Auguste de Villiers de L'Isle-Adam Legende vom weißen Elefanten Antonie Antonie schüttete Eiswasser in das Glas und setzte ihren Strauß von Parmaveilchen hinein. »Nun habe ich genug von eurem spanischen Weine,« sagte sie. Und sich über den Armleuchter neigend, zündete sie sich lächelnd eine Papelitos an. Bei dieser Bewegung fiel der Schein der Kerzen auf ihr herrlich glänzendes, kohlschwarzes Haar. Wir hatten die ganze Nacht über Jerez getrunken. Durch das weitgeöffnete Fenster blickte man auf den Garten der Villa und wir vernahmen das Flüstern des Windes in dem Laub der Bäume. Unsere Lippen dufteten nach Sandelholz und vielleicht auch nach dem süßen Munde Antoniens, hatte das schöne Geschöpf uns doch abwechselnd gestattet, die roten Rosen ihrer Küsse zu pflücken, und zwar mit einer Anmut und Liebenswürdigkeit, die keine Eifersucht aufkommen ließ. Sie betrachtete sich lächelnd in den großen, an den Wänden des Zimmers hängenden Spiegeln und wandte sich dann uns zu mit der sieghaften Miene einer Kleopatra, um in unseren Augen wieder ihr Bild zu finden. Auf ihrer jungen Brust schimmerte an schwarzem Samtbande ein goldenes Medaillon, das mit ihren eigenen, in Edelsteinen dargestellten Initialen geschmückt war. »Ist es eine schmerzliche Erinnerung? – Du liebst ihn nicht mehr?« Und da wir sie bedrängten: »Schaut her!...« sagte sie. Mit einem Drucke ihres feinen Nagels öffnete sie den Verschluß des geheimnisvollen Schmuckstückes, das Medaillon sprang auf. Auf einer glänzend schwarzen Haarlocke lag künstlerisch arrangiert eine anspruchslose, kleine Blume, ein dunkles Stiefmütterchen. »Antonie! Danach zu urteilen, muß dein Liebhaber ein noch sehr junger, wilder Junge sein, den du durch deine Bosheiten gefesselt hast?« »Ein Lebemann würde dir doch sicher niemals ein so naives Pfand seiner Zärtlichkeit geben?« »Es ist nicht recht, so etwas an einem so fröhlichen Abende, wie dem heutigen, zu zeigen. –« Antonie brach in ein fröhliches, silberhelles Gelächter aus, das so laut und übermütig war, daß sie genötigt war, ein Schlückchen Wasser aus ihrem Veilchenglase zu trinken, um sich zu beruhigen. »Gehören denn nicht Haare in ein Medaillon?« »Zweifellos, ganz zweifellos.« »Ach, meine lieben Freunde, nachdem ich all meine Erinnerungen auf das sorgfältigste geprüft, habe ich eine meiner eigenen Locken gewählt – und ich trage sie... weil ich mir selbst treu bin.« Legende vom weißen Elefanten Vor einem Jahre etwa beschloß Lord W... dem Zoologischen Garten in London einen weißen Elefanten zu schenken. Es war die Laune eines großen Herrn. London hatte soeben mit großen Kosten einen hellgrauen, mit rosa Flecken übersäten Elefanten erworben, aber die Sachverständigen erklärten, daß dieses angeblich indo-chinesische Idol von höchst zweifelhafter Echtheit sei. Man sagte, wenn es wahr wäre, daß der Fürst von Birma dem übelberatenen Barnum das heilige Tier für eine Million verkauft habe, er mit diesem Handel eine Gotteslästerung begangen haben würde. Man meinte, der große Humbugmacher würde schon auf seine Kosten gekommen sein, selbst, wenn der Zoologische Garten ihm nicht einmal die Hälfte des genannten Preises zugestanden hätte. Wenn wirklich in gewissen Gegenden Asiens ein solcher Dickhäuter für heilig gilt und einen nicht zu berechnenden Wert hat, so geschieht dies doch nur in dem einen und höchst seltenen Falle, daß das Tier auch wirklich ein Albino ist und wie ein ganz reiner, fleckenloser Schneehügel aussieht. Die Elefanten unbestimmter Farbe oder auch die mit Flecken gezeichneten Tiere genießen jedoch kaum eine besondere Verehrung. Lord W... jedoch beschloß, England diesmal einen wirklich heiligen Elefanten zu schenken, ein Tier, dessen Echtheit unantastbar wäre. Der Gedanke war ihm durch die Mitteilungen eines ihm befreundeten großen Reisenden suggeriert worden. Dieser, ein kühner Forscher, hatte sich jahrelang in dem Innern jener geheimnisvollen Wälder aufgehalten, die von dem birmanischen Nil, dem Iravadi, der in der Tartarei entspringt, bewässert werden. Er versicherte, daß er auf seinen Streifzügen durch die verlassenen Städte, die Ruinen alter Tempel, die Flüsse und leuchtenden Täler von Minnapore durch eine Lichtung der Wälder in nicht allzu weiter Entfernung den geheimnisvollen heiligen Elefanten gesehen habe, dessen Weiße so blendend gewesen sei, daß sie sich kaum von dem Mondschein unterschied und der von einem Gebete singenden Priester spazieren geführt worden sei. Auf einer Spezialkarte war die Stadt, in deren Umgebung er die ungewöhnliche Erscheinung gesehen haben wollte, auf dem 22. Breitengrade verzeichnet. Es ist bekannt, daß in Birma alle Elefanten, die wilden sowohl wie die gefangenen, Eigentum des Kaisers sind, der das Recht hat, sie im Kriegsfalle einzuberufen. Es ist ein alter, unverletzbarer Brauch, daß dieser Monarch einen Elefanten von idealer Weiße besitzt, der einen eigenen Palast und Offiziere hat, dem ferner die Einkünfte eines Landbesitzes zugewiesen werden, der genügt, ein so wichtiges Tier und seinen Hofstaat zu unterhalten. Das religiöse Gesetz verbietet es auf das strengste, auch nur einen der drei oder höchstens vier Elefanten, in denen sich das seltsame Phänomen der weißen Farbe forterbt, außer Landes gehen zu lassen – denn eine buddhistische Tradition prophezeit den Untergang des Reiches an demselben Tage, an dem dies geschehen würde. (Der vor zwei Jahrzehnten ausgebrochene blutige Krieg mit Siam ist nur wegen des Besitzes eines dieser phantastischen Tiere geführt worden, das der König von Siam den Bewohnern Birmas nicht abtreten wollte.) Man würde den Engländern, nachdem sie ihre Truppen so lange und geduldig in den Sumpfgegenden des Distriktes von Assam konzentriert hatten, sofort ihre Eroberungen streitig machen, wenn sie es wagen sollten, den Tribut eines dieser heiligen Schneehügel erheben zu wollen; das ganze Volk würde gegen sie aufstehen und sie ohne Gnade und Barmherzigkeit vernichten. Wenn aber gar ein kühner Eindringling bei dem Versuche betroffen werden sollte, einen heiligen Elefanten zu rauben, so würde keine Fürsprache ihn vor den schrecklichen Martern eines langsamen, qualvollen Todes retten. Wie man sieht, stellten sich der Ausführung des Lieblingsplanes des edlen Engländers manche Schwierigkeiten entgegen. Dennoch hatte er sich mit dem berühmten Tierbändiger Mayeris in Verbindung gesetzt, hatte ihm die Orientierungskarte übergeben und ihn auf alle das Abenteuer bedrohende Gefahren aufmerksam gemacht. Er bot ihm außer freier Reise und Verpflegung für sich und seine Leute die Summe von zwei Millionen fünfhunderttausend Franks (100 000 Pfd. Strl.), wenn es ihm gelingen sollte, einen weißen Elefanten gefangen zu nehmen, durch Birma bis an das Meer zu führen, ihn glücklich einzuschiffen und von Asien nach England bis an den Kai der Themse zu bringen, von wo aus das Tier dem Zoologischen Garten übergeben werden sollte. – Mayeris hatte, während der Lord diese Pläne entwickelte, sich mit der von seinen Löwen ganz zerkratzten Hand nachdenklich den Bart gestreichelt. Nach kurzem Nachdenken nahm er den Vorschlag an. Sobald er den Vertrag mit Lord W... in der Tasche hatte, genügten ihm wenige Tage, um ein halbes Dutzend Leute anzuwerben, deren Kühnheit und Kaltblütigkeit er erprobt hatte. Als praktischer Mann sagte er sich, daß, wenn man einen weißen Elefanten rauben und durch weite Landstrecken führen wolle, wo man von allen Seiten bedroht sei, es vor allen Dingen unumgänglich notwendig sei, das Tier unkenntlich zu machen – es zu färben. Der Tierbändiger suchte daher sich ein Färbemittel zu verschaffen, das für eine Zeit wenigstens dem Wetter trotzen würde. Er versorgte sich daher ganz einfach mit ein paar kleinen Tonnen einer Flüssigkeit, die gerade in der Modewelt besonders beliebt war, um Bart und Haare zu färben. Nachdem er ferner alle nötigen Anschaffungen gemacht und die umfassendsten Vorbereitungen getroffen hatte, wurde ein Kauffahrteischiff für die Expedition und für den Transport des Tieres gemietet. Man benachrichtigte die Admiralität. Man telegraphierte an den englischen Gouverneur von Assam, empfahl den kühnen Unternehmer seinem Schutze – und reiste ab. *   *   * Ungefähr drei Monate später, nachdem Mayeris und seine Gefährten in Asien angekommen waren, gingen sie mit einem von Baumstämmen zusammengefügten Floß den Sirtang hinauf in der Hoffnung, daß es ihnen gelingen würde, den beabsichtigten Raub auszuführen. Ihre Geschicklichkeit und gewisse günstige Zufälle ermöglichten ihnen, sich wirklich bis auf einige Meilen der alten heiligen Stadt zu nähern, die die verräterische Karte ihnen bezeichnet hatte. Es gelang den fortwährend auf der Lauer liegenden Spähern sogar bald, das wunderbare Tier zu erblicken, und nun versteckten sie sich in der Umgegend der Stadt in das Dickicht des Waldes, der sich bis an die Ufer des Sirtangs hin erstreckte. Man hatte das Floß, das so aussah, als gehöre es Fischern an, und das mit allem Nötigen zum Fischfange ausgerüstet war, ganz mit Zweigen und Laub bedeckt und am Ufer fest gemacht, von wo aus man es zu Fuße erreichen konnte, es sah wie eine kleine Insel aus. Um ihr Erscheinen zu rechtfertigen und sich eine freundliche Aufnahme zu sichern, hatten sie sich als Jäger ausgegeben, die hierher gekommen seien, um Pelzwerk zu erbeuten. Das Glück war ihnen hold, es gelang ihnen gleich anfangs, ein paar jener großen Tiger zu erlegen, die wie die Flußpferde ein Schrecken jener Gegenden sind. Durch diese brillante Einführung waren sie sofort populär geworden, und sie benutzten das ihnen entgegengebrachte Wohlwollen, um sich unbemerkt mit den Gewohnheiten des Elefanten und seines priesterlichen Wächters bekannt zu machen. Sie hatten sich gelegentlich mit letzterem in Beziehung gesetzt, hatten ihm Geschenke gemacht und ihrer Verehrung vor dem heiligen Tiere Ausdruck verliehen. So erschien endlich der Tag, den Mayeris für die Ausführung seines Planes günstig erachtete, er traf die nötigen Maßregeln und versteckte dann seine Leute im Hinterhalt. Die Lichtung des Waldes, wo man sich auf die Lauer stellte, war nicht allzu weit von dem Flusse entfernt, wohin der Elefant jeden Abend beim Sternenschein geführt wurde, um zu trinken. Durch die großen Blätter der von den riesenhaften Arekapalmen herabhängenden Schlingpflanzen, durch die Wurzelbäume, Dattelpalmen und Palmyren erkannten die Abenteurer deutlich die in der Ferne blinkenden vergoldeten Sterne, die oberen Teile der Türme und die Marmortempel der Stadt, die dem ewigen Gotte Gadanea Buddha geweiht ist. Dieser wunderbare Anblick schien heute etwas Drohendes zu haben. Sie gedachten unwillkürlich der alten Prophezeiung des fest eingewurzelten Glaubens des Volkes: »An dem Tage, wo andere Völker den weißen Elefanten von Birma in ihrem Lande sehen, wird das Reich untergehen«. Das Risiko des beabsichtigten Streiches erschien den verwegenen Abenteurern in diesem Augenblicke so groß und ihre Lage so gefährlich, daß sie untereinander dahin übereinkamen, wenn man sie entdecken sollte, sich gegenseitig zu töten, um nur nicht lebend in die grausamen Hände der fanatischen buddhistischen Priester zu fallen. Außerdem hatten sie mehrere der Bäume, in deren Nähe sie sich versteckt hielten, mit Petroleum besprengt und waren fest entschlossen, nötigenfalls den Wald anzuzünden. Gegen Mitternacht ertönte der psalmodierende Gesang des priesterlichen Hüters des heiligen Tieres, das mit gewichtigem Schritt, den Boden stampfend, langsam des Weges kam und den Pfad zum Flusse einschlug. Mayeris, der sich bisher sorgfältig in dem Schatten eines Affenbrotbaumes verborgen gehalten hatte, kam vorsichtig einige Schritte näher. Dem Priester konnte es kaum auffällig erscheinen, daß er den Tierbändiger, dem er öfter an einsamen Orten begegnet war, hier traf. Wie hätte er auch an das tollkühne Wagnis denken können, das Mayeris plante! Er wechselte mit dem betenden Priester einen freundlichen Gruß, trat dann an das majestätische Tier heran, streichelte es und machte den Priester auf den heute ganz besonders schönen Sternenhimmel aufmerksam. In dem Augenblicke, als der Elefant sich über den Fluß neigte um zu trinken, erhob sich einer der dort im hohen Grase verborgenen Jäger und befestigte, um seiner Herr zu werden, mit Blitzesschnelle ein mit einspringender Stahlfeder schließendes großes Blechgefäß mit Chloroform an das äußerste Ende seines Rüssels. Der betäubende Duft, der dem Tiere entgegenquoll, schien es sofort zu verwirren. Es versuchte, den Rüssel unruhig von einer Seite zur anderen bewegend und heftig schüttelnd, vergebens, sich von dem festanschließenden Gefäße zu befreien. Mit jedem Atemzuge erhöhte sich die Wirkung des Chloroforms. Der alte Priester bemerkte das unruhige Gebaren des Tieres und wollte herunterspringen. Er wurde sofort von Mayeris und seinen Helfershelfern überwältigt, geknebelt und gebunden, während andere den schon schlafsüchtig gewordenen, halb bewußtlosen Elefanten durch untergeschobene Baumstämme stützten. Rasch entfernten sie aus der Krümmung seiner Fangzähne den Goldschmuck und die mit Edelsteinen besetzten Armbänder, mit denen die Frauen der Stadt das heilige Tier überreich geschmückt hatten. Dann öffnete man schnell die bereitgehaltenen Gefäße mit dem Färbemittel, und vierzehn eilige Hände begannen den Elefanten so schnell wie möglich von dem Schwanze bis zu seinen großen Ohren und bis zu der äußersten Falte seines Rüssels einzusalben. Diese Prozedur wurde zweimal vollzogen und zehn Minuten später war der heilige Elefant vollständig verwandelt und hatte mit Ausnahme seiner großen Elfenbeinzähne ein kohlschwarzes Aussehen gewonnen. Man benutzte einen Augenblick, in dem das Tier ein wenig aus seiner Betäubung zu erwachen schien, um es auf das Floß zu schaffen. Dort wurden seine mächtigen Füße mit starken Ringen von Schmiedeeisen gefesselt. Rasch wurde ein Zelt über ihm ausgebreitet. Den Führer warf man auf ein Lager von Laub; dann wurden die Verbindungstaue durchschnitten, und fort ging es. Die schnelle Strömung, dazu ein günstiger Wind führte die kecken Räuber mit ihrer Beute rasch den Fluß hinab und den englischen Besitzungen zu. Als der Morgen graute, war man nur noch zwanzig Meilen davon entfernt. Zwei Tage noch und eine Nacht und man war nicht mehr zu erreichen. Man hatte ja überhaupt erst sehr spät das Verschwinden des heiligen Elefanten entdeckt, und als dies endlich geschah, vergeudete man die kostbare Zeit mit Vermutungen aller Art, ehe man dem Gedanken, daß das Tier entführt sein könne, Raum verlieh. Da aber war es zu spät, eine wirksame Verfolgung einzuleiten. – Die an den Ufern wohnenden Völkerschaften nahmen kaum Notiz von den Reisenden. Die normale Farbe des Elefanten ließ die ganze Expedition sehr einfach und natürlich erscheinen. Man vertrieb sich die Langeweile der eintönigen Reise damit, das Tier, das sich noch immer nicht aus seinem Chloroformrausch erholt hatte, fleißig zu übermalen. Sein priesterlicher Führer hatte sich jedoch nicht von dem furchtbaren Schrecken des Überfalls erholt: er war tot. Man band ihm am folgenden Abend einen Stein an den Hals und warf ihn in das Wasser. Endlich kamen Mayeris und seine Helfer an dem Ziele an, wo man sie längst erwartet hatte. Die jetzt allmählich etwas auffallend gewordene, beinah schwarze Farbe des Tieres hatte auf den ersten Blick etwas Verblüffendes, aber natürlich waren die englischen Offiziere diskret und bewahrten das Geheimnis. Unter sicherm Geleit erreichte man den Hafen, wo das schon seit zwei Monaten bereitliegende Schiff die Beute in Empfang nahm. Nach einer stillen und glücklichen Überfahrt erreichten unsere Helden endlich die Küste Englands, und mit lauten Hurrarufen begrüßten sie die Heimat, in der sie Glück, Ruhm, Erfolg und klingenden Lohn zu ernten hofften. Bei der Einfahrt in die Themse wurde das Schiff mit Flaggen geschmückt. »God protect old England!« tönte es fröhlich von den Lippen der kühnen Abenteurer. Ein kolossaler Kohlenwagen der unterirdischen Bahn führte das Tier, sobald es ausgeschifft war, in den Zoologischen Garten. Lord W... wurde telegraphisch benachrichtigt und stellte sich sofort bei dem Direktor ein. *   *   * »Hier ist der weiße Elefant,« rief freudestrahlend Mayeris, »Mylord, wollen Sie nun bitte uns die versprochene Anweisung auf die englische Bank übergeben?« Es war nur natürlich, daß bei dem Anblick des dunkel gefärbten Tieres alles betroffen schwieg. »Aber – aber,« sagte endlich der Direktor, »Ihr Elefant ist ja schwarz?« »Ja, das aber kommt nur daher, weil wir gezwungen waren, ihn zu färben, um unsern Raub in Sicherheit zu bringen.« »So bitte ich Sie, Sorge zu tragen, daß er seine weiße Farbe zurückerhält,« sagte Lord W..., »denn ich kann unmöglich weiß nennen, was offenbar schwarz ist.« Am andern Morgen erschien Mayeris mit den nötigen Chemikalien, um sofort die Operation zu beginnen. Er und seine Leute bemühten sich, dem unglücklichen Dickhäuter durch Anwendung der stärksten Mittel seine ursprünglich weiße Farbe zurückzugeben. Das arme Tier sah seine Peiniger mit seinen Albinoaugen klagend an, und sein Blick schien unruhig zu fragen: »Ach, warum bestreichen mich diese Menschen jeden Augenblick mit so unangenehmem Zeug?« Aber die Säuren des Haarfärbemittels hatten sich tief in die Haut des Dickhäuters eingefressen, und die ohne chemische Kenntnis angewandten Gegenmittel verfehlten ihre Wirkung vollständig. Der Elefant wurde grün, orangefarben, blau, karmoisinrot, taubenfarben – er schimmerte in allen Schattierungen des Regenbogens – aber er wurde nicht weiß! Sein bunter Rüssel hing matt wie ein schlappes Segel an den enormen Masten seiner kolossalen in den groteskesten Farben erscheinenden Beine herab, so daß der Direktor des Zoologischen Gartens schließlich erstaunt ausrief: »O, laßt ihn endlich in Ruhe! Rührt ihn nicht mehr an! Es ist ja ein wahres Fabeltier, ein Elefanten-Chamäleon. Man wird aus der ganzen Welt hierhin zusammenströmen, um dies Wunder aus Tausendundeine Nacht anzustaunen. Ganz gewiß hat es bis jetzt noch niemals ein solches Tier auf unserem Planeten gegeben. Wenigstens glaube ich das nicht.« »Wirklich, ich glaube, daß Sie da recht haben,« sagte Lord W..., das seltsame Tier durch seine Lorgnette anschauend, »aber – – aber – nach den Buchstaben unseres Kontraktes ist Herr Mayeris verpflichtet, mir einen weißen und keinen vielfarbigen Elefanten zu liefern. Nur der weiße Elefant ist des Preises von 100 000 Pfd. Strl. wert, den ich dafür bewilligt habe. Herr Mayeris möge daher dafür Sorge tragen, ihm so rasch wie möglich zu seiner ursprünglichen weißen Farbe zu verhelfen. Aber wie das Tier jetzt aussieht, ist es wahrhaftig schwer zu glauben, daß dieses Scheusal ein weißer Elefant sein soll.« – Mit diesen Worten setzte Lord W... seinen Hut auf und entfernte sich rasch, jede weitere Diskussion abschneidend. Mayeris und seine Gefährten betrachteten schweigend das dahinsiechende Tier, das trotz aller angewandten Mittel nicht mehr weiß werden wollte. Plötzlich schlug der Tierbändiger sich vor die Stirn. »Herr Direktor,« sagte er, »welchen Geschlechtes sind die im Zoologischen Garten befindlichen Elefanten?« »Es ist nur ein Weibchen dabei,« antwortete dieser. »Gut,« rief Mayeris triumphierend. »Wir müssen es mit meinem Elefanten zusammenbringen. Ich werde die zwanzig Monate lange Dauer seiner Schwangerschaft geduldig abwarten, der mulattenhafte Sprößling wird dann vor Gericht Zeugnis von der weißen Nasse seines Erzeugers ablegen.« »Das wäre eine Idee,« sagte der Direktor, fügte aber gleich darauf in spöttischem Tone hinzu: »Sie werden dann zweifellos einen wie Milchkaffee aussehenden Mischling erzielen. Leider ist es jedoch bekannt, daß der Elefant in der Gefangenschaft sich der Freude Vater zu werden, auf das strengste enthält.« »Fabeln! Das ist gerade solcher Unsinn, wie das Märchen von der vorgeblichen Keuschheit des Elefantenweibchens. Das weiß ich besser, mein Herr, und ich kann Ihnen Beweise dafür aufführen. Zum Überflusse werde ich alles, was das Tier genießt, mit den stärksten, die Sinne aufreizenden Mitteln bestreuen und wenn es auch darüber zugrunde gehen sollte. Das Schicksal möge sich entscheiden.« An demselben Abend rieb sich der Tierbändiger vergnügt die Hände, da er die Gewißheit hatte, zu neuen Hoffnungen berechtigt zu sein. Am andern Morgen jedoch fanden die Wärter des Elefantenhauses das arme mißhandelte Tier tot. Die Dosis Chin–sing war denn doch zu stark gewesen, es war daran gestorben. »Nichts zu machen,« brummte Mayeris, als ihm diese Nachricht mitgeteilt wurde. »Ich muß jetzt den Lauf der Dinge ruhig abwarten. Ich weiß, daß meine Gegner zu anständig sind, um der Elefantenmutter abtreibende Mittel zu geben. Nur daß dieser Tod für mich einen nicht wieder einzubringenden Vermögensverlust bedeutet! Ich bin fest überzeugt, daß in drei bis vier Jahren das Tier doch die ursprüngliche weiße Farbe wieder erlangt haben würde.« Mittlerweile sandte Lord W.... einen Unterhändler an Mayeris. Der Engländer bedeutete ihm, daß er sich unter allen Umständen an die in dem Kontrakte festgestellten Vereinbarungen halten würde und sich nicht für verpflichtet halte, wie auch das Resultat der Elefantenehe ausfallen sollte, das daraus hervorgehende Junge anzukaufen. Er bot jedoch dem Tierbändiger eine Entschädigungssumme von 5000 Pfd. Strl., um die unliebsame Sache aus der Welt zu bringen, und riet ihm, sich rasch einen anderen weißen Elefanten zu verschaffen, diesmal aber gut aufzupassen, daß er nicht zu echt gefärbt werde. »Als ob es möglich sei, zweimal einen weißen Elefanten zu rauben,« sagte der wütende Tierbändiger. »Gut, ich werde prozessieren.« Der Staatsanwalt wie die Advokaten versicherten ihm jedoch, daß seine Sache von vornherein eine verlorene sei, und Mayeris entschloß sich seufzend, einen Kurator für den künftigen Sprößling des weißen Elefanten zu ernennen und die von Lord W.... gebotenen 5000 Pfd. Strl. für sich und seine Leute anzunehmen. Dann verließ er London. Wenn er später von diesem traurigen Abenteuer erzählte – das wirklich zu phantastisch ist, um erfunden zu sein – so fügte er mit seltsamem Tonklange hinzu: »Ruhm, Erfolg, Glück? Es ist alles nur eitler Dunst! Vorgestern ging ein Königreich wegen eines mit einem Fächer gegebenen Streiches zugrunde, gestern löste sich vielleicht ein Kaiserreich aus noch nichtigeren Ursachen auf. Es hängt alles von einem Nichts ab. Ist es nicht wirklich geheimnisvoll? Wenn die alte Prophezeiung, die weissagende Drohung des Gottes da unten des Glaubens wert ist, den sie so viel Millionen Völkern einflößt, woher kommt es dann, daß das birmaische Reich nicht untergegangen ist? Doch ganz einfach daher, daß ich mich nicht besser vorgesehen habe und dieses fatale Wasser zum Färben des geraubten heiligen Elefanten von Gädoma-Buddha anwendete anstatt ganz einfach, beinahe symbolisch, meine schweren eisernen Tönnchen – – – mit Ruß zu füllen. Sylvabel ›Schön wie die Nacht – und unheimlich wie sie.‹ Alfred de Vigny   Auf dem Schlosse Fonteval wurde ein Hochzeitsfest gefeiert, das gegen Mitternacht sein Ende erreichte. Die venezianischen Lampen, die in Guirlanden zwischen den hohen Bäumen der Alleen angebracht waren, leuchteten zwar noch, aber die Geigen des ländlichen Orchesters waren verstummt, und die Junker der Nachbarschaft suchten ihre sie an der Freitreppe des Schlosses erwartenden Wagen auf, während die bäuerlichen Gäste unter fröhlichem Gesang den Heimweg auf ihre Höfe antraten. Die Stimmung war eine ungemein heitre, denn man hatte dem Inhalt der unter den Eichen aufgefahrenen Fässer, die mit Bändern in den Farben der Neuvermählten geschmückt waren, reichlich zugesprochen. Der neue Schloßherr, Gabriel du Plessis le Houx, hatte am Morgen dieses nun schon entschwundenen schönen Tages in der Kapelle des Schlosses seine eheliche Verbindung mit Sylvabel de Fonteval geschlossen. Sie war eine wie Diana, die Jägerin, aussehende schlanke, junge Amazone, mit weißer Hand, braunem Haar und von berückendem Reize. Sie war zwanzig, er dreiundzwanzig Jahre alt! ... Beide waren schön, elegant und reich, und die Zukunft der beiden schien in rosenrotes Licht getaucht. Sylvabel hatte schon gegen halb elf den Ball verlassen und befand sich – zweifellos – in diesem Augenblicke in dem ehelichen Schlafgemache. Die Bewohner des Schlosses hatten sich alle zurückgezogen und waren, da in keinem Fenster mehr ein Lichtschein zu erblicken war, offenbar zu Bett gegangen. Nur in dem hinter dem Spielsaale und vor den Gärten gelegenen Treibhause war noch Licht. Zwei Herren hatten sich dort auf den grün kannelierten Gartenstühlen niedergelassen, vor denen ein Pfeilertisch stand, der einen Armleuchter trug. Der eine war Herr du Plessis selbst – der andere der Baron Gérard de Linville, sein Onkel, ein alter Gesandter und Diplomat, der des höchsten Ansehens genoß. Der dringenden Bitte seines Neffen nachgebend, hatte er sich entschlossen, die Nacht noch auf dem Schlosse zu verbringen, obwohl er schon vor Tagesgrauen aufbrechen mußte, da er in einer diskreten Mission nach Schweden zu reisen beabsichtigte. »Mein lieber Baron,« rief Gabriel plötzlich, »ich danke Ihnen herzlich dafür, daß Sie hier geblieben sind. Ich stehe vor einer kritischen Zeit und Sie sind vielleicht der einzige, der mir einen wirklich nützlichen Rat geben kann. Ich habe Ihnen schon gestanden, mit welcher Glut und Leidenschaft ich meine Frau liebe, eine Leidenschaft, die so überwältigend ist, daß ich mich oft erbleichen fühle und kaum Worte zu finden weiß, wenn sie mit mir spricht. Hören Sie nun, was ich Ihnen ferner vertraue: Sylvabel empfindet für ihren Neffen nur eine ganz oberflächliche frivole Neigung, sie liebt mich aber nicht. Sie ist ein verwöhntes Kind, das stets nur seinen Liebhabereien gelebt und sich fast ausschließlich mit Pferden und der Jagd beschäftigt hat. Sie ist ein stürmisches unbezähmbares Mädchen, mit männlichen Neigungen, trotz ihres verführerischen echt weiblichen Reizes. Sie weiß, daß ich sanft bin, und da sie errät, wie sehr sie mich leiden macht, verachtet sie mich ein wenig. Gewiß, Sylvabel hat ohne Zögern meine Hand angenommen, aber dies geschah einmal meines großen Vermögens wegen – o es ist wirklich so – dann aber auch, weil sie hoffte, mich zu ihrem Sklaven machen zu können: folglich wird sie mich vielleicht oder vielmehr ganz gewiß früher oder später betrügen. Sie findet mich zu friedlich! zu künstlerisch empfindend und zu exaltiert – mit einem Worte charakterlos. Dazu kommt, daß sie selbst einen Geist von durchdringender, fast geheimnisvoller Schärfe hat. Sie ist eine Prophetin... Aber was wollen Sie? Sie besteht auf ebenso lächerlichen wie kränkenden Ideen. So hat sie mir heute abend auf das entschiedenste erklärt, daß sie fest entschlossen sei, morgen in aller Frühe eine Jagdpartie zu machen, und zwar zu Pferde. Wahrscheinlich will, sie damit den Bewohnern des Schlosses beweisen wie wenig ermüdend unsere Hochzeitsnacht für sie gewesen – beiläufig bemerkt, hat sie mich außerdem dazu verurteilt, diese erste Nacht unserer Ehe allein zu verbringen. Wenn das acht Tage so fortgehen soll, hat sie sich daran gewöhnt, die Herrscherin zu sein, und ich bin verloren – gleichviel was ich in Zukunft anstelle, um mich zu wehren. Dann aber werden die Dinge ein Ende mit Schrecken nehmen, denn ich gestehe es offen, meine Natur ist so, daß, wenn man mich zwingt, meine gewohnte Ruhe und Sanftmut zu verleugnen, ich so heftig werde, daß ich zu jedem Gewaltakte fähig bin. Ich bitte Sie also, lieber Onkel, der Sie einen so feinen Verstand besitzen, nicht nur gelebt haben, sondern auch die Kunst des Lebens wirklich verstehen, ich bitte Sie, mir zu sagen, ob Sie nicht ein Mittel wissen, den trostlosen Eindruck, den meine Frau von meinem Charakter hat, zu zerstören. Wissen Sie keinen Rat, durch den ich ihre Liebe erringen könnte? Ich möchte sie davon überzeugen, daß ich trotz meiner Sanftmut und äußern Ruhe einen festen männlichen Charakter habe. Denn davon hängt alles ab. Was immer Ihr Rat sei, ich werde ihm gehorchen, ohne weiter darüber nachzudenken, wie ein Soldat, der Ordre pariert, oder wie ein Kranker, der ohne zu fragen, das ihm von einem großen Arzte gebotene Heilmittel annimmt. Ich vertraue mich Ihrer Weisheit. Es ist meine Ehre und mein Glück, die hier auf dem Spiele stehen.« Baron Gérard warf einen hellen lächelnden Blick auf den jungen Mann, dachte einen Augenblick nach, neigte sich dann zu Gabriel und flüsterte ihm wohl fünf Minuten lang die ersehnte Antwort ins Ohr. Der Neffe horchte mit gespanntester Aufmerksamkeit den Worten des alten Herren, die ihn mit Staunen erfüllten. »Ich reise also in aller Frühe nach Stockholm,« fügte Herr de Linville sich erhebend mit lauter Stimme hinzu: »ich erwarte, daß du mir das Resultat bald schriftlich mitteilst. Vor allem also, handle ganz einfach, so einfach wie mein Rat und befolge ihn buchstäblich.« »Danke, danke aus tiefstem Herzen. Gute Reise also und – auf Wiedersehen,« antwortete Gabriel, nun ebenfalls aufstehend und dem Onkel die Hand drückend. Die beiden Herren begaben sich dann jeder auf sein Zimmer, in dem der Gesandte ruhigeren Schlaf fand, wie sein junger Freund. – *   *   * »Halloh! Halloh! Die Sonne scheint! – Schläfst du noch? Gabriel!« So rief Frau Sylvabel du Plessis le Houx, die auf einem prächtigen Brandfuchs sitzend, der ungeduldig mit den Hufen den Boden scharrte und von einer ganzen Meute laut bellender und sie mit lustigen Sprüngen umgebender Hunde unter den Fenstern ihres Gatten hielt. Sie zog ungeduldig die Stirn zusammen, so daß eine tiefe Falte zwischen den schwarzen, die schönen lichtblauen Augen beschattenden Brauen entstand und ließ die feine Reitpeitsche durch die Luft sausen. Das Geräusch eines aus der hinter ihr liegenden Allee galoppierenden Reiters veranlaßte sie, sich umzusehen: es war Gabriel. »Meine liebe Sylvabel,« sagte er, sie höflich begrüßend, »du siehst, ich bin pünktlich zur Stelle, und zwar wie gewöhnlich noch zehn Minuten vor der verabredeten Zeit.« »Wirklich?... Ach ja, du hast dich zweifellos unter den Bäumen dort deinen Träumen hingegeben. Du siehst ja ganz strahlend aus. Komponiertest du?« »Ja ... diesen Strauß für dich – drei Rosenknospen und diese Verbenenzweige...« »Du bist galant,« antwortete Sylvabel leichthin und steckte die Blumen zwischen zwei Knöpfe ihrer Taille. »Das ist meine Pflicht,« antwortete kühl Herr du Plessis, »außerdem sagt man, daß Verbenen Schutz vor Anfällen verleihen.« Etwas überrascht von der kühlen, beinahe ernsten Sprache ihres Gatten blickte die elegante Amazone ihn erstaunt an, dann sagte sie ungeduldig: »Brechen wir auf, wir werden später in einer Lichtung auf dem Moose frühstücken.« Während der ersten Stunden der Jagd sprach Gabriel keine zwanzig Worte. Er schien jedoch sehr vergnügt und ganz vertieft in die Freuden der Jagd zu sein. Er erlegte zwei Hasen, einen Auerhahn und acht Wachteln, die der einzige Piqueur, der sie begleitete und hinter ihnen ritt, in seine Jagdtasche steckte. Gegen Mittag stieg man vom Pferde, um in einer prachtvollen Lichtung des Waldes auszuruhen. Nachdem er ein Stückchen Pastete, zwei Gläser Champagner, einige Waldbeeren und eine Tasse Kaffee genossen hatte, steckte Gabriel, der während des Mahles das Spiel der Eichhörnchen zwischen den Ästen der Bäume beobachtet hatte, sich eine Zigarette an und sagte, nachdem er sie geraucht: »Nun wieder in den Sattel, vorausgesetzt, daß du genügend ausgeruht hast, Sylvabel?« »Vorwärts also,« sagte sie. Man nahm den Ritt wieder auf; diesmal führte jedoch der Weg quer durch die Felder. Man war an einer Biegung des Weges angekommen, als plötzlich etwa dreißig Schritt von einer Hecke entfernt ein Hase aufsprang und blitzschnell vorüberlief. Die Hunde stürzten hinter ihm her. Gabriel drückte seine Flinte ab, schoß aber daneben. »Daran ist dies dumme Tier, der Murmuro schuld,« sagte er mit sanftem Lächeln und sehr rasch seine Flinte von neuem ladend. »Er hat sich grade, als ich zielte, zwischen mich und den Hasen geworfen.« Ruhig legte er seine Flinte an, zielte und schoß den vielleicht hundert Schritte von ihm entfernten prächtigen Dachshund ohne weiteres nieder. Bei diesem, unerwarteten Schauspiele zitterte Sylvabel. »Was,« rief sie ganz erschrocken, »du machst dieses arme Tier für deine eigne Ungeschicklichkeit verantwortlich und tötest es ohne weiteres?« »Es tut mir selbst leid, denn ich liebte ihn sehr,« antwortete ruhig Gabriel. »Aber ich bin einmal so, ich kann es nicht vertragen, daß etwas gegen meinen Willen geschieht, ohne in heftige Aufregung zu geraten; wäre ich Soldat geworden, so würde ich sicher in den ersten vierundzwanzig Stunden füsiliert worden sein. Das ist ein Fehler, der schon in meiner Kindheit zu sehr stürmischen Szenen Veranlassung gab – ich habe bis zum heutigen Tage vergebens gesucht mich zu bessern. Dir zuliebe will ich es indessen noch einmal versuchen.« Sylvabel spielte mit ihrer Reitpeitsche und versank in träumerisches Schweigen. Man ritt weiter. Gabriel plauderte von den gleichgültigsten Dingen und schien das kleine Begebnis vergessen zu haben. Sie blieb schweigsam und warf nur hier und da ein kurzes Wort ein. Ungefähr eine Stunde später flog gerade vor ihnen ein Feldhühnervolk auf. Gabriel legte an, zielte, schoß, ohne daß eins der Tiere auch nur eine Feder verlor. »Wahrhaftig,« brummte er leise, aber mit sehr ruhiger Stimme, »das ist unerträglich! Diesmal ist meine gemeine Stute schuld daran, denke dir nur, sie hat grade in dem Augenblick, wo ich anlegte, einen Sprung gemacht.« So sprechend zog er einen Revolver aus seiner Satteltasche, setzte den Lauf kaltblütig an das Ohr seines Pferdes und schoß ihm den Schädel auseinander. Mit einem graziösen Satz abspringend, verhinderte er den jähen Fall des Tieres, das nach ganz kurzem Todeskampfe ohne Bewegung langsam niedersank. Sylvabel riß ihre großen blauen Augen weit auf. »Aber, um Gottes willen, was fällt dir denn ein? Das ist ja Wahnsinn! Was fällt dir ein, Gabriel, ein so schönes Tier zu töten – ein Rassepferd – und nur, weil du keins von den Feldhühnern getroffen hast?« »Ich beklage es tief, Sylvabel. Indessen glaube ich dir vor wenig Minuten im Vertrauen mitgeteilt zu haben, an welcher angeborenen Schwäche ich leide. Ich kann dir nur wiederholen, daß es über meine Kraft geht ohne Protest auch nur die kleinste Widerwärtigkeit zu ertragen. Piqueur! Euer Pferd, Ihr werdet zu Fuß nach Hause gehen. – Wollen wir nun heimkehren?« Er schwang sich in den Sattel und sie lenkten nun die Pferde dem Schlosse zu. »Wirklich, mein Freund,« murmelte Sylvabel, »mir scheint, daß die magischen Eigenschaften deiner Verbenenzweige mich sehr im Stiche gelassen haben! Hältst du mir so dein Versprechen, mir zuliebe deinen jähzornigen Charakter zu zügeln?« »Dieses Mal,« antwortete der junge Mann ruhig, »war ja allerdings die Macht der Gewohnheit größer als die meiner guten Vorsätze. Aber ich werde in Zukunft mich mehr zu beherrschen wissen. Ja, um dir zu gefallen und um deine Gunst zu erringen werde ich mich bestreben – wenn auch nicht geduldig und sanft bis zur Teilnahmlosigkeit, so doch zu versuchen, einigermaßen Herr meines Jähzornes zu werden.« Gabriel gab diese Erklärung mit eiskalter Höflichkeit und Ruhe ab. Sylvabel du Plessis le Houx vermochte es nicht ein Wort der Entgegnung zu finden. Schweigend ritt das junge Paar nebeneinander dahin und man erreichte Fonteval, als die ersten Schatten des Abends sich herabsenkten. *   *   * Das Abendessen verlief in reizendster Weise. Die Schloßherrin vergaß (wahrscheinlich aus Unachtsamkeit), als sie sich in ihr Zimmer zurückzog, den Riegel vor die Tür zu schieben. Als dann gegen fünf Uhr morgens, als schon der bläuliche Schein der Nachtlampe in dem aufsteigenden rosigen Lichte des nahenden Morgens verblaßte, das junge Paar ganz berauscht und erschöpft von den Freuden der Liebe einander zärtliche Worte und Geständnisse zuflüsterte, blickte Sylvabel ihren Gatten in seltsam forschender Weise an und sagte dann plötzlich ganz leise: »Gabriel, ein Tag hat dir genügt, um mich zu erobern, denn nun bin ich ganz dein. Glaube indessen nicht, daß es das Opfer dieser beiden armen Tiere ist, über das ich im stillen gelächelt habe, wodurch du mich besiegt hast. Nein, es geschah vielmehr, weil ein Mann, der die Festigkeit hat, den Rat eines erprobten klarsehenden Freundes zu befolgen – ohne während eines Tages und einer solchen Nacht wie diese, sich in Gegenwart derer, die er liebt und die ihn leiden machte, auch nur einen Augenblick zu verraten, dadurch beweist, daß er selbst über diesem Rate steht, und daß er einen festen, stolzen Charakter hat, der der Liebe wert ist ... Du kannst das wohl unter den Dankesbrief schreiben, den du zweifellos deinem Onkel und Freund, Baron de Linville nach Schweden zu senden versprochen hast.