Albin Zollinger Der halbe Mensch Grethlein \& Co. Zürich und Leipzig Alle Rechte vorbehalten   Copyright 1929 by Grethlein \& Co., Zürich         Die Göttlichkeit aller Dinge muß gefühlt werden. Lavater   Die Begegnung Freundschaften Zu Hause fand er die gesuchte Ruhe auch wieder nicht; das Heimweh nach der Fremde trieb ihn um, er schluchzte in den Nächten. »Ihr wißt nichts um diese Begleiterscheinung unseres Wanderlebens,« klagte er dem Maler, »die unglückliche Liebe zu den Kindern, die wir immer dann wieder hergeben müssen, wenn wir uns so recht befreundet haben. Ich begehre für mich keinen Ruhm, keine Zukunft mehr; alles Gefühl hat sich mir in das Verlangen, dorthin zurückzugehen, verwandelt. Man führt im Herzen dann alles so weiter: wie die Wiesen reifen, wie die jungen Störche wachsen, wie des Abends die Brunnen überlaufen – und wie die Kleinen größer werden, diese Bauernjungen mit ihren so reinen Augen, die blonden, mütterlichen Mägdlein; aber niemand sieht auch nur herum, die Tage kommen und gehen, und es macht den Eindruck, wenn keiner nach uns verlangt, als ob wir in unserer Liebe allein stünden und für nichts dermaßen litten; man sieht sich versucht, an allem Sinn und allem Ehrwürdigen zu verzweifeln. Nach Jahren einmal kann es wohl geschehen, daß plötzlich ein Herbstgeruch uns das ganze unsägliche Land aus der Seele hebt. Ach man leidet ja nur!« rief er unwillig, indem er sich in das Gras ausstreckte. Nach einer Weile saß er wieder da und blickte auf die Leinwand, die Alder färbte. Dieser hatte begonnen, ihm über seine Beziehungen zu dem Studenten Homberger freundliche Vorwürfe zu machen. Er vernahm sie gedankenvoll, aber wenig beirrt und ging, auch als Guido verstummte, nicht darauf ein. »Ich weiß gar nichts von Priska,« erwiderte er vielmehr, um den Spieß zu drehen oder doch abzulenken. »Seid ihr eigentlich uneins?« »Uneins gerade nicht, aber doch auch nicht einig,« versetzte der Maler mit halbem Lachen. »Es hat sich ergeben, daß dieses Mädchen mich eben dennoch nichts angeht. All die Herzensgewißheit war ein Irrtum, alle Zartheit und Verzückung ein Diebstahl, mein Lieber. Wer hätte es gedacht! Um der Fügung freie Hand zu lassen, begab ich mich auf die Seite in ein altes Städtchen, dessen Giebel und Gärten ich durch einen Schleier von Tränen fluchend und unter endlosen Selbstgesprächen malte. Ich hatte es listig zu machen geglaubt; aber eines Tages legten sich Priskas Hände auf meine Augen, nur Priska konnte das Kleid gehören, das sich lind an mich lehnte. Noch als ich sie über Land entfernte, begriff sie nichts von allem. Die Bahn ging durch Heu- und Getreideduft, wir waren allein und Priska voll Übermut, bis sie nun doch in Tränen ausbrach und durch das Fenster hinaus fragte, was ich nur hätte. Alle Liebe und alles Gefühl überschüttete mich glühend. Begreiflicherweise verlangte es sie aber nicht mehr nach meinen Liebkosungen, zu denen mich Verzweiflung und Mitleid trieben; denn alsbald lag in mir wieder der Grund jener Nüchternheit bloß, die nicht über die vollkommene Leere meines Herzens zu täuschen war. Die Schönheit des Mädchens sehend, noch voll aller Wünsche und Bilder, durch die ich sie mir verbunden hatte, saß ich vor ihr und wußte, daß ich sie nicht mehr liebte und daß sie begonnen hatte, sich mit jener Lautlosigkeit und Eile von mir zu entfernen, mit welcher sich Sterne aneinander vorbei in die schaurigsten Welteinsamkeiten bewegen.« Nach einem Schweigen kam er wieder auf Homberger zurück; aber der Blonde unterbrach ihn sehr fröhlich: »Die Magnolien blühen in seinem Garten, durch die stillen alten Räume geht immer ein Duft von Päonien; was kann ich dafür, daß ich Palmen, Barkenführer und irgendwelche vornehmen verheißungsvollen Zauber in diesem Hause sehe, in welchem, wie ich mich erinnere, mir erstmals blaue Länder aufgingen, weil es so roch, weil seine Tulpenbeete so entrückt hinter kostbaren Gittern glänzten. Nachgerade scheint es mir kaum mehr glaubhaft, daß ich selber es war, der in die Koniferenluft jenes Herrschaftsgartens wie in paradiesische Gebüsche eintrat. Damals umstand mich die Ferne verschwommen und unendlich, die Bahnzüge fuhren alle in Märchenländer, mir selbst stand ich so fern gegenüber, daß ich mit mir wie mit einem Prinzen umging. Im Bohnengarten begegnete mir Rauch, blauer oder goldener Rauch, der vor mir erschrak und sich hoch in Abendhimmel verzog, und Abendhimmel waren mir damals Felder mit römischen Städten, mit Kardinälen, Zisternen, Bildhauerwerkstätten, Oliven. Denn alles dies war mein Umgang, von Höllenlandschaften wußte ich aus Erfahrung, Venedigs Kähne und die Palastmenschen Roms hatte ich irgendwo in mir; noch machte durchaus nur das Dichterische meine Wirklichkeit aus. Die Zukunft entwickelte sich als ein grausames Spiel, in welchem ich Schlag auf Schlag um meine Könige kam – deshalb gönne mir die Wehmut, an den Stätten herumzustehen, die mich an sie erinnern. Homberger zog in die Welt, von der zu berichten er der rechte Mann war; denn er verführte Frauen, reiste mit Diplomaten, schrieb in Zeitungen, füllte Schubladen mit Versen und erschien insgesamt als ein Teufelskerl ganz nach dem Muster seines jungen Goethe, dem er auch äußerlich ähnelte. Ich selber glich niemandem von Bedeutung, konnte gar nichts Genialisches an mir entdecken, fand mich spießerlich und bäurisch und haßte mich so von Herzen, daß nur der Stolz, dem jungen Apoll gelegentlich mit Geld auszuhelfen, mich dem Leben zu erhalten vermochte; Einöden von Ekel und Trauer brachten mich ja nicht um.« Mit einem vorsichtigen Lächeln sprach er nach einer Weile: »Noch heute bin ich mir keineswegs über ihn klar. Ich weiß nur, daß ich die sonderbare Mischung von Intelligenz und Kindlichkeit an ihm liebe, daß er mich liebt und über alle Stürme und Verwandlungen hinweg nicht preisgibt. Seiner Münchhausiaden kann ich wohl lachen; aber eines Tages bringt er mich in den größten Zwiespalt durch irgendeinen Beweis seiner erstaunlichen Talente.« »Dergleichen Blender gibt es auch in der Malerei,« erwiderte Guido; »sie kommen zu großem Namen und schneller Vergessenheit.« »Das weiß ich nicht. Ich möchte wohl die Robustheit deines Urteils besitzen, sie ersparte mir viele Drangsal. Er ist vielseitig begabt. Jüngst sang er mir Arien aus einer eigenen Oper vor, die er nach beiläufigen Studien mit großer Zuversicht unternommen hatte. Und ich müßte lügen, um mich dem Bekenntnis zu entziehen, daß seine Musik mich wunderlich einspann, die gotische Luft ...« »Etwa aus Berlioz! Er nimmt sich irgendein Muster, und mit genügend Theater läßt sich immer etwas Hohlklingendes fabrizieren.« Es war nun die zweite Woche, daß Wendel sich damit aufhielt, den Anschluß an seine Dichterarbeit wiederzufinden. Der Kampf mit dieser verharzten und wie es ihm schien kümmerlichen Sache, die nicht aus dem Vollen sprudelte, brachte ihn um den Lebensmut. In der Fron seines Berufes hatte er die Küsten solcher Traumbetätigung golden verklärt gesehen und eine Last von Verlangen in sich angesammelt; nun plagte er sich mit Skrupeln über eine dermaßen zerbrechliche und launenhafte Begabung. In seiner Reizbarkeit verdarb er es obendrein mit der Mutter. Sie, die ihm das Leben gegeben, nicht gerade auf sein Geheiß hin, was sie sich törichterweise vorwerfen mochte, verübelte ihm jederlei Schwermut. Er seinerseits legte ihr das als eine Art Neid aus, er sah sich in seinem Künstlertum angefeindet, und wenn die Gehässigkeit, von der er die Welt erfüllt sah, wie nichts ihn zu erbittern vermochte, so ertrug er sie vollends nicht an diesem Weibe, für das er keine halben Gefühle, unter den gegebenen Umständen also gerade jetzt einen vollkommenen Haß besaß. Es kam daher wie eine Erlösung, als der schwierige Sohn durch sein Amt – er war Volksschullehrer – wiederum abberufen wurde; das Wetter war kalt, der Ausblick in der neuen Umgebung verhangen, und es schien nicht anders, als hätte Wendel hier strafweise ein trostloses Babylon angetreten. Er verwünschte in seinen Briefen alles, was er vorfand, die Trübe des Flusses, die Nachbarschaft der Großstadt, die Kollegen – wenn immer es anging, flüchtete er in das Elternhaus, als ob er da Hilfe fände gegen eine Feindschaft, die sich um ihn zusammenzog. Er fürchtete sich vor dem Leben; es regnete, und die sintflutliche Verdämmerung bestimmte ihn, auf eine baldige Befreiung durch höhere Hand zu hoffen, irgendein Wunder, das ihn hinwegnähme, und sei es der Untergang dieses Sterns, um den er wahrlich nicht trauerte. Sogar mit Guido überwarf er sich, indem es ihm nicht gegeben war, ihn in der ihm eigenen bürgerlichen Vornehmheit unangefochten zu lassen, die er eifersüchtig wie eine trennende Braut befehdete. Was er an die Adresse der Gesellschaft auf dem Herzen trug, das verfeuerte er unbeherrscht und kopflos gegen den Freund, gerade weil er ihn liebte. Die Mißverständnisse, die sich häuften, berichtigte er nicht, weil er glaubte, ihre freundschaftliche Verbundenheit müßte sie ausgleichen. Damit brachte er ihr Verhältnis in Verwirrung; Guido, welcher ruhige und berechtigte Verteidigungen seines Wohlstandes vorbrachte, zog die Konsequenzen des Gentlemans und verreiste ein wenig erstaunt, aber friedlich. Wendel durchstöberte die fremde Wohnstätte und machte die Entdeckung von Hügeln, Wassern, Wäldern und Schneegebirgen. Er versöhnte sich eilig ein wenig mit seinem Los. Eine Ruine in Föhrenwipfeln, von der aus er über das Land blickte, war ihm in seinem Exil wie eine Verbündete erschienen, er stieg getröstet zum Flusse hinunter. Seine nun menschlichere Erscheinung ermutigte eine junge Dame der neuen Bekanntschaft, endlich gegen ihn vorzugehen und den Angriff auf seine beleidigende Verschlossenheit zu eröffnen. Diese streitbare Kollegin war ihm aufgefallen durch ihre Augen und das schneeweiße Haar, aus welchem ein jugendfrisches Antlitz wunderlich fremd mit eben den strahlenden Augen hervorsah, von welchen er Vormerk genommen. Sie stellte ihn eines Tages auf die freundlichste Weise, indem sie ihn gleichzeitig in ihre Dienste nahm; sie bat um die Freundlichkeit, ihr das Netz zu tragen, in welchem sie Rüben schleppte. Er fügte sich verwundert und grimmig. Er hatte geradezu einen Schwur getan, sich hier kostbar machen zu wollen und die Schätze seines Leides keinem Fremden zu öffnen. Hier sah er sich zu seinem Schrecken auf einmal angefallen und in Gefahr, sich preiszugeben. Es half ihm nichts, daß er manchmal den Rückzug zu organisieren versuchte; sie ließ ihn nicht springen, sondern fragte so verständig und beschlagen wie ein Staatsanwalt. Dazu kam, daß es ihn wahrhaft erleichterte, mit den dunklen Bedrückungen, die sein Beruf ihm bereitete, in die Teilnahme eines Leidensgenossen zu flüchten. Nach der Gewohnheit der Dichter hatte er sich eingebildet, weiß Gott welche neuen Probleme in seiner Beichte aufzurollen. Jetzt las er Fräulein Fahm nur eine humorvolle Ergebenheit vom Gesicht ab, und etwelche Freude vielleicht über die kindliche Art, mit der er das alles vorbrachte. Es wunderte ihn, welches Alter er ihr geben sollte; er stand nicht an, zu fragen, indem er nach ihren Haaren blickte. Sie lief beleidigt weiter, und er nahm seine Beine zusammen. Der See lag in der Tiefe. Fräulein Fahm näherte dem Blonden wieder ihre Augen und fragte: »Warum wohnen Sie da hinten, wenn Sie es doch anders haben können?« Damit erinnerte sie ihn an sein Elend; er verschloß sein Antlitz und begehrte zu gehen. »Ja besuchen Sie mich nicht, Herr Bach? Kommen Sie doch mit, wo wir schon hier sind. Wir gießen uns einen Tee auf und plaudern noch ein wenig. Sie müssen doch auch wissen, wie ich wohne.« »Dazu sehe ich keinen Grund ein,« versetzte er und sah, daß es ihr in den Händen zuckte, ihn zu schütteln. Er dachte bei sich, die Dame möchte sich hüten, ihm allzuviel von einem Wohlgefallen zu schenken, dem er keine Verwendung wußte. Die Nase erhebend wandelte er von dannen. Es sollte sich in der Folge um ein Türschloß handeln, nach welchem zu sehen sie ihn ersuchte. Aber sie kamen bis vor einen kleinen unglücklichen Streit, in dessen Verlauf er ihr sagte, daß er von Haus aus nicht Schlosser wäre, sie möchte die Freundlichkeit haben, ihn nicht zu überschätzen. Es handle sich nicht um ihn, es handle sich um das Schloß, entgegnete sie. Er drehte ihr den Rücken. Ein paar Tage später vermerkte sie schüchtern, nun gehe der Schlüssel überhaupt keinen Weg mehr. Ziemlich erbleicht verschränkte er die Arme, genötigt, ihr folgendes zu sagen: »Haben Sie, Fräulein, vielleicht ein Verständnis dafür, daß ich aus den und den Gründen lieber allein bleiben möchte, daß ich auf diese Gegend pfeife und infolgedessen auch mit ihren Menschen keine vorübergehenden nutzlosen Beziehungen anknüpfe?« »Dafür habe ich ein ordentliches Verständnis,« erwiderte sie. »Aber abgesehen davon, daß man nie wissen kann, wozu einem die Menschen noch nützlich werden,« sie hustete, »bleiben Sie doch nun ein Jahr hier und alle folgenden dann hoffentlich auch noch.« »Das wird der allmächtige Gott verhüten.« »Wir aber sind nicht willens, eine so unartige Gesellschaft zu dulden; merken Sie sich's. Worauf es ankommt: Von alledem wird mein Schloß nicht besser.« Er grinste gewaltig. Ob sie ihn zu heiraten beabsichtige, frug er. »Sind Sie aber ein Angsthase!« war ihre Antwort. »Fürchten Sie nichts, ich tue den Menschen nicht gleich das Schlimmste an. Wenn Sie aber schon ein solcher Affe sind, dann lassen Sie es in Gottes Namen bleiben. Auf Wiedersehen.« Abends rückte er mit Werkzeug ein. Es handle sich nur um das Schloß, besänftigte er ihre Freude. Als es nach heißem Wasser zu riechen begann, fuhr er auf. »Bst! Junkerlein, oder was Sie sind. Sie kriegen nämlich weiter keine Bezahlung.« Bei Tisch begann sie ihn auszufragen. Warum er so unartig sei? Ob er es seine Nächsten entgelten lasse, daß das Schicksal ihn hierher verschlagen habe? Ob ihm das Vergnügen bereite? Ob es denn überhaupt so schlimm sei, und warum? Er übertraf mit seinem Grimm alle Erwartungen. Sie begann an ihm zu verzweifeln. Beim Abschied sagte er grämlich. »Sie finden mich zweifellos einen entsetzlichen Menschen?« »Das finde ich Sie allerdings und hoffe Ihnen damit nicht Unrecht zu tun. Aber am Ende müssen Sie wissen, was Sie mögen und was Sie nicht mögen; ich glaubte, Sie wären nur unglücklich, da ließ es sich denken, daß Sie Hilfe brauchten. Wenn ich damit Ihrem Griesgram ins Gehege lief, so verzeihen Sie bitte; dieser ist eine Kurzweil, die Sie vermutlich für sich allein haben wollen?« »Allerdings,« sprach er tonlos. Er sah, sie zürnte ihm nicht. Höchstens daß eine kleine Traurigkeit in ihren Augen lag, wenn sie ihn von fern betrachtete. Eines Tages fand sie ihn unterwegs, gesellte sich zu ihm, und als sie zur Stadt hinübergekommen waren, antwortete sie auf sein mildes, fleißiges, ein wenig betrübtes Geplauder: »Ist es unumgänglich notwendig, daß Sie weiter müssen, Herr Bach?« Er verneinte. »Na, dann also bin ich doch um ein Dutzend Jahre älter als Sie, und Sie können so fröhlich auf ein Stündchen heraufkommen und sitzen. Es bleibt Ihnen immer noch freigestellt, sich unabhängig zu halten; wir können ein wenig Musik machen, wir können auch etwas lesen, aber Sie sollen doch nun nicht ewig sich gegen das Leben sperren und ein saures Gesicht in der Welt herumtragen, an dem Ihnen alles gerinnt. Kommen Sie, kommen Sie!« Auf ihrem Sofa sitzend, gab er ihr treulich Antwort, betrachtete ihr Schneehaar, das sie über eine Handarbeit neigte, betrachtete wieder den Wohnraum, die Wipfel vor den Fenstern. Endlich sagte er: »Hier ist schon alles städtisch.« »Lieben Sie das nicht?« »Ich habe einen Winter abseits verbracht, ganz eingeschneit und vergessen.« »Das mag Ihnen besser gefallen haben.« »In der Nacht klingt hier das Tram herüber, manchmal wetterleuchtet es grün durch das schönste Blust.« »Wo war denn das, daß Sie sich einschneien ließen? Treiben Sie Sport?« »Bitte höflich! Es war in einer jener Schulen aus Großvätertagen, wie sie sich wohl ewig im Lande erhalten werden.« »Sie sagten einmal, Sie wären in Afrika aufgewachsen? Das kommt mir an Ihnen sonderbar vor!« »Warum sonderbar?« »Wenn Sie gesagt hätten Versailles oder Schönbrunn!« lachte sie. »Können Sie sich der Steppe erinnern? Haben Sie Geschwister, Herr Bach?« »Ich erinnere mich vielleicht mit dem Blut. Ich war ein wilder Schlingel, der Tiere quälte und aus Neugier den Horizont verfolgte, in der Meinung, er ließe sich erjagen.« »Der aber ließ sich nicht erjagen!« »Am Rande ging stets eine neue Ewigkeit auf.« Er betrachtete sie ein Weilchen. Hierauf sagte er: »Was meinten Sie eigentlich mit den beiden Königsstädten?« »Dichten Sie, Herr Bach?« »Wie kommen Sie darauf?« »Ich habe Sie sehr im Verdacht.« »Wo haben Sie Ihre weißen Haare her?« »Es gibt keine mehr, wo die waren.« »Ich begehre auch keine.« »Schlechter Bär.« »Ihnen stehen sie gut. Aber Sie sollten sich weicher kleiden.« Die Augen leuchteten ihr auf. »Sie sagen mir schöne Sachen,« erwiderte sie bedächtig. »Sie finden mich also hölzern?« »Ja. Aber das läßt sich ändern. Grüne Seide und Mousseline.« »Grüne Seide und Mousseline.« Wieder nach einem Schweigen bat er sie um Musik. Aus einer lieben Versonnenheit fuhr sie auf: »Ja. Ja, bitte; suchen Sie sich etwas.« »Nicht ich.« »Meinen Sie mich? O, da ist nichts zu holen, Herr Bach, auf Ehre!« »Bitte spielen Sie mir doch etwas vor, irgend etwas das Sie da haben.« »Herr Bach, ich kann doch nicht spielen!« sagte sie ganz unglücklich, indem sie sich heranschleppte. »Soll ich mir den Anschein geben als ob ich da etwas vorzutragen hätte, und nachher denken Sie sich, das hätten Sie allerdings selber gekonnt.« »So will ich Ihnen denn aufzählen, was ich mir in Träumerstunden vorzuspielen pflege: Eine Tonleiter, einen Ringelreihen, zweistimmig, macht drei, einen selbsterfundenen Dreiklang, die Tonleiter rückwärts, – macht zusammen sieben. Nein, noch einen Vierklang beherrsche ich auch, macht elfe. Zwölf wäre runder, aber an mir ist alles so ungrad und um ein Haar vollkommen.« »So, jetzt gefallen Sie mir schon besser!« rief das Fräulein und lachte von Herzen. Er hatte sich auf das Sofa gestreckt und schob sich zurecht, die Hände über den Augen, dazu ermunternd: »Das ist ja großartig; nun aber losgeschossen, ich warte, ich bin schön bereit. Darf ich da eigentlich liegen?« »Wollte Gott, Sie lägen in Ihrem Grabe! Ja was soll denn gespielt sein? Wenn Sie lachen, dann können Sie sehen wie es Ihnen geht; ich schlitze Ihnen den Leib auf, ich nehme den Skalp von Ihnen. Beißen Sie jetzt auf die Zähne, und sofern Sie es überstehen, kriegen Sie hernach ein Butterbrot; derweil besinnen Sie sich schön, was noch weiter dazu gehört, zu der Seide und Mousseline.« Damit hieb sie die Tasten herab und stopfte ihm den Mund vorerst mit Chopin. Manchmal erbleichte sie leise, manchmal verbiß sie eine Boshaftigkeit. Sie führte behutsam hinüber in friedlichere Gefilde, zauberte Duft und Ferne in gedämpftem Geplätscher; damit am Ende, irgendwo in der Bläue gelandet, fürchtete sie die mögliche Verlegenheit, sprang aufs Geratewohl irgendwo hinein, erklomm eine Sonate, und als sie plötzlich nicht weiter wußte, schlug sie die Hände vors Gesicht. »Jetzt haben Sie hoffentlich Hunger?« sagte sie und lachte. »Merci, das lasse ich mir mehr gefallen!« quittierte der Jüngling, auf die Füße springend. Da es Abend geworden, begann er wieder seine Umstände zu machen. Sie nahm daraus Gelegenheit, ihn über seine Wohn- und Nahrungsverhältnisse auszuholen, mißtraute dem gewonnenen Gutachten beinah eifersüchtig und nötigte ihm das Versprechen ab, jedenfalls ihre Hilfe zu suchen, bevor er verhungerte. In einem Nu praktizierte sie ihm ein Mahl auf den Tisch, und hatte ihn damit für eine Zeit in Gewahrsam. Bald lief er überhaupt alle Tage hinüber. Dann wieder zierte er sich, bereute sein Vertrauen, schrieb an Frau Klärchen. Diese Frau Klärchen spukte etwas viel in seiner Rede, nicht ohne Mitschuld der Lehrerin, welche die genaue Art dieses Verhältnisses zu ergründen strebte. Eines Tages fragte sie geradezu, ob er den Zustand der Verliebtheit auch schon an sich erfahren hätte? »Ich erlebe gegenwärtig den, wo man nicht verliebt ist,« antwortete er, unter geduckten Lidern hervorblickend. »Einer ist furchtbarer als der andere.« »Aber welchen ziehen Sie vor?« »Den Tod, den Tod.« »Verzeihen Sie mir, Herr Bach,« versetzte das Fräulein. Der Drang zu schreiben quälte ihn zunehmend, und es ist zu sagen, daß seine Schüler das büßten. Nachgerade war es ihnen geläufig, daß sie den guten Mann um seine Zeit bestahlen, ohne es gerade gern zu tun. Die Ferien brachten Erlösung. Am Scheideweg seiner Gefühle litt Wendel die schrecklichsten Wochen; Guido war fort, Frau Klärchen halbwegs vergessen, nichts in der Welt, das seinem Leben Inhalt gab, und doch, wie vor Morgen, die Ahnung kommender Fülle, ein verheißungsvoller Schein; Getreide bewegte sich ihm in der Erinnerung blond und traumhaft, ohne daß er einsah, von wo ihn die Schauer berührten. Ein Lächeln regte sich geisterhaft in der Luft. Zum Glück erschien Homberger, der liebe Gesell, um von seiner Welt zu schwärmen. Wer ist die, die heraufsteigt ...! Wer ist die, die heraufsteigt aus der Wüste wie ein gerader Rauch? Ein Nebelmorgen beschloß den Sommer; von nun an roch es nach Tau und Feuern. In den Bäumen rötete sich das Obst. Eines der Mädchen hatte Herbstzeitlosen auf seinen Tisch gestellt. Der tägliche Blick darauf gewöhnte ihn, ihre Vorstellung mit dem Bilde der kleinen Spenderin zu verbinden. Sie hieß Mia, was er ihr kaum verzieh; noch weniger liebte er die spröde Scheu dieses Geschöpfes, sie hatte das zu fühlen bekommen. Da die Blüten sich rosig plusterten und aus der Schale wuchsen, pflegte er sie. Es regnete eines Abends ein wenig; darum dachte er auf einmal, wo sie wohl wohnte, die Kleine, die Unnahbare. Sie hatte immerhin Blumen für ihn gesammelt; nun blieb er manchmal bei ihr stehen, und indem er lehrte, meinte er offenbar sie, denn zu ihr sah er nieder. Sie hob einmal ihre Augen, saß aber sonst nur da, sehr aufrecht, bräunlich und folgsam, was er lobenswert an ihr fand. Er ging soweit, seine Hand auf den weichen Scheitel zu legen, wenn er vorüberwandelte; sie blickte dann vor sich nieder. Aber Mia ging; eine schwere Stille blieb in dem Hause, in welchem der Blonde verwundert herumstand, voll einer Ungeduld, die ihn schmerzte, voller Heimweh. Dabei sagte er sich noch immer, daß er ihre Art nicht liebte und daß sie ihm fremd vorkam. Das wunderlichste Gemisch von Vernunft und Gefühl verwirrte ihn. Der Gedanke an ihre Jugend und die Unmöglichkeit seines Beginnens täuschte ihm einen Rückhalt vor, der nicht standhielt; denn alles verhinderte nicht, daß er ozeantief in Schwermut hinabsank. Darin glaubte er sich dem Kinde verpflichtet. Wenn sie vor ihm stand, mit dem Haupt ihm ans Herz hinanreichend, dann übernahm ihn eine Inbrunst, sie zu beschützen und ihr Gutes zu tun. Nur ihre Würde hielt ihn im Zaum. Alleingelassen, warf er sich über ihre Bank. Das Tal Jeden Abend saß er da, auf seine Arme gestützt; das Dunkel sammelte sich um ihn, die Mitternacht wartete in seinem Rücken, plötzlich rauschte der Fluß durchs Zimmer. Er ließ allem seinen Lauf und ging in einer gewissen festlichen, todesbereiten Erwartung herum. In den Baumgärten traf der Herbst seine Anordnungen, eine empfindliche Kühle floß von den Wäldern herunter, der Geruch von Reif lag darin, unsichtbar dunkelte Schneegewölk, in dessen Schatten der Fluß seine Wellen dahintrieb, eilig und klar. Es wurde mitunter so still, daß vergangene Geräusche wieder hervortraten: Lämmerklagen, verhülltes Feuergeprassel. Regnende Nebel standen wie ein Wasser vor den Höhen, die Äpfel fielen ins Gras, in den Fluß, der sie hinwegtrug. Wenn die Kleine da vor der Waldferne saß, lag ihr ein Flaumlicht im Haar. Ihre Art, beide Hände nach Spieldingen über das Pult zu schieben, die Wachsamkeit ihrer Augen und manchmal nun ein Lächeln, das den Mund umgaukelte, ihr ganzes Wesen rührte ihn so, daß er sich im Augenblick ermunterte, alles in eine geschicktere Hand nahm und unversehens als ein Hexenmeister der Kurzweil das fröhlichste Leben erzeugte. Mia, die es verursachte, gab sich ihren Sondergeschäften hin, bettete ihre Lappen um, ordnete das Gerät, hatte aber wohl einen gelegentlichen Blick für den Lehrer, daß es ihm das Blut im Herzen wendete. Müde verträumt sah er ins Tal hinaus. Die Stille gewahrend, raffte er sich auf und rief: »Kinder, es wird ganz dunkel!« »Eine Geschichte!« »Man wird dann stets nur Geschichten erzählen. Ich weiß keine.« Da rückten sie jubelnd zusammen. Nur Mia sah verwundert auf, weshalb er sie traurig betrachtete. Das Herz schlug ihm, in der Versuchung, sie zum Gegenstand eines kleinen Vorwurfs zu machen; allein er getraute sich nicht und hatte sie bereits auch viel zu lieb dazu. Wenn sie sich aus der Bank erhob, lehnte sie eine Weile lässig, auf schmalen Hüften, deren junge Hoheit er erschüttert mit einem Blick überflog. Täglich sah er die kleine Königin in die Bäume davongehen, noch immer wußte er keineswegs wohin, aber er hatte sich eine umfassende Vorstellung von der Stätte ihrer heiligen Verborgenheit gebildet, er glaubte an seine Gesichte, die Landschaften seines Herzens schlossen ihn gänzlich ein mit Malven und Sonnenblumen am Wasser; Kiesgruben, gewürfeltes Bettzeug, Primeln, Erlen und Getreide dämmerten in der Umgebung seines Bewußtseins. Die Not der Einsamkeit hatte ihn eines Tages getrieben, sehnliche Verse zu erfinden; seither verging kein Abend, den er nicht mit dieser verführerischen, aber zumeist mühseligen, hangenden und bangenden Arbeit wenigstens beschloß, fern hinter Mitternacht, in Wüsteneien der Erschöpfung und heimlicher Angst, eine unabsehbare Sache begonnen zu haben; denn er fühlte wohl, wie seine Träume, indem er sie überhandnehmen ließ, von ihm Besitz ergriffen, Wurzel schlugen und die Wirklichkeit überwucherten. Er sah das ungefähr ein, doch ohne etwas dagegen zu vermögen oder es auch nur zu wollen; der Argwohn, daß er Gefühle verwechselte, trieb ihn vollends dem Überschwang in die Arme: die Tiefe der Ahnungen, die Wollust seiner Bangnis, alles versammelte sich wie eine dunkle Luft um die Königin. Endlich ging er hinaus in die Nacht, den Fluß entlang und an den Wald hinauf, wieder abwärts zu einem Stoppelfeld, an dessen Rand ihr Haus lag. Er hörte drinnen ihre Stimme und flüchtete voll Schwermut. Der Mond hing gelb in der Dämmerung. Es graute ihm so sehr, daß er ans Ufer hinabging, um ohne Besinnen in den Tod hineinzustapfen. Am Ende blieb die Verzückung, alles ertragen zu wollen, wenn er dafür mit ansah, was aus der Königin wurde. Unter demselben Himmel mit ihr zu leben, schien ihm auf einmal Glücks genug. Strudel der Wonne fochten sein Herz an. Es kam ihm so vor, als ob es seine Bedeutung habe, wenn sie hier auftrat. Ein halbes Bewußtsein um die Ordnung der Vorgänge und das Gewicht des Geschehens ging ihm benebelnd durchs Blut. Die Königin stand wie ein Ziergewächs allüberall vor seinen Augen; ihre Gebärde verfolgte ihn wo er stand und ging, der unaussprechliche Liebreiz, belebt wie ein Busch, von Lichtern und Dämmerungen überspielt. Nun fror es ihn an den Schläfen, wenn von ferne her der Jammer der Schafe blökte, ihrer Schafe, in deren Mitte er sie mit einer Laubrute sah, eine kindliche Johanna. Von den Gebüschen strich die Würze daher, und er blieb stehen, um sie erschauernd zu schlürfen. Die Abendglocke vergoß Schwermut. Entrückte Bergübergänge schwelten im Licht. Vor seinem Fenster glitten Radfahrer vorüber, die Eisenbahn erfüllte das Tal mit ihrem Kohlenstaub, mit widerhallenden Pfiffen. Nachts erwachend, setzte er sich aufrecht und lauschte. Er trieb gegen ihr Haus hinunter und jagte doch voller Schrecken wieder hinweg in die Wälder. Da blickte er auf ihr Dach, verwundert und listig und alsbald erschöpft von der Heftigkeit, mit der er sich mühte, zu begreifen. Um Mitternacht heimkehrend, suchte er seinem Zustand Worte zu finden. O du, nun schläfst du Hinter deinen Fenstern, Und der Mond Scheint auf dein weißes Gesicht, Auf deine Locken, Auf deine Augen, die geschlossen, Auf die Lippen, Auf deine Lippen, die feucht sind und glänzen. Wie soll ich Ruhe finden In dieser Nacht! Im Schatten der Linde steh ich, Sehe die Sterne zittern, Sehe den Mond fahren Und die Schatten wandern, Sehe den Schein glänzen Er erhob sich, drängte sie zu sitzen, und indem er sich niederbeugte in ihren Schoß, legte sie ihm die Hände aufs Haar. Die Ungewißheit darüber, ob es sie selber anging, blieb ihr nicht erspart. Eine Weile saß sie bleich und beleidigt in der Grausamkeit dieses Zustandes; dann kam ihr ein besseres Wissen; ein wenig lächelnd, drückte sie inniger sein Haupt an sich und betrachtete dabei die schwärmenden Stare. Nach Verfluß einer Stunde, in welcher sie so verharrten, regte er sich plötzlich. Sie begrüßte ihn wie einen Erwachenden; es roch nach Abend, nach der Kapuzinerkresse, die auf dem Tische stand. Durch Wendels Augen ging ein linder Schmelz. Die Frau nahm den Blondkopf zwischen ihre Hände, sagend: »Darf ich das, Junkerlein? Ja, das muß ich wohl dürfen. Und wie geht es? Wo wohnt sie, wer ist es; kenne ich sie auch?« Noch sah er sie weiter nur an, aus seinen blauen, dunkelheiteren Augen, die ihr vorkamen wie ein bewegter Himmel. Dann ging er auf einmal nach Hause. Spät, nachdem sie sich schön gemacht, schrieb sie einen Brief an ihn. «Hallo, ich teile Ihnen mit, daß Sie ein blitzgescheites Brüderlein sind; nur zu, nur zugefahren. So gibt es denn in der Welt noch Dinge, so schön, daß einem davor die Tränen kommen. Segen über Ihre Liebe, Segen über den Gegenstand Ihrer Liebe; mir wird ganz wunderlich, daß Sie nun lieben.« Hier ergriff es sie mächtig; sie ergab sich auf eine Weile den Tränenschauern, die sie umspielten; dann nahm sie wieder eilig die Feder auf. »Hingegen erkenne ich, daß man rein nichts dazu sagen kann, weil alles noch ungeschehen ist; nicht einmal trösten, denn soll man Sie nun trösten? Seien Sie lieb und seien Sie gerecht gegen sich selbst, und wenn immer es Ihnen wohltun mag, so bringen Sie Jubel und Schmerzen daher zu mir. Gelt? Zu Ihrer ganz ergebenen Elisabeth Fahm.« Sie dachte den Abend nur an ihn, überlegte erschrocken, ob es ihr auch zukomme, ihn so brüderlich zu betreuen; vor Freude errötend, trat sie diese Rechte an seine Unbekannte ab. Sie wußte gar nicht, wie schön und freundlich sie sich diese vorstellen sollte. Es gelang ihr leicht, sich zu bescheiden. Etliche Wochen stand sie ihm bei, ohne in ihn zu dringen. Endlich sagte er gequält: »Ich mißbrauche ja Ihre Güte!« »Da machen Sie sich keine Sorgen. Die Gesunden bedürfen des Arztes nicht. Aber können Sie sich denn dem Mädchen nicht vertrauen, geht das nicht? Müssen Sie all das leiden?« Er ging nach Hause, vergoß eine Flut von Tränen und beschrieb ihr dann seine wunderlichen, unmöglichen Umstände. Gerade vor seiner Abreise in die Ferien. Aber nichts von dem befürchteten Leid kam auf; sein Herz nahm es nicht in acht, daß er anderswo lebte. Er entbehrte die Kleine scheinbar nicht. Gott sei Dank trat wieder Homberger auf. Tragisch erregt von Geschehnissen, denen er eben entkam. Er hatte wieder eine Liebe hinter sich gebracht und sah mitgenommen aus. Er zeigte Bach einen Browning und das Bild der Geliebten, einer jungen Frau von kindlichem Liebreiz. Wendel fiel es schwer, an ihre verheerenden Gewalten zu glauben. »Aber sie sieht doch so mädchenhaft aus?« fragte er und blickte auf Maxens blutrote Lippen. Sie sogen begierig an einer Zigarre. »Ja warum soll sie das nicht, in aller Welt! Was ist sie denn anderes als ein Mädchen, auch wenn sie Mutter ist?« »Ich finde es schade, daß ihr euch so verfehltet. Nimm es mir nicht übel, es war doch schade um die liebliche Frau. Entweder überwindet sie nicht das Heimweh nach dir, oder sie kann mit ihrer Ehe nun weiter nichts mehr anfangen; am Ende wird sie ihr Kindchen hassen, gerade weil es euch gegenüber so klug und rücksichtsvoll war, wie du sagst. Der Teufel macht sich in Verkleidungen an uns heran, und für den ist alles zu schade. Was hast du nun vor? Ist dir jene Pistole wieder feil, oder gedenkst du sie noch erst zu brauchen? Wem galt denn eigentlich die Kanone, dem Ehemann?« Homberger wandte das Gesicht mit einem Ausdruck von Verdruß und Bitterkeit hinweg. »Du wirst noch lernen müssen, das Leben zu ergreifen und es nicht wie einen heißen Brei zu umgehen,« spottete er seinerseits. »Du lebst ja überhaupt nicht.« »Das ist möglicherweise eine Täuschung von dir,« entgegnete Bach, den Vorwurf erwägend. »Es ist die Frage, wo das Leben sich abspielt, ob innen oder außen, und es ist noch einmal die Frage, ob wir es ergreifen sollen, ob es sich ergreifen läßt, oder ob es uns ergreift.« Homberger besaß die Fähigkeit zu grollen offenbar nicht. Er gab dem Gespräch eine Wendung. Bach sah ihn heimlich an, den schönen Menschen, der einem Knaben gleich seines Weges stürmte und doch die gewitterhaften, zauberischen Erfahrungen des Mannes machte. Es kam vor, daß ihm die Liebe zur Königin wie ein Messer ins Herz fuhr. Aber weiter verspürte er nichts, während Homberger stets davon sprach, daß er sich noch umbringen würde, nur um seinen Schmerzen ein Ende zu bereiten. Der Blonde neidete ihm dieses Unglück, das er einer wahrhaftigen Liebe für angemessen erachtete. Schlechten Gewissens setzte er sich zum Schreiben und dichtete kummer- und vorwurfsvoll bis die Zeit erfüllt war und er wieder auszog, um das Leben weiterzuführen, weiter zu erfahren, was es an Dunkel, Verzückung, Ohnmacht und was es etwa an Erfüllungen für ihn bereit hielt. Die Gedanken daran zu wenden vermied er aus Angst vor der Hilflosigkeit des Gefühls; im Grunde lobte er sich den Zustand, in welchem es ihm gegeben war, sich zurechtzufinden, sich vorzubereiten auf eine Zeit hin, wo er gelernt haben würde, der Dinge auch mit dem Herzen mächtig zu werden. Denn wieder empfand er gar nichts, als er in das Tal einzog; die Schweifung des Flusses, die Pappeln und der schöne bewaldete Berg machten nur seinem Kopfe Eindruck, das Herz war ihm gleichsam hinweggenommen und eine Leere geblieben, in welcher nichts widerhallte. Wer, dachte er traurig, würde sich aber auch in ein Kind verlieben und sich noch wundern, wenn die Tröstungen solch einer Sache versagten. Also nahm er sich vor, hiemit neu zu beginnen und sich als ein Mann zu bewahren gegenüber Erscheinungen, die ihn nur narrten; es zog ein linder Friede in seine Brust ein. Früh erwachte er an Beglückungen, die ihn flaumig und warm überfielen. Der ziegelhelle Morgen glänzte von irgendwo her und lag mit herbstlichen Küsten im Dunkel. Der Geruch des Herbstes und die Königskerzen, von denen er glaubte, daß sie irgendwo blühten, verwandelten ihm das Tal so wunderlich, daß es ihm vorkam, er bewegte sich auf dem Grund eines Wassers; aus diesem rann der Fluß hinaus in die ferne jenseitige Welt, mitunter begann es zu regnen, die Lämmer klagten im Nebel, und Schauer und Schatten strichen durchs Blut. Hinter dem Berg wußte er das Hochland, dem Maja entstammte; er sah es mit Vogelbeerbäumen, die hoch im Gewölk hingen, die Bauern der Jahrhunderte standen auf, die Glocken bemooster Dörfer hallten aus der Erde, und neue Schwermutgründe öffneten sich in der Seele. Seine innere Landschaft hatte ihn völlig überwuchert, verdrängte die Welt und füllte die Räume mit ihren Gärten. Erschrocken hielt Elisabeth sein Haupt in ihrem Schoße, wenn er kam und nichts suchte als sich irgendwo zu verbergen. Er fürchtete alles, das Herbstrot, den Fluß, die erbleichenden Weiden. Elisabeth wußte manchmal nichts mehr zu sagen. Treulich prüfte sie immer wieder ihre Erinnerung, um alles zu finden, was sie ihm von der Kleinen erzählen möchte. »Sage, ich kann doch nicht hingehen und sie dir einfach daherbringen? Was soll ich, was soll ich nur tun, um zu helfen! Aber woran verzweifelst du eigentlich? Fürchtest du die Jahre, fürchtest du hier vertrieben zu werden? Ich kann es alles verstehen, aber versuche, dich einmal an die Hoffnung zu halten, sie ist doch nicht weniger gerechtfertigt als der Zweifel, findest du nicht?« »Ich kann von hier nicht fortgehen und kann aber auch nicht bleiben. Ich will nicht sehen, wie die andern sie wieder zum Kinde machen, ich will nicht erleben, wie man sie entwürdigt. Nichts, nichts bringt sie herüber über die Ländereien der Trennung, die zwischen uns liegen. Was will ich, wer bin ich, wie darf ich es nur wagen, einem rechtschaffenen Menschen mit solchen Torheiten zu kommen!« »Ein bißchen Teilnahme ist ja auch alles, was ich dir anbieten kann, ich dumme, armselige Kreatur. Zusehen wie einer ertrinken soll ... Dabei wünsche ich dir noch immer, daß es nur bald vorüber sein möchte. Zu wohlbekannt ist mir die Ungeduld, die hinausverlangt aus der Roheit der Dinge, und was fange ich mit einer augenblicklichen Zuversicht an, wenn man gegenüber dem Nächsten wie vor der Unendlichkeit steht, gerade so nah und fern, gerade so ohnmächtig. Daß es weh tut, kann dir noch weniger nützen.« Zahllose Nächte vertrotzte er, indem er mit unterschlagenen Beinen auf seinem Bette saß oder, den Tag, seinen Feind erwartend, am Fenster lehnte. Um vom Herbste Abschied zu nehmen, führte er die Kleinen ins Land hinaus. Durch eine Flut von Laub ergingen sie sich auf dem Berggrat; sie sangen, ihre besinnlichen Weisen hielten sich schwebend im Abgrund. Häher und Haselkätzchen belebten die rostroten Wege. Das Schneegebirge stieg mit schimmernden Städten voller Dome, Klöster, Brücken, Türme aus der Ferne herauf. Züge von Landsknechten schoben sich über die Pässe, Trommeln und Pfeifen geisterten durch die Täler. Im Laube flackerten Kerzen auf, die Fliesen von Rittergräbern klapperten ihm unter den Sohlen. Darum wußte er manchmal nicht mehr, welcher Art er sich die Beziehungen denken sollte, die zwischen seiner Traumgestalt und dem Kinde da vorn bestanden. Es begegnete ihm, daß er beide vor sich in den Büschen erblickte, die eine luftig und still, die andere eifrig beschäftigt, rote Beerenzweige zusammenzutragen. Dunkel flatterten Mias Blicke von Busch zu Busch und zu dem Jüngling, als versicherte sie sich heimlich seiner Freundschaft. Es fügte sich, daß sie in ihrer hingegebenen Tätigkeit sich an seine Seite verirrte und nach einem kleinen Erschrecken sogar verweilte. Mit Lobgesängen im Herzen lauschte er herab auf sie, die mit jungen Schritten, aber königlich seinen Gang begleitete; nachdenksam kostete er die Vergünstigung, in ihrer Gesellschaft zu wandern. In der Mitte aller Wälder und Baumgärten, im Schneelicht der Wolken erforschten sie einander in schweigender zarter Scheu. Das Gefühl davon erfüllte ihn beinah schmerzend mit fremden, süßen Melancholien. Abends saß er wieder bei Elisabeth; angesichts seiner frohen inneren Erleuchtung wagte sie nicht an die Dinge zu rühren, die ihn bewegten. Aus lauter Feinsinn plauderte sie von sich selbst. Es zeigte sich, daß sie sogar einmal verlobt gewesen war, so wunderlich ihm das vorkam. »Wann war denn das?« fragte er gespannt. »Das war vor nunmehr sieben Jahren.« »Und Er, wer war Er? Lebt er noch?« »Aber wie sollte er das nicht, du Filou! Bin ich ein Altertum?« »Sehr verheiratet? Was war er denn?« »Er war Bauunternehmer.« Die Frage in seinen Augen nahm verständnisvollen Ernst an, und darauf ging die Frau eilig ein. »Ich dachte, schon von Alters wegen dazu verpflichtet zu sein, in einem so vernünftigen und einleuchtenden Falle zu lieben; ich tappte plump genug in den Bereich einer Sache, aus der man sich nicht ohne die schändlichsten Verwundungen zieht.« Sie sahen einander an. »Du liebtest ihn nicht.« »Der Wunsch, ihn zu lieben, brachte in mir ein Gefühl zustande, dem manche Anzeichen der Liebe eignen mochten, was der Grund meiner unbeschreiblichen, schauderhaften Verwirrungen wurde.« »O ja, ich verstehe. Vielen ist es so leicht gemacht, sie lieben, was ihnen vors Herz gerät; für andere ist die Liebe ein Schicksal, das mit einmaligen unerbittlichen Bestimmungen ihnen irgendwo bereitliegt, sie finden es oder finden es nicht oder zu spät.« »Du aber gehst wie ein schönes stilles Feuer vorüber, das Lieder klingt und Weisheit leuchtet. Das kommt uns nicht alle Tage vor und ich bin eitel darauf wie ein Haus, daß du, mit Verlaub, mich zu dem Märchen ein wenig benötigst. Dir habe ich einigermaßen ein neues tagendes Leben zu verdanken, weil du, reich wie ein Wunderprinz, mit Glauben und Vertrauen nur so um dich warfst. Darum wirst du noch lange zehren dürfen, bis der Vorrat meiner Schuldigkeit alle ist. Somit brauche mich, Lieber, laß mich deiner Verwendungen teilhaftig werden; wir werden ja reich in dem Grade, in dem ein Mensch uns plündert.« »Was ich sagen wollte!« fiel es hier Wendel ein. Aber er zögerte. »Dieser Tage erhielt ich den Besuch einer Dame –« »O? Bei dir zu Hause? Wo kommt dir das her?« »Von Kamerun.« »Dann war es gar eine schwarze Dame.« »Ich saß wie so oft und wünschte mir, irgend etwas Außergewöhnliches möchte sich jetzt begeben: Ein Mensch mit Ledermappe würde aus der großen Welt hervortreten und mir mitteilen, daß ich auf Grund meiner unübertrefflichen Werke in die Akademie gewählt wurde; oder noch lieber: Maja käme und machte mir Tee! Eine Weile blieb mir deshalb das Herz stehen, als tatsächlich vor der Tür, wie mir schien, gewaltige Vorbereitungen sich ankündigten. Die afrikanische Dame brach lawinenhaft, lachend, mir zublinzelnd in meine Klause herein. Sie begann, mir meine eigene Lebensgeschichte zu erzählen, so lange bis ich mich erinnerte, tatsächlich vormals von einer gewissen Lydia verwöhnt, gekämmt, getragen, wohl auch geherzt worden zu sein. Sie behauptete, diese Lydia zu sein und leitete sich von dem Umstand die Berechtigung ab, über meine Lippen herzufallen und, da der Anschlag mißlang, sich auf dem Bette zu dehnen.« Elisabeth funkelte ihn an. Allein er lachte. »Es ließ mich alles ganz kalt, was ich nachträglich im Grunde ein wenig bereue. Vielleicht verscherzte ich tatsächlich eine Gelegenheit der Erschütterung, verstehst du. Im entscheidenden Augenblick glaubte ich diese gröbliche Art der Erfüllung ablehnen zu sollen, als wäre sie auch nicht das Gemeinte; die landläufige Wirklichkeit kommt mir ein wenig ärmlich, auf jeden Fall harmlos vor. Inzwischen habe ich mich in Lydia richtig verliebt. Seit sie weg ist, liebe ich sie verehrungsvoll und mitleidig aus lauter Dankbarkeit für die Romantik, die sie mir ins Haus trug. Ich will ihr das schreiben, ich will ihr schreiben, daß sie nicht, wie sie nach allem denken muß, auf Hochmut und Verschlossenheit stieß – mein Gott, ich habe Verständnis für ihre Lage; ich bemerkte wohl, daß das ganze Gefühl ihr wieder aufloderte, der Unglückseligen, der ich meinerseits ja nun auch nicht helfen kann, nach der verrückten Verstrickung aller Umstände. Aber sie soll wenigstens die Erleichterung haben, die ich entbehre, sie soll klagen dürfen.« »Dichtest du ihr auch Lieder?« »Ich will nicht hoffen, daß du auf das bedauernswerte Geschöpf eifersüchtig bist.« »Eifersüchtig. Man wird sie verachten dürfen, oder nicht? Bitte sprich mir nicht mehr davon, es macht mir übel. Ich erwarte, daß du mit diesem Weihrauch, den ich dir schenke, deine vier Wände ausräucherst.« »Kommt das vom Libanon, oder woher? Ihr Zedern des Libanon! Ach, mir wird ganz israelitisch, ganz templig. Ich werde fabelhaft dichten.« Sie sahen einander an und er ging nach Hause. Es gab Schnee, er sah Maja mit schmelzenden Flocken im Haar; ihr Händchen legte sich niedlich naß in seine Finger; er dachte dann immer daran, wie es einmal wäre, wenn sie zusammen an ihrem Kamin saßen ... Er schrieb Lieder, die das Schneelicht erhellte. Hernach begann es zu regnen, es wurde noch einmal herbstlich, die Sonne beschien ein bräunliches Moos, im Wasser malte der Himmel sich veilchenfarben. Daneben war diese unverbindliche Zeit dazu ersehen, das ebenso stille als peinliche und schwere Gericht zu umgeben, in welchem Wendelins Geschick sollte ausgemacht werden. Eine Behörde anscheinend wohlwollender Bürger stellte sich in der Schule auf, um seine Fähigkeiten zu prüfen. Er gab sich alle Mühe, sich so zu benehmen, daß sie ein ehrliches Bild davon gewännen, übertrieb aus lauter Ängstlichkeit vielleicht ein bißchen das unbekümmerte Wesen, in welchem er beispielsweise einen Jungen zum Spaß mit seiner Kreide bewarf. Im ganzen hoffte er nicht übel bestanden zu haben – er überdachte das Examen in der Nacht unablässig – selige Schauer rührten ihn um und um in der Aussicht, verbleiben und der Zukunft Majas teilhaftig werden zu dürfen. Er sah schon alle Herbste und Winter voraus, die ihm die Königin in einer neuen jungfräulichen Gestalt zeigen würden; die sonderbarsten Eisenbahnen fuhren durch Schnee und Sonnenblumen, silberne Wolkengewässer erglänzten vor seiner Seele; die Glut seines Wunsches schien ihm Bürgschaft genug dafür, daß er Glück haben würde. Einstweilen verdroß ihn das lange Schweigen, das folgte. Er begann, langsam die Zinnen seiner Schlösser abzubauen, die Versuchung zum Tode begleitete ihn wieder, und in der Tat, er hatte seine Schöffen zu leicht genommen; sei es daß sie ernsthafte Aussetzungen an seiner Arbeit zu machen verstanden, sei es daß sein freundliches, sorgloses Gehaben sie in ihrer Würde gekränkt hatte, was anzunehmen er sich für berechtigt hielt; in einer nicht eben tapferen und gerechten Verborgenheit beschlossen sie kraft ihrer Vollmachten das ungeheuerliche, nicht ausdenkbare Verhängnis über den Blondling, daß er wandern und ein nicht mehr vorstellbares Dasein anderswo auf sich nehmen sollte. Auch jetzt gelang es ihm nicht, zu weinen. Das allgemein hereinbrechende Elend überschwemmte ihn nur mit Dunkelheit. Sein Gefühl für die Königin glühte ihm auf. Er stand in den schneetropfenden roten Wäldern herum, allüberall auf Spuren ihrer Herkunft. Ihr flaumiger früher Anfang dämmerte aus den Winterglocken. Zu Weihnachten trat ein Bruder von ihm auf, ein hinfälliger Mann, der aus der Welt hervorkam, offenbar um hier zu sterben. Mit der Zeit gelang es dem Kleinen, sich darein zu finden, daß neben ihm noch ein anderer die Ehren des Geschlechtes trug, und als dieser, bezwungen von Schwäche, friedfertig und schamhaft sich an das Krankenlager bequemte, ergriff ihn eine Besorgnis, in welcher er alles versuchte, den Ärmsten seinem Zustand zu entreißen. Eines Tages ergriff das Fieber auch ihn. Nicht eben mächtig. Er dünkte sich erkältet, hustete; die Luft glomm vor seinen Augen. Die Mutter behielt ihn zu Hause, und er kam sich fürstlich vor, am hellen Tage krank zu liegen; wenn nur nicht die Unrast um Maja gewesen wäre. Er lauschte auf seine Lungen, von denen man ihm sagte daß sie knisterten. Er spürte wenig. Die Fieber wuchsen indessen. Ihm war das schöne Feuer beschieden, das Schnee und Himmel durchglühte. Er döste, meist aufrecht sitzend, in einem sanften Rausche von Sommerdunst. Die Sorge um Maja verzog sich, er wurde ein seliger Träumer, dem alles kostbar in die Augen dämmerte, die Bläue des Zimmers, die Ferne. Er wußte nicht, ob es schneite oder ob das Sonne war; man ließ ihn so viel allein und er hatte Muße, mit empfindsamem Herzen Majas in ihrem fernen Laube zu gedenken. Später fand er den Abend im Gemach, einen grünlichen, einsamen Abend, in welchem er zu weinen begann. Er trat eines Morgens vor sein Bett, sank aber hin und verhielt sich nun reglos stille. Langsam schloß er wieder Bekanntschaft mit dem Bruder nebenan; die Mutter hütete das stille Paar in müder Verzweiflung, beleidigt und ungeschickt. Zusammengerollt wie eine Katze, versuchte Wendel die furchtbare Zeit zu überstehen, die sich zwischen ihm und dem Tal anhäufte. Er versuchte ihren Umfang abzuschätzen und das Unheil zu beurteilen, das ebenso hämisch als bedeutungsvoll in den Ausgang seines Erlebens getreten war, um ihn darin zu verkürzen, seine Verzweiflung zu steigern und tausend neue eigenartige Verquickungen des Gefühls hervorzubringen. Soweit hergestellt, daß sie sich vorsichtig aus dem Schutze des Hauses hinausbegeben durften, wandelten die Brüder ergriffen in eine elysische Landschaft, in welche sie mit neuen Empfindungen wie aus Urgründen der Schöpfung zurückkehrten. Benommen saßen sie an den Frühlingsrainen im Anblick von Wolken und Bläuegewächsen. Sie kamen bis vor ihr Großvaterhaus, in welchem sie das Dasein begonnen. Fremde Menschen bewohnten diese Trümmer einer sagenhaften Herrlichkeit, deren sie sich wehmütig erinnerten. Der Geruch des Phloxes im Nebel, Regentage und Windnächte, ferne Feuersbrünste, Glocken, Hahnenruf, der frühe Schein der Laternen, die Luft der Schubladen, das Moos, Lavendel, Nelken, Menschen und ihre Schicksale fielen ihnen wieder ein. Die Weinbergtreppe, der alte Steg in den Himmel, verbarg ihren kümmerlichen Rest in die Leere eines Kleeabhanges. Der Schein der Nüchternheit, die Verarmung des Tages geisterte auch um diese traurige Küste gelobten Landes. Träumerisch sagte der Blonde: »Es gibt nur drei Zustände, in denen wir wahrhaft erleben: Kindheit, Fieber und Traum.