Mark Twain Eine Pferdegeschichte Originaltitel: A Horse's Tale Harper \& Brothers, New York, 1907 Aus dem Amerikanischen Deutsche Erstübersetzung: © 2005 Thilo Figaj Danksagungen Obwohl ich mehrfach die Gelegenheit dazu hatte, habe ich niemals einen Stierkampf gesehen; ich benötigte aber einen für dieses Buch und Sie werden auch einen glaubwürdigen darin finden. Ich habe ihn John Hays Castilian Days [1871, der Übers. ] entnommen, ihn etwas gekürzt und verdichtet, damit er den Anforderungen dieser kleinen Geschichte entspricht. Mr. Hay und ich waren Freunde seit frühester Zeit, wenn er heute noch unter uns weilte, würde er mich für diese Freiheit nicht tadeln. Meine Kenntnisse militärischer Einzelheiten werden Sie als korrekt beurteilen, aber auch die habe nicht selbst erworben; vielmehr sind sie den Army Regulations, ed. 1904; Hardy's Tactics–Cavalry, revised ed., 1861; und Jomini's Handbook of Military Etiquette, West Point ed., 1905 entnommen. Ich wäre unehrlich, wenn ich die Schlussfolgerung meiner Leser, ich hätte eine eigene Fanfare für das Pferd komponiert, durch Schweigen ermutigen würde. Ich habe nichts komponiert. Ich habe das Stück höchstens befördert, wie Aristoteles sagen würde. Es ist die Eröffnungsfanfare der Pizzicato [-Polka aus dem Ballet] Sylvia [1876] , von [Leo] Delibes. Als der große Komponist sie geschrieben hat, ahnte er nicht, dass es ein Blashornstück für das Militär war. Das war ich, der das herausgefunden hat. In den Text habe ich ein paar Anachronismen, ausgedachte historische Fakten und Ähnliches gestreut, um der Geschichte über ihre schwierigen Stellen hinwegzuhelfen. Auch das ist keine Erfindung von mir; ich habe es bei Herodot entliehen. Herodot sagt : »Die wenigsten Dinge passieren zur rechten Zeit, und der Rest passiert überhaupt nicht: der gewissenhafte Historiker wird diese Mängel korrigieren.« Die Katzen im Stuhl gehören nicht mir, sondern jemand anderem. Das sind alle Ausnahmen. Was von dem Buch noch übrig ist, stammt von mir. Mark Twain Lone Tree Hill, Dublin, New Hampshire, October, 1905. Kapitel I Soldier Boy – Leise zu sich selbst Ich bin Buffalo Bill's Pferd. Mein ganzes Leben habe ich unter seinem Sattel verbracht, meist mit ihm selbst drin, und er wiegt bestimmt seine zweihundert Pfund ohne Kleidung. Niemand kann genau sagen, wie viel er wiegt, wenn er auf dem Kriegspfad ist und sein ganzes Arsenal umgeschnallt hat. Er ist über sechs Fuß groß, er ist jung, er hat kein Gramm Fett zuviel auf den Rippen, er ist grad heraus und eine ziemlich imposante Erscheinung, hat gute Reflexe und ist schnell wie eine Katze. Und er hat ein nettes Gesicht, das schwarze Haar fällt ihm bis auf die Schultern. Er ist einfach stattlich anzuschauen; niemand ist tapferer als er, und keiner ist stärker, außer mir. Ja, wer zweifelt dass er ein prächtiges Bild abgibt, der sollte ihn einmal sehen, mit seiner Perlen besetzten Lederweste; der Gewehrlauf über seiner Schulter blinkt in der Sonne, wenn er mit mir flink wie der Wind durch Feindesland galoppiert, und sein Haar dabei hinter seinem breiten Rücken weht. Das ist ein Anblick – und ich bin ein Teil davon. Aus Dutzenden anderer Pferde hat er mich gewählt, ich bin sein Lieblingspferd. So groß wie er ist, ich habe ihn schon einundachtzig Meilen am Stück getragen, einmal, auf einer Erkundung, von Sonnenuntergang bis Sonnenaufgang. Für fünfzig Meilen bin ich immer gut, jeden Tag, jederzeit. Ich bin nicht besonders groß, aber ich bin eine gute Geschäfts-Grundlage. Ich habe ihn Abertausende Meilen auf diesen Erkundungsritten für die Armee getragen, es gibt keine Schlucht und keinen Pass, kein Tal und kein Fort, keinen Handelsposten und keine Büffelebene in den Weiten der Rocky Mountains und der Great Plains, die wir nicht genau so gut kennen würden wie die Horn-Signale unserer Armee. Er ist Führer der Erkundungstruppen der Grenzeinheit, und damit sind wir sehr wichtig. In so einer Position, wie ich sie im Militärdienst bekleide, muss man eine gute Abstammung und Ausbildung haben die einen über den Durchschnitt hebt, um der Aufgabe gerecht zu werden. Ich sei das beste Pferd im Stall, das sagt jeder, und das mit den besten Manieren dazu. Kann sein, dass das so ist, es liegt nicht in meinem Ermessen das zu beurteilen; Bescheidenheit ist hier wohl besser, denke ich. Buffalo Bill hat mich fast alles gelehrt was ich kann, meine Mutter aber auch recht viel, und den Rest habe ich mir selbst beigebracht. Legen Sie mir eine Reihe mit Moccasins vor die Nüstern, egal ob von Pawnees, Sioux, Shoshonen, Cheyenne oder Blackfeet, von so vielen Stämmen wie Sie mögen – ich kann Ihnen jeden einzelnen Stamm bestimmen, nur an der Art der Moccasins. Und zwar in Pferdesprache. In Amerikanisch aber auch. Wenn ich sprechen könnte. Ich kenne ein paar der Indianersignale – diese Zeichen, die sie sich mit der Hand geben, ich kenne auch ihre Signalfeuer in der Nacht und die Rauchzeichen bei Tag. Buffalo Bill hat mir beigebracht, wie ich mit meinen Zähnen verwundete Soldaten aus der Feuerlinie herausziehe. Ich habe das auch schon gemacht, zumindest ihn habe ich schon vom Schlachtfeld gezogen, als er einmal verwundet war. Nicht einmal, zweimal. Ja, ich kann schon ein paar Sachen. Ich kann Gestalten, Gangarten und Gesichter erkennen und unterscheiden; niemand könnte eine Person, die mir irgendwann einmal etwas Gutes getan hat, so verkleiden, dass ich sie nicht wieder erkennen würde, wenn ich sie später noch einmal träfe. Ich beherrsche die Kunst des Fährten Lesens, ich kann alte und frische Spuren unterscheiden. Ich kann allein einer Fährte folgen, wenn Buffalo Bill schlafend im Sattel sitzt, fragen Sie ihn nur – er wird es Ihnen bestätigen. Schon oft, wenn er die ganze Nacht geritten war, hat er zu mir bei Sonnenaufgang gesagt: »Übernimm die Wache, Boy, wenn die Fährte frischer wird, ruf mich.« Dann schläft er. Er weiß, er kann mir vertrauen, ich hätte ja meinen guten Ruf zu verlieren. Ein Scoutpferd spielt nicht mit seinem guten Ruf. Meine Mutter war durch und durch Amerikanerin – keinerlei Zweifel an ihrer Herkunft, das kann ich euch sagen, das beste Kentucky Blut pulsierte in ihren Adern, das blaueste und adeligste dazu, ziemlich frostig – oder vielleicht hieß das jetzt förmlich? Keine Ahnung, wie es genau heißt. Aber das macht nichts, denn Größe ist das Einzige, was zählt bei einem Wort, und das da eben entspricht wohl den Erwartungen. In ihrer Militärkarriere war sie ein Oberst der Zehnten Dragoner, und sie machte jede Menge harten Dienstes mit – ehrenhaften Dienstes, natürlich. Ich meine damit, sie trug den Oberst; aber das ist doch das Gleiche. Was wäre er denn ohne sein Pferd gewesen? Er wäre nirgendwo angekommen. Sie war ein feiner Dragoner, aber auch nicht mehr. Sie war stark genug für den Scout Dienst, sie hatte dafür auch die entsprechende Ausdauer. Aber es fehlte ihr an Schnelligkeit; ein Scoutpferd muss eigentlich auch Muskeln aus Stahl besitzen, es muss Feuer im Blut haben. Mein Vater war ein Bronco. Nichts gegen Stammbäume – ich meine, nichts gegen diese Stammbäume aus jüngerer Zeit – aber es ist schon ziemlich gut, wenn man mal ordentlich in der Zeit zurückgeht. Als Professor Marsh hier draußen war, und die alten Knochen für die Kapelle in der Yale Universität zusammen gesammelt hat, da hat er Skelette von Pferden gefunden, die waren nicht größer als ein Fuchs. Die steckten in Steinen drin, und er sagte, das wären die Vorfahren meines Vaters gewesen. Meine Mutter hat gehört, wie er es sagte; und er sagte, diese Skelette wären zwei Millionen Jahre alt, und das befremdete sie dann doch, denn es ließ ihren eigenen Kentucky Abstammungs-Anspruch recht klein und antiphonisch, um nicht zu sagen, herabgestuft, erscheinen. Warten Sie mal ... ich kannte mal die Bedeutungen dieser Ausdrücke, aber ... na ja, ist Jahre her. Ist alles nicht mehr so frisch, wie's mal war. Diese Sorte Wörter hält sich nicht so lange in unserem Klima hier draußen. Professor Marsh sagte, diese Skelette seien Fossile. Das alles macht dann einen halben Kentucky Blue Grass und ein halbes Fossil aus mir; sollte es irgendwo ein Pferd mit älterer oder besserer Herkunft geben, dann müssten Sie schon bei den ›Four Hundred‹ nachschauen, schätze ich. Ich bin zufrieden damit. Und ich bin ein glückliches Pferd. Auch wenn ich außerehelich bin. Und jetzt sind wir wieder zurück in Fort Paxton. Nach vierzig Tagen Erkundung, bis hoch nach Big Horn waren wir. Alles ruhig dort. Ein paar Crows und Blackfeet zanken sich – das Übliche – aber keine Aufstände, die Siedler fühlen sich recht sicher. Die Siebente Kavallerie liegt immer noch hier in der Garnison; auch die Neunte Dragoner, zwei Artillerie Kompanien und ein wenig Infanterie. Alle freuen sich, mich wieder zu sehen, auch General Alison, der Kommandant. Den Frauen der Offiziere und den Kindern geht's gut, sie riefen mich – mit Zucker. Colonel Drake von der Siebenten Kavallerie sagte ein paar nette Dinge; Mrs. Drake machte Komplimente, auch Captain und Mrs. Marsh von der B Kompanie der Siebenten; sowie der Militärpfarrer. Der ist immer besonders nett zu mir, nachdem ich mal einem Missionar die Luft aus dem Leib gekeilt habe. Tommy Drake und Fanny Marsh hießen die beiden Kinder, die mit dem Zucker ankamen – echt nette Kinder, die nettesten hier am Posten. Das arme Waisenkind ist auf dem Weg von Frankreich hierher zu uns – jeder spricht davon. Ihr Vater war General Alisons Bruder. Der hatte vor zehn Jahren eine junge, schöne, spanische Lady geheiratet und seither war er nicht wieder nach Amerika zurückgekehrt. Sie lebten ein oder zwei Jahre in Spanien und gingen dann nach Frankreich. Beide starben vor ein paar Monaten. Das kleine Mädchen, das nun kommt, war ihr einziges Kind. General Alison freut sich sehr auf sie. Er hat sie noch nie vorher gesehen. Er ist ein freundlicher alter Junggeselle, aber eben ein alter Knabe, und er hat nicht mehr als ein Jahr bis zu seiner Pensionierung. Was soll er da mit einem kleinen neunjährigen Mädchen anfangen? Wenn ich sie nehmen könnte, wäre das was anderes. Ich weiß alles über Kinder, und Kinder lieben mich. Buffalo Bill könnte es Ihnen erzählen. Ein paar dieser Neuigkeiten habe ich aus dem üblichen Garnisons-Klatsch, den Rest von Potter, dem Hund des Generals. Potter ist der große Däne. Er genießt ein paar Privilegien hier am Standort, genau wie Shekels, der Hund der Siebenten Kavallerie. Potter schaut in jedem Quartier vorbei und schnappt dabei alles an Neuigkeiten auf. Er ist nicht besonders phantasievoll, auch sonst nicht irgendwie großartig gebildet, aber er hat ein historisches Gedächtnis und gutes Erinnerungsvermögen, und deshalb ist er derjenige, von dem ich mich meistens auf den neuesten Stand bringen lasse, wenn ich von einer Erkundung zurückkomme. Meistens heißt, immer dann, wenn Shekels auf Plündertour unterwegs ist, und ich ihn deshalb nicht zu fassen bekomme. Kapitel II Brief aus Rouen – An General Alison Mein lieber Schwager, – Bitte erlauben Sie mir Ihnen in Spanisch zu schreiben, ich traue meinem Englisch nicht, und ich kann mich erinnern, dass Ihr Bruder einmal gesagt hat, dass die Armeeoffiziere der Vereinigten Staaten an der Militär Akademie unsere Sprache erlernen. Es ist so, wie ich es Ihnen in meinem voraus gegangenen Brief bereits geschrieben habe: beide, meine arme Schwester und ihr Ehemann haben, als sie wussten, dass sie nicht mehr genesen würden, den Wunsch geäußert, dass Sie sich ihrer kleinen Catherine annehmen möchten – sehr wohl in dem Bewusstsein, dass Sie schon bald von der Armee in den Ruhestand versetzt werden – eher noch, als dass sie bei mir bleiben solle, denn meine Gesundheit ist ebenfalls angegriffen, oder etwa zu Ihrer Mutter nach Kalifornien, die ja auch nicht mehr gesund ist. Sie kennen das Kind nicht, deshalb muss ich Ihnen von ihr erzählen. Sie werden sich ihres Aussehens nicht schämen müssen, sie ist ein kleines Ebenbild ihrer schönen Mutter – und da ist diese unübertreffliche andalusische Schönheit, die man selbst in Ihrem Land kaum je finden wird. Sie besitzt den Charme und die Grazie ihrer Mutter, ihr gutes Herz und ihren Gerechtigkeitssinn. Vom Vater hat sie das Lebhafte, das Freundliche geerbt, auch seinen Mut und seinen Unternehmungsgeist. Von beiden Eltern kommt die herzliche und gütige Art. Meine Schwester verzehrte sich in den Jahren des Exils geradezu nach ihrer spanischen Heimat; immerfort sprach sie von Spanien zu dem Kind und hegte so in dem kleinen Kinderherzen die Liebe zu Spanien wie eine kostbare Blüte. Sie starb in der glücklich tröstenden Gewissheit, dass die Ernte ihrer patriotischen Bemühungen so reich sein würde, wie sie es sich nur wünschen konnte. Für ihre neun Jahre ist Cathy eine ausreichend gute Schülerin; ihre Mutter selbst brachte ihr Spanisch bei, und sie hat es in dem Kind immer lebendig gehalten, kaum jemals hat sie in einer anderen Sprache zu ihr gesprochen; ihr Vater war ihr Englischlehrer, er sprach fast ausschließlich so mit ihr; Französisch hörte und sprach sie jeden Tag mit ihren Spielkameraden; auch kann sie sich Dank ihrer Erzieherinnen in Deutsch und Italienisch verständigen. Wahr ist allerdings, dass da immer ein schwacher Akzent mitschwingt, gleich, welcher Sprache sie sich bedient, aber man merkt es kaum, ich denke, es hat eher etwas Bezauberndes als das es stört. Cathy ist im Vergleich zu anderen Kindern mit neun Jahren dem Durchschnitt weder voraus noch dahinter zurück. Aber ich kann ihr Folgendes bestätigen: mit der Liebe zu ihren Freunden, ihrem edlem Sinn und ihrer Großmütigkeit sucht sie ihresgleichen, meiner Meinung nach steht da niemand über ihr. Und um eines bitte ich Sie: lassen Sie ihr den Umgang mit Tieren – sie verehrt die Kreatur wie nichts sonst. Es ist ein Erbe ihrer Mutter. Sie kennt weder Grausamkeiten noch Schindereien – wenn es möglich ist, lassen Sie sie so etwas nicht sehen. Sie würde wütend werden und Ärger machen, in ihrer kindlichen aber sehr bestimmten und resoluten Art; denn sie hat ihren Kopf und es fehlt ihr nicht an unverzüglicher Initiative. Manchmal beurteilt sie etwas falsch, aber ich denke, ihre Absichten sind immer richtig. Als sie noch kleiner war, so etwa drei oder vier Jahre alt, stampfte sie in einem Zornesausbruch einmal wütend und heftig mit ihrem kleinen Fuß auf, wischte dann damit zurück über den Fußboden und bückte sich, um nachzuschauen. Ihre Mutter fragte: »Was ist los, Kind? Was hast Du?