« Die Liebe zum Natürlichen Der Mensch kann alles erfinden, nur nicht die Kunst glücklich zu sein. Napoleon Bonaparte   Bei einem seiner Morgenspaziergänge im Walde von Fontainebleau, die Herr C... (das aktuelle Oberhaupt des Staates), schon bei Sonnenaufgang zu machen pflegte, verirrte er sich in eine Art von Tal, das in der Richtung nach Apremont zu gelegen war. Wie immer zwar einfach, aber mit ausgesuchter Eleganz gekleidet, in rundem Hut, zugeknöpftem Rock, war sein Auftreten ein so bescheidenes, daß keiner in ihm den Präsidenten der Republik vermutet haben würde. Er machte vielmehr den Eindruck eines Touristen, der sich ganz dem Reize der Natur hingibt. Während er so in Gedanken verloren, und ohne des Weges zu achten, dahinschritt, bemerkte er plötzlich, daß er sich vor einem ziemlich geräumigen Bretterhäuschen befand, das ganz freundlich aussah und zwei Fenster mit grünen Läden hatte. Näher kommend, erkannte Herr C..., daß die einzelnen Planken dieser seltsamen Wohnung mit fortlaufenden Nummern bezeichnet waren, und daß er sich vor einer Art von Kirmesbude befand, wie fahrend? Leute sie aufzuschlagen pflegen. Über der Türe standen mit großen weißen Buchstaben die Namen: »Daphnis und Chloe« Diese Aufschrift überraschte ihn. Sie erregte seine Neugierde, und unwillkürlich lächelnd, ohne im mindesten zu beabsichtigen, die Bewohner dieser Eremitage stören zu wollen, klopfte er leise und höflich an die Türe. »Herein,« riefen gleichzeitig zwei frische jugendliche Stimmen aus dem Innern des Häuschens. Er drückte die Klinke nieder, die Türe öffnete sich, während ein heller, durch die Bäume gleitender Sonnenstrahl, ihn und das Zimmer der kleinen idyllischen Wohnung freundlich beleuchtete. Als Herr C... die Schwelle überschritten, sah er sich in Gegenwart eines jungen Mädchens und eines noch ganz jungen Mannes, mit blondem, gelockten Haar, dessen feingeschnittene Züge an eine griechische Medaille erinnerten; in dem Blick seiner hellen Augen lag ein fröhlich spottender Ausdruck, den man bei den Bewohnern der Normandie öfter findet. Das reizend naive Gesicht des jungen Mädchens zeigte ein reines Oval und war von schönen braunen Haarflechten umrahmt. Sie trugen beide Trauerkleider, die von bäuerlichem Stoffe hergestellt und von ziemlich plumper Machart nur durch die Grazie ihrer Person einigermaßen erträglich erschienen. Sie waren beide wirklich reizend, und selbst ihr ein wenig artistisches Aussehen war seltsamerweise nicht unangenehm. Der Chef des Staates, der eben eine ganze Reihe von Dienstreisen absolviert und dabei nur mit Präfekten, Unterpräfekten und Bürgermeistern verkehrt hatte, fühlte sich, ohne sich dessen bewußt zu sein, sehr angenehm davon berührt, endlich mal so ganz andre Gesichter vor sich zu sehen. Daphnis stand an einen ländlichen Tisch gelehnt, während die reizende Chloe auf einem eisernen Bettchen neuesten Systems saß, das mit einer Seegrasmatratze, groben, aber weißen Bettüchern und zwei Kopfkissen ausgestattet war. Drei geflochtene Strohstühle, einige Haushaltungsgeräte, Teller und Tassen, Imitationen nach alten Mustern aus Limoges, sowie zwei aus dem Tische stehende, blitzblanke Gedecke von Neusilber, bildeten die ganze Einrichtung dieses Nomadenheims. »Fremdling,« sagte Daphnis freundlich, »seien Sie willkommen! Sie bringen uns hellen Sonnenschein! Ich hoffe, Sie werden es nicht verschmähen, ohne Umstände das Frühstück mit uns zu teilen? Wir haben Eier, Milch, Käse, sogar Kaffee. Rasch, Chloe, setze noch ein Gedeck auf.« Die Mächtigen der Erde lieben es bekanntlich von jeher, inkognito unter einfachen Menschen zu wandeln und ergötzen sich an einfachen, unvorhergesehenen Abenteuern und Erlebnissen. Einem so freundlichen Empfange und dieser herzlichen Einladung vermochte Herr C... sich nicht zu verschließen, er konnte gar nicht anders als für dies eine Mal ausnahmsweise die Rigorosität seines Charakters zu verleugnen und ebenfalls liebenswürdig zu sein. »Wir scheint,« so dachte er, »daß der Zufall mich hier mit zwei jungen exzentrischen Menschen zusammengeführt hat, die froh sind, für eine Weile aus Paris entschlüpft zu sein, und die hier in genialer Weise ihre Ferien zu verleben gedenken. Vielleicht sind sie amüsanter wie meine gewöhnliche Umgebung. Wir wollen sehen.« »Meine jungen Freunde,« sagte er lächelnd (und mit der gütig herablassenden Miene eines Königs, der bei armen Hirten eingekehrt ist): »Ich liebe das Natürliche – und ich nehme euere Einladung an.« Man setzte sich um den Tisch, den Chloe so schnell wie möglich gedeckt hatte, und das Mahl begann sofort. »Ach, das Natürliche,« meinte Daphnis mit einem tiefen Seufzer, »es ist nur deswegen, daß wir hierher gekommen sind, wir suchen es eifrigen Herzens – aber ach! bisher stets vergebens.« Herr C... sah die jungen Leute ganz erstaunt an. »Wie meint ihr das, meine jungen Freunde? Das Natürliche umgibt euch doch. Ihr seid hier von der Natur mit ihren reinen Freuden und ihren unverfälschten Genüssen umringt. Seht doch nur diese ausgezeichnete Milch ... die frischen Butterbrote!« »Ach,« sagte Chloe, »das ist wahr, schöner Fremdling, die Milch läßt sich trinken: denn sie ist, wie ich glaube, mit ganz vortrefflichem Hammelgehirn bereitet.« »Was die Butterbrote betrifft,« murmelte Daphnis, »so wissen Sie selbst, daß man mit dieser neuen Hefe niemals sicher ist ... aber was die Butter angeht, so gebe ich zu, daß ich sie für leidlich gute Margarine halte. Wenn Sie aber Käse vorziehen sollten, so bitte ich Sie, ein Stückchen von diesem hier versuchen zu wollen, man hat mir fest versichert, daß kaum mehr wie ein Drittel Talg und Kreideteile darin enthalten sind. Es ist eine neue Erfindung.« Bei diesen Worten prüfte Herr C... seine jungen Gastfreunde aufmerksam. »Und ... ihr ... ihr heißt ... Daphnis und Chloe?« »O, das find nur unsere Beinamen,« antwortete Daphnis. »Unsere Familien, die früher recht wohlhabend waren, wohnten in Paris in den Champs-Elysees; sie hatten aber das Unglück, ihr Geld zu verlieren, und wurden dadurch gezwungen, ihre Zuflucht zur Arbeit zu nehmen. Ich hatte Jura studiert und hoffte mit der Zeit als Advokat mein Brot zu verdienen. Chloe, die auch Studentin war, und sogar schon das Doktorexamen bestanden hatte, entschloß sich, Hebamme zu werden, als uns ganz unverhofft eine kleine Erbschaft zufiel, die es uns gestattete, uns gleich zu vereinigen, ohne erst auf Kundschaft zu warten. Wir haben uns dann in diesen alten Wald zurückgezogen, um ganz nach unserem Geschmacke zu leben, das heißt, eine einfache, natürliche Lebensweise zu führen, wie der griechische Schriftsteller Longus sie so schön schildert ... Wir finden aber doch, daß das heutzutage sehr schwer ist ... Was, Sie essen schon nicht mehr, lieber Fremdling? Wollen Sie vielleicht zwei Spiegeleier haben? Die sind grade in dieser Zeit sehr beliebt, Sie wissen doch, daß von Amerika aus alle Tage mehr als drei Millionen künstlicher Eier importiert werden? Sie werden in schwefelsaures Wasser getaucht, wodurch die Schale entsteht. Sie sind im Augenblick fertig. Nachher wollen wir Kaffee trinken. Er ist ausgezeichnet ... Er besteht hauptsächlich aus verfälschter Zichorie erster Qualität, wie solche in Paris nach einer offiziellen Schätzung alle Tage für achtzehn Millionen Franken verkauft wird. Weisen Sie ihn nicht zurück. Wir geben ihn gern und ohne Umstände.« Herr C..., dessen Neugierde erregt war, versuchte in geschickter Weise der Unterhaltung eine andere Wendung zu geben, um dadurch, ohne unhöflich zu erscheinen, das Anerbieten seiner Gastfreunde unberücksichtigt zu lassen. »Eine kleine Erbschaft, sagen Sie?« frug er mit dem Ausdruck herzlichster Teilnahme, »wirklich, ich sehe, daß Sie Trauerkleider tragen, meine lieben Kinder.« »Ja, wir tragen sie in Erinnerung an unsern guten Onkel Polemon,« seufzte Chloe, ein trockenes Tränchen abwischend. »Polemon,« sagte Herr C..., in seinem Gedächtnis suchend, »der Name ist mir doch bekannt? ach ja, hieß nicht zur Zeit der Legenden der tapfere Rotweintrinker, der es mit Silen hätte aufnehmen können, so?« »Derselbe,« seufzte Daphnis, »er war wirklich ein würdiger Apostel des Bacchus. Er liebte ungefälschten, natürlichen Wein, und da hat er sich ein Fäßchen des berühmten ›Weins der Weinbergsbesitzer‹ kommen lassen und Sie wissen?« »Ja, schöner Fremdling,« fuhr Chloe mit ihrer musikalisch und etwas dozierend klingenden Stimme fort, »ein Fäßchen von dieser verpantschten, verfälschten Mischung, die so reichlich mit Arsenik durchtränkt ist, daß bereits vier- oder fünfhundert Leute daran zugrunde gegangen sind ... Es ist dieser großartige Wein, den unsre Arbeiter und kleinen Leute in Frankreich trinken, während sie dabei frohen Herzens das berühmte Liedchen singen: »In Frankreich nur, in England nicht. Gibt's solchen Labetrank! Und dafür sag dem Himmel ich Aufrichtig Lob und Dank.« »So geschah es,« nahm Daphnis die Rede wieder auf, »daß an demselben Abend, wo er seinen Wein auf Flaschen gezogen und ihm sehr reichlich zugesprochen hatte, der Allerhöchste unsern Onkel Polemon zu sich rief. Der unglückliche Greis hat vorher noch sehr gelitten, da er das Opfer qualvoller Koliken geworden ist... Er hat uns dann etwas Geld hinterlassen.« »Aber, Verzeihung, Sie rauchen vielleicht, lieber Fremdling? Wollen Sie eine dieser Zigarren versuchen? Sie sind wirklich nicht schlecht und sehen besonders sehr gut aus. Das Deckblatt besteht aus einem Papierstreifen, der in ein Absud von Nikotin getaucht wurde, das man aus den Stummeln bester Havannazigarren bereitet hat... Sie wissen doch, daß in Frankreich jeden Monat zwei bis drei Millionen solcher Zigarren verkauft werden? Diese hier sind prima Qualität.« Herr C..., der aus diesen letzten Worten einen leichten Spott über die Fortschritte unserer Industrie heraus zu hören glaubte, hielt es an der Zeit, allmählich zu seiner offiziellen Miene zurückzugreifen. »Danke«, sagte er. »Aber – wenngleich es nicht geleugnet werden kann, daß sich unsre moderne Industrie mit der Fälschung vieler Produkte beschäftigt, so gibt es, wenn man sich danach umsieht, doch eine Menge von Dingen, die man ganz unverfälscht genießen kann. Ganz abgesehen davon, was machen junge Leute in eurem Alter sich aus den Tafelfreuden? Besonders hier in dieser herrlichen Natur, umgeben von diesen schönen, mehr als hundertjährigen Bäumen! Der köstliche Duft des Waldes – –« »Was meinen Sie, lieber Fremdling,« antwortete Daphnis, große Augen machend. »Was, wissen Sie das wirklich nicht? Aber diese köstlichen Eichen, diese hohen Lärchenbäume, deren Schatten der Liebe von Königen Zuflucht geboten, haben in einer gewissen strengen Frostnacht des letzten Winters fünf oder sechs Grad Kälte mehr bekommen, wie ihre Wurzeln ertragen konnten. (Die Untersuchungen der Forstinspektoren haben dies zur Genüge erwiesen.) Sie sind daher in Wirklichkeit tot! Sehen Sie nur, sie tragen bereits den offiziellen Kerbschnitt, der sie dazu bestimmt, im nächsten Jahre abgehauen zu werden. Sie werden in den Kaminen der Minister ihr Ende finden. Sie haben sich zum letzten Male mit Laub bedeckt: sie sind dem Tode verfallen. Jedem Kenner genügt es, nur einen Blick auf ihre Rinde zu werfen, um zu erkennen, daß der Saft nicht mehr in die Äste steigt ... So daß, während wir uns scheinbar unter Waldesschatten befinden, wir in Wirklichkeit von vegetabilischen Gespenstern, Baumphantomen umgeben sind ... Die alten Bäume sterben ab ... Sie müssen den jungen Platz machen.« Herrn C...s Stirn verdüsterte sich; durch die hohen Äste der Bäume draußen rieselte ein kalter, kleiner Regenschauer herab. »Wirklich,« murmelte er, »ich glaube mich daran zu erinnern. Aber übertreiben wir nichts und prüfen wir nicht allzu genau, wenn wir richtig unterscheiden wollen. Euch bleibt diese üppig wuchernde, sommerliche Natur ...« »Was?« rief Daphnis, »was, lieber Fremdling, finden Sie einen Sommer natürlich, in dem es so kühl ist, daß meine arme Chloe und ich unsere Nachmittage damit verbringen, vor Kälte zu zittern?« »Es ist wahr, daß wir heuer keinen allzu warmen Sommer haben«, meinte Herr C... »Nun denn, so hebt euere Blicke himmelwärts, euch bleibt der weite, unberührte Himmel.« »Ein unberührter, reiner Himmel, in dem den ganzen Tag über Schwärme von Luftballons voll aufgeklärter Herren kreuzen? nein, ein solcher Himmel ist nicht mehr natürlich, lieber Fremdling.« »Aber – des Nachts, beim Schein des Mondes und der Sterne, beim Gesang der Nachtigall könnt ihr vergessen ...« »Aber,« murmelte Daphnis, »nachts durchschneiden unzählige, vom Schießplatze ausgehende elektrische Strahlen die Luft und beeinträchtigen sowohl den Glanz der Sterne als auch den schönen, über dem Walde ruhenden Mondschein. Die Nacht ... ist nicht mehr natürlich.« »Was die Nachtigallen betrifft,« seufzte Chloe, »so hat das fortwährende Pfeifen und der Lärm der Züge von Melun sie verscheucht, hier gibt es keine Nachtigallen mehr, lieber Fremdling.« »O,« rief Herr C... »Seid ihr nicht allzu empfindlich? Wenn ihr das Natürliche so über alles liebt, warum habt ihr euch dann nicht am Ufer des Meeres niedergelassen? Das Geräusch der am Strande zerschellenden Wogen ... die Sturmtage ...« »Das Meer, lieber Fremdling,« sagte Daphnis, »meinen Sie wirklich, wir wüßten es nicht, daß ein unterseeisches Kabel hindurchgelegt ist. Wie Sie wissen, genügt es, ein paar Tonnen Öl hineinzuschütten, um den höchsten Wellengang in beinahe meilenweitem Umkreis zu beruhigen. Was die Blitze seiner Stürme betrifft, so können uns diese nicht mehr imponieren, seit ich weiß, daß man sie in einer Flasche aus einem Papierdrachen herabsenden kann. Nein, sehen Sie, das Meer erscheint uns heutzutage durchaus nicht mehr ... so natürlich.« »Auf jeden Fall,« sagte Herr C..., »bleiben uns die Berge, in denen der Sammlung bedürftige Seelen einen stillen friedlichen Aufenthalt ...« »Die Berge?« antwortete Daphnis. »Welche Berge meinen Sie? Die Alpen zum Beispiel? Den Mont Cenis? Mit seiner Eisenbahn, die wie eine Ratte daran herauf- und herunterläuft und alles mit Lärm und häßlichem Rauch erfüllt, und die hübschesten, früher mit üppigem Grün bedeckten Plateaus verödet. Expreßzüge und Zahnradbahnen, die unausgesetzt die höchsten Berge unsicher machen, rauben ihnen jede Poesie ... Nein, nein, diese Berge sind wirklich nicht mehr ... natürlich.« Einen Augenblick schwiegen alle. Dann ergriff Herr C..., der neugierig war, wie weit die Paradoxen dieser beiden schwärmerischen Verehrer der Natur gehen würden, wieder das Wort: »Dann sagen Sie mir doch, junger Mann, was Sie zu tun beabsichtigen?« »Aber ... natürlich, wir werden darauf verzichten,« rief Daphnis, »wir werden der allgemeinen Bewegung folgen, leben wie die andern. Werden zum Beispiel uns ganz der Politik widmen, das bringt viel ein.« Bei diesen Worten vermochte Herr C... kaum das Lachen zu unterdrücken, er sah sich die beiden jungen Leutchen an. »Ach, wirklich,« sagte er. »Und dürfte ich vielleicht ohne unbescheiden zu sein, mir die Frage erlauben, welcher politischen Partei Sie sich anschließen würden, Herr Daphnis?« »O,« antwortete Chloe statt seiner ruhig und immer in ihrer sanft dozierenden Art sprechend. »Da Daphnis in sich selbst die Partei der ländlichen Unzufriedenen repräsentiert, habe ich ihm geraten, sich auf gut Glück in dem Wahlkreis dieses Landes als Kandidat zu melden, der geistig am beschränktesten ist. Was gehört denn heute dazu, um die Majorität der Wähler für sich zu gewinnen und das Mandat eines Abgeordneten zu erringen? Vor allen Dingen darf man kein gutes Buch geschrieben haben oder vorhaben, eines zu schreiben; dann darf man kein Talent haben, gleichviel zu welcher Kunst; man muß sich den Anschein zu geben wissen, als verachte man überhaupt alle Schöpfungen der Intelligenz, darf nur in protegierendem Tone mit zerstreutem, gleichgültigen Lächeln von solchen Dingen reden; man muß es verstehen, selbst nach jeder Richtung hin den Eindruck einer gesunden Mittelmäßigkeit zu machen; man muß wohlgemut mit den dreihundert Kollegen täglich die Zeit totzuschlagen wissen, sei es, indem man auf Kommando seine Stimme abgibt, sei es, daß einer den andern davon überzeugt, daß man im Grunde eine Gesellschaft von traurigen Schwätzern ist, die mit sehr wenigen Ausnahmen ebenso parteiisch wie bestechlich sind; – abends kaut man dann an seinem Zahnstocher herum, läßt das Auge gleichgültig über die Menge gleiten und murmelt: Bah! Das wird sich alles machen lassen! Alles wird gemacht. Habe ich nicht recht und sind das nicht Eigenschaften, die die Wähler unbedingt von ihrem Abgeordneten erwarten? Ist man aber erst gewählt, dann bekommt man neuntausend Franken Gehalt, ohne all das, was drum und dran hängt, denn die Regierung zahlt nicht nur mit schönen Worten. Man hat Gelegenheit, seiner lieben kleinen Chloe die Erlaubnis zu verschaffen, ein oder zwei Tabakläden zu eröffnen ... Ich finde, daß all das gar nicht so übel ist, außerdem ist es ein leichter Beruf ... Warum solltest du es nicht versuchen, Daphnis?« »Nun,« meinte Daphnis, »ich sage auch nicht nein. Es gehört zu einer solchen Sache natürlich viel Reklame und andre nicht grade angenehme Schritte, aber wenn es sein müßte, ließe sich der Widerwillen vor solchen Dingen schon überwinden. Wenn es sich übrigens darum handelt, sich zu einer politischen Meinung zu bekennen, lieber Fremdling, so ist die eine so gut wie die andre – werfen wir alle in Ihren runden Hut und ziehen Sie auf das Geratewohl eine für mich heraus ... Sie haben gewiß eine glückliche Hand, ich fühle das, ich wette darauf, daß Sie die beste für mich ziehen würden, diejenige, die, wie man so sagt, der Schlüssel des Spieles ist. »Außerdem bin ich der Ansicht, daß, wenn mir später eine andere besser gefallen sollte, oder mir vorteilhafter erscheinen sollte, so würde ich mir bei dem geringen Werte, den politische Meinungen haben, gar nichts daraus machen, sie zu wechseln. In unserm Jahrhundert sind Überzeugungen – nicht mehr natürlich.« Als aufgeklärter und leutseliger Mann ließ Herr C... sich herab, über diese Paradoxen zu lächeln, da er sie mit dem jugendlichen Alter dieser beiden Originale entschuldigte. »Wirklich Herr Daphnis,« sagte er lächelnd, »Sie könnten die Partei des loyalen Zynismus vertreten und unter solchem Titel viele Stimmen für sich gewinnen. »Außerdem«, nahm Chloe das Wort, »las ich in dem Zeitungsblatt, in dem heute morgen unser Käse verpackt gewesen ist, daß man in mehreren Wahlkreisen nach einer passenden Persönlichkeit sucht, um das Gleichgewicht gegen den Einfluß eines gewissen Generals herzustellen, für den ein großer Teil des Publikums ja allerdings übertrieben eingenommen ist, der ein Deputierter nach der Mode ist und dessen Politik ...« »Ein General sagst du, Chloe? ...« unterbrach sie Daphnis erstaunt, »ein General ... der in Politik macht ... und der Deputierter ist ... Das ist doch gewiß kein natürlicher General.« »Nein,« sagte Herr C..., diesmal in viel ernsterem Tone, »aber kommen wir zum Schlusse, meine jungen Freunde. Eure jugendliche Freimütigkeit ist allerdings etwas bizarr, aber sie ist liebenswürdig, und sie hat mein Herz gewonnen. Ich will mich euch daher zu erkennen geben. Ich bin das aktuelle Oberhaupt des französischen Staates, dessen, vielleicht ein wenig zu spöttische Bürger ihr seid. Also, Herr Daphnis, ich nehme Notiz von Ihrer zukünftigen Kandidatur ...« Seinen Rock ein wenig öffnend, ließ Herr C... das zwischen der Weste und dem tadellos weißen steifen Hemde befindliche Stück roten Moirébandes sehen, das auf seinen Porträts so gut aussieht und keinen Zweifel an der hohen Stellung seines Trägers zuläßt – dies Stück Band ersetzt die Krone. »Was? Der König!« riefen gleichzeitig Daphnis und Chloe erstaunt aufspringend und sich dann verneigend. »Aber, ihr lieben jungen Leute,« sagte jetzt ziemlich kühl Herr C..., »wir haben in Frankreich keinen König mehr, indessen ich habe die Macht eines Königs ... obgleich –« »Ich verstehe,« murmelte Daphnis teilnahmsvoll, »Sie sind ... kein ... natürlicher König.« »Ich habe aber wenigstens die Ehre, Präsident einer Republik zu sein,« antwortete trocken Herr C..., sich erhebend. Daphnis hustete bei diesen Worten leicht, wagte jedoch keinen Widerspruch, da ihm plötzlich einfiel, daß er ja noch nicht Deputierter sei. »Als solcher,« fuhr Herr C... fort, »verleihe ich euch als Dank für eure liebenswürdige Gastfreundschaft ausnahmsweise die Erlaubnis, euch während des Jahres 1888 in diesem an einem der Hauptwälder Frankreichs gelegenen Tale ganz ungestört aufzuhalten, und daß auch während der Truppenübung niemand das Recht haben soll, euch zu stören. »Vielleicht finde ich zu einer andern Zeit Gelegenheit, euch nützlich sein zu können, ihr lieben, jungen Menschen, die ihr euch zu den legendären veralteten Ansichten einer Zeit bekennt, die der Fortschritt unserer Tage ungültig gemacht hat.« »Gesegnet sei der Tag,« begann Daphnis – Mit der Miene des Königs, der die Hirten grüßt, zog Her C... sich zurück, und schritt unter den großen, dem Untergang geweihten Bäumen hin, dem alten Palast zu, während das seltsame junge Paar ziemlich verwirrt über das Abenteuer zurückblieb. Herr C... begab sich in seine Königliche Wohnung, in der er, wie ich glaube, die Gemächer des heiligen Louis bewohnte. Es sind dies, beiläufig gesagt, die unwohnlichsten Räume des alten Gebäudes, das kaum darauf Anspruch erheben kann, mehr zu sein als ein Jagdschlößchen oder eine pittoreske Villa. Als das aktuelle Oberhaupt des Staates sich im Oratorium des Siegers von Al-Mansourah, von Taillebourg und von Saintes eine wirklich unverfälschte echte Havannazigarre ansteckte, konnte er nicht umhin, sich selbst zu gestehen, daß die Liebe zu den natürlichen Dingen nur noch ein kaum zu verwirklichender Traum sei, – und daß, wenn Daphnis und Chloe heute, wie in den Zeiten der Vergangenheit eine wirklich natürliche ländliche Lebensweise führen wollten, sich nur von unverfälschter Milch und Brot, von reiner Butter, wirklichem Käse, nicht verpantschtem Wein nähren, in wahren Wäldern unter einem wahren Himmel leben wollten, sie zuerst über eine Rente von wenigstens 25 000 Franken hätten verfügen müssen, da es eine der ersten Wohltaten ist, die wir der Wissenschaft verdanken, daß die einfachen, unverfälschten Lebensmittel heute vollständig außerhalb des Bereiches der Armen sind. Erlesene Liebe Evariste Rousseau-Latouche, Abgeordneter eines der aufgeklärtesten Departements, hatte seinen Sitz im linken Zentrum des Parlaments. In seiner äußeren Erscheinung war er einer von den Herren, die immer so aussehen, als ob sie »der Onkel« wären. Er war ungefähr 45 Jahre alt, und obwohl er etwas weichlich aussah, war er doch recht widerstandsfähig. Das Alter machte sich zwar schon etwas geltend, die Backen sahen ziemlich aufgedunsen aus; aber er war ein Freund von Schönheitsmitteln und milderte durch deren regelmäßige Anwendung die Kupferröte seines Gesichtes. Er hatte eine große, scharf gezeichnete Nase, die Augen waren grau; die volle, sehr rote Unterlippe stand etwas vor, die feine Oberlippe bildete die letzte Linie des Vierecks, mit dem man sein Kinn umschreiben konnte. Seine Hautfarbe war sehr frisch, was sie allerdings wohl teilweise der sorgsamen Pflege und den kosmetischen Mitteln verdankte, die jetzt in Gebrauch sind. Er war so recht der Typus eines tüchtigen Mannes unserer Zeit, der keinen Aberglauben kennt, einen hellen, offenen Kopf hat, sich nicht durch große Worte betören läßt und in allem, was Industrie und Politik betrifft, wirklich sachverständig und gut bewandert ist. Im Jahre 1876 hatte er Fräulein Friederike d'Allepraine geheiratet. Sie war damals eine Waise von siebzehn Jahren, und die Dame, unter deren Obhut und Vormundschaft sie lebte, hatte ihm ihre Hand gern bewilligt, weil das vornehme und ernste Aussehen, das angenehme, sichere Auftreten des allgemein geachteten Mannes ihr Vertrauen erweckt hatte. Außerdem paßten die gegenseitigen Verhältnisse sehr gut. Rousseau-Latouche hatte sich sein Vermögen durch ein großes Leinwandgeschäft erworben. Er hatte sein Geld wirklich durch ehrliche Arbeit verdient, natürlich auch durch vernünftige Bewertung aller ihm günstigen Umstände, die ja nur untüchtige Leute unberücksichtigt lassen. Er galt allgemein für einen höchst achtenswerten Mann. Was seine Moral betrifft, so bekannte er sich zu den landläufigen Anschauungen der modernen Welt. Seine Grundsätze ließen sich ungefähr folgendermaßen zusammenstellen: 1. Im Punkte der Religion hielt er dafür, daß jeder andere Kultus durchaus so berechtigt sei wie das Christentum, da jede Religion ja ihre glühenden Fanatiker und Märtyrer gehabt hat. Er sah die herrschende Religion wie eine Modesache an, die vorübergeht und die wie ein Nebel durch die aufgehende Sonne der Wissenschaft erhellt wird. 2. Sein politisches Glaubensbekenntnis ging dahin, daß die Zeit des Königtums vorüber sei, nicht nur für Frankreich, sondern auch überall anderswo, und daß man ganz von selbst dazu kommen werde, es überall abzuschaffen. 3. Was angewandte Moral betrifft, so meinte er, es sei stets das gescheiteste, die gesunden Regeln der Ehrbarkeit zu befolgen (soweit dies möglich sei!), ja kein öffentliches Ärgernis zu geben und nicht dem Fortschritt entgegenzustreben. 4. Im geselligen Leben hielt er dafür, daß es das beste sei, das Gerede gewisser altmodischer Leute, die nicht mit der Zeit fortgeschritten sind, lächelnd und kaltblütig über sich ergehen zu lassen, da die letzten von ihnen ja schließlich ebenso von der Bildfläche verschwinden würden, wie die letzten Rothäute in Amerika. Kurz, Rousseau-Latouche war wirklich ein Mann, der sehr viele Sympathien besaß, wie sie heutzutage fast alle die haben, die eine offene (wenn auch leere!) Hand und dazu Selbstbeherrschung genug besitzen, um im rechten Augenblick im Brustton der Überzeugung mit dem Worte »Brüderlichkeit« um sich zu werfen, d. h. mit dem Worte, das heute am populärsten und einträglichsten ist. Madame Rousseau-Latouche, geborene Friederike d'Allepraine war körperlich und geistig sehr verschieden von ihrem Manne. Sie war das, was man »eine schöne Seele« nennt. Ein Wesen vom Jenseits, das an einen irdischen Körper gefesselt schien. Sie war eine ernst und vornehm aussehende Schönheit, von jenem seltenen Glanze, der der Zeit zu trotzen scheint. Sie hatte etwas Imponierendes, und der Zauber, der von ihr ausging, war bedrückend und demütigend. Der keusche kalte Blick ihrer klaren blauen Augen, die durchsichtige Blässe ihres edlen Antlitzes, sowie die Grazie ihres freundlichen, herablassenden Wesens gefielen allen. Obwohl sie fast dreißig Jahre alt war, vermochte sie noch ernste Liebe und tiefe Leidenschaften einzuflößen. Alle, die sie kannten, selbst die, die nur ganz oberflächlich mit ihr verkehrten, hatten das Gefühl, als ob sie hoch über allen gewöhnlichen Menschen stände. Wenn sie sich auch überaus einfach und bescheiden gab, so huldigte doch jeder willig diesem seltenen Ausnahmewesen, das in einer Umgebung lebte, in die es so wenig zu passen schien. Sie eignete sich durchaus nicht für das gesellige Leben; obwohl sie augenscheinlich den besten Willen hatte, ihren Platz auszufüllen, schien es doch immer, als ob sie sich fremd darin fühle. Die Damen erklärten achselzuckend: »Sie ist uns zu sehr überlegen!« und gingen dann mit einem halben Lächeln zu einem andern Gesprächsstoff über. Sie hatte einen unverständlichen und ganz außergewöhnlichen Geschmack. Sie liebte die Musik, in der sie ausgebildet war und wirklich ganz Außergewöhnliches leistete; aber nur die ernstesten klassischen Meisterwerke geistlichen Inhalts fanden Gnade vor ihren Augen, und es fiel ihr nicht ein, den Wünschen und Bitten anderer je das kleinste Zugeständnis zu machen. Ebenso las sie nur Bücher geistigen Inhaltes und reinsten Stiles. Sie war keine Weltdame, und obwohl ihre Stellung sie dazu berechtigte und ihr sogar gewisse Repräsentationspflichten auferlegte, so erschien sie doch nur dann bei offiziellen Festen, wenn sie es ihres Mannes wegen durchaus nicht vermeiden konnte. Sie sprach wenig, liebte die Einsamkeit und hielt sich am liebsten in ihrem Zimmer auf, wo sie die Zeit damit verbrachte, in ihrer einfachen strenggläubigen Weise zu beten. Da sie selbst keine Kinder hatte, war es ihr eine liebe Pflicht, armen Leuten Geld und nützliche Dinge (das letztere lieber wie das erstere) zu bringen, und um sich dieses Vergnügen oft zu verschaffen, gab sie für sich selbst so wenig wie nur möglich aus. Denn obwohl Evariste durchaus nicht geizig war, duldete er doch keinerlei übertriebene Ausgaben und wußte seine Börse stets zur rechten Zeit zu verschließen. Da Herr Rousseau-Latouche ein aufgeklärter Mann, ein Eklektiker war, der sich an kein bestimmtes System band, ließ er vollständig den Standpunkt gelten, den seine liebe Friederike einnahm. Er erklärte denselben für echt weiblich; im Grunde aber paßte er ihm recht gut. Und zwar aus verschiedenen Gründen. Einmal war das ja ein Zeichen vornehmer Abstammung, deren kleine Atavismen man verzeihen konnte, um so mehr, da sie ja einer Frau etwas Pikantes verleihen. Denn, wenn er selbst auch über solche Kinkerlitzchen lachte, so wußte er doch recht gut, daß sie in gewissen Kreisen, die immerhin einigen Einfluß hatten, noch galten; es war daher recht gut, daß er dort eine fromme Frau vorweisen konnte. Endlich gab dieser ernste Sinn, bis ein festeres Band gefunden, eine gewisse Garantie für das eheliche Glück, besonders bei einem Staats- und Geschäftsmanns, wie er einer war, dessen Tage so ausgefüllt waren und dem wirklich nur wenig Zeit für seine Frau und den häuslichen Herd übrigblieb. Die religiöse Schwärmerei Friederikens erschien ihm wie ein natürlicher Schutz gegen die Versuchungen des modernen Lebens, denen eine schöne, junge Frau ausgesetzt ist, namentlich wenn sie viel auf sich selbst angewiesen ist. Die unantastbare Frömmigkeit seiner lieben Frau erhöhte also nur die Achtung und Liebe, die er für sie empfand. Evariste war ja selbst, besonders im Prinzip, sehr tugendhaft. Aber selbstredend, das Leben, was man so Leben nennt, kannte er sehr genau und hatte kaum je eine Gelegenheit versäumt, es zu genießen. Man muß nicht pedantisch sein! Das macht ja auch weiter gar nichts aus, wir leben doch in einem aufgeklärten Zeitalter! – Warum aber sollte dieser junge Ehemann seine Gemütlichkeit preisgeben, um seine Frau von einem frommen Wahne zu heilen, der ihm nie hinderlich, ja manchmal recht nützlich war? Fast das ganze Jahr über lebten die Rousseau-Latouches in ihrem hübschen Stadthause an der Avenue des Ternes. Nur im Sommer, während der Parlamentsferien, pflegte Evariste mit seiner jungen Frau sein reizendes Landhaus zu beziehen, das in der Gegend von Sceaux lag. Da man dort zurückgezogen lebte und keine Gäste empfing, waren die Abende manchmal ein bißchen langweilig. Aber man stand sehr früh auf, um den herrlichen Sommermorgen zu genießen und konnte also auch gut früher zu Bett gehen. Große Gärtchen und ein nettes Wäldchen umgaben das hübsche Landhaus. Da Herr Rousseau-Latouche sehr empfänglich für den Reiz der Natur war, pflegte er schon vor sieben Uhr im bequemen Hausrock mit einem Panamahute und mit einer großen Gartenschere bewaffnet durch die Alleen und Gänge seines Gartens zu wandern, um die Rosen und Zwergobstbäume zu beschneiden, um seine Melonen und Blumen zu begießen und aufzubinden. Erst gegen zwölf Uhr kehrte er heim, um zu frühstücken, dann zog er sich in sein Arbeitszimmer zurück, nahm die Post in Empfang, korrespondierte und las Zeitungen. Die junge Frau beschäftigte sich indessen mit den Armen, die der Pfarrer des Ortes ihr empfohlen hatte, dazu kam die Führung des Haushaltes, vielleicht noch ein wenig Musik und Lektüre. Das war völlig genug, um die sechs Wochen, die man in dieser schönen Abgeschiedenheit verbrachte, angenehm auszufüllen. Ende Juni letzten Jahres nun bekamen die Rousseau-Latouches ganz unerwartet den Besuch eines jungen Verwandten, der aus dem alten Städtchen Zumièges kam und nach Paris wollte, um sich alles anzusehen, und um sich vielleicht, wenn es ihm gefiel, dauernd dort niederzulassen. Herr Benedikt d'Allepraine war weitläufig mit Friederike verwandt. Er war ungefähr sechs Jahre jünger als sie. Sie hatten früher, als ihre Eltern noch lebten, viel miteinander gespielt, hatten sich aber seitdem niemals wieder gesehen, nur gelegentlich durch andere Verwandte voneinander gehört und sich freundliche Grüße geschickt, wodurch sie immerhin in einer gewissen Verbindung miteinander geblieben waren. Er war ein ziemlich schweigsamer, aber sehr hübscher junger Mann, der einen sanften, liebenswürdigen Eindruck machte, entschieden etwas Vornehmes in seinem Wesen und vollendet gute Manieren hatte. Herr Rousseau-Latouche, der ihn übrigens sehr gern hatte, meinte freilich, er schmecke ein wenig nach der Provinz. Wenn man bedenkt, wie selten ein vollständiges Übereinstimmen der Charaktere und der Neigungen ist, muß man sich wirklich darüber wundern, wie außerordentlich Benedikt d'Allepraine und Friederiks zueinander paßten. Er beschäftigte sich fast ausschließlich mit geistigen Dingen, und seine ernste Richtung ließ ihn alle irdischen Angelegenheiten mit einer gewissen Verachtung betrachten. Sein Vermögen genügte ihm vollständig; obwohl er sehr bescheiden war, bemühte er sich nicht, es zu vermehren, er lebte sorglos dahin. Er war kein »geborener Dichter«. Aber er war ein Dichter geworden, indem er sich in die Traumwelt zurückzog, in der er sich glücklich fühlte. Er wollte nichts von dem Kampfe um den Besitz wissen, der das Leben der meisten Menschen ausfüllt und ihnen bis zum Lebensende täglich neue Aufregungen und Enttäuschungen bringt. Mit den Anforderungen des täglichen Lebens fand er sich leidlich ab, jedoch mit einer gewissen kühlen Überlegenheit, die sehr wohl erraten ließ, wie wenig Wert er auf alle äußern Dinge legte. Kurz, er hatte, dank seiner eigentümlichen Geistesrichtung, schon früh allem weltlichen Ehrgeize entsagt und nahm nur das ernst, was das Gottähnliche in seiner Seele nähren und zu weiterer Entwicklung bringen konnte. Fügen wir noch hinzu, daß er einen vornehmen und durchaus rechtschaffenen Charakter hatte, daß er eines Ehebruches, einer Gemeinheit, überhaupt der kleinsten Unzartheit vollkommen unfähig war. Der Stempel innerer Reinheit war seinem ganzen Wesen aufgedrückt. Obgleich jede gewalttätige Handlung eigentlich seiner feinen Natur widerstrebte, würde er doch eine gerechte Sache auch energisch verfochten haben und immer bereit gewesen sein, als ganzer Mann dafür einzuspringen. Nur die Angelegenheiten des Tages, die Streitigkeiten der Parteien, hatten kein Interesse für ihn; er hielt es unter seiner Würde, sich dareinzumischen. Er zog sich immer mehr in sich selbst zurück und schien wie in einer andern Welt zu leben. Benedikt wurde freundlich bei Rousseau-Latouches aufgenommen. Es fing wirklich manchmal an, dort ein bißchen langweilig zu werden. Dieser junge Mann verschaffte Evariste doch wenigstens ab und zu für einige Stunden eine angenehme Abwechslung, ein bißchen Unterhaltung. Man war ja schließlich miteinander verwandt; Benedikt mußte unbedingt die Einladung, seine Ferien auf dem Landhause zu verbringen, annehmen. Nach wenigen Tagen schon erkannten Benedikt und Friederike, daß sie Gesinnungsgenossen waren, und es ergab sich ganz von selbst, daß sie einander mit einer idealen, aber tiefen und innigen Zuneigung zugetan waren, die ihnen durchaus berechtigt erschienen und die sie ganz offen zeigten. Diese ideale Freundschaft hatte etwas Trauriges und Rührendes, sie strebten nicht danach, einander anzugehören; nur – – – Warum hatte man sich nicht früher finden und vereinen können?! Wie niederdrückend war dieser Gedanke! Es war eine harte Prüfung! Ohne Zweifel büßten sie für irgendein von ihren Vorvätern begangenes Verbrechen. Man mußte sich ohne Murren dem Willen Gottes unterwerfen und das Leid auf sich nehmen, ein Leid, das so schwer war, daß sie sich für Lieblinge Gottes halten durften, denn: »Wen Gott lieb hat, den züchtigt er.