Johann Karl Wezel Hermann und Ulrike Ein komischer Roman in vier Bänden.     Vierter Band. Zehnter Theil. Erstes Kapitel. Gegen den Ausgang des Winters, mitten in dem blühendsten Spielerglücke, nach so vielfältigen vergeblichen Bemühungen, Ulrikens Aufenthalt auszuforschen, empfieng Herrmann eines Abends einen Brief, dessen Aufschrift ihrer Hand sehr ähnlich war: allein weil eben einer von seinen Pointirern seinen Beutel bey ihm rein ausgeleert hatte, und ein Andrer auch schon anfieng, die verdammten Karten, die niemals gewinnen wollten, mit den Zähnen zu zerreißen, und ein Dritter nach seiner Gewohnheit, die er jedesmal bey einem großen Verluste beobachtete, unaufhörlich hustete und eine Prise nach der andern nahm; so steckte er den Brief in seine Tasche, wartete sein Glück bis um Mitternacht ab, trank in Arnolds Gesellschaft auf seiner Stube eine Schale Punsch aus, schlief ruhig bis um 4 neun Uhr und dachte an keinen Brief. Bey seinem Erwachen fiel er ihm wieder ein: er zog ihn aus dem Kleide, das neben dem Bette an der Wand hieng, und eröfnete ihn, im Bette sitzend. Welch' ein Entsetzen, von Freude und Besorgniß begleitet, als er in der Unterschrift Ulrikens Namen las! F** den 4. May. Lieber Heinrich, »Mit solchem Jammer, wie izt, hab' ich noch nie die Feder ergriffen, um an dich zu schreiben: aber das weis der Himmel! ich hatte auch nie solche Ursachen dazu, wie izt. Von Sorge und Bekümmerniß abgezehrt, von Krankheit entkräftet, von der Furcht auf allen Tritten verfolgt, irre ich, wie ein gescheuchter Vogel, herum und kan mit Mühe eine Hütte finden, die mich vor Wind und Wetter schüzt. – Gott! ist denn keine Barmherzigkeit für ein Mädchen, das liebte, wen es nicht lieben sollte? Gern will ich ja meinen Rücken der Strafe darbieten, wenn sie nur nicht ohne Ende seyn soll: aber nein! ich 5 kan ihr Ende niemals finden, so tief, tief bin ich in der Noth versunken. Du lebst in der Freude, wie man mir sagt; und wenn Freude und Kummer nicht anders unter uns aufgetheilt werden sollten, so that das Schicksal wohl, daß es mir den Kummer zu tragen gab. Ich mache keinen Anspruch mehr auf die Freude; sie sey alle dein; aber um Hülfe fleh ich, um ein Almosen, wie ein Bettler es bittet; und von wem kan ichs dreister fodern als von dir? – Siehe mich nicht mehr als die Geliebte deines Herzens an! De Zeiten sind vorbey – nein, blos als ein dürftiges unglückliches Mädchen, das bald auch diesen Namen vor der Welt verlieren wird, wie es ihn schon längst vor seinem Gewissen verlor! Lies meine traurige Geschichte, und dann urtheile, ob ein Geschöpf Hülfe verdient, das nicht durch dich, sondern an dir durch sich selbst, durch seine eigne Verblendung unglücklich wurde! Auf Vignali's Verlangen verließ ich 3. Band, 273 S. einige Stunden früher, als du, ihr Haus: wir 6 trafen uns in einem Dorfe, dessen Namen ich vergessen habe Zehlendorf. 3. B. 277 S. , und übernachteten in einem andern Beeliz. Ebend. 282 S. in Einem Gasthofe miteinander: aber so sehr ich mit dir zu reisen wünschte, so war mirs doch nicht möglich, mich vor dir sehn zu lassen: ich glaube, ich wäre vor Scham versunken. Auch fürchtete ich dich zu beleidigen, wenn ich deinem lezten Briefe Ebend. 260 S. zuwider handelte: ich tröstete mich also mit der Hofnung, die mir Vignali machte, dich in Leipzig bey Madam Lafosse zu finden und mit dir – aber ich mag es gar nicht ausschreiben, was sie mir alles überredete. Ich dachte wohl immer bey meiner Hofnung: nein, das Glück wäre zu groß für dich! Du findest ihn gewiß nicht! – Wie gedacht, so geschehen. Ich komme nach Leipzig mit einem Briefe von Vignali: da war keine Madam Lafosse! Sie hatte einen Handschuhhändler in Dresden geheirathet. Ich erkundigte mich bey dem Manne, der mir die Nachricht gab – es war, glaub' ich, der Hausknecht – ob nicht ein junger Mensch, den ich ihm beschrieb, nach 7 ihr gefragt habe. »Es ist mir so,« sagte der schläfrige Kerl. »Es fragen sehr oft junge Menschen nach ihr: wer kan sie alle behalten?« – Mit diesem Bescheide mußte ich vorlieb nehmen. Ich fand nichts wahrscheinlicher, als daß du zu Madam Lafosse nach Dresden gereist wärst und dort auf mich wartetest: in der Hitze meines Verlangens dachte ich gar nicht daran, daß mich Jemand in Dresden kannte, sondern trat ohne Bedenken die Reise an, ohne mehr als einen halben Tag in Leipzig zuzubringen. Nach meiner Ankunft begab ich mich gleich in einen Laden, wo man Handschuhe verkaufte, und fragte nach Madam Lafosse: Niemand wollte sie kennen, bis ich endlich in einem erfuhr, daß sie seit zwey Tagen Madam Düpont hieß. Man zeigte mir ihre Wohnung an, und ich fand sie glücklich. Die Frau hatte kaum Vignali's Brief zur Hälfte gelesen, als sie mir schon die Backen klopfte und einmal über das andre rief: »Sie sollen ihn haben! Sie sollen ihn haben!« – Sie bot mir ihre Wohnung an, bis sich mein Amant, wie sie dich beständig nannte, 8 einstellen würde. Ich nahm das Anerbieten mit Freuden an, wartete viele Tage, aber du kamst nicht. Der Verdruß übernahm mich: ich wollte schlechterdings unser Zusammentreffen erzwingen, und hatte die Unbesonnenheit auszugehn, um dich aufzusuchen. Wo ich gieng, war mirs, als wenn alle Leute stehn blieben und einander ins Ohr sagten: »da ist sie wieder!« Bey manchen mochte es auch wahr seyn; denn ich hatte viele Personen in Dresden ehmals gekannt. Auf einmal sehe ich den Bedienten der Tante Oberstin mir entgegen kommen: ich denke, der Blitz trift mich, so erschrak ich über das fatale Gesicht. Ich kehrte mich zwar um, damit er hinter meinen Rücken weggehn sollte: es geschah: ich gehe meinen Weg fort, glaube aus aller Gefahr zu seyn, und eile, was ich kan, nach Hause, mit dem festen Vorsatze, bey Tage nicht wieder auszugehn: in der Thüre seh ich mich um und werde gewahr, daß mir der Bösewicht nachgegangen ist. Nun war ich verrathen. Ich entdeckte mich Madame Düpont und bat 9 sie, mir den Augenblick aus Dresden zu helfen: sie beruhigte mich und versicherte, daß ich bey ihr nichts zu fürchten hätte. Indem wir noch mit einander davon reden und über die Zukunft berathschlagen, höre ich einen Wagen vor der Thür halten: ich laufe voller Angst ans Fenster; und eben steigt Tante Sapperment aus. Wie vor Todesschrecken fall ich der Madam Düpont um den Hals und bitte sie, mich zu verhelen: sie versprach es, und ich sprang in die Kammer, riegelte die Thüre zu und horchte. O wie fürchterlich klang in meinen Ohren der Tante Stimme, als sie hereintrat! Mir zitterten alle Glieder vor Entsetzen. Sie fragte in sehr bestimmten Ausdrücken nach mir: Madam Düpont versicherte Ihre Gnaden, das Sie unrecht angekommen seyn müßten. Zum Unglücke hängt mein rosenfarbnes Kleid, das ich der Düpont gegeben hatte, um es zu verkaufen, auf einem Stule. »Wem ist das Kleid?« fieng die Tante an. »Das kan nicht Ihnen gehören.« – Madam Düpont ist beinahe noch einmal so stark als ich. – »Nein,« antwortete sie, »es 10 ist einer guten Freundin, die mich aus Leipzig besucht hat.« – »Wo ist die gute Freundin?« – »Ausgegangen.« – »Das ist eine Donner-Blit-Hagelslüge. Das ist Ulrikens Taille und Größe. Mein Bedienter hat die Wetterhure bey Ihnen hereingehn sehn: gestehen Sies! Sie haben den kreuz-elementschen Nickel versteckt: gestehn Sies! oder ich lasse Haussuchung bey Ihnen thun.« – »Das können Sie!« sagte die Düpont. Die Tante rasselte an der Thüre, schloß mit dem Schlüssel auf und fluchte, daß es verriegelt war. »Es muß ja wohl da außen noch eine Thür in die sappermentsche Kammer gehn?« sagte sie, und ohne die Antwort abzuwarten, schritt sie aus der Stube hinaus und kam an die andre Thür der Kammer. In der Angst stecke ich mich in ein Vorhangsbette und vergrabe mich so tief, daß ich kaum athmen kan. Die Thür geht auf, die Tante kömmt herein und durchsucht alle Winkel; und die Düpont leidet alles so geduldig, als wenn sie vor der Thür bestochen worden wäre: ich glaub' es auch. Endlich trift die Reihe auch mein Bette: sie reißt die Vorhänge auf, will das Deckbette aufheben und fühlt Widerstand; denn ich zog es 11 aus allen Kräften an mich. »Da ist das kreuz-hagel-sappermentische Donneras!« rief sie und arbeitete mit beiden Fäusten so lange, bis sie mich packen konte: ich wehrte mich wohl, so sehr es sich thun ließ, allein die Frau hat Löwenstärke: sie riß mich heraus, richtete mir den Kopf höchstunsanft in die Höhe und sah mir ins Gesicht: ich schloß die Augen fest zu. – »Ja, du bists ja!« rief sie, »du infamer, elementscher Wetterbalg!« – und mit diesen Worten peitschte ihre rechte Faust so unbarmherzig auf mein Gesicht los, daß mir zu Einer Zeit die Thränen aus den Augen und das Blut aus der Nase stürzte. Ich war vor Bestürzung und Angst ohne Sinn und Stärke: ich ließ mich schleppen, stoßen und schlagen, wie eine Elende, die in den Tod geführt werden soll. Ich rief Madam Düpont einigemal zu Hülfe, allem die Falsche ließ sich weder sehen noch hören. In dem kläglichsten Zustande wurde ich von der Oberstin und ihrem Bedienten die Treppe hinuntergebracht: ich widersezte mich auch nicht, sondern stieg freywillig in den Wagen; denn ich war so voll 12 Verzweiflung, daß ichs darauf ankommen ließ, was man mit mir thun wollte. Zu Hause brach erstlich der Sturm vollends aus: das war nichts als fluchen und sappermentiren: ich blieb stumm, wie ein Stock, und ließ auf mich hineintoben. Das war ihr wieder nicht gelegen: nun fluchte sie, daß ich nicht widersprechen wollte, damit sie desto mehr Ursache hätte, noch länger und heftiger zu rasen: zum Trotz that ich ihr nicht den Gefallen. Die Fenster meiner Stube wurden vernagelt, die Thüre den ganzen Tag verschlossen, und sie begleitete jedesmal in eigner Person den Bedienten, wenn er mir das Essen brachte. Hier steckte ich nun, eingesperrt, wie eine wahre Gefangne, und wiederholte in Gedanken die Freuden und Bekümmernisse, die ich vor anderthalb Jahren in diesem Kerker hatte: ich wußte noch, auf welchem Flecke ich jeden Brief an dich schrieb, wo ich mich gefreut und wo ich mich geängstigt hatte, wo ich den unglücklichen Schwur auf meine Verdammniß that, nicht von dir zu lassen – es lief mir ein eiskaltes Schaudern über den 13 ganzen Leib, als die düstre Nachtlampe zum erstenmale auf dem kleinen Tischchen vor meinem Bette brannte, und alles wieder so war, wie vor anderthalb Jahren: aber die süßen Erscheinungen der Fantasie, die mich damals ergözten, selbst indem sie mich quälten, waren vorbey: meine Seele hatte der Schmerz niedergedrückt: ich war nicht mehr das verliebte Mädchen, das sich durch Hindernisse und Gefahren durchschlägt, um zu dem Geliebten ihres Herzens hinzudringen: ich strebte nicht mehr auf den gespannten Flügeln der Hofnung und muthiger Begeisterung dem Genusse verbotner Liebe entgegen: nein, eine entlaufne Dirne war ich, die sich an einen jungen Menschen hieng, sich zu ihrer Schande verführen ließ, Strafe fürchtete und Strafe verdiente: meine Leiden waren nicht mehr aufrichtendes Verdienst, sondern niederschlagende Züchtigung: in einem solchen Lichte erschien ich mir izt. Seit jener unseligen Nacht haben sich meine Augen geöfnet: ich habe strafbar die Frucht gekostet, die Erkenntniß des Guten und Bösen giebt, und trage den Fluch, und werde ihn 14 bald doppelt fühlen. – O Liebe! Liebe! du mußt die einzige Sünde auf der Erde seyn; denn keine bestraft sich selbst mit so peinigenden Nachwehen, wie du. Für Onkel, Tante, Mutter und alle andere Anverwandte, war mir wenig bange, so sehr mir auch die Oberstin mit ihnen drohte. Was können Sie thun? dachte ich. Vorwürfe machen und dich zwingen, einen Mann zu nehmen, den du nicht liebst, oder in ein Stift zu gehen: das ist es alles: das Leben müssen sie dir doch lassen. Aber Heinrich! ich zitterte vor einem viel schrecklichern Uebel. Meine Gesundheit wurde äußerst abwechselnd: ungekannte Empfindungen erwachten in mir: meine Wangen verblühten: meine Augen, wenn ich mich im Spiegel erblickte, waren trübe, matt, erstorben: meine Tante selbst schöpfte Argwohn und ließ einige bedenkliche Reden über meine Umstände fallen, dir ich mit nichts als Thränen beantworten konte. Sie meldete dem Onkel sogleich, daß ich wieder in ihrer Gewalt war: darauf erfolgte zwar eine sehr zornige und fürchterliche Antwort von 15 ihm, aber doch keine solche, wie sie die Oberstin wünschte. Sie hätte mich gern wieder in Pension gehabt: doch das verbot sich von selbst. Dem Onkel war vor einem Monate ein Sequester in seiner Herrschaft gesezt worden, wie Schwinger in seinem Briefe 3 Band. 157 S. , den du mir in Berlin zeigtest, befürchtete. Er hat zwar die Erlaubniß, so lange auf dem Schlosse zu bleiben, bis sich die Leute, von denen er geborgt hat, unter einander vereinigt haben: allein seine Einnahme ist doch so erstaunend gering, daß er nicht mehr als zwey Bedienten halten kan: die schönen Kutschen, die schönen Pferde, alles ist schon längst fort: es soll so einsam und todt auf dem Schlosse seyn, wie auf einem Kirchhofe. Er wollte also gar nichts mehr mit mir zu schaffen haben, sondern mich dem Elende überlassen: aber die Tante Gräfin versprach in ihrem Briefe, daß sie mich abholen lassen wollte, weil die Oberstin meiner überdrüßig war, da ihr Niemand Kost und Wohnung für mich bezahlte. Ich sollte zu meiner Mutter gebracht werden, die schon seit 16 einem Vierteljahre an den Folgen ihres vorjährigen Sturzes mit dem Pferde 2 Band 229 S. krank danieder liegt: der Graf hatte der Tante nach langem Bitten erlaubt, so viel für mich zu thun, nur mit der Bedingung, daß ich ihm zeitlebens nicht wieder zu Gesichte käme. In einer Woche langte auch wirklich Fräulein Hedwig mit einer alten Kutsche und einem Paar Bauerpferden an: sie hatte mit dem jämmerlichen Fuhrwerke völlige acht Tage unterwegs zugebracht, und die Rückreise schienen die Kracken nicht unter vierzehn Tagen machen zu wollen. Wir fuhren ab. Hedwig klagte außerordentlich über ihr trauriges Schicksal: auf Vorbitte der Gräfin hatte ihr der Graf erlaubt, wieder auf dem Schlosse zu wohnen, wenn sie sich demüthigen und um Gnade bitten wollte. Die Hauptursache mochte wohl seyn, weil ihr der Onkel die Pension nicht mehr bezahlen konte: sie bat um Gnade und wurde seit der Zeit wieder an die Tafel gelassen. Aber sie beschwerte sich gar kläglich, daß alles so genau, so kärglich 17 zugeschnitten wäre, und daß ihr der Graf fast täglich zu verstehen gäbe, wie lästig sie für ihn in seinen itzigen Umständen sey. – »Ich werde wie ein Bettelmensch von ihm behandelt,« klagte sie: »bey jedem Bissen, den ich esse, muß ich mir vorrücken lassen, daß er ein Almosen ist. Der guten Gräfin thut es weh: sie ermahnt mich zur Geduld, weil sie nicht helfen kan. Es graut mir, wieder nach Hause zu reisen: wenn ich in meinen alten Tagen irgendwo unterkommen könte, und wenn ich einen Schulmeister heirathen müßte, ich ließe Sie allein fahren und bliebe zurück. Ich möchte lieber betteln gehn, als das ewige Knurren und Brummen bey dem Grafen ertragen.« – Sie jammerte mich, so bitterlich weinte sie. Schon ihre Figur war mitleidenswerth: du kennst ihre dicken ausgestopften Backen und die ungeheuren fleischvollen Arme: sie keuchte sonst bey jeder kleinen Bewegung: das war alles verschwunden, an dem Halse hieng die zusammengefallne Haut, wie ein großer leerer Beutel, die rubinrothen Wangen, wie wir sie sonst nannten, waren 18 zusammengeschrumpft und kreideweiß. Es gieng mir ans Herz, wenn sie mir die Hand gab: sonst war es, als wenn sich ein dichtgestopftes Federbett um die meinige wickelte, und izt fühlte ich durch die runzlichte Haut alle Knochen. Mir graute so sehr nach Hause zu reisen als ihr, und eh' ich noch wußte, wie schlimm es mit ihr stund, hatte ich mir schon vorgenommen zu entwischen, so bald es die Gelegenheit zuließe. Da ich sie gleichfalls so geneigt fand, nicht zum Onkel zurückzukehren, schöpfte ich ein Herz und that ihr den Vorschlag, mit mir Partie zu machen. Sie war gleich dabey Mit Fräulein Ulrikens Erlaubniß! das ist eine Unwahrheit. Es waren allerdings viele und künstliche Ueberredungen nöthig, um ihre Reisegefährtin zu dieser mißlichen Partie zu bewegen: aber so erzählt man, wenn man sich der Wahrheit schämt. : aber wohin? – Ich fiel auf Leipzig, um entweder dich dort zu finden, oder mich von dort an Vignali zu wenden: es war mir alles gleich, mochte aus mir werden, was auch wollte, wenn ich nur nicht zu meiner Mutter durfte. Indem wir beide des Abends in einem 19 Wirthshause beysammen sitzen und überlegen, wie wir von dem Bauer, der uns fuhr, loskommen sollen, tritt er in eigner Person zu uns herein und meldet uns, daß wir sehen möchten, wie wir weiter kämen. – »Ich kan Sie nicht nach Hause fahren,« sagte er: »ich habe meine Pferde eben itzo verkauft und bin Soldat geworden. Was soll ich zu Hause machen? Mein Gütchen ist verschuldet: es kömmt so bald zum Konkurse: Frau und Kinder hab' ich nicht: mögen sich meine Schuldleute drein theilen. Der liebe Gott erhalt Sie gesund und bringe Sie glücklich nach Hause!« – Mit diesem Wunsche nahm er seinen Abschied. Nun hatten wir auf einmal, was wir wollten: wir verkauften auch die alte Kalesche und reisten mit der Post. Hedwig konte das Fuhrwerk nicht vertragen: sie wurde krank, und wir mußten in einem Dorfe liegen bleiben. Zum Glücke traf unsre Reise gerade in die Michaelmesse, und es boten sich uns häufige Gelegenheiten an, mit fortzukommen: wir wählten einen Wagen, mit Wolle beladen, wo wir für 20 einen wohlfeilen Preis weiche Sitze und langsames Fuhrwerk bekamen. Ein Anblick verursachte mir auf dieser mühseligen Fahrt ungemein viel Vergnügen; und warum sollte es nicht ein erlaubtes Vergnügen seyn, das die Strafe eines Bösewichts verursacht? – Ein Kommando Soldaten brachte einen Menschen auf den Bau, weil er seinen Posten verlassen und gestohlen hatte. Sie hielten mit uns in Einem Dorfe an, und da ich dem jungen Menschen genau ins Gesicht sehe, erkenne ich in ihm unsern gemeinschaftlichen Feind, Jakob. Ich erkundigte mich bey dem Korporale nach seinem Namen, und er war es wirklich. Ich konte mich nicht enthalten, mit Hedwig laut zu triumphiren, daß dieser schändliche Mensch seine Strafe durch sich selbst fand: sein eigner Vater mußte ihn aus der Gnade und den Diensten des Grafen verdrängen Im 3. Band. 156. S. , damit er Soldat, Verbrecher und für alle seine Bosheiten auf immer bestraft würde. Wenn in allen Schicksalen auf dieser Erde so viel Gerechtigkeit herrscht, o so muß auf dich und deinen Heinrich noch große Glückseligkeit 21 warten, dachte ich: aber ich bildete mir zuviel Verdienst ein. Leiden, endlose Leiden hatte ich verdient; und sie trafen mich und werden nie von mir weichen. Auch mit Madam Düpont, die auf die Messe reiste, kamen wir zusammen: ich war so aufgebracht wider die Treulosigkeit, die sie in Dresden an mir begieng, daß ich sie vermied; aber sie ließ gleich halten, als sie mich erblickte, und nöthigte mich zu sich auf ihren Wagen: ich schlug es aus, weil ich die arme Hedwig nicht verlassen konte: sie entschuldigte sich also, weil sie ihre Gesellschaft nicht zu lange warten lassen wollte, mit zwey Worten über ihr Verhalten in Dresden und versicherte, daß sie es zu meinem Besten gethan habe. »Wie ich aber sehe,« sagte sie, »hat mir meine gute Absicht nichts geholfen; denn Sie sind schon wieder durchgegangen: aber Sie werden schon zeitig genug erfahren, daß es bey Ihrer Tante besser ist als in der Irre herumzulaufen. Sie sind nichts als eine Unglücksstifterin: die arme Vignali ist Ihrentwegen, gleich nach Ihrer Abreise, mit dem Herrn von Troppau 22 zerfallen: sie hat sich von ihm trennen müssen und kan nun auch so eine Landlauferin, wie Sie, werden: aber die Strafe wird schon kommen. So eine Landstreicherin, die kein Gutes thun will und andre Leute nur ins Unglück bringt, muß auf der Straße sterben.« – Nach einem so höflichen Anfange hätte ich so eine Sprache nicht vermuthet, und ich ärgerte mich bis in die Seele, daß sie mich vor allen Leuten öffentlich so unbillig ausfilzte: ich wollte ihr antworten, aber sie stieg auf ihren Rollwagen und fuhr davon, ohne mich anzuhören. Sie schien recht froh, daß sie sich ihrer Galle entladen hatte. Die Unbilligkeit des Verweises war mir nicht weniger empfindlich, als daß ich wider meine Absicht und meinen Wunsch das Unglück einer Person veranlaßt haben sollte, der ich bey allen Bedrängnissen, die sie mir verursachte, und die größtentheils nicht einmal von ihr herrühren mochten, so viele Gefälligkeiten schuldig war. Ich hatte wegen ihrer lezten Vorsorge für unsre Verheirathung große Hofnung auf sie gebaut: auch diese war nunmehr eingestürzt. Mit allem 23 meinen Nachsinnen kan ich nicht ausfündig machen, wie ich ihre Entzweyung mit dem Herrn von Troppau bewirkt haben soll. Vielleicht weil sie mir durchgeholfen hat? Aber was kan denn dem Manne so sehr daran liegen, mich in die Hände meines Onkels zu liefern Sie wußte nichts von seiner Liebe zu ihr und seiner Absicht, sie zu heirathen, deren Vereitelung ihn so gewaltig wider Vignali aufbrachte, wie man im eilften Theile erfahren wird. ? Es ist und bleibt mir ein Räthsel. – Die alte Hedwig winselte mir unaufhörlich die Ohren voll, daß sie sich von der übeln Laune und mir zu einem so gefährlichen Schritte hatte bereden lassen, in ihren alten Tagen noch herumzustreichen: ich konte sie nicht trösten; denn mir war selbst der Muth genug gesunken. Der Herbst fieng schon an rauh zu werden; und wir hatten keine bleibende Stätte! keine Hütte, die uns aufnahm, und wenig Geld, die Aufnahme zu erkaufen! Unser leztes Rettungsmittel waren meine Kleider: wir sahen uns nach einem Juden um, quartierten uns auf einem Dorfe nicht weit von Leipzig ein, und in zwey 24 oder drey Tagen handelte uns ein durchreisender Jude unsre ganzen Garderoben ab: wir tauschten von ihm Zeug zu schlechter Bürgerkleidung ein und beschlossen von dem gelösten Gelde den Winter über auf dem Lande zu leben. Wir wohnten dicht neben dem Wirthshause bey einer Wittwe, mit welcher wir uns über Heizung und Tisch verglichen, und gegen die billigste Bezahlung mit ihr in Einem Stübchen wohnten und aus Einer Schüssel aßen. Wir strickten und nähten für das ganze Dorf, und einige junge Mädchen, die sich etwas besser dünkten als die übrigen, nahmen Unterricht in weiblichen Arbeiten. Hedwig verliebte sich so sehr in unsre einfache Lebensart, daß sie bis an ihr Grab nichts bessers wünschte: sie wurde so aufgeräumt und zufrieden, daß sie fleißig wieder Latein redte und ihre Gelehrsamkeit reichlich auskramte, die auf unsrer ganzen Reise erstorben gewesen war. Auch ich hätte mich gern in mein mittelmäßiges Schicksal gefügt, weil ich es viel schlimmer erwartete: aber mein Herz verwundete ein Dorn, der sich täglich dem Leben näher 25 eingrub. Die Folgen meiner Schuld begleiteten mich auf allen Tritten: ich trug sie in mir und konte sie Niemandem mehr verhelen. Hedwig wurde mit jedem Tage voller und verjüngter, und ich mit jedem Tage mehr zum Schatten, eine kränkelnde dahinschwindende Leiche vor Schmerz und Bekümmerniß. Die Wittwe und Hedwig trösteten mich, als ich meine Umstände ihnen entdeckte, mit dem leidigen Grunde, daß ich hier ganz fremd wäre und mich für die Frau eines entlaufnen Mannes ausgeben könte: mir verhalf ein solcher Trost zu keiner Beruhigung. Eine Lüge deckte wohl die Schande vor der Welt: aber die Schande vor mir selbst, welche Lüge konte diese decken? Vor meinen eignen Gedanken hätt' ich fliehen mögen, so ängstigte mich die Scham: ich konte ihr quälendes Gefühl nicht von mir entfernen, ich mochte denken und thun, was ich wollte. Thränen rollten in meine Speisen, Thränen nezten meine Arbeit und mein Lager: des Nachts peinigten mich schreckliche Träume, und selbst am Tage schlummerte ich oft mitten im Gespräche ein; und sobald sich meine 26 Augen schlossen, standen die fürchterlichsten Gestalten und Begebenheiten in meinem Kopfe auf: alle Geschichten von ermordeten, ersäuften oder erstickten Kindern, von geköpften Kindermörderinnen, die ich nur jemals gehört hatte, giengen in mir von neuem vor, und mit so entsezlichen Veränderungen und Zusätzen, daß ich vor Angst vergieng: in jedem Traum war ich jedesmal die Verbrecherin, die zu den entehrendsten Strafen geführt wurde, daß mir zulezt auch wachend nicht anders war, als ob ich unvermeidlich einen Mord begehen müßte. Die Furcht der Einbildung nahm bey mir so gewaltig überhand, daß ich Hedwig inständigst bat, mich in der Stunde der Schwachheit sorgfältig vor einer Unthat zu bewahren und Tag und Nacht nunmehr keine Minute von meiner Seite zu weichen. Wenn verliebte Uebereilung nicht blos nach dem Urtheile der Menschen und angenommenen Gesezen, sondern auch vor dem Richterstuhle des Gewissens sträflich ist, so hab ich meine Strafe gelitten: meine Einbildung hat mich gequält, wie eine Hölle; und noch läßt sie nicht ab: sie ist ein finstrer 27 Abgrund, aus welchem täglich Schreckbilder, Gespenster und Furien heraussteigen und mich mit den entsezlichsten Empfindungen martern. Unsre Wirthin glaubte mich zu beruhigen, wenn sie nur berichtete, daß man in meinen Umständen zu wunderlichen Einbildungen geneigt sey: aber minderte das mein Gefühl? Meine Unruhe nahm so stark zu, daß ich mehr als einmal in Versuchung gerieth, davon zu laufen: ich verlangte nach einem Orte, wo mich gar Niemand kennte. Das war die Ursache, warum ich mitten im Winter in eine Reise willigte, die mir den Tod hätte bringen können: aber ich sollte einmal Thorheit auf Thorheit häufen. Unter den Arbeiten, die wir verfertigten, waren gestrickte baumwollne Mützen eine der vorzüglichsten. Nicht lange nach dem neuen Jahre kömmt ein kleiner dicker Mann zu uns, ein Pferdehändler, den man in dem Wirthshause zu uns gewiesen hatte, weil er etwas von jener Arbeit verlangte. Für seinen dicken Kopf war eine jede unter unsern fertigen Mützen zu enge: wir erboten uns, wenn er ein Paar Tage anhielte oder wieder zurückkäme, so viele nach 28 seinem Maaße zu Stande zu bringen, als er begehrte. – »Ich komme schon zurück,« sagte er: »ich sollte einer Herrschaft einen Postzug bringen, aber weil ich drey Wochen später kam als ich sollte, hatte sie sich schon anderswo versorgt: ich halte mich acht Tage in Leipzig auf und lasse meine Pferde hier auf dem Dorfe stehn, weil ich sie sonst ganz gewiß verspiele. Sie sind dem Teufel schon einmal im Rachen gewesen: ich mag sie ihm nicht wieder vorhalten.« – Er beklagte sich in diesem Tone sehr bitter über einen Verlust, den er bey seiner Herreise an der Neujahrsmesse in Leipzig erlitten hatte, und verwünschte die Räuber, die ihn zum Trunke verleiteten und in der Trunkenheit alles bey sich habende Geld abgewannen. Er kassirte einige Summen ein, die ihm in Leipzig auf Anweisung ausgezahlt werden sollten, und war so mistrauisch gegen diese Stadt durch sein Unglück geworden, daß er nicht einmal darinne schlief und die ganze Zeit des Tags, wenn seine Geschäfte vorbey waren, auf dem Dorfe zubrachte, und zwar mehr bey uns als in dem Wirthshause. Der Mann wurde mit mir 29 vertraut, und weil er sehr leicht merken konte, daß ich mich nicht in den besten Umständen befand, that er mir im Scherz, und endlich im völligen Ernste den Antrag, mit ihm nach Hause zu reisen und seine beiden Töchter in weiblichen Arbeiten zu unterrichten. Er zählte mir dabey täglich seine Reichthümer her, die nach seiner Angabe sehr beträchtlich waren, ließ sich auch zuweilen ein Paar Worte entwischen, aus welchen man schließen konte, daß seine Absichten auf mich weiter giengen. Mit der Veränderung des Aufenthalts hofte ich auch meine Gemüthsverfassung zu ändern: die gute Hedwig bildete sich ein, daß seine Absicht auf sie gerichtet wäre, oder dachte wenigstens, sie dahin zu lenken: genug, sie und meine Unruhe sezten mir so heftig zu, daß ich in seinen Vorschlag willigte, wenn Hedwig meine Begleiterin seyn dürfte. Er war es sogleich zufrieden und so vergnügt über meine Einwilligung, als wenn ich ihm das größte Geschenk machte. Er bezahlte, was wir unsrer bisherigen Wirthin schuldig waren, die auch nicht wenig an mir getrieben hatte, seinen 30 Vorschlag anzunehmen, weil ich, wie sie sagte, vielleicht mit Ehren noch unter die Haube kommen könte, wenn ich mich in den Mann schickte. Der Himmel weis es, daß mir der Mann nicht sonderlich gefiel, und doch wage ich nicht zu läugnen, ob ich nicht das nämliche dabey dachte. Die Schande, der ich entgegeneilte, ist für eine Mädchenseele ein so fürchterliches Gespenst, daß ich gern ein Gespenst geheirathet hätte, um nur jenem zu entgehen. Ohne mir nur das mindste von diesem anwandelnden Gedanken entwischen zu lassen, reisten wir mit vier schönen Kutschpferden und einer anständigen bequemen Kalesche ab. Vor Leipzig gesellte sich noch ein Student zu uns, der Predigerssohn aus dem Dorfe, wo mein Pferdehändler wohnte. Der junge Mensch war äußerst niedergeschlagen und hatte nichts bey sich, als wie er gieng und stund. Ich fragte ihn um die Ursache seiner Traurigkeit, und ohne große Weigerung gestund er mir mit der liebenswürdigsten Offenherzigkeit, daß er das Unglück gehabt habe, in schlechte Gesellschaft zu gerathen und alles bis auf die Kleidung, die er 31 trug, zu verspielen. – »weil ich kein Geld mehr habe,« sezte er hinzu, »und diesen alten Bekannten in Leipzig antraf, so bat ich ihn, mich mit sich zu nehmen. Die Schuldner verfolgen mich: nirgends hab' ich mehr Kredit: studiren kan ich auch nicht: also will ich den Winter vollends bey meinem Vater zubringen und ihn bitten, daß er mich auf eine andre Universität thut.« – Wir versprachen alle bey seinem Vater eine Vorbitte für ihn einzulegen und Vergebung für seine Unordnung auszuwirken. Der Pferdehändler fieng von neuem an, seinen Verlust zu erzählen, und die beiden Unglücklichen klagten und fluchten wechselsweise. »Wir sind wohl durch die nämlichen Spitzbuben geprellt worden, wie es scheint,« sagte der Pferdehändler. – »Hieß der eine nicht Arnold und der andre Herrmann?« fragte der Student. – Der Andre wußte die Namen nicht, aber er beschrieb Figur und Kleidung. Der Student ergänzte seine Schilderung, und ihr beiderseitiges Gemählde war dein leibhaftes Bild: alles, sogar die Kleider trafen ein. Er mußte mir deine 32 ganze Lebensart erzählen, und er erzählte mir mehr, als ich wünschte. »Es ist ein lüderlicher Landstreicher,« waren seine Worte: »er hat eine Baronesse entführt, geschwängert, sitzen lassen, und wälzt sich nunmehr in allen Ausschweifungen herum, spielt, trinkt, verführt Mädchen: sein Glück im Spiel ist so außerordentlich, daß er nothwendig betrügen muß.« Der Athem stund mir still bey dieser schrecklichen Nachricht: meine Schande so laut auf den Zungen und in den Ohren aller Menschen zu wissen! mir dich als einen Lasterhaften, Gewissenlosen zu denken! das waren zween harte Stöße für mein bekümmertes Gemüth. Jedes Wort, das er weiter von dir sprach, bestätigte die Vermuthung, daß ich eine Betrogne, und du ein Betrüger warst, ein Leichtsinniger, der die gemisbrauchte Liebe vergaß und noch mehr Unschuldige ins Verderben reißen wollte, weil es ihm mit einer so wohl gelungen war. – So sey er auch vergessen, der Ehrlose! beschloß ich in dem ersten Zorne: so treffe ihn die Strafe der Verführung und Treulosigkeit spät, wie ich 33 die Folgen meiner Unbesonnenheit zeitig fühle! – Ich war so aufgebracht, daß ich mich mit dem Pferdehändler, wenn ers damals verlangte, in der Minute ohne Weigerung trauen ließ, ob er mir gleich itzo mehr misfiel als jemals. Er trank, war im Trunke äußerst freygebig, und in der Nüchternheit so knickerich, daß er jede Gütigkeit, die ihm etwas kostete, ohne Zurückhaltung bedauerte: aber was sollt' ich thun? Leiden und dulden war mein Loos. Als wir in der Heimath des Pferdehändlers angekommen waren, gieng erst meine Noth recht an. Die beiden Töchter, ein Paar schnippische überkluge Mädchen, sahen mich mit scheelen Augen an, weil sie besorgten, daß ich ihre Mutter werden sollte, thaten mir alles zum Possen und quälten mich mit plumpen Hönereyen vom Morgen bis zum Abend: der Vater wurde unser auch sehr bald überdrüßig, weil seine Liebe oder Großmuth, oder was es sonst seyn mochte, nur ein Einfall im Trunke gewesen war: die Töchter nahmen ihn noch mehr wider uns ein und tadelten ihn, daß er zwey solche Menscher, wie 34 uns die Kreaturen ins Gesicht nannten, so ganz umsonst ernährte, und der täglich berauschte Pferdehändler fieng an, mit uns wie mit Pferden umzugehen: er sagte uns geradezu, daß er weder Menschen noch Vieh im Hause dulden könte, das sein Futter nicht verdiente, und seine naseweisen Töchter, die das Regiment im Hause hatten, mutheten uns Mägdearbeit zu. Sie argwohnten meine Umstände, und ihr Spott wurde so unbarmherzig beißend, daß er mir am Leben fraß. Mit Schwachheit, Kummer und Schmerz, halb mit dem Tode ringend, schlich ich zu dem Vater des jungen Menschen, der uns hieher begleitete, entdeckte ihm mit Thränen meine traurige Geschichte, ohne Einen Umstand zu verbergen, und bat ihn um seinen Beistand, blos um die Vergünstigung, meine Bürde in seinem Hause abzulegen und mein Leben in seine Hände auszuhauchen. – »Brich dem Hungrigen dein Brod!« sprach der Prediger nach einer kleinen Pause; »ich will Sie aufnehmen.« – So biblisch und gutgemeint sein Kompliment war, so 35 kränkte mich es doch so empfindlich, als eine abschlägige Antwort. Die wenigsten Menschen wissen auf eine gute Manier Wohlthaten zu erzeigen; die Erfahrung hatte ich schon längst gemacht, und meine Empfindlichkeit mußte sich darunter schmiegen. Bey diesem Prediger lebe ich nunmehr seit der Mitte des Februars, fühle mich durch Ruhe und Pflege wieder ein wenig gestärkt, aber in immerwährender Demüthigung. Blos von der Wohlthätigkeit leben, ist ein schrecklicher Gedanke, der mich täglich beunruhigt, obgleich der Prediger und seine Frau mich gleich gütig behandeln: aber ich kan mir denken, was sie sich sagen werden. »Wenn wir doch das müßige Geschöpf nicht ernähren müßten!« ist ein Wunsch, den ich besonders im Gesichte der Frau sehr deutlich lese, ob sie ihn gleich aus Höflichkeit nicht hervorbrechen läßt: denn sie erkundigt sich täglich, wo ich mich hinzuwenden gedenke, wenn ich nieder . . . ich kan das niederschlagende Wort nicht aufschreiben, das ich täglich hören muß: die Scham rückt mir die Feder weg. O Heinrich! was für ein schöngefärbter 36 Regenbogen in einer schwarzen Wolke ist die Liebe! Mit den täuschenden Farben der Einbildung und eben so täuschenden Worten verbirgt man sich ihre wahre Gestalt und zürnt schon, wenn nur Jemand in der gewöhnlichen Sprache von ihr redet. Wir dünkten uns ganz anders zu lieben, als die übrigen Sterblichen; und wir liebten, wie sie alle: unser Gefühl schien uns englisch, überirdisch, und wir empfanden und handelten, ohne es zu glauben, nur menschlich. Seit jener unglückseligen Nacht ist der Regenbogen vor meinen Augen verschwunden, und nichts steht mehr da, als finstre dicke Wolken, in welchen er sich bildete. Was mich in meinem Elende noch aufrichtet, sind die guten Nachrichten, die mir der Predigerssohn von dir verschaft hat. Auf mein Verlangen mußte er einige seiner Freunde in Leipzig antreiben, die sorgfältigste Erkundigung von dir einzuziehen, und alle ihre Berichte widerlegen die böse Meinung, die nur der junge Mensch im Zorn über seinen Verlust von dir beygebracht hat. Du spielst, doch ohne Betrug und 37 Unredlichkeit: das Glück wirft dir Reichthum mit vollen Händen zu: du lebst in der Freude und dem Wohlergehn, doch ohne ein ausschweifender Trunkenbold zu seyn: auch von den Ausschweifungen der Liebe spricht man dich frey: du wendest deinen Gewinst zur Freygebigkeit und Wohlthätigkeit an, und selbst einer von denen, die von deiner Lebensart Nachricht einziehen sollten, hat von deiner Güte mehr als einen Beweis erfahren: wohl dir! und wohl mir, daß mein Herrmann sich meiner Liebe nicht unwürdig machte! Mich haben alle diese günstigen Berichte erfreut, als wenn sie lindernden Balsam in meine ganze Seele gössen. Da du noch der vorige Herrmann bist, so kan Ulrike deinem Herze durch dein Glück nicht fremd geworden seyn, und sie darf dich dreist um eine Wohlthat bitten: wenn ich einmal Wohlthaten empfangen soll, so sey es von dir. Bezahle den Leuten, wo ich izt wohne, für Tisch und Wohnung, so viel dir gut dünkt, von der Mitte des Februars bis zu Ende des Mays: es sey ein Geschenk, ein Almosen, das du mir reichst, 38 damit ich nur den Gedanken von mir entfernen kan, daß ich von dem Almosen fremder Personen lebe: diese Vorstellung verbittert mir jeden Bissen. Bis zu Ende des Mays, sag ich darum, weil die Stunde, die mich meiner Bürde entladet, auch meine Sterbestunde seyn wird: ich bin so gewiß, so fest hiervon überzeugt, daß der Tod gegenwärtig mein einziger Gedanke und mein einziges Gespräch ist. Mein unaufhörlicher Kummer, seitdem ich aus Berlin bin, hat mich langsam dazu vorbereitet, und meine Schwäche ich so groß, daß ich an diesem Briefe wenigstens drey Wochen geschrieben habe, um nur die besten heitersten Stunden dazu auszusuchen. Muß ich die Offenbarung meiner Schande überleben, so nimm dich meiner an! Von Gott und Menschen verlassen, in wessen Arme soll ich mich werfen, als in die deinen, in welchen meine Unschuld starb? – Genieße deines Glücks, lebe für Freude und Ehre, wenn es dein Schicksal will, ändre meinetwegen nicht eine einzige deiner Absichten! Ich vermuthe, daß dir das Spiel 39 nur dienen soll, um dir fortzuhelfen: wenn du dir also eine Bahn vorgezeichnet hast, die du mit deinem erworbnen Vermögen antreten willst, so gehe sie, ohne meiner zu achten! Von diesem Augenblicke an will ich für dich todt seyn, ich mag sterben oder leben: meine thörichte Liebe hat dich bisher von aller Vorbereitung zu deinem künftigen Glücke abgehalten, sie soll es nicht länger, weil es noch Zeit ist. Ich will auf dem Lande in der Einsamkeit den Rest meines jungen Lebens hinbringen, mich mit Arbeiten nähren, und nur dann, wenn mein Kummer mich krank und untüchtig zur Arbeit macht, nur dann stehe mir bey! Ich habe dich freilich, wie mir einst Schwinger schrieb, in eine Grube gezogen, wo du verschmachten kontest: aber räche dich nicht! Ich sprang in die Grube, und zog dich mit mir hinein, aber dir half das Glück heraus, und ich schmachte noch darinne. Den Ring, den ich dir in der süßesten Trunkenheit der Liebe unter dem Baume an den Finger steckte 1 Band 315. Seit. , den du mir mit edlem Zorne über den vermeinten 40 Fall meiner Tugend in Berlin wiedergabst 3 Band 82. und 83. S. und mit einem Kusse nach unsrer Wiederversöhnung von mir zurücknahmst – trag ihn zum Andenken der unglücklichsten Liebe! Selbst wenn nach meinem Tode dereinst ein glücklicheres Mädchen dich besizt, dann schäme dich seiner nicht! Ich habe schon der Hedwig auf das Leben anbefohlen, daß der Deinige an den nämlichen Finger, den er itzo ziert, mit mir ins Grab gehen soll, damit ich als deine Braut im Sarge liege. Wird meine Hofnung, zu sterben, erfüllt, so komm' einmal zu meinem Grabe, eh' es unkennbar wird! Das modernde Mädchen kan freilich deinen Seufzern nicht antworten, oder mit deinen Thränen die ihrigen vermischen; aber die Vorstellung ist süß, ungemein süß, mir dich hingeworfen auf den Hügel zu denken, unter welchem ich als deine Braut liege – und wie dann die dürre Erde, mit welcher ich mich vermischen soll, deine Thränen in sich trinkt; wie das geliebte Herz, das ich so oft unter meinen Händen schlagen fühlte, dem meinigen so nahe, sich mit dumpfen Schlägen in den Boden 41 hineindrückt, und deine ausgebreiteten Arme den Staub umschließen, zu welchem ich geworden bin. Verzeihe dem unbesonnenen gutherzigen Mädchen, daß es dich liebte! Lieben mußt' ich dich, und wenn es die unverzeihlichste Sünde gewesen wäre. Meine Tante bat mich um Gottes willen, von meiner Liebe abzulassen: ich verschmähte eine so theure Bitte, sezte ihr einen fürchterlichen Schwur entgegen, und der Schwur wurde zum schleichenden Gifte, das mein junges Leben tödtete, als es kaum anfieng. O Liebe! Liebe! Wenn Offenbarungen dich in deiner ganzen Gestalt dem empfindungsvollen Mädchen kund thäten, noch wenn sie an der Mutter Brust liegt – welche Fehltritte könten sie sparen! Mich pflückte itzo nicht der Gram, wie eine junge Mayblume: ich riß gestern eine auf der Wiese hinter der Pfarrwohnung aus – Gott! wie war es anders mit mir, als ich auf der Wiese hinter des Onkels Garten sie ausriß! wie anders, als ich sie in Dresden in den Gärten aufsuchte! Damals schwebte ich noch auf den lichten Silbergewölken der Einbildung im 42 Sonnenscheine der Liebe. – Ich steckte gestern das frische ausgerißne Blümchen an meine Brust, und in wenigen Minuten senkte es das zarte Haupt und verwelkte. So früh? dachte ich; und doch ist das Ende des Mayes noch nicht da! So früh! schon am Ende des Mayes soll ich mein Haupt senken und verwelken! Ich küsse dieses Blatt, statt deiner, und wenn der Sarg meine Brautkammer wird, dann lies hier noch einmal mein Lebe wohl! laß ein Paar Thränen, wie sie izt aus meinen Augen auf die erlöschenden Buchstaben herabtröpfeln, auf meinen Namen fallen und wünsche meiner Seele die Ruhe, die ich im Leben nicht wiederfinden konte! Die Angst, wenn sich der Faden des Lebens von meinem Herze losreißen wird, kan nicht schwerer seyn, als die meinige, indem ich diesen Brief schließen soll: die Hand bebt mir – die Ohren brausen – es sprengt mir das Herz – Gott! welche Beklemmung. * * * Sie ist vorüber: die Liebe schied von meiner Seele. 43 Die Unschuld verwelkte, und der Stengel, der die schöne Blume trug, verdorrte. Wenn am Ende des Mays ein leises Röcheln dich im Schlafe stört, oder eine erlöschende Stimme am Bette deinen Namen stöhnt, oder im Traume ein blasses Mädchen im Sterbekleide vor dir steht, dem Kummer und Reue noch aus den entseelten Zügen sprechen, das traurig den Kopf senkt, bänglich seufzt und verschwindet; dann denke: – izt starb, die mich liebte wie keine, meine Ulrike . Herrmann, dem die Thränen in großen Tropfen über das bestürzte Gesicht herabschossen, sprang aus dem Bette und lief, wie er war, in Arnolds Schlafkammer, der noch tief schnarchte, weckte ihn hastig, legte ihm den Brief hin. – »Da! lies!« rief er, »ich muß fort! gleich fort!« – Mit der nämlichen Hastigkeit rennte er wieder von ihm, kleidete sich an, packte mit 44 Hülfe seines Pommers ein, bestellte Postpferde, bezahlte und kassirte Schulden ein, vergaß Essen und Trinken und kam eben nach Hause, als Arnold zu Tische gehen wollte. »Ich will dich begleiten,« fieng dieser an. »Der Brief hat mir wunderbare Gedanken in den Kopf gebracht. Wir sind doch wahrhaftig beide des Hängens werth, sitzen da und spielen, und fressen und saufen und lassen uns wohlseyn, wie ein Paar Brüder des Bacchus, und unsre armen Mädchen hungern und kümmern sich unterdessen, daß ihnen die Seele ausfahren möchte! Weißt du, was ich mir vorgenommen habe? – Ich will meine Adolfine, Lisettens Schwester, heirathen. Ich habe über dem verdammten Spielen das arme Thier ganz vergessen. Ich will mit dir reisen, will mir für das Geld, das ich beysammen habe, ein Gütchen kaufen, mit meiner Adolfine auf dem Lande leben und zeitlebens weder Karte noch Würfel mehr anrühren. Ist das nicht auch deine Meinung? Herrmann. Allerdings! Wohl mir, daß 45 ich den Plan nunmehr ausführen kan, den ich mir gleich anfangs machte, als ich in deine Bekantschaft gerieth! Wie hat mich bey allem Unglücke das Schicksal so lieb! Es giebt mir Geld, daß ich meiner Ulrike mit Hülfe und Beistand zueilen und sie fast von dem Tode selbst befreyen kan. Die Minute nach meiner Ankunft bey ihr soll sie mein werden, ohne Onkel und Tanten, Vater oder Mutter darum zu fragen. Mein soll sie werden: wie zwey Menschen aus der goldnen Zeit wollen wir auf dem Lande zusammen leben und im Schweis des Angesichts mit patriarchalischer Freude unser Brod essen, wie Menschen es essen sollen. Findest du nicht, daß ich der glücklichste Mensch unter der Sonne bin? Ich wüßte gar nicht, was mir fehlte: Und du, Freund, wirst mein Nachbar! Wie froh, wie überglücklich wollen wir des Abends nach geendigter Arbeit und Sorge in unserm stillen Dörfchen unter den Bäumen oder auf dem Steine vor der Thür beysammensitzen und in nachbarlicher Vertraulichkeit schwatzen, schäkern und lachen, unsre Weiberchen neben uns oder auf dem 46 Schooße! oder in den langen Winterabenden, wenn bey der düstern Lampe Hausmütter und Mädchen im Zirkel dasitzen und spinnen und mit lustigen Erzählungen und lautem Gelächter die schnurrenden Räder überstimmen, wie freundschaftlich wollen wir dann am Tische sitzen und dem frölichen Getümmel zuhören und durch unser Gespräch Lustigkeit und Gelächter vermehren! Endlich hab' ich dann die längst geträumte und gewünschte Glückseligkeit, ein stilles ländliches Leben mit Ulriken zu theilen; und nach dem langen Kummer, wie wird ihr das kleine Glück, das ich ihr verschaffe, doppelt süß schmecken! Sie glaubt zu sterben?– nein, Ulrike, ich, ich bringe dir das Leben! – In einem so enthusiastischen Tone fuhr er lange fort, seinem Freunde Scenen ihrer künftigen Glückseligkeit vorzumahlen; und in der ersten Aufwallung seiner schwärmenden Freude gieng er so weit, daß er sich auf der Stelle die Haare abstutzen ließ, einen runden Hut kaufte, die Kleider, die für den Stand des Landmanns nicht paßten, verschenkte und nur einen einfachen 47 Tuchrock zum Sonntagskleide und einen Ueberrock zur alltäglichen Kleidung behielt: er wollte ganz mit Leib und Seele ein Landmann werden, wie er nach seiner träumerischen Idee seyn mußte, und entfernte deswegen alles unter seinen Habseligkeiten, was nur im mindesten die Mine des städtischen Luxus hatte: was er nicht verkaufen oder vertauschen konte, wurde verschenkt. Die Pferde waren zwar gleich nach Tische bestellt, allein Arnold nöthigte ihn, sie wieder absagen und erst auf den Abend kommen zu lassen. Sie kamen zur bestimmten Zeit: Arnold war den ganzen Nachmittag nicht nach Hause gekommen, weil er seine Angelegenheiten in Ordnung bringen wollte: auch izt fand er sich nicht ein. Herrmann wurde ungeduldig und lief auf das gewöhnliche Kaffehaus, ihn dort zu suchen, und fand ihn in voller Arbeit am Spieltische. »Reise nur!« sagte ihm Arnold; »ich sitze eben im Verluste: so bald ich wieder heraus bin, komm' ich dir nach.« Herrmann nahm von dem Tempel des Spiels 48 ungern Abschied: aber eine höhere Gottheit zog ihn nach sich; und er reiste ohne Zögern ab. Seine Freigebigkeit gegen die Postknechte war so außerordentlich, daß sie aus Dankbarkeit weder Pferde noch Wagen schonten, sondern die Gäule in einem Trabe dahinrennen ließen: viertausend und etliche hundert Thaler, die er im Kuffer hatte, schienen ihm eine so unversiegbare Quelle, daß ihm alles zu wohlfeil vorkam. 49   Zweites Kapitel. Zwo Stationen vor dem Ende seiner Reise sah er einen Mann, dessen Figur außerordentlich viel Bekanntes für ihn hatte, den jungen Burschen gebieterisch kommandiren, der seinen Kuffer auf den Wagen packte: über eine Weile drehte sich der Mann nach dem Fenster hin, wo ihn Herrmann beobachtete.– »Das ist mein Vater!« sagte sich dieser, und wollte eben Anstalt machen, Erkundigung einzuziehn, als der nämliche Mann in einem gelben Postrocke hereintrat und sein Packgeld foderte: er stuzte, da er Herrmanns Gesicht erblickte, daß ihm das Wort zwischen den Lippen starb. »Herrmann! mein Vater!« rief der Sohn und flog auf ihn zu, seine Hände zu fassen: aber der Alte wehrte ihn von sich ab. – »Geh! du stolzer Halunke! ich kenne dich nicht: ich kenne keinen Sohn, der mich verachtet.« Er wollte gehn, aber Herrmann zog ihn mit der äußersten Gewalt zurück. – »Ich muß von meinem Vater für seinen Sohn erkannt werden: eher reise ich nicht von der Stelle,« rief er. 50 Der Vater. So kanst du bleiben bis zum jüngsten Tage. Bist du etwa in Noth, daß du mich itzo kennst, du Schandbube? – Du hast mich in Berlin verläugnet, da ich dich brauchte: izt mach' ichs wieder so. Ich bin versorgt ohne deine Hülfe, du hochmüthiger Affe: ich habe mein Brod: suche du dir deins! Geh mir aus den Augen! Der Sohn. Aber, liebster Vater, nur Ein Wort! Meine Vergehung in Berlin war nicht meine Schuld: die Reue darüber hat mich genug gefoltert. Aus bloßer Reue, um meine schändliche Verläugnung wieder gut zu machen, aus kindlicher aufrichtiger Liebe biete ich meinem Vater die Hand zur Versöhnung. Ich bedarf keine Hülfe: ich habe alles vollauf: ich biete Ihnen an, so viel Sie wollen, so viel Sie bedürfen: ich will gleich den Kuffer öfnen und vor Ihnen alles ausschütten: nehmen Sie, nehmen Sie davon, was Sie brauchen! Der Vater. Denkst du, Hasenkopf, daß ich meine väterliche Liebe für Geld verkaufe? Der Sohn. Nein, das ist gar nicht der 51 Bewegungsgrund: blos um Ihnen zu beweißen, daß mich nicht die Noth drängt, Ihre Verzeihung zu suchen; daß ich mein schändliches Leben in Berlin mit der heißesten Reue misbillige; daß ich nicht der Unmensch bin, der sich seines Vaters schämt, sondern daß eine fremde Gewalt mich dazu zwang – blos darum fleh' ich um Verzeihung. – Vater, Ein versöhnendes Wort! Der Vater. Da! schlag ein, du Halunke! es mag dir diesmal hingehn, weil du nicht mehr so vornehm aussiehst, wie in Berlin. Ja, wenn ich nicht gar zu böse auf dich gewesen wäre, so hätt' ich dir gleich die Hand auf das erste Wort gegeben, so gefällst du mir itzo in dem Aufzuge. Ein allerliebster Kerl bist du in den abgestuzten Haaren und dem runden Hute. So wahr ich lebe! ich habe gar nicht gedacht, daß mein Junge so hübsch ist: – ja, ich will dirs vergeben, weil du so hübsch um die Haare gehst. – Aber du gottlose Brut! willst du denn etwa deinen Vater wieder so trocken abweisen, wie in Berlin! den Augenblick nehm' ich 52 meine Vergebung zurück, wenn du nicht auftragen läßest. – Der Sohn flog sogleich hinaus und bestellte alles, was zu haben war, in dem reichlichsten Ueberflusse. Sie sezten sich: der Vater zog sein schwarzes Pfeifchen aus der Tasche, schlug Feuer an und rauchte. – »So gefällt mirs,« sprach er dampfend, »daß wir so hübsch vernünftig beysammen sitzen können. In der schönen Stube bey der hochgethürmten gelbschnäblichten Madam in Berlin hätt' ich nicht für meine Sünden seyn mögen: das war ein Hundeleben; und mich gar zur Thür hinauszujagen! – Siehst du, du gottesvergeßner Bube? weil du deinen Vater verläugnetest, hab' ich die Leute ansprechen müssen: von Berlin bis nach Leipzig hab' ich mich gebettelt, bis mich ein Kaufmann aus Hamburg mit sich nahm und mir in seinem Hause eine Versorgung geben wollte: da wir hieher kamen, hörte ich, daß hier im Posthause der Packmeister gestorben war, und weil sie mich brauchen konten, zog ich den gelben Rock an und blieb hier. Bist du nicht der Hölle werth, du 53 ungerathner Sohn, daß du deinen Vater in solche erbärmliche Umstände kommen läßt? Der Sohn. Mein Herz zerschmilzt vor Betrübniß darüber: aber ich gebe meine Seele zum Unterpfande, mein Herz blutete, indem ich dem grausamen Befehle, Sie nicht zu erkennen, gehorchte. – Er erzählte hierauf die Begebenheit, so weit es zu seiner Rechtfertigung nöthig war, und lag dem Alten inständig an, seinen Platz zu verlassen und ihm zu folgen: das wurde gerade abgeschlagen. Der Sohn verdoppelte seine Bitte, berichtete die Absicht seiner Reise und seinen künftigen Plan, doch ohne Ulrikens zu gedenken. »Ich mag nicht deiner Gnade leben,« antwortete der unerbittliche Alte. Der Sohn ließ seinen Kuffer in die Stube holen und schüttete ihm Geld hin. – »Packe dein Geld ein!« sprach der Alte plözlich, indem er den Kuffer durchwühlte und einen weißen abgedankten Ueberrock fand, der schon einige Zeit zum Puderkleide gedient hatte. »Wenn mir der weiße Rock paßt, will ich mit dir gehn.« – Er machte einen Versuch, 54 und da er ihn für seinen dürren Körper recht geräumig fand, rief er auf einmal voll Freuden: »Junge, ich geh mit dir: komm! mache mir so einen hübschen Kopf, wie Du hast: wir leben und sterben zusammen.