwandte, Freunde hatte er sich nicht zu kümmern. Vera war seine Welt. Vera war sein. Wenn nur der Vorhang über Rosenfinger niedergelassen geblieben war, konnte er heute abend wieder zu seiner Frau zurück. Guter alter Rosenfinger? Er lächelte, voller Hohn und Verzweiflung über sich selbst und über die grotesken Unbegreiflichkeiten des Lebens, als er sich der letzten Minuten Rosenfingers vor bald drei Jahren erinnerte. »Ich leide so unter der Todesangst«, hatte der Alte wie schon oft vor seinem schönen Ranaissanceschreibtisch zu ihm und zu Kamerad Steffie gesagt, »mein ganzes Vermögen gäb ich drum, wenn man mich von der Todesangst befreien könnte!« Eine halbe Minute später war er von der Todesangst befreit gewesen. Steffie hatte ein gutes Werk getan. Und deshalb wollte ihm die dumme, rührselige Welt der scheinheiligen Kinder an den Kragen? Komischerweise weinte er jetzt, aber er weinte nur um seine geliebte Vera, die er im hohen Fieber schutzlos hatte zurücklassen müssen! Jetzt endlich liebte sie ihn, jetzt war sie sein, und er wurde ihr durch »die unfaßbare Hand des Schicksals«, wie es die Kinder nannten, entrissen. Würde er sich freilügen können? Er fand, das Schicksal gebrauchte seine Mittel, seine eigenen Methoden, ihn zu strafen, und zu allem anderen bohrte jetzt die alte ungeheilte Wunde in seinem Magen. Er knirschte mit den Zähnen vor Wut, daß er wie ein Rudolf und vielleicht zu diesem Rudolf forttransportiert wurde. Aber die Ruhe verließ ihn nicht. Er knabberte sich eins, nahm Stück für Stück von den Zwiebäcken Veras aus der Tasche. Der Schmerz ließ nach, die Hoffnung erwachte wieder. Jetzt tauchte das große graue altmodische Gebäude der Polizeidirektion vor ihm auf. Hoffentlich konnte er es trotz allem und all den Kindern zum Trotz nach kurzem Verhör verlassen. Sein »Gelübde« fiel ihm ein, und noch ein dürres Lächeln irrte um seine fahlen Lippen. Aber er verließ das Gefängnis nicht. XII. Konrad war durch die Worte seines Freundes von Ohr etwas beruhigt worden. Eben hatte er den Telephonhörer wieder in die Gabel zurückgelegt, als die Glocke sofort von neuem anschlug. Konrad schwankte. War es das verspätete mechanische Schlußzeichen vom Amt, oder war es ein neuer Anruf? Mußte er dann nicht von Flossie sein? Er wartete ein weiteres Anschlagen der Schelle nicht mehr ab, sondern hob den Hörer hoch, und mit einemmal durchdrang ihn eine so freudige Hoffnung, wie schon lange nicht, und er sprach in seinem festen Vertrauen auf das Schicksal: »Du bist es doch, Flossie?« »Ja, Junge, natürlich bin ich es«, kam ihre vertraute Stimme aus der Muschel, die noch warm gewesen war von seinem Ohr und die er jetzt besonders fest an seine Schläfe preßte: »Du kannst doch jetzt kommen?« »Wohin? Zu euch? Zu deinen Leuten? Gerade habe ich dir einen langen Brief geschrieben.« »Was war denn los mit unserem Telephon? Eine Ewigkeit war es besetzt, und ich warte doch in der Halle, das Kind auf dem Arm und das Köfferchen zu meinen Füßen, und –« »Wo seid ihr denn, Kinder? Vielleicht auf dem Bahnhof?« »Natürlich, Junge, ich komme doch von deiner Mutter. Darauf warst du wohl am wenigsten gefaßt?« »Du wartest jetzt im Wartesaal oder im Restaurant zweiter?« »Ja!« »Nicht ›ja‹! Entweder – oder!« »Aber natürlich warte ich auf dich. Du hilfst mir das Kind tragen.« »Und wo?« »In der großen Halle, sagten wir doch. Oder lieber in der Restauration? Aber wir wollen doch sparen, und dort muß ich was nehmen. In der Halle wieder ist scheußlich viel Menschheit von den Ferienzügen –« »Ich werde dich schon finden. Ich bin gleich bei dir.« »So komm nur! Du bist doch gesund? Ja? Ich hatte soviel Bangnis um dich!« »Gewiß, mein Liebes. Und du?« »Ach, ich! Mich kennst du ja.« »Soll Minna schnell etwas vorbereiten?« »Wenn sie schon schläft, laß nur! Das Kind hat schon gehabt. Es ist dick satt. Sonst war es nicht so ruhig jetzt. Was es wieder zugenommen hat, da wirst du Bauklötzer staunen! Und ganz goldbraun ist der dicke Käfer. So war es noch nie. Ich habe ja soviel gute Nachricht für dich, Imme!« »Und ich viele gute auch für dich, Flossiechen!« »Was denn? Sag zuerst!« »Sag du zuerst!« »Nein, du zuerst, sag du zuerst, Imme!« »Ich? Was soll hier gewesen sein? Du warst so lange Zeit fort.« »Ja, furchtbar lange, mir kam es auch so vor! Aber deiner Mutter geht es ganz herrlich! Ja, prachtvoll geht es ihr, und alle in ›Waldfrieden‹ sind paff. – Ja, Fräulein, ich spreche noch! Und zwar mit meinem Mann. Wird man wohl doch noch dürfen! Für seinen ehrlichen Groschen? Wär ja noch schöner!« »Flossie!« »Ja, Immelein, bin noch da, war ja alles nur Quatsch. Jetzt komm nur ganz schnell. Noch etwas, hör! Schrecklich bange war mir nach dir! Und dir auch?« »Aber Flossie!« »Und weißt du noch, wie ich aussehe?« »Was? Man hört den Lärm vom Bahnhof durch und versteht so schlecht.« »Ach, es war wieder nur Unsinn! Jetzt komm aber wie der Wind, wie der Blitz!« Flossie wartete aber weder in der Restauration noch in der großen Halle, sondern sie lief ihrem Mann, als er aus einer Autodroschke sprang, über die Stufen des Haupteinganges entgegen und fiel ihm um den Hals – oder wollte es tun. Ihre Hände waren ja nicht frei, in der rechten hielt sie ihr Köfferchen und auf dem linken Arm trug sie das schlafende Kind. Aber ihre Lippen preßte sie mit aller Kraft auf Konrads dünnen Mund, und mit jedem neuen Kuß hatte Konrad stärker den Geschmack nach Kirschen auf seinen Lippen, guten, warmen, in der Sonne gereiften. Das Kind hatte sein gestricktes weißes Sonntagskleidchen an, mit den grünen Streifen an den Ärmeln und dem Rocksaum, und auf dem Kopf das ebenfalls weiße, aber durch die Bahnfahrt schon etwas schmuddelig gewordene Zipfelmützchen ohne Troddel. Und zwischen all dem weißen Zeug lag das tief goldbraune Gesichtchen mit den straffen Wangen und dem schönen, faltenlosen Hälschen. Unter dem Mützchen kamen die etwas feuchten, hellblonden Locken hervor, die sich über der glatten, weißen Stirn verbreiteten. Auch die langen Wimpern waren Flossies Wimpern oder Rudolfs Wimpern – in ihrem hellen Gold, wie sie Rudolf als kleines Kind gehabt hatte und die früher einmal vor vielen Jahren der ältere Bruder zart angefaßt und sogar angehaucht hatte, wenn der jüngere in seiner ganzen Schönheit in dem für das große Kind etwas zu engen Kinderwägelchen geschlafen hatte. Flossie konnte lange nicht von ihrem Manne loskommen, immer wieder drückte sie ihre heiße, feste Wange an seine ausgemergelte, kühle, ihn dabei verstohlen betrachtend. Ihre blauen Augen glänzten wie in alten Zeiten, und doch lag hinter der strahlenden Miene ein Schatten von Sorge, und sie konnte die ersten Worte ebenso schwer finden wie er. »Ein Auto?« fragte er stockend. »Nicht doch, wir gehen das Stückchen zu Fuß. Wollen doch sparen, jetzt besonders, nicht?