Kurt Tucholsky Kleine Geschichten Mitropa, Schlafwagen »In einem richtigen Schlafwagen haben nicht nur die Schaffner Dienst, sondern auch die Fahrgäste.« Deutscher Verwaltungsgrundsatz Inhalt Einfahrt Luftveränderung Halt auf dem Felde Die Kunst, falsch zu reisen Die Kunst, richtig zu reisen Tourist Das Stundenkonto Der Reisegott Zippi Wo sind meine Schuhleisten –? Der Bahnhofsvorsteher In der Hotelhalle Vom Urlaub zurück Park Monceau Das Siebente Das konservative Paris Der Erbfeind Der Ruf der Strasse Einer pfeift sich einen Das menschliche Paris »Ah, M...!« Ah – ça ...! Die Rue Mouffetard Place des Vosges Das verzauberte Paris Das falsche Plakat von Paris Der 14. Juli Ausflug nach Robinson Pariser Gedenktafeln Dank an Frankreich Pariser Dankgebet Der Rhein und Deutschlands Stämme Wer kennt Odenwald und Spessart? Kleine Station Das Elend mit der Speisekarte Fahrt ins Glück Auf der Reeperbahn nachts um halb eins »POTSDAM –!« Die Maulpatrioten Spaziergänge eines Berliners Drei auf dem Bodensee Reise in die kleine Stadt An den deutschen Mond Chanson Riviera Einer aus Albi In der Geburtsstadt Fragonards Marseille Eine schöne Dänin Die »dummen« Schweden 1372 Fahrräder Kartengruss aus dem Engadin Der Markt des Schweigens Die beiden Flaschen »Nein – meine Suppe ess ich nicht –!« Liebespaar in London Heimweh nach den großen Städten Koffer auspacken Ab 12.46 Uhr Windrose Das Lächeln der Mona Lisa Einfahrt Erst tauchen auf dem grüngrauen Land ein paar Baracken auf, dann Häuschen, dann Häuser, da steht die erste Fabrik. Ein Holzlager. Grau ist die Natur – immer sieht die Grenze zwischen der Stadt und dem flachen Land aus wie ein Müll- und Schuttplatz. Da ist eine Vorortbahn, viele Schornsteine; die erste Elektrische. Noch rollt der Zug glatt und mit unverminderter Geschwindigkeit; Straßenzüge begleiten uns, noch mit Bäumen besetzt, dann bleiben die Bäume zurück; Reklametafeln, Wagen, Menschen, nun fährt der Zug langsamer und langsamer, nun rollt er im Schritt. Da – das sind die hohen Steinmauern der Einfahrt. Schwarzgespült vom Rauch sind sie, ruhig und trübe; hier schlagen die Wellen der Fremde an das heimische Gestade... Heimisch? Für wen? Wir sind Fremde. Wir kommen in die fremde Stadt. Die ahnt nichts von denen, die hier ankommen. Heute kommen an: achtundvierzig Leute, die nur ihr Geld ausgeben wollen – (zum Hotelportier: »Sagen Sie mal, wo kann man denn hier mal –?«); zweiunddreißig Reisende in Tuch, Eisenwaren und Glasstöpseln; ein Kranker, der einen Arzt konsultieren will; achtundsechzig Menschen, die in ihre Stadt zurückkommen, die zählen nicht; und Fremde, Fremde, Fremde: herangewanderte, arme Teufel, die ein Glück versuchen wollen, das sie noch nie gehabt haben, der berühmte junge Mann, der »mit nichts hier angekommen ist, und heute ist er...« Fremde, Fremde. Unberührt von ihnen liegt die Stadt. Haus an Haus schleicht vorbei – wir sehen in die Kehrseiten der Häuser, wo schmutzige Wäsche hängt und rußige Kinder schreien, wo Achsen auf den Höfen ächzen und Küchen klappern, die Stadt zeigt uns Fremden ein fremdes Gesicht. Innen sieht sie ganz anders aus. Es gibt an einer bestimmten Stelle Schreibmaschinen billiger; morgens um halb elf müssen alle Leute, die zur feinen Gesellschaft gehören wollen, in einer bekannten Allee ihr Auto einen Augenblick halten lassen; Mittag ißt man gut bei... ja, das wissen wir nicht; Schuhe kauft man vorteilhaft... in welcher Straße? – im ...-Theater ist eine herrliche Premiere mit einem wundervollen Krach zwischen dem Direktor und der Geliebten des Geldgebers. Ihre eigne Sprache hat die Stadt: Statt »Geld« sagt man hier... ja, das wissen wir nicht; um den Witz in der Zeitung zu verstehen, die sich der ganze Zug eine Station vorher gekauft hat, muß man wissen, daß es sich um Frau H. handelte, die mit einer Mörderin zusammen eingesperrt sowie homosexuell ist; auf dem Witzbild erkundigt sie sich nach ihrer Zellengenossin: »Ist sie blond –?« fragt sie den Schließer – das verstehn wir alles nicht. Wir wissen gar nichts. Für uns ist das eine fremde Stadt. Und wir werden ihr einen Teil unseres Lebens geben; wir werden uns einleben, die Stadt wird sich in uns einleben, und nach zwei Jahren gehören wir einander, ein bißchen. Wir sagen nicht mehr »gnädige Frau« zur Stadt – wir sagen dann einfach »Sie«. Wir wissen schon, wo man vorteilhaft Regenschirme kaufen kann, und das mit der schicken Allee, und wo man gut und billig zu Mittag ißt, das alles können wir den neuen Fremden, die nach uns kommen, schon ganz leichthin sagen, als seien wir damit aufgewachsen, und als sei das gar nichts. Aber: du... du sagen wir noch nicht zur Stadt. Das sagen nur die, die hier groß geworden sind. Die, die ihre ersten Worte in ihren Gassen, in ihren Kinderliedern und auf ihrem Rasen gestammelt haben; die ein bestimmtes Viertel der Stadt auf ewig mit einer bestimmten Vorstellung verbinden, denn dort haben sie zum erstenmal geküßt; die in den vorweihnachtlichen Tagen im Omnibus in die Hände gepatscht und sich die Nase an den Scheiben platt gedrückt haben. »Guck mal, Papa! Mama! Sieh mal, da –!« und denen dort im Omnibus die Welt erklärt worden ist... die sagen du zur Stadt. Die kümmert sich nicht um die Fremden, die täglich heranbrausen. Sie führt ihr Leben... wer will, darfs mitleben. Sie formt die Fremden langsam um, und wenn die Fremden Geduld haben, dann sind sie es nach zwanzig Jahren nicht mehr. Nicht mehr so ganz. Nur tief, im fremden Herzen, sind sie es noch: Da frieren sie, die Fremden. Da hält der Zug. Und alle steigen aus; sie suchen, die Wurzellosen, eine Heimat in der Heimat der Stadt, die schon eine Heimat ist: für die andern. In wieviel Städte werden wir noch einfahren –? 1929 Luftveränderung Fahre mit der Eisenbahn, fahre, Junge, fahre! Auf dem Deck vom Wasserkahn wehen deine Haare. Tauch in fremde Städte ein, lauf in fremden Gassen; höre fremde Menschen schrein, trink aus fremden Tassen. Flieh Betrieb und Telephon, grab in alten Schmökern, sieh am Seinekai, mein Sohn, Weisheit still verhökern. Lauf in Afrika umher, reite durch Oasen; lausche auf ein blaues Meer, hör den Mistral blasen! Wie du auch die Welt durchflitzt ohne Rast und Ruh –: Hinten auf dem Puffer sitzt du. 1924 Halt auf dem Felde Erst fangen die Bremsen unter dem langen Wagen an, in tiefem Ton zu singen, dann läßt das regelmäßige Stuckern der Räder nach, die Fenster klirren nicht mehr so einschläfernd. Dann wird die Bewegung des D-Zuges langsamer, ganz vorsichtig zieht er nur noch einher – dann steht er. Die nicht mehr ganz junge Engländerin in der perlgrauen Ecke des Coupes richtet sich halb hoch; sie ist schlank wie der Schaft einer Lanze, sie hat diskreten guten Geschmack, einen herrlichen Pelz, fleischfarbene seidene Strümpfe, einen hellvioletten Schatten in den Maschen und, aus Angst vor Eisenbahnräubern, eine schäbige, abgetragene schwarze Handtasche. Sie läßt ihr Buch sinken und sieht hinaus. Sie lächelt – mit einem merkwürdigen untergründigen Lächeln. Was ist? Da draußen steht vor ihrem Bahnwärterhäuschen die ganze kleine Familie! Er: ein strammer, junger Bursche, in Hemdsärmeln, nicht in Adjustierung, denn der Zug hält hier unerwartet, vorn steht ihm das Hemd über einer kräftigen Brust halb offen, seine Haut hat einen braunen Ton, seine Zähne blitzen, er lacht. Sie: eine ganz junge, verschüchterte Frau, zart, schmächtig, mit hellen, dünnen Haaren. Das Kindchen, das auf der Erde krabbelt und sich am Rock der Mutter festhält. Alle drei sehen auf den Zug. Das Kind streckt die kleinen dicken Hände aus und will alles haben: die Eisenbahn, die vielen Leute an den Fenstern und den weißen Rauch über der Lokomotive. Die junge Frau sieht ganz glücklich und beinah ein bißchen ängstlich auf die Reisenden. Das Abteil erster Klasse hält gerade vor ihr, ihre sehnsüchtigen Blicke sagen: Perlen! und Geld, so viel Geld! und Wein! und in hohen Sälen tanzen! Sie trinkt für ihr Leben gern Champagner. Der junge Bahnwärter sieht die Leute an und lacht. Die Engländerin lächelt noch immer und zeigt eine Reihe großer Zähne. Plötzlich hat sie ein kräftiges Kinn, und die hellen Pupillen in den Augen weiten sich ... Sie ißt für ihr Leben gern Rindsbraten, gutes, kräftiges Fleisch mit Senf, auf ungehobeltem Tisch ... Einmal, in den Alpen, ist sie einem Mann begegnet, der kam von den Bergen herunter und war vier Wochen allein gewesen. Er hatte nach Erde geschmeckt, nach Quellwasser und sonnigen Steinen ... Das Kind kreischt in den Rauch, die schmächtige junge Frau starrt auf die reichen Leute, der Bursche lacht, und die Engländerin sieht noch immer fest auf den jungen Bahnwärter... So sehen sich alle ein paar Minuten an. Aber nun ruckt der Zug an und setzt sich langsam in Bewegung. 1925 Die Kunst, falsch zu reisen Wem Gott will rechte Gunst erweisen, den schickt er in die – »Alice! Peter! Sonja! Legt mal die Tasche hier in das Gepäcknetz, nein, da! Gott, ob einem die Kinder wohl mal helfen! Fritz, iß jetzt nicht alle Brötchen auf! Du hast eben gegessen!« in die weite Welt! Wenn du reisen willst, verlange von der Gegend, in die du reist, alles: schöne Natur, den Komfort der Großstadt, kunstgeschichtliche Altertümer, billige Preise, Meer, Gebirge – also: vorn die Ostsee und hinten die Leipziger Straße. Ist das nicht vorhanden, dann schimpfe. Wenn du reist, nimm um Gottes willen keine Rücksicht auf deine Mitreisenden – sie legen es dir als Schwäche aus. Du hast bezahlt – die andern fahren alle umsonst. Bedenke, daß es von ungeheurer Wichtigkeit ist, ob du einen Fensterplatz hast oder nicht; daß im Nichtraucher-Abteil einer raucht, muß sofort und in den schärfsten Ausdrücken gerügt werden – ist der Schaffner nicht da, dann vertritt ihn einstweilen und sei Polizei, Staat und rächende Nemesis in einem. Das verschönt die Reise. Sei überhaupt unliebenswürdig – daran erkennt man den Mann. Im Hotel bestellst du am besten ein Zimmer und fährst dann anderswohin. Bestell das Zimmer nicht ab; das hast du nicht nötig – nur nicht weich werden. Bist du im Hotel angekommen, so schreib deinen Namen mit allen Titeln ein... Hast du keinen Titel... Verzeihung ... ich meine: wenn einer keinen Titel hat, dann erfinde er sich einen. Schreib nicht: »Kaufmann«, schreib: »Generaldirektor«. Das hebt sehr. Geh sodann unter heftigem Türenschlagen in dein Zimmer, gib um Gottes willen dem Stubenmädchen, von dem du ein paar Kleinigkeiten extra verlangst, kein Trinkgeld, das verdirbt das Volk; reinige deine staubigen Stiefel mit dem Handtuch, wirf ein Glas entzwei (sag es aber keinem, der Hotelier hat so viele Gläser!), und begib dich sodann auf die Wanderung durch die fremde Stadt. In der fremden Stadt mußt du zuerst einmal alles genauso haben wollen, wie es bei dir zu Hause ist – hat die Stadt das nicht, dann taugt sie nichts. Die Leute müssen also rechts fahren, dasselbe Telephon haben wie du, dieselbe Anordnung der Speisekarte und dieselben Retiraden. Im übrigen sieh dir nur die Sehenswürdigkeiten an, die im Baedeker stehen. Treibe die Deinen erbarmungslos an alles heran, was im Reisehandbuch einen Stern hat – lauf blind an allem andern vorüber, und vor allem: rüste dich richtig aus. Bei Spaziergängen durch fremde Städte trägt man am besten kurze Gebirgshosen, einen kleinen grünen Hut (mit Rasierpinsel), schwere Nagelschuhe (für Museen sehr geeignet), und einen derben Knotenstock. Anseilen nur in Städten von 500 000 Einwohnern aufwärts. Wenn deine Frau vor Müdigkeit umfällt, ist der richtige Augenblick gekommen, auf einen Aussichtsturm oder auf das Rathaus zu steigen; wenn man schon mal in der Fremde ist, muß man alles mitnehmen, was sie einem bietet. Verschwimmen dir zum Schluß die Einzelheiten vor Augen, so kannst du voller Stolz sagen: ich hab's geschafft. Mach dir einen Kostenvoranschlag, bevor du reist, und zwar auf den Pfennig genau, möglichst um hundert Mark zu gering – man kann das immer einsparen. Dadurch nämlich, daß man überall handelt; dergleichen macht beliebt und heitert überhaupt die Reise auf. Fahr lieber noch ein Endchen weiter, als es dein Geldbeutel gestattet, und bring den Rest dadurch ein, daß du zu Fuß gehst, wo die Wagenfahrt angenehmer ist; daß du zu wenig Trinkgelder gibst; und daß du überhaupt in jedem Fremden einen Aasgeier siehst. Vergiß dabei nie die Hauptregel jeder gesunden Reise: Ärgere dich! Sprich mit deiner Frau nur von den kleinen Sorgen des Alltags. Koch noch einmal allen Kummer auf, den du zu Hause im Büro gehabt hast; vergiß überhaupt nie, daß du einen Beruf hast. Wenn du reisest, so sei das erste, was du nach jeder Ankunft in einem fremden Ort zu tun hast: Ansichtskarten zu schreiben. Die Ansichtskarten brauchst du nicht zu bestellen: der Kellner sieht schon, daß du welche haben willst. Schreib unleserlich – das läßt auf gute Laune schließen. Schreib überall Ansichtskarten: auf der Bahn, in der Tropfsteingrotte, auf den Bergesgipfeln und im schwanken Kahn. Brich dabei den Füllbleistift ab und gieß Tinte aus dem Federhalter. Dann schimpfe. Das Grundgesetz jeder richtigen Reise ist: es muß was los sein – und du mußt etwas »vorhaben«. Sonst ist die Reise keine Reise. Jede Ausspannung von Beruf und Arbeit beruht darin, daß man sich ein genaues Programm macht, es aber nicht innehält – hast du es nicht innegehalten, gib deiner Frau die Schuld. Verlang überall ländliche Stille; ist sie da, schimpfe, daß nichts los ist. Eine anständige Sommerfrische besteht in einer Anhäufung derselben Menschen, die du bei dir zu Hause siehst, sowie in einer Gebirgsbar, einem Oceandancing und einer Weinabteilung. Besuche dergleichen – halte dich dabei aber an deine gute, bewährte Tracht: kurze Hose, kleiner Hut (siehe oben). Sieh dich sodann im Raume um und sprich: »Na, elegant ist es hier gerade nicht!« Haben die andern einen Smoking an, so sagst du am besten: »Fatzkerei, auf die Reise einen Smoking mitzunehmen!« – hast du einen an, die andern aber nicht, mach mit deiner Frau Krach. Mach überhaupt mit deiner Frau Krach. Durcheile die fremden Städte und Dörfer – wenn dir die Zunge nicht heraushängt, hast du falsch disponiert; außerdem ist der Zug, den du noch erreichen mußt, wichtiger als eine stille Abendstunde. Stille Abendstunden sind Mumpitz; dazu reist man nicht. Auf der Reise muß alles etwas besser sein, als du es zu Hause hast. Schieb dem Kellner die nicht gut eingekühlte Flasche Wein mit einer Miene zurück, in der geschrieben steht: »Wenn mir mein Haushofmeister den Wein so aus dem Keller bringt, ist er entlassen!« Tu immer so, als seist du aufgewachsen bei ... Mit den lächerlichen Einheimischen sprich auf alle Fälle gleich von Politik, Religion und dem Krieg. Halte mit deiner Meinung nicht hinterm Berg, sag alles frei heraus! Immer gib ihm! Sprich laut, damit man dich hört – viele fremde Völker sind ohnehin schwerhörig. Wenn du dich amüsierst, dann lach, aber so laut, daß sich die andern ärgern, die in ihrer Dummheit nicht wissen, worüber du lachst. Sprichst du fremde Sprachen nicht sehr gut, dann schrei: man versteht dich dann besser. Laß dir nicht imponieren. Seid ihr mehrere Männer, so ist es gut, wenn ihr an hohen Aussichtspunkten etwas im Vierfarbendruck singt. Die Natur hat das gerne. Handele. Schimpfe. Ärgere dich. Und mach Betrieb. Die Kunst, richtig zu reisen Entwirf deinen Reiseplan im großen – und laß dich im einzelnen von der bunten Stunde treiben. Die größte Sehenswürdigkeit, die es gibt, ist die Welt – sieh sie dir an. Niemand hat heute ein so vollkommenes Weltbild, daß er alles verstehen und würdigen kann: hab den Mut, zu sagen, daß du von einer Sache nichts verstehst. Nimm die kleinen Schwierigkeiten der Reise nicht so wichtig; bleibst du einmal auf einer Zwischenstation sitzen, dann freu dich, daß du am Leben bist, sieh dir die Hühner an und die ernsthaften Ziegen, und mach einen kleinen Schwatz mit dem Mann im Zigarrenladen. Entspanne dich. Laß das Steuer los. Trudele durch die Welt. Sie ist so schön: gib dich ihr hin, und sie wird sich dir geben. 1929 Tourist Ich reise schon zwei Monate – bald bin ich gar nicht mehr da. Die scharfen Schneidekanten der Eisenbahnschienen schälen mir im Gleiten die Aura herunter, eine Haut nach der andern – ich friere. Jeden Abend: ein neues Zuhause. Jeden Abend: das Klinkengefühl der Hand, der Orientierungsgang zu Toilette und Schreibzimmer – »Wo ist denn hier die Post –?« Am nächsten Morgen will das anwachsen, du sagen – nachmittags geht ein Zug. Bekümmert gehe ich durch die langen Hotelkorridore, mit einem Schlüssel in der Hand: daran ist eine kindskopfgroße Kugel gebunden oder eine gewaltige Münze oder ein Stuhlbein – der Schlüssel geht mit mir, und unten werden wir beide abgegeben: er beim Portier, und ich im Eßsaal, und dann habe ich keinen Schlüssel mehr. Beim Essen lese ich, den Kopf in die Hand gestützt, ich esse vom Blatt. Wieviel traurige Junggesellen sitzen um mich und tun ebenso; wer bessert ihnen die Wäsche aus, nimmt ihnen die Bettbeichte ab, leitet Jähzorn und gefleckten Mißmut in stille Kanäle –? Manchmal stehe ich auf dem Aussichtsturm und sehe allein hinunter. Da liegt eine Stadt, Gebrauchsmusterschutz angemeldet, da liegt eine Stadt. Stumpfrote Dächer zeigen ihre Giebel, eine kleine Lokomotive rutscht über schwarze Fäden; der geschwungene Bogen des blanken Flusses beschämt meine Geographie ... Immer wird in der Stadt gehämmert und gebosselt, geklopft und gestampft, in der Stadt. Immer bauen sie, nie sind sie fertig, das ist das rauschende, zeugende Leben, müssen sie wissen. Wie schön wäre es, einmal in eine stille Stadt hinunterzusehen! Wirbelnd im Meer der fremden Stadt, rette ich mich auf die beleuchtete und geheizte Insel: das Hotel. Reisen. Reisen. Die Wurzeln schleifen, blasse, dünne Fäden, die so gern trinken wollen und einen Boden suchen, der ihnen schmeckt. Jeder Mann seine eigene Erde. 1929 Das Stundenkonto Vor Monaten bin ich einmal mit der Puff-Puff-Bahn von Paris nach Berlin gefahren, denn ich wollte meinem Verleger ins treue Auge sehn ... (»Sie werden auch nie lernen, ein Feuilleton richtig anzufangen. Das fängt man gefälligst so an: ›Das Flugzeug surrte über Le Bourget ab, das gute, alte Paris tief unter sich lassend...‹«) Ja, also ich fuhr mit der Bahn. An der belgischen Grenze stimmte irgend etwas mit den Uhren nicht; mein mangelhafter mathematischer Verstand läßt es niemals zu, zu verstehen, was da eigentlich vor sich geht; einigen wir uns auf: mitteleuropäische Zeit in Idealkonkurrenz mit der Sommerzeit. Kurz und gut: die Uhren wiesen auf einmal eine Differenz von sechzig Minuten auf. Statt Viertel eins war es plötzlich Viertel zwei. Das ließ einen der Reisegefährten nicht ruhn. Er wandte sich an den belgischen Zugbeamten. »Wir haben eine Stunde gewonnen, nicht wahr -?« sagte er. »Nein«, sagte der Mann. »Sie haben eine Stunde verloren.« – »Nein, gewonnen!« rief der Reisegefährte. »Nein, verloren!« rief der Schaffner. Es war wunderschön. Der Gefährte fing an, die Astronomie, etwas Regeldetrie und eine Prise Einstein in einem Topf zu rühren, den er triumphierend dem Schaffner präsentierte. »Wir haben also eine Stunde gewonnen«, sagte er, »wir kommen eine Stunde früher an –!« Es hätte nicht viel gefehlt, und er hatte die Hände vor dem Mund bewegt, wie es die Zirkuskünstler machen, wenn ihnen ein besonders schöner Salto gelungen ist... Der Schaffner nahm den Topf nicht an. Er sagte vielmehr etwas ganz Überraschendes. »Sie haben eine Stunde verloren!« sagte er. »Denn Sie haben eine Stunde weniger zu leben.« Nie, niemals ist mir der Unterschied der beiden Länder so stark aufgegangen wie in diesem Augenblick. Wir wollen immerzu ankommen, am liebsten gestern, wir möchten es ganz eilig haben, und wenn es schneller, noch schneller, am allerschnellsten geht, dann bilden wir uns ein, etwas gewonnen zu haben. Der Franzose will leben. Dieser Schaffner trug eine belgische Uniform, aber es war etwas durchaus Französisches, was er da gesagt hatte. Der Franzose will leben. Und er lebt auch, als ob er tausend Jahre zu leben hätte. Verabrede dich am zweiten des Monats mit einem Pariser; es ist nicht ausgeschlossen, daß er dir eine Zusammenkunft für den achtundzwanzigsten vorschlägt. Frankreich ist so schön weit weg von Amerika ... Am achtundzwanzigsten kommt er dann auch angewackelt, er hat es nicht vergessen. Alles, alles kannst du in Paris – aber etwas an einem einzigen Vormittag erledigen: das mach mir mal vor. Du hast gar keine Zeit, und der Franzose hat viel zuviel, und so kommt ihr schwer zusammen. Natürlich hat auch der Schaffner einen Denkfehler gemacht; denn in Wahrheit ändert der vorgestellte Zeiger nichts an der Dauer unseres Lebens; aber so denken sie hier. Ich weiß nicht, ob man damit »vorankommt«; ich kann auch nicht beurteilen, ob man so gute Geschäfte macht, ob das Land auf diese Weise konkurrenzfähig bleiben wird, bis in alle Ewigkeit... das weiß ich alles nicht. Ich weiß nur, daß die Franzosen erst einmal leben wollen, und dem hat sich alles andere unterzuordnen. Einmal hatte es ein Deutscher sehr eilig in Paris, als er bei Tisch saß, und er sagte das auch dem Kellner ... Darauf jener: »Wenn Sie keine Zeit haben, dann müssen Sie nicht frühstücken –!« Das ist eine Lebensweisheit. Die Franzosen bummeln nicht, sie sind nicht säumig, noch weniger etwa faul, wie schlechte Lesebücher das deutschen Kindern manchmal einreden wollen. Ihr Lebensrhythmus, ihr Arbeitstakt ist ein anderer, und wenn man mit ihnen fertigwerden will, so muß man sich diesem andersgearteten Takt eben anpassen. Was für uns nicht immer einfach ist... Ich will gar nicht einmal vom Pariser Telephon erzählen, einer Maschine, die die Franzosen selbst nicht ernst nehmen, sonst funktionierte sie. Sie funktioniert aber nicht, und man tut gut, in eiligen Fällen zu dem Anzutelefonierenden hinzufahren; man wird Zeit sparen, Nerven und Kraft. Es liegt eine fast orientalische Ruhe im französischen Gehaben, die von der schnellen Sprache und einer fast unmerklich nervösen Atmosphäre sonderbar absticht. Und nichts bringt den Franzosen so durcheinander wie einer, der etwa ununterbrochen mitteilen wollte, wie eilig er sei, wie wenig Zeit er habe, wie schnell das alles erledigt sein müsse ... Er wird auf Granit beißen. Er wird den französischen Charakter voll erkennen, der, bei aller Beweglichkeit, unglaublich störrisch sein kann, von einem Eigensinn, der ganzen Planeten standhält... Da wird nichts zu machen sein. Mit schweren Säbeln ist hier gar nichts auszurichten. Man fechte Florett. Das Allermerkwürdigste ist, daß der Drang, das eigene Leben voll zu Ende zu leben, sogar den Erwerbstrieb überwiegt: erst das Leben, dann das Geschäft. Und es ist ungemein bezeichnend für die Lebensauffassung der Franzosen, daß sie in prekären Lagen vorziehen, weniger auszugeben, also zu sparen, als mehr zu verdienen. Mit dem Klischee »Es ist eben ein Rentnervolk« kommt man der Sache nicht näher – denn Rentner arbeiten nicht so viel, wie es hier Frauen und Männer allenthalben tun. Dazu kommt, daß die neue junge Generation denn doch wesentlich anders aussieht – sie ist flinker, schneller, tangogescheitelter, autohafter, anders. Und doch französisch. Es ist – unübersetzbar –: »un peuple débrouillard«, ein Volk, das die Sache »schon schmeißt«, das sich herausfindet und herauswindet; das, scheinbar planlos, bis hart an den Rand des Abgrunds rollt und dann – im allerletzten Augenblick – eines jener Wunder vollbringt, von denen die französische Geschichte voll ist. So haben sie ein sauber geführtes Stundenkonto, anders als das unsere – und auf der Aktivseite steht ein Posten, der alle, alle andern überstrahlt: das Leben. 1930 Der Reisegott Zippi Ich habe einen Reisegott, und er ist aus Gummi, man kann ihn aufblasen. Er kommt überall mit. Mit seinem richtigen Namen heißt er »Zippi Oloron« – weil er aus einer kleinen Stadt in Frankreich stammt, die heißt Oloron. Da lag er in einem verstaubten Schaufenster und sah trübsinnig drein, weil sich niemand um ihn kümmerte. Er hatte etwas durchaus Götzenartiges –: er war hellgelb, mit grünen Gesichtszügen, die unentwegt grinsten, als Uniform hatten sie ihm so etwas wie einen Frack der großen französischen Akademie aufgemalt. Auf dem Kopf saß ihm eine spitze, hohe, rote Tüte. Ich kaufte ihn sofort. Von Oloron habe ich wenig gesehen – ich blies den ganzen Tag Zippi auf. Er hatte es mir gleich mitgeteilt, daß er Zippi hieße, Glück bringe und von Beruf Reisegott sei. Man konnte ihn auf tausenderlei Weise aufblasen. Man konnte ihn rapide aufpusten, daß wir beide ganz dick vor Anstrengung wurden – auch konnte man ihn andante beblasen, säuselnd sozusagen ... Dann lernte er manches, er konnte, wenn man ihn dazu anhielt, strammstehen oder die Hände auf dem Rücken verschränken, ach! und dann kamen die beiden kleinen dicken Wurstärmchen wieder nach vorn geschnellt, wenn er es gar nicht mehr aushallen konnte vor lauter Atmosphärendruck. Zu seiner ganzen Geltung aber kam Zippi erst in Lourdes. Ich hatte mir über einer Baumwurzel ein Bein aufgeschlagen und mußte nach Lourdes zurückfahren, um mir von einem richtigen Menschenarzt im Bein herumschneiden zu lassen. Mit der Wunderquelle hatte ich es nicht so im Sinn ... Der Arzt, ein tüchtiger piksauberer Mann, schnitt, verband und packte mich für zehn Tage ins Bett. Zippi immer mit. Da regierte er den ganzen Laden. Er stand auf dem Kopf, las alles mit, bekam zu essen und machte alle seine Kunststücke auf einmal. Nachts kuschelte er sich unter das Bettdeck, und einmal wäre er um ein Haar in den Verband mit hineingewickelt worden. »Was ist denn das –?« sagte der piksaubere Doktor. »Das ... eh ... das ist eine Puppe!« sagte ich. (Was eine Gotteslästerung war. Zippi ist keine Puppe.) Der Arzt sah mich scheu von der Seite an, ob mir vielleicht auch noch andere Pflege not täte. Nein, danke. Zippi bringt Glück auf der Reise – das ist erwiesen. Gepäck, das mit dem Zuge nicht mehr mitkommen kann, weil es – immer mal wieder – zu spät aufgegeben wurde, kommt auf geheimnisvollen Wegen nachgetrudelt; Züge, die traditionelle Verspätung haben, kommen pünktlich an, und er, der Gewaltige, hat sogar schon einem Mitropa- Kellner anständigen Kaffee entlockt. Da waren wir aber beide sehr stolz. Zippi fährt nicht gern im großen Schrankkoffer; er wohnt in der Handtasche. Er trinkt nur ein wenig Zahnwasser, sonst benimmt er sich recht manierlich, und auch Opfer will er nicht dargebracht haben, der Gott. Von Zeit zu Zeit nur – ich fühle das in meinem Herzen – will er hinaus. Dann mache ich die Tasche auf und blase den Flachgeglätteten auf. Er darf dann aus dem Fenster sehen. Sind junge Damen im Coupé, so halten sie das für eine höchst dämliche Art der Anknüpfung, und die Luft wird ganz hellkalt, sie sehen mich gar nicht mehr an. Sind es ältere Damen, so erwachen Mutterinstinkte in ihnen, und eine besonders nette, freundliche, alte Dame hat sich Zippi denn auch einmal herüberreichen lassen. Aber er wollte nicht, schüttelte sich, oben fiel der Pfropf aus seinem Hutzipfel, pfiff! machte es – und die entsetzte Greisin hielt einen weichen Gummilappen in der Hand. Zippi ist widerstandsfähig und sehr tapfer. Zwischen Basel und Bern habe ich ihn einmal einem schrecklichen Kerl unter den Sitz geschoben, der fuhr auf, wie vom wilden Affen gebissen, und warf Zippi in die Ecke. Ich hob ihn still auf und tuschelte ihm etwas zu – da verließ der Kerl das Coupé und wollte es nicht mehr wissen. Man kann Zippi auch an die Gasleitung anschließen, doch ist das nicht sehr fein, und er hat es auch nicht gern. Ich drohe ihm manchmal damit, wenn er mir meine Wünsche nicht erfüllt. Er hat maßlose Angst davor: wenn er ganz voller Gas ist, sieht sein Kopf aus wie ein älterer Gummiball, mit leichten Rissen, und sein Gelächter klingt dann krampfhaft, er grinst nur noch vor Anstrengung, nicht aus dem Leim zu gehen. Übrigens kann er so ziemlich alle Sprachen, die wir brauchen: französisch und englisch und schweizerisch und grob – und jetzt habe ich ihm die aufgemalten Zähne wegradiert, nun hat er kein Gebiß mehr, und nun kann er auch dänisch. Ich bete ihn selten an, wir glauben uns beide das nicht so recht. Er ist zwar als Hausgötze angestellt – aber schließlich bei dem Gehalt ... Es ist ein Gott, mit dem man sich duzt; ich sage, wenn ich in eine fremde Stadt komme, so beim Auspacken: »Na, du – Zippi ...!« und dann grinst er. Wir sind uns zu nahe, um Gläubiger und Gott zu spielen – dazu gehört Distanz. Merkwürdig, wenn man einen Lachenden, wie diesen Zippi, sehr lange ansieht, dann wird das lächelnde Gesicht erst zur Maske, dann zum bemalten Ball, dann unerträglich – und auf einmal ist es ganz ernst. Da gleitet nun alles so an ihm vorüber – unbeweglich bleibt er, wohin lacht der Kerl –? Ich bin ihm neidisch – er sieht etwas, was ich nicht weiß. Nachts habe ich ihn manchmal heimlich belauscht; einmal lehnte er an der Whisky-Flasche, und ich guckte um die Ecke und sah ihm zu. Vielleicht würde ich es jetzt herausbekommen, worüber er lacht ... Aber als ich fünf Minuten und zehn Minuten gestanden hatte, da sah ich: er hatte mich schon lange bemerkt, grinste vor sich hin und über mich und nach wie vor über sein großes Unbekanntes. Habe ich dich dafür, mit deinen kurzen Batterbeinen, der Katze aus dem Rachen gezogen, sehr vorsichtig und unter frommem Gemurmel? Du Gummigott. Sieh, wie er lacht! Ja – sei still. Bald wirst du eingepackt, wenn wir hier oben fertig sind, in dem fetten Dänemark, und dann rumpelt es eine ganze Weile, und du wirst ein bißchen von den Zollmännern revidiert – und dann, wenn du aufwachst, wenn du wieder aufwachst, du dummer ewiger Hausgötze: dann sind wir wieder zu Hause, bei dir zu Hause – in Frankreich. In Paris. 1927 Wo sind meine Schuhleisten –? Wo sind ... Ob das nicht jedesmal so ist, wenn man sich abends im Hotel auszieht – wo sind meine Schuhleisten! Wahrscheinlich gestohlen. Himmeldonnerwetter, wo sind die Dinger! Da ... nein. Da ...? Auch nicht. Na, wo stellen denn diese Zimmermädchen bloß die Leisten hin! Das muß eine internationale Verschwörung sein: bevor eine Zimmermädchen wird, muß sie einen großen Eid ablegen, den Gästen immer die Schuhleisten zu verstecken! Und da sind sie auch nicht! Na, ist das zu glauben? Mark Twain hat mal eine Geschichte darüber geschrieben, wie Hausmädchen immer wichtige Briefe wegwerfen, dagegen irgendeinen alten Fetzen Papier einem beharrlich und vierzehn Tage lang immer wieder auf den Nachttisch packen ... wo sind denn die Dinger? Unterm Bett ... Jetzt muß ich armer, alter Mann mit meinem dicken Bauch mich auch noch bücken, das ist mir auch nicht an der Wiege gesungen worden. Mama konnte übrigens gar nicht singen. Da hätte sie eben das Grammophon andrehen sollen. Unterm Bett sind sie auch nicht. Also man sollte es nicht für möglich halten: haben denn diese Mädchen keine Leisten! Das ist doch keine so große Sache ... Ich werde klingeln. Nein, ich werde nicht klingeln. Wir wollen doch mal sehen, ob die männliche Intelligenz nicht imstande ist, den Schleichwegen weiblichen Scharfsinns zu folgen. Wahrscheinlich hat sie sie in den Nachttopf gelegt. Auch nicht. Im Schreibtisch ...? Mich soll das nicht wundern. Frauen sind zu allem fähig. Einmal, in Gremsmühlen, lagen die Dinger in der Badewanne. »Ich dachte ...«, hat das Stubenmädchen nachher gesagt. Wenn sie schon anfangen, zu denken ... Frauen sind eine muntere Erfindung ... Man sollte Zimmermännchen haben, das ist mal sicher. Wenn ich reich wäre – da sind sie auch nicht – wenn ich reich wäre: nur einen Diener. Einen faltigen, ausrasierten Kammerdiener, der überhaupt nicht spricht und aussieht wie ein alter Raubvogel. Nein, lieber einen jungen – einen fixen, alerten Kerl ... jetzt sage doch ein Mensch an, wo dieses Mädchen die Leisten hingepackt hat! Frauen ... also das ist überhaupt nichts. Kochen können sie nicht. Na, können sie vielleicht kochen? Keine Ahnung haben sie, keine Ahnung. Die großen französischen Restaurants haben alle einen Chef de Cuisine – Männer können kochen. Frauen können nicht kochen. Schuhleisten richtig weglegen können sie auch nicht. Was können Frauen eigentlich? Na ja ... aber jetzt will ich meine Schuhleisten haben, und sie sind nicht da. Also, wenn ich Reichskanzler wäre, da würde ich einen Erlaß herauslassen, daß Hotelzimmer nur von Männern, also von denkenden Wesen, aufgeräumt werden dürfen. Ja. Frauen sind dazu nicht imstande. Nein. Schuhleisten sind ein Grundrecht der Verfassung. Denn wenn die Schuhe eine Nacht lang ohne die Leisten stehen, erkälten sie sich, und überhaupt. Na, ist das nicht zum ... Ich werde klingeln. Wer's nicht im Kopf hat, der muß es eben in den Beinen haben. Frauen ... das ist ja nichts. Ja –? Ja, ich habe geklingelt. Fräulein, wo haben Sie denn meine Schuhleisten hingetan? Was? Wie? Na, sone Dinger zum in die Stiefel zu tun. Was? Die haben Sie nicht gesehen? Das ist ja gar nicht möglich – ich hab sie doch heute morgen noch hierhin ... Sehen Sie doch bitte mal nach ...! Nein, da habe ich schon nachgesehen; da auch; da auch. Ja. Na, was nu? Sehen Sie – sie sind nicht da! Na, wo haben Sie die denn hingetan? Wo tun Sie denn sonst immer Schuhleisten hin? Was? In den Nachttisch? Da sind sie aber nicht. Ach, du lieber Gott. Danke. Ja. Nein. Ja, sehen Sie morgen noch mal nach. Wenn ich jetzt die Schuhleisten hätte, ich schmisse sie ihr nach! Also mit Weibern ist ja kein Auskommen. Es ist kein Auskommen. Mensch, heirate – du lachst dir tot. Aber das kommt davon, daß ich überhaupt von zu Hause weggegangen bin; man soll eben nur zu Hause reisen. Himmelkreuzbombendonnerwetter, und natürlich hat sie sie irgendwo hingepackt, aber das weiß sie nicht mehr, denn was geht schon in so einen Frauenkopf rein! Ein paar Filme und Adolar. Na, ich sollte hier Hoteldirektor sein; die Damen hätten nichts zu lachen. Also nicht – keine Schuhleisten. Pyjama. Wo ist der Pyjama? Der ist im Koffer. Da wollen wir gleich mal ... Hm. Da liegen die Schuhleisten obenauf. Ehüm. Da gehören sie auch hin. Schuhleisten gehören in den Koffer. Natürlich. Und deswegen habe ich sie heute morgen da auch reingelegt. Männer ... Männer halten eben Ordnung! 