Johann Karl Wezel Herrmann und Ulrike Ein komischer Roman in vier Bänden.     Zweiter Band. Vierter Theil. Erstes Kapitel. Erfüllt mit den süßesten Träumen der Ehre und künftiger Größe – in der festen Ueberredung. daß sich unmittelbar nach seiner Ankunft in Dresden Schwingers Freunde und alle andre Personen, die etwas für ihn zu thun vermöchten, um die Wette beeifern würden, seine Einbildungen wirklich zu machen, langte der unerfahrne Jüngling an einem heitern Morgen in der Meißner Gegend an. Zwo Nächte hindurch hatten sich seine Augen keine Minute geschlossen: immer wandelten vor seiner Seele goldne Bilder vorüber, bald Liebesauftritte mit der Baronesse, bald Scenen der Ehre, doch keine, woran nicht Ulrike den Hauptantheil hatte: ihr Besitz war das lezte, der vollendende Schluß bey allen Vorspiegelungen seiner Einbildungskraft, sie beleuchtete, wie eine 4 Mittagssonne, alle seine Vorstellungen, gab ihnen Leben, Feuer und Wahrscheinlichkeit, spannte alle seine Kräfte an – Er wurde nicht von vier abgelebten Schecken aus dem Postwagen langsam fortgezogen: nein, er schwebte in den Wolken: die Räder, so schwerfällig sie sich umdrehten, rollten ihm schnell dahin, wie die Ideen durch seinen Kopf: alles um ihn herum, die ganze Postgesellschaft war für ihn vernichtet: er war allein auf der Erde. Der Schaffner fieng einige witzige Scharmützel mit ihm an, um die verschlafne Gesellschaft auf seine Unkosten aufzuheitern: nicht Ein Laut war aus ihm zu locken! Der Mann wurde über die mislungnen Angriffe verdrießlich: er verdoppelte sie, und weil er besorgte, daß sein Witz für eine so hölzerne Seele, wie ihm Herrmann schien, zu fein gewesen sey, so machte er ihn izt so derb und plump, daß ihn auch der phlegmatischste Dummkopf hätte fühlen müssen: nicht Eine Sylbe wurde erwiedert! Inzwischen fielen doch dem Träumer die öftern Anreden des witzigen Schaffners allgemach beschwerlich: um 5 nicht ferner durch sie gestört zu werden, stieg er aus und nahm einen Platz vorn vor der Kutsche: hier quälte ihn das Mitleid des Postilions, der ihm unaufhörlich über seinen schlechten Sitz kondolirte, und endlich gesellte sich sogar der Schaffner dazu und nöthigte ihn mit spottender Höflichkeit, auf den alten Platz zurückzukehren; und da die Güte nicht verfangen wollte, gebrauchte er sein Schaffneransehn, ihn zurückzubringen, und stellte ihm seine Pflicht, für die Bequemlichkeit der Passagier zu sorgen, und die Verantwortung, die er ihm durch Beharrung in seinem Eigensinn zuziehen werde, mit so eindringendem Eifer vor, daß er nachgab und den alten Sitz wieder einnahm. Nun hagelten witzige Einfälle und Hönereyen auf ihn los: denn der Schaffner hatte der Reisegesellschaft, als er ihn zurückholte, das Wort gegeben, »ihm recht einzuheitzen, wenn er ihn wieder unter dem gelben Tuche hätte.« – Endlich, da aus dem Klotze schlechterdings gar keine Antwort zu ziehen war, wurde der Mann unwillig: er wandte sich mit zorniger Bewegung zu der übrigen 6 Gesellschaft – »Daß der Teufel den Kalbeskopf holte!« sprach er pathetisch. »Ich bin doch meiner Seele! zwanzig Jahr Schaffner und habe so Manchen aus Afrika und Amerika, aus Rußland und Petersburg gefahren: aber straf mich Gott! so einen Hans Morchel hab' ich noch nicht auf meiner Kutsche gehabt. So wahr mich unser Herr Gott erschaffen hat! es ist ein Pilz. Mich soll der Teufel lebendig speisen, wenn ich ihn wieder ansehe.« – Wirklich drehte er ihm auch den Rücken zu und sprach die ganze Reise über kein Wort mehr. Izt eröfnete sich die ganze herrliche Scene des Septembermorgens: unser Reisender war durch Schwingern darauf vorbereitet worden und nahm deswegen wieder einen freyen Platz außer der Kutsche ein. Fantastische Felsen in düstern Schatten gehüllt, mit einer Strahlenkrone von der aufgehenden Sonne bekränzt, wanden sich in mannichfaltigen Krümmungen an der linken Seite hin: zur Rechten die breite Fläche der Elbe, die für ihn ein Meer war; aus ihr einzelne Kähne, langsam daherschwimmend, als 7 wenn ihre Regierer noch halbschlaftrunken das Ruder regierten: an ihrem jenseitigen Ufer aufsteigende Berge mit dichtem dunkelm Buschwerk bedeckt, aus welchem die weißen schlanken Birkenstämme hier in freundschaftlichen Gruppen, dort einzeln in ungeselligen Entfernungen emporstiegen! Izt floh der Fluß von der Straße hinweg, ließ am linken Ufer bunte Wiesen und Fruchtfelder, noch halb mit dem Flore der Nacht überdeckt, und wand sich mit der bleyfarbnen Fläche nach einem Halbzirkel von Felsen hin: sie nahmen ihn in ihre Arme auf, er wurde zum stehenden Meer und schien hier von seinem Laufe ausruhen zu wollen. – Die ernste Stille der Nacht beherrschte noch diese Ruhestätte: in feierlichen Reihen standen hohe Eichen, breitgewachsne Buchen und langaufgeschoßne Birken über einander an dem Amphitheater der zackichten Berge und empfiengen mit ehrerbietigem Warten den kommenden Fluß: für Herrmannen war dies eine melancholische Einsiedeley, die Oefnungen der Berge waren ihm Hölen; in einer saß Ulrike und weinte, von ihrem stolzen Onkel in 8 Felsen eingesperrt: eine ungeheure See trennte sie und seinen Postwagen: seine Fantasie stimmte bald das Feierliche des Auftritts zur Traurigkeit um: die finstern Eichen und Buchen standen ihm in Flor tiefsinnig da, die starren Birken hatten weiße Leichengewände um sich geworfen und stiegen mit stummer Betrübniß aus dem dunkeln Grunde hervor, den die Dämmerung, wie ein ausgebreitetes schwarzes Tuch, bedeckte: alles trauerte um die einsame Eingeschloßne, und ich bin nicht gut dafür, ob er sie nicht endlich gar vor Schmerz in ihrer Höle hätte sterben lassen: aber sein Wagen wandte sich nach der linken Seite hin, das traurige Amphitheater nahm von ihm Abschied, streckte seitwärts noch einmal den Arm nach ihm aus und – verschwand; die Pferde sezten sich bey der Wendung in Trab, und das ganze Bild einer gewaltsamen Trennung war da: er seufzte, hüllte die nassen Augen in den Mantel und – welch' ein belebender Auftritt, als er sie wieder aufschlug! Die Pferde trabten mit ihm in ein Paradies hinein! Ein langgedehnter, rothschimmernder Bergrücken, 9 mit wimmelnden Häusern, Thürmen, Schlössern, in weiße Terrassen getheilt, woran sich Weinreben hinanschlangen, mit Fruchtbäumen geschmückt, lachte ihm, wie ein glückliches Eden, entgegen: seine überraschte Einbildungskraft schuf jedes Winzerhaus zu einem Palaste um und erhöhte das lebhafte Kolorit der Natur bis zur Bezauberung: aus einem melancholischen dumpfen Kerker war er plözlich unter den lachendsten Himmel versezt. Izt vergoldete der schiefe Morgenstrahl der Sonne eine hervortretende Kante, während daß der übrige Grund in dunkelrothem Schatten dalag: izt blinkte ein weißes Gebäude aus der Spitze am Ende des Horizonts herab – es war ihm ein ferner Marmorpalast, von einem Fürsten oder Prinzen bewohnt. Allgemeine Regsamkeit belebte nunmehr die Scene: weitaufgeschürzte Dorfnymphen giengen schaarenweise an die frühe Arbeit; ringsum ertönten freundliche Morgengrüße, allenthalben erschienen fröliche Gesichter, rothe Wangen und fleischvolle nervichte Arme, von Gesundheit 10 und Zufriedenheit genährte Körper. Izt kam ein Trupp alter Mütter, das reichliche Morgenbrod in den Händen: mit stillem weisem Ernste besprachen sie sich über Angelegenheiten der Haushaltung, über die schweren Pflichten der Hausmütter, über bezauberte Kälber, die nicht wachsen wollen, und behexte Kühe, die keine Milch geben, obgleich ein doppelt heiliges Kreuz die Stallthür bezeichnet, und die Hörner ein hellrother Lappen wider des Satans Arglist und der Menschen Bosheit bewafnet. Izt schallte fernher das laute Lachen eines schäkernden Haufens: junge blühende Mädchen waren es, rothe Gesichter auf schwarzbraunem Grunde, alle muthig und glühend, wie Göttinnen der Gesundheit: ihre spaßenden Anbeter schlenterten mit gebognem Knie zwischen ihnen daher, trugen mit gutherziger Galanterie ihre Körbe, und aus galanter Bosheit füllten Andre die Körbe ihrer Geliebten mit Steinen und Erdklumpen: die Schönen, die sich auf seinen Scherz verstunden, schleuderten den Muthwilligen die ganze Ladung an die Köpfe, daß sie fluchend und drohend 11 dastunden, den Sand aus den Augen rieben oder aus den buschigten Haaren die Erdklumpen schüttelten: triumphirend trabten die Nimphen davon, nur eine, die gern gehascht seyn wollte, verweilte zu lange, ihr braungelber Adonis erwischte sie schnell, schlang um sie die aufgestreiften Arme, und schon näherte sich seine verwegne Hand dem verschobnen Halstuche: das beschämte Mädchen schrie dreimal laut, und dreimal hallte ihr keusches Geschrey aus den Weinbergen und vom fernen Ufer der Elbe zurück: der ganze übrige Haufen sah wartend ihrer Bestrafung zu und ehrte den Sieg ihres unverschämten Liebhabers mit einem mannichstimmigen lachenden Chor; und in der ganzen Gegend lachte der Wiederhall ein Triumphlied über die Bestrafung der schwarzbraunen Schöne. – Izt kamen mit eilfertigem Schritte ein Paar Städter, die auf Gewinst ausgiengen, die Gesichter voll Aerger über einen geschmälerten Profit: mit lebhafter Bewegung der Hände stritten sie über Projekte und Anschläge, ihren Vortheil zu vergrößern: – izt ein Paar andre, die den 12 Lohn ihrer Arbeit von gnädigen Herrschaften aus dem Lande herausbetteln wollten: Sorge für ihr Auskommen sprach aus jedem Zuge des hagern Gesichts, und Klagen über Mangel an Nahrung waren ihr Gespräch. – Hier schleppten wiederkauende Ochsen den knarrenden Pflug in langer Reihe langsam dahin: einer ihrer Monarchen pfiff der erwachten Flur ein rasches Morgenlied, ein andrer sang ein galantes Schätzel, du bist mein; dieser unterhielt sich mit seinem Stier, predigte ihm Regeln des Wohlverhaltens, lehrte ihn die Pflichten seines Berufs und spornte seine trägen Füße durch Versprechungen und Drohungen, und wenn diese nichts über sein fühlloses Herz vermochten, mit holtönenden Hieben an; jener schlich nachdenkend, in die Wichtigkeit seines erhabnen Postens vertieft, das dampfende Pfeifchen im Munde, mit stummer Gravität neben seinem Viehe her. – Dort wallte in der Ferne eine dichte Staubwolke, von Sonnenstrahlen erhellt: in ihr rollte, schnell wie der Donnerwagen Jupiters, von vier braunen Hollsteinern gezogen, 13 eine goldlackirte Kutsche, hinten und vorn mit einem Schwarm gepuzter Domestiken befrachtet, und in dem innersten Winkel des weiten leeren Kastens steckte ein schwindsüchtiges Männchen, wie eine Spinne, die ihr Gewebe dort anlegen wollte. – Kurz darauf erschien ein gnädiger Erb- Lehn- und Gerichtsherr in einer demüthigen Staubwolke, die kaum dem Qualme eines pudernden Friseurs ähnlich sah: eine gichtbrüchige, rothfuchsichte Kutsche trug den hochadlichen Körper, mit drey mattherzigen Bauerpferden bespannt, die ihre Füße auf Unkosten des Rückens schonten. Wie ein Pfeil, flog vor ihm auf einem leichten Rollwagen der dicke, ausgestopfte Pachter vorbey, der im vorjährigen Konkurse sein Rittergut erstanden hatte, mit leichtem Kopfnicken den gnädigen Vorgänger grüßte und spottend nebst seinem Hans die abgezehrten Gaule an der adlichen Kalesche mit seinen brausenden Hengsten verglich. Um die Lebhaftigkeit des Bildes zu vergrößern, wanderten ganze Karawanen schnatternder Marktweiber mit schnatternden Gänsen vor dem Postwagen vorbey: 14 dieser trug, jener schleppte seine Waare, einige führten sie auf Karren, andre auf hochgethürmten Wagen: es war allenthalben nichts als gehn und kommen, fahren und reiten in Einem wimmelnden Gedränge. Herrmann fühlte sich in eine neue Welt versezt; er war betäubt, hingerissen, überwältigt: die reizendste Landschaft im schönsten Glanze des Morgens! das laute Getöse der Geschäftigkeit! soviel Leben, Munterkeit, Thätigkeit, wohin er nur blickte! – Das ganze beseelte Gemählde drang mit stürmischer Gewalt auf alle seine Sinne los: er konnte sich nicht eher als bey der nächsten Einkehr von der Berauschung so mannichfaltiger, überfüllender Bilder erholen. Indessen daß die übrige Gesellschaft sich in der dumpfen Wirthsstube mit dem Frühstück labte, schlich er einsam und tiefdenkend längs dem Dorfe hinan. Bald gieng er in Gedanken mit Ulriken so frölich und schäkernd durch die arkadischen Fluren, wie er kurz vorher Bäuerinnen mit ihren glücklichen Liebhabern zur Arbeit hatte auswandern sehn: o wie beneidete er das 15 glückselige Volk! wie wünschte er, ihnen gleich zu seyn! Schon machte er Entwürfe, wie er von dem Gelde, das Ulriken von ihrer Erbschaft zufallen mußte, ein Bauergut kaufen wollte – oder vielmehr er hatte in seiner täuschenden Einbildung schon wirklich eins gekauft: der Prozeß war geendigt, das Geld ausgezahlt, Ulrike seine Frau, er gieng schon an ihrem Arme ins Feld, säte und ärntete mit ihr ein, saß schon leibhaftig mit ihr auf dem Stein vor seinem ländlichen Häuschen in der Abendkühlung, und ein Schwarm von kleiner Nachkommenschaft spielte dem sechzehnjährigen Herrn Papa um den Schoos. Er zerfloß vor inniger Freude, vor sanfter Rührung über sein Glück: er hätte weinen mögen, daß er nicht zaubern konnte, um es auf der Stelle wirklich zu machen. Brausend und schnaubend flogen zwey Isabellen mit einem leichten Vis-á-Vis daher, den ein Herr und eine Dame füllten: Scherz, Vertraulichkeit und Vergnügen lächelte aus ihren Gesichtern durch die Oefnung des Fensters – weg war aus Herrmanns Kopfe die ganze 16 ländliche Glückseligkeit! mit dem ersten Brausen der Pferde rein weggeblaßen! Er gieng nicht mehr an Ulrikens Hand zu Fuße ins Feld: nein, er fuhr ihr gegenüber in dem nämlichen Vis-á-Vis, mit der nämlichen frohen Vertraulichkeit, als ein reicher Mann, durch die grüssenden Reihen der gaffenden Dorfkinder, mit Ehre und Rang geziert, und der Himmel weis, ob er sich nicht gar adeln ließ, sein Kleid mit einem Sterne und die Schulder mit einem Ordensbande schmückte. Mit stolzem, edlem Schritte wandelte er daher, wie auf den Schwingen der Ehre getragen: der Postilion blies – o das verdammte Posthorn! Wie eine Sterbeglocke klangs! Sein rauhes Stöhnen verscheuchte den Traum seiner Größe, und traurig und seufzend kroch er unter das gelbe Gewölbe der Postkutsche und mußte, statt Ulriken, mit einer alten, finnichten, verwachsenen Jüdinn vorlieb nehmen, die er izt zum erstenmale mit großem Ekel an seiner Seite wahrnahm, ob sie gleich den halben Weg über schon neben ihm gesessen hatte. Die beräucherte Tapezierung des Wagens und die 17 widrige Nachbarschaft versezte ihn den ganzen übrigen Weg in so üble Laune, daß er sich von Herzen über die ekelhafte Häßlichkeit ärgerte, womit der Gott der Israeliten seine hebräische Nachbarin gebrandmahlt hatte. Der Weg däuchte ihm hundert Meilen lang. Endlich rumpelte das schwerfällige Fuhrwerk durch den Schlag übers Pflaster stoßend und werfend daher: man hielt, man examinirte: ein neues Wunder für unsern Reisenden! Zum Unglücke erkundigte sich der Thorschreiber bey ihm zuerst nach Dero Namen und Charakter: dem armen Heinrich ward angst, wie in der Hölle: er faßte sich hurtig zusammen und that der Anfrage mit so aufrichtiger Umständlichkeit Genüge, daß er Taufnamen und Geschlechtsnamen nebst Geburtsjahr, Namen und Charakter seiner Eltern genau und pünktlich referirte: die übrige Gesellschaft lachte, hielt es für Fopperey und wunderte sich, daß ein Mensch, der den ganzen Weg über kein Wort geredt hatte, einer so beißenden Antwort fähig sey: der Thorschreiber wußte selbst nicht, woran er war, ob 18 ers für Spötterey oder Einfalt nehmen sollte, und da ihm die raffinirte Miene des jungen Menschen das lezte nicht wahrscheinlich machte, so hielt er sich ans erste und verwies ihm mit derbem Tone seine Naseweisheit und versicherte ihn, daß er an seines gnädigsten Herrn Statt hier stehe und auf seinen Befehl frage, wer er sey: der arme Pursche glaubte ein Verbrechen der beleidigten Maiestät begangen zu haben, und konnte gar keine Ursache finden, warum der Landsherr so neugierig nach seinem Namen sey, daß er ihn auf ausdrücklichen Befehl darum fragen lasse. Er wußte in seiner ganzen Seele keinen andern Rath zu finden, als daß er den Thorschreiber demüthig ersuchte, wegen seines Versehens in seinem Namen bey seiner Durchlaucht unterthänigst um Verzeihung zu bitten. Der Thorschreiber, der seine Reue für fortgesezten Spott ansahe, brannte lichterloh vor Zorne, sprudelte ihm die schrecklichsten Flüche und Drohungen ins Gesicht: der gute Heinrich ward blaß, wie eine Leiche, vor Furcht und Warten der Dinge, die da kommen sollten, 19 zitterte und bebte. Der Schaffner loderte auch auf, daß er so langes Anhalten veranlaßte, und stürmte, wie ein Wütender auf ihn los: da saß der arme Betäubte, wie sinnlos, wußte nicht, was er begangen hatte, und noch weniger, wie ers wieder gut machen sollte, konnte weder denken noch reden! – »Straf mich Gott! rief der Schaffner, mit dem Menschen ists im Oberstübchen nicht richtig: den ganzen Weg über hat er vor sich hingesehn, wie ein kranker Mops, und nun weis er nicht einmal seinen Namen! So wahr ein Gott im Himmel ist! der Pinsel weis viel, ob er einen Vater hat. Man sollte sichs nicht so vorstellen, bey meiner Seele! nicht so arg! Ist ein getaufter Christ, in der Christenheit geboren und erzogen, und kann dem Thorschreiber nicht einmal antworten!« – Die finnigte Jüdin fand sich durch die Rede des Schaffners mittelbarer Weise beleidigt und öfnete ihre aufgeworfenen Lippen zu Herrmanns Vertheidigung, befragte ihn noch einmal Punkt für Punkt, er antwortete Punkt für Punkt wie zuvor: die ganze Gesellschaft erklärte ihn für einfältig, und der Thorschreiber ließ 20 mit verächtlichem Mitleid seinen Zorn erlöschen und den Wagen fahren. Man stieg aus, der unerfahrne Heinrich wollte seine Habseligkeit herausnehmen: gebieterisch wurde er davon zurückgescheucht – neue Verlegenheit! Er stand neben dem Schilderhäuschen und sann ernsthaft nach, warum man ihm sein paar Hemden und die schwarzen Sonntagsbeinkleider nehmen wolle – denn er gab sie für ganz verloren – er bildete sich ein, daß es ebenfalls so auf Befehl geschehe, wie er um seinen Namen befragt worden war: und mit vieler Bewegung nahm er bey sich von den schönen Sontagsbeinkleidern Abschied, als man sein Kufferchen ins Haus schafte. Nun betrübte er sich erst, daß er seine Vaterstadt, wo ihn jede Katze kannte, hatte verlassen und in ein Land auswandern müssen, wo er nichts als fremde Gesichter sah: außerdem war er so lange her Schwingers sanfte, gefällige Freundlichkeit gewohnt, er war nie anders als in gütigem Tone angeredet worden: doch hier sprach Jedermann so scharf und rasch, daß er alle Leute in grauen, 21 gelben, blauen Röcken, die bey dem Abpacken herumwimmelden, für erzürnt hielt; und auf die hastige Frage, welches sein Kuffer sey, näherte er sich ihm furchtsam und wies, ohne reden zu können, halb zum Fliehen fertig, mit dem Zeigefinger darauf. – »Dieser?« fragte der Postbediente mit der nämlichen Hastigkeit noch einmal. – Er flisterte ein halbverschlucktes Ja. Eine Minute darauf fragte ein Mann im grautuchnen Ueberrocke abermals nach seinem Kuffer: er konnte gar nicht begreifen, warum sein Bischen Habseligkeit alle die Leute so sehr interessirte: allein dieser Mann that seine Anfrage leutselig und mit einem tiefen Grusse; das gab ihm Muth: er antwortete hurtig mit einer Verbeugung von der ersten Größe: der Mann ersuchte ihn zu öfnen: ehrfurchtsvoll nahm er den Hut unter den Arm und schloß eilfertig auf. Die Entdeckung war bald gemacht, daß er nichts strafbares enthielt, und es wurde erlaubt, ihn wegzuschaffen: wie seinem Freunde, seinem Wohlthäter, drückte er dem Manne die Hand und dankte verbindlich, daß er ihm den Kuffer 22 wiedergeschenkt habe: der Visitator reichte ihm sehr freundlich die Rechte dar und zog sie, verdrießlich über den leeren Dank, langsam wieder zurück. Die Noth war noch nicht aus. Verlassen stand der arme Pursche da, und Niemand bot ihm eine Wohnung an. Die überhäuften Gegenstände, das Getöse, der Sturm des Thorschreibers hatten ihn so verwirrt, daß es um alle seine Besonnenheit geschehen war: Unerfahrenheit im Weltlaufe macht auch den besten Verstand blöde, und scharfsinnige Gelehrte haben sich bey ähnlichen Gelegenheiten, wenn sie ihnen zum erstenmale aufstießen, nicht mit größrer Entschlossenheit betragen als Heinrich. Er gieng auf und ab, und dachte mit Herzeleid an das Schloß des Grafen von Ohlau zurück, wo er mit römischen Kaisern und griechischen Feldherren, wie mit Brüdern, umgieng, wo ihm regelmäßig Essen und Trinken gebracht wurde, ohne daß er einen Laut darum verlor, und hier – ach! hier bekümmerte sich Niemand um ihn, als wenn er gar nicht unter die essenden und trinkenden Kreaturen gehörte. Ein geschäftiger Gelbrock rennte vor ihm vorbey: Heinrich 23 sagte ihn sehr höflich, wo er wohnen sollte: Der Mann hielt ein wenig an, sah ihm starr ins Gesicht: jener wiederholte mit einer tiefen Verbeugung seine Frage – »Wo Sie wollen!« antwortete der Gelbrock hastig und gieng. Eine solche Lieblosigkeit war über alle seine Begriffe. Endlich erschien der Lohnlackey und erkundigte sich, den Hut in der Hand, sehr menschenfreundlich, ob er eines Bedienten benöthigt sey. »Ach, wenn ich nur erst wüßte, wo ich wohnen sollte!« sprach Herrmann mit einem tiefen Seufzer. – Nun wurde bald Rath geschaft: mit einer Eilfertigkeit, als wenn er sich den Kopf zerstoßen wollte, lief der Lackey Treppe auf, Treppe ab, und lud ihn kurze Zeit darauf mit vielen Komplimenten auf das Zimmer ein. Heinrich, der den gepuzten Lohnlackey für nichts weniger als einen Lackey hielt, komplimentirte mit ihm die Treppe hinauf und dankte in Einem Athem für seine Gütigkeit. Wie hatte sich die Scene plözlich verändert! Nunmehr erkundigte sich sein neuer Bothschafter alle Augenblicke, ob 24 er dies, ob er jenes bedürfe, bat ihn, nur zu befehlen, und er entschuldigte sich sehr liebreich, daß er ihn nicht bemühen wolle: er mochte nur reden, nur winken, und man war zu seinem Befehle. Er schien sich izt ein kleiner Zevs, der von der Höhe seines tapezirten Zimmers mit einem Hauptschütteln eine kleine Welt regierte. Es fanden sich sogleich eine große Menge Leute ein, die ihm ihre Waaren anboten: er dankte mit vieler Güte für ihre Bemühung, und fand die Menschen hier zu Lande ungleich liebreicher als in seiner Vaterstadt, daß sie so für das Wohlseyn der Fremden besorgt waren. Der Zulauf wurde immer stärker: Mannspersonen und Weiber kamen und wünschten ihm zu seiner Ankunft Glück. – »Da sieht man recht,« dachte er bey sich, »wie es in der großen Stadt anders ist als bey mir zu Hause! Das heißt doch Höflichkeit!« – Die höflichen Leute fiengen an, ihm ihr Elend mit der höchsten Bettlerberedsamkeit vorzustellen: dieser hatte eine todtsterbenskranke Frau zu Hause, die nun seit Jahr und Tag an der Schwerenoth, Gott sey bey uns! hart 25 daniederlag und zuweilen so heftig schrie, daß man es aus Friedrichstadt in Altdresden hörte; jene hatte eilf unerzogne Kinder zu Hause, wovon neune schon seit Jahr und Tag gefährlich krank lagen, der Mann war an Händen und Füßen lahm, und sie, für ihre selbsteigne Person, hatte einen großen Ansatz zur Wassersucht – es war ein Jammer, daß es einem Stein in der Erde hätte erbarmen mögen; ein Pursche, frisch und gesund, hatte einen gichtbrüchichen Großvater, zwey lahme Eltern und dreizehn ungesunde Schwestern zu Hause, die alle mit der englischen Krankheit behaftet waren. Heinrichs Herz zerschmolz von tiefgerührtem Mitleide bey ihren Thränen, Zähren traten ihm ins Auge, und er hielt es für seine Pflicht, so höflichen Leuten mit einer reichlichen Wohlthat für ihren Glückwunsch zu danken. Er wunderte sich gegen den Lohnlackey, als er den Tisch deckte, außerordentlich über die zahlreichen Familien hier zu Lande, und versicherte, daß dergleichen bey ihm zu Hause gar nicht zu finden waren. – »Ach,« antwortete der 26 Lackey lachend, »glauben Sies denn? Sie werden nicht ungnädig nehmen, Sie sind noch ein junger Herr und zu gutherzig: solchen Leuten müssen Sie nichts geben, oder doch sehr wenig: das ist eitel loses Gesindel.« – »Aber sie thaten doch so kläglich, daß man gerührt werden mußte.« – »Ach,« erwiederte der Lackey mit dem nämlichen Lachen, »für zwey Dreyer weinen Ihnen die Leute eine halbe Stunde, wenn Sies haben wollen. Man könnte hier ein Raritätenkabinet von Bettlern anlegen: in den schönsten Kleidern gehn sie herum, wie die Pfauen: sie brauchens freilich: aber sehn Sie, gnädiger Herr – ich weis nicht, ob ich Sie recht titulire – sehn Sie! wenn ich etwas zu sagen hätte, das Ding sollte ganz anders werden.« – Heinrich befragte ihn, wie er das zu machen gedächte. – »Sehn Sie!« erwiederte der Lackey, »wenn ich etwas zu sagen hätte – Befehlen Sie etwa die Suppe?« Er gieng, trat mit ihr herein, und mit dem Hereintreten begann er schon wieder – »Sehn 27 Sie! wenn ich etwas zu sagen hätte – Befehlen Sie auch Wein?« Er holte ihn; und so trat er sechsmal ins Zimmer mit einem »Sehn Sie! wenn ich etwas zu sagen hätte« – und erkundigte sich jedesmal nach einem Bedürfnisse: denn er hatte das Unglück, daß er nicht eher an den Löffel dachte, als bis die Suppe dastand, noch ans Messer, als bis man das Fleisch schneiden wollte. Da alle Nothwendigkeiten auf die Weise einzeln herbeygeschaft waren, drang Herrmann von neuem in ihn, sein Bettlerprojekt zu entdecken: denn der gutherzige Pursche, der noch zu wenig fremdes, wahres und erdichtetes Leiden kannte, um ihm nicht sogleich abhelfen zu wollen, hatte während des Essens bey sich selbst ernstlich überlegt, wie mans dahinbringen könne, daß Niemand mehr in der Welt arm und elend sey. – »Sehn Sie!« fieng der Bediente wieder an, »wenn ich etwas zu sagen hätte – sehn Sie! da sagt' ich den Leuten geradezu, Ihr sollt nicht betteln! und wers dennoch thäte, der müßte – Befehlen Sie diesen Nachmittag auszugehn?« 28 Das Projekt blieb abermals stecken und kam auch Zeitlebens nicht völlig zum Vorschein.   Zweites Kapitel. Das erste nöthige Geschäfte war, Schwingers Briefe zu überliefern. Er wollte sich zu dem Ende mit seinen schönen schwarzen Sonntagsbeinkleidern, mit stattlich breiten genähten Manschetten und der ganzen übrigen Feierkleidung schmücken, die er ausgebreitet unterdessen auf den Tisch legte, um sich von dem ankommenden Friseur adonisiren zu lassen. Der kurze dicke Pudergeist nennte ihm eine Menge Frisirarten her und bat, darunter auszulesen, und frisirte und schwazte unaufhörlich, ohne ihm Zeit zur Wahl zu lassen. Heinrich war noch ganz bey den Bettelleuten mit seinen Gedanken und fragte auch bey dem Friseur an, ob man denn gar nichts thäte, um dem Elende der armen Leute abzuhelfen. Der Friseur hielt inne, 29 reckte ihm sein rechtes Ohr dicht vor den Mund hin und schrie »Was?« – Heinrich wiederholte seine Frage. – »O ja!« antwortete der Pursche und hieb mit weitausgeholtem Kamme keuchend in die Haare hinein – »O ja! man trägt sie izt einen Finger breit überm Ohre.« Heinrich merkte, daß er ihn nicht verstanden hatte, und weil ers für unhöflich hielt, zum drittenmal zu fragen, ließ ers dabey bewenden. Die zahlreichen Familien hier zu Lande fielen ihm wieder ein, und er erkundigte sich bey dem Pudergotte, wie viel er Schwestern habe. »Welche Sie befehlen, junger Herr!« schrie der Friseur. »Eine ofne, eine lange, eine kurze, eine dicke, eine dünne – ich mach' sie, wie Sie befehlen.« – Abermals misverstanden! So sezten sie das Gespräch eine Zeitlang fort: immer that er das Gegentheil von dem, was Heinrich verlangte. Beym Abschiede wollte er kein Geld nehmen, weil er schon auf den künftigen Morgen wieder bestellt war: Heinrich fand die Höflichkeit etwas übertrieben und drang in 30 ihn, ein Geschenk anzunehmen, da er den Preis seiner Arbeit nicht bestimmen wollte: allein der taube Friseur machte einen Reverenz und wackelte fort, ohne auf seine Bitten zu hören. »Dergleichen Höflichkeit hätt' ich mir beym ersten Eintritte ins Haus nicht vermuthet!« dachte Herrmann bey sich. »Die Leute sind doch wahrhaftig viel besser als bey mir zu Hause.« – Während daß er diese Betrachtungen fortsezte, legte er seinen Staat an, erblickte sich mit Freuden, schön wie einen Königssohn, im Spiegel, und die Reise gieng fort. Unterwegs freute er sich schon auf den liebreichen Empfang, womit ihn Schwingers Freunde beehren würden, sann auf Komplimente, ihre Höflichkeit zu erwiedern, und sah vor begeisternder Erwartung kein einziges von den schönen Häusern, die ihm der Lohnlackey zeigte. Er langte an: er glaubte nur Schwingern nennen zu dürfen, um mit ausgebreiteten Armen empfangen zu werden. Der Bediente, bey dem er sich meldete, kannte keinen Schwinger, erkundigte sich kalt nach seinem Verlangen, nahm ihm den Brief ab und trug 31 ihn zum Herrn. Schon rüstete sich Heinrich zu einem der auserlesensten Reverenze und harrte mit freudiger Ungeduld auf die Erscheinung seines Patrons. Der Bediente kam zurück: »Es ist gut,« sagte er; »Sie sollen morgen früh um acht Uhr wiederkommen.« – Der unerfahrne Pursche wußte sich das Phänomen nicht zu erklären: er empfahl sich voller Erstaunen und konnte auch seinem Lohnlackey nicht verhelen, daß die Leute, die ihn heute bey seiner Ankunft besuchten, viel höflicher gewesen wären. – »Ja, sehn Sie!« antwortete der Bediente, »der Herr ist vor kurzem in ein sehr hohes Amt gerückt: das ist ein vornehmer Mann!« – Zu dem Besuche bey Schwingers zweiten Freunde kam er mit verminderter Erwartung und fand auch Ursache, zufrieden mit der Aufnahme zu seyn. Der Mann war in kein hohes Amt unterdessen gerückt, sondern noch Advokat und freute sich deswegen ungemein über Schwingers Andenken. Mit der gutmüthigsten Freude zog er das blausamtne Müzchen vom Kopfe, so oft Heinrich seinen Freund nannte und der 32 guten Meinung gedachte, die er von ihm habe: er bot alle mögliche Dienste an und ward recht unruhig, als er nach einigem Nachdenken fand, daß er sie ihm nicht auf der Stelle erzeigen könnte. – »Hm! hm!« brummte er vor sich hin, sann und rückte verdrießlich das Samtmüzchen im Kreise auf dem Kopfe herum: »braucht denn Niemand einen Schreiber? Gar Niemand? Hm! hm! fatal! recht fatal;« – Man sah ihm in allen Zügen des Gesichts den Schmerz an, daß er ihn mit einer bloßen Vertröstung von sich lassen mußte: er konnte das unmöglich ohne einen gewagten Versuch übers Herz bringen. Er lief zur Frau Gemahlin, führte sie herbey und ersuchte sie inständigst, dem jungen Menschen einen Platz im Hause zu verstatten: er streichelte ihr die Hände, liebkoste und bat sie wie ein Kind. Die Frau Gemahlin antwortete mit preziosem Tone: »Das weißt du ja selber, Papachen, daß wir keinen Platz haben: nein, das kann ich nicht, Papachen. Vielleicht in einigen Wochen oder Monaten! wenn dein Schreiber abgeht; aber ich kann nichts versprechen. 33 – Der Mann verdoppelte seine Bitten und flehte demüthigst, ihn wenigstens zum Abendessen dazubehalten. – »Nein, Papachen, das kann ich heute nicht, war abermals ihre Antwort: vielleicht ein andermal, wenn uns Gott Leben und Gesundheit giebt.« – Der Mann wußte vor Verlegenheit nicht, was er thun sollte; und da es ihm schlechterdings nicht möglich war, Jemanden, der ihn interessirte, ungegessen von sich zu lassen, so holte er ein Schächtelchen Magenmorschellen aus einem Schranke und verehrte, als seine Frau den Rücken wandte, seinem Gaste heimlich drey große Stücken davon, nahm höchst unruhigen Abschied und versprach seine thätigsten Dienste auf das feierlichste, mit vielem Händedrücken und Backenstreichen. Weil es noch sehr zeitig am Tage war, entschloß er sich auf Zureden seines Begleiters, einen Spatziergang zu machen, um die Stadt zu sehn. Er wanderte muthig und froh über die Freundschaftsversichrungen des dienstfertigen Advokaten, der katholischen Kirche zu, bewunderte, in Erstaunen verloren, die majestätische Brücke 34 mit herauf- und hinabgehenden Menschen in mannichfaltiger Vermischung, mit herauf- und hinabfahrenden Karossen, Wagen, Karren, Trägern und Reitern erfüllt: er weidete sich unersättlich an dem herrlichen Schauspiele: in seinen Augen war es eine kleine Welt, die hier zwischen Himmel und Wasser schwebte. Er that einen Gang über sie hin und brach mit entzückter Selbstvergessenheit in laute Bewundrung aus, als auf beiden Seiten das schönste Theater in bezauberndem Reize vor ihm stand. Gärten und Pavillons, die ihm in der Luft zu hängen schienen, Häuser, ferne Paläste an beiden Ufern hin, und über den lang daherwallenden Strom hinaus am Ende der Aussicht einen schieflaufenden Bergrücken, mit bunten Häusern, einzelnen Bäumen und malerischen Einzäunungen überstreut und mit hohem dunkelgrünem Walde in mannichfaltigen Krümmungen bekrönt: er hatte nie des Anblicks genug. Nicht weniger verweilte er auf dem Rückwege bey der andern Seite der Aussicht und vermehrte die Anzahl der Neugierigen, die Geländer und Bogen 35 besezt hatten, um den Mast eines Schiffes mit langen Zurüstungen niedersenken zu sehn, das dem schießenden Strome entgegen durch die Wölbung der Brücke gezogen werden sollte: die Zuschauer äußerten mit der lebhaftesten Theilnehmung Besorgniß und Erwartung, Tadel und Bewundrung über die Maasregeln der Zimmerleute und Schiffer, die, wie Eichhörner, auf der Bedachung des Schifs herumsprangen, schrieen, schalten, zankten, anordneten, izt mit angestrengten Kräften dem fallenden Baume das Gegenwicht hielten, izt müßig, auf ihre Hebebäume gelehnt, dastanden und plaudernd und pfeifend in den wallenden Strom sahn. Beladne Kähne mit rothen flatternden Wimpeln schwammen fern daher auf der ausgespannten Fläche des Wassers: mit schnellerm Laufe fuhren Andre, vom Strome begünstigt, vor ihnen vorbey, grüßten mit lautem Zuruf die Kommenden, empfiengen und gaben mit treffendem Schifferwitze Grüsse von wartenden Mädchen, verliebten Weibern und eifersüchtigen Ehemännern; und eine Kanonade von helltönendem Gelächter war der 36 Abschied. Andre ruhten am Ufer: mit thätiger Emsigkeit stieg man in sie hinab und entlud sie ihrer Bürde: hier wurden verwundete Fahrzeuge zur unvermutheten Reise eilfertig ausgebessert: dort stand auf dem umgekehrten Bauche eines Andern ein Trupp Zimmerleute um den Herrn des Kahns in ernste Berathschlagung vertieft, wie man mit leichten Kosten dem zerlöcherten Patienten vollkommne dauerhafte Gesundheit verschaffen könne: bedenklich, wie ein Arzt bey einer gefährlichen Krisis, schüttelte der Zimmermeister über dem hofnungslosen Gebäude den Kopf, und betrübt graute der Patron sich den Kopf. Tagelang hätte Heinrich bey einem für ihn ganz neuen Schauspiele verweilen mögen, wenn ihn nicht sein ungestümer Begleiter beständig zum Abmarsche ermahnte: nach langem Kampfe mit sich selbst riß er sich endlich los, doch mit dem festen Vorsatze, oft zurückzukehren. Kaum näherte er sich der katholischen Kirche, als ihn von der Seite eine Knabenstimme anfiel. – »Mein junges schönes Herrchen,« tönte 37 ihm in das linke Ohr, »der liebe Gott hat sie gar zu schön gemacht, und er wird Sie noch schöner machen, wenn Sie einem armen Jungen auch etwas mittheilen.« – Der unerwartete Lobspruch riß seine Hand nach der Tasche hin: er gab dem Schmeichler ein Zweygroschenstück. Der Bube zeigte es triumphirend und hüpfend seinen Kameraden zwischen den emporgehaltnen Fingern; und kaum sahen sie es blinken, so schoß eine ganze Kuppel, wie wütend, auf den Wohlthäter los: gleich Hunden, die eine Beute erwischt haben, packten sie ihn fest, als wenn sie sich in seine ganze Person theilen wollten. Jeder bekam so viel als der Vorige, und nur einer, der die Schmeicheleyen der Andern mit einem »gnädiger Herr« überbot, erhielt doppelt so viel. »Ihro hochwohlgeborne Gnaden« – rief eine alte zerlumpte Frau, die auf einem Steine bey der Kirche saß und sich langsam und zitternd zu ihm hinbewegte. So eine Höflichkeit war etwas werth: er bezahlte sie mit einem halben Gulden. Die Alte erschrack über die Größe des 38 Geschenks, wackelte ihm mit gefaltnen Händen nach und betete mit lauter Stimme zwo lange Strophen aus einem Kirchenliede, die der Lohnlackey aus mechanischer Andacht murmelnd nachsprach: dann fuhr sie ihm nach dem Rockzipfel und küßte ihn, eh ers wehren konnte. »Wenn doch die Leute hier zu Lande nicht so entsezlich höflich wären!« dachte Heinrich, als er in die Tasche griff und seinen Geldvorrath merklich vermindert fühlte. Indem ers dachte, erschienen die Buben, die er schon einmal beschenkt hatte und um die Kirche herumgeschlichen waren, zum zweitenmale und stürmten mit Excellenzen und Gnaden so gewaltthätig auf ihn zu, daß er dem Angriffe nicht widerstehn konnte: Gutherzigkeit und Eitelkeit leerten seine ganze Tasche unter sie aus. Den Abend brachte er nach seiner Rückkunft unter mancherley angenehmen Träumereyen hin, worunter sich, wie ein Gespenst, die traurige Vermuthung mischte, daß es ihm mit der Zeit und zwar sehr bald an Gelde fehlen könne: – »aber Schwingers vornehmer Freund, der in so 39 ein hohes Amt vor kurzem gerückt ist und mich morgen früh zu sich bestellt hat, wird mir schon« – tröstete er sich; und die Hofnung drückte ihm die Augen zu.   Drittes Kapitel. Zu bestimmten Stunde flog er am folgenden Morgen zu seinem Patrone. Der Bediente stellte eine lange Untersuchung mit ihm an, und hieß ihn endlich warten. Nach einer halben Stunde öfnete er einen Flügel der Thür, gieng voran und gebot, ihm nachzufolgen. Die Wanderung geschah durchs ganze Stockwerk, wenigstens durch fünf bis sechs große Zimmer, und am Ende steckte er ihn in ein kleines enges Stübchen, wo er ihn abermals warten hieß. In einer halben Viertelstunde trat der halbangekleidete Patron durch eine Nebenthür auf, eine Büchse mit Zahnpulver in der einen Hand, in der andern ein Bürstchen, womit er die breiten Zähne scheuerte, 40 daß ein rosenfarbner müskirter Sprühregen aus dem Munde hervorsprüzte. Er blieb in dieser Beschäftigung lange stumm bey der Thür stehn und überlegte bey sich, ob er den jungen Menschen Sie oder Er nennen sollte: endlich wählte er einen klugen Mittelweg und fragte – »was will man?« – Herrmann that seinen Vortrag. – »Also lebt Schwinger noch?« unterbrach ihn der Patron. Heinrich führte ihn den gestern abgegebnen Brief zur Beantwortung der Frage zu Gemüthe: der Patron besann sich – »Ja, ich hab' ihn gelesen,« sprach er. »Wenn sich etwas findet, worinne ich dienen kann, so darf man sich nur an mich wenden: ich werde mir ein Vergnügen daraus machen« – hustete und gieng ab. Erstaunt stand Heinrich da und wußte nicht, ob er gehn oder bleiben sollte: er bildete sich ein, der Patron habe nur einen Abtritt genommen, um mit thätiger Hülfe zu ihm zurückzukehren: der Himmel weis, mit welchen jugendlichen Einbildungen mehr er sich täuschte: doch da die Wiedererscheinung zu lange außenblieb, 41 so schloß er ganz vernünftig, daß er die Erlaubniß habe, wieder nach Hause zu gehn. Er wäre gern diesem Schlusse gefolgt, aber wie sollte er sich durch die vielen Zimmer bis zum Ausgange finden? Zudem schien es ihm auch unanständig in fremden Zimmern allein herumzuschweifen. Er sah durchs Fenster: Niemand rührte sich. Er versuchte eine Thür zu öfnen: sie war verschlossen. Da er fast eine halbe Stunde lang eingesperrt war und keine Erlösung vor sich sah, wagte ers herzhaft, den Weg wieder aufzusuchen, durch welchen man ihn hereingelassen hatte. Mit vieler Behutsamkeit, nachdem er vorher an jeder Thür gehorcht hatte, fand er sich durch zwey Zimmer hindurch: aber nun war seine Geographie aus: das dritte Zimmer hatte vier Thüren: er brauchte bey jeder die nämliche Vorsicht, öfnete eine – Götter und all' ihr himmlischen Mächte! welcher Anblick! – eine junge Dame im nachlässigsten Neglische lag lang ausgestreckt auf einem Sofa, ein zotichtes Hündchen stand auf den Hinterbeinen neben ihrem Kopfe, eine Vorderpfote ruhte 42 auf dem Busen, die andre hielt seine Gönnerin in der Hand und küßte sie mit stummer Zärtlichkeit, während daß ihre andre Hand ihn bey dem langbehangnen Halse faßte und freundschaftlich an die Brust drückte. Heinrich wurde glühendroth: er glaubte zu träumen: denn seine verliebte Einbildung gab der Dame so völlig das Gesicht der Baronesse Ulrike, daß in seinen Gedanken nichts gewisser war, als sie sey ihm nachgefolgt und wolle ihn durch ihre Gegenwart überraschen – daß nichts gewisser war, als man habe ihn auf ihre Veranstaltung eingesperrt und sich selbst überlassen, um sie bey seinem Herumirren zu finden. Diese Erdichtung war in zwey Pulsschlägen gemacht, und mit dem dritten schwebte schon »Ulrike!« auf der Zunge: noch ehe der Laut durch die Lippen flog, wurde ihn die Dame gewahr, sprang auf, als wenn sie den feurigen Ziegenbock erblickt hätte, daß das arme Hündchen jammernd zu Boden stürzte, und rennte mit tugendhafter Eile davon: der Hund, um das Schrecken seiner Gebieterin zu rächen, lief klaffend auf den halb sinnlosen 43 Heinrich zu und zwang ihn, seinen Posten zu verlassen. Der Hund sezte ihm mit unaufhörlichem Bellen nach: es erhub sich in den Nebenzimmern ein Getöse, man schlug Thüren auf, schlug Thüren zu, trampelte auf und ab: es ward ihm bange, was man mit ihm auszuführen gedenke, die eingebildete Gefahr gab ihm Entschlossenheit: er riß herzhaft eine Thür auf, flüchtete durch ein Zimmer, dann noch durch eins und nun war er zu großer Herzensfreude an der Treppe, sezte hinunter, der Hund hinter ihm drein. Der Bediente begegnete ihm in der Hausthür und wunderte sich nicht wenig, daß ein Mensch, den er schon längst nicht mehr im Hause glaubte, sich izt erst mit Hunden forthetzen ließ. So ein stürmisches Ende nahm die erste Patronschaft. Doch Heinrich konnte sich nicht vorstellen, daß damit nun alles aus sey: davon hatte er gar keinen Begriff, daß ein Mann in einem hohen Posten nicht helfen könne ; und daß ers nicht thun wolle , wenn er gleich könnte, der Gedanke galt in seinem Kopfe der Unmöglichkeit gleich. Er war sich bewußt, daß er jedem Aermern 44 seinen lezten Pfennig geben würde, wenn er ihn in Noth sähe, daß er so bereitwillig, als er Schwingers kleinstes Verlangen erfüllte, von einem Ende der Stadt bis zum andern laufen würde, wenn Jemand einen Dienst von ihm foderte; und solche Leute, die viel älter waren, als er, und also nach seiner Voraussetzung besser seyn mußten, sollten schlechter denken und handeln als er? – Eine solche Vermuthung fiel ihm gar nicht ein, besonders da sie nach seinen jugendlichen Vorstellungen blos da waren, um Jedem zu helfen, der Hülfe bedurfte. Er erwartete sie standhaft von seinen Patronen und ließ sich keinen Kummer anfechten. Eine Menge Krämer, die sich in einem Menschen von seinem Alter eine gute Kunde versprachen, begleiteten ihn bey seiner Rückkunft auf sein Zimmer und wunderten sich nicht wenig über die Entschlossenheit, mit welcher er seine Kauflustigkeit und ihren Einwendungen widerstand: aber einer andern Begierde konnte er desto weniger widerstehn: er brannte vor Verlangen, einen Gang um die katholische Kirche zu thun und 45 neue Lorbern der Wohlthätigkeit einzuärnten: er fühlte etwas in sich, das ihn über sich selbst erhob, ein Entzücken, das ihn süßer begeisterte, als alle genoßne Freude – nur Ulrikens Gegenwart und der Gedanke an sie hielt ihm die Wage – er schien sich über die Sterblichkeit hinausgeschwungen, wenn er sich, umringt von einem Zirkel Knaben, dachte, die Hülfe von ihm flehten, wie er stolz dahergieng, bey jedem Schritte von einem neuen Dürftigen angesprochen wurde, mit edler Freigebigkeit ihr Elend milderte, und wie denn der ganze Trupp mit frohen Gesichtern und lautem Danke und Wünschen ihm nachlief, indessen daß er sich mit der Vorstellung ergözte, diesen allen geholfen zu haben: das Bild rührte, bezauberte, fesselte ihn: in freudiger Berauschung füllte er seine Tasche und eilte nach dem Schauplatze seiner Wohlthätigkeit hin, und es fehlte ihm nie an Veranlassungen, die Freuden der Gutherzigkeit reichlich zu genießen. Izt, Nachmittags, hatte er seinen menschenfreundlichen Spatziergang zweimal gethan und 46 fühlte einen unwiderstehlichen Zug, ihn zum drittenmale zu wiederholen: er hatte freilich nur noch einen einzigen Thaler im Vermögen und wußte nicht, woher er Geld nehmen sollte: bedachtsam legte er den Thaler auf den Tisch, wenn ihm diese Bedenklichkeit einfiel, steckte ihn in die Tasche, wollte gehn, besann sich, überzählte sein Geld – es war und blieb nicht mehr als ein Thaler: er wollte auf dem Zimmer bleiben, stritt, kämpfte mit sich selbst und – gieng. Der Ruf seiner Wohlthätigkeit hatte sich schon, wie ein Lauffeuer, unter den Armen ausgebreitet: eine ansehnliche Zahl hatte sich Truppweise versammelt und erwartete ihn: wie er den ersten Schritt aus dem Hause sezte, tönte ihm schon eine klägliche Bitte entgegen: um sein Vergnügen zu verlängern, machte er zwar kleinere Portionen, aber die Menge der Prätendenten war so groß, daß er seinen Thaler schon rein ausgetheilt hatte, als er bey der katholischen Kirche anlangte: dort erwartete ihn der stärkste Theil der Armee, aus jedem Winkel geschah ein Anfall auf ihn: man nannte ihn den kleinen Prinzen, 47 Eure Durchlaucht, Eure Hoheit: – welches Unglück! er fühlte und suchte in allen Taschen und fand nichts. Den Kopf hätte er sich mit der Faust zersprengen mögen: beschämt, verwirrt, geängstigt, wie ein Missethäter, der ins Gefängniß geführt wird, eilte er mit niedergeschlagnen Augen dahin, und der ganze Haufen bittend und schmeichelnd hinter ihm drein: unter dieser zahlreichen Begleitung langte er zu Hause an, daß sich die Leute auf der Gasse und an Fenstern laut fragten, welches der Delinquent sey, den man einführte. Dies war der unglücklichste Abend seines ganzen bisherigen Lebens: Scham und Aerger folderten ihn, und verstatteten ihm nur wenige Minuten ruhigen Schlaf. Er war von der Höhe seiner Einbildung herabgeworfen worden, und sollte noch tiefer herabsinken. Der Lohnlackey hatte eine andre Herrschaft unterdessen zu bedienen bekommen, und bat also den Morgen darauf um seine Entlassung und Bezahlung. Herrmann gerieth in Todesangst: er mußte seinen Mangel an Gelde bekennen und 48 ihn vertrösten, bis ihn sein Freund Schwinger aus der Verlegenheit reißen werde, an welchen er noch den nämlichen Tag schrieb. Den Augenblick verwandelte sich die übermäßige Höflichkeit des Bedienten in übermäßige Grobheit: er sagte einige empfindliche Reden und gieng. Heinrich hätte sich vor Aerger zum Fenster hinabstürzen mögen. Kurz darauf ließ der Wirth, dem der Lohnlackey großen Argwohn beygebracht hatte, seine Rechnung überreichen, mit dem Bedeuten, daß diesen Nachmittag eine Herrschaft das Zimmer in Besitz nehmen werde, die es schon vor vielen Wochen habe bestellen lassen: alle übrige Zimmer im ganzen Hause waren besezt. Er nahm das fatale Papier, warf sich in einen Lehnstuhl und schwieg. Was nun zu thun? – Es war die erste Verlegenheit dieser Art in seinem ganzen Leben und griff ihn deswegen mit einer Stärke an, die ihn bis zur Verzweiflung brachte. Nicht zu bezahlen und fortzugehn? – das gab Ehre und Gewissenhaftigkeit nicht zu. Dazubleiben und um Nachsicht zu betteln? – das war ihm 49 bitter wie der Tod. Sich an seine Patrone zu wenden? – So bedenklich ihm das schien, so bequemte er sich doch dazu. In vollem Vertrauen, daß Niemand eine Bitte abschlagen werde, die er auch den unbekanntesten Menschen nicht versagt hätte, gieng er zu dem einen und dem andern: der eine ließ ihn nicht vor sich, der andre war nicht zu Hause. Die Verlegenheit drückte, wie eine Zentnerlast, auf sein Herz: er konnte kaum athmen. An der Hausthür des Advokaten unterdrückte er alle Einwendungen der Ehre und faßte den verzweifelten Entschluß, sein bischen Habseligkeit dem Wirthe statt der Bezahlung zurückzulassen und in die Welt hineinzugehn. Die Gewisheit, was er thun wollte, erleichterte plözlich seinen Schmerz: sobald nur der Vorsaz gefaßt war, sezte sich alles in ihm in Bewegung, ihn zur Ausführung zu begeistern. Er wanderte mit heroischem Muthe zum pirnaischen Thore hinaus gerade dem großen Garten zu. Alle Reize der unendlich schönen Gegend, das ganze herrliche Amphitheater einer langen Ebne mit Bergen, Wäldern und fernen 50 vielgestalteten Felsen umgürtet, fesselte ihn nicht. Kummer und Muth, Besorgniß und Entschlossenheit kämpften in ihm mit tirannischer Wuth. Er suchte einen einsamen Ort, warf sich in dem dicksten Gebüsche auf den Boden hin und seufzte. Er kehrte seinen Plan auf allen Seiten herum und wußte ihm keine beßre Wendung zu geben, als daß er sich vornahm, den nächsten Pfarrer oder Schulmeister um Aufnahme und Unterhalt zu ersuchen und jede Arbeit dafür zu übernehmen, deren er fähig wäre. Der Schluß war so fest, so unerschütterlich, als die Tanne, die ihn mit ihren tiefhängenden Aesten beschattete. Ein Fasan erhub in der Nachbarschaft seine rauhe Stimme, er erhielt Verstärkung und der Gesang wurde zum allgemeinen Chor: auf allen Bäumen hüpften und zwitscherten Vögel in mannichfaltiger Vermischung, so munter, so frölich, als wenn sie seines Elends spotten wollten: das ganze Gebüsch war Ein lauttönendes Konzert glücklicher Geschöpfe. – »O ihr seligen Geschöpfe! ihr bedürft keines elenden Silbers oder Goldes, um glücklich zu seyn!« sprach 51 er, stund auf, gieng tiefer ins Gebüsch, um der widrig frölichen Musik zu entgehn. Er trat in einen schauernden, finstern Gang, wo unter dem Gewölbe verschlungner Fichtenäste todte Stille und Melancholie, wie ein ausgebreiteter Flor, schwebte: je grauser, je willkommner: je mehr er schauerte, je glücklicher fühlte er sich. Das finstre, lebenlose Leere des Orts spannte die Flügel seiner Einbildungskraft: das Gewölbe wurde enger und düstrer: ein schmaler weißer Sandweg leuchtete in verzognen Krümmungen durch die Dunkelheit vor ihm her: bald wurde er ihm zu einem Geiste, in weißes Gewand gehüllt, der ihn leitete; bald war es Ulrike in ihrem Atlaskleide, die ihn aus dem Labirinthe führte: er hörte Atlas rauschen: der weiße Weg verlor sich, und Ulrike verschwand. Welche Betrübniß! auch eingebildetes Glück muß ihm das misgünstige Schicksal rauben! – Izt schimmerte fernher der Pfad wieder aus den aufgehäuften dürren Fichtennadeln hervor: welche Freude! Als wenn die leibhafte Ulrike sich wieder zu ihm eingefunden hätte! 52 »O Ulrike!« rief er und schlug die Hände über dem Kopf zusammen, als sich der Weg zum zweitenmale verlor, »wenn ich jemals so wieder bey dir sitzen könnte, wie am Abende, als ich mich von dir trennen mußte! Das war ein Leben! ein Leben, um sich niemals den Tod zu wünschen. – Aber izt! izt bin ich schon so gut als todt. Um meiner Nahrung willen muß ich auf einem Dorfe vermodern, verachtet und unbekannt dahinsterben: Du eilst der Ehre und dem Reichthum entgegen, vergissest mich in Wollust und Freuden; und ich! – was werd' ich? – ein verachteter, elender Bettler, der ums Brod arbeiten muß! – O wenn ich wieder jung werden, und an alle die Oerter der Freude, zu meinem Freunde, zu Ulriken zurückkehren dürfte!« – Er schwieg lange: dann fuhr er hastig auf: »Aber wenn sie nun wirklich nach Dresden käme! wenn sie mir nun nachgegangen wäre! wenn sie nun wirklich in dieser Minute, heute oder morgen ankäme! und ich hätte die Stadt verlassen! sie fände mich nicht, und gerieth in 53 noch größres Elend als ich! – Nein, ich muß zurück! ich muß! ich muß!« – Uebereilend drängte er sich durchs Gebüsch hindurch und schonte weder Haut, noch Kleidung, als wenn sie schon außen auf ihn wartete. Plözlich war er auf einem freyen Platze, und die ganze Stadt mit Thürmen, Häusern und Gärten in schönsten Sonnenglanze vor ihm: der glänzende Anblick, wie er so schnell auf den vorigen melancholischen Aufenthalt folgte, riß seine Seele empor: er schien sich aus einem Kerker gezogen, und die Sonne zerstreute seinen Kummer, wie Nebel. Er wurde durch eine geheime Macht nach der Stadt hingezogen, und bey jedem Schritte wuchs mit seinem Wunsche die Wahrscheinlichkeit, daß der Advokat sich seiner annehmen werde. Diesen Mittag zu hungern, weil es nicht anders seyn könnte, hatte er sich schon gefaßt gemacht. Er schwankte, ob er in seine Wohnung zurückgehn sollte: endlich entschloß er sich dazu, und war sogar nicht übel willens, etwas von seinen Habseligkeiten auf allen Fall in die Tasche 54 zu stecken: er erschrack bis zum Erröthen, als sich ihm diese Vorsichtigkeit wie eine Betrügerey vorstellte. Nein, sagte er sich, ich muß erst meine Sachen taxiren, ob sie zur Bezahlung zureichen; und dann – Hier kam ihm eben der Lohnlackey sehr freundlich und dienstfertig entgegen und bückte sich vor ihm, daß die Nase aufs Knie stieß: er wollte seiner Höflichkeit gar kein Ende machen. Das unerwartete Betragen war unerklärlich. – »Bleiben sie ja ein Viertelstündchen zu Hause! sprach er und lief eilfertig nach dem Hute: ich will gleich Jemanden holen: das wird eine Freude seyn!