« Der Sohn mußte ihm die Haare verschneiden, einen runden Hut für ihn zurecht machen, und vermittelte bey dem Postmeister seine Entlassung: sie reisten zusammen fort, und der Alte war so vergnügt über seinen neuen Kopfputz, daß er sich in jedem Wasser besah, durch welches sie fuhren. Herrmann, als sie in dem Dorfe ankamen, aus welchem Ulrikens Brief geschrieben war, fuhr gerade vor die Pfarrwohnung, stieg ab, gieng hinein: es war Niemand als eine Magd zu Hause, die ihn mit seinem Vater in eine Stube wies und ihre Herrschaft aus den Wiesen zu rufen versprach. In der Stube stund außer den gewöhnlichen Möbeln nichts als ein großes altväterisches Himmelbette mit zugezognen kattunen Vorhängen. Langeweile und Ungeduld trieben ihn an, die Sachen in der Stube zu betrachten: 55 besonders zogen die bunten Bettvorhänge, wo auf einem dunkelblauen Grunde eine Menge weißer Israeliten ungeheure Weintrauben an Stangen aus dem gelobten Lande trugen, seine Aufmerksamkeit auf sich: die grotesken Figuren reizten seine Neubegierde, auch die inwendige Verzierung des Bettes zu untersuchen, er schlug die Vorhänge zurück und fand ein schlafendes Frauenzimmer darinne – ein bleiches abgezehrtes Gesicht, aus welchem selbst im Schlafe der Kummer sprach: die dürren fleischlosen Hände lagen kreuzweise über einander auf dem Bette, gerade als wenn sie im Sarge daläge. Herrmann, so wenig er Ulriken in ihr erkannte, zweifelte doch keinen Augenblick, daß sie es wäre. – »Wenn dir ein blasses Mädchen im Sterbekleide vor dem Bette erscheint, dem Kummer und Reue aus den entseelten Zügen sprechen; dann denke: izt starb meine Ulrike!« – Diese Stelle fiel ihm sogleich bey ihrer leichenmäßigen Lage aus ihrem lezten Briefe ein: bestürzt legte er leise die Hand auf ihr Herz, um zu fühlen, ob es noch schlage, empfand in seiner Freude unter seinen Fingern 56 matte langsame Schläge, wollte die Hand zurückziehn, um die Schlafende nicht durch seinen plözlichen Anblick zu erschrecken, wenn sie etwa erwachte, und ließ sie immer liegen, wollte gehen und blieb da, mit banger Wehmuth in ihre traurige Mine vertieft. Plözlich fuhr sie im Schlafe zusammen, als wenn sie ein Traum schreckte: er wollte entfliehen, aber es war zu spät: ihre Augen standen schon offen, ehe er die Hand zurücknehmen konte. Sie sah ihn einige Zeit starr an, als ob sie seine Erscheinung für einen Traum hielt, und kaum öfnete er die Lippen zu einem leisen Ulrike, als sie ängstlich seufzte: »Gott!« und tief ihr Gesicht in die Betten verbarg. »Wende dich nicht von mir, Ulrike!« sprach Herrmann mit aller möglichen Sanftheit der Stimme, die ihm seine kochende Empfindung zuließ. »Ich komme als dein Helfer, als dein Retter, will dein Herz seines Kummers entladen und ihm Freude und Ruhe wiedergeben, die ich dir nahm. Wende dich nicht von mir! Der Sarg soll nicht deine Brautkammer werden. Sieh! 57 er ist da, den du liebst, und beut dir seine Hand, um dich aus den Armen des Todes zu ziehn. Er ist da und weint die Thränen aus Freude, die er um deinen Tod auf deinen Namen strömen sollte! Er ist da und wartet auf deinen Blick: warum verbirgst du ihn mir?« Er hörte sie in das Bette hineinschluchzen und mit leisen abgebrochnen Tönen sagen: »verlaß mich, daß ich mich erhole!« – Er gehorchte, machte die Vorhänge fest zu und gieng aus der Stube zu seinem Vater, der im Hofe stand und ein Pfeifchen rauchte. Der Alte erstaunte, daß er die Pfeife auslöschen ließ, als ihm der Sohn Ulrikens Gegenwart und sein Vorhaben, sie zu heirathen, entdeckte: er hielt ihn für verwirrt; denn er wußte von seiner Geschichte weiter nichts, als was auf dem Schlosse des Grafen vorgefallen war, und auch dies hatte er schon längst vergessen. Der Sohn brauchte alle Mühe, ihn zu überzeugen, daß er bey völligem Verstande sey: er entdeckte ihm in verhüllten Worten den bedenklichsten Punkt der Geschichte. – »Was?« fuhr der Vater mit herzinniger 58 Freude auf: »das Mädchen ist schwanger? Du verdammter Hund! so bunt hats ja dein Vater nicht gemacht. Erleb' ich die Freude so zeitig, daß ich Großvater werde? – Ueber den Zeisig!« – Indem seine Freude über die unvermuthete Großvaterschaft sich noch in vollem Strome ergoß, langte die Gesellschaft aus den Wiesen an, die Pfarrfrau voran. Herrmann gieng auf sie zu, dankte ihr für Ulrikens Aufnahme und benachrichtigte sie, daß er gekommen sey, ihr die gehabte Bemühung zu vergelten und sie davon zu befreyen. – »Ach, sind Sie der –?« sagte die Pfarrfrau mit einer scheelen Mine. Ihr Herr Sohn hatte kaum Herrmanns Gesicht erblickt, als er erschrak und furchtsam sich hinter seine Mutter stellte, um dem Menschen nicht in die Augen zu sehn, der ihm sein Geld abgewonnen hatte. Zulezt unter allen kam auch Fräulein Hedwig herangewackelt und schrie laut, da sich Herrmann nach ihr hindrehte. »Ach, du liebes Väterchen im Himmel!« fieng sie an; »sind Sie denn wirklich in propriis figuribus da? 59 Bewahre mich mein Gott! das ist ja wie dort bey dem Virgilio Marus , da Ulysses seine Penelopam in Kindesnöthen wiederfindet. Das wird eine Freude seyn. Haben Sie denn das arme Rikchen schon gesprochen? Das liebe Mädchen ist so krank, sie kan nicht aus dem Bette. Hab' ichs Euch nicht immer gesagt, da ihr noch jung wart, ihr solltet nicht so frey reden und jede Sache deutsch nennen? Aber da hatte der hochweise Herr Schwinger beständig etwas einzuwenden: da mußte man Euch allen Willen lassen, und wenn Ihr Euch in Einem Tage hundert gages d'amour gegeben hättet; da sollte die Liebe durch Hindernisse und Verbote nur wachsen: ja, sie ist gewachsen! Nun kömmt dem überklugen Herrn der Glaube in die Hände. – Ach, die Mannspersonen! das sind doch leibhafte bestiae ferocis , wie sie mit den armen Mädchen umspringen. Es ist auch gar kein Erbarmen.« Ueber diesem Geschwätze waren sie in die Stube gekommen, wo Ulrike lag. Hedwig watschelte sogleich zu dem Bette, auch die Pfarrfrau gieng hin. »Rikchen, sehn Sie doch, wer da 60 ist! Du liebes Gottchen, sehn Sie doch! er ist ja da! er will Sie heirathen,« rief Hedwig. – »Heirathen, mein trautes Töchterchen!« unterbrach sie die Pfarrfrau. »Nicht sterben, mein Lämmchen! Heirathen! heirathen!« – So bestürmten sie beide die arme Kranke mit unaufhörlichem Gewäsche und brachten es endlich so weit, daß sie sich umdrehte und noch um einige Minuten Geduld bat, ehe sie Herrmanns Blick ertragen könte: man ließ sie in Ruhe. Herrmann erzählte seinen ganzen Plan, und alle billigten ihn außerordentlich. Die Pfarrfrau, die ungemeine Liebhaberin vom Heirathen war und nur deswegen ihre anfängliche scheele Mine verlor, weil Herrmann Hochzeit machen wollte, rechnete ihm schon alle Unkosten der Trauung und des Hochzeitschmaußes vor, belehrte ihn über das Cerimoniell, ordnete schon die Schüsseln auf der Tafel, sezte die Gäste nach der Rangordnung um sie herum und holte ein hohes Sieb herbey, um ihm das Maas des Brautkuchens zu zeigen, und meldete mit innigem Vergnügen, daß ihr eigner in dieser Form 61 gebacken worden sey. Fräulein Hedwig wurde über diese Seelerfreuenden Anstalten so betrübt, daß sie ans Fenster trat und den Schmerz über ihre zweyundfunfzigjährige Jungferschaft, für welche sich wahrscheinlicher Weise keine Abnehmer erwarten ließen, in häufigen Thränen ersäufte, wiewohl sie vorgab, daß sie aus Rührung über das unverhofte Glück der jungen Leute weinte. Der alte Herrmann verwarf alles, was die Pfarrfrau vorschlug, als unnütze Alfanzereyen und wäre beinahe über die Größe des Brautkuchens in einen Zank mit ihr gerathen; aber wenn sie einmal über einen Punkt einstimmten, dann gaben sie einander die Hände und lobten sich, daß sie so gescheidte Einfälle hatten: die Pfarrfrau erinnerte zwar hie und da mit bedenklichem Achselzucken, daß es viel kosten werde: – »aber,« sezte sie hinzu, »es muß seyn; und man macht ja nicht alle Tage Hochzeit; und zudem reut mich kein Geld weniger, als was mich meine Hochzeit gekostet hat.« – »Ach, der Junge hat Geld!« unterbrach sie der alte Herrmann: »Geld in Menge! Sie 62 können fürstlich zusammen leben. Wenn nun der Teufel nur auch meine Nille herbeyführte! Das Henkersweib würde schwänzen und trippeln, wenn sie die Hochzeitanstalten mit machen sollte: die würde schnattern und gackern und heulen vor Freuden! Für unsre Ohren ist es ganz gut; aber ich wollt' ihr doch die Freude gönnen, wenn sie nicht etwa mit dem christlichen Leinweber selber Hochzeit gehalten hat. Nille, Nille. wenn ich das erfahre!« Herrmann stand, ohne zu reden, neben einem Tische, ließ die Leute Anstalten machen und dachte bey sich, keine einzige auszuführen; denn er wollte sich ohne alle Feierlichkeiten, wo nicht den nämlichen Tag, doch den folgenden am Bette mit ihr trauen lassen. Die Freude, die die Berathschlagung der Pfarrfrau und des alten Herrmanns belebte, theilte sich endlich auch der Kranken mit: sie vergaß ihren Kummer, überwand ihre Scham, öfnete von Zeit zu Zeit die Vorhänge, um nach ihrem Herrmann hinzuschielen, und ließ sie hurtig wieder zufallen: sie konte sich nicht bezwingen: nach langem 63 Kampfe mit sich selbst, da die unendlichen Hochzeitgespräche die Liebe wieder in ihr aufwecktem und die Freude sie dreist machte, steckte sie den Kopf durch die geöfneten Vorhänge und rief leise mit bebender Stimme: »Heinrich!« Der Laut hatte kaum sein Ohr berührt, so eilte er zu ihr hin, kniete vor dem Bette nieder und drückte ihre Hand feurig an seine Lippen: die Freude hemmte Beiden die Zunge. Ulrike. Kömmst du so zeitig, um auf meinem Grabe zu weinen? Herrmann. Nein, Ulrike, um dich aus dem Grabe zu reißen! Schmücke dich mit Freude, wie eine Braut! du bist es! du bist es! Ulrike. O Heinrich! das Ende des Mays, wenn die Frühlingsblumen sterben. da wird dir der Tod eine pflücken – Herrmann. Keine solche finstern Gedanken! Unser bisheriges Leben war Tod, so lange uns das Unglück trennte: aber izt, izt beginnt es neu, frisch und duftend, wie ein junger Morgen. Ulrike. Ich kan mich des traurigen Gedankens nicht erwehren, daß ich sterben werde. 64 Heinrich, ich sterbe gewiß: alles, was ich nur anblicke, was ich nur höre und empfinde, alle meine Sinne rufen mir zu: du stirbst! Herrmann. Fantomen des Kummers und einer entflammten Einbildung! Sind nicht Tausende Mutter geworden, ohne daß sie starben? Warum sollte der Tod nur dich auszeichnen? Ulrike. Aber keine stritt mit so langem Kummer, mit Reue, Schande und Mangel. Meine Lebenskräfte sind aufgezehrt, mein Athem nur noch ein schwacher Hauch: siehst du diese eingefallnen Hände, ein Knochengerippe mit Haut überzogen? und du zweifelst noch, ob ich sterben werde? – Ich bin gefaßt darauf: mein glimmender Lebensfunke wird ein neues Leben anzünden und erlöschen. Das Bild des Todes ist nicht aus meinem Gehirne gewichen, so lange ich hier wohne: immer steht das schreckliche Gerippe mit ausgeholter Sense vor mir, daß ich oft den Hals ängstlich drehe und wende, und jeden Augenblick denke: izt wird er dich wegmähen, wie eine Graßblume! Dort im Winkel seh ich seit drey Tagen, daß ich vor Schwäche nicht 65 das Bette verlassen kan, meinen Sarg stehen – gerade wie der Sarg der Sechswöchnerin, die man vorige Woche begrub – braun mit silbernen Leisten! Wenn das Tuch zum Essen auf den Tisch gebreitet wird, scheint es mir ein Leichentuch: ich höre laut und feyerlich mein Sterbelied singen, und jedesmal, wenn die Kinder vor der Thür bey ihren Spielen ein Begräbniß aufführen, tönt mir ihr Gesang so ernst, so melancholisch! – ich glaube alsdann schon im Sarge zu liegen, die schwarzen Träger treten herein, um mich aufzuladen: tragt mich fort! sprech ich weinend: nur sagt meinem Heinrich, wo ihr mich hinlegt! – O warum kamst du, mich in meinen Todesgedanken zu stören? Herrmann. Nicht blos stören, verscheuchen will ich sie! – Betrachte dich als eine Auferstandne, von der Liebe aus dem Todesschlafe des Kummers erweckt! Diese Hand, deren Druck die deinige erwärmt, bietet dir ein kleines Glück, das freilich ein zufriednes Herz fodert, um ein Glück zu heißen: aber, Ulrike, Liebe und Mäßigkeit sollen uns jeden Goschen verdoppeln, Freude 66 den sparsamen Bissen würzen, und Zufriedenheit unsern Acker zum Königreiche machen. Wir werden durch den Trauring vereinigt, sobald es deine Schwäche zuläßt: ich kaufe ein kleines Bauergut; und, Ulrike, hat uns dann nicht der Himmel einen Wunsch gewährt, den wir in jener Nacht der Liebe thaten? Ulrike. Die Wonne ist zu groß, als daß ich sie glauben sollte: meine Brust ist zu enge für sie. – Aber gewiß, Heinrich! ich werde sie nicht erleben, werde vielleicht den ersten Morgenschimmer dieses Glücks sehen und sterben. Herrmann. Neu verjüngt leben, willst du sagen! Wir wollen ganz werden, wozu die Natur den Menschen bestimmte – den Acker bauen und uns lieben! Bedenke, welche herrliche Auftritte auf uns warten! Auftritte, so schön du sie dir nie in deinem Arkadien auf dem Schlosse deines Onkels dachtest! Ulrike. Die Freude wird mich tödten, so gewaltig ergreift sie mein Herz bey deiner Beschreibung. Du bist mir, wie ein Bote des Lebens, der einem Gefangnen auf Tod den 67 finstern Kerker öfnet: wie eine Sonne, hast du alle Bilder in meinem düstern Gehirn erleuchtet. – Ach, wenn dies nur ein glänzender Traum wäre, den der Tod hinwegrafte! Herrmann. Nennst du einen Traum, was man in der Hand hält? – So fest, so wirklich als meine Hand die deinige faßt, so wirklich fassen wir auch unser Glück. – Welch' ein Himmel, wenn unter den kleinen wirthschaftlichen Sorgen im überfließenden Genusse der Liebe und Wonne unser Leben dahineilt, wie Ein freundschaftliches muntres Gespräch! Wenn ich hinter dem Pfluge dahinschreite, oder den Samen für das künftige Brod ausstreue, oder mit dir die Garben sammle und einführe, und dann in der Sonnenhitze deine Hand mir den Schweis abtrocknet, deine Hand mir den Trunk reicht, der mich laben soll! Wenn ich nur für dich Beschwerlichkeiten trage, für dich säe, für dich ärnte! Wie wird dieser Gedanke alle meine Nerven anspannen, meinen Schultern die Last erleichtern und den Händen das Grabscheit oder die schwere Hacke zum leichten Spane machen! – 68 Wir wollen ganz Landleute seyn, wie es sich gehört, nicht wie faule Müßiggänger die Arbeit fremder Hände genießen, sondern mit unsern eignen unser Leben verdienen. Keine Beschäftigung, keine Mühe soll für mich zu geringe, zu verächtlich seyn: du erleichterst den Kühen die hängenden Euter, streust reinliches Stroh auf ihr Lager, schafst aus der fetten Milch unsern labenden Nachtisch, oder reichst sie mir zum erquickenden Trunke in der hölzernen Schale; sammelst um mich herum das duftende Futter der kleinen Heerde, wie es unter meinem Sensenhiebe dahinfällt; pflanzest, begießest; und jede Arbeit, die wir zusammen verrichten, versüßt muntres fröliches Gespräch. Schon seh' ich dich, wie eine geschäftige Hausfrau, im leichten kurzen Unterrocke, mit aufgestreiften Armen, die Haare unter das runde verschobne Häubchen gesteckt, ohne städtischen Putz, in kunstloser reizender Nachlässigkeit herbeyeilen und das selbstbereitete Mahl auf dem reinlichen hölzernen Teller mir vorsetzen, vor Betriebsamkeit kaum Einen Bissen ruhig genießen, immer auf das fehlende 69 Bedürfniß sinnen und schnell es herbeyschaffen, noch ehe man es vermißt: schon sitz' ich neben dir des Abends unter den Linden vor der Hausthür und verzehre mit dir von deinem Schooße die mäßige Abendkost, und trinke aus dem neben uns stehenden Kruge, heiter, frisch, belebt, wie die Luft, die um uns weht: wenn dann Nachbarn und Nachbarinnen sich zu uns gesellen, sich um uns herum setzen und mit ofnem neugierigem Munde die Geschichte der großen Städte von uns hören, und über die Fratzen, Thorheiten, Gebräuche und Bedürfnisse der vornehmen Welt, wie über Seewunder, lachen, vor Erstaunen die Hände gen Himmel heben und glauben, wir erzählen ihnen kurzweilige Mährchen aus einem Fabelbuche! – Ich vermag sie nicht alle zu schildern, die himmlischen Scenen, in so unzählbarer Menge eilen sie mir entgegen! – Unsre Nachbarn werden uns lieben, weil wir sie lieben: wir stimmen uns allmälich zu der Kindheit ihres Herzens und ihres Verstandes herab, beneiden, tücken, verfolgen einander nicht, da ein jedes genug hat, weil es nur wenig braucht: 70 Zwang, Langeweile, Verdruß kennen wir gar nicht; und dann, Ulrike! in so vertraulicher harmloser treuherziger Gesellschaft Liebe zu fühlen, wie wir sie empfinden! nach so mannichfaltigen Verfolgungen, Mühseligkeiten, Hindernissen und Qualen an der Brust der Liebe zu liegen und volles reines süßerquickendes Entzücken, wie Kinder ihrer Mutter Milch, zu saugen! – Ulrike! kanst du noch an den Tod denken, wenn sich dir ein solches Leben eröfnet? Ulrike. O Heinrich! du bist mir ein Engel, der aus rosenfarbnen Wolken Licht und Feuer in meine bekümmerte Seele herabgießt: deine Reden haben alle meine Gedanken und Empfindungen über sich selbst erhöht: komm! faß mich in deine Arme, daß mir die Freude nicht die schwachen Nerven zerreißt! – Er faßte sie auf, als sie eben, entkräftet von der Wonne ihrer Einbildung, zurücksinken wollte: schluchzend an seiner Brust, sprach sie einmal über das andre: »so geht dann nunmehr der Traum meiner Kindheit in Erfüllung! so hab' ich dann nunmehr mein Arkadien, wie ichs 71 in dem Garten meines Onkels mir träumte!« – Ihre aufgebrachte Fantasie arbeitete so heftig, daß ihr Körper unter der Anstrengung erlag: sie wurde so schwach, daß sie in Herrmanns Armen einschlief: er legte sie sanft auf das Kopfküssen nieder und verließ sie. Die Pfarrfrau war unterdessen mit der übrigen Gesellschaft hinausgegangen, um ihr den Platz in natura zu zeigen, wo das Hochzeitessen gehalten, wie die Tafel gesezt werden, und wie die Gäste sitzen sollten; und Herrmann wartete ungeduldig auf die Ankunft ihres Mannes, um mit ihm über die Trauung zu sprechen: die Frau hatte vor Freuden, daß sie Hochzeitanstalten zu besorgen bekam, schon etlichemal nach ihm geschickt, allein er saß bey dem Bader und spielte mit ihm und dem Förster Kuhschwanz Ein gemeines Kartenspiel. , und die Partie war so ernsthaft, daß er sich unmöglich losreißen konte. Endlich, nach der vierten Gesandschaft an ihn, langte er an: Herrmann trug ihm nach der ersten Begrüßung sogleich sein Anliegen vor und bat, daß er ihn 72 morgenden Tages mit Ulriken verbinden möchte. Der Pfarr gab ihm zur Antwort: »Um getraut werden zu können, müssen Sie sich erst dreymal aufbieten lassen: wollen Sie nicht dreimal aufgeboten seyn, so geschieht es nur zweimal: wollen Sie nicht zweimal, so geschieht es nur einmal: wollen Sie auch nicht einmal, so geschieht es gar nicht.« Herrmann. Das ist ja gerade mein Wunsch. Der Pfarr. Wenn Sie gar nicht aufgeboten seyn wollen, müssen Sie Dispensation haben: wenn Sie Dispensation haben wollen, müssen Sie sich an meine Vorgesezten wenden: wenn Sie sich an meine Vorgesezten wenden, müssen Sie ihnen Geld geben, damit sie Ihnen Dispensation geben; und ehe Sie Dispensation kriegen können, müssen Sie Ihren, Ihrer Braut, Ihrer beiderseitigen werthen Aeltern Namen, Ihren beiderseitigen Geburtsort, Geburtsjahr und Zeugniß von dem Pastore Ihrer beiderseitigen Geburtsörter beybringen, damit man sicher und zuverlässig weis, daß Sie mit Einwilligung Ihrer beiderseitigen werthen Eltern und ohne 73 Schaden und Nachtheil eines Dritten sich verlobt und versprochen haben. Wenn Sie die Dispensation erlangt und bezahlt haben, ergeht an mich ein Befehl, und wenn ein Befehl an mich ergangen ist, trau' ich Sie, sobald Sie die priesterliche Kopulation und Einsegnung begehren. Herrmann. Das ist ja ein unendlicher Weg zum Ehestande. Der Pfarr. Anders geht es nicht; und wenn Sie eins von den genannten Erfordernissen nicht gehörig beybringen können, so bekommen sie keine Dispensation, so darf ich Sie weder dreymal, noch zweymal, noch einmal aufbieten, so werden Sie nicht getraut. Herrmann. Himmel! so sind die Geseze noch grausamer als die grausamsten Menschen! Der Pfarr. Ich habe die Geseze nicht gemacht: wer die Geseze gemacht hat, machte sie zum Besten vieler tausend Menschen; und was für viele tausend Menschen gut ist, kan um eines einzigen willen nicht aufgehoben werden. Herrmann. O zum Besten der Menschen, 74 daß man mit den Zähnen knirschen möchte! Priesterliche Gewinnsucht erfand sie, die Begierde jede Handlung des menschlichen Lebens zinsbar zu machen: Herrschsucht und Geiz brüteten sie aus, und Aberglauben und Einfalt nahmen sie an. Der Pfarr. Das kan in der Kirchenhistorie wohl wahr seyn: ich bekümmere mich nur um das Gegenwärtige, und lasse das Vergangne vergangen seyn. Herrmann. Ich mag Ihre eitele Cerimonie gar nicht: unsre Herzen sind zusammengeknüpft und werden es unzertrennlich bis in den Tod seyn: – was vermag die Hand eines Priesters dabey? – Wenn zween Willen sich vereinigen, dann geht die Ehe an: wenn zween Willen sich trennen, dann hört sie auf. – Ich Thor! was will ich mich durch einen leeren Gebrauch an meinem Glücke hindern lassen? – Wir sind getraut: es bedarf Ihrer Hand nicht dazu. Hat uns das Unglück nicht genug geängstigt, soll es auch noch ein eitler Gebrauch thun? Der Pfarr. Ja, in der Welt haben wir Angst. – Sie spielen ja wohl ein Lomberchen? Herrmann. Ulrike ist von dieser Minute an 75 meine Frau: sie soll bey und mit mir leben, so bald ich eine Bauerhütte gekauft habe, die uns vor Wind und Wetter schüzt, und einen Acker, der uns nährt. Der Pfarr. Sie wollen sich ankaufen? – Bleiben Sie bey uns! werden Sie unser Gerichtsherr! Das Gut wird subhastirt werden. Es war jammerschade um unsern vorigen Herrn, daß er starb: wir werden so leicht keinen wieder bekommen, der so gut Lomber spielte. Ich versichre Sie, er machte Bete oder Codille, und wenn der Andre alle Hände voll Trumpf hatte. Es sollte mir eine Herzensfreude seyn, wenn Sie unser Gerichtsherr würden. Herrmann. Nein, so hoch steigen meine Wünsche nicht. Ein Bauer, ein wirklicher leibhafter Bauer will ich werden, ein mittelmäßiges Gütchen kaufen, das mich und Ulriken durch unsrer Hände Arbeit erhält. Der Pfarr. Sie ein Bauer? – Ein Bauer ist des lieben Gottes Esel, dem er alle Säcke aufladet, die die übrigen Menschen nicht tragen wollen – geplagt vom Morgen bis zum Abend, 76 von der Wiege bis ins Grab: er muß geben für alle, und Jedermann will durch seine Arbeit oder seinen Schaden reich werden: verachtet, bevortheilt, immer nur halb gesättigt, muß er sich sein Leben lang quälen, damit es andern Leuten wohlgeht. Hat er sein Aeckerchen mit Mühe durchwühlt, gesäet, geärntet, verkauft, dann trägt er sein gelöstes Geld zu Steuern und Gaben hin und darbt oder lebt kümmerlich, bis er wieder ärnten und geben kan; und noch muß er die Zeit zur Bestellung wegstehlen: da giebt es Spanndienste, Handdienste, Botdienste, Fröhnen, Hofdienste, Kriegsfuhren, Kammerfuhren, und Gott weis, was weiter: viel geben, viel arbeiten und nichts haben, ist der Lebenslauf eines Bauers. Herrmann. Unglücklicher Mann! Sind Sie denn bestimmt meinen liebsten Wünschen zu widersprechen? – Milzsucht und Menschenhaß können nur so ein finsteres Bild von dem glückseligsten Stande entwerfen, den die Menschheit kennt: aber alle Ihre misanthropischen Gemählde 77 sollen mich nicht erschüttern: mein Entschluß bleibt unverrückt. Der Pfarr. Mir soll es sehr gelegen seyn: so bekomme ich mit meinem Herrn Konfrater in der Nachbarschaft den dritten Mann zu einem Lomberchen; und kömmt noch ein guter Gerichtsherr dazu, so spielen wir Quadrille, Trisett, Tarock mit dem König, spielen Billard à la guerre , à la ronde , oder wie Sie wollen; ich bin bey allem. Bauergüter sind immer zu bekommen: unsre Bauern richten sich immer so ein, daß man ihnen in zwey Jahren nichts mehr nehmen kan als die Haut: es werden zwey oder drey Höfe im Dorfe zu verkaufen seyn. – Herrmann freute sich ungemein über diese Nachricht, und nahm sich vor, gleich den folgenden Tag die verkaufbaren Bauergüter zu besehen und, wo möglich, den Handel auf der Stelle zu schließen. Die Pfarrfrau, als sie hörte, daß er keine Hochzeit haben wollte, gerieth in die äußerste Unruhe: sie stellte ihm viele klägliche Beispiele von solchen selbstgemachten Ehen ohne Trauung und Hochzeitschmauß vor, 78 und empfahl aus allen Kräften ein dreymaliges Aufgebot und priesterliche Kopulation: sie bat ihren Mann angelegentlich, die Sache nicht so genau zu nehmen, damit sie nur eine Hochzeit auszurichten bekäme: allein der Pfarr war eben so standhaft in seiner Pflicht, als Herrmann in seiner Verachtung gegen die Kopulation. In einer solchen Verlegenheit mußte sich die gute Frau mit dem Gevatterschmauße trösten, den Ulrikens Umstände bald zu erfodern schienen, und lag dem jungen Hausvater eifrigst an, die Anstalten dazu beyzeiten durch sie machen zu lassen. Auch Ulrike verfiel in keine geringe Betrübniß, als sie die Unmöglichkeit einer gesezmäßigen Verbindung erfuhr, wenn sie nicht durch die Anzeige ihrer Abkunft sich der Gefahr aussetzen wollte, entdeckt zu werden und in Untersuchung zu kommen: doch Herrmann beruhigte sie, trat zu ihrem Bette und sprach: »Ulrike, wir sind getraut, durch stärkere Fesseln verbunden, als ein Priester verbinden kan. Zum Zeichen unsrer ewigen Treue trag' ich hier am emporgehaltnen Finger den Ring, womit du unter dem 79 Baume im Garten deines Onkels ihn schmücktest: zum öffentlichen Bekentnisse deiner Liebe trägst du den meinigen: ihr insgesamt, Vater, Freund und Freundinnen, seyd Zeugen, und noch mehr das Wesen, das den Meineid bestraft, daß ich hier dieser lieben Seele eheliche Treue und Liebe bis in den Tod angelobe; und wer sie bricht, den treffe der Fluch des Himmels, so lang' ein Gedanke in ihm lebt! Dieser Kuß besiegele unser Versprechen. – Nun sind wir getraut: welcher Ceremonie bedarf es weiter?« Den Tag darauf betrieb Herrmann sein vorgenommenes Geschäfte mit seiner gewöhnlichen Hitze: er schloß den Handel, so sehr sich auch der Pfarr dawidersezte, und viel weniger vortheilhaft als er thun konte, wenn er nicht mit Leidenschaft kaufte. Er ließ sich von einem erfahrnen Landmanne in den Geheimnissen der Wirthschaft unterrichten, lernte von ihm den Pflug regieren, säen, eggen und die übrigen ländlichen Verrichtungen: der Bauer hatte noch nie einen so gelehrigen Schüler gehabt, der mit so vieler Lust und Emsigkeit an seine Lektion 80 gieng. Wenn ihn der Pfarr des Abends zu einer Partie Piquet aufsuchte, saß er bey drey, vier Bauern und ließ sich in der ökonomischen Klugheit unterweisen: der Unterricht war angenehm und fruchtbar, obgleich die schlechte Methode und der verworrne Vortrag der Lehrer ihn nöthigte, alles durch Fragen aus ihnen herauszuziehn und deutlich zu machen. Er schafte die nöthige Geräthschaft, Hausrath und andre Bedürfnisse an, baute in seiner neuen Wohnung, so viel sich in der Geschwindigkeit thun ließ, und machte die häuslichen Einrichtungen mit Hülfe der Pfarrfrau, die vor Vergnügen über diese Geschäftigkeit um zehn Jahre jünger wurde. Die beiden Leute thaten alles mit einer Heftigkeit, als wenn sie in vierundzwanzig Stunden fertig seyn wollten: Herrmann rennte die Treppe hinauf, die Pfarrfrau hernieder, sie stießen mit Armen und Köpfen zusammen, ohne sich aufhalten zu lassen, eins ordnete hier an, das Andre dort, und meistens befahl Jedes das Gegentheil von dem, was auf Befehl des Andern schon geschehn war. 81 Selten waren sie einerley Meinung: die Pfarrfrau trozte auf ihre längere Erfahrung, und Herrmann auf seinen größern Verstand: sie richtete sich pünktlich nach der hergebrachten Gewohnheit, und er wollte keine andre Regel als Schicklichkeit und Vernunft anerkennen: freilich wollte er der armen Frau mit unter manche ehrliche Grille für Vernunft aufdringen, aber sie ließ sich durch die schönsten Scheingründe nicht täuschen. Er verlangte von allen Vorschlägen und Anordnungen das Warum zu wissen, und weil seine Gehülfin immer keinen andern Grund angeben konte als – »es muß so seyn,« – so geriethen sie in unendliche Streitigkeiten mit einander: er demonstrirte ihr deutlich und bündig, daß es anders besser wäre, und sie behauptete, ohne seine Gründe zuzugeben oder zu widerlegen, daß es so seyn müßte. Beide waren in ihren Meinungen hartnäckig; und so zankten sie sich fast alle Stunden einmal: bey jedem Zanke schwur die Pfarrfrau, nichts wieder zu sagen, keinen Fuß wieder in so ein unordentliches Haus zu setzen, so einen verkehrten eigensinnigen 82 Menschen seiner Blindheit zu überlassen; und kaum war der Schwur über die Lippen, so flog schon eine neue Anordnung zum Munde heraus, die Herrmann von neuem misbilligte, und worüber sie sich von neuem stritten. Der ernsthafteste Bruch entstund über die Stellung der Betten: da das Haus gegen Morgen lag, wollte er das seinige schlechterdings so gesezt haben, daß ihn die aufgehende Sonne jeden Morgen zur Arbeit weckte, und die Pfarrfrau versicherte ihn, daß es eine ganz unerhörte Unordnung sey, das Haupt des Bettes an die Kammerthür zu stellen: er sezte seinen Willen mit Gewalt durch, und die Pfarrfrau betheuerte auf ihr Gewissen, daß sie Zeitlebens sich der Sünde nicht theilhaftig machen werde, über die Schwelle eines Hauses zu schreiten, wo die Leute mit den Köpfen an der Kammerthür lägen: sie gieng mit der Prophezeihung hinaus, daß unter dieses Dach weder Segen noch Gedeihen kommen könne, kam einen ganzen halben Tag nicht hinein, und am folgenden Morgen war sie schon wieder die erste auf dem Platze. Auch Fräulein Hedwig wurde vom Fieber der 83 Landwirthschaft angesteckt: sie molk der Pfarrfrau alle Kühe rein aus, wo sich nur eine blicken ließ, gab allen lateinische Namen und sprach so viel lateinisch und französisch mit ihnen, daß sie zulezt vor Gelehrsamkeit keine Milch mehr gaben; und die Pfarrfrau war sehr der Meinung, daß ihre Trockenheit von den fremden Sprachen herrührte, die das arme Vieh nicht gewohnt wäre. Die Sichel zu führen, Futter vorzulegen, Stroh einzustreuen übte sich das hochgelehrte Fräulein Tag für Tag: um den Unterricht nicht umsonst zu empfangen, lehrte sie dafür die Mägde, wie Virgilius und Homerus Sichel und Graß lateinisch nennten. Der alte Herrmann wählte die bequemste Beschäftigung: er lernte die Schafe hüten. Der Pfarr war bey dieser allgemeinen Regsamkeit um nichts so sehr bekümmert als wegen des neuen Gerichtsherrn: keiner unter allen, die das Gut schon besehen hatten, stund ihm an; und er gab eines Tages Herrmannen mit tiefer Betrübniß die Nachricht, daß es wahrscheinlicher Weise ein Gutbesitzer aus der Nachbarschaft erstehen werde, ein Mann, 84 der ehemals Bedienter gewesen sey, sich durch Spitzbübereyen bey seinem Herren reich gemacht habe und von seinem Raube nunmehr ein Gut nach dem andern kaufe: – »er kan unmöglich gut Lomber spielen, weil er ein Spizbube ist,« sezte er untröstlich hinzu.   Drittes Kapitel. Mitten unter diesen landwirthschaftlichen Uebungen und Anordnungen, noch einige Tage vor dem gefürchteten Ende des Mays, trat des Morgens in aller Frühe, als eben Herrmann auf das Feld gehen wollte, die Pfarrfrau ungemein freudig herein, ein Küssen auf dem Arme und aus demselben einen neugebohrnen Knaben, den sie ihm überreichte. »Da!« sprach sie: »hier hat Ihnen der liebe Gott einen kleinen Ackersmann beschert: der wird einmal recht kommandiren: er hat schon eine Stimme, wie ein Mann, behüt' ihn der liebe Gott!« – Herrmann nahm ihn auf und küßte ihn mit rührungsvoller Freude. »Willkommen!« sprach er, »du kleiner 85 Erdensohn! Willkommen in dieser Wohnung des Schmerzes und des Vergnügens, du Frucht der treuesten feurigsten Liebe! dein Daseyn sollte mich betrüben: – aber nein! freuen will ich mich über dich, freuen wie ein Vater, dem sein erster Sohn geboren wird!« – »Das hab' ich auch Ulriken gerathen,« unterbrach ihn die Pfarrfrau. »Das arme Geschöpf härmt sich und weint, wenn sie den Jungen nur anblickt. Ich hab' ihr schon gesagt, das Kind kan unmöglich gedeihen: Sie sind ja nicht die Erste und werden auch, so Gott will, nicht die lezte seyn: – aber das hilft nichts, sie läßt sich nicht beruhigen. – Sehn sie einmal, wie der kleine Schurke seinen Vater anlacht! Nu, so ruf: Papa!« – In dieser muntern Laune schäkerte und tändelte sie mit dem Kinde und war so lebhaft vergnügt darüber, als wenn sie es selbst geboren hätte. Sie trug sehr viel zu Ulrikens Aufheiterung bey: die junge Mutter gewöhnte sich allmälich an ihre Situation, und die Freuden des künftigen ländlichen Lebens, die ihr Herrmann täglich mit frischen Farben vormahlte, stärkten 86 sie, daß sie die Gefangenschaft einer Kindbetterin, aller Schwächlichkeit ungeachtet, glücklich überstand. Herrmann hatte sich den Plan gemacht, daß nach Verlauf dieses Zeitpunktes in seiner neuen Behausung alles zu Stande seyn sollte, um ihn mit seiner jungen Hausmutter aufzunehmen: mit den hauptsächlichsten Einrichtungen gelang es ihm auch. Von Freude glühend und wallend, brachte er in einem Vormittage Ulriken ihre neue Bauerkleidung, die er unterdessen für sie hatte machen lassen, half ihr sich ankleiden, und lud sie auf den Mittag zur ersten Mahlzeit in seinem Häuschen ein. Im kurzen flanellnen Unterrocke und rothen Mieder, die Arme wirthschaftlich aufgestreift, stand sie da und lächelte mit kindischem Vergnügen über ihr eignes Bild im Spiegel: nur die Haube, nach der Mode des Dorfs gemacht, misfiel ihr: sie warf sie mit Widerwillen vom Kopfe, band sich die Haare, daß sie eine Art von Chignon bildeten, nahm Herrmanns runden Hut und sezte ihn drauf: sie war zum Entzücken artig und niedlich in der neuen Tracht. 87 Herrmann nahm sie an den Arm: sein Vater, Hedwig, der Pfarr und die Pfarrfrau folgten ihm: die Pfarrfrau ließ sich um alles in der Welt die Ehre, das Kind zu tragen, nicht nehmen; und so hielten sie ihren Einzug. Von dem Eingange durch das Vorhaus bis zur Schlafkammer war eine breite Straße von duftenden Blumen gestreut: über Thüren und Fenstern hiengen Bogen von Tannenreisig, mit Blumen verziert: ringsum athmete Wohlgeruch, und aus allen Gesichtern lachte Vergnügen. Ulrike wußte sich vor inniger Herzenswonne nicht zu fassen: sie lief geschäftig durch alle Kammern und besah jeden Winkel vom obersten Boden bis zum untersten Keller, bezeichnete im Garten jedes Pläzchen, wo dies, wo jenes gepflanzt und gesäet werden sollte, und machte auf der Stelle mit einem Packet Samen den Anfang, den ihr die Pfarrfrau verschafte. Hedwig eilte voller Begierde nach dem Stalle, den Kühen den Besuch abzustatten, und wollte in Gegenwart der ganzen Gesellschaft ihr Probestück im Melken machen: allein der heimtückische Zufall führte sie zu 88 einem Stiere, und der landmännische Scherz hub laut auf ihre Unkosten an. Sie hielten die nüchterne Mahlzeit im Obstgarten unter einem schattigten Apfelbaume: die Bienen des Nachbars summten in den durchsäuselten Aesten und unter den bunten Blumen des wollüstigen Grases, Vögel hüpften und zwitscherten in den Zweigen, Schmetterlinge schwärmten mit blinkenden Flügeln herum, in der Luft lebte das muntre sausende Gewühl des Sommers und der regen Natur: an zween niedrige Bäume geknüpft, hieng das weiße Tuch, worinne, wie in einem indianischen Hamak, der junge Erbe des Hauses schlief und von der durchstreichenden Luft sanft gewiegt wurde. Der Tag war für Herrmann und Ulriken der frölichste ihres ganzen Lebens, ein Fest der Wonne. Zween Tage hatten sie in voller Berauschung über ihr neues Glück hingebracht, als sich schon eine Bitterkeit in ihre Freuden mischte: der kleine Herrmann starb. So sehr Ulrike vor seiner Geburt sein Daseyn scheute, so sehr blutete izt ihr mütterliches Herz bey seinem Verluste. Speise 89 und Trank, Arbeit und Vergnügen schmeckten ihr herbe: jeder Ort, wo sie ihn getragen, geliebkost, gewindelt, genährt, wo er geschlafen, geweint oder gelacht hatte, erweckte ihre Thränen, und oft ließ sie eine angefangne Beschäftigung plözlich liegen, um zu der geliebten Leiche zu eilen, mit nassem Blicke über ihr zu hängen und in stiller Betrübniß über ihrem Ebenbilde zu trauren: sie hauchte den kleinen Lippen ihren Athem ein, aber die mütterliche Liebe vermochte nicht das erstarrte Herz zu erwärmen: sie trennte sich wehmuthsvoll von dem entseelten Knaben und suchte an Herrmanns Brust Erleichterung für ihren Schmerz. »Liebe!« sprach er zu ihr; »wir selbst wollen ihm die lezte Elternpflicht entrichten, mit unsern Händen sein kleines Grab bereiten, und aus unsern eignen Händen soll ihn die Erde empfangen.« – Ulrike übernahm das Geschäfte sehr gern, und während daß Herrmann sich von dem Todtengräber einen Platz anweisen ließ und das Grab machte, pflückte sie auf den Wiesen Blumen, bettete mit ihnen in der Schachtel, die 90 zum Sarge dienen sollte, ein buntes Lager, band einen Kranz von Fichtenzweigen, mit Vergißmeinnicht durchflochten, und schmückte damit das kleine Haupt, und in die Hände gab sie ihm eine aufbrechende Rosenknospe. In der Dunkelheit des Abends gieng sie, ihren Herrmann am linken Arme, und unter dem rechten den Leichnam, auf den Kirchhof. Der volle Mond stand über dem Grabe und warf Tageslicht in die finstre Höle: alles schlief an diesem Orte der Ruhe, selbst die Luft. Die beiden Leidtragenden saßen in stummer Umarmung auf der ausgeworfnen Erde und schauten in die Wohnung ihres versenkten Geliebten hinab: nichts unterbrach das allgemeine theilnehmende Schweigen als das Rauschen dahinschießender Fledermäuse, oder der Klageton des Uhus aus den finstern Winkeln des weißen Kirchthurms, der das Wimmern eines Käuzchens, das, wie ein ächzendes Kind, über ihren Häuptern schwebte und das Leichenlied jammerte. Sie standen auf und warfen das Grab zu, so schwer sich auch Ulrike dazu entschließen konte. 91 – »Welches von uns beiden wird das andre so begraben?« fieng Herrmann an, indem er die Erde hinabschaufelte. »Möchtest du es seyn!« antwortete Ulrike. »Meine Leiden haben mich mit dem Tode so vertraut gemacht, daß ich lebendig hier wohnen könte in dieser friedlichen Nachbarschaft. Wie sie so einträchtig alle hier schlafen! Sie lieben sich freilich nicht: aber sie hassen sich doch auch nicht.« Herrmann. Noch im Tode ist jede Familie ungetrennt. Siehe! hier neben mir ruht ein Hausvater – fünf und siebzig Jahre lebte er, wenn mich das Mondlicht nicht täuscht – neben ihm seine alte Hausfrau, im siebzigsten gestorben; hier ruhen sie unter vier schattichten Obstbäumen, und zu ihren Füßen die ganze kleine Nachkommenschaft. Wie eine junge Baumschule, stehn die kleinen Kreuze da: acht sind ihrer; und wer weis, wie viele Brüder noch unter dem Joche des Lebens keuchen, die einst an einem andern Platze ihre kleine Heerde eben so um sich versammeln werden? – Wie glücklich, Ulrike, 92 daß wir einmal in so guter Gesellschaft schlummern sollen! Ulrike. Tausendmal süßer ist es, mir hier meine Ruhestätte zu denken, als in der hochgräflichen Gruft meines Onkels: man liegt dort in dem schwarzsamtnen tressenreichen Kasten, und der ganze traurige Aufputz hat so eine steife gezwungne Mine, als wenn sich die Leute noch im Tode vor einander genirten . Kurz vorher, eh' ich das Schloß verließ, besuchte ich sie, als man frische Luft hineinließ: O, dacht' ich, Ihr seyd wohl alle an der Langenweile gestorben. Die Leute liegen in so ehrerbietiger Entfernung von einander, als wenn sie sich eben so aus dem Wege giengen wie im Leben, und kommen nur dann erst in vertrauliche Nähe unter und über einander, wenn ihnen der Platz fehlt. – Tausendfach angenehmer ist es, hier in freundlicher Zutraulichkeit unter dieser grünen blumengestickten Decke zu schlafen! Herrmann. Tausendfach angenehmer, sich hier sein Grab zu denken als auf dem städtischen Gottesacker, wo man oft von Dunsen, Narren, 93 Schurken und Bösewichtern umringt liegt und sich vielleicht mit Gebeinen vermischt, die man im Leben kaum unter Einem Himmel mit sich dulden mochte, und wo oft ein glänzender Stein und eine fabelhafte Inschrift den Nichtswürdigen noch im Tode über den braven Mann erhebt. Doch hier ruht man in der besten Gesellschaft, unter den nüzlichsten Bürgern des Staats – unter Menschen von dem allgemeinsten Einflusse, die die Lasten der Menschheit trugen und die Menschen nährten; die in reger Thätigkeit jede Minute des Lebens verdienten, durch Fühllosigkeit der Verachtung und Armuth standhafter Trotz boten als der gerühmteste Weise, mit ihren bösen Handlungen den kleinsten Schaden, und mit ihren guten den allgemeinsten Nutzen schaften. – O Ulrike! wenn wir hier, die Frucht unsrer Schwachheit zu den Füßen, beysammen schlummern werden! Ulrike. Laß uns gehn! dieser Gedanke macht mir die ganze Scene graushaft. Herrmann. Nein, laß uns bleiben! Noch sind wir der Tugend eine Aussöhnung schuldig. 94 Hier ruht er, der Sohn der Schwachheit: Leidenschaft entheiligte deine Tugend, um ihn zu zeugen: die Leidenschaft muß für diesen Frevel büßen. Ueber der Grabstätte unsers Kindes gelob' ich dir – zwey Jahre soll unser Lager getrennt seyn. – Ulrike gab ihm die Hand, lehnte sich sanft an ihn und flüsterte ein seufzendes »Ja.« Sie kehrten sich noch einmal zum Grabe, nahmen leisen Abschied und verließen den Kirchhof. Ulrike pflanzte den folgenden Tag rings um den Hügel niedres Gesträuch, und Herrmann sezte darauf ein schwarzes Kreuz mit den eingeschnittnen Worten: »In Kummer gebar mich meine Mutter.« Nach der Sitte des Dorfs wurde der Kirchhof seitdem auch ihr sonntägiger Spatziergang, um das kleine Grab zu besuchen und von den Lebenden die Geschichte der Verstorbnen zu hören. 95   Viertes Kapitel. Die Sorgen der Wirthschaft zerstreuten bald den Schmerz, besonders da sie ernster und zahlreicher waren, als sie Beide in der ersten Begeisterung vermutheten, und da Herrmann seine neuen Beschäftigungen um ihrer Neuheit willen mit seiner gewöhnlichen Heftigkeit betrieb. Gleichwohl, bey allem Ernst und aller Emsigkeit, war und blieb es eine poetische Wirthschaft, die Bemühung, den arkadischen Traum einer entflammten Einbildungskraft und eines sanftempfindenden Herzens zur Wirklichkeit zu bringen. Herrmann bedauerte von ganzer Seele, daß Ulrikens zarte Fingerchen durch harte Arbeit schwielicht und ungestalt, und durch unreine Beschäftigungen schmutzig werden sollten: sie hätten alsdann ihren Reiz für ihn verloren: er hielt ihr eine Magd und zog sie oft zu ihrem Verdrusse von Arbeiten ab, weil sie ihm für die Feinheit ihrer Haut oder die Weiße ihrer Farbe gefährlich zu seyn schienen. Mit aufgestreiften Armen deckte sie den Tisch und trug das Essen auf, das die Magd unter ihrer 96 Anordnung gekocht hatte; und Herrmann würde es mit geringerm Vergnügen und vielleicht mit Misfallen von diesen wirthschaftlich aussehenden Armen angenommen haben, wenn sie mit der Zubereitung mehr beschäftigt und mit Spuren der Küchenarbeit bezeichnet gewesen wären. Sie harkte auf der Wiese das Heu, oder sammelte auf den Feldern das Getreide, das er gehauen hatte: aber Handschuhe verwahrten Arme und Hände vor den Beleidigungen der Luft, den Busen beschüzte ein Tuch, und ungern ließ er sie auf das Feld, so lange die Sonne das Gesicht schwärzen konte. Eben so besorgt war sie für ihn: der Mann, der anfangs alle Aecker umpflügen wollte, ließ es durch einen Knecht nebst seinem kleinen Pommer verrichten und mußte schon aufhören, wenn er beym Spatziergange dem Knechte das Regiment abnahm und zwo Furchen zog. Inständigst wurde er gebeten, die Sense niederzulegen oder dem müßig stehenden Lohnarbeiter abzutreten, wenn er sich ein wenig zu stark angriff. Ulrike trocknete ihm freilich den Schweis vom Angesichte 97 bey der Arbeit, aber sobald er abgetrocknet wurde, hatte die Arbeit ein Ende. Zu allen Verrichtungen bezahlten sie Leute, und diesen Leuten, aber weder der Wirthschaft noch der Einnahme, kam es zu gut, wenn Herr und Frau Hand anlegten. Sollte ihnen ihr neuer Stand Vergnügen geben, wie sie wünschten, so mußten sie sich mit seinen Beschäftigungen nur zuweilen abgeben und sie nie weiter treiben, als bis die Beschwerlichkeit anfieng; und ihr ganzer Bauernstand blieb eine angenehme Spielerey. Sogar in ihrem Anzuge wurden sie nicht wirkliche Landleute: Beide unterschieden sich von den übrigen Bewohnern des Dorfs durch den Geschmack und die Artigkeit, die sie mit der Einfachheit der Kleidung zu verbinden suchten, nicht etwa aus Stolz und Unterscheidungssucht, sondern weil sie sich in ihrer vorigen Lebensart an Nettigkeit und Sorgfalt für die Annehmlichkeit ihrer Personen gewöhnt hatten. Ulrike raffinirte izt so gut, wie ehemals, in welcher Lage und Anordnung ihre Haare die beste Wirkung zu dem runden Hute und dem Gesichte thun 98 würden: diesen Morgen mußten sie, mit einem Bande leicht gebunden, über den Rücken hinunterwallen: den folgenden wurden sie in ein Paar kunstlose Locken geschlagen, an einem andern geflochten und aufgesteckt: der runde Hut empfieng ein Band der Verschönerung, eine Blume, einen Zweig oder etwas ähnliches: die Brust zierte beständig ein Blumenstrauß von bescheidnen Feldblumen: die Bemühung zu gefallen arbeitete bey ihr freylich nicht mehr mit Schafwolle, Straußfedern, falschen Locken, Seide und Flor, aber mit geringern Materialien noch immerfort. Auch hätte, bey ihrer einmal eingewurzelten Art zu denken und empfinden, die Liebe auf beiden Seiten unstreitig sehr viel dabey gelitten, wenn die Sorgfalt, sich wechselsweise durch solche kleine Galanterien in der Person und im Umgange zu gefallen, durch ernstere Sorgen verdrängt worden wäre. Herrmann, da er mit Anschaffung der nöthigsten Bedürfnisse zu Stande war, fand in seinem Hause alles zu schlecht und fieng an zu 99 verschönern. Der Hof war unter seinem vorigen Besitzer ein großer Düngerhaufen gewesen, wurde izt gesäubert, mit Sande überfahren und zuverlässig ungleich schöner als vorher, aber auch ungleich weniger nüzlich: Thüren und Wände empfiengen ein schöneres Kolorit, die Treppen eine bequemere Stellung, und alles bis auf den kleinsten Winkel die Mine der Ordnung, Sauberkeit und Regelmäßigkeit, so weit es sich ohne gänzliche Umschaffung thun ließ. Auch der Garten wurde verschönert, die schlechten Obstsorten ausgemerzt und edlere angepflanzt, die freilich unter sechs, acht Jahren weder einen Kirschkern noch einen Apfelstiel trugen: die Einzäunung ließ er sehr geschmackvoll und malerisch machen, und seine und Ulrikens Hände sezten manchen Strauch in die Erde, der mit seinen ausgebreiteten Ranken das hölzerne Gerüste grün bekleiden sollte. Nischen erhuben sich in seinen Winkeln mit angepflanzten Weinstöcken, die an den Stäben hinaufklimmen, mit ihren breiten Blättern kühlenden Schatten geben und die Traube dem Sitzenden zu den Lippen 100 herabreichen sollten: Aurikeln und Tulpen verdrängten die Küchengewächse, die samtne Pfirsche den plumpen Apfel, aus welchem sein Vorgänger Cyder preßte. Ein krummer übelgebildeter Baum beleidigte durch seinen schlechten Anstand das Auge? er mußte sterben, wenn er gleich sonst dem Gesinde einen Theil seiner Kost gereicht hatte. In zwey Jahren war durch solche unermüdliche Bemühungen sein Garten der wohlriechendste und ordentlichste im ganzen Dorfe; gab zwar nicht einen Zoll breit Schatten, aber doch die angenehme Hofnung, daß man nach vielen Jahren unter völlig gerade gewachsnen Bänmen und zarten Zweigen werde ruhen können; erfrischte den durstenden Mund mit keiner einzigen saftigen Frucht, versorgte den Tisch mit keinem einzigen Bissen, aber dafür ließ er in vielen Jahren die köstlichsten labendsten Erquickungen des Gaums erwarten. Da also kein gegenwärtiges Vergnügen, sondern viele gegenwärtige Unbequemlichkeiten darinne zu finden waren; da die Sonne den Kopf stach, man mochte sich hinwenden, wohin man wollte, und 101 das Auge allenthalben nichts als nur günstige Erwartungen erblickte, so wurde der Garten, sobald er zu Stande war, verlassen, äußerst selten besucht, und über der Vergrößerung des künftigen Vergnügens das gegenwärtige geschmälert. Herrmann hatte Scharfsinn und Einbildungskraft: er konte also unmöglich den stillen Pfad der Gewohnheit in seiner Oekonomie gehen. Bey tausend Gelegenheiten spekulirte er, daß es so oder so besser wäre: das Gesinde mußte nach seinen Grillen und Spekulationen verfahren, und das neue Verfahren mislang jedesmal, weil es die Leute entweder aus Ungewohnheit oder mit Vorsatz verfuschten, um den Herrn wieder zur alten geläufigen Praxis zu zwingen; und jeder neue Versuch erzeugte nicht blos Verlust, sondern auch Unordnung. Außer den Freuden, die Enthusiasmus und Neuheit und so mannichfaltige Veranstaltungen und Umschaffungen gewährten, und die sie Beide um so viel voller und ungestörter genossen, weil sie den Schaden der Unordnung nicht eher 102 fühlten, als bis er ihnen auf dem Nacken saß, verschaften sie sich noch viele andre Vergnügungen, die meistens in süßen Einbildungen und artigen Spielereyen bestunden. Herrmann wurde durch seine itzigen Beschäftigungen wieder an die längstvergeßne klassische Belesenheit erinnert, die er sich unter Schwingers Anführung erwarb: das Pfropfen eines Baums; das Bild eines Feldes voll Schnitter und Sammler, wo mit zahlreichem Gewimmel Einige Garben banden, Andre in hohe Haufen sie thürmten, hier lachende Dirnen auf den wartenden Wagen sie luden, dort schwerbefrachtete Wagen, seufzend unter der Last, langsam dahinwankten, um den ländlichen Reichthum den Scheuren zuzuführen, ein rauschender Quell, ein sanft hingleitender Bach, eine romantische Höle; Wiesen, mit weitduftenden Heuschobern übersät, wo Jünglinge und Mädchen, Männer und Mütter mit frölichem Gespräch und lautschallendem Gelächter, hier singend, dort pfeifend den Vorrath des künftigen Winters in Haufen sammelten, oder auf Gabeln, hochflatternd in der Luft, an dem 103 Wagen hinanreichten, während daß die hungernden Rosse mit betrübter Lüsternheit den Dampf des Futters einschnauften, das sie nicht geniessen durften; das Abendgebrüll der heimeilenden Kühe, die mit harmonischem Geklingel die strotzenden Euter dem Stalle zutrugen, um von der Last befreyt zu werden und in wohlthuender Gemächlichkeit den gefräßigen Gaum mit der aufgeschütteten Abendkost zu ergötzen; ein strauchichter Berg, woran das weidende Vieh hieng, wiederkäuend umherschaute oder unter Steinen und Stämmen die nährendsten Kräuter hervorsuchte; ein kahles Brachfeld, wo der bequeme Stier oder das arbeitsamere Roß unter den lautkreischenden Befehlen ihres Regierers am blinkenden Pfluge lange Furchen öfneten; das schallende Getöse der Arbeiter, wenn sie Abends in taktmäßigem Unison die gestumpften Sensen für die Morgenarbeit schärften; die Konzerte der Drescher, wenn sie bald in Solos, bald in Duetten, bald in vierstimmigen Chören mit muthigem Tempo dem Besitzer Brod und reichliche Einnahme verkündigten: – alles, alles, 104 wohin er nur blickte, wohin er nur hörte, was er nur that und thun sah, brachte ihm die Beschreibung eines alten Dichters zurück, und alles ward durch eine solche Erinnerung süßer und eindringender für Fantasie und Herz. Ulrike unterhielt sich allenthalben mit Scenen aus ihrem Geßner und Thomson; und was dem gegenwärtigen Gegenstande an Aehnlichkeit gebrach, schenkte ihm ihre glückliche Einbildung. Ihr Gespräch auf dem Spatziergange war oft Eine fortgesezte Schilderung der Bilder um sich her, aus jenen Mahlern der ländlichen Natur: alles, auch nichtsbedeutende Kleinigkeiten, die Andre verächtlich kaum des Anblicks würdigten, erhielten dadurch einen fantastischen Anstrich für sie, einen erhöhten Reiz, daß sie bey einer halbvertrockneten Quelle, bey dem gesanglosen Zwitschern der Vögel auf einem Baume über ihnen, Empfindungen fühlten, die auch die herrlichste Natur ohne die zaubrische Verschönerung der Imagination nie zu geben vermöchte. Wonne und Entzücken begleitete sie mit jedem Tritte, sprach aus dem Lispeln jedes Baums, hauchte in jedem 105 Lüftchen sie an und gleitete durch Blicke und Minen aus Seele in Seele hinüber. Wenn am längsterwarteten Sonntage die Mitbewohner des Dorfs sich unter der funfzigjährigen Linde versammelten und das Andenken der alltäglichen Beschwerlichkeiten im frischen Trunke ersäuften, in die Lüfte ausjauchzten und mit geräuschvoller Frölichkeit vertanzten, dann fehlten Herrmann und Ulrike nie: sie eröfneten den Ball der Freude: das kunstlose Dorfmädchen lernte von ihr Grazie und Anstand, und der Bauerkerl ahmte mit tölpischer Zierlichkeit seine Maniren nach. Ihre zutrauliche Offenheit erwarb ihnen das Herz aller Anwesenden: der lustige Alte drückte ihnen treuherzig die Hand, und der lustige Junge hielt aus Ehrfurcht vor ihnen seine Lustigkeit in den Schranken der Anständigkeit. Der galante Jüngling nahm alle seine Artigkeit zusammen, wenn er mit Ulriken tanzte, warf die Füße zehnmal zierlicher als sonst, und schmückte jeden Schritt mit originalen Bewegungen der Arme und des Kopfs: das Mädchen, wenn ihr Herrmann zu Theil ward, faßte 106 mit niedlicher Züchtigkeit die Zipfel der Schürze zwischen die Finger und drehte mit den lieblichsten Grimassen den braunen Hals. Ulrike war bey jedem ländlichen Feste das Orakel der Mädchen: sie wählte und ordnete Bänder und Kränze an den geschmückten Mayen, zu den Johannistöpfen und dem Aerntenkranze: sie puzte die Mädchen, wenn sie zum Altare giengen, und wenn sie eine ihrer Schwestern zu Grabe begleiteten; und jede Mühe belohnten ihr die vergnügten Mütter mit herzlichen Geschenken von ihrem ländlichen Reichthume. Der Schulze holte sich bey Herrmannen Rath und Beredsamkeit, wenn er in der Schenke vor dem vollen Senat und Volke philippische oder katilinarische Reden halten mußte: das Volk brauchte ihn zum Mittelsmann, wenn es sich mit dem Senat entzweyte: selbst der gelehrte Schulmeister verschmähte seine Belehrung nicht, so oft ihn die Orthographie schwerer lateinischer Worte quälte: jeder achtete ihn in allem für den Weisesten im Dorfe, nur nicht in der Wirthschaft: sobald man auf diese zu sprechen kam, gab 107 sich auch der Geringste ein Ansehn über ihn, und das allgemeine Orakel mußte dann schweigen und lernen. Auch stifteten sie außer den Feyertagen des Dorfs, eigne häusliche Feste, die sie nur mit wenigen Vertrauten theilten. Jeder Geburtstag wurde mit einer kleinen ländlichen Feyerlichkeit begangen: ein Strauß, ein Band, ein Tuch war auf beiden Seiten das Geschenk: Ulrike weckte Herrmannen an dem seinigen mit einem Liedchen; er versammelte an dem ihrigen die Kinder und ließ sie vor dem Hause auf dem Rasenplatze tanzen, spielte selbst die schnarrende Fidel dazu, und Bänder und wehende Tücher flatterten hoch an Stangen in dem frölichen Reihentanze empor. Da die Kinder den Tag einmal wußten, kamen sie das folgende Jahr aus eignem Triebe sehr früh und hiengen an ihre Schlafkammer einen großen Kranz von Zweigen und Blumen: der übrige Theil des Tages wurde in nüchternem ländlichen Wohlleben, kindischen Tänzen und Liedern zugebracht. Noch hatten sie zwey Trauerfeste järlich, die sie Beide allein unter sich in feyerlicher Stille begiengen: eins, dem Andenken jener Nacht gewidmet, wo sie die Liebe betrog und so mannichfaltiges Weh über Ulriken ausgoß; das andre, dem Todestage ihres Kindes geweiht. Das erste feyerten sie in einem kleinen Tannenbusche, der zu Herrmanns Bauergute gehörte: in diesem schmalen Streifen Wald, der vielleicht dreyßig oder vierzig Schritte in der Breite und etwas mehr in der Länge betrug, lag ein öder unfruchtbarer Sandhügel von jungen buschichten Kiefern umzäunt, und hohen dichten Tannen und Fichten umschlossen. Hier hatte Herrmanns und Ulrikens Schwärmerey ein Grabmal errichtet, das sie das Grab der Unschuld nannten: von Rasen bildeten sie die Gestalt eines Sargs, der mit der obersten Hälfte aus dem Hügel hervorragte: auf ihm stund eine kleine abgestuzte Piramide mit der Inschrift: » Sie starb. « Der Rasen verdorrte in dem trocknen Sandhaufen, und das Ganze bekam dadurch für denjenigen, der den Sinn wußte, ein bedeutungsvolles Ansehn. Als zum 109 erstenmale der August wiederkam, giengen sie Beide an dem unglücklichen Abend zu diesem Grabmale: ein jedes hieng an die Piramide einen verdorrten Weidenkranz, mit Flor durchflochten, und lange blieben sie in stummer Betrübniß einander gegenüber sitzen, auf den Rasensarg gestüzt. Ulrike erzählte mit Thränen ihren Kummer seit jenem Augenblicke, dessen Gedächtniß sie feyerten, und gegen Mitternacht giengen sie schweigend, in ernste Gedanken verloren, wieder von ihm hinweg. Am zweiten Feste begaben sie sich zu dem Grabe des Kindes, dem es galt, und pflanzten ein Bäumchen darauf neben dem schwarzen Kreuze: der ganze kleine Raum, den es einnahm, war indessen grün geworden und mit gelben und weißen Blumen bewachsen: Ulrike pflückte sie alle, band einen Strauß aus ihnen und trug sie an ihrer Brust, bis Blumen und Stengel in Staub zerfielen. So mannichfaltige Spiele schwärmerischer Zärtlichkeit, welche durch Einsamkeit und Stille täglich genährt wurde; so viele fantastische Ergözlichkeiten 110 und süße Täuschungen einer hochgespannten Empfindlichkeit ließen ihnen freilich Freude und Glückseligkeit aus Gelegenheiten erwachsen, die Andern kaum Einen Puls schneller bewegt hätten: sie waren Kinder geworden und träumten sich da ein Paradies, wo ihre Mitmenschen nichts als Kummer, Noth und Beschwerlichkeit fühlten. Ihre Träumerey verdeckte ihnen freilich die traurige Seite des Bauernstandes; allein sie bereitete sich auch ihr eignes Ende, je mehr sie die beiden Träumer aus der wirklichen Welt hinauszauberte. Ein Engel mit flammendem Schwerte vertrieb uns aus dem Paradiese; und wehe dem Betrognen, der noch darinne zu seyn wähnt! Noth , Bedürfniß war der Engel, der die ersten Menschen aus einem erträumten Paradiese voll unthätigen Genusses herausscheuchte: Herrmann und Ulrike empfanden seinen Schwertschlag sehr bald, aber die Trunkenheit ihrer Einbildung ließ sie nicht eher auf die Warnung achten, als bis der drohende Vertreiber vor ihren Augen stand. 