Christoph Martin Wieland Alceste Ein Singspiel in fünf Aufzügen Von dem Kapellmeister Anton Schweitzer in Musik gesetzt und in den Jahren 1773 und 74 auf dem damaligen Weimarischen Hoftheater aufgeführt. Personen: Admet , König von Pherä in Thessalien. Alceste , seine Gemahlin. Parthenia , ihre Schwester. Herkules . Kinder, Frauen der Alceste und Diener Admets, als stumme Personen. Ein Chor männlicher und weiblicher Hausgenossen, im fünften Aufzuge. Der Schauplatz ist im Palast Admets. Erster Aufzug Ein Vorsaal an Alcestens Zimmer. Erste Szene Alceste allein. Er ist gekommen, Der Bote, der die Antwort mir des Gottes Von Delphi bringt. Ich wagt es nicht Ihn anzuhören, ach! – ich wagt es nicht Die Augen zu ihm aufzuheben. An seinen Lippen hängt Dein Schicksal, mein Admet! – das Schicksal deiner Gattin! O gute Götter, habt ihr jemals Der frommen Liebe Flehn euch rühren lassen, So hört mich, Götter! rettet, rettet ihn! Wo nicht, so lasset mich mit ihm erblassen! Zwischen Angst und zwischen Hoffen Schwankt mein Leben, wie im Rachen Der empörten Flut ein Nachen Ängstlich zwischen Klippen treibt.     Der Donner rollt, die Winde brausen,     Die aufgewühlten Wogen kochen;     Rings um mich her ist Nacht und Grausen!     Dies Herz, ein Herz das nichts verbrochen,     Ist alles was mir übrig bleibt! Zwischen Angst und zwischen Hoffen Schwankt mein Leben, wie im Rachen Der empörten Flut ein Nachen Ängstlich zwischen Klippen treibt.   Zweite Szene Alceste , Parthenia . Alceste : Parthenia! – Gott! Wie blaß ist ihre Wange! Sie bebt! – O Schwester, laß mich nicht In dieser Ungewißheit! Hat Apollo Mein Urteil ausgesprochen? Rede, rede! Bringst du mir Leben oder Tod? Parthenia , mit weggewandtem Gesicht und erstickter Stimme : Ach Schwester! Alceste : Was sagst du? Muß er sterben? Parthenia : Unerbittlich, Ach! unerbittlich sind die furchtbarn Töchter Des Erebus! Schon strecket Atropos Die schwarze Hand – Bald wird der Faden seines Lebens Durchschnitten sein – Alceste , indem sie kraftlos auf einen Lehnstuhl sinkt : Ihr Götter! Parthenia :         Fasse dich, Geliebte! Noch schimmert uns Ein Strahl von Hoffnung; noch Lebt dein Admet, und soll Bis an das fernste Ziel der Menschheit leben, Wenn jemand sich entschließt Für ihn sich hinzugeben. Alceste : Parthenia, sprichst du wahr? Parthenia : Apollo sprichts aus meinem Munde. Alceste : Und zweifelst du, ob jemand ist Der sich entschließe für Admet zu sterben? Parthenia : O Schwester, welch ein Mittel ihn zu retten! Wer wird die Liebe, wer die Großmut bis Zu diesem Grad der Höhe treiben? Sein Vater selbst, der abgelebte Greis, Der lebendtot ein freudeleeres Dasein Vielleicht noch wenig Tage schleppen wird, Sein Vater selbst Kann zu der edeln Tat sich nicht entschließen. Wir flehten ihm, umfaßten seine Knie, Beschworen ihn! Umsonst! gefühllos, taub, Taub wie ein Marmor, blieb er unserm Flehen. Alceste : Das Alter hat in seiner kalten Brust Die Quelle der Empfindung aufgetrocknet. Doch, klage nicht, Parthenia! – Mein Admet Wird leben! lebt in diesem Augenblick Schon wieder auf! – Es ist gefunden, Das Opfer, das für ihn der Parzen Zorn versöhnt. Parthenia : Es ist gefunden, sagst du? – sagst es mir so ernst Und so gelassen? – Götter, welche Ahnung Weckt diese furchtbare Gelassenheit In meinem Busen! – Liebste Schwester! Welch ein Entschluß – Alceste : Er ist gefaßt!     Ihr Götter der Hölle,     Ihr furchtbaren Schatten,     O! schonet den Gatten!     Hier bin ich, und stelle         Zum Opfer mich dar. Knieend. Euch weih ich mein Leben! Sie erhebt sich wieder.         Sie habens vernommen!         Sie kommen, sie kommen!         Ich höre das Schweben         Der schwarzen Gefieder.         Sie steigen hernieder!         Sie holen das Opfer             Zum Todesaltar,     Ihr Götter der Hölle,     Ihr furchtbaren Schatten,     O! schonet den Gatten!     Hier bin ich, und stelle         Zum Opfer mich dar! Parthenia : O gute Götter, höret nicht Was in der Angst der zärtlichen Verzweiflung Ein liebekrankes Herz euch angelobt! – Komm, liebste Schwester, komm in meine Arme! Komm zu dir selbst zurück! – Besinne dich, Alceste! – Sieh mich an, die dich so zärtlich Von unsrer Kindheit an geliebt, mich, die du wieder So zärtlich liebtest, – kannst du den Gedanken, Mich zu verlassen, nur erträglich finden? Verlassen willst du Freunde, Vaterland Und Kinder, alles was den Sterblichen Das Teurste ist, verlassen? – dieses goldne Licht Der Sonne mit der ewgen Nacht Des Tartarus vertauschen? – jeder Freude Des Lebens, jedem schönen Blick In wonnevolle Tage die dir winken Entsagen? – Schrecklich! Nein, du sollst es nicht! O rufs zurück, Unsinnige, das rasche Entsetzliche Gelübd – Alceste : Es ist unwiderruflich! Vergebens marterst du mein leidend Herz: Laß ab, Parthenia! Nur zu sehr empfind ich Der Trennung Qual. – O meine Kinder! – O mein Gemahl! – O meine Schwester! – Bald, Bald werden diese halb erloschnen Augen Nicht mehr voll Liebe sich An eurem Anblick weiden! Die Parze ruft! Wir müssen – ach! Wir müssen scheiden! Parthenia : Uns scheiden? O verhütet es, Gerechte Götter! Nein, Alceste, nein! Noch ist es Zeit. Die Götter haben Mitleid Mit unsrer Schwachheit; hören nicht Gelübde, von Verzweiflung Der Liebe ausgepreßt. – Es ist – Alceste : Geschehn! Sie haben mich erhört! Der Tod erwartet gierig seine Beute. Schon fühl ich seine Hand – Wie kalt sie ist! Ein banges Schaudern läuft durch meine Adern. Parthenia, lege deine Hand auf diesen Arm Und fühle – Parthenia :         Götter! Alceste :                 Ja, ich sterbe, Und mich gereuet mein Gelübde nicht. Du lebst, Admet! – Wie leicht, wie süß ists der Die nur für dich gelebt, für dich zu sterben! Parthenia : Nein, nein! Bei allen Mächten des Olympus! Du sollst nicht sterben, wenn im ganzen Umfang Der allbelebenden Natur Ein Mittel übrig ist. – Ich eile! – Gute Götter, O helft, o rettet sie! Alceste allein : Wohin, wohin, Parthenia? Höre mich! – Sie ist entflohn! Unglückliche, Dein Eifer ist umsonst! Kein Mittel, keine Wunderkraft der Kunst, Kann einen Tag zu meinem Leben setzen. Ich bin den Todesgöttern heilig, Ich sterbe! – Dieses bange, langsam durch Mein Innerstes hinkriechende Noch nie gefühlte Schaudern, Es ist der Tod! – Sie sinkt in einen Lehnstuhl. Parthenia! – Admet! – Wo seid ihr? O du, mein zweites beßres Ich, Wo bist du? Kannst du, kannst du mich In diesem letzten Kampf verlassen? Ich sterb, ein Opfer meiner Pflicht, Du lebst, Admet, und eilest nicht Alcestens Seele aufzufassen? Ende des ersten Aufzugs Zweiter Aufzug Der Vorsaal vor Alcestens Zimmer. Erster Szene Admet allein. Wo ist Sie, daß ich diese Freude In Ihren Busen schütte? Diese Wonne Mit Ihr empfinde? Dieses neue Leben In Ihren Armen doppelt wieder fühle? Allmächtge Götter! welch ein Wunder rief So plötzlich mich vom schwarzen Ufer Des Styx zurück? Wem dank ich dies Leben, wem dank ich die Wonne,     Zum zweiten Male geboren zu sein? Mit welcher Wollust saugt, o alles erquickende Sonne,     Mein Auge deine Strahlen ein! Wohltätige Götter! Euch dank ich die Wonne,     Zum zweiten Male geboren zu sein!   Zweite Szene Admet , Parthenia . Parthenia : Unglücklicher! du überlässest dich Der Freude? – Wüßtest du – Admet : Parthenia! Parthenia :         Gott! wo werd ich Worte finden, Das schreckliche Geheimnis – Admet : Welch ein Geheimnis? Schwester, deine Worte Sind schreckend! schreckender dein Blick! O rede, rede! Parthenia : Beweinenswürdiger! – Alceste! – deine Gattin – Ich kann nicht reden – Sieh!   Dritte Szene Das Zimmer der Alceste öffnet sich, und zeigt Alcesten , in einem Lehnstuhl schlummernd. Eine Kammerfrau kniet neben ihr; zwei andere stehen seitwärts, aufmerksam auf den Augenblick ihres Erwachens lauschend. Admet , Parthenia , Alceste . Admet : Alceste? – Götter! welch ein tötender Gedanke Trifft wie ein Donnerkeil in meine Seele! Alceste – Parthenia :         Stirbt – Du lebst – Nun weißt du Alles! Admet : Weh mir! Sie stirbt? – Sie stirbt damit ich lebe? O Lieb! o Tugend! – Zu ihren Füßen.         Du, für deren Wert Die Sprache keinen Namen hat, Getreuste, Beste, Geliebteste der Weiber! Höre, höre mich! O hebe deine Augen, siehe mich Zu deinen Füßen – Alceste erwacht. Sie betrachtet ihn etliche Augenblicke mit liebevollen Blicken, als ob sie sich seines Daseins versichern wolle, dann reicht sie ihm die Hand. Alceste : O mein Admet, Du lebst? Dank sei den Göttern! Du lebst! Admet : Für dich, für dich allein, Alceste! Was könnte dies Geschenk der Götter ohne dich Mir helfen? Parthenia :         Ach! zu teur, Admet, Zu teuer mußt du es erkaufen! Alceste : Zu teuer, sagst du? – O Parthenia, Du kennest nicht was eine liebende Getreue Gattin fähig ist. Hätt ich für sein schönes Leben Tausend Leben hinzugeben, O mit Freuden gäb ich sie. Admet Große Götter! welche Liebe! Parthenia Welch ein Beispiel reiner Triebe! Beide Nein! Die Erde sah es nie! Alceste Ohne dich, wie könnt ich leben? O Geliebter, sage, wie? Admet , Parthenia Bestes Weib! dein eignes Leben Für den Gatten hinzugeben! Alceste Hätt ich tausend hinzugeben, O mit Freuden gäb ich sie! Admet : Zu lang', Alceste, ließ ich dich In einem Irrtum, den mein Herz verabscheut. Du, die ich mehr als diese Augen, mehr Als meine Seele liebe, solltest sterben? Für mich? Für mich? – Und dein Admet, der nur Um deinetwillen noch zu atmen wünschte, Er sollt um diesen Preis sein Leben kaufen? O glaub es nicht, Alceste! Halte nicht Den Mann, der deiner Liebe würdig war, Der schmählichen verhaßten Feigheit fähig! Alceste : Admet, ich kenne deine ganze Liebe. Hier fühl ich sie; mein Herz ist mir Für deines Bürge – Groß und edel war es stets; Und dies entscheidet unsern Streit. Wie? Solltest du dich weigern können Der, die du liebst, die Qual, dich zu verlieren, Die schrecklichste der Qualen, abzunehmen? Du bist ein Mann; ich nur ein schwaches Mutloses Weib! – O sage nicht, Admet, Du liebest mich, wenn du nur denken Nur zweifeln kannst, daß ich Dich überleben sollte. Admet : Ihr hört sie, Götter! – Und ihr könntet sie Mir