Ottilie Wildermuth Bilder und Geschichten aus Schwaben Genrebilder aus einer kleinen Stadt Was kann aus einem Landstädtchen Gutes kommen? Alle Bildern die uns bis jetzt aus solchen Orten zugekommen sind, waren mehr oder weniger Karrikaturen, und wer das Leben in einer kleinen Stadt nicht aus eigener Anschauung kennen gelernt hat, der bringt meist noch den Maßstab dafür aus Kotzebueschen Lustspielen mit. Er denkt sich eine endlose Folge von Kaffeevisiten, aus Frau Basen bestehend, die sich mit langen Titeln anreden und mit Klatschereien unterhalten. Die Sache hat aber beim Lichte betrachtet doch noch eine andere Seite. Es ist wahr, es fand und findet sich in solchen Kreisen manches Gerümpel, das der Geist der Zeit nur allmählig verweht; aber Manches gibt es auch, von dem ich nicht möchte, daß er es jemals hinweg nähme. Die genaue Kunde, die Jedermann von Jedermanns Thun und Leiden hat, macht das Leben zu einem erweiterten Familienleben, und neben viel kleinlichem Aerger und Neid erwächst auch viel herzliche Theilnahme an Anderer Geschick, viel kräftiger Beistand mit Rath und That. Daneben kommt doch jede Individualität zur Geltung, weil jede wichtig und nützlich werden kann in einem Kreisen der nicht zu viele Kräfte in sich enthält. Wenn Ihr meinen Erinnerungen ein freundliches Ohr leihen wollt, so möcht ich es wagen, in einigen Beispielen den Beweis für das eben Gesagte zu führen. Ich möchte zeigen, wie die Poesie nicht allein in strohgedeckten Hütten an murmelnden Bächen, nicht allein in glänzenden Salons und geschmackvollen Boudoirs mit bleichen Damen wohnt, sondern wie sie sich auch hie und da in den regellosen Straßen und kunstlosen Häusern einer kleinen Stadt niederläßt. Ich möchte Euch einige der Gestalten vorführen, wie sie mir von dem einfachen Schauplatz einer kleinen Stadt im Gedächtniß geblieben sind, lebendiger vielleicht als dies in einer glänzendern und mannigfaltigern Umgebung möglich gewesen wäre. I. Eine alte Jungfer. In der Vorstadt des Städtchens, wo ich meine Jugend verlebt, stand ein gar freundliches Häuschen, das aus seinen vier Fenstern recht hell in die Welt hinaus schaute; daneben ein Garten, nicht eben kunstvoll angelegt, noch zierlich gepflegt, sondern zum Theil mit Küchengewächsen, zum größern aber mit lustigem Gras, und mit Obstbäumen bepflanzt. Dicht neben dem Häuschen breitete ein stattlicher Nußbaum seine dunkelgrünen Zweige aus, der warf seinen Schatten und zur Herbstzeit seine Früchte gastlich weit in die Straße hinein, ein beliebter Sammelplatz für die liebe Jugend der ganzen Vorstadt. Minder freundlich und einladend erschien ein Paar kleiner fetter Möpse, die sich abwechselnd oder gemeinsam auf der Gartenmauer präsentirten und die obbemeldete Jugend und die Vorübergehenden beharrlich anbellten, ohne jedoch die mindeste Furcht zu erregen, da ihre beschwerliche Leibesbeschaffenheit ihnen nicht gestattet hätte, ihre Drohungen auszuführen. Wer nun erwartet, an den Fenstern des Häuschens einen lockigen Mädchenkopf zu erblicken, wie das in ländlichen Novellen der Fall zu sein pflegt, der täuscht sich. Nein, so oft die Hausglocke gezogen wurde, und das geschah sehr oft, erschien am Fenster das allzeit freundliche, aber sehr runzelvolle Angesicht der Jungfer Mine, der unumschränkten Herrin und Besitzerin des Häuschens. Und doch wurde dieses gealterte Antlitz von Jung und Alt so gern gesehen, wie nur je eine blühende Mädchenrose, und ihre Beliebtheit stieg noch von Jahr zu Jahr, was bei jungen Schönheiten gar selten der Fall ist. Die Jungfer Mine war der hülfreiche Genius des Städtchens. Wie die Glocke begleitete sie »des Lebens wechselvolles Spiel,« aber nicht herzlos, sondern mit dem allerherzlichsten Mitgefühl. Wo Kindtaufe war, da durfte Jungfer Mine nicht fehlen; geschäftig und eifrig, aber leise, leise, um die Wöchnerin nicht zu stören, schaffte und waltete sie in Küche und Vorzimmer, um alles zu besorgen, was an Speise und Trank zur Erhöhung der Festlichkeit gehörte. In's Zimmer ging sie nicht, auf kein Bitten: »Behüte, laßt mich gehen, Kinder, ich kann nicht, ich habe zu schaffen.« Sie glich den Erdleutlein, die den Menschenkindern mit emsigen Händen ihre Arbeit verrichten und vor Tag verschwinden. Ein Hochzeitmahl war vollends ihr Element; da konnte man Tage lang zuvor in allen Räumen des Hauses ihre etwas singende Stimme, ihr geschäftiges Hin- und Hertrippeln hören. Sie war unentbehrlich, denn wer hätte solche Torten gebacken, solche Braten gewürzt, wer vor Allem solche Nudeln geschnitten, wie die Jungfer Mine? Wo der Tod in einem Hause eingekehrt war, da war sie die erste, die mit bescheidener, aufrichtiger Theilnahme nahte und mit geschickter Hand den Leidtragenden die äußerlichen Mühen und Sorgen abzunehmen wußte, die betrübten Herzen so schwer werden. Alle Kinder lachten ihr schon von weitem entgegen, denn allen hatte sie schon eine Freude gemacht. Wie fröhlich stürmte das junge Volk zur Osterzeit in den Garten der Jungfer Mine, wo eine lange Reihe von Nestchen bereit stand, mit bunten Eiern und Backwerk gefüllt, eine zahlreichere Ostergabe, als die kinderreichste Mutter zu spenden hatte! Und wie manchen Bissen hatte sich die gute Seele am Munde abgespart, bis sie um Weihnachten die Hanne, ihre treue Dienerin, von Haus zu Haus senden konnte, wo befreundete Kinder waren, um Allen eine kleine Weihnachtsfreude zu spenden! Eine Geschichte hat sie nicht gehabt, die Jungfer Mine. So mittheilend und gesprächig sie war, so hat doch nie eine Seele etwas von ihr gehört über die Zeit, wo ihr Herz jung war; Niemand weiß, ob sie auch einmal geliebt, gehofft und geträumt, ob sie eben als ein vergessenes Blümchen stehen geblieben, oder ob Schuld eines Ungetreuen sie betrogen um des Weibes schönstes Lebensziel. Ihr einfacher Lebensgang lag offen vor aller Augen: Ihr Vater war Bürgermeister des Städtchens gewesen, in dem sie ihre Tage verlebte, und sie hatte eine harmlose fröhliche Jugendzeit unter günstigen Verhältnissen verbracht. Ein Paar alte Herrn der Gegend, die sie noch fleißig heimsuchten, versicherten, daß sie ein recht hübsches Mädchen und eine flinke Tänzerin gewesen sei, welche Bemerkung sie immer recht günstig, wenn auch mit niedergeschlagenen Augen und vielen Verwahrungen aufnahm. Zur Zeit, wo ich sie kannte, zeigte ihr Aeußeres nun eben keine Spuren ehemaliger Reize mehr, aber auf das eingefallene Gesicht mit den freundlichen Aeuglein hatte die Herzensgüte ihre unsichtbaren, aber fühlbaren Züge geschrieben, so daß man doch gern hineinsehen mußte. Ihre schmale, schmiegsame Gestalt war in beständiger Bewegung, da sie stets im Begriff war, irgendwo anzugreifen und beizuspringen. Auf ihren Putz konnte sie vollends ganz und gar nichts verwenden, dazu war sie immer viel zu sehr beschäftigt, und wenn ihre Freundinnen sie mit einem modernen Putzartikel versahen, so hatte er gar bald seine elegante Form verloren, zumal die Hauben, mit denen sie ihr spärliches graues Haar bedeckte, saßen immer schief, da sie im Geschäftseifer sich hinter den Ohren zu kratzen pflegte. Ihre Eltern verlor sie ziemlich frühe, auch die einzige Schwester, die im Orte verheirathet war. Die Hand des Wittwers derselben wies sie entschieden zurück. Das Erbe der Eltern war klein; ein Hauptbestandteil desselben war ein gelähmter, gichtkranker Bruder. Doch gelang es ihr mit großen sonstigen Opfern und Einschränkungen, das höchste Ziel ihrer Wünsche, ein eigenes kleines Häuschen nebst Garten zu erringen. Das bezog sie mit ihrem Bruder, mit der Hanne und den zwei Möpsen und pflegte den Bruder lange Jahre mit klageloser Geduld, mit unermüdeter Liebe, mit unerschütterter Freundlichkeit, bis zu seinem Tod. Die Jungfer Mine sah man allezeit zufrieden und wohlgemuth. Wie groß auch oft ihr Mangel, ihre Entbehrungen sein mochten, Niemand hörte sie klagen, sie hatte immer einen Grund zu besonderer Dankbarkeit. Sie hatte auch genug zu thun, bis sie sich freute mit allen Fröhlichen und weinte mit allen Traurigen; wie hätte sie noch Zeit gefunden, an sich zu denken? Sie war immer in Eile, stets rastlos thätig für Andere, und es kann sich Niemand denken, sie in Ruhe gesehen zu haben. Die Hanne war gerade durch ihre Verschiedenheit die unentbehrliche Gehilfin der Jungfer Mine. So bescheiden. schüchtern und rücksichtsvoll diese, so rasch, keck und entschlossen war die Hanne im Verkehr mit den Leuten. Sie vertheidigte mit Löwenmuth den Garten ihrer Jungfer gegen diebische Gassenjungen, ihren Brunnen gegen schmutzige Viehtreiber, ihre schmalen Einkünfte gegen säumige Zinszahler. Sie hing ihr mit unerschütterlicher Treue an und hätte sich eher zerreißen, als ihrer Jungfer ein Härchen krümmen lassen. Als ganz junges Mädchen von ihr angenommen, diente sie ihr ganz ohne Lohn, sie wußte aus dem kleinen Garten einen fast fabelhaften Gewinn zu ziehen und verwandte den Ueberschuß ihrer rüstigen Kräfte zum Waschen und andern Arbeiten um Taglohn. Den Lohn lieferte sie pflichtmäßig ihrer Jungfer ab, diese bestritt dagegen ihre einfachen Bedürfnisse. Jungfer Mine war eine ganz besondere Gönnerin der Jugend, vom wilden Knaben bis zum Studenten, vom spielenden Kinde bis zum aufgeblühten Mädchen. Deßhalb war ihr Häuschen auch gar oft der Sammelplatz der fröhlichen Jugend, und die Verschiedenheit ihrer Besucher gab oft zu komischen Scenen Anlaß. – Einmal wußte man, wie man in kleinen Städten Alles weiß, daß Jungfer Mine den Besuch von zwei Damen des Orts erwartete, die sich durch strenge Frömmigkeit und entschiedene Weltverachtung auszeichneten; sogleich ward sämmtliche anwesende männliche Jugend aufgeboten: Schreiber, Commis, Apothekergehülfen, ein langer Zug leichtfertig aussehender Leute begab sich vor das Haus der Jungfer Mine und schellte gewaltig, um sich zum Kaffee anzusagen. Den Schluß des Zugs bildete das Malerle, ein zwerghaftes Männlein, das eine Zeit lang im Städtchen grassirte und die ganze Gegend abkonterfeite. Was für ein Schreck befiel die gute Jungfer, als sie die Freischaar da unten erblickte und an ihr Zusammentreffen mit den gestrengen Damen dachte! Trotz aller Gastlichkeit öffnete sie das Haus nicht, sondern kapitulirte zum Fenster heraus, bis auf das Versprechen eines guten Kaffees unter dem Nußbaum für den nächsten Tag der Haufen lachend abzog. Ein andermal saß ein Trupp lustiger Studenten. die ihre Ferienzeit verjubelten, an einem Sonntag am runden Tisch in ihrem behaglichen Stübchen und hatte so eben trotz der bescheidenen Einreden der Jungfer Mine ein Kartenspiel begonnen, als es am Haus läutete. Siehe da, es war der Herr Diaconus, ein besonders hochverehrter Freund der Jungfer Mine. Nun war er zwar ein sehr freundlicher, duldsamer Mann, aber der Tisch voll rauchender Studenten, das Kartenspiel am Sonntag – das war denn doch zu arg! »O ihr lieben Herren! ich kann euch nicht mehr brauchen, – der Herr Helfer! – Geht doch in den Garten! – Hanne, führ' sie hinten hinaus!« rief sie, in großem Eifer hin und her rennend. Lachend zog die junge Schaar ab in's Nebenzimmer, die fatalen Karten aber schob sie eilig unter den Tischteppich und empfing nun den Herrn Diaconus. Aber, o weh! während des Gesprächs zupfte dieser unwillkürlich an dem Teppich und die Karten fielen ihm in Masse auf den Schooß. Daneben streckte das junge Volk die Köpfe durch die Wandöffnung über dem Ofen und bracht durch komisches Gesichterschneiden die ehrbare Jungfrau dermaßen außer Fassung, daß es am Ende das Beste war, die Frevler zu verrathen, worauf die Scene mit allgemeinem Lachen schloß. Sie wurde von der Jugend auch jederzeit in Ehren gehalten. Zur Zeit der Herbstferien wurde alljährlich ein so genannter »allgemeiner Herbst« gehalten, von dem man singend und schießend im Fackelzug heimkehrte. Jungfer Mine nahm nie Antheil an so großartigen und geräuschvollen Festen, wo man ihrer Hilfe ja doch nicht bedurfte. Vor ihrem Häuschen aber hielt jedesmal der fröhliche Zug bei der Heimkehr und brachte ihr ein Ständchen, ohne besondere Auswahl der Musikstücke; Jungfer Mine stand dann freundlich am Fenster und dankte mit züchtigem Verneigen. Ich erinnere mich wohl, wie die Studenten ihr einmal jubelnd zusangen: Ach wie bald. ach wie bald Schwindet Schönheit und Gestalt \&c, und wie sie dann lächelnd mit dem Finger drohte: »ei ihr Schelmenherrn!« Niemand hat besser einen Spaß verstanden als die Jungfer Mine, sogar über ihr Alter, und das will viel sagen bei einem ledigen Frauenzimmer. Ihre allerhöchste Freude war aber, wenn sie einem liebenden Pärchen irgendwie Vorschub thun konnte, ihr ganzes Herz lachte, wenn sie junge Herzen gegen einander aufgehen sah, und manch glückliche Verbindung ist durch ihre so anspruchlos geleistete Beihülfe zu Stande gekommen. Wie erfinderisch war sie in Wendungen, mit denen sie zärtliche Herzen durch das Lob des Geliebten zu erfreuen wußte, wie unermüdet, Liebende bei ungünstigen Aussichten zur Treue und Ausdauer zu ermahnen! »Lieb's Kind, ich koch' Ihnen einmal das Hochzeitessen!« war stets der Dank, mit dem sie jungen Mädchen kleine Aufmerksamkeiten und Freundlichkeiten vergütete. – In einer Schublade, in der viele Briefpäckchen aus ihren vergangenen Tagen pünktlich geordnet aufbewahrt lagen, vielleicht auch ein eigenes Herzensgeheimniß der guten Jungfer darunter, bewahrte sie mit besonderer Sorgfalt ein Paket Briefe mit schwarzen Bändern umbunden. Es war die Korrespondenz eines jungen Paares, das auch einst unter ihrem Schutze sich geliebt hatte und durch Elternhärte getrennt worden war, und dessen Andenken sie mit immer neuer Wehmuth erfüllte. Nie aber hätte eine unerlaubte Liebe auch nur im Entferntesten auf ihren Schutz rechnen dürfen. Behüte, die Jungfer Mine war eine ehrbare Person, Gott und der Obrigkeit unterthan, und sprach trotz aller Sanftmuth eine sehr entschiedene Entrüstung aus gegen Alles, was gegen göttliche Ordnung und die heilige Sitte verstieß. »Laß mich mit Jedermann in Fried' und Freundschaft leben!« war ihr tägliches Gebet zu Gott, und der liebe Gott hat es erhört, indem er ihr ein fromm und freundlich Gemüth gab, das Allen diente und es mit Keinem verderben konnte. Durch alle Spaltungen, die in kleinen Städten am tiefsten eingreifen, durch alle Zänkereien, durch öffentliche und Privatstreitigkeiten ging sie unberührt und unangefochten, und wußte mit den Häuptern kriegführender Mächte Freundschaft zu bewahren, ohne Achselträgerei und Zweizüngigkeit. Sie that Allen zu lieb, was sie vermochte, redete keinem Anwesenden zu Gefallen, keinem Abwesenden zu Leid, und meinte es mit Jedem so von Herzen wohl, daß ihr Jeder gut bleiben mußte, und so war es ihr vergönnt, mitten in vielem Unfrieden ihre Tage in Frieden zu verleben und zu beschließen. Ihr Besitzthum war beinahe Gemeingut; das Gras in ihrem Garten war immer zertreten, weil es den Kindern als Spielplatz diente, ihre Obstbäume kamen nicht zum Gedeihen, weil die ganze Stadt Waschseile daran zog, um den sonnigen Platz zum Trocknen zu benützen. Die Hanne eiferte oft gewaltig gegen diese Duldsamkeit, und die gute Jungfer hatte alle ihre Beredsamkeit aufzuwenden, um sie wieder zu beschwichtigen. Auch der Unterschied der Stände, der in kleinen Städten so scharf abgegrenzt ist, war für die Jungfer Mine aufgehoben. Obgleich sie ihrem bescheidenen Anzug wie ihrer Herkunft nach zum Honoratiorenstande gehörte, war sie doch daheim und befreundet in allen ehrbaren Bürgerhäusern, wo man ihres Beistandes bedurfte, und ihre »Weiblein,« wie sie ihre Freundinnen aus dem Bürgerstande nannte, wurden jederzeit mit derselben Rücksicht und Freundlichkeit aufgenommen wie die ersten Frauen der Stadt. Ihr besonders guter Freund war Nachbar David, ein alter Hufschmied. Er besorgte ihr die Holzeinkäufe und nahm sich ihrer überall treulich an, wo ihre Güte und ihre Schutzlosigkeit mißbraucht werden konnte. Er war ihr Wetterprophet, dessen Meinung immer entschied, wenn es zweifelhaft war, ob die Wäsche in's Freie gehängt werden könne. Sobald ein Ungewitter am Himmel aufstieg, warf der ehrliche Meister sein Schurzfell ab und begab sich zur Jungfer Mine, die große Furcht vor Gewittern hatte; sie bewirthete ihn dann mit einem Kelche selbstfabrizirten Liqueurs, und sie trösteten einander mit Gesprächen über die Zeitläufte und mit Vorlesungen aus Arndts wahrem Christenthum und aus dem Schatzkästlein, bis das Gewitter vorüber war. Das ehrwürdige Paar Möpse spielte keine kleine Rolle im Hause, und ein guter Theil der Sorgfalt der Jungfer Mine war ihnen zugewendet. Die Katze und der Kanarienvogel waren nur untergeordnete Subjecte. Die Katze hatte zwar ein Kissen unter dem Ofen, die beiden Möpse aber, Mopper und Weible genannt, nahmen ihre eigenen gepolsterten Stühle daneben ein, wenn sie es nicht vorzogen, bei gutem Wetter im Garten zu promeniren und die Leute anzubellen. »Es muß das Herz an etwas hangen,« sagte sie zur Entschuldigung ihrer Vorliebe für die garstigen Thiere. Der nachmalige Tod der Möpse betrübte sie tief, doch nahm sie mit gutem Humor den Beileidsbesuch auf, den ihr einige Freundinnen in tiefer Trauerkleidung abstatteten. Mit Lectüre hat sich die Jungfer Mine nie viel befaßt, weder mit sentimentaler noch mit gelehrter. Ein gescheidtes Wort konnte man aber doch mit ihr reden, und Niemand hat je Langeweile bei ihr gehabt. Deßhalb waren auch ihre Kaffeevisiten, der einzige Luxus, den sich die Jungfer erlaubte, sehr gern besucht, nicht nur weil sie den besten Kaffee und die gelungensten Kuchen produzirte, sondern weil in der kleinen Stübchen mit den geflickten Gardinen und dem verblichenen Sopha ein guter Geist wehte, der das Gespräch lebendig machte und die Herzen fröhlich. In's Raisonniren stimmte sie nie mit ein; es war ihr unmöglich, von einem Menschen Böses zu sagen. Auch für das mütterliche Gefühl, das in jedem weiblichen Busen schlummert, sollte es nicht an einem Gegenstand für sie fehlen, obgleich es ein altes Kind war, das man ihrer treuen Fürsorge übergab. Ein ehemaliger Kaufmann aus guter Familie, dem in seinen jungen Jahren die südamerikanische Sonne das Gehirn ausgebrannt, lebte als harmloser Narr in der kleinen Stadt. Er war der zufriedenste Mensch, den man sehen konnte, stets vergnügt, stets aufgeräumt und, obschon bei Jahren, hüpfte und sprang er mehr als er ging. Der Friz nun wurde in die freundliche Obhut der Jungfer Mine befohlen. Sie quartierte ihn in das Stübchen, das seither ihre Heiligthümer verwahrt hatte: den »Papa« und die »Mama,« lebensgroße Kinderbilder in hölzernen Röcklein, an denen ein Hündlein hinaufsprang, und eine spanische Wand, darauf die sieben Bitten des Vaterunsers bildlich dargestellt waren; und sie behütete und pflegte ihn mit mütterlicher Sorgfalt. In dem netten Haus und dem freundlichen Garten war der Friz ganz in seinem Element, er schenkte sein Herz abwechslungsweise bald der Jungfer, die er aber daneben sehr respektirte, bald der Hanne, der es zum erstenmal in ihrem Leben passirte, daß Jemand ihre Reize bewunderte. »Hübsch, Hannah, hübsch!« rief er ihr ermunternd zu, so oft er sie erblickte, setzte auch von Zeit zu Zeit den Hochzeitstag fest, ohne sich zu grämen, wenn der Termin immer wieder hinausgeschoben wurde. Ein verwandter Beamter war so freundlich, den Friz in seiner Kanzlei zu beschäftigen, obgleich seine schriftlichen Arbeiten unbrauchbar waren, da allezeit seine krausen Ideen sich darein mischten. Aber er fühlte sich dadurch so beschäftigt, so wichtig! er eilte mit einer so glücklichen Amtsmiene auf seine Kanzlei, während Jungfer Mine und die Hanne daheim sein Stübchen ordneten und sein Mahl bereiteten. Nur Ein Leiden hatte der arme Friz, das zugleich eine Plage für die Jungfer war: die Hexen, von denen er nach seiner Meinung jede Nacht heimgesucht wurde. Er schnitt sich Stöcke und Stöckchen von jeder Größe, um die Hexen damit durchzuklopfen, und das gab oft einen wahren Hexentanz in seiner Stube, bis ihn die sanftmüthige Stimme der Jungfer Mine aus der andern Stube her wieder beruhigt. Da der Friz bei der Küche der Jungfer Mine so wohl gedieh, so meldeten sich auch vernünftige Subjecte, anständige junge Männer vom Schreibereifach um Kost und Wohnung bei ihr; der Holzstall wurde noch zu einem Stübchen eingerichtet und der Pflichten- und Geschäftskreis der Jungfer hatte sich bedeutend erweitert. Wie nöthig hatte sie nun, um von ihren sonstigen Expeditionen rechtzeitig heimzukommen! sogar »Offertenmacher,« wie sie die commis voyageur nannte, wurden nun hie und da als Kaffeegäste zu ihr gebracht, und noch sehe ich sie, wie sie einst in höchster Eil über die Straße rannte und allen Bekannten, die sie zum Spaß aufzuhalten suchten, zurief: »Kann nicht, muß heim, hab' vier Herren und eine Gans!« Alles geht hienieden dem Ende zu, und der guten Jungfer Mine, die in Ehren und bei guten Kräften ein schönes Alter erreicht hatte, wollte der liebe Gott die Leiden eines langen Lagers und die Beschwerden des hülflosen Alters ersparen. Sie erkrankte bei der treuen Pflege ihrer Dienerin, die ein Fieber befallen hatte; sie mußte sich legen, um nicht wieder aufzustehen. Verlassen war sie nicht in ihren letzten Tagen: sie, die so Vielen gedient, wurde von freundlichen Händen treulich gepflegt, und sie entschlief in ihrem Gott mit frohem und dankbarem Herzen, von Vielen aufrichtig betrauert, wenn auch die Trauer nicht von langer Dauer war. Nach ihrem Tode fand sich, daß ihr Vermögen außer dem Häuschen so gering war, daß Niemand begreifen konnte, wie es ihr möglich gewesen, davon zu leben. Und doch war sie so reich gewesen an Freuden für Andere. Die Hanne blieb zum Lohn ihrer langen treuen Dienste als alleinige Erbin des Häuschens und Gartens zurück; für ein armes Mädchen ihres Standes ein beneidenswerter Besitz! Aber sie hat sich desselben nicht mehr lange gefreut, obgleich sie von der Krankheit, in der sie noch die letzte Pflege ihrer Herrin genossen hatte, wieder genesen war. Man hörte ihre laute, scharfe Stimme nicht mehr, mit der sie sonst so eifrig die Rechte ihrer Jungfer verfochten hatte, still und bleich schlich sie umher, es schien ihr Lebensnerv gebrochen, und nach einem halben Jahr folgte sie ihrer Herrin nach zur letzten Ruhestatt. Wenige der alten Freunde von Jungfer Mine leben nun noch in dem Städtchen, und so ist auch ihr Grab verlassen und vergessen; von den schönen Levkojen und Reseden, die wir aus ihrem Garten dorthin verpflanzt hatten, ist nichts mehr zu sehen, aber ein Fruchtbäumlein hat darauf Wurzel gefaßt und beschattet es mit seinen grünen Zweigen. – Leicht sei ihr die Erde, der guten Jungfer Mine, und sanft ihre Ruhe, ihr, die sich hienieden keine Ruhe gegönnt hat! II. Ein ausgebranntes Herz. Als düsterer Gegensatz zu der freundlichen Erscheinung der guten Jungfer Mine drängt sich mir das Bild einer frühgealterten Jungfrau auf, die auf demselben Schauplatz ein verfehltes Dasein beschloß. Ich sehe sie noch vor mir, die welke Gestalt mit der gelblichen Farbe auf dem eingefallenen Gesicht, das durch nichts mehr belebt war als durch ein paar glänzend blaue Augen, in denen aber ein so unheimlich Feuer glühte, daß Niemand wohl dabei ward. Nach außen konnten sie keine Flamme mehr entzünden, diese Augen, wie schön sie gewesen sein mochten; die Glut, die aus ihnen leuchtete, wandte sich nach innen und verzehrte das eigene Herz der Armen, die einst hell damit in's Leben hinaus geblickt. Und es war noch nicht zwanzig Jahre her, daß dieses unheimliche Wesen eine vielbewunderte Schönheit gewesen war, ein blühendes Mädchen, strahlend von Jugend und Lebenslust, vor der ein langes Leben voll Freude und Glück zu liegen schien. Sie war eine Zeit lang das einzige junge Frauenzimmer von Stande im Städtchen, die Schönheit der ganzen Gegend, die Tochter eines angesehenen Beamten. Was Wunder, wenn sie von früher Jugend an von Anbetern umringt war, wenn sie mehr und mehr Gefallen fand an all den Vergnügungen, von welchen sie den Mittelpunkt bildete, den Festen, deren unbestrittene Königin sie war; was Wunder, wenn ihr der Sinn verschlossen blieb für den Ernst und die wahre Bedeutung des Lebens? Die Mutter fand ihre Herzenslust daran, Luise so früh bewundert zu sehen, sie erging sich in lachenden Planen für ihre Zukunft, und hielt beständig Musterung, wen unter den eifrigen Verehrern sie des Glücks werth halten sollte, ihr Töchterlein davon zu führen. Da ging ein glänzender Stern an Luisens Horizont auf, die stattliche Gestalt eines jungen Edelmanns, der auf dem benachbarten Schlößchen seinen Sitz hatte; natürlich eine äußerst wichtige Erscheinung in den bürgerlichen Cirkeln einer kleinen Stadt. Es wundert wohl Niemand, daß es dem Baron leicht wurde, Luisens Herz zu gewinnen und alle Aktuare, Buchhalter und praktischen Aerzte, die seither ihren Hofstaat gebildet hatten, tief in Schatten zu stellen. Uebertraf er doch alle weit an freier, gefälliger Sitte, verband er doch mit seinem guten Adel und seiner schönen jugendlichen Gestalt eine gewisse Treuherzigkeit und passive Gutmüthigkeit, die den wenigen ernsten Ansprüchen genügten, deren sich Luisens verflachtes Herz noch bewußt war. – So zogen sich allmählig Alle zurück, die ihr seither in flüchtiger Huldigung oder mit ernstern Absichten genaht waren; auf allen Bällen, an allen Vergnügungsorten der Gegend sah man die schöne Luise am Arm des Barons, und recht mit vollem Herzen gab sie sich dem Genuß und der Freude der Gegenwart hin, ohne an eine Zukunft zu denken. Man sagte, der Baron sei ehrlich mit ihr verfahren, er habe ihr frühe im Ernst gesagt, daß er ihr nichts als seine Liebe geben könne, daß die Rücksicht auf seinen Stand, auf seine Verwandten es ihm unmöglich mache, eine Bürgerliche zu freien, zumal wenn sie den Mangel eines Stammbaums nicht mit Gold aufwiegen könne. So weit freilich ging seine ritterliche Ehrenhaftigkeit nicht, daß er bei Zeiten sich entschieden zurückgezogen hätte. Oder erlaubte ihm seine Gutmüthigkeit nicht, dem armen Kind so weh zu thun, ihr mit einem kurzen, wenn auch schmerzlichen Herzweh die Qual langer Jahre und einen schaudervollen Tod zu ersparen? Ich weiß es nicht. – Genug, das Verhältniß dauerte fort und fort. Sie dachte an kein Zurücktreten; entweder trug sie sich mit der Hoffnung, seine Liebe, ihre Schönheit und Liebenswürdigkeit werden doch den Sieg über Standesrücksichten davon tragen, oder ließ ihr die glühende, verzehrende Leidenschaft, die sie befangen hatte, keine Wahl mehr. Sie hat selbst einmal einer Freundin gestanden, sie habe nimmer beten können von der Stunde an, in der sie den Baron kennen gelernt, weil sein Bild sich vor alle ihre Gedanken an Gott gedrängt habe. Der Vater starb früh, die schwache Mutter, ohnehin von der Tochter beherrscht, wiegte sich wohl auch mit der Hoffnung ein, ihre Luise doch noch als Baronin zu sehen, und wagte nicht, den Besuchen des Geliebten ein Hinderniß in den Weg zu legen. Aber Jahre um Jahre vergingen; »eine Mädchenjugend ist – abgeblüht in kurzer Frist« – und die Blüthe der schönen Luise war von besonders kurzer Dauer. Sie verwelkte an der ewig unbefriedigten Glut ihres Innern. Die Liebe des Barons ward kühler und immer kühler, seine Besuche seltener, der Ton seiner Unterhaltung höflicher. Wie sein Herz erkaltete, wurde das ihre immer heißer, ihrem scharfen, ihn weit übersehenden Verstande blieb sein Erkalten nicht verborgen, eine quälende Furcht, ihn vollends ganz zu verlieren, eine rastlose Eifersucht ergriff sie. Einst die Freude und die Lust seiner leichten Stunden, hing sie sich jetzt an ihn wie ein feindlicher Dämon, der ihm jede Lebenslust verbitterte. Wo sie glaubte, er könnte den Blick auf eine andere geworfen haben, da spann sie künstliche Lügengewebe, schrieb falsche Briefe, um ihn der Nebenbuhlerin zu entleiden; sie suchte ihm selbst durch Intriguen bei höher Gestellten zu schaden, vielleicht nur in der Hoffnung, wenn seine Stellung in der großen Welt Noth leide, wenn seine andern Plane fehlschlagen, werde er bei ihr Trost suchen und sich nicht mehr zu hoch dünken, sie zur Gattin zu nehmen. Auf Todte war sie nicht mehr eifersüchtig. Eine leidige Episode (wohl nicht die einzige) in seinem Roman mit Luise war ein Liebesabenteuer mit einem schönen Bauernmädchen, das mit seinem Kinde gestorben war. Der Baron war, wie schon gesagt, ein gutmüthiger Mann, er ließ das arme Geschöpf mit möglichsten Ehren begraben und ihm einen schönen Denkstein. setzen. Auf diesem Grabe sah man manchmal an einem hellen Morgen oder stillen Abend Luise in tiefem schmerzlichem Sinnen. Was da durch ihre Seele ging, was sie hinzog zu diesem Grab, wer will dieß in Worten aussprechen? Sich gänzlich von ihr abzuziehen wagte der Baron nicht; war es noch ein halbverkohlter Rest alter Neigung, war es seine gerühmte Gutmüthigkeit oder eine gewisse Furcht vor ihr, genug, von Zeit zu Zeit besuchte er sie immer noch und suchte sie durch allerlei Beweise von Freundschaft zu trösten über die entflohene Liebe. – Ihre Gesundheit wurde leidend, sie meinte, der Aufenthalt auf einem Dorfe und in der Waldluft würden ihr gut thun. Ach, die stärkende Luft wehte von dem Schlößchen, in dessen nächster Nähe das Dorf lag, das sie in den Sommermonaten bezog! Das waren ihre sonnigsten Tage; er besuchte sie da pflichtlich, brachte ihr Blumen oder sonst kleine Geschenke, auch sah man sogar hie und da die welke, sorgsam geschmückte Gestalt am Arm des noch immer schönen, stattlichen Mannes, und peinlich bemüht war sie, in eifrigen Gesprächen noch einen Hauch aus alten Zeiten zurückzurufen. Sie lebte auch wunderbar auf in dieser Landluft; Sonntags sammelte sich im Dörfchen oft Gesellschaft aus benachbart Orten, sie mischte sich darunter, und manchmal erwachte wieder in ihr all die Lebendigkeit und Fröhlichkeit, die fesselnde Unterhaltungsgabe, die einst von den frischen jugendlichen Lippen entzückt hatte. Junge Mädchen betrachteten sie immer mit einer gewissen Scheu, als einem traurigen Geschick verfallen, und sie sah die ganze nachwachsende Jugend mit Widerwillen an, als ob sie in jeder jugendlichen Gestalt eine Nebenbuhlerin gefürchtet hätte. Unter diesem bittern, friedlosen Wesen litten ihre Umgebungen mehr und mehr, am meisten die alte Mutter. Ohne Ruhe schweifte Luise oft Tage lang umher; sie meinte noch gewaltsam erzwingen zu können, wozu längst die Hoffnung vorüber war. Jede sanfte weibliche Tugend, jeden Zug jungfräulicher Würde hatte nach und nach der Hauch der Leidenschaft in ihr zerstört. Oft wenn der Baron von einem fröhlichen Ausflug zurückkehrte, hat er in einem Gang seines Schlosses wie ein böses Gespenst die bleiche Gestalt seiner ehemaligen Liebe erblickt, die ihm mit maßloser Heftigkeit seine Treulosigkeit vorwarf und ihr verlorenes Lebensglück von ihm forderte, so daß er nur mit Mühe sie bewegen konnte, sich zu entfernen, um ihn und sich nicht bloßzustellen. Immer mehr zur Qual wurde ihm dieß Treiben, diese furchtbare Anhänglichkeit, und endlich beschloß er, sie um jeden Preis abzuschütteln. War er doch ein schöner Mann, der überall zu gefallen wußte, der seine Augen noch auf die frischesten Blumen richten konnte; wie sollte er sich halten und stechen lassen von den Dornen, die allein noch übrig waren von der Rose, die er in leichtem Spiel an seine Brust gesteckt, bis sie verwelkt war und die Blätter abgefallen? – So schrieb er ihr endlich mit Entschiedenheit und aller daneben möglichen Schonung: »er werde immer ihr Freund bleiben, bereit zu Rath und Hülfe, aber ein zärtliches Verhältniß mit ihr fortzusetzen, sei ihm unmöglich. Da er aber nicht verkenne, wie sie ihre Jugend durch ihn verloren, so möge sie ihm erlauben, als Freund für ihre Zukunft zu sorgen.« Mit aller Zartheit bot er ihr dann eine ziemlich bedeutende Geldsumme zur Unterstützung ihrer Mutter. – Mit kurzen Worten antwortete ihm Luise: ihre Liebe, ihre geopferte Jugend lasse sie sich nicht abkaufen, doch werde bald von ihr befreit werden. Nach wenigen Tagen fand man sie früh Morgens tot in einem kleinen Teiche der Umgegend. Sie hatte gewaltsam den Kopf bis zum Grunde gebeugt, um den Tod zu finden in dem seichten Wasser. – Der Baron begab sich bald darauf auf Reisen; erst nach langen Jahren kam die Nachricht von seinem Tode aus dem Auslande. Er war unvermählt geblieb. III. Der Engländer. Ich erinnere mich, daß in den Geschichten aus kleinen Städten, die ich vor Jahren gelesen, meist ein geheimnißvoller oder wenigstens interessanter Fremder auftrat, der die Zungen der Frau Basen und die Herzen der jungen Mädchen in Bewegung setzte. Nun mag ich mich aber besinnen, wie ich will, so hat sich in unsrer kleinen Stadt nichts der Art gezeigt. Wurde zwar eines Tages ein bleicher Jüngling mit Gensd'armen eingeliefert, der sich als einen verkannten Edeln und Professor von Lyon zu erkennen gab; aber es stellte sich binnen kurzem heraus, daß besagter Professor ein Betrüger und Schelm, also mit vollem Recht transportiert war. Ferner erschien einmal Abends auf der sehr frequentirten Kegelbahn ein ältlicher, steifer Herr mit ganz feinen Manieren, dessen Andeutungen ihn etwa als einen russischen General außer Dienst, oder als einen ditto Diplomaten erscheinen ließen, und die Herren wußten bei ihrer Nachhausekunft gar viel zu rühmen von seinem seinen adligen Benehmen und seiner würdevollen Zurückhaltung. Am folgenden Morgen aber war derselbige Diplomat so herablassend, daß er von Haus zu Haus ging mit dem Offert, die etwaigen Hühneraugen auszuschneiden; führte auch eine grüne Kordianmappe mit sich, voll von Zeugnissen von hohen und höchsten Herrschaften über seine Gewandtheit in dieser edlen Kunst. Vielleicht, das nahm man zum Troste an, war er heimlicherweise doch ein Spion, der's nur nicht sagte; er hätte auch in solcher Eigenschaft schlechte Geschäfte gemacht, es gab blutwenig zu spioniren im Städtchen M. Einmal aber, ja einmal fuhr dennoch in einem kurios gestalteten Einspänner ein unbekannter Herr mit einem anständig aussehenden, noch jugendlichen Frauenzimmer am ersten Gasthof in M. vor, und erkundigte sich alsobald nach freistehenden Wohnungen. Derselbige war auffallend lang und mager, trug einen Rock, Beinkleider und Gamaschen von Lederfarbe, einen ditto Hut und ein Gesicht von derselben Couleur, es schien, er habe seine ganze Person am Stück in diesen dauerhaften Färbestoff tunken lassen. Seine lange Figur wurde durch seinen thurmhohen Hut noch vergrößert, so wie sich seine fabelhaft langen Arme durch die Aermel, die um ein Viertel länger waren, als erforderlich, fast bis zur Erde zogen. Die Dame bei ihm schien nicht seine Frau zu sein und sich nicht besonders behaglich zu fühlen. Nach genossenem Imbiß schickten sie sich an, die wenigen freien Wohnungen des Städtchens zu besehen, und der lederfarbne Herr fand sogleich, was er suchte, in ein paar hübschen Zimmern im vierten Stock, mit freundlicher Aussicht auf die Apotheke und eine neue Metzig. Er versicherte den Hausbesitzer, daß ihm besonders lieb sei, eine so hoch gelegene Wohnung zu finden, da das Steigen seiner Brust sehr zusage. Der Hausknecht, der ihm als Führer vom Gasthof mitgegeben war, bemerkte bescheiden, daß auf dem Thurm auch noch ein Stübchen zu vermiethen wäre, womit sogar das Benefiz des Hochwächterdienstes verbunden. Das lehnte der Lederfarbne höflich ab, da in solcher Höhe die Luft aufhöre, gesund zu sein, namentlich weil sich auch schädliche Dünste mit ihr in die Höhe ziehen. Der Unbekannte beabsichtigte gar nicht als solcher fortzuexistiren, er war, nach seiner Mittheilung, ein Engländer, der sich aber schon seit langen Jahren in Deutschland heimisch gemacht und der einen stillen, freundlich gelegenen Ort suchte, wo er seine Tage beschließen könne. Diesen Ort hatte er nun in dem Städtchen M. entdeckt, fragte nach dem Kirchhof, wo er sich ein Plätzchen für sein Grab erkiesen wolle, und bestellte den Notar, um sein Testament aufzusetzen. Nun sah der Engländer aber gar nicht aus, als ob er seinem Ende so nahe wäre, er gehörte überhaupt zu der Klasse von Leuten, bei denen man nie beurtheilen kann, ob sie jung oder alt sind; er kam einem auch nicht vor, als ob er jemals klein gewesen und groß gewachsen sei, vielmehr glich er einem Stück, das in einer Auktion nicht verkauft worden ist und nur so herumfährt. Aus seinen Papieren aber, die er dem Notar vorwies, ergab sich, daß er wirklich schon ziemlich bejahrt war. Als Zeuge zu der Testamentaufsetzung wurde unter andern der Hausbesitzer gebeten, und dieser Ehrenmann war höchlich überrascht und gerührt, als der Engländer nach so kurzer Bekanntschaft ihm ein recht anständiges Legat bestimmte, auch die Armen der Stadt waren nicht vergessen und ein schon früher festgesetztes Vermächtniß für seine Haushälterin erneuert. Der Engländer versicherte den gerührten Hausbesitzer, daß es ja ganz natürlich sei, daß die Familie, in deren Schooß er seine letzten Tage verlebe, auch ein Andenken an ihn behalte, und das Verhältniß zwischen Hausherr und Miethsmann gestaltete sich durch diese freundliche Fürsorge recht gemüthlich. Obgleich nach all diesem es scheint, daß der Engländer expreß nach M. gekommen war, um daselbst zu sterben, so vernachläßigte er die Pflicht der Selbsterhaltung keineswegs. Sein einziges Studium, seine ausschließliche Lektüre waren medicinische Werke; das System aber, nach dem er seine Diät einrichtete, war eigentlich aus keinem davon genommen. So bald er sein Zimmer in Besitz genommen, ließ er den Schreiner kommen und befahl ihm, die Füße seiner Bettstelle gänzlich abzusägen, denn da nach seiner Ansicht der Dampf sich nach oben zog, so behauptete er in der gesundesten Luft zu schlafen, wenn er möglichst niedrig gebettet war. Seine Kost bestand fast ganz ausschließlich aus Gerstenschleim, Kalbsbraten und gelben Rüben, welch letztere er in solchen Massen einkaufte, daß er das ganze Jahr hindurch Vorrath hatte. Der Thermometer war sein bester Freund, den er fast beständig bei der Hand hatte, um nachzusehen, ob das Zimmer die richtige Temperatur habe. War es zu kühl, so mußte augenblicklich geheizt werden und wäre es im höchsten Sommer gewesen; war es zu heiß, so ließ er eine große Wasserkufe in's Zimmer tragen, um die Luft abzukühlen, und war sehr übler Laune, wenn diese Maßregel keine gehörige Wirkung that. Große Fußtouren gehörten auch zu seiner Diät, und es nahm sich sonderbar aus, wie er unterwegs mit eigentümlicher Gewandtheit sich Zuckerpasten in den Mund warf, die er in seinem großen Aermel verborgen hielt: solches, behauptete er, sei ganz vorzüglich für die Brust und den Athem, – kurz, er war unerschöpflich an Mitteln, das menschliche Leben zu verlängern, und konnten seine Erben das Glück der Hoffnung gründlich kennen lernen. Die Kunde, daß das lederfarbne Subjekt ein Engländer sei und bereits ein Testament gemacht habe, verlieh ihm im Städtchen einiges Ansehen. Man glaubte auch, seine lederfarbne Haut und Kleidung sei nur so eine Art Reiseüberzug zur Schonung über seinen ganzen Menschen, wie über einen Regenschirm, und er würde eines Tages schön und elegant hervorgehen. Dem war aber nicht so, er war und blieb derselbe, und eine vorteilhafte Farbe war's für seine Fußtouren: er hätte sich im Straßenstaube baden können, ohne sich im Mindesten zu verändern. Auswanderungen waren dazumal selten und englische Sprachkenntniß so wenig gekannt und gesucht als spanische. Als aber ein lebendiger Engländer auf dem Platze war, überkam doch einen strebsamen ältlichen Herrn die Lust, englisch zu lernen, und er lud zu diesem Zweck den Herrn Cramble zum Kaffee ein, der, wie aus dem schon Erzählten hervorgeht, des Deutschen vollkommen mächtig war. Zuerst wollte man die Conjugationen kennen lernen, also mit den Fürwörtern beginnen: »was heißt: ich?« fragte der Deutsche. » I «, antwortete der Engländer. – »Ei? nun das ist ja ganz gut behalten! Du?« – » Thou « – »Sau« sprach der Deutsche nach, » thou « berichtigte der Engländer, »tsau« versuchte der Schüler wieder, »nicht tsau, thou !« schrie der Lehrer, »sehen Sie, so« und er zeigte ihm, wie man die Zunge an die Zähne drücken muß, um den englischen Zischlaut hervorzubringen. Der Schüler wollte es noch besser machen und streckte die Zunge heraus, da wollte aber weder thou noch Sau hervorkommen, und der indignirte Herr beschloß, an eine so grobe Sprache keine Mühe mehr zu wenden. Crambles Haushälterin, ein anständiges Frauenzimmer von guter Herkunft, aus einer andern Stadt, in der er sich früher etablirt gehabt hatte, um dort seine Tage zu beschließen, hatte sich durch ihre schutzlose Lage und das bedeutende Legat bestimmen lassen, diese Stelle zu übernehmen, mußte aber die Aussicht auf ein eigen Kapitälchen gar sauer verdienen. Der Herr Cramble war ganz erstaunlich sparsam und erwartete natürlich, daß sie durchaus in seine ökonomischen Plane einging. An englischen Comfort schien er keine Ansprüche zu machen, es wurde z. B. nie auf einem Tischtuch gespeist aus dem einfachen Grunde, daß ein Tisch bälder gewaschen sei als ein Tischtuch, von Kaffee war keine Rede, verdünnten Gerstenschleim lauwarm getrunken, erklärte er für das zweckmäßigste Frühstück, auch liebte er durchaus nicht, wenn sie andern Umgang pflog, und somit war ihre Existenz eine ziemlich freudlose; ihr guter Ruf war übrigens nicht in der mindesten Gefahr bei ihm. Nur die Aussicht auf die Erbschaft, die ihr doch wenigstens dereinst ein trauliches eigenes Jungfernstübchen sicherte, gab ihr Geduld und Ausdauer. Sehr überrascht aber war sie eines Morgens, folgende Zuschrift zu bekommen: »Liebwertheste Jungfer Henriette Steinin! Da ich zwar von meinem Schwager, der Gschwisterkind zu des Notars Schreiber in Ihne Wohnort ist, vernommen, daß der engellische Herr Grembel, bei dem ich auch seine Haushaltung gefirt habe, Ihne in seinem Testament ein Vermächtniß vermacht hat, so halte ich das übrigens für wüst von Ihne, einer armen Person das Ihrige abzunehmen, wo der Herr Grembel in sein Testament hier mir auch so ein Legad vermacht hat und ich ihn bis zu seinem Tode bereits nicht verlassen hätte, außer daß er sagte, daß ich keine Bildung genug hätte, vor was der eine Bildung braucht zu ihm seine Gelberüben zu schaben und Gerstensuppe zu kochen, weiß ich allerdings nicht. Und laße Ihnen wißen, daß ich es insofern vor alle Gerichte bringen werde und laße es vor den König kommen so einer armen Persohn ein Legad zu berauben. Ihre dienstwillige Barbara Rothin .« Herr Cramble, dem die Haushälterin dieß Dokument mittheilte, kam gar nicht aus der Fassung. er hatte dieser ehemaligen Haushälterin allerdings ein Legat bestimmt gehabt, aber nur auf den Fall sie bis zu seinem Tode in seinen Diensten bleibe, dieß frühere Legat und Testament hebe sich aber von selbst durch das neuere gültige auf. Der Fräulein Henriette war die Sache dennoch bedenklich, die gelben Rüben kamen ihr immer unschmackhafter, der Engländer immer dauerhafter vor, und sie beschloß irgend einen Sperling in der Hand diesem Kraniche auf dem Dache vorzuziehen. Sobald sie ein anderweitiges anständiges Unterkommen, wenn auch ohne Aussicht auf Legat, gefunden, sagte sie Herrn Cramble ihre Dienste auf. Er bedauerte sehr, daß sie ihr Glück so mit Füßen trete, tröstete sich aber bald über den Verlust. Mittlerweile hatte Herr Cramble sich überzeugt, daß M. noch nicht die rechte Stätte für seinen letzten Ruheplatz sei, er glaubte ihn aber gefunden zu haben in einem kleinen Städtchen etliche Stunden davon. Auch einer Haushälterin bedurfte er wieder; die Ansicht der gekränkten Jungfer Barbara, daß es nicht viel Bildung brauche, um seine gelben Rüben zu schaben, schien ihm einzuleuchten, und so warf er dießmal sein Auge auf die ehrbare Tochter eines kinderreichen Schreinermeisters in M. Das Mädchen bezeugte anfangs gar wenig Lust, Herrn Cramble aber war es Ernst mit der Sache, er beschied Vater und Mutter sammt der Tochter in seinen neuen Wohnort, ließ dort in ihrer Gegenwart von Notar und Zeugen ein abermaliges Testament in bester Form verlesen, in welchem ihr noch ein ansehnlicheres Legat als ihren Vorgängerinnen zugesichert war, falls sie ihn vor seinem Tode nicht freiwillig verlasse. Das war doch gar zu lockend für fürsorgliche Aeltern und sie stellten der Luise ihre zukünftigen Aussichten, wenn der Engländer einmal das Zeitliche gesegnet, auf's Glänzendste vor, sie sei ja jung und stark, und er könne doch nicht umhin, einmal zu sterben, irgend einmal; und die Luise gab nach und arrangirte sich in dem neuen Haushalt. Der Engländer aber war nicht lange an dem neuen Aufenthaltsort, als er abermals fand, daß das noch kein geeigneter Platz zum Abscheiden sei, somit zog er sammt der Luise in ein viel entlegeneres Städtchen. Da sie in der Korrespondenz nicht stark war, so blieben die Ihrigen Jahre lang ohne Nachricht von ihr, bis endlich nach Jahren wieder einmal ein Brief ankam. Der Schreiner erbrach ihn und durchlief den Inhalt, um ihn vorzulesen, plötzlich rief er ganz erfreut aus: »Ach denk nur, Weib, der Engländer ist richtig gestorben, das hätt' ich ihm doch nicht zugetraut!« – »Ists wahr?« rief die Frau, »aber das ist doch schön von ihm, weißt man's gewiß?« Die Geschwister eilten herbei, um den Grund des älterlichen Vergnügens zu erfahren: »Ja denket, der Herr Grembel ist gestorben und die Luise bekommt jetzt schon das schöne Erb, und sie ist doch kaum sechs Jahre bei ihm, und er ist nicht einmal so gar alt geworden, nur zweiundsiebzig, da hätt' man's ihm noch gar nicht zumuthen können, er hätt' ja auch achtzig oder gar neunzig alt werden können, wie der alte Thorwart selig.« Und alles war ganz voll Dank und Rührung, daß der Herr Grembel richtig gestorben war. Seit er M. verlassen, war der Engländer noch in vier bis fünf Städten und Städtchen herumgekommen, bis es mit dem Sterben Ernst geworden war, in jedem hatte er ein Testament gemacht, in welchem die Ortsarmen und sein jeweiliger Miethsherr bedacht war. All diese Willensmeinungen wurden nach den Landesgesetzen von selbst ungültig; die Luise aber war auf dem Platz geblieben als Siegerin über all die Henrietten, Barbara's, Lotten und Friederiken, die als frühere Haushälterinnen bedacht gewesen waren, sie stand mit ihrem Legat noch im letzten Testament. Rechtsgültig waren alle diese Willensmeinungen gewesen. Nachdem sie ihrem verblichenen Gebieter einen redlichen Thränenzoll geweiht, zog sie ab mit dem Erbe, das sie zu einer gesuchten Parthie in ihrem Stande machte, ja, das ihr noch Aussicht gab auf irgend einen jungen Kaufmann oder Apotheker, der ein eigenes Geschäft gründen wollte. Wer und woher der Cramble war, hat sich erst in Folge seines Todes genau herausgestellt. Er war von Natur ein Handlungskommis zu Liverpool, der durch den Gewinn des großen Looses aus einer bescheidenen, fast dürftigen Existenz mit Einem Schlag in die Fülle des Reichthums versetzt worden war. Von da an hatte er das Festland nach Norden und Süden bereist, zuerst um Lebensgenuß, zuletzt um eine Grabstätte zu suchen. Ein großes Darlehen, das er einem ungarischen Großen zur Herstellung seiner Güter gab, und um das ihn dieser betrogen, hatte seinen Reichthum bedeutend geschmälert. Von daher stammte seine Sparsamkeit und fast cynische Lebensweise, von daher wohl auch das Mißtrauen, das ihn bewog, jede Dienstleistung durch Aussicht eines Erbes zu erkaufen. Und, ein eigentümlicher Hohn des Schicksals! Er, der Jahre lang keinen Lebenszweck gekannt, als sich ein friedliches Grab zu sichern, sollte auch dies nicht ohne Schwierigkeit finden. Er hatte sich im Tode erst noch recht nach Herzenslust ausgestreckt und als man den Sarg, dem ein anständiges kleines Geleite, bestehend aus einigen Nachbarn und dem Vater der Luise, folgte, in's Grab senken wollte, fand sich daß dieses zu kurz war. So mußte denn erst das Grab verlängert werden, während die betrübte Trauerversammlung sich verlief und Herr Cramble in einsamer Größe in seinem Sarg auf dem Kirchhof stehen blieb. Das also ist die Geschichte von dem Engländer, dessen bewundertste That die war, daß er richtig gestorben ist. Ruhe seiner Asche! IV. Ein ungerächtes Opfer. Ich erinnere mich, daß ich hie und da in den Straßen von M. einen Mann von gedrücktem Aussehen herumschleichen sah, der besonders rasch und scheu auf die Seite wich, wenn ihm einer der Beamten des Städtchens begegnete. Es mochte weiter Niemand mit ihm zu thun haben, obschon er äußerlich unbescholten und ein fleißiger Mann war. Was es aber war, das die Leute von ihm scheuchte und seinem Auge den scheuen Blick gab, das sagten sich nur hie und da im Vertrauen ein Paar ältere Leute, denen seine Geschichte bekannt war. Er war ein Schuster, und vor etwa dreißig Jahren als schmucker Bursche von der Wanderschaft zurückgekehrt. Das halbe Städtchen war damals zusammengelaufen, als es hieß: »des Steiners Wilhelm ist von der Wanderschaft da und hat eine Frau mitgebracht von » da drinnen 'raus, « und sie hat Kleider, schöner als die Frau Oberrichterin, und schwätzt ganz wälsch.« Wirklich hatte er ein gar hübsches, fein aussehendes Weibchen bei sich, das ihm aus Sachsen, wo er bei ihrem Vater in Arbeit gestanden hatte, in's Schwabenland gefolgt war. Es gab viel Verwunderns, Redens und Fragens, seine » Freund' « konnten sich lange nicht darein finden, das zarte, »herrenmäßig« aussehende Frauenzimmer als ihres Wilhelms Weib anzusehen; besonders war ihr fremder Dialekt ein Gegenstand des Erstaunens und heimlichen Gekichers. Er hatte ihr goldene Berge versprochen, dem guten Kind, bis sie sich entschlossen hatte, ihre Heimath zu verlassen: wie es eine gar schöne und fürnehme Stadt sei, wo er daheim, und fast das ganze Jahr Sommer, wie er sein eigen Haus dastehen habe, und wie bei ihm zu Haus ein Schuhmacher noch etwas ganz anderes vorstelle als in Sachsen. Auch sei von M. noch Keiner so weit herum gekommen wie er, da könne es ihm gar nicht fehlen, die allerbeste Kundschaft zu bekommen, er werde Geld verdienen wie Heu. Dann lasse er sie alle zwei Jahre in einer Kutsche heimführen zum Besuch bei ihren Aeltern. Was sagt ein Mensch nicht alles, um zu seinem Zweck zu kommen! Der Wilhelm mochte wohl ein gut Theil davon selbst glauben und fast eben so enttäuscht werden wie sein junges Weib, als er durch die krummen Straßen seiner Vaterstadt zog und sie in die trübe Hinterstube eines baufälligen Hauses führte, das sein Antheil an dem väterlichen Nachlaß war, und zu dem er noch als Ausding den »Bide,« einen blödsinnigen Vetter, zu übernehmen hatte, der seither bei seiner Schwester in der Kost gewesen war. Die junge Frau schickte sich indeß so gut sie konnte, auch that der Wilhelm sein Möglichstes, ihr doch für den Anfang einen guten Eindruck zu geben. Er veranstaltete im Gasthofe eine Nachfeier seiner Hochzeit, die in Sachsen begangen worden war, wozu er die ganze Verwandtschaft einlud, und der Stadtzinkenist, ein Schulkamerad von ihm, blies dabei eine vielbekannte Weise, die gewöhnlich bei Hochzeiten gespielt wird, und der der Volkswitz den traurigen Text unterlegt hat: Du meinst wir blasen dir Wecken und Wein, Und wir blasen dich in's Elend 'nein. Ein Glück, daß das Weibchen nichts wußte von dem Text, sonst hätte ihr die Musik wie eine böse Mahnung an ihre traurige Zukunft klingen können. Obgleich sie bereits eine Regung von Heimweh spürte, so strengte sie sich doch an, freundlich zu sein, und wenigstens mit einem Lächeln auf die vielen Fragen zu antworten, die sie in der breiten schwäbischen Mundart gar nicht verstand. – So lang die Familie noch vermuthete, sie sei reich, wurde sie von dieser recht »geehrt,« auch hie und da aus Neugierde von einer der angesehenen Bürgersfrauen zu einem Kaffee eingeladen, weil man sie gern über ihre Heimath ausfragen und ihr »g'späßiges Gewälsch« anhören mochte. Nun sollte die Haushaltung der jungen Leute beginnen. Hinsichtlich des Vermögens seines Weibes hatte sich Wilhelm sehr getäuscht, ein Paar hübsche Kleider und Häubchen bildeten den Hauptbestandteil ihrer Mitgift, die nebst seinen geringen Ersparnissen eben hinreichte, um die ersten Einkäufe an Hausrath und Leder zu bestreiten. Doch gab's in der ersten Zeit Arbeit in Hülle und Fülle; Jedermann wollte sehen, wie's der Wilhelm nun verstehe, seit er »so weit 'rum« gewesen sei und so fürnehm spreche; denn er redete eigentlich noch viel sächsischer als seine Frau. Ein Paar junge Herrn bestellten sich bei Wilhelm Stiefeln, in der Hoffnung, die hübsche Meistersfrau zu sehen, und sogar des Herrn Oberamtmanns Töchter ließen sich Schuhe bei ihm machen. Leider war aber seine Arbeit gar nicht so vortrefflich, und da er, um recht schnell zu der gerühmten Einnahme zu kommen, die gewöhnlichen Preise verdoppelte, so verlor sich die Kundschaft bald und er hatte nur noch in der Verwandtschaft zu arbeiten, wo man ihm den halben Preis abdingte und auch diese Hälfte kaum bezahlte. Die Karoline, seine Frau, konnte sich aber eben gar nicht zurechtfinden in dem schwäbischen Hauswesen. Schon am ersten Tag hatte sie ihren Wilhelm gefragt, ob er denn auch schon ein »Mehdchen« gemiethet habe? Der Wilhelm, um sie noch bei guter Laune zu erhalten, vertröstete sie, man könne eine Magd erst auf's Ziel dingen, sie müsse sich eben indeß behelfen; Holz und Wasser könne ihr ja der Bide tragen. Vor dem Bide und seinem simpelhaften Lachen fürchtete sich aber Karoline entsetzlich und wagte kaum ihn anzusehen; er hingegen schien großes Wohlgefallen an ihr zu finden, was er ihr durch freundliches Angrinsen und allerlei Geberden zu zeigen suchte. Er nannte sie immer »Mädle,« eines der wenigen Worte, die er aussprechen konnte und mit dem er nur junge hübsche Gestalten bezeichnete. So sollte nun Karoline die Haushaltung besorgen, daneben dem Mann im Handwerk helfen und mit ihren zarten weichen Händen aus rauhem Hanf den Schustersdraht spinnen, sollte kochen, waschen und putzen, alles allein. Obgleich selbst eine Schusterstochter, war sie der harten Arbeit ungewohnt; sie hatte ihre feinen Händchen fast nur zum Spitzenklöppeln gebraucht, eine Arbeit, die hier Niemand schätzte und begehrte. In der Familie verlor sich die Bewunderung für sie gar bald, als sich herausstellte, wie sie eben in der Haushaltung »gar nichts« sei; die Schwägerin schlug die Hände über dem Kopf zusammen, als sie nach Thee fragte, um ihn zum Abendessen zu bereiten: »das habe sie ihr Lebtag nicht gehört, daß »sottige« (solche) Leut' beim gesunden Leib Thee trinken, das solle sie den Privatleuten lassen und Wassersuppe kochen und einen Hafen voll Grundbirnen.« Als es aber gar im Städtchen bekannt wurde, daß sie auf die saure Milch Zucker und Zimmt gestreut habe, da berief man den Wilhelm wo er ging und stand, um sein hoffährtiges und »aushausiges« Weib, die so wunderliche Bräuch' anfange, so daß er oft ganz wild heimkam. Als nun nach und nach die Kundschaft ausblieb und das Geld immer seltener wurde, als Leder bezahlt werden sollte und nichts dazu im Hause war, als das Weib für die Haushaltung mehr Geld in Einem Tage verbrauchte, wie die Schwester meinte, als sie in acht, da wurde der Mann mehr und mehr übler Laune. Er vergaß, was er selbst wohl hätte wissen können, daß der Frau ein schwäbischer Haushalt fremd sein mußte, und ließ es immer härter sie entgelten, daß er sie getäuscht. Das arme Weib strengte sich nach Kräften an, ihn zufrieden zu stellen, aber da Niemand sie mit Liebe zurecht wies, griff sie's immer ungeschickt an. Der Bide stand ihr treulich bei, wo er konnte, und sie gewöhnte sich an ihn; ja das arme Kind wurde bald froh, in dem Grinsen dieser halbthierischen Züge und seinen unbeholfenen Hülfeleistungen die Beweise einer Zuneigung und Freundlichkeit zu sehen, die sie vergeblich suchte bei dem Manne, dem zu lieb sie Vater und Mutter verlassen hatte. Sie verkaufte heimlich ihre ganze Kleiderherrlichkeit, weil sie des Mannes Schelten und Toben über ihren Hausverbrauch fürchtete. Ihr Herz hatte an den Fähnchen gehangen, sie waren ja noch von daheim! Es war ihr, als sei sie nun allein auf der Welt, als sie ihr letztes gutes Kleid um geringes Geld in die Hände einer Unterkäuferin gegeben hatte. Um seine Wahl besser in's Licht zu stellen und das geringe Beibringen seiner Frau zu beschönigen, hatte Steiner die Verwandten versichert, sein Schwiegervater sei eigentlich reich, er habe nur nichts »von ihm geben können,« weil gar viel in Geschäft stecke, aber wenn's an's Erben gehe, bekomme sein Weib noch schwer Geld. Da kam aber eines Tags aus Sachsen die Botschaft, Michael Lange, der Vater der Schusterin, sei gestorben, und sein Nachlaß habe eben zugereicht, die Schulden zu decken. – So war denn Beiden die letzte Hoffnung vereitelt, dem Wilhelm auf das Erbe des Schwiegervaters, das er sich doch selbst besser vorgestellt hatte, der Karoline die Aussicht auf die Heimkehr, die noch ihr einziger Trost gewesen war. Auf die Kutsche hatte sie längst verzichtet, das arme Kind, sie wäre ja gerne mit bloßen Füßen heimgewandert, und nun erst, da ihr die Heimath abgestorben war – ihre Mutter war längst todt – bemächtigte sich ihrer ein verzehrendes Heimweh, das sie immer untauglicher machte zu den Hausgeschäften. Zwei Kinder, die sie geboren hatte, vermehrten nur ihr Unglück; der Mann gestattete kein Kindsmädchen, er meinte, der Bide könne wohl die Kinder zu Zeiten hüten; auch ging der Bide wirklich mit grinsender Zärtlichkeit und möglichster Vorsicht mit den Kleinen um. Aber der vermehrten Arbeit bei geschwächtem Körper und immer größerer Verarmung war Karoline nicht gewachsen, und als die Kinder, schon schwächlich im Lebenskeim, im zarten Alter dahinstarben, da bemächtigte sich ihrer immer tiefere Schwermuth. Der Bide betrachtete sie oft traurig, wenn er sie so in stummem Jammer dasitzen sah, und schob ihr sein eigenes, sparsam zugeschnittenes Brodstück hin: »da, Mädle, iß!«, weil er kein Leid kannte, als den Hunger. Der Mann, um der Trübsal seines Hauswesens zu entfliehen, verfiel auf den gewöhnlichen Ausweg der Leute seines Schlages, er legte sich auf's Trinken. Daß dieß das Schicksal des armen Weibes nicht verbesserte, läßt sich denken. – Eines Abends hörte man ein wildes Geschrei in Steiners Hause, man eilte herzu und fand Steiner ringend mit dem Bide, der eine bis dahin Allen unbekannte bärenmäßige Stärke zeigte; man konnte den Schuster kaum von ihm los machen. Das Weib lag in dumpfem Schluchzen am Boden mit verhülltem Gesicht und antwortete auf keine Frage. Erst nach und nach brachte man von Steiner selbst heraus, daß er sein Weib mit Schlägen mißhandeln wollen, der Bide aber sich wie wüthend dazwischen geworfen und ihn fast umgebracht hätte. Von da an sprach das Weib kein Wort mehr; die Hände vor's Gesicht geschlagen, saß sie den ganzen Tag in einem Winkel der Stube, nur hie und da schlich sie leis wie ein Schatten umher, um die notdürftigste Nahrung zu nehmen. Der Bide aber hütete sie den ganzen Tag mit großer Sorgfalt und ließ den Schuster ihr nicht nahe kommen; Nachts, wenn er genöthigt war, seine Schlafstätte zu suchen, zog er langsam rücklings ab und drohte dem Mann noch mit geballter Faust. – Steiner mußte nothgedrungen eine Magd halten, aber das bleiche Weib schien die Flüche nicht mehr zu vernehmen, die er wegen dieser vermehrten Ausgabe über sie hindonnerte. Eines Morgens vor Tag läutete es am Hause des Ortschirurgen. Er glaubte ein Gespenst zu sehen, als die schwermüthige Schustersfrau unten stand, die von Vielen fast vergessen war, weil sie so lange nicht mehr an's Tageslicht gekommen. Entsetzt sah er, als er sie einließ, daß ihr Kleid voll Blut war. Mit leiser Stimme, aber in ganz ruhigem Tone und mit klaren vernünftigen Worten sagte sie ihm, ihr Mann habe sie in's Herz gestochen, sie werde nun sterben. Sie entblößte ihre Brust und zeigte eine tiefe Wunde am Herzen, die augenscheinlich mit der Ahle gemacht war. Der Chirurg verband das ohnmächtig gewordene Weib eilends und ließ sie nach Hause bringen. Den Schuster fand man hinten im Höfchen mit verstörtem Aussehen. Er sagte, er suche sein Weib, sie sei vor Tag aufgestanden, habe das Haus verlassen, er fürchte, sie habe sich ein Leid gethan, seine Ahle sei blutig. Wirklich fand man in der Stube neben dem Bett die blutige Ahle am Boden. Das arme Weib aber erwachte nicht mehr zu Leben und Besinnung, sie starb vor Abend. Die Bodenkammer, wo der Bide schlief, war von außen fest verriegelt; der Schuster sagte, das habe immer so sein müssen, damit dem unvernünftigen Menschen kein Leid geschehe. Der Bide polterte an der Thür, bis man öffnete. Als er in die Stube kam, wo das sterbende Weib lag, fiel er mit einem entsetzlichen Jammergebrüll bei ihr nieder, dann stürzte er sich wie wüthend auf den Schuster und konnte kaum von ihm losgemacht werden. Der Schuster ward auf die Aussage des Chirurgen vor Gericht gefordert. Er läugnete hartnäckig, seinem Weib ein Leid gethan zu haben. »Es wisse ja Jedermann, daß sie schwermüthig sei und daß solche Leute immer an Selbstmord denken; sie habe schon lang sich etwas am Leben thun wollen, er habe ihr deßhalb kein Instrument in der Hand gelassen; nun habe sie aber doch die Ahle erwischt.« – Das arme Opfer war auf ewig verstummt, ihr gestörter Geisteszustand war bekannt, kein Kläger konnte mehr auftreten. Der Schuster wurde von der Instanz entbunden. Den Bide konnte man nicht mehr in seinem Hause lassen, jener wäre seines Lebens nicht sicher gewesen, man brachte den Blödsinnigen im Armenhaus unter. Aber fortan schlich der Schuster fast so still und bleich umher wie einst sein armes Weib, das in der fremden Erde eine bessere Ruhe gefunden als auf derselben. Niemand sprach mit ihm, und wo er von ferne den Richter sah, vor dem er in Untersuchung gewesen, da lenkte er weit ab, um ihm nicht zu begegnen. – Er beerbte einen entfernt wohnenden kinderlosen Bruder und wurde ein vermöglicher Mann, aber er hatte keine Freude daran. Lange Jahre schleppte er ein freudeloses Leben hin, und als er starb, folgten nur die nächsten Anverwandten seiner Bahre. Sie gruben aber sein Grab weit ab von dem seines Weibes, damit das ungerächte Opfer den Todten nicht auftreiben möge aus seiner Ruhe. V. Das unterbrochene Hochzeitsfest. Vor dem Thore des Städtchens stand ein hübsches, neues Haus, das der »neue Konditor« erbaut hatte, der erst kürzlich hereingezogen war. Ein Konditor war eine wichtige Erscheinung, seither hatte man nur einen Zuckerbäcker gehabt, der in einem finstern Laden hauste und von dessen Dasein man nur zur Weihnachtszeit Kenntniß nahm, wo große Lebkuchen in Herzgestalt bei ihm zu haben waren. Herr Protzel, der neue Ankömmling, war überdieß auch der erste Gewerbsmann, der es wagte, sich zu den Honoratioren des Städtchens zu zählen, welche Anmaßung zuerst mit etwas scheelen Augen gesehen, aber am Ende doch geduldet wurde. Hatte er doch einen Sohn, der Medicin studirte, wenn auch der Erfolg noch etwas zweifelhaft war, und seine Tochter, die rothwangige Ricke, ein gutmüthiges, etwas einfältiges Mädchen, hatte, wie man aus sichern Quellen wußte, bereits eine Liebschaft mit einem Juristen gehabt und war jetzt mit einem Pfarrer versprochen. Eines Abends zeigte sich eine besonders lebendige Bewegung in und vor dem Protzel'schen Hause. Vor demselben stand ein bereits hochbepackter Wagen, auf dessen Gipfel immer noch neue Möbeln, mit bauschigen Betten dazwischen, geladen wurden, lauter Stücke, die lange vorher schon auf der Straße ausgestellt waren und einen Kreis von Kindern und sonst schaulustigem Volk um sich versammelt hatten. Herr Protzel, der dicke Papa, ging geschäftig umher und half dem Fuhrmann, der mit Seufzen die Last betrachtete, die seine dürren Mähren morgen zu schleppen hatten. Ricke bewegte sich mit einem Kopf voll Papilloten am Fenster hin und her und trug ihren Hochzeitsstaat zusammen. Der Sohn Theodor schaute sehr vornehm in einer rothen Cerevismütze dem Treiben zu und half, insoweit als er die bereits gerüsteten Speisen reichlich kostete. Die Frau Mama wußte vollends nicht, wo ihr der Kopf stand; sie sollte für's Einpacken sorgen, Brezeln rüsten zum morgigen Frühstück, einen Schinken zur heutigen Nachtkost, ferner etliche haltbare Speisen, die sie der Ricke mitgeben könnte, daneben noch den Brautstaat besichtigen und einen Thee bereit halten für den Bräutigam, der jeden Augenblick erwartet wurde; denn man wird auf all diesen Anstalten leichtlich ersehen haben, daß der Tag gekommen war, wo der Herr Pfarrer seine Braut heimholen sollte. Die Eltern waren trotz aller Wehmuth des Abschieds höchst vergnügt, ihre Ricke nun bald als Frau Pfarrerin zu sehen; Ricke selbst aber schien in nicht sehr bräutlicher Stimmung. Selbst der Brautstaat machte ihr wenig Freude, und sie bemerkte gegen die Mutter einmal halblaut, sie möchte doch wissen, was wohl der Ferdinand dazu sagen würde. Von der Frau Mama ward sie wegen dieser unpassenden Reminiscenz gehörig ausgezankt. »Wenn der Ferdinand etwas von Dir gewollt hätte, so hätte er sich lang zeigen können, eh der Pfarrer um Dich angehalten; und statt daß Du nun Gott danken solltest, daß sich so ein guter Anstand zeigt, denkst Du noch . . .« Der mütterliche Redefluß ward unterbrochen durch das Anrasseln der stattlichen, wenn auch etwas baufälligen Kutsche, aus der der Herr Pfarrer schon längst mit zarter Sehnsucht den Kopf heraussteckte. Die ganze Familie zog ihm zu froher Begrüßung entgegen, auch das Bräutchen faßte sich, ließ sich die bräutigamliche Zärtlichkeit gefallen und erfreute und verwunderte sich gebührlich über den schönen Shawl, den ihr der Bräutigam verehrte. Einige bedenkliche Unfälle warfen freilich ihren Schatten in die Vorfreude des Festes. Jungfer Mine, die uns schon bekannt ist, hatte versprochen eine Biskuittorte von ihrer eigenen Meisterhand zu liefern, die Hanne aber war auf der Schwelle des Bäckerhauses über einen der Möpse gestürzt, der ihr unberufener Weise nachgelaufen war, und die edle Masse floß ungebacken in den Staub. Das blaue Taffentkleid, das die Nähterin in tiefer Nacht noch für die Mama gefertigt, wurde aus nächtlichem Versehen mit grünen Franzen garnirt und andere waren in M. nimmer aufzutreiben; – aber mit großer Seele setzte sich die Familie Protzel über diese Unfälle weg und beschloß, sich demungeachtet zu amüsiren. Die Gesellschaft saß beim Nachtessen und der Herr Tochtermann malte eben den glänzenden Empfang aus, den ihm wahrscheinlich seine Gemeinde zugedacht. Ricke ging hinaus, um ein neues Gericht aufzutragen, da stand auf der Treppe des Nachbar Zimmermanns Suffiele (Sophie) und winkte ihr eifrig hinunter zu kommen: es wolle sie unten Jemand heimlich sprechen. Wer stellt sich das Erstaunen und den Schreck des armen Bräutchens vor, als drunten der Ferdinand stand, der flotte Jurist, der ihr vor einem Jahr drei Monate lang so eifrig die Cour gemacht und an einem schönen Mondscheinabend ihr das Versprechen ewiger Liebe abgenommen hatte, der aber seither nichts mehr von sich hatte hören lassen, obgleich er bereits im Merkur angezeigt, wo er seinen Wohnsitz als Rechtspraktikant genommen, und obgleich Ricke durch eine Freundin ihn von der Bewerbung des Pfarrers hatte in Kenntniß setzen lassen. Da ihre Unterredung ohne Zeugen war, so weiß Niemand, wie heftig er dem armen Kind zugesetzt, mit was für schrecklichen Dingen er gedroht, im Fall sie ihm den Pfarrer vorzöge. Genug, Ricke kam zum Tisch zurück mit rothgeweinten Augen, die aber auf Rechnung der bräutlichen Bewegung geschrieben wurden. Die Mama trieb Alles bald zur Ruhe, da der Herr Helfer schon auf Morgens sechs Uhr zur Kopulation bestellt war, damit das junge Ehepaar noch zu rechter Zeit in dem etwas entlegenen Wohnort des Pfarrers eintreffen könnte. Ricke aber versah sich in aller Stille mit einem Hausschlüssel und legte Hut und Mantel bereit. Am andern Morgen ward es schon um vier Uhr laut im Hause; die Mama mochte dem Töchterlein wohl noch den Schlaf gönnen, als aber der Manewel erschien, um die Braut zu frisiren, da mußte sie denn doch geweckt werden. – Den Manewel darf ich aber nicht vergessen, wenn ich von M. spreche; war er doch lange Jahre das Faktotum des Städtchens, und wenn er nicht gestorben wäre, man hätte gar nicht geglaubt, daß es möglich sei, ohne den Manewel auszukommen. Er hieß eigentlich Immanuel und war der Sohn eines getauften Juden, selbst ein guter Christ, ein kleines, wuseliges Männchen, das mit seinen kurzen Füßlein in einem Tage weiter kam als Andere mit langen in zwei. Er war ursprünglich seines Handwerks ein Friseur, aber er war auch ein Kürschner, er konnte auch Hühneraugen ausschneiden, Flecken herausmachen und Warzen vertreiben; er machte den Vorschneider und Aufwärter bei Gastmählern, den Vorreiter bei Schlittenfahrten, den Expresseboten bei wichtigen Angelegenheiten, den Leichenbitter bei Sterbfällen, kurz, er war in Allem zu Haus der Manewel, und spezieller Hausfreund in den meisten Familien. Trotz all seiner Kunst konnte er aber dießmal die Ricke nicht frisiren, denn – die war nirgends zu finden. Mit Entsetzen kam die Mama aus ihrem leeren Schlafzimmer, wo sie dem Anschein nach gar nicht geruht hatte. Ein furchtbarer Tumult entstand im Haus, das Suffiele, die schon lang spionirt hatte, war bald bei der Hand, und berichtete, wie gestern Abend »im Dämmer« ein fremder Herr die Jungfer Ricke zu sprechen begehrt habe, und wie er, so viel sie von weitem habe sehen können, ganz »zweifelhaftig« (verzweifelt) mit ihr gethan habe. An ihrer Beschreibung erkannte man alsbald den Ferdinand, und der Gedanke an eine Entführung versetzte die ganze Familie in maßlose Empörung. Der Student fluchte, daß in dem Nest kein Reitpferd zu haben sei, er wollte sie bald eingeholt haben und blutig die Schmach seines Hauses rächen; der Pfarrer sprach davon, die zwei dürren Schimmel einspannen zu lassen, die ihm ein bußfertiges Beichtkind zur Hochzeitreise geliehen, und so den Flüchtigen nachzusetzen; die Mama lief mit der Blondenhaube umher, die sie verkehrt auf hatte, und berief die ganze Nachbarschaft zu Rath und Hülfe. Da gab der benachbarte Bäcker an, er habe vor Tag ein Frauenzimmer mit einem Herrn dem Thorthurm zulaufen sehen. Nun ging der Mama ein Licht auf: »So sind sie am Ende nur bis zur Base Thurmbläserin geflüchtet!« – Die Thurmbläserin, eine Verwandte der Frau Protzel, war eine ehrwürdige alte Frau, deren eingefallene Wangen und bescheidene Haltung sehr im Contrast standen mit dem Namen, den man ihr beilegte, weil sie als Wittwe des vormaligen und Mutter des jetzigen Stadtzinkenisten die kleine Wohnung auf dem Thurm bewohnte, von dessen Altan alle Sonntage durch ihren Sohn und dessen fünf musikalische Sprößlinge eine volltönende Choralmusik geblasen wurde. So klimmte also die erschütterte Familie, mit Ausnahme des Bräutigams, die Thurmtreppen hinan. Die Frau Base Thurmbläserin, eine gar rechtschaffene Frau, war auch bereits auf und empfing sie sehr verlegen, ihre Tochter war gleichfalls verblüfft, sie erwiderten aber auf die hastigen Fragen, sie wüßten nichts und hätten Niemand gesehen. – Die beiden Herrn begannen indessen ohne weitere Umstände eine Hausdurchsuchung – kein sehr großartiges Unternehmen in dem beschränkten Lokal. Bald wurde denn auch die zitternde Ricke unter dem Bette der Frau Base hervorgezogen; schwieriger war es, den Rechtspraktikanten aufzufinden; endlich entdeckte man ihn in einem Möbel, dessen Namen nicht wohl genannt werden kann und das wegen der Bauverhältnisse des Thurms hier in so großartigen Dimensionen vorhanden war, daß es sogar dem ziemlich hochgewachsenen Juristen zum Schlupfwinkel dienen konnte. Der Entdeckte versuchte durch ein äußerst martialisches Gesicht seine etwas mißliche Situation zu heben, ward aber mit einem solchen Hagel von Vorwürfen und Lamentationen überschüttet, daß er, davon eingeschüchtert, endlich erklärte, wenn Ricke den Pfarrer ihm vorziehe, so trete er zurück. Die arme Ricke ließ sich durch die Drohungen des Vaters und den Jammer der Mutter bald bewegen, mit in's Haus zurückzukehren. Der Bräutigam empfing sie ohne Vorwürfe, und der Manewel sollte sein Werk an dem ziemlich verstörten Kopf der Braut beginnen; aber inmitten seiner Arbeit sprang sie immer wieder auf: »Nein, ich kann nicht, ich kann von dem Ferdinand nicht lassen!« Inzwischen hatte sich der Herr Helfer in der Kirche eingefunden, in welcher bereits eine ziemliche Anzahl schaulustiger Frauenzimmer versammelt war, auch übte auf der Orgel der Schulmeister mit dem fähigern Theil der Schuljugend ein Hochzeitlied ein – aber kein Brautpaar erschien. Endlich ward der Meßner als Bote ausgesandt. Die Frau Mama vertröstete ihn, sie kommen bald. Der Bräutigam stürzte in Ricke's Zimmer, deren Toilette noch lange nicht vollendet war, und beschwor sie, nun doch sich zu entschließen und zu eilen – vergeblich! Der Meßner erschien zum zweitenmal mit ziemlich brummigem Ton. Das Volk harrte auf der Straße; ich war damals noch ein Kind und war nebst meinen Geschwistern eine Stunde früher aufgestanden, um doch auch den Hochzeitzug zu sehen. Wir guckten uns fast die Augen aus – kein Brautpaar. Endlich erscholl die Kunde, es werde nichts aus der Hochzeit, die Ricke wolle schlechterdings den Pfarrer nicht. Das Volk zerstreute sich, der Herr Helfer ging nach Haus, die Jungfrauen und die singende Jugend zogen sich zurück, im Hause Protzel stieg aber der Tumult und die Verwirrung auf den höchsten Grad. Ricke ergriff den Ausweg, beständig zu heulen und zu schreien; die Mama schlug sich auf ihre Seite und suchte sie in Schutz zu nehmen; der Bräutigam bestellte seine Pferde, rannte indeß verzweifelt umher und stieß den Kopf gegen die Wand, zum Glück aber mit vorgehaltenen Händen; der Sohn putzte Pistolen, um sich mit dem Ferdinand zu schießen, welcher gefährliche Plan jedoch nicht ausgeführt wurde; Papa Protzel wetzte ein Transchirmesser und erklärte, er wolle zuerst Frau und Tochter, dann sich selbst erstechen, vergaß aber wieder die blutdürstigen Gedanken über dem Anblick des verzierten Hochzeitschinkens, der mit den Namenszügen des Brautpaars geschmückt war, und zu dessen Zerlegung das geschliffene Messer eben geschickt war. Der Bräutigam fuhr ab. Was er und seine Gemeinde für Gesichter gemacht, als ihm eine Deputation derselben entgegen kam, mit der singenden Schuljugend und einem bekränzten Hammel, der die Inschrift trug: Weil unsere Frau Pfarrerin ist so brav, So bringen wir ihr ein junges Schaf. davon schweigt die Geschichte und es kam keine Kunde darüber nach M. Die Familie Protzel verweilte nicht mehr lange in dem Städtchen; ungünstige Vermögensverhältnisse veranlaßten den Mann, sein neuerbautes Haus zu verlassen und einen andern Wohnort zu wählen. Die arme Ricke aber hatte ein trauriges Geschick. Für den Rechtspraktikanten hatte, scheint es, nur die Aufgabe Reiz gehabt, sie noch am Hochzeitmorgen im Sturm zu erobern; als sie sein unbestrittener Besitz war, verlor sie Reiz und Werth für ihn. Durch allerlei Intriguen brachte er sie in Verdacht eines Liebesverhältnisses mit seinen Bruder, und ergriff diesen Vorwand, sich gänzlich von ihr loszumachen. Der Bruder aber hatte auch nicht Lust, sie zu übernehmen, und so blieb das arme Kind sitzen, verlassen und vergessen; man hat in M. nichts mehr von ihr gesehen. Seither ging aber in M. der Geistliche zu einer Trauung erst dann in die Kirche, wenn das Brautpaar bereits zur Stelle war, und noch lange war das unterbrochene Hochzeitfest ein Gegenstand gründlicher Erörterungen und Besprechungen in allen Cirkeln des Städtchens. VI. Der alte Frey. Die schönste Zierde der freundlich gelegenen kleinen Stadt bildet »der schimmernde Gürtel des Schwabenlands,« der gute, heimische Neckarfluß. Ich glaube kaum, daß er sonst irgendwo auf kurzer Strecke so mannichfaltige und reizende Ansichten bieten kann, wie hier. Einmal an einer Biegung zwischen dunklem Weidengehölz, wo er nach der Volksmeinung so tief sein soll, »daß es über ein Haus hinaus ginge« (ein recht dehnbarer Begriff), gleicht er einem stillen, geheimnißvollen See, so unmerklich fließt er dahin, so unbewegt spiegelt sich das Ufergebüsch in seiner lautlosen Fluth. Bald rauscht er gar fröhlich über helle Kieselsteinchen um die schattige Nachtigalleninsel, wohin im Frühling die romantische Jugend rudert, um Veilchen zu pflücken und dem Philomelengesang zu lauschen, oder die schöne und vornehme Welt der nahen Garnisonstadt auf buntbewimpelten Schiffen Lustfahrten macht. Wieder zieht er leiser vorüber an der grünen Blaichinsel, und gelbe Seerosen mit ihren saftigen Blättern decken das stille Gewässer; dann fließt er stolz hinaus in's offene Land und achtet nicht der stillen Murr, die durch eine gespenstige Brücke zwischen dunklen Weiden sachte herbeischleicht, um ihr trübes Wasser mit seinem klaren zu vereinen. Selbst da noch bleibt er schön, wo er durch Menschenhände für praktische Zwecke in Anspruch genommen ist, da stürzt er sich silberschäumend eine künstliche Schleuse hinab, durch die der Horkheimer Schiffer seinen bescheidenen Kauffahrer und der »Jokele« sein Floß schwellt. Und wie belebt ist sein Gewässer zur Sommerzeit! nicht nur durch die stattlichen Enten- und Gänseheerden des Müllers, sondern auch durch das lustige Völkchen der »Wasserkinder,« die Sprößlinge der umwohnenden Fabrikarbeiter und Müller, ein fröhliches Nereidengeschlecht, das den ganzen lieben Tag aller überflüssigen Hülle beraubt im Wasser plätschert oder im Uferkies spielt, wenn sie nicht als ungebetene Hülfe das rastlose Schiff des Fährmanns schieben und zum Schreck seiner Passagiere in ihrem Naturzustand unter die anstände Menschheit hineinhüpfen. O, ich könnte euch Tage lang erzählen von den Schönheiten meines heimatlichen Neckars, zu Nutz und Frommen all Derer, die nicht Zeit und Geld haben, eine Rheinreise zu unternehmen. Das war nun aber zunächst nicht meine Absicht, sintemal wir wirklich so reich sind an Naturstudien. Wenn ihr vom Neckarstrand aufseht zu dem grünen Rebenhügel, von dem das Städtchen über seine altersgrauen Mauern hinunterblickt, so fällt euch wohl ein hübsches stattliches Haus in die Augen, das sich außerhalb der Mauer an diese anlehnt und zwischen Traubengeländen und Obstbäumen gar einladend aussieht. Daneben hat es etwas Geheimnißvolles, da man nirgends einen Eingang sieht, der erst seitwärts durch einen gepflasterten Hofraum führt, was ihm ein fast orientalisches Ansehen gibt. Der Eigentümer dieses wohlumschlossenen Besitztums hauste zur Zeit, als ich ihn kannte, fast ganz abgeschlossen, ohne Verkehr mit der Außenwelt, in seinem Haus und Garten, ein rüstiger Greis mit einem röthlichen, stark markirten Gesicht, der seine geistige und körperliche Frische aus manchem Strudel gerettet, an dem minder kräftige Naturen gescheitert wären. Er wollte nimmer viel von der Welt hören, der alte Frey, er hatte sie gründlich satt bekommen. Nur Wenigen, bei denen er noch an aufrichtiges Wohlmeinen glaubte, stand seine Pforte gastlich offen. Unter diese Wenigen gehörte mein Vater, und zwischen ihm und dem alten Frey fand ein steter Austausch kleiner Aufmerksamkeiten und Freundlichkeiten statt, bei dem wir Kinder bereitwillig das Botenamt übernahmen. Bald schickte der alte Frey selbsterzogene, schöngefiederte Kapaunen, die mit einem Gegengeschenk von uraltem Kirschengeist vergolten wurden, dann wieder köstliche Trauben, auf die ihm der Vater seltene Obstsorten mit wunderbarlichen Namen: Götterapfel aus der Moldau, rosenfarbener Sommertaubenapfel \&c. als Gegengruß sandte, oder kam zur Weihnachtszeit auserlesenes Hutzelbrod, das Herr Frey eigenhändig verfertigt hatte, und zu dessen Erwiderung die Mutter eine Pastete fabriciren mußte. Für uns fiel dann stets ein reicher Botenlohn an Leckerbissen aller Art ab; namentlich erinnere ich mich eines schönen Morgens, an dem wir einen Tag lang fasten wollten, um uns in der Enthaltsamkeit zu üben, wie in Campe's Robinson geschrieben steht, wo aber selbige edle Vorsätze elendiglich untergingen an den Regensburger Strizeln und Nürnberger Kringeln, die uns der alte Frey verehrt hatte. Gar manchmal hat uns auf dem Heimweg vom Neckarbad ein freundlicher Ruf in seinen Garten gelockt, zur freien Weide unter den Johannis- und Stachelbeeren; – die Kindheit, leichtherzig und vergeßlich, wie sie scheint, bewahrt doch solche Gutthaten in treuem Gedächtniß, drum sind die wohlfeilen Freundlichkeiten, die ein Kinderherz erfreuen, gewiß nicht in Sand gesät. Der alte Frey hatte nicht jederzeit so abgeschlossen in seiner Veste gehaust, nicht immer seine Freundlichkeit auf so Wenige beschränkt. Es gab eine Zeit, wo die grünen Hügel um seinen Weinberg her wiederhallten von dem Gekrach der Herbstschüsse, von dem Jubel fröhlicher Zecher, wo die Fluthen des Neckars roth erglänzten von den Raketen und Feuerkugeln, die bei seinen Herbstfesten emporstiegen, wo man Champagner aus Schoppengläsern trank, und die Holderküchlein gebacken am Baum hingen, wo der alte Frey, damals in Fülle der Manneskraft, mit fürstlichem Uebermuth Geldmünzen unter die balgende Straßenjugend warf. Solche Zeiten übersprudelnder Lebenslust und stürmischer Gastlichkeit pflegen wohl am leichtesten zu der Salomonischen Weisheit zu führen: »Alles ist eitel,« und mehr als ein Timon ist aus solch theurer Schule hervorgegangen. Wer aber war denn der alte Frey, und woher stammte der Reichthum, den er mit so vollen Händen um sich warf? In den Augen des Volks gibt ein schnell erworbener Besitz häufig ein dämonisches Ansehen, und so hörte man allerlei geheimnißvolles Geflüster über ihn, so lang er noch in der Fülle seines Wohllebens war. Unheimliche Gerüchte liefen um über die Quelle seines Reichthums, zumal da man behauptete: er glaube an keinen Gott und keinen Teufel, man sehe ihn Nachts wie wüthend in seinem Garten umherrasen, er habe seine Seele den Mächten der Finsterniß verschrieben um Geld und Gut, auch verstehe er zu »knüpfen,« d. h. den Fall der Würfel im Spiel zu lenken; ja auch das Geheimniß, das den Tod seiner ersten Gattin deckte, sollte eine dunkle That verhüllen. Wir aber wollen diese Geheimnisse ruhen lassen und uns an die Wirklichkeit halten. Der Frey war kein Engländer und kein indischer Nabob, er war so zu sagen »nicht weit her,« ein eingebornes Stadtkind. Aber von erlauchtem Geschlecht war er doch, wenn gleich nur eines schlichten Bauers Sohn; der erste Dichter des Schwabenlandes, der Ruhm und Glanz der kleinen Stadt, war sein leiblicher Vetter, ja er hatte dieselbe Muttermilch mit ihm getrunken. Und er war stolz auf diese glorreiche Verwandtschaft; ja er rühmte sich selbst eines Funkens von dem Dichtergeiste seines großen Milchbruders: Zeuge deß waren einige poetische Inschriften, die da und dort an Bäumen und auf Steinen in seinem Garten angebracht waren; ich glaube aber seinem Dichterruhm mehr zu nützen, wenn ich der Phantasie des Lesers überlasse, sich diese Verse selbst vorzudichten, als wenn ich sie anführe. Also, vor langen Jahren war der Frey als ein rüstiger Bäckergesell in die Welt hinausgewandert, ein rasches, heißes, junges Blut und ein heller Kopf, es ging Wien zu, dem Athen der Bäcker. Wie es ihm in der Fremde ergangen, das kann ich im Detail nicht erzählen, aus dem einfachen Grunde jenes Juden: »i weß aa nit;« er kam in die stürmische Periode der Kriege mit Frankreich, und wenn er sich nicht als Krieger in's Schlachtgetümmel stürzte, so gelangte er doch dazu, sich selbst und dem Vaterlande zu dienen als Proviantkommissär. Die Sage verlautet nicht, daß er jemals persönlichen Antheil am Kampf genommen, zum Pulverriechen kam er jedenfalls. Der Glanzpunkt seiner Erinnerungen war, wie er einmal ganz in der Nähe des General Wurmser eine Thalschlucht hinabgeritten, in einen Grund, wo das österreichische Heer sich aufstellen sollte. Mit dem praktischen Scharfblick, der ihm überall eigen war, sah er bald, wie höchst unsicher die Position da unten werden würde, er theilte die Bemerkung leise einem Subalternoffizier mit, der hieß ihn schweigen; er wagte sich an den Adjutanten: »was Donnerwetter will so ein Mehlwurm wissen!« schnauzte ihn der an; da faßte er sich ein Herz und ritt an den General hinan: »aber Herr, so gehn wir alle zum Teufel!« Der schaute ihn mit großen Augen an, fluchte aber nicht, nach einer Weile ließ er halten und untersuchte mit dem Fernrohr nochmals das Terrain. »Und Gott straf mich, er hat's geändert!« rief der alte Frey im höchsten Triumph, »weiß Gott, wir wären Alle zum Teufel gegangen!« Mit einem Orden ist trotz dieses Verdienstes der Frey nicht heimgekehrt, wohl aber mit Errungenschaften von materiellerem Werthe. Eine geraume Zeit war verstrichen, seit der muntere junge Bäckerknecht in die Fremde gezogen, als eines Tages ein stattlicher wohlgekleideter Herr in das alte Städtchen einfuhr, in dem Wenige den Frey erkannt hätten. Er zeigte sich aber als den alten jovialen Burschen, freundlich und treuherzig gegen alte Jugendgenossen, seine Lebhaftigkeit hatte sich zur Heftigkeit gesteigert und eine eigenthümliche innere Unruhe schien ihn zu rastloser Beweglichkeit zu treiben. Er nahm das Erbe seiner Väter in Besitz, führte einen neuen Bau dazu auf, vergrößerte Garten und Weinberg und begann nun ein Leben herrlich und in Freuden, wie das des reichen Mannes im Evangelium. Das Gerücht von dem Bäcker, der als Millionär aus der Fremde gekommen, verbreitete sich mit reißender Schnelle in der Gegend, und der Frey durfte nicht verlegen sein, wie er's angreifen wolle, ein Haus zu machen; Gäste und Besuche von nah und fern kamen dieser Absicht freundlichst entgegen. Ob's just eine Million war, die er erworben, wollen wir nicht behaupten, doch wäre ein gewöhnlicher Wohlstand in wenigen Wochen aufgezehrt worden von dem Leben und Treiben, wie er's daheim führte. Zum alten Handwerk wollte er nimmer zurück, obwohl er als Ehrenbezeugung zum Obermeister der Zunft ernannt wurde und das Geschäft, das er so gut verstand, zum Privatvergnügen bis zu seinem Tod mit Lust und Liebe getrieben hat; zu wissenschaftlichen Beschäftigungen befähigte ihn weder seine frühere Laufbahn und Erziehung, noch seine stürmische Natur, und so wurde er bald in Kreise getrieben, die seinen Durst nach Lebensgenuß und sein hingebendes offnes Wesen noch mißbrauchten und steigerten. Da der Frey seinen Reichthum beim Militär und durch Militär erworben, so schienen die Krieger der nahen Garnisonsstadt sich verpflichtet, die Nemesis zu spielen und ihm denselben verjubeln zu helfen. Seit Menschengedenken war's in keinem Hause zu M. so in Saus und Braus hergegangen, wie nun unter dem Dache des Frey. Zu Fuß, zu Roß und zu Wagen besuchten ihn seine kriegerischen Freunde, bald mit einem Pferd, bald mit einem Hund, der zu verhandeln war, bald zu einer Spielparthie, bald zu einem Schmaus ohne Titel. In der Zwischenzeiten fuhr oder ritt der Frey in die Garnisonsstadt und bewirthete sie dort im Gasthof. Der Dämon der Spielwuth faßte ihn mit festen Krallen und hätte wohl seinem Reichthum ein schnelles Ende gemacht, wenn er nicht wirklich mit fabelhaftem Glück gespielt hätte, was ihn, wie schon gesagt, in den Verdacht magischer Spielkünste brachte und bald einmal zu einem tragischen Schluß geführt hätte. Ein reicher Wirth der Gegend hatte bis tief in die Nacht mit ihm gespielt und furchtbar verloren. Wüthend über den Frey, dem er die Schuld davon beimaß, führte er auf diesen, der arglos neben ihm stand, als er zum Heimritt aufstieg, einen gewaltigen Hieb mit der Reitgerte: »da, das gehört auch noch dein!« und ritt im Galopp davon. Der Frey aber war nicht der Mann, der sich solches bieten ließ, er riß einem dabeistehenden Offizier den Säbel aus der Scheide und rannte dem Wirth nach, mit so wüthender Hast, daß er nur mit äußerster Mühe eingeholt und abgehalten werden konnte, sich todt zu rennen. In den Augen des Volkes galt er, wie ich eben erwähnte, für eine Art von Doktor Faust und sein Reichthum für eine Gabe finsterer Geister, und gar Viele schüttelten bedenklich den Kopf, wenn der Jubel und Trubel aus seinem Haus und Weinberg herüberdrang. Minder übernatürliche Vermuthungen schien man in Wien über den Ursprung seines Besitzes zu haben: das Militärgouvernement, das es für ein ausschließlich soldatisches Vorrecht hielt, aus Kriegszeiten Vortheil zu ziehen, beschied ihn nebst einigen andern ehemaligen Proviantkommissären vor eine Untersuchungskommission nach Wien. Sie waren aber Alle gar nicht neugierig, zu wissen, was man ihnen dort mitzutheilen habe, und sind sammt und sonders ungehorsamlich ausgeblieben. »Der Krug geht so lang zu Wasser, bis er bricht,« geht er zu Wein, so mag's wohl noch rascher mit dem Brechen gehen. Ob dem Frey plötzlich oder allmälig die Augen darüber aufgingen, daß er auf dem Weg zu gänzlichem Ruin an Leib und Seele sei, das ist mir unbekannt. Aber aufgegangen sind sie ihm, und mit all der Energie seiner starken Natur entschloß er sich, mit seiner bisherigen Lebensweise ganz und gar zu brechen, und er that es, rasch, entschieden, so lange es noch Zeit war, recht anständige Trümmer seines Vermögens zu retten. Mit den Herbstfesten und Champagnermahlzeiten, mit der gefüllten Spielbörse und den durchjubelten Nächten schwanden auch die Tafelfreunde, schwand sein fröhlicher Muth und sein Glaube an aufrichtige Freundschaft, er zog sich zurück in seine Veste und ward nur selten außerhalb seines Gartens noch erblickt. Einer sprudelnden sanguinischen Natur wie der seinen war ein verhältnismäßig doch rascher Glückswechsel nicht gut gewesen, er hatte ein wildes, fast wüstes Leben und Treiben geführt und sein gutes Weib, die aus der Stelle einer Haushälterin zu dieser Würde avancirt war, hatte oft schwer an seiner Heftigkeit zu leiden. Aber ein guter Grund seines Wesens: Offenheit, Freigebigkeit, männliche Geradheit und bürgerliche Ehrenhaftigkeit war ihm auch während des Strudels seiner wilden Periode eigen geblieben. Jetzt war es so gar ein anderes mit ihm geworden: in Stille und Zurückgezogenheit, in dem Einfluß der milden, schönen Natur, die ihn umgab, so oft allein mit den Gedanken, »die sich unter einander verklagen und entschuldigen,« hat sich wohl ein anderer Geist Bahn gebrochen in seinem Herzen. Im Aeußern ist er der Alte geblieben, lebendig, auch wohl heftig, frisch und kräftig, aber dennoch war's ein anderes geworden mit ihm. Wenn er die wenigen Freunde, für die seine Burg noch offen war, mit der natürlichen Herzlichkeit seines Wesens und der ceremoniösen Höflichkeit der alten Zeit bewillkommte, wenn er Kinder herbeirief und beschenkte, oder wenn er mit seinem noch frischen, ausdrucksvollen Gesicht einsam in seinem Garten saß und herunterblickte auf den blauen Neckar, da sah er aus wie Einer, dem seine Bürde vom Herzen genommen ist. Allein mit seinem guten Weib, die er früher neben seinen übermüthigen Freunden gar oft mit geringschätzigem Uebermuth behandelt, wandte sich jetzt sein Herz wieder mehr ihr und der alten Einfachheit der Sitten zu, in der er aufgewachsen war. Ehrbar und demüthig, wie in jungen Jahren mit Vater und Mutter, besuchte er Kirche und Abendmahl mit ihr und betete regelmäßig mit lauter Stimme den Morgen- und Abendsegen. Es war an einem sonnigen Tag des Spätherbstes, als der Vater einmal wieder seinen alljährlichen Besuch beim alten Frey machte. Das Beste, was sein Haus vermochte, schmackhafte Fische und edler Wein wurden in der Rebenlaube im Garten aufgetragen und heiter wie immer, wenn auch allmählich gebeugt unter der Last der Jahren saß der alte Mann neben seinem Gast. »Jetzt sitzen wir nimmer oft so beisammen,« sagte er mit heiterer Miene. »Ei, Sie sind ja noch rüstig wie ein Fünfziger,« meinte der Vater. »Herr, das ist Ihr Ernst nicht! aber Sie denken wohl: der alte Frey bleibt schon noch eine Weile sitzen, so ein alter halblahmer, blinder und geistesschwacher Kerl taugt doch nicht in's Himmelreich. Aber ich bin gewiß,« fuhr er mit erhobener Stimme fort, »der allmächtige Gott kann und wird mich einst verjüngen, und dann wird sich's zeigen, daß in dem alten Knorren doch noch ein gesundes Mark war.« Das war der letzte Besuch beim alten Frey gewesen. In seinen Knabenjahren hatte der Frey einmal mit seinem berühmten Milchbruder in Einem Kämmerlein geschlafen. Mit lauter, herzhafter Stimme, wie er's daheim gewöhnt war, verrichtete er seine Abendandacht; in seinem stillen Gedanken gestört, fuhr ihn Schiller an: »Dummer Kerl, kannst denn Du nicht leis beten?« – »Kann nichts leis thun!« war die lakonische Antwort des Frey, und da hatte er recht; leise ging's nicht her bei ihm, bis in seinen Tod nicht. In einer Nacht, nicht lang nach jenem Besuch meines Vaters, weckte er seine Frau: »Alte, ich kann nicht schlafen, ich glaub', es ist Matthäi am letzten mit mir.« »Um Gottes Willen! ich will ein Licht machen, zum Doktor springen!« »Nichts, Alte, gar nichts, da bleibst! jetzt sitz auf, wir wollen ein Lied singen.« In gewohntem Gehorsam richtete die Frau sich auf, und mit seinem kräftigen Baß stimmte der Alte das Lied an: »O Jerusalem, du schöne \&c.« Mit ungebrochener Stimme sang er es durch, begleitet von den etwas zitternden Tönen der Frau, dann legte er sich zurück; »so jetzt schlaf wieder, ich will auch schlafen.« Beruhigt durch seinen kräftigen Gesang, legte sich die Frau an seiner Seite nieder. Als der helle Morgen anbrach, schlief er noch und ist nicht wieder aufgewacht. Das war der alte Frey. Möge der allmächtige Gott, dessen Auge besser als das unsrige das rechte Mark in dem alten Stamm erkennt, die zuversichtliche Hoffnung seiner letzten Tage erfüllt haben! Bilder aus einer bürgerlichen Familiengalerie. I. Der Schmuck der Urahne. So schön ist mir in meinem Leben nichts wieder vorgekommen, wie mir als Kind die sogenannte Gaststube meiner Großmutter erschien. Dieses Prunkzimmer, noch etwas feierlicher als heutzutage ein Salon, war nicht zur Beherbergung von Gästen bestimmt, sondern wurde nur geöffnet, um die höchsten Familienfeste darin zu begehen; darum lag noch ein ganz besonders festlicher Hauch auf seiner Herrlichkeit. Es war nicht eben im Rococostyle möblirt, die Einrichtung war aus Stylen verschiedener Zeitalter zusammengesetzt. Da war eine künstlich eingelegte Kommode, die noch aus dem siebzehnten Jahrhundert stammte, reich beladen mit bemalten Tassen aus neuerer Zeit, die rührende Inschriften trugen, als: »zum Andenken aus treuem Herzen,« »aus Liebe und Dankbarkeit« u. s. w. Da waren allerlei Stickereien von der Hand dankbarer Nichten und junger Enkeltöchter, ein Fußschemel mit einem höchst mißlungenen Stück, das zwischen Lamm und Hund in der Mitte stand, ein riesiger Ofenschirm, worauf ein winziger Pfau gestückt war, prächtige Spiegel in altertümlichen Goldrahmen, moderne Stühle mit gestickten Blumenbouquets, und noch mehr solcher Prachtstücke. Das Schönste aber, dessen Beschauung mir und meinem Bäschen selbst noch in reifern Jahren die meiste Freude machte, waren die zahlreichen Familienbilder, mit denen die Wände geschmückt waren, von der Zopfperiode und noch weiter zurück bis auf die neueste Zeit: alte Herrn mit Haarbeuteln und Buckeln, denen aus jedem Zug der behagliche Wohlstand eines Bürgers der guten alten Zeit blickte, jüngere Herren à la Werther in blauen Fräcken und gelben Westen. Viel vollständiger noch war die Frauengalerie, nur schien, wenn die Bilder getreu waren, Schönheit leider nicht zu den erblichen Vorrechten unseres Stammes zu gehören. Das reizendste Bild war immer das der Großmutter selbst, ein zierliches Lockenköpfchen, mit einem schalkhaften Strohhütchen bedeckt. Die Großmutter pflegte auch unsere laute Bewunderung ihrer ehemaligen Schönheit äußerst wohlgefällig aufzunehmen, und wurde nicht böse über unsere ungläubige Verwunderung darüber, daß sie jemals so schlank gewesen. Sie war noch in hohem Alter eine schöne, stattliche Frau, aber von enormem Umfang. Neben dem ihrigen hing das Bild der Urgroßmutter, schon in höherem Alter gemalt, aus deren Zügen der ungebeugt kräftige Geist sprach, der sie zur Heldin der Familie machte, von der ich euch später noch erzählen will. Nach oder vielmehr vor zwei andern Ahnfrauen, von denen wenig zu sagen war, kam das Bild einer stattlichen Frau Pfarrerin, so ziemlich in der Jugendblüthe gemalt, mit überaus schlanker, spitz zugeschnürter Taille, sehr rothen Wangen, lächelnder Miene und einer ansehnlichen Habichtsnase; ihr Eheherr in geistlichem Ornat, der aussah wie ein Osterlamm, schaute mit ziemlich einfältigem Gesicht nach seiner Ehehälfte hinüber. »Aber, Großmutter, wer ist denn die alte häßliche Frau im schwarzen Kleid, die über dem Ofen hängt?« fragten wir eines Tages, nachdem wir die vorstehenden Bilder besichtigt. »Wenn die auch zur Familie gehört, so ist das Geschlecht, wie es scheint, erst später in die Schöne gewachsen. Schade für den schönen Schmuck, den sie trägt! Und was sie für einen romantischen Namen hat!« Neben dem Bild stand mit sehr deutlichen Buchstaben geschrieben: »Fraw Anna Barbara Rumpelin, geborene Krummbeinin.« »Häßlich?« rief die Großmutter; »o ihr einfältigen Dinger, da sieht man den Unverstand der Jugend! Sie war ja schon eine Frau bei Jahren, als sie gemalt wurde.« – »Aber, Großmutter, du bist ja auch alt, und bist doch viel schöner.« – »Ei was,« fuhr sie etwas besänftigt fort, »es kann nicht alle Welt schön sein, und mein Mann seliger hat mich auch nicht wegen der Schöne genommen. Wenn ihr nur Beide zusammen halb so viel Verstand hättet als eure Urahne, die Frau Rumpelin, geborene Krummbeinin! Seht ihr denn nicht, daß das ein grundgescheidtes Gesicht ist? Wenn ihr wüßtet, was diese Frau alles erlebt und durchgemacht hat, ihr wäret nicht so vorschnell. Und was ihren Namen betrifft, der euch nicht gefällt, so war das ein rechtschaffener und ehrbarer Name, und noch dazu ein recht angesehener. Wißt ihr, daß ihr Mann Vogt war, was dazumal noch vornehmer gewesen ist, als heutzutage ein Oberamtmann? Ich zweifle, ob es Eine von Euch so weit bringt. Doch wartet, ich will euch etwas zeigen von der Frau Ahne, die euch so häßlich vorkommt.« Die Großmutter ging und kam bald zurück mit einem uralten Holzkästchen von absonderlicher Form, das die Jahrszahl 1658 trug. Auf dem Deckel war der König David abgebildet, der die Bathseba belauscht, aber mit dem allerhöchsten Anstand. Die Bathseba war sehr sittsam in die Tracht des sechzehnten Jahrhunderts gekleidet, welche auch die zahlreiche Dienerschaft trug, die auf dem Bild zu sehen war, und tauchte bloß die Spitzen ihrer Füßchen in's Wasser; auch der König David, mit der Krone und der obligaten Harfe versehen, trug unter dem Königsmantel ein geschlitztes Wamms und Pluderhosen. Daneben war die Inschrift angebracht: David sust ein heilig Mann, Bösen Lust nit zehmen kann, Drumb begeht er ohne Scheu Ehbruch, Mord, Verrätherei. Dieses Kistchen öffnete die Großmutter und zog aus einem seiner verborgenen Schiebfächer ein Schmuckstück, dasselbe, das auf dem Porträt der Frau Rumpelin abgebildet war. Es war ein sogenannter Anhänger, ein Vögelein darstellend, in überaus schöner, kunstreicher Arbeit, in weißer Emaille, mit feinen Goldadern durchzogen und mit kleinen Rubinen geschmückt. Dieses zierliche Kleinod hing an einem feinen, schweren Goldkettlein, dessen außerordentlich fest ineinandergefügte Glieder mit der äußersten Gewalt auseinandergezerrt schienen. »Davon gäbe es nun wohl eine Geschichte,« sagte die Großmutter, nachdem wir das Kleinod gehörig angestaunt hatten, »und wenn ihr mich nicht ärgern wollt mit euern naseweisen Bemerkungen, so dürft ihr die Schrift lesen, welche der Herr Pfarrer Schneck, ihr Tochtermann, nach Angabe der Frau Rumpelin, über die Geschichte des Schmucks aufgeschrieben hat.« – »Ei, warum hat sie die Frau Rumpelin nicht selbst aufgeschrieben?« – »Weil sie, wie dazumal die meisten Frauen, nur nothdürftig schreiben konnte.« – »Aber, Großmutter, in den Rittergeschichten haben es alle die Fräulein in einem Kloster gelernt.« – »Eure Urahne ist kein Romanfräulein und in keinem Kloster gewesen, sie war gut evangelischen Glaubens.« – »Aber die Geschichte, Großmutter – nicht wahr, es ist gewiß eine Liebesgeschichte?« »Was Liebesgeschichte! Meint ihr, die Mädchen seien dazumal schon gewesen wie jetzt, wo sie im vierzehnten Jahr schon groß in Verlegenheit sind, was sie mit ihrem vollen unverstandenen – ja unverständigen – Herzen anfangen sollen? wo sie an ihrem sechzehnten Geburtstag schon gebrochene Herzen haben und deklamiren: fahret wohl, ihr goldgewebten Träume! und dereinst im vierundzwanzigsten noch recht froh sind, wenn sich ein Angestellter um sie bewirbt? Sie versichern dann sich selbst, der sei eigentlich ihre erste und einzige Liebe, und sie haben sich vorher nur in der Person geirrt. Nein, Kinder, die Geschichte von dem Schmuck unserer Urahne ist aus einer ernsthaften, betrübten Zeit, wo man nicht an solche Narrentheidungen dachte, wo man Noth hatte, sein Leben durchzubringen, und keine Zeit zu Liebesgeschichten.« Endlich verstand sich die Großmutter dazu, uns das Dokument mitzutheilen, dessen Inhalt ich hier so treu als möglich wiedergebe. Es war im Jahr 1658, als sich Herr Balthasar Rumpel, Vogt zu S., mit der ehrbaren Jungfrau Anna Maria, Tochter des Herrn Pfarrers Krummbein zu W., ehelich verlobte. Das Land war nach dem schrecklichen Krieg von Hunger, Seuchen und bitterlicher Armuth übel verheert, und vielfältig durch Marodeurs heimgesucht, die in Stadt und Land ungestört ihr Wesen trieben. Obgleich Pfarrer Krummbein selbst schwer gelitten hatte durch solch böse Zeiten. so thaten doch er und seine Tochter, was in ihren Kräften stand, den Bedürftigen aus ihrer Gemeinde mit Trost und Hülfe beizuspringen. Bei solcher Gelegenheit sah der Herr Vogt Rumpel, der von Amts wegen die zumeist heimgesuchten Oerter besuchte, die Jungfer Anna, und da er bald erkannte, wie tugendsam und verständig sie sei, so freite er in aller Form um sie bei ihrem Vater. Herr Pastor Krummbein, der sich solcher Ehre nicht versehen hatte, willigte gar freudig ein, da er sein liebes Kind in so bedrängten Zeiten gern in der Obhut eines angesehenen Mannes wußte. Nicht also Frau Kunigunde Rumpelin, die Mutter des Vogts, eine stolze hoffährtige Frau, aus adeligem Geschlecht geboren, die längst bei sich beschlossen hatte, daß ihr Sohn wieder ein adelig Fräulein heimführen solle. Sie war sehr aufgebracht, daß derselbe eine arme Pfarrerstochter ehelichen wollte, und verweigerte beharrlich ihre Einwilligung zu dieser Heirath. So sehr dieß den Herrn Rumpel betrübte, der sein Leben lang ein gehorsamer Sohn gewesen, so wollte er doch nicht von seiner Liebsten ablassen, und hoffte ihr Verstand und ihre Tugenden werden noch das Herz der Mutter gewinnen. Solche Hoffnung erfüllte sich aber nicht, denn am 14. November des Jahrs 1658 starb Frau Rumpelin, ohne vorher ihren Sohn durch ihre mütterliche Einwilligung erfreut zu haben. Auf das Andringen seiner Braut schloß Herr Rumpel sein Ehebündniß mit ihr erst im Frühjahr des Jahres 1659, nachdem er seine Mutter gehörig betrauert hatte. Als nun Jungfrau Anna am Morgen ihres Hochzeittages ihre Feierkleider zurichtete, überbrachte ihr der Bräutigam ein gar zierlich und köstlich gearbeitetes Kleinod, ein weißes Vögelein mit goldenem Gefieder von zierlicher Schmelzarbeit, das an einem schweren Goldkettlein hing, welches dicht am Halse schloß. Das Kettlein war so künstlich und fest geschmiedet, daß es durch keine Kraft und Geschicklichkeit der Welt eröffnet werden konnte, außer mit einer besonders dazu gearbeiteten Zitternadel, die dem Schmuck beigefügt war. Dieses Kleinod übergab er ihr mit den Worten: »Liebwertheste Jungfer Braut, lasset dies köstliche Kleinod, so ein Ahnherr meiner Mutter aus Welschland gebracht zum Geschmuck seiner Braut, und das derweile jedwede Braut unseres Hauses getragen, ein Symbolum sein der Liebe, die unsere Herzen also fest umschlingt, daß sie alleinig gelöst werden kann durch ein Werkzeug derselbigen Hand, die sie zusammen gefügt – durch den Tod, den uns dereinst der Herr sendet.« Jungfrau Anna nahm ihres Liebsten Geschenk mit freundlichem Dank, aber dennoch machte ihr der Anblick des Geschmeides das Herz schwer, und sie entschloß sich nur ihm zu Liebe, es anzulegen. – Herr Rumpel hatte Juliane, die ehemalige Leibmagd seiner verstorbenen Mutter, gedingt. Als nun diese der Braut behülflich war bei ihrem Anzug, und eben das feine Kettlein festschloß um den Hals, sagte sie mit einem Seufzer: »Gebe Gott, daß dieses Geschmeide mehr Segen bringe, als die gestrenge Frau selige hinein gewünscht.« Wie die erschrockene Braut sie um den Grund solcher Rede befragte, vertraute ihr die Magd, daß die verstorbene Frau noch in ihrer letzten Stunde versucht habe, den Sohn von seinem Vorhaben abzubringen. Sie habe ihm aus ihrem Schmuck das Kettlein gereicht und ihn mit glatten Worten gebeten, dasselbe derjenigen Jungfrau zu übergeben, welche sie als Tochter erwählen wolle. Der Sohn aber habe ihr mit fester Stimme erwiedert: »Frau Mutter, ich werde das Geschmeide um den Hals der tugendsamen Jungfrau legen, die ich mir erwählet, und die Eurer Liebe und Eures Segens würdig ist.« Als ihn die Mutter so standhaft gesehen, habe sie ihn in großem Zorn entlassen, und nachdem er sich entfernt, mit zorniger Stimme gerufen: »So er das kostbare Geschmeid der Pfarrersdirn anhenket, so soll es ihr auch zum Fluch werden. Möge sie erwürget und erstickt werden mit dem Kettlein!« Und auf solch gottlose Reden sei sie unversöhnt verschieden. Diese Mittheilung bekümmerte die Braut schwer; sie wollte ihren Herrn nicht betrüben durch Verschmähung seiner Gabe, und doch hatte sie ein entsetzliches Grauen befallen vor dem verwünschten Geschmeide, so daß sie nicht wagte, es anzulegen. Da hörte sie das einzige Glöcklein, das der Kirche aus dem Kriege geblieben war, wie es sie an den Altar rief, wo ihr Vater harrte, um ihr Ehebündniß einzusegnen. Und sie gedachte des allmächtigen Gottes, dessen Gnade höher stände, denn aller Menschen Zorn; sie befahl ihm ihren Leib und ihre Seele, und hieß die Magd das Kettlein schließen in Gottes Namen. In Betracht der schweren Zeiten, unter denen ihr Ehestand begann, getröstete sie der Vater mit den Worten des Psalm: »Der Herr ist deine Zuversicht, der Höchste ist deine Zuflucht. Es wird dir kein Uebles begegnen, und keine Plage wird zu deiner Hütte sich nahen. Denn er hat seinen Engeln befohlen über dir, daß sie dich behüten auf allen deinen Wegen.« – In der bräutlichen Kammer aber vertraute Anna ihrem Herrn die grausige Geschichte, die ihr Juliane berichtet, und sie bat ihn inständig, er wolle mit ihr beten, daß durch Gottes Gnade der Fluch der harten Mutter von ihnen gewendet werde. Sie erhoben ihre Herzen in brünstigem Gebet zu dem allmächtigen und allbarmherzigen Gott, der dereinst den Fluch gewendet von dem unschuldigen Weibe des Tobias, der den Fluch in Bileams Munde in Segen verwandelt hatte, daß er auch von ihrem Ehebund, der begonnen hatte in seiner Furcht und Liebe, den Unsegen abwenden wolle, den die Mutter in verblendetem Herzen über sie verhängt, daß er sich ihnen so gnädig erweisen wolle, daß ihnen dereinst vergönnt sei, der Mutter, die sie verflucht, den Segen in die Ewigkeit zu bringen. – Als sie nun so recht von Herzen gebetet hatten, da sahen sie einen ganz besonders hellen und klaren Stern, der gerade in ihre Kammer herein schien. Da ward es ihnen leicht und getrost um's Herz, und sie sahen fröhlichen Muthes ihrem Ehestand entgegen. Es waren wohl zwölf Jahre nach dem vergangen und ihr einzig Töchterlein Barbara stand schon im eilften Jahre, als Herr Rumpel und seine Frau von der Kindtaufe bei einem befreundeten Schöppen zurückkehrten. Da erscholl urplötzlich das Geschrei: »die Rothmäntel, die Rothmäntel!« Herr Rumpel war kaum fortgeeilt, um Mannschaft aufzubieten gegen dieses wilde und grausame Kriegsvolk, von dem nur noch versprengte Horden im Land herum sengten und plünderten, als ein Haufe derselben in's Haus einfiel, die zwei Knechte niederstieß und anfing, zu plündern. Frau Anna nahm ihr Töchterlein auf den Arm, konnte aber nicht entkommen, sie ward mit den Mägden in eine Kammer gestoßen, bis das übrige Haus geplündert wäre. Da saß sie nun mit ihrem Kind und den heulenden Mägden in tiefer Nacht und in großen Aengsten. Es wäre nicht schwer gewesen, in den Hof hinabzusteigen, aber da stand einer der Rothmäntel, um Wache zu halten. Plötzlich rief Barbara, die ihre Arme um der Mutter Hals geschlungen hatte: »Mutter, deine Kette! thu' deine Kette herunter! man nimmt sie dir sonst.« Nun gewahrte Frau Anna, daß sie noch in den Feierkleidern war und das Kettlein mit dem Kleinod am Halse trug, die Nadel aber, die es allein öffnen konnte, lag fern in ihrem Schmuckkästchen. Da gedachte sie mit Grausen und Entsetzen des Fluches ihrer Schwiegermutter, der sich nun erfüllen mußte; denn bei der Art und Weise dieser räuberischen Horden war nicht anders zu denken, als daß sie ihr den Schmuck vom Halse reißen und sie, da sie das Kettlein nicht öffnen konnten, elend erwürgen würden. Während draußen der wüste Lärm tobte und sie nicht wußte, wo ihr Gemahl sei, während sie jeden Augenblick erwartete, die Rothmäntel werden in ihr Gemach eindringen, versuchten sie und die Mägde auf alle Weise, das Kettlein zu öffnen, aber es ging nicht. In dieser höchsten Todesangst hob sie ihre Augen gen Himmel, und ihr däuchte, sie sehe denselben Stern, der vor zwölf Jahren in ihre Hochzeitkammer geschienen. Da faßte sie wieder Muth, und unter Anrufung des göttlichen Beistandes riß sie an dem Kettlein mit aller Macht. Und siehe, die eisenfesten Fugen desselben gaben nach, und wunderbarerweise zog sich die Kette dergestalt, daß sie diese über den Kopf streifen konnte. So war sie von der größten Angst erlöst, und begann zu hoffen. Da sie die andern Gesellen ferne im Hause herumtoben hörte und den Hof leer sah bis auf ihren Hüter, versuchte sie, diesen mit dem Kleinod, dem die Mägde noch ihre Halsschnüre beifügten, zu bestechen, daß er sie ziehen lasse. Der Kerl, ohnehin grimmig, daß er an der Beute verkürzt werden sollte, ließ sich durch den Schmuck bewegen, die Frau mit Kind und Mägden durch das Fenster in den Hof entrinnen zu lassen. Freilich half ihm diese Beute nichts, denn er wurde noch in selbiger Nacht in einem Streit darüber von einem Gesellen erschlagen. Frau Anna verbarg sich mit dem Kind in einem Keller, wo sie in beständiger Todesangst verharrten. Da, als der Morgen tagte, hörten sie auf einmal freudiges Geschrei und vernahmen Herrn Rumpels Stimme, der nach ihnen rief. Sie eilten aus ihrem Versteck in seine Arme. Es war ihm gelungen, ordentliche Militärmannschaft aufzutreiben, bei deren Anblick das Gesindel mit den eilig zusammengerafften Bündeln jählings die Flucht ergriff. Als nun einer der Rothmäntel mit seinem Pack an dem Kinde Barbara vorbeilief, sah sie der Mutter Kettlein daraus hervorhängen. Das kecke Kind riß darnach und erhaschte mit Einem Ruck die Kette mitsammt dem nun so wunderbaren Kleinod. Groß war der Schaden, den die freche Streifbande der ganzen Stadt, und besonders dem Herrn Rumpel an Haus und Eigenthum zugefügt hatte. Durch den Fleiß und die Sparsamkeit seiner Frau und einen fast wunderbaren Segen wurde ihm aber Alles wieder reichlich ersetzt, und er und Frau Anna erfreuten sich in Frieden eines hohen Alters. Das Kleinod, das sie in so große Gefahr gebracht hatte und hernach doch das Mittel zu ihrer Rettung geworden war, hat Frau Anna nie mehr getragen, nur auf ihrem Bilde ließ sie es zum Andenken noch schildern, und hat es sorgfältig aufbewahrt. Vor ihrem Tode übergab sie es ihrer Tochter mit dem feierlichen Beding, daß es für alle Zeiten als Eigenthum der ältesten Tochter in der Familie verbleiben und heilig verwahrt werden solle. Und wie die Mutter ihres Mannes einen Fluch gelegt hatte auf das Geschmeide, also legte sie nun den Segen darauf: so lange das Kleinod im Besitz der Familie ist, soll häuslicher Friede und Segen nicht von ihr weichen. So lautete die Geschichte vom Schmuck der Urahne. Sie ist freilich nicht sehr romantisch, aber wahr. Die Großmutter entließ uns ziemlich ernst gestimmt; beim Abschied aber wandte ich noch einmal den Kopf: »Aber, Großmutter, es ist doch eine Liebesgeschichte dabei; wenn der Herr Rumpel nicht in die Jungfer Krummbeinin verliebt gewesen wäre, so hätte es keinen Schmuck und keinen Fluch und keinen Segen gegeben.« – »Ihr naseweises Volk, ihr könnt warten, bis ich euch wieder einmal eine Geschichte erzähle!« II. Der Croatenähne. In des Vaters Familie wurde ein Bild aufbewahrt, das den Kindern immer Gegenstand einer geheimen Scheu und respektvoller Bewunderung war. Es stach freilich gar auffallend von den zahmen Bildnissen von Papa und Mama ab. Es stellte einen Kriegsmann dar aus der Zeit des dreißigjährigen Kriegs in der abenteuerlichen Tracht der Croaten. Unter dem breitkrempigen, herabgeschlagenen Hut blitzte ein feuriges Paar Augen mit einem trotzigen und doch wieder treuherzigen Blick hervor; ein sonnenverbranntes Gesicht mit einem gewaltigen Schnurrbart paßte vollkommen zu der fremdartigen Soldatentracht. Das Bild ward immer als der »Croatenähne« bezeichnet und selbst von den Dienstboten mit einiger Scheu betrachtet. Lang erfuhren wir Kinder nicht, welche Bewandtniß es mit diesem Ahnherrn habe, bis eines Tags der Christian heulend aus der Schule kam: »Mutter, ich habe mit des Schreiners Gottlieb Händel gehabt, da sagte er: es sei kein Wunder, daß wir so wild seien, unser Urgroßvater sei ja auch ein Croat und ein Menschenfresser und halb wild gewesen.« Die Mutter nahm diese Beleidigung nicht hoch auf, und des Christians Thränen waren bald getrocknet, als sie ihn versicherte: »Was aber den Croaten betrifft, so ist dein Urahnherr allerdings ein croatischer Hauptmann gewesen, aber kein Menschenfresser; er ist als ein guter evangelischer Christ hier auf seinem schönen Hofgut gestorben; man heißt den Platz heute noch den Croatenhof. Ruf einmal den Fritz und den Heinrich und den Conrad und die drei großen Mädchen – die Kleinen brauchen's noch nicht zu wissen – so will ich euch erzählen, wie sich's mit dem Croatenähne verhalten hat.« Das Auditorium war bald versammelt, höchst begierig, den langerwünschten Aufschluß zu erhalten, den die Mutter nun endlich folgendermaßen ertheilte. Ihr wißt es, Kinder, von dem Vater und vom Herrn Schulmeister, wie zur Zeit des dreißigjährigen Krieges unsere Stadt besonders hart mitgenommen wurde. Obschon man eine gute Obrigkeit hatte, die es verstand, mit den feindlichen Kriegsführern ein Wort zu reden, so hörten doch die Einquartierungen nicht auf, und man war besonders vor der wilden Mannschaft, die im Dienste der Kaiserlichen kam, niemals seines Lebens und Eigenthums sicher; dazu wurden die Lebensmittel entsetzlich theuer. Regierender Bürgermeister hier war damals Herr Brenner; der hatte eine einzige Tochter, Magdalene, das schönste Mädchen in der ganzen Stadt. Dazu war sie von hohem Geiste und sehr verständig, der Liebling des Herrn Pastors, der sie von Jugend an unterrichtet und sich an ihrem frühzeitigen Verständniß der heiligen Schrift ergötzt hatte. Man sagt, sie habe eine so schöne, zarte, weiße Haut gehabt, daß man den rothen Wein habe durch ihren Hals fließen sehen, und so klare, blaue Augen, daß sie einen Schein von sich gegeben. Die Magdalene, obwohl recht brav und sittsam, war doch ein keckes, unerschrockenes Mädchen. Als einst die Nachricht kam, daß ein Regiment Croaten im Anzug sei und in der Stadt werde einquartiert werden, da schlossen die meisten Bürger ihre Weiber und Töchter in die Keller ein, damit ihnen nichts geschehen solle von den wüsten Soldaten. Aber die Magdalene wollte sich das nicht gefallen lassen! sie lasse sich nicht einsperren wie ein Thierlein, sie wolle selbst sehen, wie es ihrem Vater ergehe; und so ist sie im Hause geblieben. Beim Bürgermeister wurden ein Hauptmann und zwei Gemeine einquartiert, die sich ordentlich aufführten. Der Hauptmann ist ein schöner stattlicher Mann gewesen, obgleich er etwas wild aussah und einen schrecklichen Bart hatte. Er hat von der ersten Stunde an, da er im Hause war, kein Auge von der Magdalene verwendet. Als sie das bemerkt, hat sie sich von ihm abgezogen und ihm immer kurzen Bescheid gegeben. Nur als sie am zweiten Tag von des Vaters Knecht hörte, daß einer der Soldaten sich gegen das Kriegsgesetz verfehlt habe und eine grausame Strafe erhalten solle, da faßte sie sich ein Herz und sprach den Hauptmann beweglich an, dem armen Burschen die Strafe zu schenken, was er ihr im Augenblick bewilligte. Am Abend des dritten Tages, ehe der Hauptmann abziehen mußte, sprach er mit der Magdalene und fragte sie, ob sie als sein Weib mit ihm ziehen wolle? Er sei jetzt auf dem Heimweg begriffen; sei von gutem Geschlecht und habe daheim ein schönes Besitzthum. Magdalene sagte ihm mit kurzen Worten, daß sie keine Lust habe, ihr Vaterland zu verlassen, und daß sie nimmermehr einen Croaten und einen Katholiken heirathen werde. Mit dem Zusprechen konnte der Croat wenig umgehen; als er fand, daß er verschmäht sei, stieß er in heftigem Zorn seinen schweren Pallasch auf den Boden und sprach kein einziges Wort mehr. Am andern Morgen früh mußten die Croaten abziehen; der Hauptmann hatte sich mit seinem Gaul im Stillen auf den Sammelplatz begeben und von keiner Seele Abschied genommen. Eine Viertelstunde darauf ritten die Croaten in hellem Galopp hinaus; man hat sie gern gehen sehen. Warum aber die Magdalene Brenner gemeint hat, sie müsse die Soldaten abziehen sehen, das kann ich selbst nicht sagen. Als des Hauptmanns Trupp vorbeiritt, war des Bürgermeisters Brenners Hausthür offen, und drinnen auf dem untersten Tritt der Treppe stand die Jungfer Magdalene und schaute zu. Der Hauptmann hatte schon von weitem nach dem Hause hingeschielt, und als er die Magdalene im Hause sah, sprang er wie der Blitz vom Gaul, hinein in das Haus, faßte sie bei der Hand und wollte sie fortziehen. Magdalene weigerte sich und umschlang mit ihrem Arm, um sich zu halten, den großen hölzernen Knopf am Treppengeländer. Der Hauptmann, schnell wie das Wetter, reißt seinen Säbel heraus, haut den Knopf damit ab, ohne der Jungfer ein Leid zu thun, nimmt sie mit sammt dem Treppenknopf auf den Arm wie ein Kind, springt auf seinen Gaul und reitet mit ihr in gestrecktem Galopp seinen Kameraden nach. Die Treppe mit dem abgehauenen Knopf steht heute noch im Haus, wo jetzt der Färber Zoller wohnt, da könnt ihr sie sehen. Der Bürgermeister sah eben zum Fenster hinaus und schrie jämmerlich auf, als er sein Kind wie im Sturmwind davon fliegen sah. Es waren eine Menge Leute auf den Straßen und an den Fenstern, und da gab es ein entsetzliches Schreien, Laufen und Rennen. Man wollte nach, aber wie? Nachreiten war eine Kunst, die guten Gäule hatten sie mit fort und ihre schlechten dafür dagelassen. Alles, was Füße hatte, sprang ihnen nach, und guckte, so weit man den Staub noch sehen konnte, dann kehrten sie um und wußten nicht was. Der Bürgermeister aber war wie gelähmt an Seel und Leib und mußte bald sein Amt abgeben; er sei nur noch wie ein Schatten herumgegangen. Wie es der Magdalene ergangen ist, die seither ihres Vaters Liebling und die vornehmste Jungfer der Stadt gewesen, allein unter einem Haufen Croaten, auf einem wilden Pferd, durch Dick und Dünn, das kann man sich wohl nicht arg genug vorstellen. Das kann ich euch aber sagen, weil man es nachher von ihr selbst erfahren hat, daß es den Hauptmann selbst erbarmte und gereute. Er hat sie in Ehren gehalten wie seine Schwester, sie gehütet wie seinen Augapfel und für sie gesorgt, so gut er nur konnte. Zurückbringen konnte er sie nicht mehr, oder wollte er nicht, und so hat er sie denn unverletzt in das Croatenland gebracht. Dort hat sie eingewilligt, seine Hausfrau zu werden, und weil er ein gutes Herz hatte und die Magdalene ihm unbeschreiblich lieb war, so hat sie zufrieden mit ihm gelebt, obwohl sie das Heimweh fast umgebracht hat in dem fremden Lande, unter den fremden Leuten mit dem fremden Glauben. Es war dort alles katholisch, und nur in der größten Heimlichkeit durfte sie in der Bibel und in dem schönen geistlichen Liederbuch lesen, die sie unter ihres Mannes Kriegsbeute gefunden hatte. Es war ihr oft, als werde ihr Mann mit jedem Tage milder und freundlicher, und sie gewann ihn recht von Herzen lieb. – Sie gewahrte, daß er sich oftmals in ein Kämmerlein schleiche, wo sie gewöhnlich ihre Andacht zu verrichten pflegte. Einmal ging sie ihm leise nach und fand ihn wie er in ihrer Bibel las und die hellen Thränen über sein rauhes Gesicht liefen. Er schaute auf, blickte sie freundlich an und sagte: »Magdalene, ich glaube, wie es da drinnen steht, so ist's recht.