« Als einsichtiger und taktvoller Mann bemerkte Rousseau-Latouche sehr bald das schwärmerische Gefühl, dem sie zum Opfer fielen. Wie hätten sie es ihm auch verbergen können oder wollen? Man las es in ihrem ganzen Wesen, in der Zurückhaltung, mit der sie einander begegneten! Evariste war, wie wir bereits sagten, eine kühle Natur, die sich alles hübsch klar macht und zurechtlegt, ohne sich darüber aufzuregen und zu ärgern. Seine überlegene Ruhe verlieh ihm die Gabe, alles, was geschah, genau zu beobachten und soweit dies anging, Nutzen daraus zu ziehen. Wenn es auch vielleicht sein erster unwillkürlicher Gedanke war, Benedikt unter irgendeinem höflichen Vorwande zu verabschieden, so kam er doch nach reiflichem Nachdenken zu einem ganz andern Entschluß. Seine Frau und der junge Mann waren Ausnahmewesen, und man mußte sich in acht nehmen, ihnen entgegenzuwirken oder sie nur merken zu lassen, daß man ihre gegenseitige Neigung bemerke. Eine Neigung, die etwas so Zartes und Schwärmerisches hatte, daß es ganz unter seiner Würde war, eifersüchtig darauf zu sein. Außerdem meinte er, als Fünfundvierzigjähriger stolz darauf sein zu können, eine so hübsche Frau zu besitzen, in die ein viel jüngerer Mann sich hoffnungslos verliebte. Er war eine traurige Neigung, die von allerlei mystischen und zärtlichen Gefühlen durchsetzt war, und die sich höchstens ab und zu dadurch kundgab, daß die beiden ein ernstes deutsches Duett mit schwärmerischer Hingebung sangen. Mit ein wenig Umsicht mußte es Rousseau-Latouche gelingen, diese angebliche Liebe, die so wenig irdischer Natur war, in sich verlöschen zu lassen. Man mußte eben Geduld haben, Zeit gewinnen. Es war nichts Aufregendes in dem Rausche dieser jungen Seelen, die Enttäuschungen des Alltagslebens würden die überhitzten Gehirne bald genug abkühlen. Außerdem waren beide von einer Aufrichtigkeit und einer Gewissenhaftigkeit, die so klar und durchsichtig wie Kristall war und keinen Zweifel zuließ. Sie waren eines Vertrauensbruches unfähig, es war fast undenkbar, daß sie einen Ehebruch begehen sollten, – vorausgesetzt, – wohlverstanden, daß sie nicht durch den Zufall in allzu große Versuchung geführt wurden! Das Glück seiner Ehe war ihnen heilig, denn es lag in ihrer Natur, alle Dinge ernst zu nehmen; sie würden es für schmachvoll gehalten haben, einander heimlich zu umarmen. Folglich verdienten beide wirklich seine volle Achtung und ein vielleicht etwas mitleidvolles Lächeln. Er war ein überlegener Mann, sie waren Kinder, die reinen Bébés und Kräutchen Rühr-mich-nicht-an! – Also; die Verhaltungsregel, die ihm seine Klugheit und Überlegenheit vorschrieb, war: die Augen zu schließen, nicht rauh dazwischen zu fahren, sondern diese platonische Liebe zu dulden, die, wie er annahm, nichts Ernstes und Beunruhigendes hatte, und rasch genug, wenn ihr weiter keine Nahrung geboten würde, in sich verlöschen würde. Sollte wirklich bis dahin nicht alles längst vorüber sein, so würde doch mit den ersten Anzeichen des Winters, sobald man nach Paris zurückgekehrt sein würde, diese Torheit abgetan sein. Ihnen allen würde dann nur eine angenehme und harmlose Erinnerung an den Sommeraufenthalt zurückbleiben. Indessen sprachen Benedikt und Friederike auf den Spaziergängen im Garten, beim Frühstück und Mittagessen, besonders aber abends bei einem Plauderstündchen im Salon, trotz der kühlen Zurückhaltung, die sie zur Schau trugen, immer nur von ihren Idealen, von dem Leben nach dem Tode, dem Wiedersehen im Jenseits, von geistigen Ehen und anderen Dingen, die Herrn Rousseau-Latouche zu hoch waren oder vielmehr ihm wie Träumereien und Spielereien vorkamen. Vergebens suchte er die Unterhaltung auf andere Gebiete zu leiten, z.B. auf Politik. Man hörte ihn an, gewiß, und zwar mit der Achtung, die ihm zukam; aber wenn er dann auf Antworten drang, so hörte er, daß man nur wenig Interesse für solche Dinge habe und so schlecht unterrichtet sei, daß man es sich kaum erlauben könne, ein Urteil abzugeben! Ehe er sich's versah, war der Faden der Unterhaltung ihm schon wieder entschlüpft, und die beiden verloren sich in mystischen Träumen. Kurz, sie waren beinahe wie zwei Verlobte, die ein eigensinniger Vormund trennt, und die wohl einsehen, daß sie einander auf dieser Welt nie angehören würden und ganz naiv vor seinen Augen ihre Koffer packen, um in höhere Regionen hinaufzufliegen! Es war eine Traumwelt, die sie sich mitten im irdischen Leben aufbauten. Das ging so vierzehn lange Tage, in dieser Zeit aber war es richtig so weit gekommen, daß Evariste sich in seinem eigenen Hause wie ein Fremder vorkam. Er konnte sich diese Erscheinung selbst nicht erklären, da doch eigentlich nichts vorlag und er es unter seiner Würde hielt, die Sache ernst zu nehmen. Indessen überkam ihn immer häufiger ein plötzliches Gelüst, Benedikt aus dem Hause zu schicken. Natürlich in höflicher Weise, aber doch so plötzlich, daß er Friederike nicht mehr zu sehen bekam und keine Abschiedsszene stattfinden konnte, die, wie er fürchtete, nicht ohne Erregung verlaufen würde. Der einzige Grund, der ihn in seiner Neutralität festhielt, war sein geistiger Hochmut und das verächtliche Mitleid, das er für solche platonische, rein geistige Liebe empfand. Ja, er war ein Mann, der sich seiner Überlegenheit zu sehr bewußt war, um solch Lächerlichen Zugeständnisse zu machen! – Es kamen aber Augenblicke, in denen es ihm ordentlich leid tat, daß er beiden keinen Vorwurf machen konnte, da ihr Benehmen ein so tadelloses war! Da kam Evariste plötzlich ein seltsamer und doch ganz natürlicher Gedanke. Er wollte sie demütigen, wollte ihnen zeigen und beweisen, daß sie im Grunde auch nur Menschen von Fleisch und Blut und absolut nicht besser wie alle Welt seien. Er wollte sie überführen, daß hinter ihren wortreichen Phrasen, ihren idealen Träumen auch nur ein fleischliches Gelüst und eine recht alltägliche Leidenschaft sich verstecke! Er wollte ihnen zeigen, daß es gar nicht der Mühe lohne, so hochtrabend und verächtlich von irdischen Dingen zu sprechen, wenn man im Grunde nicht besser sei, wie andere Leute auch! Ohne sich über die Gemeinheit einer solchen Handlungsweise klar zu sein, machte er sich daran, ihnen Schlingen zu legen, indem er sie zum Beispiel im Garten absichtlich allein ließ, um sie dann von seinem Zimmer aus mit einem scharfen Fernglas zu beobachten. Bei dem ersten Kusse würde er sie lächelnd überrascht und ihre Scheinheiligkeit entlarvt haben. Aber unglücklicherweise erfüllten Friederike und Benedikt seine Hoffnung nicht. Kaum hatte er die beiden allein gelassen, so trennten sie sich auch schon, ganz einfach, weil sie dies für passend hielten. Friederike verließ den Garten, um ihre Armenbesuche zu machen, und Benedikt gab ihr wohl noch etwas Geld, um sie in ihrer Mildtätigkeit zu unterstützen. Darüber wechselten sie noch ein paar flüchtige Worte, und dann gingen sie auseinander. Evariste fand, daß sie einfältig seien! Tatsache ist, daß wohl jeder Lebemann, wenigstens jeder Pariser, Benedikt für einen Narren und Friederike für eine Kokette, die mit einem Kleinstädter spielte, gehalten hätte. Und doch war das Band, das sie vereinigte, obgleich nur ein sehr zartes, haltbarer, als wenn sie gesündigt hätten. Evariste, der sich anfangs in Zärtlichkeit für Friederike erschöpft hatte, da er ein Gefühl hatte, als könne sie ihm am Ende doch noch entschlüpfen, verzichtete dem resignierten, sanften Lächeln seiner Frau gegenüber bald darauf, den liebevollen Ehemann zu spielen. Ein förmlicher Widerwillen gegen das törichte junge Weib hatte ihn erfaßt. Diese rätselhafte und platonische Neigung Benedikts und Friederikens, die über alle irdischen Gelüste erhaben, nur eine Vereinigung im Jenseits erstrebte, und an der aller Spott abglitt, erschien ihm plötzlich wie die gefährlichste und stärkste aller Leidenschaften. Er erkannte das Übel mit scharfem Blick! Scheidung war das einzige, was ihm übrigblieb. Eine solche mußte unvermeidlich gemacht werden; man mußte Friederike dazu zwingen, denn gutwillig würde sie als überzeugte Katholikin niemals eingewilligt haben, da sie wohl wußte, daß ihre Religion die Scheidung verbietet. Die vollkommene Kälte und Ergebung, mit der sie seine Zärtlichkeiten über sich ergehen ließ, gab ihm volle Wahrheit über ihre Gefühle für ihn; er gab sich keiner Täuschung mehr hin. Unter solchen Umständen war es das beste, so rasch wie möglich ein Ende zu machen, denn dies Leben wurde ihm geradezu unerträglich. Die Sache hatte nun schon fünf Wochen gedauert, das war zu viel! Er hatte völlig genug davon. Da die Aufregung und Sorge ihm völlig die Lust benommen hatte, sich wie sonst sorgsam zu pflegen, die bewährten Schönheitsmittel anzuwenden und Bart und Haar zu färben, erschien er plötzlich grau und stark gealtert. Es galt energisch aufzutreten, ohne Verzögerung zu handeln. Der vortreffliche Mann hatte nämlich nicht vor, ein einsames Leben zu führen, er wollte wieder heiraten, sobald die Scheidung ausgesprochen war. Wie in Romanen oder Schauspielen, erzählte er also seiner Frau, daß er für zwei oder drei Tage nach Paris reisen wolle, um nachzusehen, ob in der Wohnung in der Avenue des Ternes alles in guter Ordnung sei. Nun hatte Herr Rousseau-Latouche einen Jugendfreund, der Polizeibeamter in der Umgegend war und dem er selbst zu dem Posten verholfen hatte. Er suchte ihn auf, erzählte ihm die Geschichte, beschrieb genau, wie die Sachlage war und erörterte alles mit einer Redegewandtheit, die ihm allemal zu Gebote stand, wenn es sich um seine eigenen Angelegenheiten handelte. Der Beamte bedurfte einiger Zeit, bis er alles genau verstanden und sich zurechtgelegt hatte, aber mit dem Verständnis, das seinem Berufe anzuhaften scheint, begriff er endlich vollkommen, um was es sich handelte. – Man kehrte also ganz heimlich am Tage nach der vermeintlichen Abreise zurück, so still wie nur möglich. Zwei Stunden nach Ankunft des letzten Abendzuges drang man vorsichtig in das Haus; den Schlüssel hatte Evariste wie immer bei sich. Es war eine herrliche Sommernacht, die Luft war klar, der Himmel mit Sternen besät. Ohne das leiseste Geräusch zu machen, schlich man die Treppe hinauf; man wollte nichts Geringeres, als das junge Paar in flagranti erwischen. Die Tür des Salons war nur angelehnt, man hörte sprechen. Mit äußerster Vorsicht und völlig geräuschlos öffnete der Beamte die Türe. – Welch ein verblüffender Anblick bot sich da ihren Augen! Die beiden Liebenden hatten ihnen den Rücken zugewandt und standen mit gefalteten Händen auf dem Balkon, dessen Türen weit geöffnet waren. Beide in vollständiger Tagestoilette, schauten sie in die stille Sommernacht hinein und sprachen gemeinschaftlich mit ernster deutscher Stimme ihr Abendgebet, und zwar mit einer solchen Überzeugungstreue, daß selbst ein Ungläubiger darüber nicht hätte lächeln können.– – Bei diesem unerwarteten Anblick war es Rousseau-Latouche, als ob er blödsinnig würde. Im Augenblick ergriff ihn ein Schwindel, er fürchtete für seine Vernunft! Sein Freund, der Polizeibeamte, umfaßte den schwankenden Mann und flüsterte ihm im Tone tiefsten Mitleides ins Ohr: »Armer Freund! Noch nicht einmal – betrogen!« Tatsache ist, daß es dem ehrenwerten Herrn Rousseau-Latouche wie ein schweres Unglück vorkam, daß er mit zwei so unbegreiflich tugendhaften Wesen zu tun hatte. – – Catalina Es war an einem schönen Sommerabende, als ich den Entschluß faßte, meine reizende, einsam am Ufer der Marne gelegene Villa mit ihrem geschützten, im Winter warmen, im Sommer köstlich schattigen Garten zu verlassen und für einige Zeit dem Reize des Studierens meiner deutschen metaphysischen Bücher, meines Klaviers von Ebenholz mit seinem reinen sympathischen Ton, meines Schlafrockes mit den großen halbverblichenen Blumen, den bequemen Pantoffeln, der friedlichen Studierlampe, kurz, des ganzen Zaubers meiner selbstgewählten träumerischen Existenz zu entsagen, um für einige Wochen in das Exil zu gehen. Ich hatte folgenden Grund: In der letzten Zeit hatte ich meine Studien mit großem Nachdruck und mit Einsetzung meiner ganzen jugendlichen Energie betrieben. Ich fühlte, daß es notwendig war, eine Weile auszuspannen und meinem Geist Ruhe zu gönnen und beschloß daher eine möglichst aufheiternde Reise zu machen, bei der ich mich nur von den Zufälligkeiten der phänomenalen Welt zerstreuen lassen wollte, deren friedlicher Charakter mich von dem überreizten Zustand, in den ich geraten, erretten sollte, und die mich die ernsten Fragen, mit denen ich mich wohl etwas zu intensiv beschäftigt hatte, vergessen machen sollte. Ich wollte für eine Weile nicht denken, wollte geistig ausruhen, mit offenen Augen träumen, wie jeder andere Durchschnittsmensch. Es war zweifellos, daß eine solche Erholungsreise für meine kostbare Gesundheit sehr nützlich sein würde, denn es war Tatsache, daß ich über meinen alten Schmökern die Frische eingebüßt hatte und dahinsiechte. Kurz, ich hoffte durch eine gründliche Zerstreuung das geistige Gleichgewicht wiederzufinden, um dann bei meiner Heimkehr mit frischen Kräften die Arbeit wieder aufnehmen zu können. Da mir sehr daran gelegen war, bei diesem Ausfluge jede Gelegenheit zu denken oder mit Denkern zusammenzutreffen zu vermeiden, so studierte ich aufmerksam die Landkarte und entdeckte nur ein Land, dessen phantastischer, künstlerischer und orientalischer Boden doch der Menschheit niemals einen Metaphysiker geschenkt hat. Diese Worte werden genügen, um jeden erkennen zu lassen, das es die Iberische Halbinsel ist, die ich meine. An dem Abende, an dem ich den Entschluß, zu reisen, faßte, sah ich in der Gartenlaube, wo ich die opalfarbenen Wölkchen meiner Zigarette verfolgend und eine Tasse edlen Mokkas schlürfend, mir die Freuden meiner beabsichtigten Reise ausmalte und unwillkürlich fröhlich ausrief: »Auf zu einem fröhlichen Bummel durch Spanien! Ich will mich treiben lassen, mich an den Meisterwerken der schönen sarazenischen Kunst ergötzen, ich will in den glühenden Farben der alten Meister schwelgen, die Schönheit der sich hinter ihren Fächern verbergenden schwarzäugigen Frauen Andalusiens bewundern! O, wie freue ich mich auf den Anblick der herrlichen alten Städte, über denen sich der tiefblaue Himmel spannt, und die von den interessantesten Erinnerungen erfüllt sind! Wie oft habe ich nachts bei meiner Lampe die Beschreibungen der Reisenden und Touristen über dieses interessante Land gelesen. Ich werde Cadix, Toledo, Cordova, Granada sehen. Ich will Salamanka, Sevilla, Murcia, Madrid und Pampelone besuchen. Es ist beschlossen, ich reiste. – Da mir aber immer die einfachsten Abenteuer, die friedlichsten Zwischenfälle und Ereignisse am besten behagen und meiner stillen Natur am meisten zusagen, so beschloß ich zuerst, eins jener Reisehandbücher zu kaufen, durch die man ganz genau erfährt, was man sehen wird und wodurch ein nervöses Temperament sich vor jeder unerwarteten Aufregung schützen kann. Am andern Morgen ordnete ich meine Angelegenheiten, versorgte mich mit einem bescheidenen aber völlig ausreichenden Portefeuille, packte meinen leichten Handkoffer, und nachdem ich der ganz verblüfft aussehenden Haushälterin die Sorge für mein Heim anvertraut hatte, machte ich mich auf den Weg und war in weniger als einer Stunde in der Hauptstadt. Ohne mich aufzuhalten, winkte ich einen Kutscher heran und befahl ihm, mich sofort nach dem Südbahnhof zu fahren. Ich reiste über Bordeaux und erreichte Arcachon schon am andern Morgen. Nachdem ich ein köstlich erfrischendes Seebad genommen und darauf vortrefflich gefrühstückt hatte, lenkte ich meine Schritte der Reede zu. Dort fand ich einen Dampfer, der grade nach Santander abgehen sollte, – rasch entschlossen löste ich eine Fahrkarte. Der Anker wurde gelichtet. Schon am Spätnachmittag trug eine leichte, vom Lande wehende Brise uns den Duft blühender Orangenbäume entgegen, und bald darauf sahen wir die spanische Küste, an der das reizende Städtchen Santander von grünen Hügeln umschlossen uns entgegenwinkte. Der Abend tauchte das Meer in tiefviolette Töne, während es im Westen von der untergehenden Sonne wie mit Gold übergossen schien. Unser Schiff suchte seinen Weg durch die den Hafen erfüllenden Fahrzeuge, eine von dem Landungsplatze ausgeworfene hölzerne Brücke fiel auf den Bug, und dem Beispiele der andern Passagiere folgend, ging ich sofort an Land und befand mich bald auf dem von der Abendsonne erhellten Kai inmitten einer mir völlig neuen Umgebung. Man lud Schiffe aus. Große Kollis mit erotischen Produkten, Käfige mit australischen Vögeln, große Körbe mit fremdländischen Pflanzen wurden aufeinandergetürmt. Der Duft von Vanille, Ananas, Kokusnüssen, erfüllte die Luft. Ungeheure Lasten, die mit Etiketten aus den Kolonien gezeichnet waren, wurden aus den Schiffen gehoben und auf große Frachtwagen verpackt, die rasch in der Stadt verschwanden. Da ich mich etwas ermüdet fühlte, schlenderte ich nur langsam voran. Ich hatte meinen Handkoffer einstweilen noch an Bord gelassen und wollte mich nach einem provisorischen Aufenthalt für die Nacht umsehen, als ich plötzlich unter den Marineoffizieren, die, um die frische Abendluft zu genießen, auf dem Damm spazieren gingen, das Gesicht eines alten Freundes zu erkennen glaubte, eines Kameraden meiner in der Bretagne verlebten Kindheit. Nachdem ich ihn scharf angeblickt hatte, entdeckte ich, daß ich mich nicht getäuscht hatte, er war es wirklich. Ich ging auf ihn zu. »Habe ich nicht die Ehre, Herrn Gérard de Villebreux vor mir zu sehen?« fragte ich. Ich hatte kaum meine Frage vollendet, als er mit der ganzen Herzlichkeit, die sich gewöhnlich zwischen Landsleuten entwickelt, die einander in fremdem Lande begegnen, meine beiden Hände ergriff und herzlich schüttelte. »Du,« rief er erfreut, »du hier! Aber wie kommst denn du nach Spanien?« »O, das ist einfach genug, ich befinde mich auf einer kleinen Erholungsreise, mein lieber Gérard.« Mit zwei Worten verständigte ich ihn von dem Zwecke meiner harmlosen Reise. Dann setzten wir Arm in Arm, wie zwei gute alte Freunde, die sich beide des Wiedersehens freuten, und lebhaft miteinander plaudernd unseren Weg fort. »Ich,« so erzählte mir Gérard, »bin schon seit drei Tagen hier. Ich habe verschiedene große Reisen um die Welt gemacht und lehre augenblicklich von Guyana zurück. Ich bringe für den Zoologischen Garten in Madrid eine große Sammlung von Kolibris mit, deren Flügel aussehen, als ob sie mit den kostbarsten Edelsteinen eingelegt wären. Aus Brasilien führe ich viele seltene Orchideenzwiebeln ein. Die Orchidee ist die Blume der Zukunft, und die Europäer werden sowohl von ihrer Farbenpracht, wie von ihrem berauschenden Dufte überrascht und entzückt sein. Außerdem aber, mein Freund, habe ich einen ganz besonderen Schatz mitgebracht ... Ich werde dir Gelegenheit geben, ihn zu bewundern, er schimmert in gelbrötlicher Pracht, und ... er ist wenigstens 6000 Franken wert ...« Er hielt inne und flüsterte mir schelmisch in das Ohr: »Rate ... rate ... was es ist ...« In diesem Augenblick glitt plötzlich eine zarte schlanke, topasfarbige kleine Frauenhand zwischen ihn und mich und legte sich leicht wie der Flügel eines Paradiesvogels auf die goldene Epaulette des Leutnants. Wir wandten uns um. »Catalina!« sagte fröhlich Herr de Villebreux, »nun, das muß ich sagen, der heutige Abend bringt mir Glück.« Es war ein farbiges, sehr junges Mädchen, fast noch ein Kind. Sie trug ein rotes Seidentuch um den Kopf geschlungen, unter dem sich tausend tiefschwarze wollige Löckchen hervorstahlen, die lustig ihr freundliches, hübsches Gesicht umspielten. Sie war rasch hinter uns hergelaufen und daher etwas außer Atem, ihr purpurroter, üppiger Mund war halb geöffnet und ließ zwei Reihen blendend weißer Zähne sehen, sie atmete schnell. »Olé!« rief sie. Ihre schwarzen Augen funkelten, ihre Wangen waren ambrafarbig, und ihre Nüstern blähten sich, während sie wollüstig die aus den fernen Antillen kommenden, die Luft erfüllenden Wohlgerüche einatmete. Ein Musselineschal, der ihre Arme ganz unverhüllt ließ, bedeckte leicht die junge Brust. Über der braunen Seide der spanischen Basquine, die ziemlich geschmacklos mit Goldtressen besetzt war, hing ein gitterartiger, leichter, flacher Blumenkorb, der mit kaum halb erblühten Moosrosen, mit Tuberosen und Orangenblüten gefüllt war. Am Armband ihres linken Armes klapperten ein paar Kastagnetten von Mahagoniholz. Ihre zierlichen Kreolenfüßchen steckten in hübsch gestickten Schuhen, und sie bewegte sich mit jener trägen Grazie, die den Bewohnerinnen der Havanna eigentümlich ist. Es schien, als ginge ein süßer wollüstiger Hauch von diesem reizenden liebenswürdigen Kinde aus. Die letzten Sonnenstrahlen schimmerten auf den Kupferverzierungen des baskischen Tamburins, das auf ihrer Hüfte hing. Schweigend steckte sie uns eine Moosrosenknospe in das Knopfloch und zwang uns dadurch, den ihrem Haare entströmenden Wohlgeruch einzuatmen. »Wir wollen zusammen speisen, wir drei, nicht wahr?« sagte der Leutnant. »Gern, nur – – – ich habe noch kein Unterkommen für die Nacht,« antwortete ich, »ich bin erst eben angekommen.« »Um so besser. Unser Wirtshaus ist da unten an der abfallenden Felsenküste, es hat den Blick auf das Meer. Es ist das hohe alleinstehende Haus, das etwa 200 Schritte von uns entfernt liegt. Siehst du, wir wollen gern immer unsere Schiffe im Auge behalten. Wir werden in dem unteren Saale mit einigen mir befreundeten Offizieren der Marine zusammen speisen, und zweifellos werden noch andere Blüten der weiblichen Flora Santanders unsere Tafel zieren. Der Wirt hat neuen Jerez. Der trinkt sich wie klares Wasser, dieser köstliche Herrenwein von jerez! Aber man muß doch vorsichtig damit sein, wenn man ihn nicht gewohnt ist,« fügte er hinzu, die Taille der hübschen Mulattin mit dem Arme umschlingend, was sie sich willig gefallen ließ, ohne den Blick von uns zu lassen. Nun hatte die Sonne den letzten Abschiedsgruß gesandt, rasch brach die Dämmerung herein. Noch leuchteten die Wogen am fernen Horizonte wie glühende Kohlen. Die von Osten kommende Brise war von scharfem, salzigem Duft erfüllt. Catalina lief vor uns her und versuchte es, mit ihrem Tamburin ein paar Schmetterlinge zu erwischen, die von den Orangenbäumen her dem Meere zuflatterten. In dem blaßblauen Abendhimmel ging die Venus auf. »Schade, daß wir heute nacht keinen Mondschein haben werden,« sagte Herr de Villebreux zu mir, »wir hätten dann noch einen hübschen Spaziergang durch die Stadt machen können – bah – ich denke, wir tun noch etwas Besseres ...« »Ist dieses reizende Kind deine Geliebte,« frug ich ihn. »Nein; sie ist eine der Blumenhändlerinnen des Kais. So etwas ist rührend anspruchslos, lebt von Orangen, Zigaretten und Schwarzbrot, aber ihre Liebe schenkt diese Art von Mädchen nur denen, die ihnen gefallen. Es gibt in den spanischen Hafenstädten sehr viele solcher Rosenspenderinnen. Nicht wahr, es geht hier etwas anders zu als in Paris? Die Sitten aus dieser Erde sind eben alle fünfhundert Meilen weit vollständig andere. – Meine Liebste befindet sich auf dem vierundvierzigsten Grad südlicher Breite. – Übrigens, wenn Catalina dir gefällt, so amüsiere dich mit ihr. Sie hat sich dir vorgestellt, und du bist eingeführt. Also geniere dich nicht. – Hier ist unser Hotel.« Der Wirt, dessen Haar in einem spanischen Netze hing, empfing uns sehr freundlich. Aber in dem Augenblicke, als wir die Schwelle überschreiten wollten, hielt der Leutnant plötzlich inne, er schien von einem jähen Schrecken überfallen zu werden, denn er wurde sehr bleich und zitterte. Ohne jeden Übergang hatte das heitere sympathische Gesicht des jungen Mannes einen ernsten, fast feierlichen Ausdruck angenommen. Er ergriff meine Hand, und nach einem Augenblick ernsten Nachdenkens sagte er, mir fest ins Auge sehend: »Verzeih mir, lieber Freund. In der Freude und der Überraschung, dich so plötzlich wiederzusehen, habe ich ganz vergessen, daß heute ein Gedenktag ist, an dem ich mich nicht zerstreuen darf und will. Mit einem Worte: dies ist der Tag, an dem ich vor drei Jahren meine teure Mutter verloren habe, und ich möchte den heutigen Abend allein mit meinen Erinnerungen verleben. Ich bewahre die Reliquien dieser geliebten und heiligen Frau in meiner Kajüte, und dorthin möchte ich mich jetzt zurückziehen. Also, reiche mir die Hand und lebe wohl bis morgen. Tröstet euch über meine Abwesenheit, so gut es geht,« sagte er, uns beide schelmisch anschauend. »Morgen früh komme ich, dich zu wecken. – Ein Zimmer für den Herren,« rief er dem Wirt zu. »Es tut mir sehr leid, mein Herr,« sagte dieser, »aber es ist leider kein Zimmer frei.« »So,« sagte Herr de Villebreux zerstreut, »weißt du, dann ist es am besten, du benutzt für diese Nacht mein Zimmer. Du wirst gut darin schlafen, das Bett ist vorzüglich.« Er sah traurig aus und schien ganz in trübe Gedanken versunken zu sein. Er reichte mir noch einmal die Hand, sagte dem jungen Mädchen gute Nacht und schlug dann rasch den nach der Reede führenden Weg ein. Ein wenig bestürzt über diesen Zwischenfall blickte ich ihm nachdenklich nach. »Nun, jeder hat seine Toten,« sagte ich mir dann und ging in den Speisesaal. Catalina war schon vor mir in das lange niedrige Gemach eingetreten. Sie hatte an einem der Fenster, von dem aus man den Blick auf das Meer hatte, einen kleinen mit einer weißen Serviette bedeckten runden Tisch gewählt, auf den der Wirt zwei Leuchter mit brennenden Kerzen stellte. Meiner Treu, trotz der leichten Verstimmung, die die letzten Worte meines Freundes in mir erregt hatten, nahm ich doch mit viel Vergnügen den lockenden Augen der kleinen Zauberin folgend, neben Catalina Platz. Die Gelegenheit und die Stunde waren günstig. Wir speisten am offenen Fenster und mit der Aussicht auf das ewige Meer, dessen Wogen dieses gesegnete Gestade zu liebkosen schienen, und über dem sich der Sternenhimmel wölbte. Catalina unterhielt mich mit ihrem fröhlichen Geplauder, das ich sehr gut verstand, obwohl sie ihr Havanna-Spanisch mit allerlei fremden Worten und Ausdrücken vermischte. Einige Offiziere, Reisende und andere Herren saßen wie wir an gedeckten kleinen Tischen und speisten mit den schönen und gefälligen Töchtern des Landes. Plötzlich, bei dem fünften Glase Jerez, bemerkte ich, daß die Warnung des Leutnants vor diesem Weine nur allzusehr begründet gewesen sei. Ich fühlte, daß meine Gedanken sich verwirrten und daß der Geist des Weines mir in den Kopf stieg. Auch Catalinas Augen leuchteten in lebhafterem Glanze. Eine der beiden Zigaretten, die sie angesteckt mir lächelnd hinhielt, vollendete die Wirkung des Weines. Wir hatten beide einen kleinen Rausch. Sie legte den Finger auf mein Glas und verbot mir lachend, mehr zu trinken. »Zu spät!« sagte ich zu ihr. Dann ließ ich zwei Goldstücke in ihre Hand gleiten und sagte dabei: »Du bist wirklich ein reizendes Kind, aber mein Kopf ist eingenommen, und ich muß schlafen.« »Ich auch,« antwortete sie einfach. Ich winkte den Wirt herbei und befahl ihm, mich auf das Zimmer des Leutnants zu führen. Wir verließen den Speisesaal. Der Wirt ergriff einen Handleuchter, auf dessen eiserne Platte er einen kleinen Haufen Schwefelhölzer legte. Dann zündete er die aufgesteckte Kerze an, und uns voranleuchtend, führte er uns die Treppe hinauf. Catalina folgte mir, sie stützte sich auf das Treppengeländer und unterdrückte nur mühsam ihr fröhliches, etwas unverschämtes Lachen. Auf der ersten Etage angekommen, führte der Wirt uns durch einen langen Gang, an dessen Ende eine Tür war, vor der er haltmachte. Er nahm meinen Schlüssel, öffnete, und da von unten nach ihm gerufen wurde, reichte er mir schnell den Leuchter und sagte: »Gute Nacht, mein Herr.« Mit von dem Genuß des starten Weines halb verschleierten Augen und bei dem trügerischen matten Schein der Kerze, blickte ich um mich und bemerkte, daß das Zimmer sich kaum von denen eines gewöhnlichen Wirtshauses unterschied. Es war tief, aber nicht sehr breit. Im Hintergrunde und zwischen den Fenstern stand ein massiver Schrank, der wahrscheinlich mal zufällig bei irgendeiner Gelegenheit hier hereingeschleppt worden war. Der Schein der Kerze fiel auf seine großen Spiegeltüren, die mein Bild und das der hinter mir eintretenden Mulattin reflektierten. Auf dem Kamin fehlte die übliche Standuhr, er war von einem Schirm umgeben. Neben dem Bette, das direkt an der Türe stand, befand sich ein Strohstuhl. Während ich den Schlüssel hereinnahm und damit die Türe von innen verschloß, taumelte das Kind, dessen Schritte durch diesen albernen und unerwarteten Rausch ebenso unsicher geworden wie meine eigenen, dem Bette zu und warf sich, vollständig angezogen, darauf nieder. Sie hatte ihr baskisches Tamburin, sowie ihr Blumenbrett in dem Speisesaal auf dem Tische stehen lassen. Ich stellte den Leuchter auf den Stuhl und setzte mich neben das lachende Mädchen auf das Bett. Sie hatte den einen Arm um ihren Kopf gelegt und schien schon beinahe eingeschlafen zu sein. Ich neigte mich zu ihr hinab, um sie zu küssen und ließ den Kopf einen Augenblick auf dem Kissen ruhen. Da übermannte mich plötzlich die Müdigkeit. Ich schloß die Augen. Dann warf ich mich ebenfalls völlig angekleidet neben sie auf das Bett und fiel sofort in tiefen wohltuenden Schlaf. Ungefähr gegen Mitternacht wurde ich durch einen mir unerklärlichen Stoß erweckt; ich glaubte in der Dunkelheit, denn die Kerze war während meines Schlafes ganz heruntergebrannt, ein schwaches Geräusch, wie das Krachen alten Holzes zu vernehmen, dem ich jedoch wenig Aufmerksamkeit schenkte; indessen öffnete ich die Augen weit und starrte in das mich umgebende Dunkel hinein. Die Bilder des letzten Tages: meine Ankunft, der Strand, Leutnant Gérard, Catalina, der Gedenktag meines Freundes, der Jerez-Wein zogen an meinem Geiste vorüber. Mit einem gewissen sehnsüchtigen Gefühle gedachte ich meiner friedlichen Villa an dem Ufer der Marne, meines Studierzimmers, meiner Bücher, der stillen geistigen Freuden, die ich verlassen hatte. Ein paar Minuten vergingen in dieser Weise. Plötzlich ertönte aus der Ferne von irgendeiner alten Kirche des Städtchens her der Schlag einer Uhr. Neben mir vernahm ich die friedlichen regelmäßigen Atemzüge der tief schlafenden Catalina. Dann ereignete sich etwas höchst Überraschendes. Mir war nämlich schon bei dem ersten Schlage, als ob sich der Pendel jener so weit entfernten Turmuhr in meinem Zimmer befinde und bald rechts an das Mauerwerk, bald links an die Wand des benachbarten Zimmers anschlüge. Vergebens suchten meine Augen die tiefe, mich umgebende Nacht zu durchdringen und zu entdecken, woher dieses, einem Pendel ähnliche Geräusch käme, das fortfuhr, sich regelmäßig von rechts nach links und umgekehrt zu bewegen. Ich weiß nicht weshalb, aber ich fühlte mich von einer seltsamen unerklärlichen Unruhe erfaßt. Dabei war es mir, als ob der vom Meere herkommende Wind durch die Zwischenräume des Fensters dringe und ein ganz eigentümliches zischendes Geräusch verursache. Beides aber, das Anschlagen des unsichtbaren Pendels, wie der häßliche zischende Ton verscheuchten meinen Schlaf, es wollte nicht ruhig werden, und mir schien, als ob diese Nacht kein Ende nehmen wolle. Dann aber ganz plötzlich wurde es in dem Hause lebendig. In der Etage über mir, in den angrenzenden Zimmern hörte ich plötzlich ein Raunen und Flüstern, dann ein Hin und Her, wie von Menschen, die sich in aller Eile in die Kleider werfen, den Schritt schweren Schuhzeuges auf dem Gange, es war, als ob alle Bewohner des Hauses so rasch wie möglich flüchteten. Ich streckte die Hand aus, um die Mulattin zu erwecken. Aber das Mädchen war schon seit ein paar Minuten wach. Sie umklammerte meinen Arm mit nervöser Hast, die auf mich den Eindruck machte, als stehe sie unter dem Einflüsse eines unüberwindlichen Schreckens. Und dann überrieselte auch mich ein eiskalter, meine Glieder lähmender Schauer. Das Mädchen versuchte offenbar zu sprechen, vermochte jedoch kein Wort hervorzubringen, ich hörte jedoch, wie ihre Zähne vor Angst aufeinanderschlugen. Ihre Hand, ihr ganzer Körper bebte in krampfhaftem Zittern. Sie wußte also was das sei, wußte, was das alles bedeutete! Ich richtete mich schnell empor, und ehe noch der letzte Schlag der in der Ferne die Mitternacht verkündenden Uhr verklungen, rief ich, so laut ich konnte, in die Dunkelheit hinein: »He hallo! Was gibt es hier, was geht hier vor?« Auf diese Frage antwortete man mir von allen Seiten des kleinen Wirtshauses, dessen Bewohner offenbar unter dem Bann eines panischen Schreckens standen. »He, Sie werden wohl am besten wissen, was es gibt,« rief man mir zu. »Himmel, heiliges Kreuzdonnerwetter noch mal, man muß doch ganz verrückt sein, um mit dem Teufel zusammen im Zimmer schlafen zu wollen,« Man hielt mich offenbar für den Leutnant. Ich hörte ganz deutlich, wie alles über die Gänge und Treppen weg ins Freie floh. Ich war nun überzeugt davon, mich in einer furchtbaren Gefahr zu befinden. Von einer tödlichen Angst erfaßt, stieß ich die Mulattin zurück und tastete nach den Streichhölzern, die auf dem Handleuchter lagen. Aber würden sie sich nicht allzu rasch verzehren? Ich durchwühlte meine Taschen und fand darin eine noch zusammengefaltete Zeitung, die ich in Bordeaux gekauft hatte. Ich rollte sie im Dunkeln fackelförmig zusammen und strich alle Zündhölzchen auf einmal am Holze des Bettes an. Es dauerte eine Weile, bis sich meine Fackel entzündete, doch gelang es mir, sie zum Brennen zu bekommen, und sie hoch emporhaltend, blickte ich mich im Zimmer um. Das Geräusch hatte plötzlich aufgehört. Nichts! Ich sah nichts als mein eigenes Bild und das, des jetzt hinter mir auf dem Bette stehenden Mädchens in den Spiegeltüren des großen alten Schrankes. Catalina hatte sich mit dem Rücken an die Mauer gedrängt, sie drückte ihre Hände mit angstvoll ausgebreiteten Fingern an die getünchte Wand, und mit schreckverzerrtem Gesichte und weit aufgerissenen Augen blickte sie auf das furchtbare Etwas, das das Übermaß meiner Erregung mich noch zu entdecken verhinderte. Plötzlich wandte ich den Kopf, und das, was ich dann erblickte, erfüllte mich mit einem Grauen, das mich beinahe zu ersticken drohte. Was war es, was ich deutlich in dem mir gegenüberstehenden Spiegel erschaute? Kaum wagte ich meinen Augen zu trauen! War es ein fürchterlicher Traum? Wieder blickte ich hin, und ich fühlte mich abermals schwach werden. Dabei konnte mein Auge sich nicht losreißen von dem entsetzlichen Wesen, das mir erschien. Das also war der köstliche Schatz meines Freundes, des pietätvollen Leutnants Gérard – des guten Sohnes, der jetzt zweifellos in seiner Kabine betete! Ich fühlte, wie mir der kalte Schweiß ausbrach und verzweiflungsvolle Tränen mein Auge umdüsterten. Um die vier Füße des großen Schrankes gerollt, und durch vielfach durcheinandergeschlungene feine Taue, wie solche bei der Marine in Gebrauch sind, gefesselt, lag eine Riesenschlange, eine entsetzliche Python, wie man sie, wenn auch nur noch sehr selten, in den verpesteten Sümpfen Guyanas findet. Durch den Schmerz, der sie zu fest umschlingenden Bande aus ihrem trägen Schlummer geweckt, war es dem entsetzlichen Scheusale gelungen, durch unausgesetztes Ziehen und Zerren ihren Körper in etwa 3 ½ Meter Länge den Fesseln zu entziehen. Der lange Rumpf des gewaltigen Untiers, das also war der lebendige Pendel, der sich unablässig hin und her bewegte und bemühte, sich ganz seiner Bande zu entledigen. Der Teil ihres Körpers, den zu befreien ihr bereits gelungen war, hatte sich beim Aufleuchten meiner Fackel mir gerade gegenüber steif und unbeweglich aufgerichtet. Aus ihrem ungeheuren Rachen, aus dem vier parallel stehende Reihen von Giftzähnen mir entgegenfletschten, bewegte sich eine lange gespaltene Zunge hin und her, während ihre glühenden wilden Augen mich fest und tückisch anstarrten. Es war das wütende Zischen des Scheusals, das ich für das Heulen des Windes gehalten, das mich aus meinem friedlichen Schlafe geweckt hatte, ein Zischen, das nun ganz nahe und kaum ein paar Fuß von meinem Gesichte entfernt, aus ihrem scheußlichen Rachen ertönte. Bei diesem unerwarteten furchtbaren Anblick erfaßte mich ein Todesschrecken. Mir war, als ob mein ganzes vergangenes Leben in einem Augenblicke an meiner Seele vorübergleite. Meine Sinne drohten zu schwinden, aber der durchdringende verzweiflungsvolle Schrei der Mulattin, die sofort begriffen hatte, was das Zischen und der in kleinen Stößen langsam näherkommende, weit geöffnete Rachen des Untiers bedeute, gaben mir das Leben und meine Besonnenheit zurück. Ohne meine Fackel loszulassen, die jetzt hell auflodernd das ganze Zimmer erhellte, sprang ich, das bebende Mädchen mit mir ziehend, von dem Bette herab. Catalina sank mir entgegen, ohne den entsetzten Blick von dem Scheusal zu lassen, das, als es uns fliehen sah, sein wütendes Zischen und die verzweifelten Anstrengungen sich der letzten Banden zu entledigen verdoppelte. Mit zitternder Hand riß ich die Türe auf, die ich dann rasch hinter uns zuwarf, und Catalina umschlingend und mit mir ziehend, durcheilte ich mit ihr den langen Gang und stürzte die Treppe hinab. Hinter uns vernahmen wir einen furchtbaren Lärm; laut krachend, war der Schrank umgestürzt und zusammengebrochen, mit schweren Spiralbewegungen wälzte sich das Ungeheuer in namenloser Wut durch das Zimmer, die Möbel umreißend und zertrümmernd und alles um sich her zerstörend. Wir waren schnell wie der Blitz die Treppe hinabgeeilt. Unten war niemand. Der Speisesaal war leer, die zum Strande führende Türe war weit geöffnet. Ohne durch müßiges Bedenken Zeit zu verlieren, stürzten wir ins Freie. Auf dem Strande angelangt, verließ mich die Mulattin, und ohne weiter Notiz von mir zu nehmen, lief sie, so schnell sie nur konnte, der Stadt zu. Da ich sie außer Gefahr wußte, eilte ich selbst der Reede zu, deren große Laternen in der Ferne leuchteten. Mir war, als ob das scheußliche Tier sich hinter mir her den Strand entlang wälze und mir jeden Augenblick näher käme. – In wenigen Minuten hatte ich meinen Handkoffer von der »Veloa« geholt und eilte dann, so schnell ich konnte, an den Landungsplatz, wo ich noch gerade zur rechten Zeit ankam, um mit der »Vigilante«, die im Begriffe war, nach Frankreich abzusegeln, den Heimweg anzutreten. Drei Tage später war ich wieder in meinem stillen, lieben Hause an den Ufern der Marne. In bequemen Sesseln sitzend, die Füße in Pantoffeln und in meinen Schlafrock gehüllt, nahm ich das Studium meiner metaphysischen deutschen Bücher wieder auf. Ich fand, daß mein Geist sich genug ausgespannt habe und verschob alle weitern Pläne von Erholungsreisen, in denen ich mich von den »Zufälligkeiten der phänomenalen Welt« erheitern lassen wollte, in unabsehbare Zukunft. Akedysseril An einem Abend in längst vergangenen Tagen lag Benares, die heilige Stadt, veilchenfarben auf dem Grund eines golddurchleuchteten Nebels. Auf den westlich gelegenen Höhenzügen bewegten sich die bläulichen, von der Abendsonne vergoldeten Umrisse der großen Dattelwälder über den Tälern von Habad. An den gegenüberliegenden Abhängen unterschied man in der Dämmerung geheimnisvolle Paläste, dazwischen Rosenhaine, in denen Tausende von Blütenkelchen sich in der leichten Brise bewegten. Da stiegen Springbrunnen auf, deren Wasserstrahlen wie Schneeflocken zurückfielen. Mitten in der Vorstadt Secrolis erhob sich der Wischnutempel, dessen mächtige Säulengänge die Stadt beherrschten. Seine reich mit Gold verzierten Tore warfen den Schein des Abendrotes zurück. Der Tempel war von den Hundertsechsundneunzig weißmarmornen Heiligtümern der Devas umgeben; ihre Stufen umspülten die Wellen des Ganges, während die getriebene Arbeit ihrer Zinnen sich in den purpurglühenden, langsam dahinziehenden Wolken verlor. Das strahlende Wasser schlummerte unter den heiligen Ufermauern. In der Ferne tauchten lichtschimmernde Segel auf, und längs des herrlichen Flusses erstreckte sich das Bild der Stadt in unregelmäßiger orientalischer Schönheit. Alleen erhoben sich terrassenförmig eine über die andere; zahllose Häuser mit weißen Kuppeln und viele Monumente zeichneten sich in der Abendstimmung ab, man sah bis zu den Vierteln der Parsen hinüber, wo die Pyramide von Siwas Boten Wissikhor wie in feuriger Lohe zu glühen schien. Ganz in der Ferne sah man die kreisförmige Allee der Brunnen, die unendlichen Kasernen der Soldaten, die Basare des Handelsviertels und endlich die Türme der Zitadellen, die schon unter der Herrschaft des Wiswamithra erbaut waren. Am äußersten Horizont unterschied man seltsame, formlose Götzenbilder, die aus den felsigen Spitzen der Berge von Habad herausgehauen in eherner Unbeweglichkeit dort thronen. Viele dieser Steinbilder hielten in der weit über den schwindelnden Abgrund ausgestreckten Hand eine Lotosblume; ihr starres, unbewegliches Dasein schien den ganzen Raum zu erfüllen und wie ein Alp auf den Lebenden zu lasten. An diesem Abende jedoch herrschte in Benares eine festliche Aufregung, die einen seltsamen Gegensatz zu der feierlichen Stille bildete, welche sonst abends über der Stadt ruhte. Die Straßen, die öffentlichen Plätze, die Alleen, die Vorhöfe, die sandigen Abhänge der beiden Ufer waren von einer freudig bewegten Menge erfüllt, denn die Wächter des heiligen Turmes hatten soeben mit ihren bronzenen Schlägern ein Zeichen auf ihren Gongs gegeben, das wie Donnergeräusch über die Stadt rollte. Dieses Signal verkündete die Rückkehr von Adedysseril, der jungen Königin, der Besiegerin der beiden Könige von Agra – der schlanken Witwe mit der schneeigen Haut und den funkelnden Augen, der Herrscherin, deren golddurchwirktes Gewand noch vom Trauerschleier umhüllt war und die bei der Belagerung von Elephanta durch ihren Heldenmut das ganze Heer mit Begeisterung entflammt hatte. *   *   * Akedysseril war die Tochter eines Hirten, Gwalior. Als das junge Mädchen an einem Herbstnachmittage in einem Tale in der Umgegend von Benares ihre Füße in dem Wasser einer Quelle badete, hatten gütige Dämonen ihr einen Auerochsenjäger entgegengeführt; es war Sinjab, der Thronfolger und Sohn Seürs, des Gütigen, der zu jener Zeit über das ungeheure Gebiet von Habad herrschte. Kaum hatte er sie gesehen, als das schöne und zu großen Dingen erkorene Mädchen alle Träume des jungen Fürsten erfüllte und eine tiefe Liebe zu ihr in seinem Herzen erweckte. Als er sie ein zweites Mal sah, entflammten die Sinne Sinjabs so mächtig, daß er Akedysseril zu seiner einzigen und rechtmäßigen Gemahlin erhob. So geschah es, daß die Tochter des Hirten die Hirtin und Führerin der Völker wurde. Indessen schon kurze Zeit nach dieser wunderbaren Verbindung starb der Prinz, den auch Akedysseril auf das zärtlichste geliebt hatte. Der König wurde über diesen Verlust von solcher Verzweiflung ergriffen, daß man in kurzer Zeit in Benares zum zweiten Male das Bellen der Hunde Jamas, des todverkündenden Gottes, hörte; bald mußte man auch dem alten Fürsten ein Grab herrichten. Von Rechts wegen hätte die Thronfolge Seürs nun auf Sedjnur, den jungen Bruder Sinjabs, übergehen müssen. Er war kaum dem Knabenalter entwachsen und stand unter der Vormundschaft Akedysserils. Während der raschen Tage ihres aufsteigenden Glückes, ja noch während Sinjab lebte, hatte die Tochter Gwaliors, deren Geist in die Zukunft zu sehen schien, sich als kecke Verächterin fremden Rechtes erwiesen; sie kannte nur das Recht der Gewalt, des Mutes und der Liebe. Sie hatte durch weise Verleihung von Würden und Gold sich am Hofe, in der Armee, in der Hauptstadt, im Rate der Wesire, in den Provinzen, sowie unter den Anführern der Brahminen eine Machtstellung zu schaffen gewußt, die sich von Stunde zu Stunde mehr festigte. Sie mißtraute dem jungen Thronfolger, obwohl ihr der Charakter desselben ganz unbekannt war, denn Seür hatte den jungen Sedjnur weit fort zu den Weisen Nepals gebracht, damit er von diesen erzogen würde. Als nun der hohe Rat sich anschickte, den Prinzen heimzurufen, beschloß Akedysseril, sich im voraus aller Widerwärtigkeiten zu entledigen, die die Laune des neuen Herrschers ihr möglicherweise auferlegen konnte. Sie faßte den Plan, den Prinzen gefangenzunehmen, und beschloß, trotz ihres sehr anfechtbaren Rechtes, selbst die königliche Gewalt zu übernehmen. Während der Nacht der großen Trauerfeier schickte sie, in deren Auge kein Schlummer kam, eine Abteilung von Sowaris, deren Treue sie erprobt hatte, dem Prinzen Sedjnur entgegen. Der Prinz wurde umringt und ohne weiteres mit seinem Gefolge gefangengenommen, desgleichen die junge Prinzessin Jelka, die Tochter des Königs von Sogdiana, seine geliebte Braut, die mit nur ganz kleinem Geleite dem Prinzen entgegengekommen war. Die Gefangennahme geschah gerade in dem Augenblicke, als die beiden jungen und füreinander bestimmten Menschen sich zum erstenmal bei hellem Mondschein auf der Landstraße trafen. Von dieser Stunde an lebten die königlichen Kinder als Gefangene Akedysserils in zwei einander gegenüberliegenden Palästen, zwischen denen der Ganges floß. Tag und Nacht wurden sie von einer ernsten, schweigenden Wache beobachtet. Diese doppelte Haft war politisch begründet: wenn es einem von ihnen gelingen sollte, zu entfliehen, so blieb doch der andere als Geisel zurück. Da nach dem alten indischen Glauben der Prädestination die Verlobten sich längst füreinander bestimmt glaubten, lebten sie nur füreinander und liebten sich mit größter Wärme, obwohl sie sich nur einmal gesehen hatten. *   *   * Nach einem Jahre schon hatte sich die Macht in den Händen der Herrscherin völlig gefestigt. Ihrer Witwenschaft blieb sie treu; sie schien nur von dem Ehrgeize beseelt, Kriegsruhm zu erwerben, mit keckem Mute trotzte sie allen Königen Hindostans. War es nicht ihrem hellen Kopfe gelungen, die Grenzen des Landes zu erweitern? Die Dewas waren dem Glück ihrer Waffen gewogen. Das ganze Reich bewunderte sie und unterwarf sich willig der Zauberkraft dieser jungen Kriegerin, die so herrlich erschien, daß ihre Soldaten es als Gnade empfanden, den Tod für sie empfangen zu dürfen. Ein ganzer Legendenkreis, der ihren Ruhm und ihr wunderbares Kriegsglück in den Schlachten verkündete, hatte sich um sie gebildet. Oft hatten ihre Krieger sie mitten im dichtesten Kampfesgewühle gesehen, wie sie strahlend und kühn, mit Blut bespritzt, sich auf dem mit köstlichen Steinen geschmückten Tragstuhle ihres Kriegselefanten erhob und sorglos unter einem Regen von Pfeilen und Wurfspießen stolz und wild ihren glänzenden Säbel geschwungen und ihre Streiter zum Siege geführt hatte. Was Wunder, daß die Heimkehr Akedysserils nach mehrmonatlichem siegreichen Feldzuge von dem Volk mit freudiger Ungeduld erwartet wurde! Als die Königin nur noch ein paar Stunden von der Stadt entfernt war, hatten Läufer die Kunde davon nach Habad gebracht. Von weitem unterschied man schon die roten Turbane des Vortrabs der Truppen, die auf eisernen Sandalen von den Hügeln hinabstiegen. Die Königin, so erzählte man, werde gewiß von der Straße von Surate herkommen, sie werde durch das Haupttor der Zitadelle einziehen und ihre Armeen in den umliegenden Dörfern lagern lassen. Alles war in Tätigkeit, in den Alleen von Pryamveda drängten sich die Fackelträger unter den Bäumen. Königliche Sklaven erhellten den ungeheuren Palast Seürs mit Lampen. Die Bevölkerung schmückte sich mit grünen Zweigen, und die Frauen bestreuten den Weg zum Schlosse, der die Allee von Richis durchschneidet, mit großen Blumen. Die Menge neigte sich horchend zur Erde, um das Zittern des Bodens beim Nahen der Kriegswagen, des Fußvolkes und der Reiter wahrzunehmen. Plötzlich hörte man das dumpfe Geräusch der Zimbeln, das sich mit dem Klirren der Waffen und Ketten und den wohllautenden Tönen der kupfernen Flöten vermischte. Bald ritten von allen Seiten mit wehenden Fahnen die Kohorten des Vortrabs in die Stadt. Der freie Platz vor dem Tore von Surate und Kama war mit kostbaren, fahlroten Teppichen belegt, wie sie in Irensul und in den fernen Fabriken von Ypsambul hergestellt und alljährlich von den turkestanischen Kaufleuten eingeführt werden. Zwischen den Ästen der Dattelpalmen und Sykomoren der langen Alleen am Ganges wogten bunte köstliche Stoffe aus Bagdad zum Zeichen der Freude. Auf den Stufen des östlichen Tores der Festung umgab ein glänzendes Gefolge von Höflingen, Brahminen und Palastoffizieren den Vizegouverneur, neben dem die drei Wesire von Habad saßen. Man war in freudiger Erregung: nun wird man Feste geben, wird die Kriegsbeute von Elefanten unter das Volk verteilen, nun wird man beim Fackelschein im großen Zirkus wieder die nächtlichen Rhinozeroskämpfe sehen, für die das Volk so schwärmt. Man fürchtete nur, die Schönheit der jungen Königin könnte gelitten haben; vielleicht war sie sogar verwundet worden? Man frug die ersten Vorreiter, diese beruhigten das Volk. In einem freien Raume zwischen schweren bronzenen Dreifüßen, aus denen bläuliche Weihrauchwolken stiegen, bewegte sich ein Reigen von Bajaderen, die in durchsichtige leuchtende Stoffe gehüllt waren. Sie spielten mit Perlenketten, ließen die blanken Spitzen ihrer Dolche funkeln und plauderten lebhaft. Dazwischen tanzten sie in anmutigen Bewegungen auf und nieder. Das war beim Eingange der Allee von Richis auf dem Wege zum Königspalaste. *   *   * Auf der anderen Seite des Platzes von Kama zog sich geheimnisvoll und dunkel eine andere tiefverwachsene Allee hin, die seit Jahrhunderten schon niemand beachtete. Vor dem Eingang derselben standen, nur mit einem grauen Leibschurz bekleidet, einige Schlangenbändiger, die zum Klange ihrer scharfen durchdringenden Musik ihre gezähmten Cobras auf der Spitze des Schwanzes tanzen ließen. Es war die Allee, die zum Tempel Siwas führte. Kein Hindu würde es jemals gewagt haben, sich in das Dickicht ihres Schattens zu wagen. Die Kinder selbst waren gewöhnt, niemals davon zu sprechen; selbst nicht mit leiser Stimme. Eine alte Legende erzählte, daß in gewissen Nächten jedes Blatt dieser alten Bäume einen Tropfen Blut schwitze, daß ein Regen blutiger Tropfen dann langsam zu Boden falle und den Fußboden rot färbe. Aller Augen blickten fragend nach dem Horizont. Würde sie kommen, ehe die Nacht hereinbrach? Alles war in frohester Ungeduld. Die Dämmerung sank tiefer hinab, das goldene Licht des Abendrots verglühte schon und einzelne Sterne stiegen am blassen klaren Himmel auf. In dem Augenblick, als der goldene Sonnenball schon im Begriffe war hinabzusinken, als sein Schein noch einmal den westlichen Himmel erglühen machte, erschienen plötzlich von den fernliegenden Hügeln, zwischen denen die Straße von Surat sich hinzieht, große, in Staub gehüllte Ritterscharen, dann Tausende von Lanzenträgern und Kriegswagen. Von allen Seiten stiegen die in ihre braunen Kaftane gehüllten Phalangen von den Höhen herab. Sie trugen fahlrote Schuhe und eherne Knieschienen, aus denen scharfe Spitzen hervorstaken. Die Lanzenträger trugen Köpfe von Feinden auf ihren Spießen aufgesteckt in stolzem Triumphe vor sich her; sie stießen die abgeschlagenen Häupter roh gegeneinander, so daß sich diese in wildem Kusse zu berühren schienen. Dann kam der ganze Apparat der Kriegsmaschinen, Leitern und Hürden ohne Zahl auf Karren, die von starken Waldeseln gezogen wurden. Es folgten die Sänftenträger, die auf Laubbetten Schwerverwundete trugen. Daran schlössen sich die Fußtruppen an, endlich die langen Reihen der Proviantwagen. – Es war fast die ganze Vorhut; sie stiegen eilig die Fußwege der Hügel hinab, näherten sich rasch der Stadt und kamen durch alle Tore zugleich herein. Nun antwortete der helle Klang der königlichen Trompeten auf den dumpfen Ton der Gongs, der von den Türmen von Benares ertönte. Schon nahten Ordonnanzoffiziere in gestrecktem Galopp, die nach allen Seiten hin ihre Befehle gaben; ihnen folgte eine Wagenreihe, auf denen die Trophäen, die Kriegsbeute und eroberten Schätze lagen. Dann zwei Legionen Kriegsgefangene; sie gingen gesenkten Hauptes und schüttelten grimmig ihre Ketten. Auf prachtvoll getigerten Pferden in vollem Waffenschmuck, aber tiefernst, ritten die beiden besiegten Könige von Agra daher. Die Königin führte sie, wenn auch mit vollen Ehren, im Triumphe in ihre Hauptstadt. Hinter ihnen kamen glänzend geschmückte Kriegswagen, die von Jungfrauen in purpurfarbenen Rüstungen geführt wurden. Einige von ihnen bluteten aus schlecht mit Lappen verbundenen Wunden; alle trugen einen großen Bogen und einen Köcher mit Pfeilen über dem Rücken. Es waren die jungfraulichen Kriegerinnen, die als Leibgarde ihre junge Königin überallhin begleiteten. Endlich, inmitten eines gewaltigen Halbkreises, der von dreiundsechzig Kriegselefanten gebildet war, auf denen die Sowaris und andere Elitetruppen ritten, erschien der große schwarze Elefant mit den vergoldeten Stoßzähnen, auf dessen Rücken Akedysseril wie eine Kriegsgöttin thronte. Bei diesem Anblick stieß die ganze Stadt, die bisher lautlos dem Schauspiele zugeschaut, einen einzigen, donnernden Beifallsruf aus. Tausende von Palmenwedeln wurden grüßend hin- und herbewegt, ein wahrer Freudentaumel schien sich des Volkes zu bemächtigen. Schon von weitem erkannte man die hohe schlanke Gestalt der Königin von Habad, die in weißem golddurchwirkten Gewande zwischen den vier Lanzen ihres Baldachins stand. Man sah den sternenbesäten Gürtel, von dem der Säbel herabhing. Mit der Linken hielt sie eine feine Kette, mit der sie selbst ihren Elefanten lenkte. Den Dewas gleich, deren Bild von den steinigen Höhen der Berge herabschaute, hielt sie in der rechten Hand die heilige Blüte Indiens, eine goldene Lotosblume, die mit Tautropfen von Rubinen besät war. Die sinkende Sonne beleuchtete den großartigen Anblick. Man sah die tief herabhängenden Rüssel der Elefanten, sowie ihre wie Palmblätter gestalteten Ohren. Das Abendrot warf hier und dort einen blendenden Schein auf die kostbaren Steine, mit denen die Turbane geschmückt waren, oder auf das blanke Eisen der Schlachtbeile. Der Erdboden aber dröhnte dumpf beim Herannahen dieses gewaltigen Heeres. Und hinter den Elefanten, die in furchtbarem Halbkreis den Raum erfüllten, erhob sich, von einer Staubwolke umhüllt, von allen Seiten zugleich von den Bergen herabsteigend, das gewaltige Heer, ihm voran ein Zug von tausend Dromedaren. Die Stadt empfand es mit einer gewissen Beruhigung, daß in den Vororten alles zur Aufnahme der Soldaten vorbereitet war. Als die Königin von Habad nur noch einen Pfeilschuß weit vom Eingangstore entfernt war, kam ihr der Hofstaat entgegen. *   *   * Die weiße, strahlend schöne Fürstin war von hohem königlichen Wuchs. Ein mattrotes Diadem, das mit köstlichen Brillanten besetzt war, zwischen denen goldene Spitzen hervorstarrten, umgab ihre bleiche Stirn. Ihr aufgelöstes Haar und die Bänder des Diadems fielen lang über den Rücken und über das Goldgewebe ihres Gewandes. Die reinen Züge hatten einen geradezu wundersamen Reiz, obwohl sie im ersten Augenblick fast mehr Furcht wie Liebe erweckten. Und dennoch war sie der vergötterte Liebling aller dieser Kinder, die sich drängten, um die schöne geliebte Königin zu sehen. Ihre elfenbeinfarbene durchsichtige Haut war von einem zarten Rosenschimmer belebt. Unter schön gewölbten Brauen und den müden schmachtenden Lidern der indischen Frau leuchteten geradezu sinnverwirrend schöne blaue Augen, die meist traumhaft und weltverloren dareinblickten. Dies wunderbar ernste blasse Antlitz übte einen solchen Zauber aus, daß der, der es einmal gesehen, es nie wieder zu vergessen vermochte. Die stolze Stirn, das zarte Oval der Wangen, die grausamen Nasenflügel, die bei annähernder Gefahr sich zu erweitern und zu erzittern pflegten, der blutfarbene kleine Mund, das festgeformte Kinn, ihr immer ernstes Lächeln, bei dem sie ihre weißen Pantherzähne zeigte, alle diese Reize vereinigten sich zu einem Ganzen von solcher Vollkommenheit, daß niemand ihr zu widerstehen vermochte. Tiefernst und doch lieblich anmutsvoll wie eine Peri, erschien sie ein unergründliches Rätsel. Abends, wenn sie in ihrem Zelte oder in den Gärten ihrer Paläste wie ein fröhliches Kind mit ihren Kriegerinnen zu spielen pflegte und die eine oder die andere im neckischen Tone von der Liebe sprach, die sie, wohin sie immer ihre Schritte lenkte, erweckte, dann lachte Akedysseril mit einem kleinen, geheimnisvollen Lachen. Welche Seligkeit, dieses Weib besitzen zu dürfen! Wie geweihten Wein die köstlichen Tränen ihres Auges zu trinken, dem goldenen Klang ihres Lachens zu lauschen, den holdseligen Mund küssen zu dürfen und teilzunehmen an den Träumen und Wünschen dieses Herzens! Wortlos diesen schlanken, bezaubernden Leib umfangen zu können, sich in dem Abgrund ihrer Zauberaugen zu verlieren! Sinnverwirrende Gedanken, für die jedoch die keusche junge Witwe durchaus kein Verständnis und keine Erwiderung zu haben schien. Diese ernste, herbe Fürstin pflegte die jungen Krieger im Kampfe zu einem wahren Heldenmut zu beseelen, sie dürsteten förmlich danach, unter ihren Augen zu kämpfen und zu siegen. Und dann, es ging ein zarter, wunderbar berauschender Duft von ihr aus, der besonders im Handgemenge so stark war, daß die sie verteidigenden jungen Männer nur den einen Wunsch empfanden, für sie sterben zu dürfen – ein Opfer, zu dem sie zuweilen durch einen übermenschlichen Blick ermutigte, durch einen Blick, in dem sie sich selbst ganz hinzugeben schien. So war Akedysseril. Nur einen Augenblick hörte sie auf die liebevollen und freundlichen Willkommworte, mit denen ihre Edlen sie begrüßten. Auf ein plötzliches Zeichen fuhren die Wagen ihrer Kriegerinnen vor und verbreiteten sich über den Platz von Kama. Freudenrufe ihres Volkes tönten ihr entgegen. Über die ausgebreiteten Teppiche trieb Akedysseril ihren schwarzen Elefanten durch das Tor von Surate: so zog die Königin von Habad in Benares ein. Da fiel ihr Blick plötzlich auf die verrufene Allee, in deren Hintergrund die ungeheure Fassade des Siwatempels sichtbar wurde. Eine plötzliche Erinnerung schien sie zu durchzucken; sie ließ ihren Elefanten anhalten und rief den Treibern einen Befehl zu. Diese warfen rasch eine Strickleiter über den Rücken des gewaltigen Tieres. Leicht und gewandt stieg sie hinunter. Plötzlich standen, wie durch ihren Wunsch herbeigezaubert, drei Männer in schwarzem Turban und Gewand, sichere und erprobte Spione, die sie während ihrer Abwesenheit in geheimer Angelegenheit angestellt hatte, wie aus der Erde gewachsen vor ihr. Auf einen Wink ihres Auges wichen alle zurück, und die tief vor ihr sich verneigenden Späher begannen ein leise flüsterndes Gespräch; einer nach dem andern erzählte in kaum hörbaren Worten, die nur die Königin verstehen konnte; aber die Wirkung dieser Worte auf Akedysseril war so schrecklich, daß ihr Antlitz jäh erbleichte und dann einen furchtbar drohenden Ausdruck annahm. Sie wandte sich um und mit rauher Stimme, die laut durch die Stille des Platzes schallte, rief sie: »Einen Wagen!« Ihre Lieblingskriegerin, die ihr am nächsten stand, sprang sofort zur Erde und bot der Königin die seidenen, mit Stahlfäden durchwirkten Zügel ihres Wagens an. Mit einem Sprung nahm sie den verlassenen Platz ein. »Niemand wage es, mir zu folgen!« sagte sie. Starren Auges blickte sie in die verrufene Allee. Das Staunen, die Betroffenheit des Volkes, die Bestürzung ihres Hofes ließ sie gänzlich gleichgültig. Akedysseril ließ ihre Pferde rennen, daß die Funken stoben, sie überrannte einen entsetzten Schlangenbändiger, zermalmte einige Schlangen unter der Wucht ihrer Räder und jagte wie ein abgeschossener Pfeil ganz allein durch die dunklen Bäume zu dem verhängnisvollen Tempel Siwas. Sie hielt ihre Pferde vor dem nördlichen Eingang an, bei den basaltenen Säulengängen, die zum Allerheiligsten führen. Mit der einen Hand die Schleppe ihres goldfarbenen Gewandes hebend, überschritt sie keck die gefürchteten Stufen. Vor dem Eingang angelangt, schlug sie dreimal laut mit dem Degenknauf auf die bronzene Türe, und die Wucht dieser Schläge war so kräftig, daß der Widerklang derselben wie eine leise Klage bis zum Platze von Kama drang. Beim dritten Klopfen öffnete sich die geheimnisvolle Flügeltüre ohne jedes Geräusch. Akedysseril betrat das Innere des Gebäudes. Als ihre schlanke Gestalt darin verschwunden war, schlossen die unsichtbaren Hände der Tempeldiener die eherne Pforte hinter ihr. Ohne auch nur einen Blick zurückzuwerfen, wagte sich die kühne Tochter Gwaliors in die weiten von Säulen getragenen Säle, deren steinerne Fußböden das Geräusch ihrer leichten Schritte vielfach wiedergaben. Ein letzter Tagesschein fiel durch die kleinen runden Fenster, die an der westlichen Seite in die dicken Mauern eingelassen waren. Ihr scharfes Auge durchdrang die Dämmerung. Die Kriegsrüstung, die noch vom letzten Gefechte her mit Blut befleckt war, klirrte leise, und das goldene Gewand streifte die langen Schatten, die die Götzenbilder über die steinernen Fliesen warfen. Im Hintergrund, auf einem von roten Porphyrblöcken aufgetürmten Unterbau erschien furchtbar und drohend ein riesiges steinernes Bild, das schwarz wie die Nacht war. Der Koloß, der mit weitausgespreizten Beinen dasaß, war ein Bild des schrecklichen Gottes Siwa, der als Feind alles Lebens gefürchtet wird. Sein nicht zu beschreibendes schreckliches Gesicht verlor sich in der Dunkelheit des Gewölbes. Der Gott faltete seine acht Arme über der Brust, und seine Knie, die nach beiden Seiten ausgestreckt waren, berührten die Seitenwände des Heiligtums. Schwere purpurne Vorhänge fielen von den Säulen herab und verbargen eine tiefe Höhlung, die in dem mächtigen Sockel Silvas eingelassen war. Hinter den dichten Falten dieses Vorhanges befand sich der Opferstein. Seit uralter Zeit ist es in Indien Brauch, daß bei Einbruch der Mitternacht, sobald die dumpfen Klänge des Gongs ertönen, die Brahminen Siwas aus ihren unterirdischen Zufluchtsstätten hervorstürzen, um ein menschliches Wesen in das Heiligtum zu schleppen, einen Lebensmüden, der sich ihnen selbst zum Opfer angeboten hat. Keine Lampe erhellt dann den Tempel des Siwa, nur auf dem Altare brennt ein Feuer, bei dessen rötlichem Schein die Priester ihr nacktes Opfer auf den Stein legen, wo es an Händen und Füßen durch schwere Ketten gefesselt wird. Die Tempeldiener stellen sich mit brennenden Fackeln im Kreise um die Brahminen. Der Oberbrahmine gibt ein Zeichen, und der Opferpriester nähert sich langsam und bei jedem Schritt innehaltend, dem Steine. Schweigend beugt er sich über das Opfer und schweigend, mit einem einzigen geschickten Schnitt seines großen scharfen Messers öffnet er die Brust des Lebensmüden. Dann tritt er von dem Opferstein zurück, der Oberpriester nähert sich, ruft die zerstörende Gottheit Siwas an und verflucht das Licht und das Leben. Er taucht seine Hände mit den starken langen Nägeln in die Wunde, erweitert dieselbe gewaltsam, wühlt brutal darin herum, und endlich reißt er das blutende, noch zuckende Herz heraus. Mit hocherhobenen Armen bringt er es dem Gotte Siwa als Opfergabe dar. Die Brahminen aber, die vollständig in Verzückung geraten, murmeln in eintönigem Singsang die alten, seltsamen Weisen Siwas, jene großen Verwünschungen des Lichtes, die nur ihnen bekannt sind. Beim Schlüsse dieser Lieder wirft dann der Oberpriester seine zuckende Opfergabe in das heilige Feuer. Diese ganze geheimnisvolle Feier vollzieht sich mit größter Schnelligkeit, und bald wieder ruht die alte feierliche Stille über Siwas Heiligtum. *   *   * An diesem Abende stand auf der dritten Stufe des Opfersteines der einzige sichtbare Bewohner des einsamen Tempels. Der Anblick dieses Mannes wirkte fast noch schauriger, wie der des Gottes Siwa selbst. Ein riesenhafter, nackter Greis, nur die Lenden von einem dunklen Fetzen umhüllt, von erschreckender Magerkeit! Die gelbliche, graue, tiefdurchfurchte Haut hing lose um die fleischlosen Knochen, wie ein Geist hob sich die seltsame Erscheinung von den blutroten schweren Vorhängen ab. Vie unbewegliche Kälte und Strenge seines Antlitzes flößte Grauen ein. Der mächtig entwickelte Schädel war vollständig kahl. Er war bartlos und hatte keine Brauen. Aus tiefliegenden Höhlen funkelten stechende Augen, die selbst das Unsichtbare zu sehen schienen. Eine mächtige Adlernase sprang darunter hervor. Der Mund war zugekniffen und eingefallen; vollständig blutleer, sah er wie eine alte vernarbte Wunde aus. Nur durch die Kraft eines gewaltigen Willens schien die abgezehrte Gestalt sich aufrecht zu halten. Der Tod selbst würde ihn kaum verändert haben, denn was Menschen »Leben« nennen, schien in diesem gespensterhaften Asketen längst erloschen zu sein. Dieser lebende Tote, der mehrere Jahrhunderte alt war, war der Oberpriester Siwas, der Priester mit den schrecklichen Händen, der Einsiedler, der seinen eigenen Namen vergessen hatte und der von keinem Sterblichen genannt wurde. *   *   * Er war es, den Akedysseril suchte, dessen Anblick sie mit einer Wut erfüllte, die sich durch das Wogen ihrer Brust, das Zucken ihrer Lippen, das Vibrieren ihrer Nasenflügel kundgab. Als sie vor ihm angekommen war, stand die Königin still und betrachtete ihn einen Augenblick, ohne ein Wort zu sprechen. Dann sagte sie mit lauter und voll durch die Gewölbe hallender Stimme: »Brahmine! Ich weiß es, daß du dich frei gemacht hast von Freud und Leid, daß du keinen Wunsch und keine Hoffnung kennst. Der Dunstkreis einer uralten Legende göttlichen Ursprungs umgibt dich. – Hirten und Kaufleute aus Kordofa, verirrte Luchs- und Auerochsenjäger find dir nachts auf einsamen Bergpfaden begegnet. Sie haben gesehen, wie du in wildesten Wettern deine Stirn dem Sturm preisgabst und wie du, unbeirrt von Blitz und Donner, unempfindlich für jeden äußeren Einfluß, den geheimnisvollen, vernichtenden Gott anbetest, dem du dienst! Das Toben der Elemente verachtend, versenktest du dich ganz in das Nichts, das allein du anerkennst. Womit also, du Unerreichbarer, könnte ich dir drohen? Vie alte Wissenschaft meiner Henkersknechte würde an deiner Gefühllosigkeit scheitern, wie auch die Reize und Verführungskünste meiner schönsten Jungfrauen erfolglos sein würden. Deshalb will ich dich vor deinem Gott selbst anklagen.« – Sie setzte den Fuß auf die erste Stufe des Heiligtumes und erhob ihr Antlitz zu dem in tiefes Dunkel gehüllten Gesicht des Gottes. »Siwa,« rief sie, »du großer mächtiger Gott, dessen unsichtbarer Flug die Welt mit Schrecken erfüllt und die Sonne verfinstert! Großer Gott, der du dich gegen das Licht auflehnst und die Lüge dieser Welt verdammst und zerstörst. Wenn ich je im Gewühle der Schlacht deine das Leben vertilgende Nähe gefühlt habe, dann, o Vater der höchsten, alles vernichtenden Weisheit, wirst und mußt du die Tochter der Erde hören, die es wagt, dich in deinem Heiligtum zu stören, um deinen Priester anzuklagen! Denke zurück! Nur wenige Tage waren nach dem Antritt meiner Regierung verflossen, als ich mit meinem Heere den Jaxartes und den Oxus überschritt, um als Siegerin in die Städte Sogdianas einzudringen, dessen König seine Tochter Belka zurückforderte, die ich gefangen gesetzt. Ich wußte es, daß gewisse Parteien im Nepal meinen Kriegszug in das ferne Land dazu benutzten, um den Prinzen Sedjnur, den Bruder meines unvergeßlichen Gatten, den ich mich nicht entschließen konnte, sterben zu lassen, zu ihrem Könige auszurufen. Wenn ich gleich die Siegerin, die Befreierin Nepals und die Witwe Sinjabs war – konnte man meine Rechte nicht anfechten? Entsprang Sedjnur nicht dem Stamme Ebbahars, dem ältesten Königsgeschlechte? Ich siegte in Sogdiana, und bei meiner Rückkehr gelang es mir, die Rebellen zu unterwerfen und für mich zu gewinnen. Man hat mich als einzige rechtmäßige Herrscherin anerkannt. Um aber neue Uneinigkeiten und Aufstände zu verhindern, wünschte mein Staatsrat in Benares, den Gegenstand dieser Streitigkeiten zum Wohle aller zu vernichten. Sedjnur und seine Braut Yelka, meine Gefangenen, wurden zum Tode verurteilt, und man beschwor mich, die Hinrichtung zu beschleunigen, um meinen Thron, sowie den Frieden der Völker zu befestigen. Ich aber zitterte, die Verantwortung für ein solches Verbrechen auf mich zu nehmen. Sie waren meine Gefangenen, aber sollten sie darum auch mein Opfer werden? Ich kannte mein Herz, wußte, daß die Erinnerung an eine solche Tat mir den Stolz und die Freude meines Lebens rauben würde und, o Gott der Finsternis und des Verderbens! ich bin nicht grausam, wie jene Töchter der reichen Parsen, die nur, um ihre Langeweile zu zerstreuen, lächelnd den Martern und dem Tode der Verurteilten zusehen. Die wahren Heldinnen, die in der Schlacht erprobten Kriegerinnen sind weich und gütig. Wie meine Ruhmesschwestern bin ich von Turteltauben erzogen! Aber das Leben dieser Kinder bedeutete eine fortwährende Gefahr für mein Leben. Ich hatte zu wählen zwischen ihrem Tod und den Strömen edlen Blutes, das ganz gewiß in ihrer Sache einmal fließen würde. Hatte ich, die Königin, das Recht ihnen das Leben zu lassen?« *   *   * »Ich beschloß daher, wenigstens einmal meine Gefangenen mit eigenen Augen zu sehen, um danach zu beurteilen, ob sie es überhaupt wert waren, daß meine Seele so schmerzlich um sie litt. Eines Tages zog ich beim ersten Morgenstrahle die Hirtenkleider an, die ich einst getragen, als ich noch in unserem Tale die Herde meines Vaters Gwalior hütete. Ungesehen und unerkannt wagte ich mich in ihre Wohnungen, die in den Rosengärten an den Ufern des Ganges liegen. O Siwa! an jenem Abende kehrte ich wie vernichtet zurück und als ich mich wieder allein und einsam in dem Palaste Seürs befand, in dem ich als Witwe lebe, da fühlte ich mich so verlassen, so todtraurig, wie ich dies nie für möglich gehalten hatte. Wie liebenswert waren mir diese beiden jungen Menschen erschienen, die gar nicht daran dachten, mich als die Urheberin ihres Mißgeschickes zu hassen. Ihr ganzes Dasein war nur von der Hoffnung auf eine baldige Vereinigung erfüllt und es galt ihnen wenig, ob sie einander in der Gefangenschaft, in der Freiheit oder in der Verbannung angehören würden. And dann: dieser königliche Jüngling mit den klaren durchdringenden Augen erinnerte mich nur zu lebhaft an Sinjab, meinen unvergeßlichen Gemahl! Räumlich waren die Liebenden voneinander getrennt, aber ihre Seelen waren vereinigt, sie lebten nur eins in dem andern! Hat man nicht seit undenklicher Zeit in unserm herrlichen Indien die Liebe so empfunden? Treu bis in den Tod! Und diese beiden sollten mir gefährlich sein, Siwa? Sedjnur, der nicht umsonst von den Weisen Indiens erzogen worden, schien sogar eine gewisse Genugtuung zu empfinden und dem Schicksal dankbar dafür zu sein, daß es ihn der Sorge enthoben, die Last einer Krone zu tragen. Lächelnd bedauerte er mich, weil mein Leben ein überbürdetes sei. Er ist kein ehrsüchtiger Prinz, und Lorbeeren und Ruhm, nach denen ich dürste, lassen ihn vollständig kalt. Lieben und mit der Geliebten vereinigt zu sein, das dünkte ihm mehr wert, als alle Königreiche der Welt. Beide erklärten mir, daß sie fest davon überzeugt seien, daß ich sie bald, sehr bald vereinigen würde, denn ich selbst hätte geliebt und ich wäre der Erinnerung an den Geliebten treu geblieben.« *   *   * Einen Augenblick verbarg Akedysseril ihr strahlendes Antlitz in den Händen und fuhr dann fort: »Und als Antwort für dies mir geschenkte rührende Vertrauen sollte ich diese unschuldigen Kinder dem Henker überantworten? – Nein, niemals! Und doch, was konnte ich tun? Indien forderte den Frieden von mir, und ihr Tod allein konnte den eigensinnigen Parteigängern des Prinzen ein Ende machen. Schon drohte ein neuer Aufruhr, als ich mit meinem Heere gegen die Skythen ziehen mußte. Da kam mir ganz plötzlich ein gar seltsamer Gedanke. Es war am Vorabende des Tages, an dem ich gegen die Ureinwohner der arachosischen Berge ziehen wollte. Meine Gedanken suchten dich, dich allein, Siwa! In der Nacht verließ ich heimlich meinen Palast und kam ganz allein hierher, erinnerst du dich dessen, du finstere Gottheit? Und hier in deinem Heiligtums erbat ich den Rat und die Hilfe deines düsteren Oberpriesters. ›Brahmine‹, sagte ich zu ihm, ›sieh', ich weiß, daß weder mein mit köstlichen Edelsteinen gezierter Thron, mein Ruhm, die Verehrung und Bewunderung meiner Heere und Völker, noch meine Schätze, noch die Macht, die diese unentweihte Lotosblume mir verleiht, das vollkommene Glück, das Entzücken, die wollüstige Qual gewähren können, wie die Liebe dies tut. Wäre es möglich von der Entzückung zu sterben, die die Braut empfindet, wenn sie zum ersten Male dem geliebten Mann ganz angehört, dann hätte mein Herz an dem Tage aufhören müssen zu schlagen, an dem Sinjab mit seinen süßen glühenden Küssen mich für immer in Fesseln schlug. Und doch – – wenn es durch irgendein Zaubermittel möglich zu machen wäre, daß die armen gefangenen Kinder an den Folgen einer alles überwältigenden, noch niemals empfundenen Freude stürben, – würde ein solcher Tod ihnen nicht wünschenswerter als das Leben selbst erscheinen? Wenn man durch ein Zaubermittel, durch die nur dir bekannte geheimnisvolle Kunst Siwas es fertigbringen könnte, die Liebe dieser Kinder, ihre Sehnsucht zueinander, zur höchsten Überspannung zu reizen, würde da nicht die plötzliche Erfüllung ihrer Wünsche, die heiße Flut der ersten Umarmung genügen, sie in eine Ohnmacht zu versenken, aus der sie nicht mehr erwachen dürften? O, wenn ein solcher Tod möglich zu machen wäre! Für mich würde es eine Erlösung sein, weil sie selbst ihn herbeigeführt hätten. Es ist der einzige Tod, der mir dieses jungen, schönen Paares würdig erscheint!‹ Bei diesen Worten gab mir dein düsterer Priester dein göttliches Versprechen, er antwortete mir ruhig: ›Es sei so, Königin, ich werde deinen Wunsch erfüllen.‹ Auf diese Versicherung hin habe ich dann Befehl gegeben, daß dein Priester Tag und Nacht freien Zutritt zu meinen Gefangenen haben solle. Die Schönheit meines Verbrechens tröstete mich über die Schwere desselben und beruhigt unternahm ich am Morgen den Kriegszug nach Arachosien. Dank deinem Schutze, o Siwa, und dank der Tapferkeit meiner braven Krieger, kehre ich heute abend als Siegerin von dort zurück. Kaum hatte ich die Stadt betreten, als ich mit tiefer Sorge des seltsamen Ereignisses gedachte, das sicher während meiner Abwesenheit stattgefunden hatte. Schon überlegte ich, als ich die Umrisse deines Tempels unterschied, welche Opfer ich dir darbringen sollte, als meine Späher vor mir erschienen und mir offenbarten, mit welcher Doppelzüngigkeit dieser alte Mann mich betrogen hat!