rauben? Könntet so viel Tugend Der Welt entziehen? Dieses holde, schöne Liebatmende Geschöpf in seiner Blüte Dem Orkus opfern? – Nein, Ihr seid nicht Götter, oder Ihr könnt es nicht! Alceste : O mäßge dich, Admet! Erzürne nicht die Mächte, die uns trennen! Vielleicht daß die Geduld, womit wir ihrem Willen Uns unterwerfen, ihre Strenge mildert. Vielleicht erweicht sie – Doch, was hälf' es uns Mit eitler Hoffnung unsern Schmerz zu täuschen? Apollo hat gesprochen! – Mein Gemahl, Geliebter, bester Mann! wie könnt ich schöner Mein Leben als für dich verlieren? Verlieren? Nein! wenn Du lebst, ist es nicht Verloren! Leb ich nicht in dir? Admet : Was kann ich sagen? Gott! was kann ich ihr Erwidern? – Schau in meine Seele, Geliebtes Weib! – Alceste, höre mich! Um aller Götter willen, höre mich! Du hoffst durch deinen Tod mein Leben zu erkaufen? Vergebens hoffst du! – Deine Wohltat ist An mir verloren. Fordre nichts Unmögliches. Ich kann nicht, kann nicht Dich überleben! Unsre Seelen hat Die Liebe unauflöslich in einander Verwebt, und ewig, ewig unzertrennbar Vereinigt, sollen sie ins Land der Schatten gehen! Alceste : Er hört mich nicht – Parthenia! geh, und hole Mir seine Kinder her. Parthenia gehorcht.   Vierte Szene Admet , Alceste . Admet : Alceste, sei gerecht! Du, die so zärtlich liebt, So edel denkt, o sei gerecht, Alceste! Kannst du von mir verlangen, was In meinen eignen, was in Aller Augen mich Entehren müßte? – Nein, beim Himmel, nein, Ich will die Schmach nicht dulden, Daß jeder, dem ein Herz im Busen schlägt, Mit Fingern auf mich weise, spottend sage: Hier geht er, hier, Der Feige, der sein Leben mehr Als seine Ehre liebt! der fähig war Mit seiner Gattin sich vom Tode los zu kaufen! Alceste : Und kann Admet vergessen, daß sein Leben Nicht ihm, nicht seiner Gattin zugehört? Hast du kein Volk, das dich anbetet? Hast Du seine Tränen, seine Opfer, seine Gelübde für dein Leben schon vergessen? Vergessen, wie es scharenweis mit bleichen Gesichtern, mit empor um Hülfe Gerungnen Armen deinen Vorhof füllte? O laß nicht, mit dem Gram dich ihrer Liebe Unwert zu sehn, Alcestens Geist beschämt Vor deinen Vätern sich verbergen müssen! Admet : Grausame! Höre auf mein Herz zu foltern! Ich kann in dieser schrecklichsten der Stunden Nicht denken, nichts als dich! Du, du, Alceste, Bist mir die ganze Welt! Verlier ich dich, So ist für mich kein Volk, kein Vaterland, Kein Leben mehr –   Fünfte Szene Parthenia mit den Kindern, die Vorigen . Alceste , indem sie ihre Kinder erblickt : Auch keine Kinder? Kommt, Kinder, laßt zum letzten Mal An diese Brust euch drücken. – Süße, rührende Geschöpfe! – Sie umarmt sie. Bald, o meine Kinder, mit erstickter Stimme , Bald habt ihr keine Mutter mehr! Admet, o sieh sie an, Und wenn du jeden andern Namen, der dir heilig Sein soll, vergessen hast, Kannst du vergessen, daß du Vater bist? Admet : Unwiderstehlichs Weib! Wer kann dich hören, Dich sehn, dich sterben sehn Und überleben wollen? – O! dir gab Ein Gott es ein, Die Pfänder unsrer Liebe mir zu Hülfe Zu rufen! – Siehe Du sie an, Alceste! Erbarm dich ihrer Unschuld, ihres zarten Hülflosen Alters! Sieh, Wie sie bestürzt mit liebevoller Angst Die kleinen Arme dir entgegen strecken! Alceste : Geliebter, schone deiner sterbenden Zu schwachen Gattin! Kürze nicht durch diese Grausame Zärtlichkeit die Augenblicke, Die uns die Parze schenkt! Admet : O meine Kinder! Ihr fühlet nicht was ihr verliert – Alceste : Ich fühls für sie. Admet : Und änderst nicht den schrecklichen Entschluß? Alceste : Wie kann ich? – Ach, Admet, die Todesgötter Sind unerbittlich. Eines von uns beiden Muß fallen! – O! um unsrer Liebe, Um dieser armen Unmündigen, um deiner Gattin willen, Laß mich, laß mich allein das Opfer sein! Admet , von Tränen erstickt : Es ist zu viel! Alceste Weine nicht, du meines Herzens Abgott! Gönne mir im Scheiden Noch die süßeste der Freuden,     Daß mein Tod dein Leben ist.     Ach! die Größe deines Schmerzens     Ist das Maß von meinen Leiden.     Mein Gemahl! O meine Kinder!     Glaubet nicht, ich fühle minder,     Weil mein Herz bei euern Leiden         Seiner eignen Not vergißt! Weine nicht, du meines Herzens Abgott! Gönne mir im Scheiden Noch die süßeste der Freuden,     Daß mein Tod dein Leben ist. Alceste, durch diese letzte Anstrengung ihrer Kräfte erschöpft, fällt in eine Ohnmacht, aus welcher sie durch die Zuckungen des Todes wieder erweckt wird. Die Kammerfrauen drücken ihren Jammer durch Gebärden aus, und zeigen sich geschäftig ihr beizustehen. Admet liegt trostlos zu ihren Füßen; er streckt mit flehenden Gebärden die Arme gen Himmel, bemüht sich Worte heraus zu bringen, aber vergebens. Parthenia führt die weinenden Kinder hinweg. Da sie zurück kommt, findet sie ihre Schwester mit dem Tode ringend. Parthenia : Sie stirbt, o Gott! sie stirbt – Admet : O! ist denn kein Erbarmen Im Himmel mehr? Alceste , sterbend : Sonnenlicht, o mütterliches Land, O Schwester, o Gemahl! – Zum letzten Mal Sieht euch Alceste – Drücke deinen Mund An meinen