Ernst Toller Masse Mensch Ein Stück aus der sozialen Revolution des 20. Jahrhunderts Die erste Niederschrift entstand im Oktober 1919, im ersten Jahr der deutschen Revolution. Festungsgefängnis Niederschönenfeld. *   Weltrevolution. Gebärerin des neuen Schwingens. Gebärerin der neuen Völkerkreise. Rot leuchtet das Jahrhundert Blutige Schuldfanale. Die Erde kreuzigt sich. Den Proletariern   Spieler Arbeiter Arbeiterinnen Der Namenlose Offizier Priester Mann (der Beamte) Sonja Irene L ., eine Frau Gestalten der Traumbilder Sonja Irene L. , eine Frau Der Begleiter Bankiers Der Beamte Wachen Gefangene Schatten (Das dritte, fünfte und siebente Bild in visionärer Traumferne) Erstes Bild Hinterzimmer einer Arbeiterschenke. An getünchten Wänden Kriegervereinsbilder und Porträts von Heroen der Masse. In der Mitte ein klotziger Tisch, um den eine Frau und die Arbeiter sitzen. Erster Arbeiter        Flugblätter sind verteilt, Im großen Saal Zusammenkunft. -- Frühzeitig schließen morgen die Fabriken. Die Massen gären. Morgen wird Entscheidung. Bist du bereit, Genossin? Die Frau        Ich bins. Mit jedem Atem wächst mir Kraft -- Wie sehnt ich diese Stunde, Da Herzblut Wort und Wort zur Tat wird. Lähmung befiel mich oft -- zusammen krallt ich Meine Hände vor Zorn und Scham und Qual. Gröhlen die verruchten Blätter Sieg -- Packen Millionen Fäuste mich ... Und gellen: Du bist schuldig, daß wir sterben! Ja, jedes Pferd, deß Flanken zitternd schäumen, Klagt stumm mich an -- klagt an. -- Daß morgen ich Fanfare jüngsten Tages gellte, Da mein Gewissen brandet in den Saal -- Bin ich es noch, die Streik verkünden wird? Mensch ruft Streik, Natur ruft Streik! Mir ists, als bellts der Hund, der an mir aufspringt, Betrete ich mein Haus ... Als gischtet Streik der Strom! Mein Wissen ist so stark. Die Massen Auferstanden frei vom Paragraphenband Der feisten Herrn am grünen Tisch, Armeen der Menschheit werden sie mit wuchtender Gebärde Das Friedenswerk zum unsichtbaren Dome türmen. Die rote Fahne, ... Fahne des Anbruchs, Wer trägt sie voran? Zweiter Arbeiter        Du! Dir folgen sie. (Stille flackert.) Die Frau        Daß nur die Mittler schweigen! Du glaubst, die Polizei ist ohne Kunde? Wenn Militär den Saal mit Ketten fesselt? Erster Arbeiter        Die Polizei ist ohne Kunde. Und wenn sies weiß, So weiß sie nicht den wahren Zweck. -- Umfängt die Massen erst der Saal, Sind sie gewaltige Flut, die keine Polizei Zu Parkfontänen ruhig plätschernd formt. Und dann: die Polizei wagt nicht mehr vollen Einsatz, Zersetzung fraß den Rausch des Machtgefühls Die Regimenter aber stehn zu uns -- Soldatenräte überall! Morgen wird Entscheidung, Genossin. (Es klopft.) Erster Arbeiter        Verraten! Zweiter Arbeiter        Sie dürfen dich nicht fangen. Erster Arbeiter        Nur eine Tür. Zweiter Arbeiter        Durchs Fenster! Erster Arbeiter        Das Fenster stürzt in einen Lichtschacht. Die Frau        So nah dem Kampf ... (Es klopft stärker. Die Tür öffnet sich. Der Mann, Mantelkragen hoch aufgeschlagen, kommt hinein, blickt sich schnell um, hebt den Hut aus steifem Filz.) Die Frau        Ein ... Freund und nichts zu fürchten ... Du kommst zu mir, Du findest mich. Der Mann        Ich wünsche guten Abend. (Leise.) Ich bitte mich nicht vorzustellen. Kann ich dich sprechen? Die Frau        Genossen ... Die Arbeiter        Gute Nacht. Auf Morgen. Die Frau        Gute Nacht, auf Morgen. Der Mann        Klar wird dir sein, Ich komm nicht her als Helfer. Die Frau        Verzeih den Traum der blühenden Sekunden. Der Mann        Bedrohte Ehre zwang den Schritt hierher. Die Frau        Bin ich der Anlaß? Seltsam. Ists Ehre bürgerlichen Standes? Ward abgestimmt? Droht Mehrheit Dich aus ihren Reihen auszuschließen? Der Mann        Ich bitte, laß das Scherzen. Die Rücksichtnahme, die dir fremd, ist mir Gebot. Für mich besteht die sachlich strenge Ehrensatzung... Die Frau        Die euch zu Formeln prägt. Der Mann        Die Unterordnung, Selbstzucht heischt... Du nimmst nicht teil an meinen Worten... Die Frau        Ich sehe deine Augen. Der Mann        Verwirr mich nicht. Die Frau        Du... du... Der Mann        Um kurz zu sein, Ich setze Riegel vor dein Wirken. Die Frau        Du... Der Mann        Drang nach sozialer Tätigkeit Kann auch Befriedigung in unserm Kreise finden. Ich nenne: Heim unehelich geborner Kinder. Gedanke liegt dem Arbeitsfeld zugrunde, Der Zeuge ist für die Kultur, von dir verspottet. Selbst deine sogenannten Arbeitergenossen Verachten Mütter ohne Ehe. Die Frau        Nur weiter... weiter... Der Mann        Du bist nicht frei in deinem Handeln. Die Frau        Ich bin frei... Der Mann        Annehmen darf ich ein gewisses Maß von Rücksicht, Wenn nicht von deiner Einsicht, so von deinem Takt. Die Frau        Ich kenne Rücksicht nur aufs Werk, Dem diene ich, dem, hörst du, muß ich dienen. Der Mann        Zergliedern will ich: Wunsch nach äußerer Tätigkeit bestimmt dein Tun -- Wunsch, geboren aus verschiedenen Motiven. Es liegt mir der Gedanke fern, Daß diese Wünsche unedler Natur. Die Frau        Wie du mir wehe tust mit jedem Wort... Kennst du die Bilder der Madonnen In bäuerlichen Häusern? Durchbohrt von Schwertern blutet Herz in dunklen Tränen. Ihr häßlichen, ihr rührend frommen Drucke... So einfältig und groß... Du... Du... Sprachst du von Wünschen? Ich weiß... Schlucht gräbt sich zwischen uns... Nicht Wunsch hat mein Geschick gewendet, Not wars... Not aus Menschsein, Not aus meiner tiefsten Fülle. Not wendet, höre, Not wendet! Nicht Laune, Spiel der Langeweile, Not aus Menschsein wendet. Der Mann        Not? Hast du ein Recht Von Not zu sprechen? Die Frau        Mann... du... laß mich... Nun halt ich deinen Kopf... Nun küß ich deine Augen... Du... Sprich nicht weiter... Der Mann        Fern liegt mir dich zu quälen... Der Ort... Man kann uns nicht belauschen? Die Frau        Und hört uns ein Genosse, Sie haben Taktgefühl auch ohne Ehrensatzung. Oh, wenn du sie verstündest, Hauch nur spürtest ihrer Not. Not... die unsre ist... sein muß! Erniedrigt habt ihr sie... Erniedrigend euch selbst geschändet, Zu eignen Henkern wurdet ihr... Sperr das Mitleid deiner Augen! Ich bin nicht nervenkrank, Bin nicht sentimental. Weil ichs nicht bin, gehöre ich zu ihnen. O eure jämmerlichen Stunden für soziales Tun bestimmt, Beschwichtigung aus Eitelkeit und Schwäche. Kameraden sind, die schämen sich für euch, Wenn