1931 Der Bahnhofsvorsteher Die Maschine zischt, der Dampf pustet die Wagen entlang, die Reisenden steigen ein. Noch hält der Zug. Es entsteht jene peinliche Pause, während der kein Mensch mehr weiß, was er nun noch sagen soll: der, der den Kopf zum Fenster heraussteckt, nicht, und die, die den Freund zum Bahnhof gebracht haben, auch nicht. Endlich! Leise ruckt der Zug an – einige mäßig weiße Taschentücher schwenken durch die Luft, Köpfe nicken, Hände winken – Adieu! Adieu! – Auf Wiedersehn! und ein letztes Scherzwort, das einem gerade noch eingefallen ist. Und ein paar stille Tränen. Aus. Übrigens geht da der Bahnhofsvorsteher, mit einem dicken Buch vorn in der Brusttasche, einer roten Mütze und einem kleinen Signalstock. Er sieht und hört nichts von den Taschentuchleuten und nichts von den Weinenden. Er geht eilig in sein Bureau, wo es vertrauensvoll und dienstlich klingelt. Ist das ein abgehärteter Mann! Hat er gar keine Augen? Er sieht das täglich zwanzigmal. Er sieht es nicht mehr. Denn was man täglich sieht, das bekommt eine andere Färbung – wird zur Maschine – ist schließlich nachher als Erlebnis gar nicht mehr da. Kaum anzunehmen, daß der Bahnhofsvorsteher, auf einem fremden Bahnhof als Fahrgast weilend, den Abschiednehmenden gar so große Aufmerksamkeit schenken wird. Er kennt das alles. Und sieht also alles viel besser? Ich glaube nicht. Zum Schluß sieht er gar nichts mehr. Und wer einmal, ein einziges Mal, so einen Bahnhofsabschied blitzartig erlebt hat, der trägt wohl mehr Farbe, Duft, Ton davon nach Hause als der Bahnhofsvorsteher, für den es zum täglichen Klipp-Klapp eines Automaten geworden ist. Und das ist überall so. Der Arzt weiß so viel vom Patienten – und weniger als ein Beobachter, der einmal das Wartezimmer bevölkert hat. Der Fremdenführer hat kein Auge mehr für sein Schloß, das er jeden Tag durchpilgert, und dessen Sehenswürdigkeiten er jeden Tag ableiern muß – der Besucher hat viel mehr davon. Der Wirt sieht sein Lokal anders als der Gast; der Schauspieler das Theater anders als das Publikum. Nämlich von innen her. Und das ist mitunter nicht so ergötzlich. Als einer der deutschen Kaiser, derentwegen ich im Abiturientenexamen durchgefallen bin, einmal ein Kloster besuchte, sagte er zu dem Prior: »Ihr habt's hier aber schön! Welch herrlicher Garten! Welch herrliches Refektorium!« Und einer der Mönche erwiderte: »Ja – herrlich – transeuntibus!« Was etwa heißt: für die, die nur vorübergehen! – Das ist ein wahres Wort. Und wir haben bei uns so viele Bahnhofsvorsteher. Jeder ist auf irgendeinem Gebiet »Fachmann«. Und jeder glaubt, daß nun nie wieder irgendein Mensch über dieses Gebiet sprechen dürfte, weil er selbst doch Fachmann ist. »Mir werden Sie da doch nichts erzählen!« – Aber hundert mitgemachte Fußballspiele, hundert Operationen, hundert Reisen sind – was die Eindrücke angeht – mitunter weniger als eine einzige. Daher ja auch die leise Enttäuschung, die uns immer befällt, wenn wir – was man nie tun soll – einmal zurückkehren, »weil es da doch so schön gewesen ist«. Das zweitemal – das drittemal: da sehen die Augen alles viel zu scharf, viel zu exakt, viel zu sachlich: die Flecke auf dem Tischtuch, das blinde Glas, den abgebröckelten Mauerverputz ... War das früher alles auch so? Man muß sich wohl, um ein starkes Erlebnis zu haben, in dem schönen Glauben wiegen, der Einzige, der Erstmalige, der Einmalige zu sein. Dabei ist immer ein Bahnhofsvorsteher da, der heimlich in seinen Schnurrbart lächelt und denkt: »Mensch! Das haben wir hier alle Tage! Immer heulen die Frauen an dieser Stelle, zu dieser Stunde, an diesem Ort – immer machen die Männer hier so ein ernstes Gesicht; immer gibt es hier die Schwierigkeiten mit den Autos; immer wackelt hier das schwere Gepäck auf den kleinen Wagen ...« Immer? Für uns jedenfalls nur dieses eine Mal. Und die Komik des Menschen enthüllt sich wohl nirgends so stark als in dieser Egalisierung in feierlichen Lagen. (Weshalb ja auch Totengräber, Anatomiediener, Offiziersordonnanzen, kurz Menschen, die den Betrieb von hinten sehen, meist so große Philosophen sind. So sagte einmal ein Anatomiediener an der Berliner Charité: »Jeder von uns stirbt an seinem Blinddarm! Er muß es nur erleben.« – Und ich kannte einen Musikmeister im Felde, der sah die Menschheit überhaupt nur in besoffenem Zustand ...) Ich glaube, daß man sich mit der Automatisierung des Betriebes die besten Eindrücke verdirbt. Sicherlich ist das Bild richtig, soweit etwas richtig sein kann – sicherlich macht sich der Einmalige seine Illusionen. Aber sie gehen vielleicht doch tiefer als die kalte Erfahrung des Routiniers. Wobei es sehr heiter zu beobachten ist, daß natürlich jeder Bahnhofsvorsteher, will sagen: jeder Fachmann durchaus nicht gelten läßt, daß er seinerseits genau den lächerlichen Aspekt eines vorgeblich Einmaligen bietet, wenn er seinen Laden verlassen hat und sich in einen anderen begibt. Der ausgekochteste Bankier liebt, als sei noch nie geliebt worden; der Postbeamte, der alle Emotionen des Schalterpublikums kennt, fährt auf der Zahnradbahn, als sei die Zahnradbahn gerade erfunden worden – und über allen zusammen lacht der liebe Gott weise und leise, weil er es alles kennt, weil alles schon einmal dagewesen ist, und weil sich die Leute auf den Bahnhöfen nun einmal so närrisch benehmen. 1924 In der Hotelhalle »Ein Blick – und die Neese sitzt hinten.« Wir saßen in der Halle des großen Hotels, in einer jener Hallen, in denen es immer aussieht wie im Film – anders tuts der Film nicht. Es war fünf Minuten vor halb sechs; mein Partner war Nervenarzt, seine Sprechstunde war vorüber, und wir tranken einen dünnen Tee. Er war so teuer, daß man schon sagen durfte: wir nahmen den Tee. »Sehen Sie«, sagte er, »es ist nichts als Übung. Da kommen und gehen sie – Männer, Frauen, Deutsche und Ausländer, Gäste, Besucher ... und niemand kennt sie. Ich kenne sie. Ein Blick – Hübsch, wenn man sich ein bißchen mit Psychologie abgegeben hat. Ich blättere in den Leuten wie in aufgeschlagenen Büchern.« »Was lesen Sie?« fragte ich ihn. »Ganz interessante Kapitelchen.« Er blickt mit zugekniffenen Augen umher. »Keine Rätsel hier – ich kenne sie alle. Fragen Sie mich bitte.« »Nun ... zum Beispiel: was ist der da?« »Welcher?« »Der alte Herr ... mit dem Backenbart ... nein, der nicht ... ja, der ...« »Der?« Er besann sich keinen Augenblick. »Das ist ... der Mann hat, wie Sie sehen, eine fulminante Ähnlichkeit mit dem alten Kaiser Franz Joseph. Man könnte geradezu sagen, daß er ein getreues Abbild des Kaisers sei – er sieht aus ... er sieht aus wie ein alter Geldbriefträger, den die Leute für gütig halten, weil er ihnen die Postanweisungen bringt. Seine Haltung – seine Allüren ... ich halte den Mann für einen ehemaligen Hofbeamten aus Wien – einen sehr hohen sogar. Der Zusammenbruch der Habsburger ist ihm sehr nahegegangen, sehr nahe sogar. Ja. Aber sehen Sie doch nur, wie er mit dem Kellner spricht: das ist ein Aristokrat. Unverkennbar. Ein Aristokrat. Sehen Sie – in dem Mann ist der Ballplatz; Wien; die ganze alte Kultur Österreichs; die Hohe Schule, die sie da geritten haben – tu, Felix, Austria ... Es ist sicher ein Exzellenzherr – irgendein ganz hohes Tier. So ist das.« »Verblüffend. Wirklich – verblüffend. Woher kennen Sie das nur?« Er lächelte zu geschmeichelt, um wirklich geschmeichelt zu sein; wie eitel mußte dieser Mensch sein! – »Wie ich Ihnen sage: es ist Übung. Ich habe mir das in meinen Sprechstunden angeeignet – ich bin kein Sherlock Holmes, gewiß nicht. Ich bin ein Nervenarzt, wie andere auch nur eben mit einem Blick. Mit dem Blick.« Er rauchte befriedigt. »Und die Dame da hinten? Die da am Tisch sitzt und auf jemand zu warten scheint – sehen Sie, sie sieht immer nach der Tür ...« »Die? Lieber Freund, Sie irren sich. Die Dame wartet nicht. Sie erwartet wenigstens hier keinen. Sie wartet ... ja, sie wartet schon. Auf das Wunderbare wartet sie. Lassen Sie ... einen Moment...« Er zog ein Monokel aus der Westentasche, klemmte es sich ein, das Monokel fühlte sich nicht wohl, und er rückte es zurecht. »Das ist ... Also das ist eine der wenigen großen Kokotten, die es noch auf dieser armen Welt gibt. Sie wissen ja, daß die Kokotten aussterben wie das Wort. Die bürgerliche Konkurrenz ... Ja, was ich sagen wollte: eine Königin der käuflichen Lust. Minder pathetisch: eine Dame von großer, aber wirklich großer Halbwelt. Donner ... Donnerwetter ... haben Sie diese Handbewegung gesehen? Die frißt Männer. Sie frißt sie. Das ist eine ... Und in den Augen – sehen Sie nur genau ihre Augen an ... sehen Sie sie genau an ... in den Augen ist ein Trauerkomplex, ein ganzer Garten voller Trauerweiden. Diese Frau sehnt sich; nach so vielen Erfüllungen, die keine gewesen sind, sehnt sie sich. Daran gibt es keinen Zweifel. Fraglich, ob sie jemals das finden wird, was sie sucht. Es ist sehr schwierig, was sie haben will – sehr schwierig. Die Frau hat alles gehabt in ihrem Leben – alles. Und nun will sie mehr. Das ist nicht leicht. Dieses verschleierte Moll! Kann sein, daß sich ein Mann ihretwegen umgebracht hat – es kann sein – das kann ich nun nicht genau sagen. Ich bin nicht allwissend; ich bin nur ein Arzt der Seele ... Ich möchte diese Frau geliebt haben. Verstehen Sie mich – nicht lieben! Geliebt haben. Es ist gefährlich, diese Frau zu lieben. Sehr gefährlich. Ja.« »Doktor ... Sie sind ein Cagliostro ... Ihre Patienten haben nichts zu lachen.« »Mir macht man nichts vor«, sagte er. »Mir nicht. Was wollen Sie noch wissen? Weil wir grade einmal dabei sind ...« »Der da! Ja, der Dicke, der jetzt aufsteht – er geht nein, er kommt wieder. Der mit dem etwas rötlichen Gesicht. Was mag das sein?« »Na, was glauben Sie?« »Tja ... hm ... heute sieht doch einer aus wie der andere ... vielleicht...« »Einer sieht aus wie der andere? Sie können eben nicht sehen – sehen können ist alles. Das ist doch ganz einfach.« »Also?« »Der Mann ist Weinhändler. Entweder der Chef selbst oder der Prokurist einer großen Weinfirma. Ein energischer, gebildeter Mann; ein willensstarker Mann – ein Mann, der selten lacht und trotz des Weines nicht viel von Humor hält. Ein ernster Mann. Ein Mann des Geschäftslebens. Unerbittlich. Haßt große Ansammlungen von Menschen. Ein Mann des Ernstes. Das ist er.« »Und die da? Diese kleine, etwas gewöhnlich aussehende Madame?« »Panter, wie können Sie so etwas sagen! Das ist – (Monokel) das ist eine brave, ordentliche Bürgersfrau aus der Provinz ... (Monokel wieder in den Stall) – eine brave Frau, Mutter von mindestens vier Kindern, aufgewachsen in den Ehrbegriffen der kleinbürgerlichen Familien – geht jeden Sonntag in die Kirche – kocht für ihren Mann, flickt ihren Bälgern die Hosen und Kleidchen – es ist alles in Ordnung. Die übet Treu und Redlichkeit und weichet keinen Finger breit ... die nicht.« »Und der da, Doktor?« »Sehen Sie – das ist der typische Geldmann unserer Zeit. Da haben Sie ihn ganz. Ich könnte Ihnen seine Lebensgeschichte erzählen – so klar liegt die Seele dieses Menschen vor mir. Ein Raffer. Ein harter Nehmer in Schlägen. Der läßt sich nicht unterkriegen. Gibt seine Zeit nicht mit Klimperkram ab; liest keine Bücher; kümmert sich den Teufel um etwas anderes als um sein Geschäft. Da haben Sie den amerikanisierten Europäer. Mit den Weibern – Himmelkreuz! – Es ist sechs ... Seien Sie nicht böse – aber ich habe noch eine dringende Verabredung. Ich muß mir gleich einen Wagen nehmen. Zahlen! – Die Rechnung ...« verbesserte er sich. Der Kellner kam, nahm und ging. Der Doktor stand auf. »Was bin ich schuldig?« fragte ich aus Scherz. »Unbezahlbar – unbezahlbar. Alles Gute! Also ... auf bald!« Weg war er. Und da ergriff mich die Neugier, da ergriff sie mich. Noch saßen alle analysierten Opfer da – alle. Ich schlängelte mich an den Hotelportier heran, der von seinem Stand aus die Halle gut übersehen konnte. Und ich sprach mit ihm. Und ließ etwas in seine Hand gleiten. Und fragte. Und er antwortete. Und ich lauschte: Der österreichische Höfling war ein Nähmaschinenhändler aus Gleiwitz. Die große Hure mit dem Trauerkomplex eine Mrs. Bimstein aus Chikago – nun war auch ihr Mann zu ihr an den Tisch getreten, unverkennbar Herr Bimstein. Der Prokurist der großen Weinfirma war der Clown Grock. Die pummlige Mama war die Besitzerin eines gastlichen Etablissements in Marseille; der freche Geldmann war ein Dichter der allerjüngsten Schule – Und nur der Psychologe war ein Psychologe. 1930 Vom Urlaub zurück Wenn einer vom Urlaub zurückkommt, dann ist er noch gar nicht da, wenn er da schon da ist. »Na, wie war's?« sagen die andern. »Sie sehn aber schön erholt aus! Gutes Wetter gehabt?« Darauf fängt er an zu erzählen. Wenn er aber Ohren hat, zu hören, so merkt er, daß die Frage eigentlich mehr gesellschaftlicher Natur war – so genau wollen es die andern gar nicht wissen. Und dann bricht er seine Erzählung mit allen ihren Einzelheiten bald ab. Schon deshalb, weil man ja hier keinem klarmachen kann, warum die eine Bergtour beim besten Willen nie zu machen war, und daß das ganze Haus so furchtbar über Fräulein Glienicke und über die Ziegen lachen mußte ... davon wissen die hier nichts. Woher sollen sie das auch wissen! Wenn einer vom Urlaub zurückgekehrt ist, gehört er in den ersten beiden Tagen noch nicht so recht zum Betrieb. Während seiner Abwesenheit haben sich vielerlei kleine Sachen ereignet, von denen er natürlich nicht unterrichtet ist, und so versteht er manche Anspielungen nicht, er weiß nicht, daß Bader nicht mehr bei der Abteilung IIIb ist, sondern sich mit Koch verkracht hat, er sitzt jetzt in der Wirtschaftsabteilung, und da werden sie ihn vielleicht auch bald herausschmeißen. Das weiß er alles nicht, noch nicht, nicht mehr – und etwas mitleidig wird er informiert. In dem Ton der Zuhausegebliebenen schwingt ein wenig jener Ton mit, den sonst »alte erfahrene Beamte« einem Neuling gegenüber anzuwenden pflegen. In den ersten beiden Tagen geht der Betrieb über den Kopf des Ex-Urlaubers hinweg: die andern wissen alles, er weiß nur die Hälfte. Die da werfen sich die Bälle zu – er fängt sie nicht. In seinen Gesprächen flackert, also da kannst du nichts machen, immer noch der Urlaub auf. Einmal denkt er: »Heute vor acht Tagen ...«, aber da klingelt das Telefon, und die Erinnerung zerstiebt. Dann kommt wieder einer vorbei, stellt die üblichen Fragen, und er antwortet. »Danke – nur viel zu kurz! So – Sie gehen jetzt auch auf Urlaub?« Aber das interessiert wieder den ehemaligen Urlauber nicht mehr. In diesen ersten Tagen geht die Arbeit eigentlich nicht leichter als vor dem Urlaub; sie geht eher etwas schwerer vonstatten. Die Lungen sind noch voll frischer Luft, der Körper hat noch den Rhythmus des Schwimmens und des Laufens in sich, die Haut fühlt sich in den Stadtkleidern noch nicht wohl, und der Hals nicht im Kragen. Das Auge sieht zum Hof hinaus; wenn man den Kopf dreht, kann man ein Stückchen blauen Himmel sehn. Übrigens ist er heute nicht blau, es regnet. Aber der Regen im Freien, das war doch ganz etwas anderes. Sitzt er noch fest in seiner Stellung? Er sitzt noch fest. Doch braucht man nur mal auf Urlaub zu gehen, gleich machen sie Dummheiten (Melodie: »Ohne mich geht der ganze Betrieb zugrunde!«) Das war ja alles sehr schön und gut, da in Riesenhausen an der Dassel, die Bäume haben gerauscht, auf der Veranda haben wir Skat gespielt, aber unterdessen haben die hier ... »Müller! Wo sind die A-Belege?« Die Schweinerei hört von heute ab auf; WIR sind wieder da. Das dauert gut und gern seine drei, vier Tage. Dann haben sich die andern an den Zurückgekehrten gewöhnt; er gehört nun schon wieder dazu, er ist da, er erlebt es alles mit, nichts kittet so aneinander wie gemeinschaftliches Arbeits-Erlebnis. Das kommt gleich nach der Liebe und nach der Gottbehüte Verwandtschaft. Nach sechs Tagen fragt ihn kein Mensch mehr nach dem Urlaub, nun kommen auch die letzten Sommerurlauber zurück, alle sind wieder da und fangen ganz langsam an, sich auf den nächsten Urlaub zu freuen. 1931 Park Monceau Hier ist es hübsch. Hier kann ich ruhig träumen. Hier bin ich Mensch – und nicht nur Zivilist. Hier darf ich links gehn. Unter grünen Bäumen sagt keine Tafel, was verboten ist. Ein dicker Kullerball liegt auf dem Rasen. Ein Vogel zupft an einem hellen Blatt. Ein kleiner Junge gräbt sich in der Nasen und freut sich, wenn er was gefunden hat. Es prüfen vier Amerikanerinnen, ob Cook auch recht hat und hier Bäume stehn. Paris von außen und Paris von innen: sie sehen nichts und müssen alles sehn. Die Kinder lärmen auf den bunten Steinen. Die Sonne scheint und glitzert auf ein Haus. Ich sitze still und lasse mich bescheinen und ruh von meinem Vaterlande aus. 1924 Das Siebente Mit den Arrondissements in Paris ist das nicht so wie mit der »Gegend« in Berlin. Wenn einer vor Hunger nicht krauchen kann, so zieht er um des Himmels willen nicht aus der Geisbergstraße hinter den Alexanderplatz, weil »man in der Gegend doch nicht wohnen kann« – obgleich die Leute hinter dem Alexanderplatz mindestens so viele Vermögen aufzuweisen haben wie der Kurfürstendamm, nur besser fundierte. Mit einem Wort: Pariser Arrondissements sind kleine Städte. Le quartier hat sein Kino, sein Theater, seine Stammeinwohnerschaft, seinen Charakter. Es gibt, zum Beispiel, auf dem linken Ufer, um die Rue de la Convention, kleine Straßen und Plätze, die so nach Kleinstadt schmecken, nach Weltabgelegenheit, nach stillen Kleinbürgern ... Wenn aber einer von uns beiden stirbt: ich zieh ins Siebente. Das Siebente liegt auf dem linken Ufer. Es ist ein großes rechtwinkliges Dreieck, mit der gebogenen Hypotenuse an der Seine, vom Eiffelturm bis zur Gare d'Orléans, und mit den Katheten der Avenue Suffren und einer Linie, die etwa vom Quai Voltaire bis zur Untergrundbahnstation Sèvres-Lecourbe führt. Da ist die Spitze. Es hat von allem etwas: Das schöne Champ de Mars, mit den vornehmen Straßen; von den obern Stockwerken aus sieht man über die weiten buschigen Flächen und die hohen Bäume, die bunten Anlagen vor der Ecole Militaire, daran stille Alleen entlang führen, abends klappert der Maschinist in der kleinen Elektrizitätsbude auf dem Turm die ganze Lichtreklame herunter, und die Mieter können stolz sagen: Eignen Eiffelturm im Hause ... Hier wohnen auch feine Leute, Finanz, Beamte und sogar ein deutscher Legationsrat. Und dann ist da der Dôme des Invalides, der so still und weit auf die Seine hinausguckt, besonders, wenn nicht gerade Ausstellung gespielt wird, und östlich davon eine Menge kleiner Straßen, und die meisten sind still. Das war »le noble faubourg«, und heute liegt da noch ein Stück des Boulevard St-Germain, in dessen Salons Proust so gut Bescheid wußte und so verdünnt darüber schrieb, und in dem die deutschen Schmöcke gar nicht Bescheid wissen und so verdickt darüber schreiben ... Eine Fülle von alten Palais liegt in diesem Teil der Stadt, keines hat die Fassade auf die Straße, alle verbergen Fronten, Vornehmheit und Architektur; die lange Straßenmauer schließt die Welt ab, und jene andre beginnt erst hinter dem großen Einfahrtstor. Gleich hinter der Chambres de Députés fängt die Stille an, und alles, was um die Kirche St-Clotilde herum liegt, hats gut: es ist mitten in der Stadt, und doch gehts da leise zu. Ein feiner grauer Steinton ist in diesem Arrondissement, alles ist getönt, zart und doch kräftig. Wenn man schon in der großen Stadt wohnen muß, dann hier. Du Unbekannte, die du mir einst dein ganzes Vermögen vermachen wirst, weil du dich seit zwölf Jahren allwöchentlich einmal mit der »Weltbühne« zurückgezogen hast, hör mich an. In Paris, wohin meine Sehnsucht mich ruft, kann man keine Wohnungen mieten. Man muß sie kaufen. Laß es so viel sein, daß ich im Sommer in Dänemark leben kann, an den grünen und blauen Seen, wo die Butter und die Damen so frisch sind, daß man nie mehr Margarine essen mag – im Winter will ich eine Stadtwohnung haben. Darin soll dein Name gesegnet werden für und für, denn du wirst eine bessere Wohltäterin sein als Hebbeln seine. Vergiß es nicht: in Paris. Im Siebenten. 1925 Das konservative Paris »Wegen Renovierung geschlossen.« Berliner Schaufensterplakat. Paris ist eine alte Stadt. Paris ist eine neue Stadt. Aber sie ist nicht neu lackiert, und sie ist auch kein Museum. Sie ist aber konservativ. In Frankreich hat kein wichtiges historisches Ereignis stattgefunden, das nicht von Paris ausgegangen oder in Paris beendet worden wäre. Diese Stadt hat alles schon gehabt, und nichts kann sie mehr in Erstaunen setzen. Nun gibt es nicht mehr von allen den alten Ereignissen Zeugen aus Stein oder Erz – aber durch die Jahrhunderte, in Bauweise, Hausanordnung und Parkanpflanzung hat sich etwas erhalten, eine Tradition, ein Konservatismus, eine geschichtliche Überlieferung. In den Vorstädten ist sie nicht – das fühlt man sofort. Das sind entweder sehr hübsche Villenansiedlungen oder nette kleine Viertel, wie Passy, die teils einen beinahe kleinstädtischen Charakter haben oder als typischer westlicher Vorort in mancher europäischen Kapitale liegen könnten. Oder es sind Arbeiterviertel, gewiß mit einem eigenen Charakter, aber das, was man in Paris selbst fühlt, das wird man da vergeblich suchen. Es hat immer zwei Paris gegeben: die Weltstadt, die repräsentierte, und das französische Paris für die Franzosen. Räumlich ist das nie scharf getrennt gewesen, diese beiden Elemente gehen ineinander über, verwischen sich, durchdringen sich ... Und das Leben wandert in der Stadt, ununterbrochen ist es in den Jahrhunderten gewandert. Einmal war es die Gegend um den Jardin de Luxembourg, die als die vornehmste galt, einmal die ums Palais Royal, einmal wohnten alle feinen Leute nur an den Champs Elysées – und jetzt wieder mehr um den Etoile herum, einmal war jenes Viertel verrufen, einmal dieses – einmal hat sich die Stadt nach dem Osten erweitert (zum Beispiel unter Ludwig XIII.) – und einmal nach dem Westen – (so das letzte Mal unter dem zweiten Kaiserreich). Immer aber ist etwas Merkwürdiges gewesen: alle diese historischen Vorgänge haben Schichten auf dem Pariser Boden abgelagert, es sind Spuren zurückgeblieben, manche heute noch sichtbar, manche nur in der Straßenkonstruktion feststellbar, und alle zusammen ergeben eben eine feste Tradition. Dabei ist das meiste nicht so alt, wie man denkt. In den allermeisten Fällen ist kaum ein Stein auf dem andern geblieben, die Straßennamen haben oft genug gewechselt, und es gibt alte Pariser Stadtpläne, in schwarzer Farbe, auf die das neue Kartenbild rot aufgedruckt ist – kaum ein Umriß deckt sich da, kaum ein Straßenzug; wo ein Häuserblock war, liegt heute ein freier Platz, und wo einstmals ein Park stand, erhebt sich heute ein Bürohaus. Ganz große Linien sind mitunter geblieben – aber das sind doch Ausnahmen. Was älter ist als 250 Jahre, steht angestaunt wie ein Museum in der Stadt. Nein, nicht wie ein Museum. Denn das ist das Reizvolle, das Unerfindliche, das Einmalige an dieser Stadt, daß die nächste Generation es immer wieder verstanden hat, wirklich weiterzubauen, nicht einfach niederzureißen und sich an die Stelle des Alten zu setzen, sondern das Vorhandene zu benutzen. (Es gibt auch böse Kleckse im Stadtbild: so ist zum Beispiel die entzückende Place Dauphine auf der Ile de la Cité durch eine gradezu wilhelminische Treppenscheußlichkeit des Palais de Justice so ruiniert, daß man das Plätzchen, das da so still inmitten des Autogebrauses liegt, nur mit dem Rücken zu dieser Herrlichkeit genießen kann.) Aber in fast allen andern Fällen, die mir bekannt sind, schließen sich die Jahrhunderte, was den Stadtbau angeht, lückenlos aneinander an. Dabei bauen die Pariser nicht einmal in »historischen« Stilen, und ein Architektur-Karneval wie der um die Kaiser-Wilhelm-Gedächtnis-Kirche, wo plötzlich alles das romantische Nesselfieber bekommen hat, wäre in Paris undenkbar. Sie bauen neben die historischen Kirchen, neben die geschichtlichsten Paläste ruhig und bescheiden ihre neuen Häuser, und die sind fast immer so nett, so unaufdringlich, so ganz dem Zweck dienstbar gemacht, für den sie da sind, daß fast niemals etwas passiert. Die Stadt erneuert sich, aus sich heraus – aber sie hat nicht diese fatale, melancholisch stimmende Neuheit, die schon Heine aus Berlin so beschreibt: »Es sind wahrlich mehrere Flaschen Poesie dazu nötig, wenn man in Berlin etwas andres sehen will als tote Häuser und Berliner. Die Stadt enthält so wenig Altertümlichkeit, und ist so neu; und doch ist dieses Neue schon so alt, so welk und abgestorben. Denn sie ist größtenteils, wie gesagt, nicht aus der Gesinnung der Masse, sondern einzelner entstanden.« Das Nähere über den neuen Berliner Westen hat dann Georg Hermann im »Kubinke« gesagt. Nein, das gibt es hier nicht. Nun glaube ich, ganz abgesehen vom Rassenunterschied, vom Unterschied des Himmelsstriches, der Geschichte und der wirtschaftlichen Verhältnisse, etwas herausgefunden zu haben, das vieles erklärt: der Pariser hat nicht die Krankheit der Renovierungssucht. Wenn in Berlin – und wohl überhaupt in Deutschland – einer eine städtische Bauaufgabe zu lösen hat, dann reißt er erst mal »den ganzen Zinnober« runter. Jetzt wird er mal zeigen, was er kann! Das ist bei Lokalen so, weshalb Berlin (außer Lutter u. Wegner, das nun auch verschwinden soll) kaum noch ein Lokal hat, das diesen Flair besitzt, die ihm eigene Atmosphäre, die sich erst nach Generationen ablagert – es ist, als ob dann alle die vielen Menschen, die da einmal gesessen haben, etwas an den Mauern zurückgelassen hätten ... Dem begegnet man hier auf Schritt und Tritt. Damit wir uns recht verstehen: ich meine nun nicht diese falsche Romantik, auf die allenfalls der unkundige Fremde hereinfällt, und die man ihm hier und da – übrigens nicht allzuoft – in Paris noch vortingelt ... Das ist ja nichts. Nein, ich spreche von alltäglichen Erscheinungen, von Straßendurchbrüchen, von Umbauten, von der Schaffung der Plätze, der Durchgänge – all das vollzieht sich nach unsichtbaren, vielleicht nicht einmal bewußten Gesetzen, die in den allermeisten Fällen den immanenten Charakter unzerstört lassen. Natürlich geht viel verloren. Sobald eine enge, alte, vermuffte und verwinkelte Straße auseinanderbricht, ist der Zauber dahin – da hilft kein Instinkt und auch der beste Baumeister nicht. Aber das Neue, das dann da zu entstehen pflegt, ist denn doch nicht abstoßend, nicht knallig, nicht »neuzeitlich«, sondern wiederum: pariserisch. Gewisse Ecken sind natürlich einmalig und nicht zu ersetzen: die Place du Tertre auf dem Montmartre ist so oder gar nicht, die Place de la Concorde gleichfalls, ein paar Durchblicke auf der Ile St-Louis kann man wohl kaum anrühren, ohne sie zu zerstören. Aber alles andere ist dauernd angerührt worden, mit Spitzhacke und Mörtel – und was herausgekommen ist, ist immer wieder diese wunderschöne Stadt. Und was ist über sie hinweggebraust! – Da gibt es kaum eine Straße, die nicht ihren Märtyrer hat, ihre Blutopfer, ihre Festlichkeiten und ihr großes historisches Ereignis. Hier hat ein Kloster gestanden, in dem ist Calvin erzogen, hier hat de Loyola gelernt und da ist Chateaubriand geboren ... dergleichen gibt es ja überall – nur liegt das hier in beängstigender Fülle zusammen. Und manches stimmt doch nachdenklich. Da stehen in der Rue de la Hachette, ganz in der Nähe von Notre-Dame, zwei kleine alte, wacklige Häuser. In einem der beiden hat Napoleon im Jahre 1795 gewohnt ... man muß diese kleinen Löcher von Wohnungen nur sehen! Hinter dem Collège de France hielt sich Georges Cadoudal versteckt, der wütende Gegner Bonapartes, darüber steht im Neuen Pitaval einiges zu lesen ... Und gerade auf dem linken Seineufer gibt es noch Straßenzüge, da muffen die Häuser von vergangenem Leben. Sie werden fallen. Aber bleiben wird, für absehbare Zeit, das nicht renovierte, sich ewig verjüngende, alte, neu erstehende und unsterbliche Paris. 1924 Der Erbfeind Wenn man durch die Straßen von Paris geht, so sieht man nicht selten ein merkwürdiges Bild: Am Eingang eines Ladens sitzt ein Kätzchen und sonnt sich. Paris ist die Stadt der Katzen. Und zwei Schritt von ihr: ein riesiger Schlächterhund, der daliegt, die Pfoten lang vor sich hingestreckt, stolz, ruhig, im Bewußtsein seiner Kraft. Um das Kätzchen kümmert er sich gar nicht. Das Kätzchen sieht auch ihn nicht an. Manchmal gehen sie aneinander vorbei, wie eben alte Bekannte aneinander vorbeigehen. Vielleicht begrüßen sie sich leise im Tier- Esperanto – aber sie beschnuppern sich nicht einmal. Katze und Hund – friedlich leben sie nebeneinander. Als ich das zum erstenmal sah, glaubte ich an ein Wunder der Dressur. So sehr war ich, aus Deutschland kommend, geneigt, den Zustand des ewigen Zähnefletschens, Heulens, Fauchens und Bellens als den primären anzusehen. Aber als ich immer und immer wieder beobachtete, wie Hund und Katze hier einträchtig miteinander auskommen, da schien es mir doch anders zu sein. Man kann also bei aller Verschiedenartigkeit des Wesens so friedlich nebeneinander leben, ohne sich Löcher ins Fell zu beißen –? Aber warum geht es? Warum geht es hier? Weil man die kleinen Katzen von Jugend an, wenn sie noch nicht sehen können, mit den Hunden zusammensperrt. Weil man die kleinen Hunde zu den Katzen trudeln läßt, wenn sie noch alle in einem Wollknäuel und in einem Milchnapf die Welt sehen. Und niemand hetzt sie aufeinander, niemand findet Gefallen daran, daß »sein« Hund schneller, kräftiger und männlicher ist als die Katze des andern. Niemand gerät in einen Tobsuchtsanfall, wenn er eine Katze sieht, die doch stets mit allen Mitteln – Stöcken, Steinen und Hunden – verjagt werden muß. »Kusch!« und: »Such doch das Kätzchen! Wo ist die Katz – Katz – Katz?« Denn es ist doch zu komisch, nicht wahr?, wenn ein Köter hinter der Katz her ist, und die springt auf einen Zaun und faucht von oben gebuckelt herunter. Ja, das ist eine Freude. Denn Zwist der andern, das ist immer schön. Wenn man aber die Lebewesen von klein auf richtig erzieht, in dem einzig möglichen Stadium abfängt: wo das Gehirn noch weich ist, wo es noch Eindrücke und Lehren empfangen kann – wenn man ihnen dann den Frieden als eine Selbstverständlichkeit aufzeigt: dann geht es auch. Es geht sogar besser. Aber freilich: die unvernünftigen Tiere haben keine Fahnen, keine Stahlhelme, keine Telephongenerale, keine Pfaffen, die zum Schlachtfest die Ware segnen, daß sie gut faule; keine Privatdozenten, die den Krieg sittlich fundieren, und keine Heldenmütter, die ihre Kinder für das Schußfeld eines M.-G. aufziehen. Das haben die Tiere alles nicht. Die Pariser Katzen und Hunde werden also mit Erfolg zum Frieden erzogen. Ein ererbter Friede. Und wann treten wir an die Menschen heran? Wenn sie reif, erwachsen, ernsthaft, hart und fast unempfänglich geworden sind – wenn sie die alten Kinderlehren fest in Fleisch und Blut haben. Und wer hat bei uns die Kinder? Geschichtslehrer, die zum Kriege hetzen; Universitätsprofessoren, die zum Kriege hetzen; Kindergärtnerinnen, die zum Kriege hetzen; Fürsorgevorsteher, die zum Kriege hetzen. Und dann leben wir nachher mit aller Welt, und mit Frankreich insbesondere, im Streit – wie Hund und Katze. Nein, leider nicht wie diese Hunde und diese Katzen. Sondern wie Hyänen: wie Ludendorff und Léon Daudet. 1924 Der Ruf der Strasse Jetzt sitze ich bald vier Jahre in Frankreich. In den ersten acht Tagen ging ich im Taumel umher, die eisernen Ketten der Inflation waren gerade gefallen, und mir war mein Schwergewicht abhanden gekommen. Nach zwei Monaten verstand ich alles – hätte mich jemand gebeten, ihm eine Monographie über Frankreich zu schreiben, ich hätte angenommen; aber zum Glück hat mich damals keiner gebeten. Nach einem halben Jahr begann das Bild, sich langsam zu verdunkeln, die Fäden liefen wirr, da waren Widersprüche, die ich nicht zu lösen vermochte ... Nach drei Jahren verstand ich gar nichts mehr. Wie ist der Franzose? Einmal fand ich die Formel: »Griechen mit Zopf«, was einen der besten deutschen Kenner Frankreichs zu heftigem Kopfnicken veranlaßte – aber mit einer Formel ist die Sache ja nicht zu machen. Wie ist der Franzose? Ein Ding mit starker Individualität? Ja, auch – aber daneben gibt es kollektive Züge, Elemente einer so kompakten Einheit, daß auf der Leiter: Briand, Kaufmann Dupont und Hafenarbeiter Lepetit nur Qualitätsunterschiede derselben Marke vorzuwalten scheinen. Ist der Franzose unmodern? von gestern? zurückgeblieben? Ja, er ist seßhaft und konservativ – aber dicht daneben läuft ein ständiger Umbildungsprozeß, der verhütet, daß das Volk hinter seiner Zeit zurückbleibt; diese leisen Wandlungen gehen fast unmerklich vor sich, der vorschnelle Beobachter ist leicht geneigt, zu sagen, daß »diese Leute eben nicht von heute« seien. Hat die Französin nicht einen gänzlich verkehrten Ruf, den sie gar nicht verdient? Ja; aber neben ihrer unleugbaren Bürgerlichkeit, ihrer Übervernunft, ihrer klaren Überlegungskraft, durch die sie ohne Stimmrecht herrscht, liegt die »caprice«, jenes unwägbare X, das nicht in Worte zu fangen ist... Das einzige, was ich vom Franzosen bestimmt weiß, ist, daß er seine Sous aufbewahrt, allwelche Neigung sich in kaum vorstellbarer Kleinlichkeit, Mangel an großzügigem Denken und Pfennigrechnerei ausdrückt. Geiz ist ein französisches Nationallaster. Geiz ist eine französische Nationaltugend und eine der Quellen der Stärke dieses Landes. Wie ist der Franzose? Jeden Morgen, wenn der Tag hinter den Vorhängen aufblaut, ertönt von der Straße her ein langhingezogener Ruf nach dem andern. Sie sind nicht immer so melodisch wie jener indianische Liebesschrei aus »Rose-Marie«, aber doch einträglich wie jener: es sind Kleiderhändler, Glaser und allerhand kleine Handwerker, die da ihre Anwesenheit ausschreien, ausrufen, ausbrüllen, ausklingeln – wie in einer ganz kleinen Stadt. Was folgerichtig ist: denn Paris besteht aus einer Anhäufung von kleinen Städten. Der Tabakmann an der Ecke hat geheiratet. »Sa femme? Connais pas. Elle n'est pas du quartier.« Durch die Viertel ziehen die kleinen Kaufleute und rufen. Es ist sehr schwer zu verstehen, was sie da eigentlich rufen – ich habe es lange Zeit hindurch nicht verstanden. Vielleicht gibt es ein Werk über die Pariser Kleinhändler wie das über die Hamburger – ich habe niemals gefragt und also nicht verstanden. Man geht ja – was übereifrige Staatsanwälte niemals verstehen wollen – mitunter jahrelang an Türen vorbei, die man nicht sieht; an Namensschildern, die man nicht liest – so ließ ich diese Rufe an meinem Ohr vorüberpfeifen und vernahm sie nur, aber verstand sie nicht. Wie ich das ganze Land noch nicht verstand: ich sah so vieles und nahm in mich auf und war dankbar und gleichgültig und gereizt und erfreut und bezaubert und entsetzt... aber noch verstand ich nicht. Gestern morgen, als ich zum Heiligen Rasier betete, und der weiche Seifenschaum mich umhüllte, gestern morgen ertönte aufs neue der langhingezogene Ruf. Und plötzlich, wie vom Schlag eines Mirakels getroffen, verstand ich. »Brocanteur!« rief der Mann. Ein Trödler also, ein Aufkäufer von altem Hauskram, jenem Zeug, das auf den Böden und in den Kellern liegt, das eigentlich zu nichts mehr nutze ist... ich kannte das Wort, natürlich. Aber der hallende Laut, der bisher nur Laut gewesen war, der nur ins Ohr gedrungen, aber nie im Großhirn verarbeitet worden war – dieser Laut hatte plötzlich einen Sinn bekommen. »Brocanteur!