Mund, Admet – ich sterbe – Lebet wohl! Geliebte – lebet – Admet sinkt von Schmerzen betäubt zu Boden. Einige Bediente bringen ihn hinweg. Die Kammerfrauen breiten einen weißen Schleier über das Gesicht der erblaßten Königin. Parthenia : O! dieser Schmerz zerreißt die Dämme der Geduld! Sie stirbt, ihr Götter! Sie bringt den Schatten Sich selbst zum Opfer Von ihrer Pflicht! Grausame Götter! Ihr könnt es sehen? Und unsre Tränen, Die Angst des Gatten, Sein heißes Flehen, Sein banges Stöhnen, Es rührt euch nicht? Da ist kein Retter! Sie stirbt! – Alceste! Die treuste, beste! Und, o ihr Götter! Ihr rettet nicht! Ende des zweiten Aufzugs Dritter Aufzug Ein mit Lorbeerbäumen besetzter Vorhof, und in einiger Entfernung ein Teil des königlichen Palasts auf Dorischen Säulen ruhend. Erste Szene Herkules allein : Die Sonne neigt sich. Müd und ruhbedürftig Betret ich deinen wohl bekannten Vorhof, Gastfreies Haus! Gesegnet sei mir holder Sitz der Unschuld, Der Zärtlichkeit, des stillen Glücks! Sei mir gesegnet, frohes Tal, Wo einst der Gott des Lichts In Schäfertracht Admetens Herden führte, Und, seines Götterstands entsetzt, Die angenommne Menschheit zierte! Beglücktes Land, – o möcht Alkmenens Sohn, Wenn er, von Ruhm und Siegen müd, Einst auszuruhn verdient, des Lebens Rest In deinen Schatten sanft verfließen sehen! O du, für die ich weicher Ruh Und Amors süßem Scherz entsage, Du, deren Namen ich an meiner Stirne trage, Für die ich alles tu, Für die ich alles wage, O Tugend! – Einen Wunsch, nur Einen Wunsch gewähre Dem der sich dir ergab! Wenn einst die Bahn der Ehre Durchlaufen ist, wenn er sich sehnt nach Ruh, So schließe hier am Abend seiner Tage Die Freundschaft ihm die Augen zu! Doch, was bedeutet diese tiefe Unzeitge Stille? Keine Lieder hallen Den Säulengang herauf? Verlassen, öde, wie die Trümmern einer Zerstörten Stadt, ist dein Palast, Admet? Verlassen von den Göttern Der Freude, deren Sitz er war! Was für ein Unfall – Wie? Mir deucht ich hörte Ein Klaggeschrei aus jener Halle tönen. Ein Bedienter kommt aus dem Hause hervor, und eilt, da er den Herkules erblickt, mit einer Gebärde der Bestürzung zurück. O sage, Freund, – Er flieht mich! – Trübsinn hängt Um seine Stirne! – Zu gewiß! ein Unglück traf Admetens Haus! – O wende, Vater Zevs, Die Vorbedeutung ab! – Doch, was es sei, Ich muß es wissen! Rastlos treibt mich zwar Der unversöhnbarn Juno Groll Von einem Abenteur zum andern; aber hier, Hier ruft die Freundschaft mir! Ihr Ruf Geht allem andern vor –   Zweite Szene Parthenia , Herkules . Parthenia : Alkmenens Sohn? – Willkommen, o Befreier Von Gräcien, willkommen, Herkules, Dem Haus Admets! Herkules : Wo ist er, wo? Was hält Von seines Freundes Armen ihn zurück? Parthenia : Du weißt es nicht? Herkules :         Kaum bin ich angekommen. Noch sah ich niemand; nur ein Klageton Schien aus dem innern Hause mir entgegen Zu dringen – Reiße mich aus diesem Zweifel! Er lebt doch wohl? Parthenia :         Er lebt. Herkules : Er lebt – und trüber Gram umwölkt dein Auge, Prinzessin? Traurig sagst du mir, er lebt? Parthenia : Vor wenig Stunden schwebte noch sein Geist Im Tor des Tartarus. Herkules :         Was sagst du? Parthenia : Durch ein Wunder ist Er wieder uns geschenkt. Herkules : Dank hab Apollo! Denn sein Werk Wars ohne Zweifel! – Und Alceste – deine Schwester? Parthenia : Welchen Namen nanntest du, Unglücklicher! Herkules : Du schreckst mich! – Wie? Alceste –? Parthenia :         Hat gelebt. Herkules : Beklagenswerter Freund! Was tatest du Den Göttern? – Welch ein Wechsel! Parthenia : Ach! wüßtest du erst alles, Herkules! Herkules : Was kann ich ärgers wissen? Parthenia : Freiwillig gab die treue Gattin sich Für ihn dahin. Er lebt durch ihr Erblassen. Herkules : Der feige Mann! – Konnt er so niedrig sein Um diesen Preis sein Leben anzunehmen? Parthenia : Ach! da sie sich an seiner Statt den Parzen Zum Opfer darbot, rang er mit dem Tode. Er wußt es nicht. Herkules :         O Beispiel ohne gleiches! Und du, Apollo, ließest es geschehn? Du, der in diesem menschenfreundlichen Wohltätgen Haus vor meines Vaters Zorn Einst eine Freistatt fand? – Parthenia : Er tat was möglich war; Doch selbst den Göttern ist Nicht Alles möglich. Gänzlich ließen sich Die Parzen nicht erbitten. Jemand mußte Zum Opfer für Admet sich selber weihen. Dies war die Antwort, die uns Delphi sandte. Kaum hörte sie den Götterspruch, So war ihr Schluß gefaßt, Und unbeweglich blieb die Heldin unserm Flehn. Herkules : Und so viel Tugend sollt ein Aschenkrug Verschließen? – Nein! So wahr ich Sohn Des Donnergottes bin, das soll er nicht! Prinzessin, kann ich nicht Admeten sehn? Parthenia : Was wird dein Anblick ihm in diesem Jammer helfen? Herkules : Ich muß ihn sehn. Parthenia : Ach! Ist er fähig deinen Anblick zu ertragen? Er haßt den Tag, er haßt die Gegenwart Der Menschen die er liebte, haßt Sein eignes Dasein, fleht den Tod Um Mitleid an. Er flucht dem Tageslicht     In seinem Schmerz; Sein bloßer Anblick bricht     Ein fühlend Herz; Ihm Trost zu geben, fänd     Ein Gott zu schwer!     