Emile Zola Doktor Pascal Erster Band. Erstes Kapitel In der Glut des brennenden Julinachmittags lag das Gemach mit den sorgsam geschlossenen Läden von tiefer Ruhe erfüllt da. Von den drei Fenstern kamen durch die Spalten der alten Holzbrettchen nur dünne Lichtpfeile; und das gab inmitten des Schattens eine überaus milde Helligkeit, welche die Dinge mit einem verschwimmenden, zarten Schimmer umwob. Es war hier verhältnismäßig kühl bei der niederdrückenden Hitze, die man da draußen in dem die Front des Hauses versengenden Sonnenbrande fühlte. Doktor Pascal war an den Schrank, den Fenstern gegenüber, getreten und suchte darin nach einer Notiz. Dieser ungeheure Schrank aus geschnitztem Eichenholz, der mit seinen starken, schönen Eisenbeschlägen aus dem vorigen Jahrhundert stammte, stand weit offen, und zeigte eine unglaubliche Menge von Papieren, Aktenbündeln, Manuskripten, die in buntem Gemisch aufgeschichtet wirr durcheinander lagen. Seit mehr als dreißig Jahren hatte der Doktor alle Blätter, die er beschrieb, von der kurzen Anmerkung bis zur vollständigen Niederschrift seiner großen Arbeiten über die Vererbung dort hineingeworfen. Das Suchen war denn auch nicht immer leicht. Aber geduldig stöberte er darin umher, und ein Lächeln überflog jedesmal sein Gesicht, wenn er das Vermißte endlich fand. Einen Augenblick noch blieb er bei dem Schrank und las in einem vergoldeten Strahl, der vom Mittelfenster herkam, die Notiz. Er selbst erschien in diesem Dämmerlicht mit seinem schneeigen Bart und Haar, wiewohl er sich bereits den Sechzigern näherte, so fest und kräftig, sein Antlitz so frisch, seine Züge so fein, seine Augen so klar und von solch kindlichem Ausdruck, daß man ihn, wie er, in sein braunes Sammetwams gepreßt, dastand, für einen jungen Mann mit gepuderten Locken hätte halten mögen. »Da nimm, Clotilde,« sagte er schließlich, »Du wirst diese Notiz abschreiben. Ramond bringt es niemals zu Wege, meine Teufelsschrift zu entziffern.« Und er legte das Papier vor das junge Mädchen hin, das, vor einem hohen Pulte stehend, in der rechten Fensternische arbeitete. »Sehr wohl, Meister,« antwortete sie. Sie hatte sich gar nicht umgewendet, so ganz mit ihrem Pastell beschäftigt, über das sie in diesem Augenblicke mit breiten Bleistiftstrichen hin und her fuhr. Vor ihr in einer Vase stak ein blühender Rosenzweig, von seltsamem, mit gelben Streifen gesprenkeltem Violett. Aber man sah deutlich das Profil ihres kleinen runden Kopfes mit den blonden, kurzgeschnittenen Haaren, ein köstliches, ernstes Profil mit gerader, aufmerksam gefalteter Stirn, himmelblauen Augen, feiner Nase und festem Kinn. Ganz besonders aber leuchtete ihr geneigter Nacken in wundervoller Jugend und unter dem Gold der hellen Löckchen in milchweißer Frische. In ihrer langen schwarzen Bluse war sie ungewöhnlich groß, ihre Taille schmal, der Busen zierlich, der Leib geschmeidig, von jener schlanken Geschmeidigkeit der göttlichen Gestalten der Renaissance. Trotz ihrer fünfundzwanzig Jahre war sie kindlich geblieben und schien kaum achtzehn alt. »Und,« fuhr der Doktor fort, »Du wirst den Schrank ein wenig in Ordnung bringen. Es ist nicht mehr möglich, sich darin zurecht zu finden.« »Sehr wohl, Meister,« wiederholte sie, ohne den Kopf zu heben. »Sofort!« Pascal hatte sich wieder an seinem Schreibtisch am andern Ende des Saales vor dem linken Fenster niedergelassen. Es war ein einfacher Tisch aus schwarzem Holz, ebenfalls mit Papieren und Heften aller Art über und über bedeckt. Und neuerdings trat Schweigen ein, jener tiefe Friede in dem Halbdunkel, in der Hitze, die draußen herrschte. Indem geräumigen, etwa zehn Meter langen, sechs Meter breiten Gelaß befanden sich außer dem Schrank noch zwei mit Büchern dicht gefüllte Regale. Altertümliche Sessel und Lehnstühle standen ungeordnet umher, während an den Wänden, die mit rosettenbemalten alten Salontapeten im Empirestil bekleidet waren, als einziger Schmuck Blumengemälde von seltsamer Färbung angenagelt waren, die man nur undeutlich wahrnahm. Die drei Flügelthüren, jene vom Eingang, die auf den Hausflur führte, dann die der Schlafzimmer des Doktors und des jungen Mädchens, an den beiden Enden des Gemaches, stammten gleich dem Kranzgesimse der verräucherten Decke aus der Zeit Ludwigs XV. Eine Stunde verstrich ohne einen Laut, ohne Atemzug. Dann stieß Pascal, als er während seiner Arbeit aus Zerstreutheit die Schleife einer auf seinem Tische liegen gebliebenen Zeitung, des »Temps«, aufgerissen hatte, einen leichten Ausruf aus: »Ei, ei! Dein Vater! ... er ist zum Leiter der ›Epoque‹ ernannt worden, des erfolgreichen republikanischen Blattes, in dem die Papiere aus den Tuilerien veröffentlicht werden.« Diese Neuigkeit mochte ihm unerwartet sein, denn er lachte mit einem herzhaften, halb zufriedenen, halb trüben Lachen und mit halblauter Stimme fuhr er fort: »Mein Wort drauf! Man erfindet Sachen, die nicht so schön sind ... das Leben ist doch außerordentlich ... Es ist ein sehr interessanter Artikel da ...« Clotilde hatte nicht geantwortet, als ob sie hundert Meilen von dem entfernt wäre, was ihr Onkel sagte. Dieser schwieg, nahm eine Schere, schnitt den Artikel, nachdem er ihn gelesen, heraus, klebte ihn auf ein Blatt Papier auf, und machte mit seiner großen, unregelmäßigen Schrift eine Anmerkung dazu. Dann ging er zu dem Schrank zurück, um diese neue Notiz einzureihen. Er mußte indeß einen Stuhl nehmen, da das oberste Brett so hoch war, daß er trotz seiner großen Gestalt nicht hinaufreichen konnte. Auf diesem obersten Brett stand eine Reihe ungeheurer Aktenbündel säuberlich, methodisch geordnet neben einander. Es waren Schriftstücke aller Art, beschriebene Blätter, gestempelte Akten, Zeitungsausschnitte, die, in Umschläge aus starkem Papier gehüllt, alle einen mit großen Buchstaben geschriebenen Namen trugen. Man merkte, daß diese Schriftstücke mit besonderer Liebe im Handbereich gehalten, unaufhörlich hervorgenommen und sorgfältig an ihren Platz zurückgestellt wurden. Denn im ganzen Schrank war dieser Winkel allein in guter Ordnung. Als Pascal auf den Stuhl gestiegen war, und das Aktenbündel, das er suchte, gefunden hatte, einen der am meisten vollgestopften Umschläge, auf dem der Name »Saccard« stand, legte er die neue Notiz dazu und stellte das Ganze wieder an dessen alphabetischen Platz. Einen Augenblick blieb er dann noch auf dem Stuhle stehen, rückte einen Aktenstoß, der sich verschoben hatte, zurecht, und als er endlich vom Stuhle sprang, sagte er: »Hörst Du, Clotilde, wenn Du da Ordnung machst, rühre nicht an die Papiere da oben.« »Sehr wohl, Meister,« antwortete sie folgsam zum drittenmal. Er lachte von neuem mit seiner Miene voll natürlicher Fröhlichkeit. »Es ist verboten!« »Ich weiß es, Meister.« Und er versperrte den Schrank, indem er den Schlüssel kräftig umdrehte; dann warf er den Schlüssel in eine Schublade seines Arbeitstisches. Das junge Mädchen kannte sich hinlänglich in seinen Untersuchungen aus, um in seine Manuskripte wenigstens etwas Ordnung bringen zu können; und er benützte sie gern auch als Sekretär, ließ sie seine Anmerkungen abschreiben, wenn ein Kollege und Freund, wie Doktor Ramond, ihn um ein Schriftstück ersuchte. Doch war sie durchaus keine Gelehrte; er verbot ihr ganz einfach zu lesen, was zu kennen für sie, seiner Ansicht nach, unnütz war. Indes rief die tiefe Aufmerksamkeit, in welche er sie ganz und gar versunken sah, schließlich sein Erstaunen hervor. »Was hast Du denn nur, daß Du den Mund gar nicht mehr aufthust? Fesselt Dich das Abkonterfeien dieser Blumen so sehr?« Es war dies auch eine jener Arbeiten, die er ihr häufig anvertraute: Zeichnungen, Aquarelle, Pastelle, die er hernach seinen Werken als Tafeln einverleibte. So machte er seit fünf Jahren sehr merkwürdige Versuche mit einer ganzen Sammlung von Stockrosen, eine ganze Reihe von neuen, durch künstliche Befruchtung erzielten Färbungen. Sie verwendete auf diese Nachbildungen so ängstliche Sorgfalt und befleißigte sich einer so außerordentlichen Genauigkeit in Zeichnung und Farbe, daß er ihr immer über diese Gewissenhaftigkeit seine Bewunderung aussprach, indem er ihr sagte, daß sie ein braves, rundes, klares und solides Köpfchen habe. Diesmal aber, als er herantrat, um über ihre Schultern hinwegzublicken, rief er in komischer Wut aus: »Ah, nette Sachen das! Du bist ja wieder 'mal nach Wolkenkuckucksheim gefahren! ... Willst Du mir das wohl auf der Stelle zerreißen!« Sie hatte sich aufgerichtet, ihre Wangen waren wie mit Blut übergossen, ihre Augen flammten in leidenschaftlichem Eifer für ihr Werk; ihre schmalen Finger waren von den Pastellfarben ganz fleckig, von dem Rot und Blau, das sie verwendet hatte. »O, Meister!« Und in dieses so liebevolle, von so zärtlicher Unterordnung erfüllte »Meister«, in dieses Wort völliger Hingabe, mit dem sie ihn nannte, um nicht die Ausdrücke »Oheim« oder »Pate« zu gebrauchen, die sie albern fand, glitt zum erstenmal eine Flamme der Empörung, der Auflehnung eines Wesens, das sich wieder findet und seiner Selbständigkeit bewußt wird. Seit ungefähr zwei Stunden hatte sie an der genauen und verständigen Nachbildung der Stockrose gefeilt, und sie war gerade dabei, eine ganze Dolde von Phantasieblumen, von wunderlichen und prächtigen Traumblumen auf ein anderes Blatt Papier zu werfen. Solch plötzliche Sprünge kamen bei ihr manchmal vor, ein Drang, der pünktlichsten Zeichnung in tollen Phantastereien zu entwischen. Und sie befriedigte diesen Drang sofort, sie verfiel immer wieder auf diese seltsamen Blüten mit einer Leidenschaft, mit einer solchen Einbildungskraft, daß sie sich nie wiederholte; da schuf sie Rosen mit blutenden Herzen, die schwefelgelbe Thränen weinten, Lilien, die kristallenen Urnen glichen, sogar Blumen ohne bekannte Form, die in Sternenstrahlen endeten und deren Blütenkronen wie Wolken wogten. Diesmal gab es auf dem von kräftigen Schwarzstiftstrichen bedeckten Papier einen ganzen Regen von bleichen Sternen, ein förmliches Geriesel unendlich zarter Blumenblätter, indes in einer Ecke eine namenlose Blüte, eine Knospe in keuschen Schleiern, sich öffnete. »Noch eines, das Du mir annageln wirst!« fuhr der Doktor fort, indem er auf die Wand wies, wo sich bereits ebenso seltsame Pastellzeichnungen aneinanderreihten. »Was mag das aber wohl vorstellen, frag' ich Dich?« Sie blieb sehr ernst, und trat zurück, um ihr Werk besser zu sehen: »Ich weiß es nicht, es ist schön!« In diesem Augenblick trat Martine ein, der einzige Dienstbote seit den etwa dreißig Jahren, die sie im Dienste des Doktors stand, die aber die wirkliche Herrin des Hauses geworden war. Wiewohl sie die sechzig überschritten hatte, hatte auch sie sich ein jugendliches Aussehen bewahrt, thätig und still, mit ihrem ewigen schwarzen Kleide und ihrer weißen Haube, in der sie wie eine Nonne aussah, mit ihrem kleinen, stillen Gesicht, in welchem ihre aschgrauen Augen wie erloschen schienen. Sie sprach nicht, setzte sich aus den Fußboden vor einen Lehnsessel, dessen alte Stickerei durch einen Riß das Roßhaar hervorquellen ließ; dann zog sie eine Nadel und einen Knäuel Wolle aus ihrer Tasche und begann zu stopfen. Seit drei Tagen hatte sie darauf gewartet, eine Stunde zu erübrigen, um diese Flickerei zu machen, die ihr keine Ruhe ließ. »Da Du einmal beim Flicken bist, Martine,« rief der Doktor neckend, indem er den empört dreinblickenden Kopf Clotildens zwischen seine beiden Hände nahm, »nähe mir auch dieses Schädelchen zusammen, das Sprünge hat.