« hatte es gerufen. Und von mir lösten sich in diesem Augenblick Schleier und Bande, ich hörte und sah, und das Land war auf einmal neu. Ich stand wie auf einem Hügel und sah auf das herab, was ich mir erobert hatte. Es war so mühsam gewesen... Unterhaltungen mit den feinen Leuten im Salon und mit den weniger feinen, aber aufschlußreicheren auf dem Markt und in den Kneipen; jene langen, geschwungenen Unterhaltungen, die sich in genau berechnetem Bogen dem Ziel nähern – unmöglich, dem andern mit amerikanischer Höflichkeit, die da Sachlichkeit heißt, ins Gesicht zu sagen, was man wolle... Erst »un brin de causette« – die formale Versicherung, daß man nichts voneinander wünsche, gar nichts – dann: »Apropos ...« und dann gehts los. Die empfindlichen Stellen herausfühlen, die toten Stellen im französischen Kopf, jene, die nicht reagieren, wenn man klopft; die Abteile, in denen niemand zu Hause ist... und die andern, aus denen die Defensive herausspringt, die meist darin besteht, daß der Wohnungsbesitzer, mißtrauisch und empfindlich, Fenster und Türen zuschlägt. Es war so mühsam gewesen. Und ich hatte die Wirkung der Arbeit nicht einmal gleich gemerkt. So, wie der Ruf von der Straße hundert- und hundertmal mein Ohr getroffen, bis er sich vom Laut zur Mitteilung hindurchgerungen hatte, so habe ich tausend und tausend Äußerungen des französischen Charakters an mir vorbeipassieren lassen, jede einzelne gleichgültig, jede nicht sehr welterschütternd, alle ohne System bis zu dem Tage, wo sie sich aufbauten und wo nun auf einmal ein ganzes Land vor mir lag. Es war so mühsam gewesen. Hätte ich von Anfang an Karten gehabt... Denn so, wie einer auf dem Balkan einmal gesagt hat: »Rumäne – das ist keine Nationalität; das ist ein Beruf«, so darf man sagen: »Der Franzose ist für den Ausländer keine Nationalität – er ist ein zu bestehendes Examen.« Wer zum Beispiel nach England mit der genauen Kenntnis seiner Geschichte und seiner Kultur kommt, hat manches vor dem ungebildeten Fremden vorauf – aber sicherlich nicht eben viel. In Frankreich ist damit schon die halbe Schlacht gewonnen, das halbe Examen ist schon bestanden. Denn was für uns Deutsche so sehr schwer zu begreifen ist: hier ist Überlieferung keine lästige Fessel, hier lebt sie; Tradition und Kultur leben, es leben Geschichte, Erinnerung und das Wirken vergangener Geschlechter. Hier fängt keiner für sich immer wieder ganz von vorn an ... Und Ruf auf Ruf enthüllten mir ihren Sinn: »'chand d'habit!« und »Le vitrier!« und alle die andern. Die Bäume begannen zu sprechen, der Fluß rauscht meine zweite Sprache, die Steine hallen unter meinen Schritten und sagen etwas, das ich deuten kann. Bin ich am Ende? Eine Unterhaltung, eine einzige mit wohlhabenden Bürgern zeigt: Nein. Der, der sechsundfünfzig Monate in den Gräben stak; der, der kein Blatt halten kann, ohne zu zittern, so haben sie ihn zusammengeschossen – der ist mir sehr nahe, den verstehe ich beinah ganz. Den feinen Mann weniger: er ist voller Reserven, in den Augen schimmert die Abwehr, in der Stimme zittert: ich will nicht, ich will nicht... Es ist nicht zu Ende. Ich stehe nach vier Jahren – auf einer kleinen Anhöhe, hinter mir liegen einige bezwungene Täler, und ich will weitergehen, auf eine weite Wanderung. 1928 Einer pfeift sich einen Die rue de Vaugirard ist so lang wie ein Satz von Proust. Ich gehe schon eine Dreiviertelstunde – das macht aber gar keinen Spaß. »Hepp!« Kein halber Progromruf – so ruft der feine Mann in Paris einen Wagen. Das Automobil schnurrt ab. Während ich mich von einer Backe auf die andre setze und mich freue, wie rasch der Wagen bremsen und wieder anfahren kann, und wie haargenau er die Kurven nimmt, höre ich ein leises Pfeifen. Wahrscheinlich ein Straßenjunge – huit, vorbei. Hier in der Buchhandlung bin ich einmal gewesen: da habe ich die herrlichen »Holzkreuze« von Dorgelès gekauft, ein ausgezeichnetes Kriegsbuch, ein guter Führer für den nächsten. Ich weiß noch genau, wie der Verkäufer erst gesucht hat ... inzwischen darf man sich den halben Laden ansehen, Alles umkramen, aufblättern ... Wieder das leise Pfeifen. Merkwürdig, wie die Gassenjungen in Paris pfeifen. Wie die Mäuse. Das ist eine feine Beobachtung, ich werde sie mir merken. Ja, da stand ich in dem Buchladen, draußen in der Straßenauslage wühlten die Leute in den Ständen; es wird wenig gestohlen: man berechnet den täglichen Verlust bei einer Buchhandlung auf etwa zwanzig Francs, das geht an. Und ist zum Beispiel die Ladentür geschlossen, so gehen, ausprobiert, viel weniger Kunden in den Laden. Sie wollen wohl empfangen sein. Aber wer pfeift denn da –? Das können doch keine Jungen sein, soviel pfeifende Jungen gibt es doch gar nicht. Radelt einer hinter mir her? Ich sehe durch das kleine Fensterchen rückwärts: da fährt ein bockbeiniger Ford-Wagen – Ford pfeift nicht, davon steht nichts in seinem Buch. Also wer ist es dann? Immer noch dauert das leise Pfeifen an. Ich bin es nicht. Also –? Der Chauffeur pfeift. Er lenkt, hupt, tritt in die Bremsen, gibt Gas und Saures – und pfeift sich einen. Wie denn? Im Dienst? Er hat gar keinen Dienst. Er pfeift, weil er zufrieden ist, weils ihm Spaß macht, auf der Welt zu sein, weil er gut gegessen hat, weil er nicht mehr Sorgen hat, als zum notwendigen Betrieb und zur Aufrechterhaltung des Schwergewichts absolut nötig sind. Der Mann wird gut und gern seine achthundert Francs verdienen, wahrscheinlich mehr. Aber er kommt damit aus, manchmal drückt Manches, aber es geht doch. Essen, Wein, Kleidung, nur die Wohnung liegt qualitativ – wie bei allen Parisern mehrere Stufen unter der übrigen Lebensführung, es ist, als wohnten sie in der Wohnung eines minderbemittelten Freundes. Jedenfalls pfeift er. Wupp, um die Ecken und dabei einen sehr komplizierten Java ausstoßend – es geht gut mit dem Tempo des Wagens. Ob er Sonne im Herzen hat? Ich kann ihn nicht danach fragen: das kann man nicht übersetzen. Er ist weder Optimist noch Mitglied des französischen Reichsbundes Allgemeiner Droschkenchauffeure, noch Arbeitnehmer und als solcher ... er ist: natürlich. Ist dem nahe, was andre Leute beinahe vergessen haben: dem Leben und der Natur, dem Ding, das man nicht nennen kann. Gott weiß, was hier kommen wird. Umlauert von baisselüsternen Bankiers, von händel- und handelsüchtigen Politikern, fast überrundet von einer besser organisierten Welt, rings umwimpelt von Nationalfähnchen, diesen Schnupfentüchern unartiger Kinder, liegt Frankreich und arbeitet unter dem grauen Seehimmel des Nordens und der hellen Sonne im Süden. Die Andern haben Probleme. Der Pariser Chauffeur läßt die Bremse los, fährt an, nimmt die Straßenecke, daß es nur so glitscht, und pfeift. 1925 Das menschliche Paris »Dienst ist Dienst, und Schnaps ist Schnaps.« (Deutsches Soldatenwort.) »Vous m'excusez, monsieur, que je vous dérange ...« (Eine französische Bettlerin.) Worin besteht der Zauber von Paris? In der Architektur? In der silbrigen Luft? In der Mode? In den Frauen? Im Sekt? In all dem zusammen? Nein. Das, was die einzige Atmosphäre dieser Stadt ausmacht, ist ihre Menschlichkeit. Wenn man aus Deutschland kommt, versteht man es erst gar nicht. Wir sind doch gewöhnt, daß ein Gasbeamter ein Gasbeamter ist und weiter nichts – daß ein Gerichtsdiener Gerichtsdiener, ein Schaffner Schaffner und ein Billettverkäufer Billettverkäufer ist. Wenn sie wirklich die starre Maske des »Dienstes« ein wenig lüften, so geschieht das meistens, um Unhöflichkeiten zu sagen. Herr Triebecke hat sich eine bunte Mütze aufgesetzt, und Herr Triebecke ist völlig verschwunden: vorhanden ist nur noch einer, der »seinen Dienst macht«. Ja, die freiwillige Einordnung in jede Kollektivität, in der man sich geborgen fühlt, geht so weit, daß man in deutschen Diskussionen oft zu hören bekommt: »Ich als Schleswig-Holsteiner«, »Ich als mittlerer Beamter« und sogar: »Ich als Vater ...« Nur, einfach: »Ich«, ich als Mensch – das ist selten ... Es ist sehr bequem so. Aber hinter den Bergen wohnen auch Leute, und sie denken darin ganz anders; Es ist sehr preußisch gedacht, wenn man sich nach dem Ausschluß der starren Dienstauffassung gleich das Chaos vorstellt. Entweder – oder. »Na, soll vielleicht der Weichensteller im Dienst Zeitungen lesen?« – Nein. Aber er soll ein Mensch sein, der Weichen stellt, und kein Beamter, der – an besonders hohen Feiertagen – auch »mal Mensch« ist. Paris hat Herz. Das geradezu lächerliche Zerrbild, das der Völkische sich und andern von Franzosen an die Wand malt, ist nicht einmal eine Karikatur – es ist blanker Unsinn. Es ist objektiv so falsch wie etwa eine Schilderung der Eskimos, die besagte: »Der Eskimo ist ein stiller Privatgelehrter, der sein Leben in den kleinen überhitzten Kollegräumen seiner Universität verbringt.« Der Franzose ist kein Spiegelaffe – der Franzose ist ein Mensch. Und lebt sein Leben mit einer leichten Freude, mit einer Innigkeit, mit einer herzlichen Liebe zur Natur und den anderen Menschen, die wir fast vergessen haben. Es ist mir bekannt, daß unsere entsetzlichen wirtschaftlichen Zustände da herangezogen werden. Das ist nicht ganz richtig. Ich habe das Berlin vor dem Kriege sehr genau gekannt – es konnte sich auch damals mit Paris nicht vergleichen. Ich will Ihnen ein paar Beispiele geben: Die Pariser Metro ist stippevoll. In der zweiten Klasse quetschen sich die Leute wie die Heringe – wir Berliner kennen das. Sie hören fast nie ein böses Wort. Es mag wohl hier oder da einmal vorkommen, daß eine ganz leise, ganz höfliche Diskussion anhebt .... Aber die körperliche Berührung gilt hier nicht als eine Beleidigung, die – unter Rittern – nur mit Blut abgewaschen werden kann, sondern es drängen und pressen sich gewissermaßen Mitglieder einer Familie. Man ist nicht gerade übermäßig vergnügt, so zu stehen – aber man nimmt es hin. Auch ist man nicht so von Offensivgeist durchtränkt wie in Deutschland. Ich besinne mich, kurz vor meiner Abfahrt in einem Charlottenburger Bäckerladen gewesen zu sein – es war in einer sehr feinen Gegend, am Reichskanzlerplatz –, und da war alles aufeinander böse: die Kunden, der Meister, die Bäckerjungen und die Hörnchen. Ohne jeden Grund übrigens. Das habe ich hier noch nie gefunden. In der Elektrischen, draußen im Südosten der Stadt, gab neulich eine dicke Frau mit vielen Markttaschen dem Schaffner eine Handvoll Kirschen – und niemand fand etwas dabei, es war die natürlichste Sache von der Welt. Und das war kein Trinkgeld oder seine Ersparnis – es war einfach Nettigkeit, die der Schaffner auch ganz richtig auffaßte: er freute sich, weil die Kirschen so schön rot waren, steckte sie ein, und alle Passagiere hätten sicherlich ebenso wie die dicke Frau gehandelt. Natürlich. Und es ist eben nicht jene übertünchte Höflichkeit, hinter der weiß Gott welche Bestie steckt, gezähmt durch die gedrechselten Formen französischer Tradition. Das ist nicht wahr. Denn es ist sehr bezeichnend, daß gerade der kleine Mann, der Handwerker, die Gemüsefrau, der Arbeiter – daß gerade sie fast immer höflich, herzlich und natürlich sind. Und das Familiäre guckt überall hindurch – man begegnet selten der absolut abweisenden Härte. Obgleich es die sicherlich auch gibt. Denn es wäre grundverkehrt, nun die Franzosen zu Idealmenschen zu stempeln, und ich mag diese deutschen Literaten und Reisenden gar nicht, die hier in jedem Aschbecher ein »echt französisches Dokument alter Tradition« sehen. (Besonders die Kunsthändler sollte man in dieser Beziehung einzeln und sorgfältig totschießen.) Ich finde den Typus dieser bedingungslos begeisterten Franzosenlecker genauso übel wie die vorpommerschen Landrichter, die von Frankreich zwar nichts wissen, aber furchtbar darauf schimpfen. Man muß die Dinge auch einmal abseits von der Ruhr und abseits von Picasso sehen können. Und da sieht Paris so aus: Der Franzose ist ein bürgerlicher Mensch. Ein Mensch, der, weil es so viele Fremde in Paris gibt, sehr höflich und nett mit aller Welt ist, aber im Grunde sehr abgeschlossen und sehr zurückhaltend lebt. Es gibt in allem Ausnahmen. Es gibt auch hier Postbeamte, die vor lauter Beamtenhochmut nicht antworten, wenn man sie außerhalb ihrer Dienststunden etwas fragt – aber sie sind nicht der Typus. Es gibt auch hier sicherlich Mißgriffe, Irrtümer, menschliche Niederträchtigkeiten .... Ich bin keine Frau und weiß nicht, inwieweit eine alleinstehende Dame in einem Arbeiterviertel geschützt ist. Mein Eindruck ist, daß ihr unter normalen Verhältnissen kein Mensch etwas tun wird – ich habe hier noch nie beobachtet, daß man eine anständige Frau auf der Straße belästigt hätte. Was aber viel, viel wichtiger als alles dieses ist: Die Leute sind nicht nur höflich, sie sind herzlich. Fragen Sie um Rat – Sie werden ihn fast immer, auch von wildfremden Leuten, bekommen. Ich bin in Vierteln, die ich nie gesehen hatte, in die Läden gegangen, habe eine Kleinigkeit gekauft und die Leute nach den dortigen Wohnungsverhältnissen gefragt – sie haben mir immer ausführlich, der Wahrheit gemäß und entgegenkommend geantwortet. Was sie nicht »nötig« hatten – nein, gewiß nicht. Aber hier ist, primär, ein Mensch zum andern erst einmal höflich – und nur, wenn es einen Zwischenfall gibt, weicht das. Zwei-, drei-, viermal ist es mir begegnet, daß ein kleiner Ladenbesitzer nicht das Gewünschte führte. Immer – ohne jede Ausnahme – hat man mir freundlich Bescheid gesagt, wo ich die Ware sonst kaufen könnte – mitunter kam der Mann oder die Frau selbst mit heraus und zeigte mir Richtung und Weg. Dazu kommt ein andres. Der Pariser führt sein Leben, ganz ehrlich, so, wie es ist, so, wie er es sich leisten kann. Nicht darüber und nicht darunter. Ein Freund erzählte mir, daß ihm im Zuge nach Paris der Sohn eines reichen Seidenfabrikanten Auskünfte über die Lokale in Paris erteilt hätte. Über manche wußte er nicht Bescheid. »Ça – c'est pour les gens du monde.« Dazu zählte er sich nicht. Die Gens du monde waren für ihn nicht höher und nicht tiefer – aber anders. Und aus dieser menschlichen Natürlichkeit, die soundsooft zu erkennen gibt: Dazu haben wir kein Geld – entspringt eine viel größere Ehrlichkeit im Verkehr. In den allermeisten Fällen kann man darauf schwören, daß das sichtbare gesellschaftliche Milieu auch der wirklichen Vermögenslage entspricht – denn es gibt keinen, für den man ein andres vorzutäuschen hätte. Sie leben ihr Leben ohne Anführungsstriche – sie verteilen ihre Ausgaben anders als wir, geben zum Beispiel für die Wohnung prozentual mehr Geld aus – aber das tun alle, und so gleicht sich das aus. Und auch in den Familien findet man hier einen viel natürlicheren Ton als bei uns. Ich spreche nicht von den großen Salons, in denen sehr reiche, sehr bekannte Leute von Welt verkehren – sondern gerade von Frau Machin und Madame Chose. Da ist alles viel natürlicher, viel freier – nicht gespreizt und nicht feierlich oder prätentiös aufgemacht. Es ist eine Stadt der Menschlichkeit. Und man fühlt in Paris nach einiger Zeit, wenn man gemerkt hat, daß einem keiner an den Nerven zerrt, daß alles glatt und angenehm vonstatten geht, daß das Dasein gleitet und nicht hackt – man empfindet, wie einfach im Grunde das Leben ist. Was wollen wir denn alle Großes? Gesundheit; die Mittel, die nötig sind, um in unserer Klasse zu leben; keine übermäßigen menschlichen Katastrophen in der Liebe oder mit den Kindern – schließlich, so erheblich sind unsere Ansprüche gar nicht. Und anfangs empfand ich das Pariser Glück immer als etwas Negatives: keine Nervosität und keine unhöflichen Menschen in der Untergrundbahn und keine endlosen Schwierigkeiten, wenn ich einmal nachts nach Hause fahren wollte, und keine Rempeleien in Lokalen. Heute weiß ich, was es ist: Es ist die einfache, leichte und natürliche Menschlichkeit des Parisers. 1924 »Ah, M...!« »Die Garde stirbt, doch sie ergibt sich nicht«, ist bekanntlich nicht ganz so gesprochen worden. Man findet in Hugos »Les Misérables« die richtige Version: der gute alte General Cambronne, dieser französische Götz von Berlichingen, hat bei Waterloo den Engländern vielmehr ein einziges Wort entgegnet, sein Wort – »ein derbes, aber im Soldatenmunde nicht ungewöhnliches Wort«, wie Büchmann bemerkt. Dieses Wort, das, wie wir aus zuverlässiger Quelle erfahren, in Frankreich auch hier und da von Zivilisten gebraucht werden soll (und das der deutsche Soldat in seiner Sprache nicht minder häufig anwendete) – dieses Wort ist jetzt, ohne daß die Kuppel einstürzte, in der französischen Akademie ernsthaft diskutiert worden. Louis Bertrand, der auf dem Stuhle von Maurice Barrès sitzt, war da, Jean Richepin desgleichen und andere mehr. Ist »Merde« französisch? Darf man's anwenden? Gehört es in das Große Wörterbuch der Akademie? Das sind schwierige Fragen. Nach langen Beratungen ergab sich folgendes Resultat: »Merde« ist ein französisches Wort, aber nur als Substantiv. Als Ausruf, als Antwort, als Urteil – etwa in der Bedeutung: »Ich bin mit der Ansicht des Herrn Vorredners nicht ganz einverstanden!« ist es dagegen nicht zugelassen. Frankreich, das ist ein Fleck auf deinem Wappenschild. Wie? Dafür ist dieses kurze, so kurz malende und prägnante Wort während viereinhalb Jahren in allen Lagen des menschlichen Lebens tausend- und tausendmal gesagt worden? Ein Unbefangener hätte meinen können, die Soldaten beteten zu einem neuen Heiligen, der so hieße. Dazu das Wort geschrien, gebrüllt, herausgelacht, Gegenstände mit ihm zierend versehen, ganze Heeresberichte tadelnd mit dem einen Wort abgetan, es war Substantiv, Adjektiv, Adverb und Interjektion in einem – und nun auf einmal ist alles aus –? Das kann nicht sein. Was, zum Beispiel, o Akademie, soll als Ausruf verwandt werden, wenn unsereins nationale Hetzromane diesseits und jenseits des Rheins zu lesen bekommt? Was, wenn der Steuerbogen kommt? Was, wenn eine telephonische Verbindung nicht kommt? Soll: »O Himmel!« gerufen werden? Oder: »Bei Jupiter!« – Du wirst uns das nicht antun wollen, Akademie. Die französische Sprache büßte eine ihrer Hauptwürzen der feingebildeten Unterhaltung ein, fiele dieser Ausruf. Nur als Substantiv? Nein: es ist ein Hauptwort, unentbehrlich für die Allgemeinheit. Und ich fürchte, die ganze Nation wird diesen Beschluß ihrer Akademie zur Kenntnis nehmen und dann darauf schlicht entgegnen: »Ah, Merde –!« 1926 Ah – ça ...! »Sagen Sie bitte: bei dem gelieferten Kleiderschrank wackelt ein Bein. Das Bein hat vom ersten Tag an gewackelt. Das Modell, das Sie mir gezeigt haben, hat nicht gewackelt. Können Sie mir ein anderes Bein nachliefern?« Deutsche Ablehnung: »Ausgeschlossen. Wir haben den Schrank in einwandfreiem Zustand geliefert – Sie hätten sofort nachprüfen müssen, dann wäre Ihre Reklamation eventuell geprüft worden. Wahrscheinlich haben Sie Mäuse, und die haben das Bein angeknabbert. Oder Ihre Kinder haben damit gespielt. Jedenfalls muß meine Firma die Haftung ablehnen.« »Sagen Sie bitte: bei dem gelieferten Kleiderschrank ...« (wie oben). Französische Ablehnung: »Ah – ça ...!« Bei »Ah« werden die Schultern leicht angehoben, es ist kein Zucken, sondern nur der leichte Ansatz dazu. Bei »ça« ist der Hals eingezogen, die Augenbrauen flattern empor, das Gesicht ist recht nachdenklich. Wenn der Franzose »Ah – ça« sagt, ist der Punkt erreicht, wo gewöhnlich nichts mehr zu machen ist. »Ah – ça« heißt: Force majeure. »Ah – ça« heißt: Auch dem menschlichen Wirken, mein Lieber, sind von den vernünftigen Mächten Schranken gesetzt. Hier ist eine solche. Bescheide dich. Es gibt auch eine pantomimische Abkürzung des »Ah – ça«. Sie besteht darin, daß die Unterlippe ganz leicht vorgezogen wird, die so entstehende Schippe läßt Luft ab. Hals und Schultern wie bei »Ah – ça ...« Auch dieses populäre Pusten bedeutet: Aus. Nichts mehr zu machen. »Ah – ça« ist allemal erreicht, wenn man in Frankreich zum Beispiel auf haarscharf exakte Einhaltung von Bedingungen hält. Das ist des Landes nicht der Brauch. (Übrigens lebt das Land damit weitaus glücklicher als die Korrekten.) »Ah – ça« ist der Stoßseufzer des indirekten Steuerzahlers, auf dem die Gewalten regieren. Er erkennt sie nicht an – jeder Franzose ist Frondeur –, aber er unterwirft sich, solange es nicht lohnt, sich aufzulehnen. Meist lohnt es nicht. So haben auch im Kriege neben den rigorosesten Strafen die Offiziere mit Überredung viel mehr ausgerichtet als mit: »Ich fordere Sie dienstlich auf...« »Ah – ça« ist viel leichter und graziler als die deutsche Ablehnung. Aber man muß Ohren haben zu hören – der französische Mensch reagiert viel feiner, sein Seismograph schlägt bei der leichtesten Erschütterung haargenau aus. Ich habe immer gefunden, daß der Deutsche – ich auch – viel zu grob mit den Franzosen spricht; nicht etwa, daß er sich rüplig benimmt, sondern er ist grob, so wie ein Raster, ein Sieb zu grob ist – man braucht einfach eine Nummer feiner. Sie genügt auch. Ja: die grobe wird gar nicht verstanden. Die Franzosen fühlen auf dreihundert Meter gegen den Wind, daß jemand unzufrieden, entschlossen, unnachgiebig ist – man braucht ihnen das gar nicht erst ausdrücklich mitzuteilen. Es genügt, ganz leise anzuspielen... Ball, Bande, Ball – es kommt an. Und er wird, umgekehrt, genauso reagieren. Sein »Ja« ist kein rocher de bronze, sein »Nein« kein wilder Entrüstungsschrei. Da, wo es nicht mehr weitergeht, sagt er es, aber leise, ohne Geschrei, ohne Anrufung der Gesetzbücher und andrer Polizeiheiligen. »Ah – ça ... je ne veux pas vous le garantir...« Dann weiß man: Es ist aus. »Wir möchten gern eine Republik machen, eine pazifistische, solange wir nicht schießen, eine zurückhaltende, solange wir noch nicht ganz fertig sind; leben Sie doch mit uns in Frieden, solange es uns gefällt; lassen Sie uns doch unsere Würde, die darin besteht, daß wir zu allem ja sagen, was Sie fordern, aber im Innern den Vertragsgegner wüst beschimpfen, wir sind uns das schuldig – bitte, sagen Sie uns: können wir so zusammenleben ...?« »Ah – ça...!« 1925 Die Rue Mouffetard Paris, im Juni Nun, man soll Paris nicht mehr »entdecken« – ich weiß schon. Aber erstens haben wir zehn Jahre blockiert gelebt (wenn sich seit 1914 die Völker besuchten, so taten sie das meist mit der Flinte in der Hand...), und zweitens habe ich etwas Merkwürdiges gefunden. Wenn Sie wieder einmal nach Paris kommen – was ich Ihnen von Herzen wünsche –, so versäumen Sie nicht, es sich auch einmal anzusehen. Da ist also das Pantheon. Eine kalte Sache, vorn mit einem Gitter und vielen zähnefletschenden Amerikanerinnen, die alle nachsehen, ob auch Murray recht hat, ob alles an seinem Platz steht und ob Zola noch da liegt. Und wenn sie das festgestellt haben, dann gehen sie befriedigt wieder ins Hotel. Wie sagt die alte Berliner Posse: »Aber sonst hat's keenen Zweck –!« Das Pantheon also lassen Sie liegen, und hinter dem Pantheon, an der Polytechnischen Hochschule, da fängt eine Straße an, die heißt die Rue Mouffetard. Und in der können Sie einen kleinen Begriff bekommen, wie Paris einmal gewesen ist. Es ist eine ziemlich lange, sehr enge und krummgewundene Straße. Kaum, daß einmal ein Wagen durchfährt – alle Menschen gehen auf dem Damm. Und wieviel Menschen! Es wimmelt von Frauen und Männern und Kindern und Katzen. Da wohnen ganz kleine Leute – Handwerker, Kleideraufkäufer, Althändler, Gott weiß, wo sie da alle wohnen. Da gibt es ein Restaurant, in dem bezahlt man zwei Sous, und dann darf man mit einer mitgebrachten Holzgabel auf gut Glück in einem Kessel umherfischen, in dem die noch einmal aufgekochten Abfälle aus den großen Restaurants schmoren... Eine Art Eßlotterie. Und obgleich es sehr arme Leute sind, die da wohnen, so wirkt doch nichts eigentlich verkommen – es hat alles seinen Schick und seine Ordnung – da sind Schlächterläden und Obstläden und Milch- und Gewürzhandlungen und Kramereien ... Und die Hausfrauen kaufen richtig ein. Welche Häuser! Es sind ein paar alte darunter, auf der Wand von Nr. 9 steht noch eine Inschrift aus dem 17. Jahrhundert – tief in einem Hausflur liegen ein paar alte Grabsteine... und Höfe können Sie da sehen! Bringt sie der Film, so sagt man: »Herr Maler, Sie müssen nicht übertreiben, so etwas hat es wohl einmal gegeben, aber das existiert nicht mehr!« – Doch, das gibt es noch. Höfe, die nur eine Art Lichtschacht sind, mit Wäschestücken, an Stricken aufgehängt, mit Gebälk und Latten und verrostetem Eisen und nassen, schlüpfrigen Wänden, mit Kindern und Katzen, Katzen und Kindern. Die Menschen schlafen da in den unwahrscheinlichsten Verschlägen – was sehr romantisch aussieht, wenn man nur vorbeigeht und nicht selbst da schlafen muß – und, übrigens, von Apachen gibt es nichts zu sehen. (Das ist auch so eine Unsitte der Durchreisenden, daß sie gleich auf dem Bahnhof diese vier Dinge haben wollen: Apachen, Mongmarta, Muhläng Rusch und eine Maitresse. Auf dem Bahnhof.) Viele Häuser sind sehr alt – und was vor allem diese Straße so anziehend macht, das ist ihr fast südliches, bewegtes und ganz und gar ungezwungenes Straßenleben, wie man es sonst hier eigentlich nicht überall sieht. Das Ganze wirkt schon ein kleines bißchen »interessant« – nicht etwa, daß sich die Leute so vorkämen, die bewegen sich wie immer, bummeln da entlang, handeln, feilschen, arbeiten und schwatzen ... Nein, aber wenn man aus der Straße herauskommt – oben bei der Kirche St-Medard, wo sich einstmals die jansenistischen Verzückten in hysterischen Gebeten wälzten –, wenn man da oben herauskommt, dann sieht man die Avenue des Gobelins herunter, und da ist wieder das normale Ansichtskarten-Paris, mit den breiten Straßen, bäumebepflanzt, den elektrischen Bahnen ... Und man guckt sich erstaunt um, wo man denn eben gewesen ist. Da ist noch der enge Eingang zur Rue Mouffetard, und hier ist alles freigelegt, hier sind moderne Häuser mit Radioantennen drauf... Was war das –? Was das war –? Ein Stück altes Paris. 1924 Place des Vosges Viereckig liegt der Platz. Die Bäume, Gitter und Häuser rings sehn mich quadratisch an, und in der Mitte trabt ein Marmorritter, ein unbeschreiblich kaiserlicher Mann. Ich sitz und knack an Papageiennüssen und bin schon bis zur dreißigsten gediehn – da hab ich plötzlich daran denken müssen: Was macht wohl jetzt, im Augenblick, Berlin? Vor Josty staut sich hier und da ein Wagen. Ein Dicker kauft ein Acht-Uhr-Abendblatt (um Viertel sechs) – zwei dünne Kellner tragen das Eis, das Jeder zu verzehren hat. Und in der Untergrundbahn Kellerräumen ruft Einer: »Wolln Sie nich den Korb wechziehn?« »Sie Lümmel!« hallt es noch in meinen Träumen ... Was macht wohl jetzt, im Augenblick, Berlin? Kaufleute schuften. Alle Uhren treiben. Und alle Welt hat Dienst. Kein Mensch flaniert. Ein Redakteur darf einen Aufsatz schreiben auf Poincaré, der doch nicht inseriert. Die Damen gehen shopping voller Eile und wackeln emsig mit dem Hinterteile ... Auch dieser Platz war einmal ohne Tadel; hier wohnte früher guter, alter Adel. Jetzt kümmert sich kein feiner Mann um ihn. Vielleicht aus Neugier jener oder dieser... Ich, aber denk als alter Spree-Pariser: Wie lieb ich dich! Von weitem. Mein Berlin –! 1924 Das verzauberte Paris Im August ist Paris die zweithäßlichste Stadt der Welt: staubig, heiß, stickig, grau und reizlos. Auf den Boulevards kann man manchmal auch einen Franzosen sehen – der ist dann aus Algier und sieht auch so aus. Die Original-Franzosen sind in Trou-sur-Mer und werden dort mit Flintenschüssen empfangen. »Nepp« heißt: le coup de fusil – es gibt in Paris an der Kirche Saint-Philippe-du-Roule ein Restaurant, das gleich schießt. Und in diesem Sommer hat's immerzu geregnet, immerzu, und dazwischen war es heiß, und hochmütig sahen die gerippten Flächen der geschlossenen Fensterläden auf uns herunter, die wir im Staube krochen... Auf einmal war alles ganz anders. Heute ist Mari[:a] Himmelfahrt, und über Nacht ist der Herbst gekommen. Ah, noch nicht der mit den gefärbten Blättern und den jagenden Wolken und den Windstößen an der Ecke – wir sind ja erst im August. Aber es gibt einen Anfang des Herbstes, den spürt man in der Luft; es hat da so einen kleinen Ruck gegeben – »knack« hat es in der Natur gemacht, und nun ist auf einmal kein Sommer mehr, nun ist da etwas Neues. Die Luft steht still. Die Bäume stehen still und rühren sich nicht in der milden, schon eine Spur herben Sonne. Sie warten. Alles wartet auf etwas. Die Schatten im Laub sind dunkler, die Schatten in den Mauerwinkeln, wo die Spatzen wohnen, sind schwärzer, das Licht goldener, die Luft blauer, härter, klarer. Es beginnen die Spätsommertage, jene Tage, die man festhalten möchte, und bei denen man nicht genau weiß, wo der Sommer aufhört und der Herbst beginnt... Schon ...? Schon. So ein Tag ist das also heute. Paris ist leer. Seit Sonnabend mittag sind nun selbst die ausgeflogen, die nicht an die See, nicht ins Gebirge gereist sind; sie haben den halben Sonnabend, den ganzen Sonntag und den ganzen Montag, der ein Feiertag ist. Paris ist leer. Paris ist verzaubert. Man kann die großen Boulevards hinuntergehen; da sind noch einige Menschen, auch noch Wagen ... Aber die langen Avenuen meiner Lieblingsviertel sind leergeblasen – man kann sich durch das Siebente träumen und durch das Achte – man kann auf dem Fahrdamm stehenbleiben und einer Katze zusehen, die hochmütig an der Tür sitzt, eine Concierge auch sie – aber sie zeigt viel weniger Interesse für ihre Mieter als die geschäftige Frau, die in jedes Pariser Haus diesen Schuß von Kleinerleuteluft, Klatsch, Gemüsekram und Polizeispitzelei hineinträgt... Guten Tag, Katze. Hört nicht. Leer ist Paris. Die Stadt sieht straßenweise aus wie die alten Aufnahmen aus dem Kaiserpanorama unserer Jugendzeit, vor denen man sich immer gefragt hat, wann in aller Welt sie denn wohl aufgenommen sein mögen. Gibt es so leere Straßen –? Es gibt sie – und nicht nur um sieben Uhr morgens – nein, jetzt, am hellichten Tage, mittags um zwölf Uhr ist es hier fast überall wie auf dem Dorf. Da gehen Frauen einkaufen, und sauber gewaschene Paare tragen neue Handschuhe und unwahrscheinliche Halbschuhe spazieren, und alle jungen Männer haben viel zu hohe Kragen, und sie sind sehr glücklich. Unter der Erde, in der Métro – kein Mensch. Leer rollen die Wagen dahin, fast unnütz. Viele Läden haben geöffnet, die nämlich, in denen man sich etwas zu essen kaufen kann. Und Zeitungen kann man kaufen – aber es kauft sie fast niemand. Daudet hat gut Artikel aus Belgien schreiben – zur Zeit langweilt er sich und also uns mit schönen Primaneraufsätzen über die französische Romantik ... Man fühlt ordentlich, wie das linke Auge des Schreibenden nach Paris schielt, nach Paris, wohin er zur Zeit nicht zurück kann. Es dürfte das eine kleine Dummheit gewesen sein, Herr. Die Leute haben ja nicht schlecht gelacht, als er aus dem Untersuchungsgefängnis, der »Santé«, von seinen Freunden befreit wurde (»A votre Santé!« war noch das mindeste –), und an Orten, die ich gar nicht nennen kann, steht angeschrieben: »As-tu vu Daudet?« Haben Sie nicht den kleinen ... Nein, wir haben ihn nicht gesehen. Apfelblau ist Paris, und von einer reinlichen, ganz leichten Herbstluft durchflossen. Ob die Luft so gut ist, weil alle Politiker in den Ferien sind –? Der »Matin« hat sie abgebildert – man kann sie da hängen sehen –, und es sieht nicht schön aus. Politiker im hellen Sonnenlicht – das erinnert immer an das, was unter einem Stein kriecht, den man plötzlich hochhebt... Und oben stehen die Setzmaschinen des »Matin«, und da wird nun alles gesetzt – nichts verschweigen und nichts hinzusetzen, die reine Wahrheit... ach, du lieber Gott! Ich entdecke ganz neue Sachen, die ich noch niemals gesehen habe – bisher stand sich die Stadt immer selbst im Wege. Ich gehe umher, neugierig, beklommen, es ist fast ein bißchen unheimlich. Sind Sie einmal als Junge während der Ferien im Schulgebäude gewesen? So etwas ist es. Alles wartet. Es ist eine Atempause. Über ein Kleines. Und die Lavaströme der Zurückgekehrten werden sich aus den Bahnhöfen in die Straßen ergießen, alle Minister und andere Leute vom Theater werden wieder da sein, die Zeitungen werden wieder lebhafter, niemand ist mehr »i. V.«, und dann wird Paris regnerisch-grau werden, angefüllt mit silbrigem Nebel, Musik, leuchtenden Festen, gelben Lichtern und aufgeregten Tänzen in den Couloirs des Parlaments. 1927 Das falsche Plakat von Paris »Etrangers qui venez ici, on ne vous montre pas Paris. On vous traine dans une foire . . .« Kabarett-Gedicht. Neulich, unterhielt ich mich mit einem Ungarn, der, verheiratet und wilder Entschlüsse voll, zum zwanzigsten Male nach Paris gekommen war. Er sagte: »Nicht wahr? Sie bummeln hier gewiß Tag und Nacht?« Ich sah ihn an. Und dachte an eine Szene in einer Pariser Revue, wo ein Bureauchef seine »Dactyla« auf den Knien hielt: im seidenen Höschen, mit Wuschelkopf und langen seidenen Strümpfen ... So stellt sich die Welt immer noch Paris vor. Jeder sagt: Ich nicht. Aber die Reisenden, die nur zu Prunier gehen, und die, die nach zwei Tagen erklären: »Bei Prunier kann man nicht essen – da gehen ja nur Fremde hin!« – scheinen mir beide in einem großen Irrtum befangen. Denn einerseits ist Paris nun einmal eine Gaststadt für die Welt, es bietet eine Menge Dinge, die für die Fremden und zum Vergnügen der Fremden gemacht sind, und die man ruhig kennenlernen soll, weil auch die Aufmachung dieser Industrie interessant genug ist – und andererseits sollte man ja nicht denken, daß hinter diesem Fremdenrummel nun andere, nur noch unerhörtere, ganz verschwiegene Genüsse für die Einheimischen und Kenner verborgen liegen. Das Wort von: »Paris, der größten Provinzstadt der Welt«, enthält eine tiefe Wahrheit. »Mais vous ignorez Paris!« sagt das kleine Kabarettlied, das da oben zitiert ist, und zählt dann auf, was es hier noch alles gibt: die einfachen kleinen Leute und das Leben in den Vororten am Sonntag – die Schilderung ist ein bißchen sentimental, voll jener Sentimentalität, die es überall gibt (Vorort: Wien) – und an der doch viel echte Heimatliebe hängt. Paris ist, wenn man genau hinsieht, unter anderm auch eine große kleine Stadt. Unter anderm. Denn man darf ja nicht vergessen, welche großen geistigen Bewegungen hier ihren Anfang genommen haben. Seit der Revolution hat man hier vielerlei ausgeheckt, das nachher Europa auf dem einen oder dem andern Gebiet umgestülpt hat: Impressionismus und Naturalismus und Moden und vieles andere noch. Aber Paris bleibt davon unberührt – Paris ändert sich nicht, und man nimmt diese Neuerungen hier wohl freundlichst zur Kenntnis – aber dann bleibt wieder alles beim alten. Auch gehen diese geistigen Bewegungen nicht so stoßweise und ruckend vor sich wie bei uns. Immer ist die Linie gewahrt, Frankreich macht keine Hopser – und wenn es wirklich einmal einen großen Ausbruch gibt, dann kann man darauf schwören, daß dahinter eine sehr langsame, sehr sorgfältige geistige Vorbereitung gesteckt hat. Das Plakat, das sich alle fünf Erdteile von dieser Stadt zurechtgemacht haben, kennt der Franzose genau und duldet es, gutmütig lächelnd. In Unruhs »Franz Ferdinand, Prinz von Preußen«, sagt eine Hofdame zum Jungen: »Komm mit. Du kennst Paris nicht – da laufen die Leute nackt herum!