Er hört mit taubem Ohr         Der Freundschaft Stimme;     Starrt zum Olymp empor         In stummem Grimme;     Kennt sinnlos weder Furcht         Noch Hoffnung mehr! Er flucht dem Tageslicht     In seinem Schmerz; Sein bloßer Anblick bricht     Ein fühlend Herz; Ihm Trost zu geben, fänd     Ein Gott zu schwer! O Herkules! Was bleibt der Freundschaft übrig Für ihn zu tun? Er ist – Herkules : Mein Freund! Nie war er meiner Hülfe mehr benötigt. O laß mich – Parthenia :         Wohl! versuch es, Göttersohn! Vielleicht erweckt der Anblick eines Helden Sein schon erstorbnes Herz. Ich geh Ihm deine Ankunft anzusagen. Sie geht ab.   Dritte Szene Herkules allein. Es ist beschlossen! Durch nie erhörte, durch den Erdensöhnen Versagte Taten soll, o Vater Zevs, Dein Sohn den Weg sich zum Olympus öffnen! Herab zum Orkus steig ich, zwing ihn, mir Alcesten Zurück zu geben, – oder unterliege Der großen Tat! Er geht in den Palast hinein.   Vierte Szene Der Schauplatz verwandelt sich in einen Saal des Palasts. Herkules , Admet . Admet in einem Lehnstuhl, mit dem Arme auf einen kleinen Tisch gestützt, auf welchem ein Aschenkrug steht. Herkules nähert sich ihm langsam und schweigend, mit dem Ausdruck der mitleidenden Freundschaft in seinen Blicken. Admet sieht ihn mit starren Augen an. Herkules : Wie? kennst du deinen Freund nicht mehr? Admet : O ja, ich kenne dich! – Du bist – der Sohn Von einem Gotte der mich elend macht. Herkules : Admet, ich bin dein Freund, wiewohl du selbst Kein Mann mehr bist. Ich kann nicht mit dir weinen, Nicht jammern wie ein Weib, – doch helfen will ich dir. Admet : Mir helfen? Herkules :         Ja, dir helfen oder im Versuch Mein Leben lassen. Admet : Dies kannst du; helfen kann kein Gott mir! Herkules :         Fasse, Ermanne dich, Admet; noch ist nicht alles Verloren – Admet :         Wie? Nicht alles? Ist Alceste nicht verloren? Sieh her! Da, siehst du diesen Aschenkrug? Bald wird er alles, alles was von ihr Mir übrig ist, verschlingen! Herkules :         Hoffe besser, Freund! Admet : Ich, hoffen? Rasest du? Kannst du den Orkus zwingen, seine Beute Zurück zu geben? – Hör es, wenn du es Noch nicht gehört! Tot ist sie, tot! erkaltet, atemlos, Tot, sag ich dir! – Ich habe nichts zu hoffen! Herkules : Dein Zustand jammert mich, Admet, Ich fühle deinen Schmerz. Doch zur Verzweiflung sinkt Kein edler Mann herab! – Wie? war Admet Nicht immer ein Verehrer Der Götter? – Wo ist sein Vertraun Auf ihre Macht! Admet :         Ach, Freund! Sie haben mich Verworfen! hörten nicht mein Flehn! Herkules : Der Ausgang soll mit ihnen dich versöhnen, Kleinmütiger! – Ich gehe – Herkules (Du kennest ihn) ist nicht gewohnt durch Worte Zu reden. Lebe wohl! Bald sehen wir uns wieder! Admet : Was willst, was kannst du tun? Herkules Freund, zweifle nicht! Was Herkules verspricht     Das wird er halten!     Ruf deinen Mut zurück!     Die Götter walten!     Ihr Beifall ist der Tugend Sold;     Sie sind den Frommen hold,     Und werden dein Geschick         Bald umgestalten! Freund, zweifle nicht! Was Herkules verspricht     Das wird er halten! Ende des dritten Aufzugs Vierter Aufzug Erste Szene Der Vorsaal. Parthenia allein : Mit bangem Herzen, selbst des Trostes dürftig, den Ich gebe, geh ich, meine Tränen Admetens Tränen zu vermischen. Dank sei den Göttern! Diese Linderung Ist doch nicht länger ihm versagt. Nicht mehr versunken in betäubende Verzweiflung, hat sich an der Hand Der Freundschaft seine Seele wieder aufgerichtet. Er fühlt sich wieder selbst, kann weinen, findet Trost In mitgeweinten schwesterlichen Zähren. Sogar ein Sonnenblick von Hoffnung kämpft Aus seinem trüben Aug hervor, seitdem Alkmenens Sohn, dem nichts unmöglich ist, Ihn Hoffnung fassen hieß. Allein zu bald verschlingt den ungewissen Strahl Des Grames düstre Wolke wieder. Er sinkt zurück in seine vorige Trostlose Kleinmut. Ach! in diesem Zustand ists, Wo er der Freundschaft sanfte Hand am meisten Vonnöten hat. – O ewig teurer Schatten! Wie kann ich besser meine Liebe dir beweisen, Als wenn ich was Du liebst erhalten helfe? O! der ist nicht vom Schicksal ganz verlassen,     Dem in der Not ein Freund         Zum Trost erscheint:     Ein Freund, der willig ist     Die Tränen die er weint     In seinen Busen aufzufassen,     Der seiner selbst vergißt         Und mit ihm weint. O! der ist nicht vom Schicksal ganz verlassen,     Dem in der Not ein Freund         Zum Trost erscheint! Sie geht ab.   