sie nicht... hell auflachen... Siehst du, wie ich jetzt lache. Der Mann        So magst du alle Wahrheit wissen. Man weiß... Behörde weiß von dir. Ich leistete den Staatseid... Frau. Der Referent für Personalia ist unterrichtet, Fortkommen im Beruf wär ausgeschlossen. Die Frau        Und...? Der Mann        Ich sag dir rücksichtslos, Ich zieh die Konsequenzen, Die... sei versichert, Auch mein Gefühl berühren würden... Zumal du neben dem Beruf des Gatten Das Staatswohl schädigst... Du unterstützt den innren Feind. Damit ist Scheidungs-Tatbestand gegeben. Die Frau        Dann freilich... wenn ich dich schädige, Dir im Wege hemmend stehe... Der Mann        Noch wäre Zeit. Die Frau        Dann freilich... Dann... bin ich bereit... Ich trag die Schuld... Hab keine Angst, Prozeß wird dich nicht schädigen Du... Du... meine Arme weiten sich dir In großer Not. Du, mein Blut blüht dir... Sieh, ich werde welkes Blatt ohne dich. Du bist der Tau, der mich entfaltet. Du bist der Sturm, deß märzne Kraft Brandfackeln wirft in dürstendes Geäder ... Nächte waren, Rufe schwellender Knaben, Die sich bäumen in ihres Blutes Reife ... Trag mich fort, in Wiesen, Park, Alleen, Demütig will ich deine Augen küssen ... Ich glaube, ich werde schwach sein Ohne dich ... grenzenlos ... Verzeih, ich wars nur eben. Ich sehe klar die Lage, gerechtfertigt dein Tun. Denn siehe, morgen steh ich vor den Massen -- Morgen spreche ich zu ihnen. Morgen werde ich dem Staat, dem Eid du schwurst Die Maske von der Mörderfratze reißen ... Der Mann Dein Tun ist Staatsverrat! Die Frau        Dein Staat führt Krieg, Dein Staat verrät das Volk! Dein Staat ausbeutet, drückt, bedrückt, Entrechtet Volk. Der Mann Staat ist heilig ... Krieg sichert Leben ihm. Friede ist Phantom von Nervenschwachen. Krieg ist nichts als unterbrochner Waffenstillstand, In dem der Staat, bedroht vom äußren Feind, Bedroht vom innren Feind, beständig lebt. Die Frau        Wie kann ein Leib von Pest und Brand zerfressen leben? Sahst du den nackten Leib des Staates? Sahst du die Würmer daran fressen? Sahst du die Börsen, die sich mästen Mit Menschenleibern? Du sahst ihn nicht ... ich weiß du schwurst dem Staate Eid, Tust deine Pflicht und dein Gewissen ist beruhigt. Der Mann        Bedeutet der Entscheid dein letztes Wort? Die Frau        Bedeutet letztes Wort. Der Mann        Gute Nacht! Die Frau        Gute Nacht. (Da der Mann gehen will.) Die Frau        Ich darf mit dir gehen? Zum letzten Male heut ... Oder bin ich schamlos? Oder bin ich schamlos ... Schamlos in meinem Blut ... (Frau folgt dem Mann.) (Die Bühne verdunkelt sich.) Zweites Bild (Traumbild) Angedeutet: Saal der Effektenbörse. Am Pult Schreiber, um ihn Bankiers und Makler. Schreiber: Antlitz des Mannes. Schreiber        Ich notiere. Erster Bankier        Waffenwerke 350. Zweiter Bankier        Ich überbiete 400. Dritter Bankier        400 Biete an. (Der vierte Bankier zerrt den dritten nach vorn. Im Hintergrund Gemurmel der Bietenden und Verkaufenden.) Vierter Bankier        zum Dritten Gehört? Rückzug Notwendig. Große Offensive Wird mißlingen. Dritter Bankier        Reserven? Vierter Bankier        Menschenmaterial Wird schlecht. Dritter Bankier        Ernährung ungenügend? Vierter Bankier        Auch das. Obwohl Professor Ude Meint, Daß Roggen, Nach Prozentsatz 95 Ausgemahlen, Schlemmernahrung Ist. Dritter Bankier        Die Führung? Vierter Bankier        Ausgezeichnet. Dritter Bankier        Nicht Alkohol genug? Vierter Bankier        Die Schnapsfabriken Brennen Unter Hochdruck. Dritter Bankier        Was fehlt? Vierter Bankier        Der General Hat 93 Professoren Ins Hauptquartier berufen. Auch unsre Koriphäe Geheimrat Gluber. Man munkelt Resultate. Dritter Bankier        Die sind? Vierter Bankier        In bürgerlichen Sphären Zu verhüllen. Dritter Bankier        Schwächt Männerliebe Die Soldaten? Vierter Bankier        Merkwürdig nein. Mann haßt Mann. Es fehlt. Dritter Bankier        Es fehlt? ... Vierter Bankier        Mechanik Alles Lebens Wurde offenbart. Dritter Bankier        Es fehlt? Vierter Bankier        Masse braucht Lust. Dritter Bankier        Es fehlt? ... Vierter Bankier        Die Liebe. Dritter Bankier        Das genügt! So ist der Krieg Als unser Instrument, Das mächtige gewaltge Instrument, Das Könige und Staaten, Minister, Parlamente, Presse, Kirchen Tanzen läßt, Tanz über Erdball, Tanz über Meere, Verloren? Sprechen Sie: Verloren? Ist das Bilanz? Vierter Bankier        Sie kalkulieren schlecht. Die Fehlerquelle ist erkannt. Wird ausgeglichen. Dritter Bankier        Wodurch? Vierter Bankier        Auf internationalem Weg. Dritter Bankier        Ist das bekannt? Vierter Bankier        Im Gegenteil. Wird vaterländisch echt frisiert Und unabhängig Von Valuta. Dritter Bankier        Auch gut fundiert? Vierter Bankier        Konzern der größten Banken Leitet Unternehmen. Dritter Bankier        Der Profit? Die Dividende? Vierter Bankier        Wird regelmäßig ausgeschüttet. Dritter Bankier        Die Form des Unternehmens gut. Doch Inhalt? Vierter Bankier        Die Maske heißt Erholungsheim Zur Siegeswillenstärkung. Der Inhalt: Staatliches Bordell. Dritter Bankier        Grandios! Ich zeichne 100 000. Noch eine Frage, Wer ordnet die Dynamik? Vierter Bankier        Erfahrene Generäle, Beste Kenner Erprobten Reglements. Dritter Bankier        Der Plan Entworfen? Vierter Bankier        Nach Reglement, Wie ich schon sagte. Drei Preise. Drei Kategorien. Bordell für Offiziere: Aufenthalt die Nacht. Bordell für Korporale: Eine Stunde. Mannschaftsbordell: 15 Minuten. Dritter Bankier        Ich danke. Wann wird der Markt eröffnet? Vierter Bankier        Jeden Augenblick. (Im Hintergrund Lärm. Dritter und vierter Bankier nach hinten.) Der Schreiber        Zugelassen neu: Die nationale Aktie Kriegserholungsheim A.G. Erster Bankier        Ich habe keinen Auftrag. Zweiter Bankier        Die Dividende lockt mich nicht. Dritter Bankier        Ich zeichne 100 000 Nennwert. Schreiber        Ich notiere. Vierter Bankier        Die gleiche Anzahl. Der Erste zum Zweiten Bankier Der Kühle zeichnet ... Was meinen Sie? ... Zweiter Bankier        Soeben Telegramm: Die Schlacht im Westen Verloren ... Erster Bankier        Meine Herren! Die Schlacht im Westen ist verloren! (Rufe, Geschrei, Kreischen.) Stimmen        Verloren! Stimme        Waffenwerke Biete an Zu 150. Stimme        Flammenwerfer Trust Ich biete an. Stimme        Kriegsgebetbuch m.b.H. Ich biete an. Stimme        Giftgaswerke Biete an. Stimme        Kriegsanleihe Biete an. Dritter Bankier        Ich zeichne nochmals 100 000. Stimme        Hoho ... Bei dieser Baisse? ... Stimme        Wer sagte, daß die Schlacht verloren? Stimme        Ist wahr die Nachricht? Oder Börsencoup? Der Kühle Zeichnet Zweimalhunderttausend. Zweiter Bankier        Schiebung! Ich kaufe. 