« »Alles, wie du willst«, sagte er, mit seinen Gedanken anderswo und auf die Worte »jetzt besonders« nicht eingehend. »Was habe ich altes Kamel doch immer für dumme Sorgen um dich gehabt die ganze Zeit! Das war das einzige Schlimme. Sonst war es ja ganz wunderbar und großartig. Nur daß du nicht da warst. Aber um mich hast du dir doch keine Sorgen gemacht? Es ist doch nicht meinetwegen, daß du so zusammengeschrumpelt bist, du armes Huhn?« – Er schüttelte den Kopf, von einem aus der Tiefe seines Herzens kommenden Drang zum Weinen ergriffen, wie er ihn bisher nie gekannt hatte. Aber er beherrschte sich. Er bemitleidete sich nie. Jetzt verzog er den Mund zu einem gezwungenen Lächeln und faßte nach dem Kind, um es seiner Frau abzunehmen. »Oder vertraust du es mir nicht an?« »Dir? Doch! Alles!« sagte Flossie prompt. »Aber hier noch nicht. Lieber nimm das Köfferchen. Und dann mußt du gleich alles erzählen, ich bin ja gespannt wie ein neuer Flitzebogen! Los, erzähl mal alles, es gibt ja massenhaft Neues, nicht? Und nichts als Gutes diesmal! Daß es mit Rudolf eine gute Wendung genommen hat, das steht ja schon im Abendblatt.« »Wo?« »Im Abendblatt des Stadtanzeigers, ich habe ihn gekauft, als ich so lange gewartet habe auf unser Telephongespräch, und ohne Ankündigung wollte ich doch nicht zu dir kommen, auch wenn's mein eigenes Heim ist. Oder hätte ich doch sofort kommen sollen?« »Und was ist mit Rudolf?« »Du weißt es doch? Ich habe es ja auch immer gedacht, ich kenne doch den Jungen! Mit dem Makler hat er nie was zu tun gehabt, umgebracht haben ihn ganz andere, sicher! Jetzt sind sie endlich auf der richtigen Spur, und alles wird gut.« »Und wer ist es?« »Wer? Das weiß man noch nicht, oder ich hab' es wieder vergessen. Einen französischen Spitznamen soll er haben, der eine von den Brüdern, Crêpe de chine oder so, putzig, nicht? Hauptsache: Rudolf ist es nicht! Ich hätte am liebsten in die Hände geklatscht vor Freude, aber Ottochen schlief, und wecken wollt' ich sie nicht. Ich dachte nur an dich! An dich dachte ich nur. Das hat mir das Herz erleichtert. Um deinetwillen hab' ich aufgeatmet, hörbar ist mir ein Fünfzig-Pfund-Stein vom Herzen gefallen, und die anderen auf der Bahnhofsbank haben es sicher gemerkt, ich habe geseufzt oder, besser gesagt, ausgeschnauft wie eine Lokomotive auf der Endstation! Siehst du, so haben wir doch recht gehabt.« »Ich danke dir! Ich danke dir sehr! Ich habe es immer gewußt, und jetzt ist alles anders für mich.« »Wie anders? Es ist nämlich komisch, für mich ist es auch anders!« »Was denn, Liebling, woran denkst du jetzt?« »Ja, mit dem Raten bist du kein Held!« »Nein, bin ich das nicht? Erzähl nur, Flossie, was dein Herz bedrückt.« »Ja, im Ernst, was wird es wohl sein? Was glaubst du?« fragte sie mit einem reizenden Lächeln, während sie sich mit der freien Hand die Härchen aus der Stirne strich und dann das gleiche bei dem Kinde unternahm, wobei ihre Züge einen eigenartigen, fernen, abwesenden und sogar abweisenden Zug annahmen. »Ja, Konrad, das Herz bedrückt es mir«, sagte sie, und plötzlich blieb sie mitten auf dem Gehsteig stehen und umfaßte ihn, ganz verwandelt, wieder mit ihrem alten, strahlenden Blick, »aber anders bedrückt es mir das Herz, ganz anders, als du denkst! Fürchte dich nicht. Viel, viel besser, nicht wahr?« »Nun?« »Aber Konrad«, sagte sie, schnell weitergehend und mit ihrer trockenen, nicht ganz weichen Hand ihm über das Gesicht fahrend, »ja, was glaubst du? Zum Beispiel, wenn wir noch ein Kind bekämen? Mir ist so. Das wäre doch furchtbar ulkig, nicht? Wir kriegen nämlich wieder eins. Sicher! In sieben Monaten, etwas mehr, etwas weniger, aber bestimmt ganz leicht und zur rechten Zeit, nicht wahr? Einen Jungen, denk' ich wohl. Ich spüre nämlich gar nichts, nichts Beschwerliches, meine ich, und so soll es bei Jungens immer sein. Das weißt du ja besser als ich. Oder schlimmstenfalls wird es wieder ein Mädchen, unbedingt etwas ganz Entzückendes. Du freust dich doch auch darauf? Ich freue mich wahnsinnig. Sieh doch mal! Auch wenn du dich zufällig nicht besonders darauf freuen würdest, bekommen würde ich es auf jeden Fall, und«, mit der Stimme leiser werdend, als wolle sie sich entschuldigen, »ich, ich habe es mir doch so sehr gewünscht.« »Ich auch, Flossie«, sagte er. »Du auch, Junge? Mogelst du bestimmt nicht? Das wäre ja wirklich zu schön! Laß mich nur! Wir werden ja soo sparen! Sag nicht: zwei Kinder in nicht ganz zwei Jahren! Das ist doch gerade wunderbar und ganz ungeheuer praktisch. Da ist nämlich alles noch da, alles noch hochmodern, und die dummen Motten haben noch nicht das kleinste Löchelchen gebissen, wir brauchen nicht mal einen neuen Kinderwagen, wir setzen sie einfach beide hinein, das eine nach oben und das andere nach unten, die Kinder, oder übereinander, Hauptsache, man bringt sie genug an die frische Luft, und das wird ein Hauptspaß für mich! Und sieh, was Ottochen alles neu gehabt hat und was uns immer das größte Loch in den Geldbeutel gerissen hat, jetzt gehen wir stolz an den Kindersachengeschäften vorbei und sagen, bitte mein Herr, danke mein Herr, wir sind schon lange bedient, von den Windeln angefangen und den Häubchen und den Lätzchen um den Hals, ich könnt' das neue Kind schon jetzt fressen, Mensch, Geliebtester, das wird sicher etwas Unbeschreibliches, unbedingt ein Junge, ein Riesenkerl, so nach meinem Vater, nicht? Und sicherlich gibt dann Vater etwas dazu. Und die Kinderwaage haben wir auch noch, und das Wännchen hängt da oben an dem Nagel in unserem Badezimmer, und ich dummes Kalb hab' es vergessen. Hast du es gesehen? Mir hat es sehr gefehlt, Konradin, aber die große Waschschüssel im Gasthof hat unserer Ottolein auch ganz gut gefallen, war ihm so passend, so fein glatt für den Hintern, mit Verlaub. Und paß nur auf, Kamerad, jetzt erst werde ich richtig praktisch sein. Wenn ich nur erst wüßte, was aus uns allen wird. Aber laß nur! Neues brauchen wir nicht, absolut nicht, und ich kann vom Wirtschaftsgeld sicher etwas entbehren, sofern wir nämlich doch hier blieben und wenn du dem – Rudolf«, ganz leicht hatte sie doch gezögert, bevor sie den Namen aussprach, und sie sah mit Freude, daß ihr Mann dieses Opfer verstand und sie mit einem seiner alten, guten, eben »grundanständigen« Blicke ansah, von denen sie gefürchtet hatte, sie würden nach der großen Auseinandersetzung nie mehr auf seinem Gesichte erscheinen – »es ist ja leider Gottes immer nur eine Kleinigkeit«, sagte sie leiser, und sie fühlte jetzt, wie er mit seiner kühlen, etwas harten Hand ihren Nacken berührte, wo bei ihr ein leichter, ganz zarter, goldfarbener Flaum wuchs, »ja, das tut gut«, fuhr sie fort, »ich bin doch gottesfroh und selig, daß wir drei wieder beisammen sind, nicht wahr, du, und