111 So lange das baare Geld widerhielt, das Herrmann von dem Ankaufe seines Bauergutes übrig hatte, konten sie ungestört in ihrer eingebildeten Welt fortleben und weiter nichts thun als Empfindungen suchen: allein wie lange dauerte diese kleine Summe bey einer so unordentlichen Wirthschaft! Alles mußte gekauft werden, weil er ohne Ebenmaaß so viel Vieh hielt, als er zur Verschönerung seines Hofs für nöthig achtete: um einen schönen Vers aus dem Kleist oder ein schönes Bild aus dem Geßner in der Wirklichkeit zu sehn, füllte er seinen Hof mit Pfauen und artig gezeichneten Tauben und schönen Hühnern an, die ihm in einem Monate alle Gerste und allen Hafer wegfraßen, den er im ganzen Jahre ärntete. Seine Kühe waren die schönsten an Farbe, die reinlichsten und ansehnlichsten im ganzen Dorfe: aber sie fraßen das Korn, das ihrem Herrn das Brod geben sollte. Alles mußte um Lohn gethan werden; denn die beiden wirthschaftlichen Enthusiasten, die mit Leib und Seele Bauern werden wollten, als sie den Bauernstand nicht kannten, entzogen sich allen 112 beschwerlichen Arbeiten und spielten nur mit den leichtern: gleichwohl verlangte das kleine Gut schlechterdings die eignen Hände des Besitzers und strenge Aufsicht über das wenige Gesinde, das es verstattete; allein hier giengen die Lohnarbeiter müßig, das Gesinde that, so viel ihm beliebte, und wenn sich Herrmann ein strenges Wort entwischen ließ, winselte Ulrike gleich, daß er die armen Leute zu hart behandelte, schalt ihn einen Tirannen, einen Grausamen, und er schwieg. Wer für ihn arbeitete, betrog ihn durch Müßiggang oder Veruntreuung. Seine Aecker waren vom vorigen Besitzer ausgemergelt, und der itzige nährte sie schlecht und kostbar, weil er seinen Hof, diesen unsaubern Kothhaufen voller Fruchtbarkeit vormals, zum einen reinlichen artigen Viereck gemacht hatte, das keine Schuhsole beschmuzte, aber auch keinen Kornhalm düngte. Ueberhaupt vertrug sich dieser unedle Theil der Oekonomie mit seinen ländlichen Dichterideen so wenig, daß er ihn weder riechen noch sehen noch davon hören mochte: 113 seine Delikatesse überließ dem Knechte die völlige Besorgung dieses Geschäftes. Den Schaden, den ihm Mangel an Aufsicht, Untreue und Unordnung zufügten, vollendete seine Gutherzigkeit: die Bitte jedes ärmern Nachbars war für ihn ein Befehl. Wer kein Brod, keinen Samen, kein Stroh, kein Futter hatte, wandte sich an ihn, bekam entweder die Sachen selbst, wenn sie vorräthig waren, oder Geld dazu: alle borgten und bezahlten theils gar nicht, oder bekamen das Geborgte zum Geschenke, wenn sie Mine machten, wieder zu bezahlen, und die Barmherzigkeit mit einem Paar Thränen oder kläglichen Tönen zu bestechen wußten. Herrmann genoß allerdings das edelste Vergnügen, dessen eine menschliche Seele fähig ist – die Zuflucht aller Nothleidenden zu seyn, kein Auge ungetrocknet, keinen Mangel unbefriedigt, keinen Kummer ungestillt von sich zu lassen. Stolz freute er sich seiner Güte, wenn er auf seinen Spatziergängen hier einen dankbaren Händedruck von einem alten Mütterchen empfieng, dem er das 114 sieche Leben durch seine Wohlthätigkeit fristete; wenn dort ein Bauer ihm freundlich die schöne Saat zeigte, die von seinem vorgestreckten oder geschenkten Samen ausgegangen war; wenn ein Kind, das er gekleidet hatte, auf den Armen seiner Mutter, von ihr zur Dankbarkeit ermuntert, ihm die kleinen Hände reichte und der Mutter die kindischen Danksagungen nachstammelte: wo er gieng und stund, erblickte er Beweiße seiner Gutherzigkeit und Gelegenheiten, auf sich stolz zu seyn. Auch Ulrike war nie geschäftiger und froher, als wenn sie in der Thüre stand und einem Haufen versammelter Kinder, die wetteifernd an ihr hinaufreichten, Stücken Brod, Kuchen oder andre Annehmlichkeiten austheilte: nach einer solchen Verrichtung sprach sie viel freudiger, gieng viel lebhafter, und jede Geberde wurde viel feuriger. Schade, daß alles in und um den Menschen, und also auch die Freuden der Tugend eingeschränkt seyn sollten! Mit jedem neuen Vergnügen der Wohlthätigkeit näherten sich unsre beiden Landleute der Verwirrung ihrer Umstände mehr: das Gut nuzte sich nicht allein schlecht, 115 sondern fraß ihnen auch das baare Geld weg und Gutthätigkeit leerte ihre Börse ganz aus. Wie bekam alles nunmehr eine andre Mine! Der glänzende Firniß, womit Empfindung und Fantasie vorher jeden Gegenstand rings um sie her überzogen, verblich, verschwand, und alles erschien in seiner wahren alltäglichen Gestalt. Daß auf dem Landmanne die Last der Abgaben hart liege, hatte Herrmann sonst gar nicht gefühlt; daß in seiner Wirthschaft alles theuer gekauft werden müsse, und daß er nie etwas zu verkaufen habe; daß sein Gütchen bey der gegenwärtigen Einrichtung in Einem Monate mehr Geld verzehre, als es auch bey der besten Ordnung abwerfen könte; daß er zwar nüchtern und sparsam lebe, wie er sich anfangs vorsezte, daß er aber an seinem mäßigen Tische mehr Menschen speise, als der Ertrag seiner Oekonomie verstattete; das merkte er sonst nicht: er griff in die volle Börse, wenn man foderte, und gab, so oft zu geben war: doch izt, da er in der leeren Börse nichts mehr fand, wenn er hineingriff, izt empfand er das Loos des Landmanns 116 doppelt schwer. »Geld!« schrie der Knecht; »Geld!« schrien die Mägde; »Geld!« foderte der Einnehmer. Fräulein Hedwig klagte den ganzen Tag, daß die Kühe fast verhungerten, weil ihnen das Futter fehlte, daß ihnen die Knochen durch die Haut stächen, und die Euter keine Milch gäben: der Knecht fluchte, daß seine schönen Pferde fasteten, vor Magerkeit nicht mehr ziehen könten und bald vor Herzeleid und Elend verscheiden würden: Ulrike weinte, daß ihr ein Perlhuhn, ein goldgesprengter Hahn, eine schöne Henne nach der andern sich hinlegte und stürbe: die Magd jammerte, daß das prächtige Gras auf den Wiesen versauerte, weil sie es nicht allein ohne Lohnarbeiter zwingen könte: das war den ganzen Tag vom Morgen bis zum Abend nichts als Ein fodern und beschweren: die Unordnung wuchs täglich, und der arme Herrmann sah sich ohne Rettung verloren. Nunmehr, nachdem ihn das Unglück aus seinem geträumten Paradiese verstoßen und ihm die Oekonomie verhaßt gemacht hatte, erwachten 117 tausend Wünsche und Leidenschaften, wie eingeschlummerte Löwen, um ihn zu quälen. Verdruß, Langeweile, Verlegenheit erweckten Begierde zum Spiel, das ihn schon einmal zur ergiebigen Goldmine gedient hatte; und er ärgerte sich, daß ihm hier auf dem Lande ein so herrliches Rettungsmittel versagt war: der Ekel an der mislungnen Landwirthschaft ängstigte seinen Ehrgeiz; und er ärgerte sich, daß er seine Talente und Thätigkeit zu so elenden kleinen Geschäften erniedrigt hatte: er wollte den gesenkten Flug wieder erheben, aber leider! waren ihm die Flügel verbrannt. Seine niedergedrückte Seele arbeitete unter den Bürden des Unglücks und der Leidenschaft, daß ihr der Athem vergieng, und sah keine Möglichkeit sie abzuwerfen: der Mann, der zwey Jahre her sich glücklicher als ein König dünkte, der alle Freuden der Welt in sich zu fühlen glaubte, entbehrte izt alles, seufzte nach Vergnügen, dürstete nach Gewinn, beneidete den Bewohner der großen Städte wegen der zahllosen Wege zum Erwerbe, beneidete den Vornehmen, den 118 Reichen über die Leichtigkeit, zur Ehre hinanzusteigen, und über ihren reichen Genuß der Vergnügen. So mannichfaltiger Neid, Unwille, Schmerz theilte seinem Gemüthe eine Säure, eine Bitterkeit mit, die endlich auch die Liebe überwand: er mishandelte Ulriken nie mit einem Worte, aber er betrachtete sie bey sich als die Urheberin seines Unglücks, als eine Zentnerlast, die ihm am Nacken hienge und alles Emporkommen erschwerte. »Wie leicht flög' ich durch die Welt, wenn Ulrike nicht wäre!« dachte er oft. Immer mürrisch, immer von innerlichem Tumulte erschüttert, gab er ihr keine Freude, und nahm keine von ihr: Amor mit seinem ganzen anmuthigen Gefolge, Zärtlichkeit, Schwärmerey und Wonne hatte sein Haus verlassen, und Ulrike weinte um ihre Flucht. Sie sahen sich nicht anders als bey Tische, und auch dann mit gesenkten Häuptern und nassen Blicken des Mitleids: Armseligkeit war ihre Kost, und Kummer ihre Würze: sie wichen einander die übrige Zeit des Tages aus, weil ein jedes dem Andern Gram mittheilte und Gram 119 von ihm empfieng. Das nachbarliche Gespräch vor der Thür in den kühlen Abendstunden verstummte, Scherz und Lachen bey dem Essen waren verbannt, der Hof ertönte nicht mehr vom frohen Geschnatter und Gekreische des Federviehes: aus jedem leeren Winkel starrte der Mangel mit holen Augen und eingefallnen Backen hervor: es war ein todtes banges Leichenhaus, wo man um die zween größten Schätze des menschlichen Lebens trauerte – um Liebe und Glück. Vor so großen Widerwärtigkeiten, ehe sie mit völliger Macht auf den armen Herrmann hereinbrachen, gieng ein Unglück her, das er nicht sogleich übersah, und das ihn in der Folge aus dem Abgrunde über Felsenspitzen, Stämme und Aeste mit mancher blutenden Wunde emporriß. Gegen das Ende des zweiten Winters kam der Pfarr an einem Nachmittage sehr unmuthig zu ihm und brachte die Nachricht, daß der äußerst verwickelte Konkurs, den der verstorbene Herr des Dorfes hinterlassen habe, endlich einmal geendigt sey, und daß zu seiner höchsten 120 Unzufriedenheit der gewesene Bediente, von dem er ihm schon kurz nach seiner Ankunft aus Leipzig gesagt hatte, ein Bösewicht, der von dem gestohlnen Gelde seines verarmten Herrn sich in der ganzen Gegend Güter ankaufe und weder Lomber noch Trisett verstehe, das subhastirte Gut wirklich erstanden habe und also ihr hochgebietender Erb- Lehn- und Gerichtsherr geworden sey. Herrmann, dessen Vergnügen nichts dabey einbüßte, hörte die Nachricht sehr gleichgültig an: da er bey der darauf folgenden Huldigung, wo ihm der Gerichtsverwalter auch seinen Handschlag abnahm, in Erfahrung brachte, daß sein neuer Gerichtsherr Siegfried hieß, und nach weiterm Nachforschen völlig überzeugt wurde, daß es Jakobs Vater, der gewesene Günstling und sogenannte Maulesel des Grafen Ohlau war, dann wurde ihm die neue Herrschaft schon widriger und bedenklicher: allein theils hielt sie sich auf den übrigen benachbartern Gütern für gewöhnlich auf und besuchte dieses nur zuweilen, theils versank Herrmann nicht lange darauf in die vorhin beschriebne 121 Verlegenheit; und darüber ließ er den Herrn Siegfried samt seiner Bosheit aus der Acht, und hütete sich nur, wie auch Ulrike, ihm zu Gesichte zu kommen, wenn er einmal einige Tage im Dorfe zubrachte. Der neue Erb- Lehn- und Gerichtsherr, dem das Vergnügen, den kleinen großen Herrn zu spielen, unendlich wohl that, wollte es gern in seinem ganzen Umfange genießen und den Grafen Ohlau im Kleinen vorstellen: er ahmte deswegen viele von seinen Feyerlichkeiten und prunkhaften Possen nach, aber freilich jedesmal mit so vieler Sparsamkeit und Lächerlichkeit, daß er die Fabel der ganzen Gegend wurde. Ohngefähr ein Paar Monate nach der Huldigung seiner neuen Unterthanen fiel der Geburtstag der Frau Gemahlin: er sollte auf diesem neuen Gute nach dem Modell der ehemaligen hochgräflichen mit dem nämlichen Pomp begangen werden, womit er schon zwey auf seinen andern Gütern gefeyert hatte. Es wurde einige Tage vorher angesagt, daß sämtliche Unterthanen ihre Röcke ausflicken und in dem auserlesensten Feststaate an mehrbenanntem hohen 122 Geburtstage früh um zehn Uhr auf dem herrschaftlichen Schloßplatze Paarweise erscheinen sollten; die jungen Mädchen und Knaben, mit Bändern, Kränzen und Blumensträußen geschmückt, sollten mit einigen flatternden Freudenfahnen vorangehn, und die Alten, bunte Tücher und große Zitronen in den Händen, ihnen nachfolgen, und die sämtlichen Materialien zu der Feyerlichkeit wurden zugleich auf herrschaftliche Kosten Haus für Haus ausgetheilt. Die Bauern, die sich allgemein freuten, einen Frohntag erlassen zu kriegen und auf eine vergnügte Weise müßig zu gehn, stellten sich an dem bestimmten Tage, der Verordnung gemäß, vor der Schulwohnung ein, nur Herrmann und Ulrike nebst ihrem ganzen Hause blieben aus. Der Schulmeister mit einer Perücke, worauf zwey Pfund des feinsten Weizenmehls glänzten, und einen großen Bakel in der Hand – so nennte er seinen Stock Vermuthlich ist das Wort von baculus abgeleitet. – stellte mit gebietrischer Wichtigkeit die Geburtstagstruppen: die Glocken hatten während des Zugs geläutet werden 123 sollen, aber der Pfarr ließ es, vermöge seiner bischöflichen Gewalt über alle geistliche Dinge im Dorfe, nicht zu. Die gnädige Herrschaft mußte sich also begnügen, blos das Schloßglöcklein ertönen zu hören, womit den Fröhnern gewöhnlich der Mittag und Feyerabend angekündigt wurde: es hatte ohngefähr den Klang, wie die Armensünderglocke an manchen Orten. Der Zug begann: am Schloßthore paradirten die Hofknechte mit hölzernen Spießen, alten Flintenläuften und Pistolen, und zwey von ihnen, als Hanswürste angezogen, peitschten auf zwey Feuertrummeln herum, daß alle Balken zitterten. Ausdrücklich zu dieser Feyerlichkeit hatte der tolle Nabob einen Taubenschlag, den der vorige Besitzer aus großer Liebhaberey für diese Thiere an ein Fenster des Wohnhauses anbaute, in einen Balkon verwandeln lassen: er war rund gebaut, blos das Dach und der oberste Theil abgenommen, himmelblau angestrichen, und hatte also das förmliche Ansehn einer Kanzel. Nachdem die versammelten Unterthanen eine halbe Stunde gewartet, und die 124 Hanswürste ihre Trummeln und ihren Witz müde geplagt hatten, erschien auf dem runden himmelblauen Balkon die gnädige Herrschaft in dem schimmerndsten Prunke, die Dame in einem rosenrothen Kleide mit silbernen Blumen, das zu dem Mulattengesichte und dem lichtgelben Halse ungemein lieblich abstach: Brust und Arme zierten ganz alltägliche schneidend gelbe Schleifen, und auf dem Kopfe stund ein fürchterlich hohes Gebäude von Locken und Spitzen, daß sich die Bauern ängstlich nach ihrem Kirchthurme umsahn, aus Furcht, ihre hochgebietende Frau möchte ihn zur Vermehrung der Feyerlichkeit auf ihren Kopf haben setzen lassen: die breterne gesengte Brust war so unverschämt entblößt, daß kein Sterblicher ohne Ekel hinzuschauen vermochte. Ihr ungeheurer Fischbeinrock füllte den ganzen engen Balkon aus, daß der Herr Gemahl nur mit dem Kopfe über den einen emporstehenden Flügel desselben herübergucken konte: sein Staat war aber auch sehr merkwürdig: ein seladongrünes Kleid, mit Gold gestickt, eine hellblaue Weste mit Silber, und ein Paar 125 schwarzsamtne Beinkleider nebst perlfarbnen Strümpfen, sagten auf den ersten Blick, wer der Mann war. Alle diese Kleider, wie auch die schönen Möbeln im Hause, hatten ehmals dem Grafen Ohlau und seiner Gemahlin gehört, und waren von seinem Günstlinge in der Auktion, nach ausgebrochnem Konkurse, mit des Grafen eignem Gelde erstanden worden. Der Nabob begab sich sehr bald mit seiner Frau in ein Zimmer und ertheilte Befehl, daß die Prozession heraufkommen sollte: auf den nämlichen zween Stühlen, worauf sonst Graf und Gräfin Ohlau Glückwünsche annahmen, empfiengen itzo jene beiden Geschöpfe den Handkuß der vorübergehenden Bauern, Weiber, Knaben und Mädchen. Siegfried, um seinen gewesenen Herrn in allem nachzuahmen, ließ sich das Verzeichniß der Einwohner bringen und rief einen nach dem andern mit Namen auf; und wenn der Aufgerufne hervortrat, dann blinzte er ihm ein paar Sekunden gerade so ins Gesicht, wie der Graf zu thun pflegte, und wandte sich zu seiner Frau, um ihr etwas über die Nase oder 126 das Kinn des Hervorgetretnen zu sagen, und rief dann plözlich einen andern, daß der Vorhergehende verlegen dastund, sich die Haare hinter die Ohren strich und nicht wußte, ob er gehn oder bleiben sollte. Sehr bald zeigte es sich, daß nur ein einziger Hauswirth fehlte: der Herr Schulmeister wurde aufgerufen, um Nachricht von dem Ungehorsamen zu geben. Der Herr Schulmeister berichtete unterthänig und gehorsamst, daß es ein Mann wäre, der – der – der sich zu viel dünkte, um dergleichen Solennitäten und Feyerlichkeiten mitzumachen. Mit verstellter Gleichgültigkeit verbarg der feine Mann, wie sonst der Graf Ohlau bey solchen Uebertretungen, seinen geheimen Unwillen: aber die Widerspenstigkeit dieses Einen ärgerte ihn zu empfindlich, um seinen Groll lange zu verbergen. Er erkundigte sich bey dem Gerichtsverwalter nach diesem Einen, erkundigte sich bey dem Pfarr, der Mittags zur Tafel geladen war, unaufhörlich nach diesem Einen: Beide entschuldigten ihn, wollten mit der Sprache nicht heraus, allein da das Nachfragen nimmermehr ein 127 Ende hatte, erzählte der Pfarr, der von Siegfrieds und Herrmanns ehemaligem Verhältnisse nichts wußte, von der Geschichte des Leztern, so viel ihm bekannt war und ohne Schaden erzählt werden konte. Nun stieg Siegfrieds Neugierde auf das äußerste: der Pfarr wurde mit ewigen Fragen geplagt, der Wein machte ihn schwazhaft und unvorsichtig, und das ganze Geheimniß entwischte ihm, daß Herrmann und Ulrike nicht getraut wären, sich bisher mit seiner Begünstigung bey dem Publikum für getraute Eheleute ausgegeben und auch so zusammen gelebt hätten. Siegfried brach in heftige Vorwürfe aus, daß er, als ein christlicher Prediger, dergleichen Unzucht im Dorfe duldete, und befahl dem Gerichtsverwalter, Untersuchung darüber anzustellen. Sein Herz hüpfte vor Freuden, daß er unter einem so ehrbaren Vorwande den ungehorsamen Verächter des hohen Geburtsfestes bestrafen konte. Er schöpfte blos aus den Namen einige Muthmaßungen, wer es seyn möchte, aber er war mit seiner eignen Rache zu sehr beschäftigt, um einer solchen Muthmaßung 128 weiter nachzugehn, besonders da der Pfarr bey beiden jungen Leuten einen höhern Stand blos aus ihren persönlichen Eigenschaften vermuthete und ihre Namen für angenommen hielt. Die Untersuchung wurde durch Vermittelung des Pfarrs bey dem Gerichtsverwalter von einer Zeit zur andern verschoben: Herrmann erfuhr von allem nichts. Sein Gerichtsherr gab sich zwar viele Mühe, ihn zu sehn; aber er hielt sich mit Ulriken so sorgfältig inne und seine Thüre so verschlossen, daß es nicht möglich war; und wenn er auf das Schloß beschieden wurde, befand er sich allemal nicht wohl. Während daß Siegfrieds Rache sich durch die Vermittelung des Gerichtshalters und des Pfarrs verzögerte, und Herrmann mit sich zu Rathe gieng, wie er sich aus einer lastvollen Lebensart, einer verhaßten Unterthänigkeit und der traurigsten Verworrenheit seiner häuslichen Umstände herausreißen, woher er, wenn sein Gütchen nicht sogleich einen Käufer fände, Geld nehmen, wohin er sich mit seiner Gesellschaft wenden, was er ankaufen sollte – während 129 dieserZwischenzeit empfieng Siegfried einen Brief von Schwingern, worinne er ihm entdeckte, daß sich die Baronesse Ulrike auf seinem neuangekauften Gute aufhalten müßte: er bat ihn daher in der Gräfin und seinem eignen Namen, heimliche Nachforschung zu thun und die Baronesse in Verwahrung zu bringen, bis man weiter über sie verfügen könte – ein Auftrag, der Siegfrieds Bosheit und Intriguensucht unendlich willkommen war! Eigentlich hatte Herrmann selbst dieses neue Ungewitter veranlaßt. In dem Rausche seiner ländlichen Glückseligkeit, ohngefähr ein Jahr nach seiner Ankunft auf dem Lande, schrieb er theils aus Begierde, die Freude über sein Wohlseyn seinem besten geliebtesten Freunde mitzutheilen, theils aus Pflicht, Dankbarkeit, Zuneigung einen Brief an Schwingern in der vollsten Ergießung des Herzens: seiner Empfindung gemäß, waren auch seine Ausdrücke äußerst feurig. »Endlich,« sprach er unter andern, »habe ich mich durch alle Gefahren, Verfolgungen, 130 Leiden durchgeschlagen, durch so mannichfaltige Widerwärtigkeiten hindurchgearbeitet und auf ein kleines ruhiges Eiland gerettet, wo ich allen, die mir übel wollen, Hohn spreche; wo ich alle, die mich noch neulich durch fruchtlosen Arrest unglücklich zu machen suchten, verachte, verspotte, verlache. Von der Höhe meiner ländlichen Glückseligkeit sehe ich mit Mitleid und Triumph auf die elenden Kreaturen herab, die durch schwache Maschinen und kraftlose Anstrengung mit ohnmächtigem Zorne meine Standhaftigkeit erschüttern und das Gebäude meines Glücks einstürzen wollen. In Ihrem Busen, liebster Freund, lege ich das Geheimniß nieder, daß Ulrike meine Glückseligkeit mit mir theilt: wir wohnen beysammen, aber mit einer Unsträflichkeit, einer Unschuld, wie Heilige, wie Engel. Wir Beide, mein Vater und Fräulein Hedwig, bilden eine kleine glückselige Republik, eine Familie, die Einigkeit, Wohlergehen und Seligkeit belebt. Wollen Sie meinen Feinden die Demüthigung machen, daß sie mich, sich selbst zum Trotze, in dem Besitze des liebenswürdigsten Mädchens sehn und 131 lassen müssen, so entdecken Sie Ihnen meine Glückseligkeit, wenn Sie es für gut befinden: doch ist es mir lieber, wenn Sie schweigen und meine Nachricht als ein anvertrautes Geheimniß bey sich bewahren. Auch die halbtodte Schlange kan noch schädliche Bisse thun: zischen mag der Graf Ohlau und sich ärgern, daß er mich nicht erreichen kan, weil er mich nicht zu finden weis: aber wenn er mich auch zu finden wüßte! Ulriken soll mir Niemand nehmen, und wenn Sie selbst, lieber Freund, sich wider mich verschwüren: Freundschaft und Leben opferte ich einer Kostbarkeit auf, nach welcher ich so lange gerungen habe.« In einem solchen Triumphtone war der ganze Brief geschrieben – übermüthig, überspannt, ausschweifend, aber aus den lautersten Bewegungsgründen und mit der freundschaftlichsten Empfindung. Gutmüthige Leute kommen langsam zu Argwohn und Zorn, kommen aber auch eben so langsam von beiden zurück, wenn sie einmal dazu gebracht werden. Der Mann, der 132 länger als zehn Jahre keinen Verdacht wider Herrmannen an sich haften ließ; der ihn wider die scheinbarsten Anzeigen, wider schriftliche und mündliche Zeugnisse vertheidigte, seine unwiderlegbaren Vergehungen entschuldigte, ihn als einen Schwachen liebte, warnte, leitete, unterstüzte In seinen Briefen an ihn nach Dresden und Berlin. ; der ihm sogar den frechen beleidigenden Brief aus Berlin von Herzen vergab und neue Wohlthaten erzeigte 3. Band 169. und 374. S. : dieser so nachsichtige Mann wurde durch die persönlichen Beleidigungen des Berliner Briefs zu einem Verdachte geführt, der ihm alles, was Herrmann that und schrieb, in einen unrechten Gesichtspunkt stellte. Herrmann hatte ihm schon oft lange auf Briefe nicht geantwortet, ohne daß es ihm etwas anders als Nachlässigkeit schien: da der junge Mensch in Leipzig auf die Verzeihung für den Berliner Brief und den erneuerten Vorschlag, den Winter auf dem Lande bey ihm zuzubringen, die Antwort aus Zerstreuung und Spielsucht unterließ, wurde Schwingern diese Unterlassung sogleich verdächtig: er gerieth 133 augenblicklich auf den Argwohn, daß er ihn mit seiner Reue über die Beleidigungen des Berliner Briefes hintergangen habe. Nikasius gab ihm die Nachricht 3 B. 415. S. , daß Herrmann unter Spielern und Trinkern lebe; und Schwinger wurde nicht nur in jenem Verdachte bestärkt, sondern sah auch seinen jungen Freund nun nicht mehr als einen Schwachen an, der aus Uebereilung fehlte, sondern als einen Verderbten, Lasterhaften, Undankbaren: seine gutmüthige Seele wurde vom Zorn ergriffen, wie vielleicht noch niemals, und beschloß Strafe über den Boshaften, wiewohl selbst dieser zornige Entschluß auf der andern Seite ein Beweis war, daß er auch den vermeintlich boshaften Herrmann noch liebte; denn außerdem hätte er ihn verachtet und dem Schicksal überlassen: aber nein! weil er ihn noch liebte, bewegte er den Grafen, ihn in Verhaft nehmen zu lassen, um theils Ulrikens Aufenthalt von ihm zu erfahren, sie ihm wegzunehmen und größre Vergehungen zu verhüten, theils ihn durch eine leichte 134 Züchtigung zum Nachdenken zu bringen. Die Verhaftnehmung war in jeder Rücksicht fruchtlos, wie bereits am gehörigen Orte erzählt worden ist 3. B. 415. S. : aber Schwinger hielt diese Fruchtlosigkeit nicht für eine Wirkung der Umstände, wie sie es war, sondern glaubte in seiner argwöhnischen Gemüthsverfassung, daß Herrmann aus beharrlicher Bosheit sich durch Läugnen und den Vorschub seiner lüderlichen Brüder losgemacht habe. So vorbereitet, empfieng Schwinger nach anderthalbjährigem Stillschweigen – das anfangs Zerstreuung, alsdann die Beschäftigung mit Ulrikens Kummer, mit der Einrichtung seines Gütchens, und endlich der erste Taumel seiner ländlichen Glückseligkeit veranlaßte – jenen hochfliegenden Triumphbrief; und der gute Mann verstand ihn als eine neue Beleidigung, als den bittersten Spott, wodurch sich Herrmann für die Verhaftnehmung in Leipzig an ihm rächen wollte, deren eigentlichen Urheber er nach Schwingers Voraussetzung wissen sollte, ob es gleich gar nicht möglich war; 135 denn die Sache geschah im Namen des Grafen Ohlau. Diese neue vermeintliche Bosheit brachte einen neuen Zorn bey Schwingern hervor, aber kränkenden Zorn, der die Liebe ganz verdrängte; denn er nahm sich vor, einen so äußerst boshaften Menschen der Züchtigung des Schicksals zu überlassen, und nur zu Ulrikens Rettung das seinige aus allen Kräften beyzutragen, wofern ihr noch zu helfen wäre. Er reiste zu dem Grafen und wurde von ihm abgewiesen, weil er ein entlaufnes liederliches Mädchen nicht wieder in seine Familie aufnehmen wollte. »Sie mag sterben oder leben,« sprach er; »ich thue schlechterdings, als wenn sie mich nichts angeht. Ich verbiete hiermit von neuem, daß man sie mir jemals wieder nennt: auch wenn sie sich demüthigte und um Gnade bäte, würde ich sie doch nicht als meine Schwestertochter annehmen.« – Nach dieser abschlägigen Antwort wandte sich Schwinger an die Gräfin und fand viel günstiger Gehör: halb aus Güte, halb aus 136 Weichheit des Herzens, auch aus einem Rest von Liebe für Ulriken willigte sie in Schwingers Verlangen, sie mit Gewalt aus Herrmanns Besitze zu reißen: aber wohin mit ihr? – Auch diese Schwierigkeit wurde gehoben: einer ihrer Vettern stand, als Oberste, in den Diensten eines kleinen Hofs und war Generalissimus über die ganze Mannschaft, die er hielt. Die Gräfin bat ihn schriftlich, seinen Kredit bey der Fürstin anzuwenden und Ulriken einen Platz als Hofdame bey ihr auszuwirken: der Oberste gab Hofnung, daß es ihm glücken werde, sie anzubringen, obgleich vor der Hand kein Platz ledig sey, und bot ihr unterdessen sein Haus an, damit sie sich bey der Fürstin vielleicht durch ihre eigne Person in Gnade setzen könte. Nun war nur noch Eine Bedenklichkeit übrig – ob sie nicht durch langen vertraulichen Umgang mit Hermannen in Umstände gerathen sey, daß man sie nicht ohne Schande einer Fürstin zur Hofdame anbieten könne; denn seiner Versicherung, daß sie als Engel beysammen lebten, traute man nicht. 137 Aber woher sollte man sich über diesen Punkt zuverlässig unterrichten? – Schwinger suchte auf der Karte die Lage des Dorfs, aus welchem Herrmanns Brief datirt war, und fand es in einer Gegend, wo sich Siegfried zufolge seines lezten Berichtes angekauft hatte; denn dieser neue Gutsherr hatte die Höflichkeit, oder vielmehr die Unverschämtheit, dem Grafen und allen seinen Bekannten, auch wenn er sie sonst gehaßt hatte, in einem großen Briefe jeden Ankauf zu wissen zu thun, wenn er auch nur in einem Vorwerke bestund. Schwinger schlug ihn der Gräfin zur Mittelsperson vor; allein sie wollte dem Manne, der sich durch das blinde Vertrauen ihres Gemahls bereichert hatte, auch diese kleine Verbindlichkeit nicht schuldig seyn: die Sache blieb hängen. Es kam ein Brief vom Obersten, der die Fürstin schon so weit gebracht hatte, daß sie Ulriken zu sehen verlangte und ihr einen Platz mit der halben Besoldung einer Hofdame versprach, wenn sie ihr gefiele: es kam ein Notifikationsschreiben vom Herrn 138 Siegfried, welches den Ankauf des nämlichen Dorfs meldete, wo sich Herrmann aufhielt. Schwinger drang nach diesen Nachrichten mit seinem gutherzigen Eifer noch einmal in die Gräfin, einen Versuch zu machen, nahm die Besorgung des ganzen Geschäftes über sich und bat blos um die Erlaubniß, es im Namen der Gräfin betreiben zu dürfen: darein wurde dann gewilligt. – So zog sich über Herrmanns Haupt, unterdessen daß er seine ländliche Ruhe genoß, verlor und darbte, auf seine eigne Veranlassung das Ungewitter zusammen, das ihn izt bedrohte, ohne daß er etwas davon wußte: so entstand der Brief, den izt, wie vorhin gesagt wurde, Siegfried von Schwingern erhielt, mit dem Auftrage, die Baronesse Ulrike auszuforschen. Der Mann hatte sein Talent zu dergleichen Verrichtungen schon auf dem Schlosse des Grafen sattsam bewiesen: er bewies es auch izt. Er bat den Pfarr zu sich zu Tische, und vieles Fragen und etliche Gläser Wein vermochten abermals so viel, daß er Herrmanns armselige 139 Umstände entdeckte. Siegfried that als wenn er ihm durch verborgne Wohlthätigkeit aufhelfen wollte, und bat den Prediger, daß er ihm Gelegenheit verschaffen möchte, den jungen Mann und seine Frau in seiner Pfarrwohnung zu sehen, ohne von ihnen gesehen zu werden. »Ich weis wohl,« sagte der Verstellte, »solche Leute, die einmal vornehmer gewesen sind, haben zu viel Bettelstolz: sie lassen es nicht gern merken, daß sie Wohlthaten brauchen. Wenn sie mir wie ehrliche Leute aussehn, will ich ihnen durch Sie Geld vorschießen: Sie können ja thun, als wenn es von Ihnen käme.« Der Pfarr, der so oft für Herrmanns Ungehorsam bey der Geburtstagsfeyer Vorbitten eingelegt hatte, war über eine solche unvermuthete Wendung der Sache ungemein vergnügt, lud die beiden jungen Leute zu sich, Siegfried kam durch die Hinterthür herein, verbarg sich und lauschte an dem Fenster in der Stubenthür, so bald sie darinne waren. So sehr sie sich beide in den sechs Jahren, daß er sie nicht gesehn, verändert 140 hatten, so erkannte er sie doch gleich. Der Pfarr tröstete sie mit der Hofnung, daß er ihnen mit einem kleinen Kapital, das man ihm vor einem Paar Wochen aufgesagt hätte, ohne Interesse dienen wollte, um ihrer Wirthschaft emporzuhelfen: sie nahmen das Anerbieten mit freudiger Dankbarkeit an und giengen ein wenig beruhigter von ihm weg als sie kamen. Siegfried ließ den Pfarr auf eine Spielpartie noch den nämlichen Tag zu sich bitten. Auf eine Spielpartie? – Nun war die Freundschaft zwischen Beiden geknüpft, da der Pfarr sah, daß sein Patron spielte: das Spiel lieben und ein ehrlicher verständiger braver Mann seyn, war in seinen Augen dasselbe. Er fand sogar, daß Siegfried gut spielte, und nunmehr offenbarte er ihm seine innersten Gedanken, weil ein Mann, der so gut spielte, nach seiner Meinung weder Schelm, noch Verräther, noch Bösewicht seyn konte. Das Gespräch wurde sogleich bey dem Abendessen wieder auf Herrmannen gelenkt: Siegfried versicherte, daß ihm die beiden Leutchen ziemlich 141 gefielen, und daß er sie schützen und unterstützen wollte. Da er einmal durch sein gutes Spielen und diese verstellte Güte das Vertrauen des Predigers gewonnen hatte, so war es äußerst leicht zu bewerkstelligen, daß dieser alles beichtete, was er das leztemal verschwiegen hatte. Sogleich wurden die eingezognen Nachrichten Schwingern mitgetheilt, der aber der Gräfin alles verheimlichte, was sie geneigt machen konte, Ulriken ihre Hülfe zu entziehn: sie schrieb ihrem Vetter, dem Obersten, daß er die Baronesse in einigen Wochen erwarten sollte, und ersuchte ihn inständigst, sie nach ihrer Ankunft in sorgfältiger Verwahrung zu halten, daß sie nicht wieder entwischte. Schwinger nahm mit dem Geschäfte auch stillschweigend die Kosten über sich, theils vielleicht aus einer kleinen Rache gegen Herrmann, theils, und zwar größtentheils in der Absicht, ein gutes Werk zu thun, eine junge Person, die er liebte, aus der Verirrung zurückzubringen und die Unruhe zu vergüten, die er wider seinen Willen durch die 142 Vertheidigung und Unterstützung seines misgerathenen Freundes einem Hause zugefügt hatte, dem er Verbindlichkeit schuldig war; und Siegfried bot willig die Hände zur Ausführung eines Komplots dar, das seiner tückischen Schadenfreude und seinem gekränkten Stolze so wohl that. Alles war angelegt, Ulriken durch List oder Gewalt zu rauben und in die Hände des Obersten zu bringen. 143   Eilfter Theil. Erstes Kapitel. Bey der Ausführung des Komplots mußte der Pfarr abermals eine Rolle übernehmen, doch ohne daß er es wollte oder wußte. Siegfried gab ihm unbeträchtliche zwanzig Thaler, um sie dem hülfsbedürftigen Herrmann zuzustellen: zugleich bezeugte er großes Verlangen, einen Mann von so sonderbaren Schicksalen näher kennen zu lernen, und bestimmte Tag und Stunde, wo er ihn in die Pfarrwohnung kommen lassen und nach der Ueberlieferung des Geldes so lange durch Gespräche aufhalten sollte, bis der hochgebietende Erb- Lehn- und Gerichtsherr dazu käme. Es geschah: der Pfarr lieferte das längstversprochene kleine Kapital mit Verlegenheit und Entschuldigungen aus, daß es nicht mehr war, und Herrmann nahm es aus dem nämlichen Grunde mit Verlegenheit und Verwunderung an. Die Unterredung entspann 146 sich, und ein Mensch in Noth, der sein Herz gegen einen Freund erleichtert, kan ohne Mühe den Faden eines Gesprächs sehr lang spinnen: unbemerkt strichen drey ganze Stunden darüber hin. Plözlich trat Siegfried mit der stolzen Mine eines neugeschafnen Gutbesitzers herein: Herrmann erschrak bey einer so verhaßten Erscheinung, daß er fast alle Besonnenheit verlor. Siegfried, als er seine Verwirrung inne wurde, bekam doppelten Muth und doppelte Unverschämtheit und fragte ihn, wie einen Missethäter, über Artikel: Herrmann war ertappt: er konte und wollte keine Frage verneinen, sondern bekannte mit stolzem Trotze seinen Namen und Abkunft: sie hatten sich Beide ehemals zu wohl gekannt, um mit Verläugnen durchzukommen. »Leider! kennen wir uns!« fieng Herrmann an, als ihn Siegfried fragte, ob er ihn noch kennte. »Sollt' ich den Vater des Bösewichts nicht kennen, der mich aus der Gunst und dem Schlosse des Grafen Ohlau vertrieb? den großen Intriguenmacher, der meinen Vater ums 147 Brod brachte und sogar das kümmerliche Gnadengeld bestahl, das ihm der Graf aussezte? Einen Dieb, dem die Natur den Galgen auf die Stirn brannte, erkennt man ja wohl, auch wenn man ihn nie sah.« – Die unvermuthete Dreistigkeit, womit er dies sprach, verursachte Siegfrieden eine Bestürzung, daß er ihn nicht unterbrechen konte: endlich übermannte sie der Grimm. – »Wißt Ihr, mit wem Ihr sprecht?« fuhr er schäumend heraus. »Mit Euch!« schrie ihm Herrmann ins Gesicht. »Mit Euch! und das will viel sagen; denn so ein ganzer Schurke wie Ihr, wird in Jahrtausenden nicht wieder geboren.« Der Pfarr, der außer allem Zusammenhange war und nicht begriff, wie ein solcher Dialog daher kam, suchte beide Theile zu besänftigen: vergebens! Siegfried drohte mit Gefängniß: Herrmann spottete seiner. »Unter Eurer Gerichtsbarkeit,« sprach er, »werden wohl nur die ehrlichen Leute ins Gefängniß gebracht: daß sich Euer Gerichtshalter ja nicht einfallen läßt, 148 die Schelmen einzuziehen: wahrhaftig, wenn der Mann nicht selber einer ist, so macht er bey dem Gerichtsherrn den Anfang.« Siegfried schwoll von Gift und Galle so gewaltig an, daß er den Stock aufhub: der Pfarr warf sich dazwischen. »Lassen Sie ihn!« schrie Herrmann. »Der Sohn hat unter den Spitzruthen geblutet; der Vater möcht' es gern unter meinen Fäusten thun. Mit dem ersten Schlage sitzen ihm meine Hände an der Kehle: aber erwürgen will ich ihn nicht! das mögen Hände thun, die die Obrigkeit dazu bezahlt.« Siegfried konte vor Zorn nicht antworten: der Pfarr befahl Herrmannen ernstlich, sich solcher harten Reden zu enthalten. »O der harten Reden!« rief Herrmann mit knirschender Bitterkeit. »Gegen die Verbrechen dieses Unwürdigen sind es nur leichte Luftblasen: brennend, wie Schwefel, sollten sie seyn, und noch würden sie so ein steinhartes Gewissen nicht brennen: das hat Schildkrötenschalen, worein es sich versteckt, wenn es ein Vorwurf trift.« »Ich bin Euer Gerichtsherr,« stotterte Siegfried. 149 Herrmann. Dafür kan ich nichts, und vermuthlich der liebe Gott eben so wenig; denn sonst hätt' er Euch noch höher steigen lassen als Euern Sohn. Dem Sohne hat er einen würdigen Platz gegeben Er kam auf den Bau, wie in diesem Bande auf der 20. S. erzählt wird. : nun sollte noch der Vater – Der Pfarr hielt ihm den Mund zu, aber er machte sich los. »O Sie wissens nicht,« fuhr er fort, »aus welcher großen Familie unser Gerichtsherr ist! Dem Sohn ist seine Ordenskette angeschmiedet: Cartouche und Lips Tullian sind ihre beiden Ahnherren.« Siegfried. Was bist denn du? – Ein Mädchenverführer! Mädchendieb! Mädchenschänder! – Wenn du deine Ehrentitel hören willst, so lies einmal diesen Brief! – Er warf ihm einen Brief auf den Tisch: Herrmann erkannte bey dem ersten Blicke Schwingers Hand, nahm ihn auf und las die Aufschrift an Herrn Siegfried, mit einem langen Schwanze von Gütern, die dem Namen 150 gehörten: er öfnete ihn voll Erstaunen und fand folgenden Inhalt. den 16. Julius. Hochgeehrtester Herr, »Endlich ist mirs gelungen, dem Unwürdigen, den ich ehmals meinen Herrmann nannte, seine Bubenstücke zu vereiteln. Die Gräfin willigt in alles: sie hat ihren Vetter schon benachrichtigt, daß er die Baronesse erwarten soll; und nun machen Sie Anstalt, wie es Ihnen selbst gut dünkt, um die unschuldige Verführte aus den Klauen ihres verachtungswürdigen Verführers zu reißen und an Ort und Stelle zu liefern, wie ich bereits in meinem lezten Briefe Verabredung mit Ihnen genommen habe! Ich trage die Unkosten und werde sie Ihnen erstatten, sobald Sie mir die Rechnung davon übersenden, im Falle daß der Gräfin Vetter, der Oberste, sich nicht dazu erbietet: fodert er Ihnen nicht freywillig die Rechnung ab, so erinnern Sie ihn auch nicht von fern daran; und fragt er blos, 151 wer die Reisekosten bezahlen wird, so nennen Sie die Gräfin. Der guten Dame würde die Erstattung freilich schwer seyn, und bewahre mich der Himmel, sie ihr zuzumuthen! Doch bitte ich inständigst, es Niemandem zu entdecken, daß ich die Kosten übernommen habe: ich möchte auch nicht gern scheinen, dem Hause, das mich ernährt und befördert hat, eine Verbindlichkeit auflegen zu wollen, die es nicht ohne geheime Kränkung öffentlich auf sich ruhen lassen würde. Auch suche ich Niemanden auf der Welt durch diese kleine Aufopferung zu verbinden, sondern blos mein Gewissen zu beruhigen: ich will mir den Rest meines Lebens durch das Bewußtseyn versüßen, daß ich die Unschuld von der Verführung gerettet, der geschändeten Tugend zur öffentlichen Ehre wieder verholfen – denn leider! kan ich ihre innere nicht wieder herstellen! – ein betrognes gutherziges Mädchen vom Elende befreit, vor künftigen Vergehungen verwahrt, in ihren rechtmäßigen Stand wieder eingesezt und einem Hause, das ohnehin Kummer genug drückt, die Ruhe wieder verschaft habe, 152 zu deren Verbitterung ich unschuldiger Weise durch Schwäche, unzeitige Nachsicht, verblendetes Wohlwollen, Kurzsichtigkeit und übel angewandtes Vertrauen so vieles beytrug. Alle Fehler, die ich dabey begieng, hat mir meine Betrübniß darüber und der Undank und nagende Spott des Bösewichts genug vergolten, den ich aus einfältiger Blindheit so lange für ein Muster der Rechtschaffenheit und Ehrliebe hielt. Ich kenne ihn nicht mehr und verachte ihn so sehr, daß ich nicht einmal an seiner Bestrafung arbeiten mag. Wenn Sie die Baronesse seinen Händen entrissen haben, so ist der Gräfin und mein Zweck erreicht: bekümmern Sie sich weiter nicht um ihn, sondern überlassen Sie ihn dem Elende, den Qualen des Gewissens und der Verachtung der Menschen! Ich habe der Gräfin die Schandthat verhelt, die der Ruchlose an der Baronesse verübt hat: wir wollen sie auch der Welt verhelen, so viel uns möglich ist, um dem künftigen Glücke der guten Ulrike nicht zu schaden: das Geheimniß ihrer Niederkunft soll mit mir ins Grab gehn, und ich bitte Sie bey 153 Ihrer ewigen Wohlfahrt, thun Sie ein Gleiches! und beschwören Sie alle, die darum wissen, unserm Beispiele nachzuahmen. Der Verbrecher wird seinen Lohn durch sich selbst finden, so wahr ich einen Gott glaube; und von diesem erwarten Sie den Dank für Ihre Bemühungen zu Ulrikens Rettung, wenn Ihnen der meinige nicht genug ist. Ich bin \&c. Schwinger . Betäubt, wie von einem plözlichen Schlage, und beinahe sinnlos ließ Herrmann den Brief sinken: Schmerz, Verzweiflung, Verwilderung starrten ihm fürchterlich aus Aug' und Minen hervor. Knirschend sah er empor, die Daumen eingeschlagen. die Fäuste geballt, und drohend mit beiden erhabenen Armen rief er: »O so stürze Erd' und Himmel zusammen, wenn das Menschen sind! Ungeheuer, denen Löwenblut in den Adern rollt! Teufelsseelen, aus Unbarmherzigkeit und Wildheit zusammengesezt! – So denkt, 154 so spricht der Mann, der sich meinen Freund nannte? So läßt sich der gutmüthige Schwinger von der Bosheit zu einer Verschwörung wider mich verleiten? Spricht ein Urtheil über mich, wie es kaum die unmenschlichste Dummheit, der barbarischste Menschenhaß sprechen könte? – Noch einmal! Himmel und Erde muß zusammenstürzen und eine solche Brut von Treulosen, Barbaren und Verräthern vernichten! Verräther seyd Ihr insgesamt an mir! schändliche Verräther, die ihren Lohn durch sich selbst finden müssen, wenn Gerechtigkeit die Welt regiert.« Er wandte sich zum Pfarr: »Heißt das die menschenfreundliche wohlthätige Lehre ausüben, die Sie predigen sollen, daß Sie einen Freund verrathen, der sich in Ihre Arme warf? Ist das die allgemeine Nächstenliebe, das die Nachsichtigkeit gegen Fehler und Schwachheiten, das die Sanftmuth gegen den Verirrten, die Sie einprägen sollen, daß Sie ein Geheimniß aufdecken, auf dessen Verheimlichung Sie mir Ihr Wort und diese Rechte gaben? – Verzehren muß sie 155 sich, die treulose Rechte, und jeder Segen, den sie austheilen soll, wie zehnfacher Fluch auf den Gewissenlosen zurückfallen, der sie zum Unterpfande der Falschheit gab! – Gott! das sind Menschen! sprechen Lügen, so oft sie athmen, und handeln wilder, als es ein menschlicher Verstand sich vorzustellen vermag! Ueberliefern den gefallnen Bruder in die Hände des Bösewichts, den Niemand schwarz genug mahlen kan, und wenn er die Farben aus der Hölle nähme! – Da stehn sie, die beiden Nichtswürdigen, und freuen sich ihrer Tücke: ich mag sie nicht länger anschaun. – Wagt es! führt Euren Schelmenstreich aus! Nehmt mir Ulriken! Aber der Erste, der eine Hand an sie legt, drückt mir die Kehle zu, oder ich ihm.« Er warf dem Pfarr, ohne etwas weiter zu sagen, die vorgestreckten zwanzig Thaler auf den Tisch und gieng. Siegfried, so sehr ihn die gemachten Vorwürfe kränkten, freute sich mit satanischem Lächeln über die Uneinigkeit dieser beiden Leute; und der arme Pfarr, der sich vor Ueberraschung nicht besinnen konte, wie er zu 156 Meineid und Treulosigkeit gekommen war, ohne es zu wissen noch zu wollen, blieb entfärbt und unbeweglich stehen und vermochte nicht ein Wort zu seiner Vertheidigung aufzubringen, ob er sich gleich keiner Bosheit, sondern höchstens nur einer unzeitigen Schwazhaftigkeit schuldig gemacht hatte. Auch Siegfried verließ ihn, und er war noch immer nicht bey sich. Herrmann gieng nicht gerade zu Ulriken, um sie nicht durch seine Verwilderung zu schrecken: seine Seele war mit zu fürchterlichen Gedanken erfüllt, und nach einer so ausgezeichneten Verrätherey zweyer Männer, deren Redlichkeit ihm felsenfest zu seyn schien, kam ihm alles, was menschlich heißt, zu verhaßt vor, um Einen Sterblichen anzublicken: er schloß die Hausthür hinter sich zu und sezte sich im Garten in eine Laube. Alles um ihn herum war schwarz, wie die Galle, die in ihm kochte: selbst der heitre blaue Himmel schien ihm mit finstern pechschwarzen Wolken überzogen: er war seinem eignen Odem gram, so tief verabscheute er die Menschheit. 157 »Ein Verbrecher?« fieng er abgebrochen an. »Ja, ich bins – und will es doppelt werden. – Sie sollen Ulriken nicht haben, und wenn ich meine eignen Hände mit ihrem Blute färben müßte! Wird eine Uebereilung der Schwachheit schon so unbarmherzig gestraft, was soll dann einem Morde geschehen? – Nichts mehr und nichts weniger! Wenn glühende Qualen einmal mein Gewissen martern sollen – Feuer brennt wie Feuer, und Qual martert wie Qual, sie martre für ein oder zwey Verbrechen. – Sie sollen sie nicht haben: eher will ich ihr mit meinen Händen die Adern zerreißen, daß der purpurne Lebensstrom herausquillt, oder – Gott! wie mich schaudert! – Herrmann! Herrmann! was beginnst du? – Wenn sich nun das liebe sanfte Geschöpf an mich hienge, mit krampfichter Angst die Finger sich in mein Fleisch hineingrüben – wenn dann röchelnd und zuckend ihr schlaffes Haupt sich senkte, das erstarrte Blut aus der Wunde nicht mehr flösse und das Leben mit einem Seufzer entflöhe, und ich, ihr einziger Freund, stünd' als ihr Mörder 158 da und ließ die Leiche platzend auf den Boden hinfallen – und ich eilte von ihr, um mich vor Himmel und Menschen zu verbergen, irrte von Ort zu Ort, und immer schwebte das Schwert des Henkers über meinem Nacken – – O wer schüzt mich vor meinen eignen Gedanken? Wer fesselt meinen Willen, daß er keine Unthat beschließt?« – Nach einer tiefsinnigen Pause fieng er wieder an: »Fliehen will ich mit ihr! sie auf meine Arme nehmen, wie ein Kleinod, das man aus dem Feuer rettet, und mit ihr fliehen! Weit von den Barbaren, die mich um den Bissen Glückseligkeit beneiden, daß die Liebe eines treuen Mädchens meine Noth erleichtert! Nie sey mein Herz der Freundschaft gegen Einen Menschen offen: nie fühle mein Herz Einen Pulsschlag lang Vertrauen zu Einem Menschen: wie ein einsames Gewächs in einer Wüste, das sich auch selbst im größten Sturme nie zu einem Andern hinneigt und Schutz sucht, will ich in der menschlichen Gesellschaft seyn, will mich in mich selbst verschließen, Mitleid fühlen und helfen, wo ich 159 kan, aber nie Freundschaft, nie Zutrauen. – Wenn Schwinger sich mit einem Bösewichte, den er sonst tödtlich haßte, wider mich verbindet; wenn er dem größten Schelm auf der Erde Lohn von Gott verspricht, und mir für eine verliebte Vergehung den Lohn eines Bösewichts prophezeiht; wenn Schwinger aus schnöder Gefälligkeit gegen einen Grafen alle Vernunft, alles Gefühl verläugnet; wenn mich die Ehrlichkeit selbst verräth und in die Hände der Räuber spielt: was sollen dann die Uebrigen thun? – Fort! fort mit mir! Ich bin mit Tigern, Ottern und Wölfen umgeben: fort mit mir! ehe sie mich verschlingen.« – Er sprang hastig auf; und ins Haus hinein! Er suchte Ulriken in der Stube, in der Kammer – fand sie nicht; rief, lief die Treppe hinan, schrie ängstlich ihren Namen, so laut er konte: Fräulein Hedwig, sein Vater kamen auf das Geschrey, ein jedes aus seinem Kämmerchen herbeygelaufen. »Wo ist Ulrike?« fragte Herrmann zitternd vor Ahndung. Hedwig. Sie ist Ihnen ja nachgegangen. 160 Der Vater. Kaum drey oder vier Minuten, nachdem du aus dem Hause warst. Herrmann. Mir gieng sie nach? – Und warum? Hedwig. Eine Magd rief sie – Herrmann. Und sie gieng mit der Magd? Hedwig. Allerdings! Die Magd brachte ja Ihren Befehl, daß sie Ihnen nachkommen sollte. Der Pfarr wäre Ihnen begegnet, sagte sie, und gienge mit Ihnen zum Grabe auf den Kirchhof: sie sollte hurtig nachkommen. Herrmann. Und sie ist noch nicht wieder da? – Sie ist fort! Man hat sie gestohlen! Lauft! sucht! holt sie zurück! Lauft, so weit Eure Füsse vermögen! – Mit diesem schnaubenden Geschrey eilte er fort auf den Herrnhof: nach Jedermanns Berichte, den er nur fragte, war Siegfried schon beinahe vor vier Stunden abgereist. Er eilte in die Pfarrwohnung: Niemand ließ sich sehen: der Pfarr und seine Frau versteckten sich vor Furcht, als sie seine Stimme hörten, und sonst war keine Seele im ganzen Hause zu finden. Er 161 erkundigte sich auf dem Herrnhofe, wohin Siegfried gereist wäre; und man antwortete – »auf sein Gut.« – »Wie weit ist das?