« Da erzählte er ihr zu ihrer herzlichen Freude, wie er einmal zufällig in ihre Bibel geschaut und seitdem fleißig darin gelesen, wie er daraus anders beten gelernt als an seinem Rosenkranz, und wie er nun von Herzen wünsche, seinem Gott hinfort in ihrer Weise zu dienen. Mit Freudenthränen dankte sie Gott, daß er sie darum in die Hand eines wilden Croaten hatte fallen lassen, daß sie ihm an ihrer Hand einen frommen, lebendig glaubenden Gatten zuführe. Als er einmal so weit war, fand er bald, daß er mit dem neuen Glauben in dem alten Lande nicht bleiben könne; da ist es der Magdalene nicht mehr schwer geworden, ihn zu bewegen, daß er mit ihr in ihre liebe Heimath ziehe. Das geschah etwa zehn Jahre nachdem die Magdalene war von dem Kriegsmann fortgeführt worden. Ihr könnt euch denken, wie die Leute aufgeschaut haben, als es einsmals hieß, die Magdalene Brenner sei wieder da mit dem Croaten. Es soll ein Laufen und Rennen der Leute gewesen sein, fast so arg, als an dem Tage, da er mit ihr fortgeritten war. Sie soll dazumal noch eine recht schöne Frau gewesen sein, und es ist Schade, daß von ihr kein Bildniß mehr da ist. – Der alte Bürgermeister lebte noch, er sei aber fast vor Freude gestorben, als er sein einziges Kind wieder sah, gesund und wohlbehalten, und er hat gar nichts dagegen gehabt, daß sie Frau Hauptmännin geheißen wurde. Der Croat hatte auch ein schönes Vermögen mitgebracht. Das Geld war damals rar im Lande, Güter bekam man spottwohlfeil, nur die Häuser darauf waren verbrannt. Da kaufte er sich den schönen Hof draußen vor der Stadt, wo es B. zugeht, und baute ein Wohnhaus darauf. Dort hat der Croat mit seiner Frau in Stille und Frieden noch viele Jahre gelebt. Der alte Bürgermeister ist auch zu ihnen hinausgezogen. Der Hauptmann soll ein stiller und gottesfürchtiger Mann gewesen sein, der recht fleißig zur Kirche ging. Die Leute haben aber doch noch eine gewisse Scheu vor ihm behalten, und wenn er Abends durch seine Felder wandelte, behaupteten sie, er mache allerhand seltsame Zeichen in die Luft, womit er die Wetter bannen könne. Unrechtes hat man nichts von ihm gehört, mag aber wohl sein, daß er hier zu Lande nie so recht daheim wurde und oft umgetrieben ward vom Heimweh nach seinem entfernten Vaterlande. Die Kinder soll er unaussprechlich lieb gehabt haben, und die haben auch bald seinen großen Schnauzbart nicht mehr gefürchtet. Sein einziger Sohn, der ihm erst hier geboren wurde, ist der Vater eures Urgroßvaters gewesen. Soldatenblut ist aber, scheint's, keines von dem Croaten übrig geblieben, denn wir haben seither keine Militärperson in der Familie gehabt. – Auf der Seite seines Bildes seht ihr unser Familienwappen, das von ihm stammt; den flammenden Stern darin hat er seiner Frau zu Ehren angenommen, sowohl wegen ihres Namens, als auch um anzudeuten, daß sie für ihn dem Sterne Bethlehems gleich war und ihn zu seinem rechten Heile geführt hat. – Und so verhält es sich mit unserem Urahn dem Croaten, der ein Menschenfresser und halb wild gewesen ist. III. Die drei Zöpfe. »Es gibt unterschiedliche Zöpfe.« Das wurde auch die selige Ururgroßmutter mit Staunen gewahr, als ihre drei Buben, die man allesammt bei einem auswärtigen Präzeptor untergebracht hatte, der besonders berühmt in der Dressur war, in der ersten Vakanz nach Hause kamen. – Hatte sie doch alle drei vor der Abreise eigenhändig gewaschen und gestrählt, eigenhändig ihre widerspenstigen Haare mit Puder, Talg und Wachs behandelt, bis sie nach hinten gestrichen und dort zu einem steifen Zopf vereinigt waren, mit einem nagelneuen schwarzen Floretband umwunden, so daß sie der Garde des Königs Friedrich Ehre gemacht hätten, wie sie abzogen, gleich gekleidet in glänzenden gestreiften Eternell, und die Zöpfe auf ihren Rücken tanzten. Ja, es gibt unterschiedliche Zöpfe; wie verschieden sahen die Buben jetzt aus! Der älteste, der Heinrich, der gar ein hübscher Bursch war und allzeit gern den Herrn spielte, der hatte sich nimmer mit dem simplen Zopf nach väterlicher Weise begnügt, sondern er hatte extra ein paar Buckeln vorn, die gar zierlich in's Gesicht standen, und an dem Zopf noch eine besondere Schleife mit flatterndem Band als Zierrath; so hatte er's bei der Suite eines durchreisenden Fürsten gesehen, und so hatte er's mit der Hülfe von Präzeptors Heinrike zu Stande gebracht. Christian, der Jüngste, machte mit seinem dünnen Schwänzlein keine solche Prätensionen, das war nach wie vor säuberlich nach hinten gestrichen, nur das floretseidene Band hatte er an den Heinrich verhandelt, und statt dessen ein altes Sackband mit Dinte schwarz gefärbt und ihn damit umwickelt. Der Zweite aber, der dickbackige Gottlieb, der allezeit das Bequeme liebte, der hatte die Haare nur oben zusammengebunden und ließ sie nach unten frei, wie er solch fliegendes Haar schon bei Leichenbegleitungen gesehen; er meinte, so thue sich's auch. Was hatte die gute Mama für eine Noth, bis sie die drei Zöpfe wieder zurecht gesalbt und in den normalen Zustand gebracht hatte; auch gab man ihnen am Schluß der Ferien ein Geleitschreiben an die Frau Präzeptorin mit, worin dieselbe höflich ersucht wurde, doch auch auf die Zöpfe der ihr anvertrauten Jugend zu achten und sie nimmer in so skandalösem Zustand nach Haus zu schicken. Ob die Zöpfe von nun an in Ordnung geblieben sind, das weiß ich nicht; soviel aber weiß ich, daß jene Vakanzzöpfe bereits den künftigen Charakter der Buben vorbildlich darstellten. Der Heinrich, der war und blieb der Elegant; der Christian kümmerte sich just nicht darum, ob sein Zöpfchen dick oder dünn, in Floretseide oder in Sackband gewickelt war, wenn er nur sonst sein Schäfchen in's Trockene brachte; der Gottlieb aber, der wollte nichts als es guthaben auf der Welt, und weil's einmal ohne Zopf nicht ging, so wollte er sich den seinen wenigstens so bequem machen als möglich. Wenn der Herr Pathe jedem der Buben einen Marktgroschen verehrte, so durfte man gewiß sein, daß sich Heinrich eine unächte Stecknadel und Gottlieb eine Wurst kaufte, der Christian hingegen stelle den seinigen in einen Sparhafen, einen irdenen von der sinnreichen Sorte, die nur eine Oeffnung oben hat und die man zerschlagen muß, wenn man den Inhalt wieder haben will. Mit stattlich gediehenen Zöpfen wurden die herangewachsenen Knaben zur bestimmten Zeit nach einander auf die Universität spedirt, um allda ihre Studien zu vollenden; der Heinrich und der Christian kamen in's berühmte Stift, allwo jede honette Familie wenigstens einen Sprößling haben mußte; der Gottlieb hatte eigentlich seine Laufbahn durch verschiedene Schreibstuben gemacht, sollte aber doch noch die gemeinen Rechte und etwas Humaniora studiren, um für ein städtisches Amt tauglich zu werden. Die Zöpfe haben sie mitgenommen und redlich wieder heimgebracht. Keiner ist gewichen aus dem Gleis der angestammten Zucht und Sitte, wenn es auch da und dort kleine Abschweifungen gab. Heinrich war ein sehr strebsamer Geist, aber trotz seiner Begabung brachte er es zum Jammer von Papa und Mama niemals zum Primus. Er trieb allezeit Nebenstudien, Italienisch, Französisch, Heraldik und andere Allotria, und verletzte wo er konnte die heilige Stiftsordnung, um mit etlichen »Jungen von Adel« Jagdparthien und Fechtübungen mitzumachen, und nur seiner Rednergabe und, wie die böse Welt sagt, den auserlesenen Weinproben in Fäßchen, mit denen der Papa die Herrn Professoren beehrte, hatte er's zu danken, daß er noch mit Ehren seine theologischen Studien absolvirte, und nicht mit dem Kainszeichen eines hinausgeworfenen Stiftlers durch die Welt schweifen mußte. Gottlieb, der band sich seinen Zopf bequem, er studirte soviel ihm zuträglich, aß und trank soviel ihm schmeckte, ohne es in beiden Stücken zu übertreiben. So oft die regelmäßige Geldsendung vom Papa ankam (der alte Herr hielt streng auf feste Termine, obwohl er die Söhne nicht knapp hielt), schaffte sich Heinrich eine brodirte Weste, ein zierliches Cachet oder irgend sonst einen Artikel an, mit dem er, trotz der strengen Kleiderordnung, die den Stiftlern Kutten vorschrieb, in seinen adeligen Zirkeln Staat machen konnte, oder reichte es die Miethe für ein Reitpferd oder ein weltliches Buch. Der Gottlieb aber, der lud seine Brüder zu einem Abendessen ein, wobei drei fette Enten verspeist und in edlem Uhlbacher des Papa's Gesundheit getrunken wurde; er lachte dabei den Christian herzlich aus, der sich die Schlegel und Flügel der Ente fein säuberlich in ein Papier wickelte, um noch etliche Tage daran zu zehren. Sein Geld hatte der sorgsam verwahrt zu spärlichstem Gebrauch; er hatte seit seinen Knabenjahren bereits den dritten Sparhafen soweit gefüllt, daß nichts mehr hinunter fiel, unversehrt standen sie mit ihren dicken Bäuchen in einem geheimen Schiebfach seines Pults und lachten ihn mit ihren schiefen Mäulern an. Aber den Zopf behielt er bei und auch das Floretband; seine äußere Erscheinung blieb jederzeit anständig, wenn sie gleich immer dünner und spitziger wurde. »Es gibt unterschiedliche Zöpfe.« Das zeigt sich klärlich, wenn man die Bildnisse der drei Urgroßonkel aus ihren reifen Jahren betrachtet. Da ist zuvörderst der Heinrich, der hübsche Mann mit den feingeschnittenen Zügen, dessen Zopf als eleganter Haarbeutel schalkhaft zwischen den schön geordneten Buckeln hervorblickt. Der feine dunkle Rock ist mit einem Orden geschmückt und nur ein paar zierliche Priesterkräglein bezeichnen noch den Theologen; mit spitzen Fingern nimmt er eben eine Priese aus der goldenen Tabatiere mit einem vornehmen Bildniß in seiner Hand, und schaut lächelnd nach dem fürstlichen Lustschloß, das seitwärts durch ein Fenster zu sehen ist. Der Heinrich war immer ein etwas leichtes Blut; der Westwind, der von jeher so viel Unsamen von Frankreich zu uns herüberwehte, hat ihn besonders stark angehaucht und gar manchmal war er nahe daran gewesen, des respektablen Namens seiner Väter unwerth zu werden. Er hatte es verschmäht als ehrbarer Vikarius unter den Fittichen des Papa sich zum gleichen Beruf vorbereiten; seine hübsche Gestalt, seine feinen Manieren und die französische Sprachkenntniß hatten ihm eine glänzende Stelle als Hofmeister von zwei jungen Prinzen verschafft. Dieser Beruf führte ihn an fremde Höfe, in Bäder mit Spielbanken, in die Salons schöner Damen, ebenso viele Klippen für den welt- und lebenslustigen jungen Mann, und gar manche Kalypso hätte den Mentor beinahe eher als seine Telemachs festgehalten. Aber der solide Geist des Vaterhauses, die Zucht der gestrengen Mutterhand, die ihm den ersten Zopf gebunden, hatte ihn nie ganz im Stiche gelassen und er trug jetzt seinen Haarbeutel mit Ehren als wohlbestallter Oberkonsistorialrath. So war er nun der Stolz und der Glanz der Familie, der Herr Pathe von allen Neffen, Nichten, Großnichten und Geschwisterkindskindern; seinen Eltern wurde bei den damaligen Reiseschwierigkeiten nur einmal die Freude, ihn zu besuchen, aber dieser Besuch und die huldvolle Audienz bei den allerhöchsten Herrschaften blieb auch der Lichtpunkt ihrer Erinnerungen. Ich wollte Euch nun gern die Details aus dem Leben des Heinrich schildern, die zierlichen Unterhaltungen, die er mit der Frau Fürstin und dero hochfrisirten Hofdamen gepflogen, die geheimen, diplomatischen Sendungen, mit denen ihn der durchlauchtigste Herr beehrt hat, die französischen Lustspiele, die ihm die Hofsitte, unbeschadet seiner geistlichen Würde zu dirigiren gestattet hatte; aber ich muß die Ausmalung solcher Scenen denen überlassen, die mehr daheim sind auf den Parketböden der Hofsäle, als ich. Nun aber betrachtet Onkel Gottliebs Bild und sagt, ob Euch dabei nicht das Herz lacht, wie er da sitzt, mit vergnüglichem Lächeln auf seinem wohlhäbigen breiten Gesicht, den schön geschliffenen Kelch mit funkelndem Wein in der Hand, während ein Aktenstoß zur Seite und das Rathhaus im Hintergrund ihn als städtischen Beamten bezeichnen. Was hätte die Mama, die es nimmer erlebt hat, wie er Bürgermeister der guten Stadt H. wurde, was hätte sie für eine Freude, wenn sie sähe, wie er jetzt so guten Muths den dicken stattlichen Zopf den Rücken hinunter hängen läßt, von dem er sich nun nicht mehr beengt fühlt. Er hatte es auch nicht nöthig, sich etwas beengen zu lassen; es war ihm nach seines Herzens Wunsch ergangen, er konnte sich und andern das Leben leicht machen. Wie behaglich schaute einem schon von weitem seine Behausung auf dem Markt entgegen, mit dem blankpolirten Thürschlosse, den spiegelhellen Scheiben, durch die man reichbefranzte Vorhänge sah. Da war alles Fülle und Wohlbehagen, die gastliche Tafel des Herrn Bürgermeisters war weit berühmt in Stadt und Land. Er ließ sich niemals mit ausländischen Produkten ein: Austern, Kaviar und Champagner wurden in dem soliden schwäbischen Hause nicht vermißt, aber alle guten Landeskinder, delikate Spargeln, feine Pflaumen und Aprikosen, Krebse, Forellen und Aale, auserlesene Trauben und reine Landweine von den edelsten Jahrgängen zierten die Tafeln und erfreuten der Menschen Herz; der Hühnerhof nährte Geflügel aller Art, Kapaunen, wälsche und deutsche Hühner, Tauben und Gänse, die jederzeit bereit waren, ihr Leben im Dienste der Menschheit zu verhauchen. Es war kein Wunder, wenn Angesichts dieser Herrlichkeit ein Bäuerlein meinte: wenn er der preußisch' König wär', er thät' sich nicht lang plagen mit dem Krieg, sondern zusehen, ob er nicht auch so ein »Deinstle« – (Dienst) bekommen könnte. Auch der jüngste, der Christian, war zu Ehren und Würden gekommen; auf seinem Bildniß hat ihn der Maler mit großen Buchstaben als seine Hochwürden den Herrn Spezial M**** bezeichnet. Besagtes Bildniß wurde ursprünglich auf Kosten des Stiftungsraths für die Sakristei im Akkord gemalt, den Mann à 2 fl., und ist daher kein künstlerisches Meisterstück, doch soll es vortrefflich getroffen sein. Demnach ist der Onkel Spezial just keine beauté gewesen, erstaunlich lang und schmal, sein Gesicht hat die gelbliche Farbe und die spitzen Linien, wie man sie vorzugsweise bei Leuten findet, die für »ziemlich genau« (ein milder Ausdruck für geizig) gelten; sogar der Zopf entspricht dem Uebrigen, er ist auffallend lang, dünn und spitz. Ich habe es noch nicht herausgebracht, ob die Leute oft reich werden, weil sie geizig sind, oder geizig werden, weil sie reich sind, es wäre eine logische Aufgabe für's philologische Examen. Bei dem Onkel Spezial schien Beides in angenehmer Wechselwirkung zu stehen, reich war er unbestritten, und geizig eben so gewiß, soweit sich solches mit Anstand und Schicklichkeit vertrug. Das Zehentwesen hatte er bei seinem Vater daheim recht gründlich studirt und soweit war er, bei seiner natürlichen Begabung zum Sparen, vortrefflich befähigt zum Betrieb auch der notariellen Seite des Dekanatamtes. Uebrigens ging er im Erwerben und Sparen niemals so weit, daß er seinem geistlichen Ansehen geschadet hätte, »der Zopf, der hing stets hinten.« Die große Liberalität des Bruder Gottlieb war ihm ein Gräuel; war er doch sicher, wenigstens zwanzigmal des Jahrs bei den jeweiligen Visitationen einen ausgesuchten Schmaus zu genießen, woran die Frau mit den lieben Kleinen auch Antheil nahm, und wovon jedesmal eine vollgepackte Schachtel mit Viktualien, gar oft noch ein Schinken, ein Säckchen dürres Obst oder ein gefüllter Schmalzhafen bei der Heimfahrt in die Chaise gepackt wurde. Da jede Frau Pfarrerin die beste Köchin sein wollte, so waren diese Schmausereien so reichlich, daß man gar lang aus der Erinnerung zehren und sich daheim mit Gemüs und Kartoffeln behelfen konnte. Ein Spezial war damals noch eine ganz andere Respektsperson als heut zu Tage; den Pfarrern lag sehr viel daran, in Gunst bei dem hochwürdigen Herrn zu bleiben, damit ein günstiges Zeugniß dem Bericht an's Konsistorium beigelegt werde, darum hatten die Bötinnen vom Dorf fast allwöchentlich ein Küchengrüßlein für die Frau Speziälin im Korb, also daß diese unter der Hand einen Kleinhandel mit Spargeln, Tafelobst und fettem Geflügel in die Residenz trieb, da solche Leckerbissen zu kostbar für die eigene Tafel erfunden wurden. Ein Wochenbett, das sagte Onkel Christian im Vertrauen seinem Bruder Gottlieb, konnte er allezeit zu Dreißig Gulden Reinertrag anschlagen. Für Dienerschaft brauchte Onkel Christian auch nicht viel auszugeben; der Meßner (Küster) war so eine Art von Haussklave im Spezialhaus, er trug der Frau Speziälin im Winter den Fußsack in die Kirche und erwartete sie an der Pforte mit dem Schirm wenn's regnete, er machte den Aufwärter bei den alljährlichen Disputationsessen, die der Dekan gegen anständige Vergütung zu halten genöthigt war, wobei er zum Dank für seine Bemühung ein paar von den Rettigen, die er selbst als Beitrag zur Mahlzeit der Frau Speziälin verehrt hatte, »für seine Kinderlein« nach Haus mitbekam; er durfte in seinen Freistunden im Dekanatgarten arbeiten und sogar im verschlossenen Stall Holz spalten, seine Frau und Töchter leisteten Beistand beim Waschen, Putz- und Näthereien, ohne daß ihnen einfiel eine andere Belohnung zu erwarten, als die drei Lebkuchen nebst einigen aufgefärbten Bändern, die sie zum Weihnachtsgeschenk erhielten. Einige Gastlichkeit mußte freilich das Dekanathaus nothgedrungen ausüben; es war ja bei Jahrmärkten und sonstigen wichtigen Veranlassungen die natürliche Heimath der Pfarrfrauen, auch wurde je und je ein Pfarrtöchterlein auf längern Besuch geschickt, um der Frau Speziälin hülfreiche Hand zu leisten und zugleich Haushaltungskunst und feine Manieren von ihr zu lernen. Einmal erlaubte sich sogar ein junger unerfahrener Pfarrer, den Herrn Spezial wiederholte mal zu Gevatter zu bitten. Die Antwort, die er beim zweiten Versuch erhielt, ist so klassisch, daß ich nicht umhin kann, sie unverkürzt im Original mitzutheilen. »Hochwohlehrwürdiger, Hochgelehrter, Insonders Hochgeehrter Herr Gevatter! Ich gestehe aufrichtig, daß ich einem abermaligen Ansinnen an mich und meine Frau zur Pathenstelle von Ihrem neugebornen Söhnlein nicht entgegen gesehen habe. Meine Frau steht mit dem Löblichen Pfarrhaus in T. weder in einer Verbindung, noch hat eine gesucht, ich zwar befinde mich mit Eurer \&c. in einem amtlichen Verhältniß, aber ich bin in den Jahren schon so weit vorgerückt, daß ein Taufpathe von meiner Seite für sein geistig- oder leibliches Wohl wenig oder nichts erwarten kann. Als Dieselben vor 1 Jahr diesen Antrag an uns machten, so war es von Ihnen consequent gehandelt, da Sie mir damit Anlaß gaben, mich durch das Pathengeschenk der besondern Verbindlichkeit zu entledigen, worin ich gegen Euer Hochehrw. \&c. wegen zweimaligen Neujahrs- und den meinen beiden Töchtern gemachten Hochzeitverehrungen stand. Nachdem Sie nun den vollen Ersatz dafür erhalten haben, so vermuthete ich um so weniger, daß Ihre Absicht auf ein ferneres Geschenk von meiner Seite gehe, als Dieselben zum Hauptgrund der wiederholten Gevatterschaft unsere ununterbrochen fortgesetzte Gewogenheit angeben, und es sonderbar wäre, wenn diese noch von mir bezahlt werden sollte, hingegen entsage ich auch in Zukunft allen Geschenken von Ihnen. »Wahr ist es, daß durch die jährliche Visitation Ew. Hochehrw. meine Gegenwart Kosten verursacht, allein, nicht zu gedenken, daß mir daher doppelt angenehm war, wenn ich Dieselben mit der Frau Liebsten in meinem Hause wieder bewirthen konnte, so werde ich auch mit dem besten Willen, wenn mein Amt mich ferner nach T. ruft, ihren l. Kindern eine angemessene Verehrung machen, denn um meinetwillen geschieht doch der Aufwand nicht allein. Dieß vorausgesetzt, so bezeuge ich unsere wahre Theilnahme an der abermaligen glücklichen Entbindung der Hochwerthen Frau Liebsten, und bin ich auch mit meiner Frau zur Annahme der Pathenstelle aus christlicher Gesinnung bereit, mit dem herzlichen Wunsch, daß Gott den Reichthum seiner Macht und Gnade an der Frau Wöchnerin wie an dem Säugling durch Leben und Wohlthat in jeder Rücksicht verherrlichen und auch das Wachsthum des l. ältern Söhnleins begleiten möge. »Noch muß ich, theils aus Freundschaft, theils aus Amtspflicht die Bemerkung machen, daß mir und anderwärts die über den eigentlichen Bluts- oder Seitenverwandten noch sonstige Anzahl von Gevatterleuten auffallen, ich habe derselben niemals über fünf, meistens weniger gehabt, und ohne Tax sind einem Privatmann von unserer Klasse auch nicht mehr erlaubt; dabei bedenken Sie noch den widrigen Eindruck, der einem Vorgesetzten und religiös denkenden Manne gegeben wird, wenn ein noch junger Geistlicher mit einer der heiligsten Handlungen eine kaufmännische Spekulation treibt. »Nach unsrer vielseitigen Empfehlung verharre ich noch mit schuldiger Hochschätzung Euer                                             Hochehrwürden                   gehorsamster Diener.« Ob der Herr Pfarrer auf diesen Brief hin seinen frechen Antrag zurückgenommen, ist mir nicht bekannt worden. Ja, das mußte man dem Onkel Christian lassen, wenn er seinen Zopf auch mit gefärbtem Sackband umwand, so hatte er doch verstanden, sein Schäfchen trocken zu bringen, und wenn er seine Ersparnisse noch im irdenen Spartopf hätte aufbewahren wollen, er hätte einen so groß wie ein Schulglobus bestellen müssen. Der Herbst ist der eigentliche Schwabenfrühling. Das lasse ich mir nicht nehmen, so absurd es klingen mag. Es steht dies gewiß im Zusammenhang mit der Sage, daß dem Schwaben der Verstand erst mit dem vierzigsten Jahr komme. Wir Schwaben haben zwar recht frühlingswarme Herzen und können gar schone Lenzgedichte machen mit den verpönten Reimen: ziehen, blühen, Rose, Schoße, Mai, frei oder Treu; auch will ich dem Mai gewiß nichts Schlechtes nachreden, aber das muß ich doch im Vertrauen sagen, daß ich im Schwabenland selten einen Frühling erlebt habe, in dem die Kirschenblüthe nicht erfroren und die Aepfelblüthe nicht verregnet worden ist. Frühlingslust, recht allgemeine volle Frühlingslust paßt für ein südlich Volk, dessen milder Boden ohne Müh und Arbeit seine Früchte spendet. Was aber weiß unser Landmann von Maienwonne und Blüthenlust, der eilen muß, seinen Dünger auf die Wiese zu bringen, und dessen Wintervorräthe zu Ende sind. Auch die lieben Kinderlein, die man in Frühlingsbildern und Liedern im Ringeltanz auf dem Rasen abbildet, sind des Veilchenpflückens gar bald satt, und seufzen nach der Zeit der materiellen Naturgenüsse: der Kirschen und Pflaumen und Birnen. Aber wie gesagt, ich bin weit entfernt, dem Frühling zu nahe zu treten, mit dem ich persönlich sehr intim stehe, nur das müßt ihr mir zugeben, daß das erst rechte Freude ist, an der Jung und Alt, Reich und Arm Theil nehmen kann, wo von allen Hügeln Schüsse knallen und Schwärmer glänzen, wo der Segen vom Himmel auch die härtesten Herzen mildthätig gemacht hat, und wo der ärmste Bettelknabe doch mit ein Paar Aepfeln im Sack an einem Raine liegen und sich einen schönen Abend machen kann mit einigen halbausgebrannten Fröschen, die er von einem Herbstfeste erhascht hat. »Es geht in Herbst« ist ein schwäbisches Trost- und Entschuldigungswort bei kleinen Mängeln, in die man sich mit Humor fügen muß, das selten seine Wirkung verfehlt. »Der sieht aus, als ob ihm der Herbst erfroren wäre,« bezeichnet einen hohen Grad von Trübsal und Niederschlagenheit; kurz, der Herbst ist der rothe Faden, der sich durch's Schwabenleben zieht, darum laßt's euch nicht zu viel werden, wenn in diesen Bildern der Herbst eine häufige Rolle spielt. Macht mir nicht den Einwurf, daß in einem großen Theil von Schwaben keine oder saure Trauben wachsen, Herbst muß doch sein! Die mit den sauersten Trauben jubiliren am lautesten, und die, so gar keine haben, halten Kartoffelherbste und putzen acht Tage zuvor schon ihre alten Pistolen und neuen Büchsen, um sie recht laut krachen zu lassen. Im Herbst allein sieht man keine neidischen und keine verhungerten Gesichter, im Herbst braucht keine Hand müßig zu sein, die sich rühren kann, das kleinste Mädchen schneidet ihr Kübelein mit Trauben, der kleinste Bube treppelt mit den Füßen und lacht schelmisch hervor aus der Bütte, in der er auf und nieder tanzt. Im Herbst zieht der fröhliche Bursche in die Ferien heim und bringt ein frisches Leben in das verrostete Philisterthum kleiner Städte. Darum liegt für ein schwäbisches Herz ein süßer, geheimnißvoller Reiz in dem Duft des feuchten Herbstnebels, wenn er zum Erstenmal wieder sich in die warme Sommerluft wagt, eine Erinnerung an fröhliche Herbstnächte, wo auflodernde Jugendlust und süße Wehmuth wie Mondenschein und Fackelglanz ihre magischen Lichter in junge Seelen werfen. Auch die drei Brüder hatten sich von ihren Knabenjahren an des Herbstes gefreut. Sie haben als Buben Versteckens in den Bütten gespielt und abwechselnd des Vaters Trauben zu Wein getreten, von denen sie zuvor im Geheim reichlichen Zehenten gezogen, sie hatten als Studenten um das lodernde Fackelfeuer das Gaudeamus igitur angestimmt, nicht einmal den Onkel Christian ausgenommen, der sogar an einem Herbstabend das Herz seiner nachmaligen »Frau liebsten« erobert hatte. So dachten sie denn als Männer: So hab' ich's gehalten von Jugend an, Und was ich als Ritter gepflegt und gethan, Nicht will ich's als Kaiser entbehren. Der Bürgermeister hatte sich den bestgelegenen Weinberg gekauft und ein schönes Lusthaus darein gebaut; da wurde denn der Herbst in Vergnügen und Herrlichkeit gefeiert, daß man weit und breit davon sprach, und von den vornehmsten »Regierungsherren,« die dazu gebeten wurden, bis zu dem niedrigsten Schützenbuben, der sich um die Behütung des Weinbergs Verdienste erworben, wußte Jeder zu rühmen von dem fröhlichen Abend und dem freigebigen Herrn Bürgermeister. Auch Onkel Christian, zu dessen Stelle ein schöner Weinberg gehörte, that ein Uebriges; es wurde ein Schinken abgesotten, und Käse angerührt zu der Weinlese, ja, es durfte sich jeder seiner Knaben ein halb Duzend Schwärmer dazu anschaffen. Wie aber sollte der arme Heinrich den Herbst feiern in seiner sandigen Residenz, wo kaum Kartoffeln wuchsen? Wohl servirte man an der Hoftafel hie und da Trauben in Gewächshäusern gezogen, aber was war das gegen eine Platte voll heimischer Silvaner, Rothwelsch und Muskateller? Die erlesenen Trauben, die ihm Bruder Gottlieb einmal in einer Schachtel geschickt, waren auf den schlechten Wegen bei dem Mangel an ordentlicher Transportgelegenheit als ungenießbarer Most angekommen, sein Amt aber gestattete ihm nie, zur Herbstzeit eine Reise in die alte Heimath zu machen. – Da sprach er denn einmal seine Herbstsehnsucht recht wehmüthig in einem Brief an den Bruder Bürgermeister aus, und der wußte Rath zu schaffen. Es war in einem gesegneten Herbstjahr, als der Oberkonsistorialrath eben mit seiner Frau beim Kaffee saß und ihr vom schwäbischen Herbst erzählte, da kam ein plumper, schwerer Tritt die Treppe herauf, und eine derbe Stimme fragte: »Sind der Herr Konsestore daheim?« Noch ehe er nachsehen konnte, wer draußen sei, klopfte es mit der Faust an die Thür und herein trat ein vierschrötiger Mann in der württembergischen Bauerntracht, mit einem sogenannten Reff auf dem Rücken, das vollbepackt war mit Schachteln, und an der Seite mit kunstreich verpfropften Krügen behängt. »Gotenobend, Herr Konsestore, en schöne Gruaß vom Herr Burgamoister, und do sollet se au d'Trauba und da süaße Mohst versuacha.« Nun war's eine Freude! Da lagen sie wohlgebettet und unversehrt im grünen Rebenlaub: Silvaner und Rothwelsche, Gutedel, Velteliner und Muskateller, daneben süßer Most in den Krügen, der just den kleinen »Stich« hatte, mit dem er am angenehmsten zu trinken ist, über Berg und Thal, über holperige Pfade und Flußfähren sicher getragen auf dem breiten Rücken des Matthes, des Leibweingärtners vom Bruder Gottlieb, der sich gegen reichliche Vergütung dazu verstanden hatte, seine Zöglinge selbst gut an Ort und Stelle zu bringen. Der Konsistorialrath, der feine Hofmann, vergoß helle Freudenthränen über dieß Stückchen brüderlicher Liebe; die Frau Fürstin selbst mußte mit höchsteigenem Munde die Erstlinge dieser süßen Schwabenkinder kosten, und bei einer fröhlichen Abendgesellschaft wurde in altem und neuem Wein die Gesundheit des freigebigen Bruders getrunken. Der Matthes, der der Meinung war, er sei fast bis an's Weltende gereist, so daß er nächstens hinuntergefallen wäre, wurde so herrlich verpflegt und reichlich beschenkt, daß er gern versprach, im nächsten Jahr wieder zu kommen, als er nach drei Tagen abzog, seine Schachteln gefüllt mit den feinen Würsten, die das vornehmste Produkt der neuen traubenarmen Heimath des Heinrich waren. Seitdem zog Jahr für Jahr der ehrliche Sendbote durch drei deutsche Lande, um dem Heinrich den herbstlichen Brudergruß zu bringen, dem auch der Christian sein Scherflein beifügte, und es hat die Herzen der Brüder warm erhalten und das Gedächtniß an die Heimath jung und grün. Wenn Ceres und Proserpina durch Samen und Blüthen sich Grüße gesandt haben, warum sollten ein württembergischer Bürgermeister und ein fürstlicher Oberkonsistorialrath nicht durch Trauben und Würste in Rapport mit einander treten? Das ist das netteste Stücklein, das ich euch zu erzählen weiß von den drei Urgroßonkeln mit den unterschiedlichen Zöpfen. IV. Die Urgroßmutter. Es gilt bekanntlich für ein Abzeichen und Standesvorrecht altadeliger Geschlechter, einen Hausgeist zu besitzen, der in einem Gewölbe des Stammschlosses verborgen liegt, und bei feierlichen Gelegenheiten um Mitternacht seine grausige Runde macht, um wichtige Aenderungen anzukünden. In bürgerlichen Geschlechtern ist man auf die Ehre eines Familiengespenstes nicht sonderlich erpicht und bildet sich nichts darauf ein; denn während adelige Geister nur das Hochwild der Verbrechen: Mord, Todtschlag, Hochverrath u. dgl. erjagt haben, so sind die bürgerlichen Gespenster dagegen betrügerische Kaufleute, ungerechte Richter, wenn nicht gar gemeine Diebe; drum gilt es bis in die alleruntersten Schichten der Gesellschaft für etwas Entsetzliches, wenn Eins aus der Familie »geistweis gehen« muß. Eine andere Art von stillen, vergessenen Hausgeistern aber liegt fast in jedem Hause, in irgend einem staubigen Winkel der Rumpelkammer, Geister, die nur erlöst werden, wenn es eine große Katastrophe, einen Sterbfall, einen Auszug in der Familie gibt, und die man gar häufig unbesehen verbrennt. Diese stillen Hausgeister sind die verjährten Familienbriefe, die in alten Kisten und Schachteln, den bescheidenen Archiven bürgerlicher Häuser, aus Pietät aufbewahrt werden, bis man sie am Ende aus Desperation über den wachsenden Grust in's Feuer wirft. Hinter solch ein Familienarchiv bin ich denn auch einmal gerathen und habe die armen Briefe vom Feuertode errettet. Und Schade wär's gewesen, wenn sie untergegangen wären! Freilich habe ich keine wichtigen Geheimnisse und »dunklen Thaten« darin entdeckt, wie solche in den Steingewölben altadeliger Häuser ruhen mögen, aber viel langvergessene Vergißmeinnicht, getrocknete Rosen, die einen Theil ihres Dufts Jahrzehnte durch bewahrt haben, Liebesbriefe mit Zöpfchen, aus der Zeit, als der Großvater die Großmutter nahm, schöngedruckte Hochzeit- und Leichenkarmina, worin gar rührende Stellen zu finden, z. B.: O wie schön war sie an jenem Tage,     Wie erröthete ihr Angesicht, Alls sie auf des Freiers Frage     »Sie sind allzugütig« spricht. Da fand ich denn auch den Lebenslauf der Urgroßmutter, von ihr selbst beschrieben. Er ist gar schlicht und in kurzen Worten abgefaßt, denn der Selbstkultus, den man heutzutage mit Tagbüchern, Selbstschauen und Reflexionen über seine eigene werthe Person feiert, war zu jener Zeit noch ziemlich unbekannt. Aber aus diesen einfachen Andeutungen, ergänzt durch die Traditionen der Familie, weht ein so frischer, kräftiger Hauch, ein Hauch von dem »Geist des Glaubens und der Stärke, des Gehorsams und der Zucht,« wie er unserer Väter Eigenthum war, daß ich denke, er könnte auch in unserer vielseitigen Zeit da und dort noch eine Stirn erfrischend anhauchen. Sie war, um diesmal recht gründlich mit der Genealogie zu beginnen, eine Urenkeltochter der Frau Anna Rumpelin, von der der Familienschmuck herkommt, recht aus altwürttembergischem Blut; ihre Vorfahren waren Oberamtleute, Hofgerichts apfocaden (wie sie selbst schreibt), Pfarrer und abermal Pfarrer, die Mama war eine Pfarrtochter, der Papa eines Pfarrers Sohn und selbst ein Pfarrer, und weil der so brav gewesen ist, so hat die Mama nach seinem Tode noch einmal einen Pfarrer geheirathet. (In diesem Pfarrconglomerat war es denn auch kein Wunder, daß einer ihrer Brüder, als schüchterner Student um seine Familie befragt, verlegen antwortete: »Bitte um Verzeihung, meine Mutter erster Ehe war eine geborne Pfarrerswittwe.«) So war es denn natürlich, daß auch sie einen Pfarrer nehmen mußte. Aus ihren Jugendtagen sind keine Briefe mehr vorhanden und ihre Herzensgeheimnisse, wenn sie welche gehabt, ruhen mit ihr im Grabe; so aber, wie sie in ihrem Leben und aus ihren Briefen sich darstellt, war sie von den klaren, lebenskräftigen Gemüthern, die in Traum und Wachen der höheren Führung nicht vorgreifen und darum auch keine schweren Herzenskämpfe zu bestehen haben. Ein junger Geistlicher der Gegend, Herr Magister Trutz, hatte sein Auge auf sie geworfen, als sie noch ein sehr junges, blühendes Mädchen war, sie aber die ihrigen just nicht auf ihn. Ihre selige Schwester hat oft mit Lachen erzählt, wie sie einmal zusammen Flädlein gebacken; der Urgroßmutter war eins verbrannt, sie hob es lachend in die Höh, »da sieh, das ist so schwarz wie der Magister Trutz.« An selbigem Tage aber kam der Magister Trutz in einem nagelneuen schwarzen Rock und hielt um die Jungfer Regina feierlichst an. Gehorsam der Eltern Willen ist sie seine Gattin geworden und hat alsbald ihre Aufgabe mit der Freudigkeit eines frommen Gemüths, mit der Kraft und Frische ihrer klaren Seele begriffen und gelöst. Der Pfarrer Trutz war ein frommer, friedsamer und tiefgelehrter Mann, aber gar stille und in sich gekehrt, er beschäftigte sich mit mechanischen Künsten und chilialistischen Berechnungen und konnte sich so darein vertiefen, daß er gar oft der praktischen Amtspflichten darüber vergaß; da verstand es nun die junge Frau, zu sorgen, daß seine träumerischen Abwesenheiten Niemand störend auffielen; sie wußte mit ihrem hellen, praktischen Blick ihm einen Theil der Seelsorge abzunehmen, ohne daß es so aussah, sie wußte sein Interesse für's wirkliche Leben anzuregen und hielt den häuslichen Herd warm und hell für ihn, wenn er nach langen, einsamen Stunden wieder dahin zurückkehrte. So hat er sie hoch und werth gehalten als den freude- und friedebringenden Engel seines Lebens und sie hat aus der Tiefe seines Wesens den Ernst und die Kraft des Glaubens geschöpft, auf die sich erst mit Sicherheit ein frisches und fröhliches Leben und Wirken erbauen läßt. Einmal hat ihre Fassung eine schwere Probe durchgemacht. Sie war mit ihrem Mann auf eine neue Stelle gezogen und ging am ersten Sonntag nach seiner Antrittsrede wie es einer christlichen Pfarrfrau geziemt, in die Kirche, ehrbar und feierlich in Schwarz gekleidet. Den Pfarrer mußte man auch auf Berufswegen seinen eigenen Gang gehen lassen; oft saß er mit Tagesanbruch schon in der Sakristei und bereitete so im Stillen seine Predigt vor, oft kam er erst, wenn der Gesang schon begonnen hatte, in die Kirche. Die neue Gemeinde wußte natürlich von diesen Seltsamkeiten nichts, nur dem Schullehrer, der zufällig schon ein alter Bekannter war, waren sie bekannt. Es wurde ein langes Lied vor dem Gottesdienst gesungen; von dem vierten Vers an schaute die Frau Pfarrerin nach der Sakristeithür, der Pfarrer kam nicht; man sang das Lied zu Ende, der Schulmeister fügte hinten noch gar einen schönen Schnörkel hinzu, der Pfarrer kam nicht. Die Gemeinde wurde unruhig, die Buben hinten im Chor, die man ex officio zur Kirche getrieben und die bis jetzt mechanisch das Lied hergebrüllt, hofften nun mit innerem Jubel auf irgend ein Ereigniß, aller Augen hefteten sich auf den Gitterstuhl, hinter dessen offenen Gittern die Pfarrfrau saß, ruhig, anständig, das offene Gesangbuch in der Hand; auf welchen Nadeln, das fühlte nur sie. Der Pfarrer kam nicht. Sie winkte dem Schulmeister mit den Augen, der ging in die Sakristei, um nachzusehen. Da stand der Pfarrer auf dem Tisch mit gefalteten Händen, augenscheinlich in heftiger Bewegung. »Aber um Gotteswillen, Herr Pfarrer, wo bleiben Sie? Die Gemeinde wartet!« Ohne ein Wort zu sagen, stieg der Pfarrer von seinem Tisch herab, dem Schulmeister voran in die Kirche und auf die Kanzel. Seine Predigt, die er mit zitternder Stimme begann, wurde bald so kräftig und salbungsvoll, daß die Gemeinde sein Zögern vergaß, bis sie auf dem Nachhauseweg die Köpfe wieder darüber zusammensteckte. Die Frau Pfarrerin ging ruhig und anständig wie immer nach Hause, sorgte ihrem Mann für frisches Weißzeug, das er jedesmal nach der Predigt brauchte, und erst beim Mittagessen begann sie mit teilnehmender Frage: »Ist Dir unwohl geworden?« – »Das nicht, Frau, aber schließ die Thür, so will ich Dir sagen, was mir begegnet ist. – Ich stand in der Sakristei und sang der Gemeinde das Lied nach, als ich aus einer Ecke ein klägliches Weinen wie von einem kleinen Kind hörte. Ich öffnete die Thür nach der Straße, um zu sehen, ob draußen vielleicht ein Kind allein geblieben sei, die Straße aber war leer und ganz still. Sobald ich die Thür geschlossen, hörte ich dasselbe Geschrei wieder aus derselben Ecke, ich sah scharf hin, da stieg aus dieser Ecke eine lange, große Schlange und wand sich langsam auf mich zu, ich stieg auf den Stuhl, sie schlang sich darum, da stieg ich auf den Tisch und begann zu beten, sie zog sich langsam zurück, – und so hat mich der Schulmeister gefunden.« Nun war die Urgroßmutter zwar eine starke Seele, aber durchaus kein »starker Geist« und weit entfernt, die Möglichkeit übernatürlicher Erscheinungen zu läugnen; da sie jedoch die seltsamen Stimmungen ihres Mannes kannte, dachte sie, es könne eine seiner Einbildungen sein und suchte ihn zu beruhigen. Am nächsten Sonntag trat er schon während des ersten Liederverses hastig auf die Kanzel und erklärte nachher seiner Frau, daß er dieselbe Erscheinung wieder gehabt und die Sakristei nimmer betreten könne. Die Urgroßmutter berief am folgenden Tag einen vertrauten Maurer, mit dem sie vor Tagesanbruch in die Sakristei ging; sie ließ in der unheimlichen Ecke das Wandgetäfer abreißen und nachgraben. Da fand sich tief im Grund ein uralter halbvermoderter Reiterstiefel, in dem ein Kindergerippe stak. Die Urgroßmutter ließ den Stiefel verbrennen und das Gerippe begraben, ohne ihrem Mann eine Sylbe davon zu sagen. Mit großer Mühe bewog sie ihn doch, am nächsten Sonntag wieder in die Sakristei zu gehen. Diesmal kam er ruhig zur rechten Zeit auf die Kanzel und hat von Stunde an nichts mehr bemerkt. Welches Geheimniß aber sich an den schauerlichen Fund knüpfte, hat die Urgroßmutter nie ergründen können. Fünfzehn Jahre in Freud und Leid hat sie mit diesem Manne verlebt, sein Licht in trüben, seine Stütze in schwachen Stunden und allmählig hat ihr heller Sinn die dunklen Schatten zerstreut, die sich so oft um seine Seele gelagert. Da starb er und hinterließ sie in tiefem Wittwenleid; sie hatte ihn geliebt, nicht nur wie ein rechtschaffenes Weib ihren Herrn und Gemahl liebt, nein, auch wie eine Mutter ihr Kind, um das sie Sorge tragen muß Tag und Nacht. Ihre Sache war es nun aber nicht, sich mit ihrer Trauer in ein Wittwenstübchen zu begraben und dort bei Spindel und Nadel stille und unbewegt ihre Tage zu verleben; noch viel weniger wäre es nach ihrem Sinn gewesen, mit dem ansehnlichen Vermögen, das ihr ihr Gemahl hinterlassen, in einer großen Stadt die reiche Wittwe zu spielen und das Leben zu genießen. Arbeit war das Element ihres Lebens. Nun ist nicht zu fern von dem Ort, wo ihr Mann begraben liegt, ein freundliches Schlößchen, Hohenentringen genannt; es knüpfen sich keine ritterlichen Sagen an das einfache Gemäuer, das ohne vornehme Prätensionen von seiner Höhe niederschaut auf die schönen Kornfelder und Wiesen, die dazu gehören. Das Schlößchen, das kurz nach ihres Mannes Tod verkauft wurde, hat sich die Urgroßmutter zum Sitz erkoren. Das Haus war öde und unwohnlich, die Güter verwahrlost, die Ställe verdumpft, – vor dem Allem fürchtete sie sich nicht, das war recht das Element für ihren betriebsamen Geist. Es war im Spätherbst, als sie Abends mit ihrem zehnjährigen Töchterlein in dem Dörflein ankam, das am Fuß des Schloßbergs liegt. Sie wollte keine Nacht unter fremdem Dach schlafen, daher ließ sie das Mädchen unten, um oben die nöthigsten Anstalten für ihr Nachtquartier zu treffen. Als sie spät vor Schlafengehen das Kind herauf holte, sagte ihr die: »Aber Mutter, die Bauern im Wirthshaus haben recht aufgeschaut, wie ich ihnen erzählt, daß Du einen ganzen Sack voll Geld mit hast.« – »Einfältiges Ding,« rief die Mutter ärgerlich, indem sie ihr für die unzeitige Renommage ein paar Ohrfeigen verabfolgte, »konntest du nichts Dummeres sagen? es ist ja gar kein Geld.« Das Töchterlein schwieg erschrocken und begriff nicht recht, warum sie dieser unerwartete Einschlag getroffen, während sie doch nur ihre Mama hatte in Ansehen bringen wollen. Der Urgroßmutter war's bedenklich; sie schlief diese erste Nacht mit einer jungen Magd ganz allein im Schlößchen, da sie sich die übrige Dienerschaft aus dem Orte selbst herziehen wollte, und war so ganz schutzlos. Viel Lärm zum Voraus wollte sie nicht machen; als die Magd und das Kind schon im Schlaf lagen, suchte sie im Stillen nach einer Waffe, sie fand nichts Taugliches für ihren Zweck, als das Küchenbeil, das nahm sie denn an ihr Bett, das sie im großen Saal des Schlößchens, der nach vorn ging, hatte aufmachen lassen, und legte sich angekleidet schlafen, nachdem sie sich und ihr Kind in Gottes Hut befohlen. Nach Mitternacht erwachte sie an einem leisen Geräusch, sie setzte sich auf und lauschte. Am Fenster wurde von außen ein Stück aus dem Laden geschnitten, durch die Oeffnung kam eine Hand, der es gelang, das schlechtverwahrte Fenster von außen sachte aufzudrücken. Inzwischen hatte sich die Urgroßmutter leise erhoben, ging an's Fenster und führte mit ihrem Beil einen kräftigen Streich auf die besagte Hand; mit einem heftigen Schrei ward die schnell zurückgezogen, sie hörte einiges Geräusch wie von einer fallenden Leiter, dann ward's still. Nach einer Weile öffnete sie das Fenster, um hinabzusehen, ob kein Verwundeter drunten liege. Alles war leer und blieb still. So machte sie denn Licht, setzte sich auf's Bett und las in ihrer Bibel bis der Morgen anbrach. Sie sprach kein Wort von dem nächtlichen Abenteuer, schickte aber bei Zeiten die Magd zu dem Wirth im Dorf, daß er ihr einen Taglöhner sende zum Abpacken ihrer Effekten. Die Magd brachte einen; der Thomas aber, meldete sie, zu dem sie der Wirth zuerst geschickt, der liege krank im Bett, er habe sich beim Holzhacken gestern Abend spät in die Hand gehauen. Die Urgroßmutter wußte nun, woran sie mit dem Thomas war, sie schwieg über die Sache, der Thomas wahrscheinlich auch; von Stund an blieb sie aber unangefochten auf ihrer kleinen Burg. Da begann sie nun zu schalten und walten recht nach ihres Herzens Lust; ihre Aecker waren bald die schönsten, ihr Vieh das stattlichste, ihre Dienstboten die bestgezogenen in der Gegend. Im Sommer hatte sie die Hände voll zu thun, bis sie die Runde machte auf Feld und Wiesen und ein scharfes Auge hielt auf Knechte und Mägde. Im Winter wurde ihr die Zeit auch nicht lang; da holte sie nach, was die damalige überpraktische Zeit an ihrer Erziehung versäumt, machte sich Auszüge aus den besten Schriften, schrieb ihre eigenen Betrachtungen über Zeit und Leben, in sehr ungekünstelter Sprache zwar und mit vielen Schreibfehlern, aber aus der Tiefe eines klaren, frommen Gemüths, das seines Weges sicher war. Ueber alle Ereignisse ihrer inhaltreichen Zeit führte sie genaue Tagebücher und es ist ergötzlich zu sehen, wie in ihren Hauskalendern Weltbegebenheiten und häusliche Ereignisse friedlich Seite an Seite stehen. D. 1. Okt. Hat der estreichisch General Laudon die Stadtt Schweidniz ihberfallen         Die Schweizerkuh gekalbet, es wigte 60 Pfund 28. Nov. Hat der Herzog den Genaral Rieger auf den Aschberg geschickt. Vier Scheffel Denkel an den Müller Schwarzen verkauft. a 6 fl. wer da stehet der sehe zu daß er nicht falle. Am 5ten Januar die Kaiserin Elisabeth von Rußland gestorben. Die große Sau gemezget, hat drei und einen halben Zentner gewohgen. Ihr Töchterlein bildete sie mit Liebe und Fleiß heran und lehrte sie tüchtig die Hände rühren und den Kopf brauchen. Der Weg vom Schlößlein in das Dorf und in die Nachbarschaft war zu Zeiten oft unzugänglich, und doch gab es für die große Oekonomie gar vieles zu besorgen; so war die Großmutter zu vielen Ausflügen genöthigt, so wenig sie Zeit und Lust zu Vergnügensreisen hatte. Da schulte sie sich denn ein zahmes Ackerpferdlein ein, auf dem sie ihre Güter bei schlimmem Wetter besuchte und ihre Geschäftsreisen machte; und sie hat als sehr alte Frau noch mit einigem Vergnügen erzählt, wie sie in ihrem Federhütchen einmal durch's Feld geritten sei und ein Bauer sie gefragt habe: »Wo will denn die schöne Jungfer hin?« – »und meine Sophie war doch schon zwölf Jahr alt!« fügte sie bei. So lebte sie auf ihrem Schlößchen in großem Frieden, wenn auch nicht in Ruhe; aber zu lang sollte die Herrlichkeit nicht dauern. Es konnte nicht fehlen, daß die schöne stattliche Frau, deren häusliche Tugenden weitum bekannt wurden, die Augen gar manchen Wittwers und Ledigen auf sich zog; aber sie entschloß sich gar schwer zu einer zweiten Heirath, sei es aus Treue für den ersten Gatten, sei es, daß sie sich gern der goldenen Freiheit in ihrem bewegten Wirkungskreis freute. Endlich aber gelang es doch dem Herrn Pfarrer Weddler, einem ehrbaren Wittwer, die schöne Wittwe von ihrem Schloß herab in sein freundliches Dorf Rebenbach zu führen, wie in einem anmuthigen Hochzeitkarmen des Langen und Breiten erzählt ist, das also beginnt: Geehrteste Frau Braut, hier kommt ein Hochzeitsstrauß Vom Weilenberger Markt, aus wohlbekanntem Haus. Ganz kürzlich war ich erst nach Weilenberg gekommen, Da hab' ich alsobald die Neuigkeit vernommen: Frau Pfarrer Trutzin ist Herrn Pfarrer Weddlers Braut Und Dienstag werden sie zu Rebenbach getraut \&c. Der Pfarrer Weddler war nun ein Mann ganz anderer Art, als der erste Gemahl, groß und stattlich, wie er jetzt noch in der schön gepuderten Lockenperücke aus seinem Bild herabschaut, ein Mann, der als Hofmeister die Welt gesehen, von frischem, lebenskräftigem Sinn, voll Salbung und Selbstgefühl. Da galt es nun zunächst nicht zu trösten und aufzuheitern, die Bürde des Mannes zu tragen, nur ihn in Würde zu erhalten, es galt sich aufzurichten in aller Kraft und Lebensfülle des Geistes und Körpers, um als »Gefährtin, die ihm entsprechend sei,« dem Mann zur Seite zu stehen. Kinder genug kamen zusammen: Sophie, das Töchterlein der Mutter, das dereinst so zur Unzeit ihren Reichthum gepriesen, von der der Stiefvater selbst rühmend erwähnt, »daß er sie wegen bewiesener Liebe und Gehorsam als seine eigene Tochter allezeit geliebt,« eine hübsche Tochter und drei kräftig heranwachsende Söhne des Vaters, von denen der eine allbereits Alumnus war. Die neue Mutter ward mit Freude und Liebe aufgenommen, der Alumnus, der Poet des Hauses, verfertigte im allerhochfliegendsten Style ein Gedicht, in dem er sie willkommen hieß, und ein Triumphzug, wie der, in dem man die neue Frau Pfarrerin zu Rebenbach einholte, war seit Menschengedenken nicht gesehen worden. In dem Pfarrhaus, über dem, so lang die erste Gattin, eine edle, aber leidende Seele gelebt hatte, beständig eine leichte Wolke gehangen, gestaltete sich nun in Fleiß und Frömmigkeit ein frisches, frohes und kräftiges Leben. Zwei Töchterlein entsprossen der neuen Verbindung, das Dörtchen, des Hauses Zier und Krone, und die muntere Wilhelmine. Unter den Geschwistern war neidlose Liebe und Eintracht, ein Segen, der sich noch bis auf die Urenkel erstreckt; jede Freude und Ehre, die das Eine erlebte, war ein Jubel für Alle. Die Mutter führte die Zügel des Hauses mit kräftiger Hand und schadete ihren Kindern weder durch die weichliche Schonung der guten Stiefmütter, noch durch die lieblose Härte der schlimmen. Eine Hausfrau wie die Frau Pfarrerin in Rebenbach war weit und breit nicht zu finden; die Pfarrfrauen der Gegend machten förmliche Wallfahrten, um neue Vortheile im Gartenwesen und der Viehzucht von ihr zu erlernen; sogar den neuen Wein, so höchst einfach und fast unglaublich mäßig sie selbst war, verstand sie gründlich zu beurtheilen, so daß sie fast für alle Bekannten im Herbst die Einkäufe zu besorgen hatte. Man schickte ihr junge Töchter von Verwandten und Freunden aus dem halben Vaterland, um unter ihrer Zucht und Leitung sich zu guten Hausfrauen auszubilden, oder heimathlose, verwaiste Mädchen, die aus dieser Schule gewiß waren, nachher gute Stellen zu finden. Auf Zucht und Sitte hat die Frau Urgroßmama streng gehalten und keinen Sinn für die Licenzen der romantischen Poesie gezeigt. Einmal war ein munteres, leichtfertiges Bäschen aus der Residenz zum Besuch da, nicht um sich bilden zu lassen, sondern, wie sie dachte, um zu bilden und um den landpomeranzigen Basen in ihrem neuen Aufsatz mit Pumpelrosen und ihrer neumodischen Kontusche zu imponiren. Das Bäschen war auch musikalisch und produzirte ein nagelneues Lied, das eben erst in der Residenz in die Mode gekommen war, es fing an: Komm, Herr Heinrich, komm herein, Komm, wir sind alleine \&c. Die Urgroßmutter hörte den ersten Vers an: »wie, Philippine, zeig mir das Lied her!« Wohlgefällig brachte es das Bäschen, verwundert, daß die alte Tante doch noch Geschmack an so was finde. Die Tante nimmt es ruhig in die Hand: »so, jetzt bring' ein irdenes Teller und ein Licht herein!« Das Bäschen guckt sie verblüfft an; man weiß aber kein Beispiel, daß jemand versucht hätte, zu widersprechen, wenn die Urahne etwas ernstlich befahl, – »so, und nun legst du sogleich den Wisch da auf das Teller und verbrennst ihn vor meinen Augen! meinst du, so dummes Zeug dürfe vor die Ohren meiner Mädchen kommen? Schäm' du dich dein Lebtag, daß du's gesungen hast!« Das Bäschen hat ohne Widerspruch das Auto-da-fé vollzogen und später keine Versuche mehr gemacht, das Pfarrhaus zu modernisiren. Im Allgemeinen hatte die Urahne, deren Herz selbst ruhig geblieben oder wenigstens gar bald ruhig geworden war, wenig Nachsicht für junge Herzensträume, und die Stieftochter, die sonst mit voller kindlicher Ehrfurcht an ihr hing, hat davon mit einiger Bitterkeit ein Beispiel erzählt. »Unter den durchziehenden Truppen, die im Pfarrhaus Quartier genommen, ist einmal ein Herr von Strahlenau gewesen, so gar ein schöner junger Mann! und so fein gebildet, so ernst und so gefühlvoll, wie gar kein Anderer. Er hat mit Niemand im Haus so viel gesprochen, wie mit mir, und als er uns eines Abends ankündigte, daß er am andern Morgen abmarschieren müsse mit seinem Regiment, da war mir's wie ein Donnerschlag; ich wußte wohl, daß ich ihn nie mehr sehe in diesem Leben. Ich habe die ganze Nacht nicht geschlafen und bin vor Tag aufgestanden, daß ich den Abschied nicht verfehlen soll. Der Strahlenau war noch nicht auf, aber die Eltern und die Schwestern, und Allen that der Abschied leid, und Jedes wußte etwas an ihm zu loben. Ich aber konnte fast gar nichts sagen. Da schaute mich die Mutter selig scharf an und sagte: »Christiane, ich glaub', du bist ganz begeistert, geh lieber auf den Acker, die Erdbirn müssen gefelgt sein.« Da nahm ich meinen Spaten und ging; wie mir's aber um's Herz war, das kann ich keinem Menschen sagen. Draußen auf dem Acker hörte ich von weitem die Trompetermusik, mit der sie abzogen; da hab' ich mich auf einen Stein gesetzt und geweint und geweint, – ich hätte mein ganzes Herz ausweinen mögen! den Strahlenau hab' ich nimmer gesehen. Die Mutter selig hat's wohl gut gemeint, aber das kann ich ihr doch in meinem Leben nicht verzeihen, daß sie mich nicht einmal Abschied nehmen ließ.« Und doch war ein Element von Poesie in dem Wesen der Urgroßmutter, was sich zumeist in ihrer Neigung zur Einsamkeit zeigte, der sie freilich selten folgen konnte. Ihr liebes Hohenentringen gab sie nur in Pacht, behielt es sich aber als Eigenthum vor, bis sie es später der ältesten Tochter bei ihrer Verheirathung übergab. Da freute sie sich hie und da der Ruhe und Stille aus dem vielbewegten Treiben daheim, da schrieb sie ihre historischen Notizen, ihre Bibelstudien, ihre Auszüge nieder und sammelte ihren Sinn aus all den Stürmen, die die Welt erschütterten, zu tiefem, innigem Versenken in den Quell aller Ruhe, und mit besonders klarem Auge und frischer Seele kehrte sie wieder in ihr unruhiges Haus zurück. Sie bekam genug einzutragen in ihren Kalender, die gute Urahne, und die Zeit wäre ihr fast über den Kopf gewachsen. Die französische Revolution, Napoleon, Deutschlands Schmach und seine kurze Herrlichkeit warfen ihren rothen Fackelschein in ihren stillen Abendhimmel. Kriegszüge überschwemmten das Land, Franzosen, gleich ungebeten als Freunde wie als Feinde; einmal war schon dem Dörflein, das die hohe Brandschatzungssumme nicht erschwingen konnte, Plünderung gedroht; der Urgroßvater, der Dank seiner Hofmeisterlaufbahn der französischen Sprache mächtig war, errettete es durch einen Brief, worin er den Offizier » pour la gloire de la nation française beschwört, des Dörfleins wegen seiner, eines Greisen, und seiner alternden Gattin zu schonen. Das Dorf wurde glimpflich behandelt, und das Pfarrhaus bekam eine Sicherheitswache. Das Concept dieses Briefs wird als Andenken der Errettung noch in der Familie bewahrt. Es wurde ihr noch die Ehre und Freude zu Theil, den Helden seiner Zeit, den Erzherzog Karl, auf dem Zug nach Frankreich unter ihrem Dache zu beherbergen; der Prinz soll herzlich gelacht haben, als sie ihn, um ja gewiß des schuldigen Respekts nicht zu verfehlen, mit Ew. Majestät anredete. Eine höfliche Frau ist die Urgroßmutter überhaupt gewesen, voller Rücksichten gegen Anwesende und Abwesende, höchlich besorgt, jedermann seinen gebührenden Rang und Titel zu lassen und Niemand Anstoß oder Aergerniß zu geben. So führte sie, unter äußeren Stürmen und innerem Frieden, ein und dreißig Jahre lang ihre zweite Ehe; die Töchter alle waren, wie sie rühmt, glücklich und ehrenvoll versorgt, die Söhne in Amt und Würden, das Vermögen hatte sich trotz der Kriegslasten und Theurungen bedeutend vermehrt, und ihr Mann konnte, als ihn ein schneller Tod abrief, beruhigt über seine irdischen Angelegenheiten die Augen schließen. Die Urgroßmutter zog nun zu ihrer ältesten Tochter und lebte hier im Herzen des Landes: der verehrte Mittelpunkt, um den sich Kinder und Enkel sammelten, der Kinder höchste Autorität in allen zeitlichen und geistigen Angelegenheiten. Ein schwerer Fall in den Keller brachte sie um ihre bis dahin so kräftige Gesundheit. Gebückt und fast zu allen Gängen unfähig, saß die sonst so aufrechte und kräftige Gestalt nun im Lehnstuhl. Aber ihr Geist blieb ungebrochen in seiner Frische und Kraft, und die lautere Frömmigkeit, die den Grund ihres durch und durch klaren und wahren Wesens bildete, gab allem, was sie in ihrer einfachen, natürlichen Weise sagte, eine tiefere Bedeutung. Bald nahte ihr achtzigster Geburtstag, der als ein besonderes Familienfest gefeiert werden sollte; alle Kinder und Enkel von nah und fern sollten da sich um sie sammeln, alles, was ihr möglicherweise Freude machen konnte, wurde aufgesucht und vorbereitet. In ihr selbst regte sich immer lebendiger das Heimweh nach der Heimath, die da alles neu macht. Wie es oft bei alten Leuten zu gehen pflegt, wandte sie sich jetzt mit besonderer Sehnsucht zu den Lieblingsstellen ihrer Vergangenheit zurück. Das war vor allem ihr liebes Hohenentringen. Und nun ich ihr Bild gegeben so gut ich vermocht, wird es keine Entweihung sein, wenn ich ihre eigenen Worte wiederhole, in denen sie in ihrer schlichten Weise ihr Verlangen nach diesem stillen Aufenthalt ausspricht. »Wie erfreulich wäre es vor mich gewesen, wenn ich mein liebes Hohenentringen noch einmal hätte sehen können. Leider ist es zu spät, ich bin zu kraftlos. Es war mein liebster Aufenthalt in meinem Leben. Es war der Ort, wo ich allein ungestört die Güte und Allmacht Gottes am Besten bewundern konnte. »Wie vergnügt war ich in der Erndte, wann ich mit der Sonnen Aufgang bei meinen Schnittern war und sahe den Segen Gottes. Wie vergnügt machte mich der Spruch, in dem es heißt: ›vor dir wird man sich freuen, wie man sich freuet in der Erndte!‹ Aber wie traurig war es anzusehen, als die schönen Felder so arg von dem vielen Gewild verwüstet worden sind. Der Fürst, der ein Vater seiner Unterthanen sein sollte, nimmt ihnen das Brod von dem Munde hinweg. Wir hätten zu selbiger Zeit nicht so theure Zeit bekommen, wann der Fürst sich als einen Vater gezeigt. Nehmen doch alle Fürsten ein Exempel daran! »Balsam war es in meine Wunden, wenn ich an den Sonntagen, wo ich nicht in die Kirche konnte, an meinem Saalfenster das Gesang, das man in der Kirche im Dorf singte, nachsingen konnte. »Wie freute es mich, wenn ich bei hellem Mondschein auf den Feldern und Dörfern so eine Stille sah; da fühlte ich den Werth des Gesanges: ›Nun ruhen alle Wälder.‹ Bei Tag so viel Rennen, Laufen und Schaffen, bei Nacht lauter Stille. In meinem Bett hörte ich den Wächter im Dorf den Tag anschreien mit den Worten: ›Wach auf, o Mensch, vom Sündenschlaf, ermuntere dich, verlornes Schaf!‹ Diese Worte rührten mich sehr. »Tausend, tausend Dank dem heiligen, dreieinigen Gott, der mir in so viel Trübsal beigestanden, aus so vieler Gefahr errettet und mir mehr Gutes gethan, als ich aussprechen kann. Dort, in jener Welt, will ich's nachholen. Herr, ich bin viel zu gering aller Barmherzigkeit und Treue, die du an mir gethan hast!« Das waren die letzten Worte ihrer Feder, es blieb das letzte Bekenntniß ihrer Lippen, bis zum letzten Hauch floß ihr Herz und ihr Mund über von Dank und Freude. Man findet manchmal, daß ein großes Familienfest, eine besondere Freudenfeier der Wendepunkt eines Glückes oder das Ziel eines Lebens wird. Es macht dies Viele ängstlich und scheu vor solchen Festen, aber mit Unrecht. Wenn die Sonne untergehen muß, warum soll sie nicht noch einmal zuvor recht hell scheinen, ehe sie scheidet? So ein heller Sonnenschein vor dem Untergang war der achtzigste Geburtstag der Urgroßmutter; Kinder, Enkel und Urenkel kamen mit Liedern und Gaben; die liebste unter allen war ihr ein schönes Bild von ihrem lieben Hohenentringen, darauf ließ sie so recht die alten Augen ausruhen, und indem sie dem Kreis der Ihrigen all ihre liebsten Geschichtchen aus der Vergangenheit erzählte, lebte sie ihr ganzes Leben in seinen Lichtpunkten noch einmal durch. Das blieb ihre letzte Geburtstagsfeier auf Erden, – nicht lange stand es an, so folgte ihr der ganze damals so fröhliche Zug nach zu ihrer letzten Ruhestatt, und ein seligeres Geburtsfest hat ihrer wohl droben geharrt. V. Das Schlößchen in B. Wir mögen es uns gestehen oder nicht, wir alle haben ein aristokratisches Element in uns, wie freisinnig wir auch von jeher gewesen oder durch die neue Zeit geworden sein mögen. Nicht allein eine Art von Rangstolz, der sich auch in den alleruntersten Schichten der Gesellschaft nicht verliert, und der durch kein Vor- und kein Nachparlament abgeschafft werden kann, ein Rangstolz, der den Schuster, der neue Stiefeln macht, mit der souveränsten Verachtung auf den Flickschuster, die Stubenmagd mit gnädigster Herablassung auf eine Stallmagd blicken läßt; nein, eine gewisse Bewunderung und Vorliebe für das Hohe und Vornehme zeigt sich selbst bei Kindern so frühe, daß sie unmöglich nur eingelernt sein kann. So hat mich als Kind das Bewußtsein ganz glücklich und stolz gemacht, daß ich einen Großonkel habe, der in einem Schlößchen wohne, und also, was ich mir unzertrennlich davon dachte, eine Art von Ritter oder Baron sei. Später erfuhr ich nun freilich, daß der Großonkel nur ein bürgerlicher Hofrath und Beamter der adeligen Herrschaft war, der das Schlößchen, das er bewohnte, zugehörte. Das Schloß selbst, das mir als ein Inbegriff ritterlicher Herrlichkeit erschienen war, stellte sich mir nachher als ein verrauchtes altes Gebäude dar mit engen, winklichen Zimmern. Diese Enttäuschung hatte jedoch wenig zu bedeuten; denn auf dem alten Schlößchen und seinen Erinnerungen ruht ein Zauber, den keine Zeit zerstören kann. Was bedeutet es, ob der Großonkel ein Ritter oder Graf war, oder bürgerlich? Hatte er doch einen fürstlichen Sinn, wo es galt, Fröhliche zu machen, und kein königliches Schloß wird sich rühmen können, so viel frohe und glückliche Menschen beherbergt zu haben, wie das unscheinbare Schlößchen in B. Dieses Schlößchen selbst, obgleich alt und verwahrlost und durchaus in gar keinem Styl gebaut, hat doch seine eigentümlichen Reize. Gleich der plätschernde Brunnen in dem stillen Hof, in dem damals zahlreiche Fische lustig herumschwammen, hat etwas höchst Anziehendes; das mannigfaltige Gesträuch zu den Seiten des Eingangs, der Durchblick durch den Hof in einen grünen behaglichen Obstgarten, die offene altertümliche Treppe und der Dorfbrunnen im Vordergrund, um den sich immer zahlreiche Ortsbewohner gruppiren, gestalten es zu einem ansprechenden Bild niederländischer Schule. Die Zimmer, obschon unregelmäßig und durchaus nicht elegant, hatten so trauliche Ecken und verborgene Treppen, daß man stets wieder neue Entdeckungen darin machen konnte. Das Leben und die Seele des Hauses war aber der Großonkel selbst. Er gehörte zu den glücklichen Menschen, denen es vergönnt ist, jung zu bleiben bis an's äußerste Lebensziel; nicht auf die für andere so peinliche Weise, wo man das äußere Schattenbild der Jugend festhalten will noch in grauen Haaren, und durch jugendliche Geberden, Theilnahme an jugendlichen Belustigungen u. s. w. zur lächerlichen Karikatur wird. Nein, es war die rechte, unverwelkliche Herzensjugend, die Licht und Wärme ausgoß auf ihre ganze Umgebung. Ich sehe ihn noch, den alten, freundlichen Mann, wie er oben in der Erkerstube saß, dem gewöhnlichen Wohnzimmer, zu dem der Weg durch eine ungeheure Küche führte, die nicht im Gebrauch stand und wohl vormals als Prunkküche gedient hatte; wie er für jeden Besucher einen herzlichen Willkomm und einen fröhlichen Scherz hatte. Er war ein feiner Mann, der Großonkel, und hatte noch die zierlichen Formen altfränkischer Höflichkeit, das schönste Erbtheil der Rococozeit. Aber diese Höflichkeit kam vom Herzen, aus einem Gemüthe, das keiner Seele wehe thun konnte; darum war es Jedermann wohl um's Herz dabei, man fühlte sich in einer heitern Atmosphäre, in die kein unfreundliches Element eindringen konnte. Willkommen war im Schlößchen Jedermann und zu jeder Zeit. Es war das Paradies der Kinder, die in dem alten Haus, in den obstreichen Gärten einen unverkümmerten Tummelplatz fanden und für welche Tante Beate jederzeit noch Süßigkeiten in Bereitschaft hatte. Wo hätte der Osterhase reichlicher gelegt, das Christkind schöner bescheert als in B.? In jeder der zahlreichen Familien, die im Schlößchen ihren Mittelpunkt fanden, bewahrt man noch etwas von den Herrlichkeiten, mit denen die Kinderwelt in B. erfreut worden war, als Reliquien aus der guten alten Zeit des Schlößchens. Es war das erste Reiseziel jedes neuen Brautpaares in der Familie, da man stolz war, dem neu aufgenommenen Glied die Freuden einer Familienheimath zu zeigen, wie wohl wenige Geschlechter sich einer rühmen konnten. Es war die Heimath der Jugend, wo die Studenten der Familie sicher waren, fröhliche Ferien zu erleben, wo die jungen Mädchen sich erholen durften von Waschen, Gartenarbeiten und all den Geschäften, die man dazumal noch von einer erwachsenen Tochter verlangte; es war der angenehmste Ausflug für alte und junge Frauen, für die alten Herren und die geplagten Geschäftsmänner, die dem Onkel verwandt oder befreundet waren, und die um den runden Tisch bei dem vortrefflichen Wein und guten Kaffee alle Lebenslasten vergaßen im Gespräch mit dem immer heitern Mann, dessen ganze Vergangenheit nur ein unerschöpflicher Schacht ergötzlicher Bilder schien. In den Zeiten seiner allerbesten Laune stieg er immer zurück in die Erinnerung an die unschuldigen Schelmenstreiche seiner Kindheit. Er ermüdete andere nie mit diesen Reminiscenzen, wie es wohl sonst bei alten Leuten der Fall ist, denen man nur aus Gefälligkeit zuhört; er wuchs so hinein in jene Zeit, daß man selbst mit ihm zum Kinde wurde. Die Mutter wollte ihn einmal nicht auf die Straße gehen lassen, bis er das Schwesterchen in Schlaf gewiegt. »Ja, wann schläft es denn?« – »Wann es die Augen zu hat.« Als nun dieses ersehnte Resultat nicht alsbald erzielt wurde, klebte er dem Schwesterlein mit Gummi die Aeuglein zu und sprang mit dem besten Gewissen hinunter. »Jetzt schläft's.« – Ein andermal hieß ihn die Mutter daheim bleiben, um auf den Schneider, der im Hause damit beschäftigt war, die aufblühende Generation herauszuflicken, Acht zu haben, damit er nicht Seide stehle. Aber der Jubel der Kameraden drang gar zu verführerisch herauf; da nahte er endlich dem Schneider mit der höflichen Bitte: »Nicht wahr, Herr Schneider, Er ist so gütig und stiehlt meiner Mama keine Seide? Ich möchte so gern in den Hof.« – Als das ebengenannte Schwesterlein gestorben war, hatte er sich unters Haus gesetzt und seinen Kameraden gegen ein Honorar von sechs Schussern die Erlaubnis ertheilt, das Schwesterlein auf den Kirchhof tragen zu helfen; seinem besten Freund aber gab er die Erlaubniß gratis, und dieser verhieß ihm gutmüthig: »sei zufrieden, Gottfried, mein Luisle hustet schon lang; wann die stirbt, darfst Du sie auch umsonst tragen.« – Einmal war in seinem elterlichen Haus ein hochangesehener Herr Vetter auf Besuch, den man zu beerben hoffte und mit aller nur denkbaren Ehrerbietung behandelte. Die Kinder betrachteten natürlich den gefeierten Gast höchst aufmerksam. Als die Familie sich setzte nach dem Tischgebet, das von allen stehend verrichtet wurde, fing der kleine Gottfried an: »Mama, warum hat denn der Herr Vetter so krumme Füß'?« In tödlichster Verlegenheit nahm ihn die Mutter bei Seite, um ihm auf höchst fühlbare Weise begreiflich zu machen, wie unmanierlich er sich gegen den Herrn Vetter benommen. Mit den besten Vorsätzen kehrte er zurück und erwog während der Mahlzeit, wie er dem Herrn Vetter glänzende Satisfaktion geben könne. Als nach Tische wieder alle zum Dankgebet angestanden waren, erhob er seine Stimme und fragte: »Mama, warum hat denn der Herr Vetter so gerade Füß'?« In seiner Eltern Haus lebte die uralte, kindische Großmutter, der, wenn die Eltern ausgegangen waren, eines der Kinder Gesellschaft leisten mußte. Als das Loos ihn traf, fiel ihm ein, wie oft sich die Großmutter nach einem Besuch ihrer Juliane, einer weit entfernt wohnenden Jugendfreundin, gesehnt hatte. Um sich nun die Langeweile zu kürzen, die ihm das Hüten der Großmutter machte, putzte er sich mit einigen Kleidungsstücken von ihr und der Mutter heraus und stellte sich der halbblinden Frau als die Juliane vor. Die Großmutter war überglücklich und bewirthete den Schalk mit dem Besten, was ihr Vorrathskämmerchen aufzuweisen hatte. Als ihre Tochter nach Hause kam, konnte die Alte nicht genug erzählen von der großen Freude, die ihr geworden. Nur die rührende Glückseligkeit, die der Spaß der alten Frau gemacht, rettete den leichtfertigen Burschen von der väterlichen Züchtigung. Der Onkel war ein Sommerkind gewesen sein Leben lang, und es war kein Wunder, daß ihn eine so sonnige Atmosphäre umgab; er hatte verstanden, das Glück beim Schopf zu fassen und seine Gaben ohne Ueberschätzung in's rechte Licht zu setzen. Als der Sohn einer kinderreichen Familie mußte er voraussehen, seinen Weg durch's Leben sich selbst suchen zu müssen und widmete sich mit allem Eifer, der einen heitern Lebensgenuß nicht ausschloß, dem Studium der Rechte. Er hatte absolvirt und dachte mit Seufzen an den Eintritt in die nüchterne, praktische Thätigkeit, während ihn seines Herzens Sehnsucht in die Ferne, in fremde Länder, in neue Umgebungen unter Völker anderer Zunge trieb. Reisen war damals kein Spaß wie heutzutage, wo jeder hoffnungsvolle und hoffnungslose Sohn in jeder Vakanz das Wanderlied anstimmt: Nach Italien, nach Italien Möcht' ich Alter jetzt einmalichen; – und der Onkel hatte schon gänzlich verzichtet, als er zufällig hörte, man suche für einen jungen Baron einen Hofmeister gesetzten Alters, von gewandtem Benehmen, mit Kenntniß der neuern Sprachen, als Begleiter auf die ersten Universitäten und in die ersten Städte Europas. Frisch gewagt, ist halb gewonnen, dachte der Onkel, der nicht Eine der gewünschten Eigenschaften besaß und stellte sich mit dem Empfehlungsschreiben eines Verwandten und seinen Universitätszeugnissen bewaffnet, der Mutter des Barons, einer geistvollen, welterfahrnen Dame dar. Noch hatte er sich in keinen andern Kreisen, als in den zwanglosen Umgebungen des Vaterhauses und der Studentenwelt bewegt, und mußte sich zum erstenmal in eine Gallakleidung mit Staatsdegen zwängen. Beim Eintritt bei der Baronesse kam ihm besagter Degen zwischen die Beine und er purzelte geradezu ins Zimmer. Ohne über diese erste Probe seiner Gewandtheit außer Fassung zu kommen, richtete er sich rasch auf, verbeugte sich mit mehr Glück und bat: »Vergeben Sie meinem Degen, gnädige Frau, der meiner Verehrung für Sie so wirksam nachgeholfen und mich Ihnen so geräuschvoll zu Füßen gelegt hat.« Die Dame mußte lachen und fragte in guter Laune nach seinem Anliegen. Etwas erstaunt fragte sie, als sie dies aus dem Empfehlungsbrief ersehen: »Sie selbst gedenken sich um die Hofmeisterstelle bei meinem Sohn zu bewerben?« »Ich habe den Muth, gnädige Frau.« »Sie wissen, daß ich einen Mann von gereiften Jahren suche, darf ich um Ihr Alter fragen?« »Zweiundzwanzig, gnädige Frau; ich wage nicht, Sie auf die altbekannte Thatsache aufmerksam zu machen, daß die Jugend der einzige Fehler ist, der sich mit jedem Tag von selbst verbessert, und ich schmeichle mir, daß mir größere Gleichheit der Jahre auch größern Einfluß auf Ihren Herrn Sohn sichern würde.« »Mein Sohn soll die bedeutendsten Städte Europa's besuchen, sich in den ersten Cirkeln bewegen: Gewandtheit auf Reisen, Kenntniß der feinen Umgangsformen sind die ersten Bedingungen für seinen Begleiter; darf ich fragen, wo Sie Gelegenheit gehabt, sich diese zu erwerben?« »Nirgends, gnädige Frau, aber es würde vom höchsten Vortheil für unser Verhältniß sein, wenn es auch noch Branchen gibt, in denen ich von meinem Zögling lernen kann.« »Französisch verstehen und sprechen Sie natürlich, aber auch englisch und italienisch?« »Kein's von allen, gnädige Frau, aber ich gedenke alle drei Sprachen in kürzester Zeit inne zu haben, und würde mich freuen, Ihnen einen neuen Beweis für die Wahrheit des Sprüchworts zu liefern: wem Gott ein Amt gibt, dem gibt er auch den Verstand.«. »Sagen Sie selbst,« sprach die Dame halb ärgerlich, halb lachend, »finden Sie nicht sonderbar, daß Sie sich um die Stelle bewerben, ohne eine einzige der geforderten Eigenschaften dazu?« »Allerdings, gnädige Frau,« versetzte der Student mit angenommenem Ernst, »so weit ich aber als Unbefangener in der Sache sprechen kann, würde ich Ihnen gerade der Sonderbarkeit wegen rathen, den Versuch zu machen; die wichtigste Eigenschaft von allen haben Sie unter Ihren Bedingungen doch vergessen, den guten Willen, und den bringe ich in reichstem Maße mit.« Die Baronesse wagte es und fand nie Grund, das Wagstück zu bereuen: Sprachkenntniß und Umgangsgewandtheit erwarb sich der Onkel wirklich in kürzester Zeit und bewährte sich nicht nur als liebenswürdiger, sondern auch als treuer und einsichtsvoller Freund und Begleiter des jungen Barons, der sich nie mehr von ihm trennen wollte. Als die große Tour vollendet war, wurde der Baron Gesandter, sein Freund Gesandtschaftssekretär; als er sich in's Privatleben zurückzog, übertrug er ihm die oberste Verwaltung seiner Güter, immer aber mußte er sich so viele Zeit frei behalten, um einen Theil des Jahrs ganz bei ihm zubringen zu können.. Ans allem Glanz der Höfe, aus allem Geräusch und Gewühl der Weltstädte, aus der geistigen Aristokratie der Universitäten hatte sich der Onkel einen reichen Fond schwäbischer Gemütlichkeit, einen tiefen Sinn für Familienfreude gerettet, der das eigentliche Element seines Wesens war. Er entzog sich nicht der dringenden Aufforderung. die ihm ungesucht zukam, seiner Heimath als Vertreter ihrer Rechte in der Kammer zu dienen: sein feiner Verstand, seine reiche Erfahrung und sein warmes Herz ließen ihn auch hier überall am rechten Platze sein. Aber als ihn seine geschwächte Gesundheit nöthigte, jeder öffentlichen Stellung zu entsagen, da bezog er das Schlößchen so gern, gehörte den Seinen so ganz, daß auch jetzt noch sein Andenken als die erfreuende und belebende Sonne der Familie am lebendigsten geblieben ist. Der Glanzpunkt seiner Jugenderinnerungen blieb vor allem seine Reise nach England. »So habe ich es in England gesehen,« war das große Zauberwort, mit dem jeder Gebrauch geheiligt wurde. An den Tagen der frohesten Familienfeste, für die allerwerthesten Gäste wurde auf die Tafel ein Roastbeef befohlen. Wenn dieser höchste Triumph der Bewirthung kam, so durfte man gewiß sein, daß des Onkels Laune die allerglücklichste war; beim Roastbeef hat er gewiß nie eine Bitte abgeschlagen. Seinen königlichen Spaß hatte der Onkel mit dem Herrn Wenz, seinem Amtsgehülfen, einem braven und gescheidten jungen Mann, der ganz zur Familie gehörte und nur durch seine Eitelkeit und sein empfindsames Herz manche Gelegenheit zu gutmüthigen Scherzen gab. Noch mehr Stoff zu dergleichen gab aber Herr Reutter, der Leibchirurg. Der Herr Hofrath war die höchste Autorität, das eigentliche Centrum des Herrn Reutter; die Stunde, in der er ihm den Bart abnahm, war das Ziel, auf das sich alle Gedanken und Bestrebungen seines übrigen Lebens bezogen. – Er verwendete seine Existenz auf das Einsammeln von Neuigkeiten, aus denen er die merkwürdigsten zur Mittheilung für den Herrn Hofrath aussichtete, die der Onkel mit dem anscheinend größten Interesse anhörte. Als Napoleon unser Ländchen besuchte, reiste Herr Reutter schnurstracks nach der nicht allzuentfernten Hauptstadt, nicht sowohl um seine eigene Neugierde zu befriedigen, als um dem Herrn Hofrath am folgenden Morgen, während er den Seifenschaum schlug und der anwesende Herr Wenz ein Geschäftsreferat beendigte, nur so en passant sagen zu können: »Ei, Herr Hofrath, gestern habe ich auch den Napoleon gesehen.« – »Ei so? Herr Reutter, das ist mir höchst interessant; was ist es denn für ein Mann?« – »Was soll ich sagen? Es ist ein kleines Mannche, ein geringes Mannche, ein unansehnliches Mannche, ein Mannche wie der Herr Wenz.« Der indignirte Herr Wenz lernte von Stund an mit Lebensgefahr sich selbst rasiren, um den unverschämten Chirurgen entbehren zu können; der Onkel aber war höchlich ergötzt und nahm es dem Herrn Reutter nicht übel, als er einige Tage darauf, gekränkt über einen eintägigen Aufschub des Rasirens, bemerkte: »Der Herr Hofrath haben einen Bart wie der Schultheiß von Wetterspach.« – »So? was hat denn der für einen Bart?« – »Einen Bart wie lauter Schweinsborsten, Herr Hofrath.« Es schien eine beständige Feiertagssonne über dem Schlößchen zu leuchten. Selbst die Geschäfte, deren es viele gab bei der ausgedehnten Oekonomie und den stets zahlreichen Besuchen, wurden gemeinschaftlich in so heiterer, geräuschloser Weise abgemacht, daß auch sie das Ansehen einer neuen Ergötzlichkeit gewannen. – Das Wort »sparen« war nicht in das Wörterbuch des Onkels aufgenommen, obwohl er für sich kein üppiges, wenn gleich behagliches Leben führte und keine kostbaren Liebhabereien hatten außer der kostbarsten und edelsten von allen, der sich schon der gute Vikar von Wakefield rühmte – der Liebhaberei, glückliche Gesichter und frohe Herzen um sich zu haben. Ueberall war eine behagliche Fülle, ein reichliches, fröhliches Geben, es wurde Jedermann wohl im Hause. Die Kutscher fuhren noch einmal so gern, wenn es nach dem Schlößchen in B. ging, wo sie einer warmen Stube, eines guten Trunks und eines Stücks Braten gewiß waren; man sagt sogar, die Pferde seien schneller gelaufen und die Hunde haben mit dem Schwanz gewedelt in der Nähe des Schlößchens, im Vorgeschmack der guten Verpflegung, die sie dort erwartete. Als Schillers Dramen in der höchsten Blüthe standen, ließ sich der Onkel einmal von seinem Johann in die Residenz kutschieren, um der Aufführung von Kabale und Liebe anzuwohnen. Unterwegs dauerte ihn der arme Bursch, der immer nur Andere zum Vergnügen führen und selbst kein Plaisir haben sollte. »Besorg' die Pferde gut, Johann, dann – kannst du heut Abend mit mir in's Theater gehen.« – Der Johann konnt' es fast nicht glauben, war aber überglücklich, als ihn der Herr Hofrath in der That mit sich nahm und sogar an seine Seite in der Fremdenloge setzte. In hohem Erstaunen gaffte er mit offenem Mund den weiten Raum des Hauses, die prächtigen Kronleuchter, die fürstliche Loge an, deren Front durch die stattliche Gestalt des Regenten ausgefüllt wurde, vor allem aber den Vorhang, auf dem der Olymp in schreiender Farbenpracht prangte. »So, Herr Hofrath, iez hemmers gnuag gseha,« meinte er nach einer Viertelstunde. – »Wart nur, Johann, es kommt noch besser.« Das Orchester begann und Johann war auf's Neue entzückt, daß man auch noch aufspiele; als aber gar der Vorhang aufging und das Spiel begann, da stieg seine Verwunderung auf's Höchste: »Ja wer sind denn die Leut', Herr Hofrath?« Der Onkel zeigte ihm den Theaterzettel und erklärte ihm die Personen. »'st scho recht, aber do stoht jo net, s'wehl der Kabale ischt;« er schien aber doch das Stück zu begreifen, denn er folgte dem Gang der Dinge mit dem äußersten Interesse und der Onkel hatte Mühe, seine lebhaften Aeußerungen zurückzuhalten. Als aber gegen das Ende des Stücks der Hofmarschall in der Scene mit Ferdinand in seiner ganzen Erbärmlichkeit dastand, da wurde er am Ende so aufgebracht, daß er Ferdinand mit schallender Stimme zurief: » Bach' em ois , bach' em ois!« Das ganze Haus brach in ein jubelndes Gelächter aus, die gestörten Schauspieler selbst konnten sich des Lachens nicht enthalten; die Polizei sollte einschreiten und den Störer verhaften, der alte König aber, der sich vor Lachen den stattlichen Bauch halten mußte, befahl, ihn ruhig zu lassen und hoffte auf weitern Spaß. Der Johann jedoch war verduzt über seinen unerwarteten Erfolg und verhielt sich still bis zum Schluß. Erst bei der Heimfahrt bemerkte er gegen den Onkel, »s'ist erst wohr, er hätt' em ois bacha solla.« Einmal, als der Onkel besonders vergnüglich sich in Kindheitserinnerungen erging, fiel ihm auch des Nachbars Baste wieder ein, sein getreuer Freund, der ihm Hirschkäfer und Eichhörnchen gefangen und ihn so oft auf seinem Bock hatte reiten lassen. »Muß doch hören, was aus dem Baste geworden ist!« Mit einiger Mühe erfuhr er endlich, daß Baste in der Nähe seines Heimathorts als Drahtbinder und Korbflechter kümmerlich sein Dasein friste. Gut denn, der Baste wurde mit seinem Handwerksgeräth zum Besuch auf's Schlößchen beschieden, man räumte ihm ein Schlafplätzchen ein und Tante Beate mußte alle Töpfe und Kacheln herbeisuchen, die irgendwie des Einbands bedürftig waren. Da saß der alte Baste unter dem großen Holunderstrauch, der den Eingang in's Schloß beschattet, band Geschirre ein und flickte und reparirte Körbe nach Herzenslust und lachte hell auf vor Freude, daß man's drei Häuser weit hörte, wenn sich der Herr Hofrath je und je zu ihm setzte und ihn an ihre alten Bubenstückchen erinnerte. Daneben wurde er unter der Direktion der Tante mit Speise und Trank reichlich verpflegt. Es war verwunderlich anzusehen, wie das eingerostete Gesicht des Alten wieder gelind und beweglich wurde, er sah um zehn Jahre jünger aus, als er nach vier Wochen wieder heim kehrte, schon beglückt durch eine Einladung auf's nächste Jahr. Wieder daheim, meldete er sich alsbald bei Maier, dem Stundenhalter (dem Leiter religiöser Privatversammlungen), und bat um Aufnahme in die Versammlung, wie er denn auch von Stund an fleißig zur Kirche ging. »Aber Baste,« fragte ihn der Maier erstaunt, »wie ist das so schnell gekommen? es hat mich seither oft betrübt, daß Ihr so in den Tag hinein lebt und Euch nichts um Euer Seelenheil bekümmert.« »Ihr habt Recht, Maier, es war eine Sünde, seht, ich bin ein armer Mann, ein Wois (Waise)« – er war bald sechszig! – »habe so in der Trübsal ahne gelebt und nicht an Himmel und Hölle gedacht; ich dacht', unser Herrgott hätt mich halt auch vergessen und 's könn mer nicht viel böser gehn in der Höll als auf der Welt. Seit ich aber beim Herr Hofrath g'wesen bin, muß ich immer denken: wenn's im Himmel nur halb so brav ist wie im Schlößle, so möchtest doch gern 'nein. Gucket, Maier, deßwegen will ich in d'Stund.« Es waren freilich auch einmal Tage des Leids über dem Schlößchen hingegangen, damals als der Onkel seine geliebte Hausfrau in blühendem Jugendalter zu Grab geleiten mußte. Die Geschichte seiner Heirath trägt dasselbe heitere Gepräge, das sein ganzes Leben auszeichnet. Als fröhlicher Student ging er vor langen Jahren mit seinen Genossen über den Marktplatz der alten Reichsstadt Heilbronn, als eben ein stattlicher Taufzug vorüber kam. In jugendlichem Uebermuth trat er hinzu und lüftete das grünseidene Tuch, darunter ein zierliches Kindlein schlummerte. »Was ist's?« fragte er die Trägerin desselben. »Ein Mägdlein.« – »Ei, das gäbe gerade eine Frau für mich!« rief er lustig und zog lachend mit seinen Kameraden weiter. Und es fügte sich, daß nach achtzehn Jahren dasselbe Mägdlein, nun eine schöne Jungfrau und reiche Erbin, ihre Hand gern und freudig in die des vierzigjährigen Mannes legte, zu einer Zeit, wo solche Altersverschiedenheit bei Eheleuten noch viel seltener war als jetzt. Sie hat auch niemals den Entschluß bereut. Unter den Vielen, die des Onkels Güte froh und glücklich machte, war seine geliebte Gattin gewiß nicht die am wenigsten Glückliche. Und so wie er sie mit Liebe und Treue durch schwere; lange Krankheit bis zum Tod verpflegte, so hat er auch ihr Andenken in Liebe und Treue bewahrt. Keine andere Gattin hat er gewählt, obwohl gewiß dem reichen, überall geliebten und geachteten Mann die Wahl unter den Töchtern des Landes offen gestanden hätte. Aber in seiner unzerstörbar heitern Seele hat auch das Andenken an Leid und Tod eine milde, versöhnende Gestalt angenommen, und wenn er der geschiedenen Gattin dachte, so dachte er nicht an ihr Leiden, nicht an ihr frühes Sterben, sondern an ihre Liebe, an die glücklichen Stunden, die er mit ihr verlebt, an das selige Wiedersehen, das seiner wartete. So warf der Tod der Gattin keinen Schatten, wohl aber ein Licht aus einer höhern Welt auf sein Erdenleben. Nach dem Tode seiner Gattin nahm Tante Beate, seine unverheirathete Schwester, seine ächte Schwester an Herzensgüte und Freundlichkeit, sich des Haushaltes an, dessen Lasten später die Nichte Julie mit ihr theilte. Tante Beate war eine stille Seele! sie hatte ihr eigenes Eckchen im Wohnzimmer, wo sie mit unveränderlicher Ruhe saß, mit stiller Herzlichkeit die Gäste willkommen hieß und geräuschlos ihre Anordnungen für den Haushalt traf, die von der Nichte Luise rasch und eifrig vollzogen wurden. Luise war eine Art verborgener Genius im Hause, überall und nirgends; sie hatte ein fabelhaftes Gedächtnis für Jedermanns Leibgericht und Jedermanns Geburtstag, sie war überall am Platz und kam immer zur rechten Zeit, sie arbeitete wie eine Magd und wurde vom Gesinde geehrt wie eine Königin. Ohne Base Luise wäre das Schlößchen in B. in dieser Vollkommenheit gar nicht möglich gewesen. Dem Oheim hatte seine Gattin einen einzigen Sohn geschenkt, seines Herzens Stolz und Freude, der unter der mütterlichen Pflege der herzguten Tante Beate in der freundlichen Gesellschaft der Base Luise zu äußerst stattlichem Gedeihen heranwuchs. Mit welcher Freude sah er seinen Gustav als flotten Studenten die Universität beziehen, wie herzlich waren dessen Studiengenossen zur Ferienzeit im Schlößchen aufgenommen! Der Onkel hätte für die ganze Universität Raum zu schaffen gewußt. Nur Eine Klage hatte der Vater über ihn, eine Klage, wie sie noch wenige Väter zu führen hatten: »Der Bursch braucht mir zu wenig Geld. Julie, schreib ihm nur wieder, er soll sich nichts abgehen und sich überall recht honorich finden lassen.« Zur Freude der Familie war dem guten Onkel ein hohes Alter bestimmt, und er starb ohne die Leiden, die Gebrechen, die geistige Abnahme späterer Jahre zu erfahren. Hell und ungebrochen blieb sein Geist bis zum Tode. Ich will sein heiteres Lebensbild nicht trüben mit Schilderung des Leides, das sein Tod gebracht. Heute wird nur in Frieden und Freude seiner gedacht; wo frohe Herzen sich zusammenfinden, um die Bande des Blutes noch zu ehren, da ersteht sein Bild in seiner ganzen lichten Freundlichkeit. Noch steht das alte Schlößchen, noch plätschert der Brunnen im Hof; aber keine Fische schwimmen mehr darin zur fröhlichen Mahlzeit bestimmt, keine leichten jungen Tritte fliegen mehr die alte Treppe herauf, kein freundlicher Willkomm ertönt mehr aus der Erkerstube, die mit den andern Gemächern leer steht und nur selten zur Aufnahme der entfernt wohnenden Herrschaft geöffnet wird. So ist wohl heute manches Haus entleert, auch wo die Bewohner geblieben sind. Der Kampf um die Existenz, die Ansprüche des öffentlichen Lebens haben jene Blüthen der Familienfreude wie ein rauher Märzwind verweht. VI. Das Dörtchen von Rebenbach. 1. Zwei Kinder. Es war der 10. Oktober des Jahrs 1780 ein gar schöner sonniger Herbsttag, so ein Tag, an dem alte Herzen wieder jung werden und junge überfließen möchten von Lebenslust. Die Sonne schien so voll und warm, als wollte sie noch einen recht herzlichen Abschied nehmen von der Erde, ehe sie sich in ihre Winterschleier hülle. In dem anmuthig gelegenen Dorfe Rebenbach war gerade die Weinlese in vollem Gang, ein fröhliches Leben und Treiben auf all den Höhen rings umher. Am lustigsten ging's aber zu in dem Weinberge des Pfarrers; da wurde nicht gespart an Lohn und Kost der »Leser« (wie man in Schwaben die traubenschneidenden Winzer nennt), darum waren sie auch so guter Dinge bei ihrer Arbeit und ließen noch vor dem Feierabend aus der alten Pistole des Husarenmartins, eines Veteranen, hie und da einen tüchtigen Schuß los, der knallend von all den Bergen und Hügeln umher niederhallte und von da und dorther erwidert wurde. Die Mägde des Hauses sammt einigen Weibern und Mädchen des Dorfs, die sich's zur Ehre rechneten, heute zu helfen, schnitten flink die Trauben in die Kübel, wobei der Martin die Aufsicht führte, ob auch die Stöcke pünktlich abgelesen und die abgefallenen Beeren gesammelt würden. Die vollen Kübel wurden in einen hohen Butten geleert, den ein junger Bursche den Berg hinabtrug; da stand eine Gelte, in der der Jakobele, ein rothbackiger Bauernbube, lustig auf den Trauben herumtanzte, die durch den durchlöcherten Boden in die untenstehende Kufe liefen, als eine trübe Brühe, der man's nicht ansieht, daß sie nachher den köstlichen süßen Most, den edlen klaren Wein gibt. Ganz oben in dem Weinberg, wo man das ganze weite Thal übersieht, stand eine große Laube mit langem Tisch; dort war Dörtchen, des Pfarrers Töchterlein, emsig beschäftigt, den Tisch zur Bewirthung der Herbstgäste zu rüsten, die heute aus der Stadt erwartet wurden. Die schönsten Trauben hatte sie zierlich zwischen Rebenlaub in die Körbe geordnet, den weißen Herbstkäse mit Kümmel bestreut in Porzellangeschirr aufgestellt, den rothen Wein in helle Flaschen gefüllt, ja die Mutter hatte ihr sogar anvertraut, den Schinken aufzuschneiden und auf den Teller zu legen. Das Dörtchen war erst dreizehn Jahre alt, und kleiner, als die meisten Mädchen ihres Alters, aber sie drehte sich dreimal um, bis andere nur einmal, und sah aus ihren hellen, blauen Augen so freundlich in die Welt hinaus, daß Jedermann eine Freude an ihr hatte. Sie war überall am rechten Fleck und that Alles zur rechten Zeit. Sie war stets fröhlichen Herzens, heute aber war's ihr einmal ganz besonders wohl auf der Welt, wo sie jetzt eben so viel fröhliche Leute sah, obgleich sie just keine sonderliche Singstimme hatte, sang sie doch aus lauterer Herzensfreude mit hellem Ton: »Rosen auf den Weg gestreut und des Harms vergessen!« was damals ein nagelneues Lied war. Da erblickte sie ein junges Mädchen ihres Alters, die höchst mühsam die schmalen Weinbergstäffelein herauf stieg, und mit dem Jubelruf: »Liesle, Liesle!« hätte sie fast das Glas fallen lassen, das sie eben hellreiben wollte; aber sie besann sich schnell, stellte es rasch auf den Tisch und sprang dann mit fröhlichen Sätzen, leicht wie ein junges Reh, der Ankommenden entgegen. Das Liesle (die sich aber nicht gern so nennen ließ, wie wir bald hören werden) vermochte mit ihrem langen, himmelblauen Kleid kaum durch die enge Furche zu kommen, und Dörtchen, der ihr etwas verwachsenes kurzes Barchentkleidchen nicht hinderlich am Steigen war, konnte fast nicht erwarten, bis sie sie endlich mit heiler Haut heraufgebracht hatte. »Nun aber sag' mir, Liesle,« fing sie an, »was fällt Dir ein, in Deinem hellblauen Levantinkleid hieher in den Herbst zu kommen? unsern Bauern hättest Du in einem Merinokleid eben so wohl gefallen. Aber gelt, da kommst Du Dir wie so ein Fräulein vor in den Romanen, die Du so gern liest?« Elischen, die gerade so alt wie Dörtchen, aber viel größer und ein hübsches, schlankes Mädchen war, nahm den Empfang etwas übel, denn sie kam sich besonders schön vor in dem himmelblauen Kleid und hatte nur schwer von der Mutter Erlaubniß erhalten, es anzuziehen. Da aber Dörtchen doch recht hatte, so fing sie von was Anderm an: »Aber, liebes Dörtchen, könntest Du mich denn nicht Elise nennen, da Du weißt, daß ich's viel lieber habe? Lieschen klingt doch so gar gewöhnlich; ich werde Dich ja gern Dorette oder Doris heißen, wenn Du willst.« »Bedanke mich dafür,« meinte Dörtchen; »wenn's der Mutter nicht zu lang wäre, ließ ich mich am liebsten Dorothea heißen, wie ich getauft bin, seit ich vom Vater weiß, was für eine schöne Bedeutung der Name hat. Dir thue ich aber gern den Gefallen, Dich Elise zu heißen, wenn ich's nicht hundertmal wieder vergesse. Nun aber komm und iß Trauben, die andern Sachen wollen wir stehen lassen, bis die Eltern mit den Gästen kommen.« Elise (wir wollen ihr auch den Gefallen thun) war den andern Gästen vorangegangen, die der Pfarrer auf einem weitern Wege herführte, um ihr liebes Dörtchen früher zu sehen, denn die zwei Mädchen hatten sich, trotz ihrer großen Verschiedenheit, herzlich lieb. Elise war die Tochter der wohlhabenden Wittwe eines niedern Hofbeamten, die in der nahen Hauptstadt wohnte, einer Jugendfreundin der Pfarrerin, daher kannten sich die Mädchen von frühester Kindheit her. Sie war ein lebhaftes, reichbegabtes Mädchen, aber launig und flüchtig in Allem, was sie that, und von der zu nachsichtigen Mutter verwöhnt. Ihr Hauptfehler war der, immer etwas Besonderes sein zu wollen; daher trieb sie meist, was sie nicht sollte, las Romane statt der Schulbücher, wollte Rosen und Vergißmeinicht sticken, ehe sie recht Strümpfe stricken konnte, wünschte sich, jung zu sterben, statt daß sie mit Gottes Hilfe gesucht hätte, recht leben zu lernen, und machte der Mutter und dem Lehrer mehr Verdruß als Freude, obgleich sie immer und überall für äußerst gescheidt und talentvoll galt. Da war das Dörtchen ganz anders: was sie gerade thun sollte, das that sie recht und ganz, sei es nun Hühnerfüttern oder lesen, arbeiten oder spielen; sie war mit ganzer Seele dabei, darum geschah auch alles recht, was sie ergriff, und sie war stets fröhlich und wohlgemuth. Da die Bewirthung für die Gäste bereit war, und Elise noch müd von ihrer außerordentlichen Anstrengung, setzten sich die Mädchen einstweilen mit einem Traubenkörbchen auf die Schwelle der Laube und schauten vergnüglich hinunter in das reiche, gesegnete Thal, an die Höhen, die ringsum belebt waren von frohgeschäftigen Leuten, dahinter der buntgefärbte Wald und darüber der schöne, blaue Himmel. Es war so schön hier, daß ihnen recht das Herz aufging. »Hör', Dörtchen,« begann Elise, »möchtest Du nicht, daß es noch Feen gäbe? daß dort hinter dem vorstehenden Fels jetzt plötzlich so eine Frau in glänzenden Gewändern hervorträte und uns drei Wünsche erfüllen wollte?« »Ja,« sagte Dörtchen, »als ich die Geschichten zuerst las, ist mir's auch immer durch den Kopf gegangen, und ich dachte, das wäre prächtig, aber nachher ist mir eingefallen, daß der liebe Gott doch mehr kann als alle Feen, und daß er uns noch viel lieber hat, darum wird der uns schon geben, was wir brauchen.« »Wüßtest Du denn jetzt gar keine Wünsche, Dörtchen?« »Ich? Wart einmal, ich will mich besinnen; ja, auf den Winter möcht' ich ein Spinnrädchen, ich spinne gar nicht gern an der Spindel, aber halt! das gilt nicht, das krieg' ich vielleicht zum Christtag; aber ich möchte, daß der Vater auch recht gesund wäre, und daß der Nachbarin ihr Fritz nicht unter die Soldaten müßt', sie weint so um ihn; und schön singen können möcht' ich auch, daß der Schulmeister nimmer sagte, seine Hühner gehen drauf von meinem Gesang, und so einen Beutel, der nie leer wird, ließ ich mir gern auch gefallen, aber ich weiß dann doch nicht, ob ich's auch recht austheilen könnte. – Aber was weißt denn Du Alles, Elise?« »Ich,« sagte Elise mit glänzenden Augen, »ich möchte schön sein, ach so wunderschön! und möchte den Teppich, auf dem man durch alle Länder fliegen kann, wohin man nur will, und möchte ein Zauberstäbchen, mit dem man Alles auf Einen Schlag fertig machen kann, daß ich mich nicht mit so langweiliger Arbeit plagen dürfte, und möchte prächtig singen und malen können, und auch ein Füllhorn, aus dem ich schütteln könnte, was ich nur wollte, die schönsten Kleider, . . .« »Ei, und was noch mehr!« rief das muntere Dörtchen, »Du hast's ja wie am Schnürchen! Aber hör,« fuhr sie nachdenklich fort, »ich meine, darum habe uns Gott doch nicht in die Welt geschickt, daß wir Alles mit einem Zauberstäbchen fertig machen sollen; und wenn man recht gethan hat, was man soll, so ist man am Ende doch noch vergnügter, als wenn man nur hat, was mau will.« »Ach geh', ich würde ja auch aus meinem Füllhorn den armen Leuten Geld und Kleider herunterschütteln . . . .« »Und ich würde die faulen Mädchen heimjagen, die im Herbst dasitzen und schwatzen, statt zu lesen. Schnell hinunter in den Weinberg, wenigstens Du, Dörtle!« so rief Dörtchens Mutter, die Frau Pfarrerin, die inzwischen unbemerkt hinter die Mädchen getreten war. Dörtchen sprang rasch auf, grüßte die eben nachkommenden Gäste freundlich, wenn auch roth vor Beschämung, nahm einen Traubenkübel und ihr Häbchen, eilte flink damit in den Weinberg, und fing an zu schneiden, als ob sie heut noch allein fertig machen wolle. Elise war empfindlich, daß man sie so als Kind an die Arbeit schicke, während sie schon in Gedanken als Feenkönigin herumgeschwebt war; sie wollte Dörtchen helfen, aber das Levantinkleid zerriß an den Traubenstöcken, mit dem Häbchen schnitt sie sich in die Finger, weil sie die Trauben verkehrt hielt, und stieß mit dem Fuß den Traubenkübel um, so daß die Winzer ein lautes Gelächter erhoben über das »Stadthettele,« wie sie sie nannten, worüber sie tief gekränkt sich in die Laube zu den Erwachsenen setzte. Dort aber gab man zum Verwundern wenig Acht auf sie, Niemand sagte davon, wie gut sie singen, und wie hübsch sie deklamiren könne, und Niemand bewunderte ihr Levantinkleid. »Ach,« dachte sie im Stillen, »wenn doch die Fee käme, und mich plötzlich in ein großes wunderschönes Fräulein verwandelte!« Es war Abend geworden und die Lese beendigt, da geht aber erst noch die rechte Herbstlust an. Drunten auf einer Kleewiese hatten sich die Leser gelagert, und ließen sich's herrlich schmecken bei Käse, Wurst und Wein. Oben hatte man zur Würze des Festmahls noch im Freien Kartoffeln gesotten, die reißend Abgang fanden. Nun ging das Schießen rasch und unaufhörlich fort. Die jungen Herren erschreckten die Damen mit angezündeten Fröschen und ließen Schwärmer und prächtige Raketen steigen, denen die Leute unten stets ein jubelndes »Ah!« nachriefen. Die Mädchen saßen wieder beisammen, seitwärts auf einem Rain, wo sie dem Feuerwerk sicher zuschauen konnten. Dörtchen hatte sich müde geschafft, und sah jetzt schweigsam zu, wie die aufzischenden, rothglühenden Feuerstrahlen einen Augenblick die kleinen, blassen Sterne all zu verdunkeln schienen, die nachher doch wieder so still und klar dreinschauten wie immer. Das Gespräch von dem Nachmittag fiel ihr wieder ein, und Elisens Wünsche. Da bat sie Gott im Stillen, er möge ihr helfen, daß sie den Menschen lieb werden könne auch ohne große Schönheit, daß sie ihr Tagwerk recht vollbringe auch ohne Zauberstab, daß sie Armen Gutes thun dürfe auch ohne ein wunderbares Füllhorn, und es wurde ihr so still und wohl um's Herz, als ob alles recht und gut werden müsse. »Siehst Du,« rief Elise, als eben eine prächtige Rakete zischend auffuhr und in funkelnden Sternlein niederfiel, »siehst Du, so möcht' ich ein Leben, glänzend, wunderbar und herrlich, und wenn's auch kurz dauerte!« »Die Rakete ist aus,« sagte Dörtchen, »jetzt fällt noch ein verbranntes Holz zur Erde; da möcht' ich lieber ein stilles Sternlein sein, das seine Bahn zieht, wie sie Gott verordnet hat, auch wenn Niemand darauf achtet, als so ein Ding, das brausend hinauffährt und dann auslischt, ohne daß man mehr daran denkt.« »Dörtchen,« fing nach einer Weile die aufgeregte Elise wieder an, »hast Du auch schon gehört, daß ein Wunsch erfüllt wird, den man sich denkt im Augenblick, wo ein Stern fällt?« »Ach, kommst Du schon wieder an's Wünschen?« »Hör', Dörtchen, wenn ich doch in die Zukunft sehen könnte! ich möchte nur wissen, wo wir Beide in zehn Jahren sein werden.« »Wo der liebe Gott will,« sagte Dörtchen ruhig. »Dörtchen,« fuhr Elise fort, »heute ist der 10. Oktober, wir wollen einander versprechen, nach zehn Jahren wieder zusammenzukommen, wenn wir noch leben, mögen wir auch sein, wo wir wollen.« »O, von Herzen gern! das ist wohl leicht zu halten, in zehn Jahren werden wir noch nicht weit von hier sein.« »Sei das, wie es will, versprich mir's!« rief Elise, und Dörtchen schlug lächelnd ein. Inzwischen hatte man Fackeln angezündet und schickte sich zum Gehen an. Dörtchen half die Reste der Mahlzeit und das Geräth zusammenpacken, und nahm einen vollen Korb an den Arm. Nun brannten die Fackeln, und Winzer und Gäste schritten bei ihrem Glanze singend dem Dorfe zu, während dazwischen die letzten Schüsse fielen. Leise singend schloßen sich die Mädchen dem Zuge an, während sie aufschauten zum stillen Nachthimmel. Elise dachte an die schimmernde Rakete, Dörtchen an den lieblichen Stern, – da fuhr eine helle Sternschnuppe über den Himmel und erlosch.   2. Zwei Bräute. Zehn Jahre waren vergangen, der 10. Oktober kam auch heute wieder, aber nicht so sonnig, wie damals. Es war ein nebliger Herbsttag, die Weinlese hatte noch nicht begonnen, aber Pfarrers Dörtchen war doch, ihrem Versprechen treu, in den Weinberg gegangen, um Elise dort zu erwarten. Es war noch einsam auf den Hügeln, drunten im Thal waren die Leute mit der Kartoffelernte emsig beschäftigt, in den Weinbergen schritt aber nur allein der Weinberghüter (Wingertschütz genannt), mit seiner Raffel umher, und ließ sie hie und da warnend ertönen, obgleich in diesem Jahr Menschen und Vögel nicht besonders lüstern nach den sauren Trauben waren. Dörtchen hatte keine große Lust gehabt, an dem kühlen Tag in der Laube zu warten, aber Elise hatte sie gestern in einem Briefchen so feierlich an das alte Versprechen gemahnt, daß sie doch Wort halten wollte. Um sich das Frieren und die lange Zeit des Wartens zu vertreiben, hatte sie die Schürze voll Bohnen gepflückt, und saß nun in der Laube, um jene auszuhülsen, während sie hinuntersah nach der Freundin. Das Dörtchen war immer noch ein wenig klein, und keine Schönheit geworden. Aber ihre blauen Augen glänzten hell und freundlich wie damals vor zehn Jahren, nur daß noch eine tiefere Seele darin aufgegangen. Sie war allenthalben rüstig und rührig, der Mutter geheime Räthin und ihre kräftige Stütze in Haus und Hof, in Garten und Feld, des Vaters Freude und sein Herzblatt. Dabei war ihr Herz offen für alles Schöne in der Welt, und sie konnte sich die ganze Woche durch heimlich freuen auf den Sonntag, wo sie Nachmittags nach dem Gottesdienst mit einem guten Buch in die Laube sitzen durfte. Denn obwohl eine längst erwachsene Jungfrau, war sie doch in demüthigem Gehorsam der Mutter untergeben, und die konnte das Lesen an Werktagen nicht gut leiden. Fröhlichen Herzens war sie geblieben, und das Dörtchen von Rebenbach war überall willkommen, wo es hinkam. Dörtchen hatte damals Recht gehabt, die Mädchen waren auch heute nicht weit von einander; Elise wohnte noch mit ihrer Mutter in der Residenz, und so war es leicht, die heutige Zusammenkunft auszuführen. Doch freute sich Dortchen heute besonders auf sie, denn sie hatte sie seit einigen Wochen nicht gesehen, und ihr dießmal sogar etwas Besonderes zu sagen. Die alte Kinderfreundschaft bestand noch, obwohl sich die große Verschiedenheit der Mädchen im Laufe der Jahre immer deutlicher herausstellte. Elise war wirklich schön geworden, und manche ihrer Gaben hatten sich glücklich entwickelt. Sie war die beste Tänzerin, sie zeichnete, malte, schnitt aus, sie machte Gedichte, spielte Klavier, sang und deklamirte. Kurz, sie war ein höchst talentvolles Mädchen, der ihre gute Mutter die Strümpfe flickte und die Kleider aufräumte; sie that eine Menge Sachen, nur ja nicht, was nöthig war, vor Allem bemüht, immer ganz anders zu sein und zu scheinen, als alle andere Leute. Endlich sah Dörtchen sie mühsam und langsam wie damals und eben so auffallend gekleidet den Weinberg heraufsteigen. Das himmelblaue Levantinkleid war zwar längst dahin, dafür aber trug sie an dem kühlen Herbsttag ein weißes Kleid mit blauer Schärpe und statt des Hutes einen Schleier auf dem Kopf. Dörtchen gab dießmal nicht darauf Acht und eilte so leichtfüßig wie vor zehn Jahren auf sie zu. Elise aber trat ihr besonders feierlich entgegen und rief aus: »Dortchen, umarme mich, ich bin Braut!« Das Dörtchen stellte sich gutwillig auf die Zehen, um die hochgewachsene Elise zu umarmen; als dies geschehen war, streckte sie ihr treuherzig die Hand hin: »Lieschen, gib mir einen Patsch, ich bin auch Braut.« – »Du, Dörtchen, ist's möglich,« rief Elise sehr verwundert, »so sag' doch, mit wem?« »Ei, mit dem Verwalter Schmied, den Du den Sommer so oft bei uns getroffen,« sagte Dörtchen erröthend und vergnügt. »Wie, Dörtchen, ach nein, doch nicht der, der mit Deinem Vater Brett spielte und Deiner Mutter Saatkartoffeln besorgte? geh, geh, das wäre ja entsetzlich langweilig für mein munteres, nettes Dörtchen, und vollends Schmid heißen, wie das halbe Vaterland; und er ist, glaub' ich, gar ein gelernter Schreiber!« »Hör', Elise,« sagte Dörtchen, ernstlich böse, »das ist dumm gesprochen, so gescheidt du sonst bist. Der Schmied ist ein braver und recht gescheidter Mann, der noch mehr versteht, als Brett spielen und Kartoffeln stecken. Er hat mich von Herzen lieb und ich ihn, die Eltern haben ihre Freude daran: so denk' ich, wir können mit Gottes Hülfe glücklich zusammen werden und wenn er zehnmal Schmied hieße. Nun aber sag' mir, was Du für einen Vogel Phönix ausgelesen hast und wie der heißt?« Würdevoll begann Elise: »In drei Tagen kommt der berühmte Bürger, einer unserer ersten Dichter, um mich als Gattin heimzuführen.« »Dich! der Bürger, ach geh, das ist unmöglich! wo hättest Du ihn denn kennen lernen?« »Ja sieh, das ging recht wunderbar. Natürlich bin ich schon seit lange entzückt von seinen Gedichten, wie ja sogar Du, mein nüchternes Dörtchen, von einigen. Da ich nun wußte, daß er seine geliebte Frau verloren, sprach ich meine Gefühle für ihn in einem Gedichte aus. Das fand seinen Weg in öffentliche Blätter, Bürger erwiederte es, – schrieb mir, – und nun bin ich seine Braut! – Aber, – Du siehst ja so bedenklich aus?« »Ja, siehst Du, Elise, ich meinte indeß, ein Mann möge nun ein Dichter sein oder ein anderer Mensch, so haben wir Mädchen in aller Stille zu warten bis er kommt und nach uns fragt. Da scheint mir's nun eine verkehrte Welt . . .« »Wir verstehen uns nicht mehr,« sagte Elise beleidigt, »laß uns in's Pfarrhaus zurückgehen, ich möchte von Deinen Eltern noch Abschied nehmen.« »Nein, sei nicht böse,« bat Dörtchen, gutmüthig ihr die Hand bietend, »Gott weiß, wie von Herzen mich's freut, wenn Du glücklich wirst! es war mir nur so ungewöhnt, ich dachte bis jetzt gar nicht, daß ein Dichter auch zum Heirathen in der Welt sei. Aber sag', kennst Du denn gar nichts von ihm, als seine Gedichte? ist er ein frommer, ein guter Mann? taugt er für Dein lebhaftes Wesen? er muß so viel älter sein.« »Ein Dichter bleibt ewig jung!« rief die begeisterte Elise. »Sieh, Dörtchen, ich habe Dir immer gesagt, ich bin kein gewöhnliches Mädchen, auch mein Schicksal muß ein ungewöhnliches sein.« »Gott gebe, daß es ein glückliches werde!« sagte Dörtchen leise und innig bewegt. Die Mädchen schickten sich zum Gehen an. Noch einmal sahen sie beide recht tief und wehmüthig auf die schöne Herbstlandschaft, die noch ein spät gekommener Sonnenstrahl vergoldete, zum Letztenmal Beide zusammen, ehe ihre Lebensbahnen weit, weit auseinander liefen. »Wann werden wir uns wiedersehen?« fragte Elise im Hinabsteigen. »Das weiß Gott,« erwiderte Dörtchen, »wohl schwerlich in zehn Jahren, wenn ihr nicht reiselustiger seid, als mein Schmid.« »Und ob es noch so lang anstehe,« rief Elise, »einmal im Leben wollen wir uns doch wieder zusammenfinden am 10. Oktober!« »Ja, ja,« sagte Dörtchen, »und kommt Ihr zu lange nicht, so muß Schmied mich noch zu Euch nach G. führen, wenn anders so alltägliche Menschenkinder, die Schmied heißen und zum Schreiberstande gehören, in ein so geistreiches Haus kommen dürfen.« Bald war die Heimath erreicht, und mit dem feierlichen Versprechen, sich einmal am 10. Oktober wieder zu sehen, ob früh oder spät, trennten sich die Freundinnen.   3. Zwei Frauen. Der 10. Oktober war gar oft schon in's Land gekommen seit jenem Abschied der zwei Bräute. In dem gesegneten Herbst des Jahres 1811 traf er Dörtchen in dem Städtchen M . . ., das so freundlich am Neckar liegt; ihr Mann bekleidete dort eine angesehene Beamtenstelle. Das Dörtchen war nun eine ehrbare Matrone, und doch noch das alte lebendige Dörtchen von Rebenbach mit den hellen, blauen Augen, und die blühenden Töchter und der hochaufgeschossene Sohn, deren glückliche Mutter sie war, hätten leicht für ihre jüngern Geschwister gelten können. Dörtchen saß eben mit ihrer ganzen Familie in der behaglichen großen Wohnstube des alten Schlosses, das ihnen als Amtswohnung eingeräumt war. Die Weinlese war dießmal ungewöhnlich früh gewesen und vom großen Vorplatz des Hauses schallte ein verworrenes, doch fröhliches Getümmel herauf. Dort waren die großen Weinbütten aufgestellt, in die der süße Most vor dem Einkeltern geschüttet wird. Dieser Platz war immer, besonders aber zur Herbstzeit, der liebste Tummelplatz der Kinder; »die Bütten kommen 'raus!« ist ein Losungswort zu unendlichem Jubel, da wird Verstecken, Visiten, Haschen gespielt, alles in und um die Bütten. Nun, wo sie mit Most gefüllt waren, ging das nicht mehr an, dafür schlichen aber genug schelmische Bursche herum, mit ausgehöhlten Holderstäben bewaffnet, mittelst deren sie das süße Getränk aus den Bütten schlürften. Dazwischen tönte das Geläut der Schellenmänner (Taglöhner, die den Wein, der im Ort eingekeltert wird, in die Keller tragen und bunte Bänder auf der Lederkappe und Schellenriemen an der Seite haben, um von weitem bemerkt zu werden und nicht ausweichen zu dürfen). Es war eben das Plauderstündchen nach Tisch, das auch in Dörtchens geschäftiger Familie für ein trauliches Beisammensitzen nach dem Essen freigegeben war, denn der Papa liebte das »Tischeln« ungemein. Er las gerade die Zeitung, Luise, die älteste Tochter, studirte die Verkaufsanzeigen in den Beilagen; die rothwangige Leonore, die zweite Tochter, hielt Amalie, das Nesthäkchen, auf dem Schooß, um sie besser in den Hof sehen zu lassen; August, der einzige Sohn des Hauses, der als Student in den Ferien daheim war, hatte soeben der Mutter mit einiger Beschämtheit eines seiner Erstlingsgedichte hingeschoben und beobachtete nun über ein Zeitungsblatt weg die Miene, mit der sie es lesen würde, denn der Mutter klares Urtheil, aus dem doch so ein warmes Verständniß ihres jungen Dichters sprach, galt ihm über Alles. »Ei, Papa,« rief Luise, »da ist ein neues Buch angezeigt, das muß schön sein, das könnten Sie uns wohl kaufen: ›Elisa, oder das Weib wie es sein soll‹.« »O, nicht wahr, Papa!« rief Leonore dazwischen, »denken Sie nur, wie wir dann so erstaunlich vorzüglich werden!« »Will euch was sagen, Mädchen,« sprach der Vater gutgelaunt, »wenn ihr drei miteinander nur halb so brav und so gescheidt werdet, wie eure Mutter, so will ich zufrieden sein und euer Mann kann's auch, ohne die Elisa.« Dörtchen, der ein Lob aus ihres Mannes Munde ungewöhnt klang, da er sonst kein Freund von viel Worten war, sah mit hellen Augen zu ihm herüber und gab ihm freundlich die Hand. Indem fiel ihr Blick auf die Zeitung, »so, heut ist der zehnte,« sagte sie langsam, und Elise und die Herbsttage von Rebenbach standen mit Einemmale lebendig vor ihrer Seele. Sie hatte Elisen nicht vergessen, aber seit lange nichts mehr von ihr gehört, auch mochte sie Niemand nach ihr fragen, weil ihr's weh that, nur harte Urtheile über sie zu vernehmen. Das hatte sie wohl erfahren, daß Elisens Ehe kurz und höchst unglücklich gewesen, daß ihr Leichtsinn, ihre Vergnügungssucht, ihr schlechtes Haushalten ihren Mann nach drei Jahren schon zur Scheidung genöthigt hatte. Indessen aber, da auch Elisens Mutter todt war, wußte sie gar nichts mehr über ihr Leben und Treiben; heute nun mußte sie ihrer so lebhaft denken, als ob sie erst gestern Abschied von ihr genommen hätte. Da kam die Magd eiligst hereingesprungen: »Ach, Frau Kameralverwalterin, eine ganz vornehme Frau ist in einem Einspänner angefahren, gewiß eine Gräfin, sie kommt schon die Stiege herauf!« – »Wird nicht so arg sein mit der Vornehmheit,« meinte Dörtchen, »Leonore, räume schnell vollends den Tisch ab, und du, Luise, bleib da, bis man sieht, ob sie gegessen hat; wenn ich mit den Augen winke, so koche gleich eine Griessuppe und Pfannkuchen.« Noch ehe diese Anweisungen ganz zu Ende waren, schritt eine große, abgemagerte Gestalt in rothem Sammtkleid und einem vergilbten, ehemals weißen Seidenhut mit ausgebreiteten Armen auf Dörtchen zu, mit dem Ausrufe: »Dörtchen! so sehen wir uns wieder!« – An diesem Empfang hätte Dörtchen nun freilich Elise erkannt, auch wenn das verfallene, welke Gesicht keine Spur der Jugendzüge mehr gezeigt hätte. Sie stellte nun Frau Elise B., ihre Jugendfreundin, ihrer höchst neugierigen Familie vor und bat sie mit der alten Herzlichkeit, sich's bequem zu machen. Während Luise auf den besprochenen Wink eilte, für die Bewirthung zu sorgen, und August, der noch im Schlafrock war, sich durch eine Hinterthür entfernt hatte, hörte sie an, was die arme Freundin für gut fand, ihr selbst von ihrer Geschichte zu erzählen. Mit Schreck und tiefem Mitleid erfuhr sie am Ende ihrer traurigen Erlebnisse, daß Elise nun heimathlos als Schauspielerin und Deklamatorin im Lande herumziehe und daß sie beabsichtige, auch hier im Orte ein Deklamatorium zu geben. Nun hatte zwar das Dörtchen neben ihrem gesetzten Hausfrauensinn noch ein warmes und offenes Herz für alles wirklich Schöne, was Kunst oder Natur bot; aber – ein Deklamatorium in einer Wirthsstube zu geben, das kam ihr doch als eine tiefe Herabwürdigung vor für eine Frau ihres Alters, für ihre ehemalige Herzensfreundin. Nur ihre Gutmüthigkeit hielt sie ab, ihr den Plan auszureden, und es kostete sie große Ueberwindung, zu versprechen, daß sie mit ihrer Familie Theil nehmen wolle, was doch Elise natürlich erwartete. Während Elise lang und breit ihren traurigen Lebenslauf entwickelte, an dem natürlich – laut ihrer Darstellung – nur ihr ungewöhnlich schweres Schicksal die Schuld trug, sah sie mit heimlicher Wehmuth sich um in der traulichen, freundlichen Heimath, die ihr Dörtchen sich gegründet hatte, deren ganzer Reichthum sich freilich erst allmähliger Beobachtung enthüllte. Dieser solide bürgerliche Wohlstand, der sich auch in den kleinsten Dingen kundgab, diese anspruchslose, genügsame Einfachheit und vernünftige Sparsamkeit im Innern und diese herzliche, zwanglose Freigebigkeit nach außen, die Liebe und Achtung des Gatten, die sich ohne Worte doch so deutlich aussprach, der frischblühende Kreis der Kinder, die, alle glücklich begabt an Geist und Körper, mit der ehrfurchtsvollsten Liebe auf die Mutter sahen; – hier war Alles an seiner rechten Stelle, nichts Gezwungenes noch Geziertes, keine starre, ängstliche Ordnung, sondern eine fröhlich belebte. Wie mochte es Elisen sein, wenn sie in ihr verödetes Herz, auf ihr zweckloses Dasein blickte? Die deklamatorische Abendunterhaltung fand Statt. Elise trat im rothen Sammtkleid und silbergestickten Federbarett auf. Bei all den feierlichen, wie bei den scherzhaften Gedichten, die sie vortrug, hätte Dörtchen nur bitterlich um sie weinen mögen. Die arme Elise dauerte sie viel zu sehr, als daß sie sich noch an ihr geschämt hätte, doch war sie froh, als sie wieder daheim mit ihr war. Sie leuchtete Elisen in ihr Zimmer und blieb dort noch eine Weile bei ihr, da das arme Geschöpf lange nicht zur Ruhe kommen konnte. Sie standen beisammen am Fenster und sahen schweigend in die sternhelle Nacht; drüben auf der Höhe ließen Knaben noch vom Herbst übrig gebliebenes Feuerwerk los; man sah eine Rakete aufsteigen und erlöschen. Mit schmerzlichem Zucken wandte Elise sich ab und sprach leise: »Du hast das beste Theil erwählt!« Dörtchen bat Elise am andern Tag recht herzlich, auf längere Zeit bei ihr zu verweilen, sie hätte ihr so gern etwas Gutes gethan, wenn sie gleich heimlich fürchtete, ihr Mann werde wenig Freude haben an dem poetischen Gaste, dessen gekünsteltes, gesteigertes Wesen ihm so gar zuwider war. Aber Elisen selbst schien es fortzutreiben von diesem gastlichen Dach, aus dieser Heimath der Liebe und des Friedens, voll kräftigen, gesunden Lebens. Sie reiste ab nach einigen Tagen, nachdem Dörtchen in aller Stille den Komödienstaat in ihrem leichten Koffer mit einem Vorrath guten Weißzeugs vermehrt hatte. Und so schieden die Freundinnen auf Nimmerwiedersehen. Auf dem Kirchhof des Landstädtchens M. ist Dörtchens Grab. Auf ihrem Leichenstein, und dießmal spricht ein Grabstein Wahrheit, steht, daß sie starb als das Kleinod ihres Gatten, als der Schutzengel ihrer Kinder, als der Trost der Armen, als das rechte Bild eines guten Weibes mit frommem, demüthigem Herzen und rastlos thätiger Hand. Sie lebt noch im Andenken der Ihrigen, ein theures Vorbild für die nachwachsenden Geschlechter. Wo Elisens unbeweintes Grab ist, weiß ich nicht. Aber wo man noch ihrer gedenkt, nennt man sie den bösen Engel ihres Gatten, dessen letzte Lebenstage sie vergiftet habe. Und doch war ihr Herz nicht schlimm, war ihr Wille einst gut gewesen. Aber die fromme Demuth hatte ihr gefehlt, die Treue im Kleinen, der ergebene Sinn, der nichts will, als recht und mit Freudigkeit die Bahn gehen, die der Herr ihm vorgezeichnet hat. VII. Ein Stadtschreiber. Auch das war eine gloriose Zeit, als der Herr Döte (Pathe) Stadtschreiber noch regierte. Seit die Stadtschreibereien eingegangen sind, ist kein respektables Haus mehr im Städtchen zu finden. Jetzt gibt es Gerichtsnotare und Amtsnotare, Stadtschultheißen und Rathsschreiber, Verwaltungsaktuare, und Pfandcommissäre, die allesammt Mühe haben, sich nebst Familie des Hungersterbens zu erwehren. Alle diese Aemter waren dereinst vereinigt unter dem Dache der Stadtschreiberei, alle diese Würden ruhten auf dem Haupte des Herrn Stadtschreibers, und die zahlreichen Schreiber, die sich in die Aemter theilen, waren nur Glieder im Dienste dieses ehrwürdigen Hauptes. Die Stadtschreiberei war kein modernes Haus, es versprach nicht viel von außen, aber von innen waren die Räume bequem und stattlich. Vorn heraus auf die Straße lag das Wohnzimmer, in dem gespeist wurde und wo sich die Familie des Tages über aufhielt, um am Fenster bequem beobachten zu können, was alles im Städtchen aus und einging. Die Schreibstube hatte nur die Aussicht auf benachbarte Winkel und Höfe, damit das Dienstpersonal nicht im Geschäft gestört würde. Auf ein eigenes Arbeitszimmer wagte keiner der Substituten und Schreiber Anspruch zu machen; sogar der Herr Prinzipal hatte in der allgemeinen Schreibstube nur einen besondern umzäunten Platz, wo ein bequem gepolsteter Lehnstuhl stand, den er geruhte, des Tags eine bis zwei Stunden lang zu besetzen. Das Wohnzimmer war bequem, aber durchaus nicht elegant möblirt; ein gepolstertes Sopha mit geschnörkelten Füßen, hochlehnige, weich gepolsterte Sessel, nach denen sich manchmal sehnsüchtig die Blicke der jüngern Schreiber und des Incipienten richteten, die mit hölzernen Stühlen vorlieb nehmen mußten, eine »Drissur,« auf deren Gipfel blaue Meißner Tassen und rührende Gipsfiguren prangten, eine hohe Kommode mit weitgeschweiftem, inhaltsschwerem Bauche, ein Nähstock, um den die Frau Stadtschreiberin und ihre Töchter in emsigem Fleiße saßen, das bildete die ganze Zimmereinrichtung. Daneben aber war noch ein Staatszimmer, das bei außerordentlichen Gelegenheiten geheizt wurde, und Gastzimmer von der verschiedenartigsten Größe und Einrichtung, je nach dem Rang der etwaigen Gäste. Eine Stadtschreiberei war ein gastfreies Haus, das ganze Jahr offen für Verwandte und Freunde, zu welch erstern nach gut schwäbischem Brauche das halbe Vaterland gehörte. Die unheizbaren Zellen des Schreibereipersonals lagen im obern Stock und unter dem Dach. Es ging die Sage, des Herrn Amtssubstituten Zimmer könne geheizt werden, seit Menschengedenken hatte aber keiner von einem solchen Vorrechte Gebrauch gemacht. Ein Stadtschreiber hatte ein wahrhaft fürstliches Einkommen, was sich denken läßt, da in seine Kasse all die Einkünfte der zahlreichen Aemter und Aemtlein floßen, die jetzt in so viele Kanäle und Bächlein vertheilt sind, und da zudem noch das »Schmieren« und Geschenknehmen in jeder Art bei Beamten eine ganz hergebrachte Sache war, die mit einer gewissen Würde betrieben wurde und dem amtlichen Ansehen durchaus keinen Eintrag that. Das fürstliche Einkommen theilte denn auch dem Herrn Stadtschreiber eine Art fürstlichen Bewußtseins mit, und kaum wird ein regierendes Haupt in unsern Tagen in seinem Staatsrath mit der Ehrfurcht empfangen, mit der die lautlose Schaar der Schreiber sich erhob, wenn der Herr Prinzipal geruhte, Morgens gegen zehn Uhr seinen Polsterstuhl in der Schreibstube einzunehmen; die meiste Zeit regierte er übrigens unsichtbar wie der Kaiser von China. Womit der Herr Stadtschreiber seine übrige Zeit ausfüllte, da er mit wissenschaftlichen Forschungen sich nicht anzustrengen pflegte und den Genuß der schönen Literatur seinen Töchtern überließ, dürfte fast räthselhaft erscheinen; wenn man aber erwägt, wie viel Zeit die Verwaltung seiner Privateinkünfte und der Einzug der Geschenke in Anspruch nahm, wovon er wenigstens die klingenden selbst in Empfang nahm, während die Frau sich mit Annahme der Zuckerhüte und Kaffeedüten, mit Gänsen, Hühnern und sonstigen Viktualien befaßte, so dürfte man sich nicht mehr wundern. Rechnet man dazu, daß er sich nicht vor acht Uhr aus dem Bett erhob, und mindestens eine Stunde brauchte, um seine Morgenpfeife zu rauchen, daß er nach Tisch eine hinreichende Siesta hielt und sodann wieder unter dem Fenster lag, um sein ehrwürdiges Haupt den Vorübergehenden zu zeigen, daß er mit gehöriger Ruhe der Verdauung oblag, die Tagesneuigkeiten anhörte und die Zeitung studirte, so ist das Räthsel vollends gelöst. Die rechte Uebersicht über sämmtliches untergebenes Personal konnte man bei Tisch bekommen, wo sich auf den Schall einer Glocke oder auf den Ruf der Hausjungfer alles zu Tische einfand und nach abgehaltenem Tischgebet und einer Skala von »gesegnete Mahlzeit« in der gehörigen Rangordnung Platz nahm. Zuoberst natürlich thronte der Herr Stadtschreiber, eine stattliche, wohlgenährte Gestalt, zu seiner Rechten die Frau Stadtschreiberin, eine äußerst höfliche, kleine Frau, dann die jeweiligen Gäste, von denen das Haus selten leer war, sodann die Töchter des Hauses. Darauf begann der Reigen der Schreiber mit dem ersten, dem Amtssubstituten, der noch zweier Teller, ja sogar einer Serviette mit perlengesticktem Band gewürdigt war. Es waltete starker Verdacht ob, daß letzteres ein Geschenk der Jungfer Karoline, der zweiten Tochter des Hauses sei, nach deren Besitz er strebte, und Erhörung hoffen durfte, wenn erst Mine, die älteste, ziemlich unschöne Tochter anderweitig versorgt war, denn die Frau Stadtschreiberin war entschieden der Meinung, »man dürfte den Haber nicht vor dem Dinkel schneiden.« Folgte sodann der Substitut, der auch noch zwei Teller, aber keine Serviette mehr hatte, nach diesem die übrigen Schreiber, die in Ermanglung eines Extratitels mit ihren Namen angeredet wurden, und zuunterst auf einem ordinari Küchenstuhl der Incipient, der allezeit zu etwaigen Handreichungen bereit sein mußte. Mehr noch als an Platz und Stühlen war der absteigende Rang an den Weinflaschen zu erkennen, mit denen jedes Couvert versehen war. Zuoberst vor des Herrn Platze stand bloß das geschliffene Glas, die Flaschen mit auserlesenen Weinen, mit denen er sich und die Gäste bediente, standen etwas im Hintergrund, damit nicht so leicht bemerkt werden könnte, was und wie viel dem Herrn Prinzipal zu sich zu nehmen beliebte. – Der Herr Amtssubstitut, so wie der Substitut waren noch je mit einer Flasche rothen Tischweins versehen, sodann kam eine Stufenleiter immer kleinerer Bouteillen von immer zweifelhafterer schillernder Farbe und säuerlicherem Geruch, bis sich die Reihe beim Incipienten mit einem halben Schöppchen Apfelmost schloß. Während des Essens wagte selten einer des untern Personals den Mund zu öffnen, außer zu einer Antwort; nur die beiden Substituten führten mit Herr und Frau vom Hause ein Gespräch über Stadtneuigkeiten, wagten auch hie und da einen Scherz mit den Jungfer Töchtern (von Fräulein wußte man noch nichts) und mit den Gästen, die sehr häufig aus jungen Damen bestanden. Nachdem Suppe, Fleisch und Gemüse abgetragen waren, erhob sich der Amtssubstitut mit gefülltem Glas: »Herr Stadtschreiber, ich habe die Ehre, auf Ihre Gesundheit zu trinken;« mit gnädiger Verbeugung antwortete das gebietende Haupt: »Ich danke Ihnen, Herr Amtssubstitut, wünsche gleichfalls.