« Martine richtete ihre glanzlosen Augen empor, und betrachtete ihren Herrn mit ihrer gewöhnlichen Miene der Anbetung. »Warum sagen Sie nur das, Herr?« »Weil ich glaube, meine Liebe, daß Du in dieses gute, runde, klare und solide Köpfchen mit all Deiner Frömmelei allerhand törichte Ideen von der andern Welt hineingestopft hast.« Die beiden Frauen wechselten einen Blick des Einverständnisses. »O, Herr, die Religion hat noch niemand etwas zu Leid gethan ... Und wenn man nicht dieselben Ansichten hat, ist es besser, mein' ich, darüber nicht zu sprechen.« Ein verlegenes Schweigen trat ein. Es war dies die einzige Meinungsverschiedenheit, die bisweilen unter diesen so innig vereinten und so eng zusammenlebenden Wesen Zwistigkeiten hervorrief. Martine war erst neunundzwanzig Jahre alt gewesen, ein Jahr älter als der Doktor, als sie bei ihm in Dienst trat, wie er sich in Plassans in einem kleinen, spiegelblanken Haus in der Neustadt als Arzt niedergelassen hatte. Und als dreizehn Jahre später Saccard, ein Bruder Pascals, beim Tode seiner Frau und zur Zeit seiner Wiederverheiratung seine siebenjährige Tochter Clotilde ihm geschickt hatte, erzog sie das Kind, indem sie es zur Kirche führte und ihm ein wenig von der frommen Flamme lieh, die immer in ihr geglüht hatte; indes der Doktor mit seinem weiten Geiste sie ihrer Glaubensfreudigkeit sich hingeben ließ, denn er fühlte sich nicht berechtigt, irgend jemand das Glück frommer Zuversicht zu rauben. Er begnügte sich später, den Unterricht des jungen Mädchens zu überwachen und ihr in allen Dingen genaue und gesunde Anschauungen zu geben. Seit den fünfzehn Jahren, die sie so alle drei zurückgezogen auf der »Souleiade«, einem kleinen, in einer Vorstadt von Plassans gelegenen Landgut, eine Viertelstunde von der Saint-Saturninkirche, der Kathedrale, entfernt, mit einander hausten, war das Leben, von großen, stillen Arbeiten ausgefüllt, glücklich dahingeglitten, immerhin ein wenig getrübt durch ein wachsendes Mißbehagen, durch den immer heftigeren Widerstreit ihrer Glaubensmeinungen. Pascal ging eine Weile verdüstert auf und ab. Dann sagte er, als ein Mann, der mit seinen Gedanken nicht hinter dem Berge hält: »Siehst Du, Schätzchen, dieses ganze Gaukelspiel von Mysterien hat Dein gesundes Gehirn verdorben ... Dein lieber Herrgott bedurfte Deiner nicht, ich hätte Dich für mich allein behalten sollen, und Du würdest Dich dabei nur besser befinden.« Clotilde aber hielt erbebend ihm stand, indem sie ihre klaren Blicke mutig auf ihn richtete: »Du, Meister, würdest Dich besser befinden, wenn Du Dich nicht hartnäckig auf Deine körperlichen Augen beschränken wolltest ... Es gibt noch etwas anderes; warum willst Du es nicht sehen?« Und Martine kam ihr in ihrer schlichten Redeweise zu Hilfe: »'s ist ganz richtig, Herr, daß Sie, der Sie ein wahrer Heiliger sind, wie ich das überall sage, mit uns zur Kirche gehen sollten ... Gewiß, Gott wird Sie erretten. Aber bei dem Gedanken, daß Sie nicht geradewegs ins Paradies kommen sollten, zittere ich am ganzen Leibe.« Er war stehen geblieben; er sah sie alle beide in vollem Aufruhr vor sich, sie, die sonst so folgsam zu seinen Füßen und von der Zärtlichkeit von Frauen für ihn waren, sie, die er durch seine Fröhlichkeit und Güte erobert hatte. »Laßt mich in Frieden! Das Gescheiteste ist, daß ich wieder an meine Arbeit gehe ... Und vor allem, ich will nicht gestört sein!« Mit leichtem Schritt ging er in sein Zimmer, wo er eine Art Laboratorium eingerichtet hatte, und in das er sich einschloß. Es war streng verboten, einzutreten. Dort befaßte er sich mit besonderen Präparaten, von denen er zu niemand sprach. Fast allsogleich hörte man das regelmäßige, langsame Stampfen eines Mörserstößels. »Nun also,« sagte Clotilde lächelnd, »da ist er wieder in seiner Teufelsküche, wie Großmutter sagt.« Und sie schickte sich von neuem an, ruhig an dem Rosenzweig weiter zu malen. Mit mathematischer Genauigkeit führte sie die Zeichnung aus, sie fand die richtige Farbe für die violetten, gelbgestreiften Blumenblätter bis in die zartesten, verblassenden Abtönungen. »Ach,« murmelte nach einem Augenblick Martine, die wieder auf der Erde saß und den Lehnsessel flickte, »welch ein Unglück, daß ein so heiliger Mann seine Seele mir nichts dir nichts verliert ... denn das ist jetzt sicher, es sind nun schon dreißig Jahre, seit ich ihn kenne, und niemals hat er irgend jemand Kummer verursacht. Ein wahrhaft goldenes Herz und immer wohlauf, immer fröhlich, ein wahrer Himmelssegen! Es ist der reine Mord, daß er mit dem lieben Herrgott nicht seinen Frieden machen will. Nicht wahr, Fräulein, man muß ihn dazu zwingen?« Clotilde, erstaunt, sie so lange in einem Zuge sprechen zu hören, antwortete ihr mit ernster Miene: »Gewiß, Martine, es ist ausgemacht. Wir werden ihn zwingen.« Von neuem trat Schweigen ein, bis man das Klingeln der unten an der Eingangsthür befestigten Glocke hörte. Man hatte sie dort angebracht, um in dem Hause, das für die drei darin wohnenden Personen zu groß war, rechtzeitig ein Signal zu haben. Die Magd schien überrascht und murmelte: »Wer kann wohl bei einer solchen Hitze kommen?« Sie hatte sich erhoben, öffnete die Thür, beugte sich über das Treppengeländer und kam dann zurück mit den Worten: »Es ist Frau Felicité.« Rasch trat die alte Frau Rougon ein. Trotz ihrer achtzig Jahre war sie die Treppe mit der Leichtigkeit eines jungen Mädchens hinaufgestiegen. Sie war die braune, magere und schrille Zikade von einst geblieben. Sehr elegant in schwarze Seide gekleidet, wie sie jetzt kam, konnte man sie von rückwärts, dank der Zierlichkeit ihrer Taille, für ein verliebtes, ihrer Flamme nachlaufendes Jüngferchen halten. In ihrem vertrockneten Gesicht hatten ihre geradeaus blickenden Augen ihr altes Feuer bewahrt, und wenn sie wollte, lächelte sie mit einem anmutigen Lächeln. »Wie, Du bist's, Großmama?« rief Clotilde aus, indem sie ihr entgegenging, »trotzdem man bei dieser furchtbaren Sonnenglut förmlich gebraten wird.« Felicité, die sie auf die Stirn küßte, lachte: »O, der Sonnenschein, der ist mein Freund!« Dann, mit raschen Schritten trippelnd, hatte sie die Riegel eines Fensterladens umgedreht. »Oeffnet doch ein bißchen! Es ist zu traurig, so im Dunkel zu leben ... bei mir zu Hause lasse ich die Sonne herein.« Durch die schmale Oeffnung drang ein Strahl heißen Lichts, eine Flut zitternder Gluten ins Gemach. Und man sah unter dem wie von einer Feuersbrunst blauviolett gefärbten Himmel das weite Gefilde wie verbrannt, wie entschlafen und gestorben, wie vernichtet von der versengenden Hitze; indes rechts, über den roten Dächern, der Glockenturm der Saint-Saturninkirche mit seinen Kanten, die gebleichtem Gebein glichen, in der blendenden Helle goldglänzend emporragte. »Ja,« fuhr Felicité fort, »ich fahre nachher sogleich nach Les Tulettes und wollte nur fragen, ob ihr Charles da habt, ich will ihn mitnehmen ... Ich sehe aber, er ist nicht hier. Also, ein andermal.« Aber während sie diesen Vorwand für ihren Besuch aussprach, blickten ihre forschenden Augen im Gemach umher. Im übrigen hielt sie sich nicht lange dabei auf und sprach sofort von ihrem Sohn Pascal, als sie das rhythmische Geräusch des Mörserstößels hörte, das ohne Unterlaß aus dem Nachbarzimmer herüberdrang. »Ah, er ist noch in seiner Teufelsküche! Stört ihn nicht, ich habe nichts mit ihm zu sprechen.« Martine, die sich wieder an ihren Lehnstuhl gemacht hatte, schüttelte den Kopf, um anzudeuten, daß sie keine Lust habe, ihren Herrn zu stören. Und ein neues Schweigen trat ein, währenddessen Clotilde sich an einem Stück Leinwand ihre vom Pastellstift fleckigen Finger abwischte und Felicité ihren Gang mit kleinen Schritten und prüfender Miene wieder aufnahm. Die alte Frau Rougon war seit beinahe zwei Jahren Witwe. Ihr Gatte, der so dick geworden, daß er sich nicht mehr rühren konnte, war, nachdem er sich den Magen überladen, am 8. September 1870 einem Eistickungsanfall erlegen, in der Nacht jenes Tages, wo er die Katastrophe von Sedan erfahren. Der Zusammensturz eines Regimes, dessen Mitbegründer zu sein er sich schmeichelte, schien ihn wie ein Blitz niedergeschmettert zu haben. Felicité that denn auch, als beschäftige sie sich nicht mehr mit Politik, und lebte nunmehr wie eine Königin, die sich vom Throne zurückgezogen hat. Jedermann wußte, daß die Rougons im Jahre 1851 Plassans vor der Anarchie gerettet hatten, indem sie daselbst dem Staatsstreich vom 2. Dezember zum Triumphe verhalfen, und daß sie es einige Jahre später gegen die legitimistischen und republikanischen Kandidaten aufs neue erobert hatten, um der Stadt einen bonapartistischen Abgeordneten zu geben. Bis zum Kriege war das Kaiserreich dort allmächtig geblieben, dermaßen bejubelt, daß es im Plebiszit eine erdrückende Mehrheit erlangte. Aber seit den Unglücksfällen war die Stadt republikanisch geworden; das Saint-Marc-Viertel begann neuerdings seine heimlichen royalistischen Ränke, indes die Alt- und Neustadt einen liberalen, leicht orleanistisch gefärbten Vertreter in die Kammer entsandte, der gleich bereit war, sich auf die Seite der Republik zu schlagen, wenn sie triumphirte. Und deshalb hatte Felicité, eine grundgescheite Frau, wie sie war, der Politik entsagt und sich drein ergeben, nur mehr die entthronte Königin eines gestürzten Régimes zu sein. Aber auch da noch nahm sie eine hohe, wie von wehmutsvoller Poesie verklärte Stellung ein. Achtzehn Jahre hindurch hatte sie regiert. Die Legende von ihren beiden Salons, dem gelben, wo der Staatsstreich zur Reife gekommen, dem grünen Salon, dem späteren neutralen Gebiet, wo die Eroberung von Plassans zu Ende geführt worden war, verschönte sich, je mehr diese Zeiten der Erinnerung entschwanden. Ueberdies war sie sehr reich. Dazu fand sie sich sehr würdevoll in ihren Sturz, ohne ein Bedauern, ohne eine Klage, sie, die mit ihren achtzig Jahren auf eine so lange Reihenfolge von glühenden Gelüsten, häßlichen Machenschaften und befriedigten maßlosen Begierden zurückblickte, daß sie dadurch geradezu eine erhabene Gestalt wurde. Ihre einzige Freude war nun, in Frieden ihr großes Vermögen und ihre entschwundene Herrschaft zu genießen, und sie hatte nur mehr die Leidenschaft, ihre Geschichte zu verteidigen, indem sie alles beseitigte, was sie später beflecken konnte. Ihr Stolz, der von der zwiefachen Heldenthat lebte, über die die Bevölkerung noch seht sprach, wachte mit eifriger Sorge darüber, daß nur die ehrenvollen Beurkundungen und jene Legenden erhalten blieben, dank deren sie, wenn sie durch die Stadt schritt, wie eine gefallene Königin gegrüßt wurde. Sie war bis zur Thüre des Zimmers gegangen und horchte auf das hartnäckige Gestampf des Mörserstößels, das nicht innehalten wollte. Dann kam sie mit sorgenvoller Wime zu Clotilde zurück: »Was fabrizirt er denn nur, ums Himmels willen? Du weißt ja, daß er sich mit seinen Quacksalbereien den größten Nachteil zufügt. Man hat mir erzählt, daß er einmal einen seiner Kranken schließlich beinahe umgebracht hätte.