« – Mit diesen kurz herausgeathmeten Worten lief er davon, und ließ Heinrichen Zeit, über seinen Text Muthmaßungen zu machen. Was war natürlicher, als daß es die Baronesse seyn mußte, die er holte? – Sie war eben angekommen, hatte sich bey einem seiner Patrone nach ihm erkundigt, ihn hier aufgesucht, nicht gefunden, dem Lohnlackey ein gutes Trinkgeld versprochen, wenn er sie sogleich nach seiner Rückkunft rief, und um dieses 55 thun zu können, mußte sie Geld mit sich bringen: aber woher das? – Ey! konnte sie denn nicht ihre diamantnen Ohrgehenke verkauft haben? Oder vielleicht hatte sie sich Schwingern anvertraut: vielleicht hatte er ihr durchgeholfen, Geld geborgt: – aber was brauchte er sich denn darum zu bekümmern, wie sie zum Gelde kam? Genug, sie sollte angekommen seyn und Geld bey sich führen, um ihn aus seiner Verlegenheit zu reißen: das ist nun so eine zusammenhängende, einleuchtend wahre Geschichte! je mehr er sie wahr wünschte, je mehr vergaß er, daß er sie blos muthmaßte . Nach langem ungeduldigem Hoffen hörte er die Stimme des Lohnlackeys: sein Herz klopfte, er zitterte, er flog nach der Thür, riß sie auf und – erblickte eine Perucke, einen ölgelben Rock, von oben bis unten zugeknöpft, schwarze Unterkleider und einen silbernen Duodezdegen, der aus der Oefnung des Schooßes hervorguckte – mit einem Worte, seinen Patron, den gutmüthigen Advokaten. Lieber Sohn, fieng er an, du sollst heute bey mir essen: meine Frau ist verreist. Wenn die Katze nicht zu Hause ist, macht sich die Maus lustig, wir wollen hoch zusammen leben; und wenn du so angebrachter Maßen bey mir als heute Mittags, issest, so wollen wir weiter deliber iren, was in puncto deines Fortkommens zu thun und zu machen ist. – Er berichtete zugleich, daß er ihn schon zweymal vergeblich gesucht und in der Nachbarschaft bey einem Freunde erwartet habe. Welche fröhliche Bothschaft! – Sie wanderten zusammen fort. Bey Tische entdeckte er ihm, daß er seine Rechnung im Gasthofe bezahlt habe und ihn zu sich ins Haus nehmen wolle: aber was ihn dazu so schnell bewegte, verschwieg er ihm. Schwinger hatte ihn in einem zweiten Briefe ersucht, seinen Freund zu sich zu nehmen und Tisch und Wohnung vierteljährig für ihn zu bezahlen versprochen. – Aber lassen Sie ihn nichts davon merken! schrieb er. Der Pursche muß glauben, seinen Unterhalt durch seine Arbeit zu verdienen, damit er sich daran gewöhnt und es ohne 57 Widerwillen thut, wenn ers bedarf. Beschäftigen Sie ihn also unaufhörlich, und unterlassen Sie nichts, was Sie zu seinem künftigen Fortkommen beytragen können! Vielleicht kann ich ihn in einem halben Jahre wieder zu mir zurückholen: der Oberpfarr in G** ist gefährlich krank: man hat mir seinen Platz versprochen: stirbt er, so werde ich schon weiter für den jungen Menschen sorgen. Er liegt mir am Herzen, wie mein Sohn« – Der gutmüthige Doktor Nikasius – so heißt er – war unmittelbar nach Durchlesung des Briefs so fest, wie itzo, entschlossen, die Bitte seines Freundes gewissenhaft zu erfüllen: aber die Frau! die Frau! – Er gestund Heinrichen offenherzig, daß sie das große Hinderniß bey allem Guten sey, was er nur jemals thun wollte: – aber, sezte er hinzu, wir wollen sie schon dergestalt und allermaßen hinter das Licht führen, daß sie sich fordersamst zum Ziel legen soll. Anlangend nun deine Herkunft, als wollen wir ihr dergestalt und allermaßen überreden, du seyst ein Edelmann: denn die Hexe will mit 58 Niemanden sonst etwas zu thun und zu schaffen haben. Wenn du nun zwar kein Edelmann bist, noch seyn oder heißen willst und dir solchemnach allerhand Calamitäten und Beschwerden durch Arrogirung einer unerweislichen Geburt zuwachsen und erfolgen dürften, solchergestalt also wollen wir ihr ferner geflissentlich anheimstellen, deine Geburt als ein Fideicommissium wohl und geziemend zu bewahren, auch Niemanden zu entdecken, noch viel weniger zu offenbaren, welchergestalt und auf was für Art und Weise es nur immer seyn und geschehen möge. Zufolge dessen sollen alle deine res mobiles noch heute anhero gebracht und geschaft werden, damit du in possessione bist und sie dich sofort ohne große Unhöflichkeit nicht extrudiren kann.« – Die Anstalt wurde auch sogleich gemacht und Heinrich in den Besitz einer Kammer gesezt, bis die Frau Gemahlin eine Stube für ihn bewilligen wollte. Nachdem die Geschäfte besorgt waren, kehrte der Doktor wieder zur Freude zurück und sprach und handelte so natürlich, wie jeder andre Mensch: sobald etwas nur die mindste 59 Miene eines Geschäftes hatte, sprach er in seinem schwerfälligen tavtologischen Stile, und wenn er auch nur dem Bedienten, ein Stück Akten wegzutragen befahl. Um die Abwesenheit seiner Frau recht zu genießen, hatte er einige Universitätsfreunde auf den Nachmittag zu sich gebeten, die ihm das Andenken seiner frohen akademischen Jahre erneuern helfen sollten. Er war ein ungemeiner Liebhaber der studentenmäßigen oder fidelen Lebensart, wie er sie nannte, und durfte sich vor seiner Frau, einer sehr ceremoniösen Dame, nichts davon merken lassen. Die Gäste erschienen, tranken und rauchten Tabak und wurden so aufgeräumt, als wenn die Freude ihre leibhafte Mutter wäre: sie erzählten sich Schwänke und kurzweilige Histörlein, und auf jedes folgte ein so lautes allgemeines Gelächter, daß die Gläser und Fensterscheiben zitterten. Das Lustigste für den Zuschauer bey dieser auserlesnen Gesellschaft bestund darinne, daß ein jedes von den vier Mitgliedern sich ein Wort angewöhnt hatte, 60 welches er ohne Sinn und Zusammenhang unaufhörlich wiederholte. Her Fabricius trat herein, machte eine Verbeugung und ohne ein Wort gesprochen zu haben, fieng er an: – »Wie gesagt, ich bin Ihr gesorsamer Diener.« Der Wirth antwortete: »Seyn Sie willkommen dergestalt und allermaßen.« Fabricius. Wie gesagt, Brüderchen, ich habe dich lange warten lassen: aber wie gesagt, wo stecken die andern Hundsfötter? Wie gesagt, bin ich ja doch nicht der Lezte. Nikasius. Die Schurken werden dergestalt und allermaßen wohl zu thun haben. Herr Piper guckte scherzhaft zur Thür herein: – »Nämlich hauptsächlich, seyd Ihr böse auf mich, ihr Halunken?« Fabricius. Wie gesagt, du Pfannkuchenkopf, warum bleibst du so lange? Piper. Du Schweinigel, ich konnte ja nämlich hauptsächlich nicht eher kommen. Herr Furiosus riß die Thür auf, trat, den Hut auf dem Kopfe, herein und brüllte: – 61 »Und abermals guten Tag, ihr Hundejungen!« Tutti. Großen Dank, Herr Hasenfuß! In einem so kräftig liebkosenden Tone wurde das Gespräch fortgesezt und zwar mit einer Unerschöpflichkeit an Schimpfwörtern, daß keins mehr als zweimal zum Vorschein kam: der schlechte Spas schwang seine Flügel über sie und schüttelte einen Plazregen von plumpen Einfällen unter ihnen aus. Als ihre Lustigkeit im höchsten Schwunge war, fand sich ein junger Doktor, der vor kurzem von der Akademie zurückgekehrt war, ein Männchen à quatre epingles , vom Kopf bis auf die Füße wie aus Wachs geformt, mit vielen scharrenden Verbeugungen und schnatternden Komplimenten bey ihnen ein, um dem Herrn vom Hause die Aufwartung zu machen. Die Gesellschaft trat im Zirkel um ihn herum und bließ eine so ungeheure Menge Rauch auf das gepuzte Herrchen los, daß die Flittern seiner gestickten Knöpfe, wie blinkende Sternchen durch Regenwolken, schimmerten: außerdem verloren seine Komplimente 62 Geschmeidigkeit und Fluß, weil ihm der erstickende Dampf auf die Lunge fiel und ihn jeden Augenblick zu husten nöthigte. Zulezt wurde die Wolke so dicht, daß sie ihn nicht mehr sahen: es entstund allgemeine Stille, weil er vor Ersticken nicht mehr reden konnte: man glaubte also wirklich, er sey aus Verdruß ohne Abschied fortgegangen. Das arme Doktorchen, das vor Berauschung und Taumel des Kopfs nicht sah noch hörte, suchte die Thür und konnte sie schlechterdings nicht finden: er wankte hin und her. »Wie gesagt, der Narr ist fort,« fieng Fabricius an. »Ich empfehle – mich – Ihnen gehorsamst« – flüsterte ein kraftloses Stimmchen aus der Dampfwolke hervor. Es war der halb ohnmächtige Doktor, der nach langem Taumeln eine Thür erwischt hatte und zu ihr hinauswankte: aber er hatte die falsche erwischt; denn er kam in die Schlafstube. Er merkte wohl, daß er unrecht sey, allein seine Schwäche überwältigte ihn so stark, daß er unmöglich der Versuchung widerstehn konnte, der Einladung eines 63 schönen kattunen Vorhangbettes zu folgen: entweder glaubte er in seinem Schwindel, wirklich schon zu Hause zu seyn, oder wollte er blos die Gelegenheit zur Erholung nützen? – genug, er warf sich, wie er war, auf das Bette und schlief ein. Inzwischen freute sich die dampfende Gesellschaft ihres Triumphs über den schöngepuzten Doktor, und die Unterredung lenkte sich allmählich auf die Weiber, worunter keine sonderlich gut wegkam: ein Jeder wollte mit der seinigen eine schlimme Operation vornehmen: der eine wollte sie, wie gesagt, unter die Freipartie thun, der andre wollte sie nämlich hauptsächlich in einem Zuchthause versorgen: Nikasius wollte die seinige dergestalt und allermaßen auf Intressen austhun, und Furiosus dachte, und abermals, ein depositum miserabile aus ihr zu machen. Ihr Witz lief noch lange Zeit in diesem Gleise fort, als plözlich die Thür aufgieng: man hatte die Fenster geöfnet, um die Atmosphäre vom Qualme zu reinigen, und durch die dünnen Dampfwolken zeigte sich – die Dame vom Hause. 64 Wie eine Schildwache, die mit scharfgeschultertem Gewehre vor dem vorübergehenden Offizier in steifer Ehrerbietigkeit dasteht, trat die ganze Gesellschaft dahin, streckte die Pfeifen und zog die Hüte von den Köpfen, als die Frau vom Hause erschien. Niemand sprach: mit unwilligem Schütteln des Hauptes und kochendem Grimme im Herze begab sie sich wieder hinweg: dem Herrn Gemahle entsank Muth und Lustigkeit: wie ein Kind, das Knecht Ruprecht gescheucht hat, gieng er ängstlich in der Stube herum und wunderte sich, warum seine Frau schon wiederkäme, da sie doch erst morgen Abend hätte eintreffen sollen. Herr Piper nahm seinen Stock und sagte nämlich hauptsächlich gute Nacht: Furiosus wünschte, daß der Teufel, und abermals, die Hexe fortgeführt haben möchte. – »Wie gesagt, wir müssen gehen,« sprach Fabricius unmuthig. »Ja. Brüderchen,« sagte der Herr vom Hause mit verzerrtem Gesichte, »das wird wohl dergestalt und allermaßen das Beste seyn.« – Man folgte seinem Rathe. 65   Viertes Kapitel. Um die erzürnte Ehefrau wieder auszusöhnen, begab sich der Mann unmittelbar nach dem Abschiede seiner Freunde zu ihr und bewillkommte sie in der Form: da sie keinen kleinen Vorrath von Eigendünkel besaß und die vornehme Dame gern spielen wollte, so war eine solche Formalität für sie ein angenehmes Sühnopfer. Er küßte ihr die Hand – sie schmunzelte: – er machte drey förmliche Verbeugungen rückwärts und wünschte zur erfreulichen Rückkunft Glück. »Du bist einmal lustig gewesen, Papachen?« sprach die Frau mit stolzem, verdrießlichem Tone zu ihm herab und machte ihr Reisekleid los: der Mann sprang hinzu und half ihr: sie dankte ihm mit einer preziosen Verbeugung. Diese Hülfe hatte ihm die Antwort auf ihre Frage erspart: sie fuhr also fort. »Nun werd' ich wohl vierzehn Tage lang den Studentengeruch nicht wieder aus dem Hause bringen.« – 66 Ohne sie ausreden zu lassen, unterbrach sie der Mann: »Mein Aeugelchen, willst du etwa The, Kaffe, oder etwas zu essen? Ich will gleich bestellen.« – Sie dankte. Die Frau. Wenn du dir nur einmal das böse Studentenleben abgewöhnen könntest! Man darf auch nicht den Rücken kehren, so fällst du gleich wieder in deine alten Sünden zurück. Man zieht seine Schande an dir. Kannst du denn nicht einmal ein Mann werden, der seinem Stande Ehre macht? – So laß doch die Tabaksbrüder sich in Kneipen und Schenken herumwälzen, und beschimpfe dich und deine Frau nicht durch solche schlechte Gesellschaft! – Werden die Leute nicht denken, daß bey uns alles vollauf ist, wenn du so schmausest und brausest? Man kann ja das Geld zu bessern Gesellschaften und anständigern Besuchen sparen. Der Mann. Hm! hm! Fatal! recht fatal, daß ich mich dazu habe bereden lassen! Es soll nicht wieder geschehn, mein Mäuschen. Die Frau. Das hast du mir schon tausendmal versprochen, Papachen. Ich will auch gar nicht mehr aus dem Hause gehn ohne dich. 67 Der Mann. Fatal! recht fatal! – Verlaß dich auf dein Papachen! Es soll nicht wieder geschehn. Die Frau. Und oben drein zu so ungelegner Zeit die alten Dampfgäste daher zu setzen! Ich muß ja morgen Abend zu essen geben. Die Gäste möchten sich die Nase zuhalten, so übel wird das ganze Haus riechen. Der Mann. Vielleicht haben sie den Schnupfen. Wenns ihnen nicht gut in meinem Hause riecht, ist mirs desto lieber. Da kommen sie dergestalt und allermaßen nicht wieder. Die Frau. Ja, freilich, dir sind deine lustigen Saufbuben lieber als hübsche Leute. Der Mann. Die hübschen Leute machen mir dergestalt und allermaßen nicht halb so viel Vergnügen als meine lustigen Kameraden. Da giebst du mir elende Suppen und magres Zugemüße, damit du alle Monate einmal deinen hübschen Leuten vollauf vorsetzen kannst, daß dergestalt und allermaßen der Tisch brechen möchte. Ich lobe mirs, alle Tage gut gegessen – Die Frau. Wenn du das Geld dazu hast! 68 Der Mann. Das hätten wir wohl. Wenn wir nicht alle vier Wochen einmal den hübschen Leuten meinen Verdienst zu verzehren gäben, so brauchten wir nicht die übrige Zeit so kümmerlich und jämmerlich zu fressen. Mir ist dergestalt und allermaßen eine kleine wohlfeile Lust, die man oft anstellen kann, tausendmal lieber, als so eine seltne kostbare Fresserey, wobey man sich den Magen verdirbt und des Lebens unter den hübschen Leuten nicht froh wird. Laß sie Kaffe saufen, wenn du ja Besuch haben willst, und damit gut! oder gieb guten Freunden ein Paar Schüsseln, und das oft, und laß uns frölich und guter Dinge dabey seyn! Die Frau. Schweig, Papachen! das verstehst du nicht. Der Mann. Ja, ja; ich bins ja zufrieden, wenns nicht anders seyn kann. – Aber – Die Frau. Papachen, geh an deine Arbeit! Akten verstehst du: verdiene du nur Geld! wie es verthan werden soll, das versteh' ich. – Geh! arbeite! Der Mann. Ja, ja, Mäuschen: ich wills ja thun. 69 Er gehorchte: sie merkte wohl, daß ihm noch etwas auf dem Herzen lag, aber sie trug kein großes Verlangen, es zu erfahren. Er wollte ihr Heinrichs Aufnahme in sein Haus hinterbringen, das war es: gleichwohl wußte er nicht, wie er sich am besten dabey benehmen sollte. Er berief ihn zu sich auf seine Stube, um ihm die Marotten seiner Frau bekannt zu machen, damit er desto leichter das Geheimniß erriethe, sich in ihre Gunst zu setzen. » Pro primo , hub er an, hat meine Frau dergestalt und allermaßen einen recht spanischen Stolz – nimm einen Bogen Papier und schreib, wie ich dir vorsage! – sie läßt sich gern die Hände küssen, sie sieht es sehr gern, daß man tiefe, tiefe Reverenze vor ihr macht. und nimmts übel, wenn sie nicht tief genug sind: sie wird böse, wenn man sie Madam nennt: Frau Doktorin muß man sie nennen, wenn sie antworten soll; und krieg' ich einen Titel – welches ich nächst Gottes Hülfe in wenig Wochen erwarte – dann muß man jedesmal nach zwey Worten den Titel einschieben, damit diejenigen, 70 so es nicht wissen, gleich erfahren, wen sie zum Manne hat. Wenn man von ihr und sich selbst zu gleicher Zeit spricht, so muß sie zuerst genennt werden, oder sie macht ein Gesicht, wie eine wilde Katze. Zur Thür hinein oder heraus muß sie allemal vorangehn, oder es läuft übel ab. Auch muß man, so viel möglich, sich hüten, gegen sie sich solcher natürlichen Ausdrücke zu bedienen, wie folgende: ich habe Sie im Zwinger gesehn – Sie haben hier eine Faser hängen – Gehn Sie voran! – Dafür sage man zierlicher zu ihr: Frau Doktorin, ich habe die Frau Doktorin im Zwinger gesehn – Die Frau Doktorin haben hier eine Faser hängen – Die Frau Doktorin belieben voranzugehn! – Wer sie mit der linken Hand führen will, ist ihr Todfeind: sie zieht in einem solchen Falle ihre Hand zurück und rümpft die Nase. Item muß man sich alles Naseputzens, Räusperns, Ausspeyens, starken Redens und andern Geräusches, was und welcherley es seyn möge, sorgfältigst in ihrer Nähe enthalten: je leiser und unverständlicher man spricht, je angenehmer ist es für sie. 71 Item darf man nicht frey und offen, sondern beständig mit einer Art von Zwang und ehrerbietiger Scheu mit ihr sprechen, nicht zu nahe zu ihr treten, sondern sich, so sehr als möglich, bey der Thür halten, nie lustig und aufgeräumt, sondern beständig ernst, gesezt, langsam, feierlich und mit häufigen Komplimenten und Verbeugungen zu ihr reden. – Wer diese und andre Gebote hält, dem wird es nie an Gunst und guter Meinung bey ihr fehlen.« » Pro secundo hat besagte meine Frau einen kurzsichtigen Verstand, und hält deswegen jede Meinung für abscheulich, die nicht die ihrige ist, es sey in politischen, ökonomischen oder anderweitigen Angelegenheiten. Wer nicht ihre Meinung trift, den haßt, den verfolgt sie. – In Religionssachen ist sie ungemein küzlich: sie hat einen eisernen Glauben, und wer nicht glaubt, wie sie, ist ein Bösewicht: zuweilen schwärmt sie gar und ist schon einmal erzfanatisch gewesen: der Himmel bewahre sie vor einem Recidiv! Die Prediger betet sie an, und ihre Worte sind ihr Orakelsprüche: man darf deswegen in 72 ihrer Gegenwart keinen nennen, ohne das Haupt zu entblößen. Von der Philosophie hält sie nicht viel, und von der Poesie gar nichts – NB. gereimte geistliche Lieder ausgenommen. – Sie spricht am liebsten vom Hofe, und am besten von Domestiken. Durch ein zweideutiges, auch wohl unschuldiges Wort kann man in ihren Augen zum Freigeiste werden, und ist man das einmal, dann wird man von ihr geflohen, wie der Erzfeind. Sie glaubt einen Teufel: wer ihn vor ihr bey Namen nennt, ist verflucht, auch darf man ihm sonst nichts zu Leide thun. Sie versteht im Grunde von allem nichts, ist einfältig und unwissend, wie ein Trampelthier, nimmt es aber höchst übel, wenn Jemand etwas besser zu verstehn glaubt. Sie ist intolerant, daß sie Jeden bey langsamem Feuer braten würde, der nicht so glaubt, denkt und handelt, wie sie, wenn das Verbrennen nicht durch die Geseze verboten wäre.« » Pro tertio , ihren Willen anlangend, ist sie überaus argwöhnisch: da sie von blödem Verstande und ohne Kenntniß ist, dabey ihre Schwäche 73 bey vielen Gelegenheiten merkt, so glaubt sie sich gleich gemeint , wenn man von etwas spricht, das sie treffen könnte. Ferner ist sie mistrauisch, zurückhaltend, knickerich, voll Bettelstolz, Prahlerey, Kleidersucht, Eitelkeit. Troz dieser mannichfaltigen Fehler ist sie zuweilen so gutherzig, wie ein Schaf. Nicht minder« – Eben trat das Original herein: man mußte also die Schilderung beyseite legen, weil man es nicht für rathsam hielt zu erfahren, ob die Dame ihr Porträt ähnlich fände. Sie erstaunte über die Gegenwart des jungen Menschen: Heinrich besann sich sogleich auf den ersten Artikel seiner Instruktion und fuhr mit einem tiefen, tiefen Reverenze nach ihrer Hand, küßte sie und trat vier große Schritte weit nach einer abermaligen Verbeugung zurück. – »Wer ist denn der? « fragte sie ihren Mann. – »Kennst du ihn nicht, Mäuschen? antwortete der Doktor. Der junge Mensch, der vor einigen Tagen« – Die Frau. Den Brief brachte? – Was will er denn schon wieder? – 74 Die Frage wurde mit dem verdrießlichsten, gedehntesten Accente gesagt. Der Mann brachte die verabredete Lüge vor: und kaum hatte sie erfahren, daß er ein Edelmann sey, als sie sich mit einer tiefen, graziosen Verbeugung zu ihm wandte und sich, voll unbeschreiblicher Freundlichkeit, über die Ehre freute, Ihro Gnaden zu beherbergen – »Still!« rief der Mann und gebot ihr, seinen Stand nicht zu verrathen. Sie flog, eine Mahlzeit zu bereiten, wie sie sich für einen solchen Gast schickte, machte ihm ihr bestes Zimmer zurechte, und Heinrich spielte die anbefohlne Rolle der komplimentarischen Ehrerbietigkeit so gut, daß er noch den nämlichen Abend bey Tische vom Kopf bis zum Füßen in ihrer Gunst saß. Bey dem Schlafengehen legte sie ihrem Manne einen wichtigen Punkt über die Etikette vor, die man gegen den jungen Herrn beobachten sollte, da man ihn nicht seinem Stande gemäß behandeln und tituliren dürfte. Die erste Frage war – ob man ihn 75 Monsieur Zur Erläuterung dieser Berathschlagung muß man denjenigen Lesern, die mit dem Sprachgebrauche dieser Stadt nicht bekannt sind, berichten, daß dort Jedermann von bürgerlichem Stande, so lange er keinen Titel und keine Frau hat, und jeder Ausländer ohne Charakter Monsieur genannt wird. Es kann also Jemand in so einem Falle Zeitlebens durch ganz Teutschland Herr gewesen seyn, dort wird er zum Monsieur . nennen sollte? – Die Stimmen theilten sich: man stritt heftig und lange; und weil der Mann die Negative ergriff, sagte die Frau Ja. Alsdann schritt man zum zweiten wichtigen Punkte – »soll man den jungen Menschen Sie , Ihr , Er oder Du heißen.« – Bey einer so großen Menge möglicher Fälle wurde die Frage in vier verschiedene Untersuchungen abgetheilt, und die Berathschlagung kam vor zwölf Uhren nicht zum Schlusse, welcher dahin ausfiel, »daß man, um dem jungen Menschen, da er nicht unter seiner wirklichen Qualität erscheinen dürfte, weder zu viel noch zu wenig Ehre zu erweisen, sich keiner jener vier Arten der deutschen Höflichkeit, sondern des Wörtleins Man gegen ihn bedienen wolle« – versteht 76 sich, daß sich der Mann bey der ganzen Ueberlegung blos leidend verhielt und bey den Kurialien blieb, die er bisher schon gegen ihn gebraucht hatte! Die übrigen Punkte wollen wir bey Gelegenheit in Erwägung ziehen – sagte die Frau gähnend und schlug die Vorhänge zurück, um ins Bette zu steigen. – Ach! schrie sie laut und sank dem hinter ihr stehenden Manne in die Arme. »Mäuschen, was ist dir denn?« – Ach, Papachen! – dabey blieb sie. Papachen sezte die Frau in einem Armstuhle ab und holte die Nachtlampe, leuchtete ins Bett – beym Jupiter! da lag langausgestreckt und schnarchend, als wenn ihn Merkurs Ruthe eingeschläfert hätte, der schöngepuzte Doktor, der sich Nachmittags in dem Tabakrauche verirrt hatte! da lag er, durch den narkotischen Dampf in einen Todesschlaf versenkt, mit dem Degen und chapeau bas , wie ein schlafender Endymion, à la française gepuzt! rührte kein Glied, so sehr er geschüttelt wurde! Endlich 77 erwachte er, rekte sich, erhub sich langsam in die Höhe und sprach zum Doktor Nikasius, den er für seinen Bedienten ansah: – »Kleidet mich aus!« – Ueber eine Weile fuhr er auf: – »Nu! was wartet denn der Schlingel? Ich bin wie zerschlagen.« – Indem er dies sagte, blickte er mit den halbblinzenden Augen nach der Frau Doktorin hin. – »Was Teufel! stammelte er schlaftrunken, bist du hier, Lieschen? Heute ist es nichts,« – und so sank er wieder zurück. Der Doktor Nikasius ergrimmte und klopfte mit den Fäusten so derb auf seinem Rücken herum, daß er aufsprang und sich zur Wehr stellte. Izt erkannte er seinen Gegner bey dem hellbrennenden Lichte, das die Frau Doktorin unterdessen angezündet hatte. Neue Verwunderung, warum ihn diese beiden Leute im äußersten Neglische besuchten! denn er glaubte noch immer bey sich zu Hause zu seyn: man überzeugte ihn von seinem Irrthume, und er wanderte beschämt und einfältig, wie ein Kind, davon, daß ihm der Doktor Nikasius kaum mit dem Lichte folgen konnte, um ihm die Hausthür zu öfnen: 78 er stolperte über Tisch und Stüle hinweg, verirrte sich, und so jagten die beiden Leute einander ewig durch alle Stuben durch, ohne sich finden zu können, bis der Hausherr den Gast bey dem Arme erwischte und zur Treppe hinunter führte. Den folgenden Morgen mußte Herrmann bey der Frau vom Hause den Thee einnehmen: sie erzeigte ihm diese Höflichkeit, um ihn auf ihre Seite zu ziehn, wenn vielleicht zwischen ihr und dem Manne Faktionen entstehen sollten. Sie entwarf ihm deswegen das Porträt des Herrn Gemahls. Mein Mann ist ein guter Narr, begann sie: man kann aus ihm und mit ihm machen, was man will. Er glaubt weder Himmel noch Hölle, aber Gespenster: er hält nicht viel auf sich: wenn er nur lustig seyn kann, so ist er im Stande, mit Schuster und Schneider umzugehn. Mit dem Gelde weis er gar nicht hauszuhalten: er wirfts weg, wie ers bekömmt, wenn ihn Jemand darum bittet. – Ich sage das nur, damit man sich an seinem Beyspiele spiegelt und 79 sich nicht von ihm verderben läßt: besonders nehme man sich vor seinem Unglauben in Acht und richte sich deswegen blos nach mir. Wer meinen Lehren und Ermahnungen folgt, der ist wohlberathen: man kann bey mir den Ausbund aller Herz und Seele stärkenden Bücher erhalten, und man lese nur fleißig darinne, so wird es nicht an Segen und Gedeyen fehlen. Ich werde mir zuweilen selbst die Mühe geben und zum Lesen anhalten, damit man nicht durch den Unglauben meines Mannes angesteckt wird.« – Im Grunde wollte sich die Dame durch diese Vertraulichkeit nur den Weg zu einer Befriedigung ihrer Neubegierde bahnen: sie lag ihr wie eine zentnerschwere Last, auf dem Herze, es ängstigte und drückte sie das Verlangen, zu erfahren, warum Herrmann seine Geburt verheimlichte: sie muthmaßte, wer weis welche Geheimnisse dahinter. Deswegen rückte sie immer näher zur Sache, erkundigte sich nach dem gnädigen Herrn Vater und der gnädigen Frau Mutter – Heinrich war in der äußersten Verlegenheit und antwortete höchstlakonisch. Da auf 80 diese Manier nichts herauskommen wollte, so schritt sie zu der unausweichbaren Frage, warum er seinen Adel verberge. Heinrich fühlte in der falschen Anmaßung eines höhern Standes und dem Kunstgriffe, sich durch eine Lüge in der Gunst einer Frau zu befestigen, die er nicht sonderlich hochachtete, so etwas aufbringendes, so etwas erniedrigendes, daß er nach einer zweiten Wiederholung ihrer Frage die reine Wahrheit gerade heraussagte, ohne Einen Umstand seiner Herkunft zu verhelen. Die Frau Doktorin empfand in dem Augenblicke gegen den aufrichtigen jungen Menschen eine so tiefe, tiefe Verachtung, daß sie sogleich das Gespräch abbrach und ihm auf seine Stube sich zu begeben gebot. Auf der Stelle eilte sie zum Manne, ihm über die entdeckte Lüge Vorhaltung zu thun: der friedliebende Doktor, der sich lieber mit sechs Parteyen vor Gericht, als mit seinem Weibe einmal zankte, suchte zwar anfangs durch angenommene Unwissenheit der fernern Untersuchung zu entgehn, allein da er sich durch das eigne Zeugniß des jungen Menschen überführt sah, so 81 bekannte und beichtete er seine Sünde offenherzig und entschuldigte sie mit der guten Absicht, nahm mit einem treffenden Verweise vorlieb und schrieb ruhig an seinen Akten fort. Ihr Unwille wuchs noch mehr, als sich sogar ihr Eigennutz auch betrogen fand: sie hatte in der ersten Berauschung über die Ehre, einen jungen Kawalier bey sich zu beherbergen, vorausgesezt, daß die Bezahlung dafür noch nicht bestimmt sey, sondern daß man ihr ohne Widerrede jede noch so große Foderung zugestehn werde – leicht zu erachten, daß ihre Foderung nicht klein ausfallen sollte! – wie stuzte, wie knirschte sie, als ihr der Mann bey genauer Nachfrage offenbarte, für welch geringes Geld der gutherzige Narr – wie sie ihn bey der Gelegenheit nannte – Tisch und Wohnung versprochen hatte. Er wurde ausgefilzt, wie ein Schulknabe; und um seine hochgebietende Frau Gemahlin zu beruhigen, gelobte er an, eine Zulage von Schwingern zu verlangen. Daß es der gute Mann über sein Herz hätte bringen können! Nein, lieber bezahlte er der Frau 82 aus seinem eignen Beutel die gefoderte Erhöhung der Pension, und überredete sie, daß er sie von seinem Freunde geschickt bekomme. Auch diese vermehrte Summe war ihr immer noch nicht genug: da sie gar nichts an der Ehre gewann, so wollte sie sich durch desto größern Nutzen schadlos halten, und drang endlich mit einem Haufen scheinbarer Gründe in den Mann, ihr diese Last aus dem Hause zu schaffen. Der Mann widerstand mit seinem ganzen kleinen Vorrathe von Muth. »Bedenke doch nur, Mäuschen!« sprach er bey einer Unterredung über diese Angelegenheit; – was soll denn aus dem jungen Menschen werden, wenn wir ihn von uns treiben?« – Die Frau. Dafür mag Er sorgen. Der Mann. Wir können ihm aber doch dergestalt und allermaßen ohne die mindesten Unkosten, ohne unsern Schaden und etwanigen Nachtheil, ohne alle Last und Mühe forthelfen; und sein Freund, mein alter Dutzbruder und Stubenpursche, hat mir ihn auf die Seele empfohlen – 83 Die Frau. Ja, empfehlen ist keine Kunst: wenn er nur auch bezahlte! Der Mann. Das thut er ja, Kathrinchen, so viel als recht und billig ist. Die Frau. Wie will nun der einfältige Mann wissen, was in der Haushaltung recht und billig ist! Das muß ich verstehn. Der Mann. Hast du denn Schaden dabey? Die Frau. Nein, das wohl eben nicht, aber auch keinen Nutzen! Der Mann. Ach, Potz Plunder! muß man denn nichts ohne Nutzen thun? – Kathrinchen, du plauderst nun so viel von Frömmigkeit und Gottesfurcht, daß mir mannichmal die Ohren weh thun, und du bist doch dergestalt und allermaßen ärger als Juden, Heiden und Türken. Nicht so viel Christenthum hast du im Herze, als man auf einen Nagel legen kann. Die Frau. Ich? kein Christenthum? – Davon darf so ein Unwiedergeborner, so ein Ungläubiger gar nicht reden. Das muß ich verstehn, was dazu gehört. Ich vergieße manche Thräne über deinen Unglauben. 84 Der Mann. Gehorsamer Diener, Frau Doktorin: bemühen Sie sich nicht! Sie hätten ihrer genug über sich selbst zu vergießen – über die Hartherzigkeit, über den Eigennutz, den Stolz, die Hoffahrt! Ob du gleich alles frisch vom Munde weg glaubst, was du von deinen Seelenräthen hörst, oder in deinen schwarzkorduanen Büchern liesest, so hast du doch ein Rabenherz, so trocken, wie Bimstein, und härter, als alle Felsen im ganzen plauenschen Grunde! Dein Glaube hat noch keinen hungrigen Hund gesättigt, aber meine Gutherzigkeit, die du mir so oft vorwirfst, hat schon manchem armen Teufel geholfen, den ihr allesglaubenden Unmenschen verhungern ließt. Die Frau. Schweig, daß du dich nicht an mir versündigst! Wenn du nur so viel Almosen gäbst als ich! Der Mann. Was, Almosen! ich gebe keine Almosen: ich thue Wohlthaten und Dienste . Deine Almosen sind Prahlerey, Eitelkeit, Stolz: Du demüthigst die Leute damit. Meine Gefälligkeiten erniedrigen Niemanden; 85 denn ich verlange nicht einmal einen Dank dafür, und das zehntemal wissen die Leute gar nicht, daß die Hülfe von mir kömmt: sie sollens auch dergestalt und allermaßen nicht wissen. Potz Plunder! laß dir einmal sagen, Kathrinchen! und jage die schwarze Parucke, den konfiscirten Magister, der alle Tage zu dir kömmt – Kaum war das Wort zwischen den Lippen hervor, als der Bediente die Ankunft des eben genannten Magisters meldete: die Strafpredigt des Mannes mußte also unvollendet bleiben, weil die Frau, wie ein Gems, zur Stube hinausschoß, um den schwarzperückichten Magister zu empfangen und sich mit ihm an der stolzen Einbildung zu weiden, daß sie allein die frömmsten Kreaturen im Lande wären. Ungeachtet der Mann auf seiner menschenfreundlichen Halsstarrigkeit bestund und den jungen Herrmann mit seinem Wissen nicht im geringsten kränken ließ, so trug sein Schutz doch nicht viel zur Glückseligkeit des Beschützten bey, weil er seine Lage nicht änderte. Der 86 ehrbegierige Jüngling fühlte die Verachtung, womit ihm die Frau vom Hause begegnete, das Armselige, das Erbettelte, das Erniedrigende in seinem Zustande zu sehr, um nicht alle Foltern des beleidigten Ehrgeizes dabey auszustehn: seine lebhafte, fast brausende Thätigkeit war in die traurige Beschäftigung eingezäunt, trokne Akten, die weder seinem Verstande noch Herze einen Brocken Nahrung verschaften, wörtlich und sorgfältig abzuschreiben: alle seine Begierden strebten zum höchsten Gipfel eines Dinges, das er sich weder zu benennen noch deutlich zu entwickeln wußte, nach Ehre, Vorzug, Größe: der Vogel wollte mit gespannten Fittigen zur Sonne emporfliegen, und das arme Geschöpf mußte sich in einem engen, händebreiten Zirkel unter der langweiligsten Einförmigkeit herumführen lassen: er flatterte, er zitterte von dem innern hervordrängenden Feuer, und keuchte vor Anstrengung, seine Leidenschaft zu unterdrücken: er wurde verdrießlich, mürrisch, einsylbig. Natürlich folgte daher, daß er seine Geschäfte, da sie ihm so widrig 87 schmeckten, ungemein nachlässig verrichtete: er war nie fertig, wenn er es seyn sollte, und seyn Abgeschriebnes so voller Fehler, daß man es nie brauchen konnte. Sein Patron hatte bey aller Gutmüthigkeit militärische Strenge, so bald es seine Geschäfte betraf, und bestrafte deswegen die Unachtsamkeit und Langsamkeit des Abschreibers mit scharfen Verweisen ohne alle Schonung. Die Empfindlichkeit wollte oft dem unglücklichen Jünglinge das Herz abstoßen: er erkannte in sich die Strafbarkeit seiner Fehler, konnte nicht über die Strafe zürnen, sondern über seine Unfähigkeit, sie zu vermeiden: oft stampfte und sprühte er vor Wuth auf seiner Stube nach einem solchen Verweise, lief glühend auf und nieder und verwünschte sich als einen Unwürdigen. – »O wer noch auf dem Schlosse des Grafen Ohlau wäre!« – mit diesem wehklagenden Ritornell gieng meistens sein Zorn zur Betrübniß über. Gemeiniglich wanderte er bey einem solchen Vorfalle auf das freye Feld hinaus, um seinen Schmerz in den Wind auszuhauchen. 88   Fünftes Kapitel. Herumgetrieben von Unmuth über Verweise, gequält vom Schmerz über sein niederdrückendes Schicksal, gemartert von Sehnsucht nach Vergnügen, von Hunger nach Liebe, kehrte er, den ganzen Kummer auf dem Gesichte, eines Tages gegen Abend von einem solchen traurigen Spatziergange nach Hause, warf den Hut seufzend auf den Tisch, erblickte etwas, das nicht gewöhnlich dort lag, sah hin – es war ein dicker Brief mit seiner Adresse. Der Verdruß hatte seine Neubegierde gelähmt: die Finger erbrachen ihn langsam, zogen schwerfällig einen Brief heraus – er war von Schwingern. Er las: A**, den 6ten Oktober 17**. » Lieber Heinrich , »Meine Freude über deinen glücklichen Zustand in Dresden ist unbeschreiblich: ich möchte 89 meinem ehrlichen gutherzigen Nikasius um den Hals fliegen, so hat mich seine Aufnahme und Vorsorge für dich gerührt. Liebe, ehre ihn, wie einen Vater, laß dich von ihm leiten, wie ein Kind, das ich erzogen habe! »Liebster Freund, wie kanst du dich auf unser Schloß zurückwünschen, wenn du es nicht aus Liebe für mich wünschest? Bey uns ist der Bosheit kein Ende: das ist ein ewiges Zanken, Verfolgen, Verdrängen und Verläumden. Ich bin des Lebens so überdrüßig, daß ich noch heute zu dir eilen und lieber Akten mit dir schreiben, als hier in dieser Tigerhöle bey voller Tafel müßig gehen möchte. Der Oberpfarr in G**, dessen Tod mich daraus erlösen sollte, ist wieder gesund worden; und wer weis, wie lange ich also noch auf meine Befreyung warten muß? Ich bin ein verlaßnes Schaf, das seinen Freund sucht und nirgends finden kan: du fehlst mir immer noch an allen Orten, ob du gleich schon einen Monat von uns bist. »Jakob, unser aller Feind, ist nunmehr durch 90 seines Vaters unablässige Bemühungen in die wirklichen Dienste des Grafen getreten, der Vater ist Oberaufseher in der ganzen Herrschaft geworden, und der Sohn hat seinen rothen Rock und Federhut, seinen Gehalt, seine Verrichtung und das Ohr des Grafen bekommen: er läßt sich so gut an, daß er den Vater in kurzem weit übertreffen wird. So jung er ist, so hat er sich doch schon zum Probestücke am Koche wegen eines übereilten Spaßes gerochen, den dieser gesagt haben soll, als er ihn einmal aus dem Schlamme zog: der arme Mensch hat vor acht Tagen in voller Ungnade den Abschied erhalten. »Fräulein Hedwig ist eine Stunde von hier zu einem Dorfgeistlichen gezogen: weil sie entweder mit Fleiß oder zufälliger Weise dem Grafen zweimal begegnet ist, hat man ihr befohlen, das Städtchen zu verlassen, damit sich der Fall nicht wieder ereignen könte. »Eine für mich höchst schmerzhafte Begebenheit, weil sie dich so nahe angeht, wirst du aus dem eingeschloßnen Briefe erfahren. Tröste dich, lieber Freund! Sey standhaft, wie ein Mann, 91 und glaube, daß noch kein Bösewicht ungestraft ins Grab gieng.« – Herrmann zitterte: er konnte nicht weiter lesen: er nahm den eingeschloßnen Brief hastig und öfnete ihn mit bestürzter Erwartung: er war von seiner Mutter. »Gott zum Grus libes Kind wens dir noch wolget so ists uns fon Herzen lib und angenem wir sind dem högsten sei Dank noch alle wol auf. Es were gar kein Wunder wen man for schwärer Ankst und grosen Herzenskumer auf der Nase lege. Libes Kind Es is uns gar n groses Unglik begegent weil dein Fater den 7ten hugus seinen Dinst Ferloren hat aber der teifel wird inen schon in der Helle dafor lonen den gottlosen Packe. Als ehegestern den 7ten huigus namen si im di Rechnunk ab. ich habe gedacht ich mus in Onmacht fallen wi der Berenheiter der verfluchte Maulelsel du wirscht ja deinen Rachen noch voll krigen du alter Dikkop das du erliche Leite um ir bisgen libes 92 Brot bringst laß dir nmal erzelen libes Kint da sasen wir bei tische unt da kam das huntsgesicht als ehegestern den 7ten huigus unt sagte das dein Fater den Dinst nicht mehr haben solte es war als wen mir jemand mit den Brotmesser s Herz entzweischnitte wi s so Knall unt fal kam. ich habe di drei tage iber kein troknes Auge gehabt s ist gar ne große Not mit uns das dein Fater den Dinst verloren hat Dein Fater ist n rechter krober Kloz das er mich so veksirt das ich mich so betribe das er n Dinst Ferloren hat. Der Libe gott erhalte dich gesund di schlaraffengesichter habens den krafen gesagt weil dein fater nmal das Maul zu weit aufgetan hat r hat den krafen das Kalb Moses geheisen und das mag n verdrosen haben und ta hat er seinen Dinst Ferloren. Wir zin wek ich wil dirsch schon schreiben wir wisen noch nicht wohin ich wills ja wol noch erleben das den SchandKerl die leise fressen Deine getreie Mutter bis in den Tod Anna Maria Petronilla Hermannin.         93 Auf einen kleinen Zettel hatte der Vater flüchtig geschrieben: »Der Teufel hat meinen Dienst geholt: er wird die bald nachholen, die mich darum gebracht haben, hoffe ich. Nakt bin ich auf die Welt gekommen, nakt muß ich von dem Dreckhaufen wieder fortgehn: wer nichts hat, verliert nichts. Drum sey gutes Muths wie dein Vater und gieb keinem Menschen ein gutes Wort. Lebe wohl, Heinrich. Wenn du nach mir geräthst, so bin ich lebenslang Dein herzensguter Vater Adam Ehrenfried Herrmann.         Heinrich war wehmüthig über diese unerwartete Nachricht, aber noch wehmüthiger, daß ihm Niemand etwas von der Baronesse sagte. Er warf die Briefe auf den Tisch, schleppte sich traurig in einen Armstuhl und sah steif vor sich hin. – »Und auch keinen Gruß! dachte er. Nicht Ein Wort, wo sie ist, wie es ihr nach meiner Abreise ergangen ist! Zeitlebens kann ich das Schwingern nicht vergelten – so eine 94 Unachtsamkeit! Er spricht immer, wie sehr er mich liebt: ja, mag er mich lieben! das ist eine schöne Liebe, das Beste zu vergessen! – Sie hat ihm vermuthlich, wer weis wie viel aufgetragen: aber er ist so vergeßlich! Zu Tode möcht' ich mich über ihn ärgern. Ob ich wüßte, was Jakob geworden ist, oder nicht; das hätt' er für sich behalten können: wenn er mir nur dafür mit Einem Worte gesagt hätte – die Baronesse ist nicht mehr bey uns – die Baronesse ist in Berlin, ist in Dresden. – Ach! wenn sie vielleicht schon hier wäre, und ich wüßt' es nicht. – Ja, zuverlässig! so wird es seyn: sie ist schon hier, sie weis nicht, wo ich wohne: wie oft mag sie mich schon gesucht, sich nach mir erkundigt haben! – Und davon sagt man mir nun kein Wort! Da denken die Leute, es ist in den großen Städten, wie in unserm kleinen Neste, daß sich zwey Leute gleich begegnen, wenn sie nur eine Stunde darinne sind. Schwinger ist ja doch schon in großen Städten gewesen – aber er überlegt sich nichts! Wie soll ich denn nun unter den vielen tausend Häusern das Haus 95 finden, wo sie wohnt? und unter den Millionen Stuben und Kammern ihr Zimmer? Soll ich denn in den hunderttausend Gassen täglich auf und nieder laufen? und wenn ich an diesem Ende bin, so ist sie vielleicht an jenem. Sie kann ja in einer Kutsche vor mir tausendmal vorbeyfahren, und ich erkenne sie nicht: sie geht vielleicht dicht neben mir hin, und sucht mich und ängstigt und quält sich meinetwegen, und keins sieht das andre vor den vielen Menschen, die da um uns herumkrabeln. Wie vielmal mag das schon geschehn seyn! Ich habe sie vielleicht im Vorbeygehn berührt, habe sie vielleicht beym Herausgehn aus der Komödie gedrückt, bin dicht an sie gepreßt worden, und keins von uns wußte, wie nahe das war, was wir suchten. – O ich möchte den Schwinger – Ob er denn gar mit keinem Worte an sie denkt? Ob ichs vielleicht in der Eilfertigkeit überhüpft habe? Ob es vielleicht am Rande steht? Ich habe ja wohl den Brief noch nicht ganz gelesen.« – Er sprang auf, ergriff den Brief, las ihn 96 noch einmal vom Anfang bedächtig durch, und jeden Satz zwey, dreimal, um ja nichts zu übersehen, kam an den Ort, wo er vorhin abgebrochen hatte, und das erste Wort der ungelesnen Periode war – »Die Baronesse.« Seine Augen glänzten vor Freude, er war von dem freudigen Schimmer halb geblendet, er las fünf, sechsmal – »Die Baronesse« – blinkte mit den Augen und konnte nichts erkennen..– » Die Baronesse grüßt dich und hat ein kleines Billet beigelegt. « – »Ein Billet?« rief er, wie trunken. »Aber wo ist es? hat ers vielleicht vergessen?« – Hurtig wurden alle Briefe durchschüttelt, befühlt, über einander geworfen: da war kein Billet! – Aber wie denn im Umschlage? – Er riß ihn auf – Da war es! verkrochen im äußersten Winkel! Das hartnäckige Siegel wollte nicht weichen: er riß, und riß das Billet in drey Stücke, daß er die zerfleischten Fragmente mühsam zusammenlegen mußte, um den Inhalt heraus zu buchstabiren. Endlich brachte er heraus: 97 »Lieber Herrmann, »Ich freue mich, daß Sie gesund sind und daß es Ihnen wohlgeht. Denken Sie zuweilen an Ihre Schulkameradin und leben Sie wohl. Ich bin Ihre aufrichtige Freundin, Baronesse von Breysach.         »Was ist mir denn das für ein Billet?« sagte er und ließ die Hand langsam mit ihm sinken.«So fremd! so vornehm! als wenns die Gräfin geschrieben hätte! – Es ist vorbey! sie ist geworden, wie sie alle – sie verachtet mich: mein Stand ist ihr verächtlich. O ich Elender! daß mein Vater ein Einnehmer seyn mußte! – Zugetraut hätt' ich ihr das nicht: aber es ist eine Baronesse. – Ich möchte Blut weinen, daß ich so ein verachtetes weggeworfnes Geschöpf bin. – Es ist aus: sie liebt einen vornehmen Narren, und ich muß hier, als ein elender Schreiber, in Kummer, Jammer, Noth, Verachtung vermodern. – Sonst hieß es: such' einen Dienst, Heinrich! – und izt: denken Sie zuweilen an Ihre Schulkameradin! 98 – Ich möchte den kalten vornehmen Wisch gleich zum Fenster hinauswerfen, daß es Jedermann lesen könnte, wie schlecht sie gegen mich handelt.« – Wirklich machte er auch auf der Stelle Anstalt dazu, riß das Fenster auf, und wie er das Blatt gegen das Licht hielt und sich bedachte, daß er sie der angedrohten Schande aussetzen sollte, wurde er eine Menge Nadelstiche darinne gewahr: die Entdeckung erinnerte ihn an den vorigen geheimen Briefwechsel, er folgte der Spur und buchstabirte aus den Stichen bald ein Ich zusammen. Mit zitternder Ungeduld suchte er den Rest der Nadelschrift zu entziffern und brachte nach langer Mühe heraus: – »Ich komme nach Dresden. Bist du mir noch gut?« – »Ja, ja, ja!« rief er überlaut und hüpfte und küßte das zerfleischte Blatt: er tanzte, wie ein Beseßner, die Stube auf und ab: – »Sie kömmt! sie kömmt!« schrie er entzückt und klatschte springend in die Hände. Die kleine Marmotte, den Schooshund der Frau Doktorin, der mit ihm unversehens in die Stube 99 gewischt war und ruhig auf dem Stuhle schlief, rafte er auf und drückte sie dicht an sich, daß sie schrie. – »Sie kömmt!« rief er, sie drückend und schüttelnd. Er tobte in der Stube herum, lärmte, lachte, stampfte, daß die Leute in dem Zimmer unter ihm besorgten, es sey Jemand über ihnen rasend geworden; und eine Dame, die ihm gegenüber wohnte und durch das ofne Fenster alle seine Grimassen beobachtete, womit er die Nadelschrift entzifferte, und wie er nach geschehner Entzifferung herumraste, schickte aus Mitleid gegen ihn, da seyne Figur sie beym Ein- und Ausgehen eingenommen hatte, einen Bedienten an den Doktor Nikasius und ließ ihn bitten, den jungen Menschen vor Schaden zu bewahren; denn allem Ansehn nach müßte es mit ihm rappeln . Indem der Bediente noch sprach, kam auch eine Gesandschaft von dem Hofrathe, der unter Herrmanns Stube eine Relation verfertigte und sich erkundigen ließ, ob Jemand bey dem Herrn Doktor plözlich krank geworden sey, daß man so einen entsezlichen Tumult über ihm erhoben habe. Der 100 Doktor konnte vor Verwundrung nichts antworten: er versprach, sich nach dem Unwesen zu erkundigen und ihm zu steuern, öfnete Heinrichs Thür – mit Einem freudigen Sprunge eilte der Berauschte entgegen und umklammerte den versteinerten Doktor – »Sie kömmt! sie kömmt!« rief der trunkne Verliebte. Der Doktor. Wer denn? wer denn? Herrmann. Sie kömmt, sag' ich Ihnen: sie hats ja geschrieben. Der Doktor. Potz Plunder! wer denn? wer denn? Herrmann. Da! lesen Sie! lesen Sie! – Und mit diesen hastig gesprochnen Worten warf er ihm alle empfangne Briefe in die Hände: der Doktor las sie durch und fand in keinem sonderliche Ursache zur Freude, noch viel weniger eine Nachricht, wer kommen sollte. Er sah unter dem Lesen von Zeit zu Zeit nach Heinrichen hin, dessen Füße sich immer wie zum Tanzen huben, während daß die Freude sein Gesicht in konvulsivischen Bewegungen ununterbrochen erhielt: der Doktor war von der Meinung der 101 gegenüber wohnenden Dame und rieth ihm mit bedenklicher Mine, sich schlafen zu legen. – »O, rief Herrmann, heute kann ich weder essen, noch trinken, noch schlafen: ich bin außer mir: ich möchte vor Freuden zum Fenster hinabspringen.« – Da ist ja der deutlichste Beweis, daß die Dame Recht hat, dachte der Doktor und machte das Fenster zu. – »Du armer Junge! sprach er zu ihm und streichelte seine schwitzenden, glühenden Backen – du hast Hitze: Nur Geduld! halte dich nur ruhig! es wird sich schon geben.« »Ach, ruhig!« sprach Heinrich mit beklemmter Stimme: »es drückt mir das Herz ab.« – Der Doktor fühlte ihm nach dem Herze. »Armes Thier! sagte er mitleidig: es klopft wahrhaftig, wie eine Mahlmühle. Ein Aderschlag! Warte! Ein Aderschlag.« – Heinrich versicherte, daß ihm wohl wäre, wohl wie im Himmel, und daß er keines Aderschlages bedürfte. Der Doktor tröstete ihn, daß es sich wohl mit ihm bessern werde. – »Aber es fehlt mir ja nichts,« rief Herrmann entrüstet. – 102 »Nur gemach, mein Sohn! unterbrach ihn der Doktor: es wird schon besser werden.« – Er untersuchte die Fenster noch einmal, befestigte die Wirbel, so gut er konnte, mit den Vorhangschnuren und marschirte ab, weil ihn seine Arbeit rief: zu größrer Sicherheit befahl er dem Bedienten, von Zeit zu Zeit an der Thür zu horchen, auf dem Saale beständig zu patrulliren und ihn bey dem geringsten verdächtigen Geräusche herbeyzuholen. Izt verflog allmählich der erste Taumel der Freude bey Heinrichen, und seine Empfindung fieng an, bänglich zu werden. Sehnen, Ungeduld, Begierde, Unwillen, nicht schon zu haben, was er wünschte und erwartete, Aengstlichkeit, Besorgniß, ob es auch gewiß geschehen werde – alles erwachte in Einer Reihe, und wie sein Blut vorhin vor Freude brauste, so wallte und kochte es izt vor Unruhe. – »Zu welchem Thore wird sie hereinkommen? Wo wird sie wohnen? Werd' ich sie finden? Wenn wir nun einander ewig suchten und nicht fänden? Wenn ich nicht zu ihr dürfte? sie allenthalben sehen und 103 nirgends sprechen dürfte? Wenn ich niemals mit ihr allein reden könnte? Wenn sie nun hier einen Kawalier fände, der sie allenthalben begleitete, mit ihr spräche, tändelte und scherzte, und ich armer Sohn eines Einnehmers müßte das alles ansehn! müßte schweigen, meinen Zorn in mir nagen, mich von Kummer und Herzeleid über den Anblick verzehren lassen!« – Tausend ähnliche Besorgnisse und Grillen stiegen, wie Gespenster, in ihm auf, wurden immer ernster, immer schreckender und endlich so schwarz, daß er seufzte und vor Bangigkeit nicht wußte, wohin er sich wenden sollte, als wenn schon alles mögliche Unglück über sein Haupt zusammengestürzt wäre, das er fürchten konnte. Er rührte weder Essen noch Trinken an: sein Magen war wie überladen. Der Doktor besuchte ihn noch einmal, fand ihn zu seinem Vergnügen völlig vernünftig wieder und ließ nicht nach, bis er in seiner Gegenwart schlafen gegangen war: der Bediente mußte in der Stube wachen, und er brachte seiner Frau die angenehme Nachricht, daß es wieder richtig wäre. 104   Sechstes Kapitel. Unterdessen hatte die Frau Doktorin, da sie Heinrichs Entfernung aus dem Hause nicht mit Gewalt durchsetzen konnte, bey sich überlegt, daß sie ihren Mann durch eine feine Gleißnerey am sichersten dazu bewegen werde. Je eifriger sie nach der Entdeckung, daß es zuweilen mit ihm rappele , seiner los zu seyn wünschte, je mehr gab sie sich die Mine, als wenn ihr sein Fortkommen besonders am Herzen läge: sie redte ihm viel vor, wie zeitig ein Mensch von Kopfe sich bemühen müßte, etwas zu werden, und wie hoch mans bringen könnte, wenn man recht jung anfienge, wie leicht es in seinem Alter sey unterzukommen, wenn man vorlieb nähme und eine Zeit lang sich gehorsam in andre Leute schickte und fügte, um durch sie weiter befördert zu werden. Herrmann hörte ihre Predigten aufmerksam an, aber die Sache schmeckte ihm nicht: Ulrikens Billet hatte seinen Gedanken und Empfindungen eine ganz andre Richtung 105 gegeben: die Ehre reizte ihn izt wie eine Speise, die man auf den Fall aufhebt, wenn man keine beßre hat. Die Dame war nicht wenig aufgebracht, daß ihr auch dieses Mittel fehlschlagen wollte: doch gab sie ihren Plan nicht ganz auf. Desto eifriger verfolgte seit dem Empfange des Billets Herrmann den seinigen. Vom Morgen bis zum Mittag, vom Mittagsessen bis zum späten Abend war er bey Regenwetter und Sonnenscheine in Bewegung, wanderte die Gassen durch, gieng zu einem Thore hinaus, zum andern herein, spionirte jedes Frauenzimmergesicht, das hinter der Glasscheibe lauschte oder zum offnen Fenster heraussah, begafte jedes, das in einer Kutsche vorbeyfuhr oder zu Fuße vor und neben ihm wandelte, verfehlte keine Komödie, keine Oper, so lange sein kleines Taschengeld zureichte: das Schauspiel war für ihn so gut als nicht da: man mochte weinen oder lachen, er blieb immer derselbe und durchirrte mit forschendem Auge Logen und Zirkel: umsonst! er fand nicht, was er suchte: es wurde ihm bänglich, 106 er konnte nicht bleiben: er mußte gehn, wenn gleich das Schauspiel nur halb geendigt war. Die Leute im Hause wunderten sich außerordentlich über seine häufigen Wanderungen, und die Frau Doktorin, eine strenge Sittenrichterin, hatte ihn gar in einem gewissen argen Verdachte, und hielt ihm deswegen eine kraftvolle Rede über Lüderlichkeit und Verführung, wovon er kein Wort verstund. Auch der Doktor befragte ihn über die Ursache seines beständigen Ausgehens: daß er sie nur ganz verrathen hätte! Er wandte eine Bänglichkeit vor, die ihm an keinem Orte zu bleiben verstatte, eine Unruhe, Angst, die nur Bewegung und freye Luft milderten: – alles die lautere Wahrheit! – »So recht, mein Sohn! sagte der Doktor: Bewegung ist dergestalt und allermaßen der beste Koch und der beste Apotheker: es ist das junge warme Blut, das dir die Unruhe macht: Du sollst mir vierzehn Tage über kein Wort schreiben, und lauf dir alle Tage ein Paar Schuhe entzwey! ich will sie bezahlen.« – Da sonach aus einer genommnen Freiheit 107 eine gegebne geworden war, so bediente er sich ihrer desto reichlicher. Auf seinen Irrungen durch Feld, Busch und Straßen fand sich allmählich das alte Projekt wieder ein, das er mit der Baronesse bey der Verwechselung der Ringe entworfen hatte: er wünschte, es ausgeführt zu sehn, und es schien ihm bald höchstwahrscheinlich, daß die Baronesse ihm von ihrem Kommen nach Dresden heimliche Nachricht gegeben habe, um es mit ihm auszuführen. – »Hui! das ist es! dachte er. Hier kann uns der Graf nicht hindern, oder in unsrer Liebe stören: hier hat er nichts zu befehlen: der alten Anverwandtin, wohin sie kommen soll, kann sie wohl leicht entwischen. Sie bleibt so lange auf einem Dorfe versteckt, bis die alte Anverwandtin stirbt – wenn sie nur recht alt wäre! – oder wenn sie auch lange leben bleibt, so hol' ich Ulriken unter einem fremden Namen zurück, heirathe sie, und – Ich muß nur Anstalt machen und dem Rathe der Doktorin folgen, damit ich unterdessen emporsteigen und etwas Großes werden kann. – O über das 108 entsezliche Schicksal, das mein Vater ein Einnehmer seyn mußte! Da wärs so leicht, sie zu besitzen. – Aber warum mußte nun mein Vater nur ein Einnehmer seyn? Es war doch so eine Kleinigkeit, ihn zum Baron zu machen.« – Kaum war dies jugendliche Projekt zur Welt gebracht, so eilte er schon zur Frau Doktorin und bat sie flehendlich, ihn die versprochne Unterstützung auf der Bahn der Ehre und des Glücks nunmehr genießen zu lassen: er wolle alles daran wagen und die äußerste Mühe nicht sparen, um ein großer Mann zu werden. Die Doktorsfrau, voller Freuden, ihn plözlich dem Ziele so nahe zu sehn, wohin er sollte, bestärkte ihn in seinen ehrgeizigen Illusionen und fachte seine Begierde durch goldne Erwartungen so gewaltig an, daß sie lichterloh brannte: sie stellte ihm zwar vor, daß man klein anfangen müßte – »schadet nichts! unterbrach er sie hitzig: klein! noch so klein! nur her damit!« – »Aber, fuhr sie fort, man hat der Exempel sehr viele, daß aus Schreibern Hofräthe, Geheimeräthe, Minister geworden sind.« – 109 »Das wäre!« rief Herrmann entzückt und war in seinen Gedanken schon wenigstens Geheimerath, wo nicht wirklicher Minister. »Ja, man hat der Exempel! erwiederte die Doktorin. Wenn man nur Geschick und ein gutes ingenium hat, sich gut aufführt und fromm und gottesfürchtig ist, so kann man steigen, ehe man sichs versieht. Ich habe Sie schon dem Kammerdiener empfohlen, den Sie oft bey uns gesehn haben müssen: er ist zwar in keinem der größten Häuser: aber sein Herr braucht immer Sekretäre und Schreiber; und was er mit der Zeit nicht durch sich selbst thun kann, das vermag er durch Empfehlungen. Es ist ein sehr gottesfürchtiger braver Mann und rechter guter Christ.« – Herrmann konnte sich vor Vergnügen nicht fassen und flog schon auf den goldnen Fittigen der Ehre Ulrikens Umarmung entgegen, sah sich an ihrer Seite geehrt, blühend, glücklich, und fähig, andre glücklich zu machen: er war in seinem Traume schon von Mengen umringt, die ihm ihr Wohlseyn verdankten: er zerschmolz in 110 der seligen Vorstellung, so viel Ehrenvolles, Rühmliches, Großes gethan zu haben, und Antonin konnte seiner Unsterblichkeit nicht gewisser seyn als er. Das herrliche Bild begeisterte ihn, daß er seine Kraft in sich erhöht, jede Fiber zu Thätigkeit und Unternehmungen angespannt und sein ganzes Wesen über sich selbst erhaben fühlte. Der Flug seiner Einbildung senkte sich freilich schon nicht wenig, als er den folgenden Tag befehligt wurde, dem Kammerdiener aufzuwarten: das war ein Schreckschuß, der seinen Traum zur Hälfte verscheuchte. Er eilte zur bestimmten Stunde mit vollen Segeln der Erwartung zu ihm: sein Patron wußte nicht das mindste von ihm: Herrmann trug ihm mit fliessender Beredsamkeit den Bewegungsgrund seines Besuchs vor: der Patron besann sich lange – izt wußte er, daß die Frau Doktorin ihm gestern oder vor einigen Tagen davon gesagt hatte. – »Ich werde für Sie sorgen« – schloß er und brach den Besuch ab. In einem Paar Tagen ergieng durch die 111 Doktorin ein abermaliger Befehl, daß er sich zur Kammerjungfer des nämlichen Hauses verfügen sollte; an welche ihn der Kammerdiener empfohlen habe. Mit etlichen Segeln der Erwartung weniger gieng er abermals und kam abermals mit der Versicherung zurück, daß sie für ihn sorgen wollte. In einer Woche darauf mußte er sich vor der gnädigen Frau stellen, an welche ihn die Kammerjungfer empfohlen hatte: man meldete ihn, sie kam im Pudermantel heraus, ließ sich seinen Namen sagen und versicherte, daß sie für ihn sorgen wollte. Der Friseur schlug mit der pudervollen Quaste los, und Herrmann kam zum erstenmal nicht leer zurück; denn er war voller Puder. In vierzehn Tagen wurde ihm nach vielem Betreiben der Doktorsfrau, die nur entfernt durch den Kammerdiener auf die übrigen Hebel seines Glücks wirken konnte, die Erlaubniß gegeben, vor dem gnädigen Herrn zu erscheinen: er verwies ihn an den Hofmeister, der ihn examiniren sollte. Der Hofmeister bestellte ihn in 112 acht Tagen, Sonntags nach geschloßner Nachmittagspredigt. Er gieng, aber so demüthig, so langsam, wie ein Schiff ohne Wind: alle Segel waren beigelegt. Der Examinator war nicht zu Hause. Die Kinderfrau rieth ihm, morgen früh wiederzukehren: er that es; der Examinator hatte keine Zeit. Er verwunderte sich äußerst gegen seine erste und älteste Patronin, die Doktorsfrau, über die Verzögerung. – »Ach, sagte jene, man hat etwas versehen. Der Herr Magister ist sonst ein lieber gottesfürchtiger Mann: aber Sie hätten ihm die Visite machen sollen. Das hat er übel genommen: nun ists da vorbey.