« – Sodann erhob der Substitut den gleichen Spruch und erhielt die Antwort: »Ich danke, Herr Substitut.« Wie ein Echo klang sofort der Spruch aus einem Munde nach dem andern. Die Schreiber wurden mit einem: »danke, Herr Beutemüller, Herr Maier u. s. w.« abgefertigt; der Incipient mit seinem Mostglas erhielt noch ein: »ist recht,« ohne weitere Zuthat. Sodann trat das Corps den Rückzug an, wenn nicht etwa noch der Amtssubstitut einer besondern Einladung dazubleiben gewürdigt wurde. Während die Schreiber in der Amtsstube sich mit allerlei Witzen und lautem Geplauder für das lange Schweigen entschädigten, wurden auf der Stadtschreiberstafel erst noch Extraleckerbissen aufgetragen, Krebse, Braten, süße Speisen und Nachtisch. Trotz der streng eingehaltenen Hausordnung und der Flaschen in absteigender Linie durfte aber gewiß Niemand im Hause Mangel leiden. In der Stadtschreiberei war Vollauf das ganze Jahr, die Frau Stadtschreiberin setzte ihres Herzens Stolz nicht wie eine Dame heutzutage in einen offenen Schreibtisch mit eleganten Albums, welche die Herzen der Besucher mit geheimem Schreck erfüllen, weil sie dieselben mit einem erzwungenen poetischen, oder theuer erkauften künstlerischen Beitrag bereichern müssen, auch nicht in eine Etagere mit zierlichen Kleinigkeiten, wohl aber in eine wohlgefüllte Speisekammer, deren Anblick jedwedes Herz erfreuen mußte. Da hingen Schinken, Speckseiten, Würste und geräuchertes Fleisch jeder Größe und Gestalt; umher standen Schmalzhäfen von kolossalen Dimensionen, Butterballen und Eier in ungezählter Menge, alles in geeigneten Gefäßen. Daher ist in den alten Häusern noch solche Rücksicht auf den Umfang der Küche und Speisekammer genommen, während in unsern Tagen eine Küche von drei Schritten Länge und ein Speisekasten genügen müssen für eine Wohnung, die Salons, Speise-, Musik- und Besuchzimmer in Menge zählt. An einzelnen Tagen wurden wohl auch die Schranken des Standesunterschieds etwas bei Seite geschoben. Auf Bällen zum Beispiel durfte jedweder der Schreiber auf einen Walzer, Ecossaise oder Menuet mit einer Tochter des Hauses Anspruch machen. Solche Attention wurde sogar erwartet, nur mußte auch in der gebührenden Ordnung engagirt werden, also daß eines der titellosen Subjekte niemals wagen durfte, vor dem Herrn Amtssubstituten sich zu melden. Eines der schönsten häuslichen Feste war aber die alljährliche Metzelsuppe, die Winters abgehalten wurde. Um den Genuß des Festes zu erhöhen, durfte fast das ganze Personal der Schreiber thätigen Antheil an der vorhergehenden Arbeit nehmen, mit Speckschneiden u. dgl., welche Mühe aber durch die Anwesenheit und Mithülfe der Töchter und weiblichen Gäste versüßt wurde, mit denen bei dieser Gelegenheit auch den Subjekten, dem Herrn Beutemüller u. s. w. ein Spaß erlaubt war. Der Incipient durfte sich noch mehr beim Geschäft betheiligen, indem er das Schüsselchen zum Blut unterhielt und dem Mezger durchgängig hülfreiche Hand leistete. Dafür aber wurde schon den Tag über Kesselfleisch in reichlichen Portionen vertheilt und Abends die Metzelsuppe mit größter Heiterkeit verspeist, bei welcher Gelegenheit auch die feierliche Würde des Herrn Principals in gemüthlichem Humor unterging. Ganz war freilich der Standesunterschied nicht aufgehoben: die Würste des untern Personals zeigten mehr und mehr eine Armuth an Speck, die bloß durch reichliches Gewürz ergänzt war, die Flaschen dagegen, mit Ausnahme der des gebietenden Herrn, waren diesmal von gleichem Inhalt und nicht gemessen oder gezählt, so daß sämmtliche Gesellschaft höchst befriedigt das Mal verließ. Nicht minder festlich wurde der Herbst (die Weinlese) in dem Weinberg des Herrn Stadtschreibers abgehalten, der mit einem äußerst geschmackvollen Gartenhaus geziert war. Außer dem Hauspersonal und den zahlreichen Gästen nahm sämmtliche Honoratiorenschaft des Städtchens an der Festivität Antheil. Die Schreiber versahen sich je nach Maßgabe ihrer baaren Mittel mit Pulver und Feuerwerk, die Herrn Substituten brachten sogar Raketen und Feuerräder auf den Platz, welch letztere jedoch jedesmal verunglückten, trotz dem, daß der Stadtknecht (der Amtsdiener des Stadtschreibers), und der Incipient mit Stöcken dazu gestellt wurden, um die widerspenstigen zu treiben. – Nach einer äußerst reichlichen Bewirthung, bei welcher die Trauben, die köstlichen Gaben des Herbstes, nur Nebensache waren, kam der Abend, an dem sich die zunehmende Heiterkeit durch Schießen und Feuerwerk Luft machte, bis ein glorreicher Rückzug mit Fackeln erfolgte. Oft durfte der Jubel sogar noch mit einem Tanz im großen Zimmer der Stadtschreiberei beschlossen werden, wo ein etwas heiseres Clavier stand, auf dem Jungfer Mine mit großem Applaus eine Ecossaise und zweierlei Walzer spielte, bis sie selbst vom galanten Substituten engagirt wurde, welcher nach der Maultrommel des Herrn Maier, wozu Herr Nüßeler den Takt trat, einen Hopswalzer mühselig mit ihr vollendete. Noch glorreicher entfaltete sich das Personal der Stadtschreiberei während der Schlittenfahrten, die dort vom ersten befahrbaren Schnee an arrangirt wurden. Der Herr Stadtschreiber mit seiner Frau Liebsten fuhr mit stattlichem Gespann in einem grün und roth bemalten Schlitten voraus. Sämmtliche Schreiber theilten sich in die Ehre, die Töchter, Nichten und Bäschen der Familie führen zu dürfen, welche sich freilich meist auf »Reibern« behelfen mußten; nur der Amtssubstitut führte Jungfer Karoline im Triumph in dem glücklich erbeuteten Schlitten des Müllers, der die Gestalt einer Tulipane hatte und vorne mit einer Meerfrau geschmückt war. Der klingelnde Zug, in dessen Nachtrab aus Mangel eines Rollgeschirrs auch Kuhglocken ertönten, fuhr sodann auf einen benachbarten Hof, wo die Zeit mit Tanz und Spiel bis tief in die Nacht hinein verjubelt wurde und bei der fröhlichen Heimfahrt im Dunkel der Nacht manch schüchterner, bis dahin versiegelter Schreibermund sich öffnete und sogar wagte, die Einziehung des Schlittenrechts zu versuchen. Wie schön aber ist vollends die letzte und glänzendste Festlichkeit in der Stadtschreiberei ausgefallen, als der galante Substitut, der durch die Verwendung des Stadtschreibers eine Extraprobatorstelle erhalten, sich entschloß, um die Hand der gereiften Jungfer Mine zu werben, somit auch die stillen Wünsche des Amtssubstituten laut werden durften, der mit der Hand seiner Karoline die Aussicht auf Amtsnachfolge erhielt, und nun diese erfreuliche Doppelverlobung gefeiert wurde! Die nähere Beschreibung des Festmahls bei dieser Veranlassung ist in unsern Zeiten fast unmöglich geworden, wo für eine bürgerliche Küche das Kochbuch einer Frau Stadtschreiberin zu den Chimären gehört. – Gut aber war es, daß die Jungfer Töchter noch in den Glanzzeiten des Hauses versorgt wurden, denn die Hinterlassenschaft zeigte sich, wie schon häufig der Fall war, viel geringer, als die Welt vermuthet hatte, da selbst ein fürstliches Einkommen zu Bestreitung des enormen Aufwandes nicht immer hinreichen wollte. Nun ist all diese Herrlichkeit fast spurlos untergegangen, vergebens suchen wir in groß und kleinen Städten nach einem so gastlichen Hause, wie einst die Stadtschreiberei war, nach einem ähnlichen Verhältniß zwischen Principal und Untergebenen, das neben aller steifen Förmlichkeit doch wieder etwas Patriarchalisches hatte. Der nivellirende Geist der Zeit duldet keine so erhabenen Häupter mehr, und obschon das Institut der Stadtschreibereien noch keiner grauen Vergangenheit gehört, so klingt es doch schon wie uralte Tradition im Munde des Volkes: »er hat einen Hochmuth wie ein Stadtschreiber.« Die alten Häuser von K. Es ist eine schöne Sache um die freundlichen Vorstädte, die sich während der langen Friedensjahre um unsere alten Städte und Städtchen herum angesiedelt haben, friedliche Vorposten, die uns sagen, es sei gerade nicht mehr schlimm gemeint mit den finstern Resten von hohen Stadtmauern und festen Thürmen, die noch aus der alten Zeit herüber schauen. – Und doch geht mir erst das Herz auf, wenn ich in den Kern einer alten Stadt eindringe, wo die geschwärzten hohen Häuser mit Resten von abenteuerlichen Bildern und Inschriften, mit Thürmchen und Erkern recht mährchenhaft auf die neue Welt herunter schauen. So ein neues, hellangestrichenes Haus, mit Dutzenden nach Einem Modell gebaut, mit luftigen, freundlichen Räumen, mit schmalem Flur und gewundener Treppe, in dem jedes Eckchen Raum ausgezirkelt ist, daß ja keines müßig stehe, ein Haus, dessen eigener Besitzer sich in die kleinsten Ecken zusammenkauert, dessen regelmäßige Zimmer einen Miethbewohner nach dem andern gleichgültig sich ansiedeln und wieder ziehen sehen, – was kann es von einem früheren Bewohner anders sagen, als: »er lebte, nahm ein Weib und starb?« Tretet dagegen ein in den weiten, dunkeln Flur eines alten Hauses, wo da und dort noch geschwärzte Bilder hängen, von denen Niemand weiß, woher sie kommen und wie lange sie da sind, schreitet die breiten Stiegen hinauf in die getäfelten Gemächer, die durch seltsame Treppchen und Gänge getrennt und verbunden sind, und beseht euch die zahlreichen Kammern und die heimlichen Dachböden, in deren Winkel noch Trümmer aus uralten Zeiten verborgen stehen. Nun sagt, ob nicht jedes solche Haus euch eine eigene wundersame Geschichte erzählt, und ob es nicht den Stempel eines bestimmten Geschlechts an sich trägt? – Freilich, wenn dieses untergegangen ist, werden neue, gleichgültige Bewohner von den alten Räumen nur mit schelem Auge angesehen, so daß sich jene nie recht heimisch darin fühlen und allerlei Spuck verspüren: Pantoffeln, die Nachts durch die Zimmer schlürfen, nächtliches Thürklopfen, Kettenrasseln, wenn nicht gar unsichtbare Ohrfeigen, und was sonst noch zum Treiben der Gespenster gehört. – Bewohnen möcht' ich deßhalb ein solches Haus just nicht, aber einsam es durchstreifen oder darin spielen, wenn ich noch ein Kind wäre. Welch herrliche Tummelplätze zum Haschen, welch köstliche Eckchen zum Verstecken, welch trauliche Nestchen zum Puppenspiel und Erzählen! Was ist dagegen für Kinder ein modernes Logis , wo überall Parkette sind, auf die man nicht treten, Sopha's, auf die man nicht sitzen, aufgeräumte Plätze, wo man keine Unordnung machen soll! Aber Eine Gattung alter Häuser gibt es, denen es ganz wohl und behaglich zu sein scheint, daß ein neues lebendiges Menschengeschlecht in sie eingezogen ist: das sind die ehemaligen Klöster. Wie fröhlich sonnen sich die altersgrauen Mauern, von der thurmhohen Umschließung befreit, wie lustig wiederhallen die Wände des Refektoriums von den Tritten spielender Kinder, wie freundlich duften die Blumen im Klostergärtchen jungen, hellaugigen Mädchen entgegen. Sie möchten ihnen wohl sagen, daß ihre Ahnfräulein (wenn Blumen Ahnen zählen), dereinst nur von alten knöchernen Fingern gepflückt worden, oder von bleichen, jungen Händen, die nun und nimmer ein leuchtender Trauring schmücken durfte. Von all den Häusern in K. ist es nun das Kloster, in das ich den Leser zuerst einführen möchte. Ich weiß keine Klostergeschichte davon zu erzählen, weder à la Sigwart, noch à la Hartmann; ich möchte nur einige der Gestalten vorüberführen, die in neuern Tagen durch das alte Gebäude gegangen sind. I. Das Kloster. Das Kloster in K. hat aus seinen alten Tagen fast nur das Bequeme, Trauliche behalten: die weiten Räume, die bauschigen Gitterfenster, in die man sich ganz hineinlegen, und wie aus einem luftigen Käfig in die sonnenbeschienene Welt hinausschauen konnte. Beinahe alles Grausige, Gespensterhafte war längst durch das geschäftige Treiben jüngerer Geschlechter weggeräumt. Nur in einer ungebrauchten Bodenkammer hing noch das geschwärzte Bild einer Nonne, dessen Original natürlich die Volkssage eingemauert worden sein ließ, und unten, wo es hinter der Treppe so dunkel ist, befindet sich eine eiserne Thür zu einem unterirdischen Gange, der, ich weiß nicht wie weit, sich erstrecken soll. Mit schauerlicher Lust wagten die Kinder des Hauses sich hie und da etwa zehn Schritte in dem Dunkel vorwärts, aber manche Tagesstunde, ja halbe Nächte lang, unterhielten sie sich mit Planen, wie der Klosterschatz, der natürlich hier verscharrt sein mußte, zu heben, und vor allem, wie er zu verwenden sei. Goldene Luftschlösser erhoben sich, wenn sie in nächtlicher Stille flüsternd im Bett darüber plauderten. – Bis heute hat ihn aber noch keiner gehoben. Vor Zeiten waren wirklich Nachgrabungen angestellt worden, man war aber nur bis auf die Spur verschütteter Stufen gekommen. – Der Sohn des Hauses hatte in jüngern Tagen mit seinen Kameraden die Grabung erneuert, das einzige Resultat aber waren beschmutzte Wämser und zerrissene Hosen, weßhalb das Geschäft von Seiten der Eltern niedergelegt wurde. – Von Gespenstern hat man nie viel vernommen. Die obbemeldete eingemauerte Nonne, ein unentbehrliches Requisit eines alten Klosters, soll freilich zur Weihnachtszeit manchmal mit gerungenen Händen sich haben blicken lassen, gesehen hat sie aber Niemand und gefürchtet nur so weit es zu einem behaglichen Grausen gehörte. Am Eingang des Klosterhofs steht noch das kleine Thorhäuschen, vom Thorwart bewohnt, der da keine Amtsverrichtung. nur die Vergünstigung der freien Wohnung hatte. Es war ein eisgrauer, steinalter Invalid, der ganze sommerlange Tage im Sonnenschein vor seinem Häuschen sitzen konnte. Gesprächig war er gewöhnlich nicht, wenn aber einmal die Schleuse aufging, so wußte er viel zu erzählen von den Kriegsthaten seiner jungen Jahre – er hatte noch unter Friedrich dem Großen gedient – für den gestrigen Tag hatte er kein Gedächtniß mehr. Der Großvater verehrte ihm allmonatlich ein Paket Tabak, das ihm die Kinder überbringen durften. Herzlich leid that's ihnen, als der alte Stelzfuß begraben war und nur noch sein uralter, kindisch gewordener Pudel sich vor dem Häuschen sonnte. Das Kloster war seit lange zu einer Beamtenwohnung eingerichtet und der Großvater und die Großmutter wohnten darin. Ich will den Leser nicht lange plagen mit genealogischen Erläuterungen über meine verschiedenen Großeltern väterlicher und mütterlicher Seits. Ist er doch selbst wohl so glücklich, solche zu haben oder gehabt zu haben, und wenn bei dem Namen Großvater und Großmutter eine recht freundliche, trauliche Erinnerung in ihm aufwacht, eine Erinnerung aus der ersten frischen Kindheit an einen Lehnstuhl und eine liebe, ehrwürdige Gestalt darin, an fröhliche Ferien, an Geburts- und Weihnachtsgeschenke, so ist das vollkommen genug. Der Großvater war, was man einen Mann von altem Schrot und Korn nennt, ungeschliffen im guten Sinne des Worts. Mit den Redensarten hat er's nie genau genommen, aber er war wohlmeinend in der That und Wahrheit. Die Großmutter – dereinst das Dörtchen von Rebenbach – war eine Frau, wie' s nicht mehr viele gibt, klein, geschäftig, beweglich, mit hellen Augen und offenem Herzen für alles, was schön und gut ist in der Welt und über die Welt hinaus. Sie konnte ihren eigenen Sinn haben, und der Bereich ihres Hauswesens war ihr unbeschränktes Königreich, in dessen Regierung sie keine Eingriffe duldete. Aber blieb sie unangefochten, so war sie auch eine gnädige Herrin, und so klein sie war, sie verstand sich in Respekt zu setzen. Sie war nun freilich nicht in allen Stücken mit dem Zeitgeist fortgeschritten. Von der Dienstbotenemancipation wollte sie nicht viel wissen: »laßt die Leute an ihrem Platz, haltet sie so, wie sie sich in ihrem Heimwesen dereinst auch machen können, verwöhnt sie nicht unnöthig.« Auch ihr literarischer Geschmack war nicht auf der Höhe der Zeit, und das Lied: »Guter Mond, du gehst so stille \&c.,« hat ihr ihr Lebtage besser gefallen, als das damals eben neu auftauchende Lied Göthe's: »das Wasser rauscht, das Wasser schwoll,« dessen mystische Schönheit ihr niemalen einleuchten wollte. Aber trotz alledem war sie das belebende Element ihres Hauses und zum Segen geschaffen für jede Zeit, in der sie gelebt und gewirkt hätte. Der Großvater war ein rastlos betriebsamer Geist, der sich immer mit einer neuen Erfindung trug, und das weitläufige Klostergebäude war eben recht für die zahlreichen Versuche, die er anstellte, ohne jemals Chemie, Physik oder Technologie studirt zu haben. Bald erfand er neue Weinschöne, bald entdeckte er Torflager, dann machte er Bauplane, konstruirte Maschinen oder ließ Stahl fabriciren; sogar mit der Alchymie hat er's versucht und Molche nebst Messingstücken in Schachteln gesperrt, weil er gehört hatte, daß sie dieses Metall verzehren und darauf als Gold von sich geben. Letzterer Versuch scheint keine glänzenden Resultate geliefert zu haben! er wollte später nicht mehr daran erinnert sein. – Auch als Schriftsteller versuchte er sich und schrieb zu seinem Privatvergnügen zahllose politische und volkswirthschaftliche Aufsätze. Sein Styl war zu wenig gehobelt, als daß sie zur Veröffentlichung getaugt hätten, und so vermoderten sie in seinem Schreibtische. Gut, daß sie nun dahin sind. Obgleich er unter dem gar alten Regime und unter der Napoleonischen Herrschaft ein mächtiger Oppositionsmann war, hatte er doch vom Freiheitsschwindel, wie er sich seit den dreißiger Jahren regte, so wenig eine Ahnung, daß der gute Großvater in unsern Tagen für ein Monstrum von Gesinnungsuntüchtigkeit, für den Kaiser aller Heuler erklärt würde. Weil er sich auf allen Feldern versucht hatte, war ihm auch nichts neu auf der Welt. Nil admirari , das war, wenn auch unausgesprochen, sein steter Wahlspruch. »Hab's schon lang gewußt – gerade so war's in den siebenziger Jahrgängen – wird eben so wie selbiges mal« – das waren seine Bemerkungen über alles, gleich dem alten Rabbiner in Gutzkows Acosta. – Sein Herz aber saß auf dem rechten Fleck bei all seinen rauhen Außenseiten. Bei Kranken war er hülfreich wie eine barmherzige Schwester, bei Kindern zärtlich und nachsichtig wie eine Mutter. Obgleich er auch in Ansehung des Geldes etwas konservativer Natur war, so war doch für die Enkel seine Hand stets offen; eigenhändig spickte er um Weihnachten und Ostern die rothen Aepfel mit neuen Sechsern, die Gratulationsgedichte zu Geburtstag und Neujahr wurden anständiger honorirt als die manches Hofpoeten, und seine schlichte Gestalt mit dem schwarzen Käppchen auf dem kahlen Scheitel bleibt für uns der Mittelpunkt einer freudenreichen und sonnigen Kinderzeit. Der Charakter seiner Bewohner brachte es mit sich, daß das Kloster, wie in der baulichen Einrichtung, so auch in der Bestimmung von den alten Tagen nur das beste und freundlichste Theil übrigbehalten hatte: das, eine Herberge der Verlaufenen, eine Zuflucht der Heimathlosen zu sein. Nicht daß es just eine verwahrloste Kinderanstalt geworden wäre, oder ein Blindenasyl, oder ein Gutleuthaus; nein, es trug einen heiteren Charakter. Es gibt Verlassene, für die Niemand sammelt und Feste hält und Häuser baut, und solche nahm das Kloster auf. Da kam das einemal die arme Frau Base Klenker sammt ihrem Hündchen und ihrer Schnupftabaksdose und siedelte sich beim Herrn Vetter an, um ein paar Monate Licht und Feuerung zu ersparen; dann kam in tiefer Nacht eine ehemalige Nachbarin, eine unglückliche Kaufmannsfrau sammt Kind und Habe, die ihrem rauhen Mann entlaufen war. Ein andermal war's die Jungfer Hannebiene (ihr Verwandtschaftsgrad konnte niemals ausgemittelt werden), die eben kein Unterkommen als Hausjungfer hatte und die nun mittlerweile ihre Kochkünste im Kloster producirte. Jetzt mußte Raum geschafft werden für die arme Pfarrwittwe, deren Habe verbrannt war, bis sie wieder ein Obdach hatte; dann zog ein armer Forstwart ab, bei dessen elf Kindern die Großmutter Pathin war; da mußten zur Erleichterung der Eltern sechs bis sieben Päthchen beherbergt werden, und so ging's fort. Dabei werde nicht gedacht der unzähligen kürzern Besuche von bestimmungslosen Vettern, ehemaligen Schreibern, ausgedienten Mägden u. dgl. Auch ergötzlichere Gäste suchten das Kloster heim. So der Onkel von P., der die Rolle des gutmüthigen Polterers übernommen hatte, fluchte wie ein Heide, daneben aber ein erzguter Mann war und alle Taschen voll Geschenke für die Kinder mitbrachte. Wenn man ihn und den Großvater zusammen sprechen hörte, so meinte man, die zwei Brüder haben grimmige Händel, waren aber die besten Freunde von der Welt. Den Kindern fast noch willkommener war's, wenn der dünne Herr Pater von N. in der schwarzen Kutte auf seinem zahmen Rößlein einhergeritten kam, gefolgt von der dicken freundlichen Marieliese, seiner Köchin, um sich seine Renten vom Großvater ausbezahlen zu lassen. Der Herr Pater hatte stets rührende Klosterbilder für die Kleinen, worauf eine heilige Theresia war mit Augen wie Pflugräder, die zum Himmel starrten, oder ein heil. Sebastian, mit klafterlangen Pfeilen gespickt. Der Herr Pater hatte keinerlei Verrichtungen in dem ganz protestantischen Dorfe N.; er lebte als der letzte Pensionär in einem alten Stifte dort und ließ sich's unter der Pflege seiner Marieliese recht wohl sein, war auch höchst tolerant und allenthalben gern gesehen. Alljährlich hielt er ein großes Fest, wenn der Karpfensee abgelassen wurde; das war der Marielise Ehrentag; sie lief ganz strahlend und glitzernd umher wie der fetteste geschmorte Karpfen. – Der Herr Pater pflegte sie vielfach mit einem Geschichtchen aus der Anfangszeit ihrer Küchenlaufbahn zu necken. Sie machte in der Küche eines Prälaten zu R. ihre ersten Studien und hatte bei einer großen Festlichkeit ein Spanferkel zu bereiten. Die Oberköchin sagte ihr: »Marieliese, wenn Du das Spanferkel aufträgst, so thu' auch Lorbeerblätter hinter die Ohren und eine Citrone in's Maul.« Welche Heiterkeit verbreitete sich im Saal, als die gute Marieliese mit dem Spanferkel eintrat, Lorbeerbüschel hinter ihren Ohren und eine Citrone im weitaufgesperrten Mund! Einige der jeweiligen Insaßen des Klosters verdienen näher in's Auge gefaßt zu werden. Der erste derselben ist: Der Emigré Als der Großvater noch vor seiner Bedienstung in K. als Beamter im kleinen Grenzstädtchen U. wohnte, war daselbst bei Nacht und Nebel ein ehrbar aussehender Franzose angekommen, begleitet von einer Mademoiselle, deren eigentliche Stellung zweifelhaft war. Mit Hülfe der Mademoiselle, die deutsch verstand, gab sich der Fremde als einen Monsieur Meuret zu erkennen, den die Stürme der Revolution von Haus und Amt vertrieben. Er war zwar kein Vicomte oder Marquis, aber doch der Anhängsel eines solchen, bei dem er als Beamter oder Verwalter angestellt gewesen war. Monsieur Meuret, der keine andern Schätze gerettet hatte, als die Mademoiselle, deren wirklicher Werth schwer anzugeben gewesen wäre, ließ sich in besagtem Grenzorte als französischer Sprachlehrer nieder, weil ihm zum Weiterkommen Rath und Mittel fehlten. Nun war aber U. eine kleine Stadt, wo außer Erbsen und Linsen wenig gelesen wurde; daher fanden sich wenige Schüler, so daß der arme Emigré kaum das notdürftigste Auskommen fand. – Als nun der Großvater in K. eingerichtet war, glaubte er, daß hier, in einer kleinen Residenz, ein französischer Maitre Bedürfniß sei; darum verschrieb er Herrn Meuret, dessen traurige Lage ihm bekannt war, und bot ihm sein Haus als Heimath an, bis er sich eine eigene Wohnung verschaffen könnte. Nur Ein Bedenken war dabei. Im Hause der Großeltern wurde streng auf Zucht und Sitte gehalten. Der Großvater hatte, als ihm während der französischen Einquartierung die bonne amie eines Generals in's Quartier zugewiesen wurde, diese mit großer Energie ausgetrieben, und obgleich ihm kein Französisch zu Gebot stand, als der Ausruf: »Marsch, Madame!« so hatte sie's doch wohl verstanden. Nun war zu fürchten, Monsieur Meuret möchte nicht ohne die Mademoiselle kommen; das wollte der Großmutter gar nicht munden, und doch mochte man deßhalb nicht die Gelegenheit versäumen, dem Heimathlosen eine Heimath zu bieten. Endlich entschloß man sich, Herrn Meuret ohne Bedingungen und Klauseln einzuladen. Siehe da, es kam alsbald eine Art von Kutschenwagen mit äußerst wenig Gepäck; darauf thronte Monsieur Meuret, und allerdings die Mademoiselle, die er aber sogleich als Madame Meuret vorstellte. In Betracht ihrer erlebten Drangsale und ihrer hülflosen Lage drückte man ein Auge über die Vergangenheit zu und Monsieur und Madame wurden im Kloster untergebracht. Monsieur Meuret eröffnete sogleich einen Lehrkursus, der von der aufblühenden Jugend, sowohl aus dem hohen Adel als dem verehrten Publikum recht zahlreich besucht wurde, Madame gründete eine französische Strickschule, und so fanden sie sich bald, wenigstens im Vergleich mit ihrem letzten Aufenthalt in recht erträglichen Umständen. Die Kenntnisse, die man sich bei Madame erwarb, beschränkten sich freilich auf ein paar Phrasen: Madame, s'il vous plait, examinez mon ouvrage, Madame, s'il vous plait, laissez moi sortir , u. dgl., aber doch war's immerhin französisch und darum ein ganz anderes Ding als eine deutsche Strickschule. Monsieur Meuret bewegte sich in äußerst gemessenen, zierlichen Formen und schien das dreifache Maß seines äußerlich verlorenen Ranges innerlich in sich aufgenommen zu haben. Madame befliß sich minderer Feinheit, und das eheliche Verhältniß des edlen Paares, das sich so spät und nach so langer Bekanntschaft verbunden, schien eben nicht das zärtlichste zu sein. Madame Meuret, eine geborene Elsäßerin, hatte als deutsches Stammgut nichts behalten als deutsche Schimpfwörter, die sie in unglaublicher Anzahl vorräthig hatte und an ihren Eheliebsten so wie an ihre Zöglinge verschwendete, über welch letztere sie hie und da noch ein fühlbareres Regiment mit der Elle führte. Alle Thiernamen standen ihr zu Gebot, und sie stellte sie auf eine Weise zusammen, daß Linné und Buffon in Verlegenheit gewesen wären, die Geschöpfe zu klassificiren, z. B. du Stockfischgans, du Kalbsluckel, du bist mit Spühlwasser getauft! \&c. \&c. Die Tugend der Unparteilichkeit mußte man ihr lassen, da sie die Töchterlein ihres Protektors höchstens mit noch stärkeren Ehrentiteln und häufigeren Ellmeßberührungen heimsuchte. Das liebste Gesprächsthema des Ehepaars war wie natürlich ihre verlorene Herrlichkeit, die wie es zu gehen pflegt, in der Erinnerung beträchtlich erhöht und verklärt wurde. Besonders gründlich war Monsieur Meuret in der Schilderung seiner reichen Garderobe, die den kleinen Mädchen, denen er sie beschrieb, ganz fabelhaft erschien. Er hoffte auch immer noch wieder in den Besitz wenigstens dieses Theils seiner Habe zu kommen, den er, bereits in Kisten gepackt, auf der Flucht irgendwo deponirt habe. Da aber eben nichts kam, ward die Geschichte von Herrn Meurets Kleidern allmählig zum Mythus. Welcher Triumph war es nun für den verkannten Edeln, als eines Morgens durch's Städtchen die Kunde erscholl, Monsieur Meurets Kleider seien angekommen! Die Schülerinnen, wohl auch die Mütter, eilten herbei, den Schatz in Augenschein zu nehmen. Ja, da war die ganze Herrlichkeit! der unwiderlegliche Beweis, daß Monsieur Meuret daheim ein Mann comme il faut gewesen. Da lag ein geblümtes Sammetkleid, ein rother, ein apfelgrüner Frack, ein Staatsdegen, ein galonirter dreieckiger Staatshut, kurze Inexpressibles mit silbernen Knieschnallen, seidene Strümpfe, Schnallenschuhe, und über das Alles noch ein Ludwigskreuz! Für welches Verdienst Monsieur Meuret letzteres bekommen, da er, so viel bekannt, nichts gethan hatte, als daß er davon gegangen war, das wurde nie sicher erhärtet, wie es so oft bei Orden der Fall ist. Genug, der Orden war da und Monsieur Meuret trug ihn von Stunde an, zusammt dem geblümten Sammtkleid, Degen und Staatshut, obgleich alle diese Kleiderpracht zehn Jahre im Dunkel gelegen und gänzlich außer Kurs gekommen war. Hat jemals das Kleid den Mann gemacht, so war das hier der Fall; Meuret machte, gerade wegen der Seltenheit seines Costüms, eine höchst respektable Figur, und er war in den Augen des ganzen Städtchens um viele Procent gestiegen; ja, Madame selbst bekam ein Gefühl ihrer Würde, ihre Ausdrücke wurden feiner und ihr Putz, der früher keineswegs französische Eleganz verrathen hatte, wurde gewählter. Außer der Garderobe mußte Herr Meuret nicht viel Besitzthümer zurückgelassen haben, denn auch nach der Restauration bezeigte er kein Verlangen nach der Heimkehr; es scheint, der Vicomte hat sich nicht restaurirt. Dagegen aber ging dem würdigen Mann noch am Lebensabend ein anderer Glücksstern auf; er wurde durch Vermittlung eines adeligen Gönners als Professor der französischen Sprache an die Landesuniversität berufen, eine Stelle, auf die er ungefähr so viel Ansprüche hatte, als auf den Orden. – Gleichviel, er war's einmal und trug die Bürde dieser neuen Würde mit allerhöchstem Anstand. Madame schaffte sich augenblicklich ein neues schwarzes Seidenkleid an und nannte ihn von Stund an › mon cher ‹. Monsieur und Madame Meuret reisten ab und überließen es ihren theuern Schülerinnen, Französisch, Bildung und Fransenstricken zu lernen wo sie wollten. – Ob und wie weit er seine neue Stelle ausgefüllt, ob das geblümte Sammtkleid bis an sein Lebensende ausgehalten, ob Madame das mon cher nicht wieder verlernt hat, darüber ist mir nicht viel zu Ohren gekommen. Aber der Großvater dachte sein Leben lang mit Vergnügen daran, wie er durch die Berufung des Emigré nach K. den Grund zu dessen Glück gelegt. Der Maler. Wie viel gebetene und ungebetene Gäste auch das Kloster heimsuchten, ein Zimmer wurde stets freigehalten und blieb sogar bei den hohen Wasch- und Putzfesten verschont: des Malers Stube. – Der Maler war so recht der Stammgast des Hauses; man wußte fast nicht mehr, wann er zuerst gekommen war. Seine Ankunft wurde stets ohne Ceremonie angekündigt durch einen großen, langen Korb, der, mit einem Tuche bedeckt, sein Malergeräthe enthielt. Seine übrige fahrende Habe war leicht transportabel, da sich seine Garderobe mehr durch Qualität, als durch Quantität auszeichnete. – Der Maler, der in der Residenz eine bescheidene Miethwohnung inne hatte, war den größten Theil des Jahrs der Gast irgend einer befreundeten Familie, um diese und die ganze Umgegend mit den Produkten seiner Kunst zu beglücken. Er machte eine recht anständige Figur, der Maler; er war nicht groß, aber wohlgeformt und abgerundet, jeder Zeit höchst proper und zierlich gekleidet, im Frack, Schuhen, und seidenen Strümpfen, die er eigenhändig zu stopfen pflegte. Somit machte er in seinem Aeußern keinen Anspruch auf Genialität. Wie würde er sich entsetzt haben, wenn ihm ein Kunstgenosse aus unsern Tagen zu Gesicht gekommen wäre, mit Waldungen von Schnurr-, Backen- und Knebelbärten, einer Haarwildniß und einem Paar düstern, rollenden Augen, während ihn ein Stäubchen auf den blankgewichsten Schuhen unglücklich machen konnte. Nur in einem Stück erhob sich sein Künstlergeschmack über die Herrschaft der Mode: inmitten des Zeitalters der Zöpfe und Zöpfchen, Buckeln und Haarbeutel, Puderköpfe und Perücken trug er unverändert seine eigenen, halblang geschnittenen Haare, wodurch er noch in spätern Jahren ein gewisses jugendliches Aussehen erhielt. Im Kloster war er daheim wie im eigenen Hause. Er kommandierte die Mägde, die seiner unendlichen Pünktlichkeit nie Genüge thun konnten; er schulte die Kinder herum, ohne die Vermittlung der elterlichen Oberbehörde zu suchen; er kritisirte die Speisen und machte den Küchenzettel; denn er war ein ziemlicher Gourmand und hatte Kenntnisse in der Kochkunst, die die selige Verfasserin des schwäbischen Kochbuchs beschämt hätten. Wegen all dieser Eingriffe in ihr Gebiet lebte er denn auch in beständigem kleinen Krieg mit der Großmutter, obgleich sie es von Herzen gut mit ihm meinte und er großen Respekt vor ihr hatte. Desto besser stand er mit dem Großvater, mit dem er immer zu kleinen Schutz- und Trutzbündnissen gegen die Frauenwelt verbunden war. Der Beginn seiner Laufbahn war ein sehr vielversprechender gewesen, insofern sie, wie die so vieler großer Männer, zu allerunterst angefangen hatte. Er war der Sohn eines armen Kupferschmieds in U. Karl, Herzog zu Württemberg, bemerkte die wunderschöne Stimme des Buben, als er zufällig durch die Stadt ritt. Aeußerst begierig, jedes aufkeimende Talent in seiner Akademie zu hegen, welches Treibhaus damals in der Blüthe seines Gedeihens stand, nahm er den Knaben alsbald in die Anstalt auf. Die Singstimme bildete sich mit der Entwicklung des Knaben nicht so glänzend aus, als man gehofft, dagegen schien bei ihm Geschmack und Talent für die Malerei vorherrschend zu sein. Der Herzog, der sich sonst fast göttliche Rechte anmaßte und wenn nicht die Herzen, so doch den Willen und die Gaben der Menschen lenken wollte wie Wasserbäche, ließ dießmal einen Menschen seinen eigenen Weg gehen. Zuviel scheint er sich nie vom Maler versprochen zu haben, denn er verlor ihn aus dem Auge und that nichts dafür, sein Talent durch Reisen u. dgl. zu heben. – Der Maler hat auch die Akademie keineswegs als großer Künstler verlassen; er hat sich nicht einmal in Versuchen höher als zum Porträt aufgeschwungen, und es schien nicht, als ob er seine Kunst für etwas anderes ansehe, als für einen recht anständigen Nahrungszweig. Seine Bilder haben aber fast alle den Vorzug großer Treue. Auf's Idealisiren ließ er sich höchst selten ein; seine Porträts sind keine vergeistigte Wiedergeburt der Natur, wohl aber eine genaue Kopie derselben, und die Warze auf der Nase des Herrn Stadtschreibers durfte so wenig wegbleiben, als der kleine Auswuchs am Halse der Frau Decanin, obgleich diese solche Treue sehr übel vermerkte. Er war unermüdet fleißig. und da er sehr wohlfeil malte und daneben ein angenehmer Hausgenosse war, so läßt sich erklären, wie in jener sparsamen Zeit ganze Generationen sich durch seinen Pinsel verewigen ließen. Durch ganz Schwaben, das Land auf und ab, finden sich in Zimmern oder Rumpelkammern noch Bilder, die ohne Malerzeichen unverkennbar den Stempel seiner Hand tragen. Die Familie im Kloster malte er in allen Formaten und Lebensaltern, rothwangige Kinder, Jungfrauen mit kurzer Taille und Spickelkleidern, Papa, Mama und Großmama. Die Großmutter wollte mit ihren Bildnissen nie zufrieden sein, sie wäre gern hübscher gewesen und hätte eine kleinere Nase gewünscht. Doch wie gesagt, Verschönern war nicht des Malers Sache. Er behandelte die Rockknöpfe und Halskrausen gerade mit derselben Aufmerksamkeit, wie das »gesegnete Menschenantlitz,« und fühlte sich noch geschmeichelt, als die Magd bei einem seiner Porträts nichts zu bewundern wußte, als: »Ach, wie sind des Herrn Buchhalters Weste so gut getroffen.« Für Schönheit hatte er aber doch ein lebendiges Auge und war ein großer Freund und platonischer Verehrer des schönen Geschlechts. Unter seinen zahlreichen Freundinnen hatte er immer noch besonders bevorzugte, die er mit Auszeichnung »meine Auguste,« »meine Karoline« nannte; nie aber hörte man, daß seine Vorliebe auch in jungen Jahren den Grad einer ruhigen, freundschaftlichen Zuneigung überschritten hätte. Diese seine Erwählten pflegte er dann auch unentgeltich und sogar in etwas idealer Gestalt zu malen, etwa mit einem Blumenkranz oder nach damaligem Zeitgeschmack mit fliegenden Haaren an einem Altare stehend. Solche Bilder stehen auch wirklich in Auffassung und Ausführung ziemlich über seinen übrigen. Ein lästiger Gast wurde der Maler nie, obgleich er ein sehr dauerhafter war. Ohne seiner Würde zu vergeben, machte er sich nützlich durch allerlei kleine häusliche Dienstleistungen, zu denen er eine geschickte Hand hatte. Er malte nicht, wie ein moderner Maler, nur in einem absonderlich zubereiteten Atelier, in dem er aufgesucht werden muß. Was er bedurfte an Licht und Schatten, das war durch einen geschlossenen Fensterladen, durch einen aufgezogenen Vorhang leicht hervorgebracht, und so zog er denn mit seiner Staffelei und seinem Korb in jedes Haus, wo er eben malte, und war den ganzen Tag über der Gast desselben. Dadurch trat er mit den Gegenständen seiner Darstellung in ein recht vertrautes gemüthliches Verhältniß, was gewiß viel zu dem natürlichen, hausbackenen Charakter seiner Bilder beitrug, die gar nicht expreß liebenswürdige oder schalkhafte Gesichter machen wie die Porträts in unsern Kunstausstellungen. – Alle, auch die mechanischen Vorrichtungen, die zu seiner Kunst gehörten, vollbrachte er allein; im Hof grundirte er seine Leinwand, rieb selbst seine Farben und brauchte so keine Art von Gehülfen. Er war ein recht unterhaltender Gesellschafter und widmete sich unermüdet in Abendunterhaltungen im Familienkreis durch Vorlesen, durch Gesang – seine Stimme war immer noch schön – durch Theilnahme an dem damals im Schwange gehenden Pfänderspiele. Hatte ihn die Karlsakademie nicht zum großen Manne gemacht, so hatte sie ihm doch eine zugleich feine und gründliche Bildung mitgetheilt, so daß sein Umgang wirklich von Werth für die Jugend war, zumal in einem Landstädtchen, dessen Schulunterricht sich nicht weit über's Buchstabiren und Dividiren erhob. Nur trug die gute Großmutter Sorge, ob er nicht den jungen Leuten etwas von den freigeistigen Ansichten mittheilte, die er, wie so Viele seiner Zeit, als notwendiges Erforderniß seiner Bildung und als Zeichen eines guten Kopfes sich angeeignet hatte. Sein im Grunde doch heimathloses Leben, das ihm tiefere Erregungen ferne hielt, war es wohl auch, was das Glaubensbedürfniß in seiner Seele nicht recht erwachen ließ. – Dieser Mangel an innerer Glaubens- und Lebenswärme ließ nun auch Raum in seiner Seele für einen stillen Trübsinn, der ihn bei der heitersten Außenseite mit zunehmenden Jahren beschlich. Seine Sehkraft fing an abzunehmen, mit den Augen verfiel sein einziges Unterhaltsmittel, und für die Zukunft hatte er nie vorgesorgt. Er hatte kein geniales Künstlerleben geführt, nicht in Einer tollen Champagnernacht lange Hungertage zu vergessen gesucht, aber ein anständiger Wohlstand, ein gewisser Comfort in Nahrung und Kleidung war ihm Bedürfniß. Dabei hatte er eine freigebige Hand, sowohl ein Scherflein der Armuth, als auch ein Ehrengeschenk der Freundschaft zu bieten. Der Nothpfennig für die alten Tage fehlte ihm, und seinem ehrenhaften Sinn widerstrebte es, sich als unnützes Mitglied in der Gesellschaft von fremder Milde erhalten zu lassen. Ganz im Stillen mochte ihn wohl auch schmerzlich das Bewußtsein erfüllen, daß er nur in dem Vorhof seiner herrlichen Kunst stehen geblieben und nie in ihr Heiligthum eingedrungen war. – So sah er bei kräftigem Körper mit den verdunkelten Augen in eine öde Zukunft. Zu der Höhe des Bewußtseins konnte er sich nicht erheben, sich als Kind des großen Vaterhauses, als Diener des unendlich reichen Hausherrn zu fühlen, in dessen Dienst keine Hand müßig gehen darf, wenn wir nur zu verstehen wissen, zu welchem Werke er uns wirbt. In des Malers sonst so ruhiger Seele reifte ein Entschluß, den niemand bei dem heitern, gleichmütigen Manne vermuthet hätte. Er beschloß, sein Leben selbst zu enden. Ganz im Verborgnen, anscheinend mit vollkommener Seelenruhe, bereitete er die Ausführung des dunkeln Gedankens vor und brachte alle seine zeitlichen Angelegenheiten in Ordnung mit der skrupulösen Pünktlichkeit, die lebenslänglich ein Charakterzug an ihm gewesen war. – Aber nie wurde wohl der eigenmächtige Beschluß eines Menschenwillens in so wunderbarer und trauriger Weise verhindert und befördert zugleich, als der Vorsatz des Malers. Er war schon längere Zeit vom Hause des Großvaters fern gewesen, als eines Tags statt des erwarteten Korbs ein Brief von ihm kam nebst seiner goldenen Taschenuhr. Neben sonst ganz gleichgültigem Inhalt des Briefes bat er den Großvater, die Uhr als Vergütung für ein kleines Darlehen anzunehmen. Der Großvater war ärgerlich und gekränkt über dieses Verfahren eines Freundes, den er nie gemahnt hatte; noch aber stieg keine Ahnung des wirklichen Grundes in ihm auf. – Wenige Tage nachher kam ihm die Kunde zu, daß in Berg am Neckarufer ein fast unkenntlicher Leichnam gefunden worden sei. Jetzt erst ging ihm ein Licht auf über das Geschick seines unglücklichen Freundes. Er eilte hin und erkannte die durch schwere Wunden und langes Liegen im Wasser sehr entstellte Leiche weniger an den Zügen, als an des Malers Lieblingsdose, die sich noch bei ihm fand. Aber ein dunkles Räthsel schien auf dem Tode des Mannes zu liegen. Daß er beabsichtigt, sich selbst zu tödten, das stellte sich durch tausend kleine Umstände seiner letzten Lebenstage unzweifelhaft heraus, und doch trug die Leiche Wunden, die eben so wenig durch seine eigene Hand, als durch das lange Umhertreiben des Körpers im Wasser entstanden sein konnten. Woher nun diese? Der Maler war der friedfertigste Mensch von der Welt gewesen; wer konnte seiner eigenen Hand auf solche Weise vorgegriffen haben? Erst einer Untersuchung späterer Jahre, die aus ganz andern Gründen geführt wurde, war es vorbehalten, dieses Geheimniß an's Licht zu ziehen. – Es lebte in der Nähe von B. ein Wirth, der eine so wunderbare Aehnlichkeit mit dem Maler hatte, daß er oft mit ihm verwechselt wurde, so wenig sonst Verwandtes war zwischen dem anständigen, gesitteten Maler und dem rohen, jähzornigen Wirth. Dieser hatte wenige Tage vor dem Ende des Malers mit ein Paar Schiffern von H., gleichfalls rohen und wüsten Gesellen, einen heftigen Streit gehabt, der damit endete, daß er sie zum Haus hinaus werfen ließ, worauf sie ihm blutige Rache schworen. – Am Morgen des Tages, wo der Maler vor Sonnenaufgang hinaus ging, um sich selbst zu Grabe zu tragen, traf er am Neckarstrand die Schiffer, die mit wilder Gier auf ihn, als den vermeinten Gegenstand ihres wüthenden Hasses, losstürzten. Ob sie in ihrer Wuth nicht achteten, was sie über ihren Irrthum hätte belehren können, ob der Maler, froh daß ihm die eigene That erspart war, sich selbst enthielt, sie zu enttäuschen, das weiß Niemand. So ist dem friedlichen Künstler ein dunkles und blutiges Ende geworden. Möge er einen milden Richter gefunden haben an dem, der Herzen und Nieren prüft und der nicht gewollt, daß ihn der eigene Schritt vor der Zeit zum Tode führen sollte! – In der Familie des Klosters ward ihm ein freundliches Andenken bewahrt, und in manchem schwäbischen Hause wird bei diesem Umriß, der Wahrheit gibt, keine Dichtung, die Erinnerung an den gemüthlichen heimischen Künstler wieder aufleben. Mir sei vergönnt, mit seiner traurigen Geschichte das Kloster zu schließen und euch hineinschauen zu lassen in ein Paar andere alte Häuser von K. II. Das stille Haus. Philemon 15. In einer stillen Seitenstraße der sonst sehr lebendigen kleinen Stadt stand ein unscheinbares Haus, das man für unbewohnt hätte halten können, so wenig Bewegung und Geräusch wurde darin vernommen, wenn man nicht an der Hinterseite desselben, welche die Aussicht auf das weite Thal und die grüne Alb bot, helle Fenster mit Gardinen und Blumen geschmückt und hinter diesen manchmal eine weibliche Gestalt erblickt hätte. Die anspruchlose Wohnung war die Heimath einer stillen Jungfrau, die eigentlich einem sehr lauten Familienkreise angehörte. Außer diesem Kreise war sie nur Wenigen bekannt, den Armen, den Kranken und bekümmerten Herzen. In der Welt und mit der Welt lebte sie nicht; die mancherlei kleinen Interessen, die Tagesneuigkeiten, welche die Bewohner kleiner und großer Städte in Bewegung erhalten, waren nicht für sie vorhanden, aber Freude und Leid theilte sie mit den Ihrigen herzlich und warm, und obwohl ihre Weise still und gelassen war, so konnte sie doch recht kindlich froh sein mit den Jungen und Frohen. Am liebsten war sie freilich allein in ihren stillen Zimmern, durch die der Geist der Ordnung und des Friedens wehte, und ließ ihre müden Augen ausruhen auf dem schönen, frischen Grün des Thales. Doch nahm sie es auch freundlich auf, wenn das stille Jungfernstübchen sich belebte von kleinen und großen Nichten und Neffen, die gar zu gern den Schauplatz aller Familienfeste hierher verlegten, zu der freundlichen Tante, die alle Jugendlust so gerne gewähren ließ, und die nachher mit aller Ruhe und Heiterkeit ihr kleines Anwesen wieder in Ordnung brachte, wenn die wilde Schaar das Unterste zu oberst gekehrt hatte. Im Mai war der Tante Marie Geburtstag und auf diesen Tag wußte man schon, daß sie keine Besuche aus der Familie brauchen konnte; da kam alle Jahre ein stattlicher Mann am ersten Gasthof zu K. mit Extrapost angefahren. Von da aus verfügte er sich sogleich zur Tante Marie, und brachte die wenigen Tage, die er im Städtchen verweilte, von Morgen bis Abend bei ihr zu. Sie machten große Spaziergänge, lasen zusammen und schienen bis zur Abschiedsstunde nicht fertig werden zu können mit eifrigen Gesprächen. Nach diesen Besuchen war die stille Marie eine Zeit lang noch stiller, ihre Geschwister wußten wohl, daß man sie jetzt allein lassen mußte, bis sie selbst wieder einmal in einem der Familienkreise mit der alten, heitern, anspruchlosen Miene erschien. Die Besuche des ansehnlichen fremden Herrn bei der alten Jungfer, die für eine Pietistin galt, obgleich sie nicht gewöhnlich die Versammlungen derselben besuchte, machten Anfangs großes Aufsehen in K., allmählig gewöhnte man sich daran. Der Fremde war Professor an der Universität eines Nachbarstaates und ein gekannter Schriftsteller. Alle seine Werke kamen zuerst in das stille Jungfernstübchen der Tante Marie, die in ununterbrochen brieflichem Verkehr mit ihm stand. Die Bewohner von K. waren längst an den räthselhaften Gast gewöhnt, die jungen halberwachsenen Nichten und Neffen, hauptsächlich aber die erstern, plagten sie und die Eltern unablässig mit Fragen und Vermuthungen, ob er denn ein Verwandter von ihr sei? – aber dann wäre er ja auch einer von ihnen; – oder ein Freund? aber solche Freunde hatte man doch gewöhnlich nicht; . . . die Eltern jedoch blieben still und das Räthsel blieb ungelöst. Ob Tante Marie einmal schön gewesen, war gleichfalls ein Gegenstand häufiger Berathungen. Neben ihrem Freund, der, obwohl einige Jahre älter, doch in der Fülle und Kraft des Mannesalters stand, sah sie freilich recht verblüht aus, aber es war eine milde Anmuth über ihr ganzes Wesen ausgegossen, ein Hauch des Friedens, der höher ist als alle junge Schönheit, weil er über dem Wechsel der Zeit steht. Marie war von äußerst zarter Gesundheit. und lange vor der Zeit fühlte sie ihre Lebenskraft abnehmen. Sie hatte bis jetzt meist eine ihrer Nichten um sich gehabt, und diese hatten ihrem stillen Einfluß den größten Theil ihrer innern Bildung zu danken; – nun aber bat sie ihre älteste Schwester, ihre Hermine, die ihr stets die liebste der Nichten gewesen war, für den Rest ihres Lebens ganz zu überlassen. Sehr gern folgte die junge Hermine dem Wunsch der verehrten Tante, obgleich sie sie im Stillen gar nicht so für krank hielt. »Aber Mutter, ehe ich jetzt ganz zur Tante gehe, mußt Du mir sagen, wie es denn ist mit dem Professor, ich weiß ja gar nicht, wie ich daran bin, wenn er kommt.« »Nun ja, Kind,« meinte die Mutter, »Du hast nicht unrecht und bist alt genug dazu; was ich weiß, will ich Dir gern sagen, aber das ist nicht viel; es ist eine kuriose Geschichte. »Du weißt, daß Marie das jüngste von uns Geschwistern ist, auch war sie daheim das Nesthäckchen und der Liebling, so lang unsere selige Mutter noch lebte; wir zwei älteren Schwestern waren schon verheirathet und Marie noch nicht ganz vierzehn, als die Mutter starb. Sie war eine vortreffliche, fromme Frau gewesen und ihr Tod war uns allen ein tiefes Leid, die Marie aber war ganz trostlos. Von nun an hatte sie wenig Freude mehr daheim, unser Vater war ein wenig mittheilender, heftiger Mann, der ihrem Herzen nie nah gekommen war, nach kurzer Zeit verheirathete er sich wieder, und jetzt kann ich Dir's schon sagen, daß wir Alle die zweite Mutter nie recht lieb gewannen. Sie war gar nicht bös, aber launig und oberflächlich; in den ersten Wochen zehrte sie die Marie fast auf vor Liebe, nachher ließ sie sie gehen, that ihr nichts zu Lieb oder zu Leid mehr, und so wurde das Mädchen immer stiller und außer ihrem Religionslehrer verkehrte sie am liebsten mit ihren Blumen und Büchern, doch konnte sie recht heiter sein, und sie war ein sehr hübsches Mädchen, so wenig sie auf sich machte.« »Seh ich ihr gleich, Mama?« »Du, bewahre! Du bist nicht halb so hübsch, und kannst Dich nicht so nett und einfach kleiden wie Marie. Nun, der Doktor R., eben der jetzige Professor, lernte die Marie kennen auf einem Ferienbesuch, den er hier machte, sie fanden beide Gefallen an einander, Niemand hatte etwas einzuwenden, wir hieltens alle für ein rechtes Glück, daß sich Marie in ihrem achtzehnten Jahre mit ihm verlobte. Jetzt lebte die Marie recht auf und ward eine Person von Bedeutung in der Familie, dem Vater, dem Bruder und den Schwägern schienen erst die Augen aufzugehen über ihre Liebenswürdigkeit, ihren Verstand und die Bildung, die sie sich in aller Stille erworben hatte. Die Mutter bekam einen heftigen Anfall von mütterlicher Zärtlichkeit und besorgte mit Eifer die Ausstattung. »Die Marie blühte wie ein Röslein; mit ihrem Geschmack an Büchern, und Lesen und Studiren war sie bei dem Doktor ganz an den Rechten gekommen, die zwei wurden viel geplagt mit ihren Studien und gelehrten Gesprächen, sie schrieben einander ganze Pferdslasten von Briefen, der alte Stadtbote mußte noch einmal öfter in der Woche auf's Postamt fahren, – mitunter waren sie freilich auch recht kindisch zusammen; es war Alles recht und gut, doch fiel mir's auf, als ich längere Zeit hier war, daß Marie gar selten mehr den Stadtpfarrer besuchte und so äußerst still und schüchtern in seiner Gegenwart war. »Etwa ein halb Jahr waren sie versprochen, als R. einen Ruf auf die Professorsstelle in *** bekam, da war nun der Jubel vollkommen, und der Hochzeittag ward festgesetzt. Marie freute sich wie ein Kind auf ihr eignes neues Hauswesen, das Hochzeitkleid war fertig und das Aufgebot bestellt. »Da kam der Professor, um vor seinem Abzug noch einen Besuch bei der Braut zu machen, ehe er käme, um sie heimzuführen. Marie war wie immer heiter und zärtlich. Der Professor mußte in der Nacht mit dem Eilwagen abreisen, und das Brautpaar machte Abends noch einen langen Spaziergang zusammen, ich glaube, es war auf den Kirchhof, wohin sie auch sonst gern gingen. Marie kam ganz lebendig und aufgeregt heim von ihrem eifrigen Gespräch und sie nahmen einen so zärtlichen, liebevollen Abschied wie immer. »Am andern Morgen, ich war damals auf Besuch beim Vater kam die Marie so bleich zum Frühstück, daß wir Alle erschraken, obgleich wir es der Trennung zuschrieben. Die Mutter wollte sie aufheitern und sagte: »Morgen, Marie, wollen wir nach S. fahren, um Deine Sachen vollends zu besorgen, wir haben nur noch vier Wochen bis zur Hochzeit.« Da sagte die Marie ruhig, aber mit leiser Stimme: »Sie werden keine Mühe mehr haben, Mutter, ich werde gar nicht Hochzeit haben.« »Da saßen wir Alle und starrten sie an mit offenem Mund, wir hätten sie für verrückt gehalten, wenn sie nicht so gar sanft und ruhig den ganzen Sturm von Fragen und Vorwürfen ausgehalten hätte, der über sie losbrach. »Und der Ludwig?« fragte ich endlich. »Dem habe ich schon heut früh geschrieben.« Das war ihre einzige Antwort, mehr konnten wir nicht herausbringen. »Der Professor kam schon am zweiten Tag in heftiger Bewegung, wir hatten ihn alle mit Schmerzen erwartet, und hofften Alles von seiner Gegenwart. Was es an jenem Abend zwischen ihnen gegeben, darüber rückte er auch nicht heraus. »Setzen Sie dem Mädchen den Kopf zurecht, Herr Tochtermann,« sagte der Vater, »oder ich werde selbst noch toll.« Marie empfing ihn ruhig, still und schüchtern. Sie gingen in den Garten, da saßen sie in der Laube, in der sie sich verlobt hatten, weiß Gott wie lange, immer im eifrigsten Gespräch. Wir waren voll der besten Hoffnung, da kamen sie endlich herauf, alle zwei bleich wie der Tod, der Professor sagte dem Vater, daß er sich in Mariens Willen fügen müsse und auf ihren Besitz verzichte, gab uns Allen die Hand, auch der Marie, küßte sie auf die eiskalte Stirn und fuhr davon. »So wenig ich Marie begreifen konnte, so dauerte sie mich doch viel zu sehr, als daß ich ihr hätte Vorwürfe machen können, der Vater aber, der war furchtbar böse und bei der Stiefmutter war der Zärtlichkeitsanfall radical vorbei. Ich nahm Marie auf eine Zeit lang mit mir, sie war so angegriffen, daß ich alles fürchtete, und sie erholte sich nur nach und nach in der Stille und Ruhe, die ich ihr ließ. »Es war gar nicht wie sonst bei einem Brautpaar, das sich aufgegeben, keine Briefe, keine Geschenke und Portraits wurden zurückgegeben, im Gegentheil, die Korrespondenz fing wieder an, wenn auch nicht so eifrig wie zuvor, und Marie las die Briefe mit so ängstlicher Spannung, als ob sie von jedem ihr Lebensheil erwarte. Ich konnte nicht glauben, daß es bei den Zwei aus sein sollte, und erschöpfte all meine Beredsamkeit, als Marie wieder gesunder war, ihren Sinn zu ändern, oder doch zu erfahren, warum sie es denn so gewollt. So sanft und nachgiebig sie sonst ist, so fest blieb sie hier. Aber das muß ich sagen, daß sie noch viel lieber und besser wurde als vorher. Sie schien gar nimmer an sich selbst zu denken, so fromm, so fleißig, so gut gegen Arme, – wie ein wahrer Engel war sie. Als der erste Aerger des Vaters verraucht war, kam sie wieder heim; man gewöhnt sich an Alles: wo die Zeit nicht Rosen bringen kann, da nimmt sie doch Dornen. Der Vater sagte nichts mehr, er schien es auch zu fühlen, daß mit dem bleichen Kinde ein Engel unter sein Dach eingezogen war. »Von Jahr zu Jahr hofften wir, es solle anders werden, es blieb aber dasselbe. Acht Jahre nach jenem Tag starb der Vater, die Mutter zog zu entfernten Verwandten. Wir Alle hätten die Marie gern bei uns gehabt, da fiel uns aber um diese Zeit das alte Haus in K. als Erbschaft eines Herrn Vetters zu, und Marie bat uns, da es ohnehin nicht leicht verkäuflich war, es ihr zum Wohnsitz zu überlassen. Das geschah, und seither ist Alles geblieben, wie es jetzt ist, Marie und der Professor schreiben sich fortwährend, er besucht sie jeden Geburtstag, er schickt ihr all seine Bücher; – aber keines von uns hat jemals erfahren, was sie getrennt hat.« – – – – – – – – – – – – – – – – – Das war Alles, was Hermine über die Lebensgeschichte der Tante hörte, und es steigerte nur ihre Neugierde, das eigentliche Wort des Räthsels zu wissen. Diese Neugierde verklärte sich zu einem Gefühl des tiefsten innigsten Antheils, als sie in der unmittelbaren Nähe der Tante, unter dem Einfluß dieses ruhigen, klaren, innig frommen Gemüthes stand; nie aber hätte sie eine Frage gewagt. Tante Marie hatte übrigens ihren Zustand richtig beurtheilt, ihre Gesundheit war gebrochen, ihr Leben einer langsamen Zehrkrankheit verfallen. Bald wurde ihre Schwäche so groß, daß sie das Bett nicht mehr verlassen konnte. Hermine ließ sich das ihr liebe und heilige Amt der Pflege nimmer abnehmen; das Verhältniß zwischen Tante und Nichte wurde immer inniger, das Muttergefühl, das Marien versagt war, schien in ihr für dies junge Mädchen erwacht zu sein. Es war in der Zeit des beginnenden Herbstes, die so leicht Kranke dieser Art hinrafft; – eine recht stille Abendstunde, Hermine saß an dem Bett der Kranken, lautlos ihre Züge beobachtend, da schlug Marie die halbgeschlossenen Augen auf: »Kind, hast Du an den Professor geschrieben?« »Ja, Tante, gleich nachdem Sie es gewünscht.« »Es ist gut, ich glaube, er kommt bald,« sagte sie mit sanftem Lächeln. Herminen stiegen die Thränen in's Auge, ihr Herz war zum Ueberfließen voll; zum ersten Mal wagte sie ein weiteres Wort: »Tante, liebe Tante, wenn Sie sich so freuen auf ihn, warum? o warum? – o, Sie hätten ihn gewiß recht glücklich gemacht!« Marie legte sanft ihre Hand auf die des weinenden Mädchens. »Liebes Kind, ich lebe nicht mehr lang, Du hast mich so lieb gehabt, Du sollst mich nicht für launig, für seltsam halten, ich will Dir sagen, was ich Niemand noch gesagt; – rück' näher, Kind, ich kann nicht lang und nicht laut reden, – schiebe die Lampe zurück.« – »Hermine, ich war jünger als Du, noch ein Kind, als ich so an meiner Mutter Sterbebett saß, wie Du hier an meinem. Aber mir starb mit der Mutter mein Alles, ich war außer mir vor Schmerz, ich glaubte sie dem Himmel abringen zu können mit meinem Gebet. Die Mutter allein hatte noch die Macht, mich zu beruhigen. In jener Nacht sprach sie recht lang und herzlich mit mir, und wies mich auf den festen, tiefen, innigen Glauben hin, der ihres Lebens Glück und Trost gewesen war, aber mein Schmerz brach immer wieder aus: ›Mutter, o liebe Mutter,‹ rief ich, ›wie soll ich fromm bleiben, wie gut werden ohne Dich, versprich mir, daß Du wieder zu mir kommen willst auch noch vom Himmel.‹ ›Kind,‹ sprach sie ernst, ›Du weißt nicht, was Du bittest, das liegt nicht in Gottes Willen, Gott hat uns Licht genug gelassen für unsern Weg. Aber ich verspreche Dir,‹ sagte sie mit wunderbar klarer, heller Stimme; ›wenn Gott es zuläßt, so komme ich zu Dir, wenn Deine Seele in Gefahr ist!‹ – Das waren ihre letzten Worte.« Die Kranke ruhte längere Zeit, dann begann sie wieder in kürzern Pausen: »Hermine, ich habe den Ludwig unbeschreiblich lieb gehabt, – mehr als ich sagen kann. – Ich wußte, daß er meinen Glauben nicht ganz theile; – das that mir wehe, aber ich dachte nicht daran, ihn darum aufzugeben; – er war ein edler Mann, – ich vertraute auf die Macht der Liebe, – Gott werde ihn durch mich wieder zum Glauben führen. Aber Kind, das ist schwerer als man glaubt. Ludwig ist ein glänzender, reich gebildeter Geist; die Ansichten eines geliebten Mannes sind wunderbar hinreißend; – ich vermied die Besprechungen über diesen heiligsten Gegenstand nicht, ich wollte ihn ja bekehren. – Allmählig schlichen sich diese Ideen, ›der Geist des Christentums‹, wie er es nannte, in meine Seele, – ich glaubte Ludwig, so lang ich ihn hörte, – war ich allein, so fühlte ich, daß das nicht Wahrheit war, – aber den Stern, der mir seither geleuchtet, fand ich nimmer, – ich konnte nicht mehr aufblicken wie das Kind zum Vater; ich war oft innerlich unglücklich, – aber ich dachte nicht daran, Ludwig aufzugeben. – An jenem Abend sagte ich ihm Alles, was mein Herz bekümmerte und bewegte, er war dadurch nicht angefochten; er zeigte und bewies mir klar, auf welchem Standpunkt ich noch stehe, – das sei nur ein Uebergang zur Wahrheit. Auf's Neue legte er mir das ganze glänzende Gebäude seiner Ideen vor Augen. – Ich weiß nicht mehr alles; ich war hingerissen; – überzeugt, glaubte ich; er warb mich für ein neues Leben im Dienste des ewigen Geistes. Erhoben, neubelebt glaubte ich heimzukehren. In meinem stillen Stübchen war es noch nicht anders. – In jener Nacht; was ich gesehen, soll nicht über meine Lippen, – Hermine, meine Mutter hat Wort gehalten . – Von nun an wußte ich, was ich thun mußte, als sein Weib hätte ich ihm nicht widerstehen können; und ich löste das Band, – er sagte mir viel: – nicht mit einer Sylbe wolle er meinen Glauben antasten; ach ich wußte wohl, daß ein absichtliches Schweigen oft mehr thut als ein Angriff, gegen den man sich waffnet. Mein Weg war mir klar und Gott ist sehr gnädig gegen mich gewesen. – Von allen Bitten, die ich seitdem zu Gott schickte, ist nur Eine, meine erste und letzte, meine heißeste noch nicht erfüllt; wir sind noch nicht Eins in Allem, –Ludwig ist wahr gegen mich wie gegen sich selbst, wenn sich der Himmel mit einer Lüge erkaufen ließe, er würde es nicht thun. – Und nun, gute Nacht, Kind.« Am folgenden Tag kam ein Brief, – Marie las ihn mit leuchtenden Augen, »er hat Deinen Brief noch nicht, Hermine, aber er kommt bald.« Die Schwestern kamen noch, um Marie zu besuchen, sie nahm herzlichen Abschied von ihnen, wünschte aber nicht, daß Eine bleibe. Sie lag still und ruhig wie in froher Erwartung. Endlich fuhr ein Wagen vor; der Professor stürzte heraus: »lebt sie noch?« rief er athemlos Herminen entgegen. »Gott sei Dank,« rief er auf ihre bejahende Antwort und eilte zur Kranken. Eine Vorbereitung war hier nicht nöthig. Lange, lange waren die Beiden allein beisammen, bis Hermine wagte, wieder einzutreten. Ludwig saß dicht bei Marien, die, aufgerichtet im Bett, ihr Haupt an seine Brust gelehnt hatte und ihm mit seligen, strahlenden Blicken in's Aug sah. Beider Hände ruhten ineinander gelegt auf Mariens Bibel, dem liebsten Erbtheil von ihrer seligen Mutter. Hermine wollte sich schüchtern zurückziehen, Marie winkte ihr freundlich und sagte leise: »Danke Gott, Kind, mein Gebet ist erhört, mein Opfer war kein vergebliches.« Sie sprach nicht mehr viel, aber sie trennte sich nimmer von ihm, von dem sie so lange getrennt gewesen war. Vereint genossen sie das Abendmahl, das letzte, was über Mariens Lippen ging; – sie starb mit seligem Lächeln. Ihr Bild im Tode war wie verklärt, fast so lieblich wie einst das der jungen Braut, nur etwas bleicher. Das stille Haus hat sich geschlossen, – vielleicht um später ein lautes zu werden; nur für die Wenigen, denen sie angehörte, ist es geweiht durch das fromme sanfte Bild der Tante Marie. III. Der Freihof. Der Freihof ist ein altes, hochgelegenes, ziemlich unansehnliches, burgähnliches Gebäude, das früher nur weibliche Insaßen hatte. Das Innere des Hauses hatte aber für Alt und Jung einen eigentümlichen Reiz, und besonders für die Kinder war ein Gang zum Fräulein vom Freihof fast ein eben so großes Fest als eine Einladung zur Frau Fürstin, von der ich später zu sprechen habe. Eine seltsame, längst verschollene Welt schien sich aufzuthun, wenn das hohe Hofthor geöffnet wurde von der uralten Dienerin, Kammerfrau, Gesellschafterin und Haushofmeisterin in Einer Person, die mit Hülfe einer jungen, sechzigjährigen Tochter das Hauswesen besorgte und die Person des Fräuleins bediente. Zwei verhältnißmäßig gleich alte Hundeveteranen folgten dieser auf allen Schritten. Hier schien wie in Dornröschens Schlosse durch einen Zauberschlag die Zeit festgebannt worden zu sein. Die Zimmer waren zierlich eingerichtet mit prächtig bemalten Hautelissetapeten, Tabourets, Causeusen und all den alten Herrlichkeiten, welche erst die Mode der letzten Jahre wieder zu Ehren gebracht hat. Daneben gab es noch allerlei merkwürdige Kunstwerke, die den Kindern wie wahre Zaubereien erschienen, besonders das kleine Bergwerk in einem Glase, mit zahllosen arbeitenden Bergmännchen, das durch laufenden Sand in Bewegung gesetzt wurde. Herrlich war der große Schloßgarten mit verschnittenen Taxushecken, Springbrunnen mit Meerfräulein und kunstreich verschnörkelten Gängen und Blumenrabatten, wie sie jetzt ein Gärtner schwerlich mehr zu Stande brächte. – Inmitten dieser alten Pracht schaltete und waltete das Fräulein, gleich ihrer Dienerin ganz unverändert in die Tracht ihrer Jugend gekleidet, mit hochfrisirten, gepuderten Haaren, Poschen und Kontuschen, Schönpflästerchen auf den geschminkten Wangen, recht als wäre sie leibhaftig aus dem Rahmen des lebensgroßen Bildes herausgetreten, das in ihrem Prunkzimmer hing. Die unvergängliche Schönheit der schlafenden Königstochter schien nun freilich dem Fräulein nicht verliehen zu sein; sie konnte ihre neunzig Jahre nicht verleugnen. Indessen trug sie die Last ihres Alters leicht und trippelte auf ihren hohen Absätzen noch flinker umher als das »Mädchen,« wie die sechzigjährige Tochter der Kammerfrau von ihr und von dieser genannt wurde. Ihr Geschick hatte in Wahrheit einige Aehnlichkeit mit dem des Dornröschens. Ihre Altersgenossin und Lebensgefährtin, die Kammerfrau, hat es der Großmutter einstmals im Vertrauen erzählt, als diese das jugendliche Bild des Fräuleins betrachtete, dem dieses jetzt noch auf ein Haar glich, die Schönheit abgerechnet. – »Sie werden sich wundern,« sprach die Alte, »daß mein Fräulein, die noch schöner war als ihr Bildniß, und so reich dazu, sich nicht verheirathet hat. Ich sage Ihnen, Freier hat sie gehabt mehr als Tage im Jahr, schöne darunter und vornehme und reiche, und Alle hat sie fortgeschickt. – Damit hat es aber seine eigene Bewandtniß, was Niemand weiß außer mir, und Ihnen will ich's sagen. – Es ist, ich weiß nicht mehr wie lang her, ich war dazumal ungefähr fünfzehn und mein Fräulein sechzehn Jahre alt, da hab' ich sie nach dem Befehl der hochseligen Frau Mutter auf einer Promenade begleitet. Wir waren weit ab vom Hause gekommen und die Dämmerung brach schon herein, da begegnete uns eine alte schwarze Zigeunerin, die als Wahrsagerin bekannt war. Mein Fräulein bekam auf einmal Lust, ihre Zukunft zu erfahren, und streckte der Alten die Hand hin zum Wahrsagen. Obgleich sie etwas abseits gingen, konnte ich doch die Worte gar wohl verstehen: »Hüt' dich wohl, schönes Jungfräulein, einem geringen Freier zu folgen; kein anderer als ein Kaiser wird dich heimführen. Laß dich das Warten nicht verdrießen, kommt er auch spät, so kommt er doch gewiß.« »Auf dem Heimweg war das Fräulein sehr nachdenklich; sie erzählte mir, wie diese Prophezeiung zusammentrete mit einem wunderbaren Traum, den sie unlängst gehabt; sie verbot mir aber, irgend einer Seele ein Wörtlein von allem zu sagen. Von Stund an zog sie sich ab von allen Mannspersonen, die in ihres Herrn Vaters Haus kamen; keiner konnte ihr Herz bewegen, einen um den andern ließ sie abfahren. Dabei war sie aber nicht stolz und hoffärtig, sondern freundlich und leutselig gegen Jedermann, nur nicht gegen das Mannsvolk. Ein Jahr verging nach dem andern, ein Freier um den andern blieb weg, Papa und Mama drohten und baten, am Ende aber sagten sie nichts mehr. Ob das Fräulein ihnen ihr Herz geöffnet hat, weiß ich nicht. Zuletzt starben Vater und Mutter und das Fräulein blieb allein mit mir und Deinem seligen Mann, dem Hausverwalter. Ihre ganze prächtige Aussteuer und ein wunderschönes Brautkleid nebst Schmuck hat sie verschlossen. Sie ist allezeit getrost geblieben, und jedes Jahr an ihrem Geburtstag sagte sie zu mir ganz ruhig: »Kommt er auch spät, so kommt er doch.« Seit zwanzig Jahren aber sagt sie nichts mehr, und mir thut es doch oft weh, daß sie all die schönen Herren so fortgeschickt hat. Wenn er jetzt auch noch käme, so wäre es doch fast zu spät: meinen Sie nicht auch?« Das Fräulein konnte sich in der Kunst des Wartens gehörig üben, der Tod selbst schien zu zögern, um dem hohen Freier Zeit zu lassen – vergeblich. Am Ende hatten das Fräulein, ihre Kammerfrau, deren Tochter und die zwei Hunde zusammen ein Alter von dreihundert und zwanzig Jahren erreicht; da war die Kammerfrau zum erstenmal in ihrem Leben so keck, ihrer Herrin voranzugehen – in's Grab, und das Fräulein folgte ihr bald nach. – Armes Fräulein vom Freihof! Als nun die Tochter der Kammerfrau, »das Mädchen,« mit zitternden Händen die achtundneunzigjährige Braut bekleidet hatte mit dem köstlichen Brautgeschmeide, noch würdig einer Kaisersbraut, so alt und vergilbt es war, und als nun der Leichenkutscher Kaiser mit seinem lahmen Rappen die Anhöhe herauffuhr, dich heim zu führen in die enge Klause, da haben deine blassen Lippen sich nicht mehr bewegt, nicht zum Lächeln, nicht zum Weinen, du hast den Hohn des Schicksals nicht mehr gefühlt, der jene Weissagung auf so schnöde Weise in Erfüllung gehen ließ. Armes Fräulein vom Freihof! Hätte der Tod nur noch vierzig Jahre gezögert, wer weiß, ob nicht noch der Befreier die verzauberte Schöne gefunden hätte, wenn auch nicht ein Königssohn, so doch vielleicht ein Fünftelskaiser , der sich der reichen Erbin erbarmt hätte, selbst wenn sie in Poschen und Schönpflästerchen angetreten wäre und von weitem schon nach der alten Aristokratie gerochen hätte. – Gutes Fräulein vom Freihof! ob du dein Schicksal und deine Bestimmung auch mißverstanden, du hast in Ehren ausgehalten. Mit demüthigem Herzen hast du geharrt auf deine stolze Zukunft, kein Wort der Klage kam auf deine Lippen, kein bitterer Gedanke in deine Seele. Von den Vorrechten des Herrscherstandes hast du dir keines zum voraus angemaßt, außer das schönste: die Erste zu sein im Segnen und Wohlthun. Mögest du würdig erfunden worden sein einer edleren Krone als die, auf die du hienieden vergeblich gehofft! IV. Der Herrenbau. Der Herrenbau sah nicht so wundersam und mährchenhaft aus, wie der Freihof, doch war wenigstens ein Theil seines Innern noch viel geheimnißvoller und unergründeter. So wie ich mir's denken kann, ist es ein altes stattliches Gebäude mit eingeschlossenem Hofraum, auf einer Seite von hohen Bäumen beschattet, so dicht, daß fast kein Tagesstrahl hereindringen konnte. Der untere Theil war gleichgültig, prosaisch, der wurde vermiethet an Jedermann, oben aber da hauste der düstre geheimnißvolle Freiherr mit seinem alten Diener, und dem war es eben recht, daß kein Sonnenlicht eindrang. Eine eigene räthselhafte Region begann in dem obern Stock, wo nie ein anderer Tritt als der des Freiherrn und seines Johann gehört wurde; Jahr aus, Jahr ein waren Tag und Nacht Fenster, Läden und Vorhänge dicht verschlossen, Jahr aus, Jahr ein brannte Licht in den Zimmern des alten Herrn. Man wußte gar wenig von dem Freiherrn, nur Ein Zug von ihm war der bekannteste: seine entschiedene Frauenfeindschaft. Kein weiblicher Dienstbote, keine Frauensperson unter irgend welchem Vorwand durfte je die Treppe betreten, rasch und scheu schritt der Freiherr vorüber, wenn ihm eine der Hausbewohnerinnen vom untern Stock begegnete. Der Johann verrichtete mit ängstlicher Genauigkeit alle Dienste, die sonst von Frauenhänden geleistet werden, und mit schadenfrohem Hohnlachen sahen die Mägde der Nachbarschaft zu, wie die steife Figur in der Livree und gepuderten Haaren mühselig, aber mit großem Anstand, den Wassereimer die Treppen herauf schleppte, den Vorplatz kehrte, oder Gemüse für die Küche wusch. Als getreuer Diener seines Herrn hielt sich der Johann für höchlich verpflichtet, den Frauenhaß desselben zu theilen, obgleich er dessen Gründe nicht kannte, und keine eigenen dafür hatte. Die Wäsche des Herrn, zu deren Reinigung er sich doch nicht selbst verstehen konnte, stellte er der Wäscherin in's Haus, und nahm sie mit möglichst gedrängter Kürze in Empfang, wenn sie fertig war; hatte er Einkäufe auf dem Markt oder in Läden zu machen, so besprach er sie am liebsten mit dem männlichen Personal. Dafür mußte er aber von dem beleidigten Frauengeschlecht, den Mägden am Brunnen und den Marktweibern manche spitzige Redensart hören: »ein Wunder, Herr Johann, daß er seinem Herrn nicht auch Ochsenmilch und Gockelseier verschafft!« – »Er hätte gar nicht nöthig, so kostbar zu thun, solche wie Ihn gibts noch genug, wenn der Markt verlaufen ist!« u. s. w. – Johann nahm alle dergleichen Sticheleien mit ruhiger Verachtung hin, er wurde ganz vergnügt, daß er nun doch einen Grund für seinen Weiberhaß bekam, und es that ihm nur leid, daß er sich gegen keine gleichfühlende Seele darüber aussprechen konnte. Denn der Freiherr war kein Freund von Worten, und als der Johann ein einzigmal unaufgefordert eine vertrauliche Bemerkung wagte, mit der er gewiß Glück zu machen hoffte, und im Ton militärischen Respekts gegen den Freiherrn äußerte: »aber, gnädiger Herr, die Weibsleut sind doch ganz grausig unverschämt!« hatte ihn der mit so seltsamen Augen angeschaut, daß das die letzte blieb. Aufs tiefste empört war der Johann, als sich Herr Meuret in das Parterre des Bau's einquartirt hatte, und Madame Meuret ihre Strickschule mit kleinen Mädchen da errichtete, dießmal konnte er nicht schweigen. »Wissen der gnädige Herr, daß die französische Madame ein ganzes Rudel kleiner Mädchen hereinbringt? befehlen der gnädige Herr nicht, daß man sie fortjagt?« Der Freiherr schüttelte den Kopf und begnügte sich, dem Kinderschwarm auszuweichen, allemal wenn er anrückte; einmal aber geschah es, daß er eines der Mädchen, das sich verspätet, auf die Achsel klopfte und ihm ein uraltes Bonbon schenkte, eine Begebenheit, die lang Epoche machte in der Strickschule. Der Ton der Klingel, der des Sommers und Winters früh um sechs Uhr auf des Freiherrn Zimmern ertönte, war der einzige, der die tiefe Morgenstille unterbrach; mit der feierlich ausgesprochenen Frage: »Wie haben der gnädige Herr geschlafen?« trat der Johann mit zwei Kerzen ein und löschte das Nachtlicht des Freiherrn. »Erträglich, Johann,« war die stehende Antwort, nach welcher Johann begann, die Toilette seines Herrn zu machen, mit einer Zierlichkeit und Sorgfalt, als ob es auf die Eroberung von einer ganzen Damenschaar abgesehen gewesen wäre. Dann begab sich, mit dem Schlag sieben, der Freiherr in's Nebenzimmer, wo Johann das Frühstück, hinter seinem Stuhl stehend, servirte. Von acht bis elf Uhr brachte der Freiherr in seiner Bibliothek zu, schwerlich immer mit Lektüre beschäftigt. Diese ganze Bibliothek bestand aus den Werken alter französischer Romandichter und Philosophen; – den Romanen aber hatte er, zugleich mit den Frauen, Lebewohl gesagt; wenn ihm nun nichts blieb als die Philosophen, so läßt sich leicht denken, wie sein inneres Leben, gleich seinem äußern, immer dürrer und verödeter wurde. Nachmittags machte der Freiherr feierlichen Schrittes seine Promenade auf dem, durch eine Kastanienallee eingefaßten Stadtgraben, gefolgt von seinem Johann, bis er, nach einer Stunde, wieder in seiner dunklen Behausung verschwand. Vor mehreren Jahren hatte er noch viel stiller und zurückgezogener in seinen verdunkelten Mauern gelebt, damals war er von auswärtigen Hofdiensten zurückgekehrt in die kleine Stadt K., zu dem alten Haus, an dessen Bewohnung er ein Familienrecht hatte. Seit seinem Einzug überschritt er aber viele Jahre lang die Schwelle nicht mehr, nur das Aus- und Eingehen des Johann gab den unten Wohnenden Kunde, daß der stille Bewohner oben noch am Leben sei. Eine tödtliche Krankheit, die Folge dieser licht- und luftlosen Lebensweise hatte endlich einen Arzt ins Haus gerufen, der durch einen Machtspruch die Aenderung derselben gebot. Der Freiherr aber wollte davon nichts wissen, und schüttelte schweigend den Kopf. Da vernahm die Frau Herzogin von der Krankheit und dem Eigensinn des Freiherrn, und fand sich bewogen, bei ihm vorzufahren, und in eigener Person nach seinem Befinden zu fragen. Der angestammte und angewöhnte Respekt vor Standespersonen überwand bei Herrn und Diener die Frauenscheu, die Frau Herzogin wurde eingeführt, und die sanfte, gewinnende Persönlichkeit der alten Dame bewirkte mehr als der Ausspruch des Doktors. Der Freiherr genas und machte von nun an seine tägliche Promenade, auch alljährlich zwei Aufwartungen im Schloß, am Neujahr und am Geburtstage der Herzogin. Wie die Mägde und Marktweiber bei Johann, so hätten die paar Hofdamen gern diese einzige Gelegenheit benützt, seinen Frauenhaß durch süße Blicke zu brechen, oder durch spitze Worte zu rächen, aber alle Versuche glitten ab an der äußersten Gleichgültigkeit, mit der er die schönste, wie die häßlichste Gestalt gleich entschieden ignorirte und seine feierliche Höflichkeit allein der Frau Herzogin zuwandte. Auch die Kirche fing er seit jener Zeit an zu besuchen und erregte das Erstaunen und Ergötzen der Schuljugend durch den großen Muff, mit dem er sich zur Winterzeit gegen die Kälte schützte. Niemand in der Stadt B. hatte ihn jung gesehen, er hatte schon das Ansehen eines bejahrten Mannes, als er seine Einsiedelei zum erstenmal verlassen. Nur Ein Band gab es, das den scheuen Freiherrn noch mit den Menschen verband, nur Eine Freude, der er nicht entsagt hatte – die des Wohlthuns. Wo er eine bekannte oder verborgene Noth erfuhr, da war seine Hand stets offen, natürlich so still und verborgen als möglich. Viel Freude konnte nun freilich auch nicht dabei sein, da er fast nie den Dank aus eines Armen Munde selbst empfing, aber doch ist wohl manch stilles Gebet für ihn emporgestiegen, und hat einen Friedenshauch in sein verdüstertes Dasein gebracht, ohne daß er wußte, woher er ihm gekommen. Außer den Armen war ihm wohl Niemand so gewogen wie die Lichterzieher, die gern der halben Bevölkerung zu Gunsten ihres Gewerbes eine so misanthropische Laune gewünscht hätten; wie es denn überhaupt eine tröstliche, und daneben eine höchst leidige Eigenschaft des Menschenlebens ist, daß jedes Misere des Einen für den Andern eine Lichtseite hat. – Wir sind ein Raubvogelgeschlecht, wo vom Generalfeldmarschall bis zum Todtengräber sich jeder von einem Stückchen menschlicher Vergänglichkeit oder menschlichen Jammers nährt. Ich hörte eine Frau Apothekerin einst ganz ärgerlich sagen: »jetzt kommt d'Cholera erst nicht!« Hagelwetter und Katzenmusiken sind die Blüthezeit der Glaser, bei der »herannahenden Saison der Rheumatismen« preisen die »wollenen Waarenhändler« vergnügt ihre Waaren an, die zerrissenen Stiefel, die den Jungen Schläge und Schelte eintragen, helfen den Kindern des armen Schusters zu ihrem täglichen Brod; – und so war das verstörte Gemüth des Freiherrn, das ihm das Tageslicht verhaßt machte, ein rechtes Labsal für seinen Nachbar Seifensieder, der sonst die gutmüthigste Seele von der Welt war. Alle Lichter brennen auf, so auch das Lebenslicht des alten Freiherrn. An einem kühlen, klaren Herbstmorgen öffneten sich zum erstenmal die Fenster und Läden im Herrenbau, zum erstenmal fiel das Sonnenlicht auf das Lager des alten Herrn, als die Leichenschau es umstand, um sich von seinem Tode durch Schlagfluß zu überzeugen. Ein entfernter Vetter wurde herbeigerufen, um des Freiherrn Erbe in Besitz zu nehmen, das man nach seinen Spenden an die Armuth für viel größer gehalten als sich nun zeigte. Der junge Baron hatte seinen Vetter im Leben nicht gekannt, aber im Tod interessirte er sich sehr für ihn; er hatte Sinn für's Romantische, und hätte gar zu gern gewußt, was denn den alten Herrn zu solch einem verfehlten Dasein voll Nacht und Trübsal gebracht. Der Freiherr aber hat sein Geheimniß mit in das Grab genommen; den Johann hatte er erst kurz vor seiner Ankunft in K. gedingt, und so war Niemand, der Aufschluß geben konnte. Nur das Bild einer wunderschönen Dame, das sich im verborgensten Fach eines Schreibtisches gefunden, soll Kunde gegeben haben, daß der Freiherr wohl nicht sein Leben lang so tiefen Abscheu vor Frauen gehegt. – Ein unverbürgtes Gerücht sagt, daß der junge Erbe an dem Hofe, wo der Freiherr seine Jugend verlebt, einiges erfahren, was das Räthsel lösen konnte: eine alte leidige Geschichte, wie sie bei dem frühern Leben an Höfen wohl nicht die erste war und nicht die letzte blieb; die Geschichte von einem lebensfrischen jungen Pagen, der jahrelang mit der reinen Gluth einer jungen Seele, mit stiller hoffnungsloser Treue zu einer stolzen Schönheit aufgeschaut, und der endlich durch ein fürstliches Fürwort mit Einem Schlag an das Ziel seiner Wünsche gekommen war. Was es aber gewesen, das die schöne Braut, deren Stolz sich in demüthige Liebe verwandelt, am Hochzeitmorgen dem überseligen Bräutigam anvertraut, das ist nicht mehr über seine Lippen gekommen. Ein Dunkles Geheimniß muß es gewesen sein, daß es ihn an demselben Tag fortgetrieben von Braut und Hochzeitfreude, fortgetrieben für all sein Leben lang von dem klaren Sonnenlicht und dem holdseligen Frauenantlitz, von aller Liebe und häuslichen Freude. Des Freiherrn altes Wappenschild ist glänzend und fleckenlos auf seiner Bahre gelegen, von dem Geschick jener schönen Braut aber, von ihrer Schuld und ihrem Leid hat man nichts mehr vernommen. Bald fünfzig Jahre sind verflossen, seit man die Leiche des Freiherrn aus dem Herrenbau getragen. Mancherlei Bewohner sind indeß in dem alten Gebäude aus- und eingezogen, bis es nun frisch gelüftet und gereinigt zu neuem Zwecke hergestellt wurde. Und zu welchem! Hat sich der Geist des alten Freiherrn nicht zürnend aus seiner Gruft erhoben? Schreitet des Johann's Gespenst nicht mit würdevoller Alteration durch die entweihten Gemächer? Chaise an Chaise hält vor dem Bau und eine Frauengestalt um die andere tritt in die alten Räume: ernste, stille Jungfrauen, heitere gesprächige darunter, und Sie sinnen und träumen, Sie ordnen und räumen Mit fleißigen Händen An Ecken und Enden. Sind es Nonnen? ach nein, zu mannigfach, zu modisch dazu ist ihre Tracht. Frauen sind es und Jungfrauen, die ein stilles Asyl hier suchen vor Stürmen und Unbilden des Lebens, einen Trost für Herzenseinsamkeit in freundlichem, friedlichem Beisammenleben, einen Wirkungskreis für eine noch rüstige Kraft. Der alte Herrenbau ist zum Frauenstift geworden. Nun gute Nacht, Dunkel und Schweigen! Ist's kein rosiges Morgenlicht, so sei es doch eine freundliche Abendsonne, die über dem alten Herrenbau leuchtet! Und wenn der Geist des alten Freiherrn sich's doch einfallen ließe, Umschau zu halten in seiner ehemaligen Heimath, so möge er lernen, daß auch Herzen, denen das Leben nicht viel Rosen getragen, etwas Besseres thun können, als sich in Finsterniß begraben und den Frauen davon laufen! V. Das herzogliche Schloß. Von Rechtswegen und der Rangordnung nach hätte ich unter den alten Häusern von K. zuerst das fürstliche Schloß oder Schlößchen vorführen sollen! aber die Familientraditionen des Klosters haben gar zu heimathlich dahin gewinkt, und dann erfordert es ja bei manchem Aufzug das Ceremoniel, daß das vornehmste zuletzt kommt. Von dem Schlosse ist in architektonischer Beziehung nicht viel zu berichten; es hat weder die anmuthige Eleganz neuer, noch die feierliche Pracht oder den mährchenhaften Zauber alter Schlösser. Nur die hohen Kastanien, die schattigen Gänge des Schloßgartens sind von einem poetischen Hauch durchweht. Es zeigt so eine Art von Zopfstil, obwohl seine Erbauung eigentlich noch vor die Zopfperiode fällt. Auch die historischen Notizen über seine Erbauer und Bewohner will ich vaterländischen Chronisten überlassen. Zur Zeit, aus der meine Bilder genommen sind, am Anfang unsres Jahrhunderts war es Wittwensitz und bewohnt von der Frau Herzogin, dem Mittelpunkte, der Sonne des Städtchens. – Eine müde Sonne war es nun freilich, nahe am Untergehen; gerade darum aber ließ sich's leichter hineinschauen, und kein Auge konnte geblendet, keines verletzt werden von dem höchst bescheidnen Glanze, der sie umgab. Das Leben dieser Frau gehört der Geschichte Schwabens an, und ihre romantische Jugendgeschichte ist schon vielfach zum Thema für Dichter und Schriftsteller geworden, darum möge sie hier ruhen. – Sie hatte den Glanz ihrer frühern Jahre theuer erkauft mit schweren innern Kämpfen und – mit Vaterfluch. – Ihr Vater war ein alter, ehrenfester Edelmann, dem in sehr gesunkenen Verhältnissen seine ritterliche Ehre der letzte Schild und Trost war. Er hatte es für keinen Flecken dieser Ritterehre gehalten, seine Tochter, als Opfer dieser Verhältnisse, in blühender Jugend einem rohen Gatten hinzugeben; aber daß sie gewagt, selbst ihre Bande zu lösen, daß sie die Freundin ihres Fürsten geworden, noch ehe sie seine Gemahlin ward vor Gott und der Welt – das konnte er ihr bis in seinen Tod nicht vergeben. Erst nach diesem war es ihrer Mutter vergönnt, ihr geliebtes Kind zu besuchen, und auch sie hatte solches Grauen vor dem Weg, auf dem ihre Tochter zu dieser Höhe gestiegen war, daß sie nie mit den Titeln von ihr sprach, die ihr nun mit Recht zustanden, nie von den Vorrechten ihres hohen Standes, der fürstlichen Equipage u. dgl. Gebrauch machte. Sie kam nie anders als in einer einfachen Miethkutsche zu ihrer Tochter, so daß einmal der Kutscher, als der Herzog mit glänzendem Gefolge vorüberritt, diesem zutraulich zurief: »Eur' Durchlaucht, d'Schwieger hab ich gestern gut heimbracht.« Doch, wie gesagt, die Jugendgeschichte der Herzogin mit ihren Licht- und Schattenseiten möge hier ruhen. In K. war sie nur die wohltätige Fee des Städtchens, hier gedachte man ihrer nur als des guten Engels ihres Landes und ihres Gatten, der Gefährtin seiner besten Lebensperiode; hier verlebte sie im Stillen den Rest ihrer Tage, »eine rechte Wittwe« in stetem, treuen Andenken an ihren geliebten Herrn. So wenig ihr aber auch von dem Lärm und Pomp geblieben war, der die Tage ihres Glanzes umgeben, ein Hof mußte dennoch gehalten werden. Die steifen Formen ihrer Zeit waren ihr so sehr zur andern Natur geworden, daß sie sich nimmer ohne dieselben bewegen konnte; auch mochte es ihr wohl thun, sich bis zu ihrem Tode unverändert in der würdevollen Stellung zu erhalten, in der nicht ihr Stolz nur, nein auch ihr innerstes weibliches Gefühl allein wieder seine Befriedigung gefunden hatte. So ging sie nie zu Fuß in das Städtchen; aber sie fuhr täglich aus, gezogen von vier Schimmeln von so ehrwürdigem Alter, daß ihnen die gegenseitige Assistenz wohl zu gönnen war, und die, trotz dem, daß ihrer vier waren, so sachte trabten, daß der Läufer, der stets dem Wagen vorausging, sich nie außer Athem rennen durfte und ganz fett wurde bei seinem beweglichen Metier. Selbst die Ergüsse ihrer liebsten Herzensneigungen waren in das Zwangsmieder fürstlicher Würde eingezwängt. So war sie eine große, herzliche Kinderfreundin; nicht aber daß sie je in ein Haus gekommen wäre, wo sich ein munteres Völkchen tummelte, oder daß sie auf der Straße ein hübsches Kind abgeküßt hätte; wie gesagt, sie ging nie zu Fuß aus. Sie ließ die Kleinen zu sich bescheiden, und ein Fest war es für die Kinderwelt, wenn der galonirte Hoflakai in sämmtlichen Honoratiorenhäusern die Runde machte, um die Söhne und Töchter in's Schloß einzuladen. Da wurde denn der beste Putz hervorgesucht, um die hoffnungsvolle Jugend nach Kräften hoffähig zu machen. Im Schlosse angekommen, schritten sie in regelrechtem Zug unter ehrfurchtsvollen Schauern durch den langen Corridor und die Vorzimmer bis in das innere Gemach, das ihnen als Inbegriff aller Herrlichkeit erschien, wo die Frau Herzogin im grauseidenen Kleide saß. Sie trug seit ihres Gemahls Tod beständig Trauerkleider. Sie war eine freundliche kleine Frau von anmuthigem Benehmen; von den Reizen ihrer Jugend zeigten sich wenige Spuren mehr, nur die blonden Locken unter der Wittwenhaube trugen noch die schöne Farbe der reichen Flechten, die einst zu den Hauptzierden der jugendlichen Schönheit gehört hatten. Den Kindern war die Hofetikette streng eingeschärft worden, zuerst nach dem Kleid der Dame zu greifen, um es zu küssen, was diese dann eilig durch einen Kuß auf den Mund des kleinen Höflings verhinderte. Nun besah sie sich die Kinder der Reihe nach und sprach mit jedem ein Paar freundliche Worte, die jene auswendig wußten: »Ei, wie du gewachsen bist!« »Ist deine Mutter gesund?« \&c. Dann aber gab sie ihrer Kammerfrau einen Wink, auf den diese sich entfernte und ein Kästchen mit vielen Fächern der durchlauchtigen Dame überbrachte. Das war der große Augenblick, auf den sich die Kinder leise, mit ahnungsvollem Nicken aufmerksam machten. Nun beschenkte sie die Herzogin der Reihe nach mit allerlei zierlichen Kleinigkeiten: vergoldeten Ringlein, Herzchen zum Anhängen, Ohrglöckchen u. dgl., die mit verlegen gestammeltem Dank angenommen wurden. Die Hand der Geberin verlieh den an sich unbedeutenden Sachen den höchsten Werth in den Augen der Kinder, die sich sodann nach ehrfurchtsvoller Verbeugung wieder in Reih und Glied entfernten, und der langeingedämmten Jugendlust in dem schönen schattigen Schloßgarten freien Lauf ließen. Solche Einladungen erfolgten mehrmals im Jahre, unfehlbar aber um Ostern, wo die etwas reicheren Gaben im Schloßgarten versteckt und von den Kindern aufgesucht wurden. Sämmtliche Frauen des Städtchens wurden von Zeit zu Zeit zur Kaffeevisite geladen. Auch hier ging es ziemlich ceremoniös her. Die Frauen saßen im Kreis um den Sopha der Frau Herzogin und tranken Kaffee aus kleinen Meißner Tassen; die Unterhaltung bestand meist aus durchlauchtigen Fragen und unterthänigen Antworten, falls nicht hie und da die Herzogin etwas mehr in Fluß kam, wenn sie von ihrem seligen Herrn erzählte. Endlich erhob sich die Dame mit höflichen Worten zum Zeichen der Entlassung. So ein Galatag war aber eine große Begebenheit; die Großmutter hatte sich eigens dazu ein seidenes Band mit Gold gestickt und steckte den kolossalen Ring mit des Großvaters Bildniß an, der ihre halbe Hand bedeckte. Die Männer wurden hin und wieder zur herzoglichen Tafel gezogen. Solche Einladungen waren dem Großvater kein absonderliches Vergnügen. Obgleich er in angestammtem Respekt vor hohen Standespersonen auferzogen war und es ihm nicht einfiel, der Herzogin absichtlich etwas von der schuldigen Ehrerbietung zu entziehen, so konnte er sich doch sein Lebtage in die steifen Hofsitten nicht finden. Seine Formlosigkeit gereichte manchmal dem Hofpersonal zu geheimem Entsetzen, der Durchlaucht aber zu herzlichem Ergötzen. Die Einladungen zum Diner kamen meist spät, und so traf sich's, daß der Großvater einmal vom eigenen Mittagstisch weg sich in den Staatsfrack werfen mußte, um an der Tafel zu erscheinen. Er aß wenig, da die französische Küche ohnehin nicht nach seinem Geschmack war. »Warum speisen Sie so wenig, Herr Klosterhofmeister?« fragte besorgt die Herzogin über die Tafel herüber. »Mag' nichts mehr, Ew. Durchlaucht, hab' schon daheim Leberknöpf' gegessen.« – Ein andermal, als bei einer Morgenaufwartung wie gewöhnlich fremder Wein in kleinen Kelchen servirt wurde, nahm er keinen an. »Herr Klosterhofmeister, warum trinken Sie nicht?« fragte die höfliche Herzogin. – »Ew. Durchlaucht, die Dinger da sind so klein; ich fürchte, das Kelchle schlupfe mit nunter.« Von nun an bekam er ein größeres Glas. Zahlreich waren die adeligen Familien, welche diesem Reste eines Hofes nachzogen, von den stattlichen Kavalieren, den ehrwürdigen Hofdamen uralten Geschlechts an bis hinab zu etlichen obskuren gnädigen Frauen, die an hungrigem Vornehmthun den herabgekommenen Raubadel in Spindlers Juden noch übertrafen, die von der Wohlthätigkeit der Herzogin lebten und vor einer Fête bei Hof acht Tage lang zu flicken hatten. – Durch diesen Adel, hohen und niedern, bekam die ganze Geselligkeit des Städtchens eine von andern Städten seiner Größe verschiedene Tournüre; Theegesellschaften waren dazumal schon häufig, während man sonst im Land nur Thee trank, wenn man krank war. Die adeligen Damen erließen Einladungen zu Soirées, deren Hauptunterhaltung im Spielen bestand, vom l'Hombre bis hinab zu Mariage und Hopsen, also daß sogar die liebe Jugend sich mit den ausgedienten Karten und alten Spielmarken amüsirte. – Diese Unsitte war nun freilich kein Gewinn für die bürgerlichen Tugenden der Stadt K., wurde aber doch mit Maß betrieben. Hatte etwa eine der Hausfrauen einen Gulden verspielt, so war das schon großes Malheur und ward durch vermehrte Sparsamkeit eingebracht. Habe auch nicht vernommen, daß unter der Jugend dieses Gift nachhaltig gewirkt hätte und daß aus den Stadtkindern von K. irgend ein rasender Spieler hervorgegangen wäre. Glänzende Feste, Bälle u. dgl. waren verbannt, wie sich's am Hof einer Wittwe ziemt. Die einzige Abwechslung bestand in einer jährlichen Reise auf das Schloß zu S. zum Sommeraufenthalt, in den obenerwähnten Einladungen und abendlichen Spielpartien. So brachte der Hof in recht anständiger Langeweile seine Existenz hin. Winters jedoch erschien meist eine Schauspielergesellschaft, die durch Aufführung Kotzebue'scher Lustspiele und Iffland'scher Rührstücke das Publikum von K. höchlich ergötzte. Einmal verstiegen sie sich bis zum Donauweibchen, wo ein ungeheures Stück zusammengepapptes Zuckerhutpapier, das auf der Bühne hin und her gezogen wurde, das Meer vorstellte. Die Herzogin war äußerst sanften Charakters, freundlich und nachsichtig gegen ihre Umgebung und dankbar für jede »Attention,« die ihr in ihrer einsamen Lage zu Theil wurde. Den Schauplatz ihrer glänzenden Vergangenheit hat sie nicht wieder besucht. – So schloß sich ein reiches, vielbewegtes Leben still, beinahe vergessen außerhalb des kleinen Kreises, in dem sich die gute Frau bewegte. Warum ihr nicht vergönnt war, sich an der Seite ihres seligen Herrn zur letzten Ruhe zu legen, weiß ich nicht; sie wurde mit fürstlichem Prunk in der alten Gruft zu K. beigesetzt, die für sie nach langen, langen Jahren zum erstenmal wieder eröffnet wurde. Das Schloß hat seine Bestimmung beibehalten, ein Sitz für vereinsamte Frauen hohen Standes zu sein, und auch die freundlichen Engel des Wohlthuns und der Milde haben fortwährend ihre Heimath dort gefunden. Heirathsgeschichten. Dem wächst ein geschickter Sohn, Dem ein' edle Tochter zu, Eines ist des andern Kron', Eines ist des andern Ruh, Eines ist des andern Licht, Wissens aber Beide nicht. Bis, sobald es dem beliebt, Der die Welt im Schooße hält, Daß er jedem Zeugniß gibt, Wann und wie es ihm gefällt, Da erscheint in Werk und That, Der so tief verborgne Rath. Der Prinz aus Mohrenland. In der obern Stube des Pfarrhauses zu Rebenbach saß der Maler, der eingebürgerte Freund des Hauses, vor seiner Staffelei, emsig beschäftigt mit einem Mädchenbilde, dessen Original in der muntern Wilhelmine, der jüngsten Tochter des Hauses, vor ihm saß. Das Bild der ältern Schwester, ein blühender Blondkopf, sah recht hübsch unter einem aufgeschlagenen Federhut vor; mit der nußbraunen Wilhelmine aber, der man durchaus nicht nachsagen konnte, daß ihr »der Schönheit eitles Gut zu Theil geworden,« wollte es nicht so recht gelingen. »Ei, so sitze Sie doch gerade, bleib' Sie ruhig und seh' Sie mich an, wenn noch etwas aus Ihr werden soll!« rief der Maler ärgerlich. – »Ja, das meine ich, daß etwas aus mir werden soll,« sagte Wilhelmine lustig. »Ich sag' Ihnen, Sie müssen mich ähnlich malen, aber doch viel, viel hübscher als ich bin. Bei Dörtchen, da war's überflüssig, die kommt ihrem Bräutigam allezeit noch schöner vor als ihr Bild, aber ich, das wissen Sie wohl, ich muß mein Glück noch machen.« – »Ja, ein schönes Glück wird Sie machen, so eine unruhige Wachtel! Laß Sie sich nur noch ein Paar Sommer auf die Bleiche legen, daß Sie weiß wird wie andere Menschenkinder, wenn Sie nicht einen Mohrenprinzen will. Will Sie nur recht schön malen, daß Sie wenigstens einmal etwas vorstellt.« – »Ja, ja, das thun Sie, dann schicken wir das Bild in's Mohrenland, wo mein brauner Teint und mein Kartoffelnäschen Mode sind, dann merkt auf, was noch aus mir wird!« Da ertönte von unten herauf eine vielstimmige Küchenmusik, Feuerknistern, Kaffeemahlen, Mörserstoßen, und außer Athem rannte die Magd die Treppe herauf: »Geschwind, kommen Sie, Jungfer Wilhelmine, der Herr Steuerrath aus L. sind drunten, und ein ganz fremder, fürnehmer junger Herr dabei, ein Kronprinz oder so etwas.« – »Das wird der Prinz aus Mohrenland sein, der mich heimführt,« rief Wilhelmine mit fröhlichem Lachen; »jetzt malen Sie mich nur aus dem Herzen, und das recht schön, ich muß hinunter!« Flink hüpfte sie die Treppe hinab und überließ den brummenden Künstler seinem Schicksal. Drunten ging's hoch her, zwei Feuer loderten in der Küche, über einem brodelte die Kaffeepfanne, auf dem andern glühte das Waffeleisen. »Geschwind, Wilhelmine!« rief Dörtchen; »Du bist angezogen, trage die blauen Tassen hinein und lege den rothen Teppich auf den Tisch.« – »Und was gibt's denn? wer ist's? ist's richtig der Mohrenprinz?« – »Ach, Unsinn, der Steuerrath ist's und sein Sohn aus Holland.« – »Wie, der auf dem Kloster durchgegangen ist? Gib nur die Tassen, Dörtchen, mach den Kaffee gut, und die Waffeln gerathen Dir ja auch am besten, ich will alles drinnen besorgen.« Drinnen saß denn der Herr Steuerrath und neben ihm ein junger Mann in fremder Offizierstracht, den der alte Herr mit väterlicher Freude als seinen lang verlorenen, nun glücklich wieder gefundenen Sohn vorstellte. Dem jungen Mann schien's noch nicht recht wohl in fremder Gesellschaft, er saß etwas beklommen und schweigsam da, während der Vater sein glückliches Herz in Worten überfließen ließ. Auch der Herr Pfarrer und die Frau Pfarrerin waren etwas verlegen und waren nicht schlüssig, welchen Ton sie anschlagen sollten mit dem wiedergekehrten Flüchtling, dessen freventliche Flucht schon so oft und scharf getadelt worden war, und dessen stattliches Aeußere ihnen nun doch so imponirte. So begnügten sie sich denn mit fleißigem Einschenken und dringendem Zureden. Die lebhafte Wilhelmine aber war nie in Verlegenheit; sie nahm den leeren Platz neben dem jungen Herrn ein, versorgte ihn gehörig mit den Tafelvorräthen, die das arme Dörtchen draußen im Schweiße ihres Angesichts bereitete, und wußte ihn bald so aufgeweckt und gesprächig zu machen, wie der Vater selbst ihn noch nie gesehen hatte. Acht Jahre waren es, seit der junge Lindner in übermüthiger Knabenlaune die Klostermauern verlassen hatte, hinter denen, wie heutzutage, nur in viel strengerer Zucht als jetzt, die evangelische Jugend für den geistlichen Stand herangebildet wurde. Daheim, bei einem vielbeschäftigten Vater und einer lieblosen Stiefmutter war das Gefühl kindlicher Pietät und willigen Gehorsams nicht gepflegt worden, der Zwang und die Beschränkung widerstrebte seinem lebendigen Geist, für die Eltern war sein Herz verschlossen, und statt daß ein freundliches, vernünftiges Wort von daheim ihn hätte zurechtweisen können, reizten unzufriedene Knaben, seine einzigen Vertrauten, seinen Unmuth immer mehr. Der feurigste, der talentvollste unter den Knaben, wurde er von diesen vorgeschoben, wo es galt, eine vorlaute Aeußerung zu thun, einen Fehler auszubaden, bis er am Ende das Stichblatt aller Verweise und Strafen war, mit denen man das junge Volk unter dem Daumen zu halten gedachte. Der bloße Gedanke, den geistlichen Stand zu verlassen, wäre vom Vater als ein Sacrilegium angesehen worden; so beschloß Karl denn mit mehreren seiner Genossen, die verhaßte Kutte abzuwerfen und zu entfliehen. Wie das aber zu gehen pflegt, als der Entschluß zur Ausführung kommen sollte, ließen ihn Alle im Stich, er allein wollte nicht mehr zurück, und so halfen sie ihm denn, sich mit Lebensgefahr am Leintuch vom Fenster hinab zu lassen; darauf legten sie sich geruhig zu Bett. Der Flüchtling eilte durch Nacht und Nebel mit scheuen Schritten vorwärts, voll Angst vor Verfolgung, neben der das Gefühl der Freiheit, der freudigen Begierde nach der »weiten Welt,« die einst so lockend vor ihm gelegen, kaum Raum gewinnen konnte, fort und immer fort, bis er endlich todtmüde in einer offenen Scheune sich zur Ruhe legte, um Gegenwart und Zukunft in tiefem Schlaf zu vergessen. – Er hatte sich die Freiheit, die weite Welt etwas anders gedacht, als er sie nun am andern Morgen fand, wie er mit wunden Füßen und hungrigem Magen – seinem schmalen Beutelein konnte er nicht viel zumuthen – auf Seitenwegen fortschlich und ängstlich jedem Vorübergehenden auswich, aus Furcht angehalten und erkannt zu werden. Der junge Lindner war froh, am zweiten Abend seiner Flucht in einer überfüllten Schenke unterzukommen, wo er unter der lärmenden Menge sich unbemerkt glaubte. Wie verwundert und geschmeichelt war er aber, als er von zwei stattlichen Kriegsleuten in fremder Uniform sich angeredet, mit großer Freundlichkeit behandelt und sogar bewirthet sah! Wie leicht ward es diesen, die kurze Geschichte des sechzehnjährigen Knaben zu erfahren, wie entsetzlich schilderten sie ihm sein Loos, wenn er, wie ja wahrscheinlich war, erkannt und zurückgebracht wurde! Dagegen wußten sie ihm das Soldatenleben in ihrem Heere in glänzenden Farben zu schildern und namentlich die Aussichten für so geschickte junge Leute wie er. Da könne eine Offiziersstelle ja gar nicht fehlen, wenn er nicht nur lateinisch und französisch, sondern sogar griechisch und hebräisch verstehe; das könne in Holland nicht einmal der König. Ein altes, leidiges Spiel wiederholte sich, der verlaufene Knabe war eine leichte Beute für die Werber und der Nimbus verschwand nach kurzer Frist, als der zuvor so Geschmeichelte mit Härte zum Dienst angewiesen, und statt die verheißene Offiziersstelle zu bekommen, wegen seiner noch kleinen Gestalt mit Hohn als Tambour eingekleidet wurde. Eine lange, bittere, schwere Zeit erwartete den armen Karl, der sich der Klosterzucht nicht hatte fügen können. Nun lernte er erst, was gehorchen sei, die verschmähte Wissenschaft stand jetzt als ein unerreichbares, ewig verscherztes herrliches Ziel vor seinen Augen, die einst verworfenen Bücher wurden nun, wo er eines erhaschen konnte, seines Herzens Trost und Balsam, die einzige Lust seines freudelosen Lebens. In dieser harten Schule kam er zu früher Reife, er lernte, daß der Mensch ein Muß braucht, und daß zu frühe Freiheit auf einem oder dem andern Weg zu härterem Zwang führt; aber er lernte auch sein eigen Herz kennen, er lernte Gott suchen und finden. In die Heimath schreiben aus seinem jetzigen kläglichen Zustand, das wollte er nicht, sei es ein Rest von Stolz gegenüber der Stiefmutter, sei es eine selbstauferlegte Buße; er wollte liegen, wie er sich gebettet, bis Gottes Finger ihm einen lichtern Weg zeigen würde. Ein Offizier, der ihn einst überraschte, wie er, über die Trommel gebeugt, in einem defekten Exemplar des Plutarch las, das er in einem Käsladen erbeutet hatte, befreite ihn von der lästigen Tambourstelle und hätte sich seiner wohl auch sonst angenommen, wenn er nicht schnell versetzt worden wäre. So war sein Schicksal wenig erleichtert, bis es ihm endlich gelang, dem König ein lateinisches Gedicht zur Feier seines Geburtstags zukommen zu lassen. Ueberrascht forschte dieser nach dem gelehrten Soldaten, erfuhr von ihm seine Geschichte und machte gut, was ihm in seinem Dienste Unrecht geschehen war. In einer Militärbildungsanstalt fand Karl Gelegenheit, seinen nun so mächtig erwachten Wissensdurst in geordnete Bahnen zu leiten, und obgleich ihm der König die Rückkehr freistellte, so zog er es vor, im Soldatenstand zu bleiben, der ihm mit der Beigabe der Wissenschaft nun lieb und werth wurde. Die Kriegszeiten waren freilich für den Augenblick vorüber und mit ihnen die Aussichten auf baldige Beförderung in der Welt, oder aus der Welt. So hatte es der junge Mann trotz seltener Kenntnisse noch nicht höher als zum Fähndrich gebracht. Das war indessen immerhin eine Stellung, in der er sich in der Heimath zeigen wollte und konnte, um so lieber, als er in einem Zeitungsblatt von daheim den Tod der Stiefmutter gelesen; und so stellte sich denn der langbeweinte, todtgeglaubte Sohn dem alten Vater zu dessen unaussprechlichem Jubel vor. Das alles erfuhr die teilnehmende Wilhelmine, die mit ihren lebhaften Augen, ihren erstaunten Ausrufen gewiß eine gute Zuhörerin war, nicht an dem Einen Nachmittag, wohl aber nach und nach an den vielen, die der Fähndrich von nun an im Pfarrhause zubrachte und an denen das gegenseitige gute Einverständnis der jungen Leute immer mehr zunahm. Wilhelmine war sehr strebsamer Natur, alles Können und Wissen, bei dem sie einen praktischen Zweck sah, zog sie an. Musik hatte sie nie gelernt, auch nicht Zeichnen und Malen, dagegen erlernte sie vom Provisor französisch, der gewiß ein guter Lehrer gewesen wäre, wenn er es nur selbst verstanden hätte und nicht die Aussprache so mühsam aus der Grammatik hätte klauben müssen. Seither hatte sie jede Gelegenheit zum Parliren mit dem Maler, ja selbst mit reisenden Hühneraugenoperateurs, Firnißhändlern \&c. fleißig benutzt und war jetzt höchlich erfreut über die Entdeckung, daß der Fähndrich vortrefflich französisch sprach und schrieb. Da wurde nun studirt und parlirt, daß das Dörtchen stets davon lief und der Maler oft warnend den Finger aufhob: »Hör' Sie, Wilhelmine, ich brauche Ihr Bild nicht fertig zu machen, der Mohrenprinz nimmt Sie vorher in originali fort!« Vater und Mutter waren über des Fähndrichs Zuspruch nicht sehr erbaut, bei Wilhelminens praktischer, thätiger Natur hatte aber das Beisammensein durchaus keinen sentimentalen Charakter; sie selbst schlugen auch die fremde Offizierswürde so niedrig an, daß ihnen kein Gedanke an die Möglichkeit kam, die reelle Wilhelmine könnte hier an etwas Ernstliches denken, zumal des Fähndrichs Urlaub demnächst zu Ende ging. Der Urlaub ging nun freilich zu Ende und der Fähndrich war eine Zeitlang nicht im Pfarrhaus erschienen, als eines Tags der Dorfbote mit der Zeitung noch einen sehr schön überschriebenen Brief an den Pfarrer brachte, bei dessen Anblick Wilhelmine über und über erröthete und in lauterer Verlegenheit den eben gedeckten Frühstückstisch wieder abräumte, während der Vater den Brief langsam durchlas. Der Vater aber legte ihn wieder zusammen, steckte ihn ein und frühstückte, ohne ein Wort zu sprechen, dann ging er auf seine Stube, nachdem er Wilhelminen mit großem Nachdruck gesagt hatte: »Daraus wird nichts!« Da setzte die rasche Wilhelmine sich nieder, als ob sie gelähmt und gebrochen wäre an allen Gliedern. Also das war das Ende! Ja, leider, das war's! Der Brief war eine Werbung in schönster Form gewesen. Der Fähndrich wollte Wilhelminen in sein neues Vaterland führen, wenn sie sich entschloß, dort sein bescheidenes Loos zu theilen; konnten aber die Eltern sich nicht von ihr trennen, so erbot er sich gern, »die Kugelbüchse mit der Feder« zu vertauschen und in der alten Heimath eine Stelle zu suchen, die er bei seinen Kenntnissen wohl zu finden hoffte. – Wilhelmine hätte nach keiner Seite hin eine Einwendung gehabt, ihr bangte nicht vor dem fernen Land und vor dem schmalen Fähndrichsgehalt; ihres kräftigen Sinnes, ihrer fleißigen Hand und ihres in der Familie wohlbekannten und vielfach belächelten Talents zum Sparen sich bewußt, hätte sie daheim oder draußen jedes Loos mit dem geliebten Manne getheilt. Aber Vater und Mutter waren ganz anderer Meinung. Seit Menschengedenken hatten in der Familie nur ganz solide, sichere Heirathen stattgefunden: Pfarrer, Stadtschreiber, Doctoren \&c.; ein Fähndrich in Holland, oder gar ein aussichtsloser Stellenjäger im Vaterlande, das war undenkbar! Dafür hatte die Mama nicht seit Jahren Tischzeug und Bettbarchet gewoben und der Papa seine Kapitälchen verwaltet und vermehrt. Nein, da waren sie ihrem Kind eine bessere Versorgung schuldig. Der arme Fähndrich erhielt ohne Gnade einen Korb mit allerlei Achtungsversicherungen u. dgl., schon um des Papa willen! aber Korb bleibt Korb. Wilhelmine weinte bitterlich; das war nun das erstemal in ihrem ganzen Leben, daß sie auch gehofft und geträumt hatte, und so war's zu nichte geworden! Damals waren noch die alten Zeiten unbedingten kindlichen Gehorsams, und es fiel ihr nicht ein, mit Thränen und Ohnmachten einen Sturm auf das strenge Vaterwort zu versuchen, um so weniger, als weder Mutter noch Schwester auf ihrer Seite waren. Der Fähndrich fügte sich nicht so geduldig; es war diesmal keine versagte Knabenlaune, es war der tiefgegründete Wille eines Mannesherzen, der hier gebrochen werden sollte. Die alte Abenteuerlust seiner jungen Jahre kehrte wieder; er vermochte mit vieler Mühe Wilhelmine zu einer Zusammenkunft im Schulhaus und theilte ihr hier einen keck entworfenen Entführungsplan mit. Damit kam er aber übel an bei einem Mädchen von so klarer Einsicht in die Lebensverhältnisse, die in die strenge Zucht und Sitte des Elternhauses nicht hinein gebunden , sondern hinein gewachsen war. Das Vaterhaus verlassen ohne Elternsegen, ohne Hochzeitfeier und bräutliches Geleite, und sei's gestanden, auch ohne Aussteuer – nein, nein, davon konnte die Rede nicht sein! »So geht's nicht, lieber Karl,« sagte sie traurig; »was sein soll, schickt sich wohl; ist's Gottes Wille, daß wir zusammenkommen sollen, so wird's wohl auf rechtem Wege geschehen.« – So schied denn der Fähndrich nach kurzem schmerzlichem Abschied, viel trauriger und hoffnungsloser als vor Jahren der flüchtige Klosterschüler. Das eine Versprechen hatte er noch von Wilhelminen erlangt, daß sie ihm durch seinem Vater hie und da einen Gruß oder ein Briefchen schicken wolle. Wilhelmine war keine sentimentale Natur; sie starb nicht am gebrochenen Herzen, sie verhauchte sich nicht in Seufzern, sie war nach wie vor früh und spät im Hause flink und rüstig an der Arbeit, aber ihre alte Fröhlichkeit kehrte doch nicht wieder, und die französischen Studien lagen gänzlich darnieder. Daß sie bei Niemand daheim Anklang fand für das, was ihr Herz bewegte, das entfremdete sie etwas von Mutter und Schwester, und als ein verwittweter älterer Bruder eine der Schwestern zur Leitung seines Haushalts verlangte, da erbot sie sich rasch dazu; es war ihr jetzt recht lieb, so viel allein zu sein, und sie konnte hier leichter ihre freilich höchst sparsam unterhaltene Verbindung mit Karl fortsetzen. Eins war's, was ihr bisher immer ein unerfüllter Wunsch geblieben: sie hätte Karl so gern ein Zeichen ihrer Liebe gesandt. Eine Haarlocke hatte er freilich, aber sie hätte ihm so gern auch etwas Rechtes zu Liebe gethan; hatte er doch keine Mutter, die für ihn sorgte. Mit Malen konnte sie nicht umgehen, ihr Bild, das der Maler nun recht ähnlich und doch hübsch vollendet hatte, konnte sie ihm leider nicht wohl schicken, maßen es zwei Schuh groß war und nicht ohne Willen der Eltern hätte versandt werden können. Da kam ihr in der größern Freiheit, die ihr beim Bruder blieb, ein anderer Gedanke. Sie holte ihre sorgfältigst verwahrte Sparbüchse hervor, in der sich noch jeder Kreuzer befand, den sie als Kind zu Aepfeln oder Bretzeln bekommen hatte, und ob der sie schon oft geneckt worden war. Nun aber dauerte sie's nicht, für einen großen Theil ihres Schatzes zehn Pfund des auserlesensten Flachses zu kaufen. Den Tag über besorgte sie emsig den Haushalt des Bruders, hütete die Kinder, strickte und flickte unverdrossen; bei Nacht aber, wenn die Kleinen zu Bette waren und der Bruder in Gesellschaft, da holte sie Rocken und Rädchen und spann bis tief nach Mitternacht so feine silberweiße Fädchen, daß Königin Bertha sich nicht hätte daran schämen dürfen. Wie viel liebe trauliche Gedanken hat sie da hineingesponnen, bis sie im Frühling den reichen Schatz von seidefeinem Garn dem bewundernden Weber übergeben konnte! Der Sommer ging ihr hin ohne Wechsel, ohne Freude, ohne Hoffnung. Es war ihre erste Freude nach langer Zeit, als sie die schöne feine Leinwand blendend weiß von der Bleiche erhielt und nun wieder ihre Nächte dazu verwenden konnte, mit den allerfeinsten Stichen Karl sechs Hemden, Meisterwerke der Nähterei, zu verfertigen. Ihr jungen Damen von heutzutage, was ist ein gemaltes Albumblatt, ein perlengesticktes Cigarrenetui, eine gehäkelte Börse gegen die liebevolle Treue und Fürsorge, gegen die geduldige Ausdauer, die in solch einer Arbeit liegt. Die Hemden waren abgesandt und mit Freuden aufgenommen worden, der Bruder hatte eine Haushälterin und Wilhelmine ward heimberufen, weil Dörtchen nunmehr als wohlbestallte Frau Amtmännin das Elternhaus verließ. Da war es aus mit der Freiheit, auch merkte der Vater bald die geheime Korrespondenz, die wieder eifriger denn zuvor betrieben wurde. Das war äußerst fatal, daß das Mädchen um so eine aussichtslose Geschichte sich jede Möglichkeit einer soliden Partie verderben sollte. Der Fähndrich war zwar Lieutenant geworden und Wilhelmine hatte stolze Hoffnungen auf dieses Avancement gebaut, aber der Vater fand das immer noch keine Versorgung; so sprach er denn noch einmal ein ernstes Wort mit Wilhelmine und diese brachte das letzte Opfer kindlichen Gehorsams. Sie schrieb Karl den letzten Brief, fest, klar und entschieden. Sie gab ihm sein Wort zurück und bat ihn, nicht in trübseliger Einsamkeit in der Fremde zu bleiben; sie sei fest entschlossen, sich dem Willen ihrer Eltern zu fügen, und wünsche ihm Gottes Segen zu jeder andern Verbindung, die er schließen werde. So war's zum zweitenmal aus, und dieser zweite Abschied fiel Wilhelminen viel schwerer als der erste; die Hoffnung ist solch ein Gut! Der Spruch: »was sein soll, schickt sich wohl,« den sie so oft im Munde geführt, wurde nicht mehr vernommen, und langsam und trübselig verflossen Tage und Wochen. Da kam eines Abends der Steuerrath, der lange nicht mehr im Pfarrhaus eingesprochen hatte, auf einem steifen Rappen angeritten. Verwundert über den späten Gast, eilt der Pfarrer hinaus und wollte ihm vom Pferd helfen. Der alte Freund sah sehr bekümmert aus, reichte vom Pferd herab dem Pfarrer einen Brief, sagte mit gedämpfter Stimme: »Da lesen Sie!« und ritt davon, ehe der erstaunte Pfarrer zu Wort kommen konnte, obgleich's auf dem Rappen nicht zu schnell ging. Wilhelmine hatte alles gesehen, sah den Vater mit dem verhängnißvollen Brief in's Zimmer kommen, hörte, wie er Licht verlangte und schweigend damit auf seine Stube ging, und durfte gar nichts sagen und nichts fragen. Ob sie die Nacht geschlafen, das weiß ich nicht. Jede Prüfung aber gewinnt ein Ende. Nach dem Frühstück wurden Wilhelmine und die Mutter auf des Vaters Zimmer berufen und ihnen der Inhalt des Briefs mitgetheilt. Er war von einem holländischen Offizier, einem Freunde Karls, der dem Vater schrieb, daß der junge Mann schon einige Wochen, seit Empfang des letzten Briefs aus der Heimath, leidend und in gedrückter Stimmung gewesen sei, nun aber an einem hitzigen Fieber schwer krank darnieder liege. All seine Fieberreden und Phantasien drehen sich um eine Wilhelmine, so daß er und der Arzt vermuthen, daß ein Herzenskummer der Hauptgrund seiner Krankheit sei. Da ihnen nun in seinem Bekanntschaftskreise in Holland keine Wilhelmine bekannt sei (wie er denn überhaupt nie weibliche Bekanntschaft gesucht), so denke er, die Betreffende werde wohl in seiner Heimath zu finden sein. Er bat nun den Vater, nachzuforschen, ob und wo eine solche Wilhelmine existire und dieselbe nicht vielleicht für seinen armen Sohn zu gewinnen sei, da darauf der Arzt die letzte Hoffnung für seine Genesung baue. Ein steinern Herz und nicht ein christlicher Pfarrherr hätte es sein müssen, der hier widerstanden hätte. Wilhelmine zerfloß fast in Thränen. »Hör', Wilhelmine,« begann der Vater, »der Lieutenant hat nichts, und er bekommt nichts, den Steuerrath haben seine Stiefkinder um alles gebracht; Du bekommst eine Aussteuer, sonst aber keinen Heller, da ich mein redlich Erspartes nicht unter solch fremd Volk geben werde; merke das wohl! Willst Du den Lieutenant?« – »Freilich, Papa, freilich!« rief Wilhelmine eifrig mit getrockneten Augen. – »Wenn Du im Lande heirathest, so bekommst Du viertausend Gulden Heirathgut, und kannst eine ansehnliche Frau werden; besinne Dich wohl, das war Dir sonst nicht gleichgültig.« – »Papa, ich habe schon lange Zeit zum Besinnen gehabt und ich denke, wenn mich der liebe Gott sparsam werden ließ, so war das, weil er wohl wußte, daß ich's noch brauchen könne. Ich habe schon alles bedacht, Papa, ich brauche keine Magd, ich kann für zwei arbeiten und will nebenher noch ein schön Stück Geld mit Feinnähen verdienen, wenn es sein muß. Man braucht ja nicht zu wissen, daß ich's bin, und wenn ich rechne, was Karl an Wäsche und Kleidern ersparen wird, wenn ich für ihn sorgen kann –.« – »Schon gut, schon gut,« unterbrach sie der Vater lachend; »ich glaube wohl, daß Du nicht verdirbst; wenn's der Mama recht ist, so sag' dem Matthes, daß er den Braunen einspannt, so können wir's selbst dem Steuerrath ausrichten.« So flink war noch nie ein Fuhrwerk bereit gewesen, Papa Steuerrath fertigte auch alsbald einen Kurier ab, um den Brief mit der Freudenbotschaft auf's nächste Postamt zu bringen; etwas gekränkt blieb er aber dennoch über die Härte des Pfarrers, die seinen Sohn in solche Lebensgefahr gebracht, bis nach vierzehn Tagen die trostvolle Kunde kam, daß die Heilsbotschaft sich als solche erwiesen habe, und Karl auf dem besten Wege zur Genesung sei. Da war nun das Schuldbuch vernichtet, ausgesöhnt die ganze Welt! Wilhelmine nahm sich nicht Zeit, in süßen Gefühlen zu schwelgen, es schien, als ob mit ihrem Brautglück ein paar hundert Ameisen und Bienen in sie gefahren wären, so emsig und unverdrossen war sie in Ausrüstung und Vermehrung ihrer Vorräthe; alles erschien ihr brauchbar für ihr künftiges Vaterland, das sie sich wie am Ende der Welt liegend und als halbes Sibirien vorstellte. »Die verdirbt nicht!« war die stehende Redensart in der Familie, wenn man sie so eintragen sah. Der Lieutenant kam, genesen und stark, in schönster Uniform, um seine theuer errungene Braut heimzuführen. Was sein soll, hat sich wohl geschickt. Wenn ich einmal Ehestands- und nicht Heirathsgeschichten erzähle, so wüßte ich allerlei Schönes von dem Ehestand der Wilhelmine zu berichten, wie sie bescheiden anfing und wie sie ein emsiges, sparsames Hausmütterchen blieb, auch als Ehre und Wohlstand mehr und mehr in ihr Haus einzogen, wie sie als glückliche Frau und Mutter an der Seite des stattlich dekorirten Obristen die Jugendheimath wieder besuchte und wie dieses treuverdiente Glück sich als ein probehaltiges erwiesen. Nun schläft sie an des Gatten Seite, den sie treulich und rüstig verpflegt, nachdem ihr noch vergönnt gewesen, ihr goldenes Hochzeitfest mit ihm zu feiern. Gott schenke ihnen fröhliche Urständ! Von dem Doktor und des Amtmanns Sophie. Es war ein schönes, stattliches Dorf des schwäbischen Unterlandes, wo der Amtmann seit Jahren seinen Ruhesitz genommen hatte und der Landwirtschaft oblag. Er war ein Studirter, sogar ein schöner Geist, machte Verse und schrieb leitende Artikel in's Wochenblatt und war, nicht »weil,« sondern »obgleich« er dies that, ein grundgescheidter Mann, der mit dem Zeitgeist rüstig Schritt hielt, ohne sich von ihm in irgend einer Weise fortreißen zu lassen. Es war wohl zumeist seiner Frau zulieb geschehen, daß er so frühe schon sein Amt aufgegeben und sich im Dorf niedergelassen hatte, auf den väterlichen Gütern, auf denen sie groß gewachsen war. Obwohl sie sich längst zu ihm herangebildet, lebte und webte sie doch mit ganzer Seele in ihren Hanf- und Kartoffelpflanzungen, ihrem stattlichen Hühnerhof und ihren Gärten, wo sie die schönsten Gemüse zog, den meisten Kopfsalat überwinterte und jederzeit vierzehn Tage vor der Frau Pfarrerin Lattich producirte. Sophie war ihr einziges Töchterlein, ein junges Blut von siebzehn Jahren, leichtfüßig und leichten Herzens, hie und da ein wenig verlegen und unbeholfen; doch schaute eine so frische, lebendige Seele aus ihren schwarzen Augen, daß man das gern übersah. Das war freilich fatal, und Herrn Oberamtmanns Mathilde und Dekans Pauline aus der benachbarten Stadt äußerten sich oft recht bedenklich darüber, daß Sophie eben noch so gar ungebildet war. Sie hatte noch nichts von Schiller gelesen und von Goethe kaum gehört, obwohl sie in des Vaters Bibliothek standen, und als ihr die Mathilde das neuste von Friederike Bremer leihen wollte, da meinte sie: »Ja, siehst Du, ich habe eben den Tag über so viel zu thun, da mag ich Abends nicht auch noch lesen.« Die Mutter selbst, obgleich sie sich keiner klassischen Bildung rühmen konnte, war über diesen Mangel an Strebsamkeit angefochten, durch den ihre Sophie so sehr zurückblieb hinter den Forderungen der Zeit, und meinte, man sollte das Mädchen doch auf ein Jahr nach Stuttgart thun; der Vater aber sah mit unbegreiflichem Gleichmuth zu, wie diese wilde Rose sich zwanglos am Vaterhaus hinaufrankte, und hatte seine Herzensfreude an der kindlichen Frische des Mädchens, das daneben ein folgsames und fleißiges Kind war, wie sie Vögel fütterte oder schreiende Nachbarskinder herumschleppte, deren Mütter auf dem Feld waren, während Cousine Clara mit dem Provisor höchst mühselige vierhändige Sonaten einstudirte oder mit etlichem Gähnen den Bulwer las. Clara, eine früh verwaiste Nichte des Amtmanns, war seit langen Jahren im Amthaus daheim, eine volle, schöne Gestalt, blond und weiß und roth, wenige Jahre älter und viel kultivirter als Sophie. Sie war fast zwei Jahre in Stuttgart gewesen, hatte daselbst Tanzen und Sticken, Kleider- und Putzmachen gelernt, auch einen Curs Literaturgeschichte gehört, von dem ihr etliche unklare Erinnerungen zurückgeblieben waren. Sie verstand sich prächtig zu kleiden, machte feine Arbeiten, und wenn sie in Gesellschaft just nicht mitzusprechen wußte, so machte sie doch wenigstens ein Gesicht, als ob sie das alles besser verstände und nur mit dem besten Urtheil nicht herausrücken wollte. Da fand es denn alle Welt natürlich, daß der junge Praktikus, der sich im nächsten Marktflecken gesetzt hatte und vom Amtmann als Hausarzt angenommen war, seine Huldigung alsbald Clara zuwandte, zumal sie auch für eine Erbin galt. Man bemerkte zwar nicht, daß er ihr ausdrücklich den Hof gemacht hätte, aber im Amthause war er den lieben langen Tag zu finden. Niemals noch war jedes flüchtige Unwohlsein der Insaßen so überaus gründlich mit Vor- und Nachkuren behandelt worden als zu jener Zeit. Ein Splitter, den sich Clara im kleinen Finger gefangen hatte, bedurfte einer achttägigen Behandlung; die gute Mama sollte eine Warze an der Nase, deren Dasein sie selbst ganz vergessen hatte und die ihrer Schönheit längst keinen Abbruch mehr that, mit Aetzen und Unterbinden vertilgen lassen; selbst Käthchen, die alte Hausmagd, kam einst mit hellem Lachen: jetzt meine der Doktor gar noch, sie habe einen Reformatismus, weil sie sich eben den Fuß ein wenig übertreten habe. Es war in der Gegend ein solcher Reichthum an Aerzten, daß es nicht zu verwundern war, wenn der Doktor, trotz seiner anerkannten Geschicklichkeit, so viel Zeit und Mühe auf dieses Eine Kundenhaus verwenden konnte. Er war es müde geworden, mit seinem Apotheker halbe Tage lang Schach zu spielen und über die robuste Bevölkerung zu lamentiren, und diese noch schwache Praxis war wohl auch der Grund, warum er mit seinen Absichten auf Clara so lange hinter dem Berge hielt. Diese, die ein äußerst ruhiges Herz besaß (um nicht zu sagen gar keines), ließ sich's in allem Gleichmuth gefallen, für die Angebetete des Doktors zu gelten, und that nichts dazu und nichts davon. Der Doktor, ein heiterer und angenehmer Gesellschafter, war im Amthaus von Alt und Jung jederzeit gern gesehen; sogar Sophie, die sonst selten dazu zu bringen war, zahm und gesittet an gebildeter Gesellschaft Theil zu nehmen, ließ sich herbei, wenn er da war, und brachte manchmal Einfälle zu Tage, die noch gescheidter waren als die Gesichter der Cousine Clara, so daß die Mutter dachte, wenn's mit dem Doktor und der Clara einmal Ernst geworden sei, so müsse man die Sophie auf einige Zeit hinüber thun zu ihnen; der Doktor bringe noch am ehesten etwas an sie hin. Recht verwunderlich war's, daß auch Sophie, sonst ein Bild der Gesundheit und des Lebens, doch eines Tags nach einer Schlittenfahrt, wo der Doktor Clara geführt hatte, die auf des Vaters Wurstschlitten nicht mehr Platz gefunden, bleich aussah und Kopfweh klagte. Trotz ihres Sträubens schickte die Mutter nach dem Doktor, der, wie billig, diesen Fall nicht leichter nahm als die früheren im Hause. Er dachte an allerlei bedenkliche Wendungen, die die Krankheit möglicherweise nehmen könnte, und verordnete das Gehörige. Die Mutter ließ sich's nicht nehmen, bei Sophie zu wachen, die jedoch die ganze Nacht steinfest schlief und frisch und rothwangig erwachte. Die Mutter aber erlaubte ihr durchaus nicht aufzustehen, bis der Doktor dagewesen. Der kam auch in aller Frühe angeritten und fand trotz sorgfältigsten Forschens wenig Krankheitsspuren mehr. »Nur noch ein etwas rascher Puls und diese dunkelrothe Gesichtsfarbe, die sich gestern schon zeigte, ist mir bedenklich; wir wollen doch einmal sechs Blutegel ansetzen.