«   Es fing zu regnen an, und das Tal lag traulich verdunkelt, als Wendelin es wieder betrat. Es erging ihm doch besser als er vorausgesetzt hatte; der Geruch der Nässe umfing ihn sehr wohlig, die Höhen neigten sich nahe hernieder, als ob sie grüßten, und die Unmenge Schlüsselblumen bewirkte mit ihrem Dufte, daß eine märchenselige Rührung ihn um und um bewegte. Dies zu erleben kam ihm ganz ungewohnt vor, weshalb er auf seinem Gange dankbar heimlich frohlockte; mit warmbetauten Augen grüßte er Vögel, Gebüsche, Höfe und den Fluß, welcher klar über Graspolster glitt und Fische in seinen Fluten führte. Die Wälder rauchten, irgendwo blökten die Lämmer. Ein wenig kühl und stiller als er sich's vorgestellt, umgab ihn die liebe Einsamkeit, in welcher er Maja wußte. Es dunkelte zeitig, die Nacht kam, weiter geschah nichts von Bedeutung. Er gab sich mit seinen Liedern ab, deren er ein stattliches Buch hervorgebracht hatte; er legte sich früh zu Bett und vernahm das Strömen der Wasser, ohne daß er es fertig brachte, seine Gedanken zu sammeln. Er glaubte nie fort gewesen zu sein, was der Grund sein mochte, daß ihn der Anblick der Königin wieder nicht aus der Fassung brachte. Er verglich sie wohl heimlich dem Traumbild, das sie ihm hatte ersetzen müssen; sie erschien irdischer, auch kindhafter, aber nicht weniger königlich. Die Gründe des alten Gefühls umgaben sie wie ein Reich; was verwundbar und schwankend im Ungewissen gelegen, stand wieder braun vor dem Herzen. Ihrer Nähe bedürftig, ging er dann über die Wiesen. Sterne schwammen im Wind. Eine Rufweite vor dem Schäferhaus blieb er stehen und blickte ins Dunkel der Fenster. Wieder begegnete dem Herzen nichts. Nur Schlaf überkam ihn, Leere und Dunkel lagerten sich vor der Brust. Er schleppte sich heimwärts, erbittert über die Ohnmacht, die er nicht begriff. Ein Groll auf Gott stieg ihm würgend in die Kehle. Warum hast du mich erschaffen, trauerte er, wenn du gedachtest, mich in dieser Kümmerlichkeit liegen zu lassen? »Ich hatte nun einmal eine andere Vorstellung davon, wie uns das Leben ergreifen müßte,« sagte er zu Elisabeth. »Dies Spiel con fordino, auf die Dauer verdrießt es mich und erregt meinen Verdacht. Das war vorzeiten doch anders. Aber seit man die Dinge durchschaut – und jedermann kommt dazu sie zu durchschauen; mit dem Augenblick, wo man die geistige Mündigkeit antritt, zieht sich das Herz gleichsam in uns zurück. Fortan ist es wie ein Fluch, daß wir durch Filter empfinden; alles widerhallt so entfernt und nachträglich, erst in der Erinnerung kommt das Erlebnis zu seiner Herrschaft. Dagegen lehne ich mich auf, Elisabeth; ganz will ich die Verzückungen haben, Heiß und Kalt wie ein Schwert in mir fühlen; du hast keine Vorstellung davon, welche Bedeutung ich alledem zuschreibe, welche Leiden es mir schafft; eine Weile sehe ich dem noch zu, ich werde mich mit keinerlei Halbheit begnügen –« »Sondern?« Er verstand nicht gleich. Alsdann setzte er ihrem Kleinmut das Feuer seines Stolzes entgegen, und sie gab sich selber seine Antwort. »Sondern kurz abbrechen.« Sie benötigte einiger Tage, um etwelchen Widerspruch aufzurichten. Sie sagte. »Ist es nicht vielleicht ein Erfordernis für den Künstler, zugunsten seines Werkes auf das Leben zu verzichten in dem Sinne, daß er es, wie man sich ausdrücken könnte, in die Erinnerung schießen läßt, statt es genießend selber zu verbrauchen? Er ist nur das Mittel, nicht Selbstzweck.« »Die Sache ist einfach die, daß wir die Fähigkeit der Ekstase eingebüßt haben. Sie machte die Griechen stark, wir aber sind gottlos geworden.« Sie schien sich dem nicht zu beugen. »Die Früchte der Erkenntnis kosten das Paradies,« erwiderte sie und hatte die Streitkräfte des Sinnbildes auf ihrer Seite. Mittlerweile war die Zeit abgelaufen; Wendel hatte sich zu entschließen, seine angesammelten Heiligtümer: Blumen, Papiere, ein Schattenbild der Geliebten und alle erdichteten Briefe an sie zu vernichten. Er trug sie zuerst in den Wald hinaus, der Absicht, sie hier zu vergraben. Die Unsicherheit des Verstecks beunruhigte ihn aber; der jähe Entschluß, seine Schätze im reinen und stürmischen Mittel des Feuers zu zerstören, überschüttete ihn mit Beglückungen. Hocherrötet lief er wieder nach Hause und begann hier, den Ofen mit seinen Papieren noch einmal aufzuwecken; mit einer etwas irren Flammenspiegelung auf den Augen reichte er Blatt um Blatt in den fressenden Rachen hinein. Die verkohlten Verse wanden sich geisterlich in scheinbaren Qualen, bläuliche Rankengewächse strahlten in Nebeln auf und erhielten sich unverwüstlich in ihrem Jenseits von Verdämmerung, Purpur, braunem Rauch und Glast. Das schöne Bild Majas lebte auf in den Gluten, umsäumte sich golden und blau, seine Schwärze brodelte samten, von Schauern überhaucht. Schrecken und Mitleid fuhren dem Jüngling ins Herz, er griff in den flaumigen Schaum; eine Weile bedrohten ihn Reue und Herzeleid, aber die Ernüchterungen der Vernunft waren nicht minder eilig zur Stelle. Und somit besaß er, außer den Liedern, nun nichts mehr, das ihn dem Mädchen verband; er wäre froh gewesen, wenn er sich ungesäumt den Verpflichtungen hätte entziehen können, bevor das zurückkehrende Gefühl es ihm wieder erschwerte. Im Augenblick umgab ihn der Raum einer sanften Stille, ja das Frohlocken der freigewordenen Seele regte sich wie eine Amsel, worüber er hinwiederum erschrak – überschwenglicher Zärtlichkeit voll, lief er hinaus in den Regen, seinem Herzen nach, gefährlich begeistert. Derweil mäßigte er seine Eile, je näher er der Schafweide kam; die alte Angst ging wie eine Lähmung durch seine Glieder. Er zog vor, sich hinweg zu begeben, aufrecht und ernsthaft strebte er der Landstraße zu, auch wenn ihn die Verzweiflung zu Boden zog. Da begab es sich wirklich, daß Mia aus einem Busche hervortrat, in dessen Obhut sie die Herde bewachte. Der nasse Wind trieb sie ihm entgegen, so daß es ihn wild versuchte, sie an sich zu schlingen. Sie bemühte ihr Händlein aus dem Mantel; mit ruhiger Männlichkeit hielt er sie daran fest. »Ist das ein Wind!« sagte er, und sie lachte. »Du wirst ja ganz naß! Mußt du denn da draußen stehen, und darfst du nicht heimtreiben, wenn der Regen sich doch einläßt?« »Es macht nichts,« erwiderte sie. Die Kapuze drückte das braune Haar um ihr Antlitz. Mit eiligen Blicken überflog er die warme Anmut. Im flatternden Regen sah er wohl ein, daß ihr Haselstrauch sie besser als seine wehen Gefühle bedeckte; verwirrt, auch etwas ängstlich, entfernte er sich alsbald, nachdem er die Kleine ermahnt, nicht allzu lange mehr hier zu stehen. Auch ihn schob der Wind, aber ungestümer zerrte das Herzeleid, stopfte sich ihm sein eigener Widerstand in die Lunge. Dennoch sah er sich nicht nach ihr um. Maßleidig murrend trieb er den Fluß entlang, dem er gelegentlich einen Blick gab, wenn der Sturm ihn aufmunternd puffte. Auf der Höhe des Dammes fühlte er sich von einer strömenden Woge getragen. In die Lüfte entführt, mit schwindenden Sinnen flüchtete er fern in die Wiesen. Was sollte er tun? Es gab für seine Ängste und sein Gefühl keine Zuflucht. Im Regen klebte der süßliche Dunst von Wolle. Wendel stieg in die Wälder hinauf. Das Wasser lief aus den Ästen, ein großes Rauschen umgab ihn. Maja trieb ihre Herde nach Hause, lief durch den Garten ins Haus. Lichter gingen an im Grund; es graute Bach vor dem Geläute, das aus dem Nachtabgrund kam. In seinem Laubfenster zogen die Nebel schwarz und nahe vorüber. Wie ein Läuten im Ohre brauste das ferne Wehr, das Wild bewegte sich im Hochwald. Wieder kamen die Wintertage durchs Dunkel mit Harz- und Feuergeruch. Da stand Maja, weich und braun und warm, die Kirche läutete wie ein Dom in die Nacht. Sein Herz trieb schmerzende Wellen; melodische dunkle Worte versammelten sich darüber: Abgründe ihr des Unaussprechlichen, Abgründe der Nacht, der Melancholie! Doch über allem der Jubel um dich Wie ein Glanz Und aus allem Schiffbruch in Dunkel Flötender Lobgesang Daß du bist! Die Aufgabe der Verabschiedung machte ihn schlottern, allein auch das Ende kam anders als er es sich in tausend herzklopfenden Grübeleien wohl ausgemalt hatte. Eine überhandnehmende Seuche schritt mit ihrer gelassenen Gewalt ein und beschloß, barmherzig oder hämisch, wie er es eben nehmen wollte, die sonderbare Gefangenschaft, in welcher der Blonde sich im Verlauf zweier Jahreszeiten aufgehalten; er sah seine Königin nicht mehr. Mit dem Troste, sie wohlauf zu wissen, entfernte er sich neugierig zögernd aus dem Tale seiner Heimsuchungen, gar nicht erschüttert und reichlich vernebelt. Nur eine kaum zu ertragende Langeweile gähnte im Umkreis auf. Zu Hause begann er eilig zu schreiben, um die hohle Stille zu vergessen. Tag um Tag ging vorbei, ohne daß plötzlich der Himmel einbrach. Dessen gewärtig und gänzlich benommen, hielt Wendel dem Strome stand, der mit Leere und Wahnsinn über sein Haupt fuhr. Dunkle Wasser standen dicht nebenan, hinter seinem Hirn, unter den Adern, deren Lauf eine Nadelspitze aus ihrer Bahn verschob. Hier grenzte er an die Ewigkeit, hier lockte der Ausgang, und es wurde zu seiner Beschäftigung, nur darauf zu warten, daß ihm gewissermaßen die letzte freudige Inspiration zum Tode noch erglühte. Vorher kam Elisabeth. Während sie Hut und Handschuhe beiseite legte und die Klause seiner Schmerzen überschaute, fand er sich langsam zum Verständnis durch. Aufschluchzend warf er sich ihr an die Brust; Jubel und närrische Ergriffenheit brachten ihn ganz aus der Fassung. Auf seinem Stuhle sitzend blickte er sie an und lachte, bis ihn wieder das Leid überwand, er legte sich über den Tisch hin und weinte. Seine Mutter hatte sich grollend zurückgezogen. Das Schweigen der beiden verwunderte sie aber, denn eine Stunde ging vorbei ohne daß sie sich regten. Um zu überraschen, wie sie hoffte, brach sie rauh in die Stube ein. Fräulein Fahm saß am Fenster und nähte, der Junge sah ihr von ferne zu. Darüber lachte die Frau ein wenig auf. Elisabeth ging auf sie zu, ungeachtet des ebenso würdigen als müde verschlossenen Ausdrucks, der sie erwartete. Sie tauschten leise und freundschaftlich ein paar Worte. Hierauf verbarg sich die Frau wieder in sich selbst, hüstelte, und in einer sichtbaren schmerzlichen Eifersucht auf die Jungen entfernte sie sich aus dem Hause. »Wo geht sie nun hin?« fragte Elisabeth. »Und du, weißt du noch nicht, wo du hinkommst?« »In ein Bauerndorf.« »Und darüber sagst du mir nicht ein Wort, was soll denn das heißen? In ein Bauerndorf? Ist dir das furchtbar? Welches?« »Ach irgend ein Bauerndorf, sie sind sich ja alle gleich. Wollte Gott –« »Wollte Gott?« Gedankenvoll nahm sie ihren Faden zwischen die Lippen. »Wenn du es fertig brächtest, Wendelin, ihr einmal eine Wenigkeit zu sagen, auch wo es dir nicht darum ist? Ich fände das wie ein freiwilliges Opfer und eine Art Mannestat, welche deine Eltern übrigens von dir erwarten dürfen. Wie wenig genügt unter Umständen, so einen Bann zu brechen, statt daß sich alles nur immer unglückseliger verstockt. Ein Teufel oder ein Seraph eilt dem andern zu Hilfe.« Vater Bach frug, wer drinnen sei. Hereintretend machte er Licht und äußerte seine Freude darüber, Besuch vorzufinden. Mit einem Ausdruck frohlockender Sorgfalt reichte er auch Wendelin seine warme Hand und setzte sich klein und freundlich in einen Winkel, von welchem aus er die Unterhaltung, inmitten von Glockengeläute, voll Aufmerksamkeit steuerte. Er war sich nicht eben klar über das Verhältnis, das seinen Sohn mit dem Fräulein verband. Ihr herzliches Einvernehmen und die sichtbare Kraft, die es dem Jüngling spendete, vielleicht ein wenig auch die Scheu vor ihrem geahnten Geheimnis waren ihm Anlaß genug, die Lehrerin dankbar zu lieben. Deren Witz und Verstand, nicht zu reden von ihrer Bildung, machten ihm großen Eindruck. Nach seiner Natur ereiferte er sich bei der Gelegenheit, das Gespräch über alltägliche Dinge hinauszuführen und auf eine ebenso vergnügliche als nutzbringende Weise ins Ewige der Gedanken vorzustoßen. Auch die Mutter, die spärlich und beiläufig aß, neigte den Verhandlungen ein fast begieriges Ohr, wenn sie auch wenig mehr außer einigen Bedenken beisteuerte, und so schlug die Verblüffung denn wie ein Blitz ein, als die Uhr, welche einsam wanderte, die Stunde des Abschieds erreichte. Im Lauf zur Bahn steckte die Lehrerin ihrem Jungen eine Menge Nachrichten zu, um deretwillen er sich artig an ihrer Seite hielt, weshalb sie mit Neckereien begann, ihn vollends um die Ruhe zu bringen. Er versprach, indem sie so trabten, sich bescheiden zu wollen, umgänglich zu sein und zu schreiben. Hierauf erhielt er plötzlich einen Kuß von ihr; da der Zug einfuhr, lief sie ihm wie ein Wiesel davon, während er lamentierte. Unter ihrem Wagenfenster kamen ihm langsam die Herzensgrüße, die er an das Tal mitzugeben hatte. Das Leid übernahm ihn nun doch; die Erinnerung an die Fluren, die nicht mehr ihm gehörten, ging ihm blau in der Seele auf, und wie ein Kind, das die Mutter zur Heimat zurückfahren sieht, blieb er erschrocken und untröstlich stehen. Seine Erstarrung war überwunden. Nur eine zaghafte Trauer leistete ihm Gesellschaft, während er schrieb und gelegentlich nach der Ferne aussah, in halber Hoffnung, der schmerzvolle Überschwang, die Verzweiflung möchte von dorther kommen; denn er quälte sich mit dem Argwohn, eine Pflicht zu versäumen und die Königin zu beleidigen; er fürchtete, das Vergessen hätte so seinen Anfang genommen. Aus diesen Gründen erschien er sich als ein oberflächlicher, untalentierter Bursche; er gelobte sich inständig, es niemals wieder zu einer derartigen Liebe kommen lassen zu wollen, um nicht leiden zu müssen, leiden an der Unzulänglichkeit seiner Gefühle. Es hatte sich ihm erwiesen, daß er, entgegen seiner Vermutung, weit davon entfernt war, ein Meister des Herzens zu sein, gerade so wie er schreibend nur immer deutlicher einsah, daß die Sprache ihm keineswegs leicht fiel; sie legte ihm Schlingen und Fallen, sie äffte und plagte ihn, ja sie versteckte sich unversehens, verwandelte sich ihm unter den Händen, so daß er den Kopf verlor und sich nicht mehr zu helfen wußte, vor Erbitterung weinte, ihr den Dienst aufsagte und einen Groll auf Gott warf, dafür daß er ihn dieser launischen Herrin verpflichtet hatte. Aber sie streichelte ihn wieder mit ihren lindesten Händen, gleichwie an sonnigen Abenden die ganze Gewalt der Schwermut ihm mit der Vergangenheit nachging. Bauernjahr Der blaue Berg Es regnete wieder, als er in die neue Landschaft einzog; ein Getreide von Wasser strich über die Felder, die grünen Saaten verdämmerten in Nebel, über die Bäche sprudelte es von den Borden, Riedland ging wie ein Meer auf, silbrig belebt von dem Tropfenfall. Der Wanderer seufzte, denn es nahm ein Gesicht an, als ob die Welt nie wieder mit einer Bläue aufgehen wollte – weiterhin kamen Riegelhäuser und Pappeln, Nußbäume und Pfluge in den Ackerfurchen, Weiber humpelten durch die Flure, aus den Tennen blickten Kinder und Bauern dem Fremdling nach. Dieser gab es nicht auf, sich nach dem Märchenberg umzuwenden, hoffend, daß er durch ein Wunder am Himmel erschiene. Im Angesicht der verwunschenen Höhen gedachte er friedlich ein Dasein voll fremder Verklärung zu führen; die Luft stand ihm voller Schneegebirge, frühe Erinnerungen hörten nicht auf, ihn zu umspielen; manchmal übermannte ihn die Beglückung, daß er im Regen stehenblieb und das Gesicht mit den Händen bedeckte. Danach hielt er wieder Ausschau nach dem Alabaster der Ferne. Die Rosen des Liebeslandes schienen hervor, er erhob seine Arme ins Gesprüh, die Augen gingen ihm über. Hierauf lief er wieder fleißig voran. Seine Schuhe schleppten den Straßenmorast, er fürchtete noch zu versinken in diesem tückischen Grund. In einer Mappe trug er sein Manuskript, welchem er ebenfalls seine Gedanken schenkte. Dann überblühte ihn die Beseligung, die ihm von herbstlichen Gärten, von den Rittern und Fürstinnen seiner Träumewelt kam. Das Herz ging ihm auf, indem er der Welt gedachte, in die sein Werk über ein Kleines hineinzog. Wollte Gott, so lag es eines Tages zwischen Weser und Elbe im Waldlaub: ein junger Mensch, der es da fand, las erstaunend von allem Brokat und Krieg darin; durch die Bäume blickend, grübelte er um dessen Dichter, wo er wohl eben weilte zwischen allen Meeren, was er dachte, fühlte, ob er schlief oder im Bahnzug fuhr oder einer Dame zu Füßen kniete oder zu Mittag speiste in einem Saale der Stadt. Nun, dieser Dichter genas zur Stunde von schlimmer Schwermut und fühlte es nur um so lichter über sich dämmern, je trüber die Fluten herniedergossen. Plötzlich stieg die Straße in ein Tor von Apfelbäumen, Dächer tauchten ins blaue Dunkel, aus nassen Blüten verschwamm ein entzückender Lenzgeruch. Einsamkeit und Stille gingen im Dorfe auf; nur Hühner, die behaglich im Trockenen sich ein wenig unterhielten, eine Katze, die mit kopflosen Sprüngen über den Weg setzte, deuteten auf ein hier anwesendes Leben. Die Bauern hatten sich in das tiefste Dunkel ihrer Scheunen zurückgezogen, wo sie auf Gabeln gestützt und gedankenverloren in die Rinnsale der Traufen starrten, oder sie trugen Streubündel im Arme, Tannreis duftete durch alle Gassen. Bach war an dem Schulhaus vorüber ins Oberdorf gekommen, wo er Ziergärten und einen Springbrunnen vorfand. Er wandelte den Weg wieder hinunter und hörte eine Klasse sprechen. Die Melancholie dieses Chores sowie die Einsicht, verspätet zu kommen, jagten ihm einen Schrecken ein. Es erschien ihm furchtbar, vor die Kinder treten zu sollen, um sie hinfort zu leiten und die rechten Dinge zu lehren – er, der so schüchtern und verwundbar in die Welt zurückkehrte, daß ihm die Hände zitterten. Er klopfte im Erdgeschoß an, mit seiner Mappe und Geige und mit dem Schirm in den Armen. Eine kleine Kollegin trat heraus; sie stellten sich einander vor auf die eilige Weise, in der junge Menschen sich ihren Überschlag über Hoffnungen und gegenseitige Möglichkeiten machen. Fräulein Hoffmann fragte ihn darüber aus, wo er herkomme; aus Leid und Hochmut weigerte er sich, von seinem Tale zu verraten. Die Lehrerin fürchtete, keine leichte Gesellschaft erhalten zu haben. Sie anerbot sich, den Mann seiner Klasse vorzustellen. Ihm war auf einmal wieder die Stadt eingefallen. Er dachte an ihre Asphaltstraßen, in denen sich zu der Zeit sonntägliche Menschen und dunkel alle Büsche und Balkone spiegelten. Er sah den Regen ins Seewasser sinken, das geliebte Laub des Tales duftete ihm auf, der Fluß, Anemonen. Er neigte das Haupt, um sich zu empfehlen. Vielleicht daß es gelang, sich hier irgendwo auszuweinen oder doch in Stille Majas so recht zu gedenken. Da ging eine Tür neben ihm. Seine Hauswirtin wurde ihm vorgestellt. »Wenn Sie ablegen mögen,« sagte die stille Frau, »Ihr Zimmer liegt nebenan.« Er folgte durch eine blaugemalte Stube, bei deren Geranien drei Kinder standen. In zager Hoffnungsfreude hatte er daran gedacht, vielleicht eine Giebelkammer abseits in Bäumen zu bewohnen, mit dem Blick auf den Berg. Durch die Küche schritt er in ein dunkles Verließ zwischen Ziegeldächern und Mauern. Das Regenrauschen, das noch immer wuchs, ertränkte die Welt. Über die Simse lief das Wasser herein auf den Bretterboden. Alle Kälte hatte sich angesammelt zwischen den fahlen Wänden. Der Junge schauerte vor Leid und Grauen. Hinter den Regenfluten ging ihm wieder der Wald auf. Maja schritt durch das Rinnsal von Silber im Geruch des Grases. Wendel legte alles von sich und stützte sich gegen die Wand. Allein er bedachte, daß es nun galt vor die Schüler zu treten; er kniete vor seine Habe, an der er sich zu schaffen machte, um seine Ergriffenheit zu meistern. Unaussprechlich gutes Wesen, dachte er, kam aber nicht weiter, weil wieder das kindischste Heimweh über ihn hereinbrach. Im Spiegel trat ihm sein Bild entgegen wie einst in den Schmerzensnächten. Alles, selbst das Ende seiner Martern, erschien ihm als ein Verlust, den er nur ertrug, weil er sich entschlossen glaubte, dieses Dasein bald zu verlassen. Er litt an der neuen Umgebung, er haßte ihre Menschen; alles Gefühl und alle Treue verschwendete er ans Vergangene. Nachdem er sich gewaschen, schritt er zur Schule hinüber. Die Kinder blickten ihn an mit der Verwunderung von Kälbchen. Es roch alles nach Stall und Moder und trieb ihn zur Verzweiflung; er verachtete die Staffeleien, an denen er schreiben sollte. Die Demut der Kinder vermochte er gar nicht zu achten. Euch will ich hübsch zur Unbotmäßigkeit verführen, murrte er. Sie fanden fürs erste nur einige Kurzweil von seinem vergnügten Gehaben; dann ergründeten sie auch dieses mit ihren alten Gesichtern, indem sie sich auf die Arme stützten. Müdigkeit, Schwermut und das Grauen vor allem Kommenden wollten ihn erdrücken. So hatte die Zeit begonnen, sich zwischen ihm und der Geliebten anzuhäufen. Alles nahm seinen Gang weiter, ohne Aufmerksamkeit für den lautlosen, unaufhaltsam fortschreitenden Verlust, der für ihn angehoben hatte. Aber das Furchtbarste war seine Ahnung, daß auch er nicht zugrunde gehen, vielmehr Wandlung um Wandlung hinnehmen und sich daran verändern, von Maja hinweg verändern würde. Er hatte sich grübelnd verkrochen, als ihn die Lehrerin zum Essen abholte. Sie schritten über eine Wiese tanzenden Wassers. »Wie heißen die Leute?« »Schulverwalters.« »Kann man das Essen nicht zu Hause bekommen?« »Sie werden es nicht bedauern. Grüßgott Bleuler!« »Ach so, da stand ein Klabautermann.« »Ja Sie müssen grüßen, Herr Bach.« »Er verzog ja selber keine Lippe.« »Das kann für Sie nicht maßgebend sein.« »Was ist das denn hier für ein Volk?« tadelte Bach. »Es ist ja grauenerregend. Der reinste Meergrund.« »Da hindurch. Warten Sie die Sonne ab und schimpfen Sie nicht über alles, was Sie noch nicht kennen, Schwerenöter.« »Der Teufel hat mich hierhergeführt!« Sie speisten in der Geraniendämmerung einer niederen Stube ziemlich schweigend. Wendel kam sich an der Tafelrunde nicht wohlgelitten vor und stand bisweilen auf dem Punkte Reißaus zu nehmen. »Sie sollen mich ruhig hassen!« sagte er verzweifelt, worauf ihn das Fräulein wieder erforschte: – »Sind Sie eigentlich der Dichter namens Bach? Da wäre ich aber riesig stolz.« Es war das erstemal, daß er derart sich selbst begegnete; aber Fräulein Hoffmann beeilte sich, ihm zu sagen, daß man ihn nicht etwa verehre. »Immerhin atmete ich auf als Sie kamen, Sie frischer Wind. Ich bin übrigens verlobt.« »Sind Sie verlobt? Hier? Ich gratuliere!« »Heucheln Sie mir das vor. Sie denken natürlich –« »Nicht daß ich wüßte.« Ein Frohsinn erwärmte ihn den ganzen Nachmittag. Zum Feierabend zog er sein Buch aus der Mappe. Am Fenster sprühte ihm der Regen in die Blätter. Er ließ das Bündel durch seine Hände rinnen; die Bilder von Herbst und Schnee und Nacht und Palästen wehten an ihm vorüber. Du geliebter Reichtum, lächelte er seine Schöpfung an; du mein Ziselierwerk und Wohllaut, du Wolkenweiß und Wipfelgelock, Tummelfeld meiner Seele, Büsche meiner Verschwiegenheiten! Er vergrub das Gesicht darin. Bei der Lampe ließ er sich abermals mit der Handschrift ein. Schlechten Gewissens – er hätte ja arbeiten sollen – ergriff er die Feder. Das große Rauschen der Nacht schloß ihn ein, er schrieb und schrieb, kaum daß er einmal seine Augen erhob, unwissend über die Klänge, die vorübergingen, Menschenrufe und Stundenschlag. Endlich lähmte ihn die Finsternis. Er trat vor die Scheiben und sah das Wasser durch den Lichtschein ins Moos der Ziegel sinken. Das Herz ging ihm über, indem er da fern im fremden Regen noch wachte, während Maja schlief. Das Naß aller Straßen duftete ihn an. Seufzend legte er sich zu Bett. Aber noch einmal stieg er ins Dunkel hinaus, beugte sich über seine Hände und versuchte die Schauer seiner Lage zu empfinden, indem er sich zugleich in einem verwirrten Gebet an die Geliebte wandte, sie bittend, ihn zu beschützen vor den Anfechtungen, mit denen die Welt alles Zarte verfolge. Er bettelte Gott um des Herzens Bestand an, erbat sich die Kraft der Treue – sich ganz zerknirschend, streckte er sich auf das Holz aus, um seine Ergebenheit zu bezeigen. Morgen für Morgen weckte ihn Regengeräusch. Aus Nacht und Götterlandschaft trieb er an graue Küsten, fremder Schrecken voll. Klagend erhob er sich in die Morgenverlorenheit und bereitete sich auf die Tagesmühen vor. Er blickte in den Regenhimmel; todeslüstern tauchte er sein Gesicht in die Wasserschale. Der Sonntag ging mit tollen Amseln auf. Das Gold des Himmels wob in der Kühle, mit einem Geruch von Maikäfern öffnete sich das Blust. Zaghaft beglückt, stand der Junge noch eine Zeit herum, dann griff er sein Kleid aus dem Schrank, ereiferte sich, die Wangen liefen ihm rosig an – »Du lieber, lieber Herr,« rief er leise aus, »nun liegt aber draußen der Berg. Der blaue Berg, der Libanon!« Halt, das geht ja nicht so, sagte er sich und senkte das Gesicht in seine Hände, denen der Duft des Wassers anhing. Die Innigkeiten des Tages fingen im Licht zu kreisen an; das Tal lag mit Büschen und Straßen vor Wendel. Er sah Maja noch ungekämmt und lieblich verwirrt. Die süßeste Bewegung mischte sich in seinem Herzen mit Schrecken und Ohnmacht. Er grub seine Lieder aus dem Korbe hervor und verweilte sich an ihnen bis in die Vormittagsstunden. Hierauf begab er sich ins Freie und zum erstenmal vor das Dorf hinaus. Säle von Baumgeäst nahmen ihn auf. Die Felder blendeten gelb und taunaß. Eine Hügelwelle stand vor der Ferne, Wendel schweifte hinaus in den Ackerweg. Jenseits erhob sich das Land auf eine bedrückende Weise, dämmerte mit Eschen und Hügeln fern hinan, die schönsten Locken von Gewölk fuhren mit steigenden Schatten darüber. Eine Erinnerung von Mohn lag in den Lüften, Rapsfelder dufteten herunter. Die Wellen des Korns verströmten noch grün und kühl. Eilande von Kirschblust schwammen in den wasserblauen Schatten des Laubgebirges. Wehmut kam den Wanderer an, der sich auf allen Straßen dieser Landschaft durch Buchenhallen und Meilensteine, über Brücken und Bäche erging. Seine Schuhe bestaubten sich, ein benebelndes Licht umrauschte ihn. So kam er fern abseits von dem Dorfe, dessen Glocken ihn derweil begleiteten. Eine kleine Wildnis aus Schottersteinen, von den Bauern hier angehäuft, reizte ihn wieder wie in der Kindheit, Kronen und Elfenbeinrosen hervorzugraben. Mit einem Schirmstock, den er auflas, stocherte er in dem Schutte herum. Er stieß ihn auch ins Gedörn und fuhr mit einem Schrei zurück, als eine kleine Echse daraus hervorlief. Er schob dem Drachen sein Stäbchen vor die Nase, was er nicht übel nahm; er lag wie ein bunter Prinz vor dem Himmel, so fremdher und ägyptisch, daß Wendel seinen Hut an die Brust nahm und sich den Augen näherte, die da so würdig sannen. Über seine Schulter blitzte ein Schatten; safrangelb schaukelte sich ein Hähnchen vor der Bläue. Der Blonde folgte ihm auf den Feldweg, über welchen es in der Gesellschaft eines pfeifenden Schwarmes wirbelte. Er lief die längste Zeit, bis er auf einmal vor sich niederblickte, errötete und anhielt. Wie einen See empfand er die Ferne vor sich; Gott mochte wissen, welchen Märchengründen er gegenüberstand. Er ahnte die Brandung des Schneegebirges. Er kniete sich in das Gras hin, um sich für den Augenblick zu sammeln, wo er von dem Land seiner Liebe Besitz ergriff. Es wunderte ihn nicht eben sehr, daß er wieder gar nichts empfand; wer wäre den Anforderungen eines derartigen Augenblicks gewachsen gewesen! Er seufzte ein wenig und nahm denn seine Hände vom Gesicht. In dem Blütengeäst und Mattengrün sah er die Höhe blauen, an deren Seite das Tal sich anmutvoll in den Schnee verlor, zu ferne mit Fluß und Straßen, aber lächelnd geöffnet, wenn Maja vor seinen Augen wandelte. Die Sonne weidete in den geliebten Gründen, nur der Berg schauerte dunkel empor. Wendelin führte die Blicke von Busch zu Busch, von Hügel zu Hügel; er vermeinte die Lämmer zu hören, er lauschte nach dem Wassergebrause und ließ sich nun doch übernehmen von einem flüchtigen Schluchzer. Hierauf schleppte er sich wieder weiter, durch Schlehenbüsche, über die Ackerwogen. Er setzte sich an den Feldrain vor das Zauberlicht. Die Wolken fuhren mit Schattenschiffen vorüber; Wendel gewahrte nun erst das Geschlinge von Lerchenliedern, von denen der Luftraum voll hing. Die herzliche Wehmut, die ihn betrübte, die Stille schläferte ihn ein, und er erwachte nicht bevor die Sonntagsglocken ihn da fanden und dunkel und hoch umstellten. Bedrückt auf den Tod, sah er die fahl erblaßte Welt, aus welcher ferne noch immer die Hecke von Schnee und die Täler befremdlich dämmerten. Wunderlich ausgehöhlt und entgeistert strebte Wendel dem Dorfe zu. Rauch stand auf allen Dächern; der Geruch der Küchen verlieh der Welt wieder Sinn. Von Besorgnis grollend empfangen, ergab sich der Schwerenöter voll Rührung den Tröstungen dieses Lebens. Die Fülle der Sonntäglichkeit, das wohlbegründete, jahrhundertalte Behagen der Bauernsiedlung umgaben ihn mit ihrer Macht und mit der beträchtlichen Melancholie, die in ihren Erinnerungen lag. Überschwengliches Mitleid mit den finsteren, unerbittlichen Erben dieser fortlebenden Geschicke löste Bach völlig auf; er wußte sich nicht zu lassen vor törichter Verehrung ihrer brachliegenden, verleugneten und gerade darum so ergreifenden Trauer. Den ganzen Nachmittag saß er lesend in großer gedankenvoller Zerfahrenheit; gegen Abend überwältigte ihn wieder die Schwermut der Gegenwart Majas, die in ihrem Sonntagskleid duftend und jung und ein wenig neckisch ihr braunes Haar um ihn bewegte, mit ihren lebendigen Augen allüberall weilte und dann durch Lampen, Straßenbäume und dunkelnde Himmel ferne davonging. Die Unruhe um das Geheimnis des unbeschreiblichen Geschöpfes rieb ihn beinahe auf; er schlug sich mit der Faust gegen das Herz, um Erleichterung zu finden. Es graute ihm entsetzlich davor, zu den Menschen zurückzugehen. Als aber Else Hoffmann mit ihrem Verlobten bei ihm einbrach, um ihn argwöhnisch und besorgt in die Welt zu entführen, dankte er es ihr mit ungemessenem, stürmischem Gefühl, ohne es gerade zu äußern; er sah nur Teilnahme, Verständnis und Klugheit um sich bemüht, und diesen übergab er sich ohne Verstellung. Die Bursche jagten sich mit den Mädchen durchs Haus, Wendel trieb nachlässig mit, indem er sich häufig von Truhen oder sonderbaren Winkelgefügen der Gänge ablenken ließ. Im Estrich nahm ihn die Wildnis von Geräten, Möbeln, Seegras und Festschmuck gefangen. Als er auf einmal die Gitter um sich verschlossen fand, setzte er sich in ein Kinderstühlchen. Das Warten verdroß ihn, er rief ins Gebälk und horchte. Der hohe Dachstuhl umgab ihn wie ein Jahrhundert, voll alter Gerüche und Schatten. Er hob ein wenig einen Ziegel und wunderte sich dumm, daß es geschneit hatte. Die Luft von Kirschblust, die in die Lücke blies, verhalf ihm derweil zur Wahrheit; er sah einen Mond im Blütenwipfel. Inzwischen war ihm geöffnet worden; Betty, die Jüngste des Hauses, näherte sich jammernd: »O Gott, wie konnte ich es vergessen! Haben Sie gefroren? Alle dachten, Sie wären nach Hause gegangen. Haben Sie gefroren?« Sie stand ihm entgegen wie Baumblust. Wenn er grollend versuchte, sich Bahn zu machen, griff er in ein lindes Gewell von Armen. Am Ende der Selbstüberwindung, schlang er das Mädchen an sich, um sie freilich, finster versonnen, sogleich wieder freizugeben. Linkisch stapfte sie davon. Noch einmal haschte sein Blick nach dem zierlichen Schatten. Sie stieg in den Lichtschein hinab, ein Lämpchen erhellte die Diele. Vor der Haustür ging ihm der Hund diesmal ein wenig nach.   Er schrieb an Guido, er möchte doch kommen; hier wären Felder voll Kraut und Gewölke, er möchte kommen und das Land mit seinem Pinsel erobern; alle veilchenblauen Tümpel, alle Kuckuckshöhen sollten ihm gehören. Hierauf grübelte er wieder seinem Elend nach, welches er dadurch über sich gebracht, daß er Maja verraten und sieh aller Berechtigung zu Träumen leichtfertig beraubt hatte. Wenn er im Schatten der Vogelbeerbäume nach Hause zog, dann litt er an aller Schönheit, die ihn umwarb und die er nicht annehmen wollte. Er dachte an den Abend des Tales, die Glocken spülten ihm Schwermut ins Herz. Das Blust war vorübergegangen, der Sommer setzte mit Glut und Stille ein. Fieberbenommen stand ein jeder Tag überm Land, die Mauern blendeten mit weißem Mehl, Brodem der Nelken taumelte im Staube. Nur aus den Kastanien sank ein Regen von Kühle, moosig schimmelten die Nußbaumgärten, in denen die Bauern ihre Sensen dengelten. Wendelin war in die Straßen gegangen, die mit Pappeln verheißungsvoll auseinanderliefen; aber Ströme, Klöster und bäuerliche Städte dämmerten allzu entlegen; aus Hollundergebüsch und Föhren blickte er sehnsüchtig hinüber. Das Heu lag auf den Matten; kein Mensch sah noch den Träumer, der sich da einsam herumschlug. Ein Jungwald lichter Hagebuchen dehnte sich über die Hügel, grasbestanden und sonnig; da rief noch manchmal der Kuckuck hervor. Unter dem Laubdach, das ihn wie ein Gewässer bedeckte, verlief sich der Blondling in alle Fernen. Es war ihm, Maja müßte plötzlich irgendwo stehen, im Überschwang fing er zu laufen an, indem er die Arme erhob; aber er fand nur die Einsamkeit, sommertägliche Stille, davor graute ihm: Fernhin blühte der Klee, Salbei und Wolkensilber rauchten; die Liebe weilte nicht hier, verdrossen trat Wendel zurück, stieg in ein Beet von Sonne, watete durch Anemonen und zog im Sauerklee seine Pfade, ruhelos, mit den Tränen im Herzen, der Träume voll, die ihm goldene Türme und Gärten im Blauen erbauten. Es ist ja unmöglich, daß sie nicht kommen soll! trauerte er friedlos. Der Geruch von Rinde, wie einst im Tal, verband ihn den Bächen und Wolken. Sein Blut schlug in drängenden Wogen. Tauchte der Berg aus dem Laubgerank, und der ferne Sommer hing von den Himmeln, dann sah er die Königin im Hermelin ihrer jungen Schultern, erschrocken hielt er inne, um sich das auszudenken. Die Bläue fiel wie ein Regen, durch ihr Dunkel näherte sich langsam das Bergland. Er schrieb eines Nachts sein Buch zu Ende und harrte nunmehr der Freudigkeit, die es ihm lohnen sollte; aber wiederum brachte die Wirklichkeit nichts von der Art. Obwohl er sich damit abgehetzt hatte, sein Werk noch stets zu veredeln, kam er mit ihm nicht auf jene Höhe, von welcher aus er beruhigt, mit Feierabendgefühlen, das Errungene überblickte. Es war eine Arbeit des Grauens, die ins Uferlose zerfloß, weil er sie abermals angriff, um sie in dem Maße zu zerstören, als er sie zwang und hämmerte. Er entledigte sich ihrer ergrimmt und leichtfertig, indem er sie endlich kurzerhand einem Verlag auf den Hals schickte, ohnehin voraussetzend, daß sie ihm wieder zurückkäme. Diesmal fand er ein verwundert höfliches Echo, das ihm eine bessere Meinung von seiner Person einbrachte. Eine Nebelmasse zu vollbringender Taten erstand ihm vor dem Blicke; an seiner Inbrunst nächtens erwachend begegnete er sich in der Eigenschaft eines Mannes, um welchen gewichtige Dinge sich vorbereiteten: Wohlwollen und Ruhm, vielleicht erstaunliche Schicksale, Teilnahme der Frauen, die Freundschaft erlauchter Geister. Er biß sich in die Faust vor Entzücken. In diesem Vollbesitz des Glückes bewegte er sich aufrecht, aber demütig und sogar von einer allgemeinen Dankbarkeit durchdrungen, in welcher er manchmal Gefahr lief, vor den Menschen der Rührung zu erliegen. Betty entging das nicht; er seinerseits beobachtete wohl die Verwandlung, die sein guter Mut an dem Mädchen bewirkte, eine gewisse Scheu und Neugier und die Ernsthaftigkeit, von der er befürchtete, daß sie eines Tages in Herzeleid und Ergebung umschlagen würde. Er fühlte sich schuldig, aber willens gutzumachen; er nahm Gelegenheit, der Kleinen zu vertrauen, daß er sich unterwegs befinde, ein berühmter Mann zu werden, er sagte ihr auch inwiefern. Hierauf ergriff er sie bei den Händen, erforschte sie voller Ernst und sprach: »Das bekenne ich dir, weil ich in deiner Schuld stehe, Betty. Verzeih mir, ich habe dich ein wenig bestohlen an jenem Abend, als ich mich übernehmen ließ, obwohl ich natürlich wußte, daß kein unbedingtes Gefühl mich dazu berechtigte. Wer von uns lebte rein und ehrlich und aus unbeirrten Instinkten, ohne sich selbst zu verraten. Durch jene Fahrlässigkeit habe ich mich in die Lage gebracht, dir erklären zu müssen, daß ich anderswo verpflichtet bin und nicht daran denken kann, wie es mir wohl behagte, mich dem mühelosen, süßen Idyll der Liebe zu dir zu übergeben,« sagte er, dunkel errötend. Sie begriff ihn offenbar nicht.   Ein Schleier verhüllte den Himmel silbergrau, als Wendelin durch die Landschaft der Stadt entgegenwanderte. Er erhob die Hand, nach Tropfen spürend; ein Schneefall von Dämmerlicht sickerte herab. Nun lag es ihm sanft und lind um sein Herz. »Noch heute wirst du mit mir im Paradiese sein,« sprach er zu seinem Schatten, wonnevoll angeregt von der Nähe der verklärten Gaue. Wieder lag Heu auf den Wiesen, Kümmel und wilde Möhre würzten den Dunst der Wärme. Die schönsten Rosen schwammen auf dem Wasser, zwischen Gewölk und verdunkelter Spiegelung, durch welche der Riedgrund, Wald und die kleine Burgstadt heraufsahen. Aus Lewatfeldern lief der Bahnzug hervor, mit schneeigem Dampf aufleuchtend. Die Namen entlegener Städte erschienen in diesen Fluren wie Feen, die Bläue von Seegestaden und der Widerschein stiller Gewölke verklärte die Fenster, in denen der Jüngling dahinfuhr. Wendel lobte sich die Ruhe, die ihm das Herz verhüllte. In ihrem Schutze wandelte er in die Straßen hinaus, vor das Haus des Verlegers und weiter zum See. Die Bäume welkten in der Sommerglut, spärliche Menschen belebten die Plätze, im drolligen Griesgram ihrer Erschlaffung, tiefsinnig standen sie vor Bücherläden und Feinbäckereien. Wendel betrübte eine leise Enttäuschung, und dennoch empfand er friedlich das Genügen, sich hier verträumen zu dürfen. Die Sonne ging wie ein Mond im Geäst, von den Fluten gespiegelt. Über die Kronen erhob sich der Berghang duftig belaubt, mit Föhren, Gefelse und fernen Wiesen. Ihre verblühten Herbste dufteten ins Heu; Bach widerstand der Erinnerung, sie bedrohte ihn mit Herzeleid. In allen Büschen welkte Musik, die adelige Lustbarkeit der Winterabende, und er, der da seine Nase hindurchtrug, fühlte sich als Träger erlauchten Geschickes. Er betrachtete seine Hände – Künstlerhände, Gott sei Dank. Ganz ohne Hochmut befand er sich wohl in der Haut eines öffentlichen Menschen; unterwegs zu den Wohnungen des Ruhmes fühlte er sich äußerst behaglich, empfand er die Genugtuungen einer erhabenen Geborgenheit. Fröhlich und sogar etwas übermütig saß er inmitten der Bücher, die im Verlagshaus wie eine Ware allüberall lagerten. Der Inhaber ließ auf sich warten; allein der Betrieb unterhielt den Dichter vollauf. Er hatte daran nicht gedacht, daß ein Söldnerheer von Rechnern, Setzern, Buchbindern, Eilboten und Zeitungsbeflissenen auf den Beinen stand im Dienste der Träumer und Denker, deren Wort sie erlauschten, um es einzufangen, zu befestigen und vor die Welt zu bringen wie eine himmlische Beute. Ihr dienstbarer Eifer vermochte Bach zu rühren, er wurde sich nun erst der Hoheit bewußt, die die Musen kleidete; er erschrak ein wenig und gelobte sich eilig, seine Arbeit inskünftig noch ernsthafter zu tun. Dem vornehmen Geiste, welcher der Schönheit und Herzenskultur diese Schutzburg erhielt, näherte er sich ehrerbietig und brüderlich. Er fand ihn nicht so leicht in einem Tabaknebel, aus welchem sich seine Augengläser verwundert erhoben und wieder senkten; der Blonde stand eine gute Weile, bevor er noch einmal grüßte. Er möge belieben, sich zu setzen; der Verleger fuhr derweil fort zu schreiben, indem er den Federhalter an seiner Fahne erfaßte und mit Behendigkeit vor sich herstieß; aber er drehte auf einmal die Mappe und zeichnete in der Weise, daß er einen luftigen Schnörkel über das Blatt hinabzog, den Stempel daraufhieb und es dann von sich warf – »Na, und wie geht es Ihnen?« frug er, kam um den Tisch herum und bot eine schüchterne Hand. »Sind Sie denn mit der Bahn hierher gefahren, oder wie erreichten Sie die Stadt, und kann man Sie allenfalls besuchen? Sie sind doch Herr Bach, hat man mir gesagt? Sind Sie verheiratet, Herr Bach, haben Sie noch Ihre Eltern? Was ist es für eine Landschaft, in der Sie wohnen: flach oder eher gebirgig – wie fühlen Sie sich in Ihrem schönen Beruf als Erzieher der Jugend?« Dieser Art hatte der Junge sich nicht versehen. Er überschaute die Fragen, um ihrer Herr zu werden. Es dunkelte mittlerweile und grollte mit fernen Donnern. »Oho, wir bekommen ein Wetter!« sagte der Verleger, indem er am Fenster emporsah. In den Birnen- und Quittenbäumen raschelte ein Wind auf. Dann blieb es ein Weilchen still in dem verträumten Quartier. Wendelin hatte sich überraschen lassen und eine Zigarre genommen; auf diese verwendete er seine Gedankenkraft in der Absicht, sie irgendwie umzubringen. Er redete närrisches Zeug, und der Kaufmann zog seine Brauen herauf, was den Blonden vollends aus der Fassung brachte. »Sie beehrten uns, ein Manuskript an unsern Verlag zu schicken,« sagte Ginstermann. »Ich denke, es wird Ihnen bekannt sein, daß man zu der Zeit natürlich kein Buch herausbringt. Die Schwierigkeiten im Gewerbe sind derart, daß ich für die Drucklegung Ihres Werkes ein kleines Vermögen investiere. Das tut man für einen Namen von Rang, nicht wahr, der den Erfolg verbürgt, was in Ihrem Falle nicht zutrifft. Erfahrungsgemäß besagt ein talentvoller Erstling gar nichts. Es handelt sich darum, ausdauernd ein drittes und fünftes und vierzigstes Werk zu vollbringen; dann erst bestätigt sich das Können. Ihre liebenswürdigen Poesien, Sie erlauben das, wird mir kein Mensch bezahlen. Das Publikum verlangt einen Gegenwert für sein gutes Geld, und diesen sucht es in lebendiger Handlung, der Leser will ein Gewicht, verstehen Sie; er sieht nach der Seitenzahl, das ist natürlich, wenn auch vielleicht kindlich. Können Sie nicht versuchen, die Geschichte irgend ein wenig noch auszuspinnen, hm? um einige fünfzig Seiten, damit sie ein etwelches Ansehen gewinnt.« Er hatte die Blätter aus einer Lade gezogen und ließ sie durch seine Finger brausen mit einer Miene erstaunten Verdrusses. »Sie belieben zu lachen, Herr Autor. Na ja, Sie vertreten den Idealisten, ich bin nur praktischer Vermittler, der geringere Teil, ohne Frage. Allein –« Der Blonde legte die schöne Zigarre vor sich auf den Schreibtisch hin, reckte die Hand aus und sagte: »Darf ich bitten, Herr Verleger?« Seine Handschrift erschien ihm fremd und hergenommen. Er sah auf sie nieder wie auf ein Wiegenkind, indem er sagte: »Verleger müßten eben ein Vergnügen von dem Bewußtsein haben, Träger der Kultur zu sein.« »Ach so!« Ginstermann grinste. »Sie beabsichtigen, mich zu verblüffen. Nun, hören Sie, das ist die Sprache aller Anfänger. Glauben Sie mir, es gibt eine Seite der Angelegenheit, der mit dem Hochsinn nicht beizukommen ist. Drucken Sie Ihr Buch da!« rief er und stieß mit seiner Zigarre danach, um sie dann abzustreichen. Er zog einen Fuß übers Knie herauf, lockerte den Kragen, gähnte, indem er die Finger gegen seine Lippen tätschelte und auf einmal vornüber knickte, um die Kamee seiner Berlocke mit einer Verwunderung zu ergreifen, als machte er eben erst ihre Entdeckung. Dann schoß er einen Blick zu dem Jüngling hinüber. »Ich kann mich bereiterklären, Ihre Schriften zu übernehmen nach meinem Kollektivvertrag auf sieben Jahre, abgesehen von diesem Probestück, das nicht in Betracht kommt. Nehmen Sie Kenntnis von den Bedingungen, entscheiden Sie sich und lassen Sie wieder vernehmen, sofern Sie darauf bestehen, noch weitere Bücher zu verfassen – nicht wahr?« Er schoß wie ein Militär in die Höhe. Wendel drückte sich auf seinem Sitze herum zwischen Lachen und Tränen. Langsam erwiderte er. »Bedaure, Herr, ich bin am Ende meiner Geduld. Täglich erlebe ich, daß andere mich überflügeln, mit Gedanken, die sie mir vorwegnehmen, mit Ehren, auf die ich Anspruch erhebe – man läßt mich verschüttet, man verkennt mich, ahnt mich auch nicht einmal, es ist qualvoll; ich lehne mich endlich auf, ich will gehört sein, und wenn es sich schickte, so bettelte ich zu Ihnen: Drucken Sie aus Großmut diese Geringfügigkeit! Jugendliches Vertrauen zu beirren ist doch wohl das Gegenteil Ihrer Berufung –« »Na, na, na, na! Ich denke, wir lassen uns nicht darauf ein, die Verbindlichkeiten eines Verlegers zu umschreiben. Sie haben als Unbekannter alle Ursache, froh zu sein, wenn ein Finanzmann sich Ihrer Träume annimmt auf ein Risiko hin, das der Handel mit irgendeiner andern Ware nicht in sich schlösse. Ich wünsche Ihrer Arbeit gutes Gedeihen und werde mich freuen, wenn es zu einem schönen Verhältnis zwischen uns kommt, Herr Bach. Ein solches beruht auf unbedingtem Freimut beider Teile. Autoren gibt es die Fülle, nicht wahr; das ist es nicht! Was uns weniger häufig begegnet, das sind Begabungen. Nun, was schreiben Sie zu der Zeit, sagen Sie mir, oder welches sind Ihre Pläne, hm? – ein Roman, getrauen Sie sich einen rechten Roman zu erfinden? Das sollten wir alle wünschen.« Es donnerte. Unter den Himmeln fing das Unheil zu sausen an. Laub und Papierzeug raschelten im Winde, nächtige Wasser fuhren herauf. Wendelin schaute in den Blitzglanz, der öfters den Hof übergoldete. Das nahe Tal ging ihm auf, Maja wandelte dunkel und lebendig vor seinem Herzen. Ihr schönen Augen, dachte er, mir widerfährt es beglückend, daß ich in fremden Gemächern sitzend eurer gedenke. Über die Wälder des Bauernlandes schneit der Regen. Hier dunkelt der Sandstein von der Nässe, die auch um deine Haare duftet. Deine Büsche wimmeln im Regen, dein Atem befeuchtet mich, Süße, du Süße! Er betrachtete den Hausherrn, der im Fenster blaue Rauchfetzen dampfte. Im Grau seines Kleides dämmerten die Regenmorgen der Städte, aus denen er herkam. Von Wendels Herzen verbreitete sich ein Lichtschein. Er liebte den Fremden. Warum tust du nicht deine Hand auf, du Großer! dachte er sehnlich; so nahe ist mir die tollste Beglückung, es liegt bei dir, sie zu ermöglichen. »Meine Vorstellung von den Zaubern der Druckerschwärze,« redete er auf einmal, »ist so märchenhaft als närrisch. Ich überschätze all das vielleicht. Ich überschätze möglicherweise sogar die Bedeutung der Kunst im allgemeinen –« »Das ist jedenfalls eine große Gefahr.« Wendelin lächelte. »Aber woran sollen wir uns halten, wenn wir unser eigenes inneres Wissen in Zweifel ziehen? Mein inneres Wissen macht mich glauben, daß eine Menge vortrefflicher, schöner Dinge sich in meinem Herzen vorbereitet, ganz ohne mein Dazutun, daß aber diese Dinge mich erdrücken werden, wenn ihnen der Weg versperrt bleibt.« Der Buchhändler näherte sich. »Wir haben nun Juli?« sagte er nach einem Schweigen. »Sie sind ein kindlicher Mensch, Sie!