« – Denn auf Paris hat sich die sexuelle, erotische und modische Sehnsucht von Kontinenten konzentriert, und alles, was das enge Zuhause nicht duldet oder nicht zur vollen Entfaltung kommen läßt, wird, im Wunschtraum, hierher verpflanzt. Und dann muß man die Wirklichkeit sehen –! Ich kann es den geradezu lächerlichen Ausstreuungen kenntnisloser Nationaler gegenüber nicht oft genug wiederholen: es gibt wohl kaum ein arbeitsameres Volk als die Franzosen. Ob man ihnen in allen ihren Methoden zustimmen kann, ob sie als Kaufleute in allen Punkten hieb- und stichfest sind, das zu beurteilen getraue ich mich nach ein paar Monaten Aufenthalt nicht. (»Die Einwohner dieser Stadt haben rote Haare und stottern.«) Aber sicherlich gibt es kein bürgerlicheres Volk als die Franzosen, und Paris macht da keine Ausnahme. Der ungeheure Strom der Fremden passiert, wird aufgenommen und ändert nichts. Man müßte glauben, die ganze Stadt sei ein einziger Jahrmarkt, damit nur ja die lieben Fremden zufrieden sind. Davon kann keine Rede sein. In den Vierteln, die nicht gerade von den großen Boulevards durchschnitten werden, spielt der Fremde nur in einzelnen Enklaven eine Rolle: die Skandinavier im Montparnasse, die Juden in manchen Zentrumsvierteln, die Deutschen sind meist um die Oper herum aufhältlich, viele kleine Amerikaner auf der rive gauche ... der Rest beherbergt wohl Fremde, läßt sich aber nirgends von ihnen grundlegend beeinflussen. Und so ist das oberflächliche Bild, das der Fremde von Paris empfängt, nicht einfach als falsch zu bezeichnen – aber es ist unvollständig. Und meistens macht er sich von dem dahinterliegenden eine unrichtige Vorstellung. Eine gewisse Sorte Deutscher hat sich ja nun noch ein Spezialplakat geschaffen. Die »Vossische Zeitung« hat erst neulich das Bild von den Franzosen kopiert, das der General von Liebert sich und andern ausgemalt hat: »Die Franzosen sind an sich keine kriegerische Nation, sie sind der Masse nach friedliche Philister, ruhige Landwirte, die ihr Domino und Ecarté spielen und ihren Absynth dazu trinken wollen.« Nun gibt es in Frankreich ganz wenig Absynth, und der Rentier trinkt ihn nicht und hat ihn nie getrunken. Aber auf dem Niveau der Weltbildung stehen ungefähr alle nationalen Schilderungen, und dieser General, der während des Krieges seinen Aufenthalt in fremden Ländern bedauerlicherweise nicht dazu benutzt hat, seine Kenntnisse zu erweitern, scheint nicht zu wissen, daß es auch kriegerische Philister gibt. Die heute noch ihren Anhängern – so was hat Anhänger – erzählen, die Franzosen seien dekadent. Wohl ungefähr das Törichtste, was man überhaupt über dieses Volk sagen kann. Ihre Literatur von vor dreißig Jahren (die durch nichts aus manchen deutschen Köpfen zu verwischen ist), hat solche Elemente enthalten – sie sind so gesund, daß sie sich das leisten konnten. Alles, was hier heute geschrieben wird, ist meilenweit von diesen Dingen entfernt – man »trägt« hier kein Kokain mehr, und wenn man weiß, daß es auch andere Kraftäußerungen gibt als den schwellenden Biceps, dann erkennt man, daß auch dieses Volk gesund und ganz unausgehöhlt ist. Strammheit kann häufig Schwäche verbergen. Jede Nation hat sich immer und überall auf der Welt von den andern ein vereinfachendes Plakatbild gemacht, das meist so vergröbert ist, daß es überhaupt nicht mehr stimmt (und es gibt nur einen Fall, Herr General, wo die Karikatur milder ist als das Urbild). Engländer haben Backenbart und karierte Hosen; die Amerikaner legen die Beine auf den Tisch, Deutsche essen Sauerkraut – immer, in allen Lebenslagen – und die Franzosen? Die haben's mit den Weibern – man weiß das ja! –, trinken Champagner und sind leichtfertige Windhunde. Es ist wie mit den Kinoplakaten. Draußen jagt ein wilder Reiter, quer über seinem Pferd hängt eine nackte Frau, ihr Haar schleift am Boden, und eine Horde tobsüchtig gewordener Sioux-Indianer rast dem kühnen Retter nach. Im Hintergrund loht der Horizont in Flammen. Kommt man aber hinein, dann hopst da ein mageres Pferdchen über einen Graben, unweit Wannsee, die Dame ist durchaus bekleidet, und der Cowboy heißt Harry Piel. Man sollte jedem Deutschen noch fünfhundert Mark dazugeben, damit er ins Ausland reisen kann. Er würde sich manche Plakatanschauung abgewöhnen – wenn er vorurteilslos genug ist, die Augen aufzumachen. Der 14. Juli Eine Stadt, die tanzt –! Eine ganze Stadt, die tanzt –! Nun ganz so happig ist es damit nicht. Die Elektrischen tanzen nicht, die Untergrundbahn fährt und ist denn doch so voll, daß es – Zeichen und Wunder! – ganz kleine Ansätze von Krachs gibt, lange Straßenzüge liegen leer und undurchrummelt. Aber man darf doch sagen, daß ganz Paris auf den Beinen ist. Die Nachricht von der Erstürmung der Bastille, deren sich ältere Abonnenten noch aus dem Jahrgang 1789 der »Vossischen Zeitung« entsinnen, wird in Paris alle Jahre einmal aktuell. Dieses Mal gab es richtige kleine Sommerferien: Sonnabend, den 11., fing die semaine anglaise an, Sonntag war Sonntag, und weil Dienstag der Nationalfeiertag war, so bildete Montag einen »pont«, der für viele Berufe ein freier Tag war. Und Mittwoch ... es gibt auch blaue Mittwoche. Vier Tage, vier freie Tage! – Eine Völkerwanderung in die Umgebung begann, hier hat fast jeder ein Häuschen, ein Grundstückchen, eine Holzhütte – und wenn nicht er sie hat, so gibt es jemand in der Familie, der Eigentümer ist. Und auch draußen die kleinen Kommunen hatten ihr Feuerwerk, ihre Illumination, ihr Clairon- oder Harmonika-Orchester ... Das Zentrum der Feier aber war Paris. Sonnabend abend schon fing es an. Da waren an vielen Ecken Tanzplätze frei gemacht oder ganz einfach improvisiert, die Kapellen saßen in Holzpavillons oder in den Cafés oder auf der Straße. Nun löst sich alles in Paris in Quartiers auf, Generalparolen sind selten, und wenn man sie gibt, werden sie kaum befolgt. Der Franzose ist ein Frondeur. Und die Quartiere sind untereinander verschieden wie Kleinstädte. Im vierzehnten tanzen die Fabrikarbeiter und ihre Mädchen, im dreizehnten ganz kleine Leute, Handlanger und Krämer, in einem Teil des fünften Provinzler, sie tanzen ihre heimischen Tänze, in Tracht und nach ihrer Musik, im zwanzigsten eine brodelnde Kleinbürgerlichkeit, im achtzehnten allerhand Straßenhändler und auch Leute mit dunkler Hautfarbe. Im sechzehnten tanzen die Mädchen der feinen Leute, im siebenten sind viele Fensterläden heruntergelassen, die Herrschaft ist auf dem Land, am Strand, in den Bergen... adlige Damen und pensionierte Herren tanzen selten auf der Straße. In der Rue Montagne-Sainte-Geneviève tanzen sie. Es sind Leute darunter, die nicht übermäßig vertrauenerweckend aussehen, aber es geht – wie überall – sehr anständig zu. Wer hier »Romantik« erwartet, wäre heftig enttäuscht. Nichts verkehrter, als die Pariser für einen Haufen romantisch zappelnder, ungebärdig lärmender und schießender Kinder zu halten. Ein tiefer Zug von Bürgerlichkeit geht durch diese Stadt, bis hinunter in die tiefsten Schichten. Und noch ein anderer Zug: der von Fröhlichkeit. Da haben sie nun die Fahrpreise erhöht, und das Gas, das Wasser, das Licht, die Posttarife... die Arbeiter, deren Gehälter noch nicht mitgehen, merken das. Aber niemand ist verzweifelt, das Gleichgewicht ist überall da, die Freude, am Leben zu sein und diese Spanne, die gegeben ist, auszunutzen. Diese kleinen Volksfeste da bestehen äußerlich in nichts weiter als in ein bißchen Musik, ein paar Glas Wein (man sieht sehr wenig Betrunkene), Tanz und eben jener Atmosphäre, die nicht zu exportieren ist. Sie erinnert etwa an die Luft mittlerer deutscher Kurorte vor dem Kriege, wenn abends Réunion war: durchaus nicht der ganze Ort nahm daran teil, friedlich schlenderte man durch die halbdunkeln Straßen, aus einem Saal klang Tanzmusik, das berührte aber keinen sehr, es war eine große, stille, ruheliebende Gemeinschaft. So gehen hier feiertags die Leute herum. Und alle, ohne Ausnahme, bis zum letzten Bettler herunter, sind nicht unglücklich. Das ist die Grundstimmung. Paris tanzt also. Befreit tanzen die jungen Gymnasiasten, die »distribution des prix« ist vorüber, jene feierliche Schulhandlung zum Schluß des Semesters, wo irgendein Abgeordneter, ein Minister, ein politischer Beamter eine Rede redet. (So sprachen der ehemalige Unterrichtsminister François-Albert und Herr Herriot; beim Vortrag dieses mußten erst ein paar reaktionäre Lärmmacher an die frische Luft gesetzt werden.) Um die kleinen Orchesterchen drehen sich die Paare (hier wird nicht so gut wie in Berlin, aber vergnügter getanzt, unsachlich, freundliche Dilettanten) – die halbe Straße guckt vergnügt zu. Es tanzen die Feuerwehrleute auf ihrem Hof in der Nähe der Place de la Nation, man kann hereinspazieren und zusehen, es tanzen Soldaten, Ladenmädchen, Bäckerfrauen und – auf dem Montparnasse – Schweden, Norweger, Polen und Amerikaner aller Couleuren. Nach den Vorstädten zu werden die Damenbeine krummer, die Farben bunter, die Eleganz ist – wenn es welche gibt – aus zweiter Hand. In Montrouge begießen die alten Laubenkolonisten friedlich ihren Kohl und s'en fichent um den vierzehnten Juli, auf Gartenplätzen drehen andere auch hier ein Tänzchen. Im Viertel von La Villette spielen die Musiker: »On fait une petite bellote«, den Schlager der Mistinguett, einen Java, den sich die Leute zum gemütlichen Walzer gemodelt haben, und alle Fenster sind besetzt: im ersten Stock viele Kinderköpfe, im zweiten ein hemdärmeliger Mann, der die kräftigen Unterarme auf das kleine Eisengitter stützt, im dritten eine dicke Frau mit ungemachten Haaren. Die Champs-Elysées brodeln. Der »Cours de Flambeau« ist eben vorüber: schweißtriefend, eine Fackel in der Hand, ist der siegreiche Läufer einpassiert; die Staffeln sind in der Nacht von Verdun aufgebrochen, wo ein Kriegsverletzter ihnen die Fackeln angezündet hat, nun bringen sie das Feuer, von Staffel zu Staffel, über die zweihundertvierzig Kilometer nach Paris, zum Grab des unbekannten Soldaten. Die lange Prachtstraße herauf rast der Sieger, hinter ihm, zweihundert Meter hinter ihm, der Zweite. Feuer? Neues Feuer zum alten? Hoffentlich nur eine Erinnerung. Da gehen sie spazieren. Alte Herren, mit einem steifen Hütchen und selbstverständlich – einem Bändchen im Knopfloch, man vermißt die Jahreszahl an ihnen: 1890; kleine verschmierte Kinder, die Blumen verkaufen; Mehlwürmer mit kleinen Täschchen und blitzenden Blicken; Fremde; Pariser Kleinbürger; langsam wandelnde Ehepaare. Manche stehen um ein Kasperletheater herum, und da, am Straßenrand, paukt ein Mann auf einer Trommel, ganz allein auf einer Trommel ohne Orchester. Der Mann hat nur einen Arm, am Stumpf des andern ist ein Schlegel angebunden und der trommelt nun, unermüdlich, auf das Kalbfell, welch ein herzerweckendes Symbol! Am Etoile stauen sich die Menschen. Abends flammt die Stadt auf. In der Ausstellung strömt es hin und her, Lichter spiegeln sich im Wasser, ein Feuerwerk steigt auf, noch eines, noch eines, Scheinwerfer spielen. Oben, vom Montmartre aus gesehen, erscheint der riesige Häuserhaufen wie in Zauberlichter getaucht: Brennpunkte, Flammen, weiße Lichtbögen, Flammenstraßen... Vor dem Parlament zittern die Flämmchen der Gasillumination: »R.F.« – der Wind spielt in den Emblemen der französischen Republik. Sogar der Eiffelturm leuchtet auf, und weil man seine Stahlkonturen nicht sieht, so stehen die Lichter auf dem Hintergrund der schwarzen Nacht. Ein ganzes Volk ist fröhlich und guter Dinge, quandmême. Und alle Leute sind nett zueinander, nirgends ein böses Wort, fast nirgends Spektakel. Nie auch nur die leiseste Bewegung gegen die Fremden, niemals ein auch nur passiver Widerstand gegen deutsche Laute. Das interessiert sie gar nicht. Sie wollen in Frieden leben. Die Feier des vierzehnten Juli in Paris ist nicht militaristisch, nicht imperialistisch, nicht ruhmredig. Zu Feiertagen darf man Nationen etwas wünschen. Ich für mein Teil wünsche dem französischen Volk Frieden mit Deutschland, Frieden, Zusammenarbeit und Verständigung. 1925 Ausflug nach Robinson Über die Stadt Paris kann man dreihunderterlei Meinungen haben – über ihre Umgebung nur eine. Sie ist bezaubernd, und doppelt bezaubernd, weil sie gar nicht von der Nähe der Großstadt angeknabbert ist. Eine halbe Stunde von Paris ist man wirklich tief im Lande, auf dem Lande. Dabei macht der Pariser, soweit ich das übersehen kann, nicht so übermäßigen Gebrauch von seiner Umgebung. Ausgenommen, unter anderm, Robinson. Das ist eine grüne Laube voller Fröhlichkeit. Wenn man nun diese echte französische Fröhlichkeit kennenlernen will, dann muß man nicht nachmittags um fünf Uhr ins »Klärridsch« gehen, wo brasilianische Rastas und Mr. Benjamin aus Chicago ein Tänzchen wagen, sondern man muß den französischen Kleinbürger, zu dem auch der Arbeiter gehört, da aufsuchen, wo er sich amüsiert. Zum Beispiel in Robinson. Robinson liegt ein halbes Stündchen von Sceaux, man fährt von der Gare du Luxembourg mit einer Bahn hinaus, die zu stolz ist, zu bimmeln. Sie sollte es aber doch tun – denn sie repräsentiert die alte Zeit, im Gegensatz zur neuen, die die Métro nun auch bis hierher legen will. Robinson hat einen hohen Ruf, zirka zwanzig Meter hoch: das sind seine Bäume, auf denen man Kaffee trinken kann. Da sind oben auf dicht belaubten Kastanien kleine Altane und Nester gebaut (was sich gefährlicher anhört als es ist) – und man klettert hinauf, läßt das Essen in Körben emporgleiten und sieht in das schöne Tal von Bièvre. Die Gegend ist leicht gewellt, überall stehen kleine Häusergruppen, rotbedachte Häuschen, auch hier und da eine Fabrik. An diesem Sonntag war die Luft ganz zart, ein feiner Dunst lag auf der Landschaft, wie ein warmer Hauch. Dabei war es kalt, man sah seinen Atem. Und man hatte den Eindruck, an einem frischen Vorfrühlingstag an Kulissen vorbeizugehen, an Kulissen des Sommers. Da ziehen die Pariser Bürger, Mann, Frau und Kind, manchmal Kinder. Alle sind sehr gesittet, artig – man hört nie ein ungezogenes Wort, nie einen Zank. Und vergnügt sind die Leute –! Wegen gar nichts, versteht sich: im Freien sind kleine Tanzplätze, überall klingelt, bumbert und miaut eine Jazz-Band, die sich merkwürdigerweise unter freiem Himmel gut macht. Die kleinen Mädchen tanzen, selig; manche werden von »Ihm« in einem kleinen Motorrad spazieren geführt (mit Badewanne – hinten drauf sitzt keine), die Kinder und die Erwachsenen haben Papiermützen auf, so, wie man sie früher aus Knallbonbons zog, und sie blasen auf Pappschalmeien – aber es ist kein Bockbierfest. Die Lustigkeit ist viel leichter, viel gewichtloser. »Hier können Familien Kaffee kochen« – gibt es nicht. Aber dafür steht doch an den kleinen Cafés: »On reçoit les clients avec leurs provisions«, was also schließen läßt, daß man da seine mitgebrachten Stullen zu dem hellen Wein verzehren darf. Aber Stullen gibt es ja auch nicht! Man hat's mitunter schwer, die Kulturen zu vermitteln... Viele essen Papageiennüsse (cacahuettes genannt), viele gehen engumschlungen; französische Liebespaare benehmen sich in der Öffentlichkeit viel ungenierter als die unsern, aber auch viel harmloser. Einer probiert an einer Verkaufsbude alle Blasinstrumente durch – guten Appetit für den nächsten! –, in einem Häuschen gibt es auch eine Schießbude. Aber die Schußbahn ist umsäumt von blühenden Rosensträuchern. (»Na, hörn Se ma – dann ist es doch aber keine richtige Schußbahn!« – Nein, dann ist es wohl keine richtige.) Kinder reiten auf Eseln, auf Papas – alle Lauben sind besetzt, von Schmausenden. Es sind Sonntagspreise, das ist wahr – aber wie sauber ist alles, wie höflich sind Kellner und Wirte noch in dem kleinsten Lokal, und ich muß an das in schlechtem Fett gebratene Schnitzel und an die Weinterrassen meiner Heimat denken... Alle Welt ist ehrlich vergnügt, nirgends sieht man das Gesicht von einem, der auszog, das Amüsieren zu lernen. Wie nett und fröhlich ist dieses Land –! An den Augen des Besuchers liegt's nicht. Das Wetter war nicht sehr sommerlich, ich war ganz allein, Freundin und Auto hatte ich für diesen Tag ausgeliehen – und doch empfand ich: es gibt bei uns nichts dieser leichten Fröhlichkeit Vergleichbares. Ein Automobil braust vorüber, aber der Gegensatz zu den Insassen und den Fußgängern ist nicht hart – die da drin verachten die da draußen nicht, und diese fühlen sich nicht gedemütigt, weil sie zu Fuß gehen. Ein anderes kommt angehupt – mit Mädchen und jungen Leuten im Rokoko-Kostüm – auf dem Montmartre war an diesem Sonntag Wettrennen im Langsamfahren – vielleicht waren sie da. Ein Grammophon singt das Lied von der »Schönen Señorita«, den Nationalgesang aller Pariser Revuen, den Raquel Mellèr aufgebracht hat, eine Spanierin, sagt sie... Und ich fahre wieder nach Hause. (Denn so zu Hause habe ich mich in Berlin nie gefühlt.) Das kleine Coupé erster Klasse, das ich in einem Anfall von Größenwahn besteige, sieht sauber aus, auf den Kissen liegen die gehäkelten weißen Sofaschoner. Es mufft wie in einem Dorfzimmer, das lange bei verschlossenen Fenstern gestanden hat – es riecht nach Sonne, Staub und altem Holz. Ich lasse die Fenster herunter. Von draußen klingen die Stimmen der Singenden, im Zug singen sie – es ist, als ob das ganze Land singt. Und ich bin so neidisch – Sie werden das verstehen –, neidisch auf die Heimat der ändern, denen es gut geht und die nicht nur den Krieg gewonnen, sondern auch ihre Seele nicht verloren haben. 1924 Pariser Gedenktafeln In Paris haben sie beinah am selben Tag zwei Gedenktafeln an zwei Häusern eingeweiht: eine für den großen Zeichner und Maler Honoré Daumier und eine für den Liedersänger der neunziger Jahre: Aristide Bruant. Jedesmal waren da Vertreter der Gemeinde der Stadt Paris, das wenigstens sehr oft so tut, als ob... wenn seine besten Söhne gefeiert werden, und jedesmal wurden diese braven und typischen Reden geschwungen, die wir auswendig wissen. Es ist das aber beide Male nicht so komisch, wie es auf Anhieb aussieht. Daumier war ein Gigant; nach Goya wohl das Größte, was satirische Zeichenkunst des letzten Jahrhunderts aufzuweisen hat – er, der erblindet nach dem Kriege von siebzig starb, war nicht schlecht gegen das angelaufen, was man »Gesellschaft« nennt – aber er hat es nie parteipolitisch getan, sondern stets von einer Jahrhundertwarte herab, die ihm die Möglichkeit gab, das zu sehen, was an allen Epochen komisch gewesen ist und klein. Seine Zeit hat ihn anerkannt und bekämpft, und die Vorväter der Feiertagsredner von heute sind wohl nicht sehr gut auf ihn zu sprechen gewesen. Bruant hat mit leichter Pose eine soziale Empörung herausgesungen, die ihm viel Geld eingebracht hat, was nicht gegen ihre Echtheit sprechen muß – nur ist diese Empörung weit vom Klassenkampf entfernt gewesen. Was da in den ersten Montmartre-Kabaretts ausklang, war noch echt (im Gegensatz zu heute) – und ein paar der Lieder werden für die nächsten Jahre bleiben – alle Franzosen kennen und lieben sie. Geändert hat sich das »Argot«, der Straßendialekt der Pariser, geändert Anschauung und Arbeitsverdienst, sozialer Kampf und Arbeitsmethoden – geblieben aber ist das Streben der Großstädter nach Freiheit und Licht. Ja, und nun haben beide ihre Gedenktafeln bekommen. »In diesem Hause lebte...« Die kleine Feier wird bald vorüber sein, die offiziellen Redner sind in ihr Auto gestiegen oder in die Untergrundbahn, die Eingeladenen und die Neugierigen, die die Ansammlung für das Straßenparkett einer Rauferei gehalten haben, haben sich zerstreut, und nun hängen da die Tafeln. Niemand sieht sie mehr an. Grau und unscheinbar werden sie vom Regen und Wetter – nur die Kenner der Stadt bleiben vielleicht eines Tages vor dem Hause stehen und kontrollieren, ob dies auch das richtige Haus ist, in dem... und dann wird das alles vergessen. Bleiben werden die kleinen Lieder und die großen Blätter der beiden: zweier Franzosen, die aufrührerisch gewesen sind und die doch von Bürgern gefeiert werden dürfen, weil tief in jedem Franzosen – auch in seinen Revolutionären – ein arbeitender Bürger schlummert. 1929 Dank an Frankreich »Ich vermisse von Ihnen noch immer den hemmungslosen und kritiklosen, tiefen und erlösenden Aufschrei über das unendliche Glück, in Frankreich leben zu dürfen.« Aus einem Freundesbrief Der lange D-Zug-Wagen schaukelt sanft von der Gare d'Austerlitz bis zur Gare d'Orsay. Ohne Ruck hält er. Das weiße Deckchen auf dem Polster ist verrutscht, ich streiche es sorgsam glatt. Und steige aus. Da rollt und flimmert Paris. Die kleinen roten Lampen an den Autos glitzern wie funkelnde Rubine, die Hupen gellen, hinterher seufzen sie so sonderbar erschöpft auf; der kleine Nebenton sagt: Guten Tag! – Guten Tag, sage ich. Und da gehe ich ganz allein über die Brücken der Seine und sehe, wie die Ausstellung noch immer illuminiert ist, und wie der Concorde-Platz im bleichen Licht daliegt, auf ihm die Inselchen der rollenden Wagen ... Guten Tag. Und jetzt, wo niemand es hört, bewegen sich ganz leise meine Lippen, eine warme Welle schießt mir zum Herzen auf, und ich sage: Dank. Dank, daß ich in dir leben darf, Frankreich. Du bist nicht meine Heimat, und ich bin kein alter Franzose, der auf einmal kein Deutsch versteht. Ich habe deine Kinderverse nicht auswendig im Kopf, ich muß mir erst vieles übertragen – nicht bei dir habe ich Männerchen auf die Zäune gemalt und eine lange ungehörige Zeichnung auf das Häuschen an der Ecke. Nicht bei dir bin ich verliebt durch die Straßen gelaufen, mit einem kleinen Brief in der Brusttasche und einem großen Schauder über den Rücken ... Keine Ecke sagt: hier bist du einmal ... kein Haus sagt: hier oben hat sie einmal ... Und doch bin ich bei dir zu Hause. Du warst gastlich vom ersten Tage an. Du hast niemals den Fremden verspottet, wenn er Vokabeln, Bräuche, Stadtviertel verwechselte. Du hast dich nie gespreizt, aber du hast dich nie versagt. Wer dich zu suchen ausgeht, kann dich finden. Du siehst von außen mitunter besser aus als du bist – in einer Parfümfabrik riecht es nicht immer sehr gut. Du liegst in Europa, man kann dich nicht losgelöst von Europa betrachten, und du bekommst es nun zu fühlen, daß du dazugehörst, auch wenn du dich einen Teufel um das Fremde scherst. Ich kann nicht zu allem, was hier geschieht, ja sagen – hätte man mich nach meiner Meinung gefragt. Auch du hast deine Justiz, deine Verwaltung, deine Eisenhüttendirektoren und deine Arbeiter ... Das ist deine Sache. Darüber schwieg ich stets – aus Liebe. Und ich bekam es von zu Hause nicht schlecht zu hören: Franzosenliebling, Französling, landfremdes Element, Undeutscher. Und ich bekam nicht schlecht zu hören: er lobt nicht alles, was in Paris geschieht – er versteht nichts von dieser himmlischen Stadt. Nein, ich lobte nicht alles in dieser himmlischen Stadt. Aber heute abend, wo ich auf der Brücke stehe und ins strahlende Wasser sehe, heute abend, wo ich wieder da bin, diese feine, graue Luft einatmen darf, das Brausen der Stadt höre, die Laute, die ich kenne und zutiefst fühle – heute abend laß mich dir danken. Ja, du hast das größte Glück gegeben, das eine Umgebung verleihen kann. Lieben kann man überall, Geld gewinnen kann man überall, das äußre Wohlsein erreichen kann man überall. Aber über nichts glücklich sein, durch die Straßen streichen und die Häuser mit dem Blick umfangen: Gott sei Dank, daß ihr alle da seid! zum Nachbar ja sagen, immer nur runde Ecken vorfinden, betrunken sein, weil man diese Luft einatmet: das kann man nur bei dir. Deine Vergnügungen sind es nicht, deine Frauen sind es nicht, deine Kunstwerke sind es nicht. Nichts ist es und alles zusammen – du bist es. Und deine Menschen sind es. Oft, wenn wir an die Frage kamen: »Und Sie sind ... Engländer?«, und ich sagte dann das Wort, dann entstand eine winzig kleine Pause, und eine Welt war in der Stille. Eine Welt von vier Jahren. Aber nie, nie, nie mehr als das – nie ein böses Wort, nie eine heftige Anspielung, ein Versuch, den Krieg nun noch einmal unter vier Augen zu gewinnen. Wer nicht mit Deutschen umgehen will, tut es nicht. Wer sich über den Nationalkram hinwegsetzt, tut es. Die Majorität ist neutral und hat Herzenstakt. Und es sind besonders »die kleinen Leute«, die so liebenswert sind – Gevatter Epicier und Handschuhmacher, Herr Un Tel, Herr Chose, Herr Machin. Sie denken mit dem Herzen, sie fühlen mit dem Kopf, es sind vor allen Dingen einmal Menschen – on s'arrange. Ja, es gibt sogar höfliche Polizeikommissare. Manchmal habe ich fast vergessen, wie gut ich's hatte. Es begann, selbstverständlich zu sein, und ich fing an, undankbar zu werden. Ich will das wieder gutmachen. Ich habe mich nicht in dir verloren – ich habe mich wiedergefunden, wenn ich mich verloren hatte. Du hast gegeben und gegeben, geliehen und verschenkt – ich war so arm. Ich bin so reich. Und nun gibt es keine Vorbehalte mehr, keine Kritik und keine Betrachtungsweisen –: da stehe ich auf der Brücke und bin wieder mitten in Paris, in unser aller Heimat. Da fließt das Wasser, da liegst du, und ich werfe mein Herz in den Fluß und tauche in dich ein und liebe dich. 1927 Pariser Dankgebet Hier tritt mir Keiner auf die Stiebeln. Hier sind die Leute höflich und nett. Und wenn mir doch mal Einer rauftritt, dann sagt er: »Ah, pardon, monsieur!« überall, in Malakoff und in der rue Lafayette. Kyrie eleison! Hier fahren die Autos glatt und schnell. Und geraten sie wirklich mal aneinander mit leichtem Buff, dann sagt Keiner: »Dir hol ick jleich runter vom Bock, du oller Mistkutschenfahrer, paß mal uff –!« Kyrie eleison! Hier ist der Schaffner kein Vorgesetzter, und der Verkäufer teilt keine Gnaden, sondern Schnitzel aus. Hier geht man frühmorgens heiter und pfeifend aus seinem Haus. Amen. Hier kann man sich noch freuen, weil eine Marquise so schön gelb leuchtet. Hier hat jeder Arbeit und doch Zeit, ein Mensch zu sein, aufzuatmen allein und zu zweit. Kyrie eleison! Rekonvaleszenten sehen aus den Fenstern der Krankenhäuser, ungehetzt und voll Ruh. Alte Herren gucken im Luxembourg den Spielen der Kinder zu. Kyrie eleison! Hier ist Wolke noch Wolke und Stein noch Stein. Hier hat es noch einen Sinn, am Leben zu sein. Amen. Hier sind die Professoren keine Staatssklaven und die Studenten keine Hausknechte. Hier muß man gebildet und kultiviert sein – das verlangt die Linke wie die Rechte. Kyrie eleison! Hier können sogar die Royalisten gute Artikel schreiben – es sind Leute von Witz und Esprit. Und von schimmernder Wehr und Großfrankreich sprechen die Blätter fast nie. Kyrie eleison! Wenn sich hier die siegreichen Generale so benehmen wollten wie unsre geschlagenen zu Haus...! Ein ganzes Land streckt friedfertig die Arme aus – Amen. Wie schön ist es, hier zu leben: ohne diese Gesichter, die keine sind; ohne Krach und Krakeel – ohne den staubigen Berliner Sommerwind. Zehn Jahre zu spät! Und doch darf ich nicht klagen. Es tut so wohl, auch einmal ja zu sagen. 1926 Der Rhein und Deutschlands Stämme Es fließet ein Strom durch das deutsche Land, drin spiegeln sich Schlösser und Zinnen; er ist in den deutschen Gauen bekannt, kein Refrain kann demselben entrinnen. Und alle Romantik hat hier ihr Revier, und je lauter das Rheinlied, je kälter das Bier der kleinen und großen Verdiener. Zum Beispiel so der Berliner: »Ein rheinischet Meechen – beim rheinischen Wein – Ja, Donnerwetter nich noch mal! Na, det muß ja der Hümmel auf Erdn sein –! Wat, Lucie –?« Wer Lieder für Operetten schreibt aus Prag, aus Wien und aus Bentschen –: den Rhein möcht' ich sehn, der da ungereimt bleibt – es sind halt geschickte Menschen! Und was sie dichten, ganz Deutschland grölt's, von Aachen bis Dirschau, von Kiel bis nach Ölz; wo nur Treue und Weinbrand wachsen. Zum Beispiel so unsere Sachsen: »Ein rheinisches Mädchen – beim rheinischen Wein – Nu heere mal, Agahde, was hasdn dn Krachenschonr nich midgenomm? 's is doch so giehle uffm Wasser? Diß muß ja der Himmel auf Erden sein! Eicha...!« Im Rhein, da quillt unsere Mannesbrust, da liegen dicke Tantièmen; und befällt den Deutschen die Sangeslust: hier kann er das Ding unternehmen. Es reimt sich der Rhein auf Schein und auf Sein und auf mein und auf dein, auf Jüngferlein, Stelldichein, Gänseklein ... Und ist auch zerklüftet das Deutsche Reich: im Moorbad der Lyrik verstehn sie sich gleich. Viel schneller als bei Richard Dehmel. Zum Beispiel so Jener aus Memel: »Äin rhäinisches Mädchen – bäim rhäinischen Wäin – äi, das muß ja der Himmel – auf Erden säin – Wäißt, wenn dir der Wäin nich schmeckt, jieß noch'n kläin Schnaps-che räin! – Äi, das muß ja der Himmel auf Erden säin –! Oder mäinst näin –?« So ist der Rheinstrom ohne Fehle, das Familienbad der deutschen Seele. Wer kennt Odenwald und Spessart? »Ich hab' mein Herz ...« Was ein richtiger Deutscher ist, so kennt der sein Italien und Sizilien und die Riviera und Schweden und Norwegen... aber ob er auch sein eigenes Land genau kennt, das steht noch sehr dahin. Wer ist schon einmal auf der Kurischen Nehrung gewesen? Wer kennt die naturerfüllte, menschenleere Struktur des böhmisch-bayerischen Waldes? Deutschland hat zwischen Holstein und Zugspitze mehr Schönheiten als sich seine Schulweisheit träumen läßt. Was das Herz in Heidelberg anbetrifft, so haben wir davon genug gesungen, der Mensch besteht nicht nur aus dem Herzen allein, und drumherum ist es auch ganz schön. Von Heidelberg nach Nordosten zu gibt es viel zu sehen, noch mehr zu wandern und allerhand zu trinken. Das sieht nun so aus: Wer diese süddeutschen Waldgebirge im Auto bereisen will, was fast mühelos zu machen ist, der richte sich so ein, daß er hübsch langsam fahren kann, er wird sonst wenig Genuß von seiner Fahrt haben. Reisen ist eine Kunst – mit dem Auto zu reisen ist eine große Kunst. Wer Spessart und Odenwald aber zu Fuß durchwandern will, wird wahrscheinlich den größeren Genuß davontragen. Er wird drei Schönheiten in sich aufnehmen können: den Wald, den Wein und die kleinen Städte. Diese kleinen Städte – am Main und am Neckar – sind in jeder Jahreszeit schön, am schönsten aber im Herbst, wenn die Luft klar über den alten Dächern steht und die Architektur sich scharf gegen den hellen Himmel abhebt. Wundervoll, wie Fluß und Landschaft fast immer zusammenstehen, wie organisch so ein Städtchen um den Fluß herum und an ihm entlang gewachsen ist, so daß sich das breite Flußbett mühelos in das Bild einordnet. Selten nur stört ein Fabrikschornstein oder ein verständnislos angelegtes Gebäude den Gesamtaspekt, den man nicht: »malerisch« nennen sollte, sondern: »natürlich« – die Städtchen sind in diese Natur hineingewachsen, gehören ihr einfach an und bilden mit ihr ein Ganzes. So am Neckar, so die alten kleinen Orte am Main, die noch oft ihren alten Charakter voll bewahrt haben. Für sie alle gibt es nur einen einzigen Wink an den Reisenden: man laufe keinen echten oder eingebildeten »Sehenswürdigkeiten« nach, sondern lasse die Musik dieser süddeutschen Landschaft auf sich wirken wie einen Orgelklang. Wer sich vor der Reise in ein paar Landschaften Dürers versenkt, tut vielleicht mehr für eine gute Vorbereitung als der emsige Geschichtsjäger mit dem Führer in der Hand; es gibt ja Reisende, bei denen man das Gefühl nicht los wird, daß sie nur ausziehen, um zu sehen, ob auch noch alles da ist ... Besonders der Norddeutsche wird diese Gegend lieben, weil sie so anders ist als seine Heimat; sie ist, fast möchte ich sagen, gelassen, menschliche Ansiedlungen sind der Natur nicht abgerungen, sondern ruhen friedfertig im Grünen; bei allem Fleiß der Bevölkerung ist etwas Leichtes in der Luft, die Sorgen wiegen, scheint's, nicht so schwer, und jeder freut sich, daß er auf der Welt ist. Manchmal trifft man's ganz idyllisch: Kloster Bronnbach ist wie eine Fermate an Stille, nicht einmal der nahe Eisenbahndamm kann uns stören, Klosterhof und berankte Mauer atmen Ruhe und Beschaulichkeit; es sind das jene Flecken, die in jedem Großstädter unweigerlich den Wunsch erwecken: hier sollte man... hier müßte man... Und dann geht man weiter. Das süddeutsche, spielerische, farbenfrohe Barock ist hier überall zu finden – es knallt mitunter vor Buntheit wie ein bunter Bauernstrauß, ist aber fast immer in künstlerischer Zucht gebändigt. Nebeneinander liegen stets der alte Fachwerkbau der Bürger, der Zünfte, der Arbeitenden – und das feierlichprunkhafte Barock der damals Herrschenden, der Bischöfe, der kleinen Fürsten. Es stimmt aber gut zusammen, weil dieses Bürgertum seinen Stolz nach oben gehabt hat, man sieht's an der Architektur, die ja überall für den, der sehen kann, einen soziologischen Wertmesser ersten Grades darstellt. Oft liegt eine Burg über dem Ort, ihn beschirmend, beherrschend, für sich reklamierend – wer Zeit hat und vor der Reise ein bißchen gelesen hat, wird erkennen, wieviel deutsche Geschichte hier über das Land gefahren, gezogen, marschiert, gestürzt und getobt ist. Es ist auch etwas von ihr hängengeblieben, wie ja immer etwas zurückbleibt; man fühlt hier ungeheuer intensiv, was das ist: Deutschland. Man fühlt's auch in den Wäldern. Hier herrscht der Laubwald vor, und wenn er auch nie mehr das werden kann, was er nach den alten Jagdberichten einmal gewesen ist: ein Ort, strotzend von Getier, erfüllt vom Kreischen, Singen, Kriechen, Hüpfen und Röhren der Tiere, wenn unser Wald fast überall schon eine mäßig belebte und bewegte Holzkammer geworden ist, so atmet er doch sehr viel deutsche Luft. Der Spessart hat stellenweise noch den Charakter der alten Wildparks bewahrt, die einmal in ihm gewesen sind, auch laufen noch viele Wildsauen herum (aber fürchten Sie sich nicht, gnädige Frau, sie tun nichts; nur der einzelgehende Eber ist ein böser Bureauvorsteher des Waldes; wenn Ihnen aber eine dicke Mama mit ihren kugeligen Kindern über den Weg trudelt, bergen Sie sich nur getrost an der Brust Ihres Gemahls, dem zwar auch nicht ganz wohl dabei ist, der es aber doch nicht so zeigen darf ...) – der Laubwald also herrscht vor, hügelig aufgebaut, mit hohen, weiten Wipfeln; manchmal, bei grauem Wetter, steht so eine dunkelgrüne Masse starr und still in der Luft, ruhend, unbeweglich ... Es liegt ein musikalischer Friede auf den Waldschneisen, weite sonnenbetupfte Wege gibt es, über die irgendein kleines Tier hoppelt, dann ist es wieder ganz still, und wenn nicht gerade, was selten ist, ein Flieger über die hohen Bäume dahindonnert, dann können Sie die Zeit vergessen und, wenn Sie wollen, auch sich selbst. Ja, und dann der Wein. Wer den Bocksbeutel gut kennt, dem werde ich nichts erzählen; wer ihn aber nicht gut kennt, der sei gewarnt. Er hat keine Blume, und man merkt ihm nicht so ohne weiteres an, was in ihm steckt – aber er hat's in sich. Man trinke ihn möglichst auf den Weindörfern, und wenn die Zeit danach ist, versäume man niemals, den Most zu probieren (jeder verträgt davon ein Glas weniger als er glaubt) – und auch den jungen Wein des Vorjahres trinke man, den es überall offen zu kaufen gibt. Der Wein ist kräftig, hart, eine richtige Männersache – für die mitwandernde Dame werden Sie, in den meisten Fällen, irgend etwas Nasses bestellen, aber nicht gerade Steinwein. Wenn Sie einen ganz besonders schönen und süffigen Wein gefunden haben, dann nehmen Sie sich ein paar Flaschen mit oder lassen Sie ihn sich nach Hause schicken, wohin er in dieser Qualität fast niemals dringt. Es ist keine Leierkastenpoesie in dieser Landschaft, und die dummen Kitschlieder haben im Grunde nichts mit dem Odenwald, nichts mit dem Spessart, nichts mit den süddeutschen Waldgebirgen zu tun. Wer zwischen dem Dreieck: Frankfurt-Würzburg-Heidelberg einmal langsam im Auto reist oder zu Fuß wandert, der hat an Wein, Städtchen und Wäldern ein Erlebnis, das ihn ins Mark Deutschlands führt, in jenes Deutschland, das der Deutsche nicht so gut kennt, wie es das verdient.   