« – »Zwo Meilen.« – Er fragte bey allen Mägden auf dem Hofe an, ob eine Ulriken gesehn oder gar gerufen habe: keine wußte etwas von ihr. Nicht einmal den Weg nach Siegfrieds anderm Gute, kaum den rechten Namen desselben konte man ihm berichten: er stellte bey allen Bauern im Dorfe Nachsuchung und Nachforschung an: alles umsonst! Die Nacht rückte heran: es fand sich wohl Jemand, der ihm den Weg nach Siegfrieds Gute beschrieb, aber Jedermann war zu müde von der Arbeit, um ihm zum Boten zu dienen, und allein konte er sich in der Dunkelheit unmöglich finden. Er mußte seine Reise bis den Morgen darauf versparen, aß, trank und schlief nicht, und machte sich mit der ersten Morgenröthe auf den Weg. Nach vielfältigem Fragen und Verirren langte er erschöpft an: auch hier umsonst! Der Herr war seit drey Tagen nicht zu Hause, und die Frau gestern Abend verreist. Nun ließ sich über Ulrikens Schicksal nicht mehr 162 zweifeln: sie war geraubt, entführt und vermuthlich für ihren Geliebten auf immer verloren. Nie beweist die eingeschlummerte Liebe ihre wahre Stärke mehr, als wenn ihr Trennung oder ein ähnlicher Unfall den Tod droht. Herrmanns Gemüthsunruhe hatte ihn seit dem Anfange seiner häuslichen Unordnung gleichgültig gegen Ulriken gemacht: sein Herz liebte sie im Grunde nicht weniger als vorher, aber es war in so viele andre Leidenschaften getheilt, daß es zu den vorigen heftigen Ergießungen der Liebe nicht genug Kraft hatte. Izt mußten alle andre Kümmernisse schweigen: der Schmerz der Liebe überstimmte sie alle. Herrmann betrachtete sich als einen Wittwer und brachte vier Wochen in einer dämischen Betrübniß zu, die ihm Ueberlegung, Thätigkeit und Empfindung für alles außer sich raubte: mancher Tag gieng ohne Speise und Trank hin. Endlich drückte die häusliche Noth so gewaltig auf die Federn seiner Seele, daß sie eben so gewaltig emporsprangen: er hatte mit den Seinigen bisher von dem 163 Verkaufe des Ackergeräthes und des Viehes gelebt, das der Hunger nicht hinrafte; dies Rettungsmittel war itzt vorbey: der Pfarr hatte ihm zuweilen Kleinigkeiten zufließen lassen; auch diese hörten auf, und Herrmann hätte lieber von der Hand des Todes Trost angenommen, als von den Händen eines Mannes, den er als einen Gewissenlosen haßte. Der Hunger sprach aus Hedwigs verfallnem Gesichte: sie foderte mit Thränen Brod und kündigte traurig an, daß sie weder durch Kredit noch für Geld eine einzige Mahlzeit mehr verschaffen könte: der Vater war so kleinlaut, so schwachmüthig geworden, daß ihm keine einzige von seinen auffahrenden Reden mehr entwischte: Beide baten kläglich, daß Herrmann Rath schaffen möchte. Von ihren Vorstellungen gerührt, sprach er zu ihnen: »Seyd ruhig, meine Lieben! Ihr sollt heute essen wie Reiche. Dem Unglück kan ich nicht wehren, daß es mich trift: aber niederschlagen soll es mich fürwahr! nicht. Der Schmerz der Seele machte mich unfähig, an die Bedürfnisse des Körpers zu denken. 164 Vergebt mir, daß ich so ein schlechter Hausvater bin!« – Er gieng und that, wozu er sich bisher aus einer falschen Scheu, seine Verlegenheit kund werden zu lassen – wiewohl sie Jedermann wußte, ob er sich es gleich nicht einbildete – nicht entschließen konte: er verpfändete sein Gut, empfieng von dem Schulzen gegen eine Handschrift eine höchstgeringe Summe, um der gegenwärtigen Noth zu steuern, und kam mit ihm überein, daß er eine größre in vierzehn Tagen gegen gerichtliche Versichrung erhalten sollte. – »Seht Ihr,« sagte er muthig, als er nach Hause kam und das Geld auf den Tisch legte, »seht Ihr, daß noch Hülfe für uns in der Welt ist? Verzagen gehört für schwache Seelen und Bösewichter. Hedwig, tischen Sie auf! Wir wollen heute essen wie Reiche: halt' ich nicht Wort?« – Geschäftig bereitete Hedwig eine reichlichere Mahlzeit als gewöhnlich, und der Tag, der mit dem äußersten Kummer anfieng, endigte sich für alle mit Freude und Erquickung. Herrmann machte nunmehr das Projekt, von 165 dem aufgebrachten Gelde seinen beiden Hausgenossen das Nöthige zurückzulassen, auf das Gut einen Pachter zu setzen und mit dem Reste seiner Baarschaft auszuwandern, um das Glück oder Ulriken zu suchen: doch nahm er sich ernstlich vor, seinem Herze Gewalt anzuthun, ihre Liebe durch seine Gegenwart nicht von neuem zu befeuern, sondern vielmehr sich von ihr zu entfernen, sobald er wüßte, daß sie sich in günstigen Umständen befände: Wünsche, Begierden, Entwürfe stiegen haufenweise in ihm auf: der neue Plan riß ihn hin: hastig brachte er alle seine Angelegenheiten zu Stande und quälte sich vor Ungeduld, daß ihm Hindernisse nur Einen Tag Aufschub verursachten. Er schloß seinen Pachtkontrakt mit Hitze und also sehr zu seinem Nachtheil, wieß seinem Vater und der Fräulein Hedwig den Genuß der Pachtgelder zu ihrem Unterhalte und zu Bezahlung der Zinsen an, gab ihnen nebst dem Pachter sein Haus ein, und nichts als die verschobene Auszahlung des Kapitals, das ihm der Schulze versprochen hatte, hielt seine Abreise auf. 166   Zweites Kapitel. Als alle Zurüstungen zu Stande waren und die Auszahlung des geborgten Geldes in wenigen Tagen geschehen sollte, langte bey seinem Hause ein Mann an, der sich sehr genau nach seinem Namen erkundigte: der Mann trat in die Stube, sah sich sorgfältig allenthalben um – »Ja, es ist wohl so, wie man mirs beschrieben hat,« fieng er an und gab einen Brief ab. Die Hand der Aufschrift war fremd, aber kaum war er geöfnet, so zeigte sich mit dem ersten Blicke Ulrikens Schrift. M** den 23. August. »War das nicht, als wenn uns der Wind aus einander führte, liebster Herrmann? Ich dachte, wir wären längst von allen Menschen vergessen, und doch giebt man sich die Mühe, uns zu trennen: aber die Trennung soll nicht lange dauern, hoffe ich. 167 Vermuthlich hast du nicht einmal erfahren, wie mich die schändlichen Leute weggekapert haben. Du mochtest, als dich der Pfarr zu sich rufen ließ, kaum drey oder vier Minuten aus dem Hause seyn, so kam ein Bauermädchen sehr eilfertig gerennt und sagte mir, daß ich dir nachkommen sollte. »Er ist mit dem Herrn Pfarr durch den Kirchhof gegangen und wartet vor der Thür, die aufs Feld geht,« sagte die Verschmizte. Wer sollte dahinter etwas Böses argwohnen? Ich glaube wirklich, das Mädchen, das eine Magd vom Herrnhofe war, sey dir begegnet und von dir geschickt worden, wie sie vorgab. Ich gehe quer über den Kirchhof nach der andern Thüre hin, die auf das Feld geht, und erblicke, wie ich mich nähere, eine Kutsche mit ofnem Schlage vor ihr. Der Anblick machte mich wohl ein wenig stutzig, aber da ich nicht die mindeste Ursache zum Argwohn hatte, ließ ich mich durch nichts beunruhigen als durch die Besorgniß, daß Jemand da seyn möchte, von dem ich nicht gern gesehen seyn wollte: weil ich aber Niemanden gewahr wurde, gab ich der 168 Neubegierde nach, trat in die Thür und fragte den Burschen, der am Schlage lehnte, wem der Wagen gehörte: er nahm tölpisch den Hut vom Kopfe, machte eine tumme freundliche Mine und fragte – »Was?« und hielt mir das Ohr hin, als wenn er taub wäre. Indem ich etwas näher trete und meine Frage wiederhole, ergreift mich plözlich Jemand von hinten und wirft mich in den Wagen hinein – pump! war die Thüre zu, und die Kutsche rollte mit mir dahin: das geschah alles so schnell, daß ich mich kaum besinnen konte. Da saß ich nun in dem verwünschten Kasten und konte gar nicht begreifen, was das bedeuten sollte. Alle drey Fenster waren niedergelassen, und statt derselben hölzerne Schieber vorgesezt, die nur durch drey viereckichte Löcher, so groß als ein Auge, Licht und Luft hineinließen. Mir wurde angst: ich versuchte die Schieber aufzumachen und arbeitete mir die Finger blutig daran: aber es war nicht möglich: sie mußten angenagelt seyn. Die Thüren ließen sich inwendig eben so wenig öfnen: ich befand mich im Gefängnisse und sahe durch 169 eins meiner drey Luftlöcher nach dem andern und erblickte nichts als Stückchen Feld und Bäume, und durch das vorderste ein Stückchen Kutscher: ich rief ihm zu daß er halten sollte, aber er drehte sich nicht einmal um; und der Wagen rollte in Einem fort so barbarisch über Stock und Stein dahin, als wenn mich geflügelte Drachen zögen, daß ich in dem weiten Kasten vor heftiger Erschütterung und von den öftern Stößen, wie ein Knaul, von Winkel zu Winkel herumkollerte. Für einen Spaß von dir war die Komödie zu lang und zu plump: ich konte also nichts als Betrügerey argwohnen. Aber von wem? – Ich quälte mich mit Muthmaßungen und Besorgnissen und konte nicht einmal ruhig muthmaßen; denn ehe ich michs versahe, kam ein Stoß, und dann wieder einer, und warf mich so hoch empor, daß mir die Gedanken aus dem Kopfe fielen. Endlich, nachdem ich, ohne Möglichkeit mich zu retten, zwey oder drey Stunden bald langsam, bald hurtig zusammengerumpelt worden war, fuhr die Kutsche durch einen Thorweg und 170 hielt an: man öfnete die Thür, und weil der ganze Hof mit Mist überdeckt war, nahm mich der nämliche Bursche, den ich bey dem Kirchhofe am Schlage fand, auf die Arme und trug mich in ein altväterisches gothisches Haus hinein. Die Hausthüre wurde hinter mir zugemacht, und mich empfieng ein entsezlich gepuztes Frauenzimmer – so entsezlich, so linkisch gepuzt, daß man sich des Lachens kaum enthalten konte! Sie gab mir die Hand und führte mich die Treppe hinan. »Aber wo bin ich denn?« rief ich beständig. »Was will man mir denn thun?« – »Das sollen Sie gleich hören, meine Liebwertheste,« antwortete das Schlaraffengesicht und lachte. Die Stimme kam mir bekannt vor, und da ich mir den gepuzten Kobold genauer besehe, ist es Madame Siegfried, unsre allergnädigste Gerichtsherrschaft. »Meine liebwertheste Baronesse,« fieng sie an und keuchte, wie ein Schmiedeblasebalg, und wimperte unaufhörlich mit den Augen dazu, wie sie sonst that – »meine liebwertheste Baronesse, seyn Sie mir doch unterthänig willkommen.«– Was 171 soll ich denn hier? – »Alles Liebes und Gutes, meine wertheste Baronesse! Geruhen Sie nur sich zu setzen und zu essen und zu trinken!« – Nicht einen Bissen, wenn ich nicht weis, was man mit mir willens ist! Wer hat mich so diebischer Weise auffangen lassen? – »Belieben Sie das nicht zu sagen, meine trauteste Baronesse! Sie sind in allen Ehren und Honnetität hieher gebracht worden, und sollen auch heute noch weiter reisen.« – Wohin denn? – »Das werden Sie schon erfahren,« sprach sie lachend. »Lassen Sie sichs nur unterdessen nicht misfällig seyn, sich hier umzuputzen: ich werde die Ehre und das geneigte Vergnügen haben, mit ihnen zu reisen.« – »Das ist eine himmelschreyende Betrügerey, die man mir spielt,« fuhr ich auf; »und ich will doch sehn, wer mich von der Stelle bringen soll, wenn man mir nicht sagt, warum ich hier bin, wer mich hieher hat bringen lassen. – »Seyn Sie nur so geneigt,« unterbrach sie mich, »und folgen Sie mir! Ziehen Sie hier die Schirkassienne ( Circassienne ) an und belieben Sie dabey etwas von frischer Milch und kalter Küche 172 zu genießen: ich will Ihnen dabey die ganze Historie erzählen.« – »Mir etwas weiß machen? Nicht wahr?« unterbrach ich sie. – »Seyn Sie doch so geneigt und denken nicht so kanalljösisch von mir! Ich will Ihnen ganz reinen Wein einschenken: Sie sollen zu Ihrem Onkel, oder wie ich ihn nennen soll, dem Herrn Obersten von Holzwerder: Sie kennen ihn ja wohl noch? Er war einmal bey Ihro Excellenz, dem Herrn Grafen, Ihrem gnädigen Herrn Onkel zur Vesitte« – Das weis ich wohl; aber was will er denn mit mir anfangen? – »Alles Liebes und Gutes! Ihr Herr Herrmann ist voraus: Sie werden einander dort finden: weiter sag' ich nichts.« – Mährchen sind das! blaue Dünste, um mich ins Netz zu locken! aber ich bin kein Kind und glaube solche Fratzen. – »Sie denken auch gar zu mesantrop'sch von mir, meine liebwertheste Baronesse. Ich bin ja keine meschante Canaille, die mit Lug und Trug umgeht. Ich bin ja eine honnete Madam, die es in aller Ehre und Honnetität mit Ihnen meint.« – 173 In diesem scheinheiligen Tone überredete sie mir eine gotteslästerliche Lüge, die sie so wahrscheinlich zu machen wußte, daß ich sie wirklich glaubte. Meinen und deinen Aufenthalt sollte ihr Mann durch Schwingern erfahren haben – sehr glaublich! denn du hattest ihm Nachricht davon gegeben, das wußte ich. Dieser Herr Schwinger sollte sich über unsre Liebe erbarmt und an den Obersten Holzwerder gewandt haben, um meine Verbindung mit dir zu bewirken: der Oberste Holzwerder war gleichfalls so geneigt gewesen und hatte sich erboten, unsre Verbindung zu Stande zu bringen: darauf sollte Schwinger an ihren Mann geschrieben und ihn gebeten haben, uns Beide zu dem Obersten zu schaffen; – »und weil mein Mann den Spas liebt,« sezte der häßliche Puderhahn hinzu, »so läßt er ein jedes von ihnen besonders an Ort und Stelle bringen. Sie sollen Beide einander bey des Herrn Obersten von Holzwerder Gnaden finden, als wenn es so par hussar ( par hasard ) geschähe: Herr Herrmann ist mit meinem Manne und dem Herrn Pastor spatzieren 174 gefahren: aber sie reisen zu dem Herrn Obersten. Der wird sich wundern, wenn die Spatzierfahrt so lange währt! und wenn Sie nun vollends mit mir, so gleichsam als wie par hussar , ankommen, da wird erstlich die Verwunderung angehn. Aber belieben Sie sich ja nichts davon remerquir en zu lassen, meine liebwertheste Baronesse! denn mein Mann hat mirs bey Kopfabhacken verboten, Ihnen ja nichts davon zu sagen, damit es ein Spas wird, wenn sie einander so gleichsam als wie par hussar rankertir en ( rencontriren ). Aber ich bin eine viel zu honnete Madam, daß ich meine liebwertheste Baronesse so in der Angst lassen sollte. Das kan ich Ihnen warlich! nicht: Sie würden sich ambrassiren ( embarassiren ): Nein, das kan ich Ihnen nicht übers Herz bringen, daß ich Sie so ambrassiren sollte.« – Sah das Fabelchen nicht der Wahrheit so ähnlich, daß sich auch der Klügste fangen lassen mußte? – Es stiegen mir zwar Zweifel dawider auf, aber weil ich so sehr wünschte, daß es keine Fabel seyn möchte, hüpfte ich über die 175 Bedenklichkeiten hinweg, besonders da mir die alte Heuchlerin so oft und mit so anscheinender Aufrichtigkeit ihre Honnetität betheuerte. Ich, leichtgläubiges Geschöpf, zog die Schirkassienne an und die übrigen Reisekleider, die dabey lagen, und freute mich innerlich, wie ein Kind auf Weihnachten, daß sich unser Himmel so unvermuthet aufheitern sollte. Es überfiel mich eine eigne Empfindung, als ich mich zum erstenmale nach beinahe drey Jahren wieder in dem städtischen Putze befand: ich sah mir ganz anders aus, und konte vor Wohlgefallen nicht vom Spiegel wegkommen. Alles Glück und aller Verdruß, den ich sonst in meinen vornehmen Kleidern erlitten hatte, kam mir in die Gedanken zurück: ich sah auf meine ländliche Kleidung, als sie dort auf dem Tische lag, wie auf eine abgeworfne Hülle des Elends hinab, aus welcher ich neugeboren zu einem neuen glücklichen Leben hervorgegangen wäre. Rührung, Freude, Hofnung bemeisterten sich meiner so stark, daß ich in dem Taumel ein großes Glas Milch mit drey hastigen Zügen 176 hinunterschluckte und so viel Butterbrod dazu aß, als wenn ich acht Tage gefastet hätte – alles, ohne daß ichs eher inne ward, als bis ich die Schmerzen der Ueberladung fühlte! Die alte keuchende Siegfried, so widrig sie mir sonst war, schien mir izt eine so liebenswürdige, so eine herzlich gute Frau, daß ich kein Mittel aussinnen konte, ihr meine Zufriedenheit und Zuneigung genug zu beweisen: ich drückte ihr die Hände, ich liebkoste sie, ich überwand sogar meinen Widerwillen und drückte ihr zween Küsse auf die dicken breiten Lippen. Die Küsse gereuen mich diese Stunde noch: wenn ich sie dem schändlichen Weibe nur wieder abnehmen könte! Die Pferde waren indessen gefüttert und wieder vorgelegt worden; und wir stiegen in vollen Freuden ein: des Nachmittags liefen sie mir zu hurtig, und izt nicht schnell genug. Unterwegs hatten wir ein ewiges Geschwätze – das mir freilich sehr angenehm war – von dem Glücke und dem hohen Vergnügen, das auf dich und mich bey dem Obersten wartete, daß wir zur Landwirthschaft nicht gemacht wären und 177 durch den Obersten in eine angemeßnere Lage gerathen würden. Die ganze Nacht kam kein Schlaf in meine Augen. In dem nächsten Städtchen nahmen wir Postpferde und fuhren die ganze Nacht hindurch, und von Zeit zu Zeit weckte ich meine schnarchende Reisegefährtin durch einen Stoß, als wenn er so par hussar geschähe, damit sie von deinem und meinem Glücke mit mir reden sollte. Auf der lezten Station empfieng mich der Oberste, ein allerliebster Mann, und mir damals noch tausendmal lieber als itzo, weil er, nach meiner Ueberredung, uns Beiden so herrliche Dienste gethan hatte und thun wollte. Der Postknecht blies, wir nahmen von Madam Siegfried Abschied, fuhren fort: noch war kein Herrmann da. Der Oberste war sehr gesprächig und spashaft, scherzte mit mir, daß in der Stadt, wohin wir wollten, ein hübscher Mann auf mich wartete, beschrieb mir ihn vom Kopf bis auf die Füße und fragte mich bey der Beschreibung eines jeden Stücks an dem hübschen Manne, wie er mir gefiele. Dein Porträt war 178 es nicht, fast in allem das Gegentheil: – »aber,« dachte ich, »er thut das aus Scherz, daß er mir meinen Herrmann so häßlich mahlt;« und in diesen Gedanken lobe ich denn alles in seinem Gemählde, sogar die zwo großen Warzen, die der hübsche Mann auf dem Backen haben sollte, gefielen mir außerordentlich: ich sprach bey meinem Lobe mit wahrem innigen Entzücken. Dem Obersten steckte mein Entzücken so sehr an, daß er sich zusehends verjüngte: er wurde so munter, so belebt, daß er mich küßte, und trotz des stechenden Bartes nahm ich mit seinen Küssen vorlieb. »Der arme Mann!« dachte ich: »unsre Liebe macht ihn ganz jung wieder: er möchte gern auch etwas lieben: es ist doch traurig, wenn man so alt ist und sich mit dem Zusehn abspeisen muß.« Als seine Beschreibung bey den Füßen war, die zuweilen mit dem Podagra behaftet seyn sollten, wollte ich ihm sein Geheimniß ablocken und fragte ihn, wie denn dieser hübsche Mann hieße: der Name Herrmann klang schon in meinen Ohren: am Ende, da er sich lange geweigert hatte, war er es selbst. »Das ist 179 eine Ausflucht, um dir den rechten Namen nicht sagen zu dürfen,« dachte ich und antwortete ihm mit gezwungnem Scherze, daß vermuthlich der Pfarr, der ihn und mich trauen sollte, uns zu Hause schon erwartete: ich war verdrießlich bey mir, daß er mir nicht die Freude machte und den rechten Namen nennte, da mir doch an der Ueberraschung gar nichts lag; und mein Verdruß mußte vermuthlich durch die angenommene scherzhafte Mine durchgeleuchtet haben; denn er sagte mir ernsthaft darauf – »Sie werden doch den Spaß nicht übel nehmen?« – und drückte mir dabey die Hand. Ich versicherte ihn aus allen Kräften das Gegentheil; und den übrigen Weg wurde viel geschäkert, aber nicht mehr auf diese Art. Inzwischen zog ich doch alles, was er sagte, auf dich, und was sich nur im mindsten so auslegen ließ, verstund ich als eine Anspielung auf unsre nahe Trauung: sogar, als er mir die Liebkosungen erzählte, die mir sein kleiner Hund Marquis machen würde, bildete ich mir ein, er meinte dich; und wegen dieser Illusion lachte ich über alles so ausgelassen 180 vergnügt und mannichmal bey Sachen, die gar keinen Anlaß zum Lachen geben konten, daß der Oberste mich oft fragte, warum ich darüber lachte. Wir langten an, fanden den scherzhaften Marquis und Lieschen, des Obersten Ziperkatze, den einen so klaffend, und die andre so schnurrend und krummbucklicht, wie er sie mir beschrieben hatte, alle Tapeten und Möbeln, wie er sie mir beschrieben hatte, aber – keinen Herrmann. Die Nacht vergieng, auch der Morgen: der Oberste zeigte mir alle seine Herrlichkeiten und machte mir vielen Spaß vor, aber ich hatte kein Gefühl dafür: weil ich Betrug argwohnte, hörte auch meine gestrige Auslegungskunst auf: ich hielt keinen von seinen Scherzen mehr für eine Anspielung auf dich und unsre Verbindung, sondern verstund jeden, wie er gemeint war, und so war jeder ohne Reiz für mich: nicht einmal zwingen konte ich mich zum Lachen. Er ließ den Schneider kommen, um mir ein Kleid zu verschaffen, worinne ich mich der Fürstin darstellen könte, und nennte mich unaufhörlich sein liebes 181 schmuckes Bräutchen: der Schneider lachte über seine Schnaken, daß er beständig das Maas falsch nahm: das Bräutchen blieb so ernsthaft, wie die dickköpfigten Chineser auf der Papiertapete rings in dem Zimmer, weil ihr der rechte Bräutigam fehlte. Verdruß und Aerger, daß ich mich so schändlich hatte hintergehen lassen, nahmen sichtbarlich zu, und der Oberste, der meine mürrische Laune dem Mangel an Vergnügen zuschrieb, stellte auf den Nachmittag ein Konzert an. – »Wir haben hier sehr schöne Musikanten,« sagte er mir bey dem Mittagsessen. »Wir haben noch vor drey Vierteljahren eine rechte Sängerin aus Berlin bekommen, die Madam Dormer: sie singt, wie ein Nachtigallchen: Sacre-papier! wenn die Frau in die Höhe mit ihrer Kehle steigt, das geht, das geht, wie mein Lieschen, mein Ziperchen, wenn sie zum Dache hinaufläuft! Wie der Wind ist sie oben; und wenn sie nun oben auf dem Forste mit ihren Tönen sizt, da trillert und tanzt sie so kraus in der Höhe herum, als wenns die Engelchen im Himmel wären; und dann hüpft sie auf einmal 182 – hop tr , hop, hop tr , hop, hop – (er machte die Prahltriller der Sängerin mit seiner unsingbaren Stimme sehr komisch nach) von dem obersten Dachziegel herunter, daß man denkt, die Kehle wird Hals und Beine brechen. Sacre-papier! das ist eine Sängerin, die für den König von Frankreich nicht zu schlecht wäre! Ihr Mann ist auch ein großer Musikant: er pfeift sehr schön auf der Flöte, und fidelt auch auf der großen Rumpelmaschine – wie heißt sie denn gleich? – auf dem großen Basse – rumpel, rumpel! Das geht drauf los, was das Zeug hält, wenn das Kerlchen seine Grimassen hinter dem großen Brummkasten zu schneiden anfängt! daß der Staub herumfliegt, so marschirt er auf den Saiten herum. Und dann haben wir noch einen großen Musikanten: der geht über alle, das sag' ich. Hören Sie! wenn der zu fideln anfängt, das klingt, wie ein Glöckchen, wie wenn ich Ihnen hier mit der Gabel ans Glas schlage, kling, kling, kling! – und dabey will er sich alle Adern am Leibe zerreißen: das ist ein Arbeiten auf der Fidel, daß ihm die 183 Haare um den Bogen herumhängen, wenn er fertig ist. Meine Soldaten können sich nicht so hurtig schwenken und drehen, als der Mensch auf dem Brete mit dem Fidelbogen herumspatzirt. Das ist die Kapelle: aber nun nehm' ich meine Leute dazu; das sind ganze Kerle: wenn sie zu hoboen anfangen, und die Waldhörner und die F–zmaschinen – Fagots heißen sie – dazwischen hineinfallen, das ist ein Gequake und ein Gekreische, daß man davon laufen möchte. Das versichre ich Sie, meine Hoboistenbande ist die schönste in Europa: die Ohren möchten springen, so einen excellenten Lärm machen sie.« – Ohngefähr in diesem Tone schilderte er mir auch die Talente der Stadtmusikanten und der Liebhaber in der ganzen Stadt, die auf irgend einem Instrumente etwas vorzügliches leisteten. Nachmittags fand sich ein Virtuose nach dem andern ein, ein schreckliches Heer, das die Todten hätte erwecken können. Ich fühlte zum Leidwesen meiner Nerven, daß der Oberste richtig prophezeihte: die Ohren wollten mir springen, und ich wäre gern davon gelaufen. Die 184 Herren griffen sich mir zu Ehren alle so gewaltig an, daß ihnen der Schweis schon bey der ersten Sinfonie am Kopfe hereinlief, und jede Minute plazte eine Saite. Sie wedelten sich insgesamt mit den Schnupftüchern, als sie sich durch das tobende Presto durchgearbeitet hatten; und so angreifend das Getöse in dem kleinen Saale war, so meinte doch der Oberste, daß sie heute nicht so frisch gespielt hätten, wie sonst. Um den Schimpf nicht auf sich sitzen zu lassen, bat der Direktor des Konzerts um eine Verstärkung des Orchesters, nach welcher sogleich Boten ausgesandt wurden, und legte ein Stück auf, wobey Waldhörner, Trompeten, Oboen, Fagotte, Posaunen und fast alle übrige Blasinstrumente hervortraten. Mit großer Betrübniß beschwerte sich der Direktor, daß man die Pauken weglassen müßte. – »Diese will ich machen,« sprach der Oberste und befahl eine Trummel zu holen. – »Geben Sie einmal Acht,« sagte er zu mir, »wie ich die Trummel peitschen will: ich bin sehr stark darinne: ich lehre alle meine Tambours selber.« – Verstärkung und Trummel langten 185 an: mir wurde angst und bange. Das Getöse begann: der Oberste stand in der Mitte mit umgehängter Trummel, gab ihr bald einen einzelnen empfindlichen Hieb, schlug bald einen langen schnurrenden Wirbel, daß man nichts als das Quäken der rauhen Trompeten hören konte: es war eine Höllenmusik: demungeachtet glaubte der Oberste, daß zwey Trummeln einen bessern Effekt thun würden, und konte nicht begreifen, warum die Uebrigen heute so erstaunend leise spielten, daß er nur sich allein hörte. Man schob die Schuld auf die Violinen und beklagte, daß der Stadtmusikant nicht zugegen wäre, der mit seiner Geige sieben andre überschrie. Auf alle Gassen mußten Boten auswandern, den Mann aufzusuchen: er erschien mit seiner gewaltigen Geige nebst einem Tambour: allein wenn man gleich noch sechs Männer mit so gewaltigen Geigen herbeygeschaft hätte, so wäre die Musik für den Obersten immer zu schwach gewesen; und der Lärm war doch so unmenschlich, daß die Leute auf den Gassen zusammenliefen und Feuer riefen, in der Meinung, man 186 habe die Feuertrummel gerührt. Seine Gehörnerven müssen von Stahl seyn; denn die meinigen haben mir acht Tage lang gesaust und gezittert. Endlich erschien auch Madam Dormer, die große Sängerin: ich freute mich, daß meine Ohren wenigstens auf eine andre Manier die Tortur leiden würden. Die Frau trat mit vielem Anstande und edler Stellung herein: alles stellte sich in ehrerbietige Parade, als wenn die Fürstin ankäme: der Oberste brachte sie gleich zu mir und machte sie mit mir bekannt. Rathe, Herrmann, rathe, wer diese große Sängerin war! – Vignali, die leibhafte Vignali! Wir erschraken Beide nicht wenig, uns hier wiederzufinden, aber behielten doch so viel Fassung, daß sich keins verrieth. Sie schämte sich außerordentlich, in ihrer itzigen Qualität vor mir zu erscheinen, und war durch keine Bitten zu bewegen, daß sie sang: sie wandte einen Katharr vor. Die Neugierde und die räthselhafte Beschuldigung der Madam Düpont In diesem Bande, 21 . und 22. S. auf meiner Flucht von Dresden, daß ich die Ursache von 187 Vignali's Unglücke wäre, ließen mir keine Ruhe: ich suchte mit ihr in ein Nebenzimmer zu kommen, um mich nach ihrer Geschichte zu erkundigen: kaum hatte ich die erste Frage gethan, was sie hier mit mir zusammenbrächte, und zur Antwort erhalten – »das Unglück!« – so führte das Unglück schon ein Paar Fräulein zu uns, die während des Konzerts, dem sie beywohnten, so eine seltsame Zuneigung zu mir gefaßt hatten, daß sie mir auf allen Tritten nachgiengen: alle drey Minuten drückte mir die Eine die Hand und fragte mich: »Sind Sie mir nicht ein bischen gut?« – und die Andre erkundigte sich unaufhörlich, wie mir die Musik gefiele: die beiden zuthuenden Gänschen waren mir izt doppelt zur Last, weil sie die Befriedigung meiner Neugierde hinderten. Nach dem Konzert bat ich den Obersten um Erlaubniß, Vignali oder wie man sie izt nennen muß, Madam Dormer morgen zu besuchen. – »Nein,« antwortete er sehr ernsthaft, »das schickt sich nicht: Sie können ja eine Sängerin nicht besuchen. Sie kömmt sehr oft zu mir und arbeitet mit uns: 188 da werden Sie Gelegenheit genug haben, die Frau zu sprechen, wenn sie Ihnen gefällt.« – Sie arbeitet mit Ihnen! wie denn das? fragte ich. – »Gedulden Sie sich nur!« antwortete er lachend. »Sie sollen schon auch ein Geselle in meiner Werkstatt werden: aber erst muß ich Sie als Lehrbursch aufnehmen: das soll morgen geschehn; und wenn Sie sich gut anschicken, können Sie in acht Tagen schon Geselle seyn.« – Mehr wollte er mir vor der Hand nicht entdecken: daß die Leute doch die Ueberraschung so sehr lieben! Den folgenden Morgen gleich nach dem Frühstück wurde ich von ihm selbst in seine Werkstatt abgeholt: der tändelnde Mann band mir ein weißes Schurzfell um, mit rothem Bande eingefaßt, und wies mir meinen Platz auf einem Taburet an, wo ich zusehn sollte, um die Handgriffe und Geheimnisse seiner Kunst zu lernen: – »einen Stuhl mit der Lehne bekommen nur die Gesellen und Meister,« sezte er sehr wichtig hinzu. Ich erfuhr immer noch nicht, zu was für einer Kunst ich eingeweiht werden sollte, 189 und konte es auch nicht rathen; denn in dem ganzen engen Stübchen war nichts, woher ich Muthmaßungen nehmen konte, als alte grüne Tapeten, mit einem gräulichen Staube über und über bedeckt: woraus ich schloß, daß man entweder hier sehr lange nicht ausgefegt habe, oder daß es Staub bey der Arbeit gebe. Auf dem Tische lagen Stücken Bimstein, Leder und andre Sachen, und vorzüglich viel Staub. Als ich noch meinen Muthmaßungen nachhieng, trat ein Mann in blauem Rocke, rother Weste, gelben Beinkleidern und grauen wollnen Strümpfen herein, die verwirrte Perücke nicht zu vergessen – der Himmel weis, ob sie von Natur oder aus Mangel des Puders schwarz ist: – aber da sie sich seit unsrer ersten Bekanntschaft bis diese Stunde unveränderlich gleich geblieben ist, mag sie wohl natürlich schwarz, und vor Alter und Gram etwas rothgrau geworden seyn, besonders weil sie ihm nach aller Wahrscheinlichkeit auch zur Nachtmütze dient. Alle Kleidungsstücke waren in kläglichen Umständen, auf dem beschabten blauen Rocke lagen die groben 190 Grundfaden offen da, wie weißer Bindfaden, und die rothe Weste war mit großen und kleinen Flecken von mancherley Farbe, wie eine Landkarte, illuminirt. – »Da kömmt mein Altgesell,« sagte der Oberste, als der Mann mit einem »sehr schönen guten Morgen« hereintrat. Ohne im mindsten zu bemerken, daß eine fremde Figur in der Stube war, legte er sogleich seinen Hut hinter seinen Stuhl auf den Fußboden, sezte sich, zog eine Brille heraus, wischte sie an einem kleinen weißen Schnupftüchelchen rein, ohngefähr von der Größe, wie sie meine ehmalige Puppe, glorreichen Andenkens, an Sonn- und Festtagen zu brauchen pflegte: darauf stellte er die Brille mit vieler Accuratesse auf die Nase – da saß er, die Arme auf den Tisch gelegt! Es ist, wie ich hernach vom Obersten erfuhr, ein gewesener Apotheker, der den tollen Einfall gehabt hat, alle seine Büchsen in Gold verwandeln zu wollen; und da sie ihm, ungeachtet aller Mühe und Unkosten, den Gefallen nicht erzeigt haben, sondern gutes ehrliches Holz geblieben sind, wie es der liebe Gott erschuf und der Drechsler drehte, 191 so hat er sie versilbern, das heißt, für Silbergeld verkaufen müssen: – dieser Spas mit der Versilberung ist von dem Obersten, um seinen Witz in deine Bekanntschaft zu bringen. Von dieser Versilberung lebt er itzo, behilft sich elend und schlüge Jedermann ohne Ansehn der Person hinter die Ohren, der ihm die Kunst, alles in Gold zu verwandeln, nicht zugestehn wollte. Er ist dabey entsezlich gelehrt, daß mir mannichmal ganz schwarz vor den Augen wird, wenn er disputirt: griechische Wörter mit langen, langen Schwänzen, und noch viel mehr Latein, als Fräulein Hedwig, speyt er den Leuten, wie einen Hagelregen, an den Kopf: der Oberste weis zuweilen vor Angst nicht wohin, so übel bekömmt ihm die grausame Gelehrsamkeit des Mannes. Das war also der Altgesell en Skize – mit dem Mahler zu reden, der gestern eine Thüre bey uns anstrich. »Es ist doch wahr, daß ehegestern Nacht ein Geist bey der Mamsell – (ich weis nicht mehr, wie er sie nannte) gewesen ist,« fieng er an: »er hat eine glühende rothe Nase und an jeder Hand 192 sechs Finger gehabt.« – Ich mußte lachen: das nahm er übel, gab mir einen Verweis und erklärte mir, warum die Geister lieber zu den Mädchen als den Mannspersonen kämen. Ich habe seine langweilige Erklärung vergessen, aber soviel weis ich noch, daß seine Geister so gescheidt sind und sich lieben und heirathen, wie unser eins. Er bildet sich ein, daß er sie citiren kan, auch die Seelen der Lebendigen: ich nahm mir die Freiheit, mir die deinige zu einem tête-à-tête bey ihm zu bestellen: aber entweder hat der Mann seine Kunst verlernt, oder deine Seele ist zu fest an den Körper gewachsen; denn seitdem ich hier bin, muß ich alle Abende deinen Namen auf Papier schreiben, verbrennen und ihm die Asche überliefern, und er citirt, daß ihm der Angstschweis am Kopfe hereinströmt: aber die liebe Seele will nicht kommen. Er ist so unverschämt zudringlich, daß man sich seiner gottlosen Künste gar nicht erwehren kan, wenn man sich zum Spas einmal mit ihm einläßt: so geht es mir mit deiner armen Seele, so sehr ich ihn auch bitte, er soll sie in Ruhe lassen. 193 Der Oberste, der sich sonst um die Geisterangelegenheiten sehr gern bekümmert, aber seine Arbeit doch höher achtet, unterbrach den Altgesellen damals sehr bald in seiner Erklärung und befahl ihm kraft seiner Meistergewalt, nicht müßig zu gehn, sondern erst zu arbeiten und dann zu schwatzen. Indem der Geisterseher die Arbeit aus dem Tischkasten hervorsuchte, traf auch der Junggeselle ein, Madam Dormer: sie warf eilfertig ihre Saloppe ab, und gleich über die Arbeit! – Es ist doch wahrhaftig das verschmizteste Weib auf der Erde: weil sie weis, daß man sich durch solchen Eifer bey dem Obersten überaus beliebt machen kan, thut sie so geschäftig und behandelt alles mit einer solchen Wichtigkeit, als wenn von der Spielerey dieser drey Leute die Wohlfahrt des ganzen teutschen Reichs abhienge. – »Nunmehr,« fieng der Oberste sehr gravitätisch an, was er gewöhnlich gar nicht ist, und wandte sich zu mir, – »nunmehr will ich Ihnen die Geheimnisse unsrer Kunst offenbaren. Sie sehn hier in meinen Händen einen gräulichen Stein, Dendrit genannt: in diesen Stein hat die Natur alles gezeichnet, was auf der Welt ist, Menschen, Thiere, Bäume, Häuser, Landschaften, Städte, Armeen, ganze Feldzüge und Schlachten.« – »Aber«, nahm der Goldmacher das Wort, »wie die Natur überhaupt alle ihre Schätze tief verborgen hat, damit sie des Menschen ingenium und Fleis hervorsuche und herausziehe, wie par Exempel das Gold, welches in allen, auch den verächtlichsten Materien enthalten ist: wir essen es im Brodte, wir tragen es in unsern Kleidern auf dem Leibe, (wobey er auf seinen kahlen blauen Rock wies) wir treten es auf unsern schmuzigen Gassen mit Füßen, die Magd kehrt es mit dem Besen aus der Stube, wir haben es in uns, in Blut und Eingeweiden: nun muß des Menschen Fleis und Geschicklichkeit aus allen diesen Goldgruben jenes köstliche Element heraussuchen und aus den verächtlichen Materien gleichsam herausziehen« – »Nicht so weitläuftig, Altgesell!« unterbrach ihn der Oberste. »Sehn Sie, Rikchen!« sprach er darauf in seinem alltäglichen Tone zu nur: »wir reiben und poliren die Steine so lang, bis die 195 vortreflichen Zeichnungen, die die Natur hineingelegt hat, zum Vorschein kommen.« – »Das ist,« hub der Goldmacher wieder an, »das ist par Exempel just wie mit einer sympathetischen Tinte – Sie wissen doch, was eine sympathetische Tinte ist?« fragte er mich und sagte mir einige Recepte, sie zu verfertigen: aber er kam nicht weit mit seinen Recepten; denn der Oberste schrie – »Gearbeitet! gearbeitet, Altgesell! und dann geschwazt!« – Sogleich wandte er sich wieder zu mir und versprach mir eine Probe von diesen Wunderzeichnungen der Natur zu weisen. Er holte einen großen Kasten herbey, worinne eine Menge polirte Dendriten nach der Ordnung lagen, wie die Geschichten erfoderten, die er sich darauf vorstellte. – »Sehen Sie!« begann er: »das ist der Einfall des itzo allergnädigst regierenden Königs von Preußen in Schlesien anno  40: – das hier ist die Schlacht bey Molwiz, wo mich eine Kugel am Arme streifte: Sie können das sehr deutlich sehen. Hier steht unser Bataillon; hier steh' ich als Lieutenant, und hier kommt die 196 verfluchte Flintenkugel und fährt mir so dicht am Arme hin, daß sie mir ein Stück Haut wegnimmt.«– Ich sahe auf dem Steine nichts als schwarze Punkte, die wohl Bäumen, aber keinen Soldaten ähnlich waren: allein aus Gefälligkeit sah ich alles, was er darauf erblickte. – »Das hier,« fuhr er fort, »ist die Aktion bey Hennersdorf, wo ich meinen Hut verlor und eine Kugel ins linke Schulterblatt kriegte: ich bin zweimal darauf: hier fällt mein Hut, und hier kömmt die Kugel: sehn Sie! es ist alles deutlich.« – Der Goldmacher schüttelte den Kopf. »Halten Sie mir zu Gnaden,« fieng er an: »mit der Aktion bey Hennersdorf ist es nicht richtig. Ich setze Leib und Leben zum Unterpfande, Sie irren sich. Es ist die Geschichte Lutheri , wie er dem Teufel das Tintenfaß an den Kopf wirft: das fliegende Tintenfaß sehn Sie für eine Flintenkugel an, und die Tinte, die hier dem Teufel vom Kopfe läuft, halten Sie für den Hut, der Ihnen bey Hennersdorf vom Kopfe fiel« – Der Oberste. Und was Sie für den Teufel ansehn, das bin ich? – Sie müssen behext 197 seyn oder den Stahr haben, wenn Sie mich hier nicht erkennen wollen. Sacre-papier! sieht mich für den Teufel an! Der Apotheker. Ich sterbe darauf. Sehn Sie hier nicht deutlich die Hörner, den Schwanz und die Pferdefüße? Der Oberste. Sacre-papier! das ist mein Tupé, mein Degen und die Vorderfüße von meinem Pferde. Sie sind ja sonst nicht so tumm, daß Sie das nicht begreifen können. Der Apotheker. Herr Oberster, ich will in der Minute des Todes seyn, wenn ich nicht Recht habe. Mit Ihrer Schlacht bey Molwiz ist es nicht anders. Das bin ich, als ich den lezten Versuch machte, der mich ins Unglück brachte. Das reine Gold war schon da: gleich kömmt ein Bergmännchen (eine Art von seinen Geistern) und giebt mir eine Ohrfeige, daß ich die ganze köstliche Materie vor Schrecken zusammenwerfe: dort lagen alle meine Reichthümer! Sehn Sie hier nicht das Bergmännchen ganz deutlich, so natürlich, wie es damals vor meinen Augen stund? 198 Der Oberste. Der verfluchte Goldmacher! Nun sieht er mich auch noch für ein Bergmännchen an! – Wofür wird er mich nun hier auf dieser Platte ansehn? Bin ich das nicht, wie ich vor zwey Jahren meine Soldaten auf der großen Wiese manövriren ließ? Sieht Er hier nicht deutlich die zwey Divisionen, die ich machen ließ? Der Apotheker. Nein, das sind die sieben thörichten und sieben klugen Jungfrauen aus dem Evangelio, und was Sie für Ihre eigne Person halten, ist der Bräutigam, der ihnen entgegenkömmt. Der Oberste. Altgesell! Er ist ein Narr. Sacre-papier! Da wird sich wohl die Natur die Mühe geben und ihm seine sieben thörichten Jungfern auf die Steine mahlen. Gearbeitet! damit wir etwas vor uns bringen. – »Ach,« fieng Madam Dormer an, »was Sie für die Schlacht bey Molwiz halten, ist der natürliche Thiergarten bey Berlin: hier ist die Jägerhütte, in welche zwey Verliebte gehen, um die Brautnacht darinne zu feyern.« – Ich 199 glaubte, ein Bergmännchen gäbe mir eine Ohrfeige, wie dem Apotheker, als die Frau den heimtückischen Einfall sagte: ob ihn gleich Niemand außer uns Beiden verstund, wußte ich doch vor Verlegenheit nicht, wo ich mich hinwenden sollte. Sie ist immer noch die vorige freundlich-hämische Vignali: aber ich muß ihr schmeicheln, damit sie meine Geschichte nicht verräth und es bey solchen tückischen Neckereyen bewenden läßt, die sie auch nicht spart. Ich konte meine Neubegierde nach ihrem Unglücke nicht eher befriedigen als Nachmittags, wo der Oberste mit dem Apotheker ausgieng, um der Sektion eines Frosches beyzuwohnen, die einer ihrer Bekannten ihnen schon lange versprochen hatte. Madam Dormer empfieng Befehl, daß sie mich unterdessen in den Handgriffen, Dendriten zu poliren, unterrichten sollte: aber wir wandten die Zeit besser an. Auch sie gab mir die Schuld, daß sich der Herr von Troppau mit ihr entzweyt hatte: ich fragte sie voll Verwunderung, wie das möglich wäre. – »Troppau,« antwortete sie mir, »hatte in Erfahrung 200 gebracht, daß Sie nebst Ihrem Liebhaber durch meinen Vorschub entkommen waren: er beschwerte sich mit den bittersten Anzüglichkeiten darüber Madam Dormer wischt hier sehr fein über die Ursache hinweg, warum der Herr von Troppau so aufgebracht war, daß sie Ulrikens Flucht aus Berlin bewerkstelligt hatte. Er merkte schon lange vorher, daß sie seine Vermählung mit der Baronesse nicht nur ungern sah, sondern, unter dem Schein sie zu befördern, zu hintertreiben suchte. Seine betrogne Liebe machte ihn also so wütend und bitter gegen Vignali, die so trotzig war, daß sie ihm nicht einmal auf sein Verlangen den Ort sagte, wohin sich Ulrike gewandt hatte. Er gab sich hernach noch viele Mühe ihn auszukundschaften; allein da alles vergebens war, vermählte er sich ein Jahr darauf mit einem andern Fräulein und führte, so viel man weis, eine vergnügte Ehe. Er sagte der Madam Dormer bey dem Zanke, dessen sie in ihrer Erzählung erwähnt, geradezu ins Gesicht, daß er argwohne, sie habe Ulriken belogen und Schrecken oder Furcht angewandt, um sie aus Berlin zu bringen. »Sie glauben,« sagte er, »daß ich Sie nicht mehr lieben werde, wenn ich vermählt bin: meine Liebe hätte so bald nicht aufgehört, aber Ihr falsches hinterlistiges Verfahren, Ihre schändliche Verstellung hat sie ausgelöscht. Ich liebe sie nicht mehr.« und schalt mich förmlich aus. Ein so 201 ungewohnter Ton verdroß mich, besonders da er mir mit der ärgsten Beleidigung sagte, daß ich ihm einen Gefallen gethan hätte, wenn ich mit Ihnen gereist wäre. Ich verließ mich ein wenig zu sehr auf seine vorige Liebe und meine Gewalt über ihn, und antwortete ihm im Zorne, daß es noch Zeit wäre, wenn seine erkaltete Liebe eine Trennung wünschte. Ein Wort führte das andre herbey, und wir sagten einander alle Gemeinschaft und Liebe auf. Ich bildete mir närrischer Weise ein, daß der Mann nicht ohne mich leben könte, und hofte jeden Augenblick, daß er den ersten Schritt zur Versöhnung thun würde; aber die Männer sind ein gottloses Geschlecht: so lange das Vergnügen neu ist, das wir ihnen geben, sind sie unsere Sklaven; aber wenn die Sättigung sich einstellt, oder ein neueres Vergnügen winkt, dann werden sie wilde Bäre, die alle Banden zerreißen, wenn man sie auch nur mit einem Zwirnfaden regieren will. Ich merkte wohl bald, daß ich eine Uebereilung begangen hatte, und bot auch von fern die Hand zur Versöhnung: sein Herz war ohne Rückkehr 202 verloren. Ich bekam die Pension, die er mir auf den Fall einer Trennung ausgesezt hatte, richtig ausgezahlt: aber was half mir das? Meinen vorigen Aufwand konte ich nicht fortsetzen: alle meine Freunde verließen mich: nachdem ich so lange stolz gefahren war, sollte ich nunmehr demüthig zu Fuße gehn: Berlin wurde mir verhaßt, und ich wünschte eine Gelegenheit, die Stadt zu verlassen, wo ich so tief unter mir selbst gesunken war. Von ohngefähr bringt einer meiner vorigen Freunde, der mich allein im Unglücke nicht vergessen hatte, den jungen Dormer, meinen itzigen Mann, in meine Bekantschaft: er kam damals von Reisen aus Italien und suchte bey der Kapelle eines teutschen Hofs anzukommen. Er besuchte mich oft, und aus Verzweiflung und Verdruß verliebte ich mich in ihn: er that mir einen Heirathsantrag, und aus Verzweiflung und Verdruß nahm ich ihn an. Die Pension, die mir Troppau nur so lange versprochen hatte, bis ich mich verheirathen würde, fiel freilich nunmehr weg: aber das kränkte mich nicht sonderlich; denn ich mochte dem Manne, der meine Liebe mit solchem Undanke 203 belohnte, nicht gern die Verbindlichkeit meiner Erhaltung schuldig seyn. Ich verkaufte mein Haus und verließ mit meinem Manne Berlin, wo ich durch die Blindheit der Mannspersonen so hoch gestiegen, und durch ihre Treulosigkeit so tief gefallen war. Wir zogen herum und konten an keinem Hofe unser Unterkommen finden. Mein Mann war an ein verschwenderisches wüstes Leben gewohnt, oder gewöhnte sich daran, als er mich und meine Paar tausend Thaler in seiner Gewalt sah: alle meine Vorstellungen, alle meine Klugheit vermochte nichts über den Wildfang, der Schulden auf Schulden häufte und mich mishandelte, wenn ich sie nicht bezahlte. So wurde mein kleines Vermögen innerhalb eines Jahres durchgebracht, und weil keine andre Rettung übrig war, gesellten wir uns zu einer herumziehenden teutschen Schauspielergesellschaft. Ich mag die Schande nicht aufdecken und Ihnen die nächste Ursache sagen, warum mein Mann diese Partie ergriff: ich war so thöricht, ihn wirklich zu lieben, und dachte, ihn von seiner Untreue zurückzubringen: deswegen 204 willigte ich in seinen tollen Entschluß. Ich hatte mein bischen Musik seit meiner Verheirathung wieder hervorgesucht und meine Kehle so ziemlich wieder geübt. Die ganze Truppe bestund aus trägen frostigen steifen Figuren, aus Leuten ohne Erziehung und Sitten, die aus Markis, Grafen und Baronen Schuhflicker machten und alle Rollen so spielten, als wenn der Dichter ihre eigne elende Person hätte schildern wollen: unsre Stutzer waren Hanswürste, denen nichts als die Pritsche fehlte, und unsre Könige saßen auf ihren glanzleinewandnen Thronen, wie auf Nachtstühlen, und schrien und lärmten, als wenn die Dyssenterie in ihren Eingeweiden wütete. Wir spielten meistens Trauerspiele, und wenn einmal einer von den Helden böse oder eifersüchtig wurde, dann blökte er, als wenn ihn der Satan bey den Haaren zauste, und die Uebrigen stunden um ihn herum, wie Schafe, die der Wolf fressen will. Ich konte sehr wenig teutsch, ob ich mir gleich Mühe gab, es zu lernen: mein Hals wollte sich an die rauhen Töne gar nicht gewöhnen; aber das 205 schadete nichts: mein Mann oder der Direktor der Gesellschaft sagte mir meine Rollen vor, und ich lernte die Worte auswendig, ohne viel davon zu verstehen. Ich beschwerte mich zwar oft darüber, daß ich niemals verstünde, was ich sagen müßte: allein man versicherte mich, daß es den Uebrigen allen nicht besser gienge, und daß darauf auch nicht viel ankäme. An dieser Stelle müssen Sie zornig thun, an jener verliebt; hier weinen, dort lachen; hier sauer, dort süß aussehen – das war mein ganzer Unterricht; und weiter brauchte ich nichts, um die größten Rollen mit Beifall zu spielen. Ich habe gefochten mit Händen und Füßen, wie eine Beseßne, und geschrien, daß mir die Aerzte ein Lungengeschwüre prophezeihten; denn das hatte mir der Direktor vorzüglich zu thun empfohlen. Es gieng alles nach Wunsch: doch in einer barbarischen Rolle sollte ich so viele R schnurren, daß mir die Ohren sausten: ich bekam mitten in der Rolle von dem verwünschten Schnurren der vielen R einen erstickenden Husten, daß ich sehr schwach sprechen mußte: dies verursachte meinen gänzlichen Fall 206 in der Gunst des Publikums. Seitdem sang ich italiänische Arien zwischen den Akten und schwang mich dadurch so sehr wieder in die Höhe, daß die Zuschauer wünschten, das ganze Schauspiel möchte aus italiänischen Arien bestehen. Weil mein Einfall dem Direktor viel Geld einbrachte, spielte er alle Stücke mit italiänischen Arien, und Zaire, als sie den tödtlichen Stich empfangen hatte, starb mit einer italiänischen Bravourarie, die ich hinter der Scene sang, weil die sterbende Zaire nicht singen konte. Die Begierde, Arien zu hören, wurde zu so rasender Wuth, daß zulezt die Lampenputzer nicht anders als singend die Lampen putzen durften. Ein so allgemeiner Beifall erregte den Neid und die Verfolgung der ganzen Trauerspielbande wider mich; denn mit Einer italiänischen Arie sang ich alle die bärbeißigen Mörder darnieder: man kränkte und plagte mich so gewaltig, daß ich nebst meinem Manne die Gesellschaft verließ. Wir giengen noch einige Zeit in der Irre herum, ließen uns an unterschiedlichen Höfen hören und wurden endlich an dem hiesigen angenommen, 207 wo ich Gott sey Dank! die größte Sängerin in Europa bin.« – So ohngefähr erzählte sie mir: ich habe, so viel ich konte, ihre eignen Worte beybehalten; aber du weißt, wie sie erzählt: man kan es ihr unmöglich nachthun. Laß dir besonders ihren theatralischen Lebenslauf noch einmal von ihr selbst erzählen, wenn du zu uns kömst: sie hat mir ihn fast alle Tage wiederholen müssen: der Frau möchte man Tag und Nacht zuhören, so bezaubernd spricht sie. Sie hat hier schon Jedermann eingenommen, und mischt sich in alles. Es ist zwar etlichemal übel für sie abgelaufen, daß sie ihre Hand bey Sachen im Spiele haben will, um welche sich eine Sängerin nicht bekümmern darf: allein sie kan ihren Vorwitz nicht lassen und ohne Intrigue nicht leben: daher bringt sie Dinge zu Stande, die man für unmöglich hält, und sogar bey Leuten, die auf sie zürnen, daß sie sich mit Angelegenheiten abgiebt, die nicht für sie gehören: besonders bey der Fürstin steht sie in großer Gnade. Sie erkundigte sich sehr nach dir, oder, wie 208 sie dich nennt, nach meinem Adonis. Ich habe sie um dieses Ausdrucks willen wieder recht lieb gewonnen: sie ist gewiß eine unvergleichliche Frau, und gar im mindsten nicht so hämisch und tückisch, wie wir geglaubt haben; oder wie es zuweilen scheint. – Mein Adonis? antwortete ich und küßte ihr die Hand: sie lachte über den respektvollen Kuß, und ich weis selber nicht, wie ich auf den sonderbaren Einfall kam. – Mein Adonis, sagte ich, lebt, aller Welt abgestorben, in philosophischer Einsamkeit auf dem Lande. – »Wirklich?« rief sie und lachte. »Der Mensch hat mannichmal wunderliche Grillen: bey mir in Berlin bekam er auch zuweilen seinen philosophischen Koller: wenn er nicht beständig unter der scharfen Zucht einer Frau oder eines Mädchens steht, so verdirbt er gleich. Im zwey und zwanzigsten der Welt abzusterben! wenn alles so hurtig mit dem Menschen geht, so ist er im fünfundzwanzigsten begraben, und im dreißigsten schon kanonisirt: er soll mein Patron werden, wenn ich noch so lange lebe. Wollen Sie ihn kommen lassen?« – Ich antwortete mit einem 209 tiefen Seufzer. – »Der Seufzer heißt: Ja, ich möchte wohl, aber ich kan nicht,« sprach sie lächelnd. »Lassen Sie ihn kommen! er soll bey mir wohnen und speisen, wenn er mit mir und meinem Manne vorlieb nehmen will. Sollte man ihn denn nicht irgendwo unterbringen können?« – Sie sann herum. »Bravo!« fieng sie wieder an. »Sie haben wohl noch nichts von dem Präsidenten Lemhoff gehört? Man nennt ihn hier den kleinen Fürsten, weil er im Grunde das ganze Land nach seinem Gefallen regiert. Das nächstemal, wenn ich bey ihm singe, will ich ihm weißmachen, daß er einen Sekretär braucht, und daß er an dem Schreiber, den er itzo hält, nicht genug hat. Was wetten Sie? er soll mirs glauben, und Herrmann sein Sekretär werden, so bald er bey uns ist. Machen Sie indessen einen Brief an ihn fertig, geben Sie mir seine Adresse, ich will die Aufschrift machen und ihn durch einen Expressen in meinem Namen bestellen.