« – Ernst schaute die Königin auf den Priester. Kaum ein leises Zittern ihrer Stimme verriet die Aufregung und den Zorn, die sie beherrschten. »Verteidige dich,« – fuhr sie fort. »Sage mir, in welcher Weise diese jungen Menschen in den Tod gegangen sind! Ließest du sie das höchste Glück genießen? Hast du durch deine geheimnisvollen Künste es fertig gebracht, die Glut ihrer Herzen bis zur höchsten Fieberhitze zu steigern, so daß ihre Sinne schwanden und ihr Leben erlosch, wie ich dies gehofft, wie du mir versprochen hast? Nein!! Schweige!! Meine Späher sind stets in der Nähe dieser Mauern geblieben, sie beobachteten dich und ich habe allen Grund, ihre Treue und Wachsamkeit anzuerkennen. Oh – du siehst mich zornig an? Ich aber bin nicht von denen, die sich durch deinen Blick schrecken lassen und die von deinem Zauber betört werden. Mein zornerfülltes Auge soll dich vernichten! O Sedjnur, teurer Schatten, und du Yelka, süßes unschuldvolles Mädchen! Kinder, Kinder! Hier steht er, der unheilvolle Mann, den ich anklage bei dem gnadenlosen Gotte, der die Liebe nicht kennt. Wissen will ich, warum dieser schreckliche Sohn einer längst vergessenen Mutter mir den Haß verborgen hat, den er gegen den königlichen Stamm hegt, dem diese Fürstenkinder entsprossen sind; ich will wissen, weshalb er sich an diesen jungen Menschen rächte! Denn wie anders kann man dein Werk erklären, Brahmine? Es sei denn, daß die dir angeborenen wilden Gelüste dein unfruchtbares Alter zum Narren gemacht haben, daß du unzurechnungsfähig geworden bist! Aber bei der Arglist, mit der du die beiden betört hast, ist dies kaum anzunehmen. Mit Worten also und nur mit Worten hast du ihre Seele gemartert und sie in geheimnisvolle Todesangst verseht. Du haft die armen Kinder so zu peinigen gewußt, daß sie endlich in den Tod gingen, nur um sich von dir zu befreien. Ja, ich errate den Zusammenhang deines schändlichen Handelns. Meine grenzenlose Verachtung allein ist es, die mich davon abhält, dein Haupt abzuschlagen, daß es über die Stufen dieses Altars rollt, den du durch deinen Verrat entweiht hast!« Akedysserils Augen blitzten und mit unsäglich bitterem Ausdruck fuhr sie fort: »– Sobald du durch deine priesterliche Würde und den Ernst deines Auftretens das Vertrauen dieser harmlosen Seelen gewonnen hattest, begannst du dein verfluchtes Werk. Zuerst machtest du dich daran, das Vertrauen in ihre gegenseitige Treue und Zärtlichkeit zu zerstören. Wie du es fertig gebracht, durch giftige Pfeile scheinbar ganz harmloser Worte und Verdächtigungen die Kraft und die Lust am Leben und an der Freude zu zerstören – ich weiß es! Greis, du hast sie glauben gemacht, daß eins dem andern treulos geworden sei. Dann hast du ihnen mitgeteilt, daß es nicht mein Wille sei, daß ihr Los ein vergessenes und freudloses sei, sondern daß ich im fernen Lande einen Genossen aus königlichem Stamme für sie erwählt hätte. Wie hast du es nur fertig gebracht, sie das glauben zu machen? Aber du wußtest ihnen tausend Beweise dafür zu bringen. Sie hätten einander nur einmal ins Auge blicken dürfen, das würde genügt haben, alle diese Nebel zu zerstreuen. Aber sie waren ja voneinander getrennt! Ja, du triumphiertest und ich weiß, durch welch schrecklichen Kunstgriff! Du hast das bisher keusche Gefühl ihrer Liebe durch künstlich erregte Eifersucht, durch die Trauer ihrer Verlassenheit vergiftet, hast fleischliche Gelüste in ihnen zu erwecken gewußt und sie dann glauben gemacht, daß sie einander nie besitzen würden! Zwischen ihren Wohnungen, die durch die heiligen Fluten des Ganges getrennt werden, gingst du täglich hin und wieder, ein furchtbarer Zwischenträger, der die Herzen der armen Kinder mit Zweifel und Furcht erfüllte, ihre Hoffnungen zertrat und ihnen den Tod wünschenswert machte. Meine Späher haben mir Aufklärung verschafft über die verderbliche Macht, über die du verfügst! Deine Zunge ist eine viel furchtbarere und gefährlichere Waffe, wie die haarscharfen Schwerter meiner Kriegerinnen; die Wunden, die sie schlägt, sind tief und unheilbar.« Die Königin schloß einen Augenblick die Augen, sie schien den Faden ihrer Rede verloren zu haben, sie glättete mit der einen Hand ihre schöngezeichneten Brauen und erhob die andere drohend gegen den Brahminen. »... Zuerst nur eine leicht hingeworfene Vermutung, der ein bedeutungsvolles schreckliches Schweigen folgt! Dabei erweckt der seltsame Tonfall deiner Stimme eine wahre Seelenqual, die du geschickt zu benutzen verstehst. Aller Vernunft zum Trotze, verstehst du es, durch seltsame Redewendungen, die fast ohne Bedeutung erscheinen, deren geheime Zauberkraft nur dir bekannt ist, die Gemüter aufzuregen und mit einer unbegreiflichen Angst und Unruhe zu erfüllen. Selbst diejenigen, denen du erst Mißtrauen eingeflöht, verfallen nur allzubald deiner Macht. Das Wort deiner Zunge gleicht dem kalten mitleidslosen Stahl eines zweischneidigen Schwertes, es blendet, zerschneidet, es mordet –!! Du verstehst die Kunst, die schönsten Hoffnungen zu erregen, aber nur, um sie dann in grausamster Weise zu zerstören. And wenn du endlich gegangen bist, hinterläßt du in dem Gemüte, das du mit deinem Gifte durchtränkt hast, eine ätzende Traurigkeit, die selbst im Schlafe nicht zu vergessen ist, die mit der Zeit wächst und die so drückend und düster wird, daß das Leben allen Reize verliert. Der trauernde Blick ist gesenkt, der Himmel selbst erscheint getrübt und die Qual, die das Herz bedrückt, ist so groß, daß einfache Wesen daran sterben können. Mit derselben kalten Grausamkeit, mit der du das zuckende Herz aus der Brust deiner Opfer reißest, haben deine todbringenden Worte diese beiden holden Menschenblumen geknickt und vernichtet. Als ihre Lippen verstummt, das Lächeln darauf erloschen, ihre Augen starr und tränenlos geworden, als ihre Seelenangst das Maß dessen überschritten, was ihr Herz ertragen konnte, da wußtest du die Sehnsucht nach dem Tode in ihnen zu erwecken. Da sie fortwährend mit unbesiegbarer Sehnsucht aneinander dachten, nutzte ja ein Leben ohne Treue und Glauben und ohne die Hoffnung einander je besitzen zu können, ihnen wertlos erscheinen!– And dann kam eine Nacht – eine Nacht, in der du es geschehen ließest, daß sie sich in den Strom stürzten – – oh gewiß! du hattest mir ja versprochen, sie in den Tod zu senden!!« Nach diesen Worten herrschte eine Totenstille in dem Tempel. Dann nahm Akedysseril noch einmal das Wort: »Priester, du hattest mir freiwillig versprochen, meinen Traum zu verwirklichen und ich habe dir geglaubt. Du standest hier als der geheiligte Vertreter deines Gottes, dessen ewige Wahrhaftigkeit durch dich geschändet ist, denn der Meineid verringert das Ansehen desjenigen, in dessen Namen er begangen ist. Ich aber will jetzt wissen, warum du mir getrotzt, aus welchem Grunde du mir einen so furchtbaren Streich gespielt hast. Antworte, ich befehle es dir!« *   *   * Wie ein Sonnenstrahl stand Akedysseril in dem Dunkel des Tempels; ihre Stimme hatte einen durchdringenden Klang angenommen, der das Echo ringsum erweckte: »Hallo! ihr verschleierten Fakire, die ihr wie Gespenster mich umgebt und die ihr euch vergebens hinter den Säulen dieses Tempels zu verbergen trachtet, euer Schatten verrät euch! Vernehmt die drohende Stimme einer schwer beleidigten Frau, die gestern noch die gehorsame Magd derer war, die Siwas Symbole auslegen und sein Wort verkünden, die heute aber als eure Herrscherin zu euch spricht. Hört mich wohl und versteht mich, meine Worte sind nicht eitel, ich habe jedes derselben wohl erwogen und überlegt, denn nicht ich bin es, die vor euch zu zittern hat! Wenn dieser finstere Asket, euer Herrscher, sich jetzt meiner Frage durch ausweichende Antworten zu entziehen trachtet, dann wird – – ich, Akedysseril, schwöre es – – auf meinen Ruf der Schwarm meiner Kriegsjungfrauen auf ihren roten Wagen einherbrausen. Unsere Fackeln werden eure düstere Allee erhellen und mein mächtiges Heer, das noch trunken ist von dem letzten Siege, wird in die Stadt dringen. Es wird diesen Tempel, der keinen Gott mehr birgt, umlagern. Und in dieser Nacht noch werden die Stöße meiner bronzenen Sturmböcke die Mauern eures Tempels zertrümmern! Ich schwöre euch, ehe der Morgen naht, wird dieses ungeheure Götzenbild, in dem der Geist Siwas jahrhundertelang gewohnt hat, vernichtet sein! – Meine Soldaten werden, ehe es Mittag geworden ist, diese Felsblöcke auseinandergerissen haben. Und am Abend, wenn der Wind aus den Bergen die Staubwolken zerstreut, die über den Tälern, Ebenen und Wäldern von Habad liegen, dann werde ich die Rächerin, mit meinen Kriegsjungfrauen noch einmal zurückkehren, und unsere schwarzen Elefanten werden den Erdboden zerstampfen, auf dem sich dieser alte Tempel befand. Mit frischen Lotosblumen und Rosen bekränzt, werden wir mit unseren goldenen Pokalen anstoßen und den Namen der beiden, die wir gerächt, in einem Liebes- und Siegesgesang den Sternen zujubeln! Und während dieser Zeit werden meine Henker umhergehen und diejenigen von euch, die noch übriggeblieben, aus den Trümmern dieses Tempels hervorziehen, ihnen die Köpfe abschlagen und sie in das große Nichts hinabsenden! ... Ich habe gesprochen.« – – Die Königin Akedysseril schwieg. Ihr Busen wogte, ihre Lippen zitterten, sie senkte die Lider über den feuerstrahlenden blauen Augen. *   *   * Der Priester Siwas wandte ihr sein bleiches, steinernes Antlitz zu und antwortete langsam mit tonloser Stimme: »Junge Königin, glaubst du wirklich, uns, die wir das Leben verachten, mit dem Tode drohen zu können? Du hast uns Schätze gesandt und wir haben sie verächtlich auf die Stufen dieses Tempels gestreut, von denen kein Bettler Indiens sie aufzuraffen wagt. Du sprichst davon, diesen heiligen Ort zerstören zu wollen? Eitles Beginnen! Ein würdiges Ziel, dumme Krieger hierher zu führen, um Steine zu zertrümmern! Der Geist, der in diesen Steinen lebt und ihn durchdringt, ist der wirkliche Tempel. Du vergißt, daß es dieser heilige Geist allein ist, der dir selbst deine Machtstellung gegeben hat! Du kamst zu mir, weil du dachtest, daß die Weisheit der Dewas diejenigen am meisten erleuchtet, die wie wir durch blutige Opfer, durch Fasten und Beten die Klarheit unserer Vernunft zu bewahren wissen. Ich nahm deine Bitte an, weil sie mir, trotz ihrer weiblichen Leichtfertigkeit, schön erschien, und ich versprach dir aus Rücksicht für deine hohe Stellung, sie zu erfüllen. Und nun, nachdem du kaum zurückgekehrt bist, läßt du deinen hellen Kopf verfinstern durch die Einflüsterungen deiner Spione und Zuträger, deren Dasein zu beachten meiner unwürdig ist. Du klagst mich an und verfluchst mein Werk, anstatt dich einfach zuerst an mich zu wenden, um es kennen zu lernen. Du siehst aber, deine Drohungen, deren Echo noch von diesen Wänden widerhallt, schrecken mich nicht, und wenn es mir gefiel, deine lauten – jetzt bereits vergessenen – Beleidigungen bis zu Ende anzuhören, so geschah dies nur, weil der Zorn einer jungen ruhmvollen Kriegerin, deren Auge Feuer strahlt, dem Gotte Siwa stets wohlgefällig ist. Also, Königin Akedysseril, du hattest einen sehnlichen Wunsch und wußtest nicht, wie derselbe zu erfüllen war. Du erstrebtest ein Ziel und strengtest dich an, den einzigen Weg zu finden, es zu erreichen. Du fragtest mich, ob es in der Macht der geheimen heiligen Wissenschaften stünde, ein Mittel ausfindig zu machen, durch das die Glut der Sinne der beiden Liebenden so heftig erregt würde, daß, wenn sie einander plötzlich besitzen würden, das Entzücken darüber wie ein Blitzstrahl ihr Leben vernichten könnte. Wirklich, ich habe keinen anderen Zauber, als den eines ruhigen vernünftigen Nachdenkens in Anwendung gebracht, um deinen Plan auszuführen. Höre also zu und merke wohl, was ich dir sage. Als du die holde Blüte deiner Jugend dem jungen Gemahle geschenkt, als Sinjab dich in glückstrahlender Umarmung gewann, da wußtest du selbst, daß niemals eine Jungfrau höhere Wonne und größeres Glück empfunden. Du hast es mir gesagt, daß du überrascht warst, diesen Augenblick des Entzückens überlebt zu haben. And doch – erinnere dich – zu jener Zeit hattest du bereits das Zepter ergriffen, dein Geist wurde von ehrgeizigen Plänen beunruhigt, tausend Zukunftssorgen zogen durch deine Seele, es war schon nicht mehr in deiner Macht, dich ganz und vollständig hinzugeben. Jedes dieser Dinge nahm dir ein wenig von deinem Wesen, du gehörtest dir selbst nicht mehr ganz an und selbst in der Umarmung gedachtest du dunkel, trotz deiner Umgebung, all dieser Dinge, – die der wahren Liebe fremd sind! Warum also, Akedysseril, wunderst du dich, eine Gefahr überlebt zu haben, die in Wirklichkeit gar nicht dagewesen ist? Nun gedenke deiner Witwenzeit, schöne junge Frau, die du so tapfer deinen Schmerz zu besiegen weißt. Wie hätte der Besitz des geliebten Wesens dich töten können, da selbst der Verlust desselben dir nicht die Kraft und Freude des Lebens genommen hat? Gas kam daher, junges Weib, weil deine Hochzeitnacht einem Sternenhimmel gleich war. Sie glich einer jener klaren stillen Nächte, die nur von dem Funkeln der Sterne erhellt werden. Der Blitz Kamadewas, des Gottes der Liebe, durchzuckte ihn nur flüchtig wie Wetterleuchten; aber nicht in einer solchen stillen Nacht fährt ein Blitzstrahl in die Herzen der Menschen! Nein, das geschieht nur in jenen verzweifelten, düsteren, trostlosen Nächten, wo der Tod uns willkommen erscheint, wo man Vergangenes nicht beklagt, Zukünftiges nicht fürchtet, wo kein anderes Gefühl die Seele bewegt, als die Liebe! Nur in einer solchen Nacht fährt der zugleich beglückende und vernichtende Wetterstrahl Kamadewas nieder. Nur dann, wenn die Liebe Herz, Sinne und Gedanken vollständig erfüllt, bis zu dem Punkte, wo eins im andern sich vollständig auflöst! Denn es ist ein ewiges Gesetz der Götter, daß die Größe einer Freude nach dem Maße des Leidens und der Verzweiflung bemessen wird, die man um sie gelitten hat. Nur ein Entzücken, das sich wie eine Feuersbrunst der Seelen bemächtigt, wird sie befreien und vom Leben erlösen. Darum brachte ich so viel Leid in das Leben der Kinder, ja viel mehr Leid noch als deine Späher dir erzählt haben! – – Doch nun zu den Geheimkünsten, über die wir alten Brahminen verfügen – glaubst du, daß deine alles wissenden Spione das Innere der großen Felsen kennen, von deren Spitze die beiden jungen Verurteilten sich gestern abend in den Ganges stürzen wollten?« Akedysseril riß ihr Schwert aus der Scheide, unfähig ihren Zorn länger zu beherrschen, rief sie funkelnden Auges: »Unsinniger Barbar! Willst du mich mit gleißnerischen Worten betören, wie du meine armen Opfer in einen häßlichen Tod gelockt hast? Ah, schon tragen die Wellen ihre unschuldigen Leiber durch das Schilf den Strom entlang! Nirwana ruft dich! Stirb!« Ihr Schwert umschrieb einen funkelnden Kreis, noch einen Moment und der Asket wäre dem unerwarteten heftigen Angriff des starken, jungen Armes erlegen. Aber plötzlich warf sie die Waffe weit von sich und das klirrende Geräusch des niederfallenden Schwertes dröhnte durch den Tempel. Und das geschah, weil der finstere Oberpriester, ohne nur das Auge zu seiner Anklägerin zu erheben, ohne Zorn und Leidenschaft, ganz gleichmütig die zwei Worte gemurmelt hatte: »Sieh her!« *   *   * Bei diesen Worten teilten sich die großen Vorhänge, die den Altar Siwas verhüllten und man sah in das Innere der Höhle, über der der Gott thronte. Zwei Asketen hielten mit gesenkten Augen die blutroten Falten des Vorhanges an beiden Seiten zurück. Im Innern des Schreckensortes brannte ein Feuer auf dem Dreifuß. Da der Gott Siwa das freie Auflodern des Feuers verbietet, so waren die Flammen durch große goldene Platten niedergedämpft, in denen sich die Glut wiederspiegelte, wodurch der Opferstein mit unheimlicher Helle beleuchtet wurde. Zu Häupten desselben standen zwei Tempeldiener, die brennende Fackeln trugen. Und dort auf dem schwarzen Marmorbette lagen zwei junge Gestalten, blaß und unbeweglich, dicht beieinander. Die weißen Falten ihrer durchsichtigen Tuniken ließen die Linien ihrer Körper durchschimmern. Ein sanftes Lächeln umspielte ihre Lippen, es lag wie Licht über den bleichen Zügen; der Abglanz einer schöneren Welt schien darauf zu ruhen. Ein himmlisches Glück, das das Maß dessen überschritt, das die Götter sonst schenken, schien sie vom Leben befreit zu haben, und der Tod hatte es nicht vermocht, den Widerschein dieses Glückes von ihrem Antlitze wegzuwischen. Auf diesem Lager, auf das die Tempeldiener sie gelegt hatten, bewahrten sie noch die Haltung, in der der Tod, dessen Kommen sie sicher kaum bemerkt, seine Schatten über die beiden jungen Wesen geworfen hatte. Die jugendliche Schönheit Sedjnurs schien in ihrer strahlenden Blässe der Dunkelheit des Ortes Trotz zu bieten. Er hielt sie, die sein Alles war, mit den Armen umschlungen, und Yelka, deren weißes Antlitz etwas nach hinten fiel, und deren Arm den Hals des Geliebten umfaßte, schien wie in einer Verzückung eingeschlafen zu sein. Ihre freie Hand lag auf Sedjnurs Stirn. Ihr schönes aufgelöstes Haar umfloß sie und ihn in dunklen Wellen, und der ihm entgegengeneigte halbgeöffnete kleine Mund schien ihm mit dem ersten Kuß zugleich den letzten Seufzer darzubieten. Sie schien mit einer letzten Anstrengung den Mund des Geliebten an ihre Lippen ziehen zu wollen, während ihr zarter jungfräulicher Busen an seiner Brust ruhte. Ja, es war offenbar, die ganz unerwartete plötzliche Vereinigung, auf die beide nicht mehr zu hoffen gewagt, die Trunkenheit der Sinne, die sie bei der Erfüllung ihres glühenden Wunsches ergriffen, hatte wie ein elektrischer Schlag auf die beiden jungen Menschen gewirkt und sie aus diesem Leben in den Himmel ihrer Träume getragen. Es wäre sicher für sie eine Strafe gewesen, wenn sie diesen unvergleichlichen Augenblick überlebt hätten! *   *   * Schweigend blickte Akedysseril auf das wunderbare Werk des Oberpriesters Siwas. »Glaubst du, daß, wenn die Dewas dir die Macht verleihen würden, sie zu erwecken, diese Verklärten das Leben dankbar ansehen würden? – Du, du selbst, o Königin, beneidest sie!« Sie antwortete nicht, eine seltsame Bewegung verschleierte ihre Augen. Sie stand bewundernd vor der Erfüllung ihres seltsamen Wunsches. Plötzlich hörte man das lauter und lauter werdende Murmeln von vielen Stimmen, das Geräusch sich nähernder Schritte, das Wogen des Volkes außerhalb des Tempels, das Klirren von Waffen. Tief sich vorneigend, das Schwert in der Hand, standen die drei Großwesire auf der Schwelle des Tempels, zögernd traten sie näher, als sie ihre junge Königin mit abgewandtem Antlitz, von dem heiligen Feuer der Opferflamme beleuchtet, dastehen sahen. Hinter ihnen drängten sich die Kriegsjungfrauen der Königin, die mit drohender Gebärde nach Akedysseril ausspähten, von Unruhe ergriffen, was aus ihrer jungen Herrscherin geworden sei. Sie konnten sich kaum überwinden, gleich in das Allerheiligste des Gottes einzudringen. Alles rief Akedysseril in das Leben zurück, mahnten sie, ihrer Stellung als Königin eingedenk zu sein, ihre Pflichten auf sich zu nehmen, ihren schönen Traum und ihr eigenes verlorenes Liebesglück für immer zu vergessen. Tief seufzte die junge Königin, und die zwei ersten, zugleich auch die zwei letzten Tränen ihres Lebens benetzten wie Tautropfen die Lilien ihrer Wangen. Aber bald faßte sie sich. Stolz und hoch aufgerichtet betrat sie die oberste Stufe des Altars: »Vizekönige, Wesire und ihr, meine tapferen Krieger,« rief sie mit ihrer durchdringenden Stimme, die allen so wohlbekannt war und die hell aus den Säulengängen des Tempels zurücktönte. »Ihr habt den Tod eines Prinzen beschlossen, der nach dem Tode meines königlichen Gemahls Sinjab der Erbe des Königsthrones von Seür war. Ihr habt mich zu eurer Königin ausgerufen und ihr habt Sedjnur und seine Braut Yelka, die Prinzessin jenes reichen Landes, das wir durch die Gewalt unserer Waffen uns Untertan gemacht, zum Tode verurteilt, – – hier sind sie! – Betet für die Seelen der Dahingeschiedenen, die nun in lichteren Sphären wandeln. Singt die Hymnen des Yadnur-Veda, meine tapferen Kriegerinnen und ihr kühnen Krieger! Möge Indien unter meinem Zepter endlich dauernden Frieden erringen und unter dem Wahrzeichen des Lotos, der heiligen Blume, ewig blühen! Die Herzen aller ernst und edel Denkenden unter euch aber werden mit mir trauern: denn auf diesem Opfersteine ruht der letzte des indischen Königsstammes. Das erlauchte Geschlecht der Ebbahar ist erloschen.« Das zweite Gesicht Es war an einem Winterabend. Wir saßen mit mehreren Geistesgenossen um ein gutes Feuer und tranken Tee bei einem unserer Freunde, dem Baron Xavier de la V. (einem blassen, jungen Manne, der, kaum erwachsen, schon nach Afrika gegangen war und dort infolge starker militärischer Strapazen und Ermüdungen eine ungewöhnliche Reizbarkeit des Temperaments und eine gewisse Rauheit der Sitten davongetragen hatte). Die Unterhaltung drehte sich um ein ziemlich düsteres Thema, man sprach nämlich von dem außergewöhnlichen, verblüffenden und geheimnisvollen Zusammentreffen, das in dem Leben einiger Menschen stattfindet. – »Mir ist da eine Geschichte begegnet,« sagte er, »zu der ich keine Erklärung geben kann. Sie ist wahr. Vielleicht werden Sie sie interessant finden.« Wir steckten uns Zigaretten an und lauschten folgender Erzählung. – Es war im Jahre 1876, in den letzten Herbsttagen, zu jener Zeit, wo die immer wachsende Zahl allzu rasch vollzogener Beerdigungen anfing, die Pariser zu beschäftigen und in Aufregung zu versetzen. Ich hatte an einem gewissen Abend gegen acht Uhr an einer spiritistischen Sitzung teilgenommen und fühlte, als ich von dort heimkehrte, daß ich einmal wieder dem Anfall jenes erdrückenden, vielleicht ererbten Spleens erlag, der, wenn er mich überfällt, meine geistige Fähigkeit lähmt und reduziert. Ich habe die berühmtesten Ärzte konsultiert, um mich davon zu befreien; auf das gewissenhafteste habe ich alle ihre Vorschriften befolgt und mich ihren Kuren unterworfen. Vergebens! Es hat nichts geholfen. Es scheint, daß ich bestimmt bin, als ein schweigsamer, melancholischer Mensch durchs Leben zu gehen. Und dennoch muß ich trotz meiner nervösen Veranlagung im Grunde eine Natur von Stahl und Eisen haben, da ich trotz allem, was ich durchgemacht habe, noch unter den Sternen wandle. Als ich an jenem Abend in meinem Zimmer angelangt war und mir an einer der vor dem Spiegel stehenden Kerzen meine Zigarre ansteckte, bemerkte ich, daß ich leichenblaß war. Ich warf mich in einen großen Sessel, ein altes, ehrwürdiges, mit granatfarbenem Samt bezogenes Familienstück, in dem ich in meinen langen Träumereien oft den Flug der Stunden vergaß. Mir erschien der Anfall meines alten Leidens heute besonders drückend; meine Erschöpfung war eine so vollständige, daß ich sie beinahe wie eine Krankheit empfand. Da es mir – besonders inmitten der rauschenden Vergnügen der Hauptstadt – unmöglich erschien, sie abzuschütteln, faßte ich den Entschluß, Paris auf einige Zeit zu verlassen, aufs Land zu gehen, mich so viel wie möglich in der frischen Luft zu bewegen und zu versuchen, mir durch körperliche Anstrengungen, vielleicht durch einige Jagdpartien, Zerstreuung zu verschaffen und Genesung zu finden. Kaum war mir dieser Gedanke gekommen, als plötzlich der Name eines alten Freundes, an den ich seit Jahren nicht mehr gedacht hatte, der des Abbés Maucombe, mir in den Sinn kam. »Der Abbé Maucombe!« sagte ich mit leiser Stimme. Meine letzte Begegnung mit dem gelehrten Priester datierte von jener Zeit, da er seine lange Pilgerfahrt nach Palästina antrat. Ich wußte jedoch, daß er jetzt zurückgekommen sei. Er lebte in der bescheidenen Pfarrwohnung eines kleinen Dorfes in der Bretagne. Maucombe verfügte dort sicher über ein Zimmer, einen anspruchslosen Zufluchtsort für mich. Zweifellos hatte er von seinen Reisen einige alte Bücher mitgebracht, Raritäten vom Libanon. Und ich möchte darauf wetten, daß die Teiche der benachbarten Herrensitze von wilden Enten wimmelten! Das konnte mir passen! Wenn ich die letzten vierzehn Tage des feenhaft schönen Oktobers in den roten Felsen genießen wollte, und ehe der erste Frost eintrat, die herbstliche Pracht der die Höhe krönenden Wälder schauen und genießen wollte, dann mußte ich mich beeilen. – Die Uhr schlug neunmal. Ich erhob mich und schüttelte die Asche von meiner Zigarre. Dann, da ich einen gefaßten Entschluß stets rasch ausführe, machte ich mich sofort reisefertig. Ich packte einen Handkoffer, ergriff mein Gewehr, setzte den Hut auf, hing meinen Radmantel um und zog die Handschuhe an; dann blies ich die Kerzen aus und verschloß, nachdem ich mein Zimmer verlassen, sorgsam und dreifach das alte Geheimschloß, das der Stolz meiner Tür ist. Dreiviertel Stunden später brachte mich der nach der Bretagne fahrende Zug nach dem kleinen Dorfe Saint-Maure, in dem der Abbé Maucombe angestellt war; ich hatte sogar noch Zeit gefunden, auf dem Bahnhofe in aller Eile mit Bleistift einen Brief an meinen Vater zu schreiben, in dem ich ihn von meiner Abreise benachrichtigte. Am andern Morgen war ich in R., das ungefähr zwei Meilen von Saint-Maure entfernt liegt. Da ich mich danach sehnte, einmal eine Nacht gut zu schlafen, um am andern Morgen beim Anbruch des Tages gleich mit meinem Gewehr losziehen zu können, und da ich fürchtete, ein Mittagsschläfchen nach dem Frühstück würde meine nächtliche Ruhe beeinträchtigen, benutzte ich trotz meiner Müdigkeit den Tag dazu, mehrere Besuche bei meinen in R. wohnenden Studiengenossen zu machen. Nachdem ich diese Pflichten erfüllt hatte, ließ ich mir um fünf Uhr in der goldenen Krone, wo ich abgestiegen war, ein Pferd satteln und befand mich, als die Sonne schon untergehen wollte, in der Nähe eines Weilers. Unterwegs hatten sich meine Gedanken unausgesetzt mit dem alten Priester beschäftigt, bei dem ich mich einige Tage aufzuhalten gedachte. Die lange Zeit, die zwischen unserer letzten Begegnung und dem heutigen Abend lag, die ereignisvolle Pilgerfahrt und seine darauffolgende einsiedlerische Lebensweise mußten seinen Charakter und seine Person verändert haben. Ich würde ihn sicher gealtert finden – aber ich kannte den lebhaften Geist, die fesselnde Unterhaltungsgabe des gelehrten, alten Herrn, und ich versprach mir viel von den Abenden, die ich mit ihm verleben würde. »Der Abbé Maucombe,« wiederholte ich immer wieder ganz leise, »das war wirklich eine ausgezeichnete Idee.« Als ich die alten Leute, die an den Gräbern entlang ihr Vieh weideten, nach seiner Wohnung frug, hatte ich Gelegenheit, mich davon zu überzeugen, daß der Pfarrer, als richtiger Verkündiger eines barmherzigen Gottes, die Liebe seiner Pfarrkinder erworben hatte. Nachdem man mir den Weg zu der Pfarrwohnung gezeigt, die ziemlich weit von den Häuschen und Hütten des Dorfes Saint-Maure entfernt lag, schlug ich den dahin führenden Seitenpfad ein. Ich kam an. Der ländliche Anblick dieses Hauses, die Fenster mit ihren grünen Jalousien, die drei zu der grünumrankten Haustüre führenden Sandsteinstufen, der Efeu, die Klematis, die Teerosen, die bis zum Dache hinaufkletterten, über dessen Schornstein eine leichte Rauchwolke schwebte – alles machte den Eindruck der Sammlung, des Behagens und tiefsten Friedens. Das Laub der im benachbarten Baumgarten stehenden Obstbäume war schon herbstlich gefärbt. Die zwei Fenster des einstöckigen Häuschens waren von der Abendsonne erhellt; zwischen ihnen befand sich eine Nische mit dem Bilde des Heilandes. Ich stieg ab, band mein Pferd an einem der Fensterflügel an, und nachdem ich mich noch einen Augenblick in den Anblick des Abendhimmels versenkt hatte, ergriff ich den an der Türe befindlichen Türklopfer. Der Himmel leuchtete so prachtvoll über den fernen Eichen und Föhrenwäldern, über denen die letzten, wärmeren Gegenden zustrebenden Zugvögel in den Abend hineinzogen – die Glut der untergehenden Sonne spiegelte sich so feierlich in dem Wasser eines nahen, schilfumkränzten Weihers – die ganze Natur dieser einsamen Gegend war in diesem Augenblick vor dem Hereinbrechen der Nacht von einer so wunderbaren Schönheit erfüllt, daß ich ganz überwältigt davon war, und ohne den Klopfer niederfallen zu lassen, stumm in all die Herrlichkeit blickte. Ich war übrigens so übermüdet, und meine Nerven befanden sich in einem Zustande derartiger Überreizung, daß das leichte Geräusch eines niederfallenden Blattes sie zittern machte. Der zauberhafte Horizont dieser Gegend blendete meine Augen. Ich ließ den Türklopfer sinken, ohne zu pochen, setzte mich auf die Stufen des Häuschens und versank in dumpfes Träumen. Erst nach einer längeren Weile, nachdem der Abend herabgesunken und es anfing kühl zu werden, kam ich zum Bewußtsein der Wirklichkeit zurück. Ich erhob mich rasch, und den Blick auf dem freundlichen Hause ruhen lassend, griff ich abermals nach dem Klopfer. Wie durch eine höhere Macht gezwungen, hielt ich jedoch inne, und erschreckt die mir eben noch so reizend erschienene ländliche Wohnung anstarrend, frug ich mich, ob ich der Spielball einer Halluzination sei? War das wirklich dasselbe Haus, das ich eben gesehen? Lange, durch bleiche Blätter gleitende Eidechsen verrieten mir sein Alter! Das ganze Gebäude hatte ein seltsames Aussehen. Die von den letzten Strahlen der Sonne erhellten Fenster strahlten in heimlicher Glut. Die gastliche Tür, zu der die drei steinernen Stufen führten, lud zum Eintritt ein, aber während meine Aufmerksamkeit auf die wohl eben erst frisch gescheuerten, grauen Sandsteinplatten dieser Stufen gelenkt ward, erkannte ich deutlich an den Spuren der darin eingegrabenen Buchstaben, daß es Grabsteine waren, die wahrscheinlich von dem nahen Friedhofe stammten, dessen schwarze Kreuze ich jetzt kaum hundert Schritte von mir entfernt deutlich erkannte. Und das ganze Haus hatte ein so seltsam geheimnisvolles Aussehen angenommen, daß mir graute, und das Echo des Klopfers, den ich endlich niederfallen ließ, hallte in dem Innern der Wohnung nach wie eine Totenglocke. Diese Art des zweiten Gesichts, das viel mehr physisch wie körperlich ist, verwischt sich übrigens mit großer Schnelligkeit. Ja, ich konnte nicht daran zweifeln, daß ich wieder einmal das Opfer dieser seelischen Depression war, der ich zu entweichen gehofft hatte. Ich sehnte mich danach, so rasch wie möglich ein liebes Gesicht zu sehen, das mir helfen sollte, die Erinnerung daran zu verscheuchen; ohne länger zu warten, stieß ich den Riegel der Türe auf. – Ich trat ein. Die Türe, in der ein Bleigewicht befestigt war, schloß sich hinter mir von selbst. Ich befand mich in einem langen Korridor, in dessen Hintergrunde Nanon, die getreue, immer vergnügte alte Dienerin, ein Licht in der Hand tragend, die Treppe herunterkam. Sie erkannte mich sofort und begrüßte mich fröhlich mit den Worten: »O, Herr Xavier ... sind Sie es wirklich?« »Guten Abend, meine gute Nanon!« antwortete ich, ihren diensteifrigen Händen meinen Handkoffer und mein Gewehr überlassend. Meinen Reisemantel hatte ich in meinem Zimmer in der goldenen Sonne vergessen. Ich stieg die Treppe hinauf. Eine Minute später lag ich in den Armen meines alten Freundes. Die Aufregung unseres zärtlichen Wiedersehens sowie ein gewisses melancholisches Gefühl übermannte den Abbé sowohl wie mich so sehr, daß wir in den ersten Minuten kaum Worte zu finden vermochten. Über eine Weile erschien Nanon, um uns eine Lampe zu bringen und zu melden, daß das Abendessen fertig sei. »Mein lieber Maucombe,« sagte ich, meinen Arm unter den seinen schiebend, um herunterzugehen, »die Freundschaft zweier verwandter Seelen gilt doch für alle Ewigkeit, und ich sehe, daß wir beide diese Ansicht teilen.« »Es gibt christliche Geister, deren göttliche Verwandtschaft eine sehr nahe ist, ja. – Die Welt hat weniger vernünftige Glauben, für die sich Anhänger finden, die ihr Blut, ihr Glück und ihre Pflicht dafür opfern. Es sind Fanatiker,« schloß er lächelnd. »Erwählen wir den besten und nützlichsten Glauben, da wir frei sind und unsern Glauben zu vertreten haben.« »Tatsache ist,« antwortete ich lachend, »daß es schon sehr geheimnisvoll ist, daß zweimal zwei vier machen.« Wir gingen in das Speisezimmer. Während des Mahles machte der Abbé mir zuerst sanfte Vorwürfe, weil ich so lange nichts von mir hatte hören lassen und erzählte mir dann von allem, was in seinem Dorfe vorging. Er sprach von dem Lande und erzählte mir zwei oder drei Anekdoten über die benachbarten Gutsbesitzer. Dann belichtete er von seinen persönlichen Jagderlebnissen und von seinen Triumphen beim Fischfang, kurz, er war von einer berückenden Liebenswürdigkeit und offenbar in heiterster, gehobener Stimmung. Nanon machte die aufmerksame Wirtin, bemühte sich, uns aufs beste zu bedienen, und lief so eifrig hin und her, daß ihre große weiße Haube flatterte, als ob Flügel daran wären. Als ich mir beim Kaffee eine Zigarette drehte, folgte Maucombe, der früher Dragoneroffizier gewesen war, meinem Beispiele. Nach den ersten Zügen gingen wir beide eine Weile schweigend unsern Gedanken nach; dann aber benutzte ich die Gelegenheit, um meinen Wirt aufmerksam zu betrachten. Der Priester war ein hochgewachsener Mann von vielleicht fünfundfünfzig Jahren. Lange, bereits ergraute Locken umrahmten sein mageres und ausdrucksvolles Gesicht. Sein lebhaftes Auge verriet eine hohe Intelligenz. Seine Züge waren regelmäßig und streng; die elastische schlanke Gestalt erschien noch durchaus jugendlich, und er verstand es, seine lange Soutane mit großem Anstand zu tragen. Der volle Klang seiner wohllautenden Stimme verriet eine gesunde Lunge, und seine Rede trug den Stempel hohen Wissens und reinster Herzensgüte. Er schien eine ausgezeichnete, widerstandsfähige Gesundheit zu haben. Nachdem wir Kaffee getrunken, führte er mich in sein kleines Bibliothekzimmer. Ich war infolge der letzten schlaflosen Nacht zum Frösteln geneigt, außerdem war der Abend wirklich sehr kühl. Als aber ein Arm voll dürrer Weinreben die im Kamin aufgeschichteten großen Holzscheite hell entflammen machte, fühlte ich mich bald sehr behaglich. In unsere zwei bequemen Sessel von gebräuntem Leder ausgestreckt und die Füße am Feuer wärmend, sprachen wir von Gott. Da ich aber sehr müde war, beschränkte ich mich darauf, zuzuhören, ohne zu antworten. »Um zum Schlüsse zu kommen,« sagte Maucombe endlich, sich erhebend, »sind wir hier auf Erden, um durch unsere Werke, unsere Gedanken und Worte und durch unsern Kampf gegen die Natur Zeugnis dafür abzulegen, daß wir die uns auferlegte Last des Lebens würdig zu tragen wissen.« Und er schloß mit einem Zitat Josefs von Maistre: »zwischen Gott und dem Menschen steht nur der Stolz.« »Trotz alledem,« sagte ich zu ihm, »haben wir – verzogene Kinder dieser Natur, die Ehre, in einem Zeitalter des Lichts zu leben.« »Dem wir aber Ihn, der das Licht aller Zeiten ist, vorziehen sollen, erwiderte er lächelnd. Wir waren auf dem Treppenabsatz angekommen, unsere Kerzen in der Hand. Ein langer Gang trennte das Zimmer meines Wirtes von dem, das man mir bestimmt hatte. Er bestand darauf, mich dorthin zu führen. Wir traten ein, und er überzeugte sich selbst davon, ob mir nichts fehle; dann gaben wir uns die Hand und sagten gute Nacht – und dabei fiel der helle Schein meiner Kerze auf sein Gesicht. – Und plötzlich überfiel mich ein Gefühl des Grauens, das mich zittern machte! War es ein Sterbender, der da an meinem Bette stand? Die Gestalt dort vor mir war nicht, konnte nicht die meines lieben Wirtes sein? Oder wenn ich sie auch ungefähr erkannte, so war es mir doch, als habe ich sie erst in diesem Augenblicke so gesehen, wie sie in Wirklichkeit war. Eine Bemerkung wird mich verständlich machen, der Abbé erweckte in mir die Empfindung des zweiten Gesichtes, das mich im Anblick seines Hauses bereits überwältigt hatte. Das Antlitz meines Wirtes erschien mir verändert, sehr ernst und von einer wahren Totenblässe, die Augenlider waren gesenkt. Hatte er meine Gegenwart vergessen? Betete er? Seine Person erschien mir plötzlich von einer solchen Feierlichkeit umgeben, daß ich unwillkürlich die Augen schloß. Als ich sie nach ein paar Sekunden wieder öffnete, stand der Abbé immer noch da, aber nun war er wieder der Alte geworden, und sein freundliches Lächeln zerstreute sofort alle Unruhe in mir. Der wunderbare Eindruck, den er plötzlich auf mich gemacht, war zu kurz gewesen, um auch nur eine Frage an ihn richten zu können. Es war eine seltsame, rasch vorübergegangene Halluzination. Maucombe wünschte mir noch einmal gute Nacht und zog sich dann zurück. Nun war ich allein. »Schlafen, ich muß ordentlich schlafen, dachte ich, das ist's, was mir nottut.« Mir kamen indessen sofort Todesgedanken – dann aber erhob ich meine Seele zu Gott, und ich ging zu Bett. Eine der Eigentümlichkeiten eines übermüdeten Zustandes ist die Unmöglichkeit, gleich Schlaf zu finden. Alle Jäger haben diese Erfahrung gemacht. Es ist eine sehr bekannte Tatsache. Ich hoffte, rasch und tief einzuschlafen. Ich hatte große Hoffnungen auf eine gute Nacht gesetzt. Aber schon nach zehn Minuten bemerkte ich, daß meine nervöse Erregung sich nicht legen wollte. Ich glaubte, ein leises Tick-tack in dem Holzwerk, ein kurzes, gedämpftes Krachen in den Mauern zu vernehmen. Das waren ohne Zweifel die sogenannten Totenuhren. Jedes noch so kleine zufällige Geräusch durchzitterte meine Nerven wie ein elektrischer Schlag. Der Wind bewegte die dunkeln Äste der Bäume im Garten. Jeden Augenblick schlugen Efeuranken an mein Fenster. Ganz besonders war es der Gehörsinn, der sich peinlich geschärft hatte, eine Erscheinung, die Menschen, die am Verhungern sind, auch öfters beobachtet haben. »Ich habe zwei Tassen Kaffee getrunken,« sagte ich mir, »das ist es.