« – »Wegen einer Visite will er mein ganzes Glück, mein Emporkommen hindern?« rief Heinrich, wie aus den Wolken gefallen. »Ja, erwiederte die Doktorin, das ist nicht anders; es will doch ein Jeder sein Recht haben.« – Gute Nacht Minister, Geheimerath, Hofrath! Weg waren die glänzenden Aussichten der Ehre! vom Winde verweht! der aufklimmende 113 Jüngling von der erträumten Höhe, die er mit einem Schritte erreicht zu haben hofte, wo ihm menschenfreundliche Größe und wohlthätige Gewalt Kränze und Lorbern entgegenboten, durch einen plözlichen Windstoß zurückgeworfen, in die unbedeutendste Geringfügigkeit zurückgesezt. Er fühlte schmerzlich, daß er nur der Schreiber eines Advokaten war, und fürchtete eben so schmerzlich, daß er nichts weiter werden sollte. Wie ein Vogel mit frischbeschnittnen Flügeln, schlich er traurig im Hause herum und verschmähte das reichlich aufgeschüttete Futter, weil er nicht mehr fliegen durfte. Während dieses verunglückten Laufes nach der Ehre hatte der Eigennuz seiner Patronin eine Ursache gefunden, seine Entfernung aus dem Hause nicht mehr zu betreiben: deswegen war sie auch so kaltblütig über die unterlaßne Visite, die sie sonst mit der schärfsten Strenge geahndet hätte. Der bisherige Schreiber ihres Mannes hatte durch ihren Vorschub eine Versorgung bey einer adlichen Herrschaft auf dem Lande bekommen, und es schien ihr ungemein 114 schicklich, den jungen Herrmann, für welchen Tisch und Wohnung bezahlt wurde, an seine Stelle zu setzen und also einen Artikel ihres Aufwands zu ersparen. Der Mann wollte aus dem guten Grunde nicht daran, weil der junge Mensch die Arbeit nicht allein versehen könnte, und weil es unbillig wäre, Jemandem eine Bürde aufzuladen, die er ungern trüge, ohne ihn dafür zu belohnen: allein sie gebot ihm zu schweigen und sich nicht in Finanzsachen zu mischen, die sie besser verstünde. Sie sezte ihr Projekt mit vieler Hitze durch und übernahm selbst die Aufsicht über den Fleis des neuen Schreibers: wenn die Feder nur ein Paar Minuten ruhte, so schallte ihm schon der Befehl ins Ohr: – »Geschrieben! geschrieben!« – Er durfte ohne Erlaubniß keinen Fuß über die Schwelle setzen: bey seiner Rückkunft war er allemal zu lange aussengeblieben, wenn er gleich die vergönnte Zeit nicht überschritten hatte; und dann mußte er ein Verhör ausstehn, wie ein Delinquent. – »Wo ist man gewesen? Was hat man gemacht? Was hat man gesprochen? Was hat man 115 gedacht?« – Stund er nach dem Verhör ein Paar Minuten zu lange müßig da, so ergieng der Befehl – »An die Arbeit! an die Arbeit! Nicht so müßig dagestanden! Wer essen will, muß sich sein Brod verdienen.« – Bey Tische aß er ihr zu langsam, ward zu spät fertig und sollte schon mit dem lezten Bissen die Feder wieder ergreifen: des Morgens konte er nie zeitig genug ausschlafen, ob er gleich von Kindheit an zum frühen Aufstehn gewöhnt war, und des Abends nie zeitig genug zu Bette gehn, weil er nichts that und doch Licht verbrannte. Sein Ofen nahm immer das meiste Holz hinweg, so sparsam ihm auch eingeheizt wurde und so sehr er auch fror, daß er zuweilen kaum die Feder zu regieren vermochte; und wenn der Himmel nur Einen weniger kalten Tag gab. wo das Thermometer nicht auf dem Gefrierpunkte stund, so wurde das Heizen bey ihm ganz eingestellt. Dabey unterließ sie nicht, seinem Ehrgeize mit himmlischen Erwartungen zu schmeicheln, daß er alle seine Kräfte anspannte und jedes tägliche Ungemach mit Heldenmuthe ertrug, um nach 116 einigen Jahren voll Beschwerlichkeit und Arbeit das goldne Fließ zu erringen, das man ihm vorhielt, und die erkämpfte Beute mit Ulriken zu theilen. Die Aussicht auf dieses Glück bewafnete ihn mit eherner Standhaftigkeit: oft mitten in seinen trocknen Beschäftigungen, wenn seine Hand auf das Papier mahlte, »daß Hans wider Gürgen klagend einkomme, weil er ihn mit zwey Ohrfeigen und drey Stockschlägen begünstigt habe, oder daß Anna Klara Eißfeldin, alle rechtliche Nothdurft vorbehältlich, sothanes ihr Befugniß zu erweisen schuldig sey« – mitten unter solchen trocknen Beschäftigungen flog seine Seele in die Gefilde der Liebe hinüber, schwebte, wie ein zweiter Herkules, nach ausgekämpftem Streite mit Hindernissen, Ungemächlichkeiten und Arbeit, Ulriken, seinen errungnen Preis, im Arme, triumphirend daher: nach seinem Gefühle war er ein Held, der sich durch Leiden und Thaten zum Halbgotte hinaufschwingen sollte. Die Feder stund bey solchen Flügen der Einbildung freilich oft still: seine Aufseherin schrie – »Geschrieben! geschrieben!« – und die Hand flog 117 in Galop durch den holprichten steinichten Aktenstil dahin, weil er mit jedem sauren Zuge Ulriken durch eine Beschwerlichkeit mehr verdient zu haben glaubte. Inzwischen erleichterte ihm doch der Doktor die Mühe seiner herkulischen Laufbahn mit vieler Billigkeit: ohne daß es seine Frau erfuhr, ließ er den größten Theil der Arbeit durch einen heimlich besoldeten Schreiber außer dem Hause thun und gab Herrmannen nur solche Sachen, die nicht dringend waren, noch vorzügliche Genauigkeit erfodertem und auch nur in geringer Menge. Unter dem Vorwande, daß er ihn brauche, nahm er ihn jedesmal mit sich, wenn er auf Gerichtsbestallungen reiste, um ihn zu zerstreuen und ihm Erholung zu verschaffen, und vor dem Thore lud er seinen heimlichen wirklichen Schreiber auf, der die Arbeit verrichten mußte, während daß Heinrich in den Feldern spatzieren oder sich mit andern ländlichen Winterergözlichkeiten vergnügen konte. Solche kleine Reisen waren für ihn Fahrten zur Freude: er wurde von dem Drachen, der ihn bewachte, erlöst, und 118 jedes Dorf, wohin sie ihn führten, gab ihm das Bild seines Vaterstädtchens, das Herrschaftshaus eine Vorstellung vom Schlosse des Grafen Ohlau, und Garten und Felder jede Scene kindischer Glückseligkeit wieder: Schwinger, die Baronesse, alle wandelten neben ihm her, sie stunden vor ihm, sie sprachen mit ihm: die kahlen vereisten Bäume am gefrornen Wasser waren ihm seine Feinde, die vom Himmel gezüchtigt, verworfen, traurig und verlassen dastunden und ihre Bosheit bereuten. Oft glühte ihm bey solchen Gedanken sein Innerstes, wie von aufloderndem Feuer, indessen ihm Hände und Gesicht vor Kälte starrten, ohne daß er es fühlte. 119   Siebentes Kapitel. Izt hatte er unter so mancherley Freuden, Aengstlichkeiten, Täuschungen, Hofnungen, Arbeit und Kummer einen ganzen Winter in Dresden zugebracht, Ulriken sehnlich erwartet, und noch war sie nicht da, wenigstens nicht für ihn da, weil er sie nicht zu finden wußte. Der Frühling erschien, und noch hatte er sie nicht gefunden. Mit dem Aufleben der Natur wachten auch seine Triebe und Thätigkeit zu ihrer alten Stärke auf: das Aktenschreiben wurde ihm auf einmal eine Last, die wie ein Alpengebirge drückte: die Einsperrung, die er bey der Erstorbenheit des Winters nur wenig fühlte, machte izt seine Stube zum Gefängniß: die ganze Welt wurde ihm zu enge. Die Frau mochte rufen und schreyen, so viel sie wollte – seine Feder ruhte: sie mochte noch so oft fragen, wohin er gienge – er gieng: sie mochte schelten, drohen und strafen – er achtete nichts, 120 widersprach ihr muthig und behauptete hartnäckig die Freiheit, ausgehn zu können, wenn es ihm beliebte, und der Doktor unterstüzte seine Ansprüche, so viel er vermochte. Er schweifte wieder herum, wie ein Papilion, der aus der zersprengten Hülle eben hervorgeflattert ist: er freute sich der muntern Saat, des hervorbrechenden Laubes, der wirthschaftlichen Thätigkeit in Feldern und Weinbergen, der allgemeinen Emsigkeit, die ihm aus der reizenden Landschaft ein Paradies machte. Bey allen Freuden trug er doch eine Unruhe mit sich herum, die ihn überredete, daß er unter allen diesen wirksamen Geschöpfen das unglücklichste sey: er beneidete die Ackersleute, die so vergnügt mit lautem Pfeifen hinter dem Pfluge drein schritten, mit Niemandem unzufrieden, als mit ihren Pferden: ein Trupp froher Landmädchen, die mit froher Geschäftigkeit den Acker reinigten, oder lachend und scherzend ein andres Geschäfte verrichteten, versezte ihn in Traurigkeit, und ein Bauerkerl, der mit einer dickstämmigen Dorfvenus schäkerte, erregte seine Galle. 121 Sein Weg führte ihn an einem heitern sonnichten Nachmittage durch die Felder nach dem plauenschen Grunde hin, den er izt zum erstenmale kennen lernte: er folgte, ohne es recht zu wollen, der Menge Menschen, die eben damals ihren Spatziergang dorthin thaten. In sich vertieft, wurde er allmählig von einem nahenden Wassergeräusche erweckt, und ringsum betäubte ihn das Konzert rauschender Wasserstürze, klappernder Mühlen und des herabschießenden Flößholzes, das in den schäumenden Strudel mit holem Getöse hineinstürzte, verschwand, weit jenseit des Schaumes wieder langsam emporkam und sanft dahinschwamm. Auf einer Seite nackte Felsen, auf der andern Berge mit Gesträuch und Busch, vor sich eine Fläche mit Holz wie mit schwimmenden Nachen bedeckt – es schien ihm der Eingang in den Wohnsitz eines Gottes zu seyn: er gieng längst den Felsen hin, und seine begleitenden Spatziergänger verließen ihn schon, als wenn sie sich nicht in das Heiligthum der Natur getrauten. Er trat auf die zweite Brücke, und vor ihm 122 stand ein Amphitheater, das in der Schöpfung nur einmal wurde. Auf der linken Seite dunkelbraune glattgeschnittne Felsenwände, schief, wie Kulissen einer Schaubühne, hintereinander gestellt, aus dem Flusse, der sich an ihrem Fuße in wirbelnden Wallungen bricht, zu den Wolken gerade emporsteigend; rechts am Flusse der fantastisch geschlungne Weg mit strauchichten rauhen Bergen, die mit den Felsenwänden sich zu vereinigen scheinen, um die Scene zu schliessen; in der Mitte das ausgespannte Wasser; im Rücken und vorwärts Brausen und Getöse bald in leisen Pianos, bald mit der angestrengtesten Stärke, in wechselnden Solos und betäubenden Chören – er staunte, mit melancholischem Schauer verweilte er bey dem herrlichen Anblicke, in tiefer Empfindung verloren, und nur mit Mühe riß er sich los. Auch hier schien er noch mehr von den Menschen Abschied zu nehmen: der größte Theil gieng zurück, und nur zwey Einsame folgten ihm in verschiednen Entfernungen, so tiefsinnig, als wenn sie eine Noth in diesen Grund tragen, oder eine Geliebte in ihm suchen 123 wollten. Durch vielfache Wendungen des auf und niedersteigenden Wegs gieng er, den Fluß unaufhörlich zur Linken, unter fernem und nahem Wassergetöse dahin: izt stiegen jenseit des sprudelnden Stroms zween waldichte Berge empor, boten sich freundschaftlich die Arme und ließen unter ihnen eine breite aufsteigende Kluft – er sah in ihr hinauf und erblickte Gebäude: bald lehnte zur Rechten ein öder unfruchtbarer zerrißner Bergrücken mit fauler Bequemlichkeit da und trug auf seinen Schultern ein Dorf, von welchem Häuser, Leimwände und Strohdächer einzeln und in Gruppen über die Bergkrümmungen herabschielten: izt schloß sich die Aussicht ganz, er glaubte in einer weiten Felsenhöle zu seyn, aus welcher ein Fluß strömte – plözlich wand sich der Weg um einen hervorstehenden Berg und öfnete ein breites, mit Birken rings umschloßnes Thal: izt war diese Seite eine bergichte Wüste, und jene ein lachender Hain, schnell wurde der Hain zum kahlen Felsengebirge, und aus der Wüste ein bearbeiteter bepflanzter Berg: hier stunden längs am Wasser hin versilberte Weiden, 124 in künstlichen Reihen gepflanzt, hinter ihnen im aufsteigenden Gebüsche herrschte die völlige Unordnung der Natur: dort lehnte am Fuß einer Steinklippe ein Gärtchen voll junger Obstbäumen, in weiße blinkende Stäbe eingezäunt, dort hieng eins, vom zerrißnen Dornzaune umgeben, mitten an einem schrofichten dürren Berge, und mühsam schwebte dort zwischen Steinen ein arbeitsames Weib und behackte mit weitausgeholtem Schlage, der Natur zum Trotz, ein Beetchen für die kleinen Bedürfnisse ihrer Tafel: ihre Kinder klimmten auf Händen und Füßen an den vielzackichten Felsen hinan, während daß die ältern Brüder sich schon auf der äußersten Spitze wiegten und mit lautem Händeklatschen der furchtsamen Schwestern lachten, wenn sie mit den ausweichenden Steinen weit zurückgleiteten und schrieen, als wenns dem jungen Leben gölte, ewig kletterten und ewig zurücktaumelten. Der Schauplatz war leer, still, melancholisch todt, nichts als das fortwährende Geräusch des strudelnden Wassers hörbar – hie und da eine klappernde Mühle, selten ein 125 vorüberschießender Landmann, der aus der Stadt zur wartenden Familie zurückeilte, oder betrübt dem Arzt die Bezahlung für seine gestorbne Hausfrau hineintrug, noch seltner ein langsam wandelnder Fruchtwagen! – außer diesen Unterbrechungen lag hier unter dem engen Horizonte die tiefste Einsamkeit ausgebreitet: Schweigen und Brausen war ihre Sprache – eine Sprache, die so tief in Herrmanns Herze eindrang, daß ihm schauerte: mit Zittern und Furcht stand er da, die Einsamkeit fesselte ihn an, und die Furcht drängte ihn von ihr hinweg: er suchte eine Anhöhe, stieg aus dem frischen Schatten zu ihr hinan und schaute aus dem Sonnenglanze in die düstere Tiefe, das einzige Meisterstück der Natur, hinab. Auch die beiden Spatziergänger, die ihm anfangs folgten, waren umgekehrt, der Träumer ganz allein. »O wie ist dies Thal so still, und wie mein Herz so unruhig!« – war sein erster Ausruf als er eine Weile ernsthaft hinabgesehn hatte. – »Von Leidenschaften gepeinigt, gepeitscht, wie der Strudel, der hier vor mir schäumt! – So 126 soll ich dann ewig im Staube mich wälzen, ewig ein unwirksamer Nichtsnütziger bleiben? nimmermehr eine That thun, die mir nur Einen Kranz der Ehre erwirbt? durchs Leben dahinschleichen, mir immer helfen lassen und Niemandem helfen können? ein Lastträger in der Welt seyn, zu den niedrigsten Arbeiten verdammt? – O die glücklichen Sterblichen, die Antonine, die Aurele, und die gleich ihnen sich den Dank einer halben Welt und aller künftigen Zeiten verdienen konten! Warum mußte ich nun der einzige seyn, der in rühmlicher Thätigkeit gern alle Adern seines Leibes zersprengen möchte, und doch, wie ein Ackergaul, im langweiligen Karren ziehen soll? – Das Herz möchte mir springen vor überströmender Wirksamkeit; und da sitz' ich, angefesselt am Blocke, muß dienen und arbeiten und sehe dessen kein Ende! kein Ende, wie ichs wünschte! Was hilfts, wenn ich Jahre lang mich um den kümmerlichen Bissen Nahrung quäle? – ich bleibe doch ein Verachteter, ein Auswurf der Menschheit, der nie besitzen darf, was er liebt: Ulrike bleibt doch ein unerringbares 127 Gut, nach dem ich nicht einmal ohne Beschimpfung streben kann. Sie wird mich vergessen lernen, weil sie sich meiner nicht erinnern darf: sie wird mich verachten, weil man ihr die Liebe verwehrt. – Aber ich muß meinem Schicksal entgegenarbeiten! ich muß mich stemmen, ihm trotzen und wider seinen Willen erlangen, was ich will. – Fort mit mir, so weit mich meine Füße tragen! Wo das Land fehlt, mag es ein Schiff thun! Entweder alles, was ich wünsche, oder gar nichts! Mag ich auf dem Lande oder im Meere umkommen! es kömmt doch immer nur ein Elender um, den Niemand beklagt, weil ihn Niemand kennt.« – Er sprang auf, eilte die Anhöhe herab mit allen Bewegungen trostloser Wuth, daß ihm der losgetretene Kies haufenweise nachrollte, gieng mit heftigen Schritten am Wasser zurück: Hölen, Klüfte, Büsche, Felsen, alles war für ihn vernichtet, selbst die Musik des Wassers nicht hörbar für ihn: alle Sinne hatten sich auf den einzigen Punkt seiner Seele zurückgezogen, wo seine unbefriedigte Ehrbegierde nagte: sein 128 einziger Gedanke war – »ich bin der unglücklichste Sterbliche« – und seine ganze Empfindung bestund in dem schmerzlichen Gefühle seiner Unglückseligkeit. Den Kopf voll so schwarzer Schatten, wie die Felsen um ihn über das Thal deckten, das nämliche Getöse, Brausen und Rauschen in allen seinen Adern, wie von dem dahinschießenden Flusse in den Felsen wiederhallte, in der entsezlichsten menschenfeindlichsten Stimmung des Geistes langte er bey der großen Mühle an: unter dem Getöse des Wassers, das über die Räder dahinstürzte, schallten Menschenstimmen, lautes muthiges Gelächter hervor – er hätte umkehren mögen, so zurückscheuchend, so abstoßend war für ihn der Ton. Er schlug die Augen auf und erblickte Menschengesichter, zwey gutgekleidete Frauenzimmer, die an der Mühle saßen, eine ältliche Dame, die zurückgelehnt schlief, und eine junge, die mit einem Stäbchen im Sande spielte. – »O des widrigen Anblicks! dachte er: wie die Ruhe aus dem schlafenden Gesichte lacht! wie das Mädchen so zufrieden tändelt! Ist denn so viel Glück auf der 129 Erde, daß man so zufrieden seyn kann?« – Mit neidischer Bitterkeit dachte er es und kehrte das Gesicht von ihnen. Izt war er vor ihnen: ein Rest von seiner verfinsterten Menschenliebe lenkte seine Augen auf die Damen: die junge sah auf, beider Blick blieb auf einander hängen – er stund – gieng. – »Wäre das nicht Ulrike? – Sie ist es!« – Seine täuschende Einbildung ließ ihn zweymal das Zischeln ihrer Stimme hören – izt schon wieder! – izt hörte er gar seinen Namen nennen! – sein Traum zwang ihn umzukehren. Die junge Dame stund auf, und noch war er vier völlige Schritte von ihr, als sie auf ihn hervorschoß, mit beiden Armen um seinen Hals! Da standen sie beide, fest umklammert, als wenn eine Gottheit sie zu freundschaftlichen Bäumen einwurzeln ließ! Keins sprach, keins bewegte sich. Ein Mühlbursch, der an der Thür lehnte und die stumme Umarmung mit ansah, glaubte sich aus Pflicht verbunden, die alte Dame zu wecken, zupfte sie am Ermel und zeigte, als sie schnarchend auffuhr, mit dem Finger nach dem umarmten 130 Paare. Die Alte ergriff den Spatzierstock, der neben ihr lag, wackelte mit schlaftrunkner Eilfertigkeit hin und riß an Ulriken mit solcher Gewalt, daß sie Beiden die Erschütterung eines elektrischen Schlags mittheilte: ihre Stärke reichte nicht zu, sie zu trennen, sondern sie mußte den Mühlburschen zu Hülfe rufen. Durch Vermittelung seiner nervichten Hände brachte er sie aus einander, faßte, auf Befehl der Alten, die Baronesse in seine bestaubten Arme und trug sie in die Mühle, ohne der häufigen Hiebe zu achten, die ihm Ulrikens Unwille mit der Faust auf die breite Nase versezte. Heinrich fiel ihm ohne Anstand in den Rücken und schlug auf ihn los, daß eine dicke Mehlwolke aus der grauen Jacke herausfuhr: alles umsonst! der Bursch ließ seine Beute nicht fahren Heinrich, in seinem Zorne, gerade auf die alte Dame los! doch wie er sich nach ihr wandte, hielt sie hinter seinem Rücken ihren Rückzug in die Mühle – schnapp! war die Thür verschlossen. Was zu thun? Den sämtlichen Mühltruppen zu widerstehn, fühlte er sich zu schwach: auch 131 schien ihm Gewalt überhaupt zu nichts nütze. Kurz bedacht, entschloß er sich voranzugehn, um den Weg zu gewinnen und dann in einer kleinen Entfernung hinter Ulriken in die Stadt zu schleichen und so ihre Wohnung zu erfahren. – »Wenn ich nur diese weis, sagte er sich, dann sollen mich Millionen Mühlbursche und Tanten und Vettern nicht abhalten!« – Er sezte sich in den Marsch und wanderte mit so behenden Schritten, daß er sich kein einzigesmal umsah, ob ihm Ulrike folgte. Erst in einer kleinen Entfernung vom Schlage sah er eine Kutsche hinter ihm drein wackeln, die er für dieselbe erkannte, welche nicht weit von dem Schauplatze seiner Wiedererkennung hielt: er erblickte die Baronesse darinne, verdrießlich in einen Winkel gedrückt; und nun wanderte er muthig hinter drein. So bald der Kutscher auf dem Pflaster war, schlug er die Pferde an, sie trabten dahin, um eine Ecke hinum, – weg war die Kutsche! und erschien auch nicht wieder: wie wehe das that! Seine Bekanntschaft mit Betteljungen hatte sich seit seiner Ankunft in Dresden nicht 132 verringert: sie paßten ihm in der Nachbarschaft auf, um ihm ihr Anliegen zu entdecken, wenn er ausgieng oder nach Hause kam, und genossen auf diese Weise den größten Theil seines Taschengeldes. Einer von diesen Pensionären fand sich auch itzo bey ihm ein, als er, voll wichtiger Ueberlegungen, die Gasse heraufkam, und bat um eine kleine Gabe zur Abendmahlzeit. Der Bursch erregte bey seinem Wohlthäter eine Idee, daß er ihm zu folgen befahl: als sie im Hause anlangten, beschrieb ihm Heinrich die Equipage, mit welcher er Ulriken hatte fahren sehn, umständlich und fragte, ob er sie nicht kennte. – O ich kenne alle Kutschen und Mistwagen in der ganzen Stadt, fieng der Junge an, aber die Equipage kenn' ich nicht. – »Nicht?« frag Heinrich erschrocken. – Halt! hub der Junge von neuem an und verbesserte Heinrichs Beschreibung in vielen Umständen: war sie nicht so? – »Völlig so!« rief Heinrich entzückt. – Ach, die kenn' ich genau! war die Antwort: ich bin so manch liebes mal in meinem Leben mit ihr gefahren, wenn kein Bedienter hinten auf stund. Sie 133 gehört einer alten Schnattergans; Gott und ihr Vater werdens wissen, wie sie heißt: es fährt immer ein kleines lustiges Ding mit ihr, wir Jungen nennen sie nur das Baroneßchen – Heinrich fiel ihm um den Hals. – »Die kennst du!« redte er in ihn hinein. »Ach, das ist meine Herzensfreundin, sprach der Bursch. Ihre Fenster gehn in ein kleines Gäßchen: nun lassen Sie sich einmal sagen! Du treten wir hin und singen ein Liedchen – etwa »Mein Schätzel ist ein gutes Kind« oder so was, und da wirft sie uns Geld herunter, und da nehmen wirs und machen recht tiefe Bücklinge: da will sie sich zum Narren lachen. Heinrich. Liebster bester Freund! kanst du ihr nicht einen Brief heimlich zustecken? Der Junge. O, sechse für einen! das alte Gespenst, bey der sie wohnt, paßt zwar auf wie ein Flurschütze. Man darf ihr nicht einen Schritt zu nahe kommen, so flucht sie wie ein Teufel. Sie reißt das arme Nüßchen herum wie einen Wischlappen – 134 Das häßliche Weib! rief Heinrich und knirschte. Aber lassen Sie sich nur sagen! fuhr Jener fort, ich will den alten Bootsknecht schon anführen: ich schleiche mich zur Thür des Baroneßchen und bitte, und wenn sie mir etwas giebt, schenk' ich ihr mein Briefchen heimlich dafür. Unser eins versteht das schon. – Er wurde morgen früh auf den nämlichen Platz bestellt, wo die heutige Unterredung gehalten worden war, die sich mit Versprechung eines ansehnlichen Trinkgeldes endigte, und der glückliche Heinrich gieng stolz die Treppe hinan: er wandelte in den Lüften, und sein Scheitel berührte vor Uebermuth die Sterne. Die Doktorin empfieng ihn mit ihren gewöhnlichen überhäuften Fragen und bekam nichts als lakonische Antworten: sein Glück schwellte ihn auf: das ganze alltägliche Leben um ihn her, alles, wovon und was man mit ihm sprach, war tief unter der Stimmung seiner Seele: er dünkte sich ein Gott, für welchen sterbliche Beschäftigungen und Reden des 135 gewöhnlichen Gesprächs zu gering waren. Mit so erhöhtem Fluge der Gedanken und Empfindungen, als wenn er im Aether selbst schwebte, sezte er sich an den Tisch, um seinen Brief zu schreiben: seine Aufseherin, die nicht wußte, was er schrieb, lobte ihn mit vollem Halse über seinen Fleis, daß er sich sogleich zur Arbeit kehrte und das Versäumte wieder einzubringen suchte. Wie ihm das Lob widrig schmeckte! Er hätte ihr vor Zorn an den Kopf fliegen mögen. Wen muß ein solcher Beifall über so nichtswerthe Dinge, wie Aktenschreiben, nicht beleidigen, wenn man so überglücklich, so erhaben über sich selbst ist, als er sich in dem Augenblicke fühlte? Er schrieb in sehr langer Zeit ein sehr kleines Billet; denn bey jedem Worte flogen seine Gedanken mit ihm davon, schweiften unter Projekten zu öftern Zusammenkünften, zu Entfliehungen und andern Mitteln, das Glück des Wiederfindens so gut als möglich zu nützen und sich Ulrikens Besitz zu versichern, herum, und über den unendlichen Gedankenwanderungen verschrieb er sich so vielfältig, daß kein 136 Menschenverstand in dem Geschriebnen war, wenn er es durchlas: immer däuchte ihm, daß er noch etwas zu sagen hätte, und nun noch etwas – er sann nach, und dort lief sein Kopf mit ihm davon! Er schloß– aber beym Jupiter! gerade das wichtigste vergessen! Sonach bekam sein Brief sechs Schlüsse, und durch das öftre Wegwerfen der völlig unverständlichen Exemplare hatte er das Abendessen versäumt und Mitternacht herangebracht; und doch enthielt das Billetchen nichts als eine Nachricht von seiner Wohnung und eine Bitte, den Briefwechsel durch den Ueberbringer fortzusetzen und ihm bald zu einer Zusammenkunft zu verhelfen. Hier ist es, nach seiner Handschrift genau abgeschrieben.         Liebe Ulrike, Liebste Ulrike, Allerliebste Ulrike Ich bin außer mir. Schreibe mir heute noch. Ich weis mich nicht vor übermenschlichem Glücke zu fassen. Ich bin bis in den Tod und in alle Ewigkeit Dein aufrichtiger, ewig dich zärtlich liebender Heinrich.         137 N. S. Schreibe mir ja durch den Ueberbringer. Ich bin entzückt, über Sterne und Himmel bin ich tief, tief in die Seele entzückt, daß ich dich wiederhabe. Der Ueberbringer ist ein Betteljunge. Schreibe mir ja oft durch ihn, alles, wie dirs ergangen ist. Ich verbleibe lebenslang mit der größten Zärtlichkeit und Liebe und Freundschaft und Zärtlichkeit, ich kan dir gar nicht schreiben, wie sehr ich bin Dein getreuer unveränderlicher zärtlicher Heinrich.         N. S. Wenn ich dich nur oft, recht oft, alle Tage, alle Stunden, alle Minuten sehn könte! Schreibe mir ja. Der Überbringer ist ein Bettler, der für ein Almosen unsern Briefwechsel besorgen wird. Lebe wohl, tausendmal wohl. Ach, daß ich nicht beständig bey dir seyn kan! P. S. Ich wohne bey dem Doktor Nikasius. Ach Ulrike, ich sterbe vor Verlangen, wenn ich dich nicht jeden Pulsschlag meines Lebens sehn kan. Glaube daß ich bis in die Gruft und noch in jenem Leben dich lieben werde. Ach ich kan dich nicht genug lieben. Ich küsse dich in Gedanken tausend 138 millionenmal, und möchte weinen, daß ichs nur in Gedanken thun muß. Ich verharre unausgesezt Dein getreuer, fest an deinem Herze hängender Heinrich.         N. S. Du wohnst in der Hölle bey einem Satan. Der Ueberbringer hat mir erzählt, daß du bey einer Tante wohnst, die beständig flucht. Deine vermaledeyte Tante geht mit dir um, daß es mich jammert. O wenn ich dem zähneblekenden Ungeheuer den Kopf spalten könte! spalten!!!!! Es ist mir so weh ums Herze, daß ich dir so nahe seyn muß und nicht    Ich verbleibe Dein betrübter, tief gebeugter zärtlichstinnigstbrünstigstsehnlichstschmachtender Heinrich.         Postscript. Wenn ich dich nur einmal, nur ein allereinzigesmal sprechen könte! Ich bin so melancholisch geworden, daß ich Blut weinen möchte. Ich bin mit aller Hochachtung Ihr gehorsamer Diener, Heinr. Ch. Herrmann.         139 Den lezten Schluß schrieb er halb im Schlafe, und die Höflichkeit trat an die Stelle der Liebe. – Die unselige Liebe! was für schlechte Stilisten sie macht! Nach langer quälender Sehnsucht, die ihn jede fünf Minuten an das Fenster riß, erschien der Bote am Ende der Gasse: er lief die Treppe hinunter und nahm ihm folgenden Brief im Hause ab. den 12. Junius. »Wie sehr ich mich gestern über unser plözliches Wiederfinden gefreut habe, das weis mein Herz und dein eignes. Nach einer so langen, ewigen Trennung ist die Freude so voll, daß man von sich selbst nichts weis. Aber lieber, lieber Heinrich! die Trennung ist noch nicht aus. Der Onkel hat der Oberstin, bey der ich itzo im Gefängniß sitze, auf das Leben anbefohlen, mich keine Minute aus den Augen zu lassen; und sie kommt dem Befehle so getreulich nach, daß sie mich lieber am Halse 140 herumtrüge, wenns seyn könte. Auf dem Spaziergange darf ich nur den Kopf zurückwenden, um zu sehn, wer hinter uns geht, oder auf die Seite kehren, um Jemanden an einem Fenster zu beschauen, gleich geht das Unglück los. Sapperment! schreit sie, wo gakeln Sie einmal mit den verfluchten Augen herum? – Bald geh ich ihr zu langsam oder stehe wohl gar still, um etwas anzusehn: In des Teufels Namen! fängt sie an; so heben Sie doch die infamen Knochen! – Bald hab ich Langeweile und eile nach Hause. – Daß Sie das Donnerwetter erschlüge mit Ihrem höllischen Rennen! – und dabey reißt und stößt und wirft sie mich herum, wie ihren Spaniol, wenn sie eine Prise nimmt. So eine widerliche Frau kan gar nicht mehr auf der Erde seyn: ihr Mund und ihre Brust ist beständig mit gelbem Tabak überglasirt, und wenn sie mich mit den schmuzigen Fingern angreift, geht mirs allemal durch Mark und Bein. Als ich gestern, da wir bey der Mühle so übel angelassen wurden, nach Hause kam, hat sie mir recht 141 mitgespielt: schon in der Mühle fluchte sie auf mich, daß die Balken zitterten; und zu Hause stieß und zerrte und warf sie mich so gewaltig herum, daß der Abdruck von ihren großen gelben Tabaksfingern in Lebensgröße auf meinem weißen Kleide zurückgeblieben ist. Wir haben uns im Zimmer von einem Ende zum andern herumgejagt: ich wollte mich durchaus nicht von ihr anrühren lassen, und sie kan doch nicht sechs Worte mit Jemandem sprechen, besonders wenn sie böse ist, ohne daß sie nicht die Leute bey dem Arme oder an der Brust anpackt. – Schmälen Sie, so viel Sie wollen! rief ich immer und wehrte sie mit allen Händen von mir ab. Greifen Sie mich nur nicht an! – Sie hüpfte immer, wie ein wälscher Hahn mit aufgeschwollnem Kamme, und die Arme, wie ein Paar Flügel, ausgebreitet, auf mich los. Sapperment! schrie sie, du Zeteraas! du wirst doch nicht die Pestilenz kriegen, wenn ich dich anrühre? Ich will dir die verfluchten Knochen zusammendrücken: – und, Heinrich! nun packte sie zu! wie ein Häscher, packte sie 142 zu und schüttelte mich, daß ich dachte, ich sollte das Fieber kriegen. Sie muß dem Onkel alle Wochen einmal schreiben, wie ich mich aufführe; und sie hat heute schon den ganzen Vormittag geschmiert: du kanst dir leicht vorstellen, wovon. Nun werde ich ein saubres Briefchen vom Onkel über unsern gestrigen Vorfall erhalten. Schadet nichts! Ich bin des Ausschmalens so gewohnt, wie des täglichen Brods. Ich singe, springe, hüpfe und bin lustig, sobald mir nur die Tante Sapperment vom Leibe ist: das wehrt sie mir auch nicht; denn wenn sie den Wurm kriegt, so gehts mit ihr selber über Tisch und Stüle weg. Wenn Fräulein Pimpelchen – den Namen hat ihr meine Tabakstante gegeben; denn das thut sie allen Leuten – und Fräulein Ripelchen und Mamsell Zieräffchen zu uns kommen, dann gehts bunt über: da wird geschrieen und gelärmt, daß die Nachbarn neulich dachten, es wäre Feuer im Hause, und mannichmal ist der Staub so arg, daß wir einander an die Köpfe rennen und in die 143 Augen greifen und nicht wissen, wo wir sind. Zuweilen thut mir aber doch mitten in dem lustigen Leben mein Herz recht weh, wenn mir einfällt, daß ich meiner Tante, der Gräfin, so viele Unruhe verursache. Du weißt gar nicht, wie der Graf mit ihr umgeht, seitdem du weg bist: sonst war er doch höflich: aber izt ist das alles aus. Er brummt den ganzen Tag: nichts kan sie ihm recht machen; und wenn sie vor ihm auf die Füße fiele, so fährt er sie doch an, wie eine Viehmagd: ein paarmal trieb ers so arg, daß ich mich des Weinens nicht enthalten konte; und dann gieng ich mit der Gräfin in ihr Zimmer: eine Thräne jagte immer die andre bey ihr; sie rang die Hände; sie konte kein Wort reden: das schmerzte mich so tief in der Seele, daß ich zu dem Grafen unangemeldet ins Zimmer lief und ihm zu Füßen fiel und bat, er möchte meiner Tante nicht so übel begegnen. Kanst du dir einbilden, Heinrich? – Der Onkel war wirklich recht bestürzt und räusperte sich so kurzathmicht, wie 144 er immer thut, wenn er sich nicht recht zu helfen weis: er hub mich auf und drückte mir die Hand so ängstlich, als wenns ihm von Herzen leid thäte: da trat der krummbeinichte Jakob ins Zimmer: gleich ließ mich der Graf fahren und sagte mir mit gebietrischem Tone – Geh in dein Zimmer! Wenn du in Zukunft etwas mit mir zu sprechen hast, so weißt du, wo du dich vorher melden mußt. Führe sie fort! sprach er zu seinem Jakob. Der Bube fletschte die Zähne und freute sich recht innig, daß ich so übel ankam: er faßte mich bey dem Arme, aber ich gab ihm einen so empfindlichen Nasenstüber, daß er mich fahren ließ und hell, wie eine Trompete, in seine beiden Tatzen hinein nieste. Ich kan mirs gar nicht aus den Gedanken bringen, ob wir vielleicht an allem dem Unglücke schuld seyn möchten: denn seitdem wir im Kabinete ertappt worden sind, hat es angefangen und nicht wieder aufgehört bis zu meiner Abreise nach Dresden. Die Gräfin hat uns ein Paarmal vertheidigt – 145 Ach! da hör ich unsern Boten betteln. Laß ihn morgen Nachmittag wiederkommen. Lebe wohl.« Ulrike.         Den folgenden Morgen kam wirklich ein zweiter Brief an, der die Fortsetzung ihrer abgebrochnen Erzählung enthielt. den 13. Jun. Allerliebster Heinrich, »Tante Sapperment buchstabirt heute noch an ihrem Briefe: sie schreibt, wie Onkels Reitknecht, den wir einmal behorchten, da er aus dem Futterkasten an seine Braut schrieb. H–o–ch Hoch – so buchstabirt sie laut vor sich, und wenn sie einmal drey Worte zusammengestoppelt hat, so liest sie sichs laut vor, um zu sehn, ob Verstand darinne ist; und dann ruft sie mich hundertmal und fragt mich: wie schreibt 146 man denn das Wort? wie denn das? – Sag ich ihr, wie ich glaube, daß es seyn muß, so ists ihr niemals recht. –»Sapperment! das ist ja falsch; das klingt ja nicht!« – da streitet, da zankt und flucht sie! und wenn ich ihr Recht gebe, um nicht zu streiten, so sappermentirt sie wieder, daß ich ihr nicht helfen will. Mir ist es nunmehr desto lieber, je länger sie über ihren Briefen zubringen muß: unterdessen kan ich ungestört an dich schreiben; und zu meinem noch größern Vergnügen glaubt sie itzo sogar, daß ich nicht richtig buchstabiren kann, und fragt mich deswegen sehr selten um Rath, nur wenn der Bediente nicht zu Hause ist, der ihr besser zu rathen weis – weil es bey ihm allemal klingt, wenn er vorbuchstabirt, sagt sie. Du müßtest dich zu Tode lachen, wenn du einmal zuhorchtest, was für Zeug die beiden Leute zusammenbuchstabiren; und mit unter wird dann auf beiden Seiten ein gutes Stückchen geflucht. Der Bediente ist einmal Packknecht gewesen und spricht mit allen Leuten, als wenns seine Pferde wären. 147 Wenn er der Tante zuweilen zwey N oder M vorgesagt hat, so ist sie im Stande, ein ganzes halbes Dutzend in Einem Zuge hinzuschmieren: – Oh! schreit der Bediente, wie zu einem Pferde, das stillstehn soll. – Daß dich der Donner und das Wetter! fährt die Tante grimmig auf und wischt die überflüßigen M mit der Zunge weg: die verfluchten m laufen einem aus der Feder heraus, als wenn sie der Satan herausjagte. Nun hab' ich gar die Wetteräser alle ausgewischt. – Ah! Ah! spricht der Packknecht: was bleken Sie denn die Zunge so lang heraus, wie einen Kehrbesen? – Dann fließt die Tinte auf dem nassen Papier zusammen: wieder ein Donnerwetter auf das Rackerpapier! dann wird ausgestrichen: daraus entsteht eine Donner-Blitz-Hagelssau. – Da! Hans Pump! ruft Tantchen dem Bedienten: das verfluchte Schwein ist für mich zu groß; – und so schluckt es Hans Pump, wie eine Auster, mit Haut und Haar vom Papiere weg. 148 Da haben wirs! da bettelt unser Briefträger schon. Schick' ihn erst übermorgen und etwas später! Viel tausend Küsse von Deiner Ulrike .«        Der Termin war etwas weit hinausgeschoben; und den zweiten Tag darauf erst in der Dämmerung erschien der versprochne Brief: er war sehr eilfertig und unleserlich geschrieben. den 15. Jun. Lieber, lieber Heinrich, »Tante Sapperment ist zum Besuch: ich will dir hurtig erzählen, was ich lezthin vergessen habe. Ich sagte dir, daß es der Tante Gräfin izt so übel geht, weil sie uns hat vertheidigen wollen. Sie glaubt es nicht, daß wir die Absicht hatten, davon zu gehn: aber der Graf läßt sichs nicht ausreden. Ich klagte 149 Schwingern mein Herzeleid, daß ich glaubte, die Tante müßte um meinetwillen so viel ausstehn: allein er tröstete mich und versicherte, daß der Graf durch den schändlichen Jakob und seinen Vater wider sie aufgebracht wäre. Die abscheulichen Kreaturen könnens nicht leiden, daß sie den Grafen zuweilen zu etwas bewegt, was ihnen nicht lieb ist: er soll durchaus nichts thun, was sie nicht angegeben haben. Er fürchtet sich auch vor ihnen, wie unser Spitz vor der Tante Sapperment. Ich wäre noch lange nicht nach Dresden geschickt worden, wenn die beiden Schurken nicht so getrieben hätten: aber für diese Schurkerey bin ich ihnen herzlich verbunden. Ich rathe auch noch eine andre Ursache, warum der Graf itzo so grießgramicht ist: eh ich fortreiste, speisten fast alle Tage Advokaten, fremde Kaufleute und Bankiers bey uns: das geschah auch bey meinem Papa kurz vor seinem Tode; und wenn ich die Mama fragte, was die Leute alle wollten, so 150 antwortete sie mir: wir müssen sie füttern, damit sie uns das Brod nicht nehmen. – Ja, sie kehrten sich viel daran; denn da der Papa todt war, ließen sie uns nichts zu beißen noch zu brechen. – Ich gebe dem Briefe vier, fünf, sechs Küsse für dich: nimm sie ihm ab! Deine Ulrike .«          Fünfter Theil. Erstes Kapitel. Herrmann gab jedesmal seinem Boten, wenn er ihn aussandte, einen Brief an Ulriken mit, worinne er ihr seine bisherigen Schicksale seit der Abreise aus seinem Vaterstädtchen pünktlich und umständlich erzählte, und war deswegen den ganzen Tag unaufhörlich mit Schreiben beschäftigt, ohne einen Schritt aus dem Hause zu thun. Die Frau Doktorin floß von Lobsprüchen über und weißagte ihm mit der äußersten Zuversichtlichkeit, daß er in kurzem ein großer Mann seyn werde, weil er so fleißig an ihres Mannes Akten schriebe. Kaum daß er auf ihre Lobeserhebungen und Verheißungen hörte! Kaltblütig nahm er sie an, und der Doktor, der wohl wußte, daß er wenig oder nichts für ihn arbeitete, ließ seine Frau aus Gutmüthigkeit 152 und Liebe für seinen Schreiber in ihrem Wahne. Nach dem lezten, eilfertig geschriebnen Briefe stockte die Korrespondenz: der Bote gieng zwar den zweiten Tag nach dem Empfange desselben mit einem großen Schreiben von Heinrichen zur Baronesse, allein er brachte es wieder zurück, mit der Nachricht, daß ihn die Köchin abgewiesen habe. – War das Geheimniß verrathen? Hatte man die Baronesse von Dresden weggebracht? Wollte man sie verheirathen? Wollte man sie einsperren? – Alles gleich wahrscheinlich für den argwöhnischen Verliebten! Dahinter mußte er kommen, kostete es auch noch so viel. Sein Postbote wurde befehligt, gegen Erlegung eines baaren Gulden die Gasse, wo die Baronesse wohnte, unablässig durchzupatruliren, in der Nachbarschaft und im Hause, doch mit Vorsichtigkeit, nach ihr zu fragen und bey der ersten gewissen Nachricht sogleich getreuen Bericht zu erstatten. Herrmann sezte sich ebenfalls in Bewegung, auch durch sich selbst Gewisheit zu bekommen. 155 Neun Tage lang erfuhr er nichts, als daß Ulrike weder verreist, noch eingesperrt, noch weggebracht sey sondern sich wirklich in Dresden befinde und alle Tage mit ihrer Tante ausfahre: er sah auch einigemal die Kutsche, allein seit der Begebenheit bey der Mühle fuhr die Oberstin nicht anders als mit zugemachten Fenstern, stieg bey einer Spatzierfahrt nie aus, wenn es nicht in einem Garten oder andern verschloßnen Orte war, und erlaubte Ukriken nicht einen Blick aus dem Wagen zu thun: so bald sie nur Mine machte, sich nach dem Fenster zu neigen, so wurde sie mit einem Donnerwetter oder Sapperment wieder in die Ecke gedrückt. Das waren neun Tage, in Höllenpein zugebracht! Erst am zehnten langte ein Brief an, den sie, mit Bley beschwert, dem Kurier zum Fenster herabgeworfen hatte. Er wurde nicht gelesen, sondern verschlungen. den 24sten Junius. »Ich schreibe dir diesen Brief, liebster Heinrich, mit höchstbetrübtem Herze, so voll 156 Beklemmung, daß sie mir den Athem nimmt. Was ich befürchtete, ist geschehn: die Oberstin hat der Tante Gräfin den ganzen Vorfall bey der Mühle haarklein geschrieben, und ich habe gestern einen Brief von ihr bekommen, der mir am Herze nagt. Sie bittet mich um Gottes willen, ich soll mir Gewalt anthun und meine Liebe gegen dich aufgeben. Sie hätte, schreibt sie, aus zu guter Meinung von meinem Verstande keine von allen Beschuldigungen und verdächtigen Anzeigen wider mich geglaubt und sehr oft durch meine Vertheidigung des Onkels Unwillen auf sich geladen: aber nunmehr, sezt sie hinzu, hat mich das Geständniß, das du deiner Tante mit der äußersten Frechheit in der Mühle thatest, aus meinem Irrthum gerissen: ich sehe, daß du nicht blos unvorsichtig, sondern verführt bist und deine Verführung liebst, dir vielleicht gar etwas darauf zu gute thust. Besinne dich, Ulrike! bedenke, wer du bist, wer dein Onkel und deine übrigen Verwandten sind! und dann überlege, ob du es verantworten kanst, uns allen eine solche Schande zu machen! 157 Weise den liederlichen Buben – Heinrich! das Blut möchte mir aus den Adern sprützen, indem ichs hinschreibe: den liederlichen Buben! wenns nicht meine Tante wäre, ich wollte ihr eine verzweifelte Antwort auf den liederlichen Buben geben. – Weise den liederlichen Buben von dir! Meide, fliehe den Erzbösewicht, der uns unsere Wohlthaten durch Bubenstreiche vergelten will! Alles Gute, was ich ihm erzeigt habe, muß sein Verderben werden: mein eignes Verderben muß ich mir zur Strafe wünschen, daß ich mich von unseliger Schwachheit verleiten ließ, den Schänder unsers Hauses selbst zu erziehen. Noch weis der Graf nichts von der öffentlichen Beschimpfung, die dir der verhaßte Bube in Gegenwart deiner Tante angethan, die du mit Wohlgefallen ertragen hast und sogar zu vertheidigen dich erdreistest. Wenn dich der falsche versteckte Bösewicht wirklich eingenommen hat, und es dir Mühe kostet, ihn zu verachten, wie ers verdient, so will ich dir die Ueberwindung erleichtern. Ich bemühe mich izt um eine Stelle in einem Fräuleinstift für dich, wo du zeitlebens 158 versorgt bist, wenn sich keine anständige Partie für dich findet: ich thue es heimlich ohne Vorwissen des Grafen, wenigstens verhele ich ihm sehr sorgfältig meinen Bewegungsgrund: allein kömmt es zu Stande, welches ich bald hoffe, weil auf Michael ein Platz ledig wird, so bin ich doch seiner Einwilligung gewiß, zumal da uns viele Ursachen nöthigen, unsern Aufwand einzuschränken. Erkenne meine Gnade, Ulrike! Setze deinen Stand und unser Haus nicht aus den Augen, da du deiner Versorgung so nahe bist, und führe dich in der Zwischenzeit, bis du dazu gelangst, mit aller Achtung für dich selbst auf! Ich bitte dich um Gottes willen, Ulrike! thue deinem Herze Gewalt an und wirf dich nicht weg! Verbittre mir nicht den kleinen Rest von Ruhe, den mir der Graf und seine Ohrenbläser täglich mehr rauben! Erfahre ich nur das mindeste von einem fernen, oder gar geheimen Verständnisse zwischen dir und dem niederträchtigen Landläufer, so muß ich selbst an deinem Unglücke bey dem Grafen arbeiten: ich muß ihm alles entdecken, und es wird ihm nicht viel 159 Mühe machen, eine exemplarische Strafe für Heinrichs Verwegenheit auszuwirken. Wie es dir ergehen würde, das kanst du dir leicht vorstellen: wie wehe sollte mirs thun, eine mir so liebe Blume, die ich selbst begossen und gepflegt habe, mit meinen eignen Händen zu zerknicken! Rührt dich dieser Schmerz nicht, dann möchte ich dich nie gekannt haben und dich hassen können – Was sagst du zu dem Briefe, Heinrich? Muß sich das Herz nicht umwenden, wenn man so etwas liest? – Ich zitterte, als ich ihn las, die Betrübniß wollte mich ersticken, und aus Liebe für die Gräfin ward ich durch ihre Bitte so bewegt, daß ich im ersten Augenblicke willens war, ihr zu gehorchen. Aber, Heinrich, es ist mir unmöglich, ihr zu gehorchen: ich kan mich nicht von dir losmachen: so oft ichs wünsche, ist mir immer, als wenn du bey mir stündest, mir um den Hals fielst und riefst: Um Gottes willen, Ulrike! gehorche nicht!– Nein, Heinrich! ich kan nicht gehorchen – Gott ist mein Zeuge! Ich kan nicht gehorchen! Du bist 160 mir so allgegenwärtig, so mein einziger Gedanke, wohnst so ganz in mir, als wenn du meine Seele wärst. Ich denke immer: köntest du dich denn nicht zwingen? könte denn Heinrich nicht lieber eine von seinem Stande – kaum daß ichs so weit denke, so geht schon das ganze Zimmer mit mir herum; es wird mir bänglich, so ängstlich, als wenn mirs das Herz abstoßen wollte; ich laufe vor Wehmuth und Bangigkeit aus einem Winkel in den andern: die vier Wände sind mir so enge, als wenn sie über meinem Kopfe sich zusammensenkten, daß ich zum Fenster hinunterspringen möchte. Nein, Heinrich! ich schwöre dirs bey Himmel und Erde! ich kan nicht gehorchen! ich muß dich lieben! du mußt mein werden, und wenn die Verdammniß mein Lohn würde. Ich habe hier, indem ich dies bey der Nachtlampe schreibe, die Hand auf die Brust gelegt, den Schwur laut gethan und Gott zum Zeugen angerufen: ich will ihn halten. Es ist mir ein großer Fels vom Herze gewälzt, daß ich ihn gethan habe: es war mir, als ich ihn thun wollte, bey dem blassen 161 Schimmer der Lampe völlig als wenn die Tante Gräfin in ihrem weißen Atlaskleide zum Kabinet hereinrauschte und mir den Mund zuhalten wollte: es lief mir ein rechter Todtenschauer über den Rücken; und wie ich schwur, fiel die zurückgeschlagene Bettgardine – vermnthlich weil ich mit dem Ellenbogen daran stieß – über mich herab: ich denke, die Tante fällt über mich her, so erschrak ich: aber ich ermannte mich: ich vollendete den Schwur mit Zittern, und kaum hatte ich das lezte Wort gesprochen, so ward mirs wie Tageslicht vor den Augen, und Muth und Entschlossenheit belebten mich so plözlich, als wenn sie mir in alle Adern gegossen würden. Ich bin entschlossen, fest entschlossen, der Versorgung in einem Stifte zu entgehn. Eine Versorgung zeitlebens! – Ja, daran liegt mir viel! Die Leute denken, wenn man Essen und Trinken hat, dann ist man versorgt: hat man denn nicht auch ein Herz? Meins ist versorgt: ich bedarf gar keine Versorgung weiter. Was bekümmert mich das Bischen elender Kleiderputz, kostbare Tafel, Equipagen und Bedienten? 162 Nehm' es, wers mag! Ich war in dem gestreiften Raschrocke, als wir den Abend vor deiner Abreise im Kabinete beysammen saßen, so glücklich und tausendmal glücklicher, als ich niemals in dem schönsten Steifrocke bey dem herrlichsten Feste gewesen bin. Wenn mich nun aller der langweilige Plunder nicht rührt? Wenn ich nun keine Versorgung zeitlebens haben will?– Ich begreife gar nicht, wo die Leute hindenken! Ich muß doch wohl am besten wissen, wie ich versorgt seyn will: ich bins ja, ich bins ja! und wenn du nur einen Platz mit hundert, mit funfzig Thalern Einnahme bekömmst, so bin ich versorgt! Zeitlebens nach Wunsch und Verlangen versorgt! Aber das kan Niemand begreifen: man möchte sich zu Tode ärgern. In ein Fräuleinstift! – Es fährt mir eiskalt durch alle Glieder, wenn mir das Fräuleinstift einfällt. So ein Stift stelle ich mir, wie ein großes, winklichtes, finsteres, steinernes Haus vor, mit dicken, dicken Mauern, kleinen Fensterchen mit runden rothberäucherten Scheibchen, wie ein Achtgroschenstück, große eiserne 163 Stäbe davor, daß man das ganze Jahr Licht in den dämmrigen Zellen brennen muß, weil der Tag durch das viele breite Bley nicht dringen kan – ein dumpfes, hochgewölbtes, graushaft stilles Kloster mit langen schallenden Gängen, schmalen finstern Treppen und spitzrunden Thüren, mitten unter öden zackigten Felsen, daß man nicht durch die Fensterstäbe hindurchschielen kan, ohne zu fürchten, es möchte ein Stück losstürzen – in einem meilenlangen fürchterlichen Tannenwalde; – und so ein Gefängniß nennen die Leute eine Versorgung! Ja freilich! der Dieb hat auch eine Versorgung, der bey Wasser und Brod im finstern Thurme sizt. Lieber will ich mit dir hinter den Zäunen schlafen, in den Dörfern betteln, oder Ställe misten und Kühe hüten, als in so ein Stift gehn. Es bleibt bey unserer Verabredung unter dem Baume, da ich dir meinen goldnen Ring an den Finger steckte.« * * * den 25. Junius. »Hier löschte mir diese Nacht die Lampe aus: 164 ich mußte abbrechen, und heute früh konte ich vor großem Vergnügen nicht wieder ans Schreiben kommen. Die Tante Gräfin hat der Tante Sapperment einen Theil ihres Schmuckes geschickt, damit sie ihn hier verkauft, und Onkels Sekretär, der ihn mitgebracht hat, soll ihn verkaufen helfen. Die Tante will einen Berliner Bankier heimlich davon bezahlen, doch ohne daß es der Graf weis: wenns nicht geschieht, so will der Bankier den Onkel verklagen; und dann wachen alle Andere auf, denen er schuldig ist, sagte der Sekretär, und um sie alle zu bezahlen, reicht seine Herrschaft sechsfach nicht zu. Die Oberstin hat also heute den ganzen Vormittag nichts als Juden bey sich gehabt: es war eine Hauptlust, wie sie unter den Mauscheln herum fluchte und schimpfte, weil sie ihr nicht genug geben wollten; denn die Gräfin verlangt dreißigtausend Thaler. Mit dem einen Juden kriegte sie gar Zank, daß ihn ihr Hans Pump zum Hause hinauswerfen sollte. Sie kann mit Niemandem reden, ohne ihn anzugreifen: den Damen dreht sie die Brustschleifen entzwey und den Herren die Knöpfe ab, 165 oder reißt ihnen mit den Nägeln Löcher in die Busenstreifen. Sie sprach also mit dem Juden am Fenster, das offen stund, und während des eifrigen Redens und Handelns drehte sie ihm einen Knopf nach dem andern ab und warf ihn zum Fenster hinaus. Der Jude gab nicht darauf Acht, und fünfe lagen schon auf der Gasse; ich konte das Lachen kaum verbergen, so belustigte michs, als ich zusah. – Indem sie an dem sechsten Knopfe handthiert, wird sie böse, weil der Jude schlechterdings nicht so viel geben will als sie verlangt, und reißt ihm aus Grimm den Knopf mit so vieler Gewalt ab, daß der Mauschel nach ihr hintorkelt. »Mein, ruft der Jude, wo sind meine Knöpfe?« und sieht sich in der Stube um. – Du Schelm hast keine mitgebracht! antwortete die Tante. – »Mein, habe Knöpfe gehabt, so viel als Löcher! Da hat sie ja Ihre Gnaden in der Hand.« – Da! du Fratzengesicht! – und so warf sie ihm den sechsten Knopf in die Augen. – »Aber die andern! die andern! habe so viel Knöpfe gehabt als Löcher, so wahr ich leb!« Sie werden doch nicht 166 von meinem Kleid weg nach Haus spatziert seyn!« – Du beschnittner Sappermenter! denkst du, ich habe deine Knöpfe gestolen? fuhr die Tante auf mit untergestemmten Armen. Hans Pump! wirf mir den Eselskinnbacken aus dem Hause! – Hans Pump trieb ihn aus dem Zimmer; und er schrie beständig die ganze Treppe hinunter – »Meine Knöpfe! meine Knöpfe! habe Knöpfe mitgebracht, so viel als Löcher!« – Als ich hernach ans Fenster kam, stund er auf der Gasse und las sich seine Knöpfe zusammen. – Ich habe mir einen rauhen Hals gelacht über den possirlichen Auftritt. Schicke übermorgen erst! Ulrike .        Herrmann war nicht so geneigt, sich über die possirliche Geschichte einen rauhen Hals zu lachen: entweder fehlte ihm Ulrikens Leichtsinn und Biegsamkeit, jeden hinter einander folgenden, noch so entgegengesezten Eindruck anzunehmen und gleich stark zu fühlen, oder die 167 Liebe war zu sehr seine herrschende Empfindung, um einer andern den Eingang zu verstatten, die nicht in der engsten Vertraulichkeit mit ihr stund. Auch hatte ihn die lange ängstliche Ungewißheit vor dem Empfange dieses Briefs und der wehmüthige Anfang desselben in eine Stimmung des Geistes versezt, die nicht sehr wohl mit der Belustigung harmonirte: nicht weniger schwer drückten die kränkenden Benennungen der Gräfin auf seine ganze Empfindlichkeit: der Niederträchtigkeit, der Bosheit, der Undankbarkeit sich beschuldigt zu sehn, und so aufbringende Beschuldigungen weder widerlegen, noch rächen zu können, welcher Schmerz für seinen Stolz! Er sezte in der ersten Hitze einen Brief an die Gräfin auf, worinne er mit Härte und Bitterkeit sich über ihre beleidigenden Ausdrücke beschwerte und ihr bey seinem Gewissen betheuerte, daß er nie die Größe ihrer Wohlthaten, aber auch nie die Größe ihrer Beleidigung vergessen werde. »Nie kan ich, schrieb er, nunmehr Ihren Namen ohne Haß hören, wie ich nie an Ihre Güte ohne Dankbarkeit denken will. Ich 168 möchte, daß ich Ihnen alle diese traurige Wohlthaten wiedergeben könte, wenn sie mir nur erwiesen wurden, um mir ungestraft das einzige zu nehmen, was weder Sie noch irgend ein Mensch auf dieser Erde mir zu geben vermögen – meine Ehre, meine Rechtschaffenheit.« – Sein angegriffner Stolz verblendete ihn so sehr, daß er nicht bedachte, welche Verrätherey er an Ulriken und sich selbst durch ihn begieng: erst am folgenden Morgen wurde sein Horizont wieder licht: er besann sich, daß die Gräfin nichts von der geheimen Mittheilung ihres Briefs wissen dürfte, zerriß den seinigen, ertrug mit stummem Schmerze ihre Kränkungen und betrachtete sich als einen Märtyrer, der um seiner Geliebten willen litt. Diese Vorstellung gab seinen Leiden einen so hohen Werth in seinen Augen, daß er sie verdoppelt wünschte: es schmeichelte seinem Stolze, sich durch solche Widerwärtigkeiten ein Verdienst um Ulriken zu erwerben: er wurde immer entschloßner, zur Vergrößrung seines Verdienstes Schmach, Mangel, Kummer, Schmerz, Schimpf und Unehre aufzufodern und 169 mit ihnen um Ulriken zu kämpfen. Muth und Standhaftigkeit wuchsen in ihm bis zur Begeisterung empor: er schrieb folgendes Billet. »Ulrike, wie du in jener Nacht geschworen hast, so schwöre ich dir izt Entschlossenheit und Muth zu, und so gewiß du mich lieben wirst, so gewiß will ich Martern, Hunger, Blöße, Schmerz und Kränkung nicht achten, um einmal Dein zu werden. Ich bin entschlossen, so entschlossen wie du es seyn kanst, unsrer Verabredung unter dem Baume zu folgen: veranstalte eine mündliche Unterredung, um uns über die Ausführung unsers Vorsatzes umständlicher zu besprechen. Vor allen Dingen müssen wir für Geld sorgen, es komme, woher es wolle; und dann in die Gefahren hinein! Eine ganze Welt voll Hindernisse sollen uns nicht aufhalten: wir reißen uns durch, treten sie danieder, oder sie uns. Laß dich weder durch Bitten noch Drohungen irre machen und fürchte dich vor keinem Stifte! Müßt ich meinen 170 Kopf darüber verlieren, du sollst nicht hinein. Halte dich zu allem gefaßt und lebe wol.