« Mußte also die arme Sophie ihr tiefes Erröthen beim Eintritt des jungen Doktors mit dem Biß von sechs Blutegeln büßen. Nicht lange nach dieser glücklich überstandenen Lebensgefahr der Sophie kam eines Abends der Doktor in besonders fröhlicher Laune in's Amthaus, um den Freunden zu verkünden, daß er endlich eine langersehnte Anstellung mit Wartgeld (die Mediciner sind doch die einzigen Leute in der Welt, die für das Warten noch bezahlt werden!) erhalten habe. Sie freuten sich herzlich über sein Glück, obschon's dem Vater leid that, den geselligen Nachbar zu verlieren. Die Mutter dachte bei sich: »Wie ärgerlich, daß die Clara gerade heut nach B. in's Casino gehen mußte! Der Doktor hätte gewiß gern sein Wort angebracht,« und besann sich, ob sie zu Clara's Aussteuer den Sattler in's Haus nehmen oder alles auswärts machen lasset wolle. Die Sophie aber war unvermerkt abhanden gekommen, wahrscheinlich weil sie dachte, es wäre schicklich, dem Doktor zu gratuliren, und doch nicht wußte wie? Erst als der Doktor nach ungebührlich langem Verweilen sich zum Gehen anschickte, tauchte sie im Hintergrund auf. Sie leuchtete ihm auf der Treppe, da bat sie der stets noch zögernde Gast, ihm doch ihre jungen Seidenhasen zu zeigen (Sophie hielt stets eine kleine Menagerie). Obgleich es ziemlich spät war, zeigte sich das allzeit gefällige Mädchen doch bereit, und ging mit ihm in das untere Stübchen, das ihr dazu eingeräumt war. Die Mutter meinte, es schicke sich doch nicht so recht, der Vater aber sagte lachend: »Laß sie nur machen!« Nicht lang stand's an, so hörte man den Doktor die Hausthür zuschlagen, und obgleich er diesmal zu Fuß gekommen war, in hellem Galopp davoneilen. Sophie aber stürzte mit glühendem Gesicht die Treppe herauf und in's Zimmer. – »Was ist's? was gibt's? was ist Dir begegnet?« fragte der Vater. – »Ach, so etwas ist mir in meinem ganzen Leben noch nicht begegnet!« rief Sophie. – »Ja, was denn?« fragte die Mutter. – »Der Doktor will mich heirathen!« stieß Sophie heraus, und hob an zu weinen, wie sie im Augenblick schlechterdings nichts anderes zu thun wußte. – »Das ist mir ein saubrer Patron!« fuhr der Vater mit gut gespieltem Zorn auf; »spricht dem unschuldigen Kind da vom Heirathen und bringt mir's zu bitteren Thränen! Dem will ich meine Meinung sagen, und das sogleich, dem werde ich einen Brief schreiben, den er nicht an den Spiegel steckt!« Und höchst aufgebracht ging er auf seine Stube. Noch war er nicht lange dort, als Sophie eintrat; ihre Augen waren schon getrocknet. »Vater,« fing sie schüchtern an, »ich meine, Du solltest doch nicht gerade einen Boten fortschicken mit dem Brief an den Doktor; – es – es –« – »Ei, warum nicht, Du armes, gekränktes Kind?« – »Es – es kostet so viel Porto,« sagte Sophie in größter Verlegenheit. – »O Du sparsames Kind!« lachte der Amtmann im höchsten Vergnügen; »was für eine gute Hausfrau wirst Du werden! Ja, ja, so lassen wir's denn einstweilen gehen, weil es so viel Porto kostet, bis wir's dem Doktor mündlich sagen können, daß man mit siebzehnjährigen Kindern noch nicht vom Heirathen spricht.« – »Ja, aber die Großmutter war erst sechszehn,« meinte Sophie und ergriff eiligst die Flucht. Nun, der Doktor ist wieder gekommen und sie haben sich alle zusammen mündlich verständigt, auch hat er der Sophie keine Blutegel mehr gesetzt, obgleich ihr Gesicht noch dunkler glühte, als dazumal. – Die Hochzeit wurde, wie billig, noch etwas verschoben, aber es gab ein fröhliches Verlobungsmahl, ehe der Doktor abzog. Clara war freilich auf's Höchste überrascht durch die Neuigkeit, doch schickte sie sich mit gutem Anstand in den Verlust ihres Anbeters; sie gab seiner Zeit eine hübsche Brautjungfer und tröstete sich binnen kurzem an der Seite eines langbeinigen Gerichtsaktuars. Ob der Doktor der Sophie Schiller und Goethe noch beigebracht hat, ist mir nicht bekannt, aber soviel weiß ich, daß sie nie das unerhörte Ereigniß beklagt hat, das ihr damals zugestoßen, und daß sie nie bereute, jenen Botenlohn erspart zu haben. Das erfolgreiche Conzert. Ein lebenslustigeres Städtchen als St. fand sich gewiß weit und breit nicht. Man konnte gar nicht sagen, wann der Kreis geselliger Vergnügungen anfing und wann er schloß, ob mit dem Schmaus nebst Punsch in der Neujahrsnacht, mit den Winterbällen und Casino's mit Sprüchwörterspiel nebst den prachtvollen Schlittenfahrten, oder ob mit den Wasserfahrten und Landpartien im Frühling, mit den Waldspaziergängen zur Sommerszeit in den Eichenhain, wozu der Schwanenwirth einen Wagen mit Bierfässern nachführte, oder mit den Kirchweihsamstagen, die man in allen Dörfern des ganzen Amts besuchte, bis der Herbst erschien mit dem Hauptfest, der Weinlese, nebst Herbstball und Feuerwerk, und bis eine gemeinsame großartige Metzelsuppe für den Eintritt der schlimmen Jahreszeit trösten mußte. Eine Hauptrolle bei all diesen Herrlichkeiten spielten die vier stattlichen Töchter des Herrn Stadtpflegers, auch Salzfaktors. Es war wirklich eine Lust, dieses ansehnliche Contingent zu sehen, mit dem der glückliche Vater bei jeder Gelegenheit ausrückte. Ganz vollständige Frauenzimmer waren es, die Auguste wie die Therese, die Karoline wie die Lotte, und that einem die Wahl weh, welche die andere übertraf an starkem Gliederbau, vollen Wangen und kräftigen Geberden. Dazu hatte jede noch ein besonderes Talent. Auguste war eine Köchin aus dem Fundament und wurde bei allen Familienfesten gebeten, hülfreiche Hand zu leisten. Therese schlug das Clavier, daß die Fenster in der Nachbarschaft davon erzitterten, sang auch mit heller Stimme: »Einsam bin ich, nicht alleine,« »Weit in nebelgrauer Ferne,« und schlug dazu die Augen gen Himmel, also daß nur noch das Weiße davon zu sehen war. Karoline hatte sich hauptsächlich auf feine Arbeiten gelegt, häkelte Hauben und Halskrägen, stickte Schemel, Pantoffeln und Serviettenbänder zu allseitiger Verwunderung; der Triumph ihrer Kunst, ein Glockenzug mit einer ganzen Chinesenfamilie, hing inmitten der Wand des väterlichen Staatszimmers, ohne die Möglichkeit einer Glocke daran. Die Lotte aber hatte zeichnen und malen gelernt und alle Wände des Vaterhauses waren behängt mit etwas räthselhaften gemalten Naturansichten: Schweizergegenden, wo die Schneeberge wie entkleidete Zuckerhüte und die Seen wie das davon abgefallene Papier anzuschauen waren, auch Blumenkörbe mit umhergestreuten Blümchen davor, Urnen mit trauernden Jungfrauen \&c., darunter allerhand rührende Inschriften, als: »Lotte M. ihrem theuren Vater aus Hochachtung,« »ihrer geliebten Schwester aus Liebe« \&c. Neben diesen schönen Talenten waren sämmtliche vier Paläste, wie der Papa sie in zärtlichen Stunden nannten zu allen häuslichen Geschäften angehalten; das hätte schon Tante Juliane nicht anders gethan, die seit der Mutter Tod die Haushaltung und die Erziehung der Töchter leitete. Wenn sie denn nun des Tages Last und Hitze redlich getragen hatten, so war es nicht mehr als billig, daß sie unter der Obhut des Papa ausziehen durften zu allen Casino's und Landpartien, daß sie allenthalben zu sehen waren: »An aller Tempel und Paläste Pforten, An allen offnen und verborgnen Orten, Wo sich die schöne Unschuld zeigen kann.« Daheim bei der Tante blieb dann »die Kleine,« das Nanettle, des Hauses jüngster Sproß, von den Schwestern mit großer Zärtlichkeit behandelt, so lang sie sich's nicht einfallen ließ, groß sein zu wollen. Sie war fünf Jahre jünger als die Lotte und darum verurtheilt, das Kind zu bleiben; wollte sie einmal daran denken, daß sie achtzehn Jahr alt sei und doch auch mitmachen wolle, dann war's rein aus mit der schwesterlichen Zärtlichkeit. »Das naseweise Ding! wirst bald genug alt werden! In Deinem Alter haben wir noch gar nicht gewußt, daß es Partien gibt!« Und sie hätten sie doch unbesorgt mitnehmen dürfen, das schmale Gesichtchen und schlanke Figürchen wäre neben ihren gewaltigen Gestalten fast verschwunden. Das Nanettle schickte sich gern darein und war glücklich, wenn sie in Abwesenheit der Schwestern deren leeren Arbeitsplatz am Fenster einnehmen durfte, denn waren sie daheim, so war ihr ihr Plätzchen im Hintergrund am Nähstock der Tante angewiesen. Eine hochwichtige Person für sämmtliche Schwestern war der Herr Beutter, ein junger Kaufmann, Besitzer eines sehr gemischten Detailgeschäfts gerade gegenüber; ein überaus stiller Mann, der aber im Ruf vorzüglicher Solidität stand und dessen eheliche Versorgung Gegenstand der Besprechung und Fürsorge der ganzen Stadt war. Die Schwestern schienen wirklich rührenden Antheil an ihm zu nehmen. Frühe, vor Tag, wenn er unter der Thüre seines Ladens erschien, um das Täfelchen mit »neue holländische Häringe« und die Ankündigung der besten Fettglanzwichse herauszuhängen, saßen stets etliche der Schwestern bereits in voller Arbeit am Fenster. Auguste verlegte sogar manche Küchengeschäfte, als da sind Zwiebelschneiden, Schaumschlagen, Butterrühren, unter großem Protest der Schwestern, in's Zimmer; Therese sang und schlug den Pantalon, daß es einen Stein hätte erbarmen können; Karoline war gleich im Bewußtsein, daß sie am Stickrahmen doch die beste Figur mache, während Lotte neben ihrem Zeichenbrett noch ein Vogelkäfig vor dem Fenster hielt, in dem ein Stieglitz das üppigste Leben von der Welt führte, denn er wurde des Tags wohl sechsmal mit frischem Grün und Wasser versorgt. In Folge dieses Stieglitzen stellte Therese ein Blumenbrett und Auguste etliche Kisten mit Schnittlauch und Petersilie vor's Fenster, aber Karoline um das Nützliche mit dem Angenehmen zu verbinden, hatte allzeit feine Wäsche an Schnüren draußen hängen. Nanettle hatte bisher alle Einkäufe für's Haus besorgen müssen, in neuerer Zeit aber fand Auguste, daß sie Reis und Gerste, Kaffee und Farinzucker am allerbesten bekomme, wenn sie selbst darnach gehe; Therese war sehr vergnügt, zu entdecken, daß der Herr Nachbar auch Notenpapier führe: da konnte Karoline nicht umhin, selbst nach Stickgarn und Faden bei ihm zu sehen, und bei Lotte vollends war es natürlich, daß sie ihren Farbenvorrath in eigener Person auswählte. Herr Beutter hätte viel zu thun gehabt, wenn er auf all diese Zeichen stummer Liebe hätte Antworten bereit halten wollen; darum unterließ er es gänzlich, war allezeit dienstbereit, wenn er auch außer einigen allgemeinen Bemerkungen, als: »a bissele frisch, Fräulein Auguste, a bissele kühl heut,« – »immer fleißig, Fräulein Karoline?« u. dgl. wenig Gesprächsamkeit zeigte. Er machte von Zeit zu Zeit eine Visite beim Herrn Stadtpfleger und erschien auf den Casino's, wo er nach der Altersreihe mit jeder der vier Schwestern tanzte, wenn's keine Polka war, als welche er nicht gelernt hatte; aber zu welcher der Vier sich sein Herz neigte, wenn es sich überhaupt neigte, das blieb ungewiß. Da erschien einst ein glorreicher Tag für die Familie. Ein höchst musikalischer Provisor, der seit kurzem im Städtchen war, veranstaltete ein Privatconzert, ein bis dahin in St. ganz neuer Gedanke, und Therese sollte darin in einem Duo mit ihm auftreten. Tagelang erschallte die ganze Straße von den schmelzenden Tönen, in denen sie sich einübte, und glänzend waren die Vorbereitungen, die auf dieses Ereigniß getroffen wurden. Der Papa mußte den Beutel ziehen und vier neue Foulardkleider anschaffen, ein unerhörter Luxus in St. Selbst die Tante und Nanettle sollten diesmal mitgehen. Karoline putzte der erstern eine äußerst fashionable Haube heraus und für die Kleine wurde ein rosenrothes Jaconnetkleid, ein Erbstück von Auguste, zurecht gemacht. Der große Tag brach an. Sämmtliche vier Paläste liefen vom frühen Morgen an mit aufgewickelten Haaren herum, so daß heute das Nanettle, deren gescheiteltes Haar keine so mühsame Vorschule brauchte, Schnittlauch, Blumen und Stieglitz allein versorgen mußte. Die Stube dampfte vor Wärme, weil den ganzen Tag Bügelstähle glühend gemacht wurden, um die Kleider und Chemisetten auszubügeln. Lotte mußte all ihr Gummielasticum aufopfern zur Reinigung der hellen Glacéhandschuhe; kurz es war ein Leben und Treiben, wie wohl schwerlich je in einem Palais vor einem Hoffeste. Endlich dämmerte der Abend, der Putz war beendet, die als Wache aufgestellte Magd kam mit der Kunde, daß die Familie des Apothekers und des Gerichtsnotars bereits hineingezogen seien (Niemand wollte zuerst kommen), der galante Provisor erschien, um seine Sängerin zu geleiten – sein Musiktalent hatte ihn um eine Rangstufe erhoben – und der Zug setzte sich in Bewegung: der Papa mit den vier Palästen voraus, daneben als Zugabe der Provisor; dann mit hochklopfendem Herzen Nanettle, das seinen ersten Ausflug in die Welt machte, an der Seite der Tante, die zu großem Entsetzen der Schwestern noch weite Aermel an ihrem Tibetkleid hatte, weßhalb sie sich etwas von ihr weg machten, denn man konnte nicht wissen, was für Fremde, durch das Conzert angelockt, heute erscheinen würden. Der Saal war glänzend hergestellt, zum wenigsten sechs Talglichter brannten an den Seitenwänden in blechernen Wandleuchtern und ein Transparent mit einer Leier und der Inschrift: Willkommen! von Tannenzweigen umgeben, prangte in der Mitte; das Anzünden der Lämpchen hinter denselben wurde aber von dem Herrn Oberamtmann für feuergefährlich erklärt und unterblieb. Nach einer Art Ouvertüre, und einem Quartett von ausgezeichneten Mitgliedern des Liederkranzes, wobei nur leider Tenor und Baß in einigen Zwiespalt kamen, trat der Provisor auf, Fräulein Therese zierlich an der Hand führend, die zur Auszeichnung vor den Schwestern ihr Haupt mehrfach mit rothen Chenillen umwunden hatte. Mit hohem Erröthen arrangirte diese ihre Stellung und überschaute das versammelte Publikum, da gewahrte sie den eben angekommenen Herrn Beutter, höchst elegant, im blauen Frack mit gelben Knöpfen, weißer Weste und blaugestreiftem Atlasslips, und, o Freude! er unterhielt sich mit keiner der Schwestern, bloß mit der Tante und Nanettle. Dieser tröstliche Anblick stärkte ihren Muth und mit gewaltiger Stimme hob sie, gegen die Gruppe mehr als gegen den Provisor gewendet, zu singen an: Wenn mir dein Auge strahlet, Ist mir so wohl, so gut, Und meine Wange malet Die nie gefühlte Glut! Bescheidentlich sang der Provisor dagegen: Ach dämpfen Sie dieses Feuer, Uns trennen fordert Pflicht; Dem Freunde sind Sie theuer, Doch fordern Sie Liebe nicht! Obgleich durch die höfliche Aenderung des Du in Sie von Seiten des Provisors der Rhythmus hie und da Noth litt, so wurde doch das Duett glücklich unter rauschendem Applaus zu Ende gesungen, und in stolzer Bescheidenheit begab sich Therese an den Tisch, wo die Familie bereits bei Bratwürsten versammelt saß. Nach einem Solo des Provisors und einem Chor mit Echo, vorgetragen vom Liederkranz, wobei die Sänger, die das Echo vorstellten, sich unter das Bett im anstoßenden Schlafkabinet legten, was eine überraschende Wirkung hervorbrachte, war der Ohrenschmaus vorüber und die Sänger schauten nach dem Speiszettel, um zu sehen, was das gerührte Publikum für sie übrig gelassen hatte. Herr Beutter war heute ungemein gesprächig und brachte sogar einige Späße zu Tage, so daß der belesenen Therese die Fabel vom Orpheus einfiel. Die Tante gefiel sich auch ungemein, zumal da Niemand an ihren Blousenärmeln Anstoß zu nehmen schien und ihr im Gegentheil der Herr Kameralverwalter einmal um's andere seine silberne Dose präsentirte. Die Kleine aber war ganz in sich hinein vergnügt, glückselig, auch einmal in der großen Welt zu sein, und antwortete auf Herrn Beutters freundliche Redensarten, ohne aufzusehen, fast nur mit Lächeln. Elf Uhr schlug's. Das war die Zeit zum Aufbruch, obgleich der Buchhalter noch etwas von einem Tänzchen gesprochen hatte. Die Kerzen waren herabgebrannt und der Schwanenwirth bezeugte keine Lust, neue aufzustecken, die Papas waren schläfrig, das Orchester müde, so wurden denn die Shawls und Mäntel angezogen, die Laternchen angezündet und Jedermann zog seine Straße, unsere Familie zuletzt; es dauerte so gar lange, bis alle equipirt waren und der Papa sich mit dem Schwanenwirth über die eigentliche Anzahl der genossenen Würste und Brode verständigt hatte. Endlich waren sie auf der Straße, da entdeckte Therese mit großem Wehklagen, daß sie ihre Tasche vergessen habe. »Die läßt man morgen im Schwanen holen,« meinte der Vater; »nein, ach nein!« rief Therese ängstlich, »um keinen Preis!« und gestand zuletzt, daß ihr Stammbuch in besagter Tasche stecke, das sie bei solchen Gelegenheiten immer bei sich führe, »da man ja nicht wissen könne, wo man eine interessante Bekanntschaft mache,« und das wolle sie um keine Welt über Nacht in der Gewalt der naseweisen Schwanenwirthstöchter lassen.« – »Ich laufe geschwind zurück und hole dir's,« erbot sich das gefällige Nanettle. »Ihr braucht nicht auf mich zu warten; gebt mir nur das Laternchen und geht langsam voraus.« Unbesorgt ließ man die Kleine laufen, die nach langem Suchen endlich die Tasche sammt Stammbuch fand, und sich auf den Rückweg machte. »Erlauben Sie, daß ich Sie heimbegleite, Fräulein Nanette?« fragte unter der Hausthür des Gasthofs eine bekannte Stimme. Erstaunend erhob Nanettle ihr Laternchen und erkannte den Herrn Beutter, den sie längst mit den Schwestern voraus geglaubt hatte, und der nun in artiger Stellung mit zierlich gekrümmtem Arm dastand, um sie heimzuführen. – Das war dem guten Nanettle noch nicht vorgekommen. Den Faust hatte sie nicht gelesen, somit fiel ihr keine Entgegnung ein, und hocherröthend, mit frohem Zittern legte sie die Fingerspitzen auf Herrn Beutters Arm und ließ sich heimführen. Herr Beutter aber fühlte heute Löwenmuth und wollte die Stunde nicht ungenützt verstreichen lassen. »Fräulein,« hob er an, »Sie sind aber so grausam!« – »Grausam, warum?« fragte das Nanettle in höchstem Erstaunen. Seit sie in der Schule das schöne Sprüchlein gelernt: Quäle nie ein Thier zum Scherz, Denn es fühlt wie du den Schmerz, hatte sie nie mehr etwas über Grausamkeit gehört, und wußte gar nicht, warum man sie eines solchen Lasters beschuldige. – »Ja, weil Sie mich gar nicht mögen und nicht merken wollen, wie ich Sie so lieb habe,« platzte Herr Beutter heraus, ließ aber, erschreckt über seine eigene Keckheit, ihren Arm los, und sprang davon aus Leibeskräften. »Warten Sie doch, Herr Beutter!« rief das alterirte Nanettle, »ich bin ja nicht grausam!« und lief ihm eiligst nach in lauterer Seelengüte, Herr Beutter davon in vollem Galopp, bis der seltsame Wettlauf an seiner Ladenthür ein Ende nahm, wo sie beiderseits zur Besinnung kamen und Nanettle sich tief beschämt dem eigenen Hause zuwandte. »Ja mögen Sie mich denn?« flüsterte eiligst noch Herr Beutter. – »Ich glaube, aber ich weiß nicht,« war ihre Antwort, und im Nu war sie an der Thür, die von der besorgten Tante aufgezogen wurde. Der Tante wurde noch in der Nacht unter vielen Thränen und heißem Erröthen die Geschichte der ganzen großen Begebenheit anvertraut. Sie legte keinen großen Werth darauf und demüthigte das arme Kind tief durch die Vermuthung, Herr Beutter werde etwas im Kopf gehabt und gar nicht gewußt haben, was er sage, was sie so wahrscheinlich darstellte, daß das arme Kind in noch größeren Jammer kam, da sie sich ihres eigenen unbedachten Benehmens jetzt bitterlich schämte. Zuletzt schlief sie unter bittern Thränen ein, indem sie rechtes Mitleid mit sich selbst hatte, daß sie noch so jung sei und eben ganz unglücklich. Aber am Morgen kommt die Freude; und sie kam zuerst in Gestalt von Herrn Beutters dickköpfigem Ladenbuben, der ein schön gefaltetes Schreiben auf Postvelin Nr. 1 an den Papa überbrachte. Dieses Schreiben fiel nun wie eine Bombe in das friedliche Haus, denn es enthielt eine Werbung in bester Form »um dero jüngste Tochter, Fräulein Christiana.« Das fuhr wie ein Schlag aus heiterem Himmel in den Schwesternkreis, das war nicht möglich, das mußte ein Irrthum sein, so dumm konnte doch der Beutter nicht sein! Das durfte der Papa nicht zugeben, wäre ja eine Sünde! Ein solches Kind und heirathen! Da fing das Nanettle an herzlich zu weinen und sagte, es wisse wohl, daß ihm nichts Gutes beschieden sei, es wolle sich in alles schicken, vielleicht sterbe es bald, das sei am besten. Nun ward die Tante weichherzig und sprach für ihren Liebling, der Vater sah gar kein Hinderniß und die Schwestern begannen sich zu fassen. Sie waren gutmüthige Mädchen, und gescheidte dazu, denn jede erklärte jetzt, sie sei recht froh, daß der Beutter sie nicht gewollt, für keine hätte er getaugt, und keine hätte ihn genommen. Der Auguste war er viel zu still, zu wenig allert, Therese erklärte, sie nehme keinen, der nicht musikalisch sei, der Karoline wäre es viel zu langweilig gewesen, ihr Leben lang in der nämlichen Gasse wohnen zu müssen, und die Lotte, die konnte gar nicht daran denken, in ein offenes Geschäft zu gehen, wo man Oel und Essig, Käse und Schnupftabak verkaufe, und in der Ladenstube wohne. Ja, ja, es war recht gut so gegangen, und einen Korb hätte man doch auch nicht gern gegeben. Mit der Kleinen, die noch gar nichts sei, sei der Mann freilich angeführt, aber man könne sie ja noch anleiten u. s. w. So wurde dem Papa gestattet, ein Jawort unter der Bedingung gehörigen Aufschubs der Hochzeit zu schreiben. Herr Beutter kam im schönsten Staat und ward vom Vater mit Anstand, von der Tante mit Freudenthränen, von den Schwägerinnen mit kühler Freundlichkeit und von dem Bräutchen mit höchster Verlegenheit empfangen. Es brauchte recht lange, bis die Beiden sich in die Rolle eines Brautpaars finden konnten; hat sich aber alles gegeben, und wer die hübsche, gewandte Frau jetzt hinter ihrem Ladentisch sieht, glaubt gar nicht mehr, daß sie einst das schüchterne Nanettle war, das dem Herrn Beutter bis an seine Ladenthür nachgelaufen. Auch ein altes Pärchen. Der verwittweten Frau Stadtschreiber Krollin mußte es in ihrem Ehestand recht gut ergangen sein; denn es gab Niemand, der so aufgelegt gewesen wäre, Heirathen zu stiften, als sie. Wo sie einen »Angestellten« wußte, der noch nicht so glücklich war, verlobt oder vermählt zu sein, da schwebte ihr gleich eine ganze Liste heiratsfähiger Frauenzimmer ( Damen war damals noch keine übliche Bezeichnung) vor Augen, und sie war unerschöpflich in Entdeckung neuer Kanäle, durch die sie an verhärtete Hagestolzenherzen zu gelangen wußte. Man mußte sie sehen, wenn sie mit ihrer Dose neben sich und einer Kaffeetasse vor sich bei irgend einer Frau Base oder gar bei der Mama eines Ehestandskandidaten saß, mit welch strahlendem Gesicht sie die Töchter des Landes die Musterung passiren ließ, und nicht nur von Jeder wußte, wie viel sie besaß, sondern auch die Quellen davon. »Ich sage Ihnen, jedes der Mädchen bekommt dreitausend Gulden gleich mit, außer der achtzehnfachen Aussteuer! Die Mutter hab' ich noch ledig gekannt, die ist eine geborne Bernerin, und der alte Berner hat einen ledigen Bruder geerbt mit wenigstens achtzigtausend Gulden.« – Und nicht nur reiche Erbinnen hatten sich ihrer Fürsorge zu erfreuen, sie hatte auch Herzen zu herabgesetztem Preis in Petto; gesetzte Frauenzimmer für Wittwer mit drei, fünf, sieben bis neun Kindern, resolute Personen, die in ein strenges Geschäft taugten, kurz: »der Jüngling und der Greis am Stabe, ein Jeder ging beschenkt nach Haus.« – Waren dann die Leute versorgt, so ließ sie sie ruhig ihrer Wege ziehen, ohne ihre Verdienste geltend zu machen, wenn es gut, oder sich verantwortlich zu fühlen, wenn es schlimm ging; erst wenn sie verwittwet wurden, gewannen sie wieder Interesse für sie. Die Lebenszeit ihres seligen Mannes, wo sie als Genossin seiner Würde an seiner Seite regiert hatte über die Schaar der Schreiber und Substituten, hatte sie redlich benützt. Sie selbst war leider weder mit Töchtern noch mit Söhnen gesegnet, aber sieben Nichten und drei Pathen waren nach und nach glücklich an Pfarrer, Schultheißen und anderweitige Subjekte untergebracht worden und konnten in verschiedenen Theilen des Landes die fürsorgliche Güte ihrer Tante rühmen. Für den Augenblick aber schien die Frau Stadtschreiberin genöthigt zu sein, auf ihren Lorbeeren auszuruhen. Alle Wittwer nah und fern in der Runde waren versorgt, alle Aktuare und Vikare versprochen, einen hartnäckigen Amtspfleger, der, recht ihr zum Trotze, gerade gegenüber mit einer uralten Haushälterin seine ledige Wirthschaft führte, hatte sie als hoffnungslos längst ausgegeben. So saß sie denn eines Morgens in unfreiwilliger Ruhe, wie ein thatendurstiger Krieger zur Friedenszeit, in ihrem wohlgewärmten Stübchen beim Kaffee, als ihr der Hausherr wie gewöhnlich die Zeitung heraufschickte. Den politischen Theil des Blattes ließ sie stets unberührt; ob's Krieg oder Frieden in der Welt geben werde, das konnte sie doch nicht herausbringen, und von der Zollvereinsfrage wollte sie nichts mehr hören, seit sie fand, daß Zucker und Kaffee doch nicht wohlfeiler wurden. Ihr Lebenselement waren erst die Traueranzeigen, die Beförderungen. Ueber die Heirathsanträge entsetzte sie sich sehr, sie fand das einen höchst unschicklichen Weg und konnte nicht begreifen, wie ein Frauenzimmer sich entschließen möge, so einen »Zeitungsmann« zu nehmen. So durchlief sie denn wieder begierig die Reihe der Traueranzeigen. Das war aber magere Ausbeute, kein bekannter Name. »Gegenwärtig stirbt doch auch gar niemand Rechtes,« sagte sie verdrießlich, ohne zu ahnen, welche Grausamkeit in diesem Verdruß liege. Bald aber traf sie auf ein erfreulicheres Feld: »Seine königliche Majestät haben geruht zu ernennen: Zuerst Hauptleute, Ober- und Unterlieutenants \&c.; das war ihr gleichgültig, um Militärpersonen hatte sie sich noch nie bekümmert; gleich darauf aber kam's besser: »die evangelische Pfarrei Schniezingen dem Pfarrer Brommeler von Bergmühl.« Das fiel wie Thau auf trocken Land und eine Welt von Gedanken quoll aus diesen dürren Worten. War nicht Schniezingen in der nächsten Nähe, kaum eine Stunde entfernt von ihrem Wohnsitz? und war's nicht gut, daß der langweilige Amtsverweser von dort wegkam, der so frech gewesen, sich eine Braut auf eigene Hand auszuwählen, eine Ausländerin aus dem Badischen, von der kein Mensch wußte, wem sie gehörte? War nicht der Pfarrer Brommeler ein naher Vetter, das heißt ein Schwager von einem Drittekind ihres seligen Mannes, und seit drei Jahren Wittwer? Welche Aussicht, welche Reihe von Planen! Das einfältige Bergmühl lag fast am Ende des Landes, da hatte man dem Brommeler mit keinem vernünftigen Vorschlag beikommen können; nun war's recht gut, daß er noch nirgends unvorsichtig »hineingetappt« war, daß man noch für ihn sorgen konnte. Flugs setzte sie sich hin, um dem Herrn Vetter die Verwandtschaft in's Gedächtnis zu rufen, zu der guten Pfarrei zu gratuliren und ihre Dienste zu etwaigen Anordnungen wegen Hausputzen, Kunstherdsübernahme, Gartenbesorgung \&c. anzubieten. Nachdem sie mit vieler Anstrengung diese Epistel zu Stande gebracht, konnte sie sich getrost weitern Operationsplanen überlassen. Ein Wittwer ohne Kinder auf einer so guten Pfarrei! sie wußte noch gar nicht, wem sie diesen leckern Bissen zuwenden sollte. Dazu mußte der Brommeler noch ein ganz stattlicher Mann sein in seinen besten Jahren. Das brauchte reifliche Erwägung. Aber war sie denn auch gewiß, daß er noch Wittwer war? Vor zwei Jahren war er's noch gewesen, aber sie hatte damals schon gehört, daß seine Haushälterin sich scharf um ihn bemühe; konnte es nicht sein, daß die Bemühungen dieser schlechten Person – jede Heirath war unstatthaft, die nicht durch ihre Vermittlung zu Stande kam – indeß gelungen waren? Das mußte ermittelt werden. Glücklicherweise fiel ihr ein, daß in der fünf Stunden entfernten größern Stadt die Frau Kammerdiener Rutscher wohne, ein leiblich Geschwisterkind des Brommeler, und ihr durch diese Verwandtschaft von lange her bekannt. Sie hätte schon lange in die Stadt sollen, um sich dunkeln Kattun zu einem Ueberrock zu kaufen, da sie durch die fünf Musterpäcke, die ihr zugesandt worden waren, noch nicht zur Entscheidung hatte kommen können. Da war's denn am besten, sie faßte den Entschluß, selbst auszuwählen und zugleich bei der Frau Rutscher Erkundigungen einzuziehen. Demzufolge wurde ein Platz im Deckelwagen des Stadtboten bestellt. Damals gab es weder Eisenbahnen noch Omnibusse, und man traf Anstalten; als gälte es eine Reise um die Welt. Eine Reise mit dem Stadtboten hatte die Unannehmlichkeit, daß man schon Morgens um vier Uhr bereit sein mußte, für eine alte Frau eine harte Zumuthung. Salome, die alte Magd, hatte den ganzen vorhergehenden Tag zu laufen, bis alles gehörig besorgt war. Da mußte ein halb Pfund Kaffee geholt werden, um nach alter guter Sitte der Frau Rutscherin eine kleine Verehrung mitzubringen, ferner Milchbrod gebäht zum morgigen Frühstück, da so früh noch nichts beim Bäcker zu haben war, sodann der Bäckerjunge bestellt, daß er eine Stunde vor der Aufbruchszeit am Hause schelle, um zu wecken; auch mußte die Staatshaube noch zur Putzmacherin und das feine Merinokleid gehörig gebürstet werden. Endlich legten sich Frau und Magd um sieben Uhr Abends zur Ruhe, um gewiß Morgens zur Zeit wach zu sein. Nach einer endlosen Fahrt, eingezwängt mit dem Nachbar Kupferschmied, zwei Mägden, die Dienste suchten, und der Familie des Boten, zwischen Kisten, Schachteln und Koffern, kam die Frau Stadtschreiberin matt und müde, wie gerädert in der kleinen Residenz an. Sie hätte gern unterwegs den versäumten Morgenschlaf nachgeholt, aber bei jedem Nicken war ihr Kopf in bedrohliche Berührung mit dem Kessel gekommen, den der Kupferschmied in die Residenz lieferte und der im Fond des Wagens aufgepackt war. Es war nahe an zehn Uhr, als sie ausstieg, um sich zu Frau Rutscher zu begeben, die sie, wie sie hoffte, in Kaufläden begleiten solle, um den Kattun auszuwählen. Ein Regenguß drohte, als sie eben die Pforte der Rutscher'schen Wohnung erreichte, sehr verlangend nach einem guten Kaffee und einer warmen Stube. Siehe, da stand Thür und Thor weit offen, die hochaufgeschürzte Magd war zwischen Kübeln und Sandscherben in vollster Putzarbeit und gab kurzen Bescheid. Der Herr Rutscher war im Schloß und kam heute nicht heim, die Frau war über Land bei ihrer Tochter, der sie im Wochenbett wartete. Die Magd traf nicht die mindeste Anstalt zur Aufnahme und Bewirthung der Frau Stadtschreiberin. Seufzend schickte sich diese an, ihren Stab weiter zu setzen, ohne zunächst zu wissen wohin. Da kam eine sehr sorgfältig gekleidete ältliche Frau so eben mit nassem Regenschirm zur Hausthüre herein und hörte noch das Gespräch. »Ach das wird der Frau Rutscher gar leid sein, so einen raren Besuch zu versäumen! Sie hat mir schon manchmal von Ihnen erzählt. Aber Sie werden doch nicht in dem Wetter fort wollen? Bemühen Sie sich in mein Stübchen.« So nöthigte die Frau, die, wie die Magd der Frau Stadtschreiberin bei Seite sagte, Frau Pfarrer Senner, die Hausfrau im obern Stock, war. Nach unzähligen Komplimenten ließ sich die Frau Stadtschreiberin bewegen, mit der Frau Pfarrerin in ihr recht nett gehaltenes Mansardenstübchen zu gehen und dort ein Täßchen Chokolade zu trinken, das diese in Ermanglung einer Magd unter unendlichen Entschuldigungen wegen ihres öftern Ab- und Zugehens selbst bereitete. Zuletzt ließ sich die Frau Stadtschreiberin sogar noch nöthigen, zum Essen zu bleiben, wobei es freilich etwas knapp zuging, da sich die Frau Pfarrerin aus einer Menage speisen ließ: aber dafür besserte sie mit einem guten Kaffee nach, so daß die beiderseitigen Herzen vollständig aufgingen. Es ergab sich, daß der Vater der Frau Pfarrerin Diaconus im Ort gewesen, wo der Vater der Frau Stadtschreiberin als Dekan gelebt; somit war es eine alte Bekanntschaft. Die Frau Pfarrerin war überaus sorgfältig, wenn auch in billige Stoffe gekleidet, hatte sogar etliche Blümlein in ihrer Haube und ein himmelblaues Band darauf, zum Zeichen, daß sie noch für jung gelten wollte, was ihr aus einiger Entfernung auch gelingen konnte, wenn man ihre falschen Haare und ihren zahnlosen Mund übersah. Sie hatte der Frau Stadtschreiberin viel zu klagen über ihre bedrängte Lage, in der sie sich seit ihres Mannes Tod befinde. Bisher habe sie zwei Söhne eines wohlhabenden Vetters bei sich gehabt und mit deren Kostgeld ihre Haushaltung bestritten; jetzt aber habe dieser sie heimgenommen und halte ihnen einen Hofmeister, und ihr bleibe keine Wahl, als zu einem Stiefsohn ziehen, was sie bitter ungern thue. Die Frau Stadtschreiberin hatte großes Mitleid mit ihrer Wirthin, und als diese Nachmittags mit ihr in sechs Kaufläden herumzog, wo sie das halbe Waarenlager herabreißen ließen, bis sie im letzten endlich über den dunkeln Kattun einig wurden, da war die neue Bekanntschaft bei ihr auf den Gipfel der Gunst gestiegen. Es war ein vortrefflicher Einkauf, dieser dunkle Kattun, so fein im Boden, so ächt in der Farbe, so modest und doch freundlich, so einfach und doch simpel! Ueber diesem gelungenen Handel und einem vorteilhaften Einkauf in Reis, den sie um einen halben Kreuzer wohlfeiler bekam, als daheim, und von dem sie daher einen Achtelscentner aufpackte, vergaß sie fast ganz den eigentlichen Zweck ihres Besuchs, und nachdem sie den Stadtboten dreiviertel Stunden hatte warten lassen, weil der Metzger die guten und billigen Würste, die ihr die Frau Pfarrerin verrathen, noch nicht fertig hatte, fuhr sie ganz befriedigt ab und berechnete unterwegs, wie viel sie auf dieser Reise profitirt habe. Die Frau Stadtschreiberin hatte nun freilich nichts Näheres über den Pfarrer Brommeler erkundet; das war aber auch nicht nöthig, denn nach vier Tagen erhielt sie bereits einen Brief von ihm selbst, in dem er sich schönstens bedankte für ihr freundliches Zuvorkommen, seiner einsamen Lage erwähnte und meldete, daß seine Haushälterin den Kunstherd übernehmen wolle, wenn auch ein Backöfele dabei sei und die Töpfe darin alle in gutem Zustand. Also war er noch Wittwer! Das war das große Fundament, auf das sich weiter bauen ließ, und jetzt erst kam ihr eine lichte Idee: die Frau Pfarrerin, das war ja die allerbeste Frau für den Brommeler, sie brauchte dann nicht zu ihrem Stiefsohn zu ziehen, und beide hatten keine Kinder; das paßte alles vortrefflich. Ein bischen alt war sie freilich, aber sie stellte doch noch etwas vor. Ja, es gestaltete sich immer fester in ihrem Kopf, so mußte es werden! Als nach sechs Wochen der Herr Vetter Brommeler kam, um seinen neuen Dienst anzutreten, ward er von der Frau Base zuvor mit Kaffee bewirthet, ehe ihn eine Deputation der Gemeinde in sein vollkommen gerüstetes und bereitetes Pfarrhaus einführte, und mit dieser Stunde begann die Frau Stadtschreiberin die Ausführung ihres Operationsplans. Jungfer Philippine, die Haushälterin, die stets höchst besorgt um ihren Gebieter herumscherwenzelte, hatte nicht so ganz Unrecht mit dem instinktartigen Widerwillen, den sie bald unverkennbar gegen die Frau Stadtschreiberin an den Tag legte; denn allerdings mußte diese ihr Werk damit beginnen, daß sie die Herrschaft der Philippine untergrub und dem Pfarrer die Notwendigkeit einer Frau recht zum Bewußtsein brachte. Zu dem Ende wunderte sie sich gewaltig über den bisherigen Holz-, Zucker- und Kaffeeverbrauch des Herrn Vetters, fand seine Hemden etwas vergilbt, das Tischzeug nicht schön gewaschen, und der Schlußseufzer bei allem war stets: »freilich, wo eben keine Frau ist!« Der Pfarrer ließ hie und da ein Wörtchen fallen von einer gesetzten Pfarrtochter der Gegend, von der und jener jungen Wittwe, von Jungfer Philippine selbst; da wußte aber die Frau Stadtschreiberin so gegründete Einwürfe, so wichtige Gegengründe, daß er an keine mehr zu denken wagte. Endlich nach wochen- und mondenlangem Streben hatte sie's zum großen Ziel gebracht, daß der Herr Vetter sagte: »Ja, wenn Sie mir eine taugliche Person wüßten, Frau Base!« Nun war der Damm gebrochen: »Ja, denken Sie, Herr Vetter, ich wüßte Jemand, der ganz für Sie geschaffen wäre.« – »Doch nicht zu jung?« – »Bewahre, was denken Sie! Ein recht gestandenes Frauenzimmer, eine Wittfrau.« – »So? – aber wissen Sie, Frau Base, aber – ich sehe zwar nicht auf's Aeußerliche – aber so eine ältere Person hat oft schon allerlei an sich; ich sollte Jemand haben, der mich aufheitert; auch eine Person, die noch sauber ist, wissen Sie, schon wegen der Gemeinde.« – »Ja, das wäre es gerade, eine so lebhafte Person, sie weiß von allem zu sprechen, und noch so gar wohl erhalten, weiß sich so nett zu kleiden; ich glaube, sie wird kaum etwas über vierzig sein.« – Die Frau Stadtschreiberin beruhigte ihr Gewissen in der Stille mit dem Gedanken, daß nirgends bestimmt sei, wie viel etwas sei. »Und dann,« meinte der Herr Pfarrer, »werde ich doch allmählig auch älter (er war in den Sechzigen); da sollte sie mich auch in kranken Tagen wohl verpflegen können; es kann an den kräftigsten Mann etwas kommen.« – »Ach, das wäre da gerade die Hauptsache: ihr erster Mann ist zehn Jahre kontrakt gewesen und hatte die Kopfgicht.« Kurz, die Frau Stadtschreiberin kam so in Eifer, daß die Frau Pfarrer Senner sich am Ende zu einer Perle sonder Preis verklärte und der Pfarrer kaum erwarten konnte, bis er dieses Kleinod zu Gesicht bekommen konnte. Nun war die gute Frau in ihrem Element; schon auf kommenden Montag versprach sie eine Zusammenkunft einzuleiten und zog glorios ab, indem sie den schnippischen Abschiedsknix der Jungfer Philippine mit einem Blick voll triumphirenden Hohns erwiderte. Rüstig, als ginge sie selbst auf Freiers Füßen, wandelte die siebenundsechzigjährige Frau heim. Viel flinker als das letzte mal rüstete sie sich jetzt zur Reise in die Stadt und der dunkle Kattun wurde dabei in die Welt eingeführt. Frau Rutscher war diesmal daheim, aber die Frau Stadtschreiberin hörte nur mit halbem Ohr den sonst so interessanten Bericht von ihrer Tochter Wochenbett und dem Gedeihen des Säuglings, obgleich die Heirath dieser Tochter auch eine ihrer wohlthätigen Stiftungen gewesen war. Sie suchte sobald als möglich zur Frau Pfarrerin hinauf zu kommen, die schon nach vier Wochen den sauren Zug zu ihrem Stiefsohn antreten wollte. Als die begleitende Frau Rutscher abgerufen war, konnte die Frau Stadtschreiberin endlich herausrücken mit ihrem Projekt, obgleich sie in der Stille denken mußte, Frau Senner könne eben so gut etwas über fünfzig sein. So ganz mit offenen Armen, wie sie erwartet, eilte ihre Protégé dem verheißenen Ehestandshimmel nicht entgegen. »Wenn es eben ein zu alter Mann sei und kränklich, so wisse sie wirklich nicht. – Sie sei der Ruhe so bedürftig, leide so viel im Magen, daß sie selbst Pflege brauche; wenn sie wüßte, daß sie in große Unruhe käme – u. s. w.« – »Bewahre! das ruhigste Leben von der Welt, ein ganz rüstiger Mann und ein schönes Vermögen! Da könne sie sich die besten Tage machen; jeden Winter werden acht Gänse gestopft, und eine so reichliche Haushaltung!« kurz der Frau Pfarrerin wässerte am Ende der Mund nach der geschilderten Herrlichkeit, und sie versprach, sich am Montag einzufinden, obwohl sehr verschämt und verlegen. Die Frau Stadtschreiberin kaufte noch ein Viertelpfund Anisbrod auf diesen großen Tag und fuhr im Triumphe nach Hause. Der Montag kam. Salome und die Frau Stadtschreiberin waren eine Stunde früher als sonst aufgestanden, hatten frischen Kaffee geröstet, Gugelhopfen gebacken und die Stube auf's schönste gerüstet. Um eilf Uhr kam die Frau Pfarrerin, die auf dem Fuhrwerk eines Briefpostillons bis eine halbe Stunde vor dem Städtchen hatte fahren können, auf's schönste geputzt, im schwarzseidenen Kleide und der Haube mit himmelblauem Band. Von der großen Frage des Tages ward gar nichts gesprochen, dazu waren sie zu diplomatisch; sie verzehrten in Eintracht einen Kalbsbraten unter neutralen Gesprächen. Salome, die natürlich im Geheimniß war, musterte die Kandidatin scharf, schien aber nach ihren halblauten Monologen in der Küche nicht sehr erbaut. »Hm, hm, da hat meine Frau nichts besonderes herausgelesen: steinalt, und hat erst nichts; da hätt' ihn meine Frau fast selber nehmen können.« Um zwei Uhr hielt die Kalesche des Herrn Pfarrers, für eine Pfarrkutsche noch ein ganz respektables Möbel. Die Frau Stadtschreiberin stieß ihre Schützlingin bedeutsam an, und diese verspürte fast etwas wie Herzklopfen, obgleich ihr Herz ein wenig eingerostet war für derartige Bewegungen. Der Herr Pfarrer, der die Damen am Fenster bemerkt hatte, wollte sich ganz jugendlich aus dem Wagen schwingen, welcher Versuch aber ohne die Beihülfe seines alten Mathes, des Pfarrkutschers, fast schwer mißlungen wäre. Er war etwas steif auf den Beinen, sonst noch ein saubrer Mann, und hatte eine kurze Uhrkette mit einer Menge goldener Cachets auf seiner schwarzseidenen Weste hängen. Oben begrüßte er die Damen mit der zierlich steifen Galanterie seiner Jugend, war aber etwas betroffen beim Anblick des alternden Weibes, das den ihm beschiedenen Engel vorstellen sollte, und flüsterte der Frau Stadtschreiberin bedenklich zu: »Aber hören Sie, mit den vierzig Jahren –« »Nun ja, vielleicht kann sie auch fünfzig sein,« meinte die Frau Base begütigend und ordnete ihren Kaffeetisch. Sehr belebt wurde die Unterhaltung nicht, da die Frau Pfarrerin, um ihren gänzlichen Zahnmangel nicht zu offenbaren, meist etwas undeutlich sprach, und der Herr Pfarrer, um sein übles Gehör zu verbergen, nur mit: »Ja, ja, o freilich,« u. dgl. antwortete. Nachdem die Frau Stadtschreiberin ihre ganze Unterhaltungskunst erschöpft, in verschiedenen gewandten Wendungen die Geschicklichkeiten der Frau Pfarrerin so wie die Vorzüge der Pfarrei Schniezingen in's Licht gestellt hatte, beschloß sie, als letztes probates Mittel, das Paar allein zu lassen. – Da ward die stille Unterhaltung noch stiller, bis aus purer Verlegenheit der Herr Pfarrer sich an's Fenster stellte mit der Bemerkung: »Eine recht freundliche Aussicht.« Die Frau Pfarrerin gesellte sich zu ihm und stimmte höflich bei, wodurch Beide einen sehr bescheidenen Geschmack an Tag legten, denn man sah in der engen Gasse nichts als die gegenüberliegende Schmiede mit einem struppigen verwahrlosten Gärtlein. Die ungeduldige Frau Stadtschreiberin schaute nach einer Weile zur Thür herein, und als sie die Beiden so schweigsam beisammen stehen sah, konnte sie nicht anders denken, als es sei nun auf dem Punkt der Erklärung, und um den glücklichen Augenblick zur Reife zu bringen, rief sie mit heller Stimme: »Aber, Herr Vetter, geben Sie doch Ihren Gefühlen auch Worte!« und verschwand wieder. Das war eine harte Zumuthung, und der Herr Vetter wäre gern in ein Mausloch geschlüpft, wenn's angegangen wäre, da seine Gefühle dermalen in nichts als in einer gewissen Unbehaglichkeit und in dem Wunsch bestanden: »Wenn ich nur mit heiler Haut draußen wäre!« Der Zuruf der Frau Base gab aber der Sache eine bedenkliche Wendung. Die Frau Pfarrerin schien es anders aufzunehmen, denn sie hob mit sittsam niedergeschlagenen Augen an: »Es hat mich freilich viel Ueberlegung gekostet – – Wenn man einen so rechtschaffenen Mann gehabt hat. – Aber es ist freilich eine einsame Lage.« Was wollte der gute Pfarrer machen? Er hatte noch zu viel chevalereske Gesinnung aus der guten alten Zeit, um unter solchen Umständen eine Dame im Stich zu lassen; so ergänzte er denn die halben Worte der Frau Pfarrerin, und als die Frau Stadtschreiberin wieder eintrat, stellte er ihr seine Frau Braut vor, deren Hand er zierlich an die Lippen führte. Die Ehestifterin war überglücklich und konnte nicht müde werden, jedem der Beiden zu Gemüth zu führen, wie vortrefflich sie gewählt hätten. Ja sie holte eigenhändig ein paar Flaschen vom langgesparten köstlichen Elfer, den sie noch aus ihres Mannes Glanzzeiten besaß, um des Bräutigams Feuer zu beleben und um seinen Muth zu stählen für den kritischen Augenblick, wo er der Jungfer Philippine die Neuigkeit mitzutheilen hatte. Die Frau Pfarrerin war eine äußerst glückliche Braut und dankte Gott für das gute Plätzchen, das er ihr für ihre alten Tage bescheert hatte. Der Herr Bräutigam erlaubte sich während der Brauttage noch einmal die Bemerkung gegen die Frau Stadtschreiberin: »Frau Base, ich meine, sie müßte auch über fünfzig sein.« – »Nun, und was ist's denn, wenn sie auch fünfundfünfzig ist?« – So dachte am Ende der Herr Pfarrer selbst und wurde noch so zärtlich wie nur irgend ein getrösteter Wittwer, als welche Zärtlichkeit mich stets an aufgegossenen Thee mahnt, den man recht süß einschenkt, um das mangelnde Aroma des ersten Gusses zu ersetzen. Die Hochzeit ward nicht lange verzögert; da sich aus dem Taufschein ergab, daß die Frau Braut bereits an den Sechzigen war, so hatte das Pärchen allerdings nicht viel Zeit zu verlieren. Jungfer Philippine zog mit stillbeleidigter Würde und allerlei dunkeln Prophezeiungen ab, und die Frau Braut mit ihrem bescheidenen Hausrath ein. Die Pfarrkalesche wurde neu lakirt und der Herr Pfarrer führte seine junge Frau darin zu allen Pfarrkränzen und sonstigen anständigen Gelegenheiten und sorgte auch stets dafür, sie mit modernem Putz zu versehen, soweit er sich mit ihren Jahren vertrug. Mit der Verpflegung wurde es nun freilich nicht viel; hatte der Mann einen Rheumatismus im Rücken, so hatte die Frau das Reißen in den Gliedern, klagte er Ohrensausen, so klagte sie Magenweh, so daß sich am Ende die Rolle umkehrte und der Pfarrer als rüstiger Greis einherschritt, während sie als zitternde Alte an seinem Arm hing. Das ließ er sie aber nicht entgelten, und er nahm ein armes demüthiges Bäschen in's Haus, das mit dankbarer Geduld sich den beiderseitigen Launen des alten Paares fügte. So lebten sie neben all' ihren Klagen über schlechten Magen und schlechte Zeiten in großer Eintracht zusammen, und es war der Mühe, die sich die Frau Stadtschreiberin gegeben, die Verbindung zu Stande zu bringen, immerhin noch werth gewesen. Sie feierten noch die silberne Hochzeit zusammen, und als der Pfarrer, gesättigt von langem Leben, in seinem neunundachtzigsten Jahre entschlief, drückte ihm das Mütterchen in gewisser Aussicht baldiger Nachfolge getrost die Augen zu. Keine Neigungsheirath. Adelheid war ein junges Mädchen, wie es wohl viele gibt, wie aber gerade nicht alle sind. Schön war sie eben nicht, aber wohlgebildet und blühend, fröhlich und lebenslustig, trug lieber ein neues Kleid als ein altes, und ein altes, das ihr gut zu Gesicht stand, noch lieber als das allerneueste, sang und tanzte gern, verstand eine ordentliche Mahlzeit zu kochen und eine Wäsche zu besorgen. Daneben aber hatte sie im steten Umgang mit einer ledigen alten Base, der Fräulein Heinerike, bekommen, was man einen romantischen Schwung heißt, und wenn sie so recht behaglich in einer Mädchenvisite sitzen und über neue Kleider, Hüte und Stickereien plaudern konnte, sah ihr's kein Mensch an, welche Welt von süßen Träumen und traulichen Gedanken hinter diesen hellen blauen Augen lag. Die gute Heinerike hatte sie auferzogen in allerlei Ideen von chevaleresker Verehrung der Frauen, wie sie in ihrer Jugendzeit Mode gewesen waren, und hatte ihr so viel anvertraut von Freiern und Anbetern, die sie ihrer Zeit gehabt, daß Adelheid in vollster Erwartung von allerlei wundersamen Begebenheiten die Schwelle des Kindesalters überschritt. Auf ihren ersten Ball, den sie mit einer Tante in der Residenz besuchte, wo sie in weiß und himmelblau recht hübsch aussah, ging sie ganz kampfgerüstet, in Erwartung einer Menge von Stürmen auf ihr junges Herz, die sie fest entschlossen war, vor der Hand alle abzuschlagen. Aber siehe da, alles verlief in größter Ruhe; kein süßes Flüstern, kein verstohlener Händedruck, keine leidenschaftliche Erklärung. Sie konnte auch nicht eine einzige der schönen Phrasen voll jungfräulichen Stolzes anbringen, die sie sich in stillen Stunden ausgedacht; in aller Ruhe engagirten sie die Tänzer, sprachen von der Hitze im Saal, von der schlechten Beleuchtung und mangelhaften Musik, mitunter blieb sie auch sitzen – kurz, sie durfte ihr siebzehnjähriges Herz ganz ungefährdet wieder nach Hause tragen. Und in solcher Weise ging es Jahre lang fort; sie begriff gar nicht, warum es seit den Tagen der Cousine Heinerike so ganz anders geworden; diese hatte vor Freiern ja nicht stehen und gehen können, und die Cousine konnte unmöglich hübsch gewesen sein, sie mochte deren Gesicht noch so aufmerksam studiren, und sich selbst fand sie doch gar nicht häßlich. Wie es sich mit diesen Freiern und Verehrern der Heinerike verhalten, ob sie, gleich den steifleinenen Kerls des Falstaff, in der Erinnerung sich multiplicirt hatten, ich weiß es nicht: genug, die gute Jungfer ging zu Grabe, glücklich, im Bewußtsein, daß sie die besten »Anstände,« geistliche und weltliche, hätte haben können, und Adelheid blieb daheim beim Vater, ungesucht und unbegehrt. Sie war darüber ganz und gar nicht bekümmert und freute sich ihrer Jugend, die sie als das einzige Kind ihres guten Vaters, der ein geschätzter Geistlicher war, harmlos und fröhlich genießen konnte. Der Vater war freilich viel zu wohlthätig und ein zu sorgloser Haushalter, als daß er hätte reich sein können, und doch konnte er dem einzigen Töchterlein jeden billigen Wunsch erfüllen. So hatte Adelheid Bücher, Musikalien, Blumen und Vögel, Freundinnen und freie Zeit nach Herzenswunsch, vor allem Freundinnen, da sie sehr mittheilsam und leicht erregbar war. Wie die alten Römerinnen für jedes Schmuck- und Putzstück eine eigene Bewahrerin, so hatte sie für jede Seite ihres Wesens eine eigene Vertraute, und neben den ordentlichen stets noch ein paar außerordentliche und mehrere korrespondirende Mitglieder in ihrem Freundschaftskreise. Sie theilte mit Leib und Seele die Lust und das Leid, das die Freundinnen ihr anvertrauten. tröstete sie treulich mit guten Worten und rührenden Versen, half ihnen ihre gebrochenen Herzen herstellen und geleitete sie später mit diesen restaurirten Herzen an der Seite irgendeines andern respektablen Bräutigams zum Altar. Eine neidlose Brautjungfer war die Adelheid gewiß; weder der kleine Pfarrer, der die Pauline, noch der Kameralamtsbuchhalter, der die Amalie, noch der Gutsbesitzer, der das Lottchen heimführte, entsprach nur von weitem dem Ideal ihrer Träume; aber wenn sie wieder einen Myrthenkranz gebunden hatte, so mußte sie doch auch an die Stunde denken. wo er einst ihre Locken schmücken würde, und nicht wunderbar genug konnte sie sich die Wege denken, auf denen das besagte Ideal ihr zugeführt würde. Wie eigentlich dieses Ideal beschaffen sein sollte, darüber war sie noch nicht im Reinen; meist nahm es in etwas die Farbe ihrer jeweiligen Lektüre an, die ernsten männlichen Gestalten trugen aber in der Regel den Sieg davon über die jugendlich glänzenden. Dazwischen war auch jeder junge Dichter, natürlich ohne daß sie ihn je gesehen, eine Weile der »König im Reich ihrer Träume,« und da sie so oft gehört, daß gute Dichter selten gute Ehemänner werden, so konnte sie sich manchmal in so schönes herzbrechendes Unglück hineinträumen, daß sie fast aus Mitleid mit sich selbst geweint hätte. Vor dem Fenster ihres zierlich geschmückten Stübchens sah man auf einen schmalen Pfad, der zwischen Wiesen hinlief, und sich im Gebüsche verlor. Gar zu gern sog sie in hellen Mondnächten den geheimnißvollen Reiz ein, der auf solchen Pfaden liegt und träumte sich, daher müsse dereinst ihr Glück kommen. Diesen selben Pfad wandelte Adelheid auch eines Abends in allerlei Gedanken verloren. Sie hatte eben eine hübsche Novelle von Eichendorff gelesen und sang mit heller Stimme ein Reimlein daraus nach eigener Komposition: »Und sollte mich Einer erwerben, Ein Jäger müßt's sein zu Roß, Der müßt' mich auf Leben und Sterben Entführen auf sein Schloß.« Da ertönte eine süßliche, etwas näselnde Stimme hinter ihr: »Ach, guten Abend, Fräulein Adelheid, thun Sie auch Ihre Gefühle amüsiren im schönen Abendroth.« Wie mit kaltem Wasser begossen sah sich Adelheid um, und da stand, nicht ein Jäger zu Roß, wohl aber die Jungfer Elisabeth Maierin, ehrsame Vorsteherin der Strickschule, die Weisheitsliese genannt wegen der absonderlichen Weisheit und Sentimentalität ihrer Reden und Bemerkungen, der Adelheid so erstaunlich zuwider, daß kaum ihre Gutmütigkeit sie abhalten konnte, ihrer alten Lehrerin stracks den Rücken zu wenden. »Ach ja,« fuhr die gesprächsame Jungfer fort, »da sind Sie eben gerade wie ich, immer gefühlvoll, immer schwärmerisch; so bin ich mein Lebtage gewesen. Wenn ich nur ein schönes Buch und eine schöne Naturgegend habe, so komme ich ganz außerhalb mir selbst. Ach, was habe ich erst heut noch weinen müssen über so eine schöne Geschichte von Clauren: ›Des Lebens Höchstes ist die Liebe.‹ Ja Liebe und Tugend, das ist die Hauptsache in diesem Thränenthal.« »Gewiß, gewiß,« meinte Adelheid und wollte weiter. – »Ach, warten Sie doch, Fräulein Adelheid, wir haben ja einander so lange nicht mehr genossen, seit ich Ihre Jugendlehrerin gewesen bin, und ich habe doch schon so lange gewünscht, Ihnen mein Herz auszuschütten. Ach, wenn Sie erst wüßten, wie ein gewisser Anderer glücklich sein würde, ein solches Abendroth mit Ihnen zu verleben!« – »Ei, ist's wahr?« lachte Adelheid übermüthig, hielt aber doch wieder gleichen Schritt mit Jungfer Elise. – »Ja, und wenn Sie wüßten, was für ein vorzüglicher Mensch Ihnen sein Herz zugeeignet hat, und Sie lieber hat als die ganze Welt!« Adelheid wußte gar nicht, wie sie sich bei dieser unvorhergesehenen Erklärung verhalten solle, sie sah die Liese ungläubig an und fand es unbeschreiblich keck, daß die es wage, mit ihr von solchen Dingen zu sprechen; indessen machte sie keine Miene davonzulaufen, so daß die Liese ganz beherzt fortfuhr: »Denken Sie denn gar nicht mehr an den Sebastian, meiner Schwägerin, der Sonnenwirthin, Brudersohn, der ja hier aufgewachsen ist, an den Sebastian, der schon einmal vom Gennasium aus mich besucht hat, da Sie noch in die Strickstunde zu mir kamen, an den Sebastian Mezger?« Nein, Adelheid hatte nicht an den Sebastian Mezger gedacht, ganz und gar nicht. – »Aber er hat ja schon dreimal einen Besuch in Ihres Herrn Papas Hause gemacht,« fuhr die Liese fort, »und seit er Sie das letztemal gesehen, kann er eben gar nicht mehr anders und meint, es müsse sein.« – »Aber er kennt mich ja gar nicht!« sagte in höchster Verlegenheit Adelheid, der das Ding nachgerade zu ernsthaft wurde. – »Das meinen nur Sie, Sie wissen nicht, wie viele lange Jahre der Sebastian seine Gemütsbewegung auf Sie gerichtet hat, wie er Tag und Nacht nichts anderes sinnt. Sie wissen ja, wie geschickt er ist und im Examen über alle hinaufgekommen, so daß ihn sein Pfleger hat studiren lassen, und daß er jetzt ein Doktor ist, ein rechter Menschendoktor in Dachshausen. Schon da Sie noch als kleines Mädchen bei mir in der Strickschule saßen, waren Sie ihm so wichtig. Er ging damals auf die Universität und nahm Abschied von mir, und ›Elise Base,‹ sprach er, ›was ist doch die Adelheid für ein nettes Mädchen.‹ Und was er derweil für schöne Reisen gemacht hat! und wie gebildet er ist! und er hat einen ganz neuen prächtigen Paletot.« »Aber er hat mich ja nie gesprochen,« warf Adelheid wieder ein. – »Aber sprechen hören! Wenn Sie nur wüßten, wie interessant er nach Ihnen ist! Und als er Sie das letztemal in Ihrem himmelblauen Tibetkleid gesehen hatte, da war er vollends ganz dahingerissen. Er hätte so oft schon heirathen sollen, aber er will von keiner andern hören. ›Elise Base,‹ sagte er, als ihm die Sonnenwirthin des Schultheißen Tochter in Wendlingen kuppeln wollte, die dreißigtausend Gulden bekommt und eine vierzehnfache Aussteuer, ›Elise Base, wenn ich meine Einzige und Auserkorne nicht bekomme, so gehe ich nach Amerika.‹ – Ach, ich muß oft bitterlich weinen, wenn ich denke., daß ein so rechtschaffener Mensch aus unglücklicher Liebe nach Amerika soll, ›in's heiße Afrika!‹ wie in dem schönen Liede steht. So etwas möcht' ich nicht auf meiner Seele haben, Fräulein Adelheid!« »Aber ich weiß ja kaum wie er aussieht!« rief Adelheid in höchster Beklommenheit. – »Ei, das thäte sich bald finden, schöne Seelen begegnen sich, sagt Schiller, und wenn Sie ihn einmal recht kennten, so könnten Sie sich gar nicht mehr besinnen. Wenn Sie jetzt nur erlauben wollten, daß er den Herrn Papa besucht, da würde sich alles finden; nicht wahr?« – »Den Vater wird's immer freuen, wenn ihn Herr Doktor Mezger besucht,« sagte kaum hörbar Adelheid, mit deren Fassung es ganz zu Ende war und die gar nicht mehr wußte, was sie sagen sollte. Zu ihrer größten Erleichterung sah sie in diesem Augenblick ihre Freundin Amalie am Arm ihres Gatten herankommen und konnte sich von der Jungfer Elise losmachen. Adelheid kam in tiefen Gedanken heim, und wie oft sie sich auch sagte, welcher Unsinn es sei, an die Geschichte nur zu denken, dennoch kehrte das Gespräch mit der Liese wieder und wieder in ihre Erinnerung zurück. Nein, daran war nicht zu denken: einer, der die Weisheitsliese zur Vertrauten gemacht, der Sebastian Mezger hieß und Doktor war in Dachshausen! War ihr's auch mit dem Jäger zu Roß nicht so ernst gewesen, so hatte sie sich dafür andere schöne, romantische Situationen gedacht, gegen die all dies ein zu greller Kontrast war. Dann aber trat wieder die lange, stille, treue Liebe des ihr fast Unbekannten vor ihre Seele, sein verwaistes Leben, das hoffnungslose Leid um sie, das ihn weit über's Meer in ferne Lande treiben wollte, und das trieb ihr beinahe Thränen in's Auge. Dann aber fiel ihr mit heißem Erröthen wieder ein, wie sie durch ihre unbedachte Aeußerung gegen die Liese ihn gleichsam selbst eingeladen habe, und beim Gedanken, daß das für Zuvorkommenheit gelten könnte, empörte sich ihr ganzer Mädchenstolz. Weil sie aber dennoch Tag und Nacht an die tragische Geschichte denken mußte, so war's am Ende eine Wohlthat, daß der gefürchtete Doktor wirklich erschien. Eines Tags rief die Magd: »Fräulein Adelheid, ein Herr sind da und wollen den Herrn Dekan sprechen.« Mit ahnendem Herzen trat sie in's Zimmer und erinnerte sich nun wohl, diesen ernsten, einfach gekleideten Mann dereinst beim Vater gesehen zu haben, aber er hatte so wenig Eindruck auf sie gemacht, daß sie ihn indeß gänzlich vergessen hatte, und auch jetzt rief keine einzige Stimme in ihrem Herzen: der ist's! – keine einzige. – Nein, der konnte es nicht sein! Der Doktor ließ sich keine Beklommenheit anmerken, er hielt die Unterhaltung unter so kritischen Umständen möglichst aufrecht und zeigte sich als einen lebenserfahrenen, ernsten, gebildeten Mann, aber jeder verstohlene Blick, den sie auf ihn warf, kehrte mit der leidigen Botschaft zum Herzen zurück: »Der ist's nicht! nein, der ist's nicht!« Endlich machte der ahnungslose Vater durch seine Ankunft diesem doch etwas peinlichen tête à tête ein Ende; der Adelheid fiel ein Stein vom Herzen, sie ließ den Gast dem Vater, und wie lange auch noch Herr Mezger verweilen mochte, sie ließ sich nicht mehr blicken, für ihn ein recht schlimmes Zeichen, und er mußte sich verabschieden, ohne sie noch einmal gesehen zu haben. Während die Adelheid daheim saß in einer Wahl und Qual, als ob sie seit der Erschaffung der Welt das erste Mädchen wäre, das in den tragischen Fall kommt, einen Mann nehmen zu müssen, war Sebastian in tiefe Gedanken versunken auf seinem einsamen Heimweg. Wie es gekommen, daß eine so zarte Angelegenheit zuerst in die ungeschickten Hände der Jungfer Liese gekommen, davon später; jetzt handelte sich's bei ihm nur darum, ob er einen direkten Sturm auf die Festung wagen sollte, die so wenig geneigt schien, sich zu ergeben, und da zogen gar viele Gedanken für und wider durch seine Seele. Er gehörte nicht zu den stürmischen Naturen, und zu einem Entführen auf Leben und Sterben schien er vor der Hand nicht geneigt. Er schloß all seine streitenden Gedanken mit einem Gebete, daß Gott ihm zeigen möge, wo der rechte Weg für ihn liege, und daß er ihm diesen Weg bahnen möge; er fand Ruhe und Frieden darin, daß er seine Sache in so gute Hände gelegt, und ging getrost nach Hause. In einem kinderreichen Hause gibt's stets Arbeit für Aerzte und Schuhmacher. So wurde um diese Zeit unser Doktor in ein Pfarrhaus gerufen, wo mehrere Kinder an Masern erkrankt waren. Die bleiche Hausfrau, die demnächst Aussicht hatte, ihren Kinderkreis um das achte Mitglied zu vermehren, konnte sich selbst kaum aufrecht halten, und sollte noch von einem Bettchen zum andern eilen. »Sie sollten nothwendig Hülfe haben,« meinte der Doktor, »die zwei Mägde genügen nicht.« – »Höre, soll ich nicht der Adelheid schreiben?« fragte der Pfarrer und setzte, zum Doktor gewendet, erklärend hinzu: »unsere Cousine von St., ein gar liebes, gescheidtes Mädchen.« – »Ach ja,« rief der kranke Heinrich, »die kann so schön erzählen,« »und so hübsche Puppenkleider machen,« rief das kranke Minchen. – »Ihr guter Muth thäte mir freilich wohl,« sagte die Pfarrerin, »aber ich möchte dem Vater sein Herzblatt nicht wegnehmen.« Kurz, jeder Mund pries die Adelheid, und dem Doktor ward's recht wunderbar zu Muth, hier den Fingerzeig zu erhalten, um den er gebetet, denn daß diese vielgeliebte Adelheid die seinige sei, da war kein Zweifel. Er sprach der Pfarrerin dringend zu, um die Cousine zu bitten, es sei höchst nöthig, und er konnte diesmal kaum erwarten, bis er nach Hause kam und allein sein konnte. Noch in derselben Nacht ging ein Brief an Adelheid und ihren Vater ab, nicht die glühende Bitte eines herzerstürmenden Jünglings, wohl aber die ernsten innige Frage eines Mannes. Der Adelheid war's indeß seltsam gegangen, wie einer Festung, auf den Sturm gerüstet, die auch an die Möglichkeit einer Uebergabe denkt, die aber gänzlich unangefochten bleibt. Seit dem Besuch des Doktors stand sie jeden Morgen auf und legte sich jeden Abend nieder mit der Frage: will ich? – »Nein, ich will nicht!« rief ihr Herz, aber kein Mensch fragte sie: willst du? Mit Herzklopfen sah sie den Briefträger kommen, mit einem erleichternden Seufzer sah sie, daß er nichts brachte als Briefe einiger Herzensfreundinnen, die über ihr Stillschweigen klagten; aber nachher war's doch eine gewisse Leere. Sie hatte in Gedanken die schönsten Absagebriefe an den Doktor aufgesetzt, voll Achtung, Bedauern und Dankbarkeit, aber es kam keine Gelegenheit, einen zu schreiben. Die Liese ließ sich nirgends blicken. Schon glaubte sie mit einiger Beschämung, das Ganze sei am Ende ein Märchen gewesen oder der arme Doktor sei, bekümmert über ihre Sprödigkeit, bereits in Verzweiflung nach Amerika abgesegelt, da kam eines Tags ein großer, gefährlich aussehender Brief an den Vater. Nun war's gekommen: das war die Werbung des Doktors. Der erstaunte Vater gab Adelheid den Einschluß seines Briefes, der an sie gerichtet war, besprach die Sache in Kürze mit ihr und ließ ihr gänzlich freie Hand; ihm eilte es nicht, sich von dem Töchterlein zu trennen. Da saß Adelheid in ihrem Stübchen, die Feder in der Hand und vor sich das Postpapier. Der Absagebrief, wie sie ihn gedacht, paßte nicht mehr, des Doktors Brief war gar nicht so herzbrechend; aber ein Nein, motivirt oder nicht, wollte nimmermehr heraus, und doch zum Ja – da war's noch himmelweit, das war ganz undenkbar. So ließ sie sich denn in Kapitulationen ein, sandte einen Brief ab mit einer ziemlich offenen Erklärung über ihren Herzenszustand, bat um Aufschub, wollte ihr Herz prüfen, nähere Bekanntschaft u. s. w. Eine gefährliche Sache für eine Festung! Am andern Tag kam der Brief mit der Bitte des Vetter Pfarrers um Unterstützung seiner Frau. In ihrer Bedrängniß war Adelheid recht froh der Aussicht auf angestrengte Tätigkeit, erstürmte die Erlaubniß des Vaters und rüstete sich zur Reise, nicht ohne gebeten zu haben, daß man ihr alle einlaufenden Briefe nach Bernheim nachschicken solle. Da Adelheid in der vaterländischen Geographie nicht stark war, wußte sie gar nicht, daß Bernheim in der Gegend von Dachshausen lag, und war daher höchlich erstaunt, den Doktor, mit dem sie in so gefährliche Unterhandlungen getreten war, gleich am ersten Abend im Pfarrhaus zu finden. Dieses unerwartete Zusammentreffen gab nun der Sache eine andere Gestalt, aber »der Zug des Herzens, der des Schicksals Stimme,« wollte immer und immer noch nicht kommen, und ungewisser, unglücklicher als je, durchwachte Adelheid die nächste Nacht am Bette der kranken Kinder, während die Mutter ruhig schlief, wie seit lange nicht. Immer noch schien ihr diese neue Begebenheit ein Querstrich durch den blumigen Pfad ihrer Phantasiewelt. Anders, ach so ganz anders hätte es eben kommen sollen! Aber die stille Nacht ist eine gute Zeit zur Selbstprüfung und in dem trotzigen und verzagten Mädchenherzen stieg die ernste Frage auf: »Hast du ein Recht, die Wege zu wählen, die Gott dich führen soll?« Und sie betete ernst und innig wie nie, Gott möge ihr klar machen nicht ihren, sondern seinen Willen, und wenn sie ihn erkannt, so möge er ihr auch die Freudigkeit in ihr Herz geben, den Weg zu gehen, den er sie führen wolle. Frischer und getroster als seit lange begann sie den Morgen und ihr Tagwerk, obwohl die Kinder klagten, daß sie nicht so viel und schöne Geschichten erzähle wie sonst. Der Abend kam, und nachdem sie den Tag über in geheimer Angst den Doktor erwartet hatte, ward allmählig auf dem stillen Gedanken: »er wird doch nicht kommen!« der Wunsch: »wenn er lieber heut käme!« Nun, er kam und blieb zum Abendessen, und es traf sich wunderlich, daß das Gespräch allmählig allein von den Beiden geführt wurde. Sie sprachen von Kindheitserinnerungen, Jugendeindrücken, von allem möglichen; es ging Schlag auf Schlag, ein Wort in's andere, es war als sei eine verborgene Thüre aufgegangen an den zwei Herzen, aus der die innersten Gedanken hervorkamen. Die Zeit verging, man wußte nicht wie; der Doktor mußte sich's gefallen lassen, im Pfarrhaus zu übernachten, den Pfarrleuten ging ein Licht auf, und die Aussicht auf eine Brautschaft unter ihrem Dache richtete die Pfarrfrau zusehends auf, mehr als die beste Arznei des Doktors. Als in dieser Nacht Adelheid in ihr Stüblein kam, da war es hell vor ihr, sie wußte nun, was Gottes Wille sei, und die Herzensfreudigkeit war ihr nicht ausgeblieben. Am andern Tag war die Pfarrerin schon so gefällig und fürsorglich, den Beiden Gelegenheit zu einem ruhigen Stündchen in der Laube zu geben. Da wagte der Doktor auf's neue seine Frage, und siehe da, ihm ward eine gute Antwort, und als das Pfarrpaar endlich herab kam, nach den Leuten zu schauen, da trat ihnen ein fröhliches Brautpaar entgegen. – Die Pfarrerin verjüngte sich selbst wieder an diesem jungen Glück, auch die kranken Kinder waren besser, und so konnte Adelheid sich dem ihr so neuen und wunderbaren Gefühl, glücklich zu sein, indem sie glücklich machte, von ganzer Seele hingeben. Es war Sonntag Abend; alles war Friede und Freude, die zwei saßen in der Laube und vor ihnen lag ein Brief mit des Vaters freudigem Segen, nachdem Adelheid ihm ihr Herz geöffnet hatte; alle Wahl und Qual war vorüber, und wenn sie nun in die treuen, tiefen Augen ihres Erwählten sah, so besann sie sich nicht mehr, ob er Sebastian oder Oskar hieß, und hatte vergessen, wie alle ihre Ideale ausgesehen hatten. »Nun wirst Du nicht mehr nach Amerika wollen?« fragte sie schmeichelnd. – »Gewiß nicht, Herz, auch dachte ich daran in Jahren nicht mehr.« Dies verblüffte Adelheid etwas, und schüchtern fragte sie weiter: »Aber sage mir, warum hast Du denn die Liese zu Deiner Vertrauten gemacht?« – »Die Weisheitsliese? Ja liebes Kind, daran bin ich unschuldig; sie hat eigentlich mich zu ihrem Vertrauten gemacht.« – »Wie so?« fragte Adelheid mit weitoffenen Augen. – »Nun, sieh nicht böse aus, wir sind ja glücklich im Hafen; ich konnte freilich noch nicht wissen, welch Kleinod mir die Liese zudachte, als sie mich nöthigte, Deinen Vater zu besuchen.« Welch ein Aufschluß für Adelheid! Der Doktor sah nun erst, wie neu ihr das alles war; er konnte nicht mehr zurück, er mußte beichten. Da ergab sich denn, daß der Doktor nimmermehr an die Adelheid gedacht hätte; nichts war es gewesen mit der jahrelangen stillen Liebe, nichts mit dem Vorhaben nach Amerika zu gehen, rein aus mit der Romantik! In der Liese Kopf, nicht in des Doktors Herzen war der Plan zu dieser Verbindung gereift. So wenig er sich von jeher um Liese bekümmert, eine so große Zuneigung hatte sie stets zu ihm, dem einzigen Familienglied von geistiger Bedeutung, gefaßt und frühe den Wunsch genährt, ihn mit Dekans Adelheid, ihrem höchsten Ideal weiblicher Liebenswürdigkeit, zu verbinden. Der Doktor, mißtrauisch in eine Empfehlung aus solchem Munde, war nur mühsam zu bewegen gewesen, bei seinen sehr seltenen Besuchen in der Vaterstadt einen förmlichen Besuch beim Dekan zu machen. Da er nun kurzsichtig war und Adelheid nur von weitem erblickte, so wußte er kaum wie sie aussah, und stimmte nur so pro forma in die Lobpreisungen der Liese ein. Höchlich erstaunte er daher, als diese ihm eines schönen Morgens schrieb, sie sei Fräulein Adelheid so geschickt begegnet, daß sie nicht umhin gekonnt, dieser seine Gefühle mitzutheilen; es sei nun alles auf's Schönste eingeleitet, Fräulein Adelheid und der Herr Dekan erwarten täglich seinen Besuch. Welche Ueberraschung! Der Doktor war zuerst gar nicht geneigt gewesen, diesen Wechsel auf ein ihm so unbekanntes Herz zu erheben, auch betroffen über eine so seltene Zuvorkommenheit. Doch hielt er's für der Mühe werth, zur Liese zu reisen, und entnahm bald ihrem Gespräch, daß Adelheid in der Sache so unschuldig sei wie er, und noch viel unwissender. So wollte er doch nun hingehen. Diesmal that er seine Augen auf, und bedurfte nun des Zuspruchs der Liese nicht mehr, um von Herzen zu wünschen, daß ihr Plan Wirklichkeit würde. Nun war es aber das so zurückhaltende Benehmen Adelheids, was ihn zögern machte, bis er im Pfarrhaus zum erstenmal gültige Bürgen für den Werth des Gutes erhielt, dessen Besitz er schon wünschen gelernt hatte. Ja, so verhielt sich die Sache, und die arme Adelheid war um das letzte Tröpfchen Poesie betrogen, mußte Frau Doktor Mezgerin in Dachshausen werden, und hatte nicht einmal den Trost, daß sie so lange und so still geliebt worden sei, daß ihr Erkorner nach Amerika gewollt um ihretwillen! Noch einmal wollte der jungfräuliche Stolz aufwallen, und sie hätte gern ihr Herz zurückgenommen, nur um noch einmal auf Leben und Tod darum werben zu lassen. Aber ein Herz nimmt sich nicht so leicht zurück; der Stolz ging unter in dem süßen, demüthigen weiblichen Gefühl, sich in Liebe hinzugeben, und Adelheid hat sich mit freudigster Resignation in das herbe Schicksal gefunden, das sie auf so prosaischem Weg an das poetische Ziel führte, eine frohe Braut und eine glückliche Frau zu werden. Der Weisheitsliese nicht zu vergessen, so war diese freilich glückselig, daß ihr Plan so herrlich gelungen war, wurde aber durch des Doktors entschiedenen Zuspruch vermocht, ihre Verdienste nicht unbescheiden geltend zu machen. Sie begnügte sich alljährlich mit einem vierzehntägigen Besuch, wobei sie Adelheid unter ihren vier Söhnen mit den allerweisesten Erziehungsrathschlägen unterstützte. Der Wittwe Töchterlein. »Und sie war eine Wittwe.« Wie manchem stillen Gesicht sind in wehmüthigen Zügen diese inhaltsschweren Worte eingeschrieben! Wie tiefe Geltung das Wittwenleid hat, zeigt die Sitte fast aller Zeiten und aller Völker, bei denen ein Funke geistigen Lebens schimmert, die Sitte, die den Wittwenstand als einen eignen, durch die Weihe des Schmerzens geheiligten achtet. Wie viele der schönsten Frauentugenden sind nicht erst in der Prüfungsglut des Wittwenstandes zu reinem Gold geläutert worden! Welche Schule für junge und alte Frauen könnten die Wände eines Wittwenstübchens werden, wenn sie reden könnten von den innigen Abbitten, von den leisen Seufzern sühnender Reue, von den frommen Gebeten voll Liebe und Vergebung, die an ihnen verhallt sind! Wie viel Entschuldigungsgründe für so manche oft schwer gerügte Fehler der Wittwen: ihr zu zaghaftes Sorgen, zu ängstliches Sparen, ihr häufiges Klagen, ihre reizbare Empfindlichkeit liegen nicht in den kleinen Steinen und unsichtbaren Dornen, die den einsangen Pfad der Wittwe erschweren! Wie verzeihlich ist ihre allzunachsichtige Mutterliebe! Lacht nicht, wenn eine Wittwe ein recht ordinäres Söhnchen als einen Inbegriff der Vortrefflichkeit, als den Sproß einer reichen Zukunft ansieht, wenn sie selbst über seine Fehler noch mit geheimem Stolz klagt, ihr Unentbehrliches opfert, um seine, oft unnöthigen Wünsche zu befriedigen, wenn kein Mädchen ihr erlesen und würdig genug scheint, ihren Liebling zu beglücken. Lacht nicht und denkt, wie viel begrabene Liebe und Treue, wie viel Sühne für Versäumnisse, deren nur sie sich bewußt ist, nun zu verschwenderischer Güte wird gegen dieses Abbild des Verlorenen. Spottet nicht, wenn eine Wittwe mit dem Munde sich glücklich preist, ihr Töchterlein noch um sich zu haben, während ihr Herz sich sehnt nach dem Augenblick, wo sie sie an der Seite eines guten Mannes aus dem Wittwenstübchen entlassen könnte, oder wenn sie nicht müde wird, durch allerlei bescheidene Wendungen die Tugenden dieses Töchterleins in's Licht zu stellen; spottet nicht, sondern bedenkt, in wie rosigem Licht ihr selbst das nun versunkene Glück der Ehe erscheint, wie schmerzlich sie selbst empfinden gelernt hat, was es heißt, allein und schutzlos zu sein. Eine Wittwe war es denn auch, die alle Liebesfülle eines einst schlecht belohnten Herzens, alle noch übrige Kraft eines durch langes klageloses Leid geknickten Geistes auf die Erziehung ihres einzigen Töchterleins verwendete. In Anna hoffte sie all die Blüthen aufgehen zu sehen, die ihr selbst in der Knospe gewelkt waren, in der Tochter Zukunft wollte sie das Glück finden, das sie selbst nur in Jugendträumen genossen hatte. Nie ist ein Pflänzchen zärtlicher gepflegt, sorgsamer von Unkraut gereinigt, liebevoller an Licht und Luft getragen worden, als dieses schwarzaugige Annchen. Auch war der Mutter Pflege nicht vergeblich; ein so unruhiges und vorlautes Kind das Annchen gewesen, ein so hübsches, gescheidtes und anstelliges Mädchen wurde die Anna. Es war der Mutter gar nicht übel zu nehmen, wenn sie mit stillem Entzücken ihr rühriges Walten sah, ihren muntern Einfällen lauschte, und wenn sie bei sich dachte: der sei unter einem glücklichen Stern geboren, der einmal dieses Kleinod davontrage. Aber das Kleinod war nicht in Gold gefaßt, nicht einmal in Silber, und die Welt wird so reel; die Männer sind so zartfühlend und rücksichtsvoll: ehe sie ein edles Wesen der Möglichkeit aussetzen, einst im Alter darben zu müssen, heirathen sie lieber gar nicht, oder eben eine Reiche. So schaute denn mancher gern in die hellen schwarzen Augen Annas, aber einer um den Andern ging an der Wittwe Thür vorüber, den stattlichen Portalen reicher Häuser zu. Das Myrthenbäumchen, das seit Annas sechzehntem Geburtstag ihr Fenster schmückte, und das die Mutter ganz heimlicherweise viel sorgsamer pflegte, als das Töchterlein, grünte und sproßte; Anna hatte schon manchen Zweig davon zum Brautkranz einer Freundin geschnitten, aber blühen wollte es nicht. Die Mutter war zu feinfühlend und zu stolz, um irgendwelche der geschickten Veranstaltungen zu treffen, durch die gewandte Mütter blöde, junge Leute mit sanfter Gewalt ihrem Glück entgegenführen. So ergab sie sich allmächtig darein, ihr Röslein ungepflückt daheim verblühen zu sehen, und tröstete sich mit dem Gedanken, wenn ihr nun auch das Glück versagt bleibe, das sie für sie geträumt, so werde sie doch mit den Dornen verschont bleiben, die ihr selbst so bald aus den Knospen des bräutlichen Glücks erwachsen waren, und sie lernte ohne Sorgen und Fragen ihres Kindes Zukunft in die Hand legen, die die Vögel unter dem Himmel versorgt. Anna war ein Mädchen, ein ächtes und ein stolzes Mädchen, und alle solche Plane, Wünsche und Hoffnungen lagen bei ihr noch viel viel tiefer im Grund ihres Herzens. Wenn sie auch da und dort ein leises Gefühl von Kränkung und Zurücksetzung nicht unterdrücken konnte, so trug sie doch ihr Mädchenstolz und guter Jugendmuth darüber weg. Es gibt sehr stille Erlebnisse, so still, daß zwei Menschen, die auf's innigste vereint sind, sie zusammen erfahren, zusammen tragen und zusammen überwinden können, ohne daß ein Wort darüber auf ihre Lippen tritt. Erlebnisse der Art waren vielleicht auch schon an Mutter und Tochter vorübergegangen; Anna hatte sich in ihren stillen Thränen die Augen hell gewaschen und sah die Mutter frisch und freundlich an; auch fehlte ihr's zu keiner Zeit an muntern Einfällen und witzigen Ausfällen; es sind nicht immer dornenlose Rosen, die der Thränenthau befeuchtet. Es gibt ein Alter, wo man eine wahre Passion hat zu resigniren, wo Ergebung und Entsagung die großen Schlagwörter sind; unsere ganze große Literatur hat diese Krankheit durchgemacht, da ist sie an einem einzelnen Menschenkind gar nicht verwunderlich. Solche junge Entsagungen gemahnen mich an jenes Trauerspiel, wo im dritten Akt alle Personen erschlagen sind und in den zwei letzten nur noch ihre Geister spielen sollen. Anna war dreiundzwanzig Jahre alt und ganz und gar resignirt, ergeben in den Gedanken, der Mutter Stütze zu sein bis an ihren Tod, rein fertig und abgefunden mit allen Jugendhoffnungen und Wünschen, und kam sich so ruhig vor wie gefrorenes Wasser. Aber langweilig schien's Anna doch manchmal, gewaltig langweilig, sie konnte nichts dafür: wenn so ein Tag um den andern aufmarschirte und wieder abzog und jeder auf's Haar seinem Vorgänger glich, wenn sie alle Morgen Punkt sieben Uhr mit der Mutter am Nähtisch saß und ihre Augen, so oft sie sie erhob, auf nichts fielen als auf die Inschrift an der Tafel des Nachbarhauses gegenüber: »Seifen und Lichterverkauf von J. J. Schnazkobel,« falls sie nicht etwa ein Stockwerk höher schaute, wo ein gemalter Stiefel und ein grasgrüner Schuh die Werkstätte eines Schuhmachers bezeichneten; wenn sie Tag für Tag nach Tisch einen Spaziergang mit der Mutter machte, einmal zum obern Thor hinaus durch die Krautäcker, das anderemal durch das untere über die Gemeindewiese. Freilich wurde diese Einförmigkeit hie und da durch eine Visite oder eine Landpartie unterbrochen, auch fand alljährlich ein Fastnachtsball statt, auf dem sich fünf Musikanten, sieben Tänzer und fünfzehn tanzlustige Damen einfanden, und Anna konnte acurat ausrechnen, welcher der sieben sie nach einigen unfreiwilligen Sitzungen zum Tanze führen werde. Aber das waren doch nur magere Freudenblümchen für ein junges, lebenswarmes Herz. Einmal, nur einmal, meinte sie, sollte doch auch etwas Besonderes geschehen. Nun ja, einmal kam denn auch der Postbote und brachte einen Brief vom Herrn Onkel Schneck; das war doch so eine Art von Begebenheit. Der Herr Onkel war eigentlich ein Stiefonkel von Anna; er und seine Frau hatten, da sie kinderlos waren, nach dem frühen Tode von Annas Vater der Wittwe das großmüthige Anerbieten gemacht, die Kleine zu sich zu nehmen. Daß die Wittwe sich dazu nicht entschließen konnte und lieber ihr schmales Brod mit dem Kinde theilen wollte, das hatten sie ihr damals schwer verübelt und seither den Verkehr fast ganz abgebrochen. Jetzt aber war der Onkel übel von der Gicht geplagt und die Tante hatte sich den Fuß verstaucht, so daß sie für Wochen an's Bett gebannt war und ihrer Magd die Schlüssel lassen mußte. Da erinnerten sie sich denn gnädigst der Nichte und baten die Mutter, sie auf einige Wochen zur Hülfe zu senden; »viel sei freilich nicht geholfen mit so jungen Mädchen, aber es sei dann doch eine eigene Person.« Die Mutter, die die Herrlichkeit in Onkel Schnecks Hause wohl kannte, und der es so schwer wurde, sich von ihrem Kleinod zu trennen, hatte wenig Lust der Einladung Folge zu leisten. Anna aber bewies ihr eifrigst, wie empfindlich die Leute über eine abschlägige Antwort sein würden, und wie nützlich es für sie wäre, sich auch in einer andern Haushaltung umzusehen. Diesmal täuschte sich die gute Mutter ein wenig, wenn sie diese Bereitwilligkeit für lautern Edelmuth und Lerneifer hielt. Sie nahm es fast übel, daß Anna die Trennung nicht schwerer wurde und sie mit so glänzenden Augen in die Welt hinausfuhr in dem bescheidenen Einspänner, der sie auf die nächste Poststation bringen sollte, die resignirte, kühle Anna. Wie kurz war ihr der lange Weg durch diese neue Welt, mit wie hübschen Bildern malte sie sich die neuen Verhältnisse aus, und wie kläglich wurde sie getäuscht! Der erste Eindruck, Onkel Schneck in seiner Zipfelmütze und einem Schlafrock, der ein wahres Kaleidoskop von verschiedenen Flecken war, und die Tante in kattunener Nachtjacke und stahlgrünem Rock, hatte noch etwas von einem niederländischen Stillleben; aber es ward gar bald laut, und der Reiz der Neuheit verflog außerordentlich schnell. Gern hätte sich Anna in das Amt einer barmherzigen Schwester gefunden, des Onkels Fontanelle und der Tante Fuß verbunden, gern dem Harthörigen die Zeitung vorgeschrieen und daneben Küche und Keller besorgt, wenn nicht ein Geist zänkischen Unfriedens, erbärmlicher Klatscherei, ruhelosen Mißtrauens und fabelhaften Geizes im Hause gewaltet hätte, der alles versäuerte. Es war nicht eben so schlimm gemeint, aber es konnte doch keiner Seele wohl werden in dieser Atmosphäre, und recht sehnsüchtig verlangte Anna zurück an der Mutter Arbeitstisch, wo ihr Myrthenbäumchen vor dem Fenster stand und Luft und Sonne herein durften, wenn sie in der dumpfen, nie gelüfteten Stube die wenig anziehenden Strümpfe der Tante flicken mußte. Wie viel lieber hätte sie des Herrn Schnazkobels zierlich gemalte Seifenpyramide gesehen, als auf der Tante Befehl aufgelauert, ob die Nachbarin wieder Kaffee mache, wenn ihr Mann fort war! Welch' ein Vergnügen schien ihr jetzt der Spaziergang durch die Krautäcker an der Mutter Seite, hier, wo sie nicht weiter kam, als in den schmutzigen Hof, um die Hühnernester auszunehmen! Und vollends die traulichen Leseabende mit der Mutter, während sie jetzt jeden Abend mit dem Onkel Brett spielen mußte, und wohl aufpassen, um nicht dumm zu spielen und doch zu verlieren! Sie kam sich oft vor, wie auf eine wüste Insel verbannt, und fürchtete, ihr Lebtag nicht mehr von da wegzukommen. Ihr einziger Trost war Frau Fischer, eine freundliche, junge Frau, ehemalige Hausgenossin der Tante, die bei dieser wohl gelitten war und manchmal einsprach. Aber diese kam in die Wochen, und so war's aus mit den Besuchen. Nach drei langen Wochen ward es mit dem Fuß der Tante besser und Anna sah ihrer Erlösung entgegen. Zunächst sollte nun eine große Wäsche angestellt werden, bei der man sie noch verwenden wollte, und dieses daheim sonst gefürchtete Ereigniß war ihr eine wahre Freude, da es doch einigen Wechsel in das trübselige Einerlei brachte. Zwar weckte die Tante Anna schon Morgens um drei Uhr, aus Angst, die Wäscherinnen möchten allerlei Unterschleif treiben, zwar lief dieselbige Tante den ganzen Tag mit ungeheuren Salbandschuhen in schlimmster Laune im Haus herum und folgte der Anna auf jedem Schritt und Tritt, zwar steigerte sich diese üble Laune zu einer wahrhaft gefährlichen Höhe, als am zweiten Tag Regenwetter drohte; aber das ging vorüber, die Sonne drang siegreich durch und Anna bekam den erfreulichen Befehl, auf dem Rasen vor dem Stadtthor die Wäsche aufzuhängen, wozu sie sich fröhlichen Herzens anschickte. Die dem weiblichen Geschlecht zugewiesenen Arbeiten sind, abgesehen von Nutzen und Notwendigkeit, gar nicht so lästig und nicht so verflachend, wie die emancipirte Frauenwelt sie darstellt, und die Frau, welche sie um irgend eines Zweckes willen gänzlich aufgeben will oder muß, wird einen wesentlichen Reiz des weiblichen Lebens verlieren. Es läßt sich so lieblich träumen, so behaglich plaudern beim Näh- oder Strickzeug, so liebe Gedanken lassen sich in eine zierliche Arbeit verweben, die zu einem Geschenk bestimmt ist, und die ächte Lust des Schaffens liegt darin, ein gutes Gericht zu bereiten, und seiner wohlgefälligen Aufnahme bei Tische sich zu erfreuen. Unter die angenehmsten dieser Geschäfte gehört denn auch das Trocknen des Leinenzeugs, sei es nun auf einem Dachboden, dessen geheimnißvollen Reiz Justinus Kerner so anmuthig beschreibt, oder im Freien, wo es die liebe Sonne gar nicht übel nimmt, daß man sie zu so prosaischen Zwecken benützt, wo die frischen kühlen Lüfte gern in des Menschen Dienst treten und einen lustigen Tanz mit den weißen Flaggen beginnen. Wie ein Vogel aus dem Käfig, flog Anna in's Freie, sog in vollen Zügen die frische Frühlingsluft ein, schickte Magd und Wäscherin heim und machte sich mit rüstigem Muthe an ihr Tagwerk. All' ihre Lieder, die schon lang verstummt waren, kamen ihr wieder zu Sinn, und während sie die vielfach geflickten Tisch- und Leintücher der Tante als Gardinen um sich zog, sang sie mit heller Stimme: »Mein Herz ist im Hochland!« »Nun, wo singt man denn?« fragte auf einmal eine sonore, etwas fremd klingende männliche Stimme, und aufblickend sah Anna ein landfremdes Gesicht über die volle Leine hereinschauen. Erröthend, erstaunt, befangen schlüpfte sie durch die Wäsche hervor und stand vor einer schlanken, hochgewachsenen Männergestalt, blondhaarig und blauäugig, aber so kraftvoll und männlich schön, wie sie einmal auf einem schönen Bilde den blondlockigen Gott Odin gesehen hatte. »Mein liebes Fräulein,« sagte der Fremde nun etwas schüchtern mit fremdlautendem Accent, »können Sie mir nicht sagen, ob ich da auf dem Weg zur Stadt bin und wo der Kaufmann Fischer wohnt?« Anna schüttelte die Waschklammern aus der Schürze und begleitete den Fremden ein paar Schritte, so weit es nöthig war, um ihm den Weg zu zeigen. Der Fremde sprach nicht mehr, schien aber die hübsche Schaffnerin recht mit Interesse zu betrachten, und nachdem er mit höflichem Gruße von ihr geschieden war, traf sich's seltsam, daß just so oft Anna beim Rückkehren den Kopf drehte, sie allemal gerade seinem Blick begegnen mußte, so daß sie sich zuletzt eiligst hinter ihre Waschgardinen zurückzog. Gesungen hat sie aber an dem Tage nicht mehr. Das war nun etwas Erlebtes! und gar zu gern hätte sie etwas über die wundersame Erscheinung gewußt, die ihr mehr Denkstoff gab, als in der Zoller'schen Handfibel enthalten ist, aber mit der Tante hätte sie um keinen Preis davon sprechen mögen. Am zweiten Tag aber war großer Bügeltag. Die Büglerin, die stets die eine Hälfte des Tags dazu verwendete, Neuigkeiten auszukramen, und die andere, wieder neue einzusammeln, erzählte mit großer Wichtigkeit, daß nun bald bei Fischers Taufe sei, und daß ein landfremder Vetter der Frau aus Preußen oder England dazu gekommen, der zu Gevatter stehen werde. »Behüte!« rief die Tante, welche die Fischer'schen Familienverhältnisse aufs genaueste kannte, »das ist der Sohn einer Mutterschwester der Fischerin, die in jungen Jahren einen Kaufmann in Schweden oder sonst so geheiratet hat; es hat schon lang Eines von ihnen kommen wollen, aber Fischer hat geschrieben, sie sollen noch ein wenig warten. So, so, der ist gekommen? Ja, man hört doch auch gar nichts, wenn man eine Wäsche hat.« Die Erörterungen über die Anzahl der Biscuittorten und Butterkuchen, die wahrscheinlich zur Taufe gebacken würden, wurde durch Herrn Fischers Erscheinung selbst unterbrochen, der in Frack und Glacéhandschuhen erschien, um die Tante als Pathin, den Herrn Schneck nebst Fräulein Anna als Privatgäste auf folgenden Sonntag zur Taufe zu laden. Der gute Herr Fischer hätte diesen Gang gewiß viel lieber gethan, wenn er hätte ahnen können, in welch' freudige Bewegung er durch seine Einladung Anna's resignirtes Herz versetzte. Nun war sie nicht mehr auf einer wüsten Insel! Trällernd und singend ging sie ihren Arbeiten nach, pflegte den Onkel und besorgte die Tante so pünktlich und treulich, damit sie doch ja gewiß am Tauftag ausgehen könnten. Als der Sonntag Morgen selbst erschien, fand sie das Wetter so prächtig, und als sich der Himmel verdüsterte, schien ihr's erst recht angenehm zum Ausgehen. Sie legte den Staat für Onkel und Tante zurecht, flog Treppen hinaus und hinunter, räumte auf und rüstete, daß nirgends ein Hinderniß im Wege stehe, es war, als ob sie zehn Hände hätte; der Onkel selbst sah ihr wohlgefällig zu und die Tante meinte mürrisch, es werde nicht so pressiren. Daß sie sich dergestalt rühre und rege und freue wegen einer landfremden Mannsperson, die sie kaum drei Minuten gesehen, davon wußte natürlich Anna selbst kein Sterbenswort und hätte es hoch übel genommen, wenn ihr Jemand das zugetraut hätte; sie lebte nur glückselig in den Tag hinein. Ein rechtes Glück war's, daß die Mutter Anna doch ihren einzigen Staat, das schwarzseidene Kleid, mitgegeben hatte. Sonst stand ihr nicht viel zu Gebot, um elegante Toilette zu machen, aber mit ihrem sammtglatten gescheitelten Haar, dem kleidsamen schwarzen Kleid und der lichten Pelerine mit einer rosenrothen Schleife nahm sie sich wirklich recht hübsch aus, wenn sie auch zur Rose zu blaß und zur Lilie zu brünett war. Mit fast hörbarem Herzklopfen trat sie hinter Onkel und Tante in's Fischer'sche Haus, wo die Elemente des Festes noch in ziemlich gestaltlosem Chaos umherstanden und lagen. Frau Fischer, schon ziemlich erholt, bewegte sich in einem gar nicht eleganten Morgenmantel, Chokolade servirend, wobei sie Herr Fischer unterstützte und sich etwas ungeschickt zeigte. Im Nebenzimmer besorgte die Wärterin die Toilette des Täuflings unter höchst unziemlichem Geschrei desselben. Der Fremde, der, wie sich später ergab, ein Norweger, Sohn eines Kaufmanns in Bergen und Geistlicher war, erschien erst, als der schon geordnete Zug sich zur Kirche bewegte, und begrüßte mit freudigem Erstaunen seine Wegweiserin, die er auch in ihrer vorteilhaften Umgestaltung sogleich erkannte. Still wallte der kleine Zug in die Kirche; neben dem vergilbten Antlitz der Tante stand die männlich schöne Gestalt des Norwegers, fromm und andächtig wie eine der Rittergestalten auf alten Kirchenbildern, mit dem Kindlein auf den Armen. Der feierliche Hauch der heiligen Handlung verwandelte auch Anna's auf und ab wogende Gedanken in stille Gebete und selige Ahnungen. Das Kindlein war getauft, Christian, weil die Tante Christiane hieß; Knud, der Name des Pathen, war dem Vater gar zu heidnisch vorgekommen. Daheim hatte sich indeß das Chaos gelichtet; die Wöchnerin lag nun in schneeweißem Ornat hinter den Gardinen und empfing mit Freudenthränen ihr gesegnetes Kindlein. Die Tafel war zierlich geordnet, sogar mit Blumenvasen geschmückt. Es traf sich ganz von selbst, daß der Norweger neben Anna zu sitzen kam, und die zwei hatten keine Langeweile. Wie von frischer reiner Bergluft fühlte Anna sich angeweht von der lebendigen gesunden Seele, die aus des Norwegers einfachen Worten sprach; ein ganz anderes, tiefes Verständniß über den Sinn des Lebens ging ihr auf, als er ihr von einer seiner Schwestern erzählte, die als Pfarrfrau in tiefster Einsamkeit reich und glücklich in ihrem häuslichen Frieden und frommen Wohlthun lebte, und sie schämte sich, wenn sie bedachte, wie manchmal sie den Werth und Reiz ihrer Jugend in dem gesucht hatte, was man Jugendgenuß nennt, so wenig sie auch je davon befriedigt worden war. »Das ist Leben!« rief's in ihrer tiefsten Seele, und der Nachmittag an der Seite des Norwegers schien ihr wie eine Stunde im Vorhof des Himmels. Sie war wie aus den Wolken gefallen, als Onkel und Tante zum Aufbruch trieben; Widerspruch hätte nichts geholfen, sie war auch viel zu glücklich dazu, und der Norweger begleitete sie ja heim! Man soll den Tag nicht vor dem Abend loben, auch den Abend nicht vor dem Morgen. Als Anna am andern Morgen leichten Trittes, ein Liedchen summend, die Treppe herab kam, brachte man ihr einen Brief von daheim, nicht von der Mutter, sondern von dem Doktor, ihrem Hausarzt und Hausfreund, der ihr schrieb, daß ihre Mutter erkrankt sei und sie zu schleuniger Rückkehr aufforderte. Das war ein kalter Guß auf das junge Freudenlicht! »Eine Mutter hat man einmal nur.« Unter heißen Thränen packte Anna ihre Sachen und nahm Abschied von Onkel und Tante, deren lederne Herzen durch dieses lebensvolle Element in der That etwas geschmeidiger worden waren, und die sie mit aufrichtigem Bedauern scheiden sahen. Erst als Anna am Fischer'schen Hause vorüber fuhr, kam ihr der Norweger und ihre kurze Seligkeit zu Sinne und machte ihr das Herz noch schwerer. Die Mutter traf sie recht krank, doch nicht so hoffnungslos, wie ihre Aengstlichkeit sich vorgestellt hatte. Nach langen sorgenvollen Tagen und endlosen Nächten kam es besser, und endlich konnte sie Anna mit Freudenthränen wieder auf den einst so verschmähten Spaziergang durch's Wiesenthal führen, und das Leben kam wieder in's alte stille Geleise. Der Aufenthalt beim Onkel und der Lichtpunkt desselben, das Fischer'sche Tauffest, waren natürlich häufiger Gegenstand der Gespräche von Mutter und Tochter. Welche Bedeutung der nordische Gast für das Herz der Tochter gewonnen, davon war nie die Rede, aber es müßte ein blödes Mutterauge sein, das nicht zwischen den Zeilen lesen könnte. Anna hatte, sobald es der Mutter Befinden erlaubte, pflichtschuldigst an Onkel und Tante geschrieben, am Schluß eine Empfehlung an Frau Fischer beigefügt und die beiläufige Bemerkung eingeschoben, der fremde Gast werde wohl abgereist sein. Auch hatte der Onkel wieder geschrieben (die Tante war des Schreibens unerfahren), hatte der Anna zum Präsent für ihre Bemühungen ein hübsches Kleid geschickt und sich nach dem Befinden der Frau Schwägerin erkundigt, vom Norweger aber kam kein Wort; das war vergessen worden, da die Tante, die nicht viel auf's Sammeln der Korrespondenzen hielt, mit Anna's Brief alsbald ein widerspenstiges Feuer angezündet hatte. So blieb es still vom Norweger, und still ward's in Anna's Herzen; mit dem Resigniren sollte es nun Ernst werden. Anna verlangte aber nach nichts Neuem mehr; sie hatte genug an ihrer Gedankenwelt, und vergeblich wollte sie den Norweger nicht gekannt haben; er hatte ein Licht in ihr angezündet, das nicht erlöschen sollte, wie das Flämmchen ihrer Hoffnungen; wenn sie ihn auch nie wieder sah, so wollte sie seiner doch werth werden. Bald ein Jahr war vergangen seit jener Reise zum Onkel Schneck, da fand in der Residenz eine große Einzugsfeierlichkeit statt. Der freundliche Doktor lud Anna, deren abnehmende Munterkeit er schon lang bemerkt hatte, ein, mit ihm hinzugehen. Anna hatte wenig Lust, nur der Mutter dringendes Zureden bewog sie dazu. Nun, da war's eben wie bei all solchen Herrlichkeiten: bekränzte Häuser, Soldatenspaliere, überfüllte Gasthöfe, ein gräßliches Gedränge, das ein rechtes Drangsal wäre, wenn nicht ein warmer Hauch wirklicher Festfreude, lebendigen Antheils, erquicklich durch alles wehte, und wenn nicht nachher jeder behauptete, alles am besten gesehen zu haben. Anna hatte sich auf eine Haustreppe retirirt, wo sie zwischen zwei Soldatenmützen durch hoffen konnte den Zug zu sehen; da rief eine helle Stimme: »Ei, sind Sie's, Fräulein Anna?« – »Nein, ich bin's nicht,« sagte Anna, ärgerlich über die Störung. – »Ei, freilich sind Sie's!« rief wieder eine freundliche Frau. Jetzt erkannte sie Anna und grüßte sie und machte ihr Platz und vergaß Fest- und Hofwagen über der angelegentlichen Unterhaltung mit ihr: es war ja Frau Fischer! »Denken Sie nur, der Herr Onkel haben einen ganz erträglichen Sommer, die Frau Gevatterin sind aber immer recht übel auf und haben jetzt eine Hausjungfer, und mein Christian, bei dessen Taufe Sie waren, steht schon auf die Füße und hat vier Zähne, kann auch schon Papa sagen.« Anna verwunderte sich gehörig, hätte aber gar gerne noch mehr gewußt; Frau Fischer war jedoch nicht gesonnen, den Anblick des herannahenden Wagenzugs zu versäumen, bestellte jedoch Anna nachher in einen Kaufladen, wo sie Einkäufe zu machen hatte. Da konnte sie sich recht nach Herzenslust mit der Frau ausplaudern, und endlich kam auch das ersehnte Thema. »Ja, denken Sie, ich habe erst in den letzten Tagen an Sie gedacht. Der Knud aus Norwegen, wissen Sie, der Vetter, der damals auch bei meines Christians Taufe war –« – Ja, ja, Anna wußte. – »Warten Sie, ich habe vielleicht den Brief noch bei mir – er schreibt so schöne Briefe; er ist vielleicht in meiner Kleidertasche.« Richtig, da war er, und mit einigem Buchstabiren las Frau Fischer der Anna vor: »Wißt ihr denn gar nichts mehr von meiner liebenswürdigen Tischnachbarin? Ist sie wieder bei ihrer Mutter? ist sie noch bei ihrer Mutter? Nie werde ich den frohen Tag vergessen, den ich an ihrer Seite verlebt.« – »Ich auch nicht!« rief Anna mit glühenden Wangen; und so aus ihrem innersten Herzen kam das Wort, daß Frau Fischer sie erstaunt ansah und das verrathene Mädchen alle Diplomatie aufbieten mußte, um mit kühlen Redensarten den Eindruck dieser Worte zu schwächen. So viel hatte aber Frau Fischer sich, scheint es, doch gemerkt, daß sie ein geneigtes Ohr finden würde, wenn sie der Anna noch ein Weiteres vom Vetter Knud und seinen Vorzügen erzählte: wie er die Handlung seines wohlhabenden Vaters hätte übernehmen sollen, aber aus innerem Herzenszug Pfarrer geworden, wie es gekommen, daß seine Mutter, ihre Tante, sich so weit weg verheirathet u. s. w. Anna hätte ihr zugehört bis Mitternacht, und viel zu früh kam ihr der Doktor, der sie abrief. »Ich schreibe dem Knud bald einmal, darf ich einen Gruß von Ihnen schreiben?« fragte leise, in schalkhaftem Tone Frau Fischer beim Abschied. »Eine Empfehlung,« stotterte Anna in großer Verlegenheit, machte sich aber nachher selbst große Complimente über ihr kluges zurückhaltendes Benehmen. Verliebte Herzen sind wie der Vogel Strauß, der den Kopf in einen Busch steckt und dann meint, man sehe ihn nicht. In tiefen Gedanken fuhr Anna durch die sternhelle Nacht mit ihrem alten Freunde heim. Wie viel hatte sie nun der Mutter zu sagen! Die Mutter wußte aber auch eine Neuigkeit: »Weißt Du, Anna, daß Dein Myrthenbäumchen Knospen hat?« – »Hat es Knospen?« rief Anna fröhlich und versteckte ihr glühendes Gesicht an der Mutter Brust. In dieser Nacht hatten Mutter und Tochter so viel zu besprechen, daß der Morgen dämmerte, bis sie zum Schlummern kamen. Ja, die Myrthe knospete, und mit stiller Freude belauschte Anna ihr Entfalten. Noch ehe die Blüthen aufgegangen waren, saß sie an einem sonnenhellen Morgen an ihrem Fenster und hielt in zitternder Hand einen Brief und las ihn mit glühenden Wangen und gab ihn der Mutter und eilte in ihr Stübchen und kniete nieder und drückte ihre überströmenden Augen in die gefalteten Hände. Was dieser Brief enthielt und was ihre Antwort war, das wird nicht schwer zu errathen sein: es war eine neue Variation auf das alte, ewig schöne Thema, das in tausend jungen Herzen wiedergeklungen hat und wiederklingen wird. Der Norweger hatte sie nicht vergessen gehabt, und doch hätte er vielleicht nicht versucht, die flüchtige Erscheinung, die doch so oft wieder vor seine Seele trat, fest zu halten für's Leben, wenn nicht die freundliche Cousine ihm einen so lieblichen Bericht von ihrem Zusammentreffen mit Anna gesendet hätte, durch den ihm erst so recht klar wurde, wie lieb ihm das deutsche Mädchen sei. Da saßen nun die Wittwe und ihre Tochter im alten Stübchen, das jetzt für Anna ein so ganz anderes war. Und Anna sah die Mutter an mit glückseligen Augen, und die Mutter lächelte unter Thränen und saugte den Freudenstrahl aus der Tochter Blicken ein, um sich zu stärken gegen den Gedanken an die Trennung. Anna vergaß, daß sie einst so resignirt gewesen; was Ergebung, was ein seliges Selbstvergessen ist, das weiß nur ein Mutterherz. Und der Norweger ist gekommen und hat sein glückliches Bräutchen heimgeführt. Seine warme Liebe hat sie vergessen gemacht, daß sie den sonnenhellen Neckarstrand mit dem kalten Norden vertauscht. Der Zug des Herzens, der schon so manche junge Seele irre geführt, hat hier sich als eine gütige Schicksalsstimme bewiesen. Gestalten aus der Alltagswelt. I. Aus dem Leben einer Hausfrau der alten Zeit. »Ahnfräulein« oder »Ahnfrau« wird in einigen Gegenden Schwabens die Großmutter oder Urgroßmutter genannt und unter diesem Namen möchte ich am liebsten eine meiner Vorfahren einführen, deren lebensvolles Bild mir heute besonders frisch vor die Seele tritt. Selten wird ein Leben weniger Wechsel der Scene geboten haben, als das der Ahnfrau. Von ihrer Geburt bis zum Tode, vom ersten bis zum vierundachtzigsten Lebensjahr, waren die Mauern einer und derselben kleinen Stadt der einzige Schauplatz ihrer Freuden und Leiden, ihrer ganzen Wirksamkeit, ein Schauplatz, den sie nur sehr selten zu kurzen Besuchen bei Geschwistern oder Kindern verließ. Und doch, wie mannigfache Bilder in diesem einfachen Rahmen! Welch frisches, lebenswarmes Gemüth, welch unverwelkliche Herzensblüthe hat sich auf einem Boden erhalten, den man sonst kaum für tauglich hält, um Küchengewächse darauf zu ziehen! Sie war einmal jung und schön gewesen, das Ahnfräulein, das ich nur noch als eingeschrumpftes Mütterchen gekannt, und sie ließ das nicht ungern merken, um so mehr, als das Conterfei, das noch aus ihrer Blüthezeit existirte, leider durchaus von keiner Meisterhand herrührte und einen gar unvollkommenen Begriff von ihren jugendlichen Reizen gab. Doch schaute selbst dieses mittelmäßige Machwerk mit der Rose in den gepuderten blonden Haaren und mit den lichtblauen Augen so freundlich drein, daß ein Bauersmann einst ganz verwundert fragte: »Aber wer ist denn die schöne Jungfer da?« – »Das bin ich einmal gewesen, Jakob.« – »Sie, Frau Syndikusin? Ach, du lieber Gott, wie kann doch der Mensch verwesen!« Dieser wenig schmeichelhafte Ausruf hat dennoch das gute Ahnfräulein höchlich ergötzt, denn wenn sie noch eitel war – und wer ist's nicht? – so war sie's am liebsten auf ihre Vergangenheit, in der sie lebte und webte bis zum letzten Hauch.   Jugendliebe. Die Ahnfrau hatte jung geheirathet, sehr jung, wie das in früheren Zeiten viel öfter geschah, wo man den Most gern süß einkellerte und es dem Ehstand überließ, ihn abzuklären, während es bei uns meist im Lauf der Dinge liegt, daß er gehörig ausgegohren hat, ehe er in's Faß kommt. Beides mag sein Gutes und Schlimmes haben; wie man mir sagt, soll der süß eingekellerte Most leichter geneigt sein, trüb und schwer zu werden. Beim Ahnfräulein war dies nicht der Fall; sie ist nicht schwer geworden, bis zum letzten Tropfen nicht. So früh sie nun aber auch das bedeutungsvolle Ja gesprochen, auf das ihr ganzes Leben als volles, freudiges Amen gefolgt ist, es war doch nicht so früh, daß nicht ihr Herz zuvor Zeit gefunden hätte, sich noch ein klein wenig auf eigene Hand zu rühren. Diese erste leise Herzensregung ist eine schöne traurige Geschichte, die ich sie am liebsten selbst erzählen lasse; wenn ich es nur noch ganz mit ihren Worten könnte. »Siehst du, ich habe es recht gut gehabt in meiner Jugend, obgleich wir zehn Geschwister waren und tüchtig schaffen mußten. Der Vater war nicht reich, aber gar angesehen, und von Mangel und Sorge war keine Rede. Jetzt kann man sich's gar nicht mehr vorstellen, was ein Beamter seiner Art dazumal für ein Herr war, und vollends, wenn einer so ein grundgescheidter Mann war wie mein Vater, der zum Herzog mußte, so oft er nach Stuttgart kam. Ja, ja, wir haben etwas Rechtes gegolten; ich selber trug mein Näschen etwas hoch und dachte damals nicht, daß hier in N., wo der Vater regierte, auch sein Tochtermann wachsen würde. »Nun, es kamen manchmal vornehme und gescheidte Herren aus der Residenz zum Vater, und wir waren solche Besuche gewöhnt; aber einer ist bisweilen gekommen, nicht oft – da hat mir allemal das Herz geklopft, wie sonst nie in meinem Leben, und es hat sich sonderbar getroffen, so oft er gekommen ist, gefahren oder geritten, jedesmal mußte ich just am Fenster sein und ihn sehen, und jedesmal hat er heraufgeschaut und mich gegrüßt, und ich mochte nun am Küchen- oder am Oehrnfenster stehen, oder in der Stube, er hat immer am rechten hinaufgeguckt. Wenn er bei uns zum Essen geladen wurde, bin ich aber immer zuletzt gekommen: ich hätte mich so gern recht schön angezogen und habe mich doch wieder geschämt, es zu thun.« »Haben Sie denn auch recht viel mit einander gesprochen?« – »Gesprochen? ich möchte wissen wann? Ich sah ihn nur bei Tisch, und da hätt' ich den Vater sehen wollen, wenn Eines von uns ungefragt bei Tische geredet hätte. Hie und da hat der S. doch die Rede an mich gerichtet, aber ich bin immer so roth geworden und so verlegen, daß ich kaum antworten konnte. Ich habe auch gar nie geglaubt, daß er nur ein klein wenig an mich denke, ein so schöner Mann, und so vornehm! Man sagte damals schon, daß ihn der Herzog mit der Gesandtschaft verschicken werde. Nur ein einzigesmal habe ich's doch ein bischen gemeint. – Da war er beim Vater und kam gerade allein über den Hof, als ich eben auf der Staffel stand und meine Blumenstöcke goß; ich hatte nicht viele: zwei Rosenstöcke und einen großen Nelkenstock. – Ich spürte schon von weitem, daß er auf mich zukomme, aber ich rührte mich nicht und zupfte nur immer an einem einzigen Rosenblatt. Wie fuhr ich aber zusammen, als ich seine Stimme hörte: ›Ei, was für schöne Rosen, Jungfer Caroline!‹ Ich wußte gar nicht was sagen, und sah nur ein klein wenig nach ihm auf. ›Blüht gar keine von den schönen Knospen für mich?‹ fragte er wieder. Da hatte ich, ehe ich mich besonnen, die allerschönste abgeschnitten, aber ich hatte nicht den Muth, sie ihm zu geben, bis er selbst sie sanft aus meiner Hand zog. ›Danke, danke schön,‹ sagte er mit einem Lächeln – das vergesse ich nicht! – und ging rasch weiter. Was sonst noch am selbigen Tage vorgefallen ist, weiß ich nicht; ich glaube, ich wurde tüchtig gezankt von der Mutter, weil ich wie im Traum herumlief; es war mir immer, wie wenn ich mit allen Glocken zusammenläuten hörte. Am andern Morgen ritt er ab vom Schwanen drüben; das Röslein hatte er an seinem Knopfloch stecken, es war über Nacht aufgegangen. – Ich habe viele Nächte nicht schlafen können und viel Angst gehabt, ob es keine der großen Schwestern bemerkt. »Ein paar Wochen nachher war der Vater verreist und wir hatten große Putzerei im Hause. Das ganze Haus wurde umgekehrt, Kisten und Kasten geleert, und wir alle hausten mit Besen und Bürsten, wuschen, polirten und wichsten Kommoden, Tische und Schränke, und fürchteten uns sehr vor der Mama, die an den Putztagen immer höchst übler Laune und leicht erzürnt war. Da kam der Bastel, der alte Stadtbote, an mir vorbei die Stiege herauf. ›Wo find' ich die Frau Mama? Da ist ein Brief, nicht an's Amt, an den Herrn selber.‹ – ›Droben ist sie, Bastel, in der obern Gaststube.‹ Der Bastel ging hinauf; nach dem Brief fragte keines von uns. »Der Vater blieb damals viel länger aus als er selbst und wir geglaubt. Er war aber schon wieder ein paar Tage zu Haus, als er gelegentlich bei Tisch zur Mutter sagte: ›Ei, Nane, denke, der S. ist mit der Gesandtschaft nach Oesterreich gekommen, und er hat nicht einmal schriftlich oder mündlich Abschied von uns genommen. So geht's, wenn die Leute vornehm werden! Von dem hätte ich's aber nicht geglaubt.‹ Die Mutter verwunderte sich gehörig darüber, auch die Schwestern gaben ihr Wörtchen drein, ich aber konnte keinen Bissen mehr essen; ich war froh, daß der kleine Christian, der neben mir saß, mein Teller in der Stille ableerte, weil's zufällig was Gutes war. In der Nacht habe ich wohl bitterlich geweint; ich hatte freilich nie geglaubt, daß S. an mich denken werde, nun aber that mir's doch in der Seele weh. Niemand sprach indessen mehr von ihm, und ich dachte, ich sei eben ein recht einfältiges Mädchen gewesen. »Da bekam mein Mann selig, der seither Substitut beim Vater gewesen war, die Stelle eines Syndikus, was für seine Jugend schon recht viel war. Er kam zum Vater und hielt um mich an. Der Vater ließ mich in seine Stube rufen und eröffnete mir den Antrag recht feierlich. ›Du hast ganz deinen freien Willen, Caroline,‹ sagte er zum Schluß; ›ich erwarte aber, daß du vernünftig bist, und den Antrag eines so geschickten und rechtschaffenen Mannes mit Dankbarkeit annimmst.‹ Da wußt' ich nun wohl, wie es mit dem freien Willen stand, und daß ich nicht anders durfte; aber es war mir noch gar, gar nicht um's Herz, wie wenn ich ja sagen wollte. – Siehst du, ich hatte gewiß immer rechten Respekt gehabt vor meinem Mann selig, er war auch ein schöner, stattlicher Mann, sehr ernsthaft und gesetzt für seine Jugend, und der Vater hielt große Stücke auf ihn; aber daß er mein Mann werden könnte, daran hatte ich mein Lebtag nicht gedacht, und ich meinte, es könne nicht sein. Der Vater aber hielt es für puren Hochmuth von mir, weil mein Mann von armen Eltern herstammte, und sagte mir tüchtig die Meinung darüber. Endlich aber sprach er: ›Wenn du nur einen einzigen vernünftigen Grund hast, Nein zu sagen, so will ich dir mit keinem einzigen Worte zureden.‹ Einen vernünftigen Grund hatte ich aber nicht, nur einen recht unvernünftigen; so sagte ich denn in Gottes Namen Ja, und bat Gott, mir ein freudiges Herz dazu zu geben. Das hat er auch gethan, und ich wurde eine recht vergnügte Braut, als ich sah, wie sie alle ihre Freude hatten, und wie die Eltern meinen Bräutigam ehrten und mich mit, so daß ich jetzt am Tisch mitsprechen durfte, wie die Mama selbst. Mein Bräutigam that mir auch zu Lieb und Freude, was er nur konnte. Einmal aber, da hat er's mit dem besten Willen doch nicht gut getroffen, das war mir gar zu arg.« »Ja, was war denn das?« – »Nun sieh, er hatte eine neue Wohnung verwilligt erhalten, das schöne, große Haus, das du ja wohl kennst, und hatte es bereits bezogen. Nun hatte ich ihm lange versprochen, ihn einmal mit der Mama zu besuchen, und es wurde endlich auf einen gewissen Tag ausgemacht. So gingen wir also, ich und die Mama, in aller Stille über den Marktplatz, ich dicht an den Häusern, weil ich in einiger Verlegenheit war. Siehe, da fuhren an dem neuen Logis alle Fenster auf, und der Stadtzinkenist mit all seinen Gesellen blies heraus mit Trompeten, Pauken und Klarinetten, die allerneueste Ecossaise! – Du kannst dir denken, daß die Fenster der ganzen Nachbarschaft auch aufflogen, und alle die Köpfe herausstreckten, und die Gassenkinder zusammenliefen, und alles fragte: ›Was ist's, was gibt's?‹ – ›Ei, der neue Syndikus läßt seiner Jungfer Braut aufspielen!‹ – Ich hätte in den Boden sinken mögen! Er hatte es freilich herzlich gut gemeint und mir die höchste Ehre anthun wollen, aber ich hab' es lang nicht vergessen können. »Nun gut, das war vorbei, und wir waren vergnügt und zufrieden mit einander, da meldete sich eines Tags der Herr Onkel Landschaftsassessor zum Besuch an. Das war immer eine große Wichtigkeit. Man stach Kapaunen und bestellte Forellen, in der obern Staatsstube wurden frische Vorhänge aufgemacht und das seidne Bettcouvert überzogen. Der Vater, der sich sonst gar nie um Haushaltungssachen bekümmerte, ging selbst mit mir hinauf, um nachzusehen, ob auch alles recht im Stande sei. Ich langte eben das Lavoir von ächt chinesischem Porzellan von der Kommode, ein Prachtstück, das nur bei solchen Gelegenheiten, und stets mit großer Angst gebraucht wurde, weil man uns von Kindheit an fabelhafte Begriffe von seinem Werth beigebracht hatte. – ›Da liegt ja ein gesiegelter Brief an Sie, Papa!‹ rief ich erstaunt, und mit einemmal fiel mir selbiger Brief ein, den der Bastel damals am Putztag gebracht hatte, und mir wurde recht bang auf das Ungewitter, das es wegen dieser Vergeßlichkeit der Mutter geben werde. »Der Vater öffnete rasch den Brief und las ihn. Sein Gesicht wurde immer ernster und nachdenklicher. ›Das kommt nun zu spät!‹ sagte er langsam, und gab mir nach kurzem Besinnen den Brief: ›Da lies, Caroline, es geht dich an.‹ Und mit großen Schritten ging er auf und ab, während ich erstaunt und mit klopfendem Herzen den Brief las. Aber das Herz ist mir fast still gestanden. – Was meinst du, daß in dem Briefe stand? Eine förmliche Werbung des S. um meine Hand beim Vater, und ein klein Brieflein darin an mich, so schön, ich könnte es heut noch auswendig sagen. Da wurde mir's ganz dunkel vor den Augen; ich wollte nur allein sein, und ging hinunter in das Schlafstüblein.« »Aber das ist doch gar zu traurig! Ja, was haben Sie denn gethan?« – »Gebetet habe ich, Kind, wohl auch geweint, aber gebetet zu dem, der den Sturm auf dem Meer gestillt hat, und es ward auch in mir eine große Stille. Nach einer Stunde ließ mich der Vater wieder zu sich kommen.. Nun hat mich's mein Lebtag gewundert, daß der Vater mir nur den Brief gezeigt und noch ein Wort über die Sache verloren hat, nachdem ich schon eine verlobte Braut war; aber es muß bei ihm eben sehr tief gegangen sein. Er sah ganz bleich, ganz verlegen und bekümmert auf. ›Caroline,‹ sagte er, ›das ist nun schlimm; mir thut's weiß Gott leid, daß es so gegangen ist, aber mein Wort –‹ – ›Wir brauchen uns nicht mehr zu besinnen, Papa,‹ sagte ich ruhig. ›Wenn es Gottes Wille gewesen wäre, so hätt' er's anders fügen können. Ich habe wohl einmal gedacht, ich möchte einen Mann, den ich recht, recht lieb haben könnte, so von ganzer Seele, und so will ich nun den Friedrich (so hieß mein Mann selig) lieb haben, und Gott wird mir dazu helfen.‹ – ›Du bist ein braves Mädchen, Caroline; Gott wird dir's gut gehen lassen.‹ Und der Vater gab mir zum erstenmal die Hand. Sein Wort ist auch in Erfüllung gegangen; der liebe Gott hat's uns gut gehen lassen, und uns reichlich gesegnet mit Wohlstand und Herzensfreude, und acht gesunde und brave Kinder sind heute noch meines Alters Trost und Freude.« »Aber haben Sie denn dem S. gar nicht einmal geschrieben?« – »Ob der Vater es gethan hat, weiß ich nicht, für mich, als eine verlobte Braut, wäre das nicht recht gewesen. Weh gethan hat mir's freilich, daß er sich so verschmäht glaubte und im Groll von uns geschieden ist; aber ein recht stolzer Mann muß er doch gewesen sein, sonst hätte er nicht so scheiden können.« »Aber der Bräutigam, der hat doch das Opfer gewiß recht erkannt und Sie auf den Händen getragen?« – »Er war ein getreuer und rechtschaffener Mann und mein bester Freund auf der Welt, der mich sein Leben lang in Liebe und Ehren gehalten hat; aber da wärest du falsch daran, Kind, wenn du glaubtest, er sei darum ein besonders untertäniger Ehemann gewesen, weil ich zuerst kostbar that und mir eine Weile wie ein Prinzeßlein vorkam. Nein, er ist recht der Herr und das Haupt des Hauses gewesen und ich ihm gehorsam und unterthan, wie es einer rechten Frau gebührt. Ich würde das nicht selbst sagen, aber er hat mir's noch auf seinem Todbett bezeugt. Die Geschichte mit dem S. aber und dem Brief habe ich ihm erst anvertraut, wie er und ich gewiß wußten, daß ich den Irrthum nicht mehr beklagte. Es ist eine schöne Sache, Kind, um das eheliche Vertrauen, und eine rechte Frau wird kein Geheimniß vor ihrem Mann behalten; aber gar zu voreilig muß man nicht damit sein, sonst wirft man leicht ein Häkchen in des Mannes Seele, das nachher schwer auszuziehen ist.«   Hochzeit und Ehestand. Wer sich nun nach der Geschichte dieser Jugendliebe die Ahnfrau vorstellen wollte als eine Harfe mit zerrissenen Saiten, die nur noch Einen wehmüthigen Accord nachklingen, oder als eine Trauerweide, lebenslang hinabgebeugt auf das Grab des versunkenen Jugendtraumes, der wäre groß im Irrthum. Die Herzen à la Werther trug man dazumal noch nicht, und wenn man sie getragen hätte, so meinte sie just nicht, daß sie alle Moden mitmachen müsse. Sie ertrug das Leben nicht, sie griff es an mit frischem Muth, und wenn das Leben ein Kampf ist, so hat sie ihn freudig und ritterlich durchgefochten. Daß sie nicht eben sentimentaler Natur war, das beweist der erste Schmerz ihres Ehestandes, der in der Entdeckung bestand, daß ihr junger Ehegemahl – nicht tanzen könne. Neben aller Sitteneinfalt der guten alten Zeit wurden wichtige Lebensereignisse, Hochzeiten, Taufen und dergl., stets mit entsprechender äußerlicher Feierlichkeit begangen. Hochzeiten, wo man sämmtliche Gäste mit einer Flasche Malaga und einem Teller Süßigkeiten abfertigt, deren Rest der Conditor nachher wieder zurücknimmt, kannte man dazumal noch nicht. So wurde denn auch die Hochzeit der Ahnfrau mit gebührender Solennität gefeiert, alle Freunde, Verwandte und Bekannte, sämmtliches Schreibereipersonal ihres Vaters waren geladen, alle Dienstleute, Wäscherinnen und Taglöhner des Hauses, ja sogar ehemalige Mägde, nebst Eltern und Geschwistern der gegenwärtigen, wärmten sich am grandiosen Küchenfeuer und der reichlichen Mahlzeit, die daran bereitet wurde. Der Hofrath, ein Jugendfreund des Bräutigams, producirte ein schalkhaftes Carmen, auf Atlaß gedruckt, aus dem ich mich nur noch der Strophe entsinne: »Hinführo darfst du deine Syndikussin Ohne alle Sünde kussen.« »Nun war am Abend,« erzählte die Ahnfrau, »wie üblich, der Hochzeitball. Vorher hatte es seit langem keine Tanzgelegenheit gegeben, wo ich hätte erfahren können, wie mein Mann tanze. Als nun die Spielleute ankamen, stand ich mit ihm auf zum ersten Menuet. Als wir aber anfangen sollten, trippelte er nur so mit den Füßen hin und her. ›Ei, warum fangen Sie denn nicht an?‹ fragte ich; ich habe nämlich erst nach der Hochzeit Du zu ihm gesagt. – ›Ja, tanzen habe ich noch nie können; es thut mir leid,‹ sagte er mit Lachen. Mir aber war's gar nicht lächerlich; ich schämte mich vor all meinen Gespielen, daß ich einen Mann habe, der nicht tanzen könne, und es kam mir wie eine rechte Unredlichkeit vor, daß er's nicht vorher gesagt.« Viel Zeit zum Tanzen hat die gute Ahnfrau nun nicht gehabt, wie tanzlustig auch damals die sechzehnjährige Hochzeiterin gewesen sein mochte. Als sie kaum zwanzig Jahre alt war, wimmelten schon drei Kinderchen um sie, »wären alle unter Einen Korb gegangen.« Auch hat ihr der Gatte die Tanzfreude, die er nicht selbst theilen konnte, wenigstens nicht mißgönnt. »Man wußte damals gar nicht anders, als daß Frauen in gesegneten Umständen zur Ader lassen mußten, und es war der Brauch, sich an diesem Tage etwas zu gute zu thun. Man machte einen Spaziergang über Land, und es wurde etwas Besonderes gekocht. Nun war's gerade ein regnichter Tag, als ich das erstemal zur Ader gelassen hatte. Unser guter Freund, der Hofrath, kam herüber: ›So, die Frau hat heut zur Ader gelassen; was stellt ihr denn an bei dem bösen Wetter?‹ Man rathschlagte lange hin und her; endlich sagte der Hofrath zu meinem Mann: ›Wenn du deine Geige holen wolltest, so könnten wir ein Tänzchen machen.‹ Gesagt, gethan. Du mußt wissen, daß mein Mann selig prächtig die Geige spielen konnte; so holte er denn die Geige und spielte den ganzen Nachmittag auf, und wir zwei tanzten dazu. Der Doktor ist nachher freilich böse geworden, aber es hat mir nichts gethan, und unser Aeltester war ein Prachtkind.« »Aber, Ahnfrau, so jung möcht' ich doch nicht heirathen.« – »Ist auch ganz und gar nicht nöthig, nicht im Mindesten, will dir's durchaus nicht wünschen, und deinem künftigen Mann noch weniger, wenn's gleich bei uns gut ausgefallen ist. – Ich bin noch ein rechter Kindskopf gewesen, und habe viel Lehrgeld bezahlt. Gesund war und blieb ich, Gott Lob und Dank! Als mich die Frau Försterin in meinem ersten Wochenbett, das im kalten Winter war, besuchen wollte und ganz leise in das Schlafzimmer trat, sah sie nur das aufgemachte Staatsbett, weit und breit keine Wöchnerin. ›Wo ist denn Ihre Frau?‹ fragte sie verwundert und ängstlich die Magd. – ›Ach, die Frau sind nur hinten im Hof auf dem Eis und schleifen ein Bischen!‹ Es hatte mich nämlich schon lang gelüstet nach der prächtigen Schleife im Hof. Du kannst Dir aber denken, daß ich scharf von den Frauen mitgenommen wurde, und mehr noch später einmal, als ich am Jahrmarkt eine ganze Tafel voll Gäste sitzen ließ und dazwischen hinein mit meinen Schulkamerädinnen auf dem Markt spazieren ging, daß die Magd daheim sich derweil nicht zu helfen wußte.