« Ich richtete mich in meinen Kissen auf und blickte in das Licht der Kerze, die ich nicht verlöscht hatte, und die auf dem Tische neben meinem Bette stand. Unter halb geschlossenen Lidern sah ich daraufhin mit jener Starrheit des Blickes, die weit abirrende Gedanken dem Auge verleihen. Über dem Kopfende meines Bettes befand sich ein kleiner Weihwasserkessel, in dem ein Buchsbaumzweiglein steckte. Die heiße Stirn zu kühlen, benetzte ich meine Augenlider mit dem Weihwasser; dann löschte ich meine Kerze und schloß die Augen. Der Schlaf kam. Das Fieber ließ allmählich nach. Ich war im Begriffe einzuschlafen, als ein dreimaliges kurzes und gebieterisches Klopfen an meine Türe mich aufschreckte. »Hallo!« rief ich, jäh in die Höhe fahrend. Nun erst bemerkte ich, daß ich doch wohl schon tief geschlafen haben mußte. Ich wußte nicht, wo ich war. Ich glaubte in Paris zu sein. Es kommt öfters vor, daß man selbst nach einem kurzen Schlafe sich erst darauf besinnen muß, wo man sich befindet. Ich hatte übrigens auch fast in demselben Augenblicke die Ursache meines jähen Erwachens vergessen und streckte mich behaglich und sorglos aus, in der Hoffnung, bald wieder einzuschlafen. Dann fiel es mir plötzlich ein, daß es ja doch an meine Tür geklopft habe. »Ach so,« sagte ich mir, »nun, was für ein Besuch mag denn da sein?« Und jetzt erst wurde es mir bewußt, daß ich nicht in Paris sei, sondern mich in einem Pfarrhaus der Bretagne und bei dem Abbé Maucombe befände. In einem Augenblick war ich mitten im Zimmer. Das erste, dessen ich mir bewußt wurde, war, daß meine Füße sehr kalt wurden, und daß es ganz hell um mich war. Über der meinem Fenster gegenüber befindlichen Kirche stand der Vollmond am wolkenlosen Himmel, und sein Helles, bleiches Licht drang durch die leichten weißen Gardinen und erhellte das ganze Gemach. Es war gegen Mitternacht. Meine Gedanken waren krankhaft erregt. Was war das nur? Die scharf abgegrenzten Schatten aller Gegenstände erschienen mir so seltsam! Als ich mich der Türe näherte, glitt ein glutroter Schein durch das Schlüsselloch und irrte einen Augenblick über meine Hand und meinen Ärmel. Es war also doch jemand hinter der Türe, man hatte wirklich geklopft! Ich wollte schon öffnen, hielt aber plötzlich inne. Mich befremdete die Beschaffenheit des durch das Schlüsselloch dringenden Lichtscheines; er glich einem blutroten und kalten Fleck, der nicht die Kraft hatte, zu erhellen. Seltsam war es auch, daß aus dem Korridor unter der Türe her nicht der kleinste Lichtschimmer sichtbar ward. Wirklich, dieses rot leuchtende Schlüsselloch machte auf mich den Eindruck des phosphorisch glühenden Blicks einer Nachteule. In diesem Augenblick schlug die Kirchenuhr zwölfmal. »Wer ist da?« frug ich mit leiser Stimme. Der rote Schein verlöschte: – ich näherte mich der Türe, um sie zu öffnen, aber in demselben Augenblick ging sie von selbst langsam und leise weit auf. Vor mir in dem Korridor stand die hohe und schlanke Gestalt eines Priesters mit dem dreieckigen Barett auf dem Kopfe. Der Mond beleuchtete seine ganze Gestalt mit Ausnahme des Gesichtes, das im tiefsten Schatten blieb. Ich sah nur das Feuer seiner Augen, die mich mit feierlicher Unbeweglichkeit anblickten. Es war, als ob der Hauch einer andern Welt diesen seltsamen Besucher umwehte, seine unbewegliche, starre Haltung bedrückte meine Seele. Starr vor Schrecken, der sich zu einem wahren Angstparoxismus steigerte, blickte ich auf diese trostlose, schweigend vor mir stehende Gestalt. Plötzlich erhob der Priester langsam den Arm und zeigte mir einen schweren großen Gegenstand. Es war ein weiter, schwarzer Mantel, ein Reisemantel. Er hielt ihn mir hin, als ob ich ihn nehmen solle. Ich schloß die Augen, weil ich diesen Anblick nicht ertragen konnte. O, ich wollte nichts mehr sehen. Da flog plötzlich mit einem schrecklichen Schrei eine Eule zwischen uns auf, und der durch das Schlagen ihrer Flügel verursachte Lufthauch berührte meine Augenlider und machte, daß ich sie wieder aufschlug. Ich fühlte, wie der Nachtvogel durch das Zimmer flog. Vor Angst stöhnend, denn die Kraft zu schreien versagte mir, heftig schlug ich die Tür zu und drehte den Schlüssel um. Seltsamerweise war es mir, als ob dies alles vollständig geräuschlos geschähe. Es war mehr, als ich ertragen konnte! Ich erwachte. Ich saß mit weit ausgebreiteten Armen auf meinem Bett. Ich war eiskalt, meine Stirn war in Schweiß gebadet, und das Herz klopfte in heftigen Schlägen gegen meine Brust. »Ach,« sagte ich, »welch ein entsetzlicher Traum!« Und immer noch vermochte ich nicht ein quälendes Angstgefühl zu überwinden. Es dauerte länger wie eine Minute, ehe ich mich so weit erholt hatte, die Hand bewegen zu können, um nach Streichhölzern zu suchen. Mir war, als ob in der Dunkelheit eine eiskalte Hand die meine erfaßte und zärtlich drückte. Ich zitterte vor Erregung, als ich die Zündhölzer an dem eisernen Leuchter anstrich. Ich steckte die Kerze wieder an. Auf der Stelle fühlte ich mich dann wohler. Die göttliche Macht des Lichtes zerstreut die nächtlichen Nebel und verjagt böse Träume. Um mich völlig zu erholen, beschloß ich, ein Glas kaltes Wasser zu trinken und stand aus dem Bett auf. Als ich am Fenster vorbeikam, bemerkte ich, daß der Mond genau so stand, wie ich ihn im Traume gesehen hatte, obwohl ich ihn, als ich zu Bett ging, gar nicht bemerkt hatte, und als ich dann mit der Kerze in der Hand das Schloß der Türe untersuchte, stellte ich fest, daß der Schlüssel von innen umgedreht war, was ich vor dem Zubettegehen nicht getan hatte. Bei diesen Entdeckungen warf ich einen forschenden Blick um mich. Ich fing an, zu finden, daß diese Sache wirklich einen sehr unheimlichen Charakter habe. Ich legte mich wieder zu Bett und suchte mich davon zu überzeugen, daß dies alles ein Anfall von Somnambulismus sei. Aber es gelang mir nicht, mich zu beruhigen. Indessen übermannte meine Müdigkeit mich plötzlich, lullte meine schwarzen Gedanken ein, und trotz meiner Angst schlief ich plötzlich fest ein. Als ich erwachte, fiel heller Sonnenschein in mein Zimmer. Es war ein glücklicher Morgen. Meine über dem Bette hängende Uhr verkündete die zehnte Stunde. Was gibt es tröstlicheres, als den hellen Tag und die strahlende Sonne? Besonders wenn draußen alles von frischem Duft erfüllt ist, wenn eine leichte Brise das Laub der Bäume bewegt, wenn die Schlehdornhecken, die mit Blumen bedeckten Gräben feucht vom Morgentau sind! Ich kleidete mich schnell an und vergaß bald die unheimlichen Erlebnisse der Nacht. Vollständig erfrischt durch wiederholte Abwaschungen mit kaltem Wasser ging ich hinunter. Der Abbé Maucombe war im Eßzimmer; er saß vor dem gedeckten Tisch und las eine Zeitung, während er auf mich wartete. Wir drückten uns die Hand. »Nun, haben Sie gut geschlafen, mein lieber Xavier?« fragte er mich. »Ausgezeichnet,« antwortete ich gewohnheitsmäßig und ohne dem, was ich sagte, die geringste Aufmerksamkeit beizulegen. Die Wahrheit ist, daß mir plötzlich bewußt ward, einen ganz gewaltigen Appetit zu haben. Nanon trat ein und brachte uns das Frühstück. Während der Wahlzeit plauderten wir lebhaft, bald in ernster und bald in heiterer Weise; dieser Mann, der wie ein Heiliger lebte, verstand es, die Heiterkeit zu schätzen und auf andere zu übertragen. Plötzlich erinnerte ich mich meines Traumes. »Lieber Abbé,« rief ich, »da fällt mir ein, daß ich in dieser Nacht einen ganz eigentümlichen Traum gehabt habe, – von einer Seltsamkeit – ja, wie soll ich mich nur ausdrücken? Dieser Traum war wunderbar, ergreifend und erschreckend – wie Sie wollen. Urteilen Sie selbst darüber.« Und während ich mir einen Apfel schälte, schickte ich mich an, ihm die düstere Halluzination, die meinen Schlummer getrübt hatte, ausführlich zu erzählen. In dem Augenblick, wo ich ihm die seltsame Geste schildern wollte, mit der der Priester mir den Mantel angeboten hatte, öffnete sich die Türe des Eßzimmers. Nanon trat mit der den Haushälterinnen der Pfarrherren eigentümlichen Vertraulichkeit herein und unterbrach unser Gespräch ohne weiteres, indem sie mir ein Papier überreichte. »Es ist ein Eilbrief,« sagte sie, »den ein Bote in diesem Augenblick für den Herrn gebracht hat.« »Ein Brief! – Schon?« rief ich, meine Geschichte vergessend. »Was bedeutet das? ... Er ist von meinem Vater! Mein lieber Abbé, Sie gestatten wohl, daß ich ihn lese, nicht wahr?« »Aber gewiß,« sagte der Abbé Maucombe, gleichfalls meine Geschichte über dem Interesse vergessend, das er an dem Briefe nahm, »ganz gewiß, lesen Sie ihn schnell.« Ich öffnete also das Schreiben. Das Eintreten Nanons hatte unsere Aufmerksamkeit vollständig von dem abgelenkt, was ich meinem Wirte zu erzählen beabsichtigte. »Da haben wir's,« sagte ich sehr ärgerlich zu meinem Wirte, nachdem ich den Brief gelesen hatte, »das ist doch wirklich zu schade! Kaum angekommen, sehe ich mich gezwungen, schon wieder abzureisen ...« »Aber warum denn,« fragte Abbé Maucombe, seine Tasse niedersetzend, ohne daraus zu trinken. »Man schreibt, daß ich – und zwar sofort – in einer geschäftlichen Angelegenheit zurückkehren müsse. Es handelt sich um einen Prozeß von größter Wichtigkeit. Ich glaubte, daß diese Sache erst im Dezember vorkommen würde, nun aber schreibt man mir, daß dies schon in vierzehn Tagen geschehen wird, und da ich allein genau orientiert bin und weiß, welche Schritte getan werden müssen, damit wir die Sache gewinnen, ist es durchaus notwendig, daß ich sofort abreise ... Ach, wie ärgerlich das ist.« »Sicher, das ist ärgerlich, sehr, sehr ärgerlich! ...« sagte der Abbé. »Wenigstens müssen Sie mir aber versprechen, zu mir zurückzukehren, sobald diese Angelegenheit geordnet ist ... Die größte wichtigste Angelegenheit, mit der wir uns beschäftigen sollen, ist unser Seelenheil. Ich hoffte, Ihnen zur Erlangung des Ihren ein wenig behilflich sein zu können – und nun entschlüpfen Sie mir! Ich dachte, daß der liebe Gott selbst Sie zu mir geschickt habe.« »Mein lieber Abbé,« rief ich, »ich lasse Ihnen mein Gewehr hier. Ehe drei Wochen vorüber sind, bin ich wieder bei Ihnen, und ich werde dann gleich ein paar Wochen hier bleiben, wenn Sie mich haben wollen?« »So ziehen Sie denn in Frieden,« sagte der Abbé Maucombe. »Sehen Sie,« murmelte ich, »es handelt sich fast um mein ganzes Vermögen ...« »Unser Vermögen ist Gott,« meinte Maucombe. »Aber wovon sollte ich morgen leben, wenn ...« »Morgen lebt man nicht mehr,« sagte er. Bald darauf erhoben wir uns von Tische; mein formelles Versprechen, bald zurückzukehren, hatte uns ein wenig über den Strich durch alle unsere Pläne getröstet. Wir gingen im Obstgarten spazieren und besuchten alles, was zur Pfarrei gehörte. Nicht ohne Wohlgefallen zeigte mir der Abbé seine bescheidenen ländlichen Schätze. Während er dann sein Brevier las, ging ich allein in der Umgegend umher und atmete mit Entzücken die köstlich belebende reine Luft ein. Später erzählte mir Maucombe in fesselnder Weise von seiner Pilgerfahrt ins heilige Land. So verging der Tag nur zu schnell. Der Abend nahte, und die Sonne ging unter. Nach einem frugalen Abendessen sagte ich zum Abbé Maucombe: »Mein Freund, der Expreßzug geht pünktlich um neun Uhr ab. Der Weg zum Bahnhofe nimmt beinahe einundeinehalbe Stunde in Anspruch. Eine halbe Stunde brauche ich auch wohl, um meine Rechnung im Wirtshause zu begleichen und das Pferd dort abzugeben, das macht zwei Stunden; es ist jetzt sieben Uhr, ich muß Sie also sofort verlassen.« »Ich gehe ein Stück Wegs mit Ihnen,« sagte der Priester, »ein kleiner Spaziergang ist mir sehr gesund.« »Ehe ich es vergesse,« antwortete ich ihm, »hier ist die Adresse meines Vaters, bei dem ich in Paris wohne, es ist für den Fall, daß Sie mir schreiben wollen.« Nanon nahm die Karte und steckte sie an den Spiegel. Drei Minuten später verließen der Abbé und ich das Pfarrhaus und wanderten auf der zur Station führenden Chaussee dahin, selbstredend leitete ich mein Pferd am Zaum. Die Dämmerung war schon angebrochen, und wir zogen des Wegs wie zwei Schatten. Wir waren kaum fünf Minuten unterwegs, als sich plötzlich ein schrecklicher Wind erhob, der uns einen durchdringenden, eiskalten Staubregen entgegentrieb. Ich blieb rasch entschlossen stehen. »Alter Freund,« sagte ich zum Abbé, »nein, gewiß, ich darf es nicht leiden, daß Sie mich noch weiter begleiten. Ihr Leben ist kostbar, und dieser eiskalte Regen ist sehr schädlich. Kehren Sie um! Wirklich, dieses Wetter könnte Ihnen gefährlich werden. Gehen Sie nach Hause, ich bitte Sie darum.« Der Abbé dachte einen Augenblick nach – dann seiner Pfarrkinder gedenkend, gab er meiner Bitte nach. »Ich habe Ihr Versprechen, mein lieber Freund?« sagte er. Und als ich ihm die Hand reichte, fügte er hinzu: »Einen Augenblick. Ich denke daran, daß Sie noch einen weiten Weg vor sich haben, und daß dieser feine Regen wirklich durchdringend ist.« Er schauderte. Wir standen dicht beisammen und blickten einander an. In diesem Augenblicke ging hinter den die Hügel krönenden Föhren der Mond auf und erleuchtete das Gelände ringsum. Sein ernstes, blasses Licht übergoß die ganze Gegend mit einem bleichen Schein. Die Silhouetten unserer Schatten und die meines Pferdes zeichneten sich riesengroß auf der Landstraße vor uns ab. Seitwärts aber von den am Wege stehenden verfallenen Steinkreuzen, aus den in diesem Teile der Bretagne befindlichen alten Ruinen, in denen das lichtscheue Gesindel der Nachtvögel haust, vernahm ich einen schrecklichen, harten Schrei, die häßliche, alarmierende Stimme einer Eule. Und gleich darauf flog aus einer immergrünen Eiche, auf deren Ästen der Schein ihrer phosphorisch glühenden Augen zitterte, eine Eule auf. Sie nahm ihren Weg über die Straße, flog zwischen uns durch und stieß dabei fortwährend ihren durchdringenden, harten Schrei aus. »Sehen Sie,« sagte der Abbé Maucombe in überredendem Tone zu mir, »ich werde ja in ein paar Minuten wieder zu Hause sein, Sie aber haben einen weiten Weg vor sich. Also nehmen Sie – nehmen Sie, bitte, meinen Mantel. Es liegt mir sehr viel daran! ... Wirklich sehr viel! –« fügte er in unvergeßlichem Tone hinzu. »Sie können ihn mir ja durch den Burschen des Gasthofes, der alle Tage in unser Dorf kommt, zurückschicken ... Ich bitte Sie herzlich, nehmen Sie meinen Mantel.« Als der Abbé diese Worte sprach, hielt er mir seinen langen schwarzen Mantel hin. Ich konnte sein Gesicht nicht erkennen wegen des tiefen Schattens, den sein dreieckiges Barett darüber warf, und ich unterschied nur seine Augen, die mich mit feierlicher Eindringlichkeit anschauten. Er warf den Mantel über meine Schultern, knöpfte ihn zu und hüllte mich mit zärtlich beunruhigter Miene hinein, während ich völlig widerstandslos und mit gesenkten Lidern dastand. Mein Schweigen benutzend, drückte er noch einmal meine Hand und eilte dann rasch seiner Wohnung zu. Bei der Wendung des Weges entschwand er meinen Blicken. Fast maschinenmäßig bestieg ich mein Pferd, ich war wie versteinert. Jetzt ritt ich ganz allein des Wegs. Vom Felde her drangen zirpende Geräusche zu mir hin. Als ich die Augen erhob, sah ich, wie über dem durchsichtig klaren Himmel plötzlich ein Heer düsterer Wolken heranstürmte, das den Mond versteckte. »Ruhig,« sagte ich mir, »vor allen Dingen Ruhe! – Ich habe Fieber, das ist alles!« Aber es lag wie eine schwere Last auf mir, die ich nicht abzuschütteln vermochte. Dann geschah es, daß ein Zug von Fischadlern mit starkem Flügelschlag und lautem, durchdringendem Geschrei über mich hinzog. Sie ließen sich auf dem Dache des Pfarrhauses und des Glockenturmes der Kirche nieder, und der Wind trug das traurige Geräusch ihrer kreischenden Stimmen zu mir hin. Wahrhaftig, ich hatte Angst. Und warum? Wer vermag es mir zu deuten? Ich bin im Krieg gewesen, mein Degen hat sich wiederholt mit dem mir ebenbürtiger Gegner gekreuzt, meine Nerven sind vielleicht erprobter wie die so manchen ruhigen Phlegmatikers, und dennoch, ich gestehe es ganz demütig, ich hatte Angst! Und ich kann mich darum nicht geringer achten. Wohl dem, der es vermag, derartigen Dingen kalt gegenüberzustehen. Schweigend gab ich meinem armen Pferde die Sporen, und die Finger in seine Mähne verkrallend, mit verhängten Zügeln, geschlossenen Augen und wehendem Mantel fühlte ich, wie das gute Tier lief, so rasch es konnte. Es rannte wie rasend dahin, und das dumpfe Stöhnen, das sich so nahe seinem Ohr von Zeit zu Zeit meiner Brust entrang, trug vielleicht dazu bei, es instinktiv ebenfalls mit dem abergläubischen Grauen zu erfüllen, das mich zittern machte. Wir erreichten in weniger als einer halben Stunde das Ziel. Beim Geräusch der Hufe auf dem Pflaster der kleinen Stadt hob ich den Kopf und atmete tief auf. Endlich! Ich sah Häuser! Erleuchtete Läden! Gestalten meinesgleichen hinter den Fenstern! Ich sah Leute vorübergehen! ... Ich kehrte in das Land der Wirklichkeit zurück. In dem Wirtshause angekommen, setzte ich mich vor ein gutes Feuer. Die Unterhaltung der Fuhrleute entzückte mich. Mir war, als sei ich dem Tode entronnen. Ich sah dem Spiel der Flammen zu. Ich trank ein Glas Rum, und ich erlangte allmählich wieder den Vollbesitz meiner geistigen Kräfte. Ich fühlte mich in das wirkliche Leben zurückgekehrt. Ehrlich gesagt, schämte ich mich ein wenig meiner Panik. Nachdem ich also wieder ganz ruhig geworden, dachte ich an den Auftrag des Abbé Maucombe. Mit einem etwas überlegenen weltmännischen Lächeln prüfte ich seinen schwarzen Mantel, als ich ihn dem Gastwirt übergab. Die Halluzination war zerstoben. Ich hätte nun gern, wie Rabelais sagt, den »guten Kameraden« gespielt. Der in Frage stehende Mantel erschien mir in keiner Weise ungewöhnlich, es sei denn, daß er sehr alt und abgetragen, viel geflickt und mit einer beinahe lächerlichen Peinlichkeit ausgebessert und wieder aufgefrischt war. Zweifellos gab der Abbé Maucombe in seiner großen Herzensgüte zu viel Almosen an die Armen, um sich einen neuen Mantel kaufen zu können. Wenigstens erklärte ich mir die Sache auf diese Art. »Das trifft sich gut!« – sagte der Wirt, »der Hausbursche wird gleich ins Dorf gehen, er ist im Begriff, aufzubrechen; da kann er schon vor zehn Uhr im Vorübergehen den Mantel im Pfarrhause abgeben.« Eine Stunde später saß ich, die Füße auf der Wärmflasche und behaglich in meinen Reisemantel gehüllt, in meinem Waggon, steckte mir eine gute Zigarre an, und als ich das schrille Pfeifen der Lokomotive vernahm, sagte ich mir: »Auf jeden Fall höre ich das viel lieber als das Geschrei der Eule.« Ich muß gestehen, daß ich es beinahe bedauerte, versprochen zu haben, schon sobald wiederzukommen. Dann aber fiel ich in festen Schlaf und vergaß darüber vollständig, länger an dies wunderbare Übereintreffen seltsamer Zustände zu denken. Sechs Tage hatte ich in Chartres zu tun; um die notwendigen Beweisstücke zu bringen, die dann auch den günstigen Schluß unseres Prozesses herbeiführten. Mein Kopf war ganz eingenommen von Akten und Rechtshändeln, und ziemlich abgespannt kam ich sieben Tage nach meiner Abreise in das Pfarrhaus wieder in Paris an. Ich ging direkt nach Hause, es war gegen neun Uhr. Ich stieg die Treppe hinauf. Ich fand meinen Vater im Salon. Er saß vor einem Pfeilertische, auf dem eine brennende Lampe stand, und hielt einen Brief in der Hand. Nach der ersten Begrüßung sagte er: »Du weißt sicher noch nicht, welche traurige Nachricht mir dieser Brief bringt! Unser guter, alter Abbé Maucombe ist gestorben, nachdem du ihn kaum verlassen hast.« Mich durchfuhr es bei diesen Worten, als ob ich einen elektrischen Schlag bekommen hätte. »Was?« stieß ich hervor. »Ja, er ist tot. Vor zwei Tagen, gegen Mitternacht, drei Tage nach deiner Abreise aus dem Pfarrhause ist er an den Folgen einer Erkältung gestorben, die er sich an einem kühlen Abend zugezogen hat. Dieser Brief ist von der alten Nanon. Die arme Frau scheint den Kopf vollständig verloren zu haben, sie wiederholt in einem Satze ein paarmal dasselbe ... eigentümlich ... es handelt sich um einen Mantel ... Lies doch selbst ...« Er reichte mir den Brief, in dem uns der Tod des frommen Priesters angezeigt wurde – und ich las folgende einfache Zeilen: »Seine letzten Worte waren, daß er sich unendlich glücklich preise, von dem Mantel umhüllt zu sterben, den er von seiner Pilgerfahrt nach dem heiligen Lande mitgebracht, und der das Grab des Erlösers berührt habe.« Die Königin Isabeau Der Wächter des Palastes erzählt, daß die Königin Nitoeris, »die Schöne mit den Rosenwangen«, Witwe Papis I., von der zehnten Dynastie, um den Mord ihres Bruders zu rächen, die Verschworenen eingeladen habe, mit ihr in einem unterirdischen Saale ihres Palastes in Azuak zu Abend zu speisen, daß sie dann aus dem Saale verschwunden sei und plötzlich die Wasser des Niles unaufhaltsam hineingedrungen seien. Manetrou Im Jahre 1404 bewohnte Isabeau, die Gemahlin König Karls VI., die Regentin von Frankreich, das alte Hotel Montagu, ein Palast, der heute bekannter unter dem Namen Hotel Barbette ist. Von dort aus wurden die berühmten Schifferstechen bei Fackelschein auf der Seine ausgeführt; fast jede Nacht brachte ein anderes Fest: Konzerte, Aufführungen und Bälle folgten einander in ununterbrochener Reihe und zeichneten sich nicht nur durch die Schönheit der Frauen und jungen Kavaliere, sondern auch durch den unerhörten Luxus aus, den der Hof dabei entfaltete. Die Königin Isabeau hatte soeben eine neue Mode eingeführt: Kleider, deren Leibchen so tief ausgeschnitten waren, daß sie den Busen frei ließen; ein sehr feines, aus mit Edelsteinen besetzten Bündchen hergestelltes Netz verhüllte ihn kaum. Dazu kamen diese übertrieben hohen Frisuren, die es notwendig machten, die Eingänge der Türen zu erhöhen. Tagsüber war der nahe beim Louvre gelegene Saal und die mit Orangenbäumen geschmückte Terrasse des Herrn Escaballa, des Goldschmieds des Königs, der Ort des Stelldicheins der Höflinge. Es wurde dort sehr eifrig gespielt, und manchmal würfelten die jungen Kavaliere um Einsätze von erschreckender Höhe. Man vergeudete dort die so mühsam von dem ökonomischen Karl V. angesammelten Reichtümer. Wenn dann das Geld anfing, knapp zu werden, legte man dem Volke ohne Gnade und Barmherzigkeit neue Steuern, Subsidien und Abgaben aller Art auf. Man lebte toll in den Tag hinein. – Nur einer war es, der nicht teil an dem am Hofe herrschenden Treiben nahm, und der es nicht duldete, daß in seinen Landen dem Volke neue Lasten auferlegt wurden; das war Julius von Nevers, Graf von Flandern und von Artois, Baron von Réthel, Pfalzgraf von Mecheln, Pair von Frankreich und Vetter des Königs. Das Konzil von Konstanz hatte ihn zum Chef der Armeen ernannt, dem man blinden, unbedingten Gehorsam schuldete, und ihn zugleich als ersten Lehnsherrn des Königs anerkannt. Er war Erbherzog von Burgund und der künftige Held von Nicopolis – des Sieges von Hesbaie –, wo er, obwohl die Flamländer ihn im Stiche ließen, dennoch Frankreich von dem Feinde befreite und sich den Beinamen »ohne Furcht« errang. Es war in jenen Tagen, als der Sohn Philipps des Kühnen und Margaretens II., Johann »ohne Furcht« schon daran dachte, sein Vaterland zu retten, und Heinrich von Daby, dem Graf von Hereford und Lankaster, dem Fünften dieses Namens, und König von England, Trotz zu bieten. Als dieser König dann später einen Preis auf seinen Kopf setzte, fand er in Frankreich keinen Schutz, sondern wurde als Verräter erklärt. In jenen Tagen war es auch, wo man zum ersten Male, freilich noch in etwas linkischer Weise mit den von Odette de Champ-d'Hiver nach Frankreich eingeführten Karten zu spielen begann. Überall wurden Wetten eingegangen; man trank die aus den besten Lagen Burgunds bezogenen Weine. Die neuen Wettgesänge und Ringellieder (Zweiversgedichte) des Herzogs von Orlèans (einer der Sänger der Lilien, denen man die schönsten Poesien verdankte) ertönten überall. Man plauderte über Moden und die Kunst der Waffenschmiede; oft auch ergötzte man sich damit, unzüchtige Couplets zu singen. Vie Tochter des schon erwähnten, reichen Goldschmiedes, Berenice Escaballa, war ein selten schönes und sehr liebenswürdiges Mädchen. Ihr leuchtendes Auge, ihr jungfräuliches Lächeln machte den ganzen Schwarm der im Hause ihres Vaters verkehrenden Kavaliere zu ihren Verehrern. Es war jedoch allgemein bekannt, daß sie keinen von ihnen bevorzugte, sondern allen mit gleicher, kühler Freundlichkeit entgegenkam. Nun ereignete es sich, daß eines Tages der junge Stiftsamtmann de Maulle, der bevorzugte Liebling Isabeaus, nach einem Trinkgelage es sich in der Weinlaune einfallen ließ, eine Wette darauf einzugehen, daß es ihm gelingen werde, über die unerschütterliche Tugend der Tochter des Meisters Escaballa zu triumphieren, und daß sie ihm in kurzer Frist angehören werde. Er hatte diese törichten, prahlerischen Worte in einer Gesellschaft von Lebemännern und Höflingen ausgesprochen, die alle stark gezecht hatten; aber trotzdem es laut und lärmend genug herging, hatte man die vorgeschlagene Wette vernommen und angenommen. Sie sprach sich rund und kam auch zu den Ohren des Herzogs von Orléans. Ludwig von Orléans, der Schwager der Königin, war in der ersten Zeit ihrer Regentschaft von Isabeau mit einer leidenschaftlichen Liebe ausgezeichnet worden. Er war ein geistreicher frivoler Fürst, dabei aber von düstrer Sinnesart. Zwischen ihm und Isabeau von Bayern bestand eine so überraschende Ähnlichkeit der Naturen, daß ihr Verhältnis beinahe wie ein Inzest erschien. Immer wieder flammte von Zeit zu Zeit die Zärtlichkeit für den Geliebten früherer Tage in Isabeaus Herzen auf. Stets behielt der Herzog einen bestimmenden Einfluß auf sie, übte eine Macht aus, der sie nicht zu widerstehen vermochte, selbst als sie in spätem Zeiten kaum mehr Sympathie für ihn empfand. Der Herzog überwachte die Günstlinge seiner Schwägerin. Sobald dann die Intimität ihrer Verehrer dem Einfluß, den er selbst auf die Königin ausübte, gefährlich zu werden drohte, wußte er ein rasches Ende dieser zärtlichen Verhältnisse herbeizuführen. In der Wahl der Mittel dazu war er nicht skrupulös – sie waren fast immer tragisch. Er trug Sorge dafür, daß der königlichen Freundin des Stiftsamtmannes von Maulle dessen leichtsinnige, in Weinlaune eingegangene Wette schleunigst hinterbracht wurde. Isabeau lächelte, scherzte darüber und schien der ganzen Sache nicht die geringste Aufmerksamkeit beizulegen. Die Königin hatte ihre Vertrauten, durch deren Hilfe es ihr gelang, in Besitz jener geheimnisvollen Mittel des Orients zu kommen, vermittels deren sie die Leidenschaft ihrer Liebhaber und das glühende Verlangen nach ihrem Besitz aufs äußerste zu steigern wußte. Eine zweite Kleopatra war sie, mehr dazu geeignet, einem Liebeshofe zu präsidieren und neue Moden zu schaffen, als den Engländern den Boden ihres Landes streitig zu machen. Bei dieser Gelegenheit zog sie jedoch den Rat ihrer Vertrauten nicht ein, selbst nicht den Arnold Guilhems, ihres Alchimisten. Kurz darauf verbrachte Herr von Maulle die Nacht bei der Königin im Hotel Barbette. Es war schon sehr spät; erschöpft von den Genüssen der Lust schlummerten die Liebenden ein. Plötzlich schrak Herr von Maulle auf, er glaubte von Paris her den düstern Ton der Sturmglocke zu vernehmen. Er richtete sich auf. »Was ist das?« fragte er. »Nichts. – Kümmre dich nicht darum! ...« antwortete Isabeau munter und ohne die Augen zu öffnen. »Nichts, meine schöne Königin? – Ist das nicht die Sturmglocke?« »Ja ... vielleicht. – Was soll das, mein Freund?« »Es scheint, daß ein Feuer ausgebrochen ist ...« »Ich träumte grade davon,« sagte Isabeau. Ein reizendes Lächeln umspielte die Lippen der schönen Frau und enthüllte ihre weißen Perlenzähne. »Und in meinem Traume,« fuhr sie fort, »sah ich, daß du es warst, der das Feuer angelegt hatte! Ich sah es ganz deutlich, mein Liebling, wie du die Brandfackel in die Öl- und Futtermagazine schleudertest.« »Ich?« »Ja, du.« (Sie sprach in schmachtendem, die Worte schleppendem Ton.) »Du stecktest das Haus des Herrn Escaballas, meines Goldschmiedes, an, und weißt du, es geschah nur, um Gelegenheit zu haben, die Wette zu gewinnen, die du eingegangen – du erinnerst dich ihrer doch?« Herr von Maulle riß die Augen weit auf. Er fühlte sich von einer unbestimmten Unruhe ergriffen. »Welche Wette? Träumst du nicht noch immer, mein schöner Engel?« »Aber – hast du wirklich vergessen, daß du gewettet hast, der Geliebte der schönen Tochter Escaballas, der kleinen Berenice mit den schönen Augen zu werden? Oh, welch gutes und schönes Mädchen das ist, nicht wahr?« »Was redest du da, meine liebe Isabeau?« »Solltest du mich wirklich nicht verstanden haben, mein Herr und Gebieter? Ich träumte also, daß du das Haus meines Goldschmieds in Brand gesteckt hättest, um während der Feuersbrunst hineinzudringen und seine Tochter zu entführen und zu deiner Geliebten zu machen – alles nur, um deine Wette zu gewinnen.« Der Schein der nicht allzufernen Feuersbrunst erleuchtete die Fenster des Zimmers; er übergoß den Hermelin des königlichen Bettes mit blutroten Tönen, die Lilien der Wappenschilder und die in den Emailvasen welkenden Blumen erschienen von heller Glut übergossen und rot leuchteten auch die zwei auf der mit Wein und Früchten beladenen Kredenz stehenden goldnen Trinkschalen. »Ach! ich erinnre mich,« sagte endlich halblaut der junge Mann, »es ist wahr – ich versuchte auf diese Weise die allgemeine Aufmerksamkeit von unserm Verhältnis abzulenken! – Aber sieh nur, Isabeau! Das ist wirklich ein großes Feuer, und es scheint ganz in der Nähe des Louvre zu sein.« Bei diesen Worten richtete sich die Königin halb auf, und ohne zu sprechen blickte sie den Geliebten lange und forschend an. Dann schüttelte sie den Kopf und drückte lächelnd einen leichten Kuß auf die Lippen des jungen Mannes. »Das alles kannst du dem Meister Cappeluche erzählen, wenn er dich in einigen Tagen auf dem Grèveplatz rädern wird. Du bist ein häßlicher Brandstifter, mein Liebster!« Und sich völlig bewußt, daß der berauschende Duft ihres mit den köstlichen orientalischen Essenzen durchtränkten schönen Körpers die Sinneslust des Geliebten bis zur Tollheit erregen und seine Denkkraft lähmen mußte, drängte sie sich fest, fest an ihn heran. Die Sturmglocke fuhr fort zu läuten. Aus der Ferne ertönte das Geschrei des Volkes. Er antwortete in scherzendem Tone: »Immerhin müßte man mir das Verbrechen beweisen?« Und er gab ihr den Kuß zurück. »Es beweisen, Böser du?« »Zweifellos?« »Könntest du die Zahl der Küsse beweisen, die du von mir erhalten hast? Ebensowohl könntest du die durch den Sommerabend gaukelnden Schmetterlinge zählen.« Er verlor sich im Anschauen seiner Geliebten, die so schön und so seltsam bleich aussah, die sich ihm eben erst ganz geschenkt, mit der er in Wollust geschwelgt, und die ihm die wunderbarsten Genüsse der sinnlichen Freuden offenbart hatte. Er erfaßte ihre Hand. »Das ist ja doch eine sehr einfache Sache,« fuhr lächelnd die junge Frau fort. »Wer anders als du könnte ein Interesse an dieser Feuersbrunst haben, die dir eine so seine Gelegenheit bietet, die Tochter Escaballas zu entführen? Du hast dein Wort in einer Wette verpfändet! Und es würde dir unmöglich sein, dein Alibi zu beweisen. Du begreifst doch, daß diese Umstände völlig genügen werden, dich vor das Gericht des Chatelet zu bringen. Man stellt zuerst ein kleines Kreuzverhör an mit dir, und dann ...« (sie gähnte leicht) »nun, dann tut die Tortur das übrige.« »Warum könnte ich mein Alibi nicht nachweisen?« fragte der Stiftamtmann. »Törichter Knabe, weil du bei Lebzeiten Karls VI. zu dieser Stunde in den Armen der Königin von Frankreich gelegen hast.« In der Tat, wenn eine solche Anklage gegen ihn ergehen sollte, würde ihm ein schrecklicher Tod gewiß sein. »Das ist wahr,« sagte Herr von Maulle, sich ganz dem Zauber des sanften Blickes seiner schönen Herrin hingebend. Und er berauschte sich in der Umarmung dieses jungen üppigen Weibes, dessen herrliches, aufgelöstes Goldhaar sie wie ein Schleier von Sonnenstrahlen umleuchtete. »Das sind Träume,« sagte er. »O du mein süßes Leben! ...« Sie hatten am Abend vorher musiziert; seine Laute lag auf einem Kissen neben dem Bett. Mit grellem Klang zersprang plötzlich ganz von selbst eine der Saiten des Instruments. »Schlafe wieder ein, mein Engel! Du bist noch müde!« sagte Isabeau und bettete das Haupt des jungen Mannes sanft an ihrem Busen. Das Geräusch der zerspringenden Saite hatte ihn zittern gemacht; Verliebte sind abergläubisch. Am nächsten Morgen schon wurde der Stiftsamtmann Maulle verhaftet und in ein Gefängnis des großen Chatelet geworfen. Er wurde der Brandstiftung beschuldigt, und alles vollzog sich genau so, wie die königliche Zauberin es ihm vorher gesagt hatte. Es war dem Stiftsamtmann von Maulle unmöglich, sein Alibi zu beweisen. Er wurde zum Tode durch das Rad verurteilt, nachdem man ihn einem hochnotpeinlichen Verhör und danach der Tortur unterworfen hatte. Alle den Brandstiftern zur Strafe zuerkannte Schmach, der schwarze Schleier usw., nichts, nichts wurde ihm erspart. An dem zur Hinrichtung bestimmten Tage trug sich indessen ein höchst seltsames Ereignis zu. Der Advokat des jungen Mannes, dem dieser alles gestanden hatte, hatte eine tiefe Liebe für ihn gefaßt. Da es ihm nicht gelang, die Unschuld Herrn von Maulles zu beweisen, beschloß er, ihn durch eine heroische Tat zu retten. Am Morgen der Hinrichtung kam er in das Gefängnis des Verurteilten und verhalf diesem dadurch zur Flucht, daß er die Kleider mit ihm wechselte. Der Stiftsamtmann entkam unangefochten, während der Advokat an seiner Stelle im Kerker zurückblieb. Noch vollständig gebrochen und an allen Gliedern von den Qualen der Tortur verletzt, gelang es dem Herrn von Maulle dennoch, über die Grenze zu entweichen. Er ist im Exil gestorben. Aber der Advokat wurde statt seiner festgehalten. Als die schöne königliche Freundin des Herrn von Maulle die Flucht des jungen Mannes erfuhr, empfand sie nur einen sehr lebhaften Ärger darüber. Sie konnte es dem Verteidiger ihres Freundes nicht vergeben, daß er ihm dazu behilflich gewesen. Damit aber der Name des Herrn von Maulle aus der Liste der Lebenden ausgestrichen werde, befahl sie, daß die Hinrichtung dennoch vollzogen, und daß der mutige Rechtsgelehrte für den Stiftsamtmann den Tod erleiden solle. So ist es geschehen, daß der Advokat auf dem Grèveplatz an Stelle des Herrn von Maulle gerädert wurde. Betet für beide. Das Recht der Vergangenheit Es war am 21. Januar 1871, als Paris, bedrängt von dem ungewöhnlich strengen Winter, entkräftet durch den Hunger und ermattet durch die blinden, stets zurückgeschlagenen Ausfälle und den ewigen Anblick der schier uneinnehmbaren Stellungen, von denen aus der Feind ungestraft seine Bomben warf, endlich mit fieberzitternder, blutender Hand die weiße Flagge hißte, die den Kanonendonner sofort verstummen machte. Von einem Hügel aus beobachtete der Kanzler der deutschen Verbündeten die Hauptstadt. Als er plötzlich durch den eiskalten Nebel und den Rauch die Fahne bemerkte, stieß er rauh den Feldstecher ineinander, wandte sich zu dem Großherzog von Mecklenburg-Schwerin, der neben ihm stand, und sagte: » Das Tier ist tot! « Der Gesandte der Regierung der nationalen Verteidigung, Jules Favre, war durch die deutschen Vorposten gekommen. Von einer militärischen Eskorte geleitet, überall mit lärmendem Zuruf empfangen, war er durch die Linien bis zum Hauptquartier der deutschen Armee gelangt. Man erinnerte sich wohl noch jener Zusammenkunft im Schloß von Ferrières in dem von Schutt und Trümmern erfüllten Saale, wo er früher schon eine erste Annäherung versucht hatte. Heute trafen sich die Bevollmächtigten der beiden feindlichen Nationen in einem düstern Königssaale, in dem trotz des brennenden Feuers eine eisige Kälte herrschte. Favre saß nachdenklich vor dem Tische und ertappte sich während der Unterredung dabei, daß er schweigend den Grafen von Bismarck-Schönhausen beobachtete, der hoch aufgerichtet vor ihm stand. Die kolossale Gestalt des Paladins des Deutschen Reiches, der Generalsuniform trug, warf ihren Schatten auf den Fußboden des zerstörten Saales. Die Spitze seines stählernen, von dem weißen Roßhaarschweif umwallten Helmes funkelte im Lichte des Kaminfeuers. An der Rechten trug er den schweren Siegelring mit dem siebenhundert Fahre alten Wappen der Stiftsamtmänner des Bistums Halberstadt, die später zu Baronen ernannt wurden, das Treff-Kleeblatt der Bistum -Mark mit der alten Devise: »In trinitate robur« . Sein Militärmantel war über einen Stuhl geworfen, und der Widerschein seines weinroten Aufschlages ließ den alten Schmiß auf seiner Wange blutrot erglühen. Er trug lange Stahlsporen mit feingeputzten Kettchen, gegen die ab und zu sein langer Schleppsäbel mit leise klirrendem Klange anstieß. Hoch auf richtete er sein stolzes Bulldoggenhaupt, der Wächterhund des deutschen Hauses, dessen Schlüssel »Straßburg« er soeben zurückgefordert hatte. Die ganze Persönlichkeit dieses eiskalten Mannes schien eine Verkörperung seines Wahlspruches: »Niemals genug!