« Er wendete sich ab. Aus dem singenden Regen kam seine Stimme von fernher zurück. »Was wollen Sie denn mit dem Buche? Wollen Sie darauf schlafen?« »Es wäre wahrhaftig möglich.« »Sie sind kein Dichter!« »Wer einem darüber Auskunft gäbe!« »Mich aber kommt ihre Grille teuer zu stehen, mein Lieber! Es ist ja Wahnsinn, aber Sie sollen Ihren Willen haben.« »Ich danke ergebenst, Herr Verleger.« »Unter der einen Bedingung!« Ginstermann lief in Wendels Rücken vorüber und tippte ihn mit dem Finger an. »Daß Sie dann fleißig sind!« Der Blonde lächelte. »Daß Sie mit Ihren Romanen kommen!« »Gott helfe mir.« »Auf daß wir Freude voneinander haben, na?« Dunkel strahlend erhob sich der Jüngling. »Augenblick,« sagte der Verleger, indem er sich in die Gänge entfernte. Bach zog das Bündel seiner Lieder aus der Tasche hervor, betrachtete es und dachte an Maja. Wonnesam rauschten die Lüfte. Ginstermann trug eine Schale mit Obst herein. »Nehmen Sie davon, wenn Sie das Rauchen verschmähen,« sprach er und wendete sich herum: »Hallo, noch einmal ein Manuskript?« »Und was für eines, Herr Ginstermann.« »Donnerwetter.« »Auch wenn mein Verdienst daran gleich null ist.« »Bedienen Sie sich doch! – Wieso gleich null? Sie haben es doch gemacht, es ist doch ein Werk von Ihnen?« »Es fiel mir so in den Schoß.« »Ei ja. Es sind Verse, wie ich sehe? Wie nennen Sie das Opus?« »Lied aus der Nacht.« »Holla, das klingt gut. Ist es schon fertig?« Bach war erschrocken. Der Gedanke, daß seine Lieder sich einmal erschöpfen würden, brachte ihn in Verwirrung. Er äußerte etwas in dem Sinne, daß er dergleichen nicht hoffe. »Nicht? Du lieber Himmel, wie stelle ich mir das vor?« rief der Verleger entgeistert und von Hohn wetterleuchtend. Ein Junge erschien mit Papieren. Drachenhaft und abscheulich, mit aufgestoßenen Schultern, führte Ginstermann seinen Kopf darüber. Dazu sagte er: »Rechnen wir mit dem halben Genie Ihres Meisterwerkes. Wissen Sie, was ein Schriftsteller von Rang mir einmal äußerte? Das ekelhafteste wären nicht Zweifel, aber die Überschätzung am Anfang. Das sagt ein Prominenter. Vielleicht entnehmen Sie für Ihre Person eine gewisse Vorsicht daraus, sowie den Ansporn zum Fortschritt. Wenn sich ein Bruchteil Ihrer Begeisterung in der Käuferschaft bestätigt, alsdann wollen wir uns loben. Einstweilen gewärtigen Sie klüger die Verkennung. Die Welt wie sie ist, kommt Ihrem Jugendfeuer nicht von der gleichen Voraussetzung entgegen. Aus einer hundertfachen Erfahrung soll ich Ihnen leider sagen, daß mit verschwindenden Ausnahmen derlei Begabungen zuletzt entsagen, froh der Verschollenheit, die ihren Irrtum auslöscht. Nehmen Sie diesen Vertrag zuhanden, unterfertigen Sie sein Doppel und lassen Sie uns dieses wieder zugehen. Gedichte verlegen wir grundsätzlich keine. Es bezahlt sich nicht, diese Rückstände irgendeiner Liebe, durchaus persönliche, wenn auch achtbare Manifestationen, der Öffentlichkeit zu vermitteln. Na, Sie brauchen deshalb nicht zu verzagen, zum Donner. Mäßigen Sie Ihre Zuversicht, aber trachten Sie immerhin nach der Herrlichkeit, die sich Ihnen möglicherweise gnädiger erzeigt als andern; man kann das so sicher nicht wissen.« Damit war Bach entlassen. Als er in strömenden Regen hinaustrat, liefen ihm die Augen über. »Bube, Schurke, Schuft,« murmelte er ergriffen vor sich hin und verlief sich in die Wasserflut voller Trübsal, ernüchtert und entsetzt. Er geriet vor den See, der mit grauen Wellen heraufschlug. Welche verhaßte Rücksicht hinderte ihn noch immer, hinabzuspringen und es gut zu haben? Er stand in der Welt auf die furchtbarste Weise heimgeschickt. Was war mit ihm vorgegangen? Gab es ähnliche Mißhandlungen, die irgendein Spitzbube ungestraft verübte? Das bitterste an der Sache war, daß er sich selber verlassen hatte; zum Spott des Kaufmanns legte er den eigenen Sarkasmus, einen Ekel, der ungleich heißer schmerzte. Mit welchem Ziele fuhr er Eisenbahn? Warum lebte er? Bei den Eltern fand er nur Zwietracht vor. Darum versuchte ihn nichts, aus der Vergrabenheit seiner Kammer hervorzukommen; die Welt lag wie Blei um ihn. Wer hat die Teufelei ersonnen, dachte er, uns das Leben zu geben? In Abgründe zu springen enthebt uns dem Dasein keineswegs. Als der Vater heraufstieg, um ihn wehmütig zu beschwören, raffte er seine ganze Strenge zusammen. »Wofür?« sagte er. »Wofür, wofür soll ich mich erkenntlich zeigen? Dafür, daß ihr, die ihr mich eigenmächtig erzeugtet, mir ein so schlechtes Beispiel der Verträglichkeit vorgelebt habt? Was habe ich zu schaffen mit eurem alten Hader? Ich weigere mich, meine Kräfte daran zu verschwenden; ihr seid wie vernunftlose Kinder.« Sobald ihm die Mutter über den Weg lief, versäumte er nicht, seinen Abscheu vor ihr auszuschütten. »Weiß Gott, was hast du denn mir zu grollen!« schrie er lachend und außer sich. »Deine Verachtung widert mich an, ich verbitte sie mir, du machst dich unsagbar lächerlich!« Aus trüben Augen blickte sie ihn an, wischte ihre Hände und entfernte sich. Es berührte ihn wenig, daß sie das Haus verließ. Er bereitete dem Vater das Essen zu, machte die Betten und sah über Tag in den Regen hinaus. Flüchtige Ängste nur lähmten ihm manchmal die Hände. Am vierten Tag, gegen Abend, schrie er auf einmal auf. Er lief in den Estrich, hinab in den Keller und rund um das Haus. Der Vater fand ihn auf dem Sofa liegend, kreideweiß und verwandelt. Einige Nachbarn ließen sich dazu bewegen, auf die Suche mitzugehen, indem sie aber stets wiederholten: »Man soll nicht gleich das Schlimmste befürchten.« Und in der Tat, nach allem Aufsehen, das sich ergab, erschien die Frau wieder im Hause, leise lachend aus einiger Scham und aus Behagen, das es ihr schuf, derart die Herzen für sich erregt zu haben. Wendel, der wie ein Besessener hereinfuhr, sah sie nicht sobald stehen, als eine Tobsucht von Zorn und Schluchzen ihn anfiel. Erstarrend vernahm die Frau ihren blonden Sohn; sie ergriff ein Kopftuch und ging in den Regen hinaus. Auf allen Straßen rauchte das Wasser. Sie weinte ein wenig, wie ein verdrossenes Kind, indem das Gelüste zum Tod sie nun eigentlich enttäuschte. In vielen Stunden hatte sie sich ausgemalt, wie listig sie dereinst ihre Flucht aus der Erde nehmen würde. Zur Stunde blieb alles grau, ohne Tiefe lagen die Wellen, alle Ausgänge verriegelt. So kam sie denn an das Ried, welches sie furchtsam überblickte. Sie weinte auf und verklagte die Menschen, indem sie die Faust an die Stirne hob. Danach fand sie eine Betrübnis, die sie erquickte. Das Leid, alle Städte der Welt hiermit zu verlassen, ergriff sie begeisternd. Kaum daß sie aber in die Fluten vorging, wehrten ihr Gräser und Tropfen; sie wich voll Schrecken zurück und floh über Acker und Wiesen. In einer schmerzenden Verzückung wurde sie willens, im Schneegebirge zu sterben. Allein wie ein Bruder begegnete ihr der See; aufjauchzend warf sie sich dem in die Arme, und es enttäuschte nicht: Das versäumte Glück eines Lebens glühte ihr in dem Sturze auf, der sie in purpurne Tiefen entführte. Die Rosen Wendel fühlte, wie grimmig ihn die Bauern haßten. Nicht allein daß er davon lebte, ihnen ihre Kinder, brauchbare Arbeitskräfte, in läppischer Beschäftigung aufzuhalten: sie glaubten sich in ihrer Art und in ihrem Herkommen durch sein ganzes Wesen getadelt. Im Grunde ein wenig väterlicher Behandlung gewohnt, vermochten sie es nicht zu schätzen, daß er sich ihnen gegenüber nie das gnädige Ansehen gab, das sie berechtigte, ihn innerlich anzufeinden. Man verrechnete es ihm übel, daß er auf keine Weise, auch nicht in seinem Äußeren, den Tod der Mutter ehrte, diesen furchtbaren Tod, den er verschuldet hatte – das Alter sah sich von seinen farbigen Halsbinden förmlich herausgefordert. Die Fenstervorhänge flogen, wo er vorüberging; er empfing die abseitigste und redlichste Sittenunterweisung auf offener Straße, hinter Hecken und Kreuzstöcken hervor. Seinen geliebten Gängen durchs Land merkte der Haß auf, und wenn eine leise Gefahr nicht vermochte ihn zu schrecken, so träumte er doch in den Nächten, daß die Rüpel ihre Sensen gegen ihn erhoben und ihn in den Wäldern jagten. Es gab furchtbare Stunden, wo alle die Feindschaft zusammen mit dem Ernste des Zeitablaufs den Einsamen überwältigte; die Fragwürdigkeit seines Wesens erfüllte ihn mit Entsetzen, wenn er umsonst darauf wartete, daß ihm die Auswirkungen des Erlebten, Reue und Trauer, gerechterweise beschieden sein möchten, wenn nichts kam und es sich denn bestätigte, daß er herzlos Gefühle nur für die wunderliche Erscheinung aufbrachte, die er selbst darstellte. Elisabeth hatte ihn einige Male aufgesucht. Er selber war wohl nach der Stadt, aber nie in das Tal gekommen. Die Scheu vor der Wirklichkeit legte sich dämpfend auf das leiseste Verlangen, und davon abgesehen, hatte sich das paradiesische Land unvermerkt über die Erde erhoben; es war ihm nicht anders, die Geliebte wäre längst gestorben und an einem erreichbaren Orte nicht mehr zu finden, auch wenn er sie Sonntage lang, zwischen den Äckern sitzend, in jener Landschaft suchte. Die Burgen im Blauen, der Wind, der Geruch der Heide, alles hatte sich gesättigt mit der unaussprechlichen Art seiner Liebe, in ihnen lebte die Königin, in dem feinen Schein von Frühling, der manchmal über die Felder geisterte. Nichts gab es mehr, das sich nicht eigenartig mit seinem Herzensleben verquickt hätte. Wie fremd verwandelte der Ruf der Tauber den Wald, wie roch das Reisig, die Landschaft kam manchmal wasserblau mit den adeligsten Städten ins Gezweige, märzhelle Straßen schwangen sich in den Fernedunst, und Meere, Boote und südliche Gassen lebten am Horizont. Dabei rüstete das Land sich machtvoll zum Herbst und dem Schnee dahinter; fremde Flocken von Licht berührten das Herz mit geisterlicher Erinnerung. Der junge Schlosser nebenan hatte die Gewohnheit sich zu betrinken angenommen; er mißhandelte sein Weib in feiger, heuchlerischer Verborgenheit, indem er ihr offenbar spitzbübische kleine Martern erfand, die sie anfangs halbwegs belustigt, dann aber nur mühsam beherrscht erduldete. Er schien diese Späße eifervoll wie Versuche an ihr vorzunehmen; auf dem Höhepunkt ihrer Wirkung pflegte er seinem Opfer spottend oder lachend zuzureden, begann wohl auch zu lamentieren, als stünde die Welt auf dem Spiele. Nachdem es damit zu arg geworden, hatte Bach es für gut gefunden, die Abende in der Stube zu verbringen, zur Freude des hübschen Schlingels, der dann wenig mehr von seiner Verdorbenheit zeigte, sondern die Henkersvergnügungen ebenso wie die Flasche gern an Gespräche tauschte, deren Geistigkeit seinem Bedürfnis nach Abenteuern entgegenkommen mochte. Wendel selber beglückte es königlich, derart den Retter zu machen, in dessen Gegenwart die kleine Frau vor Erleichterung in sich zusammenkroch. Sie gab es freilich nicht zu und bezeigte ihm nie welchen Dank, vor lauter Unglück, das anzuerkennen sie sich sträubte. Er sah es, wenn sie geweint hatte, wußte sie aber nicht zu trösten und machte die Erfahrungen des lächerlichen ratlosen Nächsten, der sich sehnte, sein Christentum anzubringen. Besser gelang es ihm bei der Lehrerin, mit der er sich mühelos verstand, weil sie ihrerseits als eine stärkende Rechtfertigung in seiner Umgebung lebte. Sie betrieb die mannigfaltigsten Handfertigkeiten, mit denen sie ihm Eindruck machte, flocht Körbchen und Matten, malte auf Porzellan, stickte, nähte und beherrschte die fremdartigsten alten Flitterwerkzeuge, als wären sie ihre tägliche Übung gewesen. »Darin verrät sich die Wienerin!« sagte er ihr. »Was wissen denn Sie, Spießbürger und Spitzweg,« erwiderte sie. »Sind Sie denn wohl in Wien gewesen? Was haben Sie diese geschlagene Stunde getrieben, haben Sie geschlafen?« »Der Altweibersommer blüht an den Himmeln so veilchendunkel zu Ende, daß es Schlaf und Träume auf bemooste Häupter regnet. Ist Ihnen jemand gestorben? Ah, in Wien gibt man die Kränze noch den Lebenden. Was wird aus dem gelben Kissen da?« »Auch ein Kranz.« »Auch ein Kranz. Aber den Ring aus Heidekraut haben Sie nicht selber gemacht?« »Bemühen Sie sich herab, dann soll er Ihnen gehören.« Nach einer Weile sah sie hinauf. »Wollen Sie nicht?« »Soll ich kommen?« »Kommen Sie.« Eine Katze strich über die Blumenpolster, sammetschwarz und lind. Wendel legte sie sich über den Nacken; ihre kühlen Pfötchen hielt er wie Mädchenhände versonnen und dankbar. »Darf ich mir das also nehmen?« sagte er und reichte ihr zum Dank seine Rechte, die sie derweil nicht annahm. »Sie dürfen nicht hoffen, daß ich dergleichen ausschlage. Haben Sie gestern abend die Rosenwolke gesehen?« »Ja, warum?« Die Katze sprang mit nassen Beinen aus dem Blumenmoos. »Hier riecht es nach Frühling.« Wendel schnupperte. Behutsam setzte er sich das Kränzlein aufs Haar. »Was schenke ich Ihnen dagegen?« »Eines von Ihren Liedern, Frauenlob.« Er errötete. »Wer sagt Ihnen, daß ich Lieder habe?« »Sie brauchen nicht rot zu werden. Wenn Sie mir eines verehren, sollen Sie zum Lohne nach Österreich kommen dürfen. Ich zeige Ihnen das Schuberthaus und die Buchweizenheide, Rabenstein und die stille Mur.« Aufstehend schüttelte sie das Laub von ihrer Schürze und ging einmal um die Krüge herum. Plötzlich fielen ihr die Tränen heraus. Der Blonde schwieg. Nachdem sie sich ebenso unverhofft wieder gefunden hatte, sprach sie: »Nun, wenn Sie sich bloß nichts Überflüssiges einbilden, mein Herr Dichter. Ich sehe Ihnen an, was Sie denken. Wissen Sie, was Sie denken? Sie denken, ich hätte mich in Sie verliebt. Stimmt das?« Er schüttelte sich ungehalten. »Ich könnte Ihnen den Beweis dafür liefern, daß ich besser zu raten verstehe als Sie, Fräulein Hoffmann.« »Schießen Sie los. Ich bekenne soweit, daß es mir tröstlich war, Sie in Sturmnächten nahe zu wissen. Ich bin doch dem Glücke dankbar, das ich empfand, wenn die Regensaat über unsere Krautfelder tropfte. Es dunkelt so schön in diesem Bauernland. Alle die warmen Abende mit Korn oder Heu oder Kastanienblüten bleiben mir eine unbezahlbare Erinnerung. Aber sagen Sie mir, was ich denke.« »Geht es Ihren Eltern nicht gut, Fräulein Else? Sie sagten mir einmal, daß ihnen die Inflation mitspielte.« »Sie besitzen ja noch ihre Ritterburg samt dem ganzen Berg darunter. Die Säle zerfallen zu lassen und zu etwas Brot reicht eine Wenigkeit. Ich könnte dort auch verdienen.« Sie errötete nun doch ein wenig, und ein langes Schweigen verstrich. Endlich sagte Bach voller Rücksichtnahme: »Sie müssen es wissen, ob Ihnen das Dasein hier, das immerhin ein Dasein in der Enge bleiben wird, genügen kann; Sie müssen wissen, ob Ihre Liebe hinreicht.« »Ach, es ist alles von nirgends her!« Nach abermaliger Stille versetzte der Blonde: »Ich glaube ich verstehe Sie. Ich wollte, ich könnte Ihnen mit einem vernünftigen Trost aushelfen –« »Ach, Dummheiten!« fuhr sie auf. »Das war ja alles nicht so gemeint. Behalten Sie Ihre Troste für sich, Schlaumeier, sie sind Ihnen vermutlich nötiger als mir. In einer Stunde gibt es bei mir Tee; es braucht keine Anmeldung.« Mit dem Herbst, dessen Geruch überhand nahm, schlichen die alten Melancholien sich ein. Nicht umsonst woben Marienfäden durch die Luft, ein beinah greifbares Gespinst unsagbarer Innigkeiten verdichtete sich bedrängend. Ganz verwandelt, neuer Räume teilhaftig, fing Wendelin um diese Zeit wieder Verse zu machen an. Durch den Regen sah er seinen Berg ganz braun. Ich weiß nicht, was ich tun mag. Ich habe Heimweh nach dir, süße Liebe! Es hat nichts Sinn, es bringe mich näher zu dir, Es ist keine Heimat als nur deine laubigen Höhen, Als nur deine Wiesen mit herbstlichem Grün. Ich weiß nicht was ich tun mag, Ich habe Heimweh nach dir!   Eines Nachts hatte der Schlosser versucht, seine Frau zu erwürgen, Wendels Gepolter fuhr dazwischen. Rasenden Herzens lag er nun da, und vor Empörung brach er endlich in Tränen aus. Es wurde für ihn allgemein eine Nacht des Entsetzens, weil er sie sich mit allen erdenklichen Skrupeln beschwerte. Auf einmal erinnerte er sich eines Briefes, den er jetzt, gegen Morgen, aufriß; Elisabeth schrieb, daß Maja auf den Tod erkrankt im Spital lag. Bedächtig nahm er seine Kleidung, wusch sich und wartete hierauf den Tag ab. Irgendwo hing ihm noch Schlaf im Hirn. Der Staubgeschmack an seinem Gaumen machte ihm übel. Aber keine Spur von Herzeleid war ihm beschieden, obwohl zu dieser Stunde die Königin vielleicht starb. Grauenhafte Tage würden kommen, rechnete er aus, wo er an ihrem Grabe stehend nichts zu empfinden vermochte. O er kannte sich, kannte die Boshaftigkeit seines Erlebens, das ihn damit folterte, ihm Schmerzen zu versagen, die als Sühne, Ersatz und Anerkennung einem jeden gegeben waren, außer ihm, dieser Absonderlichkeit von verschütteten Talenten. Er ballte die Fäuste an den Schläfen. Er sah sich um, ob keine Möglichkeit wäre, auf dem Platze zu sterben aus Trotz gegen Gott und aus Ungeduld, sich zu vernichten. In seinem Leben hatte er sich keiner ähnlichen Verstockung aller Sinne gegenüber befunden, die Leere umgab ihn wie eine Verzauberung. Plötzlich zuckte ihm ein Jubel durchs Herz. Er würde das Mädchen besuchen, er würde sie wiedersehen, ihre Hand halten. Wenn er im Krankenhaus anläutete, verband er sich den Räumen, in denen sie atmete, er vernahm den Wind ihrer Türen. Sei es, daß solche unvorhergesehenen Erfüllungen ihn erschreckten, sei es wieder die unselige Verlegenheit vor den Verpflichtungen bedeutsamer Geschäfte, er wagte sich nicht an sie heran; grollend lauerte er der Eingebung auf, die ihn mit ganzer Gewißheit hinreißen würde zu tun was er glaubte in Erschütterung und Ekstase unternehmen zu sollen. Er verwartete sich abermals und trieb ohne Rettung in eine Wüstenei von Dumpfheit und Entfremdung hinein. Um nicht zu schlafen während die Liebste litt, verbrachte er die Nächte auf einem Liegestuhl, und wenn er mit kurzem Schluchzer einmal aufstöhnte, so geschah es aus Kummer über seine unbegreifliche, ruchlose Verhärtung, die ihn weder zu Empfindungen noch zu Gedanken kommen ließ. Fröstelnd erhob er sich etwa ans Fenster. War er einmal entschlummert, so sagte er sich hernach, sie wäre inzwischen gestorben. Spät in der Verlorenheit der Finsternis reckte er sich zornmütig auf, um sich mit den Fäusten die Brust zu zerschlagen auf der Verfolgung seines verhaßten nichtsnutzigen Herzens, dieses Spielverderbers, der in solcher Zeit der Heimsuchung nicht mittat und ihm mit Trägheit und Schweigen die unsinnigsten Martern bereitete. Tränen der Erbitterung blitzten ihm unter den Lidern hervor, als er im Morgengrauen zum Entschluß kam, in Bausch und Bogen alles, Erinnerung, Zartheit, Verehrung, Sehnsucht von sich werfen zu wollen, nur um an ihrer Last nicht zu zerbrechen, und aus Gründen der Säuberlichkeit. Damit war der Boden für etwas wie Freudigkeit bereitet. Die Sache versagte denn doch nicht alle Gnaden, sondern schlug zu des Jünglings Vorteil aus, sobald Maja sich erst erholte und er in beseligten Träumereien sich darauf rüsten durfte, sie gegen alle Erwartung wiederzusehen wie eine Auferstandene. Die Vorfrühlingsschauer des alten unverwüstlichen Gefühls umgaben ihn wie eine Landschaft. Es roch so erfrischend nach Elysien unter dem blanken herbstlichen Himmel und in den Parken voll Rost. Um die Mitte seines Herzens, das in das Uferlose einer fiebrigen Vernebelung fortschlug, schwankte der Blonde groß und träumerisch aufgelöst. Zähe Blätter, die für seine Füße bereitlagen, senkten sich unterwürfig und wie eine Treppe, die fiel, obgleich er aufwärts in blaue Rhododendren, in Zedern und Birnbäume kam. Eine Wand aus Glas schied ihn von dem Wesen, das seine Zelle hier in der Gemeinschaft des Todes bewohnte. Aus Majas nächtigen Augen sah es nach ihm, das welke Händlein vor sich auf dem Linnen. Er grüßte nicht und blickte es alles nur an, gleichwie auch Mia das liebe Haupt nicht bewegte. Die Schwester ging mit seinen Blumen hinein zu dem todbehafteten Mägdlein; die Würze der Nelken schien es zu beleben, es wandte die Blicke nicht von ihm, sichtbar schuf es ihm Kurzweil, nur irgendein Ding zu betrachten, das im Rahmen der Tür verweilte. Das machte ihn königlich froh; er hielt sich behutsam stille, wie schwer es ihm auch fiel, sich von ihr aussperren zu lassen als ob er ihre Ansteckung fürchtete. Er lehnte die Stirn ans Glas und scheute sich nicht länger, sich um sie zu betrüben. Er wünschte zu fragen ob sie leide, aber sie verstand ihn ja nicht. Frohmütig unternahm er es, ihr zu bedeuten, sie möchte sich eilen mit der Genesung, sie müsse lieb sein, eine kleine Zeit stille liegen, nicht verzagen im Abendgeläute, auf die Zähne beißen, wenn das Heimweh komme. Alsdann richtete er sich auf. Ihre Augen dunkelten. Dafür vergoß er sein Herz über sie. »Adieu!« sagte er; sie regte die Lippen. »Geht es dir gut?« Er sah sie nachdenken. Herzlich bekümmert, löste er sich von der Scheibe und lief hinweg. Er dachte, es würde wohl schwerlich gelingen; er kehrte noch einmal zurück und suchte ihr klarzumachen, daß er sie doch schonen mußte. Ganz beglückt über die ihm vergönnte Herzinnigkeit, flaumig vernebelt lief er den Berg hinab. »Du Unnennbare!« flüsterte er. In den Bäumen am Ufer welkte Erinnerung. Halbwegs empfand er ihre Schwermut, die Ahnung von alten Herbsten, von Rosen und Kantilenen. Er warf sich Elisabeth an die Brust.   Büsche verblühender Wolken hingen im Dunst, alle Wälder erfüllte ein weinrotes Licht. Manchmal rauschten Gewitter vorüber; golden und moosgrün, mit Schneerauch und Laubgewässern erglänzte die Ferne. Eilfertig lief Wendelin über Hügel und Straßen, Acker und Schilfried. Die Holunderwildnis um den Brocken nasser Ruinen schwamm im Gewölk, die Hasellauben erschreckten mit wallenden Tropfen. Wenn der Blonde hier auftrat, führte der Gärtner den Arm an die Nase und verließ sein Beet. Das Städtchen lehnte sich in den Himmel, ein überwachsener Pfad fiel in Wiesen und Reben. Über rankende Hecken, in denen noch Brombeeren hingen, quoll die Balsamschwüle eines Feldes von Rosen, das einsam und beinah unzugänglich die unerhörte Fülle seiner Schönheit trug. Aus nassem Gelock stieg sein Blumenzierat faltengelb, purpurn, schneeig und bernsteinbraun, von einem Kupferlicht angehaucht, bläulich beflaumt. Bis an die Brust umspült, erging Wendelin sich in dem süßen See. Wie Vögel starben die Blüten auf dieser Walstatt der Stille. Er nahm sie an seinen Mund, ihre Berührung, ihr modriger Wohlgeruch erfüllte ihm die Brust mit Kühle. Unterwegs in den Wäldern küßte er sie ergriffen. Das Dunkel wuchs aus den Tälern. Ach, Maja war lieb und fröhlich; es kam vor, daß sie ihm seine Spenden mit schelmischem Lächeln lohnte, der Liebling, der sich so zart und schmal, beschattet von seinem Braunhaar, in den Tüchern aufstützte. Aber nun war es das Sonderbarste von der Welt, daß mit der Gunst der Entwicklungen sich wieder Ängste bei Wendel einstellten und er eigentlich anfing, sich im Herzen von der Sache zurückzuziehen. Gott wußte um die Tumulte, die ihn erfüllten, wenn er, mit seinem Strauß von Rosen, sich in dem Park einfand, dessen Bäume sich über ihn aufhielten, wenn er das Haus wie ein Fremdling betrat und er sich insgeheim sagte: Was immer hier vorzunehmen ich nicht unterlassen kann, ich bin Gott sei Dank freigeblieben. Ich habe mich durch gar nichts verpflichtet, in diesen Gängen Gefühle aufzubringen, zu denen mich nichts befähigt. O Himmel, ich stehe hier wie ein Verbrecher, die Weiber haben ihr Gespött an mir, mitunter will mich der Blitz erschlagen auf dem Wege zu meinen Geschäften, die einem jeden außer mir bestenfalls kindisch erscheinen. In seinem Mißtrauen glaubte er auch an Elisabeth eine gewisse Zurückhaltung zu beobachten, und seitdem sie sich aus seinem Vertrauen hinaus zu obskuren Sektenmännern und Pflanzenessern begeben hatte, beförderte er die Trennung von ihr auf seine hitzige ungerechte Art. Zum Überfluß reifte sich die Erbitterung im Dorf alsgemach zur Auflehnung gegen ihn aus. Die Bauern hatten bei der Behörde auf seine Absetzung gedrungen, aber damit kein Gehör gefunden und sich nur einen hellen, begeisterten Haß geholt, den jetzt anzuwenden sie sich zum Vergnügen machten, dankbar für diese Gelegenheit zum Austrag ihres Lieblingsstreites, den allezeit anhängigen Handel um die oberste Botmäßigkeit, die sie für sich beanspruchten oder die zu nasführen sie sich jederlei Mühe schafften. In seinen stillen Nächten erwog der Blonde redlich jeden einzelnen der ihm gewordenen Vorwürfe, er wendete viel Sorgfalt an ihre peinliche Betrachtung und verliebte sich ein wenig in diese Beschäftigung, über welcher ihm das Blut warm wurde. Die zahlreiche Schar seiner Schüler, für die er kämpfte, versammelte sich in dem Bette, das er als Unterlage für seine Auseinandersetzungen verwendete. Er fühlte sich gern als der Träger dorniger Missionen und nistete sich in die vorausgesetzte Dankbarkeit seiner Lämmlein gefühlvoll ein, nach seiner Gepflogenheit, immer ein bißchen in Übertreibungen zu leben. Es war nicht vorausgesetzt worden, daß er den Mut aufbringen würde, in der Bürgerversammlung zu erscheinen, die über ihn zu Gericht saß; um so munterer entwickelte sich der Strauß, männiglich brannte darauf, den endlich faßbaren Vogel zu zausen. Sie schimpften ihn hochmütig, lasterhaft und verrückt und ersuchten ihn, seiner Wege zu laufen. Die wunderlichsten Beschwerden kamen ans Tageslicht und erhoben sich gegen den jungen Mann, der umsonst den Rummel zu beurteilen und zu erraten versuchte, welches der wahre Grund solcher Tollwut sein könnte. Es bereitete ihm zuletzt Spaß, er streckte humorvoll seine Beine über die Fliesen; dann auf einmal fuhr er empor. »Schweigen Sie!« rief er. »Sie schwatzen Blech. Von Schuldingen versteht hier niemand etwas außer mir. Ich lasse mich mit Ihnen darüber nicht in Verhandlungen ein.« Verblüffung und Neugier malte sich auf den Gesichtern. Die Jungen riefen einander zu. »Doria, das hat Schneid, was? Dem stehts nicht an der Nase geschrieben. Kusch dich, Vetter!« »Sie bewarfen mich mit Lügen, ich will Ihnen die Wahrheit zurückgeben. Vor dem Geldsack macht sogar Ihre Liebe zu den eigenen Kindern halt. Ich verteidige mich ja längst nicht mehr!« Damit schritt er davon durch die hellauf brüllende Gasse seiner Widersacher. Im Herbstlicht schwang sich ein Zeisig herum. Die Kinder liefen zu Bach und erfaßten seine Hände. Er sah sie an und wünschte sich ihnen vertrauen zu dürfen. Gedankenvoll und beklommen wandelte er in sein Haus davon. Er vernahm ihr Spiel in den Bäumen, die lieben Gesichtlein lebten in ihren Stimmen. Sein Gefühl überdunkelte ihn. Daß er die Kleinen wieder verlor, nach der Tragik seines Berufes und dem Unglück, das ihn verfolgte, stieß ihn in Groll und Schwermut hinein.   Pfiffe und Jauchzen in der Umgebung mahnten ihn an die Gefahr, m der er fürderhin lebte. Es war nicht Furcht, aus der er erblaßte, aber seine Hilflosigkeit vor der Feindschaft der Welt. Else Hoffmann drängte sich bei ihm ein und sagte zum Abschluß der nicht übel von ihr beurteilten Sache: »Da haben Sie es jetzt. Ich sagte Ihnen ja immer, Sie würden der Leidtragende sein. Die Wahrheit zeugt nur so lange für uns, als wir sie in uns verschließen. Ausgesprochen oder gar in den Krieg geführt, wird sie zu einem Schwerte, das sich gegen seinen Herrn kehrt, das haben Sie nun erfahren. Was versprechen Sie sich von dem Tanz ums Recht, Sie Ritter Georg? Schmeichelt es Ihrem Heldenmut oder sind Sie ein bißchen ein Spießer? O Sie Jockel, wissen Sie nicht, daß die Menschen uns nie als das was wir sind, daß sie uns immer so sehen, wie sie uns haben wollen? Was nützt es da, sich zu erklären!« Vor die Oberbehörde geladen, bat er vor allem um seine Versetzung. »Warum nicht gar!« entgegnete der machthabende Herr. »Lernen Sie, sich zu vertragen. Und wiederholen Sie keine Dummheiten von der Art, in Ihrer Schulstube Griechenbilder aufzuhängen. Donner noch einmal, Bach! Wo hatten Sie nur Ihren Menschenverstand?« »Ich verweigere Ihnen die Auskunft hierüber nicht, Herr Doktor, vorausgesetzt, daß Sie mit Höflichkeit fragen,« erwiderte der Blonde, indem er sich einen Stuhl nahm. Hierauf lachte er. »Wie hilflos kommt man sich vor, wenn man Selbstverständlichkeiten verteidigen soll!« »Was bezweckten Sie denn mit der Galerie?« »Ich pflege in meinem Unterricht selten etwas zu bezwecken.« »Das kann ich mir beinah denken. Das ist Künstlerart.« Bach ertrug die strenge Musterung nur mit Verdruß. Der Gestrenge fuhr fort. »Ich will Ihnen beiläufig sagen, daß wir in Ihnen den Erzieher, nicht den Dichter besolden. Den möchten Sie bitte im Amte beurlauben, und was immer von Ihnen noch bleibt, das stellen Sie in den Dienst des Berufes. Ich habe Sie vor den Bauern in Schutz genommen; Ihnen will ich dazu raten, Ihr unbekümmertes Wesen nicht allzu offen auszulegen, es ärgert das Volk und Sie schaden sich selbst damit. Bemühen Sie sich, Ihrer Aufgabe bestmöglich zu genügen –« »Ich tue sogar mehr als das.« »Es braucht nicht mehr zu sein, dieses dann aber nicht nur in Ihrem Selbstvertrauen, junger Mann.« »Ich dachte schon von Amtes wegen dazu verpflichtet zu sein, über Selbstvertrauen zu verfügen,« versetzte der Blonde und erhob sich. »Im Anschluß an Ihre Vermahnungen gestatten Sie vielleicht einige Betrachtungen, die daran zu knüpfen wären. Vor allen Dingen braucht Ihr behördliches Mißfallen mir keineswegs verbindlich zu sein. Ich weiß, ich weiß, seit einigen Jahrhunderten ist es hier nicht ratsam, an der Unübertrefflichkeit demokratischer Grundsätze zu zweifeln. Das verhindert nicht, daß begründete Aussetzungen an ihnen tatsächlich zu machen sind. Unsere scheinbar so fortschrittlichen Einrichtungen sind bei genauem Zusehen weiter nichts als die Maßnahmen des Spießers, der seine Beschränkungen auf den Thron gesetzt hat, um vor jederlei Überlegenheit gesichert zu sein. Es hört sich auflüpfisch an, ist aber nichts als die Wahrheit, wenn ich behaupte, in unserm Lande stehen die Unmündigen am Ruder. Sehen Sie zu, wie Sie Ihren republikanischen Glauben retten angesichts der Maulhelden in unserm Eldorado der Großtuerei. Ich kann vielmehr nicht bemerken, als daß es allerenden an Größe fehlt, und wie wäre es anders möglich in einer Interessengemeinschaft von Kleinbürgern, deren Liebhabereien und Einsichte man kennen muß, um sich eine Vorstellung vom Wert ihres Regimes zu machen. Ich meinesteils habe gar nicht im Sinne, vor ihren Vorurteilen klein beizugeben, noch ihre kindlichen Ansichten beispielsweise von Kunst oder von Lebensformen über die meinen zu setzen. Wenn sie zu bequem sind, aus Gründen der Bescheidenheit gelegentlich ihre Meinungen zu überprüfen, so sollen sie dem Morast ihres Dünkels verfallen. Der Spruch vom heiligen Bauern entzieht uns die Kehrseite nicht, auf der die Chronik seiner Borniertheiten verzeichnet steht. Ich habe die Chronik erlebt, verehrter Herr, habe stillschweigend erfahren, wie es tut, die Verfolgung, Bevormundung und Anmaßlichkeit einer hinterwäldlerischen Rotte unschuldig zu ertragen –« »Durchaus unschuldig?« Wendel musterte den Beamten. »Auch Ihren Verdächtigungen habe ich nur die Lauterkeit meines Wesens entgegenzusetzen,« antwortete er aus mühsam gemeisterter Trauer. Bevor er zu weiteren Verteidigungen kam, ergriff der Doktor wieder das Wort. Ahnend, daß die Hitze des Jünglings ihre Verhandlungen auf die privateren Seitenwege der Dialektik verdrängen würde, hatte er sich eine Zigarre angesteckt; er hob diese mit seiner schönen weißen Hand dem Eiferer jetzt an den Ärmel: »Es lag mir ferne, Sie kränken zu wollen, Herr Bach,« versetzte er mit einem Ausdruck belustigten Wohlwollens. »Aber haben Sie noch nie daran gedacht, daß der Irrtum, sagen wir einmal in der Beurteilung unseres Volkes, auch auf Ihrer Seite liegen könnte? Sie werden mit solchen Philosophien in Schwulitäten hineinkommen, Sie mögen sich nicht wundern. Das Volk hat keinen Sinn für die Spitzfindigkeiten der Künstler; Ihre pädagogischen Neuerungen da, von denen Sie mir sagen, werden die Welt nicht ändern, wohl aber Verwirrung anrichten, wie Sie sehen. Bach, Sie sind ein gefährlicher, ein nicht ganz einwandfreier Mensch mit ihren vertrackten Ideen!« Dieser starken Sprache, zu der er sich berechtigt glaubte, maß er die Kraft eines Heilmittels zu. Er überließ sie ihrer Auswirkung, indem er, ein wenig verblüfft, seine Zigarre betrachtete. »Wenn Sie fertig sind und wenn Sie es mir gestatten, füge ich Ihrem Gutachten über meine Arbeit nun ein freiwilliges über Sie bei,« ließ sich der Blondling vernehmen. »Ich beehrte Sie, aus Ihren Händen mein Recht empfangen zu wollen; nun erbittert es mich, Sie hier als einen Beamten zu finden, der seinen Demokratenstuhl dazu benützt, ein kleiner Potentat zu sein. Es ist damit nicht getan, daß Sie die Gebärden des Richters vollführen, die Zeremonien Ihres Kalifates hier; Sie haben sich hindurch zu bemühen durch die Hecke der ersten bequemen Schlüsse, in die Sie sich da verschanzen, weil Ihnen mein Wesen nicht zusagt. Obschon Sie mich nicht danach fragen, will ich Ihnen den tatsächlichen Grund meiner Mißliebigkeit da unten verraten. Was die Bauern erboste, das war meine Natürlichkeit im Verkehr mit den Kindern, das Fehlen einiger Requisiten, die zum Bild ihres Schulmeisters gehören. Sie nehmen ihre Partei, Sie haben es in der Hand, mich zu maßregeln, nach der Fügung des Zufalls, dessen Unbilligkeit mich berechtigt, Ihnen zu sagen, daß es noch Männer gibt, die nicht allzu hoch von dem Weltall der Staatsameisen denken, die so gerecht ihre Stäbchen aufeinander türmen. Wer ist denn Ihr Staat, der sich herausnimmt, mich zu bevormunden? Ist er die Prüfanstalt der Wahrheit? In meinem Bereich gilt meine Freiheit!« An diesen Worten war er ganz ruhig geworden. Er wandelte wie ein Prophet hinaus. Er ging zu Elisabeth, fand sie aber nicht in der Stimmung zu Disputationen. »Brüderlein!« sagte sie. »Hast du nicht Lust, mich auf irgendeinen Berg zu führen? Es ist doch schlecht, daß wir Frauen in den Mond- oder Sturmnächten zu Hause sitzen sollen, während euch alle Wildnis immer offen steht. Wie es tut, in ein Finsternisland zu streifen, dürfen wir überhaupt nicht erleben. Ich wünschte einmal im Gebirge zu irren, mich mit Wassern herumzuschlagen; die ewige Sittsamkeit – na, sie sei gepriesen!« Sie betrachtete ihn eine Weile. »Brüderlein setz dich,« rief sie dann. »Wir brauen uns einen Tee! Wenn wir denn schon gefangen sein sollen, so halten wir uns schadlos am Behagen. Setz dich. Es fehlt nur noch Schnee, es fehlt uns nur noch deine Maja, daß wir auf alle Welt pfeifen wollten.« Ihr Geträller nicht achtend, fragte er, was sie bedrücke. Sie blieb stehen. »Auf Ehre, mir fehlt gar nichts,« versicherte sie, mit verlegenen Tränen. »Es gab ja wohl eine Zeit, wo kein vielliebes Brüderlein mir Mangel an Fröhlichkeit vorwarf,« und ihn umarmend: »Das ist doch schon allerlei, du Lieber, du Treuer.« Auf seine Schulter gelehnt, begann sie zu weinen; er stützte sie scheu und erschrocken. Kinder jauchzten im Freien, die Straßenbahn funkte mit grünblauen Lichtern. Elisabeth gewährte ihrer Schwäche keine lange Frist. »Prügle mich doch,« schimpfte sie. »Ich möchte wohl wissen, was es zu heulen gäbe.« Die Schluchzer gingen ihr aber wie Regenschauer noch lange nach. Derweil sie kochte, lag er auf ihrem Teppich am Boden. Nach Verfluß einer Stunde kniete sie sich neben ihn. »Sag es mir, wenn ich Licht machen soll.« Er sprang auf die Füße. Wie immer hatte sie die Tafel nach Möglichkeit farbig herausgeputzt. Sie überblickten das Kunstwerk. Neuerdings wollte sie vor dem Essen gesungen haben. »Soll ich knien, soll ich auf meinem Bauche liegen?« murrte er. »Nur um Gottes willen nichts Frommes!« »Das brächte dich auch nicht um.« Sie prüften einander mit einem schnellen Blick. Es war Scherz gewesen und hätte es bleiben sollen; aber im Essen verfielen sie wieder der Nachdenklichkeit. Wendel trauerte um die alten Tage, die aus dem Grunde nicht wiederkamen, als die Freundin sich ihrem Quietismus verschrieben hatte. Elisabeth ihrerseits beklagte sich heimlich über seine Selbstherrlichkeit, aus der er schnellfertige Urteile fällte, ganz seiner wahren Natur entgegen, aus einer Art Eifersucht, wie sie sich einbildete, und ein wenig vielleicht aus Bequemlichkeit. Es hatten allerlei Devotionalien ihres neuen Bekenntnisses im Zimmer Aufstellung gefunden, eine Kerze, ein Kreuz, Bildnisse, Räucherschalen; auf einem Buche las er den Namen Manthra. Eigentlich hatte er auch Bewunderung für Elisabeth übrig, nebst seinem Mitleid; ihre rituellen Geheimnisse, die er sich schwierig in der Handhabung vorstellte, nötigten ihm Respekt ab, auch wenn er sie belächelte, auch wenn er sie haßte und irgendwo grauenhaft fürchtete. Manchmal war er den Tränen nahe. »Belehre mich denn! würdige mich der Aufnahme in eure Weisheit!« rief er verzweifelt aus. Aber weil es einen Unterton von Verächtlichkeit hatte, gab sie ohne Besinnen zurück: »Ich rede nicht zur Anmaßung, nur zu der Liebe.« »Siehst du!« »Du fragst nur aus Hochmut.« »Adieu, ich gehe.« »Adieu.« Sie schwiegen. Es war Elisabeth, die sich aufraffte, ihm ihr Kügelchen Brot vor die Brust zu werfen. »Wir zweie wissen doch, daß wir einander nichts Böses wollen. Selbst wenn wir uns gegenseitig die Köpfe zerbleuen, üben wir diese Beschäftigung in aller Liebe. – Kann es dich nicht versöhnen, daß wir uns unsern Glauben wenigstens nicht leicht machen? Daß wir uns plagen im Dienst unserer Überzeugung.« »Ich achte und bedaure diesen Gehorsam.« »Auch du bist ein verriegeltes Tor.« »Ich glaube, hilf meinem Unglauben!« »Gäbe es nur eine Möglichkeit, sich so zu erklären, daß die uns verstehen, die nicht verstehen wollen.« Das ging zu Herzen, er deckte die Hand über ihre Finger. Sie lächelte ihm zu, aber er sah nur eine Larve von Lächeln, Entsetzen verschlug ihm den Atem. »Der Begriff der Gottheit richtet in der menschlichen Gesellschaft noch immer dieselben Verheerungen an wie zur Zeit der Hexenverbrennungen,« sagte er. »Sollten wir in der Tat über Glaubensgezänk nicht hinaus sein? Ich werde es schwerlich lernen, in Sandalen und langen Haaren herumzulaufen. Die neuen Gepflogenheiten –« »Dann übst du die alten Gepflogenheiten, Wendelin. Du befindest dich in großer Gesellschaft.« »Ich stecke den Tadel ein, meine Beste. Es ist noch keine zwei Stunden her, daß ich ähnliche Belehrungen vergab –« und vor innerlichem Erschrecken ging ihm die Sprache aus. Abends lag er wie ein Knäuel in seinem Bauernbett, vor Leid und Zerknirschung dampfend, die Rätsel wälzend, die ihm aus seinem eigenen Wesen aufstiegen. Heiße Wellen der Scham überfluteten ihn im Gedanken an sein Gespräch mit dem Vorgesetzten, er sah darin jetzt weiter nichts mehr als Maulfertigkeit und jugendliche Selbstüberhebung. Alle Beweise der Nachsicht von seiten des Doktors, seine Bescheidenheit und Besorgnis, seine wohlmeinenden Vorstellungen richteten sich um ihn auf, ihm zur Demütigung und Qual. Mit Entsetzen bedachte er jede der Verirrungen seines Lebens, hervorgegangen aus dem Überfluß der Phantasie, dieser fluchvollen Gabe: Sie allein war es, die ihn schichtweise mit den geisterhaften, unwirklichen, eines Tages in sich selbst zerfallenden Lasten seiner Liebe überbaut hatte; nichts als die Beweglichkeit seiner Einbildungskraft lag den Dichterkünsten zugrunde, auf deren Voraussetzung er, halbwegs bewußt, die Himmelsstädte seiner Zukunft errichtete. Nun erschien ihm das alles wie Blendwerk und Teufelsspuk, darauf angelegt, ihn der Hölle zu übermitteln, dereinst, wenn die Brücken der Täuschung unter dem Gewicht seiner Verschuldungen einbrachen; vor Reue erglühte er in der Dunkelheit, er balgte sich mit dem Gedanken herum, die Drucklegung seines Buches rückgängig zu machen, Maja sich aus dem Herzen zu reißen und die Genugtuung des Ruhmes an den Frieden des einfachen Menschen zu tauschen, der sich darin genügt, von einem Morgen zum andern zu leben unter dem Rauch seiner Hütte. Allein das ging ihm nicht leicht von der Hand; zum Leben zu arm und zum Sterben zu reich, wie er sich vorkam, glaubte er Anlaß zu besitzen, mit seinem Schöpfer zu hadern. Die Natur seines Kummers gewährte ihm nicht einmal Tränen, er lag einfach da, auf Ellenbogen und Knien, über der zuckenden dunklen, blutigen Beute seines Herzens.   Verfemt und gehaßt, aber nachgerade nicht mehr davon berührt, strich Wendelin durch das knietiefe Laub seiner Wälder, in denen er noch immer neue Einsamkeiten, vergessene Straßen, Felsstürze und fremdartige blaue Ausblicke auf Ebenen und Seen entdeckte. Er saß am Strom, der sein Herbstgeschiebe und eine sanft einschläfernde Kühle vorübertrug. Alle Höhen bevölkerte er wider Willen mit Göttern; Einhorn und Faune fraßen ihm aus der Hand; das im Lampenlicht unter seiner Hand sich ausbreitende Blatt Papier bestrahlte ihn mit hellenischer Sonne, und von Gesichten bedrängt, gepeinigt vom Bedürfnis, die wollüstig rankenden Gebilde seiner Sehnsucht gegen die Nacht aufzubauen, begann er beispielsweise zu schreiben:   Reisenachricht eines jungen vornehmen Atheners. »Zuvörderst den Göttern die Ehre die ihnen gebühret, und darnach Liebe und Danksagung Euch, meinen holden Erzeugern, die mich auf Reisen entboten. Ich bin in den krausen Gewässern, bin über Land gefahren und habe Hellas und seine heilige Größe gesehen. Nun sitze ich an erhabener Stätte zu Delphi wohlgeborgen derweil es regnet, über die zahllose Ansammlung so vielen Marmors aus nahen dunkelnden Wolken wehet; der Rauch der Herde dampft in den Nebeln, das Volk ist fröhlich in seinen Schenken, und die Priester gehen durch die Dämmerung, die von Flammen duftet und von den Narden und Hölzern Cypriens, denn ein frommes Geschlecht wohnt auf den Inseln, und seiner Esel Mist füllet diese Straßen. Nun seht Euer Söhnlein, das im Regenwind seine Arme ausbreitet, Eurer denkend und Athenäs, der süßen Stadt! Ihr fröhlichen Märkte, wo ein vertrautes Gedränge meiner Brüder und Schwestern, meiner Athener, die warmen Pflaster belagert und Griechenlands Früchte auslegt, Wein und Granaten, Melonen, Feigen und Birnen. Mich verlangt von Herzen nach seinen modrigen Gassen, den Höhlen der Trödler, dem Geruch der Tuche, dem Tande, dem Bernsteingehänge, dem Honig, den Fischen und ihrer Verwesung von Meergrund. Wonnige Büsche, ihr Kastanien, Zedern und Akazien an der weißen Straße nach Cairas, schattige Gärten mit Brunnen und Göttern, Haus der Liebe, Haus der Heimat, kühle Hallen meiner Herkunft! Mir liegt der Wohlgeruch deines Peristyls in den Nüstern; Dienerinnen und Sklaven winken herüber, das Gewand der holdseligsten Herrin umfängt mir mein Haupt, und des Vaters Stimme im Hof ist wie ein Bollwerk gegen den Feind überm Berge. Damals erbaute ich Grotten aus dem Überfluß der Splitter, von denen die Stadt der Bildhauer voll ist, ich schnitzte Triremen, schnitzte Türme und Kriegswagen in der seligen Umfriedung meiner Kindheit, in der Geborgenheit eines sonnigen Staates. Tausend Hermen und lächelnde Anmut umstanden das vernunftlose Geschöpf, das da spielte. Griechenlands Straßen sind heilige Wege insgesamt, die Alleen gelassener lichter Bildwerke drängen freundlich zu Heiligtümern, und wo nur der Wanderer hinaussieht, erheben sich Stirnen und Hände aus dem Laub. Geliebte, wenn ich der Sonntage denke, die über den Tempeln verweilten! Der stillen Sommer, vom Silber der Ölbäume flimmernd! An uralten Säulen brechen sich Blitze den Zahn, und Meergewölk und Stürme glätten die Architrave über den Landen. Gewitterlust wühlt in Zypressen, in den Flußbetten marmorner Aufgänge, im Gelock aller Karyatiden! Heiliges Athen, wir sahen dich ferne gebreitet von den Höhen Uginas aus, dahin wir pilgerten, wie weit liegt das zurück! da mir mein Schwesterchen noch lebte und wir mit Hausgesinde, Rüden und unserm Falken Äolus zum Haus der Aphaia strebten, unserer Mutter, die herrlich wohnt. Das Meer lag fremd in den Föhren mit schattigen Schauern und entlegenen Silberwiesen, in denen sich Tritone regten; geisterliche Inseln entschwebten hinab gen Kreta, des Minos ägyptisch Reich, vor dem wir uns fürchteten. Du aber, trauliche Vaterstadt, winktest uns über die Wasser, in welchem untief dein Fuß, die schneeige Blöße der Landschaft lag, die sich zum Parnaß hinanzog im Geheimnis ihrer Faunwälder, im Roste winterlicher Zinnen, den Burgen der Ewigen. Bläue quoll über Sunion, wir suchten Hymettos, suchten Salamis, Eleusis, die zierliche Krone der Akropolis, suchten Megaras Weiden, die Rosse der Argolis, den Ziegenhirt an den arkadischen Bergen. Auf samtblauen Fluren verweilten aber Segel, Schwammfischer und Galeonen. Helios fieberte über den frühen Festen meiner Kindheit, wann das saronische Meer sich mit Flotten schmückte, Geschrei und Geschläge der Helden die Himmel erfüllte. Frohe Bürger führten ihre Knaben an Taxushecken entlang; bestaubte Sandalen, Gesang und Kränze und Kuchen, Götter und Genien allerenden und der bemooste Marmor der Wolken, Ahnung Pans, Neptuns salzige Flöße! Ich habe seine Reiche befahren, die heiligen Wasser, die Griechenlands laubige Küsten bespülen, und sitze erhoben über der ausgebreiteten Herrlichkeit der Bergzüge und Straßen, der Reben und Heiden, der Bastionen und abertausend Kapitäle bis in die Ägäis, die veilchenhelle, und denke Hermionens, denke Cytheras, Pharäs, denke in Tränen Olympias, der geliebten Heimat. O wie wohlig ruht sie im Balsam ihrer Pinien, im Geklingel des Alpheus, wo die Kämpfer sich baden und einander jagen und Künstler verlangend auf ihr Ebenmaß blicken. Ich lag in sonnigem Harzgeruch und entschlief. Holde Verwirrung, angesichts einer fremden Versammlung von Standbildern und Kranzgesimsen im heiteren Nachsommertag zu erwachen, darin die Vögel flöteten, Schilde von Schwertstreichen klangen, eine Jungfrau aus ihrer Steinerstarrung sich an dem Räuchlein ermunterte, das schmeichelnd um ihre Hüfte stieg. Lebten wir ohne den Anhauch unseres heiligen Vaterlandes, unserer Religion? Wir lebten so wenig mehr wie die Barbaren, die Perser und Ilier, deren erschlagene Heerscharen durch unsere Sturmwinde klagen! Vom süßen Odem der Heimat erblühen die Gaue mit Krokus und Dichtern; wo wir gehen, empfangen uns Hütten, wo wir gehen, wandern wir unter Brüdern. Hört den Regen von Delphi, er netzt auch Attica. Der Staub der Berge weht nach Korinth hinüber! Sie haben den Pentelikon über Land versät in Tafeln, Stelen, Myriaden Göttern, und fahren fort, in den ausgekarrten Bahnen sein Gebein zu verschleppen. Verloren sie nicht die Ladung ihrer Statuen auf den Grund der Golfe? Allhier sprossen Gentianen und Asphodelen dunkel durch Treppenstufen. Der Abgrund lehnt sich mit Strauchwerk gegen die Höhe auf, der Plistus nagt an ihrem Sockel, damit es zur Tiefe fahre, das Geschiebe von Säulenhäusern, der Wald der Standbilder. Die Phädriaden schieben ihren Bauch vor, uns hinabzudrängen, triefen finster und hauchen Nebel um die Kastalische Quelle; sie aber, die heilige Saite, singt in sich verloren. Die naßbehaarten Kobolde im Schierling, Dryaden und Satyrn wollen uns wohl, und Apollo, der Hehre, schlägt seinen Stab ins Gefelse, denn da will er wohnen.