Zweite Szene Der Schauplatz verwandelt sich in das Zimmer des Admet. Admet allein : O Jugendzeit, o goldne Wonnetage Der Liebe, schöner Frühling meines Lebens, Wo bist du hin? – Ists möglich, bin ich der, Der einst so glücklich war? So glücklich einst, Und itzt so elend! Ohne Grenzen elend, Wenn nicht die Hoffnung, bald, Alceste, dir Zu folgen, meine Qual erträglich machte. Wo bist du? – Irrst du schon, geliebter Schatten, Um Lethens Ufer? – Ah! Ich seh sie gehn! In traurger Majestät geht sie allein Am dämmernden Gestad; ihr weichen schüchtern Die kleinern Seelen aus, sehn mit Erstaunen Die Heldin an. – Der schwarze Nachen stößt Ans Ufer, nimmt sie ein – Der Schleier weht Um ihren Nacken – O! nach wem, Geliebte, Unglückliche, nach wem siehst du so zärtlich Dich um? – Ich folge dir, ich komme! – Weh mir! Schon hat das Ufer gegenüber Sie aufgenommen! Liebreich drängen sich Die Schatten um sie her; sie bieten ihr Aus Lethens Flut gefüllte Schalen an. O hüte dich, Geliebte! Koste nicht Von ihrem Zaubertranke! Ziehe nicht mit ihm Ein ewiges Vergessen unsrer Liebe ein. O flieh, geliebter Schatten, fliehe;     Ich unterläge dem Gewicht         Von diesem schrecklichsten der Schmerzen.         Noch lebt Admet in deinem Herzen:         Dies ist sein Alles! O entziehe     Dies einzge letzte Gut ihm nicht!   Dritte Szene Parthenia , mit einem goldnen Becher in der Hand , Admet . Parthenia : Admet, der Gram erschöpft dich; die ermüdete Natur bedarf Erquickung. Nimm, mein König, Aus einer schwesterlichen Hand Nimm diesen Becher! Schmerzenstillend Ist seine Kraft. Das Land der Isis sendet uns Den Wundertrank – Admet :         Was soll er mir? Parthenia : Ein Trunk aus Lethe selbst befreiet nicht gewisser Von jedem Kummer, jedem Leid das Herz. Ein allgemein Vergessen – Admet :         Weg! Parthenia, weg mit deinem Gift! Wie? Treulos sollt ich je Der teuren Ursach meines Leids vergessen? O niemals, niemals! – Mit Alcesten hat Die Freud auf ewig sich von mir geschieden. Mein Gram ist meine Speise, mein Vergnügen, Mein Labsal! – jede andre Lust Verschmäht Admet! – Ich will an Sie allein Nur denken; wachend, träumend Sie, nur Sie Vor meinen Augen sehn. Auf ihrem Grabe Soll meine Wohnung sein! Von meinen Tränen sollen Die Myrten wachsen, die ihr Bild umschalten! Parthenia Unglücklicher, was hilft es dir     Dein Dasein trostlos wegzutrauern? Laß ewig deine Schmerzen dauern,     Der Orkus gibt Sie nicht dafür! Admet O laß mir, laß mir meine Zähren,     Grausame, laß mir meinen Schmerz! Wie könnt ich diesen Trost entbehren?     Er labt, er nährt mein leidend Herz. Parthenia Bedenk, um welchen Preis du lebest! Admet     O, der Gedanke tötet mich! Parthenia Wenn du in Gram dich selbst begräbest,     So starb Alcest' umsonst für dich! Admet : Bemühe dich nicht länger meinen Tränen Den Lauf zu wehren. Laß mich weinen, Parthenia! Dies allein Kann meine Seele vor Verzweiflung retten. Parthenia : Und hast du deines Freundes tröstendes Versprechen schon vergessen? Hallen nicht In deinen Ohren noch die letzten Worte Des Göttersohns? Admet : Er hieß mich hoffen! – Hoffen soll Admet? O sprich, Parthenia, sprich, was soll ich hoffen? Was kann ich hoffen? Parthenia : Alles! Alles was den Göttern nicht Unmöglich ist! Admet :         Und hat Apollo selbst, Apollo, der mich liebt, mir helfen können? Ist Herkules allmächtiger als er? Ach! zu gewiß ist was ich hoffen könnte Den Göttern selbst nicht möglich! – Laß uns nicht In wesenlose Träum' uns töricht wiegen! Der Unglückselge, der im finstern Kerker Von goldner Freiheit träumte, fühlt erwachend Der Ketten Zahn nur desto wütender In seinem Fleische wühlen. – Ach Parthenia! Anstatt zu eiteln Hoffnungen Mich aufzumuntern, wecke mein von Gram Erstorbnes Herz zu seinen Pflichten auf! Zu lange säumten wir Dem teuern Schatten durch ein Todesopfer Die Höllengötter günstiger zu machen. Schon nähert sich die feierliche Stunde Der Mitternacht. Parthenia, komm und teile Die Sorge für das heilge Werk mit mir. Ende des vierten Aufzugs Fünfter Aufzug Der Schauplatz stellt einen Haustempel im Palast Admets vor. Ein Totenopfer . Erste Szene Admet , Parthenia , Ein Chor von Hausgenossen des Admet, um den Altar kniend. Admet Ihr heilgen unnennbaren Mächte,     In deren grauenvolle Nächte         Kein sterblich Auge dringen kann! Parthenia Du, Hekate! und Ihr,     Gewogne Eumeniden! Euch flehen wir,     O seht zufrieden,         Seht gnädig unser Opfer an! Chor Euch flehen wir, o seht zufrieden,     Seht gnädig unser Opfer an! Sie stehen alle wieder auf. Admet Zürnet nicht der frommen Zähre     Die auf ihre Urne fällt! Ach! was ich mit Ihr entbehre, Ersetzt mir nicht der Götter Sphäre,     Ersetzt mir nicht die ganze Welt! Parthenia Ihr selbst im Olympus gefürchtete Mächte, Die tief im Heiligtum geheimnisvoller Nächte     Des Tages Fackel nie erhellt! Admet , Parthenia , zusammen. O daß dies Opfer euch versöhne! O zürnet nicht der frommen Träne     Die auf Alcestens Urne fällt! Alle O daß dies Opfer euch versöhne! Verzeiht, verzeiht der frommen Träne     Die auf Alcestens Urne fällt! Admet : Und du, wenn noch im Reich der Wonne, in den Kreisen Der schönen Seelen, wenn im stillen Schoß Des ewgen Friedens ein Gedanke noch An deine Hinterlaßnen dich erinnert, Wenn unsre Tränen, unsre Sehnsucht, unser nie Ermüdendes Gespräch von deiner Tugend Und unserm Glück in dir Dich noch erreichen kann, Geliebter Schatten, So hör uns! – Fühle, fühle wie wir unaussprechlich Dich noch im Grabe lieben, Und möchte dies Gefühl Selbst in Elysium deine Wonne mehren!   