« Vergeblich waren die Lehrgelder nicht ausgegeben, und die Ahnfrau ist eine so gute und tüchtige Hausfrau geworden, wie nur je eine im guten Schwabenland, die nicht nur der Küche und dem Haus, sondern auch Gärten, Feldern, Ställen und Wiesen nebst Kühen und Kälbern vorzustehen hatte. Und doch hat sie ihren frischen Muth dabei behalten. – Die Kinder, die rasch hintereinander nachwuchsen, wurden nicht als Last und Plage, sondern recht als Gottesgabe aufgenommen. Dafür machte man auch keine Umstände mit ihnen, kleidete die Jungen in Zwilchwämser und Lederhosen, die Mädchen in selbstgewobenen Barchent, wenn gleich ein Bild, das die zwei Aeltesten des Hauses, den Knaben im Federhut, das Mädchen in hoher Frisur und Poschen darstellt, noch Zeugniß gibt, daß man bei festlichen Gelegenheiten auch Staat mit ihnen machen konnte. Die Garderobe vererbte sich auf das nächstfolgende Familienglied, es wurde ihm anprobirt und paßte, wie die Ahnfrau meinte, stets »wie angegossen.« Die Söhne und Töchter selbst waren gerade nicht immer dieser Meinung, und die Kleider und Wämser mit recht gesunden Flicken darauf, ließen meist noch hinlänglich Raum für künftige Körperentwicklung. – Die Betten waren je für zwei und zwei, und das konnte bei Störungen der geschwisterlichen Eintracht fatal werden. Der Gottlieb und der Christian z. B., später die einträchtigsten Brüder, waren in ihrer Kindheit so eine Art Don Manuel und Don Cäsar, und geriethen sich im wörtlichsten Sinn dergestalt in die Haare, daß die Mutter darauf kam, ihnen die Köpfe glatt abrasiren zu lassen. Sie erzählten, es sei eigen gewesen, wie dann die Hände auf den kahlen Köpfen so ausgeglitten seien. Drangsale aller Art blieben natürlich nicht aus, Löcher und Beulen, Keuchhusten und Scharlachfieber; die Ahnfrau aber steuerte getrost auch durch solche Trübsalsfluthen. Sie war einmal eben im Stall, um der Magd praktische Anleitung im Melken zu geben, da stürzte die gesammte Kinderschaar mit Zetergeschrei herunter: »der Christian hat Mausgift gegessen, der Christian hat Mausgift geschleckte (genascht)!« Schnell besonnen, reißt die Mutter den armen Sünder herbei, gießt ihm von der warmen, frischgemolkenen Milch so viel ein, als nur immer den Schlund hinab zu bringen ist, und noch ehe der in Eile herbeigerufene Arzt erscheint, ist durch die gewaltsame Explosion, die nun erfolgte, das Gift mit all seinen schädlichen Wirkungen entfernt, und Christian bildete sich später noch etwas darauf ein, daß er in solcher Lebensgefahr gewesen. Der Gottlieb freilich, sein älterer Bruder, der sah's bedenklicher an. Als er mit dem Christian einige Jahre später beim Herrn Onkel Landschaftsassessor in Stuttgart zu Gast essen durfte, wartete ihnen dieser zum Nachtisch drei Pfirsiche von einem Spalier seines Gartens als höchste Rarität auf, und fragte triumphirend: »Nicht wahr, Buben, so habt ihr noch nichts gegessen?« – »O, warum nicht,« sagte Christian; »'s Frizles Käther gibt so sechs für einen Kreuzer.« Dem älteren Gottlieb, in tödtlicher Verlegenheit, wie er des Bruders Taktlosigkeit beschönigen sollte, fällt endlich bei: »Ach, Herr Großonkel, nehmen Sie's doch nicht übel, daß mein Bruder so dumm ist, aber vor drei Jahren hat er einmal Mausgift gegessen, das hat ihm vom Verstand genommen.« Das Haus des Ahnherrn lag dicht neben dem Gasthof. So geschah es denn einmal, daß ein dicker Herr ganz pazig in die Stube trat, wo eben die Ahnfrau mit den Kindern allein war. »Kann ich einen guten Schoppen haben?« – »Warum nicht?« meinte die Ahnfrau, die den Irrthum gleich gemerkt, und brachte aus ihrem Keller einen bessern, als jemals der Schwanenwirth seinen Gästen vorgesetzt. – »Ich möcht' auch ein Brod!« befahl der Dicke wieder. – »Da ist ein neugebackenes,« sagte die gefällige Hausfrau. »Und ein Licht zu meiner Pfeife!« – »Sophie, bring Licht!« befahl die Mutter. – »So, und jetzt möchte ich allein sein,« kommandirte er ferner, da sich die Jugend des Hauses mit aufgesperrten Mäulern um den ungenirten Gast zu schaaren begann. »Schon gut, will meine Kinder hinausschicken, kommt, Kinder!« Und mit unerschüttert gutem Humor verließ sie mit der jungen Schaar das Zimmer. Der Dicke aber stellte seinen Schoppen neben sich, öffnete das Fenster der Parterrenwohnung, und begann so recht behaglich seine Pfeife hinauszurauchen. Da bemerkte ihn sein Kutscher, der indeß ausgespannt hatte. »Ei, Herr Amtmann, wo sind denn Sie?« fragte er erstaunt. – »Wo werd' ich sein? Im Wirthshaus. um mein Geld,« schnauzte der hinaus. – »Du lieber Gott, nein! da wohnt ja der Herr Syndikus; Sie sind um eine Thür zu weit.« Da machte der dicke Amtmann sachte das Fenster zu, steckte die Pfeife ein, und schlich sich eben so leise hinaus, als er laut herein getreten war, nachdem er vergeblich nach der Magd gespäht, um ihr etwa ein Trinkgeld in die Hand zu drücken. Um Weihnachten aber kam eine Schachtel guten dürren Obstes als Zeche für die liebe Jugend. Man sagt, der Herr Amtmann sei künftighin selbst in Wirthshäusern höflicher aufgetreten. Mit so frischem Humor wußte sie alle Verhältnisse aufzufassen, und ich bin nicht gewiß, ob es Ursache oder Wirkung der körperlichen Rührigkeit und Lebendigkeit war, mit der die Ahnfrau durch Wochenbetten, Kinderkrankheiten und Kriegsnöthen rüstig durchsegelte. Niemand sah der zartgebauten Frau an, welch kräftiges Regiment sie als Hausfrau und Mutter führte, wie sie den Töchtern thätig voranging bei Feld- und Hausarbeiten jeder Art, zu denen jetzt jede Magd von Bildung noch eine Untergehülfin verlangt. Darum ist ihr auch der reiche Segen, der ihr Haus sichtbar krönte, und der mit jedem Kind zu wachsen schien, nicht zugeflogen wie eine gebratene Taube, sondern zugewachsen wie dem fleißigen Winzer der edle Wein, der die Frucht seines sauren Schweißes, und doch eine wundersame Himmelsgabe ist.   Abwege. So eine gehorsame und redliche Ehefrau die Ahnfrau war, einmal, das hat sie gestanden, hat sie doch nicht ganz den geraden Weg eingeschlagen mit ihrem gestrengen Herrn (gestrenge Herrn müssen sich das schon hie und da gefallen lassen), als eine schwere Gefahr das Glück und den Frieden ihres jungen Hausstandes bedrohte. »Da war einmal eine Commission von der Regierung hier, weiß nicht mehr warum, ein paar vornehme, junge Herrn, die hatten auch mit meinem Mann selig Geschäfte und schienen groß Wohlgefallen an ihm zu finden. Jeden Abend holten sie ihn ab in den Schwanen, und da ihnen die Gesellschaft dort nicht vornehm genug war, schlossen sie sich in ein besonderes Stüblein ein. Nun hat es keinen rechtschaffeneren und verständigeren Mann gegeben als meinen, und kein Kaiser in der Welt hätte ihn bewegen können, Unrecht zu thun oder unwahr zu reden; aber das war seine Schwäche, daß es ihm erstaunlich wohl that, wenn vornehme Leute freundlich mit ihm verkehrten; mag vielleicht daher kommen, daß er in so sehr dürftigen und bescheidenen Umständen aufgewachsen war. »Er kannte die Karten gar nicht und hatte großen Abscheu vor dem Spiel; eines Abends aber erzählte er mir, die Herrn haben ihn ein gar sinnreiches Kartenspiel gelehrt; er hätte nie geglaubt, daß es solche gebe. Das war mir nun gleich nicht recht, doch schwieg ich darüber. Als aber die Herrn jeden Abend kamen, und er, der sonst auf die Minute heim kam, immer länger mit ihnen sitzen blieb, immer erpichter auf ihre Gesellschaft wurde, immer weniger nach seinen alten, guten Freunden fragte, da wurde mir bang und ich faßte mir ein Herz, ihm zu sagen: ›Aber, Vater, meinst du nicht, das Spiel und die vornehme Gesellschaft werde dir gar zu lieb? hast ja selbst gesagt, die erste Spielkarte, die Einer in die Hand nimmt, sei das Haar, an dem ihn der Teufel faßt.‹ Da wurde er aber recht böse. ›Hältst du mich für so schwach, daß ich nicht aufhören könne, wenn ich will? Kann ich darum unmanierlich sein gegen die Herrn, weil sie eben an dieser Unterhaltung Freude finden?‹ – Ach, er fand sie selbst daran; aber ich durfte nichts mehr sagen. Und doch bemerkte ich, daß er viel öfter als sonst Geld aus der Kasse nahm und es vor mir zu verbergen suchte, was sonst so gar nicht seine Art war; auch kam er oft recht übler Laune heim und war dann am andern Tag nur erpichter auf das Spiel. Es war mir eine rechte Herzensangst und ich lag viele Nächte schlaflos in stillem Beten und im Besinnen, wie ich's wohl anders machen könnte. »Mein Mann hatte seine Arbeitsstube im Seitenflügel des großen alten Baues, in dem wir wohnten, und die Herrn holten ihn immer dort ab. Da schlich ich denn einmal leise, als ob es die schlimmste That wäre, in großer Seelenangst über den Hof, zu der Zeit, wo sie gewöhnlich kamen, schloß die Vorthüre ab und steckte den Schlüssel ein. Mit Zittern und Zagen wartete ich hinter dem Küchenfensterlein bis sie kamen. Sie klopften an die Thür, als sie nicht aufging, probirten sie das Schloß, eine Glocke war nicht daran, und zogen zuletzt, wie's schien, verwundert und verdrießlich ab. Ich schlüpfte wieder hinüber und schloß auf. Nach einer halben Stunde kam mein Mann und sah nach der Uhr. ›Schon so spät? Ist Niemand hier gewesen?‹ – ›Bei mir nicht,‹ sagte ich mit einem Herzklopfen, das mich schier erstickte. Er ging verstimmt in der Stube auf und ab. Da sprang unser kleiner Christian herein: ›Papa, gehen Sie nicht auch ein einziges mal wieder mit in den Augarten?‹ Das kam nun eben zur guten Stunde; er willigte freundlich ein und wir erfreuten uns mit einander an dem schönen Obst. »Am andern Tag probirte ich's wieder mit dem Abschließen. Die Fenster seiner Schreibstube gingen zum Glück nicht auf die Hausthür. Die Herrn kamen und zogen abermals ab; beim Weggehen begegneten sie der Magd. ›Ist der Syndikus ausgegangen?‹ – ›Nein, Sie sind daheim.‹ – ›Aber die Thür ist ja verschlossen.‹ – ›Da müssen sich der Herr selber eingeschlossen haben,‹ sagte diese, die von nichts wußte; ›soll ich die Frau fragen?‹ – ›Nein, nein,‹ sagten die Kommissarien und zogen kopfschüttelnd ab. Ich machte wieder auf und in einer Viertelstunde kam der Mann wieder, recht verdrießlich, fragte aber nicht mehr. Da kam der Hofrath, der schon lange nicht mehr eingesprochen hatte. Mir war's, als ob ihn der Himmel schickte. ›Muß doch auch einmal wieder sehen, wie's steht und ob wir nicht 'mal wieder ein Tocadill mit einander machen?‹ – ›Warum nicht?‹ meinte mein Mann, schon ein wenig aufgeheiterter. ›Bring's Tocadillbrett, Auguste, und laßt auch den Herrn Hofrath vom Neuen versuchen; er wird sich wundern, wie gut sich der macht.‹ »Da saßen denn die Zwei wieder beisammen und ich mit meinem Strickzeug hinter dem Tisch; ich hätte weinen mögen vor Freude. ›Eben ist mir auch der Kaufmann Mohrle begegnet,‹ erwähnte der Hofrath, ›der hat ganz gestrahlt vor Freude und wieder mehr französisch wie deutsch gesprochen. Die Herren Kommissäre haben ihn zu einem l'Hombre eingeladen.‹ – ›Der alte Narr!‹ sagte mein Mann ärgerlich, ›weil er einmal ein halb Jahr in Straßburg gewesen, meint er heut noch, er sei ein Franzos und berufen, mit hohen Herrschaften zu verkehren.‹ »Dabei blieb's aber, die Herren kamen nicht wieder; ihnen nachzulaufen, wäre mein Mann zu stolz gewesen; er blieb wieder daheim, wie zuvor, und war viel vergnügter als je. Die Gefahr war glücklich vorüber.« »Aber, Ahnfrau, war das recht?« – »So ganz glaub' ich nicht, Kind; ich hab's wohl gespürt an meinem Herzklopfen und meinen großen Aengsten, daß es kein gerader und guter Weg war, wenn ich's auch gut gemeint. Aber der liebe Gott hat zum besten gewendet, was ich in meiner Schwachheit nicht anders anzugreifen wußte. Ich hab's ihm immer nachher einmal gestehen wollen, aber wenn dann später vom Spiel und seinen Gefahren die Rede war, und er so gar vergnügt sagte: ›Ja, ja, mich hätte der Spielteufel beinah auch einmal gepackt, aber ich hab's noch zur rechten Zeit gemerkt und mich frei gemacht,‹ da fand ich das Herz nicht, ihm zu sagen, wie es zugegangen. Und als er noch in seinen letzten Stunden mit demüthigem Herzen Gott die Ehre gab auch für diese Bewahrung, da fühlte ich, daß es jetzt kein Geständniß mehr brauche und daß er mein ganzes Herz und Meinen bald besser verstehen werde als ich selbst.«   Kriegszeiten. Der Ahnherr war eine durch und durch conservative Natur. Die französische Revolution mit ihren Folgen erschütterte ihn fürchterlich; am Tage, wo er die Hinrichtung Ludwigs XVI. erfuhr, hat er sich einen ganzen Tag eingeschlossen, kein Wort gesprochen und keinen Bissen gegessen. – Da konnten die französischen Soldaten, die bald darauf das Land überschwemmten und die kleine Stadt besonders stark heimsuchten, keine willkommene Gäste für ihn sein. Die gute Hausfrau trug oft schwere Sorge, ob sein tiefer Groll nicht einmal durchbreche durch die unbeweglich ernste und feierliche Haltung, mit der er die ungebetenen Besucher aufnahm und beherbergte. Das vielgestaltige, bewegte Leben und Treiben, das sie mit sich brachten, hatte aber, zumal für den rührigen Geist der Ahnfrau, etwas Aufregendes, das das Gefühl der Trauer und des Widerwillens nicht recht zum Bewußtsein kommen ließ. Auch müssen die zusammengewürfelten französischen Truppen oft einen komischen, buntscheckigen Anblick gewährt haben. Schuster und Schneider durften nicht feiern, Schuhe gehörten unter die ersten Requisitionen der einziehenden Truppen, auch war der Appetit vortrefflich, so viel sie auch über »die schwäbisch Fressen« schimpfen mochten. Die Ahnfrau sorgte stets, durch gute und reichliche Küche sie bei guter Laune zu erhalten. Einmal aber hat sie viel Sorge durchgemacht. Es waren vier, ziemlich ungentil aussehende Offiziere im Haus einquartirt, deren Insolenz der Hausherr nur mit Mühe ertrug. Einer unter ihnen, der etwas deutsch verstand und den Dolmetscher der übrigen machte, kam mit beglückender Miene zu den Töchtern des Hauses: »Heut Abend groß Ball, schön Ball; Sie mit kommen, ich Sie tanzen lassen!« So tanzlustig die Mädchen auch sonst sein mochten, diesmal waren sie gar nicht aufgelegt, der Vater aber erklärte kurzweg: »Meine Töchter tanzen auf keinem Franzosenball.« Der Dolmetscher verstand das schon und erklärte es den andern. Diese erhoben ein Geschrei und ein Säbelgeklirr, daß es Mutter und Töchtern angst und bang ward; endlich stürmten alle vier fort. Da kam nach einer Weile der Hofrath: »Hört, das Ding kann bös gehen, die Offiziere haben sich beim Obersten beklagt; der nimmt's als Beleidigung der französischen Ehre und speit Feuer und Flamme. Er will die Mädchen mit Militär abholen lassen, wenn ihr sie nicht gutwillig zum Balle schickt; er droht mit Plündern und was allem. Seid gescheidt und führt sie selbst hin, so wird gewiß den Mädchen kein Leid widerfahren.« Die Mutter bat, der Hofrath sprach zu, der Vater selbst sah ein, daß da nichts zu machen war, und gab zähneknirschend seine Einwilligung und den Mädchen Befehl, sich anzukleiden. Nie wohl ist eine Ballgarderobe von jungen Damen unlustiger in's Werk gesetzt worden, als diese. Die hochgesinnte patriotische Auguste verlangte, daß man in Trauer gehen sollte; die trotzige Sophie schlug die alten Hauskleider vor, um seine Geringschätzung recht zu zeigen; Carolinchen aber meinte, man müsse sich doch hübsch anziehen, es könnte dem Papa Verdruß machen. Ob sie dabei nicht eben so viel an ihr hübsches Gesicht und an minder patriotische und mehr geputzte Freundinnen dachte, als an den Papa, das sei dahin gestellt. Die Schwestern ließen sich auch umstimmen und fanden in kleidsamen blauen Kattunkleidern die richtige Mitte zwischen zu festlicher und zu alltäglicher Tracht. Wie sie abzogen zum Ball seufzte aber Auguste ganz tragisch: »Wenn das die Kaiserlichen wüßten.« Die Offiziere hatten ihre Empfindlichkeit vergessen und erschienen im höchsten Putz, dessen ihre zusammengelesen Uniformen fähig waren, um die Damen auf den Ball zu geleiten. Der Papa aber im feierlichsten Staatskostüm mit Haarbeutel und Buckeln war nebst der Mutter schon bereit, die Töchter unter seine Fittiche zu nehmen, und schritt an ihrer Seite voran mit so tiefernster Miene, als ging's zur Leiche und nicht auf einen Ball. Es ging übrigens alles gut von Statten; die Franzosen benahmen sich ganz anständig und waren flinke Tänzer, so daß die jungen Damen sich in etwas mit ihrem Geschick aussöhnten. Wenn nicht an der Thüre des Ballsaals Wachen mit gezogenen Säbeln aufgestellt gewesen wären, um etwaiges Entweichen der Damen zu verhüten, so hätte man glauben können, es sei ein Ball, wie ein anderer. Ein komisches Zwischenspiel war es, als der Offizier, der den Dolmetscher machte, die im Gang zuschauende Magd des Hauses absandte, um seinem Bedienten zu befehlen, daß er ihm seinen Mantel bringe. – »Er spielt g'rad Karten und mög' ihn nicht bringen,« meldete diese zurückkehrend. – »Er ihn muß bringen, tout de suite! « schrie der Offizier. Die Magd kam zum zweitenmal zurück: »Es sei ja erst acht Tag', daß Sie ihn g'stohlen haben,« berichtete sie; »da werden Sie noch nicht so d'ran gewöhnt sein.« Wüthend, mit gezogenem Degen stürzte er hinaus, muß aber Gründe gehabt haben, seinen unverschämten Bedienten zu schonen; er kam bald zahmer zurück, mit dem bestrittenen Mantel auf dem Arm, zwischen den Zähnen fluchend: » Sacré chien! ich muß haben mein Mantel, ich!« »Einmal aber,« erzählte die Ahnfrau, »hab' ich doch auch durch die Franzosen einen Hauptspaß gehabt. Was nicht Platz finden konnte von dem Volk in den Quartieren der Stadt, das speiste alles im Schwanen, die Stadt mußte Tag für Tag hundert Gulden dafür bezahlen. Nun fiel es den Herrn einmal ein, sämmtlichen Honoratioren der Stadt auch eine Ehre anzuthun und sie mit ihren Frauen zur Tafel zu laden; ist eine theure Ehre gewesen, die Stadt hat's auch zahlen müssen. Du hättest meinem Mann sein Gesicht sehen sollen, mit dem er den weißen Staatsfrack mit den großen Perlmutterknöpfen anzog; der beste Wein wäre davon zu Essig worden. Mir hat das Ding ein bischen Spaß gemacht, ich dachte, das erlebst du so bald nicht wieder, es lächerte mich, daß die Kerle so unverschämt waren, einen auf ihr gestohlenes Gut noch zu Gaste zu laden. Merken lassen durfte ich mir's freilich nicht, ich zog mich aber ganz staatsmäßig an und setzte ein Tafelaufsätzchen von Atlas auf mit Rosen. »Wie wir in den Schwanen kamen, mußte man im Vorzimmer warten. Der General, der ein wenig deutsch konnte, bekomplimentirte uns und man mußte sich paarweise aufstellen, der General schritt voran in den Speisesaal mit der Frau Oberamtmännin am Arm; ich glaub' ich hätt's auch nicht übel genommen, wenn er mich geführt hätte, wenn es gleich ein Franzose war. Die Tafel war prächtig gedeckt, aber nur für die Damen. ›Die Damen nehmen Platz!‹ kommandirte der General, das geschah; was aus den Herrn werden sollte, wußte man noch nicht. ›Jeder Herr stellt sich hinter den Stuhl seiner Dame!‹ kommandirte er wieder; die haben aufgeschaut! Das war noch keinem von unsern Männern passirt, daß er hinter seiner Frau Stuhl stehen mußte! Der General aber fing an, die andern mußten nachfolgen; die Offiziere stellten sich hinter die ledigen Damen, wir hatten unsre Töchter daheim gelassen. Ich setzte mich, als müsse das so sein, konnte aber gar nicht aufsehen vor Lachen, wenn mir's einfiel, daß mein eigener leiblicher Mann, den wir daheim Alle ehrten und bedienten, wie sich's für den Herrn vom Hause gehört, da hinter mir stehe wie ein Bedienter. Ich bot ihm ganz vornehm und gnädig den Suppenteller hinauf, da stand er, bolzgrade wie ein preußischer Grenadier, und hatte er vorher ein Gesicht geschnitten, so schnitt er jetzt noch ein ärgeres; ich guckte ihn um ein klein wenig von der Seite an, und wie er sah, daß mir's so lustig vorkam, so lächerte es ihn auch ein klein Bischen, wie er mir aber den Teller wieder gebracht hatte, ward es ihm doch zu bunt, er ging davon und suchte sich in der Nebenstube etwas zu essen. Daheim sprach er kein Wörtchen davon, wenn er aber guter Laune war, so durft' ich ihn später wohl dran mahnen: ›weißt nimmer, Alter, wie du mir so nett den Teller präsentirt hast?« Auch traurigere Scenen gingen in dieser bewegten Zeit an dem hellen Blick der Ahnfrau vorüber. Im Gasthof neben ihr hatte sich ein französischer Oberst einquartiert mit seiner jungen Frau, einer feinen, schönen Dame, von so ganz anderem Aussehen als die sonstigen Mamsells, die die glorreiche Armee zu begleiten pflegten. Der Oberst wurde weiter beordert und mußte die arme junge Frau allein krank zurücklassen. Das Herz der Ahnfrau war von tiefem Mitleid mit der Fremden bewegt, der es in dem geräuschvollen Wirthshaus gerade an der Pflege fehlte, die Kranken am wohlsten thut. Sie besuchte sie täglich und opferte die noch gesparten Schätze ihrer Speisekammer, um ihr Erquickung zu verschaffen. Sie verstanden einander kein Wort; aber die Fremde konnte doch die Sprache der treuen deutschen Augen lesen und die sanfte Pflege der geschickten Hand empfinden, und sie schloß sich mit kindlicher Innigkeit an sie an. Stunden lang saß die deutsche Frau schweigend am Bette der Kranken, deren schwarze Augen so innig vertrauend in ihre blauen blickten, daß sie wohl glaubte, sie denke vielleicht einer fernen Mutter dabei. Der Zustand der Leidenden verschlimmerte sich rasch und ihr Ende nahte sichtlich, noch ehe der abgeschickte Bote den Obersten erreichen konnte. Aber ein rastloses Verlangen schien die Sterbende zu quälen, und so weit die Ahnfrau mit des Arztes Hülfe sich mit ihr verständigen konnte, galt es mehr noch dem letzten Trost ihrer Kirche, als dem abwesenden Gatten. Da war guter Rath theuer; weder ein Feldprediger noch sonst ein katholischer Geistlicher war in der Nähe zu finden, und einen protestantischen wies sie mit wahrem Abscheu zurück. Schon saß der Tod auf ihren Lippen und noch diese peinliche Unruhe im Auge. Die gute Ahnfrau konnte sie nicht so sterben lassen. Da nahm sie das große, schöne eiserne Kruzifix, das als werthes Erbstück in der Familie bewahrt wurde, und brachte es als letzten Trostversuch der Kranken. Da leuchtete das erstorbene Auge auf, und ihr Erstaunen, daß auch die Ketzerin das heilige Bild mit Ehrfurcht und Andacht betrachte, zeigte, welch seltsame Begriffe die arme Frau vom Glauben der Fremden gehabt. Man mußte das Kreuz auf dem Bett ihr vorhalten, sie faltete die Hände und flüsterte mit leiser Stimme einige Worte – wohl ihre Beichte – und ihr seliges Lächeln im Tode sagte, daß ihr auch die Absolution nicht gefehlt. – Die Ahnfrau schmückte sie für den Sarg, in dem sie erst der verzweifelnde Gatte wiedersah, sie hob von ihren prächtigen schwarzen Haaren zum Andenken auf und pflegte treulich das einsame Grab. Allmählig verlief sich der Franzosenstrom; der Ahnherr lebte auf im Befreiungskrieg; Russen, Oesterreicher, Preußen zogen als willkommene Gäste durch. Mit den Oesterreichern stand sich die Familie sehr gut und die Ahnfrau berichtete gar gern, was für vornehme Herrn bei ihnen gewohnt hatten und wie viel Ehre sie ihr erwiesen. »Einmal war ich weit draußen, ganz am Ende der Markung auf unsrem Acker und habe Oelmagen (Mohn) gebrochen, den größten Sack voll, und wartete nur noch auf den Knecht, der sie heimführen sollte. Da kam der Herr General, der damals bei uns im Quartier war, in seiner prachtvollen Chaise dahergefahren; all mein Lebtage habe ich kein so flottes Gefährt mehr gesehen, innen mit Sammt, außen glänzend wie ein Spiegel mit gemalten Wappen und Goldverzierungen. »Was schaffens da so allein?« fragte er, »fahrens mit mir heim.« »Danke, Euer Excellenz,« sagte ich, »ich kann den Sack da nicht allein stehen lassen; wo alles voll Soldaten lauft, da ist nichts sicher.« Er lachte und ich merkte, daß ich einen Reußer gemacht. »Wissen's was,« sagte er gutmüthig. »den Sack packt mein Kutscher hintenauf und Sie sitzen 'rein.« Mußte der Kutscher den garstigen Oelmagensack hinten auf die Staatskarosse packen: er hat wahrscheinlich tüchtig geflucht, aber auf schlawakisch, ich hab's nicht verstanden, und ich fuhr in Pracht und Herrlichkeit wie eine Prinzessin mit dem General bis vor's Haus, daß alles die Fenster aufriß. »Ein andermal ist mir das Staatmachen nicht so gut bekommen. Ich war im Flachsrupfen auf dem andern Acker, auch weit genug von der Stadt; dazumal, wo man noch sparen konnte, trug man in bessern Kleidern vorn ein eingesetztes Stück von selbstgewobenem Barchent, um Zeug zu ersparen. Da es nun sehr heiß war und die Sonne mir auf den Rücken brannte, zog ich mein Kleid verkehrt an, um den Zeug zu schonen, das hatte ich im Amtseifer ganz vergessen. Wie ich nun eben fertig war, kommt der Graf Serbeloni daher, der in unsrer Nachbarschaft einquartiert war und oft zu uns kam. ›Ah, Madam,‹ sagte er, ›wir gehn Einen Weg, Sie erlauben, daß ich Ihnen meinen Arm anbiete.‹ Nun war ich zwar das nicht gewöhnt, aber es hat mir immer gefallen, wenn die Herren galant sind; so ließ ich mir's gefallen. Zuerst war ich in Verlegenheit, dann aber legte ich ganz vornehm meinen Arm in den seinen und unterhielt mich sehr gut mit dem Herrn Grafen und zog in Einer Glorie an seinem Arm durch die Stadt; ich hörte wohl die Leute hinter uns lachen, aber ich dachte, das geschehe aus lauter Verwunderung. Wie wir aber an's Stadtschreibers Haus vorbeikommen, springt das Nanele herunter und winkt mir, ich will's allweil noch nicht verstehn, bis sie mir in die Ohren düsemet (flüstert): ›Ach, Frau Syndikussen, wissen Sie's denn nicht, daß Sie Ihren Rock verkehrt an haben und den Barchentpletz hinten.‹ Da war meine Glorie zu Ende, ich versicherte den Herrn Grafen, daß ich da d'rinn ein Geschäft habe, und lief recht künstlich rückwärts, daß er den Schaden nicht merken sollte; weiß nicht, ob er's gewußt. Ich ging eine gute Weile nachher immer durch Hintergäßchen und mein Mann, der mich vom Rathhaus aus so in Pracht und Eitelkeit hatte daher ziehen sehen, hatte sein Plaisir an meiner Demüthigung; wenn ich ihn mit dem Franzosengastmahl necken wollte, so sagte er: ›sei nur still, sonst komm ich mit dem Grafenspaziergang!‹ »Galante Leute sind freilich auch oft die Franzosen gewesen. Da drüben bei den Jungfer Schneidemänninnen war ein gar netter, artiger Lieutenant einquartiert, er führte sie auch auf den Ball, sie waren aber dazumal schon alt und alleweil wüst, so wollte, außer dem Lieutenant, der sie gebracht, kein Mensch mit ihnen tanzen. Der wußte in seiner Herzensgüte gar nicht, was er ihnen alles zu lieb thun solle, er brachte ihnen Braten, Biskuit und zuletzt gar Kirschen, was noch die größte Rarität war. Die Jungfern hatten sich unten im Saal gesetzt; wie sie den Lieutenant mit den Kirschen sehn, schlägt Gustel, die Aelteste, ihr weißes Ballkleid sorgfältig hinauf, um es zu schonen, ebenso den weißen Rock darunter, bis ein grau kölschener Rock kam, und schrie dem Offizier aus allen Kräften, daß man's durch den ganzen Saal hörte: ›daher, Herr Lieutenant, daher!‹ da hatte er genug und ließ sich nimmer sehen. »Heutzutage sind freilich die Frauenzimmer feiner,« schloß die Ahnfrau, »wenn ich aber allemal wieder in die Garnisonsstadt komme, und sehe die Fräuleins so an der Wachtparade und auf Spaziergängen an den Offizieren vorbeitänzeln und hinter den kleinen Sonnenschirmchen so schalkhaft hervorgucken, so muß ich allemal denken, das heißt eben auch: ›daher, Herr Lieutenant, daher!‹ nur in feinerer Manier als bei der Gustel Schneidemännin.« Am Ende aber zog der willkommenste Gast von allen, der goldne Friede, und mit ihm Freude und Gedeihen in das vielbedrängte Haus des Ahnherrn ein. Die vergrabnen Kleinodien und Schatzgelder wurden aus dem Keller geholt, Gärten und Felder mit neuem Fleiß und Eifer bestellt. Statt fremden Kriegsvolk rückten jetzt als fröhliche Einquartierung die studierenden Söhne des Hauses mit einem Geleite flotter Kameraden ein, die alle im gastlichen Hause willkommen waren. Dazwischen kamen kleine und große Herzensangelegenheiten der aufgeblühten Töchter, die nicht so tragisch endeten, wie der stille Herzenstraum der Mutter. Die Söhne gingen ihren Weg, erstarkend in eigener Kraft, und der Ahnherr erlebte noch die Freude, sich als Gast des eigenen Sohnes zu sehen. Fast schien es als ob die alte Geschichte vom Kroatenahne noch einmal in der Familie neu aufgelegt werden sollte. Ein österreichischer Hauptmann war einige Tage im Quartier gewesen und hatte in seiner treuherzigen, etwas linkischen Weise den Töchtern alle Aufmerksamkeit erzeigt. Er reiste ab und war fast vergessen im Hause, als nach Beendigung des Krieges ein Brief von ihm an den Vetter August kam, Karolinens stillen Verlobten, der über die Kriegszeiten auch im Hause gewesen war. Er schrieb diesem in ziemlich ungefügter Sprache, daß er gern eine der Töchter des Hauses heirathen möchte, »weiß ihren Namen nicht mehr, jedenfalls eben nicht die, welche Sie selber wollen, sagen Sie ihr, ich sei ein braver Soldat, ein schöner Bursch und ein ehrlicher Kerl, und für den Fall, daß todt, ist gut gesorgt.« Dieser Antrag machte den drei Mädchen viel Spaß, Jede wollte der Andern die Ehre lassen, bis endlich Minele, die Jüngste, auftrat; man hatte sie von den scherzhaften Berathungen ausgeschlossen, sie hatte aber das Nöthige an den Thüren erhorcht und Alles für Ernst gehalten. Sie erklärte mit vielem Edelmuth, wenn Keine von den Schwestern wolle, so müsse eben sie das Opfer werden und den Oesterreicher nehmen, es könnte ja sonst wieder Krieg geben. Sie war recht gekränkt, daß man ihr Opfer verschmähte und noch obendrein ihren Edelmuth verlachte. Ich glaube, der Oesterreicher hat keine Antwort erhalten.   Wittwenstand und Tod. Durch all dies Keimen, Treiben und Reifen in den gesunden Aesten und Zweigen eines lästigen Stammes wehte ein kalter Hauch: der Todeshauch, und der Hausvater, des Hauses Stütz' und Krone, sank nieder vor seinem eisigen Wehen. Die Ahne hatte in jungen Jahren schon sich vor diesem Feind fürchten lernen; ihr Mann war groß und hager, und man hielt ihn für schwindsüchtig, bald nach dem Beginn ihres Ehstandes. »Das war eine schwere Sorge, die auf mir lag,« sagte sie später oft, und erzählte dabei wohl einen seltsamen Traum, der ihr sehr wichtig erschien, wie denn überhaupt in ihrer klaren, frischen Seele doch Raum blieb für das geheimnißvolle Gebiet der Träume und Ahnungen. »Wie ich so schwer bekümmert war wegen meines Mannes Brustleiden und fürchtete, er sterbe vor der Zeit von mir und den kleinen Kindern weg, da träumte mir einmal, ich wandelte in tiefer Nacht allein auf einem großen, weiten Kirchhof; da kam eine schauerliche Gestalt auf mich zu, ich wußte, das war der Tod, und ich schrie in großer Angst: ›o Tod, hol' meinen Mann nicht!‹ Der Tod sagte: ›wenn du mich dreimal um der Wunden Christi willen bittest, so will ich ihn verschonen.‹ Da hub ich an und bat ihn einmal, und bat ihn zweimal, wie ich ihn aber zum drittenmal bitten will, so schreit mein kleiner Konrad und ich wache auf.« Damals war ihr der Gatte erhalten geblieben, aber als er starb mit sechszig Jahren, meinte sie doch: »vielleicht wenn sie den Tod zum drittenmal hätte bitten können, er hätte doch noch länger gelebt!« Der Tod des Gatten war der Wendepunkt im Leben der Ahnfrau; ob auch ihre innere Jugend, ihr lebensvoller Geist sich nach langer und tiefer Trauer wieder aufrichtete an den Freuden und Pflichten der Mutter, es war doch nicht mehr das volle Tageslicht, es war eine friedliche Dämmerung, in der ihr langes und reiches Leben nun verfloß. Die wohlerzogenen stattlichen Töchter ließ sie ziehen an der Hand der Erwählten, um den eigenen Heerd zu gründen; sie durfte ihr Wittwenstübchen schmücken, um die blühenden Bräute der Söhne zu empfangen. In jeder Gegend des Landes, im Neckarthal, auf der rauhen Alb, in der Residenz, in abgelegenen Pfarrdörfern, stand da oder dort ein eigen Haus für sie, ein Haus, in das sie ihre lakonischen Brieflein, ihre Grüße, ihre Rathschläge sandte, wo sie verweilte mit ihrer Liebe, ihren Sorgen, mit Mitleiden oder Mitfreude. Sie selber ist allein geblieben, allein mit ihren Erinnerungen, ihrer geistigen Kraft und Regsamkeit. Das große stattliche Haus diente andern Zwecken, andere Bewohner gingen ein und aus; sie zog sich in ein bescheidenes Quartier zurück, das aber trotz seiner Mansardenwände, an denen die Bilder auf ergötzliche Weise in der Luft bumelten, mit seinen Familiengemälden, der wunderlich gestalteten Spieluhr, den mannigfachen Geräthen aus alter Zeit, Drisuren, Tabourets und Gueridons, eine äußerst gemüthliche, unterhaltende Heimath für Jung und Alt war. Sie lebte allein mit einer alten Dienerin, die mit den Tugenden auch alle Fehler alter Mägde in sich vereinigte und ernstlich Miene machte, ihre Herrin zu beherrschen. Von den Söhnen und Töchtern, die längst in Aemtern und Würden standen, sprach sie stets in höchst vertraulicher Weise: »Warum schreibt wohl der Gottlieb so lange nicht? Ich mein', der Christian dürft' sich jetzt auch um einen bessern Platz melden. – Jetzt sollt' aber die Auguste doch ein Kindsmädchen nehmen.« Auch waren alle einlaufenden Familienbriefe stets Gemeingut zwischen ihr und der Herrin. Eine sparsame Seele war sie, die gute Susanne, im Interesse der Herrschaft noch viel mehr als in ihrem eigenen. Sie war im Stande, mit der Frau zu grollen, wenn sie ein halbes Schwefelholz weggeworfen, mit dem man doch noch »das schönste Licht« hätte anzünden können, und als ihr diese befahl, dem Boten, der die glückliche Geburt eines Enkels anzeigte, eine noch vorhandene Bratwurst zu geben, ging sie brummend hinaus: »Soll dem Kerl die schöne Wurst geben; hätt' meine Frau noch mit abfergen können; so kommt man zu nix!« – Wie sie's angegriffen, sich aus ein Paar abgelegten schwarzen Beinkleidern des Gottlieb noch einen »Gottestischrock« zu machen, weiß ich nicht. Schade, daß sie nicht zum Besten der edlen Schneiderzunft das Geheimniß veröffentlicht hat. Der guten Susanne war ein schweres Ende beschieden; eine qualvolle, langwierige Krankheit kürzte den Abend ihres thätigen Lebens noch vor der Zeit ab. Die Ahnfrau wollte nichts davon hören, sie in ein Spital unterzubringen. »Sie hat Leid und Freud' mit mir getheilt, nicht wie eine Fremde, so soll sie auch nicht sterben unter fremden Händen.« Und so pflegte sie ihrer wie einer Schwester, nicht wie einer Magd. Und als sie die treue Gefährtin nach langen schweren Tagen und Nächten in den Sarg gelegt, behielt sie als einzige Hülfe und Dienerin die junge rasche Nichte derselben, ein frisches Bauernmägdlein, die sie sich nach eigenem Sinn zustutzen konnte. Ihr stilles Leben war darum kein einförmiges. Der behagliche Wohlstand, die Frucht des Fleißes und der Sparsamkeit ihrer jungen Jahre machte ihr möglich, Vielen zu dienen und zu helfen. Eingewachsen in alle Verhältnisse des Städtchens, das ihre einzige Heimath war, ja in die der ganzen Gegend, wurde sie für Hohe und Niedere eine treue Rathgeberin. Da kam einmal die alte Jungfer Kiliane aus der Nachbarschaft, um sich in einer Magdangelegenheit zu besprechen; dann kam der reiche Bauer Geiger vom nächsten Dorf. »Jetzt, Frau Syndikussin, muß ich Sie auch um guten Rath fragen. Mein großer Bub will heirathen.« – »Nun, Geiger, das ist kein Unrecht; ich glaube, Euer großer Bub ist dreißig Jahr alt.« – »Ja, aber's Mädle hat nix.« – »Gar nichts?« – »Ha, das heißt nicht viel.« – »Ist sie aber brav?« – »Grundbrav und fleißig, aber wir wollen's nicht leiden.« – »Aber wenn sie so brav ist, wird's besser sein als viel Geld.« – Nachdem die Ahnfrau lang die schönsten und bündigsten Beweisgründe aufgeboten hatte, um den hartnäckigen Vater umzustimmen, begann dieser wieder: »'S wär' alles recht, Frau, 's hat aber nur noch Einen Haken.« – »Ja und der wär?« – »'S Mädle will net, sie nimmt einen Andern.« – »Er dummer Geiger, was läßt Er mich dann so lange schwatzen?« Nicht immer war der gute Rath der Frau Syndikussen so vergebens aufgewandt, und wo Fremde sein nicht bedurften, da gab's in der eigenen Familie Gelegenheit genug. Da kamen Brief vom Ober- und Unterland mit Botschaften, wie da ein Urenkelein geboren, dort ein Enkelsohn confirmirt, hier eine Enkelin Braut geworden, und die freigebige Hand der Ahnfrau durfte nicht ruhen. Wie ein Speditionshaus sah vor Weihnachten ihre Wohnung aus, bis all' die zahlreichen Schachteln und Schächtelein ausgesandt und alle bedacht waren: die Enkel mit Backwerk und blanken Thalern, die Söhne mit auserlesenem Kirschengeist, die Sohnsfrauen und Töchter mit feinem Flachs. Dann kamen wieder Danksagungsbriefe, Neujahrs- und Geburtstagsgratulationen, zierliche Carmina von den Enkelsöhnen, die sie, dankbar für den guten Willen, meist ungelesen bei Seite legte und honorierte, schöne Handarbeiten der Enkeltöchter, mit denen aber die gute Ahnfrau nicht so recht wußte, wie sie d'ran war; denn ihrer Zeit waren sie noch nicht im Schwang. So begegnete es ihr, daß sie einen gestickten Schemel als Zierrath auf die hohe Kommode stellte, einen niedlichen Fußsack, der sie hätte im Winter warm halten sollen, als Bildniß an die Wand hing, und einen Tischteppich, der ihr gar zu schön zu diesem Zweck erschien, als Shawl umnahm. Sie selbst lachte am herzlichsten, wenn sich der Irrthum herausstellte. Auch kamen als noch frischere Lebenszeichen die Kinder selbst und brachten ihre Freuden und Sorgen zu der stets heitern, stets geschäftigen Ahnfrau, und die Besuche waren, wenn auch eine Freude, so doch auch eine gewaltige Unruhe für die alte Frau, die auf Ehre und Reputation hielt und namentlich vor den Sohnsfrauen gern ihre Kochkunst in vollstem Glanz zeigte, zu welchem Ende denn auch stets zu solchen Zeiten ein aufgeschlagenes Kochbuch auf ihrem Nachttisch bereit lag. Aber recht fröhlich und gemüthlich saß sie dann auch wieder im Kreis der Ihren und nahm Theil an Taufen und Hochzeiten, Examen, Krankheiten und Genesungen. Für alle Fälle hatte sie ein Geschichtchen in Bereitschaft, jede Begebenheit weckte eine Jugenderinnerung in ihr, da sie, wie die meisten alten Leute, ein viel lebendigeres Gedächtniß hatte für lang verflossene Jugendjahre als für den eben vergangenen Tag. Ich habe schon oft gefunden, daß es, selbst in jungen Jahren, leichter sein muß, von einem vollen befriedigenden Dasein zu scheiden, als von einem verfehlten, das doch mehr Todessehnsucht wecken sollte. Ich habe zärtliche Mütter, geliebte Gattinnen mit getrostem Muth dem Tod entgegenblicken sehen, während abgelebte Greise, während einsame Jungfrauen mit getäuschtem Herzen, mit siechem Körper, sich noch krampfhaft an's Leben festklammerten, als ob sie von dem dürren Strauch noch die Blüthen hofften, die der Lenz versagt. Nun war der Ahnfrau ein volles, befriedigtes Dasein beschieden gewesen, und so viel Liebes das Leben für sie hatte, so war doch keine Spur von der krankhaften Lebensliebe bei ihr, wie sie oft alten Leuten inwohnt. Sie hatte sich nie weichlich abgewandt von den bittern Tropfen in ihrem Lebensbecher, darum blieb ihr die Bitterkeit nicht erst auf die Hefe erspart. Wie sie klaren Blickes in's Leben gesehen, so blickte sie ruhig dem Tod in's Auge. Sie hatte neben allem Wirken und Sorgen des Lebens ihr Herz lange heimisch gemacht in dem Lande, zu dem er sie führen sollte. Von treuen Händen gepflegt, segnend und gesegnet, starb sie, ohne die Leiden eines langen Lagers erfahren zu müssen. Der Mund, der im Leben so reich war an heitern Scherzworten, floß im Tode über von wunderbaren, herrlichen Segensgrüßen für die Ihren, zum klaren Beweis, daß nicht nur stille, daß auch bewegte Wasser tief gründen können. Das war die Ahnfrau im Leben und im Tode. Ich kann nicht erwarten, daß ihr anspruchsloses Bild für andere den Reiz hat, der es für die Ihrigen bekleidet; wenn aber diese einfache Schilderung da und dort eine ähnliche, liebe, verehrte Erscheinung in's Leben ruft, so hat sie ihren Zweck erfüllt. II. Aus dem Leben einer Hausfrau der neuen Zeit. Ihr habt gut reden und rühmen von den Hausfrauen der alten Zeit. Damals war's noch ein Spaß, Hausfrau zu sein, trotz aller Ochsen und Kühe, Gärten, Wiesen und Felder, die zu einem rechtschaffenen Hausstand gehörten. Wenn eine Frau ihre Kinder so weit gebracht hatte, daß sie auf eigenen Füßen stehen und gehen konnten, ihnen Strümpfe und Hosen flickte, Mann und Gesinde mit Nahrung und Kleidung versorgte und ein scharfes Auge auf die Mägde hielt, so konnte sie ihr Haupt ruhig niederlegen, auch da und dort eine Kaffeevisite mit gutem Gewissen mitmachen. Die Erziehung war die einfachste Sache von der Welt. Mit dem Studium der Individualitäten befaßte man sich nicht im mindesten; die geistige Ausbildung überließ man getrost dem Präceptor und seinem Stock, der sittlichen half man mit ein paar gesunden Püffen und Schlägen nach und blieb im Uebrigen gut Freund. Die Erziehung der Mädchen vollends gab sich ganz von selbst; im zehnten Jahr mußten sie anfangen, ihre Haare selbst zu flechten, die kleinen Geschwister hüten und in den Keller gehen. Allmählich avancirten sie vom Strickstrumpf zum Nähzeug, vom Begießen zum Bepflanzen der Gartenländer. Waren sie im vierzehnten Jahr confirmirt, so war die Mutter höchlich erleichtert: »So, jetzt hat das Gelerne ein Ende und das Mädchen ist auch zu etwas zu brauchen.« Nun wurde sie erst recht, nach gut schwäbischem Ausdruck, »im Haus herum gepudelt,« in Küche und Keller, Hof und Garten, im Stall und auf den Feldern. Wollte man ihrer Ausbildung noch die letzte Politur, die höchste Vollendung geben, so schickte man sie auf ein Jahr zu irgend einer Frau Base oder Tante, die als eine besonders böse und exacte Frau bekannt war (welche zwei Begriffe sonderbarerweise sehr häufig in Einen zusammenfallen), und die es vortrefflich verstand, »den jungen Mädchen den Rost herunter zu thun;« hernach noch ein halb Jahr nach Stuttgart, um »das Haubenstecken« zu lernen, und damit war's gethan, und die Ricke oder Mine konnte jeden Tag, wenn sich ein passender »Anstand« zeigte, in die Fußstapfen der Mama treten; im schlimmsten Fall gab sie seiner Zeit eine gute Tante ab, die man »in's Haus metzgen« konnte, oder eine brauchbare Haushälterin für einen respektablen Wittwer. Dieses solide eherne Zeitalter ist nun vorüber; wir sind im bleiernen, dessen Gewicht so schwer auf der Menschheit lastet, daß sie das Blei in eine Menge von Formen und Gestalten verarbeitet, um es tragbarer zu machen. Sonst war der weibliche Beruf der einfachste, der gar kein Besinnen brauchte, jetzt sind fast die Männer zu beneiden, die doch die Wahl unter bestimmten Brodstudien und eine mehr abgegrenzte Bahn zu durchlaufen haben, während eine töchterreiche Mutter ihrer Seele keinen Rath weiß, für welche Art von Zukunft sie ihre armen Mädchen zustutzen soll, wenn sie sie nicht dereinst nach Californien spediren will. Doch ich wollte keine philosophische Abhandlung liefern, gewiß nicht! Darum bitte ich den geneigten Leser mir nur in die Stube einer Hausfrau der neuen Zeit zu folgen (ein Boudoir besitzt sie nicht), und er wird die Drangsale einer armen Frau begreifen, die der Zeit Rechnung tragen muß. Und es ist noch eine recht gute Frau, bei der ich euch einführen will, keine Emancipirte und kein Blaustrumpf. Sie hat Mann und Kinder von Herzen lieb und nach achtzehnjährigem Ehestand noch hie und da eine wehmütige Sehnsucht nach den idyllischen Freuden ihrer Brautzeit. Ihr Mann ist der respektirte Herr des Hauses und ihre Kinder ihres Herzens Stolz und Freude, wenn sich dieselbigen auch theilweise etwas tölpelhaft geberden würden, falls sie, gleich den Gracchen, anstatt des Schmuckes präsentirt werden sollten. Frau Dokter Bernhard steht zu einer ziemlich frühen Stunde auf, denn ein schweres Tagwerk liegt vor ihr. Morgens hat sie ihre Einsammlungen für den Kreuzerverein für Schleswig-Holstein zu machen, eine Arbeit für die indische Missionslotterie soll vollendet werden; Nachmittags ist eine Sitzung des verwahrlosten Kindervereins; Abends Arbeitskränzchen des Frauenvereins für arme Wöchnerinnen; daneben trifft sie die Runde der Krankenbesuche und die Visitation der Suppenanstalt. Das alles ist nur das Departement der auswärtigen Angelegenheiten, die innern sind gar nicht aufzuzählen. Es ist noch eine Weile still im Haus, die liebe Jugend schläft, die Köchin besorgt das Frühstück und die Kindsmagd den Kleinen. Jetzt könnte sie eben noch die Statuten eines Beschäftigungsvereins für brodlose Mädchen aufsetzen, und daneben hat sie den jüngsten poetischen Versuch ihres ältesten Sohnes zu recensiren. Schon ist sie an Paragraph 3 der Statuten: »Die beaufsichtigenden Frauen erbieten sich zu mütterlicher Leitung und Anweisung der Mädchen,« da erschallt die etwas gellende Stimme ihrer Sophie aus dem Bett: »Mutter, mein Strumpf hat ein Loch.« – »Schon wieder! Mädchen, wie greifst du's an, alle Tage zwei Paar zu zerreißen! Bäbele gibt dir andere.« – Die etwas kleinere Kornelie kann die Schuhe nicht anziehen. »Natalie soll dir helfen.« – »Die Natalie singt schon eine halbe Stunde; es ist heute Probe des Vereins für ursprüngliche Volksmelodien,« bemerkt der eintretende Ehemann, der einen zerrissenen Paletot in der Hand hält. »Vor acht Uhr solltest Du mir die Knöpfe da annähen; so kann ich ihn zu keinem Krankenbesuch mehr anziehen.« Während die bedrängte Frau die Knöpfe verspricht und die Köchin an die Schuhe der seufzenden Kornelie kommandirt, rückt der Gustav an mit dem Zumpt in der Hand: »Mutter, überhör' mich!« Mechanisch nimmt sie das Buch und der Bube leiert mit heller Stimme: Viele Wörter sind auf is Masculini generis etc . Jetzt aber schreit der Kleine, dem das Bäbele den Mund mit dem Brei verbrannt hatte; die Mutter läßt den Zumpt fallen und eilt dem Kind zu Hülfe, der Mann beordert das Frühstück herein, die krawalirende Jugend sammelt sich um den Tisch, die Mutter erscheint endlich auch, nachdem sie »nur geschwind« die Milchfrau bezahlt und den Buben der Frau Registratorin drüben abgefertigt hat, der schon in aller Frühe gekommen ist, um die »Worte einer Frau an Frauen über ihre Stellung zur Gegenwart« für seine Mutter zurückzufordern. Auch Natalie erscheint und muß eilig Kaffee trinken, um zeitig in die englische Stunde zu kommen, Gustav kündigt an: »Mutter, du mußt mich dann erst noch zwei Seiten im Kärcher überhören,« und der zehnjährige Emil supplicirt um eine gestickte Fahne für das bevorstehende Schützenfest für Knaben; die dreizehnjährige Mathilde hat heute die erste Abendstunde in der Experimentalphysik, und Natalie erinnert die Mutter, vom Einsammeln für die Holsteiner doch ja noch zeitig in die Vorlesung über alte Hünengräber zu kommen. Eine einzige friedliche Viertelstunde rettet die vielgeplagte Frau für das Morgengebet. Das Lied, das sie heute liest, sind auch Worte einer Frau, der frommen Schweizerin Anna Schlatter, und die Strophe: Und drängt mich der Geschäfte Last, Will ich entlaufen dir, Der du den Sturm gestillet hast, Still auch den Sturm in mir! ist ihr aus der Seele geschrieben und hilft ihr zu etwas Ruhe und Sammlung. Aber das äußere Leben mit seinen Forderungen fällt alsbald wieder gewaltsam über sie her. Wir wollen sie nicht den ganzen Tag auf ihren Gängen begleiten durch Armenhütten, Krankenstuben, Vereinssitzungen, Vorlesungen, in die Lehrstunden der Kinder, wo in neuerer Zeit eine gewissenhafte Mutter hie und da assistiren muß, in die Küche, wo das Sauerkraut angebrannt ist und die Suppe um ein Haar ungesalzen auf den Tisch gekommen wäre, in die Stube, wo die Kornelie eben im Begriff ist, das Brüderlein aus lauter Liebe mit einem Stück Brod zu Tod zu stopfen, bis die geplagte Mutter am Abend endlich erschöpft neben ihrem gleichfalls erschöpften Mann auf dem Sopha sitzt. »Aber hör', Liebe,« meint der, »so kann's doch unmöglich fortgehen; du gehst an Leib und Seele zu Grund.« – »So sag mir,« fragt die bedrängte Frau, »wo ich abbrechen soll? Die Schleswiger Sammlung kann ich unmöglich aufgeben.« – »Nein, die nicht, das ist eine deutsche Sache!« – »Die Krankenbesuche auch nicht, du bist ja Arzt und sagst selbst, daß sie manchmal wohlthätig sind.« – »Manchmal, Deinetwegen, aber die Vorlesung?« – »Aber, Lieber, du weißt doch, daß ich an meiner Ausbildung noch manches nachzuholen habe; zudem schilt sich's nicht, ein junges Mädchen allein gehen zu lassen, und für Natalie ist es unerläßlich; du weißt ja, welche Ansprüche man gegenwärtig an junge Mädchen macht.« – »Schon gut, aber die Experimentalphysik und die italienische Conversationsstunde für die Mathilde neben den vielen andern Lektionen –« – »Aber siehst du denn nicht ein, daß die Mathilde nicht hübsch ist? Mitgeben können wir ihr nicht viel, so bleibt nichts übrig, als sie zur Gouvernante auszubilden, und sie hat noch nicht die Hälfte der Fächer gehört, die dazu erforderlich sind, zumal sie nicht musikalisch ist, was ein so großer Vorzug bei Natalie ist. Aber leid thut mir's, daß ich nicht mehr Zeit habe, die poetischen Versuche Hermanns zu leiten und seine Tagbücher durchzusehen, und jetzt kommt die Zeit, wo für die Sommerkleider zu sorgen ist und für Schmalz.« – »Ja, fällt mir bei dem Schmalz ein, das Essen wird alle Tage schlechter, wie kommt's denn?« – »Weiß wohl,« seufzte die Frau, »die Greth hat eben gar keine Pietät für's Kochen, wenn ich nicht selbst darnach sehe, so ist's nichts.«. – »So thu in Gottesnamen eine gewandte Köchin ein, es wird das Leben nicht kosten.« – »Das wird wohl nöthig sein, obgleich so eine Köchin vom Fach immer anspruchsvoll ist. Eine Aenderung mit der Kindsmagd wäre aber noch nöthiger, Bäbele ist brav, aber wie die meisten Bauernmädchen plump und schwerfällig in Verkehr mit Kindern, sie weiß die kleinen nicht zu unterhalten, dann werden sie immer unartiger.« – »Das weiß der Himmel,« seufzte jetzt der Doktor, »ich kenne ihre Stimmen nur noch am Schreien, und wenn sie Abends heimkommen, fällt mir, verzeih mir's Gott, immer der Vers aus Schillers Glocke ein:                 Kommen brüllend Die gewohnten Ställe füllend, aber wie willst du da helfen?« – »Ich sollte ein jüngeres Kindermädchen haben, Selma schlug mir eine vor, die in Fröbels Anstalt für Kindergärtnerinnen gebildet wurde, aber das ist zu theuer.« – »Bah, Unsinn, was Kindergärtnerin.« – »Ja gewiß, Lieber, wenn Du nur den letzten Aufruf an Mütter gelesen hättest, man kommt sich wie eine wahre Rabenmutter vor, wenn man seine Kinder nicht nach Fröbel'schen Grundsätzen erzieht. Ich will auch nächstens, so bald ich dazu komme, die ganze Fröbel'sche Erziehungsliteratur studieren und indessen ein ganz junges, bildsames Geschöpf zum Kindsmädchen nehmen, die den Kindern Hüterin und Gespielin zugleich ist. Ich weiß schon eine solche, ein Blümchen vom Thale, ein wahres Madonnengesichtchen, ganz unverdorben, unberührt vom Welthauch, die Pfarrerin von R. hat sie mir empfohlen, sie ist gegenwärtig zur Aushülfe bei Stadtpfarrer N's.« – »Nun gut, so nimm den Seraph, wenn er uns nicht davon fliegt; sind wir dann versorgt?« – »Ja, – das heißt, ich fürchte sehr ein zu großes Dienstpersonal, aber wenn wir für Küche und kleine Kinder sorgen, so wäre es doch unrecht, wenn die größern Kinder, eben im bildungsbedürftigsten Alter, verwahrlost bleiben sollten.« – »Schatz, das geht in's Große. Wäre es nicht kürzer, ich suchte eine Oberamtsarztstelle in einem Landstädtchen? In kleinen Städten fallen doch diese Teufeleien von Vorlesungen und was zum Gukuk noch, weg und die Sache ließe sich vereinfachen.« – »Unmöglich! Wolltest du deine unversorgten Kinder aller der Bildungsmittel berauben, die eine größere Stadt bietet, und die ihnen allein eine Zukunft sichern können?« – »Nun denn,« sagte der Doktor resignirt, »was verlangst du drittens?« – »Nun siehst du, ich sollte ein gebildetes Mädchen haben, die in meiner Abwesenheit bei den Kindern meine Stelle versieht, die Lektionen und Arbeitsübungen der Mädchen beaufsichtigt und mir im Nähen etwas Beistand leistet. Wenn du die Berge von Flickwasch ansähest! und ich muß jetzt an die Kleider der Mädchen denken . . . .« – »Und an meine Hemden,« sagte der Mann lachend, indem er an den bauschenden Kragen zog, »sie sitzen nun und nimmermehr recht.« Diesen Stein des Anstoßes und Quell der Trübsal für Männer und Frauen, die Klage über nicht passende Männerhemden, die auch ein Produkt der Neuzeit ist, wollen wir beruhen lassen und nur das Endresultat der ehelichen Berathung mittheilen. Diese bestand darin, daß die Frau sich willig zeigte, die Abendvorlesung über die Literatur der Chinesen, so wie die freien Vorträge über ›die Bedeutung der Grundideen des Sophokles für das weibliche Leben,‹ die ein durchreisender Literat hielt, aufzugeben; dagegen willigte der Mann ein, daß eine tüchtige Köchin, daß das gerühmte Madonnenköpfchen als Kindsmagd, ferner ein gebildetes Mädchen zur Leitung und Beaufsichtigung der Töchter angestellt werde; durch die Hülfe der letzteren würden dann auch alle auswärtigen Nähterinnen entbehrlich, was dem Mann ein großer Vortheil schien. So schloß die Verhandlung im Frieden, während die Kinder alle schon in tiefer Ruhe lagen, bis auf Mathilde, die noch eine italienische Uebersetzung zu besorgen hatte, und Natalie, die mit schmelzender Stimme sang: »Mei Herzle ist klei, Kann Niemand drei nei; Nu an einziger Bua Hots Schlüssele darzu.« Zu den vielen Drangsalen der guten Frau Bernhard kam nun auch noch das, daß sie sich um das neue Personal umsehen mußte. Aber schon der nächste Merkur brachte ungehofften Rath. Sie las, wie gewöhnlich, die Traueranzeigen, zu mehr reichte ihre beschränkte Zeit selten, obgleich sie ihren Mangel an politischer Bildung oft schmerzlich empfand, und stieß unwillkürlich ein ganz erfreutes: »Das ist jetzt geschickt!« heraus. – »Was ist so geschickt?« fragte verwundert der Mann. – »Ach, die Hofrath Mizlenius ist gestorben; weißt, sie war schon lang kontrakt; es ist ihr wohl gegangen,« setzte sie entschuldigend hinzu. »Nun, warum ist's dann geschickt?« – »Ja, die hat einen Ausbund von Köchin, die schon sechs Jahre bei ihr ist, wenn ich die bekommen könnte, so wären wir versorgt.« Die betriebsame Frau ging gleich auf dem nächsten Vereinsgang in das Trauerhaus und erstand den Phönix von Magd glücklich für das nächste Ziel. Noch aber fehlte die dritte im Bunde, das »Mädchen von Bildung,« die die Mutter bei den Töchtern ersetzen und den Patienten Auskunft geben sollte, wenn der Doktor abwesend war. Die schien schwerer zu finden, obgleich die Zeitungen wimmelten mit gebildeten Mädchen aller Art, von ansprechendem Aeußern, vortrefflichem Charakter und bescheidenen Ansprüchen, die Alles auf der Welt verstanden und noch Einiges mehr; aber die Frau Doktorin hätte doch noch eine andere Garantie gewünscht. Auch dafür wurde Rath. Selma, die ästhetische Freundin, der die Doktorin ihr Bedrängniß mittheilte, hatte vergangenes Jahr im Bade die Bekanntschaft eines Fräuleins gemacht, die ihr vollkommen für diesen Zweck geeignet schien, ihre Herkunft war etwas dunkel, aber interessant, ihr Vater war in der Polenschlacht gefallen oder so, sie war in vornehmen Häusern Gouvernante oder Gesellschafterin gewesen, würde aber nun vorziehen, in eine Familie einzutreten, in deren Schooß sie eine Heimath fände. Das traf sich wie gerufen. Die Fräulein Klara Werning zeigte sich auch willig, zu mündlicher Verabredung zu kommen, und gefiel außerordentlich beim ersten Auftreten. Sie war nicht eben mehr in der ersten Jugend, eine schöne, volle Gestalt, noch blühend und frisch mit schönen blauen Augen. Die Doktorin fürchtete nur, ihr Haus werde zu einfach für sie sein, aber Klara sprach so schön über den Segen der Einfachheit, über das Glück eines stillen Familienlebens, daß sie vollkommen beruhigt wurde; nur das Eine machte ihr noch Kummer, ob sie selbst sich neben einem so ausgezeichneten Wesen keine Blöße gebe. Fräulein Klara versprach ihren Eintritt auf Georgii, und von Stund an wurden die Kinder bei vorkommenden Unarten immer mit dem Beisatz ermahnt: was wird einmal Fräulein Klara dazu sagen, wenn ihr so ungezogen seid? Georgii kam und mit dem Tage zogen die drei neuen Genien ein. Fräulein Klara in das Zimmer, das sie mit den ältern Töchtern theilen sollte, das Madonnengesichtchen, Gretchen genannt, in die Kinderstube, Madele, die Köchin in Küche und Kammer, die ihr Reich sein sollten. Etwas verächtlich sah die Letztere auf Gretchens kleinen Bündel und auf den schmalen Koffer der Klara: ihr folgten vier Nachbarmägde mit Körben auf dem Kopf, von denen solide Kleider, Schürzen mit langen, farbigen Bändern recht vielverheißend herabhingen. »Es freut mich, daß Sie in Kleidern und Weißzeug solid eingerichtet ist,« sagte die Doktorin. »Ja, die ist eben schon glücklich gewesen,« bemerkte naiv Eine der Begleiterinnen, »zwei Trauern! in dem Haus, wo sie vor zehn Jahren war, ist der Sohn gestorben, und jetzt gar die einzechte Frau, mit der die Haushaltung aufhört, das ist freilich das Nützlichste, da kann man 'ring zu einem Bett und Kasten kommen, wo ein anderer armer Tropf sein Lebtag d'ran sparen muß.« Die Andere hatte mehr Takt und sagte: »Ja, es stoßt Einem aber auch fast 's Herz ab. wenn einen so der Tod trennt,« was das Madele mit einem improvisirten Schluchzen bestätigte. Dem Doktor gefiel die Köchin besonders wohl. »Ein ganz klassischer Magdkopf,« meinte er, als er ihr etwas grobes, gebräuntes Gesicht und ihre kräftige, starkknochige Gestalt überschaute. »Wir haben jetzt alle Schulen vertreten unter unsrem Dach, die Klara ist mehr antik, Gretchen vertritt das mittelalterliche, romantische Element, und die Madel, die ist niederländisch. Wenn nur ein ordentliches Resultat bei dieser Mischung herauskommt.« Der Haushalt ordnete sich auf's Beste, die Kinder schlossen sich bald an Gretchen an, dem man erlaubte, auf dem stillen Rasenplätzchen hinter dem Schloß mit ihnen spazieren zu gehen und zu spielen; Madele herrschte in der Küche höchst unumschränkt, zwar mit ungemeinem Geräusch und Gepolter, aber mit Umsicht, das Essen war jederzeit vortrefflich gekocht, was dazu beitrug, den Herrn bei guter Laune zu erhalten. Klara begleitete Natalien in die Vorlesung über Hünengräber und in die über Sophokles, die Doktorin trat ihr diesen Genuß neidlos ab, so äußerst interessant sie auch jederzeit diese Vorträge gefunden hatte. Klara leitete auch die Singübungen, begleitete die Mädchen auf Spaziergängen und gab ihnen Unterricht; die Doktorin konnte sich beruhigt ihrer Vereinsthätigkeit hingeben, und das war gut, denn die Ansprüche vermehrten sich fortwährend. Sie brachte mehr als ihre halbe Tageszeit in der Aufopferung für Andere zu, die gute Frau; eine Visite je und je, ein Kränzchen, in dem aber für die Mission gearbeitet wurde, war aller Genuß, den sie sich verstattete, das Uebrige war pure Hingebung und doch wurde ihr nicht wohl dabei. Sie wurde allmählig so fremd in ihrem eigenen Hause; der Mann, der sie selten beim Nachhausekommen antraf, suchte seine Unterhaltung auf dem Museum, die kleinen Kinder waren so sehr an's Fortgehen mit dem Gretchen gewöhnt, daß sie bei der Mutter nicht mehr lange bleiben wollten; – es kam der Doktorin immer wie ein provisorischer Zustand vor und doch sah sie nicht ein, wenn ein definitiver folgen sollte. Auch bei dem Personal stellten sich einige Schattenseiten heraus. »Hör', die Madel kocht gut,« bemerkte der Mann beim Frühstück, »aber der Kaffee ist schlechter als sonst.« – »Ich weiß wirklich nicht, woran es liegt, sie verbraucht mehr als die frühere.« – »Mir ist die Sache verdächtig, ich wollte gestern meine Pfeife in der Küche anzünden, was sie stets sehr ungnädig aufnimmt, da bemerkte ich, daß bereits eingeschenkter Kaffee von prächtiger Farbe auf dem Küchentisch stand, ich glaube, sie trinkt den ersten Aufguß und wir, was nachläuft.« – »Ja, das ist so ein Vorrecht, das sich hie und da alte Köchinnen nehmen,« sagte die Frau verlegen, »der Kaffee ist ihr Einziges, man wird ihr das nicht wehren können, sie ist dafür in allen andern Sachen um so ehrlicher.« – »Das scheint mir ein ziemlich unbegründeter Schluß,« lachte der Doktor, »und dann ist sie unverschämt grob! gerade wie ich gestern aus der Küche ging, wetterte und tobte sie hinter mir, daß ich meinte, die Küche falle zusammen, und sagte so laut, daß ich's hören mußte: ›was hat Der in meiner Küche zu thun! ich laß ja seine Studierstub' auch ungeschoren!‹« – »Das mußt du ihr zu gut halten, Lieber, sie hat mir selbst in einer vertrauten Stunde gestanden, daß grob sein ihre Natur sei, ihr Vater schon sei ein entsetzlich grober Mann gewesen.« – »Ein schöner Trost!« – »Und dann,« versicherte die Frau weiter, »ist das gerade das beste Zeichen ihrer Ehrlichkeit, daß sie grob ist; ich gestehe, daß ich selbst sie fürchte und fast nimmer wage, in meine eigene Küche zu gehen, aber das sind gerade die Besten, so der ächte Schlag alter Mägde; unsere alte Bärbel daheim war so grob, daß sie der Mutter einmal eine Kachel vor die Füße warf, und die Mutter sagte oft, eine bessere Magd habe sie nie gehabt.« – »Ei den Gukuk auch, für die Vortrefflichkeit bedanke ich mich; und Geld brauchen wir rasend viel, wenn ich nicht bald Leibarzt beim Großmogul werde, so weiß ich nicht, woher es nehmen.« – »Weiß wohl!« seufzte die Frau, »in die Küchenausgaben läßt sich so eine perfekte Köchin nichts einreden, dann sind wir eben ein Haus voll Leute und leben in einer ungewöhnlichen Zeit.« – »Ja, ich merk's stark,« brummte der Doktor, wenn sie nur nicht schon drei Jahre lang dauerte!« Ein ander Mal fand der Hausherr Abends, daß das Kindermädchen doch gar zu spät mit den Kleinen nach Hause komme. »Es ist freilich ein Fehler,« gestand die Frau zu, »ich habe deßhalb auch vorgeschlagen, unsere Vereinssitzungen vom Abend auf den Nachmittag zu verlegen, damit ich Abends öfter zu Hause bin; das Gretchen ist eben noch ein pures Kind; an die Natur gewöhnt, kann sie sich nicht losreißen und vergißt sich im Spiel mit den Kindern.« – »Meinst du wirklich, es stecke nichts Schlimmeres dahinter? Kornelie erzählte mir gestern: ›Date bielt‹, auch der Kleine sprach schon von Soldaten, die mit ihm gespielt, das Mädchen ist hübsch, ich fürchte eine Militärbekanntschaft . . . .« – »O, was denkst du, das Kind! sie ist so schüchtern, daß es mir oft lästig wird; sie besorgt mir keinen Auftrag in ein Haus, wo Männer sind.« Der Doktor behielt seine Zweifel. Klara inzwischen ging in stiller Majestät ihres Weges; war es auch mit der Nähhülfe nicht so viel, als die Doktorin gehofft, Erziehung schien dagegen ihr Hauptfach; die Mama wurde freilich hie und da gereizt durch den entschiedenen Ton, mit dem sie in ihrer Gegenwart den Kindern Lehren und Verweise gab, der Vater bekam dafür nur desto mehr Respekt vor ihr. Sie hatte so gar vortreffliche Grundsätze; es war Genuß und Erbauung zugleich, sie über Tugend und Religion, Selbstverleugnung und Seelenadel sprechen zu hören. Mit Natalie und Hermann, die eben im freundschaftswüthigsten Alter waren, stiftete sie einen Tugendbund, sie schrieben Tagebücher und lasen sie einander vor, sie bekamen eine wahre Jagdliebhaberei auf Fehler, nur um dieselben einander nachher zu bekennen. Ueber die Befähigung Klara's zum Unterricht kamen dem Doktor bescheidene Zweifeln wenn er je und je zufällig einer Lehrstunde beiwohnte; zwar viel schöne Redensarten, aber, wie ihm schien, wenig Reelles dahinter. Sie hatte namentlich eine naive Art, unbequeme Fragen abzuweisen, die Lehrern sehr zu empfehlen ist. Einst hielt sie in der Geographiestunde eine schöne patriotische Rede über den Rhein. »Aber wo entspringt er?« fragte Mathilde. – »Es ist eine Schande, daß du's nicht weißt,« sagte Klara würdevoll. »Ich möcht's aber wissen,« sagte Mathilde. – »Gerade zur Strafe für deine Unwissenheit sage ich's dir nicht,« beschied sie Klara. In der Nähe von Doktors Wohnung war eine Apotheke gelegen, in der der Doktor den meisten Geschäftsverkehr hatte. Der Lehrling daselbst, ein junger Mensch von ungemein viel Kopf (er mußte sich seine Mützen stets extra bestellen), hatte hie und da Aufträge oder Anfragen seines Lehrherrn an den Doktor zu überbringen, und die jungen Mädchen kicherten, so oft er kam, weil Mathilde die kleine Sophie hatte sagen lehren: »Ludwig Dickkopf.« Nun vertraute eines Tags der Apotheker dem Doktor, der Ludwig entferne sich hie und da Abends und seine Magd habe ihn schon vor dem Doktorhaus auf und ab gehen sehen zur Stunde, wo Fräulein Natalie gesungen; auch bringe er unterschiedliche Blümlein nach Hause, die nicht auf Botanisirgängen gesammelt worden. »Nun, sehen Sie,« meinte der Apotheker, »ist der Ludwig noch ein heller Bub', kaum der Schule entwachsen, armer Leute Kind, und Ihre Fräulein Tochter ein Kind.« – »Gewiß, gewiß!« erwiderte der Doktor mit rothglühendem Gesicht, nahm Hut und Stock und eilte nach Hause. Die Frau kam eben aus dem Abendkranz zur Veredlung armer Bürgerstöchter, als der Mann in Hast eintrat. »Was ist's? hast du keine Gesellschaft auf dem Museum getroffen?« – »Ich habe, – den Apotheker, – Frau, sag' mir, ist's möglich, kann Natalie so dumm sein und an eine Liebschaft mit dem dickkopfigen Ludwig denken?« – »Natalie, das kleine Mädchen? du bist nicht gescheidt!« – »Der Apotheker sagt mir, er gehe am Hause vorbei, wenn sie Abends singt, und bringe Blumen heim; daß doch der Gukuk!« – »Ach, geh', das ist nichts! Frag' nur die Klara; diese ist ja immer bei den Singübungen.« Klara wurde beschieden, der Vater, immer noch heftig aufgeregt, trug ihr den Fall vor und fragte sie auf's Gewissen. »Wie können Sie das glauben?« sagte sie lächelnd mit ihrer wohltönenden Stimme und dem festen Blick ihrer schönen Augen. »Natalie ist ein Kind und lacht höchstens über den dickkopfigen Buben, ein Kind, bei dem ich mich wohl gehütet, die Saite nur mit einem Hauch zu berühren, die einst den Grundton ihres Lebens angeben soll. Nein, lieber Herr Doktor, da lassen Sie mir die Sorge; ein Glück, daß Sie das Kind auch nicht mit der leisesten Frage aus seiner Unbefangenheit gestört! Natalie und ein Liebesverhältniß!« Sie lachte hell auf, des Doktors Herz war wieder leicht und er meinte: »Ein gescheidtes Mädchen ist sie doch, viel Takt, viel Menschenkenntniß; die Mädchen kann man ihr ruhig anvertrauen; wenn sie nur nicht oft so gar weise wäre.« Es gehört zu den Gebrechen unserer armen Zeit, daß selten eine Haushaltung des gebildeten Mittelstandes mehr im Stande ist, ein ordentliches Weinlager zu halten, was sonst mit zum Fond eines soliden Hauses gehörte. Auch des Doktors Kellervorrath beschränkte sich auf ein Mostfaß und ein kleines Fäßchen mit edlem Weine, das je von Zeit zu Zeit beim Weinhändler wieder gefüllt wurde. Dies Fäßchen wurde in neuerer Zeit erstaunlich oft leer. »Weißt du nicht, Liebe,« fragte der Doktor seine Frau, »ob der Vater unsrer Madel, von dem sie ihre Grobheit geerbt, nicht auch zufällig ein Säufer war?« »Warum?« »Weil unser Wein immer so reißend schnell zu Ende geht, es könnte doch sein, daß er ihr beliebte.« – »Bewahre! sie trinkt gar nichts hitziges, es steigt ihr gleich so zu Kopfe, sie trinkt nicht einmal Most.« – »Das wäre noch kein Grund, ich habe meine Bedenken, will einmal gelegentlich selbst im Keller nachsehen.« Frau Bernhard fühlte sich mehr und mehr unbehaglich, trotz ihres vortrefflichen Hauspersonals, sie hatte in allen Gebieten ihres Hauswesens den festen Boden verloren und auf dem weiten Feld ihrer neuen Thätigkeit konnte sie keinen fassen. Jean Paul sagt einmal: es gibt im häuslichen Leben verrichtete, verwetterte, verregnete Tage, an denen alles Unglück zusammenkommt, wo alles keift und knurrt und mit dem Schwanze wedelt, wo die Kinder und der Hund nicht Muk sagen dürfen und der Herr des Hauses alle Thüren zuwirft und die Frau das Schnarrregister des Moralisirens zieht, wo lauter alte Schäden zu Tage kommen, wo alles zu spät kommt, alles verbrät, alles überkocht \&c. Ein solcher Tag brach nun auch über dem Hause des Doktors an. Die Frau kam eben von dem Hause, wo sie die letzteingegangene Summe für Schleswig abgeliefert und einige andere Vereinsgeschäfte besorgt hatte, Klara war mit den Mädchen in die Vorlesung und Gretchen mit den Kleinen auf den Rasenplatz gezogen. Froh, doch noch vor ihrem Mann nach Hause zu kommen, eilte sie die Treppe hinauf, da hörte sie aus der Küche dumpfes Stöhnen. Aus Respekt vor der ungnädigen Madel hatte sie diese in letzter Zeit kaum mehr zu betreten gewagt, jetzt eilte sie hinein, da lag Madele mit dunkelrothem Gesicht und stieren Augen und konnte nur noch undeutliche Jammertöne ausstoßen, während der Fleischtopf überlief und das Gemüse verbrannte. »Um Gotteswillen, Madele, was fehlt Ihr?« fragte sie; »'s ist mir so übel,« – stöhnte diese, »noch ganz nüchtern . . .« – »Unmöglich, Sie hat ja gefrühstückt!« Während die gute Frau sich vergeblich bemühte, den schweren Körper emporzubringen, kam der Mann nach Hause. »Ach Gottlob, daß du kommst! da sieh, das arme Madele! ich fürchte einen Schlagfluß.« Der Doktor besichtigte die Leidende ziemlich kaltblütig, »die muß in ihr Bett geschafft werden,« entschied er kurz. – »Aber sie ist ganz ohnmächtig und du allein bringst sie nicht hinein; ach, das fehlte uns noch, eine kranke Magd!« Der Doktor sah zum Fenster hinaus, ein Polizeidiener spazierte eben vorüber, er rief ihn um den christlichen Liebesdienst an und dieser eilte herbei. Die Kammer der Magd war verschlossen, der Schlüssel nirgends zu finden, die Leidende gab Zeichen der Weigerung von sich, als man sie hinein bringen wollte, der Doktor aber drückte die Thür ein. Das jungfräuliche Gemach war nicht in der schönsten Ordnung und der erste Anblick, der sich bot, waren etliche Töpfe und Krüge unter dem Bett. Der Doktor roch daran: »hab' mir's gedacht, habe nicht umsonst ein wenig Alkohol unter den Rest des guten Weins im Keller gemischt, – da haben wir die Bescheerung.« – »Aber Karl, das hast du gethan? wenn sie nun stirbt!« – »Stirbt nicht. Unter diesen Umständen wird es nicht unerlaubt sein, die Effekten dieses Ehrlichkeitsspiegels näher zu untersuchen.« Der Kasten wurde erbrochen und zeigte eine schöne Bescheerung: Kaffee, Zucker, Leinwand, Schmalz, Faden, Kleidungsstücke, Weißzeug, und je und je rief die Doktorin: »ach, das ist ja mein!« – »Da bleibt keine Wahl, als Ihnen die Person zu übergeben!« wandte sich der Arzt zum Polizeidiener, »sobald sie den Rausch verschlafen hat.« Die Frau war ganz angegriffen von der unerwarteten Entdeckung, der Doktor hatte nur zu trösten. »Aber wo bleiben die Kinder?« fragte sie endlich angstvoll, »es ist ja Mittag, um elf Uhr hätte Gretchen mit ihnen zu Haus sein sollen.« Ein vierstimmiges Geheul von der Straße antwortete ihrer Frage, sie war zu matt und entkräftet, um nachzusehen, der Doktor öffnete die Hausthür, da stand Gretchen, bleich und zitternd, den kleinen Rudolf auf den Armen, der aus einer Kopfwunde blutete, Kornelie und Sophie, die unverletzt waren, schrien zur Gesellschaft womöglich noch lauter als der Verwundete. »Was ist's mit dem Kind?« rief der Doktor entsetzt. »Es ist auf einen Stein gefallen,« sagte Gretchen stotternd. »Das ist keine Wunde von einem Stein,« meinte der Doktor kopfschüttelnd, und trug eilig das Kind herauf, um es zu verbinden. Gretchen wurde in die Apotheke geschickt, die Mutter vergaß ihren Schreck über der Sorge um das Kind, an's Essen dachte Niemand, bis Klara, die mit den Mädchen heimkam, sich dazu verstand, nach der verwaisten Küche zu sehen. »Mutter, ich weiß, woher der Rudolf die Wunde hat,« sagte Sophie geheimnißvoll, als sie mit der Mutter allein war, »er ist nicht auf einen Stein gefallen, in den Säbel.« – »In welchen Säbel?« – »Ja, von dem schönen Herrn Offizier, bei dem Gretchen in der Stube war; weißt, der Bediente der allemal mit uns gespielt hat, so lang Gretchen bei dem Offizier nähen mußte, der hat den Säbel herausgezogen und uns gezeigt, dann hat er ihn liegen lassen und Rudolf ist darein gefallen. Der Herr Offizier hat nicht leiden wollen, daß wir heim gehen, aber wir haben so arg geschrieen!« – »Seid ihr denn oft dort gewesen?« – »Fast alle Tage.« – »Aber Kind, warum hast du mir's nicht gesagt?« – »Ja, Gretchen hat gesagt, du werdest so arg böse, wenn du hörest, daß sie nähe in einem andern Hause, und der Herr Offizier haue uns den Kopf ab, wenn wir's sagen. Wenn du aber allein gewesen wärst oder bei Nacht bei uns, ich hätte dir's doch gesagt; weißt, Kornelie ist noch so dumm.« Also das war Nummer zwei. Das Gretchen, erschüttert von dem Unglücksfall, bekannte, daß sie schon, ehe sie in den Dienst getreten, das Wohlgefallen eines sehr vornehmen Herrn auf sich gezogen; während nun die Mutter ihre Lieblinge in unschuldigen Spielen mit dem Madonnenköpfchen wähnte, war dies bei dem Grafen, und die Kinder indeß der Obhut eines Bedienten übergeben, der so schlecht war wie sein Herr. Die Frau hatte genug. Die Wunde schien zum Glück nicht gefährlich; sie wich nimmer von des Kindes Bette. Die Töchter erfuhren erstaunt, was man sie von der furchtbaren Magdkatastrophe erfahren ließ, »ich wollt', die Klara ginge mit,« murmelte Mathilde, »die ist mir um nicht viel lieber.« Sie wagte aber nicht, es laut zu sagen. Es war Nacht, die Kinder waren zur Ruh, Madel war nach schmerzlichem Erwachen von dem Polizeidiener abgeholt worden. Dem Gretchen hatte man ihrer Jugend und Reue wegen Schonung gelobt, sie sollte in möglichster Bälde in der Stille nach Hause. Die Mutter saß am Bette des kranken Kindes, das sanft schlief, und dachte an gar viel, – nicht an Vereine. Da kam Natalie leise mit dem Nachtlicht herein. »Ei, Kind, du bist noch wach?« – »Ja, Mutter,« hob Natalie sehr verlegen an, »ich sollte dich noch etwas fragen.« – »Was denn, Kind?« – »Mutter,« sagte das Mädchen ängstlich, »sag mir doch, kann's denn sein, daß ich in den Apotheker Ludwig verliebt bin?« – »Du, Kind?« fragte die Mutter erschrocken. – »Freilich,« schluchzte das Mädchen, »Klara sagt's und ich könne ihn nun mein Lebenlang nimmer vergessen. Ach, Mutter ist's denn wahr, und bekomme ich denn einmal keinen Andern? Und er ist doch so dumm!« Das arme Kind weinte, daß es einen Stein erbarmen konnte. »Aber Kind,« fragte die entsetzte Mutter, »so sprich nur, warum weinst du's denn?« – »Sieh, ich habe zwar Klara unter freiem Himmel schwören müssen, ich wolle euch nichts sagen, aber jetzt, wo so arge Sachen geschehen, kann ich doch nimmer schweigen. – Wie ich, vor vielen Wochen schon, das neue serbische Volkslied probirte und nachher noch meinen Blumentopf ausgoß, um frisches Wasser hinein zu thun, stand der Apotheker Ludwig unten. »Was thut denn der Dickkopf noch da?« fragte ich Klara. – Da schaut sie mich so sonderbar an – o, ich kann gar nicht sagen wie – ganz tief heraus – und sagt: »Natalie, weißt du nicht, was stille Liebe ist?« – »Das weiß ich freilich,« sagte ich. Da deutet sie hinab, wo der Ludwig stand, und flüstert mir in's Ohr: »Und so saß er viele Tage, Viele Jahre lang, Harrend ohne Schmerz und Klage, Bis das Fenster klang.« »Und so hat sie mir alle Tage und Abende vorgesprochen, wie mich der Ludwig so unaussprechlich lieb habe und stundenlang in der kalten Nacht dastehe, nur um einen Ton meiner Stimme zu hören. Zuletzt plagte sie mich, ich solle ihm nur ein einziges Blümlein hinunter werfen; das hab' ich zweimal gethan. Dann stellte sie mir vor, wie unglücklich ich den Ludwig machen würde, wenn ich euch etwas sagte, und ließ mich unter dem Sternenhimmel schwören, daß ich keiner Seele ein Wort davon vertrauen wolle. Sie hat mir auch keine Ruhe gelassen, ich solle ihm einmal eine Locke hinunterwerfen, das sei sein höchster Wunsch. Aber du weißt, ich trage ja keine Locken, und aus meinen Haaren schneiden wollte ich auch nicht; aber ich hatte viele herausgekämmte, von denen hab' ich einmal hinunter geworfen. Gesprochen hab' ich aber kein einzigmal mit dem Ludwig. Neulich, als ich schon schlief, kam sie mit dem Licht an mein Bett, ich wachte auf und sie sagte mit feierlicher Stimme: »Natalie, du liebst.« – »Ich?« fragte ich, wen denn?« – »Du liebst Ludwig, du wirst ihn lieben in alle Ewigkeit!« – Ich weinte beinah und wollte es nicht glauben, weil er mir ja gar nicht gefällt, aber sie hat mir's ganz deutlich bewiesen und gesagt, weil ich ihm Blumen und eine Locke zugeworfen, so gehöre ich nun sein für's ganze Leben. Das war mir so arg! Ich habe so viel geweint in den letzten Wochen! Und gestern Nacht sagte sie mir, Ludwig dürfe nun nicht mehr vor's Haus kommen; wir wollen, wenn alles schlafe, in den Garten hinaus, daß ich ihn nur ein einzigmal spreche. Das habe ich aber nicht gethan, und heute dachte ich, ich wolle dir's sagen.« Unter heißem Erröthen und vielen Thränen wurde dieses Geständniß abgelegt, unter Lachen und Weinen umfaßte die Mutter ihr Kind, als ob sie es vom Abgrund zurückreißen müsse. Eingedenk aber der weisen Lehren Klara's, wollte sie ihre Aufregung nicht steigern. »Geh nur, Kind, und sei ruhig, du bist recht dumm gewesen und könntest tüchtig ausgelacht werden. Versprich, in deinem Leben niemals mehr der Mutter etwas zu verschweigen.« – »Gewiß nicht, gewiß nicht!« schluchzte die Kleine, »und nicht wahr, Mutter, ich liebe den Ludwig nicht und gehöre ihm auch nicht eigen?« – »Behüte, du einfältiges Kind! Ludwig ist ein dummer Junge und vielleicht hat er so wenig von dir wollen, als du von ihm!« – »Ja, ja, das kann sein!« rief Natalie erleichtert und ging getröstet zu Bette. Die Mutter war zu erschüttert, um Ruhe zu finden; sie mußte den Mann noch wecken und ihm die Geschichte erzählen. Dieser spie Feuer und Flamme und hätte beinahe noch um Mitternacht die Schlange aus dem Haus geworfen, die so sein Kind vergiften wollte. Doch ließ er sich bewegen, zu warten, um auch den Ludwig zu hören. Dieser wurde denn andern Morgens mit Vorsicht in's Verhör genommen und erzählte fast dieselbe Geschichte. Klara hatte ihn im Haus und auf einsamen Botanisirgängen einigemal allein gesprochen und ihm anvertraut, wie lieb ihn die Natalie habe und wie es sie betrübe, daß er nicht einmal an's Fenster komme, wenn sie singe. So hatte er denn endlich mit großen Herzensängsten die Fensterparaden begonnen und die Blümlein heimgetragen, »das Haar aber nicht.« Auch hätte er einmal in Herrn Doktors Garten kommen sollen; das hatte er aber nicht können, weil er den Hausschlüssel nicht gefunden. Trotz des tüchtigen Verweises von Seiten des Apothekers schien Ludwig doch ungemein erleichtert, daß er nicht mehr obligirt war, ein zartes Verhältniß anzuspinnen. Doktor und Apotheker versprachen sich gegenseitig, jedweden Roman, der sich im Hause finde, zu verbrennen, und schieden als gute Freunde. Das war nun der dritte Schlag; fast zu viel auf einmal. Klara's Reich war aus, sie hielt es unter ihrer Würde, sich zu vertheidigen und erklärte würdevoll, daß sie in Herrn Doktor Lilienschwerdt, dem Lektor über Sophokles, einen Freund gefunden, der schirmend ihr zur Seite stehn werde. Man bezahlte ihr den Gehalt und ließ sie ziehen. Es ist schwerer als man denkt, eine häusliche Reform durchführen, und wäre der Doktor nicht Medizinalrath in einer andern Stadt geworden, es wäre trotz der gewaltigen Erschütterung jenes Schreckenstages vielleicht doch zu keinem gründlichen Umschwung gekommen. So aber kamen die Umstände dem herzlichen guten Willen der Frau zu Hilfe. Es ist ihr sehr klar geworden, daß die Vereinsthätigkeit, so segensreich und wohlthuend sie sein kann, nicht für kinderreiche Mütter bestimmt ist, die unter dem eigenen Dach innere und innerste Mission genug zu üben haben. Sie war so glücklich, eine tüchtige Hausmagd zu finden und da der kleine Rudolf allein geht, so kann sie die Kleinen in dem schönen Garten, der an ihr neues Wohnhaus stößt, unter ihrer oder der größern Kinder Aufsicht spielen lassen. Natalie und Mathilde üben sich abwechselnd im Kochen, Natalie hat dabei noch Zeit, ihre Musikstudien zu machen und ihre schöne Stimme leitet den Chor, mit dem die Mädchen und die Mutter am Nähtisch die Zeit kürzen. Mathilde hat freilich noch viele Lehrstunden, das Ueberhören der Vokabeln hat sie aber der Mutter abgenommen, auch übt sie sich vortrefflich für den Gouvernantenberuf, indem sie die jüngern Geschwister unterrichtet. Und der Vater? nun der tritt mit hellem Angesicht von seinen ermüdenden Berufsgängen in das heitre Wohnzimmer, wo Söhne und Töchter wetteifern, durch ihre Gaben und Kenntnisse den Abendkreis zu verschönern. Es ist so ganz anders als früher, wo er auf die Frage. »wo ist die Frau?« die unabänderliche Antwort erhalten: »im Verein,« oder »im Kränzchen.« Er wollte seinerseits auch nicht zurückbleiben und suchte seine alten Schulkenntnisse hervor, um fremden Unterricht in Geographie und Geschichte entbehrlich zu machen, es ist sein höchster Triumph, wenn er von der jungen Weisheit seiner Söhne überflügelt wird. Es ist nicht als ob die Familie allem geselligen Verkehr nach außen entsagt hätte. Mutter und Töchter haben ihre Kreise, in denen sie gern gesehen sind, aber Visiten und Besuche sind Ausnahmen, die Heimath ist Regel und eine heitere und freudenreiche. Das redliche Madele sitzt im Zuchthaus, das sie reichlich verdient hat durch den systematischen Diebstahl, den sie hinter dem Schilde biederer Grobheit Jahre lang an ihrer frühern Herrin verübt. Gretchen ist bei einer gestrengen Frau Schulzin auf dem Lande, und da ihr Geschmack zu gebildet ist für eine ländliche Liebschaft, so ist zu hoffen, daß sie vor einem Rückfall bewahrt bleiben wird. Der Klara hat ihr ästhetischer Freund, ihre einnehmende Gestalt und ihr intriguanter Charakter zu einer vorteilhaften Gouvernantenstelle in einem adeligen Haus verholfen. Es ist noch nicht lange, so hielt ein eleganter Wagen einen Augenblick vor der Thür des Medizinalraths, ein Diener in reicher Livree gab eine zierlich gestochene Karte ab: Madame la baronne de Sternau, née Werning. Glück zu! III. Zwei Tausendkünstler. 1. Der Dakter. Es gibt Orte und Scenen, die man nie wieder sehen sollte, wenn man sie als Kind gesehen hat, um den poetischen Reiz des ersten Eindrucks nicht durch spätere nüchterne Anschauung zu schwächen. Unter solche Orte rechne ich die Stube des »Dakters,« die für mich mit all dem magischen Duft erfüllt war, der in poetischen Schilderungen auf den Laboratorien der Alchymisten ruht. Der Dakter war, wie der Titel besagt, ein Tausendkünstler, dem nichts verborgen blieb, und er machte Geschäfte in allen Fächern. Von Gewerbe war er ursprünglich ein Gürtler, er war aber auch Gold- und Silberarbeiter und Uhrmacher, er war aber auch Graveur und Juwelier, er verstand Porcellan zu kitten, Transparente auszuschneiden, Fahnen zu drapiren, Illuminationen zu arrangiren und Festsäle zu schmücken; er hatte schöne Kenntnisse in der edlen Kochkunst und konnte Torten und Kuchen so sinnreich verzieren wie der Hofkonditor. Der Dakter war auch ein Roßkenner, er hielt ein Pferd, einen Schlitten und ein sonstiges zweideutiges Fuhrwerk, das zwischen Droschke und Bernerwagen die Mitte hielt und das er zu eigenem Gebrauch und zum Vermiethen benutzte; er war auch rationeller Landwirth, der Aecker und Weinberge nach eigenen Heften anpflanzte und allerlei kunstreiche Bebauungs- und Bedüngungsversuche damit anstellte. Somit gab es der Berührungspunkte mit dem Dakter gar vielerlei, und mannigfach waren die Bestellungen, die wir bei ihm zu machen hatten. Solche Botengänge waren uns jedesmal ein Fest, trotz der hohen und schmalen Treppe, die zu erklimmen war, ehe man das Heiligthum des Künstlers betrat. Da wußte man nun in der That nicht, wohin zuerst sehen und was zumeist bewundern, und wir hatten gewaltigen Respekt vor dem Dakter Angesichts der Herrlichkeiten, mit denen er umgeben war. Die Wände waren geschmückt mit den neun Musen und dem halben Olymp in Porcellan, die Kommoden mit kunstreichen kolossalen Porcellanvasen, die bei allen Festlichkeiten in der Kirche, auf dem Rathhaus u. s. w. figuriren mußten; in der Mitte des Zimmers prangte ein hoher Glaskasten voll künstlichen Silbergeräths, wunderlich geschliffenen Gläschen und Krystallen in allen Farben, Brennspiegeln, einer Camera obscura, Porcellanfiguren und buntbemalten Döslein. Da mußte für Kinder eine ganz neue Welt aufgehen. Und der Dakter war gar nicht neidisch mit seinen Schätzen, er zeigte und erklärte alles, was da war und noch mehr, in seinem etwas schwer verständlichen sächsischen Dialekt, der uns den gutmüthigen Respekt einflößte, der den Schwaben vor allen fremden Mundarten befällt. Den Titel »Dakter« trug er von einer einfachen Veranlassung her. Als er zuerst aus dem Sachsenlande einzog, um unsere bescheidene Stadt mit seiner kunstreichen Gegenwart zu zieren, bestand noch der Gebrauch, daß man an den Thoren der kleinen Residenz, die er passiren mußte, um Titel und Rang befragt wurde. »Dakter Schwebbe,« sagte er der Kürze halber, und seither blieb er der Dakter bis an sein Lebensende. Es wäre aber unrecht, ihm diese Selbstbetitelung als Anmaßung aufzurechnen; wenn er auch just nicht auf dem ordinären Weg doktorirt hatte und von den mannigfaltigen Elementen seines Wesens das geistliche das unmerklichste war, so hätte er doch gewiß Doktor und Magister in nicht sieben, sondern wohl in siebzehn freien Künsten werden können. Auch hatte er selbst die allerumfassendste Meinung von seinem Talent. »Das kann ich ooch,« war seine einfache Antwort, wenn von irgend einer Kunst, Wissenschaft oder Erfindung die Rede war. Zu jener Zeit kamen die orthopädischen Institute auf und mit ihnen kam eine Unzahl von Verkrümmungen, hohen Seiten, schiefen Hälsen und was mehr für Mißgestalten an's Tageslicht, an die man zuvor kaum gedacht hatte, als man die Menschheit noch wachsen ließ, wie sie konnte und wollte. Tausend besorgte Mütter beobachteten den Wuchs ihrer Töchter, die Aerzte wurden um ihr Gutachten angerufen, wo sie gingen und standen; Turnanstalten, Streckbetten und andere Torturanstalten verbreiteten sich durch Stadt und Land. Obgleich nun der Dakter in einer unorthopädischen Zeit aufgewachsen war, so war er doch gleich vollkommen daheim auf diesem Gebiet. »Das kann ich ooch,« meinte er und construirte Hängeanstalten, Stahlkreuze und Maschinen, von denen Heine, Chelius, und wie sie alle heißen, gewiß noch viel Neues hätten profitiren können. Die Dampfmaschinen in jeder Gestalt hielten ihren brausenden Einzug in die Welt. »Das kann ich ooch,« sagte der Dakter und laborirte an einer Dampfsäemaschine, die zugleich durch laues Wasser, das sie von sich gab, den Boden hätte erweichen sollen, die aber meines Wissens nicht zur Ausführung kam. Daß er nicht kunstritt und seiltanzte, kam sicherlich nur daher, daß es eben nicht in seinem Belieben lag; Taschenspielkünste jeder Art verstand er wenigstens vortrefflich auszuführen: er warf Kugeln in die Höhe und fing sie mit einer Gabel auf, steckte sich eine Gabel in die Nase und ließ die Spitze am Aug herauskommen, verschlang Werg und spie Bänder und dergleichen; »ooch« konnte er Daguerrotypen verfertigen, nur daß sie wie Silhouetten aussahen. Ueber des Dakters Herkunft und Vergangenheit, über den Gründen, die ihn bewogen, das Sachsenland mit unserem hausbackenen Schwaben zu vertauschen, schwebte ein gewisses Düster, das ihn nur noch interessanter machte. Wenn er nun auch nicht direkten Aufschluß darüber gab, so verstand er doch das Dunkel mit einzelnen Erzählungen zu beleben, die wenig hinter denen des Herrn von Münchhausen zurückblieben. Er hatte ganz erstaunliche Abenteuer erlebt, so daß es eine Lust war ihm zuzuhören und ein biederer Dorfschulze einmal unwillkürlich in den Ruf ausbrach: »aber dem schmeckt's Lügen prächtig!« So zwar verstand er's nicht wie jener in Schwaben bekannte Ehrenmann, der unter andern Erlebnissen häufig erzählte, wie er in Afrika sehr glücklich verheirathet gewesen, bis ihm eines schönen Morgens sein schwarzer Schwiegervater alle seine Kinder gefressen, und der jedesmal bittere Thränen dazu vergoß. Dafür aber wußte der Dakter höchst reizende Schilderungen vom Karlsbad zu machen, wo er »ooch schon« gewesen, wobei er seiner Muse um so freieren Lauf lassen konnte, da er bei den einfachen Sitten des Städtchens gewiß war, daß sich niemand dorthin verirren werde, um seine Aussagen zu controliren. – Die Bäder Aladins im Thal der Genien sind gar nichts im Vergleich mit den Comforts des Karlsbades. Da saß man im Bad, schwebend auf einem Luftpolster, trat aus demselben in ein mit wohlriechender Luft erwärmtes Gemach, wo durch eine künstliche Maschinerie ein weicher, wollener Mantel zum Trocknen sich um die Glieder schlug; dann setzte man sich an ein Klavier, dessen schwarze Tasten je den Namen eines Buchs, die weißen die Namen verschiedener Speisen als Ueberschrift trugen; man schlug eine beliebige Taste an, und das betreffende Buch oder Gericht kam alsbald herbeigerutscht. In dieser Weise ging es weiter. Die meisten Potentaten Europa's hatte er in Audienzen oder bei zufälligen Begegnungen gesprochen. Er hat »ooch« vorher gewußt, wie's mit dem russischen Feldzug ausfallen würde, und seine Schuld war's nicht, daß man ihn nicht unterlassen hat; ooch hätte er eine besondere Art von fliegender Brücke über die Beresina angeben können, mittelst welcher der Uebergang leicht zu bewerkstelligen gewesen wäre. Sei es nun mit seiner Herkunft wie es wolle, seine universelle Bildung und die zum Theil wirklich werthvollen Geräthschaften, die den Schmuck seines Zimmers bildeten, ließen schließen, daß er einst »bessere Tage gekannt,« und er behauptete lange Zeit seinen Rang unter den Honoratioren der Stadt. Er machte sogar eine Art von Haus, wenigstens gab er alljährlich ein großartiges Herbstfest, bei dem er selbst gezogene und eigenhändig zubereitete Hahnen und Kapaunen auftischte und ditto Feuerwerk los ließ. Zwar gingen die Raketen abwärts statt aufwärts, das war aber wohl nur der Rarität halber, er hätte sie gewiß ooch steigen lassen können. Mit dem Ehestand hat er's auch in verschiedenen Variationen versucht, und wenn er eben nicht als musterhafter Ehemann berühmt war, so hat er doch gezeigt, daß er verstanden, immer wieder eine Frau zu bekommen, wenn auch die Vorgängerin nicht an Uebermaß von Glück gestorben war. – Die erste, die vielleicht den Grund zu seinem Wohlstand gelegt, war eine Wittfrau, ledernen, gesetzten Ansehens, die es wenig verstand, in seine Ideen einzugehen, und ein scharfes Regiment über ihn führte. Ja, böse Zungen wollen behaupten, sie habe ihn behandelt wie eine Orgel – bald getreten, bald geschlagen. Aber strenge Herren regieren nicht lange; sie starb und hinterließ ihn als trostempfänglichen Wittwer. Sodann erhob er seine Augen zu einer Honoratiorentochter der nächsten Stadt, die aber meinte, er habe in dem Fegfeuer seines ersten Ehestandes wenig Geduld gelernt. Nach ihrem Tode schien es fast, als wolle er Geschäfte in Körben machen, denn er handelte von diesem Artikel eine bedeutende Anzahl ein, endlich aber gelang es ihm doch, eine hübsche, schwarzäugige Bürgerstochter in sein Prunkgemach zu führen, ein herzgutes Weib, die es zum Erstaunen lang an seiner Seite aushielt, bis er »ooch« für sie einen kunstreichen Grabstein konstruirte. Mittlerweile war der Dakter ooch alt geworden, seine kunstfertige Hand zitterte, seine Beredsamkeit nahm ab, sein Vermögen und die Mittel ein Haus zu machen, gleichfalls und er schien noch mehr als zuvor die Einsamkeit seines Herdes zu empfinden. Da wählte er schließlich bescheiden »ein Weib aus dem Volke,« die Annekäther, eine rüstige Magd, die indeß seine Haushaltung besorgt hatte. Annekäther ließ sich die Ehre gefallen, blieb aber dabei fein in der Demuth, auch machte der Dakter keine Versuche, sie in geistiger oder geselliger Beziehung zu heben. Der einzige Bildungsgrad, den sie erlangte, war ein seidenes Kleid und eine Spitzenhaube; im übrigen verblieb sie seine demüthige Magd, die ihn treulich versorgte und verpflegte bis an sein Ende. Auch bei den Kindern, die dieser letzten Verbindung entsprangen, den einzigen Sprößlingen seiner vier Ehen, verlor sich der aristokratische Typus, den er selbst noch beizubehalten gewußt, immer mehr. So ging es dem Dakter gleich so vielen großen Männern, die ein glänzend begonnenes Dasein in Stille und Dunkelheit beschließen, wie dem Rhein, der im Sand verläuft. Es wurde immer weniger von ihm vernommen, immer seltener erblickte man Kunstwerke von seiner Hand; doch hatte Annekäther noch hinreichend Zeit, die Ehre des seidenen Kleides und der Spitzenhaube abzuverdienen, bis sie mit gefaßter Seele in den alleinigen Besitz seiner sehr geschmolzenen Verlassenschaft trat.   2. Der Beindrechsler. Ein bescheidenes Gegenstück zu dem vielbeweglichen Dakter habe ich in einem Universalgenie anderer Art in den Mauern eines kleinen, lebenslustigen Städtchens kennen gelernt, das, rings von Bergen eingeschlossen, in Sitten und Gebräuchen noch sein altes reichsstädtisches Ansehen bewahrt hat. Ich habe in meiner Jugend große Lust und Freude an der edeln Maler- und Zeichenkunst gehabt, obgleich mir's nimmermehr gelungen ist, meine Phantasien auch nur einigermaßen in eine Form zu bringen. Die menschlichen Gestalten und Gesichter en face bekamen stets ein grinsendes oder hexenhaftes Ansehen und die Hände mit ihren fünf Fingern glichen mehr einer seltsamen Blume als einem menschlichen Glied. Im Profil wären die Gesichter etwas besser ausgefallen, aber bei der übrigen Gestalt wußte ich nie, wo der zweite Arm anzubringen sei. Für Thiergestalten hatte ich nur Ein Modell, einen Storch, der entsteht, indem man eine schöne Geschichte erzählt von einem Herrn, der aus seinem Gartenhaus schaut (bin auf besonderes Verlangen bereit, es zu veröffentlichen). Nach diesem wurde mit kürzeren oder längeren Füßen und Schnäbeln das ganze Vogelgeschlecht gebildet; für die vierfüßigen Bestien aber fehlte mir ein ähnliches Arkanum, darum fielen mir diese noch schwerer, und meine Lämmer konnten nur an den Ohren und vier Füßen von den Vögeln unterschieden werden. Nun also, um dieses schöne Talent nicht brach liegen zu lassen, wünschte ich bei einem längeren Besuch in der erwähnten kleinen Reichsstadt Zeichenstunde zu nehmen. Als der Einzige, der mit einer so hoffnungsvollen Schülerin beglückt werden konnte, wurde mir Meister Buchsbaum, der erste und einzige Blumen-, Landschafts- und Porträtmaler der Stadt, empfohlen, der in Oel-, Aquarell- und Pastellgemälden, in Tusch- und Bleistiftzeichnungen Geschäfte machte. Ohne Examen und sonstige Schwierigkeit ward ich angenommen und begab mich mit Zeichenpapier, Bleistift, Tusche und vor allem mit Gummielasticum reichlich versehen in das Atelier des Künstlers, das Wohn- und Besuchzimmer, Lehrsaal und Arbeitsstube in sich vereinte. Ein friedlicherer Anblick, eine harmonischere Vereinigung der Attribute des Künstlerlebens mit der allerspießbürgerlichsten Ordnung und Behaglichkeit, als diese Stube darbot, läßt sich nicht denken. Die Aussicht aus den sonnenhellen Fenstern war von den grünen Bergen begrenzt, die von allen Seiten das Städtchen einschließen; an dem einen derselben stand der Arbeitstisch des alten Meisters, auf dem in zierlichster Ordnung sein Malergeräthe lag; vor dem andern sah man ein paar frischgrüne Blumenstöcke, auf dem innern Sims stand der Strickkorb und das Nähkissen der Hausfrau; am dritten befand sich das Tischchen, wo die Schüler ihre Versuche begannen. An der einen Wand hingen Musikinstrumente aller Art, Violine, Fagot, Posaune, Flöte, Klarinet und Horn; die andern waren mit den Kunstwerken des Meisters, Landschaften, Porträts und Blumenstücken bedeckt, in der Ecke stand der Drehstuhl und das sonstige Geräth zum Beindrechseln. Der greise Künstler empfing mich allzeit mit ruhiger Höflichkeit, in demselben unveränderten Kostüm, einem gestrickten wollenen Wamms und einer schneeweißen Zipfelmütze auf seinem ehrwürdigen grauen Haupt. Die fast ängstliche Ordnung und Sauberkeit, die ein Charakterzug jener kleinen Stadt ist, waltete auch in der kleinen Stube; kein Stäubchen war sichtbar, kein Blättchen von seiner rechten Stelle gerückt, sogar der Staar, der am Fenster der Hausfrau hing und Freiheit hatte, aus seinem offenen Käfig aus- und einzugehen, schien an Sauberkeit gewöhnt. Hier war so recht eine Heimath des Friedens von außen und innen; man vergaß ganz, daß da draußen eine Welt voll Hader, Vergnügungssucht und Klatscherei sich umtreibe. Inmitten dieses häuslichen Stilllebens begann denn der Zeichenunterricht, und wenn es je einen gelinden Lehrmeister gab; so war es der alte Buchsbaum. Seine Methode war höchst einfach und ich hoffe, daß begabtere Schüler als meine Wenigkeit glänzendere Resultate davon gewonnen haben als ich. So wie sein Talent sich einst die eigene Bahn gebrochen, so überließ er's auch seinen Schülern, die ihrige einzuschlagen. Mit Strichen, Linien und Kreisen hat er uns keinen Augenblick geplagt. Auf seinem Tisch lag eine große Mappe mit Zeichnungsvorlagen aller Art; da durfte sich denn jedes wählen, was ihm gefiel, und an was es den Muth hatte sich zu wagen, Hirsche oder Hunde, Blumen oder Bäume, Obstkörbe oder Apostel. Die Originale waren in Quadrate eingetheilt, eben so geschah es mit dem Blatt, worauf die Zeichnung kam, was das Nachzeichnen ungemein erleichterte. Nun arbeitete man darauf los mit Kreide und Wischer, nach bestem Wissen und Vermögen; was nicht gerathen wollte, das bracht man dem Lehrer, der wieder gut machte, was wir übel gemacht; am Ende rieb er uns die Bleistiftquadrate säuberlich heraus mit Gummielasticum, und so entstand ein ganz leidliches Stück, unter das wir unser fecit schrieben und es triumphirend als eigene Arbeit nach Hause trugen. Das alte Ehepaar schickte sich so harmonisch zusammen wie seine ganze Umgebung. Das Weibchen verhielt sich während der Lehrstunden sehr still, ihr Tritt in den weichen Filzschuhen war unhörbar, die Thüren waren mit Salband bezogen und gaben kein Geräusch. Nach der Lektion aber liebte sie's, wenn ich ein Stündchen mit ihr verplauderte, wo sie der bewundernden Anerkennung der Talente ihres Ehherrn freien Lauf lassen konnte. – »Ja, das würden Sie gar nicht glauben, wie geschickt er ist, und alles von ihm selber! Jetzt sind es bald sechzig Jahre, daß er als ein ganz gewöhnlicher Beindreherjunge aus der Lehr gekommen ist. alles andere hat er aus sich selbst heraus gelernt, nur so vom Hören und Sehen: Musika, alle Instrumente, das Zeichnen und das Malen so gut, daß er sogar den Herrn Decan selig noch nach seinem Tode abkonterfeit hat, und das Beindrehen versteht er so fein und künstlich, daß sein Meister gar nicht an so was denken konnte, wie er's gemacht hat.« Das verhielt sich auch wirklich so, und der Meister Buchsbaum hatte als Stadtmusikus, als Porträtmaler und Zeichenlehrer, als Obmann seiner Handwerksgilde die verschiedenartigsten Beziehungen zu allen Wechselfällen des Lebens, zu allen Einwohnern der Stadt und Gegend, und in allen diesen Kreisen bewegte er sich mit seinem stillen, ruhigen Wesen in unerschüttertem Seelenfrieden und ungetrübter Lauterkeit und Herzenseinfalt. Am weitesten hat er's, meines Erachtens, denn doch in der Kunst gebracht, zu der er ursprünglich bestimmt war, im Beindrechseln. Er stammte noch aus der alten guten Zeit, wo das kunstfertige Städtchen ein Nürnberg im Kleinen war; er war einer der drei erlesenen Meister, die den alliirten Monarchen auf ihrem Durchzug Proben ihrer Kunst dargebracht hatten: ein Schachbrett, dessen vier Zoll hohe Figuren lauter Porträts berühmter Monarchen, Generale und Offiziere aus dem Freiheitskrieg darstellten, einen Korb mit Früchten, und einen Blumenstrauß, die man beide für natürlich hielt. »Auch der alten Königin selig, die eine Kronprinzessin von England war, hat er so einen schönen Obstkorb zum Hochzeitgeschenk gemacht,« erzählte das Mütterchen. – »Ja, ja,« fiel der sonst schweigsame Meister mit Lachen ein, »es war eine Erdbeere darunter, nicht größer als die natürlichen sind; diese konnte man aufdrehen und da waren neun Kindlein darin; man konnte bei jedem noch das Gesicht unterscheiden. ›Zuviel, zuviel!‹ rief die Königin, wie so eins um's andere heraus rollte.« Des Meisters letztes und höchstes Kunstwerk, das er mit großer Liebe und Treue ausgearbeitet hatte, war in einem kleinen, zierlich geschmückten Gemach aufgestellt und wurde von der Hausfrau mit Stolz und Freude vorgezeigt. Es war ein bunter Strauß von Blumen aller Arten, so fein und schön gearbeitet, daß man wirklich glaubte, die feingeäderten Blumenblättchen müßten sich vom Hauche des Mundes bewegen. »Das müssen wir aufbewahren zum Angedenken,« sagte die Frau, »so lang noch eines von uns lebt. Es sind schon viel vornehme Reisende bei uns gewesen, und ein reicher Engländer hat uns schwer Geld dafür geboten, aber das thun wir nicht. – Man thät's ja gar nimmer glauben, wie künstlich er gewesen ist,« fügte sie wohlgefällig hinzu. Eine einfachere Lebensweise als die des greisen Ehepaars habe ich nie und nirgends in der Welt gesehen. Es war gegen das Ende des Winters, als ich meine Studien bei Meister Buchsbaum machte und während dieser Zeit blieb der Speisezettel der alten Leute Tag für Tag unverändert derselbe. Am Samstag kochte das Mütterchen einen Topf voll Sauerkraut, um Sonntags nicht am Kirchgang gehindert zu sein, Donnerstags eine Kachel voll Erbsen. Das waren ihre Küchengeschäfte für die ganze Woche. Jeden Vormittag Punkt eilf Uhr ging sie sachte hinaus und stellte ein Schüsselchen mit Erbsen nebst einem Teller mit Kraut und Fleisch in den Ofen zum Wärmen; das war Suppe und Gemüse. Eine Magd hatte und brauchte sie nicht, und die Gehülfen, die der Meister zur Ausführung seiner musikalischen Leistungen brauchte, waren Dilettanten, die in der Stadt wohnten und außer den Proben nichts mit ihm zu thun hatten. So störte nichts den lautlosen Frieden, das innige Genügen des ehrwürdigen Paares. Der Meister wurde nie ungeduldig, wenn die Frau jedes Papierblättchen, jedes Farbenschälchen wieder an Ort und Stelle trug, sobald er es weggelegt hatte, und die Frau wurde nie müde, dasselbe Stück zum zwanzigstenmal aufzuräumen. Ihre tägliche Herzensfreude war, während sie den Morgenkaffee bereitete, bei geöffnetem Fenster dem Choral zu lauschen, den er in vollen Accorden vom Thurme herab blies. Nie fiel ein rauhes Wort zwischen ihnen, und obwohl sie alle beide niemals etwas vom Zusammenklang der Seelen gehört oder gelesen hatten, so konnten doch die Instrumente, die die Wand zierten, in ihrer besten Stimmung und an den höchsten Kirchenfesten nicht harmonischer zusammenklingen als das Leben des alten Künstlers und seines hausbackenen Weibchens. Daß ich das Atelier des Meisters nicht als Künstlerin verließ, war seine Schuld nicht: ich habe etwas Besseres daraus mitgenommen, den Eindruck eines friedvollen Daseins voll Liebe und Genügen. Ich habe nichts mehr von dem alten Paare vernommen; wahrscheinlich hat es sich zur Ruhe gelegt, noch ehe Dampfwagen und Lokomotive durch das stille Bergthal brausten, und wer weiß, in welcher Rumpelkammer jetzt das Kunstwerk des greisen Meisters modert. IV. Die stillen Schwestern. Die schönsten Stunden der Schulzeit bringt wohl niemand, selbst das eifrigste und pflichtgetreuste Kind, im Schulzimmer selbst, auch nicht beim Unterricht zu, sondern sicherlich in den freien Zwischenpausen, die doppelt süß sind nach dem Zwang des langen Stillsitzens, im Hof, auf dem Rasen oder sonstigen Nebengelassen. So war es uns an Regentagen ein besonderer Genuß, wenn wir auf den Dachboden des alten Schulgebäudes entschlüpfen, uns da in heimliche Eckchen zusammenkauern und grauliche Hexen- und Gespenstergeschichten erzählen konnten, oder wenn wir aus den Dachluken ins weite Land hinaus blickten und in die sonst verborgnen nicht beachteten Hinterseiten der Häuser lugten, um da allerlei Heimlichkeiten zu entdecken. Einer der anziehendsten Gegenstände für meine Beobachtung, von den Andern wenig beachtet, war da ein altes Haus in einem engen Seitengäßchen unweit der Kirche, das, obwohl verwittert und zerfallend, in seiner stattlichen Größe verwunderlich abstach gegen die umgebenden Barracken. Es war ein Haus, wie sie in älteren Städten noch da und dort zu finden sind, das mit dem zerfallenen Portal vor dem Hofraum, den massiven Steinwänden und den hohen Fenstern mit runden Scheiben von einem bürgerlichen Reichthum früherer Zeit zeugte, wie wir ihm heute nicht mehr begegnen, wo die Wohlhabenheit bürgerlicher Stände sich meist nur durch übertriebenen Luxus oder durch ängstliche Knickerei verräth. Jetzt sah das Haus, trotz seiner stattlichen Räumlichkeit, gar nicht mehr wohnlich aus; das Hofportal war eingefallen und die große Pfütze, die den größten Theil des Hofes einnahm, war für Enten und Gänse ein anziehenderer Tummelplatz als für Menschenkinder. Der untere Hausraum diente zur Aufbewahrung von Weinkufen und einer Mostpresse, die obern Stuben mit den erblindeten oder zerbrochenen Scheiben waren zu Speichern benützt. Nur auf einer Seite zeigte ein breites Fenster mit blanken Scheiben und weiß angestrichenen Rahmen, daß hier noch eine menschliche Wohnung sei. – In der großen Stube hinter diesem Fenster wohnten die letzten Nachkommen des wohlhabenden, angesehenen Bürgergeschlechts, das vor Zeiten dieses Haus erbaut hatte, zwei unverheirathete, alternde Schwestern in großer Stille und Eintracht zusammen. Sie lebten so zurückgezogen, daß nur wenige Freunde ihre Behausung betraten; wir aber von unserem hohen Standpunkte aus konnten zwischen dem jungen Geranium und dem Rosenstock am Fenster hindurch leicht die Stube überschauen. Geheimnißvolles war da nun eben nichts, weder im Zimmer, noch im Thun und Treiben der beiden Schwestern. Es war ein Eckzimmer, das von zwei Seiten Licht hatte, hell, freundlich und äußerst reinlich gehalten; eine stattliche, bauschige, gebohnte Kommode, bis oben hinauf mit Glas und Porzellangeschirr besetzt, eine Wanduhr in langem Kasten, hochlehnige Stühle und ein Canape gaben ihr ein wohnliches, anständiges Ansehen. Die Schwestern saßen stets mit Kunkel und Strickzeug beisammen. Die Spinnerin war die jüngere; sie war es auch, die den kleinen Haushalt, die Einkäufe, kurz das ganze äußere Departement besorgte. Sobald sie das Zimmer verließ, öffnete die Strickende ein großes Buch, in dem sie während der Arbeit eifrig las, bis die Schwester wieder eintrat. So wäre das Stillleben unten bald beobachtet gewesen; nur Eines fiel mir auf, daß die Aeltere stets mit abwärts gewandtem Gesicht bei der Jüngeren saß, und so auch den Mittagskaffee trank, bei diesem Genuß wir sie hie und da belauschten. Lange war mir's unerklärlich, woher bei dem anscheinend so guten Vernehmen der Schwestern dieses seltsame Geberden komme; als aber einst ein plötzlicher Straßenlärm die Jüngere an's Fenster rief, da wandte sich auch die Andere rasch vorwärts, und ich sah mit Schrecken, daß ein grauenvolles Krebsleiden die Zerstörung dieses so viel wie möglich verhüllten Gesichts begonnen hatte. – Ja, so war es, und was ich damals in kindischer Neugier als Curiosität betrachtete, das habe ich später als ein schweres, mit seltener Geduld getragenes Geschick verstehen lernen. Vor zwanzig Jahren war Rosine, die da drüben so still an ihrem Buch und Strickzeug saß, ein gesundes, blühendes Mädchen gewesen, die Tochter angesehener Eltern, die vergnügte Braut eines wohlhabenden jungen Hufschmieds. Philipp war ein Nachbarsohn, ein geschickter, rechtschaffener Bursche, und die beiden hatten es seit lange als eine natürliche Sache angesehen, daß sie zusammen kommen sollten: Die Aecker grenzten nachbarlich zusammen, Die Herzen stimmten überein . . . .« Seit es Rosinen erlaubt war, zum Tanz zu gehen, hatte sie Philipp dazu geführt, und nach der herrschenden Sitte hatte sie dann den ganzen Abend stets nur diesen Einen Tänzer, verlangte auch nach keinem andern. An schönen Sonntagen gingen sie zusammen spazieren, abwechselnd auf Philipps großen Acker und in den Baumgarten, der Rosinen vom Vater zugesagt war. Sie mußten nur noch warten, bis Philipp, der beurlaubter Soldat war, seiner Militärpflicht entbunden und mündig wurde, um Hochzeit zu halten. Mit ruhiger Freude rüstete Rosine ihre Aussteuer und hatte sich schon das feine Halbtuch zum Hochzeitkleide ausgelesen. Auch Philipp war zufrieden und vergnügt mit seiner braven, fleißigen Braut, und wenn er all' das Drangsal mit ansah und anhörte, das seine Kameraden mit spröden oder ungetreuen Schätzen durchzumachen hatten, so freute er sich, sein Schäfchen im Trockenen zu haben. Rosine kam ihm mit ihren rothen Wangen und freundlichen Augen auch so schön vor, wie irgend Eine; nur betrachtete er oft bedenklich einen dunkelrothen Fleck im Gesicht seiner Braut, der nicht hergehörte und nicht weichen wollte. Rosine meinte, das sei ihr einmal »vom kalten Luft« angeflogen und werde schon vergehen; aber es verging nicht, obschon sie Tränke, Salben und Amulette von einem weitgesuchten »Mann«, das heißt einem sympathetischen Wunderthäter, gebrauchte; im Gegentheil, das Ding wurde größer und schlimmer. Da starb der alte Schmied, Philipp hoffte in Kurzem Meisterrecht und Heirathserlaubniß zu erhalten, und es wurden alle Anstalten zu Aufgebot und Hochzeit getroffen. Zuvor aber hätte die Rosine doch wieder gern ein glattes, sauberes Gesicht gehabt. An den »Mann« hatte sie keinen Glauben mehr, den Arzt im Ort zu fragen, trug sie eine eigene Scheu, und so entschloß sie sich, zu einem berühmten Arzt der nahegelegenen größern Stadt zu gehen. Daheim sagte sie kein Wort vom eigentlichen Zweck ihrer Reise, als sie an einem Feiertag Nachmittag sich im schönsten Putz auf den Weg machte: sie wolle nach einer Weste für Philipp sehen und noch etwas zur Hochzeit besorgen. – Philipp gab ihr das Geleit bis zur Ruhbank, die etwa auf der Hälfte des Wegs steht, und versprach, sie da Abends wieder zu erwarten. Als sie ihm die Hand zum Abschied gab, wurde ihr plötzlich recht schwer um's Herz, sie wußte nicht warum; lange ließ sie seine Hand nicht los, so daß sie Philipp ganz verwundert ansah und nun erst bemerkte, daß ihre Augen voll Wasser standen. »Was hast? warum heulst?« fragte er mitleidig. – »Weiß selber nicht,« sagte sie und nahm sich zusammen; »b'hüt' dich Gott!« Als er sich aber heimwärts wandte, mußte sie noch genug weinen und blickte ihm nach, so lange sie ihn sehen konnte. Dann aber schritt sie rüstig vorwärts und vertrieb sich die traurigen Ahnungen mit fröhlichen Gedanken an Hochzeit und Haushalt. Abends um sechs Uhr stand Philipp wieder an der Ruhbank, um auf Rosine zu warten; er stand eine gute Weile, bis ihm der scharfsinnige Einfall kam, daß er ihr auch noch weiter entgegen gehen könne. Das that er denn wirklich, und nach einer Viertelstunde sah er endlich Rosine kommen, aber recht müde und langsam; es war gar nicht ihr sonstiger Gang. Als sie näher kam, bemerkte er, daß sie ganz bleich aussah, nur das bedenkliche Mal sah röther aus wie sonst. »Was gibt's, Rosine, was hast?« fragte er betroffen und bot ihr die Hand. – »Ich will dir's sagen, Philipp,« erwiederte sie ruhig und ging mit ihm vorwärts. »Ich bin beim Doktor gewesen und habe ihn gefragt wegen meines Gesichts. Ich habe keinen guten Bescheid. Er hat's genau untersucht, wollte aber lang nicht 'raus rücken; aber ich hab' ihm gesagt, ich müsse es wissen, weil ich heirathen solle, und nun weiß ich alles. Philipp, wir können nicht heirathen: es ist ein Krebsschaden, und wird nicht mehr besser.« – »Ach! das glaub' ich nicht, das kann nicht sein!« rief Philipp erschrocken, ließ aber doch unwillkürlich Rosinens Hand los. – »Es ist so,« sagte Rosine traurig; »ich hab's lang schon gespürt, daß es so etwas sein werde, aber ich hab's eben nicht glauben wollen. Es ist einmal Gottes Wille so; zum Weib kannst du mich nicht brauchen.« Sie gingen gar schweigsam mit einander heim. An Rosinens Haus wußte Philipp nicht recht, ob er wie sonst mit ihr hinauf gehen solle; sie aber gab ihm die Hand und sagte: »Gute Nacht, Philipp; nicht wahr, wir gehen im Frieden von einander und tragen einander nichts nach? Wir sind ja unschuldig daran.« Philipp wollte noch was sagen, aber Rosine hatte ihr Gesicht in das weiße Tüchlein gedrückt und machte sachte die Hausthür zu. Rosinens Vater wollte noch schwerer an die plötzliche Vereitlung des lang gehegten Plans glauben, und gab ihn nicht so leichten Kaufes auf. ›Man könne immerhin indeß voran machen, meinte er, und nachher Hülfe suchen; es werde nicht gleich zum Aergsten gehen.‹ Davon aber wollte Rosine nichts wissen. Indessen ging sie zu Doktoren und Quacksalbern weit und breit, aber vergebens; das Uebel ward nur schlimmer, bis sie zuletzt bestimmt erklärte, sie brauche nun nichts mehr, da bei der Art des Uebels die Aerzte sogar eine Operation für fruchtlos hielten. Von der Heirath wurde es still; Rosine war nie mehr am Fenster zu sehen, und Philipp kam auch nicht herüber. Etwa ein halbes Jahr nach jenem Feiertagsgang kam Philipps Mutter Abends zu Rosinens Vater und rückte nach kurzer Einleitung mit dem Plan heraus: sie meine, Philipp könnte nun wohl Lene, die Jüngere, nehmen; dieß wäre so ganz passend. Dem Vater kam es auch so vor, und es nahm ihm wegen des Geredes der Leute und der fertigen Aussteuer einen rechten Stein vom Herzen. Auch Lene, die in der Ecke hinter dem Ofen saß, hörte erröthend mit frohem Herzklopfen zu; es fiel ihr bei, daß sie Philipp eigentlich ihr Leben lang gern gesehen habe, nur daß sie nicht daran gedacht, weil er ja Rosine zugehörte. Da hörte sie plötzlich aus der anstoßenden Küche einen dumpfen Schrei; sie sah durchs Schiebfensterchen; da lehnte Rosine am Küchenfenster und hatte den Kopf in ihre Schürze gewickelt, daß man ihr Schluchzen nicht hören sollte. Leise zog Lene den Kopf zurück und blieb ganz still in ihrer Ecke, während die Alten Aussteuer und Heirathsgut bis auf die Mehlsäcke hinaus besprachen, ohne sie zunächst um ihre Einwilligung zu fragen. Am nächsten Vormittag war Philipp allein in seiner Werkstätte, die Mutter auf dem Feld, da kam Lene und bat ihn, mit ihr in die Stube zu gehen. Er führte sie freundlich, wiewohl etwas verlegen hinein. Sie ließ ihn nicht lang auf den Grund ihres Besuchs warten. »Philipp, deine Mutter und mein Vater meinen, wir sollten jetzt zusammen kommen; ich hätte auch nichts dawider gehabt, aber es kann doch nicht sein. Der Rosine würd' es das Herz abdrücken; nicht wahr, das meinst du auch?« – Viel schöne Redensarten von Liebe und Entsagung sind nicht gewechselt worden zwischen Philipp und Lene. Freilich hatte sie ihm nie zuvor so gefallen wie jetzt, aber er sah ein, daß sie recht habe, und sagte ihr mit seinem ehrlichen Wort zu, daß er es der Mutter ausreden wolle. »Und, Lene, wenn ich doch Meister werden und heirathen soll, so bleib' ich nicht hier, wenn's gleich des Vaters selig Werkstatt ist. Wenn es immer schlechter wird mit deiner Rosine, so wär's so gar betrübt für mich und für sie.« – »Du hast recht, Philipp, das ist brav, und es soll dir gut gehen, wo du auch hingehst; b'hüt dich Gott!« Sie gaben einander recht herzlich die Hand und Lene ging heim, ohne weiter ein Wort darüber zu reden. Und so blieb es einstweilen beim Alten. Jahr um Jahr verging; langsam, langsam schleichend griff das Uebel Rosinens um sich. Ihr Vater starb, Philipp heirathete eine Base in einem entfernten Orte und seine Mutter zog mit ihm; die Schmiedwerkstätte blieb lang geschlossen, bis ein fremder Meister in sie einzog. Rosine ließ sich nicht mehr außer dem Hause sehen, aber Lene hielt getreulich aus bei ihr und heiratete nicht. Man hat wenig vernommen vom edelmüthigen Wettstreit unter den beiden Schwestern über dieses Opfer; Rosine hat nicht viel Worte darüber gemacht und niemand weiß, ob sie verstanden, wie viel es die Lene gekostet. Gott allein weiß es, dem sie jeden Abend ihr Herzeleid zum stillen Opfer darbrachte, und zu dem sie ihre inbrünstigen Gebete für die Schwester schickte. So war es, als ich das Leben der Schwestern zum erstenmal belauschte, und so blieb es lange Jahre. – In stillen Sommernächten sah man wohl hie und da Rosine mit der Schwester leise aus ihrem Haus schleichen und einen Gang in's Freie wagen. Sie hatte das Gesicht in ein weißes Tuch gehüllt und athmete draußen in langen Zügen begierig die frische kühle Luft ein, bis sie geräuschlos wieder zurückkehrten. Am Sonntag versäumte Lene nie, in die Kirche zu gehen. Wenn dann alle Kirchgänger drinnen waren und die Straße still, so öffnete sich oben das Fenster, und hinter dem Rosenstock und dem Geranium stand die Kranke und lauschte sehnsüchtig dem Orgelklang und Kirchenlied, die zu ihr herübertönten; wenn der Gesang verklungen war, setzte sie sich mit ihrer Bibel an's offene Fenster und las das Evangelium und horchte andächtig auf die wenigen einzelnen Worte, die sie von der Predigt verstehen konnte. Das war ihr Gottesdienst, und es war kein vergeblicher. Von wie manch reichem Mahl der Gesunden und Frohen bleibt der Friedensengel ferne, der über dem einfachen Tisch der Schwestern weilte, während Lene getreulich in schlichten Worten die Predigt wiedergab. Acht Jahre war ich dem Schauplatze meiner Jugendfreuden und dieser einfachen Geschichte fern geblieben, bis ich einmal wieder kam und die alte Kirche und das schmale Gäßchen und das Fenster des stillen Schwesternhauses wieder sah. Da war es noch viel stiller geworden. Vor einem Jahre hatte man eine Leiche aus dem Hause getragen; nicht die kranke, lebensmüde, nein, die gesunde, kräftige, hilfreiche Schwester hatte eine bösartige Seuche in wenig Tagen weggerafft. Da war es zum ersten, zum einzigen mal, daß man eine laute Klage von der armen Rosine vernahm, nachdem sie die Schwester gepflegt bis in den Tod und von den schönen Blumen des Rosenstocks einen Strauß in den Sarg der treuen Lene gelegt. Unbekümmert um die mitleidigen und neugierigen Blicke der Leute, schaute sie vom offenen Fenster dem Sarge nach, so lange sie konnte. In der stillen Nacht wankte sie auf den Kirchhof mit dem Rosenstock im Arm, den sie mit zitternden Händen auf dem Grabe einpflanzte; dann ging sie in ihr einsames Hans zurück, um es nie wieder zu verlassen. So ganz allein ist sie nicht geblieben. Sie war wohlhabend, und bezahlte Hände findet man immer, auch wo die liebewarmen im Grab erkaltet sind. Doch nahm sie nur die nöthigste Hülfe an und fühlte sich am wohlsten in der Einsamkeit, allein, mit dem Worte dessen, der verheißen hat, uns zu trösten, wie einen seine Mutter tröstet, der »alle Thränen abwaschen will von allen Angesichtern.« Es sprachen auch Freunde bei ihr ein, in denen der Eindruck ihres friedevollen Wesens das Grauen vor ihrem Uebel überwog, aber ihr Friede war zu innerlich, als daß sie ihn viel in Worte hätte fassen können. So blieb sie bald wieder einsam. Der Rosenstock blühte neu auf dem Grabe, das Geranium aber breitete seine vollen grünen Blätter mitleidig über den ganzen Fensterraum, und unbemerkt konnte die arme Leidensgestalt dahinter ihren stillen Gottesdienst feiern. Ich habe sie lange nicht mehr gesehen, und ich glaube, daß jetzt das Fenster geschlossen bleibt, daß die Geraniumzweige abgeschnitten wurden, um den Sarg zu schmücken, unter dem ein Herz ruht, das schwerer und stiller getragen hat als Tausende, und das überwunden hat in Kraft des Glaubens, der stärker ist als der Tod. V. Die Jammerbase. Es ist eine uralte Tradition, die bis auf den heutigen Tag auf Treu und Glauben hin angenommen wird, daß nur der Glückliche Freunde habe, der Unglückliche aber freundlos und verlassen sei. Wer das Leben näher ansieht, wird jedoch gar oft das Gegentheil finden. Mancher hat erst im Unglück erfahren, wie viele gute Freunde er hatte; Viele, die wir in ihren guten Tagen unbeachtet dahinziehen ließen, werden uns erst wichtig und interessant, wenn ein unerwartetes Leid über sie hereingebrochen ist, – ist der Jammer vorüber, so läßt man sie getrost wieder ihres Weges gehen. Diese Sympathie für's Unglück erstreckt sich ja bis auf den Verbrecher, der auf dem Schaffot stirbt. Eigentümlich scheint mir freilich hiebei, daß man Trost und Liebe, Thränen und Mitgefühl, ja auch aufopfernde Dienste mit Nachtwachen, Krankenpflegen \&c. viel leichter bei seinem Nebenmenschen findet, wenn man dessen bedarf, als – Geld, das schnöde Geld, diese Hand voller Sand. Kommt einmal auch zu dem gutherzigsten, wirklich wohlwollenden Menschen und sagt, daß Ihr ein Anliegen habt, sogleich verbreitet sich ein eigenthümlich verlegener Zug, ein gewisses Zögern und Ansichhalten auf seinem Gesicht, das immer bedenklicher wird, je näher eure Bitte auf Geld zielt, sei es um ein Anlehen für euch selbst oder andre, eine Bürgschaft oder eine Armenkollekte, wovon sich's handelt. Selbst Gaben an Arme, über deren Zweckmäßigkeit man im Zweifel ist, die man aber aus lauterer Gutherzigkeit doch gibt, gibt man mit einer gewissen Säuerlichkeit oder mit unfreundlichen Ermahnungen, die der Gabe allen Werth nehmen, die würdigen Armen in's Herz schneiden und unwürdige verbittern und schlechter machen. Ist aber euer Anliegen andrer Art, bittet ihr um Trost oder guten Rath, um Beistand bei einer Arbeit oder Besuch bei einem Kranken, da glättet sich die Miene und die herzlichste Bereitwilligkeit kommt Eurem Verlangen entgegen. Und das ist nicht allein der Fall bei Geizigen, bewahre, auch freigebigen, sorglosen Gemüthern wird durch die Last der Zeit dieses philisterhafte Haften am Geld aufgenöthigt, und ich möchte einen Menschen sehen, dessen Gesicht sich nicht aufklärt, dessen Ton sich nicht ändert, wenn das Weib mit einem Armkorb, die er für eine Bettlerin gehalten, nun anhebt: »Ich möcht' gern einen Zins zahlen.« Das ist nun einmal so, und ob es anders werden wird, so lange die Welt steht, das weiß Gott. Trotz all dem kann man aber nicht mit Grund sagen, daß das Unglück freundlos sei. Eine solche Freundin des Unglücks, die von der schnöden Welt schlechten Dank erfuhr, war Frau Christiane Krauthöferin, zunächst von der Familie, allmählich aber im Kreis ihrer Bekanntschaft schlechtweg die Jammerbase genannt und als solche weit und breit gefürchtet. Und doch gab es niemand, der nachweisen konnte, daß ihm Frau Krauthöferin jemals etwas zu leide gethan, im Gegentheil, es war fast Niemand, dem sie nicht schon, sei es auch nur mit ihrer Theilnahme, beigesprungen wäre, weshalb sie auch in ihren jüngern Tagen der Beisprung genannt worden war. Jetzt hätte diese Bezeichnung zu leichtfüßig geklungen für ihr ehrwürdiges Alter, mit dem Springen ging's nimmer, aber mit dem Beistehen noch in alle Wege. So lang es euch wohlging, hättet ihr gute Ruhe vor der Frau Krauthöferin gehabt, ihr bekamt sie dann nicht einmal zu Gesichte. Wer ihr ein glückliches Ereigniß anzeigte, eine fröhliche Verlobung, ein gut bestandenes Examen, die glückliche Geburt eines Kindes, der wurde mit einem ziemlich schnöden »so,« oder »ist mir eins« von ihr abgefertigt; sagte ihr aber eine Nachbarin im Vorbeigehen: »denken Sie, Frau Krauthöfer, 's Müllers Kind ist gestern die Leiter hinuntergefallen und hat beide Füß gebrochen und ein paar Aerm!