« – Mein Brief ist bis hieher fertig: mit welchen Aussichten oder Hofnungen ich ihn schließen 210 werde, hängt von der Antwort der Madam Dormer ab. Ich will von Zeit zu Zeit das Merkwürdigste, was mir begegnet, hinzusetzen. * * * den 29 August. Gestern bin ich der Fürstin vorgestellt worden: sie empfieng mich überaus gnädig, aber beinahe wäre ich aus aller Fassung gerathen. Sie fragte mich, ob ich die Dormerin kente, und ich einfältiges Geschöpf bilde mir ein, daß sie diese Frage nicht thun kan, ohne meine Berliner Bekanntschaft mit dieser Frau und meine ganze Geschichte zu wissen. Ich stammelte ein erschrocknes Ja und fürchtete jeden Augenblick, daß sie mich auch fragen würde, ob ich nicht einen gewissen Herrmann liebte. Sie sah mich lange mit Verwunderung an: nach meiner Empfindung zu urtheilen, mochte sie auch Ursache zur Verwunderung haben; denn meine Mine muß in dem Augenblicke entsezlich albern und furchtsam gewesen seyn. Indem wir einander so stumm ansahen, trat der Fürst ins Zimmer: die Fürstin präsentirte mich ihm: er sah mir steif 211 und unbeweglich in die Augen, als wenn er mich durchbohren wollte. – »Das Mädchen sieht sehr verliebt aus,« sprach er halb leise zur Fürstin: sie lächelte, und ich glaubte vor Schrecken, der Himmel läge auf mir. Sie that noch ein Paar Fragen und ließ mich von sich. Ich habe bey dieser Gelegenheit nachher die Bekantschaft ihrer beiden Hofdamen gemacht: zwo herzlich gute Seelen sind es: sie liebkosten und küßten mich, und freuten sich ungemein, daß sie Hofnung hätten, mich zu ihrer Gefährtin zu bekommen. Die Eine ist überaus aufgeräumt, aber sie muß sich gern über alles aufhalten: diese Neigung leuchtet aus allen ihren Reden und Minen hervor. Die Andre scheint mir ziemlich alt und schwächlich, aber sie ist gleichfalls sehr munter: Beide gehn so vertraut und freundschaftlich mit mir um, daß ich sie ungemein liebe. Ich begreife gar nicht, warum man den Hof beständig so gefährlich, so voller Zwang, Haß, Neid und Verfolgung beschreibt: ich habe mir ihn wegen dieser Beschreibungen ganz anders vorgestellt, als ich ihn finde. Die Großen dachte 212 ich mir tausendmal ceremoniöser, stolzer und einsylbiger, als meinen Onkel, den Grafen: weit gefehlt! so herablassend, so mild, so freundlich ist mein Onkel in seinem ganzen Leben nicht Eine Minute, als Fürst und Fürstin täglich und gegen Jedermann sind. Das Schloß des Grafen war ein leibhaftes Zuchthaus; jeden Tritt, jede Mine, jedes Wort mußte man abmessen, und Jedermann gieng dem Andern aus dem Wege: hier lebt man so frey, so ungezwungen, ohne alle langweilige Komplimente und steife Grimassen. Bey meinem Onkel sahen die Leute alle so mürrisch, verdrießlich und so bitter und böse, wie erboßte Meerkatzen aus: hier lacht Freundlichkeit, Vergnügen und Freundschaft aus allen Gesichtern: die Leute scheinen sich alle so herzlich gut zu seyn, wie Brüder und Schwestern. Du hast mir so ein wunderliches Mistrauen gegen die Menschen beygebracht, daß ich immer bey mir zweifle, ob es ihnen auch von Herzen geht, wenn sie mir so gütig und freundlich begegnen: aber ich zwinge mich alle Tage mehr, das unglückliche Mistrauen zu verlieren. Einbildungen, 213 nichts als schwarze Einbildungen sind es, die man sich bey übler Laune oder im Unglücke macht! In Berlin schrieb ich der Vignali unsre Zwistigkeit zu, glaubte, daß sie mich verfolgte und von dir trennen wollte, und hielt sie für so hämisch und tückisch und falsch, wie ein Tigerthier; und es ist doch die beste Frau von der Welt, die sich izt so lebhaft für dich und mich interessirt, wie eine Mutter für ihre Kinder: sie läuft und rennt unsertwegen herum und spricht allenthalben Gutes von mir. So mag es dir in den meisten Fällen auch gehen: du bürdest die Schuld deiner übeln Laune und deines Unglücks den armen Menschen auf die Schultern. Komm nur zu uns! du wirst mir gewiß beypflichten. Wenn einmal in einer trüben Stunde Jemand, der dir vorher schmeichelte, aus Versehen an dich stößt, so hältst du ihn gleich für falsch: ich mach' es nicht besser, und ich schäme mich zuweilen vor mir selbst, daß ich so argwöhnisch bin. Ich liebe die Leute alle, daß ich jeden gern in mein Herz schließen möchte, und mitten unter der Liebe ist mir beständig, als wenn ich 214 ihnen nicht recht trauen dürfte; aber ich will mir die Unart schon abgewöhnen. * * * den 12 Sept. Endlich, nach vielen Tagen und Wochen kömmt Madam Dormer mit einer erwünschten Nachricht. »Setzen Sie sich!« sagt sie mir eben izt. »Ich will Ihnen den Brief diktiren, damit Ihr Herrmann sieht, wie gelehrt ich indessen in der teutschen Sprache geworden bin.« – Das wird ein sauberes Briefchen werden: ich schreibe buchstäblich, wie sie mir es vorsagt. – »Komm Sie su uns, Monsieur Erman! Sie soll werde eine Sekretär bey die Herr von Lemhoff: Sie mir hat gegebet seine Wort. (Er hat mir sein Wort gegeben, wollen Sie sagen, meine hochgelehrte Dame.) Er liebet sehr die Gimpel, Vous-même, tant mieux pour Vous – Non, non, raïez celà. Ich will sage teutsch. – Wenn Sie kan werde ein Gimpel Sie selbst, der Herr Prasident sie nehmet 215 lieber in Dienst. Kaufe Sie ein Gimpel, der wohl peifet – (pfeift, wollen Sie sagen.) Quel diable de mot! säuft? – (Nein, nein, das heißt boire .) – Mais je ne veux pas dire celà. keift? – (Eben so wenig, das heißt gronder .) – Eh, mon Dieu, comment se peut-il donc qu'un oiseau gronde? – (Sie wollen sagen, pfeift.) – Eh bien, feif ou säuf, comme il Vous plaira. Ecrivez! – Kaufe Sie ein Gimpel, der wohl peift, und machet daraus ein Present dem Mr. le President : kaufe Sie auch ein Paar – attendez! comment est ce que celà s'appelle en allemand? des tourterelles. – (Turteltauben!) – Ecrivez donc! Turteltauben. Das wird Sie legen in die bonnes graces von Herr President ; und wenn die Purzeltauben – que riez-Vous? – Wenn die Gimpel wohl singet und die Buttertauben – Mais qu'avez-Vous donc? – Wenn die tourterelles wohl lachet, der Herr President lachet und säufet mit sie. (pfeifet mit ihnen.) Sie soll logir – comment dit-on? mit ou zu Madam Dommer? Mon 216 Dieu, Vous Vous etouffez de rire. Comment faut il donc dire? – (Bey Madam Dormer. Sie können Ihren eignen Namen nicht einmal aussprechen.)– Madam Donner? – (Dormer! ) – Ne me chicanez pas; ce n'est pas le nom de mon mari. Allons, finissons la lettre. – Adieu, meine liebe Herr Ermann. Madame Vignali, si Vous la connoissez, Vous donne sa benediction.  – Heut Aben um acht Uhr schick Sie mir den Brief, Mademoiselle , oder noch besser, ich will kommen holen.« * * * Nun noch ein Paar gescheidte Worte unter uns, eh' es achte schlägt! Also kömmst du? – denn was sollst du allein in der kümmerlichen traurigen Bauerhütte anfangen? Glaube mir, unter den Leuten in der Stadt und am Hofe ist es tausendmal besser als unter deinen Bauern: wenn wir uns nicht so sehr geliebt hätten, so wären wir im ersten Jahre vor Langerweile gestorben; und an unsern Kummer in der lezten Zeit mag ich herzlich gern 217 nicht denken. Nunmehr danke ichs den Leuten, die mich aus der Jammerhöle herausgestolen haben: sie wollten mir einen recht übeln Streich spielen und thaten mir die größte Wohlthat. Das neue angenehme Leben hier und die muntre Gesellschaft und die guten Leute, die mich alle so herzlich lieben, daß ich zuweilen recht verlegen bin, wie ich sie genug wieder lieben soll – alles das hat deine Ulrike so munter, so frölich gemacht, daß man denken sollte, es fehlte mir nichts; und doch fehlt mir alles – Du! Leider! müssen wir einmal wieder fremd gegen einander thun, wenn du zu uns kömst! Es ist doch etwas unglückliches in der Welt, daß man nie eine Freude ganz genießen kan: immer darf man nur auf den Raub kosten und muß dabey sich umsehn, ob es Jemand gewahr wird. Madam Dormer wird dich im Poliren der Dendriten unterrichten und bey dem Obersten bekannt machen: und dann wirst du mein Mitgeselle: was kan erwünschter seyn? Es ist mir zwar nicht recht, daß du bey der Dormerin wohnen sollst: die verführerische Frau – Schon wieder 218 Mistrauen? und ich hab' es doch ganz aus mir verbannen wollen! Nein, du sollst bey ihr wohnen; und wenn ich nur Ein mistrauisches Wort wieder äußre, so strafe mich! Du sollst um und mit mir leben: wie ich stolz seyn will, wenn dir Liebe und Achtung von allen Seiten entgegenkömmt! Die guten Leute, die ich hier kenne, werden dich zu ihrem Abgotte machen; und wie das wohl thun muß, wenn man statt des Hasses und der Verfolgung endlich einmal Liebe und Freundschaft findet! als wenn man aus der tiefsten Finsterniß ans helle Tageslicht kömmt! Ich möchte jedermann küssen, der mir nur zu Gesichte kömmt, seitdem mir Madam Dormer die glückliche Nachricht gebracht hat, daß dich der Präsident annehmen will. Es muß ein vortreflicher Mann seyn, der Präsident: die Leute sprechen zwar nicht gut von ihm, aber die Leute sind nicht gescheidt. Zu Fuße möcht' ich ihm fallen, so viele Hochachtung und Ehrfurcht fühle ich für den göttlichen Mann; und Madam Dormer! – mein Herze hüpft ihr entgegen, wenn ich nur ihren Namen denke: dem Obersten möcht' 219 ich um den Hals fliegen, und selbst den Apotheker hab' ich so liebgewonnen, daß er mir viel hübscher vorkömmt als sonst. O welche Wonne, unter so braven Leuten zu wohnen, die man lieben kan! und wenn nun vollends der bravste, der schönste, der beste unter allen, mein kleiner Abgott dabey seyn wird – o dann brauchen wir gar nicht erst zu sterben, um in den Himmel zu kommen: wo man alle Menschen liebt und von allen geliebt wird, da ist er. Komm! fliege! in diesem Himmel erwartet dich Deine glückliche Ulrike           Drittes Kapitel. Herrmann wurde weniger durch den Ton dieses Briefes aufgeheitert, als in dem Entschlusse, Ulriken zu meiden, befestigt: er wußte sie glücklich, oder doch solchen Umständen nahe, die sie vor Noth und Bekümmerniß schüzten: was verlangte er weiter zu seiner Ruhe? – Er hatte in keiner gesezmäßigen Ehe mit ihr gelebt; nur wenige Personen wußten um das Geheimniß ihrer Niederkunft; der Zeuge, der es offenbaren konte, war nicht mehr am Leben: was hinderte also eine Trennung, wenn Ulrikens Glück sie foderte? – Die bisherigen Schicksale hatten seiner Vernunft die Augen geöfnet und so sehr emporgeholfen, daß die Liebe zwar zuweilen wider sie murrte, aber doch nicht mehr allein das Wort in seiner Seele führte; er liebte also Ulriken mehr mit Verstande als Leidenschaft, und das Verlangen nach ihrem Besitze war dem Wunsche für ihr Wohlseyn untergeordnet; er sah deutlicher, als jemals, ein, daß sie dies Wohlseyn 221 von jeder Hand eher als von der seinigen empfangen konte: wenn mußte ihm also eine Trennung weniger schwer werden als izt? Nächstdem hatte sich in der Kummerperiode seiner Oekonomie und in den sechs Wochen seines Wittwerstandes der Ehrgeiz wieder bey ihm emporgearbeitet: er fühlte, daß seine Kräfte weit über alles waren, was er bisher that und unternahm: Vergnügen, Spiel, Liebe füllten seine Thätigkeit nicht ganz aus. Er selbst war bey allen bisherigen Entwürfen, Empfindungen und Handlungen das lezte Ziel gewesen; und gleichwohl hatten die Beispiele großer berühmter Männer, und die darauf gestüzten Grundsätze, die ihm Schwinger in seiner ersten Jugend vorlegte, ihn eine weitere Sphäre kennen gelehrt, wo man Wirkung außer sich verbreitet, wo für den Vortheil Andrer durch unsre Thätigkeit etwas entsteht, wo nicht blos zwey oder drey Menschen erkennen und empfinden, daß wir da sind, sondern tausend und mehrere den Einfluß unsers Daseyns fühlen. – Er hatte bis in sein sechszehntes Jahr den Grafen Ohlau als 222 die Seele eines ganzen Hauses Befehle austheilen und Anordnungen machen sehen: wie sollte sich in seinen thätigen Geist nicht die Begierde zu herrschen eindrücken? die Begierde, andre Menschen, wo nicht nach seiner Vorschrift, doch wenigstens nach seinem Muster denken, empfinden, reden, handeln zu sehn? – Die Pracht des Grafen, seine Gewohnheit, alles mit Feyerlichkeit oder Aufsehen zu thun, theilte der richtiger gestimmten Seele des jungen Herrmanns zwar nicht die Liebe zur Kleiderpracht, zu schönen Equipagen, wohlbesezten Tafeln und ähnlichen Herrlichkeiten mit, aber doch das Verlangen, durch seine Handlungen Aufmerksamkeit und Bewunderung zu erregen. – Die Wichtigkeit, womit ihn die Gräfin anfangs behandelte, erweckte und nährte in ihm die eigne Idee von seiner Wichtigkeit; und da ihn in der Folge wegen seiner geringen Umstände Niemand wichtig finden wollte, so wuchs der Wunsch, es zu werden, desto mehr in ihm. Der Mangel an Vermögen und Geburt ließ es ihm gar nicht einkommen, alle diese Wünsche und Begierden auf die 223 nämliche Weise, wie der Graf Ohlau, befriedigen zu wollen: halb aus Neid sezte er die Weise, wie sie der Graf befriedigte, sogar bey sich herab: er wurde also nothwendig nach den Dingen hingetrieben, die Schwinger seiner Ehrbegierde vorhielt, nach guten edlen nüzlichen Handlungen: die Spiele seiner ersten Jahre mit den römischen und griechischen Gypsköpfen, wo er so viele politische Anordnungen und Staatsgeschäfte besorgte, bestimmten gewissermaßen die Art der guten und nüzlichen Handlungen, das Feld, wo er glänzen wollte. Die Verachtung, worinne er nach dem vorübergerauschten Taumel der hochgräflichen Gewogenheit seine Jugendjahre zubrachte, gab ihm immer mehr Geringschätzung der äußerlichen Vorzüge, und seiner Ehrbegierde immer mehr die Richtung, die sie bereits anders woher empfangen hatte. Die republikanischen Ideen, die er aus seiner Lektüre in seinen Gypssenat übertrug und seiner Fantasie so geläufig machte, daß er mit der lebhaftesten Theilnehmung Empörungen dämpfte, Rebellen züchtigte, Geseze vortrug und verwarf – diese 224 beständige Wachsamkeit über Angelegenheiten eines so großen Körpers, wie das römische Volk; die Handlungen der Antonine, der Titus, der Marc Aurele, die halbe Welten beglückten – alle diese Ideen erweiterten immer mehr den Zirkel, den die Imagination seiner Thätigkeit vorzeichnete. Seine so erzeugte, so gebildete, so gelenkte, so gestärkte Ehrbegierde mußte unter den Schicksalen, die ihn nach seiner Entfernung von des Grafen Schlosse trafen, unaufhörliche Neckereyen ausstehen: bald rief sie ein günstiger Sonnenblick aus ihrem Winkel hervor, und gleich mußte sie vor einem Unglück oder einer andern Leidenschaft wieder zurückkriechen: durch solche unaufhörliche Krisen wurde sie mitten unter der Herrschaft der Liebe und des Vergnügens wach und munter erhalten. Izt waren die Begeistrungsscenen der Liebe fast alle durchlaufen: er wußte, wie viel Wahres und wie viel Einbildung in ihren Freuden ist: Noth und Verlegenheit hatten ihn das Verhältniß ihrer Täuschungen zu der wirklichen Welt außer ihm gelehrt: was war natürlicher, als 225 daß die Ehrbegierde, die bisher nur als Dienerin und allein zum Besten der Liebe gearbeitet hatte, sich itzo nach gemindertem Widerstande zur Selbstherrscherin in seiner Seele erhob und die Liebe unter sich erniedrigte? – Man kan nicht entschloßner seyn, als er es unmittelbar nach der Durchlesung jenes Briefes war, dem Rufe, den er enthielt, nicht zu folgen. Sonderbar, daß izt die Liebe dem Ehrgeize so hülfreich die Hände bot, als der Ehrgeiz vorher der Liebe gedient hatte! Der nämliche Brief eröfnete auch seiner itzigen herrschenden Neigung eine schmeichelhafte Aussicht, die er bey dem ersten Durchlesen desselben ganz übersah: er gab ihm Hofnung zu einem Platze bey einem Präsidenten, der ein ganzes Land eigenmächtig regierte: wozu konte ein solcher Platz nicht führen? – Kaum hatten seine Gedanken diesen Pfad betreten, so lief schon seine Einbildungskraft auf ihm bis ins Unendliche fort: so entschlossen er anfangs war, nicht an einen Ort zu gehn, wo die Liebe seinem Emporkommen Eintrag thun könte, so nothwendig, so heilsam schien 226 es ihm nach einer zweiten Ueberlegung, diesem Orte sobald als möglich zuzueilen. »Der Zwang, welchen wir unsrer Liebe auferlegen müssen, wird sie in den Schranken halten, die Ulrikens Glück und das meinige fodert« sagte er sich zu seiner Bestärkung in dem neuen Entschlusse, brachte eilfertig seine Angelegenheiten vollends zu Stande, nahm von Fräulein Hedwig und seinem Vater Abschied und begab sich auf die Reise. Er hatte im ersten Feuer seiner Entschließung nicht bedacht, daß Madam Dormer die vormalige Vignali war, in welchem Verhältnisse er ehemals mit dieser Frau stund, und mit welchen Gesinnungen er sich in Berlin von ihr schied. Kurz vor der Ankunft fiel ihm dies erst ein, und noch mehr fühlte er es bey dem Empfange: doch Madam Dormer hatte nicht aufgehört, Vignali zu seyn, sondern wußte immer noch mit ihrer vorigen Feinheit ihre Empfindungen zu verbergen, eine entgegengesezte Mine anzunehmen und Andern eine solche Gemüthsverfassung mitzutheilen, als sie haben sollten. Sie schwazte Herrmanns 227 mistrauische Zurückhaltung sehr bald hinweg und stimmte ihn auf den weniger vertraulichen, aber ofnen ungezwungnen Ton, den er izt gegen sie annehmen sollte. Sie lehrte ihn die Kunst, Dendriten zu poliren, und verschafte ihm einen, der die Schlacht bey Molwiz nach dem Leben vorstellen sollte, machte den Obersten begierig, den Besitzer dieses seltnen Kunstwerks kennen zu lernen, und der Weg zu Ulriken war offen: der Oberste fand zwar diese Vorstellung seiner Lieblingsschlacht weniger natürlich als die andre, die er schon besaß, zweifelte sogar, ob sie es seyn möchte, allein er nahm doch den Stein mit vielem Danke an und bezeugte dem Geber des Geschenkes überaus viele Gewogenheit, die sich durch Herrmanns warmen Eifer für die edle Polirkunst und die weitläuftigen Kenntnisse, womit er prahlte, täglich vermehrte: der Oberste freute sich, ein so tüchtiges Subjekt in seine Werkstatt zu bekommen, nahm ihn, wie einen wandernden Gesellen, in Arbeit und lobte allenthalben, ohne weitre Beweise, den großen Kopf und die herrlichen Talente dieses Fremden. 228 Weil in dem kleinen Städtchen der gute und böse Ruf eines Menschen den Umlauf in Einem Nachmittage so völlig machte, als wenn er von der Kanzel verlesen worden wäre, so wies man schon den andern Tag, nachdem Herrmann des Obersten Bekanntschaft gemacht hatte, mit Fingern auf ihn, und bey Hofe und in der Stadt wurde allgemein von nichts als dem neuangekommnen Menschen mit dem großen gescheidten Kopfe gesprochen: die Mädchen lauerten an den Fenstern auf ihn, und die Mannspersonen giengen aus, um ihm zu begegnen. Madam Dormer that das Ihrige redlich, die allgemeine Aufmerksamkeit bey Leben zu erhalten, und erinnerte den Präsidenten bey der nächsten Gelegenheit an sein Versprechen: er gestand zwar, daß er die Wundergaben des vorgeschlagnen Subjekts von dem Obersten Holzwerder selbst erfahren habe, aber demungeachtet wollte er vorsichtig verfahren und seine Entschließung noch ein halbes Jahr verschieben. Madam Dormer bat um Erlaubniß, ihren Klienten zeigen zu dürfen: – »das ist nicht nöthig,« war die Antwort. Sie ließ das 229 Gespräch sogleich fallen und erkundigte sich sehr ehrfurchtsvoll nach des Herrn Präsidenten Turteltauben: sie mußte sie in eigner Person besuchen. – »Der junge Mensch,« fieng sie an, »von dem ich vorhin sagte, wird für Ihre Täubchen sehr brauchbar seyn, wenn er noch die Gnade erlangt, in Ihre Dienste zu kommen: er hat überhaupt starke Kenntnisse von den Vögeln und besizt auch sehr viele Geheimnisse, ihre Krankheiten zu heilen, verlorne Stimmen wiederzuschaffen, und besondre Geschicklichkeit, den Pips zu benehmen.« – »Was?« rief der Präsident: »den Pips zu benehmen? das weis er? Er soll kommen, gleich zu meinem Kanarienvogel kommen: das arme Thier hat ihn auf den Tod. Es muß ein kluger Kopf seyn.« – »Allerdings!« antwortete Madam Dormer. »Er hat sich auf dem Lande mancherley Kenntnisse dieser Art erworben: er ist stark in der Oekonomie« Der Präsident. Oekonomie versteht er? Das ist ja ein Mensch, wie ich ihn haben will. Es muß ein gescheidter Kopf seyn. 230 Madam Dormer. Eine Zeitlang hat er sich auch mit Wettergläsern abgegeben – Der Präsident. Auf die Wettergläser versteht er sich? Das ist mir gerade recht: ich habe itzo nur vier aufgestellt, aber ich kan doch nicht damit herumkommen, und mein Schreiber bringt mir beständig falsche Beobachtungen. Der Mensch ist auf die Art recht für mich gemacht: es muß ein gescheidtes Kerlchen seyn. Es thut mir recht leid, daß ich ihn nicht gleich annehmen kan: aber ich habe unterdessen nach Leipzig, Göttingen und Altorf geschrieben, daß man mir aus diesen drey berühmtesten Universitäten die besten Subjekte aussuchen und vorschlagen soll; denn ich möchte doch gern einen ganzen Kerl haben, der in allen Wissenschaften wohl beschlagen ist: die Oekonomie muß er aus dem Fundamente verstehn; in der Physik, Mathematik und Jurisprudenz muß er völlig zu Hause seyn, eine hübsche leserliche Hand schreiben, ein paar Sprachen sprechen, besonders lateinisch und französisch – denn in den Sachen, die er mir abschreiben muß, kommen sehr oft lateinische und französische 231 Wörter vor – und hauptsächlich sich auf Wettergläser und Vögel verstehen. Madam Dormer. Aber Sie brauchen so nothwendig einen Sekretär – Der Präsident. Ja, das seh' ich nunmehr wohl ein: ich habe mir vorher gar nicht eingebildet, daß er mir so nöthig ist: aber ich muß doch warten, bis die Subjekte von den drey Universitäten ankommen, damit ich das Auslesen habe und dasjenige wählen kan, das in allen Wissenschaften wohl beschlagen ist. Ich gebe einen ansehnlichen Gehalt: er soll jährlich vierzig Thaler bekommen, und wenn er noch ein paar Wissenschaften mehr versteht, als ich verlangt habe, kömmt es mir auf zehn Thaler nicht an: alsdann soll er funfzig haben. – Ob man gleich das Gespräch noch eine kurze Zeit in diesem Tone fortsezte und darauf dem Gimpel einen Besuch abstattete, mit welchem der Herr Präsident um die Wette pfiff, so konte doch Madam Dormer für diesmal mit allem ihren Betreiben nicht weiter kommen. Desto glücklicher war der Oberste bey der Fürstin: er nüzte 232 eine ihrer guten Launen, als sie sich auf einem Vorwerke befand, wo sie mit den ländlichen Beschäftigungen zuweilen so angenehm spielte, wie Ulrike sonst auf ihrem Bauergütchen, und jedesmal so aufgeräumt war, daß sie nichts abschlagen konte: sie gewährte dem Obersten ohne alle Weigerung sein wohl abgepaßtes Ansuchen und befahl auf der Stelle, die Baronesse herauszuholen, welches auch ohne Verzug geschah. Ulrike war mit der Landwirthschaft besser bekannt, als die übrigen beiden Hofdamen, deren Kenntnisse sich mehr über die Milch erstreckten, von welcher sie die Sahne zum Kaffe abschäumten; und durch die Emsigkeit und Erfahrenheit, womit die neue Hofdame alles angriff, gewann sie in Einem Nachmittage die völlige Gnade ihrer Gebieterin. Die Gesichter der beiden weniger erfahrnen Fräulein wurden von der Minute an so übertrieben süß, wie ihre Herzen bitter: allein da Ulrike die Herzen nicht sehen konte, pries sie sich in ihrem neuen Posten darum glücklich, weil sie die Gnade ihrer Fürstin und die Freundschaft ihrer Kolleginnen besaß. Sonach war Herrmanns Vergnügen schon 233 wieder aus: so eingeschränkt und gezwungen auch sein Umgang mit Ulriken bisher gewesen war, so sah er sie doch täglich und konte zuweilen durch versteckte Reden und verstohlne Blicke die alte Vertraulichkeit erneuern. Das Poliren der Dendriten wurde ihm nunmehr langweilig, und der Oberste mit ihm unzufrieden, weil sein Fleis erkaltete: Madam Dormer vermochte mit aller Kunst und Verschlagenheit nichts über den Präsidenten: der Gimpel, nach welchem sie geschrieben hatte, blieb auch ewig außen: wer sollte in solchen Umständen nicht verdrießlich werden? Was Herrmanns Verdruß erleichterte, war der Umgang seiner Wirthin und ein geheimer Briefwechsel mit Ulriken, wobey Madam Dormer das Postwesen besorgte. Aus den vornehmsten, die Ulrike schrieb, sollen hier solche Stellen einen Platz finden, die Schilderungen ihrer gegenwärtigen Lage und der Personen enthalten, die auf ihr künftiges Schicksal den meisten Einfluß haben werden. den 5. November. »Es lebe der Hof. So glücklich bin 234 ich noch nie gewesen als itzo – versteht sich, in so fern ichs ohne deinen Umgang seyn kan. Die Fürstin begegnet mir so vertraulich, mit so freundschaftlicher Zärtlichkeit, daß es mich rechte Mühe kostet, den Abstand zwischen ihr und mir nicht zu vergessen: sie beschenkt mich sehr oft, aber immer mit Putze: wenns nur Geld wäre, daß ich es mit dir theilen könte! Freilich ist sie sich sehr ungleich, und in ihren trüben Launen bekömmt man so viele empfindliche Bitterkeiten, als Liebkosungen und gnädigste Freundlichkeiten – wie mein Mädchen sich ausdrückt – in den heitern Stunden. Das bin ich von Onkel und Tante noch gewohnt: die Gnade genieß' ich wie den Sonnenschein; ich wärme mich daran und bin munter und vergnügt, daß die liebe Sonne so hübsch warm scheint: kömmt ein Donnerwetterchen der Ungnade, ein Platzregen, ein wenig Schnee mit kleinem Hagel vermischt – Immerhin! denk ich; es regnet und hagelt und donnert ja nicht das ganze Jahr: wenn das Uebergängelchen vorbey ist, will ich mich wieder an der Sonne trocknen. – 235 Also steh' ich unbeweglich und fühllos da, wie ein Baum, und lasse mich geduldig naß und voll regnen: komm' ich zu meinen beiden Freundinnen, dann wird das Herzeleid weggetanzt, weggesungen, weggeplaudert. Ich habe dir schon einmal geschrieben, daß die jüngste unter meinen Kolleginnen entsezlich wild ist: bis zur Unerträglichkeit ist sie es zuweilen: die Alte spielt alsdann die weise Hofmeisterin und lehrt und ermahnt so lange, bis sie von der Lustigkeit angesteckt wird und die tollen Streiche mitmacht, die sie vorher verboten hat. Fräulein Ahldorf – das ist die jüngste – hat eine ganz eigne Neigung auf Steckenpferden zu reiten: jeder Stock, der ihr in die Hände kömmt, muß ihr zum Steckenpferde dienen: auf Stecken reiten, Rosinen und Mandeln aus der Tasche essen und sich über die Leute aufhalten, sind die drey Hauptzüge ihres Charakters. Ehegestern traf ich sie bey einem solchen Ritte an: sie trabte auf dem Blondenstocke in dem Zimmer herum, die alte Limpach saß am Tische und arbeitete, und kiff und brummte über das Reiten, wie sonst meine 236 Guvernante Hedwig: wenn das Knurren gar zu unleidlich wurde, legte ihr die Ahldorfin bey dem Vorbeyreiten eine Rosine oder Mandel auf den Tisch, die die Alte, wie ein Eichhörnchen, aufpickte, und so lange sie mit dem Essen beschäftigt war, welches bey ihr etwas langsam zugeht, schwieg die Strafpredigt. Endlich, da das Knurren gleich wieder angieng, sobald die Bestechung verzehrt war, hatte die Ahldorfin die Bosheit und bot ihr ihren Schecken, wie sie den weißen Stock nennte, zu einer Kavalkade an: die Alte stritt und schmälte und wehrte sich, wie vor einem Verbrechen: aber die boshafte Ahldorfin, die sie kennt, drang so lange in sie, bis sich die Gesezpredigerin bereden ließ und einen kleinen Trab versuchte: so gehts der schwachköpfigen Alten jedesmal, daß sie sich am Ende für ihre heilsamen Lehren auslachen läßt. Um das Gelächter zu vermehren, kam der Goldmacher dazu, der Altgesell in des Obersten Fabrik: der elende Mensch ist der allgemeine Narr des ganzen Hofs: so bald Er erscheint, führt die Ahldorfin ihre Steckenpferde gleich in 237 den Stall, um ihn herumzutummeln. Das Mädchen hat alle kriegerische Neigung von ihrem Vater geerbt, der, glaub ich, General gewesen ist; denn sie spielt mit nichts lieber als mit Soldaten und Kanonen. Der Apotheker, der ein Tausendkünstler seyn will, bringt ihr immer ganze Taschen voll Musketirs, Grenadiers, Reiter und Kanonen, aus Kartenblättern geschnitten: das alte Kind stellt alsdann mit der Ahldorfin die Kartenarmee in Schlachtordnung, und sie brauchen Erbsen statt der Kanonenkugeln, womit sie auf die armen Papiermänner losfeuern, daß sie Hals und Beine brechen: sind die beiden feindlichen Heere sämtlich daniedergeschossen – denn gewöhnlich kömmt auch nicht Ein Mann mit dem Leben davon – so kanoniren sich die beiden Heerführer, und der arme Apotheker zieht meistens den Kürzern: wenn seine Gegnerin ihre Erbsen verschossen hat, wirft sie ihm Rosinen, Mandeln, Schnupftuch, Scheere, und was sie sonst in den Schubsäcken oder in der Nachbarschaft um 238 sich findet, an den Kopf: für die Limpachin ist dieser lezte Theil der Komödie der interessanteste, und sie beweist sich außerordentlich geschäftig dabey. So vertreiben wir uns die Zeit in den itzigen ewigen Winterabenden: zuweilen wird Blindekuh, oder ein andres Spiel von diesem Schlage gemacht; aber bey jedem ist der Apotheker die lustige Person, auf dessen Unkosten gelacht wird. Mir ist der Mann dadurch, daß er sich mit so großem Vergnügen von Jedermann zum Narren gebrauchen läßt, äußerst verächtlich geworden: er macht freilich den weisen Unterschied, daß er Niemanden Spaß mit sich treiben läßt, der nicht wenigstens von Adel ist; aber er kömmt mir wegen dieses Unterschiedes nur noch kleindenkender und armseliger vor, weil er von der Würde eines Menschen gar kein Gefühl haben muß. Ich kan nicht mit ihm reden; und er nimmt mirs sogar übel, daß ich ihn nicht zum Narren habe, und schilt mich deswegen stolz. Ueberhaupt weis ich nicht, warum ich hier allgemein für stolz gehalten werde: bin ichs denn wirklich? Bey dem Onkel tadelte man mich 239 beständig, weil ich zu lustig und zu gemein seyn sollte; und hier muß ich mir unaufhörlich Stolz und Ernsthaftigkeit vorrücken lassen. Freilich ist es wohl wahr, ich muß mich meistens zum Lachen zwingen, wenn die Andern beynahe den Athem verlieren, und mit den Leuten, wie der Apotheker, deren es hier eine Menge giebt, kan ich mich unmöglich einlassen: sie sind so plump oder so tumm, daß sie mir zu ekelhaft werden, um etwas Lächerliches an ihnen zu finden. Zum Glücke muß ich oft bey der Fürstin seyn und ihr aus einem Romane oder andern Büchern erzählen. Sie giebt mir das Lob, daß ich sehr gut erzähle; und sie hat das eigne Unglück, daß sie weder selbst lesen, noch vorlesen hören kan: sie läßt also die Bücher kaufen, ich muß sie lesen und ihr das Gelesene wieder erzählen. Es klingt nicht so natürlich in den Büchern, sagt sie, als wenn mirs Jemand mündlich erzählt. – Am liebsten hört sie Feenmährchen und Gespensterhistorien: je ungereimter und abentheuerlicher, je lieber: ich habe die Zeit her des Zeugs so viel lesen müssen, daß ich alle Nächte von Ogern, 240 Kobolten, Hexen, bezauberten Prinzeßinnen und geflügelten Drachen träume. Von den Büchern, wo sich die Leute lieben und heirathen, will sie gar nichts hören: das nennt sie Alfanzerey, verliebte Possen. Aus Trauerspielen läßt sie sich am liebsten erzählen, wenn sie recht gräßlich sind: im Komischen sind Holberg und Moliere ihre Leibautoren, aber der Lezte nur Scenenweise. Wenn sie selbst liest oder sich vorlesen läßt, muß das Buch französisch und nicht stark seyn. Nichts wundert mich so sehr, als daß sie im französischen für die besten Sachen, und im teutschen nur für die schlechten Geschmack hat: ich stimme überhaupt selten mit ihren Urtheilen überein, ob ich es gleich nicht merken lassen darf: was mir nur mittelmäßig scheint, hält sie immer für das schönste. Am höchsten steigt meine Verwunderung, wenn sie sich mit einem von den privilegirten Narren abgeben und über ihre plumpen Einfälle lachen kan, als wenn es die sinnreichsten Bonsmots wären: der Apotheker und einer von den Laufern müssen sich zuweilen in ihrer Gegenwart schrauben , wie es hier 241 genannt wird, und die Schrauberey geht oft so weit, daß der Eine dem Andern einen Bart macht, ein Bein stellt, oder ihn mit Koth bewirft, daß er nicht aus den Augen sehen kan. Mein Unglück ist es, daß ich die Widrigkeit, die ich bey solchen Lustbarkeiten empfinde, unterdrücken und noch oben drein mitlachen muß. – – – den 16ten Nov. – Die Fürstin ist wirklich eine vortrefliche Frau und hat sich heute so sehr in Gunst bey mir gesezt, daß ich ihr ihren übeln Geschmack in den Vergnügungen herzlich gern vergebe. Sie fuhr spatzieren, und ich mußte sie begleiten: wir stiegen aus, um in dem Sonnenscheine herumzugehn, den sie ungemein liebt. Ein Bauer näherte sich uns und bettelte. Warum bettelt ihr? fragte die Fürstin. Ihr seyd ja gesund und auch nicht schlecht in Kleidung. – »Das will ich Ihr wohl sagen,« antwortete der Bauer, »aber Sie muß mich nicht verrathen. Unser Amtmann 242 straftgern; und wenn man nur einen Schritt der Queere thut, so rasselt gleich der Amtsdiener an der Hausthür. Ich hab' ihn, mit Ehren zu melden, einen Scheiskerl geheißen und dafür soll ich ihm zwey Thaler bezahlen. Sie ist ja die Fürstin: sag Sie doch dem Amtmanne, daß er mich ungeschoren läßt: aber er riecht das bischen Geld, das ich izt vom Markte nach Hause bringe. Ich wollte mirs also von Ihr ausbitten, daß Sie bey dem Herrn Amtmann ein gutes Wort für mich einlegen möchte, Frau Fürstin, damit er mir nachsieht und mich nicht pfänden läßt: ich wills herzlich gern wieder gleich machen.« – Die Fürstin lächelte und befahl mir, ihm zwey Thaler zu geben. »Da!« sprach sie: »bezahlt Euerm Amtmanne den Ehrentitel, den Ihr ihm gegeben habt.« – »Ach!« sagte der Bauer äußerst treuherzig: »Sie giebt sich gar zu viele Mühe. Hat Sie kein schlechter Geld? Dies ist für den Amtmann zu gut. Sie thut sich aber doch auch keinen Schaden, wenn Sie mir soviel Geld giebt?« – Eine so originale Mischung von Einfalt, 243 Treuherzigkeit und bäuerischem Witze veranlaßte die Fürstin, daß sie sich lange mit dem Menschen unterhielt: er gab ihr etliche Aufträge an den Fürsten, daß er ihm die Felder nicht vom Wilde möchte abfressen lassen, und die Saat nicht mit der Falkenhetze zu Grunde richten. Die Fürstin entledigte sich des Auftrages, und die Falkenhetze wurde stark belacht: ob die Erinnerung etwas fruchten wird, steht dahin, wiewohl der Fürst solche offenherzige Beschwerden der ländlichen Einfalt sehr wohl aufnimmt. Weil ich mich so gut auf Oekonomie verstehe, bin ich die Almosenpflegerin geworden, und jeder Arme in der ganzen Stadt, der sich des Bettelns schämt oder seine Dürftigkeit nicht bekannt werden lassen will, meldet sich bey mir und empfängt wöchentlich so vielen Zuschuß, als die Armenkasse verstattet, worüber ich Rechnung führen muß. Für mich ist dies die liebste unter allen meinen Beschäftigungen: nur Schade, daß die monatliche Summe, die ich in meine Kasse empfange, zu klein, und die Zahl der Armen zu groß ist! die Portionen werden etwas klein: aber 244 ich halte alle Tage um Vermehrung an, und ich hoffe, sie zu bekommen. Niemand weis außer der Fürstin und mir, wer aus meiner Kasse etwas erhält: ich freue mich die ganze Woche auf den Sonnabend, wo meine Vögelchen sich jedesmal ihr Futter holen. den 22ten November. – O Heinrich, in welcher Verlegenheit bin ich heute gewesen. Fürst und Fürstin sprachen zusammen: ich stund an der Seite, ohne auf ihr Gespräch zu hören: auf einmal wurde es äußerst lebhaft, und wie ich meine Aufmerksamkeit darauf richte, höre ich, daß sie von Mädchen sprechen, welche die Liebe zu einem Fehltritte verleitet hat. Schon der Inhalt der Unterredung brachte mein ganzes Blut in Bewegung, und die grausame Strenge, womit die Fürstin sich wider solche unglückliche Schlachtopfer der Liebe erklärte, machte, daß ich am ganzen Leibe zitterte. Der Fürst urtheilte viel billiger und behauptete, daß sie meistens Mitleiden, aber keine Strafe, und 245 noch weniger Haß und Verachtung verdienten: die Fürstin hingegen versicherte mit der größten Hitze, daß sie eine solche Person nicht eine Minute um sich dulden könte. Ihr Gemahl machte ihr lachend den Einwurf, daß sie nicht wüßte, ob nicht vielleicht alle ihre Fräulein und Jungfern solche Personen wären. Wer weis, sprach er und wies aus mich, ob nicht gar dies stille Schäfchen schon einmal Mutter gewesen ist. – »Den Augenblick jagt' ich dich fort, wenn ich nur das mindste dergleichen von dir erführe,« sagte sie drohend und entrüstet zu mir. – »Wir haben das arme Mädchen ganz roth gemacht,« fieng der Fürst nach einer Pause an und sah mir steif ins Gesicht, um mich noch rother zu machen. – »Für diese wollt' ich wohl selber gut sagen,« sezte er hinzu: »das ist die Unschuld, wie sie leibt und lebt.« – »Wir wollens wünschen,« gab die Fürstin mit einem Tone zur Antwort, der mich verdroß. Meine Angst während der ganzen Unterhaltung kan ich dir nicht beschreiben; und in solcher Angst schwebe ich fast jeden Tag; denn die Fürstin spricht von keiner 246 Sache lieber, und jedesmal mit gleicher Heftigkeit und Barbarey. Barbarey ist es wirklich, wenn Personen ein so strenges Urtheil sprechen, die selbst nie in der Versuchung gewesen sind, noch wegen der genauen unaufhörlichen Aufsicht darinne scheitern können. Ihre Tugend kostet ihnen nichts als das bischen Kampf wider die Regungen der Natur: sie haben nie mit den mannichfaltigen Einladungen der Liebe, mit den überraschenden Gelegenheiten, mit den überwältigenden Eindrücken gestritten, die in jedem niedrigern Stande möglich sind: der Vogel im Käfig kan sich freilich rühmen, daß er kein verbotnes Hanfkorn genascht hat. Hätte die strenge Moralistin nur Einmal die Gewalt der Liebe und die zauberischen Künste der Gelegenheit empfunden wie ich, o wie würde sich ihre richterliche Unbarmherzigkeit mildern! Täglich bin ich auf der Folder: immer fürcht' ich, izt wird das Gespräch auf deinen Fall kommen; und wenn eine ähnliche Geschichte, wie die meinige, erzählt wird, dann denk' ich immer, izt wirst du dich verrathen: mannichmal bilde ich mir sogar ein, daß die Fürstin meinetwegen so häufig darüber moralisirt. 247 Wie schwer drückt eine verheimlichte Schande! Wie auf Stacheln steh' ich, vor Furcht entdeckt zu werden. – – den 30. November. – – Nach gerade fange ich an, mein itziges Leben ein wenig seltsam zu finden. Gestern blizten und hagelten Verweise und grämliche Reden auf mich herab: nichts kont' ich recht machen: wenn ich nur eine Mine verzog, traf mich ein derber Ausputzer; und gleichwohl durft ich nicht vom Flecke gehn, damit meine gnädige Dame Jemanden hatte, an dem sie ihre üble Laune auslassen konte. Bald sollt' ich das, bald jenes holen lassen: nun kam es nicht hurtig genug; da traf mich das Unglück, daß das Mädchen, welches ich geschickt hatte, nicht fliegen konte: langte die Sache endlich an, so war ihr die Sehnsucht wieder vergangen, oder es gab etwas daran auszusetzen: es mußte etwas anders geholt werden: unterdessen änderte sich die Lust wieder; hurtig wanderte ein zweiter Bote dem ersten nach, 248 um ihm Gegenordre nachzutragen, und ein paarmal schickte ich dem zweiten einen dritten nach, und wenn sie alle drey ohne Athem wiederkamen, dann hatten sie alle drey den Weg umsonst gemacht. Etlichemal hatte ich alle Leute ausgesandt, die Befehle von mir annehmen: der Fürstin kam eine neue Grille ein, aber ich konte Niemanden auftreiben, dem ich den Auftrag zumuthen durfte, ob ich gleich allenthalben herumrennte: nun wurde ich ausgezankt, erstlich daß ich nicht gleich wiedergekommen war; zweitens daß ich die Leute alle ausgeschickt hatte; drittens daß alle die ausgeschickten Leute zu langsam giengen. So willkommen ist mir noch kein Abend gewesen, als der gestrige, der dem durchschmälten Tage ein Ende machte: wie ein Züchtling, der den ganzen Tag Farbenholz geraspelt hat, begrüßt' ich die Nacht und mein Bette. Heute früh stand der Himmel offen und regnete nichts als Gnade und Freundlichkeit auf mich herab: ich wurde bey allem um Rath gefragt, und was ich vorschlug, gefiel allemal: wie ein Orakel, mußte ich über die unbedeutendste 249 Kleinigkeit meine Meinung sagen, und meine Meinung war die einzig richtige in der ganzen Christenheit: ich hätte ihr rathen können, die Schuhe an die Hände zu ziehen, und es wäre gewiß geschehen. Jeden Augenblick ließ sie mich zu sich rufen: gestern jagte mich die üble Laune herum, und heute die große Gnade. Den Beschluß machte ein sehr ansehnliches Geschenk – ein vortrefliches Kleid und Geld, das ich nicht besser anwenden kan, als wenn ich dirs mit diesem Briefe überschicke. Könt' ich dir jeden Tag so viel verdienen, so trüg' ich jeden Tag mit Freuden so eine Tracht üble Laune wie gestern. den 9ten December. – Himmel, das ist nicht auszuhalten: ich entlaufe. So ist keine Viehmagd in ihrem Leben ausgescholten worden, wie ich vor zween Tagen: mein Herz bebt mir noch vor Aerger: ich glaubte, ein Gallenfieber zu bekommen, so übel hab' ich mich seitdem befunden; und kanst du dir einbilden, warum? – Der Fürst 250 begegnete mir im Korridor und fragte mich, wohin ich so eilfertig wollte: ich antwortete, und aus der Frage und Antwort wurde ein Gespräch, das ich in der Minute wieder vergaß, so geringfügig war es, und bey dem Abschiede klopfte er mich auf die Backen. Der Himmel weis, welch schadenfrohes Geschöpf es sieht und der Fürstin mit Verschönerungen hinterbringt. Fünf Minuten darauf werde ich zu ihr gerufen und wie ein Delinquent auf Tod und Leben verhört. Ob ich mit dem Fürsten gesprochen hätte? – Ja. – »Warum? wie lange? was?« – Die Fragen waren mir alle schwer zu beantworten, wenigstens mußte ich mich vorher lange besinnen, weil ich die Sache nicht für so wichtig hielt, um nur einen Augenblick Aufmerksamkeit darauf zu verwenden: ich erzählte indessen alles aufrichtig, was mir einfiel. Daß sie mir ein Wort geglaubt hätte! Ich sollte wer weis wie viel heimlich gesprochen haben, das ich mich zu gestehen schämte: ich sollte nicht läugnen, und gleichwohl konte ich nichts gestehen: also mußte ich ganz geduldig die bittersten Verweise und 251 Drohungen über mich ausschütten lassen. »Geh mir aus den Augen!« war die gnädige Beurlaubung. Ganz ohne einen Schatten von Schuld um einer wunderlichen Einbildung willen so empfindlich zu leiden, war für mich so angreifend, daß ich mich in mein Zimmer verschloß: die Thränen strömten mir aus den Augen, und der Aerger wühlte in allen meinen Eingeweiden herum. Ich wünschte mich mit jedem Pulsschlage auf dein Bauergütchen in Kummer und Mangel zurück: ich aß dort kümmerlich, aber doch in Freiheit und ohne Unrecht zu leiden: was nüzt mir hier der Ueberfluß, wenn mir jeden Bissen Verdruß, Aerger und Unruhe verbittern? – O wie leicht war alle mein bisheriger Kummer gegen den Schmerz einer so unwürdigen Behandlung! Die Hauptveranlassung dazu mochte wohl seyn, weil sie wider ihren Gemahl aufgebracht war: er hatte ihr kurz vorher widersprochen, und nichts kan sie weniger ertragen als Widerspruch: da sie ihren Zorn an ihm nicht 252 auslassen durfte, nahm sie die nächste Gelegenheit und entledigte sich ihrer Galle an mir. Sie ist außerordentlich argwöhnisch in dem Punkte, worüber sie mit mir zankte; und so artig und gesittet der Fürst spricht, so vermeide ich doch alle Unterredung mit ihm, so sehr es sich ohne Unanständigkeit thun läßt; und gerade muß ich sie nicht vermeiden können, da es am gefährlichsten war! Das Gerüchte geht sehr stark, daß er Madam Dormer seiner Vertraulichkeit würdigen soll: ich habe sie vor dem Unwillen der Fürstin gewarnt, wenn diese Nachricht zu ihren Ohren gelangte; allein sie antwortete mir sehr stolz – »Den Unwillen fürchtete ich nicht, wenn ich sonst Lust hätte, das Gerüchte wahr zu machen.« – Sie verläßt sich ein wenig zu sehr auf die Gnade der Fürstin, die ihr freilich sehr gewogen ist, weil sie alle Zeitungen am Hofe und in der Stadt zusammenträgt. Diese unendlichen Klatschereyen, womit sich Jedermann in Gunst setzen oder die Zeit vertreiben will, sind mir das Unausstehlichste nächst den Hofnarren, die ohne Narrenkleid so zahlreich herumlaufen: so gut als 253 wenn man alles unter freyem Himmel thäte, wird man beobachtet, und die kleinste Posse läuft gleich von Ohr zu Ohr: in der nächsten Minute weis schon der ganze Hof, was man in der vorhergehenden gedacht hat. O lieber Herrmann, wenn du nicht glücklicher bist, als ich, so sind wirs Beide nicht. Ich habe meinen Aerger verbeißen und heute schon wieder den ganzen Vormittag um die Fürstin seyn müssen: aber ich gab mir nicht die geringste Mühe meinen Verdruß zu verhelen, ob es gleich nicht sehr hofmäßig ist. Madam Dormer maßt sich an, die Aussöhnung bewirkt zu haben, und rieth mir um Vergebung zu bitten. »Weswegen?« antwortete ich. »Daß ich unschuldiger Weise ausgehunzt worden bin?« – Sie rümpfte die Nase und gieng. Die Frau ist unleidlich hofmännisch geworden. – – 254   Viertes Kapitel. Unterdessen, ehe noch der Briefwechsel und Ulrikens Unmuth so weit kamen, hatten sich auch Herrmanns Umstände geändert. Der verschriebene Gimpel und die verschriebenen Subjekte, unter welchen sich der Herr von Lemhoff einen Sekretär aussuchen wollte, langten an, doch glücklicher Weise der Gimpel zuerst. Madam Dormer meldete, so bald es sich thun ließ, dem Präsidenten, daß der junge Mensch, den sie ihm neulich empfohlen habe, sich unterstehn wollte, ihm den schönsten Gimpel in Europa zu überreichen. Der Präsident konte sich mit keinem einzigen Gedanken auf den jungen Menschen besinnen, aber den Gimpel nahm er mit beiden Händen an und konte die Zeit kaum erwarten, ihn zu sehen. Der Gimpel wurde zu ihm getragen, und Herrmann nahm sich die Ehre, ihn zu begleiten: der Präsident pfiff dem Vogel entgegen, so bald er ins Zimmer kam, und der Vogel hatte so viel Lebensart und antwortete ohne 255 ängstliche Scheu: die pfeifende Unterhaltung wurde auf beiden Seiten mit gleicher Lebhaftigkeit lange fortgesezt: die Freude war unaussprechlich. Madam Dormer nüzte diesen Zeitpunkt und bat um Erlaubniß, den jungen Menschen, der vor der Thüre wartete, hineinrufen und darstellen zu dürfen: sie wurde ohne Weigerung bewilligt. Herrmann erschien, empfieng überaus viele Gnadenbezeugungen und kramte seine kleine Gelehrsamkeit im Fache der Vögel, Wettergläser und der Oekonomie mit so vieler Scharlatanerie aus, als er sich kaum selbst zugetraut hätte: kurz, er gefiel außerordentlich. Der Präsident versicherte Madam Dormer, daß der Mensch so gescheidt sey wie sein Gimpel, und wünschte , ihn in seinen Diensten zu haben: die listige Frau merkte sehr bald, warum er dies nur wünschte , und meldete ihm, daß Herrmann um nichts als Kost, Wohnung und die Ehre, in seinem Hause und Dienste zu seyn, ansuchte und alle Besoldung so lange ausdrücklich verbäte, bis er sie durch sein gutes Verhalten verdient 256 hätte: nun war der Handel den Augenblick richtig. Nachdem Herrmann seinen neuen Platz bereits angetreten hatte, trafen zwey verschriebene Subjekte aus Leipzig, und eins aus Göttingen ein: in Altorf war keins aufzutreiben gewesen. Der Göttinger hatte sich, um mit Anstand zu erscheinen, zwey neue Tressenreiche Kleider machen lassen und kam mit Extrapost und großen Erwartungen an, die sich auf nichts als die zwey Wörter, Präsident und Hof , stüzten; denn der Präsident hatte die Bedingungen, die er machen wollte, nirgends angegeben: aber Präsident! und Hof! dies Beides war für die akademische Erfahrung des Jünglings genug, um schon von vielen Hunderten Besoldung zu träumen, und sich in drey oder vier Jahren schon als Hofrath zu denken, ob ihm gleich der Professor, der den Auftrag hatte, ein vorsichtiges Bedenken empfahl. Der gute Narr lauerte acht Tage und konte niemals vorkommen: endlich ließ ihm der Präsident durch einen Bedienten melden, daß er sich unter der Zeit schon versorgt habe und für 257 seine Bemühung sehr vielmals danke. Der arme Betrogne ergrimmte über diesen Dank für eine Bemühung von etlichen zwanzig Meilen, verkaufte eins von seinen Tressenkleidern an den Hofjuden und reiste mit der gewöhnlichen Post demüthig auf die Georgaugustusuniversität zurück. Noch vor seiner Abreise fanden sich die beiden Leipziger an verschiedenen Posttagen ein, mit geringerer Kleidung aber eben so hoher Erwartung, womit sie der Professor berauschte, an welchen der Präsident geschrieben hatte: um sich das Ansehn eines Universalpatrons zu geben, machte dieser Mann meistens bey einem solchen Auftrage die ganze Universität aufrührisch und hatte auch izt die Wörter Präsident und Hof so Vielen und so emphatisch in die Ohren gerufen. daß sich zwey auf den Weg machten, ohne von einander etwas zu wissen. Lustig war es, daß diese drey Subjekte in einem Zeitraume von sechs Tagen hinter einander anlangten, sich in Einem Gasthofe, dem einzigen in der ganzen Stadt, einquartierten, mit vieler Wichtigkeit einander erzählten, zu welchem hohen Posten sie berufen 258 wären, und dann mit weit ofnem Munde sich verwunderten, daß sie Kompetenten eines und desselben hohen Postens zu seyn schienen. Der eine Leipziger räumte gleich den Platz, verlangte den Herrn Präsidenten gar nicht zu sehn, schämte sich, mit langer Nase, wie er sich ausdrückte, in sein liebes Pleißathen zurückzukommen, und reiste zu seiner Mutter, um ihr sein Herzeleid und seinen leeren Beutel zu klagen. Das andre Leipziger Subjekt ließ es sich weiter gar nicht merken, welche Absicht ihn in diese Stadt gebracht hatte, sondern suchte Bekanntschaften und gab vor, daß er sich der Reduten wegen diesen Winter hier aufhalten wollte. Eine der ersten Bekanntschaften, die er machte, war natürlicher Weise Madam Dormer, da sie die einzige Frau in der Stadt war, die einen Fremden anziehen konte. Sie geriethen Beide sehr bald in verdächtige Vertraulichkeit, wenigstens in den Augen des Publikums, das ein Männlein und ein Weiblein nicht zusammen lachen sehen konte, ohne das eine zur Braut oder zur Hure des Andern zu erheben: der freye zwanglose Ton der 259 Madam Dormer war ohnehin ein Aergerniß für die ganze Stadt. Herrmann besuchte sie um so viel öftrer, da sie seine Beförderin, die geheime Negotiantin seiner Liebe und der einzige weibliche Umgang in der Stadt war, der ihm schmeckte. Nothwendig mußte er also mit dem Leipziger Subjekte sehr bald bey ihr zusammentreffen; und dies Leipziger Subjekt war – sein ehmaliger Freund und Spielgefährte, Arnold. Er schämte sich, seine bisherigen Schicksale zu gestehen, bekannte aber doch einmal, als sie Beide allein beysammen waren, daß ihn seit jenem Abende, wo Herrmann Leipzig verließ, um zu Ulriken auf das Land zu eilen, das Glück unaufhörlich zum Besten gehabt habe. Kleiner Gewinn und großer Verlust, kleine Einnahme und großer Aufwand war sein Lebenslauf, bis ihn Schulden und Mangel so gewaltig drückten, daß er das Spielerhandwerk verfluchte, weise werden und studiren wollte. Er fand Zuflucht und Unterstützung bey einem liefländischen Barone, der sich gleichfalls von der Spielsucht bekehren und weise werden wollte: allein sie bekehrten 260 einander, wie ein Paar Ungläubige, das heißt, einer verführte den Andern, bis endlich das geschärfte Verbot der Hasardspiele Beide zur Bekehrung zwang. Arnold gab sich wirklich die Mine, als wenn er studirte, bis der Brief des Präsidenten und die selbsterfundnen Versprechungen des Mannes, der ihn empfieng und sich ein Ansehn damit geben wollte, so viele Bewegung verursachten, daß sich Arnold von ihm bereden ließ, die Reise nach der einträglichen Sekretärstelle anzutreten. Diesen lezten Theil seiner Geschichte verhehlte er seinem wiedergefundnen Freunde so gut er konte, und wandte, wie allenthalben, die Redute vor, so unwahrscheinlich auch diese Ursache schien. Madam Dormer, die auf das Probestück von Patronschaft, das sie an Herrmannen abgelegt hatte, nicht wenig stolz that, gerieth sehr in Versuchung, an Arnolden ein zweites abzulegen: zum Theil konte es wohl Liebe seyn, aber größtentheils war es gewiß Neigung zur Intrigue, unruhige Geschäftigkeit. Er hatte eine mittelmäßige Fertigkeit auf der Flöte: er mußte 261 sich in möglichster Eile bey ihrem Manne Tag für Tag üben, und wenn Lehrer oder Schüler Eine dazu bestimmte Stunde aussezten, bekamen sie gleich eine derbe Lektion von Madam. Arnold lebte ganz von ihrer Freigebigkeit, und ihr Mann war seit seinem Abschiede von der Schauspielergesellschaft auch wieder unter das Joch gebracht worden: also mußten sie ihr Beide gehorchen. Der Fürst hielt des Winters wöchentlich ein Paar Konzerte auf seinem Zimmer, wo ihn sonach Madam Dormer alle Wochen zweimal sprach; denn er war sehr herablassend und ließ kein Konzert vorbeygehn, ohne sich mit ihr zu unterhalten, und wenn er nicht beyzeiten Anstalt dazu machte, wußte die dreiste zudringliche Frau das Gespräch schon an ihn zu bringen. Sie bat um die Erlaubniß, daß sie Arnolden, der hieher gekommen wäre, um sich in der Musik festzusetzen, in die Konzerte mitbringen dürfte: dem Fürsten, der sich einbildete, daß an seinem Hofe die Musik blühe, schmeichelte diese Lüge unendlich, und er gestand die Erlaubniß ohne Bedenken zu. Arnold stellte sich seitdem 262 gewöhnlich hinter das Orchester und hörte zu: er gefiel dem Fürsten sehr wohl, weil ihm Madam Dormer eine Menge schmeichelnde Bewegungsgründe andichtete, warum er gerade diese Residenzstadt zu seinem Aufenthalte erwählt haben sollte. Sobald er durch ihren Mann in den Stand gesezt war, daß er ein auswendig gelerntes Konzert sich zu blasen getraute, mußte er auftreten; und ausdrücklich las die verschmizte Frau eins aus, wozu der Fürst, der selbst ein wenig komponirte, ein andres Andante gesezt hatte. Mit Erstaunen hörte der Fürst sein selbst verfertigtes Andante, das nach seiner Meinung nicht aus dem Notenschranke seiner Kapelle herausgekommen war, und fragte nach dem Schlusse, woher er dies Andante habe: Arnold versicherte, daß er es vielfältig in Leipzig geblasen und niemals dies Konzert mit einem andern Andante habe blasen hören: es sey so allgemein beliebt und bekannt, daß man es auf den Promenaden trällere. – »Ja, ja,« fieng Madam Dormer an; »ich kenn' es: in Berlin wird es oft bey der Wachparade geblasen«.– Der Fürst 263 holte sein eigenhändiges Konzept herbey, um zu beweisen, daß er der Verfasser davon sey, ließ im Notenschranke nach dem abgeschriebenen Exemplare suchen, das man auch richtig und unversehrt fand, weil Dormer auf seiner Frau Befehl heimlich eine Abschrift davon hatte nehmen müssen; that sehr unwillig, daß Leute, auf die er sein Vertrauen sezte, seine unvollkommnen Arbeiten in die Welt ausschickten, und bat Arnolden inständig, das Andante ja Niemandem weiter zu geben, welches dieser auch mit einem tiefen Reverenze angelobte. Nun arbeitete seine Gönnerin aus allen Kräften, die innerliche Freude des Fürsten zu nützen und um einen Platz in der Kapelle für ihn anzuhalten: er wurde ihr zugesagt; und da man an diesem Hofe mit Einer Besoldung gern zwey oder drey Dienste verband, wurde Arnold in einigen Tagen darauf Hof- und Kammermusikus, Kammerdiener bey dem Fürsten, mit dem Prädikat eines Geheimen Kämmerers, und Subinspektor des Pferdestalls. 