« »Mama, die große Ameise wollte die kleine töten.« »Und du hast die kleine beschützt.« »Ja, Mist, weil sie keinen Freund hatte, und ich wollte nicht, dass die große sie tötet.« »Aber jetzt hast Du sie beide tot gemacht.« Cathy war bekümmert. Ihre Lippen zitterten. Sie sammelte die Überreste der Ameisen auf, legte sie auf die Fläche ihrer Hand und sagte: »Armes kleines Ameischen, es tut mir so leid, ich wollte dich nicht tot machen, aber ich konnte dich nicht anders retten, es ging alles so schnell.« Sie ist eine liebe, süße kleine Dame. Wenn sie geht, wird mir das Herz sehr schwer werden. Aber sie wird glücklich werden bei Ihnen, und wenn Ihr eigenes Herz einmal alt und müde sein wird, geben Sie es in ihre Hand; sie wird es wieder jung machen, sie wird es erfrischen, sie wird es singen lassen. Seien Sie gut zu ihr, um alles in der Welt! Mein eigenes Exil wird bald beendet sein. Sobald ich mich besser fühle, werde ich mein Spanien wieder sehen; und das wird mich wieder jung machen! Mercedes Kapitel III General Alison an seine Mutter Es freut mich zu hören, dass es Euch allen gut geht, in San Bernardino. ... Deine Enkelin ist nun hier seit – gut, ich weiß gar nicht seit wie vielen Tagen genau; kein Mensch ist seit ihrer Anwesenheit hier mehr in der Lage, den Überblick über Tage oder über sonst irgend etwas zu behalten. Mutter, sie hat etwas geschafft, was die Indianer niemals geschafft haben. Sie hat das Fort im Handstreich genommen – vom ersten Tage an! Sie hat mich eingenommen, sie hat die Colonels eingenommen, die Captains, die Frauen, die Kinder, und die Tiere; sie hat Buffalo Bill eingenommen und alle seine Scouts; sie hat die Garnison erobert – bis hin zum letzten Mann; und innerhalb von achtundvierzig Stunden gehörte ihr auch noch das indianische Feldlager, einschließlich seinem majestätisch alten Häuptling Thunderbird und allen anderen. Mache ich auf Dich den Eindruck, als hätte ich meine Achtung, meine Bodenständigkeit, meine Würde oder Seriosität verloren? Du würdest all dies auch verlieren, wärest Du an meiner Stelle. Mutter, niemals hast Du einen so gewinnenden kleinen Teufel erlebt. Sie ist voller Energie, Esprit und Sonnenschein, sie interessiert sich für alles und jeden, und schüttet dabei verschwenderisch ihre Liebe über jedes Wesen, dem sie begegnet, gleich ob hohen oder niederen Standes, gleich ob Christenmensch oder Heide, ob in Pelz gekleidet oder mit Federn geschmückt; und niemand hat sie bis jetzt zurück gewiesen, und niemand wird das jemals tun, denke ich. Sie hat aber auch Temperament, und manchmal entflammt es, dann ist wahrscheinlich, dass sich verbrennt, wer immer auch ihr zu nahe kommt; aber das geht vorüber, ihre Leidenschaft geht so schnell wie sie kommt. Natürlich hat sie schon einen indianischen Namen; die Indianer geben einem Fremden schnell einen ihrer Namen. Thunderbird hat sich persönlich darum gekümmert. Er nannte sie nach dem indianischen Wort für Feuerfliege oder Feuerkäfer. Er sagte: »Sie meistens sehr ruhig, sehr sanft, sie sein wie Sommernacht, aber mit Ärger kommt Feuer.« Ist das nicht schön? Kannst Du die Flammen sehen? Sie ist schön, Mutter, schön wie ein Bildnis; und da ist ein Hauch von Dir in ihrem Gesicht, und auch von ihrem Vater – armer George! – und in all ihrem rastlosen Treiben, in ihrem furchtlosen Wesen, in ihren Wolkenbrüchen und in ihren Sonnenstrahlen, immer bringt sie mir auch ein Stück von George zurück. Solch impulsive Naturen sind dramatisch. George war dramatisch, und genau so ist dieser kleine Feuerkäfer, genau so ist auch Buffalo Bill. Als sie hier ankam – es war an einem Vormittag – war Buffalo Bill noch unterwegs, er brachte Befehle zu Major Fuller nach Five Forks, oben in den Clayton Hügeln. Später, gegen Nachmittag, saß ich an meinem Tisch und versuchte zu arbeiten, aber dieser kleine Kobold machte es mir unmöglich. Nach einer halben Stunde sagte ich: »Oh, du verhexte kleine Spitzbübin, kannst du nicht mal ein oder zwei Minuten still sein und deinen armen alten Onkel wenigstens einen Teil seiner Arbeit machen lassen?« »Ich versuch' es, Onkel, ehrlich, ich versuche es«, sagte sie. »Na dann, gut, braves Kind – gib mir einen Kuss. Und jetzt setzt Du Dich in diesen Stuhl, setz' Dich aufrecht hin, und schaue auf die Uhr dort. So – so ist es richtig. Wenn Du Dich rührst – und wenn Du nur zwinkerst – in den nächsten vier Minuten, dann beiß' ich Dich!« Es war so süß und lieb, wie sie da gehorsam saß, still wie Mäuschen; ich konnte mich kaum beherrschen, sie wieder frei zu geben und ihr zu erlauben, so viel herum zu toben, wie sie mochte. Für zwei Minuten herrschte eine unnatürliche Stille, eine himmlische Ruhe, dann kam Buffalo Bill bis vor die Tür gedonnert, in all seiner Scout Herrlichkeit, schwang sich aus dem Sattel, befahl seinem Pferd »wart' auf mich, Boy«, trat ein, und erstarrte im Schritt – er blickte das Kind an. Sie vergaß alles, hüpfte im selben Moment auf den Boden, und sagte: »Oh, siehst Du toll aus! Magst Du mich?« »Nein, ich mag' dich nicht, ich liebe Dich!« Er drückte sie an sich, und setzte sie mit einem Schwung auf seine Schultern – da war sie, neun Fuß hoch über der Diele. Sie war zu Hause angekommen. Sie spielte mit seinen langen Haaren und bewunderte seine großen Hände, seine Kleidung und den Karabiner, stellte Fragen über Fragen, so schnell wie er sie nur antworten konnte, bis ich beide bat, mich doch wenigstens für eine halbe Stunde in Ruhe meine Arbeit beenden zu lassen. Ich hörte noch, wie Cathy über Soldier Boy in Verzückung geriet, und wirklich, er ist es Wert, dass man sich an ihm freut, denn er ist ein Bild von einem Pferd mit einem Ruf, so glänzend wie sein Fell. Kapitel IV Cathy an ihre Tante Mercedes Oh, es ist wunderbar hier, Tantchen, es ist das Paradies! Oh, könntest Du nur sehen wie alles hier ist, so wild und so schön; diese weite Ebene, die sich über Meilen und Meilen und Meilen erstreckt, all dieser köstliche samtige Sand und die duftenden Sträucher des wilden, silbernen Salbeis, und Kaninchen, so groß wie Hunde, mit ihren riesigen, prächtigen Eselsohren, wonach man sie benannt hat; und diese gigantisch großen Berge, so schroff und zerklüftet und so erhaben, mit Schals aus Wolken um ihre Schultern, die schauen so feierlich ernst und furchtbar und zufrieden aus; und diese bezaubernden Indianer, oh Tantchen, Du würdest in sie vernarrt sein, und sie erst in Dich, und sie würden Dir erlauben ihre Babys zu halten, so wie sie es mir erlauben, und das sind die fettesten, braunsten, süßen kleinen Dinger, sie schreien nie, sie würden nicht mal schreien, wenn man Nadeln in sie hinein pieken würde, was aber nicht geht, denn Indianer haben keine Nadeln, weil sie arm sind und sie es sich nicht leisten können; und Pferde und Maultiere und Vieh und Hunde – Hunderte und Hunderte und Hunderte, und nicht ein Tier dabei, mit dem man nicht machen könnte, was man wollte, ausgenommen Onkel Thomas, aber das macht mir nichts, er ist lieb zu mir; und dann, wenn Du das hören könntest, die Fanfaren: tuu – tuu, tu – tu, tuu – tuu, und so weiter – einfach wunderbar! Erkennst Du sie? Das sind die ersten Töne der Reveille, sie kommt, du liebe Zeit, so früh am Morgen! – in derselben Minute stehe ich auf und jeder andere Soldat am Standort auch, ausgenommen Onkel Thomas, der ist so unbeschreiblich faul, ich kann mir nicht erklären warum, aber ich habe mit ihm darüber gesprochen, und ich denke mal, es wird jetzt besser. Viele Fehler hat er nicht, und er ist charmant und nett, genau wie Buffalo Bill, und Thunderbird, und Mammy Dorcas, und Soldier Boy, und Shekels, und Potter, und Sour Mash, und – gut, sie sind allesamt nett, alles Engel, so würdest Du es sagen. Am ersten Tag schon, als ich hier ankam, ich weiß gar nicht mehr genau wie lange das schon her ist, hat mich Buffalo Bill auf Soldier Boy zu Thunderbirds Camp mitgenommen, nicht zu dem großen, das draußen in der Prärie liegt, das heißt White Clouds, dahin hat er mich erst einen Tag später mitgenommen, sondern zu dem, das hier vier oder fünf Meilen oben in den Hügeln zwischen den Felsen liegt, wo es eine große Alm gibt, voll bestanden mit Indianerzelten und Hunden und Squaws und allem was interessant ist, und ein Gebirgsbach mit kristallklarem Wasser fließt dort mitten hindurch, der hat weiße Kiesel auf seinem Grund und Bäume stehen an beiden Ufern, es ist kühl und schattig hier und man kann gut hindurch waten, und wenn die Sonne untergeht wird es ganz schummrig an diesem Ort hier unten, aber oben, gegen den Himmel, da stehen noch diese riesigen Gipfel, wie Türme, hell und klar im Sonnenlicht, und dann, manchmal, kann man sogar einen Adler an ihnen vorbei gleiten sehen, ohne einen einzigen Schlag seiner Schwinge, als wenn er im Fluge schliefe; und die jungen Indianerjungen und Mädchen toben und lachen und spielen weiter an der Quelle und im Becken des Bachs, und sie haben nicht viel an, nur die Mädchen, die Hunde zanken sich, und die Squaws gehen ihren Arbeiten nach, und die Böcke sind damit beschäftigt sich auszuruhen, und die Alten sitzen auf Heuballen und rauchen, sie lassen die Pfeife im Kreise wandern, nicht nach links, sondern nach rechts, und das bedeutet, dass es Streit im Camp gab und sie es jetzt zu schlichten versuchen so gut es ihnen gelingt, und die Kinder spielen, und sie spielen genau das, was alle Kinder spielen, kleine Jungens schießen mit Pfeil und Bogen auf ein Ziel, und ich hab einem eine runter gehauen, weil er einen Hund mit dem Stock geschlagen hat, obwohl der gar nichts getan hatte, und das hat er mir übel genommen, aber schon kurz darauf hat er sich gewünscht er hätte es mir nicht übel genommen: aber dieser Satz wird nun zu lang und ich werde einen neuen beginnen. Thunderbird hatte sein allerbestes Sonntags-Krieger-Gewand angezogen, in dem er mich empfing, er war großartig anzuschauen, sein Gesicht ganz mit glänzender roter Farbe bemalt, es glühte intensiv wie Feuerkohle, und ein Band mit Adlerfedern reichte von seinem Kopf bis weit den Rücken hinab, er hatte auch einen Tomahawk und eine Pfeife, die hatte einen Stiel länger als mein Arm, und mir ging es so gut wie noch nie in einem Indianercamp in meinem Leben, und ich lernte sehr viele Worte ihrer Sprache und am nächsten Tag nahm mich BB mit zu diesem Camp draußen in der Prärie, vier Meilen, und wieder war es ein phantastischer Tag, ich lernte noch mehr Indianer und Hunde kennen, und der große Häuptling, den sie White Cloud nennen, gab mir einen hübschen kleinen Bogen mit Pfeilen als Geschenk und ich habe ihm dafür meinen roten Schulterumhang gegeben, und nach vier Tagen konnte ich ganz gut damit schießen und jeden Jungen in meinem Alter am Standort schlagen, und ich bin jetzt schon so oft in diesen Camps gewesen, und reiten gelernt habe ich auch, BB hat es mir beigebracht, und jeden Tag übt er mit mir und lobt mich, und jedes Mal wenn ich wieder besser war als vorher, lässt er mich auf Soldier Boy herumtraben, und das ist das höchste Glück! Denn er ist das liebste Pferd, und er ist so schön, so glänzend und so schwarz, und es ist keine andere Farbe an ihm, außer einem weißen Stern auf seiner Stirn, kein unechter Stern, sondern ein echter, mit vier weißen Strahlen, genau so geformt, als wenn er von Hand gemacht wäre, und wenn man ihn ganz zudecken würde, und nur der Stern bliebe frei, man würde ihn genau daran überall erkennen, sogar in Jerusalem oder in Australien. Ich habe viele Freundschaften geschlossen in der Siebenten Kavallerie und bei den Dragonern, mit Offizieren und Familien und Pferden, in den ersten paar Tagen, und noch mehr in den nächsten und nächsten und nächsten Tagen, und mittlerweile kenne ich mehr Soldaten und Pferde als Du Dir vorstellen kannst, so sehr Du Dich auch anstrengst. Ich lerne auch manchmal, aber eigentlich ist dafür kaum Zeit. Ich liebe Dich so und drücke Dich und sende Dir einen Kuss! Cathy P.S. – Ich gehöre der Siebenten Kavallerie und den Neunten Dragonern an, ich bin sogar Offizier und brauche gemäß Vereinbarung nicht zu arbeiten, weil ich auch keinen Sold bekomme. Kapitel V General Alison an Mercedes Sie ist nun schon eine gute zeitlang bei uns. Sind Sie besorgt um Ihren Kobold, weil dies hier so eine raue Grenze ist, Hunderte von Meilen entfernt von jeder Zivilisation und nur von wilden Wanderstämmen bewohnt? Fürchten Sie um ihre Sicherheit? Machen Sie sich keine Sorgen. Mein Gott, sie ist in einem Kindergarten hier und sie hat mehr als achtzehnhundert Erzieher! Es würde den gesamten Standort unglücklich machen, wenn nur der Verdacht aufkäme, Sie könnten denken, man könne sich hier nicht ordentlich um sie kümmern. Alle denken nämlich, sie können es. Und sie würden es Ihnen auch sagen. Sehen Sie mal, weder die Siebente Kavallerie noch die Neunten Dragoner hatten jemals vorher ein eigenes Kind; und so benehmen sich jetzt alle wie junge Mütter, sie glauben, es gäbe kein Kind auf der Welt als ihr eigenes, und auch keines wäre so wunderbar, keines Wert, dass man es so traulich und zärtlich behütet und beschützt, wie dieses. Meine sonnengegerbten