« »O, Großmama!« rief das junge Mädchen aus. Diese aber war einmal im Zuge. »Ja wohl, ganz richtig! Und die braven Frauen erzählen ganz andere Geschichten ... Geh nur hin und frage sie, die Frauen in der Vorstadt. Sie werden Dir sagen, daß er Beine von Toten im Blute von Neugeborenen zerreibt.« Diesmal aber, während selbst Martine protestirte, geriet Clotilde in Zorn, da sie sich in ihren zärtlichen Empfindungen verletzt fühlte. »O, Großmama, wiederhole diese Abscheulichsten nicht! Der Meister hat ein so großes Herz, daß er nur an aller Glück denkt!« Als Felicité die beiden so entrüstet sah, begriff sie, daß sie die Sache zu jäh angepackt hatte, und schlug einen freundlicheren, einschmeichelnden Ton an. »Aber, Mäuschen, bin ich's denn, die solch' schreckliche Dinge erzählt? Ich wiederhole Dir nur die Dummheiten, die man verbreitet, damit Du begreifst, daß Pascal unrecht thut, sich nicht um die öffentliche Meinung zu kümmern ... Er glaubt ein neues Heilmittel gefunden zu haben – in Gottes Namen! Und ich will selbst zugeben, daß er alle Welt heilen wird, wie er hofft. Warum aber dieses geheimnisvolle Gethue? Warum spricht er nicht offen und laut darüber und vor allen? Warum probirt er es nur an diesem Pack in der Altstadt und auf den Dörfern, anstatt bei den seinen Leuten der Stadt glänzende Kuren zu versuchen, die ihm Ehre einbrächten? Weißt Du, mein Mäuschen, Dein Onkel konnte eben niemals etwas so machen, wie die anderen.« Sie hatte einen bekümmerten Ton angenommen und senkte ihre Stimme, um diese geheime Wunde ihres Herzens bloßzulegen. »Gott sei Dank! Nicht als ob es in unserer Familie an Männern von Wert mangeln würde; meine anderen Sühne haben mir Befriedigung genug gewährt, nicht wahr? Dein Onkel Eugène ist recht hoch gestiegen: Minister volle zwölf Jahre hindurch, beinahe Kaiser! Und Deinem Vater sind genug Millionen durch die Hände gegangen, er war an vielen großen Arbeiten beteiligt, die Paris neugestaltet haben! Ich spreche nicht von Deinem Bruder Maxime, der so reich und so distinguirt ist, noch von Deinem Vetter Octave Mouret, einem der Eroberer unseres modernen Geschäftslebens, oder unserem lieben Abbé Mouret, der ein wahrer Heiliger ist! Nun denn, warum lebt Pascal, der in die Fußstapfen aller anderen hätte treten können, hartnäckig in seinem Loch, wie ein alter, halb verrückter Sonderling?« Und als das junge Mädchen abermals empört aufzuckte, schloß sie ihm mit einer schmeichelnden Geberde den Mund. »Nein, nein, laß mich zu Ende reden ... Ich weiß ja, daß Pascal nicht dumm ist, daß er bemerkenswerte Arbeiten gemacht hat, daß seine Sendungen an die Akademie der Medizin ihm selbst unter den Gelehrten Ansehen erworben haben ... Aber was zahlt das alles im Vergleich zu dem, was ich für ihn erträumt habe? Ja wohl, die ganze schöne Clientel in der Stadt, ein großes Vermögen, Auszeichnungen, Ehren, eine seiner Familie würdige Stellung ... Ach, siehst Du, Mäuschen, das ist's, worüber ich mich beklage: Er gehört nicht zu ihr, er will nicht zur Familie gehören. Mein Wort darauf! Ich sagte schon immer zu ihm als er noch klein war: ›Aber woher kommst denn Du? Du gehörst ja gar nicht zu uns!‹ Ich für meine Person, ich habe alles der Familie geopfert, ich lasse mich klein hacken, damit die Familie immerdar groß und ruhmvoll dastehen soll.« Sie richtete ihre kleine Gestalt auf; sie erschien mächtig groß in der einzigen Leidenschaft des Genusses und des Stolzes, die ihr Leben ausgefüllt hatten. Aber als sie von neuem begann auf- und abzuwandern, zuckte sie zusammen: sie hatte plötzlich die Nummer des »Temps« auf der Erde gesehen, die der Doktor weggeworfen, nachdem er den Artikel herausgeschnitten, um ihn dem Aktenbündel »Saccard« einzuverleiben; und der Anblick des »Fensters« inmitten des Blattes klärte sie zweifellos auf, denn mit einemmal gab sie ihre Wanderung auf und ließ sich auf einen Stuhl fallen, als ob sie endlich wüßte, was zu erfahren sie gekommen war. »Dein Vater ist zum Leiter der ›Epoque‹ ernannt worden,« nahm sie dann plötzlich das Gespräch wieder auf. »Ja,« sagte Clotilde ruhig, »der Meister hat mir's gesagt, es stand in der Zeitung.« Mit aufmerksamer, ängstlicher Miene betrachtete sie Felicité, denn diese Ernennung Saccards, dieser Anschluß an die Republik war etwas Ungeheuerliches. Nach dem Sturz des Kaiserreichs hatte er es gewagt, nach Frankreich zurückzukehren, trotz seiner Verurteilung als Direktor der » Banque universelle «, deren gewaltiger Zusammenbruch dem des Regimes vorangegangen war. Neu erstandene Einflüsse, ein ganzes Netz unglaublicher Ränke mußten ihn wieder in den Sattel gehoben haben. Er hatte nicht allein seine Begnadigung erhalten, er war auch von neuem im Zuge, beträchtliche Geschäfte anzubahnen, er spielte eine Rolle in der großen Journalistik und fand seinen Anteil an allen Trinkgeldern wieder. Und die Erinnerung an die einstigen Zwistigkeiten zwischen ihm und seinem Bruder Eugène Rougon traten ihr vor Augen. Eugène, den er so oft bloßgestellt hatte und den er nun, dank einer ironievollen Wendung der Dinge, vielleicht beschützen sollte, setzt, wo der ehemalige Minister des Kaiserreichs nur mehr ein einfacher Abgeordneter war, der sich ausschließlich auf die Rolle beschränkte, seinen gefallenen Herrn mit jener Hartnäckigkeit zu verteidigen, die seine Mutter in der Verteidigung der Familie bewies. Sie kam allen Befehlen ihres ältesten Sohnes folgsam nach, der, wiewohl schwer getroffen, noch immer der Adler war; aber auch Saccard, was er immer that, stand mit seiner unbezähmbaren Begierde nach Erfolg ihrem Herzen nahe; und sie war außerdem auf Maxime, den Bruder Clotildens, stolz, der nach dem Kriege wieder in sein Hotel in der Avenue du Bois de Boulogne gezogen war, wo er das Vermögen, das ihm seine Frau hinterlassen hatte, verständig verzehrte mit der Klugheit eines Menschen, der, ins Mark getroffen, mit List die drohende Lähmung bekämpfen möchte. »Leiter der ›Epoque‹,« wiederholte sie, »eine wahre Ministerstellung, die Dein Vater da errungen hat ... Ja, und ich vergaß beinahe, Dir zu sagen, daß ich Deinem Bruder geschrieben habe, um ihn zu veranlassen, zu uns zu kommen. Das dürfte ihn zerstreuen, ihm wohl thun. Dann ist das Kind da, der arme Charles.« Sie brach ab; es war dies auch eine jener Wunden, an denen ihr Stolz blutete: Ein Sohn, den Maxime mit siebenzehn Jahren mit einer Magd gehabt hatte, der jetzt, fünfzehn Jahre alt und halb schwachsinnig, in Plassans lebte und, allen zur Last, von einem zum andern geschoben wurde. Einen Augenblick wartete sie noch, in der Hoffnung auf eine Aeußerung Clotildens, einen Uebergang, der ihr gestatten würde, dorthin zu gelangen, wohin sie kommen wollte. Als sie sah, daß das junge Mädchen kein Interesse zeigte und sich nur damit beschäftigte, die Papiere auf ihrem Pult zu ordnen, entschloß sie sich kurz, nachdem sie auf Martine einen Blick geworfen, die, als ob sie taubstumm wäre, ruhig fortfuhr, an dem Lehnstuhl zu flicken. »Also, Dein Onkel hat den Artikel aus den: ›Temps‹ herausgeschnitten?« Ruhig lächelnd antwortete Clotilde: »Ja, der Meister hat ihn in die Akten gesteckt. O, was begräbt er darin für Notizen! Die Geburten, die Todesfälle, die geringsten Vorkommnisse des Lebens, alles kommt dort hinein. Und es ist auch ein Stammbaum da, Du weißt doch, unser berühmter Stammbaum!« Die Augen der alten Frau Rougon waren aufgeflammt, sie sah das junge Mädchen mit festem Blick an. »Du kennst sie, diese Akten?« »O nein, Großmama, niemals hat der Meister zu mir davon gesprochen und er verbietet mir, sie anzurühren.« Sie wollte ihr jedoch nicht glauben. »Aber Du hast sie doch unter der Hand gehabt. Du hast sie lesen müssen?« Schlicht, mit ihrer ruhigen Geradheit antwortete Clotilde, von neuem lächelnd: »Nein, wenn der Meister mir etwas verbietet, so hat er seine Gründe, und ich thu' es nicht.« »Nun denn, Kind,« rief Felicité, von ihrer Leidenschaft fortgerissen, heftig aus, »Du, die ja Pascal so sehr liebt und auf die er vielleicht hören wird, Du solltest ihn anflehen, all das zu verbrennen, denn wenn er sterben sollte und man diese schrecklichen Dinge, die darin sind, fände, wären wir alle entehrt!« Ach, diese abscheulichen Aktenstöße! Sie sah sie nachts in ihren bösen Träumen, wie sie in feurigen Lettern die wahre Geschichte, die physiologischen Mängel der Familie, diese ganze Kehrseite ihres Ruhmes, preisgaben, die sie am liebsten für immer mit den schon verstorbenen Vorfahren begraben hätte. Sie wußte, wie der Doktor auf den Gedanken gekommen war, schon zu Beginn seiner großen Arbeiten über die Vererbung diese Urkunden zu sammeln, wie er sich veranlaßt gesehen, seine eigene Familie als Beispiel zu nehmen, betroffen von den vielen typischen Fällen, die er da wahrnahm und die den von ihm entdeckten Gesetzen als Bekräftigung dienten. War das nicht ein ganz natürliches, in seinem Handbereich liegendes Beobachtungsfeld, das er von Grund aus kannte? Und mit der schönen, unbekümmerten Geradheit eines Forschers trug er seit dreißig Jahren die intimsten Aufzeichnungen über die Seinen herbei, indem er alles sammelte und ordnete, indem er diesen Stammbaum der Rougon-Macquarts aufstellte, für welchen die dicken Aktenstöße nur die von Beweisen strotzende Erklärung bildete. »Ja, ja,« fuhr Frau Rougon in glühendem Eifer fort, »ins Feuer, ins Feuer mit all diesen Wischen, die uns beschmutzen würden!« Und da die Dienerin, als sie sah, welche Wendung das Gespräch nahm, sich erhob, um hinauszugehen, hielt sie Frau Rougon mit einer raschen Geberde zurück: »Nein, Martine, bleibt. Ihr seid hier nicht zu viel, da Ihr ja jetzt zur Familie gehört.« Dann fuhr sie mit zischender Stimme fort: »Eine Anhäufung von Fälschungen, von Klatschereien, all die Lügen, die unsere Feinde, wütend über unsere Triumphe, einstmals gegen uns geschleudert haben! Denk ein wenig daran, mein Kind! Auf uns alle, auf Deinen Vater, auf Deine Mutter, auf Deinen Bruder, auf mich würde so viel Grauenvolles kommen!« »Grauenvolles, Großmama? Woher weißt Du denn das?