Kleine Station »–'menau!« rufen die Schaffner, »–'menau!« Mit dem Ton auf der letzten Silbe. Wir sehen hinaus. Da rauschen ein paar Bäume, der Stationsvorsteher hat sich Sonnenblumen gezogen, die aus der Zeit herrühren, wo er noch nicht Fahrdienstleiter hieß, da steht »Männer« dran und da »Frauen«, und für die Zwitter ist auch noch ein Güterschuppen da. Die Lokomotive atmet. Niemand steigt aus. Niemand steigt ein. Aber hier ist: Aufenthalt. Von »–'menau« ist nichts zu sehen, das liegt wohl hinter den Bäumen. Doch, hier ist ein kleines Stückchen Straße, wenn nicht alles täuscht: die Bahnhofsstraße, maßlos häßlich, hoffen wir, daß es da hinten hübscher aussieht. Sicherlich tut es das. Da steht ein Schillerdenkmal (1887) und ein Kriegerdenkmal – nein, zwei: eins von dunnemals und eins von heute, eins mit einer Zuckerjungfrau und eins mit einem Stahlhelmmann. Eine Kaiser-Wilhelm-Straße ist da, und die lange Chaussee trägt den Namen der nächsten großen Stadt. Die Kirche ist aus romanischem Stil und das Postamt aus Backsteinen. Einer ist der reichste Mann von »–'menau« – einer muß doch der Reichste sein. Er ist viel in der Stadt und weilt nicht oft im Orte, wie das Blättchen schreibt. Am Stammtisch sorgen der Amtsrichter, der, ach Gottchen, Referendar, der Apotheker und der Postinspektor für die Aufrechterhaltung der Republik, wie sie sie auffassen. Manchmal darf da auch der Redakteur sein Bier trinken. Wenn Markt ist, schwitzen dicke Bauerngesäße in der Kneipe, alles ist voll Dunst und Rauch und Geschrei. Der Lehrer hat ein bißchen die Tuberkulose, aber das macht nichts: im Sommer fällt ohnehin der Unterricht so oft aus, wie der Gutsbesitzer die Kinder zur Feldarbeit braucht. Es ist ein Arzt da, der viele Kinder hat, merkwürdig. Am Marktplatz wohnt Fräulein Grippenberg, sie spielt Klavier; wenn nachts der Mond geschienen hat, singt sie am nächsten Tage, die Hunde haben das nicht gern. Ein Polizeibureau ist da, worin es grob und säuerlich riecht; der amtierende Polizist hat hervorstehende Augenbrauen, fast kleine Buschen; er war aktiver Wachtmeister, seine Einjährigen hatten nichts zu lachen, aber er hatte was. Wo die Liebespaare wohl hingehen? Wahrscheinlich in die Felder. Die Gemeinde zählt 1245 Seelen, da heißt es fleißig sein; der Kaiser braucht Soldaten ... ach nein! Ja doch. Telephonieren kann man beim Doktor, sonst im Gasthaus, aber da ist das Telephon kaputt. Auf einem brachliegenden Felde in der Gemarkung VIII des Kätners Römmelhagen steht ein Runenstein. Schad' nichts, laß ihn stehen. Möchte man hier leben –? Auf dich haben sie nicht gewartet; sie haben ihre Schicksale, sterben, saufen, handeln, lassen Grundstückseintragungen vornehmen, prügeln ihre Kinder, stecken der Großmama Kuchenkrümel in den Mund und verzweifeln – höchst selten – an der Welt, »–'menau!« Ja, und dann fahren wir wieder. 1926 Das Elend mit der Speisekarte »Wissen Sie was? Bringen Sie mir 'n Schnitzel –!« Ich habe ja geschwänzt, aber als langer Leser der »Vossischen Zeitung« habe ich gelernt, daß es in Berlin eine »Ausstellung für Ernährung« gegeben hat. Sie soll sehr gut und instruktiv gewesen sein. Lasset uns, milde wie die Milch der gutartigen Kokosnuß, betrachten, wie die Praxis aussieht. Was mir an der deutschen Speisekarte der Gasthäuser auffällt, ist ihre Unzweckmäßigkeit. Ob in Deutschland gut oder schlecht gegessen wird, ist wohl nur nach Landstrichen zu sagen, nach den »Geschmäckern«, nach dem Geschlecht, dem Beruf, dem Geldbeutel des Urteilenden – hier handelt es sich um Grundsätzliches, gerade um das, was die Ernährungsausstellung wenigstens stellenweise gut und gescheit gepredigt hat: Eßt vernünftig! Es ist aber sehr, sehr schwer, in einem deutschen Restaurant vernünftig zu essen. Erster Fehler : Es gibt viel zuviel Fleisch. Man braucht gar kein Lebensreformer oder Vegetarier zu sein, um das zu empfinden – jeder aufgeklärte Arzt empfiehlt dem scharf arbeitenden Menschen zum mindesten gemischte Kost. Bekommt er die in dem gewöhnlichen Restaurant? Also nicht im vegetarischen, nicht im besonders teuern, nicht in der berühmten Ausnahme, die es in jeder Stadt gibt – nein, im »Restaurant Seeschlößchen«? Bekommt er da eine gemischte Kost? Er bekommt sie mitnichten. Denn: Zweiter Fehler : Die Gemüse sind nicht gut zubereitet und fast niemals frisch. Daß das Essen in den meisten Restaurants so schmeckt, als sei es abgestanden, liegt daran, daß es abgestanden ist. Die kulinarisch verderbliche Forderung des Deutschen, zwischen elf Uhr vormittags und vier Uhr nachmittags Mittag zu essen, wann es ihm paßt, hat zur Folge, daß das Essen halbfertig gemacht wird, sehr lange über Dampf steht ... und was dann herauskommt, sind diese ausgelaugten Sachen, die auf dem Teller leise vor sich hin weinen. Draußen, in der Natur, haben sie noch vor Lebensfreude und Vitamin geknallt; nun sind es armselige Gummistrünke, die schöne Namen führen, »Blumenkohl« oder »grüne Bohnen« – aber es sind Gummistrünke. Preisfrage: wo bleibt eigentlich das frische deutsche Gemüse –? (»Da müssen Sie mal zu meiner Mutter kommen, Herr Panter, die kocht Ihnen ein Leipziger Allerlei ...« – »Liebe gnädige Frau, es ist so nett von Ihnen ... Aber alle Leute können doch nicht bei Ihrer Mama essen!«) Dritter Fehler : Die Portionen sind zu groß. Ich weiß schon, daß die »Leute das verlangen« – aber ich weiß auch, daß es bereits eine Menge Esser gibt, die immerhin so etwas wie Eßkultur besitzen und die lieber viererlei verschiedene Kleinigkeiten essen an Stelle dieser Enak-Speisen. Denn wenn man ein Filetsteak bestellt, dann kommt ein Trumm von Fleisch mit Ei und Gemüsen und gebackenem Brot, und das alles mit einemmal, wie ein mit Tschinellen garnierter Paukenschlag; und wenn man »Gulasch« sagt, dann kommt immerzu gar nichts wie Gulasch, eine ganze Badewanne voll, und sagt man »Eierkuchen«, dann kommt ein Bettvorleger ... nein, die Portionen sind wirklich zu groß! Vierter Fehler: Es gibt nicht genug Sommerspeisen und nicht genügend frisches Obst. Sich im heißen Sommer ein gedünstetes, faustgroßes Stück Fleisch in den Magen zu jagen, halte ich für eine immense Rücksichtslosigkeit gegen ebendenselben; eine Weile läßt sich das ja jeder Magen gefallen, aber eines Tages... nun, wir wollen uns nicht bange machen. Es gibt, besonders im Sommer, in den Restaurants viel zuwenig leichte Speisen – viel zuwenig gedünstetes Obst, viel zuwenig gutes, frisches Obst – denn was es gibt, das taugt meist nicht, und hier sind nun die Portionen wiederum viel zu klein: da steht so ein kleines Kompott-Schälchen, und da liegt ein Löffelchen auf dem Tellerchen, und da liegen drei Pfläumchen... nein, die Portionen sind wirklich zu klein! Ich habe an keiner Stelle meines Beschwerdebüchleins von den Preisen gesprochen, obgleich das ein weites Feld ist. Aber ganz abgesehen vom Geld: selbst für Geld bekommt man fast niemals das zu essen, was man nach vernünftigen und hygienischen Ratschlägen essen sollte. Man bekommt es in Deutschland: in Familien, die wissen, was das heißt: kochen, essen, rationell leben; man bekommt es in Heimen, manchmal in Pensionen, in Vegetarierhäusern... aber man bekommt es fast niemals da, wo man es am allernötigsten braucht und erwartet: in Bahnhofsrestaurants, in Hotels und in den Speisewagen, dieser untersten Stufe der deutschen bürgerlichen Ernährung. (Hier wird die Milch der guten Denkungsart sauer. Es ist aber auch zu schrecklich!) Nun, muß das sein –? Es sei mir erlaubt, noch ein Glas Kokosmilch auf das Wohl der geehrten Gäste zu erheben. Der verwickelte Apparat des öffentlichen Lebens macht es immer schwerer, Kritik an eben diesem Leben zu üben. Von Polemik sehe ich ganz ab – das ist eine andere Sache. Aber sag heute einmal, daß dir dort die Beleuchtung nicht gefällt oder dort nicht das Essen; sag, du habest Wünsche in bezug auf die elektrischen Kronen, die man dir verkauft, oder du hieltest eine andere Regelung des Hebammenwesens für richtig... sage es so freundlich, so bescheiden, so leise wie du nur kannst – was geschieht dann? Dann springt dir ein Syndikus auf den Kopf. Nämlich der Syndikus des betreffenden Verbandes. Und es darf immerhin einmal gesagt werden, daß die Beteiligten gewöhnlich am wenigsten wissen, was die Unbeteiligten wollen – Fortschritt kommt fast immer von außen. Wir aber haben einen neuen Moloch aufgerichtet: den »Fachmann«, der Laie darf sich nur wundern, und im übrigen hat er den Mund zu halten. Es besagt aber noch gar nichts für einen Beruf, daß er organisiert ist, denn das sind sie heute alle – und solange keiner beleidigt wird, soll er aus den Vorschlägen, die ihm der Konsument macht, lernen und nicht die Herren Syndizi fuchteln lassen. Jeder ist halb so wichtig, wie er glaubt – und das Schwergewicht wird immer mehr verschoben: »ce cochon de payant« sagen die Franzosen sehr gut, etwa: »Der Dumme, der bezahlt – was ist er denn schon groß? Nur ein Kunde!« Die Kunden aber, die das Geld erst in die Berufe bringen, sollten sich öfter auf ihre Macht besinnen und mit sanfter Stärke durchsetzen, was die Routine ihnen nicht geben will. Es ist ein Elend mit der Speisekarte. 1928 Fahrt ins Glück Ich ziehe meinen Rolls-Suiza aus dem Bootsschuppen, prüfe die Propeller und reite ab. Der Landweg führt durchs Holsteinische, vorbei an dem Dörfchen Lütjenburg, wo im Jahre 1601 Jakob Wasa mit Georg dem Reizbaren die berühmte Schlacht bei Lütjenburg schlug, in der ihm sechs Pferde unter dem Leib... vorüber; Baumwipfel und kleine Kuppen grüßen – und da liegt Mütterchen Ostsee. Die Straße führt durch Hafkrug, Scharbeutz, Timmendorfer Strand. Wir sind im Herbst, und Villen, Hotels und Kurhäuser stehen leer; nur hier und da ragt noch ein Strandkorb mit Wimpeln und einer Fahne; die Manikürfräulein sitzen gelangweilt vor den Frisiersalons in der Sonne und putzen sich selber die Nägel, um nicht aus der Übung zu kommen; Hunde lungern herum und schnüffeln in alten Zeitungen, lesen und heben ein Bein; die Ostsee ist eigentlich schon zugedeckt. Und je weiter ich komme, desto mehr blähe ich mich auf; ich nehme zusehends zu, vor Schadenfreude bekomme ich fast einen kleinen Bauch... Was tat der Marquis de Sade? Er röstete kleine Mädchen und bestreute sie mit gestoßenem jungem Mann? Das ist gar nichts. Ich – ich genieße eine Sommerfrische, die ich nicht zu genießen brauche. Meine wollüstige Phantasie bevölkert diese leeren Straßen und Häuser; es ist heiß, eng und staubig, alles ist besetzt, und die Wirte sind frech wie die Aasgeier, die nur noch aus Übermut fressen. »Ein einzelnes Zimmer geben wir nur an achtköpfige Familien ab –!« Die Ostsee liegt faul da, wie ein alter Tümpel; sie stinkt widerwillig vor sich hin, das gefangene Raubtier, und die Leute sagen: »Nein, wie erfrischend es hier aber ist –!« Eine Wolke von fataler Ausdünstung lagert über Scharbeutz, Timmendorfer Strand und Hafkrug; Teller rasseln, Hunde bellen, Kinder quäken, und ein Brei des Geredes ergießt sich über den Strand: »Geh doch ma rrüber, bei Rrröper – sach man, es wehr für uns!« – »Nu sehn Sie sich bloß mal Frau Lahmers an, wie sie heut wieder aussieht! Wie macht die Frau das bloß?« – »Kuck mal, 'ne Judsche!« – »Einen Umchain haben diese Goiten!« – »Wer mir an meinen Strandkorb rankommt und will die schwarzweißrote Flagge runterholen, den hau ich – na, das wär gelacht! Wir sind doch hier zur Erholung hier!« – »Hab ich nötig, Schwarz-Rot-Gold aufzuziehen? Wir sind doch zur Erholung hier ...!« – »Hat er dich für heute abend hinbestellt? Würd ich nicht gehen .... Elli, das kannst du nicht tun! Oder du nimmst mich mit!« – »Das kommt ganz auf die Umstände an, gnäjjes Frollein!« – »Auf welche Umstände, Herr Assessor?« – »Nero! Nero! Komm mal her! Komm mal hierher! Komm mal hier mal her! Nero! Pfuit! Pfiiiit! Kannst du nicht hören! Nero!« – »Mama, Lilly schmeißt mit Popeln!« – »Frau Doktor! Frau Doktoor! Sie haben Ihren Büstenhalter vergessen!« – »Schrei doch nicht so!« – »Na, meinste, man sieht das nicht, daß sie ein hat ...?« – »Mir ist die ganze Reise verleidet!« – »Meines Erachtens nach beruht die Rettung Deutschlands wesentlich auf den Kolonien. Also, meine Herren, England ...« – »Ein kleiner Kaffee zwei vierzig, ein Teelöffel achtzig, ein Glas Wasser fünfzig, eine Tasse dreißig, Kuchen haben Sie nicht gehabt, macht vierzig, zusammen...« – »Donnerwetter, hat die Frau Formen –!« Und ich bin nicht dabei. »Mir ist die ganze Reise verleidet –!« Mütter tosen, bei denen man sich aussuchen kann, ob sie zuwenig geliebt oder zuwenig geprügelt worden sind; die Zuckungen in Unordnung geratener Gebärmütter vergiften ganze Existenzen. Kinder heulen, Väter fluchen, die Hunde kneifen gleichfalls den Schwanz ein, und die Grundlage des Staates ist, woran kein Zweifel, die Familie. Jetzt bin ich aufgepumpt wie ein Ballon, das Gas der Gemeinheit erfüllt meine kleinsten Poren – ah, nicht dabeisein müssen, wenn sich diese Menschheit zwecks Erholung zu scheußlichen Klumpen zusammenballt wie vereinbaren Sie das Herr Panter mit Ihrer sozialen Gesinnung da erholen sich diese armen Leute so gut sie das können und Sie halt die Schnauze es gibt Flammri, der zittert vor Ekel über sich selbst auf dem Teller, alles ersauft in derselben Sauce, abends knallt eine dolle Nummer von Sekt an den Tischen der Réühniong und fließt derselbe in Strömen aus Schmerz über den Schmachfrieden von Versailles... weil sie sich am Morgen in die wehrlose Ostsee stippen, waschen sie sich nun überhaupt nicht mehr, wieso, wo wir doch morgens baden, Emmy, du bist ein Ferkel, es ist heiß, es ist staubig, es riecht nach Milch und kleinen Kindern und Pipi, es ist überhaupt so schön, wie es nur die Natur und der Bürger vereint zustande bringen – und ich bin nicht dabei. Hochkragige Fememörder mit Holzfressen, in deren kalten Augen eine stets parate Grausamkeit glitzert; sich erholende Buchhalterinnen für sechs Mark fünfzig den Tag zuzüglich Getränke; sie tragen eine Liebenswürdigkeit im Herzen, die nur für einen ausreicht – dem Rest gegenüber sind sie sauer und so unfreundlich ... Manchmal ist es schön, allein zu sein. Manchmal ist es schön, keinem Verein anzugehören. Manchmal ist es schön, vorbeizufahren. Der Herbsttag ist blau, die hohen Bäume rauschen, und violett vor Schadenfreude passiere ich die sommerlichen Stätten der Lust, die nicht so groß sein kann wie meine, an ihr nicht teilnehmen zu müssen. Falscher Nietzsche; der Kollektivismus; der typische bürgerliche Intellektuelle; eine Frechheit; im Namen der Arbeitsgemeinschaft der Reichsverbände Deutscher Ostseebäder-Vereine; der Pariser Jude Peter Panter; eine Geschmakkklosigkeit, antisemitische Äußerungen zu bringen; wo erholen Sie sich denn, Herr? wir lebhaft bedauern müssen, diesem Artikel in unserm Blatt die Aufnahme zu verweigern, das Nähere siehe unter Inserate; Sie haben eben keine Kinder; wo liegt eigentlich Scharbeutz? Wir waren dieses Jahr in Zinnowitz, Gott sei Dank judenrein; wir waren dieses Jahr in Westerland, also wirklich ein sehr elegantes Publikum – versteh ich einfach nicht, was er hat – – der Herbsttag ist blau, die hohen Bäume rauschen, die Ostsee sächselt, und ich fahre selig durch die holsteinischen Wälder des Herbstes, hindurch, vorbei, vorüber. 1928 Auf der Reeperbahn nachts um halb eins Im »Grenzfaß«, da, wo Preußen an Hamburg stößt, gibt es morgens um halb fünf eine herrliche Hühnerbrühe, die guttut, und nun tanzen sie nicht mehr, nirgends – nun hat es sich ausgetanzt. In der »Finkenbude« dürfen sie auch nicht schlafen – sie dürfen überhaupt nicht mehr in den früheren Logierhäusern schlafen, fast nirgends mehr – die Kommunalbehörden haben das aufgehoben, Gott weiß, warum. In der »Finkenbude« (Finkenstraße) war, als wir eintraten, jener schnelle kühle Luftzug durch das Lokal geflitzt, der immer hindurchzuziehen pflegt, wenn Leute eintreten, die da nichts zu suchen haben – telepathisch geht ein unhörbares Klingelzeichen durch den Raum: »Achtung! Polente!« Und dann sehen die Leute so unbefangen drein, und die Kartenspieler spielen so eifrig und so harmlos, und alle sind so beschäftigt .... Mit vielen »Hähäs« setzte uns ein langer Berliner auseinander, daß er nun bald wieder Arbeit auf einem Schiff annehmen würde .... »Denn, nicha, Herr Wachtmeister – schöne Aussicht hier – was?« Der Mann redete glatten Unsinn zusammen – so verlegen war er. Gott weiß, was sie da kochten .... Im chinesischen Restaurant sangen sie beim Tanzen, die ganze Belegschaft, einstimmig und brausend: »Gern hab ich die Fraun geküßt« – eine kleine Blonde hatte eine Kehle aus Blech – es klang wie aus einer Kindertrompete. Südamerikaner tanzten da und Siamesen und Neger. Die lächelten, wenn die kleinen Mädchen kreischten: »Marsch, ins Bett, mein Schatz ....« Ich suchte, ob die Somali von Hagenbeck Vertreter entsandt hätten – aber so schön war hier niemand ... Im »Hippodrom« trabten die Pferde für zwanzig Pfennig, und wenn man eine Mark aufwendete, durfte man sie galoppieren lassen; der Stallmeister drehte sich unentwegt um sich selbst, als stände er auf einer rotierenden Scheibe, und wippte mit der Peitschenschnur, die er manchmal aufknallen ließ... Die Pferde hatten müde, traurige Augen, weil sie nachts hier unten, ein paar Kellerstufen unter dem Trottoirpegel, herumlaufen mußten, ohne jemals ans Ziel zu kommen... Es waren nicht nur Nachtbräute da, auch Tagesdamen und Familien mit Schwägerin, Tante und Großmama, denn es war Sonnabend. Da, an der Ecke, wollte uns der Portier hineinlocken – die Damen seien alle in Schwimmhosen, versicherte er. Aber das konnten wir uns gar nicht vorstellen ... Und in der rechteckig gewinkelten kleinen Gasse, die auf beiden Seiten durch Tore abgeriegelt war, standen und latschten viele junge Leute; und vor dem Eingang, an der »Kleinen Freiheit«, stand ein Zettelverteiler von der Deutschen Mitternachts-Mission und sprach die jungen Leute an: Hier, in den Häusern mit den verschlossenen Fensterläden, hätten sie nichts zu suchen... »Was suchen Sie hier?« stand auf seinen Traktaten. Um den Redner herum standen zwanzig Menschen, und wenn sie ihn angehört hatten, gingen sie alle, einer nach dem andern, durch das Tor. So leid es mir tut: Sankt Pauli ist sehr brav und fast gut bürgerlich geworden. Der stöhnende Trubel der Inflation ist dahin; und es gibt keine »Sailors« mehr, die vier Monate auf dem Meer mit dem Schiffszwieback und den Ratten und dem Kapitän allein waren und vier salzige Monate lang keine Frau mehr gesehen hatten; und es gibt nicht mehr diese tobenden Nächte und nicht die bunten Verbrechen ... Oder liegt es an uns, an unsern Augen –? Menschen sind romantisch. Gegenstände sind es nicht. Die Romantik liegt im Auge des Beschauers. Sieh die jungen Leute an, die da mit ihren Mädchen Sankt Pauli durchziehen – es ist ganz unleugbar, daß der Sport auch hier Wellen schlägt. Das sind neue Leute, unromantisch auch sie. Die älteren haben den Krieg gesehen, und alle die Inflation, und sie wundern sich so leicht nicht mehr. Bei aller Naivität: es wundert sie so leicht nichts mehr. Der Schauer vor dem »Laster« ist dahin, und die Geheimnisse und vieles andere noch. Kühler sind die Augen, härter die Falten um den Mund, kälter und glatter die Gesichter. Die Polizeirapporte sind nüchterner – auch, weil es den Leuten etwas besser geht. Und es ist gut so. Denn ich wünschte, daß wir die Reeperbahn, nachts um halb eins, so ansehen, wie man gesellschaftliche Vorgänge jeder Art nun einmal ansehen soll: sachlich, kühl, möglichst unromantisch – klar. Mit den Geschlechtskrankheiten ist es erst besser geworden, seitdem man ohne Schauer, ohne dummes Grinsen, ohne moraltriefendes Gewäsch davon und darüber sprechen darf – das ist mühsam erkämpft worden, aber es hat genützt. Tausende sind so bewahrt worden – Hunderttausende leichter geheilt. So soll man auch soziologische Vorgänge: Prostitution, Arbeitslosigkeit von Angehörigen der Handelsmarine; Konzessionsentziehungen; Zwistigkeiten zwischen Leuten, die unter Polizeiaufsicht stehen, und der Polizei; Wohnungsnot; Alkoholkonsum; Vergnügungsbetrieb –: kurz, Sankt Pauli – so soll man auch dies sachlich betrachten. Man kommt weiter damit. (Und das ist mit dem Rationalismus nicht anders.) Längst bin ich aus Altona fort – ich stehe auf dem nächtlich leeren Gänsemarkt zu Hamburg und sehe eine kleine enge Gasse herunter, die brav und bieder geworden ist, seitdem sie die öffentlichen Häuser hier geschlossen haben. Niemand steht dort mehr in den Haustüren und winkt; wenn man herunterging, plapperte die ganze Gasse mit einem Male. »Na Kleiner! Komm! Dich kenn ich doch noch aus Honolulu!« Ich war niemals in Honolulu... es muß eine Personenverwechslung vorliegen... In meinen Ohren klingt noch wirre Musik von der Reeperbahn, nachts um halb eins. 1927 »POTSDAM–!« Neulich, als ich in der Scala war – seit das Varieté nicht mehr international ist, macht es keinen Spaß mehr, Kritiken darüber zu schreiben –, gab ich, in einem Anfall von Größenwahn, der Garderobenfrau ein paar Papierblätter mehr, als ihr zukamen. Sie sagte: »Danke, Herr. Und wenn Sie nachher kommen, dann werden Sie auch gleich bedient. Sie brauchen nur leise zu sagen: ,Potsdam!'« Siehe – das war ein deutsches Wort. Die Garderobe ist stippevoll, die Leute drängeln sich, die Schwierigkeiten sind riesengroß, das Ganze recht unangenehm: da genügt das eine kleine Wörtchen: Potsdam – und Alles, Alles ist gut. Potsdam – das heißt: Schiebung außer der Reihe. Potsdam – das heißt: Bei uns geht Alles ordnungsgemäß und streng nach dem Reglement zu, aber – du brauchst nur ein bißchen zu flüstern, dann kommst du eher dran. Potsdam – das heißt eben: Potsdam. Da steht eine ganze Nation. Sie ist krachen gegangen, weil sie teutsch war, statt deutsch zu sein – und statt sich zur Abkehr zu wenden, glaubt sie, es liege daran, daß sie noch nicht teutsch genug war. Und Millionen gläubige Lippen flüstern: Potsdam! Aber die Garderobenfrauen der ganzen Welt scheinen diesen schönen Trick nicht zu kennen oder können wohl nicht gut hören: jedenfalls bedient keine. Und alle warten. Übrigens habe ich das Sesam-Wort gar nicht angewendet. Ich dachte mir: Am Ende ist es gar nicht voll, und du stehst nachher da, ganz allein vor der leeren Garderobe, und murmelst: Potsdam! Oder, dachte ich, wie schon die Leute heute sind: Du kommst hin, drängst dich durch den dichtesten Menschenhaufen, und um dich herum und vor dir und hinter dir stehen lauter Männer, die nicken alle der Garderobenfrau vertraulich zu und flüstern: Potsdam! Was war zu tun? Etwa »Weimar« sagen? Aber da hat die Nationalversammlung getagt, und das wirft einen Schatten selbst auf Goethe. (Denn als wir Republik sagten, haben wir das da nicht gemeint. Wirklich nicht.) Was war zu tun? Ich habe gewartet. Ich habe ganz still gewartet. Wissen Sie: wenn man wartet, kommt man sehr oft viel schneller vorwärts als die Drängler. Man muß nur die Geduld haben. Denn was fangen die Hastigen schließlich mit ihren erhetzten zehn Minuten an? Sie kommen die paar Pulsschläge früher zum Sekt, auf die Bahn, an den bierigen Stammtisch, ins Bett. »Da wird he nicht klüger von«, sagen die Plattdeutschen. Nein, ich habe einfach gewartet und brauchte mich nicht zu drängeln, mit roten Köpfen schoben sich die Schieber an mir vorbei und ergatterten ihren Schirm und ihre Hüte, lagen vorn und waren die Tüchtigen. Ich wartete. Und bekam meine Sachen ein bißchen später, ohne Zerren und Ziehen, ohne Schiebung und ohne Gedräng. Und, vor allem, ohne Potsdam. Und das ist die Hauptsache. 1923 Die Maulpatrioten In vier roten Jahren ist dieses Land in das tiefste Elend hineingeschliddert, und was vor dem Kriege nur wenige wußten, wissen heute viele: Deutschland verdankt seine Unbeliebtheit, die sich bis zum Haß gesteigert hat, den Untugenden spektakelnder Landsleute auf den Thronen und in den Geschäftshäusern, in den Universitäten und im Heer. Sie sind nicht ausgestorben. Sie bilden sich eher im Gegenteil ein, durch schrankenloses Geschrei ein Deutschtum zu retten, das gar nicht tief genug untergehen kann: nämlich das schlechte. Heute noch? Heute noch. Ich fahre mit meinem Freund aus Riga, einem Schweizer, der sich auf der Durchreise in seine Heimat in Berlin aufhält, in der Stadtbahn (zweiter Klasse). Wir unterhalten uns im Russischen, erstens freue ich mich über jede Gelegenheit, Russisch sprechen zu können, und zweitens ist es mir angenehm, daß uns die Mitfahrenden nicht verstehen. Plötzlich fragt ein neben meinem Freund sitzender Herr: »Sprechen Sie Deutsch?« Ahnungslos, was diese Frage bezwecken soll, antwortet er ihm: »Ja!« – »Dann verlange ich von Ihnen, daß Sie Deutsch sprechen, lange genug habe ich dieses Gequatsch mit angehört!« – »Sehr richtig, ich bin ganz Ihrer Meinung!« stimmt ihm ein anderer Herr bei. Die übrigen Mitreisenden verhalten sich passiv. »Ich glaube, ich kann mich unterhalten, wie ich will!« sagt mein Freund. »Nein, das können Sie nicht«, brüllte ihm jener zu, »wenn Sie es wagen, sich weiter im Russischen zu unterhalten, können Sie eins in die Fresse kriegen!« – »Schweig!« ruf ich meinem Freund auf russisch zu, denn mir graute davor, daß dieser bornierte Hakenkreuzpatriot tatsächlich handgreiflich werden könnte. »Donnerwetter noch einmal!« fing der Kerl wieder an, »das sollte uns passieren, wir sollten es wagen, im Ausland Deutsch zu sprechen!«... Ganz abgesehen davon, daß es sich hier um eine Baltin deutscher Abstammung handelt, die im Kriege Helferinnendienste bei der kaiserlich-deutschen Armee geleistet hat: welch ein stumpfsinniger Patriotismus! Das sei Deutschtum? Dieses lächerliche Gebrüll gegen andere Sprachen? »Wir sollten es wagen, im Auslande Deutsch zu sprechen...« Lieber Herr, in Paris und in Italien wird zur Zeit keinem der dort weilenden Deutschen ein Haar gekrümmt. Und wenn auch von einer innigen Annäherung zwischen Engländern und Deutschen nicht gesprochen werden kann, so ist kein Fall bekannt geworden, in dem der britische Straßenpassant mit dem Hackebeil den Nationalismus gemacht hätte. Das ist Deutschland vorbehalten geblieben. Hoffentlich nicht dem ganzen Deutschland. Und wenn es nur Vertreter jener Skatpatrioten waren, die das ganze Land diskreditieren: wollen wir ihnen nicht den Mund stopfen? »Will Deutschland«, schreibt die Deutschbaltin, »auf diesem Wege Freunde gewinnen und Beziehungen anknüpfen? Mein Freund, der zum erstenmal in Deutschland ist, nimmt einen sehr ungünstigen Eindruck mit.« Sie schaden uns. Und wenn derselbe Mann, der hier die Klappe nicht genug aufreißen kann, von seinem Chef als Geschäftsreisender nach Spanien geschickt wird, so spricht er dort sicherlich alle Sprachen der Welt. Von Geschäfts wegen. Zwischen Ungezogenheit und würdeloser Kriecherei gibt es einen dritten Weg. Den der Menschlichkeit. 1920 Spaziergänge eines Berliners Von einem Berliner II. Aujuste tanzt. Ihr Kavalier hat heute verschoben zwei Waggons voll Sacharin. Man ist bemüht, ihm seine fette Beute so langsam aus dem Portemonnaie zu ziehn. Er schmeißt Champagner für die lieben Bräute, den Hut schief in der Stirn: »Wat kost' Berlin?« »Zahl' mir ein Beffstück!« haucht sie, »weil du's kannst!«– Aujuste tanzt. Im Ballsaal schlängeln sich befrackte Schieber. Der Lackschuh glänzt. (Ist er auch schon bezahlt?) Die Weiblichkeit erglänzt in Nerz und Biber und ist im ganzen rosa angemalt. Nur wenn sie sprechen ... »Emmi! Komm' ma riba!« Der Piefke protzt, die kleine Nutte prahlt. Ist auch – wer sieht's? – der Unterrock zerfranst – Aujuste tanzt. Man tut wie lauter Jrafens und Barone. Der Saal erstrahlt in goldlackiertem Stuck. Die Preise für den Mosel sind nicht ohne – es lebe hoch der heilige Neppomuck! »Ich müde? Aber, Junge, nich die Bohne!« Der Morgen graut. Sie kriegen nie genug. Ein Dicker hält vor Lachen sich den Wanst. – Aujuste tanzt. Aujuste tanzt. Wer ist denn die Aujuste? Wer ist die Holde, die voll Heiterkeit im Kriege und auch später tanzen mußte? Kanonen gibt es, die sind wie gefeit. Da war die Schicht, die stets von gar nichts wußte, sie machen sich in Nachtlokälern breit... Wer war sie wohl, die du dort nächtlich fandst? Aujuste tanzt. 1919 Drei auf dem Bodensee Er: ist ein Geschäftsmann auf Urlaub. Über dem harten Kinn ist der Mund wie ein Säbelschnitt eingehauen – mit ihm Kirschen essen und Geschäfte machen muß kein Vergnügen sein. Die grauen Augen erstaunen nicht mehr – dahinter denkt er noch weiter, wenn auch das Schiff schon im Sinken wäre. Es sinkt aber nicht. Auf den großen Händen mit den Sommersprossen wachsen rötliche Härchen. Der Mensch ißt gut, er fühlt sich gesund, kräftig, im Vollgefühl einer Macht. Ich weiß nicht, welcher. Jetzt sitzt er auf der langen Bank an der Bordbrüstung, leicht angelehnt, manchmal sieht er auf seine kleine Familie, und seine freundlichen, erbarmungslosen Augen lachen alle aus, die da vorüberziehen: die aufgeregte dicke Madame, die einen Koffer, zwei Schirme und ihre Seelenruhe verloren hat; den Mann, der schon zum zweitenmal das Schiffsmenu herunterißt; eine Mama mit einem Hühnerhof voller Kinder, die sie laut umgackern. Er hat nichts verloren, er will jetzt kein Menü, ihn umgackert nichts. Er ist auf Urlaub, atmet die freie Seeluft ein. Sieht kaum auf die Seeufer, die da vorüberziehen – jedesmal steht ein Zollmensch am Landungssteg und spielt: Staat. Interessiert hierorts nicht. Er ist auf Urlaub. Aber bis zu mir herüber vibrieren noch die in der Stadt angeschlagenen Nerven, wittern Gegner, Widersacher, wollen kämpfen... Er kann noch nicht lange von Hause fort sein. Es macht noch in ihm: Tack-tack . . . Manchmal sieht er auf Sie: Sie ist gut und gern ihre hmzig Jahre alt, aber nur, wenn sie so den Kopf dreht – so, wie jetzt –, dann fällt das glänzende Wellenlicht zu scharf auf den Puder. Aber wenn sie anders herum sitzt, das ist schon etwas anderes! Das ist eine Frau in den besten, aber schon in den allerbesten Jahren – neben ihr steht, in Leder gehüllt, das Bündel Golfschläger. Sie weiß, was sie will. Sie hat: abends ein gutes Hotel, in das sie mit kühlem Gruß eintritt, Schlafzimmer, Badezimmer, morgens den Tee – dann Golf – dann Frühstück – dann den riesigen Wagen, der langsam vor die Hoteltür gebrummt kommt – abends das Essen, etwas Tanz ... Seltsam, wie ihr Gesichtsausdruck vom Licht umgeformt wird, wie das hin und her spielt... Freundin ist sie jetzt, Freundin des Mannes; dann: Dame, glatt, undurchdringlich; einmal ein kleiner Blitz aus den Augenwinkeln – ah? Und in allem eine so ruhige Selbstverständlichkeit, die sich über nichts wundert, weil alles vorhergesehen ist. Sie hat das Leben so fest in der Hand wie das Lenkrad ihres Wagens. Sie trägt große Lederhandschuhe. Und nun auf einmal ist sie nicht mehr Freundin, nicht Dame, nicht jenes andere – jetzt ist sie Mutter. Sie spricht mit ihrem Jungen. Es ist etwa elf Jahre, sieht blond und englisch erzogen aus, sauber gebadet, gerade an der Grenze entlangkippelnd, wo das spielende Kind ganz leise schon in den Rayon für Männer hinüberblinzelt. Es hat eine breite Nase, ein klein wenig ungelenke Gelenke, vereselt sich schon oder noch und befühlt sachverständig die Golfschlägergriffe. Es kennt das Leben von Papa und Mama nur von der mühelosen Seite, hat es nicht miterwerben helfen, es wunderte sich nur, wenn es nicht so wäre. Das gibt ihm einen fast grausamen Zug um die Jungenslippen: es kann maßlos verachten, auch schon ein bißchen quälen, wer gerade da ist, ein Tier, einen Spielkameraden... Dem flößt kein Geschäftsführer des Hotels mehr Angst ein. Der kann schon befehlen. Und ein Band umschlingt alle drei – das Band des jahrelangen Zusammenlebens, Reisen, Essen, die Mauer des Geldes und der Geltung. Sie benehmen sich so ruhig, so unauffällig, so leise, wie man das nur tut, wenn man sehr, sehr viel ist. Es sind kleine Könige mit zahllosen kleinen Reichen, die man überall aufrichten kann, wo es einem beliebt: in Rorschach und in St. Moritz; in Scheweningen und in Biarritz. Kulissen, die man wählen kann. Drei Augenpaare sehen ruhig auf die kräuselnden Wellen des Kielwassers. Sie sitzen acht Schritt von mir entfernt und sind zwei Welten weit. Glückliche Reise –! Übrigens soll man Fahrtgenossen nicht so scharf ins Auge nehmen. 1926 Reise in die kleine Stadt »Nein, nicht gerade älter oder gebeugter, Vater, das ist es nicht. Sie ist anders geworden, ganz anders!« Aus einem alten Stück. Schwerin – Sie brauchen nicht zu wissen, wo Schwerin liegt. Ich wüßte es auch nicht, wenn ich nicht vor acht Tagen eine Reise dorthin getan hätte, wissen Sie, eine jener kleinen Reisen, auf denen man restlos glücklich ist, weil die Dame neben einem blond und froh und jung ist, und wo noch das Hühnergegacker im Garten des Stationsvorstehers Spaß macht, weil es dazu gehört und weil eben alles Vergnügen und Freude macht. Ja, also Schwerin. Schwerin liegt in Mecklenburg, oben in der Nähe der Ostsee, und es war früher eine kleine stille Residenz, früher, als der Großherzog von Mecklenburg dort noch im Schloß regierte. Ach, das war eine schöne Zeit! Der Großherzog fuhr aus und rollte in leichtem Wagen durch die Stadt: er fuhr zwischen großherzoglichen Hoflieferantenschildern und grüßenden Hoflieferantentöchtern schnell dahin, um die Stadt lag das flache Land unbeschreiblich idyllisch, fett und auf das ungerechteste verwaltet da – aber die liebe Sonne beschien das alles, und jedermann hatte seine Freude daran. Der deutsche Revolutionsersatz machte den Großherzog nun auch äußerlich zu dem, was er immer gewesen war: zu einem reichen Gutsbesitzer; aus dem Schloß ist ein Museum geworden, und Schwerin ist leer, still und verlassen. Kaum einen Wagen sieht man durch die Stadt fahren, keine Wache ruft mehr »Heraus!!