150. Stimme        Ich überbiete. 200. Stimme        Ich kaufe. 300. Stimme        Wer bietet an? 400. Ich kaufe. Schreiber        Ich notiere. Vierter zum Dritten Bankier Der Fuchs errät ... Dritter Bankier        Verzeihen Sie die Frage. Unser stärkstes Instrument Gerettet? Vierter Bankier        Wie können Sie nur zweifeln? Mechanik alles Lebens Ist so einfach -- Ein Leck war da ... Es ist entdeckt Und schnell verstopft. Die Baisse Oder Hausse heute Ist nebensächlich. Das Wesentliche: Mechanisches Gesetz stabil. Die Folge: Das System gerettet. Schreiber        Ich notiere. (Der Begleiter tritt ein. Sein Gesicht: ein Verwobensein von Zügen des Todes und Zügen angespanntesten Lebens. Er führt die Frau.) Der Begleiter Sie notieren zu voreilig. Blut und System! Mensch und System! Der Satz ist brüchig. Ein Fußtritt, Und die Mechanik Ist zerbrochnes Kinderspielzeug. Achtung! (Zur Frau.) Sprich Du! Die Frau        (leise) . Meine Herren: Menschen. Ich wiederhole: Menschen! (Die Begleiter und die Frau verblassen. Jähe Stille.) Dritter Bankier        Hörten Sie? Ein Grubenunglück, Scheints. Menschen in Not. Vierter Bankier        Ich schlage vor: Wohltätigkeitsfest. Tanz Ums Börsenpult. Tanz Gegen Not. Erlös Den Armen. Wenns gefällig ist, Ein Tänzchen, Meine Herrn. Ich spende: Eine Aktie Kriegserholungsheim A.G. Stimme        Doch Weiber? Vierter Bankier        Soviel Sie wollen. Man befehle Dem Portier: Fünfhundert Raffinierte Mädchen Her! Inzwischen ... Die Bankiers Wir spenden! Wir tanzen! Erlös Den Armen! (Musik klappernder Goldstücke. Die Bankiers im Zylinder tanzen einen Foxtrott um das Börsenpult.)   (Die Bühne verdunkelt sich.) Drittes Bild Die Bühne bleibt dunkel. Massenchöre (wie aus der Ferne). Wir ewig eingekeilt In Schluchten steiler Häuser. Wir preisgegeben Der Mechanik höhnischer Systeme. Wir antlitzlos in Nacht der Tränen. Wir ewig losgelöst von Müttern, Aus Tiefen der Fabriken rufen wir: Wann werden Liebe wir leben? Wann werden Werk wir wirken? Wann wird Erlösung uns? (Die Bühne erhellt sich. Großer Saal. Auf der Tribüne ein langer schmaler Tisch. Links sitzt die Frau. Im Saal Arbeiter und Arbeiterinnen dicht gedrängt.) Gruppe junger Arbeiterinnen Und Schlacht speit neue Schlacht! Kein Zaudern mehr mit jenen Herren, Nicht Schwanken und nicht schwachen Pakt. Einer Schar Genossen Auftrag: In die Maschinen Dynamit. Und morgen fetzen die Fabriken in die Luft. Maschinen pressen uns wie Vieh in Schlachthaus, Maschinen klemmen uns in Schraubstock, Maschinen hämmern unsre Leiber Tag für Tag Zu Nieten ... Schrauben ... Schrauben ... drei Millimeter ... Schrauben ... fünf Millimeter, Dörren unsre Augen, lassen Hände uns verwesen Bei lebendigem Leibe ... Nieder die Fabriken, nieder die Maschinen! Vereinzelte Rufe im Saal Nieder die Fabriken, nieder die Maschinen! (Am Tisch auf der Tribüne erhebt sich die Frau.) Die Frau        Einst Blinde noch und angefallen Von Marterkolben saugender Maschinen, Verzweifelt schrie ich jenen Ruf. Es ist ein Traum, der eure Blicke hemmt, Ein Traum von Kindern, die vor Nacht erschreckt. Denn seht: Wir leben zwanzigstes Jahrhundert. Erkenntnis ist: Fabrik ist nicht mehr zu zerstören. Nehmt Dynamit der ganzen Erde, Laßt eine Nacht der Tat Fabriken sprengen, Im nächsten Frühjahr wärn sie auferstanden Und lebten grausamer als je. Fabriken dürfen nicht mehr Herr, Und Menschen Mittel sein. Fabrik sei Diener würdigen Lebens! Seele des Menschen bezwinge Fabrik! Gruppe junger Arbeiter So sollen die und wir verkommen. Sieh unsre Worte zerstriemen sich in Wut und Rache. Die Herren bauen sich Paläste, Da Brüder in den Schützengräben faulen. Und Tanz quillt auf und Wiesen, bunte Spiele, In Nächten lesen wir davon und heulen auf! Und Sehnsucht ist in uns nach Wissen ... Das Höchste nahmen sie, Und es ward böse. Nur manchmal in Theatern springt es uns entgegen Und ist so zart ... und schön ... und höhnisch wieder! In Schulen haben unsre Jugend sie zerstört, In Schulen unsre Seelen zerbrochen. Einfache Not ists, die wir rufen ... Riecht wohl -- diese Not gebeizter Dämpfe! Wer sind wir heute? Wir wollen nicht warten! Eine Gruppe von Landarbeitern Verstoßen hat man uns von unsrer Mutter Erde, Die reichen Herren kaufen Erde sich wie feile Dirnen, Belustgen sich mit unsrer gnadenreichen Mutter Erde, Stoßen unsre rauhen Arme in Rüstungsfabriken. Wir aber siechen, von Scholle entwurzelt, Die freudlosen Städte zerbrechen unsre Kraft. Wir wollen Erde! Allen die Erde! Masse im Saal        Allen die Erde! Die Frau        Durch die Quartiere ging ich. Von Schindeldächern tropfte grauer Regen, An Stubenwänden schossen Pilze aus der Feuchte. Und eine Kammer traf ich, saß darin ein Invalide, Der stotterte: »da draußen war es besser fast ... Hier leben wir im Schweinekober ... Nicht wahr ... im Schweinekober?« ... Und schamhaft Lächeln fiel aus seinen Augen. Und mit ihm schämt ich mich. Den Ausweg, Brüder, wollt ihr wissen? Ein Ausweg bleibt uns Schwachen, Uns Hassern der Kanonen. Der Streik! kein Handschlag mehr. Streik unsre Tat! Wir Schwachen werden Felsen sein der Stärke, Und keine Waffe ist gebaut, die uns besiegen könnte. Ruft unsre stummen Bataillone! Ich rufe Streik! Hört ihr: Ich rufe Streik! Der Moloch frißt das sechste Jahr die Leiber, Auf Straßen brechen Schwangere zusammen, Vor Hunger sind sie nicht mehr fähig, Zu tragen Last der Ungebornen. In euren Stuben stiert die Not, Stiert Seuche, Wahnsinn, Hunger, grüner Hunger. Dort aber, schaut nach dort: Die Börsen speien Bacchanalien, Sekt überströmt errungene Siege, Wollüstig Prickeln tanzt Geschehen Um goldene Altäre. Und draußen? Saht ihr das fahle Antlitz eurer Brüder? Fühlt ihr die Leiber, Klamm im abendlichen Feuchten Frost? Riecht ihr Verwesung Hauch? Hört ihr die Schreie? frage ich. Hört ihr den Ruf? »Die Reihe ist an euch! Wir angekettet an Kanonenrohre, Ohnmächtige wir, Wir schrein euch zu: Ihr! seid uns Helfer! » Ihr: seid die Brücke!! « Hört ihr! Ich rufe