264   Fünftes Kapitel. Um die Lage kennen zu lernen, in welche diese Beförderung allmälich Herrmanns und Ulrikens Angelegenheiten sezte, und wie sie in der Folge die feindselige Stellung möglich machen konte, die Arnold und Madam Dormer wider jene Beiden annahmen, wird es am dienlichsten seyn, hier einige Fragmente aus Briefen folgen zu lassen, die nach Herrmanns Eintritt in seinen Sekretärposten geschrieben wurden. Von Ulriken . den 4. Februar. – – »Das waren gestern fünf Minuten des Lebens für mich, als ich dich auf der Redute sprach: nach so vielen langen Monaten, wo ich in jedem einen oder zwey Briefe an dich schrieb und dich nirgends als verstohlner Weise in der Kirche sehen konte, endlich einmal die Stimme zu hören, die für mein Herz so süße 265 Musik ist, o wie rührte das mit Einem hastigen Griffe alle Saiten meiner Empfindung! Die lärmende Tanzmusik verstummte für mich, das Rauschen der Allemande war mir unhörbar, ich nur allein in dem Saale und nur für die Stimme meines geliebten Türken da. Das waren vielleicht funfzig Worte, die du mir sagtest, aber für mich goldne Sprüche gegen alles das Gewäsche und sinnlose Witzeln, womit hier ein Kammerjunker, und dort Gott weis wer meine armen Ohren foltert: dir hörte ich gern Stunden, Tage, Wochen zu, und doch warens nur fünf Minuten! und von den faden Schmeicheleyen und abgeschmackten abgedroschnen, Seel' und Magen angreifenden Schnikschnak, den mattesten Siebensachen, dem elendesten Gakern klingen mir die Ohren vom Morgen bis zum Abend. – O Herrmann! gestern hat sich mein Herz wieder eine große Krankheit bey dir geholt: es war seit meiner Ankunft in dieser Stadt ein Patient, der das Bette verlassen hat und wieder ein wenig herumgeht: aber gestern! gestern wurd' es von neuem bettlägrig: ich bin seitdem so 266 unleidlich, so mürrisch geworden, wie ein Podagrist. Mein Mädchen beschwerte sich, daß sie mir nichts recht machen könte. »Du närrisches Geschöpf!« sprach ich: »die vornehmen Sitten haben mich angesteckt: gedulde dich nur! ich werde schon noch launischer werden.« – Ja, gewiß werd' ichs: ich fange schon an: seit gestern ist mir der Hof und die großen vornehmen Leute und das Putzen, Zieren, Tändeln, Schmeicheln, Knixen und Grimassiren so unerträglich ekelhaft geworden, daß ich die Ehre einer Hofdame an die Magd vertauschen möchte, die dir aufwartet. Die Fürstin examinirte mich sogleich gestern, mit wem, warum und was ich mit dir gesprochen hätte: sie mußte mit einem Paar Lügen vorlieb nehmen, und meine Freude machte mich so erfindrisch, daß ich nicht einmal stockte: sie verbot mir alle dergleichen Gespräche, wenn sie auch noch so gleichgültig wären: – ob ich mich vielleicht durch meine Freude verdächtig machen mochte? Nachdem dies Examen überstanden war, zog 267 mich Madam Dormer in einen Winkel und kiff förmlich mit mir über meine Unvorsichtigkeit: gleich war auch Herr Arnold dabey, der sich die Ehre giebt, auch um unser Geheimniß zu wissen und sich deinen großen Patron zu nennen. So oft er mich erblickt, erzählt er mir, daß er deiner bey dem Fürsten gedacht hat. Ich halte ihn für einen Menschen, der um eine gute Mahlzeit oder eine Flasche guten Wein Vater und Mutter verräth: er hat sich bey dem Fürsten in der kurzen Zeit so sehr eingeschmeichelt, daß sie auf den vertrautesten Fuß mit einander umgehen, wohin es bey dem guten Fürsten nur gar zu leicht kömmt. Man kan zwar Arnolden bisher nicht das mindeste Böse Schuld geben, nicht einmal Verläumdung; aber er drängt sich allenthalben voran, will der Erste und Einzige in der Gunst seyn und nüzt die Veränderlichkeit seines Herrn so meisterlich, daß er alle Andre aus dem Besitze der Gnade vertreibt. Wie sollte er diese Künste nicht wissen, da Madam Dormer seine Lehrerin ist? Ich zittre, wenn ich bedenke, daß unser 268 Geheimniß in den Händen dieser beiden Leute ist: ich traue keinem unter ihnen, aber ich muß ihnen schmeicheln, damit sie mir nicht schaden. Welche traurige Sache, Leuten liebkosen zu müssen, die man nicht für gut hält! Und wie viel trauriger wär' es vollends, wenn ich sie beleidigte, vielleicht durch den Zufall beleidigte! Ein Wort dürften sie der Fürstin von unserm Verhältnisse hinterbringen, und wir wären Beide verloren.« Von Ulriken . den 7. März. – – »Eine Freude muß ich dir noch mittheilen, die ich vor acht Tagen gehabt habe, eine, wie sie mir seit langer Zeit nicht zu Theil worden ist. Der Graf Ohlau hat sich an die Familie gewendet und um Unterstützung gebeten, weil ihm der Bankerut nicht das Geringste übrig gelassen hat. Der Oberste Holzwerder hat sich auch zu einem jährlichen Beitrage unterzeichnet und fragte mich zum Scherz, ob ich 269 nicht gleichfalls einen Louisdor unterzeichnen wollte. Der Scherz war mir empfindlich: ich antwortete »Vielleicht.« Bey der nächsten guten Laune der Fürstin bettelte ich bey ihr für einen gestorbnen Anverwandten. – »Willst du sogar den Todten Allmosen geben?« fragte sie. – Der Mann lebt wohl noch, antwortete ich, aber er läßt sichs nicht gern nachsagen, daß er noch lebt, weil er um seine schönen Kutschen, Pferde, Lackeyen und goldnen Kleider gekommen ist. – »Ist er bestohlen worden?« – Ja, von einem Diebe, den man Bankerut nennt. – »Darf ich den Mann nicht wissen? Oder vielleicht hast du dein Geld vergangnen Winter auf den Reduten verspielt und vertrunken, und machst mir nun weiß, daß du für einen vornehmen Bettler bettelst?« – Wenn ich den Mann alsdann verschweigen darf, so will ich die Beschuldigung auf mich nehmen und unterthänig um Vergebung bitten, daß ich meine Lüderlichkeit habe bemänteln wollen. – Sie gieng zu dem Schreibeschranke und brachte mir ein Packetchen mit zwanzig Louisdoren. 270 »Da!« sprach sie; »schicke das deinem Todten, damit er wieder ein Bischen zu Athem kömmt!« – Ich küßte ihr die Hände so vielmals, daß sie es überdrüßig wurde und mich zum Scherz leise auf den Mund schlug: die Schuhsolen hätt' ich ihr küssen mögen, so entzückt war ich über die Wohlthat. Ich packte die zwanzig Louisdor gleich sehr säuberlich ein, schrieb ein Billet an den Obersten und bat ihn, diese Kleinigkeit ohne Unterzeichnung an den Onkel zu schicken. Er kam hernach zu mir und wollte schlechterdings, daß ich das Geld in meinem Namen schicken sollte: aber das gieng ich nicht ein: ich packte es in weißes Papier, ließ von meinem Mädchen die Adresse darauf schmieren und schickte es ohne Brief fort. Wie sie sich freuen werden, wenn die zwanzig gelben Rosse aus dem Briefe herausspringen, als wenn sie aus der Luft herabfielen! Dies Vergnügen wafnet mich wider einen ganzen Monat Langeweile; denn das weis mein Herz, wie sie mich tirannisirt. Man spricht täglich von Lustbarkeiten: bald wird dahin, bald dorthin gefahren, gejagt, geangelt, gegangen 271 und geschwazt: aber bey allen Partien schleicht die grämliche Langeweile hinter mir drein, sezt sich mir auf den Nacken oder gegenüber und gähnt und gähnt! daß ich mitgähnen muß. Ich glaube, daß mir die Liebe fehlt: wir haben zu wenig mit ihr hausgehalten: darum wird der Rest unsers Lebens öde und leer seyn. Ich wüßte wohl die Langeweile umzubringen, aber ich darf nicht: ich bin wie Andromeda gefesselt, der Drache, die Langeweile, sizt neben mir und will mich verschlingen, und mein Perseus – Vielleicht schneidet er endlich einmal meine Hoffesseln los, und dann ist mir für meinen Drachen nicht bange: vor einem Blicke von dir zieht er aus wie vor zehntausend Feinden.« – Von Herrmann . den 21ten März. – – Ich beklage das gnädige Fräulein unendlich über Höchstdero langweilige Glückseligkeit: ich habe keine Glückseligkeit, aber auch keine Langeweile; Lächerlichkeiten in Menge um und 272 neben mir, wenn ich sonst Neigung hätte, über die Thorheiten und Vergehungen eines Mannes zu lachen, der das Wohl und Weh eines Landes in seiner Hand hat und damit spielt, wie mit einem Balle. Ich erwerbe mir izt die Kenntnisse, die mich Verirrung und Taumel der Liebe nicht früher erwerben ließe: erschrecken würdest du, wenn du mich, umschanzt von ökonomischen und politischen Büchern, unter Quartanten und Oktavbänden voll Polizey und Finanzanstalten, die nirgends existiren, fändest. Der Himmel will, daß ich alles, was ich bin und werde, dir verdanken soll; denn alle diese Weisheit und Thorheit hab' ich für die Geschenke gekauft, womit du deine Briefe begleitest: kan ich dir besser dafür danken, als daß ich sie zu dem einzigen Mittel anwende, das mich deiner Verbindung werth machen, wo auch nicht dazu bringen kan? Verstand und Gedächtniß werden durch diese Gedanken gestärkt: meine Begriffe werden heller und meine Vorstellung umfassender, wenn mich die Liebe erinnert, daß ich alles Nachsinnen, alle diese Mühe für dich 273 und durch dich unternehme. Ich habe bisher mein Leben im Schlafe zugebracht, im Traume der Empfindung, des Vergnügens, des Eigennutzes, in süßer verliebter, aber kleiner Geschäftigkeit: das Unglück hat mich aus meiner Schlaftrunkenheit herausgepeitscht, und ich will anfangen zu leben, zu thun, zu handeln, was allein Leben heißt. Wie begeistert mich die Vorstellung, wie schwellt sie meinen Muth an, daß ich vielleicht dereinst etwas beytragen soll, diesem Lande, das die Beute habsüchtiger Geier geworden ist, durch gute Anstalten zum Wohlstande zu verhelfen, Ordnung. Fleis, Thätigkeit darinne zu verbreiten, der Menge dürftiger fauler Müßiggänger Arbeit und Nahrung zu verschaffen, durch Vermehrung des Triebes zur Beschäftigung alle Laster der Geschäftlosigkeit zu ersticken, und so durch politische Veranstaltungen ein Völkchen weiser und glücklicher zu machen, als Moralisten und Prediger vermögen! Diese Aussicht ist izt meine allbegleitende Idee, der Mittelpunkt alles meines Denkens und Trachtens. Meine gegenwärtige pflichtmäßige Beschäftigung ist freilich trocken, 274 gering, ekelhaft: ich muß Rechnungen, Befehle, Quittungen, Specificationen von des Herrn von Lemhoffs Schweinen, Schafen und Rindvieh, Pachtbriefe und Miethkontrakte abschreiben, den Vögeln den Pips benehmen, Wettergläser begucken und die Grade ihres Steigens und Fallens aufschreiben, – freilich alles lästige traurige Berufsarbeiten, die einer von den Bedienten des Hauses besser und schicklicher verrichten könte als ich! aber was schadets? Man kan wohl einige Zeit Steine und Kalk zuführen, wenn man nur Hofnung hat, einmal Mauermeister zu werden. Ich bin doch unendlich besser daran, wenigstens in meinen Augen nüzlicher als Arnold, der den Lustigmacher bey dem Fürsten spielt und Hofspasmacher geworden ist. Nimmermehr hätt' ich dem Manne zugetraut, daß er sich zu solchen Mitteln erniedrigen würde, um die Gunst seines Herrn zu gewinnen: er ist ein Nichtsnützer, der im geschäftigen Müßiggange herumschleicht: seine größte Handlung ist ein mittelmäßig geblasnes Konzert, und seine beste ein Spas, womit er dem Fürsten eine Wolke von 275 der Stirn treibt; und noch wäre dies Verdienst nicht gering, wenn er den Herrn nach Beschäftigungen oder Unannehmlichkeiten aufheiterte, oder Verdruß und üble Laune, zwo so ergiebige Quellen von Ungerechtigkeiten, von ihm abwehrte: aber die Harlekinspossen, die elenden Schwänke, die Kinderspiele, womit er ihn belustigen soll, machen ihn in meinen Augen verächtlich. Wie viel verdienstvoller und glücklicher schein' ich mir mitten in meinen schlechten Umständen schon izt, wenn ich mir bewußt bin, daß der Präsident Einen Gedanken, Einen Vorschlag, den ich für heilsam halte, billigt und annimmt! Wie vollkommen wird nun vollends meine Glückseligkeit seyn, wenn ich diese schlechten Umstände übersprungen und mich in eine Lage gesezt habe, wo meine Gedanken und Vorschläge von ausgebreitetem Einflusse, meine Arbeiten der Vortheil etlicher tausend Menschen seyn werden! Der Vorstellung, für und auf einen beträchtlichen Theil der Menschheit einst zu wirken oder gewirkt zu haben, kömmt nichts gleich, als das Gefühl einer Liebe, wie die unsrige, als 276 der Gedanke an deine Treue. Ich beneide Euch alle nicht um die herrlichen Lustbarkeiten, um die schönen Parties de plaisir: meine Partie de plaisir soll angehn, wenn Euch vor den Eurigen ekelt. – – Von Ulriken . den 13ten Oktober. – – Das heißt man Landleben? Eine Plage auf dem Lande nenne ich das. Da sind wir den ganzen Sommer auf dem Dorfe gewesen und haben uns ganz treflich ennüyirt, daß wir uns vor Langerweile mit den Köpfen hätten stoßen mögen. Die Fürstin hat dies Jahr die Oekonomie an den Nagel gehängt und ist der Wirthschaft so überdrüßig geworden, als wenn sie mit uns auf unserm Bauergütchen gewohnt hätte. Halb ist sie dafür zur Jägerin, und halb zur Fischerin geworden. Ihre kriegerischen Zeitvertreibe haben einen rechten Nimrod aus deiner friedfertigen Ulrike gemacht: ich bekriege alles, was Odem hat: aber ich lasse mich nur mit der 277 hohen Jagd ein, mit Sperlingen, Meisen und Finken. Die Fürstin mit ihren beiden Leibjägerinnen – denn Fräulein von Limpach hat die Gicht in beide hochwohlgeborne Füße bekommen – wir drey Jägerinnen haben den ganzen Sommer über wenigstens zehn Pfund Pulver und Bley verschossen, und dem Himmel sey Dank! wenigstens drey Sperlinge und vier Meisen erlegt: den Tod einer Meise habe ich auf meinem Gewissen, aber ich kan es beschwören, daß ich den Mord ohne Vorsatz begieng. Gewöhnlich schoß ich immer los, wenn die Andern anlegten, um die Vögel zu warnen, daß sie wegflogen: aus der nämlichen christlichen Absicht schieß' ich einmal in einen Kirschbaum, und siehe da! es fällt eine Meise herunter. Ich zitterte vor Schrecken, und hätte beinahe geweint, als der gute Narr herunterstürzte, nahm ihn auf und dachte, er wäre vielleicht wegen Schwäche der Nerven über den Spaß in Ohnmacht gefallen: aber nein, er war todt, so sehr man es nur seyn kan. Die Fürstin behauptete, er hätte die Gicht gehabt, wie die Limpachin, wäre vor Schrecken heruntergefallen 278 und hätte den Hals gebrochen; und ich glaub' es gern, damit ich nur an keinem Todtschlage schuld bin. Die armen Vögel in der ganzen umliegenden Gegend waren uns zulezt so gram geworden, daß sie davonflogen, als wenn sie das Unglück jagte, so bald sich nur eine von uns Scharfschützinnen blicken ließ. Wenn uns die Hitze das Jagen lästig machte, sezten wir uns an den Fluß und warfen unsre Angeln aus: viele Stunden saßen wir da, wie angepflöckt, ohne Bewegung und Sprache, und brachten meistens so viele Weißfischgen zusammen, daß Jedermann des Abends bey der Tafel einen halben bekam. Das Langweilige dieser Zeitverkürzung ist unbeschreiblich: wenn die Fische herumgeflogen wären, so hätte ich sie mit dem Munde fangen können, so hab ich gejähnt. Arnold sezte sich bey dieser Gelegenheit durch seine ganz einzige Geschicklichkeit, die Regenwürmer an die Angel zu stecken, in die vollkommenste Gnade bey der Fürstin, die ihn vorher so wenig leiden konte, daß sie ihn den Hofaffen nannte; aber seitdem er seine Verdienste so 279 vortheilhaft gezeigt hat, gefällt ihr der Mann samt seinen Possen ungemein wohl. Er hat bey unserm Sommeraufenthalte die wichtigste Rolle gespielt: wenn Hitze und Langeweile alle Kraft und Lust zur Thätigkeit niederdrückte, trat er mit dem Apotheker, oder war dieser in der Stadt, mit einem andern Einfaltspinsel auf, und Beide spielten zusammen ein burleskes Intermezzo, welches meistens darauf hinauslief, daß der unverschämtere Narr den blödsinnigen Narren zu seinem Narren machte. Ich begreife nicht, ob ich das Lachen verlernt habe: die Schwänke, die der Herr von Troppau mit Mr de Piquepoint und den andern Souffre-douleurs unsrer Abendgesellschaften in Berlin vornahm, belustigten mich zuweilen, daß ich darüber lachen mußte, so oft ich mich ihrer erinnerte; und hier sitze oder steh ich da, wie die Bildsäule des Kato, wenn alles rings um mich vor Lachen bersten will: nur der Fürstin zu Gefallen, damit sie meine Ernsthaftigkeit nicht übel nehmen soll, lache ich mit, so oft sie mich ansieht. Ich höre kein Wort von den schalen Einfällen, sondern 280 träume für mich, und lache also sehr oft bey Gelegenheiten, wo es gar nichts zu lachen giebt, blos weil mich die Fürstin anblickt: nun geht wieder das ewige Fragen an, warum ich lache, und ich weis niemals zu sagen warum, weil ich die rechte Ursache nicht entdecken darf. Entweder mir oder den Possen muß etwas fehlen – vermuthlich mir! – Alle Zeitvertreibe sind so kalt, so affektlos, bloße Mittel, die Zeit zu würzen; alle Vergnügen berühren meine Empfindung so flach und dringen mir weder an Geist noch Herz: aber was macht es? – ich sehe nichts mehr mit den Augen der Liebe: die Liebe vergoldete sonst alle Gegenstände um mich her mit Sonnenschein: die Liebe spannte meine Einbildung, daß sie jedem Blatte, jedem Lüftchen, jedem Insekt geheime Beziehungen auf mich mittheilte, gab allem, was um mich war, Regsamkeit, Leben, Interesse, Wärme, und erhöhte in mir jedes Gefühl zur Berauschung. Das war eine Welt! – Gott! wenn ich noch an das erste Jahr denke, das wir auf dem Bauergütchen zusammen verlebten! Da hatte 281 alles so einen frischen Anstrich, so eine Lebhaftigkeit, so ein Feuer! Freilich war der frische Anstrich nur in meinem Kopfe, und die Lebhaftigkeit und das Feuer nur in meinem Herze: mag es! Ich befand mich doch millionenmal besser dabey, als itzo in der kahlen Alltagswelt, wo mir alles so matt, träge, leblos, kalt, ohne Geist und Interesse dahinschleicht, wie ein elendes Schattenspiel an der Wand. Diesen Winter will die Fürstin eine Fabrik bey sich anlegen: Hoffräulein, Hofjungfern und Hofmädchen sollen in ihrem Zimmer sich alle Nachmittage versammeln und spinnen, stricken, nehen, und unsre Fabrikwaaren sollen unter die armen Leute ausgetheilt werden. Der Einfall gefällt mir überaus wohl, und die erste Versammlung aller jener Fabrikantinnen, die gleich den Tag nach unsrer Ankunft vom Lande und seitdem nicht wieder geschah, hat mich belustigt, wie mich noch nichts am Hofe belustigt hat. Stelle dir einmal ein großes Zimmer vor; in der Mitte die Fürstin an einem Tische voll Flachs, Garn, Leinewand, Zwirn, grober 282 und feiner Wolle – lauter Materialien, die sie unter die Arbeiter ihrer Fabrik austheilt! Im Halbzirkel vor ihr sitzen alle ihre Gesellen, bey der Thür schnurren drey Mädchen mit Spinnrädern; daneben die podagristische Limpachin mit einer großen Haspel vor sich, wovon sie grobes baumwollenes Garn zu einem Paar grauen Mannsstrümpfen abwindet; dann ein Mädchen, mit einem Hemde für einen Bettler beschäftigt, der vielleicht seit Jahr und Tag nur kein ganzes gehabt hat; dann ein Anders mit einer Kinderhaube unter der Arbeit; und endlich vier bis fünfe, worunter auch meine Wenigkeit gehört, mit Stricknadeln bewafnet, mit wollnen und zwirnen, großen und kleinen, Manns- und Weiberstrümpfen, worunter jede die andre überholen, jede das größte Stück Arbeit liefern will. Die Fürstin strickt für einen alten Mann, den sie vorigen Winter baarfuß gesehn hat, ein Paar tüchtige derbe warme Winterstrümpfe, und ich arbeite für eine arme alte Wittwe, die der Schlag gerührt hat. Weil ich so gut Mährchen erzählen kan, wie man mir Schuld giebt, so habe ich 283 unstreitig den wichtigsten Posten in der ganzen Gesellschaft; denn ich muß arbeiten und erzählen. Damals saßen wir mit ununterbrochner Emsigkeit von vier Uhr des Nachmittags bis des Nachts um halb zwölfe, und die kalte Küche, die man des Abends herumgab, wurde nur nebenher eilfertig hinuntergeschlungen, ohne daß es die Arbeit störte, dem Bedienten das Glas abgenommen, hastig ein Schluck gethan, und nun gleich wieder an die Arbeit! Wir waren insgesamt so vergnügt und freudig, und dies ganze Bild der Arbeitsamkeit für mich so einnehmend, daß mir meine Mährchen noch einmal so lustig geriethen; denn du mußt wissen, ich habe eine so starke Belesenheit in diesem Fache bey der Fürstin bekommen, daß ich izt alle Bücher verachte und meine Mährchen selber erfinde, oft aus dem Stegreife, und meine selbsterfundnen thun meistens mehr Wirkung als die gedruckten; denn ich mache sie so abentheuerlich, daß meinen Zuhörern alle Sinne vor Verwundrung stillstehn, wie nur so entsezliche Dinge in der Welt vorgehen können. Ich habe seitdem die 284 Fürstin fleißig an ihre Fabrik wieder erinnert, aber sie scheint an dem Erstenmale genug zu haben: wenn das so fortgeht, wird der arme Alte seine warmen Winterstrümpfe wohl unter sechs Jahren noch nicht bekommen, und meine lahme Wittwe mag sich auch beyzeiten anderswo versorgen, ehe die starke Kälte einbricht.« – – Von Ulriken . – – »Nun hab' ich erfahren, warum den ganzen Winter über die Fürstin so mistrauisch, so zurückgezogen und kalt gegen mich that: aber ich möcht' es lieber nicht erfahren haben, da es ohne das Unglück einer Person nicht geschehen konte, die ich freilich für etwas anders hielt, als sie sich nunmehr gezeigt hat. Du wirst vermuthlich gehört haben, daß Fräulein Ahldorf neulich den Hof plözlich verlassen mußte, und vermuthlich hat dir auch das Gerüchte hinterbracht, daß ich ihren Abschied bewirkt habe: aber das Gerücht ist eine Lüge, von Leuten 285 erfunden, die mich verhaßt machen wollen. Ich will dir die wahre Geschichte erzählen. Die Fürstin war sonst der Fräulein nicht gram, aber auch wegen ihrer erstaunenden Faseley nicht sonderlich gewogen, und noch den vorigen Sommer auf der Jagd und bey dem Angeln mußte das arme Mädchen beständig Verweise, recht bittre Verweise über ihr läppisches Wesen anhören, und die Fürstin nannte sie immer gegen mich ihren Kammerhusaren. Auf einmal, als wir vom Lande zurückgekommen waren, änderte sich die Scene: ich wurde zurückgesezt, durfte wenig und zulezt fast gar nicht mehr um die Fürstin seyn: die Ahldorfin bekam alle Gnade und alle Last, die ich vorher genossen und getragen hatte. Ob ich gleich im Grunde mehr Ruhe dabey gewann, so nagte mich doch die Zurücksetzung nicht wenig: jedermann schmeichelte mir sonst, woran mir wenig lag, jedermann wartete mir auf, auf den Wink gehorchte man mir; izt war ich wie verlassen, man drehte mir den Rücken zu, alle brachten ihren Witz und ihre Höflichkeit der Fräulein 286 Ahldorf zum demüthigen Opfer, und Niemanden fand ich unverändert als mein Mädchen. Am meisten machte sich noch zuweilen der Fürst mit mir zu schaffen: er spricht sehr gut, wenn er will, und seine Unterhaltung hielt mich für alle andern schadlos; aber sie war niemals lang, weil gleich von allen Seiten Leute herbeykamen, die ihn von meinem Gespräch abzogen. Ich konte mit allem meinen Verstande die Ursache einer so schleunigen Veränderung nicht erforschen, besonders da Madam Dormer mich so äußerst selten besuchte, niemals kam, wenn ich sie nicht drey, viermal bitten ließ, und allemal kaum fünf Minuten dablieb. Auf einmal wurde ich lezthin aus meiner Unwissenheit gerissen. Ich gehe durch das Vorzimmer der Fürstin, um mich zu erkundigen, ob auf den Abend Spiel bey ihr seyn wird: ich finde alles leer, aber in ihrem Zimmer wurde stark gesprochen. Die weibliche Neubegierde treibt mich an, ein wenig still zu stehn, um zu hören, ob vielleicht die üble Laune einmal regierte: es war des Fürsten Stimme, und da ich meinen Namen zweimal 287 hintereinander nennen hörte, glaubte ich mit völligem Rechte neugierig seyn zu können, warum er genennt wurde. Der Fürst bat die Fürstin mit seinem eignen gesezgebenden Tone – er bittet alsdann mit den Worten und befiehlt mit der Stimme – bat sie ernstlich, der Fräulein Ahldorf augenblicklich den Abschied zu geben. Die Fürstin bat für sie, aber er bestund darauf und befahl der Fräulein innerhalb einer Stunde das Schloß zu räumen, wofern sie sich nicht größern Unannehmlichkeiten aussetzen wollte. Daß er ihr dies selbst sagte, dazu gehörte ein hoher Grad von Zorn: weil sich die Stimme darauf der Thüre näherte, wischte ich davon. Indem ich durch den Gang gehe, der an das Vorzimmer stößt, treffe ich mit einer von den Jungfern zusammen, die auf der andern Seite in dem Nebenzimmer förmlich gehorcht hat. Sie that so freundlich gegen mich und machte mir eine so tiefe Verbeugung, als ich den ganzen Winter über nicht von ihr bekommen hatte: das war eine gute Vorbedeutung. »O ich habe Dinge gehört!« fieng sie an leise auszurufen. »Darf 288 ich mit Ihnen auf Ihr Zimmer gehn? Ich habe Ihnen recht vieles zu sagen, das Ihnen Freude machen wird.« – Ich nahm sie mit mir, und wir waren kaum ins Zimmer hinein, so hub schon die Erzählung in ihrer gewöhnlichen erklamatorischen Manier an. »Ach, ich habe Ihnen Dinge gehört!« rief sie aus. »Ach, ich kan Ihnen gar nicht sagen, was für Dinge! Ich mußte der Fürstin ein Kleid aus der Garderobe bringen, woran etwas geändert werden soll: indem wir so reden, tritt der Fürst herein. Die Fürstin erschrak über den unvermutheten Besuch, und ich machte, daß ich über Hals und Kopf mit meinem Kleide ins Nebenzimmer kam. Der Fürst sah mir entsezlich böse aus, und ich horchte deswegen, was es einmal geben würde. Ach, da hab' ich Ihnen Dinge gehört! Ich kans gar nicht sagen.« – Die Wunderdinge kamen lange nicht zum Vorschein: endlich erfuhr ich dann folgendes. »Der Fürst befiehlt der Fräulein Ahldorf, die auch das Zimmer verlassen will, dazubleiben und fragt sie geradezu, ob sie der Fürstin nicht 289 überredet habe, daß er gestern auf meinem Zimmer gewesen sey; ob sie ihr nicht erzählt habe, daß er da, dort und hier mit mir allein gewesen sey und eine Menge andere Fragen, die alle ähnliche Beschuldigungen wider ihn und mich enthielten. – Ich kan mir ihn vorstellen, wie er das alles gefragt haben mag: er nimmt in solchen Fällen einen ganz eignen kalten Ernst an. – Da die Fragen vorbey sind, befiehlt er ihr, daß sie gestehn soll. Die Ahldorfin ist vor Schrecken außer sich, weis sich nicht zu helfen, weint, wirft sich dem Fürsten zu Füßen in der Angst: er befiehlt ihr aufzustehn, und gebietet noch einmal mit schärferem Tone, daß sie gestehn soll: in der Furcht beichtet sie alles. Darauf bittet er die Fürstin mit seinem befehlenden Tone, eine solche freche Klätscherin, die sich so unverschämte Lügen erlaubte, nicht länger um sich zu dulden, und befiehlt der Fräulein das Schloß zu räumen, was ich selber hörte.« – Nach dieser Scene wurde ein entsezlicher Aufruhr: alles sezte sich in Bewegung, Vorbitten einzulegen, aber 290 umsonst! Der Fürst ist in solchen Fällen unerbittlich, besonders wenn es darauf ankömmt, sein Ansehn wider unser Geschlecht zu behaupten, von dem er überhaupt keine hohe Meinung zu haben scheint, so artig und galant er ihm auch begegnet. Von Mannspersonen läßt er sich leicht einnehmen, aber gegen das Frauenzimmer – auch seine eigne Gemahlin dazu gerechnet – steht er auf der Hut, und er giebt eher seinem Kammerdiener nach als der Fürstin: er beleidigt sie nie, sondern behandelt sie mit ungemeiner Achtung und Höflichkeit, aber wenn er einmal etwas befohlen hat, und sie bittet, den Befehl abzuändern, dann läßt er sich nicht bewegen, sollte auch ihre Bitte die größte Billigkeit und sein Befehl die größte Unbilligkeit seyn. Er soll selbst einmal gesagt haben, daß ein kleiner und großer Fürst das andre Geschlecht achten, aber nicht lieben, und ihm alle Bitten abschlagen müsse, damit er ihm keine schädliche gewährte. Ganz genau folgt er seiner Maxime nicht, und bey aller Vorsichtigkeit und allem 291 Mistrauen muß er sehr vielfältig thun, was die Weiber wollen, wenn sie nur männliche Maschinen dazu gebrauchen: das wird alles durch den dritten, vierten Mann bewerkstelligt. Itzo ist Arnold das große Triebrad, das ihm mit Spaß und feiner Schmeicheley seinen Willen und seine Gedanken umdreht, und dies große Triebrad wird von einem kleinern umgedreht, das Madam Dormer heißt: wer dieses verborgne Rad recht zu seinem Vortheil zu stellen weis, dem zeigt der Weiser, wie ers wünscht.« – Von Ulriken . den 27. April. – – »Arnold versichert mich, daß er dem Fürsten die Klätscherey der Fräulein Ahldorf entdeckt hat, und behauptet, daß ihr Bewegungsgrund nicht blos Neid gegen mich, sondern auch Bosheit gegen den Fürsten gewesen sey, um sich für die Kälte zu rächen, womit er ihre Bemühungen, sich in Gunst bey ihm zu 292 setzen, aufgenommen habe; und sie soll sich bey ihm in Gunst haben setzen wollen, um sich an der Fürstin für den Vorzug zu rächen, den sie mir so lange Zeit gegeben hat. Es mag kein Wort davon wahr seyn; denn da sie in Ungnaden fortgeschickt worden ist, hält es Jedermann für seine Pflicht, ihr die abscheulichsten Dinge nachzusagen: sie müßte ein Ungeheuer seyn, wenn sie so wäre, wie man sie izt allgemein abbildet. Für mich will Arnold bey dem Fürsten und der Fürstin sehr vortheilhaft gesprochen haben, und die allmälich wiederkehrende Gnade der Leztern soll sein Werk seyn: auch für dich will er nunmehr sorgen, daß du aus dem Hause des Präsidenten in einen bessern Platz kömmst. »Ich bin ein rechter Schurke, daß ich an meinen besten Freund nicht eher gedacht habe,« sagte er: »aber ich wills schon einbringen: geben Sie nur Acht, was alles aus ihm werden soll.« – Spricht der Mann nicht, wie ein wahrhafter mâitre.valet ! Ich wills ihm herzlich gern glauben, daß er der Urheber meiner neuen Gunst ist, 293 wenn er nur für dich etwas ausrichtet. Auch kan er wohl die Wahrheit gesagt haben. Wie wollt' ich den Mann lieben und achten, so wenig ich es itzo kan, wenn er nur mit Einem Finger dazu hülfe, dich emporzuheben! Der Gedanke, dich emporgekommen zu sehn, belebt mich inniger und süßer, als die neuerlangte Gnade: dann gäb' ich ihm die Erlaubniß, ein Stocknarr und ein Erzschurke zu seyn, ohne ihn zu hassen. Madam Dormer gab sich die Ehre, bey dem Vorfalle mit der Fräulein Ahldorf ein wenig zu vorwitzig zu seyn, und bekam von der Fürstin ein sehr empfindliches Kompliment darüber. – Die Fürstin ist ihr um der sonderbaren Ursache willen nicht mehr gewogen, weil ihr der Mann davongelaufen ist: sie behauptet, daß allemal die Frau nichts tauge, wenn sich der Mann auf so eine Art von ihr trennt; und Dormer war doch allgemein für den lüderlichsten Menschen unter der Sonne bekannt. Es ärgerte mich, aus so einem seltsamen Grunde einen 294 unverschuldeten Groll auf die arme Frau geworfen zu sehn, und ich wurde in ihrer Vertheidigung so warm, daß mir die Backen glühten, als die Fürstin mit mir neulich von ihr sprach; aber sie gebot mir zu schweigen. Wahrhaftig, man könte über die Witterung der Gnade einen eignen Hofkalender machen: allein ich möchte mich auf diese Wetterprophezeihungen so wenig verlassen, als eine Wäsche heute anfangen, weil mir der Almanach morgen schönen Sonnenschein zum Trocknen verspricht.« – Von Ulriken . den 12. November. »Nur zwey Worte, damit du weißt, daß ich noch schreiben kan! Diesen Sommer sind wir auf dem Lande Gärtnerinnen gewesen, haben Blumen, Kohl, Gurken gesteckt, gesät, gepflanzt, dem Gärtner alle Beete verdorben und ein schlechtes Jahr gemacht; denn alles unser Gesätes. Gepflanztes und Gestecktes hatte 295 weder Segen noch Gedeihen. Was wir sonst noch gethan haben? – Verdruß und Langeweile gehabt. Die beiden Ungeheuer werden mich noch aufreiben. Ach, die schreckliche Leerheit in meinem Herze!« – – Von Herrmannen . den 3. December. – »Mit Erstaunen habe ich mich neulich von meinem Kalender belehren lassen, daß ich schon zwey Jahre in meinem Platze zugebracht habe. Wie sie mir verflogen sind! als wenn ich sie in deinen Armen, an deiner Seite verlebt hätte! Nie glaubte ich, daß Arbeit und eifriges Streben nach Einem vorgesezten Zwecke die Flügel der Zeit so schnell bewegen könte. Nur die Liebe, bildete ich mir ein, vermöchte das Wunder zu thun, daß Wochen und Monate unbemerkt, wie Gedanken, dahinflögen: aber nein, auch Thätigkeit und Rennen nach Einem festen Ziele vermag es. Wenn mein Nachsinnen ermattete, wenn Verdruß und 296 unfreundliche Begegnung vom Präsidenten meinen Muth schlaff machte: dann dachte ich, für wen, um wessentwillen ich meine Kräfte anspannte. »Ulrike ist der Kranz,« sagte ich mir, »Ulrike der Lohn, der am Ende der Laufbahn auf dich wartet: laufe, renne, arbeite dich todt oder erringe sie!« – Wie der herabströmende Einfluß einer Gottheit, stärkte mich die Aussicht auf einen solchen Lohn, und wenn Zweifel und Unmuth mir ihn als entfernt, als zu hoch hängend, als ein bloßes Vielleicht darstellten, dann rang und kämpfte ich mit neuer Arbeit, um die Wahrscheinlichkeit dieses Vielleichts zu erhöhen. Ich habe ihn geendigt, den Plan, habe mich mit den Verfassungen des Landes, mit den zahlreichen Mängeln und Gebrechen der hiesigen Einrichtung bekannt gemacht, habe mir Kenntnisse aus Büchern und der Erfahrung Andrer gesammelt, habe unermüdet gefragt, gesucht, gelesen, gesonnen und so manche nüzliche Anstalt und Verbesserung ausgedacht, wodurch dem Ganzen der Regierung und einzelnen 297 Einrichtungen geholfen werden könte, habe in meinem Kopfe einen Plan erzeugt, ein Ideal, nach welchem ich bey allen Vorschlägen in meiner künftigen Bestimmung verfahren will. Wie froh bin ich, endlich in eine Laufbahn hingezogen zu seyn, wo ich für mehr als meinen Nutzen und mein Vergnügen arbeiten soll; und wer zog mich hin? – Du, du, Ulrike! Du, deren Hände Leben, Wohlseyn, Glück und Ehre über mich verbreiten und noch reichlicher verbreiten werden! Meine bisherigen Beschwerlichkeiten waren nicht gering: du seufzest über die aprilmäßige Veränderlichkeit der Gunst, über die Schmerzen, die dir die schlimme Laune deiner Gebieterin zuweilen auflegt, über Neid, über Langeweile: von allen diesen Uebeln war ich wohl frey, aber mich drückten andre. Der Handlanger – als etwas bessers kan ich mich fürwahr! nicht betrachten – der Handlanger eines Mannes zu seyn, der in dieser Minute, wenn ich seinem Gimpel oder seinen 298 Turteltauben eine Güte gethan habe, mir mit brüderlicher beschämender Vertraulichkeit begegnet, und in der folgenden, wie ein orientalischer Despot, befiehlt und aufgewartet seyn will; der in dieser Stunde dringend und treibend mit der äußersten Schärfe etwas anbefiehlt, eine halbe Stunde darauf schon vergißt, daß ers befohlen hat, und das Gegentheil gebietet oder sich wohl gar einbildet, das Gegentheil befohlen zu haben, und zürnend auffährt, wenn man that, was er ausdrücklich verlangte; der weder Widerspruch noch Entschuldigung erträgt, keine Vernunft hört, weder nach Plan noch Grundsätzen, sondern blos nach augenblicklichen vorübergehenden Einfällen handelt und anordnet; der in allem, was er denkt und thut, keine Regel als seinen Eigennutz kennt und keine Mittel verschmäht, ihn zu befördern, wovon ich die himmelschreyendsten Beweise erfahren habe, seitdem ich verpflichtet worden bin und also nicht mehr blos in seinen Privatgeschäften, sondern auch in Sachen seines Amtes gebraucht 299 werde: dem nicht ein Finger weh thut, wenn gleich das halbe Land zu Grunde gienge, und der doch außer sich geräth, sobald sein Gimpel nicht fressen will: – wie muß man sein Gefühl verhärten und seinen Unwillen zurückhalten, welche Leiden und innerliche Kämpfe muß man erdulden, wenn man einem solchen Manne dient! Sein Beruf ist ihm eine leichte Feder, die er spielend dahinbläst, wohin sie der Wind treiben will: ich glaubte von ihm göttliche Weisheit zu lernen, und auch die bekanntesten Dinge, worauf ihn tägliche Erfahrung leiten sollte, sind ihm fremd und unwichtig. Ich bin vor Erstaunen außer mir selbst gerathen, wie er mich von sich wies, als ich mir neulich die Freiheit nahm, in einer seiner vertraulichen Launen über verschiedene Einrichtungen und Anstalten zu sprechen, die nach meinem Bedünken dem Lande so noth thun, meine Meinung darüber als bescheidne Zweifel und Fragen vorzulegen, worüber ich Belehrung von ihm zu erhalten wünschte: er gebot mir von dergleichen 300 Zeuge zu schweigen, das weder ihn noch mich etwas angienge, und etwas Gescheidteres zu sprechen; und doch waren es Dinge, deren Besorgung seinen Händen auvertraut ist! und doch war dieses gescheidtere Gespräch, das er an die Stelle des meinigen sezte, eine Unterredung über die lezte Krankheit seines Gimpels! Aber ich will sie zerbrechen, die schimpflichen Ketten, die Ketten eines Galeerensklaven, die ich bisher ohne Murren getragen habe, weil ich mich erst durch Kenntnisse und Erfahrung in den Stand setzen wollte, allen die Spitze zu bieten, deren Widerstand ich befürchten muß, wenn es mir gelingt, zu den Ohren des Fürsten durchzudringen. Die Unordnungen, Ungerechtigkeiten und widersinnigen Dinge, die ich täglich schreiben muß, lassen mich nicht länger ruhen: ich gehe herum, wie ein Mensch, den Gewissensangst peinigt, daß ich alles das weis und verhele: ich kan es, so wahr ich lebe! nicht länger verhelen, wenn ich nicht gleich strafbar mit dem Urheber werden will: ich bin es schon, daß ich meine 301 Hände dazu hergab und es schrieb. Ich will ein Wagestück unternehmen, es gelinge oder nicht: entweder jagt man mich mit Schimpf und Schande fort, oder man erkennt meine gute Absicht und belohnt mich. Sey der Ausgang, welcher es wolle, ich befriedigte Ehre und Gewissen; und wenn diese beiden für mich sind, dann mag die halbe Welt wider mich seyn, ich fürchte sie nicht. Beunruhige dich nicht über mein Unternehmen, da ich dir es nicht entdecke! Aengstige dich nicht, wenn du etwa bald hörst, daß ich plözlich die Stadt verlassen mußte; wenn alles von mir übel spricht, mir meine Verjagung als eine verdiente Strafe gönnt, und Jedermann mich der tollsten Unverschämtheit, der Undankbarkeit, der Verläumdung und der Himmel weis welcher Verbrechen mehr anklagt: das sind alles Stimmen, aus Einem Sprachrohre gerufen, um meine Verjagung zu beschönigen und mein Zeugniß wider die Ungerechtigkeit unkräftig zu machen: glaube solchen Nachreden so 302 wenig als ich dem Gerüchte glaubte, da es dich beschuldigte, daß du die Gunst deiner Fürstin misbrauchtest, um eine Fräulein Ahldorf zu verdrängen! Ich handle wie ich soll; und nicht so zu handeln, soll mich weder üble Nachrede, noch Ansehn, Elend und Mangel, und was noch mehr als alles dieses ist, selbst die Gefahr, dich auf immer zu verlieren, nicht bewegen. Wenn ich dich zurücklassen muß, so tröste dich über mein Schicksal damit, daß ich mir durch eine so plözliche Trennung den Märtyrerkranz der Ehrlichkeit erwarb.« – – 303   Zwölfter Theil. Erstes Kapitel. Herrmanns gefährliches Wagestück, dessen er in dem vorhergehenden Briefe gedenkt, war die Entdeckung aller Kniffe, Kunstgriffe und Praktiken, die der Präsident gebrauchte, mit einem Theile der fürstlichen Kasse zu wuchern, während daß unter dem Vorwande des Geldmangels alle Anfoderungen an dieselbe abgewiesen, verschoben, vertröstet, und oft die Auszahlung der geringsten Besoldungen ausgesezt wurde. Er suchte eine Gelegenheit, den Fürsten allein zu sprechen und ihm das ganze eigennützige System des Präsidenten vorzulegen, um welches er allein zu wissen glaubte, ob man gleich öffentlich darüber klagte, schmälte und fluchte, und nur gegen ihn zurückhaltend that, weil er zum Hause des Herrn von Lemhoff gehörte und in dem Verdachte stund, daß er der 306 Handlanger der Ungerechtigkeit sey. Madam Dormer und alle übrige Virtuosen des Hofs haßten seit langer Zeit den Präsidenten bis auf den Tod: sein unharmonisches Gemüth hatte eigentlich niemals Neigung für die Musik gefühlt, sondern war ihr vielmehr gram, und er gab sich nur einige Zeit die Mine eines Liebhabers, hielt stetig Konzerte bey sich, unterhielt sich viel über die Tonkunst, ohne das mindeste davon zu verstehen, blos um der Liebhaberey des Fürsten ein Kompliment zu machen: da bey diesem der Eifer erkaltete und sich mehr zur Mahlerey hinlenkte, ließ der Präsident keinen Geigenstrich mehr in seinem Hause thun, würdigte Sängerin, Geiger und Flötenblaser kaum eines Blicks und drang bey jeder Gelegenheit auf ihre Abdankung: alle litten auf seinen Betrieb eine Verminderung des Gehalts. Herrmann glaubte also durch Madam Dormer und Arnolden den sichersten und geheimsten Kanal zum Fürsten zu finden: er vertraute sich ihr an, sie ermunterte ihn in seinem Vorsatze, theilte ihn Arnolden mit, und Beide ergriffen die Gelegenheit, dem 307 Präsidenten zu schaden, mit so großer Freude, daß Herrmann schon den folgenden Tag zu Arnolden beschieden wurde. Unter dem Schein eines Besuchs gieng er zur bestimmten Stunde zu ihm, Arnold paßte die Zeit ab, wo der Fürst sich allein auf seinem Zimmer mit Zeichnen zu beschäftigen pflegte, und brachte ihn so weit, daß er Herrmanns Anbringen hören wollte. Herrmann that seinen Vortrag mit unerschrockner Freymüthigkeit, überreichte die Beweise, die er mitgebracht hatte, seine Beschuldigungen zu unterstützen, und machte einen kurzen Abriß von der Verfahrungsart des Präsidenten und den Unordnungen, die desselben Nachlässigkeit, Unwissenheit und Eigennuz veranlaßten: alles war durch unverwerfliche Gründe so sonnenklar, daß auch nicht ein Zweifel dawider statt fand. Der Fürst hörte ihn gelassen an und ließ nicht die mindeste Verwunderung und noch viel weniger Unwillen in seinem Gesichte blicken: er sah die überreichten Schriften flüchtig durch, gab sie Herrmannen zurück und sagte lächelnd: – »Ich weis dies alles: das Geheimniß soll unter uns 308 bleiben: ich danke indessen für den guten Willen.« – So schloß sich die Audienz. Herrmann schwebte viele Tage in Ungewisheit über die Wirkung seiner Entdeckung: Arnold versicherte ihn zwar, daß sie der Fürst sehr wohl aufgenommen zu haben schiene, sezte aber auch mit Betrübniß hinzu, daß sie vermuthlich ohne schädlichen und guten Effekt bleiben werde, weil ihm der Fürst Stillschweigen geboten hätte, als er in einem günstigen Augenblicke Herrmanns Aussage verstärken wollte. Madam Dormer, mit ihrem unruhigen Geiste und heftigen Affekten, konte die ersten Tage weder essen, noch trinken, noch schlafen. »Ich sank (zanke) mich mit die Fürst,« sprach sie immer, »wenn sie noch länger bleib die dupe von die Präsident abominable .« – Es blieb, wie es war: Madam Dormer zankte sich nicht mit dem Fürsten, und der Fürst schien sich auch vor ihrem Zanke nicht zu fürchten; denn er blieb wie vorher, die dupe von die abominable Präsident. Arnold suchte wenigstens die Gelegenheit zum Vortheil seines Freundes zu nützen, um ihn aus 309 einem gegenwärtigen Platze zu erlösen, welches Herrmann um so viel eifriger wünschte, da er der Ungerechtigkeit nicht dienen wollte, wenn er sie nicht hindern könte. Der Fürst lobte ihn gegen Arnolden wegen seines Anstands, seiner bescheidnen Dreistigkeit und besonders wegen seiner warmen Ehrlichkeit, verrieth auch sehr viel gute Meinung von seinen Talenten und seiner künftigen Brauchbarkeit: aber auf den Hauptpunkt, den Arnold betreiben wollte, gab er nie Antwort. Bey der nächsten besondern Unterredung mit dem Präsidenten verlangte er, daß Herrmann bey seinem Kollegium als überzählig angestellt werden sollte, bis sich ein Platz für ihn erledigte, und bestimmte selbst seinen einstweiligen Gehalt: der Präsident machte Schwierigkeiten, daß er ihn ungern in seinen eignen Angelegenheiten entbehrte, aber doch diese Unentbehrlichkeit gegen Eu. Durchl. Befehl in gar keine Betrachtung ziehen würde noch dürfte, wenn nur nicht alle Gelder schon ihre Anweisung hätten; daß es also schlechterdings unmöglich wäre, eine Quelle für die verlangte Besoldung ausfündig 310 zu machen. Die Schwierigkeiten und die Berechnungen, wodurch er sie wahrscheinlich machte, waren unendlich: der Fürst hörte ihn lange an und sagte nichts als daß er die Besoldung aus seiner Schatulle zu geben versprach. Auch hier wollte ihm der Präsident die Unmöglichkeit zeigen, allein der Fürst unterbrach seine vortrefliche Beredsamkeit mit einem frostigen – »Ich will.« – Der Präsident häufte in der Folge die Schwierigkeiten noch mehr, doch konte er nichts als Verzögerung bewirken; denn Arnold hielt ihm das Gegengewicht, so bald ihm der Fürst seinen Entschluß in Ansehung Herrmanns gesagt hatte, und rastete nicht, bis der Fürst mit einigem Unwillen und durch ernstlichen Befehl der Verzögerung ein Ende machte. Herrmann konte in dem Platze eines Subalternen nicht viel mehr ausrichten als vorher: er mußte ohne Widerspruch Befehle thun, wenn er sie gleich äußerst misbilligte, und durfte sich seine Misbilligung nicht einmal merken lassen: er mußte ohne Murren verkehrte Anstalten machen sehen, die auf einer Seite einen unbedeutenden Nutzen, 311 und auf allen andern allgemeinen Schaden stifteten, Anordnungen schreiben oder in Ausführung bringen, bey welchen der entgegengesezte Erfolg ihres Zweckes ohne sonderliche Einsichten vorauszusehn war, Befehle ausfertigen, die den Gehorchenden schwer drückten und weder dem Gehorchenden noch dem Befehlenden nüzten: der Unwille kochte oft in seiner Brust bis zu den Lippen herauf, aber er bändigte ihn, wie ein wildes Roß, und schwieg, weil der Fürst und alle seine Obern schwiegen, und der grausame Despotismus des Präsidenten jede Erinnerung, wenn sie auch in der pflichtmäßigen Anzeige einer falsch geschriebnen Zahl bestund, mit Härte von sich wies. Herrmann konte sich zwar von den eigennützigen Praktiken seines Vorgesezten nicht mehr so genau, wie sonst, unterrichten, aber er nahm sie in ihren Folgen wahr, in der wachsenden Verwirrung aller Finanzangelegenheiten und den allgemeinen Beschwerden, die izt häufig zu seinen Ohren kamen, weil man ihn nicht mehr für den Günstling und Handlanger des Herrn von Lemhoffs hielt. Die Nachsicht des Fürsten, 312 seine erkünstelte Blindheit, auch wenn ihm die Unordnung und Unrechtmäßigkeit in die Augen fiel, seine Einwilligung in Dinge, die oft der gesunden Vernunft widersprachen, blieb ihm ein ewiges Räthsel: es war weder Indolenz noch Mangel an Einsicht noch gutherzige Schwäche, und wenn eine Absicht dahinter steckte, konte sie doch Niemand errathen. Inzwischen hatte doch Herrmanns Entdeckung Eine Veränderung bey ihm hervorgebracht, die man mit Verwunderung wahrnahm, ohne ihre Ursache zu errathen: der Fürst entsagte seitdem seinen liebsten Ergözlichkeiten und bekümmerte sich mit ungewöhnlichem Eifer um alles, oft sogar um Kleinigkeiten: die Jagd wurde ganz eingestellt, Zeichnen war izt sein einziges übriges Vergnügen, und sein Geschmack für die Mahlerey so herrschend, daß er Gemählde zu einer Sammlung zu kaufen anfieng. Kaum hatte der Präsident den ersten Wink von der neuen Liebhaberey, als er schon darauf dachte, Partie für seinen Nutzen daraus zu ziehn. Er selbst war so wenig Kenner in Gemählden als von irgend einer andern schönen 313 Kunst, und da Er keinen Unterschied zwischen den Gemählden fühlte, die er einmal im Vorübergehn in der Düsseldorfer Gallerie gesehn hatte, und zwischen den Kunstwerken, die ihm der Hofmahler im lezten Frühling auf den Kalkwänden seines Lusthäuschens schuf, so bildete er sich ein, daß es bey allen Menschen und daher auch bey dem Fürsten eben so seyn müßte. Er gab also dem Hofmahler, der itzo ein geschickter Thürenanstreicher, und ehemals Dekorationsmahler gewesen war, den geheimen Auftrag, alle Kräfte seiner Kunst anzuspannen und ein halbes Dutzend extrafeine Gemählde mit Oelfarbe auf Leinwand zu verfertigen, die etwa biblische Geschichten, die vier Jahrszeiten, die vier Elemente oder so etwas vorstellten. Der Mahler hatte von der berühmten Nacht des Correggio vorzeiten etwas gehört, ohne sie jemals gesehn zu haben, und nahm sich also vor eine Nacht zu mahlen, die noch tausendmal finstrer seyn sollte, als nach seiner Meinung Correggio's Nacht seyn müßte: von dem Inhalte des Gemähldes wußte er nichts und dachte deswegen jenen Künstler noch 314 zu übertreffen, wenn er nicht eine bloße Nacht mahlte, sondern auch etwas darinne vorgehn ließ. Er mahlte eine pechschwarze Nacht, eine wahre egyptische Finsterniß, stellte unten perspektivisch eine Gasse hin und vorn einen Nachtwächter mit der Laterne, der eine große Schnarre in der Hand schwenkte. Außer dieser schwarzen Nacht schuf er vier Elemente so deutlich und unverkennbar, daß man sie alle mit den Händen greifen konte, und eine keusche Susanne, die man für ein Bordelmädchen hätte halten können, machte das halbe Dutzend vollständig. Alle gefielen dem Präsidenten sehr wohl, nur die Nacht war ihm zu schwarz: der Künstler stellte ihm vor, daß es eins der berühmtesten Gemählde in der Christenheit sey, aber es half nichts: es sollten doch wenigstens Laternen auf der Gasse brennen, damit man die Häuser besser sähe: und weil er nicht eher bezahlen wollte, als bis Laternen auf der Gasse brennten, so sezte der Künstler zwo Reihen düstere Lampen hin. Nun brennten die Laternen nicht helle genug. »Ey,« antwortete der Künstler, »die Gasse ist aus einer 315 Stadt, wo das Lampenwesen verpachtet ist:« – aber sein Einfall half ihm nicht durch: er mußte aus den Laternen flammende Sonnen machen. Die Schöpfung war so heimlich zugegangen, daß Niemand am Hof und in der Stadt etwas davon wußte, und der Präsident kündigte dem Fürsten mit vielem Geräusche ein halbes Dutzend verschriebne und angekommene Gemählde an, wie sechs Wunder der Malerwelt. Der Fürst, der seiner Kennerschaft nicht viel zutraute, lächelte und verlangte sie zu sehen: er verbiß mit aller Mühe das Lachen, da er sie erblickte, und fragte nach dem Preise: der Präsident machte es zum Anfange der Kundschaft billig und foderte fünf Louisdor für das Stück, das er mit einem Dukaten bezahlt hatte. Der Fürst ließ sogleich die Summe aus der Schatulle auszahlen und machte dem Präsidenten mit allen sechs Gemählden ein Geschenk. »Kaufen Sie in Zukunft nicht mehr von diesem Gemäldehändler!« sezte er hinzu: »er hat Sie angeführt; denn unser Hofmaler macht Ihnen solche, wie diese, das Stück 316 zu zwey Gulden.« – Der Präsident wanderte betroffen mit seiner Gallerie ab und stellte den Handel ein: er konte zwar nicht begreifen, wie der Fürst seinen Betrug errathen haben sollte, aber er hielt es doch für klüger, die Gefahr nicht zum zweitenmale zu wagen, zumal da ihm ohnehin die bisherige Veränderung seines Herrn bedenklich schien. Jedermann fand sie so, wenigstens unerklärbar. Man gab zwar dem Fürsten Schuld, daß er eine gewisse Unbegreiflichkeit des Charakters erkünstele, mit Vorsaz seine Neigungen oft ändre und entgegengesezte Handlungen thue, damit Niemand wissen solle, woran er mit ihm sey, bisweilen blos um in Erstaunen zu setzen. So gegründet die Beschuldigung in andern Fällen vielleicht seyn mochte, so war sie doch hier völlig falsch; und Herrmann konte nunmehr insgeheim mit Vergnügen die Früchte seiner Ehrlichkeit bemerken, indem Andre sich die Köpfe zerbrachen, eine Ursache zu errathen, die sie nicht zu errathen vermochten. Der Präsident traf sie beinahe und 317 hatte Arnolden, Madam Dormer und Herrmannen in Verdacht, doch am meisten den ersten. Seine Politik rieth ihm also, diese drey Personen zu gewinnen; und weil er sich einbildete, daß Niemand seine Griffe und Schliche wüßte, als die wenigen Leute, die er zu Gehülfen dazu brauchte, und weil er die Unvorsichtigkeit begangen hatte, Herrmannen für weniger ehrlich, oder – in dem Gesichtspunkte, wie es der Präsident betrachtete – für ehrlicher anzusehn und ihn deswegen in seine Karte blicken zu lassen, so mußte er diesen am meisten fürchten und am meisten hüten. Er begegnete ihm daher viel freundlicher und weniger despotisch als allen Uebrigen, die unter ihm stunden; und da der Ernst des Fürsten, seine Aufmerksamkeit, seine genauen Erkundigungen und argwöhnischen Minen täglich zunahmen, suchte der Präsident durch neues Vertrauen und Vortheil einen Mann an sich zu ziehen, der sein voriges Vertrauen entweder gemisbraucht hatte, oder misbrauchen konte. Er ließ also Herrmannen unter dem Vorwande, daß sein Gimpel 318 sich in sehr kritischen Gesundheitsumständen befinde, zu sich kommen und brachte das Gespräch nach mancherley Wendungen auf seinen Hauptzweck. »Sie werden,« sagte er ihm, »bey mir zuweilen Papiere abzuschreiben gehabt haben, woraus man schließen könte, als ob ich mannichmal Bezahlungen, die mich betreffen, an fürstliche Kassen stellte: ich läugne auch nicht, daß es einmal oder zweimal geschehn seyn mag. Ich habe, wie Sie wissen, einen kleinen Verkehr mit Weinen, Pelzwerk und andern Dingen: zuweilen kömmt einem eine plözliche Bezahlung auf den Hals; man kan etwas um ein Spottgeld gegen baares Geld bekommen, wenn es die Verkäufer gerade benöthigt sind; man hat nicht allemal gerade so viel liegen, und ich habe also ein paarmal in höchstwichtigen Vorfällen meine Zuflucht zu der fürstlichen Einnahme genommen. Es ist zwar nicht das mindeste Böse dabey – denn ich habe die geborgten Summen jedesmal ehrlich und redlich wieder ersezt – aber da es ohne Vorwissen des Fürsten geschehen ist, könte es doch Verdacht und 319 Unwillen wider mich erregen, oder von einem Feinde genüzt werden, mich in Ungnade zu bringen: ich bitte Sie also, schweigen Sie davon! Ich werde mich gewiß als ein wahrer guter Freund dafür bezeugen. Ihre Besoldung ist klein, und ich begreife nicht, wie Sie davon leben können: ich habe schon längst darauf gedacht, wie ich Ihnen die treuen Dienste belohnen soll, die Sie mir in meinem Hause geleistet haben; aber in dem schrecklichen Wirbel von Geschäften kömmt man gar nicht recht zu sich, man vergißt seine besten Freunde: Sie wissen ja, ich muß allenthalben seyn und auch für Sachen sorgen, die mich eigentlich gar nichts angehn, da der Fürst nun einmal sein Vertrauen und seine Gnade auf mich geworfen hat. Aber es ist mir heute eingefallen, daß ich Ihnen schon lange einen jährlichen Zuschuß habe geben wollen: hier will ich das Versäumte wieder einbringen: Sie sollen in Zukunft alle Jahre so viel bekommen, und wenn Sie sonst Geld brauchen, wenden Sie sich an mich, gerade an mich! meine ganze Börse steht Ihnen offen.