haargenau wie früher? Und weißt du«, fuhr sie fort, während er seine Antwort in dem immer zarter werdenden Streicheln ihres Halses kundgab und sie langsam wieder die ganze alte Sicherheit gewann, »laß mich nur, Junge! Nicht so, das meine ich nicht, du kannst mich immerzu kraulen, lassen sollst du mich, wenn ich die Haushaltsgeschichten alle auf mich nehme, es wird immer schöner und besser werden, mit uns allen dreien, und auch deinem – lieben Bruder wird es natürlich viel, viel besser gehen, denkst du nicht auch? Wir werden eben noch etwas mehr sparen, wenn du nur überhaupt trotz dem Mordsskandal hierbleiben kannst und willst, und wir werden Geld zusammenlegen, damit wir ihm eine Existenz einrichten können, wenn er mal aus dem Kittchen kommt – nein, wenn er freigesprochen wird, denn das kann, nein, das muß doch jetzt sicherlich so kommen, nicht? Auch an dem besten und teuersten Verteidiger soll's nicht hapern, ich bin's imstande und gehe Doralies um Geld an, sie hat massig viel auf der Sparkasse, die alte Jungfer mit ihrer vertrockneten Tugend. Soll es Rolfchen zugute kommen, und Geld vermag ja so viel, nicht? Was kann das zweite Kind schon kosten, Neues wird, wie gesagt, nicht angeschafft, auch die Kinderschuhchen können wir noch allemal nehmen, passen müssen sie, und kleine Kinder, das weiß jeder, tragen ja nichts ab, und die Leinwandsachen von Ottochen werden nur immer schöner und geschmeidiger durchs viele Waschen.« »Mach dir keine Sorgen, liebe Flossie«, sagte Konrad, »es hat sich alles zum Besseren gewendet. Mehr weiß ich eben heute noch nicht. Ist dir Ottochen nicht zu schwer? Gibst du es mir jetzt nicht zum Tragen?« »Später, sicher, wenn die Leute es nicht sehen. Gleich, gleich ist es soweit.« Sie kamen an den »Schwedengängen« vorbei. Chiffons Speisekarte, die unter der Laterne jahrelang, von Glas überdeckt, gehangen hatte, war nicht mehr da, nur der Nagel noch, an dem sie befestigt gewesen war. – Vor dem Hause spielten blasse Kinder, hetzten einander im Vorgarten und schössen dann plötzlich auf die Straße hinaus, bis sie eine Frau aus den Fenstern zurückrief, hinter denen sich früher der Klub »Hera« befunden hatte. Jetzt standen die Fenster im Erdgeschoß offen, man sah eine ältere Frau darin herumwirtschaften und Möbel rücken, offenbar war eine der Flüchtlingsfamilien in die Räume eingezogen. Der Umzug war noch nicht ganz vollendet, und man hatte, während man die Möbel richtig stellte, die Kinder noch einmal zum Spielen auf die Straße gelassen, obwohl es schon gegen zehn Uhr abends war. »Weg ist er, der Hund«, sagte Flossie. »Aber sie sind dem ausgekochten Schuft und seiner luftigen Frau schon bannig auf den Fersen, ich habe es heute abend im Blatt gelesen. Den müssen sie haben, unser alter Herrgott ist doch gerecht, denkst du nicht auch? Ihn und seine ganze Teufelsbande.« »Und meiner Mutter geht es besser?« fragte Konrad, der noch immer nicht mit seiner Frau über den Bruder sprechen wollte, obgleich sich Flossie alle erdenkliche Mühe gegeben hatte, ihn dazu zu bringen. »Gut?« wiederholte Flossie, stehenbleibend und das Kind beruhigend, das greinend aufgewacht war, »nicht nur gut, sondern herrlich, tadellos. Sie war nie im Leben so hell wie jetzt, und ich kenne sie doch schon lange, nicht? Am liebsten wäre sie gleich mitgekommen. Aber wie sollte ich sie hierherbringen? Ich wußte doch nicht einmal, wie du mich empfängst, und hatte ordentlichen Bammel, die ganze Zeit auf der Bahn und in der Telephonzelle auch, hast du wohl auch bemerkt!?« »Du hast doch wohl nicht etwa Angst vor mir, Kind?« »Nein«, sagte Flossie, während sie ihren Mann voll ansah, der schon lange die Hand von ihrem Nacken genommen hatte, »nein, Konrad, ehrlich gesagt, Furcht nicht. Dazu liebe ich dich eben zu sehr. Ich mag dich eben, das weißt du. Aber sieh mal, deine Mutter, ein wenig ist sie mir noch immer fremd, und ich war es ihr leider noch tausendmal mehr. Es sollte eine Strafe für mich sein, dachte ich mir, als ich den Plan faßte: jetzt fährst du mal hin! Daß es dann so reizend wurde, darüber war ich ganz baff. Und durch mich, wenn sie, das meine ich, wie soll ich's klar sagen, wenn sie dann durch meinen Mund die Schauergeschichte von ihrem Rudolf gehört hätte, so wäre ihr bißchen Liebe oder das ›Mich-in-Frieden-Lassen‹, wie du es nennen magst, im gleichen Augenblick fortgepustet gewesen, und sie hätte mich wieder gehaßt wie früher, als wäre ich schuld an allem Pech. Gott allein weiß, wie sie das wird tragen können. Aber ich bin doch ganz schuldlos an allem. So ist es doch, das müßtest du doch verstehen? Oder verstehst du es nicht, Immchen?« »Ich verstehe dich – jetzt viel mehr als früher, Flossie. Ich kann es vielleicht nur nicht ausdrücken. Nur das eine kann ich dir sagen, du hast recht getan. In Waldfrieden und auch sonst. Komme es, wie es komme, so wie du es gemacht hast, so war's richtig.« Flossie lächelte fragend ihren Mann an. Er sah sie an, und plötzlich trat das Bild seines Vaters ihm entgegen. Seit Jahren hatte er ihn in seinen Gedanken nicht so greifbar nahe vor sich gesehen. Er sah ihn, wie er ihn als kleiner Junge gesehen hatte, wenn der Vater der Mutter »Ja und Amen« auf eine wichtige Frage sagen sollte. Er hatte meist nur vor sich hingelächelt und leicht mit dem Kopf genickt. Daheim war immer Frieden gewesen, nie ein Streit zwischen den Eltern, nur manchmal zwischen den Kindern. Jetzt war er, Konrad, der Vater. Er sagte nichts mehr. Er nickte nur zur Bestätigung einmal leicht mit dem Kopf. Flossie verstand ihn. Sie wurde rot, und da sie fürchtete, man könnte im Licht des kleinen Platzes beim Kiosk, dem sie sich jetzt genähert hatten, ihr Erröten sehen, beugte sie sich mit dem Oberkörper über das jetzt unzufrieden vor sich hin quäkende Kind und versuchte es zu liebkosen, indem sie, mit dem Kinn zuerst, dann aber auch mit ihren vollen, festen Wangen an dem Mützchen des Kindes herumrieb und endlich mit ihren unter dem Hut hervortretenden goldfarbenen Löckchen das Kind so lange kitzelte, bis es zu lachen und die Augen weit zu öffnen begann. Jetzt waren sie an dem kleinen Platze angekommen. Voll Neugierde und mit einem Schimmer von Verständnis blickte das Kind mit seinen großen blauen Augen um sich, plötzlich entdeckte es den Vater, jauchzte mit seinem hellen Stimmchen wild auf, und laut »Bappi« rufend, streckte es die dicklichen, rosig gefärbten, im Laternenlicht mattschimmernden Händchen mit den kleinen Grübchen auf dem Handrücken nach dem Vater aus. Es öffnete den etwas feuchten, korallenfarbenen Mund, wobei der Vater einen neugekommenen Zahn oben und zwei unten entdeckte, winzige, ebenmäßige Zähnchen, die kleinen, weißen Obstkernen glichen. »Was, Ottochen? Wer ist nur da? Wer? Ja, ich bin es!