« Bach hatte eine Eule aus der Schulsammlung herübergetragen. Ihr birkenblondes Gefieder stand wie ein Licht auf dem Tische mitten in Muscheln und pfauenfarbenen Faltern. Schläfrig, schalkhaft verdrossen, blickten die Meerschaumaugen unter ihren Lidern hervor auf die Nachtarbeit des Dichters. In seinen Eifern glaubte er sie wohl über halben Grimassen zu ertappen; sie schien aber nur ihren Hals noch ein wenig einzuziehen, der Geruch des alten Bodens rauchte ihm in die Nase, Bäume, Häuser und Gewölk standen dunkel im Fenster, der Wind stieg herein. Der Wind roch flaumig nach Mädchenhaaren; Wendel sog ihn in seine Nüstern, unersättlich überließ er sich abermals den Strömen des Herzens – »Ach,« schrieb er, »wie manchmal in allen den Nächten habe ich mit der innigen Vorstellung, dich an meinem Herzen zu haben, meine eigenen Schultern umschlungen, mich an deine Heimatlichkeit verborgen, Schauer des Leides, Schauer der Beglückung empfunden, dankbar für den armen Betrug, aus welchem ich einsam erwachte in der wie mich dünkt frostigen Halle meines Heimwehs nach dir, du unaussprechlich Süße, die es an Schönheit und Bedeutung in keiner Weise mit den umworbenen, so erwachsenen und anerkannten, mir aber fremden Frauen dieser Erde aufnehmen darf. Es ist Nacht, sogar Mitternacht, es ist so ganz stille gewordenes hat sich alles in den Schlaf hinwegbegeben; auch du liegst in den Wassern dieses Dunkels versunken, du Grausame, die nichts von mir weiß und die im Schlummer lächelt, derweil es mir graut vor den spärlich im Lande verstellten Lampen, unter denen Mörder vorüberhuschen und Frösche hinabtauchen, der nächtige Wind wie in der Abwesenheit eines Gewalthabers neugierig dahin und dorthin fällt, die Sterne, tief über den Straßen, so streng und finster blinken – ich aber in meiner Wachheit weiß nicht, was ich anfangen soll vor der lautlosen Kühle, in welcher die alte Schöpfung sich auftut mit tausend verdunkelten Städten, Babylon und Memphis, mit den verstoßenen Schluchzern meines Herzens, das nach dir weint, du Schlummernde. Die Nacht, in welcher du schlummerst, wird wie ein Schrein voll des Geschmeides an vergangenen Jahrtausenden. Über deiner aufgelösten Anmut weben die allerwunderlichsten und wunderbaren Erinnerungen der Weltentstehung: der Ziegel der Pharaonenpaläste wird noch einmal warm, der Weizen singt um die Klöster der Mönche, das indische Meer wiegt Galeassen in seinem Blumengrund, und die Tiere der Urwälder klagen. Mir liegt das Herz auch und klagt: denn die Melancholien der Schöpfung ziehen mit Gefahren gegen dich heran. Zieht nicht die Unendlichkeit aller Zukunft wie ein Heer heran gegen dich, die ich in Mittagsstillen und grauenhafte Abenden der Zeiten verlieren werde? Ich traure darüber, nicht alle Abgründe der Nacht, in der du schlummerst, ausempfinden zu können. Mir ist, als überschüttete man mich mit Kleinodien, denen ich keine Gefäße habe; meine Brust steht angefüllt nur mit dem unansehnlichen Verlangen nach einem Troste von dir, deinen lieben Händen, und ich lege mich mit den Lippen denn wieder über meine armen eigenen Hände, die mir dich ersetzen – alle die Nächte her, alle diese Gassen von Verwunderung und Stille her. Sieh, und es wird mir so gut im Gedanken, daß ich nicht brauche befürchten zu müssen, die Welt bestünde am Ende nicht mehr; es liegt eine solche Wonne in der Gewißheit, daß du wirklich dich hier eingefunden hast, um da zu sein, dein Lächeln und deine Nachdenklichkeiten und deine drolligen kleinen Zorne wie einen Beruf sorgfältig auszuüben. Es werden Malven um deinen Lebenspfad stehen, und es wird einmal ein blauer See kommen, an dem alle Schmetterlinge und Kuckucksnelken, die bemoosten Steine, das Heidekraut, die Fische des Wassers und die silbernen Wolkengletscher in einem eigentümlichen Lichte liegen. Das aber macht mich nun froh; ich glaube auf einmal wieder an alles Gute der Erde, und somit beginne ich, eine Hummel in dunklem Kelche, so spät des Nachts, tief hinter Mitternacht, ein wenig für mich zu summen: der Wald, der Wind, die tiefe Höhe sind alle auf diese Musik gestimmt; sie klingen, die schweren Kronen schwingen und erzeugen eine Flut von Wind, die überhand nimmt über den verdunkelten fernen Schneegebirgen, der Himmel voll schattiger Strömungen führt Kornblumen, es wachsen Hügel mit Linden, schweigende Vögel wachen auf in der Landschaft, ach und ich will mir denken, du Süße ruhst wohlig auf dem unendlichen Lager meines Herzens.« Nach dieser Arbeit sank er in Schlaf wie nur einer seiner Bauern, und nicht bevor der Morgen ihm in die Lider dämmerte, erhoben sich Traumgebilde aus seiner Brust, sah er sich in den dunkel ansteigenden vornehmen Straßen von Paris, aus der Richtung des Meeres sprudelte Schnee über die Paläste herein, die hoch wie himmlische Quartiere aufgebaut und von Kardinälen und Chorknaben bewohnt erschienen, die Papiere der Bukinisten flogen aus ihren Kästen wie Tauben hinaus, die Maler drückten sich ihre Hüte an die Stirn, es zeigte sich, daß das Marseillanermeer angefangen hatte, sich mit der Seine hereinzuergießen, die Flußkähne schaukelten über den Rathausplatz. Dann hatte es wirklich geschneit und flockte noch immerzu in die warm ausstrahlende Heu- und Apfelluft dieses Landes. Wendel ging dichtend in seinem Haus zwischen Dachtraufen herum; nachts vernahm er die tiefen, mütterlichen Laute schlaftrunken muhender Kühe. Das Obst auf den Hürden roch in der Tat geradezu scharf gegen die Schneehelle an; auch hätte der Blonde sich manchmal verschworen, das sommerliche Jauchzen der Schwalben durch die Fenster zu hören. Allein es schneite ja nachgerade wahrhaft braun hernieder. Die stete Bewegung nach unten versetzte die Erde in Taumel, das Gesimse stieg wie ein Bug; von der Jagd und dem Aufruhr, von der immer noch wachsenden Stille, die wie der Schnee sich gleichsam selber verschüttete, wurde dem Einsamen bange. Es machte ihm den Eindruck, alle Welt hätte sich von ihm mit berechtigter Ablehnung in die Stuben zurückgezogen; seine Kindlichkeit ging nach Anlehnung aus, verlangte herzlich den Frieden. Im raschelnden Flockenregen trottete er still und besinnlich. Er blickte in tiefe Schluchten, die hinter Buchenwald verdämmerten. Er vernahm Pferdegetrabe und entferntes Wasser. Holzfäller klopften im Nebelgeschiebe, alles widerhallte rauschend und einsam in der silbrigen, dufterfüllten Höhe. Auszug »Ich habe Ihnen vertraut, Ihnen mein Glück in die Hand gegeben, aber Sie haben nun nichts getan als mich unsäglich zu quälen: Tag um Tag und Stunde um Stunde wartete ich auf meinen Ruhm, der mir zukommt und dessen ich bedarf, wenn ich nicht verderben soll in Unglück, Hunger, Wut und Begierde. Ich dachte, Sie würden mir Trost bringen in die Verlassenheit, die ich hier ertrage; aber es sollen mich wohl Unrast, Unglück, Entbehrung vereint zermürben – und ich schenke Ihnen noch die Ehre, Sie anzuklagen, einen mir fremden Menschen. Sie sind ein Kaufmann, und als ein Kaufmann haben Sie kein Herz!« Solcher und noch weit stärkerer Pfeffer kam in dem Schreiben vor, das unser Dichter seit einer Woche an die Adresse seines Verlegers bereithielt und nur aus dem Grunde nicht aufgab, als er sich Tag für Tag sagte, nun müßten die Druckbogen einlaufen. In der ganz unbeschreiblichen Überspannung seiner Ungeduld glaubte er sich zu jedem Vorwurf berechtigt, und es geschah buchstäblich unter Tränen, daß er den Brief in den Postkasten warf. Er kreuzte sich mit der Sendung des Verlages, den ersten Fahnen, die er abends verdutzt in den Händen hielt. Es fiel ihm schwer, seine Sprache in ihrem zierlichen Festkleid wiederzuerkennen. Er drückte die Blätter an seine Wange. Es war eine geradezu phantastische Dankesbezeigung, die das Verlagshaus von ihm erhielt. Hantierend begann er ein wenig zu singen. Er fühlte sich so geborgen. Hölderlin und alle lieben behutsamen Geister grüßten ihn brüderlich. Um seiner Pflicht zu genügen, machte er sich hinter die Druckfehler her. Einstweilen war gar nichts zu ernten, was ihn beinah ein wenig wurmte. Dagegen wurde er rätig, mit dem Setzer Verbindung zu suchen; er hatte die Empfindung, in diesem aufmerksamen, säuberlichen Mann einen dienstbaren Freund gewonnen zu haben. Es gelüstete ihn, eine Weile zu schlafen. Die Welt und sein junger Ruhm würden sich derweil drehen. Er dachte an Maja, malte sich aus, wie sie es dereinst erfahren würde, am Fluß, wenn die Sterne kamen. Aufjubelnd räumte Bach seine Schätze hervor, Papiere und getrocknete Blumen, um sie vor sich auszulegen. Mit traulichen Kammern ging die Nacht vor ihm auf. Eine Windbewegung warf Schnee an das Fenster. In der Ofenwärme roch Harz. Wendel nahm seine Werke zusammen, gewichtige Bündel, die er gegeneinander abwog und gedankenvoll auf dem Schöße hielt. Er schlug das Heftchen seiner Motive und Einfälle auf und schrieb mit zierlicher Druckschrift hinein: »Das Wolkenland«, Roman. »Der Apfelzweig«, Novellen. »Das Feuer im See«, Roman. »Lied aus der Nacht«, ein Zyklus. »Die himmlische Zion«. »Ewiges Griechenland«, eine Dichtung. »Der Wolkenbaum«. »Aufruhr der Götter«, dramatische Rhapsodie – vollbrachte Dinge und Poetenträume. Er betrachtete diese Namen, atmete auf und ergriff wieder die Druckbogen, roch daran und stellte das Titelblatt vor sich hin, wobei er erschreckend den Schnee gewahrte, der vor den Scheiben anwuchs. Wendel schrieb auf ein Blatt: Man muß wissen, wie es tut, der Empfänger eines nächtlichen Ständchens zu sein. Man hat erquickend geschlafen; in das Dunkel erwachend, fühlt man eine wohlige Frische in der Gegend des Magens. Linde Musik, die uns aus dem Schlummer wiegte, erfüllt die Nacht wie mit Flaum und man lacht ein wenig auf, denn man gedenkt nicht zu lieben; der singende Schwerenöter da vor den Fenstern kann uns leid tun, auch wenn wir seinen Mut bewundern, mit dem er die Mitternacht aufreißt, herausfordert, zur Rede stellt nach der hitzigen Art der Verliebten. Man rekelt sich wollüstig grausam auf seinem Lager, mitten im Mond, vor dem Liebhaber wie vor einem Wetter geborgen. Die Bürger, weit entfernt davon, sich empören zu wollen, liegen lauschend in ihren Kammern. Die Welt mit Heuwiesen, Bächen, Sternen- und Grillengeflimmer funkelt der Schönen zu Ehren als ein ihr dargebrachtes, von ihren Gnaden bestehendes Eigentum, das die Schläfer gaffend bestaunen ... Der vergessene Herd Frau Klärchens prasselte ihm in die Erinnerung. Über den Giebel ihres Hauses hing Fruchtgelock, im Eichwald ragte das Kreuz, zu dem er einmal ihr Kindchen getragen hatte, durch eine Märchengegend von Äckern, Ried und Gehölz, wie es ihm jetzt vorkam. Ewig schleppte er süße Trümmer von Vorstellungen in sich, Föhrenkuppen, blauverdämmerte Städte von nirgendsher, Flöße in den Strömen, Kathedralen, Dünen, Seevögel. Wonnige Verborgenheit umgab seinen Schöpferfleiß. Einen Winter lang überschüttete ihn die Post mit der Arbeit, die ihn so innig beschäftigte; seine Schlösser und Kavaliere erstanden in allen Wolken. Plötzlich hatte der Ruhm es eilig, ihn in die Welt zu verschleppen. Fräulein Hoffmann neckte ihn mit seinem Glück in dem Glauben, sein bevorstehender Auszug aus dem Bauernland bringe ihm solche Erhebungen. »Ganz im Gegenteil,« erwiderte er, »mich äffen nun alle geheimen Freundlichkeiten dieses wunderbaren Landes –« »O ja.« »– das ich liebe und in dessen Hasennester ich meine Gefühle wie Ostereier versteckt habe.« Nachdem sie ihn grübelnd eine Weile betrachtet hatte, wünschte sie zu erfahren, wohin er sich nun wenden werde. »Wissen Sie es nicht? Ich wünsche Ihnen das Beste.« »Bleiben Sie doch hier, Fräulein Hoffmann! Was wollen Sie sich in die Welt verlaufen; hier bei den Bauern sind Sie noch am besten aufgehoben. Die Liebe der Bauern ist rauh wie Brot.« »Wie kommen Sie mir vor? Würden Sie vielleicht bleiben?« »Ja ich würde! Die Thymianstraßen –« »Welche Thymianstraßen?« »Die Städte voll Majoran –. Fürchten Sie sich nicht vor den Kamillengärten?« »Kamillengärten?« »Nun, Sie wissen eben, wie die Täler dort liegen. Ihnen erscheint das alles nicht grauenhaft.« »Erscheint es Ihnen denn grauenhaft?« »Manchmal zeigt mir gerade das Lieblichste ein furchtbares Antlitz, wie zum Beispiel der Gedanke daran, daß nachts die Donau durch eure Weinberge strömt, oder die Vorstellung eurer Barockhäuser, aus denen das rotgewürfelte Bettzeug der Kleinbürger hängt. Man denkt in der Nacht, alle Augenblicke müßte sich das Geschrei eines Menschen erheben, den das Faktum seiner Existenz irrsinnig macht.« Fräulein Else ließ mit einem Aussehen von Schuldbewußtsein das Haupt hängen. Und weil ihr wieder plötzlich die Tränen kamen, dachte er an ihren Verlobten. Vorsichtig wagte er, ihre Lage zu umschreiben. » On a bien de la peine à rompre quand on ne s'aime plus « sagte er mit dem Wohllaut der Teilnahme. Es dauerte eine gute Weile, daß sie so standen. Das Wort erwies seine Kraft an dem Mädchen, und tapfer wie Else war, ließ sie es in sich zu Ende wirken; dann aber waren ihre Entschlüsse gefaßt, die Klarheit machte sie fröhlich. »Schreiben Sie mir auch einmal?« fragte sie den Blonden. »Du lieber Gott, wir werden einander bald genug vergessen haben, stelle ich mir vor.« »Sehr wahrscheinlich. Das heißt, Ihnen wird man in Ihren Büchern begegnen, in Bremen so gut wie in Salzburg.« »Grüßen Sie mir die Königsschlösser, Fräulein Hoffmann!« »Grüßen Sie mir Ihr Sternbild.« »Maja heißt sie.« »Das glaube Ihnen wer will.« »Aber wenigstens Mia.« »Aha, das ist etwas anderes. Wissen Sie, was Sie sind?« »Summa summarum.« »Wissen Sie es?« »Haben Sie mir diesbezügliche Eröffnungen zu machen?« »Ich fürchte, sie müßten zoologisch ausfallen.« »Danke schön.« »Bitte schön.« »Und wissen Sie auch, wer Sie sind, Mamsell?« »Eine Mamsell?« »Na, wir wollen uns nicht darauf einlassen, einander die Wahrheit zu sagen!« »Getrauen Sie sich nicht zu der meinen?« »Sie denken, es wäre eine Schmeichelei.« »So ein Schubiack!« »Moderne Menschen sind doch alle ein wenig ineinander verliebt, finden Sie nicht, Fräulein Hoffmann? Um ihrer gemeinsamen Ideen willen. Also ich bin ein bißchen in Sie verliebt.« »Läßt mich alles ganz kalt. Ich bin schwerlich modern.« »Sie sind es so gut als etwa die Sévigné, diese Prachtfrau –« »Schönen Dank.« »Denn moderne Menschen hat es zu allen Zeiten gegeben. Es liegt ein wahrer Trost in dem Begriff, sogar in dem, was man als Mode bezeichnet, welches die allerbeweglichste und eine Gott wohlgefällige Sache ist. Nichts besitzt eine ähnliche Witterung für den Zeitgeist, sie eilt ihm gelegentlich sogar voraus, und was nun die Stutzer anbetrifft, so sind das nur Parodien, wie sie allem Ernsthaften zur Seite gehen.« »Und wann kommt Ihr Buch?« Er sprang die Treppe hinauf; die Lehrerin stieg ihm nach. Ein Busch von Weidenkätzchen duftete in seinem Zimmer. Die Bilder hatte er von den Mauern genommen. »Heilloser Duckmäuser!« sagte sie und hielt sein Werk in den Händen. »Lesen Sie doch,« versetzte der Dichter. »Ich kann warten. Also Sternbilder, Lorbeer, Schneenächte – kein Wunder, schwiegen Sie so vergnüglich!« Der laue Wind roch von Moos und Primeln. Plötzlich legte sie seine Blätter beiseite und begab sich hinunter. Als sie ihre Schüler entließen, wunderten sie sich wieder beide über den Gleichmut, den die Kinder dabei bewahrten, während sie selber vor Herzweh beinah zerbrachen in der übertriebenen Einschätzung ihres Verhältnisses zu den Kleinen. Zart und verwundbar, sah Wendelin die Sonne über den Giebeln als einen blonden Rauch voller Sommerstille, Sonntagsgeläut und Frieden der Felder stehen. Die kleine Hausfrau suchte sich nützlich zu machen, obgleich er ihr stets ihre Hand von den Koffern hinweghob. Dann ordnete sie ihren Nackenflaum, mit einem verwunderten Lächeln. An ihrer Seite kniend, ließ er sich auf einmal vom Duft ihres Kleides verwirren, dem reinlichen Geruch neuen Zeuges, der sie um so kindlicher verklärte, als sie, hinfällig und mager, verschüchtert und unansehnlich, sich nurmehr ängstlich bemühte, nicht allzu blöde vor der Welt zu erscheinen. Sie hatte das linkische Gebaren der Unterdrückten, was ihm jetzt heftig zu Herzen ging; er empörte sich kummervoll und grübelte um Worte, ihr zu sagen, wie süß er ihre Mädchenstille empfinde und wie lieblich ihr Magdtum sie kleide. Ihre Kinder trieben sich mit Holzwolle herum und plapperten. Sie geleitete sie hinaus mit der Behutsamkeit einer Schwester. Müde saß Wendel auf seiner Habe, inmitte verjährter Zeitungen voller Weinlaub, Anzeigen herbstlicher Lustbarkeit, auf die sich die Bauern verstanden. Abermals überschätzte Wendelin die Bedeutung, die er dem Umstand beimaß, daß er sie hier nicht wieder erleben würde; alles Unmögliche, Unwiederbringliche verklärte er mit einem Übermaß von Gefühl. Diese Schwermut nahm sich die kleine Frau zum Gefäß; in letzter Stunde entbrannte er schmerzlich für sie, versengte ihn die kaum zu bezähmende, qualvolle Begierde nach ihrem geringen, reizlosen Leibe. Noch einmal stieg er an den Wald hinan. Er fühlte in seinem Rücken den blauen Berg; um nicht zu flennen, drückte er sich durchs Gebüsch und floh jenseits hinunter eilig wieder in ihr Haus. Die junge Mutter schob ihm ihre Mädchen entgegen. Aber er sah nur sie. Zitternd hielt er ihre Hand. In ihrem Kleidchen stand sie gewichtlos und als ob sie fror. Alle Worte lasteten ihm auf der Seele wie ein drohender Steinschlag. Erschrocken wandte er sich hinaus. Die Lichter spielten in seiner Kammer, nun leer von allen den Träumen, zu deren Schauplatz er die Stätte im Laufe tausender Stunden erhoben hatte. Das Blut stieg ihm zu Kopf, er zog verdrossen von dannen. Die Bauern schlurften vor ihre Ställe. Götternebel Hieronymus im Gehäus Das Herz verhielt sich ruhig und begehrte kaum je zurück. In seiner Regenlandschaft saß der Dichter schreibend; blaugoldene Bogen erglühten im Laube, süße Verzückungen suchten ihn heim. Wenn er in tropfenden Wäldern Kühlung suchte, trug er den Wind im Gelock. Die Lüfte spielten vor ihm her, sprangen ins Wipfelwerk, zausten die Wolken; blühende Ströme, die herniederrannen, schlürfte er mit bebenden Nüstern. In wogende Lauben schritt er beschwingt hinein, der Teppich der Waldanemonen netzte ihm die Knöchel, das Gebrause im Wipfeldach, die rieselnde Seerosenseide hauchten balsamische Frische, grasende Rinder fauchten aus warmen Nasen. Auf seinen Heidepfaden verlockten ihn liebliche Geister. Es schuf ihm Spaß, in die Bäume zu steigen; in ihren Wipfeln entschlief er, traumhaft gewiegt vom Schoße der blauen Tiefe. Oder er lagerte sich auf Moos. Im Heidelbeerlaub stand sein Buch... Wendelin Bach: Das Wolkenland. Schon lebte es in den Städten. Schönlockige Boten, Herolde seines Ruhmes warben für ihn in den Landen. Als der verschollene Maler wieder auftrat, setzte ihm vor Schrecken der Herzschlag aus. Guido lachte, zwischen Humor und Wehmut, legte ihm eine Hand an die Schulter und sprach: »Gott sei Dank störe ich; aber laß dich nicht ins Bockshorn jagen, ich streiche schnell durch den Birkenwald und fahre auf Windesflügeln wieder aus dem Umkreis deiner Erleuchtungen.« »Es war ja so nicht gemeint; aber am Ende bist du der Mensch, die Unhöflichkeit eines Freundes zu verstehen, der sich gerade in Schöpfernöten befindet und alles entsetzlich fürchtet, was nur danach aussieht, ihm Störung bringen zu können. Es ist für mich unabsehbar bedeutungsvoll, daß ich jetzt aufmerksam lebe, um nicht mein Werk auf falsche Geleise zu bringen. Kein Mensch hat eine Vorstellung von der Tragweite der Sache. Ich glaube, die Bahn der Gestirne wird ein wenig von dem Grade der Vollkommenheit abhängen, zu dem wir unsere Unternehmungen führen.« Seine eifernde, etwas verstörte Ernsthaftigkeit wirkte erheiternd auf Alder; das Lächeln, mit dem er vor sich niederblickte, enthielt keine Zustimmung, wohl aber Verständnis, Nachsicht und sogar Dankbarkeit für solche Überzeugungstreue. Wendel errötete ein wenig, indem er gleichzeitig wieder die alte ruckhafte Hinneigung zu dem Maler empfand; er faßte ihn unter den Arm, ihre schweigende Verbrüderung hatte den Sinn eines Bündnisses. Wieder steckte Bach lange Tage verborgen. Kam er aus seiner Zelle hervorgewandelt, so sah er die Menschen nicht vor Traumverwirrung, Müdigkeit und Behagen. Zuweilen suchte er Guido auf, der irgendwo malte. Dann sank er ins Heidegras mit wohlig brennenden Gliedern. »Die Verwandlung, welche das künstlerische Schaffen an uns bewirkt,« sprach er, »ist wie eine Auflösung durch Krankheit: Sie macht uns gut und zart, sie entfremdet uns dem Irdischen, führt uns von uns selbst hinweg zu einem Wesen, das verwundbar wie eine geistigere Form in uns verborgen weilt. Äußerlich verwildert, wird man nach innen nur immer reifer und farbiger, der innere Himmel klärt sich, Wipfel und Fernen unbekannter Gegenden kommen hervor. Ein Fremdling bewohnt unser Haus, ein duftender Prinz, dem zu dienen uns als eine Selbstverständlichkeit erscheint und beglückt. Alles Irdische mag uns gerne gestohlen werden, und trotzdem erfüllt uns das Leben mit einer süßen Glut. Wir erinnern uns halbwegs an Zedernparke, durch die wir in Jünglingstagen wandelten. Wie lange ist das her, daß ich an den Tischen jenes Althändlers stand, der seine Bücher bis auf den Marktplatz zu schieben pflegte. Die Sonne wärmte das Beet von Papier, aber auf einmal begann es zu regnen, die Blätter rauchten und dufteten; ich stieg in die Stadt hinab und die Tränen liefen mir aus den Augen, weil es mir so vorkam, als würde ich unaussprechlich zarte Dinge in meinem Leben noch zustande bringen, Verse, innige lichte Bücher –« Was der Dichter mit Bangen erwartete, blieb nicht aus; die Staatsgewalt, der er auf grausame Art heimlich verschrieben war, erschien unverhofft in den Büschen seines Träumerparadieses, um ihn mit stummer Beharrlichkeit für ihre verhaßten Geschäfte zu verlangen. Voller Empörung, und Bitterkeit, persönlich herausgefordert, brach er die Tätigkeit ab, auf die er so große Stücke hielt, verfügte sich nach der Stadt hinab, in die verwirrende Nachbarschaft Majas, die einstweilen nicht genügte, ihm über förmliches Heimweh nach dem Elternhaus, Guidos Leinwänden und der dort vergrabenen, schmerzlich entbehrten Handschrift hinwegzuhelfen. Er fühlte sich in Babylon, fürchtete sich vor dem Geruch der Abende, vor den Vorstadtgassen, ihren Weibern und Pinten, fürchtete sich vor den Grausamkeiten des Berufes, der ihn täglich plünderte und mit seiner Öffentlichkeit beleidigte. Es sollte sich außerdem fügen, daß zu der Zeit, wo er dermaßen aufgelöst, unglücklich und keiner Erhebung fähig in der Welt stand, sein Buch herauskam, gerade recht, dem äußersten Mißtrauen in die Hände zu fallen. Wo er es aufschlug, stieß er auf Ärgernisse, immer noch hinkende Rhythmen, Farblosigkeiten, bombastisches Wesen. Dabei lag es in allen Fenstern eitel zur Schau, mit seinem entsetzlichen Werbeschild – das Blut stieg ihm in die Ohren, wenn er es alles bedachte. Kleinlaut und schlechten Gewissens lebte er nur von der Hoffnung, in der Menge der Menschen nicht als der Geck erkannt zu werden, der es sich hatte einfallen lassen, die Gebärden der Unsterblichen nachzuahmen; so sah nun in Wahrheit der Zustand aus, von dem er sich so vieles versprochen, der des gedruckten Autoren. Und da es die bitterste und folgenschwerste Enttäuschung war, die ihm je aufgestoßen, eine Ernüchterung auf der ganzen Linie, der Verlust seiner innersten Antriebe, so versagte nun auch seine Leiblichkeit noch; alles daran kehrte seine Gewohnheiten um, das Blut bockte ihm zum Herzen zurück, es beinah zertrümmernd, der Magen wies alles von der Hand, weil es ihm unredlich, ohne Notwendigkeit Zugedacht war – ein vollkommener Kotz, wie es Bach bei sich nannte, ein Bankerott und Schiffbruch. In solcher Verfassung noch seine Glieder aufrecht zu tragen, durch Nahrungsaufnahme das Dasein zu unterhalten, war eine mühsame und qualvolle Beanspruchung insbesondere des Morgens. Die Last der kreidigen Sonne, alle Verlautbarungen der Lebenslust wälzten Schwermut und Erschöpfung auf sein Gemüt. Er schleppte sich in Tränen dahin, der fragwürdigste aller Lustwandler. Das Stillschweigen der Zeitungen erschien ihm als eine mitleidige Schonung, die er erfuhr; es bestätigte ihm seine Befürchtung, die Mängel des Buches lägen so offen zutage, daß die Sachverständigen geradezu erschrocken über sein Anfängerwerk hinweggingen, barmherzig, wie sie ungeachtet ihres Rufes eben waren. Er hatte einen tüchtigen Fehlschlag getan und sich in Schuld gebracht; allein die Natur ist ja nicht so, daß sie dies nicht verziehe; wie eine Mutter verwies sie ihn auf die ihm geliehenen Pfunde, um die sich doppelt zu bestreben sie ihn nach dieser heilsamen Prüfung ermunterte. Er warf zwar, versöhnlicheren Mutes, noch dann und wann einen Blick in das Bändchen; aber von schwelgerischen Verfasserfreuden konnte in der Folge nicht wieder die Rede sein. Der Verdruß an dem Gegenstand hatte ihn allzu tief umgepflügt; das Werk war für ihn eine erledigte Geschichte, eher wäre es ihm möglich erschienen, durch eine Mauer hindurchzustoßen, als die eigene, vordem so feurig verfochtene Schöpfung betrachtend noch einmal durchzugehen. Auch hatte er sich den so anders gearteten geistigen Umgängen allmählich wieder entfremdet; er empfand die Gefahr, die eindringlich werbende Verführung von der Seite des Behagens, unter dessen Vorherrschaft die feine Fiebrigkeit des Geistes unfehlbar und eilig einging. Zum Behagen diente ihm alles, was unverbindlich sich einfach ereignete. In seinem Zimmer empfing ihn der Mond, wie eine Lampe im Fenster; hinter den Häusern dunkelte der Berg; Wendel gedachte, aufmerksam auf das Licht, in Majas Atembereich zu schlafen. Die Handhabung des Lebens, gleichgültig in welcher Verrichtung, das war nicht das Leben selbst und kam nicht in Vergleich mit dem Gehorsam im selbstlosen Dienste der Gesichte. Diesem bewahrte er eine sehnsüchtige Treue und er überschätzte die Ereignisse nicht, was beiläufig der Grund seiner gewissen Kühle war, mit der er dem äußeren Geschehen begegnete, das er als ein Ding für sich von den allein maßgeblichen Vorgängen des Inneren schied. Eines Nachts wehte die Tür seines Zimmers auf, in dem er seit einigen Stunden schlief. Die Vermieterin, eine noch junge Frau ohne Gatten, stand im Hemd vor ihm und wünschte sein Lager mit ihm zu teilen. »Ich fürchte mich, Herr,« gab sie vor. »Das glaube Ihnen wer will. Sie haben ja Ihr Kind; lassen Sie mich in Ruhe, ich gehe morgen fort.« Da sie blieb, drehte er den Kopf und sah ihre schuldlose, beinah alberne, weil humorlose Miene. Er hätte glauben wollen, sie käme mit ihrem Ansinnen nur aus irgendeiner Dienstbarkeit, so als hielte sie diese Zugabe zu ihren Wohnräumen für angemessen. Er sah sich sogar zu denken bereit, eine lange Reihe gewissenloser Mieter hätte es ihr zur Gewohnheit gemacht. »Was wollen Sie denn; Sie sind ja verrückt,« sagte er, als sie wahrhaftig anfing an seinem Linnen zu nesteln. »Gehen Sie doch in Ihre Kammer, wo Sie hingehören, das Kind wacht auf. Was sind denn Sie für eine Frau?« Er entsprang aus dem Bett, denn sie setzte sich jetzt darauf nieder; mit der Verbohrtheit einer Nachtwandlerin bezog sie seine Schlummerstätte, während er zusehen mochte, wo er Unterschlupf fand, wenn er es mit seiner Tugendhaftigkeit wirklich ernst meinte. Der Gedanke, in dieser Lage den Morgen abwarten zu müssen, enthielt Schrecken und Ärger. Ihm war wie einem Vogel, dem sich ein Feind in das Nest gesetzt; er begann aus Leibeskräften an Maja zu denken, mit dem Erfolg, daß er seines Abenteuers auf eine listige Art sogar froh zu werden vermochte. Welch erwünschte Gelegenheit, mit seiner Liebe zu prahlen! Wie rein und kindlich erschien sie im Vergleich zu dieser ausgewachsenen Narrheit. Damit er sich nicht überhebe, versuchten ihn jähe Ermüdungen; es war denn doch keine Kleinigkeit, die er da ausschlug; nur die eifrigste Sorge für innere Zerstreuung befähigte ihn standzuhalten. Frierend begann er immerhin, der Schlange ihre Höhle zu neiden, und als ihm der Argwohn kam, sie wäre da eingeschlafen, erhob er sich auf die Zehen. Sie warf die Decke zurück, saß einen Augenblick mit zierlichen Gliedern und stieg dann traurig hinaus, um die Kammer zu verlassen. Sogleich schlugen Reue und Scham über Wendel zusammen; er wäre dem Weibe vielleicht nachgegangen, wenn nicht eben seine Vorstellung von diesem äußersten Erlebnis so phantastisch gewesen wäre, daß er es angstvoll hinausschob. Sein Blut überschwemmte ihn aber, er stand mit dem Arm an der Stirn noch lange, schlotternd, außer sich und verwundet, bevor er sich in die lüstern erwärmten Tücher voll ernsthafter Gedanken und wonnig angeregt verhüllte. Elisabeth beschwor ihn, nicht in das Lasterhaus zurückzugehen, bei Strafe ihrer ewigen Verachtung. Er warf lachend sein Haar auf und bat sie, nun zu hören was er sagte: »Ich mache dich in einer Aufwallung meines Herzens zum Publikum folgender Ansprache: Ich erkläre mich feierlich als den glücklichsten Menschen der Erde! Denn wie manchmal des Tages fällt mir ein, daß ich wieder belieben werde, Torfmoore, Hochzeitsleute, Klöster, Resedengärten, Ritter, Mörder, Gebete, Gebirge, Meere und Inseln zu erfinden. Welch ein Herzensglück, ich bin Künstler! Jüngst in der Straßenbahn fiel mir ein Drama ein. Mich überlief es kalt. Eben regnete das Laub von Richard Wagners alten Buchen, und mir fiel ein Dramenstoff ein! Mitten unter den Fahrgästen überrumpelt mich die Muse wie eine Dame der Straße; ich steige mit ihr aus, um der Verlegenheit zu entgehen, zanke mich ein wenig mit dem stürmischen Kindskopf und erfahre dann doch alle Beschenkung, Tröstung und Liebkosung einer lange entbehrten Mutter und Freundin.« Aus eifrigen Gedanken heraus sagte er unvermittelt: »Es gibt nichts, das, wie man vorgibt, mit der Sprache nicht auszudrücken wäre. Man muß nur wissen, daß das Beste nicht gesagt, sondern geschwiegen wird. Um das Schweigen noch besser zu erlernen, studiere ich jetzt Wörterbücher. Ich lese überhaupt nur noch Wörterbücher. Wir wissen gar nicht, was wir an ihnen haben, das ist meine Meinung. Die tiefsten Dichtungen, alle Kunstwerke der Zukunft find darin enthalten, so wie im Zahlensystem die Schöpfung verborgen steckt.« »Ihre Elemente mögen freilich darin sein, aber die machen noch lange kein Kunstwerk aus, nicht einmal die geschickte Darstellung der Wirklichkeit macht ein Kunstwerk aus, denke ich mir; so daß also denn doch in deinen Wörterbüchern nicht mehr liegt als man ihnen billigerweise zugesteht. Es ist sehr gefährlich, die Leere mit Dingen zu füllen, die nun einmal nicht darin sind. Meist geschieht es auf Kosten des Wirklichen, um das wir dann auch noch betrogen werden.« Nach abermaliger Versonnenheit fuhr er fort: »Die grundlegende Erfindung Gottes war die Perspektive. Bevor sie gemacht war, vermochte er nichts anzufangen mit dem Unheil von Erscheinungen. Was fingen wir noch heute damit an, wenn nicht der kleine Betrug, das Entfernte verkleinert zu zeigen, sie uns freundlich in die Augen ordnete? Ich verderbe mir gelegentlich auf eine kurzweilige Art den Genuß der Musik damit, daß ich ihren mechanischen Voraussetzungen nachsinne. Wie sonderbar, daß gerade die Eingeweide von Lämmern dazu verfeinert wurden, ein Tongewell aus der Luft zu erlösen, das mit Grasverdauung in aller Ferne nichts mehr zu schaffen hat. Es ist ein Gesetz, daß Erde und Himmel, Höhe und Tiefe, Hitze und Kälte einander dienen. Die Übertragung des Geistigen in das Stoffliche ist das allermerkwürdigste, was uns zu bedenken aufgegeben sein kann. Was mir als Wunder erscheint, das ist die Stelle des Übergangs vom einen zum andern. Es kommt mir immer so vor, als ob an dieser Grenze uns Gott beinah erreichbar würde, wie ein König in der Verbannung herrlicher, unvorstellbarer Paradiese, aus denen er sich aber herübersehnt, oder in die hinein uns zu rufen er nicht müde wird. Bei jeder Erfindung handelt es sich darum, geistig Bestehendes in eine einfachste greifbare Form zu bringen. Die Welt ist weiter nichts als eine wohlgelungene Erfindung. Jeder Menschenleib ist die Erfindung zu seiner entsprechenden Seele. Jedes Wort ist die Verwirklichung einer Vorstellung. Aber wie oft sind wir uns dieser Verhältnisse bewußt? Fühlen wir die Tiefe des Bestehenden? Wir fühlen sie eben nicht, oder nur nebelhaft; wir sind alle höchst oberflächlich.« Diese Unterhaltung, die etwas geistreich geworden war, fand ihr Ende durch das seltene Ereignis, daß Elisabeths Vater, der Apotheker, zu Besuch hier erschien. Der zarte Geruch von Medikamenten, den er mit jeder Bewegung verbreitete, gab ihm ein selbstlos adeliges Wesen, auch wenn er Strenge und Zurückhaltung vielleicht übertrieb. Er behielt Stock und Hut in der Hand, gemäß seiner nicht eben artigen Angewöhnung, sich nur in Eile, unter scheinbaren Opfern der Gesellschaft zu gewähren. Er trug etwas englische Luft in die Klause, die so hochgemute Verhandlungen gewohnt war. Dem Blonden kam er wie ein erratischer Block in der Wiese hier üblicher Fortschrittlichkeit vor, ein wenig unheimlich, ein wenig gegnerisch und zu poetischen Dingen gar nicht ermutigend.   Wendel packte in der Tat zusammen und verließ die unerklärliche Witwe, um so überzeugter, als hinter der Wand noch ein Dunkelmann einzog, ein hustender Spanier, welchen er den Heiligen anbefahl. Er wohnte drei Tage in der Gesellschaft eines Kakteengärtleins hoch über dem Flusse; dann sah er sich plötzlich entlassen. Er nahm Abschied von der Freundin, saß aber noch eine Nacht in dem Sternenfenster, von welchem aus er die Stadt betrachtete; weiße Taumel geisterten durch die Finsternis. Die frühe Sonne schien in den Regen, der über herbstrote Wälder sank. Die Straßen der Heimat, kühl benetzt, rochen nach Heide und Beeren, nach Sommergewittern und Kindheit. Er lief, um seine Eremitage zu ersteigen. Das Glück begeisterte ihn gefährlich. »Elisabeth! O wie wunderlich regnet es einen umher! Denn es regnet nun hier. Wie ich so sitze, dunkelt und dunkelt es gelblich vom Regen – ich habe Heimweh nach eurer Stadt, eure Mädchen zünden Feuer und Kerzen an, eure Menschen lesen französische Bücher, in den Museen treten Greise mit Zeitungen an die Fenster, um zu sehen, wie es über die Gassen regnet! Es regnet in den Fluß, es regnet auf die Gemüsestände – du Freundin: wie ich den Regen liebe! Mein Herz ist wie ein Wald im Regen! Ich habe die Feder weggelegt, um auf meine Brust zu schlagen, denn es tut weh, so voll Inbrunst zu Schönem bin ich. In diesem Lichte tummeln sich Geister und Düfte. Novalis ist hier, und Goethe kommt, mich zu trösten. Dem Ärmel des Meisters entströmt ein Hauch von Reseda. Warum reise ich nicht auch? Hier liegt ein Brief von Guido, der nach Italien ausgezogen ist. Ich kann nicht! Man erlebt ohnehin zu viel im Verhältnis zu dem, was man verarbeitet.« Wenn er nach einer Woche toller Arbeit dann wieder stutzte und auf einmal nicht weiterkam, argwöhnte er überall Schabernack. Der Kopf war ihm doch klar, allzu klar; was hielt ihm die Feder zurück? Oder er mißtraute sich plötzlich und hielt ein. Es machte ihm nichts mehr aus, gelegentlich, und zu den besten Tagesstunden, wieder Briefe zu schreiben, die er hernach zerknüllte. Es kam vor, daß er in welkenden Büschen traumselig herumstand, oder er lief plötzlich hinauf, um zu schreiben. Von Guido hatte er sich beruhigen und beraten lassen; den Vater ins Vertrauen zu ziehen, brachte er niemals fertig, so daß der seine eifersüchtige, grämliche und notvolle Betätigung stets nur aus der Ferne beobachtete und, ungewiß über den Stand, die Art und die Aussichten der Arbeit, welcher er seinen Sohn verfallen sah, sich viel Sorge machte, ohne sie zeigen zu dürfen, da er nur Unheil damit anrichtete. Derweil lernte der Poet denn doch eine gewisse Vernunft im Gebrauch der Kräfte; aus Besorgnis um seine Arbeit ordnete er sich einem Tagesplan unter, schrieb bei verhängten Fenstern bis in die Nachmittagsstunden, aß und verfügte sich alsdann ins Freie zum täglichen Spaziergang auf der Landstraße, auf welcher er seine Beine und Gedanken in einem zugleich anregenden und besänftigenden Gleichtakt bewegte. Das sanfte Gefälle zum See zog ihn vereint mit dem Zauber, den die Himmelsöffnung voller Märchen für ihn nicht zu verlieren schien. Noch immer sah er Malven, Bildwerke, Säulen am Wasser, roch das Geheimnis vornehmer Räume mit Frauengewändern und Stadtluft auf. Die Fichten, die grünen Berge, das Gewölk, die Bäche, alles hatte er getränkt mit der Heiterkeit seiner Träume; in den lichten Revieren des Waldes spukten seine Geschöpfe, er hatte süße Begegnungen mit ihnen auf Hügeln, Heiden und Straßen. Das alles war freilich vergessen, sobald wieder ein Hindernis aufsprang, an dem seine Zuversicht scheiterte. Grollend gab er die Arbeit auf und verbrachte die Tage damit, sich in Selbstmordgedanken zu üben. Rettung aus seinem Zustand war gar nicht abzusehen. Es wurde kalt, der Wind, der das Laub herumschlug, trieb ihn zur Raserei; alles hatte sich gegen ihn verschworen, die läppischen Intelligenzen der Natur triumphierten, sein bleiernes, schmerzendes Hirn kam dagegen nicht auf. Wochenlang saß er in seinem Käfig, den er mit den Einöden seines Ekels anfüllte; der Geruch der Möbel lag ihm im Haar, fettiger Bart stieß hervor. Er flüchtete höchstens zu Briefen, für die er seine Zeit gerade noch gut genug fand. »Verehrter Herr, wer sind Sie, der sich getrieben fühlt, einem Unglückseligen mit Trost zu nahen? Sie finden mich nicht heiter, wie es dem Schöpfer eines so lieblichen Werkes, das Sie rühmen, wohl anstünde. Ich bereue, mich vor die Menschen begeben zu haben. Die befohlene Schlacht zu unterbrechen muß einem Feldherrn furchtbar sein, aber sich vor dem Ruhme zurückzuziehen, ermessen Sie die Schrecken dieses Unglücks? Was hat man nicht alles auf die Beine geschickt, man machte Versprechungen der höchsten Art, und eines Tages geht man hin, um das alles zu widerrufen vor der versammelten Menschheit, unsern gutgläubigen Brüdern, die sich Hoffnungen auf uns machten. Der Schweiß bricht mir aus. Was habe ich getan! O daß ein Mensch mir mein Dunkel glaubte, in das ich verbannt bin ohne Hoffnung, je zu genesen! Glauben Sie mir, ich bin hier, um zu leiden. Dumpf und dunkel stopft sich die Qual um mein Herz; meiner Tage habe ich blutig gelitten. Aber ich bin Ihnen verbunden für Ihre Liebe, Sie haben mir wohlgetan! Ich bitte Sie, tausendmal meine Stadt zu grüßen! Gehen Sie hinaus in ihre Gassen, schweifen Sie durch ihre Bäume, segnen Sie alles mit meiner Liebe! Ich schätze mich glücklich, Sie fortan zu kennen als einen Gelehrten, der an Sonntagmorgen verschwiegene Gärten sucht; ich will mir denken, daß Ihre Ahnen vor königlichen Kaminen saßen; ich will mich erquicken an dem Bewußtsein, von einem so seinen Kenner freundlichst überschätzt zu werden – ich danke aus Herzensgrund für Vertrauen.« Es fiel Schnee in den Waldhöhen. Das Gesicht auf den Armen, verbrachte Wendel die Tage vor dem Arbeitstisch, auf welchem seine Blätter verstoßen lagen. Der Gelehrte bestürmte ihn mit Briefen, freundschaftlich beschwörend, aber auch ereifert durch das Schweigen, auf das er stieß. Der Einsame dachte: Was weiß der gute Mann von der Wahrheit! Schnellfertig bringt er mein Leid auf eine Formel, die für mich nicht mehr zutrifft. O daß es gerade mir bestimmt war, diese Wunderlichkeit von Begabung und Feigheit, Geckerei und Demut, Blässe und Inbrunst, Verderbnis und Güte darzustellen! Gerade ich das arme Mittelmaß, vor allen Scheidewegen, zu plump, zu zart, zu empfänglich und zu schamhaft. Er glaubte mitunter, zu einem nachsichtsvollen Spotte berechtigt zu sein, mit welchem er Gott dieses Schicksal verzieh; manchmal ergriffen ihn Furcht und Grauen; mit leise bebenden Händen ergab er sich in das Dunkel, das ihn umgarnte. Die Erde winterte sich ein, die traulichste Dämmerung kam in die Welt. Er lag auf seinem Ruhebett oder betrachtete das Gestöber. Dann stürzte ihm die Landschaft vor den Augen hinab, um für eine Weile zu erlöschen. Er hatte daran seine Kurzweil, er spielte mit den fiebrigen Sinnen, tändelte mit dem Hirn, dessen er sich nach seinem Belieben noch eine Zeit bediente, ehe er es dahingab wie eine nutzlose Krone. Vor Ungeduld schob er die Stirn ans Scheibenglas. Alle Glieder schmerzten ihn. Er fuhr auf wie ein Wild, als zaghafte Schritte sich seiner Tür näherten. Das Herz schlug ihm in den Hals empor, während er listig schwieg. Die Klinke bewegte sich, geisterlich stand ein Mensch in der Spalte. Wendelin drehte sich gegen das Fenster ab, die Tränen begannen ihm zu fließen. Dies bemerkend, blieb der Fremde in seinem Rücken stehen, zeichnete mit dem Stock auf dem Boden, zu den milden, ein wenig verlegenen Ermahnungen, in denen er dem jungen Freunde zusprach. Er legte Mantel und Hut von sich und betrachtete die Behausung. Wieder beruhigt, Verfolgte ihn Bach mit den Augen. Herr Monnier setzte sich. »Es ist ein großer Augenblick für mich,« sagte der Gast in schlichtem Ernste, »diese Werkstatt des Geistes und der Anmut zu betreten. Lehnen Sie sich nicht auf; ich sollte Sie vielleicht verschonen vor solchen Schwerenötereien, die mir immerhin aus dem Herzen kommen und die auch der Wahrheit entsprechen.« Wendel hatte sich wieder erhoben, durchmaß die Kammer hitzig errötet. Endlich setzte er sich auf das Bett, indem er ausrief: »Fahren Sie nur fort. Wenn es Ihnen gefällt, mich zum Gegenstand Ihrer Artigkeiten zu nehmen, so ist Ihnen niemand davor. Mir werden Sie nicht gefährlich!« Er lachte. Monnier, der durchs Fenster blickte, wendete sich nun herum. »Ungerecht, ewig hart gegen sich selbst – so sind sie alle, diese jungen Dichter?« »Ich bin kein Dichter!« »Sind Sie das nicht? Wir wollen sehen.« »Gott ist der einzige Künstler, den es gab und gibt! Was wollen denn wir noch, die wir nur seine Schöpfung in Stücke dichten! Wenn Sie wüßten, wie grausig hoch und leer der Himmel über mir aufgegangen ist, wenn Sie wüßten, wie wenig ich in meinen Versicherungen lüge, Sie hätten Achtung vor meinem Spott und meinem Unglück. Wir atmen, und atmen am Leben vorbei, wir sind wie Kinder, die, in das Spiel gesetzt, aus Blödheit nicht spielen – die uralte Welt läuft leer, weil wir träumen, und derweil gehen Schönheit, Reichtum, Weisheit und Tiefe zum Henker.« Der Gelehrte hatte seinen Stock wieder ergriffen und hielt dessen Knauf vor dem Munde, derweil er den Eiferer betrachtete. Er blickte noch eine geraume Weile in das durchsichtige Schwärmerantlitz, bevor er sich ermannte zu sagen: »Sie denken allerdings radikal. Aber wo Sie schon der sind, der die Einsicht besitzt, werden Sie auch dazu berufen sein, die Hilfe zu bringen.« »Pathos und Formeln sind mir verhaßt, ich bitte Sie um Verzeihung. Wir haben die ganze Welt auf eine Formel gebracht und sie damit erledigt. Zivilisation ist nichts anderes als der Zustand allseitiger braver Formulierung. Das ist es ja eben: Auf einmal ging mir der Blick dafür auf, daß beispielsweise auch derlei Sentenzen, wie sie mir sehr geläufig vom Munde fließen, für die Ewigkeit ausgestopftes Geflügel sind, und die glatte Vollendung der Künste, was ist sie denn mehr als die Reife, die nun nicht weiter gelangt. Ich ahne Modergeruch in all der Herrlichkeit, alles steht dicht vor dem Tode, und der Tod ist das eine, das mich mit Verzweiflung erfüllt, weil ich geizig bin: Ich bin geizig auf die Schönheit, von der zu denken daß sie untergeht mir den Lebensmut raubt. Es steht alles so schlimm als möglich!« »Es scheint nur schlimm zu stehen,« entgegnete der alte Herr nach einigem Sinnen. »Für den Augenblick ist meine Meinung, daß es Ihnen nötig wäre, ein wenig aus diesen vier Wänden herauszukommen. Sie haben sie mit Ihrer Schwermut vergiftet, Sie atmen Zweifel und Ohnmacht hier ein; darum wollen wir ein wenig in die Landschaft gehen und andere Geister aufsuchen.« »Wir wollen die Landschaft lassen wie sie ist; sie kommt mir denkbar gleichgültig vor. Die Bäume werden aufrecht stehen, das Wasser sucht die Tiefe: auch die Natur weiß nichts Neues. Gott habe sie selig mitsamt ihrem Volk von Bauern, das in dem Fleiße aufgeht, die Gebräuche zu üben. Ich verachte die Gebräuche: Pflügen, Säen, Ernten, Aufstehen und Zubettegehen, an den lieben Gott zu glauben, den Bauch zu nähren. Wo hat es sie hingeführt? Die Gebräuche sind Formeln.« »Mein lieber junger Freund,« sagte Monnier,»Sie müssen nun alles tun, um wieder arbeiten zu können. Alles muß darauf angelegt sein, Sie heiter zu stimmen. Ist es das? Die Menschen, die Sie umgeben, haben die Schuldigkeit, Ihnen die Tage freundlich zu gestalten. Tun sie es nicht, so entschlagen sie sich damit der Berechtigung, eines Künstlers Umgang zu genießen. Sagen Sie das jedem. Sagen Sie es ohne Rücksicht auf vermeintlichen Wohlanstand. Ihr Werk, junger Freund, geht über alles.« Zwischen Lachen und Wehmut spottete Bach: »Das hört sich ja großartig an. Inzwischen hat niemand die Schuldigkeit, mir die Tage freundlich zu gestalten, wie sehr mir das auch behagen möchte. Wir wollen nicht in den Fehler des Volkes verfallen und irgendeinen Stand, sei es den der Pfaffen, Ärzte oder Künstler, zur Herrschaft erheben. Sie verzeihen mir wohl, aber Sie kommen mir als eine Reinzucht jenes Gebildeten vor, welcher Kunst und Gelehrsamkeit und die Überbleibsel vergangener Kulturen, wie Gemälde, Palimpseste, Tempel, drollig überschätzt. Niemand hat die Schuldigkeit, Künstler auch nur zu achten, geschweige denn sie zu verehren.« Übel vergnügt betrachtete der Greis seine Schuhe, die Stockzwinge den Sohlen entlang führend. Endlich erhob er betrübte, ein bißchen vorwürfige Augen. »Ihr dummer Glauben mache Sie selig,« sprach er. »Eine Dichtung wie Faust wird die Besten ewig beschäftigen.« »Das wird sich zeigen. Was ist denn ewig?« frug Wendel, indem er herumging. »Nachgerade kann ich an nichts Ewiges mehr glauben. Die Berge, die Meere, die Gestirne vergehen, und so ein Menschenwerk sollte sich behaupten? Ich will Ihnen beichten, daß ich selber es nicht verwinde: Pyramiden, Homer, Mister Shakespeare, Goethe und vielleicht auch Herr Wendelin Bach werden ewige Spuren auf keinen Fall hinterlassen!« Verblüfft vor Leid hielt er inne. Mit seinem dunkelsten Blick fuhr er fort: »Und ich bekenne mich zu dem Hochmut, für die Vergänglichkeit nichts beginnen zu wollen. Es ist kein Sinn dabei, ich mag nicht.« »Sie sind ganz einfach übermüdet, Herr Bach.« »Ja, das bin ich in der Tat! Ich habe ein Gefühl, als hätte sich mir das Fleisch von den Knochen gelöst.« Er lachte. »Entledigen Sie –« »Wie ein Stengel seine Blume, trage ich meinen Schädel herum.« »Deshalb entledigen Sie sich Ihres Staatsrockes da, und Ihrer Halsbinde,« erwiderte der Gelehrte, »machen Sie sich schön, und wir fahren zusammen zur Stadt hinab, in der Sie sich von Ihrer Kerkerhaft erholen sollen. Wir sitzen in lichten Sälen, während der Wind um die Berge raucht. Wir besuchen die Bücher und Galerien. Wir lesen des Abends ein wenig, Scott und Novalis, Voltaire oder die Jungen – was Ihnen Freude macht!« Der erbleichte Bursche zog sich zurück. Er faßte nach dem Ofen, an dem er die Hände hinaus und hinunter führte. Maja war ihm eingefallen, der Fluß rauschte hoch durch Nachtgewölk. »Kommen Sie mir bloß nicht mit Büchern,« sagte er; »es reizt mich zum Brechen. Wenn Sie wüßten, welche Tretmühlen der Grübelei sie mir verleideten, Sie ließen sie ungerufen.« »Haben Sie noch ein wenig Geduld. Die Anerkennung wird sich einstellen.« »Da sei Gott vor! Ich dachte wahrhaft nicht daran. Ich dachte an den Heerzug schwarzer Gedanken, der mir das Hirn ausstampfte.« »Nur um alles in der Welt nicht grübeln, statt vorwärts zu machen! Es gibt keine schlimmeren Zwickzangen als die der rückwärtskrebsenden, unfruchtbaren Bedenken. Aber es scheint ein Gesetz zu sein, daß alle daran leiden müssen. Trösten Sie sich an der Tatsache, daß die Begabtesten am tiefsten verzweifeln.