Streik! Wer weiter Rüstungswerkstatt speist, Verrät den Bruder. Was sage ich: verrät? Er tötet eignen Bruder. Und Frauen ihr! Kennt ihr Legende jener Weiber, Die ewig fruchtlos, Weil sie Waffen mitgeschmiedet? Denkt eurer Männer draußen! Ich rufe Streik! Masse im Saal Wir rufen Streik! Wir rufen Streik! (Aus der Masse im Saal eilt der Namenlose auf die Tribüne, stellt sich rechts an den Tisch.) Der Namenlose Wer Brücke bauen will, Muß auch für Pfosten sorgen. Streik ist heute Brückensteg, dem Pfosten fehlen. Wir brauchen mehr als Streik. Das Kühnste angenommen. Durch Streik erzwingt ihr Frieden, Einen Frieden. Schafft Ruhepause nur. Nicht mehr. Der Krieg muß enden In alle Ewigkeit! Doch vorher letzten, rücksichtslosen Kampf! Was nützts, wenn ihr den Krieg beendet? Auch Friede, den ihr schafft, Läßt euer Los unangetastet. Hie Friedensmaske, altes Los! Hie Kampf und neues Los! Ihr Toren, brecht die Fundamente, Brecht Fundamente! rufe ich. Dann mag die Sintflut Das verweste Haus, durch goldne Ketten Vor Verfall bewahrt, fortschwemmen. Wir bauen wohnlicher System. Den Arbeitern gehören die Fabriken Und nicht dem Monsieur Kapital. Vorbei die Zeit, da er auf unsern krummen Rücken Nach fernen Schätzen gierig Umschau hielt Und fremdes Volk versklavte, Kriege sann, Papierne Lügenmäuler kreischen ließ: »Fürs Vaterland! Fürs Vaterland!« Doch immer mitschwang wahre Melodie: »Für mich! Für mich!« Vorbei die Zeit! Ein Ruf der Massen aller Länder: Den Arbeitern gehören die Fabriken! Den Arbeitern die Macht! Alle für Alle! Ich rufe mehr als Streik! Ich rufe: Krieg! Ich rufe: Revolution! Der Feind dort oben hört Auf schöne Reden nicht. Macht gegen Macht! Gewalt ... Gewalt! Eine Stimme        Waffen! Der Namenlose Ja, nur Waffen braucht ihr! Drum holt sie euch, erstürmt das Stadthaus! Der Kampfruf: Sieg! Die Frau        Hört mich! Ich will ... Der Namenlose Schweigen Sie, Genossin! Mit Händedruck, Gebet und brünstgen Bitten Erzeugt man keine Kinder. Schwindsüchtge werden nicht gesund durch Wassersuppen, Zum Bäumefällen brauchts die Axt. Die Frau        Hört mich ... Ich will nicht neues Morden. Der Namenlose Schweigen Sie, Genossin. Was wissen Sie? Sie fühlen unsre Not, ich geb es zu. Doch waren Sie zehn Stunden lang im Bergwerk, In blinden Kammern Kinder heimatlose, Zehn Stunden Bergwerk, abends jene Kammern, So Tag für Tag das Los der Massen? Sie sind nicht Masse! Ich bin Masse! Masse ist Schicksal. Masse im Saal Ist Schicksal ... Die Frau        Doch überlegen Sie, Masse ist ohnmächtig. Masse ist schwach. Der Namenlose Wie fern Sie der Erkenntnis sind! Masse ist Führer! Masse ist Kraft! Masse im Saal Ist Kraft. Die Frau        Gefühl zwängt mich in Dunkel, Doch mein Gewissen schreit mir: Nein! Der Namenlose Schweigen Sie, Genossin! Der Sache willen. Was gilt der Einzelne, Was sein Gefühl, Was sein Gewissen? Die Masse gilt! Bedenken Sie: ein einzger blutiger Kampf Und ewig Frieden. Kein Maskentand, wie früher Frieden, Wo unter Hülle Krieg, Krieg der Starken gegen Schwache, Krieg der Ausbeutung, Krieg der Gier. Bedenken Sie: aufhört das Elend! Bedenken Sie: Verbrechen werden Märchen, An Morgenhorizonten leuchtet Freiheit aller Völker! Glauben Sie, daß leicht ich rate? Krieg ist Notwendigkeit für uns. Ihr Wort bringt Spaltung, Um der Sache willen Schweigen Sie. Die Frau        Du ... bist ... Masse Du ... bist ... Recht Der Namenlose        Die Brückenpfosten eingerammt, Genossen! Wer in den Weg sich stellt, wird überrannt. Masse ist Tat! Masse im Saal        (hinaus stürmend). Tat!!! (Die Bühne verdunkelt sich.) Viertes Bild (Traumbild) Angedeutet hochummauerter Hof. Nacht. In der Mitte des Hofes auf der Erde eine Laterne, die ein kümmerliches Licht tränt. Aus den Hofwinkeln tauchen Arbeiter-Wachen auf. Erste Wache (singt) . Meine Mutter Hat mich Im Graben geboren. Lalala la Hm, Hm, Zweite Wache        Mein Vater Hat mich Im Rausche verloren. Alle Wachen        Lalala la Hm, Hm, Dritte Wache        Drei Jahre War ich Im Zuchthaus geschoren. Alle Wachen        Lalala la Hm, Hm, (Von irgendwo nähert sich mit gespenstigen lautlosen Schritten der Namenlose. Stellt sich neben die Laterne.) Erste Wache        Herr Vater Vergaß Aliment zu zahlen. Alle Wachen        Lalala la Hm, Hm, Zweite Wache        Meine Mutter Trippelt Den Strich in Qualen. Alle Wachen        Lalala la Hm, Hm, Dritte Wache        Ich störte Bürger Bei Königswahlen. Alle Wachen        Lalala la Hm, Hm, Der Namenlose        Zum Tanz! Ich spiele auf! Die Wachen        Halt!! Wer bist du? Der Namenlose        Fragt ich Nach eurem Namen, Namenlose? Die Wachen        Parole? Der Namenlose        Masse ist namenlos! Die Wachen        Ist namenlos. Der Unsern einer. Der Namenlose        Ich spiele auf. Ich Melder Der Entscheidung. (Der Namenlose beginnt auf einer Harmonika zu spielen. In aufpeitschenden, bald sinnlich sich wiegenden, bald stürmischen Rhythmen. Verurteilter, einen Strick um den Hals, tritt aus dem Dunkel.) Verurteilter        Im Namen Der zum Tode Verurteilten: Wir bitten letzte Gnade: Einladung zum Tanz. Tanz ist der Kern Der Dinge. Leben, Aus Tanz geboren, Drängt Zum Tanz. Zum Tanz der Lust, Zum Totentanz Der Zeit. Die Wachen        Verurteilten Soll man Die letzte Bitte Stets erfüllen: Eingeladen. Namenloser        Nur her! Die Farbe Bleibt sich gleich. Verurteilter        (ruft ins Dunkel) . Die zum Tode Verurteilten Antreten! Zum letzten Tanz! Gefaßte Särge Stehen lassen. (Die Verurteilten, Strick um den Hals, treten aus dem Dunkel. Wachen und Verurteilte tanzen um den Namenlosen.) Die Wachen        (singend) . Im Graben geboren. (Tanzen weiter. Nach kurzer Pause.) Die Wachen        (singend) . Im Rausche verloren. (Tanzen weiter. Nach kurzer Pause.) Die Wachen        (singend) . Im Zuchthaus geschoren. (Tanzen weiter. Der Namenlose bricht jäh ab. Die Dirnen und die zum Tode Verurteilten laufen in die Ecke des Hofes. Nacht frißt sie. Die Wachen postieren sich. Stille windet sich um den Namenlosen. Durch die Mauer ist der Begleiter in Gestalt eines Wachmannes getreten. Preßt das Weib [Antlitz der Frau] an sich.) Der Begleiter        Die Wanderung Beschwerlich. Effekt Belohnt die Müh. Schau dorthin: Sogleich Beginnt das Drama. Lockt dich die Sensation, Spiel mit. (Eine Wache bringt den Gefangenen [Antlitz des Mannes], führt ihn zum Namenlosen.) Der Namenlose        Vom Tribunal Verurteilt? Eine Wache        Sprach