« sagte er mit der naiven Freude aller ernsten Väter, und Flossie, wieder strahlend wie früher, meinte: »Jetzt endlich! Jetzt sollst du sie bekommen und darfst sie tragen bis nach Hause! Darauf habe ich mich gefreut die ganze Reise, daß dich das Kind wiedererkennt. Geplappert hat es ja immer von dir, und alles war für sie Bappi, was sie sah und was sie anfaßte.« Sie setzten sich, müde von dem langen, warmen Tag, auf eine Bank in der Nähe des Kioskes, und ihre Blicke hingen, während die Gedanken weit fort waren, an den aufregenden Schlagzeilen der Tageszeitungen und an den fleischfarbenen Gestalten und den süßlich lächelnden Gesichtern auf den Titelblättern der Magazine hinter den Glasscheiben des Zeitungsstandes. Über ihnen war das Laubdach eines Baumes, durch das der lauwarme Wind leise raschelnd hindurchging. Den Oberkörper des Kindes und das Köpfchen mit den sich bald schließenden, bald wieder neugierig aufguckenden Augen hatte der Mann im Schoß, und er fühlte, wie das Kleine, schon wieder im Einschlafen, das Köpfchen drehte, um ein noch bequemeres Plätzchen in seinem Schoße zu finden. Die dicken strammen Beinchen mit den von Flossies Hand gestrickten, hoch hinaufreichenden Strümpfchen und mit den kleinen, vorne stumpf abschneidenden Schuhchen aus braunem Glacéleder lagen auf dem Schoß der Frau und rührten sich nicht. Flossie hatte die Hände unter die Füßchen gebreitet, vielleicht, um ihr Musselinkleid (es war immer dasselbe, weiß mit Grün garniert) zu schonen. Die Gatten schwiegen lange, vielleicht um in der Stille die gegenseitige Nähe noch mehr zu fühlen – dann begann Flossie mit ihrer etwas tiefen, raunenden Stimme leise, um das allmählich einschlafende Kind nicht zu wecken, von Konrads Mutter zu erzählen: »Der alte Professor in Waldfrieden ist seiner Sache bombensicher, und ich hab's ja auch mit eigenen Augen gesehen, die alte Dame geht jetzt großartig auf. Als du drüben gewesen bist, beim Bruder, hab' ich von hier aus telephonisch dort bei ihr angefragt, ob es ungefährlich ist. Nicht für mich hatte ich Angst, nur für die alte Dame und für das Kind natürlich auch. Ich habe von Papas Schreibtisch aus telephoniert, während er wieder mal in einer Versammlung gedrommetet hat wie das Jüngste Gericht, ihn kennst du ja, da habe ich leise nach Waldfrieden geflötet, und lange genug hab' ich gesprochen. Papa, der gute große Klaus, wird sich glatt auf seine Rückseite setzen, aber mächtig, wundern wird er sich über die Telephonrechnung, im Juli kommt sie, und sie knausern dort schon so mit jedem Stadtgespräch, aber es mußte ja sein, etwas mußte eben mit mir werden nach alledem, was du mir gesagt hast – und ich dir auch. Dabei wußte ich doch schon die Familienüberraschung, und wenn du ein winzig bißchen näher hingehorcht hättest, hättest du mich schon verstanden, du verstehst doch auch sonst alles so gut, auch ohne Pfählewinken. Aber –« Sie schwieg und wartete, ob er etwas antworten werde. Er sagte nichts. Sein Blick hing an ihr. In sein sehr abgemagertes Gesicht kam ein Ausdruck, wie sie ihn nicht gekannt hatte an ihm, aber nicht noch mehr ernst und streng und fremd, sondern vielmehr leicht, heiter und ihr so sehr nahe, daß ihr noch viel wärmer ums Herz wurde. »Der Professor war sofort im Bilde, und er hatte gar nichts gegen mein Kommen, im Gegenteil, es war, als hätte er darauf gewartet, und er deutete schon an, daß es mit deiner Mutter jetzt wie im Mirakel gehe, und noch viel besser wird sie enden, und ich wollte meinem Immenpeter sofort die gute Botschaft bringen, rief an bei euch im Gefängnis, sagte aber nicht, wer ich bin, und da haben sie es dir wohl nicht bestellt, oder doch? Heranzukriegen warst du aber nun einmal nicht, fünfmal mindestens habe ich angerufen. Ja, ich lüge nicht! Dreimal war es sicher. Konntest wohl noch nicht fort von deinem Bruder?« »Und meine Mutter war freundlich zu dir?« fragte Konrad, wobei sein Gesicht sich noch mehr aufhellte und er sich noch näher zu ihr setzte. »Freundlich? Immenengel!! Selig war sie, als wir da eintrudelten in Waldfrieden, richtig überglücklich, daß sie endlich einmal wieder mit einem vernünftigen Menschenkind könnt' reden, und zwar über dich und natürlich ihn und auch mich. Und ganz besonders das Kind, das blabberte und quatschte immer mit, ich verstand es, ich las in meinem Kind wie in einem aufgeschlagenen Buch, den anderen wird es vielleicht wie Französisch geklungen haben, das viele Reden hat es vielleicht von mir, denkst du? Aber das wächst sich mit den Jahren aus, sieh, als kleines Kind, glaub' mir, war ich so stumm, wie wenn ich aus Marmorstein wäre, das ist doch ulkig, nicht? Aber wir verstanden uns himmlisch, deine Mutter und ich, und Ottolein natürlich immer mit, so kannte ich die alte Frau noch nicht, ich fürchte, sie war sogar zu nett zu mir, und später tut es ihr vielleicht leid – gerade das ist dann für mich scheußlich und eklig. Und wir sprachen so klug, richtig wie nur Frauen miteinander reden, das ist doch nicht übermütig, wenn ich das sage – wir sprachen über den Haushalt und so, aber nicht über die Wiedergeburt des deutschen Volkes und nicht über die großartigen Teufelskerle, unsere Todfeinde, die Juden, wie daheim bei uns immer die Rede geht zwischen meiner Mutter und Papi und Doralies im Bunde, und über deine Erhängten, Verbrannten und Verwesten verlautete zwischen deiner famosen Mutter und deiner dummen Frau kein Sterbenswörtchen. Und was sind mir gar erst die Juden der ganzen Welt? Mich interessiert nur mein Haus und meine Kinder, und du, mein Konrad, mein guter, verläßlicher Mann. Die anderen Leute dort in Waldfrieden, laß dirs im Vertrauen sagen, du großer, alter Immengeist, sind natürlich alle miteinander überdreht, nicht die Kranken nur, die leben ja davon, sondern auch der Professor mit seinen weisen Worten und die alte Oberschwester mit ihrem wonnigen weißen Stoppelbart und Schifferkrause. Und mein Kind, was haben sie mit dem hergemacht! Sie müssen schon seit Jahr und Tag kein kleines Kind gesehen haben, staunten es an als zehntes Weltwunder. Neun gibt es ja schon, oder sind es neuerlich bloß noch acht?« – Jetzt mußte er lachen, und es war nicht mehr sein bisheriges stummes Lachen, bei dem er lautlos die Luft aus dem offenen, mehr grinsenden als lachenden Munde ausgestoßen hatte, sondern ein richtiges, befreites Lachen, das durch den ganzen Körper bis in den Rücken ging und sich mit seinem Zittern der Bank mitteilte und das Flossie in ihrem dünnen Kleidchen voller Lust als Vibrieren im Rücken empfand. Flossie lachte mit, dann hörte sie plötzlich auf: »Den Koffer hast du doch?« »Gewiß, da neben der Bank steht er.