« Ein geisterliches Lächeln ging über Bachs Gesicht. »Andere Leute haben es gut,« sagte er; »die dürfen sich zufrieden geben mit landläufigen Redensarten, dürfen sich trösten an der Literaturgeschichte, die alles das auch schon weiß. Mir aber scheint, die Natur ist originell in der Erfindung stets neuartiger Plagen, mit denen sie jeden von uns bedenkt. Was mich anbetrifft, so sitze ich in einer Auslese ebenso putziger als unsinniger, nie dagewesener Schmerzen höchst privater Beschaffenheit. Ich will Ihnen davon erzählen. Sie sollen nicht umsonst sich in die Höhle des Bären begeben haben. Sehen Sie, jetzt schneit es wieder; seit einer Ewigkeit schneit es so schwarz hernieder – was gäbe ich nicht für ein Ende lichtblauen Himmels! – Wo soll ich mit meiner wunderlichen Beichte hin? Die Sache ist die, ich weiß nicht mehr wie man Sätze bildet. Ich, der gerühmte Souverän der Sprache, weiß nicht wie man Sätze verfertigt. Ich will Ihnen sagen, was alles ich anstelle, um mich in der Handhabung des Wortes wieder zurechtzufinden: Ich zähle die Relativbildungen, ich zeichne graphische Darstellungen meiner Nebensätze; ich lege das Geschreibsel dem Vorbild eines Dichters unter, um irgendeine Kongruenz herauszufinden, an der ich mich trösten möchte – ich lausche auf seinen Tonfall, ich lerne ihn auswendig; ich horche auf die Redeweise der Fuhrknechte, ich ergründe die Prosa von Prospekten, um mich davon zu überzeugen, daß ich verrückt bin. Bisher war es mein Glaube, Sprache sei eben Sprache, ein anwendbares Werkzeug, nicht diese ausweichende Masse. Sie erwies sich nicht als ein Karren, sondern als ein noch zuzureitender Gaul, der keineswegs um die Wege wußte. Was sich für mich ergab, war, daß ich beginnen sollte, mich weitläufig über die Dressur dieser widersetzlichen Bestie zu unterrichten. Ich setzte mich auf meine Hose und zog eine Fakultät von Studien über mich, Herr Monnier, ein so rasendes Studium des Tags, des Nachts und im Schlafe, daß ich im Handumdrehen die fernsten Jahrhunderte um mich versammelt hatte, die fernsten Seelengegenden, von denen, wie ich denke, die Philologen nichts vernommen haben. Hier, diese Wälzer sind alle abgegrast, ausgewühlt, leergegrübelt: Sie haben mir nichts geholfen als daß sie mich eine Menge Geheimnisse lehrten, die vielleicht kurzweilig, aber nicht anwendbar sind. Darin besteht ja gerade das Übel, daß an den Künsten das Lernbare auch das schon Tote ist: Was die Ahnen groß machte, das kleidet uns lächerlich. Wir sind aber voll von Gewohnheit, in unfern Gärten dorrt ein Wust von Erbgut!« Ganz erschöpft vor Verzweiflung, lehnte er sich an die Wand zurück. »Dieser Wohllaut, den Sie rühmen, das schöne Ebenmaß sind mir im höchsten Grade verdächtig. Ich habe sie beide zerschlagen, ohne doch auf meinen ehrlichen Grund zu stoßen; darum stehe ich ratlos und ohne Talente, auch ohne die, die ich besaß; ich kann mir nichts Neues zusammenreimen, ich kann nicht zu reden beginnen, das Denken kommt mir davor. Ich bin mein eigener Hund, der mir vor den Füßen liegt.« Fahl und schwank, auf magere Arme gestützt, saß er im Widerschein der beschriebenen Blätter, die hier die Möbel überdeckten. Angesichts dieses Trümmerfeldes verzagte der Greis und wußte nichts Kluges zu erwidern. Wendel fuhr also fort: »Jetzt könnte ich ein Buch über Bücher schreiben,« lächelte er. »Ich würde mich darin fragen, wie weit alle die Selbstverständlichkeiten der Stilistik zu Recht bestehen, das Dogma vom heiligen Dialog beispielsweise, dem gegenüber ich die Behauptung wage, daß zu erzählen nicht nur schwieriger, sondern auch edler ist.« Kaum daß Monnier zu sprechen sich anschickte, fuhr der Junge eilends fort: »Wer sich mit der Sprache beschäftigt, zieht ihre Unerschöpflichkeiten zutage. Er sieht keinen Grund dafür ein, warum er nur gerade der kümmerlichen Allerweltsfertigkeiten sich bedienen sollte, das Wort des Alltags scheint ihm verbraucht und unzutreffend, er erhebt das ganze zu einer Kunst, und was tut diese Kunst? Sie schießt ihn in den Rücken mit allen ihr zu Gebote stehenden Anwürfen, sie erscheint ihm als lügenhaft!« Hier lebte Monnier auf. »Bedenken Sie was Goethe sagte!« rief er, froh, mit einem Zitat einspringen zu können: »Jede Form hat etwas Unwahres an sich.« Bach überlegte. »Es ist ein kluges Wort,« versetzte er, »ein Beweis dafür, in welchen Zusammenhängen dieser umfassende Geist lebte. Allein was hilft es mir; was könnte mir der Zuspruch irgendeines noch so bedeutenden Mannes helfen, wenn ich selbst mich verlasse?« Der alte Herr nahm ihm das übel und machte kein Hehl daraus. Erröteten Hauptes setzte er sich für seinen verstoßenen Liebling, Wendelin Bach, ein, indem er wiederholte, daß all der Hexenspuk doch nur von Ermüdung komme und in der Morgenluft versinke. »Daß Sie mir doch glauben wollten, Sie schlagen sich da mit Schatten herum! Natürlich liegt Tragik darin, daß wir mit jeder Stufe die vorhergehende überwinden. Die Pflanze genügt sich darin, nur immer sich selbst wieder hervorzubringen; uns läßt jede Frucht eine neue ahnen, dieser Umstand bereitet Schmerzen; neben der Unruhe der Sehnsucht quält uns die Fragwürdigkeit, die alles Bestehende annimmt. Können Sie es nicht hinter sich stellen und schaffen, wozu Sie das Herz drängt?« Der Blonde lächelte. »Ich halte,« entgegnete er, »das Herz in strenger Aufsicht. Sein Vorwitz hat mich allzu viele Schmerzen gekostet als daß es mich gelüstete, ihm noch großes Gehör zu schenken. Es ist die Frage, ob nicht dieser Vorwitz es war, der mich dazu verleitete, auch solche schönen Dinge wie Kunstwerke zu unternehmen. Wie habe ich das büßen müssen! Gleich einer Liebe, deren man nicht wieder Herr wird, habe ich meine Kunst bereut. Aber Throne zu verlassen ist nie ein Spaß, und so vermag ich denn, wie irgend ein Insurgent, meine Herrlichkeit nicht mehr zu missen und muß fortfahren, zu morden, zu brennen, Unheil zu erzeugen.« Mit bitterem Lächeln sah er auf den Papierstoß, den er angehäuft. »Unsinnig habe ich an all das geglaubt!« rief er qualvoll. »Umso widerlicher ist nun der Ekel. Besitzt ein Dichter das Recht, plötzlich von der Musik zu denken, sie wäre die edlere Kunst? O, ich mache auch in Musik, müssen Sie wissen. Wenn ich vor ein Klavier gerate, fangen meine Finger zu erfinden an. Oder ich wünsche zu malen. Alles innere Leben formt sich in Linien und Farbtönen; Kräuter, Gewölk und Flüchte bleiben mir zierlich in den Äugen haften. Anwandlungen von Melancholie und Lüsternheit, habe ich bemerkt, drängen mich in einer tollen Weise zur Bildhauerei. Aber das kommt und geht und gehört mir auch nicht an; ich möchte wohl wissen, was mir angehört. Die Sprache ist wie ein Urwald, der uns sein Geschlinge um die Füße knüpft. Sie wissen nicht, an welchen stets neuen Verwirrungen, Fremdheiten, Schabernacken, Verrätereien wir zu leiden haben. Wozu schlage ich mich mit meinem Erzfeind herum?« Die sichtbare Ratlosigkeit, in welcher der Gast verstummt war, rührte den Jüngling auf einmal. Zu Boden springend, ergriff er ihn bei seinen alten Händen –: »Aber es kann immerhin vorkommen,« rief er, »daß eine Spur von Grasgeruch alles hinwegbläst! Gärten, Abendhimmel, die ganze Erde bekommt ihren herzinnigen Sinn zurück! Verzeihen Sie mir. Bloß daran zu denken, daß dereinst auf den Straßen wieder der Staub rauchen wird, sollte für dumme Dumpfheit entschädigen. Wir haben ja doch das Leben. Dieses Buch habe ich nun dreimal geschrieben; ich werde es eben noch einmal beginnen. Doch. Was bleibt mir denn anderes? Gäbe Gott nur, daß meine Arbeit mit weniger Mühsal vonstatten ginge; ich betreibe sie allzu ängstlich – was gäbe ich nicht um ein Maß von Liederlichkeit und Blindheit, die mir ermöglichen, voranzukommen. Ich bin nur ein dummer Tor aus der Wildnis, Herr Monnier: Während sie draußen Taten vollbringen, verliere ich meine Zeit in der Mauserung. Manchmal denke ich, um ein Dichter zu werden, hätte ich länger jung bleiben müssen; ich habe die Welt mit dem Herzen des Kindes verloren. Ich habe viel zuviel an mir gezweifelt als daß ich noch etwas wäre. Ein Bildhauer stutzte auf einmal über die Gewohnheit, Bildnisse bei der Brust abzubrechen; er wurde sich nicht mehr klug darüber, ob das barbarisch sei. Es gibt Grenzfälle, wo uns das sichere Gefühl verläßt. Eins ist gewiß: Der Teufel hole alle Vergleichungen! Ja, ich mache die größten Weltreisen in diesen Tagen der Schwermut, ich erlebe die wunderlichsten Romane ohne mit der Wimper zu zucken. Ich möchte Vater werden aus dem Wunsch, eine selbstlose und unbedingte Liebe zu empfinden. Wir jagen in Sehnsüchten herum, und so viele Gebiete der Liebe liegen brach. Alles ist ja viel göttlicher als wir es sehen. Nun, Bücher lesen führt zu nichts; aber Bücher schreiben – ich werde so lange schreiben, bis ich überhaupt nichts mehr weiß. Mein Kopf ist dumm von zu vieler Klarheit.« Herr Monnier legte ihm die Hand auf den Arm, und er hielt inne.   Hombergers Ankunft brachte ein wenig Zerstreuung, wenn auch alles eher als Trost, indem dieser wandelbare Jüngling sich neuerdings nun von den Künsten hinweggewendet und das Tummelfeld der Journalistik betreten hatte. Der Dichter fand in seinem Kleinmut willigere Bestärkung als er suchen mochte; es entstanden die drolligsten Fehden zwischen den beiden, soweit der Student, eine liebenswürdige Natur, auf Händel sich überhaupt einließ. Tage um Tage, Wochen um Wochen reihten sich hintereinander wie eine Flucht von raucherfüllten Zimmern, in denen Bach um seinen Verstand, um Augenlicht und Gehör, aber auch um den Ehrgeiz kam, weshalb er die Hölle überstand und sogar recht schnell vergaß, wie nun die Frühlingsregen einsetzten, in deren Bad er vor Beglückung manchmal aufstöhnte. Es regnete ins Schilf und über den trüben See, die Inseln schwammen durch Nebel davon, besonnte Dörfer geisterten im Geschleier. Alle Zauberküsten der Kindheit spiegelten sich golden aus der Luft herab, in den Parken roch der Herbst noch einmal auf, die staubweißen Straßen lebten von lenzlichen Märchen. In erwachender Tatenlust griff Wendelin wieder zu Büchern. Er las mit Begier und ganz erfüllt von der Wärme seliger Benommenheit, einem holden Abenteurermut, welcher kindlich die Verwandlungen dieser so heiteren Welt verfolgte. Es war ein Landsmann und Zeitgenosse, ein schon betagter Klassiker, der ihn dermaßen begeisterte. Sein Beispiel gab ihm Zuversicht, und dafür dankbar, ein bißchen vielleicht auch aus Vorwitz, spielte Bach mit dem Gedanken, den großen Mann sogar aufzusuchen; er entfaltete sich, legte den Träumer beiseite und bekam Mut auf die Welt, wie es sich zeigte; auf seine Weise hatte ihm die Vaterschaft eines Buches nun doch den Nacken gestärkt – wo hätte er anders die Lust hergenommen, einer lebenden Berühmtheit gegenüberzutreten. Frohlockend warf er sich eines Abends hin: »Mein erster Brief an einen Dichter! Er wird mir nichts einbringen; aber soll ich mir den Reiz entgehen lassen, der sicherlich darin liegt, einem berühmten Manne wie einem Wind zu nahen? Sie nennt man schließlich in jenen Häusern der Erde, in denen ihre maßgeblichen Geister wohnen. Ohne Ihr Wissen bedient man sich Ihres Namens zu einem freundlichen, seinsinnigen Handel, der zwischen den Gelehrtenstuben hin und wider spielt. Sie sind ein Gemeingut der Menschen, und dadurch unterscheiden Sie sich doch wohl in einer grundsätzlichen Weise von allen, die da leben und hinweggehen. Das schließt nicht aus, daß Sie persönlich vielleicht kein Merkmal des Besonderen an sich tragen; Sie leben in Ihrer Stadt, wie ich mir denken kann, ein wenig zurückgeschoben, Sie mit Ihrem Erbe von Götterträumen, mit Ihrem Haupte voller Tempel, Waldgebirge, najadengefüllter Meere! Ich werde ganz übermütig. Es plaudert sich so leicht mit einem Meister; ich wiege mich in der Zuversicht, daß Sie mir gar nichts verübelnder Sie alles wissen, den nichts zu kränken vermag, da Sie die Wahrheit sehen.« Mit diesem Brief in der Tasche strich er in der Seegegend herum, wanderte gegen das Gebirge vor; indem es zu wachsen nicht aufhörte, streckte er ihm ein wenig die Zunge heraus und kehrte zurück durch ein Land von treibenden Kirschbäumen; die Amseln sangen und die Häher schossen hin und her, in allen Gräben sprudelte das Wasser. Gleichzeitig mit einem Frühlingsgewitter langte er im Dorfe an. Es roch unglaublich nach Blust, eine weiße Herrlichkeit von Regen schob sich lautlos herauf; von fallenden Tropfen zuckten die Tulipanen, dunkelte die Straße und duftete alles Gemäuer. Gerade noch etwas benetzt, ein bißchen frierend, saß Wendel vor seinen Büchern, als der Sturm ausbrach. Der Himmel senkte sich finster hernieder, Eiskörner prasselten gegen die Scheiben; jauchzend neigte sich der Jüngling über seine Blätter: »Meister, Meister! Es ist so dunkel, daß meine Feder einen Flaum von Schatten bewegt, es riecht nach Magnolien und Pfingstrosen; Städte und Ozeane kommen ganz nahe heran, und mich dünkt es, ich werde noch unaussprechliche Dinge vollbringen! Ich habe es aber nicht eilig, ich schließe die Arme um das Spielzeug meiner Eschengärten, Grashügel, Frauengemächer. Ich gedachte Ihnen meine Verzweiflung zu klagen. Ich redete mir ein, Sie würden hingehen und mir einen Trost wissen, an dem ich auf alle Zeiten genäse. Aber nun weiß ich nichts mehr, als daß das Leben wie ein Gewitter über uns steht; ich leide an dieser Fülle, aus der sich mir nichts gestalten will. Es kommt mir alles groß vor, was Sie und Ihresgleichen geschaffen haben, es dünkt mich alles trostlos, was ich so verrichte.« Ein etwas lügenhafter Kornblumenhimmel öffnete sich gegen Abend. Die Buchenwälder dufteten ferneher, die Amseln sangen wieder in den Gärten. Wendel hatte seinen Brief zur Bahn getragen; nun widerstrebte es ihm, nach Hause zu gehen, es war Damenbesuch erwartet. Plötzlich regnete es wieder, es blieb nichts anderes übrig als umzukehren. Im Hausflur stutzte er. Der Geruch, den der nasse fremde Schirm verbreitete, ergriff ihn ebenso wunderbar wie die Mädchenstimme im Haus, eine Stimme, aus der das Bild ihrer Inhaberin lieblich und dunkel aufstieg. Müdigkeit überfiel Bach zugleich mit einem festlichen Fieber; er setzte sich in die Küche und überlegte die für ihn eingetretenen Veränderungen. Er würde jetzt in die Zärtlichkeiten dieser Frau wie in einen Laubwald eingehen, stellte er sich erschauernd vor. Sie war gekommen, die Zeit war da; in den nächsten Minuten würden sie einander gegenüberstehen, die Geliebte vielleicht mit einer kaum bemerkbaren freudigen Verwunderung seine Entdeckung machen, während es ihm selber vorkam, als hätte er sie ja immer gekannt, in einem früheren Leben sogar geliebt. »Du süßes Geschöpf!« sagte er, in sein Zimmer hinaufsteigend, um sich völlig für den heiligen Augenblick zu sammeln und vorzubereiten, Abschied zu nehmen von der Vergangenheit der Halbheit, der Unzulänglichkeiten, der Sehnsucht, der Zerfahrenheit. Durch die Wände herauf vernahm er manchmal den schwebenden Wohllaut ihres Lachens; er sah ihre Fußgelenke, die schmalen Arme, den Mund, eine frauliche Weichheit, die ihre Schläfen beschattete. Ihr Leben erfüllte wundersam alle Räume; kindlich schmiegte er sich an das sanfte Bild, das ihm sein Gefühl bewegte. Er stieg leise wieder hinunter, berührte ihren Hut, der auf einem Stuhle lag, den Griff des Schirmes; erblaßt und schwindlig saß er eine Weile – auf einmal ging die Tür, die warmbetaute Stimme klang golden auf; er erwartete die Erscheinung verstört und zitternd. Die erste Überraschung traf ihn wie eine Faust vor den Kopf; allein, in Enttäuschungen erfahren, begriff er die veränderte Sachlage mit verhältnismäßiger Geistesgegenwart. Er erkannte die ihm gemäße Form des Erlebens in der scherzweisen eiligen Korrektur, die seiner ausschweifenden, reichlich belletristischen Phantasie zuteil ward. Mit einem Blick überflog er die ältliche Erscheinung und verstand, nachdem er gegrüßt, weder wehleidig noch bitter sich in die Dinge zu schicken, ja er frohlockte im Gedanken an Maja, fühlte sich in gewisser Hinsicht Strapazen enthoben und tat sich etwas auch darauf zugute, sich in seinem Pessimismus bestätigt zu sehen. In der wachsenden Helle des Abends lebte sein Inneres auf. Er begann zu schreiben. Der Abschied vor der Tür weckte sein Ohr. Er hörte den Schnee mit weitem Gebrause niederstreichen. Das Mädchen stand eine Weile allein, und wieder berührte es ihn absonderlich, sie auf der Schwelle zu wissen, ohne doch einen Laut von ihr zu vernehmen, der leichten Gestalt. »Gott soll dich segnen, du drolliges kluges Geschöpf,« lachte er bei sich. »Trotzdem du leider nicht aussiehst wie du es deiner Kehle wohl schuldig wärst, graue Nachtigall.« Lächelnd setzte er seine Arbeit fort und schrieb bei der Lampe noch gegenüber einer sammetschwarzen, lautlosen Nacht, von der er nicht wußte, ob sie Schnee oder Regen herabwarf. Sehr spät gab es den Anschein, als ob noch entfernter Donner sich regte; er dachte an Sommer und Kirschen, er jauchzte in seinem Herzen. Die Antwort des Meisters ließ nicht auf sich warten. »Kommen Sie nur, lieber Herr,« schrieb er. »Wenn Sie sich Nutzen davon versprechen, mich alten Mann zu konsultieren, dann kommen Sie. Auf jeden Fall entledigen Sie sich Ihrer Gewissenskrebse, dieser höllischen Fracht, die zu nichts hilft, und seien Sie fröhlich.« Wendel hüpfte. Es war auch von Guido ein Brief eingelaufen, er besaß somit fürstliche Post für seine Reise, die er zu einem solennen Fest ausbildete. »Hallo! rate wo ich gerade stecke?« schrieb der Maler. »Ja, ich bin wieder in Paris. Paris ist der schöne Jüngling, der über den Apfel des guten Geschmacks, die Insignien der Zivilisation entscheidet. Die Grazien wohnen hier und promenieren, annoch im Schutze von Pelzen, Boulevard hin, Boulevard her als ein kindlicher Fasching verkappten Göttertums. Nymphen und Bacchantinnen, Wendelin, ergehen sich hier in den Straßen, eifersüchtig auf ihre Bürgerlichkeit, untadelig in ihrem Katholizismus. Es sproßt hier eine nicht wieder zu findende Art von Frauenlachen, es gibt die rundgedrehten, rührenden Hälschen, die Puppenköpfchen, die behutsamen Wimpern, alles, was nur anmutig ist. Trotzdem verliebt man sich nicht; man fügt sich ein in die Kollektivliebe, die alles gleichermaßen umfaßt: die Palais, die Museen, die Parke, die Kinder und Greise, das Bois, den Fluß, den lenzlichen Himmel. Ach, am Ende gilt das nicht für die Handelsmenge, die da, wie allerorten, vor sich hinrennt; aber zählt diese heimatlose Meute, die am Leben vorbeilebt und im Jenseits sich nicht erinnern wird, wie die Erde aussah! Ich habe eine sonderbare Entdeckung gemacht, mein Guter. Eine Entdeckung, von der ich noch nicht weiß, ob sie mich erst ins Leben einsetzt oder mich daraus hinauswirft. Ich habe bemerkt, daß es mich nur dann zu malen treibt, wenn ich aufhöre mit dem Herzen zu konsumieren. Diesbezüglich komme ich hier nicht aus den Verbindlichkeiten hinaus. Ich habe nach Versailles zu rennen, da in den Bäumen herumzustehen, ich habe des Nachts von Laubgebirgen, Wasserfällen, Tritonen zu träumen; du sollst es mir bitte nicht verargen, wenn ich auch Freunde annahm, einen ganzen Kreis von ernsthaften Malern, die noch des Glaubens und Eifers leben, es hange allerlei davon ab, daß sie große Leinwände von oben bis unten mit Farbe bedecken. Darüber disputieren sie hitzig an den Biertischen, um die wir uns versammeln. Wir unternehmen Studienfahrten von Bude zu Bude, was allemal einer kriegerischen Operation gleichkommt, denn da wird unerbittlich begutachtet, getadelt, gestritten, geweint, bejubelt und prospektiert, heißes Zuckerwasser gesoffen und wiederum in die Welt ausgebrochen. Ich nehme an, dabei mitzumachen beruhigt mir mein Gewissen. Ich bin unter allen der einzige, der nicht Bier, sondern mit Hilfe eines Getreidehalmes Sirup lötet, ich bin der einzige, der noch für Rembrandt etwas übrig hat, ich bin der einzige, welcher Geld besitzt. Sie verachten mich aus Gründen dieser angeführten Eigenbröteleien mit einem mitleidigen Wohlwollen, und das ist es ja gerade, was sie mir unentbehrlich macht. Endlich bewege ich mich einmal in dem Milieu rücksichtsvoller Ablehnung, das ich recht eigentlich als mein mir zusagendes Klima erkannt habe. Ich ziehe daraus eine hochgemute, mich stärkende, sonnige, fromme, klösterliche Bescheidenheit, wenn ich so unbescheiden sein soll, diesem Um- und Zustande Ausdruck zu verleihen. Es berechtigt mich, das dunstige Quai entlang nach dem Louvre zu schreiten, mit einer so sektiererisch verzückten Erwartung auf die Gemäldefelder, daß ich das Aussehen eines Weintrinkers annehme. Vor dem Museum dämmert eine Sonnenschlucht, die mich anzieht wie Mohn. Hier wärme ich mich, hier sitze ich auf Marmor und strecke mein Bein wie ein Rheumatiker aus. Ich darf meine Nase erheben nach den tausend weggeworfenen Wohlgerüchen dieser unvergleichlichen Stadt: Kamille, Puder, uralter Palastluft. Wirst du mir glauben, daß die Damen wie sie hier sind, darüber in Zwiespalt geraten, ob sie mir ein Almosen anbieten müssen? Es gibt keine besseren Herzen als die der Pariserinnen. Vergangenen Montag – man muß wissen, was Träumermontage in Paris sind, verlassene Morgen, wo die andern von toller Vergnügung hinweg in Fabriken und ferne Sklaverei gegangen sind – es versammelte sich die Fülle, Farbe und Unruhe der Jahrtausende zu meinen Häupten, weshalb ich vorerst das Fräulein übersah, das mich betrachtend vor mir stehenblieb. Dann aber sprang ich von meinem Sitze herunter und hielt treuherzigen Blickes meine Mütze hin. Ja, das tat ich, feinfühlig genug. Welchen Gefallen erweist man Damen damit, daß man ihnen Gelegenheit gibt, ihre Herzensgüte anzuwenden! Ihr trieb es das Wasser in die Augen. Sie schenkte mir einen Taler. Auf dreien Beinen verwunderte sich ihr Hündchen über meine notleidende Existenz; im hellen Mittag zitterte es bitterlich vor lauter Winzigkeit. Du wirst begreifen, daß mich das entzückte; ich griff nach dem Trippelding, es stellte sich hinter die Füße seiner Besitzerin, indem es mich immerhin beschnüffelte. Daß sie nun stehenblieb und sogar, damit ich das Tierlein erreiche, ihr Gewand um die Knie zusammenraffte, das erschien mir denn doch als ein Höchstmaß von Zartsinn; ich zog mich betroffen zurück. Dies verpflichtete sie ihrerseits, in einer ernsthaften Nachdenklichkeit, irgendeine weitere Vergünstigung zu überlegen. Sie sagte: »Ist Ihnen damit gedient, mein Herr, daß Sie mir das Bijou nachtragen?« Ich versicherte ihr, daß ich das in der Tat außerordentlich zu schätzen wüßte. Dann möge ich meinen Dienst aufnehmen. Ich folgte ihr nach, das Bijou tragend, das sich nunmehr wie ein Frosch gebürdete, winselte, zappelte, mir freudig in das Gesicht sprang. Wenn die Herrin wiederholt mich ermahnte, sie mit niemand verwechseln zu wollen, so schwieg ich dazu aus der Aufmerksamkeit eines Pagen, der ich nun war, und um ihr anderseits zu bedeuten, wie schwer es mir falle, den Sinn dieses Verdachtes auch nur zu verstehen; ich gab ihr alsdann zur Antwort: »Sehr wohl, Baronesse.« Wir kamen in das Quartier der Balustraden, des wilden Weins, der Statuen; die Aussicht, denn doch nicht so ganz mit Willen in das Dasein eines Leibdieners hineinzugeraten, schreckte mir ein wenig das Herz auf; ich dachte an alle die heroischen Landschaften in meinem Kopf; eine Art Künstlerstolz veranlaßte mich zu sagen: »Madame, Sie haben in mir übrigens auch nicht den ersten Besten vor, oder sagen wir hinter sich.« »Wen habe ich denn hinter mir?« sprach sie und trat in ein Schloß ein. »Sagen Sie mir, mit wem ich die Ehre habe?« Ich stellte meinen Schützling auf den allerschönsten Teppich nieder und erlebte zu meinem Schrecken, daß die Baronin, nachdem sie sich ihres Jacketts entledigt, duftend und wunderschön, mir die Ellenbogen auf meine Schultern setzte – »Wer hast du den Mut zu sein, du Maler, du Rosenschwärmer und Wolkensegler?« – – – Die Wahrheit, Wendelin, ist natürlich die, daß mir dergleichen so wenig wie dir widerfährt. Ich bin verliebt, verliebt, verliebt in den Louvre – diese Stille in den Sälen, diese auf dich lauernden Lieblichkeiten, diese so erstaunlich einfach aussehenden Urbilder gerühmter Schätze, jung gebliebene Götter einer braunen Zeit, goldene Gestalten, deren Herkunft, Alter, Einmaligkeit und Bedeutung sie wie eine Gefahr umgibt ... als könnten sie plötzlich erlöschen, an ihrem inneren Lichte zerspringen. Ach, wenn es draußen regnet, Wendelin, wenn es vielleicht ein bißchen donnert! Es drücken sich heimatlose Gesellen herein, wenn sie einmal ein Dach über sich haben möchten; dann finden sie nebenbei die Gemälde, sie halten den Hut vor der Brust, und mancher läuft wieder hinaus, weil ihm vor Ehrfurcht der Schweiß ausbricht. Ich verreise möglicherweise nach Spanien. Ich habe Heimweh nach Toledo, der hochgebauten Stadt... Wenn ich über die Brücke eintrete, wird es dann eben zu regnen anfangen, steppeduftenden Regen, Ritterregen, Ruinenregen? Ich fahre weiter nach Syrakus, weiter nach Ithaka; ich beginne einzusehen, daß ich über eine gewisse Grenze der Geborgenheit hinausgeraten bin in das Unheilvolle. Es erweist sich an mir das alte Gesetz von der Unvereinbarkeit des Behagens und der Größe; es ist aber ein Behagen, zu verehren – meine Genies hier dürfen nichts verehren – es ist ein Behagen, unglücklich in der Welt herumzustürmen; Geld zu besitzen ist ein Behagen in dem Falle, wo man nicht versteht, es in einer überlegenen, freiwilligen Weise zu besitzen. Ich werde unter Umständen dahin gelangen, Teppiche, Muscheln, Pharaonengeräte aufzukaufen, leider weil ich dergleichen brauche oder zu brauchen glaube; ich Elender, ich verderbe an meinem Herzen! Es ist so gut hier, mir ist so freudig zumute, ich erwarte den jungen Holländer Van Steegen, mit welchem zusammen ich in St. Germain einen Gürtel erhandeln will für seine gewisse Saskia, die in Dorp noch die Volksschule besucht, aber genau weiß, wer dieser Jüngling ist, auf ihn wartet und in ihrer jungen Mütterlichkeit die Maria und Schutzherrin seines Eifers darstellt. Ihm seinen Spaß zu ermöglichen, vergnügt mich derzeit mehr als ein Bild zu malen. Es scheint, ich werde noch tantenhaft. Brekekekex.« Mittlerweile hatte Bach die Stadt seiner Wallfahrt erreicht, er steckte den Brief in die Tasche und stürmte hinaus in die Frühlingsgassen, schnurstracks dem Herzen nach, welches ihn derweil zum Narren hielt; der Dichter wohnte nicht so wie er dachte. Er bewohnte eine etwas spießerliche Villa vergangenen Stils; aber Wendelin, voll Verständnis für den Eigensinn seines Greises, dessen menschliche Zeit einer früheren Welt angehörte, schnupperte erschauernd den Duft dieser Astgehänge, das homerische Harz, das den Garten erfüllte. Beinah blöde stand er vor dem Hause, von dem er einmal wußte, daß es mit seinen Zedern und Magnolien keine Belanglosigkeit umschloß. Die Gegenwart des olympischen Geistes erfüllte ihn tröstlich und beglückend, die Erwartung naher Erlebnisse befeuerte ihm das Herz mit einem quellenden Fieber. Derweil regte sich nichts in den Fenstern, ihm aber fehlte der Mut, von sich aus hineinzugehen; beklommen wandte er sich in die Allee hinaus. Da sah er einen schönen Greis in der Begleitung seines Windspiels daherkommen. Der Schatten des Hutes deckte die Augen, die den jungen Mann zu betrachten schienen. Er bog auf das Portal zu, indem er einen Schlüsselbund aus der Tasche nahm – »Das dürfte wohl der Poet sein?« sprach er. »Haben Sie am Ende schon lange da gestanden und hat man Sie drinnen überhört, wie es scheint? Macht das warm, nicht wahr! Schauen Sie, die Straße liegt übersät von den Spänen des göttlichen Pfeifenschnitzers.« Er hatte geöffnet und war wieder hinausgegangen, gefolgt von dem Hunde, der seine Schnauze herzustieß, wenn die gebrechliche Hand auf den Boden griff. Bach nahm seinen Hut herab, während der Dichter nahe vor ihm mit belebten Fingern eine Knospe zerlegte, zu seinem Vortrag über die Arbeit der Blüten, ihre Angst und Notwehr in der Schlacht um Fortkommen oder Untergang. »Kein Mensch macht mir weis,« sagte er und begann zu gehen, »daß es mit Dingen wie Luft und Wärme dabei getan sei. Ganz andere Kräfte flimmern zu dieser Zeit herab. Wir befinden uns inmitten der Fiebertätigkeit des Geistigen, das sich wieder auswirkt in seinen tausendfältigen Einkleidungen. Das ist eine Rückkehr von Süden, eine Lüftung der ewigen Wohnungen – eine Hoffnung für uns. Man wundert sich jedes Jahr neu über die Unverwüstlichkeit der alten Seligkeiten: Primeln und Löwenzahn –« er lächelte – »diese genialen Sentimentalitäten im Panludium. Kommen Sie, kommen Sie!« Verehrungsvoll lief Wendelin in der Geleitschaft des Meisters, welcher mit lebhaften Augen die Wipfel und Vögel, Büsche und Beete seines Gartens beobachtete, stets fort in liebem Geplauder. Der Wohlgeruch vornehmer Räume schlug dem Gaste entgegen. Eine Dienstmagd, welche herbeikam, gemahnte an Majas lieblichen Ernst, so daß der Hausherr, Mendels Frohsinn bemerkend, mit den Händen am Scheitel stehenblieb, lächelte, sich über die Haare strich – »Gehen wir da oder dort hinein?« sagte er. »Gehen wir dort hinein!« – schritt in einen Saal voran, besann sich noch einmal und schlug vor, in der Bibliothek ein wenig zu sitzen. Er machte wieder den Führer, indem er so sanft und kindlich über die Teppiche wandelte, um die Palmen bog und die Treppe hinanstieg. Hier fand sich wieder die besinnliche Griechin; er legte dieser seine Hand auf die Finger, sagend: »Einen kleinen Moment, Herr Bach; man wird Sie führen.« Sogleich erhob die Jungfrau ihre prachtvollen Augen zu dem Fremdling. Herrgott, wie gleicht sie doch Maja! fuhr es durch ihn, und eine Lohe schlug ihm zu Kopf, als er in ihrem Atem über die Schwelle schritt. Auf weichem Smyrna stand er in dem Baumgeäst, das aus dem See heranstieg. Bücherwände schimmerten golden in der Purpurluft einer Hyazinthe. Und gleichen sich doch wieder nicht, sagte sich Wendelin und blickte seliglich in den Himmelsgrund, bis der Dichter kam, der ihn zu sitzen einlud. Das Literarische war keineswegs seine erste Frage; vor allem erkundigte er sich nach den Verhältnissen im Volksschulbetrieb, von welchem er aufmerksam als von einer bedeutungsvollen und schönen Sache in der Art eines Laien redete, der aus der Fülle seiner Erkenntnisse heraus alles betrachtet, aufs Wesentliche dringt und verblüffend einfach zu urteilen weiß. Er lobte die Neuzeit gegenüber den Zuständen, aus denen er selber hervorging, er freute sich, manches verwirklicht zu sehen, was er noch erst der Zukunft überwiesen hatte; es gebe denn, lächelte er, allen Anschein, daß die Erzieherschaft sich ihres Schneckenhauses entledige, frischfröhlich das Panier der Natürlichkeit erhebe, ja manchenorts an der Spitze des Lebens stehe, was vor allem dazu berechtige, der Entwicklung der Dinge mit Frohmut entgegenzusehen. Des genauesten unterrichtete er sich über alles was die Schule an Belehrung vortrug. Diesem Großen, der ganz danach aussah, als ob er beiläufig auch manche Wissenschaften beherrschte, schüttete der junge Lehrer sein Herz aus, indem er sich über die Unvernunft beklagte, welche das Kind mit Gelehrsamkeit zwar nicht eben verdrieße, wohl aber unbemerkt seines Besten beraube, wenn sie es fertig bringe, das schöpferische Gemüt zu ersticken und eine fruchtlose Eitelkeit an dessen Stelle zu setzen. Bekümmert eiferte er gegen die Rattenfänger der Nüchternheit, diese Sippe, die keine Nase für Nuancen, nur eine naive Unverfrorenheit in der Beurteilung alles Künstlerischen, Unnützlichen, Verwandlungsfähigen, Lebendigen habe. »Dessen getrösten Sie sich!« erwiderte lächelnd der Meister. »Unserer Menschheit wird auch das noch genommen, was sie nicht hat.« Er sann einen Augenblick. »Steht nicht immer noch die Gewalt der Wissenschaft, die eine Gewalt ist, gegen uns an? Und doch verhält es sich mit der Kunst wie mit der Liebe, die gegenüber der verstandesmäßigen Erkenntnis allumfassend zu nennen ist. So eine Dichtung will zuletzt weder beweisen noch Gutes tun, sowenig wie die Liebe; ihre Art ist beglückend und eine Spiegelung aller Wahrheiten, ganz gleichgültig ob anerkannt oder vergessen. Nützlichkeit, Tugend, Begreifbarkeit, Absicht, das sind halbe Werte, gut für die Anspruchslosen; nun streiten wir uns aber nicht mit diesen.« »Sie bringen es manchmal fertig, uns zu verwirren.« Der Meister streifte ihn mit einem Blick. »Verwirren sie uns manchmal?« sagte er milde. »Oder verfangen wir uns in den eigenen Schlingen, hm? das wäre auch denkbar. Geht es Ihnen nicht gut, Herr Bach? Erzählen Sie mir ein wenig von Ihnen.« Wendelin, der sich vor Scheu und Verehrung wie eine Kerze aufrecht hielt, schüttelte sein errötendes Haupt. »Von mir ist nichts zu erzählen.« Da lachte der alte Herr. »Auch das ist eine Geschichte!« »Ich habe mich noch zu bedanken für Ihre Freundlichkeit, mich zu empfangen.« »O!« Der Junge erhob sich. »Nein bitte bleiben Sie sitzen; wollen Sie schon gehen?« Er zog einen Vorhang gegen den Sonnenrauch, der übers Gesimse brandete. Wipfel und Seeglanz dämmerten verdunkelt herein. Wendelin bot seinem Wirte wieder die Hand, und dieser ergriff sie verwundert. Endlich sagte er: »Was soll ich Ihnen denn vorweisen, das Sie interessieren möchte? Ich besäße Briefe von gestorbenen Größen, allein derlei läßt uns kalt, ich weiß es; Reliquien lassen uns kalt. Ich kann eben nichts für Sie tun als Ihnen noch einmal zu versichern, daß Sie es genießen sollen, unbelästigt vom Ruhm, diesem Spielverderber, Ihre Werke zu erfinden. Ich tue Ihnen damit noch weh, nicht wahr; aber glauben Sie mir soviel: Wem es nicht gelingt, den Bettel eines vergötterten Namens hinter sich zu werfen und jedesmal als ein Neuling zu beginnen, der ist verloren vor der Naseweisheit, die ihm sein Haus belagert. Es gibt nichts Unverschämteres als den Hochmut, der sich anmaßt, uns zu salben. Haben wir irgend jemandem dieses Recht eingeräumt? Krönen mag uns gegebenenfalls die Ewigkeit, wollen wir einmal sagen. Von Menschen soll es uns freuen, wenn sie uns achten, finden Sie nicht auch? Versuchen Sie fertig zu werden mit den unvermeidlichen Rückwirkungen unserer sublimen Arbeit; es kommt eine Zeit, wo wir über sie hinauswachsen. Wir sind dann vielleicht nicht lebendiger.« Nach seiner stillen Art bewegte er sich in dem Flaumlicht umher; aber gehorsam blieb er stehen, als der Gast wieder Miene machte, seiner Unruhe zu folgen und sich zu empfehlen. »Nun sind Sie so weit gefahren, und ich konnte Ihnen Ihre Erwartung, die Sie herumtreibt, auch nicht erfüllen. Es wird Ihnen noch oft so ergehen. Man erlebt Tage – es regnet vielleicht, man hält sich zum Beispiel gerade in Kopenhagen auf, dann sucht man auf einmal hinter den Wänden liebe Menschen, mitfühlende Seelen. Sie erraten, was ich meine. Wenn man dann nicht hingeht, um sich eine Enttäuschung zu holen, so heult man ein bißchen bei seinen Geranien. Es gibt den Anschein, als ob die Gewässer aufleuchteten; man rennt mit den Fäusten auf der Brust in dem Käfig umher, errötet vor Jubel und findet alles so groß, so gut, so aussichtsreich; ein demütiges Selbstbewußtsein glüht uns im Herzen auf, und das ist der rechte Helfenden wir immer anderswo suchen. Es ist uns nicht leicht gemacht, ich weiß; die Plagen sind tausendfältig. Die Menschen ereifern sich, das zu verstehen, aber sie verstehen immer alles andere voneinander als das, was die Wahrheit ist, und betrüben sich dann, wenn sie sich in ihrer Teilnahme verkannt sehen. Aber das Schauspiel eines Gewitters, oder die kleine Stimme eines Vogels, finden Sie nicht, Herr Bach? entschädigt für jederlei Trübsal. Im Grunde bleiben wir doch alle das Gegenteil von Pessimisten, weil wir uns viel zu sehr in die unerhörte Schönheit und Fülle der Natur verliebt haben; ihre Genialität erstaunt uns jeden Tag aufs neue, und wenn wir manchmal Gelegenheit nehmen, Gott zu grollen, so verhindert das nicht, daß er an uns die ergebensten heimlichen Beobachter hat, denn niemand versteht ihn so wie wir, die wir vom Handwerk sind und wissen, was es mit seiner geradezu lasterhaften überschwellenden Schöpfungskraft für eine Sache ist.« Irgendeinen Zuspruch von der Art, mochte der Greis vermuten, hatte das junge Blut sich von ihm erwünscht. Sei es nun, daß er plötzlich seine Zeit für sich selbst benötigte, sei es ein kleiner Argwohn des Alters – vielleicht unzulänglich gepredigt zu haben! – eine gewisse Verdrießlichkeit erschien in seiner Miene; beinah zerstreut gab er dem Jüngling die Hand zum Abschied und entfernte sich in ein anderes Zimmer. Das Gesicht Von solchen hochmütigen Abenteuern kehrte Wendel verwirrt und ein wenig hitzig in die Welt zurück; die Arbeit, die fremden Menschen und der grünliche Himmel verursachten ihm süße Gefühle, vermischt mit Ängsten, flüchtigem wilden Heimweh. Aber die wonnigen Verschiebungen, welche die neue Umgebung in ihm hervorrief, glichen sich alsbald aus, und was blieb, das war eine müde Not, nach Verzückungen zu suchen, die nicht kamen; er litt an seiner Fronarbeit, die Gerüche der Frühe umwarben ihn balsamisch, voller Wälder und Meere. Nun wo er keine Möglichkeit absah, sie zu bergen, verströmte er schimmernde Träume. »Ich habe mich so wahnsinnig gefreut,« sagte er zu Elisabeth, bei der er dann saß; »ich rutschte auf Knien vor Gott herum aus Entzücken darüber, wieder in Majas Nähe zu kommen; aber was habe ich jetzt davon, vor den Toren dieser angebeteten, vergötterten, unvergleichlichen Stadt leben zu dürfen, wenn mein ganzes Gefühl davon die Verzweiflung darüber ist, es eben nicht zu empfinden? Da hinter den Bäumen geht Maja herum; wenn eine Glocke läutet, dann vernimmt sie auch Maja; die aufquellenden Abende, die Frühlingslüfte, die klingenden Winde der Nacht erlebe ich wieder gemeinsam mit Maja; aber was ist das nun anderes? Es überwältigt mich ja nicht, es bleibt alles vor und außer dem Herzen, das Märchen bricht nicht durch, und das Leben, das eigentliche, mir allein gültige Leben, das spielt sich noch immer irgendwo außerhalb ab, wenn überhaupt es sich abspielt. Ich fühle mich nur beleidigt; das bessere Wissen in mir verschließt sich gegen diese Wirklichkeit, diese Scheinwirklichkeit, zudringlich und metzenhaft. Was habe ich zu schaffen mit einer Gegenwart, die vor dem Herzen versagt? Ich wollte wieder in meine Bauernverbannung zurück, in jenen Feldern lebt die Königin noch unverblaßt. Hier weilen zu dürfen erschien mir als eine fast nicht zu ertragende Seligkeit; nun bringe ich meine Tage damit hin, diese Wolken gewöhnlich, den Sonnenschein ein wenig spießerlich und mich selbst mit einer gewissen ermüdenden schauderbaren Unbedeutung behaftet zu finden. Es klingt hier irgendwo ein Amboß mit so entsetzlicher Unverdrossenheit, daß einem vor Melancholie die Sinne vergehen. Hat auch die Königin keine Macht über die Bestien des Alltags, ja wie soll das dann kommen? Ich fürchte, ich fürchte mich. Mir ist zumute wie den Hebräern, als die Stadt Babylon in der Ferne aufging. Ich wollte, ich hätte nie damit angefangen, an das Überschwengliche zu glauben; in meiner Erinnerung ist soviel Nelkengeruch des Märchenhaften; aber es reut mich alles, die Königin dauert mich; ich wollte das Tal aus meiner Vergangenheit ausmerzen können.« Wenn er einhielt, blickte Elisabeth vor sich nieder, ohne ihm Belehrung zu wissen. Gelegentliches Aufwachen der Empfindungen nährte nur den Kummer, in welchem er dahinlebte. Angesichts des Berges kamen ihm manchmal Tränen, aus Erbitterung über die Stumpfheit, in der er dabei verharrte. Des Nachts versuchte er in mühsamer Andacht, mit dem Wunderbaren Verbindung zu finden, das ihn doch umgab und das er tagtäglich verscherzte. Er versteifte sich maßleidig auf sein Wissen von einem edleren Ablauf der Dinge. Inmitte der freundlichen, scheinbar reibungslosen, aber nichtssagenden Welt argwöhnte er Betrug und Unterschlagung. Er gab sich damit nicht zufrieden, den ersten besten Ersatz für das Dasein zu nehmen, gewissermaßen ein Stockwerk tiefer in den nämlichen, aber lichtlosen Räumen zu wohnen. Da sich anderseits keine Wege zeigten, die aus diesem Tal der Täuschungen hinausführten, litt er Stunde um Stunde ein zermürbendes Herzeleid, wie er es mühseliger nie ertragen hatte. Zuweilen fuhr er erstickend auf. Er war wieder auf Lydia, seine Afrikanerin, gestoßen, an ihrer Hand wie vordem als Knäblein durch fremde Gassen gegangen, hatte sich irgendwo in einer Dachstube hegen und verpflegen lassen und erfreute sich somit nun zweier Horte, die ihm offen standen, ohne freilich vor seinem üblen Mute viel zu vermögen. Lydia erzählte von Kamerun oder von den englischen Herrschaftshäusern, je nach dem Wink seiner Laune und machte nicht Anspruch darauf, von ihm selbst und den Hintergründen seiner Melancholie zu erfahren, sehr im Gegensatz zu Elisabeth, die ihn nachgerade mit ihrer teilnehmenden Hartnäckigkeit aus der Fassung brachte. »Gottes Gerechtigkeit!« rief er lümmelhaft, »könnt ihr mich nicht vor eurer Treue und Fürsorge verschonen –« »Auf Wunsch läßt sich das machen,« unterließ sie natürlich nicht, ihm eilig zu erwidern. »Ich habe dir allzuoft Anlaß gegeben, mich wichtig zu nehmen; verzeih es mir –« »Ist gerne verziehen.« »Man sollte denken, welche Bedeutung meinen allerwertesten Schmerzen zukäme! Verziere ich mich denn damit, hausiere ich sie in den Landen herum? Elisabeth, ich schwöre: Dafür schmecken sie allzu bitter!« Sie überlegte bevor sie es sagte und stolperte dann erst noch ein wenig: »Zu dem Zwecke nimmt man sich Freunde, seinen Nöten eine Zuflucht zu haben. Ihr Lyriker im besondern lebt von der Zwiesprache, allem setzt ihr gleich die Pistole auf die Brust, ihr fordert alles zum Duell heraus, euch selber täglich und stündlich, und jemand muß es ja wohl tun in dieser Welt der Trägheit, jemand Hitzköpfiger, Ausschließlicher, Unversöhnlicher und Leidender muß da sein wie ein Gewissen.« Nach einem kleinen Schweigen erhob sie den Blick zu ihm. »Deine Wachheit, Brüderlein, und dein empfindsames Wesen sind es doch gerade, die dich mir von andern unterscheiden. Traust du mir nicht so viel Urteil zu, die Verzweiflung der Intelligenz von der Wehleidigkeit zu kennen? Dein ceterum censeo ist der Ruf nach Heiligung, Steigerung, Verinnerlichung und Erlösung des Lebens, du bist ein Nimmersatt der Seele; aber gerade so wie du dies nicht aus Brünstigkeit bist, sondern aus Gotteshunger, aus deiner Ahnung glühenderen Daseins, geradeso leidest du nicht für dich selber, und deine Person ist nur deshalb dein Mittelpunkt, weil sie naturgemäß auch dein bestes Objekt der Beobachtung ist.« »Du siehst mich so, wie einen der allerbeste Freund wohl sieht: ausgestattet mit den Schätzen deines eigenen Herzens. Sie geben mir das Aussehen eines Boten Gottes, was ich nun wirklich und leider nicht bin. Ich denke nicht, daß Gott mich benötigte, daß ich irgendeinem höheren Reiche oder der Menschheit zu Hilfe kommen müßte; es handelt sich schlecht und recht um mich selbst, um meines Verlangens Befriedigung, und wenn sie mich kaum je zu stillen vermag, so liegt das nicht an den Dingen, es liegt ausschließlich an mir, ich beschwöre dich, mir zu glauben; schon allein dem grob Sinnlichen sehe ich mich ganz einfach nicht gewachsen. Da ist irgendeine Vorsicht von Fühlern in mir, eine gewisse aristokratische, hochmütige Sprödigkeit dem Zugriff des Stofflichen gegenüber. Es mag die tiefste Ursache sein, weshalb ich mich in Maja rettete; besser konnte ich mir das Leben und mit ihm seine Verantwortlichkeiten und Verwundungen nicht in Distanz setzen. Ich unternahm das in der Täuschung über meine seelische Leistungsfähigkeit, des Glaubens, weiß der Himmel welche Herzensmächte zu regieren. Auch damit ist es nicht sehr weit her: Mit unser aller Gaben ist es nicht sehr weit her; aus Ansätzen und Rudimenten bestehen wir ganz und gar, wir sind um und um Ikarus, Halbheit, Ohnmacht, Stückwerk und Trümmer.« Er lächelte, indem er das klagte, lächelte das bedeutsame Lächeln, das langjährig Leidende in ihrer Schwermut haben. Aus allem Zusammenhang hinaus begehrte er hierauf zu wissen, ob sie auf Lydia eifersüchtig sei. »Auf Lydia? Was gehen mich denn deine Freundschaften an, Hanswurst. Läufst du vor meiner Seele nicht frei wie ein Fohlen herum, in der ganzen Bläue meines Glaubens an dich? Bin ich deine Gouvernante und säuerliche Tante? Du bildest dir wahrlich viel ein.« Das Zimmer musternd, äußerte er sein Erstaunen über die Ansammlung ihm unbekannter Möbel und Töpfe, die er darin vorfand. Auf einmal erschrak er innerlich, die Ursache ahnend, die hinter dem fieberigen Gebaren Elisabeths stand. Er blickte sie an und sie lachte: »Ja, sie haben mir die Elternschaft gekündigt.« Die Tränen sprangen ihr heraus. Er ging zu ihr hin, seine Arme um sie zu legen; er empörte sich, schwieg aber schonungsvoll und erschüttert. »Dem armen Herrn ging es durch und durch; ich dachte, der Schlag würde ihn treffen.« »Als er dein Pagenhaupt sah?« »Als er mein Dirnenhaupt sah,« erwiderte sie, abgründig nickend. »Er ergriff seine Zeitung und nahm in der Folge überhaupt keine Notiz mehr von mir. Mutter ratschlagte nur immer, wie der Fehltritt auf schnellste Weise wieder gutzumachen wäre. Gezwungen, ihr meine unerschütterliche Treue zu dem einmal erwählten Männerkopf« – sie zog eine Grimasse –»zu bekennen, verursachte ich ihr einen richtigen Todesschreck. Sie hatte mich für so unfolgsam nicht eingeschätzt. O Brüderlein, was ich dann, von inneren Tränen klar, im Lauf einiger Stunden erkannte, das löste mich, so spät, gleich natürlich und gleich unwiderruflich von meinen Erzeugern, wie im gewöhnlichen Falle die Vermählung eine Tochter von den Eltern trennt. Es schien mir eigentlich, ganz objektiv bemerkt, daß Vater und Mutter, eine Einheit für sich, glücklich für sich und auch in ihren Anschauungen und Behaglichkeiten einträchtig, mich gar nicht so sehr benötigten, wie wir uns wechselseitig wohl einbildeten. Natürlich heulte ich in der Nacht, die Sentimentalität hat uns ja alle. Das Ende war eine wundervolle Klarheit, ein frohlockender Frieden, plus abermals eine Prise Duselei meinetwegen. Es regnete vor den Fenstern, ich dachte an dein Tal, sogar an die Königin, hundert Kirschbaumgärten fielen mir ein, ich dachte an England zurück – kurz, ein Gefühlsüberschwang wälzte mich auf mein Lager hin. Etwas später flennte ich wieder ausgiebig.« »Kam es zu keiner Aussprache?« »Es kam überhaupt niemand. Früher hätte ich es mir wohl einfallen lassen sollen, bis in den Vormittag hinein zu faulenzen; jetzt ließ man mich liegen, als ob ich krank wäre und ein Recht dazu besäße. Mir war unerlaubt wohl, indem ich beständig mit den Tränen focht. Mir war ganz einfach so wohl wie einer Braut, die ihres Liebsten sicher ist. Ich spielte Braut und Bräutigam. Der Bräutigam war mein Bubenkopf. Ich nickte ihm zu im Spiegel.« Es währte nicht lange, so ging sie wieder über von dem, was sie erfüllte. »Endlich besann ich mich denn doch darauf, daß ich meine selbstherrlichen Pläne vorderhand in einem fremden Bett schmiedete. Ich erhob mich ziemlich kleinlaut; mein Vater, wie der Mann überhaupt, fing an, mir als eine gar nicht zu umgehende, nicht ernsthaft genug zu nehmende Machtsperson zu erscheinen; ich, wie die Frau überhaupt, schrumpfte in mir zusammen. Ich glaube, wenn ich den Hausherrn anders als mit einem betrübten Ausdruck am Fenster stehen gefunden hätte, ich wäre zu seinen Füßen gefallen, um seine Strenge und seine Oberhoheit bittend. Allein ich sah, daß es mit seiner Autorität nicht zum besten stand; er ließ sich unterkriegen von seinem Kummer um mich, einem wahrhaft weiblichen Kummer, über den ich mich erhaben fühlte. Gott sei Dank überwand ich mich, ihm die Hand zu geben und einen nur zu ernstgemeinten Vorschlag auf gütlichen Vergleich zu machen –« »Gott sei Dank.« »Mehr konnte ich nicht wohl tun. Oder?« lächelte sie, »oder hätte ich meine nicht mehr vorhandenen Haare auf den Altar kindlicher Liebe legen und meinen Willen beugen sollen? Sähe ich nur ein, was ihnen das nützen könnte? Denn die erwähnte öffentliche Meinung – er setzte sie tatsächlich über diejenige seiner Tochter – nun, wenn er das tut, ich kann nichts dafür, dann nehme ich alle seine Befürchtungen nicht weiter ernst, und auch die Ehre des Hauses... Es tut mir leid, das Ganze ist doch voll unerhörter Beleidigungen für mich, auch wenn ich sie nicht anerkenne und den lieben beiden Menschen verarge.« »Es gibt einen Punkt, wo das brüderliche Einvernehmen aufhört,« entgegnete Wendelin. »Auf Erden kann wohl Versöhnlichkeit, aber nicht Frieden herrschen. Dürften wir Ruhe haben, so wären wir nicht hier; wir sind hier, um zu wachsen. Dabei muß man den Mut gewinnen, auch einmal unrecht zu haben.« »Gelt, so ist das wohl.« »Wie ging es denn weiter? Kam es sogleich zum Bruch?« »Es kam nicht zum Bruch, aber man schien es in der Ordnung zu finden, daß ich mich empfahl. So fing ich denn an, meine Habseligkeiten hier zusammenzuziehen, und der Vater zeigte sich mir dabei behilflich.« Sie nickte. Auf einmal fing er an, mit einem fröhlichen Gesichte die Möbel herumzuschieben. »Ja, bring doch bitte eine Art Weltordnung in diese Verlegenheit hier!