Veteranen sind wirklich sehr gute Mütter, sie sind weiser als manch' echte Mutter; auch weil sie die Kleine nicht wenige Risiken eingehen lassen, und das ist eine gute Erziehung für sie; und je mehr Gefahren sie erfolgreich meistern lernt, desto stolzer werden sie. Sie haben sie regelrecht adoptiert, richtig formell eingeführt mit militärischen Ehren, die sie sich extra für sie ausgedacht haben – Festlichkeiten wäre vielleicht das passende Wort; Festlichkeiten, die so feierlich und ernst abliefen, dass es komisch gewirkt hätte, wenn es nicht so rührend anzuschauen gewesen wäre. Es war eine gute Show, so beeindruckend und zeremoniell wie der Aufmarsch der Garde, oder die Flaggenparade der Einheiten; mit eigens vom Leiter des Musikkorps der Siebenten komponierter Marschmusik; das Kind war dabei so ernst, wie die ältesten meiner kampferprobten Soldaten auch; endlich dann thronte sie auf den Schultern des ältesten Veteranen und man erklärte sie als »recht und wahrhaftig eingeführt«, die Band spielte auf, alle salutierten ihr und sie salutierte zurück, es war besser als jede vergleichbare Zeremonie, die ich je auf Exerzierplätzen gesehen habe, denn normale Paraden sind nur Show, aber das hier war echt, es kam tief aus den Herzen aller Beteiligten. Das alles ereignete sich vor ein paar Wochen, und ein paar weitere Festlichkeiten folgten. Die Männer haben neue Dienstgrade erfunden, um sie Cathy zu verleihen, die waren bis dahin in unserer Armee unbekannt, verbunden mit Beförderungszeremonien, die einem Fürsten zur Ehre gereicht hätten. Sie bekleidet nun den Rang eines Corporal-General der Siebenten Kavallerie, und den eines Flag-Lieutenant der Neunten Dragoner, verbunden mit dem (von den Männern verliehenen) Privileg, U.S.A. hinter ihren Namen zu setzen! Sie bekam auch die passenden Schulterklappen dazu – beide in dunkelblau, auf der einen steht F.L. und auf der anderen C.G. Sogar mit Schwert. Sie trägt sie. Schließlich gewährten sie ihr den militärischen Gruß. Ich selbst bin Zeuge, das Salutieren wird wirklich von beiden Seiten vollzogen – ernsthaft und formal richtig. Niemals habe ich dabei einen der Soldaten grinsen sehen, auch Cathy nicht, wenn sie den Gruß erwidert. Ich sei bei keiner dieser Zeremonien anwesend gewesen, ich ignorierte sie angeblich; aber in Wirklichkeit habe ich alles genau beobachtet. Ich hatte wegen einer Sache ziemliche Bedenken – die anderen Kinder hier am Standort könnten eifersüchtig werden; aber nichts dergleichen passiert, Gott sei Dank. Im Gegenteil, sie sind stolz auf ihre Kameradin und die Ehrungen, die ihr zu Teil werden. Das überrascht wirklich, aber es ist wahr. Die Kinder mögen Cathy sehr, denn sie hat ihre langweiligen Leben hier draußen an den Grenzposten in eine Art Dauerfest verwandelt; und sie haben sie als ihre treue und feste Freundin kennen gelernt, auf die man sich wirklich verlassen kann, und die ihr Fähnlein nicht nach dem Winde hängt. Mittlerweile ist sie zu einer außergewöhnlich guten Reiterin geworden, sie hat auch einen mehr als außer-gewöhnlichen Lehrer – BB, so nennt sie Buffalo Bill. Sie spricht es Bee-by aus. Er hat ihr siebzehn verschiedene Arten beigebracht, sich das Genick zu brechen, und zweiundzwanzig, es zu vermeiden. Er hat ihr die beste Lebensversicherung vermittelt, die ein Reiter besitzen sollte – Zutrauen . Das hat er ganz langsam gemacht, systematisch, in kleinen Dosen, nur ein Schritt zu seiner Zeit, und jeden dieser Schritte hat er überprüft, bevor sie sich an den nächsten wagten. So führte er sie Zentimeter um Zentimeter heran, ließ Ängste bei ihr allein durch sorgfältiges Training gar nicht erst entstehen, es waren dann auch keine bei ihr erkennbar, als sie zu den schwierigen Übungen kam. Nun ist sie wirklich eine mutige kleine Reiterin, sie ist perfekt im Umgang mit den Pferden. Mit der Zeit wird sie reiten wie ein West Point Kadett, und dessen Handwerk ebenso furchtlos beherrschen. Damensättel kennt sie nicht. Besorgt Sie das? Sie reitet elegant, und sogar ohne Sattel. Wird Ihnen unbehaglich bei dem Gedanken? Seien Sie ganz beruhigt; sie ist nicht in Gefahr, ich gebe Ihnen mein Wort darauf. Sie haben einmal gesagt, wenn mein Herz alt und müde würde, dann wird sie es beleben. Sie haben die Wahrheit gesagt. Ich weiß gar nicht mehr, wie ich einmal ohne sie ausgekommen bin. Ich war ein einsamer alter Baum, und dann kam diese blühende Ranke und hat sich um mich gewunden, sie wurde zum Leben in meinem Leben, alles hat sich verändert. Sie versorgt Mammy Dorcas und mich mit genügend Arbeit, darin ist sie kompetent und unerschöpflich, aber ich liebe meinen Teil davon und Dorcas liebt den ihren, denn Dorcas hat bereits George »erzogen«, und Cathy ist wie George, sie ist genau wie er in so vielen Dingen, so sehr, dass Dorcas wieder jung wird und all die lieben Erinnerungen zurückkehren, die schon hinter der Zeit entschwunden schienen. Mein Vater hat vor zwanzig Jahren versucht, Dorcas in die Freiheit zu entlassen, da lebten wir noch in Virginia, freilich ohne Erfolg; sie betrachtete sich als einen Teil unserer Familie und wollte nicht gehen. Und so blieb sie ein Teil der Familie, eine Position die niemals mehr angefochten wurde, die sie natürlich auch heute noch innehat; meine Mutter hat sie mir aus San Bernardino herübergeschickt als sie hörte, dass Cathy kommt, sie wechselte einfach die Stellung von einem Zweig der Familie zu einem anderen. Sie hat dieses Warmherzige ihrer Rasse, diese verschwenderische Liebe, und als Cathy dann endlich kam, waren die beiden in fünf Minuten Mutter und Kind. Und so ist es bis heute und so wird es auch in Zukunft bleiben. Dorcas glaubt wirklich, sie hätte damals George erzogen, das ist eines der Dinge auf die sie richtig stolz ist, vielleicht haben sich die beiden ja gegenseitig erzogen, sie waren in etwa gleichaltrig – dreizehn Jahre jünger als ich. Jedenfalls waren sie Spielkameraden, und darüber gibt es nun keinen Zweifel. Cathy hat behauptet, Dorcas sei die beste Katholikin in Amerika außer ihr selbst. Sie hätte Niemandem ein größeres Kompliment machen können als dieses, und Dorcas hätte keines erhalten können, das ihr mehr geschmeichelt hätte. Sie ist sehr zufrieden mit ihr und meint, dass es kein wunderbareres Kind gäbe als Cathy. Sie hat sich eine sonderbare Theorie zurechtgelegt: dass Cathy eigentlich zwei Personen sei, Zwillinge , und dass der Junge in ihr es verpasst hätte, abgeteilt zu werden – und nun in ihrem Innersten unterdrückt werde. Mit ihr über diesen Unsinn zu streiten macht keinen Sinn und ist reine Zeitverschwendung – sie hat sich ihre Meinung gebildet, und lässt keinerlei Argumente gelten. Sie sagt: »Schauen Sie sich sie an; sie mag Puppen, Mädchenspiele, alles was Mädchen mögen, sie is' leis' und nett, is' überhaupt nich' bös' zu Tieren – nun, das is' der Mädchen Zwilling, und dann mag sie aber auch die Jungsspiele, mit Trommeln und Flöten und mit 'n Soldaten, und derbe reiten, und is' nich' bang vor nix und Keinem – da ha'm Sie den Jungszwilling; da brauch'n Sie mir nich' sagen das is' nur ein Kind; nein, Sir, is' 'n Zwilling, und einer davon is' nich' zu sehn. Und wenn er nich' zu sehn is', macht's aber auch kein' Unterschied, der Jung is' da, in ihr drin, und man kann ihn aus ihren Augen raus sehn, wenn sie wütend wird.« Dorcas fuhr fort bildliche Anschauungen zu liefern in ihrer einfachen, ernsten Art. »Denken Sie mal an den Raben, Master Tom. Würd' sich wer mit 'nem Raben anfreunden, außer dem Kind? Natürlich nich', würd' keiner machen, is' nich' normal. Also, dieser Indianer Junge, der hatte den Raben angebunden, und war ihn immerzu am quälen, die ganze Zeit, und zu Fressen hat er ihm auch nichts gegeben, und ihr hat das arm' Ding so leid getan, und dann wollt' sie ihn von dem Jungen kaufen, da war'n schon fast die Tränen bei ihr. Das war wieder der Mädchen Zwilling. Sie hat ihm ihren Fingerhut angeboten, und er hat 'n weg geworfen, sie hat ihm all' ihre Doughnuts, zwei Stück, hingehalten, die hat er auch runter geworfen; und dann hat sie ihm ihr halbes Nadelkissen geben woll'n, das is' glatt vierzig Raben wert, da hat er ihr nur noch 'ne Fratze gezogen und dann, dann hat er eine von den Nadeln dem Raben in'n Rücken gestochen. Da war's um sie geschehn, wissen Sie. Das hat den andern Zwilling vorgeholt. Ihre Augen blitzten Feuer und sie hat ihn angesprungen wie 'ne Wildkatze, und als sie mit ihm fertig war, hingen ihr die Sachen in Fetzen runter, und der Junge war gar nix mehr, war nur noch 'ne Allegorie. Sehn Sie, das war wirklich der andere Zwilling, der da 'rauskam. Nein, Sir, erzähl'n Sie mir nicht, den gäb's nicht. Ich hab ihn mit meinen eignen Augen gesehen – mehrmals.« »Allegorie? Was ist denn eine Allegorie?« »Ich weiß nicht, Master Tom, sind so Worte von ihr; sie sagt oft so Dinge, wissen Sie, schnapp ich halt auf von ihr, hör'n sich gut an, kann ich nix für.« »Was passierte, nachdem sie den Jungen in eine Allegorie transformiert hat?« »Ja, dann hat sie den Raben losgemacht und konfisziert und hat ihn mit heimgetragen, die Doughnuts und die andren Sachen hat sie auf'm Boden liegen lassen. Hat ihn gestreichelt, klar, tut sie doch mit allen Tier'n. In zwei Tagen hatt' sie ihn soweit, dass er an ihr klebte, dass er – na, Sie wissen doch, wie er ihr überall hin nachfliegt, und wie er auf ihrer Schulter sitzt, wenn sie reitet als möcht' es ihr gleich den Hals brechen – und dass is' alles wieder der Mädchen Zwilling, seh'n Sie – und der Vogel macht, was er will, ist 'n echter Teufel und 'n richtiger Quälgeist in der Küche. Na, und keiner sagt was, aber wenn's der Vogel von jemand andrem wär', würden sie's.« Sie gluckste in sich hinein und sagte dann: »Wissen Sie, eigentlich is' sie selbst auch 'n Quälgeist, Miss Cathy, sie is' so lebendig, hat ihre Nase überall, genau wie der Vogel. Und tut genau so unschuldig, wissen Sie, will keinem wehtun, is' immer lieb und nett; und is' auch alles nicht ihre Schuld, is' ihre Natur, immer interessiert an allem, immer mit Feuereifer, kann nich' mal still sein. Gestern noch sag' ich ›Bitte Miss Cathy, tu' das nicht‹; und, ›Bitte Miss Cathy, fass' das nicht an‹; und ›Bitte Miss Cathy, mach' nicht so 'n Krach‹; und so weiter, und so weiter, bis ich selbst schon denk', jetzt hab ich sie vierzehn Mal in fünfzehn Minuten ermahnt; da schaut sie mit ihren großen braunen Bettelaugen zu mir hoch, und sagt in dieser komischen kleinen fremden Weise, dass es einem ans Herz geht, ›Bitte, Mammy, lob' mich doch auch mal.‹« »Und das hast Du natürlich gemacht, Du alte Närrin?« »Master Tom, ich hab' sie hochgenommen an meine Brust und sag', ›Oh du liebes armes kleines Ding, hast keine Mama, nix auf der Welt hast du falsch gemacht, du kannst machen was du willst, reiß' das Haus ab, deine alte schwarze Mammy schimpft nicht mit dir!‹« »Ich habe es gewusst, natürlich – Ich wusste es, Du würdest das Kind verziehen.« Sie wischte sich ein paar Tränen weg und sagte dann mit großer Würde: »Das Kind verziehen? Dieses Kind verziehen, Master Tom? Kein Mensch kann es verziehen. Sie ist die Bienenkönigin in dieser Garnison, jedermann umhegt sie und is' ihr Sklave, und trotzdem, Sie wissen es, Sie selbst am besten, sie is' nicht das kleinste bisschen verzogen.« Sie verschaffte sich noch mehr Luft in ihrer weiteren Erwiderung: »Master Tom, Sie bringt Sie selbst dazu, alles zu machen was sie will, und Sie können's ihr nicht abschlagen; wenn sie also verzogen is', dann lang' vor mir, denn Sie selbst sind der Schlimmste ! Schau'n Sie sich nur die Katzen auf Ihrem Stuhl an, selbst sitzen Sie auf der Kerzenkiste, und findens normal; warum? Weil's ihre Katzen sind.« Wäre Dorcas ein Soldat, ich hätte sie für diese unerhörte Offenheit bestrafen können. So aber wechselte ich das Thema und bat sie, den Faden von vorhin wieder aufzunehmen. Sie hatte fair gegen mich gepunktet und ich würde ihr den Sieg nicht billig streitig machen, indem ich jetzt darüber diskutierte. Und so kam sie mit einer weiteren Geschichte, die ihre Zwillingstheorie belegen sollte: »Vor zwei Wochen, als sie sich den Finger so bös' aufgeschnitten hat, da wurd' sie ganz blass, hat aber nichts gesagt. Sie saß auf meinem Schoß und der Doktor hat mit 'nem Schwamm das Blut abgetupft und dann hat er sie genäht; 'ne ganze Menge Stiche hat's gebraucht, bei jedem einzelnen hat sie leis' gestöhnt, aber sonst kam kein Ton. Als er fertig war, war selbst der Doktor voller Bewunderung für sie und sagte, ›Du bist wirklich eine tapferes kleines Ding!‹ und sie sagt, ganz ruhig, als wenn's um's Wetter geht, ›Es gibt aber keinen Tapferen als El Cid!‹ Seh'n Sie? War der Jungs Zwilling, mit dem der Doktor es hatte.« »Wer ist El Cid?« »Weiß nicht, Sir – nur was ich von ihr hab'. Sie redet dauernd von ihm, sie sagt, das war der tapferste Held, den es je in Spanien gab, oder in irgendeinem andern Land. Das geht ständig so bei den Kindern, sie ist für El Cid, und die andern sind für George Washington.« »Streiten sie sich?« »Nein; nur diskutieren, und rumprahlen, wie Kinder sind. Sie wollen, dass sie Amerikanerin ist, aber sie könne niemals was anderes sein als 'ne Spanierin, sagt sie. Wissen Sie, ihre Mama hat immer zurück nach Haus' gewollt, das arme Ding, und sie denkt daran, und so ist das Kind so sehr 'ne Spanierin, als wenn sie immer dort gelebt hätt'. Sie denkt, sie wüsste' sogar wie's in Spanien aussieht, aber ich denk' mal sie weiß es nicht wirklich, weil sie war ja erst 'n Baby als sie nach Frankreich gingen. Sie ist sehr stolz drauf, 'ne Spanierin zu sein.