« zu sein. Die Faust auf den Tisch gestützt, sah er, ohne auf den Gesandten vor sich zu achten, durch den bleifarbenen Nebel in die Weite hinaus, als wolle er dort seinen eisernen, mächtigen Willen die Flügel ausbreiten sehen, so wie der schwarze Adler seines Banners tut. Er hatte gesprochen. Und durch seine Rede klang es von Übergabe der Armee und der Festungen, von ungeheuren Kriegsentschädigungen, von der Abtretung zweier Provinzen – – – Und im Namen der Menschlichkeit hatte dann der republikanische Minister Apell an die Großmut des Siegers erhoben, dieses Siegers, der nur zu wohl sich erinnerte, wie Ludwig XIV. den Rhein überschritt und auf deutschem Boden von Sieg zu Sieg eilte – wie Napoleon Preußen beinahe von der europäischen Karte gestrichen hatte; dieses Siegers, der an Lützen und Hanau, an das ausgeplünderte Berlin und an Jena dachte. Fernes Grollen der Artillerie, dem Echo des Donners vergleichbar, übertönte die Stimme des Parlamentärs, dem es plötzlich jäh ins Gedächtnis kam, daß heute ja der Jahrestag des Morgens sei, an dem der König von Frankreich vom Schafott herab an die Großmut seines Volkes appellierte, bis Trommelwirbel das Geräusch seiner Stimme übertönte. Unwillkürlich zitterte Favre über dieses seltsame Zusammentreffen, an das bisher sicher niemand gedacht hatte. Die Geschichte aber sollte den 21. Januar 1871 als denjenigen Tag bezeichnen, an dem Frankreich kapitulierte und seinen Degen senkte. Und als ob das Schicksal noch einmal in grausamer Ironie die Zahl des Tages, an dem der Königsmord sich vollzogen, wiederholen wollte, erhielt der französische Gesandte auf seine Frage, wieviel Tage Waffenstillstand bewilligt würden, die feste Antwort des Reichskanzlers: »Einundzwanzig, nicht einen mehr.« Der Vertreter Frankreichs mit dem Arbeiternamen, dessen Herz von heißer Liebe für sein Vaterland erfüllt war, und der mit eingefallenen Wangen und ernstem Antlitz im Namen des Volkes das Wort führte, senkte zitternd das Haupt. Zwei Tränen – so rein wie die, welche ein Kind beim Anblick seiner sterbenden Mutter vergießen würde, drängten sich aus seinen Augen und rollten langsam bis zu den Winkeln seines fest zusammengepreßten Mundes. Denn wenn es etwas gibt, was das Herz auch des skeptischsten Franzosen erbeben macht, so ist es, wenn der Stolz des Fremden sein Vaterland verletzt. *   *   * Der Abend brach an, die ersten Sterne funkelten. Nachdem die Herren einen eiskalten Gruß miteinander gewechselt, blieb der Vertreter Frankreichs allein in dem denkwürdigen Saale zurück. Er versank in tiefes Grübeln. Und da geschah es, daß eine Erinnerung in ihm erwachte, die ihm das zufällige Übereinstimmen der Daten, das er schon vorher bemerkt hatte, ganz außerordentlich erscheinen ließ. Es war die Erinnerung an eine seltsame Geschichte, an eine Art moderner Legende, die durch verschiedene Zeugen und Umstände glaubwürdig gemacht wurde, und in die er selbst auf eine ganz merkwürdige Art hineingezogen worden war. An irgendeinem Tage des Jahres 1833 war ein Unglücklicher, unbekannten Ursprungs, den man aus einer kleinen Stadt der Provinz Sachsen ausgewiesen hatte, nach Paris gekommen. Er konnte sich nur ganz mangelhaft in der französischen Sprache ausdrücken; abgemagert, verfallen, ohne Obdach und ohne Geldmittel, hatte er den Mut, zu erklären, er sei der Sohn des Mannes, dessen königliches Haupt am 21. Januar 1793 auf der Place de la Concorde unter dem Beile des französischen Volkes fiel. Er sagte, daß man die Leiche irgendeines Unbekannten untergeschoben und für die des Thronfolgers ausgegeben habe, daß aber, dank der treuen Ergebenheit zweier Edlen, der Dauphin von Frankreich tatsächlich aus den Mauern des »Temple« gerettet worden, und daß er selbst dieser königliche Flüchtling sei. Nach tausend widrigen Zufällen, nach Krankheit und tiefstem Elend sei er nun endlich zurückgekehrt, um seine Identität zu beweisen. Dieser Mann, der in »seiner« Hauptstadt nichts fand als ein elendes Lager – aus Mitleid, den man nicht als einen Wahnsinnigen, sondern als Lügner und Betrüger betrachtete, beanspruchte als rechtmäßiger Erbe die Krone von Frankreich! Niedergebeugt, weil die öffentliche Meinung ihn fast allgemein verurteilte, weil er nirgends angehört, überall zurückgestoßen wurde, verließ dieser Mann im Jahre 1845 Frankreich, um traurig und einsam in Delft in Holland zu sterben. Wer das Trauerspiel des Lebens dieses Unglücklichen kannte, dem war es, als sei er einer jener Ausgestoßenen, denen das Schicksal zugerufen: »Ich will dein Antlitz mit meinen ehernen Fäusten zerschlagen, so daß deine eigene Mutter dich nicht wieder erkennen soll.« Das Merkwürdigste an der ganzen Geschichte aber war die Tatsache, daß die Regierung der Niederlande mit der ausdrücklichen Zustimmung König Wilhelms II. plötzlich diesen rätselhaften Fremden mit königlichen Ehren bestatten ließ und offiziell die Erlaubnis gab, daß man folgende Inschrift auf sein Grab setzte: »Hier ruht Karl Ludwig von Bourbon, Herzog der Normandie, Sohn des Königs Ludwig XVI. und der Marie Antoinette von Österreich, König von Frankreich, der XVII. seines Namens.« Was hatte das zu bedeuten? Dieses Begräbnis, das die ganze Welt und die Geschichte der Lüge zieh, vollzog sich in aller Stille in Holland wie ein düsterer Traum, den man am besten vergißt. Diese unerwünschte Parteinahme des Auslandes konnte nur das berechtigte Mißtrauen noch verstärken; man fluchte über diese unerhörte Anklage. Wie sich die Angelegenheit nun immer verhalten mochte: der geheimnisvolle, verbannte und kummerbeladene Mann hatte eines Tages den damals schon sehr berühmten Advokaten, der heute Friedensvermittler des besiegten Frankreichs war, besucht. Der rätselhafte Prätendent hatte den Rat des republikanischen Redners in Anspruch genommen und ihm die Vertretung seiner Sache übergeben. Und wie durch ein Wunder war die anfängliche Gleichgültigkeit, ja die fast feindliche Stimmung des künftigen Volkstribunen bei der Durchsicht der ihm vorgelegten Dokumente und Papiere gewichen und hatte einem tiefen Interesse Platz gemacht. Erschüttert, tief ergriffen und – ob mit Recht oder Unrecht, was tut's? – vollständig von dem Rechtsanspruche seines Klienten überzeugt, hatte Jules Favre die Sache desselben vertreten; er hat sie dreißig Jahre lang geführt und mit ganzer Energie und vollster Überzeugung dafür gekämpft. Und von Jahr zu Jahr waren seine Beziehungen zu dem Geächteten inniger geworden, so daß, als eines Tages der Verteidiger seinen seltsamen Klienten in England besuchte, dieser, der sein nahes Ende wohl ahnte, ihm als Zeichen seiner Freundschaft und Dankbarkeit einen alten, mit Lilien geschmückten Ring schenkte, über dessen Ursprung er nichts weiter sagte. Es war ein goldener Siegelring. Auf einem großen Opale, der einen rubinartigen Glanz hatte, war ursprünglich das Wappen der Bourbonen, drei goldene Lilien auf azurblauem Felde, eingraviert. Damit aber der Republikaner ohne Skrupel dies Pfand der Freundschaft tragen könne, hatte der Geber so viel wie möglich das königliche Wappen verwischen lassen. Das Bild der Bellona, die den Bogen spannt, verdeckte die ursprüngliche Gravierung. Wie nun die Biographen berichten, hatte dieser nebelhafte Kronprätendent von Zeit zu Zeit Visionen, ja, er glaubte, göttliche Eingebungen zu empfangen. Ganz besonders aber soll er mit einem ungewöhnlichen Ahnungsvermögen für kommende Dinge begabt gewesen sein. Mit seltsamer Betonung, und das Auge tief in das des Freundes versenkend, sprach er, als er an jenem Abende Abschied von ihm nahm, folgende merkwürdigen Worte: »Herr Favre, Sie sehen auf diesem Opal die Bellona wie eine Statue auf einem Leichensteine. Sie erklärt – – – was sie verhüllt! Im Namen Ludwigs XVI. und eines ganzen Geschlechts von Königen, deren verzweifelte Erbschaft Sie verteidigt haben, tragen Sie diesen Ring! Mögen die beleidigten Manen meiner Vorfahren diesen Stein mit ihrem Geiste durchleuchten! Er soll Ihr Talisman sein und eines Tages in einer verhängnisvollen Stunde Zeugnis ablegen von ihrer unsichtbaren Gegenwart!« Favre hat oft erklärt, daß er damals kaum Wert auf diese Worte gelegt, vielmehr geglaubt habe, der Prätendent habe sie in einer durch die lange, schwere Leidenszeit nur zu erklärlichen Aufregung gesprochen. Sie seien ihm damals ganz unverständlich gewesen. Er habe aber dem Wunsche gerne Folge geleistet und den Ring an den Ringfinger der rechten Hand gesteckt. Von jenem Abende an hat Jules Favre den Ring Ludwigs XVII. getragen. Mit einer ihm selbst ganz rätselhaften Sorgfalt hat er stets darauf geachtet, daß er den Ring niemals verlor oder auch nur ablegte. Er erschien ihm fast wie eines jener eisernen Kettchen, welche die Ritter sich um den Arm schmieden ließen, um sie bis zum Tode zu tragen als ein Zeugnis des Schwures, mit dem sie sich der Verteidigung irgendeiner Sache weihten. Verfolgte die Vorsehung einen geheimnisvollen Zweck damit, daß sie ihm die seltsame Gewohnheit auferlegte, sich niemals von der geheimnisvollen königlichen Reliquie zu trennen? Mußte gerade er, der erklärte Republikaner, dieses Zeichen an seiner Hand tragen, ohne zu wissen, wohin es ihn einmal führen sollte? Er beunruhigte sich nicht darüber. Aber wenn es einer versuchte, in seiner Gegenwart über den deutschen Namen seines toten Dauphins zu spotten, dann wurde er sehr nachdeutlich! »Naundorf – Frohsdorf,« sprach er leise vor sich hin – – Heute war dieser Bürgeradvokat der Repräsentant Frankreichs. Um das fertig zu bringen, hatte Deutschland mehr als Hundertfünfzigtausend Franzosen mit ihren Kanonen, Waffen und Fahnen, mit ihren Offizieren und Marschällen, mit dem Kaiser, ja mit der Hauptstadt selbst gefangen nehmen müssen! – Und das war kein Traum! In diesem öden Saale nun, in dem Favre soeben die ersten Friedensbedingungen mit Bismarck durchberaten hatte, überfiel ihn die Erinnerung jener seltsamen Geschichte. Tieftraurig saß er sinnend da, und ohne sich dessen bewußt zu sein, fiel plötzlich sein Blick auf den Ring an seinem Finger. Da schien der durchsichtige Opal auf einmal von einem hellen Lichte durchleuchtet zu sein, und ganz deutlich sah er unter dem Bilde der rächenden Bellona die drei Lilien des bourbonischen Wappens, die jahrhundertelang auf dem Schild des heiligen Ludwig gestrahlt hatten. *   *   * Acht Tage später, nachdem die Friedensbedingungen von seinen Ministerkollegen angenommen waren, begab sich Jules Favre mit allen Vollmachten ausgerüstet nach Versailles, um endgültig den Waffenstillstand zu unterzeichnen, der die Übergabe der Stadt zur Folge hatte. Die Beratung war beendet. Herr von Bismarck und Herr Jules Favre hatten den Vertrag nochmals durchgelesen und fügten zum Schluß noch den Artikel 15 hinzu, dessen Wortlaut folgender ist: »Artikel 15. Zur Beglaubigung dieses haben die Unterzeichneten ihre Namensunterschrift hierunter gesetzt und mit ihrem Siegel die vorliegenden Verträge besiegelt. Geschehen zu Versailles, 28. Januar 1871. Gezeichnet: Jules Favre.                Bismarck.« Nachdem Herr von Bismarck sein Staatssiegel aufgedrückt, bat er Jules Favre um dieselbe Formalität, um den Vertrag rechtsgültig zu machen, der jetzt in Berlin im Kaiserlichen Archiv liegt. Herr Jules Favre erklärte, daß er über all den Sorgen des Tages vergessen habe, das Petschaft der Französischen Republik mitzubringen, er wolle es sofort aus Paris holen lassen. »Das würde eine ganz unnütze Verzögerung verursachen,« meinte Bismarck, »Ihr Siegelring wird uns vollständig genügen.« Und als ob er gewußt hätte, was er damit tat, deutete der eiserne Kanzler langsam auf den Ring, den der Unbekannte unserm Gesandten geschenkt hatte. Bei dieser unerwarteten Aufforderung erinnerte sich Jules Favre ganz deutlich der prophetischen Worte, die der Prätendent bei Übergabe des Ringes ihm gesagt hatte. Ein Schauer durchrieselte ihn, und wie von einem plötzlichen Schwindel erfaßt, starrte er den undurchdringlichen Kanzler an. In diesem Augenblick war die Stille so groß, daß man in den benachbarten Sälen das kurze Aufstoßen der Morseapparate vernahm, die die große Neuigkeit durch Deutschland und die ganze Welt verbreiteten. Man vernahm das Schnauben der Lokomotiven, die schon die ersten Truppenzüge nach der Grenze zurückbeförderten. – – – Jules Favre starrte wieder auf den Ring –! Ihm schien es plötzlich, als seien die Geister der Könige von Frankreich in diesem alten Saale gegenwärtig als Zeugen des Gottesurteils, das sich hier vollstreckte. Von einer höheren, zwingenden Macht getrieben, wagte er es nicht, die Aufforderung des Feindes abzulehnen. Es war, als zöge der Ring seine Hand mit geheimnisvoller Macht zu dem Vertrage. Ernst verneigte er sich. »Sie haben recht!« sagte er. Und unten auf die Seite des Blattes, das seinem Vaterlande soviel Blut, zwei herrliche Provinzen, die brennende Hauptstadt und eine ungeheure Kriegsentschädigung gekostet hatte – – auf den roten Siegellack, der noch brannte, und dessen Feuer die goldenen Lilien des Ringes an der Hand des Republikaners deutlich erkennen machte – drückte Jules Favre tief erbleichend das geheimnisvolle Siegel ein, auf dem unter der Figur der alten, rätselhaften Kriegsgöttin in dieser verhängnisvollen Stunde plötzlich, gegen seinen Willen , das Königshaus von Frankreich seine Gegenwart bekündete. Tse-i-las Abenteuer Vom Norden Tonkins bis tief in das Innere des Reiches der Mitte erstreckt sich die Provinz Kwang-si. Das Land ist mit Reisfeldern bedeckt, und in den Städten mit den ausgestülpten Dächern herrschen noch halbtartarische Sitten. In diesen Gegenden ist es der heitern Lehre Lao-Tseus noch nicht gelungen, den Glauben an die Poussahs, die Schutzgeister des chinesischen Volkes, zu verdrängen. Dank dem Fanatismus der Bonzen hat sich dieser Glaube hier fester erhalten als selbst in den entlegensten Gebieten des großen Reiches. Er weicht insofern von dem Glauben der Mandschu ab, als er eine persönliche Teilnahme der Götter an den Angelegenheiten der Menschen anerkennt. Der vorletzte Vizekönig dieses ungeheuren kaiserlichen Gebietes, Tse-Tang, stand in dem Rufe, ein sehr kluger, aber auch geiziger und grausamer Despot zu sein. Wir teilen hier das seltsame Geheimnis dieses Fürsten mit, durch das es ihm gelang, unbeirrt von aller Mißgunst, ohne Sorge und Gefahr das Ende seiner Tage zu erreichen, obwohl er von dem Volke gehaßt wurde und viele nach seinem Leben trachteten. Es war an einem Sommertage, ungefähr zehn Jahre vor dem Tode Tse-Tangs. Die Mittagssonne war so glühend heiß, daß sie die Teiche austrocknete, das Laub welken machte und die Staubwolken, die ein heißer Wind aufwirbelte, rötlich färbte. Sie warf ihre heißen Strahlen auf die terrassenförmig aufgebauten Kioske des Häusergewirrs, das sich Nan-Tsang nennt. Tse-Tang befand sich in dem kühlsten Saale seines Palastes. Er ruhte auf einem schwarzseidenen Polster, das mit Perlmutterblumen und goldenen Winden bestickt war. Er stützte das Haupt auf die Hand, das Zepter lag auf seinen Knien. Hinter ihm stand die Kolossalstatue Fos, des unaussprechlichen Gottes. Auf den Stufen seines Thrones standen seine Leibwachen in schwarzen Lederkleidern, mit Pfeil und Bogen und scharfen Äxten bewaffnet. Zu seiner Rechten stand sein Lieblingshenker und fächelte ihn. Die Blicke Tse-Tangs irrten über die Mandarinen, die Prinzen seines Hauses und die Würdenträger seines Hofes. Der König wußte, daß er gehaßt wurde; er glaubte sich von Mördern umgeben und betrachtete mißtrauisch die verschiedenen Gruppen, die miteinander plauderten. Er wußte nicht, wem er trauen könne; er wunderte sich eigentlich nur darüber, daß er noch am Leben war. Schweigend und mit düsterer Miene träumte er vor sich hin. Ein Vorhang wurde zurückgezogen und ein Offizier trat ein, der einen unbekannten jungen Mann am Zopfe hereinführte. Der Jüngling hatte ungewöhnlich helle, klare Augen und ein schönes Gesicht. Er trug ein Gewand von roter Seide und einen silbergestickten Gürtel. Er verneigte sich tief vor Tse-Tang. Auf einen Wink des Königs sagte der Offizier: »Sohn des Himmels! Dieser junge Mann erklärt, ein gemeiner Bürger der Stadt zu sein und Tse-i-la zu heißen. Er behauptet, daß die unsterblichen Poussahs ihn mit einer geheimen Mission an dich gesandt hätten und will dir den Beweis davon liefern oder den ›langsamen Martertod‹ sterben.« »Sprich!« sagte Tse-Tang. Tse-i-la richtete sich hoch auf. »Herr,« sagte er mit ruhiger Stimme, »ich weiß, was mich erwartet, wenn ich mein Wort nicht halte. In dieser Nacht haben die Poussahs sich mir in einem schrecklichen Traume offenbart, sie haben mir ein inhaltsschweres Geheimnis anvertraut. Wenn du dich herablassen willst, mir zuzuhören, so wirst du erkennen, daß es nicht irdischer Herkunft ist, denn es wird einen vollständig neuen Sinn in dir erwecken. Sein Besitz verleiht dir sofort eine geheimnisvolle Kraft. Wenn du nämlich deine Augen schließest, wirst du in dem Raume, der zwischen deinen Augen und den Lidern liegt, deutlich die Namen derjenigen lesen können, die sich gegen deine Herrschaft auflehnen oder nach deinem Gelde trachten, und zwar in demselben Augenblick, in dem sie den endgültigen Plan dazu fassen. Es wird also in Zukunft ganz unmöglich sein, dich zu überrumpeln oder einen Staatsstreich auszuführen. Dein Alter wird ungetrübt, deine Herrschaft unbestritten sein. Ich, Tse-i-la, schwöre dir hier bei dem großen Fo, dessen Bild seinen Schatten über uns wirft, daß es sich mit der Zauberkraft meines Geheimnisses genau so verhält, wie ich dir sagte!« Bei dieser verblüffenden Mitteilung lief ein Zittern durch die Versammlung, alles schwieg. Jeder blickte prüfend auf den jungen Unbekannten, der ohne zu beben sich als Träger und Mitwisser eines göttlichen Geheimnisses bekannte. Einige versuchten zu lächeln, wagten jedoch nicht, einander anzusehen, und mancher erblaßte bei den Worten Tse-i-las. Tse-Tang bemerkte diese verräterische Verwirrung sehr gut. Um seine Unruhe zu verbergen, rief der eine der Prinzen: »Wir haben es hier mit einem Unsinnigen zu tun, der von Opium berauscht ist!« Die Mandarinen schöpften Mut, sie meinten: »Die Poussahs offenbaren sich nur sehr alten Bonzen, die als Einsiedler in der Wüste leben.« Einer der Minister aber erklärte: »Uns kommt es zu, hier zu entscheiden, ob das sogenannte Geheimnis dieses Jünglings es wert ist, der hohen Weisheit des Fürsten unterbreitet zu werden.« Worauf die Offiziere zornig riefen: »Vielleicht ist er selbst einer derjenigen, deren Dolch nur auf einen unbewachten Augenblick wartet, um die Brust des Herrn zu treffen. Man soll ihn verhaften!« Tse-Tang streckte sein Zepter schützend über den Jüngling und sagte ruhig: »Fahre fort!« Tse-i-la fächelte sich mit einem kleinen Fächer aus Ebenholz, dann sagte er: »Wenn es möglich wäre, Tse-i-la selbst durch die schrecklichsten Folterqualen dazu zu zwingen, sein Geheimnis jemand anderem als dem Könige zu verraten, dann bin ich sicher, daß die Poussahs, die uns hier unsichtbar umgeben, ihn nicht zum Träger ihrer Botschaft gewählt hätten. Nein, ihr Fürsten, ich habe keinen Opiumrausch, ich bin nicht von Sinnen, und ich trage keine heimlichen Waffen. Aber vernehmt, was ich sage! Wenn ich für den Fall, daß mein Geheimnis zu leicht befunden würde, mich bereit erklären will, den langsamen Martertod zu sterben, so fordere ich dagegen, wenn es sich wirklich so verhält, wie ich Euch sage, eine Belohnung, die meiner würdig ist. Du allein, o König, sollst nach Recht und Billigkeit entscheiden, ob ich den Preis verdiene, den ich von dir fordere. Wenn du, und zwar in demselben Augenblicke, wo ich zu dir gesprochen, in deinen geschlossenen Augen die verheißene Kraft verspürst, wenn das Wunder sich also an dir erfüllt, dann wirst du mir, den die Götter dadurch, daß sie mich mit ihrer Weisheit erfüllt haben, dir ebenbürtig gemacht haben, deine Tochter Li-Tien-Se zum Weibe geben, wirst mir die Würde eines Mandarinen verleihen und noch dazu 50 000 Goldstücke auszahlen lassen!« Als er das Wort »Goldstücke« sagte, stieg eine verräterische Röte in Tse-i-las Wangen, die er jedoch geschickt durch das Spiel seines Fächers zu verbergen wußte. Die ungeheure Belohnung, die er forderte, verursachte ein Lächeln bei den Höflingen und ärgerte besonders den König, dessen Geist und Hochmut sie verletzte. Ein grausames Lächeln spielte um seine Lippen, als er den Jüngling ansah, der ruhig und unbeirrt fortfuhr: »Ich erwarte dein königliches Versprechen, Herr! Schwöre bei Fo, dem unaussprechlichen Gott, der den Meineid rächt, daß du, je nachdem du mein Geheimnis kostbar oder wertlos befunden, mir die geforderte Belohnung gewähren oder mich sterben lassen willst, auf welche Art es dir gefällt.« Tse-Tang erhob sich: »Ich schwöre es!« sagte er. »Nun folge mir.« Einige Augenblicke später befanden sich der König Tse-Tang und Tse-i-la ganz allein in einem der unterirdischen Kerker des Palastes. Der Jüngling war mit festen Banden an eine Säule gefesselt. Eine vom Gewölbe herabhängende Lampe warf ihren Schein auf die jugendliche Gestalt. Der König stand etwa drei Schritte vor ihm; er lehnte sich an die Türe des Gewölbes; seine rechte Hand stützte sich auf die Stirn eines bronzenen Drachen, dessen einziges Auge Tse-i-la anzusehen schien. Der Schein der Lampe fiel hell auf Tse-Tangs grünes Gewand und ließ die Edelsteine funkeln, mit denen sein Halsband geschmückt war. Hier, tief unter der Erde konnte niemand sie belauschen. »Ich höre zu!« sagte Tse-Tang. »Herr,« begann Tse-i-la, »ich bin ein Schüler des wunderbaren Dichters Li-Tai-pe. Die Götter haben mir Talent verliehen, wie sie dir die höchste Macht geschenkt haben. Sie haben zu ihrer Gabe noch die Armut hinzugefügt, damit ich meine Gedanken gebrauchen lernte. Ich dankte ihnen täglich für so viel Gunst und friedlich und wunschlos lebte ich dahin. Da sah ich eines Abends auf der erhöhten Terrasse deines Palastes über deinen Gärten Li-Tien-Se, deine schöne Tochter. Der Mond beleuchtete sie und zu ihren Füßen dufteten die bunten Blüten der Bäume, die der leise Nachtwind ihr zuführte. Von diesem Abende an hat mein Pinsel aufgehört, Buchstaben zu malen und ich fühlte in mir, daß auch sie von dem Feuer ergriffen war, das in meiner Brust glühte. – Aber das nutzlose Sehnen und Schmachten verzehrte mich; lieber wollte ich den schmerzlichsten Tod erleiden! So beschloß ich, durch eine kühne Tat, durch eine fast göttliche List mich dir und deiner Tochter ebenbürtig zu machen.« Tse-Tang drückte mit einer ungeduldigen Bewegung auf das Auge des Drachen. Die beiden Flügel einer Tür öffneten sich geräuschlos vor Tse-i-la und ließen ihn in einen zweiten vor ihm liegenden Kerker sehen. Drei Männer in Lederkleidern waren dort an einer Kohlenpfanne beschäftigt, Marterinstrumente glühend zu machen. Vom Gewölbe fiel eine sehr dicke, seidene Schnur herab, die sich unten in seine Flechten auflöste, und unter derselben bemerkte man einen seinen Drahtkäfig, der eine kleine runde Öffnung hatte. Das, was Tse-i-la da sah, waren die Vorbereitungen zu dem langsamen Foltertod. Nachdem der Verurteilte von den Henkern in grausamster Weise mit glühenden Zangen gekniffen und gemartert worden, wurde die seidene Schnur um die rechte Hand geschlungen und das Opfer daran in die Höhe gezogen. Darauf wurde der Daumen der linken Hand an der großen Zehe des rechten Fußes gefesselt, der Drahtkäfig über den Kopf gestülpt und eng um den Hals befestigt, nachdem man zwei ausgehungerte Ratten hineingesetzt hatte. Die Henker schaukelten das unglückselige Opfer noch einige Male hin und her und ließen es dann allein in der Dunkelheit, um erst nach zwei Tagen wieder nach ihm zu sehen. Bei diesem Anblick, der auch den Kaltblütigsten mit Grausen erfüllt hätte, sagte der junge Dichter ganz ruhig: »Du vergißt, daß außer dir niemand hören darf, was ich dir zu sagen habe.« Die Flügeltüren schlossen sich wieder. »Nun heraus mit deinem Geheimnis,« brummte Tse-Tang. »Mein Geheimnis, Tyrann! Das ist, daß mein Tod unfehlbar noch heute Abend auch deinen Tod herbeiziehen wird,« sagte Tse-i-la mit leuchtenden Augen. »Mein Tod? Verstehst du es nicht, daß alle, die da oben zitternd deiner Rückkehr harren, darauf hoffen? Würde nicht mein Tod das Zugeständnis der Wertlosigkeit meines Versprechens sein? Welche Freude, über deine betrogene Leichtgläubigkeit zu spotten! Mein Tod ist das Signal zu deinem Verderben! Wütend über die ausgestandene Angst und nun erst recht angespornt zu ihrem geheimen Wunsch würde ihr Haß, wenn deine Hoffnung so getäuscht worden, sogleich zum Ausbruche kommen! Rufe deine Henker herbei: ich werde gerächt werden! Denn das sage ich dir, von dem Augenblicke an, wo du mich sterben läßt, wirst du dein eigenes Leben nur noch nach Stunden zählen. Und wie das so der Brauch ist, deine Kinder gehen mit dir unter, selbst Li-Tien-Se, deine holde Tochter, wird von den Mördern hingeschlachtet werden! Ja, wenn du wirklich ein weiser Fürst wärest! Nehmen wir einmal an, du würdest mit strahlend-heiterem Gesichte die Hand auf meine Schulter gestützt und von deinen Leibwachen umgeben, in den Thronsaal zurückkehren. Du würdest mich mit fürstlichen Gewändern bekleiden und dann Li-Tien-Se, deine holde Tochter, das Licht meines Lebens, zu dir bescheiden lassen! Und nachdem du uns miteinander vermählt, würdest du deinem Schatzmeister befehlen, mir 50 000 Goldstücke auszuzahlen! Ich schwöre dir, daß bei einem solchen Anblicke deine Höflinge, deren Dolch jetzt im Dunkeln gegen dich gezückt ist, zitternd zu Boden fallen und es niemals wieder wagen würden, auch nur einen feindlichen Gedanken gegen dich zu hegen. – Denke also nach! Man weiß, wie klug und umsichtig du im Staatsrate bist. Man wird es für unmöglich halten, daß ein eitles Hirngespinst in wenig Augenblicken den bisher so sorgenvollen Ausdruck deines Gesichtes in eine heilige, siegreiche Ruhe verwandeln könnte. – Man weiß, du bist grausam, – – – und du läßt mich leben; du bist hinterlistig – und du hältst mir deinen Eid; du bist geizig – und du gibst mir soviel Gold! Man weiß, daß du mit Recht stolz auf deine Tochter bist – und du gibst sie mir, dem Allbekannten, zum Weibe, nur um einer Mitteilung willen!! Welcher Zweifel könnte da noch bestehen? Das ist der einzige wirkliche Wert des Geheimnisses, daß deine Umgebung fest davon überzeugt ist, daß du es kennst! Es handelt sich wirklich nur darum, diese Überzeugung zu schaffen! Und das habe ich getan! Sieh, ich habe die hohe Goldsumme, sowie die Würde, die ich verachte, nur deshalb gefordert, um durch die Größe des Preises die furchtbare Wichtigkeit meines Geheimnisses zu zeigen. König Tse-Tang! Ich, der arme Tse-i-la, der durch deinen Befehl an diese Säule gefesselt ist und einem schrecklichen Tode entgegensieht, ich singe das Lob meines herrlichen Meisters Li-Tai-pe, der mich mit Lichtgedanken erfüllt hat! Ich erkläre dir, wie du handeln mußt, wenn du weise handeln willst. Kehre mit erhobener Stirn und mit strahlendem Antlitz auf meinen Arm gelehnt, zu deinem Hofe zurück. Bekenne laut, daß dir eine göttliche Gnade widerfahren ist und daß du darum auch Gnade üben und für diesmal deinen Widersachern vergeben willst. Aber warne sie, sage ihnen, daß du in Zukunft ohne Gnade und Barmherzigkeit die Schuldigen treffen wirst! – Befiehl, daß deinem Volke Feste veranstaltet werden und bestelle Dankesopfer zu Ehren Fos, des großen Gottes, der mir diese göttliche List eingegeben hat. Ich aber werde morgen verschwinden. Dank deinem Golde werde ich mich mit der Auserkorenen meines Herzens an irgendeinem entfernten Orte niederlassen. Von der Würde eines Mandarinen, die deine Großmut mir verleihen wird, werde ich niemals Gebrauch machen. Ich verzichte gern darauf, einer deiner Würdenträger zu sein, denn es ist mein einziger Ehrgeiz, ein Fürst im Reiche der Gedanken zu sein. Du weißt es nun, daß Gott mir ein ebenso tapferes Herz und ebenso viel Klugheit gegeben, wie den Edelsten deiner Umgebung. Und deshalb kann ich so gut wie einer deiner Großen mein Auge auf eine Königstochter werfen. Du aber wirst unter dem Schutze dieses Geheimnisses herrschen und wenn du gerecht und weise sein wirst, so wird es dir leicht sein, den Haß, mit dem man dich bis jetzt verfolgt, in Liebe zu verwandeln und deinen Thron neu zu befestigen! Dies ist mein Geheimnis, o König, ich kann dir kein anderes mitteilen. Erwäge nun selbst, wähle, entscheide! Ich bin zu Ende!« Tse-i-la schwieg. Unbeweglich stand Tse-Tang und schien in Nachdenken verloren. Dann näherte er sich dem jungen Manne, legte die Hand auf seine Schulter und sah ihm, ein Raub unbeschreiblicher Gefühle, lang und fest in das Auge. Endlich zog er sein Schwert, zerschnitt die Banden Tse-i-las, warf ihm seine reich mit Edelsteinen geschmückte Halskette um den Hals und sagte: »Komm mit!« Und sich auf den Arm des Jünglings stützend, stieg er langsam die Stufen des Kerkers hinauf. Tse-i-la, den der Triumph seiner List und sein plötzliches Glück ein wenig verwirrte, betrachtete das Geschenk des Königs. »Was, auch noch diese Steine,« murmelte er, »warum denn hat man dich verleumdet und gesagt, daß du geizig bist? Das ist mehr, als du mir versprochen! Was will der König mit diesem Halsbande bezahlen?« »Deine Beleidigungen!« antwortete verächtlich Tse-Tang, indem er die Türe zum Lichte des Tages öffnete. Die Räuber Herrn Henri Roujon zugeeignet   »Was ist der ›dritte Stand‹?« – »Nichts.« – »Was sollte er sein?« – »Alles.« Sully   Pibrac und Nayrac, so hießen die durch eine Landstraße verbundenen Landstädtchen, die sich unter der Herrschaft der Orleans eine vollkommene Übereinstimmung der Sitten, der Geschäftsführung und der Lebens- und Anschauungsweise erfreuten. Wie überall, zeichnete der Magistrat sich dadurch aus, daß er noble Passionen hatte; – und, wie überall, versöhnte der Bürger sich damit und hatte nichts dagegen einzuwenden. Man lebte also in diesen glücklichen Gefilden durchaus friedlich und fröhlich miteinander, bis es an einem schönen Oktoberabende dem alten Spielmann von Nayrac, der gerade total abgebrannt war, einfiel, den ihm begegnenden Küster von Pibrac im Schutze der Dunkelheit in ziemlich unverschämtem Tone um etwas Geld zu bitten. Der Küster, der den alten Fiedler nicht erkannt hatte, bekam einen panischen Schrecken, machte aber gute Miene zum bösen Spiele und gab dem Alten ein reiches Almosen. Bei seiner Rückkehr nach Pibrac erzählte er sein Abenteuer, aber seine fieberhaft erregte Phantasie schmückte es in einer Weise aus, daß der alte Fiedler von Nayrac so dargestellt wurde, als sei er der Hauptmann einer den Süden verheerenden Räuberbande, die die Landstraße belagerte, die Reisenden beraubte und die friedlichen Bürger mit Erpressungen und Feuersbrünsten bedrohte. Die braven Bürger der beiden Landstädtchen hatten dann natürlich das Ihrige dazu beigetragen, die Erzählung des Küsters gehörig aufzubauschen. Jeder übertreibt ja so gern, und außerdem ist es Tatsache, daß alle Besitzenden dazu neigen, diejenigen mit schwärzesten Farben zu malen, die sich unterstehen, etwas von ihrem Gelde in Anspruch nehmen zu wollen. Nicht als ob sie sich etwas hätten vormachen lassen. O nein, sie waren der Sache auf den Grund gegangen, hatten nach dem Abendtrunke den Küster selbst befragt. Der hatte freilich nicht viel zu sagen gewußt, aber dieses Wenige war genug; man wußte Bescheid! Unsere würdigen Kleinstädter jedoch, die der Leichtgläubigkeit des Volkes zu spotten pflegten, behielten ihr Geheimnis für sich, wie sie alles, von dem sie einmal Besitz ergriffen, mit Zähigkeit festzuhalten wußten, ein Merkmal, an dem man übrigens überall die sogenannten »aufgeklärten und vernünftigen Leute« erkennt. Als am nächsten 15. November das Glockenspiel auf dem Bellfrid des Justizgebäudes von Nayrac die elfte Stunde verkündet hatte, kehrte jeder vergnügt aus der Weinstube nach Hause zurück. Der Hut saß dabei so verwegen auf einem Ohr der braven Bürger, der Schnurrbart war so keck nach oben gedreht, daß ihre lieben Frauen aufmerksam wurden, ihnen den Bart streichelten und sie ihren tapfern Musketier nannten, was offenbar beiden Eheleuten Vergnügen machte. »Du weißt, meine Liebe,« sagte dann der Gatte, »daß ich morgen in aller Frühe fort muß.« »Ach, mein Gott!« »Nun ja, du weißt doch, daß der halbjährige Pachtzins fällig ist, und daß ich mir stets das Geld selbst von meinen Pächtern zu holen pflege.« »Aber du wirst doch morgen nicht gehen wollen?« »Warum nicht?« »Die Räuber!« »Pah! ... Mit denen werde ich schon fertig werden.« »Nein, nein, du darfst nicht gehen,« sagte jede Ehefrau, wie sich das unter diesen Umständen für eine brave Gattin gehörte. »Ich werde gehen; aber beruhige dich, mein Kind und höre mich an. Ich habe deine Angst vorhergesehen, und um dich zu beruhigen, bin ich mit den anderen Grundbesitzern, die ebenfalls die Pacht eintreiben müssen, übereingekommen, daß wir alle zusammen reisen wollen. Wir werden außerdem unsere Jagdflinten mitnehmen, und wir haben bereits einen sehr großen Wagen zu diesem Zwecke gemietet. Unsere Pachthöfe liegen ja alle ziemlich nahe beieinander, und wir werden dann am Abend alle zusammen zurückkommen. Also trockene deine Tränen, und da es Schlafenszeit ist, gestatte mir die Enden meines Foulards auf der Stirn zusammenzubinden und mich in Morpheus Arme zurückzuziehen.« »Oh! Ihr wollt alle zusammengehen, das ist ja freilich etwas anderes. Du hast recht, es so zu machen wie die andern auch,« meinte jede Frau und beruhigte sich ganz. Man schlief prachtvoll. Unsere braven Bürger träumten von blutigen Zusammenstößen, von Angriffen, Turnieren, Siegen und Lorbeeren. Man erwachte am andern Morgen frisch und tatenlustig. »Nun also, voran,« murmelte man mit möglichst sorgloser Miene die Strümpfe anziehend, aber doch so laut, daß die Frau jedes Wort verstehen konnte. »Nun in Gottes Namen, voran! Man kann nur einmal sterben.« Da blickte die Dame bewundernd auf ihren modernen Paladin, und da es Herbst war, steckte man ihm die Taschen voller Hustenbonbons. »Den letzten Kuß,« sagten sie auf der Schwelle des Hauses. Man traf sich, wie verabredet, auf dem Marktplatze, wo der Wagen bereitstand und wo schon einige der Herren, die Junggesellen, ihre Kollegen erwarteten. Sie ließen ihre Jagdgewehre in der Sonne funkeln und luden sie mit drohender Miene und gerunzelter Stirn. Es schlug sechs Uhr. Die vierzehn Herren bestiegen den Wagen, in dem sie, eng aneinandergedrückt, alle Platz fanden; während die zurückgebliebenen Frauen an den Fenstern standen, die Taschentücher schwenkten und ihren Eheherren Abschiedsgrüße zuriefen, setzte sich das Fuhrwerk in Bewegung. Um den Zurückbleibenden und vielleicht auch sich selbst Mut zu machen, sangen sie im Chor: »Nun mutig voran, In den Kampf, in den Krieg, Wir vernichten den Feind, Wir ziehen zum Sieg.« – Diese letzte Zeile sangen unsere Helden mit drohend emporgehobenen Fäusten. Der Gesang wurde begleitet von dem Peitschenklatschen des den Wagen fahrenden Rentners und von den regelmäßigen Huftritten der drei schweren Mecklenburger Pferde. Der Tag verlief nach Wunsch. Diese Bürger sind fröhliche Lebemänner, die ihre Geschäfte glatt abzuwickeln verstehen, dabei sind sie ehrlich – o so ehrlich, daß sie ein Kind um eines gestohlenen Apfels willen aufhängen würden. Jeder der Herren speiste bei seinem Pächter, kniff beim Dessert dessen hübsche Tochter in die Backen, heimste das Pachtgeld vorsichtig in die Geldkatze und gab, nachdem das Geschäft geregelt, der Familie großmütig eine Reihe guter Ratschlage und weiser Sprichwörter zum besten, wie: Gute Rechnung macht gute Freunde; Jedem das Seine; Wer arbeitet, betet; Jeder Beruf ist ehrenhaft; Wer seine Schulden bezahlt, verbessert seine Verhältnisse und andere schöne Redensarten mehr. Dann entzog er sich den allgemeinen Segenswünschen und nahm Platz in dem Wagen, der von einem Pachthofe zum andern fuhr, um die Reisenden abzuholen. Die Dämmerung brach herein, als man den Heimweg antrat. Es war aber, als ob sich ein Schatten über die allgemeine Fröhlichkeit gesenkt habe. Nach den Erzählungen einiger der Pächter zu schließen, hatte der alte Fiedler Schule gemacht. Sein Beispiel war ansteckend gewesen. Der alte Halunke hatte sich, wie es schien, mit einer ganzen Bande wirklicher Diebe zusammengetan, und man behauptete, daß gerade jetzt, wo die Pachtzinse fällig geworden, die Straße wirklich nicht ganz sicher sei. So daß trotz der erheiternden Wirkung des reichlich genossenen Apfelweins, die sich jedoch rasch verflüchtigte, sich eine ziemlich gedrückte Stimmung unserer Herren bemächtigte. Die Nacht brach herein. Der Schatten der Pappeln malte lange, schwarze Silhouetten auf die Straße, der Wind fegte durch die Bäume. Durch die verschiedenen Geräusche der Natur vernahm man die regelmäßigen Huftritte der Pferde, und aus der Ferne hörte man das Heulen eines verirrten Hundes. Fledermäuse schwirrten durch die Luft, und als der Mond, einmal die dichten schwarzen Wolken durchbrechend, unsere Reisenden beleuchtete, sahen sie alle sehr blaß aus ... Brrr ... Man drückte die Gewehre krampfhaft zitternd zwischen die Knie und versicherte sich von Zeit zu Zeit, ob auch die Geldkatze noch festsäße. Keiner sprach ein Wort. Eine bange Stille hatte sich über diese braven Herren gelagert. Als man dann die Teilung des Weges erreichte, sah man sich plötzlich mit Grauen einem Trupp höchst verdächtig und gefährlich aussehender Gestalten gegenüber. Man vernahm das Stampfen von Pferden, eine schreckliche Stimme rief: »Halt, wer da?