« rief sie. »Es scheint eben doch, daß dazu der Mann vonnöten ist. Sieh zu, wie du damit fertig wirst, ich drücke mich derweil zum kulinarischen Tempeldienst.« Im Küchenstaat, mit einer Kelle in der Hand, lief sie unvermutet herein, um den rumorenden Zeus zu umarmen: »Gott sei Dank bist du noch da!« sagte sie und verschwand, kaum daß er Zeit fand, sich zu besinnen. Er ging daher hinaus in ihr Reich. »Was willst du hier?« empfing sie ihn. »Es ist noch gar nichts fertig, es gibt nichts, geh du hinüber in deine Butik, ich, Hera, gebiete es dir!« »Und ich, Zeus der Wolkenerschütterer –« »Lanzenerschütterer –« »Blitzerschütterer –« »Bumbum!« »– Donnergewaltige befehle dir, Hera, wieder deine Haare wachsen zu lassen.« »Bitte schön: Im Zeitalter –« »Zeitalter hin, Zeitalter her: Die Untertanen drohen mir mit Absetzung, wenn meine Alte, wie sie sagen, weiterhin den Pudelhund spielt.« »Lieber Gott ... Aber sie müssen doch einsehen –« »Nichts sehen sie ein, ihre Haare wollen sie haben, basta; so lerne denn Weisheit, die da ist, das Fähnlein nach dem Winde zu hängen –« »Und draußen schwemmt mir das olympische Sauwetter inzwischen meine Wäsche zu Boden ...! Hurtig den Tragkorb, Zeuschen, Mäuschen, Läuschen! Hurtig, hurtig den Korb!« »Hoffentlich sieht mich dabei kein Bauer.« Elisabeth steckte ihm beiläufig Mandelkerne in den Mund. »Es gibt in der Stadt schon wieder Weintrauben,« berichtete er. »Ja, bald kommt der Herbst, eines Tages ist es September und Marienfäden schweben herum. Das Leben ist doch lieb, findest du nicht? Im Frühling freut man sich auf die Kirschen, im Juli entzückt uns der Winter. Und somit, wenn du einverstanden bist, schlage ich etwas vor, Wendelin?« »Was hätte ich denn zu verbieten!« »Wir brennen heute drei Kerzen; eine für die Königin, eine für meine Eltern.« »Und die dritte im Bunde?« »Eine dritte könnte ganz allgemein und aufs Geratewohl unserm guten Gefühl von der Welt brennen. Der wahre Gott ist doch immer der unbekannte Gott. Da, trag diese Platten hinein, aber Sorgfalt!«   Eines Tages brachte er den Maler Alder und mit diesem ein zierliches Fräulein, das kein Deutsch, nur Englisch und ein wenig Französisch verstand. Wendel saß in verträumter Spannung. Der föhnhelle Tag hatte die fernsten blauen Gefühle in seiner Seele entblößt, soeben noch war er voller Heimweh nach Maja, voll königlicher Erinnerung durch das Land gestreift; nun erlag er zu seinem Verdruß dem ersten besten Arom, das Meere und Schlösser in diese Wände hereintrug. Die kleine Britin verwirrte ihn. Er empfand ihren Reiz als eine wonnige Verzauberung, die ihn betrübte, indem er sich doch einen Beruf daraus gemacht hatte, Maja die Treue zu halten. Wenn er auch keineswegs vermutete, hiermit eine tragische Sache angetreten zu haben, erfahrungsreich wie er war, so lähmte ihn doch der Gedanke an kommende Möglichkeiten, die eines Tages sein Reich verwüsten und ihn dem Unglück preisgeben würden. Er ging in die Küche hinaus, wo er sich an ein Fenster lehnte. »Viel zuviel Schönheit!« seufzte er, fand aber wirklich Beruhigung, eine Art verzichtender Überlegenheit, so daß es ihm nunmehr gegeben war, mit einem unverfänglichen Gleichmut der Unterhaltung zu folgen. Er nahm sich zusammen, nicht allzu spöttisch von der Fremden zu denken; Maja war in seinem Hintergrunde wie ein Feuer wieder aufgegangen, darüber wurde er so fröhlich, daß es Aufsehen erregte; sein übermütiges Geheimnis vexierte die beiden Gäste, Miß Barrow wendete ihm eine forschende Aufmerksamkeit zu. Mittlerweile war es mehr durch Geschick des Zufalls denn planmäßig bekannt geworden, daß Guido die Kunst an den Nagel gehängt und sich entschlossen hatte, Lilian Barrows Erbe, ein Transitgeschäft in Cornwallis zu übernehmen; aber ebenso beiläufig hatte sich die Gewißheit besonderer Vorfälle gebildet, über denen Guido sowohl als sein Bräutchen mit ihrer Erzählung kreisten. Auf einmal lachten sie herzlich; der junge Mann spannte seine Finger um Lilians Hand, die Rede für sich vorwegzunehmen, und alsobald schoß er los, diesmal deutsch, so daß sich das Mädchen wieder, immerhin lächelnd, in sich zurückzog. »Romane kommen nämlich noch vor!« frohlockte Alder. »Man muß nur grämlich gar nicht an sie glauben, so passiert es einem, daß das Leben mit einem Beweis seiner Romantik aufspielt.« Der Blonde sah ihn an und sagte: »Weiter, Kaufmann.« »Ich bitte, mich wenigstens als einen erweiterten Handelsmann, sozusagen als ein in den Künsten verfärbtes Subjekt anzusprechen.« »Ich löffle mich,« murrte Wendel. »Dies zur Klärung der Verhältnisse. Soviel ist sicher, ich genieße in meiner Resignation den Trost einer Reinlichkeit, die ich um kein noch so illustres Zigeunertum hergäbe. Ich bin einmal kein Schweinehund. Ein Schweinehund wird jeder, der sich außerhalb seiner Umgrenzungen begibt. Sieh mich nur an, Herr Poeta; der etwas spröde, aber stahlreine Geruch meiner Windsorkravatte tröstet mir meine Nase lieblicher als Mohnöl und Leinwand. Den Rock aus kariertem Blech, der mich kuranzt, trage ich zärtlich wie eine feudale Rüstung. Heute bade ich zweimal des Tages –« »Alle Wetter!« »– und schabe meinen Bart nach den Regeln der Bartschaberkunst, für deren Adel mir die Augen aufgetan wurden.« »Und wenn du Gemälde siehst?« »Ziehe ich den Hut vor ihnen. Bei mir ist das eine andere Sache als beispielsweise bei dir –« »Och!« »Ich bin nur heimgegangen. Diese kleine Dame mußte kommen, um mir zu sagen, wo ich hingehöre –« »In den Salon.« »Sagen wir in den Profanbau.« Elisabeth war nach Eßbarem hinausgeeilt. »Wenn ich Gemälde sehe, spaziert mir aus dem Herzen hervor ein zierliches liebliches Weh, geben wir es zu; aber es kommt doch auch etwas wie eine biedere Rührung über mich, dafür, daß ich so artig entsagte. Mit deiner Erlaubnis werde ich mich jetzt auf einen Augenblick der Liebkosung meiner Braut übergeben, denn ich pflege eine so ausgedehnte Entbehrung nicht zu ertragen.« Auffahrend nahm Lilian sein Haupt in Empfang, das er dunkel errötend an ihre Brust schob. Der Blonde wußte die Vertraulichkeit zu schätzen. Fräulein Barrow, aus den Zärtlichkeiten ihres Verlobten wieder freigeworden, legte Bach ihre Hand auf den Arm, und indem sie treuherzig und inständig mit ihrer fremden Sprache versuchte, sich einen Zugang zu ihm zu schaffen, fiel ihm die alte Zeit wieder ein; seine Freundschaft mit Guido – von der sie wohl eben redete – fand nun erst in Wahrheit ihr Ende, eine Liquidation im Frieden zugunsten der kleinen Dame; aber in beider Herzen, Wendels sowohl als Guidos, vollzog sich einen Augenblick ein heftiger, weher Zerfall, über welchem sie sich gegenseitig mit einem schamhaft lauernden Blick ansahen. Guido setzte seine Pfeife in Brand. »Sind neue Bücher von dir erschienen, oder ist was im Anzug?« fragte er, worauf Bach den Kopf schüttelte: »Nichts.« Es war Tee aufmarschiert, ein fröhlicher Nebel dampfte, die Freudigkeit der Hauswirtin verwandelte die Stimmung im Zimmer. Fräulein Fahm und ihr Porzellan rückten in die Mitte der Verhandlung, die mit den Manieren des Windes ging, bald wirbelnd und hochan, dann wieder träumerisch und schlendernd. Dabei hatte man sich abermals von der Frage verlaufen, die Bach und seiner Freundin als eine Neugier, den Liebenden als lichtes Geheimnis in den Mienen stand; sie fiel allen zugleich ein, aber noch einmal gab es Aufenthalt. Nämlich das putzige Kauderwelsch von drei Sprachen, in welchem man sich unterhielt, versammelte sich unverhofft um den Punkt der Ernährung, und es zeigte sich, daß sogar Wendel heimlicherweise begonnen hatte, in Vegetarismus zu machen. Beide standen sie somit in der ganz unbegreiflichen Eigenschaft von Sektierern da, vor einem Hintergrund dunkler Gebote, welchen sie pflichtig sein mochten. Guido saß etwas verschnupft; Elisabeth, die einen Triumph nur schlecht in sich verbarg, erledigte die Angelegenheit mit ein paar freundlichen Worten, in der Weise, daß immerhin mehrere Posten genommen, aber auch die Verstimmung behoben und sogar etwelche Schelmereien auf die Beine geschickt waren, worauf es nicht lange mehr anstand, daß denn der Gast sein Glas von sich schob, um seinen Bericht von Stapel zu lassen. Lilian merkte, worum es ging, sie beschied sich lieblich, voll eines vorläufig noch unbesehenen Stolzes auf ihren Bräutigam. Dieser leitete damit ein, daß er sich auf die Anwesenheit eines Poeten berief, welche Voraussetzung dazu berechtige, eine so lehrreiche und amüsante Liebesgeschichte zum besten zu geben; gleichzeitig verkündete er es als seine Ehrenpflicht, den vormals gepredigten Griesgram zurückzunehmen und eine bessere Art von Einfluß auf den Jugendfreund auszuüben, in der Hoffnung, einen gelehrigen und nachfolgsamen Jünger in ihm zu finden. »Nachdem ich also,« erzählte Guido, »schlüssig geworden war, meine kontemplative, schmerzlich wohlige Tätigkeit in Paris abzubrechen und mich zu verändern, fuhr ich im Nachtzug die Provence hinunter, langsam, als ob der Mistral sich der Fahrt entgegenstopfte. Das schwarze Ligurermeer empfing mich in großer Bewegung, es war mir nicht anders, die Apfelsinenbüsche der Balearen dufteten dahinter hervor. »Ja, du gutes Geschöpf,« besänftigte ich das Mittelmeer, – es wird sich darum handeln, durch deine läppische Aufregung hindurchzugelangen; denn es zog mich nach Tunis, nach Australien, nach Gott weiß wohin. Für einmal tauchte ich meine Hand in die Salzflut, empfand mit Schauern ihre Tiefe, die aus dieser beruhigten Bucht hinaus und hinablief auf versunkene Gebirge. So mit dem zottigen Ozean an der Leine erhob ich meinen Blick zu dem Nachtgewölk, und nun kam es, das Heimweh nach der Hauptstadt, von der es mir schien, daß ich sie treulos verlassen hatte. Künstler, Kutscher, Gassenjungen und Dirnen sah ich einträchtig darin wie in einem Riesenbette schlafen. Die Wälder von Versailles säuselten herüber, die Matronen schnarchten so lieblich, und ich, ich glaubte mich hinausgeschmissen aus einer Daseinsgemeinschaft, wie sie freundnachbarlicher in dieser Welt nicht wieder vorkam. Außerdem strich nun eine Luft von Steppengras aus der Camargue herüber; was ich in meiner Verfassung anfangen konnte, das war, ins Hotel und zu Bett zu kriechen, das Kissen in meinen Mund zu stopfen. In dieser Lage überfiel mich unverweilt die hier ansässige Käferwelt, gegen die ich mit guter Berechtigung meine Privilegien geltend machte, ohne indes einer nennenswerten Einsicht zu begegnen. Als daher kurz nach Mitternacht der Sturm beinah plötzlich einhielt und über eine Weile der Mond hervorschwamm, berechnete ich die Aussichten, die ich hatte, meiner Mördergrube durch Flucht aus dem Fenster zu entkommen. Die Natur begann freundlich, wie ein Säugling im Schlaf, zu trällern, süßeste Lüfte kamen auf meine Decke gestiegen, als verwunderten sie sich darüber, wie hier ein Mensch vor Groll auf das Kleingetier der bittersten Schwermut erlag. Ich steckte mein Haupt ins Freie; es roch nach Wasser und Nacht, die Tränen fielen mir in die Wimpern, ich stülpte mir schleunigst meine Kleider über, hinterließ im ungetrübten Wasser der Karaffe einen Silbertaler und schwang mich recht frohen Sinnes hinaus. Hinter den Felsen hervor kam nichts als Dunkel gestiegen, als ein warmer Rauch, gegen welchen ich meine Arme ausbreitete. Der Mond hatte sich wieder zurückgezogen, ein Geruch in der Luft schien mir dafür zu sprechen, daß irgendwo Regen ins Meer fiel. Ich war also fest entschlossen, sobald nur der günstige Abgrund sich auftat, mich hineinzuwerfen; ich befand mich auf dem Höhepunkt einer elysischen Verzückung, mir ging es allüberall geradewegs hinüber in Himmelstore und Gärten. Himmelstore und Gärten mochten mich freilich umgeben, es gab aber auch noch anderes, nämlich Spitzbuben, welche den flatternden Nachtvogel bemerkt hatten und eilten, ihm auf seine Beine zu verhelfen.« Elisabeth drehte den Kopf zu der Braut hinüber in einer belustigten Gebärde des Schrecks; die Miß erriet und nickte voll Eifer, indem sie dem Jüngling weiterzufahren bedeutete. »In meinem Leben, vor dessen Abschluß ich stand, hätten mich die Schelme nicht günstiger, beziehungsweise ungünstiger erwischen können als eben nun, wo ich die Hälfte meiner Habe flüssig und in Papieren auf mir trug. Nun, es war gerade kein Großbesitz, mir aber dennoch zu schade für ausgerechnet diese Schlaumeier, denen ich zutraute, daß sie Raffael um ein Halfterband gaben –« »Wo hielten sie sich denn?« »Schon demnächst auf meinen Fersen.« »Eilen Sie, eilen Sie!« »Daran ließ ich es nicht fehlen. Die Hände auf meinen Taschen, hüpfte ich wie Pentheus. Je mehr ich rannte, desto freudiger schwoll die Hoffnung der Banditen. Es ist etwas Sonderbares um den Unterschied zwischen dem heroischen selbstgewollten Tod und dem Fallen durch Mörderhand; all mein Entzücken für die große Veränderung war verflogen, ich flüchtete mein Stümpfchen Leben, meinen Urbesitz, aus dem Instinkt jedes Hasen, beleidigt darüber, daß jemand mir darnach trachtete.« »Wollte man Sie denn töten?« »Ich setzte voraus, wenn es nötig wurde, ersparten sie mir diese Unartigkeit nicht.« »So machen Sie doch aber endlich Schluß, Herr Alder! Sie scheinen es ja darauf abgesehen zu haben, Ihre Novelle nach den Regeln der Kunst auf die Pointe hin auszuarbeiten –« »Er war schon immer ein Dichter!« rief Wendelin. »Dein Kompliment nehme ich in dem Sinne entgegen, daß ich hoffe, guten Gebrauch von meiner Sprachfertigkeit zu machen, vorausgesetzt, daß sie sich auch im Englischen bewähren wird, – ausgerechnet im Englischen, das ich meiner Tage nicht ausstehen konnte! – so gedenke ich revolutionierend auf den Geschäftsstil einzuwirken und es günstigenfalls zu erleben, daß meine Fakturen, Memoranden und Annoncen als Oeuvre gesammelt erscheinen.« Er streichelte zu diesen Worten das Händchen seiner Braut. »Inzwischen mag unser Flüchtling ausreichend geeilt sein, daß wir uns seiner wieder annehmen und ihn nunmehr die Zuflucht erreichen lassen, die er, schnaufend und dampfend, wahrlich verdiente. Sein Lauf hatte ihn in die Wirrnis eines Dornenfeldes geführt; er schlug sich durch dieses wie durch ein Wasser, halb fallend, halb schwimmend, aber beträchtlich flink, so daß er alsobald auf den sanftesten Grasgrund segelte, der ihn beinah ermunterte, Purzelbäume und Triller zu schlagen, so lind und kühl war er empfangen. Hingegen nahm es ein Gesicht an, als endigten hier die Wege; zur rechten Hand rauschte Wasser und vorn stieg ein Felsberg an. Die Strolche stapften im Buschwerk und unterhielten sich, meiner gewiß, mit fröhlichen Stimmen, die auch mir eine fühlbare Zuversicht gaben, trotzdem es sich richtig zeigte, daß ich gefangen saß. Noch einmal nahm ich Gelegenheit, mit der herzlichsten Inbrunst an Paris zu denken, meine Torheit verfluchend; dann waren meine Beine schon mit mir ausgerissen, es gab sich von selber, daß ich, während sie mit mir kletterten, mein Möglichstes tat, den Erfolg ihrer Arbeit zu sichern. Das Dunkel hatte sich verdichtet, ein salziger Nebel strich durch mein Haar hinauf, ich hatte eine deutliche Ahnung davon, daß, was mir flaumig zu Füßen gähnte, nichts anderes als die Meerflut war, und dieser in ihre Schlünde zu sinken, erschien mir jetzt als ein Höllenschreck. Der Gedanke daran lähmte mich plötzlich; im Herzen getroffen, schmiegte ich mich auf die Steinwand, meine schlotternden Glieder schmerzten; empfindsam, kindlich, überschwenglich bereit, mich zu ergeben, brach ich in Tränen aus. In leidlich bequemer Lage verbrachte ich den Rest der Nacht, alsbald frohlockend, wonniger Gefühle teilhaftig, indem der Wind, mit Geruch von Tang, von Nelken, von Muscheln und endlich von Morgen, mich wundersam unterhielt. Freilich saß ich hier völlig verstiegen, ich vermochte nicht abzusehen, was mir aus allem erwachsen sollte. Ich übte mich in Erwägungen, wo heute die Mittagssonne mich finden möchte. Mein unverwüstlicher Vorwitz wiegte sich in Behagen, weil ihm doch jedenfalls Kurzweil – Untergang oder Rettung – bevorstand. Behufs dieser Kurzweil ward vorerst das Tagesgestirn aufgeboten, welches mit Braus aus dem Meerwasser stieg. Sodann besuchten mich stattliche Vögel, sahen mich an im Vorüberfliegen und schienen meine Bitte zu bedenken, für mich Hilfe zu holen. Es bedeutete mir eine liebe Verheißung, daß die Luft sich von Rauchdünsten trübte. Ich durfte es mir erlaubenden Menschen ihr Frühstück zu gönnen, ehe ich damit anfing, vorerst nicht sonderlich gläubig, meine Stimme zu erheben; es erheiterte mich, zu sehen wie die Möven erschraken. Allein nun geschah etwas.« »Fräulein Barrow kam.« Das liebliche Ding war wieder Mittelpunkt der Begeisterung. Sie merkte, daß ihre Person auf den Plan gerückt war, und errötete; gleichsam als ob er nun ihre Begleitung und Zeugenschaft brauchte, hielt Guido sie an der Hand. »Was hatte Lilian Barrow da unten zu suchen? Es war nötig gewesen, daß sie pünktlich auf den Tag zur Welt kam, zierlich gedieh, es war leider nötig, daß sie den greisen Vater verlor, denn was hätte sie sonst veranlaßt, einer krankhaft schweren Melancholie zu verfallen, die das Reisen notwendig machte? Pünktlich auf Tag und Stunde hielt sie sich bereit, mich jungen Menschen zu erretten, der ich ja ebensogut, wenn der Zufall regierte, auf dem Boulevard hätte verelenden können. »Wären Sie wohl so freundlich – ein Seil,« rief ich dem Elflein zu, das erschrocken zu mir herniedersah, und voll unverhoffter Verzückung fühlte ich mich dem kleinen Fremdling auf Leben und Tod verpflichtet. Dieses Gefühl verließ mich nicht mehr, sondern nahm zu, und während ich in den fremden Wänden, inmitte eines lau fallenden Regens, so dalag, gingen mir die Augen über vor heißer Beseligung, Rührung, Verwunderung über die sonderbaren Verwandlungen meiner Umstände. Denn es regnete auf Dächer und Lauben, ich ahnte den Frohmut aller um mich in den Sälen versammelten Menschen, die sich die Zeit mit Spielen kurz machten. Nur Lilian kam ab und zu; ich stellte mich dann schlafend.« Was sich für Bach aus alledem ergab, drängte ihn mählich wieder in dumpfe Verzweiflung hinein. Die Gespräche seiner Freunde entfernten sich ihm vom Ohre; er saß wie ein plötzlich Erkrankter, der sich sperrte, seine tödliche Übelkeit einzugestehen. Bevor er, gehorsam wie ein Knabe, die Gäste wieder fortbegleitete, ließ er es mit sich geschehen, daß Elisabeth ihm scherzhaft den Kopf zerbalgte, damit er aufwache und zur Welt zurückkehre. Allein das Bewußtsein schweifte ihm irgendwo außerhalb in Nebeln herum; Guido kannte ihn so und entließ ihn, wenn auch rücksichtsvoll, mit einem schelmischen Lächeln, worauf er die Braut an den Arm nahm und davonging. Es machte den Eindruck, daß überhaupt nur Liebespaare und fröhliche Gatten sich hier tummelten. Was den Blonden betraf, so war ihm scheußlich zumute. Die Luft schien Schnee zu enthalten, gerade wie der Abgrund seines Herzens, voller Stille, auf dem Punkt stand, die lichte Welt auszuschütten, die ihm die Wimpern erhellte. Wann brach er durch zu der Leichtigkeit des Empfindens? Ihm staute sich alles in der Brust; durch die Bäume eines Parkes gehend, schlug er diese Brust mit den Fäusten. Wie der Königssohn eines Vexierbildes narrte ihn seine Ahnung, die Nähe des Namenlosen, diese Erschütterung und Erfüllung, die wie ein Weib eines Tages sich einfinden würde, um allezeit gegenwärtig fortan zu bleiben. Ja denn mein Gott, er lebte, aber er lebte außerhalb der Beziehungen, die alle Dinge umfaßte; er fühlte sich herausgefallen, vereinzelt in seinem ganzen Wesen. Warum hatte er alles mit Maja erlebt, die Täler und Wälder in sich aufgebaut, wenn es dazu bestimmt war, zu vergehen? Er sah ins Gewölk empor. Auf dem Grund einer verschatteten Tiefe saß er schaurig gefangen. Es begann zu regnen. Am See stand Monnier. Der Jüngling stellte sich in seinen Rücken, grüßte. »Ohé!« rief der Greis und drehte den Ankömmling gegen das Wasser, auf das hinaus er mit seinem Stocke wies. »Was geben Sie dem für eine Farbe, Herr Bach? Sammet, aber was für welchen; schwarz? Richtiger Azur, als ob es einen Mond enthielte! Laufen Sie auch so gern im Regen herum? Ich habe Sie lange nicht gesehen; wie geht es Ihnen? Ist es Ihnen zu spät zu einem Glase Wein?« Merkend, daß Bach bedrückt war, schwieg er nach Möglichkeit, betrachtete manchmal seinen Stock und pfiff ein wenig. Sie betraten eine alte Schenke. Deren Trinker verstummten auf eine Weile, als der Pater mit seinem Novizen erschien. Im Verlauf der spärlichen Unterhaltung legte Monnier einmal ein Büchlein zu Wendels Glas. »Die Vignetten müssen Sie sich ansehen.« Als der Wein ausging, bemerkte Bach, daß der Regen aufgehört habe. »Wollen wir gehen?« sagte der Gelehrte, und Wendel erhob sich. Sie gingen durch Gassen und Höfe. Vor Monniers Wohnung blieben sie stehen; Bach bedankte sich. »Ich bin es, der zu danken hat,« erwiderte der alte Herr, »für die Begleitung, für Ihre Gesellschaft. Sehen Sie da hinüber, wo das grünliche Licht brennt, da beschäftigt sich einer damit, zu sterben.« Der Jüngling warf einen Blick des Verlangens hinüber.   In den Ferien reiste Guido noch einmal zu seinem Dichter hinaus, auf die Gefahr hin, zu stören. Wendel saß niedergeschlagen im Garten. »Habe Geduld,« redete ihm Guido zu. Bach schüttelte den Kopf. »Ich habe dieser Tage nun mein Drama begonnen.« »Nicht zur Zufriedenheit?« »Ich kann dir gar nicht sagen, wie mir zumute ist.« »Du verlangst Ausnahmen für dich. Es ist nun einmal so, daß die Verwirklichung das innere Bild nicht erreicht.« »Ich habe sogar das Gefühl, daß ich es übertraf.« Guido wartete. »Gerade das ist es, was mir wie eine Roheit erscheint. Ich kann dir nicht sagen, wie mir zumute ist. Es ist mir gerade so, als ob ich meine Keuschheit verloren hätte. Was schwebte nicht alles in Traumnebeln über mir, tiefsinnig, farbig, kraftgeladen! Nun ist es bloß verwirklicht. Gut verwirklicht, aber immerhin verwirklicht. Hätte ich doch zugewartet! Ich weiß nicht was ich darum gäbe, wenn ich es ungeschehen machen könnte.« »Verbrennen.« »Bereut ist nicht ungetan. Hätte ich mich nie darauf eingelassen! Ich trug es zu lange in mir herum. Nach und nach füllte ich einigermaßen alles hinein. Ich kann nur sagen, daß es mir schlecht bekommen ist. Aber ich werde nun eben fortfahren, die Sache zu betreiben.« Er wendete sich auf der Ferse. »In mir springt dann immer so eine Rebellion auf: Anders, ganz anders!« sagte Bach.   Das erstemal in seinem Leben ging er vorzeitig fort von Zuhause und verbrachte seine Muße in der Fremde wie ein feiernder Herr, der auf Erden übrige Zeit besitzt. »Welche Verschwendung!« rief er entsetzt aus, wenn die perlmutternen Tage so über ihm verwelkten. Herr Monnier grollte und begriff seine Trägheit nicht. Der junge Mann erwiderte ihm: »Sie haben wohl keine Vorstellung davon, wie furchtbar die lautlosen Blitzschläge des Gewissens es ahnden, wenn wir schreiben ohne schreiben zu müssen.« Der Greis horchte auf. »Ich habe meine Stunde verpaßt, Herr Monnier. Die Stunde zu diesem Werke war einmal früher eines Sonnabends, als der Wind Staub durch die Gassen trieb. Aber was sollte ich tun? Ich muß ja unterrichten.« »Das hole der Teufel!« »Er wird es nicht holen. Im übrigen lobe ich mir meinen bürgerlichen Beruf, er gibt mir Brot, gibt mir Kurzweil, die schlechthin erhaltende Zuversicht, für etwas da zu sein. Er gibt mir so viel sein abgetönte wunderliche Liebe, zu der ich sonst nicht käme. Wie wäre es anders möglich, als daß man sich in die Kinder, die doch klug und schön und selbstbewußt sind, stets ein bißchen verliebte. Um auf das Buch zurückzukommen: Meine Idee ist wie aus dem Himmel herabgefallen. Ich habe von allem gar keine Vorstellung mehr.« Auf einmal verabschiedete er sich. Auf der Straße gehend erbleichte er; dann begab er sich verträumt, aber ohne Zögern hinüber ins Tal. Die Sommersonne lagerte so eigen in diesen Gründen, die, wenig verändert, ihm dennoch fremd und geisterhaft vorkamen. Er lief ungesäumt durch alle Stille, Entrückung und durch die hier lagernden geheimen Schrecken, geriet in sonnige Waldreviere, in ein Land von Straßen, einsamen Fabriken; große Kirchen traten in der Feme hervor, als läge Rom dahinter, Lindenbäume verwuchsen traumhaft mit der Himmelsbläue, und Wendel hatte das Gefühl, sich inmitten der wundersamen Fülle zu befinden, die ehmals seine Kinderträume mit Gebüschen, Türmen, Wolken und Gewässern umstanden hatte. Der Straßenstaub roch, die Sonne dampfte silbern, voll beglänzter Städte daraus hervor. Schwermut und Lebensfurcht warfen sich ihm auf die Seele, je tiefer der Jüngling sich in die Himmelslandschaft hineinbewegte. über den Wagengeleisen schwebte ein Wohlgeruch aus Karossen, Vögel flogen durch die Wolkenschatten, die Seen der Jugendzeit erstanden kühl in den Lüften. Ermüdet von den Heimsuchungen seiner Gesichte und den schlagenden Wettern fremder Empfindungen, legte sich Wendel in das vorjährige Laub, auf welchem er einschlief und, umgeben von Sommerglast, von steigenden Wolkenlampen, gleichsam mit offenen Lidern ruhte. Er bemerkte die einfallende Dämmerung, die Flucht der duftigen Geister; Kühle griff nach seinem Leib, er stand auf und beeilte sich, nach Hause zu kommen. Wiederum standen alle dunklen Städte vor dem Waldgezweige, das Wasser märchenhafter Seen flutete um die Stämme. Wendel sah Maja, wo er nur hinblickte; braun und lebendig begleitete sie seine Wanderung. Allein da geisterte noch anderer Liebreiz, eine linde Flaumigkeit wie das Weben der Nacht wehte mit Lockenduft, blickte aus tiefen Augen – alles in seiner Umgebung wurde Wimper und sinnende Anmut, zarter als Maja, dämmerhaft und verwirrend. »Die Natur ist zu einem Weibe geworden,« sagte Bach laut vor sich hin, um sie abzuschütteln. Allein sie verließ ihn nicht mehr, sondern blieb in der Welt wie irgendein greifbares Wesen; sie sollte in ihrer Sanftmut seine Qual Und Verfolgung werden. Denn wenn die Königin ihm so recht ziervoll in der Seele stand, gesellte sich ihr dieses Traumbild, zum Vergleich, zur Warnung, eine Ursache wilder Beängstigung. Wo er stand und ging sah er die sanften Augen; ihr Rehblick haftete in den Pupillen wie ein unverwischbarer Eindruck, der hinter geschlossenen Lidern, auf Bäumen und Wolken und im Abendlicht so unveränderlich stehen blieb, daß alles sogar seine Form annahm: Fels und Wasser und die Art seiner inneren Anschauung kleideten sich durch eine erstaunliche Verwandlung in das Aussehen der dunklen Imago, wie er sie bei sich nannte, die tiefvertraute, unnennbare, ihn bitter quälende Erscheinung. Noch hoffte er verzweiflungsvoll, sie würde mittels einer letzten, erlösenden Erkenntnis plötzlich mit Maja in Übereinstimmung zu bringen sein; dies zu bewirken, unterzog er sich den tausend unermüdlichen, harten, anstrengenden Grübeleien, in denen er versuchte, die Dinge auseinanderzulegen. Da es ihm nicht gelang, ihm nur der Kopf davon brummte, benötigte er den Anblick Majas; nachgerade zweifelte er seine Erinnerung an, und jetzt, wo die infamste Anfechtung, die eines leeren Phantoms, ihn in seiner Liebe beirrte, verfiel er der schmerzlichen Unruhe und bitterlichem Verlangen, das Kind wieder endlich zu sehen. An diesen Sommersonntagen strömte die ganze Stadt durch das Tal, weshalb es nicht auffiel, wenn auch der Blonde oft hier herumstand und noch in der Nacht dabei betroffen wurde, von der Brücke ins Wasser oder auf der Heide zu den Sternen zu blicken. Er prüfte dabei seinen Zustand aus, verglich aufmerksam die Farbe seiner Gefühle mit denen der früheren, wartete auf das, von dem er wähnte, daß es doch eintreten müßte, dieses Erlebnis der Verklärung: Entzücken und Überschwang. Es herbeizudenken war ihm zu einer ebenso andauernden als aussichtslosen bitteren Mühsal geworden. Bis über Mitternacht hinaus vermochte er im Anblick des geliebten Daches zu verweilen, um es endlich doch zu erfahren, daß ihm das Herz aufbrach, und wenn es mit Nichten geschah, wenn er vielleicht sogar den teuren Schatten im Fensterlicht erblickte und nichts ereignete sich weiter – dann saß und saß er; in dem Maße wie er sich quälte, verstockten sich ihm Gefühl und Gedanken, bis überhaupt alles, Wind und Wasserrauschen und Sterne, sich völlig von ihm entfernte und er aus der Welt hinausfiel, dumm und stumpf und verblasen, in welcher Verfassung er es nicht länger hinausschob, sich nach Hause zu trollen. »Ich kann weder leben noch sterben,« sagte er zu Lydia, »und das ist doch wohl der erbärmlichste Stand in der Welt. Ich klage Gott an, daß er mich mit ausgesucht unmenschlichen Plagen martert.« Sie ließ unsicher etwas darüber verlauten, daß von dem Gegenstand seiner Liebe, einem ganz unmöglichen, nicht ernsthaften Gegenstand, mehr doch wohl nicht zu erwarten sei? Sie hatte halbwegs gefürchtet, ihn damit zu erbosen; aber ein seltsames Frohlocken blitzte aus seinen Augen. »Sollte man denken,« erwiderte er. »Allein mir graut vor der Unzulänglichkeit gerade einer erwiderten und aussichtsreichen, sogenannt glücklichen Liebe. Mich wundert, wovon sie ohne das Geheimnis des Versagten und ohne den Ansporn, die verklärende Schwermut des Unmöglichen leben soll, angewiesen auf einige kümmerliche Vergnügungen. Die Fragwürdigkeit, von der ich rede, bezieht sich auf alle körperliche und seelische Verrichtung, weil ihr irgend etwas abgeht, das sie haben müßte, um ernst genommen zu werden.« In scheuer Betrachtung seiner Jugend halbwegs herumgewandt, verwunderte sie sich über die ihr unverständliche Art von Schmerzen, die ihm bereitet waren und die sie als seine Quäler haßte; was konnte sie mehr als ihm ihre ganze Ergebenheit zu bezeigen! Sie sah ihn jetzt sonderbar lächeln, ein farbiges Bildnis betrachtend, das sie aufgestellt hatte. Sie fühlte sich ein wenig verspottet und errötete grollend, indem sie die Miniatur in die Hand nahm. »Ich freute mich so an dem alten schönen sonderbaren Manne. Sehen Sie nur, er hält sich gerade so, als kletterten einige Enkelkinder an ihm herum. Sein Großvatergesicht erscheint ganz rosig geküßt. Aber welches Paar von Augen! Es ist Schiller.« »Nein, das ist doch wohl eher Goethe, wenn Sie es erlauben. Ein Jahrhundert hat sich über seinem Grabe angehäuft; dies hier ist nur ein Gemälde, wir wissen nicht einmal, in welchem Grad es der Wahrheit nahekommt, aber steht er nicht dunkel wie ein Feuer vor uns und beaufsichtigt uns? Er hat Leben für drei, und seine Augen sind überhaupt nicht umzubringen.« »Die sind nicht umzubringen,« wiederholte sie und nahm Goethe an ihre Schläfe. »So rund, ein bißchen betrübt und klug, was nur klug heißt. Ach, wenn das Herr Goethe ist, dann verändert sich mir ja mein herzlieber Bräutigam unter den Händen! Er hat eine Haut wie Pfirsich. Als ob er aus dem Bad käme, nicht? Ich kann es mir nicht anders denken, als daß er viel geliebt worden ist.« Darüber hatte ihr Wendel mancherlei zu erzählen; sie wurde nicht satt, es zu hören. Er beneidete sie um die Beweglichkeit ihres Gefühls. Beinah vorwitziges Verständnis füllte ihr manchmal strahlend die Augen, dann wieder ließ sie sich kindlich rühren. Endlich sagte sie: »Es duftet nach Vornehmheit in der Welt, aber unsereins kommt sich davor niedrig und verworfen vor. Zumeist fürchte ich mich ganz abscheulich; wenn der Staub durch die Finsternis fliegt, wenn es über den Bergen donnert, weiß ich nicht, wohin ich mich vor den Stimmen der Hölle verbergen soll. Ich habe unklare Gedanken darüber, daß die Welt sich auf irgendeine stille, sehr einfache und desto unbarmherzigere Bedingung gründet, nach welcher das eine lebt, das andere verdirbt, das eine erwählt und das andere verworfen wird. Auch Unschuld und Sehnsucht erretten nicht vor den scheußlichen, scheußlichen Wohnungen des Teufels.« Sie weinte.   Auf der Suche nach seiner alten Liebe drang Wendel zögernd bis in das Bauernland vor und stapfte hier wieder im Buchengehölz herum, lief über die Heidehöhen in Wolken; die Hasen sprangen aus ihren Nestern, die alten unaussprechlichen Träume woben in den Laubgirlanden. Allein sie machten ihn lachen; er kam von ihrem Ursprung her ernüchtert, traurig und hoffnungslos; er setzte sich ins Waldgras und grübelte. Mit sonderbaren Gefühlen kehrte er in die Stadt zurück. Monnier erzählte ihm von Paris, von seinen mächtigen Dichtern, die er noch gesehen hatte; die Literaturgeschichte nahm in seinem Mund ein kurzweiliges, familiäres Gesicht an, Monniers Bücher strömten den Geruch vergangener Sommertage aus, der Schrei der Pfauen geisterte in den blassen Regalen. Wenn die Sonne dem Gelehrten ins Schneehaar schien, leuchteten festliche Parke auf. Er klagte wieder über die Mißgunst des Schicksals, das ihm versagt hatte, ein Künstler zu werden. Er war reicher Bauern Kind gewesen, verwöhnt, vergöttert, hatte in seinem Leben kaum je anderes betrieben als auf Universitäten herumzusitzen, zu reisen, Schriftsteller zu besuchen. In jungen Jahren trug er Schlips und Künstlerhut, so wie es damals Sitte war, hatte kein Arg und beteiligte sich an den Gelagen der Bohémiens im Vertrauen auf seine Verse, deren er einen ganzen Koffer voll angefertigt. Es gab davon sogar eine gedruckte Auswahl; Monnier liebte sie noch immer, noch immer konnte er den eines Tages eingetretenen Zusammenbruch seines Selbstvertrauens eigentlich nicht begreifen, schon gar weil er den Wert der übrigen, bei jener Gelegenheit von ihm verbrannten Dichtungen in der Erinnerung überschätzte. Mein Gott, die Städte Frankreichs: Chartres, Limoges, Nîmes, Saint Malo mit ihren Steinschnörkeln und Gerüchen, die Kürbisse und Kräuter seiner Gärten, die Würze der Rebenblüte, das Meer und Paris, sein unwiederbringliches vergangenes Paris, das ganze Leben war darin gewesen, wie hätte er sie nicht betrauern müssen; noch jetzt kam es vor, daß er leise mit der Ferse aufstampfte aus Reue darüber, leichtsinnig nicht nur die Unterpfänder seiner Daseinsberechtigung, sondern mit ihnen auch die Vergangenheit von sich geworfen zu haben, er, der an den Tod nicht denken durfte aus verzweifelter Abhängigkeit von dieser Erde, seinem Floß im Gewässer der Leere, als die ihm die Ewigkeit vorkam. Er versuchte vorsichtig auch Wendels Lob für seine Gedichte anzuregen; allein sie waren so schlecht als sie einem dermaßen gebildeten und sachverständigen Manne nur gelingen konnten. Wenn der Blonde richtig verstand, hatte Monnier sich eine Zeitlang mit der Absicht getragen, sein Geld zu verschenken, um sich der Behinderungen der Wohlhabenheit zu entledigen. Er mochte rechtzeitig vermutet haben, daß auch Bettlerblöße und Unglück den Dichter nicht machen. Von der Härte seines Kampfes zeugte der Kummer, der ihn noch jetzt im Gedanken an seine Unfruchtbarkeit befiel. Was ihn veranlaßt?, so zurückgezogen – er war Witwer – in dieser Binnenstadt zu leben, war nicht mit Sicherheit zu bestimmen; es ließ sich denken, daß seine Mittel den neueren Lebensbedingungen nur dann noch gewachsen blieben, wenn er sich aufs äußerste einschränkte, mit seinen zwei Anzügen haushielt und die vielgeliebte, immer noch vorhandene weite Welt sparsam verzichtend abseits liegen ließ; möglicherweise war es aber auch Altersängstlichkeit, die nicht mehr auszukommen fürchtet, oder richtiger Geiz. Er war davon nicht freizusprechen; eine gewisse Knauserigkeit, übertriebene Beachtung des Zahlbaren entstellte seinen Charakter ähnlich wie sein Sarkasmus, dessen er sich bei schlechter Laune bediente, um die Umgebung auf seine eigene Minderwertigkeit herabzusetzen. Beides, Geldgier und Spottsucht, hatte der Bauer in ihm zurückgelassen; vom Bauern stammte aber auch sein geradezu krankhafter, fanatischer Trieb zur Geistigkeit, der einer Flucht und Furcht etwas ähnlich sah, wenn man ihn nicht feudaler mit den Emigranten seiner Ahnenschaft in Verbindung bringen wollte, als deren Nachfahr Monnier sich bemühte, ein adliges Leben fortzusetzen. Französisch mutete die Väterlichkeit an, mit der der Greis seinen Liebling betreute. Über die Aufrichtigkeit seiner Ehrerbietung gab es keinen Zweifel; seine Schätzung der Poesie verbot es ihm, in ihrem Bereich zu flunkern, ganz abgesehen davon, daß die zartsinnige Schwärmerei und seine Unterwerfung unter die Oberhoheit des Begnadeten, als welchen er Wendel ansah, ihm Lebensbedürfnis waren. Es vermochte ihn empfindlich zu kränken, wenn etwa der Blonde in der Weise sein Spiel mit ihm trieb, daß er, statt die Ehrenbezeigungen ernst zu nehmen, ihn mit heimlichen Scherzen umsteckte. Monnier versicherte, daß es einzig einer christlich spießigen Denkgewohnheit habe beifallen können, aus der Anerkennung eine Verlegenheit zu machen; die Griechen hätten sich nicht geschämt, sie öffentlich und festlich zu betreiben gemäß ihrer Unverdorbenheit und wohlunterrichtet über die verpflichtende, anspornende Kraft des Beifalls. »Alles, woran wir leiden,« behauptete er, »Selbstverachtung, Zwiespalt, Verdrängungen, Perversität, Unfruchtbarkeit, Ungenügen, Ihre berühmten Verzweiflungen insgesamt, sind die Gabe unserer Mutter, der christlichen Weltanschauung, die seit zwei Jahrtausenden an der Arbeit ist, das Heidentum aus der Welt hinauszuekeln, das heilige Heidentum, den Urzustand der Natur, wie ihn die Götter zum Wohle der Menschheit erschufen. Rühmen Sie sich Ihrer Gabe, Herr Wendelin, frönen Sie nicht dieser heimlichen Eitelkeit, etwas nicht sein zu wollen, was Sie nun einmal sind, und was zu sein auch weiter kein Verdienst, wohl aber eine Gnade ist, die Sie mit wenigen teilen, mit der erlauchten Schar der Schöpfer.« Über diese gingen ihm auch die Götter nicht, und dieser Umstand, nicht die empfangenen Schmeicheleien, deren Gültigkeit er wie gesagt ungefähr abzuschätzen wußte, das Maß und die Lauterkeit des Glaubens waren es, die der Jüngling seinem Gönner so hoch verrechnete. Jeder heilige Eifer und jede Ausschließlichkeit der Leidenschaft hat etwas Ritterliches an sich, dem Alter stehen sie doppelt gut, schon gar wenn sie selbstlos sind wie Herrn Monniers Übertreibungen. In seiner Gelehrtenzelle beruhigte der Junge sich wunderbar; er lag auf dem Diwan ausgestreckt mit dem Arm an den Augen; seine Liebe erfüllte ihn wonnig und klar, sein Geheimnis machte ihn ein wenig übermütiger spielte innerlich, mehr als der Greis wohl ahnte, seine Jugend, die Fülle seiner Pläne und Hoffnungen gegen den Bücherherrn aus. Die Schönheit Majas stand als ein unverlierbarer Besitz in seiner Seele; sie machte ihm warm, wie ein Feuer, die Ohren glühten ihm, sein Herz war wie ein Funke. Seines Überschwanges voll, verzog er sich ins Freie, wo er, leise vor sich hinsingend, manchmal die Hände über den Scheitel erhob, sich auf die Brust schlug. »Du bist schön, du bist schön,« frohlockte er, ganz erfüllt von den Feiertagen der Königin. Die Tiere, die da liefen, Gebüsche, See und der ferne Himmel, der besonnte Stein und die Menschen, alles erschien ihm unaussprechlich rührend; in ihrer Mitte wandelte er von weichen Lüften getragen, nur von den Wellen seiner Empfindungen selig bedrängt. Nachdem er in dieser Weise die Welt mit Gefühl erfüllt, stach ihn der Haber, die Hölle zu locken, um einmal seine Stärke gegen sie auszuspielen: Er beschwor Imago; ihr sanftes Bild schwankte vor der Wirklichkeit Majas, aber sie kam ins Gezweige, in die Bläue der Ferne und bezwang auf diesem Umweg seine Phantasie. Er verfluchte sie inniglich, er verspottete sie; aber um seinen Frieden war es geschehen. Er stahl sich abseits, um sie sich vor die Augen rufen und der Königin peinlich vergleichen zu können, Zug für Zug und Liebreiz um Liebreiz; ach es war nirgends still genug! Die Sonne und letzten Endes das Rauschen des Blutes ließen keine Stille aufkommen. Der Junge schleppte sich also mit der Larve von Anmut, die sich ihm anhängte; die Glieder versagten ihm, er sah sich nach einer Möglichkeit um, nur schnellstens zu sterben. Elisabeth erschrak, als sie die veränderte Lage vorfand. Er sollte ihr das Phantom beschreiben; er beschrieb es mit einem spöttischen Lächeln liebevoll und sehnlich. »Wenn ich sie da irgendwo sitzen fände, ich zögerte nicht, auf sie zuzugehen; sie erhöbe sich halbwegs und würde mich fragen, wo ich nur alle die Zeit gesteckt habe, mit ihrem innerlichen Lächeln ...« »Wie heißt sie denn?« »Ich bin mir ungewiß darüber, ob sie auch einen Namen führt. Jede Benennung setzt sie eigentlich ein bißchen herab. Wesentlich an ihr sind ihre weichen Wimpern. Das Lächeln in ihrem Antlitz kommt und geht – in sie hinein – wie der Abendwind um einen Strauch. Es ist furchtbar, ich werde ihre Vorstellung nicht wieder los!« »Ich glaube, das alles wird sich schon finden, mein Sohn. Oder hoffst du, ihr, dieser Braunen, Makellosen, eines Tages von Angesicht zu Angesicht gegenüberzustehen? Hätte sie meinetwegen die Größe oder die Hände oder irgendeinen geringen Zug nicht so wie du sie siehst, du wendetest dich auf der Ferse –« »Keine Frage –!« »Denn sie wäre es dann nicht. Enttäuscht dich Maja?« »Aber du mißverstehst mich ja!« Ein Schalksinn umspielte sie. Mit verwandeltem Ausdruck legte sie ihre Linke auf seine Finger: »Du armer Hansdampf!« Im Lauf des Abends schob er unversehens seinen Kopf an sie; die Augen leuchteten ihr auf. Als er fort war, schrieb sie ihm in einem langen Brief ihre Ferienerlebnisse. Er seinerseits bereute den Müßiggang, mit dem er seine Zeit vertan hatte; auf einmal, zu spät, ergriff ihn die Schöpferlust mit sehnlicher Gewalt. Er vergaß sie am Ende. Die kleinen Dinge des Tages nahmen ihn in Beschlag zusamt seinem ernsthaften Herzen, das alles aufbauschte und über Gebühr beschenkte. Die ersten Nebel brachten ihre Schauer, schon wieder roch es nach Äpfeln, die hohe Zeit des Herbstes rückte heran mit ihrem Ballast an Erinnerung, mit den schweren zudämmernden Einsamkeiten, mit dem Glockengeläute voll Schnee und lautlosen Feuern. Wendel schrieb wieder Gedichte auf Maja. Die schattigen Hallen der Jahreszeit erschienen ihm wie ein nun leeres Haus, in dem er so viel erlebt; es hingen noch Kränze von den Wänden herunter, Herbstzeitlosen welkten auf den Fliesen, die tauige Luft durchdrang ihm das ganze Herz. Immerhin bereitete ihm auch in seinem Dichten eine gewisse Trägheit aller Nötigungen viel Kummer. Für gewöhnlich zerfaserte sich ihm sein Gefühl über der Arbeit der Gestaltung, schweifte aus und erlahmte, weshalb er nur Anfänge sammelte, die er in den Nachtstunden vor sich ausbreitete zum Zeugnis seiner Untreue, seiner Ohnmacht, der Furchtbarkeit seines Loses, eine halbe Begabung zu sein. Adams Widerstand Verzweifelt ersehnte er sich oft einen kleinen Zuschuß an Verzückung und Irrsinn, der ihn zum Dichter machte, ihn hinaushob über die Verlegenheit seiner irgendwie sündhaften, mit dem Makel der Lüge gezeichneten Betätigung. Niemand, dem es nicht gegeben ist, erlangt die Befähigung zu der schöpferischen Ekstase, die wie ein Abendhimmel kühl von nicht mehr gegenwärtigen Sonnen glüht. Ihm mangelte es an der Kraft der Gefühle, die nicht hinreichten, die Welt emporzuheben, wie es der dichterische Angriff tut, und so war es denn wieder das Herz, sein unzulängliches Herz, das im Grunde nicht zu ihm hielt, anderswohin horchte, aus der Gegenwart in eine stets ausbleibende Zukunft hinüberverlangte, so entsetzlich beiläufig schlug und, statt die Dinge in sich aufbrennen zu lassen, alle Eindrücke verwarf und trübte. Er lauerte diesem Herzen wie einem Feind auf, als wäre ihm beizukommen gewesen, dem hinterlistigen Feigling, der, in eine Nische seiner Brust gedrückt, sich ihm angehängt hatte, ihn behinderte und foppte, ihn dann noch zum Narren hielt, wenn er sich eines Tages mit dem verhaßten Peiniger in irgendeinen Abgrund hinabwarf. Saß er trauernd am See, so kam die Leise, Imago, und ließ sich bei ihm nieder. Der Duft gestärkter Wäsche wehte von ihrem Kleide, wenn sie es mit den Händen glättete. Sie sprach ihn sogar an: »Was bedrückt dich, Lieber?« »Ich kenne dich nicht.« Nach einer Weile senkte er das Gesicht in die Hände. »O mußtest du kommen und mir solche Qualen bereiten!« murrte er und saß dann wieder da, an ihr vorbeiblickend, heimlich aber voll sehnlicher Aufmerksamkeit für sie, für ihre Stille und Anmut. Pagenkinder und Greise, sonntägliche Mütter, Junggesellen mit Hunden und die stutzerliche Jugend der Großstadt strömten vorüber. Die Versammlung all der Menschen, die hierher gekommen waren, um ein bißchen der Spätsommersonne zu genießen, ein bißchen zu kokettieren, ein bißchen begreifliches wollüstiges Verlangen schweifen zu lassen, besänftigte wie ein Bad, aus dem man mit neuer Begierde aufs Dasein, hungrig und kindlich heraussteigt. Wendel genoß den Zustand, wo er, in alles verliebt, auch alles entzückend fand, die Unbedeutung der Lustwandler, ihren Frohsinn, ihr Geträller, die Einfachheit ihrer Kleidung, den Tumult auf dem Wasser, die Parke, die Türme und den Berg, der alles das blau überdämmerte. Plötzlich war es dem Blonden, Maja gesehen zu haben. Er glaubte, das Herz würde sich ihm aus der Brust hinausbäumen. Die Flimmerluft blendete. Unversehens hatte er das Mädchen bei der Hand erfaßt und zog es zum Ufer. Wie schlank sie herausgewachsen war! Soviel er von ihr in verdunkelte Augen erwischte, leuchtete sie sonnig und lieblich. Also ruderte, ruderte er! Anfangs, wenn er sie flüchtig musterte, sah er sie in Betrachtung seiner Bewegungen; endlich erlebte er es, daß sie vergnügt auch die Berge, die Wasserflut und sogar die Wolken beguckte. Und dieserart auserkoren, ihr mit seinen Leibeskräften Behagen zu bereiten, wuchs er in einen unbändigen Mut hinein, in welchem es ihn versuchte, den Kahn in die weichen Lüfte und zu den Schneegemächern der Ferne hinaufzuziehen. Die Bläue umwallte sie beide beinahe lautlos, mit lichten Toren, welche aufwärts und in ein besonntes Meer hinausführten. Jeder Ruderzug schmiegte die liebe Gestalt in Wasserluft und in ein Lächeln zurück. Die entschwebende Stadt hing ihr zierlich ums Haupt. Maja schleppte nun ihr Händchen im Wasser, die neuen Gestade schwankten mit Laubkränzen wunderlich grün und nahe heran; erschrocken lenkte Wendel ins Perlmutterfarbene, auf das hohe Gewoge, das in den Himmel taute. Die Riesenkraft, die ihn unvermindert belebte, scheuerte sich übel am Holze. Maja, hochherrlich schaukelnd, betrachtete ihn mit ihren schwarzen, schwarzen Augen. Auf einmal rief sie: »Aber Sie bluten ja!« »Blute ich?« erwiderte er und besah seine Finger. »Wozu hätten wir denn diese schöne große Wasserschüssel zur Hand,« lachte er und griff in den See. Die Wasserabgründe erschienen ihm himmelstief. Ein eigenartiges Grauen stieg über Bord herein und belastete den Kahn. Man glaubte die Sockel der Berge in den Wellen zu sehen, ein melancholisches, altes Reich. Es trieb den Blonden, sein heiteres Gut anderswohin zu flüchten, und sonderbarerweise wieder menschenwärts. Aber die Hand blieb ihm am Ruder kleben; die stechende Art der Schmerzen, die sich zusammen mit seiner Friedenswonne prickelnd auf das Herz schlug, vertiefte nur das Bewußtsein dieser ihm vom Himmel gefallenen abseitigen Stunde, in der er sich selbst und die Welt nicht wieder erkannte. Das Jungfräulein saß so wohlgewachsen vor der blauen Höhe, lächelte mitunter so warm aus ihrer vielbemerkten stolzen Scheu, daß es ihm beinah Tränen heraustrieb. Eigentlich wunderte er sich, daß sie nicht anders aussah als die Erinnerung sie ihm aufbewahrt hatte, und daß sie doch gewachsen, in junge Brüste und in die Formen gewachsen war, die einige Wochen lang ungewiß solche kindhaften Frauen beflaumen. In Nachdenken versunken saßen sie einander gegenüber; er dachte darüber nach, was sie wohl sinnen mochte in ihrem lieblichen dummen Haupte, von dem er noch gar nie vermutet hatte, daß auch es, nach der Beschaffenheit seines Geistes, souveräne Gedanken zu fassen vermöchte, Gedanken vielleicht, die ihn in sich einbezogen, ungeduldige Fragegedanken, welche es nicht verstanden, aus welcher Ursache er sie so lange sich selbst überließ. Dergleichen konnte in ihren Minen stehen, ebenso möglich war ihre völlige Arglosigkeit; jedenfalls täuschte er sich darüber nicht, daß ihn noch graue Unendlichkeiten von dem Erfordernis trennten, in diesen Dingen Gewißheit zu suchen. Der See erschien ihm auf einmal zu weit, sein Licht auf einmal müde. Mendels Gehobenheit erlahmte; es war eine plumpe Neugier, die ihn flüchtig nach dem ihm ausgelieferten Mädchenleib hinstarren ließ. Dieses letzte Gefühl nahm, veredelt, einen weitläufigen Besitz in ihm, als er Maja an seiner Hand durch die Parkbäume heimwärts geleitete. Auch ihr Griff hatte sich sehr selbstbewußt gekräftigt; es kamen wohl Augenblicke, wo er seine ganze Rechtschaffenheit gegen das Verlangen aufbot, stehenzubleiben, sie langsam in die Arme zu nehmen und seine Tränen an ihr auszupressen. Sie zeigten einander die späten Zugvögel, welche auf ihrer Reise die Stadt überflogen. Zumeist schwiegen sie, wenngleich ganz fröhlich. Er hatte nicht gewußt, daß es so beglückend sein würde, einfach mit ihr zu wandern. Sic reichte ihm knapp an die Schulter; nach üblicher Gepflogenheit maßen sie einander mit den Augen, wenn ihre Ellenbogen sich berührten. »Halt!