« Das Blatt wurde zwar am bestimmten Termine eingehändigt, aber erst viele Tage darauf erschien die Antwort der Baronesse. den 26. Jun. »Es geht gewiß nicht gut, Heinrich! O welche Uebereilung, daß ich schwur! Der Schwur frißt mir, wie ein Wurm, an der Seele. Sollten wir denn wirklich etwas Strafbares begehn, daß wir uns lieben? Du kanst dir nicht vorstellen, wie ich mich ängstige und härme: es ist heute wieder so viel Lustiges bey uns vorgefallen, daß man sich zu Tode lachen möchte: ja, wer lachen könte! Es fährt mir wohl ein Gelächter durch die Lippen, aber es ist so halbweinerlich, so sauer, daß mir die Brust davon weh thut. Wenn ich nur nicht geschworen hätte! Ich habe mich von Kindesbeinen an vor einem 171 Schwure gefürchtet, und doch laß ich mich übereilen! Wenn ich nun zu schwach wäre, meinen Schwur zu halten? Wenn ich mich nun durch Bitten oder Drohungen bewegen ließ, ihn zu brechen? Wenn Gefahr oder Unglück, Elend oder Kummer zu groß, zu schwer für meine Schultern würden, und ich erläg unter ihnen? Wenn mirs nun ganz unmöglich wäre, ihn zu erfüllen? – Und doch hab' ich auf meine Verdammniß geschworen! Bedenke, was das gesagt heißt – auf meine Verdammniß! Und daran wärest du Schuld, wenn ich sie verdiente: du nur, wenn ich mich in ewige Qualen stürzte! Ich kan nirgends Ruhe finden: die Angst treibt mich herum, als wenn ich Mord und Diebstahl begangen hätte. * * * den 27. Jun. »Ich mußte gestern Nachmittag hier abbrechen, weil mir vor Unruhe ganz schwindlicht wurde. Heute geht mirs noch schlimmer. Ach Heinrich! der Schwur bringt mich ins Grab! 172 Sogar Schwinger hat an mich geschrieben und ermahnt mich, von dir abzulassen. Wenn ein so vernünftiger gutherziger Mann unsre Liebe für sträflich hält, dann muß sie es seyn: aber ich habe geschworen! Ich muß sträflich handeln. Wenn ich nur Ruhe vor dem Gedanken fände! Reißen Sie, schreibt Schwinger, meinen armen, hülflosen Freund nicht ins Verderben hin; und Sie thun es zuverlässig, wenn Sie seine Liebe unterhalten oder gar noch anfachen. Die Reizbarkeit seines Alters folgt freilich Ihren Lockungen; denn aus allen Nachrichten und Anzeigen muß ich schließen, daß Sie zuerst mehr für ihn empfanden, als sie sollten, und daß Sie zuerst bey Ihrem itzigen Wiedersehn seine schlafende Empfindlichkeit erregten. Wecken Sie keinen schlummernden Löwen und keine Liebe in dem Herze eines Menschen auf, der nicht für Ihre Hand geboren ist! beide zerfleischen ihn. Sie haben ihn schon der Gräfin verhaßt gemacht und aller künftigen Unterstützung beraubt, die ich durch meinen Vorspruch für ihn auswirken konte: es ist aus, ganz aus: er hat nicht einen 173 Pfennig mehr von ihr zu erwarten: ich darf gar keine Fürbitte mehr wagen. Noch nicht genug. Der Haß Ihres Hauses verfolgt ihn; und wenn Sie die brausenden Begierden seines Alters bis zur wirklichen Liebe aufwiegeln, dann kan ich, schwacher Freund, nicht das mindeste thun, um eine Rache zu hindern, die der Onkel bis zu seinem lezten Athemzuge für ihn aufheben wird. Und Sie, theuerste Baronesse, Sie wollten Ihrem Lehrer für seine Liebe den Schmerz zum Lohn geben, daß Sie ihm seinen Freund vor seinen Augen in eine Grube stießen, wo er elend verschmachten muß? – Nein, Heinrich! ich kan, ich darf, ich will dich nicht lieben! Ich reiße dich ins Verderben, stoße dich in eine Grube, wo du verschmachten mußt! Dich, der mir lieber als die ganze Welt ist! den ich gern auf einen Thron, gern in den Himmel auf meinen Händen tragen möchte! Lieber will ich meinen Schwur brechen und verdammt seyn, als dich ins Verderben hinabreißen. Ich will ins Stift, will zeitlebens keinen Menschen sehn, noch hören, noch sprechen, will 174 mich einsperren, bis ich mich zu Tode gräme und in die Verdammniß übergehe, die mein schrecklicher Schwur verdient. – Diesmal geliebt und niemals wieder! Izt bettelt der Junge an der Thür; aber ich kan dir unmöglich den Brief mitschicken: es ist der lezte, den ich dir jemals schreibe, und ich habe noch viel zu sagen.« * * * den 28. Jun. »Dein muthiges Billet habe ich gestern nach dem Empfange zweimal gelesen, und wenn ich nur ein Paar Augenblicke allein bin, zieh' ichs aus der Tasche, trete in einen Winkel und lese. Es machte mir einen sehr zerstreuten unmuthigen Abend: die Tante hat etwas ehrliches auf mich geflucht, daß ich nicht redte und niemals antwortete, wenn sie mich fragte. Izt ist die Angst überstanden: ich bin wieder muthig und entschlossen – Heinrich! ich halte meinen Schwur. Schwinger stellt sich alles zu gefährlich vor: er ist bey jeder Sache gar zu gewissenhaft, und wer 175 weis, wie ihm die Tante Gräfin zugesezt hat? Du weißt ja, wie leicht sie beide eine Mücke zum Elefanten machen. Was kan dir denn in fremden Ländern der Haß des Onkels schaden? Können wir denn die Sache nicht so heimlich anfangen, daß er niemals erfährt, wo wir sind? – Und zudem, wenn auch mein Ungehorsam und meine Liebe gegen dich sträflich ist, muß ja doch wohl diese Sträflichkeit geringer seyn, als wenn ich einen Schwur breche, auf welchem die Verdammniß steht? – Nein, ich lasse mich nicht irre machen: ich bleibe fest an dir und deinem Herze, und Niemand soll mich davon losreißen, es sey König oder Kaiser. Ich bin izt so muthig – o so muthig und herzhaft, daß ich die Minute mit dir aus Dresden gehn wollte, wenn du bey mir wärst. Es ist, als wenn mein Herz davon hüpfen wollte, so frisch schlägt mirs: es schwillt mir vor Begierde bis zu den Lippen. – Topp, Heinrich! wir sehn uns bald. Du kleingläubiger Narr! was ist dir denn um Geld leid? – Sieh doch her! hier in 176 meiner Kommode liegen 36 Dukaten – alles erspartes Taschengeld! Tante Sapperment läßt mich nichts ausgeben, weil ich sparsam, oder wie sie es nennt, haushältrisch werden soll. Sobald ich also mein Monatsgeld bekomme, wird Gold eingewechselt, zierlich in türkisches Papier eingewickelt und, wie ein todter Hund, in einem rothen Schächtelchen in meiner Kommode begraben. Ich seh es allemal dem armen Golde an, wie weh es ihm thut, daß es so lebendig begraben wird. Zum Verschenken krieg ich einen lumpichten Gulden Silbergeld: drum kan ich auch unsern Boten so schlecht bezahlen: ich schäme mich jedesmal, daß ich ihm nur zwey oder vier Groschen geben kan. Wenn er diesen Brief holt, bekommt er meinen ganzen Rest von Silbergeld; denn nun ist uns geholfen. Von meinen 36 Dukaten will ich dir die Hälfte einmal des Abends in der Dämmerung selbst bringen; denn dem Jungen mag ich sie nicht anvertrauen, da es unser einziges Bischen ist. Die andre Hälfte behalte ich bey mir, wenn wir etwa unterwegs von einander getrennt 177 würden. Laß unsern Boten nunmehr alle Abende in der Dämmerung bey unsrer Hausthüre herumgehn: sobald einmal Gelegenheit da ist, wische ich hinunter und lasse mich von ihm zu dir führen. Daß du auch beständig bey der Hand bist! Wir wollen uns nur auf ein Paar Minuten sehn und den Tag bestimmen, wo die Reise fortgehn soll. – Topp, Heinrich! du wirst mein. Der Bote holt ja meinen Brief ewig nicht: er wird zu einem Buche werden, wenn er nicht bald abgeht. Ob er vielleicht nicht mehr zu mir darf? Vielleicht daß man ihn für verdächtig hält.« * * * den 5. Jul. »Ja, ja! hab' ichs doch gedacht! die ganze Historie ist entdeckt. Den Jungen hat Hans Pump zur Treppe hinuntergeprügelt, wie er dir schon geklagt haben wird; und heute früh zog Tante Sapperment deine Briefe, die ich in einem Packetchen recht artig hinter der losgerißnen Tapete versteckt hatte, hervor. Hans Pump 178 hat die Tapete gestern wieder annageln sollen und sie gefunden: um nicht den Groschen zu verlieren, den ich ihm zuweilen zum Brantewein gebe, hat er meine Tante gebeten, so zu thun, als ob sie selbst dahinter käme. Sie traf also heute früh mit dem Hämmerchen bey mir ein, als wenn sie selbst die Tapete befestigen wollte, und zog das Packetchen heraus: das Herz that mir weh, daß ich die armen Briefe in den gelben schmuzigen Tabaksfingern sehn mußte. Sie las und fluchte: das war die ganze Geschichte. Ich will dir etwas von unserm Gespräche hersetzen. Sie. Sie sappermentisches Zeterkind! Sie lassen sich gar von dem Halunken Briefe schreiben? Ich. Mir schreibt kein Halunke: Sie dürfen nur seine Briefe lesen, um dies schändliche Wort zu bereuen. Sie. Aber wie, alle Wetter! haben Sie denn die Briefe gekriegt? Nicht wahr, durch den verfluchten Donnerjungen, der immer vor ihrer Thüre gebettelt hat? 179 Ich. Sie wissens. Sie. Seht mir einmal das Wetterkind! Ist erst drey Monate über siebzehn Jahr und doch schon so blitz-hagel-schlau? Ich hab' es in meinem zwanzigsten nicht so verhagelt fein machen können. Ich. Manche Leute werden spät klug. Sie. Nur nicht so spitzig, mein Fräulein Naseweiß! Wir sind lange schon gewesen, wohin Sie wollen. – Schreiben Sie denn dem Hagel-Wetter-Jungen auch? Ich. Meinem Heinrich? – Ja, ich schreib' ihm alle Tage, alle Stunden und Minuten. Sie. Ueber Sie sappermentisches Element! Ich habe immer drey Tage gebraucht, um einen Brief an meinen Kapitän zusammen zu stoppeln, und war doch schon fünfundzwanzig Jahr alt; und Sie Kreuz-Hagel-Donner-Wetterbalg schreiben Ihrem Igel alle Stunden und Minuten! – Wo sind Ihre elementschen Briefe? Ich. Bey meinem Heinrich. Ich will sie holen lassen, wenn Sie darinne lesen wollen. Sie. Aber, Potz alle Welt! sagen Sie 180 mir nur, wollen Sie denn den Ripel heirathen? Ich. Nicht anders! Sie. Das machen Sie einer Gans weiß und nicht mir! Ich bin dabey gewesen. Potz alle Hagel! ich weis, wie viel die Elle gilt. Aber wenn Sie nun einmal nach den verwünschten Affenköpfen, den Mannspersonen, hungert – Blitz und der Hagel! man weis ja wohl, wie einem in Ihrem Alter zu Muthe ist – wenn Ihnen denn nun ja das Herz aus der Schnürbrust nach den Aesern hüpft, so werfen Sie sich doch, in des Teufels Namen, nicht weg. Suchen Sie sich doch einen hübschen Offizier aus! Es sind ja so viele artige galante Kerlchen da: daß dich das Kreuzelement holte! Das Herz lacht einem ja im Leibe, wenn man die herzallerliebstscharmanten Puppchen nur gehn sieht. Fickerloth! man darf ja nur die Hand ausstrecken, so hat man einen Vogel drauf sitzen. Ich. In so einem Falle würden Sie mir also erlauben, mich zu verlieben? Sie. Ey, möchten Sie sich verlieben, so 181 viel Sie wollten! Suchen Sie sich einen aus, sag' ich Ihnen! Wenns etwas hübsches ist, soll der Teufelsbraten bey uns essen, trinken und ein und ausgehn, wenn, wie und wo er will. Sie mögen ja mit ihm anfangen, was Sie nur wollen – ich will die Augen zuthun: Sapperment! ich will gar nichts davon hören noch sehen. Ich. Ihre Hand, Tante! wollen Sie das? Ich habe mir einen ausgesucht. Sie. Aber ist er auch hübsch? Nicht etwa wieder so ein Katzenkopf? Ich. O der vortreflichste Mensch auf der Erde! So voll Verstand, voll Rechtschaffenheit, voll Ehre, voll Annehmlichkeiten, so voll Empfindung, Feuer! – er lodert ganz von Thätigkeit! und kann lieben! ach lieben! lieben, wie keiner! Es ist der vollkommenste Geist – Sie. Ach, was geht mich der sappermentische Geist an? – Ist er hübsch gewachsen? hat er rothe Backen? ein hübsches freundliches Gesicht? Redt er viel? Ist er lustig? höflich? nicht schüchtern? nicht furchtsam? – Darnach frag' 182 ich: was Henker! kommen Sie mir denn da mit dem Blitz-Hagel-Geiste her? Und wenn er zehn Geister im Leibe hätte, man kan sie ja doch nicht sehn. Ich. O alles, alles das ist er! Voll des einnehmendsten Reizes! so lieblich lächelnd! Aus jeder Mine, jedem Accente seiner Stimme, jeder Bewegung spricht Liebe, Gefühl: in allen seinen Handlungen ist Seele und Nerven. Sie. Ueber das Zeterkind! was das für eine Beschreibung ist! Man möchte zubeißen, so appetitlich! Hat sie nicht mit den verfluchten Hexenaugen gleich das hübscheste in der ganzen Stadt ausgegattert? – Ja, man siehts auch den schwarzen Wetteräsern an, was dahinter steckt: sie schießen herum, wie ein Paar große Karfunkel. – Aber der Hagel! haben Sie denn schon mit ihm gesprochen? Ich. Freilich! Mehr vielleicht als mit Ihnen. Sie. Und haben mir ihn niemals gewiesen? Ich. Ich darf ja nicht. 183 Sie. Blitzelement! wer wehrt Ihnen denn das, wenn's ein hübscher Kerl ist? – Sagen Sie mir nur, wie er heißt? Ich will den Sappermenter gleich wissen: sagen Sie mir nur den Namen! Ich. Heinrich – und wenn Sie noch mehr von seinem Namen wissen wollen – Herrmann. Sie. Kreuz-Wetter-Blitz-Donner-Hagel-Element! Das ist ja der Eselskinnbacken, der die Briefe hier geschrieben hat! Ich. Der nämliche! Ein recht hübscher Kerl, wie Sie vorhin sagten! Sie wollen ja die Augen zuthun, weder sehn noch hören, wenns nur ein hübscher Mensch ist: ich soll mir ja nur einen recht hübschen aussuchen: ich hab' es gethan. Sie. Den verhenkerten Feuerripel! den Maulaffen! Ich. Sie fanden ja aber meine Beschreibung von ihm so appetitlich; und er ist tausendmal schöner, als ich ihn beschrieben habe. Das Bild, das in meiner Seele von ihm liegt, 184 das sollten Sie sehn! Wenn Sie dann noch tadeln können, daß ich keinen andern wünsche und begehre – Sie. Schweigen Sie von dem sappermentischen Nußknacker! Mich mit dem Stachelschweine so zum Narren zu haben! Warten Sie! das werd' ich Ihrer Tante, der Gräfin, schreiben – alles, haarklein! Ich. Wenn es Ihnen beliebt; ich darf mich Ihnen nicht widersetzen. Schreiben Sie ihr alles, was ich itzo sagte: von mir soll sie erfahren, was Sie mir gerathen haben. Vergessen Sie aber ja nicht sie zu versichern, daß ich diesen Menschen, den ich für den Einzigen in der ganzen Schöpfung halte, immer und ewig lieben werde, so lange noch ein Hauch in mir ist; daß ich ihn, sobald es die Umstände verstatten, auch heirathen will, und daß mich daran nicht Tante, nicht Onkel, nicht Himmel, Erde und Hölle hindern sollen. Je mehr man mir widersteht, je liebenswürdiger wird er mir, je beharrlicher und entschloßner macht man mich. Ich habe meine Seele zum Unterpfande eines 185 Schwurs gegeben, daß er mein werden soll: kan eine Tante mich von der Verdammniß lossprechen, wenn sie mich zum Meineid zwingt? Sie. Mir vergeht der Athem. Ueber das Blitz-Hagels-Kind! Ey, so schwöre du und alle Kreuz-Element-Teufel! – Bedenken Sie doch, Rikchen! was soll denn aus Ihren Kindern werden? Schabichte Füchse, aus denen kein Mensch etwas macht! Ich. Wenn Sie nur alles werden, was ihr Vater ist. Seine Eltern waren arme Leute, und doch ist er mehr als alle die Grafen, Barone und Herren, die ich bey meinem Onkel gesehn habe. Sie. Die verfluchte Liebe blendet Sie. – Sie verlieren ja Ihren ehrlichen Namen. Ich. Ich bekomme ja einen andern eben so ehrlichen dafür. Sie. Und dürfen hernach nicht mehr unter Ihres Gleichen, in keine ordentliche Gesellschaft kommen. Ich. Das kan ich verschmerzen. 186 Sie. Ach du Blitz-Hagels-Balg! Wenn du mein Kind wärst, ich wollte dich schon gescheidt machen: ich drehte dir den sappermentischen Hals um, wie einer Taube. Ich. Sie wollen der Tante meine Entschließung melden: ich will Sie nicht stören, wenn Sie izt, bey frischem Angedenken, schreiben wollen. – So schieden wir aus einander. Man paßt mir seit der Zeit entsezlich auf, ob ich schreibe: aber ich sehe mich wohl vor: ich thue es nur des Nachts. Ich war wohl ein wenig schnippisch gegen meine Tante – es ist ja nur eine Tante à la mode de Bretagne : und dann war ich gerade so herzhaft, so außer mir vor Muth, daß mir alles herausfuhr, ohne daß ich selbst daran dachte. Du kanst dir gar nicht vorstellen, wie ich seit deinem lezten Billet vor Ungeduld brenne, dich zu sehen und meinen Sparpfennig mit dir zu theilen: ich bin über und über Eine Flamme, so begeistert mich die Hofnung: ich laufe herum und suche in allen Ecken, und wenn ich hinkomme, weis ich nicht, was ich 187 machen will: es ist mir immer, als ob ich etwas wollte, als ob mir etwas fehlte, und wenn ich mir den Kopf zerbreche und sinne und sinne, so ist es nichts. – Ach, lieber Heinrich! Izt fühl' ich, was leben heißt: einen Menschen lieben, wie Dich, das heißt es und nicht einen Buchstaben mehr. * * * den 8. Julius. Wenn dieser Brief zu dir kömmt, so haben wir von großem Glück zu sagen: aus dem Fenster, anders kan ich ihn nicht bestellen. Schicke den Jungen in Zukunft unter mein Fenster, und schreibe mir nicht weiter: ich bekomme es doch nicht. Wenn ich nun so zum Fenster hinunterspringen und mich in der Tasche zu dir tragen lassen könte, wie dieser Brief! Aber nur Geduld! die Noth wird schon einmal aufhören: und dann, liebster, allerliebster Heinrich! – ich kan vor Freuden nicht sagen, was dann geschehen wird. 188 Ich küsse, umarme, schätze, verehre, liebe, bete dich an, und verharre und verbleibe und bin in, vor und nach dem Tode, so lang es nur ein Ich und Du giebt, Deine Ulrike .          Zweites Kapitel. Welcher Liebende sollte nicht einer versprochenen Zusammenkunft, besonders bey einer so kritischen Lage der Umstände, mit allen Rudern und Segeln entgegeneilen? – Herrmann machte die verlangten Anstalten dazu und begab sich manchen Abend in höchsteigner Person unter Ulrikens Fenster, um die Unterredung vielleicht zu beschleunigen. Es vergiengen acht, es vergiengen vierzehn Tage, keiner darunter war der glückliche wo sie geschehen sollte: es vergiengen zwey Monate, und noch war sie nicht geschehen. Unmuthig über eine so traurige Verzögerung, wanderte er eines Abends im Vorhause auf und nieder und war 189 fest entschlossen, wenn sich die Konstellation am Himmel seiner Liebe nicht bald nach Wunsche änderte, das Aeußerste zu wagen, zu Ulriken zu gehn und mit Hintansetzung aller Gefahr die Zusammenkunft auf ihrem eignen Zimmer zu suchen: Siehe da! während dieser unruhigen Berathschlagungen mit sich selbst wird er Bewegung in der Dämmerung gewahr, hört etwas sehr heftig keuchen und eine leise erschöpfte Stimme, die ihm seinen Namen flistern schien: ohne zu untersuchen, ob es Ulrike seyn könte, sezte er voraus, daß sie es sey, sprang hinzu und faßte – einen großen ungeheuern Jagdhund, der sich sogleich mit Gewalt losriß und mit lautschallendem Bellen seinen Abschied nahm. Armer Verliebter! Ist wohl einer, so lange Venus die Welt regiert, so vielfältig und so unglücklich in seinen Erwartungen getäuscht worden? Als wenn Liebe und Schicksal es verabredet hätten, seine Standhaftigkeit zu prüfen. Wollten sie vielleicht gar versuchen, sie wankend zu machen, so hatten sie sich ihren Mann nicht gut gewählt; denn jedes neue Hinderniß, jede 190 neue Täuschung spannte seine Beharrlichkeit einen Grad höher. Er gieng zwar, höchstunwillig über sein Ungemach, auf die Stube und sezte sich in einen Winkel, aber nur um das angefangne heldenmüthige Projekt desto lebhafter zu überdenken. Es war beinahe bis zur Ausführung reif, und der nöthige Enthusiasmus befeuerte schon seine ganze Stirne, als plözlich die Thür aufgieng. – »Wer da?« – Ich! – es war die Stimme seines geheimen Bothschafters, der ohne das Gespräch weiter fortzusetzen, die Thür offen ließ und davon lief. Ein neues Wunder! In einer kleinen Weile kam Jemand geschlichen: er konte in der Dunkelheit nichts erkennen, aber seine Ohren hörten bald einen Ton, und seine Hände fühlten eine Hand, die er nicht zu verkennen vermochte. – Heinrich! Ulrike! ertönte Schlag auf Schlag, und Schlag auf Schlag drückte sich Hand in Hand. Aber welch neuer Unfall! Sein Glück überraschte ihn: er war zerstreut, verlegen, ängstlich: er hatte tausend Sachen zu sagen und wußte nicht wo er anfangen sollte: in seinem Kopfe 191 stürzte sich Gedanke über Gedanke, und Wort an Wort drängte sich zur Zunge: der Mund war immer zum Reden geöffnet, und über der großen Bemühung das Wichtigste zuerst zu sagen und ja nichts Erhebliches zu vergessen, sagte er gar nichts, denn es war alles gleich wichtig, gleich erheblich. Noch mehr Unglück! es war finster in der Stube: er hatte nun fast ein Jahr hindurch ein so liebes Gesicht nicht mit ruhiger Aufmerksamkeit gesehn, hatte sich so kindisch auf den entzückenden Anblick gefreut, und auch diese Hofnung mußte ihm fehlgehn! Und Licht zu holen, das fiel ihm in der Verwirrung gar nicht ein: auch hätte er ja indessen ein paar Augenblicke von Ulrikens Gegenwart eingebüßt! Zum Glücke brachte die Baronesse mehr vorbereitete Fassung mit. Sie übergab ihm eilfertig die Hälfte ihrer sechs und dreißig Dukaten, berichtete ihm mit eben so übereilter Hastigkeit, daß sie nur einige Minuten verziehen könte, damit nicht ihre Tante unterdessen vom Besuche zurückkäme und sie vermißte, und bat also inständigst, sogleich über die Hauptpunkte 192 ihrer Unterredung, die Entfliehung von Dresden und die Bestimmung des Orts, wo sie einander treffen wollten, zu sprechen. Eh er noch anfangen konte, seine Meinung vorzutragen, unterbrach sie sich schon selbst. – Ach! sagte sie, weißt du, was für eine schreckliche Nachricht ich bekommen habe? Die Gräfin hat wirklich einen Platz im Stifte für mich ausgemacht: es soll zwar nicht so häßlich darinne seyn, wie ich mirs vorgestellt habe, aber ich danke doch dafür. – Hurtig, Heinrich! wenn Du mir etwas zu sagen hast! Heinrich. Natürlich unendlich viel! An unsrer itzigen Verabredung hängt ja unser ganzes Glück. Wir müssen die Zeit nützen. Nur hurtig, was du noch sagen willst! Ulrike. Noch etwas schrecklicheres! die Gräfin hat an meine Mutter geschrieben und ihr unsre ganze Liebe erzählt. Das wird ein Lärm werden! Ich kan mich zwar nicht recht auf meine Mutter mehr besinnen; denn ich bin schon in meinem sechsten Jahre von ihr zum Grafen gekommen; und seitdem hab' ich sie nicht wieder 193 gesehn. Sie kan die Gräfin nicht leiden, und deswegen ist sie auch niemals zum Besuche bey uns gewesen, wie du dich besinnen mußt. Daran erinnere ich mich noch wohl, daß sie mich zuweilen auf die Arme oder den Schoos nahm und streichelte und küßte, als wenn sie mich aufküssen wollte, und kurz darauf durft' ich ihr nicht vors Gesichte kommen, da war ich ihr wieder so unausstehlich, daß sie mich anbrüllte, wie ein Löwe, wenn ich ihr zu nahe kam; und wenn ich etwas that, das ihr nicht gelegen war, mußt' ich wohl gar das Essen entbehren oder mich in eine finstere Kammer sperren lassen, damit mich der Pupu fressen sollte. Es ist ein rechter Heide von einer Frau, wenn sie böse wird, das haben mir alle Leute gesagt. Kanst du dir vorstellen? Da mein Vater noch lebte und seine Güter noch nicht durch Konkurs verloren gegangen waren, ist sie selbst auf dem Felde herumgeritten und hat die Arbeiter mit der Peitsche ausgeprügelt, wenn sie nicht fleißig genug gewesen sind: sie hat in ihrem Leben mehr als Ein Pferd zu Tode gejagt 194 und manchem Domestiken ein blaues Auge geschlagen. Bedenk einmal, was wir alles von ihr zu befürchten haben! Wenn sie nur nicht etwa gar auf den Einfall kömmt, mich zu sich zu verlangen, bis ich in die Stelle im Stift einrücken kan! Das wäre mein Tod. – Ach! bester Heinrich, wenn ich auf immer von dir getrennt würde! Es thut mir weh genug, es itzo zu thun – aber wir dürfen keine Zeit verlieren – Heinrich. Jede Minute wollen wir nützen. O wenn unsre Liebe einmal aufhörte, eine verstohlne Liebe zu seyn! Ulrike. Bald, bald soll sie das nicht mehr seyn: ich setze durch Wasser und Feuer, um es dahin zu bringen: aber dann, Heinrich! dann wollen wir uns lieben, wie Engel: nichts thun und denken und fühlen als Liebe. – Wenn nur die Zeit nicht so drängte! daß wir ja nichts vergessen! – So drehte sich ihr Gespräch ewig um Klagen über die gegenwärtigen Hindernisse ihrer Liebe und um erfreuliche, meistens schimärische 195 Hofnungen auf die Zukunft: bey jedem sechsten Worte erinnerte Ulrike, daß sie schlechterdings ihn bald wieder verlassen müßte, wollte gehn und blieb: beide ermahnten sich unaufhörlich ja nichts Nothwendiges zu vergessen und vergaßen alles: sie führten sich sorgfältig zu Gemüthe, daß ihre Entfliehung äußerst dringend sey, und daß man Zeit, Ort und Zusammenkunft und tausend andre Umstände verabreden müsse, und verabredeten auch nicht eins von allen: kurz, es war eine Berathschlagung zwischen zwey Verliebten, die mit vielen andern Berathschlagungen das Eigenthümliche hat, daß man viel dabey spricht und nichts ausmacht. Ueber dem vielen Sprechen mußte sich nothwendig die Unterredung bis in das Unendliche verlängern, und aus den paar Minuten, die man anfangs dazu bestimmte, war izt mehr als eine halbe Stunde geworden. Plötzlich hörte man aus dem Saale murmeln und gehen: es gieng Jemand an allen Thüren herum, versuchte sie aufzumachen und fluchte, wenn er sie verschlossen fand. Der nächste Gedanke war, daß Herr 196 und Frau vom Hause, die zum Besuch waren, zurückgekommen seyn möchten: aber der Lärm näherte sich immer mehr und man rasselte bereits an der nächsten Thür. Angst und Furcht überfielen die beiden Verliebten so heftig, daß sie sich beide in einen Winkel drükten, um nicht gesehn zu werden, wenn man ja hereinbräche. Nicht lange währte es, so klopfte man ziemlich heftig an die Thür: sie athmeten kaum: die Thür gieng auf, und Götter! wer trat herein? – Tante Sapperment, begleitet von Hans Pump, der eine große helleuchtende Stocklaterne trug! Ihr erster Blick traf die beiden zitternden Verliebten, und mit dem ersten Blicke fuhr einer der kräftigsten Flüche aus ihrem Munde. Sie wütete, wie ein erbitterter hungriger Wolf, der ein paar bebende Rehe in einen Winkel getrieben hat, um sie zu würgen: sie ergriff Ulriken, die das Bewußtseyn eines Ungehorsams und die Ueberraschung zaghaft machte, schleuderte sie dem Bedienten in die Arme, der sie mitleidig auffieng, wie sie von der Gewalt des Zuges bis zum Fallen dahintaumelte: Heinrich fiel 197 zwar der Oberstin in die Arme, allein zu spät: sie spannte alle soldatische Kraft ihrer Nerven an, wand sich los und stürzte ihren Gegner mit Einem Stoße, daß er knirschend über Stuhl und Tisch dahinfiel. Augenblicklich wandte sie sich nach Ulriken und drükte sie in die Arme zusammen, daß sie laut schrie und sich der unwürdigen Behandlung widersezte: allein die Tante hatte die Größe und die Knochen eines Grenadiers, wurde durch den Widerstand noch wütender und warf die ungleich schwächere Baronesse zur Thür hinaus: sie schlug auf die Dielen darnieder, daß der Vorsaal von ihrem Falle schütterte. Sie lag ohne Bewegung da, und nur ein leises schmerzliches Hauchen war das Zeichen ihres Lebens. Ohne Erbarmung zog sie die schnaubende Oberstin auf, riß dem Bedienten die Laterne aus der Hand und gebot ihm Ulriken in die Kutsche zu tragen: es geschah: er lud sie mit dem derben Griffe eines Packknechts auf seine Arme, und wie ein Lamm, das von den harten Fäusten seines Schäfers zur Scheere hingeschleppt wird, die ihm mit Wunden die 198 Wolle rauben soll, ließ sie sich ohne Leben und Widerstand mit schlaff niederhängenden Armen, wankendem Kopfe und blutender Wange hinabbringen. Herrmann hatte sich indessen aufgeraft und wurde durch ihr blasses blutiges Gesicht, welches der darauf fallende Laternenschein todtenähnlich machte, so bis ins Innerste durchdrungen, daß er vor Wehmuth keine Kraft zur Rache in sich fühlte: er bat die Oberstin mit der beweglichsten Rührung Ulrikens zu schonen und klammerte sich vor Eifer und Inbrunst so fest an sie an, daß sie nicht von der Stelle konte: sie befand nicht für gut, ihn durch ein Versprechen zu beruhigen, sondern machte sich von ihm los und eilte mit großen soldatischen Schritten Ulriken nach: Herrmann hinter ihr drein! doch da das Getöse Bediente und Mägde im ersten Stocke versammelt hatte, so gebot die Oberstin den tollen Menschen aufzuhalten: man gehorchte und führte den armen Herrmann, der vor Wuth hätte zerspringen mögen, die Treppe liebreich hinan, steckte ihn in seine Stube und schlug sie zu. 199 Der Doktor und seine Frau erfuhren bey ihrer Zurückkunft von dem Bedienten des Hofraths nur den lezten Theil der Geschichte, und zwar nicht die Begebenheit, wie er sie gesehn hatte, sondern wie er sie sich dachte: er berichtete nämlich, daß ihr Schreiber einen Anfall von Raserey bekommen und eine Dame, die er auch nannte, auf der Treppe angegriffen, und sich mit schwerer Mühe von ihr habe zurückhalten lassen. Die Doktorin argwohnte gleich Mord, Todtschlag und wer weis welch andres Unglück? der Mann hingegen argwohnte weder Gutes noch Böses, sondern gieng mit gelaßnem Schritte von Herrmannen selbst Erkundigung einzuziehn. Er fand ihn äußerst niedergeschlagen, trostlos und verlegen; und weil das Verhör zu umständlich wurde, wandte der Verhörte Krankheit, Schmerzen am ganzen Leibe vor, und bat um die Erlaubniß sich zu Bette zu legen, die ihm der Doktor ohne Anstand ertheilte: er wiederholte zwar von Zeit zu Zeit seine Hauptfrage, was er mit der Oberstin vorgehabt hätte, allein der Kranke antwortete jedesmal mit 200 Klagen über seine Schmerzen und lautem Stöhnen darauf, daß ihn der Doktor für heute in Ruhe ließ und seine Frau versicherte, er sey nicht toll. War es aus Verstellung oder weil er seinen Schmerz nicht anders zu verdauen wußte? – wahrscheinlicher das lezte, warum er einige Tage das Bette nicht verließ! Er aß und trank wenig oder gar nichts; wenn man ihn etwas fragte, schien er einzuschlafen oder antwortete so undeutlich, daß man nichts vernehmen konte. Alle seine Kräfte waren von Fasten und Kummer endlich so abgespannt, daß er für alles Gleichgültigkeit bekam: ob er starb oder lebte, ob seine Liebe glücklich oder unglücklich ausfiel, ob er sich verrieth oder nicht, alles galt ihm gleich: kein Wunder also, daß er in dieser trüben Verzweiflung alle seine Geheimnisse entdeckte! Er offenbarte dem Doktor, der ihn fleissig besuchte, seinen ganzen Liebeshandel, ohne ihn um Verhinderung oder Beistand zu bitten, und erzählte ihn so frostig, wie die Gegebenheit eines fremden Menschen. Der Doktor lachte, tröstete ihn spaßhaft und verwies zur Geduld. 201 Die Frau hatte sich schon längst bitterlich beschwert, daß der Mensch nun schon drey Tage krank sey, nichts thue und weder gesund werden noch sterben wolle; hatte auch dem Manne abermals beide Ohren voll gebrummt, daß er sich durch seine Gutherzigkeit verleiten ließ, einen Menschen ins Haus zu nehmen, von dem man nicht wüßte, ob er toll oder gescheidt sey. Sie wiederholte ihm izt, als er vom Kranken zurückkam, diese lezte Bedenklichkeit sehr nachdrücklich. – »Ach, sprach der Mann lachend, mit dem Kopfe ist er wohl gescheidt, aber das Herz ist toll. Der Bube ist verliebt.« Die Frau. Verliebt! – Nun muß er den Augenblick aus dem Hause: den Augenblick! Wer wird die Sünde auf sich laden und einen verliebten Menschen über Nacht bey sich behalten? – Fort mit ihm! Der Mann. Närrchen, was ist denn nun weiter für Sünde dabey? – Er ist verliebt. Die Frau. Papachen, du weißt viel, was zu einer Sünde gehört. Deine Akten verstehst du: was Sünde ist, das muß ich wissen. – 202 Einen Sünder dulden, heißt sich fremder Sünde theilhaftig machen. – »Je Mäuschen!« unterbrach sie der listige Mann, »er ist in dich verliebt.« »In mich!« rief die Frau und wußte noch nicht, ob sie es für Ernst nehmen sollte. Der Mann. Freilich! in dich! Ich habe gar nicht geglaubt, daß ich so eine schöne Frau habe: er macht dich zum Engel, zur Göttin – »In mich! – Der Mensch ist ein Narr,« sagte die Dame lächelnd. »Er wird doch meinetwegen nicht verrückt worden seyn?« Der Mann. Geh zu ihm, damit er sich nur beruhigt! Du weißt ja wohl: in seinem Alter macht man nichts als tummes Zeug in der Liebe. Die Frau. Ist es denn etwas so sehr tummes, sich in mich zu verlieben? – Geh an deine Akten, Papachen! Ich will sehn, wie sich der Kranke befindet. – Die Wendung, die Papachen der Sache gab, war zwar listig, aber etwas boshaft; denn Herrmann konte unter allen Mitgeschöpfen 203 weiblicher Art seine Frau am wenigsten leiden, das war ihm deswegen wohl bekannt, weil er seine Abneigung gegen sie zuerst veranlaßt hatte. Die Doktorin brachte geschwind ihre kleinen Reize in Ordnung und begab sich in die Stube des Kranken: sobald sie hereintrat, drehte er sich um, das Gesicht nach der Wand zu, und schlief so fest, als wenn ihn Circe eingeschläfert hätte. Sie redte ihn an, und da sie merkte, daß aus ihrer Anrede kein Gespräch werden wollte, wanderte sie wieder ab. Seit der Zeit versäumte sie keine Gelegenheit, ihm zu gefallen und durch Anzug, Blicke und Dienstfertigkeiten ihn noch verliebter zu machen, als er nach ihrer Rechnung bereits war, ohne sich eine Minute lang der Sünde zu fürchten; und der Mann war viel zu froh, daß ihm seine List so gut gelungen war, um ihr den Unzusammenhang ihres Sündensistems vorzurücken. Ob es mehr als Eitelkeit bey ihr war, das weis allein ihr Herz. 204   Drittes Kapitel. Allmählich wurde dem Kranken seine Krankheit zur Last und mit den Kräften kehrte auch die Liebe in ihm wieder, wachte Sehnsucht und Entwürfe zu ihrer Befriedigung wieder auf. Am ersten Tage, den er außer dem Bette zubrachte, hörte er des Morgens schon seinen Boten an der Thüre betteln: in langer Zeit hatte sein Ohr keinen so willkommnen Ton gehört. Mit froher Eilfertigkeit öfnete er die Thür und lud im Uebermaaße seiner Freude den Jungen höflichst in die Stube ein: er überreichte bey dem Hereintreten ein kleines schmuziges Papierchen, das eine unleserliche, halb verwischte Schrift, mit Bleistift geschrieben, enthielt. Es war nichts herauszubringen als folgendes: »Heinrich, ich verlas   heute noch Dresden. Meine grausame Mutter hat mir schreiben lassen, daß sie in     Paar Tagen kommen und 205 mich abholen will. In            len wir uns find      Ich halte mich nicht auf, wenn     nicht gleich nachkömmst.     schreibe     bald, wo ich bin.   Lebe wohl.« Er drehte und wandte das Papier voller Aengstlichkeit und vermochte kein Wort weiter herauszubringen: der Ort, den sie ihm zur Zusammenkunft bestimmte, war verwischt, und das meiste übrige errieth er mehr als er es las. – »Wo hast du das Billet bekommen?« fuhr er den Jungen an. Der Junge. Auf der Gasse bey der Oberstin Hausthür hat mirs das Baroneßchen gegeben. Sie hatte eine schwarze Kappe auf – ich hätte sie nicht gekannt, wenn sie nicht gesprochen hätte – sie sah aus, als wenn sie verreisen wollte, und gieng sehr hurtig nach dem Thore zu. Herrmann. Wenn gab sie dirs? Der Junge. Ehegestern Abends. 206 Herrmann. Und du, Unglücklicher, bringst mirs heute erst? Der Junge. Ich habe ja gestern fast alle Stunden hier gebettelt: aber es hörte Niemand. – Diese Entschuldigung sagte der arme Liebesbote zwar sehr laut, aber er hatte kaum das erste Wort davon ausgesprochen, so lag ihm schon der Stock auf dem Rücken. Herrmann, ohne sie annehmen zu wollen, oder zu bedenken, daß sie sehr gültig war, weil er den ganzen gestrigen Tag im Bette in der Kammer zugebracht und also sein Betteln wirklich nicht hatte hören können, rächte er sich für die Tücken des Schicksals an dem unschuldigen Abgesandten und verfolgte ihn mit ausgeholtem Stocke die Treppe hinunter. Zorn und Wuth über den unglücklichen Zufall stiegen bis zur Verwilderung: er buchstabirte noch einmal das schmuzige Papier durch, aber schlechterdings ließ sich der Ort nicht entziffern: er war auf immer und ewig verwischt. Er warf das verhaßte Blatt an die Erde, hub es auf, zerriß es und streute die 207 unendlich kleinen Fragmente in alle vier Winde aus: er scharmuzirte die Stube auf und nieder, und was im Wege stund, mußte die Wirkung seines Grimms erfahren: Tasse und Teller, die vom Frühstücke noch dastanden, tanzten klirrend vom Tische herab und rollten zerbrochen über den Fußboden hin: der Spiegel bekam einen Schlag, der ihn zeitlebens in zwo Hälften theilte: der schnaubende Unglückliche hätte sich selbst in zwo Hälften zerfleischen mögen. Die Doktorin, die der Lärm herbeygerufen hatte, kam mit kläglicher Geberde zu ihrem Manne und versicherte sehr mitleidig, daß die Liebe dem armen Menschen den Kopf verrückt haben müßte. – »Wenn man ihm doch nur zu helfen wüßte!« sezte sie hinzu. »Es ist doch wahrhaftig gar ein häßliches Ding, die Liebe, wenn man sich einmal mit ihr einläßt. Der arme Mensch! War so artig, so hübsch! Ich fürchte mich vor ihm, Papachen: ich kan unmöglich auf meiner Stube allein bleiben.« Der Mann lachte und suchte ihr die Furcht zu benehmen. 208 »Ach, Papachen!« fuhr sie fort: »du weißt nicht, wie weit es mit so einem Menschen geht. Wenn ich nur nicht an seinem Unglücke Schuld wäre! Es kränkt mich in der Seele: der arme Mensch! – Wenn du nicht bey mir bleiben kanst, schließ' ich mich ein.« – Wirklich schloß sie auch ihre Thür ab und schob den Riegel vor. So hielt sie ihre leichtgläubige Eitelkeit den ganzen Vormittag gefangen, und Magd und Bediente mußten jedesmal durch viele Beweise darthun, daß sie es waren, ehe sie hineingelassen wurden. Kurz nach Tische langte Hans Pump, der Bediente der Oberstin, an, um sich zu erkundigen, ob Ulrike diese Tage her nicht ins Haus gekommen wäre. Die Dame hatte zwar unmittelbar den Morgen nach ihrer Entlaufung an den Doktor geschickt, und er stellte auch die Versichrung von sich, es ihr sogleich zu melden, wenn sich die Baronesse blicken ließ: da Herrmann die Tage her nicht ausgegangen war, so nahm er ihn gar nicht in Verdacht, daß er um die Entlaufung etwas wüßte, und über seinen 209 vielen Geschäften vergaß er, dem Kranken etwas davon zu sagen, und wenn er ja daran dachte, so verhelte er ihm die Begebenheit, um ihn nicht noch mehr zu kränken. Hans Pump hatte seitdem in der Gasse vor dem Hause des Tages und Abends patrulliren müssen: in andre Gegenden der Stadt waren andre Kundschafter ausgesandt worden. In der Länge wurde Hans Pump seines Postens überdrüßig, und kam izt, seiner Pflicht die lezte Genüge zu thun, das heißt, noch einmal im Hause anzufragen und dann von seiner Wache abzugehn: diese Anfrage wurde, weil der Doktor nicht zu Hause war, der Doktorin in die Hände geliefert. Sie war in der ganzen Geschichte noch so neu, wie ein neugebornes Kind, und ersuchte Hans Pumpen, ihr den ganzen Vorfall vom ersten Anfange an zu berichten, welches er sogleich mit möglichster Weitläuftigkeit that. Sie rechtfertigte Herrmannen auch, daß er wegen seiner Krankheit keinen Antheil an der Entfliehung haben könte: dabey ließ sie Eu. Gnaden, der Frau Oberstin, mit etwas beleidigtem Tone melden, 210 daß man keine lüderlichen Mädchen, wenn es auch Baronessen wären, bey ihr suchen müßte. Nun gieng ihr ein Licht auf. Sie vermuthete zu ihrer empfindlichen Kränkung, daß sie ihr Mann zum Besten gehabt oder aus einer andern Ursache hintergangen habe, als er ihr überredete, daß Herrmann in sie verliebt sey: gleichwohl sich bey ihm darüber zu beschweren und zu verrathen, daß sie ihre Eitelkeit verführt habe, der Lüge ihres Mannes zu glauben, war noch mehr erniedrigend: sie beschloß also, ihren Aerger zu verbeißen, sich zu stellen, als ob sie gar nichts von der Liebe des jungen Menschen zu ihr geglaubt, sondern seine Angelegenheit mit der Baronesse längst schon gewußt und ihrem Manne verhelet hätte. Sie erzählte ihm also, da er nach Hause kam, die unterdessen gemachte Entdeckung als eine bisher mit Fleiß verschwiegne Neuigkeit; und der Mann, den Kopf voller Gerichtstermine, nahm sie herzlich gern dafür an, um nur in Ruhe vor ihr zu bleiben. »Aber man muß dem armen Menschen helfen, beschloß sie ihre Erzählung. »Man muß 211 ihn aus seinen sündlichen Gedanken und Neigungen herausziehn. Ich will den Herrn Magister Wilibald zu ihm schicken: der soll ihn bekehren.« – »Ja, ja, Mäuschen. das thu! und izt gleich!« rief der Mann, um ihrer endlich einmal los zu werden. Die Frau schickte sogleich in der nämlichen Minute zum Herrn Magister Wilibald, von dem nebst seiner schwarzen Perücke schon einmal schuldige Erwähnung geschehn ist. Er war ihr Gewissensrath, hatte ungehinderten Zutritt zu ihr und genoß eine Verehrung von ihr, die fast bis zur Anbetung stieg. Er war – was aber Niemand außer ihm in der ganzen Stadt wußte – ein theologischer Abentheurer ohne Amt, der mit Heiden- und Judenbekehrungen prahlte, die er nie gemacht hatte: er hatte die ganze pietistische Pantomime in seiner Gewalt, einen schleichenden Ton, und suchte durch die tiefste weggeworfenste Ehrerbietigkeit und Demuth schwachen Seelen, besonders den Weiblein, das unumschränkteste Vertrauen abzuschmeicheln. 212 Seinen Stolz und Ehrgeiz maskirte er so geschickt, daß ihm viele die übertriebenste Achtung und Ehrfurcht bezeugten, und er nahm sie ohne Weigerung als Opfer an, die man durch ihn dem lieben Gott brächte, für dessen Diener sich der Unverschämte ausgab. Die Natur hatte ihn mit einem Gesichte gebrandmahlt, das mit so belehrender Deutlichkeit, als ein eingebrannter Galgen, vor ihm hätte warnen sollen: der mittlere Theil war durch starkes Branteweintrinken mit kupfrichter Röthe überzogen worden, aus welcher große weiße Blattern, wie Kalkhaufen auf einem rothsandichten Ackerfelde, hervorragten: die beiden Enden des Gesichts bestunden unten in einem gelbgrünlichen spitzigen Judaskinne, und oben in einer breiten weißen schuppichten Stirn, die an beiden Schläfen sich in ein paar Hörner emporhob und in der Mitte bis zur Nase ein tiefes Thal ließ. Durch einen Zufall, den nur der allwissende Himmel, Herr Wilibald und der Chirurgus kannte, hatte die Nase einen Theil ihres knochichten Gebäudes eingebüßt, daß sie also mit ihrer dicken 213 aufgelaufnen Spitze einer aufbrechenden Rosenknospe nicht unähnlich sah: auch war ihr durch den nämlichen Zufall ein schwirrender Ton mitgetheilt worden, der bey jedem Athemzuge, wie der danebengehende Wind einer schlechtgeblasnen Flöte, aus beiden Nasenlöchern deutlich und vernehmlich herausfuhr, und wenn er sprach, wurden seine Worte beständig von dem Orgelwerke seiner Nase in gebrochnen Ackorden begleitet. Es war, von allen Seiten betrachtet, der widrigste und zugleich der unwürdigste Mensch, der lüderlichste, ausschweifendste. wenn er unentdeckt zu bleiben hofte, ein vollkommnes Muster der Tugend, wenn er in Gegenwart Andrer handelte und sprach, von vielen unendlich geachtet, von vielen fast göttlich verehrt. Dies verdammte Gesicht, in eine kohlenschwarze Perücke gesteckt, trat izt in Herrmanns Stube herein, grüßte mit einem leichten Nicken und sagte mit der gewöhnlichen Nasenbegleitung, daß die Frau Doktorin ihn, den Magister Wilibald, habe rufen lassen, um sich der Seele eines von sündlicher Liebe kranken und 214 geistlich todten Menschen anzunehmen. Herrmann vermuthete nichts weniger, als daß er dieser geistlich Todte sey, und bat ihn, noch voll von einem Reste seines Unwillens, zur Frau Doktorin zu gehn, die ihn besser brauchen könte als er. Der Magister sezte sich nieder, legte den umgekehrten Hut auf den Schoos, die gefaltnen Hände darein, räusperte sich und fieng mit lauter schwirrender Stimme an: »Seht mich nicht an, daß ich so schwarz bin« – Warum tragen Sie so eine verfluchte schwarze Perücke? unterbrach ihn Herrmann. Der Heidenbekehrer ließ sich nicht stören, sondern hub mit verstärkter Stimme noch einmal an: »Seht mich nicht an, daß ich, so schwarz bin; denn die Sonne hat mich verbrannt. Seht mich nicht an; denn ich will vor Scham vergehen; ich möchte mir vor Reue das Gesichte zuhalten; ich kan vor Scham die Augen nicht aufschlagen, noch vielweniger mir von Andern, besonders von frommen und 215 wiedergebornen Leuten und Menschen, ins Gesicht sehn lassen. Daß ich so schwarz bin , so schwarz, wie eine Kohle, von großer Sündenschwärze; schwarz, wie ein Mohr, den Niemand bleichen kan; schwarz, wie ein Rabe, der sich von Aas und Luder nährt, gleich den Menschen, die in lüderlichen Neigungen und Affekten ersoffen und ertrunken sind. Aber warum bin ich so kohlschwarz? denn die Sonne , oder wie Sie lieber sagen möchten, denn die Liebe hat mich verbrannt: verbrannt , das heißt, wie eine Gluth im Feuerofen, oder welches noch heißer ist nach der Bemerkung erfahrner Naturkündiger, wie die Flamme der Sonne, wenn sie im heißen Mittage steht, hat mich das höllische Feuer der Liebe versengt, gebraten, in Asche und Staub verwandelt.« – »Leider, leider!« unterbrach ihn Herrmann seufzend. »O hätt' ich nie eine Minute lang Liebe in mir gefühlt! nie etwas anders als Ungeheuer um mich gesehn, die mir nichts als Haß und Widerwillen einflößten! Wenn es möglich wäre, ein Gelübde zu halten, dem mein Herz 216 widerspricht – auf der Stelle wollt' ich schwören, nie mit Einem Gedanken, mit Einer Nerve wieder Liebe zu empfinden. Der Magister. Also empfinden Sie wahre Reue darüber? Herrmann. Reue, Schmerz, Betrübniß, Aerger, Kummer! alles, was nur eine menschliche Seele martern kan! – Wer hat wohl mehr Ursache dazu? Wenn ich meinem Verlangen so nahe bin, daß ich nur zuzugreifen brauche, dann jagt mirs plözlich der Zufall, wie der Wind eine Feder, vor der Hand weg. Ist in der ganzen weiten Welt ein unglücklicherer Mensch als ich? Und was machte mich unglücklich? Fünf oder sechs elende verwischte Buchstaben! O der traurigen Welt, wo das Glück des Lebens von einem Bleistiftzuge gegeben oder genommen wird! Der Magister. Sie verabscheuen, hassen und verachten also die Welt samt allen ihren Lügen und Begierden? Herrmann. Ja, und nur um Eines Geschöpfes willen verfluch' ich sie nicht. Nur um 217 Eines Geschöpfs willen! Die übrigen sind nur da, um die Glückseligkeit Andrer zu stören, zu hindern, zu verbittern. Der Magister. Ja allerdings! die Welt liegt im Argen: es ist alles eitel. Entsagen Sie der Welt? Herrmann. Mit Freuden! In dem tiefsten unzugänglichsten Gebürge wollt' ich mir eine Hütte bauen und als Einsiedler mein ganzes übriges Leben in der traurigsten Einsamkeit zubringen: aber Ulrike! die Arme, Verlaßne, Verfolgte! Aus Liebe zu mir verließ sie Wohlseyn und Rang. – Wo sie izt herumirren mag? In welcher elenden Leimhütte wohnen? Auf welchem beschmuzten Lager ruhen? Immer ängstlich, immer besorgt, wie eine Taube, die den Habicht flieht. – O der unselige Bleistift! Der Magister. Sie bereuen also von ganzem Herzen Ihre Liebe? Herrmann. Wie sollt' ich etwas nicht bereuen, das mich auf immer unglücklich macht? – Aber was hilft Reue? – Ich muß sie finden, die Unglückliche, oder mich zu Tode quälen. 218 Der Magister. So wünsch' ich Ihnen gute Besserung. – Mit diesem christlichen Wunsche nahm er Abschied und berichtete seiner Gönnerin, daß der junge Mensch auf dem rechten Wege sey, sich zu bessern; und weil sie voraussezte, daß Er ihn dahingebracht habe, lobte und pries sie seine ungemeine Kunst, die Leute zu bekehren, und ermahnte ihn, das angefangne gute Werk durch wiederholte Besuche fortzusetzen, welches er seit dieser Zeit täglich that. Die Unterredung fiel fast allemal auf den nämlichen Schlag aus. Herrmann wurde täglich verdrießlicher, unzufriedner und erbitterter auf die Liebe und auf sich selbst: er schalt sich, daß er die Thorheit gehabt hatte, sich in eine Baronesse zu verlieben; und wünschte, sie ohne Verletzung seines Gewissens nicht mehr lieben zu können. – »Den Schmerz wollt' ich tragen, sagte er sich oft: aber was hilft es der unglücklichen Vertriebnen, daß ich nicht länger ein Thor bin? Sie hat sich einmal zum Opfer meiner Thorheit gemacht.« 219 Bald tadelte er Ulriken bis zum Erzürnen, daß sie seine Liebe erregt, ermuntert und unterhalten habe, und zuweilen war er recht erbittert, daß sie so liebenswürdig sey. – Wenige Augenblicke darauf dankte er ihr alle Freuden seines Lebens, schien sich selbst durch sie der Glückseligste auf der Erde geworden zu seyn, und sah in sein Leben, wie in ein finstres wüstes Leere, hinab, wenn Ulrike es nicht durch ihre Liebe angefrischt, munter und frölich gemacht hätte. – Izt beschloß er, seine Neigung zu bezwingen und Ulriken dem Elende zu überlassen, worein sie sich unbesonnen selbst gestürzt hätte: ihre Entfliehung, ihr Schwur erschienen ihm als übereilte tolle Handlungen, und die ganze Ulrike als eine Zusammensetzung von Unbesonnenheiten und Schwachheiten, ohne Ueberlegung, ohne Vernunft. – Nach einem paar Athemzügen erblickte er sie schon wieder als eine verdienstvolle Märtyrerin seines Glücks, als die edelste großmüthigste Seele, der er für alles Ungemach, Schmerz, Beschwerlichkeit, Verfolgung nicht feurig genug zu danken glaubte, 220 und wenn er sich ihr lebendig opferte: er mußte sie aus Dankbarkeit lieben, und kaum hatte er diesen Gedanken einige Minuten verfolgt, so zeigte sich ihm sein Entschluß, sie nicht zu lieben, als eine platte Unmöglichkeit, als eine Idee, die man nur in der Fieberhitze haben könte, die er gar nicht zu begreifen vermochte; und nun riß seine Fantasie mit ihm aus: er sah in Gedanken Ulriken unter tausendfachen Gefahren, in Stürmen, Ungewittern, zu Wasser und zu Lande, unter Löwen, Tigern, Bären und Wölfen, in Krankheit, Hunger, Gefängniß, Verfolgung, und jedesmal sich als ihren Erretter, der, wie ein muthiger Perseus, herbeyeilte, sie befreite und zur Belohnung seines Muthes ihre Hand empfieng. Nun war es ihm leid, daß er nicht so hurtig, wie die Liebeshelden seine Fabelwelt, auf geflügelten Drachen oder Rossen reiten konte: er wäre den Augenblick durch alle Lüfte gejagt, wenn er einen Pegasus gehabt hätte. In dieser schwankenden veränderlichen Gemüthsverfassung, wo sich die Dinge und 221 Umstände fast mit jedem Pulsschlage von einer andern Seite, in anderm Lichte, mit andern Farben zeigen; wo Hell und Dunkel in der Seele mit so schnellem Vorüberschießen abwechselt, wie Licht und Schatten an einem Apriltage; wo kein Entschluß länger als fünf Minuten dauert, und die Seele wechselsweise von Vernunft, Einbildung, Leidenschaft gleichsam gewiegt wird, ohne daß sie lange zu einem festen Stande gelangt: – in dieser nicht sonderlich angenehmen Gemüthsverfassung empfieng Herrmann einen Brief von Schwingern, der ihn unerwartet, wie ein Blitz, traf. den 25. Oktober. Lieber Freund, »Noch will ich dir diesen Namen nicht entziehn, so wenig du dich seiner würdig zu seyn bestrebst. Du zwingst mich eine Sprache mit dir zu reden, die ich in deinen Kinderjahren nie gebrauchen durfte: aber auch nie hast du, als 222 Kind, mich bis zu solchem tiefen Schmerze betrübt, wie izt in deinem Jünglingsalter. Bis zu deinem funfzehnten Jahre warst du ein Weiser, und izt in deinem siebzehnten wirst du ein Thor! Doch warum sag ich ein Thor? – Ein Lasterhafter und fast ein Bösewicht! Heinrich, ich bitte dich um meiner Ruhe willen, erzeige mir die einzige Wohlthat und widerlege mich! strafe mich Lügen, daß ich dich einen Bösewicht nannte! ich beschwöre dich darum. Doch warum halte ich dir nicht lieber gleich das Gemählde deiner Vergehungen vor die Augen, daß du mit Scham und Reue vor ihm zurückbebst? – Du hast durch eine einzige Thorheit ein ganzes Haus, das dich erzog, nährte, pflegte, eine Dame, die dich noch vor einem Monate durch ihre lezte Wohlthat unterstüzte, in Thränen, Uneinigkeit, Gram und Herzeleid versenkt. Wo war deine Vernunft, als du dir zuerst eine so ausschweifende Neigung gegen die Baronesse erlaubtest? denn so lange ich auch aus Freundschaft für dich daran zweifelte, so kan ich leider! nicht länger in diesem gutgemeinten 223 Wahne beharren: dein eigner handschriftlicher Beweis zeugt wider ihn und dich. Heinrich, einen Augenblick Ueberlegung! Hast du ganz vergessen, daß dein Vater Einnehmer des Grafen Ohlau war, des Grafen Ohlau, dessen Schwestertochter du dich zu lieben erdreistest? dessen Schwestertochter du deine Geliebte, deine künftige Gattin nennst, und ihr Muth und Entschlossenheit zuschwörst, um mit ihr durch alle Gefahren dich hindurchzureißen? – daß dein Vater Einnehmer, abgedankter Einnehmer des Grafen Ohlau ist, der ihm durch ein kümmerliches Gnadengeld das Leben fristet, dessen Schwestertochter du wider alle deine und ihre Feinde beschützen willst? Widersezte sich nicht deine Feder, als du dies zu schreiben wagtest? Und wer sind die Feinde? – die Gräfin Ohlau, deine Wohlthäterin, deine wahre Mutter, die dich geliebt, erzogen, zum Menschen gemacht hat! ohne die du ein armseliger nackter Bube wärst, ohne Bildung, Wissenschaft und Sitten, roh, schwach und kraftlos in Mangel und Niedrigkeit herumkröchst! die dir noch izt in 224 Dresden dein elendes Leben durch eine monatliche Mildthätigkeit erhielt! denn wisse, nur durch sie lebst du! wisse, daß du ein Hauch bist, den sie belebte, den sie erlöschen lassen kan, wenn sie will; und sie will es; denn von ihr darfst du keine einzige Wohlthat mehr erwarten. – Und diesen Grafen, diese Gräfin nennst du deine Feinde? – O du toller Jüngling! Wie schäme ich mich deiner Freundschaft! Und wozu hast du dich nunmehr gemacht? – Zu einem Bettler! Reiße dir einmal den blendenden Wahn der Leidenschaft von den Augen, und siehe dich in deiner ganzen Dürftigkeit! und wenn du dann nicht über dich selbst die Zähne knirschest und vor Schmerz über deine Raserey vergehen möchtest, dann will ich meine Hand verfluchen, wenn sie noch Einen Buchstaben an dich schreibt: dann bist du ein Unwürdiger, der nicht einmal Haß, sondern Verachtung verdient. Aber solltest du das wirklich seyn? – Noch immer widerstrebt mein Herz, wenn ich dies von dir argwohne. Dein feuriges Blut, deine 225 reizbare Seele, dein brausendes Alter, vielleicht auch dein Stolz, dein Ehrgeiz – das, das sind die Urheber deiner Thorheit und deines Unglücks: du bist von ihnen überrascht, überredet, überlistet worden; und doch muß ich zu meiner Betrübniß mir auch diese Täuschung versagen. Ich bin durch deine eignen Briefe an Ulriken, die uns von der Oberstin zugesandt worden sind, meiner Schwäche, meiner Nachläßigkeit überführt worden: du hast schon eine Neigung heimlich in dir genährt, als ich dich vor aller Welt davon freysprach; und welche beharrliche Ueberlegung gehörte dazu, meiner Wachsamkeit in einem solchen Alter eine vorzeitige Leidenschaft zu verbergen! Auch mir hat deine Thorheit manches Unglück schon verursacht: Vorwürfe, scheele Gesichter, brennende Verweise habe ich von Graf und Gräfin über meine schlechte Aufsicht ausstehn müssen; und Gott sey mein Zeuge! sie war doch nach allem meinen Wissen und Gewissen die beste, die sorgfältigste, deren ich mit allen meinen Kräften fähig bin. Freilich 226 hintergieng mich meine leichtgläubige Freundschaft für dich; und für diese gutherzige Schwäche muß ich dann büßen, schwer büßen! Die Vorwürfe des Grafen und der Gräfin haben mich vom Schlosse vertrieben: ich konte ihre Bitterkeit unmöglich länger ertragen: ich verließ die Wohnung der Zwietracht und der Verfolgung, die izt durch den Ungestüm so vieler unzubefriedigender Gläubiger und noch mehr durch deine Tollheit zum Sitze des Verdrußes, des Unwillens, der Traurigkeit und des Weinens geworden ist; denn täglich bist du Ursache, daß deine Wohlthäterin sich auf ihrem Zimmer in Thränen badet, wenn sie die grausamen Vorwürfe ihres Gemahls bis in die Seele verwundet haben. Die Verlegenheit über seine ökonomischen Umstände macht ihn wild und hart; und er schüttet seinen geheimen Schmerz darüber mit barbarischer Unbarmherzigkeit über die arme Gräfin aus, weil sie in dir den Unglücklichen erzog, der ihr Haus schänden sollte. Ich wohne zwar izt an dem äußersten Ende der Stadt, in einem einsamen friedfertigen 227 Häuschen, in anscheinender Ruhe: aber du, unseliger Freund, hast mir auch diese Ruhe verbittert. Ich quäle mich unablässig mit eignen Vorwürfen, daß ich zu deiner Unbesonnenheit und so vielem Herzeleide eine der nächsten Veranlassungen seyn mußte: ich ängstige mich, so oft ich an dich denke; und ich denke jede Minute an dich. Ergreift dich nicht ein eiskalter Schauer, wenn du so die ganze Reihe deiner Vergehungen und die Menge der Unglückseligkeiten überdenkst, die du auf dich und uns alle gehäuft hast? Und wer sind wir alle? Deine Wohlthäter, deine Freunde! Denke dir deine Liebe zur Baronesse ein einzigesmal als die Urheberin so vielfachen Unglücks! und ich möchte dich in dem Augenblicke einer solchen Vorstellung sehen: ich weis gewiß – oder die Natur müßte sich selbst betrogen haben, als sie deinen so früh erwachten Verstand bildete – ich weis gewiß, Thränen, heiße bittere Thränen werden deine Wangen netzen: du wirst deine Leidenschaft verabscheuen und wünschen, alle traurige Folgen derselben 228 vernichten zu können. – »Man fängt mit Thorheit an und endigt mit Laster « – glaube diese Erfahrung deinem ältern Freunde! Ein Mensch, voll so feurigen Gefühls für Ehre und Rechtschaffenheit, kan unmöglich jene gewisse Erfahrung gelernt haben, und nicht mit allen Kräften den Schritt zurückziehn, den er in seiner Thorheit weiter thun will: lieber lähmte er seinen Fuß, um keinen weiter thun zu können. Ob mich meine gute Erwartung von dir täuschen wird, dazu soll mir ein einziger Beweis genug seyn. Die Baronesse hat schon über einen Monat Dresden heimlich verlassen: die Oberstin kan ihren Aufenthalt nicht auskundschaften: um sich Ungelegenheit zu ersparen, weil sie die Entlaufne wiederzufinden hofte, hat sie der Gräfin den Vorfall erst vor kurzem gemeldet: noch ist man im Stande gewesen, dem Grafen diesen neuen Zuwachs von Aerger und Zorn zu ersparen. Wir wissen, daß die Baronesse eines Abends dich heimlich besucht hat, und auch dem Grafen konte man es nicht verbergen: auf seinen Befehl sollte Ulrike von ihrer 229 Mutter aus Dresden weggeholt und in das Stift zu ** gebracht werden, aber ein unglücklicher Fall mit dem Pferde hinderte ihre Reise, und man gab der Oberstin den Auftrag, es an ihrer Stelle zu thun, allein zu einer Zeit, wo die Baronesse schon entlaufen war: wir alle glaubten sie längst im Stifte, als die schreckliche Nachricht von ihrer Unbesonnenheit anlangte. Alle diese Umstände erzähle ich dir, um zwo Fragen an dich zu thun, deren Beantwortung mich bestimmen wird, ob ich mich ferner deiner annehmen oder dich der Besserung des Unglücks überlassen soll. – »Hast du Theil an der Entfliehung der Baronesse? Weißt du, wo sie ist?