Zweite Szene Herkules , die Vorigen . Der Chor entfernt sich. Parthenia : Wie? – Seh ich, oder blendet mich der Schein Der Opferflamme? Herkules schon wieder Zurück? – Admet, sieh deinen Freund! Und Freude blitzt aus seinen Augen! Admet :         – Freude? Er sprach von Hülfe, da er ging! Herkules : Und kommt zu halten was er dir versprach. Admet : O Herkules, ich wähnte Du seist mein Freund – Ists möglich, kannst du meiner Schmerzen spotten? Herkules : Dein Unglück macht dich ungerecht, Admet. Ich tadle nicht daß du in seinem ganzen Umfang Es fühlst. Du traurst mit Recht. Alceste Ist deiner Tränen wert. Sie ist die Zierde ihres Geschlechts, verdient es daß ihr Bild in Marmor Den Enkeln heilig sei; verdient, so oft der Tag, An dem sie sich für ihren Gatten hingab, Zurück kommt, daß Thessaliens fromme Töchter Der Heldin Grab mit Blumenkränzen schmücken. Man soll den Frauen sie zum Beispiel nennen! Sei wie Alceste – soll der Segen sein Der künftig jede Braut zur Gattin weihe! Wir sind ihrs schuldig! Mehr, Admet, Verlangt ihr Schatten nicht. Admet : Du sprichst wie einer der das Glück Nie kannte, das die Götter mir Zu Neidern machte. Du verlorest keine Alceste – Herkules :         Diesseits des Olymps, Admet, Ist kein Verlust, den uns die Götter nicht Ersetzen könnten. Admet :         O Alcid, ermüde die Geduld Von deinem Freunde nicht! – Der hat Sie nie gekannt, dem ihr Verlust Ersetzlich scheint! Herkules :         Nicht ohne Grund spricht Herkules So zuversichtlich. Höre mehr, Admet! Was dir unmöglich scheint, ist schon gefunden. Ich bringe den Ersatz. Die liebenswürdigste Der Töchter Gräciens begleitet mich. Admet , mit mühsam zurück gehaltnem Zorn : Dies nennst du dein Versprechen halten? Parthenia : Erkläre mir dein Rätsel, Herkules. Du sprichst von einer Schönen die dir folge? Wie nennst du sie? Von wannen kommt sie uns? Was kann sie wollen? Herkules :         Euer Leid ersetzen, Parthenia; diese traurigen Cypressen In Rosen wandeln; diesen Tempel wieder Den Liebesgöttern weihen. – Starre mich Nicht so aus Augen an, Admet, worin Verachtung Und Wut sich mit Erstaunen mischen! Admet : Unfreundlicher, auf deines Vaters Namen Zu stolzer Freund! Hör auf! Ich will nicht länger Alcestens Ruhm Und meine Liebe lästern hören! Mich prüfen willst du? – Spare deine Mühe! Mein Herz verschmäht sie! Herkules :         Du mißkennest mich! Ich will dein Glück, und du, Du stößests von dir. Hast du denn die Schöne Gesehn, die mich begleitet? – Sieh sie erst! Und traun! du wirst die Gabe mit Entzücken Mir danken, die du itzt verschmähst. Admet : Nicht meine Treue – die ist ewig, ewig Alcesten heilig! – Unsre Freundschaft setzest du Auf eine Probe, – der sie unterliegt. Ich geh – und du – hast einen Freund verloren! Ihr sollt ich untreu werden können? Dir ungetreu, Alceste? Dir? Von fremder Flamme sollt ich brennen? O! wenn ich dessen fähig werde, So öffne sich vor mir die Erde! Der Eumeniden Fackel blitze Mir ins Gesicht, und aus dem Sitze     Der Wonne fluch' Alceste mir! Er geht ab.   Dritte Szene Parthenia , Herkules . Parthenia : Alkmenens Sohn, bei den Göttinnen! Du gehst zu weit – Was konnte dich bewegen, deinen Freund So grausam, vor der Urne einer Geliebten Gattin, an dem Tage selbst Der sie geraubt, In ihres Schattens heilger Gegenwart, Durch einen Antrag, der sein Herz Zerreißen muß, zu kränken? Herkules : Zu kränken? Ferne sei es! Glücklich Will ich ihn machen, ihn und dich, Parthenia. Der nächste Augenblick soll für mich reden.   Vierte Szene Parthenia allein : Was kann er meinen? – Sollt es möglich sein? Welch ein Gedanke! – Nein! es ist unmöglich! Von da, wo sie in diamantnen Mauern Die Ewigkeit gefangen hält, Ist keine Wiederkunft!   Fünfte Szene Herkules , Alceste , Parthenia . Parthenia , Alcesten erblickend : Allmächtge Götter! Was seh ich? – ja, sie ists! Sie ists! O teurer Schatten – Sie geht mit ausgebreiteten Armen auf Alcesten zu, aber schaudert wieder zurück, da sie ihr nahe kommt. Herkules :         Fürchte nichts! Es ist kein Schatten, der aus deinen Armen In Luft zerfließt. Sie lebt. Es ist Alceste selbst, die ich vom Ufer Des Styx zurück gebracht. Alceste : O Schwester! Schließ ich dich in meine Arme wieder? Aus welchem Traum erwach ich! Parthenia :         – O Entzücken! O Wunder! – Darf ich meinen Sinnen glauben, Du Göttersohn? – Ich seh sie, halte sie In meinem Arm, Ihr Busen schlägt an meinem Busen, Und doch besorg ich daß es Täuschung sei. Herkules : Besorge nichts! Die Götter schenken sie Dir wieder. Alceste :         Lies in meinen Augen, Wie glücklich mich dein Wiedersehen macht. Gewiß sie sagen dir daß ich Alceste bin! Parthenia : Ja, Schwester, ja, du bists! – O welche Wonne! Laß mich eilen – Dein Admet Kann nicht zu schnell erfahren Wie viel er seinem Freund zu danken hat. Herkules : Ruf ihn zurück, Prinzessin, red ihm freundlich zu, Besänftge seinen Zorn; doch sage ihm Nicht Alles. Laß Alcesten Und mir die Freude, ihn mit seinem Glücke Da ers am mindsten hofft zu überraschen. Parthenia : Wenn nur Gesicht und Ton mich nicht verrät, Dem Mund soll nichts entschlüpfen! Sie geht ab.   