« sagte er. »Ich glaube gar, du fühlst dich mir überlegen. Das ist doch unerhört.« »Kleiner bin ich jedenfalls nicht.« »Doch, du bist kleiner.« »Was gilt die Wette?« Wettest du mit mir, Liebling? dachte er, auf ihren Mund blickend; und du willst meine Pfänder sehen? Ihr schöner Mund lächelte; er sah ihn an wie eine unerschwingliche kostbare Sache. »Doch, du bist kleiner,« sagte er und fügte sich der Probe. Hernach blieb sie vor ihm in der Dunkelheit stehen, umgittert von den tausend zierlichen Zweigen des Apfelgartens; der Mond ließ ihn bläulich erscheinen. Warum verweilst du da und versperrst mir den Weg wie eine ganze Welt? klagte er sie an. Bezeigst du deinen Dank, indem du mich nicht fürchtest, oder willst du nichts davon bemerken, daß mein Herz seinen blühenden Inhalt um dich verschüttet, du bewegliches dunkles Wesen, atmendes Geheimnis – Auf der Höhe verabschiedete er sich von ihr und wanderte den Weg zurück weder verzweifelt noch überschwenglich. Er schlief nicht weniger oder besser in der ihn umhüllenden Gegenwart der Geliebten. Morgens wusch er sich ihre Berührung kummervoll von den Händen, seufzte, nahm die Einöden des Alltags über sich, voll Besorgnis, sein Seelengeschmeide vorzeitig zu verlieren. Die sanften Vorstellungen, mit denen Elisabeth ihn im Lauf der Monate umgeben hatte, wirkten sich unheilvoll an ihm aus, sobald er soweit gekommen war, sie nicht mehr als einen Gegenstand der Debatte mit dem Kopf abzutun, sondern sie auf die Welt anzuwenden. Wo er dann hinblickte, sah er die Ergebnisse menschlicher Irrtümer an dem kranken, halbwertigen Geschlecht, dem er angehörte; wo er hinauslief, gähnten ihm Abgründe entgegen. Bei Elisabeth saßen verzückte Apostel, die ungleich mehr davon wußten – er aber lehnte sich noch immer auf gegen ihre gedämpften Gespräche; Kerzen, weiße Gewänder, das ganze Prophetengebaren bereitete ihm nichts als Entsetzen. Weihrauch und Weizen duftete aus dem Gewand der Freundin, wenn sie ihn scherzend umarmte. Ohne Verständnis sah er sie Brote backen, fade Hebräermatze, Azyma, was sie lächelnd mit ihrem modernen Munde fraß. Sie sang Lieder, in denen ein altersdunkler, assyrischer Gott seine unverdiente Oberherrlichkeit über die Zeit antrat. Die Tränen konnten ihm kommen vor Jammer. »Ist es nicht genug daran, daß uns die kleinen Besitztümer des Daseins Stück für Stück verloren gehen, sollen wir auch noch die Grundlagen unserer seelischen Existenz einbüßen? Grauenhaft ist die Verwandlung, die durch die Welt geht? Was haben wir nicht schon alles aufgegeben, nun sollen wir uns weiterhin demütigen, die Errungenschaften der Kultur preisgeben und lernen, vor Kerzenleuchtern Hosianna zu singen – Dinge zu üben, vor denen jahrtausendealter Abscheu uns zurückhält. Mir graut vor euch und euren Beglückungen! Ihr seid herzlos, nichts ist euch heilig, ihr Heiligen!« »Im Sinne der Unsterblichkeit gibt es nichts Heiliges.« Es hätte ihn weniger gequält, wenn es ihm gelungen wäre, das Ganze als eine greifbare körperliche und geistige Quacksalberei abzutun; allein, da war so manches daran, was ihm Eindruck machte. Schließlich war er der letzte, die Berechtigung von etwas Mystik im Jahrhundert der Nüchternheit zu verkennen, er war der letzte, der gegen die Ekstase auftrat; eine Kirche ohne Geheimnis war in seinen Augen ein Unding. Davon abgesehen, enthielt die neue Lehre verblüffende Lösungen uralter Schöpfungsrätsel; ihre Anwendung schied Krankheit, Unrecht, Krieg, Ahrimans Schattenreich auf wunderlich selbsttätige und umfängliche Weise aus; sie gab anwendbare Maßnahmen gegen die Verderbnis des Leibes, zur Befreiung der Seele, des ganzen verschütteten und behinderten Menschen. Dem Blonden klang das vertraut ans Ohr; seine etwas nebulosen eigenen Aussetzungen an der Welt erfuhren nicht nur Anerkennung, Klärung, Sinn und Begründung, es zeigte sich für sie unversehens wenn auch noch so unwahrscheinliche Hoffnung. Vorerst bekam freilich nur das Vernichtende der Heilsbotschaft Macht über ihn; wo er hinsah, erblickte er Trümmer und Mißbildung, die Erde kam ihm wie eine Brandstätte vor. Er selbst, wenn er sich den Gottesstreitern verglich, sah sich auf einmal im Hintertreffen, gar nicht geschickt in den allein maßgeblichen Eifern der Religion. Die Ersten werden die Letzten sein, dachte er traurig, mit einer etwas verächtlichen Bitterkeit auf die Frommen. Deren demütiger Fleiß, sich zu waschen und zu kasteien hatte demnach besser vermocht, sie voranzubringen als ihn seine Melancholien. Verse, Ruhm und Talente galten auf einmal nichts mehr; Gott war ein Gott der Banausen, die Kunst eine Bemühung von Gauklern. Solchermaßen verarmt, ohne Mut, ohne Ehrgeiz lebte er reichlich ein Jahr dahin. Maja verließ die Schule und trat in einen Beruf ein, ohne daß zu so bedeutungsvollen Veränderungen seine, des Träumers Hilfe vonnöten wurde. Er hatte begonnen, sich in die Kümmerlichkeit der Jahreszeiten zu schicken; sie waren ihm nie so träge erschienen, obwohl sie, rückwärts besehen, eine Menge Einöde hinter sich brachten. Zuweilen beunruhigte ihn von fern eine Art Gewissen, das er sich machte, wenn nunmehr die Märchenzukunft, in der er sich ja aufhielt, so wenig von dem erfüllte, was er ihr zugewiesen, damals in den Paradiesen des Anfangs. Deren süße Gewalt bestand, wie immer auch verändert, durch alle Zeiten fort; noch immer beseligte ihn schmerzlich ihre Erinnerung von Wasserbreiten, Laub und Königskerzen, deren Land unwirklich und sonderbar wie eine ferne Berghöhe blaute. Im übrigen duldete er sich in den Lebensumständen eines bewußt gleichgültigen Spießers, der er nun war. Was blieb ihm auch anderes, nachdem, sich ihm alles zerschlagen, woran zu glauben er sich wahrlich bereitgefunden hatte. Noch war er so weit nicht gekommen, gutwillig den Tausch gegen unverlangte, obendrein widerwärtige und ihm in keiner Weise angepaßte Werte anzunehmen. So ein Poet steckt allzu tief in seinen Naseweisheiten und ist in der Welt das widersetzlichste Kind Gottes. Das heilige Bemühn Kind Gottes Noch einmal setzte es schwermutreiche Sträuße ab; dann fing er aus Neugier an, die Hantierungen der Sektierer zu üben, turnte, fastete, purgierte sich und lernte ihre Kunst zu atmen. Mitunter murrend und wohl auch schluchzend balgte er sich herum mit dem Leibe, der ihm widerstand und den zur Glückseligkeit zu zwingen sein blutiger Ernst geworden war. Einmal des Tages aß er eine Wenigkeit, er fühlte sich leicht wie ein Wind, fremdartige Zephirlüfte trafen seine Seele, und es gab allen Anschein, als hätte das Tausendjährige Friedensreich sich herbeigelassen, in seinem geläuterten Blute zu wohnen. Dankbar dafür, zögerte er nicht länger, sich in die Loge der Heiligen aufnehmen zu lassen, genoß des Umgangs mit einer strebsamen, freudig überheblichen Brüderschaften der es pfiffige Häupter, Seraphengemüter und Schöpse gab, jeder auf seine Weise geeignet, einem derartigen Konsortium nicht eben alltäglicher, Gott wohlgefälliger und zeitgemäßer Jünger anzugehören. Was ihn, Wendel selbst, anbetraf, so brachte er keinerlei sichtbare Gaben mit sich, weder in der Richtung der Redefertigkeit, noch auf okkulten Gebieten, die, ihm neu und noch etwas verdächtig, hier eine bedeutende Rolle spielten. Man feierte die Jahrestage der Steinbockgeborenen, der Wassermänner; namhafte Gelehrte lieferten Horoskope; welche hatten es in der Gewohnheit, zu ihren Unternehmungen oder über ihre Gebresten ein kleines Korkpendel um seine Meinung zu befragen. All das sah der Neuling in einer selbstverständlichen, friedfertigen Weise von Menschen vollführt, die er um ihrer Ernsthaftigkeit willen achten und in ihrem hingebenden Wesen lieben mußte. Von Gott zur Obhut des Leibes bestellt, gewiegt in der Verwendung von Narben und Wassern, zeichneten alle sich aus durch Gepflegtheit, manche durch Anmut, nicht wenige aber durch eine Schönheit, die mitunter vermochte, den Dichter in seiner Versenkung zu stören. Im Verein mit solchen Geschöpfen, mit Frauen und bekränzten Kindern auf Teppichen herumliegend, dem Wort des Priesters lauschend, erschütternder Offenbarungen teilhaftig, bei Gebet und Gesang glaubte er sich in einer altgriechischen Schule zu befinden. Es kam vor, daß er gänzlich verwirrt sich auf seine zwei Beine stellte und lächelnd, mit verschränkten Händen etwa folgendermaßen zu der Versammlung redete: »Wie sonderbar. Da sitzen wir nun beisammen und diskutieren die Gottheit; wir haben ein so bestimmtes Gefühl, daß es heute wieder wie vorzeiten ist, wo die elysischen Wunder nicht in den Epen, sondern in Tempeln, in Hainen, am rauchenden Herd, im heißen Staub, über den Quellen wohnten. Wer hätte gedacht, daß, was wir an den Heiden wohl priesen, aber doch auch belächelten, ein so gegenwärtiges Leben wiedergewinnen könnte. Ich bin der Mensch, dies zu schätzen. Meiner Tage habe ich gelitten an der Diskrepanz von Erlebnis und Gefühl; hier fangen wir an, die Einheit wiederzugewinnen. Wir empfinden eine Erleichterung schon allein dadurch, daß wir uns jeglichen Stolzes begeben haben; wir sehen uns bereit, das Letzte über Bord zu werfen, an das die Menschen sich klammern, die armen Narren, die da Bücher schreiben, die Technik erweitern, alle Betriebe der Erde zu einer Höchstleistung steigern, die schon bald nach dem Bruche hin zu singen beginnt. Wer erfindet denn noch anders als in dem Sinne, daß er hofft, den simplen Gott der Natur zu überbieten, und sind unsere Ingenieure vielleicht der Stand von Priestern, der darum weiß, daß der Schöpfer die Hintergründe verlassen hat, um hier, an der Spitze der Zeiten, der Modernste der Modernen, sich in den Wissenschaften zu erweisen? Gott ist doch groß! Wir aber haben seine Gedanken genommen, als wären sie unsere Gedanken. Wir haben uns mit Gott herausgeputzt und gehen in seinen Gewändern drollig genug, wenn wir es nur endlich erkennen wollen. Wir haben nicht versäumt, ihm auch dadurch den Garaus zu machen, daß wir seiner Herrlichkeit Denkmäler aufstellten; es gefiel uns, ihn in unfern Gedichten zu gebrauchen als einen tiefsinnigen Raum, in welchem unsere Stimme auf eine gute Art widerhallte. Wir meinten immer uns selbst. Wer von den verlorenen Söhnen der Aufklärung ahnt noch die Befriedigungen, die in der Selbstpreisgabe liegen? Wir irregeleiteten Sucher!« Das war ebenso selbstgefällig als voreilig von ihm gesprochen, aber sein schöner Friede, den er jetzt noch überschätzte, war am Ende sauer genug verdient, um es begreiflich zu machen. Elisabeth sang und frohlockte; seine Verbundenheit mit ihr war nie so innig gewesen, wogegen Lydia auf einmal in Rückstand kam, er schämte sich ihrer ein wenig, eigentlich gab es nichts, das ihre Beziehungen rechtfertigte. In dieser Auffassung verleugnete er ihre Liebe, eine Sache, von der er so leichten Kaufes nicht loskam. Damals in Afrika hatte sie ihn eines Tages einer Raubkatze entrissen; was er auch dagegen anführen mochte, ihr verdankte er buchstäblich sein Leben; sie fühlte sich aufgelegt, es noch manchmal und gegen jeden beliebigen Angriff zu verteidigen. Der süße Schreck der Gefahr, das Aufflammen ihres Entschlusses, aber auch das Gefühl von seinem warmen Gewicht hatte sie wie ein Blitz getroffen, hatte ihr das Herz für ihre atmende Beute entzündet; durch den seltsamsten Umstand war sie ihm Mutter geworden, und was für eine heißblütige, verzückte, lachende und aufschluchzende Mutter. Sie hatte sein blondes Körperchen unter Ebenholzleibern, vor jagenden Gazellen gesehen. Ja, sie hatte sich tausend und abertausend sündige süße Dinge von ihm ausgemalt in den Steppennächten, im tollen Geflimmer der Grillen, im Wollustwind, der aus Wolken herabfiel, im brünstigen Schrei der Bestien, und daß sie es in ihrem Schoße verschloß, ihn ängstlich, zitternd vor sich selber behütete, der Abschied nach allem, die Nacht der Trennung, ja sogar das dämmerige Vergessen hatte dazu gedient, ihn tief in ihr Blut zu prägen. Halbwegs so weit gekommen, ihm, wenn auch schmerzlich, zu entsagen, aus Schonung seiner Reinheit und Bedeutung, sah sie sich jetzt in die Lage versetzt, ihn an die Nebenbuhlerin und deren Gotteswahn zu verlieren; sie raste vor Angst und Erbarmen, ihre lebhafte Vorstellung zeigte ihr Ewigkeitsstädte, grauenvolle Gärten im Sternenraum, in die sich zu verlaufen der Liebling im Begriff stand; die himmlischen Reviere erschienen ihr furchtbarer als alle Hurenstraßen der Erde. Was lag ihr näher, als ihn an sich zu reißen, ihm die eigenen Erschütterungen, das Weltall ihres Leibes anzubieten? Sie bildete sich ein, ihn damit zu erretten; allein er stand wie ein Kind vor ihr, zürnend und ohne Einsicht, auch wenn er, erblaßt, von der Nähe der Versuchungen zitterte. Sein neues Bekenntnis verpflichtete ihn zu den strengsten Ansichten über die Bedeutung der Geschlechtskräfte und deren Verschleuderung; doch war es das zuletzt, was ihn so unerbittlich vor der furchtbarsten aller Befriedigungen haltmachen ließ. Die Fiebrigkeit seiner Sinne, die ihm kaum jemals Ruhe gewährte, steigerte sich manchmal zur unerträglichen Begierde, in der er allüberall, im Opal des Himmels, im weichen Laube, die weiblichen Verführungen erblickte. Sein Auge suchte verzweifelt nach jeder Fraulichkeit, nach der süßen Form der Hüfte, Lenden und Glieder; er fand sie unsäglich rührend, auf die Beglückung geradezu weise angelegt, aber auch von einer rein ornamentalen Selbständigkeit und Würde, die es ihm ermöglichte, sie mit der Ritterlichkeit des Künstlers wie Statuen, Vasen, Wolken als Dinge des Ebenmaßes ihrer eigenen Herrlichkeit zu belassen. Ihre Käuflichkeit kam gar nicht für ihn in Frage; sie ärgerte nicht seine Moralität, wohl aber seine Meinung von der Tragweite des Entschlusses, das hohe Erlebnis zu wagen: Wie man sich damit begnügen konnte, es flüchtig von der Straße aufzuraffen, das blieb ihm unverständlich. Aus diesen im Grunde anspruchsvollen und leidenschaftlichen, nichts weniger als selbstlosen Veranlassungen kam er zu seiner Sittenstrenge und zu der scheinbaren Sprödigkeit, die so schlecht zu seinem übrigen Wesen paßte; allein, da war außerdem Maja, das Idol seines Eigensinnes, ihr hatte er unausgesprochen und mit einem eigentlichen Raffinement ausschweifender Phantasie diese höchste Gemeinschaft vorbehalten. Lydia wußte es und war auch bereit, ihn solchen Umständen abzutreten; aber gegen die Umgarnungen der Bigotterie bot sie all ihren Haß auf. Die Fahm, ihre Gegenspielerin, von der sie sich verachtet wußte, sollte die Macht des lebendigen Lebens zum Nachteil ihrer Hirngespinste erfahren. Sie glaubte sich mit ihrem Kampfe völlig allein in der Welt und entnahm aus diesem Irrtum nicht nur Schwermut und Inbrunst, sondern auch Bestärkung in der Sache; derweil wirkte sich im Verborgenen der Beistand eines nicht minder erbitterten, wenn auch ganz anders interessierten Waffengenossen aus, der des Literaten Monnier. Dieser etwas schwärmerische Privatier hatte sich vorgenommen, den Blonden unauffällig, aber desto planmäßiger zu einem großen Künstler heranzubilden, er hatte es sich angelegen sein lassen, ihm schöne Gärten und Museen zugänglich zu machen, hatte damit begonnen, ihn bedeutenden Männern zuzuführen und behielt sich als Letztes vor, ihn auch reisen zu lassen – da verlor er ihn an die Pfaffen! Trübselige Nachmittage gaben sich beide ein sinnloses Geleite durch die Stadt. Der Gelehrte, die Hände mit dem Stock am Rücken, wandelte grollend und traurig gaßauf, gaßab, und Wendel hüpfte an seiner Seite mit einem bedauernden Lächeln, oder wohl auch ärgerlich und geladen. Denn was hatte dieser Mensch ihn väterlich zu ermahnen, und was hielt ihn, den Jungen, in der Gesellschaft der voreingenommenen Meinungen einer erledigten Zeit? Zum Überfluß hatte er sich Mühe gegeben, den alten Herrn zu beschwichtigen und ihm darzulegen, daß es keine erste beste Frömmlervereinigung sei, die ihn eingezogen. Es verleidete ihm, ewig die Vorstellung des bärtigen Großvatergottes von dem Geiste trennen zu sollen, dem er diente. Nachgerade entzog er seine notvolle Herzensgeschichte dem Einblick des Greises und ließ sich in keine Verhandlungen mehr ein, es sei denn, daß die eitlen Geschäfte der Erde, Künste und Wissenschaften, zwischen ihnen zur Sprache kamen. Imago lebte auch noch, schuf ihm so manchmal Herzeleid, wenn sie lautlos mit seiner Maja rang, den absonderlichen Ringkampf zweier Lieblichkeiten austrug. Wo er stand und ging, erschien die Fremde vor seinen Augen, das stille Haupt, dem er nachsann und das ihn so sanft verfolgte. Er versuchte sie zusammenzusetzen aus den Gebärden der Frauen, die er, flüchtig oder in schwerem Erleben, bisher geliebt. Dabei überblickte er die Gefilde seines Herkommens und verwunderte sich über die viele Anmut, an die er sein Herz verwendet, ohne daß ihm doch etwas geblieben oder daß er nachweisbar davon gelernt hätte. Nicht einmal die Königin ergriff Besitz von seinem Dasein, schlug sich vielmehr noch immer, und wie es versprach erfolglos, mit Truggebilden herum. Er sah sich nicht eingerichtet, zum Grundstock einer Familie und Sippe zu werden, so daß er aus vielerlei Rücksichten eigentlich seine Verhältnisse lobte und im Ernste nicht wohl begehrte, aus seiner Wolkenbehausung zu steigen. Das verhinderte nicht, daß er eine Unsumme schönster Schmerzen im Dienst seiner Träume verbrauchte, schon allein aus dem Umstand, daß Maja unversehens in aller Form eine Jungfrau geworden war. Freundliche Fügungen und das Vorrecht der Liebe hatten es ihm ermöglicht, dieses Wachstum in gemessenen Zwischenräumen zu verfolgen, sehr in Unruhe, es möchte sich nicht in den Grenzen bewegen, welche der junge Mann auf das Gewissenhafteste für diese Entwicklung vorgesteckt. Er hatte davon den Lohn, daß er in gräßliche Zweifel verfiel, so oft er, zurückdenkend, des Mädchens sprossende Formen in der Erinnerung übertrieb und entstellte, so daß sie ihm bäurisch vorkam, hingegen Imago in ihrer lindesten Sanftmut durch seine Gesichte schlüpfte. Seine Nörgeleien wirkten sich nachgerade in einer allgemeinen Mutlosigkeit aus, in welcher er keiner herzhaften Freude, kaum noch überhaupt einer inneren Bewegung fähig wurde, weshalb er dann vor dem Gegenstand seiner Schwärmerei, wenn er ihn wieder erblickte, durchaus dumm und untätig stand, höchstens über die Lächerlichkeit des Lebens verdrossen, welches sich anstrengte, würdig zu verlaufen, aber so schmählich versagte. Dann bekam Lydia Vorsprung; er schien ihre Tröstungen zu erwägen. Zermürbt von dem Zwang seines Nachdenkens, unschlüssig zwischen wankenden Wahrheiten, überlegte er die Ergebung in ihre Wärme und Stärke. Aus diesem Grunde wurden die Jahre des Wartens nicht in dem Sinne der Entbehrung, sondern auf eine viel schmerzlichere Art furchtbar; er genoß nicht einmal die Tröstungen des Belletristischen an der Sache und hatte nichts oder wenig von nahrhaften Hochgefühlen, dagegen eine Menge Ekel. Dazu kamen die Scherereien, die seine religiösen Verpflichtungen ihm verursachten. Im Frühling fastete er sieben Tage, was an sich eben kein Kunststück bedeutete; die Schwierigkeiten stellten sich erst im Gefolge ein, einem Gefolge von Hungergeistern sowie erstaunlicher Wehleidigkeit, in welcher ihm zwar ein Feld neuer Himmelsgegenden, aber zugleich eine Seelenangst aufging, die er nicht tief genug in sein Kinderland, in die Geborgenheiten des Vaterhauses flüchten konnte. Voller Jammer suchte er in seinen Räumen die hinweggegangene Mutter; Heimweh und Selbstanklagen verschütteten ihm die Tage. Er umschlang die Buchen im Walde, biß in ihre Rinde vor Verlangen, sich der balsamduftenden, unergründlichen Landschaft zu vereinen. Braun und unangefochten standen die Lampen im Abend, die Schwalben fuhren um klingende Türme – aber alles lag weit außerhalb seines Herzens, eine altersdunkle, überwundene Welt der Bauern, wo es nach Fäulnis und Jahrhunderten roch – nach den tiefen, immer noch geliebten, stillen und toten Jahrhunderten. Die Zeit, der er sich verschrieben hatte, umgab ihn kühl wie ein Morgen. Ihre Jungfräulichkeit, ihre spröde Zurückhaltung versetzte ihn noch in Schrecken; ungewiß über die Vorbereitungen, die sich am Himmel vollzogen, fürchtete er das Licht wie ein wachsendes Unheil, der Nachmittag stand gläsern, fremd und hoch, mit traumhaften Schnittern in seiner Seele. Darum wartete er mit zweifelhafter Begeisterung auf die Ankunft des großen Meisters jener Tage, von dem die Rede ging, daß er in seiner Leiblichkeit den vollkommenen Zustand der Wiedergeburt und somit für seine Person das Himmelreich verwirklicht habe. Wendel empfing ihn mit denkbarer Vorsicht, aber gewärtig, die schlagenden Wetter himmlischer Begegnungen zu erleben. Nun, auch der neue König erschien nicht mit äußeren Zeichen, sondern enttäuschte den Vorwitz, der sich von ihm ein Bildnis gemacht; abermals wurde es für den Blondling eine bittere Bestätigung seines Argwohns, daß die Vorsehung noch nicht beschlossen hatte, mit ihren Offenbarungen in der Welt zu erscheinen. Von dem Faltenkleid und einem Paar wundervoller Hände abgesehen, besaß der Botschafter nichts mit dem Nazarener gemein; Wendelin aber hatte sich heimlich auf nichts Geringeres als eine Art Wiederkunft Christi gefaßt gemacht; bei aller innerlichen Zurückhaltung war er darauf vorbereitet, religiöse Sensationen, Wunder, Beschwörungen und Geistausgießungen zu erleben. Die Lieblingsbeschäftigung seiner Jugend, sich über den Abgrund der Jahrtausende an die heiligen Gestade zurückzudenken, hatte ihm unverlierbare Erinnerungen an die Fischer und Zöllner, Eseltreiber, Soldaten, Rabbiner und Krugträgerinnen eingebracht; den Geruch des rissigen Uferlehms, die Zisternen, Palmen, Flöhe und Felle kannte der Afrikaner, und was den Heiland persönlich betraf, so hatte er nicht umsonst seinen verliebten, brüderlichen Kult mit ihm getrieben, ihm die Hände gestreichelt, die Paradiese seiner Augen ausgekundschaftet, den kanaanitischen Straßenstaub von seinem Kleide gewischt, himmlischen Weihrauch, Liliengeruch und die Spuren Gottvaters an ihm gesucht. Wenn irgend jemand, so war er in der Lage, sich die Möglichkeit ungeheuerlicher Zeichen und Verzückungen vorstellen zu können; allein es kam nichts dergleichen, weder eine Speisung Zehntausender noch auch nur die Gewalt des Wortes oder irgendein Hauch, irgendeine Windbewegung aus der Nähe des Ungewöhnlichen. Die Vögel zwitscherten wie immer vor den Fenstern, das Heu der Bauern roch herein; der Blonde begann sich wieder dahin zu bescheiden, daß er die Leere der Zeit, seine dem Wunder verschlossene Atemluft wie ein Babel, eine Verdammnis und einen Zorn Gottes auf sich nahm. Aber es barg in sich bittere Demütigung und die nahezu völlige Preisgabe seiner Hoffnung auf das Eintreffen höherer Begegnungen; das Herz war ihm wie ein Stein, die Tränen standen ihm zuvorderst, er hätte die gläserne Gegenwart wie einen Träumenden und Widersacher schütteln, aufwecken, erdrosseln mögen. Welche Erstarrung und Verzauberung lag über den Gegenständen, den Uhren, Felsen, Fernen und Gewässern? Alles Geräusch klang wie gebrochen, wie durch ein dumpfes Ohr. Die Sache mit den Elfen und Blumengeistern hatte ihren schmerzlichen Sinn: Es hätte plötzlich anfangen müssen, mit Engeln aus den Wolken zu schneien; so schön und berechtigt ihm die Dinge vorkamen, sie standen ihm vor ihrer tieferen Wahrheit, vor ihrem Hintergrund, dem Beweglicheren und Feineren, sie standen ihm vor der Wirklichkeit. Denn als Wirklichkeit genügte ihm einzig das Geahnte, das Imago der Erscheinungen. Wirklichkeit war in Christus geradezu furchtbar, sturzbachartig durchbrochen; Christus, der Inbegriff lebendigen Lebens, flimmerte von Wirklichkeit, glühte, bis in das Herz beglückt, eine unmittelbar aus Gott hervorgetretene Flamme Gegenwart. Das war Gegenwart, wie er sie verstand: Brennpunkt aller Strahlungen, heiße und weiße Mitte der Beziehungen! Der aber, der da redete, gebot auch nicht über Hintergründe. Wendel verkannte nicht seine königliche Haltung; die allgegenwärtigen und doch so ruhigen salbeiblauen Augen standen wie ein Licht am Altar. Er verwendete viel Humor und blitzte von Witz; aber seinem beinah borstigen Schalksnarrenhaupt eignete keinerlei Priesterwürde. Er hätte in seiner Unbekümmertheit und mit seinem Gelehrtenwesen denn schon ein Kuriosum von Religionsstifter abgegeben, wenn man ihn dieses Amtes, unter Anerkennung seiner redlichen Absicht, nicht kurzerhand entsetzte. Indem aber eine freudenbenommene Völkerschaft weißgewandeter Jünger die Hügel überschwemmte, nur des einen voll, die großen Tage preisend, verzweifelte der Blondling an seinem Urteil, suchte die Unzulänglichkeit wiederum nur bei sich selbst, machte sich ein hartes Tagewerk daraus, in Weihrauchdunst und Andacht auszuharren, angestrengt zu lauschen, seinen Kopf ausstreckend, heimlich verzweifelt, wenn die seligen Seufzer der Gläubigen ihn überraschten, wenn er ihre Schauer nicht nachempfand und die Berechtigung all des Staunens in keiner Weise einsah. »Verstocket eure Herzen nicht,« ermahnte der Meister, und Wendel, erschrocken, fühlte sich persönlich angerufen, erlag halbwegs dem hier verbreiteten Aberglauben, daß der Heilige jedes seiner Kinder durchschaue; das Wort vom verstockten Herzen beschäftigte den Jüngling, er sah sich zutiefst erkannt. Sobald diese Verbindung geschaffen war, gewann ihr Verhältnis Wärme. Der Gedanke, erlebnislos zu stehen, während vor dem Altar die Emanation Gottes gegenwärtig weilte, war furchtbar genug, den jungen Menschen innerlichst zu beunruhigen. Der Meister hatte das Symbol eingeführt, sich so mit den Gläubigen zu begegnen, daß er sie von Zeit zu Zeit in einem allgemeinen singenden Umgang an sich vorüberziehen ließ, um ihnen die Hände zu drücken. Auch verteilte und knüpfte er Schnüre, die, um den Hals getragen, das Sinnbild der Bindung an die Gemeinschaft und durch ihre besondere Farbe außerdem die astrale Herkunft jedes Einzelnen bekundeten. Alles das, auch den symbolischen Gang durch die Wasser, die Reinigung im Salze, die Verleihung des Ordens, den Empfang der Segnung unter den aufgetürmten Händen von fünf Geweihten des Ersten Rangs, alles hatte der Dichter bisher mit wahrhafter Ehrfurcht verfolgt, für seine Person aber abgelehnt, weil er in seinem Inneren in Wahrheit noch nicht durch die Wasser gegangen; er hielt sich im Hintergrund, verzweifelt, sozusagen von einem Fuß auf den andern tretend. Des Nachts lief er murrend den See entlang nach der Stadt hinab, durch Herrschaftsgärten und Schilf. Im Kleide trug er den Geruch der Tempelhalle. Trauliche Stuben, in das Baumgrün gebettet, standen mit Lampenschirmen, Schränken, Bücherregalen und Standbildern weit offen. Die wohnliche Welt des Ererbten. Eingedenk der Notwendigkeit aller Verwandlungen, würgte er das aufquellende Weh hinunter. Im Mondschein lag das Dorf verbreiteten dem er frühe Studentenjahre verbracht hatte. Er ging hindurch ohne Verlangen, seine mütterlichen Kammern wieder zu beziehen; aber verwehte Frühlingsgerüche rührten ihn geisterlich an, die hier umgehenden Manen von Liebe und Liebesleid schlichen sich ihm ins Herz. Die Sterne glänzten noch unverändert über dem Bergwald, das Wasser schlug ans Gestade. Heute wußte er nicht einmal, wo das Menschenkind lebte, dem er damals eine so unsinnige Bedeutung beigemessen. Er lächelte traurig. Heute bewegte er sich in der Geleitschaft einer schweren Verdüsterung voll tibetanischen Klostergemäuers. Sein rohseidener Habitus verriet aller Welt seine Zugehörigkeit zur Familie der Heiligen, dieser versprengten Nachfahren mongolisch arischer Königsgeschlechter, die auf den Zinnen des Himalaya reine Gärten angelegt hatten. Er trug an seiner Haut den Niederschlag von Weihrauch. Mit all diesem Wesen brachte er sogar Lydia in Verwirrung. Sie besaß neben der Lebenskraft auch die Scheu einer Stute und etwas afrikanische Geisterfurcht. Die liturgischen Zaubereien, von denen ihr Bach erzählte, waren dazu angetan, ihrer Ehrerbietung vor allem Höheren Eindruck zu machen. Statt den Jungen von seiner Heilsbotschaft zurückzuhalten, wie es ihr Vorsatz gewesen, drängte sie ihn durch Neugier vielmehr hinein. Dem Verstandesmäßigen der Lehre nicht gewachsen, ausgeschlossen wie sie sich fühlte, bekam sie es auf einmal mit der Angst; sie brach unversehens in Tränen aus, fing an, überhaupt zu verzagen. Was sie sich von dem Jüngling erhoffte, mochte ihr selber nachgerade als töricht genug erscheinen; sie bat ihn kindlich um Verzeihung für alle wahnwitzigen Ansinnen, mit denen sie ihn je erzürnt hatte. Er sollte ihr raten, was sie mit ihrem minderwertigen verfehlten Dasein am besten anfangen müßte; sie veranlaßte ihn dadurch zur Anwendung seines liebenswürdigen Talentes, zu trösten, sie lauschte den ordentlich kurzweiligen Auseinandersetzungen, zu denen ihn Menschenkenntnis und seine Vertrautheit mit jeglicher Not des Herzens befähigten; stets aufs neue verliebte sie sich in das Zarte, Bewegliche, Ernsthafte, Kluge und in das etwas allzu Gründliche, eitel Umständliche seiner Natur. Sein Verstand und seine Gaben machten ihn ihr geheimnisvoll, sie blickte in seine Geistigkeit sehnsüchtig wie in einen Herrschaftsgarten hinüber; es war vielleicht mehr als der Verlust seiner Person, was sie in Schwermut und Grauen hineintrieb. Dabei ging es ihm selber nicht besserer taumelte in alle Abgründe der Melancholie, wenn im Tempel fremdartige Zeremonien vollzogen wurden, blaue Feuer flackerten, Schweigen und beinah hektischer Sakralgesang miteinander wechselten. Tausendmal war er daran, mit einem Spottgelächter aus der Narrenversammlung zu entfliehen; der Geruch von Oblate, die Verwesung von Mystik reizte ihn zum Brechen; es war die Spannung eines Geheimpolizisten, mit der er anfangs die Handlungen verfolgte, etwa die Einsegnung von Ehen, die in der Weise vollzogen wurde, daß der Priester, vom Gesang der Gemeinde begleitet, das sitzende Paar mit einem Faden vielfach umwickelte, wobei das Weib sein Symbol, den Apfel, der Mann eine Nuß in der Hand hielt; das verknüpfte Garn wurde mit einer Kerze entzweigebrannt, und dem Teil, auf dessen Seite der Knoten fiel, kam der Entscheid in den Fragen der Ehe zu. Diese Weihe vom Meister zu empfangen, der vielleicht nie wieder herkam – er lebte in Kalifornien bedeutete den Heiligen nichts Geringeres als die Berührung Christi, weshalb sie sich damit beeilten, noch schnell unter die Haube zu kommen; die Segnungen und Feierlichkeiten zogen sich tagelang hin, tagelang vernahmen die erntenden Bauern der Umgebung die hieratischen Sänge, vermischt mit Gerüchen, welche die zephirleichten, vielgebadeten, Gras essenden Engel verbreiteten. Wendel schämte sich ihrer stets noch ein wenig, obschon die Bevölkerung den Sonderlingen nicht unfreundlich gesinnt war – sie brachten Verdienst, zeigten auf ihre Art sogar Sinn für das Alte, für ihre Hausmittel und Wetterregeln, für Lavendel, Majoran und Mäusekraut, in ihren Gärten wucherten Eisenhut, Rittersporn, Brennende Liebe, Aster, Flox und Malven; die Heiligen liefen vor Sonnenaufgang barfuß im Tau, sie rackerten sich in den Pflanzungen ab, leutselig stets und wohlgelaunt. Daneben ließen sie es sich freilich auch einfallen, einmal nackt durch die Bäume zu rennen; sie wurden dabei betroffen, Männlein und Weiblein, vor Ostern in den Quellen zu baden; sie streuten Salz um den Sarg ihrer Toten, Leichenbegängnisse gestalteten sie zu einer strahlenden Prozession aus, die Gräber hingegen schienen sie geflissentlich zu vernachlässigen und zu vergessen. Die Sommernacht empfing freudige Wandlergestalten im Gras, an den Wassern, im Feld, auf sternüberblühten Hügeln. Was konnte es sein, das einen so mürrischen, eigenwilligen, literarischen Jüngling wie Wendelin Bach veranlaßte, mit diesen Schwärmern Bruderschaft zu pflegen? Denn welche inneren Widerstände er dabei auch zu überwältigen hatte, nach außen machte er sich geradezu groß mit der Sache, er hing sie einem jeden an; daß er nicht in der Straßenbahn und auf dem Markte Bußpredigten unternahm, verwunderte seine Freunde. Monnier war bereit, ihn für überschnappt zu erklären. Sein Grimm auf die Gottesmänner nahm ein gefährliches Aussehen an. Er sah sich um seinen Dichter bedroht. »Es ist gerade wie mit den Feldherren,« sagte er, »sie schonen sich keinen Pfifferling, haben keine Ahnung, wen sie der Gefahr aussetzen.« Wendelin grauste vor solchen überlebten Sentenzen. »Was ist denn mehr,« rief er aus, »ein Dichter oder ein Mensch?« »Das fragen Sie sich!« »Bei der Gemeinschaft –« »Reden Sie mir nicht von der!« »– gibt es Modistinnen und Schuster, denen alle unsere Berühmtheiten nicht die Schuhriemen auflösen, sage ich Ihnen. Ein Tag der Demut ist mehr als eine Unsterblichkeit Ruhm. Sie müßten solche Schusteraugen gesehen haben, um zu wissen, wie die Weisheit blickt. Ich werde immer noch rot vor ihnen. Eine ganz andere Art von Weisheit als die in Schweinsleder gebundene, Herr Monnier. Das leibhaftige Himmelsblau, die strahlende überlegene Ruhe. Jene Gärtnerinnen sagen Ihnen Dinge, von der Erdscholle aufgelesen, in denen der Keim zu allem ist, was Sie nur wollen.« »Und das Tamtam? Ist das auch Weisheit?« Der Blonde sah ihn mit einem großen Blick an: »Der Sternenhimmel ist Tamtam, wenn Sie wollen. Wir selber sind Tamtam genug, um uns einmal überlegen zu dürfen, ob wir es uns mit unserer Ratio nicht ein bißchen zu bequem gemacht haben; daß wir die Mystik beispielsweise der Zahl nicht mehr kennen, beweist nichts gegen ihre Tatsache. Eine Wissenschaft, eine Systematik des Wunders mußte kommen, oder besser wiederkommen; einmal mußten wir doch darüber hinausgelangen, wie die Kuh vor dem Monde zu stehen. Der Mond ist ein Wunder; er wäre es erst recht, wenn er keines wäre. Rationalistischer Gottesdienst ist Gotteslästerung, wenn er überhaupt etwas ist. Die Pest und Cholera der Zeit ist unser Mangel an Mittelalter. So ein gotischer Dom ist unmittelbar aus Gott konzipiert; wir haben nur noch den Stein, aber nicht seine Verbundenheit mit dem Weltgrund. Wir fühlen unsere Entwurzelung, wir finden Tag und Nacht keine Ruhe, wir gehen wie auf heißen Steinen, aber wir versuchen immer noch, mit uns geläufiger Romantik davonzukommen. Sehen Sie, es genügt heute nicht mehr, ein begabter Mensch zu sein, man muß auch Größe haben. Das tiefste Genie ist das religiöse Genie. Wir haben jetzt eine kaum noch zu überblickende künstlerische Produktion, es kann also darauf nicht ankommen, daß auch wir noch unsern Becher in dieses Meer tragen. Woran es dagegen mangelt, das sind selbstlos Sehnsüchtige, welche sich Gott angelegen sein lassen. Dem Gott ist mit greifbaren Mitteln entgegenzukommen, vielleicht nicht so sehr mit Versen als mit der simpelsten Handreichung, Herr Monnier. Es scheint mir nicht so unsinnig, zu vermuten, daß es an unserer Leiblichkeit fehlt; spüren wir doch förmlich die Trübung unseres Blutes! Ich gäbe wohl etwas darum, die Welt schnell aus den Augen dieses modernen Propheten ansehen zu dürfen. Ich sähe vielleicht Kanaan! Ich überzeugte mich, daß es das gäbe, dieses Grün nach so viel Wüste. Es erscheint Ihnen am Ende sonderbar, daß ich so verdrossen rede; allein es sieht in mir blondem, sanftem unscheinbaren Menschen leider wüst genug aus, auch wenn es mir äußerlich wohl ergeht. Genügt Ihnen denn all das, Herr Monnier, sagen Sie es mir, der Sie ein langes Leben, ein abwechslungsreiches, beneidenswertes Leben gelebt haben: Könnte Ihnen irgendein noch so volles irdisches Leben um seiner selbst willen genügen? Mich dünkt, wenn nicht die gewisse Bläue, um nicht zu sagen der Abstand vor allem steht, ist es nur Trug und Verwundung.« Und Lydia belehrte er darüber, daß der Meister nichts mehr und nichts weniger als den Menschen entdeckt, eine eigentliche Wissenschaft des menschlichen Leibes, seiner physischen und kosmischen Bindungen begründet habe. Auf ihre Frage, ob Medizin und Psychologie oder gar die Dichtung hierin denn gar nichts geleistet hätten, antwortete er: »Was die Medizin anbelangt, so wirst du mir darin beipflichten, daß es immer eine fragwürdige Sache sein wird, den Organismus mit chemischen Präparaten zu bearbeiten. Seine Handhabung muß auf allgemeingültigen, jedermann verständlichen Gesetzen möglich sein. Wir werden noch einsehen lernen, daß es eine Verletzung der Menschenwürde bedeutet, fremde Hilfe zur Instandhaltung unseres Körpers beizuziehen. Diese Gewohnheit ist nicht nur ungeheuerlich, indem sie unsere gänzliche Kapitulation vor der Natur beweist, es zeigt sich in ihr auch unser Unglauben. Heute rechnet sogar die Wissenschaft mit dem Faktum der Astrologie; aber die Ärzte laborieren an ihrem Objekte noch immer aus eigener Vollmacht. Die Psychologie als eine Beobachtung von Folgeerscheinungen kommt für das Herz nicht in Betracht. Die Dichtung hinwiederum ist mir praktisch zu unverbindlich. Die Möglichkeiten des bisher Gültigen haben sich erschöpft, wir sind am Ende einer Kultur angelangt, die Künste laufen im Kreis; eine andere Lösung als den herzhaften Durchbruch in eine neue Lebenslandschaft gibt es nicht. Wohl dem, der seinen Stolz, seine Vorurteile und seine Bequemlichkeit überwindet.« Ihm fiel es schwer genug, aber sein Wille zur Vervollkommnung überwog die Behinderungen. Zwar hielt ihn noch manches davon zurück, sich den letzten Verpflichtungen zu verschreiben; aber er hatte sich geradezu verliebt in den Meister, in seine kleinen Hände und Füße, in sein Schelmenwesen, in die Melancholien seiner östlichen Abstammung und in die Frömmigkeit, mit der er von Nazareth, Zarathustra, Ainyahita und Mazda redete. Wenn es vom Regen dunkel wurde, die Altarkerzen glänzten und alle Dinge so traulich zusammenrückten, empfand Bach wie in der Kindheit die Nähe des Göttlichen, eine wonnige Verbundenheit mit seiner Umgebung; der Geruch der Gewitter schlug ihm wie eine Welle ins Herz. Hand in Hand mit dem Meister stehend, brachte er es fertig, in Begeisterung jäh zu erglühen, erschüttert von der Möglichkeit, den atmenden Beweis dessen vor sich zu haben, was er sein Leben lang als eine nebelhafte Beunruhigung in sich getragen: Das Bild des vollkommenen Menschen. Der heilige Mann mochte spüren, daß er in dem Blondling einen ganz besonders vorbereiteten und bei aller an ihm beobachteten Zurückhaltung glühend begierigen Jünger vor sich hatte; er ließ ihn nicht vorübergehen, ohne ihn näher an sich in seine Aufmerksamkeit gezogen zu haben. »Freudigkeit, Freudigkeit!« sagte er, mit seinem beschwörenden Blick: »Entflammung!« Wendelin aber hatte sich zusammenzunehmen, daß er sich ihm nicht an die Brust warf; denn wenn er so weit gegangen war, seine Vorbehalte aufzugeben, so stand er unmittelbar vor dem Abgrund seiner Hingabe an dieses Wunder von Menschenform, diese vielleicht erste makellos auskristallisierte Göttlichkeit; ihr einfaches Aussehen und ihre ruhige Gegenwart in der Zeit verstärkten den Eindruck ihres Geheimnisses; die ganze Erscheinung des königlichen Mannes besagte: Das Entfernteste sieht wie das Nächste aus, sucht es nicht anderswo, es kann nicht anderer als menschlicher Art sein, da ihr das nämliche erreichen sollt. »Die Möglichkeit des transzendentalen Menschen in unserer Zeit anzuzweifeln, ist genau so anmaßlich wie der Sarkasmus, der dem Lebenden die Aussicht auf Genie abspricht,« sagte Wendel, aber er sagte es ein wenig auch gegen sich selbst, weil er in seinem Glauben nicht festblieb. Bei seiner Nahrung von Oblate und Wein hatte er den Boden von den Füßen verloren, zuweilen trug er sich mit dem Gedanken, nicht wieder zu seinem Berufe zurückzukehren, sondern mit dem Meister in die kalifornischen Paradiese auszuziehen; bis die Auflehnung seines von Fasten geschwächten Körpers ihn wiederum stürzte: Er sah kein Weib, ohne es in Gedanken zu entkleiden – wäre nicht Lydia eines Tages fluchtartig in die Welt aufgebrochen, um für alle Zeit zu verschwinden, wer weiß, ob er sich ihrer Anerbieten jetzt nicht bedient hätte; bald konnte ihm alles genügen, wenn es nur Kühlung seiner Gluten war. Zwischen die Sehnsüchte seiner Natur und die Gebote Gottes gestellt, glaubte er wieder einmal alles verloren; plötzlich erfaßte ihn eine wahnwitzige, alle Maße übersteigende Leidenschaft für Maja; der verleugnete, übertölpelte irdische Teil seiner Liebe brach jetzt verheerend hervor. Anfänglich erschrocken und untröstlich, begeisterte er sich immer inniger für seine heilige Ausschweifung; aber er konnte sich nicht denken, wie er die Jahre fürderhin zubringen sollte, auch ergriff ihn auf einmal Angst, die Geliebte zu verlieren; sie kam ihm vor wie ein Kleinod, wie ein anmutiges Wild, der Jagd durch jedermann freigegeben – bald würden sie auftreten, die frohen, nichtsnutzigen Weidgesellen, und sie, die über seine langjährige, nachgerade zu einer Ungeheuerlichkeit von Inbrunst und Schwermut ausgeartete Treue nicht unterrichtet sein konnte, sie würde sich nicht für zu kostbar halten, ihr Schicksal ergeben entgegenzunehmen. Wenig erfreut, sondern voller Bedenken, aber der Notwendigkeit schließlich gehorchend, fand sich Elisabeth dazu bereit, dem inzwischen aufgeschossenen kleinen Fräulein die gesellschaftlichen Segnungen des Klavierspiels zu vermitteln, unter der Bedingung, daß er sich strengstens, bis auf die ihm gewährten, peinlich zu respektierenden gelegentlichen Vergünstigungen, von diesen musikalischen Exerzitien fernzuhalten verspreche, um den Beistand der Freundin nicht in das Licht der Kuppelei zu bringen. Glücklich und arglos betrieb denn Mia die Studien, die, wie es sich herausstellte, ein heimlicher Traum von ihr gewesen waren; die Sache entwickelte sich zu einer erfolgreichen und daher in sich selbst berechtigten Institution, die ihre eigentliche Bestimmung, die Verbindung mit Maja zu unterhalten, sehr nebenbei erfüllte. Dem Blondling brachte sie eine neue Art der Anfechtung, nämlich das Hangen und Bangen zwischen den Vorspiegelungen seines Geistes und den Eindrücken, welche die Wirklichkeit ihm jetzt brachte, nachdem er sich näher an den Gegenstand seiner Schwärmerei herangepirscht, die Natur des Mädchens sich entfaltet, so daß er ihre Gebärden, gegenüber früher irgendwie vergrößert, die endgültigen Formen annehmen sah, auf deren Grundlage er das Königreich seines Zusammenlebens mit ihr zu erbauen hatte. Maja erreichte knapp seine eigene Körpergröße, und es bestand Aussicht, daß sie es dabei bewendet sein ließ; sie war das Bild eines wohlgewachsenen dunklen Jungfräuleins, aber keineswegs elfenhaft, keineswegs träumerisch und in der Welt keine Märchenfigur geworden; ihre Bewegungen zeichneten sich durch Bestimmtheit und gelassene Kraft aus, ihr Wuchs war der einer Athene; nach wie vor stand er im Bann ihres Wesens, ihrer lebendig rankenden Anmut; gewisse ihrer Eigentümlichkeiten brachte er überhaupt nicht aus seiner Vorstellung heraus, ja seine Denkweise schien ihre Art angenommen zu haben; ihr dunkler Blick, der Zugriff ihrer vielgeliebten wunderniedlichen Hände steckte irgendwo in den Regungen seines Hirns – allein, es erging ihm sonderbar, eine eigentümliche Zerstreutheit bemächtigte sich seiner, so oft er in Majas Gesellschaft saß, etwas wie Ernüchterung, Abwehr, ja Feindschaft und daher auch Traurigkeit, eine schnell überhandnehmende, kaum noch zu verbergende, schwer auf ihm lastende Traurigkeit. Nicht genug daran, daß er wieder keinerlei Organe besaß, die Gegenwart der Unnennbaren gebührend zu empfinden – er umkreiste sie vielmehr übellaunig wie ein eifersüchtiger Köter mit Argwohn und Wachsamkeit – nicht genug an den scheußlichen, sein Gefühl blockierenden Barrikaden, mischte sich auch Imagos geisterleise Erscheinung noch in den Streit seiner Empfindungen; ein Tanz von Gesichten umschwirrte sein armes Haupt, schaukelte sich ihm vors Herz, verdunkelte ihm den Ausblick, erregte seine Wut und Verzweiflung. »Wäre es wenigstens eine faßbare Gestalt, nicht solch infamer Schattenspuk!« klagte er, mit Elisabeth wieder allein. »Hätte die Hölle mir eine perfidere Marter aussinnen können als diese Schemenverfolgung, die mich an meinem Besitztum irremachen, mich auf die Spur von Irrlichtern weglocken soll?« »Bist du denn geistergläubig? schenkst du den Vorstellungswelten die Bedeutung der Wirklichkeit? Ja, das tust du wohl, Brüderlein, du setzest sie am Ende gar darüber.« »Wo kommt mir Imago her? Wenn sie schon da ist, unveränderlich, sichtbar, an Wesenhaftigkeit jedem beliebigen Gegenstand ebenbürtig, was berechtigte mich dann wohl dazu, sie weniger ernst als das sogenannte Reale, diese Kleinbürgerlichkeit, zu nehmen?« »Nichts. Trotzdem kann ich mir nicht eigentlich vorstellen, in welcher Form dir Imago an den Traualtar folgen soll.« Ein wenig verdrossen entgegnete er: »Ich glaube durchaus an die Möglichkeit, daß eine Art Hellsicht mir, zur Mahnung, das Bild meiner mir zugedachten, irgendwo lebenden Frau vorhält.« »Könnte es nicht ebensogut ein Wunschgebilde sein?« »Um so mehr Anlaß für mich, ihm Treue zu halten.« Seine Unrast trieb ihn, eine förmliche Suche nach der Verborgenen zu unternehmen; seine Witterung sollte sie aufstöbern. Tausend rehbraune Frauen versetzten ihn in Aufregung durch das leicht Gebückte ihrer Haltung, durch ihren Haarflaum, ihren Gang, einen Fetzen Stimme; aber dann waren sie es doch wieder nicht. Eines Tages im Theater zwang ihn ein kleines Unwohlsein, ins Freie zu gehen, um den warmschleiernden Regen auf sich wirken zu lassen. Mit einem Male sah er sie im Schatten des Tramhäuschens stehen. Ein Mantel verhüllte sie weich und leicht, wie sie in drolliger Versunkenheit so stand, vor sich hin in den Wasserabgrund starrend. Jählings erwachend, lief sie zur Elektrischen. In der Eile schien dem Jüngling seine Garderobe Verhinderung zu sein; der Wagen fuhr, und noch immer hielt sich in dem blonden Hirn nur der eine Gedanke: Welche ausgemachte Tücke! nun geht sie natürlich. Hernach schlug er sich an den Kopf. Er holte seine Habseligkeiten aus dem wieder lauschenden Hause und fuhr, nachdem er erst ruhelos in den Straßen geirrt, zu Elisabeth. »Sie ist da!« rief er ihr entgegen. »Sie besteht, sie wohnt hier, ich bin ihr begegnet.« Er ließ sich auf einen Sitz fallen. Im Lauf des Abends sagte sie einmal: »Bist du dir denn auch gewiß, daß es Imago war?« »In der frohmütigen Versonnenheit, die gewissermaßen ihre ganze Gestalt an sich hatte, entsprach sie vollkommen meiner Vision von ihr, ebenso in ihrem Gang; aber ich müßte noch, und das ist ja die Ursache meiner Verzweiflung, ihre Augen, den genauen Schnitt des Antlitzes sehen, ihre Stimme hören und wissen, ob sie Musik liebt, was alles, ich kann es mir denken, ihr Bild nach meinen Träumen und zu meinem Unglück vervollständigen wird, oder würde, sofern das Grauenhafte eintreten sollte, daß meine mir hinfort bleibende Unrast um sie mich ihr noch einmal näherte.