selbst Sich Tod: Er schoß auf uns. Der Gefangene        Tod? Der Namenlose        Erschrickst du? Höre zu: Wache! Gib Antwort! Wer lehrte Todesurteil? Wer gab Waffen? Sagte »Held« und »gute Tat«? Wer heiligte Gewalt? Die Wache        Schulen. Kasernen. Krieg. Immer. Der Namenlose        Gewalt ... Gewalt. Warum geschossen? Der Gefangene        Ich schwur Dem Staate Eid. Der Namenlose        Du stirbst Für deine Sache. Die Wachen        An die Mauer! Der Namenlose        Gewehre geladen? Die Wachen        Geladen ... Der Gefangene        (an der Mauer) . Leben! Leben! (Weib reißt sich vom Begleiter los.) Weib        Nicht schießen! Der dort mein Mann! Vergebt ihm, Wie ich ihm demütig vergebe. Vergeben ist so stark Und jenseits allen Kampfes. Der Namenlose        Vergeben Die uns? Weib        Kämpfen Die für Volk? Kämpfen Die für Menschheit? Der Namenlose        Die Masse gilt. Die Wachen        An die Mauer! Eine Wache        Vergeben ist Feigheit. Gestern entfloh ich Den Feinden drüben. An der Mauer schon stand ich. Den Leib zerstriemt. Neben mir der Mann, Der mich Erschlagen sollte. Mein Grab Mußt ich graben Mit eigner Hand. Vor uns Der Photograph, Begierig, Mord In seine Platte einzubrennen. Ich scheiß auf die Revolution, Wenn wir uns Äffen lassen Von den höhnischen Mördern Drüben. Ich scheiß auf die Revolution! Die Wachen        An die Mauer! (Das Antlitz des Gefangenen verwandelt sich in das Einer Wache. Die Frau zu Einer Wache.) Die Frau        Gestern standst du An der Mauer. Jetzt stehst du Wieder an der Mauer. Das bist du, Der heute An der Mauer steht. Mensch Das bist du. Erkenn dich doch: Das bist du. Eine Wache        Die Masse gilt. Die Frau        Der Mensch gilt. Alle Wachen        Die Masse gilt. Die Frau        Ich geb Mich hin... Allen hin... (Böses Gelächter der Wachen). Die Frau        (stellt sich neben den Mann) . So schießt! Ich sag mich los!... Ich bin so müde... (Die Bühne verdunkelt sich.) Fünftes Bild Der Saal. Morgengrauen schleicht durch die Fenster. Tribüne von trübem Licht erhellt. Am langen Tisch sitzen links die Frau, rechts der Namenlose. An den Türen des Saales Arbeiterwachen. Im Saal hocken vereinzelt an Tischen Arbeiter und Arbeiterinnen. Die Frau        Sind Nachrichten gekommen letzte Stunde? Ich schlief, verzeihen Sie, Genosse. Der Namenlose        Meldung auf Meldung kommt. Kampf ist Kampf, Ist blutiges Kräftespiel und kühl zu wägen. Vor Mitternacht besetzten wir den Bahnhof. Um eins war er verloren. Jetzt rücken Bataillone an Zum neuen Sturm. Das Postgebäude ist in unserem Besitz. In diesem Augenblick Verkündet Telegramm den Völkern unser Werk. Die Frau        Das Werk! Welch heiliges Wort! Der Namenlose        Ein heilig Wort, Genossin! Es fordert erzne Panzer, Es fordert mehr als Rede heißen Herzens. Es fordert rücksichtslosen Kampf. (Sekundenlang flackernde Stille im Saal.) Die Frau        Genosse, im Letzten überwind ichs nicht. Kampf mit Eisenwaffen vergewaltigt. Der Namenlose        Auch Kampf mit Geisteswaffen vergewaltigt. Ja, jede Rede vergewaltigt. -- Nicht so bestürzt, Genossin, Ich packe nackte Dinge. Dächt ich wie Sie, ich würde Mönch In jenem Kloster ewigen Schweigens. (Stille will sich schwer auf den Saal senken. Erster Arbeiter tritt ein.) Erster Arbeiter        Ich bringe Meldung. Wir rückten dreimal gegen den Bahnhof. Der Platz bäumt sich vor Toten. Die drüben liegen gut verschanzt, Mit allen Waffen ausgerüstet, Mit Flammenwerfern, Minen, giftgen Gasen. Der Namenlose        Ihr rücktet dreimal an. Beim viertenmal? Erster Arbeiter        Wir kamen nicht zum viertenmal, Die drüben wagten Ausfall. Der Namenlose        Ihr hieltet Stand. Braucht Ihr Verstärkung? Erster Arbeiter        Wir sind zersprengt. Der Namenlose        Rückschlag war zu erwarten. Merk auf -- geh in den dreizehnten Bezirk, Dort liegen die Reserven. Geh -- eile dich. (Arbeiter geht.) Die Frau        Er sprach von Toten. Viele hundert. Schrie ich nicht gestern gegen Krieg?? Und heute ... laß ichs zu, Daß Brüder in den Tod geworfen? -- Der Namenlose        Ihr Blick ist unklar, Im Kriege gestern warn wir Sklaven. Die Frau        Und heute? Der Namenlose        Im Kriege heute sind wir Freie. (Stille fiebert.) Die Frau        In ... beiden Kriegen ... Menschen ... In ... beiden Kriegen ... Menschen ... ( Stille taumelt. Zweiter Arbeiter stürzt herein.) Zweiter Arbeiter        Das Postamt verloren! Die Unsern fliehen! Feind gibt kein Pardon. Gefangener Schicksal Tod. (Erster Arbeiter eilt herein.) Erster Arbeiter        Ich komm vom dreizehnten Bezirk, Vergeblich Mühen. Die Straßen gesperrt. Bezirk hat sich ergeben. Sie liefern Waffen ab. Dritter Arbeiter        Die Stadt ist verloren! Das Werk mißlang! Die Frau        Es mußt mißlingen ... Der Namenlose        Noch einmal: Schweigen Sie Genossin! Das Werk ist nicht mißlungen. War heute unsere Kraft zu schwach, Morgen dröhnen neue Bataillone. Vierter Arbeiter        ( schreit in den Saal ). Sie rücken an! O furchtbares Gemetzel. Erschossen meine Frau, Erschossen mein Vater! Der Namenlose        Sie starben für die Masse. Aufrichtet Barrikaden! Noch sind wir Schützer! Trächtig ist unser Blut zum Kampf! Sie sollen kommen! (Arbeiter stürmen in den Saal.) Fünfter Arbeiter        Sie metzeln alles nieder. Männer, Frauen, Kinder. Wir liefern uns nicht aus, Daß sie uns töten eingefangnes Vieh. Alle metzeln sie nieder, wir müssen uns wehren! Die jenseits der Grenzen schützte Völkerrecht, Uns meucheln sie wie ausgebrochne wilde Tiere, Setzen Prämien auf unsre Leiber. -- Waffen sind uns in Händen. Gefangene Bürger führen wir mit uns, Ich gab Befehl, die Hälfte zu erschießen, Die andere folgt, greift Sturmtrupp an. Der Namenlose        Ihr rächtet eure Brüder. Masse ist Rache am Unrecht der Jahrhunderte. Masse ist Rache. Die Arbeiter        Ist Rache! Die Frau        Einhaltet Kampf verstörte! Ich fall euch in den Arm. Masse soll Volk in Liebe sein. Masse soll Gemeinschaft sein. Gemeinschaft ist nicht Rache. Gemeinschaft zerstört das Fundament des Unrechts. Gemeinschaft pflanzt die Wälder der Gerechtigkeit. Mensch, der sich rächt, zerbricht. -- Die Hälfte ist erschossen! Die Tat nicht Notwehr. Blinde Wut! nicht Dienst am Werk. Ihr tötet Menschen. Tötet ihr mit ihnen Geist des Staats, Den ihr bekämpft? Die draußen schütze ich. Ich war bereit, Mein Gewissen zu lähmen, Der Masse willen. Ich rufe: Zerbrecht das