« Schmeichelt Ihnen das, Mercedes? Es ist alles gut so, seien Sie zufrieden, Ihre Nichte ist loyal was ihre Herkunft betrifft: ihre Mutter hat in ihr wirklich ein festes Fundament gelegt, was ihre Liebe zu Spanien betrifft, und wenn sie einmal zu Ihnen zurückkehrt, dann werden Sie eine gute Spanierin treffen, so gut wie Sie selbst eine sind. Sie hat mir das Versprechen abgeknöpft, Sie mitzunehmen und Ihnen einen wirklich langen Besuch abzustatten, wenn das Kriegsministerium mich in den Ruhestand versetzt. Ich kümmere mich persönlich um ihre Studien, hat sie Ihnen das berichtet? Ja, ich bin ihr Lehrer, und sie macht, denke ich, gute Fortschritte, alles in allem betrachtet. Alles in allem – übersetzt – bedeutet einschließlich der Ferien. Seien wir ehrlich, sie ist nicht zum Studieren geboren, und es ist wirklich hart für sie. Hart für mich übrigens auch. Es tut mir körperlich weh zu sehen, wie sich dieser Freigeist der Lüfte und des Sonnenscheins über einem Buch bekümmert; und manchmal, wenn sie wieder aus dem Fenster hinaus in die Weite der Prärie und zu den Blue Mountains hin träumt, dann muss ich einfach die Gefängnistore aufreißen, ich kann mir nicht helfen. Eine wunderliche Schülerin ist sie, sie macht einige Schnitzer. Einmal fragte ich sie: »Wen regiert der Zar?« Sie legte das Kinn in die Hand, setzte den Ellbogen auf ihr Knie und nahm sich des Problems mit höchster Konzentration an. Plötzlich schaute sie auf und antwortete; doch ein Schatten von Unsicherheit machte sich auf ihrem Ausdruck breit: »Den Dativ?« Hier habe ich noch ein paar Beispiele ihrer Paradestücke, allesamt mit großer Selbstverständlichkeit abgeliefert: »Kaplan. Verkleinerungsform von Kap. Magd ist maskulin, Mädchen ist feminin.« Sie ist kein Genie, sie ist ein ganz normales Kind; sie machen alle Fehler dieser Art. In ihren Augen kann man schön sehen, wie sie sich freut, wenn sie eine Frage prompt und genau beantworten kann, ohne Zögern, wie zum Beispiel diese hier heute Morgen: »Cathy, mein Liebling, was ist ein Kubik?« »Na, ein Eingeborener von Kuba.« Manchmal flicht sie noch ein fremdes Wort in ihre Sprache ein. Und es gibt immer noch einen Hauch, oder vielleicht nur einen Duft von Akzent in selbst ihrem exaktesten Englisch – und hoffentlich bleibt es auch so! Für mich hat das einen ganz reizenden Charme. Manchmal ist ihr Englisch anmutig pedantisch, sehr buchmäßig, etwas gedrechselt. Sie spricht die niedliche Sprache der Kinder, aber um ihrer Unversehrtheit Willen versuche ich, ein paar ihrer Inspirationen nicht mit ihr durchgehen zu lassen. Sie ist gehorsam – wie es sich für einen ordentlichen und anerkannten militärischen Würdenträger ziemt, der sie ja nun mal ist, aber manchmal zwicken die Ketten schon etwas. Zum Beispiel waren wir kürzlich auf einem Spaziergang und kamen an Sträuchern mit wilden Stachelbeeren vorbei. Ihr Gesicht erhellte sich und sie bettelte mich mit ihren Händchen an. Dabei sagte sie folgenden Spruch: »Oh, hätte ich ein Laster frei, begänne ich mit Schlemmerei!« Konnte ich dem widerstehen? Nein. Ich pflückte ihr die Stachelbeeren. Sie haben nach ihren Sprachen gefragt. Das regelt sich hier von ganz allein; die werden hier nicht einrosten; in unserem Regiment gibt es nicht nur Eingeborene – bei weitem nicht. Und sie übt eifrig indianische Dialekte. Kapitel VI Soldier Boy– und der mexikanische Gaul [Soldier Boy:] »Wann seid ihr gekommen?« [Mexikanischer Gaul:] »Gestern, bei Sonnenuntergang.« »Woher?« »Salt Lake.« »Seid ihr im Dienst?« »Nein. Handel.« »Piratenhandel, nehm' ich mal an.« »Was weißt du denn schon davon?« »Ich hab' euch kommen sehen. Ich hab' deinen Master erkannt. Übler Kerl. Fallenräuber, Pferdedieb, stellt den Squaws nach, ein Fahnenflüchtiger, ein Renegado – Hank Butters – ich kenn' ihn sehr gut. Hat dich auch gestohlen, nicht wahr?« »Kommt wohl auf so was 'raus.« »Dacht' ich mir. Wo ist sein Kumpel?« »Hat am White Cloud Camp Halt gemacht.« »Das ist auch so einer, gleiche Sorte, heißt Blake Haskins.« (Leise zu sich selbst) »Ich nehme mal an, sie lauern wieder Buffalo Bill auf.« (Wieder laut) »Wie ist dein Name?« »Welchen meinst du?« »Hast du mehr als einen?« »Ich bekomm' jedes Mal 'nen neuen, wenn ich gestohlen werde. Hatte mal 'n ehrenwerten Namen, aber das ist lang her; hab' ihn vergessen. Seitdem hatte ich dreizehn Aliases.« »Aliases? Was ist ein Alias?« »Ein falscher Name.« »Alias. Ein schönes großes Wort, gefällt mir; es hat diesen gelehrten, cerebrospinal inkandeszierten Klang. Hast du studiert?« »Na ja, nein, kann ich eigentlich nicht behaupten. Ich kann 'ne Barre 'runterwerfen, ich kann Hafer von 'nem Weidepflock unterscheiden, ich kann der College-Brut 'n Sattelgeschwür auf'n Buckel fluchen, und noch 'n paar andere Sachen – nicht viel; ich hatte nicht viel Gelegenheit zum Lernen, musste immer arbeiten, nur mal so nebenbei bemerkt; komm' aus kleinen Verhältnissen, keine Familie mehr. Du sprichst meinen Dialekt wie 'n Eingeborener, aber 'n mexikanischer Gaul wie ich bist du nicht, bist eher so 'n Gentleman, seh' ich doch, und ziemlich gebildet, natürlich.« »Ja, ich komme aus einer alten Familie, und bin nicht unbelesen. Ich bin ein Fossil.« »Ein Was?« »Fossil. Die ersten Pferde waren Fossile. Sie sind zwei Millionen Jahre alt.« »Gr–oßer Sand und Dornenbusch! Wirklich?« »Ja, ist wahr. Die Knochen meiner Vorfahren werden verehrt und gut aufbewahrt, sogar von Menschen. Sie lassen sie nicht einfach draußen in Wind und Wetter rum liegen, wenn sie welche davon finden, sondern schleppen sie über Tausende von Meilen zu ihren Lerntempeln und packen sie in Schreine, dort beten sie sie an.« »Das ist ja toll! Ich wusste, dass du eine hochgestellte Persönlichkeit sein musst, was du hier so darstellst und bei deinem feinen Auftreten, und du humpelst auch nicht so elend rum wie ich und der Rest hier. Verrätst du mir deinen Namen?« »Wirst du wahrscheinlich schon gehört haben – Soldier Boy.« »Was! – der bekannte, der berühmte?« »Genau der.« »Mir bleibt die Luft weg! Hab' ich mir nie mal träumen lassen, dass ich mal Aug' in Aug' dem Besitzer dieses großen Namens gegenüber steh'. Buffalo Bills Pferd! Bekannt von der kanadischen Grenze bis in die Wüste Arizonas, von den östlichen Ausläufern der Great Plains bis zu den Vorgebirgen der Sierra! Was für ein bemerkenswerter Tag! Dienst du noch dem gefeierten Chef der Scouts?« »Gehör' ihm immer noch, aber er hat mich ausgeliehen, zeitweise, an die sehr ehrenwerte, gnädigste, vortrefflichste, Ihre Exzellenz Catherine, Corporal-General Siebente Kavallerie und Flag-Lieutenant Neunte Dragoner, U.S.A., –Friede dem Land!« »Amen. Sagtest du sie , sagtest du Ihre Exzellenz?« »Sagte ich. Eine spanische Dame, ein schöner Spross aus fürstlichem Haus. Und wahrhaft ein Wunder; sie weiß alles, sie kann alles, sie spricht alle Sprachen und beherrscht alle Wissenschaften, ein großer Geist der keine Horizonte kennt, mit einem Herz aus purem Gold, die Zierde ihrer Rasse! Friede der Rasse!« »Amen. Das hört sich ja großartig an!« »In der Tat. Ich konnte ja selbst schon viel. Aber sie hat mir noch mehr beigebracht. Ich bin gebildet. Ich werd' dir von ihr erzählen.« »Ich hör' zu – bin entzückt.« »Ich erzähl' dir eine einfache Geschichte, gerade heraus, ohne Übertreibungen, ohne Ausschmückungen. Als sie erst vier oder fünf Wochen hier war, hatte sie schon eine komplette Militärausbildung abgeschlossen und sie machten sie zum Offizier – zu einem Doppeloffizier. Wie jeder andere Soldat nahm sie am täglichen Drill teil; sie blies das Signalhorn und leitete die Formalausbildung persönlich. Eines Tages sollte ein großes Pferderennen stattfinden, um Preise, aber nur für Kinder. Siebzehn Kinder bewarben sich, und sie war die Jüngste von allen. Drei Mädchen, vierzehn Jungens – allesamt gute Reiter. Es war ein Hindernisrennen, mit vier Hürden, alle sehr hoch. Der erste Preis bestand aus einem entzückenden silbernen Signalhorn, etwa die halbe Größe eines Militärhorns, richtig hübsch gearbeitet, mit einer roten Seidenkordel daran, und Quasten. Buffalo Bill war sehr nervös, denn er hatte ihr das Reiten persönlich beigebracht, und auch um seiner eigenen Ehre Willen wünschte er sich natürlich, dass sie gewinnen möge. Also beschloss er, dass sie mit mir reiten solle, aber das wollte sie nicht; sie sagte zu ihm, das sei unfair und unrichtig, ein billiger Vorteil, denn welches Pferd der Garnison hätte eine Chance gegen mich? Sie war sehr ernst mit ihm und sagte, ›Sie sollten sich schämen – Sie schlagen mir ein Benehmen vor, das einem Offizier und Gentleman nicht ziemt.‹ Und so nahm er sie, warf sie hoch in die Luft, etwa dreißig Fuß, und als er sie wieder auffing, gab er zu, dass er sich wirklich schäme, zog sein Taschentuch heraus und gab vor zu weinen, was ihr fast das Herz brach, sie tröstete ihn, bat um Verzeihung, sagte sie würde alles auf der Welt tun was er von ihr verlange, außer mich an diesem Tag zu reiten, er aber antwortete, er ginge sich nun zu erhängen, er müsse es tun, wenn er denn ein Seil fände, es wäre nur gerecht, denn nie, niemals, könne er sich das verzeihen; und darauf begann sie zu weinen, und nun schluchzten beide dass es eine Meile weit zu hören war, dabei hing sie an seinem Hals und bettelte, bis er schließlich ein wenig Trost gefunden hatte, und gab ihr dann den heiligen Schwur sich nicht zu erhängen, jedenfalls bis nach dem Rennen nicht, und er würde überhaupt darauf verzichten, wenn sie das Rennen gewänne, was sie beruhigte, und sie versprach ihm zu siegen oder im Sattel zu sterben, und dann war alles wieder gut, und beide waren zufrieden. Er kann's einfach nicht lassen seine Witze mit ihr zu machen, er ist so vernarrt in sie, und sie ist so unbedarft kindlich in diesen Dingen; wenn sie dann dahinter kommt, dann wird sie wütend und knufft ihn, aber weil es er ist vergibt sie ihm auch sofort wieder; aber schon am nächsten Tag kann es passieren, dass sie wieder auf einen seiner Späße hereinfällt, du siehst, sie wird nicht klug mit ihm, weil sie solche Art von Arglist nicht kennt; und weil sie selbst niemals so wäre, vermutet sie es auch nicht bei anderen. Es war ein großes Rennen. Der gesamte Standort war auf den Beinen, und es war ein Gejohle und Geschreie als die siebzehn Kinder den Turf herunter gesprengt kamen und über die Hindernisse setzten – ein schöner Anblick! Bei Halbdistanz ging es Kopf an Kopf, es war Jedermanns oder Niemandes Rennen. Dann war da plötzlich eine Kuh, sie stand einfach mitten im Weg, und zeigte dem anstürmenden Batallion ihre Breitseite, Gras mampfend den Kopf gesenkt; und sie kamen heran wie der Wind, teilten sich in zwei Flanken um an der Kuh vorbei zu kommen, aber was tat sie ? – nun, sie gab die Sporen und flog wie ein Vogel in einem Riesensatz über diese Kuh! Und war auf und davon, setzte allein und in Führung über das letzte Hindernis; die Armee brachte ein großes Hurra aus und sie sprang vom Pferd, als ob es schon stünde, machte ihre Verbeugung, und alle standen an, ihr zu gratulieren; das Horn wurde überreicht und sie setzte es sogleich an ihre Lippen und blies zum Aufsitzen, blies ›Boots and Saddles‹, nur um zu sehen, wie es spielte; und BB war stolz wie man es sich nur denken kann! Und dann sagte er ›Nimm Soldier Boy, du brauchst ihn mir nicht zurück zu geben, bis ich nach ihm frage‹, und ich kann dir sagen, das hätte er zu keiner anderen Person auf diesem Planeten gesagt. Das ist nun etwas mehr als zwei Monate her, und keiner hat seitdem auf meinem Rücken gesessen als einzig Corporal-General Siebente Kavallerie und Flag-Lieutenant Neunte Dragoner, U.S.A., – Friede dem Land!« »Amen. Ich hör zu – erzähl' mehr.« »Sie ging an die Arbeit und organisierte die anderen sechzehn Kinder, sie nannten sich Erstes Rocky Mountains Ranger Batallion, U.S.A., sie selbst wollte eigentlich nur Hornist sein, die anderen ernannten sie aber zu ihrem Lieutenant-General und Hornist. Somit ist sie bereits ein Rang höher als ihr Onkel, der nur Brigade-General ist. Und wie sie diese jungen Leute ausbildet! Frag die Indianer oder die Händler, frag die Soldaten, sie alle könnten es dir erzählen. Vom ersten Tage an war sie bei der Sache. Jeden Morgen ritten sie hinunter in die Prärie und sie sitzt auf meinem Rücken, das Horn an den Lippen und bläst die Befehle, führt sie für eine Stunde oder länger durch alle Formationen, es ist so niedlich anzuschauen, wie diese Ponys eine Formation in eine andere auflösen, wie ein Walzer, dann brechen sie wieder aus, zerstreuen sich, formieren sich neu, immer in Bewegung, jetzt noch im Trab, dann im Galopp, immer weiter, mal eng beieinander, dann auseinander gezogen, wie bei einem Opernball, und dann, wenn sie nicht länger an sich halten kann, bläst sie zum Angriff und lässt mich los! Und du kannst mich da beim Wort nehmen, wenn das Batallion nicht zu viel Vorsprung hat, dann holen wir es ein und gehen in vorderster Linie über die Stellungen. Ja, das sind schon echte Soldaten, diese kleinen Leute, kerngesund, sie kränkeln jetzt nicht mehr herum, so wie früher manchmal. Das kommt vom Drill. Sie hat jetzt sogar ihr eigenes Fort – Fort Fanny Marsh. Major-General Tommy Drake hat es ihr geplant, und die Siebenten und die Dragoner haben es gebaut. Tommy ist der Sohn des Colonels, er ist fünfzehn und der Älteste im Batallion; Fanny Marsh ist Brigadier-General und die Zweitälteste – über dreizehn. Sie ist die Tochter von Captain Marsh, B Kompanie, Siebente Kavallerie. Lieutenant-General Alison ist bei weitem die Jüngste, ich glaube sie ist erst neun-einhalb oder -dreiviertel. Ihre Militäruniform als Lieutenant-General ist nicht für den Geländedienst gemacht, sondern für Paraden, die Frauen haben sie ihr genäht. Sie sagten, sie haben es aus einem Buch über das Mittelalter, alles in rotem und blauem Samt und weißer Seide, mit Strumpfhose und Überhose, Wams und geschlitzten Ärmeln, Schwert, ein kurzes Cape, ein Hut mit einer Feder, ich hab gehört, wie sie diese Dinge nannten, sie haben es aus dem Buch; und sie sähe wie ein Page aus vergangenen Zeiten aus, sagen sie. Es ist das holdeste Kostüm das es jemals gab – du würdest es auch sagen, wenn du es siehst. Sie sieht toll darin aus – ein Traum! Manchmal verhält sie sich so wie es ihrem Alter entspricht, aber dann wieder ist sie erwachsener als ihr Onkel. Sie ist sehr belesen. Sie bringt ihrem Onkel Sachen aus ihrem Buch bei. Ich hab' gesehen wie sie bei ihm saß und ihm erzählt hat, was drin steht, so dass er lernt es auch selbst zu machen. Jeden Samstag heuert sie sich ein paar kleine Indianer an um ihr Fort zu besetzen; dann belagert sie es, führt in vorgeblicher Nacht militärische Vorstöße in vorgeblichen Gräben durch, und schließlich, bei vorgeblich Sonnenaufgang, zieht sie das Schwert, bläst zum Angriff und nimmt das Fort im Sturm. Ist nur 'ne Übung. Mit ihrem Talent hat sie sich sogar eine eigene Hornfanfare ausgedacht, und die ist wirklich mitreißend, und es ist die schönste, die wir im Dienst haben. Sie benutzt sie um mich zu rufen – für nichts anderes. Sie hat es mit mir geübt und mir gesagt, was es bedeutet: › Ich bin es, Soldier – komm!