« Einen Augenblick stand sie verwirrt da. »O, ich kann mir's denken! Wo ist die Familie, die nicht Unglücksfälle erlitten hat, die man schlecht auslegen kann? Zum Beispiel unser aller Mutter, diese liebe, verehrungswürdige Tante Dide, Deine Urgroßmutter, ist sie nicht seit einundzwanzig Jahren in der Irrenanstalt von Les Tulettes? Wenn Gott ihr die Gnade angethan hat, sie bis zum Alter von hundertundvier Jahren leben zu lassen, hat er sie grausam getroffen, indem er ihr den Verstand raubte. Gewiß, es ist keine Schande dabei, allein was mich in Zorn versetzt, was nicht geschehen sollte, das ist, daß man sagt, wir alle seien verrückt ... Und sieh, auch über Deinen Großonkel Macquart hat man beklagenswerte Gerüchte in Umlauf gebracht. Macquart hat einstmals manches Unrecht begangen, ich verteidige ihn nicht. Heute aber, lebt er nicht ganz ehrsam auf seiner kleinen Besitzung in Les Tulettes, zwei Schritte von unserer unglücklichen Mutter, über die er als guter Sohn wacht? Und schließlich höre ein letztes Beispiel: Dein Bruder Maxime hat einen schweren Fehltritt begangen, als er mit einer Magd diesen armen kleinen Charles zeugte, und es ist andererseits gewiß, daß dieses Unglückskind den Kopf nicht recht beisammen hat! Was liegt daran! Wird es Dir Vergnügen machen, wenn man Dir erzählt, daß Dein Neffe ein Entarteter ist, der nach vier Geschlechtern das Bild seiner Urahne wiedergibt, der lieben Frau, zu welcher wir ihn manchmal führen und bei der es ihm so gefällt? Nein, es ist keine Familie mehr möglich, wenn man es unternimmt, alles zu zerpflücken, die Nerven des einen, die Muskeln des andern! Das konnte einem das Leben verleiden!« Clotilde, in ihrer langen schwarzen Bluse aufrecht dastehend, hatte aufmerksam zugehört, sie war sehr ernst geworden, hatte ihre Arme sinken lassen und ihre Augen zur Erde niedergeschlagen. Einen Augenblick trat Schweigen ein, dann sagte sie langsam: »Das ist die Wissenschaft, Großmama!« »Die Wissenschaft!« rief Felicité aus, indem sie abermals umhertrippelte. »Sie ist nett, eure Wissenschaft, die gegen alles losgeht, was es Heiliges auf der Erde gibt! Wenn sie alles zerstört haben werden, dann werden sie es recht weit gebracht haben ... Sie töten die Achtung, sie töten die Familie, sie töten den lieben Herrgott ...« »O, sagen Sie das nicht, gnädige Frau!« unterbrach sie in schmerzlichem Tone Martine, deren beschränkter Frömmigkeit dies eine blutende Wunde schlug. »Sagen Sie nicht, daß Herr Pascal den lieben Gott tötet!« »Gewiß, meine arme Martine, er tötet ihn! ... und seht, es ist vom Standpunkt der Religion aus ein Verbrechen, zuzulassen, daß er sich so der Verdammnis preisgibt. Ihr liebt ihn nicht, mein Wort darauf, nein, ihr liebt ihn nicht, ihr beiden, die ihr das Glück habt, zu glauben, weil ihr nichts thut, um ihn aus den guten Weg zurückzubringen ... Ah, ich, an eurer Stelle, ich würde diesen Schrank eher mit einer Axt entzweispalten, ich würde ein prächtiges Freudenfeuer mit all den Gotteslästerungen, die er enthält, anzünden!« Sie hatte sich vor den ungeheuren Schrank hingestellt, sie maß ihn mit ihrem brennenden Blick, wie um ihn, trotz der dürren Magerkeit ihrer achtzig Jahre, im Sturm zu nehmen, zu plündern und zu vernichten. Dann sagte sie mit einer Geberde ironischer Geringschätzung: »Und wenn er mit seiner Wissenschaft wenigstens noch alles wissen könnte!« Clotilde stand in Gedanken versunken mit verlorenen Blicken da. Dann sagte sie mit halblauter Stimme, als ob sie mit sich selbst spräche: »Es ist wahr, er kann nicht alles wissen, es gibt immer noch etwas anderes da drüben ... Das ist's, was mich böse macht, was bisweilen Streit zwischen uns erregt, denn ich kann nicht gleich ihm das Geheimnisvolle einfach beiseite lassen; es beunruhigt mich so sehr, daß ich davon gefoltert werde ... alles da drüben, was lebt und sich im Schauer des Schattens rührt, all die unbekannten Kräfte ...« Ihre Stimme war noch leiser und langsamer geworden und in ein undeutliches Murmeln übergegangen. Nun mischte sich Martine, deren Miene seit einem Augenblick sich verdüstert hatte, ins Gespräch. »Wenn es aber doch wahr wäre, Fräulein, daß der Herr mit allen diesen häßlichen Papieren die Verdammnis aus sich lüde? Sagen Sie, sollen wir ihn da gewähren lassen? ... Sehen Sie, er konnte mir sagen, ich solle mich von der Terrasse da hinunter stürzen, ich würde die Augen schließen und mich hinunter stürzen, weil ich weiß, daß er immer recht hat, aber was sein Seelenheil anbelangt, o, wenn ich könnte, dafür würde ich auch gegen seinen Willen arbeiten! Ja, mit allen Mitteln würde ich ihn dazu zwingen, denn es ist ein geradezu grausamer Gedanke, daß er nicht im Himmel bei uns sein wird.« »Das ist einmal sehr brav gesprochen, meine gute Martine,« stimmte Felicité bei, »Ihr liebt Euren Herrn wenigstens auf eine vernünftige Weise.« Zwischen diesen beiden schien Clotilde noch unentschlossen. Bei ihr schmiegte sich die Gläubigkeit nicht an die genaue Regel des Dogmas, das religiöse Gefühl verkörperte sich bei ihr nicht in der Hoffnung auf ein Paradies, eine Stätte der Wonnen, wo man die Seinen wiederfinden sollte; in ihr war das einfach nur der Drang nach dem Jenseits, eine Gewißheit, daß sich die weite Welt keineswegs auf die Sinneswahrnehmung beschränke, daß noch eine ganz andere, unbekannte Welt bestehe, der man Rechnung tragen müsse. Aber ihre alte Großmutter, die so hingebungsvolle Martine, machten sie in ihrer besorgten Liebe zu ihrem Oheim schwankend. Liebten sie ihn nicht mehr, nicht in erleuchteterer, ehrlicherer Weise, sie, die sie ihn ohne Makel, von seinen Gelehrtenschrullen befreit und so geläutert wissen wollten, damit er zu den Auserkorenen gehöre? Worte aus frommen Büchern kamen ihr ins Gedächtnis, der ewige Kampf mit dem Geist des Bösen, rühmliche Bekehrungen, die man in mutigem Ringen erzwungen. Wenn sie dieses heilige Werk auf sich nähme, wenn sie ihn trotz alledem wider seinen Willen retten würde! Und eine Verzückung erfaßte allmälich ihren Geist, der sich leicht abenteuerlichen Unternehmungen zuwandte. »Gewiß,« sagte sie schließlich, »ich werde sehr glücklich darüber sein, wenn er nicht seinen Kopf aufs Spiel setzt, indem er diese Papierfetzen sammelt, sondern mit uns zur Kirche geht.« Als Frau Rougon sah, daß sie nahe daran sei einzuwilligen, rief sie aus, daß man handeln müsse, und Martine selbst legte ihren ganzen wirksamen Einfluß in die Wagschale. Sie waren an sie herangetreten und gaben dem jungen Mädchen allerlei Lehren, indem sie ihre Stimmen wie zu einer Verschwörung dämpften, aus welcher eine wunderbare Gutthat, eine göttliche Freude hervorsprießen und das ganze Haus mit Wohlgeruch erfüllen würde. Welch ein Triumph, wenn man den Doktor mit Gott versöhnt hätte, und welch eine Wonne, nachher zusammen in der himmlischen Gemeinschaft desselben Glaubens zu leben! »Nun denn, was soll ich thun?« fragte Clotilde besiegt und bezwungen. In der Stille, die in diesem Augenblick herrschte, erklang der Mörserstößel des Doktors in seinem beständigen Rhythmus noch lauter, und Felicité, die mit sieghafter Miene sprechen wollte, wandte unruhig den Kopf und betrachtete einen Augenblick die Thüre des Nachbarzimmers, dann fragte sie halblaut: »Weißt Du, wo der Schlüssel des Schrankes ist?« Clotilde antwortete nicht, sie gab nur mit einer Geberde kund, wie sehr es ihr widerstrebe, ihren Meister so zu verraten. »Bist Du aber kindisch, ich schwöre Dir, nichts zu nehmen, ich werde sogar nichts in Unordnung bringen ... nur, nicht wahr, da wir allein sind und Pascal sich niemals vor dem Essen sehen läßt, könnten wir uns vergewissern, was es eigentlich darinnen gibt ... o, nur einen einzigen Blick, mein Wort darauf!« Das junge Mädchen stand unbeweglich da und verweigerte noch immer seine Zustimmung. »Und dann, vielleicht täusche ich mich, gewiß sind diese schlimmen Sachen, von denen ich Dir gesprochen, gar nicht darin.« Das war entscheidend, sie holte rasch den Schlüssel aus der Schublade und öffnete den Schrank angelweit. »Da, Großmama, die Akten sind hier oben!« Martine hatte sich, ohne ein Wort zu sprechen, vor die Thüre des Zimmers hingepflanzt, mit lauschendem Ohr horchte sie auf das Geräusch des Stößels, während Felicité vor Erregung wie festgebannt die Akten betrachtete; das waren sie endlich, diese schrecklichen Akten, die wie ein böser Traum ihr Leben vergifteten, sie sah sie, sie sollte sie erfassen und davontragen. Sie richtete sich in die Höhe, indem sie sich auf ihren kleinen Beinen leidenschaftlich emporreckte. »Es ist zu hoch, Schätzchen,« sagte sie. »Hilf mir, reich sie mir.« »O, so geht es nicht, Großmama, nimm einen Stuhl!« Felicité nahm einen Stuhl und stieg flink hinauf, aber sie war noch immer zu klein. Mit einer außerordentlichen Anstrengung streckte sie sich, es gelang ihr, sich so groß zu machen, daß sie mit dem Ende ihrer Nägel die Umschläge aus starkem blauem Papier berühren konnte. Ihre Finger fuhren hin und her, krampften sich gleich kratzenden Krallen zusammen. Plötzlich gab es einen Krach. Es war ein geologisches Musterstück, ein Stück Marmor, das in einem der unteren Fächer lag und das sie eben hinuntergestoßen hatte. Allsogleich hielt der Mörsertößel inne, und Martine sagte mit halberstickter Stimme: »Gebt acht, jetzt kommt er.« Felicité aber, ganz verzweifelt, hörte nichts und ließ nicht los, als Pascal rasch eintrat. Er hatte einen Unfall, einen Sturz befürchtet und blieb wie eingewurzelt stehen angesichts dessen, was er sah: seine Mutter auf dem Stuhl, die Arme hoch in die Luft streckend, während Martine beiseite getreten war und Clotilde kreidebleich dastand und, ohne die Augen abzuwenden, wartete. Als er begriffen hatte, um was es sich handelte, wurde er selbst leichenblaß. Ein furchtbarer Zorn erfaßte ihn. Die alte Frau Rougon geriet übrigens keineswegs in Verwirrung. Sobald sie sah, daß die günstige Gelegenheit verloren sei, sprang sie vom Sessel, und machte nicht einmal eine Anspielung auf die Arbeit, bei der er sie überraschte. »Ei, Du bist's, ich wollte Dich nicht stören! Ich war gekommen, um Clotilde zu umarmen. Aber jetzt sind's beinahe zwei Stunden, daß ich schwatze, und ich muß mich beeilen, weiterzukommen; man erwartet mich zu Hause und wird gar nicht wissen, was aus mir geworden ist. Auf Wiedersehen am Sonntag!« Sie ging ganz munter davon, nachdem sie ihrem Sohn zugelächelt, der stumm und ehrerbietig vor ihr stehen geblieben war. Es war dies eine Haltung, die er schon seit langem beobachtete, um eine Auseinandersetzung zu vermeiden, die, wie er fühlte, grausam werden mußte, und vor der er immer Furcht gehabt hatte. Er kannte sie, er wollte ihr alles verzeihe, mit der unbefangenen Duldsamkeit des Forschers, der den Einfluß der Vererbung, der Umgebung und der Umstände in Betracht zieht. Und dann, war sie nicht seine Mutter? Das würde genügt haben; denn bei all den furchtbaren Wunden, welche seine Untersuchungen der Familie schlugen, bewahrte er eine große, herzliche Liebe für die Seinen. Als seine Mutter nicht mehr da war, brach sein Zorn los und entlud sich über Clotilde. Er hatte seine Augen von Martine abgewandt, er hielt sie fest auf das junge Mädchen gerichtet, das tapfer die Verantwortung für seine Handlung übernahm und den Blick noch immer nicht abgewandt hatte. »Du, Du!