« »Weißt du, was für Schätze ich in ihm mitbringe? Ach Unsinn, Schätze keine, nur mein arm bißchen Zeug, ich wollte doch nur auf zwei, drei Tage nach Waldfrieden, und dann wurde eine Woche draus und mehr, warum hat der böse Junge nicht geschrieben? Und dabei war ich so hungrig nach dir, und alle ihre Liebe und Zärtlichkeit war mir sogar lästig, wenn ich doch voller Sorge an dich und an unser Heim dachte. Ich könnt' auch nicht richtig essen, und als die Mutter mir Blumen heute morgen an die Bahn brachte, da hab' ich sie gleich nach der Abfahrt in den Koffer gepackt, denn richtig gefreut haben sie mich nicht, und wie sollte ich sie tragen? In der einen Hand den Koffer, im anderen Arm das Kind? Werden wohl ein bißchen in der Enge zusammengeschnurrt sein. Aber oben, ach, was freue ich mich doch auf unseren Tisch und alles, alles daheim, ja, weißt du, da gibst du mir ein Pyramidon, das lösen wir im Wasser auf, stellen die Blumen rein, und magst sehen, da blühen sie auf, Wunder wie. Und weißt', deine Mutter muß auch mit den Füßen in Pyramidonlösung gestanden haben, so jung ist sie geworden, und sogar schön, und das war sie doch nie, oder ich hab' sie nur so gekannt, so verhärmt und verknittert, verzittert, und immer auf den Knien und so oben raus, mitten in Himmel rein, ohne Rückbillett. Jetzt ist sie jung geworden, schneeweiß zwar, aber seidenweich und furchtbar voll das Haar, du wirst stolz sein auf sie, wenn sie herkommt. Und von der Frömmelei keine Spur. Nur im Blick mal etwas Fremdes! – Schöne, weiße Haare! Was hat das unser Ottolein gefreut! Sie war immer mit den dicken Patschhändchen drin in Großmutters Lockenwald, hat feste gerissen und hat ihr mehr als ein Härchen gekrümmt und gekreischt dazu aus lauter Wonne, der Bengel! Und die Alte war ja auch absolut hin mit dem Stück! ›Bengel‹ und ›Stück‹ und ›Alte‹, das soll ich ja doch eigentlich lieber nicht sagen!?« »Sprich wie du willst, Bengel oder Engel, alles gleich.« Er war sehr glücklich, sie bei sich zu haben, und hätte sie immerzu sprechen hören mögen. »Und wie kommen wir heim, Junge? Durch die Platanenallee? Das ist der kürzeste Weg?!« »Warum denn nicht?« »Weißt du nicht, Immlein?« »Nun? Was für ein Geheimnis wird es denn jetzt sein, was du so wisperst?« »Durch die Platanenallee? An des alten Rosenfinger finsterer Villa vorbei?« »Ach Flossie, mich schreckt das nicht!« »Und mich noch weniger. Also los! Und jetzt bekommst du das Kind, und das Köfferchen trag' ich.« – Sie bettete das schlafende Kind sorgfältig auf seinem Arm, auf dem linken, so daß dessen schlaftrunkenes Köpfchen mit dem weißen troddellosen Mützchen dem Vater auf seine rechte, etwas schiefe Schulter herabsank. »Und weißt du, was sie gelernt hat, unsere Otto?« fragte sie, während sie von dem Platz mit dem Kiosk in eine der breiten, baumbestandenen, stillen und düsteren Parkstraßen abbogen. »Doch nicht schon lesen und schreiben und in alten Büchern schmökern?« antwortete er. »Nein, lachen hat es gelernt, und zwar so, wie ich es noch nie bei einem so kleinen Kinde gesehen habe, und vorher war Ottochen doch nie dazu zu bringen.« Sie hatten die ersten Schritte in die »Kastanienallee« gemacht, dann waren sie links abgebogen, dann wieder rechts. Die Laternen waren hier ziemlich weit voneinander entfernt, aber in den meisten Villen war Licht, aus den geöffneten Fenstern drang Radiomusik, aus jedem neuen Fenster die Fortsetzung der alten Melodie. Die Bäume standen dicht und voll gegen den enzianblauen, sternfunkelnden, aber mondlosen Nachthimmel, und von den Kastanienbäumen lösten sich die späten Blüten und fielen sacht knisternd, im Licht der Laternen aufschimmernd, zur Erde hinab, getragen von dem lau über die Dächer hauchenden Nachtwind. Die Villa Rosenfinger war die einzige in der Straße, die ganz dunkel in ihrem massigen, grauen, prachtvollen, steinernen Bau dalag. Vor den Rasenflächen war ein herrliches schmiedeeisernes Portal, auf dem sich schon Rost angesetzt hatte, den Konrad, mit dem Finger vorbeistreifend, abnahm, dabei der Nacht gedenkend im Herbst 1918, als sein Bruder durch dieses Tor gegangen war, in der Hand Veras militärisches, feldgraues, blau gefärbtes Mäntelchen mit den Metallknöpfen schlenkernd. Zwischen den Eisenstäben schaukelte ein Karton mit einer durch Wind und Wetter schon stark hergenommenen Inschrift: Zu vermieten, im ganzen oder geteilt, oder zu verkaufen. Näheres durch Jakob Zollikofers Erben. Unwillkürlich war ihr Schritt schneller geworden, der Atem ging ihnen unruhiger, an der Ecke blieben sie stehen, jetzt atmeten sie wieder auf, ihr Schritt kam in ein und denselben Takt. Das Kind schlief nun sehr tief, man hörte es langsam und sehr regelmäßig atmen, plötzlich aber nieste es, eine der herabfallenden Kastanienblüten mußte es gekitzelt haben. Die Eltern sahen hin und beide lachten, bald wieder in ihre Gedanken versinkend. Das Kind schmiegte sich, im Schlaf die Kühle der Nacht empfindend, trotz seinem gestrickten Kleidchen und den festen langen Strümpfen, noch enger an den Vater und dessen Wärme. Alle Gliederchen waren willenlos gelöst, die Füßchen baumelten im Takt der Schritte, sich ab und zu in der Uhrkette des Vaters verfangend, das Köpfchen war so tief hinabgesunken, daß sich das Licht der Laternen auf seinem bloßen, auch schon mit winzigen Flaumhärchen besetzten Nacken brach, der Atem strömte mit dem leisen Schnarchen des Kindes regelmäßig über Konrads Schulter hinab. Für seine Händchen, die für sein Alter etwas groß waren, hatte es sich in der Nachtkühle ein besonders gutes Plätzchen gesucht, alles ohne richtig aufzuwachen: die rechte Hand hatte in dem Raum zwischen dem Westenausschnitt und dem Hemd des Vaters Unterkunft gefunden, die andere war aber, genauso wie die seines Onkels Rudolf in dessen Kinderzeit, in der Ellenbogenbeuge seines Trägers untergeschlüpft. Hier ruhte sie, sich wärmend und zu einer festen Faust geballt. XIII. Während die Eltern stumm nebeneinander gingen – bloß ihre Köpfe hatten sich fast unmerkbar zueinander geneigt, so daß die Wangen sich beinahe streiften, hatten sie sich ihrem Hause genähert, das in dem Übergangsgebiet der Park- in die Geschäftsstraßen lag und wo sie zu ihrem Erstaunen die Fenster ihres Wohn- und Eßzimmers hell erleuchtet sahen. Denn Minna, die treue Seele, hatte geahnt (oder sie hatte es »zufällig« erhorcht), daß das letzte der drei Telephongespräche von der »jungen Gnädigen« stammte, und sie hatte vorsorglich für Flossie und das Kind alles vorbereitet, denn sie diente jetzt der jungen Herrin mit der gleichen Ergebenheit, wie sie jahrzehntelanger alten Herrschaft gedient hatte. Sie zeigte keine Überraschung bei der Nachricht, daß Frau Lucie wohl bald zurückkäme. Vielleicht hatte sie in ihrem starken Glauben nie daran gezweifelt. »Und warst du gut untergebracht, Flossiechen? Nun erzähl!« sagte er, am Tische sitzend. »Wo hast du denn gewohnt? Doch nicht in der Anstalt?