System! Du aber willst die Menschen zerbrechen. Ich kann nicht schweigen, heute nicht. Die draußen Menschen, Im Blute stöhnender Mütter geboren ... Menschen ewige Brüder ... Der Namenlose        Zum Letzten: Schweigen Sie Genossin! Gewalt ... Gewalt ... Die drüben schonen unsre Leiber nicht. Mit frommem Blick ist harter Kampf Nicht durchzuführen. -- Hört nicht auf diese Frau. Geschwätz von Weiberröcken. Die Frau        Ich rufe: Haltet ein! Und Sie ... wer .. sind ... Sie? Treibt dich entfesselte Wollust des Herrschens In Käfig gesperrt seit Jahrhunderten? Wer ... sind ... Sie? Gott ... wer ... sind ... Sie? Mörder ... oder ... Heiland? Mörder ... oder ... Heiland ...? Namenloser: Ihr Antlitz? Sie sind ...? Der Namenlose        Masse! Die Frau        Sie ... Masse! Ich ertrag Sie nicht! Die draußen schütze ich. In vielen Jahren war ich Euch Gefährtin. Ich weiß ... Ihr littet mehr als ich ... Ich bin in hellen Stuben aufgewachsen, Litt niemals Hunger, Hört nie das Wahnsinnslachen der verfaulenden Tapeten. Doch -- fühle ich mit Euch Und weiß um Euch. Seht, ich komme bittend Kind. Ich bringe alle Demut. Hört auf mich: Zerbrecht die Fundamente des Unrechts, Zerbrecht die Ketten der geheimen Knechtschaft, Doch zerschellt die Waffen der verwesten Zeit. Zerschellt den Haß! Zerschellt die Rache! Rache ist nicht Wille zur Umgestaltung, Rache ist nicht Revolution, Rache ist Axt, die spaltet Den kristallnen, glutenden, Den zornigen erzenen Willen zur Revolution. Der Namenlose        Wie wagst du Frau aus jenen Kreisen, Die Stunde der Entscheidung zu vergiften? Ich höre andern Ton aus deinem Mund. Du schützest sie, die mit dir aufgewachsen. Das ist der tiefre Grund. Du bist Verrat. Masse im Saal        (bedrängt drohend die Frau). Verrat! Ruf        Die Intellektuelle! Ruf        Zur Wand mit ihr! Der Namenlose        Dein Schutz Verrat. Die Stunde fordert Handeln, Rücksichtsloses Handeln. Wer nicht mit uns, ist wider uns. Masse muß leben. Masse im Saal        Muß leben. Der Namenlose        Du bist verhaftet. Die Frau        Ich ... schütze ... sie ... die mit mir aufgewachsen? Nein, ich schütze euch! Ihr selbst steht an der Mauer! Ich schütze unsre Seelen! Ich schütze Menschheit, ewige Menschheit. Wahnsinniger Ankläger ... In meinen Worten Angst ... So niedrig nie ... Ich wählte ... Du lügst ... du lügst ... ( Ein Arbeiter betritt den Saal.) Arbeiter        Bellt einer auf von den Gefangenen Bellt monoton, bellt immer wieder, Er will zur Führerin! Der Namenlose        Beweis. Die Frau        Noch einmal ... du lügst ... -- Wer will mich sprechen ... wer? Vielleicht der Mann. Um ihn beging ich heute nimmermehr Verrat ... Jetzt verrietet ihr euch selbst ... Ich weiß nichts mehr ... (Der Namenlose verläßt die Tribüne, taucht in der Masse im Saal unter. Von draußen dringen Arbeiter ein.) Die Arbeiter        Verloren. Rufe        Fliehen! Kämpfen! (Draußen vereinzelte Schüsse. Die Arbeiter drängen zur Tür.) Rufe        Die Tür ist verrammelt. Gekesselt wie Hasen! (Schweigen der Todeserwartung.) Ruf        Sterben! (Einer beginnt die Internationale zu singen. Die andern fallen ein. Mächtig.) Lied Wacht auf im Erdenrund, ihr Knechte, Ihr Angeschmiedete der Not, Aus Tiefen donnern neue Rechte. Der Tag bricht an, die Fackel loht. Frei die Bahn, heran zum Handeln, Packt an! ihr Massen, erwacht: Die Welt will sich von Grund aus wandeln, Wir Sklaven ergreifen die Macht. Völker hört die Signale, Reiht euch ein, der Würfel fällt. Die Internationale Erkämpft -- befreit die Welt. (Plötzlich kurzes Maschinengewehrfeuer. Das Lied zerbricht, Tür am Haupteingang und seitliche Türen werden mit einem Ruck eingestoßen. Soldaten mit Gewehren im Anschlag stehen an den Türen.) Offizier        Widerstand ist nutzlos! Hände hoch! Hände hoch, befehle ich. Wo ist die Führerin? Warum streckst nicht die Hände hoch? Legt ihr Fesseln an. (Soldaten fesseln die Frau.) (Die Bühne verdunkelt sich.) Sechstes Bild (Traumbild) Unbegrenzter Raum. Im Kern ein Käfig, von einem Lichtkegel umzückt. Darin zusammengekauert eine Gefesselte [Antlitz der Frau]. Neben dem Käfig der Begleiter in Gestalt des Wärters. Die Gefesselte        Wo bin Ich? Der Wärter        Im Menschenschauhaus. Die Gefesselte        Vertreib die Schatten. Der Wärter        Vertreib sie selbst. (Von irgendwo ein grauer Schatten ohne Kopf.) Erster Schatten        Kennst mich, Erschossenen? Mörderin! Die Gefesselte        Ich bin nicht Schuldig. (Von irgendwo ein zweiter grauer Schatten ohne Kopf.) Zweiter Schatten        Auch Mörderin An mir. Die Gefesselte        Du lügst. (Von irgendwo grauer Schatten ohne Kopf.) Dritter Schatten        Mörderin An mir. Vierter Schatten        Und mir. Fünfter Schatten        Und mir. Sechster Schatten        Und mir. Die Gefesselte        Herr Wärter! Herr Wärter! Der Wärter        Haha! Hahahaha! Die Gefesselte        Ich wollt nicht Blut. Erster Schatten        Du schwiegst. Zweiter Schatten        Schwiegst beim Sturm Aufs Stadthaus. Dritter Schatten        Schwiegst beim Raub Der Waffen. Vierter Schatten        Schwiegst zum Kampf. Fünfter Schatten        Schwiegst beim Holen Der Reserven. Sechster Schatten        Du bist schuldig. Alle Schatten        Du bist schuldig. Die Gefesselte        Ich wollt Die Andern Vor Erschießen Retten. Erster Schatten        Betrüg dich nicht. Vorher Erschoß man uns. Alle Schatten        Mörderin du An uns. Die Gefesselte        So bin ich ... Die Schatten        Schuldig! Dreimal schuldig! Die Gefesselte        Ich ... bin ... schuldig ... (Die Schatten verblassen. Von irgendwo Bankiers im Zylinder.) Erster Bankier        Aktie Schuldig, Biete an Zum Nennwert. Zweiter Bankier        Aktie Schuldig Ist nicht mehr Zugelassen. Dritter Bankier Verspekuliert! Aktie Schuldig Fetzen Papier. Die drei Bankiers        Aktie Schuldig Als Verlust zu buchen. (Die Gefesselte richtet sich auf.) Die Gefesselte        Ich... bin... schuldig. (Die Bankiers verblassen.) Der Wärter        Törin Vom sentimentalen Lebenswandel. Wären sie am Leben Sie tanzten Um vergoldeten Altar, Dem Tausende geopfert. Auch Du. Die Gefesselte        Ich Mensch bin schuldig. Der Wärter        Masse ist Schuld. Die Gefesselte        So bin ich zwiefach Schuldig. Der Wärter        Leben ist Schuld. Die Gefesselte        So mußte ich Schuldig werden? Der Wärter        Jeder lebt Sich. Jeder stirbt Seinen Tod. Der Mensch, Wie