« dann dämmerte durch die mitleidige Miene der Frau Krauthöfer ein gewisser Ausdruck der Befriedigung, und sie machte sich ungesäumt auf nach der Mühle, mit Leinwand und Bandagen versehen. Wenn sich nun auch das Unglück nur als ein einfacher Beinbruch nebst Loch im Kopf darstellte, so blieb doch die Jammerbase getreulich bei der Müllerin, bis die Magd den Kopf zur Thür hereinstreckte: »wisset Ihr's schon?« »Was? was?« »Mit's Stadtpflegers und 's Accisors hat's Händel geben, jetzt ist d'Brautschaft wieder ausgegangen mit em Minele und 's Accisors Sohn.« Nun war ihres Bleibens nicht mehr. Nachdem sie der Müllerin noch Vorsicht empfohlen und den herzlichen Wunsch ausgedrückt, daß der Brand nicht dazu komme oder der Hundskrampf, oder daß der Kleine nicht lebenslänglich ein Krüppel bleibe, eilte sie davon, zuerst zu Accisors, um ihnen ihre Theilnahme zu bezeugen und zu sagen, daß sie von Stadtpflegers immer seien über die Achsel angesehen worden, dann zu Stadtpflegers, wo sie das weinende Minele mit der Versicherung tröstete, daß der Fritz sie von jeher nur um des Geldes willen gewollt habe. Nach wohlvollbrachtem Tagewerk wollte sie sich eben nach Hause begeben, da begegnete ihr die Frau Kollaboratorin. Diese war eine befreundete Erscheinung für die Jammerbase, wie wir sie der Kürze halber nennen wollen, zwar ging es ihr leidlich wohl, aber sie hatte sieben eigene Kinder und fünfzehn Kostgänger, da gingen die Drangsale nie ganz aus, und Frau Krauthöfer war gewiß, hier fast immer kurzes Futter für ihren Leidenshunger zu finden, wenn es sonst keine großartige Nahrung dafür gab. »Wie gehts, Frau Kollaborator?« fragte sie. – »Recht ordentlich, dank der Nachfrag, aber man ist eben nie ganz fertig, jetzt wäre der Krampfhusten vorbei, nun klagt aber des Amtmanns Fritz von Hausen über Kopfweh.« – »Auch Hitze?« frägt begierig Frau Krauthöfer. – »Das eben nicht, ich denke auch, es hat nichts auf sich, doch habe ich ihn zur Fürsorge in's Bett geschickt.« – »Haben Sie schon einen Boten an Amtmanns geschickt?« – »Bewahre, was denken Sie, wer wird die Leute so erschrecken? Morgen ist der Bub vielleicht wieder wohl.« – »So? haben Sie nicht gehört, daß in Bezgenried die natürlichen Blattern ausgebrochen sind, und in Stuttgart sei das Scharlachfieber äußerst bösartig. Bei so viel eignen und fremden Kindern könnte es doch Pflicht sein, den Buben baldmöglichst fortzuschaffen.« – »Erliegt in einem besonderen Stübchen,« sagte die ängstlich werdende Frau, »auch ist ja Bezgenried und Stuttgart noch weit von uns, ich muß jedenfalls bis morgen warten, will ihm indessen Thee machen.« Frau Krauthöfer war aber nicht gesonnen zu warten, obgleich bereits der Abend dämmerte; sie ging in eigner Person in der Stadt umher, bis sie einen Kutscher auftrieb, der sie noch nach Hausen führte, denn selbst Geldopfer scheute sie nicht, wenn es galt, beizuspringen. Amtmanns waren eben im Begriffe zu Bette zu gehen, als sie noch ein Gefährt anfahren und die Glocke ziehen hörten. »Was ist's ums Himmelswillen?« fragte die Amtmännin erschreckt. Der Amtmann eilte hinab und brachte den späten Gast herauf. Beim Anblick der wohlbekannten langen dürren Gestalt war die Amtmännin erst betroffen, »ach, Sie sind's, Frau Krauthöfer, wir haben schon lang nimmer's Vergnügen gehabt.« – »Freilich nicht,« erwiederte diese, »seit dem Unglück mit dem armen Paule, das Ihnen beim Waschen an den Ofen gefallen ist; ach, ich hab damals wohl gedacht, daß das noch des armen Kindes Tod sein werde, eine solche Verletzung gibt eben leicht etwas Zehrendes.« Der Amtmann winkte ihr erschrocken mit der Hand, niemand hatte je diese immer noch blutende Wunde bei seiner Frau berührt. »Was verschafft uns denn so spät noch das Vergnügen?« fragte er, um sie zu unterbrechen. – »Ja, ich muß mich recht entschuldigen, aber es ist nur wegen Ihrem Fritz . . . .« – »Was ist's mit dem?« frug die tödtlich erschrockene Mutter. – »Drum sehen Sie, die natürlichen Blattern sind in der Nähe und auch das bösartigste Scharlachfieber, nun hat sich Ihr Fritz an Kopfweh und Hitze gelegt, und so fängts gerade an. Die Kollaboratorin wollte Sie nichts mehr wissen lassen, ich aber dachte: wozu hat man gute Freunde? und ließ mich's nicht verdrießen noch selbst zu kommen.« – »Sehr verbunden,« sagte der Amtmann. Da ihm bei näherem Befragen die Sache minder gefährlich schien, so entschied er, daß für den angenehmen Gast ein Bett aufgemacht, und auf den nächsten Morgen ein großes Gefährt bestellt wurde, um im Nothfall den Knaben heimzunehmen. Aber siehe da, wie sie gegen die Schulpforte fuhren, kam ihnen der Fritz mit rothen Backen und mit einem kolossalen Stück Brod entgegen, das seine Wiederherstellung unzweifelhaft bestätigte. Das Amthaus behielt auf lange Ruhe vor der Jammerbase, die dem Fritz seine rasche Genesung nie verzeihen konnte. Dem Haus der Frau Krauthöfer gegenüber wohnte ein neues Ehepaar, das auch auf die artigste Begrüßung nie eine freundliche Erwiederung von Frau Krauthöfer gewinnen konnte. Wenn ihre Töchter, die Wehvögelein genannt, weil sie mit etwas piepsender Stimme und schüchterner Weise auch in die Fußstapfen der Mama traten, bemerkten, wie zärtlich der Herr Stein drüben gegen seine Frau sei, so meinte sie, die Herrlichkeit werde nicht lang dauern. Als aber das Paar Tag für Tag mit demselben glücklichen Gesicht dieselbe Allee hinunter spazierte und der Gatte mit derselben Umarmung von der jungen Frau Abschied nahm, als er Abends, statt in's Wirthshaus zu gehen, mit seiner Frau Duette sang, so schmelzend wie ein junger Liebhaber, da schüttelte sie bedenklich den Kopf: »da stirbt bald eins, das thut nie gut, wenn die Leute so übertrieben glücklich sind miteinander.« In einer Nacht bemerkte man unruhiges Hin- und Herlaufen drüben, die Magd sprang fort, kam wieder, ging nochmals aus, in die Apotheke. Da kleidete sich Frau Krauthöfer an und hielt sich bereit, Beistand zu leisten, wenn es nöthig wäre. Als aber am Morgen die Kunde erscholl: drüben sei ein Töchterlein angekommen, da zog sie sich wieder gänzlich in ihre Höhle zurück. Erst als viel Monden später die junge Mutter bleich und besorgt mit dem leidenden Kindlein vor dem Haus saß, kam Frau Krauthöfer herbeigestiegen, fand, daß es durch die Glieder zahne und die englische Krankheit bekommen werde, wußte allerlei Mittel dagegen, und Vorschläge zu Maschinen, die bei der wahrscheinlichen künftigen Verkrümmung des Kindes nöthig werden würden. Sie stand ihr auch, abwechselnd mit den Wehvögelein, getreulich bei in Pflege des Kindes, bis sich das Uebel hob und das Kind erstarkte; dann waren sie durch keine Einladung zu bewegen, auch die guten Tage mit ihnen zu theilen. Nicht weit von ihr wohnte eine Wittwe, eine weitläufige Base und besonders in Gunst bei ihr, weil ihr eine Tochter als Braut gestorben war und sie kürzlich erst durch einen betrüglichen Verwalter ihr Vermögen verloren hatte. Frau Maler sprach ein bei der Jammerbase, und wurde mit der zuvorkommendsten Güte aufgenommen. »Kommen Sie doch auch zum Ausgehen, arme Frau?« sagte sie im teilnehmendsten Ton, »ja, es ist am Besten, wenn man sein Kreuz ein wenig vergißt; ist's denn richtig? alles hin? der schlechte Mensch! Nanele, mach gleich einen Kaffee für die Frau Base, Mine, hol Brezeln,« flüsterte sie den Töchtern zu. – »Freilich,« seufzte Frau Maler, »ein Glück, daß mir doch meine Pension noch bleibt, so klein sie ist.« – »Jawohl, jawohl, und den schlechten Kerlen, den Wühlern und Aristokraten, wird's doch nicht gelingen, daß man die Pensionen aufhebt, man sagt freilich stark davon.« – »Ich fürchte doch nicht,« sagte die Wittwe, »und denken Sie, es geht doch allemal wieder ein Freudenlicht auf.« – Bei Frau Krauthöfer ging keines auf, so anmüthig sie auch lächelte. – »Da erhalt' ich heut einen Brief von meinen Kindern, meinem Sohn und meiner Schwiegertochter, – war mir immer so angst, bis die's erfahren, – so einen schönen Brief! Ich soll mich nur getrösten, sagen die Kinder, der Mensch lebe nicht vom Brod allein, . . .« – »Ist bald gesagt,« schaltete die Jammerbase ein, »so lang der Hunger nicht vor der Thür steht.« – »Und,« fuhr Frau Maler eifriger fort, »sie schreiben: was sie haben, das sei auch mein, Gott habe Segen genug für uns Alle, ich solle kommen, sobald ich nur könne und bei ihnen bleiben; meine Schwiegertochter habe schon das netteste Gartenstübchen für mich gerichtet, und die kleine Amalie soll bei mir schlafen; lesen Sie nur selbst den Brief; wenn ich mit hunderttausend Gulden käme, ich könnte nicht willkommener sein.« – Die Jammerbase schob den Brief zurück, den ihr die glückliche Mutter mit strömenden Freudenthränen bot, sagte leise zu Mina, die sich zum Gehen anschickte, »kannst dableiben, Wecken thuns auch,« und dann wieder zu Frau Maler gewandt: »ja, da gratulire ich recht, ist immerhin ein Ausweg, wenn's gleich herb ist, das Gnadenbrod bei Kindern zu essen.« – »Nun, das ist's eben nicht,« versetzte etwas gekränkt Frau Maler. »Die Pension kann ich ihnen als Kostgeld gern überlassen, ich löse noch viel aus meiner Haushaltung, und dann bin ich Gottlob noch bei Kräften und kann meiner Tochter im Haus und bei den Kindern guten Beistand leisten.« – »Es ist drum keine Kleinigkeit, sein eigen Wesen ganz aufgeben und sich unter eine Schwiegertochter stellen,« fing die Jammerbase wieder an, »keine Kleinigkeit! da bewundere ich Sie recht, ich hätte das, glaub ich, nicht können.« – »Ach, davon ist gar keine Rede, ich habe sie ja immer so lieb gehabt, wie mein eigen Kind. und sie ehrt mich wie eine Mutter, da ist bei Keinem die Rede von Untergeben, es ist eher noch ein Opfer von ihr.« – »Das sag' ich ja gerade,« sagte Frau Krauthöfer mit großem Nachdruck, »von Ihnen ist's viel, aber von ihr ist's sehr viel. Eine Schwieger, Sie nehmen mir's nicht übel,« – »gar nicht,« sagte Frau Maler mit säuerlichem Lächeln, – »bleibt eben immer die Schwieger,« fuhr die Base fort, »man mag sie noch so lieb haben, je weiter weg, je lieber! junge Leute wollen einander allein gehören. Ich bin oft mit meinem Mann selig auf die Bühne gestiegen, wenn wir was hinter meiner Schwieger verhandeln wollten. Dann kann's eine junge Mutter gar nicht ertragen, wenn man in ihre Kinderzucht spricht, bei den Mägden ist so eine doppelte Herrschaft ganz fatal, und die vielen andern Hausbräuche, die eine junge Frau von daheim mitbringt, das kann keine Schwieger vertragen.« – »O, ich kann mich in alles schicken und störe die jungen Leute gewiß nicht,« versicherte Frau Maler, der das Weinen nahe stand, aber nimmer auf Freude. » Das glaub' ich,« bestätigte die Andre, »Sie sind eine gescheite Frau, Sie werden schweigen und wenn es Ihnen das Herz abstößt, das bin ich gewiß, und die Frau Söhnerin ist auch gescheidt, die läßt gewiß nichts merken, deßwegen sag' ich ja, es ist sehr viel von Ihnen Beiden.« Frau Maler konnte kaum den eben aufgetragenen Kaffee hinunter bringen und entfernte sich dann mit schwerem Herzen; sie hatte mehr verloren als ihr Kapital. Frau Krauthöfer hatte es aber »gar nicht böse gemeint, im Gegentheil.« Die Jammerbase fühlte sich nicht nur von wirklichem Jammer angezogen, sie witterte oft auch Unglück zum Voraus, und der Pfarrer zu Glockenheim behauptet noch bis auf den heutigen Tag, der große Brand in seinem Ort wäre gar nicht ausgebrochen, wenn nicht Tags zuvor die Jammerbase wegen eines angeblichen Obsteinkaufs im Dorf und auch im Pfarrhaus gewesen wäre. Vor hundert Jahren hätte man ihr am Ende darum einen Hexenprozeß angehängt. Und doch that man ihr so unrecht, und vom Pfarrer war es besonders schnöder Undank, da sie seinem Haus treulich in jener Bedrängniß beigestanden war. Sie hatte auch noch einigemal im Pfarrhaus eingesprochen, seit aber des Pfarrers zehn Kinder so lustig davon wuchsen und seit besonders Julchen »der naseweise Kramp« mit ihrer unverwüstlichen Lustigkeit gegen die trübselige Miene der Jammerbase zu Felde zog, war sie ziemlich fremd geworden. Heut saß die Pfarrfamilie vergnüglich beim Kaffee, es war stürmisch Wetter, drum hatte die Mama diesen Luxus gestattet, man sprach von den entfernten Kindern des Hauses, man freute sich der nahen; der Pfarrer sah nach dem Wetter und fuhr erschrocken vom Fenster zurück. »Was ist's?« fragte die Mutter. »Die Krauthöferin marschirt auf's Haus zu,« sagte der Pfarrer schreckensbleich, »was wird's aber geben?« Die Mama ging mit stiller Fassung der Gefürchteten entgegen, bedauerte sie wegen des schlimmen Wetters, nöthigte sie zum Kaffee und entschuldigte, daß sie keine Wecken oder Milchbrod im Ort bekommen könne. »O, wir haben herrliches Hausbrod.« fiel das unverschämt lustige Julchen ein, »unser Brod schmeckt besser als andrer Leute Gugelhopfen.« – »Jungfer Tochter haben einen glücklichen Geschmack,« meinte Frau Krauthöfer etwas spitzig. – »Das hat sie, Gott sei Dank,« sagte der Pfarrer mit vollem Ernst, »Gott erhalte ihr ihn.« Frau Krauthöfer trank und die gewitterschwere Wolke hing noch über den Häuptern der Familie. »Haben Sie Nachricht von Ihrer Amalie und Sophie aus der letzten Zeit?« hub sie endlich an. »Recht gute, Gottlob,« sagte die Pfarrerin, »Amalie fühlt sich recht glücklich in ihrer Stelle, alle Lehrer und Mitlehrerinnen kommen ihr mit Liebe zuvor, der christliche Geist der Anstalt thut ihr so wohl, auch die Kleine schreibt vergnügt und hat das beste Lob, ein rechtes Glück, daß die zwei Mädchen so beisammen sind.« – »Freilich wohl,« stimmte der unheilvolle Gast zögernd ein, »aber, – von wann sind die letzten Briefe?« – »Vom vergangenen Dienstag,« sagte die Pfarrerin beklommen. – »Ja, ist schon so, es kann vor Abend anders werden, als es am Morgen mit uns war,« seufzte der Gast wieder. – »Um Gotteswillen, wissen Sie etwas von meinen Kindern?« – »O, beruhigen Sie sich, ist nichts so Schlimmes, nur ist das ganze Töchterinstitut zu K. durch zwei Mägde mit der Krätze angesteckt worden. Da nun Ihre Töchter in den nächsten Tagen krank nach Hause kommen werden, wollte ich meine Mine zur Pflege anbieten, sie versteht die Kur mit der grünen Salbe und fürchtet die Ansteckung nicht, in einem Pfarrhaus muß man doch doppelt vorsichtig sein wegen der Gemeinde.« Die Pfarrerin war so alterirt, daß sie kaum im Stande war, für dies großmüthige Anerbieten zu danken. Die Krätze in ihr Haus, das ein Muster der Ordnung und Reinlichkeit war, und ihre blühenden Mädchen! Dem boshaften Julchen fiel ein, wie der lästige Gast bald zu entfernen wäre; »wissen Sie denn schon, Frau Krauthöfer,« fing sie ernsthaft an, »daß das Schiff untergegangen ist, mit dem Schulmeisters Martin fortging.« – »Was, ist's möglich?« – »Freilich, an der englischen Küste.« – »Wissen's die Eltern schon?« – »Das weiß ich nicht, ich bin noch nicht hinüber gekommen.« Da packte Frau Krauthöfer auf, wickelte sich in ihren braungrauen Shawl, ergriff den ehrwürdigen Regenschirm von Kannefas und empfahl sich. Julchen wollte sich krank lachen, als sie fort war; »die hab' ich glücklich weggebracht!« rief sie triumphirend. »Und du kannst noch lachen!« sagte die Pfarrerin vorwurfsvoll. »Und ich glaub's noch nicht mit der Krätze,« behauptete Julchen; »der alte Wehvogel krächzt oft zum Voraus.« – »Und schickst sie Schulmeisters, daß die auch noch in Jammer kommen!« – »Der Schulmeister hat ja schon einen Brief von seinem Martin, in dem er ihm schreibt, daß er glücklich durchgekommen ist und gar nichts verloren hat bei dem Schiffbruch; das wird sie ärgern!« Die Pfarrerin war doch nicht ruhig, sie wollte gleich selbst hinreisen und ihre armen Kinder holen, der Pfarrer aber beschwichtigte sie mit einem Expresseboten, den er absandte. Der brachte Nachricht von Amalie, daß allerdings eine Magd von daheim mit der Krankheit gekommen sei, man habe es aber sogleich entdeckt und sie zu guter Zeit ohne Gefahr für das Institut entfernt. Frau Krauthöfer kam nicht so schnell wieder in's Pfarrhaus, zumal da Julchen die Unverschämtheit so weit trieb, die glückliche Braut eines reichen Gutsbesitzers zu werden und ihr Brautvisite machte. Absichtlich gelogen hat übrigens Frau Krauthöfer nie, sie glaubte selbst vollkommen alles Unheil, das sie verkündete, aber sie glaubte es so gern. War sie ein schadenfroher Dämon, der sich waidete an dem Jammer der Menschheit? Ach nein, ihre Theilnahme war aufrichtig und ihr Beistand oft mit wirklicher Aufopferung geleistet. Sie hatte ein von Natur wohlwollendes Gemüth, aber kein zufriedenes. Sie war nie unglücklich gewesen, aber auch nie glücklich. Es war ihr nirgends recht nach Wunsch gegangen; sie wäre gern schön gewesen und war auch nicht häßlich, aber entsetzliche Sommersprossen verderbten ihr Gesicht; sie wäre gern eine angesehene Frau geworden, und sie bekam ein braves aber unbedeutendes Männchen, das weder sich noch sie zu Geltung bringen konnte; sie wäre gern reich geworden, so aber hatte sie eben, so viel sie bedurfte; ihre Töchter waren gute Mädchen, aber höchst unscheinbare, sie sahen nur wie ein Unterfutter aus, nicht wie ein Ueberzug, und die Mutter konnte nicht hoffen, sie je wo anders als am heimischen Nähtisch sitzen zu sehen. So kam es, daß sie das Glück Anderer erbitterte, beim Unglück des Nächsten aber, das ihren Neid nicht weckte, zeigte sich ihre natürliche Gutmüthigkeit, die sonst unter Neid und Ungenügen erstickt war. Das ist, glaub' ich, der einfache Schlüssel zu dem anscheinend rätselhaften Wesen der Jammerbase. Die Wehvögelein waren arme, schüchterne Kinder, die eben nachpiepten, was die Mama vorkrächzte. Und nun zum Schluß noch Ein Exempel, wo, wie in der ächten Tragödie, ihre eigenste Persönlichkeit ihr eigenes Mißgeschick hervorrief. Etwa zwei Stunden vom Wohnsitz der Frau Krauthöfer, in einem ansehnlichen Marktflecken, wohnte ein Vetter von ihr, ein Chirurg, dem sie früher in allerlei Krankheits- und Unglücksfällen gute Dienste geleistet hatte. Seit er aber in Ruhe und Stille bei hinreichendem Auskommen mit seinem einzigen Töchterlein hinlebte, hatten sie einander lange nicht mehr gesehen. Und nun eben war eine Fülle von Glück und Seligkeit in des Barbiers bescheidene Wohnung eingezogen, die ein ganzes Regiment Jammerbasen hätte verscheuchen können. Marie, das Töchterlein, war Braut geworden, und natürlich eine so glückliche, wie Keine vor ihr und muthmaßlich Keine nach ihr, so lang die Welt steht, obschon sie ihr Glück nicht in Versen aussprechen und nicht »in Tönen zeigen« konnte. Es war ein sehr einfacher Roman, der auf diesen Gipfel irdischer Glückseligkeit geführt hatte. Gegenüber dem Häuschen des Chirurgen stand die Wohnung des Amtsnotars, und Herr Lang war nicht der Erste seiner Schreiber, der unter dem Federnschneiden am Fenster nach der hübschen Marie hinüberschaute. Aber er war der Erste, der sich eines Gegenblicks aus ihren blauen Augen zu rühmen hatte, denn Marie war ein stilles, sittsames Kind und ein gar fleißiges, das sich nicht Zeit nahm zu Seitenblicken und das einen unbestimmten Horror vor Schreibern im Allgemeinen hatte. Warum ihr der Lang von Anfang an so ganz anders vorkam als die Andern, das wußte sie selbst nicht, aber sie konnte seinen schüchternen Anreden eine freundliche Antwort nicht versagen, wenn er ihr je und je begegnete. Lang hatte viele Zweifel und Kämpfe mit sich zu bestehen, seit die blauen Sterne drüben an seinem Himmel aufgegangen waren, unter Andern die brennende Frage: sollte er seinen hoffnungsvoll sprossenden Bart fürder selbst rasieren oder Herrn Krauthöfer anvertrauen? Das Letztere war eine Veranlassung, in's Haus zu kommen, sich bekannt zu machen, vielleicht auch in dieser passiven Rolle den Vater zu gewinnen, der in ehrenwerthem Bürgerstolz sich dem Herrenstande mehr abwandte als aufdrängte. Aber es widerstrebte seinem Zartgefühl, von dem Vater seiner Geliebten eine solch' persönliche Dienstleistung anzunehmen, – das Zartgefühl siegte und er beschränkte sich auf die seltenen Gelegenheiten, Marie in ihrem Hausgärtchen oder auf der Straße zu sehen. Mehr als einen Gruß wagte er kaum. Er war ein redliches Gemüth und hätte es für vermessen gehalten, als armer Schreiber ohne Aussicht Marie irgendwie zu binden. Daß aber solch ein Kleinod lange zuvor entführt werde, ehe er in etwa zehn Jahren mögliche Aussicht auf ein Amtsnotariat habe, das schien ihm ausgemacht; so entsagte er denn mit blutendem Herzen. Marie aber fand es ganz natürlich, daß so ein schöner und gebildeter Mensch nicht im Ernst an die arme Barbierstochter denke; und so sahen sie sich an, er hüben und sie drüben, wie die zwei Königskinder Die hatten einander so lieb, Sie konnten zusammen nicht kommen, Das Wasser war gar zu tief. Da starb der Schultheiß des Nachbardorfs und die Gemeinde, die Lang wegen seines freundlichen, redlichen Wesens liebgewonnen hatte, trug ihm die Stelle freiwillig an. Es war an Benedikt, Marie war im Hausgärtchen und steckte Zwiebeln nach der alten Regel: »Benedikt macht Zwiebel dick.« Da hörte sie die Gärtchenthür aufklinken, sie wandte den Kopf ein wenig, da stand der Lang!!! So keck war er doch nie gewesen, in's Gärtchen hereinzukommen, wo die ganze Nachbarschaft hereinsehen konnte, am glockenhellen Nachmittag. Sie wurde glühend roth und bückte sich tiefer und steckte und steckte Zwiebeln in die Kreuz und Quer, und auf den: »Guten Tag, Jungfer Marie!« den ihr Lang wünschte, erwiederte sie kaum hörbar: »Fehlmich, Herr Substitut.« Der arme Lang wußte nicht, in welcher Weise er sein überfließendes Herz offeriren sollte, und begann wieder: »Das ist doch ein wunderschönes Gärtchen, kein Wunder, wenn Sie gern hier sind.« – »Wüßte nicht, wo ich sonst sein könnte,« sagte Marie, noch mehr verlegen, immer noch auf der Erde, immer noch Zwiebeln steckend. – »Thät's Ihnen auch in Weißlesburg gefallen?« platzte endlich der Lang heraus. Die Frage war gar zu apropos, Marie richtete sich auf und sah ihn verwundert an, »warum gerade da?« – »Weil ich Schultheiß dort geworden bin und weil ich Sie so gern habe.« Wie nun Marie sich in dies Uebermaß von Glück finden lernte, wie das erröthende Pärchen den Papa überraschte, wie Marie ihre Seligkeit in Thränen ausströmte, wie der selige Bräutigam zum ersten Mal ihre Hand faßte und ihren Mund suchte, – das Alles ist noch niemalen da gewesen und nagelneu, weßhalb die nähere Ausmalung jedweder einzelnen Phantasie überlassen bleibt. Der Papa Barbier war äußerst bedenklicher Natur und nicht umsonst ein Vetter der Jammerbase, aber all' seine Bedenken wurden siegreich überwunden, und nach dem Brautpaar war er gewiß der glücklichste Mensch weit in die Runde. Jetzt ließ er sich's erst nicht nehmen, seinen Herrn Tochtermann selbst zu rasiren, wie dieser sich auch wehren mochte. »Dienet einander ein Jeglicher mit der Gabe, die er empfangen hat,« sagte er, »ich schäm' mich nicht an meinem Scheermesser, das mir mein ehrlich Brod erworben, und meine Tochter soll's auch nicht, und wenn sie Regierungsräthin würde. Das Rasiren versteh' Ich, brauch' ich einmal eine Schrift, so dienen Sie mir.« Benedikt war lange vorüber, Pankraze und Servaze hatten keinen Frost über die Blüthen gebracht; das Gärtchen vor dem Fenster stand in schönstem Flor, nur die Zwiebeln hatten nicht aufgehen wollen, weil sie Marie damals alle verkehrt gesteckt; es kam dem Papa, der abergläubisch war, fast als ein schlimmes Omen vor. Marie hatte eben den Bräutigam begleitet, der auf's Amt hinausging, und setzte sich in ihrem Stübchen zurecht, um ihre anziehende Arbeit vorzunehmen, – das Brautkleid. Es war ein nettes Stübchen, wohl werth, eine Braut und ihr Glück zu beherbergen. Nebenan, da war die Prosa, die große säuberliche Barbierstube mit Handfaß und Servietten, Schröpfköpfen und allerlei andern Gewerbsattributen nebst dem Lehrling; da innen, da standen Reseda und Geranium vor dem hellen Fenster, das auf's Gärtchen hinaus ging, ein Stieglitz sang seine fröhlichen Weisen, am Fenster stand Mariens höchst einfaches Nähtischchen, von da konnte sie zwischen dem großen Birnbaum durch das Fenster gegenüber blicken, wo der Liebste jetzt noch mehr zu thun hatte, als Federn zu schneiden. Im Hintergrund stand ein altes Kanapee und davor ein eichener Tisch, mit roth gewürfeltem Teppich bedeckt, da ruhte der Papa aus von den Mühen seines Berufes, da wurde auch hie und da ein bescheidener Festschmaus mit dem Bräutigam gehalten oder eine Freundin empfangen. Marie saß und nähte. Wie die Nadel flog unter ihren Fingern, so flogen ihre Gedanken zu dem Liebsten, in die künftige Heimath, die sie so nett ausschmücken wollte, und sie sang halbleise dazu: »Wir winden dir den Jungfernkranz \&c.« Sie erhob zufällig die Augen nach der Straße, wenn gleich Er unmöglich schon kommen konnte, da – fuhr sie schreckenbleich zurück, welches Gorgonenhaupt hatte sie erblickt? ja, es war richtig, da schritt sie lang und trübselig wie ein Regentag im Sommer, im braunen Kleid, im graubraunen Shawl mit dem Regenschirm von Kannefas, ein langer Gedankenstrich hinter jedem freudigen Ausruf; – es war die Jammerbase. Nur allzuwohl kannte Maria ihre traurige Bedeutung und ihren Einfluß auf die ängstliche, bedenkliche Natur des Vaters, als daß sie nicht hätte erschrecken sollen. Schon war sie draußen eingetreten, schon begrüßte sie den Vater mit ihrer dürren Stimme, Marie konnte ihr kaum bis zur Thüre entgegen gehen, sie hatte nicht die unbefangene Keckheit des Pfarrjulchens, ihr Glück drückte sie schon wie eine Schuld, seit sie nur die Base sah. Nun die Base etablirte sich, ward zunächst mit selbst erzeugtem Apfelmost bewirthet, und zitternd wie ein Strafurtheil erwartete Marie ihre Gratulation. Der Vater, der merkte nichts, er sah in der Frau Base gar nichts als eine rechtschaffene Frau, die ihrem Nebenmenschen in allen Nothfällen beistehe, und wiederholte ihr sehr vergnügt die ganze Brautgeschichte, die er ihr schriftlich schon mitgetheilt. »So hat sich Alles ganz glücklich gefügt,« schloß er. »Ja, Sie sind gar ein guter Vater,« sagte die Base, »der seinem einzigen Kinde nichts abschlagen kann; weiß wohl, was thut man nicht den Kindern zu lieb! Ließ sich freilich bei der gefährlichen Nachbarschaft nicht anders voraussehen, als daß es noch einmal so kommen werde. Nun Glück zu, mein Vater selig, der war da eigen, der hätte so was nie gelitten, ›ein Schreiber, daß Gott walt'!‹ pflegte er immer zu sagen.« – »Nun ja, aber in dem Fall,« meinte der Vater, »da ist's doch anders, das Schulzenamt trägt mit Nebenämtlein seine acht, neunhundert Gulden, und meine Marie hat meinen Haushalt indeß mit weniger als mit der Hälfte geführt.« – »Gewiß, gewiß,« stimmte die Frau Base bei, »nur hat wirklich eben nichts Bestand, so ein Schultheiß ist wie ein Vogel auf dem Zweig, es soll gegenwärtig ein Regierungskommissär im Land herum reisen und die Gemeindeordnungen aufheben, da kann Mancher trocken zu sitzen kommen.« – »Meinen Sie?« fragte erschrocken der Vater, »das kann doch noch nicht so nah sein, und gute Schreiber braucht man allemal wieder.« – »Das war auch nicht mein hauptsächlichstes Bedenken bei der Sache, aber kennen Sie denn die Familie Ihres zukünftigen Tochtermanns?« – »Noch nicht persönlich, sein Vater ist herrschaftlicher Gutsverwalter, der älteste Bruder erbt die Stelle, es sollen brave Leute sein.« – »Aber der Großvater?« – »Der lebt auch noch, er war Posthalter in P. und ist jetzt pensionirt; wissen Sie 'was von ihm?« – »Er trinkt,« sagte die Base mit vielsagendem Ton. – »Nun ja, das gewöhnt sich leicht an bei einer Wirtschaft, der Vater ist dafür sehr brav.« – »Ja wohl, aber so ein Laster vererbt sich immer in der zweiten Linie, davon weiß ich eine Menge Beispiele in der eigenen Familie.« – »Oh, mein Paul und trinken!« rief Marie jetzt zum ersten Male, tief empört. – »Ja, das fängt sich meist in mittleren Jahren erst an,« versicherte die Base, »und dann sind Drüsen in der Familie, ein Vetter von ihm hat einen Kropf, mit Respekt zu melden, so groß wie ein Unterbett, und seine Mutter ist an Drüsen im Leib gestorben.« – »Drüsen sind freilich sehr erblich,« meinte der Vater, wirklich bedenklich. Marie saß da wie ein Schlachtopfer, und wagte kein Wort. Die ersten Angriffe hatten sie wenig bekümmert, aber der letzte; – sie kannte ihres Vaters Aengstlichkeit, er war so ein Stückchen von einem Doktor und führte alle Leiden der Welt auf anererbten Krankheitsstoff zurück, – sie gab schon Alles verloren. »Aber, Marie, wie sitzst du da,« sagte der Vater, der über diesen besorglichen Punkt gern die Base allein gesprochen hätte, »hast noch nicht einmal an einen Kaffee für die Frau Base gedacht, spute dich doch!« Marie ging, ganz betäubt, sie wußte kaum, was sie that. Draußen hatte sie keinen gerösteten Kaffee mehr, sie schickte den Lehrling zur Krämerin, die ihn auch schon gemahlen verkaufte, das Feuer wollte nicht brennen, der Satz nicht sieden, und als er endlich kochte, da wußte sie nimmer, wohin der Lehrling die Kaffeedüte gelegt hatte, endlich fand sie diese im Zimmer, sie nahm all' das Kaffeepulver, sie wollte den Kaffee recht stark und gut machen, obgleich sie nicht hoffen durfte, die Feindin ihres Glücks noch zu gewinnen. Ja, wenn die Base in offener Feindschaft angetreten wäre, da hätte sie wie eine Löwin kämpfen wollen um ihr Glück, aber die versicherte ja immer, daß sie es so gut meine, war ganz voll Theilnahme und der arglose Vater ließ sich ganz und gar einnehmen. Unter schweren Seufzern ward der Kaffee endlich fertig, mit niedergeschlagenen Augen trug ihn Marie in's Zimmer und schenkte ein; der Vater trank nie Kaffee, Marie war das Herz viel zu schwer, als daß sie einen Tropfen hätte genießen können; sie sah, wie so gar ernsthaft und nachdenklich der Vater da saß. Die Base aber hatte sich heiser gesprochen und war sehr verlangend nach dem Kaffee; sie nahm einen reichlichen Zug, setzte ab, nahm noch etwas Zucker, noch etwas Rahm, probirte wieder, tunkte ein, endlich rief sie mit Abscheu: »Was ist das für ein garstiges Gebrudel, ich glaube, man will mich vergiften, ja, ja, Kein's von euch trinkt!« Erschrocken fuhr Vater und Tochter auf, der Erste versuchte den Kaffee und rief entsetzt: »Das ist freilich kein Kaffee, Du Unglückskind, was hast Du getrieben!« Bei Marie löste sich alles verhaltene Weh dieses Tags in Thränenströme auf, sie versicherte, sie wisse von nichts, der Kaffee sei recht gemacht. Die Base rannte wie toll in der Stube auf und ab und schrie, sie müsse sterben. Der Chirurg als erfahrener Mann sprang nach der Oelflasche und goß ihr ein so viel möglich; das gab dann eine fürchterliche Explosion, endlich sandte Marie den Lehrling zum Doktor; der kam, und hatte Mühe, aus den vielen Thränen, Betheuerungen und Lamentationen herauszubringen, um was es sich handle. »Wo ist der Kaffee?« fragte er, der stand noch auf dem Tische. Er goß die Flüssigkeit ab, untersuchte den Satz und fragte Marie mit kuriosem Gesicht: »Haben Sie den Kaffee selbst gemahlen?« – »Nein, der Lehrling hat ihn bei der Krämerin geholt.« – »Wo ist die Düte?« – »Die wird noch draußen sein, sie ist aber leer.« Marie brachte sie, der Doktor roch an dem kleinen Rest, fing an zu niesen und zu lachen wie unsinnig. »Was ist's? was ist?« fragten die Andern athemlos. »Marokko, feinster Marokko von Gebrüder Lotzbeck,« stieß endlich der Doktor unter Lachen hervor. »Kein Gift?« fragte die Base mit schwacher Stimme. »Nein, nein, ist aber auf allen Fall gut, daß es draußen ist, Ihr Magen ist jetzt ausgeputzt auf Jahre voraus, nun trinken Sie ein Täßchen Thee.« – »Keinen Tropfen in dieser Giftmischerhöhle,« schrie sie erbost, »ein Gefährt! ich gehe sogleich nach Hause.« Der Lehrling fand indeß die ächte Kaffeedüte, die er auf den Küchenschaft gelegt hatte, ohne es Marie zu sagen, sie hatte richtig dafür des Vaters Schnupftabak genommen; der Chirurg that Alles, um die Base zu versöhnen, die nahm aber keine Entschuldigung an und fuhr ganz grimmig ab, trotz ihrer Schwäche, indem sie dem verrätherischen Haus alles denkbare Unheil prophezeite. Der Vetter bezahlte den Kutscher. Es brauchte lange, bis die Hinterbliebenen sich von ihrer Erschütterung erholten. Marie ließ Alles in Demuth über sich ergehen und reinigte das Zimmer von den sehr merklichen Spuren des tragischen Ereignisses. Am Abend kam der Bräutigam, dem die Fama schon allerlei schauerliche Gerüchte entgegengetragen hatte, und fand erschrocken sein Bräutchen bleich und matt, den Vater ernst in sich gekehrt und mehr als bedenklich, und durch's ganze Haus einen Hauch der Verstörung. Die Braut war bald getröstet und war so ruchlos, selbst noch zu lachen über den tragischen Abzug der Base. Viel schwerer war's, den Vater zu beruhigen, der, zuvor schon durch die Bedenken der Base ängstlich gemacht, nun den ganzen Unfall für ein böses Vorzeichen hielt. Der Bräutigam aber bewies ihm gerade das Gegentheil; es sei ja ein Zeichen für ihre Verbindung, daß die, die sie hatte stören wollen, allein unter dem Mißgriff gelitten habe. Wegen des kropfigen Vetters gab er ihm gründliche Nachweisung, daß er nur der Sohn einer Stieftante war und daß blos in dieser Stieflinie die Kröpfe daheim seien. Seine Mutter aber war im Wochenbett gestorben. Dem dunklen Einfluß der Jammerbase entrückt, in der beständigen Umgebung zweier junger und fröhlicher Herzen beruhigte sich auch endlich das besorgte Vaterherz und nach Pfingsten führte der überselige Bräutigam sein anmuthiges Pfingströslein in ihre neue Heimath. Die Jammerbase hat die Schwelle des Vetters und die des jungen Paares nie wieder betreten. Marie fand aber später Gelegenheit, den Wehvögelein so viel Liebes und Freundliches zu erweisen, daß sie ihre Eulennatur beinahe ablegten und in vollem Ernste lernten, sich zu freuen mit den Fröhlichen, was manchmal schwerer ist, als zu weinen mit den Weinenden. VI. Drei Brüder. »Es waren einmal drei Brüder, die theilten unter sich des Vaters Erbe und zogen dann hin. ein Jeder seines Wegs.« So fängt manch ein schönes Märchen meiner Bekanntschaft an, und so ist auch der Beginn dieser sehr einfachen Geschichte, die kein so glänzendes Ende nimmt wie das Märchen, wo allemal der Jüngste zuletzt die schöne Prinzessin bekommt und obendrein ein halb Dutzend Königreiche. Meine drei Brüder hießen Philipp, Friedrich und Georg; sie waren die Söhne des Herrn Philipp Friedrich Georg Staar, Kaufmann und Handelsvorsteher, auch Stadtrath in der Stadt Schopfberg. Sie hatten die Theilung ihres seligen Vaters beendigt und saßen in der Wohnstube des väterlichen Hauses, wo noch dasselbe Kanapee, dieselben hochlehnigen krummbeinigen Sessel standen, die ihre Großmutter dereinst in's Haus gebracht. Diese Wohnstube zusammt dem Haus, vortrefflich gelegen an der Ecke, wo die Hundsgasse und die Hasengasse zusammenlaufen, war jetzt Philipps Eigenthum. Er hatte Haus und Laden, dessen vornehmste Artikel, dem Geruch nach zu schließen, aus Käse und Schnupftabak bestanden, in billiger Schätzung bei der Theilung übernommen. Die Theilung war friedlich abgelaufen. Friedrich, der Magister, war von jeher so knapp im Geld gehalten worden, daß ihm der bescheidene Antheil, der ihm jetzt zufiel, als eine ganz unerschöpfliche Summe vorkam. Georg, der Jüngste, wußte allerdings als Kaufmann den Werth des Geldes besser zu schätzen, aber er wußte, daß der Vater, wenn auch mit widerstrebendem Herzen, an seine kaufmännische Ausbildung ansehnliche Summen gewandt, während Philipp seine Lehr- und Gesellenjahre im Düster des väterlichen Ladens verlebt hatte. Auch verlangte ihn viel zu sehr fortzukommen, hinaus aus dieser engen Umgränzung, hinaus, dem Glück entgegen und dem frischen vollen Leben, als daß er nicht gern jedes Opfer gebracht hätte, um baldmöglichst frei zu werden. »Also du hast im Sinn nach Hamburg zu gehen?« fragte Philipp den Georg, indem er aus des Vaters hörnener Dose einen etwas Trockenen schnupfte, dieweil derselbe aus der Schublade zusammengekehrt war. »Nach Hamburg, nach Leipzig, nach Bremen, wo mir's gefällt, wo mir das Glück entgegen kommt! Auf der Fortuna ihrem Schiff Bin ich zu segeln im Begriff« trällerte dieser, »ich muß zuerst einmal sehen, wie's draußen aussieht und wo mir's zusagt.« »Bin gar nicht so neugierig, durchaus nicht,« meinte Philipp mit dürrem Ton, »ich kann mir das alles so ziemlich vorstellen, und nun ich das Geschäft allein habe, gedenke ich ganz ordentlich in aller Ruhe darauf vorwärts zu kommen. Auf die Fortuna baue ich just nicht, aber auf unsere Firma und meine Erfahrung.« »Und ich baue auf mein Glück, gerade!« rief Georg, »wir wollen einmal einander dran mahnen, geritten kommt man weiter als gekrochen.« »Und der Herr Bruder Magister?« fragte Philipp, »der baut wohl auf eine gute Patronatspfarrei, um seinen langen Brautstand zu verkürzen?« »Ich baue auf Gottes Hilfe und Segen,« sagte der ruhig. »Nun ja, das versteht sich von selbst!« riefen die zwei andern. »Nicht immer so ganz,« meinte lächelnd der Magister. Die Brüder schieden aber als gute Freunde, und die obere Wohnstube des alten Vaterhauses, die nur bei feierlichen Gelegenheiten eröffnet wurde, schloß sich wieder auf lange. Philipp wollte keine Zeit verlieren, seine Rößlein in den steten Tritt zu bringen, mit dem er am sichersten weit zu kommen hoffte. Eine Lebensgefährtin war zu solidem Beginn des Geschäfts unerläßlich, sein Herz, wenn er eins hatte, wollte er bei dieser Gelegenheit nicht inkommodiren, der Rath verständiger Freunde führte ihn auf die Jungfer Friederike Malzbrenner, ein gestandenes Frauenzimmer, »sehr angenehme Familienverhältnisse,« wie der Freund sich ausdrückte, d. h. die Eltern beide todt, die einzige kränkliche Schwester über alle Möglichkeit einer Verheirathung hinaus, – ein nettes Vermögen, nicht sehr bedeutend, aber sicher angelegt und leicht baar zu haben, – es stimmte alles zu Herrn Philipps Wünschen. Vom Tage nach der Hochzeit an begann im Hause Staar ein Leben so gemessen und geregelt, wie eine Seeuhr. Alles ging nach Zahl und Gewicht, Frau Staar war stets wie die Gerechtigkeit mit einer Wage in der Hand zu sehen, sie konnte nach einem Jahr ihres Ehestands beiläufig berechnen, wieviel sie bis zur goldenen Hochzeit Schmalz und Mehl werde konsumirt haben, und sie wußte genau, wie viel Stücke Holz zum Kochen jedes einzelnen Gerichts erforderlich waren. Geizig konnte man darum das Ehepaar nicht nennen; wenn auch der Magd und dem Lehrling das Brod zugewogen und dem Commis das Licht bezeichnet wurde, wie weit es abbrennen dürfe, so mußte doch alles recht und in Ordnung sein. Auch an »Ehr und Reputation«, wie es Herr Philipp nannte, durfte es nicht fehlen, und mit der Zeit lernte er wirklich die mögliche Zahl der Taufen, Leichen und Hochzeiten in der Honoratiorenwelt soweit berechnen, um den Betrag des Ehrenpfennigs festsetzen zu können; auch hielt Frau Staar alle Jahr eine große Visite, wobei die Tafel hinreichend besetzt war. Mit sicherster Berechnung, ohne große Wagnisse, führte Herr Philipp Schritt für Schritt das Geschäft weiter. Während der Laden sein unverändert trübseliges, etwas schmieriges Aussehen behielt, während das Familienleben, dessen Leiden und Freuden auch auf sparsamer Wage gewogen schienen, sich in dem ewigen Dunkel der Ladenstube gleichförmig abhaspelte, vermehrte sich die Summe des Gewinns am Schluß des großen Hauptbuchs alle Jahre um ein Ansehnliches. Friedrich, der Magister, und seine Braut, die älteste Tochter einer kinderreichen Familie, durften sich noch eine Weile im Warten üben, bis sie einen eignen Herd gründen konnten. Aber wie glücklich waren sie, als sie dies Ziel erreicht! Friedrich wußte wohl, welchen Kummer es der guten Sophie und ihrem Vater machte, daß dieser durchaus nicht wußte, wie er eine häusliche Einrichtung für die Tochter erschwingen solle, – für Linnenzeug hatte noch die selige Mutter gesorgt, – wie reich fühlte sich nun Friedrich, als ihn das Vatererbe in den Stand setzte, den bescheidenen Wünschen der Braut zuvorzukommen. Es war eine alte Liebe, die den Friedrich an seine Sophie band, sie hatte schon im Seminar Wurzel geschlagen, wo er mit Bewundrung das vierzehnjährige Kind im Garten neben dem Seminar beschäftigt sah, wie es die Gartenarbeiten, Waschtrocknen und ein Halbdutzend kleine Geschwister mit- und nacheinander besorgte; er hatte durch Aepfel, die er ihren kleinen Brüdern verabreichte, die Bekanntschaft angeknüpft, die er später unter gewaltigem Herzklopfen durch Briefe fortsetzte. Gerostet war aber diese Liebe nicht, und Sophiens Schönheit war von der guten, hausbacknen schwäbischen Sorte, die sich lange frisch erhält; – der tiefe herzliche Blick voll innerer Freudigkeit, mit dem sich das Paar zum ersten Mal im eignen Haus begrüßte, konnte es wohl mit dem seligen Sturm einer ersten Erklärung aufnehmen. Sophie hatte indeß beim Vater und den Geschwistern daheim einen schweren Stand gehabt. Der Papa war ein guter Mann, aber ein grundschlechter Haushalter; für jede Einnahme, die Sophie so gern für die dringendsten Bedürfnisse verwendet hätte, wußte er stets eine Extraverwendung, kaufte ihr Schillers Gedichte, während sie zunächst guter Schuhe bedurft hätte, und dem Karl einen kleinen Husarensäbel um vier Gulden, die gerade für ein Wamms gereicht hätten. An der Sophie Geburtstag hatte Champagner her müssen, und sie wußte doch noch nicht wie die Milchfrau bezahlen. Nun war sie im Eigenthum bei ihrem Mann, der ihr das Finanzfach ausschließlich überließ, im Besitz eines sichern Einkommens und eines Vermögens, das ihr ein Reichthum schien. Mit welcher Glückseligkeit machte sie ihren kleinen Etat, ihre Berechnung am Jahresschluß und bringt sie dem Gatten tiefbewegt, der nichts davon verstand. Es blieb nun immer ein kleiner Ueberschuß zu einer besondern Freude, zu einem kleinen Familienfest, wozu ihre Geschwisterschaar reichlichen Stoff lieferte, und sie war eine liebe, fröhliche Wirthin, aus deren Händen eine saure Milch so herrlich schmeckte, als aus andern eine crême à la reine . Sie hatte stets abwechselnd zwei der Geschwister als Gäste bei sich, um sie wieder heraus zu flicken, genügsame und dankbare Gäste und so fehlte es nicht an Leben und Lärmen im Pfarrhaus, auch noch ehe es die eigenen Sprößlinge bevölkerten. Nach einem höchst vergnüglichen Streifzug durch die ersten Handelsstädte, nahm endlich Georg, von jeher daheim das Glückskind genannt, in einer derselben vorläufig eine Stelle als Volontair in einem angesehenen Handelshaus, »um sich die Sache anzusehen«; er trieb die Geschäfte mit Interesse und Freude, versäumte aber daneben keine Gelegenheit, die Genüsse der reichen Stadt kennen zu lernen. Gar zu lange hätte nun freilich in dieser Weise das Vatererbe nicht ausgereicht; nun hatte indeß Fräulein Sidonie, die allvermögende Tochter des Hauses, gefunden, was für ein schöner, lebhafter junger Mann der neue Volontair sei, und ohne viel Zuthun erhielt er bald eine Stelle mit gutem Gehalt auf dem Comptoir und dazu eine Einladung in den Familienkreis. Dieser Familienkreis bestand zwar nur aus ziemlich steifen Abendgesellschaften im Salon, bei denen Fräulein Sidonie im höchsten Glanz präsidirte, aber es war immerhin eine Auszeichnung und Georg begann zu erwägen, daß es gar nicht übel wäre, mit der Erbin des Hauses so ohne Müh dessen Glanz und Besitz zu erwerben. Schön war Fräulein Sidonie gar nicht, aber so sehr schön angezogen! so schön, daß man nicht wußte, wo sie selbst anfing und wo der Anzug aufhörte, daher nahmen sie die Leute auch für eine wirkliche Schönheit; und ein vielgesuchtes Gut war sie, was ihren Reiz in den Augen eines verwöhnten jungen Mannes nicht schmälerte. Nun traf sich's aber, daß alle Morgen früh, wenn Georg sein Fenster öffnete, bevor er sich auf's Comptoir begab, in dem Hause gegenüber, dessen Rückseite ihm zugewendet war, ein Fenster aufging, und ein junges Frauenzimmer erschien, die einiges Geräthe zum Trocknen auf's Fensterbrett ordnete; die Straße war schmal, und er konnte nicht umhin, Notiz von der schönen Schaffnerin zu nehmen. Eine gewöhnliche Magd war sie nicht, dessen war er bei sich gewiß, obgleich weder ihre zierliche Kleidung, noch ihre ungewöhnliche Schönheit dagegen sichre Beweise gewesen wären, aber daß sie in untergeordneter Stellung war, sah er bald. Anfangs war es nur zufällig hie und da, daß er sie sah, allmählig aber wiederholte sich die Erscheinung immer regelmäßiger. Er stand nun etwas früher auf, das Fenster war bei der wärmeren Jahreszeit ganz offen, da unterhielt es ihn, zuzusehen, wie sie das Frühstückgeräth reinigte, einen Theil getrocknet in's Körbchen legte, das andere auf's Fensterbrett, wie sie zuletzt die Serviette heraushängte und dann mit einem kleinen Seitenblick auf sein Fenster verschwand; sie schien Haus- oder Zimmerjungfer zu sein und eben nicht in erfreulicher Lage. Er entdeckte auch, daß ihr eigen Stübchen einen Stock höher im Giebel war, woselbst sie eine Reseda und ein Rosenstöckchen, der sonnenlosen Lage zum Trotz, emsig pflegte. Allmählig gedieh die stumme Bekanntschaft so weit, daß man sich gegenseitig grüßte; es schickte sich zufällig, daß man sich auf Ausgängen begegnete, es kam zu einem Gespräch und Georg erfuhr, daß das Mädchen Helene hieß und als Waise eines armen Offiziers Dienste in dem vornehmen Haus gegenüber gefunden habe. Sie klagte nicht über ihre Stellung, die Behandlung war gut im gewöhnlichen Sinn, sie durfte weder Hunger noch rauhe Begegnung leiden, sie konnte allein essen, wenn sie nicht gern in der Küche speiste, nur war sie überall im Weg, wo man ihre Dienste nicht gerade bedurfte, von der Magd schnöde behandelt, von der Herrschaft grundsätzlich »drunten gehalten« ohne Umgang, ohne Freude, ohne Herzensnahrung, wie ihre armen Blumen, die zwar Wasser und Boden, aber keine Sonne hatten, zuviel zum Verdorren, zu wenig zum Blühen. Georg wußte nicht wie's kam, daß ihm, so oft er der glänzenden Sidonie gegenüber beim Whist saß, immer die blauen Augen der armen Helene heller schienen, als das leuchtende Juwel auf der Stirn der Erbin, konnte es ihm, dem übermüthigen Muttersöhnchen doch nie einfallen, im Ernst an die arme Hausjungfer zu denken; Liebe in der Hütte bei Schwarzbrod und Quellwasser, hatte nie zu seinen Zukunftsträumen gehört. Da traf sich's, als er einst in einen Laden eintrat, wo eben Helene einige Einkäufe zu machen hatte, daß gerade ein Colporteur mit Lotterieloosen, die er als die »sichergewinnenden grünen« anpries, mit dem Herrn des Ladens in Unterhandlung stand. »Geben Sie Ihr Packet her,« rief Georg, und hielt die Loose Helenen hin, »da ziehen Sie, Fräulein, Sie haben vielleicht eine glückliche Hand.« Hocherröthend zog Helene ein Loos, Georg bezahlte es und schob's in seine Brieftasche. »Müssen dem Glück ein Thürlein offen lassen!« flüsterte er dem Mädchen zu und eilte leichten Schrittes davon. Monate waren indeß vergangen, die Neigung des Fräulein Sidonie, noch gesteigert durch das kühle Verhalten des jungen Schwaben, hatte sich nicht gewendet, der Vater, in allem gewöhnt, dem Töchterlein nachzugeben, suchte endlich seiner Sprödigkeit nachzuhelfen, so redete er gelegentlich mit Georg: ein reicher junger Kaufmann hatte sich ihm zum Associé angeboten, er wäre zwar nicht abgeneigt, einen Theil seiner Geschäftslast auf jüngere Schultern zu legen, – würde aber einem frühern Bekannten den Vorzug geben, – das weitere ließ sich zwischen den Zeilen lesen. Da kam's denn doch dem Georg zu Sinn, daß er etwas ernstlich über seine Zukunft nachdenken müsse, er bat um kurze Bedenkzeit und schickte sich zur Ueberlegung an. Noch ehe er zu irgend einem Abschluß gekommen, kam athemlos der Colporteur, von dem er das Loos gekauft, zusammt dem Kaufmann, in dessen Laden er ihn getroffen: »Ihre Nummer?« – »Da ist sie!« sagte Georg in steigender Erwartung. Es war richtig – das große Loos! Helene war eben im Ankleidezimmer der Herrschaft, bemüht die widerspenstigen Haare der Tochter Mathilde unter unziemlichem Geschrei derselben in Ordnung zu bringen, da stürmte Georg rücksichtslos in den Schooß der erstaunten Familie: »Helene, wir haben das große Loos gewonnen, Sie sind meine Braut!« Es war so, und war kein Traum gewesen, wie das arme Kind zuerst geglaubt; sie verzieh gern die rücksichtslose Form der Werbung, die ihre Genehmigung vorausgesetzt, und gab sich mit kindlichem Jubel dem Glück, geliebt zu sein, der Freude einer eignen Heimath, dem Glanz der neuen Verhältnisse hin, und sann dann immer wieder, wie sie's denn dem Georg vergüten wolle, daß er sie so glücklich gemacht; oft sagte sie halb im Scherz zu ihm: »gib Acht, es soll dich gewiß nicht reuen.« In all den Schimmer und die Behaglichkeit des Reichthums, in Equipage und seidene Kleider fand sie sich aber so leicht und unbefangen, als ob sie darin geboren wäre. Fünf Tage nach Georgs Verlobung, der eine solenne Hochzeit im Sturm folgte, fuhr Fräulein Sidonie im prächtigsten Wagen durch die Straßen und gab Verlobungskarten mit dem reichsten Kaufmannssohn der Stadt ab. Der Papa kaufte Schmuck, Shawls und Kleider in denselben Magazinen, wo Herr Staar zuvor für seine Braut eingekauft hatte, nur zu doppelten Preisen. Daheim, im Stammhause der Staaren war indeß unter Herr Philipps Regiment alles im alten Gleise fortgegangen. Georg Philipp Friedrich, der einzige Sprosse seiner Ehe, hatte sich gleich von seinem ersten Lebensjahr an so still, geordnet und gesetzt benommen, daß sein Erscheinen kaum eine Unterbrechung der Hausordnung zu nennen war. Etwas knapp ausgemessen war der junge Erbe, klein, schmal und dünn, sein Name war noch das reichlichste an ihm. Die regelmäßige Erholung der Familie war Sommers ein Abendspaziergang in den Garten, in dem Kraut und Kohlraben eine Hauptrolle spielten und dessen Beete mit Schnittlauch zur Verzierung eingefaßt waren; an Winterabenden divertirte man sich damit, Papierdüten zu pappen. Alljährlich aber am Bartholomäusfeiertag wurde eine Fahrt zu Bruder Friedrich unternommen, alljährlich traf man dessen Familie um einen kräftigen Buben vermehrt, während zum Glück die Geschwister der Sophie nach und nach sonst untergebracht wurden. Es ging lustig zu im Haus, die rothbackigen Pfarrbuben konnten den dünnen Georg Philipp Friedrich fast umblasen, er flüchtete sich auch gleich hinter die Mama. Schätze sammeln konnte freilich der Pfarrer nicht, aber sein emsiges Weibchen sorgte doch, daß der Grundstock erhalten bleibe. Frau Friedrike selbst mußte der Häuslichkeit und dem Ordnungssinn der Schwägerin Gerechtigkeit widerfahren lassen; die zu fetten Butterbrode der Buben entschuldigte sie mit dem Gedanken, daß die Butter ein Geschenk bei der Anmeldung sein werde. Aber sie meinte doch nachher, der Kopf thue ihr weh von dem Lärm; es war so hübsch kühl und still in der Ladenstube. Von Georgs Glücksfall und Heirath wußten die Geschwister, der Pfarrer und der Philipp hatten Jeder seine eigenen Bedenken darüber, der Pfarrer über das erste, der Philipp über das letzte. Es dauerte nicht zu lange, so wurden die Bewohner Schopfsberg durch eine elegante Equipage in Erstaunen gesetzt, die vor den Thüren des Staar'schen Hauses hielt und aus der Georg mit seiner jungen Frau stieg. Ein schöneres Paar als die Zwei hatte man nie gesehen: jung, blühend, fröhlich mit allem Glanz des Reichthums umgeben. Die Zufriedenheit der Frau Friederike erlitt einen schweren Stoß und es brauchte eine Weile, bis sie wieder ohne Nebengedanken sich an den Gartenspaziergängen und am Dütenpappen vergnügen konnte. Philipp nahm »den Kleinen,« wie Georg noch aus alter Zeit hieß, in Betreff seiner Geschäfte auf's Korn und fand zu seiner Beruhigung, daß er denn doch, trotz alles leichtsinnigen Uebermuths, der leibliche Sohn des seligen Philipp Friedrich Georg Staaren sei, und seine Angelegenheiten, wenn auch keck, doch mit Glück und Geschick betrieb. Georg aber schüttelte sich, als er die kleine Stadt, den käseduftenden Laden und die dumpfige Ladenstube im Rücken hatte: »Puh, wenn wir in solch einem Nest versauern müßten, da hättest du mich nicht genommen, Lenchen?« – »Weiß selbst nicht, aber behalten würd' ich dich auf jeden Fall,« lächelte diese. Im Pfarrhaus machte der Besuch des freundlichen Onkels mit der schönen Tante viel Freude. Das silbergraue Seidenkleid Helenens erhielt etliche Fettflecken, weil sich die Neffen gern eigenhändig von der Glätte des Seidenstoffs überzeugen wollten. Lenchen hatte großes Bedauern mit der Schwägerin, die allezeit ein Kleines auf dem Arm, eins am Kleid hängen und noch ein stetes Gefolge von lärmenden, brodfordernden Burschen hatte, aber sie ergötzte sich auch an dem fröhlichen Treiben und wunderte und freute sich wieder des Glücks, das sie, das arme Mädchen, dagegen in die Fülle des Wohllebens und Behagens versetzt hatte. Sie schieden vom Pfarrhaus und fuhren dahin, glänzend, freudestrahlend, glücklich in eine reiche, schöne, wohlausgestattete Heimath, ohne Gram und ohne Sorgen. Doch mit des Geschickes Mächten Ist kein ew'ger Bund zu flechten. Es ging manches Jahr hin seit diesem Besuche, das Haus Staar in Schopfberg wuchs und gedieh, etwa wie der Stein wächst, an den sich die Erde ansetzt und mit verhärtet, aber der junge Georg Philipp Friedrich wollte nicht wachsen. Auch das Pfarrhaus wuchs und mehrte sich, sechs rüstige Söhne und ein liebliches Töchterlein machten dem Vater den Kopf heiß und das Herz warm. Der Pfarrgarten bot einen ergötzlichen Anblick, wie eine Harlekinsjacke, weil jeder der Söhne ein Stückchen davon nach eigner Phantasie bebauen durfte. Sie waren nun schon zum Theil auswärts, August im Seminar, um in des Vaters Fußstapfen zu treten, Heinrich, der später dem Onkel Georg zur Weiterbeförderung zugedacht war, bei einem Kaufmann in der Lehre, Karl in einer lateinischen Kostschule; aber an Sonntagen und in Ferien, da waren sie Alle noch beisammen, und der Mutter lachte das Herz, wenn sie die Schaar überblickte: es sah keiner aus, als ob er mißrathen wollte, und trotz mancher sorgenvollen Stunde hatte sie ihr Gottvertrauen bis jetzt nie getäuscht. Georg und Helene lebten indeß in unverkümmerter Lebensfreude, Helene ging vollkommen in Georgs Ansichten ein, daß Genuß überall der Zweck, und Geld nur das Mittel dazu sein dürfe; er überließ ihr, für den Genuß zu sorgen, »für's Geld sorge ich und meine Fortuna,« und Helenens Geschmack und Schönheitssinn, ihre fröhliche, lebenslustige Natur befähigte sie vollkommen zu ihrer Aufgabe. Die Fortuna erfüllte die ihrige nicht so ganz; Georgs Erwerb hielt nicht Schritt mit dem Aufwand, der ihm ein ganz mäßiger schien, er fand eine bedenkliche Abnahme: »das muß anders werden, ich muß suchen mich sicherer zu stellen, nur kein so ängstliches Zipfeln und Wägen, ich muß 'mal was Rechtes wagen.« Ohne Helenen etwas mitzutheilen, unternahm er eine großartige Speculation, die allerdings, wenn sie gelang, ihn von allen Wechselfällen auf lange sicher stellen konnte; wie viel er aber auf diesen gewagten Wurf setzen mußte, das ward ihm erst klar, als es zu spät war, die Hand zurückzuziehen, selbst wenn er gewollt hätte. Ein ihm ungewohntes Bangen ergriff ihn, als sich die Zeit näherte, die über den Erfolg seines Unternehmens entscheiden mußte. Er sandte Helenen aufs Land, wo sie sonst auch die heißen Monate zubrachte, weil er keine Zeugen seiner fieberhaften Aufregung dulden konnte. Tag und Nacht war er rastlos umgetrieben; »es kann nicht fehlen, murmelte er, es kann nicht! und wenn's gelingt, dann sind wir sicher und dann muß erst etwas eingezogen werden, in solche Qual will ich mich nimmer versetzen, – es darf nicht brechen.« Und es brach dennoch, der Wurf mißlang. Vermögen, Ansehn, Geltung, Credit, Alles, Alles war mit Einem Schlage vernichtet. Dagegen hatte der verwöhnte Sohn des Glückes sich nie gewaffnet, solchem Schlage war er nicht gewachsen, er brach zusammen an Seele und Leib. Helene, obwohl sie in keiner Weise vorbereitet, kaum eine leise Ahnung dieser Krisis gehabt, hatte den leidigen Ausgang noch früher als ihr Mann erfahren. Sie hatte nur den Einen Gedanken: »wie wird er es tragen?« und eilte so schnell, als ihr möglich war, unaufhaltsam zu ihm. »Könnte er's doch zuerst durch mich erfahren!« war ihr sehnsüchtiger Wunsch; sie kam zu spät, sie fand ihn vom Schlage gerührt leblos am Boden liegen. Der Arzt war gerufen, er schlug die Ader und es zeigten sich Lebensspuren, aber gar bedenklich schüttelte er den Kopf, als die hilflose, gelähmte Gestalt auf's Bett gehoben wurde und mit stieren Augen um sich blickte. Lenchen aber, als sie allein mit ihm war, beugte ihr thränenbenetztes Gesicht auf das seine und flüsterte: »es soll dich doch nicht reuen.« Eine kleine Mansarde, die nur durch fast wunderbare Ordnung und Nettigkeit zum wohnlichen Stübchen geschaffen ist, ein noch kräftig und blühend aussehender Mann ohne eine Spur geistigen Lebens in seinen Zügen, eine frühgealterte Frau mit den unverwüstbaren Resten einst seltener Schönheit, die sich auf's Liebevollste um ihn bemüht – das ist das einst so schöne, stolze, fröhliche Paar, das im Sonnenschein des Glückes zuerst die kleine Stadt betreten. Georg hatte Alles verloren, Alles hatte ihn getäuscht, – allein sein Herz nicht. Ein Wort der Klage hat Niemand von Helenens Lippen gehört; als es sich zeigte, daß Georg gelähmt und geistesschwach bleiben würde, als sie ihr schönes Haus verlassen mußte, als sie ihre reiche, geschmackvolle Einrichtung, ein Stück um's andere, in fremde Hände wandern sah, als sie, die ganz Unwissende und Harmlose, vor Gericht Auskunft geben sollte, ob nichts unterschlagen, nichts veruntreut sei, – bei all dem hatte sie nur Einen Gedanken, nur eine Rücksicht: wie sie ihm alles Leiden, alle Bitterkeit dieses Schlags ersparen könne, und über die schwerste Zeit segnete sie fast seinen unbewußten Zustand, der ihn kein Leiden empfinden ließ. Vermögen war keines gerettet; was ihr blieb vom Erlös des Geschmeides und der Kleider, die man ihr ließ, das verwendete sie, um ihn nur ganz allmählig an die Abnahme der äußern Bequemlichkeiten zu gewöhnen, deren Entbehrung das einzige war, das er noch zu fühlen schien. Sie konnten nicht bleiben, wo sie waren, obgleich es nicht an theilnehmenden Freunden fehlte, Helene hatte Gelegenheit gehabt, die Stacheln von Sidoniens beleidigtem Stolz zu fühlen, an einem Orte mit ihr konnte sie nicht bleiben, und sonst war sie ohne Heimath auf der ganzen weiten Welt. Da erging denn eine demüthige Anfrage an Philipp, den Aeltesten der Familie, um Rath in so schwerer Bedrängniß. Die Randglossen des Herrn Philipp und der Frau Friedrike wollen wir unterdrücken. Hartherzig war er gerade nicht, und ihm fiel nicht die Möglichkeit ein, seinen leiblichen Bruder fremder Barmherzigkeit oder Unbarmherzigkeit zu überlassen. So wurde denn die Mansarde gemiethet und Georg und seine Frau hielten zum zweiten Mal einen gar stillen, demüthigen Einzug in seiner Vaterstadt. Helene nahm sich nicht Zeit zu vergleichen mit der Vergangenheit, alle ihre Leibes- und Seelenkräfte richtete sie nur auf den Einen Punkt, dem armen Mann sein Leben so leicht als möglich zu machen. Jede Kunst ihrer Jugend, auch die Kunst des Sparens, die sie nie besessen, suchte sie um seinetwillen hervor. Mit dem knapp zugemessenen Beitrag des Bruders verstand sie doch, ihn immer noch mit einem Leibgericht zu erfreuen, seine Kleidung reinlich und anständig zu erhalten; die zierlichen Nadelarbeiten, mit denen sie zur Zeit ihres Glanzes die Zeit vertändelt, boten ihr jetzt Mittel, ihrem engen Zimmerlein immer noch ein heitres, gefälliges Aussehen zu geben und von dem Erlös ihm manchmal eine Freude zu machen. Freundliche Herzen fanden sich, die suchten ihr da und dort auch einen besondern Genuß zuzuwenden; sie schämte sich nicht, Wohlthaten anzunehmen, es war ja für ihn. Es fehlte ihr nie an Blumen für ihr Stübchen, es standen ihr Gärten offen, wohin sie den Mann in seinem Rollstuhl führen ließ, damit er sich in der freien Luft ergötze. Die neugierigen und mitleidigen Blicke Vorübergehender beirrten sie nicht, wenn sie an seiner Seite hinausging und bald war der lahme Mann in seinem Sessel eine gewohnte Erscheinung. Die Empfänglichkeit für sinnliche Eindrücke und seine Liebe zu Helenen war das einzige, was noch am Leben geblieben war, diese Liebe war freilich eben nur wie die eines unmündigen Kindes zur Mutter, aber Helene fand sich doch glücklich darin. Mit der Freude eines Kindes begrüßte er sie, wenn sie von kurzer Abwesenheit zurückkehrte, voll unbestimmter Angst suchte er sie mit den Blicken, wenn sie nicht da war, nur sie verstand er, nur mit ihr konnte er reden, fast schauerlich für andere klang es, wenn er noch versuchte, mit ihr zu singen, während früher die zwei herrlichen Stimmen des Ehepaars die Bewunderung der Salons hervorgerufen hatten. Die Lichtpunkte ihres Lebens waren die langen Besuche im Pfarrhaus; mehr konnte der Pfarrer beim besten Willen nicht thun, als ihnen sein Haus gastlich öffnen. Die gute Sophie that ihr mögliches, der armen Schwägerin den Aufenthalt lieb zu machen; die muntern Knaben, deren nur noch zwei daheim waren, schoben den Onkel in seinem Rollstuhl soweit er nur wollte, und Helene war so glücklich in dieser Stille, im Garten unter Blumen und Vögeln. Sie strickte den Neffen Socken, garnirte der Pfarrerin Hauben und suchte sich nützlich zu machen, wo sie konnte. Von ihrer Vergangenheit sprach sie nie. So lebte der Georg hin, lange, lange Jahre ohne Schmerz und Klage, glückselig, wenn, so oft er: »Lenchen!« rief, die liebe treue Gestalt sich über ihn beugte. Der Pfarrer ging zur Ruh, nachdem er seine Söhne in muntern Enkeln verjüngt gesehen, er hinterließ die Kinder noch nicht alle auf ebenem Wege, er sah noch Kämpfe und Mühen für sie voraus, aber er schied getrost, ihnen als köstliches Erbe sein Gottvertrauen hinterlassend. Auch Philipp starb endlich noch ehe er seinen Georg Philipp Friedrich zu einem Heirathsversuch hatte vermögen können. Eine namenlose Aengstlichkeit, die an's Krankhafte ging, machte diesen fast zu allem untüchtig; Frau Karoline versprach dem besorgten Gatten, noch vor ihrem Tod dem Sohn für eine vernünftige Frau zu sorgen, aber sie starb kurz nach diesem, ehe sie ihr Versprechen halten konnte. Das Pfarrhaus war für Helene und ihren Pflegling ein schmerzlicher Verlust, zudem wurden ihre Augen dunkler, ihre Hände starrer zum Arbeiten, – es that ihr so weh, jetzt den armen Mann noch verkürzen zu müssen, – da starb der Neffe Georg Philipp Friedrich und ihnen fiel die Hälfte des Erbes zu. Nun konnte sie ihrem Georg noch einen heitern Abend bereiten, sie war glückselig in seiner kindischen Lust an all den kleinen Dingen, mit denen sie ihm eine Ahnung der alten Zeiten zurückführte, nun konnte sie auch da und dort geben, eine kleine Freude machen, eine gute Freundin bei sich sehen; die fleckenloseste Ordnung und Reinlichkeit hatten von jeher Alles aus ihrer Umgebung entfernt, was sonst eine Scheu vor Krankenstuben einflößt, und Georg sah sich mit vergnüglichem Lächeln um, wenn er bemerkte, wie sein Lenchen wieder einen geselligen Kreis um sich versammelte. Fremde begriffen das tiefe namenlose Leid der Frau nicht, als nach einigen für ihn fast glücklichen Jahren, der arme Georg endlich auch heimging. Das Glück und das Leid der letzten dreißig Jahre ihres Lebens war ihr eigenes Geheimniß gewesen. In dem letzten Lächeln ihres Gatten, in dem Ton, in dem er zum letztenmal ihren Namen gerufen, in seinem Blick beim Scheiden, glaubte sie den Funken des wiederkehrenden Geistes gefunden zu haben. Wer hätte ihr den Trost nehmen mögen? Sie durfte ihn nicht zu lang mehr überleben. So hat das Schiff der Fortuna den Georg geführt; soweit hat den Philipp sein stätes Rößlein getragen. Das Erbe Philipps fiel nun an die Pfarrfamilie zurück. Ach, wie hätte es ihn bekümmert, zu sehen, wie seine lang gesparten Thaler nach allen vier Winden hinflogen, nach Amerika, nach Riga, nach England, wer weiß, wohin noch? Heinrich hat Haus und Geschäft Staar übernommen, er hat eine alte Scheuer eingerissen, ein paar Fenster ausbrechen lassen und so Licht und Luft in die Ladenstube gelassen, die noch als Speisezimmer dient, während sein junges Weibchen in heiterer, behaglicher Wohnstube oben waltet. VII. Ein Mädchenleben. 1. Laß ab fragen Welcher Welten Abglanz Die Jugend schmückt, Es reden Greise     Im Silberhaare,     Dem Grab versprochen     Von der Jugend Wonne, Und wissen zu sagen Warum so selig     So sorglos die Stunden Und Tag' ihr entfließen, – Und treffens – nie.                           G. Pfizer. Wer kann singen und sagen, was die Jugend sei? Wie wir an einer Rosenhecke tagelang vergeblich suchen können nach Einer Rose, die gerade in der rechten Vollendung erblüht ist, so können wir auch den ganzen Blumenflor jugendlicher Gestalten lange überblicken, bis uns Eine so recht und ganz das Bild der Jugend gibt. Ich wollte, ihr hättet Malwina gesehen, dann wüßtet ihr, was Jugend ist. Eine Hebe nach Canova's Vorbilde war sie eben nicht, dazu war ihre Gestalt etwas zu voll, die Röthe ihrer Wangen mahnte mehr an den frischen Anhauch eines hellen Wintermorgens als an die zarte Mandelblüthe, aber auf ihren klaren, braunen Augen, aus allen Zügen des fröhlichen, offenen Angesichts blühte ein herzerfreuender Frühling voll Jugendlust und Seelengüte. Sie war fröhlich den lieben langen Tag und noch länger, nicht mit der sprudelnden, lärmenden, kichernden Fröhlichkeit mancher jungen Mädchen, die dem unbefangenen Zuschauer angst und bange macht, und von der, wie vom Champagnerschaum, fast nichts im Glase bleibt, wenn er verflogen ist; nein, mit einer kerngesunden, klaren, ruhigen Heiterkeit, die den anmuthig kräuselnden Wellen eines tiefen See's gleicht, in dem sich der blaue Himmel spiegelt. Schon früh Morgens, wenn sie den Frühstücktisch ordnete, mit dem ruhigen sichern Anstand, der so lieblich stand zu ihrer kindlichen Unbefangenheit, da schaute sie so frisch und hell darein, daß man meinte, sie müsse etwas ganz besonders Erfreuliches zu verkünden haben. O, sie wußte gar nichts Neues, nichts, als daß ihr's eben so gar wohl war auf der Welt! Sie hatte stets etwas, auf das sie sich freute, sie freute sich auf ihre Hühner und Tauben wie sie so lustig ihr Morgenfutter pickten, auf die Blumen, die über Nacht im Garten aufgegangen, man hörte ihre helle Stimme in der Küche, wo sie sich freute, bis der Vater zu Mittag ihre guten Gerichte loben würde, und wenn er sie nicht lobte, so freute sie sich doch, daß es dem kleinen, dicken Vetter, der da speiste, so gut geschmeckt habe. Nach Tisch freute sie sich ungemein, bis sie an ihrem Nähtischchen sitzen konnte, da waren Blumen am Fenster und ihre Vögelein, und so oft sie die Augen erhob, sah sie in das schöne, grüne Thal und an den Hügel mit der alten Burg, und wenn sie bei der Arbeit nicht sang oder mit der Mutter plauderte, so wiederholte sie sich laut oder leise die schönsten Lieder ihrer liebsten Dichter. Dann freute sie sich wieder auf das Dämmerstündchen, wo sie mit den Freundinnen einen kleinen Gang machte oder auf die Bank vor dem Hause saß, wo es kein Ende gab mit wichtigen Plaudereien. Dauerte das etwas zu lang und die Mutter schalt, nun das war keine Freude, und Malwina schüttelte es gar nicht leicht ab, aber sie tummelte sich zur Sühne ein wenig flinker, und wenn sie mit der alten, heitern, treuherzigen Miene die Lampe brachte und den Abendtisch richtete, da hatte die Mutter den Unmuth längst vergessen, und sie konnte sich schon wieder freuen auf die stille Zeit nach dem Abendessen, wo sie zu ihrem Strickzeug lesen durfte. So schön war's alle Tage, am schönsten aber der Sonntag, wo sie Morgens zur Kirche ging und wo Nachmittags die junge Welt manchmal einen fröhlichen Spaziergang machte, oder wo sie allein mit ihren Büchern in die stille Laube saß und sich umrauschen ließ von der Wunderfluth der Poesie, während draußen die Bienen summten, die Vögel sangen und das reiche geheimnißvolle Leben der Natur um sie webte und schwebte. Das war im Sommer und Frühling, aber sie freute sich eben so herzlich auf den Herbst, auf die langen traulichen Winterabende. Denn neben diesen alltäglichen Freuden gab's noch gar viel besondere, farbige Blumen auf einem lieblich grünen Wiesengrund: Geburtstage, Weihnachten, wo sie eine heimliche Werkstätte für Ueberraschungen in ihrem Stüblein hatte und unerschöpflich war an sinnreichen Erfindungen; auch war Malwina nicht zu zart besaitet, um Freude an dem zu finden, was man so gewöhnlich Vergnügen nennt. Eine Mädchenvisite, eine Landpartie, eine Schlittenfahrt, ein Ball, auf das alles konnte sie sich tagelang freuen und nachher gar vergnüglich und angelegentlich darüber plaudern. Sie war überall dabei, wo's fröhlich herging, und den trockensten Zuschauern ging eine Ahnung vergangener Jugendlust auf, wenn die schöne, jugendliche Gestalt sich so ruhig anmuthig im Tanz bewegte und ihre guten Augen so herzensfroh drein leuchteten. Ihre Rosen waren ohne Dornen, kein Neid, keine kleinliche Eifersucht, keine gekränkte Eitelkeit verkümmerte ihr die Festeslust, sie freute sich, wenn sie viel Tänzer hatte, und war Mangel daran, wie das auf Landbällen oft der Fall zu sein pflegt, so blieb sie zufrieden sitzen, dachte sich hübsche Lieder aus zu der Tanzmusik und lächelte gemüthlich den tanzenden Freundinnen zu. Wie sie mit fröhlich erwartendem Herzen gekommen war, so ging sie mit befriedigtem heim, und legte sich nieder und schlummerte ein an den heiteren Ballweisen, die ihr im Ohr nachklangen. Am Morgen d'rauf sah sie wieder so hell und frisch d'rein, wie eine Mairose, und besorgte noch fröhlicher und williger ihre Geschäfte, zum Dank für die genossene Freude. Sie war daheim das einzige Töchterlein, die ältere Schwester war an einen Pfarrer in der Nähe verheiratet und versorgte die Eltern mit Enkelchen. Tante Malwina war die fröhlichste Gespielin der jungen Schaar und wurde allzeit mit Jubel begrüßt. Ganz geschickt kam's ihr nun freilich nicht, wenn eine große Wäsche oder gar ein Wochenbett der Schwester eben auf die Zeit eines Balles fiel, aber sie schickte sich gutes Muths darein, und wenn sie auch hie und da gesund schlief neben einem schreienden Säugling, so versäumte sie doch keine Pflicht und freute sich nur ein bischen, bis sie wieder heim durfte. War Malwina fromm? – Ach, diese Frage ist bei jungen Mädchen eben so schwer zu bejahen als zu verneinen. So reiche Quellen aus dem Born des Heils und Segens fließen der Jugend von selbst zu, noch eh ein sehnendes Auge darnach späht, ein dürstendes Herz darnach lechzt. Glaubensfähigkeit, Liebe, Vertrauen, Freiheit von weltlichen Interessen, – aber wir lassen so oft diese köstlichen Quellen im Sand verrinnen, die wir nachher mit Mühe und Schweiß wieder aus der Tiefe des verhärteten Bodens graben müssen. Malwina war ein gutes Kind, sie ging gern zur Kirche und bemühte sich andächtig zu sein, sie legte sich nie zur Ruhe, und wär's nach einer Ballnacht gewesen, ohne aus Witschels Morgen- und Abendopfern ein Gebet zu lesen, und vor dem Einschlafen dankte sie aus eigenem Herzen dem guten Gott für alle Freuden des Tages. Sie faßte gute Vorsätze die Menge und war oft bekümmert, daß sie sie nicht besser halten könne, doch nicht allzusehr. Sie fürchtete auch den Tod nicht, o, gar nicht! sie ging gern auf den Kirchhof und las die Inschriften auf Grabsteinen, und wenn sie an die Ruhestätte eines jungen Mädchens kam, so dachte sie, wie schön es doch sein müsse, so jung zu sterben, und weinte aus lauter Mitleid mit den vielen Herzen, die ihr früher Tod betrüben würde. Sie hatte dem Tod noch nie in's Auge gesehen. Wohl fühlte sie manchmal eine tiefe unaussprechliche Sehnsucht, Fragen stiegen in ihrer Seele auf, auf die Witschel und die Stunden der Andacht ihr keine Antwort gaben, aber das Leben war wieder so schön und so reich! ›im Himmel würde sie schon Alles erfahren,‹ dachte sie. Denn das schien ihr ganz natürlich, daß sie in den Himmel kommen und als selig verklärter Geist die Ihrigen umschweben werde. Nicht die kleinste Quelle ihrer Freuden war ihr Stübchen, ihr eigen Stübchen. Sie sah es freilich nicht, vom Morgen, wo sie es in Ordnung gebracht, bis zur Nacht, wo sie zur Ruhe ging; das Haus war nicht so vornehm organisirt, daß man das Fräulein auf ihrem Zimmer gesucht hätte; den Tag über mußte sie an Ort und Stelle sein, dem Winke der Eltern gewärtig. Aber wie traulich war's in der stillen Nacht, wenn sie es in seinem zierlichen Schmucke wieder fand, die niedlich geordneten Tischchen mit allerlei kleinen Herrlichkeiten, das Blumenkörbchen, das sie in der Früh mit duftigen Blümchen gefüllt hatte, das Bücherbrett mit seinen Schätzen! Wie freundlich grüßten sie die alten Ahnenbilder, die sie aus der Rumpelkammer geholt, vom Staube gereinigt und hier wieder zu Ehren gebracht hatte! So ein stiller, friedlicher Geist durchwehte den Raum, da holte sie ihre liebsten, heimlichsten Gedanken hervor und sah hinaus in das klare Mondlicht, das die alte Burg umfloß, und wenn sie das Fenster geschlossen, und wenn sie ihr Licht gelöscht, da barg sie ihr Haupt in die Kissen und flüsterte leise, ganz leise in sich hinein: »es kommt immer noch schöner!«   2. Ach, daß es doch bliebe Dieß Paradies! Der Traum der Liebe Ist gar so süß.                     Th. Körner. Und es kam noch schöner. In die alte Burg, die wieder wohnlich hergestellt worden, zogen mit dem Frühling zwei junge Grafen, die Erben der alten Herrschaft mit einem Hofmeister; sie sollten hier in der Landluft erstarken und fleißig studiren, um im nächsten Jahr eine große Reise mit Nutzen antreten zu können. Unbeschadet der Studien durften sie jedoch an den geselligen Kreisen des Städtchens Antheil nehmen, was große Bewegung verursachte. Bis jetzt hatte man nur Kaffeevisiten von Damen gekannt, und nur im Wirthshaus bei Bällen und Casino's Herren getroffen, jetzt sollten offene Abende, gemeinsame Kaffee's im Garten gegeben, ja auf den Winter sogar Versuche in musikalischen Soireen und Theedansants gemacht werden. Die Grafen waren ein paar hochaufgeschossene ziemlich unbeholfene Knaben von fünfzehn und sechzehn Jahren, aber es waren doch Grafen; und es klang gut, wenn ein Töchterlein auf eine Aufforderung zum Tanz erwiedern konnte: »Bedaure, ich bin mit Graf Lohenfels engagirt.« Malwina berührte der Sturm dieser Begeisterung für die erlauchten Aufschößlinge nicht viel, sie war schon achtzehn vorüber, da kamen sie ihr wie Kinder vor, und sie verkehrte mit der ruhigen Würde einer älteren Schwester mit ihnen, obgleich ihr heiteres, ganz und gar unbefangenes Wesen den jungen Leuten ungemein zusagte, so daß die übrige Damenwelt über die eifrige wiewohl höchst bescheidene Huldigung, die sie Malwinen darbrachten, leicht hätte eifersüchtig werden können. Eine anziehendere Persönlichkeit als die jungen Grafen war Werner, der Hofmeister, ein durchaus nicht gewöhnlicher junger Mann, aus dessen dunklen Augen und geistig belebter Unterhaltung Malwinen ein neues Leben aufging. Es machte sich allmälich wie von selbst, daß er bei Landpartien und Gesellschaften, an denen er mit seinen Zöglingen Theil nahm, ihr beständiger Begleiter wurde. Malwina war strebsamen Geistes und ihre Fragen hatten nie zuvor so willige und belehrende Antwort gefunden. Werner lehrte sie ein wenig Botanik, was Wald und Garten und Wiese mit neuem Reiz für sie belebte, er erbot sich, ihr mangelhaftes, halb verlerntes Französisch wieder aufzufrischen, und wurde gar nicht ungeduldig, wenn der deutsche Mund seiner blühenden Schülerin sich etwas ungeschickt für die höchste Finesse des Accents zeigte, und wenn sie auf seine Rügen mit fröhlichem Lachen antwortete; er mußte im Interesse seiner Zöglinge die neueste Literatur kultiviren und hatte ihr stets etwas Schönes mitzuteilen, und bald blickte sie in den Büchern nur noch nach den Stellen, die er ihr bezeichnet hatte, er verstand so gut, was sie ansprechen mußte! Werner war sehr musikalisch und brachte neuen Umschwung in die bisher sehr mangelhaften Leistungen der tonliebenden Jugend. Statt der bisher beliebten neuesten Lieder: »Alles was wir lieben lebe« – »Streicht die Falten vom Gesichte« brachte er schöne alte Volksweisen auf, und Malwina dünkte es, jetzt erst wisse sie, was Gesang sei. Ihre ganze Seele sang mit, wenn sie mit Eichenzweigen geschmückt von einem fröhlichen Waldspaziergang heimkehrten und ein frisches Waldlied anstimmten, oder wenn sie singend den blauen Fluß hinunter schifften. So wurde es Herbst unter lauter stiller Seligkeit, frohen Erwartungen und schmerzlosem Sehnen. Die ganze junge Welt zog abermals singend mit Fackeln von einer Weinlese nach Haus, voran die jungen Grafen, etwas unbehülflich am Arm der Oberamtmannstöchter, die triumphirend umherschauten und ihr Möglichstes thaten, ihre Kavaliere nicht zu verlieren, in der Nachhut Malwina mit einer Freundin: Muß i denn, muß i denn zum Städtele naus, stimmten die Studio's der Gesellschaft an: Wenn i komm, wenn i komm, wenn i wiedrum komm, So g'hör i mein und dein, klang eine schöne tiefe Stimme in Malwina's Ohren. Werner stand neben ihr und zog leise ihren Arm durch den seinen: Bin i dann, bin i dann dei Schätzele no, So soll die Hochzeit sein! sang er ihr fröhlich zu, und Malwina sang mit und ging mit, wie in einem glückseligen Traum, sie dachte an keine Vergangenheit, an keine Zukunft mehr und meinte, so sollte es in alle Ewigkeit fortgehen. Auch ein Quartett hatte der unermüdliche Werner zu Stande gebracht; die Gesänge wurden in einem öffentlichen Garten einstudirt, nahe dem Schloß, gerade Malwina's Garten gegenüber; sie saß, wie sonst, noch bis zum Spätherbst an schönen Sonntagen mit ihren Büchern in die Laube, warum sollte sie nicht? aber die Bücher ruhten. Drüben sangen sie Göthe's Lied: Dem Schnee, dem Regen, und wie wunderbar klang es herüber: Alle das Neigen Von Herzen zu Herzen, Ach, wie so eigen Schaffet das Schmerzen: Krone des Lebens, Glück ohne Ruh, Liebe, bist du. Ach, Malwina hatte nicht gewußt, daß das Leben so schön sei! An den Bällen und Theedansants, die mit der Winterzeit begannen, nahm Werner, seines geistlichen Berufs wegen, nur passiven Antheil. Dem Tanz entsagen konnte Malwina darum nicht, das hätte sie nicht gewagt! aber sie legte keinen Werth mehr darauf. Mitten im wirbelnden Reigen sah sie immer die stille dunkle Gestalt, fühlte sie den Blick der tiefen Augen, die ihr mit leiser Bewunderung folgten. Er hatte nicht nöthig, auf ihre Tänzer eifersüchtig zu sein. Der strahlende Blick, mit dem sie nach dem stillen Kavalier aufblickte, den sie sicher war hinter ihrem Stuhl zu finden, wenn sie an ihren Platz zurückkehrte, der wog viele Walzer auf, und wie gar oft hatte sie in der eifrigen Unterhaltung mit Werner Tanz und Tänzer vergessen, bis sie gemahnt wurde! In jeder Nacht, eh sie sich niederlegte, sah sie im Schloß auf dem Hügel drüben noch ein einsam Licht, das mußte das seine sein, und mit einem Nachtgebet für ihn schlief sie zu süßen Träumen ein. Die gute Mutter nahm selten Antheil an den Gesellschaften der jungen Welt, der Vater war meist dabei, hatte aber ein unübertroffenes Talent, nichts zu sehen und zu hören, was nicht unmittelbar in seinen Geschäftsbereich fiel, ja, er konnte sich eine Sache recht gründlich vortragen lassen, sogar eine neutrale Antwort darauf geben, und nachher doch alles Ernstes versichern, davon habe man ihm noch kein Sterbenswörtchen gesagt. Malwina war sehr offener Natur, aber der Mutter hatte sie doch nichts zu sagen; sollte sie ihr gestehen, was sie sich ja selbst nicht sagte? hatte doch Werner noch kein Wörtchen von Liebe mit ihr gesprochen! Doch war die Mutter nicht blind für den neuen Frühling, der in ihres Kindes Herz und Augen aufblühte, nicht taub gegen Neckereien der Freundinnen und Anspielungen der älteren Damen, und sie pflog ernstlichen Rath über die Sache mit der ältern Tochter. Da nun aber nichts dagegen einzuwenden war, als daß die Geschichte etwas weitaussehend sei, so beschloß man, der Sache den Lauf und dem Kind die Freude zu lassen. Der Frühling kam und mit ihm die Zeit für die Abreise der jungen Grafen. In Gesellschaft wurden nur noch Abschieds- und Wanderlieder gesungen, die Damen stickten Etuis und häkelten Geldbeutel in die Wette zu Andenken für die gräflichen Brüder. Malwina wußte wohl, für wen sie gern gearbeitet hätte, aber wie hätte sie dazu Muth gehabt! Man gab Feste über Feste, überall fanden sich Malwina und Werner zusammen; Malwina dachte nicht über die nächste Stunde hinaus, in glückseliger Wehmuth lebte sie im Augenblick. Es war der letzte Abend. Die Stadt gab einen glänzenden Ball, Malwina war ganz in Weiß gekleidet, einen Zweig von weißen Rosenknospen im braunen Haar, so jung, so frisch, so lebensvoll, so selig in ihren stillen Thränen. Das erlaubte sie sich doch, den Cotillon nicht zu tanzen, man vermißte auch die Beiden nicht, die im Erkerkabinet neben dem Saal am offenen Fenster saßen und in die mondhelle Nacht hinaus schauten. Malwina verbarg die Thränen nimmer, die in ihren Augen standen, es war ja die Abschiedsstunde. »Wir werden lange fort sein, wohl zwei Jahre,« begann Werner, »finde ich Sie dann noch hier?« Malwina sah ihn an durch die hellen Thränen mit ihren treuen, guten Augen, ein so süßes Geständniß, eine so herzinnige Zusicherung lag darin, er spielte gedankenvoll mit dem Ring an seinem kleinen Finger, einem Andenken von seiner Mutter, und faßte leise Malwina's Hand. »Heute scheid' ich, morgen wandr' ich,« erscholl es draußen nach vollendeten Tanz und »he, Sänger auf den Platz!« schrie der festordnende Aktuar zur Thüre herein. Hocherröthend mischte sich Malwina unter die Mädchen im Saal und die Zwei sprachen sich den Abend nicht mehr. Am andern Morgen früh fuhr der elegante Reisewagen vom Schloß weg. Malwina stand droben in ihrer Laube und sah ihm nach, so weit sie konnte, dann weinte sie sich so recht von Herzen satt und ging langsam heim. Da stand auf ihrem Nähetisch ein wunderschöner Rosenstock, »vom Schloß,« sagte die Mutter, »die Grafen haben ihre Orangerie vertheilt, Oberamtmanns Mädchen haben die Pomeranzenbäumchen, Kameralverwalters Marie die Kamelia, das Rosenbäumchen schickt Herr Werner.« Ein Papierstreif steckte zwischen der Blume und dem Stäbchen, zufällig? absichtlich? es war ein Streifen von einem Notenblatt, der Schluß des bekannten Schifferliedchens: Ein Jahr ist bald vorbei, Meine Lieder Bring' ich wieder, Und mit ihnen meine Treu'. Die Mutter streichelte sanft Malwina's Wangen, und zum ersten Male seit der frühen Kinderzeit weinte sich das Kind am Mutterherzen aus.   3. Haben wir auch schön geträumet Von des Glückes Zauberlanden, Wo sich ew'ge Freudenkränze Um die trunknen Schläfe wanden Und wir wachen auf am Morgen, Kehren zu des Tages Mühen Ohne Klagen wir zurücke, Träume müssen ja verblühen.                                   Lenau. Zwei Jahre dauerte die Reise der jungen Grafen. Zwei Jahre lang hörte Malwina kein Sterbenswörtchen von Werner. Das beunruhigte sie gar nicht, war er ja doch noch nicht frei und hatte sich zuvor mit keiner Sylbe erklärt! zur rechten Zeit wird er schon kommen und reden! Sie verzehrte sich nicht in Thränen und Sehnen, ihre Wangen blieben roth, ihre Augen hell, sie sang, sie lachte, sie plauderte wie zuvor, aber ein stilles Kämmerlein in ihrem Herzen blieb ganz eigen zubereitet für den Entfernten, und nur, wenn sie allein war, ganz allein, oder wohl auch allein mit der allerbesten Herzensfreundin, ließ sie ihren lieben Traum heraus an's Sonnenlicht, und wenn sie schüchtern fragte: »meinst du, er vergesse mich nicht?« so tönte eine jubelnde Stimme in ihrem Herzen: »nein, o nein!« und wenn sie Maßliebchen auszupfte und das Orakel auf die Frage: »er liebt mich?« antwortete: »gar nicht!« und wenn sie Kränze von Grashalmen knüpfte und es wollte kein Kranz werden, da widersprach den bösen Omen immer wieder ihre freudige Herzenszuversicht. Wenn sie in der Laube saß, sang sie so herzinnig in die Welt hinaus: Du bist mir ja nicht ferne Du stehst in meinem Sinn, Gleich einem schönen Sterne, Geh' du nur immer hin. Und wie schön war's jetzt erst in ihrem Stübchen, in der stillen Nacht, die die Fernen so zusammenrückt, unter den Sternen, die auch seinen Pfad beschienen! In besonders festlichen Stunden, da öffnete sie die Schatzkammer, in der sie die Andenken aus ihrer schönen Zeit verwahrte, – o, sie wußte gar nicht, warum man die Trennung als so herbe schilderte, es war ja auch jetzt so schön! Und wenn sie an ein Wiedersehen dachte und an Alles, was darüber hinaus lag: an ein trauliches Pfarrhaus, an ein paar schöne dunkle Augen, in die sie in Liebe blicken durfte, all' ihr Leben lang . . . . ach nein! so vermessen wollte sie gar nicht sein, sie rief die vorlauten Gedanken wieder heim und schloß die Augen und flüsterte wieder leise: »Es kommt immer noch schöner.« Nun gehörte freilich zur Sache, daß Malwina in dieser Zeit Schaaren von Freiern abgewiesen hätte. Damit aber war es gerade nicht so gefährlich, – Mädchen, die auf jedem Schritte von Schaaren von Anbetern und Werbern umdrängt sind, sind selten in unseren Tagen und ihre Liebenswürdigkeit muß einen goldenen Hintergrund haben; – aber auch, wo Malwina's anmuthige Erscheinung ein Herz und ein Auge fesselte, sagte ihre gelassene, ruhige Weise, mit der sie Aufmerksamkeiten aufnahm, daß hier kein Feld für Eroberungen sei. Die Mutter ließ das Kind gewähren und rüstete im Stillen die Aussteuer. Malwina ließ sie weben und bleichen, nur zugeschnitten und genäht durfte ja nichts werden, beileibe nicht. Doch trug sie selbst mit heimlicher Freude die Linnenschätze ein und lächelte in ihrem tiefen Erröthen, wenn alte Frauen das feine Tischzeug mit lauter Bewunderung musterten und sich dazu mit bedeutsamem Nicken ansahen. Die zwei Jahre waren verflossen und manche Woche darüber, da kamen gräfliche Bediente, um das Schloß wieder in Stand zu setzen, wo die jungen Grafen nach ihrer Rückkehr einen flüchtigen Besuch machen wollten, ehe der Aeltere die Güter im Auslande bezog und der Jüngere eine militärische Laufbahn antrat. Abermals große Bewegung im Städtchen, große Spannung, wie wohl die jungen Herren sich gemacht, große Zubereitungen zum Empfang, Ehrenpforten, Transparente – man wollte sich in dem öffentlichen Garten, nahe der Burg, versammeln, den sie passiren mußten, und sie dort begrüßen. Malwina nahm wenig Theil an den Vorbereitungen, sie wäre auch am Tage des Empfangs am liebsten allein in ihrer Laube geblieben und hätte ihn von dort aus zuerst gesehen, wie konnte sie ihn denn begrüßen in all der Menge? Dann hätte er sie vielleicht vermißt und gesucht und . . . . o, das war schon wieder vermessen, und da der Vater an der Bewillkommnungsgesellschaft Theil nahm, so ging sie denn doch mit. Es dauerte lange, bis die Erwarteten kamen; das Bier war fast getrunken, die festliche Stimmung erlahmt, Malwina war recht froh an einer gesprächigen Freundin, die ihr heute das Reden ersparte, recht froh, daß man doch ihr Herz nicht klopfen hörte, als endlich zwei Wagen heranrasselten und am Fuße des Schloßbergs hielten; es schwamm ihr vor den Augen, sie sah nimmer, wer den Berg herauf stieg und in den weit geöffneten Garten eintrat. Es kam etwas anders, als die Honoratiorenschaft geglaubt. Die Gräfin Mutter, die sich eben in der Residenz aufhielt, begleitete diesmal die Söhne selbst, nebst einigen Herren und Damen der Residenz, denen man einen ländlichen Tag bereiten wollte. Ziemlich erstaunt betrat sie den bevölkerten Garten, den sie mit vornehm höflichem Gruße durchschritt, die Söhne folgten ihr und die verblüffte Versammlung hätte das Nachsehen gehabt, wenn nicht die Grafen sich alsbald besonnen hätten und nach kurzer Entschuldigung bei der Frau Mama zurückgekehrt wären. Ganz charmant hatten sich die jungen Leute gemacht, außerordentlich vornehm und gewandt, die jungen Damen und die Herren von ehemals fanden sich gar nicht mehr zurecht mit ihnen. Malwina saß seitwärts an einem Tischchen bei dem Vater und der Freundin und blickte nicht auf. Da tönte die alte, wohlbekannte Stimme an ihr Ohr: »Ah, meine Damen, es freut mich, Sie so blühend wieder zu finden.« Malwina drängte sich alles Blut zum Herzen, in diesem Augenblick war sie bleich, der Vater begrüßte Wernern laut und dieser ging sehr eifrig auf ein Gespräch über die Reise ein! – kein Wort, keinen Blick mehr für Malwina, ihr war, als erstarrte ihr Herz zu Stein; also das war das Wiedersehen! Willenlos ließ sie sich von der neugierigen Freundin in die Nähe der Grafen leiten – Graf Heinrich, in dem Niemand mehr den aufgeschossenen, bleichen Knaben erkannt hätte, erzählte so eben der Frau Notarin: »ja, Sie sollten sehen, welch schöne Braut Herr Werner sich gewählt hat, ein Fräulein von Adenheim, von guter Familie; sie hielt sich als Gesellschaftsdame bei meiner Tante in Schlesien auf, wo wir einige Monate zubrachten; arm freilich, aber er bekommt nun die herrliche Pfarrei und Tante stattet sie reichlich aus, und süperbe ist sie, auf Ehre süperbe, eine Schönheit in der That.« Malwina hörte das wie im Traum, es klang ihr in den Ohren, es wurde ihr dunkel vor den Augen, aber sie fiel nicht in Ohnmacht, sie hielt sich aufrecht und gab mechanisch Antwort, wenn sie gefragt wurde; Werner näherte sich ihr nicht mehr an diesem Abend. Daheim erklärte sie sich für sehr müde; die Mutter ging ihr in's Stübchen nach. Da saß sie, stumm und unbeweglich, die Hände vor dem Gesicht – so war's vorüber. Die Mutter nahte leise: »Kind, was ist's?« Malwina sah sie bittend an: »Mutter, nicht wahr, Du fragst nicht? es hat nicht sein sollen!« Die Mutter streichelt mitleidig das bleiche Gesicht; »Kind, gib Dich drein in Gottes Namen, komm, ich helf' Dich auskleiden, gut Nacht!« Und endlich kommen die Thränen und Malwina birgt ihr Haupt in's Kissen und weint und weint, als wollte sie die Seele ausweinen. Ein so sonnenheller, blauer goldner Morgen nach einer so verweinten Nacht! Da sitzt Malwina vor ihrer kleinen Kommode und hat die Herrlichkeiten ihrer Schatzkammer vor sich ausgebreitet: eine Welt in Bildern! Da ist die wilde Rose, die er ihr beim ersten Waldspaziergang von einem Felsen gebrochen, da ein Notenblättchen, das er ihr geschrieben, die Wasserlilie, die er selbst von einem entfernten Teich gebracht zu den botanischen Studien, ein Strauß von Waldblumen, aus dem er sich eine gezogen, Gedichte, die er ihr mitgetheilt, Skizzen, die er gezeichnet, ach, eine Reihe wunderbarer Erinnerungen that sich in den schlichten Zeichen auf. Sie faßte alles zusammen, sie erlaubte sich nicht, auch nur ein Blättchen zu behalten: »er gehört einer Andern.« Und still sah sie zu, wie die Flamme eins ums andere verzehrte. Der schöne Rosenstock war noch übrig, er stand in herrlichen Knospen und Blüthen, den konnte sie nicht zerstören – zur Sühne begoß sie ihn mit Thränen und streute die Asche ihrer Schätze darauf, sie lehnte ihr thränenmüdes Haupt an's Fenster, nur einen einzigen Blick sandte sie noch zum Schloß hinüber, aber nicht Ein anklagender Gedanke stieg in ihrer Seele auf. Es war vorüber.   4. Und ob die Brust in Sehnsucht krankte, Mehr hatt' ich noch als ich verlor, Am stolzen Baum der Tugend rankte Des Geistes Rebe sich empor.                                     G. Pfizer. Vier Jahre waren seit jenem Wiedersehen verflossen und Malwina war nicht am gebrochenen Herzen gestorben. Ihre Wangen waren nicht erblaßt, ihre Augen nicht in Thränen erloschen, und vielleicht die Mutter allein sah, daß ihr Schritt weniger leicht war, ihr Lachen weniger helle klang als zuvor. Einmal hatte sie Werner mit seiner Braut gesehen und wäre noch Ein bitterer Gedanke in ihrer Seele gewesen, bei dem Anblick des zarten, anmuthigen, feengleichen Wesens hätte sie ihn überwunden. Sie hatte lang vergeben, ja sie dachte, sie habe gar nichts zu vergeben. Sie hatte sich viel bei der Schwester aufgehalten und war so über die erste peinliche Zeit verwunderten Flüsterns, neugieriger und bedauernder Blicke glücklich hinübergekommen, bis andere Neuigkeiten ihre Herzensangelegenheit aus dem Gerede der Leute verdrängt hatten. Sie hatte die Zerstörung ihres schönen Traums in Demuth als eine Schickung Gottes hingenommen und dachte nun, ihr Herz ganz dem Herrn und der Pflicht hinzugeben. Sie meinte es recht aufrichtig, aber es wollte nicht so recht gehen, die unendliche Lücke in ihrem Herzen wollte sich nicht füllen, ein tiefes Ungenügen begann seine Schatten im Grund ihrer Seele auszubreiten, wenn auch ihr Angesicht noch hell und freundlich geblieben. Auch ihre sonst so blühende Gesundheit schien hie und da zu leiden, sie fühlte sich oft unwohl, doch mochte sie die Mutter damit nicht beunruhigen, zumal jetzt, wo eine große Sorge alle anderen Angelegenheiten aus ihrem Herzen verdrängte: ihre Mutter lag schwer erkrankt an dem peinlichen Leiden der Wassersucht und Malwina vergaß Klagen und Fragen in der Bemühung um die theure Kranke. Die Schwester kam eines Tags zum Besuch und fand die Mutter zu ihrer Freude viel besser und heiterer. Malwina aber war gar still und nachdenklich und suchte bald mit ihr allein zu sein. »Nun, was hast denn Du heut' auf dem Herzen?« fragte die Schwester neugierig – »Sophie, der Doktor war gestern da« – »Nun ja, er kommt ja alle Tage.« – »Er hat mit mir gesprochen.« – »Wird schon mehr geschehen sein.« – »Aber er will mich ja heirathen!« stieß endlich Malwina heraus. – »Der? Dich?« rief die Schwester mit hellem Lachen, »der ist gar nicht dumm; was hast Du gesagt?« – »Noch nichts, ich wollte Dich vorher sprechen und die Eltern.« –»Hast ihn denn nicht gleich abschweben lassen?« – »Nein,« sagte Malwina leise, aber fest, »ich habe im Sinn, ja zu sagen.« – »Du? – hör, Kind, was denkst Du? Weißt Du, daß der Doktor fünfzig ist; grad noch einmal so alt wie Du, wenn Du dann einmal vierzig bist, so ist er achtzig!« – »So gefährlich ist's nicht,« meinte Malwina lachend, »er ist mir gar nicht zu alt, und dann denke, wie viel er an der Mutter gethan hat.« – »Ist seine Schuldigkeit.« – »Und die armen verwaisten Kinder!« – »Da gerade sitzt's, Kind, da besinn' Dich wohl, sechs Kinder anzutreten ist kein Spaß, man sagt da wohl vom schönen Wirkungskreis, und die jungen Stiefmütter bringen einen rechten Ueberschuß von Mutterliebe und Pflichttreue mit, aber das verfliegt, und frage an nach zehn Jahren, ob unter hundert Stiefkindern nicht sechzig ihre neuacquirirte Mutter wohlfeilen Kaufs ziehen ließen und ob die Mutter nicht eben so wohlfeil den schönen Wirkungskreis gäbe. Und dann ist Doktor selbst ein wunderlicher Patron und ein trockener Dings, für eine poetische Natur wie Du's bist.« – »Ich mache keine poetischen Ansprüche mehr und habe Alles wohl erwogen,« sagte Malwina ruhig; »den Doktor kann ich von Herzen achten, das ist genug; die Kinder sind mir eben ein Grund, ihn zu nehmen, und ich weiß, was ich damit übernehme. Siehst Du, wenn man nicht mehr glücklich werden kann, weißt, so recht glücklich, da ist's wohl am besten, eine recht große schwere Pflicht auf sich zu nehmen, das bringt dann wohl Frieden,« und sie brach in ein herzliches Weinen aus, das letzte Grablied für ihren geschiedenen Herzenstraum. Nun, die Sache kam den Eltern zum Vortrag, die Mutter wiederholte so ziemlich die Vorstellungen der Schwester, der Vater faßte sich kurz: » Du mußt ihn haben, Mädchen, nicht wir, also mußt Du Dich besinnen; willst Du, so thu's in Gottes Namen.« Malwina hatte sich besonnen und so gab sie in Gottes Namen dem Doktor ihr Jawort, nur die Hochzeit sollte verschoben werden, bis die Mutter ganz genesen sei. Ihren schönen Rosenstock schenkte sie nun ihrer ältesten Nichte. Eine Weile war sie etwas bleich und still, aber bald wachte ihre alte gemüthliche Heiterkeit wieder auf.   5. Schweigt ihr Wogen und Wellen, Vorüber ist alles, Glück und Hoffnung, Streben und Lieben! Ich liege am Boden, Ein ödes schiffbrüchiges Herz Am öden kahlen Strand.                                     Heine. Der Doktor sah allerdings nicht aus, als ob er eine romantische Leidenschaft erwecken könnte, prätendirte es auch ganz und gar nicht. Man konnte ihn nicht sehen, ohne an das Motto auf der menschlichen Stufenleiter zu denken: ›fünfzig Jahre stille stahn.‹ Er war ein stattlicher sauberer Mann, der mit seinem bräunlichen Gesicht und etwas ergrauenden Haaren unwillkürlich an einen Ulmer Pfeifenkopf erinnerte. Er besuchte seine Braut regelmäßig alle Abende um sieben Uhr, und führte recht verständige Unterhaltungen mit ihr und dem Schwiegerpapa: wenn er hie und da einschlief, so war ihm das nicht übel zu nehmen, er war ein vielbeschäftigter Arzt.. Er schenkte ihr einen schönen Shawl und einen seidenen Regenschirm, und als er von der Mutter erfuhr, daß ihr Bücher Freude machen, brachte er ihr auch ein Buch zum Geburtstag, es war zwar der Siegfried von Lindenberg, der ihn in seiner Jugend ergötzt, aber eben darum nahm es Malwina freundlich auf. Bei den Kindern fand sie ein reiches Feld für ihre Thätigkeit, von den verwirrten Haarzöpfen bis zu den zerrissenen Schuhen. Sie gewöhnte sie bald an sich, jetzt schon brachten sie ihre Freistunden bei ihr zu und faßten alle eine herzliche Liebe zu ihr, besonders die Knaben, denen die Malwina-Mutter, wie sie sie nannten, das Höchste war. Mehr und mehr blühte sie in stillem Frieden und in emsiger Geschäftigkeit auf. Sie war zwar fast vergnügter in Abwesenheit des Bräutigams, wo sie der Mutter täglich einen neuen Vorzug von ihm zu rühmen wußte, als in seiner Gegenwart; die bräutigamliche Zärtlichkeit, zu der er hie und da einen Ansatz faßte, duldete sie mehr als sie sie erwiederte, aber wenn sie ihr schönes Linnenzeug fertigte und zusammentrug, wenn sie Geschenke für die Kinder bereitete und immer wieder etwas Neues wußte, was dem Hermann und was der Bertha am meisten Freude machen würde – da hörte man ihr fröhliches Lachen, ihre alten Lieder wieder, und die Mutter, die statt der Genesung ihr Ende nahen fühlte, dachte mit voller Beruhigung an ihres Lieblings Zukunft. Deßhalb bestand sie auch auf baldiger Hochzeit, obgleich sich der glückliche Bräutigam etwas kühl dabei verhielt; die Aussteuer war fertig, das Hochzeitkleid in Arbeit, und Malwina sollte nur zuvor noch eine Woche zur Schwester, dießmal um sich zu erholen, da sie in letzter Zeit so gar viel leidend gewesen, was man der großen Anstrengung bei Besorgung der Aussteuer zuschrieb. Sie schrieb dem Bräutigam einen gar lieben herzlichen Brief; beim Schreiben fand sie sich noch leichter in bräutliche Gefühle, als beim Beisammensein. Sie war recht erstaunt, bald Antwort zu erhalten, sie wußte, der Doktor schrieb nicht gern Briefe, und rechnete ihm dieß hoch an. »Werther Freund!« stand oben, ah, der hat am Ende die Adresse verwechselt und schickt mir einen falschen Brief! sagte sie lächelnd, das sieht seiner Zerstreuung gleich, las aber ohne Bedenken weiter. Das Lächeln verschwand bald von ihren Lippen und die Schwester erschrak, als sie sie nach einer Viertelstunde todtbleich mit starrem Blick, den Brief in der Hand, antraf. »Da lies,« sagte Malwina gepreßt, verdeckte ihr Gesicht mit der Hand und brach in krampfhaftes Schluchzen aus. Die Schwester las: »Werther Freund! Habe zwar selten Zeit und Lust zur Korrespondenz, halte es aber im obigen Falle für Pflicht, ungesäumt zu antworten. Du schreibst mir, daß Du wegen Ablebens Deiner Frau zur Wiederverehelichung entschlossen bist und bittest mich um Vorsprache, da die Erkorene meine Verwandte. Ich rathe Dir, die Sache nochmals zu erwägen, und führe zu diesem Zweck mein eigenes Exempel an, was ich sonst jedenfalls bei mir behalten hätte. Ich habe nach leiblichen und geistigen Beziehungen eine zweckmäßige Wahl getroffen und habe demungeachtet alle Gründe, selbige ungeschehen zu wünschen. Eine so viel jüngere Person taugt für einen gesetzten Mann in Jahren nicht mehr, ich werde mich viel mehr belästigt finden durch die Zeit und Aufmerksamkeit, die sie in Anspruch nimmt, als zuvor bei meiner Haushälterin oder auch bei meiner Frau selig der Fall war. Ich sehe allbereits, daß Visiten, Gäste, jeweilige Reisen und dergleichen Beschwerden unvermeidlich sein werden. Das ist nun ein Uebel, in das man sich schicken muß. Aber es ist noch ein bedenklicherer Umstand: meine Braut ist in letzter Zeit häufig unwohl und ich habe triftigen Grund anzunehmen, daß der Sitz des Uebels im Rückenmark ist: tabes dorsalis . Wie wenig da zu machen, sagt die medizinische Erfahrung aller Zeiten. Somit sehe ich allem Drangsal einer kranken Frau entgegen, während ich gerade auf eine gesunde und rüstige Person reflektirte. Meine Kinder wären zwar vor der Hand vortrefflich versehen, aber unter besagten Umständen dauert das nicht lang, auch wäre diesem Uebelstand und der Beschwerde der Haushälterinnen jetzt ohnedieß abgeholfen, da meine Schwester seit etlichen Monaten Wittwe ist, und zu mir ziehen könnte, was beiderseits auch bedeutende Kostenersparnis mit sich brächte. Zu geschehenen Dingen muß man das Beste reden, führe auch dieß alles nicht an, um zu klagen, sondern um Dir zu umsichtiger Erwägung Deines Vorhabens zu rathen. \&c. \&c.«   Weiter hatte Malwina nicht gelesen. Das waren die Gedanken des Mannes, dem sie sich mit ganzer voller Seele hingeben wollte, dazu hatte sie täglich zu Gott um Kraft gebetet, ihn recht glücklich machen zu können! Nach zwei Tagen kam der für sie bestimmte Brief des Doktors, der wirklich falsch adressirt gewesen war. Nun verstand sie seine kühle Sprache, heucheln war des Doktors Sache nicht. Sie hätte vielleicht um seiner Kinder, um ihrer Eltern willen, ihren weiblichen Stolz überwunden und doch ihr Wort gehalten, aber seine Sorge wegen ihrer Kränklichkeit entschied. »Wenn ich leiden und sterben soll, so solls allein sein« und sie löste den Bund auf. Sie blieb still und geduldig bei allen Stürmen, die dieser Schritt nach sich zog, bei dem Schelten des Vaters, dem Kummer der Mutter und dem wirklich aufrichtigen Bedauern des Doktors, der noch lange nachher versicherte: er hätte selbst nicht geglaubt, daß man sich so an ein Frauenzimmer attachiren könne. Unter tausend Thränen brachte sie den Kindern die ihnen zugedachten Geschenke und bat sie, sie oft zu besuchen; sie blieb aufrecht an dem Lager der Mutter, bis sie ihr nach langem Kampf die Augen zugedrückt; – dann brach ihre Kraft zusammen. Gebrochen an Seele und Leib, eine tiefe Bitterkeit im Herzen, mit der sie vergebens kämpfte, zog sie sich aus den Kreisen der Jungen und Frohen zurück.   6. Du bist's, der was wir bauen Mild über uns zerbricht, Daß wir die Himmel schauen, Darum so klag' ich nicht.                                     Eichendorf. Seit jener Zeit waren acht Jahre dahin. Malwina's Jugendheimath hatte sich ihr geschlossen für immer; ein Schlaganfall hatte den so kräftigen Vater unerwartet weggerafft und Malwina hatte im Hans der Schwester ein Asyl gefunden. Wir müssen in ein stilles Hinterkämmerlein treten, um sie zu finden, und auch dann haben wir Mühe in dem Jammerbild auf dem Lager sie wieder zu erkennen. Ist dies bleiche, schmerzverzogene Antlitz, diese abgemagerte Gestalt, diese von Leiden gedämpfte Stimme noch die blühende, jugendkräftige Malwina? Kein Zug mehr von dem frischen, frohen Mädchenantlitz! Aber in der Klarheit dieser Augen ist das Licht eines ewigen Frühlings angebrochen, ein Frieden, süßer und seliger als das Glück ihrer Jugendtage, ist über diese Leidenszüge gekommen, und auf jede bange Frage, die aus der Tiefe ihres schmerzgedrückten Herzens aufsteigt, liegt auf ihren blassen Lippen die Antwort: meine Seele ist stille zu Gott, der mir hilft. Die äußere Geschichte ihres Lebens läßt sich kurz zusammenfassen. Nicht lange nach des Vaters Tode begann das lang gefürchtete Uebel trotz aller Hilfe mehr und mehr zuzunehmen; was zuvor Folge der Trauer und innern Ueberdrusses gewesen, ein Zurückziehen aus geselligen Kreisen, das wurde allmälich zur Notwendigkeit. Die Pflege eines Mädchens genügte nimmer, das ernstlich gemeinte Anerbieten des Doktors, in sein Haus, in die Pflege seiner Schwester zu ziehen, lehnte sie dankend ab und nahm die bescheidene Zuflucht an, die ihr die Schwester anbot. Bald sah sie sich gänzlich an's Bett gefesselt und hier lag sie nun seit Jahren in namenlosen Leiden, die zunahmen mit der wachsenden Schwäche, unfähig zu der geringsten Leistung, viel und oft einsam, trotz des redlichen Willens der Ihrigen, – allein mit sich und ihrem Gott. Wie aber war ihr inmitten zunehmender Qualen der Seelenfrieden, die innere Freudigkeit, die ungebrochene Geduld gekommen, die nun ihre Gefährten auf dem Schmerzenslager waren? Welcher Mund war beredt genug gewesen, um Schmerz und Bitterkeit aus ihrer Seele wegzunehmen, um das Licht einer unvergänglichen seligen Hoffnung in ihr anzuzünden, das keine Leidensnacht mehr löschte? Geh umher an Kranken- und Sterbelagern, wo aus der todtmüden, zusammenbrechenden Hülle eine Kraft sich erhebt, die nicht von dieser Welt ist; geh an Gräber, wo Mütter ihr einziges Kind, Gattinnen ihr einziges Glück, den Halt und das Licht ihres Lebens einsenken sahen und doch in getrostem Muthe sprechen: ziehet hin! ich habe euch ziehen lassen mit Trauern und Weinen, aber der Herr wird mir euch wiedergeben mit Freude und Wonne ewiglich. Da gehe hin und lausche den Fußtritten des Engels, der auch in Malwina's Seele Licht gebracht, da frage, woher die Stimme tönt, die da spricht durch das Dunkel der Nacht und über das Tosen der Wellen: »ich bin es, fürchtet nichts.« Eine andere Antwort vermag ich nicht zu geben. Und was ist aus Malwina's Thatendrang geworden, wo sind die Pflichten, deren Ausübung die Lücke in ihrem Herzen füllt? O, sie ist nicht unthätig, obwohl sie die Hände kaum mehr zum Gebet falten kann. Wenn man den Schwager rühmt mit verstecktem Bedauern wegen seines Edelmuths, mit dem er die unglückliche Schwägerin aufgenommen, wenn man die Pfarrerin mitleidig fragt, wie sie denn fertig werden könne mit all der Haushaltungslast neben der elenden Schwester, da antworten sie mit voller Ueberzeugung: es ist ein Engel unter unserem Dach! und sie reden wahr. Der Segen, der von diesem Engel ausgeht, zeigt sich nicht in äußerm Gedeihen, aber in dem sanften und stillen Geist des Friedens und Genügens, der durch das Haus weht. Die wilden Neffen, die leichtsinnigen Nichten, auf die die gesunde Tante Malwina, so lieb sie ihnen war, gar wenig Einfluß gehabt, wie sind sie so ernsten sanften Sinnes geworden im Umgang mit der Kranken! Sie quält Niemand mit Predigen, ihr Ohr und Herz ist offen für jede kleine Alltagssorge, jede Freude und jedes Leiden des Lebens, sie hat einen verständigen Rath für jedes bedeutende Anliegen, aber eine gewaltige Predigt tönt lautlos von diesen bleichen Lippen, spricht aus diesen frommen klaren Augen. Eine treue Gehilfin hat der Pfarrer an ihr auch bei seiner Gemeinde; so manch unzufriedenes Weib, manch verhärtetes Kind ist still und mit nassen Augen aus dem Krankenstübchen gekommen und allmälich ist »die Jungfer Malwina« die geheime Räthin des halben Dorfs geworden. Im Dorf ist ein eigener Arzt, der längst seine Kunst in vergeblichen Versuchen erschöpfte, ihr Linderung zu verschaffen, aber auch der Doktor aus der Stadt, ihr ehemaliger Bräutigam, besucht sie noch öfters und bringt manchmal seine Kinder mit. Sie haben einmal eine lange Unterredung zusammen gehabt, die Schwester, die vor seinem Abschied ins Zimmer trat, sah, wie sie ihm herzlich die magere Hand bot, der sonst so harte Mann konnte vor Thränen nimmer sprechen. Kein irdisches Leiden dauert ewig, endlich hatte die Macht der Schmerzen die starke Lebenskraft gebrochen, immer leiser wurde ihre Stimme, zuletzt sprach nur noch ihr leuchtendes Auge, aber es sprach bis zum Tode Worte voll Liebe, voll Freude und Frieden. Es war am Charfreitag. so recht in den Tagen des beginnenden Frühlings, als sie morgens die Schwester bat: »bleibe Du heut bei mir!« Die Schwester schickte Alle zur Kirche, der Schwager nahm, wie gewöhnlich, noch Abschied eh er ging, Malwina gab ihm die Hand und sagte ihm noch inniger als sonst: »Lebe wohl!« Die Schwestern waren allein, Malwina bat: »öffne das Fenster und richte mich auf!« Sie hatte lange das Haupt nimmer heben können, nun aber saß sie aufrecht, an die Schwester gelehnt und lauschte dem Glockenklang und dem Singen der Lerchen, das zum offenen Fenster hereintönte, sie faltete die Hände und flüsterte leise: »heute wär's schön zu sterben!« Sophie umschlang sie mit den Armen, ach, sie wollte sie doch noch nicht ziehen lassen! Aber die leichte Gestalt wurde schwerer und schwer an ihr. Malwina war still, aber ihre Züge drückten viel mehr als in der letzten Zeit ein reges, inneres Leben aus. Ihre ganze Vergangenheit schien noch einmal an ihrer Seele vorüberzuziehen, – dies süße Lächeln galt wohl ihrer Jugend, sie wiegte wehmüthig den Kopf hin und her, – ihr Blick wurde ernster, aber die Lippen lächelten noch, sie faltete die Hände fester zusammen und sagte sanft: »es war alles, alles gut.« Die Glocken waren verhallt, das Lied der Gemeinde klang herüber: Wenn ich einmal soll scheiden, So scheide nicht von mir. Malwina's Haupt sank zurück, sie hatte vollendet und das selige Lächeln auf ihrer Lippe galt keiner irdischen Erinnerung mehr. Am Ostermorgen wurde sie begraben; – der ganze Frühling ihrer Jugend schien wieder aufgeblüht, so reich war der Sarg mit Blumen geschmückt; den Myrthenkranz hatten sie ihr um die Stirn gewunden. Die Palme des Sieges ist ihr droben aufbehalten. Herr Wezler und seine Frau. Der Herr Stadtrath, auch Feuerversicherungsagent Wezler war gewiß der umsichtigste und fürsorglichste Hausvater in der Welt. Die berühmte Uhr des Pfarrers Hahn, deren Zeiger alle Weltereignisse bis zum Ende der Dinge andeuten sollen, schien ausdrücklich für ihn construirt zu sein, um seine Berechnungen darnach zu machen. Schade, daß er sie nicht besaß! – Er gieng beständig mit hinaufgeschobener Brille, die Stirn in nachdenkliche Falten gelegt, die Hände auf dem Rücken, mit einigen Zeitungsblättern in der Hand, zwischen Barometer und Thermometer auf und ab und meditirte. Das Gewicht seines Schlafrocks zog ihn fast zu Boden, weil er zu demselben aus Fürsorge den stärksten Kölsch doppelt hatte nehmen lassen, und als in die Oberhaut besagten Gewandes am Ende doch Löcher brachen, zeigte er mit rührender Freude seiner Frau, wie hübsch es nun sei, daß darunter derselbe blaugewürfelte Kölsch das Tageslicht begrüße. Seine Ausgangskleider und Hüte kamen zweimal aus der Mode und zweimal wieder hinein, weil sie aus Vorsicht von beinahe unsterblichen, luftdichten, wasserdichten, schmutzdichten Stoffen verfertigt waren. Sein Haus nebst sämmtlichen Baulichkeiten, bis zum Schweinstall herab, war mit Blitzableitern wohl versehen und es war zu verwundern, daß er nicht, wie jener Fürst von Neuwied, noch einen Wetterableiter auf dem Hut trug. Daneben war er in allen möglichen Feuer-, Hagel- und Lebensversicherungen und gab sich unendliche Mühe, eine Versicherung gegen Wasserschaden zu Stand zu bringen, weil er eine kleine Wiese am Bach hatte, die seit Menschengedenken einmal unter Wasser gestanden hatte. Natürlich betheiligte er sich auch bei jeder Art von andern Vereinen, die aus umsichtigen und fürsorglichen Gesinnungen entspringen, und gründete selbst solche. Das städtische Wochenblatt war durch ihn fast beständig mit Anzeigen bereichert, in denen er an den Gemeinsinn und die Voraussorge seiner Mitbürger appellirte. Im Februar schon erließ er einen Aufruf: »am Raupenfraß theilnehmende Freunde werden zu einer Besprechung eingeladen;« im März forderte er die »Mitbürger, welche die gesegnete Ernte dieses Jahrs nicht zum Raub der Mäuse sammeln wollen,« auf, jetzt schon fleißig Mausgift zu legen, um ganze Generationen von Mäusen vor der Geburt zu tödten; kurz sein Leben war eine endlose Kette von Sorgen und Vorkehrungen für alle denkbaren und undenkbaren Ereignisse, die ihn oder andere Leute betreffen könnten. Seine Frau schien dagegen die leibhafte Ruhe zu sein. Man sah sie selten anders, als den Tag über an ihrem Tischchen am Fenster mit einem Korb voll Socken und Strümpfen zum Stopfen, der, ein umgekehrtes Danaidenfaß, sich immer wieder zu füllen schien, so oft er auch geleert wurde. Abends bei Licht am eichenen Tisch in der Mitte des Zimmers aber war sie ebenfalls mit Socken beschäftigt, dießmal jedoch mit neuen, die von einem ungeheuern Knäul abgestrickt wurden. Sie schien, hierin so fürsorglich wie ihr Mann, nicht nur ihr Haus, sondern ganze ungeborene Geschlechter für alle Zukunft mit Socken versehen zu wollen. Bei der Wahl dieser Gattin hatte Herrn Wezler wirklich seine Umsicht wenigstens nicht ganz betrogen. Er hielt es für gut, bei einer Frau auf zeitliche Güter zu sehen, damit sie in ihrem Alter dereinst nicht Mangel leiden dürfe, und zog eine Waise vor, weil man nie genau wissen könne, was eine Frau bekomme, so lang die Eltern noch leben. Diese Voraussetzung täuschte ihn leider, denn nach der Hochzeit ergab sich, daß ein schlechter Stiefvater das sämmtliche »anerstorbene« Vermögen seiner Frau durchgebracht hatte. Soweit hatte also die Fürsorge nichts geholfen. Dagegen hatte er im Uebrigen gewählt wie der berühmte Vikar von Wakefield: nicht nach glänzendem Schein, sondern nach haltbaren Eigenschaften, und da hatte er nicht fehl gegriffen. Frau Wezler war ihr Lebenlang keine Schönheit gewesen; ein boshafter Gast hatte sogar am Hochzeittag bemerkt, sie sehe aus wie ein Zeug auf der Rückseite, man meine, man müsse sie wenden, um auch die hübsche Seite zu sehen. Aber dieser farblose Teint hatte das Abtragen nicht zu fürchten; wie sie nie sehr jung ausgesehen hatte, so wurde sie auch nicht alt, und zwanzig Jahre nach der Hochzeit saß Frau Wezler noch als dieselbe gute behagliche Mama in demselben braunen Kleid, an demselben Korb mit Socken, wie sie schon acht Tage nach der Hochzeit dagesessen hatte. Sie war nun freilich weder schalkhaft noch hinreißend, sie hatte kein »silbernes Lachen« und keine sprudelnden Einfälle, hatte auch niemals dem Herrn Stadtrath Wezler ›sein Haus zum Himmel gemacht‹, wohl aber zur guten traulichen Heimat, und sie verbreitete eine so behagliche Lebenslust um sich, daß nicht nur gesetzte Leute, sondern selbst die jüngsten und lebensfrohsten Mädchen ihren Umgang suchten, und gar manches sonst ängstlich bewahrte Geheimniß unverlangt in ihre verschwiegene Brust niedergelegt wurde; sie sah so ungemein zuverlässig aus. Ihre große Ruhe hatte sie sich wohl als Gegensatz zu ihres Mannes rastloser Vorsorglichkeit angewöhnt; eine unthätige Ruhe war es darum nicht. Gar manches hatte sie in aller Stille schon gethan, ehe Herr Wezler dazu gekommen war, es anzuordnen; während er für die fernste Zukunft dachte, sorgte sie für den nächsten Augenblick, und ihr allein, ihrer Sparsamkeit und Häuslichkeit war es zu danken, daß Herrn Wezlers schönes Vatererbe nicht schon lange in lauter Maßregeln für die Zukunft aufgegangen war. Sie hatte ein gar stilles und frommes Herz, ihre einzige Belesenheit war in der Bibel und an ihrer innigen, getrosten Zuversicht löste sich des Gatten Aengstlichkeit gar oft in ein beruhigtes Lächeln auf, wenn sie so herzlich und ruhig sagte: »Alter, laß auch dem lieben Gott noch was übrig!« Der ewige Korb mit Strümpfen könnte von einsichtsvollen Hausfrauen nun freilich als ein Beweis gegen ihre Tüchtigkeit angeführt werden, denn eine rechte Hausfrau hat offenbar noch mehr zu thun als Strümpfe zu flicken. Solchen detailkundigen Frauen muß ich nun zugeben, daß allerdings, ehe Frau Wezler ein eigen Töchterlein hatte, im Hinterstübchen häufig ein armes, lahmes Mädchen saß, die den Bedarf an Leinwand verfertigte und flickte, was die von jeher schwachen Augen der Frau Wezler nicht gut ertrugen. Daneben that sie aber in der Frühe des Morgens und Nachts, wenn selbst ihr Gemahl sein sorgenschweres Haupt nieder gelegt hatte, gar manches, wozu es bei einer andern Frau viel Lärmen, Aerger und Commando bedurft hätte.   Herr Wezlers erster Sohn. Der liebe Gott hatte es gut gemeint mit Herrn Wezler, daß er ihm keinen zahlreichen Kindersegen verlieh; die Sorgen für die Zukunft vieler Kinder hätten ihn sicher vor der Zeit in's Grab gebracht. Schon bei den zwei Söhnen, die ihm geschenkt wurden, kostete es ihn Besinnens und schlaflose Nächte genug, bis er für alle möglichen Fälle ihrer Zukunft gehörig vorgesehen hatte. Sein erster Sohn war noch nicht acht Tage geboren, so stieg er eines Abends zur Wöchnerin hinab, die in behaglicher Mattigkeit mit seligem Lächeln das Kindlein ansah, das vor ihr auf dem Bette lag. Er hatte alle Hände voll gedruckter Vereinsstatuten, die er um den Neugeborenen ausbreitete. »Da find' ich höchst zweckmäßige Anstalten,« begann er eifrig, »wie man eine Leibrente für ein Kind kaufen kann, wenn man gleich nach der Geburt einlegt. Sieh einmal, was würdest du vorziehen?« So wenig seine Plane in der Regel bei der Frau Anklang fanden, so war's ihm doch Bedürfniß, sich gegen sie darüber auszusprechen. – »Lieber Alter, mein Kopf ist zu schwach zu den vielen Zahlen,« sagte sie; »meinst du nicht, wir sollten das Kindlein zuvor in eine ewige Lebensversicherungsanstalt thun, ehe wir für's zeitliche sorgen?« Daß seine Frau damit die Taufe meinte, begriff Herr Wezler nicht gleich, war aber nachher hoch erfreut über den guten Gedanken, der ihm die heilige Handlung in ein ganz neues Licht brachte. In den Leibrentenverein setzte er das Kind dennoch, obgleich die Direktion nicht in die vielerlei Bedingungen, die er an unzählige mögliche Fälle knüpfte, eingehen wollte. Was soll aus dem Kindlein werden? war natürlich eine Frage, die sich dem glücklichen Vater schon vor dessen Geburt aufgedrängt hatte, und die jetzt, wo wenigstens das Geschlecht desselben entschieden war, mit neuer Energie angeregt wurde. – Herr Wezler änderte seine Plane, je nachdem die anscheinenden Anlagen und Neigungen des Kindes wechselten. Da sein erstes und liebstes Spielzeug ein Stecken war, so glaubte der Papa ihn zum Lehrfach berufen und notirte zu dem Ende bereits alle ausgeschriebenen Lehrstellen, um sich allmählich ein geregeltes Verzeichniß davon anzulegen. Später zeigte der kleine Bube bedeutende Lust am Hacken und Graben; das schien ihn zum Landwirth zu stempeln und Herr Wezler besann sich, ob er nicht seine paar Aecker und Gärten durch Ankauf neuer Grundstücke nach und nach zu einem kleinen Landgut arrondiren solle zum künftigen Besitz seines Sohnes. Als aber die Lust am Graben durch eine ungemeine Freude an lebendem Geziefer, Käfern und Schnecken abgelöst wurde, da meinte der Vater, jetzt sei's klar, daß der Junge einen kapitalen Naturforscher gebe. – Die Mutter hatte mit Adolf ihren eignen stillen Plan, sagte aber nichts davon, dieweil auch in ihrem Hause das seltsame Phänomen stattfand, das man hier und da beobachtet, daß nämlich die besten Männer etwas absolut nicht wollen, bloß weil es die Frau zuerst gewollt hat; schweigend hörte sie die verschiedenen Entwürfe an. In seinem vierten Jahr aber nahm sie Adolf einmal mit in die Kirche, was sie mit dem meist stillen und ruhigen Kinde wohl wagen konnte. Richtig stieg am Sonntag Nachmittag, den Herr Wezler wie immer im Schooß seiner Familie zubrachte, der kleine Bursche auf einen Schemel, streckte die Hände hinaus und fieng an allerlei Unsinn pathetisch vorzutragen. »Was thust?« fragte der entzückte Papa. »Predigen,« erwiederte das Kind ganz ernsthaft, und jetzt gieng dem Vater das rechte Licht auf. »Hörst du's, Hanne?« rief er der still lächelnden Mama zu; »da hast's, was der werden soll!« – »Freilich,« fieng er bedenklich wieder an, »sind die Aussichten im geistlichen Stande äußerst gering; kann sechsunddreißig Jahre alt werden, bis er Pfarrer wird.« – »Ja,« stimmte die Mama bei, »wenn er keinen Patronatsdienst bekommt.« – »Da hast du recht!« fiel der Vater ein. »Hier kommt alles auf vornehme Bekanntschaft an; er kann Hofmeister werden bei einem adeligen Herrn, macht Reisen, bekommt die Pfarrei auf dem Gut. Man muß nur bei Zeiten darauf denken. – Mein Vater selig, der Chirurg, hat einmal einem vornehmen Reisenden ein gebrochenes Bein eingerichtet,« fuhr er nachdenklich fort; »aber das ist zu lange her; wir können ja sonst sehen.« Von Stunde an war er sichtlich erheitert, weil nun seine Fürsorge doch ein bestimmtes Ziel hatte. Alle Spiele und Unterhaltungen, selbst die Kleidung des kleinen Buben sollten nun auf seinen ehrwürdigen Beruf bezogen werden. Trommeln und Trompeten, Peitschen und Säbel waren verbannt, ein Schaukelpferd wurde mit Rücksicht auf einen etwaigen Filialgaul endlich gestattet; von allen geschlachteten Schweinen des Hauses mußte von nun an die Haut abgezogen und gegerbt werden, um einen dauerhaften Einband für die Bücher des zukünftigen Studenten zu liefern.   