« sagte er endlich. Er hatte ihren Arm gepackt und drückte ihn, daß sie hätte schreien mögen. Aber sie sah ihm unverwandt ins Gesicht, ohne sich vor ihm zu beugen, mit dem unbezähmbaren Entschlusse, ihre Persönlichkeit und ihre Denkungsart zu behaupten. Sie war schön und reizte seinen Groll, wie sie so, hoch aufgeschossen und schlank, in ihrer schwarzen Bluse dastand; und ihre prächtige blonde Jugend, ihre gerade Stirn, ihre seine Nase, ihr festes Kinn nahmen in ihrer Auflehnung einen kriegerischen, aber ungemein fesselnden Ausdruck an. »Du, die ich geschaffen habe, die meine Schülerin, meine Freundin, mein zweites Denken ist, der ich ein Stück von meinem Herzen und von meinem Gehirn gegeben habe! Ach ja, ich hatte Dich ganz für mich behalten und mir nicht den besten Teil Deiner selbst von Deinem ... Herrgott wegnehmen lassen sollen!« »O Herr, Sie lästern Gott!« rief Martine aus, die näher getreten war, um einen Teil seines Zornes auf sich abzulenken. Aber er sah sie nicht einmal. Clotilde allein war für ihn da. Und er war wie umgewandelt, von einer solchen Leidenschaft erfaßt, daß unter seinen weißen Haaren und umrahmt von seinem Weißen Barte sein schönes Gesicht mit einem Ausdruck unendlicher, verletzter und zorniger Liebe jugendlich aufflammte. Eine kurze Weile noch betrachteten sie sich so, ohne einander zu weichen, Auge in Auge. »Du, Du!« wiederholte er mit seiner bebenden Stimme. »Ja, ich! ... Warum auch, Meister, sollte ich Dich nicht ebenso sehr lieben, wie Du mich liebst? Und warum sollte ich, wenn ich Dich in Gefahr glaube, mich nicht bemühen. Dich zu retten? Du sorgst Dich wohl um das, was ich glaube, Du willst mich wohl zwingen, zu denken wie Du!« Niemals hatte sie ihm so die Stirn geboten. »Aber Du bist ein kleines Mädchen, Du weißt nichts!« »Nein, ich bin eine Seele, und Du weißt darüber nicht mehr als ich!« Er ließ ihren Arm los und wies achselzuckend mit weit ausgebreiteten Händen nach dem Himmel. Ein tiefes Schweigen trat ein, wie erfüllt von den ernsten Dingen, über die er sich in keine nutzlose Auseinandersetzung einlassen wollte. Mit einem starken Ruck hatte er den Laden des mittleren Fensters geöffnet, denn die Sonne senkte sich, und der Saal hüllte sich in Schalten. Dann kam er zurück. Sie aber war in einem Drang nach Luft und freier Gegend an dieses offene Fenster getreten. Der sengende Glutregen hatte aufgehört; nur ein letzter Schauer fiel vom heißen, erblassenden Himmel hernieder, und von der noch brennenden Erde stiegen mit dem erleichterten Atem des Abends warme Dünste auf. Unten an der Terrasse lag zunächst das Geleise der Eisenbahn mit dem Beginn des Bahnhofs, dessen Baulichkeiten man in der Ferne erblickte. Dann kam, die breite, verdorrte Ebene durchschneidend, eine Baumreihe, welche den Lauf der Viorne bezeichnete, jenseits deren die Hügel von Sainte-Marthe emporragten, ein rötliches, mit Oliven bewachsenes Gelände, das stufenweise von steinernen, ohne Mörtel aufgeführten Mauern gestützt und von düsterem Kiefergehölz gekrönt war, ein weites, trostloses und von der beständigen Sonnenglut wie ausgebranntes Amphitheater von der Farbe alter gebrannter Ziegel, das oben am Himmel jene Franse von schwarzem Grün begrenzte. Links that sich die Schlucht der Seille auf, Trümmer von mächtigem gelbem Gestein, das mitten in das blutfarbene Gelände herabgestürzt war, von einer ungeheuren, der Mauer einer Riesenfestung ähnlichen Felsenmasse überragt; zur Rechten, am Eingange in das Thal, wo die Viorne floß, schichteten sich die entfärbten roten Ziegeldächer von Plassans übereinander, der zusammengedrängte wirre Bau einer alten Stadt, aus welcher die Wipfel alter Ulmen hervorlugten und welche der hohe Turm der Saint-Saturninkirche in dem durchsichtigen Gold des Sonnenuntergangs einsam und in heiterer Erhabenheit überragte. »Ach, mein Gott,« sagte Clotilde langsam, »muß man stolz sein, um zu glauben, daß man das alles in seine Hand zu fassen, alles zu erkennen vermag!« Pascal war auf einen Stuhl gestiegen, um sich zu vergewissern, daß keines seiner Aktenbündel fehle. Dann hob er das Stück Marmor auf, stellte es auf das Brett, und als er den Schrank mit einer kräftigen Handbewegung wieder zugeschlossen hatte, steckte er den Schlüssel in seine Tasche. »Ja,« sagte er, »sich bemühen, alles zu erkennen und vor allem nicht den Kopf zu verlieren bei dem, was man nicht kennt, was man zweifellos niemals kennen wird.« Martine hatte sich abermals Clotilde genähert, um ihr beizustehen, um zu zeigen, daß sie beide gemeinsame Sache machten. Und jetzt bemerkte der Doktor auch sie, und er fühlte, wie die beiden in demselben Entschlüsse, ihn zu erobern, vereint waren. Nach jahrelangen heimlichen Versuchen war das endlich der offene Krieg; der Gelehrte sah die Seinen, wie sie sich gegen seine Gedanken wandten und diese zu zerstören drohten. Es gibt keine schlimmere Qual, als den Verrat in seinem Hause rings um sich zu haben, gehetzt, bedroht und vernichtet zu werden von jenen, die man liebt und die diese Liebe erwidern. Jählings durchzuckte ihn dieser furchtbare Gedanke. »Und ihr beide liebt mich doch!« Er sah, wie Thränen ihre Augen verschleierten, und eine unsägliche Traurigkeit erfaßte ihn, während der schöne Tag sich ruhig neigte. All seine Fröhlichkeit, all seine Güte, die seiner freudigen Hingabe an das Leben entsprangen, waren davon tief erschüttert und zerwühlt. »Ach, mein Liebling, und Du, Arme, ihr thut das um meines Glückes willen, nicht wahr? Aber, ach, wie werden wir unglücklich sein!« Zweites Kapitel. Am folgenden Morgen erwachte Clotilde gegen sechs Uhr. Sie war zu Bett gegangen in Unfrieden mit Pascal, sie schmollten mit einander. Und ihr erstes Empfinden war ein gewisses Unbehagen, ein dumpfer Schmerz, das entschiedene Bedürfnis, Frieden zu schließen, um nicht die drückende Last auf ihrem Herzen zu behalten, die sie dort vorfand. Aus dem Bett springend, machte sie sich rasch daran, die Läden der beiden Fenster zu öffnen. Die schon hochstehende Sonne schien herein und durchschnitt das Zimmer in zwei Goldstreifen. In dieses kleine, lauschige Gemach, das ganz durchdrungen war von einem angenehmen Dufte der Jugend, brachte der klare Morgen etwas von dem frischen Hauche des Frohsinns. An das Bett wieder zurückgekehrt, hatte sich das junge Mädchen auf den Rand desselben niedergelassen und blieb dort einen Augenblick in Nachdenken versunken sitzen; sie war nur mit ihrem eng anschließenden Hemd bekleidet, was sie mager erscheinen ließ mit ihren dünnen, langen Beinen, ihrem schlanken, kräftigen Körper, ihrer vollen Brust, ihrem runden Halse, ihren runden und biegsamen Armen; ihr Nacken und ihre wundervollen Schultern waren weiß wie Milch, glatt wie Seide und von einer unendlichen Zartheit. Lange Zeit, in dem ungünstigen Alter von zehn bis achtzehn Jahren, schien sie zu groß zu sein; sie hatte einen schlotterigen Gang und kletterte auf die Bäume wie ein Junge. Dann aber hatte sie sich aus einem wilden Gassenbuben ohne Geschlecht zu diesem schönen Wesen voller Anmut und Liebreiz entwickelt. Mit leeren Blicken fuhr sie fort, die Wände des Zimmers zu betrachten. Obgleich die Souleiade erst aus dem vorigen Jahrhundert stammte, so war man doch schon unter dem ersten Kaiserreich genötigt gewesen, sie wieder neu auszustatten, denn es befand sich dort noch als Tapete ein altertümlicher, gedruckter Kattun, auf dem Sphinxstatuen in Rosetten von Eichenholzkronen dargestellt waren. Einst von einem lebhaften Rot, war dieser Kattun im Laufe der Zeit rosa geworden, ein unbestimmtes Rosa, das sich dem Orangefarbenen näherte. An den beiden Fenstern und an dem Bett waren Vorhänge vorhanden, aber man hatte sie reinigen müssen und dadurch waren sie ganz verblichen. Was das mit demselben Stoff überzogene Bett anbetraf, so war es so verfallen, daß man es durch ein anderes hatte ersehen müssen, das man aus einem anstoßenden Zimmer nahm, ein Bett nach der unter dem ersten Kaiserreich herrschenden Mode, niedrig und sehr breit, aus massivem Mahagoniholz mit einer kupfernen Einfassung, deren vier Ecksäulen ebenfalls Sphinxstatuen trugen, die denen der Tapete gleich waren. Das übrige Mobiliar war zusammengetragen, ein Kasten mit massiven Thüren und mit Säulen, eine Kommode aus weißem Marmor mit einer rings herumlaufenden Galerie, ein hoher, monumentaler Stehspiegel, ein Ruhebett mit steifen Füßen, Stühle mit geraden, lyraförmigen Rückenlehnen. Ein Fußdeckbett, aus einem alten seidenen Frauenrock aus der Zeit Ludwigs XV. gemacht, gab dem gewaltigen Bett, das die Mitte der Wand gegenüber den Fenstern einnahm, ein freundlicheres Aussehen; ein ganzer Haufen von Kissen machte das harte Ruhebett weich; außerdem waren noch zwei Etagèren und ein Tisch vorhanden, die alle in gleicher Weise mit alten, blumengestickten Seidendecken belegt waren, die man in einem Wandschranke vorgefunden hatte. Clotilde zog endlich ihre Strümpfe an, hüllte sich in ein Morgenkleid von weißem Piqué und eilte, nachdem sie mit den Fußspitzen in ihre Hausschuhe von grauer Leinwand gefahren war, in ihr Toilettenkabinet, das nach der hinteren Seite des Hauses hinausging. Sie hatte es ganz einfach mit feinem, blaugestreiftem Roh-Barchentstoffe tapeziren lassen, und es befanden sich darin nur Möbel von polirtem Tannenholz, der Toilettetisch, zwei Schränke und Stühle. Dennoch merkte man an allem die feine und natürliche Koketterie der Frau. Diese war bei ihr zu gleicher Zeit wie die Schönheit zum Vorschein gekommen. Obgleich sie sich noch zuweilen als ein wildes, starrköpfiges Mädchen zeigte, war sie doch fügsam und sanft geworden und liebte es vor allem, geliebt zu werden. Die Wahrheit war, daß man sie in voller Ungebundenheit hatte aufwachsen lassen, daß sie nichts anderes als schreiben und lesen gelernt hatte, daß sie sich dann selbst eine oberflächliche Bildung angeeignet hatte, indem sie ihrem Onkel half. Aber es bestand zwischen ihnen keinerlei fester Plan; er hatte aus ihr kein Wunderding machen wollen, sie hatte sich nur für die Naturgeschichte begeistert, welche ihr alles von dem Manne und dem Weibe enthüllt hatte. Aber sie hatte trotz ihrer unbewußten und reinen Sehnsucht nach der Liebe sich dabei ihre jungfräuliche Reinheit bewahrt wie eine Frucht, die keine Hand je berührte, ohne Zweifel dank jenem tiefen Gefühl der Frau, welches sie das Geschenk ihres ganzen Wesens bewahren lehrt, ihr gänzliches Aufgehen in dem Manne, den sie lieben wird. Sie steckte ihre Haare auf und wusch sich mit viel Wasser; dann öffnete sie, da sie ihre Ungeduld nicht länger bezähmen konnte, leise die Thüre ihres Zimmers und wagte es, auf den Zehenspitzen geräuschlos den großen Arbeitssaal zu durchschreiten. Die Läden waren zwar noch geschlossen, aber sie sah darin doch noch deutlich genug, daß sie sich nicht an den Möbeln stieß. Als sie das andere Ende erreicht hatte vor der Zimmerthür des Doktors, beugte sie sich vor, ihren Atem anhaltend. War er schon aufgestanden? Was konnte er thun? Sie hörte ihn deutlich mit kurzen Schritten hin und her gehen. Ohne Zweifel kleidete er sich an. Niemals hatte sie dieses Zimmer betreten, wo er gewisse Arbeiten zu verbergen pflegte und welches verschlossen blieb wie ein Heiligtum. Eine Angst hatte sie ergriffen, nämlich die, von ihm hier gefunden zu werden, wenn er die Thüre öffnete; und das verursachte ihr große Unruhe, ihr Stolz empörte sich dagegen und es rief zugleich in ihr den Wunsch hervor, ihren Gehorsam zu zeigen. Ein fieberhaftes Schütteln durchlief sie, was sie bisher noch nicht gekannt hatte. Einen Augenblick war das Verlangen, sich mit ihm auszusöhnen, so stark, daß sie im Begriffe stand, zu klopfen. Dann, als das Geräusch der Schritte sich näherte, lief sie wie toll davon. Bis um acht Uhr befand sich Clotilde in wachsender Aufregung. Jede Minute blickte sie nach der Uhr, die aus dem Kamin ihres Zimmers stand. Es war eine Uhr im Empirestil von vergoldeter Bronze mit einem Stein, an welchen gelehnt der lächelnde Amor die eingeschlafene Zeit betrachtete. Es war von jeher Sitte, daß sie um acht Uhr hinunter ging, um im Eßzimmer mit dem Doktor zusammen das erste Frühstück einzunehmen. Während sie noch wartete, machte sie mit peinlicher Sorgfalt Toilette, sie frisirte sich, zog ihre Stiefel an, schlüpfte in ein Kleid von weißer Leinwand mit roten Punkten. Dann erfüllte sie, da sie noch eine Viertelstunde Zeit hatte, einen alten Wunsch, sie setzte sich hin und nähte eine kleine Spitze, die Nachahmung einer Spitze von Chantilly, auf eine Arbeitsbluse, jene schwarze Bluse, die doch, wie sie schließlich gefunden hatte, zu wenig für eine Frau passend war. Als es aber acht Uhr schlug, legte sie die Arbeit beiseite und ging rasch hinunter. »Sie werden allein frühstücken,« sagte Martine gelassen im Eßzimmer. »Wieso?