Baum und Pflanze, Schicksalsgebundne Vorgeprägte Form, Die werdend sich entfaltet, Werdend sich zerstört. Erkämpf die Antwort selbst! Leben ist Alles. (Von irgendwo kommen im Abstand von fünf Schritt die Gefangenen in Sträflingskleidung. Auf dem Kopf spitze Kappe, an der ein Fetzen Tuch mit Augenschlitzen befestigt, das Gesicht verhängt. Auf der Brust jedes Gefangenen eine Nummer. Im Quadrat gehen sie im eintönigen Rhythmus lautlos um den Käfig.) Die Gefesselte        Wer Ihr? Zahlen! Antlitzlose! Wer seid Ihr? Masse Antlitzloser? Von Ferne dumpfes Echo        Masse... Die Gefesselte        Gott!! Echo verhallend        Masse... (Stille tropft.) Die Gefesselte        (aufschreiend) . Masse ist Muß! Masse ist schuldlos! Der Wärter        Mensch ist schuldlos. Die Gefesselte        Gott ist schuldig! Echo von fern        Schuldig... Schuldig... Schuldig... Der Wärter        Gott ist in Dir. Die Gefesselte        So überwind ich Gott. Der Wärter        Wurm! Gottesschänderin! Die Frau        Schändete ich Gott? Oder schändete Gott Den Menschen? O ungeheuerlich Gesetz der Schuld, Darin sich Mensch und Mensch Verstricken muß . Gott Vor ein Gericht! Ich klage an. Echo von ferne        Vor ein Gericht. (Die schreitenden Gefangenen bleiben stehen. Ihre Arme schnellen aufwärts.) Die Gefangenen        Wir klagen an. (Die Gefangenen verblassen.) Der Wärter        Du bist geheilt, Komm aus Dem Käfig. Die Gefesselte        Ich bin frei? Der Wärter        Unfrei! Frei! (Die Bühne verdunkelt sich.) Siebentes Bild Gefängniszelle. Kleiner Tisch, Bank und Eisenbett in Mauer eingelassen. Vergittertes Lichtloch durch Milchglas undurchsichtig. Am Tisch sitzt die Frau. Die Frau        O Weg durch reifes Weizenfeld In Tagen des August... Vormorgenwanderung in winterlichen Bergen... O kleines Käferchen im Hauch des Mittags... Du Welt... (Stille breitet sich sanft um die Frau.) Die Frau        Sehnt ich ein Kind? (Stille schwingt.) Die Frau        O Zwiespalt alles Lebens, An Mann geschmiedet und an Werk. An Mann... an Feind... An Feind? An Feind geschmiedet? An mich geschmiedet? Daß er käme... ich will Bestätigung. (Die Zelle wird aufgeschlossen. Herein kommt der Mann.) Der Mann        Frau... ich komme. Komm, weil Du mich riefst. Die Frau        Mann...! Mann... Der Mann Ich bringe frohe Kunde dir, Nicht weiter dürfen Gossen ihren Sud Auf deinen... meinen Namen willkürlich entleeren. Die Untersuchung gegen jene Mörder Ergab, daß schuldlos du am Frevel der Erschießung. Sei mutig, noch ist Todesurteil nicht bestätigt. Trotz Staatsverbrechen achtet rechtlich Denkender Motive, edel, ehrenhaft. Die Frau        (weint leise auf). Ich bin schuldlos... Ich bin schuldlos schuldig... Der Mann        Du bist schuldlos. Dem rechtlich Denkenden ist es Gewißheit. Die Frau        Dem rechtlich Denkenden... Ich bin so wund... Und froh, daß ohne Schmach dein Name... Der Mann        Ich wußte, daß du schuldlos. Die Frau        Ja... du wußtest... Achtung vor Motiven... so wohlanständig bist du... Ich seh dich jetzt so... klar... Und bist doch schuldig... Mann, Du... Schuldiger am Mord! Der Mann        Frau, ich kam zu dir... Frau... dein Wort ist Haß. Die Frau        Haß? nicht Haß, Ich liebe dich... ich liebe dich aus meinem Blut. Der Mann        Ich warnte dich vor Masse. Wer Masse aufwühlt, wühlt die Hölle auf. Die Frau        Die Hölle? Wer schuf jene Hölle? Wer fand die Folter eurer goldnen Mühlen, Die mahlen, mahlen Tag um Tag Profit? Wer baute Zuchthaus... wer sprach »heilger Krieg«? Wer opferte Millionen Menschenleiber Dem Altar lügnerischen Spiels der Zahl? Wer stieß die Massen in verweste Höhlen, Daß heute sie beladen mit dem Sud des Gestern, Wer raubte Brüdern menschlich Antlitz, Wer zwang sie in Mechanik, Erniedrigt sie zu Kolben an Maschinen? Der Staat!... Du!... Der Mann        Mein Leben Pflicht. Die Frau        O ja... Pflicht... Pflicht am Staat. Du bist... wohlanständig... Ich sagte ja, ich sehe dich so klar. Du bist wohlanständig. Du, sag den rechtlich Denkenden, Sie hätten niemals Recht... Schuldig sind sie... Schuldig wir alle... Ja, ich bin schuldig... schuldig vor mir, Schuldig vorm Menschen. Der Mann        Ich kam zu dir. Ist hier ein Tribunal? Die Frau        Hier wächst ein Tribunal. Ich Angeklagte bin der Richter. Ich klage an... und spreche schuldig, Spreche frei... Denn letzte Schuld...? Ahnst du... wer letzte Schuld trägt? Menschen müssen Werk wollen, Und Werk wird rot von Menschenblut. Menschen müssen Leben wollen, Und um sie wächst ein Meer von Menschenblut. Ahnst du... wer letzte Schuld trägt?... Komm gib mir deine Hand, Geliebter meines Blutes. Ich hab mich überwunden... Mich und dich. (Zittern bricht aus dem Mann. Ein jäh aufquellender Gedanke zerwühlt sein Gesicht. Er taumelt hinaus.) Die Frau        Gib deine Hand mir... Gib deine Hand mir, Bruder, Auch du mir Bruder. -- Du bist gegangen... mußtest gehn... Letzter Weg führt über Schneefeld. Letzter Weg kennt nicht Begleiter. Letzter Weg ist ohne Mutter. Letzter Weg ist Einsamkeit. (Die Tür wird geöffnet. Eintritt der Namenlose.) Der Namenlose        Vom Wahn geheilt? Zerstäubt die Illusion? Drang Einsicht spitzer Dolch ins Herz? Sprach Richter »Mensch« und »Ich vergebe dir«? Heilsam war dir die Lehre. Ich gratuliere zur Bekehrung. Jetzt wieder unser. Die Frau        Du? Wer schickt dich? Der Namenlose        Die Masse. Die Frau        Man hat mich nicht vergessen? Die Botschaft... Die Botschaft... Der Namenlose        Mein Auftrag ist dich zu befrein. Die Frau        Befreien! Leben! Wir fliehn? Ist alles vorbereitet? Der Namenlose        Zwei Wärter sind bestochen. Den Dritten, den am Tore, schlag ich nieder. Die Frau        Schlägst nieder... meinetwillen...? Der Namenlose        Der Sache willen. Die Frau        Ich hab kein Recht, Durch Tod des Wächters Leben zu gewinnen. Der Namenlose        Die Masse hat ein Recht auf dich. Die Frau        Und Recht des Wächters? Wächter ist Mensch. Der Namenlose        Noch gibt es nicht »den Menschen« Massenmenschen hie! Staatsmenschen dort! Die Frau        Mensch ist nackt. Der Namenlose        Masse ist heilig. Die Frau        Masse ist nicht heilig. Gewalt schuf Masse. Besitzunrecht schuf Masse. Masse ist Trieb aus Not, Ist gläubige Demut... Ist grausame Rache -- Ist blinder Sklave... Ist frommer Wille... Masse ist zerstampfter Acker, Masse ist verschüttet Volk. Der Namenlose        Und Tat? Die Frau        Tat! Und mehr als Tat! Mensch in Masse befrein, Gemeinschaft in Masse befreien. Der Namenlose        Der rauhe Wind vorm Tore Wird dich heilen. Eil dich, Minuten bleiben uns. Die Frau        Du bist nicht Befreiung, Du bist nicht Erlösung. Doch weiß ich, wer du bist. »Schlägst nieder!