« »Wo denkst du hin? Mir kommt es fast so vor, als ob die Verdrehtheit dort ansteckend ist, und ein wenig Angst hatte ich doch, nicht für mich, sondern für das Kind, daß sie es mir totküssen in ihrem Wahn. Und auch deine Mutter ließ ich ganz im Anfang lieber nicht zu nahe kommen. Ja, Ottolein, jetzt kommst du dran! Erst Papi, dann du, dann ich. Grießbreichen bekommt das große Kind, das ist doch fein! – Aber das Kleine hat sich auch gar nicht vor ihr gefürchtet und vor den anderen Narren auch nicht, in seiner Unschuld purzelte es zwischen ihnen umher, gelt, du dicker Schelm? Aber immer guckte es die verdrehte Menschheit ganz von unten an, so ernst, wie jetzt uns. Aber sieh lieber aufs Tellerchen, mach's Mündelchen weit auf und mach fix! – Ja, ich habe in dem Dorf oben gewohnt, heißt Grünesthal, alles hat dort so poetische Namen, ein größerer Ort ist es mit einer schönen Kirche, auch die ganze Post geht über Grünesthal. Erst alles richtig herunterschlucken, Otto, dann erst gibt's Neues. Bitte, gib ihr nicht zuviel auf einmal auf den Löffel, Imme! – Und morgens, so gegen acht, gleich nach dem Frühstück, bin ich vom Gasthof durch den himmlischen Wald ins Heim hinuntergegangen – nicht kleckern, Mädelchen! Heraus mit der Zunge! Die Lippen abgeleckt! So ist es schön! – und das Kind immer voraus, so schnell hoppelte es in seiner Freude. Der Weg geht einmal hinauf, dann wieder hinunter, wonnig ist es dort, sicher und friedlich auch. Immenmeister, wische bitte deiner Tochter das Kinn unten mit deiner Serviette ab, so weit kommt sie mit dem Zünglein nicht. Und flott jetzt weiter! Und du iß auch, sonst wird alles kalt. – Und an der Serpentine bei der Autobusstation, weißt du, erinnerst du dich, ach nein, du warst ja niemals dort, solltest ja niemals zu ihr hinkommen, also da wartete die alte Dame schon. Mitten auf der Straße stand sie, die Füße in den alten Schuhen, die großen Treter – weiß, voller Staub, und weiß das hübsche Köpfchen auch, aber das Seidenkleid schwarz voll Pracht, immer noch das alte, das wir schon lange kennen, ich hab' es ja selbst umgearbeitet und die vielen Rüschen herausgenommen und den Rock enger gemacht – das hat sie sich doch aus dem braunen Festtagskleid bald nach dem Tod deines Vaters schwarz färben lassen, und da leuchtete sie schon von weitem in der großartigen Sonne wie ein Riesenmistkäfer, die glänzen ja auch wie Pech. Was guckst du denn, du dickes Negerkind? Ja, Banane möcht' sie gerne. Morgen! Morgen ganz in der Frühe. Heute sind sie schon alle schlafen gegangen, die braven Bananen. – Ja, und dann gab's ein Geknutsche und ein Geliebe, und immer kam sie mit einem Päckchen an, hatte etwas Besonderes mitgebracht für unser Kind. Und dann wir zu dritt unter den Tannenbäumen den Berg hinauf, den steilen Weg zu einer Waldblöße, da müssen sie vor kurzem die Stubben gesprengt haben, o Liebster, sieh nur, wie Ottolein die Ohren spitzt, alles versteht sie, wie du und ich! – da war es mehr als schön, geradezu wie im Paradies. Nicht zu kalt und nicht zu heiß, Bienen und Hummeln, tausend Arten Vögel, ich übertreibe nicht, und seltene Schmetterlinge, nicht zu zählen, kein Stäubchen in der wundervollen, schattigen Luft, und ein kleiner Bach nebenbei mit Wasser wie Kristall und eiseskühl selbst bei der Hitze, war es denn hier auch so heiß? Und die Vorhänge habt ihr doch heruntergelassen und nur nachts gelüftet? – Junge, wärst du doch auch mitgekommen, was hat dich nur hier in dieser Hölle gehalten? Du ganz Armer, ganz Lieber, Allerbester und purste Honigimme mit deinen grauen Haaren an den Schläfen, so früh schon. Ist es denn wahr, daß dein Freund, der Jarausky, eine Million gewonnen hat? Frau von Ohr hat es geschrieben. Ob er sich nicht an dem Heim für die Flüchtlingskinder beteiligt? Für Kinder sollte solches Geld doch am ehesten da sein, nicht für die üblen Kerle, die er doch alle nicht mehr weißwaschen wird, die Verbrecher. – Ottily, nicht die Fingerchen ablecken, das sollst du doch nicht, Putzili, dazu nimmt man die Serviette, hilf ihr doch dabei, heute lass' ich mich bedienen und seh' euch beiden zu. Die grauen Haare sind dir viel mehr geworden, du hast sie dir sicher nicht ausgezupft, wie ich es sonst immer mache, aber warte, jetzt bin ich da und weiche nie mehr im Leben auch nur einen Schritt von dir, und die grauen Haare werden wieder schwarz, so will ich dich pflegen. Nein, die Hände brauchst du mir nicht zu streicheln, sag lieber, ob auch du immer bei deiner Frau bleiben wirst – seid ihr satt, beide, ehrlich gesprochen, Otto und Konrad? Sicherlich? Sag, Konrad, sag ehrlich, bist du meiner?« »Flossie, ja, darauf kannst du bauen!« »Sag, ich kann dir doch trauen? – Nein, Ottolein, jetzt ist Schluß. Mehr gibt es nicht! – Ganz im Ernst?« »Und ich dir?« »Mir trau! Konrad, mir trau immer!« »Und ich dir auch, Flossie!« »Siehst du, Junge, jetzt muß der Pastor nur noch einmal Amen sagen, dann sind wir wieder von frischem verheiratet! Aber jetzt lass' mich dir noch schnell zu Ende erzählen, dann soll Ottolein zu Bett, ja süßes, braunes Schokoladenmägdelein, jetzt mußt du ins Bettchen, die Augen fallen dir schon zu, das Sandmännchen hat feste gestreut, ja? – und wir auch, ja wir auch ins Bett, nein, jetzt im Augenblick aber doch noch nicht. Immerzu könnte ich bei dir sitzen und deine Augen ansehen und deine wunderbar hohe, weiße Stirne, ich fürchte, Kind, ich bin jetzt sogar dumm in dich verliebt, Konrad! Nun siehst du, dort bei dem Bach hat deine Mutti, ich darf sie doch Mutti nennen, jetzt kommt es mir vom Herzen, und du sagst ja meiner Mutter auch Mutti, jetzt erst werden wir alle eine große Familie, wir zwei besonders, du und ich. Und unsere Kinder natürlich auch! Junge, jetzt sind es bald ein sechstel Dutzend! Gelt, du, ich bin dumm? Und siehst du, als wir dort waren, hat Mutti das Kind ausgezogen, so fein vorsichtig, mit den Fingerspitzen alles sanft herunter und alles auf ein Tuch gelegt, ihr graues, warmes, altes, das sie schon so lange hat, und Ottolein war zum Platzen glücklich, ganz blank, ohne Gewand in der Sonne, aber gelacht hat es nicht, so wenig wie früher. Wenn man es kitzelte, dann ja, aber das zählt doch nicht. Dort hat Otto sich mit ihrem nackten Ärschlein ins hohe Gras gesetzt, mit den dicken braunen Beinchen gerade über dem Wasser, da unten war alles gespiegelt, Minzen sind da und scharfe Kräuter, so eine Art Schilf und Adlerfarn, aber wir haben eine weiche Stelle gesucht, und da saß behäbig unser Ottolein, nackt wie im Paradies, zum Küssen schön und ganz unheimlich artig, und wie ein Altes im Lehnstuhl saß es im Gras und haschte die Schmetterlinge und spuckte nach ihnen, weil sie ihm doch vor der Nase wegflogen, die dummen, und zeigte auf die Steine und wollte sie haben und nannte sie Bappi. Kein Wort mehr, immer das