« – Auf Gewissen und Ehre beantworte mir diese beiden Fragen! belügst du mich, dann gehe! Werde ein Schurke, ein Lasterhafter, ein Bösewicht, werde gehängt, gerädert oder geköpft! – ich kenne dich nicht mehr. Indessen, in der Hoffnung, daß du mich nie zu einer so harten Selbstverläugnung zwingen wirst, empfange von mir den lezten Beistand! aber gewiß den lezten, ich schwöre dirs bey 230 Gott! wenn du in deiner Thorheit beharrst! Ich habe dich an einen Berliner Kaufmann, der sich wegen seiner Schuldforderungen an den Grafen bey uns aufgehalten hat, und dessen Adresse du diesem Briefe beygefügt findest, empfohlen, daß er dich als Handelspursche in die Lehre nehmen soll. Ich übersende dir deswegen 10 Louisd'or zu den Reisekosten und zur Erleichterung deiner Subsistenz in Berlin: den Accord mit dem Kaufmanne habe ich bereits geschlossen, und du brauchst für nichts zu sorgen, als dich unverzüglich, das heißt, höchstens in Monatsfrist dahin zu begeben und in eine Bahn der Geschäftigkeit zu treten, die künftig dein Glück machen soll, die dir Nutzen und Ehre verspricht. Und nun, lieber Freund, noch einmal! Bezwinge dich, wie ein Mann! behaupte deine Würde! Reiße alles Andenken an Ulriken aus deinem Herze, bis auf das kleinste Würzelchen reiß es aus, und wenn es dich blutige Thränen kosten sollte! Bedenke daß du nicht zum Empfinden, sondern zum Handeln geboren bist, nicht zum schmachtenden Schäfer, sondern zum 231 thätigen Weltbürger! Wirf dich in die Geschäftigkeit tief hinein, gieb ihr alle deine Kräfte und Gedanken, daß für die Liebe nichts übrigbleibt! Deine Schreibart in deinen Briefen seit mehr als einem halben Jahre ist mir bedenklich gewesen: sie war hart, heftig, in der geringsten Kleinigkeit übertrieben und aufgeschwellt: sie hatte durchaus die Kennzeichen der Leidenschaft: sie soll auch ins künftige mich belehren, ob das Feuer in deinem Herze gelöscht ist. Wenn du sehen köntest, mit welcher Bewegung des Herzens, mit welchen Erwartungen, mit welchen gerührten Wünschen ich diesen Brief schließe – du hörtest noch heute auf, ein Thor zu seyn. Sey ein Mann! sag ich dir, und dann bin ich ewig Dein Freund Schwinger .         Welch' ein Brief! Als wenn eine Donnerstimme jedes Wort in Herrmanns Herz rief, erschütterte er ihm Mark und Bein: er änderte 232 auf einmal den ganzen Schauplaz seiner Gedanken und Empfindungen und zeigte ihm seine Liebe zu Ulriken in einem Lichte, in welchem er sie nie gesehn hatte, daß er vor ihr erschrak. Sie zeigte sich ihm bisher blos als Gefühl für einen liebenswürdigen Gegenstand – als Empfindung der Natur, der er nicht widerstehen konte noch mochte, weil er es für billig hielt zu lieben, was ihm gefiel – als Quelle seiner Glückseligkeit: die Vorstellung davon war beständig von so vieler Süßigkeit begleitet und mit so helleuchtenden strahlenden Farben ausgeschmückt, es war eine Sonne, die ihn befeuerte und blendete , daß er nichts als einen liebenden Heinrich und eine liebende Ulrike erblickte: doch izt! – plözlich sah er sich als Sohn eines Einnehmers, und Ulriken als Baronesse, als Verwandtin des Grafen Ohlau: seine Liebe zu ihr schien ihm Thorheit, Unsinn, Raserey. Schwingers Brief zwang seinen Blick so unwiderstehlich, diese längstvergeßne Seite seiner Liebe zu betrachten, daß seine Leidenschaft auch nicht Einen Grund dawider aufbringen konte: sie verstummte. 233 Es herrschte einige Tage hindurch eine todte öde Stille in seiner Seele: die Liebe wagte es kaum, sich von dem gewaltigen Sturze wieder zu erheben. Er antwortete Schwingern auf seine Fragen mit aller Gewissenhaftigkeit, daß er die Flucht der Baronesse weder befördert noch angerathen habe, und eben so wenig wisse, wo sie sey: es fiel ihm zwar einigemal ein, lieber die Schuld durch eine Lüge auf sich zu nehmen, und lieber Schwingers Freundschaft zu entbehren als Ulrikens Strafbarkeit durch sein Zeugniß zu vermehren: allein das Schrecken, das ihm der Brief eingejagt hatte, stand wie ein fürchterlicher Riese vor ihm und gebot, die Wahrheit zu sagen: er gehorchte, bekannte seine Leidenschaft, erklärte sie für Thorheit, und gelobte an, ihr auf immer zu entsagen. Auch war das Gelübde in dem Augenblicke ganz ernstlich: er wünschte, es halten zu können, und nahm sich fest vor, es nicht zu brechen. Konte man mehr Aufopferung verlangen? Länger als eine Woche las er den Brief wohl zehnmal in Einem Tage: von jeder 234 Beschäftigung, von jedem Gedanken kam er auf ihn zurück. Besonders machte die lezte Ermahnung einen tiefen Eindruck auf seine Ehrbegierde: sie arbeitete sich allmählig wieder empor, und in kurzer Zeit war der ganze Ton seiner Seele umgestimmt. Er dachte mit Wehmuth an die Liebe, wenn sie sich in ihm regte, wie an eine anmuthige Gesellschafterin, die man wider seinen Willen verlassen muß: er riß sich selbst von ihr hinweg – »Sey ein Mann!« tönte ihm Schwingers Stimme ins Ohr; und die Liebe kroch furchtsam in das äußerste Winkelchen zurück: aber sie war nur verscheucht , nicht verjagt . 235   Viertes Kapitel. Magister Wilibald, der seine geistlichen Krankenbesuche unermüdet fortsezte, ermangelte nicht, die Revolution in Herrmanns Herze, so bald er sie wahrnahm, sich und der Kraft seiner Beredsamkeit zuzuschreiben, ob er gleich nach zween Besuchen sich seines Trost- Lehr- und Strafamtes freywillig entsezt und den neubekehrten Herrmann von Stadtneuigkeiten und besonders von den Mühseligkeiten seiner Mitbrüder unterhalten hatte. Die wichtigste Angelegenheit schien für den schwarzperückichten Seelenbekehrer die Entdeckung zu seyn, daß Herrmann mit Schwingers Briefe funfzig baare Thaler bekommen und achtzehn schönfunkelnde Dukaten außerdem noch in seinem Schränkchen eingeschlossen habe: er ließ sich beides zeigen, pries mit inniger Freude den Besitzer desselben glücklich, als einen Auserwählten, auf welchen Gott seine Gaben reichlich ausschüttete, und ermahnte ihn zum guten weisen Gebrauche dieser zeitlichen Güter. 236 Spielen Sie? fragte er am Ende seiner Ermahnung. Herrmann. Nein; ich habe allem entsagt, was mich nur einen Finger breit von meiner Hauptabsicht abführen kan: ich bin auf Eine Art ein Thor gewesen, ich will es nicht wieder auf eine andre seyn. Wilibald. Das sind wahre Entschlüsse, wie sie ein Mensch fassen muß, den ich wiedergeboren habe. Indessen wenn man mit christlichen frommen Leuten spielt, die nicht dabey fluchen und schwören – wie zum Exempel, wenn Sie in Sanftmuth und Gelassenheit mit mir ein Zeitverkürzendes und Gemüthergötzendes Spielchen machten – Herrmann. Mit Niemandem, und wenns ein Engel wäre! Schwingers Brief hat meine ganze Seele umgeändert: er hat mich erinnert, daß ich Nichts bin: ich muß arbeiten, daß ichs nicht länger bleibe. Wie? ich sollte so daniedergedrückt, so zurückgesezt, ungeehrt, ein Wurm bleiben, über den Jedermann verächtlich hinschreitet? zeitlebens ein Thier seyn, das arbeitet und 237 sich füttert, ohne daß mich Eine That vor den übrigen auszeichnet? – Lieber mag ich nicht leben: nicht eher will ich an Ulriken, an Liebe, Vergnügen und Glückseligkeit denken, als bis ich mich aus dem Nichts emporgerissen habe, das mir Schwinger vorwirft. Wilibald. Das ist sehr löblich. – Das Gemüth will aber doch zuweilen auch seine Ergötzung haben, und ein anständiges Spielchen mit frommen Leuten – Herrmann. Nein, sag' ich Ihnen. Liebe, Vergnügen, Spiel – alles, alles ist mir zuwider, verächtlich, klein: ganz ein andrer Trieb lebt in mir: wie eine Flamme, brennt er in meiner Brust: wenn Sie diesen Durst löschen können, dann sind Sie mein Freund. Wilibald. Ich bin freilich ein schwaches Werkzeug in den Händen der Vorsicht; indessen wenn ich wüßte, was so eigentlich Ihr Wunsch und Begehren sey – Herrmann. Nur Eine That, Eine Handlung, die meine Geburt auslöscht! O der Sohn eines Einnehmers, den mir Schwinger vorrückt, 238 brennt mich Tag und Nacht, wie eine Kohle, in meinem Herze! Ich kan nicht ruhen, bis ich den Vorwurf rein ausgetilgt habe. Wilibald. Wenn Sie das wünschen, so will ich Ihnen eine Handlung vorschlagen, die Ihnen bey Gott und Menschen Ehre bringen, eine That, die Ihren Namen durch alle vier Welttheile verbreiten, die Sie nach Jahrtausenden noch so berühmt machen wird, wie alle Märtyrer und Heidenbekehrer: das Kind, das an der Mutter Brust liegt, wird Ihren Namen zuerst aussprechen lernen: der sterbende Greis wird ihn noch mit Dank und Ehrfurcht nennen: auf allen Kanzeln in Europa, Asia, Afrika und Amerika wird Ihr Lob ertönen: Dichter und Redner in allen Sprachen der Christenheit werden Sie erheben: Ihr Bildniß wird in Sandstein und Marmor, in Kupfer, Erz, Gips, Wachs, Siegellack und Thon, in schwarzer Kunst, gestochen, geäzt, gemahlt, als Büste, Kniestück und in Lebensgröße, in allen Zimmern, Stuben und Kammern, unter venetianischen Spiegeln und an himmelblauen Brodschränken durch die 239 ganze Welt zu finden seyn, man wird es an Uhren, auf Stockknöpfen und Dosen, in Ringen tragen, und nach Jahrtausenden werden sich noch Kenner und Antiquare über Ihre Nase zanken: Ihr Ruhm wird Himmel und Erde Eine Dauer haben. Herrmann. Und welches ist diese große, herrliche, einzige That? Wilibald. Wir wollen die Berliner bekehren. Herrmann stuzte und schwieg. Der Magister ließ seiner Verwunderung ein wenig Zeit und fuhr alsdann in seiner Rede pathetisch also fort: »Fromme Männer haben Boten ausgesandt, um beschnittne Juden und ungetaufte Heiden zu bekehren: fromme Männer haben sich zu einem so großen Endzwecke als Apostel gebrauchen lassen, haben mit Regen und Hitze, Sturm, Hagel, Donner und Blitz, mit rüttelnden Postwagen und ungeheuren Meereswellen gekämpft: bald sind ihnen die Schuhe, bald das Schiff, das sie trug, leck geworden: sie haben gefastet, gehungert und gedurstet, haben sich von den 240 blinden Heiden Nasen und Ohren abschneiden, mit den Ohrläppchen an die Thüren annageln, geisseln, sengen, stechen, braten, kochen und fressen lassen, um die Ungläubigen durch ihr Leben und Tod zu bekehren: aber Niemand ist noch Apostel der Berliner geworden; und doch sind sie ungläubiger als Hottentoten und Malabaren, ohne Erkenntniß und Erleuchtung, Unwiedergeborne, Atheisten, Deisten, Socinianer, ohne Glauben, eitel Sünder und Sündengenossen: sollte nicht uns die hohe Ehre aufgehoben seyn, diesen verirrten Haufen wieder auf den rechten Weg zurückzuführen? – Wir wollen es wagen: Bruder, laß uns muthig ihre Apostel werden und das Werk ihrer Bekehrung vollenden. Dann wird unser Ruhm von einem Ende der Welt bis zum andern erschallen.« Herrmann fand anfangs eine kleine Bedenklichkeit bey dem Vorschlage, oder vielmehr dieser Weg, Ruhm zu suchen, war seiner Ehrbegierde zu fremd, um ihn sogleich zu betreten: er wußte wohl, daß Männer durch edle, großmüthige, gemeinnützige, muthige Handlungen, durch 241 Patriotismus, durch wichtige Werke des Genies groß und berühmt geworden waren: aber daß man es durch Bekehrung andrer Menschen werden könne, davon sagte ihm alle seine Kenntniß und Erfahrung kein Wort. Er hörte also den Vorschlag innerlich und äußerlich ohne Beifall und Widerspruch an, und versprach ihn geheim zu halten, welches sich der Magister sehr angelegentlich von ihm ausbat. Die Frau Doktorin gab oft kleine Abendessen, wovon aber ihr Mann nichts erfuhr und noch weniger dabey zugelassen wurde; denn sie geschahen bey verschloßnen Thüren, und Niemand hatte gewöhnlich die Ehre, Antheil daran zu nehmen, als der Magister Wilibald: doch seit jener Unterredung über die Bekehrung der Berliner wurde auf seine Veranstaltung Herrmann jedesmal der dritte Mann. Das Gespräch war allemal höchst erbaulich, und ehe man es vermuthete, lenkte es sich auf Berlin: der Magister und die Doktorin sagten beide, ohne es gesehn zu haben, so viel Böses davon, daß jedem ehrlichen Manne bey dem Gemählde die Haare zu Berge stehen mußten. 242 »Es überläuft mich allemal ein Schauer vor Schrecken,« fieng die Doktorin an, »wenn ich einen Berliner sehe. Sie sind auch meist alle gezeichnet. Ich habe zwar nur zwey in meinem Leben gesehn, aber ich versichre Sie, sie hinkten alle beide.« Wilibald. Die Männer haben fast alle eine Art von Hörnern an der Stirne, wie mir Magister Augustinus erzählt hat. Er ist zwar niemals dort gewesen, aber er weis es ganz gewiß; und Magister Augustinus lügt in seinem Leben nicht. Die Doktorin. Ach, ich wills wohl glauben. Solche Mahle sind nicht umsonst. – Und wissen Sie denn auch, was man von den Weibern sagt? Wilibald. Sie sollen fast alle große Füße und kleine Köpfe haben, und doch dabey so schön seyn, daß man sie nicht ansehn kan, sagte mir Magister Blasius. Die Doktorin. Ey, ey! Und warum denn das? Wilibald. Man soll gleich weg seyn, gleich 243 gefangen. – Ach! die Töchter dieser Welt sind nicht vergeblich mit solchen verführerischen Reizungen geschmückt! Das sind Geschenke des Satans. Die Doktorin. Nicht anders! – Und von den Geistlichen hat mir ja neulich der Magister Kilian recht schreckliche Dinge erzählt. Wilibald. Sie sind gar nicht zu unterscheiden von den übrigen Menschen: wenn sie ihre Amtskleidung nicht tragen, soll man hundertmal vor einem vorübergehn, oder gar mit ihm stundenlang sprechen können, ohne nur zu vermuthen, daß es ein Geistlicher ist. Sie stellen sich den Kindern dieser Welt in allem gleich, sagte mir Magister Severus. Sogar in ihrem Amte sollen sie reden wie alle andre Menschen. Was kan aus einer solchen Vermischung herauskommen als Verachtung? Die Doktorin. Da haben Sie Recht. Wenn Sie ohne Perücke und schwarzen Rock zu mir kämen, könt' ich Ihnen kein Wort glauben. Ich hätte nicht mehr Liebe und Vertrauen zu Ihnen als zu meinem Manne. 244 Wilibald. Nicht anders! Man muß sich selbst ehren, damit uns Andre ehren. Aus einer solchen Selbstverkleinerung des Standes entstehen auch hernach nichts als Atheisten, Deisten, Naturalisten – Die Doktorin. Da haben Sie Recht. Ich habe in meinem Leben noch keinen Deisten und Naturalisten gesehn; denn Gott sey Dank! hier zu Lande bekömmt man solche Kreaturen nicht zu Gesichte: aber ich stelle sie mir recht abscheulich vor. Sagen Sie mir nur! Wie sehn sie denn aus? Wilibald. Magister Hieronymus hat einmal im grünen Baume zu Berlin unter einer ganzen Gesellschaft solcher Menschen gespeist. Die Doktorin. Ach, der arme Mann! Wie hat er denn das thun können? Wilibald. Weil er nichts davon wußte! Aber sie verriethen sich gleich, sagt er: ob sie sich wohl anfangs vor mir nicht wenig scheuten, so konten sie sich doch vor meinen scharfsichtigen Augen nicht lange verbergen. Sie hatten alle große schwarze Nägel an den Fingern, ihre 245 Hände waren, wie Tatzen, gestaltet, und ihr Athem so beschwerlich, daß ichs nicht aushalten konte. Als ich dies wahrnahm, wurde mir angst und bange unter ihnen, und ob ich gleich zuweilen meine Stimme erheben wollte, sie zu bekehren, so war mein Herz doch so geängstigt und schwer, daß ich kein Wort ausbringen konte und darum lieber schwieg. Endlich ermannte ich mich und fieng an, laut unter ihnen zu predigen: da verstummten sie, wie die Fische, falteten die Hände und fielen, wie todt, mit den Köpfen auf den Tisch Man weis aus zuverlässigen Nachrichten, daß es eine Gesellschaft betrunkner Fuhrleute gewesen ist, die sich in ihrer wilden Frölichkeit einige freye Ausdrücke erlaubten und darum für Naturalisten von dem Herrn Magister gehalten wurden: als er seine Predigt mit so gewaltiger Stimme begann, nahmen sie insgesamt die Mützen ab, falteten die Hände, weil sie in ihrer Trunkenheit in der Kirche zu seyn glaubten, und da die Predigt lange dauerte, schlief einer nach dem andern ein. . – Er hat sie insgesamt bekehrt. Die Doktorin. Der brave Mann! Hat er 246 in seinem Eifer nach einem so gesegneten Anfange nicht mehr Wunder gethan? Wilibald. Allerdings! In dem Thiergarten hat er einem ganzen Truppe junger Deisten gepredigt: sie waren alle zu Pferde und versammelten sich in einem großen Kreise um ihn, als er anfieng: doch hier mußte er Verfolgung leiden. Sie sezten ihn auf ein Pferd, führten ihn durch zwo lange Alleen und schrien: der Apostel! Dabey huben sie Sand und Steine auf, steinigten ihn und jagten das Pferd, bis er stürzte Wahrscheinlich sind dies die Bursche gewesen, die vor dem Brandenburger Thore auf abgelebten steifen Rossen für einen höchstbilligen Preis ihre prächtigen Kawalkaden zuweilen halten. . Er hat es darauf an dem nämlichen Orte mit vornehmen, sehr gepuzten Naturalisten versucht: allein sie waren so frech, ihn mit Gelde bestechen zu wollen: sie reichten ihm insgesamt etwas: aber er schlug es muthig aus, ergrimmte über sie und verfolgte sie mit seiner Predigt, daß sie eilfertig davon flohen und ihn ängstlich baten, sie zu verlassen: so kräftig wirkte seine Rede auf ihr Gewissen. 247 Die Doktorin. Der vortrefliche Mann! Wie viel großes und herrliches er schon in seinen jungen Jahren gethan hat! Er wird gewiß noch die ganze Donau und Afrika und Rußland bekehren. Das heißt doch in der Welt leben, wenn man so große Dinge thut. – Obgleich alle Unterredungen bey diesen geheimen Mahlzeiten meistentheils diese Gestalt und Form hatten, so tauchte doch der Magister zuweilen seinen Pinsel in dunklere, fürchterlichere Farben und gab den Ausschweifungen und Lastern, die ihm Magister Kasimir und Magister Hildebrand von Berlin erzählt hatten, ein schauerhaftes Kolorit. Alle Straßen, Gassen und Plätze waren nach seiner Schilderung alle vier und zwanzig Stunden von einem Mittage bis zum andern mit Werken der Finsterniß erfüllt, wie er sie nannte: wo man gieng und stund, wurde geraubt und gemordet. Das Bild glich keiner einzigen Stadt in der Welt, aber es that doch große Wirkung durch das Uebermaas seiner Abscheulichkeit: die Doktorin zitterte und bebte bey den Frevelthaten, Sünden, 248 Unmenschlichkeiten, Betrügereyen, Bosheiten und Lastern, die der Magister in seiner Erzählung dicht auf einander folgen ließ, verabscheute sie, und wie die Kinder ihre Amme zu neuen Gespenstergeschichten auffodern, indem sie noch vor den erzählten schaudern, so ermahnte sie den Erzähler zur Fortsetzung, ob sie ihn gleich bey dem Schlusse einer jeden Lüge inständigst bat zu schweigen. Das Ende aller solcher Gespräche war allemal die Beherzigung, wie heilsam und rühmlich es sey, die Berliner zu bekehren. Auch Herrmann lernte dies allmählich empfinden. Das Unglück seiner Liebe hatte seinem Gemüthe eine gewisse Bitterkeit mitgetheilt: alle seine Freunde und Bekannten bekämpften seine Lieblingsleidenschaft durch Hindernisse oder Verbot: ob er ihnen gleich nachgab und zum Theil einsah, wie sehr sie Recht hatten, so blieb doch ein Verdruß wider sie in ihm zurück. Sein Verdruß machte es ihm zum Vergnügen, viel Böses von den Menschen zu hören, und je mehr er von ihnen hörte, je leichter ward es ihm, auch das Unglaublichste zu glauben. Sein 249 thätiger Geist konte unmöglich ohne Leidenschaft seyn, und die Bekehrung der Berliner wurde endlich so sehr sein Wunsch, daß er die hohe Unternehmung bey sich beschloß; und seine Ruhmbegierde und Unbekantschaft mit der Welt verbargen ihm das Abentheuerliche und Lächerliche eines solchen Entschlusses. Er las eifrig Missionsgeschichten und Leben der Märtyrer und entflammte seine Einbildung durch die erstaunenden Begebenheiten so stark, daß er schon seinen ganzen Leib mit rühmlichen Wunden bedeckt und seinen Ruhm durch alle Welttheile verbreitet sah. Er lernte durch des Magisters Umgang meisterhaft auf das Verderben der Menschen schmähen: und es that ihm recht wehe, daß er seinen geistlichen Feldzug wider den Unglauben nicht auf der Stelle eröfnen konte. Da seine fanatische Ruhmsucht in voller Flamme stund, bestimmte ihm der Magister einen Tag, wo sie heimlich von Dresden entweichen wollten. Herrmann stemmte sich aus allen Kräften wider die heimliche Entweichung, allein sein Gefährte im Apostelamt hatte die wichtigsten 250 Ursachen von der Welt, warum er darauf bestehen mußte. Die Schulden, die sein unordentliches Leben angehäuft hatte, ließen ihn den Verlust aller Gunst bey seinen Gönnern und Gönnerinnen befürchten, wenn die Gläubiger aufwachten: viele waren schon erwacht, und es schien ihm also schicklicher, seinen Namen den Schimpf, als seine Person die Gefahr seiner Insolvenz tragen zu lassen. Deswegen stellte er seinem Mitbekehrer vielfältig vor, daß die Apostel und andre große Männer in dieser Laufbahn alle ihre Reisen zu Fuß gethan hätten, daß dies ein erfoderliches Stück ihrer Unternehmung sey, und daß er schlechterdings Dresden heimlich verlassen müsse, weil man ihn so wenig entbehren könte und deswegen durch alle Mittel, vielleicht gar durch Gewalt, zurückhalten würde. Was sollte Herrmann thun? Er war schon von seiner künftigen Größe beinahe blind und wurde es durch die Beredsamkeit des Magisters täglich mehr: um nicht vielleicht von der Ehre der Theilnehmung an so einer hohen That gar ausgeschlossen zu werden – womit ihn der Magister bedrohte – willigte er in alles. Er ließ auf dem Tische in 251 seiner Stube einen Zettel zurück, worinne er bat, daß man ihm seine Sachen aufheben sollte, bis er sie durch einen Brief verlangen werde, und begab sich in den Abendstunden in die Wohnung des Magisters, die man zur Zusammenkunft bestimmt hatte, mit nichts als seinem sämtlichen Gelde und einem kleinen Vorrathe Wäsche versorgt, so viel als seine Taschen zu fassen vermochten. Wilibalds Stube war so ein entsezliches Nest, daß für Herrmann jeder Augenblick darinne zu lange dauerte: schwarz beräucherte Wände, die unglaublichste Unordnung unter allen den Maschinen, die die Stelle der Möbeln vertraten! – Hier lehnte auf zween schwachen Füßen ein Stuhl, an welchem das Eingeweide durch große Oefnungen auf allen Seiten des ledernen Polsters hervordrang, die übrigen beiden Füße lagen nebst einigen andern zerstreut auf dem Fußboden herum, der überhaupt wie ein Schlachtfeld aussah, wo die sämtlichen Möbeln der Stube ein Treffen geliefert haben mochten – hier stand ein Schuh auf dem berußten Tische, oder schwamm vielmehr in einem Meere von verschüttetem 252 Milchkaffee und sah sich traurig nach seinem Kameraden um – dort hieng das zerrißne schmuzige Bette über das Bettgestelle herunter, und bey jeder Bewegung flogen die Federn, wie Schneeflocken, durch die Atmosphäre der Stube – der Ofen diente zur Garderobe, welche aber nichts enthielt, als verschiedene höchst unbrauchbare Strümpfe, die, wie Kirchenfahnen, an den Schrauben und Ecken desselben hiengen – auf dem Fensterbret war das Speisegewölbe und die Polterkammer, und das Kopfküssen steckte in der zerbrochnen Glasscheibe, um die Stube zu wärmen. Das erste Unglück, das den beiden Aposteln begegnete, war der Mangel an Licht: das Tacht eines abgebrannten Talklichts, auf ein Gesangbuch geklebt, schwamm bereits in dem zerschmolznen Inselt und verwandelte schon die hölzernen Tafeln in Kohlen. Wilibald beschwerte sich über die itzige Seltenheit des Silbers und die disproportionirte Menge des Goldes, womit das Land überschwemmt wäre, daß man bey kleinen Bedürfnissen im Handel und Wandel gar nicht aus einander kommen könte, und 253 erkundigte sich, ob Herrmann nicht ein Restchen Silbermünze bey sich führte: weil er damit versorgt war, mußte er Vorschuß thun, und der Apostel Wilibald gieng in eigner Person und holte unter seinem schwarzen Rocke ein Talklicht, das in Ermangelung des Leuchters, in den Hals einer gläsernen Bouteille gestellt wurde. Einer Unbequemlichkeit war abgeholfen: aber die eindringende Decemberluft, welche das Kopfküssen nicht hinlänglich abwehren konte, besonders da ihr eine Menge kleiner unverstopfter Ritzen in dem übrigen Theile des Fensters freyen ungehinderten Eingang verstattete, machte es in diesem Stalle so kalt, wie auf ofnem Felde. Wilibald fühlte dabey so große Unbehaglichkeit als Herrmann, und da, nach seiner Erzählung, sein Vorrath an Brennholz den Morgen vorher alle geworden war – ob er gleich noch keinen Span in seinem Ofen gebrannt hatte – so beschloß er, alles Holz in der Stube zu fällen: die zerstreuten Stuhlbeine wurden gesammelt, die übrigen ausgedreht, ein Stück des Bettgestells zu Hülfe genommen, aus den Stuhlpolstern das 254 Werg gerissen, nach allen Regeln der Einheizekunst aus diesen Materialien ein Holzstoß im Ofen errichtet, das Werg loderte empor, das dürre überfirnißte Holz prasselte in hellen Flammen, und Wilibald erblickte mit inniger Herzensfreude das erste Feuer in seinem Ofen, so lange er mit ihm in Bekanntschaft stund. Endlich fand sich auch ein drittes Bedürfniß ein – der Hunger. Da Wilibald seinen gänzlichen Mangel an Silbermünze einmal für allemal kund gemacht hatte, erbot sich Herrmann ungebeten zum Vorschuß: der Apostel Wilibald besorgte auch diesen Einkauf und brachte geräuchertes Fleisch und Brod in reichlicher Menge herbey, eine große Flasche Brantewein nicht zu vergessen: nebenher wurde ein Kaffee gekocht. Da alles zur Mahlzeit bereitet war, und doch kein einziger Stuhl mehr aufrecht stehen und eine menschliche Kreatur tragen konte, beschloß man, auf dem Fußboden Tafel zu halten: sie lagerten sich also beide in der Nähe des Ofens, die Bouteille mit dem Lichte mitten zwischen ihnen, 255 die Branteweinflasche daneben, nebst dem Topfe voll Kaffee, womit Wilibald das Gastmahl eröfnete: ein jeder nahm sich nach eignem Belieben ein Stück auf die Faust und verzehrte es, ohne Messer und Gabel, die Knochen sammelte man im Ofen, um die Stelle der Kohlen vertreten zu helfen. Die Wärme, die der Ofen versagte, gab der Brantewein, und Freude und Begeisterung stiegen bey beiden mit jedem Zuge. Herrmann fühlte zwar anfangs keine kleine Abneigung in sich gegen diese schmuzige und wüste Lebensart, und er wäre schon durch den Anblick der Stube beinahe von seinem Apostelamte abgeschreckt worden: allein seine fanatische Ruhmbegierde scheuchte bald alle Bedenklichkeiten hinweg: er erinnerte sich an die ungleich größern Martern, die so viel berühmte Vorgänger im Bekehrungswerke vor ihm ausgestanden hatten, und trug mit herzlichem Vergnügen diese ersten Beschwerlichkeiten seiner neuen Laufbahn, in der angenehmen Hofnung, daß seine Standhaftigkeit bald auf härtere verdienstvollere Proben stoßen werde. Der 256 Brantewein theilte seinem innern Feuer neue Nahrung mit, daß seine Seele glühte, wie seine Backen: die Köpfe der beiden Apostel bekamen einen Schwung bis zum halben Unsinn: sie jauchzten, sangen, wälzten sich, wie Beseßne, sanken in Küssen und Umarmungen dahin, fluchten den Ungläubigen und schwuren allen Naturalisten den Tod: sie warfen die Federn aus den Betten ins Feuer und triumphirten springend und frohlockend, so viele Deisten und Atheisten in der Hölle brennen zu sehn. Wilibald, der nur die Hälfte dieses Unsinns aus Trunkenheit that und einen großen Theil davon begieng, um seinen Kollegen desto mehr in Feuer zu setzen, hielt während der Mahlzeit eine sehr pathetische Rede, worinne er ihre Unternehmung wider den berlinischen Unglauben mit der Eroberung von Amerika verglich und weit über alle Heldenthaten der alten und neuen Welt erhob. Ein Stück geräuchertes Fleisch in der Rechten, und eine Semmel in der Linken hub der Redner also an: »Drey sind nicht zwey, und zwey nicht 257 hundert: aber zwey Wiedergeborne sind mehr als tausendmal tausend Ungläubige. Wie ich diese Semmel vor deinen Augen zerreiße, theuerster auserwählter Bruder, wie ich dieses Fleisch vor deinen Augen zermalme und verschlinge, so werden wir den Unglauben, Naturalisterey und Deisterey zerfleischen, bezwingen, zerstören, verwüsten. Jene auserwählten Rüstzeuge erwürgten viele Millionen Indianer um ihres schrecklichen Unglaubens willen; aber wir thun mehr als sie: wir wollen nicht tödten, sondern lebendig machen: wir wollen alle Deisten wiedergebären; und unsere Namen sollen mit ehernen Buchstaben in die Tafeln des Ruhms eingegraben werden. Wir sind die größten Helden, die jemals den Lorber verdienten: Cäsar, Alexander, Türenne und Schwerin müssen vor uns in den Staub fallen, die Kniee beugen und uns anbeten. Waffne dich also mit Standhaftigkeit und Muth! Trotze Gefahren und Beschwerlichkeiten! Je mehr sie sich häufen, je gewisser gehst du zur Unsterblichkeit. Iß, trink und labe dich, du Auserwählter! Stärke dich mit diesem Brode und diesem 258 Tranke des Lebens zu der geheiligten Unternehmung!« – Seine kraftvolle Rede, wovon dieses nur der schönste Theil ist, wurde sehr oft durch Besuche von Weibspersonen unterbrochen, die ungestüm hereintraten und ungestüm fortgiengen: einige ließen sogar eine reichliche Ladung der schmählichsten Schimpfwörter zurück. Herrmann war von Fanatismus und Brantewein zu sehr berauscht, um etwas Böses hinter den Besuchen zu argwohnen, obgleich zwey von den Weibsbildern seinem Gefährten geradezu ins Gesicht sagten, daß er ihnen schon seit einem Vierteljahre zwo Nächte schuldig wäre, und ihm mit öffentlicher Beschimpfung drohten, wenn er ihnen ihr bischen ehrliches Verdienst nicht ordentlich bezahlte: Wilibald bestellte sie alle auf den morgenden Abend, wo er richtige Zahlung und überdies noch eine reichliche Erkenntlichkeit für die lange Geduld versprach. – »Ach!« sagte er zu seinem trunknen Kollegen, als sie weg waren: »Wohlthätigkeit und Gutherzigkeit sind eine schwere Last: ich habe mich dieser Unglücklichen 259 angenommen, und ich muß mich durch eine List von ihnen losreißen: wenn sie meine Abreise wüßten, würden sie mir mit Thränen um die Kniee fallen und mich zurückhalten. Wie sie weinen und jammern werden, wenn sie mich morgen Abend nicht finden! Das Herz thut mir weh: aber die geringern Handlungen der Wohlthätigkeit müssen der größern, zu welcher wir uns bereiten, nachstehn.« In diesem verwilderten Zustande machten sie sich marschfertig: sie gaben sich beide zween neue Namen, die mehr für ihre heilige Unternehmung paßten: Herrmann wurde zum Bonifacius , und der Magister machte sich selbst zum Chrysostomus . Sie wählten überdies ein Feldgeschrey, das sie bey Trennungen oder Verirrungen, besonders in der Nacht, einander zurufen wollten, um sich sogleich zu erkennen: der nunmehrige Bonifacius schlug den Namen Ulrike dazu vor und sezte seine Wahl mit lebhafter Hitze durch, ob ihn gleich sein Gefährte wegen des irdischen weltlichen Klanges verwarf. 260 Die Luft war außerordentlich rauh, kalt und scharf, die beiden Abentheurer apostelmäßig nur mit einfacher leichter Kleidung versorgt: doch der doppelte Rausch des Körpers und der Seele wirkte so heftig, daß Herrmann äußerlich mit allen Gliedern zitterte, und innerlich von Einem Feuer brannte. Sie taumelten mit schweren Köpfen, matten Füßen und halbgeschloßnen Augen bis zum nächsten Dorfe, wo sie Müdigkeit und Kälte einzukehren zwang. So sezten sie ihre Reise standhaft fort, übernachteten in Schenken und elenden Wirthshäusern, und thaten sich so viel Gutes, als es in den jämmerlichen Herbergen möglich war: besonders wurde der Brantewein nicht gespart: daß Herrmann jedesmal die Zeche bezahlen mußte, versteht sich von selbst; und mit Freuden that er es. Der begeisterte und immer betrunkne Jüngling hörte sich schon von allen Vorübergehenden den heiligen Bonifacius grüßen: in jedem Dorfe, wenn die Hunde sie mit lautem Bellen empfiengen, und das Getöse die Einwohner, denen der Winter Muße zur Neubegierde gab an 261 Fenster und Thüren lockte, glaubte er, daß die Merkwürdigkeit und der Ruf seiner heiligen Unternehmung so viele Zuschauer herbeyziehe, und er wunderte sich ungemein, wie eine so geheim behandelte Sache so allgemein ruchtbar geworden war; denn seine kranke Einbildung ließ seine Ohren deutlich und vernehmlich hören, daß sichs die Leute aus den Fenstern erzählten, zu welcher wichtigen That diese beiden Wanderer eilten. Uebertriebner Ruhm bläst leicht auf: wirklich wurde er auch so unleidlich stolz, daß er auf alle Sterbliche, außer seinem Begleiter, wie auf elende verächtliche Insekten herabsah, die kaum Anrede und Antwort von seinem heiligen Munde verdienten. Da nach seiner schimärischen Vorstellung schon zu Anfange seiner Auswanderung alle Leute sogar in den Dörfern – die Städte vermied Wilibald, ohne es seinen Gefährten merken zu lassen – von dem herrlichen Endzwecke derselben unterrichtet waren, so beleidigte es ihn itzo schon, wenn ihn Jemand fragte, wohin er wollte; und er wäre mit einigen Gastwirthen beinahe in Händel über diese Anfrage gerathen. 262 »Wißt ihr das nicht, Ihr Unwiedergebornen?« sagte er einem. »Der kleinste Bube in allen Dörfern, durch welche wir gegangen sind, hat von unsrer hohen Unternehmung gewußt, und du, Ungläubiger, du allein bist so unwissend?« – Alles das war Galimathias für den Mann: er glaubte, ihn vielleicht nicht höflich genug gefragt zu haben, bat um Verzeihung und wiederholte seine Frage mit vielen Titulaturen und Komplimenten verschönert: der heilige Bonifacius drehte ihm den Rücken. »Sie wollen wohl nach Berlin?« fragte ihn ein Anderer bey der dritten Einkehr. »Freilich!« erwiederte Herrmann trotzig und leise. »Wollen Sie denn etwa Soldat werden?« fuhr der spaßhafte Mann fort. »Mord und Todschlag! Sie werden die Feinde zusammennehmen. Piff! paff! puff! Da liegen sie!« »Das sollen Sie!« sagte Herrmann ernsthaft. »Wir wollen sie alle mit unsern geistlichen Waffen daniederschlagen, und keiner soll dem allgewaltigen Schwerte unsrer Rede entgehn.« 263 Der Wirth. Blitz, Zeter, Mordio! ha! ha! ha! ha! – Wenn der Krieg wieder losgienge und die Preußen sollten etwa unsre Feinde werden – wofür uns Gott bewahre! – so schonen Sie wenigstens meinen armen Sohn. Wenn Sie alles umbringen, so lassen Sie mir nur den armen Burschen leben! Wollen Sie? Herrmann. Ist er ein Naturalist? Der Wirth. Nein, so weit hat ers noch nicht gebracht. Zeter! Sie thun hohe Sprünge! Mein Sohn ein Generalist! Herrmann. Ein Naturalist, sag' ich! Der Wirth. Was ist denn das für ein neuer Titel? Herrmann. Ein Unwidergeborner, wie du. Ueber dich wollen wir zuerst das Schwert zücken: dich soll unser Wort zuerst zermalmen. Er machte zugleich eine Bewegung, als wenn er ihn erdrosseln wollte, und der Mann floh mit spaßhafter Furcht vor ihm zur Thür hinaus. – Der erste Sieg über die Ungläubigen! Den fünften Morgen, wo sie noch nicht 264 einmal die Brandenburgische Gränze erreicht hatten – so gemächlich machten sie ihre Reise – brachte Herrmann beinahe zur Hälfte auf der Streu in dem Stübchen zu, das sich Wilibald diesmal wider ihre Gewohnheit genommen hatte: den Abend vorher war ihm von diesem Bösewicht so viel Brantewein aufgedrungen worden, daß er, wie von einem Schlaftrunke eingeschläfert, in einer Art von Ohnmacht dalag. Endlich wand er sich aus dem schweren Schlafe heraus, erblickte schon helles Tageslicht und sich ganz allein in der Stube. Aufzustehen, waren seine Glieder von dem gestrigen Trunke noch zu schwach: er verweilte also auf seinem Strohlager, und nicht lange dauerte es, so unterhielt ihn seine erwachte Einbildungskraft von dem herannahenden Anfange seines Ruhms. Er erblickte sich schon in Marmor und Erz auf allen öffentlichen Plätzen Teutschlands: ihm zu Ehren wurden Spiele und Feste angestellt: Knaben und Mädchen schmückten mit Blumen und Kränzen sein Bildniß, und feierten mit Tänzen und Liedern sein Andenken. Nach Jahrhunderten sah 265 er seinen Namen noch in allen Chroniken, Annalen und Geschichten: die Großen nannten ihn mit Ehrfurcht, die Gelehrten mit Bewunderung, und das Volk mit Andacht. Mit solchen, von Brantewein und Ruhmsucht aufgeschwellten Ideen, benebelt von Trunk und Leidenschaft, berauscht von seinen fanatischen Träumen, hub er sich schwerfällig auf, um den Theilnehmer seiner überschwenglichen Größe aufzusuchen. Er war wie zerschlagen am ganzen Leibe: er schleppte sich unter heftigen Kopfschmerzen zu dem Tische hin und erblickte auf ihm ein Briefchen mit der Aufschrift: – »An den jungen Herrmann, weiland heiligen Bonifacius und Bekehrer der Naturalisten.« – Er faltete das unversiegelte Blatt aus einander und las: »Gehn Sie nach Berlin und werden Sie Lehrbursch bey dem Kaufmanne, an welchen Sie Ihr Freund adressirt hat. Lassen Sie sich mit der Bekehrung der Berliner nicht weiter ein: 266 man möchte Sie für einen Narren halten und ins Tollhaus bringen. Sie haben sich ganz entsezlich anführen lassen: seyn Sie in Zukunft weniger ruhmsüchtig und mehr vorsichtig. Diese Lehre hinterläßt Ihnen Ihr gewesener Gefährte am Bekehrungswerke der Berliner und verbundenster Freund, Chrysostomus .         N. S. In Ihrer Tasche ist das nöthige Reisegeld: eilen Sie, ehe es alle wird.« Man lasse sich aus dem Vorzimmer des Himmels, wo man schon die Engel harmonienreiche Psalter in die goldnen Harfen singen und die Chöre der Auserwählten hohe rauschende Wechselgesänge anstimmen hörte, durch Einen plözlichen Stoß in die dürftigste, kahlste, menschenloseste Heide nach Ißland versetzen: alsdann hat man Herrmanns Empfindung nach der Durchlesung des schändlichen Blattes. Weg waren die glänzenden Träume des Ruhms! Weg die funkelnden Bilder der Größe, 267 die bis zum Himmel reichen sollte! Der Horizont seiner Gedanken, der noch vor einem Augenblicke sich über die ganze bewohnte Erde erstreckte, war izt in ein enges elendes Stübchen zusammengeschrumpft! Der Mensch, der sich vor einer Minute ein Riese, über Kaiser, Könige und Fürsten, über alle sterbliche Bedürfnisse erhaben schien, auf welchen Beifall, Ehre und Bewunderung von allen Seiten strömte – dieser in seiner Einbildung so aufgeschwollne und stolze Mensch erblickte sich izt auf einmal als einen tummen, unerfahrnen, leichtgläubigen, betrognen Jüngling, als einen künftigen Kaufmannsburschen, als einen Verlaßnen, ohne Geld, ohne Freund, ohne Retter! Nachdem die erste Betäubung des Schreckens vorüber war, ergossen sich seine Augen in einen reichen Thränenstrom: der Unglückliche weinte um sein Glück, um seinen Traum: seine kümmerlichen Umstände waren ihm wenig – denn er konte sie nur noch vermuthen – aber sein Traum! sein Traum! hätte ihm der schändliche Betrüger diesen nicht verscheucht, keine Zähre wäre über seine 268 Wangen geflossen. – Und dann! daß er sich so einfältig hatte hintergehn lassen! mit Zähneknirschen dachte er an seine Leichtgläubigkeit. Er warf das bethränte Gesicht auf den Tisch, in allen seinen Eingeweiden nagte Scham und Aerger: er hätte sich vor der Welt, vor sich selbst verbergen mögen. Nicht angenehmer waren seine Empfindungen, als die Gewalt des ersten Schmerzes ein wenig ausgetobet hatte, und ihm der Gedanke einkam, in seinen Kleidern die zurückgelaßne Baarschaft aufzusuchen: von seinen schönen achtzehn Dukaten, von den funkelnden zehn Louisdoren hatte ihm der Bösewicht einen einzigen zurückgelassen. Sein Zorn über die Bosheit brannte freilich in großen Flammen empor: aber was half Zorn? – Er sahe das ein, zog sich allgemach an und gieng hinunter zum Wirthe. Neues Wunder! Die Wirthsleute glaubten, daß er in der Morgendämmerung mit Wilibalden, der den Abend vorher alles heimlich bezahlt hatte, um mit dem frühesten aufzubrechen, 269 fortgegangen sey, und sahn ihn lange bedenklich an, ob er ein Gespenst oder ein Mensch wäre. Er klagte die Treulosigkeit seines Reisegefährten in herzbrechenden Ausdrücken – versteht sich mit wohlbedachter Auslassung seines Bekehrungsprojektes! – und beschwerte sich, daß er ihm so wenig zurückgelassen hatte, um den weiten Weg damit zurückzulegen. – »So, so?« antwortete der Wirth im Lehnstuhl kaltblütig. »Ja, es geht schlimm in der Welt her.« – Indessen kam seine Frau mit quecksilbrichtem Gange hereingetanzt. – Lise, sprach der Mann, der Herr ist heute Nacht bestohlen worden. – »Bestohlen!« schrie die Frau auf und schlug die Hände über dem Kopfe zusammen. »Ach, daß Gott erbarm! Du gerechter Gott! bestohlen!« – und dabey geberdete sie sich, als wenn sie alle Haare ausraufen wollte. Sie schwänzte zur Thür hinaus: über eine kleine Weile kam sie wieder – »Ueber das Unglück! Du mein Gott und Vater! bestohlen ist er? heute Nacht?« – dann wieder zur Thür hinaus, und in einer Minute erschien sie schon wieder mit den nämlichen 270 Ausrufungen und Verwunderungen: so stattete sie unter unaufhörlichem Laufen ihre Kondolenz zu sechs wiederholten malen ab. Der Mann ließ sich dabey, ohne eine Mine zu verziehen, Herrmanns Geschichte und seine gegenwärtige Lage umständlich erzählen, stund phlegmatisch und stumm auf und gieng. Nach einiger Zeit kam er zurück und sezte sich in den Lehnstuhl. – »Mein Bruder, der Müller,« fieng er an, »fährt gegen Mittag ins nächste brandenburgische Dorf: er will Sie mitnehmen: ich habe izt mit ihm gesprochen. Es ist ein Karren: er will Sie für seinen Sohn ausgeben und dort eine andre Fuhre für Sie ausmachen, wenn sichs thun läßt. Essen Sie erst! Ja, ja, es geht schlimm her in der Welt.« – Herrmann wollte ihn vor Freuden umarmen und schlang schon die Arme um ihn: aber der Mann war eben im Begriffe aufzustehn, und ohne daß er die Höflichkeit verstund, bat er ihn, aus dem Wege zu gehn, weil er Etwas zu essen holen wollte. Er trug auf, und während daß Herrmann sich mit dem Vorgesezten bediente, brachte der Wirth Tinte, Papier 271 undFeder. »Da!« sprach er, »schreiben Sie Ihren Namen und Ihren Geburtsort auf! Wenn wir Ihren Dieb kriegen, sollen Sie Ihr Geld wieder haben.« – Er sprachs und sezte sich in den Lehnstuhl. Herrmann schrieb, der Wirth stund auf, überlas brummend das Blatt, legte es auf den Tisch und sezte sich in den Lehnstuhl: so endigten sich alle seine Handlungen. Der Müller meldete sich, Herrmann wollte bezahlen: der Wirth stand auf und verbat es. – »Reisen Sie glücklich! Nehmen Sie sich künftig besser in Acht! Ja, ja, es geht schlimm her in der Welt« – er sprachs und sezte sich in den Lehnstuhl. »Mann,« schrie die Frau aus der Küche: »hat der Herr auch bezahlt?« – Der Wirth stand auf. »Ja, Lise, ja!« rief er und sezte sich in den Lehnstuhl; und der heilige Bonifacius stieg demüthig auf den Karren und fuhr dahin: so gedemüthigt, so herabgesunken mit Einbildungskraft und Leidenschaft saß er da unter leeren 272 Getreidesäcken, daß in seiner Seele eine völlige Windstille herrschte. Bey der Ankunft in dem Dorfe, wohin sie wollten, erzählte der Müller einem seiner dasigen Herren Kollegen den Unfall, der Herrmannen begegnet war, und bat, ihn bey der nächsten Gelegenheit weiter zu schaffen. Die Erzählung versammelte sehr bald alles, was in der Mühle lebte, um den Unglücklichen, der sich, wie ein fremdes Thier, von allen anstaunen lassen mußte. Der Müller, dem er empfohlen war, versprach ihn einige Tage bey sich zu behalten, wenn er bey ihm vorlieb nehmen wollte, und mit einem Getreidetransporte künftigen Sonnabend geliebts Gott! eine Stunde weit von Potsdam zu schaffen. Es geschah. Der unglückliche Herrmann war über das unerwartete Mitleiden so vieler Leute gerührt, von Dankbarkeit und Freude durchdrungen: aber, aber! daß er Mitleiden nöthig hatte, welche Bitterkeit mischte diese Vorstellung unter seine Freude! Er freute sich über 273 die Güte dieser Leute, und trauerte, daß er sich darüber freuen mußte. An diesem Orte hielt er sich wegen Mangels an Gelegenheit eine ganze Woche auf, und weil er aus Mistrauen in keinem Gasthofe einkehren wollte, wurde er von dem Knechte, der ihn transportirt hatte, in ein Bauerhaus gewiesen, wo man ihn willig aufnahm: aber unglücklicher Weise war die Armuth des Bewohners so groß, daß er seinem Gaste bey dem besten Willen mit nichts als einem Brunnen voll schönen klaren Wassers aufwarten konte. Herrmann ließ also einkaufen, und die ganze ziemlich zahlreiche Familie speiste täglich mit ihm: er wurde durch diesen Umgang so sehr der Herr des Hauses, daß die Kinder nicht zu ihrem Vater, sondern zu ihm kamen, wenn sie hungerten. Oft stand er mitten in der Stube, ein großes Brod in der Hand, sechs baarfüßige Kinder im Hemde oder mit einigen Lumpen bedeckt, um ihn herum, die gierig mit allen Händen nach den abgeschnittenen Stücken langten: wenn er saß, stand zuversichtlich allemal eins zwischen seinen 274 Knien, zuweilen hieng der ganze Haufen an ihm herum. Das Bild der Dürftigkeit, und die Munterkeit, die Zufriedenheit, die Frölichkeit der Kinder und Alten bey allem Elende versezte ihn in eine süße Wehmuth: das Andenken an sein eignes Unglück zog ihn täglich mehr zu diesen Leuten hin: in drey Tagen war er mit so unzertrennlichen Banden an diese Familie geknüpft, daß ihr Wohl und Weh mit dem seinigen eins wurde. Der Hausherr erzählte ihm die ganze Reihe von Unglücksfällen, die seine Armuth allmälich herbeygeführt hatten: seine Felder konten das künftige Jahr nicht bestellt werden, weil ihm der Samen fehlte; und jedesmal war der Schluß seiner Erzählung; wenn ich nur drey Thaler hätte! dann wär mir geholfen. – »Die hab' ich ja,« dachte Herrmann bey sich: er zählte sie dem Manne auf den Tisch. Der Bauer wollte auf die Knie vor ihm fallen, die Hausfrau drückte ihm weinend und dankend mit den schwielichten Händen fast die Finger entzwey, die Kinder erhuben auf das Gebot der Eltern ein lautes Dankgeschrey und stürmten 275 mit ungestümer Freude auf ihn los: die Leute wußten nicht, woher sie Worte nehmen, noch wo sie mit ihrer Dankbarkeit aufhören sollten. Wie wohl dem Jünglinge, der bey einem Vermögen von nicht völligen vier Thalern noch eine Familie auf ein ganzes Jahr und vielleicht auf immer glücklich machen konte, wie wohl ihm da um das Herz ward! Es schlug zum erstenmale wieder lebhaft, es däuchte ihn, als wenn er izt aus dem Nichts hervorgestiegen und ein Etwas geworden wäre, das leben, empfinden und handeln könte: aus dem Auge schlich ihm eine Thräne und durch seine ganze Seele ein wehmüthiger freudiger Schauer. Die Leute erzählten im Uebermaaße ihrer Dankbarkeit seine Wohlthat allen Nachbarn: das Gerücht verbreitete sich weiter, und eins nach dem andern kam an die niedrigen Fenster und guckte herein, um den großmüthigen Jüngling zu sehn: wohin er nur sah und hörte, waren ein Paar Augen auf ihn gerichtet, oder ein Paar Lippen zu seinem Lobe offen. Nun war seine Einbildungskraft und seine ganze Thätigkeit wieder emporgeschraubt, 276 sein niedergeschlagnes Gemüth wieder erhoben: er fühlte sich bey achtzehn baaren Groschen als den glücklichsten Menschen der Erde. Aus Erkenntlichkeit erbot sich der Bauer, ihn nach Berlin vollends zu bringen, wenn er den Weg zu Fuße machen wollte: er entschloß sich dazu und langte zwar mit völlig leeren Taschen, aber doch mit einem Herze voller Zufriedenheit an Ort und Stelle an. 277   Fünftes Kapitel. Da war er nun in dem großen schönen weiten Berlin! wie in einem großen Walde verirrt! verloren in den unendlichen Straßen! fragte jeden Augenblick nach der Wohnung des Kaufmanns, an welchen er adressirt war, ließ sich nebst seinem Begleiter die Marschrute aufmerksam vorzeichnen, und wenn er fünf Minuten gegangen war, weg war die ganze Landkarte! So irrte er durch die Straßen quer und längs hindurch, und so oft er fragte, war er falsch gegangen: ein Bursch erbot sich, ihn für eine Erkenntlichkeit zurecht zu weisen: zu seiner Herzensfreude entdeckte er noch einen verkrochnen Groschen im Winkel der Tasche, und nun war ihm geholfen. Bey einer Wendung um eine Ecke sah er sich nach dem Bauer um, der ihm bisher mit vielen Beschwerden über das harte Pflaster langsam nachtaumelte: aber er war verschwunden, blieb verschwunden, und er allein weis, wie er wieder nach Hause gekommen ist. 278 Der Kaufmann hatte vor vielen Wochen schon auf den neuen Lehrburschen gehoft, verkündigte ihm, daß er Schwingern nur versprochen habe, ihn auf ein halbes Jahr zur Probe anzunehmen, und stellte ihm ein Packet Briefe zu, das lange schon seine Ankunft erwartet hatte. Wie verändert war abermals die Scene! Ein enges Kämmerchen, keine Stube, nahm ihn ein: wie war der große Herrmann, der jüngst auf den Schwingen des Ruhms nach Berlin eilte und sich noch vor einigen Tagen von der Bauerfamilie, wie einen Gott, angebetet sah, wie war der große Mann abermals gesunken! So gütig sein neuer Herr sich gegen ihn bezeigte, so sprach er doch im Tone des Herrn mit ihm: traurig schlich der gedemüthigte Jüngling auf gegebne Erlaubniß in die warme Stube des Dieners und las mit beklemmender Empfindung seine Briefe. Schwinger, der das Packet besorgt hatte, meldete ihm, daß er dem Grafen und der Gräfin seinen Aufenthalt in Berlin habe verhelen und sich stellen müssen, als ob er von ihm nichts wüßte, um sich nicht ihren Unwillen zuzuziehn. 279 – »Sie sind so sehr wider dich erbittert, sagte er, daß sie auch mich als deinen Mitschuldigen hassen würden, wenn sie erführen, daß ich mich deiner annehme. Ungerufen geh ich izt niemals auf das Schloß, weil ichs doch nie ohne Betrübniß und Aerger wieder verlassen kan: so wenig ich mich also um die innern, immer fortwährenden Unruhen desselben bekümmere, so weis ich doch für gewiß, daß dem Graf ein Brief von der Oberstin aus Dresden in die Hände gefallen ist, worinne die Flucht der Baronesse erwähnt wurde, und daß er die Gräfin gezwungen hat, ihm den ganzen Verlauf umständlich zu erzählen. Seinen Zorn und die Leiden der armen Gräfin kanst du dir leicht vorstellen – denn dein lezter reuvoller Brief läßt mich vermuthen, daß du wieder einer vernünftigen Vorstellung fähig bist. – Der Zorn, und ich möchte fast sagen, die Wuth gieng bey dem Grafen so weit, daß er Anstalt machte, dich in Dresden in Verhaft nehmen zu lassen und eine exemplarische Strafe wider dich auszuwirken: wenn du also, meinem Rathe gemäß, zu der von mir 280 bestimmten Zeit nach Berlin gegangen bist, so hast du eine Schande vermieden, die dir nach deiner Denkungsart äußerst empfindlich seyn müßte. Ich zittre für dich, lieber Freund, wie ein Vater für sein Kind, so lange ich über diesen Punkt keine Gewisheit von dir habe. Den Aufenthalt der Baronesse hat die Oberstin ausgekundschaftet, und man wird nächstens unfehlbare Maasregeln ergreifen, sie in Sicherheit zu bringen, wenn es nicht schon geschehen ist. Also, lieber Freund! wenn du nicht durchaus dein Unglück willst, so laß dich nicht gelüsten, in deine Thorheit zurückzufallen; und wenn Ulrike mit dir in Einem Hause wohnte und aus Einer Schüssel äße, so verschließe deine Augen! Wache über dein Herz! Laß ihm nicht Eine Minute lang den Zügel schießen! es reißt gewiß mit dir aus, wenn du ihn nicht beständig straff anziehst. Entsage lieber dem Vergnügen alles weiblichen Umganges! habe den Muth, den Beifall der Frauenzimmer zu entbehren! Besser ist dirs, ein Dummkopf oder ein trockner kalter blödsinniger Mensch von ihnen gescholten zu 281 werden, als daß dich eine verliebte Bethörung für einige Augenblicke Vergnügen zeitlebens unglücklich macht. Du kennst nunmehr deine Stärke und Schwäche: nütze diese Erfahrung! Noch eine Nachricht will ich dir, statt einer Belohnung für die Besiegung deiner selbst und für deine Rückkehr zum vernünftigen Verhalten, geben; und warum sollte es nicht für den beleidigten ehrlichen Mann eine Erstattung des erlittnen Unrechts seyn, zu sehen, daß seine Feinde sich selbst strafen? Jakob, unser Aller Verfolger, ist mit seinem Vater in die größte Uneinigkeit gerathen: sie haben sich über einen kleinen Vortheil entzweyt, den sie sich bey dem Verkaufe einiger Kostbarkeiten zur Schuldenbezahlung des Grafen machen wollten oder gemacht haben: jeder glaubte von dem Andern an seinem Antheile verkürzt zu seyn. Im ersten Zorne entdeckte der Vater dem Grafen die Spitzbübereyen des Sohns, und der Sohn rächte sich durch ähnliche Entdeckungen am Vater: das Blut starrt mir in allen Adern, wenn ich die Betrügereyen, Bosheiten und Schelmenstreiche 282 höre, die bey dieser Gelegenheit herausgekommen sind und noch täglich herauskommen. Sie haben unstreitig das meiste zum Ruine des Grafen beygetragen, der seine Gläubiger durch die Bezahlung einiger Posten besänftigt hat: aber ich fürchte, sie sind nur auf einige Zeit besänftigt: doch läßt sich wenigstens hoffen, daß diese Besänftigung von längerer Dauer seyn wird, wenn sich der Graf überwinden kan, jene beiden Bösewichter von sich zu schaffen. Man arbeitet aus allen Kräften daran, und der Vater ist sogar in gerichtliche Untersuchung gerathen: aber der Sohn, der izt bey kälterm Blute den Schaden einsieht, den sie sich durch ihre beiderseitige Unbesonnenheit zugezogen haben, giebt sich unendliche Mühe, den Grafen zur Aufhebung der Inquisition zu bewegen; und seine Mühe wird ihm zuversichtlich gelingen; denn die Untersuchung wurde nur im Anfalle der ersten Hitze anbefohlen, und der Stolz des Grafen, wenn der Zorn vorüber ist, erträgt lieber den Verlust seines ganzen Vermögens, als daß er durch die Bestrafung eines offenbaren Diebes das 283 Bekenntniß ablegen sollte, er habe sich geirrt und sein Vertrauen einem Unwürdigen gegeben. Inzwischen ist doch zur Erniedrigung unsrer Feinde so viel geschehen, daß der Vater die Oberaufsicht über die Herrschaft verloren hat und in Pension gesezt werden soll. Auch mir hat der Habsüchtige, wie es sich nunmehr erweist, seit Ulrikens Abreise von hier die Hälfte meines Gehalts entzogen: ich wußte diese Verringerung zwar und ertrug sie gelassen, weil sie mir der Betrüger auf vorgeblichen Befehl seines Herrn ankündigte: allein der Graf hat sich nie so einen Befehl einfallen lassen, und die ohne sein Wissen abgezogne Hälfte hat jener Elende, der diese Auszahlungen besorgte, an sich gerissen und in der Rechnung verfälschte Quittungen untergeschoben. Fräulein Hedwig hat ein gleiches Schicksal erlitten. Was mich am meisten kränkt, ist der Betrug, womit er deinen Vater hintergangen hat: nach der Verordnung des Grafen sollte er nach seiner Absetzung sein ganzes Salär behalten, bis er eine andre Versorgung fände: allein der gewissenlose Siegfried sezte ihn auf 284 den vierten Theil herab, der so wenig betrug, daß deine Eltern nicht ohne Noth davon leben konten: auch hier hat er sich durch verfälschte Quittungen geholfen. Hätten deine Eltern nicht bey einem herrenhutischen Leinweber, einem alten Freunde deines Vaters, Schutz gefunden, so wären sie nicht sicher vor dem Mangel gewesen. Ihre eignen Briefe, die ich dir hier übersende, werden dich vermuthlich näher davon belehren, u. s. w.