« 320 Herrmann wehrte das Packet, das er ihm bey diesen Worten anbot, von sich ab. »Nein,« sprach er, »ich danke für Ihr Geschenk: es könte den Anschein haben, als wenn Sie meine Verschwiegenheit dadurch erkaufen wollten.« Der Präsident. Behüte! behüte! wer wird denn so etwas denken? Herrmann. Freilich sollte man nicht! denn Sie sagen ja selbst, daß ich nichts Böses zu verschweigen habe: was nicht böse und unerlaubt ist, kan überall gesagt werden. Der Präsident. Es ist nur um der bösen Leute willen, die etwas Böses daraus machen. Sie wissen ja wohl, Jedermann hat seine Feinde, wenn er auch noch so ehrlich handelt: nur deswegen hab' ich Sie um Verschwiegenheit gebeten: wie können Sie sich das nur träumen lassen, daß ich sie von Ihnen erkaufen will? Ich sehe Sie für einen grundehrlichen Menschen von altem teutschen Schrodt und Korne an; und solchen Leuten trau ich blindlings. Ich werde ja so einen braven Mann nicht so arg beleidigen und ihn bestechen wollen! Wie ich Ihnen 321 sage, blos zur Belohnung Ihrer vielen treuen Dienste geb' ich Ihnen das Geld. Machen Sie keine Komplimente! Nehmen Sie! Herrmann. Nein! Auch ich darf um der bösen Leute willen, die etwas Böses daraus machen könten, nichts annehmen. Hab' ich Ihnen treue Dienste gethan, so ist mir mein Bewußtseyn und Ihre Anerkennung Lohns genug: hab' ich nichts Böses von Ihnen zu verschweigen, so werd ich auch nie etwas Unschuldiges entdecken, das durch boshafte Auslegung verdächtig gemacht werden könte, das schwör ich Ihnen bey meinem Gewissen: aber ich mag mir durch keine Verbindlichkeit die Zunge binden lassen. Der Präsident. Die Zunge binden! was meinen Sie denn damit? Herrmann. Ich will mich an meiner kleinen Besoldung begnügen, damit mich niemals die Dankbarkeit hindert, Pflicht und Gewissen zu gehorchen. – Haben Sie sonst noch etwas zu befehlen? Der Präsident. Sie müssen mir das erklären! Sie müssen mir das erklären! das versteh' 322 ich nicht. Was wollen Sie denn da mit dem Gewissen und der Pflicht? Wie kömmt denn das hieher? Herrmann. Sie haben mich ja selbst darauf verpflichtet, den Vortheil meines Fürsten und meine Treue gegen ihn allem andern vorzuziehn; und Ihnen, als meinem Vorgesezten, hab' ich eben izt dies Versprechen erneuert. Der Präsident. Sie schwatzen wunderlich: davon ist ja izt gar nicht die Rede. Was haben Sie denn mit der Treue gegen den Fürsten vor? Herrmann. Nichts weiter, als daß ich entschlossen bin, ihr jederzeit meinen eignen Vortheil aufzuopfern. – Der Präsident, den sein übles Bewußtseyn hinter diesen Ausdrücken alles muthmaßen ließ, was dahinter versteckt seyn konte, drang noch lange Zeit auf eine bestimmtere Erklärung, und da Hermann beständig blos die nämlichen Worte wiederholte und mit Fleis alle größre Deutlichkeit vermied, so ließ ihn der Herr von Lemhoff mit einiger Aengstlichkeit von sich, nachdem er ihm die 323 angebotne Belohnung seiner treuen Dienste beinahe aufgedrungen hatte: aber Herrmann schlug sie standhaft aus und beharrte bey allen folgenden ähnlichen Versuchungen in seiner Standhaftigkeit. Der Präsident wurde äußerst unruhig und suchte wenigstens die Kanäle zu verstopfen, durch welche die Anzeigen seines gewesenen Sekretärs zu dem Fürsten gelangen könten: er sprach wieder sehr vortheilhaft von der Musik, wirkte der Madam Dormer wieder ihren vorigen Gehalt aus, den nach seinem Angeben bisher die Verminderung der fürstlichen Einkünfte nothwendig gemacht haben sollte, gab wieder Konzerte in seinem Hause, worinne Madam Dormer und Herr Arnold mit seinem größten Beifalle Stimme und Flöte hören ließen: sein Enthusiasmus für die Musik stieg so hoch, daß man ihn in Verdacht nahm, als wenn ihn verliebte Absichten auf Madam Dormer damit angesteckt hätten. Arnold, den er wegen seiner Gunst bey dem Fürsten lieber mit den Blicken getödtet hätte, wurde sein Herzensfreund und erhielt, wo sie einander trafen, einen gnädigen Druck von seiner Hand. 324 Unterdessen starb einer von den alten Räthen des Kollegiums und man glaubte allgemein, daß der Fürst schon längst seinen Platz Herrmannen bestimmt habe: auch der Präsident zweifelte nicht daran und baute heimlich vor; allein da er merkte, daß alles Vorbauen nichts half, sondern daß Ulrike durch die Fürstin und Arnold bey dem Fürsten aus allen Kräften für Herrmanns Erhebung arbeiteten, so hielt er es für klug, einen Mann, in dessen Gewalt er gewissermaßen war, nicht durch Widersetzung gegen sein Glück aufzubringen, und erklärte sich daher mit so vieler Wärme für ihn, daß der Fürst selbst darüber stuzte und beinahe Mistrauen gegen Herrmanns Unbestechbarkeit gefaßt hätte: dieser Umstand brachte indessen nur eine kleine Verzögerung seines Glücks zuwege. Der Präsident war der Erste, der ihm zu seiner Erhebung feurig Glück wünschte, und seine Freundschaftsbezeugungen wuchsen mit jedem Tage: Arnold und Madam Dormer freuten sich voller Stolz über den neuen Rath, weil sie ihn für ein Werk ihres Einflusses ausgaben; und Ulrike schwebte 325 den ganzen Tag nach der Ernennung ihres Geliebten auf den Fittichen der Freude: so lange sie am Hofe war, hatte die Fürstin noch keine so lustige Laune an ihr bemerkt und fragte sie nach der Ursache: Ulrike that als wenn sie keine anzugeben wüßte. »Freust du dich denn etwa über den neuen Rath?« fragte die Fürstin zum Scherz, »weil dir deine Empfehlung so wohl gelungen ist?« – »Vielleicht,« antwortete Ulrike, »hat das wirklich etwas dazu beygetragen; denn es soll ein ganz vortreflicher Mann seyn.« – Sie sprach dies mit einem Tone des Entzückens, der mehr im Herze muthmaßen ließ, als die Worte ausdrückten; und die Fürstin sagte ihr deswegen etwas ernsthaft: »Mädchen, du hast dich wohl gar in deine Empfehlung vergaft?« – Ulrike senkte die Augen, erröthete und gerieth so sehr außer Fassung, daß sie zu antworten vergaß: der Scherz wurde von der Fürstin noch einige Zeit fortgesezt, bey der nächsten Unterredung dem Fürsten erzählt, der ihn gleichfalls mit vielem Vergnügen fortsezte: als ihn Fürst und Fürstin fallen ließen, fiengen ihn die 326 dabeystehenden Kawaliere auf, von ihnen schnappten ihn die Lackeyen auf, überlieferten ihn den Hofjungfern als ausgemachte Wahrheit: die Hofjungfern schickten die ausgemachte Wahrheit mit dem ersten Mädchen, das aus dem Schlosse gieng, in die Stadt, und in zwey Stunden war es am Hofe und in der Stadt ein allgemeiner Glaubensartikel, daß Fräulein Breysach übermorgen mit dem neuen Rathe getraut werde. Der Oberste Holzwerder, als ihm sein Altgeselle die zuverlässige Nachricht davon brachte, warf den Dendriten, der unter seinen Händen war, in den Tischkasten sogleich hinein, lief gerades Weges zur Fürstin und bat inständigst um Gehör, wie in der dringendsten Angelegenheit: die Fürstin ließ ihn nicht vor sich. Der Oberste lief zum Fürsten, kam vor ihn und bat unterthänigst, daß er doch eine solche Heirath nicht zugeben möchte, da es die erste wäre, so lange die Familie stünde. Der Fürst lächelte über die Ereiferung, womit der Alte bat, und versicherte ihn, daß er weiter nichts davon wüßte, als was ihm die Fürstin im Scherz gesagt hätte: das 327 war dem Obersten nicht genug; er wiederholte seine unterthänigste Bitte einmal über das andre, daß der Fürst die Heirath verbieten möchte, wenn etwa eine Verliebung bey seiner Cousine vorgegangen wäre. – »Ich kan ja den Leuten nicht verbieten, sich zu heirathen, wenn sie sich lieben,« sagte der Fürst. Der Oberste. Aber Ihre Durchlaucht geruhen nur zu bedenken – die Ehre der Familie leidet doch nicht, daß ich so ruhig dabey bleibe – Der Fürst. Macht denn ein Rath, der in meinen Diensten steht, der Familie Schande? Der Oberste. Der Rath wäre wohl gut, der Rath – aber es ist doch nur ein Rath. Der Fürst. Und ist sowohl mein Diener als der Oberste. Der Oberste. Freilich wohl sind wir allzumal unnütze Knechte und Eu. Durchlaucht unterthänige Diener – und möcht' es auch ein Rath seyn, da Eu. Durchlaucht uns alle machen können, wozu es Eu. Durchl. gnädigst gefällt – aber, aber da er nicht von Familie ist – 328 Der Fürst. Ich will mich erkundigen, wie weit die Sache gekommen ist. – So entließ er ihn. Der beunruhigte Oberste lief zu Ulriken und fand sie nicht, lief zur Fürstin und fand sie nicht: erst den andern Tag konte er seine Unruhe vor ihr ausschütten. Sie gab ihm zur Antwort, daß Ulrike zu dem Rathe vielleicht eine geheime Zuneigung haben könte, aber um ihn heirathen zu wollen, schiene sie ihr zu verständig. Der Alte hörte nicht auf zu bitten, bis die Fürstin seine Cousine rufen ließ, um sie in seiner Gegenwart zu verhören: Ulrike gestund auf ihre Frage unverholen, daß ihr der Rath gefalle, sehr gefalle. Als es an den Punkt des Heirathens kam, schwieg sie, wurde zum zweitenmale gefragt und antwortete betrübt: »wenn ich dürfte!« – »Eu. Durchl. haben Sie die einzige Gnade und verbieten Sie ihr das!« rief der Oberste. »Haben Sie die einzige Gnade!« – Die Fürstin sah Ulriken lange schweigend an und sagte endlich: »Laß dir nicht solch tolles Zeug einkommen! Es fehlt ja nicht an Kawalieren, wenn dir das Heirathen 329 am Herze nagt.« – Das war der Bescheid, und Beide giengen ungetröstet hinweg. Der Oberste folgte Ulriken auf ihr Zimmer und hielt ihr mit der gutherzigsten Wärme eine Ermahnungspredigt, daß sie vor innerlichem Verdruß weinte: wie jeder schlechte Prediger, hielt er ihre Rührung für eine Folge seiner Predigt und schmeichelte sich, ihre Sinnesänderung bewirkt zu haben, da doch gerade das Gegentheil ihre Thränen erweckte – Betrübniß über die neuen Hindernisse, die sich ihrem Wunsche entgegensezten. Fürst und Fürstin betrachteten ihre Liebe als eine vor kurzem erst entstandne fliegende Hitze; und da ihr jedesmal die Thränen in die Augen stiegen, wenn man mit ihr darüber scherzte, so schonte man ihre Empfindlichkeit und dachte weder im Scherz noch im Ernst mehr daran, um die Liebe im Stillen verdampfen zu lassen: Hof und Stadt sagte izt allgemein – »Fräulein Breysach und der neue Rath werden nicht getraut.« Die ganze Sache schlief ein. 330   Zweites Kapitel. Herrmann bewies nicht lange nach dem Antritte seiner neuen Stelle, daß er bisher geschwiegen hatte, um itzo zu reden: er widersprach der Meinung des Präsidenten mit Muth, Stärke und Bescheidenheit, ohne die mindeste Scheu, und sezte das Widersinnige, Zweckwidrige, Schädliche seiner Vorschläge in ein so helles Licht, daß der Präsident theils um der Neuheit willen, theils aus Unvermögen nicht Ein Wort dawider einwenden konte: er war verwirrt, bestürzt, erzürnt. Er wollte das Mittel anwenden, wodurch er die übrigen Räthe feige gemacht hatte, und brutalisirte Herrmannen, aber er fand einen Gegner an ihm, bey welchem Vernunft und Affekt in gleichem Schritte giengen, der ihn, ohne die mindeste Verletzung der Ehrerbietigkeit, blos durch die Stärke seiner Gründe so in die Enge trieb, daß er seine Saiten umstimmte und glimpflicher verfuhr. Herrmann wurde durch die Aufmerksamkeit, womit ihn der Fürst 331 anhörte, ob er ihm gleich fast niemals ausdrücklichen Beifall gab, durch die Auffoderungen, die ihm der Fürst that, seine Meinung zu sagen, und die Verbote, die der Präsident empfieng, wenn er ihn unterbrechen und daniederschwatzen wollte, mächtig aufgemuntert, in seinem Eifer fortzufahren; und da der Fürst, seitdem ihm Herrmann die geheime Entdeckung gemacht hatte, fast keine Sitzung und Berathschlagung von Wichtigkeit versäumte und überall mit seinen eignen Augen sehen wollte, so nahm alles auf einmal einen ordentlichen Gang, die Kassen waren nicht mehr leer, und die Auszahlungen geschahen alle zu gehöriger Zeit. Das Publikum schrieb diese glücklichen Veränderungen Herrmannen zu, frohlockte und pries ihn, wie den Schuzgott des Landes, der die Macht des Plagegeistes, der es bisher despotisirte, brechen sollte. Die ältern Räthe, denen die freymüthige unerschrockne Sprache ihres neuen Mitgliedes so fremd war, wie das Malabarische, rissen vor Verwunderung die Augen weit auf, hielten ihre Ohren hin, ob sie nicht etwa eine Einbildung täuschte, und saßen 332 da, wie versteinert vor Erstaunen. Da sie wahrnahmen, daß seine Dreistigkeit dem Fürsten gefiel, machten sie ihm alle nach der ersten Sitzung, wo er sie zeigte, ihren Glückwunsch darüber, lobten ihn, wie einen braven Mann, der so glücklich wäre, etwas wagen zu können, was sie wegen ihrer Familien nicht wagen dürften, weil sie mit ihren Weibern und Kindern nothwendig elend werden müßten, wenn der Präsident die Oberhand behielt und ihre Verabschiedung bewirkte – aber wohlgemerkt! alles in Abwesenheit des Präsidenten! Sprachen sie mit diesem in Herrmanns Abwesenheit, so machten sie den lobgepriesnen Patrioten zum Vorwitzigen, Tollkühnen, Naseweisen, der seinem Vorgesezten die gebührende Achtung versagte und nichts als schädliche lahme unausführbare Vorschläge that. Der Fürst nüzte Herrmanns Einsichten so sehr, daß er ihn zuweilen auf sein Zimmer fodern ließ und sich mit ihm über Angelegenheiten besprach, die für ein andres Kollegium gehörten. Auf diesem Wege leitete ihn Herrmann 333 auf die Verbesserung der öffentlichen Schulanstalten, auf die Vermehrung der Industrie und Verbesserung der Moralität durch Abschaffung des Bettelwesens und Errichtung eines Armenhauses und besonders eines Arbeitshauses, wo die Leute, die an dem kleinen gewerblosen Orte keine Arbeit finden konten, auf Unkosten des Landesherrn arbeiten sollten, der die Früchte ihres Fleißes ohne Profit einem Unternehmer zum Verkehr überlassen mochte; so leitete er ihn auf Aenderungen in kirchlichen Sachen, auf die Einschränkung des geistlichen Ansehns, auf die Abschaffung alles religiösen Zwanges, auf die Simplificirung des Gottesdienstes; so brachte er ihn auf die Mittel, den Ackerbau zu ermuntern, den man dort aus Bequemlichkeit und Mangel an Absaz nicht viel über das Nothdürftige trieb, die ländlichen Erzeugnisse mehr zu einer Handelswaare zu machen, Industrie und Gewerbe zu erhöhen, insofern es ein kleines, von mächtigern Nachbarn umzingeltes, gehindertes Ländchen zuließ. Von allen diesen und tausend andern nüzlichen Dingen, worüber sie oft zu 334 Stunden mit der äußersten Ernsthaftigkeit sprachen, wurde freilich wenig oder gar nichts ausgeführt: allein Herrmann freute sich doch, einem Fürsten zu dienen, der sie wußte und anhörte. Nur blieb es ihm befremdend, wie dieser nämliche Herr das erkannte Bessere, das er in jeder Sitzung mit der Mine billigte, nie beschloß, sondern jedesmal entweder ein Mittel zwischen des Präsidenten und Herrmanns Meinung traf, oder, wo sich dieses nicht thun ließ, dem Gutachten des Erstern ganz folgte. Unvermeidlich mußte unter den Neuerungen, die Herrmann durchsezte, oder wozu er den Fürsten durch seine Unterredungen veranlaßte, oder die ihm das Publikum fälschlich zuschrieb, manche den Privatnutzen dieses oder jenen Mannes schmälern, das Vorurtheil, den Schlendrian und die Faulheit kränken; und es erhuben sich einzelne Stimmen mit mächtigen Beschwerden wider den neuen Rath. Der Präsident glaubte, daß Neuerungen und Verbesserungen einerley wären, und dachte Herrmannen zu übertreffen, wenn er mehr Veränderungen vorschlüge 335 und durchsezte, als er: auch der Fürst hatte durch die Ideen, die ihm Herrmanns Gespräch mittheilte, Neigung zu Reformen bekommen: sonach wurden der Reformen freilich im kurzen ein wenig zu viel; und alle, gute und schlechte, gerade und schiefe, überdachte und übereilte, mußte sich der arme Herrmann auf seine Schultern binden lassen. Die Kreaturen des Präsidenten fachten den glimmenden Haß des Publikums wider ihn zur Flamme an, und sehr bald wurde der neue Rath bey der Kaffetasse und auf der Bierbank so allgemein gelästert, verflucht und gescholten, als man ihn nicht allzulange vorher lobpries. Gleichwohl hatte Herrmann bey diesem allgemeinen Hasse, wovon er wenig oder gar nichts erfuhr, ein Projekt im Kopfe, wozu er nothwendig Freunde und Gehülfen brauchte: er wollte den Präsidenten völlig stürzen und sah dies Unternehmen für eine eben so verdienstliche Handlung an, als wenn er das Land von einer Räuberbande befreyte. Auf seine Kollegen konte er nicht viel rechnen; denn sie waren froh, daß er 336 den größten Theil der Arbeit über sich nahm und ihnen Muße zu einem Lomberchen verschafte, nährten und pflegten sich und lachten insgeheim des Thoren, der mit dem Kopfe wider die Wand rennen wollte: sie waren durch langen Despotismus so schlaff und abgestimmt, daß sie Herrmannen kaum beneideten, sondern alles gehn ließen, wie es gieng. Noch kleinmüthiger hätte er werden können, als er gewahr wurde, daß auch Arnold und Madam Dormer auf die Seite des Präsidenten getreten waren, zwar nicht gegen ihn als Feinde handelten, aber doch sein Ansehn bey dem Fürsten untergruben. Dieser Uebergang zur feindlichen Partey, so plözlich er Herrmannen schien, weil er ihn in dem Eifer für sein neues Amt übersehen hatte, wurde durch das erste Konzert schon vorbereitet, das der Präsident wieder in seinem Hause gab. Durch Schmeicheleyen und Vertraulichkeiten gewann er Arnolden und knüpfte ihn dadurch fest an sich, daß er ihm einen Antheil an dem Handel versprach, den er mit dem Gelde aus der fürstlichen Kasse trieb: Arnold 337 errieth diesen lezten Umstand mehr als er ihn wußte, und als ein Mann, der Vergnügen und Aufwand liebte und zeither beides sehr einzuschränken gezwungen war, nahm er mit Freuden die Summen an, die ihm der Präsident von Zeit zu Zeit als den Ertrag seines Antheils an der Handlung gab, und redte aus Dankbarkeit das Beste von ihm bey dem Fürsten. Madam Dormer wurde auf die nämliche Manier durch Schmeicheleyen, Ehrenbezeugungen und Geschenke gewonnen: sie spielte gern die große Dame, und da sie der Präsident völlig so behandelte, sprach sie allenthalben zu seinem Vortheil und trieb auch Arnolden an, dem Fürsten gute Gesinnungen von einem so braven Manne beyzubringen. Diese neue Freundschaft erzeugte noch eine dritte Ursache zur Kleinmüthigkeit für Herrmannen. Der Fürst bekam auf Arnolds Betrieb, den der Präsident dazu angestiftet hatte, wieder Neigung zur Jagd: sein Liebling bot ihm täglich so viele schöne Büchsen und Hunde an, daß er sie probirte, und über dem öftern Probiren erhielt das Vergnügen wieder Reiz für ihn, sein 338 voriger Trieb erwachte und wuchs sehr bald zur Leidenschaft empor. Die neue Liebhaberey verdrängte die bisherigen, und da seine angelegentliche Sorge für die Regierung und seine Verbesserungsbegierde zum Theil auch nur Liebhaberey gewesen seyn mochten, so kam er izt in keine Sitzung mehr, Herrmann wurde nicht mehr zu politischen Unterredungen geholt, konte nie vor ihn kommen, weil er außer der Tafelzeit nicht zu Hause war, und bekam ihn in vielen Wochen nicht einmal zu sehn. Er entbehrte also eine wichtige Stütze gegen den Präsidenten, der sich täglich mehr zu seiner vorigen Gewalt empor brutalisirte und that, was ihm lüstete, ohne auf Herrmanns Widerspruch im mindsten zu achten. Herrmann war also auf allen Seiten verlassen, sollte allein wider alle sich stemmen; und da er genug zu thun hatte, sich der Feinde zu erwehren, wollte er sie gar noch angreifen? – Das war allerdings verwägen, aber Muth und Erbitterung wuchs bey ihm täglich, je mehr der Präsident tirannisirte und ihn drückte: vor der Hand mußte er zwar laviren, aber sein 339 Entschluß, das Ungeheuer zu tödten oder von ihm getödtet zu werden, war unbeweglich fest, und er wartete nur auf die Gelegenheit zum Angriff. Der Präsident wurde nach seiner neuen Allianz, da er die Aufmerksamkeit des Fürsten eingeschläfert und den hauptsächlichsten Zugang zu ihm, Arnolden, in seiner Gewalt hatte, so keck, so unverschämt, daß er seine vorigen Unterschleife mit verdoppelter Dreistigkeit fortsezte, sogar ohne sie zu verstecken. Herrmann, dem er damit trotzen wollte, mußte seinen Aerger verbeißen: er verstummte, that als wenn er nichts bemerkte, und sammelte indessen insgeheim alle Beweise auf, die zur Unterstützung seiner Anklage wider den Präsidenten dienen konten: er fand Gelegenheit, einige von den Rechnungen, die ihm schon längst verdächtig waren, zu untersuchen, und alle waren verfälscht: er entwandte sie, und diesen unwiderlegbaren Beweis nebst seiner gesammelten skandalösen Chronik unter dem Kleide, stellte er sich des Mittags einmal dem Fürsten in den Weg, um von ihm getroffen zu werden, wenn er von der Jagd 340 käme. Es glückte ihm: nachdem er lange herumgegangen war, kam der Fürst an, stieg ab und gieng, wie gewöhnlich, ohne Begleitung über den Schloßhof: er erblickte Herrmannen und fragte ihn – »wie gehts?« Herrmann. Schlecht! sehr schlecht! Wie kan es unter den Dienern wohl hergehn, wenn der Herr schläft? Der Fürst. Wie so? ist das eine Beschwerde wider mich? Herrmann. Nicht wider den guten Fürsten, sondern wider die Betrüger, die seine Güte mißbrauchen! Ich bitte um fünf Minuten Gehör, und Eu. Durchl. sollen schaudern vor der Bosheit, womit man Ihre Gnade erwiedert. – Der Fürst befahl ihm, in sein Zimmer nachzufolgen: Herrmann übergab ihm seinen Aufsaz, zeigte ihm in den Rechnungen die auffallendsten Beweise wider den Präsidenten und seine Kreaturen und überzeugte ihn so unwiderlegbar, daß er vor Zorn die Papiere auf den Tisch warf und ihm nach der Tafel wiederzukommen befahl. Der Aerger trieb den Fürsten wieder zu 341 den Papieren hin, er las den Herrmannischen Aufsaz und ward so heftig erzürnt, daß er den Präsidenten auf der Stelle rufen ließ. Dieser war durch Arnolden sogleich in vollem Fluge von des Fürsten Unterredung mit Herrmann benachrichtigt worden, und ob er gleich den Inhalt derselben nicht wußte, so vermuthete er doch nichts Gutes und rüstete sich deswegen mit aller möglichen Unerschrockenheit. Der Fürst gab ihm zornig Herrmanns Aufsaz und befahl ihm, vorzulesen: der Präsident gehorchte, las Punkt für Punkt und drehte Punkt für Punkt so künstlich mit der völligen Mine der Wahrheit herum, daß sein Ankläger augenscheinlich zum boshaften Verläumder wurde: der Fürst war durch seine Vorspiegelungen so überzeugt und überzeugter, als durch Herrmanns Gründe, und je höher sein Zorn vorhin stieg, je stärker lenkte er sich nunmehr wider den Urheber desselben. Der Angeklagte bat mit der Energie der falsch beschuldigten Ehrlichkeit um Satisfaktion, und wollte lieber seine Würde in die Hände seines Herrn zurückgeben und den Geschäften 342 entsagen, wenn er sie nicht erhielt: er wußte die kräftige Beredtsamkeit seines Gegners sehr gut nachzuahmen und gab ihr durch eingemischte Demüthigungen und Schmeicheleyen einen neuen Reiz. Bestürmt von den Bitten und Scheingründen des Präsidenten, gereizt von Unwillen, daß Herrmann nach allem Anschein aus Neid seinen Vorgesezten hatte anschwärzen wollen, befahl der Fürst im ersten Verdrusse, daß Herrmann bis nach genauerer Untersuchung der Sache Hausarrest haben sollte. Die Kreaturen des Präsidenten posaunten diesen Triumph der Unschuld sogleich am Hofe und in der Stadt mit aufgeblasenen Backen aus, und Ulrike erfuhr die Nachricht davon, als man zur Tafel gieng. Düstere Wolken hingen auf des Fürsten Stirne; alles schwieg in ehrfurchtsvoller Stille vor dem Unmuthe des Regenten; die Fürstin freuete sich innerlich über den Vorfall, weil ihr Herrmann wegen eines Vorschlags, den er einmal ihrem Gemahle über die Einschränkung ihres Hofstaates that, äußerst verhaßt war; Ulrike saß in banger Betrübniß da, gab jeden Teller unberührt hinweg, wie sie ihn empfangen hatte, und berathschlagte bey sich, 343 was sie zur Befreyung ihres Geliebten thun sollte. Sie beschloß, mit ihren Bitten herzhaft einen Anfall auf den Fürsten zu wagen, sollte er ihr auch die Ungnade der Fürstin zuziehn: gleich nach der Tafel gieng sie ihm nach, holte ihn in seinem Vorzimmer ein, warf sich mit Thränen vor ihm hin und bat um Herrmanns Befreyung und um die Untersuchung seiner Unschuld. Sie flehte so dringend, mit so vollströmendem Schmerze, daß sie der Fürst lange gerührt ansah und sogleich den Arrest aufzuheben befahl: ohne weiter etwas zu sagen, gieng er zerstreut ins Zimmer. Ulrike, eine so artige Figur, den ganzen Kummer der Liebe auf dem Gesichte, in Thränen, flehend vor ihm hingeworfen, hatte einen so lebhaften Eindruck auf ihn gemacht, daß er, in das Bild vertieft, einigemal im Zimmer auf und nieder gieng: er sah in der Zerstreuung zur Thüre hinaus, ob sie vielleicht noch wartete, aber sie war fort: herzlich gern hätte er sie noch einmal in der vorigen Stellung erblickt. Er seufzte, befahl, Niemanden vorzulassen, und griff verdrießlich nach den Papieren, die Herrmann überreicht hatte, um nach Ulrikens Verlangen seine Unschuld zu untersuchen. Wie erstaunte er, als er statt der dicken Rechnung, die er vor Tafel in Händen hatte, nur wenige Bogen erblickte und nichts darinne fand, was er vor Tafel las! Arnold mußte kommen und wurde gefragt, wer diese Papiere ausgetauscht habe: er hatte auf diesen Fall schon seine Partie genommen, so bald er Ulrikens Fürbitte und ihre Folgen sahe, und antwortete dreist, daß es ihm der Präsident im Namen Ihrer Durchlaucht befohlen habe. Nun war offenbarer Verdacht da: dem Herrn von Lemhoff wurde geboten, im Augenblicke die umgetauschte Rechnung herbeyzuschaffen, allein er konte nicht; denn sie war vernichtet worden. Er dachte zwar durch seine Beredtsamkeit den Fürsten wieder umzustimmen, aber er kam nicht vor, und Herrmann erhielt den Auftrag, die übrigen Rechnungen herbeyzubringen. Es geschah: alle waren auf den nämlichen Schlag gemacht, der Präsident überführt: er demüthigte sich, bat die Fürstin um 345 ihren Fürspruch, den sie ihm auch nicht verweigerte, weil er zu Herrmanns Nachtheile wirken sollte, allein ehe sie mit ihm zu dem Fürsten gelangte, hatte der Präsident schon seine Entlassung. Zur Strafe mußte er das Arbeitshaus bauen lassen, das Herrmann so oft in Vorschlag und nie wegen der Widersetzung dieses Despoten zu Stande gebracht hatte. Die Fürstin versuchte zwar verschiedene eifrige Fürbitten, um den Gefallnen wieder in seinen Posten zu bringen, allein sie bewirkte nichts, als daß sich das allgemeine Mistrauen des Fürsten, das ihm eine so unerhörte Untreue einflößte, auch auf sie erstreckte, besonders da ihm Arnold ihren Haß gegen Herrmann als die Ursache ihres Fürspruchs und die Veranlassung dieses Hasses angab; und Arnold freuete sich auch nicht wenig, der Fürstin bey der Gelegenheit so nebenher einen Streich zu versetzen, da ihre Gunst gegen ihn ganz erloschen war, seitdem sie nicht mehr angelte. Täglich, fast stündlich liefen Beschwerden wider den verabschiedeten Präsidenten und Entdeckungen neuer Betrügereyen ein, daß sie zulezt der Fürst untersagen 346 mußte, um nicht überhäuft zu werden: da der Gefürchtete einmal in der Grube lag, so arbeitete Jedermann, ihn nicht emporkommen zu lassen: wer vorher nicht Ein freymüthiges Wort flisterte, sprach itzo laut, wie ein Held. Herrmann, weil er siegte, war der angebetete, von allen Zungen gepriesene Erretter des Vaterlandes: Madam Dormer wartete ihm noch den nämlichen Tag, wo der Präsident stürzte, sehr spät auf, um ihm ihre Freude über den erfochtnen Sieg zu bezeugen, und Arnold, der in der Minute, als der Fürst nach der Umtauschung der Rechnung fragte, auf Herrmanns Seite getreten war, konte nicht laut genug über den Fall des Präsidenten triumphiren, welches er nothwendig thun mußte, um sich nicht wegen seiner vorigen Verbindung mit ihm verdächtig zu machen. Es kam zwar zu den Ohren des Fürsten, daß er Antheil an dem Verkehr des Herrn von Lemhoffs gehabt und viel Geld von ihm empfangen hatte, allein er rechtfertigte sich damit, daß es blos eine kaufmännische Verbindung gewesen sey, die er freilich nicht eingegangen wäre, wenn er 347 gewußt hätte, daß der Fond des Handels aus den Fürstlichen Kassen genommen würde: er that seine Unwissenheit in Ansehung des lezten Punktes leidlich dar, der Fürst nahm seinen Beweis für gültig an, aber behielt lange Mistrauen und Zurückhaltung gegen ihn. Aus einer so großen Staatsveränderung, dergleichen in diesem Lande seit undenklichen Zeiten nicht vorgegangen war, mußten nothwendig wichtige Folgen entstehn. Der älteste adeliche Rath, ein Mann, den Alter und Faulheit zum Despotiren und Betrügen untüchtig machten, bekam einen Theil von der Besoldung des Herrn von Lemhoffs und sollte in Zukunft den Präsidenten vorstellen , welches er auch treulich that; denn er saß auf seinem Stuhle da, ohne sich zu rühren, vom Anfange jeder Sitzung bis zum Ende. Die andre Hälfte der Besoldung erhielt Herrmann, dabei den Titel eines Direktors und die ganze Arbeit des Präsidenten. Die Hauptperson, von welcher alles abhieng, und ohne welche nichts geschehen konte, wollte der Fürst selbst seyn, und war es beinahe mehr, als er es seyn sollte: er 348 entsagte von neuem allen seinen Vergnügen, ließ seiner Aufmerksamkeit nichts ungefragt entwischen und wollte so sehr mit seinen eignen Augen allenthalben sehn, daß alles zwar ordentlich, aber unerträglich langsam gieng: seine Ideen waren oft schief und nur halb gut, weil er das Ganze nicht überschaute, und so bewundernswürdig seine Geduld war, Belehrungen anzuhören, so ermüdend war es doch für diejenigen, die ihn belehren mußten: aus jeder Berathschlagung wurde meistens ein Kollegium, das ihm Herrmann las. Gern hätte ihn dieser aus der besten Absicht zuweilen auf die Jagd gewünscht; denn vor großer Bedachtsamkeit und vielem Ueberlegen kam weder Gutes noch Böses zu Stande: es that Herrmannen tausendmal weher, ihm zu widersprechen, als dem vorigen Präsidenten, weil er sich scheute, dem guten Fürsten die Kränkung zu verursachen, daß er falsch geurtheilt habe, und er hinderte aus diesem Grunde weniger Schädliches, als unter dem Despotismus des Herrn von Lemhoffs. Außerdem stieg das Mistrauen des Fürsten zu einem Grade, der 349 beleidigen konte, wenn man die Veranlassung dazu nicht wußte: er fürchtete allenthalben List und Betrug und brauchte oft lange Untersuchung, um da keinen zu finden, wo keiner war. Indessen waren doch seine Einkünfte und das ganze Land unendlich besser berathen als vorher, und er gab Herrmannen deutlich zu verstehn, daß er ihm die Anklage des Präsidenten zum Verdienst anrechnete. Auch Ulriken traf die Wirkung jener Revolution. Sie zog sich durch ihre Fürbitte für Herrmannen ein scharfes Verhör von der Fürstin zu, und da sie so gewaltig mit Fragen gequält wurde, gestund sie ihre Liebe ohne Rückhalt und versicherte mit einiger Wärme, die man für Troz annehmen konte und die Fürstin auch wirklich dafür annahm, daß sie ihn heirathen würde, sobald er für gut befände, ihre Hand zu verlangen. – »Auch wenn ichs nicht gern sähe?« fragte die Fürstin mit Stolz. – »Ich hoffe,« antwortete Ulrike, »daß es Eu. Durchlaucht gern sehen werden.« – »Nein,« sprach die Fürstin entrüstet, »bey meiner Ungnade 350 untersag' ich die Heirath.« – Ulrike seufzte und schwieg. Als sie der Fürst, nachdem der Hauptsturm mit dem Präsidenten vorüber war, zum erstenmale wieder erblickte, kam ihm das reizende Bild, wie sie weinend vor ihm auf den Knien lag, in die Gedanken zurück, und er erkundigte sich, ob sie nunmehr mit ihm zufrieden wäre. Sie dankte ihm mit der lebhaftesten Freude für Herrmanns Freisprechung und hielt inne, als wenn sie noch etwas mehr zu bitten hätte. – »Fehlt noch etwas?« fragte der Fürst lächelnd. »Soll ich etwa den Pfarr holen lassen?« – Ulrike nahm den Scherz mit Fleis als Ernst auf und erzählte ihm die traurige Lage, in welche sie das Verbot der Fürstin gesezt hatte. – »Ich sehe wohl,« sprach der Fürst und drückte sie verliebt bey der Hand: »so einem hübschen Mädchen kan man nichts abschlagen. Ich will noch einmal helfen.« Er besprach sich mit der Fürstin darüber, aber sie widersezte sich mit einer Heftigkeit, die ihn beleidigte. – »Der Mensch soll so eine hübsche 351 Frau nicht haben,« sagte sie und wiederholte ihr Verbot in seiner Gegenwart. Seit diesem Augenblicke fiel der Thermometer ihrer Gunst gegen Ulriken bis zum Gefrierpunkte herunter. Der Fürst, durch die Heftigkeit seiner Gemahlin beleidigt, ob er gleich seine Empfindung verhelte, sprach selbst mit Herrmannen über seine Liebesangelegenheit und nöthigte ihn durch die Versprechung alles Vorschubes, frey heraus zu beichten; Herrmann that es, aber gieng wohlbedächtig in seiner Geschichtserzählung nicht weiter als bis zu dem Zeitpunkte zurück, wo er der jüngste Geselle in des Obersten Werkstatt gewesen war. Der Fürst rieth ihm, die Sache so lange anstehn zu lassen, bis er die Fürstin gegen ihn ausgesöhnt hätte: Herrmann nahm den Rath willig an, da ihm seine überhäuften Geschäfte und der Eifer, womit er die Arbeit eines ganzen Kollegiums verrichtete, keine Zeit zur Liebe übrig ließ: er wollte erst in seinem neuen Posten fest sitzen, um den Genuß eines endlich errungenen Glücks voller und ungestörter zu genießen. Dem Fürsten gefiel die Aufopferung, die er seinem Dienste 352 machte, überaus wohl, er versuchte der Fürstin Gesinnungen gegen ihn zu ändern, und es wäre ihm auch gelungen, wenn nicht der Oberste Holzwerder ihr so flehentlich angelegen und auch ihn mit seinen Bitten so vielfältig bestürmt hätte, daß er bey der neuen Aufmerksamkeit auf die Geschäfte nicht weiter daran dachte: die Sache schlief abermals ein, und das Publikum hatte das Brautpaar abermals zu zeitig trauen lassen. 353   Drittes Kapitel. Arnold und Madam Dormer hatten seit der Entlaufung ihres Mannes und schon vorher in geheimer Vertraulichkeit gelebt; und einen großen Theil von der Ungnade der Fürstin, die solche Verbindungen für ihr Leben nicht ausstehn konte, mußten sie dieser Ursache zuschreiben. Um ihren Haß zu mildern, und weil auch der Fürst auf ihren Antrieb Arnolden etlichemal befahl, die Dormerin entweder zu heirathen oder von ihr zu lassen, waren sie beständig willens gewesen, sich durch eine gesezmäßige Ehe zu verbinden, und die Braut machte schon Anstalt, ihren entlaufnen Mann auf den Kanzeln ausrufen zu lassen, in der Hofnung, daß er es nicht hören werde. Arnold erregte unaufhörlich Schwierigkeiten: der entlaufne Mann war bis izt noch nicht ausgerufen, die Heirath bis izt noch nicht vollzogen; und der Bräutigam dachte gegenwärtig sogar darauf, sie nie zu vollziehen: aber Madam Dormer verstand das Handwerk besser und lenkte ihn so schnell wieder um, daß er bey 354 dem Fürsten um die Erlaubniß anhielt: er bekam sie ohne Verzug, der entlaufne Mann wurde ausgerufen, und siehe! da erscheint bey dem Fürsten eine demüthige Supplik von einem Frauenzimmer aus Leipzig, die Herrn Arnold wegen eines nicht gehaltnen Eheversprechens verklagt und gegen seine vorhabende Heirath Einspruch thut. Das Frauenzimmer hatte sich in eigner Person mit ihrer Bittschrift hieher bemühet und war die stille Lisette, die einmal Herrmannen in seiner Spielerperiode vor einer Untreue bewahrte 3. Band. 385 – 395. Seite. . Arnold unterhielt damals Adolfinen, ihre verbuhlte Schwester, verließ sie, worauf das Mädchen in eine Krankheit verfiel, in welcher Herrmann ihrem Mangel mit einer kleinen Wohlthat zu Hülfe kam Ebendas. 401. u. 402. S. : als dieser Leipzig verlassen hatte, trieben Arnolden die Vorwürfe seiner Freunde wieder zu seiner alten Geliebten hin: sein Geschmack für sie wollte sich nicht wiederfinden, er verliebte sich in Lisetten, that ihr Anträge, die sie unter der nämlichen Bedingung eingehn wollte, die sie Herrmannen vorlegte: der 355 verliebte Arnold verstund sich ohne Bedenken zu einem Heirathsversprechen: sie wechselten Ringe und zeugten zusammen ein wohlgebildetes Knäblein. Sie kam in der Stille auf dem Lande nieder, nahm das Kind in der Folge als eine angebliche Waise zu sich, er unterhielt Mutter und Kind, so gut er konte: die ganze Zeit über, die er in seiner itzigen Stelle zubrachte, wechselten sie Briefe miteinander, ohne daß die listige Dormerin etwas davon gewahr wurde, und weil er Lisetten auf die sechs lezten Briefe zu antworten unterließ, befand sie für gut, ihm den siebenten selbst einzuhändigen. Der Sohn zeugte wider den Vater: der Vater konte sich weder ihm noch der Mutter verläugnen: Arnold bekannte, schob alle Schuld seiner zweiten Verbindung auf Madam Dormers Verführungen, gab ihr den Abschied und heirathete Lisetten. Die Fürstin und alle seine Feinde wollten diesen Zufall nützen, ihn aus der Gnade des Fürsten oder gar aus seinem Platze zu verdrängen: aber Herrmann vertrat ihn mit allen Kräften bey dem Fürsten, aus alter Freundschaft für Lisetten. 356 Diese Heirathsgeschichte, so unbeträchtlich sie an sich ist, hatte den beträchtlichsten Einfluß auf die vornehmsten Personen des Hofes. Die Fürstin wurde der Dormerin wieder gewogen, weil sie nicht die Frau eines Mannes geworden war, den sie nunmehr doppelt haßte: durch seine Fürsprache für Arnolden ward Herrmann der Fürstin und der Dormerin unversöhnlich verhaßt: diese erbitterte Frau trat völlig zur Partey der Fürstin, um sich durch sie an Arnolden empfindlich zu rächen. Dabey hatte sie noch einen Nebenzweck: sie wünschte schon lange eine größre Rolle am Hofe zu spielen und war unzufrieden, daß ihr Einfluß auf den Fürsten nur heimlich durch die dritte Person geschehn mußte, schon längst sehr gering gewesen war und itzo ganz aufhörte. Ihre Mühe, dem Fürsten Liebe beyzubringen, konte vor der unermüdeten Aufmerksamkeit seiner Gemahlin nichts fruchten: auch verlor sich sein Geschmack für sie sehr bald. Izt da sie die Fürstin wieder gewonnen hatte und mit ihr gemeinschaftliche Sache wider Arnolden machte, glaubte sie in ihrer Operation auf den Fürsten desto kühner fortschreiten 357 zu können, weil ihr Arnolds Erniedrigung zum Deckmantel diente: sonach sollte die Fürstin aus Feindschaft gegen Arnolden sie bey dem Fürsten in Gunst setzen und ihr die Absicht selbst erleichtern, die ihre Eifersucht so gewaltig zu hindern suchte. Der Plan war so fein eingefädelt, daß er unmöglich gelingen konte. Gleich der erste Schritt, den ihre Rache that, gieng ihr fehl. Die Fürstin war zwar zu Erreichung ihrer Absichten so gefällig, daß sie in die Zudringlichkeit ihrer Alliirten zu dem Fürsten keinen Verdacht sezte, sondern sie eher begünstigte: die Dormerin nahm sich also vor, bey der ersten Gelegenheit, wo sie den Fürsten irgendwo allein finden werde, ihm Arnolds vormalige Verbindung mit dem abgesezten Präsidenten in dem nachtheiligsten Lichte vorzustellen, und hatte schon mit der Fürstin Verabredung genommen, wie sie ihr eine solche Gelegenheit verschaffen sollte. Arnold kannte zwar die Nähe der Gefahr nicht, aber er hielt es überhaupt für sicher, sich beyzeiten in Positur wider eine Frau zu setzen, deren Intriguensucht und 358 Rachbegierde er auswendig wußte, und nahm deswegen von dem Augenblicke an, wo seine Heirath ihre Freundschaft trennte, den Fürsten so stark wider sie ein, daß er ihr aus dem Wege gieng und sie weder sehn noch hören wollte, welches sehr leicht zu bewerkstelligen war, da er sie schon lange wegen ihrer Zudringlichkeit nicht sonderlich leiden konte. Demungeachtet drang sie mit Beyhülfe der Fürstin bis zu ihm durch, aber er hörte ihr Anbringen nicht, sondern drehte ihr den Rücken zu und ließ sie stehen: die Frau wollte vor Wuth zerspringen. Arnold erhielt Nachricht von dem verunglückten Versuche, muthmaßte, daß sie seine ehmalige Vertraulichkeit misbrauchen wollte, ihn anzuschwärzen, und arbeitete seitdem, sie ganz vom Hofe zu entfernen. Allein für sich glaubte er dies bey der verminderten Gunst des Fürsten nicht zu vermögen und wandte sich an Herrmannen: er stellte ihm ihre beiderseitige Gefahr so lebhaft vor, daß Herrmann wirklich sich ein Verdienst um den Hof zu erwerben glaubte, wenn er zu ihrer Entfernung beytrüge, seine eigne Sicherheit 359 ungerechnet. Es that ihm zwar weh, ihrer vormaligen Verbindlichkeiten zu vergessen; allein was half es? Die Partie der Fürstin schien ihm durch den Beitritt einer so verschmizten Frau zu gefährlich geworden zu seyn, und er trug daher, was er schon oft gethan hatte, bey dem Fürsten auf die Einziehung aller überflüßigen Bedienungen an: der Fürst billigte den ökonomischen Vorschlag und zeichnete Madam Dormer eigenhändig oben an. Sie bekam ihre Entlassung und eine Pension auf ein Jahr mit der Bedingung, sich unterdessen nach einer andern Versorgung umzuthun. Die Fürstin nahm sie Herrmannen zum Troz unter ihren Hofstaat auf und legte dadurch den Grund zu der folgenden Uneinigkeit mit ihrem Gemahle. Die Dormerin sprühte Feuer und Flammen wider den Fürsten, wider Herrmannen, wider Arnolden, wider Herrmanns sämtliche Partie, und hätte sie insgesamt mit ihren Händen würgen mögen. Das Mislingen ihrer Absichten machte sie allemal tückisch und boshaft, wie sie schon in Berlin bewies: sie bewies es auch izt. 360 Sie wußte sich durch nichts an dem Fürsten zu rächen, als daß sie die Eifersucht seiner Gemahlin wider ihn erregte: sie fachte eine Leidenschaft, wozu die Dame ohnehin sehr geneigt war, durch Erdichtungen, falsche Auslegungen und alle Künste ihrer höllischen Beredtsamkeit, so außerordentlich bey ihr an, daß sie aus allen Blicken, Reden und Handlungen ihres Gemahls Argwohn schöpfte: es kam zu empfindlichen Sticheleyen und endlich gar zu beleidigenden Verweisen. Der Fürst hielt mit männlicher Geduld an sich und foderte blos von ihr, die Dormerin vom Hofe zu schaffen: sie weigerte sich mit Heftigkeit, und der Bruch war geschehen: ihr Gemahl gab ihr, ohne weiter etwas Unangenehmes zu sagen, acht Tage Bedenkzeit, und da nach dem Verlaufe derselben sein Befehl nicht befolgt wurde, lebte er abgesondert von ihr und nahm sich vor, seine Absonderung so lange fortzusetzen, bis sein Befehl erfüllt würde. Dies nennte die Dormerin gelungne Rache für die Verschmähung ihrer Reize, und sie spornte nunmehr die Fürstin an, die Waffen gegen 361 Herrmannen zu kehren. Dies Projekt war schon ungleich schwerer; aber welche Mittel wußte die Frau nicht zu finden? – Sie rieth zu einem Bündnisse mit Arnolden, verschluckte allen Groll und suchte seine Freundschaft. Sie drang sich bey seiner Frau ein und gewann die gute stille Lisette mit ihrem Geschwätze so sehr, daß sie unwiderstehlich ihre Herzensfreundin wurde: sie wiederholte ihre Besuche bey ihr täglich, brachte ihr Grüsse, Gnadenversichrungen und Geschenke von der Fürstin und versprach, ihr Zutritt bey dieser Dame zu verschaffen. Lisette wurde von ihrem Manne gewarnt und ihr das Verbot gegeben, die Frau nicht wieder ins Haus zu lassen: das gute Weibchen war eitel und begierig nach einer Gnade, die sie noch nie gekostet hatte, ließ trotz des Verbotes die Dormerin doch herein, und eines Nachmittags ließ sie sich durch vieles Zureden überwinden und begleitete sie zur Fürstin. Der Mann erfuhr nichts davon, aber das Weibchen war von den Gnadenbezeugungen so gestopft voll, daß sie sich schlechterdings ihrer entladen mußte: mit der 362 freudigsten Begeistrung erzählte sie ihm des Abends die gnädigste Bewillkommung und die gnädigste Herablassung, die Herrlichkeiten, die man ihr gezeigt, und die Geschenke, die man ihr gemacht hatte. Arnold errieth, daß man ihn gewinnen wollte, ob er gleich den Zweck nicht absehn konte, freute sich seiner Wichtigkeit, und gab seiner Frau kein so geschärftes Verbot mehr, um zu erfahren, wo das hinauslaufen sollte: er bildete sich gar ein, daß ihm die hohe Ehre eines Friedensstifters zwischen Fürsten und Fürstin zugedacht sey. Lisette wurde zu mehr gnädigen Bewillkommungen abgeholt und kam jedesmal entzückter und reicher mit Geschenken zurück: ihr Mann verstund die Kunst, Geld zu verthun, und war also nicht unzufrieden, daß sich ihm hier eine neue Quelle öfnete. Seine Frau söhnte die Dormerin mit ihm aus, und diese überredte ihm, daß die Fürstin ihn zur Mittelsperson zwischen sich und dem Fürsten erwählt habe: der eingebildete Narr, stolz über diesen erdichteten Auftrag, glaubte noch der vorige Günstling zu seyn, der mit einem Spaße den Willen seines Herrn 363 regieren könte, und wagte wirklich einen Versuch, den der Fürst sehr ungnädig aufnahm. Der abgewiesene Friedensstifter machte zwar, um den Zufluß von der Fürstin im Gange zu erhalten, der Dormerin große Wunder weiß, die er bey seinem Herrn ausgerichtet habe, und verstund sich sogar zu der Unternehmung, Herrmanns Kredit zu schwächen: er brachte ihr auch täglich günstige Nachrichten, wie viel weiter er darinne gekommen sey, ob er gleich nicht wagen durfte, nur Ein nachtheiliges Wort wider Herrmannen bey dem Fürsten zu schnauben. Die Fürstin bildete sich gleichwohl ein, daß ihr Einfluß durch diesen Kanal sehr groß sey, und bedachte nicht, daß die Wirkung einen weiten Umweg nahm und folglich ungemein viel von ihrer Kraft verlieren mußte: sie wirkte auf die Dormerin, die Dormerin auf Arnolds Frau, Arnolds Frau auf ihren Mann, und ihr Mann auf den Fürsten: das Ziel war so weit, daß die Kugel matt vor ihm niederfiel und nicht einmal anprallte. Zu Arnolds Unglücke erfuhr der Fürst seine neuerrichtete Freundschaft mit Madam Dormer und die Geschenke, die seine Frau 364 von der Fürstin bekam: er argwohnte ein Komplot und ließ den gewesenen Günstling gar nicht mehr um sich seyn. Unglückliche Dormerin! alles soll dir mislingen. – Sonst wäre der Frau diese völlige Entziehung der Gunst eine Freude gewesen, und war es auch wohl im Grunde noch, aber nur zur Hälfte; denn mit ihrem Verluste vereitelte sich auch der Plan wider Herrmannen. Ihn ganz aufzugeben, war ihrer Rache unmöglich: da sie auf einer Seite zurückgetrieben war, wollte sie auf einer andern den Angriff thun: wenn sie ihn nicht um seinen Kredit bey dem Fürsten bringen konte, so sollte er Ulriken verlieren: sie machte Anstalten zur Entzweyung. Die arme Ulrike saß wie ein eingesperrtes Schäfchen zwischen Wölfen, die sie zerreißen wollen, und hielt sich so still als möglich, um nicht unter sie zu gerathen und im Gedränge zerdrückt zu werden. Sie empfieng von der Fürstin seit der lezten Fürbitte für Herrmannen wenig freundliche Blicke und desto mehr saure, bat um ihren Abschied und erhielt ihn nicht, weil 365 die Fürstin und besonders Madam Dormer besorgten, daß alsdann ihre Heirath mit Herrmannen zu Stande kommen würde. Herrmann dachte täglich daran, sie zu befreyen, allein weil sie zum Hofstaate der Fürstin gehörte und also zu ihrer Partey gerechnet wurde, wagte er es bey den vorwaltenden Mishelligkeiten nicht, einen so delikaten Fleck bey dem Fürsten zu berühren und sich die Hofdame seiner Gemahlin zur Frau von ihm auszubitten: er hofte auf eine Wiedervereinigung der beiden fürstlichen Personen, die ihm auch nicht schwer schien, sobald man das Unglücksweib, die Dormerin, vertreiben könte. Das war freilich wohl klug gedacht; aber er konte sich seine ganze Klugheit sparen, wenn er über seinem großen Enthusiasmus für die Geschäfte sich etwas mehr um die geheime Hofgeschichte bekümmerte, die fast Jedermann im Lande eher wußte als er. Der Fürst hatte allmälich seine mistrauische Laune verloren, völliges Zutrauen zu Herrmanns Treue gefaßt und folglich seine 366 Aufmerksamkeit auf die Angelegenheiten sehr vermindert: keine von seinen vorigen Liebhabereyen wollte ihm mehr schmecken, auch für die Jagd war sein Geschmack sehr schlaff: er hatte keinen Günstling, dem er traute, der ihm Zeitvertreib und Neigungen mittheilte, war übel aufgeräumt über die Mishelligkeit mit seiner Gemahlin und hatte also viel Verdruß und viel Langeweile auf sich liegen. Eine so traurige Lage suchte er sich durch die Liebe zu mildern: Ulrike hatte seit ihrer ersten Erscheinung am Hofe geheimen Antheil an seinem Herze gehabt und in dem Augenblicke, als sie im Vorzimmer weinend und kniend für Herrmannen bat, ihm wirkliche Liebe eingeflößt: um die Eifersucht seiner Gemahlin nicht zu kränken, that er sich den möglichsten Zwang an, seine Liebe nicht in verdächtige Vertraulichkeiten ausbrechen zu lassen: izt hatte ihn die Fürstin beleidigt, er war von ihr abgesondert, frey und aus Rache nicht ungeneigt, sie durch eine neue Liebe für ihre Hartnäckigkeit zu strafen. Er suchte daher Gelegenheiten, mit Ulriken zusammenzutreffen: wo er 367 sie fand, sprach er ohne Scheu im Tone vertraulicher Zärtlichkeit mit ihr und spielte sehr häufig auf eine Verbindung an, wie sie Fürsten mit Personen geringern Standes eingehen können, um ihre Denkungsart über diesen Punkt zu erforschen. Zum Theil verstund sie diese Anspielungen nicht, zum Theil wich sie ihnen mit ihrer Antwort aus: weil sie in keiner Gunst mehr bey der Fürstin stund, hatte sie mehr Freiheit herumzugehen und öfterer in solche Gespräche mit dem Fürsten zu gerathen: sie hat auch in der Folge offenherzig gestanden, daß sie die Gelegenheiten dazu suchte, aber in der unschuldigen Absicht, sich durch seine Unterhaltung von der Langenweile zu erholen, die sie wie ein Alpengebirge drückte – eine Absicht, die man ihr um so weniger verdenken darf, da der Fürst die einzige Mannsperson am Hofe war, deren Unterhaltung ihr gefallen konte! Die Fürstin und Madam Dormer übersahen Ulriken und ihre Unterredungen mit dem Fürsten, über der hitzigen Verfolgung ihres Planes wider Herrmannen: auf einmal verbreitet sich das Gerücht am Hofe, daß Ulrike des Fürsten 368 heimliche Mätresse sey und morgen oder übermorgen öffentlich in dieser Qualität erscheinen werde: der eine hatte ihr einen Kuß geben sehn, der andre wollte sie von seinen Armen umschlungen, der dritte in andern vertraulichen Stellungen erblickt haben. Jedermann maßte sich die Ehre an, mit dieser geheimen Liebesgeschichte schon längst wie mit seiner eignen bekannt gewesen zu seyn, und alle wollten sie verheimlicht haben, weil man nicht gern von solchen Sachen spräche, wie ein jeder mit weisem Achselzucken zur Ursache seines tiefen Stillschweigens angab; und doch war die ganze Geschichte nichts als ein Kuß, den ein Küchenjunge den Fürsten Ulriken hatte geben sehn. Wie schwollen die Nasenlöcher der Madam Dormer empor, als dies Gerücht zu ihren Ohren gelangte! Der Zorn blies ihre Backen auf, die Augen traten wie ein Paar Flammen hervor, sie knirschte, sie schnaubte vor Wuth, daß ein solches Mädchen, wie sie Ulriken bey sich nannte, ein Glück erlangen sollte, nach welchem sie so lange, so eifrig und so vergeblich gestrebt hatte: die Eifersucht fuhr, wie schneidende 369 Messerschnitte, durch ihr Herz: sie nahm sich nicht Zeit zur Erholung von ihrem Zorne, sondern flog mit diesem gorgonischen Gesichte gerades Weges zur Fürstin, um ihr die verhaßte Entdeckung mitzutheilen. Die Heftigkeit ihres Ausdrucks und ihrer Geberden, das glühende Feuer aus ihrem Gesichte und die Sache selbst steckte die Fürstin mit gleichem Feuer an: die Dormerin vergaß Ueberlegung und Klugheit, und erzählte, um ihrer Nebenbuhlerin recht zu schaden, ihren ganzen Liebeshandel mit Herrmannen, ihre Niederkunft, und war von der Rachsucht so sehr verblendet, daß sie sogar den geheimen Briefwechsel nicht ausließ, den die beiden Verliebten durch sie bey ihrem Hierseyn geführt hatten. Ulrike mußte auf Befehl der Fürstin erscheinen, und wie ein zitterndes Reh, von zween Jägern mit angelegtem Gewehr geängstigt, wurde sie mit Fragen und Drohungen so gewaltig gequält, daß sie alle ihre Vergehungen bekannte: die Dormerin stund vor ihr, fragte Artikel für Artikel ihre ganze Geschichte durch, und wenn sie zauderte, Ja zu sagen, rief ihr die Fürstin 370 drohend zu: »willst du gestehn?