« Immer schlägst du nieder! Dein Vater der hieß: Krieg. Du bist sein Bastard. Du armer neuer Henkermarschall, Dein einzger Heilweg: »Tod!« und »Rottet aus!« Wirf ab den Mantel hoher Worte, Er wird papierenes Gespinst. Der Namenlose        Die Mördergenerale kämpften für den Staat! Die Frau        Sie mordeten, doch nicht in Lust. Sie glaubten gleich wie du an ihre Sendung. Der Namenlose        Sie kämpften für den Unterdrücker Staat, Wir kämpfen für die Menschheit. Die Frau        Ihr mordet für die Menschheit, Wie sie Verblendete für ihren Staat gemordet. Und einige glaubten gar Durch ihren Staat, ihr Vaterland, Die Erde zu erlösen. Ich sehe keine Unterscheidung: Die einen morden für ein Land, Die andern für die Länder alle. Die einen morden für tausend Menschen, Die andern für Millionen. Wer für den Staat gemordet, Nennt Ihr Henker. Wer für die Menschheit mordet, Den bekränzt ihr, nennt ihn gütig, Sittlich, edel, groß. Ja, sprecht von guter, heiliger Gewalt. Der Namenlose        Klag andre, klag das Leben an! soll ich Millionen ferner unterjochen lassen, Weil ihre Unterjocher ehrlich glauben? Und wirst du weniger schuldig, Wenn du schweigst? Die Frau        Nicht Fackel düsterer Gewalt weist uns den Weg. Du führst in seltsam neues Land, Ins Land der alten Menschensklaverei. Wenn Schicksal dich in diese Zeit gestoßen, Und dir die Macht verheißt: Zu vergewaltigen, die verzweifelt Dich ersehnen wie den neuen Heiland, So weiß ich: dieses Schicksal haßt den Menschen. Der Namenlose        Die Masse gilt und nicht der Mensch. Du bist nicht unsre Heldin, unsre Führerin. Ein jeder trägt die Krankheit seiner Herkunft, Du die bürgerlichen Male: Selbstbetrug und Schwäche. Die Frau        Du liebst die Menschen nicht. Der Namenlose        Die Lehre über alles! Ich liebe die Künftigen! Die Frau        Der Mensch über alles! Der Lehre willen Opferst du Die Gegenwärtigen. Der Namenlose        Der Lehre willen muß ich sie opfern. Du aber verrätst die Masse, du verrätst die Sache. Denn heute gilts sich zu entscheiden. Wer schwankt, sich nicht entscheiden kann, Stützt die Herren, die uns unterdrücken, Stützt die Herren, die uns hungern lassen, Ist Feind. Die Frau        Ich verriete die Massen, Forderte ich Leben eines Menschen. Nur selbst sich opfern darf der Täter. Höre: kein Mensch darf Menschen töten Um einer Sache willen. Unheilig jede Sache, dies verlangt. Wer Menschenblut um seinetwillen fordert, Ist Moloch: Gott war Moloch. Staat war Moloch. Masse war Moloch. Der Namenlose        Und wer heilig? Die Frau        Einst... Gemeinschaft... Werkverbundne freie Menschheit... Werk -- Volk. Der Namenlose        Dir fehlt der Mut, die Tat, die harte Tat Auf dich zu nehmen. Durch harte Tat erst wird das freie Volk. Sühne durch den Tod. Vielleicht dein Tod von Nutzen uns. Die Frau        Ich lebe ewig. Der Namenlose        Du lebst zu früh. ( Der Namenlose verläßt die Zelle.) Die Frau        Du lebtest gestern. Du lebst heute. Und bist morgen tot. Ich aber werde ewig, Von Kreis zu Kreis, Von Wende zu Wende, Und einst werde ich Reiner, Schuldloser, Menschheit Sein. Eintritt der Priester.) Der Priester        Ich komme, letzten Beistand dir zu geben, Auch dem Verbrecher wird der Schutz der Kirche nicht versagt. Die Frau        In wessen Auftrag? Der Priester        Die Staatsbehörde hat mich unterrichtet. Die Frau        Wo waren Sie am Tage des Gerichts? Gehen Sie!... Der Priester        Gott vergibt auch dir. Ich weiß um dich. Der Mensch ist gut -- so träumtest du Und sätest namenlosen Frevel Wider heilgen Staat und heilge Ordnung. Der Mensch ist böse von Anbeginn. Die Frau Der Mensch will gut sein. Der Priester        Die Lüge fallender Zeiten, Geboren aus Verfall, Verzweiflung, Flucht, Geschützt durch wächserne Hülle, Erbettelten, ersehnten Glaubens, Bedroht vom schlechten Gewissen. Glaub mir, er will nicht einmal gut sein. Die Frau        Er will gut sein. Auch wo er Böses tut, Hüllt er sich in die Maske Guttun. Der Priester        Völker werden, Völker verfallen, Nie sah die Erde Paradies. Die Frau        Ich glaube. Der Priester Erinnere dich: Machtgier! Lustgier! Der irdische Rhythmus. Die Frau        Ich glaube!! Der Priester        Alles Irdische ewiger Wechsel von Formen. Menschheit bleibt hilflos. In Gott ruht Erlösung. Die Frau        Ich glaube!!! Mich friert... Gehen Sie! Gehen Sie! (Der Priester verläßt die Zelle. Eintritt der Offizier.) Offizier        Hier das Urteil. Mildernder Umstand anerkannt. Trotzdem. Staatsverbrechen heischt Sühne. Die Frau        Sie werden mich erschießen lassen? Der Offizier        Befehl Befehl. Gehorchen gehorchen. Staatsinteresse Ruhe Ordnung. Offizierspflicht. Die Frau        Und der Mensch? Der Offizier        Jede Unterhaltung mir verboten. Befehl Befehl. Die Frau        Ich bin bereit. (Offizier und Frau gehen hinaus. Einige Sekunden die Zelle leer. Zwei weibliche Gefangene in Sträflingskitteln huschen hinein. Bleiben an der Tür stehen.) Erste Gefangene        Sahst du den Offizier? So goldne Uniform? Zweite Gefangene        Ich sah den Sarg. Im Waschraum. Gelbe Bretterkiste. ( Die erste Gefangene sieht auf dem Tisch Brot liegen, stürzt sich darauf.) Erste Gefangene        Da Brot! Hunger! Hunger! Hunger! Zweite Gefangene        Mir Brot! Mir Brot! Mir Brot! Erste Gefangene        Da Spiegel. Ei, wie schön. Verstecken. Abends. Zelle. Zweite Gefangene        Da seidnes Tuch. Nackte Brust, seidnes Tuch. Verstecken. Abends. Zelle. ( Von draußen dringt der harte Knall einer Salve in die Zelle. Die Gefangenen werfen erschreckt gespreizte Hände von sich. Erste Gefangene sucht aus ihren Röcken den versteckten Spiegel. Legt ihn hastig auf den Tisch zurück. Weint auf, sinkt in die Knie.) Erste Gefangene        Schwester, warum tun wir das? (In einer großen Hilflosigkeit taumeln ihre Arme in die Luft. Zweite Gefangene sucht aus ihren Röcken das versteckte seidne Tuch. Legt es hastig auf das Bett zurück.) Zweite Gefangene        Schwester, warum tun wir das? (Zweite Gefangene bricht zusammen. Birgt den Kopf im Schoß.) (Die Bühne schließt sich.)