gleiche! Dabei versteht sie alles, was man spricht, den klugen Kopf hat sie von dir, deine Tochter. Aber auch den Ernst, den bösen ich möchte doch so gern, daß du lachst, wozu erzähl' ich dir das alles, ist doch nur dummes Geschmöke, ach, nur ein bißchen lach! Schon daß ich sehe, daß du bei mir bist, daß alles wieder ist wie vorher! Und wenn also deine Mutter sah, wie dein Töchterchen totenernst auf seinem blanken Hinterteilchen saß und Steinchen auf Steinchen in das Wasser hinabschmiß und die Augen rollte und immer nur Bappi dazu sagte, wenn's aufplatschte, da mußte sie aus vollem Herzen lachen. Sie mit ihrer Melancholie! Was hat sie gelacht! Und das Kind, husch, husch, aufgucken mit den großen Augen, und mit einem Mal, hast du nicht gesehen, ging's los, ja geradezu so wie jetzt bei dir, und Ottolein lachte sich mächtig eins, so daß das dicke Bäuchlein wackelte und der Nabel sich ihr ganz tief einzog und die Rippen nur so zitterten und die blonden Locken wippten. Und warum? Warum lachte es die Großmutter an? Mutter aber nie? Das rätst du nicht, du Überkluger? Oder doch? Das steht in euren Akten nicht geschrieben! Sie lachte und purzelte, mit den Patschhändchen nach vorn und griff der alten Dame ins Gesicht, weil sie da was leuchten sah, der dicke rosige Sommerschelm, und ich lachte mit, wir drei lachten wie die Heiden, ich aber nur zur Form, machte Theater, denn an dich dachte ich auch jetzt, was aus uns schließlich wird, und an deinen armen Bruder. Denn arm ist er, mag kommen, was will. Denn das habe ich begriffen in diesen komischen Tagen, als kein Brief kam und nichts von dir. Vater hätte mir doch alles nachgeschickt. Er mag dich sehr! – Und jetzt geht Ottolein zu Bett! Nein, was muß Mutti sehen, das große Kind – und will getragen sein! Na, heute soll es noch hingehen, weil es Sonntag ist in meinem Privatkalender, ja? Imme? Imme!« Sie hob das Kind auf ihre bloßen schönen Arme und trug es in das Kinderzimmer. Nach einer Weile kam sie zurück. Inzwischen hatte sie das Kind ausgekleidet, ihm die Händchen gewaschen, den Mund mit einem in Mundwasser getauchten Läppchen ausgewischt, die widerspenstigen Löckchen mit einem ihrer alten grünen Bänder eingebunden, das Kind aufs Töpfchen gesetzt und sich dabei erinnert, daß heute alle diese Maßnahmen in ganz verkehrter Reihenfolge vor sich gingen. Das Kind hatte vor Müdigkeit sogar etwas zu weinen begonnen, und Flossie wartete noch, ein Lied mit lauter falschen Tönen vor sich hin singend, darauf, bis es einschlief. Als es seine ersten leisen Schnarchtöne hören ließ und sich ganz lang ausstreckte, machte sich Flossie im Badezimmer etwas zurecht, holte das Badewännchen des Kindes von seinem Nagel herab, wischte den Staub aus seinem Inneren, um es für den nächsten Tag bereit zu haben. Dann hatte sie sich einige Tropfen Kölnischwasser gegönnt, und mit dem engen Kamm war sie sich ein paarmal an den Schläfen fest durch ihr dichtes, auf knisterndes Haar gefahren und hatte die Nadeln im Nackenknoten fester gesteckt, und all dies hatte keine zehn Minuten gedauert. Jetzt setzte sie sich zu ihrem Mann an die Breitseite des rechteckigen Speisezimmertisches, wo er nach dem Essen sitzen geblieben war, und er hatte in seiner Zerstreutheit die Brosamen von seinen Butterbroten auf den Teppich hinabgestreift, etwas, das Flossie sonst immer zu heftigem Tadel veranlaßte, denn sie bestand darauf, daß es mit dem Tischbesen und dem Nickelschaufelchen geschah. Jetzt bemerkte sie es zwar sofort, wollte sich aber an diesem »Sonntag« bezwingen und nicht davon reden. Sie nahm ihn bei den Händen, zog ihn näher an sich heran und fragte: »Sag mal, alter Immenschelm, hast du mir nicht am Telephon von einem Brief erzählt, den du heute abend an mich geschrieben hast? Aber laß! Ich will gar nichts wissen! Wenn du dich aber doch aussprechen mußt, ich bin da und bin jetzt wieder ganz frisch. Aber wollen wir heute nacht wirklich noch all die ernsten Sachen besprechen? Mir braucht mein Lieber nichts zu sagen, ich weiß alles. Glaubst du es nicht?« »Ganz sicher weiß ich das doch nicht«, sagte Konrad, etwas verlegen lächelnd. »Doch, getreuer Konradin, alles weiß ich. Wozu war' ich sonst deine Frau? Aber sieh nur – nein, du brauchst nicht so ernst zu gucken, gerade eben warst du so hübsch, als du ein wenig gelächelt hast, vor mir brauchst du dich nicht zu fürchten, ich will dir doch nur Frohes bringen. Aber sieh doch nur«, sagte sie in ihrer Verlegenheit errötend und trotz des Kölnischwassers zu schwitzen beginnend, was sie nur noch kindlicher machte, »sieh, Junge, nur hier auf dem Teppich die Brosamen und Krümel alle! Muß das sein? Wenn du nur wüßtest, was das immer für arge Mühe macht, mit dem scharfen Besen unter den Tisch zu kriechen und da – in der Unterwelt zu bürsten, was das Zeug hält. Und das muß ich tun, denn den alten Knochen unserer Minna würde das Bücken zu schwerfallen. Und den Staubsauger wollen wir nur zweimal in der Woche nehmen, damit wir unseren schönen deutschen Perser schonen, unser bestes Stück – aber du bist nicht böse, daß ich es dir sage?« »Nein, Liebste, nein, ich will es nicht wieder tun. Aber meine Gedanken wirst du nicht so leicht erraten. Das konnte niemand bisher.« »Es wäre auch schlimm genug, wenn jemand außer mir – sag mal, wollen wir wetten? Was bekomme ich, wenn ich deine Herzensgedanken und innersten Wünsche errate oder vielmehr immer nur den einen einzigen?« »Ich habe ja nichts, was nicht auch dir gehört!« »Sicher? Ja, ich will es glauben, also abgemacht! Und nun paß auf, und sag's, so ehrlich du kannst, ob ich recht geraten habe. Ja, leg nur deinen Kopf an meine Schulter, die Musselinbluse ist ja ohnedies von der Reise schmuddelig, da kannst du deinen lieben Kopf ganz tief hineinbohren. Also hör, du willst weg von hier. Du magst jetzt nicht mehr in der Stadt leben, wo Rudolf ist. Es fragt sich nur, wie richten wir es ein? Mutter kommt mit, das hilft ihr und uns. Aber er!! Ja, ich sag es dir ganz offen, recht so, sieh mir tapfer in die Augen, wie ich dir auch. Wir müssen ja jetzt in dieser Lage ganz goldehrlich sein. Du möchtest ihm am liebsten nie mehr begegnen. Du liebst ihn nicht mehr so fanatisch, so... So, habe ich gut geraten? Und hast du endlich an die Stelle im Flüchtlingsheim gedacht?« Er sagte nichts, seine dünnen Lippen waren fest geschlossen. Aber er küßte sie, ihren Kopf mit beiden Händen zart umfassend und leicht niederbeugend, auf ihren bloßen Nacken, dicht unter dem dicken, im elektrischen Licht stark glänzenden, noch zart nach dem Eisenbahnrauch der Reise riechenden, hellen Haarknoten. Auch sie sagte nichts, sie hob den Kopf lächelnd auf, setzte sich mit einem leisen »ich bin dir doch nicht zu schwer?