« Der erste unter diesen Briefen, den Hermann erbrach, war von seiner Mutter. »Got zum Krus herzgelibtes Kint, liber son wir sint alle gesunt unt frelig in dem liben Heiland, megte wol wisen wo Du Stikst hast so lange nicht geschriben und uns allen so weh nach tir Gemacht, Ich unt Dein fater sind forigen Monad von einen kristligen leinwäwer zu unsern liben Heilant bekert unt haben diesen Monad als 285 am ersten huigu us zum erstenmale das heilige Liebesmal gehalten. winschen von Herzen das der libe heilant dich bald nachholen mege, bereie deine Sinden libes Kint, unt schlag an teine Prust, teinen fater wars nicht recht lustig di weld zu ferlasen und den liben heilant anzuzin, Wir haben dem Alten starkop was rechtes zugerett, ta lachte uns der hellenbrant aus das wir in bekeren wolten der kristlige leinwäber unt ich, unt hat geflucht das der kristliche Leinwäber in nicht mer im hause leiten wolte Er hat Dir geflucht libes Kint das einem grin und Gälb vor den Augen wurte. ta bädte der kristliche leinwäber so fil das mein gotloser man das kalde fiber krigte das schittelte ihn das ich nicht andersch tachte als er wirte in seinen sinten dahinfaren libes Kint s hat in geschitelt wol ellenhoch unt in der Hitze hing im di Zunge armsticke zum halse heraus und er hat ausgestanten wie ein Fich ( Vieh ) ach ta lernte er gar balt den liben Heilant erkennen und hat sich bekert unt ist widergeboren man sit seinen spektakel an ihn weil er fon dem garstigen fiber noch so elent aussicht 286 libes Kint, sick tich for unt tue buse, s sind gar ser schwäre Zeiten. Der kristlicheLeinweber bätt alle Dage for dich das der libe heilant auch balt iber dich kommen mege, der her Hofmeister Schwinger hat uns gar ser ankst gemacht als wen tu werst verfallen in sintliche liste unt fleischeslust unt das er nicht sagen tirfte wo tu werst, las tich ja nicht fom satan blenden das tu dich verlibst unt lose Streiche machst wir werten uns wol in tisem leben nicht witer sehn bis wir alle heimgegangen ( gestorben ) sint Deine getreie Mutter bis in den Dod A. M. P. Herrmannin .        Aeben erfaren wir das tu in Perlin bist, ta wars nicht anters als wen mir gemand eine rechte terbe Maulschelle gebe ta ich das las ins Herrn Hofmeister Schwingers Brife ach tu liber son da habe ich mich recht gekrämt das tu an einen so garstigen Orte bist. ter kristliche Leinwäber hat mich noch getrest er sagte s weren ser fil Widergeborne unt fromme Briter dort di tich zu dem liben Heilante bekeren 287 wirten, das wünschen wir tir von Herzen Amen. Endlich zeigte sich auch ein Briefchen vom Vater, so zitternd und unleserlich geschrieben, daß man jedem Zuge das Fieber ansah. Heinrich, »Mein kaltes Fieber und meine Nille haben mich so lange geplagt, bis ich ein Herrenhuter geworden bin: aber ich werde es wohl nicht lange treiben. Des Kopfhängens und Pimpelns und Seufzens bin ich nach gerade überdrüßig: fluchen und reden darf ich auch nicht, wie ich will: wenn mir nur einmal so ein kleines »Hol mich der Teufel!« über die Zunge fährt, so schreyn sie gleich alle auf mich zu, als wenn das Haus brännte. Es ist ein rechtes Hundeleben, wenn man nicht reden darf, wie einem der Schnabel gewachsen ist: aber ich muß freilich ein Uebriges thun und mir das Maul verbinden lassen, sonst 288 jagt mich der Leinweber zum Tempel hinaus: alsdann kann ich mich in den Schnee legen und an den Fingern saugen, wenn mich hungert. So lang es noch Winter bleibt, seh ich nur wohl das fromme Leben mit an: sobald ich aber die erste Schwalbe wieder höre – heyda! fort mit mir! dann werd ich wieder der alte Adam. Man kan ja des Guten auch zu viel thun: der Leinweber betet den ganzen Tag mit meiner Nille. Ihr Leute, sag ich immer, ihr fallt ja unserm Herr Gott recht beschwerlich: das nennen sie eine Gotteslästerung: du bist noch nicht wiedergeboren, lieber Bruder, sprechen sie: wir wollen beten, daß der liebe Heiland bald über dich kommen möge. Zu allem dem Gikelgakel muß ich nun schweigen, als wenn ich aufs Maul geschlagen wäre. Aber kurz und gut! sobald die Schwalben fliegen. laß ich meine Nille bey dem Leinweber sitzen und komme zu dir nach Berlin: da mögen sie mit einander pimpeln und seufzen, so viel sie wollen. Lebe wohl. A. C. Herrmann .        289 Herrmann beantwortete diese Briefe unverzüglich, meldete Schwingern den erlittenen Verlust, doch mit sorgfältiger Verschweigung seines Bekehrungsprojektes, stattete auch dem Doktor Nikasius und seiner Ehefrau von der Dieberey des Magister Wilibalds getreuen Bericht ab und versicherte, daß ihn der schändliche Bösewicht verleitet habe, Dresden heimlich zu verlassen, wozu er sich außerdem nie entschlossen hätte: zugleich bat er um Uebersendung seiner zurückgelassenen Habseligkeiten, welche auch ein paar Posttage darauf erschienen, nebst diesem Briefe vom Doktor Nikasius. Dresden, den 6. Jan.                 Wohlehrsamer, Werthgeschätzester lieber Freund, Nachdem Dieselben in einem Schreiben de dato 28 Decembris a. c. schriftlich an mich gelangen lassen, wasmaßen Dieselben Dero mobilia von Dresden nach Berlin mit der ordinären Post bringen zu lassen gewillet sind und dannenhero um die Verabfolgung gedachter Ihrer 290 mobilium geziemend angesucht: als habe nicht ermangeln wollen, solche durch meinen Bedienten, Johann Friedrich Hartknoch, in Dero mit Seehund überzogenen Kuffer getreulich einpacken und verwahren zu lassen. Welchergestalten nun Dieselben nur berührte mobilia benebenst diesem meinen ergebensten Schreiben verhoffentlich erhalten werden, als bitte mir über den richtigen Empfang derselben schriftliche Nachricht aus: wie denn auch Dieselben in vorbemeldetem Dero Schreiben beyzubringen beliebt, wie der S. T. Herr, Herr Magister Wilibald Dero sämtliche bey sich habende actiua an sich zu nehmen und mit denenselben ab und von dannen zu gehen sich nicht entblödet, absonderlich auch sich nicht nur propter dolosam rei alienae ablationem eines Diebstahls schuldig gemacht und durch sein hinterlaßnes Schreiben handschriftlich angeklagt, sondern auch Dieselben per simulationem amicitiae schändlich und lästerlich hintergangen: solchemnächst will denn nun meine theure Ehegattin allen dergleichen und sonstigen Anschuldigungen als Verunglimpfungen seines ehrlichen 291 Namens und anmaßlichen Beschönigungen anderweitiger selbsteigner Zersplitterung Dero bey sich habenden Geldes keinen Glauben angedeyen lassen, inmaßen denn sie dem Herrn Magister beständig als einen gottesfürchtigen und wohl conduisi rten Candidatum gekannt und befunden. Der ich nebst freundlichem Gruß von meiner Ehe-Liebsten mit geziemender Liebe und Inclination allstets verharre Meines werthgeschätzten lieben Freundes gutwillig geneigter Freund und Diener D. F. M. Nicasius.         Da der Doktor Schwingern seines Freundes heimliche Abreise von Dresden sogleich gemeldet hatte, erschien schon wieder ein nachdrücklicher Verweis von diesem äußerst besorgten Manne, daß sich Herrmann später, als er sollte, wegbegeben und in eine so verdächtige Reisegesellschaft eingelassen hatte: doch freute er sich, daß die Abreise nicht weiter war hinausgeschoben worden, weil ihm Nikasius geschrieben, daß 292 man ihren gemeinschaftlichen Freund auf Ansuchen des Grafen Ohlau gefänglich habe einziehen und verhören wollen. Herrmann freute sich nicht weniger, einer so nahen Gefahr, obgleich mit Verlust seiner ganzen Baarschaft, entgangen zu seyn, und erblickte mit ungemeinem Vergnügen im Briefe einen Louisdor, den ihm Schwinger zur Schadloshaltung für den Diebstahl schickte. Sonach war nun Herrmann von allen Seiten glücklicher, als er vermuthete, aber nur nicht so glücklich, wie er wünschte. Die Unterwürfigkeit und der Gehorsam eines Lehrburschen, so sehr beides gemildert wurde, war für ihn eine bittere Speise. Befehle anzunehmen und auszuführen, that ihm nicht sonderlich weh: Verweise schmerzten ihn schon mehr und oft bis zur tiefsten Verwundung: doch wäre alles dies noch erträglich für ihn gewesen, nur seine Lage wurde es täglich weniger: das Licht, in welchem er sich und seine Beschäftigungen sah, die enge kleine Sphäre, wo er unter allen war, die ihn umgaben, wo er dienen , selten ein kleines Lob wegen einer geringfügigen 293 Verrichtung, worauf er sich so wenig zu gute thun konte als auf Essen und Trinken, und niemals Ehre erwerben sollte – diese so eingeschränkte, aus Kleinigkeiten geheftete Thätigkeit machte abermals seine ehrbegierige Seele unmuthig, unzufrieden mit sich und den Dingen um ihn. Eigennuz und Begierde nach Gewinn waren bey ihm unendlich klein und in Vergleichung mit seinem Ehrgeize fast so gut als gar nicht da: Kaufmannsgeschäfte mußten also unter allen für ihn die geringste Anzüglichkeit haben: mit einem Worte, er war izt ein eben so schlechter Kaufmannsbursch als vor dem Jahre ein schlechter Schreiber. Immer zerstreut, in Gedanken, verdrießlich stand er da, hörte nicht eher als zum zweiten oder drittenmale, wenn ihm sein Herr etwas befahl, that jedes Geheiß mit Verdrossenheit und begegnete Niemandem freundlich, der in den Laden kam. An andern teutschen Orten hätten ihn seine Kameraden den Träumer genannt, doch hier hieß er bey Jedermann vom Herrn bis zur Kindermagd – Herrmann le misanthrope , und jeden Augenblick wurde er 294 ermahnt, nicht so pensif zu seyn. Trotz aller Ermahnungen blieb er es, und seine Tiefsinnigkeit vermehrte sich sogar, weil sich bey einer so großen Leere in seinem Herze, bey so geringer Thätigkeit und so wenigen Beschäftigungen für andere Leidenschaften, die Liebe wieder zu regen anfieng: an Ulriken erlaubte er sich zwar nur mit Schüchternheit zu denken: er wünschte und wünschte, daß er sie lieben dürfte, aber ein Kaufmannsbursch und eine Baronesse! Je mehr ihm dieser Abstand einleuchtete, je mehr fühlte er freilich, daß es Nothwendigkeit und Klugheit sey, dieser Liebe zu widerstehen, je mehr schien es ihm thöricht und gefährlich, sie wieder aufwachen zu lassen. Zudem wußte ja Graf und Gräfin Ulrikens Aufenthalt, wollten sie auffangen lassen, und vielleicht war sie schon längst wieder bey ihnen auf dem Schlosse und mußte sich mit Vorwürfen und Mishandlungen peinigen lassen: sie war so gut als verloren. Gar nicht zu lieben, wie Schwinger von ihm verlangte, das war hart und bey seinem Charakter und seiner innern und äußern Verfassung unmöglich: eine andere zu lieben, als Ulriken, 295 das war noch härter: wenn sich ihm auch die leibhafte Venus dargeboten hätte, wäre ihre Wirkung doch unter dem Eindrucke gewesen, den die Baronesse eine so lange Reihe von Jahren hindurch ihm einprägen mußte. »Es ist keine Schönheit mehr in der Welt,« sagte er sich an einem Morgen, als er sich seine Schürze vorband, sezte sich auf das Bett und lehnte sich an das Fußbret. »Es ist keine Schönheit mehr in der Welt, garnichts, das mein Herz nur mit Einem Zucke schneller bewegte. Da zeigt mir bald der Diener, bald mein Kamerad ein Gesicht: ach, rufen sie, welche Schönheit! welcher Wuchs! welcher Gang! – Ich sehe mir nichts daran, worüber ich mich nur mit einer Fingerspitze freuen könte. Es ärgert mich in der Seele, daß die Leute allenthalben so viel Vergnügen finden, und ich muß so trocken dabey stehn und mich ausschimpfen oder verachten sehen, daß mir gar nichts gefällt. Hier liebäugelt der Diener mit einem vorbeygehenden rothen Pelze, des Abends hör' ich ihn, wenn er mich auf der Stube bey sich duldet, von 296 einer blauen Pelzsalope erzählen, die er vorigen Sonntag geführt, gestreichelt, geliebkost, die mit ihm gelacht, getändelt, gegessen, getrunken, getanzt hat. Da schäkert in der Schreibestube mein Herr mit einem Mädchen: sie lachen und sind so vergnügt, so entzückt, als wenn sie gar nichts vom Kummer wüßten: werd' ich in die Stube geschickt, so find' ich auf dem Kanape die Frau mit einem jungen Franzosen: wenn sie mir nur den Gefallen thäten und sich vor mir scheuten! aber nein! mit verschlungnen Armen, lachend und tändelnd sitzen sie da: alles liebt rings um mich her, alles darf lieben, alles wird geliebt, nur ich, Elender, allein, ich darf nicht, ich kan nicht. – Das Schicksal drückt mich mit schwerer Hand danieder, daß ich kaum athmen kan: ich soll mich unter seinem Drucke langsam zu Tode arbeiten. Ich soll die einzige Schönheit, die es auf der Erde für mich giebt, erkennen, fühlen, ihr Bild in der Seele mit mir herumtragen, vor Augen schweben sehn, in Gedanken mit ihm reden, es umarmen, liebkosen, alle Ergießungen des Herzens, alle Wonne, alles Sehnen der Liebe dabey empfinden; und 297 wenn ich Unglücklicher die Arme zuschließen, mein Glück ergreifen will, dann ist es ein Schatten, eine Idee, ein Gedanke, den ich liebe, und mit meinen Armen faße ich Luft. – Nie, nie hoff' ich Ulriken wiederzufinden, nie mich ihr nähern zu dürfen:– aber wie müßt' es nur seyn, wenn ich sie widerfände? wie nur, wenn wir uns Tag für Tag sehen, frey und ohne Zwang sprechen, ohne Furcht lieben dürften? – Das ist für mich ein so unbegreiflicher, so unvorstellbarer Zustand wie die Freuden der Seligkeit. Er schwebt mir im Gehirne, wie in einer dunkeln Ferne: gleich einer Sonne durch Nebelwolken strahlt dies überschwengliche Glück aus der Ferne daher: ich strebe mit allen Gedanken und Empfindungen nach ihm hin; aber wer kann die Sonne über seinem Scheitel erreichen?« – Sein Selbstgespräch hatte ihn so lange beschäftigt, daß er einen Theil seiner Pflicht darüber versäumte: weil er zu lange über die bestimmte Zeit nicht im Gewölbe erschien, kam sein Kamerad, rief ihn und störte den Lauf seiner trüben Gedanken. 298 Kaum eine Viertelstunde hatte er mit seiner gewöhnlichen Träumerey dagestanden und saumselig einige aufgegebne Geschäfte verrichtet, als der Herr, ein Porträt in der Hand, in den Laden kam. Er stellte es hin und fragte alle Anwesende, ob Jemand ein Frauenzimmer in Berlin gesehn habe, das diesem Porträte ähnlich sehe. Herrmann erschrak, ließ seine Arbeit auf die Erde fallen und trat so dicht an das Bild als wenn er es verschlingen wollte: er erkannte es bey dem ersten Blicke für Ulrikens Porträt, das in der Gräfin Zimmer über dem Sofa hieng: Rahmen, Aehnlichkeit, Größe, alles traf ein. »O,« fieng der Diener an und sahe starr hin, »die hab' ich oft gesehn.« »Wo? wo?« rief Herrmann entzückt. Der Kaufmann sah ihn an und lachte. »Kennst du das Frauenzimmer?« fragte er. »Nein – nicht recht – ein klein wenig!« antwortete Herrmann und blickte seinen Herrn geheimnißvoll an, als wenn er ihn fragen wollte, ob er sich entdecken dürfte. »Ja, es ist wahr,« fuhr der Kaufmann fort: »du mußt sie kennen: sie ist ja aus deiner 299 Vaterstadt. Wer sie unter Euch zuerst sieht und auf meine Stube bringt, der hat zehn Dukaten verdient. Es ist ein liederliches Mädchen« – »Glauben Sie das um des Himmels willen nicht!« unterbrach ihn Herrmann ereifert: doch hurtig besann er sich, daß er sich so verrathen könte, und sezte deswegen, um den gemachten Fehler zu verbessern, kaltblütig hinzu: »Ich dächte nicht, daß sie liederlich aussähe.« »Meinetwegen mag sie aussehn, wie sie will!« fiel ihm der Kaufmann etwas heftig ins Wort. »Sie ist ihrem Onkel, dem Grafen Ohlau, durchgegangen; und er hat mich gebeten, sie ihm zu überschicken, wenn ich sie finde; und weil er mein speciell guter Freund ist – ich hab ihm manche hundert und wohl tausend Louisdore verschaft – so kont' ichs ihm nicht abschlagen. Wer sie auf meine Stube schaft, kriegt zehn Dukaten: aber die Sache muß heimlich betrieben werden.« Der Diener versicherte, daß er sie wohl tausendmal unter den Linden und im Thiergarten gesehn habe; sie sey in einem gewissen 300 öffentlichen Hause, das er auch nennte, und wo er sie ehestens suchen wollte. Herrmann war des Todes über diese unglückliche Nachricht und fragte den Diener, so oft er ihn müßig sah, ob sie gewiß in einem öffentlichen Hause sey, daß der Andre endlich des Fragens müde wurde und es auf immer untersagte. Freude und Glück war es genug, daß er izt selbst den Auftrag bekam aufzusuchen, was er so lange gern gefunden hätte: aber das verdammte öffentliche Haus! das versezte seiner Freude so einen empfindlichen Schlag, daß sie einen großen Zusaz von Angst, Besorgniß, Eifersucht und verachtendem Widerwillen gegen Ulriken bekam. Er gieng wie vor den Kopf geschlagen herum. 301   Sechster Theil. Erstes Kapitel. Freilich nur mit halber Freude, und mehr aus Neubegierde, ob die verdächtige Nachricht gegründet sey oder nicht, befolgte Herrmann den Auftrag seines Herrns getreulich und nahm jedesmal seinen Weg, wenn er ausgeschickt wurde, durch die Lindenallee, sollte auch der Umweg eine Stunde betragen: er sah niemals ein Gesicht, das Ulriken mit Einem Zuge glich. Der Diener war in seinem Suchen nicht glücklicher und brachte seinem Herrn jeden Morgen die Nachricht, daß die Nimfe schon versprochen gewesen und ihm nicht zu Theil geworden sey. Herrmann knirschte jedesmal mit den Zähnen, wenn so eine Nachricht überliefert wurde. Seine Unruhe ängstigte ihn Tag und Nacht: sie ließ ihn nicht zwo Minuten auf Einem Flecke 304 stehen oder sitzen, und des Nachts wälzte er sich von einer Seite zur andern und suchte den Schlaf, ohne ihn auf lange Zeit zu finden. Er bat sich von seinem Herrn die Erlaubniß aus, die zehn Dukaten zu verdienen und die Schauspielhäuser zu durchstreichen: der Kaufmann, dem er im Gewölbe ohnehin entbehrlich schien, und der auch schon beschlossen hatte, sich zu Ende der Probezeit seiner zu entledigen, verstattete ihm ohne Weigerung seine Bitte. Mit der Empfindung eines Staatsgefangnen, der sein Urtheil erwartet und beinahe gleich wahrscheinlich Tod und Leben hoffen kan, wanderte Herrmann aus. Sein erster Besuch im teutschen Schauspielhause lief fruchtlos ab: den folgenden Tag rüstete er sich mit einer Lorgnette und machte im französischen Schauspiel einen Versuch: man spielte Racinens Berenice. Er hatte auf dem Schlosse des Grafen hinlängliche Kenntniß der Sprache erlangt, um alles zu verstehen, was er hörte; und die große Ursache, warum er nichts verstund, war keine andere als weil er blos sah und nicht hörte, wenigstens nur 305 hie und da einen Vers, der ihm noch aus der Lektüre geläufig war und zufälliger Weise izt auf sein Trommelfell fiel: sein Kopf war unaufhörlich nach den Logen gerichtet, und jedes Damengesicht, das erschien, mußte sich Zug für Zug untersuchen lassen, ob nicht einer darunter sey, der ihm Aehnlichkeit mit Ulriken gebe. Der Vorhang fuhr rauschend in die Höhe: noch war keins gefunden, das ihr gehören konte. Das schnurrende Geräusch der Zuschauer verstummte, das Orchester schwieg: ein langer baumstarker Antiochus in rothseidnem Mantel, mit einem schwankenden Busch Gänsefedern auf dem papiernen Helme, marschirte in abgemeßnen Schritten, die Arme, gleich den Henkeln eines Blumentopfs, majestätisch in die Seiten gestemmt, durch den gewölbten Portikus daher: ihm folgte im gelben blumenreichen Mantel ein kurzer untersezter Arsaz , von unten bis an den Gurt der schwarzsammtnen Beinkleider ein Franzose, vom Nabel bis zum Ende des befiederten Kaskets ein altgriechischer Bastard. »Hier laß uns stehn!« 306 huben Ihro Majestät an; und sie stunden. Der König lehrte seinen Vertrauten die Geographie des Palastes und machte ihn besonders mit den zwo Nebenthüren bekannt. Nachdem er so die Landkarte verzeichnet hatte, befahl er ihm, zur Königin zugehen, ihr einen schönen Gruß zu vermelden und höflichst zu bedauern, daß ihr der König wider seinen Willen beschwerlich fallen und sich eine geheime Unterredung ausbitten müßte. Arsaz , der ehemals in Languedok Hecheln verkauft hatte, trat einen Schritt zurück und verwunderte sich mit dem lauten Geschrey seines vormaligen Gewerbes, wie ein so großer König in einem so hübschen rothen Mantel einer Königin beschwerlich fallen könte, deren Liebhaber er sonst gewesen wäre. »Ob sie gleich die künftige Gemahlin des Titus ist,« rief er, »Setzt dich ihr Rang von ihr unendlich weit hinweg?« Herrmann, dem die lautgekreischte Frage die Ohren erschütterte, glaubte nicht anders als daß sie der Schauspieler seinetwegen gethan habe, 307 und wiederholte seufzend den Vers einigemal in Gedanken. Antiochus war unterdessen vom Vertrauten allein gelassen worden und unterhielt sich deswegen mit sich selbst »Werd' ich ihr ohne Zittern sagen können: »Ich liebe Dich! »Nein, ach! ich zittre schon! Mein wallend Herz »Scheut diesen Augenblick so sehr als ich ihn wünschte. Herrmann stuzte: der Mann hatte ihm seine Empfindung aus dem Herze gestohlen. Nicht weniger, als er wünschte, Ulriken widerzufinden, fürchtete er, sie verführt, ungetreu, auf immer seines Hasses werth wiederzufinden. »Entfernt von ihren Augen, will ich sie »Vergessen und dann sterben! »Ja, wer es könte!« dachte Herrmann. »Wie? soll ich stets in Qualen seufzen, »Die sie nicht kennt? stets Thränen weinen, »Die sie nicht fließen sieht? Die Verse wurden so ganz mit seiner Empfindung gesprochen, daß er sich nicht von ihnen losreißen und kein Wort mehr von dem übrigen 308 Monologe hören konte: die ganze folgende Unterredung mit dem Vertrauten war ihm unleidlich, widrig, langweilig; denn sie enthielt kein Wort, das auf seinen Zustand paßte: er gähnte und mochte die langweiligen Schwätzer vor Verdruß nicht einmal ansehn. »Die Königin erscheint, rief Antiochus auf dem Theater: es kam auch wirklich eine dicke rothgetünchte Königin im Fischbeinrocke und Goldstoffe, sehr zierlich en coeur frisirt, eine Milchstraße von funkelnden Steinen, wie Sternchen, quer über den hochgethürmten Haaren, gravitätisch dahergeschritten: aber Herrmann würdigte die vergoldete Majestät keines Blickes, denn er hörte eben das interessantere Knarren einer sich öfnenden Logenthür und sah eine interessantere Königin im rothen Pelze hereinkommen. Sie brachte ein junges Frauenzimmer von sechs oder sieben Jahren mit sich, dem sie einen bequemen Platz zurechte machte: indem fragte man sich im Amfitheater hinter und vor Herrmanns Sitze: wer ist das? – »Es ist die Guvernante bey der Fräulein Troppau,« antwortete Jemand. Sie hatte während ihrer 309 Beschäftigung mit dem Niedersitzen der Fräulein ihr Gesicht beständig niederwärts gebeugt, und sah itzo erst sich in der Versammlung um. – »Eine hübsche Phisionomie!« sagte hier einer, der sie lorgnirte – »Eine artige Figur!« sprach dort ein Anderer, der durch einen Gucker sah. – » Ah! « versezte ein Dritter und zog jenem ungeduldig den Gucker vom Auge weg » Pardi! eine sehr interessante Phisionomie! große schwarze Augen, voller Feuer! ein frisches Teint!« – » Ah ça! « fieng ein grauhaarichter rothbackichter Franzose an, der schon lange mit seinen alten Augen unter den silbernen Augenbramen hinaufgeblinzelt hatte, » donnez! « und langte nach dem Gucker. Voulez-vous voir, Monsieur? fragte der Andre und überreichte langsam das Sehinstrument. » Diable! « rief der Alte so laut, daß alle Köpfe nach ihm herumfuhren, » voilà une jolie petite gueuse! - Voiez! fieng der begeisterte Alte nach einem Weilchen wieder an und stieß seinen Nachbar. Quel sourire! elle a un trait de malignité, cette petite coquine « – und jeden Augenblick wischte er mit begieriger Eilfertigkeit den Gucker 310 an der Manschette ab und schalt das fatale Instrument, daß es den Blick trübte, wiewohl seine Augen trüber seyn mochten als der Gucker. » Elle me charme! « rief der Alte ganz außer sich vor Entzücken und zappelte mit den Füßen. – Voudriez-Vous bien l'avoir? fragte sein Nachbar lachend. – » Je Vous dis Monsieur, « antwortete der Alte, zitternd vor Vergnügen, » que c'est un excellent morceau. « – Permettez! schnarrte ihm ein junges gepuztes Männchen, das schon lange in allen Taschen nach seinem Fernglase vergeblich gesucht hatte und sich doch schlechterdings die Schande nicht anthun konte, mit bloßen Augen zu sehen, über die Schultern herüber, riß ihm den Gucker aus der Hand und sah hin. C'est und Allemande? fragte er: man bejahte es. Elle passe, sprach er mit kritischer Kaltblüthigkeit und gab den Gucker zurück. – » Comment! « rief der Alte und drehte sich ereifert nach ihm um: »was finden Sie an ihr auszusetzen? so eine artige runde Stirn! Ich sage Ihnen, die mediceische Venus hat kein artiger Kinn: und der kleine lächelnde Mund! diese spirituelle 311 Mine! Ich sage Ihnen, ich kan kein schöner Gesicht mahlen, und wenn Sie mich wie ein Prinz bezahlen. Les parties et l'Ensemble - je Vous dis, Monsieur, qu' elle est delicieuse. « Während dieses Zankes verschlang auch Herrmann die Schönheit, die er betraf, mit den Augen, und um so viel begieriger, weil ihn jeder Blick mehr bestätigte, daß es Ulrike sey. Die Gleichheit war so vollkommen, daß ihr auch nicht ein Zug fehlte: er hatte sie zwar nunmehr über ein Jahr nicht mit ruhiger Aufmerksamkeit gesehn, und das Gesicht mußte seit seiner Abreise aus seiner Vaterstadt einige beträchtliche Veränderungen gelitten haben, wenn sie es seyn sollte. Er hätte dem französischen Mahler, als er ihre Schönheit so lebhaft vertheidigte, mit beiden Fäusten wider den jungen Laffen, der sie nur leidlich fand, beystehen mögen. Sie war ihm tausendmal reizender als sonst: eine Gottheit mußte sie mit neuen Annehmlichkeiten belebt haben: ihr Blick zog das Herz in die Höhe, wie die Sonne den Abenddunst. Bey allem Lächeln 312 ihres Mundes schien ihm geheime Betrübniß aus ihrem Gesichte zu sprechen: – »Ganz natürlich!« dachte er, »sie weis nicht, wo ich bin; weis nicht, daß wir nur um einen Blick von einander getrennt sind!« – Izt lenkte sich ihr Auge nach seinem Platze hin: indem erschallte vom Theater »Meine Thränen, meine Seufzer »Folgten dir an jeden Ort. – Ihre Mine wurde wehmüthig, ihre Lippen bewegten sich, als wenn sie die Worte leise zu ihm herabsprächen: nun war in seinen Gedanken nichts gewisser als daß sie ihn schon gesehen und erkannt hatte; und verschiedene ähnliche Zufälle bestätigten ihn völlig in seiner süßen Einbildung.         »So viele Treue »Verdiente größer Glück sprach eine vierzigjährige Vertraute auf dem Schauplatze mit keuchendem Tone: so schlecht sie es sagte, so klatschte er ihr doch seinen Beifall zu, weil sie für ihn eine so große Wahrheit gesagt hatte: das Amfitheater hielt es für 313 Spötterey und folgte allgemein seinem Beispiele nach, daß die arme Vertraute, die nur eben aufgetreten war, vor Verwunderung über den so seltnen und izt ganz unerwarteten Beifall den Kopf schüttelte. Berenice. Ich will ihn nicht erwarten,     will unerwartet ihn hier finden, und     bey dieser Unterredung alles sagen,     was langverschloßne Zärtlichkeit     zween liebenden, zufriednen Herzen eingiebt – Seine Einbildung täuschte ihn so gewaltig, daß ihm die Worte nicht vom Theater sondern aus Ulrikens Loge zu schallen schienen: das Orchester hub nach ihnen ein sanftes Andante an, und Ulrike stand auf, und ließ neugierig ihre Blicke im ganzen Hause herumschießen. Aber warum sahe sie nun nicht ihren Herrmann allein an? Er ärgerte sich, daß Ein Blick auf Jemanden außer ihm fiel. Endlich nach langem Herumschauen trafen ihre Augen wirklich auf sein Gesicht: sie sah es starr und ernsthaft an: er lächelte zu ihr hinauf, und die Freude, als sie ihn erkannte, zwang sie unbewußt zu einer so entzückten Bewegung des Kopfs und drückte sich so lebhaft in 314 allen Zügen des Gesichts aus, daß ihre Bewunderer im Amfitheater sich neidisch nach dem Gegenstande umsahen, dem die Freude galt. Mit halbem Zweifel an der Wahrheit des Anblicks erfolgte ein Wink mit den Augen, und dann auf beiden Seiten ein förmlicher Gruß: allein bey aller Zurückhaltung waren sie doch nicht zurückhaltend genug; denn ihrem beiderseitigen vertraulichen Nicken, worinne der ganze Gruß bestand, konte auch ein Halbblinder anmerken, daß es mehr als Höflichkeit ausdrückte. Nach dieser Beobachtung richtete sich nunmehr die Neugierde der Umstehenden auf den glücklichen Menschen, welchem ein so englischer Gruß herabgeworfen wurde: man fragte sich ringsum: Niemand kannte ihn. Der alte Franzose, der sie vorhin so lobpries, drängte sich über zween Plätze weg zu ihm hin, und hielt ihm mit einem sehr höflichen » Monsieur? « seine Tabaksdose vor: Herrmann sahe nichts, was tiefer als Ulrikens Kopf war: der Mahler stieß ihn also an: Herrmann wandte sich hastig und warf ihm die lackirte Büchse aus der Hand, daß sie unter den 315 Bänken bis ans Parket hinabrollte. Der Mann wollte zwar diese Gelegenheit nützen, ein Gespräch einzufädeln, allein die Musik schwieg, und er mußte sich gleichfalls zum Schweigen entschließen. Nunmehr wurde das Schauspiel eine unaufhörliche Unterredung für die beiden Liebenden: Herrmann war Titus, und Ulrike machte sich zur Berenice: jede Süßigkeit, jeder Ausdruck der Zärtlichkeit, jede Versicherung der Treue, jede Sentenz, die mit ihrem beiderseitigen Zustande übereinstimmte, wurde unmittelbar, wie sie aus dem Munde der Schauspieler heraustönte, in Gedanken von Beiden wiederholt und mit einem Blicke von ihm zu ihr hinauf, oder von ihr zu ihm herab, auf ihren Zustand angewendet. Titus. Ach! welcher Liebe soll ich mich entschlagen! Paulin. Ja, leider! einer glühend heißen Liebe! Titus. O tausendfältig heißer ist sie, Freund,     Als du dir denken kanst. Mir war es Wonne,     Sie jeden Tag zu sehn, zu lieben und ihr zu gefallen.         —         —         — Titus. Ich kenne sie, ich weis, daß nie ihr Herz     Nach einem andern als nach meinem strebte. 316     Ich liebte sie, gefiel ihr, und seit jenem Tage –     Soll ich ihn traurig oder glücklich nennen? –     Verlebt sie, fremd in Rom und unbekant dem Hofe,     Die Tage, liebt und wünscht kein größres Glück,     Als Eine Stunde mich zu sehen,     Die übrigen mich zu erwarten.         —         —         —     Ich sehe sie, benezt mit Thränen,     Die meine Hände trocknen sollen!     Was nur die Liebe kennt, um mächtig stark zu fesseln,     Kunstlose Sorge zu gefallen, Schönheit, Tugend, –     O, alles, alles find' ich in ihr! – – Während dieser geheimen Unterredung schien die ganze Versammlung vor Herrmanns Augen zu schwimmen: Lichter, Kulissen, Menschenköpfe tanzten in schwebender Verwirrung, wie trübe ferne Schatten vor ihm herum: das einzige Bild, das seinen ganzen Horizont füllte, das deutlich und bestimmt durch die Augen bis zur Seele und zum völligen hellen Bewußtseyn gelangte, war Ulrike. Berenice war für ihn das höchste Ideal eines schönen Schauspiels, und Schauspieler und Schauspielerinnen schienen ihm Apoll mit den neun Musen, die in eigner Person herabgestiegen waren, das schönste Stück 317 meisterhaft zu spielen. Seine Nachbarn dachten zwar hierinne ganz anders, und es flogen von allen Seiten lustige Einfälle über die spielenden Personen um ihn herum: allein für ihn war dieser Widerspruch nicht hörbar. Nichts belästigte ihn, als der Mahler, der so gern um Ulrikens willen seine Bekanntschaft machen wollte; denn er sprach nicht blos mit dem Munde, sondern noch mehr mit dem Ellebogen, und beschwerte sich zornig bey seinen Nachbarn über die Unhöflichkeit des Menschen, der ihm nur mit unwilligen Minen oder gar mit einem erzürnten » laissez-moi « antwortete. Es lag ihm um so viel mehr daran, seinen Zweck zu erreichen, weil seine Bekannten sich über ihn lustig machten und gleichsam mit Bonmots nach ihm warfen. Da Ulrike merkte, daß man mit allen Augen, Guckern und Lorgnetten aus dem Amfitheater nach ihr zielte, und daß man nunmehr alle diese Sehwerkzeuge auch im Parket und den Logen nach ihr richtete, befand sie für gut, ihren Stuhl zurückzuschieben und sich so zu setzen, daß sie nur für sehr wenige sichtbar blieb. In 318 dieser Pause gelang es dem Mahler wirklich, den müßigen Herrmann ins Gespräch zu ziehn. – » Monsieur, connoissez-Vous cette Dame? « fieng er an. – »Ob ich sie kenne?« fragte Herrmann mit pickirtem Tone. »So gut als mich.« – » Ah! « brach der Mahler abermals in ihr Lob aus, » quels yeux! quel front! quelle bouche! quel joli tour de visage! « Herrmann. So viel Geist in der Mine! So viel Feuer im Auge! Der Franzose. Quel teint! quel nez! Herrmann. Und die feine zarte Haut! so sanft, so annehmlich, wie ihre Seele! Der Franzose. Quelle gorge! - Je Vous dis, Monsieur, qu'elle est delicieuse - und dabey zog er alle fünf Finger über den Mund weg. Herrmann. Sie haben die Hände noch nicht gesehn: so weiß, so fleischicht, von einem so liebevollen Drucke, daß man nicht denkt, hört noch sieht, wenn man von ihnen berührt wird. » Diable! « schrie der Mahler und fieng mit seinem Lobe wieder von vorn an. Für die 319 Nachbarn war es ein wahrhaftes Lustspiel, die beiden Leute so unerschöpflich und inbrünstig um die Wette Einen Gegenstand loben zu hören: einer redte in den andern hinein und wollte ihn übersteigern. Beide zeichneten freilich als Verliebte, aber Herrmann noch am treffendsten. Ulrikens Bildung war in Ansehung der einzelnen Theile nicht schön: ein strenger Beurtheiler würde vielleicht an jedem, für sich betrachtet, etwas zu tadeln gefunden haben: aber in der Zusammensetzung bildeten sie vom Kopf bis zu den Füßen das niedlichste Ganze: in jeder Bewegung war Geist, ihre Mine beständig sprechend, und oft stärker sprechend als ihre Worte, ihr Gesicht ein abwechselndes Gemählde von kleiner muthwilliger Lustigkeit und Gutherzigkeit, und der immer bleibende Grund, aus welchem dieses Gemählde sich zeigte, eine ausgebreitete schuldlose Heiterkeit: ob sie gleich in ihren Bewegungen und Handlungen oft bis zur Unbesonnenheit rasch war, so wurde doch selbst diese Raschheit von einer gewissen Anmuth begleitet, von Sanftheit so gemildert, daß Jemand von ihr sagte, 320 sie habe zwo Seelen, eine männliche und eine weibliche. Ihr Wuchs und der feine Gliederbau war vielleicht die einzige körperliche Schönheit, die sie auszeichnete: von der äußersten Fußzehe bis zum Wirbel schwebte Anstand und Reiz, wie ein Paar Liebesgötter mit ausgebreiteten Fittigen, um sie her. Ihr erster Anblick überwältigte: man mußte schlechterdings mit solcher Ergießung loben, wie der alte Franzose; und fand man gleich in der Folge weniger Schönheit an ihr, so hielt doch ihre Naifetät und ungekünstelte Munterkeit dem ersten heftigen Eindrucke so sehr die Wage, daß man seine Verminderung nicht sonderlich wahrnahm oder wahrnehmen wollte. So richtig zeichnete freilich weder der Franzose noch Herrmann, ob sie gleich den ganzen fünften Akt über dem Gemählde ihrer Göttin verplauderten: der Mahler erbot sich, sie zu mahlen, lud Herrmannen zum Abendessen zu sich ein und versprach, ihn en buste et en demi-figure gratis zu mahlen, wenn er ihm die Ehre verschafte, ihr Porträt zu machen. Herrmann 321 schlug nicht ab und sagte nicht zu; denn eben, als sie auf diesen Handel kamen, machten die Schauspieler ihre Verbeugung und der Vorhang rollte herab: ohne die Ankündigung abzuwarten, drängte sich Herrmann ungestüm durch die Bank, der Franzose hinter ihm drein: da standen sie beide an der äußersten Thür und lauerten! Es kamen rothgemahlte und weißgetünchte Damen und gelbe hustende Herren in Pelze gewickelt, Laufer schwangen die Fackeln, Bediente kreischten mit rauhen Hälsen den schlummernden Kutschern zu, die wartenden Herren klagten über Kälte und ihre Damen über Nässe, Kutschen rollten dahin, rollten daher; geblendete Fußgänger krochen an den Wänden hin, den trampelnden Rossen zu entgehn; Andre schrien, erschrocken, daß sie an Pferdeköpfe rennten; hier lauschte ein frierender Liebhaber auf seine verzögernde Schöne, dort ein brummender Ehemann auf die plauderhafte Gattin; hier wurde mit leisem Gezischel eine Nacht bedungen, dort um bessern Kredits willen eine bezahlt; ein gähnender Kopf klagte da über die 322 Langweiligkeit des Stücks und beschwerte sich, daß er nur zweimal im ganzen Trauerspiele gelacht habe; hinter ihm lobte eine empfindsame seufzende Schöne das Rührende des Schauspiels, sie war gerührt worden, ach! gerührt, daß ihr noch die Thränen über die Wangen flossen; vor ihr drängte sich eine rauschende Französin am Arme ihres Anbeters vorüber – » Ah! « schrie sie, » cette piece m'a dechiré le coeur « und brach in ein lautschallendes Gelächter aus, weil sie ihr zweiter Anbeter von hinten galant in die Seite knipp: ein teutscher Kritikus lachte des matten französischen Ausdrucks, der drey Einheiten und des tragischen Kreischens, und ein französischer bewies ihm mit hitziger Demonstration aus dem Batteux, daß die Franzosen die besten Trauerspieldichter auf der Erde sind: schöne Eheweiber, die von dem händeküssenden und scharrfüßelnden Haufen ihrer Liebhaber Abschied nahmen, während daß der Mann grunzend in der Kutsche auf sie harrte; schnatternde Franzosen und schweigende Teutsche – ein verwirrter Haufen in mannichfarbiger Mischung quoll aus allen 323 Thüren hervor: das Gedränge wurde schon dünne: noch war Ulrike nicht da. Der Mahler guckte jeden Augenblick mit langem Halse nach ihr, und Herrmann fürchtete schon zitternd, daß er sie übersehn habe. – » Ah! voilà notre Princesse! « schrie der Mahler. Sie kam, aber o ihr guten Götter! – von einem Offiziere geführt: Herrmann wurde todtblaß vor Schrecken. Sie sprach sehr munter mit ihrem Führer, ohne sich umzusehn: der Offizier nahm mit einem Händekuß Abschied, und sie schwang sich federleicht in den Wagen hinein. Nun hatte der arme übersehene Herrmann nichts geringers zur Absicht, als dem Wagen aus allen Kräften nachzulaufen, um ihre Wohnung zu erfahren: er sprang also die Treppe hinunter, der Mahler ihm nach. » Ecoutez, Monsieur! « rief er und ergriff ihn bey dem Rocke: der brennende Verliebte riß sich los, daß alle Nähte des Kleides prasselten, und nun in Einem Galope hinter dem geliebten Wagen drein! Von Neid und Besorgniß über den Offizier gequält, von der Fackel des aufstehenden Bedienten mit einem glühenden 324 Pechregen übersprüzt, keuchend und stolpernd sezte er den langen Lauf standhaft fort, durch Pfützen, Koth und Schlammhaufen, daß beständig ein feiner Hagelregen von Unflath auf sein Gesicht und Kleidung herabstürzte: der Weg gieng durch die Königsstraße über die Brücke hinweg und noch durch einige Straßen der Vorstadt. Der Wagen hielt: Ulrike eilte mit ihrer jungen Begleiterin lachend und schäkernd die breite Treppe hinan. Sich in so höchstbeschmuzter Gestalt in ein so schönes Haus zu wagen, dazu gehörte viel: aber seinem Wunsche so nahe, sich über so mannichfaltige Unruhen und Besorgnisse kein Licht zu verschaffen und ganz unverrichteter Sache wieder abzuwandern, dazu gehörte noch mehr: er entschloß sich kurz und wagte sich die Treppe hinan. Bediente liefen geschäftig mit dem Abendessen, mit Tellern und Lichtern auf dem Vorsaale hin und wieder: er erkundigte sich bey einem nach der Guvernante der Fräulein. »Die Mamsell Herrmann?« fragte der Bediente: »eine Treppe höher, über den Flur weg, rechts, 325 am Ende die große Thür hinein, über den Saal linker Hand die dritte Thür!« – plappernd sprach er dies und gieng seinen Weg. Himmel! das war eine Tagreise! Er wiederholte sich die angezeigte Marschrute und wandelte die Treppe hinan, den ganzen langen Flur durch – izt hörte er Ulrikens Stimme, die große Thür öfnete sich, sie kam heraus, ihr Fräulein an der Hand, schäkernd und lachend: sie erblickte Herrmanns beschmuzte Figur, dicht an die Wand gedrückt, sah halbschüchtern, mit gerecktem Halse, stillstehend nach ihm, erkannte ihn und erschrak, daß sie aus aller Fassung gerieth. Die junge Fräulein bestürmte sie mit einer kindischen Frage nach der andern, wer es sey, und drückte sich furchtsam mit dem Kopf an Ulrikens Seite: es antwortete ihr Niemand. Endlich brach Herrmann das minutenlange Stillschweigen und berichtete, daß er die Ehre habe, der Mamsell Herrmann einen Brief zu überbringen.– »Gleich, Herr Vetter!« rief Ulrike: dort flog sie hin. Herrmann freute sich seiner verliebten List und der glücklichen Gemüthsfassung, womit er 326 sie ausführte: er mußte lange warten. Izt schwebte seine Göttin in dem seidnen schlanken Anzuge, leicht, wie auf den Fittigen der Luft, durch den dämmernden Korridor daher: ihr glühendes Gesicht leuchtete von fern, wie der aufgehende Mond hinter röthlichen Abendwolken. Vom Laufen erschöpft, bat sie ihn, ihr zu folgen. So cerimoniös, wie einen Fremden, führte sie ihn in ihre Stube; und nun – weg waren alle Komplimente! Sie warf sich ihm um den Hals, er ihr; ihr Gesicht lag auf seiner Schulter, das seinige an der ihrigen: – »willkommen, Herzensheinrich!« schluchzte sie in sein Kleid hinein: »tausendmal willkommen, Herzensulrike!« antwortete er mit der nämlichen Dumpfheit der Stimme. – Ulrike riß sich los. »O daß ich dich habe!« rief sie. »Daß ich dich hier habe, hier, wo uns Niemand kennt, Niemand hindern kan!« Herrmann. Wohl mir, wohl, wie im Himmel, daß ich dich habe! – Aber wehe uns, wenn wir uns nicht behalten dürfen! Ulrike. Ich bitte dich, Heinrich, mache mich 327 nicht wehmüthig! Wozu denn nun itzo das Flennen? Ich war so lustig, ich hätte mögen über Tisch und Stühle wegspringen: da schlägst du mir gleich meine Wonne mit deinem schwermüthigen »wehe!« danieder. Ich glaube, die Freude macht dir den Kopf wirblicht. Besinne dich doch! Ich bin ja da: was willst du denn weiter? Herrmann. Glücks genug! so wahr ich lebe, Glücks genug! Aber du weißt nicht, was ich fürchte! doppelt fürchte! Ulrike. Was hast du denn so fürchterliches zu fürchten? Und gar doppelt? – Also zum ersten? Herrmann. Man sucht dich: Onkel und Tante wissen, daß du hier bist: sie versprechen demjenigen, der dich findet, zehn Dukaten – Ulrike. So wohlfeil bin ich ihnen? Herrmann. Noch mehr! Jemand, dem nach diesem Preise lüstet, giebt entehrender Weise vor, daß er dich in einem schändlichen Hause gesehn habe, und verspricht, dich zu liefern – Ulrike. Der Bösewicht! Herrmann. Er schwört, daß diejenige, die er genau kennen will, deinem Porträte, das der 328 Onkel an einen Kaufmann geschickt hat, damit er dich nach ihm finden soll – daß jene Person deinem Porträt auf ein Haar ähnlich sieht; und sobald sie in seiner Gewalt ist, wird sie fortgeschickt. Ulrike. Laß sie schicken! laß sie schicken! Ich wollte, daß sie mir, wie aus den Augen geschnitten, gliche. Herrmann. Aber bedenke, Ulrike, welchem Rufe dich diese falsche Nachricht aussezt! wie der Graf zürnen wird, wenn er sich so schändlich hintergangen sieht! Ulrike. Lieber Heinrich, das sind zwey Sachen, an die wir wahrhaftig nicht denken müssen, wenn wir Lust haben, uns zu freuen. Ein Mädchen, das ihrer Tante heimlich entlaufen ist. muß mit dem Rufe vorlieb nehmen, der ihr zu Theil wird: wenn sie sich nicht damit trösten kan, daß sie keinen bösen verdient, so muß sie zu Hause bleiben, in ein Stift gehen oder einen Stock heirathen, wie ihn der liebe Gott beschert. – O Heinrich! mannichmal mitten in meiner Lustigkeit sticht michs, wie ein Dorn, am Herze, 329 wenn mir der Gedanke durch den Kopf fährt, daß ich von allem dem Kummer und Herzeleid und Zank und Lärm die Urheberin bin: aber der Schritt ist einmal geschehn: ja, Heinrich, so sehr ich dich liebe, sollt' ich ihn noch thun, ich bedächte mich. Ein entlaufnes Mädchen und ein lüderliches werden gar leicht mit einander verwechselt; – und dann! so schüchtern, wie ein gescheuchtes Reh, herumzuirren, immer fürchten, daß man gehascht wird, zwischen Schimpf und Mishandlung eingesperrt – Gott weis es, ein trauriges Leben! – O Heinrich! Heinrich! weinen sollten wir, nicht lachen: ich schien mir nur glücklich, weil ich nicht an unser Unglück dachte. Herrmann. Du schienst dirs nur? Du bists! Aber ich – ich werd' es nie. Ulrike. Warum nicht? – Leidest du Noth? Heinrich, sprich! Du Verzagter, so härme dich doch nicht! Ich habe Geld, Geld in Menge, Geld, ich weis nicht wohin damit! ich will dich kleiden, will deine Taschen füllen, will herzlich gern Pelz und alle Kleider verkaufen, wenn dirs 330 nicht genug ist: sprich! und der Jude soll gleich da seyn: nur ängstige mich nicht und sage, daß du unglücklich bist! Herrmann. Ulrike, ich bin glücklich bey dir, mit dir, durch dich: aber in meinem Herze faßt auch dies Glück keine Wurzel. Nimm ihm so viele Leidenschaften, die es oft zusammenpressen, daß mir der Athem vergeht, die Begierde, die mich immer vorwärts zieht, die mich an die Zukunft fesselt und die Gegenwart nicht fühlen läßt! dann erst machst du mich fähig, glücklich zu seyn. Ulrike. Sage mir nur, woher dir die unselige Laune kömmt! Du warst sonst so munter: ich wette, du bist bey dem Doktor Nimmersatt – oder wie dein Doktor in Dresden hieß – so ängstlich geworden. Was bekümmert dich die Zukunft? Wir können ja kaum mit der Gegenwart zurechte kommen. Mache nicht, daß ich auch zum Murrkater werde! hernach ists gar mit uns aus. Wir haben so nicht viel Freude zuzusetzen. Herrmann. Aber sage mir nur, Ulrike, wo 331 ich die Freude hernehmen soll! Ein elender Kaufmannsbursch, vom Morgen bis zum Abend dem Befehle und Zwange unterworfen, zu widrigen langweiligen schlechten Verrichtungen genöthigt, der es kaum wagen kan, dich zu lieben, sobald er bedenkt, was er ist – ein Unglücklicher, dem nichts auf der Welt gelingt, ohne Beruf, ohne Stand, ohne Ehre, ein Verachteter, Herabgesezter, ein Irrläufer, der seine Bestimmung sucht und sie nie finden kan – solch ein Kind des Unglücks soll sich freuen? Wie kan das Roß springen, wenn es im Karren ziehen muß? Ulrike. Warte, armer Heinrich! warte, ich will dich ausspannen. Sage deinem Kaufmann noch heute, daß du nicht länger sein Junge seyn willst! Ich habe jährlich zweyhundert Thaler, alle Bedürfnisse frey und bekomme Geschenke über Geschenke: die zweyhundert Thaler sind dein, ganz dein: miethe dir eine Wohnung, lebe für dich! Freunde und Patrone will ich durch unser Haus schon für dich finden; und dann ist uns beiden geholfen: was wollen wir weiter? – Du armer lieber Kaufmannsjunge! wie bist 332 du denn in das Leben gerathen, da du keinen Gefallen daran findest? Warum bist du so mistrauisch gewesen und nicht gleich, wie du giengst und stundst, nach Berlin gekommen, als ich dir schrieb? Herrmann. Als du mir schriebst? – Nicht Eine Zeile von deiner Hand hab' ich empfangen. Ulrike. So ist doch wahrhaftig dein Doktor des Hängens werth. Vierzehn Tage nach meiner Ankunft in Berlin hab' ich dir mit dieser meiner rechten Hand geschrieben, daß du nach Berlin kommen sollst, und dir ein Haus angezeigt, wo wir uns finden wollten. Gut, daß ich damals meine itzige Station noch nicht hatte! Den Brief hat der unselige Doktor aufgefangen und der Oberstin zugeschickt – Herrmann. Zuverläßig! denn Schwinger berichtete mir, daß die Oberstin deinen Aufenthalt ausgekundschaftet habe – Ulrike. Und Tante Sapperment hat den aufgefangnen Brief an die Tante Gräfin geschickt – 333 Herrmann. Und der Oberstin Brief ist in die Hände des Grafen gerathen, das schrieb mir Schwinger – Ulrike. Und nun hat der Graf mein Porträtchen hergeschickt, um mich aufsuchen zu lassen – Herrmann. Und nun hat sich Jemand gefunden, der dem Porträt änlich sieht – Ulrike. Und diesen Jemand wird man statt meiner dem Grafen schicken. – Das ist die ganze Geschichte Wort für Wort, als wenn ich ihr zugesehn hätte. Herrmann. Gewiß, das ist sie! – O der Freude, daß uns das Glück so wohl will! Ulrike. Ueberglücklich sind wir! – Bedenke nur, was das für eine Lust seyn muß, wenn sie denken, sie haben Ulriken im Garne und – pah! da kömmt ein Jüngferchen heraus, das so wenig ihre Ulrike ist, wie der Karpfen, den wir heute gegessen haben. Herrmann. O welche köstliche Scene! Ich muß lachen, wenn gleich der Kopf darauf stünde. – 334 Sie lachten auch beide so herzhaft und priesen den glücklichen Zufall mit so vieler Frölichkeit, daß sie den Bedienten nicht kommen hörten, als er mit dem Tischzeuge anlangte, um zu decken. So bald sie ihn gewahr wurden, nahmen sie wieder die Mine des Zwangs und der Fremdheit an. Ulrike. Herr Vetter, Sie werden mir die Ehre erzeigen und heute bey mir speisen. Herrmann. Wenn Sie erlauben, Mamsell, werde ich die Ehre haben, Ihnen Gesellschaft zu leisten – Man schwieg: der Bediente deckte, gieng: und nun laute Freude und inniges Gelächter über die komplimentarische Betrügerey! Ulrike. Ich habe dir deinen Namen den ganzen Weg über gestohlen: um des Diebstahls willen verklagst du mich wohl nicht? – Ich kriege ja doch den Namen einmal: was schadets, ein paar Jahre früher, als er mir von Gott und Rechts wegen zukömmt? Herrmann. Ich möchte, daß er dir schon izt vor aller Welt zukäme! – Aber warum ein 335 paar Jahre früher? Nunmehr können wir die Entfernung unsers Glücks nur nach Wochen berechnen. Ulrike. Du hast Recht, Heinrich. Was das für eine alberne Rechnung war, die ich machte! Du hast Recht: was will uns denn nun hindern? – Der Graf kriegt ehester Tage eine Ulrike: wenns auch gleich nicht die rechte ist, was liegt denn daran? Er mag sie dafür behalten und ihr alle seine Gnade und seinen Zwang schenken. – Nun sind wir ja alle befriedigt: er hat eine Ulrike, und ich meinen Heinrich. – O du allerliebster Kaufmannsjunge! wir sind glücklich, wie die Engel! Herrmann. Glücklich, daß mein Herz vor Wonne schmelzen möchte! – Der Bediente unterbrach abermals ihre Freude: er brachte die Suppe. Ulrike. Wollen der Herr Vetter die Gewogenheit haben, Platz zu nehmen? Herrmann. Ich werde das Vergnügen haben, Ihnen gegenüber zu sitzen. – In diesem Tone mußten sie sich während der 336 Suppe erhalten, weil sie der Bediente nicht verließ. Das war eine drückende Last: Ulrike machte ihm also weiß, daß seine Gegenwart anderswo nöthig wäre, und daß er deswegen das ganze übrige Essen zugleich aufsetzen sollte: das alte faule Geschöpf ließ sich so etwas mit Freuden überreden und folgte ihrem Rathe. Nun sahen sie sich sicher und frey: aber ihre Herzen waren zu überströmend voll, daß sie noch lange schwiegen und viel zu reden glaubten, weil sie innerlich mit sich selbst sprachen. Bey Ulriken löste sich zuerst die Zunge. »Es ist mir schon lange eingefallen,« fieng sie an, »ob mich nicht die Frau verrathen haben möchte, die mich von Leipzig nach Dessau brachte. Vergeblich hab' ich zwey Tage in Leipzig auf dich gewartet: hast du mein Billet vor meiner Abreise von Dresden nicht empfangen?« Herrmann. Empfangen, aber unglücklicher Weise durchaus verwischt! Nachgeflogen wär' ich dir; aber das fatale Blatt sagte mir alles, nur den Ort nicht, wohin ich sollte. – Wie kontest du so ein Wagestück unternehmen? 337 Ulrike. Es hat mich Ueberwindung genug gekostet. Man schrieb mir, meine Mutter wäre schon unterwegs, um mich ins Stift abzuholen: einen so nahen Besuch kont' ich unmöglich abwarten: ich ersah mir die Gelegenheit und wischte fort. Ich hatte mir schon lange vorher vorgenommen, wenn die Saiten zu hoch gespannt würden, nach Berlin zu gehn und mich als Kammermädchen zu vermiethen. Tante Sapperment hat eine alte Landkarte von Obersachsen, auf Leinwand geklebt und noch vom seligen Herrn Gemahle angekauft: izt wird sie zuweilen statt des Strohtellers unter die Schüsseln gelegt: aus dem alten berußten Blatte suchte ich mir den Weg nach Berlin zusammen. Eine Kappe über den Kopf, ein Reisebündelchen am Arme, in Salope und Neglische wanderte ich zum Thore hinaus: meine Tante war zum Soupe gebeten, Hans Pump ausgegangen, die Köchin in ihrer Kammer: es gieng mir alles nach Wunsche. In der Vorstadt treffe ich einen Bauerwagen, der vor einem Wirthshause hält. – »Willst du denn noch so spät nach 338 Hause, Gürge?« fragte ein Mensch, der vermuthlich der Hausknecht oder gar der Wirth seyn mochte und trank dem Bauer einen Krug zu. – Ja, antwortete Gürge, es ist aber heint verzweifelt dunkel. – »Narr! du wirst dich doch wohl nicht fürchten?« fieng Jener wieder an. »Bis Wilsdruf ists ja nicht aus der Welt.« – Die Nachricht war mir gar sehr gelegen: da der Wirth gute Nacht gesagt hatte, gieng ich leise zu dem Bauer hin und bot ihm einen guten Abend. – »Gürge, willst du mich mit nach Wilsdruf nehmen? Ich gebe dir einen Gulden.« – Gürge lachte und wunderte sich, daß ich ihn so genau kannte. – »Wer ist Sie denn?« fragte er. – Eine Pfarrstochter aus Meißen: ich will eine gute Freundin besuchen. – »Ist Sie denn schwer?