«– keine Polizisten hüten das Schloß – – aus. Vorbei. Wir bummeln durch die Stadt. Vor zehn Jahren war ich zum letzten Male hier. Ja, es ist noch dieselbe Stadt. Sie ist auch nicht älter geworden, nicht umgebaut oder ehrwürdiger – aber anders ist sie geworden, ganz anders. Und während wir so durch Schwerin gehen, muß ich an alle kleinen deutschen Städte denken, die ich in den letzten Jahren sah, und plötzlich fällt mir ein, wie sie sich allesamt verwandelt haben und warum sie sich verwandelt haben. Es sind gar keine kleinen Städte mehr. Früher hatte der Großstädter so eine Art mitleidiges Lächeln auf den Lippen, wenn er eine kleine Stadt bereiste. – »Was kostet das ganze Unternehmen?« stand auf seinen Mienen zu lesen. Er ließ sich herbei, das Städtchen zu besichtigen – sie hatten eine »richtige« Elektrische, ganz wie die Erwachsenen, sie hatten eine Wasserleitung, wie die Großen, und wenn's ganz nobel zuging, auch ein steinernes Theater. Aber im übrigen waren es doch brave Ackerbürger, für die die Welt weit, weit dahinten lag, und die das alles nichts anging... Es ist nicht müßig, den Unterschied von heute und damals festzustellen – man versteht schließlich sonst die Welt überhaupt nicht mehr. Heute sind die Leute in den kleinen Städten genauso gewitzt wie die in den großen und vielleicht noch gewitzter. Heute führen sie alle genau dieselben Gespräche wie die in den großen: das Zahlengespräch (es gibt kaum noch ein deutsches Gespräch, in dem keine Zahlen vorkommen) – und das Gespräch, wieviel jeder hat, wieviel jeder nicht hat und wo man dies und jenes bekommt... Heute sind viele Bauern unendlich reicher, unendlich fundierter, unendlich besser daran als die Großstädter, in deren Bereichen der hinter dem Pflug früher, scheu die Mütze drehend, zur Decke und an den Häusern entlang hochschaute... Der Sturm hat die dicken Stadtmauern eingerissen, die ja früher auch noch da bestanden, wo man sie längst niedergelegt hatte. Heute haben sie ihr Kabarett und ihre Tanzdiele und ihren schlechten Sekt – Hallo! Heute wuchern sie und werden bewuchert, schieben und werden geschoben, ganz wie in Berlin, und ihr Pulsschlag zittert, wenn die Börsenzeiger ausschlagen... Gibt es überhaupt noch kleine Städte? In Norddeutschland kaum. In ganz Norddeutschland ist die kleine Stadt uniformiert: in allen herrscht der gleiche Lebensbetrieb (Leben kann man das kaum nennen) in allen klafft der gleiche harte und unerbittliche Gegensatz zwischen oben und unten – in allen ist die gleiche stupende Unkenntnis von allem, was da im Ausland vor sich geht – das deutsche Weltbild ist zur Zeit ganz monoman. Frankreich ist der letzte Schuft der Welt (wie früher einmal das »krämerische England«, wie früher Italien, wie früher... die Deutschen brauchen immer einen, der an allem schuld ist) – »die Welt ist neidisch auf Deutschland, weil es gar so tüchtig und arbeitsam ist« – und im übrigen: »Was kostet heute die Butter?« – Sie kostet viel. Sie kostet so viel, weil alle kleinen Städte zusammen, weil ein ganzes Volk nicht einsieht, wie eben diese falsche und lärmende Betriebsamkeit das Unglück gebracht hat, wie sich die Mark und das Mark immer mehr verschlechtern, weil beide krank sind. Der Wirt des Kurhauses bei Schwerin hebt zum Abschiedsgruß den Hut. Er hat uns bis zum letzten Pfennig ausgezogen, wir haben Koffer und Mantel gerettet und verlassen fluchtartig die Gegend. In der Stadt liegt der Pfaffenteich; er ist zugefroren, und die Leute gehen darüber hin. Sie sehen nicht vergnügt aus und haben kummervolle Gesichter. Sie rechnen ... Durch alle Ritzen und Vorhänge schleicht es herein. Wir spielen »kleine Stadt« und wollen vergessen, was draußen ist. Aber es ist aus damit – die kleine Stadt sperrt sich und gibt knapp die Kulissen her. (Und auch die nur gegen hohe Leihgebühr.) Früher sprangst du wohl aus der Zeit – Heute ist 1923 überall. Welch ein Jahr! Und es bleibt dir nichts übrig, als dich in der kleinen Stadt und in einem kleinen Land damit zu trösten, daß hinterm Berg auch noch Leute wohnen, sie zu grüßen, wenn sie reinen Herzens, und ihnen über die Grenzpfähle die Hand zu drücken, wenn sie deine Geistes- und Gesinnungsfreunde sind. 1923 An den deutschen Mond Guter Mond, du gehst so stille durch die Abendwolken hin! Siehst die lange Äppelzille und die Venuspriesterin. Siehst Passanten und die Bummler und die bösen Geldscheinschummler ... Bist das alles schon gewohnt, guter Mond, guter Mond –! Segelst langsam ob den Dächern, siehst in Fenstern der Bureaus, wo die Akten in den Fächern flüstern: »Wir sind Nosken los!« Siehst in Fenster der Kasernen, wo sie Schwarz-Rot-Gold entfernen ... Bist das alles schon gewohnt, guter Mond, guter Mond –! Kugelst dich am Firmamente über unsre große Stadt, siehst die dicke, schwere Rente, die der Ludendorff noch hat. Siehst auch nächstens, wenn es später, manche freien Hochverräter ... Bist das alles schon gewohnt, guter Mond, guter Mond –! Aber käme plötzlich einer, der trotz Lärmen und Gezisch schlüge – wie noch leider keiner – mit der Faust auf unsern Tisch – Sagt der: »Militär kann gehen!« Ei, dann bliebst du sicher stehen! Denn das bist du nicht gewohnt, guter Mond, guter Mond –! 1920 Chanson Aus dem Ungarischen Gesungen von Gussy Holl Da ist ein Land – ein ganz kleines Land – Japan heißt es mit Namen. Zierlich, die Häuser und zierlich der Strand. zierlich die Liliputdamen. Bäume so groß wie Radieschen im Mai. Turm der Pagode so hoch wie ein Ei – Hügel und Berg klein wie ein Zwerg. Trippeln die zarten Gestalten im Moos, fragt man sich: Was mag das sein? In Europa ist alles so groß, so groß und in Japan ist alles so klein! Da sitzt die Geisha. Ihr Haar glänzt wie Lack. Leise duftet die Rose. Vor ihr steht plaudernd im strahlenden Tag kräftig der junge Matrose. Und er erzählt diesem seidenen Kind davon, wie groß seine Landsleute sind. Straße und Saal pyramidal. Sieh, und die Kleine wundert sich bloß – denkt sich: Wie mag das wohl sein? In Europa ist alles so groß, so groß – und in Japan ist alles so klein! Da ist ein Wald – ein ganz kleiner Wald – abendlich dämmern die Stunden. Horch! wie das Vogelgezwitscher verhallt... Geisha und er sind verschwunden. Abendland – Morgenland – Mund an Mund – welch ein natürlicher Völkerschaftsbund! Tauber, der girrt, Schwalbe, die flirrt. Und eine Geisha streichelt das Moos, in den Augen ein Flämmchen, ein Schein... In Europa ist alles so groß, so groß und in Japan ist alles so klein! 1926 Riviera Es gibt so viel süße Schilderungen der französischen Riviera; sauer macht lustig, warum soll man nicht einmal... Die Riviera liegt da und sieht aus. Sie ist die zweidimensionalste Landschaft, die sich denken läßt: für den Küstendampferpassagier ist sie ein Traum, für den, der auf einer Klippe steht und in die Bucht hineinsieht, ein Paradies – man darf nur nicht in das Paradies hineingehen. Dann ist alles aus. Die französische Riviera ist nur gemalt, und zwar auf Blech. Da, wo freie Plätze und Sanatorien für arbeitende Menschen stehen sollten, liegen Privatbesitzungen, die Gott im Zorn geschaffen hat. Die Flora erinnert an einen verkrüppelten Grunewald, in den sich einige unglückliche Palmen verirrt haben; sie stehen da herum, sich mit den übrigen Bäumen unterhalten können sie nicht, und nun blühen sie unentwegt afrikanisch vor sich hin. Auch sieht man Agaven mit fetten, harten Blättern, auf denen, mit dem Messer geritzt, eingewachsen zu lesen steht:»Yvonne et son Alphonse 1925.« Abends sieht die Landschaft aus wie die Kulisse einer Operette beim Finale des zweiten Aktes: kleine Lichtpünktchen zwinkern an den Uferstraßen, die Konturen liegen in tiefem Schwarz-Blau gebettet, und während sich das zerzankte Paar mit den rudernden Armen flehendverliebt zuwinkt, fällt langsam der Vorhang. Am Ufer des Meeres zieht sich die »corniche« hin, eine Autostraße, deren Sausen alles mit sich reißt: Stille und Luft und Atmosphäre. Dahinter pfeift die Eisenbahn, denn die ganze Riviera ist nur ein paar Meter breit. Dann kommen die guten Felsen und die schlimmen Häuser. Hier und da treten die Besitzungen etwas zurück und lassen Platz für staubige Straßen. Wenn ein Kasino dabeisteht, ist es eine Ortschaft mit vielen großen Hotels. Diese Hotels sind gar keine Hotels. Sie spielen alle Hotel. »Von prominenten Gästen der letzten Jahre«, sagt der Hotelprospekt, »sind zu nennen: Der Präsident der französischen Republik, Paul Deschanel; die Prinzessin Luise; die Herzogin von Argyll; Sarah Bernhard ... Die große Schauspielerin«, sagt der Prospekt, »saß eines Tages auf einer Loggia in der zweiten Etage, wo man nur den Himmel, Blumen und das Meer sieht; da sagte sie in ihrer poetischen Art, daß man sich hier auf dem Bug eines großen Schiffes wähnte.« Und dann keine Brause im Badezimmer. Vor der Hoteltür steht ein Portier, der der erste Mann des Unternehmens ist; er ist so mächtig, daß ihn das Los, letzter Mann zu werden, niemals treffen könnte, denn in die Toilettenräume ginge er gar nicht hinein. In der hall stehen Palmen und vielhundertjährige Engländerinnen; wenn man sie herumwirtschaften sieht, so ist immer nur zu fragen: »Wer arbeitet eigentlich in England für alle diese Frauen?« Der Mittelpunkt eines modernen Hotels, in dem Leute ruhen und schlafen wollen, ist eine Musikkapelle. Man stelle sich vor, jemand sei genötigt, zu Pfingsten in einer Eberswalder Ausspannung zu übernachten; zu Hause wird er dann davon erzählen, wie er nachts beständig vom Grölen der Kutscher und von einem Orchestrion gestört worden sei. Ähnliches erlebt er in einem modernen Hotel, nur ist es an der Riviera um eine Kleinigkeit teurer, dafür ist aber das Essen in Eberswalde besser. Natürlich darf man nicht vergessen, daß in der Ausspannung keine vorgedruckte Speisekarte auf dem Tisch liegt; wenn es eine dünne Suppe, ein Pastetchen, bejahrten Fisch und ein bejammernswertes Huhn mit Kartoffeln gibt, so sieht das Menü so aus: Potage à la Potage Vol-au-Vent à la Valéry Sole à la Reine de Portugal Volaillé à la Poule Pommes à la Pomme Fruits Der letzte Plural ist eine Übertreibung. Dazu spielt das Orchester in das Vichy-Wasser hinein, das sich die Engländer in den Magen gießen, es gluckert empört, wenn es unten ankommt, und schwappt leise im Takt der Musik. Diese Musik der französischen Kapellen, die Jazz spielen, hört sich an, wie wenn einer mit halbwegs richtiger Aussprache Englisch vom Blatt liest, ohne ein Wort zu verstehen. Erst, wenn sie den aktuellen Walzer aus der »Lustigen Witwe« zersägen, fühlen sie sich wieder im nationalen Element. Je schlechter das Essen, desto lieblicher der maître d'hôtel, der sich über mich wie über einen Kranken beugt: ob es mir denn schmecke, und ob es mir munde, und ob ich zufrieden sei ... Lieber Gott, gib mir doch den Mut, daß ich ihm einmal, nur ein einziges Mal, mit der Gabel in den Bauch pieke...! Es sind viele Deutsche da. Sie haben ein bißchen Angst vor der feinen Umgebung, und das sollen sie ja wohl auch. Sie sind auch unsicher vor den Fremden: den Franzosen, den Amerikanern, den Engländern – aber wenn sie merken, daß sie es mit Deutschen zu tun haben, dann entspannen sich ihre Glieder, eine leichte vertrauliche Frechheit steigt in ihnen auf, denn, denken sie mit Recht, was kann an einem schon dran sein, der auch nur ein Deutscher ist! (Diese Familienvertraulichkeit teilen die Deutschen noch mit einer anderen Rasse.) Im großen ganzen aber bemühen sie sich, ihr mondänes Leben den illustrierten Zeitschriften anzupassen, in denen es abgebildet ist. Aus den Hotels können die feinen Leute nur noch in ihre Autos steigen, die, lang wie ein Haus, vor dem Haus brummen. Einen Schritt darüber hinaus, und sie stapfen in Staub, ungepflegten Wegen, an grauenvollen Straßenfronten vorüber – denn die Riviera ist dreckig, ohne pittoresk zu sein; unmalerischer Schmutz. Man hat in allen Ortschaften das Gefühl, hinter Filmkulissen zu stehen; kein Mensch glaubt daran, die einheimischen Komparsen nicht, die Fremden eigentlich auch nicht, sie machen aber ein krampfhaft vergnügtes Gesicht und wagen nicht, sich einzugestehen, daß es an hundert andern Küsten schöner, weiter, kräftiger und naturhafter ist. Sie erliegen rettungslos der Zwangsvorstellung »Riviera«. Der Höhepunkt dieser fixen Idee ist Monte Carlo. Monte Carlo ist ein frisch erhaltener Naturschutzpark aus dem Jahre 1880. Es ist ein lebendiger Anachronismus; ich war versucht, die Menschen anzufassen und an ihren Haaren zu ziehen, ob sie auch wirklich und wahrhaftig echt sind und nicht zu Staub zerfallen, wenn man sie anrührt. Also das ist das Paradies, wo in unsrer Jugendzeit die Defraudanten mit »Weibern und Champagner« ihr Geld durchbrachten! So blödsinnig fingen sie das an! So völlig von Gott und allen guten Geistern verlassen! Da ist der kleine Park, in dem man verzweiflungsvoll umherzuirren hatte, wenn alles hin war, an diese Palmen konnte man sich hängen, von diesen Felsen herunterstürzen, über diese Grasflächen knallte abends der kleine Schuß, der einem verpfuschten Leben ... heiliger Lokal-Anzeiger! Die Spielsäle sehen aus wie das selige Palais de Danse – gequollene Ornamente gerinnen an den Wänden, Puttengel stoßen mit Recht in vergoldete Posaunen, und ölgemalene Gemälde zeigen an, wovon unsere Väter nachts geträumt haben, wenn Mutter schon, mit aufgesteckten Zöpfen, schlief. An den Tischen spielen sie. Spieler sind auf der ganzen Welt gleich. Hier muß man die Leidenschaft noch durch sechs dividieren, denn wenn sie zehn Francs setzen, dann sind es nur eine Mark und fünfzig, und so was stört sehr. Auch ist heute die Flucht in die Romantik des Spieles minder groß als damals, als dein Papa und deine Mama hierher mit dir ihre Hochzeitsreise machten: Heereslieferanten, Kriegsgewinnler, Börsenspieler, Inflationisten: es gibt heute so viele Monte Carlos! Viele Spielende tragen in Bücherchen ein, was die kleine Kugel zusammenkugelt – und es ist besonders lustig, die Damens über ihre Kurven gebeugt zu sehen; sie haben keinen Schimmer von Wahrscheinlichkeitsrechnung, richten sich aber streng nach ihr. Auf diese Weise erzielt die Bank ihren Umsatz. Die Fassade des Kasinos in Monte Carlo stammt von Grainer, dem Erbauer der Pariser Oper. Diese Fassade sieht aus... »Herr Graf, was denken Sie von mir? Ich bin eine anständige Frau!« – Komm mit mir in den kleinen Pawilljoohn! – Mit schmetternder Faust und mit trocknem Pulver – Wigalaweia – »Ich war mit ihr im Chambre-Séparée, und sie hat mit ihren Diamanten meinen Namen in den Spiegel gekratzt!« – Valse Bleue und Amoureuse, und das von Zigeunern ... – Spitzengeriesel und die Dessous und Frou-Frous – Wasmuths Hühneraugenringe in der Uhr – Eine Rokokoquadrille bei Hof – Ein Kuß ohne Schnurrbart ist überhaupt kein Kuß! – »Und sehn Sie wohl, darum ich bin: die Gigerlkönigin!« – Der Herr Kommerzienrat strich sich die braunen Favoris und sah den Besucher ernst durch seinen goldenen Kneifer an – Ein Weib mit so einem Busen! – Ihr Hochzeitsdiner hatte vierundzwanzig Gänge – Ich will auch mal Viere lang fahren! – in Laque und Claque – Schenk ihr doch Dahns Kampf um Rom! – Die königlichen Herrschaften begaben sich mit den Majestäten elastischen Schrittes – »Donnerwetter, Donnerwetter, wir sind Kerle!« – Ihre Tochter ist jetzt im Pensionat in Lausanne – Hier muß noch ein Pendant hin – Erst hat er sie verführt und dann... geschnürt, in Lackstiefeletten – »Eine Dame kann doch nicht Veloziped fahren!« – Spitzentanz und Mondesglanz, und Grete findet ihren, sagen wir, Hans – so sieht die Fassade des Kasinos in Monte Carlo aus. Übrigens erinnert Monte Carlo (1880) stark an Deutschland (1923). Eine leise, kaum wahrnehmbare Wolke von Inflation zieht durch die Promenaden: in den Augen der Leute liegt ein sanft flackernder Wahnsinn, die Menschen gehen in indifferentem Gleichgewicht einher, die Anziehungskraft der Erde funktioniert hier nicht recht, alles ist so anders, und man tut gut daran, seine Uhr festzuhalten. Gemeine Gesichter werden ungeniert dem Tageslicht präsentiert; armselige Hürchen spielen große Welt, und eine fette polnische Riesendame in tiefem Violett geht mit einem Mann einher, der aussieht wie Professor Makart und ebensolchen blonden Vollbart und solche weichen Hände hat... Hier trägt Europa seine alten Moden auf. Unten, am Meer, zerschießen sie Tauben; der kleine Grasplatz ist ganz besät von den weißen Flaumfederchen. Oben, auf dem Fels, liegt der Besitz des Mannes, für den sie alle an den Tischen arbeiten: das Palais des Fürsten von Monaco, zwei gekreuzte Nullen im schwarzroten Wappen, mit dem Spruch: »Passe ou Manque – Vive la Banque!« Und das tut sie denn auch. Abends werden die Bürger in großen Autos nach ihren Hotels abgefahren, sie rollen durch die Nacht, sie sind müde, sie haben ein bißchen gewonnen und viel verloren und sind an der Riviera gewesen. Am Tage aber scheint über alles dies eine leuchtende Sache, die sie alle, alle gepachtet haben, für die sie sich bezahlen lassen, und derentwegen wir hierhergefahren sind: die Sonne. Während am Alexanderplatz, wo das schönste, weil treffendste Denkmal Berlins gestanden hat: die dicke Berolina, der Modder so hoch aufspritzt, daß die Fußgänger, wenn sie in die erleuchteten Autos hineinsehen, soziale Gefühle bekommen; während es in Kopenhagen in der Forhabningsholmsallee so friert, daß sich der lange Name der Straße vor Kälte zusammenzieht; während in Paris das Schnupfenwetter durch die Fensterritzen zieht und der Kamillentee hoch im Preise steigt; während die Eskimos ihre letzte Lebertranlampe anzünden und Knud Rasmussen lesen, um sich endlich über sich zu informieren–: währenddessen scheint an der Riviera die Sonne. Sie wärmt, sie strahlt; ich trage mich in Hellgrau und Marineblau und habe nur einen Sommerbauch; wenn ich jetzt noch jenen kleinen Schnurrbart hätte, von dem alle Männer glauben, sie glichen darin Adolphe Menjou, während sie in Wahrheit aussehen wie die Verbrecher – welch mondäner Lenz! Der Frühling, der lange Lulatsch, schwebt über die begrünten Hügel, der maître d'hôtel beginnt zu knospen, das verhältnismäßig blaue Meer leuchtet, und sanft vor sich hin neppend, verdämmert im Sonnenglast die leuchtende Küste der Riviera. 1928 Einer aus Albi Zugabe. Über Toulouse muß gefahren werden – da kann der kleine Abstecher nur Freude machen. Um so mehr als Toulouse um drei Karat häßlicher ist als Lyon. Reste schöner Architektur stehen museal dazwischen. Unglücklicherweise ist es auch noch Sonntag, und auf den Straßen spazieren: achthundert Frank Monatsgehalt und neuer Sonntagsanzug; kalte Verlobung mit Wohnungseinrichtung; achtundvierzig Jahre Buchführung mit kleiner Pension und eigener Zusatzrente – die Leute wissen nicht recht, was sie mit ihrem freien Nachmittag anfangen sollen, sie gehen so umher: kurz, eine Stadt, wie Valéry Larbaud formuliert, où l'on sent tout l'après-midi une désespérante odeur d'excrément refroidi. Also: Albi. Als ich abends ankomme, liegt der Ort grade in tiefem Dunkel, nur am Gefängnis brennt einladend eine kleine Laterne. Es muß doch nicht leicht sein, ein Elektrizitätswerk zu leiten. Im Hotel brennt eine Kerze auf einem Tisch. Ich trete in die Tür, strahlendes Licht flammt auf – kein schlechter Auftritt. Im Speisesaal tagt noch eine schöne Table-d'hôte, dieser Kotillon der Mahlzeiten. Alle Provinzherren stopfen sich die Serviette in den Hals und werden nun hoffentlich gleich rasiert. Am nächsten Morgen gehe ich langsam durch die gewundenen Straßen, an den Häusern de Guise und Enjalbert vorüber, zwei Renaissancebauten mit herrlichen Portalen. Da steht die Kathedrale. Ich bin kein weitgereister Mann und kann nicht nachlässig hinwerfen: »Das Haus des Dalai-Lama in Tibet erinnert mich an der Nordseite an die Peterskirche in Rom ...« Diese Kathedrale in Albi hat mich an gar nichts erinnert – doch: an eins. An Gott. Ihr Anblick schlägt jeden Unglauben für die Zeit der Betrachtung knock-out. Wie ein tiefer Orgelton braust sie empor. Sie ist rot die ganze Kirche ist aus rosa Ziegeln gebaut, und sie ist eine wehrhafte Kirche, mit dicken Mauern und Türmen, ein Fort der Metaphysik. Hier ist der Herrgott Seigneur in des Wortes wahrster Bedeutung. Ihr Bau wurde im dreizehnten Jahrhundert begonnen, ihr Stil ist so etwas wie eine Gotik aus Toulouse. Der riesige Turm verjüngt sich nach oben, seine Fenster werden immer kleiner und täuschen eine Höhe vor, die in Wirklichkeit gar nicht da ist. Ach was ... Wirklichkeit! Diese Kathedrale ist nicht wirklich. Sie ist, im Gegensatz zu den Ereignissen in Lourdes, ein wahres Wunder. Und rosa schimmern die Bischofsgebäude, die danebenstehen, der Himmel nimmt eine rosa Färbung an – Innen ist die Kathedrale nicht so schön, es gibt zwar gute Einzelheiten, aber es ist eben eine hohe Kirche, deren Raum man leider aufgeteilt hat. Ich trete wieder heraus und gehe zwergenhaft von allen Seiten an dieses Monstrum heran. Es ist zum Erstarren. Die Gärten des erzbischöflichen Schlosses liegen im Herbstlaub, mit rosa Ziegel als Fond. Von drüben schimmert der Fluß, le Tarn, ich sauge das alles in mich auf. Im erzbischöflichen Schloß ist ein Museum, eine Bilderausstellung; ach, wer wird denn das jetzt sehn wollen! Aber da fällt mein Blick auf ein kleines Ausstellungsplakat ... Ich muß mich wohl verlesen haben. Nein. »La Galerie de Toulouse-Lautrec.« Toulouse-Lautrec? Hier? Im Bischofsschloß? Hier im Bischofsschloß. Und da stak ich nun den ganzen Tag. In Albi ist Toulouse-Lautrec geboren, in Albi ist er gestorben (1901). Und ihm zu Ehren haben sie diese Ausstellung in drei Sälen zusammengebracht. Da hängen: die großen Plakate mit Aristide Bruant, das rote Tuch verachtungsvoll-königlich um den Hals; La Goulue, die die Beine wirft, daß man ihr in eine Wäscheausstellung sehen kann; ein altes Schwein, das sich über ein junges Gemüse beugt; die harten Fressen strahlend blonder Luder; der Urgroßvater des Jazz: Cake-walk in einer Bar; ein Kostümball, auf dem Börsenmakler als Marquis Posas mit Pincenez zahlend amüsiert schwitzen; ein kalkiger Jüngling auf grauem Karton, ein schlaffer, käsiger Mensch, sein ganzes Leben ist auf den paar Quadratzentimetern aufgezeichnet – und Yvette. »Yvette Guilbert, saluant le public.« Ich bin kein Bilderdieb – außerdem ist das Bild zu groß gewesen. Sie stand da, den Oberkörper etwas vorgebeugt, und stützte sich mit einer Hand am zusammengerafften Vorhang. Die langen schwarzen Handschuhe laufen in Spinnenbeine aus. Sie lächelt. Ihr Lächeln sagt: »Schweine. Ich auch. Aber die Welt ist ganz komisch, wie?« Durchaus »halb verblühende Kokotte, halb englische Gouvernante«, wie Erich Klossowski sie charakterisiert hat. Es ist da in ihr ein Stück Mann, das sich über die Frauen lustig macht, selber eine ist, durchaus – und ganz tief im Urgrund schlummert ein totes, kleines Mädchen. Dieser Mund durfte alles sagen. Und er hat alles gesagt. Und auf jedem zweiten Blatt immer wieder das Theater – das Theater, das Toulouse-Lautrec mit Haßliebe verfolgt hat, ausgezogen, wieder angezogen, abgeschminkt, geküßt, geschminkt und verhöhnt hat. Weiche Mimen legen vor einem Spiegel Rouge auf; ist das eine lächerliche Profession, sich abends, wenn die Lampen brennen, in schmutzigen kleinen Ställen Butter ins Gesicht zu schmieren! Da liegt eine Palette, dort ein Lithographiestein mit dem Bart Tristan Bernards. Spitze Schreie steigen von diesen Blättern auf, Brunst, Inbrunst, Ekel, Genuß am Ekel, in der vollendeten Verkommenheit liegt der Ton auf vollendet. Ein weher Mund sieht dich an, sah ihn an – alles andere in diesem Frauengesicht ist dann dazugeworfen, wegen dieser Lippen ist er gezeichnet. Zarte Pastellkartons: ein weißes Jabot ist so auf Grau gesetzt, daß man den hauchdünnen Stoff abheben kann, und alle ernsthaften Bilder zeigen, was dieser Mann an technischem Können, an Fleiß, an Gewissenhaftigkeit des Handwerks in sich gehabt hat. Den Ungarn, die ihm heute in Paris frech nachschmieren, sollte man ihre Blätter um die Ohren wischen – es genügt eben nicht, in ein »Haus« zu gehen und grinsend zu kolportieren. Ah, davon ist hier nichts. Tierstudien sind da, von einer Einfühlung in die Form, Porträts, kleine Landschaften... und immer wieder Pferde, deren Bewegung er so geliebt hat. Dazwischen alte Kanaillen, mit halb entblößter Brust; wie haargenau sind die Quantitäten von Verfall, gesundem Menschenverstand, ja selbst von so etwas wie anständigem Herzen ausbalanciert ...! Eine hat etwas Mütterliches. Und ein ganzer Salon ist da, der große Empfangssalon im Parterre, da sitzen die Damen, bevor sie nach oben steigen. Ein Salon –? Es ist der Salon. Die Totenmarie und die Stupsnase und das dicke, hübsche Mädchen, und die Gleichgültige und die, die ewig nackt umherläuft... Und das Schönste von allem: »Etude de Femme 1893.« Ein junges Ding läßt frierend das Hemd gleiten, eine Brust sticht gespitzt in die Luft. Ein herbstlicher Frühling. Drum herum Gemälde. Zweimal: seine Mutter, Porträts des Malers, Porträts anderer: ein bärtiges Gesicht mit Kneifer und aufgeworfenen Lippen. Einmal eine Verspottung seines verwachsenen Körpers. Er ist in Albi geboren und gestorben. Wo? Die Straße heißt heute »Rue de Toulouse-Lautrec«, es ist das Haus Nummer 14. Außen eine glatte Front, eine hohe verschlossene Tür... Sein Vetter, der Doktor Tapie de Céleyran, empfängt mich. Es ist ein älterer Herr mit schwarzem Käppchen auf dem Kopf; er führt mich ins Allerheiligste. Da liegt in Kästen das Oeuvre Lautrecs: die Lithographien, die Originale und viel Unveröffentlichtes. Und er zeigt mir eine Geschichte, die der Knabe illustriert hat – seltsam gemahnen die angetuschten Federzeichnungen an Kubin. Er hat soviel gearbeitet... Und ich bekomme zu hören, daß die Familie und der Hauptverwalter des Nachlasses, Herr Maurice Joyant in Paris, der an einem großen Werk über den Maler arbeitet, seine Einschätzung durch das Publikum nicht lieben. »Er ist nicht nur der Zeichner der Dirnen gewesen, des Zirkus, des Theaters –! Er hat so viel andres gekonnt!« Zugegeben, daß sich ein Teil seiner Bewunderer stofflich interessieren. Aber hier liegt das Einmalige des Mannes, der bittere Schrei in der Lust, der hohe, pfeifende Ton, der da herausspritzt... Daß dahinter eine Welt an Könnerschaft lag, wer möchte das leugnen –! Und daß Toulouse-Lautrec kein wollüstig herumtaumelnder Zwerg war, oder ob er es war... gebt volles Maß! Und wir scheiden mit einem Händedruck. Nachmittags bekomme ich im Museum zu sehen, was nicht ausgestellt ist: Entwürfe über Entwürfe, hingehuschte Skizzen, Angefangenes, Wiederverworfenes und Schulhefte, in denen die lateinischen und griechischen Exerzitien ummalt sind von Girlanden und Figuren. Da ist die Feder träumerisch übers Papier geglitten, weit, weit weg von Cicero und hat Pferde im Sprung aufgefangen. Füchse – die Männerchen, die der hier gemalt hat, sind schon kleine Menschen. Und als der freundliche Konservator alles wieder zusammengepackt hat, gehe ich noch einmal in die hohen Zimmer und nehme Abschied, von Yvette Guilbert, von den zarten Farben und von dem dröhnenden Schlag eines Spazierstockgriffs auf einen Sektkühler. Es gibt das alles nicht mehr; man ist heute anders unanständig. Mit der Zeit – das geht so schnell! – sinken Gefühle zu Boden, optische Anspielungen, nur von denen einmal verstanden, die sich mitgekitzelt fühlten. Vor manchem stehe ich nun und kann es nicht mehr lesen. Aber ich verstehe es mit dem andern Nervensystem, dem Solarplexus – es springt da etwas über, von dem ich nur weiß, daß es zwinkernd, züngelnd und doch nicht verrucht ist. Es ist das Knistern, das entsteht, wenn sich Menschen berühren: Haßknistern, Spott... und eine etwas lächerliche Formalität. Die Liebe after dinner. Von Albi sehe ich dann gar nichts mehr. Oder wenigstens: ich habe alles vergessen. Ich weiß nur noch, daß ich in eine Flaschenfabrik hineingehen wollte, wie mögen wohl Flaschen gemacht werden, dachte ich – und da standen zwei ältere Arbeiter vor dem Portal. Sie sagten: »Heute nicht.« – »Warum nicht?« fragte ich. »Es wird gestreikt«, sagten sie, »Marokko.« Nun, es war das ein Teilstreik, und sie wußten das auch sehr genau. Sie sagten, es nütze ja doch nichts. Ich schwieg – denn ich bin in Frankreich. Aber ich wußte: es nützt immer. Nichts ist verloren. Es ist ein Steinchen, wenn ein paar Fabriken gegen den Staatsmord protestieren, wenn sie nicht mehr wollen, wenn die Arbeiter ihre Söhne nicht mehr hergeben wollen... Und dann fuhr ich nach Toulouse zurück. Da wohnte noch jemand, den ich zu besuchen hatte. Eine alte Dame empfing mich in ihrer Wohnung, die in einer stillen Straße liegt. Die Comtesse de Toulouse-Lautrec ist heute vierundachtzig Jahre alt. Sie geht langsam, sie ist frisch, freundlich, gut. Da kam sie auf mich zu, sah mich durch ihre Stahlbrille an... und dann begann sie von ihrem Sohn zu sprechen. Sie spricht von seiner Jugendzeit, als er so fleißig in Paris gelernt hat; von seinem festen Willen, und –: »Er war ein so guter Schwimmer, wissen Sie!« sagt sie. Nur eine Mutter kann das sagen. Und nun wird sie lebhafter und macht mich auf die Kohlezeichnungen aufmerksam, die da hängen: die Köpfe zweier alter Damen, es sind die Großmütter Lautrecs. Wieder sehe ich: In der Kunst gibt es kein Mogeln. Der Mann war in seiner Ausbildung ein Handwerker, ein Akademiezeichner wie Anton von Werner, und auf diesem Grunde hat er gebaut. Wissen die Leute, daß George Grosz zeichnen kann wie ein Photograph? Man kann nur weglassen, wenn man etwas wegzulassen hat. Mogeln gilt nicht. Und die Mutter zeigt kleine Bildchen, Illustrationen zu einem Werk Victor Hugos, niemals vollendet; der Verleger machte Geschichten, und Lautrec zerriß langsam das Bild, das er grade unter den Händen hatte. Und ein Album mit den ungelenken Zeichnungen des Knaben, schon sieht hier und da etwas andres heraus als nur die Kinderhand, die das Zeichnen freut. Und sie spricht von seinem Leben und erzählt seine kleinen Schulgeschichten. Wie er stets gearbeitet hat... »Ich bin immer nur ein Bleistift gewesen, alle meine Tage«, hat er einmal von sich gesagt – und wie er niemals ohne sein Notizbuch ausging, in das er eine Unsumme von Details aufzeichnete; wie er lebte, und wie sie ihn doch nicht lange gehabt hat. Er starb mit siebenunddreißig Jahren. Zum Schluß, als er so krank gewesen ist, hat sie eine Reise nach Japan mit ihm machen wollen; er liebte Japan, da hängt noch ein japanischer Druck, den er sich gekauft hat. Aus der Reise ist nichts mehr geworden. Und die alte Dame sagt: »Il est si triste d'être seule.« Und dann gehe ich von der, die diesen Meister geboren hat. Wenn Er bläst: wird das Jüngste Gericht gerechter sein als die Verwaltungsbehörden auf Erden, die sich für Gerichte ausgeben? Wenn Er bläst, wird auch dieser kleine, etwas vornehme Mann erscheinen. »Henri de Toulouse!« ruft der Ausrufer. »Huse –« macht es. »Lautrec!« ruft der Ausrufer. »Meck-meck!« – lachen die kleinen Teufel. Da steht er. »Warum hast du solch einen Unflat gemalt, du?« fragt die große Stimme. Schweigen. »Warum hast du dich in den Höllen gewälzt... deine Gaben verschwendet... das Häßliche ausgespreizt – sage!« Henri de Toulouse-Lautrec steht da und notiert im Kopf rasch den Ärmelaufschlag eines Engels. »Ich habe dich gefragt. Warum?« Da sieht der verwachsene, kleine Mann den himmlischen Meister an und spricht: »Weil ich die Schönheit liebte –«, sagt er. 1926 In der Geburtsstadt Fragonards Grasse, im November »Sie müssen sich unbedingt Cannes ansehen!« hatte mir Victor Margueritte zum Abschied gesagt. Und Frau Margueritte hatte hinzugefügt: »Das ist das Deauville des Mittelmeers!« Wenn Saison ist. Jetzt ist aber noch keine Saison. Die Kulissen der großen Welt liegen stumm und still. Die Bühnenarbeiter richten die Soffitten her und bauen an Hafendamm und Kasino. Selbst das Meer gibt sich noch nicht die richtige Mühe, faul und grau plätschert es ans Ufer. Hier wogen also die in leichte Gewänder gekleideten Damen und bewegen zierlich ... aber um das festzustellen, hat mich die »Vossische Zeitung« nicht nach Frankreich geschickt. Es ist das auch schon ein bißchen oft geschrieben worden, scheint mir. Aber was selten und fast nie beschrieben wird, das ist dies: Wie sieht die Existenz eines Zimmerkellners in der Hochsaison aus? Was denken sich diese Leute? Wie arbeiten sie? Unter welchen Bedingungen? Und, was noch wichtiger ist: Wie sieht die feine Welt von hinten, von unten, von dieser Seite gesehn aus? Warum nimmt niemals einer von uns für ein paar Monate die Arbeit eines Stewards, eines Kellners, eines Bedienten an und schildert die Welt einmal von da aus? Romane und Genrebilder werden es nicht werden – aber sicherlich eine sehr lehrreiche Ergänzung zu den bis zum Überdruß wiederholten Bildern aus der eleganten Welt ... Das sind so Bücher, die nicht geschrieben werden. Drehen wir uns um und gehen wir zum Bahnhof. Das nette Leben fängt ja doch immer erst an der Kleinbahn an. Der Deutsche kann das Bücherlesen nicht lassen. Ich auch nicht. Ich habe gelesen, und ich habe mir da etwas ausgeknobelt... Wie wird es wohl werden? Der Zug rumpelt durch die Nacht, an kleinen Stationen mit unlesbaren Namen hält er, es ist ganz schwarz um mich her. Denn so dankbar man für diesen Novembersommer hier unten sein muß: Die Tage haben um Schlag fünf ein Ende, schon nach vier Uhr blitzen überall Lichter in das Halbdunkel des Nachmittags, und dann ist es aus: Man sieht nichts mehr. Im Dunkel des Abends liegt ein lichterbestickter Teppich. Eine Stadt, scheint's, Hunderte von glitzernden Punkten in einem Tal, auf den Anhöhen, überall. Kein Lichtermeer ... ein Lichtergerinnsel. Das ist Grasse, und in Grasse ist Fragonard geboren, Fragonard, der freche, entzückend leichte, himmlisch beschwingte Hofmaler Ludwigs des Sechzehnten. Aussteigen, Zahnradbahn – guten Abend. Bleich und mondsüchtig liegt auf der Anhöhe über der Stadt das Hotel. Sie kennen das Gefühl, das einen beschleicht, wenn der Kellner die Zimmertür hinter sich geschlossen hat ... allein. Ich öffne die Fenstertür, trete auf den Balkon. Unter mir liegt die Stadt. Im Talkessel, auf die Berge geklettert, über Rampen und treppenartige Steigungen verstreut, mit Lichtpunkten besät, leuchtend, schimmernd, glitzernd, halb verlöschend – trink, Auge! Und ich sehe und sehe. So hat der Bauern-Breughel einst gemalt: das Weite und das greifbar Nahe gleich weit und gleich deutlich. Da sind kleine Plätzchen, von einer Laterne notdürftig beleuchtet, man sieht grade eine Strecke Wegs von ein paar Metern, die ist leer; um ein andres Licht sind Menschen versammelt, die bereden etwas; weiter oben rollt ein Automobil langsam und vorsichtig die beleuchtete Straße entlang, dann verschwindet es; da sucht eines mit zwei Glotzaugen den dunklen Weg ab; hier liegt eine beleuchtete Halle; da ist ein Haus mit rötlich-gelblichen Lichtern; da eins mit weißen; in der Ferne verdämmern andre; ein Brückchen führt über einen kleinen Abgrund; bis weit ins Land kann man sehen, und oben auf den Bergen wohnen auch Menschen und blinken Lichter. Und jeder Lichtfleck erzählt eine kleine Geschichte – es ist wie ein Rundblick für Andersen. Gute Nacht, Grasse –! Der Tag hält, was der Abend versprochen hat. Treppauf, treppab klettere ich durch die Stadt. Sie ist in der Mitte ganz alt, die Gäßchen sind so eng, es geht steil abwärts und brüsk nach oben. Der französische Baedeker murmelt etwas vom sechsten Jahrhundert – jedenfalls waren 1746 die Österreicher einmal hier, kriegshalber, es muß schrecklich für die armen Soldaten gewesen sein: monatelang ohne Nachrichten aus dem Burgtheater ... Alte Häuser, alte Gassen. Aber was das Merkwürdigste ist an diesem alten Bergstädtchen, das ist die unbekümmerte Modernität ihrer Bewohner. Wir haben gelesen, daß in den verlassenen Herrensitzen Kurlands arme Bauern hausen – die Dürftigen im Zivilisierten. Hier ist es umgekehrt. In diesen alten, alten Häusern liegen gut ausgestattete Geschäfte mit modernen Auslagen, hübsche Wohnungen – und alles ist so blitzsauber, reingefegt, so bis ins letzte Stäubchen gekehrt, daß man an gewisse Hamburger oder Lübecker Straßen erinnert wird. Gekalkt, gewaschen, geschrubbert, es strahlt nur so von Sauberkeit. Fabrikschornsteine? Sie haben im Stadtbild kaum gestört. Grasse fabriziert Süßigkeiten und Parfümerien. Ich sehe zu, wie man kandierte Birnen macht und gezuckerte Rosenblätter und Veilchen zu Süßzeug umarbeitet, und, wahrhaftig; auch die kleinen gelben Kügelchen der Mimose. Ich darf probieren; sie schmecken nach gar nichts, und ich mache ein bewunderndes Gesicht, es ist das erstemal, daß ich eine Rose esse. Und ich sehe zu, wie Parfüm hergestellt wird, eine komplizierte Sache, es riecht wie in einer Premiere, und die großen Kolben und Retorten der Kochapparate stehn in einem alten Kloster, mitten im Refektorium. Auch hier eine musterhafte Sauberkeit. Ja, aber Fragonard –! Fragonard ist in Grasse – einen Augenblick mal! – 1732 geboren, und er war kurz vor der Revolution in seiner Heimatstadt und dann wieder während der Revolution. Wo er geboren ist ...? Da ist die kleine Straße de la Font-Neuve, aber sie hat mehrere Häuser, zwei rechts und zwei links, und Genaues weiß man nicht. Hier hat »Frago« zum ersten Male die Beinchen in den Rinnstein gesteckt... Und hat gerufen: »Mutta! Schmeiß Stulle runta –!