‹ und wenn dieses aufregende Signal in der Ferne ertönt, dann erkenne ich es, ohne den geringsten Zweifel, selbst wenn ich zwei Meilen entfernt bin; und dann – oh, dann solltest du mal sehen wie meine Läufe zur Sache kommen! Sie hat mir beigebracht, wie ich ihr Guten Tag und Gute Nacht sage, nämlich indem ich ihr meinen rechten Huf in die Hand gebe; auch auf Wiedersehen, das mache ich mit dem linken Huf – aber nur zum Üben, weil das hat es bis jetzt noch nicht gegeben, wir haben nur so getan, ich hoffe wir müssen das nie in echt machen. Ich würde heulen, wenn ich jemals meinen linken Huf heben müsste. Sie hat mir das Salutieren beigebracht, und ich kann es nun so gut wie jeder andere Soldat. Dabei beuge ich meinen Kopf und lege meinen rechten Huf an die Wange. Sie hat's mir beigebracht weil ich mich einmal aus Ahnungslosigkeit ziemlich blamiert hab'. Ich genieße ja einige Privilegien, man kennt mich als ehrlich und zuverlässig, und weil ich hervorragende Laufbahnbeurteilungen habe, lassen sie mich frei herum laufen, sie binden mir nichts an oder irgendwo fest, sperren mich auch nicht in den Stall. Nun gut, die Flaggenparade der Einheiten ist 'ne ernste Sache, jeder hat im Stillgestanden zu verharren, wenn die Flagge vorbei getragen wird, der Kommandant, einfach alle; aber ich war einmal dabei und bin ahnungslos durch die Zeremonie getrabt, direkt vor das Musikkorps, und das war entsetzlich peinlich: ah, mein Lieutenant-General war richtig verzweifelt und hat sich fürchterlich für mich geschämt, dass ausgerechnet ich vor aller Welt so etwas mache, und hat angefangen zu weinen; und daraufhin hat sie mir das Salutieren beigebracht, damit ich mich ordentlich entschuldigen könne, wenn mir jemals wieder ein so unmilitärischer Akt passierte, und damit nach einer solchen Entschuldigung eine derartige Angelegenheit nicht weiter verfolgt werden würde. Ist 'ne gute und vornehme Sache, so ein Salut, kein anderes Pferd kann damit aufwarten; jetzt grüßen mich selbst die Männer oft, und ich erwidere das dann auch. Jetzt habe ich das Privileg bei der Flaggenparade der Rocky Mountain Rangers anzutreten, da stehe ich dann feierlich, so wie die Kinder, und salutiere der Flagge, wenn sie vorbei getragen wird. Natürlich singen die Wachen auch ›Turn Out The Guard! ‹ wenn sie zu ihrem Fort zieht und dann ... riechst du auch diese frische Morgenbrise, die Bergföhren und Wildblumen? Die Nacht ist bald vorbei, bald werden wir die Hörner hören. Dorcas, die schwarze Frau, sie ist gut und nett, die passt auf den Lieutenant-General auf, sie ist die Mutter von Brigadier-General Alison, und somit die Schwiegermutter vom Lieutenant-General. Sagt jedenfalls Shekels. Oder zumindest ist es das, was ich glaube, was er meint, denn eigentlich versteh' ich ihn nie so richtig. Er – « »Wer ist denn Shekels?« »Der Hund der Siebenten Kavallerie. Ich meine, wenn er überhaupt ein Hund ist. Sein Vater war ein Kojote und seine Mutter eine Wildkatze. Macht nicht wirklich einen Hund aus ihm, oder?« »Keinen echten Hund, denk' ich mal. Nur so einen ungefähren Hund, höchstens. Ich nehme an, das ist mehr so eine Frage der Ichthyologie, und wenn's so ist, dann bin ich nicht der Fachmann dafür, also ist meine Meinung wertlos. Ist mir eigentlich auch egal.« »Nicht der Ichthyologie, sondern des Dogmatismus, das ist noch schwerer und komplizierter. Ist Dogmatismus immer.« »Dogmatismus ist mir jetzt aber zu hoch, viel zu hoch; da bin ich aus dem Spiel. Aber mal ganz allgemein gesprochen, meine Meinung ist, dass das Fohlen eines Kojoten und einer Wildkatze kein echter Hund ist, sondern was Zwielichtiges. Meine Hand drauf, schlag ein.« »Na ja, stimmt schon, so weit ich es sagen kann, bei aller Fairness, und wenn ich genau nachdenke. Ich hab' ihn eigentlich immer als zwielichtigen Hund gesehen, genau wie Potter. Potter ist der große Däne. Potter sagt auch, er wäre kein Hund, noch nicht mal Geflügel – obwohl, soweit würde ich nicht gehen.« »Würde ich auch nicht. Geflügel, das ist so ne Sache, da blickt ja keiner mehr durch, da gibt's so viel von und so verschiedene. Nur Flügel, Flügel und Flügel, bis du müde wirst: Truthähne, und Gänse, und Fledermäuse, und Eintagsfliegen, und Engel, und Heuschrecken, und fliegende Fische, und – wirklich, dieser Stamm ist endlos; ich fang fast an zu schweben, wenn ich nur dran denke. Aber dieser hat keine Flügel, oder?« »Nein.« »Gut, wenn das so ist, glaub' ich, ist er vielleicht doch eher ein Hund als Geflügel. Ich hab noch nie von Geflügel gehört, dass keine Flügel hat. Flügel sind das Merkmal von Geflügel; du bestimmst Geflügel an ihnen. Schau dir bloß ein Moskito an.« »Was glaubst du, was er dann ist? Irgendwas muss er ja sein.« »Warum nicht ein Reptil. Könnt' er doch gut sein; alles was keine Flügel hat, ist ein Reptil.« »Wer hat dir das denn erzählt?« »Keiner hat's mir erzählt, ich hab's mal gehört.« »Wo hast du das denn gehört?« »Jahre her. Ich war mit einer Expedition des Philadelphia Institute unter der Leitung von Professor Cope in den Bad Lands, wir jagten nach Mastodon-Knochen, und da hörte ich einmal, wie er sagte, dass jedes Planta Gradus Circumflex Vertebratus Bakterium, das keine Flügel aufweise und auch sonst unsicher sei, ein Reptil ist. So, noch einmal, hat dieser Hund irgendwelche Flügel? Nein. Ist er ein Planta Gradus Circumflex Vertebratus Bakterium? Kann sein, kann auch nicht sein; aber ohne ihn jemals zu Gesicht bekommen zu haben, und zu seiner Bestimmung allein seine spektakulär illegale Elternschaft heran gezogen, wette ich einen Ballen Stroh gegen Haferbrei, dass er ein Kandidat ist. Letztendlich, ist er unsicher? Das ist nämlich der Knackpunkt – ist er unsicher? Ich überlass es dir, mir zu sagen ob du je von einem unsichereren Hund, als das einer ist, gehört hast?« »Nein, hab ich nie.« »Na denn, er ist ein Reptil. Das wäre geklärt.« »Moment, wart' mal, Wie-war-dein-Name...« »Letztes Alias, Mongrel.« »Auch 'n guter. Ich wollt' sagen, du bist gebildeter als es den ersten Anschein hatte. Ich mag kultivierten Umgang, und ich werde den mit dir pflegen. Was Shekels betrifft, wenn Du in unserer Garnison, oder in White Clouds Camp oder in Thunderbirds Camp, irgendeine private Geschichte erfahren willst, dann von ihm; und wenn du dich mit ihm anfreunden willst, er wird es gern tun, er ist die geborene Klatschtante, er schnappt jedes Getuschel auf. In seiner Eigenschaft als Reptil der Siebenten Kavallerie gehört er weiter niemand Bestimmten, hat keine militärischen Pflichten, kommt und geht wie er will, ist bestens bekannt mit allen Hauskatzen und den sonstigen authentischen Quellen privater Information. Er kann alle Sprachen, er spricht sie auch. Zwar mit einem Akzent als hätt' er Splitt in den Zähnen, schon wahr, und seine Ausdrucksweise grenzt an Gotteslästerung – trotzdem, mit ein wenig Übung schafft man es, zum Kern dessen vorzustoßen, was er eigentlich meint, und es dient ... Hark! Das Wecksignal! [THE REVEILLE) Schwach und fern, aber klar, ist es nicht schön? Es gibt keine schönere Musik als die der Hörner, sie geht ins Blut, in dieser feierlichen Ruhe des dämmernden Morgens, wenn die Prärie sich noch zwielichtig ins Nichts erstreckt, und gegen den Himmel bescheint das Licht bereits die noch schlummernden Gipfel. Du wirst ein weiteres Horn hören, in einer Minute – auch von fern, ganz schwach, aber klar, ein noch hübscherer Klang, du wirst es merken. Wart' ... horch. Da ist es! Es ruft, › Ich bin es, Soldier – komm!‹ ... [SOLDIER BOYS BUGLE CALL] ... und jetzt, pass auf, jetzt siehst du von mir nur noch einen blauen Strich!« Kapitel VII Soldier Boy und Shekels [Soldier Boy:] »Hast du gemacht was ich dir gesagt habe? Hast du den Mexikanischen Gaul getroffen?« [Shekels:] »Ja, hab' ihn gestern Abend kennen gelernt und mit ihm Freundschaft geschlossen.« »Ich mochte ihn gleich. Und du?« »Erst mal nicht. Hat mich als Reptil bezeichnet, das hat mich gestört, weil ich nicht weiß ob das nun 'n Kompliment war oder nicht. Konnte ihn schlecht fragen, hätte zu blöde ausgesehen. Also hab' ich gar nichts dazu gesagt, und dann mochte ich ihn auch sehr, irgendwann. War's nun ein Kompliment oder nicht?« »Ja, es war eines. Sind ziemlich rar geworden heutzutage, diese Reptilien, gibt nicht mehr viele davon.« »Tatsächlich? Was ist denn überhaupt so'n Reptil?« »Das ist ein Planta Gradus Circumflex Vertebratus Bakterium ohne Flügel und unsicher.« »Das hört sich ja großartig an, echt wahr.« »Es ist großartig. Du solltest dankbar sein, dass du eins bist.« »Bin ich auch. Eine wunderbare Vorstellung, eine bescheidene Person wie ich, und dann diese großartige, elegante Bezeichnung. Werde versuchen in Zukunft diesem Anspruch gerecht zu werden. Ist aber auch schwer zu merken. Kannst du's noch mal sagen?« »Planta Gradus Circumflex Vertebratus Bakterium ohne Flügel und unsicher.« »Das ist so schön, das muss doch jeder zugeben, so eine vornehme Sache. Ich hoffe, ich werd' jetzt nicht zu eingebildet – sollt' ich wirklich nicht, passt nicht dazu. Ist doch mit Sicherheit edler und vornehmer, ein Reptil zu sein als ein Hund, denkst du nicht auch, Soldier?« »Absolut kein Vergleich. Es ist abgefahren aristokratisch. Fürsten nennt man auch oft Reptilien; steht so in'n Geschichtsbüchern.« »Ist das nicht großartig! Potter gibt sich ja nie mit mir ab, aber ich schätz' mal jetzt wird er's tun, wenn er hört was ich bin.« »Kannst dich drauf verlassen.« »Ich werd' mich bei Mongrel bedanken. Für'n Mexikanischen Gaul ist er echt ein klasse Kerl. Findest du das nicht auch?« »Ich bin der gleichen Ansicht; und was seine eigene Abstammung betrifft, da kann er nichts für. Wir können nicht alle Reptilien oder Fossile sein, wir müssen es nehmen wie es kommt und dankbar sein, dass es nichts Schlimmeres ist. Das ist die wahre Lehre.« »Was gibt's denn sonst noch so?« »Bleib' mal beim Thema bitte. Hat sich herausgestellt, dass mein Verdacht begründet war?« »Ja, absolut sicher. Mongrel hat ihre Pläne mitgehört. Sie wollen BB ans Leben, weil er sie aus Medicine Bow vertrieben, und ihnen die gestohlenen Pferde wieder abgenommen hat.« »Irgendwann kriegen sie ihn, das ist mal sicher.« »Nicht, wenn er auf der Hut ist.« » Er und auf der Hut sein! Er passt nie richtig auf; er verachtet solche Leute nur. Weil man ihm ständig und immer nur nach dem Leben trachtet ist es recht monoton geworden.« »Ahnt er, dass sie in der Gegend sind?« »Oh ja, er weiß es. Er weiß es immer als erster, wer kommt und wer geht. Aber er kümmert sich einfach nicht um die Gefahr, die von solchen Typen ausgeht; er lacht nur drüber, wenn die Leute ihn warnen. Irgendein Heckenschütze wird ihn bei erster Gelegenheit erschießen. Hat Mongrel dir ihre Pläne verraten?« »Ja. Sie haben 'rausgefunden, dass er übermorgen mit einem seiner Scouts nach Fort Clayton reitet; also werden sie morgen selbst aufbrechen, vorgeblich nach Süden, aber nach einer geraumen Zeit werden sie nach Norden schwenken.« »Shekels, das schmeckt mir überhaupt nicht.« Kapitel VIII Aufbruch der Scouts BB UND LIEUTENANT-GENERAL ALISON [Cathy] BB (salutiert). »Gut! Fein gemacht! Die Siebente könnte es nicht besser! Sie führen Ihre Ranger sehr professionell, General. Wohin reiten Sie?« »Vier Meilen auf dem Trail nach Fort Clayton.« »Freut mich zu hören, meine Liebe! Aus welchem Grund?« »Ehrengeleit für Sie und Thorndike.« »Gott segne Dich , mein Herz! Das ist mir ja noch lieber, als wenn es der Oberkommandierende der Streitkräfte der Vereinigten Staaten täte, du unvergleichlicher kleiner Soldat! – und diesmal muss ich wirklich nicht schwören, dass du es auch glaubst.« »Ich wusste du findest es gut, BB.« » Gut finden? Das kann man wirklich so sagen! Also dann – alles bereit – blas' zum Abmarsch, und auf geht's!« Kapitel IX Wieder Soldier Boy und Shekels »So war es. Wir eskortierten sie wie besprochen; dann ritten wir in die Plains zurück und hetzten mit den Rangers durch einen Drill – oh, stundenlang! Anschließend schickten wir sie unter der Führung von Brigadier-General Fanny Marsh nach Hause; und dann galoppierten die Lieutenant-General und ich noch ungefähr drei Stunden über die Plains, wir trabten gerade heim, es war schon mitten am Nachmittag, als wir Jimmy Slade, den Trommlerjungen trafen, er salutierte und fragte die Lieutenant-General, ob sie schon die Neuigkeiten gehört hätte, und sie sagte nein, und er sagte: ›Buffalo Bill ist aus dem Hinterhalt überfallen und übel angeschossen worden, auf dem Weg nach Clayton; Thorndike der Scout auch; Bill konnte nicht mehr weiter reiten, aber Thorndike konnte noch, von ihm kommt die Nachricht, Seargent Wilkes ist schnellstens mit sechs Mann der B Kompanie aufgebrochen um Bill zu holen, das war vor zwei Stunden. Und sie sagen – ‹ › Vorwärts‹ ruft sie mir zu – und ich ging los.