« und als im selben Augenblick der hervortretende Mond das Dunkel erhellte, sah man mit Schaudern, daß ein großer Wagen voller bewaffneter Männer unsern Reisenden den Weg versperrte. Was für Männer konnten das sein? – Es waren offenbar Wegelagerer! Banditen! Räuber, das war ja nur zu klar. Und doch war dem nicht so. Es war ganz einfach die Gruppe der Grundbesitzer des Schwesterstädtchens ... es waren die guten Bürger von Pibrac, die denselben Einfall gehabt hatten, wie die Herren von Nayrac. Die friedlichen Rentner der beiden Städtchen trafen sich, nachdem sie ihre Gelder eingezogen hatten, zufällig auf dem Heimwege, das war alles. Aber sie lagen so sehr im Banne der Angst, daß sie einander nicht erkannten. Sie jagten sich gegenseitig einen unbeschreiblichen Schrecken ein. Wie ein plötzlich über den See fahrender Windstoß das Wasser aufwirbelt und das unterste nach oben treibt, so tauchte gleichzeitig in dem Gehirn dieser guten Leute die fixe Idee auf, daß sie umzingelt und von der Räuberbande angefallen seien, vor der sie sich so sehr fürchteten. Der Mond hatte sich wieder hinter den Wolken versteckt. Man hielt in der Dunkelheit flüsternd einen Kriegsrat, aber das Unglück wollte, daß, als die von Pibrac mit zitternden Händen ihre Gewehre ergriffen, der Hahn einer der Jagdflinten an der Wagenbank hängen blieb, der Schuß ging los, und die Kugel traf einen derer von Nayrac in die Brust, nachdem sie eine Terrine ausgezeichneter Gänseleberpastete zertrümmert, die jener instinktiv wie einen Schild vor die Brust gehalten hatte. Ach, dieser Schuß! Er war wie der verhängnisvolle Funken, der das Pulvermagazin in die Luft sprengt. Die beiden Parteien gerieten in einen solchen Angstparoxismus, daß sie alle Besinnung verloren. Von beiden Seiten wurde nun gleichzeitig Feuer gegeben. Der Instinkt der Selbsterhaltung, sowie die Angst um ihr Geld machte diese Leute blind. Sie luden ihre Flinten und schossen mit zitternder Hand, ohne zu zielen, auf das Geratewohl in den Menschenknäuel hinein. Die Pferde fielen, einer der Wagen stürzte um, und seine Insassen, von denen schon viele verwundet waren, lagen mitsamt ihren Geldkatzen auf der Erde. Man raffte sich auf, selbst die Verwundeten griffen mit dem Mute der Verzweiflung wieder nach ihren Flinten und, ohne daß in der Dunkelheit einer den andern hätten erkennen können, begann ein wildes Kämpfen, ein tolles Aufeinanderschießen; mit Löwenmut verteidigten diese braven Spießbürger ihr Leben und ihre Geldkatzen vor dem vermeintlichen Angriffe der Räuberbande. Ich glaube, wenn in dem wüsten Durcheinander Gendarmen vom Himmel gefallen wären, um Ordnung zu stiften, auch sie hätten ihr Leben lassen müssen. Selbst die Schwerverwundeten rafften sich noch einmal auf, um zu kämpfen und einer auf den andern zu schießen. Kurz, es war ein wahrer Vernichtungskrieg; diese ehrbaren, friedlichen Bürger hatten alle Besinnung verloren und gingen mit dem ganzen leidenschaftlichen Mute voran, der dieser Menschenklasse eigentümlich ist, wenn sie zum äußersten getrieben wird. Während dieser Zeit saßen die wirklichen Räuber nicht weit davon friedlich um eine Kanne Landwein versammelt in ihrer Höhle, wo sie sich mit einem höchst harmlosen Kartenspiele die Zeit vertrieben. Diese sogenannte Räuberbande bestand in Wahrheit aus einem halben Dutzend armer Teufel, harmloser Landstreicher, die allerschlimmsten Falles mal gelegentlich hier und da eine Kruste Brot, ein Stückchen Speck oder ein paar gesalzene Fischchen gemaust hatten. Der Lärm des Kampfes, das tolle Schießen hatte sie in ihrer Gemütlichkeit gestört. Bleich und verstört horchten sie auf den ihnen vom Winde zugetragenen Lärm, dessen Ursache sie sich nicht zu erklären vermochten. Sie sprangen auf und drängten sich um ihren Hauptmann. Der alte Fiedler aber hatte selbst den Gleichmut verloren; der brave Mann begriff absolut nicht, was da vorgehen könne, es ging über seinen Verstand. Da aber nach ein paar Minuten das Schießen immer noch nicht aufhörte, legte er den Finger nachdenklich an die Nase, und es schien ihm plötzlich ein Licht aufzugehen. Den Kopf erhebend, sagte er: »Jungens, das gilt uns nicht, es muß da ein furchtbares Mißverständnis, eine Verwechslung stattgefunden haben. Wir wollen rasch unsere Blendlaternen anstecken und sehen, was es gibt – jedenfalls sind dort Verwundete, denen wir beistehen müssen ... Der Lärm kommt von der Hauptstraße ...« Vorsichtig, und ohne sich aus dem Dickicht hervorzuwagen, schlich sich der Fiedler mit seinen Getreuen zu dem unheilvollen Platze heran, auf dem es allmählich stille geworden und dessen Greuel jetzt von dem Monde beleuchtet wurden. Der letzte überlebende Bürger hatte sich, als er sein noch heißes Gewehr hastig wieder laden wollte, durch Unvorsichtigkeit selbst eine Kugel durch den Kopf geschossen. Bei dem Anblick des schrecklichen Schauspiels all dieser Toten, die blutend auf dem Wege lagen, blieben die Räuber betroffen und fassungslos stehen. Sie trauten ihren eigenen Augen nicht. Plötzlich pfiff ihr Hauptmann, und auf dieses Zeichen traten die ihre Blendlaternen tragenden Burschen im dichten Kreise um den Fiedler herum. »Jungen,« murmelte er mit leiser Stimme, und seine Zähne klapperten vor Furcht: »Meine lieben Jungen! Wir müssen so schnell wie möglich das Geld dieser guten Bürger zusammenraffen, und dann fort damit, über die Grenze, die wir so schnell es geht zu erreichen suchen müssen. Dann aber dürfen wir nie mehr einen Fuß in dieses Land setzen.« Als seine Genossen ihn erschrocken anstarrten und den Sinn seiner Worte kaum zu verstehen vermochten, deutete er auf die umherliegenden Leichen und sagte schaudernd die vielleicht im ersten Augenblicke albern erscheinenden und doch von tiefer Menschenkenntnis zeugenden Worte: – »Sie werden beweisen ... daß wir es gewesen sind ...« Das himmlische Abenteuer Warum sollte man sich jetzt, nachdem Euphrasia, dies göttliche Kind, zum Lichte eingegangen, noch scheuen, es offen zu sagen, daß das Wunder, das sie zu erleben geglaubt, eine ganz natürliche Begebenheit war? Sicher ist, daß die kleine Heilige – die, im Alter von achtundzwanzig Jahren, in der Provence als Oberin des von ihr gegründeten Ordens der Armenschwestern starb – selbst gewiß keinen Anstoß daran genommen haben würde, wenn sie die natürliche Erklärung des ihr widerfahrenen Heils erfahren hätte: ihre ernst bewußte Demut würde nicht einen Augenblick dadurch beunruhigt worden sein. Immerhin ist es doch besser, daß ich bis jetzt noch nicht davon gesprochen habe. Ungefähr einen Kilometer von Avignon entfernt, erhob sich im Jahre 1860, nicht weit von den grünen Geländen, die stromaufwärts an der Rhone liegen, eine einsame Hütte von schmutzigem Aussehen; sie hatte nur ein Stockwerk, das durch ein einziges Fenster mit vergitterten Läden erhellt wurde. Die Hütte stand in der schützenden Nähe der Gendarmeriekaserne, die an der Grenze der Vorstadt auf dem Wege liegt. Dort lebte ein alter Jude, den man Vater Moses nannte. Er war kein schlechter Jude, trotz seines verblichenen Antlitzes und seines Raubvogelschädels, dessen Glatze durch ein fest anliegendes Mützchen von unerkennbarem Stoff und Farbe bedeckt war, er war noch frisch und kräftig und wäre wohl imstande gewesen, in einigen Dauermärschen sogar mit Ahasver Schritt zu halten. Er ging jedoch sehr selten aus und ließ nur nach manchen Vorsichtsmaßregeln Besuch vor. Nachts schützte er seine schlecht geschlossene Türe durch eine ganze Anlage von Fuchseisen und Wolfsfallen. Dienstfertig, besonders für seine Glaubensgenossen, wohltätig für jeden, verfolgte er nur die Reichen, denen er gegen Wucherzinsen Geld lieh. Die skeptischen Ideen seiner Zeit änderten nichts an dem starren Glauben dieses praktischen und gottesfürchtigen Mannes: Moses betete, wenn er seinen Wucher getrieben, so gut, wie wenn er Almosen gegeben hatte. Da er in dieser Beziehung ein stark entwickeltes Ehrgefühl besaß, hielt er streng darauf, jeden, auch den kleinsten Dienst, der ihm erwiesen wurde, zu vergelten. Vielleicht hatte er auch für die frische Landschaft unter seinem Fenster ein gewisses Gefühl, wenn er manchmal mit seinen klaren, grauen Augen nachdenklich hinaussah. – – Indessen befand sich auf einer kleinen Anhöhe, die die stromabwärts gelegenen Wiesen beherrschte, etwas, das ihm die Aussicht gründlich verdarb, und er wandte sein Auge beleidigt und mit einem übrigens leicht erklärbaren Widerwillen davon ab. Da war nämlich ein sehr alter Kalvarienberg, der nur seiner archäologischen Merkwürdigkeit wegen noch von den Behörden geduldet wurde. Man mußte einundzwanzig Stufen hinaufsteigen, um das große Mittelkreuz mit dem gotischen Christus, dessen Züge längst von der Zeit verwischt waren, zu erreichen. Daneben standen zwei kleinere Kreuze mit Diphas und Gesmas, den beiden Schächern. Eines Nachts saß Vater Moses an dem halboffenen Fenster, die Füße auf einem Schemel, die Brille auf der Nase vor einem kleinen Tische, der mit Perlen, Diamanten, Gold und Wertpapieren bedeckt war; er war damit beschäftigt, seine Rechnungen in ein staubiges Register einzutragen. Er hatte sich lange damit aufgehalten. Sein Geist hatte sich so vollständig in die Arbeit vertieft, daß seine Ohren taub für jedes Geräusch waren und einige entfernte, halb abgebrochene, seltsame Laute nicht vernahmen, die schon den ganzen Abend über das Schweigen und die Dunkelheit durchdrangen. Jetzt erhellte ein großartiger Mondschein das Land, alles war still. »Drei Millionen!« rief Moses, indem er die letzte Ziffer unter die Totalsumme setzte. Aber die Freude, endlich am Ziel seiner Wünsche zu sein, verwandelte sich plötzlich in Schrecken. Ein eisiges Gefühl ergriff seine Füße, er stieß den Schemel fort und sprang auf. Entsetzen! klatschendes Wasser, welches das ganze Zimmer durchdrang, näßte seine mageren Beine. Das Haus krachte. Seine Augen irrten durch das Fenster und sahen, daß der Fluß aus den Ufern getreten war und die niedrigen Täler ringsum überflutete. Es war eine Überschwemmung, ein plötzliches, jäh wachsendes, schreckliches Austreten der Rhone. »Gott Abrahams!« stammelte er. Trotz seines tiefen Erschreckens entledigte er sich sofort der Kleider und Schuhe und behielt nur die geflickte Hose an; dann warf er die Kostbarkeiten, Gold, Diamanten und Papiere durcheinander in eine Ledertasche, die er um den Hals hing, er überlegte, daß er später sein verborgenes, vergrabenes Gold doch wieder finden würde. Rasch nahm er noch aus einem alten Koffer ein Bündel bereits durchnäßter Wertpapiere, dann stieg er auf die Fensterbank, sprach dreimal das hebräische Wort Kadosch , das heilig bedeutet, und stürzte sich in Gottes Namen als guter Schwimmer in die Flut. Ohne viel Geräusch zerbarst die Hütte hinter ihm und versank in dem Wasser. Nirgends ein Kahn! – – Wohin fliehen?! Er versuchte die Richtung auf Avignon zu nehmen, aber das Wasser vergrößerte die Entfernung, es war weit, viel zu weit für einen alten Mann. Wo sollte er ausruhen, wo festen Fuß fassen? Ach, der einzige leuchtende Punkt – jene Höhe – der Kalvarienberg – dessen Stufen schon unter den schäumenden Wellen, dem Brausen der empörten Fluten verschwanden. Soll er bei diesem Steinbilde Schutz suchen? Nein niemals! Dem alten Juden war es ernst mit seinem Glauben; obgleich ihn nun die Gefahr drängte, obgleich die moderne Idee der Toleranz dem Manne, der nun nach einer rettenden Arche suchte, durchaus nicht unbekannt war, so widerstrebte es ihm doch, gerade dem , der dort war, etwas verdanken zu müssen, und wäre dies auch nur sein irdisches Heil. Sein Schatten fiel lang über die Wasser – – wahrhaftig, er mußte an die Sintflut denken. Er schwamm aufs Geratewohl. Plötzlich fuhr ihm ein kluger Gedanke durch den Kopf. »Ich vergaß ganz,« sagte er prustend, während das Wasser ihm an beiden Enden des Bartes herablief, »ich vergaß ganz, daß da ja noch die armen Kerle, die Schächer sind! Meiner Treu, ich sehe gar nicht ein, warum ich mich nicht zu diesem prächtigen Gesmas flüchten sollte, bis man mich abholen kommt.« Nachdem er so sein Gewissen beruhigt hatte, nahm er mit kräftigen Stößen seinen Weg durch die hochgehenden Wogen auf die drei Kreuze zu, die von hellem Mondschein beleuchtet wurden. Nach ungefähr einer Viertelstunde sah er, dessen Glieder bereits halb erfroren und schon steif zu werden begannen, die mächtigen Kreuze etwa hundert Meter vor sich. Sie schienen gerade aus dem Wasser aufzuwachsen. Während er tief aufatmend überlegte und sich dann für das links stehende Holz entschied, sah er plötzlich, wie die beiden seitlichen Kreuze, die schwächer als das mittlere waren, wankten. Die Wucht der Rhone zerbrach das wurmstichige Holz und beide sanken lautlos in das schäumende Wasser. Bei diesem Anblick zögerte Moses, sich zu nähern, er wäre beinahe untergesunken. Er bekam den Hals voll Wasser, hustete und spie. Nun hob sich nur noch der Umriß des großen Kreuzes geheimnisvoll vom Horizonte ab; es zeigte den bleichen Dornengekrönten, festgenagelt mit ausgebreiteten Armen und geschlossenen Augen. Dem Ersticken nahe und beinahe ohnmächtig, empfand der Greis nur noch das instinktive Gefühl Ertrinkender, sich zu retten. Verzweifelt beschloß er zu dem göttlichen Bilde hin zu schwimmen. Der Schatz, den er retten mußte, verdreifachte seine Kräfte und rechtfertigte zugleich diese Tat vor seinen Augen, die eine schreckliche Todesangst trübte. Am Fuße angekommen, ergriff er, ungern genug, das muß man zu seinem Lobe sagen, mit abgewandtem Kopfe den Stamm des Kreuzes. Das Wasser stieg und hob seinen Körper empor, rings um ihn ruhte tiefes Schweigen auf der unendlichen Flut. »Oh, da unten! ein Segel! ein Boot!« Er rief, – Man hörte ihn, man hatte ihn bemerkt! In diesem Augenblicke türmte sich eine Woge hoch auf, hob ihn empor und warf ihn mit der Hand gegen die Wunde an der Seite des Erlösers. Es geschah das so jäh und plötzlich, daß er kaum Zeit fand, sich anzuklammern, Leib an Leib und Kopf an Kopf mit dem Gekreuzigten. So hing er da mit abgewandtem Antlitz; die Brauen zogen sich über seinem durchdringenden hohlen Blicke zusammen, während die gabelförmigen Enden seines grauen Bartes weit ab standen und sich zitternd hin und her bewegten. Der alte Jude umfaßte mit den Beinen wie ein Steckenpferd das Bild dessen, der alles vergibt. Er mußte sich anklammern und schielte verstohlen nach dem, der nun auch sein »Erretter« war. »Halt fest, wir kommen,« rief man ihm zu. »Endlich,« seufzte Vater Moses, dessen Muskeln nachzugeben drohten. »Aber da hat mir doch einer einen Dienst erwiesen, von dem ich es nicht erwartet hätte. Da ich aber nicht gern jemand etwas schuldig bleibe, ist es nur gerecht, wenn ich ihn belohne, so wie ich einen Lebenden belohnen würde. Ich will ihm geben, was ich auch einem Menschen gegeben haben würde.« Und während der Kahn sich näherte, durchsuchte Moses eifrig seine Tasche, um sich seiner Schuld zu entledigen; er zog ein Goldstück heraus und steckte es sehr sorgsam und so gut er nur konnte, zwischen die zwei gekrümmten Finger der festgenagelten rechten Hand. »Wir sind quitt,« murmelte er und ließ sich beinahe ohnmächtig in die Arme der Schiffer fallen. Die sehr berechtigte Furcht, seinen Beutel zu verlieren, hielt ihn aufrecht bis zur Landung in Avignon. Dort kam er in dem warmen Bette eines Gasthauses bald wieder zu Kräften. – Einen Monat später zog er ganz nach Avignon, nachdem er vorher sein Geld unter den Trümmern seiner alten Wohnung hervorgescharrt hatte. Er lebte noch lange und war hundert Jahre alt, als er starb. – Nun geschah es im Dezember des Jahres, das auf dieses ungewöhnliche Ereignis folgte, daß ein junges Landmädchen, ein sehr armes aber bildhübsches Waisenkind, Euphrasia, von einigen reichen Bürgersöhnen der Baucluse bemerkt worden war. Geärgert über ihre unerklärliche Sprödigkeit, beschlossen diese, sie durch Hunger zu zwingen, sich ihnen hinzugeben. Dank ihren Bemühungen geschah es denn, daß man sie bald aus der Werkstätte entließ, wo sie für ihre elfstündige Arbeit täglich einen Franken verdient hatte, der für ihren Unterhalt und ihre gute Laune völlig ausreichte. (Natürlich gehörte diese Fabrik einer hochangesehenen Familie.) An demselben Tage wurde sie auch aus ihrer Wohnung gejagt, für die sie morgens und abends Gott dankte. Ihre Mietsleute hatten selber Kinder zu versorgen und da – man muß gerecht sein! – konnten und durften sie mit gutem Gewissen sich doch nicht der Gefahr aussetzen, die schönen sechs Franken monatlich zu verlieren, die ihnen das kleine Speicherstübchen einbrachte. »Anständig ist sie, gewiß,« sagten sie sich, »aber mit dem besten Anstande kann man doch keine Miete bezahlen, wenn man arbeitslos ist! Überdies – vielleicht ist es zu ihrem eigenen Besten –« sie zwinkerten mit den Augen, »wenn man ein wenig hart gegen sie ist.« So kam es, daß an einem Winterabend, als eben die klaren Töne des Angelus ertönten, das arme zitternde Kind durch die mit Schnee bedeckten Straßen schritt, und ohne zu wissen, wohin sie ging, ihre Schritte zum Kalvarienberge leitete. Es waren wohl die Engel selbst, die sie hierher führten und deren Flügel ihre Schritte auf den verschneiten Stufen unterstützten, bis sie zu Füßen des Heilands matt niederfiel und den Kopf gegen das Kreuz lehnte, während ihre Lippen die treuherzigen Worte murmelten: »Mein Gott, hilf mir mit einem kleinen Almosen, sonst muß ich hier sterben.« Da geschah es, daß aus der rechten Hand des alten Christusbildes, zu dem die Augen der Bittenden sich erhoben, plötzlich ein Goldstück auf das Kleid des Mädchens fiel, das durch dies Wunder zu neuem Leben erwachte. Es war ein hundertjähriges Stück mit dem Bilde König Ludwigs XVI., dessen gelbes Gold auf dem schwarzen Kleide des auserwählten Kindes leuchtete. Gewiß war auch zugleich ein göttlicher Funken in die Seele dieser Himmelsbraut gefallen, der ihren Mut neu belebte. Sie nahm das Goldstück, ohne sich auch nur zu wundern, erhob sich, küßte lächelnd die Füße des Erlösers und kehrte in die Stadt zurück. Nachdem sie vernünftigerweise dem Herbergsvater zuerst die schuldigen sechs Franken gegeben, warf sie sich auf ihr kaltes Lager, aß ihr trockenes Brot und wachte, Begeisterung im Herzen, den Himmel vor Augen, kindliche Einfachheit in der Seele, dem Tag entgegen. Am andern Morgen schon begann sie, durchdrungen von der lebendigen Kraft des Glaubens, ihr heiliges Werk, trotz aller abschlägigen Antworten, trotz verschlossener Türen, trotz boshafter Worte, Drohungen und spöttischem Lächeln. Und ihr heiliges Werk gelang! Heute ist die junge Glückliche aus dem Leben geschieden, siegreich über all den kleinen Schmutz dieses Lebens, glückselig ob des Wunders, das ihr Glaube schuf , zusammen mit dem, der alles vermag. Das Geheimnis der schönen Ardiane Das neue Häuschen des jungen Forstaufsehers Peter Albrun lag auf einem Hügel, der das Dorf Ypinx-les-Trembles beherrschte, das zwei Meilen von Perpignon entfernt und in einem Tale der östlichen Pyrenäen liegt, dessen Grenze nach Spanien zu von großen Tannenwäldern gebildet wird. Hoch über einem Gießbach, der von den Felsen herabschäumte, lag der hübsche kleine Garten, in dem im Schatten hoher Oleander- und Johannisbrotbäume die schönsten Garten- und Wiesenblumen blühten und das lachende Häuschen mit ihrem süßen Duft erfüllten. Dahinter erhoben sich etagenförmig mächtige, reich mit Blüten behangene Akazienbäume, die, wenn die Brise der Pyrenäen sie bewegte, ihren Wohlgeruch bis hinab zum Dorfe entsandten. Es war wirklich ein kleines Paradies, dieses arme, aber hübsche Häuschen, in das Peter Albrun, dieser bildhübsche Bursche von achtundzwanzig Jahren mit der weißen Haut, den klaren, mutig dreinschauenden Augen seine junge Frau heimgeführt hatte. Seine liebe Ardiane, die schöne Baskerin, wie man sie wegen ihrer Herkunft nannte, war in Ypinx-les-Trembles geboren. Sie hatte ihre Eltern sehr früh verloren. Als Kind war sie, einer Blume des Feldes gleich, mit den andern Waisenkindern des Ortes hinter den Schnittern hergezogen, um Ähren aufzulesen; als sie heranwuchs, hatte sie an der Heuernte geholfen, war dann Seilspinnerin geworden. Sie war bei einer alten Patin aufgewachsen, die ihr beim Tode der Eltern ein Obdach in ihrer Hütte gewährt hatte. Das junge Mädchen hatte ihr die erwiesene Wohltat reichlich vergolten, da sie später die Alte mit ihrer Hände Arbeit erhalten und bis zum Tode aufs treueste gepflegt hatte. Dabei hatte sich Ardiane Inféral jederzeit trotz ihrer berauschenden Schönheit durch ein tadellos mustergültiges Betragen ausgezeichnet. Peter Albrun hatte bei den Jägern in Afrika gedient und es bis zum Feldwebel gebracht. Als er in die Heimat zurückkehrte, fand er Anstellung bei dem Feuerwehrkorps der Stadt, mußte aber später seinen Abschied nehmen, da er sich bei einer großen Feuersbrunst, bei der er sich, wie bei allen vorherigen Gelegenheiten, durch seine Umsicht und Tapferkeit auszeichnete, sehr schwere Verletzungen davongetragen hatte, die ihn dienstunfähig machten. Als er nach langem Siechtum endlich genesen war, hatte man ihm in gerechter Anerkennung seiner Verdienste die freigewordene Stelle eines Forstaufsehers gegeben, und nachdem er sechs Monate lang in allen Ehren um sie gefreit, hatte er dann seine schöne Ardiane heimgeführt. Es war an einem köstlichen Sommerabend, der Himmel war mit Sternen übersät. Ardiane saß, von einem weißen Nachtkleide umhüllt, in ihrem Strohsessel vor dem weit geöffneten Fenster. Ihr Hals war mit einer Korallenschnur geschmückt, und das schwarze Haar umrahmte in langen Locken ihre bleichen Wangen. Sie war damit beschäftigt, ihrem schönen, in ihrem Arme ruhenden Kind, das schon acht Monate alt war, die Brust zu geben. Träumerisch und beinahe mit einem etwas starren Blick ruhte ihr Auge auf dem schlafenden Dorfe, dem fernen Feld und dem dahinter liegenden Tannenwalde. Ihre Nüstern sogen wollüstig bebend den köstlichen Duft der Blumen und Akazienblüten ein, den der Nachtwind ihr entgegentrug. Hinter den fein gezeichneten, blutroten Lippen schimmerten perlengleich ihre sehr weißen, kleinen Zähne. Ihre Rechte, an deren zweitem Finger der goldne Trauring glänzte, spielte zerstreut in dem lockigen Haar ihres Mannes, der ihr zu Füßen lag, sein frisches, fröhliches Gesicht an die Knie der jungen Frau lehnte und seinem Kleinen zulachte. An der Wand des mit gewöhnlichem hellblauen Papier tapezierten ehelichen Gemaches hing eine Flinte, auf dem Tisch stand eine brennende Lampe. Dicht bei dem aufgedeckten weißen Bett stand eine Wiege, über der ein Kruzifix hing. Auf dem Kamin prangte eine Weckuhr, die üblichen zwei Leuchter, ein paar eingerahmte Photographien und eine mit Wachholderzweigen gefüllte, bemalte Tonvase. Ganz gewiß, sie war ein kleines Paradies, die Wohnung dieses jungen Paares, und ganz besonders an diesem Abend! Denn am Morgen des vergangenen Tages hatte das fröhliche Bellen der beiden Hunde dem jungen Forstaufseher einen Gast angemeldet. Es war eine vom Präfekten der Stadt gesandte Ordonnanz, die, o der Freude! Peter Albrun eine große Röhre von Weißblech überreicht hatte, die das Ehrenkreuz, das dazugehörige Diplom und den Brief des Ministeriums enthielt, in dem die besonderen Verdienste aufgezählt wurden, denen Peter Albrun es verdankte, daß ihm eine solche Auszeichnung zuteil wurde. Mit lauter, vor stolzer Freude zitternder Stimme hatte er im hellen Sonnenschein des Gartens seiner geliebten Ardiane das Schreiben vorgelesen. »Weil er sich während seiner Dienstzeit bei den algerischen Tirailleurs in Afrika in verschiedenen Gefechten durch seine Tapferkeit ausgezeichnet habe, weil er sich als Führer der Feuerwehr des Ortes bei den rasch aufeinanderfolgenden Feuersbrünsten, von denen die Gemeinde im Jahre 1883 heimgesucht wurde, durch seine Geistesgegenwart und seinen Wagemut hervorgetan und vielen Menschen das Leben gerettet habe, ohne der eigenen Gefahr zu achten, wobei er denn auch jene zwei schweren Verwundungen davongetragen habe, infolge deren er gezwungen war, den Dienst bei der Feuerwehr aufzugeben usw., usw.« Das war der Grund, weshalb Peter Albrun und seine junge Frau, obwohl es schon Schlafenszeit war, immer noch an dem Fenster ihres ehelichen Gemaches verweilten: sie durchkosteten in der Erinnerung noch einmal alle Freuden des heutigen Tages. Er hielt immer noch das Kreuz an dem roten Moirébande in der Hand und konnte es sich nicht versagen, von Zeit zu Zeit einen zärtlichen Blick darauf zu werfen. Die köstliche, sternendurchfunkelte Sommernacht umgab das junge Paar wie ein Schleier von Glück und Liebe. Das Auge der schönen Ardiane ruhte indessen nachdenklich auf gewissen, die Reihe der schmucken weißen Häuschen des Dorfes unterbrechenden Lücken, auf geschwärzten Mauerresten und Ruinen, die von den großen Feuersbrünsten herrührten, und die man bisher noch nicht weggeräumt hatte. Im vergangenen Jahre war in Zeit weniger Monate siebenmal in nicht vom Monde erhellten, dunkeln Nächten plötzlich Feuer in Ypinx-les-Trembles ausgebrochen, das alle Male seine Opfer gefordert und in dem Menschen jeden Lebensalters umgekommen waren. Man vermutete allgemein, daß diese Brandstiftungen Schmugglern zuzuschreiben seien, die eine schlechte Aufnahme im Dorfe gefunden, und um sich zu rächen, in der Nacht Feuer angelegt hatten, um sich dann in den Tannenwäldern, dem Dickicht der Myrten und Espen zu verbergen und endlich über die Grenze zu verschwinden, ohne daß es den sie verfolgenden Gendarmen gelungen wäre, sie zu ergreifen. Wohin sie aber auch ihre Schritte gelenkt haben mochten, diese Bösewichter hatten wahrscheinlich doch um andrer Verbrechen willen den verdienten Lohn erhalten. Jedenfalls war seit einem Jahre kein Brandfrevel mehr vorgekommen. »Woran denkst du, meine Ardiane?« murmelte Peter, die weiße Hand küssend, die liebkosend durch sein Haar und über seine Stirn glitt. »An jene schwarzen Mauerreste, aus denen unser Glück erblüht ist,« antwortete die Baskerin, ohne den Blick davon abzuwenden. »Blicke dorthin! Es war, als jener Pachthof abbrannte, daß ich dich zum ersten Male wiedersah.« »Ich glaubte, daß ich dich in jener Nacht überhaupt zum ersten Male gesehen habe?« »Nein, es war das zweitemal,« antwortete Ardiane, »ich hatte dich zehn Tage vorher auf der Kirmeß von Prades zum ersten Male gesehen – freilich du, Bösewicht! hattest mich gar nicht bemerkt. Aber ich sah dich und erkannte beim ersten Blick, daß du der für mich bestimmte Mann seist. O Gott! Wie toll mein Herz schlug! Siehst du, damals war es, daß ich den festen Entschluß faßte, deine Frau zu werden – und du weißt es, was ich will, das will ich!« Den Kopf erhebend, glitt nun auch Peter Albruns Blick über die im hellen Mondschein deutlich erkennbaren geschwärzten Mauerreste zwischen den Reihen der säubern Häuser der Dorfstraße. »Ach, du Heimlichtuerin, davon hattest du mir nichts gesagt,« erwiderte er lächelnd. »Aber es war bei dem Brande der großen Hütte, dort hinter der Kirche, als ich mich leider so vergebens bemühte, das darin hausende alte Paar zu retten, daß ich von einem niederstürzenden Balken verwundet wurde, und da warst du es, die sich meiner annahm, mich zu deiner alten Patin, der Mutter Inféral, führte, mich mit dem köstlichen Glühwein erquickte – es war beinahe so, als ob du ihn schon für mich bereitgestellt hättest – und die mich dann so sorgsam pflegte... Aber ist das nicht seltsam? Ich kann es immer noch nicht verwinden, daß es mir damals nicht gelungen ist, die alten Leutchen zu retten; es preßt mir das Herz zusammen, wenn ich daran denke.« »Ach was,« murmelte die Baskerin, »mit denen habe ich nicht so viel Mitleid, dazu kannte ich sie zu genau, von meiner Kindheit an haben sie mich schikaniert, haben meine kleinen selbstgefertigten Hanf- und Schnurarbeiten so schlecht bezahlt, mit drei und fünf Sous – und dabei maulten sie noch. Das häßliche alte Weib konnte es nicht ertragen, daß ich schön bin, sie hat übel von mir geredet und mich zu verleumden gesucht, wo immer sie eine Gelegenheit dazu fand. Und dabei waren diese Menschen so geizig. Nichts, gar nichts hatten sie für die Armen übrig. Wir müssen doch alle einmal sterben, und sie waren zu gar nichts nütze in der Welt, diese geizigen, mürrischen Alten. Glaub mir's, wenn wir verbrannt wären, so würden sie sich herzlich darüber gefreut haben. Denk also nicht mehr daran ... Aber sieh mal dort hinüber zu den Überresten der den Desjoncherets ungehörigen Hütte. – Das war ein prachtvolles Feuer, nicht wahr? An jenem Abend war es, wo du mich nachher zum ersten Male geküßt hast. Du hattest mit eigner Lebensgefahr und großer Mühe das Kind der Desjoncherets gerettet! Ach! Wie ich dich bewunderte! Und ich sage es dir, du warst schön in deinem Helme, der vom Widerscheine des Feuers rot erschien... O jener erste Kuß, – wenn du wüßtest...« Wieder streckte sie die Hand aus, an der der Trauring im Sternenschein flimmerte, und auf eine andre Brandstätte deutend, fuhr sie fort: »Und nun sieh dorthin, dort war es, wo wir uns verlobten – und dann nach dem Brande jenes Häuschens habe ich dir im Heuboden angehört; und oh, mein Peter, bei jenem letzten Brande war es, wo du die schwere und mir doch so teure Verwundung davontrugst!... Weißt du, ich sehe gern auf die zurückgebliebene, tiefe Narbe, ich liebe sie: ihr verdanken wir unser Glück, deine gute Anstellung als Forstaufseher, unsere Ehe und dieses Häuschen ... in dem unser Kind geboren wurde!« »Ja, ja,« murmelte Peter Albrun, der ein wenig nachdenklich geworden war, »es beweist, wie Gott selbst das Böse zum Guten wenden kann... Und doch, wenn es mir gelänge, diese elenden Brandstifter vor meine Flinte zu bekommen...« Sie wandte sich ab, ihre Augen blickten sehr ernst, und sie zog die Brauen so fest zusammen, daß sie sich berührten und nur eine schwarze Linie bildeten. »Schweige Peter,« sagte sie. »Steht es uns zu, die Hände zu verfluchen, die das Feuer angelegt haben? Ich sage dir, daß wir ihnen alles verdanken, bis zu diesem Kreuz, das du in deiner Hand hältst. Denke doch einmal ein wenig nach, mein lieber Peter. Du weißt es sehr wohl, daß es nur in der Stadt eine Kaserne für die Feuerwehr gibt, die den Dienst nicht nur für die Stadt und zwei Vororte, sondern auch für drei Dörfer zu versehen hat. Du, ein armer Sergeant der Feuerwehr, mußtest unausgesetzt, Tag und Nacht, bereit sein, bei jeder Feuermeldung deine Leute zu alarmieren und sie in den Kampf gegen das entfesselte Element zu führen. Du warst wie ein Gefangener in deiner Kaserne, erhieltest niemals Urlaub und konntest dein Gefängnis nur dann verlassen, wenn dein Dienst es erforderte. Wenn du dich ohne Erlaubnis hättest entfernen wollen, riskiertest du, dein Gehalt und deine Stellung zu verlieren! Selbst wenn es brannte, gebrauchtet ihr beinahe eine Stunde, um hierhin zu kommen! ... Und nun bedenke meine Lage: ich saß hier in Ypinx und drehte meinen Flachs, womit ich fünf bis sechs Sous täglich verdiente ... und dabei mußte ich doch auch für die arme, hinfällige, alte Frau sorgen... das war oft sehr schwer, besonders im Winter. Ich hätte es ja machen können, wie andere es auch tun, hätte zur Stadt gehen, mich verkaufen können – aber du verstehst es doch, mein einzig Geliebter, daß mir das nicht möglich war! – Es ist also doch ganz klar, daß ohne diese schönen Feuersbrünste ich heute noch meinen Flachs im Dorfe drehen würde, während du, lieber Freund, dich mit dem schweren Dienst bei der Feuerwehr abplagen könntest. Wir würden uns dann niemals wieder gesehen, miteinander bekannt geworden und endlich zusammengekommen sein. Und ich glaube denn doch, daß unser gemeinschaftliches Leben hier ein bedeutend besseres ist. Glaube mir, das gilt mehr als alles, was sich mit jenen uns völlig gleichgültigen Menschen zugetragen hat.« »Grausames Kind!« antwortete Albrun, »in deinen Adern fließt vulkanisches Blut.« Mit einem so seltsamen Lächeln, daß ihm davor graute, fuhr die junge Frau fort. »Was diese Schmuggler betrifft, so haben sie wohl etwas anderes zu tun, als hierher zurückzukehren, um sich eines nichts wegen vor euch zu verantworten, laß sie in Frieden! Überhaupt können es ja doch nur die Einfältigen des Ortes im Ernste glauben, daß sie die Brandstifter gewesen seien.« Ohne sich über seine Gedanken Rechenschaft geben zu können, blickte der Forstaufseher schweigend und sorgenvoll auf sein junges Weib. »Wer sonst könnte es gewesen sein,« sagte er endlich. »Hier lebt alle Welt in bestem Einverständnis miteinander, jeder hat den andern gern und kennt ihn. Es gibt hier keine Diebe und Übelgesinnte, es hat hier niemals welche gegeben. Niemand anders als diese Schmuggler konnten ein Interesse daran haben ... Welch andere Hand ... hätte es gewagt ... aus Rache derartiges zu verüben?« »Vielleicht ist es aus Liebe geschehen,« sagte die Baskerin. »Sieh, wenn ich liebe – das weißt du, würde ich den Geliebten erringen, und wenn Himmel und Erde darüber zugrunde gehen sollten! – Welche Hand konnte ein solches Verbrechen begehen, fragst du? Wie, mein Peter, wenn es nun die Hand wäre, auf die du eben deine Lippen drückst?« Albrun, der seine Frau kannte, ließ entsetzt die Hand fallen, die er eben noch mit Küssen bedeckt hatte. Es lief ihm eiskalt über den Rücken, und sein Herzschlag stockte. »Du scherzest, Ardiane?« sagte er. Aber das seltsame, wilde Wesen, dieses berückend schöne, junge Weib schlang beide Arme um seinen Hals und, ihn mit berauschend leidenschaftlicher Zärtlichkeit fest an sich ziehend, flüsterte sie mit gebrochener Stimme und glühendem Atem dem jungen Mann ins Ohr: »Peter! ... Es geschah doch, weil ich dich anbetete! Peter, es geschah, weil ich keinen andern Ausweg wußte, der furchtbaren, uns drückenden Armut zu entrinnen. Diese elenden Spelunken anzustecken war das einzige Mittel, uns zu sehen! Einander anzugehören und ein Kind zu bekommen.« Bei diesen schrecklichen Worten riß sich Peter Albrun, der brave frühere Soldat, aus ihren Armen los, sprang auf und stand einen Augenblick hochaufgerichtet da. Dann aber ergriff ihn ein Schwindel, er taumelte hin und her. Ohne nur ein Wort zu antworten, schleuderte der Forstaufseher sein Ehrenkreuz in weitem Bogen durch das offene Fenster in den Gießbach hinaus – es stieß mit einer seiner Kanten so heftig auf einen Felsen an, daß es ihm einen Funken entlockte, ehe es im Schaume verschwand. Fast instinktiv streckte Albrun dann die Hand nach der an der Wand hängenden Flinte aus, aber er hielt plötzlich inne – sein Blick war auf das jetzt friedlich in den Armen seiner Mutter schlafende Kind gefallen. »Dieses Kind soll Priester werden, um für dich die Absolution deiner Sünden zu erringen,« sagte er endlich nach einer langen Pause. Aber die Baskerin war von einer sinnverwirrenden Schönheit, ihre Umarmungen waren so berauschend, ihre Küsse so glühend, daß es ihr schon gegen fünf Uhr morgens gelungen war, das Gewissen des jungen Mannes zu betäuben, und daß er in seiner schrecklichen Gefährtin keine Verbrecherin, sondern eine Heldin sah. In der Liebesglut, mit der Ardiane Inféral Peter Albrun an ihr Herz drückte, erstickte sein gerechter Zorn – und er vergab ihr. – Und, um aufrichtig zu sprechen – warum sollte er ihr nach alledem nicht vergeben haben? Wäre es vielleicht besser gewesen, wenn er ihr mit rauher Stimme »Lebewohl« zugerufen und davongegangen wäre? Man hätte dann wahrscheinlich drei Monate später in den Zeitungen gelesen, daß er einen ruhmvollen Tod in China oder bei den Hovas gefunden; sein armes Kind würde vielleicht in ein Waisenhaus gesteckt worden sein, und die schöne Baskerin würde in irgendeiner Stadt ihre Reize verkaufen und bei der Nachricht, daß sie Witwe geworden, die Achseln zucken und des Verstorbenen als eines richtigen Dummkopfes gedenken. Das würden die Resultate einer zu rigoros durchgeführten Strenge gewesen sein. Trotz dem Schatten des Geheimnisses, das auf ihnen ruht, dieses Geheimnisses, das sie streng behüten und das sie für immer miteinander verbunden hat, scheinen Peter und seine Ardiane ein glückliches Paar zu sein, das einander vergöttert! ... Es ist Peter sogar gelungen, sein Kreuz aus dem Gießbach herauszufischen; er hat dies Ehrenzeichen ja auch wirklich verdient und – er trägt es mit Stolz. Wenn man in Erwägung zieht, was die Menschheit billigt, achtet und bewundert, so wird jeder aufrichtig und ernst denkende Geist zugeben müssen, daß dieser Ausgang durchaus wahrscheinlich ist.