Aussicht auf die Patronatspfarrei. Ein Jahr darauf, als ein zweiter Sohn, Wilhelm, in der Wiege lag, der vor der Hand noch zu nichts als höchstens zum Ausrufer Fähigkeit zeigte, schienen Herrn Wezlers Hoffnungen bereits eine Stütze zu gewinnen. Es kam auf Veranlassung eines Manövers Militär in's Städtchen, und nur wer es selbst erlebt hat, weiß, welchen Sturm solches Soldatenleben in eine friedliche kleine Stadt bringt, in der die Schulbuben schon einem einzelnen Musketier nachgelaufen sind. In allen Häusern wird Wochen lang vorher geputzt, gerüstet, gekocht, gebacken, geräuchert und eingesalzen, als ob jede einzelne Hausfrau das ganze Regiment zu versorgen hätte. Und wenn sie einrücken, die todesmuthigen Helden, welche Erwartung, wen man in's Quartier bekommt, welche Verwunderung, daß der Krieger auch ist und ißt und trinkt wie ein ander Menschenkind! Dann das klirrende Leben und Treiben auf den Straßen; wie wichtig ist schon das simple Wasserholen für die Mägde, wenn die Brunnen von den jungen Kriegsgöttern umlagert sind; die Wachen, die Patrouillen, die schönen Musikaufführungen vor den Häusern, wo hohe Offiziere wohnen – das alles ist eine Art Bezauberung, noch ehe der Schlachttag anbricht und die Krieger mit wallenden Büschen, die Sieger zum voraus sorgsam bezeichnet, in Sieg oder Tod abziehen. Und welch reichen Gesprächstoff gibt das noch nachher in allen Visiten, wo jede Hausfrau sich rühmt, den artigsten Quartiersmann gehabt zu haben! Es war nun auch in einer Zeit tiefsten Friedens, als das Städtchen dergestalt heimgesucht wurde. Den Manövern, als einer Anstalt, die von Sorge für die Zukunft zeugt, war Herr Wezler besonders hold und er bat sich mit großem Eifer Einquartierung aus. Er wurde auch wirklich zum Lohne seiner Bereitwilligkeit mit zwei Gemeinen und einem Lieutenant bedacht, der nicht bloß von simplem Adel, sondern ein rechter, lebendiger Graf, ein Graf von Schreckenhorst war. Das war eine Wichtigkeit. Am Tage, wo das Militär einrückte, untersuchte Herr Wezler in eigener Person das Gastzimmer, ob es auch würdig hergestellt sei. Den alten Stiefelknecht überzog er eigenhändig mit braunem Glanzpapier, damit er polirt erscheine, und als die Frau bedauerte, kein Bettcouvert, sondern blos Federdecken zu haben, da plünderte er sein Choleramagazin, wo Pfeffermünze und Kamillen in allen Präparaten, Bettwärmer und Flanellstücke seit dem Jahr 1830 als Rüstzeug gegen den drohenden Feind aufgeschichtet lagen, und opferte das schönste Stück Flanell als Bettteppich. Da er auf Vorsorge in Auktionen alle nur denkbaren Stücke für künftige Fälle an sich zu kaufen pflegte, so war er im Stand, das Gastzimmer mit allen Utensilien auf's vollständigste zu möbliren. Als Symbol des Kriegs, zugleich als Zeichen von Vertrauen, wurden sämmtliche Waffen, die er für räuberische Ueberfälle im Besitz hatte, ein alter Degen und zwei Pistolen, die nicht losgingen, nebst einer Trommel, die bei einer möglichen Feuersbrunst zum Lärmschlagen dienen sollte, zu einer zierlichen Trophäe aufgebaut. Unter andern nützlichen und nöthigen Gegenständen fand sich auch ein Aderlaßschnepper vom Papa selig, eine Hasenscheere und ein Zollstab unter der Zimmerausrüstung; ich glaube nicht, daß Herr Wezler selbst eine klare Vorstellung von den Fällen hatte, in denen diese Werkzeuge nöthig werden könnten. Der junge Graf zog ein und nahm mit dankbarer Anerkennung von seinem so vollständig eingerichteten Zimmer Besitz. Er unterhielt sich mit dem Hausherrn auf's Beste, indem er ihn alle Möglichkeiten aneinander setzen ließ, die auf politischem Gebiete erfolgen könnten, wenn irgendwelche unwahrscheinliche Ereignisse einträten, und mit »ja« oder»vermuthlich« und »ganz gewiß« zu rechter Zeit einfiel. Der Mama vertraute er ganz unverlangt eine Menge Pferde- und Liebesabenteuer aus der Garnisonsstadt an, dem kleinen Adolf zeichnete er Soldaten auf die Tafel – kurz es war ein charmanter Herr. Schon beim ersten Mittagsmahl brachte der Papa heraus, daß der Herr Graf dereinstiger Erbe einer Herrschaft sei, die zwei gute Pfarreien zu vergeben habe. Das traf sich ja wie gerufen! Nun rückte er mit seinem Plan für den Adolf heraus, explicirte dem Herrn Grafen die Vorzüge, die derselbe bekommen, die Kenntnisse, die er sich erwerben werde, und fragte vorläufig an, ob er sich wohl einst entschließen könnte, ihn als Hofmeister für seine künftigen Söhne, falls er welche bekomme, anzunehmen. Der Graf gieng mit herzlichem Lachen auf den Vorschlag ein, entwarf noch mit Herrn Wezler die Reiseroute der jungen Leute, fast in der Art wie einst die des Hieronymus Jobses, und trank in Punsch die Gesundheit des künftigen Hofmeisters und seiner Eleven. »Da ist jetzt auch wieder ein Stück Zukunft weggeschafft!« sagte Herr Wezler beim Schlafengehen höchst vergnügt zu seiner müden Ehehälfte. »Jetzt kann man erst an den Wilhelm denken, den Adolf sehe ich nun als versorgt an. Ich hoffe, der Graf bekommt keine Töchter, oder läßt sie nicht daheim, damit mir der Bursche kein dummes Zeug mit so einer Comtesse anfängt!« Die Mama hatte zu all diesen Planen ihr eigenes wehmütiges Lächeln und sprach, als sie vor dem Einschlafen das Vaterunser betete, mit besonderer Andacht die Bitte: Dein Wille geschehe auf Erden wie im Himmel. Eine Zeitlang spielte nun freilich der kleine Adolf nichts als Soldaten, was den Vater etwas beunruhigte; als ihm aber die Mutter einmal von Feldpredigern erzählte, da ergriff er auch diesen Gedanken, und hielt von nun an dem kleinen Heer begeisternde Reden; das stellte denn auch den Papa wieder zufrieden. Es blieben freilich immer noch einige Kleinigkeiten zu besorgen und zu bedenken. Z. B. hatte der Graf geäußert, das Gut, wo die beste seiner Pfarreien sei, leide an verdrießlichem Wassermangel; aber Herr Wezler kannte den königlichen Wasserleitungs- und Brunneninspektor; er beschloß durch gelegentliche Zusendung eines Schinkens die Bekanntschaft wieder aufzufrischen und das Herz des Mannes geneigt zu machen, daß er seinerseits für Grabung eines artesischen Brunnens auf dem gräflichen Gut etwas thue. »So wird's noch hie und da was geben,« sagte er beruhigend zu der Frau, »aber in der Hauptsache dürfen wir den Adolf als vollkommen versorgt ansehen.«   Wilhelms Bestimmung. So ernstlich sich Papa Wezler jetzt mit dem Gedanken an Wilhelms Zukunft beschäftigte, so wollte sich doch lange kein entschiedener Wink zeigen, wozu dieser bestimmt sei; zum Philosophen oder Demokraten allenfalls, denn auf's Zerstören, Umwerfen, Einreißen verstand er sich meisterlich, zeigte auch ohne alle Anleitung schöne Gaben zum Barrikadenbau mit Schemeln, Bauhölzern und hauptsächlich mit Büchern, worin er wirklich seiner Zeit voranschritt. Da dieß alles aber eben kein nutzbringendes Gewerbe ist, so konnte Herr Wezler nicht schlüssig werden, und er äußerte manchmal: übereilen wolle er nichts, aber so eine lange Ungewißheit sei wirklich peinlich. Endlich wurde Wilhelm noch ganz bestimmungsloser ABCschütz; als derselbe aber schon im ersten Schuljahr entschiedenes Talent zum Zählen und Rechnen zeigte, fühlte endlich Herr Wezler große Erleichterung; zum Kaufmann war der Wilhelm bestimmt, jetzt war's am Tag! Er erstand auch noch am selbigen Tag aus dem Nachlaß eines verstorbenen Präceptors einen alten Kompaß, da sein Sohn doch als Kaufmann ohne Zweifel Seereisen zu machen hatte, und den ganzen Abend erging er sich mit seiner Frau, die in ihrer gewöhnlichen freundlich schweigsamen Weise zuhörte, in Planen für Wilhelms Zukunft. »Und dem armen Schelm, dem Adolf, wirds auch recht gut kommen, wenn er einen Kaufmann als Bruder hat; Pfarrer sind gar unpraktische Leute und werden oft angeführt, da kann der Kleine die Augen für ihn offen haben, seine Einkäufe besorgen. Und so einer Windfuchtel von reisendem Kaufmann kommts dann wieder gut, wenn ihn ein gesetzter Bruder Gottes Wort nicht vergessen läßt. Ja, ja, so ist's gut!« »Nun ist freilich noch allerlei vorzubereiten,« begann er von neuem, »denn zu eignem Etablissement reicht's von unsern Mitteln nicht; man muß jetzt recht mit Ernst auf eine gute Partie für den Buben denken; hörst du, Frau.« – »Freilich,« entgegnete diese ruhig, »ich zweifle nur, ob sie schon geboren ist.« Weitere Plane und Sorgen für die Zukunft schienen Herrn Wezler zunächst erspart zu bleiben. Adolf und Wilhelm blieben die einzigen Sprossen seines respektablen Hauses, und zu seiner großen Freude schienen auch ihre natürlichen Neigungen die Knaben auf dem Weg vorwärts zu führen, für den sie nun bestimmt waren, wozu wohl die stille Leitung der Mutter das ihrige beitragen mochte. Adolf war ein ernster, fleißiger Knabe, der seinem lateinischen Argument stets so viele Disticha anhängte, daß der Lehrer genöthigt war, ihn auf eine bestimmte Zahl zu beschränken. Die Geschichten aus der schönen Bilderbibel, die ihm der Vater angeschafft hatte, wußte er so lebendig und anschaulich zu erzählen, daß der Vater seinen Freund und Nachbar, den Herrn Butzengeiger, versicherte: »der könnte heut schon die Kanzel betreten.« Wilhelm bekam zu den ersten Weihnachten, nachdem sein Beruf entschieden war, einen niedlich eingerichteten Kaufladen. Nachdem er, etwas minder kaufmännisch, Zucker, Mandeln und Rosinen aus demselben rein aufgegessen hatte, begann er mit Kaffeebohnen, Reis und Grüze ein recht geordnetes Geschäft, dessen Betrieb der Vater mit Herzenslust zusah. So streng dieser sonst auf Treu und Redlichkeit hielt, er konnte doch ein vergnügliches Schmunzeln nicht unterdrücken, als Adolf den Bruder verklagte, der ihn in einem Handel mit Weihnachtbackwerk übervortheilt, und ihm eine altbackene Kringel gegen einen Pfefferkuchen aufgeschwatzt habe: »Barbiert wahrhaftig den alten Kerl, den Adolf, über den Löffel! Ja, ja, dem muß man aufpassen!«   Weitere Aussicht. Nicht zu lange nach diesem vielversprechenden Weihnachtstag hatte Herr Wezler eine Reise aus sehr unangenehmen Ursachen zu machen. Ein Vetter seiner Frau, ein Kaufmann, war mit Hinterlassung einer bedeutenden Schuldenmasse nach Amerika entflohen, und Herr Wezler, das respektabelste Familienglied, sollte als Vertreter des einzigen Kindes die verwickelten Angelegenheiten in Ordnung bringen helfen. Er reiste höchst übellaunig ab. Trotz seiner rastlosen Sorgsamkeit liebte er doch äußerliche Ruhe, und daß der vorliegende Fall ein sehr unerquicklicher und wenig dabei vorzusorgen war, sah er schon im voraus. »Die Kleine,« sprach er zu der Frau, »wird man am besten bei einer honetten Kleidermacherin in Kost unterbringen; die kann sie billig nehmen und sich zur Hilfe heranziehen. Obgleich ich dem Lump, ihrem Vater, nicht recht glaube, daß er sie nachkommen lassen wird, so wäre es doch möglich, und Kleidermachen ist für Amerika am einträglichsten.« – »Gewiß, und vielleicht, bis wir ein solches Unterkommen fänden, könnten wir das Töchterlein aufnehmen,« meinte die Mama. – »Ja, ja, im Nothfall, ein paar Wochen, länger nicht; wäre nicht gut wegen der Zukunft, weißt du! 's ist besser, das Kind wird gleich von Anfang drunten gehalten.« Die Mama schwieg; sie hatte freilich ein mütterliches Verlangen nach dem armen verlassenen Kind, aber sie wollte nichts erzwingen, und sie holte einstweilen zum Trost eines ihrer Waidsprüchlein hervor, wie sie deren für alle Gelegenheiten bereit hatte: Geht's nicht heute, wie man will, Sei man nur ein wenig still, Ist doch morgen auch ein Tag, Da die Wohlfahrt kommen mag. Nach vier Tagen kam Papa Wezler wieder mit ganz profitabler Miene, das Töchterlein, ein etwas verwahrlost aussehendes blauäugiges Kind mit einer ebenfalls verwahrlosten Puppe im Arm, neben sich auf dem rumpeligen Kutschwägelchen. Zehn andere Frauen wären vor Neugier gestorben, warum er gerade von diesem Geschäft so triumphirend zurückkomme, die Mama nicht. Die Buben umstanden laut begrüßend den Wagen und ließen das kleine Mädchen nach einigen Angaffen stehen, bis sie die Mama mit dem Gepäck belud. Des Kindes Bündelchen war leicht und schmal, aber Herr Wezler hatte sich für alle Wechselfälle der sechsstündigen Reise wie zu einer Nordpolexpedition ausstaffirt gehabt. Endlich war abgeladen, er selbst stieg herab, leerte jetzt erst das Kutschenkästchen, unterrichtete den Knecht über das mit dem dürren Fuchsen zu beobachtende Verfahren und stieg nun inmitten seiner schwerbeladenen Familie langsam die Treppe hinauf, die Kirschengeistflasche nebst dem steinernen Weinkrug vorsichtig in höchsteigenen Händen tragend. Droben that er allerlei mitgebrachte Schätze auf. Adolf wäre zwar von der Concordanz, die aus des Vetters Nachlaß, wo sie schon zu Pfefferdüten bestimmt gewesen, gerettet worden war, eben so wenig erbaut gewesen, als Wilhelm von der Handwage und Münzordnung, die er erhielt, wenn nicht der Papa noch aus der Gantmasse eine Partie Zuckerkandel für künftige Hustenfälle und eine Anzahl Schusser ohne weiteren Zukunftszweck mitgebracht hätte. Mit diesen zogen die Buben lärmend ab, die Mama half Herrn Wezler zu Pantoffeln und Schlafrock, brachte die warmgehaltene Gerstensuppe – von Thee war er kein Freund – und führte dann die betäubte und erfrorene Kleine zu Bett, nicht ohne ihre Puppe sorgsam neben sie zu legen. Das Kind ließ alles mit sich geschehen und sah die Mama nur mit großen Augen an. »So, Marie, nun wollen wir noch beten,« sagte sie – »Beten?« fragte die Kleine verwundert, »nur die Pfarrer beten.« – »Du armes Tröpflein!« sagte die gute Frau mit nassen Augen, beugte sich über sie und faltete die Hände: »Der Herr segne dich und behüte dich, der Herr segne deinen Eingang und Ausgang von nun an bis in Ewigkeit!« betete sie innig mit leiser Stimme; das Kind faltete die Händchen auch und sah in die guten stillen Augen der Mama, die noch kein Mensch je besungen oder bewundert hatte, bis es einschlief. Inzwischen hatte Herr Weiler sich erwärmt und gestärkt, die Söhne vor sich berufen, sie über die Begebenheiten der letzten Tage und ihre Fortschritte vernommen und sie sodann entlassen, und saß nun recht behaglich mit angezündeter Pfeife neben der Mama, die sich mit gewohnter Ruhe am Strickkorb etablirt hatte. »Nun, Mama, was meinst?« begann Herr Wezler, »das hättest du nicht gedacht, daß ich nebenher eine Frau für den Wilhelm im Sack mitbrächte?« – »Eine Frau?« fragte Mama, dießmal mit unverstelltem Erstaunen, »die Kleine da?« – »Warum nicht gar! Da stand's schlimm, zwar nicht so schlimm, wie ich vermuthet; die Schulden konnten alle bezahlt werden, aber der Kleinen blieb kaum das Nöthigste, um ein Kostgeld zu bezahlen.« – »Das arme Ding scheint schrecklich verwahrlost,« sagte die Mutter. – »Ja, gewiß, davon später. Nun höre: wie ich den Angelegenheiten ihres Vaters auf die Spur komme, so stellt sich als Hauptgläubigerin eine Frau Krebsin heraus mit großen Summen, und es war Frau Krebsin hinten und Frau Krebsin vorne. Heinrichs bester Freund versicherte mich: »Ja, Herr, der Heinrich säße noch hier, wenn nicht seine Frau so bald gestorben und wenn die alte Hexe, die Krebsin, nicht gewesen wäre. Der Wittwerstand brachte ihn zum Wirthshausgehen, während das arme Tröpflein daheim verkümmerte, und die Alte quälte ihn um jeden Heller Zins bis auf's Blut, so daß er immer wieder und zu immer höhern Zinsen Geld aufnahm, bis er sich nicht mehr zu helfen wußte.« Da hört' ich denn auf nähere Nachfrage, daß die Frau Krebsin eine alte geizige Wittwe ist, die von Haus aus steinreich, als alte Jungfer einen noch reicheren alten Weinhändler geheirathet hat. Niemand kann sagen, wie reich sie ist, sie selbst soll's gar nicht wissen, obschon sie Tag und Nacht Geld zählt.« »Und was dann?« – »Was dann? du fragst noch?« fuhr Herr Wezler in athemlosem Eifer fort. »Die Krebsin hat ein einziges Kind, ein kleines Mädchen von zwei Jahren, also gerade recht für unsern Wilhelm. Das Kind hat die Hölle auf der Welt, der alte Drache gönnt sich und ihr das Essen nicht. Ist sie einmal erwachsen und die Alte lebt noch, so thun wir Wilhelm in Condition nach M., wo sie lebt; ein Bursch, wie der einer wird, der muß der Jungfer Krebsin, die so in der Trübsal aufgewachsen, nicht übel in die Augen stechen! Die Alte speit natürlich Gift und Galle, denn sie muß das ganze Vatergut herausgeben; ich habe schon den Notar gesprochen, der ihres Mannes Testament gemacht hat. Daß wir die herumkriegen, das glaube ich kaum; thut aber nichts, in solchem Fall ersetzt das Gericht die elterliche Einwilligung. Man thut das Mädchen, die schlecht genug erzogen sein wird, in so ein Institut oder wie ihr's heißt; da bildet man sie heraus, und der Wilhelm kann das erste Geschäft im Lande gründen.« »Warum nicht gar, Alter,« sprach die Frau mit großem Ernst. »Versündige dich nicht! was könnte auf solchem Geld für Segen ruhen?« – »Ei, Frau, da müßte man alles Geld begraben oder in's Wasser werfen, das schlechte Leute hinterlassen. Wilhelm wird's schon in Umlauf bringen, daß der Fluch davon geht.« – »Und was für ein Mädchen wird das werden!« – »Gerade das gibt oft die allerbesten Menschen; geizige Eltern haben selten geizige Kinder.« – »Dann wird sie eine schlechte Hausfrau.« – »Nun siehst du, da hab' ich vorgesorgt. Ich muß sagen, daß es allem nach eine schauerliche Wirthschaft sein muß bei der Krebsin; da hält es denn wohl schwer, daß das Mädchen ein rechtes Hauswesen führen lernt, auch wenn man sie ein Jahr oder so vorher zustutzt. Darum habe ich dir nun die kleine Marie da mitgebracht; aus der kannst du ein recht brauchbares Hauskäferlein herziehen; die kann dann einmal in's Mittel treten und die Haushaltung führen für die junge Frau, dann darf das Kind doch nicht bei Fremden dienen.« »Ja, ja, ich will mein bestes an ihr thun,« versicherte die Frau, die lächeln mußte, daß sie selbst sich so ereifre wegen der Frau ihres Sohnes, der sich eben mit Adolf im Bett um einen zerbrochenen Bleisoldaten raufte.   Das Hauskäferlein. Es fügte sich aber vor der Hand alles nach Herrn Wezlers Wunsch. Die kleine Marie, die in der Obhut der Mama recht auflebte, schien sich wirklich mit der Zeit zu einem vortrefflichen Hauskäferlein zu eignen. Kein eigen Töchterlein hätte mehr mit der Mama verwachsen sein, mehr an ihrem Mund hängen können als das so lang versäumte Kind; wie ein Hündlein folgte sie ihren Tritten, trug ihr das Schlüsselkörbchen oder Gartengeräth nach, reichte ihr Waschklammern, wenn sie Wäsche trocknete, und verrichtete so tausend kleine Dienste. In der Schule that sie sich nicht glänzend hervor, aber daheim war wunderbar früh die Hülfe des kleinen emsigen Händchens zu spüren. Mit den Knaben stand sie nicht viel im Verkehr; Adolf trat bald in's Seminar ein und Wilhelm war so durch und durch ein wilder Schulbube, daß er sich geschämt hätte, sich mit einem kleinen Mädchen abzugeben. Hier und da genoß sie die Ehre, sein Pferd sein zu dürfen und mit einem Zügel im Mund vor ihm herzulaufen, aber nur im engsten Familienkreis; dergleichen Spiele wurden vom Papa nicht begünstigt. Um Wilhelms Kaufladen erwarb sich Marie im Stillen manche Verdienste, indem sie ihn aufräumte, denn er ließ oft eine Unordnung darin aufkommen, die kein glänzendes Zeugniß für seine künftige Geschäftstätigkeit war. So viel sich auch Herr Wezler mit der Zukunft der Seinigen zu schaffen machte, so überließ er die Sorge für die Gegenwart meist der Mama, und unter ihrer stillen Herrschaft verfloß die Kinder- und Knabenzeit der Söhne in recht behaglicher Weise. – Nur die Kleidung war eine Schattenseite, da auf Herrn Wezlers Befehl Wämmser und Hosen allzeit für die Zukunft berechnet und demnach so weit und groß waren, daß die Buben darin fast verloren giengen. Es kostete Adolf viel Thränen verbissenen Zorns und Wilhelm viel blutige Kämpfe, wenn ihnen die Kameraden nachriefen: »Wezler, nimmst keine Hausleut' (Miethbewohner) in dein Wammes?« Die Mama wußte aber auch da versöhnend einzuwirken.   Striche durch die Rechnung. Zwölf Jahre waren seit dem Abend verflossen, wo Herr Wezler das Pflegtöchterlein und zugleich die glänzende Zukunftshoffnung für seinen Wilhelm mitgebracht hatte. Adolf hatte seinen Erwartungen nicht so ganz entsprochen; zwar war er dem geistlichen Stande treu geblieben und hatte den Ruhm eines fleißigen, gesetzten Studenten, aber sein stilles, brütendes Wesen gefiel dem Papa nicht recht. Mit der Mutter verstand sich der Sohn gar wohl; so wenig sie die Stürme, Kämpfe und Zweifel begreifen konnte, die durch seine junge Seele zogen, so wohl that sie ihm mit ihren treuen Augen und guten Worten, mit den Sprüchen und Versen, die sie stets zu so guter Stunde zur Hand hatte und mit denen sie seinen hohen philosophischen Gebäuden manchen Stoß gab. Natürlich hatte Herr Wezler den Grafen und das Patronat nicht aus dem Sinn verloren, er hatte sein Andenken nach alter guter Weise je und je durch ein Präsent aufzufrischen gesucht, das er dem Herrn Lieutenant unter allerlei feinen Wendungen nebst Berichten über die Fortschritte des jungen Hofmeisters zusandte. Aber er hatte selten und stets sehr kurze Antwort erhalten. Als Adolf seine Studien vollendet, hatte Herr Wezler eine entschiedenere Aufrage gewagt, wie es mit »dero werther Familie stehe?« aber der Herr Graf hatte geantwortet, er sei leider noch gar nicht vermählt und sein Herr Vater derzeit noch im Besitz der Herrschaft. Adolf that das nicht leid; er trat in ein Vicariat, da er keine Lust hatte, Hofmeister zu werden. Der Strich, der durch seine Plane gemacht worden, hatte Herrn Wezler ganz consternirt, und er hatte kein neues bestimmtes Projekt zum Ersatz für das vereitelte bilden können. Die Hoffnung auf's Patronat hielt er indessen noch immer fest, wenn es gleich mit der Hofmeisterstelle nichts war. Heute nun war Adolf zum Besuch von dem nicht sehr entlegenen Vicariat in's Elternhaus gekommen. Da war noch alles, wie es allezeit gewesen: das Kanapee, die hochlehnigen Stühle, stets unter einem Ueberzug von blauem Kattun, unter dem die eigentliche Prachthülle ungesehen und unbewundert veraltete und zerriß: Dem kleinen Veilchen gleich, Das im Verborgnen blüht.« Da saß der Vater am Fenster in seinem mit schwarzem Saffian überzogenen Lehnsessel, der nicht umsonst den Namen Sorgensessel trug, und zwar hielt der Papa eine Zeitung in der Hand, so nachdenklich, daß ihn wohl irgend eine Völkerzukunft beschäftigen mußte; am andern Fenster am Tischchen saß die Mama, jetzt auch mit einer Brille, die einzige Neuerung, strickend von ihrem Riesenknäul; daneben Marie am Nähzeug. – Eine Unterbrechung dieses Stilllebens war nie unwillkommen und mit dem guten heimatlichen »Grüß dich Gott!« wurde der Ankömmling freudig empfangen. Marie hatte ihm nach einem etwas schüchternen schwesterlichen Gruß den Platz bei der Mutter geräumt, und bald tönte draußen die gute gastliche Hausmusik der Kaffeemühle, die es wohl mit der vielgerühmten Poesie des singenden Theekessels aufnehmen kann. Von Marie ist nicht viel zu sagen, wie denn auch überhaupt niemand von ihr sprach; sie war nicht groß und nicht klein, nicht häßlich und nicht schön; ein Paar liebe blaue Augen hatte sie, in die man gern hineinsehen mochte, wenn sie einem zufällig begegneten, und einen sanften Mund, der mehr zum Schweigen als zum Reden gebildet schien. Ein recht treues Hauskäferlein war sie geworden, und die Mama, die nie stark im Sorgen gewesen war, hatte es ganz verlernt, seit sie ihre Schlüssel und ihren Hauskalender in Mariens Hände gegeben hatte. Dabei war Marie keine stille lautlose Dulderin, sondern ein gutes frohherziges Kind, stets zufrieden, wenn man mit ihr zufrieden war. Belesen war sie just nicht und hatte auch kein Album, aber durch die Schriften und Lebensbeschreibungen frommer Männer, die Adolf der Mutter nach und nach geschickt und die sie ihr vorlas, war sie wenigstens in Einem Eckchen der äußern und innern Welt ganz daheim, und das gab ihr eine gewisse stille Sicherheit. Eine emsige Hand hatte sie und einen sparsamen Sinn. Sie legte Sammlungen aller Art an, wie solche nie in Kabinetten vorgezeigt werden: Seide- und Fadenenden, Schnüre und Bindfäden, Bandrestchen, Kattun- und Leinwandfleckchen. Wer etwas der Art bedurfte, gieng nie fehl bei ihr, und der Papa bemerkte äußerst wohlgefällig diese, für ihre spezielle Bestimmung so nützlichen Eigenschaften. Adolf, obwohl sie ihn sehr verehrte, war ihr immer ziemlich fremd geblieben; bei Wilhelm aber, der in einer etwas weit entfernten Stadt seine Lehrjahre beendigte, war sie von der Rolle eines Pferdes beinahe zu der einer Schwester vorgerückt, so selten sie ihn auch sah. Sie hatte aus Papas Andeutungen allmählich den Plan für Wilhelms Zukunft und ihre Rolle dabei errathen; darum fühlte sie sich ihm besonders nahe und jetzt schon verpflichtet für ihn zu sorgen. Der Kaffee war getrunken, der Papa hatte seinen Nachbar Herrn Buzengeiger zu seinem regelmäßigen Spaziergang abgeholt, Marie fiel es ein, daß sie Bohnen zu pflücken habe im Garten, und Mutter und Sohn blieben allein. Die Mutter wußte, fast seit seinem Eintritt, daß Adolf heute etwas besonderes auf seinem Herzen habe. – Ja wohl hatte er das: er hatte auch einen Zukunftsplan gemacht, einen, an den sich seine kampfesmüde Seele hielt wie an einem Felsen in wogendem Meer. Er wollte Missionär werden, und dieser Entschluß war aus so viel innern Stürmen hervorgegangen, daß er nun unerschütterlich feststand. Das war für die gute Mutter ein schwerer Schlag. Wohl hatte sie die Sendboten des Evangeliums stets mit Bewunderung und Theilnahme mit ihren Gedanken in die Ferne begleitet, aber daß sie ihr eigen Kind, ihren Lieblingssohn vom Herzen weg geben solle, an die Möglichkeit hatte sie nie gedacht. Doch, die Hand, die ein großes Opfer von uns fordert, beut stets auch einen mächtigen Stab, nur wissen wir ihn nicht immer zu fassen. So bald sie eingesehen, wie es wirklich ein Beruf sei, zu dem ihren Sohn ein Gefühl innerer Notwendigkeit ziehe, so faßte sie auch ein männlich Herz, gleich jener Mutter der Maccabäer. Ihr nächster Gedanke war nun der Vater: »Weißt du was, Adolf? Schreibe es dem Vater und laß mir den Brief hier; er verarbeitets so leichter.« Das war dem Sohn auch lieb, und nun saßen Mutter und Sohn noch lange still beisammen, in einer jener gehobenen Stimmungen, wie sie selten im Leben einkehren, wo die innere Welt in ihre Rechte tritt, wo man ohne Worte sich versteht, als ob das Herz dem Herzen offen läge, Stimmungen, wie sie nicht allein jungen Herzen beschieden sind. Der Vater verwand die Mittheilung nicht so leicht wie die Mutter; wo sie mit starker Seele ein freies Opfer brachte, da ließ er am Ende eben geschehen, was er nicht zu ändern wußte; aber etwas, was so gar nicht in seine Plane paßte, was so ganz außerhalb vernünftiger Berechnung lag, das betäubte ihn beinahe, und er gieng eine Zeit lang wie im Traume. Erst als er befahl, daß von nun an baumwollene Hemden gemacht werden müßten, da man keine Leinwand in heißen Zonen trage, und anfieng in Auktionen und sonst wo Glöckchen und Glaskorallen aufzukaufen, weil die bei den Wilden so beliebt seien, und Adolf unter Wilhelms Anleitung darin einst vorteilhafte Nebengeschäfte machen könne, versöhnte er sich allmählich mit dem Plan, die Mama sah daran mit gerührter Seele, daß er den Adolf doch noch als Sohn im Herzen trage, und sie verfehlte nicht, diesem solchen Beweis väterlicher Güte recht anerkennend zu rühmen.   Abermals neue Hoffnung. Wilhelms Lehrjahre waren zu Ende, er sollte nun in die welsche Schweiz, um sich vollends auszubilden, ehe er an weiteres Avancement denken konnte. Marie nähte Tag und Nacht, um ihn recht anständig für die Fremde auszurüsten, und zeichnete ganze Berge von Socken, die die Mama aus ihrer Vorrathskammer hervorholte. Herr Wezler wandte nun all seine Energie der Sorge für die Zukunft dieses seines Lieblingssohnes zu. Die Schwiegermama Krebs war bis jetzt jedem Versuch einer Annäherung unzugänglich geblieben; er hatte es mit dem Austausch von Kapitalbriefen, mit Weinkäufen, kurz auf alle Weise versucht, aber die Alte ward immer griesgrämiger und abstoßender, und wenn auch ihre Nase nicht so fein war, Herrn Wezlers wirkliche Absicht zu wittern, sintemal sie weder ihn noch seine Familie kannte, so war sie doch fein genug zu wissen, daß er der Mann nicht sei, mit dem sich große Geschäfte machen ließen. Zudem nahm ihr Geiz immer mehr die ursprüngliche rohe Form an, wie man sich schon im ABCbuch den Geizhals denkt; sie zog den Geschäftsbetrieb in's Kleine und begnügte sich damit, ihre Zinsen zusammenzuscharren. Von ihrem Töchterlein hörte man nur, daß sie ein verwildertes Geschöpf sei, und daß die Mutter sie in die wohlfeilste Schule und wo möglich in gar keine schicke. Herr Wezler konnte sie nicht einmal zu Gesicht bekommen. Für den Fall, daß dieser Plan denn doch fehlschlage, hätte Herr Wezler seinen Wilhelm gern in einem Handelshaus untergebracht, wo sich eine einzige Tochter oder eine Erbin überhaupt befand; es hatte sich aber nicht schicken wollen. Er hatte endlich ein Haus entdeckt, wo nur zwei Söhne und eine Tochter waren; diese jedoch heirathete leider, ehe Wilhelms Lehrzeit zu Ende war. Wilhelm aber war in der That ein herrlicher Junge und sah gar nicht aus, als ob sein Papa nöthig hätte, eine Braut für ihn aus Drachenzähnen zu ziehen. Schlank und kräftig, blühend und hellaugig sah er seinem Beruf wie dem Leben so frisch und zuversichtlich entgegen, wie nur je ein gesundes junges Herz. An des Vaters weitaussehende Plane war er gewöhnt; so fühlte er sich von dem Krebsischen Projekt nicht beängstigt, nur war er in keiner Weise zu vermögen gewesen, eine active Rolle dabei zu übernehmen. Einstweilen brachte er Lust und Leben in's stille Vaterhaus und machte tausend lustige Streiche; er baute von den ehrwürdigen alten Möbelstücken künstliche Thürme, an denen er gymnastische Uebungen anstellte, er pfiff der Marie beim Nähen neue Walzermelodien vor, damit auch Harmonie in seine Hemden komme, er rauchte seine Cigarre in der Staatshaube der Mama zum Fenster hinaus und schrieb für Adolf, der in der Missionärbildungsanstalt war, ein Complimentirbuch für Menschenfresser. Marie behauptete, sie könne keinen Stich mehr machen vor Lachen, der Papa erklärte täglich, der Unfug müsse aufhören und der Bursche aus dem Hause, fragte aber nach ihm, wenn er nur eine Viertelstunde fort war. Gerade ehe Wilhelm abreisen sollte, kam noch der Schuldner, bei dem das einzige kleine Kapital stand, das für Marie gerettet worden war, um das bescheidene Zinslein zu bringen. Herr Wezler verweilte länger als sonst mit ihm in seiner Stube; als er zurück kam, sah man, daß er sich große Mühe gab, sein Gesicht in ernsthafte, fast traurige Falten zu legen, daß es aber nicht recht gehen wollte. »Der Mann da hat mir eine eigene Neuigkeit erzählt,« begann er. – »Was denn?« fragte die Mama. – »Denkt euch, die alte Krebsin hat den Hals gebrochen.« – »Meine Frau Schwieger?« rief Wilhelm, »das wäre!« Er hatte die größte Lust zu lachen, aber er stutzte vor dem alterirten Gesicht der Mama, die die Hände faltete und leise vor sich hin betete: »Vor einem bösen schnellen Tod Behüt' uns lieber Herr und Gott.« »Ja, wie denn aber um Gotteswillen?« – »Je nun, es ist ihr unlängst in einem Gant ein kleines Gut zugefallen, auf dem sie einstweilen einen Verwalter gehabt. Den hatte sie im Verdacht, daß er ihr Stroh unterschlagen und in der Scheune versteckt habe. Weil sie seinen Versicherungen nicht glaubte, klettert das alte Weib selbst auf den obersten Scheunenboden, um nachzusehen; kraftlos ist sie schon lang, da sie sich nichts Gutes gönnt, und so, wie sie wieder herunter will – weiß nicht recht, wie's gegangen – kurz und gut, todt ist sie.« – »Gott erbarme sich ihrer!« seufzte die Mutter. – »Ja gewiß, das wird nöthig sein,« meinte der Papa im Geschäftston. »Nun aber, abgesehen von unsern Gefühlen – oder vielmehr – es ist jetzt heilige Pflicht, sich des verwahrlosten Waisleins anzunehmen.« – »Aber, Alter, ich bitte dich!« – »Aber höre doch, Alte! wenn das nicht ein Wink der Vorsehung ist, so giebt's keinen mehr! Erst gestern Nachmittag um zwei Uhr denk' ich daran, wie wir jetzt den Wilhelm in die Welt hinaus lassen sollen und noch gar keine Gewißheit über seine Zukunft haben, und gerade gestern Vormittag um halb eilf Uhr hat die Krebsin den Hals gebrochen. Siehst du, für ihr Kind ist es ja jedenfalls eine Wohlthat, wenn ein Christenmensch an sie denkt.« Wilhelm zeichnete derweil der Marie auf ihre Nähschachtel sich selbst, wie er einen großen geputzten Krebs zierlich an der Scheere faßt, und schrieb darunter: »Zum Angedenken,« und dazu noch das Motto, das er auf der Mama gläserner Nadelbüchse gefunden: Lieben und kein' Lust dabei, Das ist mir grad wie Wasserbrei.   Die junge Erbin. Nun, Wilhelm mußte trotz des Todesfalls der zukünftigen Schwiegermutter unwiderruflich abreisen, es schien ihn auch keine liebende Ungeduld in Betreff der jungen Erbin zurückzuhalten; der Papa aber reiste am Tag der Krebsischen Beerdigung nach dem Orte der Trauer, trotz alles Kopfschüttelns der Mama. Herr Wezler hatte bei Ausführung seiner verschiedenen Projekte Diplomatie gelernt. Er gab sich für einen Freund des längst seligen Krebsen aus, der sich für dessen unglückliche Wittwe und hinterlassene Tochter interessire, und gelangte so in das Trauerhaus und zu dem Anblick der jungen Waise. Vielversprechend war dieser nicht; ein scheu und ungesund aussehendes mageres vierzehnjähriges Mädchen mit struppigen schwarzen Haaren, die sich in dem neuen, sehr anständigen Traueranzug und unter den vielen Leuten höchst unwohl zu fühlen schien. Herr Wezler versuchte sich ihr zu nähern. »Wie hat das arme Kind den Schlag aufgenommen?« fragte er eine Frau Nachbarin, welche die Honneurs machte. – »Sie hat just nicht viel gemacht; ihr erstes Wort war: »so krieg' ich doch jetzt genug zu essen.« Sie hat auch vom ersten Geld, das sie in die Hand bekommen, sechs Brezeln gekauft und alle aufgegessen.« Im selben Augenblick hatte sich die Waise wieder hinter die Reste eines Kalbsbratens im Nebenzimmer gesetzt. – »Armes Kind! die Natur will ihr Recht,« seufzte Herr Wezler; »das wird schon besser kommen.« Da Frau Krebs kein Testament hinterlassen, war zum Vormund des Mädchens und zum Verwalter des für kleine Verhältnisse wirklich ungeheuren Vermögens ein entfernter Verwandter ihres Vaters, ein ehrenwerther Kaufmann in der Residenz ernannt worden. Herr Wezler stellte sich ihm mit einigem Stottern als alten Freund seines verstorbenen Vetters vor und ließ fallen, seine Frau habe sich immer für das Töchterlein interessirt und würde dasselbe gern unter ihre Obhut nehmen. Der Vetter schnitt das Anerbieten kurz ab mit der Bemerkung, daß bereits fünfundvierzig Freunde der verstorbenen Eltern sich zu diesem Liebesdienst erboten haben, daß aber nun beschlossen sei, das leider sehr verwahrloste Kind zunächst ein Jahr der Familie eines wackern Landschullehrers zu übergeben, um die gröbsten Mängel ihrer Erziehung gut zu machen, daß er sie sodann in sein eigenes Haus aufnehmen werde, wo sie im Kreise seiner fünf Töchter und bei den trefflichen Anstalten der Residenz alle Gelegenheit finde, ihre Erziehung zu vollenden. Da war nichts zu machen; zu seinem Troste erfuhr Herr Wezler noch, daß die fünf Töchter wenigstens keinen Bruder hätten, und reiste ab, nachdem er noch einen Versuch gemacht, die Erbin auf ein paar Wochen Landaufenhalt in sein Haus einzuladen, worauf sie ihn verdutzt anstierte, ohne zu antworten. Unterwegs aber wuchsen seine Hoffnungen auf's neue, und er versicherte daheim die Mama, das Mädchen sei in Betracht der Umstände gar nicht so übel, und unterhielt sie schon von den zukünftigen Vorzügen ihrer dereinstigen Schwiegertochter und über den glücklichen Umstand, daß die Schulmeistersfamilie nur eine halbe Stunde von hier wohne, wobei Marie eine gar stille Zuhörerin war.   Eine neue Freundschaft. Fünf Jahre waren ziemlich wechsellos über Papa Wezlers Haus hingezogen. Adolf war weit, weit über dem Meer und der Mutter Augen waren viel dunkler geworden seit dem Tag seines Abschieds. Aber sie wurden hell, so oft sie den Briefträger mit vertraulichem Kopfnicken auf's Haus zuschreiten sah; denn dann wußte sie, daß er Kunde aus der Ferne brachte. Der Papa war längst mit Adolfs Beruf versöhnt, er schrieb ihm lange Briefe mit allerlei Rathschlägen, wie er die Wilden civilisiren und aus dem Verkehr mit ihnen erlaubten Prosit für seine Zukunft ziehen könne; er sah ihn im Geiste schon als eine Art von christlichem Kaziken, herrschend über einen grundgutmüthigen goldreichen Volksstamm, und besann sich, wie das Fäßchen voll Gold am besten zu verwenden sei, das Adolf dann doch wahrscheinlich nach Hause schicken werde. Die Mutter dachte so weit nicht, sie erquickte sich an der Kraft und dem Frieden, der aus des Sohnes Briefen sprach, und hatte nur den Einen, leisen Wunsch, ihn noch zu sehen, ehe sie sterbe. Fräulein Krebs hatte der Papa indeß nicht aus den Augen verloren. So lange sie bei der Schulmeistersfamilie war, hatte er einige Versuche gemacht, sich ihr zu nähern, sie aber fast so unzugänglich gefunden als vor Zeiten ihre Frau Mama. Zwar rühmten die Leute, sie sei im Ganzen ein gutes Kind, lerne ordentlich und finde namentlich viel Vergnügen am Besitz von Geld, das sie mit vollen Händen austheile, wenn sie genug gegessen habe, aber gegen Fremde sei sie scheu. Als er es einmal wieder versuchen wollte, sich ihr bekannt zu machen, und sich mit einer hübschen Porzellantasse bewaffnet hatte, um ihre Gunst zu gewinnen, hörte er, wie sie der Schulmeisterin, die sie herunter kommen hieß, von der Treppe herab zurief: »Ja, ich komme, wenn der alte Lümmel fort ist.« Das indignirte ihn dergestalt, daß er vor der Hand alle Versuche aufgab und sich mit dem Gedanken tröstete, wenn der prächtige Bursche, der Wilhelm, einmal selbst auftrete, werde sie schon aufschauen lernen. Diese verunglückte Expedition erfuhr die Mama haarklein, obschon Herr Wezler den festen Entschluß gefaßt hatte, davon zu schweigen, und somit auch Marie. Was aber kam das stille Mädchen an, daß sie auch ihrerseits Projekte machte und diplomatische Zwecke verfolgte? Wie kommt's, daß sie, die man noch nie weiter als an der Mama Seite in den Garten oder auf den Acker gehen sehen, nun weite Gänge über Feld macht, von denen sie erst Abends zurückkommt? Wie hat sie's angegriffen, daß sie im Schulhaus zu Bernheim daheim ist wie das eigene Kind und mit ihrem Nähzeug am runden Schiefertisch neben der Frau Schulmeisterin sitzt, als hätte sie von Kindesbeinen an dagesessen? – Wie hat sie's so weit gebracht, daß Katharine Krebs, die kleine Wilde, so zutraulich mit ihr geworden wie mit niemand je zuvor? Dieß weiß kein Mensch, aber so ist's. Da sitzen die zwei Mädchen auf dem breiten Sims in der alten Schulstube, von dem man weit hinunter sieht in's blühende Thal, und Katharine blickt mit ihren pechschwarzen stechenden Augen in die milden blauen Sterne der Marie und schüttet in rauhen heftigen Worten die heiße Klage über ihre verkümmerte, freudlose Kinderzeit an der Seite ihrer unheimlichen Mutter vor ihr aus, und Marie mit ihrer ruhigen, sanften Stimme erzählt ihr, wie sie ihre Mutter nie gesehen, wie ihr Vater in Noth und Jammer weit fortgezogen sei, weit über's Meer und niemand mehr von ihm gehört habe, und wie es ihr doch so gut ergangen sei und sie eine liebe Heimat gefunden habe. – »Und gib nur acht, so geht dir's auch noch recht gut und du wirst alles, alles vergessen, was so traurig gewesen ist.« – »Aber nicht wahr, du bist arm, Marie? Ich will dir Geld geben, wenn ich's bekomme, ich habe viel.« – »Mir nicht,« lächelte Marie sanft; »ich habe was ich brauche. aber komm, ich will dir zeigen, wem du geben sollst.« So gehen sie mit einander in die ärmlichen Häuser des Dorfs, und Marie thut Wunder mit dem anständigen Taschengeld, das der Erbin von der Vormundschaftsbehörde verwilligt war. Für den jungen Unterlehrer, den Sohn des Schulmeisters, ist diese Gehilfin bei seinem oft schwierigen Lehramt fast gefährlich, er sieht mit unverhohlener Bewunderung die stille Macht dieser sanften, friedvollen Natur und lernt erst von ihr den rechten Weg, seiner schwer versäumten jungen Schülerin recht beizukommen. Papa Wezler erfuhr nichts von diesen Gängen, die Mutter schwieg still dazu und ließ Marie gewähren; sie wollte auch nicht, daß diese Katharinens Widerwillen, sie einmal daheim zu besuchen, zu heftig bekämpfen solle. »Was sein soll, wird sich wohl schicken;« meinte sie ruhig und sah mit feuchten Augen der stillen Friedensbotin nach, wie sie ihren schönen Plan verfolgte. Allzulange dauerte nun freilich dieser trauliche Verkehr nicht; nach einem Jahr holte der Vormund Katharine in die Residenz, damit sie nunmehr in's Feine geschliffen werde. Es war so viel Gerede von der Frau Krebs und ihrem Tod und ihrem Geld und ihrem Kind gewesen, aus dem das Gerücht eine Art weiblichen Kaspar Hauser machte, daß er geraume Zeit hatte hingehen lassen wollen, ehe er sie in den Kreis seiner fünf Töchter einführte. Marie schlug Katharinen eine Korrespondenz vor, damit wollte es aber nicht so recht fort, sintemal dieser das Schreiben noch zu neu war; darum blieb dieser Verkehr ein ziemlich einseitiger.   Wiedersehen. So standen die Dinge, als eines Tages festliche Vorbereitungen im Haus Wezler gemacht wurden; Rike, die Magd, die kein anderes Festvorgefühl kannte, als daß geputzt wurde, hatte bereits das ganze Haus sammt Flur und Treppen gründlich gescheuert, und fegte nun in Ermangelung eines andern Gegenstandes die Hühnerställe unter der Treppe; Marie schlang leichte Epheuguirlanden über die weißen Vorhänge, um den Schmuck des bekränzten Zimmers zu vollenden; der Papa polirte die kleine Münzsammlung, die er für Wilhelm angelegt hatte, schönstens heraus, und Mama ordnete die Kaffeetassen um den prächtigen Gugelhopf, Wilhelms Leibspeise, die sie nach Jahren wieder einmal eigenhändig verfertigt hatte. Wilhelm war's, der nach fünfjähriger Abwesenheit im Elternhaus erwartet wurde. Er war indeß als Pensionär, als Volontär, als Commis im Auslande gewesen; nun, schrieb er, wollte er's auch daheim probiren und eine Stelle im Vaterland suchen. Der Papa aber wußte es besser, wie's nun kommen müsse. Der Kaffee stand bereit, die Zimmer waren geschmückt, Papa und Mama standen am Fenster, Strickkorb und Flickkorb waren bei Seite gestellt, und jetzt rasselte ein leichtes Fuhrwerk. Der kann's aber nicht sein, der große schöne Mann! Freilich, der ist's und springt herauf und umarmt den Papa und küßt die Mama und küßt zur Abwechslung die Marie und umarmt die Rike, die in der einen Hand den Besen weit hinaus hält, und wirft sich endlich, als der Sturm des Entzückens sich ein wenig gelegt, mit lautem herzlichem Lachen auf das alte zusammengesessene Kanapee, daß die Fliegenklatsche des Papa, die darauf liegt, krachend in Stücke springt. Ja, der ist's; wie gesund und frisch, wie groß und schön, wie hell und unverdorben sieht er aus! Sie können Alle die Augen nicht von ihm wenden. Jetzt aber mahnt Mama an den Kaffee, sie rücken näher zusammen, dem Gugelhopf widerfährt sein Recht, und Wilhelm sieht sie alle nach der Reihe dazwischen hinein glückselig an, und sagt aus ganzer Seele: »Daheim ist's doch am besten!« Nun werden Adolfs Briefe geholt und gemeinschaftlich durchgegangen, und Wilhelm hilft den geographischen Lücken nach, die den Eltern noch geblieben sind, und erzählt – wie viel und schön weiß er zu erzählen! – von der herrlichen Alpenwelt und den Ufern des Genfer Sees und von seinem komischen Herrn Principal und seinen Genossen, von tausenderlei Dingen, so daß der Papa die Fräulein Krebs total vergessen hatte und sie ihm erst Nachts vor Schlafengehen wieder einfiel, wo er in seine Decke hinein lachte: »Nicht wahr, Jungfer Krebsin, das ist kein alter Lümmel? Dem zu lieb ließe sich ja des Rothschilds Tochter taufen!«   Abermals ein Strich durch die Rechnung. Am andern Tag natürlich, da kam die Erbin auf's Tapet. Klar und bündig setzte der Papa Wilhelm auseinander, welch unbändiges Glück er gehabt, daß ihm die reiche Partie bis dato noch nicht weggeschnappt worden sei, und wie er kürzlich bei einer Ausschußversammlung der Hagelversicherungsgesellschaft die nähere Bekanntschaft des Vormunds gemacht. Der habe ihm geklagt, er habe mit dem Eigensinn des Mädchens, die alle Freier verschmähe, seine bittere Noth und habe sich vorgenommen, den Nächsten, der sich jetzt vorstelle, den müsse sie nehmen. Er, der Papa, habe sofort Wilhelms erwähnt und alles so eingeleitet, daß dieser sich jetzt nur präsentiren dürfe, um das Ding sofort siegreich zum Ziel zu führen. »Auch das Frauenzimmer selbst hab' ich gesehen; man kennt sie nicht wieder, sage ich euch! Ganz elegant, in einem seidenen Paletot, oder wie ihr's heißt; schön ist sie gerade nicht, aber was man so interessant heißt, pechschwarze Augen; und Wilhelm, ich sage dir, viermalhunderttausend Gulden hat sie wie einen Kreuzer, verlaß dich drauf!« »Wenn's wirklich Ernst sein soll,« fieng Wilhelm an, »so will ich auch im Ernst reden: ich mag das Mädchen nicht, und wenn sie vier Millionen hätte. Ich bin jung und gesund, habe Kraft und Geschick, guten Muth und Gottvertrauen, mir den Weg in die Zukunft zu bahnen. Und ich soll mich mit Leib und Seele verkaufen an elendes Gold? an das Gold eines alten Scheusals, das Mariens Vater hinaus in's Elend getrieben, an ein verwahrlostes, rohes Geschöpf, wahrscheinlich so schlecht wie die Mutter!« »Das ist nicht so!« unterbrach ihn Marie todesblaß, aber mit so fester Stimme, wie man sie nicht an ihr gewohnt war. »Wilhelm, sie ist ein gutes Geschöpf, für Liebe empfänglich, und bereit, der Mutter Sündengeld zu gutem Zweck zu verwenden.« – »Ei, was weißt denn du davon?« sprach der Papa, noch ungläubig an die unerwartete Bundesgenossin sich wendend. – »Ich hatte Mitleid mit dem armen Kind und dachte, ein freundliches Herz werde ihr wohlthun, und dachte . . . .« Sie stockte erröthend. »So kam ich zu Schulmeisters und wir sind von Herzen gute Freunde geworden, und Katharine hat sich alles von mir lehren und sagen lassen, und – ich glaube, Wilhelm, wenn du Liebe und Geduld hast, so kannst du glücklich mit ihr werden.« »Was hab' ich gesagt!« rief der Papa triumphierend; »das Mädchen, die Marie, gibt einen Schatz für unser Haus, hab' ich gesagt, als du nicht daran wolltest, sie zu nehmen, Alte.« Die Mama nickte lächelnd unter Thränen. »Du hast recht gehabt, Vater,« sagte Wilhelm, in tiefer Bewegung des Alten Hand ergreifend; »sie ist ein guter Engel für uns Alle. Vater, du wolltest mir die Marie geben, damit sie mein Haus behüte und versorge neben der Erbin; ich bitte, gib mir die Marie allein, dann hast du ein paar glückliche Kinder, reich an Frieden und Freude, das ist mehr wie Gold.« – »Unsinn! Unsinn!« rief Herr Wezler, dem's trotz aller Anstrengung nicht gelang, den Zorn wieder zu bekommen, der ihn bei Wilhelms erstem Wort der Weigerung überkommen. »Unsinn! du weißt, daß ein Kaufmann nicht nur so nach Gusto zulangen darf, und Marie selbst will dich nicht in's Elend bringen.« Marie wollte sprechen, Wilhelm kam ihr rasch zuvor: »Ein Handelsfreund meines letzten Principals hat mir eine Buchhalterstelle mit tausend Gulden Gehalt angeboten, zunächst auf Probe; die Probe will ich schon bestehen, und glaubst du nicht, Vater, daß Marie damit haushalten kann? Und später erhöht sich der Gehalt, ich mache mich unentbehrlich. werde Associé!« fuhr er immer eifriger fort. An diesen Zukunftsplanen erkannte Herr Wezler ihn als seinen leiblichen Sohn und der Zorn schmolz mehr und mehr. »In Gottes Namen! wenn meine Kinder alle meine Fürsorge von sich stoßen,« sagte er zuletzt resignirt; »aber in die Lebensversicherung setzst du mir auf der Stelle, daß der arme Tropf da nicht als hilflose Wittfrau zurückbleibt.« – Das war der Schluß der Heirathsverhandlungen; er war so im Sturm, so ohne eigentliche Absicht irgend eines Betheiligten herbeigeführt worden, daß es ihnen allen wie ein Traum vorkam. Beim Papa war die Rührung bald verflogen, er zog sich mit seiner Morgenpfeife in seine eigene Stube zurück, ein Zeichen des Schmollens, und brütete über seinen umgestürzten Planen. Die Mama lächelte und weinte und streichelte Mariens bleiches Gesicht. Marie nahm es sehr übel, daß Wilhelm sie erstürmt, ohne nur sie selbst zu fragen, Wilhelm vertheidigte sich im Scherz, nahm's dann im Ernste auch übel, dann mußte ihn Marie wieder versöhnen, und zuletzt schickte Mama die Zwei in den Garten, »um gescheid zu werden.« Ob sie gescheid geworden, weiß ich nicht, aber getröstet kamen sie wieder und Mariens blaue Sterne leuchteten wie Sonnen. Dennoch fühlte sich Marie gedrückt durch ihr unerwartetes Glück und die stets noch umwölkte Stimmung des Papas; sie fand den Muth nicht, sich ihm als Tochter zu nähern, und es lag noch eine Wolke über Allen.   Die Wogen glätten sich. Ein Brief kam – zu was in aller Welt sind nicht Briefe gut! – von Herren Kurz, dem Vormund der Katharina Krebs. Da Herr Wezler als Freund seines seligen Vetters allzeit am Ergehen von dessen hinterlassener Tochter Antheil genommen, so beehre er sich ihm deren Verlobung anzuzeigen. Wenn er Herrn Wezler letztmals recht verstanden, so bedaure er, daß somit eine anderweitige, für seine Mündel sehr ehrenvolle Absicht nicht effektuirt werden könne, aber »Glanz der Familie, Uebereinstimmung der Herzen« u. s. w. Dabei lag eine zierlich gestochene Verlobungskarte: »Viktor Graf von Schreckenhorst, Hauptmann, und Kathinka Krebs.« Der Papa war stumm vor Erstaunen; so waren seine beide glänzenden Plane in Einen zusammen und an ihm vorbeigeflossen. So hatte es also nicht sein sollen; denn so hoch er seinen Wilhelm hielt, an die Möglichkeit dachte er doch nicht, daß er als siegreicher Rival eines regierenden Grafen hätte auftreten können. Marie wußte nicht, ob sie weinen oder lachen sollte beim Gedanken, ihren unkultivirten Zögling als Gräfin von Schreckenhorst zu erblicken. Das hatte sie nicht für sie gewünscht; sie schrieb ihr aber aus überfließendem Herzen einen Brief voll der innigsten Segenswünsche. Von da an gestaltete sich alles heiterer im Hause Wezler, die Mama sah man kaum mehr vor den Haufen von Leinwandballen, mit denen sie sich umgab; nun durfte sie doch ein Töchterlein ausstatten! Marie, die nicht emsiger werden konnte als sie zuvor gewesen, war nun häufiger neben dem Papa als neben der Mama zu sehen, und wenn sie ihm all die kleinen töchterlichen Dienste that, zu denen sie bisher oft nicht den Muth gehabt, und wenn sie so recht mit innerlichem Ernst in seine Plane einging, da sagte er nachher oft überrascht zur Mama: »Hätt's selbst nicht gedacht, daß so viel hinter dem Mädchen wäre; in Gottes Namen!« Wilhelm aber war längst wieder abgereist, um seine Stelle anzutreten, und schrieb Briefe voll Feuer und Leben, voll Lust und Lieb und Hoffnung, und Marie erblühte so rosig, daß sie selbst für den schönen Wilhelm eine passende Gefährtin schien.   Noch eine Ereigniß. Die Aussteuer war fertig, das Hochzeitkleid bereit, nur die Mama wußte noch tausend unentbehrliche Dinge, an die man bis jetzt noch gar nicht gedacht hatte: Fruchtsäcke und Samensäckchen, Abwischlappen und Aderlaßbinden; es war wahrhaftig, als sei der fürsorgliche Geist des Papas in sie gefahren. Der Marie konnte nichts bescheiden und einfach genug sein; sie sagte niemals, wie bedrückt sie sich fühlte, so ganz die Nehmende zu sein, weil sie der Mama weh damit that, aber sie kämpfte lang im Stillen mit diesem beschämenden Gefühl, bis sie auch das versenkte in die Tiefe ihres demuthvollen Herzens. Nun konnte Wilhelm jeden Tag kommen. Rike fegte und putzte mit so verzweifelter Entschlossenheit, daß es ein Wunder war, daß sie nicht die Balken durchrieb. Marie saß eines Abends, da Papa und Mama allein in den Garten gewandelt waren, in ihrem Stübchen, von all den bangen und frohen und wehmüthigen Gefühlen bewegt, die um solche Zeit in einem Mädchenherzen einkehren. Da rief ihr Rike in absonderlichem Ton: »Jungfer Marie, eine »g'späßige« Jungfer ist unten!« Marie eilte hinunter; da stand in der Dämmerung eine seltsame Gestalt, in ein langes prächtiges Seidenkleid gehüllt, das mit einer Schnur zum Gehen aufgeschürzt war, die langen Enden einer eleganten Atlasvisite wie ein Halstuch nach hinten geknüpft, bestäubt und erhitzt, mit allen Spuren eines weiten Marsches. Die schwarzen Augen, die zwischen dem verwirrten Rabenhaar hervor sahen, ließen sich nicht verkennen. »Katharine! um Gottes willen, wo kommst du her? Nur schnell in mein Stübchen.« Dort setzte sich die Erschöpfte nieder und begann zu lachen wie toll, sobald sie zu Athem kam. –»Da bin ich! mit der Grafschaft ist's aus!« – »Aber wie, warum?« – »Das sollst du hören. Dazu bin ich zu gut, daß der seine Schulden zahlt mit dem, was die Mutter zusammengekratzt hat, und mich dann in die Ecke stellt wie einen Sack, wenn er geleert ist. Ich hab' ihn gleich nicht wollen, obschon ich ein dummes Ding bin, was ich mein Lebtag bleibe, aber ich ließ mich überreden. Da schickten sie ein Dutzend Weibsbilder hinter mich, um mich zu putzen, und setzten mich in eine Kutsche und stellten noch extra eine alte Mamsell an, die mich Mores lehren sollte; keine Stunde war mir wohl. Und dazu sah ich mehr und mehr, daß sich der Herr Graf an mir schämte und nicht erwarten konnte, bis er mein Geld habe und mich bei Seite schieben könne. Da habe ich ihnen nun einen schönen Streich gespielt und bin durchgegangen, und da bin ich!« »Aber was willst du nun thun? ich bitte dich!« – »Zu Schulmeisters will ich und den Martin heirathen, des Schulmeisters Sohn. Das ist mein heiliger Ernst, der hat mir gefallen, sonst keiner mein Lebenlang. Und wenn er mich auch nicht lieb hat, weißt du, so recht, wie man dich lieb haben muß, ich weiß doch, daß er mich nimmt und daß er gut gegen mich sein wird, und ich und mein Geld sind am besten bei ihm aufgehoben.« Daß sie damit recht hatte, fühlte Marie in tiefster Seele, und es waren nur noch Scheinwaffen, mit denen sie ihren Entschluß bekämpfte. Wäre auch umsonst gewesen; kaum ließ Katharine zu, daß Marie sie incognito mit einer Tasse Thee bewirthete, dann schlug sie ihr Seidenkleid über den Arm und wanderte im Eilschritt davon. Das Erstaunen der Schulmeistersfamilie, des Vormunds und des Grafen, alle Stürme und Kämpfe, inmitten deren Katharine selbst, »die Ate dieses unheilvollen Kriegs« die allerunbekümmertste Person blieb, lassen sich leichter denken als beschreiben. Am Ende ließ sich nichts einwenden, der junge Lehrer war ein geschickter, tadelloser Mann, der Vormund war am Ende froh, den Kobold von Mündel los zu werden, und der Herr Graf ließ, wie man sich zuflüsterte, sein beleidigtes Ehrgefühl mit einer anständigen Summe versöhnen. Katharine kam als freudestrahlende junge Frau zu Wilhelm und Marie, die vor ihr in den Hafen eingelaufen waren, und Wilhelm versöhnte sich vollständig mit der lange gefürchteten Krebsin. Martin, ein ernster, herzensguter und gewissenhafter Mann, nahm das unbedingte Vertrauen, mit dem Katharine sich und ihre Schätze in seine Arme warf, als eine heilige Pflicht auf und gelobte sich, mit unverbrüchlicher Treue über die Seele des wilden Kindes zu wachen und die Reichthümer zu verwalten, an denen so viel Thränen hiengen. – Auf einem bescheidenen Landgut lebte er mit Katharinen auf dem Fuße behaglichen Wohlstands; seine Schwester war die emsige Gehilfin der jungen Frau, die mit unbeschreiblichem Wohlgefühl sich zum erstenmal in ihrem Leben recht daheim fühlte. – Als Papa Wezler die Geschichte allmählich klar wurde. da setzte er sich nieder mit einer Miene, als ob die Welt stille stände; das gieng über seinen Horizont und er gab es auf, darüber zu meditiren.   Etwas Gutes zum Schluß. Noch einen Blick in das Heimwesen Mariens und Wilhelms! Ihr würdet es kaum für möglich halten, daß man in einer engen Gasse der Residenz eine so niedliche, trauliche Heimath gründen könne wie die ihrige. Schöne Aussicht vermißte man gar nicht, die Einsicht war so freundlich. Mariens Blumen waren von den wohlfeilsten Sorten; um so mehr, meinte sie, mahnen sie einen an einen eigenen Garten. Wenn Wilhelm irgend welche Wünsche laut werden ließ, die zu ihren Verhältnissen nicht paßten, so beklagte Marie scherzend, daß er nicht auf den Krebsfang gegangen sei. Es war gerade die Zeit, wo sie Wilhelm vom Komptoir erwartete, aber heute war die kleine Speisetafel durch ein angestoßenes Tischchen vergrößert; das allerfeinste Tischzeug, der Stolz der Mama, war aufgelegt und der Tisch mit allem Schönen, was Marie an Silbergeräth hatte, in's glänzendste Licht gesetzt. – Um zwölf Uhr kam nämlich auch der Eilwagen und mit diesem wurden heute zum erstenmal Papa und Mama erwartet. Eben kämpfte Marie mit sich, ob sie den brodelnden Pudding seinem Schicksal überlassen und den Eltern entgegen gehen solle, da hörte sie den schweren Stock und Tritt des Papas schon auf der Treppe; schnell öffnete sie die Thür, um hell zu machen, und sah die zwei lieben alten Leute zusammen die Treppe heraufklimmen und hinter ihnen Wilhelm mit zwei Sätzen nachfliegen. Nun ging die Freude, das Begrüßen, das Verwundern an, wie alles so hübsch sei. Wilhelm holte das Hausbuch, das angelegt war, als ob Millionen darin zu verrechnen wären, und zeigte mit Stolz ihre Ersparnisse und Mariens pünktliche Rechnung. Marie aber trieb zum Essen, die Suppenkloße könnten fest werden. »Warte noch, Marie,« sprach der Papa. »Da kam gestern ein Brief an dich aus Amerika unter deinem Mädchennamen, der nach langer Irrfahrt zu uns geschickt wurde; lies vorher.« Marie öffnete den Brief und setzte sich damit. Keine Linie ihrer sanften ruhigen Züge änderte sich, sie las ihn still bis zu Ende, dann legte sie die darin enthaltenen Papiere bei Seite und reichte ihn Wilhelm mit einem Gesicht, so strahlend von Glück, wie er es kaum an jenem Verlobungsabend gesehen. Wilhelm las laut: »Mein armes liebes Kind! Ob du noch lebst oder wo du bist, weiß ich nicht! ich denke, in unserem alten Heimatort wird man von dir wissen. Ich will dir jetzt nicht sagen, wie es kam, daß mich die Verzweiflung von Haus und Heimat getrieben, einen verschuldeten, ehrlosen Mann. Ich war wie von Sinnen durch die beständigen Quälereien jenes Teufels von Weib, der Gott vergebe. Mein armes Kind – ich habe damals nicht viel an dich gedacht. »Ich habe hier viel herbe und schwere Zeit gehabt; sie war mir nöthig, um zur Einkehr in mich selbst zu kommen; jetzt ist sie vorüber, Gott hat meinen Fleiß gesegnet, mehr als ich hoffen konnte, und ich habe mein Vaterherz wiedergefunden. Mein Kind, hier lege ich eine Summe bei, um dich zu mir zu bringen, wenn du noch lebst, wenn du allein und heimatlos im Vaterlande bist; sie wird hinreichen, um auch meine alte Schuld zu decken, die aber nicht so groß sein kann, als ich damals geglaubt. Lebt mein Kind nicht mehr, so sollen Alle, die ihm Liebe erwiesen, sich darein theilen. »Bist du aber, was ich kaum glauben kann, verlobt oder verheirathet und glücklich, dann, liebes Kind, bleibe, wo du bist, dann will ich einmal zu dir kommen. Ein großes Heiratgut dir zu senden, wäre in diesem Falle bei der Art meines Geschäfts nicht möglich, aber ich kann dir mit Leichtigkeit die beigelegte Summe als jährlichen Beitrag geben. Wenn mir Gott so gnädig ist, daß du noch lebst, so schreibe mir bald und sage mir, ob du noch ein kindliches Herz hast für den Vater, der dich einst verlassen.« Marie legte den Wechsel, der im Brief gelegen, in die Hand des erstaunten Papas. »Nun Gottlob, daß ihr schon beisammen seid!« sagte dieser herzlich. »Nicht wahr, Marie, du weißt, daß du vorher schon mein Kind gewesen.« Marie weinte vor Freuden wie ein Kind, daß sie nun einen Vater habe, und sagte lächelnd zu Wilhelm: »Ei, jetzt hast du doch noch ein Krebslein gefangen!« Die Mama aber faltete die Hände und sprach: Weg' hast Du aller Wegen. An Mitteln fehlt Dir's nicht; Dein Thun ist lauter Segen, Dein Gang ist lauter Licht. Adolf ist nicht Kazike geworden. Es war ihm vergönnt, sein Leben einzusetzen für seinen Beruf; nach reichem, segensvollem Wirken kam er heim, um in der Mutter Schooß sein Haupt zur letzten Ruhe zu legen, aber ein reiches Erbe von Glauben und Frieden hat er den Seinen gelassen, das ihnen das Leid versüßte. Ob Herr Wezler nun angefangen hat, für seine Enkel Plane zu machen, weiß ich nicht; ich glaube fast, er will's dießmal dem lieben Gott überlassen. Schwäbische Pfarrhäuser. Ein Pfarrhaus – ist das nicht ein lieber, so recht schwäbischer Laut? Pfarrer gibt es zwar überall, noch weiter als »die deutsche Zunge klingt«, und sie werden auch anderwärts nicht in Höhlen wohnen; aber ich meine doch, die rechten, ächten Pfarrhäuser seien nirgends daheim als in Schwaben. Das Wort Pfarrhaus hat einen magischen Reiz fast für jedes junge Mädchenherz, selbst wenn es in den elegantesten Zirkeln schlägt. Das Haus braucht nicht modern, nicht großartig zu sein (wäre auch ein vergeblicher Wunsch), nur recht behaglich, mit einem Gärtchen davor und einem Rasenplatz dahinter, über den ein stiller, grüner Pfad zur Kirche führt, die Fenster mit Blumenstöcken geziert, durch die Nachts ein trauliches Lampenlicht schimmert, bei dessen Schein der Pfarrer seiner Liebsten vorliest. Nun haben freilich nicht alle Pfarrhäuser einen solch romantischen Charakter, und wenn ich versuche, euch in einigen einzuführen, so verdenkt mir's nicht, wenn zwischen den Lichtseiten auch Schatten liegen. Das erste aber, das wir betreten, sei ein gutes und liebes, eines das mir in dankbarer Erinnerung lebt, und wenn ich mich auf eine passende Bezeichnung dafür besinne, so nenne ich's am liebsten: Das freundliche Pfarrhaus. Ein freundliches war es gewiß. Es ist schon so schön hellgelb angestrichen und steht hoch oben im Dorf, recht ausdrücklich, damit es weithin gesehen werde, um den zahlreichen Pilgern vom nahen Städtchen eine freundliche Aufnahme zu verheißen. Und wenn man über den begrasten Kirchhof schreitet, der, längst nimmer benützt, nur noch ein Tummelplatz ist für Kinder und Hühner, wie freundlich steht's da im reinlichen Hofraum, mit dem Nußbaum zur Rechten, der sich so dicht an's Haus anschließt, daß man seine Früchte im Zimmer pflücken kann, mit dem Garten zur Linken, dessen Büsche und Bäume neugierig über die niedrigen Nebengebäude, die Stallungen für Hühner, herausgucken! Mit fröhlichen Gebell und zutraulichem Schweifwedeln sprang einem da Azor, der getreue Haushund, entgegen, ein wahrer Ausbund von Hund, ein garstiges Vieh zwar, aber höchst gastfreundlicher Natur, denn an jedem Gast hüpfte er hoch empor aus lauter Vergnügen. Als Kinder konnten wir's ihm freilich nicht verzeihen, daß er Stachelbeeren fraß wie ein Mensch, sonst aber war er unser guter Freund. Armer Azor! er mußte sein Leben lassen bei einer Hundemusterung, und hatte doch kein Unrecht auf seiner ehrlichen Hundeseele, als daß er acht Jahr alt war! Das wäre auch nicht geschehen, wenn wir dazumal schon Oeffentlichkeit und Mündlichkeit gehabt hätten. Aber wir können nicht im Hof stehen bleiben; treten wir in den Flur, der zum Ergötzen der Kinder mit einer Schaukel versehen ist. Da prangte als beständiger Willkomm noch ein kolossaler, prächtig gemalter Vers, von Tannenreis umkränzt, mit dem der Pfarrer vor Jahren einst von seiner Gemeinde empfangen worden war: »Noch ehe er kam – War sein Herz voll Huld uns zugethan, – Die Vorsehung Gottes schenkte uns ihn, – Und wir vereinigen uns heut mit ihm.« Nun aber die Treppe hinauf, auf deren Spitze uns schon der Hausfrau freundliche Stimme begrüßt hat, in die große wohnliche Stube, die vielerlei Zwecke in sich vereint, die Salon, Studirzimmer, Speisesaal und Audienzgemach zugleich war. Da stand die stattliche Gestalt des Pfarrherrn an's Fenster gelehnt, eingehüllt in eine bläuliche Rauchwolke, die von ihm ausging und über das ganze Zimmer ein angenehmes Düster ausgoß. Er war ein standhafter Raucher (leidenschaftlich würde zu seinem sonstigen geruhigen Wesen nicht passen); Priester und Altar zugleich dampfte er den lieben langen Tag, und nur ein einzigmal, in einer Stunde tiefsten Leides, sah ich sein Pfeifchen erloschen. Jetzt aber legt er's einen Augenblick bei Seite, um mit lauter, voller Stimme seine Gäste zu begrüßen. Und nun legt man die überflüssigen Hüllen ab und setzt sich ganz gemüthlich um den runden Tisch, und ich möchte wohl wissen, wem's da nicht behaglich geworden wäre. Man fühlte sich so recht geborgen aus allem Gewühl und Getreibe des Lebens draußen, und die einfache Bewirthung, Kaffee, Butter und Obst, ließ man sich jederzeit so trefflich schmecken, als ob man gerade nur zum Schmausen gekommen wäre. Es war kein Wunder, daß man sich so wohl fühlte, denn willkommen waren alle Gäste, junge und alte, zu jeder Zeit, zu jeder Stunde, und es gibt kein angenehmer erwärmendes Gefühl als das, ein gern gesehener Gast zu sein. Niemals durfte man mit der heimlichen Angst die Glocke am Haus ziehen, daß nun droben ein Thür-Auf- und Zuschlagen, eine gedämpfte oder laute Küchenkonferenz angehe, bis die Pforte sich öffne. Ja sogar der Samstag, dieser Tag häuslicher Plage und Unbequemlichkeit, dieser herbe Durchgang zu der Ruhe des Sonntags, hatte im freundlichen Pfarrhaus seinen Stachel verloren, weßhalb auch eben an diesem Tag die stärkste Wallfahrt dahin war. Und nicht nur bei hellem Tageslicht suchte man das freundliche Pfarrhaus heim, nein auch die schönsten Mondscheinparthien wurden in hellen Winternächten dahin gemacht und ein warmer Thee nebst delikaten Apfelküchlein belohnte die späte Mühe. Zu den übergeschäftigen Hausfrauen gehörte die Pfarrfrau nicht, obgleich sie die Finanzangelegenheiten des Hauses in aller Stille mit ruhiger Umsicht verwaltete, auch hätte ihre zarte Gesundheit wohl kaum ein sehr bewegliches Treiben gestattet. Drum hatte man auch im Pfarrhaus nie den peinlichen Eindruck, als ob jetzt die Leute Leib und Leben dran setzten, einen Kaffee zu Stand zu bringen. Da gab's kein stundenlanges Verschwinden der Hausfrau, unterbrochen durch kurzes athemloses Auftreten mit irgend einem Erforderniß. Nein, das gab sich alles wie von selbst; noch ehe die häusliche Wirksamkeit in die Hand der Töchterlein überging, saß die Frau Pfarrerin geruhig da, mit ihrem rothen Strickkorb, ein langsam vorrückendes Strickzeug in der Hand, und lieh ihr Ohr den Gästen, während sie mit strahlenden Blicken fast unverwandt ihren Mann betrachtete, der in ihren Augen der Inbegriff aller männlichen Schöne und Herrlichkeit war, so wie er wiederum sich gar nichts Anmuthigeres und Vollkommeneres vorstellen konnte als eben seine Frau. Ob das andern Leuten auch so erschien, das thut nichts zur Sache. Genug. sie waren selig in diesem Glauben, und von dieser steten unverwelklichen Glückseligkeit des Ehepaars. das sie mit innigem Genügen erfüllte, ging auch die Atmosphäre von Freude und Frieden aus, in der es einem so wohl wurde im Pfarrhause. Eine Studirstube brauchte der Pfarrer nicht. Zwei Tage lang hatte er einmal eine gehabt, da hielt er's aber nicht aus. »Warum soll ich wo anders sein, wenn ich bei Dir sein kann?« Seitdem etablirte er sich mit seinen Pfeifen und seinen Büchern (in welch beiden Stücken er keinen großen Luxus trieb) im einzigen Wohnzimmer bei seiner Frau, und weder sein Geist noch sein Amt hat darunter Noth gelitten. Ein neues philosophisches System hat er nun zwar nicht ausgeheckt, auch nicht chaldäisch und Sanskrit getrieben, aber ein grundgescheidter Mann war er doch, der über alle Erscheinungen im Gebiete des Lebens und Wissens sein gutes gesundes Urtheil hatte. Seine Passion war neben dem Rauch noch das Schachspiel; es war gerade recht für sein gutes Phlegma, so eine halbe Stunde lang zwischen den Rauchwolken durch das Schachbrett zu betrachten, ehe er sich zu einem Zug entschloß. Hie und da begegnete es ihm, auch etwas zerstreut zu sein, wie er denn einmal in eine große Gesellschaft eintrat, statt des Stocks den Besen in der Hand, an dem er vor der Thür die Schuhe gereinigt hatte, – ich sehe noch das erstaunte Gesicht, mit dem er sich umsah, als sein höflicher Gruß mit einem schallenden Gelächter erwidert wurde. Die Seelsorge, die Audienzen, die der Pfarrer seinen Bauern gab in ihren verschiedenen Lebensangelegenheiten, sie konnten nur gewinnen durch die stille Anwesenheit der Frau Pfarrerin, die, in alle Verhältnisse eingeweiht, da und dort ein Wort zur rechten Zeit einschaltete, am eifrigsten, wo es galt, einen Ehemann zu seiner Pflicht, eine Frau zur Geduld und Sanftmuth zu ermahnen. – Des Pfarrers Predigten, die er niemals studirte, was seine Frau als besondern Ruhm anführte, hatten eine einfache Kraft und Wahrheit, die ihre Wirkung nicht verfehlte und manchmal gerade am rechten Fleck einschlug, mehr als die beststudirte Rede. Die Gemeinde lag dem Paar sehr am Herzen; sie betrachteten sie fast mit der parteiischen Vorliebe, mit der Eltern das eigene Kind sammt seinen Tugenden und Fehlern ansehen, und konnten's nicht leiden, wenn eben ihr Dorf so oft zum Gegenstand des Gespöttes der Nachbarorte wurde. Es ist unverkennbar, daß, wie ganze Nationen und Provinzen, so auch einzelne Dörfer, und seien sie noch so nah beisammen, ihren eigentümlich ausgeprägten Charakter tragen, was vielen Anlaß zu zahlreichen Neckereien und oft blutigen Händeln zwischen Nachbarorten gibt. So war nun das Dorf, wo das freundliche Pfarrhaus stand, Weindorf wollen wir's nennen, weit berühmt wegen besonderer Betriebsamkeit und Sparsamkeit der Bewohner. Man hätte glauben sollen, sie verstehen zwei Tage aus einem zu machen. Wenn ungünstig Wetter in der Ernte oder zur Heuzeit einfiel und im ganzen Bezirk der Ertrag verdorben war, – die Weindörfer hatten den ihrigen immer noch bei Sonnenschein eingebracht; wenn eine Ueberschwemmung den Wiesen am Neckar drohte und die kaum eine Viertelstunde entfernten Stadtbewohner sich zur Ruh legten und seufzten: »Schad um den schöna Mist wo's Wasser furtnemmt,« waren die Weindörfer Wiesen mit Laternen besät, bei deren Schein die Bewohner ihren Dünger bis auf's letzte Hälmchen wieder heimholten. Man sagte ihnen freilich auch nach, daß kein Weindörfer nach Haus komme, außer er bringe etwas »Gemaustes« mit, und daß man in den Weindörfer Weinbütten Fische fangen könne, weil sie nämlich den neuen Wein mit Neckarwasser vermehren; das aber ließ die Pfarrerin nie gelten. Sie hob dagegen mit Glanz hervor, wie fleißig ihre Weindörfer Männer seien und wie friedlich die Ehen; auch rühmte sie mit Recht, daß das ganze große Dorf nur einen einzigen Bettelmann besitze, der »umgeätzt« wurde; und das war erst noch ein grober Bettelmann, der den Weibern, die ihn speisten, den Küchenzettel kritisirte und sich nichts gefallen ließ. Als einst zwei fremde Bettelkinder am Pfarrhaus schellten und wir ihnen das Almosen brachten und im Spaß zuriefen: »in Weindorf ist's Betteln nicht Mode,« da jammerte die gute Pfarrerin: »das hättet ihr nicht sagen sollen, die nehmen's jetzt gewiß übel und kommen nimmer.« Schad, daß sie nimmer erlebt hat, wie leicht versöhnlich die Bettelleute unserer Tage in diesem Punkte sind. So fern sich der Pfarrer von allem Sektenwesen hielt, so hielt er doch die »Stillen im Lande,« die Pietisten seines Orts, die er als seine besten Bürger rühmte, hoch in Ehren, und vermied neben all der schlichten Geradheit seines Wesens Alles, was ihnen Anstoß geben konnte. Es wurde einst der Geburtstag des jüngsten Töchterleins gefeiert; ihre Freundinnen aus der Stadt hatten ein sehr rührendes moralisches Stück aus Weiße's Kinderfreund einstudirt, um sie zu überraschen. Die Pfarrerin hörte von dem Plan und bat uns freundlich, die Aufführung in der Stadt zu veranstalten, »wißt Ihr Kinder, um des schwachen Bruders willen!« So zogen denn die Pfarrtöchterlein zur Stadt; die Aufführung gelang vortrefflich: der edelmüthige Toffel und das bescheidene Dortchen kamen zu Ehren, die stolzen Edelmannskinder wären um ein Haar ertrunken und die hochmüthige Frau von Grünthal besserte sich; – hernach zogen Schauspieler und Publikum hinüber über Neckar und Wiesen in's freundliche Pfarrhaus und verzehrten dort gemeinsam einen Kessel voll Reißbrei nebst Zucker und Zimmt; das Fest war gefeiert und der »schwache Bruder« blieb geschont. (Das Dorf hatte sich durch strenge Altgläubigkeit von jeher ausgezeichnet. Als früher längere Zeit bei Taufen die übliche Frage »widersaget Ihr dem Teufel« \&c. verbannt war, wandten sich die Weindörfer bei jeder Taufe an's Konsistorium mit der Bitte, sie nach der alten Formel vollziehen lassen zu dürfen. Der ewigen Bittschriften müde, ermächtigte das Konsistorium den betreffenden Dekan, diese Erlaubniß zu geben, was dieser dem Pfarramt mit den lakonischen Worten mittheilte: »Einem verehrlichen Pfarramt wird kund gemacht, daß die Weindörfer den Teufel von nun an beim hiesigen Dekanatamt à 36 kr. Sportel haben können.«) Alles Weltgeräusch und Getümmel, alle Zänkereien und Streitigkeiten, aller kindische Neid, die tausenderlei Eifersuchten, die sonst zumeist in kleinen Kreisen das Leben bewegen und verderben, waren für unser Pfarrhaus nicht vorhanden. An dieser seligen Genügsamkeit, an diesem herzlichen Wohlmeinen glitten alle Stacheln des Lebens unvermerkt ab und keine Sorge für die Zukunft fand Raum. Wenn auch der Pfarrer mit den Freunden die Zeitereignisse besprach, zu tief konnte man nicht in Combinationen oder Befürchtungen eingehen, denn in getroster Zuversicht schaute das freundliche Gesicht der Pfarrfrau drein: »Gebt nur acht, ich meine, es wird schon alles wieder recht und gut werden.« Die Liebe des Paares erhielt sich in immergrüner bräutlicher Frische; ohne allen sentimentalen Anflug hatte sie stets etwas Kindliches. Nach dreißigjähriger Ehe betrachtete die Pfarrerin ihren Liebsten noch mit demselben strahlenden Entzücken wie an jenem Weihnachtsabend, wo er als Vikar ihr sein werthes Selbst zur Bescheerung angeboten, was sie ohne lange Bedenkzeit angenommen hatte. Wie die zärtlichste Braut begleitete sie ihn mit ihren Blicken, wenn er ohne sie das Haus verließ, so lang sie ihn vom Fenster aus sehen konnte, oder harrte seiner Rückkehr; begleitete sie ihn auf einem Gang, wo sie früher als er umkehrte, so suchte sie sorgsam seine Fußstapfen auf, um in denselben zurückzugehen. Sie war unerschöpflich in neuen Benennungen für ihn: Du Glücklichmacherle, du Gottlobunddankmannle \&c. Auch hielt sie's für gar keine Verletzung ihrer Frauenwürde, wenn sie ihrem Mann, so oft ihr's einfiel, die Hand hinstreckte: »Ich dank' Dir eben recht schön, daß Du mich genommen hast.« Und es hat sie der Pfarrer darum gar nicht geringer geschätzt, sondern hoch und werth gehalten als sein Kleinod und ihre Zärtlichkeit mit reichem Maße zurückgegeben, wenn er gleich menschlichem Ansehen nach etwas bärenhaft drein schaute. Mit Studien und Lektüre hatte die gute Pfarrerin sich nicht viel geplagt, aber sie hatte mit ihrem hellen und harmlosen Blick in's Leben gesehen; ihr Buch war das Herz und die Gedanken ihres Mannes, und darin hatte sie nicht vergebens gelesen; es hat Niemand klassische oder ästhetische Bildung bei ihr vermißt. Ihr häusliches Glück und die Vortrefflichkeit ihres Mannes bildeten ein unerschöpfliches Gesprächsthema für sie, mit dem sie wunderbarerweise Andere nie ermüdete, weil man sich selbst in das Element dieses Glücks wie in eine warme Lebenslust versetzt fühlte. Auch hätte sie die Seligkeit, in deren Besitz sie sich so reich fühlte, gern aller Welt gegönnt; nie hat der heilige Ehstand eine feurigere Lobrednerin gehabt als sie; ein junges Ehpaar, ein zärtliches Brautpaar zu sehen, war ihr eine recht innerliche Herzenserquickung. Es wachten auch in diesem glücklichen Hause alte, lang eingerostete Herzen wieder auf, und manchem, im Alltagsschlendrian verknöcherten Ehpaar fiel es im Bereich dieser überströmenden Liebe auf einmal wieder ein, sich auch in der Zwischenzeit wieder die Hand oder einen Kuß zu geben, was sonst nur jährlich dreimal, an Weihnachten und an den beiderseitigen Geburtstagen vorkam. Das junge leichtfertige Volk freilich, das lachte oft recht von Herzen ob dieser alten Bräutlichkeit, that aber ganz als ob's daheim wäre, schlug vom Zimmer aus Nüsse vom Baum, plünderte den Garten, so lange es etwas zu plündern gab, erzählte sich Geschichtchen in der Rosenlaube und zog jederzeit vergnügt und befriedigt heim, von der Pfarrfamilie und dem zuvorkommenden Azor begleitet bis an das Ufer des Flusses, der Stadt und Dorf trennt. Noch ein stilles, freundliches Element weilte in der traulichen Hinterstube, die ehrwürdige Mutter des Pfarrers, recht ein Bild eines frommen, friedlichen Alters, ihr zur Seite ihre vielgeschäftige Tochter, die sorgsame Tante Clara, der schaffende Genius des Hauses, die Geheimräthin bei allen Staats- und Hausaffairen, die Bildnerin der heranwachsenden Töchter. Denn auch ein Paar junge lebendige Blüthen waren dieser glücklichen Verbindung entsprossen, zwei rosige Töchter, des freundlichen Hauses lieblicher Schmuck. Die eine wuchs heran als rastlos thätige Martha, zu beständigem Erstaunen der ruhigen Mama, um dereinst als tüchtige Pfarrfrau eine zweite, noch reichlicher illustrirte Auflage des elterlichen Glücks zu veranstalten. Die zweite, ein zartes, anmuthiges Blümchen, war nicht für die Erde bestimmt; im schönsten Alter jungfräulicher Blüthe schlossen sich ihre sanften blauen Augen für die Erde. Das freundliche Kind hatte wohl nie geahnt, daß sie den ersten schweren Kummer über das freudenhelle Elternhaus bringen sollte. – Aber auch deine männliche Gestalt, du guter Pfarrherr, lehnt nicht mehr am Fenster, von bläulichen Wolken umwallt. – In ein freundliches Pfarrhaus wollt' ich euch führen; so laßt uns leise die Thüre schließen, ehe es dunkel wird darin. Der Haselnußpfarrer. Das war ein seltsamer Kautz, und wäre es wohl in jedem Stande gewesen, darum möchte ich ihn keineswegs als Typus des seinigen zeichnen; weil er aber doch einmal ein Pfarrer gewesen, so möge er hier seinen Platz finden, schon um seines Hauses willen, das gewiß der geistlichen Pflicht der Demuth und Niedrigkeit in reichem Maße nachgekommen. – Am besten ist's, wir begleiten, um Eingang in's Pfarrhaus zu erhalten, einen seiner Vikare, deren er gar viele gehabt, denn sonst ist es äußerst selten aufgesucht worden. Es war im Sommer18 . ., als ein neuernannter Vikar muthigen Schrittes in das ihm noch gänzlich unbekannte Dorf einzog, dessen Pfarrer er in Folge höherer Weisung zum Gehülfen gesandt wurde. Das Pfarrhaus aufzufinden war aber keine leichte Sache, wenn man einem nicht zuvor gesagt hatte, es sei das baufälligste Haus im Ort. Unter Anleitung des Büttels, der zugleich Gänsehirt war und eben seine Schaar heimgetrieben hatte, kam der Vikar aber doch damit zu Stande. Klein war das Haus eben nicht, sah aber höchst trübselig und wirklich lebensgefährlich aus, denn es war auf einer Seite mit Stricken an einen daneben stehenden starken Lindenbaum gebunden. Der Vikar fragte nach dem Herrn Pfarrer und der Frau Pfarrerin. »Die Frau,« hieß es, »ist über Feld, der Herr aber sind im Garten.« So ging er denn, ihn dort aufzusuchen und dachte sich einen ehrwürdigen Herrn zwischen Blumenbeeten und Obstbäumen umherwandelnd. Dem war aber nicht so, und einen solchen Garten hatte er noch nie gesehen. Ein halb Viertel Morgen war mit lauter Haselnußstauden, hohen und niedrigen, bepflanzt, nichts dazwischen als schmale Pfade. Inmitten dieser Haselnußwildniß wandelte der Pfarrer, eine dürre, starkknochige Gestalt mit einer bedeutend rothen Nase und lederbraunem Gesicht, und erspähte prüfenden Blickes den Grad der Reife seiner Nüsse. Er empfing seinen neuen Vikar ziemlich kühl und schien es mißliebig aufzunehmen, daß man ihn in diesen Hain eingeführt habe, führte ihn auch alsbald in das Wohnzimmer. Dort war indeß die Frau Pfarrerin von ihrem Gang auf den Markt der benachbarten Stadt angekommen, eine gleichfalls magere, höchst ungut aussehende Dame, die sich, nachdem sie einen himmelan stehenden Hut abgelegt hatte, in einer vergilbten Filethaube präsentirte und den Vikar fragte, ob er nicht Thee wolle, wenn es ihm nicht zu spät sei vor dem Nachtessen, wofür er natürlich dankte. Sonderlich wohl ward es dem Vikar nicht diesem Ehepaar gegenüber, zwischen dem ein außerordentlich kühler Ton zu herrschen schien. Heiterer und gemüthlicher Natur, wie er war, versuchte er aber doch einen fröhlichen Ton anzuschlagen und gab alte Universitätsspäße zum besten, was wirklich beim Pfarrer einen gurgelnden Ton hervorrief, der ein Lachen vorstellen sollte, und auch die Frau Pfarrerin, der das besonders zu behagen schien, versuchte ihre Muskeln zum Lächeln zu verziehen. Nach dem Nachtessen brach der Pfarrer plötzlich auf und der Vikar sah ihn mit einem schweren Kruge versehen die Treppe hinabsteigen. Auch ihm wurde nun sein Gemach angewiesen, das im obersten Stockwerk gelegen war und so unerquicklich, dürr und trocken aussah, wie das ganze Haus; er konnte seinen Stern nicht besonders preisen, der ihn unter dieses Dach geführt. Sein Verhältniß zu der Frau Pfarrerin schien sich indeß recht erträglich zu gestalten, während der Pfarrer sich auf den nötigsten Verkehr beschränkte und besonders ängstlich bemüht schien, ihn von seiner Studirstube fern zu halten, in der er den Tag über und Abends fast alle Zeit zubrachte. Als eines Tags der Pfarrer nach dem Nachtessen abermals verschwunden war, begann die Pfarrerin ganz zutraulich: »Herr Vikar, ich höre, Sie verstehen sich auf die Physiognomien und sehen den Leuten an, wie lang sie noch leben werden.« Der Vikar gab zu, daß er sich hie und da damit befaßt und namentlich bei Kranken oft einen richtigen Blick gehabt habe. – »Nun, meinen Sie, daß ich oder mein Mann zuerst sterben werde?« Als der Vikar, erstaunt über eine so ruhig gestellte Frage dieser Art aus dem Munde einer Gattin, die Antwort schuldig blieb, fuhr sie mit schauerlicher Gelassenheit fort: »Sehen Sie, ich und mein Mann haben gar nie zusammen gepaßt; ich hätte ihn gar nie genommen, wenn mir's nicht um einen eigenen »Unterschlauf« (Obdach) zu thun gewesen wäre. Seit wir geheirathet sind, hat er mich nur erzürnt: wenn ich fett koche, will er mager essen, habe ich eingeheizt, sperrt er die Fenster auf, will ich Bohnen pflanzen, pflanzt er Haselnüsse. Ich ärgere mich nun schon lange nicht mehr, aber ich muß oft denken, es wäre fast am besten, wenn der liebe Gott Eines von uns Zweien zu sich nähme, ich könnte dann nach Nürtingen ziehen.« – Der Vikar, der nicht wußte, ob er über diese gottergebene Ehefrau lachen oder weinen solle, zog sich aus der Sache so gut er konnte, und meinte, der Herr Pfarrer sehe noch recht robust aus, doch habe man freilich Exempel, daß auch die kräftigsten Leute schnell wegsterben u. s. w. Ein Räthsel, dessen Lösung ihn täglich beschäftigte, war für den Vikar des Pfarrers Studirstube, zu der Niemand Zutritt hatte; selbst Bauern, die zu ihm wollten, wurden stets die Treppe hinaufgewiesen. Um's Leben gern hätte er gewußt, was er eigentlich dort trieb: theologische Studien schwerlich, denn seine Gelehrsamkeit war ziemlich verrostet und seine Predigten mahnten an die Gebeträder der Buddhisten, die dieselbe Leier mechanisch abrollen. Hatte er einmal gar nicht studirt, so verkürzte er die zur Predigt bestimmte Zeit damit, daß er nach Verlesung des Evangeliums anhub: »Dieses Evangelium ist so schön und so schön, daß ich's eurer Liebe noch einmal vorlesen muß,« und so fort. Classische Studien trieb er wohl eben so wenig, denn seine ganze Kenntniß der alten Sprachen schien darauf eingeschrumpft, daß er das Wort Vikarius durch alle Fälle deklinirte: »Das ist des Herrn Vikarii Glas; schenke dem Herrn Vikario ein; Herr Vikarie, ich wollte Sie noch fragen –; hat Sie den Herrn Vikarium gesehen?« – Was ging denn aber vor im geheimnißvollen Gemach, aus dem nur hie und da dumpfe, brummende Musiktöne in stiller Nacht heraufdrangen? Da ereignete sich's einmal, daß das Pfarrpaar, das man fast nie zusammen erblickte, weil sie stets daheim blieb, wenn er ausging, und fortging, wenn er dablieb, eine gemeinsame Einladung zu einem Hochzeitfest annahm. Zudem fügte es sich, dem Vikar äußerst erwünscht, daß man am selben Tage eine nöthige Notiz aus einem der Kirchenbücher verlangte, die unter des Pfarrers Gewahrsam waren. Dieser hatte zwar den Schlüssel mitgenommen, aber Bäbel, die alte Hausmagd, erbot sich, mit dem Hauptschlüssel zu öffnen. Mit erwartungsvollem Schauder, fast wie Annchen in Blaubarts Stube, trat er in das geöffnete Heiligthum. Siehe, da standen auf einem Tisch die sehr wenigen Bücher, deren der Pfarrer sich bediente, zwei lange Pfeifen, ein tüchtiger Krug, daneben lehnte eine mächtige Baßgeige, und an allen Wänden der Stube lagen Säcke mit Haselnüssen gefüllt. – Bäbel bemerkte sein stummes Erstaunen: »Ja, der Herr Pfarrer brechen immer selber alle die Haselnüsse und essen sie auch allein.« – »So? deßhalb bleibt er so lange auf?« – »Ja, und da kriegen Sie Durst von den vielen Nüssen, und den da,« auf den Krug zeigend, »trinken Sie aus. – Sie übersehen sich aber nie, Sie können's gut vertragen, man spürt Ihnen gar nichts an,« fügte sie entschuldigend hinzu. So war's also entdeckt, das dunkle Geheimniß! Jeden Abend um halb neun Uhr zog der Pfarrer sammt seinem Krug, den er eigenhändig mit rothem Wein gefüllt, in die untere Stube, schwelgte dort in Haselnüssen und baßgeigte dazwischen, bis der Krug leer war. Das also war's, was des Pfarrers Leben ausfüllte, was ihn stumpf machte für's Wissen, lau im Beruf, gleichgültig gegen häusliche Freudlosigkeit! – Ein so seltsames Surrogat für Glück war dem Vikar noch nie vorgekommen. Das konnte man dem Pfarrer nicht nachsagen, daß er neuerungssüchtig oder anspruchsvoll in Betreff seiner Wohnung sei. Das Mansardenzimmer des Vikars war allen Unbilden der Witterung ausgesetzt und an einem schönen Wintermorgen mit einem solchen Schneehügel bereichert, daß es nöthig wurde, für längere Zeit einen gemeinsamen Schlafsaal zu errichten, was der annoch lebende Todtengräber des Orts bezeugen kann. Der Pfarrer nahm solches Mißgeschick mit großer Philosophie auf. Seit das Pfarrhaus durch den Lindenbaum wieder gestützt worden war, lebte er geruhig darin fort, versunken in seine Haselnüsse, bis eines schönen Morgens, da die Hausbewohnerschaft eben am Frühstück saß, der Zimmerboden ohne besondere Veranlassung hinunterbrach und sämmtliche Mitglieder des Hauses, Herrn und Frau, Vikar und Bäbel, rasch und sicher in den darunter befindlichen Kuhstall versetzte. – Das war eine große Ueberraschung; die Frau Pfarrerin richtete sich zuerst auf, sie war weich gefallen, und sah nach, ob sie noch keine Veranlassung habe, nach Nürtingen zu ziehen. aber auch der Herr Pfarrer waren unverletzt; nur der Vikar lag härter und wirklich gefährlich unter einer Kuh. Sobald man sich nothdürftig aufgerichtet und erholt hatte, ward ein Expresser abgesandt mit einem Bericht dieser merkwürdigen Begebenheit an's königliche Cameralamt. Besagtes Amt kam Tags darauf in höchst eigener Person mit einem Werkmeister, um den Schaden einzusehen und aufzunehmen. Die Herstellung des eingebrochenen Zimmerbodens sollte unverzüglich in den Bauüberschlag für's nächste Jahr, die der durch den Fall zerschmetterten Fenster aber in den für's nachfolgende aufgenommen werden, wenn der Pfarrer den Beweis herstellen könne, daß die Fenster nicht noch durch Ausheben hätten gerettet werden können. Auf des Pfarrers dringende Vorstellung, daß er sein Zimmer nicht entbehren könne, ward ihm gestattet, dasselbe einstweilen auf eigene Rechnung herstellen zu lassen, mit der Bedingung, daß er die Stube wieder in statum quo setze, falls das Haus an einen Andern übergeben würde, noch ehe die Herrschaft den Bauüberschlag genehmigt habe. Der Stubenboden wurde wieder hergestellt; die Herzen des Ehepaars schienen sich aber auch durch diese tragische Katastrophe nicht näher gekommen zu sein. Dem Vikar gefiels je länger je weniger; er ward es immer mehr satt, die trübselige Frau Pfarrerin zu unterhalten, während der Pfarrer seine Orgien in der Haselnußkammer feierte. So zog er denn ab, sobald es sich thun ließ. Sein Nachfolger, ein hagebüchener, ausgedienter Vikar, war, scheint es, die verwandte Seele, die dem Pfarrer lange gefehlt hatte. Er begleitete des Pfarrers Baßgeige mit dem Violoncell und ihm ward die Gunst gewährt, deren sich noch kein Sterblicher erfreut hatte: er durfte Theil nehmen an den Schwelgereien unter den Nußsäcken; auch mußte von nun an der Krug allabendlich noch einmal aufgefüllt werden. Nach Jahr und Tag führte den ersten Vikar sein Weg wieder in die Gegend. Da beschloß er denn, den Pfarrer wieder aufzusuchen und ihn mit einem Säckchen extraschöner Aug'stnüsse zu erfreuen. In der Nähe des Orts aber traf er mit dem hagebüchenen Vikar zusammen, der so eben seine Bestallung als Amtsverweser daselbst erhalten hatte. – Der Haselnußpfarrer und seine Frau waren an einem und demselben Tage gestorben. Das töchterreiche Pfarrhaus. In einer freundlichen Gegend Schwabens hatte ein neuberufener Pfarrer seine junge Frau noch nicht lange in sein Pfarrhaus einführt. Da träumte ihm in einer Nacht: er finde in seiner Stube einen verdeckten Korb, als er dessen Deckel lüftete, da flogen zwölf Täubchen heraus, die setzten sich auf den Boden und verwandelt sich alsbald in zwölf zierliche Mädchen. Mit Lachen erzählte er seiner Frau diesen Traum, und die meinte auch, das wäre der Ehre doch gar zu viel. Als nach Jahresfrist ein rundes Mägdlein in der Wiege lag, da hätte Vater und Mutter doch lieber einen Knaben gesehen, weil ihnen die zwölf Täublein wieder zu Sinn kamen. Aber das Töchterlein war das erste, und darum doch wichtig und hoch willkommen. Es wurde ein großartiges Tauffest veranstaltet, Gäste geladen, soviel das Pfarrhaus faßte, und Torten, Kuchen und Schinken in Hülle und Fülle gebacken und gesotten. Der jungen Mutter schien gar kein Name besonder und schön genug, bis sie sich endlich für Alwina entschied. »Es ist gut, daß Du mit A anfängst,« sagte lächelnd der Pfarrer, »so reichts eben das halbe Alphabet bis alle die zwölf Täublein da sind.« Zu Pathen wußte man so viel Onkel und Tanten, Freunde und Freundinnen, die auf diese Ehre Anspruch machten, daß die kleine Alwine am Ende ein ganzes Dutzend Pathen und Pathinnen und einen langen Nachschweif von Namen zu Ehren derselben erhielt, und ihr kleines Bettchen ganz bedeckt war mit silbernen Löffeln. Als nun im nächsten Jahre die kleine Alwina die Wiege einem Schwesterlein räumen mußte, da wurde die Taufe schon stiller begangen, die Mutter aber wollte nicht vorrücken im Alphabet, und nannte das zarte Wesen mit den himmelblauen Aeuglein: Angelika. Das A wollte aber denn doch nicht ausreichen, auf die Angelika folgte eine Amalia, Agnes, Anna und Adelheid, dann kam's in's B mit einer Beate und Bertha. Die ganze Familie lamentirte über den großen Mädchensegen im Pfarrhaus, immer stiller und einfacher wurde das Tauffest gefeiert, immer weniger Pathen gebeten, da man die Onkel und Tanten doch nicht alle Jahre um einen Löffel bringen wollte. Bei den zwei Töchterlein, die nach der Bertha kamen, bat man nur noch einen alten ledigen Großonkel zu Gevatter, der zugleich bestimmte, daß man sie Lotte und Louise heißen soll, da die Mutter müde war, sich auf romantische Namen zu besinnen. Als nun endlich am Konfirmationstage der Alwina das eilfte Töchterlein getauft werden sollte, da lebte auch der ledige Großonkel nicht mehr, und Alwina, stolz und glücklich über ihre neue Würde, wurde die einzige Pathin des Schwesterleins. Vom Namen war noch gar nicht die Rede gewesen; erst als nach langem Streit um die Ehre, das Kindlein zu tragen, Bertha unter Amaliens Aufsicht mit dem Täufling den ansehnlichen Kirchenzug anführte, erst da fragte der Vater die Mutter: »nun, wie soll das Kindlein heißen?« – »Friederike, wie meine Mutter,« sagte nach kurzem Besinnen die Pfarrerin. – »Eine Friedenreiche!« sprach der Vater, als er Bertha mit dem Kindlein noch an der Mutter Bett führte. »Das wird gut sein,« meinte die Mutter mit wehmütigem Lächeln, indem sie auf den großen Mädchenzug blickte, »ein anderer Reichthum wird ihr doch nicht zu Theil!« »Einen andern braucht sie nicht,« sagte der Vater freudig, küßte die verzagende Mutter, ehe er mit dem weißgeschmückten Heerdlein zur Kirche schritt, und legte ihr die Bibel auf's Bett. War es nun Zufall, war es Absicht des Vaters, sie schlug eben die schönen Worte der Bergpredigt auf: Ihr sollt nicht sorgen und sagen, was werden wir essen, was werden wir trinken \&c. Die Worte drangen ihr bis in's innerste Herz, es war, als ob sie sie heute zum erstenmal läse; auch ihre Seele wurde friedereich, lächelnd sah sie den zwei Kleinsten zu, die noch nicht zur Kirche gelassen werden konnten und am Boden spielten; und als ihre acht weißen Täubchen, die blühende Alwina an der Spitze, mit der kleinen Friederike aus der Kirche zurück kamen, da küßte sie das Kindlein viel inniger als zuvor, reichte ihrem Manne getrost die Hand und sagte leise: »Der Herr wird's versehen!« Das Tauffest der kleinen Friederike blieb nun aber das letzte, ein zwölftes Täubchen kam nimmer auf den Pfarrhof geflogen, der Familienjammer verstummte allmählig und man ließ Pfarrers selbst zusehen, wie sie mit ihren elf Mädchen zurechtkommen werden; hie und da fiel es auch einer freigebigen Frau Pathin ein, ein abgelegtes Kleid in's Pfarrhaus zu schicken, namentlich galt das mädchenreiche Haus für einen vortrefflichen Ableiter für alte Hüte, woran es der guten Mama fast zu viel werden wollte. Nun müßt ihr aber nicht glauben, der Pfarrer und seine Frau haben ihre Kinder geradezu für Lilien auf dem Felde angesehen, die da nicht arbeiten und nicht spinnen, und der himmlische Vater ernähret sie doch. Sie wußten wohl, daß gerade darin die Menschenkinder reicher als die Blumen vom himmlischen Vater begabt worden sind, daß er ihnen zwei Arme und zwei Füße gab, mit denen sie sich ordentlich regen und rühren können um ihr täglich Brod. Ihr könnt euch gar nicht vorstellen, was für ein lebendiges Wesen und Treiben und Gewimmel in dem Pfarrhause war. Der Mädchensegen des Pfarrers war weit und breit bekannt worden; sein Landesherr selbst hatte ein Einsehen gehabt und ihm eine einträgliche Pfarre mit einem recht geräumigen Hause gegeben, so daß die elf Täublein doch Brod und Dach und Fach darin fanden. Ich denke, wenn ihr sie alle ein wenig kennen lernen wollt, so ist's am Besten, ihr bringt einmal einen ganzen Tag mit mir im Pfarrhause zu, und sehet selbst, wie die elf Pfarrtöchter erzogen wurden. Es ist eben ein schöner, sonnenklarer Septembermorgen; um halb 6 Uhr läutet der Vater das Morgenglöcklein zum erstenmal, um 6 Uhr erscheinen fix und fertig in reinlichem Morgenanzug Amalie und Anna. Die Erste ist für diese Woche Kuchimuz, die Zweite Aschenbrödel, – so heißen bei den Schwestern allemal die Zwei, die für Küche und Hausreinigung zu sorgen haben. Während nun Amalie Feuer macht und das einfache Frühstück bereitet und Anna das große Zimmer lüftet und reinigt, geht's oben in den Stüblein der Mädchen schon recht lebendig her. In jedem der vier Zimmerchen, die die zehn Aeltern zusammen bewohnen, ist – die Kleinste schläft noch in der Eltern Zimmer – immer der Großen eine Kleine beigegeben, die sie zu besorgen und anzukleiden hat. Alwina, der Mutter geheime Räthin, jetzt neunzehn Jahr alt, hat sich schon zu dieser begeben, um Haushaltungsangelegenheiten mit ihr zu besprechen. denn die gute Mutter ist nun, wie's die Mädchen nennen, pensionirt, sie selbst darf sich nimmer mit mühsamer Arbeit anstrengen, was ihre zarte Gesundheit auch nicht ertrüge; sie hat aber genug zu thun, bis sie denkt und sorgt für Alle. Die kleine sanfte Beate, die in aller Stille zuerst aufgestanden ist, hat sich schon zu Angelika geschlichen, die wegen ihres besonders zarten und feinen Aussehens und ihres etwas vornehmen Wesens die Prinzessin im Hause genannt wurde. Angelika war keine Freundin vom Frühaufstehen, und wenn Alwina, ihre Schlafgenossin, sie zweimal geweckt hatte, so legte sie erst noch zum drittenmal das Köpfchen hin. So kam sie oft zu spät, was ihr vom Vater, der wollte, daß die älteren Schwestern mit gutem Beispiel vorangehen sollten, schon manchen Verweis zugezogen hatte. Drum schlüpfte die freundliche Beate, wenn sie konnte, in ihr Zimmer, half ihr beim Anzug und Aufräumen, daß sie doch noch mit den andern zum Frühstück kam. Dafür war aber auch Beate der schönen, begabten Angelika besonders lieb, und erhielt manch liebliches Bildchen von ihrer kunstfertigen Hand, denn Angelika war eine geschickte Zeichnerin. Um halb sieben tönte des Vaters Glocke zum zweitenmal, und nun eilte Groß und Klein die Treppe hinab. Gefehlt aber war's, wenn oben nicht alles in Ordnung verlassen wurde. Kuchimuz und Aschenbrödel hatten auch das Amt, die obern Stüblein zu untersuchen, und waren Betten und Zimmer nicht im Reinen, so traf die Schuldige zwei Tage lang das höchst unbeliebte Geschäft, die Schuhe zu putzen, das sonst nach Tagen abwechselte. Nun versammelte sich alles in der großen hellen Wohnstube, da saß schon die Mutter mit dem Nesthäkchen Friederike; und es gab einen Jubel und Trubel bis »das Kind, das Kleinsele, das Goldkäferlein« und wie alle seine Beinamen hießen, jeder Schwester den Morgengruß und Kuß gegeben hatte. Jetzt rief der Vater: still! und nahm die Bibel aus Beatens Händen, um daraus eine schöne kraftvolle Stelle zu lesen und mit einem kurzen herzlichen Gebete den Tag zu beginnen. Da war's so still und feierlich im Zimmer, selbst die Kleinste stand mäuschenstill neben der Mutter, die großen Augen unverwandt auf den Vater gerichtet. Nach geendetem Gebet geht Amalie mit ihrer Gehülfin Anna ab; sie kommen zurück, jede mit einer dampfenden Schüssel Milchsuppe, die mit bestem Appetit von der Gesellschaft verzehrt wird, obgleich Bertha und die Prinzessin Angelika mit einiger Sehnsucht an den Kaffee denken, der an Sonntagen und Geburtsfesten aufgetischt wird. Vater und Mutter essen aber die Milchsuppe zufrieden mit, obgleich sie nicht wie diese von jung auf daran gewöhnt waren, darum findet es Groß und Klein natürlich. Der Vikar, seit drei Jahren der treue Gehülfe des Vaters im Amt und Unterricht der Kinder, der bekam freilich Kaffee, er wurde ihm aber auf's Zimmer gebracht. Während die Gesellschaft frühstückt, wollen wir sie etwas näher in's Auge fassen. Oben neben der rüstigen kräftigen Gestalt des Vaters sitzt die Mutter, ein wenig bleich, ein wenig müde, aber mit liebevollem Lächeln den blühenden Kreis überschauend, ihr zur Seite das Nesthäkchen, d'rum müssen nur mit diesem anfangen. Das ist eben, wie alle zehn Schwestern versichern, das Kleinste, das Schönste, das Liebste, das Kind, das Allernettste, und es ist wahr, es ist ein herziges Dinglein, und hat sich wunderbarer Weise nicht verwöhnen lassen durch all die viele Liebe, mit der es überströmt wird. Neben ihr sitzt Alwina, die Aelteste, ein recht blühendes stattliches Mädchen mit hellen schwarzen Augen; sie ist, wie schon gesagt, der Mutter rechte Hand und steht sehr in Respekt bei den Geschwistern. Sie ist überall gewandt, die Küche aber ist nicht ihre Liebhaberei, darum vertauscht sie gern die Rolle des Kuchimuz mit Amalien, der das Kochen ihr Leben ist, und präsidirt dafür in der Nähstube. Auch Angelika wird von der Küche häufig dispensirt, seit unter der Leitung des Vikars ihr Zeichentalent sich so ausgebildet, daß ihre Arbeiten von Kennern bewundert werden. Angelika ist wohl die Schönste der Schwestern, obwohl fast etwas zu zart, der Glanz ihrer himmelblauen Augen, das durchleuchtende Roth ihrer Wangen flößen Sorge für ihre Gesundheit ein; sie ist so bewundert und geliebt von den jüngern Schwestern, daß keine eifersüchtig wird, wenn bei Angelika die Mutter oft ein Auge zudrückt und von der strengen Geschäftsordnung etwas nachläßt. Nun folgt der Kuchimuz Amalie, die Wangen stark geröthet vom Kochfeuer, eine etwas gedrungene Gestalt und ganz und gar keine Schönheit, aber so flink und rührig, daß es eine Freude ist, sie anzusehen. Amalie ist ein Küchengenie ersten Ranges, so jung sie ist, und von der Wassersuppe bis zur Manteltorte geräth alles unter ihrer Hand. Mehr als einmal schon ist des Herrn Doktors Equipage aus der Stadt vorgefahren, in der Amalie im Triumph abfuhr, umringt von Tortenmödeln und Bratpfannen, um bei einer Taufe oder sonstigem Familienfest die Direktion der Küche zu übernehmen. Dabei ist sie entschlossenen Charakters, und obgleich das Studiren nicht ihre Sache ist, führt sie doch eine gute Feder zu Familien- und Geschäftskorrespondenzen. Auf Amalie folgt Agnes, groß und schlank, mit ziemlich dunklem Teint; von ihr wäre nicht viel zu sagen, da sie selbst nicht viel sagte, wenn sie nicht eine Stimme hätte wie eine Nachtigall. Niemand würde diesem etwas unbeholfenen Wesen, diesem schüchternen Mund ansehen, welche Fülle herrlicher Töne ihm entquellen können. Die Agnes ist sehr ruhigen Gemüthes, »Zufriedenheit ist mein Vergnügen,« singt ihr die lustige Alwina zu; sie kommt nur aus der Fassung, wenn Lottchen und Luise Privatstudien auf dem ohnehin geringen Piano treiben, oder wenn Anna, die eine äußerst unverdrossene Sängerin ist, gar zu falsch singt. Ihr höchster Wunsch, ihre liebste Hoffnung geht dahin, daß der Vater ein neues Klavier anschaffe, eine That, die aber noch auf's große Loos ausgesetzt ist. Bis jetzt hat sie ihre Studien nur beim Vater und Dorfschulmeister gemacht, nächsten Frühling aber darf sie zur Tante in die Residenz, um dort Stunden zu nehmen. Die Anna, gegenwärtig Aschenbrödel, sieht gar nicht wie ein solches aus, sie ist ein äußerst appetitlich kleines Persönchen, ihre Schürze, die sie zu Ehren ihres Amtes trägt, ist wie frisch gefallener Schnee und einen staubigen Fleck auf einer Kommode sieht sie auf vierzig Schritte. Den Schwestern allen ist bang, wenn an Anna die Reihe der Zimmervisitation ist. Daneben ist sie Garteninspektorin, und obgleich jeder der größern Mädchen ihr Theil Arbeit im Garten angewiesen ist, so ist sie es doch vor allen, die lebt und webt unter den Blumen, Stauden und Gemüsen; beim ersten Sonnenblick im Februar zieht sie's schon hinaus in den Garten, ob noch nichts zu machen sei; die junge Anna verkehrt schon fast mit allen Pfarrfrauen der Nachbarschaft und ist in einem beständigen Austausch von Rosenablegern und Nelkenstöckchen begriffen. Die vierzehnjährige Adelheid, Fräulein Allwissend, auch Büchergeier genannt, verspräche ein nettes Gesichtchen zu werden, wenn sie nicht ihr aufgeworfenes Näschen gar zu keck in die Welt hinausstreckte. Adelheid hat nur eine Leidenschaft auf der Welt, lesen und immer lesen. Sie liest sitzend, stehend und gehend; in's Bett, zur Arbeit und auf Spaziergänge versucht sie Bücher zu schmuggeln, sie liest Kinderbücher, Romane und Weltgeschichte, Gutes und Schlechtes; nur an einer Abhandlung über das Pfandrecht, die ihr einmal in die Hände gefallen war, ist sie unterlegen. Der Mutter macht diese blinde Lesewuth viel Kummer, der Vater aber und der Vikar, deren talentvollste Schülerin sie ist, hoffen mit Gottes Hülfe diese Lesegier in Lernbegier umzuwandeln, und dann könnte noch etwas Rechtes aus der Adelheid werden. Die stille unscheinbare Beate wird wohl ganz übersehen im Kreis der Schwestern, und doch vermißt man das Kind überall, wo es nicht ist. Nicht talentvoll, nicht in Geschäften gewandt, wie die Schwestern, ist dieß stille Kind doch der Segen des Hauses; sie hat ihr Herz früh zu der ewigen Heimath wenden lernen, darum ist sie auch ein guter Engel für ihre Heimath auf Erden. Adelheid und Beate sind die Lieblinge der kleinen Geschwister, wohl vor allem weil sie so schön zu erzählen wissen; aber wenn Adelheid alle Wunder der Tausend und einen Nacht vor ihrem staunenden Ohr vorüber geführt hat, so lauschen sie doch noch lieber den schönen, einfachen Bibelgeschichten, die Beate so lieblich, so ansprechend, so lebendig wieder gibt, als ob sie selbst sie mit erlebt hätte. Die zwölfjährige Bertha ist ein zierliches, gewandtes Mädchen und hat schon eine fleißige und geschickte Hand, nur putzt sie sich gar zu gern und sieht so sehr oft in den Spiegel, daß zu fürchten ist, die leidige Eitelkeit werde ihre sonstigen guten Eigenschaften ersticken. Lottchen und Luise, neun und acht Jahre alt, »die Unmüße« genannt, sind ein paar wilde Dinger, etwas träg zum Lernen und zur Arbeit, stets bereit, wo es gilt, einen Unfug anzustellen, so daß die ältern Schwestern genug zu tadeln und zu klagen haben; gutmüthige Kinder übrigens, noch höchlich vergnügt mit den dreimal gewendeten alten Kleidern, die die ganze Tonleiter der Schwestern durchlaufen haben, und die ihnen Alwina noch mit rothen Litzen aufputzt. Und nun wir die Schwestern kennen, so laßt uns vollends zusehen, wie sie ihr Tagewerk vollbringen. Wenn gefrühstückt ist, geht der Vater mit ein paar freundlich ermunternden Worten in sein Zimmer, Anna nimmt das Frühstückgeräth zum Reinigen fort, Alwina und die Mutter gehen in die Arbeitsstube, wo große Schneiderei begonnen ist, um Arbeit für Alle zuzurüsten, Amalie sorgt für die Küche und hilft Anna später im Garten, für die andern aber beginnen die Lehrstunden beim Vater und Vikar. Der Vikar, ein sehr geschickter, talentvoller, junger Mann, war der sehr verehrte Lehrer der Mädchen und ein Lob und Tadel vom Herrn Vikar wog noch schwerer als selbst das vom Vater. Die Mädchen durften und sollten alles lernen, was den Kopf aufhellt und was für's Leben tauglich macht, wenn sie irgendwie Lust und Fähigkeit dazu hatten. Den Religionsunterricht, dem die Mutter und alle Mädchen beiwohnten, hatte sich der Vater allein vorbehalten, sonst theilten sich die Lehrstunden je nach den übrigen häuslichen Geschäften der Mädchen. Die drei ältesten, von den jüngern die heiligen drei Könige genannt (Agnes war der Mohrenkönig), hatten nur noch französisch, englisch und Geschichtsstunde; Anna war stets vergnügt, wenn sie durch Geschäfte an den Lehrstunden abgehalten war, sie blamirte sich gar zu oft vor den Kleinen; sie hatte einmal in der Geographiestunde den Rigi für den höchsten Berg in Europa erklärt und Galizien als die Hauptstadt von Ungarn angegeben. (Die Schwestern gaben ihr Schuld, daß sie drei Stunden buchstabiren müsse, bis sie einen Brief zu Stande bringe, in ihrem Hausrechenbuch stehe Michl statt Milch, auch habe sie auf ein Geburtstagsgeschenk für den Vater einmal geschrieben: von mir gans allein gemacht; – so schlimm war's aber doch nicht.) Angelika hat ihren Zeichenlehrer schon weit überholt, und während die Mutter oft darüber seufzt, daß sie stundenlang in ihrem verschlossenen Stübchen sitzt und zeichnet, statt zu nähen, malt sie ganz im Stillen die niedlichsten Sachen auf Holz, die sie durch des Vikars Vermittlung sehr gut in die Stadt verkauft. Wie herzlich freut sie sich auf alle die Weihnachtsfreuden, die sie mit ihrem gesammelten Sümmchen den Eltern und Schwestern wird machen können! Alle aber, groß und klein, gelehrt und ungelehrt, freuen sich, wenn um zwölf Uhr das Tischglöcklein tönt, besonders heut, wo Amalie die Kochwoche hat. Da ist's eine Herzenslust, das muntere Völkchen sich um die lange Tafel schaaren zu sehen; und wenn der Mutter Auge oft etwas bänglich die endlose Mädchenreihe überläuft, so begegnet es wohl dem getrosten Blick des Vaters, der mit inniger Freude auf seinen muntern Töchterlein ruht und der ihr zuversichtlich zu sagen scheint: ›Was unser Gott erschaffen hat, das wird er auch erhalten.‹ Wenn die einfache Tafel aufgehoben ist, geht's dem schönen Sonnenschein zu lieb in den Garten, da ist ein halb Stündchen der Erholung gegönnt und jedes unterhält sich, wie es ihm am besten dünkt. Vater und Mutter sitzen behaglich in der Laube; der Herr Vikar hat seine Lehrerwürde abgelegt und bemüht sich, ein Sträußchen zu pflücken, das er aber, wie Adelheid meint, ganz gegen Recht und Gerechtigkeit der Alwina überreicht, während sie doch das erste Recht auf eine Belohnung hätte; Angelika sitzt an ihrem Lieblingsplätzchen, einer Rasenbank im Gesträuch, und ist »verzückt,« wie es die Schwestern nennen, wenn sie so in sich versunken dasitzt und in die Wolken sieht. Anna und Amalie erscheinen erst, nachdem Zimmer und Küche in Ordnung sind und sehen zu ihrem Schrecken, wie Lottchen und Luise eben in höchstem Diensteifer eine Katze aus den Gemüsländern jagen und diese ärger zusammentreten, als zehn Katzen hätten thun können: Anna, außer aller Fassung gebracht, greift nach dem Rechen, um das ungebetene Hülfscorps in die Flucht zu schlagen. Bertha hat sich eine Epheuguirlande um den Kopf gewunden, und bemüht sich sehr, das einzige Fenster des alten Gartenhauses als Spiegel zu benützen, um zu sehen, wie ihr der Schmuck steht. Agnes hat sich zwischen die grünen Aeste eines leicht ersteigbaren Nußbaumes zurückgezogen und singt mit heller Stimme, während sie Nachlese hält, Ingeborgs Klage nach eigener Composition: Aus des Sommers Lust, Stürme durchwehen des Meeres Brust. Ach und wie gerne da draußen Hört' ich es brausen! Adelheid sitzt auf dem Boden hinter der Laube mit dem Lichtenstein, den ihr des Försters Tochter geliehen, allzeit in stiller Sorge, die Mutter möchte sie urplötzlich aus dieser neuen Welt aufjagen; Beate aber spielt mit dem Kleinsele, das vor Lust aufjubelt, daß es die große Schwester haschen kann. So belustigt sich jedes in seiner Weise bis halb zwei Uhr, wo der Rückzug in's Haus beginnt, und nun geht's mit Ernst an die Arbeit. Die Schneiderei ist kein Spaß, aus sieben alten Kleidern müssen sechs neue gemacht werden, nur die vier Großen und Kleinsele bekommen ganz neue. Alwine schneidet zu und probirt an; die andern nähen um die Wette, sogar die »Unmüße« werden angehalten zu zertrennen und Fädchen auszuzupfen, und das Nesthäkchen will auch ein Puppenkleidchen machen, wobei es Nadeln verliert und sich in's Fingerchen sticht. Dazwischen stimmt Agnes ein Lied an, in das all die Stimmchen zart und grob, falsch und richtig, einfallen, oder erzählt Adelheid, wobei sie die Kleinen als aufmerksame Zuhörer hat. So geht es recht fleißig zu bis zum Schlag vier Uhr, für den die Kleinen ein äußerst scharfes Ohr haben; dann verschwindet Alwina und kommt zurück mit dem Brodlaib und Obstkorb; das Vesper wird vertheilt und mit allgemeiner Zufriedenheit verzehrt. Nach dem Vesper werden die Unmüße entlassen, sie dürfen die Kleine mitnehmen und sich in Garten und Hof umtreiben, bis sie unter Adelheids Aufsicht ihre Lektion lernen müssen. Die andern aber bleiben fleißig beisammen bis zur Dämmerung, wo noch ein kurzer Spaziergang gemacht wird. An hellen Sonntagen werden immer schöne und weite Gänge unternommen, Werktags reicht die Zeit nicht dazu. Mit einbrechendem Dunkel sammelt sich alles in der Wohnstube, Beate bringt die Kleine zu Bett, der Vater nimmt seinen Ehrenplatz am Ovaltische ein, Amalie und Anna bringen das Theegeräth und den duftenden Thee mit neugebackenem Brod. Da geht's nun heiter und lebendig her; die heiligen drei König haben genug zu thun, bis sie die Gesellschaft versorgen und den Unmüßen betrüblicher Weise lau Wasser statt des erhitzenden Thee's unter die Milch mischen (erst die confirmirten Töchter sind zum Thee avancirt); der galante Vikar nimmt aber der Alwina für eine Weile das Geschäft ab. Nun der Thee getrunken ist, marschiren die Unmüße in ihre Betten ab, das Geräth wird auf dem Seitentisch flink und in aller Stille gereinigt, die große Lampe wird angezündet, die Schwestern sitzen mit dem Strickzeug um den Tisch, und nun erst wird's recht still und recht behaglich, der gute Engel der friedlichen Häuslichkeit zieht durch's Zimmer. Adelheid, der die Abendstunde ihr Höchstes ist, bringt jetzt das Buch, und der Vikar beginnt die allabendliche Vorlesung. Der Vater ist sehr sorgsam in Auswahl der Bücher für seinen gemischten Zuhörerkreis, bald sind es Reiseschilderungen, die den kleinen Cirkel in ferne, fremde Regionen tragen, bald sind es geschichtliche Bilder, die sie in vergangene Zeiten zurückversetzen, bald merkwürdige Erlebnisse und wunderbare Führungen aus dem Leben frommer Menschen, oder eine schöne herzerhebende Dichtung. Fragen und Bemerkungen dazwischen sind erlaubt, und würden all die Zwischengespräche mit den Büchern wieder abgedruckt, so würden sie noch viel dicker, als Campe's Robinson. In der Regel ist das Publikum äußerst aufmerksam, wer aber schläft, und doch noch nicht zu Bette gehen will, der wird verurtheilt, ohne Licht etwas aus des Vaters oberem Zimmer zu holen. So wäre nun demnächst der Tag zu Ende, und ihr meint wohl, er gehe eben aus wie alle andern Tage, damit, daß die Leute zu Bett gehen und schlafen? Ja, nur Geduld, heute geschieht noch etwas ganz Besonderes. Man las heute Abend in Mungo Parks Reisen, und während dieser unermüdliche Forscher nach der Nilquelle spürte, war Alwina sanft eingeschlafen. Der Vater, der gerade las, sah auf, weil er an ein unaufgeschnittenes Blatt kam, und bemerkte die Schlafende. »Alwina,« rief er, »geh' einmal auf mein Zimmer, und hol mir mein beinernes Papiermesser auf meinem Pult!« Hocherröthend fuhr Alwina auf, »ich habe nicht geschlafen, gar nicht,« und wurde fast böse über dem herzlichen Gelächter der andern. Doch machte sie sich sogleich auf, um das Messer zu holen, schon hört man sie draußen im Gang nach dem Weg krabbeln, noch ehe sie aber ganz oben sein kann, fällts plötzlich dem Vikar ein: »ach, Herr Pfarrer, ich habe mir heute erlaubt, Ihr Papiermesser zu nehmen, Fräulein Alwina kann es im Dunkel nicht finden, erlauben Sie, daß ich ihr leuchte,« und rasch hatte der galante Vikar ein Licht angezündet, und flog die Treppe hinauf; aber es dauerte unendliche Zeit, der Mungo Park stand immer am Nilufer, kein Vikar, keine Alwina, kein Papiermesser kam. »Angelika, nimm den Wachsstock und siehe, wo sie bleiben,« sagte die Mutter; Angelika ging, aber sie kam auch nicht mehr; da wurde der Vater ganz ungeduldig: »Anna, geh Du, Du findest im Dunkeln den Weg.« So ging auch noch die Anna, und schon glaubten die Kinder, es gehe wie in dem Märchen von der klugen Else, und sie alle, nebst Vater und Mutter, werden noch nach müssen; siehe, da geht die Thüre auf, Angelika und Anna schreiten voran mit Kerze und Wachsstock, und mit dem Jubelruf: »Vater, Mutter, ein Brautpaar!« hinter ihnen führt der Vikar Alwina an der Hand, die glüht wie eine Purpurrose, und er fragt schüchtern: »Lieber Herr Pfarrer, wollen Sie mir nicht Eine ihrer Töchter anvertrauen?« Das war ein Erstaunen! Die Schwestern hielten vor Verwunderung den Athem an; jetzt ging erst der Adelheid ein Licht auf, warum Alwina ein Sträußchen bekommen, und nicht sie, obgleich die das französische Gedicht heute viel schlechter rezitirt hatte. Die Mutter hatte wohl schon so etwas geahnt, der Vater aber nicht; der Vikar war der einzige Sohn reicher Eltern, und hatte die Zusicherung, eine gute Pfarre zu bekommen, dem stand die Wahl unter den Töchtern des Landes offen, wie würde er wohl eine von seinen armen elf Mädchen wählen? Dem Vikar aber dünkte die frische fleißige und frohherzige Alwina reicher als alle Prinzessinnen der Welt. Nun, zu bedenken war da wenig; mit Freudenthränen nahm die Mutter, mit Lächeln der Vater die Hände der Beiden, »Gott segne euch, meine Kinder,« sprach der Vater, »mit Frieden und Freude, wie er uns gesegnet hat.« »Und mit weniger Mädchen,« flüsterte ihm doch die Mutter in's Ohr. »Aber werden auch Ihre Eltern einverstanden sein?« fragte besorgt die Mutter; der Vikar versicherte, er habe längst die freudige Zustimmung der Seinen, da er diesen Entschluß schon lange im Herzen trage, aber bis jetzt noch nicht Gelegenheit gefunden, sein Wort anzubringen.. Wie es gekommen, daß über des Vaters Falzbein die Beiden sich so schnell gefunden, das blieb noch ein Räthsel. Jetzt aber war der Damm des Schweigens bei den Mädchen gebrochen, lächelnd, jubelnd, erröthend grüßten sie den neuen Schwager. Anna und Adelheid schlichen sich bei Seite, um zu sehen, ob es nicht möglich wäre, noch einen Punsch zu fabriziren; der Vater aber schlug endlich, um den fröhlichen Lärm zu bewältigen, einen Choralgesang vor; der neue Bräutigam mußte sich an's Klavier setzen, Agnes, deren Stimme heut wie eine Engelstimme klang, stimmte den schönen Choral an: So führst Du doch recht selig, Herr, die Deinen.« Und so schloß dieser wichtige Tag im Pfarrhaus mit Dank und Freude. Nicht alle Tage hatte bisher so ein Jubel geschlossen, das sagt auch das verbleichte Gesicht und die matte Gestalt der Mutter, die etwas gefurchte Stirn des Vaters. Viel mühevolle Tage, viel schlaflose Nächte hatte es gekostet, bis diese blühende Töchterschaar auf eigenen Füßen stehen, mit eigenen Händen sich regen konnte, bis sie fröhlich und frisch wie Oelzweige den Tisch umgaben. Aber auch diese Tage und Nächte waren vorübergegangen, Geduld, Gottvertrauen und Liebe waren als köstliche Saaten unter Sturm, Frost und Regen aufgekeimt. Und wie die junge Schaar wuchs und sich mehrte, da wuchsen der Mutter auch die Gehülfinnen mit heran. Nicht einer Fürstin Wochenbett kann sorgsamer behütet, liebevoller bedient sein, als es das letzte der Mutter gewesen, wo die vier größern Mädchen, deren junge Kräfte früh geübt worden waren, sich in ihre Pflege theilten. Nicht jeder Tag war so wie dieser in vollkommenem Frieden verlebt worden. In den elf Köpfchen und Köpfen wohnten elf Sinne, von denen oft jeder Recht haben wollte, in den elf Herzen keimte neben der guten Saat auch viel Unkraut, so war der Friede gar vielfach gefährdet, so daß die sanfte Mutter nicht immer mehr im Stande war zu schlichten, und der Vater ein kräftiges Schiedsrichteramt üben mußte. Aber jeder Morgen war begonnen worden mit herzlichem Gebet, und der Nachklang davon ließ nicht so bald schlimme Geister aufkommen. Jeder Abend war mit Gebet und Gesang beschlossen worden, und eins der Kinder hatte am Schluß das Gebet des Herrn gesprochen, und wer vom Herzen gebetet: Vergib uns unsere Schuld, wie wir vergeben, über dessen Groll wird keine Sonne untergehen. Und wißt ihr, welcher Segen für eine ganze Heerde ein einziges Schäflein werden kann, das ganz dem Hirten eigen ist? Ein solches war Beate, die stillste, die schwächste, die unscheinbarste, die unbegabteste der Schwestern. Sie war der Friedensengel, sie die süße Quelle, die nichts Trübes und Bitteres in sich aufkommen ließ, die es leise wegspülte, wo es bei Andern sich angesetzt. Wenn es unter den Kleinen einen Streit gab um Spielzeug und Obst, da war es Beate, die mit lächelndem Gesicht ihren Antheil zum Opfer brachte, oder das von allen Verschmähte für sich nahm; wo die Mädchen sich zankten um das Recht, mitzudürfen, da war sie stets bereit, dazubleiben und hatte immer einen Grund, warum sie besonders gern daheim war; bei den gemeinsamen Spielen hatte sie nie einen Willen als den, der zum Frieden führte; das abgetragenste Kleid fand sie noch recht nett, den angebrannten Brei allzeit noch gut, nichts war für sie gleichgültig, was andern unangenehm war, nichts vergaß sie, was Andern Freude machte. Sie selbst wußte es nicht, und die Andern ahnten es nicht, welches Kleinod dies stille Kind für sie Alle war. Die Mutter aber wußte es und dankte Gott mit Freudenthränen für diese Perle. Was aus den elf Schwestern geworden, ist nun freilich die wichtigste Frage, und da wir nicht dem Lebensgang jeder Einzelnen folgen können, so erfahren wir es wohl am sichersten aus einem Briefe, den zehn Jahre nach jenem Verlobungstag Alwina's Amalie den Schwestern aus – Amerika schrieb. Vier Jahre waren schon vergangen, seit die elf Schwestern als Waisen das geliebte Vaterhaus verlassen hatten, ohne andern Reichthum, als der Eltern Segen, Gottes Schutz, genügsame Herzen und fleißige Hände. Vater und Mutter ruhten im Grabe. Den kräftigen Vater hatte ein Nervenfieber weggerafft, das ihn an einem Sterbebette ergriffen, dieselbe Krankheit riß der Mutter zarten Lebensfaden ab, eh' sie das Weh fassen konnte, das ihr mit dem Tode des geliebten Gatten geschehen war. Sie starb mit Bewußtsein, aber ein trostreicher Engel schien ihr sonst so verzagtes Herz gestärkt zu haben. Denn als ihr brechendes Auge auf die weinende Töchterschaar um ihr Lager fiel, da schaute es mit zuversichtlichem, strahlendem Blicke nach oben, segnend breitete sie die Hände über ihre Kinder und von den erblaßten Lippen klangen die trostvollen Worte: Gott wird euch nicht verlassen. Und nun zu Amalien's Brief, der an Alwina, als an die Familien-Aelteste gesandt wurde. » Geliebte Schwestern ! »Gott wird Euch nicht verlassen, war das segnende Abschiedswort unsrer lieben Mutter, und es ist bis diesen Tag in Erfüllung gegangen. Dich, liebe Alwina, hat er an den eigenen glücklichen Herd geführt, und Dein Haus gesegnet, daß es noch Zuflucht und Heimath für die Schwestern werden kann. »Friederike, das Nesthäkchen, der Mutter und unser Liebling ist unter Eurer Obhut geborgen, Luise, der Unmuß, findet bei Deinen Mädchen und Bübchen genug zu thun für ihre flinke Hand und noch flinkere Zunge, und Lottchen, der Unmuß Nr. 1, kommt nun sogar als glückliche Braut unter Dein Dach, um bei Dir für den Ausbau ihres Nestchens zu sorgen, um von Dir einst zum Altar geleitet zu werden. »Sage ihr, der lieben Braut, jetzt die Hauptperson, vor allem unsere herzlichsten Glückwünsche. Nach der herben Dienstzeit unter der gestrengen Frau Geheimräthin wird ihr der Aufenthalt bei Dir und dereinst unter dem eigenen Dach besonders wohl thun. Wir freuen uns, ihr hier einen Beitrag zur Bestreitung ihrer Ausstattung senden zu können, geben ihr aber den freundschaftlichen Rath, allen Luxus zu vermeiden, da ihr Zukünftiger dem Lehrstande angehört, der ja jederzeit reicher an geistigem als leiblichem Besitz ist. (Wir wünschen zu wissen, ob die Verlobung auch über einem alten Falzbein geschlossen wurde?) Das glückliche Brautpaar soll sich das Warten nicht verdrießen lassen; Lottchen ist ja noch erstaunlich jung. »Gott hat uns nicht verlassen, möchte ich auf's Neue beginnen. Er hat Agnes und mich glücklich über's Meer geführt, als wir vor vier Jahren anfingen einzusehen, daß übergenug Mädchen im Vaterland sind, und auszogen unser Heil in der neuen Welt zu suchen. Er hat uns guten menschlichen Schutz zugewendet, und hat unsern Fleiß gesegnet, so daß wir noch Zweien von Euch ein Asyl bei uns anbieten konnten, und die Mittel, es zu erreichen. »Anna und Bertha sind wohlbehalten hier angekommen; wir wollten Euch nicht schreiben, bis wir unsern vierfachen Lebensplan für die Zukunft festgestellt hatten. Nun aber wünschte ich, Ihr könntet unsere neue kleine Residenz sehen; wir haben nun ein kleines, sehr freundliches Haus in einer Vorstadt Bostons gemiethet, der hübsche Garten daran gestaltet sich bereits prächtig unter Anna' s Hand, die von Sonnenaufgang bis Abends darin steckt. Mit den Blumen und Gemüspflanzungen, zu denen sie Samen gebracht, hoffen wir seiner Zeit glänzende Geschäfte zu machen, unsere heimathlichen Rosen und Nelken sollen Aufsehen machen in der neuen Welt. »Bertha sitzt bereits in einem Meer von Hüten, Hauben und Visites, ich hatte sie zuvor schon so gut empfohlen, und ihre Geschicklichkeit macht meiner Empfehlung solche Ehre, daß sie sich ein dienstbares Geistlein zur Hilfe wird beilegen müssen, das schon in dem Töchterlein einer armen eingewanderten Familie gefunden ist. »Agnes wird um mehr Musikstunden gebeten, als sie annehmen kann; Ihr würdet staunen, wenn Ihr hören könntet, wie herrlich ihre Stimme sich erhalten und ausgebildet hat. Das letzte Concert allein hat ihr reichliche Erndte gebracht, mehr als unser vereinter Beitrag für Lottchens Aussteuer beträgt; sie liebt aber das öffentliche Auftreten und die geräuschvollen Demonstrationen des hiesigen Publikums nicht, und zieht ihren viel mühsameren aber stillern Wirkungskreis als Lehrerin vor. Darum hat sie auch mit unsrer vollen Beistimmung einen neuen, sehr glänzenden Antrag auf die Bühne entschieden ein für allemal abgelehnt. »Meine Kunstbäckerei, um meine eigene werthe Person nicht zu vergessen, geht ganz splendid; unsere vaterländischen Zuckerbrezeln, Gugelhopfen und Fleischpastetchen sind hier meist gerner gesehen, als leider unsere lebendigen Landsleute. Hie und da geruhe ich auch noch, wie vor Zeiten daheim, mich im Wagen holen zu lassen, um das Arrangement großer Diners zu übernehmen, ziehe aber gleich unsrer Agnes die Thätigkeit daheim vor. Ein jeder treib' es, wie er's kann, Ein kleiner Mann ist auch ein Mann. »Wie unaussprechlich wohl es uns ist, seit wir nun ein vierblätteriges Kleeblatt bilden, das könntet Ihr Euch erst recht vorstellen, wenn's Euch möglich wäre, am Abend einen Blick in unser drawing room zu werfen, wo wir nach abgethaner Tagesarbeit uns um unsern Theetisch setzen, der stets mit einem Abfall meiner Kunstprodukte reichlich versorgt ist. Wir haben uns wohl immer lieb gehabt, liebe Schwestern, aber ich meine den ganzen herrlichen Segen der Familienbande lernt man doch erst in der Fremde kennen. »Ich muß manchmal an die Tante Commerzienräthin denken. Als ich sie vor vier Jahren um einen Vorschuß zu unserer Auswanderung bat, da schob sie ihre Brille hinauf, und sah mich verwundert und geringschätzig an: ›Hm, hm, ist meiner Zeit nicht der Brauch gewesen, daß Mädchen auswandern; wer schaffen will findet im Vaterland sein Fortkommen.