« ihm auf den Schoß, wobei sie in einem schelmischen Lächeln ihre ebenmäßigen, weißen Zähnchen entblößte. »Und das Wichtigste hast du ganz vergessen«, sagte sie, wobei sich das Lächeln immer mehr verstärkte, »stundenlang habe ich über Ottolein Geschichten erzählt und immer weißt du noch nicht, wieso sie das Lachen auf einmal gelernt hat von deiner alten Mutter. Und du Rabenvater bist wohl auch gar nicht neugierig?« »Doch! Sehr!« »Weißt du«, sagte sie, ihn an beiden Händen fassend und etwas ganz anderes in seinen Augen suchend als die Wirkung ihrer Erzählung, »Mutti hat doch Goldkronen. Früher hat sie nie gelacht, deshalb ahnte kein Mensch das viele Gold in ihrem Mund, sie hat ja immerzu die Lippen zusammengekrampft gehabt. Aber jetzt auf der Waldblöße bei den Pfefferminzstauden und so weiter, da ging dem weißhaarigen Trauerkloß mit einemmal der Himmel auf, sie lebte gern, sie freute sich, lachte aus tiefstem Herzen, und da sah das Kind etwas Himmlisches in dem Sonnenglanze blitzen und blinken, das waren die alten Goldkronen, und danach griff das freche Balg, und daran freute es sich und kreischte und lachte wie toll.« »Und hast nicht auch du das Wichtigste vergessen, Flossie?« fragte er. Sie schlüpfte schnell von seinem Schoß hinab, erschrocken wie sie war, und sah ihn groß an. »Hast du denn ganz die Blumen vergessen«, sagte er mit gütiger Ironie, die selten an ihm war, »die noch tief in deinem Köfferchen schmachten?« »Wahrhaftigen Gotts«, und eine flüchtige Röte kam in ihr unregelmäßig geschnittenes Gesicht, in das sich die ersten feinen Fältchen um die Mundwinkel einzuzeichnen begannen, »siehst du, Immenmeister, ich Dumme will die dreimal Weise machen, und du mußt mich an meine Pflicht erinnern!« Sie holte die Blumen, Rosen und Maiblumen, aus dem Köfferchen, wo sie zwischen Zeitungspapier zusammengedrückt gelegen hatten, wobei ihre ganze Frische verlorengegangen war. »Ach, wie laßt ihr doch die Köpfchen hängen!« sagte sie und bewegte die Blumen hin und her, wie um sie aufzumuntern. Aber sie baumelten nur noch schlaffer in ihrer Hand. – »Bitte schnell das Pyramidon. Und frisches Wasser lassen wir laufen. Paß auf, das hilft!« Beide liefen auf den Zehenspitzen, um das Kind nicht zu wecken, durch das dämmerige Kinderzimmer, an dem weißen Bettchen vorbei, in das Schlafzimmer, wo das alte Medikamentenkästchen stand, das zum großen Teil, aber nicht ganz, mit verschiedenen Teesorten gefüllt war, die einen starken, zum Niesen reizenden Duft ausströmten. Das Kästchen war früher einmal mit Gewalt geöffnet worden. »Nicht mit den Fingernägeln! Du brichst sie dir ab, Immentreu! Ich nehme eine Haarnadel zum öffnen«, flüsterte Flossie, mit Macht ihren Niesreiz unterdrückend. Aber kaum war das Kästchen offen, als sowohl er wie auch sie zu niesen begannen, und öfter, als ihnen lieb war. »Ist das hier das rechte?« fragte endlich Flossie, sich die tränenden Augen mit dem Zipfel ihres Musselinärmels trocknend, und zeigte auf ein Päckchen von kleinen Medikamentenbriefchen. Er schüttelte, die Nase mit seinem Taschentuch reibend, den Kopf, dabei bohrte er vorsichtig in der Lücke, wo sich früher das herausgebrochene Schloß befunden hatte. »Wir müssen es doch einmal in Ordnung bringen lassen, meinst du nicht, Flossie?« sagte er nachdenklich. »Wird gemacht. Morgen kaufe ich im Einheitspreisgeschäft ein kleines Schloß, oder besser, ich klaue es bei Vater irgendwo, wir müssen ja jetzt sparen, und den Schraubenzieher besitze ich ja schon, das mache ich alles selbst. Sag mal, Immendoktor, vielleicht ist das hier das rechte?« Er sah die Pulver genau an. »Ja, es sind noch alte von Vaters Zeiten her, das ist seine Schrift.« Sie erhob sich schnell, und beide gingen durch das dunkle Kinderzimmer ins Wohnzimmer zurück, wo die Blumen, auf dem weißen Tischtuch ausgebreitet, Blüten und grüne Blätter wie tot von sich gestreckt, alles Leben eingebüßt zu haben schienen. Aber in einem Augenblick hatte Flossie sie aufgenommen, die Stengel schräg abgeschnitten und auf diese Weise etwas verkürzt, sie bezaubernd geordnet und in das Wasserglas gestellt, wo ihr Mann das Pulver bereits aufgelöst hatte. Und langsam, während beide wie die Kinder mit glänzenden Augen dabeistanden, kam wieder etwas Glanz in die matten Blätter, die Stengel strafften sich, und die Köpfe der Blumen richteten sich auf, so daß sie fast wie frisch aussahen. Sie löschten, immer noch Hand in Hand, das Licht aus und gingen in das Schlafzimmer, und auf dem Wege begann Konrad, was er sonst fast nie tat, eine Melodie leise vor sich hin zu summen. Seine Frau hielt ihm mit ihrer schönen, langen, kühlen Hand, an der noch der Duft der Blumensäfte hing, den Mund zu, er aber drückte ihre Hand noch fester an seine Lippen, breitete ihre Finger aus, bis sie fast sein ganzes Gesicht bedeckten, ihr Daumen an seinem Backenknochen und ihr feiner, dünner, fünfter Finger mit der bogenförmigen, federnden Fingerspitze über seinem linken Auge und der Finger mit dem Ehering über seinem Munde. Zart machte sie sich nach einer langen Weile los und begann sich im Dunkel zu entkleiden. Einen Augenblick hielt sie inne, mit gebeugtem Köpfchen und die Hände ineinander verschränkt auf dem Bettrand sitzend, dann stand sie auf, und mit der einen Hand an dem Achselträger ihres Taghemdes, langte sie mit der anderen nach dem Pyjama, der unter ihrem schlichten, glatten, kühlen, in der Dunkelheit matt schimmernden Kopfkissen fein säuberlich zusammengefaltet lag – als er nochmals ihren Arm ergriff und ihn zart und doch stark und innig bis hinauf an die Schulter zu küssen begann. Sie hob ihren Kopf in die Höhe, die Augen geschlossen, die weiße Kehle schimmerte heller als der Bezug des Bettes, und sie blickte erst auf, als er seine beiden Arme, sich ganz über sie beugend, um ihren etwas feuchten, kühlen, leicht zitternden Hals schlang. Noch einmal öffnete er, schon ganz an sie hingegeben, seine Augen und sah, daß auf ihrem Bett nur das Kopfkissen und der Pyjama lag, den sie schon nahe an sich herangezogen hatte. Er sah, daß ihre Decke fehlte, die schöne, gelbe, geschonte, in regelmäßigem Muster gesteppte Daunendecke, die jetzt über Rudolfs grober Pritsche im Gefängnis lag. Er wollte ihr seine Decke geben, er machte sich sanft los, um sie auf Flossies Seite hinüberzuschieben, und wollte dann zum Schrank, wo noch von Vaters Zeiten eine warme, graue alte Decke lag, das Gegenstück zu der, die seine alte Mutter nach »Waldfrieden« mitgenommen hatte und auf der sie sein Kind auf der Waldwiese gebettet hatte, aber seine Flossie verstand nicht, weshalb er von ihr fort wollte, sie nahm seine Arme und legte sie sich wieder um ihren Hals. Sich völlig in diese Arme hineinschmiegend, erwiderte sie seine Umarmungen mit der ganzen ungestümen Kraft ihrer jungen Jahre und ihres starken Herzens und ließ ihn nicht von sich.