« »Ja, der Herr Doktor hat mich gerufen, und ich habe ihm sein Ei durch die kleine Oeffnung in seiner Thüre hineingeschoben. Der ist noch bei seinem Mörser und bei seinem Filter. Wir werden ihn nicht vor Mittag zu sehen bekommen.« Clotilde war sehr bestürzt und ihre Wangen bleich. Sie trank ihre Milch stehend, nahm ein kleines Brot mit und folgte der alten Haushälterin in die Küche. In dem Erdgeschoß befand sich außer dem Eßzimmer und der Küche nur noch ein öder Saal, wo man den Vorrat nn Kartoffeln aufbewahrte. Früher, als der Doktor noch Patienten bei sich empfing, hielt er dort seine Konsultationen ab; aber seit Jahren hatte man den Schreibtisch und den Fauteuil in sein Zimmer hinaufgeschafft. Es war außerdem noch ein anderes kleines Gelaß vorhanden, das seinen Ausgang in die Küche hatte: die ungemein saubere Kammer der alten Martine, mit einem Waschtisch, und ihrem einfachen, von weißen Vorhängen umrahmten jungfräulichen Bett. »Du glaubst also, daß er sich wieder daran gemacht hat, sein Elixir zu fabriziren?« fragte Clotilde. »Es kann nichts anderes sein als das. Sie wissen ja, daß er das Essen und Trinken vergißt, wenn ihn das packt.« Daraus machte sich der ganze Kummer des jungen Mädchens in dem tiefen Seufzer Lust: »O mein Gott! Mein Gott!« Und während Martine daran ging, ihr Zimmer zu ordnen, nahm sie einen Sonnenschirm von dem Kleiderhaken und begab sich ganz verzweifelt in den Garten, um ihr Brot zu essen, da sie nicht wußte, wie sie bis Mittag die Zeit hinbringen sollte. Es waren beinahe schon siebenzehn Jahre vergangen, seitdem der Doktor, entschlossen, sein kleines Haus in der Stadt zu verlassen, die Souleiade für circa zwanzigtausend Franken gekauft hatte. Sein Wunsch war, sich in die Einsamkeit zurückzuziehen und zugleich auch der kleinen Tochter seines Bruders Saccard, die ihm dieser gerade damals von Paris geschickt hatte, mehr Freiheit und Vergnügen zu verschaffen. Diese Souleiade, vor den Thoren der Stadt auf einem Plateau gelegen, das die Ebene beherrschte, war eine alte, umfangreiche Besitzung, deren weite Ländereien jedoch auf weniger als zwei Hektare durch vorteilhafte Verkäufe zusammengeschmolzen waren, abgesehen davon, daß die Eisenbahn die letzten pflügbaren Aecker in Besitz genommen hatte. Das Haus selbst war zur Hälfte durch eine Feuersbrunst zerstört worden; nur einer der beiden Teile des Hauptgebäudes war übrig geblieben, ein Flügel in Quadratform – mit vier Ecken, wie man in der Provence sagt – der fünf Fenster Front und ein rotes Ziegeldach hatte. Und der Doktor, der die ganze Einrichtung miterworben, hatte sich damit begnügt, die Umfassungsmauern ausbessern und vervollständigen zu lassen, damit er ganz ruhig und ungestört blieb. Im allgemeinen liebte Clotilde diese Einsamkeit leidenschaftlich, dieses kleine Königreich, das sie in zehn Minuten umkreisen konnte und das dennoch ganz das Gepräge seiner ehemaligen Größe bewahrte. Aber heute morgen trug sie einen dumpfen Groll in sich. Einen Augenblick trat sie aus die Terrasse, an deren beiden Enden hundertjährige Cypressen standen, die, zwei riesigen dunklen Kerzen gleich, drei Meilen weit zu sehen waren. Dann zog sich der Abhang bis an die Eisenbahn hinunter, ohne Mörtel aufgeführte Mauern suchten die rote Erde, wo die letzten Weinstöcke eingegangen waren, und auf dieser Art von Riesenstaffeln traf man nur noch dünne Reihen von Oliven- und Mandelbäumen mit armseligem Blätterschmuck. Die Hitze war schon erschlaffend, Clotilde betrachtete kleine Eidechsen, die über die zerbrochenen Steinplatten unter die haarigen Büschel der Kapernsträucher flüchteten. Dann durchschritt sie, gleich als ob der weite Horizont sie beunruhigte, rasch den Obst- und den Gemüsegarten, den Martine trotz ihres Alters ganz allein zu pflegen sich in den Kopf gesetzt hatte. Nur zweimal in der Woche ließ sie einen Mann zu den gröberen und schwereren Arbeiten kommen Dann stieg sie zur Rechten in eine kleine Fichtenwaldung hinauf, den armseligen Rest der stolzen Wälder, die einst das ganze Plateau bedeckt hatten. Aber auch hier befand sie sich nicht wohl; die trockenen Nadeln krachten unter ihren Füßen, von den Zweigen aus verbreitete sich ein erstickender Harzgeruch. Und sie ging an der Umfassungsmauer entlang, eilte vor der Eingangspforte vorüber, die sich auf die Straße von Fenouillères öffnet, in einer Entfernung von dreihundert Meter von den ersten Häusern von Plassans, und kam endlich auf einen großen, freien Platz von zwanzig Meter im Umkreise, der allein schon genügt hätte, die ehemalige Bedeutung der Besitzung zu beweisen. Ah, dieser alte freie Platz, auf dem früher das Getreide gedroschen wurde, gepflastert mit runden Kiefern wie zur Zeit der Römer, diese weite Esplanade, die ein kurzes, dürres Gras, welches einem Gespinnste von Gold glich, wie mit einem Teppich von langer Wolle zu bedecken schien! Welch herrliche Zeiten hatte sie hier erlebt, wo sie einst herumgesprungen war, sich im Grase herumgewälzt und stundenlang auf dem Rücken ausgestreckt dagelegen hatte, wenn die Sterne am unermeßlichen Himmelszelte erschienen! Sie hatte ihren Sonnenschirm wieder aufgespannt und ging mit verlangsamtem Schritt über den großen Platz. Jetzt befand sie sich auf der linken Seite der Terrasse, sie hatte den Umgang um die Besitzung beendet. Sie ging hinter das Haus unter die Gruppe riesiger Platanen, die auf dieser Seite einen tiefen Schatten warfen. Das war die Front, in der sich die beiden Fenster des Zimmers befanden, das der Doktor bewohnte. Sie hob die Augen, denn sie war nur hierher gekommen in der in ihr plötzlich anstauchenden Hoffnung, ihn endlich zu sehen Aber die Fenster waren geschlossen, und sie fühlte sich dadurch verletzt wie durch eine Härte von seiner Seite. Allein da bemerkte sie plötzlich, daß sie immer noch ihr kleines Brot in der Hand hielt, das sie zu verzehren vergessen hatte. Sie zog sich unter die Baume zurück und biß ungeduldig hinein mit ihren schönen Zähnen der Jugend. Das war ein köstlicher Ruheplatz, dieses alte Fünfeck von Platanen, noch ein Ueberbleibsel der verschwundenen Herrlichkeit der Souleiade. Unter diesen Riesen mit den gewaltigen Stämmen wurde es kaum hell; immer herrschte eine grüne Dämmerung und eine erquickende Kühle während der glühendheißen Sommertage. Einstmals war dort ein französischer Garten angelegt, von dem nichts mehr übrig geblieben war als die Wegeinfassung von Buchsbaum, der sich ohne Zweifel an den Schatten gewöhnt hatte, denn er war kräftig aufgewachsen wie sonstiges Gesträuch. Und das Reizendste an diesem schattigen Winkel war eine Fontäne, eine einfache Röhre von Blei, eingekittet in einen Säulenschaft, aus der fortwährend, selbst während der größten Trockenheit, ein Wasserstrahl von der Dicke eines Fingers floß, der in einiger Entfernung ein großes bemoostes Bassin speiste, dessen grünschimmelige Steine man nur alle drei bis vier Jahre reinigte. Wenn alle Brunnen der Nachbarschaft versagten, so behielt die Souleiade ihre Quelle, von der die großen Platanen sicherlich die hundertjährigen Töchter waren. Tag und Nacht schon seit Jahrhunderten sang dieser dünn, gleichmäßig und ununterbrochen fließende Wasserfaden das gleiche reine Lied in dem Zittern seines kristallenen Strahls. Nachdem Clotilde eine Zeit lang zwischen den Buchsbaumsträuchern, die ihr bis an die Schulter gingen, herumgeirrt war, holte sie sich aus dem Hause eine Stickerei, kehrte damit zurück und ließ sich dann an einem steinernen Tische an der Seite der Fontäne nieder. Man hatte hier einige Gartenstühle hingestellt und trank an dem Tische den Kaffee. Sie gab sich jetzt den Anschein, als ob sie den Kopf nicht wieder in die Höhe heben würde und ganz in ihre Arbeit vertieft wäre. Zuweilen nur schien sie einen Blick zwischen den Baumstämmen hindurch nach der in der Sonnenhitze zitternden Ferne, nach dem wie eine Feuersglut blendenden freien Platze zu werfen, auf den die Sonne niederbrannte. In Wirklichkeit aber ging ihr Blick hinter den langen Augenwimpern nach einer andern Richtung und stieg bis zu den Fenstern des Doktors empor. Nichts zeigte sich dort, nicht ein Schatten. Und eine Traurigkeit, ein Groll bemächtigte sich ihrer, jenes trostlose Gefühl der gänzlichen Nichtachtung, welchem er sie überließ, jener Geringschätzung, mit der er sie zu betrachten schien nach ihrem Streite vom vorhergehenden Abend. Sie, die doch mit dem sehnlichen Wunsche aufgestanden war, sofort Frieden zu schließen! Ihm dagegen war es durchaus nicht eilig damit, er liebte sie also nicht. da er im Unfrieden mit ihr leben konnte. Nach und nach wurde sie ganz trübsinnig, sie kam zurück auf den Gegenstand des Streites und beschloß von neuem, in gar keinem Punkte nachzugeben. Gegen elf Uhr kam Martine, bevor sie das Frühstück ans Feuer setzte, zu ihr heraus, um einen Augenblick mit ihr zu plaudern, den ewigen Strickstrumpf in der Hand, an welchem sie selbst im Gehen arbeitete, wenn die häusliche Arbeit sie nicht in Anspruch nahm. »Wissen Sie, daß er immer noch dort oben eingeschlossen ist, um sein komisches Zeug zu fabriziren?« Clotilde zuckte mit den Achseln, ohne ihre Augen von der Stickerei zu erheben. »Und dann, Fräulein, wenn Sie nur wüßten, was man sich erzählt! Frau Felicité hatte ganz recht, als sie gestern sagte, daß er darin etwas zum Erröten hätte. Man hat mir ins Gesicht geschleudert, mir, die ich hier mit Ihnen spreche, daß er den alten Boutin getötet habe, Sie wissen, jenen armen Alten, der einen so schlimmen Sturz gethan und daran gestorben war.« Eine Zeit lang blieb alles still. Dann, als das junge Mädchen noch immer in stummes Nachdenken versunken blieb, begann die Magd wieder, während sie ihre Finger in rasche Bewegung setzte: »Ich, ich höre garnicht darauf, aber das bringt mich in Wut, was er fabrizirt ... Und Sie, Fräulein, billigen Sie denn seine Kocherei dort oben?