Sechste Szene Herkules , Alceste . Herkules : Hülle, Königin, In deinen Schleier dich, und tritt Bei Seite. Sein Entzücken, in der Fremden, Die seinen Zorn mir zuzog, dich zu finden, Sei die Belohnung dessen was ich heute Für euch gewagt! Alceste : O Göttersohn! noch immer scheint mir Alles Was mir begegnet ist ein Traum, Ein wunderbarer Traum! Ich frage mich erstaunt, ob ich es bin. Die Erde, die ich wieder Betrete, diese Wohnung, die ich kaum auf ewig Verlassen, dieser Tempel – Alles ist Mir fremd. Elysium schwebt Mit allen seinen unnennbaren Freuden Vor meinen Augen noch. Wie selig war ich! – Ach! mit meinem Glücke Verlor ich auch die Macht es auszusprechen. Dies weiß ich nur, dies fühl ich – o im Grunde Der Seele fühl ich es – es war kein Traum. Noch atmet mir aus ewig blühenden Gefilden Der Geist der Unvergänglichkeit entgegen. Noch saugt mein Ohr Die Wollust eurer Lieder, o ihr Söhne Des Musengottes! – Herkules : Still! – ich hör Admetens Tritte – Entferne dich! Alceste zieht sich in den Grund des Schauplatzes zurück.   Siebente Szene Die Vorigen , Parthenia , Admet , der ihr in einiger Entfernung mit düstern niedergeschlagenen Blicken folgt. Am Schluß der Szene finden sich auch alle Hausgenossen wieder ein. Herkules : Admet, vergib mir! Zürne nicht Auf deinen Freund! Er fehlte bloß Aus gutem Willen. Der Gedanke, wieder glücklich dich Zu machen, riß mich hin. Vergib mir, Freund! Admet : Vergib dir selbst! Unzärtlich, Herkules, War dein Betragen – Herkules :         Hebe deine Augen, Und sieh, was mich entschuldigt! Admet : O ihr Mächte des Olymps! Was seh ich! – Nein, ich sehe nichts! – Mich täuscht Ein Gott, der meiner spottet. Liebe, Sehnsucht, höhnen Mein gern betrognes Herz. Es ist ein Blendwerk! Alceste nähert sich ihm mit offnen Armen. – Wie? Es nähert sich? – Bist dus, Geliebter Schatten, der zum Troste mir erscheint? Alceste : O mein Admet! Sie eilt auf ihn zu und umarmt ihn. Admet : O Götter, laßt ihn ewig, ewig dauern Den süßen Wahn! – Er umarmt sie von neuem. Ists möglich, gute Götter! O ists möglich? Umfaß ich dich, Alceste, keinen Schatten? Alceste : Ich bin es selbst, Admet, Die den Ersatz für ein verlorenes Elysium in deinen Armen findet. Admet : O! einmal noch und abermals Geliebte, Umarme mich! – Ich kann nicht oft genug Mich überzeugen, daß ich glücklich bin. Dich selbst, dich selbst, Alceste, neu belebt Umfaß ich! – Götter, welch Entzücken! Alceste : Den allvermögenden Belohnern Der Tugend, mein Admet, – und deinem Freunde Dank' es mit mir! Er wagte sich für uns, Stieg unerschrocken in den furchtbarn Abgrund Der ewgen Nacht hinab, erkämpfte mich Vom Thanatos . Admet : O Sohn des Donnergottes! welch ein Dank Kann meiner unbegrenzten Schuld Mich gegen dich entbinden? – Sage, Den Göttern gleicher Freund, wie konntest du Lebendig in den unzugangbarn Sitz Der Schatten dringen? – O erkläre mir Ein Wunder, das mir noch, in diesem Augenblicke Da ichs mit Augen seh, mit Händen fühl, Unglaublich ist. Herkules :         Begehr es nicht zu wissen! Ein heilger Schleier, den die Götter selbst Nicht wegzuziehen wagen, liegt Auf den Geheimnissen des Geisterreichs. Der Eumeniden Hand schließt meinen Mund! Genug für dich, daß dir Alceste wieder Gegeben ist. Geneuß der wundervollen Wohltat Der Götter, Freund, und feßle deinen Vorwitz. Admet : Allgütge Mächte, seht mit Wohlgefallen Die Freudentränen an, die meinem Aug entströmen! Was hat ein Sterblicher, um euch zu danken, Als Freudentränen? als sein Unvermögen Die Größe seines Dankes auszudrücken? Alceste : Wie glücklich sind wir! Wie empfind ich es Für dich und mich! – Es ist kein Blendwerk, mein Admet! Ich leb, ich lebe wieder Für dich, und fühl erst itzt Den ganzen Wert des Glücks für dich zu leben! Schon wandelt ich     Im Chor der schönen Seelen, Schon grüßte mich     Aus tausend Wunderkehlen Elysiums schönster Hain; Ich fühlte Götterfrieden     Tief in der Brust:     Doch, konnte meine Lust Vollkommen sein?     Geliebter, war ich nicht Von dir geschieden? Itzt findt Alceste sich in deinen Armen wieder.     Elysium war ein Traumgesicht! O nun erst lebt sie wieder!     Ist wieder dein! Vermißt nicht mehr der Amphionen Lieder,     Nicht ihren schönsten Hain! Admet Du hast Elysiums Glück empfunden!     Sprich, ist es unsrer Wonne gleich? Alceste Ich hab Elysiums Glück empfunden! Allein dem Augenblick, wo ich Dich wiederfunden,     Ist keine andre Wonne gleich. Admet zu Herkules . O Freund! wie kann ich dir vergelten?     Was ist ein Königreich?     Sind ganze Welten Dem Werte deiner Wohltat gleich? Herkules Ich bin belohnt an euern Freuden Mein mitempfindend Herz zu weiden, Ich bin der glücklichste von euch! Parthenia Ihr Götter, die uns zu beglücken Dies Wunderwerk getan, Nehmt unser dankendes Entzücken     Zum Opfer an! Admet , Alceste Ihr Götter, die uns zu beglücken     Dies Wunderwerk getan, Alle Nehmt unser dankendes Entzücken     Zum Opfer an!