« Aber vor welchem Haus: Das steht nicht geschrieben. Auf einem Platz mit wunderschöner Weitsicht ins Land steht auch ein Denkmal für den seligen Maler. Seien wir höflich und gucken wir weg. Bis zu seinem vierzehnten Jahr hat Fragonard in Grasse gelebt. Später besuchte er zum Ausgang des achtzehnten Jahrhunderts seinen Vetter Maubert, und dem hat er für 3600 Livres – laut Quittung vom 10. März 1791 – fünf Bilder gemalt: »Der Einstieg«, »Die Verfolgung«, »Vertrauliche Mitteilung«, »Krönung« und »Die Hingabe«. Für wen hat er sie gemalt? Für seinen Vetter Maubert? Natürlich nicht, sondern letzten Endes für Pierpont Morgan, der sie gekauft hat. Grasse hat nur die Photographien, und das ist auch etwas wert. Aber weil Grasse eine pietätvolle Stadt ist, so hat es ein kleines Palais zu einem reizenden Museum ausgebaut, das kleinste Museum der Welt, von Herrn Carnot begründet, und darin ist noch manches Hübsche zu sehen. Reproduktionen nach Bildern des Meisters, ein paar Originalskizzen, jene Photographien und, verhüllt von einer grünen Decke in einer kleinen Vitrine: der Malkasten Jean Honoré Fragonards. Es ist ein einfacher, alter Kasten mit vielen kleinen Flaschen und Fläschchen, so, wie er ihn benutzt hat; auf jedem Etikett steht noch in vergilbten Buchstaben, welche Farbe jetzt darin trocknet ... Ein Pinselchen, zart und lang, liegt dabei. In den Nebenräumen provenzalische Kunst und Andenken, Möbel und Bauerngerät, alles in dem reinlichen und fröhlichen Geschmack der Provence. Eine lustige, runde Kinderwiege; eine zärtliche Sänfte; himmlische alte Kommoden; eine rötlich flammende, riesige Chaiselongue im Stil Louis XIII., eine gradezu verlockende Chaiselongue; ein Tontier aus dem siebzehnten Jahrhundert, eine Art Schildkrötenuhu oder Uhuschildkröte, ein geflügelter Traum; Stricke, mit denen der Marschall Bazaine, eingesperrt auf St-Marguerite, entfliehen sollte (er entfloh aber durch die Tür, weil er als Soldat den graden Weg liebte, direkt nach Spanien, wo er auch gestorben ist); Waffen und Bilder und Putten. Das Ganze so fein im Geschmack, so reinlich im Stil, und ein zweites Treppenhaus führt hinunter in den Garten, vor eine jener Fassaden französischer Hotels, die die Straße niemals zu sehen bekommt. Jetzt ist es Abend. Und während ich dieses schreibe, unterbreche ich mich, trete ans Fenster, schlage die Vorhänge zurück und sehe noch einmal auf die ruhende Stadt. Da blinkt es, kreisrunde und kleine Sterne, eckige und leuchtende Scheiben, das Laub rieselt, ein Wagen rollt, und aus einer fernen Schmiede klingt das fröhliche Ping-Pang der Werkstatt. Die Glocken rufen sich die Stunde zu und singen, hoch und tief, das schöne Lied von der Pünktlichkeit; eine ganze Viertelstunde lang ist es halb acht. Ein kleiner Viadukt verschwimmt im Dunkel; diese leuchtende Linie, das ist der Boulevard mit den dunklen Bäumen; Licht steht bei Licht, so weich, so zärtlich, so fest... Eine Stadt, die man streicheln möchte. Hoch über dem Tal fliegt der Mond durch die ziehenden Wolken, silbergrau verdämmern die Berge, und dort hinten liegt, unsichtbar, das Meer... Und von den schweigsamen Bergen herunter kommt es und greift ans Herz, ungesungenes Lied und ungesagte Worte, Sehnsucht in der Ferne nach der Ferne. »Kennen Sie Grasse?« fragte ich Herrn Wendriner. »Grasse?« sagte er und stocherte sich in den Zähnen. »Warten Sie mal – Grasse...? Ja, da warn wir mal, von Cannes aus. Na, ich danke! Ein kleines Nest, ganz nett, gewiß, aber kein anständiges Kasino, gar nichts Elegantes. Wir sind bloß durchgefahren und haben eine Kleinigkeit gegessen, Bouillon baisse, oder wie das heißt. Richtig! Meine Frau hat sich noch mächtig den Magen an den Langusten verdorben. Wissen Se: Grasse is nischt –!« 1924 Marseille »Wenn das hier mal alles vorbei sein wird«, sagt einer der in Nordafrika gequälten französischen Strafgefangenen, die Albert Londres jetzt geschildert hat, »wenn das hier mal alles vorbei ist, und wenn wir erst wieder in Marseille auf dem Kai stehen, und wenn dann der Hauptmann Etienne und der Sergeant Flandrin mit dem Schiff ankommen, um ihre Mutter zu besuchen – dann tragen wir ihnen das Gepäck gratis und franko bis an den Bahnhof Saint-Charles! Was, Jungens?« – Der Bahnhof Saint-Charles liegt im Norden der Stadt, von da ist es nicht weit bis an das Herz von Marseille: an den Hafen. An einem Triumphbogen vorbei – der Triumphbogen der französischen Städte ist das Schillerdenkmal der deutschen – durch belaubte Straßen... Das Gewimmel ist nicht gar so bunt, wie man es sich vorgestellt haben mag. Noch im Jahre 1901 konnte ein französischer Reiseschriftsteller, Andre Hallays, von dem »turbulenten Nichtstun« in Marseille sprechen – das ist anders geworden. Die Stadt hat wahrscheinlich viel von ihrer Buntheit der Menschen, aber nichts von ihrer malerischen Großartigkeit der Anlage verloren. In den Straßen klingelt die Elektrische, gehen und kommen die Leute, verkaufen kleine Buden Zuckerzeug und Zeitungen; wenn man morgens durch einen Spalt der Fensterläden hinuntersieht, unterscheidet sich das Ganze nicht gar so sehr von Görlitz. (»Herr Panter! Dazu fahren Sie nach Marseille, um eine Ähnlichkeit mit Görlitz festzustellen?« – »Lieber Freund, Sie ahnen gar nicht, wie sich die Welt überall gleicht!«) Allerdings: man sieht Kolonialsoldaten, mit einem weißen Tuch um den Helm geschlungen; man sieht Afrikaner im Burnus, dieser Toga des Südens – aber auf einer Elektrischen. Und dann ist da also der Hafen. So träumt man. Das ist der erste Eindruck. Diese beängstigende Fülle der Häuser, die sich um ein breites Wasserbecken türmen, schmale, enge, fast drohende Häuser, immer eine Reihe über der andern, hügelig aufgebaut, rings um den Alten Hafen. In dem liegen Segelschiffe und Dampfer, nicht die ganz großen; die ruhen sich anderswo aus, im Bassin de la Joliette, hinter einem langen Molendamm, der sie vom Meere trennt. Der Schiffsverkehr hat erst zwei Drittel der Vorkriegszahl erreicht; er wird heute etwa 12000 Fahrzeuge mit rund 15 Millionen Tonnen jährlich betragen. Hier, im Alten Hafen, der bis zum Jahre 1844 der einzige Hafen der Stadt war, liegen die kleineren Schiffe. Die Hafengassen gehen alle fast bis unmittelbar ans Ufer, sie verlieren sich hügelan in einem engen südlichen Gewirr von Wäsche, die quer über die Straße gehängt ist, Salatkörben, Vogelkäfigen, Häuserwänden ... Um von der Gestalt des Hafens einen Begriff zu bekommen, mag man etwa an das Alsterbecken in Hamburg denken, er ist kleiner. Wenn man vor ihm steht, schaut man links hoch oben die Basilika von Notre-Dame de la Garde, eine gleißend goldene Figur, die über die Stadt schützend blickt. (So grüßt über Paris Sacré-Cœur, das böse Menschen Sucré-Cœur nennen und von dem mir einst ein Pariser Universitätsprofessor sagte: »Wir wünschten, es grüßte uns da ein anderes Symbol herunter!«) – Und vorn, grade da, wo die letzten Fortifikationen das Becken vom offenen Meer trennen, erhebt sich der riesige Pont transbordeur, die Überladerbrücke. Das ist ein feines Geflecht aus vielen Eisen- und Stahlstreifen, das man im Jahre 1905 erbaut hat: sie ist 52 m hoch, und oben gleitet eine große Schiene hin und her, an der durch zahlreiche Stahltrossen eine Fähre aufgehängt ist. Die Fähre schwebt über dem Wasser, so daß Ruderboote noch unter ihr passieren können, sie nimmt Wagen und Menschen auf, die vom einen Ufer zum ändern herüberwollen. Ein Fahrstuhl führt hinauf. Oben gibt es einen überwältigenden Rundblick. Ich für mein Teil hasse Aussichtstürme, und es gibt kaum einen, um den ich nicht schon einen großen Bogen geschlagen hätte. Aber dies hier ist doch ein ander Ding. Da liegt ganz Marseille – viel größer, als man es sich von einer Stadt mit einer halben Million Einwohner gedacht hat; über die Hügel verstreut, von Baumgruppen unterbrochen, klettern die Häuser vom Rand des Meeres bis auf die entfernten Berge. Die Alte Kathedrale hebt sich hervor, die Neue, Gassen und Gäßchen. Man kann auf die befestigten Inseln sehen, wo schwarze Soldaten Wache halten, ein Militärgärtner hat auf einer einen bunten Stern im Rasen angelegt. Vom Meere her kommt ein frischer Wind herüber. Ein leises Geräusch unter den Füßen läßt aufmerken: das ist die Gleitschiene der Fähre, die unten, winzig, mit einem Automobil befrachtet, über das Wasser gleitet. Durch die Bohlen kann man grade hinuntersehen; das Wasser ist grünlich-blau. Gegenüber setzt La Cannebière ein, die Hauptverkehrsstraße der Stadt. La Cannebière, die Sehnsucht der Franzosen in Nordafrika, La Cannebière, Pforte zu den Freuden und Vergnügungen des Heimatlandes, da beginnt Frankreich. Im Meere liegen Inseln, Forts und jenes berühmte Château d'If, auf dem der bändereiche Graf von Monte-Christo gesessen oder nicht gesessen hat. Der neue Hafen ist zu sehen, viele große Dampfer liegen darin, und der Anfang der Promenade de la Corniche, einer gewundenen Straße auf den Felsen, am Meer entlang. Und dann ist es Abend, und nachdem ich in einem provenzalischen Restaurant, dessen Vorbau ganz von einer Flache verhüllt ist, die tiefen Geheimnisse der Bouillabaisse zu ergründen versucht habe, fahre ich hinaus aufs Meer. Die Küste leuchtet fahl, die ersten Lichter glimmen, ein Nebel verhüllt den nördlichen Teil der Stadt. So träumt man. Die Stadt droht von ihren Hügeln herab, schweigt, sieht den Reisenden, der von draußen kommt, stumm an. An der Küste, nach l'Estaque hinüber, kann man noch schwach die Viadukte der Pariser Strecke unterscheiden, da liegen die ersten, fast gebirgigen Vorstadtstraßen. Still ist es. Der Schiffer ruft einen Kameraden vom andern Boot an, sie sprechen etwas, das sich wie eine Mischung von Spanisch und Italienisch anhört mit vielen Vokalen: Provenzalisch. Dann kommt die Nacht, nur die Dächer glänzen noch herüber, der gewaltige Leib des Meeres atmet ruhig und gleichmäßig. In dem großen Spiegelsaal des »Alcazar«, dem größten Varieté der Stadt, drängen sich die Leute. Auffallend viel Männer, wenig Frauen. Was Paris abgibt für die Provinztournee, feiert hier Triumphe – nie sah ich Pariser Publikum so dankbar und so aufmerksam. Clowns und eine Jüdin, die ihre Stimmlosigkeit für Diskretion ausgibt; Nachahmer der göttlichen Fratellinis und Marie Valente, eine Italienerin, die alles kann und alle hinreißt: sie tanzt, spielt sämtliche Instrumente, meckert und wirbelt über die Bühne, und ein Sturm erhebt sich, als sie abhüpft – »Bis! Bis!« – Schlußmarsch, die Menschenwoge zerteilt sich, einige Bars halten noch offen. Dann wird es – zum ersten und einzigen Mal in vierundzwanzig Stunden – einigermaßen still auf den so geräuschvollen Straßen, auf denen jeder Chauffeur so viel hupt wie die ganze Place de l'Opéra in Paris nicht an einem Nachmittag – die großen Bäume der Rue de Rome rauschen leise. Morgen geht ein Zug an die Küste. 1924 Eine schöne Dänin »Daß die Leistungsfähigkeit der Kühe unter diesen Umständen sehr gering war«, stand in dem schönen Führer durch Dänemark, den man mir freundlicherweise im Außenministerium gegeben hatte, »ist selbstredend. Die durchschnittliche Milchleistung pro Kuh –« Gut. Wovon aber gar nichts in diesem Buche zu lesen war, das waren die Frauen des Landes. Nordische Frauen –! Was habt ihr doch für einen falschen Ruf! Da heißt es von der Französin, sie sei locker, kokett, der Liebe ergeben, und was weiß ich. Und ist doch das treueste Heimchen am Herd, das sich denken läßt – es gibt keinen Frauenberuf in Frankreich – keinen! Oh, ihr nordischen Schwestern – in dem das nicht zu spüren wäre. Ihr hingegen .... Das ist ein weites Feld. Guten Tag, Kopenhagen! Wohlschmeckend schritten die jungen Damen dahin und guckten Esperanto und sprachen ihre Sprache. Wenn die Dänen das, was sie zu sagen haben, auf Schilder gedruckt dem Fremdling entgegenhielten, ließe es sich allenfalls erraten – soviel Plattdeutsch und Englisch verstehen wir auch bei Regenwetter. Zum Sprechen eignet sich die dänische Sprache weniger – sie zerschmilzt den Hiesigen auf der Zunge und eilt leichtsilbig dahin, und alles ist ein einziges Wort, und es ist sehr schwer. Und wenn man also im »Fiske-Restaurant« gar nichts sagt, bekommt man zu viel zu essen, und wenn man etwas sagt, erstickt man in kalten und warmen Speisen; und ich glaube: wenn einer richtig Dänisch kann und etwas bestellt, dann bekommt er den Wirt in Gelee. Gott segne die dänischen Kalorien. Ja, die Frauen .... Ich war den ganzen Tag herumgelaufen und freute mich auf den Abend. Für den Abend hatte ich mir etwas ausgedacht. Da stand an einem Tanzlokal – soviel konnte ich lesen –, daß da also getanzt werden würde und daß da zwei Orchester spielten, und dann: INGEN PAUSER. »Ingen« – das war wohl die dänische Form für »Inge« –, welch ein schöner Name! Ingen Pauser .... Wie mochte sie aussehen? Lang, weiß, schlank, blond – mit einer Schnuppernase und fest im Fleisch. Ja, das wollten wir also wohl einmal sehen. Inzwischen war Lange Linie zu besichtigen und im Hafen herumzufahren, und es waren alle jene netten Überflüssigkeiten zu exekutieren, die im Führer stehen. Nach der vierten begann ich zu schwänzen ... es war viel amüsanter Klatsch zu hören und den Nebel, in dem die dänischen Berühmtheiten für uns dahinschreiten, sich zerteilen zu sehen – und siehe da: da hatten sie hochgeschnürte kleine Provinzbusen und lispelten und schielten und waren dreimal geschieden, und ein Glitzerwerk von Ironiegeflitter ging über die Armen dahin, vor denen ich zu Hause, vor dem Bücherschrank, so eine große Hochachtung gehabt hatte. Richtig – Inge! Ich würde nach den ersten Formalitäten »Inge« sagen – »Ingen«, das ist nichts. Wenn sie einen Funken Nettigkeit im Leibe hat, besitzt sie eine Tante auf Jütland. Wir wollen nach Jütland fahren – in Kopenhagen ist sie vielleicht zu bekannt. In Jütland soll eine kleine Stadt dastehen mit einem Backsteinkirchturm und abendlich erdunkelnden Bäumen auf dem Marktplatz .... Vor dem Schlafengehen spazieren wir ein bißchen durch die Sträßchen und Straßen und dann einen Feldweg entlang, und Inge erzählt von ihrer Schwester, die in Amerika lebt, und von einer Reise nach London – dann blinzelt der erste Stern herunter, und dann sagen wir gar nichts mehr .... Ja, sie kann Deutsch. Natürlich kann sie Deutsch. Sie spricht es auf diese entzückende Art, in der es hier viele Leute sprechen: lehrreich und bezaubernd falsch. »Soll ich das Essen heißen?« fragen sie, und – warum soll man das eigentlich nicht sagen? Wenn es »erwärmen« gibt – warum soll es nicht »heißen« geben? Und sie sagt mir: »Kopenhagen ist selbstfroh«, was wohl so etwas wie »mit sich zufrieden« bedeutet – und es tut den Ohren und allen Sinnen wohl, Deutsch auf eine so neue und so überraschende Art zu hören. Es ist, wie wenn jemand die Sprache neu zu schaffen unternähme .... Schmeckt ihr Kuß salzig? Das werden wir ja sehen. Das werden wir ja alles sehen – Das Gold auf dem Rathaus erglänzt im letzten Sonnenlicht. Aus den Schaufenstern der Kinos blicken geschmalzte Photographien auf die Straßen, und die Gesichter der Stars sehen süß und fett aus wie die dänischen Kuchen, und vor dem Tivoli steht ein Mann und singt ein Lied, das ich schon einmal gehört haben muß .... »B.Z.«, sagt er – Und im Tivoli hängt in den Bäumen die Sehnsucht aller dänischen Matrosen, die gerade auf hoher See sind, »Tivoli«, denken sie, wenn sie in die Wanten klettern, und »Tivoli« in den Kohlenbunkern und »Tivoli« auf dem Broadway .... Und hoch oben, gegen den hohen blauen Abendhimmel, steht ein deutscher Artist im weißen Trikot, bereit, zu einem Looping abzuspringen: »Achtung!« ruft er – und da lachen Leute vor einem Freilicht-Kino, und da kreischen sie auf der Rutschbahn .... Und ich denke an Inge. Ingen Pauser – Und bei Vivel wedeln die Kellner ungeduldig mit den Servietten, und wenn jetzt der Oberkellner mit dem Finger winkt, dann ergießt sich aus dem doppeltgeöffneten Tor eine ganze Heringsflottille hervor, man möchte ein Hering sein, nur um zu wissen, wie ein dänischer Magen von innen aussieht, es ist nicht vorstellbar. Jetzt aber ist es neun Uhr, und nun will ich zu Inge gehen. Ja, und wenn wir in der jütländischen Stadt angekommen sind, dann soll aus dem geöffneten Fenster der kleine Walzer »Allways« herausklingen, das denke ich mir besonders hübsch, und dabei wollen wir einschlafen. – – Schade. »Ingen Pauser« ist kein Name. Es heißt »Keine Pause« – und pausenlos spielen die beiden Orchester in dem Tanzlokalchen, es ist gar keine Inge da, und auf leicht nach innen gesetzten Füßen stiefle ich ins Freie, sanft begossen vom Schein des Mondes und einer umsonst geliebten Liebe. 1927 Die »dummen« Schweden Hier oben in Schweden habe ich etwas Merkwürdiges entdeckt. Nämlich: Alle Deutschen sagen allgemein, immer und überall: »Die dummen Schweden.« Wußten Sie das? Ich auch nicht. Als ich dies zum ersten Male hörte, hielt ich es für einen Irrtum – den abseitigen Gedankengang eines Einzelgängers... aber nein! Viele Schweden haben mir das bestätigt: es sei eine Art schwedischer Volksmeinung, daß es ein deutscher Volksbrauch sei, von den »dummen Schweden« zu sprechen. Woher mag das nur kommen? In meinem Leben habe ich so etwas noch nicht gehört. Wir sagen: »Alter Schwede«, das ist schon ein bißchen altmodisch – aber das Wörterbuch von Sanders gibt hier mit Recht an: »alter Schwede, volkstümlich = alter Freund, ehrlicher Kerl«. Wir denken, wenn wir an Schweden denken, fast automatisch an: Streichhölzer; dann an gutes Essen; an Kälte und Schwedenpunsch; dann eine ganze Weile an gar nichts; dann an Stockholm... an ihren tennisspielenden König... hier lösen sich die Gedankenverbindungen auf; es kommt darauf an, wer denkt. Aber die gewöhnlichen Kollektivvorstellungen, die Reaktionen, die auf den Zuruf des Reizwortes »Schweden« erfolgen, können bei ehrlicher Selbstkontrolle keine anderen sein als diese da. Von geschichtlichen Erinnerungen sehe ich hierbei ab. Und nun ist eines zu beachten: Es gibt kein deutsches Normalgehirn, das bei dem Gedanken »Schweden« andere als angenehme, freundliche, gute Gedanken hätte. Wir wissen gemeinhin nicht so sehr viel von den Schweden, nicht genug von ihrem Leben, von ihrer sozialen Struktur – wir wissen, daß sie eine sehr gute Sozialgesetzgebung haben: furchtbar viele Telefone; daß die Männer gute Sportsleute sind und der Frauentypus sehr schön ist ... wenn wir nachdenken, wissen wir auch, was diese Nation im Kriege für Deutschland getan hat ... wie sie während der Inflation deutsche Kinder unterstützt hat ... nun werde ich fast feierlich. So ernst ist die Sache ja gar nicht. Kein diplomatischer Zwischenfall steht am Himmel – es ist alles in bester Ordnung .... Wir wollen nur einmal nachsehen, wie mitten in Europa ein Volk vom anderen, ein paar Seestunden voneinander entfernt und nur eine Flugstunde – wie das solche Märchen glauben kann. Das ist natürlich eine ganz belanglose Geschichte. Die Schweden sind viel zu klug, um störend in die große Politik einzugreifen; sie sind froh, wenn man sie zufrieden läßt – und es ist ein schöner Friede, in dem sie leben. Auch hat diese kleine, falsche Idee niemals ernsthaft die Handelsbeziehungen oder sonstige Verbindungen der beiden Völker gestört, natürlich nicht. Ein Pickelchen .... Aber solche Pickelchen können von bösartigen und interessierten Pfuschern zu Geschwüren herangezüchtet werden. Ich weiß schon: so entstehen keine Kriege. Kriege werden viel mehr gemacht , als sie entstehen – wer da mit magischen Geschichten kommt, hat viel zu gewinnen im Kriege – und wenig zu verlieren. Es ist nur an dem, daß kleine, simple Irrtümer – wie dieser da – böse ausgebeutet werden können, so jemand ein Interesse daran hat, sie auszubeuten. Sie wissen ja, wie man gute Propaganda machen kann, wenn man die Vulgärvorstellungen über fremde Nationen in Rücksicht zieht. »Alle Franzosen sind Windbeutel.« – »Spanier sind stolz« (den ganzen Tag über). »Engländer reden mit keinem Menschen ...« und so in infinitum. Gewöhnlich sind diese Urteile falsche Verallgemeinerungen richtiger Beobachtung von Einzelzügen – ganz richtig sind sie niemals. Und woher das nur mit den »dummen Schweden« kommen mag .... Es widerspricht auch noch so ziemlich allem, was wir von den Schweden denken. Die gelten bei uns – Rechtens als durchaus gebildet, intelligent; dazu als schweigsam, wie die Leute aus dem Norden sein sollen (das ist aber nicht ganz richtig); alles, alles, was Sie nur wollen – nur nicht dumm. Gott weiß, wer das aufgebracht hat. Man kann auch in einem Kubikmillimeter die Beschaffenheit des Meerwassers erkennen. Man kann auch in so einem winzigen Wörtlein die internationalen Irrtümer erkennen, an denen Europa dann leidet, wenn sie große Ausmaße annehmen. Auf einmal ist so ein Wort da; niemand weiß, woher es kommt; jedermann sagt's weiter und dann sitzt es fest. Und eher holst du den Teufel aus der Hölle als dies Wort und diese Wahrheit, die niemals eine gewesen ist, aus den Gehirnen. Inzwischen wollen wir an Strindberg denken, der ja allerdings kein typischer Schwede gewesen ist, aber dennoch ... an den großen Chemiker Berzelius, der einer gewesen ist – an die Lagerlöf; an so viele gute Stunden, die uns die schwedische Kunst bereitet hat, sowie an die herzerhebende Tatsache, daß die Schweden ihre Mahlzeiten mit Käse anfangen – und wollen sprechen: Die klugen Schweden. Die klugen Schweden. 1929 1372 Fahrräder Ein Polizeipräsidium ... das ist so ein muffiger Kasten mit langen Korridoren, mit unzählig vielen Türen, und alle Zimmer sind schlecht gelüftet, die Leute sind unfreundlich, und man ist froh, wenn man wieder draußen ist. Ausnahmen gibt es vielleicht. Eine Ausnahme gibt es sicher: das ist das Polizeipräsidium in Kopenhagen. Ein bezauberndes Stück Architektur. Ein Riesengebäude, das zwölfeinhalb Millionen Kronen gekostet hat; sauber, sachlich, einfach und praktisch. Es hat einen kreisrunden Hof, der zum schönsten gehört, was man sich denken kann. Wenn, wie man mir erzählt hat, der Geist der Verwaltung ebenso ist wie diese Architektur ... glückliches Dänemark! Und in diesem Polizeipräsidium haben sie unten im Erdgeschoß die verlorenen Fahrräder eingesperrt. Da hängen sie. Kopenhagen, wie männiglich bekannt, ist die Stadt der Fahrräder; es soll Kopenhagener geben, die keines besitzen, aber das glaube ich nicht. Wenn die Kinder anderswo zur Welt kommen, schreien sie – in Kopenhagen klingeln sie auf einer Fahrradklingel. So viele Fahrräder gibt es da. Im Polizeipräsidium hängen 1372 Fahrräder, alle mit dem Kopf nach unten, wenn das nicht ungesund ist! Alte und junge, fröhliche und traurige, auch die Kinderabteilung: da hängt ein kleiner »Roller«, mit dem die Kinder spielen, und drei Motorräder sind auch da. Alles das wird monatlich einmal verauktioniert. »Ja, holen sich denn die Leute ihre Räder nicht ab?« – »Nein«, sagt der dicke Mann vom Präsidium, »viele nicht. Sie kaufen sich einfach ein neues. Ein Fahrrad, was ist denn das!« In Kopenhagen scheint es den Wert eines Zahnstochers zu haben. Die langen Räume des Polizeipräsidiums, in denen die Fahrräder hängen, erinnern an einen Hundezwinger. Verlaufene Räder ... ich rühre eines an, leise dreht sich das Vorderrad ... wem gehörst du? Schade, daß Fahrräder nicht mit dem Schwanz wedeln können. So ein Rad bringt nachher auf der Auktion nicht viel ein, zwanzig Kronen etwa. Dafür kann man es schon wieder verlieren. Wenn man es aber nicht verliert, dann fährt man damit, und in Kopenhagen kann man sich für sein Fahrrad Luft kaufen. Wie bitte? Luft kaufen, ganz richtig. Der Fahrradmann geht an eine automatische Pumpe, wirft fünf Oere hinein und pumpt sein Rad voll. Das trinkt, und dann rollt es vergnügt weiter. So ein Land ist das. Da hängen sie. Alle an langen Gestellen, und sie sind doch so verschieden voneinander. Manche sehen zornig aus, manche heiter, manche schlafen. Man müßte Andersen bitten, hier einen Nachmittag lang herumzugehen – was gäbe das für ein hübsches Märchen! Ob Fahrräder lebendige Junge bekommen? Da hängen sie. Sauber und freundlich ist es, praktisch und vernünftig eingerichtet. Schade, daß in den Staaten der Welt nicht alles so gut funktioniert wie die Fundbureaux. Es wäre eine Freude, zu leben. Hundert Meter weiter, im selben Haus, werden Menschen aufbewahrt: Untersuchungsgefangene. Und das sieht dann gleich anders aus. Mit 1372 Fahrrädern ist eben leichter fertig zu werden als mit vier lebendigen Menschen. Wenn Sie aber nach Kopenhagen kommen, dann versäumen Sie nicht, sich das Polizeipräsidium anzusehen. Man wird es Ihnen gern zeigen, und Sie werden an Paris denken müssen: an jene staubige Festung auf der Cité, wo geronnener Angstschweiß an den Wänden klebt und wo man Ihnen einen Unterricht in französischer Unhöflichkeit gibt, einer sehr seltenen Sache, daher wird sie den Fremden auch zuerst gezeigt. Ja, Kopenhagen .... Ob Fahrräder schwimmen können? Es wäre ja denkbar, daß die 1372 eines Nachts ausbrächen, dann rollen sie mutterseelenallein durch die Stadt, an den Hafen, stürzen sich ins Wasser, durchschwimmen die See, von der ich nie lernen werde, wie sie heißt: Kattegat oder Großer Belt oder Kleiner Belt, und dann fahren sie dahin, nach dem Festland, wo sie gleich in eine politische Partei eingereiht werden. Am nächsten Morgen kommt der dicke Mann in den Fahrradzwinger, findet ihn leer und kratzt sich hinter den Ohren. Am Abend sind alle Fahrräder wieder da: es hat ihnen drüben nicht gefallen. Das kann man keinem verdenken. Grüß Gott, Kopenhagen ...! 1932 Kartengruss aus dem Engadin Unten im weißen Nietzsche-Haus geht Ludwig Fulda ein und aus und ein und aus. Wegen congenial. Drum herum wallen und ziehn Menschenbrocken, ausgespien aus Berlin. Herr Wendriner, Frau Wendriner. Lauter ringfeine Smoking-Berliner. Wenn sie durch die Landschaft gehn, wird ihnen hintenrum so mondain. Sie machen mit den Kellnern Krach, sie sind wie im Geschäft: überwach. Der Fexgletscher leuchtet in eisiger Ruh – ihr Gesicht sagt: Das steht mir nämlich zu. Ich hab es bestellt. Ich hab es bezahlt. Für mich ist der Zauber hier aufgemalt. Nachts unter den ewigen Sternen werden sie in grauen Kasernen untergebracht. Da, in den Riesenhotels, schlummern die großen Frauen voll Schmelz selig im Arm der Liebe. Na, Arm .... Die Leipziger Straße hat ihren Charme hier hinaufgeschickt in sauerster Süße .... Du guter Leser – herzliche Postkartengrüße! Hier gletschern die Gletscher. Der Fexbach rauscht. Die Sonne brennt. Das Zeltdach bauscht sich im heißen Mittagswind. Ein Kindlein pflückt bunte Blumen lind. Da sitzt Theobald und fühlt innerlich: Und wer pflückt mich? 1926 Der Markt des Schweigens Er liegt im Nordosten von London: Sie fahren mit der gut gelüfteten Untergrundbahn hin, das ist am billigsten. Wenn Sie oben sind, ein Stückchen rechts ... und noch ein Stückchen rechts ... und da, wo der Schutzmann steht, ist der Markt, der Caledonian Market. Auf einem großen eingezäunten Platz stehen die Händler, vor sich die Ware meist auf die Erde gebreitet, auf Tücher oder auch auf kleinen Tischen. Was es da gibt –? Bitte, fragen Sie, was es nicht gibt. Es gibt: Silberwaren, versilbertes Alfenid, verzinktes Silber, garantiert echtes Silber, gestempeltes Silber. Großvaterstühle, Nachtstühle, gewöhnliche Stühle. Neue Gebisse. Ganz leicht gebrauchte Gebisse. Kinderwagen-Ersatz-Räder. Alte Stiefel sowie ein Bild des Generals Kitchener. Noch viel mehr alte Stiefel. Eingeweide von Sofas. Schauerliches Nippes aus Original-Kitschwood. Ein lebendiger kleiner Junge steht in einem überlebensgroßen Goldrahmen: Man weiß nicht genau, wer von beiden zu verkaufen ist. Delfthundchen. Nachttöpfe. Ein Quadratkilometer Bücher. Schnürsenkel sowie Bonbons und Limonaden – merkwürdig, daß alle billigen Dinge auf der Welt so schreiende Farben haben! Wenn man die gerade gezogenen Gänge alle herauf- und heruntergehen wollte: diese Meilen zu bewältigen, würde Stunden dauern. Es hört nie auf. Diese Kleinhändler kaufen unter anderem alten Hausrat auf, ich sehe sie auf den Boden gehen und mit einem mißmutig-prüfenden Blick das ganze Gerumpel überblicken. »Drei Pfund«, sagen sie. Wenn ich sie aber frage, was der alte Zinnkrug da kosten soll, dann loben und preisen sie ihn, streicheln ihn mit den Blicken und sagen: »Beautiful, indeed!« Und er kostet siebzehn Schillinge, gut und gern. Aber das ist nun auch alles, was sie sagen. Sie strampeln nicht, sie preisen nicht übermäßig an – es ist der leiseste Markt, den ich jemals getroffen habe. Manchmal hörst du einen Ausrufer, er ruft seine Worte aber mehr für seine Waren und über seine Waren aus, damit die wissen, was sie wert sind – um die Käufer kümmert er sich scheinbar gar nicht. Manchmal ein Grammophon. Horch! »And the Germans say: Ja – ja! and the Frenchmen ...« Leise schieben sich die Leute an den aufgehäuften Waren vorbei – es ist fast nichts zu hören, welch ein leises Volk! Falsch. Im Theater braust das Publikum, dieses dankbarste Theaterpublikum ... fast hätte ich gesagt: Europas, aber England liegt nicht in Europa, das ist ein geographischer Irrtum. England liegt in England. Beim Boxen neulich, in Blackfriars Ring, welch ein Klamauk! Aber hier, auf dem Markt, da sind sie leise – man darf gar nicht an südländische Märkte denken – nicht an den Pariser Flohmarkt ... hier ist es still, ganz still. Mich wundert, daß nicht an einem Stand Schweigen verkauft wird: ironisches Schweigen; lüsternes Schweigen; dummes Schweigen; beredtes Schweigen, noch wie neu – aber Schweigen wird nicht verkauft. Ob ich etwas gekauft habe –? Nein, ich habe nichts gekauft. Alles, was ich gesehen habe, fand ich mäßig und teuer. Seid ihr auch so mißtrauisch, wenn euch einer erzählt, er habe auf so einem Markt eine echte chinesische Vase, dreiundzwanzigste Kung-Dynastie nach Christi Geburt, gefunden, der Ochse, der Händler, habe das natürlich nicht gewußt, welches Kleinod ...? Hier, sehen Sie mal an! Für vier Schilling! Hm. Margarete zeigte mir nachher ein Silberschälchen, das hatte sie da erstanden, für ein Butterbrot – dabei essen die Engländer doch gar keine Butterbrote. Margarete glaubt an ihre Silberschale und hält sie für Silber. Sie trägt einen kleinen Stempel auf dem Bauch, die Schale. Aber wer kennt sich in den englischen Gewichten aus –! Die Engländer haben für alles ihre eigenen Maße, und daß sie die Jahre nach Jahren rechnen, daß das englische Jahr nicht dreizehn und einen halben Monat hat, das ist ein großes Wunder. Die Schale war wohl vier Yard schwer und sollte eine Guinee kosten, was natürlich einundzwanzig Schilling bedeutet – es ist gar nicht so einfach im englischen Leben. Dieser Markt findet sicherlich schon seit Wilhelm dem Eroberer statt. Alle besseren Sachen in England datieren aus dieser Zeit und werden infolgedessen auch nicht geändert. Und wenn man näher zusieht: auf diesem Markt, im Parlament und anderswo, dann stellt sich leise, ganz leise heraus, daß die meisten Dinge hier ihre endgültige Form angenommen haben. Ändern sie sich –? Manchmal ändern sie sich auch. Aber sie ändern sich in England nie mit einem Ruck, sondern langsam, fast, ohne daß man es merkt – schweigend. Es wird gehandelt, daß es nur so raucht – schweigend. England hat die stillste Börse der Welt; kennen Sie das Gebrüll um die Pariser Börse? So ist die englische Börse nicht. Aber natürlich kann man nicht mit leeren Händen nach Hause kommen. Wie stände ich dann vor meinen Bekannten da?? Da habe ich denn etwas gekauft, was man in jedem Haushalt dringend gebraucht –: einen Londoner Souffleurkasten. Raten Sie, was ich gegeben habe! Die Hälfte. Er ist ein Prachtstück. Ich weiß nur noch nicht, was ich damit anfangen soll. Immerhin ist er eine schöne Erinnerung an den Caledonian-Markt. Anmerkung: Londoner Theater haben keine Souffleurkasten. 1931 Die beiden Flaschen In Wells .... Nein, nicht Wales – Wales ist, wenn er gut angezogen ist. In Wells .... Auch nicht: well – das ist das, was die Engländer sagen, um erst einmal den nötigen Vorschlag des Satzes zu haben; denn hier fängt kein Mensch seinen Satz mit der Hauptsache an. Die Hauptsache steht im Nebensatz. Ich habe neulich in London einen jungen Herrn gefragt, ob hier, an dieser Stelle, wo auch er warte, der Omnibus 176 halte. Was sagte er? »I hope so«, sagte er. Ja wäre zu bestimmt gewesen, man kann nie wissen, vielleicht hält er nicht, und die englische Sprache, die so präzis sein kann, liebt die zierlichen Hintertüren, nur so als Notausgang, sie macht wohl selten von ihnen Gebrauch. Sie setzt aber gern hinzu, daß und wann es ganz ernst wird. »Was ist der Unterschied«, fragte neulich in einer Revue einer, »zwischen einem Schutzmann und einer jungen Dame? – Wenn der Schutzmann ›Halt‹ sagt, dann meint er das auch.