« Im Grunde sah er dieses Wiedersehen mit ebenso großer Bestimmtheit als Ungeduld voraus; einige Wochen zog es sich hin, bis er im Kunstmuseum wieder auf sie stieß. Er sah gleich, daß es nicht Imago war. Aber er hatte einen Begriff davon bekommen, welche Veränderungen ihr Auftreten zur Folge haben mußte. Jeder Tag konnte sie ihm bringen, und wenn sie nicht kam, würde sie erst recht seinen Glauben und seine Ergebenheit besitzen; um seinen Frieden war es geschehen; die liebliche Gefahr Imago stand ihm fürderhin vor dem Herzen.   Fräulein Fahm erhielt einen aufregenden Brief: »Die Sterbenden nehmen sich irgendein königliches Recht: Das meine ist, in dieser Stunde – es regnet, es regnet! – aus dem Wohlanstand hinauszugehen, welchem gemeinhin die Menschen als ihrem Fluch und Tyrannen dumm genug dienen. Aber das große Herz, sehe ich, tritt mir mit seinen Fluten vor die Befreiung; ich kann nicht reden, ich verzweifle an dem Vorhaben, ein Herz, eine Liebe, eine so schaurige Verdunkelung zu Papier zu bringen. Denn Sie müssen wissen, ich befinde mich hier in Rom, in einer Umgebung uralten Gemäuers, das sich gewaltig in den Himmel stuft und das naß ist und über welchem ein Nebelrauch wallt wie in den unterirdischen Städten, diesen Städten, von denen ich hierorts nun allzuviel, inmitten des warmen Weihrauchs, gehört habe. Gott wird meiner armen Seele gnädig sein! Ich glaube an seine urewigen Städte, ich glaube an seine Dreieinigkeit, ich glaube an Maria und den Sohn, aber ich werde sie ja nicht zu sehen bekommen, Gott wird meiner Seele nicht gnädig sein, den Seelen der Selbstmörder ist er nicht gnädig. O Sie, Sie sind eine Frau, und als eine Frau sind Sie mir recht von Grund auf verhaßt: Aber kommen Sie mir zu Hilfe mit den Sonnigkeiten, die ich in Ihren Händen gewahre! Ihre Stadt liegt ganz flach in der Sonne, mit Büschen, hinter denen Menschenköpfe vorübergehen – passen Sie auf, wenn er kommt, der Lockenkopf, der Liebling: so packen Sie ihn, lassen Sie ihn nicht wieder los in meinem Namen, den Liebling, den Buben – o er ist schöner als alle Vorstellung! Ist er so schön? Der Geist hat seine Züge verdorben. Aber wenn Sie wüßten, Sie, die ihn zwar behält, die ihn aber nicht, wie ich, von Anfang an besaß, wenn Sie wüßten, wie putzig er war, wenn Sie wie ich den Lindenduft seiner Haut in den Nüstern besäßen, o Sie lebten nicht so geruhig an seiner Seite, Sie Wohlanständige, Unwürdige, Sie Liebe, wenn Sie ihm Gutes erweisen. Ich begehre ihn wie tausend Wüsten einen Strom begehren. So sehen Sie doch, er geht wie ein Jünger durch die Wüste, mit schrägem Köpfchen, betrübter Gedanken voll! Alle Weiber sollen ihn beschützen vor den Löwen und vor dem Sandwind, vor den Männern und vor dem Geist! Ich gehe, mich ein wenig unter den Tümpeln und Abgründen umzusehen, auf die meine Wahl fallen soll. Mir ist schon ganz leicht geworden. Es steht mir ja frei, einen braunen Abend, oder einen prallen Sonnentag abzuwarten – es dünkt mich, so in der stillsten Hitze, wenn die Hunde und Lämmer und alle Bäume schlafen, dann muß es sich listig aus der Welt schlüpfen. Am Ende übersehen mich meine Teufel und ich falle für ewig in eine Felsschlucht von Blindheit hinunter. Das wäre mein Paradies, weil es nicht das sein kann, bis in alle Ewigkeit fort mich damit zu beschäftigenden Liebling in bunte Gewänder zu kleiden. Mir ist wie einer Mutter, und einer Mutter ist gut. Ich will an die Kirche wie an eine steile Stadt zurückdenken; sie benimmt mir noch immer die Sinne, es ist alles ganz voll von Kuppeln, in den Kuppeln ist Kerzenrauch, im Kerzenrauch ist Gesang, in dem Gesang sind Engel und die Engel haben tausend geschwisterliche Arme, in denen sie den Rechtgläubigen eine Heimat bereitet haben. In die Hände des heiligen Vaters habe ich mich verliebt! Es sind die Hände eines jungen Mädchens; aber welche Heimat haben sie zu vergeben! Sie hoben mich von den Fliesen auf. Weiß Gott, alle die Säulen dieser Stadt, die Morgenhimmel voll Glocken, die Gerüche, die Gerüche haben mich in Verwirrung gebracht. Manchmal kam es mir vor, als ob am Mittagshimmel leise Gärten hervorblühten und wieder verwelkten. Ich sage das nur, weil Er, sofern er hierher kommt, es auch erfahren soll. Er soll kommen und hier herumgehen, dann will ich schleunigst, schleunigst in meine Grube schlüpfen, ach und lachen, heimlich lachen, denn es wird mitten am Tag auf einmal Sonntag werden, die Glocken fangen an durch die Gärten zu gehen, und ich werde für mich weinen, es wird ein trippelnder Regen über die Landschaft kommen – und was wird denn Er tun? Er wird das alles so verstehen. Er ist ja ein solcher König. Ach wie manchmal war ich dumm vor ihm; ich mußte vorher den Tod erleben; nun aber bin ich voll Verständnis für alles, was ihn nachdenklich macht. Ich will unverzüglich sterben, solang ich mich darauf verstehe. Es war süß, in seinem Rücken ihn zu lobpreisen. Was soll ich als letztes Wort mir noch schenken? Ich nehme alles mit mir!« Straßen entlang Elisabeth verbrannte diese Blätter, unter gutem, feierlichem Gedenken. Der Blonde blieb ohnehin unsichtbar. Soviel sie wußte, betrieb er neuerdings Mathematik, um eine alte Absicht zu verwirklichen, hatte sich für einen chemischen Lehrkurs eingeschrieben und flanierte ein wenig in jederlei erreichbarer Wissenschaft herum aus Verzweiflung darüber, so wenig von den tröstlichen lern- und beweisbaren, auf ihre Weise geheimnisvollen Wahrheiten der Empirie errungen zu haben. So lange Musik gemacht worden war, hatte er die Konzertsäle nur so abgegrast; an den jämmerlichen Abenden, wo nichts dergleichen zu bekommen war, fing er sogar wieder zu dichten an. Es kam wieder vor, daß er im Speisehaus, in einer Parkanlage bläuliches Versgerank aus der Brusttasche hervorzog; in seiner Betrachtung erschien ihm die ganze Welt als eine unendlich liebenswürdige Sache, er glaubte wunder welchen ewigen Besitz in den Wortgebilden zu haben, in denen er angefangen hatte, seine Lieblingsvorstellungen, entlegene Träumereien der Seele einzukleiden. Ich bin nicht meiner Eltern Kind: Ihr habt mich erschaffen, Wald, Regen, Sturmwind und Dunkel der Nächte! Wie deine Hügel, dämmernde Erde, sind Meine Augen, mein Haar und mein Angesicht alt, Voll der Bewegung tief in uns webender Mächte. Keiner Liebe Ruf, keine Lockung sang Süßer und wilder mir in das Herz Als der moosige Klang Liebe Nächte lang, Pan, deiner einsamen tölpelfingrigen Terz! Elisabeth sah sich daher gezwungen, ihn förmlich aufzubieten, wenn sie die Rechte ihrer mütterlichen Freundschaft geltend machte. Sie bat sich von ihm aus, daß er sie einmal wieder über Land führe; sie kamen hoch hinauf in Korn und Heuwiesen, baumbestandene Höhen. Als sie müde wurden, schliefen sie in der Sonne; wieder aufwachend, erschraken sie fürs erste höchlich über die fremde Umgebung. Er sah Elisabeth vor einem gelbleuchtenden Wolkengewächs stehen. Er munkelte etwas ins Gras vor sich hin. »Was sagst du, du da?« sprach sie, indem sie die Schuhsohle auf seine Brust setzte. »Ich sage, daß ich mir jetzt klar darüber geworden bin: Imago ist ein Phantom.« »Natürlich ist sie ein Phantom; das hätte ich dir schon immer sagen können, Junker zur Aue, Reinhard von Deinhardstein, Ritter auf Phantasuskron. Längst schon hätte ich dir das sagen können!« »Hier ist auf den Halm genau die Landschaft, in der ich mich stets mit ihr sah. Wenn sie auch da nun ausbleibt, die Dämmervolle, die Girlandenfrau, dann ist es für mich erwiesen, daß sie überhaupt nie erscheinen wird – Gott sei gelobt! Was hat sie mir für Qualen bereitet! Drüben an jenem Gebüsch wirst du auf einen See hinabblicken, dessen sei ganz gewiß; der Abgrund spiegelt sich ja ans Gewölk hinauf, die Hagebutten schimmern ganz Veilchenfarben. Geh, du siehst Städte, Brücken, Pappeln, Herrschaftssitze und eine dunkel verblauende Wasserfläche.« »Bist du dir dessen gewiß, oder löst es sich dann auch wieder in so eine Imago, so einen Seufzer auf, Herre Traumdal? Worum geht die Wette? Um die Königin?« Sitzend erfaßte er ihre Hand, weshalb sie natürlich fragte, ob er zu einem Heiratsantrag aushole. »Bitte heirate mich unverstandenes altes Mädchen,« sagte sie, »Besitzerin einer idealen Lebensauffassung sowohl als einer kompletten geschmackvollen Aussteuer. Reflektantin verfügt über treues, ehrbares Gemüt, das imstande wäre, solidem, nur ernstgemeintem Mann ein molliges Heim zu bieten.« »Danke.« »Nichts zu machen?« »Danke, nein. Bin Weiberfeind. Heißt das: Verehrer des weiblichen Ideals. Und Sie haben ja nicht einmal Haare. Gehn Sie mir aus der Sonne, please « »Dann vielleicht ein andermal. Aber wie haben wir es nun mit dem Seelensee da unten? Weißt du zufällig, wer das pazifische Meer entdeckte?« »Balboa, 1513.« »Ich denke mir auf einmal, daß ja auch diese beträchtliche Sache einst einen Finder überraschte.« »Die Entdeckungen jener Spanier waren nur materieller Art, aber sie fanden gleich Kontinente und Meere. Wenn sie in den Ozean wateten und die Fahne dareinsteckten, so ergriffen sie damit Besitz von Zimmetinseln, Bambus, Perlen, Mohrenkönigen, Völkern, Galeassen und von den papierenen japanesischen Städten. Um was diese Cabral, Kolumbus, Cortez, Pigafetta, Pizarro vor allem zu beneiden sind: Sie hatten noch keine Probleme; der Antrieb ihres Draufgängertums waren Abenteuerlust und Habgier; sie stiegen der Mutter Erde erstaunt und jauchzend zu Leibe und ernteten alles, wonach wir vergeblich ausblicken – irgendeinen neuen Wind, der die Fahnen herumreißt, festliche Flottenausfahrt nach ungeahnten, märchenhaft aufgetauchten Welten; es ist mir, ich erinnerte mich eines Jahrhunderts voller Galeonen, Silber, Meersalz, Admiräle; man möchte glauben, eine Heerstraße, mit dem Laub der fremden Erdteile besät, wäre im Ozean sichtbar geworden so, dünkt es mich noch heute, müßte einmal wieder irgend etwas Unvorhergesehenes, Ungeglaubtes sich ermöglichen, etwas, das die Völker mit Reichtümern richtig überschwemmte, so eine fortgesetzte. Schlag auf Schlag folgende Eroberung neuer Wasserfernen. Aber einmal nimmt das eine Ende,« sagte er, wehmütig verblüfft. Elisabeth ergriff seine Hand. »Du,« sprach sie, »es war lieb von dir, so respektierlich von jenen Inseln zu reden. Sie schweben nunmehr in meiner Vorstellung als eine Ansammlung schöner Paradiese, mit Paradiesvögeln, Palmen und einer blauglimmenden samtenen Luft, die sie umgibt. Denn ich habe dir zu sagen, daß, so wie ich hier stehe, ich nicht eines Sandkorns Größe dieser Welt noch besitze – ich habe alles verkauft und will also fort.« Er erhob sich vom Boden. Erbleicht und staunend wischte er seine Hände ab. »Du willst fort; willst du jetzt nach deinem Amerika?« »Ja,« erwiderte sie, obgleich seine Miene keiner Antwort gewärtig schien. »Kalifornien?« »Nein nach Jamaika.« »Jamaika? Aber was hast du denn ausgerechnet an diesem blödsinnigen Jamaika gefressen?« »Bitte schön.« »Alles verkauft?« »Es war auch wirklich schade um den Karsumpel.« »Den Teppich auch?« »Alles!« »Das Klavier auch? Natürlich.« »Tutti quanti, Brüderlein,« sagte sie, wieder nach seinen Händen greifend. Er zog sie vor ihr zurück, verschränkte sie hinter sich und sprach, indem er schräg zur Erde niederblickte: »Was hast du denn nicht verkauft?« »Nicht verkauft habe ich mich selbst und meine Liebe zum Brüderlein.« »Verbunden.« Lächelnd forschte sie sein Gesicht aus. Er fuhr fort: »Und die Kirschbaumtruhe und dein Porzellan und die Musikalien und meine Lieder –« »Die nicht!« »– alles verkauft? Dann ade, dann nehme ich auch meinen Finkenstrich – aber nicht nach Jamaika!« »Sondern nach Persien, ostwärts?« scherzte sie, ihn umarmend. »Schreibe mir dann von deinem Dasein in Lehmhütten, Feigenlauben und Rosen. Teheran soll eine Bergstadt sein. Deine Königin wird sich lieblich ausnehmen. Stelle sie dir nur vor: Aufrecht auf Teppichen, braun und dunkeläugig, oder an den Brunnen der Krugträgerinnen. Nein im Ernst, Wendelin; es ist nicht Amerikas wegen, ich hätte auch sonst hier aufgegeben. Das Gefühl, zuviel zu besitzen, ist in mir reif geworden; ich lasse es alles gern, es ist mir ein solches Wohlgefühl, fallen zu lassen, preiszugeben, abzustreifen und habelos auszukommen. Hier fällt uns das allzu schwer, findest du nicht auch? Es ist alles zu mühsam in Europa, die Produktion, der Austausch, der Verkehr unter den Menschen; es ist auch kalt hier, wenigstens mir sind diese Winter zu kalt. Das erfordert so sehr viel Umhüllung, verführt zu Theatern und zieht immer wieder in die alte, liebe, berechtigte, aber mir nicht mehr angehörende Traulichkeit hinein. Das Erbe einer Kultur ist eine Macht, der wir uns nur dadurch entziehen, daß wir sie von uns werfen. Und ich will hinaus. Wendelin, auf Ehre: Hinaus oder bergab, das ist die Wahl für mich. Kehre du dich nicht daran; für dich ist das alles anders. Du als Künstler darfst es dir nicht erlaubenden so kostbaren Ballast bequemerweise abzuladen, wie ich es muß, um voranzukommen; dir ist er ein Reichtum, der Nährboden deiner Werke. Wer da Kräfte hat, nimmt die braunen Jahrhunderte dazu und besitzt mehr als die, die am Neuen genug zu tragen haben. O wie liebe ich diese Landschaft! Ich liebe sie allzusehr, ich soll sie drangeben, wie ich meine Eltern und ihre mir schädliche Liebe in Gottes Namen opferte. Ich besitze aber noch die Evangelien und ein Badtuch. Und den Erlös meiner Lebensausrüstung natürlich. Ich anerkenne den moralischen Wert von Geldkapital. Es wird erst dann verderblich, wenn es in Immobilien erstarrt. Geld ist der Reserve von Geist zu vergleichen. Geist an sich ist nichts; erst dadurch, daß er Leben in Bewegung setzt und Früchte zeitigt, tritt er überhaupt in Erscheinung. Alles hat unser inneres Leben zu fördern. Gott vergessend, haben wir doch alle unsern Beruf verfehlt. – Ich log ein wenig: Ich habe Debussy, Schubert und alle andern, dazu das Instrument für dich aufbehalten; Maja erhält das Porzellan, den Perser und die Truhe unter der Bedingung, daß sie dich aus Barmherzigkeit einst zum Manne nimmt. Bist du es so zufrieden?« Sie hatten den Weg wieder fortgesetzt, waren längst über den Hügel hinaus, ohne daß ein See sich gezeigt hätte. Dagegen trat eine Burgruine nun im Gebüsch hervor. Nachdem sie wohl eine Stunde in Träumen davor gesessen, tastete Bach das Gemäuer ansagend: »Denke nur nicht, daß ich deine Großzügigkeit verkennte, Elisabeth. Du führst alles aus, von dem ich wohl dachte, daß ich es tun müßte. Siehst du, bei mir kommt eben alles nur bis zum Gedanken. Dichter sind Gecken, die sich mit Altartüchern schmücken. Sie sind der Inbegriff der feigen Erkenntnis, die sich zu nichts verpflichtet. Im Anblick der Wahrheit verzagen sie und bleiben stehen, um eitle Klagen anzustimmen.« »Wir wollen«, entgegnete Elisabeth, »nun doch gerade das nicht tun, was alles wieder Lügen straft: verallgemeinern. Deine Wahrheit ist eine andere als die meine; gerade daß ich gehe, gebietet dir zu bleiben. Von den Dichtern ist meine Meinung, die Kerls sollen heiraten. Sie sollen das ganze Beispiel geben. Ihre Einsicht ist gut, so wie sie ist; aber viele von ihnen müssen die Verwirklichung hinzulernen, darf man vielleicht sagen. Maja ist die Frau, die dich prächtig ergänzen wird; es wird mir das lieblichste und wunderbarste Erlebnis bleiben, euern Weg zueinander verfolgt zu haben. Ein wahres Pfand wird mir das bleiben.« Auf einmal warf sie ihre Arme auf: »Da glänzt ja dein See, Wendelin, da hinter dem Wald!« Er blickte hinüber. »Ich muß mich nur immer fragen, wo ich das alles schon gesehen habe,« sprach er, und auf seine Brust deutend: »Es kommt mir gerade so vor, als hätte ich es auch da drinnen.« »Alle Landschaften liegen in unserer Seele beisammen; dies da vorn ist nur eine Spiegelung. Alles Vergängliche Ist nur ein Gleichnis.« »Wenn ich zurück und vorwärts denke, was suche denn ich so verdrossen? Das Vergnügen meines Herzens, aber nicht Gott.« »Das Vergnügen deines Herzens ist möglicherweise nichts anderes als dieser Gott; er will ja nicht unser Peiniger sein, sondern unsere Tröstung, die ungeschmälerte Erfüllung seines Versprechens.« Das sagte sie zu der Zeit, wo sie sogar den Boden unter ihren Füßen hergegeben hatte, um sich der letzten Behinderung in ihrem Streben zu Gott zu entledigen; er wußte, daß sie sich im Grunde vor ihren Inseln fürchtete und den Sprung auf Gedeih und Verderben wagte, ein wenig vielleicht sogar aus Verzweiflung, weil sie es an der Zeit halten mochte, ihn, ihren Schützling, für Maja freizugeben. Sie hatte eine störrische Art, sich selbst zu plagen, sich aller Ruhestätten zu berauben aus Mißtrauen der gewissen selbstsüchtigen Bequemlichkeit ihres Wesens gegenüber; ein nicht sehr starker und etwas linkischer Körper machte sie ehrgeizig darauf, sich selbst in die Hand zu nehmen und so wie sie sich wünschte zu formen. Er fragte sich, ob es nicht über ihre Kräfte ging, was sie sich damit auflud, ihr Leben noch einmal zu beginnen; das Mitleid machte ihm übel, er jammerte um alles Unwiederbringliche, der Gedanke an Elisabeths Schicksal da in den feindlichen Tropen schnürte ihm das Herz zusammen. Er schob sich auf einmal an ihre Brust, bettelnd, sie möchte doch alles rückgängig machen. Auch ihr wollten Tränen kommen. »Rückgängig? Gibt es das? Das Leben ist doch kein Krebs!« Sie saßen bis der Abend kam; aus dem alten Gemäuer stiegen Vergangenheitsgeister, Lockungen der Beschaulichkeit. »Komm!« rief Elisabeth, wie von der Zudringlichkeit eines Unholdes aufgeschreckt. Sie kannte in ihren Vorsätzen keinerlei Spaß mehr. Wendel machte sich Gewissensbisse darüber, die Ärmste so sehr vernachlässigt zu haben, daß sie Entschlüsse von solcher Tragweite einsam und ohne Beistand faßte. Als ob er sich darüber geäußert hätte, tröstete sie freundlich: »Nein höre, es mußte doch endlich etwas kommen, das ich für mich allein ausmachte. Ich fürchtete mich auf einmal in deiner treuen Obhut. Ich sagte mir, du, Brüderlein, würdest auch anfangen müssen, dich selbständig zu entschließen. Wie sollte ich mich wohl getrauen, dir deine Königin in die Hand zu geben? Den letzten Schritt muß jeder allein tun.« Was sie auch sagte, hatte so eine schwermütige Bedeutung bekommen! In der Nacht schluchzte er. Mit Beziehung auf Maja gedachte er sie nicht zu belügen. Eines Tages unternahm er eine vorsichtige, peinlich erwogene Erklärung darüber. »So oft ich dem Mädchen begegne,« sagte er, »was durch eine auffällige Fügung häufiger geschieht als ich zu hoffen wagte, wundere ich mich über ihre ungewöhnliche Schönheit. Ein Bildhauer wird kommen, der sie entdeckt, so wie ich sie vor Jahren entdeckte –.« Es verschlug ihm nun doch die Stimme. »Tausend- und tausendmal habe ich versucht, sie mir zu retten, weil es doch furchtbar ist, sie einfach herzugeben, sie und alles, was sie umgibt: all die unnennbare Verklärung. Du weißt ja, was darin liegt. Noch immer füllt es mich aus: Das Tal, die Wälder, der Berg, ihr Herbst, ihr Schnee; noch fallen mich zauberische Erinnerungen an, Flockenfall, Glocken, Geruch von Laub und Wasser – in allem die Gebärde der Königin; aber zu denken, ich würde dem Menschen, der von ihr geblieben ist, diesem schönen, reinen Geschöpf mit der Absicht nahen, es in Besitz zu nehmen: Unmöglich, Elisabeth! Mit welcher Berechtigung? Mein Gott, was hätte dieses Mägdlein mit jenem verewigten zu tun, das ich inniger besitze als irgendeine Frau mir gehören kann! Lege mir das nicht als Flucht aus. Ich bin mir sehr klar darüber, daß Mia die letzte ist, die mir zukommt; unsere Vereinigung wäre nichts anderes als ein Schrecknis von Unzucht, wir stürben an unserer Sünde.« Das war der Abschluß der Sache, die durch so manche Jahre als das ausschließliche und einzigartige Geheimnis der beiden guten Freunde sich fortgesponnen hatte. Wendel begab sich sogleich nach Hause, lag einen Augenblick mit dem Kopf auf den Armen, jedoch eher erleichtert als der Tränen bedürftig. Dann entwarf er ein Gedicht so ohne Besinnen als ob er es abgeschrieben hätte:   Das andere Sein Ach alledies ist nicht gemeint! Stehen und gehen, ein wenig trauern Ist nur das Licht auf den Mauern Das wiederscheint. Über die Wälder grün Stapfen goldene Morgen. Ich bin und bin, Aber ich denke nur Sorgen. Was ich bin, liegt tief innen verloren. Kein Schlummer dringt tief genug bis zu ihm, Zu den Seraphim Vor den Toren. Manchmal berührt mich der Wind Mit dem Salze der Meere, Und meine Schwere Wendet sich finster und blind.   Elisabeth verreiste im Spätherbst. Vom Bahnhof kommend, sang der Blonde still vor sich hin. Ein wenig war ihm zumute wie einem kleinen Lausbuben, der, allein im Hause, allerlei Heimlichkeiten zu unternehmen sich aufgelegt findet. Wie, wenn er nun doch die Königin herüberholte? Das Blut rauschte ihm in den Ohren. Jetzt kam ihm alles leicht zu machen vor. In seinem Glücksüberschwang drohten ihm die Sinne zu vergehen. Mählich erlangte die Wahrheit wieder ihre Herrschaft. Die Sachlage war grausam und nicht zu ändern. Er beschloß, sich ihr auf die einzige mögliche Art zu entziehen, indem er reiste. Sollte die bunte Welt ihm nicht Mittel geben, sich so oder anders hindurchzuschlagen? Holla, er gedachte fröhlich von Gelegenheit zu Gelegenheit zu turnen. Der ägyptische Lehm glühte auf. Es roch von Krügen und Grüften. Ewiges Paris, deine Dächer glänzen fernhin im Herzen! Aber das Leben kam ihm zuvor. Ehe er sich's versah, warf es ihm seine Schlingen ums Herz; eine neue Frau erschien auf dem Schauplatz. Wie wunderlich fühlte er sich, durch die alten Straßen mit seinem verwandelten Herzen zu streifen, von jungen Beglückungen wild überfließend. Manchmal warf er sich auf dem Fuße herum aus Verzweiflung darüber, daß sie nicht kam. Alles Vergangene war ein Umweg gewesen. Was er davon gewonnen, die Geschicklichkeit des Herzens, stellte er in den Dienst der Geliebten. Die langen Tage wo sie, ihm irgendwo hier verborgen, die Parke und Fassaden mit ihrem Geheimnis verzauberte, füllten seine Brust für die lichtflimmernde Stunde des Wiedersehens. Das ihm ohnehin teure Haus der Musik hatte eine neue Verklärung erfahren. An seinen Mauern lehnend, mit dem Blick durch Zedern und Sternlauben, kostete er die Erinnerung taufender verrauschter Schönheitsfeste, die Schatten des Wohllauts, die hier lagerten, die unbeschreibliche Malvenluft, voll der Gegenwart seiner Griechin! »Komm!« flüsterte er ruhelos, und die Augen gingen ihm über. Welcher Tumult von Reichtum, Lächeln, Wohlgeruch, Glanz, wenn die freudige Menge zusammenströmte, die sich hier vereinigte, um Sonaten und Symphonien, das klingende Erbe der Jahrhunderte, zu genießen. Flitterglitzernde Matronen, elegante Greise, silberhaarige und schwerlastende alte Damen hatten sich herausbegeben aus den Pantherteppichen und Spiegeln ihrer verborgenen Schlösser. Der angehäufte Zauber glomm fieberig um ihn her; hundert verschleierte Rätsel grauer, samtener oder sprühender Augen, Mädchen die wie auf Sagentieren hervorkamen, brachten ihn in Verwirrung. Mit der Ahnung kommender Heimsuchungen des Glücks trafen ihn bleiche Schrecken; alle versäumte Erfüllung, alles zurückgedrängte Geschehen würde sich über ihn ergießen. Er stand klein und zaghaft vor ihnen; er würde sich unklug und wie ein Zwerg benehmen, er hörte das langnachhallende Gelächter der Giganten, die an seiner Stelle wieder die umfangreichen, schwer zu handhabenden Geschäfte des Lebens übernahmen. Dessen ungeachtet trabte er vorwitzig mit, auf die Gefahr hin, durch seine Einmischung in diese gloriose Welt eines Tages Unheil und Schande zu erleben. Denn wenn er verstört durch die Menge lief, wußte er, daß auch sie da irgendwo patrouillierte, mit ihrem Abendtäschchen an der Hand; für ihn machte sie sich schön an den Spiegeln, sofern sie nicht auf der Brüstung saß, das Bild von Duft und Unmut, leicht ihr Bein schlenkerte und ihn daherkommen sah. Nicht daß er zu grüßen wagte, aber er strahlte sie aus seiner Herzensfreude einfach an, und es war ein ganz unbeschreibliches Gefühl, ihre holde Verlegenheit zu sehen, das widerstrebende Erröten, den eiligen zwangsmäßigen Blick über ihn, ihre beglückte Versonnenheit, die darauf folgte. Ging sie vor ihm die Treppe hinunter, und er wußte das einzurichten, dann sah er ihrem Gleichmut ebenso wie den versteckten allerliebsten Koketterien an, daß sie ihm zu Gefallen spielten. Er ließ sich an ihre Seite schieben, obwohl ihm das Herz beinahe barst in der süßen Gefahr der Berührung mit ihren kühlen bloßen Armen. Er sah in dem allgemeinen Gedräng eine gewaltmäßige Kollision mit ihr voraus. Die Wehrlosigkeit ihres leichtgewandeten, gleichsam knochenlosen verlorenen Mädchenkörperchens erregte ihm zarte Begierden, Beschützergelüste, ungeachtet der etwas zur Schau getragenen Selbständigkeit der jungen Dame, der er nicht allzusehr traute; ohne daß sie es ahnen mochte, stand ihr ein helloffenes Staunen, die sich vergewissernde Scheu des Wildes in den laubbraunen Augen, die sie bei jeder Wendung des Treppengeländers kindlich zu dem Jüngling ausschlug. O sie war schön, sie war zerbrechlich wie eine Kostbarkeit, ihre Gliederchen erregten die Seide wie ein Wasser! Er hatte den Eindruck, daß er ihr sehr überraschend kam, ihr zu denken gab. Sie war vielleicht noch ein bißchen jung; die Ergebnisse ihrer Nachdenksamkeit warm gefährliche verhaltene Verzückungen. Eine eigentümliche Unnahbarkeit, die sie, ihren Mantelpelz hochschlagend, hervorkehrte, zeugte von Notwehr und Auflehnung, aber auch von Schwermut, Jubel und Bereitschaft. Dieses berückende Spiel hatte der Blonde aus mehr als einem Grunde hinausgezogen. Vor allem mochte der robuste Entschluß, die Verzauberung zu durchbrechen, ihm an sich wieder schwerfallen; ein wenig fürchtete er überall Enttäuschung, und sei es auch nur den kleinen Schaden, den jede Sache für ihn erlitt, indem sie aus ihrem Geheimnis heraustrat. Gleichzeitig empfand er das Ganze als so gewaltig, daß er vorzog, es sich eine Weile noch vom Leibe zu halten, aus einer Art Bequemlichkeit ebenso wie im Bestreben, sich gebührend darauf vorzubereiten in dem Sinne, daß er die Vergangenheit des Alleinseins, der Kontemplation innerlich zu einem richtigen Abschluß brachte; besonders aber legte er Wert darauf, die Reste anderweitiger Gebundenheit in sich auszurotten, um als ein wahrer Hochzeitsmann, spiegelblank und der Freudigkeit fähig dazustehen. Zu seinem Leidwesen verfolgte ihn noch immer Imago. Er bestand ein bißchen wehleidige Auseinandersetzungen mit ihr als wie mit einer Gemahlin. Sie versteifte sich auf ihr Vorhandensein und diesbezügliche Folgen; er beklagte ihren Eigensinn, bezeichnete sie als das Unglück seines Lebens, aber so wie er mit ihr einstweilen stand, konnte ihm der Genuß seiner Leidenschaft auf die Dauer nicht wohl gelingen. Es blieb sein alter Kummer, daß er durch einen geringfügigen Ausstand an Begeisterung die Geliebte andauernd eigentlich beleidigte, selbst in seinen Trunkenheiten, die er leise verdächtigte, aus Sehnsucht ein wenig übertrieben zu sein. Dieses sonderbare Benehmen fing an, das Mädchen zu erstaunen. Es war Schrecken in ihren Blick gekommen, vielleicht weinte sie heimlich, und auf einmal blieb sie überhaupt von den Konzerten aus. Er ließ sich dadurch nicht verdrießen, weiterhin ein Heidengeld für Musik auszugeben. Sie fand sich denn auch wieder ein, etwas bleicher, wie es ihm vorkam; sie stellte sich unbeteiligt. Trotzdem erschrak sie keineswegs, wenn er sie gelegentlich dabei überraschte, ihn still zu betrachten. Es mochte weiter nichts sein, als daß sie sich Gedanken über seine stille Traurigkeit machte. Weder ermunternd noch abweisend, schien sie ihn doch mit ihrer Anwesenheit trösten zu wollen, und die Art, wie sie in den Schnee hinausstapfte, hatte wieder etwas ungemein Kameradschaftliches, Vertrauendes an sich, so als räumte sie ihm alle Rechte ein, ihr zu folgen oder in der flockenden Nacht mit ihr zu beginnen was er für gut hielt. Das bezahlte Abonnement in der Tasche, machte Bach eines Tages kehrt und blieb von nun an zu Hause. Tunlichst vermied er alle Beschäftigung, die das Herz gefährdete, das verhüllte, sehr kleinlaute Herz, das er in Hausarrest versetzt hatte. Er berechnete Kegelschnitte. Mitunter glaubte er es freilich nicht länger auszuhalten. Er hatte sich angewöhnt, die Parke, den See, die Abende und die Schneegewächse des Winters zusammen mit ihrem Bilde zu sehen. Dachte er an den Konzertsaal, so vernahm er das fiebernde Gebrause der Geigen. Das Heimweh nach der festlichen Versammlung, die sich farbig und duftend über das weite Tal des Parketts im Glänze der Kandelaber gelagert hatte, das Heimweh nach ihr, die dort saß und vor Kummer die Musik überhörte, Leid und Verzweiflung strömten ihm heiß vom Herzen. Wenn er sie sich vorstellte, wie sie, voll sehnlicher Betrübnis, das Haus zu verlassen zögerte, in Hut und Mantel, um die Handschuhe beschäftigtem Vestibül noch herumstand, wenn er die Flocken in ihrem Haar schmelzen, wenn er sie ein letztes Mal sich umblicken sah, dann klaffte das Entsetzen schwarz in ihm auf, als hätte er eine Entscheidung herausgefordert, die ihn in ewige Nacht verstieß. Er hatte sich ausgemalt, daß die Kleine vielleicht Pianistin war, sich damit abgab, so ein Flügeltier zu bändigen. In seinem Kopfe war es fertig gewesen, daß sie ihn in ihr Spiel betten würde, wenn er erschöpft aus seiner Schreibstube kam. Der Sommerregen walzte sich in den Kastanien. Gewitter erhellten die Nacht; es war süß, zu wissen, daß seine Gegenwart ihr die Angst nahm. Zärtlichkeit, Mitleid, Herzweh, Trotz und Übermut waren an der Arbeit gewesen, seinen Starrsinn zu unterwühlen; die Konzertkarten warm verbrannt, der Winter ging vorbei – Wendel ließ sich nicht hinreißen, etwas zu wiederholen, worin er sich wahrlich zur Meisterschaft ausgebildet hatte: Zweifel zu leiden. Sollte er nichts gelernt haben aus den kaum vergessenen tausend Qualen, in denen er versuchte, mit dem Gegebenen fertig Zu werden, sein Inneres auf das Äußere anzuwenden: Es ergab sich einmal keine Übereinstimmung; die alten Wölfe tummelten sich in der Gestalt der Verlockungen, denen er nicht umsonst das Aufgebot seiner Erbitterung und seiner Ausschließlichkeit entgegensetzte. Ob er auch gleich so weit war, sie manchmal von Herzen zu hassen, er anerkannte doch einzig Imagos sanftzwingende Führung; noch berechtigte nichts zur Verzweiflung, das Göttliche läßt sich nicht drängen – mit einer Treue und Demut, die an Verbohrtheit grenzte, unter Verzicht auf die Angebote der Halbheit wartete er auf das Höchste, das ihm gerade genügen konnte, den ganzen Frieden, die letzte Zustimmung des Herzens. Er ließ sich darüber auch in seinen Briefen nach Westindien aus, ohne es freilich so richtig umschreiben zu können. Wie er sich ausdrückte, hätte er sich bei Elisabeth in das Licht hochfahrender Schrullenhaftigkeit gebracht, wäre die Art seines Ungenügens ihr nicht genau bekannt gewesen. Er handelte unter dem Zwang eines unbeirrbaren Gehorsams, welchen sie zwar bedauerte; mit gutem Grunde zweifelte sie daran, daß das Leben seine Vorbehalte in acht nehmen würde. Es war vorauszusehen, daß sie ihn einsam machten; aber Fräulein Fahm konnte der Mensch nicht sein, der diesen Zustand fürchtete; sie schätzte die Ehrlichkeit Mendels, und was des Herzens Verdruß anbelangte, so war ja auch sie, als eine innerlich anspruchsvolle und wohlbeobachtende Frau, nicht umsonst dahin gekommen, einspännig ihre Wege zu fahren; es klang ihr bekannt ans Ohr und sie lächelte, wenn er Dinge wie diese ausrief: »Der Besitz geht nicht in das Herz hinein!« »Woran das liegt,« schrieb der Blonde, »ob an unserem Mangel an Vitalität, an der Skepsis unseres Geistes oder an der wirklichen Problematik der Erfüllungen, das wird so leicht nicht zu bestimmen sein. So wie wir beschaffen sind, entbehren wir die Gabe der Unmittelbarkeit, um die wir die Einfachen beneiden, auch wenn, was sie daraus machen, uns nicht eben sehr wesentlich vorkommen kann in seiner internen Bedeutung. Der paradiesische Zustand wird der einer steten Verbundenheit des Irdischen und Himmlischen in uns sein. Dann ist es nicht mehr die Ausnahme, daß wir das Alltägliche in jener traumhaften Verklärung sehen, die irgendeine Wolkengegend, der Abend über den Gassen annimmt, wenn unsere innere Konstellation uns den Ausblick ins Ewige ermöglicht. Gralsburgen stehen in der Klarheit dieser unaussprechlich beseligenden Verzauberung. Ich wüßte kein Gefühl, das uns so ganz durchdränge wie die wolkenhaft leuchtende Ekstase während jenes transzendentalen Rausches. Irgend etwas davon müßten alle unsere Augenblicke haben. Alles andere ist verschwendet. Ich kann es mir zur Pflicht machen, jeden Sonnenaufgang zu sehen; aber es wird mir nicht gelingen, ihn immer als das zu empfinden was er ist, als einen Schöpfungsmorgen. Manchmal graut mir im Gedanken an die Eile, mit der das Leben dahinfliegt; es graut mir vollends, wenn ich bedenke, in welcher Weise wir es verschwenden. Ich weiß, diese Sprache mißfällt dir. Sie zeugt nicht von der Freudigkeit, die die Heiligen sich zur Pflicht machen. Ich bin ein wunderlicher Heiliger; abseits in den Gärten werde ich noch am ehesten des Vaters froh – Bünde und Brüderschaften bringen mich um den Atem. Ich weiß es wahrlich zu achten, daß ihr es tapfer angreift, das Reich auf Erden zu verwirklichen; man sagt, euer Meister habe eine ganze Talschaft erstanden, reine jungfräuliche Steppe zur Verfügung des Gottesvolkes, das sie bebauen wird. Wenn er derart das Paradies in Dollar bezahlt, so ist von mir zu vermelden, daß ich wenig von der Industrialisierung des Esoterischen erhoffe: Ich meinerseits fahre gen Osten, ins Land der Seele, nach Österreich; Else Hoffmann hat mir ihre Ritterburg zur Wohnung angetragen. Sie schreibt davon, daß große Tiere – Schauspieler, Musiker – dort eintreffen würden. Es steht mir also bevor, in eine ganz neue Welt geistvoller Kameradschaft einzutreten, ich erwarte weiß welche illustre Begegnungen. Ich bin voller Tapetenstuben und lichter Fensterblicke in Reben und Stromland; meine Gönnerin weist mir ein blaues Verließ an, in welchem ich dichten soll; Föhrenwipfel und Falken, sagt sie, kreisen vor dem Gesimse; ganz fern liegt Wien in den Dunst gezeichnet mit seinen Kaisergärten. Ich nehme denn Abschied von unserer unvergleichlichen Stadt, die ich so liebe; ich nehme Abschied von ihren Seiden- und Blumenläden, von dem Wasseropal und dem Schönsten, was wir haben, dem so laubig hinwallenden Berggrat. Alte Inseln von Verzauberung kommen hervor, entschwindende Nachsommertage geistern wieder auf, im Sonnenschein bröckeln auf einmal blaßfarbige Bibliotheken auseinander. Doch ich vergaß zu notieren, daß mein guter braver Ahn, Peter Bach, von der Macht der Liebe noch einmal jung geworden ist; er wird sich demnächst wieder verheiraten. All mein Lebtag habe ich diesen stillen Mann lieb gehabt wie einen lieben Bruder und danke Gott aus Herzensgrund, daß er ihm noch den Gefährten schenkte, dem es nicht wie mir verwehrt ist, sein gutes Gefühl auch zu zeigen. Ach, mir begegnet jetzt so viel, daß ich Transfusionen vom Leben in mein Werk ausführe; ich setze gestohlene Menschen in der Dichtung aus. Denn die Weiber singen nachts gassenentlang, der heiße Staub riecht, auf den Straßen fahren die Wagen, Müllhaufen und Königskerzen riechen, aus dem Schlot der Fabriken schiebt sich der Rauch vor die Sonne, die Kuckucksnelken verschattend, das Wasser in den Kanälen schleppt Weidengehänge – die Spinnereien brummen – alle Wintertage meiner süßen verlorenen Kindheit umgeben mich flaumig! Also ich fahre zu Schubert und werde ihn von dir grüßen.« Das sollte ihm nicht verstattet sein, ohne daß er vorher, zur Strafe für sein Ränkespiel, das Herz noch einmal verwundete. Er sah sein Griechenbild wieder. Ein Denker von Weltruf war an die Hochschule verpflichtet worden; seine Antrittsvorlesung lockte das Publikum hervor, das die ausnahmsweisen edleren Sensationen denn doch auch vorhanden finden, die intellektuelle Jugend, unscheinbare, aber wahrhaft bedeutende Männer, Künstler, die auf Fahrrädern von ihren Schlupfwinkeln her erschienen, sowie ein paar Damen verschiedener Prägung – das Hyazinthchen also saß da, in einem Gewölbe des Treppenhauses, von wo es ernsthaft und sichtbar ohne Hintergedanken die Menschen heranströmen sah. Zu der Zeit, da der Blonde an ihr vorbeistieg, hatte sie sich gerade zurückgelehnt, um in die Skulpturenhalle hinabzublicken; ihre Gliederchen traten aus der Seide hervor, die Brüste verschoben sich niedlich; so meisterlich war all ihr Liebreiz angeordnet, daß der Jüngling, benommen von wogender Empfindung, dicht an ihren Knien stehenblieb, die Dinge in Gottes Namen herauszufordern, obwohl er nicht anders dachte, das Haus würde über ihm zusammenbrechen. Bevor es geschah, ergriff ihn die Menschenströmung, seine unzeitgemäßen Erklärungen verhindernd. Die Gebärde, mit der er von dannen trieb, mochte ihr einiges von seinen vorgehabten Unternehmungen verraten; zweifellos brachte sie die Sammlung nicht auf, auch nur eine einzige Darlegung der Berühmtheit zu verfolgen, so wenig wie Wendel, der an seinem Platz eine unerhörte, nur schwer zu verbergende Bewegung verarbeitete. Die Weisheit des Philosophen reichte aus, ihn etwelche Ruhe und soviel Schüchternheit zurückgewinnen zu lassen, daß er zuletzt sich abermals drückte, das heißt, im Ernste nichts dazu beitrug, sie in der Menschenflut wiederzufinden. Dagegen drängte er sich zum letzten Konzert, das die Vorsehung ihm gnädig noch aufgehoben hatte; vor Entschlossenheit fror er, die Ungeduld machte ihn schlottern, Jubel und lähmende Schrecken zogen wie Sonne und Schatten über ihn. Der Augenblick der Entscheidung fand ihn sonderbar wagelustig. Die Geliebte, die ihm zerpflügt und hinfällig vorkam, irrte verzagt in die Nacht hinaus. Er lief an ihre Seite, grüßte; wie man ein junges Pferdchen sich beruhigen läßt, indem man seine Wege mitläuft, wanderte er wortlos in ihrem Geleite, dem Rascheln ihrer Kleider lauschend, mit ihrem Duft in den Nüstern. Vor wonniger wilder Verwirrung verlor auch er seine Fassung, glitt in Schwermut hinein, sah sich plötzlich am Ende der Beherrschung – das Dunkel der Bäume umgab sie wie Felsen; er bat, einzuhalten, legte sich ihre Arme über die Schultern, indem er selber sie um das Körperchen faßte, den Kopf an ihren Hals und die Hüfte gegen sie preßte. Wie ein kleiner Panther hing er an dem zarten Reh, oder als ob er schluchzte. Seine Hand fing an, über ihre Schulterblätter zu fühlen, die Kühle des Rückens abzutasten. Sein Biß nach ihrem Munde glich wieder dem Sprung einer Katze. Sie legten ihre Gesichter aufeinander mit kindlichem Gestammel. Seine Lippen ergingen sich in ihrem Haar. »Du Süße, du leichtes Gebilde!« flüsterte er und fing auf einmal sich zu versprudeln abfragte wer sie wäre, beschrieb sie, wie sie ihm vorkomme, wie eine Ranke – hielt ihre Fingerbüschel, die Gelenke, warf sich die weiche Last in die Arme. Er selber wäre der und der, Poet, Gott sei Dank, so daß er sich zutraue, Geister für ihre Süßheit, Ländereien für ihre Herrlichkeit zu besitzen. Sie betrachtete ihn derweil, die Finsternis hatte sich gelichtet; das zarte Gesprenkel von Rost in seinem Gesichte gefiel ihr wohl, sie legte die Händlein auf seine Stirn, lächelnd mit ihrem wachgeküßten Munde – »Süße, ich werde nicht satt von dir!« jauchzte er. »Du überschüttest mich mit der Fülle aller mir unbekannten Verwirrungen, du, die ich nicht beschreiben kann –« Sie liefen eine Strecke, umschlangen einander aufs neue. Sie müsse zur Bahn, klagte sie; er wurde sich bewußt, daß er zum erstenmal ihre Stimme hörte. Er stand verdutzt vor ihr, nahm ihr Haupt zwischen die Hände – durch verschlossene Augen rannen beider Tränen hervor aus einer Nacht von Gefühl. Dann wieder schaukelten sie die Arme, an denen sie einander gefangenhielten. Wendel versäumte nicht, den Rasen, die Himmelshöhe, den See, diese gotterschaffene Szenerie für Liebe, in sein Erlebnis mit einzubeziehen. Noch einmal holte er die Geliebte an seine Brust und erbat sich ernsthaft nun doch ihren Namen. In dessen Besitz, drückte er ihre Hand, als hätte er ihr bedeuten wollen, daß es ein rechter Name sei, und liebreich begleitete er sie zum Bahnhof, die Hand mit schonender Gebärde an ihrem Rücken; königlich beglückte ihn die Vergünstigung, sie vor aller Welt beschützen zu dürfen. Er bildete sich einiges darauf ein und wünschte heimlich, gesehen zu werden. Am Bahnsteig wandelte ein junges Paar, von dem er sich beobachtet glaubte. Kaum war der Zug abgefahren, näherte sich der Fremde, und auf einmal war es Homberger, das alte Haus. »Meine Frau,« stellte er vor, indem er sie an ihrem Sweater hielt, »und das ist Herr Wendelin Bach, den du kennst, der Verfasser feinsinniger Lyrik und des stillen Buches vom Wolkenland.« Wendel war rot geworden, weil er dem Jugendfreund keine andern als ironische Schmeicheleien zutraute. Wenn er verheiratet war, nötigte er ihm Respekt ab wie jeder, der sich darüber auswies, im Grade des Ehemanns zu bestehen. Die Gemeinschaft mit dem Weibe, der Besitz ihrer subtilsten Geheimnisse, glaubte er, setzte eine ganz bestimmte männliche und moralische Eignung voraus, weshalb er sich genötigt sah, seine Meinung von Homberger nachträglich ein wenig zu revidieren. Er hatte es nicht wohl abschlagen dürfen, zu einem Glas Wein mit hineinzugehen; im Restaurant aber zeigte es sich, daß der Filou sogar promoviert hatte; bis hinunter zur Zigarrenmarke schienen die Serviertöchter alle Liebhabereien des weltmännischen Doktors zu kennen. Siehe da, auch ein knospendes Bäuchlein ließ sich an ihm entdecken; so früh schon lockerte sich seine Nase zu dem sensiblen Organ, welches gemeinhin ergebenen Zechern als ein Barometer der Melancholien und gottseliger Fröhlichkeit im Gesicht steht. Angeregt durch die Harmlosigkeit dessen, was der einstige Korpsstudent mit einem Höchstmaß von Artigkeit schwatzte, grub der Blonde aus seiner Erinnerung all die verflossenen Moritaten, auf deren Vortrag der junge Romantiker sich vormals so trefflich verstanden; Briefe, Herzen, Verse und Schußwaffen legte er dem Doktor zu seinem Biere, welches er zur Neutralisierung des Kalterers mit dem Einverständnis der Gattin ausnahmsweise befohlen hatte. Die gute Frau gab auf alles Antwort, sofern er nur irgendwie darauf drang, was sozusagen immer der Fall war, obschon sie sich eine Zeitung genommen hatte; es war eine müde Art der Beteiligung, die etwas nach heimlichem Ehezwist aussah; die grauen Augen blickten nur dann einmal auf, wenn der Doktor überflüssigerweise die Hand auf den Arm der Kellnerin legte. Halbwegs aus Langerweile, halbwegs um die Partei der Dame zu nehmen, hospitierte der Dichter ein wenig in ihrem Blatte, sofern er des Feuilletons habhaft werden konnte. Auf einmal fuhr ihm das Blut zu Kopfe, fing er an, die Beschäftigung der Unglückseligen wie ein gefahr- oder schandebringendes Spiel zu verfolgen; er hielt es nicht länger aus und empfahl sich so plötzlich wie eben ein närrischer Kauz die Gesellschaft abschüttelt. Die widerwärtige Beanspruchung hatte sein Erlebnis zu schroff unterbrochen; im Augenblick fiel es ihm schwer, daran zu glauben, daß er vor kaum einer Stunde sein Mädchen liebkost hatte; der Vorfall, tausendmal geträumt, erschien ihm als Wirklichkeit so ungeheuerlich, daß er ihn lieber in seinen Gedanken verleugnete und an seine Stelle die Entdeckung setzte, die ihn soeben aufgescheucht; er haßte die demütigende Verlegenheiten die ihn die Notwendigkeit brachte, mit dabei zu sein, wenn etwas von ihm gelesen wurde; in jener Zeitung aber hatte sein Name gestanden. Die heiteren Betrachtungen darüber spann er bis in den Traum hinein fort, wogegen es ihm nicht gelingen wollte, sich die ungleich bedeutsameren Vorfälle des Abends noch einmal lebhaft zu machen; sogar die Züge der Geliebten fügte er nur mit Anstrengung zusammen, gar nicht zu reden davon, daß keinerlei Nachwirkungen dessen, was er vor kurzem empfunden hatte, noch sein Gemüt bewegten. Des Morgens fiel ihm das schwer aufs Gewissen. Die Welt gewahrend, erinnerte er sich, darin eine Frau liebkost zu haben, die ihm von ferne nicht zugehörte. Es regnete, es war kalt, sein Waschwasser plätscherte wunderlich dursterregend; er tauchte das Gesicht hinein, seine Tränen mischten sich widerstrebend in die harte verschlossene Flut. Als ob er etwas gar nicht wieder Gutzumachendes verschuldet hätte, in verzweifelten Schmerzen wimmerte er. Die Sache war die, daß eine eigensinnige, unbewegliche Gewißheit in ihm wieder den Stand erreicht hatte, ihn die Unhaltbarkeit seines Abenteuers erkennen zu lassen. Alle mühselig zusammengeraffte Erinnerung brachte ihm das Mädchen nicht näher; ihre noch ein wenig in ihm lebenden Zärtlichkeiten veränderten nichts an seiner Gleichgültigkeit. Alles, wonach er verlangte, war, unterm Rasen zu liegen und nichts mehr zu wissen von den beleidigenden Seligkeiten des Lebens. Auch Imago besaß sein Gefühl ja noch nicht, vielleicht nicht einmal seine Sehnsucht, sie stand nur als der aufgehobene Finger in seinem Bewußtsein, de? ihn davon zurückhielt, seine Handlungen zu überstürzen. Die Prüfungen, die sie ihm auferlegte, ihre strenge Erziehung zum Warten hätten ihn schwerlich so ausdauernd gefunden, wäre er nicht eben der ernsthafte Mann und darauf so völlig versessen gewesen, seinen Ahnungen Treue zu halten selbst auf die Möglichkeit hin, daß er diese Ahnungen in ihrer Verbindlichkeit überschätzte. So schnell würde ihn nichts dazu bringen, im Glauben an die Fülle der Ergriffenheit zu erlahmen, die er eigenbrötlerisch und Zugeständnissen abgeneigt für sich zu verlangen entschlossen blieb. Diese Haltung nötigte ihn, das arme Mädchen noch einmal und grausamer als vordem zu quälen; das Herz entbrannte ihm vor Kummer, alle nur immer möglichen unsinnigsten Überlegungen zog er herbei im Bestreben, sich einen Ausweg zurechtzudenken, dem Gefühl eine Bahn zu schaffen; er schlug sein Herz mit der Faust, er bettelte kindlich um Gewährung, die Anerbietungen des Augenblicks erschienen ihm so nach dem Herzen: Der trennende Abgrund klaffte, die Leere umgab ihn gläsern; nur das stille Gesicht, wie eine Spiegelung, das Neckbild seines Hirns stand in ihm als ein mahnender Vergleich, gegen welchen nichts aufkam und dem er nachfolgte, nicht um seinen Lohn zu haben, wohl aber aus tiefer Gebundenheit, dem Glauben ans Leben heimlicherweise verpflichtet. Zweifel an seiner Planmäßigkeit, das Mißtrauen gegenüber der Unfehlbarkeit des Gefühls bereiteten ihm noch manche Hölle. Wenn die Erkenntnis seiner allgemeinen Verächtlichkeit hinzukam, in den Stunden, wo er beunruhigt alles Große und Ganze nur in der Natur verwirklicht sah, am Lose des Menschen verzweifelnd erwog er die Tröstungen des Todes – nicht eben ernsthaft im Grund, über die Aussichten längst unterrichtet, die der Sprung aus dem zeitlichen Dasein aller Wahrscheinlichkeit nach hatte. Darüber hinaus vermutete er, daß er nicht auskneifen durfte, vielmehr, wie schwer es immer fallen mochte, seinen minderwertigen, von Gott vergessenen, keinerlei Sinn versprechenden Posten zu halten hatte, und so hielt er ihn denn – was blieb ihm daneben? all die Unruhe um Schönheit und Geheimnis dünkte ihn nachgerade so läppisch, und nur die Eifer des Geistes waren es, die unverwüstlich alle Zusammenbrüche überdauerten und mit ihrem blauen Wetterleuchten zauberisch weiterhin lockten. In der Fremde angekommen, fand er wieder nur das Zurückgelassene noch liebenswert. Die flache Donau, die zierlichen Parke gingen ihm nebelhaft durchs Bewußtsein. Es war ihm nur immer ums Heulen, und diesem Bedürfnis zu genügen verließ er heimlich den Bahnzug. Es war heiß, das Land stieg in gelbliche Wolken, dann wieder fiel es, fiel es, er glaubte nach Ungarn hinunter; er wanderte was seine Beine hergaben, er lief in Gestrüpp und Unkraut, in tiefes Salbeigehänge, und hier, in der Sonne, wünschte er sein Heimweh verborgen hervorzunehmen, er setzte sich in den Hornklee; allein das Hummelgebrumm übermannte ihn, Königskerzen und Rittersporn wuchsen auf, weiße Schlösser gaukelten im Umkreis: gegenüber einer großen umfangenden Bläue, im dunklen Wehen der Steppe schlief er ein und war denn vorerst nun nicht mehr.