« Unwillig hob Clotilde ihren Kopf, der heftigen Erregung nachgebend, die sie ergriffen hatte. »Höre, ich will ebenso wenig etwas davon wissen wie Du. Aber ich glaube, daß er schwere Sorgen mit sich herum trägt. Er liebt uns nicht.« »O doch, Fräulein, er liebt uns!« »Nein, nein! Nicht so, wie wir ihn lieben! Wenn er uns wirklich liebte, so würde er hier bei uns sein, anstatt dort oben seine Seele, sein Glück und das unsrige zu zerstören, in dem Verlangen, die ganze Welt zu retten!« Und die beiden Frauen sahen sich in ihrem eifersüchtigen Zorn mit von Zärtlichkeit strahlenden Augen einen Moment an. Dann machten sie sich wieder an ihre Arbeit, und kein Wort wurde mehr gesprochen in dem Schatten der alten Platanen. Oben in seinem Zimmer arbeitete Doktor Pascal mit voller, ungetrübter Freudigkeit. Er hatte die Medizin nur zwölf Jahre lang praktisch ausgeübt seit seiner Rückkehr aus Paris bis zu dem Tage, an welchem er sich auf die Souleiade zurückgezogen hatte. Zufrieden mit den hundert und einigen tausend Franken, die er gewonnen und klug angelegt hatte, widmete er sich jetzt fast ausschließlich seinen Lieblingsstudien und behandelte nur noch einige Freunde; er schlug es aber niemals ab, an dem Bette eines Kranken zu erscheinen, schickte jedoch nie seine Rechnung. Wenn man ihn bezahlte, so warf er das Geld in eine Schublade seines Sekretärs. Er betrachtete dieses Geld als Taschengeld für seine Experimente und Liebhabereien, ohne es zu seinen Renten zu zählen, deren Höhe ihm genügte. Er machte sich lustig über den üblen Ruf eines Sonderlings, den ihm seine Lebensweise verschafft hatte; er war glücklich inmitten der Versuche, die er über die ihn besonders interessirenden Gegenstände anstellte. Es war für viele eine Ueberraschung, zu sehen, daß dieser Gelehrte mit seinen genialen Eigenschaften, die nur durch eine allzu lebhafte Einbildungskraft etwas beeinträchtigt wurden, in Plassans geblieben war, dieser kleinen, weltvergessenen Stadt, wo ihm doch alles für seine Studien Erforderliche fehlen mußte. Aber er wußte sehr einleuchtend alle die Annehmlichkeiten auseinanderzusetzen, die er dort entdeckt hatte; zunächst hatte ihm die große Ruhe und Einsamkeit gefallen, dann war es ein Ort, wo er nicht immerfort Störung durch Besuche zu befürchten hatte, und schließlich konnte er in Hinsicht auf sein Lieblingsstudium, die Lehre von der Vererbung, in dieser kleinen Stadt, wo er jede Familie kannte, alle wunderbaren Erscheinungen, die tief verborgen gehalten wurden, bei zwei bis drei Generationen rückwärts verfolgen. Andererseits befand er sich hier in der Nähe des Meeres. Er war fast jeden Sommer dorthin gegangen, um das Leben in dem weiten Meere zu studiren, in dem unendlichen Gewimmel, wo es geboren wird und sich fortpflanzt. Und es gab endlich im Hospital von Plassans einen Sezirungssaal, welchen er fast ganz allein benützte, ein großer, ruhiger und heller Saal, in welchem seit mehr als zwanzig Jahren alle nicht reklamirten Leichname unter sein Sezirmesser gekommen waren. Sehr bescheiden außerdem und von einer lange Zeit argwöhnischen Furchtsamkeit hatte es ihm genügt, mit seinen alten Professoren und neuen Freunden im Briefwechsel zu bleiben, dessen Gegenstand die sehr bemerkenswerten Abhandlungen waren, die er zuweilen der Akademie der Medizin schickte. Herausfordernder Ehrgeiz war ihm vollständig fremd. Das, was den Doktor Pascal dazu gebracht hatte, sich speziell mit den Gesetzen der Vererbung zu beschäftigen, waren anfangs Arbeiten über die Schwangerschaft. Wie immer hatte dabei der Zufall sein gutes Teil gethan, indem er ihm eine ganze Reihe von Leichnamen schwangerer Frauen verschaffte, die während einer Choleraepidemie gestorben waren. Später hatte er die verschiedenen Todesarten beobachtet, die Reihe vervollständigend und die Lücken ausfüllend, um dahin zu gelangen, die Bildung des Embryo, dann die Entwicklung des Fötus an jedem einzelnen Tage seines Lebens im Mutterleibe kennen zu lernen. So hatte er einen ganzen Katalog der genauesten und sichersten Beobachtungen aufgestellt. Seitdem hatte sich das Problem der Empfängnis in seinem verlockenden Geheimnis ihm dargeboten. Warum und wie entstand ein neues Wesen? Welches waren die Gesetze des Lebens, jener Strom von Wesen, welche die Welt machten? Er hielt sich jedoch dabei nicht nur an Leichen, sondern er dehnte seine Untersuchungen auch auf die lebende Menschheit aus, betroffen durch verschiedene, oft wiederkehrende Vorfälle unter seinen Patienten; ja, er zog sogar seine eigene Familie zur Beobachtung heran, und sie war sein hauptsächlichstes Versuchsfeld geworden, so präzis und vollkommen boten sich in ihr die Fälle dar. Seitdem hatte er, als sich die Resultate häuften und in seinen Aufzeichnungen sich ordneten, versucht, eine allgemeine Theorie der Vererbung aufzustellen, welche im stande sein sollte, alle einzelnen Fälle genügend zu erklären. Das war ein schweres Problem, an dessen Lösung er sich nun schon seit Jahren abmühte. Er war von dem Prinzipe der Ursprünglichkeit und dem Prinzipe der Nachahmung ausgegangen, worunter er einerseits die Vererbung oder Reproduktion der Wesen unter der Herrschaft des Aehnlichen und andererseits das Angeborensein oder die Reproduktion der Wesen unter der Herrschaft des Verschiedenen verstand. Was die Vererbung anbetraf, so hatte er nur vier Fälle zugelassen: Die direkte Vererbung, bei der die Eigenschaften des Vaters und der Mutter in der physischen und moralischen Natur des Kindes sich wieder zeigten; die indirekte Vererbung, bei der die Naturen der Seitenverwandten, der Onkel und Tanten, Cousins und Cousinen von neuem zu Tage traten; die rückgreifende Vererbung, bei der die Eigenschaften von Vorfahren aus einer oder mehreren Generationen wieder zum Vorschein kamen, und endlich die Vererbung durch Beeinflussung, wobei die Eigenschaften ehemaliger Verwandter wieder erschienen, zum Beispiel des ersten Mannes, der die Frau wie für ihre zukünftige Empfängnis geschwängert hat, selbst wenn er nicht mehr die Veranlassung dazu gewesen ist. Was das Angeborensein anbetrifft, so war sie das Neue Wesen oder was als solches erscheint und bei dem die moralischen und physischen Eigenschaften der Eltern sich so vermischen, daß nichts von ihnen beiden in dem Kinde sich wiederzufinden scheint. Und dann hatte er, indem er von neuem auf die beiden Ausdrücke, die Vererbung und das Angeborenfein, zurückgriff, jeden davon wieder in Unterabteilungen geteilt, indem er bei der Vererbung zwei verschiedene Fülle annahm, die Wahl, das individuelle Uebergewicht des Vaters oder der Mutter bei dem Kinde, oder die Vermischung des einen mit dem anderen, eine Mischung, welche mit Vorliebe drei Formen annehmen konnte, entweder durch Verschmelzung oder durch Verteilung oder durch Zusammenfluß, indem er von dem am wenigst guten Zustand zu dem denkbar vollkommensten gelangte. Für das Angeborensein hatte er aber nur einen einzigen möglichen Fall, die Kombination, jene chemische Kombination, welche bewirkt, daß zwei Körper, in Verbindung gebracht, einen neuen Körper bilden können, der vollständig verschieden ist von den beiden Körpern, deren Produkt er ist. Dies war das Ergebnis einer beträchtlichen Menge von Beobachtungen nicht allein auf dem Gebiet der Anthropologie, sondern auch auf dem der Zoologie, der Pomologie und des Gartenbaues. Dann begann erst die eigentliche Schwierigkeit, als es sich darum handelte, von diesen zahlreich vorhandenen, durch die Analyse gewonnenen Thatsachen die Synthese zu finden, die Theorie daraus zu formuliren, die im stande war, alle einzelnen Fälle zu erklären. Damit befand er sich auf dem schlüpfrigen Gebiete der Hypothese, welches durch jede neue Entdeckung verändert wird. Und wenn er sich nicht enthalten konnte, eine Lösung zu geben, da der Geist des Menschen stets das Bedürfnis fühlt, Schlüsse zu ziehen, so besaß er doch Verstand genug, das Problem offen zu lassen. Er war daher von den Keimknöpfchen Darwins, von dessen Pangenesis zu der Perigenese von Häckel gekommen und hatte sich dazwischen auch mit den »Stirpes« von Gallon befaßt. Dann war er zu der Erkenntnis der Theorie gelangt, welche Weismann später zur vollen Geltung bringen sollte und darauf bei der Idee einer außerordentlich feinen und zusammengesetzten Substanz stehen geblieben, bei dem keimbildenden Plasma, von dem immer ein gewisser Teil in jedem neuen Wesen vorrätig bleibt, damit es so von Generation zu Generation übertragen werde und unveränderlich sich forterbe. Das schien alles zu erklären, aber welch unendliches Geheimnis war es doch noch immer, diese Welt der Ähnlichkeiten, welche die Spermatozoen und das Eichen umwandeln, wo das menschliche Auge absolut nichts mehr unterscheidet, selbst unter dem stärksten Mikroskop nicht! Und er war vollständig darauf gefaßt, daß sich seine Theorie eines Tages als hinfällig erweisen würde; er gab sich aber damit nur als mit einer gewissermaßen einstweiligen Erklärung zufrieden, die für den gegenwärtigen Stand der Frage genügte, bei der fortwährenden Beobachtung des Lebens, dessen Quelle selbst, das Entstehen, uns auf immer entschlüpfen zu sollen scheint. Ah, diese Vererbung! Welcher Gegenstand unablässigen Denkens und Sinnens seinerseits! War es nicht etwas Unerhörtes, etwas Ungeheuerliches, daß die Ähnlichkeit der Eltern mit den Kindern nicht vollständig, nicht mathematisch genau war? Er hatte zunächst für seine Familie einen Stammbaum nach logischen Folgerungen zusammengestellt, wo er die Fälle der Beeinflussung von Generation zu Generation in zwei Teile schied, Beeinflussung durch den Vater und Beeinflussung durch die Mutter. Aber das wirkliche Leben strafte diese Theorie fast in jedem einzelnen Falle Lügen. Anstatt daß die Vererbung die Aehnlichkeit war, war sie nichts anderes als ein Streben nach Aehnlichkeit, welches durch die verschiedenen Verhältnisse vielfach durchkreuzt wurde. Und er war bis zu dem gegangen, was er die Hypothese von der Fehlgeburt der Zellen nannte. Das Leben ist nur eine Bewegung, und da die Vererbung die mitgeteilte Bewegung ist, so erdachte er sich, daß die Zellen bei ihrer Vermehrung sich stießen, drückten und vernichteten, indem eine jede die ererbte Kraft entfaltete, und zwar derart, daß, wenn während dieses Streites schwächere Zellen unterlagen, schließlich große Verwirrung, vollständig verschiedene Organe zum Vorschein kamen. Das Angeborensein, die fortwährende Erfindung der Natur, welche er bekämpfte, kam die nicht daher? Und war er selbst nicht so verschieden von seinen Eltern infolge ähnlicher Zufälle oder noch durch die Wirkung der verlarvten Vererbung, an welche er einen Augenblick geglaubt hatte? Jeder Stammbaum hat Wurzeln, die sich bis hinab zu dem ersten Menschen senken; man sollte nicht von einem einzigen Vorfahren ausgehen, man kann immer einem noch älteren, unbekannten Vorfahren ähnlich sein. Dennoch zweifelte er an dem Atavismus; es schien ihm trotz eines einzigen Beispiels, das