« fragte der drollichte Schäker und hub mich in die Höhe. »Ach daß mich das Schäfchen bisse! Das ist ja eine Feder: Sie wird mir die Pferde nicht lahm machen:« – und mit diesen Worten warf er mich so leicht, wie ein Bündel Stroh, in den Wagen hinein, machte mir einen Sitz, und gute Nacht Dresden! Mir klopfte mein Herz, daß 339 ich dachte, die Schnürbrust würd' es nicht halten können. Im Thore rafte ich mich, so gut es sich thun ließ, zusammen, zog die Kappe tief über das Gesicht, daß man nicht viel sehen konte, ob man mir gleich ins Gesicht leuchtete: ich antwortete richtig auf alle Fragen und kam mit meiner Erdichtung durch. Heinrich, wie froh ward ich, da wir außer dem Schlage waren! Die Furcht saß zwar hinter und vor mir und auf allen Seiten, und mein armes Herz pochte wie eine Uhr. Jeden Augenblick dachte ich: izt wird man mich zu Hause vermissen! izt wird man mir nachschicken! Das Beste war, daß die Oberstin den Abend vor zwölf Uhr nicht nach Hause kam und mich vermuthlich im Bette glaubte: demungeachtet war mir nicht wohl dabey zu Muthe. Ich ermahnte und bat den Bauer inständigst, hurtig zu fahren: allein er meinte, wir hätten ja nichts zu versäumen, zündete sich ein Pfeifchen an und kam zu mir in den Wagen. Wie ward mir nun vollends bange! die Stricke, woran er die Pferde lenkte, band er sich an den Fuß und beliebte sich und mir die Zeit 340 mit einer galanten Schäkerey zu vertreiben: er schlang seine plumpen Arme um meinen Leib – »Der Bauerkerl!« unterbrach sie Herrmann erhizt. Ulrike. Ja, ja, lieber Heinrich! der Bauerkerl! wenn du eifersüchtig werden willst, warte nur! es wird bessere Gelegenheit dazu kommen. Sieh, du Eifersüchtiger! so schlang er die plumpen Arme um mich, wie ich dich izt umfasse. – »Ha, ha, ha,« fieng er lachend an, »daß dich alle Rothkehlchen! Sie ist ja so dünne wie mein kleiner Finger. Sie nehm' ich in die Hand und trag Sie bis nach Leipzig und Merseburg. Wie könt' ich denn nun so dünne seyn? es ist ja gar nichts an Ihr.« – Als er vollends meine Hand ergriff, brach er in lautes Lachen aus und wälzte sich vor spottender Verwunderung. – »Ach, daß du mir nicht aus der Haut hüpfst! rief er. Das Patschchen wäre mir, mein Seel! kaum ein Bissen zum Morgenbrodte. Daß dich alle Nachtmützen! was das für Fingerchen sind! Es ist, hol mich der Six! als wenn einem vier Regenwürmer in der Pfote lägen.« – Daß er 341 nichts an mir nach seinem Geschmacke fand, war mir sehr angenehm: aber zum Unglücke zog er bey dem heftigen Ausdrucke seines Erstaunens den Strick mit dem Fuße bald hierhin, bald dorthin, und die Pferde wurden wider seinen Willen eine Anhöhe hinaufgelenkt, daß sich der Wagen schon zu legen anfieng: ich schrie, und der Tölpel lachte aus allen Kräften. Endlich verstummte sein Spaß: er legte sich, so lang er war, neben mir hin und schnarchte, daß die Todten hätten erwachen mögen. Bey mir war an keinen Schlaf zu denken: immer stellte sich mir meine Entlaufung als etwas schimpfliches, etwas strafbares vor, immer däuchte mir, als ob mich jemand vom Wagen risse: meine Angst drängte mich so gewaltig, daß ich mehr als einmal herabspringen und zu Fuße nach Dresden zurückgehn wollte. Die Dunkelheit, die Gefahr des Umwerfens – denn der Wagen hieng bald auf diese, bald auf jene Seite – meine innerliche Beklemmung! – O Heinrich! das war eine schreckliche Nacht! Dunkle und lichte Wolken hiengen über mir, wie große Riesen mit 342 flammenden Schwertern, die auf mich herabzustürzen und mich für meine Unbesonnenheit zu strafen drohten. Gegen Mitternacht fieng der Wind an zu pfeifen und zu brausen und die großen dicken Wolken liefen, wie große ungeheure Elefanten und Löwen und Trampelthiere über den Mond weg: bald sah die ganze Gegend im schnellabwechselnden Mondscheine, wie ein Kirchhof aus, voller Gräber und weißer Leichensteine: bald bildete ich mir ein, daß die Pferde in einen großen Teich hineinstolperten: ich schrie und weckte meinen Gürgen auf, der mich schnarchend versicherte, es wäre weißer Sand. Etlichemal erschrak ich bis zur Todesangst: ein schwarzer langer Mann lehnte am Wege dort: die Pferde giengen gerade auf ihn los; ich wollte sie immer weglenken. Das ist ein Räuber, ein Mörder! dachte ich: die faulen Pferde giengen sogar langsamer, da wir ihm nahe kamen, als wenn sies mit ihm abgeredt hätten, damit er mich desto besser auf den Kopf schlagen könte. Der Wagen war noch einige Schritte von ihm, so schoß plözlich eine schwarze Figur dicht 343 an mir vorbey über den Wagen weg: ich bebte und konte nicht schreyen, als wenn mich der Mörder schon bey der Kehle gepackt hätte. Nach einigen ähnlichen Auftritten kam ich dahinter, daß meine Mörder Bäume, und die schwarzen Figuren, die über den Wagen dahinliefen, Schatten von Wolken waren, die der Wind über den Mond jagte. Oft schien die ganze Gegend ringsherum von Menschen zu wimmeln: sie hüpften, sie sprangen, sie tanzten, manche schwarz, manche weiß: die weißen fletschten die Zähne, und zulezt wurden es in meinen Augen leibhafte Todtengerippe: ich hörte die Knochen klappern, wenn sie im Tanze an einander stiessen: sie kamen immer näher, immer näher: Die Zähne klapperten mir vor Furcht, wie den Todten die Knochen; und dabey fuhren die langen Schatten immer unter ihnen durch, wie schwarze Teufel, die sie wegführten. Deine, des Onkels, der Tante Stimme hab ich unaufhörlich im Winde gehört: Tante Sapperment fluchte, und du riefst mir nach: »Warte, warte, Ulrike!« ich hörte dich keuchen, dich auf den 344 Wagen springen: ich erwachte und erkannte meine Vorstellungen für Traum oder Wind. Ein neues Unglück! Mein Bauer wachte auf und versicherte, als er sich umsah, daß seine Pferde den Weg verfehlt hätten: er gieng einen Fleck voraus, um gewissere Nachricht einzuziehn, und brachte keine bessere zurück, als daß wir auf einem falschen Wege wären. Dafür wurden dann die armen Thiere treflich ausgescholten, aber nicht bestraft: es war nichts zu thun, als gerade bis zu einem Dorfe fortzufahren. Es geschah: wir langten nach einer beschwerlichen Fahrt über Stock und Stein in einem Dorfe an, und erfuhren vom Nachtwächter, daß unser Umweg nicht weniger als zwo Stunden betrug. Mein Gürge lachte von Herzen über den Eselsstreich, wie er es selbst nannte, und betheuerte seinen Gaulen, daß sies nicht tümmer hätten machen können, wenn sie gleich Esel wären. Demungeachtet bekamen sie ein kleines Futter, und erst am Morgen trafen wir in dem Städtchen ein: hier erfuhr ich, daß mein Gürge der Knecht eines dortigen Bürgers war; 345 denn er bat sich meinen Gulden aus und brachte mich zu Fuß in ein Wirthshaus, damit es sein Herr nicht gewahr würde, daß er sich nebenher mit seinen Pferden etwas verdient habe. – »Hol mich der Six! er zieht mirs am Lohne ab« – sprach er und empfahl mich der Wirthin zu guter Pflege. Sonst hielt ichs immer für eine leichte Kunst, in die Welt hineinzulaufen: aber wie schwer fand ich sie izt! Die Wirthin meinte es außerordentlich gut mit mir und bereitete mir das köstlichste Frühstück, das sie aufbringen konte: aber, aber! jeder Tropfen wurde mir Galle, jeder Bissen ekelhaft: alles Geschirr war reinlich, aber wars nicht genug für mich. Ich hatte mich auf dem ofnen Wagen die Nacht hindurch erkältet, war wie zerschlagen am ganzen Leibe, spürte Mattigkeit und Hitze in mir und bat mir deswegen ein Bette aus, auf welches ich mich warf, ohne Frühstück noch Nachsetzung zu achten. Die gute Frau sah mich immer bedenklich an und that Ausruf über Ausruf wegen meiner Blässe. Schlaflosigkeit, Wind, Herumschütteln 346 des Wagens und Erkältung hatten mich wirklich so bleich gemacht, daß ich vor mir selbst erschrak, als ich in den Spiegel sah. »Was soll das werden?« dachte ich. »Erst eine Nacht, und schon so mitgenommen! Aber was hilfts? Soll der Vogel von selbst wieder in den Käfig fliegen, wenn er einmal heraus ist? – Nein! ich muß nach Berlin, oder unterwegs umkommen.« – Ich war an der Stubenthür einen Postbericht gewahr worden, und las darinne, daß eine Post nach Leipzig den nämlichen Tag von Dresden abgieng: ich erkundigte mich näher bey der Wirthin darnach. – »Ja, meine Scharmante,« sprach sie, »diesen Nachmittag kömmt sie hier an;« – und zu gleicher Zeit erbot sie sich, alles für mich zu besorgen. Ich hatte nicht lange auf dem Bette zugebracht, als die Frau zu mir leise herankam und mich fragte, ob ich schlief. Sie that allerhand seltsame Fragen an mich, die ich äußerst kurz oder gar nicht beantwortete, sie fühlte mir an den Puls, an die Backen, an das Herz, an die Füße, und schüttelte jedesmal mit dem 347 Kopfe, und jedes Kopfschütteln wurde mit einem tiefgeseufzten »Ey! ey!« begleitet. Der Ton und die Fragen verdrossen mich, und ich erkundigte mich, was sie hätte. – »Ach, meine Scharmante!« fieng sie an, »ich habe ein Anliegen: Sie werden mir meine Vorwitzigkeit zu gute halten: ich habe ein Anliegen.« –.Was denn? – »Sie sind von Dresden?« – Ich wußte nicht, ob ich Ja oder Nein antworten sollte. Ich komme daher, sprach ich. – »Legen Sie mir doch meine Vorwitzigkeit ja nicht übel aus, meine Scharmante! Sie sehn mir sehr blaß aus, überaus blaß.« – Darf man denn nicht blaß aussehn, wenn man von Dresden kömmt? fragte ich etwas empfindlich. – »Ey! ey! Ja! ja!« – Das war die ganze Antwort. Ich versicherte sie, daß sie mich böse machen würde, wenn sie ihr Anliegen nicht gerade heraussagte. – »Um Gottes und aller Welt willen nicht, meine Scharmante!« rief sie: »böse müssen Sie nicht werden: das könte Ihnen gar leicht Schaden thun. Haben Sie denn etwa, da Sie von Dresden kommen – 348 aber Sie müssen meine Vorwitzigkeit ja nicht übel deuten – haben Sie denn etwa dort so etwas aufgeladen?« – Was meint Sie damit? – »Sie sind doch noch Jungfer, daß ich Ihnen nicht etwa Unrecht thue: oder haben Sie schon einen Mann?« – Nein! antwortete ich, ohne sie recht zu verstehn. Endlich that sie eine so deutliche Frage an mich, die ich schlechterdings verstehen mußte, und die mich so entsezlich aufbrachte, daß ich sie gehn hieß und ihr unwillig den Rücken zukehrte. Die Frage der Frau erlaubte mir nicht, ein Auge zuzuthun, so müde ich war: ich ärgerte und härmte mich über den schrecklichen Verdacht, und stellte mir die Nachreden vor, die ich mir in Dresden zugezogen haben würde, und was für gefährliche Muthmaßungen ich noch in Zukunft erregen könte. Ich weinte vor Schmerz und Kummer, verbarg das Gesicht in dem Kopfküssen vor Scham, ich konte vor Beklemmung kaum athmen: ich fühlte einen wirklichen Fieberschauer. – O Gott! dachte ich, wenn du vor Krankheit hier bleiben müßtest! man fände dich! holte dich zurück und 349 sperrte dich, wie eine Gefangne, auf immer in ein Stift ein! oder zwänge dich, einen Pinsel zum Manne zu nehmen, damit du nicht wieder entlaufen köntest! – Die Vorstellung war mir so fürchterlich, daß ich aufstand und in der Stube auf und nieder gieng und immer davon laufen wollte, als wenn ich meiner Angst dadurch entlaufen könte. – »Arme Ulrike!« sprach Herrmann voll Mitleid. »Wie gern hätt' ich deine Angst für dich tragen wollen!« – Ulrike. Indem ich so herumirrte, kam die Wirthin mit einer Flasche Brantewein und zwey Gläsern, schenkte ein und reichte mir das Glas. – »Meine Scharmante!« fieng sie an, »Sie waren vorhin auf meine Vorwitzigkeit böse: kommen Sie, wir wollen den Groll zusammen vertrinken.«. – Ich wollte nicht, aber ich mußte einen Schluck thun: die Magd brachte Backwerk, und ich entschloß mich zum zweiten Schlucke, weil mir der erste merkliche Dienste gethan hatte. Sie lobte die Güte ihres Tranks und erzählte, wie viel Wunderkuren sie schon damit 350 verrichtet hätte, trank dabey so reichlich, als wenn sie sich von Grund aus kuriren wollte, und kam allmälich auf die Heirathsgeschichte ihres verstorbnen bucklichten Mannes. Sie wurde so aufgeräumt, und ihre Erzählung war so lustig, daß ich meine ganze Angst darüber vergaß: die dicke Frau fieng an zu tanzen vor Aufgeräumtheit und sang sich mit einem klaren pfeifenden Stimmchen dazu: der Anblick war komisch, um in Todesnöthen darüber zu lachen. Ich mußte sie bitten, mich zu verlassen; denn das Lachen und das starke Getränke machten mich so schläfrig, daß ich den Kopf nicht aufrecht halten konte. Ich legte mich und schlief glücklich ein. – Bey Tische aß ich mit einem Appetite, als wenn ich bey dem Onkel zu Tafel wäre: die Frau Wirthin erzählte mir ihre Ehe mit dem bucklichten Manne – lauter drollichtes Zeug! Mir war so wohl, daß ich mich munter und frölich des Nachmittags auf die Post sezte: meine Gesellschaft – Eben kam ihr Fräulein vom Essen zurück, und man mußte die Erzählung abbrechen und 351 wieder fremd thun. Ueberdies war es schon sehr spät, und Ulrike bat, daß sich der Herr Vetter morgen gegen Abend wieder zu ihr bemühen möchte, um ihre Antwort auf den überbrachten Brief abzuholen. Er empfahl sich sehr höflich und gieng.   Zweites Kapitel. Herrmann erhielt bey seiner Ankunft zu Hause, wohin er erst nach stundenlangem Herumirren den Weg fand, von seinem Kameraden die Nachricht, daß der Diener schon die zehn Dukaten verdient und das Mädchen ins Haus gelockt habe, wo sie heute übernachte: dabey berichtete er auch den Unwillen des Herrn über sein langes Außenbleiben, und hinterbrachte ihm als eine geheime Entdeckung, daß der Herr willens sey, ihn mit dem Mädchen wieder nach Hause zu schicken. Den Morgen darauf bestätigten sich alle diese Nachrichten: der Kaufmann ließ ihn zu sich auf 352 die Stube kommen und stellte ihm sehr glimpflich vor, daß er nicht zum Kaufmanne tauge und für ihn insbesondere ganz unbrauchbar sey: er habe sich also schon längst vorgenommen, ihn nach Verlauf der Probezeit wieder von sich zu thun, allein da sich ihm izt eine so bequeme Gelegenheit darbiete, wieder nach Hause zu seinem Freunde Schwinger zu kommen, so solle er sich in Bereitschaft setzen, diesen Nachmittag mit abzufahren. – »Die Anverwandtin des Grafen,« sezte er hinzu, »ist gefunden: ich habe sie niemals gesehn, weil sie schon in Dresden war, als ich mich wegen meiner Geschäfte auf seinem Schlosse aufhielt. Wir sollen sie nicht merken lassen, was mit ihr vorgeht: ich habe ihr also eine Lustreise vorgeschlagen – denn so hat es der Graf ausdrücklich verlangt – sie hat die Partie angenommen: mein Kuffer wird in dem Thore heimlich hinter der Kutsche aufgepackt; und hab' ich sie nur einmal ein Paar Stunden von der Stadt, so soll sie schon reisen müssen, wenn sie nicht im Guten will. Du mußt sie wohl kennen?« 353 Herrmann. Ja – nicht sonderlich – so ziemlich. Der Kaufmann. Ich will sie dir hernach zeigen: aber daß du dich nicht von ihr blicken läßt! sie möchte sonst Argwohn schöpfen. Sie hat sich mit dem Bordelwirthe veruneinigt und ist schon ein Paar Tage her für sich in der Stadt herumgewandert: sie sieht hübsch aus, aber es ist ein erzlüderliches Thier. Wenn ich wie der Graf wäre, ich ließe sie laufen und dächte gar nicht daran, daß sie meine Verwandtin ist. Man muß aber das dem Grafen verschweigen: schreibe ja nichts an Schwingern davon, und wenn du nach Hause kömmst, thu als wenn du nichts davon wüßtest! – Sie ähnlicht zwar dem Porträt nicht ganz, aber wie sie gelebt hat! es ist ein Wunder, daß sie sich noch so ähnlich sieht. – Es thut mir leid, daß wir nicht beysammen bleiben können: aber es ist vielleicht zu deinem Glücke: halte dich also bereit! – Herrmann dankte mit den tiefsten Verbeugungen für sein Anerbieten und ersuchte ihn nur um die Erlaubniß, sich noch einen oder etliche Tage 354 im Hause aufzuhalten: er habe schon lange Abneigung gegen Kaufmannsgeschäfte in sich gefühlt und sich deswegen nach einer Schreiberstelle umgethan, die er in einigen Tagen anzutreten, und wodurch er Sekretär in einem angesehenen Hause zu werden hofte. Der Kaufmann fragte nach dem Namen des künftigen Herrn, und Herrmann nennte ihm einen Geheimerath, auf welchen sich jener freilich nicht besinnen konte, weil Herrmann auf der Stelle seinen Namen erfunden hatte. Er mußte noch ein paar Fragen von dahin gehörigem Inhalte beantworten, und er log sich glücklich aus der Verlegenheit heraus. Eine gelungne Lüge verleitet leicht zur zweiten. – Der Kaufmann rief die vermeinte Ulrike zu sich in die Stube, und Herrmann mußte sie aus dem Kabinete beobachten. Er fand wirklich einige Aehnlichkeit mit Ulriken an ihr, aber nur wer die rechte Ulrike nicht gesehn hatte, konte die falsche mit ihr verwechseln. Der Kaufmann fragte ihn um seine Meinung; und das Glück, die wahre Ulrike zu besitzen, und die 355 Freude, einen Mann zu kränken, der ihn von jeher gehaßt hatte, machte ihn so übermüthig keck, daß er versicherte, sie sey es leibhaftig. Nun war aller Zweifel bey dem Kaufmanne gehoben. Dreimal, viermal glücklicher Herrmann! Kaum vermochtest du dein Glück zu fassen. Von lästigen Beschäftigungen befreyt, mit den angenehmsten Aussichten auf Fortkommen und Ehre geschmeichelt, am Grafen durch eine einzige Lüge gerächt, und vor allen Dingen – in Ulrikens ungestörtem Besitze! einer Verbindung mit ihr, wenigstens in Gedanken, nahe! ohne Furcht, ohne Besorgniß, entdeckt, verfolgt, getrennt zu werden! in der schönsten glänzendsten Stadt Teutschlands! – Wenn das nicht dem Glück im Schooße sitzen heißt, was soll es denn seyn? Sein Glück sollte noch höher wachsen: gegen Mittag kam eine Frau und brachte ihm folgenden Brief von Ulriken. den 27. Jan. »Freude, Freude, lieber Heinrich! Wir 356 kommen einander immer näher. Ich habe heute mit Madam Vignali deinetwegen gesprochen: sie will dir, meinen Fenstern gegenüber, in ihrem Hause ein Zimmer einräumen, dich mit Möbeln, Betten und allen übrigen Bedürfnissen versorgen. So viel thut sie mir zu Gefallen; und wenn sie dich kennt, will sie dich, dir zu Gefallen, bey sich speisen lassen. Sie sagte zwar: »wenn ich ihm, und er mir gefällt« – aber das ist gar keine Frage. Das sagt' ich ihr auch: er muß Ihnen gefallen oder – weiter wollt' ich nichts sagen: aber es verdroß mich, daß sie noch erst daran zweifeln konte. Kurz und gut! lege deinen Kaufmannsjungen ab und bestelle in der Minute den Schneider! Laß dich herausputzen, wie einen Prinz! ich bezahle, und wenn mein Geld nicht zureicht, streckt mir Madam Vignali Händevoll vor. Ich freue mich schon, wie ein Kind auf die erste Puppe, wenn meine Herzenspuppe, mein Heinrich, zum erstenmale im Degen, chapeau bas , seidnem Futter, gestickten Knöpfen, en herisson frisirt, wie ein Adonis, vor mir erscheinen wird. Ob ich dich kennen werde? – 357 Vielleicht nicht mit den Augen, aber mein Herz erkennt dich gewiß: das hüpft dir gleich entgegen, sobald du nur in die Stube trittst: es will itzo schon mit aller Gewalt zur Schnürbrust heraus, und wenn ich das närrische Ding frage, was ihm ist – »er kömmt! er kömmt!« ruft es und will sich ganz vor Freude zerstoßen. Du mußt mit deinem Putze morgen früh zu Stande seyn; denn morgen Mittag um zwölf Uhr sollst du Madam Vignali aufwarten. Sie hat mich schon auf morgen zu Tische gebeten, und ich hoffe, daß sie selbst so gescheidt seyn und dich auch einladen wird. Ich schicke dir mit diesem Briefe hundert Thaler, damit du die nöthigen Unkosten bestreiten kanst; und nun, lieber Heinrich! kaufe, bestelle, laß nähen und arbeiten, und wenn der ganze Schneider mit seinen Gesellen darüber zu Grunde gienge: ich laß ihn begraben, wenn er sich zu Tode näht, und setze ihm auf seinen Leichenstein: »Ein wackrer Schneider! er nähte hurtig und starb, wie ein Held, für die ungeduldige Liebe.« – Kan 358 denn ein Schneider wohl eines edleren Todes sterben? Vermuthlich möchtest du gern wissen, was diese so oft genannte Madam Vignali für ein Geschöpf ist? Ich will dirs sagen, lieber Heinrich, während daß sich Frau Hildebrand, die Ueberbringerin dieses Briefs, die auch ins künftige unsre Botenfrau seyn wird, ihre rothen Finger an meinem Ofen aufthaut. Rund herausgesagt! es ist die Mätresse meines Herrn: er hält ihrer drey, eine Italiänerin, welches die hochbelobte Madam Vignali ist, eine Französin, die Mademoiselle Lairesse heißt, und eine Teutsche, deren eigentlichen Namen ich nicht weis: weil mein Herr die teutschen Namen nicht leiden kan, hat er sie wegen ihrer rosenfarbnen Wangen Mademoiselle Rosier genannt, und das ist nunmehr bey Jedermann ihr Name. Jede von diesen drey Schönen wohnt in einem andern Theile der Stadt, und jede ist also eine halbe Stunde von der andern entfernt. Des Abends giebt meistentheils Vignali ein kleines Essen für einen kleinen Zirkel guter Freunde, das der 359 Herr von Troppau das Soupé der drey Nationen nennt, weil die andern Beiden, Lairesse und Rosier, allemal auch dabey sind. Sie leben sehr einig und freundschaftlich unter einander, besuchen sich oft und haben mich alle drey von Herzen lieb: die Hauptrolle aber spielt deine künftige Gönnerin, Madam Vignali, weil sie den meisten Verstand hat. Du wirst sie alle nach der Reihe kennen lernen und dich herrlich bey ihnen befinden; denn sie sind beständig lustig und guter Dinge. Nur Vignali ist ein wenig ernsthaft und will gern wie eine große Dame behandelt seyn. Nimm deine ganze Galanterie zusammen bey ihr; denn davon ist sie Liebhaberin: aber Schelm! wenn du mir nicht bey der Galanterie stehen bleibst! – In ihrer und aller Andern Gegenwart sind wir Cousin und Cousine; denn nun mußt du allmälich anfangen, dein Teutsch zu verlernen und alles französisch zu nennen, auch wenn du teutsch sprichst. Madam Vignali wird französisch mit dir reden, weil sie kein Teutsch kan: allein laß dich das nicht anfechten! ich habe sie schon vorbereitet, daß du in der Sprache 360 noch nicht geübt genug bist. – »Ich will ihn schon unterrichten,« sagte sie. Mit einer solchen Sprachmeisterin bist du doch wohl zufrieden? – Ja doch! gleich, Frau Hildebrand! Ihre Finger können unmöglich schon aufgethaut seyn. – Die Frau drängt und treibt mich, daß ich vor Uebereilung tausend höchstnöthige Dinge vergessen werde. Laß sie dir einkaufen helfen, sie versteht sich auf die Preise und ist ehrlich. Ich muß nur schließen; denn sie treibt schon wieder. – O Heinrich! wer hätte sich in Dresden so überirdisch großes, so übermäßiges Glück träumen lassen? Wer hätte sich nur die Hälfte so vieler, so entzückender Freude vorgestellt? – Ich bin auch so trunken, so wirblicht davon, daß ich taumle: ich glaube, ich fantasire gar zuweilen. Die Leute sagen immer, daß die Liebe ernsthaft macht: Lügen! lauter Lügen! Mich macht sie so lustig, daß ich oft für mich ganz allein lachen muß; und ich bin doch verliebt, das weis der Himmel! Ich glaube, daß sich alle Liebe, die es nur auf der Welt giebt, in das kleine Fleckchen hier, in mein Herz, 361 zusammengezogen hat. Ich merke auch gar nicht, daß sich Jemand außer uns liebt: hast du Jemanden gesehn? – Nicht wahr? keine Seele! Die guten Leute können nicht: es ist so kalter Winter in ihren Herzen und Gesichtern, wie auf der Straße; denn die Mädchen haben keinen Heinrich, und die Jünglinge keine Ulrike. Wen ich nur erblicke, der schielt mich an und seufzt in Gedanken: »ach, wer so glücklich wäre, wie die!« – Sie dauern mich recht, die armen Leute! Die ungestüme Frau Hildebrand! fragt sie nicht schon wieder, ob ich fertig bin? – O sie kan sich heute den ganzen Tag bey mir wärmen, ich bin doch immer noch nicht fertig: aber ich will mir Gewalt anthun, punctum . Lebe wohl. Diesen Abend um fünf Uhr hoft man die Ehre zu haben, den Herrn Cousin bey sich zu sehn. Es warten zwey Dinge auf Dieselben, meine Reisebeschreibung und Deine Ulrike .        362 Nach Empfang dieses Briefes wurde kein Augenblick versäumt, die verlangten nöthigen Anstalten zur morgenden Aufwartung zu machen, dem Schneider doppeltes Macherlohn versprochen und alles übrige doppelt so theuer eingekauft, als es weniger eilfertige Leute bezahlt hätten. Es schlug fünfe, und der glückliche Herrmann gieng, stolz auf sein Schicksal, zur wartenden Ulrike. 363   Drittes Kapitel. »Hilf mir lachen, Ulrike!« so trat Herrmann in ihre Stube. »Hilf mir lachen! vor einer Stunde ist dein Porträt und ein Gesicht abgefahren, das ihm wahrhaftig ähnlicher sieht, als ich glaubte, daß dir Ein Gesicht seyn könte. Fort ist sie! Sie hat meinen gewesnen Prinzipal gebeten, ihr heimlich ein Kleid von seiner Frau zu geben: allein er ist es nicht eingegangen, sondern hat ihren ganzen Anzug vom Juden geborgt und für die Bezahlung zu haften versprochen. Welche Lust! wie der Graf stutzen und sprudeln wird, wenn er eine falsche Ulrike bekömmt! Der Kaufmann war sehr aufgebracht wider ihn, daß er nicht mit der Bezahlung inne hält: der Graf hat ihm von der versprochnen Summe nicht mehr als tausend Thaler ausgezahlt: deswegen begleitet er seine Ulrike selber, um deinen Onkel zu mahnen und zu verklagen, wenn er nicht Richtigkeit macht.« Ulrike. Also gehts schon wieder schlimm? – 364 Die arme Tante Gräfin! Wenn die nur nicht dabey leiden müßte! das wird einmal ein Thränenvergießen werden! – Ihre Leiden gehn mir ans Herz; aber ich kan sie izt unmöglich bedauern: ich müßte mirs an meiner Freude abbrechen: das Mitleiden glitscht mir itzo nur über die Seel weg; und wie die Betrübniß thut, davon weis ich kein Wort mehr. Herrmann. Das sollst du auch nicht! nimmermehr wollen wir das wieder erfahren! Seitdem ich dich wieder habe, ist mir Jedermann verächtlich, elend, klein: die Leute auf der Straße, wenn sie vor mir vorübergehn, kommen mir alle wie Zwerge vor: ich rage weit über sie weg. Die nichtswerthen Geschöpfe! denk' ich: wozu leben sie? um in niedrigen gewinnsüchtigen langweiligen Geschäften herumzukriechen, bestimmt des Lebens Last zu tragen und nie eine wahre Freude zu fühlen. Lieben können sie nicht; denn es ist nur Eine Ulrike. – Ich kan gar nicht begreifen, wie Jemand sagen mag: »ich liebe!« wenn er dich nicht lieben darf: alle die bewunderten 365 Schönen – alle sind sie gegen dich wie eine Nachtlampe gegen die Sonne: nicht Eine Ader thut mir nach ihnen weh. Ulrike. Bemitleide, beklage sie, die armen Geschöpfe! was kan der Bettler dafür, daß er nicht so glücklich ist als der Reiche? – Ich habe heute allen Leuten ins Gesicht lachen müssen, so komisch verdrießlich und ernsthaft sehn sie mir aus. Wenn ich mich nur einmal satt lachen dürfte! Bey Tische brach es mir heute etlichemal heraus: ich verbarg es mit dem Schnupftuche, aber die Frau von Dirzau ward es doch gewahr: sie fragte, was ich hätte; und zum Glücke besann ich mich auf ein lustiges Histörchen, das mir eingefallen wäre, und das ich ihr erzählte, um nur einmal frey herauslachen zu können. Herrmann. Und mich muß die Freude zerstreut, verwirrt, abwesend machen; denn der Kaufmann beschwerte sich über mich, daß ich ihm so verkehrt antwortete und immer nicht wüßte, wo ich wäre. »Du bist ja seit gestern gar zum Klotze geworden,« sagte er mir: allein ich bat sehr inständig, mich mit dergleichen 366 vertraulichen Benennungen zu verschonen, da ich nicht mehr die Ehre hätte, sein Junge zu seyn: – »Wie trotzig!« sagte er und wunderte sich. – »Und das mit Recht!« sprach ich und gieng. Auch deine Botenfrau klagte über mich, daß sie nicht klug in mir werden könte. – Ulrike. Bey mir hat sie noch mehr geklagt. Du mistrauischer Schelm! warum traust du ihr denn nicht? – Sie ist eine recht gute Frau. Herrmann. Ich traue Niemandem als dir und mir. Ich habe leider! die Erfahrung gemacht, daß man sehr gut scheinen und doch ein Spitzbube seyn kann. Ulrike. O du hocherfahrner Heinrich! hat dich während unsrer Trennung die Erfahrung so vorsichtig gemacht? – Du mußt wissen, daß wir dieser Frau unser ganzes Glück zu danken haben. Hab' ich dir nicht gestern schon von ihr erzählt? – Nein! Izt besinne ich mich: ich sezte mich ja erst in meiner Erzählung zu Wilsdruf auf die Post, als wir gestern gestört wurden. Herrmann. In was für Gesellschaft reistest du? 367 Ulrike. In herzlich schlechter! Sie hiengen alle die Köpfe, wie welke Mayblumen. Ein Kandidat, ein Kantor und ein Jäger: sie waren fromm, wie die Schäfchen, gegen mich; denn keiner redte Ein Wort mit mir; und das war mir ganz gelegen: ich hatte mit mir gnug zu sprechen. Gegen Abend schickte der Himmel einen gnädigen Regen, der das entlaufne Mädchen so durchnäßte, daß ich am ganzen Leibe Eine Wasserfluth wurde. Ich zitterte vor Kälte, fühlte schauerhaften Fieberfrost, mein Muth war ganz dahin. Meine drey Gefährten wickelten sich in Mäntel und Ueberröcke und verlangten gar nicht zu wissen, ob mich fröre: nur der Postilion war so gutherzig und erkundigte sich nach meinem Befinden, erbarmte sich meiner und gab mir aus christlicher Liebe für vier Groschen seinen Mantel bis zur nächsten Station. Dort ließ man mir die nämliche Milde gegen den doppelten Preis angedeihen. O Heinrich, beklage dein armes entlaufnes Mädchen! Die Strafe war wirklich zu hart. In einen gelben Mantel vom Kopf bis an die Knie 368 gewickelt, unten in Stroh eingepackt, bald frierend, daß mir das Herz bebte, bald glühend, wie ein Feuerofen, und bey der größten Hitze noch innerlich schauernd vor Frost, saß ich armes Geschöpf verlassen und allein die übrige Nacht durch auf dem Wagen, und die Wolken strömten so ungeheure Fluten auf mich herab, daß Stroh und Füße in Wasser schwammen: wie eine zarte kranke Blume, vom Platzregen ersäuft, in den Boden gedrückt, saß ich da, trauerte und weinte. Meine Seelenkümmerniß erwachte, Reue und Furcht vor der Zukunft quälten mich; und so wurde die unbesonnen verliebte Ulrike das Spiel eines doppelten Sturms! von innen und von außen! ein krankes Schäfchen, in einer menschenlosen Wüste! Obgleich die übrige Reise hindurch die Grausamkeit des Wetters nachließ, blieb ich doch krank und niedergeschlagen: langes Fasten, Mattigkeit, Rückenschmerzen von der Erschütterung des rumpelnden Wagens, Uebelkeit, Verdruß, Fieber raubten mir die Kraft, ein Auge aufzuschlagen oder ein Glied zu rühren. 369 Mitten in einer Station stieg ein sächsischer Soldat auf, ein Kavallerist, der bis nach Grimma bey mir blieb. Kaum hatte er meine Krankheit aus mir herausgefragt – welches er gleich that, als er Platz genommen hatte – so warf er hastig seinen Mantel von sich, richtete mich auf, ließ den Postknecht halten und wickelte mich so derb in seinen rothen Mantel ein, daß ich fast erstickte, holte eine zotichte Mütze aus der Tasche, weitete sie über das Knie und sezte sie mir auf meine Kappe darüber: ich bat ihn, seine Güte nunmehr nicht weiter zu treiben, allein er ruhte nicht, bis ich ein Paar wollne Handschuhe annahm, worein er meine Füße steckte. Ich dankte ihm mit einem gerührten Blicke und beklagte, daß er sich aller Bequemlichkeiten um meinetwillen beraubte. – »Ha!« sprach er, »das Hemde vom Leibe können Sie kriegen, wenn Sies haben wollen. Solche Kerle wie mich macht der liebe Gott alle Tage, aber ein hübsches Mädchen nur alle Jahre einmal. Du bist ein rechter Halunke, Schwager!« rief er zum Postknecht, »daß du das arme Nüßchen so 370 frieren läßt.« – »Ich kann sie ja nicht wärmen: es ist kalt,« antwortete der Postilion mit gedehntem Tone. – »Köntest du dich nicht ausziehn bis auf die Haut und deine Kleider auf sie decken? Du hölzerner Peter wirst doch wohl nichts erfrieren, und wenn du im Hemde bis nach Rom fährst. – So viel will ich Ihnen nur sagen – (wobey er sich zu mir herüberbeugte) – so lange ich bey Ihnen bin, soll Ihnen nichts zu Leide geschehn: hier ist Mordgewehr. Mich hat einmal ein Mädchen vom Tode errettet, und seit der Zeit hab' ich ein Gelübde gethan, kein Mädchen in der Welt Noth leiden zu lassen: ich gehe durch Feuer und Wasser für Sie, wenn Sies verlangen. Was wollen Sie sagen? Ich hab einmal um eines Mädchens willen dreißig Fuchteln gekriegt. Potz Geier! das that! – In diesem Tone fuhr er fort, mir alle seine Heldenthaten für die Mädchen, seiner Familie und seiner Kameraden Geschichte zu erzählen; und er plauderte mir wirklich einen großen Theil meiner schmerzhaften Empfindungen weg. Dabey war er äußerst sorgsam, nachzusehn, ob etwa der 371 Mantel sich irgendwo aufgeschlagen hatte und den rauhen Wind auf mich streichen ließ; und wo er nur einen verdächtigen Fleck traf, da kam er dem Uebel sogleich zuvor. Dieser wohlmeinende Plauderer stieg zwar vor Grimma ab, allein der Wagen war kaum bey dem Posthause, so fand er sich schon wieder ein und bat mich, mit ihm bey seiner Mutter einzukehren, bey welcher er sich auf Urlaub aufhielt. Ich nahm die Einladung an und wurde mit einer Güte von der alten Wittwe und ihrem Sohne bewirthet, gepflegt, gewartet – mit einer Güte, die ich Zeitlebens nicht vergessen werde. Doch äußerte auch diese Frau bey aller Güte einen kränkenden Verdacht, der mir Ruh und Pflege verbitterte, ein Mitleiden über meine Jugend und Schwächlichkeit des Körpers – ein Mitleiden, mit so mancherley bedenklichen Reden vermischt, daß mir die Seele blutete! Ich gab mir alle Mühe, ihr den argen Verdacht einer geschehnen Verführung zu benehmen: sie entschuldigte sich zwar und versicherte, daß sie etwas dergleichen von so einem artigen Frauenzimmer gar nicht dächte, und schwur, Gott sollte sie 372 vor einem solchen Argwohn bewahren: aber des Predigens über die Verführungen der Mannspersonen, und des Bedauerns über junge verführte Mädchen ward doch kein Ende. Ich versicherte sie, daß ich eine Freundin in Leipzig besuchen wollte und aus Unwissenheit den geraden Weg verfehlet hätte, daß ich durch die Empfehlung dieser Freundin Guvernante in Berlin werden sollte: sie betheuerte mir eben so stark, daß sie alles glaubte, und fuhr immer in ihren bedenklichen Aeußerungen fort. Als ich drey Tage bey diesen Leuten zugebracht hatte, kam der Sohn des Nachmittags voller Freuden in die Stube und brachte mir die Nachricht, daß morgen in aller Frühe ein Kapitän mit Extrapost nach Leipzig fahren und mir auf seine Fürbitte einen Platz in seiner Chaise geben wolle. Herrmann. Und du nahmst den Platz an? Ulrike. Was sollt' ich thun? – Mein Kavallerist versicherte mich, daß ich nichts zu fürchten hätte. – »Der Mann hat eine Frau und drey Kinder,« sagte er: »er ist schon ein bischen alt und mein speciell guter Freund und Patron: 373 er hat einmal als Lieutenant bey meinem Vater seliger im Quartier gelegen; und da thut er ihnen nichts, darauf können sie sich verlassen.«– Ich nahm mit Thränen von den guten Leuten Abschied: mein Fieber und mein innerlicher Kummer hatten mich so weichmüthig gemacht, daß mich jedes Wort zum Weinen bringen konte: ich legte einen Dukaten hin, allein der Sohn schwur, daß er des Teufels lebendig seyn wollte, und die Mutter, daß sie Gott bewahren sollte, Einen rothen Pfennig anzunehmen: ich drückte dem Reuter dankbar die Hand, als er mir den Dukaten mit Gewalt in die meinige legte, und hätte ihn küssen mögen – Herrmann. Und ich möcht' ihm Millionen schenken, wenn ich sie hätte. Ulrike, wenn wir jemals glücklich zusammen werden, die Leute sollen bey uns wohnen, sollen Freud und Leid mit uns theilen: sie sind meinem Herze mehr als Vater und Mutter. – Aber, liebste Ulrike, also reistest du mit dem Offiziere? Ulrike. Warum fragst du denn so ängstlich? – Er war ja alt und hatte eine Frau und 374 drey Kinder! – Sey unbesorgt! Er hat unterwegs mehr mit dem Postknechte, als mit mir gesprochen, und wenns ihm einfiel, mich zu unterhalten, so redte er von Rebhünern, wilden Schweinen, zahmen und wilden Enten, oder erzählte mir ein Jagdhistörchen, über das ich zum Unglück nicht lachen konte. Sonst galt es ihm gleich, ob mich hungerte, fror oder durstete, und etlichemal schalt er mich recht derb aus, daß ich mich auf so eine Reise so leicht angezogen hätte, da ich doch so eine elende patschichte Kreatur wäre. Ueberhaupt fand er immer etwas zu tadeln, und wo andre Leute bedauert hätten, da schalt er. Statt mir Wein oder eine Höflichkeit anzubieten, fragte er mit mürrischem strafenden Tone: »warum trinken Sie denn nicht? warum nehmen Sie denn meinen Mantel nicht, wenn Sie friert?« – Da wir in Leipzig ausstiegen, dankte ich ihm sehr demüthig für seine Güte: allein er wollte meinen Dank nicht: ohne ihn anzuhören, sprach er: »es ist gerne geschehn,« – und wandte sich zum Postknechte, um mit ihm über den Bau seiner Chäse zu 375 sprechen. Ich war nicht zwo Stunden im Gasthofe, als sich eine Puzmacherin, die ihre Stube neben mir hatte und eine fremde Herrschaft in mir vermuthen mochte, auf meinem Zimmer einstellte, um mir ihre Waaren anzubieten. Ich erschrak, als ich die Stimme hörte, und noch mehr, da ich das Gesicht erblickte: es war die Putzmacherin aus Dresden, von welcher Tante Sapperment so vielfältig gekauft, mit der ich so vielfältig geschäkert hatte. Ich dankte leise und wandte mein Gesicht weg: aber unvorsichtiger Weise trat ich so, daß sie es im Spiegel sehen konte. – »Ey! du allerhöchster Gott, sind Sies denn wirklich?« rief sie aus und fuhr auf mich zu. »Gott sey mir gnädig! wie ich erschrocken bin! Bin ich besoffen oder nüchtern? – Ja, ja! Sie sinds ja mit Leib und Seele. Ey, unterthänige Magd, liebes Baroneßchen! Behüte mich Gott! in des Henkers Namen, wo kommen Sie denn her?« – Es half nun weiter keine Verstellung: ich mußte mich entdecken. Ich überredete ihr in der Geschwindigkeit, daß ich mich mit der Oberstin veruneinigt 376 hätte und heimlich fortgereist wäre, um mich zu einer Anverwandtin in Berlin zu begeben. Ich bat sie um alles in der Welt, mich nicht zu verrathen, und bot ihr Geld, so viel ich nur entbehren konte: aber sie schlug alles aus und that einen entsezlichen Schwur, daß sie nichts über ihre Zunge kommen lassen wollte, wenn ich mich ihr ganz anvertraute. Sie erbot sich, mich in zwey Tagen mit nach Dessau zu nehmen, wohin sie mit Waaren bestellt war; und weil sie dort ihre Muhme, die Madam Hildebrand aus Berlin zu sprechen hofte, so könte ich alsdann mit dieser Frau vollends nach Berlin reisen. Alles sehr erwünscht für mich! Wir fuhren mit einem Miethkutscher nach Dessau, wo die Frau Hildebrand schon wartete; denn sie hatten einander dahin bestellt, um gewisse Angelegenheiten abzuthun, die ich nicht erfuhr. Die Geschäfte der beiden Weiber nahmen zwey ganze Tage hin: alsdann wurde ich der Frau Hildebrand förmlich übergeben, und wir giengen zusammen mit der Post ab. Nun war es hohe Zeit offenherzig zu beichten und um Rath zu 377 fragen: meine achtzehn Dukaten hatten abgenommen, und wenn auch durch große Sparsamkeit der Rest noch einen Monat in Berlin widerhielt, was dann zu thun? – Ich tolles Mädchen, hatte noch nie hausgehalten und bildete mir ein, daß man mit achtzehn Dukaten durch die halbe Welt reisen könte: wie fand ich mich betrogen! Ich eröfnete der Frau Hildebrand mein Anliegen und fragte, ob sie mir nicht zu einer Stelle als Guvernantin verhelfen könte, da sie nach der Aussage ihrer Muhme in allen großen Häusern bekannt seyn sollte. Sie versprach nichts als ihren guten Willen. Sie bot mir so lange Wohnung bey sich an, bis sich etwas für mich fände, und ermahnte mich beständig, nicht ekel in den Bedingungen zu seyn: wenn ich das nicht seyn wollte, wäre nichts leichter für so ein hübsches Frauenzimmer, wie ich, als in Berlin unterzukommen. Ohngefähr eine Woche vergieng nach unserer Ankunft, als sie mir einen Spatziergang unter die Linden vorschlug: aber lieber Himmel! ich hatte keine Kleider. Frau Hildebrand schafte Rath. Sie brachte mir ein 378 vollständiges reinliches seidnes Kleid, koeffirte mich mit eigner Hand und wanderte mit mir fort. Niedergeschlagenheit des Herzens und die Schwächlichkeit vom Fieber machten mich furchtsam: ich konte kein Auge aufheben, und wenn ichs wagte, kam mirs vor, als wenn Jedermann nach mir sähe und von mir spräche: gleichwohl bekümmerte sich Niemand um mich, wie mich meine Begleiterin versicherte, außer einigen Mannspersonen, die mir starr in die Augen sahen oder wohl gar stehen blieben und nach mir wiesen. Ich war so beklommen, daß ich die Frau bat, mit mir umzukehren, weil mir das Anstarren fremder Personen unerträglich wäre. »Das müssen Sie sich zur Ehre rechnen,« sprach sie: »wer wird denn so blöde seyn? Gucken Sie nur den Leuten recht dreist in die Augen, mein Schäfchen! Sie werden bald Ihr Unterkommen finden, dafür ist mir nicht leid: ich merke das schon. Nur hübsch dreist, mein Lämmchen!« – Auf dem Spatziergange waren nichts als Mannspersonen, und auch in keiner großen Anzahl; denn es war schon im Herbste und 379 nicht sonderlich angenehm: meine Begleiterin hatte viele Bekannte unter ihnen, die sie von Zeit zu Zeit auf die Seite nahmen und sich von ihr etwas ins Ohr zischeln ließen, indessen daß ich allein dort stund und mich von den Vorübergehenden begaffen lassen mußte: besonders einer, sehr mittelmäßig gekleidet, in einem grauen Ueberrocke, gestiefelt und gespornt, nahm mich in so genauen Augenschein, als wenn er meine Person auf seine ganze Lebenszeit merken wollte. Er sprach ein Paar Worte leise mit der Hildebrand, und gleich darauf rieth sie mir, wieder nach Hause zu gehen: wir thatens, und unterwegs entdeckte sie mir, daß dieser Herr, der mich so genau angesehn habe, Herr von Troppau heiße, eine Guvernantin für ein siebenjähriges Fräulein brauche und mich morgen Vormittag bey sich sehen wolle. Mir war die Einladung höchst ungelegen: aber was konte ich thun? – Ich mußte mich dazu entschließen und gieng mit der Hildebrand den folgenden Vormittag zu ihm hin. Er empfieng mich mit ungemeiner Politesse und führte mich sogar bey der Hand ins Zimmer, 380 daß ich stuzte und nicht anders glaubte, als daß er meinen Stand wüßte. Wir sezten uns, der Bediente brachte Schokolate und ein Paar Teller Näschereyen: unser Gespräch wollte sich nicht sonderlich erwärmen. Sein überaus ernstes Ansehn und Betragen, seine abgebrochne Art zu reden, sein starrer steifer Blick schreckten mich anfangs nicht wenig: allein da ich glaubte, daß er mich nicht zu sich verlangt habe, um mich anzusehn, fieng ich allmälich an, ein wenig lebhafter zu plaudern. Er lächelte zuweilen und fragte endlich ganz abgebrochen, ob die Hildebrand mit mir von seiner Absicht auf mich gesprochen habe: ich bejahte es. – »Ich werde schon weiter mit Ihnen darüber sprechen,« sagte er und schickte zu seiner Schwester, der Frau von Dirzau, die mit ihm in Einem Hause wohnt, um sich erkundigen zu lassen, ob er mich ihr vorstellen dürfte: der Bediente kam mit einem Ja zurück, und er führte mich zu ihr.– »Ich bin Wittwer,« sagte er unterwegs, indem wir die Treppe in den zweiten Stock hinaufstiegen; »und meine Schwester hat meine Tochter bey sich, die Ihnen zur 381 Erziehung bestimmt ist.« – Die Dame empfieng mich, wie ihr Bruder, sehr freundlich, blieb eben so ernsthaft und besah mich so genau, daß keine Falte im Kleide, kein Härchen auf dem Kopfe von ihrem Blicke verschont blieb; und wenn sie mich eine Zeitlang begaft hatte, dann wandte sie sich zu ihrem Bruder und sagte ihm leise ihr Urtheil, doch immer laut genug, daß ichs hören konte: es fiel meistens misbilligend aus, wie ich auch schon aus dem verzognen Munde und der gerümpften Nase hätte schließen können. Ihre Fragen an mich betrafen mein Alter, meine Herkunft und andre Dinge dieser Art, die ich größtentheils mit Lügen aus dem Stegreife beantworten mußte. Der Bruder war bey allem, was sie über mich sprachen, entgegengesezter Meinung: was die Schwester tadelte, lobte er, und da sie beinahe alles tadelte, lobte er auch beinahe alles an mir: zuweilen schien es sogar, als wenn er sich über sie aufhielt. Sie bat mich zum Mittagsessen: der Herr von Troppau gieng auf die verbindlichste Weise mit mir die Treppe herunter und befahl 382 einem Bedienten, mich zu Madam Vignali zu bringen, drückte mir die Hand bey dem Abschiede und stieg wieder die Treppe hinauf zu seiner Schwester. Madam Vignali nahm meinen Besuch, auf welchen sie schon vorbereitet war, bey dem Puztische an, und in drey Minuten war ich schon in die Frau verliebt. Sie empfieng mich mit ofnen Armen und zween der freundschaftlichsten Küsse, wünschte sich sogleich nach den ersten Komplimenten Glück, daß sie in so nahe Verbindung mit mir gerathen sollte, bat um meine Freundschaft, als um die größte Wohlthat, die ihr wiederfahren könte, schilderte mir den Herrn von Troppau als den freygebigsten edeldenkendsten angenehmsten Mann: die Frau von Dirzau hingegen kam desto schlimmer weg. – »Sie hat ehmals gelebt wie wir alle,« sagte sie von ihr: »sie hat geliebt und sich lieben lassen: die Vergnügungen hat sie bis zur Tollheit geliebt und die Narrheit begangen, einen großen Theil ihres Vermögens dabey zuzusetzen. Um ihren Aufwand unter einem ehrbaren Vorwande einzuschränken, warf sie sich vor zwey Jahren in 383 die Devotion und lebt und liebt seitdem im Stillen: sie ist mannichmal von einer so skandalösen Frömmigkeit, daß man nicht bey ihr aushalten kan. Seyn Sie auf Ihrer Hut! sie ist erstaunend hönisch, spöttelt über alles mit der Mine eines kanonisirten Heiligen: sie ist das Archiv aller Stadtneuigkeiten und besoldet ein halbes Dutzend alter Huren, die herumschleichen und Nachrichten für sie sammeln müssen. Wahrscheinlich werden Sie in diesem bureau des affaires scandaleuses auch einen Platz bekommen; und Sie thun klug, wenn Sie sich ihn beyzeiten selbst nehmen: das ist das einzige Mittel, ihr zu gefallen; und ich rathe Ihnen nicht, ihr zu misfallen: Sie wären verloren, da Sie bey ihr wohnen und speisen werden, wenigstens fürizt: ich werde den Herrn von Troppau schon antreiben, daß er seine Tochter bald von ihr wegnimmt: die arme Kleine wird zum Schafe bey der Frau.« – Das waren ohngefähr die Nachrichten, die sie mir nebst einigen andern von gleichem Schlage ertheilte. Beym Weggehn führte sie mich in ein kleines Kabinet, zog 384 eine Rolle Geld aus dem Schreibeschranke und übergab sie mir. – »Sie brauchen vermuthlich Geld,« sprach sie, »um sich Kleider anzuschaffen: nehmen Sie!« – Ich weigerte mich, erstaunt über eine solche Gütigkeit. – »Ich leih' es Ihnen,« fieng sie an, als sie meine Verlegenheit merkte. – »Aber ich werde Sie nicht wiederbezahlen können, sprach ich. – »Das wird sich schon geben: wenn es alle ist, wenden Sie sich an mich!« – Unter Küssen, Umarmungen, Versicherungen der Freundschaft und Liebe trennten wir uns. – Heinrich, sage! Kan man eine beßre liebenswürdigere edlere Frau finden? Herrmann. Bis hieher fürwahr nicht! Wenn nichts dahinter steckt? Ulrike. Ueber den Mistrauischen! Wer hat dich nur dazu gemacht? – Ach ja! deine Erfahrung, sagtest du ja vorhin! – So ist diese vortrefliche Frau bis auf diese Stunde gegen mich geblieben, meine einzige vertrauteste Freundin, meine Zuflucht bey allen Bedürfnissen: unsre Herzen sind einander offen und unsre Anliegen und Wünsche gehn aus einem in das 385 andre über: sie erzählt mir ihre kleinsten Begebenheiten, und wenns auch nur eine verlorne Stecknadel wäre: wir singen, tändeln, schwatzen mit einander; – kurz, wir lieben uns, wie zwo Freundinnen sich lieben müssen: keine kan ohne die andre einen Tag zubringen, und wenn wir uns einen halben Tag nicht gesehn haben, leiden wir, wie bey einer ewigen Trennung; und sehn wir uns dann wieder, o da ist die Freude so voll! so herzlich! mit Thränen fließen wir bey der ersten Umarmung zusammen: unsre Hände schließen sich in einander, erwärmen sich unter dem feurigsten Drucke und möchten sich gern noch inniger vereinigen, wenn sie nur könten. Oft sitz' ich neben ihr auf dem Sofa, rede lange kein Wort, kan auch nicht reden, so voll ist mir mein Herz: es steigt mir vor süßer Wehmuth bis in die Gurgel herauf: ein angenehmer Schauer läuft mir durch den ganzen Rücken hinab: ich kan mich nicht halten, ich werfe mich der vortreflichen Frau an die Brust und schluchze und weine große Tropfen und möchte mich gern in ihre Seele hineindrücken 386 können. O Heinrich! nur diese edle Freundin hat mir deine Trennung erträglich gemacht: ich liebte dich in ihr. Wenn Eine weibliche Freundschaft auf der Erde wahr und ohne Affektation gewesen ist, so muß es die unsrige seyn: ich zittre vor Vergnügen, wenn ich mir sie nur denke. Herrmann. Aber bist du gewiß versichert, daß Vignali dich eben so sehr liebt als du sie? Ulrike. Wie du nur so einfältig fragen kanst? – Einfältig, recht einfältig ist das gefragt. Herrmann. Erzürne dich nicht, liebe Ulrike! Ulrike. Fast möcht' ich! – Thue nicht noch eine so wunderliche Frage! oder du bringst mich gewiß auf. – Ob sie mich liebt? Sehe, höre, fühl' ichs denn nicht? Sie erfüllt ja meine kleinsten Verlangen, kömmt meinen Wünschen zuvor, lauert recht auf Gelegenheit, mir Gefälligkeiten zu erzeigen, giebt mir Geld, so viel ich nur brauche, ohne zu bedenken, daß ichs ihr niemals wiedergeben kan, will auch 387 schlechterdings nichts wiederhaben: liebt man da nicht, wenn man alles das thut? – Du solltest nur unsern Abschied sehn, wenn wir uns auf eine ganze Nacht verlassen müssen – wie wir immer von einander wollen und nicht können, immer umarmen und küssen und Gute Nacht sagen, und immer wieder stehn bleiben, noch etwas zu sagen haben, dann wieder umarmen, wieder küssen, und so zehnmal, zwanzigmal Abschied nehmen, und zwanzigmal stehn bleiben, bis wir an der untersten Hausthür sind; und noch reißen wir uns mit Mühe los, um eine ganze Nacht von einander zu seyn: liebt man da nicht, wenn man das thut? – Sage mir Eine von deinen hocherfahrnen Erfahrungen, die alles das zur Lüge macht! Möcht' ich dich doch tausendmal lieber tumm und einfältig als mistrauisch sehn. Der Himmel weis es, wie sehr ich dich liebe: aber so wahr ein Himmel ist! ich müßte aufhören, dich zu lieben, wenn du so mistrauisch bliebst. – Sie war so lebhaft aufgebracht, daß sie einigemal die Stube hastig auf und nieder gieng: 388 Herrmann suchte sie zu besänftigen, gieng ihr nach, warf einen Arm um sie und drückte sie zärtlich an sich. »Liebste Ulrike,« sprach er, »zürne nicht! Ich will allen meinen Verdacht, alles mein Mistrauen unterdrücken, wenn es dich beleidigt! lieber unvorsichtig mit dir ins Unglück rennen, als dich durch Vorsichtigkeit kränken! – Komm! setze dich! erzähle mir weiter! – Du nahmst von Vignali Abschied; und nach diesem Morgenbesuche giengst du? Wohin, liebe Ulrike? Ulrike. Zum Mittagsessen bey der Frau von Dirzau: es war gerade Zwölfe, und Vignali sagte mir: »die Frau von Dirzau sezt eine Ehre darein, mit den Tagelöhnern zu gleicher Zeit zu essen: gehn Sie also gleich hinüber!« – Wirklich war es auch hohe Zeit; denn die Suppe stand schon auf dem Tische, als ich anlangte. Die Frau von Dirzau sagte in eigner Person ein langes langes Tischgebet her, wozu die Fräulein auch einen kleinen Zuschuß that, und gegenwärtig geht das Beten nach der Reihe herum. 389 Sie, mein Fräulein und ich, wir machten, wie seitdem täglich, den ganzen Tisch aus und saßen lange sehr züchtig und still da: die Frau von Dirzau legte vor. Als sie den ersten Löffel Suppe essen wollte, fieng sie mit einem hönisch verzognen Munde an: Sie haben der Madam Vignali die Cour gemacht? – »Ja: der Herr von Troppau hat mir befohlen, sie zu besuchen.« – Daran haben sie wohl gethan: es ist eine sehr kluge Frau. – Nun stund unser Gespräch still. Da sie die Suppe aufgezehrt hatte, welches sie äußerst bedächtig that, hub sie wieder an: Wie gefällt Ihnen die Vignali? – »Ausserordentlich wohl! Sie hat mich empfangen, wie eine Schwester.« – Das ist ja sehr schön: es ist eine Frau voller Lebensart. – Abermals eine Generalpause! Das Rindfleisch erschien: sie machte ein Kreuz mit dem Messer darüber und schnitt ein. Als das Rindfleisch herumgegeben war, fragte sie: Trauen Sie der Vignali? – »Ja: ich glaube, daß sie mein Vertrauen verdient.« – Glauben Sie das? So habe ich die Ehre, Ihnen zu sagen, mein liebes 390 Kind, das Sie falsch glauben. Es ist eine abscheuliche Frau, ein wahrhaftig gottloses Weib, das weder Gott noch Menschen scheut, um ihre Absichten durchzusetzen. – »Das sollte ich doch kaum denken,« unterbrach ich sie. – »Es ist möglich,« sagte sie äußerst spöttelnd, »daß Sie die Kunst besitzen, die Leute in Einer Stunde besser kennen zu lernen als ich in sechs Jahren: am Ende wollen wir sehn, wer sich geirrt hat, ich oder Sie. Sie hat meinen Bruder in ihrer Gewalt und spielt mit ihm, wie die Katze mit dem Zwirnknaul: nehmen Sie sich in Acht! Sie sind sehr jung, und ihr Aeußerliches läßt mich erwarten, daß Sie noch nicht verdorben sind: aber Vignali kan nicht wohl unverdorbne Menschen um sich leiden: sie müssen ihr gleich werden, oder zu Grunde gehn. Mein Bruder ist gewöhnlich das Werkzeug, solche schuldlose Geschöpfe, die ein wenig Ehrbarkeit und Tugend mehr haben als dies schändliche Weib, unglücklich zu machen: hüten Sie sich, daß Sie nicht das Opfer werden, das mein Bruder diesem grausamen Götzen bringen muß. Wenn Sie 391 klug sind, wissen Sie nunmehr genug. Ich hoffe, daß Sie in Zukunft sich mehr an mich als meinen Bruder und die Vignali halten werden: es ist zwar seine Tochter, die Ihnen anvertraut werden soll, allein ich erziehe sie und will sie zu einem ehrbaren frommen Leben, und nicht zu so einer wüsten Tollheit erzogen wissen. Fliehen Sie alle diese lustigen Gesellschaften! Man wird sie vermuthlich dazu ziehen wollen: aber wie ich Ihnen sage, halten Sie sich einzig an mich und gehorchen Sie sonst Niemandem! Sie können leicht erachten, daß ich ein gutes Zutrauen zu Ihnen habe, weil ich so offenherzig mit Ihnen spreche. Alle meine Domestiken verstehen französisch, und doch scheue ich mich nicht, alles dies und jedes andre Geheimniß in ihrer Gegenwart zu sagen: nicht Ein Wort kömmt über ihre Zunge: so eine Treue, Einigkeit und Liebe herrscht in meinem Hause!« – Sie sprach noch lange in diesem Tone mit mir: wir stunden auf, und sie war noch immer bey der Vignali. Nach Tische nahm sie mich in ihr Kabinet, ließ ihren Bruder bitten, zu ihr 392 heraufzukommen und bey meiner Annehmung selbst zugegen zu seyn: er kam auch wirklich, aber sehr verwundert, was er dabey sollte. – »Soll denn der Mamsell vielleicht eine Bestallung ausgefertigt werden?« fragte er spöttisch. »Ich habe meine Meinung heute früh gesagt: das kan ihr wieder gesagt werden: man weist ihr das Zimmer an; und so ist die ganze Historie fertig. Ich bekümmere mich um solche Dinge nicht. Willst du vielleicht zum glücklichen Anfange ein Paar Vater Unser mit ihr beten, so ist dirs unverwehrt: ich kan aber nicht die Ehre haben. dabey zu seyn: ich muß zu Tische fahren. Adieu.« – Die Frau von Dirzau wurde feuerroth vor Empfindlichkeit: sie verbiß den Aerger, sagte mir die Bedingungen, die mir ihr Bruder machte, und befahl der Fräulein, mich auf ihr Zimmer zu führen: ehe wir giengen, hielt sie eine förmliche Anrede an uns beide, worinne sie uns zur Ausübung unsrer gegenseitigen Pflichten ermahnte, beschloß wirklich mit einem Vater Unser und hieß uns in Gottes Namen gehen. Kaum war ich eine Viertelstunde auf meinem 393 Zimmer, siehe! da kam Madam Vignali. Sie wollte mein Fräulein umarmen, allein dem guten Kinde war ein solcher Abscheu gegen die Frau von ihrer Tante eingeflößt worden, daß es alle Liebkosungen von sich abwehrte und mit Zittern augenblicklich aus dem Zimmer zur Frau von Dirzau flüchtete. Ich wollte sie zurückholen, allein Vignali hielt mich ab. » Tant mieux! tant mieux! « schrie sie lachend. »Das Kind soll mich schon einmal lieben, wenn wir sie in die Zucht bekommen. Eh bien? was hat Ihnen denn die gottselige Dame gepredigt? Ich bin doch wohl der Text gewesen?« – Ich sagte ihr das wenige Gute, was die Frau von Dirzau von ihr gesagt hatte, und verschwieg alles übrige. – »Eine kluge Frau! eine Frau voller Lebensart!