« Also in Wells. Wells ist eine kleine süße Stadt im Somersetschen. Das kann man aber nicht sagen; man sagt wohl: im Hannöverschen – aber es heißt: in Somerset. Wells hat eine schöne Kathedrale und so eine geruhige Luft ...! Dabei ist die Stadt nicht traulich, sie ist brav und beinah modern und ordentlich, und alles stimmt, und es ist so nett da! Da spaziere ich also herum und sehe mir statt der Sehenswürdigkeiten die Schaufenster an, das sind so meine Sehenswürdigkeiten, man kann da immer eine Menge lernen. Bei einem Antiquar stand Glas im Fenster, und wenn Glas im Fenster steht ... wie sagt ein altes berlinisches Couplet? »Wer Bildung hat, wird mir verstehn!« Ich kaufe also in Gedanken alles Glas, was da steht – und schließlich sehe ich zwei dunkelgrüne, bauchige, lustige Flaschen. Sie haben ein metallnes Etikett um den Hals gehängt, alle beide, auf der einen steht: Whisky und auf der andern: Gin. Gin ist ein entfernter Stiefzwilling von Genever – und was Whisky ist, weiß jeder bessere Herr. Und weil mein Whisky immer in diesen langen Flaschen wohnt, in denen man ihn kauft, so beschloß ich, diese grüne Flasche, die, wie man sofort sehen konnte, mit Vornamen Emilie hieß, käuflich zu erwerben. Hinein. Die Engländer haben eine unsterbliche Seele und schrecklich unregelmäßige Verben. Ich sagte einen Spruch auf – wenn das mein englischer Lehrer gehört hätte, hätte er mich bestimmt hinter die Ohren gehauen. Aber der Verkäufer verstand mich, er sagte viel, was ich verstand, und noch einiges, was ich nicht verstand – diese Engländer haben manchmal so einen komischen Akzent, wie? Und nun begann der Handel. Sehr teuer war die Flasche nicht. (»Was hast du gegeben? Mich interessiert das nämlich, ich habe nämlich meinem Mann auch so eine Flasche ...« – Sei doch mal still. Du immer mit deinen Zahlen!) Teuer war sie nicht. Aber, aber: Diese Whiskyflasche war nicht allein zu haben. Sie war ein Illing – man mußte die Ginflasche dazu kaufen. »Warum –?« fragte ich den Mann. (Dies war der einzige ganz richtige Satz, den ich in dieser Unterhaltung von mir gegeben habe.) Warum –? Und da gab der Mann mir eine Antwort, die so schön war, daß ich sie hier aufschreiben muß, eine Antwort, mit der man ungefähr halb England erklären kann, wenn es einen danach gelüstet. Man hätte denken können, er werde antworten: weil ich die andere nicht allein verkaufen kann. Oder: weil ich dann mehr verdiene. Oder: Diese beiden Flaschen und diese sechs Gläser und dieses Tablett bilden eine Garnitur ... ich kann sie nicht auseinanderreißen. Nichts davon – Gläser und Tablett waren ja auch gar nicht da. Der Mann sagte: »Because they were always together.« Weil sie immer zusammen waren. In dieser Antwort ist alles, was im Engländer ist: die unverrückbare Festigkeit, mit der Gefügtes stehenbleibt, bis es von selber einfällt, zum Beispiel. Because they were always together. Weil sie immer zusammen waren, sind sie denn auch noch heute zusammen: der Engländer und sein Cricket, jener für den Fremden völlig rätselhafte Vorgang, ein Mittelding zwischen Schachspiel und Religionsübung; zusammen sind der Mann und die Farbe seiner Universität; zusammen der Herr und der Frack, wenn es Abend wird; der Richter und seine Perücke; das Land und die Macht. Because they were always together. Und da ergriff mich ein Rühren, ich dachte, was geschehen könnte, wenn ich die Flasche Emilie von der Flasche Martha risse, wie Martha weinen würde, und daß ich das nicht alles verantworten könnte. Und da habe ich sie alle beide gekauft. Because they were always together. Möchte vielleicht jemand die andere Flasche haben –? 1931 »Nein – meine Suppe ess ich nicht–!« Wenn man in England um die Ecke geht, sieht es immer ganz anders aus, als man denkt, und so steht denn gleich hinter Piccadilly Street ein kleines altes Viertel um den Shepherd Market aufgebaut. Daß es da hingehört, kann man am besten daran erkennen, daß es dort gar nicht hingehört. Und da hätten wir ein Haus, schon halb abgerissen, oben drauf liegt eine schwarze Sache, die sieht aus wie Dachpappe, das Ganze macht einen recht traurigen Eindruck, und hinter einigen Fenstern hängen Vorhänge, also ist es bewohnt. Unten bewohnt und oben abgerissen? Was ist das? Das ist ein Mann mit einem Dickkopf. In diesem Hause wohnt ein Colonel (sprich.: »Körnl«), der hat da immer gewohnt. Und eines Tages haben sie ihm gesagt: »Herr Körnl, nun müssen Sie ausziehen, denn das Haus ist verkauft und soll abgerissen werden!« Da hat aber der Körnl seinen Mietvertrag aus der Schublade gezogen und hat gesagt: »Hier!« (und dabei hat er sicherlich jene Bewegung gemacht, die die Leute machen, wenn sie etwas schwarz auf weiß besitzen, sie halten dann die ausgestreckte Hand hin, als sei die das Papier ...) – »Hier!« hat er gesagt: »so und so, dies ist mein Mietvertrag, und ich darf hier wohnen bleiben!« – »Na ja«, haben die andern gesagt, natürlich auf englisch, »na ja, das ist ja gut und schön. Aber sehen Sie mal an – wir wollen doch nun das Haus hier abreißen, wir haben uns das alles so hübsch ausgerechnet, nun machen Sie doch keine Geschichten ... was wollen Sie denn noch in dem alten Haus?« – »Wohnen bleiben«, hat der Körnl gesagt. Da haben sie ihm eine Abstandssumme geboten. Er ist dageblieben. Dann haben sie ihm schrecklich gut zugeredet. Er ist dageblieben. Und da haben sie angefangen, das Haus abzureißen. Sie haben aber nur die Teile abgerissen, die er nicht bewohnt, also das Dach und ein halbes linkes Haus, mit einer freien Wohnung, aber an seine Wohnung dürfen sie ja nicht heran, und so sieht denn das Haus wie eine alte verwunschene Ruine aus, mitten in London. Aber er hat seinen Willen durchgesetzt und ist wohnen geblieben, und das wird er doch mal sehen. Nun sieht er es. Das Bedauerliche an der Sache bleibt, daß sie ihm nicht den Keller wegreißen können, denn dann stände seine Wohnung in der Luft und täte sie das: er zöge immer noch nicht aus. England erwartet, daß jeder Mann seine Pflicht tut. Na, und die tut er. Und zieht nicht aus. Und da haben sie angefangen, das Haus abzureißen. Dinge, wie sie hierzulande geschehen, kann sich kein Mensch ausdenken. Und jetzt weiß ich auch, warum es in so vielen englischen Schlössern spukt. Die alten Herrschaften wollen da nicht heraus, nicht aus ihren Zimmern, nicht aus den Sälen – sie bleiben da. Ein zähes Volk. Zäh wie Roastbeef. Doch hier muß der Berichterstatter sein Haupt verhüllen, denn sonst kommt er auf die englische Küche zu sprechen, und das ist die einzig schöne Geschichte in England, die keine schöne Geschichte ist. Den Körnl ficht's nicht an. Und komm ich in aber fünfhundert Jahren noch einmal desselbigen Weges gefahren: der Körnl sitzt sicherlich noch da, auf seiner Kehrseite und auf einem Mietvertrag, der wahrscheinlich neunundneunzig Jahre läuft und aber neunundneunzig, und er ißt Roastbeef und wohnt noch immer in dem kleinen schwarzen Haus am Shepherd Market. 1931 Liebespaar in London Es ist Sonnabend mittag, und auf dem Piccadilly Circus dreht sich der Verkehr langsamer, man kann beinah sein eignes Wort verstehn, denn eine gewaltige Zentrifugalkraft hat die Londoner nach außen geschleudert –: Wochenende. Es ist das einzige Mal in der Woche, wo du sagen darfst: der Verkehr zappelt an dir vorüber, sonst zappelt hier gar nichts. Aber nun haben wohl alle große Sehnsucht, herauszukommen. Auf Wiedersehen, City! Immerhin, viele sind noch da. Da hätten wir in den Theatern der Shaftesbury Avenue herzzerreißend schöne Schauspiele »Herbstkrokus« oder »Wie schön sind doch die Tränen einer Braut«, vielleicht heißt das Stück auch anders, aber die Photos, die da in den Schaukästen hängen, sehen aus, als hieße es so. Und vor dem Theater sitzen auf kleinen Stühlchen lange Reihen von Frauen und Mädchen und auch ein paar Männer, sie sitzen da Schlange, weil sie unnumerierte Plätze und Ruhe und Zeit haben, und da warten sie, bis die Türen aufgemacht werden. Damit sie sich nicht langweilen, haben sie sich Zeitungen mitgebracht und Zigaretten und Bonbons und Freundinnen, und dann ist da auch ein alter Straßensänger, der singt ihnen etwas vor, und mitten auf dem Damm, da, wo die Taxis warten, steht mit Verlaub zu sagen ein Mann auf dem Kopf und wackelt mit den Beinen. Übrigens sieht kaum einer danach hin, und man muß nun nicht denken, daß alle Londoner immer auf dem Kopf stehen und mit den Beinen wackeln, Reisebeschreibungen verfallen oft in diesen Fehler. Dieser Mann tut das gewiß nicht zu seinem Vergnügen – wie sagte neulich ein Steptänzer im Varieté? »Es muß doch noch eine weniger anstrengende Art geben, sich sein Geld zu verdienen!« Sicherlich. Dieser also steht kopf. Und vorbei braust das und eilt und geht und fährt und läuft. Ich auch. »Excuse me!« Beinah hätte ich sie angerannt. Sie stehen mitten im Weg, er und sie, und rechts und links fluten die Leute an ihnen vorüber. Sie sehen sie nicht. Sie sehen sich an. Ich kehre langsam um und gehe langsam an ihnen vorüber. Ich bin viermal umgekehrt, und ich bin viermal an ihnen vorübergegangen. Sie sprechen nichts. Sie sehen sich an. Sie sehen sich nur immerzu an. Er spricht mit den Augen: »So kann das doch nicht weitergehn«, sagt er, ohne den Mund aufzutun. »Das geht nun schon seit Wochen so – aber so kann das doch nicht weitergehn! Hier stimmt doch etwas nicht! Ist da ein andrer? Natürlich ist da ein andrer. Ich kann mir auch denken, wer es ist. Ich weiß, wer es ist. Sybil! Dazu alle unsre Liebe? Dazu?« – Sie antwortet mit den Augen, sie antwortet wenig. »Ich weiß nicht«, sagt sie, ohne den Mund aufzutun. »Ich weiß nicht. Ich habe ja nichts gegen dich.« Sie ist ganz in sich gekrochen; die wahre Sybil hat sich zurückgezogen, und eine etwas repräsentative Sybil steht da und weist mit den schwarzen, schönen Augen einen Angriff zurück. Sie braucht ihn kaum zurückzuweisen – die Mauern sind so hoch .... »Sybil ...!« sagen seine Augen. Nichts sagen ihre Augen. »Weißt du noch«, sagen seine Augen. »Weißt du noch? Weißt du noch den hübschen Abend am Ufer, wo nebenan im Zelt das Grammophon gespielt hat, und wo wir hinter den Bäumen zu der fremden Musik getanzt haben? Und dann sind wir weiter fortgetanzt, immer weiter, immer weiter, und wir haben die Musik nur noch ganz leise durch die Zweige gehört. Weißt du noch?« – Nichts sagen ihre Augen. Sie stehen unbeweglich, in diesem brausenden Strom der Menschen, und manche stoßen sie an, aber sie merken es nicht. »Weißt du noch?« sagen seine Augen. »Wir sind durch Hampstead gegangen, ich habe dich nach Hause gebracht, und seitdem kenne ich jeden Gartenzaun und jeden Pfahl und jedes Haus auf diesem Weg – an allem und jedem hängt ein Wort von dir ... weißt du noch?« Ihre Augen sind nun gesenkt, wie ein Schleier liegt es auf ihnen, sie antwortet nicht. Ich sehe, wie er seine Augen mit Gewalt siegen lassen will – es hilft ihm nichts, sie ist stärker. Er bäumt sich auf, er ist doch ein Mann; aber es hilft ihm nichts, denn sie ist eine Frau. Er versteht das nicht. Nie versteht ein Liebender, daß, was gewesen ist, einst nicht mehr gelten kann – es war doch aber einmal! Und da meinst du, Tor, es müsse immer sein? Aber es ist nicht immer. Sie stehen noch immer da und sagen nichts und sehen sich an. Zum Glück achtet niemand auf sie – es ist schon ein bißchen lächerlich, was sie da treiben. Auf der Bühne mag solches erlaubt sein, auf der Bühne, wo das englische Publikum, dieses dankbarste Theaterpublikum der Welt, lacht, wenn ein Kellner ein Tablett fallen läßt, und todernst wird, wenn die Geigen wimmern und sich die Waldkulisse lila färbt, denn das ist die Liebe. Auf dem Theater ... gut. Aber im Leben? Im Leben verbirgt man seine Gefühle, so lange, bis die Leute glauben, man habe gar keine, denn das ist die gute Erziehung. Und da stehen sie. Wer ist bewegt? Der Verkehr, der an den Reglosen vorüberfließt? Es ist eigentlich umgekehrt: der Verkehr ist reglos, und sie, sie sind bewegt. Jürgen Fehling hat einmal in einem Stück Barlachs so eine Szene aufgebaut: das Liebespaar saß inmitten einer Horde saufender Spießer am Tisch und sah sich an. Und die Trinkenden und Prostenden wurden immer stiller und stiller, schließlich erstarrten sie zu Wachsfiguren, nur die Liebenden sprachen noch und waren lebendig. Und inmitten einer emsig dahintreibenden Welt, die ins Freie hinaus will, steht die Gruppe dieser beiden, bewegt und mit schlagenden Herzen in einer wächsernen Welt, die sie nicht sieht und die sie nicht sehen. Versunken .... Da stehen sie und sehen sich an, er wartet, und sie ist schon bei einem andern, mit dem sie eins zu werden hofft, da stehen sie, unrettbar und unweigerlich zwei , man kommt ja immer nur auf Sekunden zusammen, und dann schlägt das Gewoge über ihnen zusammen, der Straßensänger krächzt sein Lied, und die schweren Autobusse schmettern und stampfen vorüber, hinaus in die grünen Vorstädte, wo der englische Rotdorn blüht. 1931 Heimweh nach den großen Städten Manchmal, wenn ich der Ostsee den Rücken wende, der alten Frau, sehe ich in das schwedische Land Schonen hinein, die Ostsee plätschert, ich guck gar nicht hin. Denn wir sind verheiratet, seit ... zig Jahren – wir kennen uns, lieben uns, haben uns ganz leicht über, gehen mitunter ein bißchen auseinander, betrügen uns (ich sie mit der Nordsee, sie mich mit der Literatur auf Hiddensee –) – vor mir liegt Schonen. Ein hübsches Land; hier, wo ich sitze und meins in die Schreibmaschine klappere, ist es leicht gewellt, gar nicht so »flach wie ein Eierkuchen ....« Manchmal wohnen da Menschen, aber es sind hierorts nicht viel; das Badepublikum setzt sich aus 6 (sechs) Häuptern zusammen. Meinst du, es wäre eine hübsche Frau dabei? Keine ist dabei. Aber so ist es immer. Und ich gucke auf die Hügel, einer heißt »Kleiner Stein«, einer heißt »Steinkopf«, wie soll man denn heißen, wenn man Hügel ist .... Es gibt fett zu essen, alles ist prächtig und gut, sogar über den rationierten Alkohol wäre hinwegzukommen, wenn nur nicht einer den Schweden etwas von Kaffee erzählt hätte. Das ist schier unausdenkbar, was sie damit machen. Sie – Geh mal raus, ich trau mich gar nicht, das laut zu sagen – sie – Also: sie kochen den Kaffee, den lebendigen Kaffee kochen sie in Wasser! Als ich diese Prozedur zum ersten Male sah, erschrak ich bis ins innerste Gebein; sie kochten den Kaffee, wie man Aal kocht oder Wäsche, und ließen diese braune Sache eine Stunde lang auf dem Herd stehen. Dann kamen lebendige Menschen und tranken das, bitte, ich habe es selbst gesehen. Seitdem koche ich mir meinen Kaffee allein, aber die Bohnen müssen auf dem Meeresgrund gewachsen sein, es ist kein Kaffee ... nun, lassen wir das. Wenn aber der harte Abend über den schwarzen Bäumen verdämmert, wenn das elektrische Licht rot glüht, wenn mein Nachtleben beginnt, das da heißt: Flaubert, Swift und was der Mensch so braucht, dann habe ich Sehnsucht, Sehnsucht nach den großen Städten. Da wühle ich ein bißchen in der Bücherkiste. »London« liegt da; »London, Liebe zu einer Stadt« von Wolf Zucker (erschienen bei Williams u. Co., Berlin-Grunewald). Ein hübsches Buch. Ich kenne London nicht; in unermeßlicher Faulheit bin ich noch niemals hingemacht, also erfüllt das Buch seine Aufgabe, einem Unbefangenen den Eindruck einer Stadt zu geben. Dies ist nun Zuckern seine erste große Stadt; der Autor, den ich für ein beachtliches journalistisches Talent halte, hat sich natürlich prompt in sie verliebt, aber das ist schön, man sieht dann nämlich mehr. Nicht alles: aber er hat genau das geschildert, was er von seinem Standpunkt aus sehen konnte, und er hat nicht dazu gelogen. Das verdient angemerkt zu werden. Wahrscheinlich ist London tausendmal komplizierter, und wenn einer dort dreißig Jahre lebt, wird er vermutlich anfangen die Stadt zu begreifen. Zucker gibt ein Mosaik kleiner Züge, die sich zu einem höchst bezaubernden Bild zusammensetzen; er zeigt vor allem etwas, das der Fremde am Engländer am wenigsten vermutet: die Gelockertheit des englischen Charakters, sagen wir: des Londoners – das Natürliche, das Einfache, das Reibungslose. Durch das lesenswerte Buch geht eine reizende Melodie, der Herr hätten sich in London einmal verlieben sollen, und das nicht nur in die Stadt; der Verfasser ist so schön allein mit sich und ganz London, und es glücken ihm oft subtile Formulierungen. (So, wenn er einmal von dem prachtvollen Jack Hylton sagt: »Dieses Singen, in dem es keine Arien und keine lauten Effektstellen gibt, das dahingesungen wird, einfach und doch unendlich abschattiert, wie das Klingen eines Kristalleuchters, der sich leise bewegt, weil im Nebenzimmer Musik gemacht wird, dieses Singen ist die Freude Londons.«) Und wußten Sie, daß der Londoner Rundfunk in seinem Programm eine Musik angesetzt hat, nur für die Leute, die in den photographischen Ateliers warten müssen? Ich wußte das nicht. Das Buch Zuckers ist wie ein Präludium zu ... ja, wozu? Das werden wir hoffentlich noch sehen. Ein hübsches Buch. Ganz still ist es im Zimmer, still vor dem Haus, still in Schonen. Mein Trommelfell, auf dem soviel herumgetrommelt wird, ruht aus; die Luft schwingt nicht, kein Hund macht wuffwuff und baubau; keine Sängerin heult über den Tasten; mein Grammophon liegt bescheiden unter dem Bett und wedelt artig mit der Kurbel. Horch, die schöne Stille – – Und dann liegt in der Bücherkiste eine Bilderfibel, die haben sie mir hierhergeschickt; die heißt »Paris« , ist erschienen im Albertus-Verlag zu Berlin und enthält über 250 Photos jener einzigen Stadt. Und weil ich auf dem Boulevard des Italiens vor mich hinstolperte, sanft: »Schweden! Schweden!« murmelnd, blättere ich nun hier in diesem Buch und will, auch ohne die Unterschriften zu lesen, erkennen, was Herr Mario von Bucovich , der Berliner Photograph, da abgebildet hat. Er hat's gut gemacht. Das alte Paris ist leicht zu fangen – das neue Paris, das lebende, lebendige Paris ist sehr schwer zu fassen. Anschaulich sind alle Bilder; »malerisch« leider einige; pariserisch die meisten, und verfehlt wohl keines. Nun hat freilich jeder von uns sein Paris, das ist wahr – und worin das allemal besteht, wird schwer zu ergründen sein. Das Album ist sozusagen neutral – jeder kann sich sein Paris heraussuchen. Es ist alles da – und wenn mich der Herr Photograph fragt, warum ich denn so ein Gesicht mache und was mir denn fehle, so kann ich's ihm nicht sagen. Immerhin kann man diese Stadt nun aufblättern, und Anhaltspunkte zur Erinnerung wird man nicht vermissen. Freilich: »das« – das kann man wohl nicht photographieren. Unter die Brücken hat er seinen Apparat gehalten, und Plätze hat er hergenommen und Spatzen und Versailles und immer wieder die Seine – und bei dieser Gelegenheit habe ich endlich gelernt, wie es im Schloß zu Fontainebleau aussieht, wo ich gewohnt habe. Aber wir alten Fontainebloher gehen nicht in das Schloß ... und das erinnert mich daran, daß ich einmal einem alten Pariser den Eiffelturm gezeigt habe, er war noch nie oben gewesen, und vor lauter Freude kaufte er auf der Plattform eine Flasche Sekt, die ich brühwarm ... die Erinnerung übermannt mich, lassen Sie mich einen Schluck Kaffee trinken. Und nun wird es noch schlimmer. Ja, ich blättere das Album von vorn nach hinten durch, es ist ganz still in der Stube, eine Libellentänzerin schwirrt um die Lampe, und ich muß mich besorgt fragen, in welchem Tanzbund sie organisiert ist ... ich blättere. Die Brücken sehe ich und die Place des Vosges, die ich anders sehe; und die großen Plätze am Louvre und Passy, und hier ist dies gewesen und da jenes, und ich rieche die graue Luft der Stadt und den Dunst und den scharfen Rauch – und die nassen Flächen auf dem glitschigen Asphalt sehe ich, man kann auch im Asphalt wurzeln. Alles, alles kann man entbehren. Die Literatur: schwer; den Whisky: schon schwerer; Lisa, Musch, Mara, Margot: am schwersten. Aber eines kann unsereiner nicht entbehren: die große Stadt, die abends die Lichter anzündet, die Stadt, wo man sich anonym in seine Bestandteile auflösen kann; wo so viele da sind, daß keiner mehr da ist, und wo zwar nichts wächst, aber wo es gekocht wird, alles miteinander. Schilt mir den Landmann nicht, er ... ich weiß. Aber du, schilt mir die Städte nicht, die Chronometer der Zeit, Wasserstandszeiger und Dampfdruckmesser in einem. Schön ist es in Schweden; schön ist es auf dem Lande. Die Luft ist rein, mein Herz ist klein ... Über ein kleines aber, und ich stehe auf dem Bahnhof, der Zug ruckt an, bald durchwühlen schwarze Zöllnerhände meine Koffer, und sie spielen: Europa, diese Herren aus der politischen Postkutschenzeit, und da sind die blauen Träger mit den Kappen, und ich bin zu Hause, zu Hause. 1928 Koffer auspacken In der Fremde den Koffer auspacken, der etwas später gekommen ist, weil er sich unterwegs mit andern Koffern noch unterhalten mußte: das ist recht eigentümlich. Du hast dich schon ein bißchen eingelebt, der Türgriff wird leise Freund in deiner Hand, unten das Café fängt schon an, dein Café zu sein, schon sind kleine Gewohnheiten entstanden ... da kommt der Koffer. Du schließt auf – Eine Woge von Heimat fährt dir entgegen. Zeitungspapier raschelt, und auf einmal ist alles wieder da, dem du entrinnen wolltest. Man kann nicht entrinnen. Ein Stiefel guckt hervor, Taschentücher, sie bringen alles mit, fast peinlich vertraut sind sie dir, schämst du dich ihrer? Wie zu nahe Verwandte, denen du in einer fremden Gesellschaft begegnest; alle siezen dich, sie aber sagen dir: Du –! und drohen am Ende noch, sprichst du mit einer Frau, schelmisch mit dem Finger. Das mag man nicht. Wer hat den Koffer gepackt? Sie? Eine warme Welle steigt dir zum Herzen empor. So viel Liebe, so viel Sorge, so viel Mühe und Arbeit! Hast du ihr das gedankt? Wenn sie jetzt da wäre ... Sie ist aber nicht da. Und wenn sie da sein wird, wirst du es ihr nicht danken. Die Sachen im Koffer sprechen nicht die Sprache des Landes, nicht die Sprache der Stadt, in der du dich befindest. Ihre stumme Ordnung, ihre sachliche Sauberkeit im engen Raum sind noch von da drüben. Da liegen sie und sprechen schweigend. Mit etwas abwesenden Augen stehst du im Hotelzimmer und erinnerst dich nicht ... nein, du bist gar nicht da – du bist da, wo sie herkommen, atmest die alte Luft und hörst die alten, vertrauten Geräusche .... Zwei Leben lebst du in diesem Augenblick: eines körperlich, hier, das ist unwahrhaftig; ein andres seelisch, das ist ganz wahr. Ein Mann, der sich lyrisch Hosen in den Schrank hängt! Schämen solltest du dich was! Tut's ein Junggeselle, dann geht es noch an; mit sachlich geübten Händen baut er auf und packt fort, glättet hier und bürstet da .... Ein Verheirateter, das ist immer ein bißchen lächerlich; wie ein plötzlich selbständiges Wickelkind ist er, ohne Muttern, etwas allein gelassen in der weiten Welt. Der Bademantel erinnert nicht nur; in seinen Falten liegen Stücke jener andern Welt, aus der du kamst. Das ist schon so. Aber faltest du ihn auseinander, dann fallen die Stücke heraus, verflüchtigen sich, auf einmal hängt er vertraut und doch fremd da, ein gleichgültiger Bademantel, den das Ganze nicht so sehr viel angeht .... Und da ist etwas praktisch zusammengerollt, hier ist ein besonderer Trick des Packens zu sehn, hast du die Krawatten gestreichelt, alter Junge? Als ob du noch nie gereist wärst! Leicht irr stehst du im Zimmer, in der einen Hand einen Leisten, in der andern zwei Paar Socken, und stierst vor dich hin. Gut, daß dich keiner sieht. Um dich ist Bäumerauschen, ein Klang, Schmettern dreier Kanarienvögel und eine Intensität des fremden Lebens, die du dort niemals gefühlt hast. Tropfen quillen aus einem Schwamm, den du nie, nie richtig ausgepreßt hast. So saftig war er? Hast du das nicht gewußt? Zu selbstverständlich war es, du warst undankbar – das weißt du jetzt, wo es zu spät ist. Eine Parfümflasche ist zerbrochen, das gute Laken hat einen grünlichen Fleck, ein Geruch steigt auf, und jetzt erinnert sich die Nase. Die hat das beste Gedächtnis von allen! Sie bewahrt Tage auf und ganze Lebenszeiten; Personen, Strandbilder, Lieder, Verse, an die du nie mehr gedacht hast, sind auf einmal da, sind ganz lebendig, guten Tag! Guten Tag, sagst du überrascht, ziehst den alten Geruch noch einmal ein, aber nach dem ersten Aufblitzen der Erinnerung kommt dann nicht mehr viel, denn was nicht gleich wieder da ist, kommt nie mehr. Schade um das Parfüm, übrigens. Die Flasche hat unten ein häßlich gezacktes Loch, es sieht fast so aus, wie etwas, daraus das Leben entwichen ist .... Also das ist dummer Aberglaube, es ist ganz einfach eine zerbrochene Flasche. Unten, auf dem Boden des Koffers, liegen noch ein paar Krümel, Reisekrümel, Meteorstaub fremder Länder. Jetzt ist der Koffer leer. Und da liegen deine Siebensachen auf den Stühlen und auf dem Bett, und nun räumst du sie endgültig ein. Jetzt ist das Zimmer satt und voll, fast schon ein kleines Zuhause, und alle Erinnerungen sind zerweht, verteilt und dahin. Noch ein kleines – und du wirst dich auf deiner nächsten Station zurücksehnen: nach diesem Zimmer, nach diesem dummen Hotelzimmer. 1927 Ab 12.46 Uhr Dies ist der letzte Tag an der See; heute mittag muß ich davon. Noch einmal: baden. Noch einmal an den kleinen windschiefen Bäumchen vorbei, wo die Mädchen immer die Badetücher aufhängen, die wehen dann den ganzen Vormittag wie weiße Fahnen. Noch einmal Gruß zum Zeitungsstand hinüber, wo die Zeitungen aus der Stadt hängen, ich habe ihnen jeden Tag eine lange Nase gemacht ... noch einmal alles mit den Augen ansehen, mit dem Geruch aufschnuppern, den feinkörnigen Sand fühlen – und denken: Das kommt nie wieder. Das kommt nie wieder. Der letzte Tag .... Im Krieg übten wir unser Gewerbe im Umherziehen aus. Mit gefurchter Stirn und entrüsteter Nase krochen wir in den kurländischen Bauernhäusern herum, die uns die vorigen Truppen leer und völlig mit Stroh verdreckt zurückgelassen hatten – Zimmer zu vermieten! hatten die Dragoner vor uns angeschrieben. Verflucht –! Und dann ging's los: sauber machen, alles reinigen; die Löcher in den Wänden, wo still die Wanzen brüteten, mit Petroleum ausspritzen und zukleistern ... das Stroh heraus- und sauberes neues Stroh hineinschaffen ... die Fenster einigermaßen putzen ... hier habe ich viele schöne Flüche gelernt. Dann lebten wir uns langsam ein. Das Quartier war doch erträglicher, als es vorher den Anschein gehabt hatte; es ließ sich darin leben. Wir soffen und sangen; wir spielten Karten und lasen zivilistische Bücher; wir rechneten uns aus, wann der Krieg wohl vorbei sein würde .... Und gewannen mittlerweile das Quartier lieb. Die grauweiße Hütte mit dem Holzhäuschen davor fing an, uns eine neue Heimat zu werden; die wievielte! Aber es wurde eine. Wenn wir nach Hause kamen, dann kuschelte sich schon jeder in seine Ecke, alles war vertraut und gut eingespielt, man wußte schon, wo alles lag. Und täglich sannen wir auf neue Verschönerungen: hier wurde noch ein Bild aus der Zeitung herausgeschnitten, aufgehängt, da ein Spiegel; hier Tannenreiser angebracht und da ein Birkengeländerchen ... (aus unerfindlichen Gründen hatten alle deutschen Offiziere eine besondere Vorliebe für Birkenholz; am liebsten hätten sie den gesamten Kriegsschauplatz mit Birkengeländern einfassen lassen ...), und das Quartier wurde immer schöner. Und regelmäßig dann, wenn einer vorschlug, man könnte nun noch ein Vogelbauer aufhängen und vielleicht – »Mensch, azähl doch nich! Ick ha doch schon Krieg geführt, wie du noch bei Muttan ...!« – Regelmäßig, wenn noch eine ganz besondere Verbesserung geplant, ausgeführt und beendigt war, wenn das Auge des Kompanieführers beinah wohlgefällig auf der Unterkunft ruhte, und wenn der letzte Nagel saß –: Dann mußten wir fort. Solch ein Auszug war jedesmal eine melancholische Sache. Ich lernte abermalen neue Flüche. Fluchend packten die Leute ihren Kram zusammen – was würde nun wieder kommen? Wohin nun wieder? Wo es hier so schön gewesen war! Und dann zogen wir los. Und kamen in ein neues Quartier. Und dann fing alles wieder von vorn an. Und am schönsten, am schmerzlichsten und am heimatvollsten war allemal der letzte Tag. Da liegt die See .... Warum bleibe ich eigentlich nicht immer hier? Man könnte sich zum Beispiel da oben einmieten, das wäre bestimmt gar nicht einmal so teuer – und dann, immer: blaue Luft, Sonne (doch, das gab's – sogar diesen Sommer!), und Salzwasser und Flundern und Grog – und immer, immer: Sommerfrische .... Soweit Herr Panter. Der in ihm wohnende Peter aber ist schlauer. Er weiß. Er weiß, daß es damit nichts ist. Daß die Sorgen alle mitziehen, wenn man umzieht: daß es etwas ganz anderes ist, ob man nur vorübergehend an einem Ort sitzt – oder für immer. Ist man für vier Wochen da, lacht man über alles – auch über die Unannehmlichkeiten. Es geht einen so schön nichts an. Ist man aber für immer da, dann muß man sich ärgern. Man muß teilnehmen. Man muß mitleben. »Schön habt ihr es hier!« sagte einst Karl der Fünfte zu einem Prior, dessen Kloster er besuchte. »Transeuntibus!« erwiderte der Prior. »Schön – ja: für die Vorübergehenden.« So erfrischend ist das Bad in all den vier Wochen nicht gewesen. So lau hat der Wind nie geweht. So hell hat die Sonne nie geschienen. Nicht, wie an diesem letzten Tag. Sei gescheit. 12.46 geht der Zug ... und du wirst drin sitzen. 12.46 unerbittlich. Die Arbeit ruft. Und du kommst. Nicht losreißen kannst du dich. Letzter Tag .... Letzter Tag des Urlaubs – letzter Tag in der Sommerfrische ...! Letzter Schluck vom roten Wein ... letzter Tag der kleinen Reiseliebe – noch eine halbe Stunde! Noch eine halbe! Noch eine viertel ...! Letzter Tag ... letzter Tag des Lebens ...? Vielleicht ist es deshalb so schwer, zu sterben, weil niemand einen letzten Tag ertragen kann. Er ist aber gar nicht so schwer zu ertragen. Wenn es am besten schmeckt, soll man aufhören. Was dann kommt .... Nichts ist so schön wie der letzte Tag. 1930 Windrose Über die alte Hafeneinfahrt von Marseille spannt sich eine luftige Brücke, der Pont transbordeur, ein stählernes Spinnennetz. Oben auf der Brücke steht ein kleines Restaurant, die Brücke ist hoch, die Preise auch. Oben vor dem Restaurant steht ein Tisch. Auf dem Tisch ist eine Windrose aus Email, es ist eine runde Platte, auf der das ganze große Panorama, das man da hat, abgebildet und wiederholt ist. Da sieht man Hügel und Täler, Kirchen und andere öffentliche Häuser, Küsten, Inseln und das Meer, alles noch einmal. Und am Rand des Windrosenkreises steht jeweils, an jeder Himmelsrichtung, die Stadt, die dort weit hinter den Bergen von Gemenos und den Tälern von Saint-Pons, wie man bei uns zu Hause so schön sagt: zu liegen kommt. Und über das Email gebückt, hoch oben auf der zugigen Brücke, sehe ich wie der liebe Gott über die ganze Welt. Konstantinopel .... Das Auge wandert die Himmelsrichtung entlang, die ein Pfeil ihm angibt. Da, hinter jenen Gäßchen, liegt es. Elektrische in den Straßen; politische Schieber, die gute Geschäfte – merkantile, die schlechte Geschäfte machen, im Harem kein Aas, die Cafés stippevoll bei leeren Tischplatten, Zeitungen, Kinos, Telephone und – bei einem Pascha – ein Wasserklosett. In einer Ecke kratzt jemand gutmütig einen flohbeladenen Hund mit einem Stöckchen, dann erhebt er sich und setzt sich vor seine Wasserpfeife. Sie ist verstopft. Er reinigt sie mit dem Stöckchen. Pera – du Stadt unserer Träume! Bern. Also da, hinter jener Kirche und dann wohl noch ein kleines Stückchen .... Elektrische klingeln in den Straßen, artige Sittsamkeit, Korrektheit, Bravheit, die geborenen Hoteliers der alten Klasse, Natur mit Ei und einige Engländerinnen, die den quick-lunch nehmen, weil es so im Reisehandbuch steht. Kinos, Zeitungen, Telephone und etwas Radio – aber eine gesunde Luft. Im Regierungsgebäude berät gerade Herr Nationalrat Möggli mit Herrn Kaufmann Mögli über einen Volksentscheid zur Einführung des Alkoholverbots in schweizerischen Seemannsheimen .... Bern – du gute Schweizerstadt! London .... Nein, zu sehen bist du nicht. Aber da, hinter dem Neuen Hafen, gleich da, wo der kleine dicke, phallusrunde Leuchtturm steht, dahinter wirst du wohl liegen. Elektrische klingeln in den Straßen, ernsthafte Engländer gehen vorbei, mit nicht so übermäßig vergnügten Gesichtern; die das Wort »Lady« wie »Laidi« aussprechen, was nicht gerade von Feinheit zeugt, sind fröhlicher als die andern, denen es besser, aber nicht so gut wie früher, also schlechter geht. Kinos, Zeitungen und Telephone, Nebel und eine emsige Wahlbewegung mit traditioneller Aufgeregtheit. Am Tisch eines Boardinghauses sprechen gerade fünf Damen und ein unglücklicher Mann miteinander. »Ein feiner Tag heute!« – »Haben Sie gestern gutes Frühstück gehabt?« – »Wir hatten ein sehr gutes Frühstück!« – »Der König ist heute nach Windsor gefahren!« So prallen die aufgeregten Leidenschaften aufeinander. Und andere Frauen, die sich langsam vom Kontinent herübergeholt haben, was ihnen so lange gefehlt hat ... sie tragen die neue Erotik mit wenig Glück, scheint's .... Sei gegrüßt –! Paris! Die Elektrischen klingeln durch die Straßen, die riesigen Autobusse jagen um die Ecken; daß die Sonne untergeht, ist nicht gewiß, daß Gott aber am zweiten Tage das Déjeuner und am dritten das Diner erschaffen hat, das ist ganz bestimmt. Wie unromantisch du bist, du beschwingte Stadt! La Fouchardière schreibt gerade seinen täglichen Artikel, zwei Societärinnen der Comédie Française sind in einen tödlichen Streit geraten, der nie, spätestens aber morgen nachmittag, zu Ende sein wird, ein Zeitungsverkäufer schwingt seine Blätter, eine Hymne singend, die heißt: »Intran – – – Spoooort!« und die Theaterdirektoren Brüder Isola sind traurig, weil ihnen ein ungetreuer Kassierer die Karriere verdorben hat. Die gestrige Skandalaffaire ist im Verblassen. Nur ein kleiner deutscher Schmock schlachtet sie noch aus, weil er davon lebt, von den faits divers (französisch: Schmonzès), und morgen wird sein kümmerliches Deutsch im heimischen Blatt prangen. »Viel Aufsehen erregt in Paris ....« Kein Mensch weiß etwas davon. Und Kinos, Telephone und Zeitungen .... Bon soir, les copains –! So suche ich den ganzen Horizont ab, da oben auf meiner Brücke. Und während vom Mittelländischen Ozean her der Wind in meinen Locken spielt, entdecke ich an einer Stelle der Windrose etwas, einen Namen, zwei kleine Silben, nicht ausgekratzt, wahrhaftig unversehrt, klar und deutlich. Berlin. Sehnsüchtig wende ich mich ab und zeige ihr eine ganze volle Kehrseite. 1924 Das Lächeln der Mona Lisa Ich kann den Blick nicht von dir wenden. Denn über deinem Mann vom Dienst hängst du mit sanft verschränkten Händen und grienst. Du bist berühmt wie jener Turm von Pisa, dein Lächeln gilt für Ironie. Ja ... warum lacht die Mona Lisa? Lacht sie über uns, wegen uns, trotz uns, mit uns, gegen uns – oder wie –? Du lehrst uns still, was zu geschehen hat. Weil uns dein Bildnis, Lieschen, zeigt: Wer viel von dieser Welt gesehn hat – der lächelt, legt die Hände auf den Bauch und schweigt. 1928