« »Schnell?« »Stell' doch nicht so blöde Fragen. Wir gingen ein höllisches Tempo. Vier Stunden passierte nichts, kein Wort wurde gesprochen, außer dass sie ab und an zu mir rief, ›Halt durch Boy, halt durch, mein Lieber, wir werden ihn retten!‹ und ich hielt durch. Irgendwann wurde es dunkel, wir waren im Felsengebirge, die arme Kleine war nun schon den ganzen Tag im Sattel und ich spürte am schlaffen Druck ihrer Schenkel, dass sie müde und erschöpft war, es machte mir Angst; aber jedes Mal, wenn ich nur versuchte, das Tempo heraus zu nehmen, damit sie einschlafen und ich anhalten könnte, trieb sie mich wieder an; es kam wie es kommen musste, irgendwann fiel sie herunter! Ah, ich steckte in der Klemme, da lag sie nun und rührte sich nicht mehr, was sollte ich nur tun? Ich konnte sie nicht allein lassen um Hilfe zu holen, denn es gab Wölfe in der Gegend. Mir blieb nichts anderes übrig, als bei ihr Wache zu stehen. Es war schlimm. Ich fürchtete bereits das arme kleine Ding sei tot! War sie aber nicht. Nach und nach kam sie wieder zu Bewusstsein und sagte, ›Gib mir einen Kuss, Soldier,‹ gesegnete Worte waren das. Ich küsste sie – immer wieder, das haben wir zwei schon öfter getan, wir mögen es. Aber sie konnte nicht aufstehen, und ich machte mir ernstlich Sorgen. Sie tätschelte meine Nase mit ihrer Hand, sprach zu mir, gab mir alle möglichen Kosenamen, so wie es ihre Art ist, aber die ganze Zeit benutzte sie nur ihre eine Hand. Der andere Arm war gebrochen, das wusste ich aber da noch nicht und sie hat es mir nicht gesagt. Sie wollte mir nicht noch mehr Angst machen, weißt Du. Bald kamen tatsächlich die Wölfe, große graue, und lungerten um uns herum, du konntest sie knurren hören und wie sie nach einander schnappten, aber du konntest sie nicht sehen, du konntest nur ihre Augen sehen, Funken in der Dunkelheit. Die Lieutenant-General sagte, ›Wenn ich die Rocky Mountains Ranger hier hätte, würden wir die Biester auf die Bäume jagen.‹ Dann tat sie so, als seien ihre Ranger wirklich da und setzte das Horn an, blies erst zum Sammeln, dann zum Aufsitzen, zum Trab, zum Galopp und schließlich zum Angriff! Dann blies sie zum Rückzug und rief ›Das ist für Euch, Ihr Rebellen, denn die Ranger ziehen sich niemals zurück!‹ Der Klang ihres Horns verscheuchte sie wirklich, aber sie waren hungrig und sie kamen immer wieder, wurden dreist und dreister, so sind sie. Das ging eine Stunde lang und irgendwann schlief das müde Kind ein, und es war elendiglich anzuhören, wie sie im Schlaf wimmerte, weil sie kein bequeme Stellung fand, und ich konnte gar nichts für sie tun. Ich behielt die Wölfe im Auge. Sie waren nämlich ganz nah meiner Schusslinie, ich habe da einige Erfahrung. Der dreisteste von ihnen riskierte es schließlich, und ich keilte ihn zurück zu seinen Kumpels, ein Teil seines Schädels hing noch an ihm dran, den Rest erledigten sie. Im Laufe einer weiteren Stunde hab' ich dann noch ein paar von ihnen erwischt, sie gingen alle den gleichen Weg wie der erste, und runter in den Schlünden ihrer Abordnung. Das sättigte die Überlebenden, sie trollten sich und ließen uns in Frieden. Weitere Abenteuer gab es nicht mehr in dieser Nacht, ich blieb trotzdem wach und bereit. Nach Mitternacht wurde das Kind sehr unruhig, phantasierte, jammerte, sagte, ›Wasser, Wasser – durstig‹, ein paar mal noch ›Küss mich Soldier‹, dann wieder war sie in ihrem Fort und erteilte Befehle an die Besatzung, dann war sie in Spanien und ihre Mutter war bei ihr. Die Leute behaupten, Pferde können nicht weinen; aber sie haben keine Ahnung, wir weinen innerlich. Eine Stunde nach Sonnenaufgang hörte ich die Jungs kommen, ich erkannte am Hufgetrappel meine alten Freunde Pomp, Caesar und Jerry; ein schöneres Geräusch hätte es nicht geben können. Buffalo Bill lag in einer Pferdetrage, ein Bein durchschossen, Mongrel und Blake Haskins Pferd machten die Arbeit. Buffalo Bill und Thorndike hatten sie den Gaunern abgenommen. Als sie uns erreichten, und Buffalo Bill das bleiche Kind sah, sagte er, ›Mein Gott!‹ und der Klang seiner Stimme ließ sie zu sich kommen, ein kleiner Freudenschrei entfuhr ihr und sie versuchte aufzustehen, aber es ging nicht, die Soldaten halfen ihr vorsichtig wie die einfühlsamsten Frauen es täten, Tränen standen in ihren Augen, für die sie sich nicht schämten, als sie ihren gebrochenen Arm so lose an ihr baumeln sahen; auch Buffalo Bill kamen die Tränen, und als sie sie in seine Arme legten fragte er, ›Mein Schatz, wie ist das passiert?‹ und sie sagte, ›Wir wollten dich retten, aber ich war müde und konnte mich nicht wach halten, und bin runter gefallen und hab' mir weh getan und konnte nicht mehr weiter.‹ ›Du kamst um mich zu retten, du süße kleine Maus? Das war so lieb von dir!‹ ›Ja, und Soldier hat bei mir Wache gehalten, das würde er immer tun, das weißt du und er hat mich vor den Wölfen beschützt; und wenn er konnte, hat er nach ihnen ausgekeilt bis ein paar davon tot waren – er kann so etwas, du weißt es, BB.‹ Ein Sergeant sagte, ›Er hat drei Stück erledigt, Sir, hier liegen die Knochen, das beweist es.‹ ›Er ist ein großartiges Pferd‹, sagte BB; ›er ist das großartigste Pferd überhaupt! Und er hat dein Leben gerettet, Lieutenant-General Alison, und er soll es auch für den Rest seines Lebens beschützen – er gehört Dir für einen Kuss!‹ Den bekam er, zusammen mit ihrer grenzenlosen Freude, und er sagte, ›Es geht dir ein wenig besser jetzt, kleine Spanierin – glaubst du, du könntest zum Aufbruch blasen?‹ Sie setzte das Horn an, aber er sagte, ›wart' noch einen Moment‹. Dann richteten er und der Sergeant ihren Arm und schienten ihn, sie stöhnte dabei ganz leise aber sie jammerte nicht; und dann machten wir uns auf den Weg nach Hause, und das ist das Ende der Geschichte; und ich bin jetzt ihr Pferd. Ist sie nicht ein Prachtkerl, Shekels?« »Ein Prachtkerl? Sie ist mehr als ein Prachtkerl, mehr als tausend Prachtkerle – sie ist ein Reptil!« »Das ist ein Kompliment aus deinem Herzen, Shekels. Gott segne dich dafür!« Kapitel X General Alison und Dorcas »Das ist einfach zu viel für sie, Master Tom, Shekels, die Frau des Colonels, el Cid, dazwischen Sie –« »El Cid? Ach ja, ich erinnere mich – der Rabe.« » – und dann noch Mrs. Captain Marsh und Famine, und Pestilence das Kojoten -Baby, Sour-Mash und ihre Welpen, und Sardanapalus(20) mit ihren Kitten – zum Teufel mit den Namen die sie dem Viehzeug gibt, ich renk' mir den Kiefer damit aus – und Potter: ihr alle hockt im Haus und Soldier Boy glotzt dazu die ganze Zeit zum Fenster rein, es ist ein reines Wunder, dass sie das alles durchsteht. Sie –« »Du willst sie doch nur für dich allein, du alter Geizkragen!« »Master Tom, Sie sollten es wirklich besser wissen. Es ist einfach zu viel Trubel. Und dann noch diese Idee, sie müsse ständig von ihren Offizieren Bericht erstattet bekommen, wonach sie dann handelt und ihre Befehle erteilt, so als wenn sie gesund wäre! Es ist nicht gut für sie, der Arzt mag es auch nicht und hat versucht auf sie einzureden, aber das hat nichts genutzt, und als er ihr es dann befehlen wollte, wurde sie ungehalten und wütend und sehr böse mit ihm, beschuldigte ihn der Unbotmäßigkeit und sagte, es stände ihm nicht zu, einem Offizier in ihrem Rang Befehle zu erteilen. Na, da hat er dann eingesehen, dass er sie damit mehr aufgeregt hatte als all die anderen zusammen, das hat ihn ziemlich gewurmt und er wünschte er hätte nichts gesagt. Doktoren haben keine Ahnung, das steht nun mal fest. Sie ist so interessiert an allem, sie sollte nur mehr schlafen. Die ganze Zeit verschickt sie Botschaften, an BB, an Soldaten, an Rothäute, an was weiß ich; und an Tiere.« »An Tiere?« »Ja, Sir.« »Wer überbringt die denn?« »Manchmal Potter, aber meistens ist es Shekels.« »Ach geh'! Wie kann man sich nur über solche Kinderspiele aufregen?« »Es ist kein Spiel, Master Tom. Sie verschickt sie im Ernst.« »Ja, daran habe ich auch nicht gezweifelt.« »Sie zweifeln, dass sie auch jemand erhält?« »Genau. Du nicht?« »Nein, Sir. Tiere sprechen miteinander. Ich weiß es sehr gut, Master Tom, ich vermute es nicht einfach nur so.« »Was für ein sonderbarer Aberglaube!« »Is' kein Aberglaube, Master Tom. Schau'n Sie sich Shekels an – jetzt, genau jetzt . Hört er zu oder nicht? Jetzt , haben Sie gesehen? Er hat den Kopf weg gedreht. Weil er erwischt wurde – in flagranti. Ich frage Sie – würde eine Christenseele sich mehr schämen als er genau jetzt? – Platz! Haben Sie's gesehen? Er wollte sich gerade verdrücken. Erzählen Sie mir nichts, Master Tom! Wenn Tiere nich' sprechen können, hab' ich meinen siebten Sinn verloren. Shekels ist der Schlimmste. Läuft rum und erzählt den Tieren von allem was so in den Offiziersquartieren vor sich geht, und wenn er mal nichts Neues weiß, erfindet er was. Hat nicht mehr Prinzipien als 'n blauer Eichelhäher; und was seine Moral betrifft, die hatt' er gar nicht. Schau'n Sie ihn sich jetzt an, wie er sich windet. Hört was ich sage, und weiß dass es die Wahrheit ist. Sie können es selbst sehen, wie er sich schämen kann; is' wohl die einzige Tugend die er hat. Is' schon beeindruckend, wie sie alles mitkriegen was so abläuft – die Tiere. Sie –« »Glaubst du wirklich sie tun es, Dorcas?« »Ich glaub' das nicht einfach nur, Master Tom, ich weiß es. Vorgestern haben sie mitbekommen, dass etwas im Busch ist. Waren alle aufgeregt, haben miteinander rumgeflüstert; warum, nun, jeder konnte sehen, dass sie – Ach herrje! Ich muss zu ihr zurück, und hab noch nicht mal meine Aufträge erledigt.« »Was gibt's denn alles zu erledigen, Dorcas?« »Na, sind zwei oder drei Sachen. Eine ist, der Doktor salutiert nicht, wenn er eintritt ... da gibt's gar nichts zu lachen, Master Tom, deshalb –« »Na also, verzeih' mir; ich wollte gar nicht lachen, ich bin nur etwas unvorbereitet getroffen worden.« »Schauen Sie, sie möchte den Doktor nicht verletzen, deshalb sagt sie nichts zu ihm und bleibt immer freundlich; es verletzt solche Menschen aber immer, wenn jemand grob zu ihnen ist.« »Ich werd' den Doktor hängen lassen.« »Master Tom, sie möchte nicht, dass er gehängt wird, sie –« »Dann lass' ich ihn eben in siedendem Öl kochen.« »Aber sie möchte ihn nicht gekocht. Ich –« »Na gut, na gut, ich will ihr nur einen Gefallen tun. Ich lass ihm das Fell abziehen.« »Warum, SIE möchte ihn nicht gehäutet, würde' ihr das Herz brechen. Jetzt –« »Weib, jetzt wird es langsam unvernünftig. Was in der Welt möchte sie denn? « »Master Tom, wenn sie nur ein wenig geduldiger wären und nicht bei der kleinsten Sache gleich aus der Haut fahren würden. Sie möchte nur, dass Sie mit ihm sprechen.« »Mit ihm sprechen! Potztausend! All' das Theater wegen so einem – einem – Dorcas, ich kann mich nicht erinnern, dass du dich je so aufgeführt hast. Du hast den Wachposten alarmiert, der denkt schon an ein Attentat auf mich, denkt an Meuterei, an eine Revolte, einen Aufstand, er –« »Master Tom, Sie regen sich ja immer weiter auf, wissen Sie nur selbst zu gut, ich weiß nicht, was sie sich so benehmen lässt – war aber schon immer so, schon als Sie klein waren, und wird nie besser, nehme' ich an. Sind sie fertig, Master Tom?« »Oh ja, gut; aber da würde jeder hochgehen, wenn man nur das Beste will, und so freundlich ist, wie man es sich nur wünschen kann, nur um dann noch verhöhnt zu werden, und ... ach, lass gut sein, es ist egal – ich spreche' mit dem Doktor. Bist du nun zufrieden, oder kommt da noch so ein Ausbruch von dir?« »Ja, Sir, bin zufrieden, es ist nur richtig, wenn man mit ihm spricht, denn es ist genau wie sie sagt; sie versucht Disziplin und Ordnung bei den Rangern zu halten, und seine Insubordination ist ein schlechtes Beispiel für die Truppe – hat sie da nicht Recht, Master Tom?« »Na gut, das hört sich alles sehr vernünftig an, das kann ich nicht anders sagen; und deshalb werde ich auch mit ihm sprechen, obwohl, Hängen wäre die dauerhaftere Lösung. Was sollst du denn noch erledigen, Dorcas?« »Ihr Zimmer ist natürlich jetzt, wo sie krank ist, Ranger Hauptquartier, Master Tom. Und es kommen Kavalleristen und Dragoner wenn sie dienstfrei haben, und wechseln sich in der Bewachung ab. Machen sie doch weil sie sie so mögen, Sir, und weil sie wissen, dass militärischer Formaldienst ihr so gut gefällt, und den Kindern auch, ihr zu Liebe; und sie haben auch keine Musketen dabei; und so –« »Ich habe die Soldaten da schon gesehen, konnte mir aber keinen Reim drauf machen. Sie schieben also für sie Wache?« »Ja, Sir, und jetzt hat sie Angst, dass Sie sie rügen werden, wenn Sie sie da sehen, so was würde ihre Gefühle verletzen; und so bittet sie darum – wenn es Ihnen nichts ausmacht, durch die Hintertür herein zu kommen –« »Fang' mich auf Dorcas, lass' mich nicht in Ohnmacht fallen.« »Ach – setzten Sie sich hin, schön gerade, und reißen sich mal zusammen, Master Tom. Deswegen fällt man doch nicht in Ohnmacht. Sie tun doch nur so – das haben Sie schon so gemacht als Sie noch jung waren; Sie scheinen wirklich lange zu brauchen, um erwachsen zu werden.« »Dorcas, wenn das Kind so weitermacht, werde ich in Kürze noch meinen Job verlieren, sie wird den Standort komplett übernommen haben. Ich muss ein Zeichen setzen, kampflos sollte ich mich nicht ergeben. Diese Einmischungen ... Dorcas, was glauben Sie hat sie als Nächstes vor?« »Master Tom, sie meint es doch nicht bös'.« »Bist du dir da sicher?« »Ja, Master Tom.« »Du bist sicher sie entwickelt keine heimtückischen Absichten?« »Weiß nicht was die sein sollten, Master Tom, bin ich aber sicher dass sie das nicht tut.« »Na gut, im Moment bin ich beruhigt. Was war denn jetzt noch?