« sprach sie und zählte dabey an den Fingern. »Sehn Sie! das sind erst zwey Finger; und wenn man das Böse überrechnet, was Ihre Dame in einer Stunde von einem Menschen sagt, so zählt man jedesmal alle zehn Finger zehnmal herum: Sie stehen also noch sehr stark im Reste: was sagte sie weiter?« – Ich 394 antwortete: nichts! – »Liebes Kind!« sprach sie sehr ernsthaft: »für eine Bekanntschaft von vier oder fünf Stunden ist Ihre Heucheley verzeihlich. Solchen Schnickschnack, wie die Frau von Dirzau spricht, vergißt ein gescheidter Mensch sehr leicht: ich will Sie wieder daran erinnern;« – und nun erzählte sie mir Wort für Wort alles, was wir über Tische gesprochen hatten. Ich stuzte, gestund, daß alles die Wahrheit wäre, und verwunderte mich, woher sie unser Gespräch so umständlich wüßte. – »Woher?« fieng sie mit trocknem Tone an. »Haben Sie nicht hinter dem Stuhl ihrer gnädigen Frau einen langen krummen hölzernen Lümmel bemerkt, der sich, so lange das Essen dauerte, nicht von der Stelle bewegte, sich jede Sache zweymal sagen ließ und doch zum drittenmal falsch verstand, der einen Löffel brachte, wenn man Brod foderte, und ein Glaß Wein, wenn man einen Löffel verlangte? Dieser taube Pavian besucht mich jedesmal nach Tische durch die Hinterthür und erstattet Bericht vom Tischgespräche: er hört so fein, wie eine Spitzmaus, wenn er mit mir spricht, und bey seiner 395 gnädigen Frau liegt ihm beständig ein starker, starker Fluß vor den Ohren. Ich bezahle ihm monatlich einen Louisdor für seine Taubheit; und für noch einen kauf' ich dem Kerle alle übrige vier Sinne ab, wenns nöthig ist. Stutzen Sie nicht darüber: ich vergelte nur Gleiches mit Gleichem. Die Frau von Dirzau hat alle meine und ihres Bruders Leute im Solde: allein da sie wegen ihres eingeschränkten Vermögens nur kleine Besoldungen machen kan, so überbiete ich sie, und meine treuen Schurken entdecken ihr nichts, als was sie hören soll. So viel Treue und Einigkeit herrscht in meinem Hause! sagte sie heute zu Ihnen. Ah! la bonne bête! Die sämtliche Treue ihres Hauses will ich für einen Gulden in jedem Falle mit Haut und Haar wegkriegen, und die Einigkeit ist für acht Groschen feil. Alle ihre beiden Bediente sind ausgemachte Galgenvögel, und die meinigen Galgenstricke: ich hätte sie zum Besten der Welt längst alle hängen lassen, wenn ich dürfte. Aber auf das Hauptkapitel zu kommen! Rieth Ihnen nicht Ihre kluge Dame, daß Sie sich an sie halten sollten?« – Ich konte es nicht läugnen. – »Kind!« sagte sie mir mit 396 Stärke und drohte mit dem Finger dazu: »wo du dich unterstehst, dem Rathe zu folgen, so sey versichert, daß deine glücklichen Tage vorbey sind! Unser Haus wird dein Grab, dafür steh' ich dir.« Ich erschrak bis zum Zittern über diese Drohung: aber sie richtete mich gleich wieder auf, indem sie mit gemildertem, beinahe lustigem Tone sagte. »Närrchen, was erschrickst du denn? Wer wird so kindisch seyn? Genieße deines Lebens, so lange du kanst! Wenn die Herrlichkeit aus ist, dann halte dich zur Frau von Dirzau! Jezt thust du besser, du hältst dich zu mir: ich verstehe mich aufs Glück des Lebens.« – Ohne mich zur Antwort kommen zu lassen, brach sie ab und sah zur Thür hinaus. – »Ach! da sind ja meine Leutchen schon!« rief sie und bat mich um Erlaubniß, ihren Schneider hereinkommen zu lassen. Er nahm mir das Maas: ihr Mädchen brachte seidne Zeuge: wir lasen aus: sie lenkte meine Wahl und ordnete meine Befehle an den Schneider. Frau Hildebrand erschien mit Kopfputze, ein Bedienter mit andern Galanterien: genug, in Einem 397 Nachmittage wurde meine Garderobe in Stand gesezt. Vignali suchte unter allen das theuerste aus: ich nahm sie deswegen auf die Seite und stellte ihr vor, daß ich das nimmermehr bezahlen könte. – »Närrin!« sprach sie: »wer uns alle ernährt, wird auch diesen Plunder bezahlen.« – Als der Einkauf vorbey war, sollte ich mit zu ihr gehn und eins von ihren Kleidern versuchen, weil das meinige zur Abendgesellschaft zu schlecht wäre. Ich weigerte mich und bat sie zu bedenken, daß mir die Frau von Dirzau diese Gesellschaft schlechterdings untersagt hätte. – »Hat sie dir der Herr von Troppau auch untersagt?« – Nein, antwortete ich, aber auch nicht befohlen! – »So befehle ich, daß du keine von diesen Abendgesellschaften versäumen sollst.« – Ich wußte nichts mehr vorzuwenden, als meine Untergebne, von welcher ich mich unmöglich so lange trennen könte; denn ich hatte durchaus einen Widerwillen in mir gegen diese Gesellschaften. – »Laß du nur,« sprach sie lachend, »das gute Mädchen bey ihrer Tante recht tumm werden, damit wir desto mehr Ehre davon haben, wenn wir sie klug 398 machen. Allons! « – Mit diesem Allons faßte sie mich unter den Arm und wanderte mit mir die Treppe hinunter. Ich mußte mich von ihr selbst anputzen lassen, so sehr ich mich auch sträubte: es däuchte mir als wenn ich mein Todtenkleid anzöge, so eine Aengstlichkeit fühlte ich, daß ich in ein Haus voll solcher Schikanen, Parteyen und Kabalen gerathen war. Herrmann. Und ich möchte, daß du nie einen Fuß hineingesezt hättest. – Ach Ulrike! wenn deine Tugend nicht Löwenstärke hat – aber ich habe ja versprochen, nicht mistrauisch zu seyn! Erzähle weiter! Ulrike. Bey mir war wahrhaftig damals das Mistrauen auch sehr stark. Mit der übelsten Laune von der Welt sah ich die Gesellschaft allmählich ankommen. Lairesse war die erste, die erschien. Solch' eine tolle Lustigkeit, so eine übernatürliche Unbesonnenheit und so viel Leichtsinn kanst du dir nicht vorstellen: mich nennte man zu Hause unbesonnen: aber ich bin ein Kato dagegen. Sie sagte mir so eine große Menge Sottisen beym ersten Anblicke ins 399 Gesicht, so viele Abgeschmacktheiten, daß meine Backen gar nicht aufhören konten zu erröthen. Ich haßte sie anfangs deswegen, aber in der Folge hat sie mich doch sehr eingenommen. Man muß ihr ihre Lebhaftigkeit, die oft in Ungezogenheit ausartet, zu gute halten: sie ist sehr dienstfertig, wenn sie es in ihrem unendlichen Leichtsinne nicht vergißt, und liebt mich, wie eine Schwester. Ich habe ihr zwar nie so gewogen werden können als der Vignali: sie scheint mir auch ein wenig falsch zu seyn: deswegen hat sich seit einem Paar Wochen mein Zutrauen gegen sie sehr gemindert: aber ich mag mich vielleicht irren. – Nach ihr stellte sich der Herr von Troppau ein: er that als wenn er mich unvermuthet hier fände, faßte mich bey der Hand und rief voller Vergnügen: »Ach! da ist ja unsre kleine Prinzessin! Das ist ein gescheidter Einfall, Vignali, daß sie das gute Mädchen mit zu unsrer Gesellschaft ziehn: bey meiner Schwester wird sie ohnehin Langeweile genug haben. Ich beklage, daß ich vor der Hand keine Veränderung treffen kan.« – »Wir wollen schon eine Veränderung treffen,« 400 fieng Vignali an: »auf Ostern nehm' ich Ihre Tochter zu mir: das arme Kind wird lichtscheu werden bey ihrer itzigen Erziehung.« – »Mir ist das sehr gelegen!« antwortete der Herr von Troppau. »Das überlass ich Ihnen, Vignali: sehn Sie, wie Sie das Mädchen von meiner Schwester herauskriegen: ich mische mich nicht drein.« – Mit der nämlichen Folgsamkeit willigte er in alles, was Vignali für gut fand. Endlich langte auch Mamsell Rosier an, ein recht gutes herzlich gutes Kind, zärtlich, empfindsam, weich, wie geschmolzne Butter, voll teutscher Treuherzigkeit, und verliebt! In jeden Menschen, der nur zwey Worte mit ihr spricht, verliebt sie sich; und läßt sich dabey zum Besten haben – o daß mir zuweilen die Seele für sie weh thut. Sie ist der wahre souffre-douleurs der Gesellschaft: wenn Niemand etwas zu reden weis, zieht man über das arme Mädchen her; und dabey ist sie so einfältig, daß sie sich noch oben drein etwas darauf zu gute thut, wenn sie die Gesellschaft auf ihre Kosten belustigt hat. Man kan ihr nicht Schuld geben, daß sie tumm ist, aber 401 wegen dieses Mangels an Empfindlichkeit ist sie mir unleidlich: sie hat auch weder die einnehmende Lebhaftigkeit der Lairesse, noch Vignali's einnehmenden Ernst: so zuthuend sie ist, so zieht sie doch nicht an: man möchte sie von sich stoßen, so lästig wird sie zuweilen. Sie liebt mich so sehr als die andern alle: unendlich liebt sie mich, und es schmerzt mich, daß ich sie nicht gleich stark lieben kann: aber es geht nicht, und wenn ich mir noch so viel Gewalt anthue. Herrmann. Also lieben sie dich alle wie Schwestern? unendlich? feurig? zärtlich? – Wenn du dir nur nicht einbildest, daß dich die Mädchen unendlich lieben, weil du sie so liebst! Nach dem Porträte zu urtheilen, das du von ihnen machst – Ulrike. Noch immer Mistrauen? – Heinrich, ich binde dir den Mund zu. Herrmann. Vergib mir, Ulrike! Mein Herz ist mir während deiner Erzählung so schwer geworden, daß mir wider meinen Willen bisweilen eine trübe Anmerkung entwischt. Fahre nur fort! ich will mich schon zurückhalten. 402 Ulrike. Wenn du mich so oft unterbrichst, kömmt meine Erzählung heute nicht zu Ende. Also stockstill, bis mein Märchen aus ist! – Wer kam denn zulezt in die Gesellschaft? – Ja, die rothbäckige Mamsell Rosier. Der Herr von Troppau schlug mir auch einen französischen Namen vor: allein ich wehrte mich so stark dawider, daß er sich begnügte, meinen teutschen Namen französisch auszusprechen: ich wurde zur Mademoiselle Erman . Sie freuten sich alle ungemein auf eine Kurzweil, die sie diesen Abend auszuführen gedachten. Weil ich gar nichts davon wußte und also nicht mitlachen konte, erzählte mir Vignali, daß gestern bey ihr ein junger Franzose, aus Paris frisch angekommen, gespeist habe: »der Mensch,« sagte sie, »plauderte so unendlich, daß kein einziges unter uns ein Ja oder Nein zwischen seine Tiraden einschieben konte: von dem ersten très-humble serviteur bis zum lezten hielt er Eine an einanderhängende Rede von skandalosen Histörchen, Spötteleyen, Unverschämtheiten, Aufschneidereyen und jämmerlichen Kleinigkeiten, und wir armen Leute waren so überrascht, daß wir uns 403 ärgerten und ihm geduldig zuhörten: wir konten uns nicht helfen: wenn Jemand auch es wagte dazwischen zu reden, so brachte jener Unverschämte die übrigen zum Lachen, und sein Nebenbuler hatte keine Zuhörer. Aber heute wollen wir uns rächen: er soll daniedergeschwazt werden und nicht einmal ein bon soir zu Stande bringen. Er ist darum eine halbe Stunde später gebeten, damit die Alliirten alle beysammen sind, ehe er kömmt.« – Auch war die Gesellschaft, die außer den genannten noch aus einem Paar artigen vernünftigen Franzosen bestand, lange versammelt, ehe der Held des Possenspiels erschien. Lairesse wälzte sich singend auf dem Sofa vor übermäßigem Vergnügen, und Rosier klatschte unaufhörlich hüpfend in die Hände und lispelte: »das wird hübsch seyn! das wird hübsch seyn!«– Endlich erschallte vom Bedienten, der ihm aufpaßte, ein erfreuliches le voilà durch die Thür: sogleich marschirte Vignali gegen ihn los, der übrige Haufe drang gleichfalls zu, und alle schwazten so stürmisch auf den einzigen Menschen hinein, daß der Plauderer verwundert und stumm 404 mitten dastand, sich bald dahin, bald dorthin drehte, den Mund öfnete, wie ein Fisch, der nach Luft schnappt, reden wollte und nicht konte. Man trieb die Rache so weit, daß ich wirklich den ganzen Abend keinen verständlichen Laut von ihm gehört habe; und dabey machte man ihm beständig die bittersten Vorwürfe, daß er nicht spräche, so wenig zur Unterhaltung der Gesellschaft beytrüge, da er doch gestern so viel dazu gethan hätte: er öfnete den Mund, allein man fiel ihm sogleich ins Wort. Man sah es dem armen Knaben recht an, wie ihm Herz und Lunge weh that, wie ihn die Hemmung seiner Zunge ängstigte. er drehte, er rückte sich bey Tische auf seinem Stuhle, räusperte sich, strich sich das Gesicht oder arbeitete an der Halsbinde: für mich war die Lust unschätzbar. Den schlimmsten Streich spielte ihm noch Lairesse: weil er nicht wenig außer Fassung gesezt war, nahm er unmittelbar nach dem Essen Hut und Degen, um sich à la françoise wegzubegeben: allein das vorwitzige Mädchen erwischte ihn an der Thür bey dem Arme, drehte ihn um, machte eine tiefe langsame Verbeugung und sagte mit komischer 405 Gravität: »Mein Herr, man hat sie persiflirt.« – Der Franzose machte eine eben so tiefe Verbeugung und sprach mit dem nämlichen Tone: »Mademoiselle, ich hab' es wohl bemerkt!«– weg war er! Du kanst dir leicht vorstellen, daß mir eine solche Unterhaltung ungleich besser behagte, als das stille schleichende Gespräch der Frau von Dirzau, wo bey jedem Gerichte Eine Frage und Eine Antwort zum Vorschein kam: da ich oben drein in diesen Gesellschaften wohl manchen ausschweifend lustigen Auftritt, aber nie eine eigentliche Unanständigkeit, noch viel weniger etwas böses erblickte, so versäumte ich keine, wenn man mich dazu zog. Vignali legte mir durch ihre vielfachen Gütigkeiten immer neue Verbindlichkeiten auf und gewann durch die Annehmlichkeiten ihrer Person und ihr freundschaftliches Betragen mein Herz so ganz, daß ich ihr alles aufopferte. Das Vertrauen der Frau von Dirzau hatte ich gleich den ersten Tag verloren, weil ich bey Vignali zum Abendessen gewesen war: ihr Gespräch wurde deswegen noch zurückhaltender und kälter, daß es zuweilen die 406 ganze Mahlzeit über nur aus Einer Frage und Einer Antwort bestund: überfiel mich zuweilen der Plaudergeist, so hörte sie nicht darauf, sondern unterbrach mich gleich durch einen Befehl an den Bedienten, oder fieng wohl gar mitten in meinem Reden ein Gespräch mit ihm an, daß mich die Mühe verdroß, mich allein anzuhören: seitdem bin ich völlig stumm bey Tische, wenn sie mich nicht fragt. Dafür fragt sie mich aber auch kein Wort anders als äußerst hönisch: anfangs ertrug ichs und ärgerte mich blos in mir selbst, aber Vignali und selbst der Herr von Troppau, wenn ich mich beklagte, ermunterten mich, Gleiches mit Gleichem zu vergelten. Der Ton wollte mir lange nicht gelingen, aber nunmehr hab' ich ihn so sehr in meiner Gewalt, daß ich der Frau von Dirzau gewiß nichts nachgebe. Seitdem sie merkt, daß ich ihr ihre Kunst so sehr abgelernt habe, spricht sie mannichmal in drey, vier Tagen keine Silbe mit mir. Auch gut! denk' ich: so muß ich mich nicht wider meine Natur zwingen, hönisch zu seyn. Für die Langeweile des Mittags halte ich mich des Abends wieder schadlos. 407 Herrmann. Aber der Herr von Troppau? wie verhielt er sich gegen dich? denn nunmehr kan doch ein Kind rathen, warum deine ehrliche Frau Hildebrand mit dir unter die Linden spatzieren gieng, woher sie sogleich ein Kleid für dich schafte, warum dir Vignali so freundschaftlich mit Gelde beystund: alles floß aus Einer Quelle; und so große und ausgezeichnete Gütigkeiten thut kein Herr von Troppau umsonst: es lauscht gewiß ein Betrug dahinter. Ulrike. Ein Betrug? – Heinrich! wachst du? – Wenn du nicht im Schlafe sprichst, hat dich gewiß der schwarzperückichte Magister angesteckt, von dem du mir einmal in Dresden schriebst. Was gilts? das Wetter-Hagels-Vieh – wie meine Tante Sapperment sich zierlich ausdrückte – hat dich mit seiner frommen Misanthropie angesteckt. Herrmann. Leider! nicht blos angesteckt! gethan hat er mir, was ich izt bey Jedermann fürchte! du sollst es hören und urtheilen, ob mir nur der Wind mein Mistrauen angewehet hat.– Izt beruhige mich über meine Frage! 408 Ulrike. Das kan ich leicht.– Höre drauf, du Misanthrop! der Herr von Troppau hat sich gegen mich wie der edelste, vortreflichste, freundlichste, liebreichste, freygebigste, gütigste Mann betragen: ich verehre und liebe ihn: ich habe in meinem Leben keinen bessern Mann gesehn. Herrmann. Und weiter war er nichts gegen dich? Ulrike. Ist denn das nicht genug und alles Dankes werth? Herrmann. Ulrike! Ulrike! du heuchelst. Wenn ich taube Bediente hätte sprechen lassen, wie Vignali, ich wette, ich wollte dir mehr sagen. – Auf dein Gewissen, Ulrike! heuchelst du nicht? Ulrike. Neugieriger, vorwitziger Mensch! Warum zwingst du mich nun durch deine Zudringlichkeit dir Einen Dorn mehr ins Herz zu stecken? du wirst ja ohnehin genug vom Mistrauen gestochen. Wenn ich auf mein Gewissen antworten soll, muß ich dir frey bekennen, was ich dir, du blinder Mensch! zu deinem Vortheile verhelen wollte – daß der Herr von Troppau einmal mehr seyn wollte, als ich dir 409 vorhin von ihm sagte: aber ich schwöre dir bey unsrer Liebe und meiner ewigen Wohlfahrt! kein Umstand soll dir verschwiegen werden, was in diesem einzigen verdächtigen Falle vorgieng. Ich war einmal des Nachmittags bey Vignali, und weil wir keine Komplimente mit einander machen, fuhr sie zum Besuch und ließ mich allein und versprach in einer halben Stunde wiederzukommen: ich nehme ein Buch – es waren des Abt Berni's Werke – beym ersten Aufschlagen fallen mir seine Betrachtungen über die Leidenschaften in die Augen. Ich setze mich auf den Sofa, und kaum schlage ich zum erstenmal um, so ist schon die Liebe da: wer wird nicht gern etwas von der Liebe lesen? – Ich lese den ganzen Brie Oeuvres melées de Mr. l'Abbé de Bernis . S. 89. an die Gräfin C** durch. Als ich bey den lezten vier Zeilen bin, siehe! da kömmt mein Herr von Troppau. Er sieht sich nach Madam Vignali um, hört von mir, daß sie zum Besuch ist, fragt wo – ich sage es – er sezt sich, nimmt das aufgeschlagne Buch vom Sofa, liest. – »Aha!« fängt er lächelnd an, 410 » qu'est ce qu' Amour? – was ist die Liebe? Können Sie darauf antworten?« – Warum nicht? sagte ich: wenn Sie mir das Buch erlauben wollen! – »Oh! aus dem Buche ists keine Kunst: Sie sollen aus dem Herze antworten.« – Mein Herz kan keine Verse machen. – » Eh bien! Ich will Ihnen meine Verse vorlesen: Ihr Herz mag in Prose darauf antworten.« – Er las die Verse her:               Was ist die Liebe?     Es ist ein Kind, beherrschet mich, Beherrscht den König und den Diener, Schön, Iris, schön wie du, es denkt, wie ich,     Nur ists vielleicht ein wenig kühner. »Ist Ihr Herz auch der Meinung?« fieng er an und umfaßte mich. Ich sagte in aller Unschuld: Ja. – »Also finden Sie doch den nämlichen Fehler an mir, den alle Damen an mir tadeln, daß ich zu bescheiden, nicht kühn genug bin?« fragte er. Es verdroß mich, daß er meinem unschuldigen Ja eine so geflissentlich falsche Auslegung gab: ich antwortete ihm also, halb wider meinen Willen, in dem Tone der Frau von Dirzau: Keineswegs! – »Das Keineswegs 411 haben Sie wohl von meiner Schwester gelernt? Es war ihr leibhafter Ton: aber es ist auch so falsch, wie alles, was meine Schwester sagt. Ihr Herz möchte wohl, daß ich ein weniger dreister wäre?« – Mein Herz schweigt ganz still dabey, sagte ich. – »Ich will es einmal fragen,« sprach er lachend und machte eine Bewegung, die mich zum Aufstehen nöthigte. Er holte mich zurück und fieng ein zweydeutiges Gewäsch über die Liebe und die Herzen der Damen an, das ich mich so sehr zu wiederholen schäme, als ich mich damals schämte, es zu hören. Seine Hände nahmen dabey wieder so vielen Theil am Gespräche, daß ich mit großer Empfindlichkeit aufstund und ihm nachdrücklich sagte: »Gnädiger Herr, ich bin wohl verliebt, aber nicht verhurt:«– dabey machte ich eine Verbeugung und gieng. Auf der Treppe begegnete mir Vignali und nöthigte mich wieder mit ihr zurückzugehn. Der Herr von Troppau sprach italiänisch mit ihr, und beide lachten herzlich – vermuthlich über mich, weil sie in einer Sprache redten, die ich nicht verstehe, und 412 auch ein Paarmal einen Blick nach dem Sofa wurfen: das sezte mich in so üble Laune, daß ich vor Aergerlichkeit kein Wort mehr sprach. Da er uns verlassen hatte, fieng Vignali an: »Der Herr von Troppau hat mit Ihnen geschäkert?« Ja, antwortete ich; aber nicht wie ichs liebe! – »Sie sind wohl gar empfindlich darüber? Sie sind ja sonst nicht so eigensinnig, so erzürnbar, und auch keine Feindin von der Liebe.« Das nicht! unterbrach ich sie: ich habe auch dem Herrn von Troppau sehr deutlich gesagt, was ich von der Liebe unterscheide. – »Närrin!« rief sie und schlug mich auf die Schulter: »wer wird denn so einen einfältigen Unterschied machen? Lieben wir nicht alle? Wollen Sie allein sich mit dem Zusehen begnügen? Können Sie andre Leute essen sehen, ohne daß Sie hungert?« – Wenn ich nichts zu essen habe? sprach ich. O sehr gut! – Mit dieser Antwort hatte ich mich selbst gefangen: sie schikanirte mich ganz entsezlich darüber und fragte endlich, ob mir der Herr von Troppau zu schlecht wäre. Ich war so verdrießlich über das 413 Gespräch, daß ich ihr etwas zu übereilt antwortete: »Er ist mir zu allem nicht zu schlecht, was er bisher für mich gewesen ist: aber ich dünke mich zu gut, um seine Hure zu seyn.« – Darüber wurde Vignali feuerroth. – »Unterthänige Dienerin!« sprach sie etwas spöttisch: »also bin ich auch seine Hure? denn das sag ich Ihnen frey, ich liebe den Mann: ich habe unsre Liebe niemals verhelt, weil ich keine Heuchlerin bin. Für eine Guvernante sind Sie noch sehr kindisch. Ich will dem Herrn von Troppau sagen, daß er Sie in Ruhe läßt, bis Sie bey reiferem Verstande sind. Sie sind noch zu neu, um sich dabey zu benehmen, wie es sich gehört.« – Ich konte mich nicht enthalten über die Lektion ein wenig zu schmollen: allein der Vignali merkte mans nicht eine Minute an, daß sie auf mich zürnte: sie brach an und war wieder so freundlich, wie vorher. Seitdem hat mich der Herr von Troppau nicht mit einer Hand wieder berührt, meiner und Vignali's Freundschaft hat es auch nicht geschadet, und ich bin so ruhig, so munter und vergnügt zeither in dem Hause – Herrmann. Das du mit dieser Minute verlassen solltest, wenn du Gewissen hast! Du bist in einem schrecklichen Hause, in dem Wohnplatze der Verführung, unter Betrügern und Kupplerinnen, unter gleißenden Betrügern – Ulrike. Heinrich, ich sage dirs noch einmal, du machst mich böse. Herrmann. Ich wollte, daß du's würdest: so zankten wir uns, trennten uns, haßten uns, und es kostete uns doch keine Mühe, keinen Schmerz; denn mit unsrer Liebe ist es doch aus, rein aus. – O Ulrike! ich habe, seitdem ich in dieser Stadt bin, Dinge gehört, wovon weder mein noch dein Verstand träumte – schreckliche Dinge, bey welchen sich meine ganze Seele empört: Dein Glück ist es, wenn du sie nicht weißt: aber du wirst sie erfahren! du wirst sie erfahren! Ulrike. Du setzest mich in Todesangst: sage mir nur, was du hast, was du fürchtest! Herrmann. Nunmehr weis ich unsre Geschichte, unsre traurige Geschichte. Die Unschuld liebte mich: ich liebte sie: die Unschuld 415 kam an den Ort der Verführung, ward verführt und ich – zur Leiche; denn das sagen mir alle meine Gedanken und mein ganzes Gefühl, wenn du liebtest, wie sie alle, die du deine Freundinnen nennst – du wärst mir verhaßt: ich müßte laufen, so weit mich See und Land trügen, um deinem Andenken zu entgehn. Unsre Liebe, das sagt mir mein Herz laut, ist ein andres Ding als die Liebe der Vignalis, der Lairessen und wie sie weiter heißen. Wenn du Ihnen gleich würdest? Ulrike. So groß ist dein Zutrauen zu mir, meiner Tugend, meinem Gewissen, meiner Ehre? That ich nicht einen Schwur? Herrmann. Liebe Ulrike, was sind tausend Schwüre in der Anfechtung? wenn man gedrängt, getrieben, gestoßen wird? Ich hielt meinen Verstand für einen Götterverstand; und doch schwazte mir ihn ein Bösewicht danieder: glaubst du, daß deine Tugend stärker ist als mein Verstand? Und wenn sie es wäre, hat sie nicht auch mit größrer Stärke zu kämpfen als ich? Kein Geld wird dich überwinden: aber 416 eine glattzüngige beredte einschmeichelnde Vignali! ein wollüstiger überraschender schlauer Herr von Troppau! Traust du dir, solchen Gegnern immer, immer zu widerstehen? Ulrike. Ich bitte dich, Heinrich, schweig! Du scheuchst eine Schlange auf – Herrmann. Aber ist es nicht besser, sie izt aufzuscheuchen, damit sie dich nicht beißt, wenn du unachtsam auf sie trittst oder sorglos daliegst und schlummerst? – Ulrike, das schwör' ich dir, Eine Untreue, eine einzige Untreue reißt unsre Herzen auf ewig aus einander. Ulrike. So verdunkle doch unser Vergnügen nicht mit so schwarzen Vorstellungen! Freilich lauerte auf meines Onkels Schlosse keine Verführung auf mich: auch ohne Beschützer war ich sicher: aber warum sollt' ichs hier nicht ebenfalls seyn? was könt' ich von diesen friedlichen freundlichen Leuten fürchten! – Durch Einen unglücklichen Vorfall, den du mir noch nicht deutlich gesagt hast, bist du mistrauisch geworden: du machst dir trübe Einbildungen und mahlst dir fürchterliche Gespenster vor die 417 Augen. Vignali wird dir die Gespenster schon verjagen. Herrmann. Mein Unglück wärs, wenn sie mir sie verscheuchte. – Ulrike, hast du das Herz, aus Liebe für mich dies Haus zu verlassen? Ulrike. Verlassen? Dies Haus? Warum? Herrmann. Aus Liebe für mich, sag' ich! Ulrike. Um wessentwillen verließ ich Dresden? – Weißt du nun, wie viel ich aus Liebe für dich thun kan? – Ja, aus einem Palaste kan ich aus Liebe für dich gehen, wenn es seyn muß: aber wohin? Herrmann. In die Welt: je weiter von hier, je lieber. Ulrike. Menschenfeind! was hat dir denn die unschuldige Stadt gethan? Herrmann. Nichts! aber sie wird! Ich habe mit der Verführung meines Kameraden, der zwey Jahre jünger ist, als ich, mit seinem Hohne, seinen Schmähungen, seinen verachtendsten Spöttereyen – ich habe mit den Lockungen einer Dirne, die oft den Diener unter mancherley Vorwand auf 418 seiner Stube besuchte, mit den Hönereyen beider gekämpft: aber ich trug sie, weil mir Zürnen nichts half. Die Verführung war plump, zurückscheuchend, empörend für alles mein Denken und Empfinden: es kostete mir nicht Einen Athemzug Standhaftigkeit, um ihr zu widerstehn: es war eine Reizung, die mir widerstund: aber, Ulrike, wenn wir ihrer gewohnt würden, und sie uns endlich in einem anständigern Gewande weniger widerstünde, was dann? – Ulrike, wir wollen fliehn, weil es Zeit ist. Ulrike. Wollen wir uns vom Winde nähren? Herrmann. Hier sind vier Hände! Was die Hände nicht können, wird vielleicht der Kopf thun. Ulrike. Ich bitte dich, Heinrich, übereile dich nicht! – Glaube mir! das sind alles finstre Grillen, die du dir machst. Warum sollten denn in dieser Stadt nicht so gut tugendhafte ehrliche Leute seyn, als anderswo? Muß man denn nothwendig verführt werden? Ich wohne ja schon drey Monate hier und bin's 419 noch nicht: wir sind zwar jung, aber doch keine Kinder, die man mit Mandelkernen lokt und überredet. Das hast du dir noch von Schwingern angewöhnt, der auch jede Sache zu ernsthaft betrachtet und über alles moralisirt. Vignali wird dich schon heitrer und aufgeräumter machen. Hab' ich dir nicht schon genug aufgeopfert? meinen Stand, meinen Ruf, die Gunst meiner ganzen Familie! Soll ich nun gar wegen einer übeln Laune und einiger finstern Grillen, die dir eben aufsteigen, allem Wohlseyn, aller Ruhe, allem Vergnügen entsagen und mit dir ins Elend auswandern? Bedenke doch nur, welche Laufbahn sich für dich eröfnet! du findest durch unser Haus Gönner, Freunde, Beförderer, bekömmst einen Platz, und mit dem Unterhalt vielleicht auch Ehre; und Heinrich! – soll ich dich noch erinnern, was alsdann für eine Glückseligkeit auf uns beide wartet? Unser Wunsch ist ja dann erreicht: wollen wir uns von dem Glücke, das uns bey der Hand dahin führt, muthwillig losreißen? – Du Grillenkopf! was stehst du denn da 420 und murrst? So wirf doch deine ernsthafte finstre Laune in die Spree! in den tiefsten Grund hinein! Herrmann. Gute Nacht, Ulrike. Ich gehe morgen zu Vignali. – Er gieng. Der hastige abgebrochne Abschied sezte Ulriken in Erstaunen: sie eilte ihm nach, aber er war schon die Treppe hinunter. 421   Viertes Kapitel. Den größten Theil des folgenden Morgens brachte Herrmann mit seiner Adonisirung zu, und um eilf Uhr war er schon völlig mit seinem neuen Staate angethan. als der Sohn der Frau Hildebrand, ein Knabe von zwölf Jahren, ihm einen Brief von Ulriken überbrachte. den 28. Jan. Heinrich , »Du hast mir abermals eine recht schlaflose Nacht gemacht. Deine Besorgniß muß mich angesteckt haben: die ganze Nacht wand und drehte ich mich um die Vorstellung herum, daß ich verführt werden könte: es kam mir nunmehr selbst vor, als wenn es sehr leicht angienge: die Größe der Gefahr und meine Furcht wuchsen mit jedem Pulsschlage: ich hätte in der Angst tausend Meilen mit dir laufen mögen, 422 um nur aus dem verführerischen Hause zu kommen. Da fiel mir endlich ein Gedanke ein – Heinrich! ein recht gottloser Gedanke! Aber, dacht' ich, du hast deinem Heinrich so viel aufgeopfert: wenn du ihn nun durch die Aufopferung deiner Tugend auf immer glücklich und groß machen köntest? Du würdest dein Leben für ihn hingeben, warum nicht auch deine Tugend?« – Kaum war mir der abscheuliche Gedanke durch den Kopf gefahren, so erschrak ich, als ob mich der Schlag träfe: ich glühte und schwizte vor Entsetzen und wurde so grimmig auf mich selbst, daß ich mir eine recht derbe Ohrfeige gab. Es kam mir wohl hundertmal wieder in den Kopf: ich habe mich mit dem abscheulichen Gedanken gequält und abgeängstigt, wie mit einem Gespenste: ich schloß die Augen fest zu und wollte einschlafen, um nur nicht mehr zu denken; aber es gieng nicht. Ich schlummerte endlich ein wenig ein: gleich kam mir vor, daß der Herr von Troppau vor meinem Bette stünde, so schön und reizend als ich noch keine Mannsperson gesehn habe: er hielt mit sanftem Lächeln seine 423 Arme offen, mir entgegen: mein Herz pochte, ich wollte hinaus in seine Arme, ich arbeitete, um mich herauszuwinden: da warfst du diese mir plözlich um den Hals und zogst mich so gewaltig zurück, daß ich fast erstickte: ich hustete, und wachte drüber auf, aber so froh! so entzückt, als wenn mich Jemand aus den Klauen eines Löwen gerissen hätte. Der Stutz auf meinem Schreibeschranke schlug gerade drey: ich stund auf, nahm meine Pelzsalope um, zündete mein Licht bey der Nachtlampe an und schrieb dir dies Briefchen. Aber ich muß hier schließen: meine Finger können vor Kälte kaum die Feder regieren, ich zittre, trotz der dicken Pelzsalope, wie im Fieber, vor Frost. Wohl dir, wenn du ruhiger schläfst als ich! * * * Ich muß dir geschwind noch einen sonderbaren Besuch erzählen, den ich heute in aller Frühe gehabt habe. Meine Unruhe ließ mich nicht im Bette: gegen sechs Uhr stund ich auf und machte mir selbst Feuer im Windofen und sezte 424 mich im Pelze nicht weit davon nieder. Ich schlummre ein, sinke mit dem Kopf auf einen danebenstehenden Stuhl und schlafe so halb sitzend, halb liegend, bis es Tag wird. Da ich aufwache, sizt eine Mannsperson am Tische: ich erschrecke und erkenne den Lord Leadwort. Hab' ich dir schon etwas von diesem Originale gesagt? Es ist ein Engländer, der diesen ganzen Winter hier zugebracht hat und einigemal in der Abendgesellschaft bey Vignali gewesen ist, wo ich seine Bekanntschaft gemacht habe. Er saß in einem braunen Reitrocke, Pantoffeln, einer baumwollnen Stutzperücke, einem runden Hute, einen knotichten mit Eisen beschlagnen Stock in der Hand, tiefsinnig und steif nach der Thür hinsehend da, ohne sich zu rühren. Ich stand lange und wußte nicht, ob ich ihn für einen Rasenden oder Betrunknen halten sollte. Er redte nicht. – »Mein Gott!« fieng ich endlich an, »Mylord, wo kommen Sie so früh her?« Er. Ich bin schon lange da. Ich. Ich muß bekennen, daß ich ein 425 wenig erstaunt bin, Sie so früh bey mir zu sehn. Er. Ich will den Thee bey Ihnen trinken. Ich. Aber in diesem Anzuge, Mylord! Ich muß Ihnen frey heraus sagen, daß mich die Freiheit ein wenig verdrießt, die Sie sich genommen haben. Wenn Sie Jemand so bey mir antrift – was man alsdann argwohnen wird, können Sie leicht selbst errathen. Er. Man wird glauben, ich habe bey Ihnen geschlafen. Ich. Mylord! Ich hätte einen andern Mann in Ihnen vermuthet. Er. Ist es denn nicht die Wahrheit? Ich bin schon seit ein Uhr hier: ich habe aber nicht sonderlich geschlafen. – Ich war so erbittert, daß ich ihm voller Zorn ins Gesicht sagte: »Mylord, das ist eine Unwahrheit. Wollen Sie vielleicht meinen guten Ruf zu Grunde richten und eine so schändliche Erdichtung von mir ausstreuen? – Was hab' ich Ihnen gethan?« »Nichts.« unterbrach er mich kaltblütig. »Es 426 ist die lautere Wahrheit. Ich habe seit ein Uhr hier geschlafen: Sie sind um drey Uhr aufgestanden und haben geschrieben: dann legten Sie sich wieder nieder, stunden gegen sechs Uhr auf, machten Feuer, schliefen auf dem Stuhle ein und wachten itzo auf. Wie kann ich das alles wissen, wenn ich nicht hier geschlafen habe?« Ich. Aber ich habe Sie nicht gesehn. Er. Ich habe mich beständig still gehalten, um Sie nicht zu erschrecken. Ich. Sie werden mir verzeihen, Mylord, ich finde, daß Sie eine große Unbedachtsamkeit begangen haben. Sie könten mich unschuldiger Weise in einen schlimmen Ruf bringen. Aber sagen Sie mir in aller Welt, wie sind Sie auf den Einfall gekommen? Er. Ich hab' Ihnen etwas zu sagen. Um es nicht zu verschlafen, sondern gleich bey der Hand zu seyn, wenn Sie aufstünden, hab' ich bey Ihnen geschlafen. Ich. Aber wie sind Sie hereingekommen? Er. Durch die Thür. – Weil mir das, was ich Ihnen sagen will, beständig zu sehr in 427 Gedanken lag, konte ich nicht einschlafen: ich trat ans Fenster: der Mondschein gefiel mir: ich warf meinen Reitrock über, gieng hieher, fand die Thür offen, gieng in Ihr Zimmer, legte mich auf den Sofa und schlief. Was ist denn Uebels dabey? Ich. Sehr viel! wenns die Frau von Dirzau erfährt? Er. So will ich ihr selbst sagen, daß ich bey Ihnen geschlafen habe. Ich. Tausendmal lieber wär mirs, wenn Sie am hellen Tage und wachend zu mir gekommen wären. Er. Das bin ich! Ich bin wachend zu Ihnen gekommen, ganz wachend! – Ich war zu ärgerlich, um über seine tollen Antworten zu lachen: ich wollte den Thee bestellen und bat um die Erlaubniß, ihn verlassen zu dürfen. – »Der Thee ist bestellt: ich hab' es selbst gethan,« sprach er. Wirklich langte er auch ein Paar Augenblicke darauf an. Wir tranken: es erschienen verschiedene Arten von Backwerk, das er gleichfalls vor 428 meinem Erwachen bestellt hatte: Niemand sprach. Endlich fieng er ganz trocken an: »Mademoiselle, ich will Ihnen in zwey Worten sagen, was ich bey Ihnen will: ich liebe Sie.« Ich. Sehr viel Ehre für mich, Mylord! »Das ist eine Lüge!« fuhr er hitzig auf. »Mir macht es Ehre, aber nicht Ihnen.« – Sogleich fiel er wieder in seinen kalten Ton zurück. »Ich habe eine Abneigung gegen die Ehe,« fuhr er fort: »wenn Sie meine Freundin werden wollen, so versprech' ich Ihnen: (hier zog er ein Blatt Papier aus der Tasche und las:) »jährlich vierhundert Pfund für Ihre kleinen Ausgaben, freye Equipage, Bedienung, Wohnung und Tafel, alles, wie Sie es nach Ihrem Gefallen einrichten wollen, auf meine Rechnung. Trennt uns der Tod, oder nöthigt mich eine unvermeidliche Ursache, nach England zurückzukehren, so bestimme ich Ihnen auf Ihre ganze Lebenszeit tausend Pfund Interessen, wovon Ihnen das Kapital nach meinem Tode sogleich ausgezahlt werden soll. Die Verschreibung desselben soll gerichtlich bestätigt und bey den hiesigen 429 Gerichten niedergelegt werden. – Was sagen Sie dazu?« Ich. Mylord, ich sage, daß Ihr Anerbieten sehr großmüthig ist, und beklage um so viel mehr, daß ich keinen Gebrauch davon machen kan. Er. Das thut mir leid. – Aber warum nicht? Ich. Weil ich in keine Verbindung von dieser Art jemals willigen werde. Er. Wollen Sie lieber geheirathet seyn? Ich. Auch das nicht! Er. Wozu sind Sie denn also auf der Welt? – Haben Sie schon eine andre Liebe? – Die Frage kam mir so hurtig auf den Hals, daß ich erschrak und in der Verlegenheit mit einem gestammelten »Vielleicht!« antwortete. Er. Das ist ein ander Ding. Wenn Sie schon in einer andern Verbindung sind, darf ich keinen Anspruch mehr auf Sie machen: hätten Sie mir das gleich gesagt! »Nein, Mylord!« rief ich etwas entrüstet. »Sie irren sich sehr: ich bin in keiner 430 Verbindung, wie Sie meinen, und werde auch nie in eine treten. Er. Warum nicht? Ich. Weil ich sie meiner nicht würdig erachte. Er. Gut! so wollen wir achthundert Pfund zu kleinen Ausgaben setzen, wenn Ihnen vierhundert nicht genug sind. Ich. Und wenn Sie zweytausend sezten, bewegten Sie mich nicht dazu. Geben Sie sich keine Mühe! Er. Ich bedaure. – Aber warum nicht? Ich. Wie ich Ihnen schon gesagt habe – weil ich mich zu gut dünke, um die Mätresse eines reichen Lords zu werden. Er. Ein reicher ist ja doch besser als ein armer. – Warum denn nicht bey einem reichen? Ich. Bey gar keinem! sag' ich Ihnen. Er. Sonderbar! – Aber warum nicht? »Weil ich nicht will!« antwortete ich höchst unwillig über sein ewiges Fragen. Er. Warum wollen Sie denn nicht? – 431 Ich schwieg: er wiederholte unermüdlich sein Warum. – »Ich weis nicht!« sprach ich endlich mit der äußersten Verdrießlichkeit. Wir saßen beide stillschweigend da: es öfnete plözlich Jemand die Thür, der Herr von Troppau, gestiefelt und gespornt, trat herein. – »Was Teufel! machen Sie hier, Mylord?« rief er lachend. – »Ich habe bey der Mamsell geschlafen,« antwortete der eiskalte Lord. – »Bravo!« schrie der Herr von Troppau und wollte sich ausschütten vor Lachen. »Bravo, mein Puppchen! Fangen Sie nun an zu werden?« – Ich hätte dem hölzernen Lord in die Augen springen mögen: ich mußte einige Zeit den übeln Spas des Herrn von Troppau ausstehen, aber endlich riß mir die Geduld. »Mylord,« sprach ich hastig, »so erzählen Sie doch die ganze Begebenheit, wie sie ist, damit Sie mich nicht in einen unangenehmen Verdacht bringen!« – »Sehr gern!« sagte der Lord und wandte sich zum Herrn von Troppau. »Ich habe in aller Ehrbarkeit bey der Mamsell geschlafen;« – und nun erzählte er ihm den ganzen Vorfall mit 432 allen Umständen nach der Reihe. Als er sein gethanes Anerbieten wieder von seinem Blatte abgelesen hatte, fuhr der Herr von Troppau auf mich hinein – »Und Sie nehmen das nicht an?« fragte er verwundert. »Sind Sie toll? Glauben Sie, daß solche Anträge alle Tage kommen? Mylord, lassen Sie Ihr Blatt hier, damit sies besser überlegen kan.« – Der Lord steckte das Blatt hinter meinen Spiegel: ich wollte es verhindern, aber der Herr von Troppau ließ mich nicht zum Worte kommen. Er sagte, daß ihn seine Schwester habe rufen lassen, um bey mir nachzusehn, was für eine Mannsperson heute bey mir übernachtet hätte; daß sie über mich geseufzt und auf mich geschmäht habe. – Mir stiegen die Thränen in die Augen. – »O Mylord!« sagte ich weinerlich, »Sie haben mich in einen Verdacht gebracht, von dem Sie mich mit Ihrem ganzen Vermögen nicht loskaufen können.« – »Beruhigen Sie sich!« sprach er mit vieler Gutherzigkeit: »ich will der Dame gleich selbst sagen, warum ich bey Ihnen geschlafen habe.« Er 433 wollte gehn, aber es kam ein Bedienter des Herrn von Troppau und sagte ihm etwas ins Ohr. – »Mylord,« fieng er lachend an, »Ihre Bedienten laufen mit Stiefeln und Schuhen in der ganzen Stadt herum und suchen Sie.« – » Me voilà! « sprach er äußerst gelassen und gab Befehl, daß sein Bedienter mit den Stiefeln heraufkommen sollte. Als er kam, war Mylord doch so höflich, daß er vor die Thür gieng und sie mit seinen Pantoffeln vertauschte. Der Herr von Troppau, so sehr er auch davon abwehrte, mußte ihm das Zimmer der Frau von Dirzau zeigen: er gieng unangemeldet zu ihr hinein: wie sie ihn aufgenommen hat, weis der Himmel. Ich bin seitdem in einem sonderbaren Zustande: es ist mir immer als wenn ich mich über dich und deinen Besuch bey Vignali freuen sollte, und gleichwohl mischt sich auch so viel Verdrießlichkeit und Besorgniß darunter. – Lieber Heinrich! traue mir nur! mache mich nur nicht schwächer als ich bin! Und wenns Liebhaber und Anbeter auf mich herabregnete, solltest du sie alle erfahren; und daß mich einer von dir 434 abwendig machte, das ist so unmöglich, als daß um Mitternacht Mittag wird. Ich habe diesen Brief nur eilfertig hingeworfen. Gutes Glück bey Vignali! Ich bin Deine Ulrike .        Der Brief war noch nicht völlig gelesen, als schon der Lohnkutscher vorfuhr, der Herrmann zu seiner neuen Gönnerin bringen sollte: er stieg hinein, von seinem gewesenen Kameraden begaft, der nebst dem Diener mit neidischem Lachen in der Gewölbthür zusah. Der neugeschmückte Adonis nahm seine ganze Herzhaftigkeit, Lebhaftigkeit und Galanterie zusammen, um vor Madam Vignali mit der bescheidnen Dreistigkeit eines Weltmannes zu erscheinen: der Empfang war überaus gütig, der Besuch dauerte fast bis ein Uhr, das Gespräch war lebhaft und ununterbrochen: Vignali zeigte sich in dem ganzen Glanze ihrer Schönheit und Beredsamkeit; und um Herrmanns Vorstellung von beiden noch zu vergrößern, affektirte sie eine 435 Migräne, die ihr die natürlichste Gelegenheit gab, zuweilen aus dem raschen überwältigenden Tone in den sanften schmachtenden überzugehn. Die Frau war gewiß eine der edelsten Figuren, im großen heroischen Stile von der Natur gebildet: ihre Miene, ihr Ton verschaften ihr über Jeden, der mit ihr sprach, eine Autorität, der man sich ohne Weigerung unterwarf, als wenn die Natur einmal das Verhältniß so bestimmt habe, daß sie allein befehlen, und alle andre Menschen gehorchen sollten. Herrmann wurde schon bey diesem ersten Besuche ihr wirklicher Sklave: es war als wenn sie ihm die Unterwürfigkeit mit dem ersten Blicke in die Seele hauchte. Er bekam die Erlaubniß, Nachmittags sein Zimmer, worinne noch eine Kleinigkeit zu machen war, zu beziehen und auf den Abend in der Gesellschaft bey ihr zu erscheinen. Er war glücklich, vom Wirbel bis zur Fußzehe entzückt über das neue glänzende Leben, wovon er nur ein Vorspiel gesehn hatte, und gestund sich unterwegs, daß Ulrike reizend und liebenswürdig, aber Vignali schön und hinreißend sey. Wie berauscht, taumelte er 436 aus der Kutsche: aber wie traurig wurde er inne, daß ihn sein Besuch mitten zwischen die vornehme und bürgerliche Eßzeit eingeklemmt hatte! denn zu Hause war bereits um Zwölfe gespeist worden, und hätte nicht die Kaufmannsfrau die Neubegierde gehabt, seinen neuen Staat zu besichtigen, und ihn deswegen in die Stube gerufen, so wäre bey aller Glückseligkeit sein Magen leergeblieben: um ihn mit größrer Muße ausfragen zu können, ließ sie ihm einen Rest ihrer Mittagsmahlzeit aufwärmen; und nun wurde gefragt! bis auf den Boden der Seele ausgefragt! Seine Figur war angenehm, ziemlich lang, gutgebaut: sein neuer Putz erhöhte ihren Reiz: die Frau hatte bey der Abwesenheit ihres Mannes entsezliche Langeweile: sie bat den schöngepuzten Herrmann zum Kaffe. Freilich ließ sie wohl auch nichts mangeln, um ihre Schönheiten – sie war wirklich hübsch – und ihre Unterhaltungsgabe in das vortheilhafteste Licht zu stellen: allein so sehr sie zu jeder andern Zeit für sich selbst gefiel, so geringe war ihre Wirkung izt nach einem Besuche bey Madam Vignali, – wie alles so gemein, so 437 alltäglich, so platt in ihren Reden und Manieren gegen das edle große einnehmende Betragen, gegen die feine gewählte lächelnde Sprache einer Vignali! Herrmann hätte sich mit tausendmal größerm Vergnügen in seinem kalten Kämmerchen Vignali gedacht, als diese matte Schönheit den ganzen Nachmittag gesehn. Zu seiner unendlichen Freude erlöste ihn die Ankunft eines Briefs von Ulriken aus dem Zwange. Sie schrieb: den 28. Jan. »Hab' ichs doch gedacht: mein Heinrich ist alles, was er seyn will; und wenns ihm morgen einfällt, den Fürsten zu spielen, so ist ers gleich so ganz, als wenn er Zeitlebens nichts anders gewesen wäre. – Wahrhaftig, du bist etwas mehr als ein Mensch. Vignali ist von dir bezaubert: sie spricht von nichts als deinem Lobe: sie findet in dir den vollkommensten Weltmann, dem mans bey dem ersten Hereintritt ansieht, daß er in der großen Welt gebildet ist. Ich mußte mich bey mir über den Lobspruch 438 herzinniglich freuen, daß du sogar so eine feine Frau hast hintergehn können. Die Frau war mir in dem Augenblicke noch einmal so schön, so lieb und werth: ich habe ihr Hände und Lippen beinahe entzweygeküßt vor Herzenswonne, wie sie so ewig von dir redte, als wenn sie gar nicht wieder von deinem Lobe wegkommen könte. Die brave, die vortrefliche Frau! es giebt gar keine bessere auf der Erde. Ich wunderte mich außerordentlich, daß du wieder weggefahren warst: aber um mich nicht zu sehr zu verrathen, wollte ich nicht nach dir fragen. Der Lord Leadwort erschien: die Suppe wurde aufgetragen: es war noch kein Heinrich da. Wir sezten uns: noch immer war kein Heinrich da – »und wird auch wohl keiner kommen!« dachte ich betrübt. »Ob die Vignali toll ist? Als wenn sie nicht wüßte, daß ich gern mit meinem Heinrich Eine Seele ausmachen möchte!« – Zwar – nun besann ich mich erst – was weis sie denn? Nichts! Also sey ihr der Fehler vergeben! – Aber was half mirs, daß ich ihr den Fehler vergeben mußte? Ich wurde so verdrießlich und tölpisch, wie ein 439 ungezogenes Mädchen. Ich aß ein paar Löffel Suppe: sie schmeckte mir wie Galle, und ich ließ in meinem Verdrusse den Löffel hinein fallen, daß sie herumsprüzte: ich stopfte hastig Brod über Brod in den Mund, trank Wasser, trank Wein: es wurde mir so weh ums Herze, daß mir die Augen übergiengen. Vignali sah mir nachdenkend zu und lächelte: warum nur die Frau lächeln mochte? Es war so ein tückisches Lächeln, das ich noch niemals an ihr gesehn habe. Der Lord fieng an, sein gewöhnliches tolles Zeug zu machen, nahm jedes Wort in einem andern Sinne und vergaß auch sein ewiges Warum nicht. Man kan fürwahr den Mann nicht anhören, ohne zu lachen. Er trieb einmal die Vignali mit seinem »Aber warum?« so in die Enge, daß sie ihm nichts mehr antworten konte: gleich darauf schlug sie ihn mit seinen eignen Waffen und fragte ihn von jedem Warum wieder das Warum bis ins Unendliche fort, daß er sich mit nichts zu helfen wußte als durch eine Gesundheit, die er der Vignali, als der größten Warumfragerin zubrachte. Am 440 meisten beschäftigte er sich mit mir: bey dieser Gelegenheit habe ich erfahren, daß er in Logogryphen, Räthseln, Auslegungen der Namen und dergleichen Wissenschaften sehr stark ist. Er führt beständig ein Punktirbuch bey sich: neulich, erzählte mir Vignali, thut eine Dame die Frage an ihren Nachbar: ob ich wohl heute Briefe von meinem Manne bekommen werde? – Gleich erscheint der Lord, den sie vorher gar nicht gesehn noch gesprochen hat, übergiebt ihr seine Schreibetafel und einen Bleistift: »Punktiren Sie!« sagt er. Die Dame weis nicht damit umzugehen: er erklärt ihr also das Geheimniß der Kunst, kniet vor ihr mit dem rechten Knie nieder, legt auf das Linke seine Punktirtabellen, zählt, sagt ihr die Buchstaben, und sie muß sie aufzeichnen. Die ganze Gesellschaft, die wenigstens aus zwanzig Personen bestanden hat, versammelt sich um ihn; aber er punktirt ungestört fort. Mir hat er heute bey Tische mein ganzes künftiges Leben auspunktirt und brachte heraus, daß ich ihn heirathen würde: aber ich versicherte ihn; daß seine Tabelle entsezlich falsch seyn müßte. – »Aber warum?« 441 fragte er. – Weil ich Sie nicht heirathen werde, antwortete ich; und er schwieg. Nach Tische gieng eine ernsthaftere Scene vor. Ich war mit Vignali allein. »Meine Liebe,« fieng sie auf einmal abgebrochen an, »Sie sind eine Baronesse von Breysach.« Sie sagte das mit dem eignen Tone, den sie allemal braucht, wenn sie entdeckt, daß sie etwas weis, was sie nicht wissen soll. – »Sie sind eine Baronesse von Breysach.« – Ich war so überrascht, als wenn der Tod plözlich vor mir stünde. – »Erschrecken Sie nicht!« fuhr sie fort. »Sie sind eine Baronesse von Breysach, sind Ihrer Tante in Dresden entlaufen und haben den Namen Ihres Vetters angenommen.«– Ich hatte mich unterdessen ein wenig gesammelt, und fragte sie mit gezwungenem Lachen: wer hat Ihnen das Mährchen überredet? – »Sie kennen eine Frau Hildebrand?« sagte sie etwas spöttisch. »Die Frau Hildebrand hat eine Muhme in Dresden, die Sie von Leipzig bis Dessau gebracht hat; und diese Muhme in Dresden ist sehr wohl bekant bey der Oberstin, der Sie entlaufen sind: 442 und diese Muhme in Dresden hat ihrer Muhme in Berlin Ihre Geschichte anvertraut, und diese Muhme in Berlin hat mir, der Madam Vignali, Eröfnung davon gethan: wie doch ein Mährchen unter so vielen Händen zur Wahrheit werden kan! Ich hab' es gewußt, ehe Sie noch ins Haus kamen, und Ihnen heute erst entdecken wollen, daß ich das Mährchen weis.« – Ich war gefangen: das Herz wollte mir brechen: ich warf mich ihr mit Thränen zu Füßen und bat sie bey allem, was heilig ist, mich nicht zu verrathen: vor Begierde und Angst stürmte ich so in sie hinein und riß so stark an ihrem Kleide, daß alle Nähte an ihm krachten und plazten: in dem Augenblicke machte sie eine so schadenfrohe stolze tückische Mine, die mir durch die Seele fuhr, wie ich noch nie eine in ihrem Gesichte gesehn habe. – »Stehn Sie auf!« sprach sie beleidigend stolz zu mir: »so bittet man einen Kaiser, aber keine Freundin.« – Gleich gieng ihr Gesicht wieder zur süßesten Freundlichkeit über: sie versicherte mich bey ihrer Ehre, daß Niemand durch sie mein Geheimniß erfahren sollte, so lang ichs nicht entdeckt wissen wollte. – »Hören Sie 443 nun auch,« fuhr sie fort, »warum ich mich gerade izt mit Ihnen in dies Gespräch einlasse! Der Lord Leadwort hat Ihnen heute einen Antrag gethan, den Sie ausgeschlagen haben: er läßt Ihnen jezt einen andern durch mich thun: er will Sie heirathen. Was sagen Sie zu diesem Antrage? – »Was ich heute früh gesagt habe!« antwortete ich entschlossen. »Sie sind ein Kind,« sagte sie, auch gerade in dem Tone, wie man mit Kindern spricht. »Ich will Sie nur erst mit dem Manne recht bekannt machen:« – und nun holte sie ein großes Papier aus dem Schreibeschranke, wovon sie mir eine unendliche Menge Reichthümer ablas, nebst allem, was er mir zum Leibgedinge aussezte. Bey seinem Leben versprach er mir jährlich tausend Pfund zu den kleinen Ausgaben, und nach seinem Tode ein Leibgedinge von zweytausend Pfund jährlichen Einkünften, die ich aber nirgends als in Engelland verzehren könte: bey seinem Leben sollte es meiner Wahl überlassen seyn, ob ich beständig in Engelland, oder abwechselnd ein Jahr in Teutschland, und ein Jahr in 444 Engelland leben wollte. So viel habe ich mir nur daraus gemerkt. – Als Vignali fertig war, fragte sie mich mit recht spitzigem Tone: sagen Sie nun noch, wie heute früh? »Ja,« sprach ich mit festem Accente, so fest wie mein Entschluß, und schlug mit beiden Händen auf die Brust: »wie heute früh, spreche ich noch izt und werde ewig so sprechen.« – »Gehn Sie!« sagte die stolze Frau und stieß mich verächtlich von sich. »Sie sind ein Kind. Gehn Sie! ich muß zum Besuch fahren.« – Sie gieng, ohne Abschied zu nehmen, in ihr Kabinet und ließ mich allein stehn. Ich bin in Todesangst, was man nun alles wider mich anzetteln wird. Ob sie vielleicht gar unsre Liebe weis? Aber wie wäre das möglich? Sie müßte allwissend seyn. Damit wir uns nicht verrathen, wollen wir einander nicht anders als bey Vignali sehen und desto öftrer schreiben. Der Ueberbringer meiner heutigen Briefe soll dein Bedienter werden: Vignali läßt ihm eine Liverey machen. Da mich die Hildebrand so schändlich verrathen hat, trau ich 445 auch ihrem Sohn nicht: wer weis, warum Vignali ihn zu deinem Bedienten gewählt hat? aber es ist unmöglich: sie weis nichts, und soll auch nichts erfahren. Daß ja jeder Deiner Briefe fest, fest zugesiegelt und auf starkes Papier geschrieben ist! Lieber gieb ihm garnicht die Form eines Briefs! Wenn die verschmizte Frau alles auskundschaftet, soll ihr doch unsre Liebe ein Geheimniß bleiben. Du denkst doch nicht etwa, daß mir meine abschlägige Antwort auf des Lords Anerbieten etwas gekostet hat? – Nicht Einen Zuck am Herze! Nicht Eine bittre Empfindung! – Nein, Heinrich! so klein bin ich nicht! Kont' ich meinen ehrlichen Ruf um deinetwillen aufs Spiel setzen; war mir meine Ehre gegen deine Liebe eine Feder, so sind mir zweytausend Pfund Leibgedinge gewiß nur eine Seifenblase dagegen. Weg, weg mit ihnen! Du bist mir Reichthums genug; was brauch' ich mehr? Eben läßt mir Vignali sagen, daß dein Zimmer in Bereitschaft ist: der Ueberbringer hat Befehl dich zu begleiten und anzuweisen. Mache dich gleich auf den Weg! 446 Ich bin diesen Abend nicht zur Gesellschaft gebeten worden; und doch du! Was das nur bedeuten mag? – O die unselige Vignali! ich zittre vor ihrer List wie vor einer Schlange. U .        Unmittelbar nach der Durchlesung des Briefs wurde eine Kutsche bestellt: weil es schon finster war, ließ Herrmann sein leichtes Kufferchen, das seine sämtlichen Effekten in sich faßte, hineinschieben, nahm im Hause Abschied und fuhr davon. Seine neue Wohnung war schön, zierlich, voll Geschmack, der Heinrich, der noch vor einigen Tagen die Schürze trug, zum vornehmen Herrn geworden: alles fand er hier wieder, wie aus dem Schlosse des Grafen Ohlau: er kehrte zu dem vornehmen glänzenden Leben wieder und sah in sein bisheriges, wie in ein Grab, wie ins Nichts, zurück. Freilich Ulrikens Brief! das war ein verzweifeltes Gegengewicht gegen seine Freude. Er wollte ihn noch einmal lesen, aber er mußte ihn verstecken; denn Vignali trat herein, um ihn aus übertriebner 447 Höflichkeit zu bewillkommen. Sie nahm ihn mit sich auf ihr Zimmer, wo sie ihm seine Ueberlegung über Ulrikens Brief aus dem Kopfe rein herausschwazte. Lairesse stellte sich sehr zeitig ein und trug auch das ihrige zu seiner Aufheiterung bey: sie versuchte ihre ganze unendliche Tändelsucht an ihm. Ihr Lieblingszeitvertreib bestund darinne, daß sie die tollsten ungeheuresten Figuren in buntem Papiere ausschnitt und ihre Gesellschafter damit auspuzte: deswegen legte ihr Vignali jedesmal, wenn sie zum Besuche bey ihr war, buntes Papier und eine Scheere in Bereitschaft, welches auch diesen Abend geschehn war. Sie schnitt Riesen, Zwerge, Polischinelle, Hanswürste, Pantalons und andere Karikaturen: Vignali fand an dieser Beschäftigung allmälich auch Geschmack: auch Herrmann bekam eine Scheere; und so saßen sie alle drey an einem kleinen Tischchen mit der äußersten Geschäftigkeit und Ernsthaftigkeit, und jedes suchte das andre durch die größre Abentheuerlichkeit seines Produkts zu übertreffen. Lairesse sang mitunter ein französisches Liedchen zu der Arbeit, behieng 448 den armen Herrmann vom Kopf bis zu den Füssen mit den abscheulichsten Fratzengesichtern und lachte ihn aus, schwenkte ihn tanzend ein paarmal um, daß die Papiermänner in dem Zimmer herumflogen, trällerte, aß ein Stückchen Biscuit, neckte Vignali, neckte Herrmann, sezte sich wieder an die Papierarbeit und suchte jedem ihrer Mitarbeiter durch Stöße oder muthwillige Scheerenschnitte, wenn sie izt den lezten vollendenden Meisterschnitt thun wollten, das Werk zu verderben. Die Tischgesellschaft bestund für diesmal nur aus diesen drey Personen, war eben so kindisch lustig, und Herrmann, dem alle diese Auftritte neu waren, gieng zufrieden und vergnügt aus ihr auf sein Zimmer, um sich desto trauriger die Nacht hindurch mit Ulrikens Briefe herumzuschlagen.     Ende des zweiten Bandes.