« – sie weinte und gestand. Sobald sie den Hauptpunkt, ihre Niederkunft, nach langem Weigern und Weinen bekannt hatte – denn man drohte ihr mit gerichtlicher Untersuchung, wenn sie nicht hier gestünde – nach diesem von Furcht und Angst ausgepreßten Ja wurde sogleich ihr Urtheil gesprochen: die Fürstin befahl ihr mit der fürchterlichsten Ungnade, den Augenblick das Schloß zu verlassen, wenn sie nicht in der folgenden Minute von der Wache weggeführt seyn wollte. – »Und die gottlose Kuplerin dazu!« sprach sie zur Anklägerin. Nun besann sich die sonst so kluge Frau, daß sie in der Hitze einen tummen Streich begangen und sich selbst verrathen hatte. Sie suchte den Vorschub, den sie den beiden Verliebten durch Besorgung des Postwesens gethan hatte, zu beschönigen, aber es half nichts: sie mußte augenblicklich aus dem Zimmer. Ulrike, ohne in der Bestürzung zu bedenken, daß es nicht von der Fürstin abhieng, sie mit der Wache fortführen zu lassen, eilte, von 371 Furcht gejagt, als wenn sie Grenadiers mit aufgepflanzten Bajoneten verfolgten, aus dem Schlosse, und der Schrecken führte sie blindlings in die Arme der Liebe, in Herrmanns Wohnung. – »Herrmann!« rief sie mit zitternder Stimme, indem sie in die Stube hereintrat; »hier kömmt dein verfolgtes Täubchen, nimm es auf! nimm es auf in den Schuz der Liebe!« – Herrmann saß, von Berichten, Verordnungen und Rechnungen umschanzt, und hatte eben so viel Mühe, sich aus seinen Papieren, als aus seinen kameralischen Gedanken herauszufinden: die Stimme tönte ihm dazwischen, wie das ferne Girren einer Turteltaube in einer dürren Sandwüste: er sprang auf, schleuderte Rechnungen, Pachtbriefe und Berichte von sich hinweg, stand da und staunte. – »Ulrike! in der Dämmerung! zu mir! so allein! bist du es?« rief er, starrend vor Verwunderung. Ulrike. Freilich bin ichs! Das verabschiedete weggejagte verfolgte Mädchen! Von Bosheit und Schadenfreude vertrieben! – Unsre 372 ganze Schande ist entdeckt: ich selbst habe sie durch mein Geständniß offenbaren müssen. Herrmann. Entdeckt? durch wen? Ulrike. Durch das Weib, das allein einer solchen Bosheit fähig ist! Herrmann. Durch die Dormerin? – Ha! die Verwägne soll dafür büßen, schwer büßen! Schmach und Strafe soll die Verbrecherin treffen. Bleib hier! beruhige dich! ich will zum Fürsten eilen; und er muß sie strafen, oder ich will meine Treue gegen ihn verfluchen. Bleib! – den Kopf muß man der Natter zertreten, wenn sie nicht schaden soll: ich will keine Sonne in diesem Lande wieder aufgehen sehen, wenn das Ungeheuer nicht gezüchtigt wird. – Aber wie hat sie ihre Bosheit verübt? hurtig, Ulrike, hurtig erzähle! – Sie berichtete ihm eilfertig den Auftritt in der Fürstin Zimmer, wie man sie zum Geständnisse zwang; und kaum hatte sie das Nothwendigste gesagt, so machte er sich auf den Weg. – »Der Donnerkeil ward von höhern Händen für meinen Scheitel geschmiedet,« sprach er im Gehen: »mich 373 soll er durch dich treffen: aber er soll abprallen, unschädlich abprallen. Sey muthig, Ulrike, und hoffe auf die Gerechtigkeit des Fürsten!« Aus den Mishelligkeiten der regierenden Personen suchen bekantermaßen immer die Geringern ihren Vortheil zu ziehn, und es kam gleich einer von solchen dienstfertigen Aufpassern, sobald Ulrike aus dem Schlosse geflüchtet war, und meldete dem Fürsten ihre Entfliehung, doch ohne die Ursache derselben angeben zu können. Die Liebe beunruhigte ihn sogleich mit mancherley Besorgnissen, mit Muthmaßungen, daß seine Gemahlin etwas von seiner Absicht auf Ulriken errathen, erfahren, und sie deswegen gemishandelt habe: er glühte vor Unwillen und Unruhe und sandte gleich zu dem Obersten Holzwerder, um zu erfahren, ob sie zu ihm geflüchtet wäre: der Oberste begegnete dem Boten unterwegs in voller Eile zur Fürstin, die ihn hatte rufen lassen, und hörte izt das erste Wort von Ulrikens Flucht. – »Ist sie nicht da?« fragte der Fürst ängstlich, sann und befahl dem nämlichen Boten, sogleich mit allen seinen 374 Kräften zu Herrmannen zu laufen. Der Laufer rennte, daß er sich die Beine hätte zerbrechen mögen, in großen Sprüngen und schoß am Eingange des Schlosses vor Herrmannen vorbey, der mit scharfen Schritten zu dem Fürsten wanderte und schon angelangt war, als der Laufer mit der Nachricht zurückkam, daß Herrmann nicht zu Hause sey. – »Ist sie bey Ihnen?« fragte der Fürst hastig, als Herrmann ins Zimmer trat, und war so begierig Ursache und Umstände zu erfahren, daß er vor vielen Fragen die Erzählung lange nicht in gehörigen Gang kommen ließ. Herrmann trug alles vor, was er aus Ulrikens Munde gehört hatte, sezte das Geständniß ihrer beiderseitigen Vergehung und ihrer so lang ausgedauerten Liebe hinzu und schloß mit diesen Worten: »Den Händen eines gerechten Richters habe ich mein Geheimniß und meine Liebe anvertraut: er mag richten! Ihrer Durchlaucht Urtheil ist ein Spruch über mein Leben.« – Nach einer tiefsinnigen Pause sprach der Fürst seufzend: »Wenn es so ist, so müßt Ihr Euch 375 heirathen.« – Kaum hatte er es ausgesprochen, so ließ der Oberste Holzwerder inständigst um Gehör bitten: er wurde vorgelassen und ersezte noch einige Umstände, die in Herrmanns Erzählung gefehlt hatten, berichtete unterthänigst, daß ihm die Fürstin auf das schärfste bey ihrer Ungnade anbefohlen habe, die Verheirathung zwischen Ulriken und Herrmannen nicht zuzulassen, und bat eben so unterthänigst und flehendlichst, daß ihn der Fürst in der Erfüllung dieses Befehls unterstützen möchte. Der Fürst, beleidigt durch das Verbot seiner Gemahlin und durch ihr ganzes Verfahren wider eine Person, die einen so großen Theil seiner Liebe besaß; voll Begierde, seiner Gemahlin nicht die Oberhand zu lassen, fuhr zornig heraus: »Sie sollen sich heirathen: ich will es.« – Der Oberste wagte noch einige Vorstellungen, aber der Fürst unterbrach ihn mit verachtendem Tone: »Der Fürst befiehlt, daß sie sich heirathen sollen; und der Oberste Holzwerder soll das Weib, die Dormerin, mit Wache aus dem Schlosse schaffen, wenn sie sich nicht freywillig dazu entschließt; 376 und gleich itzo! bitte ich mir aus.« – Der Oberste kroch mit einem unterthänigst erschrocknen Bücklinge zum Zimmer hinaus, um den gegebnen Befehl zu vollstrecken. Der Fürst war so aufgebracht wider seine Gemahlin, ob er gleich kein beleidigendes Wort wider sie sagte, daß er hastig etlichemal das Zimmer auf und niedergieng und sann, wie er sie empfindlich genug strafen sollte: er glaubte, seinem Ansehn Eintrag zu thun, wenn er nicht das Gegentheil ihres Verbotes durchsezte, und befahl, den Geistlichen zu holen, der auf der Stelle die Trauung vollziehen sollte. – »Ich will Herr in meinem Schlosse seyn,« sprach er zu Herrmannen, der im Vorzimmer wartete: »wenn Ihr getraut seyd, sollt Ihr bey mir das Brautessen halten.« Herrmann war nicht lange zurück, um Ulriken die fröliche Bothschaft zu bringen, als schon der fürstliche Wagen vor der Thüre anhielt, der sie zur Trauung abholte; und wie sie durchs Schloßthor fuhren, schlich Madam Dormer tiefgebeugt, mit verhülltem Gesicht an der 377 Wand hin und wich den Pferden und der Demüthigung aus, von Personen erblickt zu werden, die ihren festlichen Einzug hielten, wo sie mit Schimpf vertrieben war. Sie konte das Gerede des Publikums nicht ertragen, sondern begab sich noch den nämlichen Abend aus der Stadt, voller Schmerz und Gram, daß sie sich selbst in der Schlinge fieng, die sie für Andre knüpfte, und das Glück einer Nebenbuhlerin dadurch beförderte, wodurch sie es umstürzen wollte. – Vignali, Vignali, wo war deine List? – Nach der Trauung, die sich später verschob, als der Fürst wollte, wurden die beiden Brautleute zur Tafel abgeholt, wozu auch der Oberste Holzwerder eingeladen war, theils als ein Anverwandter der Braut, theils weil ihm der Fürst in der Hitze ein wenig zu hart angelassen zu haben glaubte und ihm durch diese Einladung die Furcht vor Ungnade benehmen wollte. Das Hochzeitmahl gieng sehr still und wenig aufgeräumt vorbey: der Fürst war vom Zorne über das Verfahren seiner Gemahlin noch unruhig, und ob 378 er gleich von Zeit zu Zeit die Wolken von der Stirn vertreiben wollte, so gelang es ihm doch nur auf kurze Augenblicke, vornemlich da sich die Liebe in seinem Herze hervordrängte und ihn neidisch machte, daß ein Andrer besitzen sollte, was er selbst so zärtlich liebte: dabey stellten sich auch unangenehme Betrachtungen über seine eigne mishellige Ehe ein: er saß melancholisch da, warf zuweilen einen Blick auf Ulriken, seufzte, sprach ein Paar abgebrochne Worte, einen gezwungen muntern Scherz, und bey jeder Rede kam er darauf zurück, daß er den Bräutigam glücklich pries: er that dies jedesmal mit einem Tone, der Herrmannen schon an seinem Hochzeittage hätte eifersüchtig machen können. Die beiden Neuvermählten waren von der Freude wie vor den Kopf geschlagen: sie besannen sich kaum vor Ueberraschung ihres Glücks: in sich gekehrt, saßen sie da und hatten vor zerstreuender Wonne so wenig Vermögen, viel zu sprechen, als der Fürst vor Traurigkeit. Der Oberste that sich gütlich in Essen und Trinken und genoß also das Hochzeitessen besser als 379 die Uebrigen, denen es nicht sonderlich schmeckte: aber er war noch scheu gegen den Fürsten, besorgte, daß der Unwille wider ihn noch nicht völlig verdampft seyn möchte, und sprach daher nicht anders als gefragt und mit der möglichstdemüthigen Ehrfurcht. Nach aufgehobner Tafel sprach der Fürst zu Herrmannen: »Wir wollen tauschen: Sie sollen heute Fürst seyn.« – »Nein,« antwortete Herrmann, »ich will lieber auch heute der Diener eines guten Fürsten bleiben.« – »So mag ich dann der Fürst, und Sie der Glückliche seyn!« – sagte der Fürst mit einem tiefen Seufzer und gab ihnen gute Nacht. Als sie in dem Zimmer anlangten, das zu ihrem Brautgemache bestimmt war, wurde ihre Freude beredter. Ulrike wollte immer nicht glauben, daß sie getraut wären. »Nein,« sprach sie, indem sie Herrmann auf dem Schooße wiegte, »es ist ein Fantom, ein Traum, der mir durchs Gehirn schleicht: ich bin auf die heutigen Mishandlungen krank geworden und fantasire: hast du auch die Fiebereinbildung, daß ich nun endlich dein bin?« 380 Herrmann. Und meine Einbildung ist so überzeugend gewiß, wie mein Daseyn. – Mein bist du! endlich! So schnell vom Winde in meine Arme geworfen, als er dich oft von mir trieb! – Haben wir wirklich mit der Liebe so wenig hausgehalten, wie du einmal besorgtest In einem ihrer lezten Briefe. , daß unser künftiges Leben öde und langweilig seyn wird? Oder fühlst du, daß sich in Herzen, wie die unsrigen, die Liebe nie erschöpft? Ulrike. Ich fühl' es, daß ich mich an meinem eignen Herze versündigt habe. Es schlägt noch so frisch und frölich bey deinem Kusse, als unter dem Baume im Garten des Grafen, da du an meinem Busen Trost suchtest. Herrmann. Und meine Seele ist, wie ich merke, durch Zahlen, Berichte und Verordnungen so wenig zur Liebe verstimmt, als da ich dich im plauenschen Grunde nach einer halbjährigen Trennung in meine Arme schloß: deine Umarmung durchdringt mich mit dem nämlichen süßen Schauer, wie damals, als wenn es die erste wäre: mein Puls hüpft so übereilt wie damals. O wie hast du dich durch deine Besorgniß an der Liebe versündigt! 381 Ulrike. Schwer versündigt! Denn was sind alle die verliebten Abende, die wir auf dem Lande zubrachten, gegen diesen Abend des Glücks? Dort irrten wir unter Schatten, unter erträumten Glückseligkeiten herum, und immer stand die Noth an der Thür und wollte herein; und sie rächte sich hart. daß wir nicht eher aufmerksam auf sie wurden! Izt halten wir wahres festes Glück in unsern Händen: es wohnt in unsern Herzen: es lebt in allen unsern Gedanken und Sinnen. Fühlst du nicht den Unterschied? Es ist mir, als wenn ich izt erst lebte, als wenn ich vorher alles, was ich empfand und dachte und that, nur so dunkel wie im Traume gesehn hatte: so hell, so wahr, so anschauend hab' ich noch nie die Gegenwart empfunden wie izt; und doch dacht' ich, die Liebe wär' erschöpft? O wie schwer hab' ich mich an der Liebe versündigt! Herrmann. Und versündigst dich noch izt! Warum übergehst du Eine glückselige Scene unsers Lebens, ob sie gleich tausendfache Leiden über uns verbreitete? – Ulrike, wo werden unsre Entzückungen seliger seyn, hier oder in 382 der . . . du senkst den Blick? soll ich sie Die Jägerhütte wahrscheinlicher Weise. nicht nennen, die Zeugin unsrer Schwachheit? – Aber wie so ganz anders sind itzo unsre Empfindungen als damals? Du zitterst nicht vor Furcht: die Knie sinken dir nicht: Angstschweiß strömt dir nicht über die Wangen, wie damals – Ulrike. Und deine Augen rollen nicht so fürchterlich, so flammend wild, wie damals. – Ach, des schrecklichen Abends! wenn ich noch an die grausende Mine gedenke, die damals aus deinem Gesichte hervorstarrte, voll so gieriger Leidenschaft, als wenn du mir mit jeder Bewegung die Kehle zudrücken wolltest; und die Angst dabey, die in mir kochte; wie mich immer eine Empfindung von dir hinwegscheuchte, und die folgende zu dir hindrängte – ich bebe noch vor der Vorstellung eines so quälenden Kampfes. – Wie ist itzo deine Mine so heiter, dein Blick ein sanftleuchtendes Licht, der Druck deiner Hand so leise zitternd, der Ton deiner Stimme wie eine dahingleitende Musik – o wie 383 ganz anders alles als damals! Die Freude lacht aus jedem Zuge deines Gesichts – Herrmann. Wie sollte sie nicht, da ich den Himmel in meinen Armen halte? – Laut möcht' ich triumphiren, daß ich ihn endlich durch lange Anfechtung errang! Und dies ist nur der Anfang unsrer Seligkeit: wenn die glückliche Mutter einst solche Zweige um sich herum aufsprossen und zu großen früchtevollen Bäumen erwachsen sieht, die den Menschen Schuz und Schatten geben – solche Zweige, wie schon einer verwelkt auf dem ländlichen Kirchhofe liegt – ist es dann nicht der Mühe werth, sich geliebt, sich mit beharrlicher Treue geliebt zu haben, wie wir? – O Liebe! wärst du nicht in der Natur, wo nähmen die Sterblichen ihre Freuden her? – Sie verstummten, zärtlich umarmt. Hymen schwang die Freudenfahne über das seidne Hochzeitlager, und allgemeine Stille feyerte die glückliche Brautnacht. 384   Viertes Kapitel. Fast das ganze Publikum der Stadt nahm an dem Glücke eines Mannes lebhaften Antheil, dessen Verdienste seit dem Falle des Präsidenten ziemlich von Jedermann anerkannt wurden, einige Unzufriedne ausgenommen, die kein ander Vergnügen wissen, als das Gute zu verkleinern, das sie nicht thun können. Der Oberste Holzwerder wagte von Zeit zu Zeit eine Vorstellung an den Fürsten, wie sehr besonders das hochgräfliche Ohlauische Haus ihm zur Last legen werde, daß er eine so ungleiche Verbindung nicht gehindert habe: der Fürst, der ewigen Vorstellungen müde, bot zum Ersatze des Unrechtes, das er Ulrikens Familie durch die Beförderung ihrer Heirath zugefügt haben sollte, Herrmannen den Adel an. Herrmann antwortete: »Wenn Eu. Durchl. meine Dienste in einem höhern Stande angenehmer sind, so nehme ich das Geschenk mit Freude und Dank an: wo nicht, so verlange ich keinen Vorzug, der weder mein Verdienst noch 385 Ihre Gnade vergrößert.« – »Bravo!« sagte der Fürst und klopfte ihm auf die Schulter: »Ich schätze den Mann von Verdienst; der Stand gilt mir gleich: es mag bleiben, wie es ist.« – Der Oberste, da er sahe, daß es nicht zu ändern stund, gewöhnte sich allmälich an die Anverwandtschaft, lebte beständig in freundschaftlichem Vernehmen mit den beiden Eheleuten, Ulrike half ihm zuweilen Schlachten und Wälder und Städte aus Dendriten hervorpoliren, auch Herrmann wurde zum Ehrenmitgliede in seiner Akademie aufgenommen und verplauderte mit dem Alten manche lustige Stunde über der Erklärung eines neupolirten Dendriten. Herrmann hielt es für Pflicht, Verachtung nicht mit Verachtung zu vergelten, und schrieb an Grafen und Gräfin Ohlau: ohne nur mit einem Seitenblicke, mit einem Worte für die beleidigenden Schimpfnamen und verächtlichen Begegnungen sich zu rächen, die er von ihnen zu einer Zeit ausstehn mußte, wo es freilich zu verwägen von ihm war, nach Ulrikens Besitze zu streben, dankte er 386 Beiden im Tone der wahren Politesse, ohne weggeworfne Ehrfurcht und ohne stolze Vertraulichkeit, daß sie ihn durch die Sorge für seine Erziehung würdig gemacht hätten, eine Anverwandtin von ihnen zu besitzen. Ulrike that das nämliche: selbst der Fürst hatte so viel Herablassung und ließ an den Grafen schreiben, um ihn über die Heirath zu beruhigen und zu bezeugen, daß sie mit seiner Genehmigung und Zufriedenheit geschehen sey. Der Graf antwortete dem Fürsten in einem schlecht orthographirten Handschreiben, weil er in den itzigen geldbedürftigen Zeiten sein eigner Sekretär seyn mußte, und seine vormalige sogenannte Kanzeley mit dem Verkaufe der Herrschaft an einen andern Herrn gekommen war: er dankte dem Fürsten in hochfahrendem Tone für sein Schreiben und die Gnade, die er gegen seine Schwestertochter zu haben schien: der ganze Brief bestund aus drey Zeilen und berührte den Punkt, worauf es ankam, nicht mit Einem Worte. Der Fürst, als er ihn gelesen hatte, warf ihn lächelnd unter den Tisch. 387 Weder Herrmann noch Ulrike erhielten Antwort von ihm: die Gräfin schrieb zwar nach einiger Zeit an die Leztere, aber kurz und mit der kältesten Höflichkeit: sie freute sich über ihre Gesundheit, dankte für ihren Brief und versicherte, daß sie ihre wohl affektionirte Tante sey. Herrmanns und seiner Verbindung wurde nicht mit Einer Silbe gedacht: aber man sah deutlich, daß sie den Brief unter der Aufsicht ihres Gemahls geschrieben hatte; denn auf der andern Seite stand, flüchtig hingeworfen – »Grüße deinen Mann und sey glücklicher als ich.« – Vermuthlich mochte sie diese Worte heimlich bey dem Zumachen des Briefs hinzugesezt haben: denn sie waren äußerst unleserlich. Auch für diese Verachtung rächte sich Herrmann nicht, sondern gab zu der Kollekte, die die Familie jährlich für den Unterhalt des Grafen machte, einen der stärksten Beyträge, ohne seinen Namen zu unterzeichnen. Der Oberste selbst, der ihn bey näherer Bekanntschaft ungemein schäzte, tadelte ihn wegen dieser Großmuth und sagte in seiner kernhaften Sprache: »setzen Sie dem 388 stolzen Bettler Ihren Namen unter die Nase hin, daß er daran riecht, wen er verachtet! Sacre-papier! Wenn wir ihm nichts geben, muß er ja schnurren gehn oder Brandbriefe herumschicken.« – Herrmann war niemals dazu zu bewegen. »Ich vergebe dem Grafen,« sprach er, »daß er in seinem Alter nicht besser denkt, als er es in der Jugend lernte. Mich haben meine Schicksale etwas bessers gelehrt; und so will ich denn auch hierinne diesem Unterrichte nicht untreu werden.« – Er war der Lezte, der mit seinem Beitrage bis zum Tode des Grafen aushielt und der Gräfin eine Pension auswirkte, als alle übrige ächte Mitglieder der Familie des Beitragens schon längst überdrüßig waren. Alle seine übrigen Freunde bekamen nach der Reihe Briefe von ihm und darinne die Nachricht von seiner Verbindung: er wollte durchaus aller Beleidigungen vergessen und sich nur der Verbindlichkeiten erinnern, welches vorzüglich sein Brief an Schwingern bewies. Ihre Antworten sollen hier in der Ordnung folgen, wie er sie erhielt. 389 Vom alten Herrmann . F** den 15. Decemb. »Denkt mir doch! Bist nun gar ein großes Thier geworden und hast eine Fräulein geheirathet? Wenns nicht so ein hübsches herzlichgutes Thierchen wäre, wie Baronesse Ulrikchen, so spräch ich: Sohn, du bist ein rechter Tölpel, daß du dich mit einer Fräulein behangen hast: nun halt' ich in meinem Leben nichts wieder auf dich. Aber was will ich denn sagen? hat sich denn nicht dein Vater selbst vom Teufel blenden lassen, daß er einen tummen Streich machte? wie kan mans vom Sohne besser verlangen? Ach, Heinrich, du wirst dich kreuzigen und segnen, wenn du hörst, wie es deinem alten Vater gegangen ist. Stelle dir einmal vor! Nille ist deine Mutter nicht mehr. Weil ich so hübsch versorgt auf deinem Gütchen war, so kam mir die Lust an, meine Nille wieder bey mir zu haben: was geschieht? ich schreibe an sie, nicht lange nachdem du von uns gereist warst. Wer keine Antwort kriegte, war ich. Ich kriege den Koller und 390 schreibe drey, vier Briefe: endlich kömmt ein Wisch von dem Schandkerl, dem Leinweber, bey dem ich sie sitzen ließ. Da hat sie bey dem verdonnerten Leinweber den Durchbruch Dies soll vermuthlich auf den herrnhutischen Ausdruck gehen – Der Durchbruch der Gnade. so gewaltig gekriegt, daß sie Beide – ich mag dirs gar nicht sagen, du wirst schon rathen. Kurz und gut, die Vettel läßt mich, wie ein verlaufnes Windspiel, in die Zeitungen setzen und auf den Kanzeln ausrufen. Hier in dem Neste kriegt man das ganze Jahr keine Zeitungen zu sehn, und ich lese auch keine; denn was gehn mich die Sachen der großen Herren an? Aber wenn ich gewußt hätte, daß etwas von meinen Affären drinne stünde, so hätt' ich doch so einen Wisch einmal in die Hand genommen. Da ich also nichts erfahre und mich nicht melde, so heirathet das Schandmensch feliciter den christlichen Leinweber. O so heirathe du in alle Ewigkeit hinein bis zum nimmer satt kriegen! Das schreibt mir mein Herr Nachfolger. Warte, dachte ich, ich will dich schon bezahlen. So sollst du mich nicht wieder zum Manne haben, und wenn du 391 schön wärst, wie ein Kirchengel. Hast du einen Andern genommen, so nehme ich mir eine Andre, die erste, die beste, aber eine Jungfer muß es seyn. Ich bin ein alter Kerl, aber eine Wittwe ist nicht meine Sache. Weil ich nun so recht toll und böse bin und vor Desperation durchaus wieder heirathen will, so sag' ich zur Fräulein Hedwig: der Donner und das Wetter, wenn nur gleich ein Kobold bey der Hand wäre, der mich heirathen wollte: meiner ehrvergeßnen Nille zum Trotz wollte ich mich auf der Stelle mit ihm trauen lassen. Für die alten Jungfern ist das Heirathen ein gar zu delikates Gericht. Was geschieht? der Rumpelkasten schmunzelt und schwänzelt so viel um mich herum und schwazt mir so nach dem Mäulchen und legt mirs so nahe, daß ich in einer tollen Stunde herausplumpe und sie frage, ob sie mich haben will. Höre, Sohn! das war, als wenn ihr der Blitz das Ja aus dem Halse führte. Ich schlage ein, und wir werden kopulirt. Hinter drein biß mich wohl der Wurm ein bischen, daß ich mich mit so einer vornehmen Trolle beklunkert hatte; denn 392 alles Vornehme ist mir zeitlebens bis zum Ekel zuwider gewesen. Aber es ist eine brave Frau geworden, das muß ich ihr lassen, eine Frau, als wenn ich nur sie bestellt hätte, eine Frau aus dem Fundamente. Meine Nille ist ein Lump dagegen, ein rechter Lump, sag' ich dir. Es ist mir recht lieb, daß sich der Leinweber mit ihr beseligt hat, so bin ich doch das Meerkalb los. Das hätt' ich der dicken Hedwig in meinem Leben nicht zugetraut, daß so eine gute Frau aus ihr werden würde. Sie sieht freilich aus, daß man sie nicht gern von der Straße aufhebt, besonders plagen sie itzo die Flüsse so jämmerlich. Das alte Thier bildet sich etwas anders ein und will es nicht Wort haben, daß es Flüsse sind, aber sorge nur nicht, daß du noch in deinem dreißigsten Jahre, oder wie alt du bist, ein Brüderchen bekommen möchtest: es sind nichts als Flüsse, dabey bleib ich. Sie milkt, sie bäckt und macht alles wie eine geborne Hausfrau, und handthiert im Hause herum, wie ein Feldwebel: das muß alles gehn, wie am Schnürchen, oder sie poltert, wie ein Drache, und schlägt auch wohl mit Fäusten drein, wenn das Gesinde nicht 393 gut thut. Sie hat dir dein Gütchen, seitdem du den Pachter abgesezt hast, wieder so in Ordnung gebracht, daß wir recht gut davon leben können; und dabey wartet sie mir auf, wie einem Fürsten, daß ich mich pflege, mir in Essen und Trinken gütlich thue und recht vergnügte müßige Tage habe. Mit dem Pfarr spiele ich zuweilen ein Picketchen, bin vergnügt und lasse den lieben Gott einen guten Mann seyn. Blitz! was mir der Pfarr noch täglich die Ohren voll räsonnirt, daß er sich damals von dem Donnerkerle, dem Siegfried, so hinters Licht führen ließ und ihm deine ganze Historie vorplauderte und endlich gar noch Ursache war, daß dir dein Ulrikchen weggenommen werden konte. Er will sich gar nicht zufrieden geben. Schreib' doch an ihn und sprich ihm Trost zu. Ich sage immer, wenn er so lamentirt: es ist ja zu des Jungen seinem Glücke ausgeschlagen, wenn Sie sich nicht so hätten übertölpeln lassen, so wäre er ja itzo nicht, was er ist, so könte er ja seine Ulrike itzo nicht zur Frau haben, so hätte ich ja das Gütchen itzo nicht mit meinem Weibchen so 394 allein zu genießen und könte mir nicht so wohl seyn lassen. Aber der Mann hört nicht. So lange er nicht dein Wort hat, daß du ihm seine damaligen tummen Streiche vergiebst, so lange kan er nicht eine Minute recht mit Verstande Picket spielen. Er macht einen Pudel über den andern, und die Unruhe ist ihm nur erst wieder angekommen, seitdem er gehört hat, daß du ein großes vornehmes Vieh geworden bist. Du kanst ihm ja vergeben. Er schwört Stein und Bein, daß keine Bosheit dabey gewesen ist, und daß er sich aus guter Herzensmeinung gegen dich von dem Banditen, dem Siegfried, so treuherzig hat machen lassen. Aber der Schurke, der Siegfried, giebt sich itzo selbst seinen Lohn. Seitdem du von uns weg bist, hat er alle Tage gesoffen, daß er vom Morgen bis zum Abend keine Minute den Himmel erkennen konte, und die dicke Watschelente, seine Frau, mit ihm. Das gieng alle Tage zu, wie bey dem reichen Manne. Unser Dorf ist auf diese Art in die Kehle hinunterspatzirt. Es ist schon lange verkauft, und mit dem andern Gute wirds nächstens auch 395 so kommen. Ueber dem vielen Trinken sind sie krüpelicht, kontrakt und elend, wie der arme Lazarus, geworden. Da liegen sie und können sich weder helfen noch rathen, müssen sich heben und tragen lassen und saufen noch alle Tage, daß sie springen möchten. Sie werdens nicht lange mehr antreiben; denn wenn sie sich nicht bald zu Tode trinken, so müssen sie aus dem Gute, und dann mögen sie bey den lieben Vögelein in holen Bäumen schlafen und hungern und betteln. Unrecht Gut gedeyet nicht, das ist mein Spruch, und darum hab' ich in der Welt nichts vor mir gebracht, damit ich nichts unrecht Erworbnes auf meinem Gewissen haben möchte. Was hilfts nun dem versofnen Krüpel, daß er mich damals um meinen Dienst brachte und mir hernach noch mein kümmerliches Gnadengeld bestahl? Was hilfts ihm, daß er den Grafen so rein ausgezogen und seine ganze Herrschaft geplündert hat? Was hilfts ihm, daß er dich hier so drückte und so schelmisch um deine Ulrike brachte? Nicht einen Pfifferling! Ende gut, alles gut. Drum geht nichts über den 396 Kernspruch: Ehrlich währt am längsten. Wer ist nun besser daran? Ich oder der Bandit? Der Teufel! ich bin so vergnügt, wie eine Bachstelze, habe gute Tage und lebe mit meinem Weibchen so zufrieden, wie ein Engel im Himmel. Hab' ichs nicht immer gesagt? Dem alten Herrmann wirds wohl gehn, wenn alles das Gesindel, das ihn itzo schuriegelt, verhungern und verkummern muß. Ich meine den hochfahrenden Großthuer, den Grafen, auch mit. Es ist ihm ganz recht, daß er izt so demüthig zu Fuß gehen muß, wie er sonst stolz gefahren ist. Er hat die Leute etwas ehrliches geplagt, und mich am meisten, daß ich nicht so schmeicheln und hofiren wollte, wie seine andern Maulaffen. Nun mag er selbst den Leuten hofiren, damit sie ihm nur das liebe Leben erhalten. Nun kan er sehn, wie es andern Menschen, die auch keine Narren sind, in der Seele weh that, daß sie so einem Oelgötzen beinahe zu Fuße fallen mußten, wenn sie einmal ein Bröckchen Gnade haben wollten, und ihn doch niemals genug anbeten konten. Ende gut, alles gut. Ich möchte wahrhaftig 397 itzo nicht mit ihm tauschen: ich brauche doch nicht zu betteln. Ich möchte itzo nur zwey Stündchen bey ihm seyn. Nu? wollte ich ihm sagen. Wer ist nun der größte Narr unter uns Beiden? Der alte grobe Klotz, wie Sie mich sonst nannten, oder Ihre Hoch-Hoch-Hochreichsgräfliche Excellenz und Hochgeborne Gnaden? Kurz und gut, wer bis ans Ende beharrt, der ist selig. Das merke dir und sey ein ehrlicher Kerl, bis dich die Maden fressen, wie dein             Vater Adam Ehrenfried Herrmann .         N. S. Du hättest wohl mit deinem Briefe ein Stückchen Brautkuchen schicken können. Unser Schulze macht itzo superfeinen Kümmel, und dazu wär er mir just gelegen gewesen. Ich will dirs diesmal vergeben. Bey der Kindtaufe mach es besser. 398 Von der gewesenen Fräulein Hedwig, izt Herrmanns Stiefmutter . den 15. December. Wohlgebohrner Herr, Hochgeehrtester Herr Stiefsohn, Dero hohe und preiswürdige Eigenschaften, wie auch Dero Frömmigkeit und gutes ingenium , und diese und viele andre lobens- und rühmenswerthe Tugenden Ihrer vortreflichen Frau Gemahlin haben bey mir beständig so große admiration und approbation gefunden, daß Denenselben beiderseits bey Dero erfreulichen Vermählung und Beylager nicht bergen kan, wie sehr ich mich über eine so wohlgetrofne mariage erfreue, und wünsche Ihnen dazu salus , prosperité und Wohlergehen. Mich hat der weise Gott, der alles wunderlich fügt, noch in meinen Jahren in ein glückseliges matrimonium versezt, wodurch zugleich Dero ergebenste Stiefmutter worden bin, und notificire Denenselben zugleich, daß meine bisherigen Umstände mir die angenehme Hofnung geben, daß ich nicht sine 399 effectus oder pour rien und vergeblich in meinen neuen Ehe- und Wehestand getreten bin. Auch kan daher nicht ermangeln, Dieselben beiderseits zum Voraus zu Taufzeugen und Pathen gehorsamst zu erbitten und versichre, daß ich beständig mit allem estime und cum affectionibus , wie eine leibliche Mutter, nebst ergebenstem Gruß an Dero preiswürdige Frau Gemahlin, bis in den Tod seyn werde, worüber ich ungemein flattirt bin, Meines werthgeschäzten Herrn Stiefsohns zärtlich liebende Stiefmutter, Hedwig Gottelieba Charitas Herrmann , geb. von Starkow .         Vom Doktor Nikasius . Dresden, den 20. December. Wohlgeborner \&c. Eu. Wohlgeb. gütiges Schreiben vom 5 Decembris c. a. ist mir wohl und glücklich zu Handen gekommen und habe daraus mit angenehmer Gemüthsbewegung für mich und meine liebe Ehegattin ersehn, wasmaßen Dieselben nicht 400 nur die præmia ihrer guten Qualitæten und vortreflichen Eigenschaften allbereits gefunden und erhalten, wie auch zu Vermehrung ihrer Satisfaction und Zufriedenheit mit Tit. pl. der Hochwohlgebornen Fräulein, Fräulein von Breysach etc. etc. ein christliches Eheverbündniß getroffen und in vollkommner Leibes- und Gemüthsergötzung vollzogen haben, für welche uns zu geben beliebte Nachrichten wir beiderseits gehorsamsten Dank abzustatten nicht ermangeln. Und wie wir nun an Eu. Wohlgeb. hierob schöpfenden Freude, wie an allem, so Denenselben und Dero Frau Gemahlin Gnaden behagliches und vergnügliches wiederfahren mag, aufrichtig Theil nehmen und Denenselben zu solcher glücklichen Begebniß hiermit ergebenst gratuliren : also wünschen wir annebenst beiderseits, daß die göttliche Providenz und Vorsehung zu Dero angetretenem Ehestande reichen Segen und Gedeyen nebst allen selbst verlangenden Prosperitäten verleihen, mithin auch Denenselben aus sothaner mariage continuir liches Vergnügen empfinden lassen wolle. 401 Da nun Dieselben aus alter Bekanntschaft und wohlmeinender affection nicht ungeneigt seyn werden, mein und meiner lieben Ehegattin Gesundheit und anderweitiges Befinden zu vernehmen, als dienet hiermit zur freundlichen Nachricht: 1mo) anlangend unsern beiderseitigen Gesundsheitszustand, so ist derselbe noch völlig so erwünscht und glücklich, wie bey Dero geehrten Gegenwart in unserm Hause, wie denn auch meine Frau dergestalt und allermaßen täglich an körperlichem Gedeyen und Leibesstärke zunimmt und deswegen schon längst von allem Gehen und in specie von dem Steigen auf denen Treppen überaus incommodi ret wird, welchermaßen denn auch mich wegen zunehmender Corpulenz meine vielen Arbeiten in meinen hohen Jahren gewaltig belästigen und beschweren. 2do meine sonstigen Umstände und res domesticas betreffend, so ist alles noch auf dem vorigen Fuße, völlig ut supra , und ist sonst gar nichts veränderliches vorgefallen, als daß ich nach langem Streben und Treiben meiner Frau 402 vor einigen Jahren einen ansehnlichen Titel erhalten habe und denselben noch gegenwärtig zu genießen fortfahre. 3tio in Betracht Dero an die Frau Oberstin gelassenen Schreibens, so ist dasselbe den Tag darauf von meiner Frau bey einer förmlichen Visite eigenhändig und richtig überliefert und zugestellt worden. Obwohlen nun der Frau Oberstin Gnaden bey Durchlesung obangeregten Schreibens die Augen nicht wenig aufgesperret, auch einige ungebührliche Reden und lästerliche Flüche auszustoßen sich nicht entblödet haben, als wie in specie : » Also hat das Donner-hagels-blitz-elementsche Wetteraas den sappermentschen Seehund doch noch geheirathet! « Ferner: » wenn der Kreuz-Mordio-Sappermenter nur wenigstens ein Edelmann geworden wäre! « desgleichen auch mit verschiedentlichen andern Schmähreden Eu. Wohlgeb. und Dero Frau Gemahlin zu begünstigen nicht ermangelt haben: jedennoch hat sich bemeldete Frau Oberstin verlauten lassen, daß sie bey 403 so gestalten Sachen sich über Dero Verbindung höchlich erfreue, auch meiner Frauen aufgetragen, Denenselben beiderseits in ihrem Namen alles ersprießliche Wohlergehen dazu anzuwünschen und von Herzen zu gratuliren, inmaßen denn sie wegen heftiger Schwäche und starken Zitterns in denen Händen, auch sonstigen Ungeübtheit im Schreiben sich kein eignes Antworts- und Gratulationsschreiben abzufassen getraue, zumalen ihr bisheriger treufleißiger Bedienter, so sonst bey dergleichen Vorfällen ihr Beistand und assistenz geleistet, durch einen Steckfluß schon seit geraumer Zeit das Zeitliche mit dem Ewigen verwechselt, und desselben Nachfolger so kreuz-hagel-ochsen-gänse-hornviehmäßig tumm buchstabiere, daß mit demselben nichts anzufangen sey.« Schließlich empfehlen wir Eu. Wohlgeb. beiderseits in Gottes Obhut, allstets mit vollkommenem Estime verharrend \&c. 404 Von Schwingern . G., den 23. December. Noch einmal wage ich es, die Sprache freundschaftlicher Wärme so ganz mit dir zu reden, wie sie meinem Herze sonst so wohl that, ohne sie durch frostige Titel und Komplimente zu ersticken; und warum sollte ich nicht reden wie sonst, da dein Brief noch völlig die starke feurige Empfindung athmet, die vormals deine Briefe belebte? Ich will mit dir sprechen, wie ein Vater mit seinem emporgekommnen Sohne; und gewiß, dein leiblicher Vater kan sich über dein Glück nicht aufrichtiger und inniger freuen, als ich. O könt' ich zu dir hineilen, dich nur Einmal an meine Brust drücken und mir sagen: dazu hab ich ihn gebildet! dieser thätige feurige Mann, dieses edle rechtschaffne Herz, dieser auffliegende Geist, diese starke männliche Seele ist ein Werk meiner Sorge! diese Grundsätze, die ihn nahe an den Rand des Verderbens, des Lasters, des Leichtsinnes und selbst des Verbrechens hintaumeln ließen, daß ihn oft nur ein Haarbreit vom Falle schied, und die ihn 405 jedes mal kräftig zurückzogen, diese Grundsätze habe ich in ihn gelegt! diese Lenkung seiner Ehrbegierde auf nützliche große wichtige Dinge hat er mir zu danken! Diese brennende Wärme des Herzens habe ich zuerst angefacht, diese vernünftige Schätzung der Glückseligkeit ich ihn gelehrt! Diese Offenheit des Charakters, die für jeden liebenswerthen Gegenstand der ganzen Natur sich aufschließt, diese weitumfassende Sympathie, die an allem Theil nimmt, was edles Vergnügen giebt und nimmt, diese wahre richtige Empfindsamkeit ohne Künsteley und Zwang – dieser ganze vortrefliche Mensch ist die Frucht meiner Erziehung! Glücklich, wem so für seine Mühe gelohnt wird! Vergieb mir diese Ruhmräthigkeit! es ist die Prahlerey der Liebe, weder Eitelkeit noch Schmeicheley spricht aus mir. Wie soll man sich nicht von Freude und Wonne, von Stolz begeistert fühlen, daß man zwo so edle Seelen, wie dich und Ulriken, gebildet hat? Soll man nicht den Guten preisen, daß er Verführung überwand und aus dem Taumel der Jugendjahre sich zu 406 der Vollkommenheit emporarbeitete, wozu ihn die Natur bestimmte? – Ja, ein Jahr meines Lebens gäb ich für das Entzücken dahin, dich an deinem Hochzeittage neben Ulriken gesehn zu haben: welch' ein Bild! Ulrikens fröliche Lebhaftigkeit neben deinem heitern Ernste! – Wie freu' ich mich, als wäre ich neu geboren, daß mich dein Brief aus einer Verblendung riß, worein mich, ich weis nicht welcher Wahn versezte! Ich habe dich verkannt, dich für einen Bösewicht, für einen verderbten Spötter, einen Verächter der heiligsten Freundschaftsrechte, einen verstockten Verführer gehalten: ich habe an deiner Bestrafung gearbeitet, und wie ich sehe, dein Glück veranlaßt, indem ich dich ins Elend bringen wollte: ich bekenne mein Vergehen, und ob du mir gleich großmüthig mit deiner Verzeihung zuvorgekommen bist, so will ich sie doch durch meine tiefste Reue izt zu verdienen suchen. Ich handelte aus Irrthum: so schwach ist der Mensch, daß auch Leute, die aus allen ihren Kräften sich der Billigkeit und Menschenliebe befleißigen, sie oft gröblich beleidigen, selbst indem sie sich einbilden, sie auf das 407 gewissenhafteste auszuüben. Die Vorsicht hat richtiger geurtheilt als ich elender Sterblicher: sie hat durch ihre Führung meinen Irrthum widerlegt. Wohl mir! daß ich einen Mann wieder lieben darf, den ich eine Zeitlang mit Betrübniß hassen mußte! Ich bin wie ein Vater, der sein einziges Kind für ermordet von den Händen der Räuber achtete, und es plözlich voll Leben und Wohlseyn wiederfindet. Der Rest meines Lebens soll mir nunmehr wie Jugendtage verfließen, zwar einsam, ohne Freund und Gattin um mir, aber doch ruhig, in ländlicher Stille und Zufriedenheit. Anfangs hielt mich übertriebne Gewissenhaftigkeit von der Ehe ab, und dann ließen mich zu hochgespannte Begriffe von weiblicher Vollkommenheit keine finden, die meine Wahl zu verdienen schien: so sey es! Unser Leben ist ein immerwährender Irrthum: der meinige hat mir viele Freuden geraubt, die Freuden des Gatten und des Vaters: so gebe sie dann der Himmel meinem Freunde in vollem Maaße, und ich will durch die Theilnehmung an seinem Glücke die 408 Wonne genießen, die mich kein eignes empfinden läßt. Lebt wohl, ihr zwey mir so lieben Herzen! seyd glücklich, und wenn ihr mir meine Verlassenheit versüßen wollt, so weihet zuweilen mitten im Genusse Eures Glücks einige Augenblicke dem Andenken Eures aufrichtigen liebevollen Freundes Schwinger .         Von Herrmanns gewesener Mutter . Z**, den 19. Juli. Hochehrwirticher Hochwolgeborner Her, Ire hochwolgeporne Gnaden werten nich ungnedig nemen ich bin eine arme ferlasne Frau und habe weter Tach noch Fach Ire hochwolgebornen Gnaten werden Ihr mildes Herz auftun salfa fenia ich muß auf der Straße umkommen Es ist mir gar zu schlim geganen (gegangen) ich denke Ire hochwolgeborne Gnaden mein Man ist tot unt neme in kristlicher Gesinnung einen 409 Antern. Das war ein rechter Schantkerl Ire hochwolgeporne Gnaten er war ein Leinwäber. Der Henker wirt im wol das Lon geben daß er mich so betölpelt hat. ich arme Frau weis weder aus noch ein. Da nam ich ten Galgen-Schwengel Ire hochwohlgeporne Gnaten weil er so ein guter Krist war unt so hübs bätte (betete) da nam ich In zum manne. Ich habe was rechts bey im ausgestanten. er hat mich geprigelt wien Melsack weil er alle Dage drank und palt bätte (betete) unt balt trank und hernach nich von sinnen wußte und ta prigelte er mich weil er gar nich zu sich kam. Ire hochwolgeporne Gnaten s war n rechter Höllenprand. Da ging ich von im weil ichs gar nich mer aushalten konte unt lebe nun in Kummer unt Jammer und weis nicht wo ich mein haubt hinlegen sol Ire hochwolgeborne Gnaten werten sich irer armen Mutter erbarmen. Ich habe erfaren daß Si ein gar groser vornemer man geworten sint unt sie werten toch ir miltes Herz auftun unt mich nich verhungern und verkummern lasen. wen mich nur nich der böse Feind geplagt hätte 410 unt daß ich nich einen antern Man genomen hette ach s ist gar eine große Not mit mir weil ich nischt zu beisen noch zu brechen habe Ire hochwolgeporne Gnaden mögen sich meiner annemen. Wen Sie mir was schicken wolen ich bin mit gehorsamster submision Ire untertänichste Magd Anna Maria Petronilla Schwenkfeldin.   Anhang. Vielleicht sind die meisten Leser begierig, die Schicksale der vornehmsten Personen, die ihre Aufmerksamkeit in dieser Geschichte an sich gezogen haben, nach dem Ende der Haupthandlung zu erfahren: um ein solches Verlangen zu befriedigen, wird man ihnen hier nach der Reihe von einer jeden erzählen, was aus ihr bis zu diesem Augenblicke, wo die meisten noch leben, geworden ist. 411 Fürst und Fürstin söhnten sich nicht lange nach Herrmanns Verheirathung, vorzüglich durch seine Vermittelung, wieder aus: der Fürst that den ersten Schritt dazu, und beide Theile bewiesen durch ihre nachfolgende Einigkeit, daß Fürsten sehr gut sind, wenn sie böse Leute nicht daran hindern. Seitdem die Dormerin ihre Entfernung vom Hofe durch die Uebereilung ihrer Leidenschaft bewirkt hatte, verschwanden Kabalen, Intriguen und Ränke, als wenn sie mit ihrer Urheberin entflohen wären: kleine unbedeutende Feindseligkeiten ausgenommen, wurde der Hof ein Schauplatz der Ruhe und Ordnung, der Fürst vorsichtiger gegen Schmeichler und Ohrenbläser, aufmerksamer auf die Geschäfte, und die Fürstin in ihrer Gunst weniger veränderlich und von allem Parteymachen abgeneigt. Ihre Ungnade gegen Herrmann und Ulriken verlor sich allmälich durch des Fürsten Fürspruch so sehr, daß sie sich zulezt in Gunst verwandelte. Im ganzen Lande zeigten sich Spuren von allen diesen glücklichen Veränderungen: die Aufmerksamkeit des Regenten gab allen Geschäften 412 Leben, Geschwindigkeit und Ordnung: gute Anstalten beförderten den Wohlstand der Einwohner, gaben ihnen Geist und Thätigkeit und entkräfteten durch die Vertreibung des Müßiggangs Laster und Muthwillen: jeder ehrliche Mann war in seinem Posten sicher, weil seine Sicherheit nicht von dem Steigen und Fallen einer Hofpartey, sondern von seinem Verdienste abhieng, und kein Schelm entgieng lange Herrmanns Wachsamkeit. Die Habsucht, womit selbst die geringsten Bedienten unter dem vorigen Präsidenten an sich rissen, was sie unentdeckt an sich reißen konten, verschwand itzo völlig, weil jedermann richtig empfieng, was ihm gehörte, und weder durch Noth noch durch das Beispiel seines Obern zu Schelmereyen sich für berechtigt hielt. Der Graf Ohlau starb sehr bald nach Herrmanns Heirath unter Kummer, Unwillen und übler Laune, ohne seine Gesinnungen gegen Ulriken zu ändern. Herrmann verschafte, wie schon gesagt worden ist, der Gräfin ein kleines Gnadengeld vom Fürsten, und die Dankbarkeit 413 machte sie um so viel gütiger und freundschaftlicher gegen ihn, da sie ihr stolzer Gemahl nicht mehr zwang, härter und unfreundlicher zu seyn, als ihr Herz wollte. Sie lebt auf dem Lande im Stillen, zwar ohne Mangel, aber in beständiger Kränklichkeit unter mancher Unruhe über den Verlust ihres vorigen Wohlstandes, ob sie ihn gleich äußerlich ganz verschmerzt zu haben scheint. Unglück und Einsamkeit haben sie sehr andächtig gemacht: sie liest täglich Erbauungsbücher, wird von Niemandem als dem Prediger des Orts besucht, der alle Nachmittage eine Betstunde mit ihr halten muß, und achtet alle zeitliche Freuden und Herrlichkeiten für Koth, da sie keine mehr besitzen soll. Ulrikens Mutter starb schon vor vielen Jahren, als sich Herrmann auf dem Lande aufhielt. Der Sturz mit dem Pferde, der sie hinderte, ihre Tochter von Dresden abzuholen Im 2ten Bande, 229 S. , brachte sie in die Hände eines unerfahrnen Wundarztes, dessen Kur ihr einen ofnen Schaden zuzog, daß sie lange Zeit das Bette nicht verlassen konte: 414 der Unerfahrne wollte den begangnen Fehler wieder gut machen, heilte den Schaden zu und verursachte ihr Geschwulst 4. Band, 16. S. und eine Krankheit, woran sie starb. Die Einwohner des Gutes, das ihrem verstorbnen Gemahle gehörte und durch den Konkurs verloren gieng, betrachteten nach der gewöhnlichen Denkungsart dieser Leute die Leiden ihrer ehmaligen Gebieterin als Strafen des Himmels für die harte Begegnung, die sie oft von ihrem Zorne und ihrer Peitsche erlitten hatten. Da ihr eignes Vermögen in dem Konkurse mit aufgegangen war, so verthat sie nach dem Tode ihres Gemahls den unbeträchtlichen Rest, den sie mit Mühe noch gerettet hatte: von ihrem herabgekommenen Bruder, dem Grafen Ohlau, konte sie keine Unterstützung erwarten, und war also dem Mangel sehr nahe, und die Furcht vor seiner Nähe mochte sehr viel zu ihrem Tode beytragen. Die Familie liebte sie nicht und vergaß sie und ihre Armuth so ganz, daß Niemand ihren Tod erfuhr, und der Oberste Holzwerder mußte sich erst besinnen, ob sie gelebt hatte, als ihm Ulrike die Nachricht von ihrem Absterben aus 415 Schwingers Briefe mittheilte, den sie kurz nach ihrer Vermählung mit demjenigen erhielt, den man vorhin In diesem Bande 404 S. gelesen hat. Siegfried bestrafte sich selbst durch übermäßiges Trinken für seine ehmaligen Bosheiten und Schelmereyen, nach des alten Herrmanns Berichte Ebendas. 395 S. , und zog sich eine schmerzliche Krankheit zu, die seinem elenden Leben ein Ende machte: seine Frau kaufte sich von dem Reste des vertrunknen Vermögens in einem Hospitale ein, und keins von Beiden genoß in Ruhe die Früchte der Betrügerey. Ihr Sohn, Jakob, hat schon längst seine verdiente Versorgung auf dem Baue gefunden Ebendas. 20 S. und wird vermuthlich sein unrühmliches Leben dort beschließen. Die listige heimtückische Vignali und nachmalige Dormerin wußte sich nach ihrer Vertreibung vom Hofe nicht anders zu helfen, als daß sie sich wieder zu einer Schauspielergesellschaft begab, wo sie in aufgewärmten Operetten singt und alle veränderliche Schicksale mit ihr theilt, die eine wandernde kleine teutsche 416 Truppe betreffen können. Sie fühlt die Demüthigung des Geschicks so stark, daß sie kaum die Flügel zu einem höhern Schwunge zu erheben wagt: sie hat den dritten Mann genommen und ist dadurch an eine Lebensart gefesselt, wo sie nie großen Fortgang machen wird, weil ihr die teutsche Sprache zu schwer fällt, und ihre Intriguensucht ihr bey jeder Truppe sogleich allgemeinen Haß erweckt. Arnold gelangte nie wieder zu der Gunst des Fürsten In diesem B. 364 S. , bekam ein Kassirerämtchen und lebt bey mäßigem Einkommen mit Lisetten ruhig und vergnügt. Der Doktor Nikasius soll, wie man sagt, vor einigen Monaten gestorben seyn. Herrmanns erste Mutter bekam auf ihren kläglichen Brief Ebend. 408 S. das Versprechen eines jährlichen Zuschusses von ihm, wenn sie ordentlich für sich leben und sich die übrigen Bedürfnisse durch weibliche Arbeiten verdienen wollte. Sie wohnt in einem Städtchen, spinnt, singt und betet viel und lebt von der Unterstützung ihres Sohns, 417 von ihren beiden Männern getrennt, in unvergleichlichem Wohlbefinden. Der alte Herrmann kämpft zwar täglich mit körperlichen Schwachheiten und flucht auf das Alter, das ihm den Appetit genommen und geschwollne Füße gegeben hat. Seine Prophezeihung, daß die Zufälle seiner werthen Frau Gemahlin, die sie übereilter Weise für Merkmale einer glücklichen Schwangerschaft hielt, nichts als Flüsse seyn möchten, hat der Ausgang bestätigt. Sie leben Beide auf dem Bauergütchen und erwarten in christlicher Geduld, daß ihnen der Himmel ein seliges Ende verleihen möge; und der kleine dicke Pommer, als wohlbestallter Ackerknecht; im zufriednen Genusse seiner genügsamen Philosophie mit ihnen. Der Magister Wilibald , der Herrmanns kranke Einbildungskraft und überspannte Ruhmsucht so boshaft hintergieng Im 2. Bande 235 – 266. S. und auf dem Wege zur Bekehrung der Berliner zum Diebe an ihm wurde, machte an einigen Orten so viele Schulden, wie in Dresden, und gieng, um sich 418 vor seinen europäischen Gläubigern zu sichern, als Missionar nach Asien, wo er seine Bekehrungssucht an den armen Heiden so heftig ausließ, daß sie unwillig wurden, ihn griffen, mit dem Ohre an einen Baum nagelten und in dieser Stellung drey Tage fasten ließen: seine Gefährten, die ihn diese drey Tage über vergebens gesucht hatten, befreyten ihn, als sie ihn fanden, und er ließ sich in der Folge in Trankenbar nieder, entsagte dem Bekehrungsgeschäfte und legte sich auf den Handel, wobey er sich itzo leidlich wohl befinden soll. Held und Heldin der Geschichte genießen noch itzo unverändert die Freuden einer treuen, lang ausgeharrten Liebe: ihre vierjährige Ehe ist mit einem Knaben und einem Mädchen gesegnet, denen die Natur das Bild ihrer Eltern in jedem Zuge eingedrückt hat: in Beiden lebt der ernste feurige Geist des Vaters, durch die sanfte Aufgeräumtheit der Mutter gemildert. Herrmann findet in dem Gespräche seiner Gattin Erholung von dürren, oft verdrießlichen Geschäften, und schäkert mit seinen Kindern am Abende 419 die Zahlen aus dem Kopfe, die sich den Tag über darinne angehäuft haben; und keine glücklichere Gruppe kan noch auf der Welt gewesen seyn, als wenn er auf dem Sofa sizt, die kleine lächelnde Karoline auf dem rechten Knie wiegt, Ludwig mit beiden Armen auf das linke Knie des Vaters gestüzt, schäkernd zur Schwester hinaufsieht, und Ulrike daneben steht, den Arm um die Schulter des Mannes schlingt, bald ihm, bald Karolinen die Wangen kneipt, bald dem aufgeheiterten Vater, bald einem ihrer Lieblinge einen Kuß giebt. Mit der geschäftigsten Sorgfalt einer Hausfrau wacht sie über ihre kleine Wirthschaft; denn die vielen Wohlthätigkeiten und Unterstützungen, wozu sich Herrmann anheischig gemacht hat, schmälern seine Besoldung so sehr, daß Sparsamkeit nöthig ist, um damit auszukommen: aber die Wirthschaftlichkeit seiner Frau ist ihm so viel als verdoppelte Einnahme. Geliebt von seinem Fürsten, geachtet vom Publikum; in einem Posten, wo er den Vortheil einiger tausend Menschen befördern und ihren Beschwerden abhelfen kan; in Umständen, daß er 420 anständig leben, Verachtung mit wohlthätiger Großmuth, und Freundschaft mit Gutthaten erwiedern kan; in Geschäften, die hinlängliche Abwechslung haben, die Langeweile tödten, die Leidenschaften nie zum Sturme emporschwellen lassen und den guten Muth eher beleben als unterdrücken; im Besitze einer so lange geliebten, so schwer errungenen Gattin; glücklich, als Mensch, als Bürger, als Gatte, als Vater – welches Loos kan herrlicher seyn? Ulrikens Munterkeit ist ganz wieder zurückgekehrt, und ihre kleine spielende Imagination ganz wieder erwacht: sie weis sich als Gattin und als Mutter die Wirklichkeit mit tausend angenehmen Tändeleyen und Einbildungen zu versüßen und die Welt um sie her mit einem Anstriche von Lebhaftigkeit zu erhöhen, daß Gegenstände, Handlungen und Begebenheiten nicht so ein fantastisches lachendes Kolorit für sie haben, wie während ihres Traums auf dem Lande, sondern die Vernunft führt itzo über ihre Einbildungen die Aufsicht: sie benehmen der Welt das Alltägliche, Frostige, Matte, ohne 421 die Sorge für die Angelegenheiten des Lebens zu hindern oder zu erschweren. Ihre Kinder als Schäfer und Schäferin zu putzen, ein Lamm von Holz und aufgeleimter Baumwolle mit ihnen zu weiden und in dem gedielten Fußboden sich eine arkadische Flur vorzustellen: Kühe, aus Mehl gebacken, und Schafe von Zuckerteig mit ihnen auf dem Tische zu hüten und Berge von Gras oder Moos darauf zu bauen, an welchen das Vieh hinaufklettern muß, ist nicht blos Verlangen, die Kinder zu unterhalten, sondern wirkliches Vergnügen für sie: aber wenn ein Hausgeschäfte ruft, fliegt sie ohne Verzug aus ihrem geträumten Arkadien in die Küche, ordnet an und kehrt wieder in ihr Arkadien zurück. Auch mit ihrem Manne fallen oft muthwillige Schäkereyen vor, und Eine von ihren verliebten Neckereyen, Einer von ihren naifen Einfällen scheucht mannichmal einen ganzen Schwarm finstrer Wolken von seiner Stirn. Sie wiederholen sich zuweilen Scenen ihres vorigen Lebens und spielen ihr verliebtes Drama oft mit so ganzem Herze, daß etlichemal, wenn sie den Auftritt mit dem 422 sklavonischen Grafen oder einen andern eben so heftigen mit Vignali vorstellten, der Bediente herbeygelaufen ist, in der Meinung, daß seiner Herrschaft plözlich etwas zugestoßen sey, weil sie um Hülfe schreye. Die Liebe macht aus ihrem Hause einen Himmel; die Liebe weckt sie aus dem Morgenschlummer und drückt ihnen die Augen zum nächtlichen Schlafe zu; die Liebe schwebt mit ausgebreiteten Fittigen über ihren Häuptern und strömt aus dem nie erschöpften Füllhorne den Lohn der Treue und Beständigkeit herab.     Ende des vierten und letzten Bandes.