« »Ich schätz' mal, ich erzähle Ihnen erst die Geschichte, dann sag' ich Ihnen was sie will. Da war 'n Aufruhr, wie sie es nennt. Das war bevor sie mit BB zurückkam. Der Offizier vom Wachdienst hat es ihr heut früh gemeldet. Passierte in ihrem Fort. Es gab Streit zwischen Major-General Tommy Drake und Lieutenant-Colonel Agnes Frisbie, er hat ihr ihre Puppe aus weißem Ziegenleder und Holzmehl weg genommen, hat ihr sämtliche Klamotten runter gerissen, alle haben zugeschaut, und jetzt sitzt er in Arrest, die Anklage lautet auf un–« »Ja, ich weiß – auf ungebührliches Verhalten eines Offiziers und Gentleman – wäre auch für mich ein klarer Fall. Und ein ernster dazu. Gut, was wünscht sie?« »Tja, Master Tom, sie hat ein Kriegsgericht einberufen, aber der Doktor denkt nicht, dass sie gesund genug ist die Sitzung zu leiten, und sie sagt es gibt keinen der so kompetent wäre wie sie, weil es einen Major-General betrifft, und – und jetzt, na gut – jetzt fragt sie, ob Sie den Vorsitz an ihrer Stelle übernehmen würden? ... Master Tom, setzen Sie sich gerade hin! Sie werden hier nicht tiefer in Ohnmacht fallen, als Shekels eben.« »Schau Dorcas, bitte geh' zurück zu ihr, und bitte sei taktvoll. Versuche, sie zu überzeugen, sie soll sich keine Sorgen machen; sag' ihr es ist alles in bester Ordnung, die Sache sei nun in meinen Händen, aber es wäre nicht gut, etwas zu überstürzen, vor allem nicht, wenn es sich um eine so ernste Angelegenheit wie diese handele. Erkläre ihr, dass wir Präzedenzfälle benötigten, und dass ich glaubte, hier handelte es sich um einen neuen Fall. Genau, du kannst sagen, ich wüsste, so etwas sei in unserer Armee noch nie vorgekommen und deshalb müssten wir uns um europäische Präzedenzfälle bemühen, müssten solche sorgfältig prüfen. Sag' ihr sie solle nicht ungeduldig sein, es würde sich alles richten, und ich käme vorbei und würde sie auf dem Laufenden halten. Hast du das verstanden, Dorcas?« »Nicht so richtig, Sir.« »Also, es ist so. Ich kann doch nicht im Ernst, ich, ein Brigadegeneral der regulären Armee, über ein Kinderkriegsgericht präsidieren – da gibt's auch keinen Präzedenzfall für, verstehst du das? Gut. Ich werde mich also von kompetenter Stelle beraten lassen, bis sie selbst wieder gesund genug ist die Sache selbst zu leiten, und ich aus dieser verqueren Angelegenheit heraus komme. Hast du's jetzt?« »Oh ja Sir, jetzt versteh' ich, das ist gut, ich geh' gleich und mach es mit ihr klar. Platz! und bleib' wo du bist.« »Warum, was hat er denn angestellt?« »Nichts Böses, aber es nervt mich wie er sich benimmt.« »Wie benimmt er sich denn?« »Sehen Sie das denn nicht? Er ist schon ganz aufgeregt. Er wollte eben los und es in der ganzen Kaserne verbreiten. Jetzt, schätz' ich mal, können Sie es selbst nicht mehr leugnen, dass sie 'rumlaufen und alles erzählen was sie hören, jetzt wo Sie's mit ihren eigenen Augen gesehen haben.« »Tja, ich mag es gar nicht zugeben, Dorcas, aber ich weiß nicht wie ich noch auf Dauer zweifeln kann, angesichts solch überwältigender Beweise, wie sie der Hund gerade abliefert.« »Na also, endlich haben Sie's auch verstanden! Ich frag' mich wie man so stur sein kann, Master Tom. Waren Sie aber immer schon, schon als Sie klein waren. Ich geh' dann mal.« »Eins noch; sag' ihr bitte, angesichts der Verzögerung des Verfahrens, wäre es angemessen, dem Beschuldigten eine Verlängerung seines Hafturlaubes zu gewähren.« »Ja, Sir, ich sag's ihr. Master Tom?« »Bitte?« »Sie kann nicht zu Soldier Boy, und er steht die ganze Zeit da draußen, lässt den Kopf hängen und ist einsam; sie fragte, ob Sie ihm nicht auch den Huf schütteln möchten? Macht jeder.« »Seltsame Art der Einsamkeit; aber gut, ich mach' es.« Kapitel XI Einige Monate später. ANTONIO UND THORNDIKE »Thorndike, ist der Gaul den du da reitest nicht aus der Beute, die du und Buffalo Bill vor ein paar Monaten dem verblichenen Blake Haskins und seinem Kumpel abgenommen habt?« »Ja, das ist Mongrel – und nicht mal ein schlechtes Pferd.« »Hab' ich bemerkt, steht wirklich eins A da. Ist das nicht ein großartiger Morgen?« »Da hast du Recht!« »Thorndike, das ist ein andalusischer Morgen! Damit ist alles gesagt.« »Andalusisch und oregonisch, Antonio! Wenn wir uns darauf einigen können, hast du meine Stimme. Komme von da, ich kenn' mich aus. Du bist gebürtig aus Andalusien –« »Und hab' Ahnung von dem Teil des Paradies'? Und ob. Wie ein Don! Wie Sancho! Das ist ein echt andalusischer Sonnenaufgang hier – knackig, frisch, mit Morgentau, die Luft ist voller Aroma –« »Wie doch die würzigen Lüfte sanft über Ceylon streichen – – pass auf , du alte Kuh! so 'rumzustolpern wo wir dich grade gelobt haben! Auf Erkundung unterwegs, und kann dieser Ehre nicht besser gerecht werden, als so? Antonio, wie lange bist du schon hier draußen in den Plains und den Rockies?« »Über dreizehn Jahre.« »Lange Zeit. Hast du nie Heimweh?« »Nie. Bis jetzt.« »Warum jetzt? – Nach so 'ner langen Kur.« »Diese Vorbereitungen um die Verabschiedung des Kommandanten haben es ausgelöst.« »Na klar. Sehr verständlich.« »Es lässt mich an Spanien denken. Ich kenn' die Gegend wo die Tante von dem Kind der Siebenten lebt; kenn' die ganze schöne Landschaft meilenweit drum rum; ich wette ich hab' die Villa ihrer Tante schon oft gesehen, ich wette ich war sogar schon drin, damals in den guten alten Zeiten, als ich noch ein spanischer Gentleman war.« »Man sagt das Kind ist ganz verrückt nach Spanien.« »Ist so; weiß ich, von allem was ich hör'.« »Hast du mit ihr selbst nie drüber gesprochen?« »Nein. Hab' ich vermieden. Dann wäre' ich gleich auch so verrückt wie sie. Wäre' unangenehm.« »Ich wünscht' mir, ich könnte mal hinfahren, Antonio. Zwei Dinge gibt's, die ich sehen möchte. Eins ist 'ne Eisenbahn.« »Sie wird eine sehen, wenn sie nach Missouri kommt.« »Die andere Sache wäre 'n Stierkampf.« »Hab' ich schon viele von gesehen, würde' ich mir aber auch mal wieder wünschen.« »Viel weiß ich ja nicht drüber, außer nur so ungefähr, Antonio, aber genug um zu wissen, dass es ein großer Sport ist.« »Der großartigste Sport der Welt! Kein anderer Sport kann da mithalten. Ich kann dir ja mal davon erzählen, was ich gesehen habe, dann kannst du dir 'ne Meinung machen. Von meinem ersten, ist heut' noch so lebendig in mir, wie an dem Tag, wo ich ihn gesehen hab'. War an einem Sonntag Nachmittag, schönes Wetter, und mein Onkel, ein Priester, hat mich als Belohnung mitgenommen, weil ich ein guter Junge gewesen war, ganz von selbst war ich das, ohne dass es mir einer befohlen hätte, ich hatte nämlich mein Sparschwein geschlachtet und das Geld der Mission gegeben, damit sie die Chinesen zivilisieren und ihr Leben verbessern und ihre Herzen erreicht werden mit den tröstenden Worten unserer Religion, und ich wünschte dir, dass du das, was wir an diesem Tag sahen, auch gesehen hättest, Thorndike. Das Amphitheater war voll besetzt, vom Stierkampf-Ring bis hinauf in die höchste Reihe – zwölftausend Leute als eine riesige runde Masse, eine schwankende, einheitliche Menge von Leuten – Könige, Adlige, Kirchenfürsten, feine Damen und Herren, Beamte, Generale und Admirale, Soldaten, Seeleute, Anwälte, Diebe, Kaufleute, Händler, Köche, Hausmädchen, Spülmädchen, zweifelhafte Mädchen, Zuhälter, Spieler, Bettler, Zeitverschwender, Rumtreiber, amerikanische Ladies und Gentlemen, Prediger, Englische Ladies und Gentlemen, dergleichen Deutsche, dergleichen Franzosen, und so weiter und so fort, die ganze Welt war präsent: die Spanier um sich zu entzücken und zu jubeln, die Ausländer um sich gut zu amüsieren und anschließend heim zu gehen und es zu kritisieren – das war diese Masse, einheitlich im Kreise wabernd, von der Sommersonne überflutet, in leuchtende Farben und Tupfern – es war wie in einem großen Garten, einem großartigen Blumengarten! Kinder aßen tropfende Orangen, sechstausend Fächer schimmerten und wedelten, alle waren glücklich, jedermann unterhielt sich mit seinen Nächsten, hübsche Mädchengesichter lachten anderen hübschen Mädchengesichtern zu, die sie erkannten, grauhaarige Damen und Herren benahmen sich ebenso fröhlich wenn sie ihre Höflichkeiten austauschten – ach, es war ein Bild glücklicher Zufriedenheit und freudiger Erwartung! Kein bösartiger Geist, keine verdorbene Seele, kein trauriger Mensch im ganzen Rund – ach, Thorndike, ich wünschte ich könnte es noch einmal sehen. Plötzlich ertönt das Horn, eine kriegerische Note zerschneidet das summende Stimmengewirr – Gebt den Ring frei! Der Ring ist geräumt. Das große Tor wird aufgestoßen und die Prozession kommt herein, in großartig glitzernden Kostümen: Die Marschalle des Tages, die Picadores auf den Pferden, die Matadoren zu Fuß, jeder von seiner eigenen Quadrille Chulos eskortiert. Sie marschieren zur Loge der Stadtväter und grüßen formell. Ein Schlüssel wird geworfen, um das Stiertor aufzuschließen. Noch eine Fanfare – das Tor fliegt auf, der Stier stürmt herein, wild trampelnd, er blinzelt geblendet in das gleißende Licht, dann steht er da, ein eindrucksvolles Tier, unzählige bewundernde Augenpaare liegen auf ihm, tapfer, bereit zum Kampf, seine ganze Haltung ist pure Angriffslust. Er erblickt den Feind: die Reiter verharren bewegungslos, die langen Speere ruhig auf den Nacken ihrer Pferde, magerer, halbverhungerter Klepper; so stehen sie da, diese armen Kreaturen, mit verbundenen Augen, nur noch gut für diesen Sport und das Sterben; dann bekommen sie die Sporen. Der Stier stürmt entgegen, Mordlust in seinen Augen, aber ein Picador trifft ihn mit seinem Speer in die Schulter. Von Schmerz gepeinigt zuckt er zurück, der Picador weicht der Gefahr aus. Beifall braust auf für ihn, der Stier wird ausgepfiffen, ein paar schmähen in mit ›Kuh!‹ und Schimpfworten. Er aber hört gar nicht hin, er ist hier um seinen Job zu machen, die Mantel-Träger um ihn herum, die ihn zu verwirren trachten, beachtet er nicht; er rast in die eine Richtung, er rast in die andere Richtung, nach hier und nach dort, schüttelt die flinken Banderillos nach allen Richtungen ab wie lästige Fliegen, erduldet ihre unerträglichen, abgebrochenen Pfeilspitzen in seinem Nacken die seine Peiniger geduckt auf ihn abgeworfen haben – oh, bei allem, es ist ein lebendiges Spektakel und es bringt das Haus zum Rasen! Ach, du solltest das ohrenbetäubende Geschrei hören, das losbricht, wenn das Schauspiel am wildesten ist, und die besten Dinge kommen! Der erste Stier des Tages war einfach großartig. Mit dem Moment, als seine Kampfeslust auf den Höhepunkt kam, war er richtig in Fahrt und vollbrachte wahre Wunderdinge. Er pflügte seinen Weg durch die Verfolger, warf einen von ihnen über die Brüstung, rollte ein Pferd samt Reiter zu Boden, stürzte sich gleich auf das nächste, stieß mit seinen Hörnern zu, verletzte Pferd und Reiter gleichermaßen, raste weiter, nach links, nach rechts, zog den nächsten beiden Pferden nacheinander die Kaldaunen aus dem Leib, sie sanken zu Boden, er riss dann ein drittes so übel auf, dass sie zu ihm hinrannten, um es zu schützen, und vor allem um ihm die Gedärme wieder hinein zu drücken, sie bandagierten die Risse mit Werg und ritten das Pferd nochmals gegen den Stier, aber es konnte nicht mehr, es versuchte zwar unter dem Zwang der Sporen zu galoppieren, aber es torkelte nur herum, schwankte zur Seite und fiel schließlich um, alles in einem letzten, verzweifelten Satz. Für einen Moment bot dieser Ring die prächtigste und aufregendste Kulisse, die man sich nur vorstellen kann. Der Stier war ihr Meister, er hatte sie geräumt, da stand er nun, allein, König der Arena! Die Leute waren schier außer sich, sie waren stolz auf den Stier, sie waren begeistert und sie jubelten, man konnte sich selbst nicht mehr denken hören, so laut war das Geschrei, der Lärm, und dann der donnernde Applaus, der von den Rängen herab losbrach.« »Antonio, ich steh' ja fast neben mir wenn ich dich so was erzählen höre, es muss einmalig, es muss prächtig gewesen sein. Wenn ich es schaffe, möchte ich einen Stierkampf erleben, bevor ich sterbe. Haben sie ihn getötet?« »Oh ja, das ist die Bestimmung des Stiers. Sie haben ihn weiter und weiter ermüdet und ihn schließlich gekriegt. Er war ja nun hinter dem Matador her, der schlüpfte immer smart und elegant zur Seite, und lauerte nur auf seine eigene, ganz sichere Gelegenheit; und die bekam er; der Stier kam mit tödlichem Satz – stieß aber wieder ins Leere, und als er vorbei stob, glitt schließlich der lange Degen des Matadors ganz ruhig in ihn ein, genau zwischen seine linke Schulter und Rückgrat – hinein und immer tiefer, bis an das Heft. Er knickte ein und starb.« »Ach, Antonio, das ist der vornehmste Sport der Welt. Ein Jahr meines Lebens würde ich geben, um so etwas zu sehen. Wird der Stier jedes Mal getötet?« »Ja. Manchmal hat ein Stier Angst, wenn er sich in so einer fremden Umgebung wieder findet, und er zittert, oder er versucht wegzulaufen. Dann wird er für seine Kuhartigkeit verachtet, man verlangt Bestrafung und macht ihn lächerlich; dann ziehen sie ihn von hinten an seinem Schwanz herunter, es ist die lustigste Sache der Welt, wie er mit eingeknickten Beinen herumhoppelt, die ganze große Arena tobt vor Lachen; ich selbst hab' mal gelacht bis ich nicht mehr konnte, bis mir die Tränen liefen. Wenn er dann alles gezeigt hat was er sportlich bieten konnte, hat er keinen Nutzen mehr und wird getötet.« »Toll, einfach absolut großartig, Antonio, wirklich schön. Einen Nigger verbrennen ist nichts dagegen.« Kapitel XII Mongrel und das andere Pferd »Sage-Brush, hast du zugehört?« »Ja.« »Ist das nicht seltsam?« »Na gut, Mongrel, ich weiß gar nicht, ob es das ist.« »Warum weißt du das nicht?« »Ich habe eine Menge Menschen in meinem Leben gesehen. Sie sind wie sie sind; sie können es nicht ändern. Sie sind einfach brutal, weil es ihre Art ist; Bestien würden brutal sein, wenn es ihre Art wäre.