‹ Nun, die Tante kann recht haben, doch zweifle ich, ob mein Hausjungferngehalt und der Agnes Musikstunden uns je im Vaterland zu einer so unabhängigen und sorgenfreien Existenz geholfen hätten. »Bei allem verhehle ich Euch nicht, liebe Schwestern, wir haben eine Heimath hier, aber kein Vaterland. Es kommt kein Sonntag, wo nicht eine recht innige Sehnsucht in uns erwacht nach deutschem Glockenklang, nach einem deutschen Kirchenlied und einem deutschen Familienkreis. Und im Stillen sei's gesagt, so oft wir uns am Wachsen unsrer Ersparnisse erfreuen, so wächst die Hoffnung, daß wir dereinst früher oder später die Früchte unseres Fleißes in der lieben Heimath mit Euch genießen können. »Mehr und mehr überzeuge ich mich, daß Angelika's Talent ihr hier weniger als im Vaterland Früchte tragen würde, selbst wenn ihre zarte Gesundheit die Seereise ertragen könnte. In diesem Land der Bewegung und des Wechsels nimmt man sich kaum Zeit zu einem Bilde zu sitzen: Daguereotype, die in drei Minuten fertig sind, das ist amerikanischer Geschmack. So ist es viel besser, sie lebt wie bisher ihrer Kunst und pflegt ihre Gesundheit, was ihr ja um so viel leichter wird, seit sie im Haus der edlen kunstsinnigen Gräfin eine Heimath gefunden. Ihre lieben seelenvollen Bildchen haben auch hier schon manches Auge und manches Herz erfreut, ihr theures Abschiedsgeschenk, Eure und der Eltern Bilder, sind und bleiben die schönste und liebste Zierde unsres schönsten Zimmers. »Aber, wird die Welt umgekehrt, daß unsre bescheidene Schwester Beate zu so hohen Ehren kommt? von Königin und Prinzessinnen umarmt und beschenkt, und zur Vorsteherin weiß nicht wie vieler wohlthätiger Anstalten ernannt wird? Ist sie denn nicht vor Demuth in die Erde versunken ob solchen Ehren, und wie nimmt sich denn die diamantenbesetzte Uhr auf dem unsterblichen dunklen Merinokleid unsrer lieben soeur grise aus? Wir könnten hier wohl auch solche Engel brauchen, liebe Beate, aber ihrer sind auch in der Heimath nie zu viel. Gehe Du fortan als Engel des Trostes durch die Reihen der Leidenden, in die Kämmerlein der Bedrängten; – ich freue mich von Herzen, daß Du in der Familie des würdigen Dekans auch die Freuden des eignen Hauses nicht vermissen darfst. »Adelheid wird, wie ich denke, nicht zögern, den ehrenvollen Ruf an die Erziehungsanstalt der Hauptstadt ihrer Gouvernantenstelle vorzuziehen, die, so einträglich sie war, doch eine freudlose und undankbare geblieben ist. Wir freuen uns herzlich dieser Wendung, die zwei unserer lieben Schwestern wieder zusammenführt. Auch Adelheid thut besser, im Vaterlande zu bleiben, Erzieherinnen dieser Art werden hier weder gesucht noch geschätzt; die jungen Damen aus höhern Kreisen werden in Pensionen ›schnellgebleicht‹. »Noch eins sei Euch im Vertrauen gesagt: wenn wir dereinst den schönen Plan ausführen, ins Vaterland zurückzukehren, so wäre möglich, daß wir nimmer vollzählig kommen. Ein Sohn des Doktor M., der unser treuer Schutz auf der Ueberfahrt war, spricht besonders häufig bei uns ein, seit die Schwestern hier sind, und er gibt Anna nicht undeutlich zu verstehen, wie gut eine so rüstige gewandte Frau für seine Farm passen würde. Was soll aber aus unsrem Garten werden, wenn Anna sich dereinst entscheidet, auf die Farm zu ziehen! »Auch mit Bertha weiß man nicht, wie es werden wird. Ein längst hier angesiedelter Landsmann, der in unsrer Nachbarschaft wohnt, hat immer etwas zu fragen und zu sagen bei uns, und unterhält sich überaus gut mit der fleißigen Putzmacherin. Er treibt ein sehr blühendes Gewerbe, welcher Art, schreibe ich aber noch nicht, Eure verwöhnten Näschen könnten sich noch in angebornem Vorurtheil rümpfen; hier denkt man darüber anders. Einstweilen nur so viel, daß er ein sehr gebildeter und sehr frommer Mann ist, er scheint fast zu ernst für unsere heitre flüchtige Bertha, und doch findet er großes Gefallen an ihr, und scheint zu glauben, daß oft auch in glatter zierlicher Schale ein guter Kern stecken kann. »So habe ich nun, wie die Mutter pflegte, uns alle an den Fingern zusammengezählt, und wenn ich so unsern Lebensgang bis hieher überdenke, so bleibt mir nichts zu sagen übrig, als das freudige Wort: der Herr hat's wohl mit uns gemacht! Wir haben frühe daheim gelernt uns fügen und uns rühren; das Brod, das für sechs verwöhnte Kinder nicht ausgereicht hätte, hat elf genügsame groß gezogen. Wir haben, Dank sei es unsern frommen Eltern, frühe gelernt, ein Bürgerrecht droben zu suchen, so waren wir nie heimathlos, noch ehe wir ein Plätzchen auf Erden gefunden, wo wir unser Haupt niederlegen konnten; wir haben frühe gelernt mit unsrem Pfunde wuchern und unsre Kraft brauchen, so daß die vielbejammerten elf Mädchen nun besser geborgen sind, als manches einzige Töchterlein reicher Eltern. »Ob uns Allen zusammen noch ein Wiedersehen auf Erden bestimmt ist? – ich wage es kaum zu hoffen, es liegt in Gottes Hand. Wir Alle aber haben die Hoffnung auf ein noch seligeres Wiedersehen, wo unsrem treuen Vater das schöne Wort vergönnt sein wird: Ich habe der Keines verloren, die du mir gegeben hast.« Das humoristische Pfarrhaus. In einer der anmuthigsten, am tiefsten ans Herz sprechenden Gegenden des lieben Schwabenlandes liegt ein nettes Dorf und darin ein Pfarrhaus, das man lange Jahre durch ein götterbegünstigtes, glückliches Hans nennen konnte, nicht allein weil tüchtige Söhne und blühende Töchter dort aufwuchsen, weil Friede und behaglicher Wohlstand darin wohnten, sondern zumeist weil der Herr, das Haupt und die Sonne des Hauses, zu dem gesegneten Geschlecht der Immergrünen gehörte, über deren Wiege schon ein besonders heller Stern geschienen; weil er einen unbeweglichen Quell frischen Lebens, heiterer Laune in sich trug, der erquicklich und labend das ganze Haus durchströmte. – Eine wundersame Gabe hatte der Pfarrer, allen Dingen des gewöhnlichen Lebens einen anmuthigen, poetischen, fast mährchenhaften Anstrich zu geben; durch alle Spiele seiner Kinder, durch alle anscheinende Tändeleien, mit denen er sich beschäftigte, durch alle Unterhaltungen mit seinen Freunden und Gästen zog sich dieser zauberische Hauch. Wie lockend klang schon am Morgen die Einladung zum Frühstück in der »Aurorahalle.« Und doch war das nur des Pfarrers Studirstube, gegen Morgen gelegen, nichts darin zu schauen von einer Halle, wohl aber Pfeifen, Bücher und Papiere sammt dem wunderlichen Hermeshausrath, den seine zahllosen Lieblingsbeschäftigungen nöthig machten; alles gefällig geordnet von der Hand der sorgsamen Hausfrau, eine heitere Mannigfaltigkeit, keine studirte Unordnung, wie sie heutzutage Mode ist, sondern eine unstudirte Ordnung. Aber das Hauptstück war am Mittelfenster des Zimmers ein kolossaler Vogelkäfig, Alhambra genannt, dessen Styl, wenn auch just nicht maurisch, doch gewiß ein anmuthiger war, mit seinen Kuppeln und Thürmen. Die gefiederten Gäste dieses luftigen Palastes waren auch so stolz auf ihren schönen Kerker, daß sie lustig, wie im Freien, umherflatterten, piepten und sangen, aus den kleinen Basins der Springbrunnen nippten und auf den grünen Tannenbäumchen umherhüpften. Es waren keine vornehmen Ausländer, keine Kanarienvögel oder Papageien, nein, Landeskinder, die auch einen Puff, d. h. einen guten schwäbischen Winter aushalten konnten, Meisen, Amseln, Finken, Emmerlinge. – Das Allerbeste aber in der Aurorahalle war die freundliche Gestalt des Pfarrherrn selbst, stattlich und ungebeugt, sein frisches, fast noch jugendliches Gesicht, der Mund, den stets der gutmüthige Humor umschwebte, dem man aber nicht so recht getraut hätte, wenn nicht so ein paar klare, treuherzige Augen darauf herunter geschaut hätten. Die Fenster des heitern Gemachs gingen in den »Park«; so hieß der kunstreich angelegte Pfarrgarten, der in einem etwa achtzig Schritt breiten Raume die mannigfachsten Anlagen, Blumenbeete, ein Wäldchen, ein Labyrinth und was alles noch enthielt. In der Mitte stand die Laube, wo Sonntags Nachmittags die Familie sich sammelte, um in recht gemüthlicher Ruhe zu »schwelgen,« d. h. Brod, Käse und Butter zu genießen. Wie das schlichte Zimmer und der kleine Garten, so trug alles im Pfarrhause ein festliches Gewand, und dieser farbige Lebenshauch mußte sich zuerst über die Kinderjahre der heranwachsenden Jugend des glücklichen Hauses ausgießen. Die einfachsten Spiele wußte des Vaters poetischer Sinn zu färben und zu schmücken. Mit silbernen und goldenen Pfeilen schoßen die Knaben aus ihren kleinen Armbrüsten, daß die hochfliegenden wie Sterne in der blauen Luft aussahen, und des Vaters geschäftige Hand hatte stets neue vergoldet, wenn sich die alten verflogen. Für die windigen Herbst- und Frühlingstage lagen sechs große Papierdrachen bereit, so daß, wenn sie über das Dorf flogen, das Geflügel sich ängstlich verkroch vor diesen Ungeheuern. – Einmal wurde über Berg und Thal eine »Sternenfahrt« angestellt zu einem unweit wohnenden Oheim, wobei man um Mitternacht ausfuhr, nur um die geheimnißvolle Zeit der schönen lauen Sommernacht zur Reise zu benutzen. Ein andermal wurde an der grünen Waldecke ein fröhliches Bankett mit den Freunden aus der Stadt begangen, um die Sonnenfinsterniß zu beobachten, oder es zog die ganze Familie in den duftigen schönen Wald hinaus, auf Abenteuer, wie es hieß, und sie zerstreuten sich und zogen durch Hecken und Gebüsche, um sich am Ende nach langer Verirrung wieder zu finden. Da galt's, wer die merkwürdigsten Abenteuer zu erzählen wußte! eins hatte fast gar ein Eichhörnchen gesehen und das andere wirklich einen Hasen, das dritte eine Quelle entdeckt und das vierte einen Schmetterling gefangen, dem Vater aber, dem waren die allermerkwürdigsten Abenteuer aufgestoßen, Riesen und Drachen, verzauberte Fräulein und Zwerge – die Kinder waren die Mischungen aus Wahrheit und Dichtung in seinen Geschichten so gewöhnt, daß sie nicht dadurch verwirrt wurden. Dann wurden die Zigeunerfamilien heimgesucht, die häufig draußen an der grünen Waldecke lagerten, und der Pfarrer ließ die Kinder einen Blick in ihr abenteuerliches Treiben thun, auch nahm er manchmal ein Paar der braunen Gesellen noch in der Nacht mit nach Hause, um seine Frau mit einem Ständchen zu überraschen, obgleich sie sich vor den schwarzen Burschen entsetzlich fürchtete. Und die Winterabende, die köstlichen Winterabende! wo draußen der Schnee fiel und in der warmen Stube der Vater mit Mutter und Kindern um den Tisch saß und die Spinnrädchen schnurrten und dazwischen die schönen Geschichten vom Vater vorgelesen und mit seinen eigentümlichen Bemerkungen gewürzt, eine eigene Wunderwelt in die einfache Pfarrstube zauberten. In alle Kinderphantasien und Spiele, die sonst von den Eltern allerhöchstens geduldet oder belächelt werden, ging er mit vollem Ernst und dem angelegensten Interesse ein, und das vor allem machte diese Kinderzeit so reich und schön. Und dann noch die Familienfeste! diese Sonnenblicke der nüchternen Häuslichkeit, die für das äußere Leben sind, was der Sonntag für das geistige, – Tage, wo die Kinder von selbst brav sind und die Eltern nicht zanken; wie reich an Festen war das Pfarrhaus! Geburtstage des Vaters, der Mutter, der verstorbenen Großeltern sogar, der Eltern Verlobungs- und ihr Hochzeittag, – die alle standen wie helle farbige Blumen unter Küchengewächs in der Reihe der gewöhnlichen Tage und erhielten die Herzen frisch. In all diesem Wechsel von Freuden und Genüssen stand dem heitern Spender dieser Lust die gute Pfarrfrau zur Seite, ein wahres Wunder einer nachgiebigen Ehefrau, die alle die bunten, oft seltsamen Einfälle des Gatten nicht nur geduldig gewähren ließ, sondern auch mit der besten, freundlichsten Laune in sie einging. Mochte der Pfarrer ihre Waschkammer zum Vogelhaus und zur Kaninchenhöhle einrichten; mochte er lebendige Meisen in der Stube halten, die zwar die Mücken fingen, aber zugleich die weißen Vorhänge jämmerlich beschmutzten; mochte er mit seinen Erfindungen und Beschäftigungen ihre netten Zimmer mit unermeßlichem »Grust« (laßt das unübersetzbare schwäbische Wort passiren!) erfüllen, sie keifte und klagte niemals, sie freute sich jedes Gelingens, tröstete über jedes Mißlingen und wußte mit leiser, nie störender Hand immer wieder Licht in das Chaos zu bringen. Stets hatte der Pfarrer ein freundliches Wort, einen harmlosen Scherz auf der Lippe; nur wenn er ernsthaft wurde, mußte man auf der Hut sein, denn sein größtes Gaudium war, in ernstem, trockenem Tone irgend eine fabelhafte Neuigkeit, eine merkwürdige Reisenotiz mitzutheilen. Gelang es dann, den Gast zu gespanntem Aufmerken, zu einem Ausruf der Verwunderung zu bringen, dann brach die ganze mitverschworne Familie, Söhne und Töchter, in den schallenden Ruf auf: »bemorscht, bemorscht!« und der »Bemorschte« brauchte eine gute Weile, um sich wieder in eine höfliche und respektirte Verfassung zu bringen. Mit jungen Neffen und sonstigen Kindern, die gar häufig die Ferien im allzeit fröhlichen Pfarrhause zubrachten, ging er in dieser Beziehung fast grausam um. Er erzählte ihnen so wunderliche Dinge, daß die Bursche oft nicht mehr wußten, was wahr und falsch sei in der Welt. Einer lief einmal zwei Stunden weit nach einem Bergkirchlein, um zu sehen, ob es wirklich, wie der Oheim gesagt, ein mächtiger Dom sei, über den man ein Verkleinerungsglas gestürzt. Der tiefe, feste Grund im Wesen des Pfarrers war aber eine innige, warme Seelengüte, ein Bedürfniß, glücklich zu sein und glücklich zu machen, das auch seinem Humor jeden Stachel brach, der hätte verletzen können, das ihm die heitere, lebensvolle Färbung gab. Zeuge dieses warmen Herzensgrundes war auch die Liebe, mit der ihm fast ohne Ausnahme das ganze Dorf anhänglich war, denn für den puren Humor an sich haben unsere Bauern bekanntlich wenig Sinn. Er gehörte nicht zu den schreiblustigen Pfarrern, die um jeden kleinen Dorfzwist, um jeden fehlenden Ziegel auf einer Armenhütte mit Pontius und Pilatus korrespondiren; aber eine offene Hand ist besser als eine fertige Feder, und viel tausend Zwistigkeiten, deren Grund sein helles Auge durchschaute, hat sein freundlich verständiges Wort geschlichtet, ehe sie vor den Gerichten zum unheilbaren Schaden wurden. Jedem Fragenden, jedem Bedrängten stand sein Ohr offen, und aus dem zutraulichen, herzlichen Gruß der Leute, wenn er durch's Dorf ging, ließ sich leicht hören, daß er war, was ein rechter Pfarrer sein soll, Freund und Vater seiner Gemeinde. Neben diesem guten und festen Grunde seines Wesens mahnte sein Thun und Treiben oft an ein Kaleidoskop, das stets wieder neue und überraschende Bilder hervorbringt. Mochte er auch immerhin seiner aufblühenden Jugend hie und da geschenktes Confekt confisciren und es selbst verzehren mit der Versicherung: »Seht, das ist mir gesund, weil ich der Vater bin, Euch wäre es schädlich« – sie haben darum nur um so bessere Zähne behalten – oder den Neffen Studenten ihre patenten Stöcke dabehalten und sich schönstens für das Geschenk bedanken: sie hatten junge Füße, um darauf heimzulaufen, und sind doch gern wiedergekommen. Ich glaube, es hat ihm nie Jemand etwas nachgetragen, nicht einmal seine Braut die Verlegenheit, in die er sie brachte, als sie mit einem gleichfalls verlobten Vetter gemeinsame Brautvisiten machten und dann die beiden Bräutigame beim feierlichen Abschied an der Treppe, Angesichts der begleitenden Damen vom Haus, rittlings das Treppengeländer hinabrutschten und den versteinerten Bräuten überließen, zu Fuß nachzukommen. Nicht zu zählen waren die Erfindungen und Beschäftigungen, bei denen die rastlos thätige Phantasie des Pfarrers oft hohen Sinn in kindisches Spiel legte. Sein erstes und letztes Steckenpferd, dem er treu blieb bis zum Tode, waren die Vögel, die er bald frei im Zimmer, bald in einer eigens zum Vogelwald geschmückten Kammer hegte, bis er später viele schöne Stunden auf den Bau ihrer Paläste verwendete, die bald in gothischem, bald in byzantinischem, bald in maurischen (stets selbst erfundenem) Style aufgeführt wurden. Diese Vogelhäuser, die den Raum eines ganzen Fensters einnahmen und ins Freie gingen, waren wahre Vogelparadiese, mit grünen Bäumlein und lebendigen Springbrünnlein; er hegte darin wie gesagt nur vaterländische Vogelarten, die unsern Sommer und Winter im Freien ertragen können, und sie wiegten sich fröhlich auf den Stänglein ihres luftigen Palastes und schauten verwundert in die Spiegelgläser, die oben in der gewölbten Kuppel angebracht waren. Gewiß haben auch diese Vögelein ein mährchenhaftes Traumleben geführt und die goldene Freiheit nicht beklagt. Dann tauchte eine minder lebendige Leidenschaft auf, die doch auch ihren Grund in der innerlichen Lust hatte, den geheimen Gängen der Natur zu lauschen: es wurden Thermometer verfertigt, ganz kunstvolle und nie dagewesene. Man wußte wirklich nicht, war mehr die namenlose Geduld des Pfarrers zu bewundern bei ihrer Ausführung, oder die der guten Hausfrau, welche die tausend Gegenstände respektiren mußte, die zu diesem Werk nöthig waren und ihre Tische bedeckten. Endlich schloß er diese mühevollen Werke ab mit einem Hauptstück, an dessen Spitze als Vignette die Hand der Ehefrau auf die Thermometer einen Bannstrahl schleudert. Darauf wurden transparente Lichtschirme verfertigt, die Uhren vorstellten, in deren Mitte das Werk einer alten Taschenuhr gesetzt wurde; ob sie aber später noch gegangen sind, weiß ich nicht. – Dann machte er Zauberspiegel, zusammengesetzt aus tausend verschieden gestalteten Spiegelgläsern, in der Mitte eine camera lucida , so daß dem Hineinschauenden sein Bild in den wunderlichsten Formen entgegenwirkte. – Und nun kam es an eine kunstvolle Ausarbeitung seines Familienstammbaums, auf dessen in bürgerlicher Ehrenhaftigkeit fleckenlose Mitglieder er so stolz sein durfte als irgend eine Erlaucht. Der wurde auf's zierlichste geschrieben und dann in sieben schön gearbeitete Kapseln gelegt, die er Särge nannte und denen er die mannigfaltigsten Formen gab: der äußerste war schlicht, dann wurden sie immer schöner bis zum innersten, der mit goldschimmernden Blumen, Sternen und Vögeln auf's wundersamste besetzt und geschmückt war. Während seine farbenreiche Phantasie sich so in den Werken seiner Hand spiegelte, ging eben so rastlos die Thätigkeit seines gebildeten, immer jungen Geistes fort. In seiner Jugend hatte er begeisterte Vaterlandslieder gedichtet, hatte auch die Fackel seines gutmüthigen Humors geschwungen und sich durch Satiren auf die Weiber das ganze Geschlecht zum Feinde gemacht, während keine Einzelne ihm je feind geworden war. – Das erste Werk seiner reifern Jahre war eine metrische Uebersetzung Schillers, seines deutschen Lieblingsdichters, in's Lateinische. Die langen Nächte, die diese mühsame Arbeit verschlang, hat Niemand gezählt, als die treue Hausfrau, die es manchen Seufzer kostete, wenn sein Licht eben gar nicht erlöschen wollte. Das geistige Leben im Pfarrhaus gestaltete sich natürlich immer bewegter, je mehr die Jugend heranwuchs und ihre eigenen Elemente hinein trug. Da wurden in den Ferien Trauerspiele verfertigt, zu denen jedes eine Scene beitrug, herzerschütternde Trauerspiele, rührend komische Stücke. Das liebste Spiel aber war ihm, Räthsel aufzugeben, eines der letzten Steckenpferde dieses räthsellosen Gemüthes, Räthsel von so eigentümlicher, humoristischer Art, daß der Schlüssel zu seinem ganzen Wesen dazu gehörte, um sie zu errathen; Vexirräthsel mitunter, mit denen man sich wochenlang abquälen konnte, während die Lösung unmöglich war, da er sich selbst gar nichts darunter gedacht. Wie sich selbst, verstand er auch Andern Freude zu machen, große Lust mit kleinen Mitteln hervorzurufen, und zeigte dabei einen bei Männern seltenen Zartsinn, eine unvergängliche Herzensjugend. Nur in gewöhnlicher Weise durfte nichts geschehen, und die Formen, unter denen er seine Ueberraschungen bereitete, waren manchmal mehr als sonderbar. Vor Allem ergötzte es ihn, seine gute Hausfrau immer wieder in neuer Weise mit einem Geburtstagsgeschenk zu überraschen. Einstmals, als die Kinder zum großen Theil schon nicht mehr im Vaterhause waren, dagegen aber die Tochter mit den Enkeln zum Besuch es belebte, war streng verboten worden, des Geburtstags zu erwähnen. Erst nach Tisch sagte er, »ja so, heut ist der Mutter Geburtstag, schad', daß Ihr nicht auch was Besonders aufgetischt habt, eine Chokoladetorte wäre zum Beispiel nicht übel.« Und ehe er noch das Wort gesprochen, trat die Magd ein, eine herrlich duftende Chokoladetorte präsentirend. Natürlich verwunderte sich die gute Mutter gehörig und freute sich dieser gemeinnützigen Ueberraschung. Am zweiten Tag sprach man nach Tisch von dem gestrigen Präsent; »Mandeltorte, Frau, magst Du aber, glaub' ich, doch noch lieber?« fragte der Pfarrer. »Das ist natürlich,« sagte die Frau, »die ist aber auch noch viel kostbarer,« und in dem Augenblick schwebte eine Mandeltorte über ihrem Haupt, mit der die Tochter leis hinter sie getreten war. Nach gehörigem Jammer über den großen Luxus wurde die zweite Torte zu unbeschreiblichem Jubel der Kleinen vertheilt. Am dritten Tage lenkte der Pfarrer wieder das Gespräch auf die Torten. »Ja höre,« meinte die Frau, »so üppig darfst Du meinen Geburtstag nicht mehr feiern; wenn ich aber noch einen erlebe, so kannst Du eine Mirinkentorte bestellen, das ist doch das beste.« Siehe da, wie auf einen Zauberschlag erschien unter der Pforte ein weißgekleideter Konditorjunge mit einer hochgethürmten Mirinkentorte. Es hatte den Pfarrer nicht geringe Mühe gekostet, diese Ueberraschungen einzuleiten und kostete ihn noch größere, die Frau mit diesem unerhörten Luxus zu versöhnen. Er hatte entdeckt, daß in das Fenster eines seiner obern Dachkämmerlein stets der erste Strahl der aufgehenden Sonne fiel, sogleich beschloß er, daß daselbst eine neue Aurorahalle erbaut werden solle. Bei der Herrschaft kam man um Herstellung einer Vikariatsstube ein, was dem nun gealterten Pfarrer, der sich bisher sehr anspruchslos erwiesen, gerne gestattet wurde. Die Frau war sehr dagegen: »Wir brauchen ja die Stube nicht, und haben keine Meubel dazu.« – »Ach, das gibt sich, wir haben schon noch so was Altes zum Hinaufstellen.« – »Nein, das verstehst Du nicht, wir haben kein entbehrliches Stückchen.« Trotz dieser Einreden schritt der Bau voran, war aber der Frau dermaßen ein Stein des Anstoßes, daß sie nicht zu bewegen war, darnach zu sehen. Als ihr Geburtstag wieder kam, sagte ihr der Pfarrer zum Morgengruß seinen freundlichen Glückwunsch; »sonst hab' ich dießmal nichts für Dich, ich werde zu alt, um für Ueberraschungen zu sorgen.« – »Thut nichts,« sagte die freundliche Hausfrau, »ich bin ja auch zu alt, um noch auf Überraschungen zu warten.« Nach dem Frühstück sagte er im Geschäftston: »hör', einmal mußt Du nun doch mit mir hinauf und sehen, was man für Meubel in die neue Stube braucht.« – »Ich meine, an meinem Geburtstag hättest Du mir den Verdruß ersparen können,« sagte die Frau verstimmt und schickte sich langsam an, ihm zu folgen. Der Pfarrer mit der langweiligsten Eheherrnmiene, die er auftreiben kann, schreitet voran und öffnet die Thür. Da war nun die Aurorahalle im schönsten Glanz der Morgensonne, die sich an den schneeweißen Wänden spiegelte, mit einfachem, geschmackvollem Geräth vollständig eingerichtet, alles neu, frisch und blank, wie eine Heimath für Neuvermählte. Auf einem wundersam zusammengesetzten Spiegeltischchen von eigener Fabrikation hatte das alte Kind sich selbst Weihnachten bescheert, da standen die seltsamsten grotesksten Figuren in Porzellan, Dragée und Gutta-Percha, die er nur hatte auffinden können. Alle Repräsentanten seiner Kunsterzeugnisse schmückten das niedliche Gemach: Thermometer, Lichtschirm, Zauberspiegel und die sieben Särge, in denen der Stammbaum verwahrt lag. – »Also darum mußt' ich gestern drei Stunden lang spazieren fahren!« rief die gerührte Frau, »und darum war die Auguste hier und ging wieder, ehe wir heimkamen!« Ja, Auguste Sophie, die älteste verheirathete Tochter hatte alles nach des Vaters Angabe besorgt und eingerichtet. Die vielverschmähte neue Aurorahalle wurde nun der liebste Aufenthalt der Pfarrfrau, ein freundliches Asyl, wo das alte Pärchen wieder zu den lieben Erinnerungen der Brautzeit und der Honigmonde zurückkehrte. Abermals kam ein Geburtstag. Es war jetzt gar stille im Haus, weder Kinder noch Enkel darin. Dießmal glaubte die selbstvergessene Hausfrau in allem Ernst, daß Niemand ihres Geburtstags gedenken werde. Früh, als sie noch im Bett lag, bringt ihr der Mann ein Büschelchen Spargeln. »Liebe Alte, nimm vorlieb, sonst habe ich nichts zu Deinem Geburtstag.« – »Ist genug, ich hätte gar nicht geglaubt, daß Du daran denkest, dank' Dir herzlich.« Später schickte sie sich an, in die Waschküche zu gehen. »Wohin willst Du?« fragte der Mann. – »Nur in die Waschküche, ich lasse heute einseifen.« – »Ei, warum fängst Du ein solches Geschäft an am Geburtstag.« – »Nun, es muß eben sein, ich bin ja kein Kind mehr.« Sie geht zur Waschküche und öffnet die Thür, verwundert, daß sich Magd und Wäscherin noch nicht dort eingefunden; der lieblichste Blumenduft strömt ihr entgegen, statt Seifengeruch und Waschdampf. In allen Waschzubern stehen die schönsten Blumentöpfe, Oleander, Kamelien, Rododendren, die hohe Aristokratie der Blumenwelt, an die sich indeß kaum ihre bescheidenen Wünsche von Ferne gewagt, auf dem Deckel des Waschkessels stand die herrlichste Theerose mit ihren feinduftenden Blüthen. »Der Herr Pfarrer haben die Wäscherin auf übermorgen bestellt und der Keuerleber (des Pfarrers Leibkutscher) steht mit dem Chaischen drunten.« Wohl oder übel, mußte die überraschte Frau sich vom Wäschgedanken trennen und zu einer Lustfahrt zu der Tochter entschließen. Manche solcher Ueberraschungen könnten nun freilich dem wohlhabenden Pfarrer doch als Luxus verübelt werden, wenn nicht seine Hand sich ebenso bereitwillig geöffnet hätte, wo es nicht ein eigenes Vergnügen galt. Der arme Taglöhner, dessen Kinder der Pfarrer im Vorübergehen hatte um Brod weinen hören, fand bei seiner Nachhausekunft einen gutgemessenen Scheffel Korn in seinem Häuschen. Der dürftige Provisor sah mit Schrecken, als er aus der Schule kam, seine Zimmerthür offen, seinen Kasten erbrochen, sein einziges ärmliches, geflicktes Sonntagsröckchen gestohlen, und erst Abends stillte sich sein Jammer, als er beim Zubettegehen einen vollständigen nagelneuen, soliden Anzug unter seiner Decke fand. Nicht für Alle ist es möglich, nicht für Alle ist es rathsam, so mit vollen Händen zu geben; wer es kann und darf, dem ist es zu gönnen, und verarmt ist der Pfarrherr nicht dabei. Daß sein fröhliches Leben auch ein gutes Leben gewesen, daß auf dem Grunde seines klaren Gemüths nicht nur der Erde helle Seiten, sondern auch der ewige Himmel sich spiegelte, davon hat er die letzte, die schönste Probe gegeben durch ein schönes, friedevolles Ende, dem er festen Blickes entgegen sah. Am selben schöngelegenen Orte, wo er seine junge Frau eingeführt, wo die Wiege all seiner Kinder stand, blieb er bis zum letzten Tag, wo man ihn an seiner Gattin Seite niederlegte zur tiefsten, letzten Ruhe. Du zürnst mir wohl nicht, du freundlicher Pfarrherr, daß ich dein lebenswarmes Bild noch einmal heraufbeschworen. Möge ihm im Tod noch gelingen, was ihm im Leben so oft gelang, freundliche Gesichter und frohe Herzen zu machen! Das genügsame Pfarrhaus. Das genügsame Pfarrhaus ist eigentlich gar kein Pfarrhaus, wenn man nämlich darunter ein ordentliches, zu diesem Zweck bestimmtes herrschaftliches Gebäude versteht, das von der Finanzkammer unterhalten, vom Kameralamt besichtigt und vom Bauinspektor revidirt wird. Gerade deswegen ist es so genügsam, weil es keines ist, und doch an Friede, Freude und Wohlbehagen so reich, als das beste Pfarrhaus im ganzen Schwabenland. Um das zu zeigen, möchte ich euch nur ein Paar Tage in dem Pfarrhaus mitleben lassen. So laßt Euch denn an einem Samstag Abend einführen, wo durch alle Pfarrhäuser ein festlicher Vorhauch des Sonntags weht oder doch wehen sollte. Eben werden die schmutzigen Straßen des kleinen Dorfes, das zu arm ist, um ein Pfarrhaus zu bauen, von einigen fleißigen Weibern in erträglichen Stand gesetzt; in der Reihe der Bauernhäuser steht ein etwas größeres, das sich durch nichts auszeichnet, als daß zwischen einer tiefen Gülle und einer Dunglege von massiverem Gehalt ein recht reinlicher Weg zu der getheilten Hausthür führt. Das Parterre, durch dessen geöffnete Fenster die Hühner freien Aus- und Eintritt haben, sieht eben nicht besonders einladend aus, im obern Stock dagegen sind die Fenster so spiegelhell, als es ihre theilweise Altersblindheit nur immer zuläßt, schneeweiße Gardinen, von der Art, die man sonst Neidhammel nennt (ein Name, der aber bei unsrem genügsamen Pfarrhaus schlechterdings nicht angewandt werden darf), und ein Blumenbrett, ziemlich roh gezimmert, auf dem Levkoy, Goldlack und Nelkenstöcke so zierlich geordnet stehen, daß kein Mensch ahnt, daß sie eigentlich in zerbrochenen Milchtöpfen blühen, geben dem Ganzen ein so freundliches Ansehen, daß wir nicht fehlgehen, wenn wir in diesem bescheidenen Lokal das Surrogat für's Pfarrhaus vermuthen. Wir behalten uns die Einsicht in die Zimmer für später vor, da sie nun eben geschlossen sind, um ihren Sonntagsputz nicht zu verderben, und gehen in das Gärtchen hinter dem Haus. Ein kleines Stückchen Land, aber hübsch in Ordnung, und prangend in all dem Glanz einer ländlichen Flora mit Pechnelken, Sonnenblumen und Gretchen im Busch. In der Ecke ist ein Fliederbaum zu einer Art von Laube gezogen; auf der schmalen Bank, vor dem höchst ungekünstelten Tisch darin, sitzt ein junges Frauenzimmer, ruhig mit einer Handarbeit beschäftigt, von der sie gar oft auf den Feldweg hinausblickt, der sich am Gärtchen hin dem Walde zuzieht. Das runde anspruchslose Gesichtchen sieht noch gar zu jung und mädchenhaft aus den blauen Augen, um schon einer Pfarrfrau zu gehören, wäre ich aber Pfarrer, ich dächte, ein solches Gesichtchen mit dem unnachahmlichen Ausdruck des Frohsinns und innerlicher Zufriedenheit müßte eine Zierde für das schönste Pfarrhaus im ganzen Schwabenland sein, auch wenn es von keinem schönern Schmuck als dem verschossenen blauen Kattunkleidchen und der schwarzen Schürze gehoben wäre, die »Jungfer Klara,« so ist sie im Dorf genannt, heute trägt. Außer dem Ersehnten, den sie von dem Feldweg her zu erwarten scheint, muß sie neben sich auf der Bank noch einen besonders anziehenden Gegenstand auf einem Teller haben, denn sie guckt hie und da mit stillem Vergnügen unter die grünen Blätter, mit denen es bedeckt ist, wie um sich zu versichern, ob es auch gewiß noch vorhanden sei. Jetzt aber erscheint auf dem Fußweg eine lange, schmale, schwarzgekleidete Gestalt, die gar niemand anders gehören kann, als dem Pfarrverweser, der als Surrogat für den Pfarrer dies Pfarrhaussurrogat bewohnt. Klara will ihm freudig entgegen springen, aber mit Rücksicht auf den verborgenen Schatz in der Ecke, der dann entdeckt werden könnte, besinnt sie sich und näht eifrig an den Ueberschlägen fort, die sie eben aus dem einzigen Battistsacktuch verfertigt, das sie von der Konfirmation her noch besitzt. »Ei, ei, Klärchen, immer sitzen an dem schönen Abend?« sagt der eintretende Bruder, »und Du hast mir doch von einer Menge wichtiger Gänge gesagt, die Du zu machen hättest; . . . .« – »O, ich sitze kaum seit zehn Minuten,« rief Klara, ihm freundlich die Hand bietend. »Aber warum bist Du nicht mit mir gegangen? es war so gar schön draußen.« »Herr Bruder, Herr Bruder!« sagt Klärchen lächelnd mit dem Finger drohend, »das ist die pure Heuchelei; meinst Du, ich habe neulich nicht gehört, wie Du zum alten Pfarrer von N. sagtest: so lieb Dir sonst Gesellschaft zum Spazierengehen sei, so sehr ziehst Du's vor, am Samstag Abend allein zu gehen, weil unter freiem Himmel die schönste Studierstube sei. Und das ist ja so ganz natürlich,« fügte sie begütigend hinzu; »jetzt aber setz Dich nur zum Essen, Du wirst hungrig sein, Du bist gar lang gegangen, unsere Milch ist schon seit einer Stunde angerührt, thut aber nichts, sie wird immer besser durch's Stehen; nicht war, wie lauter Rahm?« meinte sie, indem sie die grüne irdene Schüssel aufdeckte und die Teller und zinnernen Löffel zurecht legte. Der Bruder nahm Platz auf der Bank so gut es ging, sprach das Tischgebet und die Geschwister schickten sich zur Mahlzeit an, unbeirrt von jeweiligen Vorübergehenden, deren Neid durch das frugale Mal keinesfalls geweckt werden konnte, wenn auch hie und da ein Blick in den grünen Versteck fiel. »Wie froh ich war,« hub Klara unter dem Essen an, »daß ich nicht mit Dir ausgegangen bin, ich hab' Dir eine solche Freude gehabt!« »Das wäre!« lächelte der Bruder, schon bekannt mit der Beschaffenheit der »großen Freuden« seines Schwesterleins, »hat etwa die alte Henne wieder ein Ei gelegt?« »Ei, lach mich nur aus,« sagte Klärchen ernsthaft, »das ist doch gewiß ein Glück, daß die alte Henne, die ich so wohlfeil gekauft, nur um Dir eine recht gute Suppe zu kochen, nun erst wieder anfängt zu legen, so daß ich schon das sechste Ei von ihr habe! es ist aber erst was anderes diesmal. Zuerst kam des Müllers Hannchen und brachte mir den schönsten Blumenstrauß; so schön! Du wirst Dich wundern, wenn Du hinauf kommst, und ich fragte sie, ob ihr auch daheim erlaubt sei, die schönen Blumen zu brechen, da sagte sie, sie hab's ihrem Vater selbst gesagt und dem sei's ganz recht, und Du weißt doch, wie Dir der Müller feind war wegen des Mehls, das Du für die Armen von auswärts kommen ließest; da hat mich's nun so gefreut, gelt, jetzt kann er doch nichts mehr gegen uns haben? – und dann noch was, aber Du lachst mich aus?« – »Behüte,« sagte der Bruder mit seinem ernsthaftesten Gesicht. – »Da ist die kleine Marie der Hausfrau, die wollt' ich schon seit drei Tagen eine Schleife knüpfen lehren, das Kind wollte aber durchaus nicht, und wurde ganz unartig, so daß ich sie gehen ließ und selbst ärgerlich über sie war; nun sagt mir die Hausfrau, sie sitze schon drei Stunden in einer Ecke und knuppere an einem alten Band, auf einmal kommt sie zu mir heraus gesprungen, ›guck, Jungfer Klara, des geb i dir‹, und hat eine ganz rechte Schleife geknüpft, – ist das nicht nett?« »Herzig,« meinte der Bruder, »aber Du vergißt ja ganz, Milch zu essen, und läßt sie mir allein.« »Nein, so ist's nicht gemeint,« rief Klärchen und aß jetzt eifrig, um die Milchschüssel zu expediren, und man konnte aus dem schlauen Ausdruck ihres Gesichtchens wohl vermuthen, daß sie nachher noch einen wichtigen Staatscoup im Sinn habe. Richtig, sie stellte die Milchschüssel sammt Löffeln und Tellern vor die Laube und ließ nur das schwarze Brod auf dem Tisch, »hör', Gustav,« fing sie nun an, »findest Du nicht, daß die Milch wirklich immer recht gut ist?« »Gewiß, gewiß, wie alles, was meine vortreffliche Mamsell Soeur bereitet.« – »Ach nein, im Ernst, schmeckt sie nicht ganz wie Rahm?« »Ja delikat, im Ernst.« »Und nun sieh!« und mit strahlendem Gesicht stellte Klara das verdeckte Gericht aus der Ecke auf den Tisch und enthüllte unter den grünen Blättern ein goldgelbes Bällchen frische Butter. Der Bruder wußte noch nicht recht, was das bedeuten sollte; »ja sieh, das ist lauter Profit,« rief sie, fröhlich in die Hände klatschend, »und Du hast's gar nicht gemerkt! Ich habe gefunden, daß auch die abgerahmte Milch delikat wird, wenn man sie gehörig lang rührt, da habe ich sie schon seit 8 Tagen abgerahmt und in einem irdenen Topf die Butter ausgerührt, und die kostet jetzt keinen Kreuzer!« »Das ist aber ein enormer Luxus, noch nach der Milch,« lächelte der Bruder, der ein großer Freund von frischer Butter war. »Ei, das ist auch nur für Dich, eine kleine Vorspeise auf den Sonntag, mein Magen ertrüge das gar nicht; aber Morgen Abend siede ich dann von den köstlichen Kartoffeln dazu, weißt, von den blauen, dann haben wir gleich ein Sonntagsessen;« und mit leuchtenden Augen sah Klärchen zu, wie der Bruder bedeutende Breschen in die ungehoffte neue Eroberung machte, so daß sie fast vergessen hätte, die Überschläge wieder vorzunehmen, die doch auch »lauter Profit« waren. Endlich fiel dem Bruder ein, daß die Butter auch noch eine Sonntagsmahlzeit geben müsse; es wurde kühl im Gärtchen und Klara packte eilig das Geräth zusammen, hätte sie doch dem Bruder gern bei Tag gezeigt, wie schön jetzt das Zimmer mit Hannchens Blumen geschmückt war. Das Wohnzimmer, zugleich des Bruders Schlaf- und Studierzimmer, war wirklich interessant durch seine Einrichtung, die, aus keiner Mode- oder Musterzeitung entlehnt, als ganz selbstständige Thatsache dastand. Der große, weit vorspringende Kachelofen bildete zugleich eine Art Alkoven, in dem des Bruders Bett ein gesichertes Plätzchen hatte, was jetzt im Sommer sehr angenehm war, und auch im Winter nicht so beschwerlich als man hätte denken sollen, da man zur Holzersparniß das Feuer bald ausgehen ließ; der Amtsverweser machte dann seine Studien im Bett und Klara war in der Stube der Hausfrau unten ein hochwillkommener Gast, wo sie allezeit etwas Hübsches vorzulesen oder zu erzählen hatte und damit einen Kreis junger Mädchen um sich versammelte. An dem einen Fenster, das in's Freie ging, stand ein sehr baufälliges Pult, das aber mit einer großen Konkordanz so wirksam unterstützt war, daß man seinen defekten Zustand kaum bemerkte; – äußerst symmetrisch waren in beiden Ecken des Zimmers zwei Koffer auf hochbeinigen Gerüsten aufgestellt, die der geschickte Knecht des Hausherrn nach Klara's Angabe konstruirt hatte; diese Koffer vertraten die Stelle von Weißzeugschränken, für die Kleider war »zum größten Glück« in der Kammer ein geräumiger Wandschrank vorhanden. Die Stube hatte noch zwei Fenster an der Vorderseite, die auf die Straße gingen, zwischen diesen stand ein rechtes wirkliches Tischchen, das zugleich zur Speisetafel und zum Arbeitstisch für Klara diente, als Sonntagsputz aber mit einem alten rothen Shawl von Klärchen bedeckt war, der sich geberdete, wie ein eleganter Tischteppich (für festliche Gelegenheiten, Besuch aus der Nachbarschaft \&c., hatte Klärchen auf dem Boden eine alte Fallthür entdeckt, die sich mit gutem Erfolg als Tischplatte verwenden ließ). Ueber dem Tischchen hing ein Spiegel, dessen schiefziehendes Glas als ein gutes Präservativ gegen die Eitelkeit dienen konnte, der aber mit einer Epheuguirlande so hübsch dekorirt war, daß er in der That viel größer erschien, als er eigentlich war; auf dem Tischchen nun standen in einem Milchtopf geschmackvoll geordnet die schönen Blumen aus Müllers Garten. Denkt nun von diesem Ameublement wie ihr wollt, ich versichere euch, mit den weißen Vorhängen, dem reingescheuerten Boden und den hellen Fenstern nahm sich's so freundlich aus, als nur irgend ein eleganter Salon, besonders wenn ein Paar helle blaue Augen, wie Klärchens, es so seelenvergnügt betrachteten. Der Bruder bewunderte die Blumen gehörig und rühmte besonders den herrlichen Geruch als wirksames Gegenmittel gegen den Duft vom Kuhstall, der sich gegenwärtig sehr unangenehm bemerkbar mache. »Nein, wie Du undankbar bist,« sagte Klärchen vorwurfsvoll, »bist Du denn nicht wirklich gesunder, als je in Deinem Leben, und glaubst Du nicht, daß Du das dem Kuhstall verdankst, dessen Ausdünstung so bruststärkend ist? Andre Leute suchen mit Mühe und Kosten Wohnungen über Kuhställen auf, und wir haben's von selbst! und noch dazu kommt der Geruch blos durch die vordern Fenster, wenn man die schließt und das andere öffnet, so kommt von weitem der herrlichste Waldgeruch herein!« Nun mußte Klara das Geschirr reinigen und ein wenig nachsehen, wie Katharina, die große Tochter der Hausfrau, die erst seit Kurzem angefangen, unter ihrer Anleitung Samstags die Stube hübsch herzurichten für den Sonntag, ihre Sachen angriff, dann brachte sie die angezündete Lampe dem Bruder auf's Pult und setzte sich mäuschenstill zur Seite mit ihrem Strickzeug. um seine Studien nicht zu stören, bis die Stunde schlug, wo sie sich in die anstoßende Kammer, die an allerhöchster Einfachheit noch den Preis über die Wohnstube davon trug, zur Ruhe begab. Der Sonntag Morgen war angebrochen, so hell und schön, wie man sich nur einen Sonntag Morgen denkt. Obgleich Klärchen bereits in ihrem bescheidenen Sonntagsputz waltete, so war der Sonntag Morgen doch noch kein Ruhetag für sie. Zuerst hatte sie im Haus alles auf's sorgfältigste zu beschicken, dann half sie der Hausfrau ihre kleinen Mädchen strählen und zöpfen und eilte damit, um dem Bruder beizeit in seinen priesterlichen Ornat helfen zu können, eh sie, ein Weilchen vor ihm, zur Kirche ging; denn aus Ehrfurcht vor der geistlichen Würde wollte sie nie zugleich mit ihm gehen. Jetzt aber war alles bereinigt, die Stube sah so sonntäglich und still aus, wie ein Hauskirchlein. Der Bruder war schon gerüstet, und so standen die Geschwister, eh das Läuten begann, noch still beisammen und sahen zu, wie die Dorfbewohner sich in kleinen Truppen zum Kirchgang anschickten, – da fühlte der Bruder einen Tropfen auf seiner Hand und sah erstaunt aufblickend Klara's Augen in hellen Thränen stehen. »Du weinst, Klärchen, was hast Du?« Die sah aus ihren Thränen so freundlich wie ein Mairöslein, »ach laß mich, es ist ja aus lauter Freude und Dank, daß mir's so gut geht; ja, und ich schäme mich auch, daß ich oft so verzagt und unmuthig habe sein können. Weißt, nach der Mutter Tod, wie ich bei der Frau Base war, wo wir den Kaufladen hatten, und dazu den Weinschank, da gab's eben gar keinen Sonntag; wenn ich zehnmal mein Buch zur Hand nahm, mußte ich's zehnmal wieder weglegen, an die Kirche war oft in sechs Wochen nicht zu denken, da war ich manchmal recht trostlos; die ganze Woche kam mir ohne Segen vor. Da schicktest Du mir einmal den Spitta, wo ich in dem schönen Morgengebet die Strophe fand: Ich bitte nicht: gib mir viel äußere Stille, Nein Herr. auch hier geschehe ganz dein Wille, Doch gib du mir ein kindlich stilles Herz. Das tröstete mich ein wenig und ich versuchte im Herzen den Sonntag zu feiern, aber es wollte doch nicht recht gehen und ich meinte oft, ich werde in meinem Leben keinen Sonntag mehr haben. Und nun habe ich so schöne, stille Sonntage und darf das Gotteswort unverkümmert hören und von Dir! « – Der Bruder sah sie an, auch mit feuchtem Auge; was sie ihm gewesen, wie sie, ohne es zu ahnen, in sein durch Zweifel und lange Herzenseinsamkeit verstörtes Gemüth Licht und Frieden, Glauben und Lebensmuth gebracht, das konnte er ihr nicht mit Worten sagen, darum behielt er's lieber im Herzen. Das Glöcklein von dem alten baufälligen Kirchlein unterbrach Klärchens Freudenpsalm, – freundlich grüßend schloß sie sich dem Zug der Dorfweiber an, um so die Feier ihres Sonntags zu beginnen, der vom Kirchgang bis zum Abendspaziergang eine ununterbrochene Kette von Freuden für sie war. So freudenreich sind aber nicht nur Klärchens Sonntage, nicht nur die Abende, wo sie einen so unerhörten Profit gemacht hat, wie den mit der frischen Butter, – sie hat für jeden Tag ein besonderes Vergnügen, und das größte darunter ist ihre Industrieschule, in die wir sie am folgenden Nachmittag begleiten. Die Industrieschule ist keine neue Stiftung von Klärchen, sie hat sie schon vorgefunden als sie vor einem halben Jahr des Bruders »ständige Amtsverweserei« mit ihm bezog, aber wie? – Unter der Leitung einer halb blinden Nähterin kamen vielleicht sechs oder acht der vielen Mädchen im Dorf mit einer verwahrlosten Arbeit, freudlose verdrießliche Geschöpfe, die durch das Keifen der Nähterin, durch das Geschrei kleiner schmutziger Geschwister, die ihnen nachgelaufen kamen, eben nicht aufgeheitert wurden. Schläfrig rückte das Geschäft vor, trotzig und mißvergnügt bei jedem Tadel der alten Lehrfrau liefen die Mädchen heim, wenn es ihnen einfiel; den Müttern war der Wunsch der jeweiligen Pfarrverweser, die Kinder in die Industrieschule zu schicken, höchst ungelegen, »geht schon viel Zeit mit der Schule drauf und die Mädchen lernen doch nichts.« Das Dorf war arm und der trübselige zänkische Geist, der sich leider so oft in die vielgepriesenen »friedlichen Hütten der Armuth« niederläßt, hatte schon die Seelen der Kinder vergiftet. Nun sah's anders aus, seit Klärchen waltete. Eine große Anzahl saubergewaschener Mädchen (es blieb keine gern zurück) sitzt schon vor dem bestimmten Stundenschlag in der Schulstube mit den unerläßlichen kleinen Geschwistern; die Vorposten, die von dem Schulhaus bis an Klärchens Hausthür aufgepflanzt waren, um sie »auszupassen,« melden ihre Ankunft, die Kinder rüsten sich zum Empfang und ein Chorruf von »guten Morgen, Jungfer Klara!« schallt ihr entgegen, alle Hände strecken sich aus, um den ersten Patsch zu bekommen; »wer hat die saubersten Hände?« fragt Klärchen scherzend, »ich, ich!« und jedes besieht die seinigen wieder und sucht etwaigen Schmutz mit dem Mund oder den Kleidern zu reinigen, wahrend Klärchen allen nach und nach die Hand gibt. Eh sich nun aber die Lehrstunde ordnet, haben Alle der Jungfer Klara etwas zu bringen oder mitzutheilen. Das eine hat ein neues Verschen gelernt, das andere ein Lob vom Schulmeister, eins kommt mit einem Sträußchen, das andere mit etwas Obst, – alle wissen Neues zu erzählen, bei dem Kätherle ist seine Dote gewesen, in des Ameiles Garten sind die Nägelein aufgegangen und das Agnesle hat gestern Nacht den Sternwagen am Himmel gesehen, gerad so wie's ihr die Jungfer Klara gezeigt hat. Ein kleines Mädchen sitzt ganz still und hat nichts zu geben und zu erzählen: »Aber Bärbele,« fragt Klara, »Du hast ja heut Nacht ein Schwesterlein bekommen?« – »Jo.« – »Habt ihr eine rechte Freude?« – »Noa. Der Vater sait, er häb' Mädla gnuag.« – »Ach das ist ein Spaß vom Vater, gib acht, wenn Du recht fleißig wirst und ihm helfen kannst, so sagt er: wenn ich nur noch mehr so brave Mädchen hätte, wie mein Bärbele.« Das Bärbele verzieht doch den Mund ein wenig zum Lächeln. »Und hast Du schon gesehen, was das Schwesterlein für nette Händlein hat?« »Noa.« – »Und für herzige Aeuglein, wo auf jedem ein ganz kleines Bärbele 'raus guckt?« Das Bärbele schaute groß auf, daheim hatte niemand von des Kinds Aeuglein gesagt. »Jetzt gib nur Acht, wie nett das ist, wenn es die Aeuglein aufmacht, und hüt' es recht fleißig, dann lacht's Dich einmal zuerst an.« Dem Bärbele war das Schwesterlein nun auf einmal wichtig geworden, und sie konnte kaum erwarten bis sie heim durfte. Jungfer Jakobine, die alte Nähterin, die Klärchen in ihrer Würde gelassen und bestärkt hatte, kam jetzt an, die Mädchen gingen auf ihre Sitze und an die Arbeit, Klärchen sammelte die Kleinen, die seither auf dem Boden herumgekrabbelt, und sagte: »So, jetzt mach ich eine große Reise, wenn ich wieder komme und ihr bekommt ein gutes Zeugniß von Jungfer Jakobine, so erzähle ich eine schöne Geschichte und dann singen wir.« Das war nun ein Eifer unter den Mädchen! Nun ging Klärchen mit den Kleinen in den Hof, wo sie statt allen kostbaren Spielzeugs einen Karren Sand hatte aufschütten lassen, eine unerschöpfte Quelle der Belustigung; da machte sie ihnen Gärtchen, Berge und Thäler in dem Sand, bis es Zeit war zu den Großen zurückzukehren, das ältere Mädchen, die nun an ihrer Statt die Kleinen hüten mußte, durfte dafür morgen zu ihr kommen und die versäumte Geschichte hören. So verging der Nachmittag, und glücklich wie immer kam Klärchen heim. So hatte sie verstanden, leise und allmählig der Kinder Herzen aufzuthauen und ihren Blick hell zu machen für die kleinen Freuden des Lebens, die jedem offen stehen, dem Reichen wie dem Armen: Blumen und Bäume, Kinder und Vögelein, alles wurde jetzt den Kindern zu einer Quelle der Lust, und in so vielen jungen Augen durfte sie nun den Abglanz ihrer Herzensfreundlichkeit sehen. Es war bald Abend, als sie nach Haus kam, da kommt ihr der Bruder eilig und sorgenvoll entgegen: »Klärchen, was anfangen? wir bekommen einen Gast!« – »Ist das so arg?« fragt Klara lächelnd, »wir haben ja schon mehr gehabt.« »Ja, aber nicht zum übernachten; mein Universitätsfreund, der Erne, den Du auch einmal als Student gesehen hast, ist hier, er hat beim Schultheißen, zu dem er eben gegangen ist, ein Geschäft wegen eines Schuldners und will bei uns übernachten, wo nehmen wir Platz her, wo ein Bett? und das Essen? Erne ist verwöhnt, so ein reiches Muttersöhnchen!« Klärchen aber hatte mit der Geistesgegenwart einer ächten Hausfrau bereits ihre Vorräthe in Gedanken überschlagen (war freilich bald geschehen) und war schon beruhigt. Das Essen machte ihr gar keine Sorge: »weißt Du nicht, daß wir noch grünen Thee in der Büchse haben? Thee ist ein recht anständiges Abendessen; nur schad, daß unsere eigene Butter zu End ist, aber ich weiß ein Weib, die heute ausgerührt hat; freilich gehört zu einem eleganten Thee nachher Schinken oder kalter Braten, das gibts hier nicht, aber halt! weichgesottene Eier gibt man ja in England dazu und ich habe ganz frische, weißt, von unsern eigenen,« und Klärchen begann ihre Tafel zu rüsten und Anstalten zu treffen, ganz glücklich, daß sie so ein Haus mache. Der Gast kam viel früher als sie erwartet hatten, und Klärchen hatte noch gar nicht an's Nachtlager für ihn gedacht! Gar gern hätte sie die Herrn ein wenig spazieren geschickt, um das große Problem zu lösen, wie man drei Betten aus zwei macht, aber es begann eben zu regnen und der Gast war so gut aufgelegt und unterhielt das Geschwisterpaar so lebendig, daß sie eine Weile ihrer Sorgen vergaß. Mit dem Schuldner, da war's freilich eine verdrüßliche Geschichte, er hatte wenig Aussicht auf Bezahlung. »Das ist nun das dritte Kapital von meines Vaters Erbe, mit dem ich in Gant gerathe,« sagte er verdrüßlich zu dem Pfarrverweser, »wie geht denn Dir's?« »Ich bin noch mit keinem Kreuzer in Gant gekommen,« versicherte er treuherzig, »mit keinem Pfennig,« bestätigte Klärchen fröhlich lachend, indem sie aufstand, um ihren Thee zu serviren. Das Theegeräthe war etwas mangelhaft: ein irdener Kochtopf vertrat die Stelle der Theekanne, und um die Blätter abzuhalten, mußte der Thee durch den eisernen Schaumlöffel gegossen werden; Milch, Brod und Butter war aber vortrefflich und Erne zeigte sich nicht als verwöhntes Muttersöhnchen, er that der Bewirthung alle Ehre an. Aber inmitten der fröhlichen Unterhaltung und ihres wirthlichen Waltens fiel dem Klärchen die Beherbergung des Gastes wieder schwer auf's Herz. – Die Bäuerin hatte wohl drunten in dem Kämmerlein, das zugleich Klärchens Vorratskammer war, eine leere Bettstelle, in der vor Zeiten der Aehne geschlafen hatte, aber die Betten darin waren längst vertheilt; nun hatte sie gedacht aus Bettstücken von ihrem und des Bruders Bett ein drittes zu konstruiren, aber der Gast saß just in der Stube, wo das Lager des Bruders stand, und ihr Kämmerlein hatte keinen eignen Ausgang; dies Kämmerlein für den Gast zu räumen, ging auch nimmer an, da es der unbedachte Bruder bereits als seiner Schwester Zimmer genannt hatte. Nun kam aber dem Klärchen eine gescheidte Idee, – sie ging hinunter und hieß nun in der Dämmerung der Hausfrau Mädchen sich im Gärtchen aufstellen, das unter ihrem Kammerfenster war, dann ging sie oben in ihr Kämmerlein und warf dem Mädchen ihr Bett hinunter; einen Strohsack gab ihr die Bäuerin dazu und sie und die Kathrine räumten und kehrten und putzten die alte Milchkammer dergestalt her, daß sie einem ganz respektablen Gaststüblein, – wenigstens einem Bruderloch, wie man Gaststübchen zweiten Rangs betitelt, – ähnlich sah. Denn das Klärchen war ganz blutdürstig geworden und hatte jeden brauchbaren Artikel ihres Gemachs nach und nach hinunter geworfen; den netten in Papier gefaßten Spiegel, den ihr der Bruder auf dem letzten Jahrmarkt gekauft, praktizirte sie unter der Schürze hinunter, Blumen schaffte Kathrine herbei, kurz, es machte sich höchst anständig und sie setzte sich wieder ganz unbefangen, als ob nichts geschehen wäre, zu den Herrn. Der Bruder war indeß wie auf Nadeln gesessen mit der heimlichen Frage: Kann ich denn Betten aus der Erde stampfen, Wächst mir ein Zimmer auf der flachen Hand? Das Klärchen aber versichert nur so en passant, das Gastzimmer sei längst gerüstet, wie? war dem Bruder ein Räthsel, und höchlich erstaunte er, als er ziemlich spät dem Gast hinunter leuchtete, die alte Rumpelkammer so gar nett zugestutzt zu finden. »Aber, Klärchen, wie hast Du's denn gemacht?« »Ging alles ganz gut, leg Dich nur schlafen!« rief Klärchen und ging eilig in ihr Stübchen, damit er nicht sehen sollte, wie sie es zu Gunsten des Gastes geplündert hatte. Das Klärchen war früh am Morgen wieder wach und munter, um neue Anstalten zur Bewirthung des Gastes zu machen, der noch tief in den Federn steckte, ohne Ahnung, daß seine freundliche Wirthin dafür sich mit dem Strohsack begnügt hatte. Nach langem Kampf, ob sie nicht sogar der profitablen Henne an's Leben solle, entschied sie sich aber doch für eine andere Mahlzeit, die wie das Abendessen unter Lust und Scherzen verzehrt wurde. Viel so luxuriöse Gäste hätte freilich das genügsame Pfarrhaus nicht brauchen können: mit dem Quantum Kaffee, das Klärchen heut zum Frühstück verwendete, hätte sie den Bruder wohl eine Woche lang erquickt, denn sie selbst trank keinen und behauptete, Milch sei ihr viel gesunder. Als sie gar noch des Nachbars Michele in die Stadt sandte, um Fleisch zu holen, und abermal einen Griff in des Bruders Pult machte, der die Kasse enthielt, da fragte der leise ganz ängstlich: »wirst doch den Kronenthaler nicht genommen haben?« was den Gast, der's zufällig hörte, zu herzlichem Lachen brachte. Nein, der Kronenthaler war's nicht gewesen, und die glücklich einfallende Taufe aus dem Haus eines der Dorfhonoratioren hätte das Geschwisterpaar in Stand gesetzt, diese üppige Lebensweise noch länger fortzusetzen, wenn nicht der Gast wieder abgereist wäre. Dieser Besuch und die äußerst honnete Weise, mit der man ihn bewirthet habe, füllte wieder ein neues rosenfarbenes Blatt in Klärchens Erinnerungen. Ob die holdselige Wirthin auch bei dem Gast einen so freundlichen Eindruck hinterlassen, so daß er noch den Versuch wagen wird, für sein schön ausgestattetes Pfarrhaus diesen Edelstein zu gewinnen, oder ob das Klärchen noch das Glück erlebt, den Bruder in ein rechtes wirkliches Pfarrhaus zu begleiten, das bleibe der Zeit und der Phantasie meiner Leser überlassen. Das gastfreie Pfarrhaus. »Ist das grünliche Haus dort ein Gasthof?« hätte in R. wohl jeder Fremde gefragt, wenn nach R. andere Fremde gekommen wären, als eben in das grünliche Haus. Wer aber in das sanfte, fast schüchterne Gesicht der Hausfrau sah und die abziehenden Gäste beobachtete, die niemals mit langem Gesicht und leerem Geldbeutel, sondern stets mit heitrer Miene und vollgepfropften Taschen abzogen, der konnte allmählig errathen, daß das kein Wirthshaus sei, sondern das Pfarrhaus des Orts. In der That, es würden viele Gasthäuser für eine Frequenz dankbar sein wie die, mit der das Pfarrhaus zu R. gesegnet war. Selten verging ein Tag, wo nicht zu Fuß, zu Roß oder zu Wagen Gäste eingesprochen hätten, höchst mannigfaltige Gäste: flüchtig einkehrende aus der nächsten Umgegend, »nur so auf einem Spaziergang,« die man dann mit einiger Mühe zum Längerbleiben nöthigen mußte; Gäste über Mittag, Gäste über Nacht; recht dauerhafte, solide Gäste, um Luftkuren, Wasserkuren, Traubenkuren zu brauchen; perennirende Gäste sogar, die das Landleben recht aus dem Grunde kennen lernen wollten, die sich beim Buttern beteiligten, indem sie frisches Butterbrod in Menge verschlangen, beim Melken, indem sie kuhwarme Milch tranken; die sich beim Grasmähen in das duftende Heu legten, mit einem Buch in der Hand, wenn es eben zusammengerecht war, die in der Ernte die ersten Ernteküchlein aßen und im Herbst Trauben verzehrten, als müßten sie sich vorsehen bis an ihr Lebensende. Da waren frühaufstehende Gäste, die den guten Pfarrer um seinen Morgenschlaf brachten; langschlafende Gäste, denen man den Kaffee bis neun Uhr warm halten mußte; trübselige Gäste, die man aufheitern und schonend behandeln sollte; lustige Gäste, deren Gelächter den Trübseligen die Nerven angriff; Kindergäste, die das Obst unreif abrissen, des Pfarrers Lieblingskatze in den Schwanz kneipten und das Schwein in den Garten ließen; alte Gäste, die keinen Kinderlärm ertragen konnten; kurz Gäste von allen Arten und Sorten, die sich aber zuletzt unter dem gastlichen Dache des Pfarrhauses so friedlich vertragen lernten, als ob sie bei jenem Künstler in die Schule gegangen wären, der Katzen und Ratten, Tauben und Marder aus Einer Schüssel speisen ließ. Aber warum dieser erstaunliche Zulauf zu dem Pfarrhause? War es ein Muster von Eleganz, von komfortabler Einrichtung? war es ein Palast an Umfang? war es ein Sitz besondern Geistesreichthums? oder blühten liebliche Töchter darin? Nichts von alle dem. Der Pfarrer spielte zwar Flöte, war aber kein Paganini, noch Ole Bull; die Pfarrerin war ein guter, aber kein schöner Geist; das Pfarrhaus war ein alter Rumpelkasten, Kinder hatten sie keine, als eben solche, die ihrer gerade bedurften. Wo also stak der Zauber? Das ist schwer zu sagen, wenn er nicht in der lautern Güte, der selbstvergessenden Liebe und ungeschminkten Herzlichkeit bestand, mit der hier alle Gäste aufgenommen und beherbergt wurden. Hier waren Alle willkommen, nicht die zumeist, die ihnen Vergnügen und Unterhaltung brachten, nein, die, denen sie etwas geben, etwas helfen und nützen konnten; und für die Freude, die sie Andern bereiten durften, waren sie so kindlich dankbar, als hätte man ihnen das Größte gegeben. Was ihnen selbst angenehm und behaglich war, das hatten sie lange vergessen; daß sie nie mehr ruhig und in gewohnter Weise leben konnten, daran dachten sie nicht, sie hatten keine gewohnte Weise mehr. Wenn es regnete, fiel ihnen nie ein, daß sie nun doch vielleicht einmal in Ruhe bleiben könnten, nein, sie beklagten nur die etwaigen Gäste, die bei solchem Wetter unterwegs sein könnten. Hatten sie an einem schönen Tage sich gerüstet, auch einmal einen Besuch zu machen, und wurden vor dem Hause von einem Gegenzug besuchender Nachbarn abgeschnitten, ach da war's noch das größte Glück, daß sie nicht schon früher ausgegangen waren. Eben dieser selbstvergessenden Güte wegen wurden sie auch nicht bloß heimgesucht von Freunden und Verwandten, vom Herrn Dekan auf der Visitation, vom Herrn Oberamtmann, wenn er Ruggericht, vom Notariatsassistenten, wenn er eine Theilung im Ort hatte. Nein, sogar ambulirende Krämer, geistliche Colporteurs und dergleichen Leute suchten ein Obdach in dem mildthätigen Hause; selbst für auswärtige Maurergesellen, die im Orte arbeiteten, fand sich noch ein Dachstübchen, und für die armen fremden Weiber, die im nahen Wald Erdbeeren und Himbeeren sammelten, wie für unzählige Handwerksbursche wenigstens ein Freitisch. Auf Eleganz und Comfort konnte dabei natürlich nicht immer Rücksicht genommen werden. Der Sopha des Wohnzimmers hatte schon seinen siebten Ueberzug zerrissen, da mußte man auf's Dauerhafte sehen. Der Raum des Pfarrhauses war für eine gewöhnliche Menschenfamilie berechnet, nicht für ein Weltbürgerobdach. Darum ging es hie und da eng genug zu, und die Betten, so reichlich sie auch vorhanden waren, mußten oft getheilt werden. Aber es hätten steinerne Herzen sein müssen, die nicht aus dieser warmen Liebesquelle ein Tröpfchen Genügsamkeit in sich aufgenommen hätten. Unter allen Mühen und Verlegenheiten, die aus dem Conflikt verschiedenartiger Gäste hervorgingen. wandelte die Pfarrfrau mit demselben sanften freundlichen Gesicht, überall aufmerksam, wo sie einen Wunsch erspähen, einem Mangel abhelfen könne. Selbst der Garten schien etwas von der Gabe überkommen zu haben, immer geben zu können, ohne arm zu werden, denn kein Gast wurde ohne einen duftigen Blumenstrauß oder süße Früchte entlassen, und doch blühte und duftete es drunten unermüdet fort. Die Pfarrmagd war immer in Eile, stets im Amtseifer, selten ward ihr's so gut, sich in behaglichem Geplauder wo verweilen zu können, und eine Pfarrmagd plaudert doch so gern! Sie ist so eine Art von Standesperson und sich ihrer Würde stets bewußt; ein Abglanz vom Nimbus des Pfarrhauses umfließt auch ihr Haupt, und wenn der Pfarrer Sonntags recht erwecklich predigt, so schaut sie triumphirend in der Kirche herum: »Nicht wahr, mein Herr sagt's euch!« Die Pfarrmagd in R. aber konnte nicht oft sich in Ruhe dem Bewußtsein ihrer Würde hingeben; sie hatte nicht nur für die Gäste des Hauses zu sorgen – ihr ward auch das angenehme Amt, im ganzen Dorfe die Freude- und Hülfebringende zu sein. Ihr müßt nämlich nicht glauben, über den Fremden seien die eigenen Ortskinder vergessen worden; gewiß nicht. Da war heute eine Wöchnerin, die eine kräftige Suppe brauchte, dort eine andere, der eine süße Weinspeise wohlgethan hätte, morgen eine Frau in gesegneten Umständen, die besonderes Gelüsten nach einem gebratenen Huhn verspürte, oder ein altes Weib, das nichts mehr als Kaffee vertragen konnte; drüben lag der Nachbarin krankes Mädchen, die nur gekochtes Obst genoß, unten im Dorf der genesende Michele, der alles aß und nie genug hatte. Für sie Alle reichte die Küche des Pfarrhauses, auf der der Segen jenes geweihten Oelkrügleins ruhte. Ein Hauptreiz des Aufenthalts im Pfarrhause war auch, daß Jedermann alles treiben durfte, was ihm zusagte, und in diesem Punkte vereinte es die schwäbische Gastlichkeit mit der freieren englischen Sitte. Man gab, was man hatte und konnte, man verlangte und erwartete nichts, als daß die Gäste vergnügt seien. Die Pfarrerin hätte wo möglich noch einen Fischteich angelegt und eine Jagd gepachtet, um etwaige Jagd- und Fischliebhaber zu befriedigen. Die Gäste benutzten auch solche Freiheit zur Genüge und trieben was ihr Herz begehrte. Nicht nur, daß sie spazieren gingen, spielten, sangen, ja sogar tanzten, wenn es ihnen einfiel (wobei die Frau Pfarrerin sorgsam die Läden schloß, um keinen Anstoß zu geben): die Kinder warfen Scheiben ein, fielen Löcher in den Kopf und brachen Arme und Beine; Jünglinge und Jungfrauen fingen glückliche und unglückliche Liebschaften an, eine besuchende Frau kam in die Wochen, um dem kinderlosen Ehepaar auch den Genuß von ganz kleinem Kindergeschrei zu verschaffen, und ein langweiliger alter Herr starb sogar zu Gast, nachdem er sich zuvor wochenlang hatte verpflegen lassen. Die Pfarrmagd hatte natürlich auch ihre Gäste auf eigene Hand, Brüder, Basen, Pathen und sonstigen Anhang, und es war respektabel vom Hofhund, daß er nicht auch größere Zusammenkünfte mit befreundeten Hunden veranstaltete. Schon beim Beginn seines jungen Ehestandes hätte der Pfarrer seine Gastfreundschaft beinahe theuer bezahlen müssen. Es kam eines Tages ein seltsam und düster aussehender Mann in sein Dorf, der sich als Missionär zu erkennen gab und den Wunsch aussprach, hier eine Missionsstunde zu halten. Der Pfarrer räumte ihm bereitwillig die Kirche ein, obwohl ihm der Mann mit seiner düstern, heftigen Frömmigkeit nicht gefiel. Da das Wirthshaus des Ortes schlecht war, so boten ihm die guten Pfarrleute die Wohnung im Pfarrhaus an, obwohl sie auf dieser ihrer ersten Stelle so beschränkt im Raume waren, daß die junge Frau in's Zimmer ihrer Mutter ziehen mußte, um dem Gaste im Schlafzimmer bei ihrem Manne Platz zu machen. Inmitten der Nacht wacht die Mutter an einem ängstlichen Traume auf; jetzt erst beunruhigt sie's, daß man den Pfarrer so ganz allein mit dem seltsamen Fremden gelassen. Sie steht endlich auf, um hinabzugehen und an der Thüre zu lauschen; da alles still ist, geht sie wieder hinauf und legt sich zu Bette. Am frühen Morgen trafen sie den Missionär nicht mehr, der vor Tag abgereist war, der Pfarrer aber beklagte sich, daß ihn der unruhige Gast beinahe ganz um den Schlaf gebracht habe, da er die halbe Nacht im Zimmer auf und ab gegangen. Nach langen Jahren, als der sonderbare Gast fast ganz vergessen war, kam ihnen in einem Missionsblatt der Bericht eines fremden Missionärs zu. Er erzählte darin, daß er sich vor Jahren auf einer Reise durch Deutschland in einer besonders trüben, heftig aufgeregten Gemüthsstimmung befunden habe. Einmal sei er in einem Pfarrhause mit ungemeiner Güte aufgenommen und in des Pfarrers eigenem Schlafzimmer beherbergt worden. Da, in stiller, schlafloser Nacht, sei ihm der Gedanke gekommen, ob er nicht am besten thäte, den Pfarrer so in all seiner Herzensgüte, in der Fülle seines Glücks aus der Welt zu schaffen, ehe ihn der Hauch dieser bösen Welt vergifte. Er habe die ganze Nacht mit diesem Gedanken gerungen, ihn aber zuletzt niedergekämpft und sich vor Tage entfernt, um ihn nicht am Ende doch noch auszuführen. Die guten Pfarrleute überlief's kalt, wenn sie an die schauerliche Liebeserweisung dachten, die ihnen zugedacht gewesen war; ihr gütiges Herz ward aber dadurch nicht abgeschreckt. Ein so unheimlicher Gast hat nie mehr die gastliche Schwelle überschritten, und die Hand des stillen Gottesboten, der stets zur rechten Stunde kommt, hat den unsichtbaren Schild eingezogen, der das Pfarrhaus zu einem so gesuchten Gasthofe machte: eine offene Hand und ein liebevolles Herz. Das geizige Pfarrhaus. War ein recht sauberes geräumiges Haus, sah aber demungeachtet nicht erstaunlich einladend aus; ein gewisser frostiger Hauch schien es zu umwehen, selbst in warmer Sommerzeit. Jahr aus Jahr ein waren Fenster und Läden nach vorne geschlossen, als ob keine Seele drin wohnte; ein dürrer knurriger Spitz, der Jedermann mit bissigem Ton anbellte, war das einzige Lebenszeichen, das man in der Nähe des Hauses verspürte. Es wurde von Gästen auch nicht stark heimgesucht; das zeigte der grasige Vorhof, die grünangelaufene Steintreppe, die zum Hause führte. Anfangs war das anders gewesen; da der Pfarrer einen gastfreien Vorgänger gehabt hatte und das Dorf unweit einer kleinen Stadt liegt, so machten die Stadtbewohner aus alter Gewohnheit zahlreiche Visiten und der Pfarrer kratzte sich täglich im Kopf und sprach von Wegmelden, auf die rauhe Alb, in ein Schwarzwaldthal, überall hin, nur nicht mehr so nahe zu einer Stadt. Die Frau Pfarrerin that ihr Möglichstes, die Gäste wenigstens so unschädlich zu machen, als sich mit einigem Schein der Ehrenhaftigkeit vertrug. Sie reiste in eigener Person in eine Glashütte, um daselbst besonders dünne Bouteillen mit langen Hälsen auszusuchen, die mit dem Aeußern einer Halbmaßflasche den Gehalt eines Schoppens vereinigten. Sie kaufte ausgeschossene Tassen aus einer Porzellanfabrik, recht anständige Tassen, nur daß sie erstaunlich klein waren und nie eine obere zur untern paßte, auch waren sie sämmtlich mit X, Y und Q bezeichnet, da diese Buchstaben in der Fabrik nicht abgegangen waren. Das Brod im Hause war von höchst ehrwürdigem Alter, man konnte sich fast nicht erinnern, wann es gebacken worden; sie hätte es für Schiffszwieback verkaufen können. Wäre die Frau Pfarrerin ehrgeizig gewesen, so hätte sie auf ein Erfindungspatent für ihren Kaffee Anspruch machen können, denn der war aus Roggen und gelben Rüben mit einem solchen Minimum ächten Kaffees bereitet, wie gewiß nie erhört worden. Von Backwerk war natürlich ohnehin keine Rede; nur einmal, als die Frau Dekanin da war, hatte man glücklicherweise Reisbrei gekocht und konnte dessen Scharre, mit Zucker und Zimmt bestreut, als Dessert aufstellen. Trotz dieser umsichtigen Anstalten wurde aber eben dennoch Einiges, wenn auch noch so wenig, durch die Gäste verzehrt; siehe da kam der Pfarrer auf den edlen Gedanken, daß jedesmal, nachdem Besuch dagewesen war, im Hause gefastet, wenigstens kein Wein und Kaffee genossen werden solle, bis die verursachten Unkosten wieder gedeckt seien. Wer hat je die Gastfreundschaft mit so theurem Opfer ausgeübt! Auch mochte wohl das Ehepaar nicht Viele dieses schweren Opfers werth halten; sie waren bald sehr selten zu Hause zu finden, und man munkelte stark davon, daß ein ankommender Besuch, der alle Zimmer leer traf, den Schlafrockzipfel des Herrn Pfarrers habe zum Ofenloch herausgucken sehen. Diese Kunde schreckte nun auch die unverdrossensten Gäste ab, und von nun an durften sie ihren Roggenkaffee und ihren kunstreich mit Wasser versetzten Wein ungestört allein genießen. Ein schwerer Schlag war es für sie, als die immer mehr sinkende Gesundheit des Pfarrers (er litt in Folge der spärlich geheizten Zimmer an Rheumatismen) einen Vikar nöthig machte, und es brauchte lange Nachforschungen und Beratungen, ein Individuum aufzufinden, das gehörig genügsam und bescheiden erschien. Es sollte kein Reicher sein, »die sind so verwöhnt und anspruchsvoll,« kein Armer, »denn die wollen sich in einem ordentlichen Hause erst herausessen,« keiner Wittwe Sohn, »der könnte der Mutter etwas zustecken wollen« (wäre eine Kunst gewesen), keiner aus der Nachbarschaft, »der könnte zuviel Anhang nach sich ziehen.« Endlich war der Glückliche erkoren, den das Schicksal einer solchen Schule der Genügsamkeit für würdig hielt. Der hat gewiß seiner Zeit einen vortrefflichen Ehemann abgegeben und das »Verwöhntsein« ist ihm bei keiner spätern Versorgung mehr im Wege gestanden. Er hat mehr geleistet als der Gaul jenes Edelmannes, der da hätte lernen sollen nichts zu fressen, und leider krepirte, als er's konnte; dieser Vikar aber lernte das Nichtsessen und lebte doch fort. Am Abend seiner Ankunft an einem kühlen Novembertag sah er sich in dem spärlich möblirten Stüblein, das ihm der Pfarrer anwies, vergeblich nach einem Ofen um; da schob der Pfarrer triumphirend einen Schieber am Fußboden zurück, so daß eine ziemlich weite Oeffnung in die Wohnstube unten entstand, und machte ihn mit dieser seiner eigenen sinnigen Erfindung bekannt. »Sehen Sie: bekanntlich steigt die Wärme nach oben; nun erhalten Sie alle die Wärme, die sonst nutzlos an unserer Zimmerdecke verloren geht, und sind so offenbar gegen uns im Vortheil.« Das war nun freilich ein unlösbares physikalisches Räthsel, wie das bischen Wärme in der Pfarrstube sich auch noch hinaufziehen und vertheilen sollte. Der Pfarrer lebte aber dieses festen Glaubens und war höchst indignirt, als der Vikar einst an einem sehr kalten Wintertag die Frechheit hatte, seine beiden langen Beine durch die Oeffnung hinabzuhängen. Der Pfarrer ermahnte den Vikar stets, Nachts das Loch sorgfältig zu verschließen, »weil das Warmschlafen so ungesund für junge Leute sei.« Das Schlafen war aber immerhin noch das Beste, und das Bett, das äußerst melancholisch aussah, weil es mit Trauerkattun bezogen war, den die Pfarrerin als Ladenhüter besonders billig erhandelt hatte, war der einzige Ort, wo er einigermaßen erwärmen konnte. Deßhalb war der Vikar stets getrost, wenn ihm die Frau Pfarrerin sein fabelhaft dünnes Licht zum Schlafengehen anzündete. Als beim ersten Frühstück der junge Mann unbefangen nach einem Wecken griff, mit dessen Hülfe er hoffte, den Roggenkaffee bewältigen zu können, fragte der Pfarrer erstaunt: »Können Sie einen ganzen Wecken essen? das habe ich in meinem Leben nicht gekonnt.« Der verblüffte Vikar versicherte, er sei eben im Begriff ihn zu halbiren. »Gut, dann rathe ich Ihnen aber, Ihre Hälfte in Schnitten zu schneiden; dann läßt sich das Uebrige leichter verwenden.« – Mit dieser einen Scene ging dem vielgeprüften Jüngling eine Ahnung seiner Zukunft in diesem Hause auf: der Groschenwürste, aus denen die Frau Pfarrerin je achtundzwanzig Rädlein zu schneiden verstand, der hoffnungsvollen Gänse, die er vergebens mit froher Erwartung hatte schnattern hören, die aber ja nicht gebraten, sondern abgezogen und gesotten wurden, um ihnen jede Idee von Fett auszuziehen, und des Kalbsbratens, der viermal zum Nachtessen hinreichte, weil er gleich nach dem ersten dünnen Schnittchen gefragt wurde: »Begehren Sie noch mehr?« Als er nicht wagte, dieß zu bejahen, trug die Frau Pfarrerin den Braten eilig hinaus mit dem Schluß: »Ich esse nichts mehr, der Papa mag nichts mehr, der Herr Vikar begehren nichts, der Hermännchen kriegt nichts und die Magd braucht nichts.« In seinem Amt war der Pfarrer eifrig, wenigstens was den lukrativen Theil desselben anbelangt. Der Geldwerth jeder Amtshandlung stand stets unverrückt vor seiner Seele. Als er einst den großen Entschluß gefaßt hatte, einem Pfarrkränzchen beizuwohnen, und dort von verschiedenen geistlichen Verrichtungen, unter andern auch von einer Parentation die Rede war, fragte ein zufällig anwesender Fremder: »Was ist eine Parentation?« – »Ein Gulden,« rief unser Pfarrer sehr bestimmt über den Tisch herüber. Mit dem Ausdruck großer Zufriedenheit sagte er eines Tags zum Vikar: »Sehen Sie, hier ist mir Eine Leiche lieber als in meinem frühern Dorf zwei Hochzeiten.« Auch die Frau Pfarrerin verstand es, die lieben Beichtkinder gehörig auszubeuten, und wußte ihnen recht eindringlich an's Herz zu legen, wie es ihre Pflicht sei, ihren geistlichen Hirten mit leiblicher Provision zu versorgen. Als einst ein armes Weib mit leeren Händen zur Anmeldung kam und auf die saure Miene der Frau Pfarrerin entschuldigend erwiderte: »Wir Leute haben eben so gar nichts, was wir mittheilen könnten,« meinte jene: »Nun, einen Korb Dünger könntet Ihr immer auftreiben; Ihr wißt ja, daß wir viele Felder haben.« Ob es wahr ist, daß der Ehemann des Weibes so boshaft war, dem Herrn Pfarrer eine Bütte, gefüllt mit dieser Seele der Landwirtschaft, in's Studirzimmer zu tragen, das weiß ich nicht bestimmt. Der Pfarrer hatte durchzusetzen gewußt, daß das zur Amtskleidung gehörige Barett aus dem »Heiligen« (Kirchenkasse) angeschafft werden mußte; von der Stunde an, wo dieser Antrag durchgegangen war, sah man ihn auf seinen täglichen Spaziergängen stets mit dem Barett statt eines Hutes auf dem Kopf, was ihm ein gar ehrwürdiges Ansehen gab. Dem Vikar rieth er übrigens dringend vom vielen Spazierengehen ab, da es bei jungen Leuten den Appetit unnatürlich reize, was dann eine schädliche Ueberfüllung des Magens zur Folge habe. Ein einziger Sohn, Hermann, war dieser harmonischen Verbindung zweier sparsamen Seelen entsprossen, und ein Glück war es, daß sie nicht mit mehr Kindern gesegnet war; ein Glück nicht nur für die etwaigen Kinder selbst, da doch vielleicht nicht bei allen die Hungerkur so gut angeschlagen hätte, sondern auch für die Pfarrleute, die sich gewiß vor der Zeit zu Tode gesorgt hätten; denn schon die Erwägung, wie dieser einzige Sprößling auf möglichst wohlfeile Weise genährt, gekleidet und unterrichtet werden könne, brachte ihnen so viel sorgenvolle Tage und schlaflose Nächte, daß minder gedörrte Naturen unterlegen wären. Hermännchen zeigte frühe schon einen sehr bedenklichen Appetit, der nur mühsam in Schranken zu halten war. Der freche Bursche hätte wohl schwerlich je gelernt, sich in die schmale Kost des Vaterhauses zu schicken, wenn er sich nicht in den Obstgärten und an den Brodlaiben seiner Dorfkameraden hätte erholen können. Unterrichten wollte ihn anfangs der Pfarrer selbst; solcher häusliche Unterricht ist aber für Väter und Söhne jedes Schlags jederzeit eine harte Nuß, und aller Liebesschmerz in der Welt ist nicht zu vergleichen mit dem Drangsal, das amo und amavi in väterlichen Schulstuben hervorgerufen. Der Pfarrer hatte zwar Niemeyers und Salzmanns Erziehungsschriften zuvor entlehnt und gelesen; dem ungeachtet endeten aber all seine Unterrichtsstunden mit jämmerlichem Geschrei von Seiten des Söhnleins und heftigem Zorne des Papa, so daß oft das halbe Dorf zusammenlief. Auf die besorgliche Frage der Leute: »Warum schreit denn der Hermännle so?« erwiderte dann die Pfarrmagd geruhig: »Der Herr Papa thut ihn wieder unterrichten.« – Zu großer Erleichterung der Mama übertrug man später diesen Unterricht dem Vikar, bei dem es friedlicher zuging. Aber in die Länge ging es doch nicht mit dem Buben; er schleppte oft ganze Schaaren von Kameraden mit in's Haus, verlangte Brod für sie und plünderte mit denselben den Apfelbaum, dessen Vorrath für Monate hätte ausreichen sollen; er fuhr, als Soldaten durch's Dorf ritten, mit dem Kopf durch die Scheiben, kurz, er beging zahllose Unthaten. Als er nun eines Tags für das Geld, das er dem Schuhmacher hätte bringen sollen, von Jägers Ludwig einen Fuchs erhandelte und diesen heimlich über Nacht in Papa's Studirstube sperrte, wo er saubere Arbeit machte, da war Hermännchens Maß voll und man beschloß ihn fortzuschaffen. Der Pfarrer erinnerte sich, daß ein Gymnasialprofessor in *** ihm von den Studienjahren her noch eine ziemliche Summe schuldete, und beschloß, diesem nun seinen Hermann anzuvertrauen, damit er das Geld an demselben abverdiene. Aber wie wenig hatte Hermännchen in dem Elternhaus, dieser Schule der Genügsamkeit, profitirt, wie wenig von den schönen Exempeln, die ihm die Mama erzählt, von jungen Leuten, welche auf Schulen äußerst wenig, ja gar nichts gebraucht und mit Stundengeben noch arme Eltern unterstützt haben! Schon nach acht Tagen schickte er den Mantelkragen zurück, den ihm der Papa doch von seinem eigenen Mantel hatte abtrennen lassen, mit der Bemerkung, er wolle lieber gar keinen Mantel als so einen. Nicht genug, wenige Tage später schrieb er, die Beinkleider, die man ihm aus Papa's alten hatte fertigen lassen, fangen sämmtlich an zu brechen und zu reißen. Was nun thun? Kurz zuvor war Hermännchens Jugendgespiele, der schwarze Ziegenbock, krepirt; der wurde nun abgezogen und sein Fell dem Sohne zugeschickt mit der Weisung,. sich daraus Hosen machen zu lassen, die gewiß dauerhaft ausfallen würden. Aber siehe da, der undankbare Sohn verschmähte das Bocksfell und verschaffte sich mit Hülfe der Frau Professorin neue Tuchhosen, welche die seufzenden Eltern bezahlen mußten. Aber ganz hatte der Geist des Vaterhauses Hermännchen nicht verlassen. Er entlehnte ohne des Professors Wissen eines seiner Rasirmesser und schnitt damit aus dem verachteten Bocksleder Hosenstege, die er zu billigen Preisen an seine Schulkameraden absetzte. Dieser schöne Zug versöhnte auch die Eltern einigermaßen mit seiner sonstigen Ueppigkeit. Was aus Hermännchen später geworden, weiß ich nicht; die Pfarrleute aber haben, so viel ich weiß, allmählig die Scheu vor den großen Leichenkosten überwunden, sind zur Ruhe eingegangen und haben Hermännchen als gefaßten Erben ihrer zusammengesparten Schätze hinterlassen. Noch ein gastfreies Pfarrhaus. Zwar ist schon so viel Liebes und Schönes von den Pfarrhäusern gerühmt worden, daß man sich neben so viel Licht billig auch etwas Schatten gefallen lassen sollte; doch wäre es aber möglich, daß die ehrwürdige Geistlichkeit das geizige Pfarrhaus etwas übel genommen hätte. Darum soll es denn zwischen zwei gastfreie, wie ein Hering zwischen zwei fette Butterschnitten gepackt werden, als klarer Beweis, wie überwiegend in Pfarrhäusern das gute Element ist. Wer dann in dem geizigen hungrig geworden ist, der kann sich im gastfreien Nummer zwei wieder gehörig erholen. Da zu einem Pfarrhaus gewöhnlichem Begriff nach zunächst Mann und Frau gehören, so will ich für diesmal etwas weit ausholen und erwähnen, wie sie zusammengekommen sind. Wer hat nicht in seiner Kindheit in der tausend und einen Nacht das schöne Märchen vom Prinzen Kameralzaman und der Prinzessin Badure gelesen? Ein Prinz und eine Prinzessin von gleich wunderbarer Schönheit, in gleich üppiger Umgebung, sind aus verschiedenen Gründen der Ehe abgeneigt, bis sie einander gesehen haben und dann durch den Beistand etlicher guter Genien den Bösen zum Trotz zusammenkommen. In ähnlicher Weise hat dereinst der gastfreie Pfarrherr seine Hälfte (es waren eigentlich zwei Dritttheile) gefunden, nur mit weniger Schwierigkeiten, denn sonst hätt' er's bleiben lassen. Bevor er zur geistlichen Würde gelangte, war er »des Oberamtmanns Ferdinand,« die gute Stunde selber, wie seine Mama meinte: »ich sag' Ihnen, der Ferdinand hat Ihnen ein Herz, so findet man keins mehr, alles läßt er sich gefallen.« Ja wohl, alles; der gute Ferdinand! Er hat sich's gefallen lassen, daß man ihm bis in's vierzehnte Jahr die Strümpfe und Stiefeln anzog, daß man ihm ein Chaischen anschaffte, darin ihn des Vaters Johann zur Schule fahren mußte, wenn es schmutzig zu gehen war; er hatte sich's gefallen lassen, daß beim Essen, wenn ihm die Suppe zu heiß war, der Johann kommandirt wurde: »Johann, verkühl' Er dem Herr Ferdinand seine Suppe!« und als er durch kein ärztliches Zeugniß vom Besuch der Kinderlehre im Winter befreit werden konnte, da ließ er sich's auch gefallen, daß der Johann zuvor ein Bärenfell auf dem Platz ausbreitete, wo er stehen mußte. Das Institut der Prügelknaben bestand nicht mehr, sonst hätte seine Mama gewiß auch einen Stellvertreter besoldet, der die Tatzen des Präzeptors für ihn aufgehalten hätte. Da nun diese aber unter die Sachen gehörten, die er sich nicht gern gefallen ließ, so entschloß sich der Ferdinand ordentlich zu lernen, was auch gelang, da er einen guten Kopf hatte. Als die Mama für gut hielt, ihn zum Theologen zu bestimmen, ließ er sich's auch gefallen; »was sollst Du dich im Staatsdienst plagen, Ferdinandle, wir haben's Gottlob! Mit Deinem Vermögen kannst Du einen guten Vikar halten, und dann hat ein Pfarrer das beste Leben auf der Welt!« In's Landexamen durfte der Ferdinand natürlich nicht, aber es reichte glücklich zum Studium in der Stadt; und als er nahe an der Bedienstung war, da hielt es die Mama für Zeit, sich nach einer Frau umzusehen, die da würdig wäre, das ausgezeichnete Herz ihres Ferdinandles zu theilen. Da ging just um diese Zeit ein Gestirn erster Größe auf in der Gegend, eine Pfarrtochter, aber was für Eine! Von einer Gouvernante erzogen, in einer französischen Pension polirt, ein Wunder von Geist und Schönheit, die Klavier und Harfe spielte und drei lebendige Sprachen sprach! Da sie daneben noch reich war, so konnte es nicht fehlen, daß dies Phänomen von allen heiratsfähigen Jünglingen weit und breit gesucht und gestürmt wurde. Gleich jener Prinzessin Badure war's ihr aber zu wohl daheim, als daß sie viel Lust zur Ehe gehabt hätte. Pfarrer hatten noch gar nicht gewagt, um die stolze Schöne zu freien, die Mama des Ferdinand aber, die gar viel von ihr reden hörte, setzte sich in Kopf, die Leonore müsse ihr Ferdinand haben, obgleich er selbst gar nicht geneigt war, seine goldene Freiheit und die gute Pflege der Mama aufzugeben. Eine Gelegenheit zum Zusammentreffen gab sich leicht, und der Ferdinand, als er die schöne Leonore gesehen, ließ sich's in der That gefallen, die nöthigen Schritte zu thun, um sie zu erlangen. Es war der Mama eben gelungen, eine sehr anmuthig gelegene Pfarrei für den Ferdinand zu erringen, da war's denn die beste Zeit für seine Bewerbungen, und es gelang ihm, was so Vielen mißglückt, die Festung ergab sich, so wenig er sich auf's Stürmen verstand. Vielleicht gewann eben seine außerordentliche Ruhe Leonorens bewegliche Natur, und da keine Lebensstellung in unsern hausbackenen Verhältnissen ihrem Geschmack entsprach, so wählte sie wohl am liebsten eine solche, die ihr am meisten Freiheit ließ, ihr Haus nach eigenem Sinn zu gestalten. Das Hochzeitfest wurde sehr glänzend gefeiert, keine Zimmtsternhochzeit, wo man die Gäste mit einem Kelch Malaga und einem Stückchen Backwerk wieder heimziehen läßt, ein recht solid schwäbisches Mittagsessen, das von Morgens elf Uhr bis Nachts elf Uhr dauerte; – nach Tisch aber, beim Dessert, war der vielbeneidete Bräutigam von der Seite der schönen Braut verschwunden. Man vermißte ihn längere Zeit, endlich wurde man unruhig, war es Unwohlsein? war es das Uebermaß seines Glücks, das ihn in die Einsamkeit trieb, um sich zu fassen? Die Braut selbst entschloß sich zuletzt, ihn suchen zu helfen, dunkle Ahnungen beschlichen ihr Herz, schaurige Geschichten tauchten in ihr auf von Verlobten, die am Hochzeittag jählings gestorben, – sie fürchtete zu kühl gegen ihn gewesen zu sein; sollte seine äußere Ruhe ein inneres Feuer gedeckt und Zweifel an ihrer Liebe ihn am Ende fortgetrieben haben, jetzt, an der Schwelle des Glücks? – immer schwärzer wurden ihre Phantasien, als sie ihn im Garten vergeblich suchte, bis sie in die dunkle Laube am äußersten Ende kam. – Da lag der Ferdinand, behaglich ausgestreckt, in so tiefem, festem, gesundem Schlaf, wie nur je ein Menschenkind einen geschlafen. Ein Schrei entfuhr der Braut, der ihn erweckte. Mit langem Dehnen richtete er sich auf: »So, Du bist's, Liebe?« – »Und Du hast geschlafen?« – »Ja, Liebe, siehst Du, wenn ich mehr esse als gewöhnlich, da schläfert mich's ungeheuer, und ich habe heut so viel gegessen, der Aal war delikat, ist der Kaffee schon getrunken?« – Da läßt sich nicht rechten, und die Braut ergab sich in ihr Geschick, als sie an seiner Seite zurückkehrte. Da somit wenig Aussicht auf idyllische Honigmonde war, so fand es die Braut für's Beste, einige ihrer Brautjungfern zum Besuch in ihr neues Pfarrhaus einzuladen, das an Eleganz und Comfort es mit jedem Freiherrnsitz aufnehmen konnte. Dem Pfarrer war das eine rechte Erleichterung, da er sich nicht so ganz auf die ausschließliche Hingebung verstand, die von einem jungen Ehemann billig erwartet wird, und nicht recht wußte, wie er's anzugreifen hätte, um wie sein unglücklicher Namensbruder »in einem Lächeln seiner Luise Stoff für Jahrtausende« zu finden. Mit dieser ersten Einladung war denn das Signal zu Eröffnung einer so großartigen Gastfreundschaft gegeben, wie wohl kaum eine je ein Pfarrhaus belebte. Um der Frau die häuslichen Sorgen und Mühen zu ersparen, zu denen sie weder Lust noch Zeit hatte, wurde eine gute unverheiratete Tante eingethan, die denn ihre Mission vollkommen begriff und täglich nur für wenige Stunden aus dem Küchendampf und Rauch auftauchte. So konnte sich nun die schöne Frau Pfarrerin recht mit Muße ihren Gästen widmen, die sich auch einstellten in allen Altern und Geschlechten, von jedem Rang und Stand, zu jeder Zeit und Stunde. Das Pfarrhaus gewährte auch alle erdenkliche Annehmlichkeit, die sich Gäste nur wünschen können: einen hübschen Salon, eine reiche Bibliothek, einen schönen Garten, eine vortreffliche Küche. Es war der Stolz der Tante, diese jederzeit so gut auf dem Laufenden zu erhalten, als die beste Küche der Stadt. »Aber wie machen Sie's nur, Jungfer Christiane, wenn Sie so unvermuthet Gäste bekommen?« fragte eine verwittwete Frau Hofräthin, die allemal einen Tag in's Bett liegen mußte aus Erschöpfung, nachdem sie einen Gast gehabt hatte, »wenn man im Ort gar nichts haben kann?« »O, das macht nichts,« versetzte Jungfer Christiane mit würdevoller Ruhe, »man hat 'was im Rauch, man hat 'was im Salz, man hat 'was eingemacht, man hat 'was im Keller, man hat 'was in der Speiskammer.« Das war gerade ein Triumphtag für sie, wenn unvorhergesehen eine Kutsche voll Gäste vorfuhr und es wollte sich nimmer erschöpfen und leeren beim Aussteigen; zwar lamentirte sie gehörig in der Küche herum, aber es war nicht so schlimm gemeint, ein wahrer Schlachtenmuth wachte in ihr auf und sie setzte sich nur hie und da mit zu Tische, um sich am Anblick ihrer gelungenen Werke und am Appetit der Gäste zu freuen. Es ist eine alte Wahrnehmung nemlich, daß Gäste in Pfarrhäusern den allerbesten Appetit haben, hauptsächlich für Kinder sind sie wahre Eß-Eldorados, oder waren es wenigstens, solang die Zehnten noch nicht abgelöst waren. Die Frau Pfarrerin saß indeß schön geschmückt in ihrem Salon und empfing die Gäste und wußte die unbedeutenden zusammenzuschieben, während sie die geistvollen um sich versammelte. Auf ihrem Tisch lagen stets die neuesten Werke, auf ihrem Klavier die neuesten Musikalien, in ihrem Kopf die neuesten Ideen. Sie ließ sich nicht nur ihre Gäste gefallen, sie wollte ihnen gefallen, und als Fixstern, der sich um seine eigene Axe drehte, in seinem eigenen Glanze sonnte, konnte sie auch immer gleich liebenswürdig, gleich anmuthig sein. Die Frauen waren ihr gerade nicht sehr hold und wurden zu Zeiten ganz grimmig, wenn die Männer ihre Schönheit und Liebenswürdigkeit priesen: »Ja, da ist's keine Kunst, liebenswürdig sein, wenn man am Werktag weiße Kleider trägt und Klavier spielt solang die Magd Wäsche aufhängt, ich will's auch einmal so anfangen und auf den Sopha sitzen und Gedichter machen, dann kannst Du zusehen, wer Deine Socken flickt und für's Mittagessen sorgt! Ja wohl liebenswürdig!« Die Pfarrerin selbst zog auch männlichen Umgang weit vor und hatte stets einen Kreis von Verehrern, natürlich in allen Ehren. Am stärksten war sie in der Heranbildung strebsamer Jünglinge, mit denen sie geistvolle Korrespondenzen anfing, sie in den Ferien beherbergte, in der Kunst des Umgangs unterrichtete und ihre Gefühle regulirte. Sie war wohl auch großmüthig genug, ihnen mit reellen Mitteln zu Fortsetzung ihrer Studien unter die Arme zu greifen, was ihr dadurch erleichtert war, daß ihr die freie Verfügung über ihr bedeutendes Vermögen zustand. Aber der Herr des Hauses, der Ferdinand, der sich alles gefallen ließ, wie stand sich der dabei? O vortrefflich, er ließ sich auch das gefallen; es war ihm sogar sehr angenehm. Für die Unterhaltung seiner Gäste sorgte die Frau, für ihre Bewirthung die Tante, die Ausgaben bekümmerten ihn nicht; mit Galanterie gegen die Frau durfte er sich nicht anstrengen, so konnte es ihn nur freuen, wenn er jeder Zeit einer Gesellschaft zum Tarok oder zum Schach oder Bretspiel im eignen Hause gewiß war, und es kam ihn eine wahre Aengstlichkeit an, wenn er einmal den Salon leer fand. Es konnte sich nämlich bei anhaltend schlimmem Wetter je und je ereignen, daß das Pfarrhaus leer von Gästen war, da nicht alle Bekannten des Hauses über Equipage verfügen konnten. Um diesem Uebelstand abzuhelfen, wurde im Pfarrhaus beschlossen, ein Roß einzustellen, das im Nothfall die Gäste herbeiholen konnte. So wurde denn ein ausgedienter Schimmel vom Militär angeschafft, der hier sein kriegerisches Feuer ablegen konnte, und sobald die Gastzimmer leer wurden und keine neuen Besuche in Aussicht standen, wurde die Pfarrkalesche hervorgehoben, der Schimmel daran gespannt und Jakob, der Knecht des Hauses, ausgesandt, um frische Zufuhr zu bringen. Nun sagt mir einmal, wo ist die Gastfreundschaft je so weit gegangen? Die alten Erzväter waren gewiß respektabel wegen ihrer Gastlichkeit, so auch die Araber und unterschiedliche orientalische Völker, aber nirgends habe ich von ihnen gelesen, daß sie einen Gaul angeschafft haben, nur um Gäste herholen zu lassen. Der Jakob bereitete der Jungfer Christiane einmal eine schöne Ueberraschung: er hatte eben ein Paar Gäste fortgeführt und sollte auf dem Heimweg in etlichen befreundeten Häusern der Stadt und Umgegend kleine Botschaften besorgen. Zuerst mußte er bei der Frau Oberamtmännin Levkoypflanzen mitnehmen; da er nun gewöhnt war, daß in sein Pfarrhaus jedermann und zu jeder Zeit eingeladen wurde, so hielt er's für seine Pflicht, auch in diesem Genre das Seinige zu thun. »Sie kommen ja als gar nimmer in's Pfarrhaus,« begann er, als ihm die Frau Oberamtmännin einen Schoppen vorsetzte, »die Frau Pfarrerin haben gesagt, Sie sollen nur auch einmal wieder kommen.« – »Ach, Herr Pfarrers haben immer so gar viel Besuche, da bin ich schüchtern.« – »Ei das macht gar nichts, das ist ihnen ihre Freud', und am nächsten Mittwoch ist kein Mensch mehr da, da wäre es recht angelegt.« – »Nun, ich will mit meinem Mann sprechen.« – »Aber nehmen Sie nur auch die Kinderlein mit, und der Herr Schreiber soll auch noch nachkommen im Feierabend, kommen Sie nur g'wiß am Mittwoch!« Von da mußte Johann zum Doktor, um eine Anweisung zu Rattengift zu holen, auch im Auftrag der Tante; beim Gehen sagte er: »ei, des Herrn Oberamtmanns kommen am Mittwoch, Sie werden doch auch kommen.« – »Ja, ja, kann schon sein.« – Den Dekan, an den er ein Schreiben vom Pfarrer hatte, köderte er mit dem Doktor, und so warb er auf dem ganzen Heimweg überall, wo er zu thun hatte, neue Gäste, alles auf den Mittwoch, ohne zu zählen und zu bedenken, zu welcher Lawine seine Einladungen geworden. Als er wieder in's Pfarrhaus einrückte, ward's ihm doch selbst bedenklich, ob er denn zu solcher Liberalität ermächtigt gewesen, und er hielts für's Klügste, inzwischen zu schweigen, er wußte ja, daß die Tante sich allzeit zu helfen wußte. Die Tante aber, die hatte ihre eignen Plane auf den Mittwoch, an dem allerdings eine Pause in dem Strudel von Gästen zu erwarten stand; sie hatte große Thaten im Sinn, furchtbare Schlachtpläne: in der Küche mußte ein neuer Herd gesetzt, im Wohnzimmer Sopha und Sessel frisch gepolstert und in den andern Stuben geweißt werden, sie beschloß lieber alles zugleich vornehmen zu lassen, da so äußerst selten Ruhe im Haus war zu solchen Geschäften. Die Tante hatte Löwenmuth zu dergleichen Unternehmungen. So wurde denn Jakob abermal ausgesandt mit Einladungen andrer Art, an Sattler, Maurer, Schreiner \&c. Nun erst war er mäuschenstill über seine Generosität und tröstete sich in der Stille mit der Hoffnung: hat's ja Keins gewiß versprochen, vielleicht kommen sie auch nicht! Doch fand er's gerathen, sich an dem verhängnißvollen Tag aus dem Staub zu machen: er mußte nothwendig mit dem Schimmel in die Stadt, um ihn beschlagen zu lassen. Kann ich denn Betten aus der Erde stampfen, Wächst mir ein Zimmer auf der flachen Hand? Die Tante war schon vor der Sonne auf, überall und allenthalben auf dem Platz, räumte aus, gab und half an allen Ecken und Enden, die Mägde nebst einem Halbdutzend Gehilfinnen vom Dorf waren auf den Beinen, putzten und wuschen, die Frau Pfarrerin wollte auch nicht unthätig sein, sie machte sich d'ran, die Bibliothek auszuräumen, die heut noch gereinigt werden sollte. Der Pfarrer flüchtete sich in's Schlafzimmer, das allein noch einigermaßen verschont blieb, denn selbst die Studirstube war mit Gerümpel angefüllt, das man aus andern Zimmern hergeschafft, – kurz, man meinte, das Weltende oder eine neue Schöpfung sei nahe. Siehe, da gewahrte Lisbeth, die Küchenmagd, von der Höhe eines Fenstersims aus zwei Kutschen: »Gäst', Jungfer Tante, Gäst'!« schrie sie aus Leibeskräften. »Bist nicht gescheidt, das ginge mir ab!« »Gäst', zwei Kutschen voll!« schrie vom Hof die Hausmagd, und langsam, langsam, unaufhaltsam, unerbittlich wie das Schicksal, rollten die zwei Chaisen den Hügel heran, sie hielten im Pfarrhof, und mit etwas bedenklichem Gesicht schaute der Kopf der Frau Oberamtmännin aus der einen auf den Hof voll Geräthe, auf die ausgehobenen Fenster, an denen wie massive Gespenster die Maurer mit Pinseln sich hin und her bewegten. Mit der Fassung der Jungfer Christiane war's diesmal zu Ende, mit zusammengeschlagenen Händen sank sie auf einen Küchenstuhl, nur dämmernde Gedanken »nichts im Haus, nichts am Feuer, blos Reis und Fleisch zu Mittag;« zogen schwarz durch ihre Seele. Die Pfarrerin aber zeigte, was Seelengröße ist: schön geputzt, anmuthig lächelnd wie immer, gegen Frauen gnädig, duldsam, gegen Männer verbindlich, stand sie unter der Hausthür, die Wagenthüren gingen auf: Da speit das doppelt geöffnete Thor Zwei ganze Geschlechter auf einmal hervor. Oberamtmanns mit Familie, Herr und Frau Dekan nebst zwei Gästen, denen man auf diese Weise eine wohlfeile Ehre anthun konnte, kamen zum Vorschein. »So, Frau Pfarrerin, diesmal werden Sie zufrieden sein, daß wir auch einmal zum Essen kommen!« rief ganz beglückend die Frau Oberamtmännin. »Ja, wenn Sie's nicht gewesen wären,« meinte der Herr Dekan, »so hätt' ich heute meine Frau nicht fortgebracht, sie hat große Wäsche,« mit bittersüßem Lächeln drückte die Frau Pfarrerin ihre Dankbarkeit aus und führte sie in's Haus: sie meinte, es müsse derweil irgend ein Wunder geschehen sein, um es produzibel zu machen. Dem aber war nicht so, – im Salon klopfte der Sattler, im Speiszimmer hauste der Maurer, im Kabinet polirte der Schreiner, in der Bibliothek war der Boden mit Büchern bedeckt, in den Gastzimmern putzten die Mägde; – so blieb nur eine Zuflucht, die Schlafstube, das Asyl des Pfarrers, der denn auch aufgescheucht wurde aus seiner Höhle, und nolens volens den Angenehmen spielen mußte. Während Jungfer Christiane in Desperation in der Waschküche stand, wo sie heute kochen mußte, und die totale Unmöglichkeit einsah, noch ein andres Diner herzustellen, that die Frau Pfarrerin ihr Möglichstes, liebenswürdig zu sein: sie sprach mit dem Herrn Dekan über Schleiermachers Monologen, mit der Frau Oberamtmännin über Erziehung, mit dem eingeführten Vetter über die Catalani – sie suchte großmüthigst den Gästen zu verbergen, wie entsetzlich ungeschickt sie gekommen waren, und begriff die seltsamen Blicke nicht, die die Frauen wechselten, während es doch an ihnen gewesen wäre, sich höchlich zu entschuldigen. Es wurde Mittag, man deckte so gut es ging; Jungfer Christiane verbarg sich in den untersten Winkel der Waschküche, als sie Lisbeth mit der Reissuppe, die erst noch angebrannt war, und dem zähen Fleisch, das auf die guten Zähne der Maurer und Dorfweiber berechnet war, hinauf sandte; – ihr Schlachtenmuth war gebrochen, sie hatte nichts mehr ersinnen können; und auch der Jakob fort, der noch auf dem Schimmel hätte etwas herbeischaffen können! Immer bedenklicher wurden die Blicke der Gäste, als sie allmählich merkten, daß dies der ganze Umfang der Mahlzeit sei; die Frau Dekan hatte ihre Gäste nach der delikaten Küche der Jungfer Christiane lüstern gemacht, der Herr Oberamtmann aß selbst gern was Gutes, – vergebens, vergebens; Reis und Kuhfleisch, hernach etliche Rettige, dabei bliebs, – dazu war der Schlüssel zum Speiskammerschrank verlegt und konnte nicht einmal Eingemachtes herbei geschafft werden; – mühselig würgten sie die einfache Kost hinunter, mühselig erhielt die Frau Pfarrerin die Unterhaltung im Gang; – es ist nun einmal so, man kann am eigenen Herd nach Umständen bei einem Wassersüppchen vergnügt sein, wo aber mehrere beisammen sind, da braucht es auch ein Uebriges an Speis und Trank, um die Unterhaltung zu erwärmen und zu beleben, und die reichsten Geister sind davon nicht ausgenommen. Eben hatte man abgetragen und Jungfer Christiane war bemüht den Reis aufzufüllen, damit er noch ausreiche für Handwerker und Dienerschaft, da erscholl der Schreckensruf: »Jungfer Tante, noch eine Kutsch!« – Diesmal trat Jungfer Christiane ihrem Schicksal selbst entgegen; da sprang eben der Doktor von seinem Einspänner und half seinem Töchterlein und halberwachsenen Filius herab. »Nicht wahr, wir kriegen schon noch was?« rief er ganz erwartungsvoll, »habe da noch einen Krankenbesuch gemacht, nun meinte Mathilde, zum Essen kommen wir zu spät, ich aber sagte: das müßte gar nicht mehr die Tante sein, wenn sie nicht noch ein Stückchen Braten für uns übrig hätte!« Mit säuerlichem Lächeln nahm die Tante diese Vertrauensadresse auf, doch hob sich dadurch ihre Kraft ein wenig; sie schickte zur Schulmeisterin um Geräth und brachte endlich noch Pfannkuchen zu Stand. Kaum fand der Doktor und seine Jugend noch Platz in der vollgepfropften Schlafstube und genoß den nachgebrachten Imbis, um den sie von den früher angekommenen Gästen sehr beneidet wurden. Sie hatten abgespeist und die Hoffnung auf Braten und Nachtisch zu Grabe gelegt, man stellte sich in Ermanglung andrer Unterhaltung an die Fenster, – siehe, da pilgerte der dicke Pfarrer von Grüpdorf nebst seinem langgelockten Vikar und rothbackigen Töchterlein auf das Pfarrhaus zu. – Mit stummer Fassung trat ihnen die Tante entgegen, – »ja; das kann doch nur die Jungfer Tante,« rief bewundernd der Pfarrer, »zu Maurer und Schreinern noch Gäste einladen, das wäre ein Exempel für meine Frau, die heut nur wegen des Bettensonnens daheim geblieben ist.« – »Einladen?« frug unwillkürlich die Tante. – »Nun ja, der Jakob hat's doch recht ausgerichtet? auf Mittwoch? Pfarrers von Wend und der gelehrte Herr Magister, der wirklich in Feldberg wohnt, haben's auch so verstanden und kommen gleich nach, sie haben nur noch im Amthause zu Heimstett angerufen.« Jetzt begann das Räthsel sich zu lösen; Jungfer Christiane, obwohl sie noch nicht an die grenzenlose Frechheit des Jakob glauben konnte, war doch nimmer so innerlich ergrimmt über die Gäste, von denen es ihr zuvor pure Bosheit geschienen, daß sie alle heut gekommen. Richtig kam noch die Pfarrfamilie von Wend und der interessante Privatgelehrte, ein spezieller Verehrer und platonischer Anbeter der Frau Pfarrerin, noch verstärkt durch die Amtmannsfamilie, die sich als ungebetene Gäste angeschlossen hatte. Alle in der angenehmen Gewißheit, höchst willkommen im Pfarrhause zu sein. Als die droben noch die neue Zufuhr anrücken sahen, da begannen doch Alle mehr und mehr etwas Ungewöhnliches zu ahnen, das konnte nicht purer Zufall sein. Da ohnedies die Masse Leute in dem engen Schlafzimmer noch wunderbarer gewesen wäre als ein Haspel in einem Glasfläschchen, so beschlossen sie herabzukommen, um unten das Nähere zu vernehmen; der Pfarrer benützte diese kurze Erlösung, um sein Mittagschläfchen nachzuholen. So stand nun im Hof die ganze Schaar der Gäste sammt Pfarrerin und Tante, und lachte und verständigte sich und erzählte einander gegenseitig den dringenden Zuspruch des Jakob. Da kam eben dieser Verräther mit seinem neubeschlagenen Schimmel den Hügel heraufgetrollt und übersah mit einem Blick sein Werk. Hat er aus dem Monolog der Jungfrau von Orleans deklamirt: Und mich, der all dies Herrliche vollendet, Mich rührt es nicht, das allgemeine Glück .   .   .   .   .   .   .   .   .   .   .   .   .   .   .   .   .   .   .   Und aus der Freunde Kreis muß ich mich stehlen, Die schwere Schuld des Busens zu verhehlen. so weiß ich's nicht, davonstehlen galt aber nicht; die Tante mit ihrer durchdringenden Stimme rief ihn alsbald herbei: »aber, Jakob, was hat denn Er denkt?« – »Ha, i hab' halt denkt,« sagte der Jakob, verlegen im Kopf kratzend, »se werde net glei alle so komma.« Nun, geschehen war's, und Alle machten gute Miene zum bösen Spiel, Jungfer Christiane ließ die große Laube ausräumen, die heut der Zimmermann hatte repariren sollen; wer darin nicht Platz fand, der mußte sich außen placiren; und sie feuerte abermals unter ihrem Waschkessel, um Kaffee zu kochen. Lisbeth und Margreth wurden in's Dorf geschickt, um Milch beizuschaffen und Jakob, der einladende Bösewicht, wurde verurtheilt, wieder zur Stadt zu reiten und einen Korb voll Wecken aufzutreiben. Das that er denn auch und galoppirte dergestalt, daß der Thurmwächter in der Stadt ihn für einen Feuerreiter ansah und die Sturmglocke anzog, worauf die Feuermannschaft zusammenlief und alles schrie, lärmte und fragte, »was gibt's, wo brennts,« bis endlich aus dem Bäckerhause eine Stimme brüllte: »s' Pfarrers Knecht von Aichelhausen hat Wecka g'holt.« Und der Jakob, hoch zu Roß, sprengte mit einem gewaltigen Tragkorb donnernd über das Pflaster und suchte das Weite, da er groß in Gefahr war, daß die Städtler ihre Feuerspritze auf ihn gerichtet hätten. Das Einladen auf eigne Hand hat der Jakob von nun an unterlassen, auch hatte dieser Sturmtag zur Folge, daß das Pfarrhaus eine Zeit lang von Gästen aus der Nachbarschaft wenig heimgesucht wurde. Jungfer Christiane ließ sich's übrigens nicht nehmen, daß, um die Ehre des Hauses zu retten, später die sämmtlichen Theilhaber dieser verfehlten Parthie eingeladen, und so reichlich und köstlich bewirthet wurden, daß das Andenken an den angebrannten Reis und das Kuhfleisch gänzlich auslöschen mußte. Schöne Zeit, wo bist du? kehre wieder Holdes Blüthenalter der Natur! Suchet nicht mehr nach Ur- und Nachbildern solcher Pfarrhäuser, das alles ist dahin, ein Pfarrer hat kein Vorrecht mehr als das, der erste Bettler seiner Gemeinde zu sein, der für Alle bettelt und von allen angebettelt wird, und er muß fürchten, daß auch seine harmlosesten Gäste mit scheelen Augen angesehen werden. Während alle Welt, bis zum Schulknaben hinab, wenigstens eine Weile, sich schmeicheln konnte, Märzerrungenschaften gewonnen zu haben, kann der arme Pfarrer nur von Märzverlusten sprechen, und die sind viel dauerhafter, als die Errungenschaften gewesen sind. Das fromme Pfarrhaus. Damit soll nun abermals nicht gesagt sein, daß dieses das einzige seiner Art gewesen sei. Gewiß aber trug es vor vielen den Stempel des Geistes, der überall, und zumeist in einem Pfarrhause regieren soll; und scheint auch die Art und Weise, wie sich diese Frömmigkeit kund gab, etwas schwärmerisch, so hat sie sich doch als probehaltig bewährt. Es waren nun mehr als fünfzig Jahre seit der Pfarrer zu B. sein Amt begonnen und seine junge Frau in sein Haus eingeführt hatte. Kein sonnenheller Tag war es gewesen, und kein fröhliches Geleite hatte das junge Paar zur eigenen Wohnung geführt. Aus dem Wagen hoben sie sorgsam die gichtkranke Mutter des Pfarrers, die, nachdem sie lange ein bitteres Gnadenbrod am Tische übelwollender Verwandten genossen, nun im Hause ihrer Kinder wieder eine Heimath finden sollte; und am Fenster des Hinterstübchens stand eine düstere bleiche Gestalt, die stieren Blickes den Ankommenden entgegen sah. Es war die geisteskranke Schwester der jungen Frau, die bereits mit ihrer Wärterin aus der Irrenanstalt angekommen war. Die Schwester wollte sie von nun an zu sich nehmen und die Wirkung ihrer liebevollen Pflege auf die Schwermüthige versuchen, da das Kostgeld im Irrenhause bereits das kleine Vermögen der Kranken aufgezehrt hatte. – »Das ist meine einzige Mitgabe,« sagte die Frau in wehmüthigem Tone zum Gatten, als ihre Augen auf das Jammerbild fielen. »Du hast noch einen reichen, reichen Vater,« antwortete dieser getrosten Muthes. Und als die Mutter bequem in einen Sessel gebettet, auch die Schwester geholt und an's freundlichste Plätzchen gesetzt worden war, da kniete das Ehepaar nieder, der Pfarrer sprach ein feuriges, glaubensvolles Gebet, darauf erhob sich die volle, glockenreine Stimme der Pfarrfrau zu dem schönen Choral: »Nun danket alle Gott,« und als sie die Worte sang: Der ewig reiche Gott woll' uns in diesem Leben Ein fromm und fröhlich Herz und edlen Frieden geben, da klangen die Töne so trostvoll, so innig zuversichtlich hinauf zum stillen Abendhimmel, daß wer es hörte denken mußte, diesem Hause sei ein wunderbares Heil widerfahren. Die Pfarrerin, eine edle, aber schon etwas verblühte Gestalt, war wenig jünger als ihr Mann, der doch bereits die vollkommene Reife erreicht hatte, zu der bei uns die Diener der Kirche kommen, ehe sie Amt und Beruf erlangen. Vor vierzehn Jahren hatte sie der schüchterne Jüngling zuerst gesehen, die jugendlich blühende Tochter eines verehrten Lehrers, und damals kaum gewagt, seine Augen zu dem schönen Mädchen zu erheben. Aber im Herzen trug er sie als unerreichbaren Stern, und als er seine Studien vollendet hatte, schied er von ihr, ohne seine Liebe zu gestehen. Vier Jahre nachher traf er mit ihr im Postwagen zusammen. Sie hatte den Vater verloren und war auf dem Weg in die Fremde, um in der entsagungsreichen Stelle einer Gouvernante die Mittel zum Unterhalt ihrer Mutter zu suchen. Hier erst lernten sie sich kennen, hier erst ahnten sie beide den tiefern Zusammenhang ihrer Seelen. Aber was konnte ein armer Vikar einem mittellosen Mädchen bieten? So sah er denn schweren Herzens die Geliebte ziehen, in der sichern Meinung, sie sei ihm nun verloren, denn er hielt es für unmöglich, daß solch ein Kleinod nicht viel begehrt sein sollte. Habe nicht bang, mein guter Vikar! ein armes Mädchen kann beim allerhöchsten Werth geruhig in ungestörter Einsamkeit verbleiben. Acht Jahre verflossen wieder und der dreiunddreißigjährige Vikar hatte endlich ein Amt errungen. Da war Marie sein erster Gedanke, Marie, die auch seiner armen kranken Mutter gewiß eine gute Tochter sein würde, und er begann nach ihr zu forschen. Sie hatte noch nicht lang ihrer Mutter die Augen zugedrückt und war im Begriff, auf's Neue den Wanderstab zu ergreifen, da es nun galt, für die Erhaltung der schwermüthigen Schwester zu sorgen. So durfte er schon wagen, der ganz einsamen seine Hand, seine bescheidene Heimath anzubieten. Daß die Zeit, daß Mühe und Leid indeß ihre Blüthe verzehrt, das machte ihn nicht irre; er hatte »in ihrem Auge den Strahl des ewigen Frühlings gesehen,« und der war noch nicht erloschen. Selig empfing er ihr Jawort und führte sie mit der kranken Mutter und der unglücklichen Schwester an den eigenen Herd. So umwölkt war der Himmel am Beginn ihrer Ehe, aber der siegende Strahl eines mächtigen Gottvertrauens brach durch. Dieses Gottvertrauen war nicht von der Art, wie das so vieler leichtherzigen und sorglosen Gemüther, die da unter ihrem täglichen Brod nicht nur, wie der alte Luther, »Essen, trinken, Kleider, Schuh« \&c. verstehen, sondern auch gut Essen und Trinken, schöne Kleider und weiche Schuh, und die der guten Zuversicht sind, der liebe Gott sei dazu da, ihnen all dies anzuschaffen und daneben überhaupt alles wieder gut zu machen, was sie dumm und leichtsinnig gemacht; die wie der heilige Crispin den Armen spenden, was sie, nicht ihrem eigenen Munde, sondern andern Leuten in irgend einer Weise abgenommen, die im Stand sind, das Tuch vom Halse zu verschenken, und sich morgen ein hübsches neues dafür kaufen. Nein, des Paares Gottvertrauen war mit der äußersten Genügsamkeit, mit der strengsten Selbstverläugnung gepaart, und darum hat es sie nie getäuscht. Ihre Hausordnung war einfach und wechsellos. Jeder Morgen, jeder Nachmittag wurde von sämmtlichen Hausgenossen mit einem gemeinsamen Gebet auf den Knien begonnen, jeder Abend damit geendet. Hie und da mochte wohl ein alter Universitätsgenosse, der den Pfarrer heimsuchte, etwas stutzig werden, wenn er eben nach Tisch seine Pfeife anzünden wollte, um mit dem Pfarrer zu rauchen, und nun statt dessen dieser niederkniete zum Gebet und die klare Stimme der Pfarrfrau ein geistliches Lied anstimmte. Und doch trug diese bei uns etwas ungewohnte Andacht so sehr das Gepräge der Innigkeit und Wahrheit, daß Jeder, mochte er nun gesinnt sein wie er wollte, herzlich oder doch ehrfurchtsvoll mit einstimmte. Rastlos thätig war der Pfarrer in den Arbeiten seines Berufes, und es schien unbegreiflich, wo er Zeit und Kraft hernahm, neben den regelmäßigen Gottesdiensten noch Erbauungsstunden für Junge und Alte, Bibelerklärungen und häusliche Andachten zu halten, wie er stundenlang sein Ohr jedem besondern Gewissensanliegen leihen konnte, das ihm vorgetragen wurde, und wieder Nächte durchwachte am Bette todesbanger Kranken, in der Hoffnung, vor dem Erlöschen noch Einen Trostesstrahl in ihre Seele fallen zu lassen. Und eben so wunderbar dehnbar schien die Zeit und die Kraft der Pfarrfrau, die mit einem zarten Körper die kranke Mutter pflegte, in evangelischer Demuth die mühsamsten Arbeiten mit der Magd teilte, eine Kleinkinderschule beaufsichtigte, zu der sie ihren untern Hausraum hergegeben hatte, daneben dem Manne beistand, wo es galt, zu helfen und zu trösten, und doch noch Stunden dem hoffnungslosen Bestreben widmen konnte, die verdunkelte Seele der Schwester aufzuhellen. Und sie war dabei stets heitern Muthes, mit leichtem, leisem Tritt wandelte sie von einem zum andern, und keines schien sich verkürzt. Daß in solcher Weise das Pfarrhaus auch zu einer Herberge der Verlassenen, zur Vorratskammer der Hungrigen wurde, läßt sich leicht denken; hier jedoch war es nicht ganz vom Vorwurf einer gewissen Parteilichkeit frei zu sprechen. Mit einer frommen Miene, mit ein paar biblischen Sprüchen, mit gewissen geistlichen Schlagwörtern von »Erweckung und Bekehrung« u. dgl. konnten auch unwürdige Heuchler sich vom Pfarrer leichter Aufnahme und Hülfe verschaffen als andere einfache Leute, die ihm noch »unerweckt« schienen. – Da war es gut, daß die Pfarrfrau hierin etwas schärfer sah, und hie und da die Uebergüte ihres Mannes ein wenig eindämmen konnte. Sie war's, die dem wandernden Bruder Jeremias die Branntweinflasche aus der Tasche zog und schweigend vorhielt, als er eben erzählte, wie er seinen Leib kasteie und statt Wein zu trinken das Geld dafür der Mission bringe. Sie hatte den neuerweckten Juden durchschaut, der nach einer Weihnachtspredigt des Pfarrers sich diesem vorstellte als dürstend nach dem Licht des Evangeliums, welcher Durst ihn schon zuvor bei sieben verschiedenen Pfarrern angewandelt hatte, von denen er sich allemal während der Zeit des Unterrichts freihalten ließ. Sie hatte die fromme Bärbel, die zu ihr kam und verkündete, der Geist habe ihr geoffenbart, daß die Frau Pfarrerin sie acht Tage lang speisen werde, tüchtig Holz tragen lassen, also daß ihr der Geist schon am dritten Tage offenbarte, sie solle wieder heimgehen; und als der krumme Schuster, der alle Versammlungen besucht und sein Handwerk liegen ließ, ihrem Mann einen gepolsterten Sessel aus dem Wohnzimmer abgebettelt hatte, »weil seine armen Kindlein nichts hätten, um darauf zu sitzen,« hatte sie ihm denselben auf der Treppe abgenommen und ihm dafür einen hölzernen Stuhl verehrt mit dem Bemerken: darauf lasse sich viel besser arbeiten. Wovon die Pfarrleute lebten, das schien auch räthselhaft. Das Einkommen war klein und der Veranlassungen zur Mildthätigkeit so viele, und doch sah man keinen Mangel und hörte keine Klage. Aber die Pfarrerin legte auch niemals die Hände in den Schooß und öffnete dazu den Mund, auf daß ihr Gott gebratene Tauben hineinfliegen lasse; nein, sie rührte die Hand und schloß den Mund lieber, als daß sie ihn zu überflüssigem Begehren aufgethan hätte. Die kranke Mutter ging bald zur Ruhe, mit mehr als Kindestreue gepflegt, die Schwester aber lebte noch lange Jahre fort, trübsinnig und still; nur selten konnte ihr das unermüdet liebevolle Bemühen der Schwester einen hellen Funken entlocken; beim Gesang allein wurde oft ihr Blick klarer. Sechs Kinder hatte die Pfarrerin geboren, wie es schien mehr zur Prüfung ihrer Geduld, als zur Lust und Freude. Fast alle waren zarte, schwächliche Geschöpfe. Drei Jahre nacheinander trug man jeden Frühling eine kleine Leiche aus dem Pfarrhaus. Keine Klage ging über die blassen Lippen der Mutter; sie selbst schmückte die Lieblinge für den Sarg, sie selbst ging festen und stillen Trittes hinter der Bahre her und ihre Stimme tönte vernehmlich im Grabgesang. – Drei Kinder blieben ihnen: Samuel, ihr erster und einziger Sohn, Maria, ein schönes blühendes Mädchen, und die bleiche kränkliche Dorothea, ein kümmerliches Geschöpf, verkürzt an Leib und Seele, deren Dasein ein beständiges Hinwelken schien. Dem Samuel hatte die ernste Zucht des Vaterhauses schlecht zugesagt, und als er in die Welt hinauskam, schien er zwiefältig einholen zu wollen, was er daheim versäumt an Lebenslust. Aus dem Seminar schon entwich er, um sich einer herumziehenden Schauspielerbande anzuschließen, und es läßt sich denken, welche Freude der Vater hatte, als man ihm seinen Samuel im Costüm des Carl Moor bei Nacht und Nebel daher brachte. Doch das wurde vergeben und vergessen, und mit Mühe und Noth gelang es, den Samuel in's berühmte theologische Stift zu Tübingen zu bringen. Aber nicht zu sagen ist es, wie viel Unfug er hier verübte, bis er zuletzt, nach Karzer und Ultimatum, inmitten der Nacht abgefaßt wurde, als er dem Stift entsteigen wollte, um einem Commers anzuwohnen. So brachte man den erschütterten Eltern die hoffnungslose Frucht nach Haus, und nun entstand die große Frage: was soll aus ihm werden? Alles Mögliche wollte man aus dem Samuel machen: er sollte Kaufmann werden, Apotheker, Schreiber, Buchbinder – es ging alles nicht, er war zu keiner geordneten Thätigkeit zu bringen. So blieb am Ende nichts übrig als Amerika, dieser große Abzugskanal verdorbener Menschenkräfte. Der Pfarrer that sein Aeußerstes, um die nöthige Summe zur Ueberfahrt aufzubringen, und begleitete ihn selbst aus dem Lande. Bei diesem Abschied war es zum erstenmal, daß man die Pfarrerin weinen sah, als ob das Herz ihr brechen wollte; zum erstenmal versagte ihr die Stimme, als sie das Abendlied anstimmte. Aber kein Morgen und kein Abend verging seitdem, ohne daß der Pfarrer ein besonderes Gebet für den verlorenen Sohn zum Himmel geschickt hätte, ein Gebet, so feurig und kräftig, daß man glauben mußte, es vermöge die Wolken zu zerreißen. Und es ist nicht unerhört geblieben. Jahre vergingen ohne Nachricht von Samuel; vergessen war er nicht, aber Niemand wagte mehr etwas von ihm und für ihn zu hoffen, als die Mutter allein. Nach langen Jahren kam endlich ein Brief von ihm, eine Freudenbotschaft, wie noch keine im Pfarrhaus eingekehrt war. Samuel hatte nicht, wie man zu sagen pflegt, »sein Glück gemacht«; der Goldsand Californiens war noch nicht bekannt; er war jetzt Pfarrer, und seine Mittel zu bescheiden, als daß er nur an einen Besuch im Elternhaus hätte denken können; aber sich selbst hatte er wieder gefunden, sein Kindesherz und seinen Gott. Er hatte wunderliche Schicksale gehabt, der Samuel, er hatte sein Brod gesucht als Steinklopfer, als Hausknecht, als Laufbursche, bis er einmal im Dienst eines Bilderhändlers zu einer alten Frau kam. Das Mütterchen betrachtete ihn mit wehmüthiger Freundlichkeit, und beim Abschied fragte sie ihn ernst, ob er nie was Besseres gewesen? Da brach die Rinde, die sein rohes, selbstsüchtiges Jugendleben um sein Herz gelegt und die von der bittern Noth und Verlassenheit wohl schon lange war gelockert worden. Und der Sorge dieses ehrwürdigen Mütterleins war es gelungen, ihn für ein neues Leben zu gewinnen. Das war ein freudeheller Tag im Pfarrhaus, und »Nun danket alle Gott« klang am Abend von den Lippen der Mutter fast so hell wie vor dreißig Jahren. Die blühende Maria faßte mit Zustimmung der Eltern den Entschluß, einem Missionär nach Afrika zu folgen, und von dem fröhlichen Kinderkreis war allein die blöde, unschöne Dorothea übrig. Alle Kraft der Liebe, eine Treue und Geduld, die kein Menschenauge erkennen kann, wandte die Mutter auf die Entfaltung dieser wenig versprechenden Blüthe, und die Mühe war nicht verloren. Als die Mutter, wenige Jahre nach dem Freudentage, den ihr Samuels Brief gebracht, die Augen schloß zur ewigen Ruhe, da konnte sie das sonst so scheue, ungenießbare Geschöpf zurücklassen als einen stillen freundlichen Hausgeist, der allen diente und von keinem etwas begehrte. Und ob sie auch nur leise und schüchternen Tones das Abendlied anstimmte, des Vaters ungebrochene Stimme fiel ein, und es ist doch zum Himmel gedrungen. Gar still war es freilich im Pfarrhause geworden; aber in ungebeugter Kraft versah noch immer der Pfarrer sein Amt, unermüdet war er, an den Betten der Sterbenden zu beten, an die Herzen der Lebenden zu pochen. – Mehr als fünfzig Jahre hatte er sein Amt geführt. »Sie sollten einen Gehilfen nehmen, Herr Pfarrer,« meinte der Dekan, der mit Bewunderung die Leistungen des mehr als achtzigjährigen Mannes prüfte. – »Ich will selbst wirken, so lange es Tag ist,« war die Antwort; »wenn es Nacht wird, so wird der Herr mich heimrufen.« Am folgenden Sonntag Nachmittag schritt er aufrecht und freundlich, wie immer, in der Kirche unter den Kindern umher, da auf einmal wankten seine Schritte, kaum erreichte er noch den Altar, und mit dem Rufe: »Amen!« sank er zusammen. – Der Herr hatte ihn heimgerufen, ehe die Nacht einbrach.