« »Für mich ist der Mensch das fremdeste und unberechenbarste Wesen, Sage-Brush. Warum nur behandeln sie arme Tiere so schlecht, die niemandem etwas zu Leide getan haben?« »Menschen sind nicht immer so, Mongrel; sie können sogar recht freundlich sein, wenn keine Religion im Spiel ist.« »Ist Stierkampf so was wie 'ne Messe?« »Denke ich mal. Ich habe so etwas gehört. Er wird sonntags abgehalten.« (Eine reflektierende Pause, sie dauert ein paar Momente.) Dann: »Wenn wir sterben, Sage-Brush, kommen wir dann in den Himmel und wohnen bei den Menschen?« »Mein Vater dachte, nein. Er glaubte, dass wir dort nicht hin müssten. Es sei denn, wir hätten es verdient.« Teil II – In Spanien Kapitel XIII General Alison an seine Mutter Es war eine anstrengende Reise, aber natürlich auch schön, durch die Rockies, die schwarzen Berge und durch die Great Plains zurück zur Zivilisation und an die Grenze Missouris – wo wir in die Eisenbahn umstiegen und die Herrlichkeit ein Ende hatte. Aber Niemanden war es zu viel, mit Sicherheit nicht Cathy, aber auch Dorcas und Soldier Boy nicht; was mich selbst betrifft, ich klage nicht. Spanien ist genau so wie Cathy es ausgemalt hatte – und besser, sagt sie. Sie befindet sich in absoluter Hochstimmung, sie ist das verrückteste Huhn, das man sich vorstellen kann, und sie freut sich unentwegt. Sie glaubt, sich an Spanien erinnern zu können, aber ich denke mal, das ist nicht sehr wahrscheinlich. Die zwei – Mercedes und Cathy – fressen einander fast auf. Eine fast rauschhafte Liebe zueinander, nett anzusehen. Es ist halt spanisch, das sagt alles. Wird es ein kurzer Besuch sein? Nein. Wir werden für immer hier bleiben. Cathy hat entschieden in Spanien und bei ihrer Tante zu bleiben. Dorcas sagt, sie (Dorcas) hätte das kommen sehen, und sie sagt auch, sie wollte dass es so kommt, denn das Heimatland des Kindes wäre genau der richtige Ort für sie, sie hätte niemals zur mir geschickt werden sollen, ich hätte schon vorher zur ihr hierhin kommen müssen. Ich hielt es für eine verrückte Idee, Soldier Boy mit nach Spanien zu nehmen, aber letztlich war es doch nicht so schlecht, Cathys Wunsch nachgegeben zu haben; hätten wir ihn zurück gelassen, wäre auch die Hälfte ihres Herzens bei ihm geblieben und sie hätte niemals ihren Seelenfrieden gefunden. Wie dem auch sei, alles hat sich zum Besten gewendet, alle sind glücklich und zufrieden. Es kann sein, dass Dorcas und ich Amerika eines Tages wieder sehen, es kann aber auch genau so gut nicht sein. Wir hatten die Garnison früh morgens verlassen. Es war sehr rührend. Die Frauen haben um Cathy geweint, auch diese ernsten kleinen Krieger, die Rocky Mountains Ranger; Shekels war da und El Cid, und Sardanapalus, und Potter, und Mongrel und Sour-Mash, Famine und Pestilence, und Cathy küsste sie alle zum Abschied und weinte dabei, es waren Abordnungen aller Waffengattungen zur Verabschiedung angetreten, Gottes Segen zu erbitten und sich für den Dienst zu bedanken; eine Spezialabteilung der Siebenten mit dem ältesten Veteranen an ihre Spitze war gekommen um die beeindruckende Zeremonie mit großem Pomp anzuführen, und dieser Veteran hatte eine sehr bewegende Ansprache vorbereitet, doch in dem Moment als er seine Hand zum Gruß anlegte, versagte es ihm die Sprache, seine Lippen zitterten und seine Stimme brach, aber Cathy beugte sich aus dem Sattel zu ihm herab, küsste ihn auf den Mund und verwandelte seine kleine Niederlage in einen Triumph; ein Hurra erscholl. Mit dem nächsten Akt wurden die Zeremonien beendet, es wurden die bewegendsten Momente überhaupt. Du wirst schon lange vor meinen heutigen Ausführungen bemerkt haben, dass unsere militärischen Gebräuche und die Disziplin der Truppe immer dann unweigerlich dahin schmolzen und schließlich ganz verschwanden, wenn das Regiment, oder Truppenteile, oder auch nur ein einzelner Soldat etwas vorhatte, mit dem Cathy entzückt werden konnte. Das Musikkorps hatte sich etwas einfallen lassen, mit dem sie ihr kleines Soldatenherz anrühren würden, einen musikalischen Abschied, der für immer in ihrem Herzen verankert bleiben würde, schön und niemals mehr verblassend, was ihr immer dann die liebevolle Zeit zurück bringen würde, wenn sie später einmal daran dächte; und so hatten sie ihr Projekt General Burnaby unterbreitet, meinem Nachfolger und Cathys neuestem Sklaven, und in Ermangelung geeigneter Präzedenzfälle hatten sie seine Genehmigung erhalten. Die Kapelle kannte Cathys Lieblingsmilitärmusik genau. Dieser Hinweis sollte dir eigentlich schon genügen, du wirst wissen was jetzt kommt, nur Cathy hatte keine Ahnung. Sie wurde gebeten, »Reveille« zu blasen, und tat es. [REVEILLE] Mit dem Ausklingen der letzten Note setzte das Musikkorps mit einem Tusch ein und erweckte die Berge mit dem »Star-Spangled Banner«, in einer Weise, dass es einem klopfend das Herz erhob und Gänsehaut verursachte! Wer dabei noch in Cathys strahlendes Gesicht blickte, war völlig aufgeweicht, sie war glücklich und in Tränen. Sie baten als Nächstes um »Assembly«, es folgte... [THE ASSEMBLY] ... auf das die Band donnernd mit »Rally round the flag, boys, rally once again!« antwortete. Danach blies sie ein weiteres Stück »to the Standard«... [TO THE STANDARD] ... und die Band erwiderte mit »When we were marching through Georgia.« Sofort blies sie »Boots and Saddles,« diese durchdringendste und erregendste aller Fanfaren ... [BOOTS AND SADDLES] ... von der die Band kaum die letzte Note abwarten konnte, und sie legten sich mächtig ins Zeug mit »Tramp, tramp, tramp, the boys are marching«; das Blut aller Anwesenden kam in Wallung. Es folgte eine beeindruckende Pause – dann kam die Fanfare »Taps« – diesmal übersetzbar in »Good-bye, and God keep us all!«, denn »Taps« ist die abendliche Entlassung des Soldaten aus dem Tagesdienst, und auch ein Lebewohl, traurig, melodisch und pathetisch, denn für den Soldaten ist der nächste Morgen nie gewiss, für ihn mag es immer das letzte Mal sein, dass er diese Fanfare hört... [TAPS] ... und die Band drehte sich zu Cathy und begann mit diesem übermütigen Stück, »Oh, we'll all get blind drunk when Johnny comes marching home – yes we'll all get blind drunk when Johnny comes marching home!« Danach spielten sie »Dixie«, das Gegenmittel für Traurigkeit, das fröhlichste und ausgelassenste Militärstück diesseits und jenseits des Ozeans – und das war das Ende. Und so – Farewell! Ich wünschte, Du hättest dabei sein und alles miterleben können, hören und fühlen können: auch Du wärst mit uns fort geblasen worden von diesem Hurrikan eines Hurras, der zum Abschied über den Platz fegte. Unsere Vorhut war bereits ein oder zwei Stunden mit dem Gepäck unterwegs als wir selbst los ritten; doch wir mussten nicht alleine reiten: als Cathy zum Aufbruch blies, kamen die Ranger in leichtem Galopp und Viererrotten hervor und eskortierten uns, White Cloud und Thunderbird hatten ihr volles Ornat angelegt und gaben uns ihr Geleit, letztlich natürlich Buffalo Bill mit vier seiner Scouts. Nach drei Meilen in den Plains ließ die Lieutenant-General anhalten, setzte sich aufrecht auf ihr Pferd, ein Anblick wie ein Militärdenkmal, setzte das Horn an ihre Lippen und dirigierte die Ranger für eine halbe Stunde durch Formationen; um sie schließlich, nachdem sie zum Angriff geblasen hatte, selbst zu anzuführen. »Nicht zum letzten Mal«, sagte sie, und erhielt ein Hurra; wir verabschiedeten uns Reih' um, richteten uns gen Osten und ritten davon. Postscript. Einen Tag später. Soldier Boy wurde letzte Nacht gestohlen. Cathy ist völlig außer sich, wir können sie kaum trösten. Mercedes und ich sehen das nicht ganz so schlimm mit dem Pferd, obwohl es in diesem Teil Spaniens momentan zu politischen Unruhen kommt; eine gewisse Gesetzlosigkeit muss man schon annehmen. In ruhigen Zeiten würde man den Dieb und das Pferd schnell haben. Aber auch so werden wir es rasch wieder bekommen, denke ich. Kapitel XIV Soldier Boy – zu sich selbst Es sind nun fünf Monate vergangen. Oder sechs? Meine Ängste haben mir das Hirn vernebelt. Ich bin durch das ganze Land gekommen, von einem Ende zum anderen, und nun bin ich seit gestern hierhin zurückgekommen, in diese Stadt, durch die wir zu Beginn unserer langen Reise schon einmal gekommen sind, und die so nah' bei ihrem Landhaus liegt. Ich bin ein verfallenes Wrack, meine Augen sind trübe, aber ich erkenne die Gegend. Wenn sie mich sehen könnte würde sie mich erkennen und unser Erkennungssignal blasen. Ich wünsche mir ich könnte es noch einmal hören; es würde mich wieder erwecken, es würde mir ihr Gesicht wieder bringen und die Berge und die Freiheit – und ich würde zu ihr kommen – und wenn ich dabei stürbe, ich würde kommen! Sie würde mich nicht erkennen, so wie ich aussehe, aber sie würde meinen Stern erkennen. Aber es soll nicht sein, sie werden mich nie aus diesem schäbigen Stall heraus lassen – ein stinkender, elender Ort, meistens stehen noch zwei Elendsklepper wie ich selbst darin. Durch wie viele Hände bin ich gegangen? Ich glaube zwölf – ich kann mich nicht erinnern; und jedes Mal war es eine Stufe tiefer, und jedes Mal bekam ich einen härteren Herrn. Sie waren grausam zu mir, jeder einzelne von ihnen, ich musste Tag und Nacht die niedrigsten Arbeiten verrichten, sie haben mich geschlagen und mir nur schlechtes Futter gegeben, manchmal gab es überhaupt nichts zu Fressen. Jetzt bin ich nur noch ein Gerippe, die raue Haut hängt faltig an meinem dünnen Leib herab – dieses Fell, das einmal so glänzte, das sie so liebte und mit ihrer Hand streichelte. Ich war einmal der Stolz der Berge und der Great Plains, jetzt bin ich eine Vogelscheuche und werde verachtet. Diese elenden Wracks, die meine Gesellschaft bilden, sagen, wir haben den Nullpunkt erreicht, die niedrigste Stufe, tiefer geht es nicht; sie sagen, wenn ein Pferd nicht einmal mehr eine Handvoll Unkraut und einen Eimer Abfälle Wert ist, verkaufen sie es für ein Glas Schnaps in die Stierarena, zur Unterhaltung der Leute und zum eigenen Ergötzen am Sterben. Sterben – das stört mich nicht; wir Gedienten haben immer mit der Gefahr des Todes gelebt. Aber wenn ich sie noch einmal sehen könnte! Wenn ich noch einmal den Klang ihres Horns hörte, wie es ruft, »Ich bin es, Soldier – komm!« Kapitel XV General Alison an Mrs. Drake, die Frau des Colonels Ich komme dorthin zurück, wo wir stehen geblieben waren, und berichte Ihnen den Rest. Wir werden nie mehr erfahren, wie sie überhaupt dort hin kam, es gibt keinen Weg das herauszufinden. Ständig hatte sie nach schwarzen lebhaften Pferden mit glänzendem Fell Ausschau gehalten – ständig wachsam, hoffend, verzweifelnd, wieder hoffend; immer schnell mit dem Horn zur Hand, bereit, seinen Ruf zu blasen, wenn nur die geringste Aussicht auf Erfolg bestand, die ständigen Enttäuschungen brachen ihr Herz; immer und überall fragte sie nach ihrem Pferd, ging zu allen Auktionen, an jeden Ort, wo viele Pferde waren. Wie sie dann dort hingekommen ist, wird für immer ein Rätsel bleiben. In meinem vorstehenden Absatz war ich stehen geblieben bei dieser Situation: zwei Pferde lagen sterbend im Ring, der Stier hatte seine Verfolger für einen Moment abgeschüttelt und stand schnaubend da, wild scharrte er Wolken von Staub über seinen Rücken, als der Mann, den er verwundet hatte, wieder aufstieg und in den Ring zurückkehrte, auf einem armen Pferdewrack mit verbundenen Augen, das trotzdem eine seltsam anmutende militärische Würde an sich hatte – und im nächsten Moment schon hatte der Stier es aufgeschlitzt, seine Gedärme quollen heraus und fielen zu Boden: der Stier jagte weiter hinter der Pest seiner Peiniger her. Plötzlich erschallte eine Fanfare im Rund, eine Fanfare die mein Blut gefrieren ließ – »Ich bin es – Soldier komm!« Ich drehte mich um und sah Cathy durch die Masse der Leute die Treppen herunter stürzen, sie sprang mit einem Satz über die Brüstung und rannte zu dem reiterlosen Pferd das ihr entgegen torkelte seit dem Moment, in dem die bekannte Fanfare ertönte; aber seine Kräfte verließen es, es knickte direkt vor ihren Füßen ein und fiel hin, sie weinte und küsste es überschwänglich, das Publikum erhob sich wie ein Mann, weiß vor Angst! Bevor irgendjemand zur Hilfe eilen konnte war der Stier zurück – Sie kam niemals mehr zu Bewusstsein. Wir trugen sie heim, trugen sie in ihrem eigenen Blute, wir knieten nieder vor ihrem Lager und hörten auf ihre gebrochene Stimme, ihre letzten leisen Worte im Fieberwahn gesprochen, wir beteten für ihre sterbende Seele, es gab keinen Trost und keine Hoffnung mehr – ich glaube es wird niemals mehr Trost und Hoffnung geben. Auf eine besondere Art schien sie glücklich, denn sie war schon auf dem Wege in eine andere Welt unter einem anderen Himmel, sie sah ihre Ranger wieder, ihre Tiere und Freunde, und ihre Soldaten. Die Namen kamen zärtlich und liebevoll über ihre Lippen, einer nach dem anderen, mit vielen Pausen dazwischen. Sie hatte nun keine Schmerzen mehr und lag da mit geschlossenen Augen, abwesend und leer flüsterte sie, wie im Traum. Manchmal noch lächelte sie bei einem der Namen – bei Shekels, oder BB, oder Potter. Einmal war sie noch in ihrem Fort und gab Befehle, dann wieder jagte sie über die Plains, an der Spitze ihrer Leute, sie übte mit ihrem Pferd; einmal sagte sie mahnend, »du gibst mir den falschen Huf; gib mir den linken – weißt du nicht, das ist Good-Bye?« Dann lag sie nur noch ganz ruhig da; das Ende war nah. Nach und nach flüsterte sie, »Müde ... schlafen ... nimm Cathy, Mama.« Dann, »Küss mich, Soldier.« Für eine Weile lag sie ganz still, wir wussten nicht, ob sie noch atmete. Dann kam ihre Hand hervor, sie tastete und sagte, »Ich kann es nicht finden, blas' Taps.« Es war das Ende. ***