sich in seiner eigenen Familie vorfand, daß die Ähnlichkeit am Ende von zwei oder drei Generationen sich verflüchtigen müsse auf Grund von Zufällen und tausend anderen möglichen Kombinationen, Es war da also ein ununterbrochenes Werden vorhanden, eine beständige Umwandlung in diesem überkommenen Drange, jene umformende Gewalt, jene Erschütterung, die das Leben aus der Materie hervorbringt und welche das ganze Leben ist. Da traten ihm die Fragen in verdoppelter Anzahl entgegen. Existirte überhaupt ein physischer und intellektueller Fortschritt im Verlaufe der Zeit? Erweiterte sich der Verstand in der Berührung mit den immer weiter fortschreitenden Wissenschaften? Konnte man mit der Zeit auf eine größte Summe von Verstand und Glück hoffen? Dann boten sich noch verschiedene spezielle Probleme dar, zum Beispiel das eine unter vielen anderen, dessen Geheimnis ihn lange Zeit gequält hatte: Wodurch kam es bei dem Empfängnis zu einem Knaben, wodurch zu einem Mädchen? Würde man niemals dahin gelangen, auf wissenschaftliche Weise das Geschlecht vorher bestimmen zu können? Er hatte über diesen Gegenstand eine sehr bemerkenswerte Abhandlung geschrieben, die zwar vollgepfropft von Thatsachen war, aber dennoch im großen und ganzen auf die absolute Unwissenheit hinauskam, in der ihn selbst die genauesten Untersuchungen gelassen hatten. Ohne Zweifel interessirte er sich nur deshalb so leidenschaftlich für die Vererbung, weil sie dunkel, unergründlich und unermeßlich war, wie alle noch in den Windeln liegenden Wissenschaften, wo die Phantasie Meisterin ist. Endlich hatte die eingehende Beschäftigung mit der Erblichkeit der Schwindsucht in ihm den trügerischen Glauben an das Heilvermögen des Arztes erweckt, indem sie ihn in die edle, aber thörichte Hoffnung wiegte, die Menschheit neu gestalten zu können. Mit einem Worte, Doktor Pascal hatte nur einen Glauben, den Glauben an das Leben. Das Leben war die einzige göttliche Offenbarung. Das Leben, das war Gott, die große, treibende Kraft, die Seele des Weltalls. Und das Leben hatte kein anderes Werkzeug als die Vererbung, die Vererbung bildete die Welt, und zwar in der Art, daß, wenn man sie hätte erkennen, sie erfassen können, um über sie zu verfügen, man sie ganz nach eigenem Wunsch und Gefallen gestaltet haben wurde. Bei ihm, der die Krankheit, das Leiden und den Tod ganz in der Nähe gesehen hatte, erwachte das nach Abhilfe drängende Mitleid des Arztes. Ah, nicht mehr krank sein, nicht mehr leiden, nicht mehr sterben, das am wenigsten Mögliche! In seinen Träumen verstieg er sich bis zu dem Gedanken, daß man das allgemeine Glück fördern konnte, den Zukunftsstaat der Vollkommenheit und Glückseligkeit, indem man vermittelnd dazwischen träte und allen Gesundheit verschaffte. Wenn alle gesund, kräftig und vernünftig wären, dann würde es nur noch eine höher stehende Menschheit geben, eine unendlich kluge und glückliche. Machte man denn nicht in Indien im Verlaufe von sieben Generationen aus einem Sudra einen Brahmanen, indem man so auf eine auf Erfahrung begründete Art und Weise den letzten dieser Elenden zu dem vollendetsten menschlichen Typus emporhob? Und da er bei seinem Studium der Schwindsucht zu dem Schluß gekommen war, daß sie nicht erblich sei, aber daß jedes Kind von Schwindsüchtigen einen entarteten Boden in sich trage, auf dem sich die Schwindsucht mit einer seltenen Leichtigkeit entwickelt, dachte er nur noch daran, diesen durch die Vererbung verdorbenen Boden zu stärken, um ihm die Kraft zu geben, daß er den Parasiten Widerstand leisten könnte oder vielmehr den zerstörenden Gärungsstoffen, welche er in dem Organismus vermutete, lange vor der Theorie der Mikroben. Kraft verleihen, darin bestand das ganze Problem, und Kraft verleihen, das hieß auch den Willen verleihen, das Gehirn erweitern, indem man die anderen Organe kräftigte. Um diese Zeit erregte das Interesse des Doktors, als er ein altes medizinisches Buch aus dem fünfzehnten Jahrhundert las, eine »Signatur« genannte Behandlungsweise von Kranken. Um ein krankes Organ zu kuriren und zu heilen, genügte es, von einem Schafe oder einem Rinde dasselbe gesunde Organ zu nehmen, es kochen und dann den Kranken die Bouillon trinken zu lassen. Die Theorie war, das Gleiche durch das Gleiche wiederherzustellen, und besonders bei den Leberkrankheiten, sagte der alte Mediziner, lassen sich die Heilungen gar nicht mehr zählen. Damit beschäftigte sich die lebhafte Einbildungskraft des Doktors. Warum nicht den Versuch machen? Da er die durch Vererbung Geschwächten, denen der Kraftstoff fehlte, wieder kräftigen wollte, so brauchte er ihnen nur diesen Kraftstoff in normalem und gesundem Zustande zu geben. Allein die Theorie von der Bouillon erschien ihm kindisch, er erfand eine Methode, das große und kleine Gehirn eines Schafes in einem Mörser zu zerstoßen und dann, nachdem man destillirtes Wasser hinzugegossen, die so erhaltene Flüssigkeit abzuklären und zu filtriren. Er machte dann mit dieser Flüssigkeit, die er mit Malagawein vermischt hatte, Versuche bei seinen Kranken, ohne jedoch ein annehmbares Resultat zu erzielen. Da hatte er plötzlich, als sein Mut schon ganz gesunken war, eine Eingebung, als er eines Tages einer von Leberkolik heimgesuchten Dame eine Morphiumeinspritzung mit der kleinen Pravazspritze machte. Wenn er mit seinem Elixir einmal solche Einspritzungen unter die Haut versuchte? Und sogleich, nachdem er nach Hause zurückgekehrt war, probirte er es an sich selbst; er machte sich einen Stich an den Lenden, den er morgens und abends erneuerte. Die ersten Dosen von nur einem Gramm blieben ohne Wirkung. Als er aber die Dosis verdoppelt und verdreifacht hatte, war er ganz entzückt, als er eines Morgens beim Aufstehen sich in seinen Gliedern so verjüngt fühlte, als ob er erst zwanzig Jahre alt wäre. So ging er bis zu fünf Gramm; er atmete freier, er arbeitete besonders mit einer Klarheit und Leichtigkeit, wie ei sie schon seit Jahren nicht mehr verspürt hatte. Das volle Wohlbefinden, die richtige Lebensfreudigkeit überflutete ihn. Seitdem war er, als er sich in Paris eine Injektionsspritze, welche fünf Gramm faßte, hatte anfertigen lassen, durch glückliche Resultate, die er bei seinen Kranken erreichte, überrascht worden; innerhalb einiger Tage stellte er dadurch seine Patienten wieder her, als sei ein Strom neuen, kräftig pulsirenden Lebens in sie gekommen. Seine Methode war allerdings noch unsicher und unausgebildet; er ahnte dabei alle möglichen Gefahren; besonders quälte ihn die Furcht, Verstopfungen hervorzurufen, wenn das Elixir nicht von einer vollkommenen Reinheit war. Dann kam ihm der Argwohn, daß die Energie seiner Rekonvaleszenten zum Teil nur von dem Fieber herrühre, welches er in ihnen hervorrief. Aber er war ja nur ein Pionier, seine Methode würde sich später schon noch vervollkommnen, hatte er da nicht schon ein Wunder damit vollbracht? Hatte er nicht damit schon Gelähmte wieder gehen machen. Schwindsüchtige wieder hergestellt, ja, hatte er nicht selbst den Irrsinnigen lichte Stunden dadurch verschafft? Und vor dieser glücklichen Entdeckung der Alchimie des zwanzigsten Jahrhunderts eröffnete sich ihm ein unendliches Gebiet der kühnsten Hoffnungen, er glaubte das Universalheilmittel gefunden zu haben, das Lebenselixir, welches die menschliche Schwache bekämpfen sollte, die alleinige wirkliche Ursache aller Uebel, eine wahre und wissenschaftliche Jugendquelle, die, indem sie Kraft, Gesundheit und Willen verlieh, eine ganz neue und höher stehende Menschheit schaffen würde. An diesem Morgen war er in seinem Zimmer, einem nach Norden gelegenen Raume, der durch die Nachbarschaft der Platanen etwas verdunkelt und nur ganz einfach möblirt war mit einer eisernen Bettstelle, einem Mahagonisekretär und einem großen Schreibtisch, auf welchem sich ein Mörser und ein Mikroskop befanden, mit der Zubereitung einer Flasche seines Elixirs beschäftigt, worauf er die größte Sorgfalt verwendete. Seit dem vorhergehenden Abende klärte er die Gehirnsubstanz eines Schafes, nachdem er sie fein zerstoßen hatte, in destillirtem Wasser ab und filtrirte sie. Er war gerade so weit gekommen, daß er ein kleines Fläschchen mit einer trüben, opalfarbigen und in bläulichen Reflexen regenbogenartig schillernden Flüssigkeit vollgefüllt hatte, und betrachtete sie lange andächtig, das Fläschchen gegen das Licht haltend, gleich als ob er das Blut in der Hand gehalten hätte, welches der Regenerator und Retter der ganzen Menschheit wäre. Da rissen ihn leichte Schläge an die Thür und eine dringliche Stimme aus seinen Träumen. »Nun, Herr Doktor, wie steht es? Es ist schon ein viertel nach zwölf. Wollen Sie denn nicht frühstücken?« Unten in dem großen, kühlen Speisesaale wartete wirklich das Essen. Man hatte die Fensterläden geschlossen gelassen bis auf einen, der halb offen stand. Der Speisesaal war ein freundlicher Raum mit perlgrauem, von blauen Linien durchzogenem Wandgetäfel. Der Tisch, das Büffet und die Stühle hatten ehemals das Mobiliar im Stile des Kaiserreichs vervollständigen müssen, mit dem die Zimmer ausgestattet waren; und von dem lichten Hintergrunde hob sich das alte Mahagoniholz mit seinem tiefen Rot kräftig ab. Ein immer blank geputzter Kronleuchter von cuivre poli strahlte wie eine Sonne, während auf den vier Wänden vier große in Pastellmalerei ausgeführte Bouquets von Levkojen, Nelken, Hyazinthen und Rosenblüten prangten. Heiter und strahlend trat Doktor Pascal in das Zimmer. »Ah, verwünscht! Ich habe mich ganz vergessen, ich wollte meine Arbeit fertig machen ... Hier ist etwas davon, ganz frisch und ganz rein diesmal; das wird Wunder wirken!« Und er zeigte in seiner Begeisterung das Fläschchen, welches er mit heruntergebracht hatte. Aber er bemerkte, daß Clotilde stumm und steif mit ernstem Gesichte da saß. Der stille Aerger über das lange Warten hatte sie wieder ganz in ihre feindselige Stimmung versetzt, und sie, die am Vormittag darauf gebrannt, sich ihm an den Hals zu werfen, blieb unbeweglich sitzen, wie erkältet und abgestoßen von ihm. »Gut!« begann er wieder, ohne etwas von seiner freudigen Stimmung zu verlieren, »wir schmollen also noch. Das ist aber gar nicht recht von Dir! Bewunderst Du ihn denn nicht, meinen Zaubertrank, der die Toten auferweckt?« Er hatte sich an dem Tische niedergelassen, und das junge Mädchen mußte ihm jetzt endlich Antwort geben, da sie ihm gerade gegenüber saß. »Du weißt genau, Meister, daß ich alles von Dir bewundere. Allein mein Wunsch ist es, daß auch die anderen Dich bewundern sollten. Und da ist nun der Tod jenes armen alten Boutin ...« »O!« rief er, ohne sie ausreden zu lassen, »ein Epileptiker, der einem Schlaganfall erlegen ist! Da Du heute aber übler Laune bist, so wollen wir jetzt nicht weiter darüber reden. Du thust mir wehe damit, und das würde mir den ganzen Tag verderben.« Es gab weichgesottene Eier, Koteletten und Crême. Das Stillschweigen dauerte fort, und währenddem biß Clotilde trotz ihres Schmollens mit ihren schönen Zähnen ordentlich zu, denn sie hatte einen guten Appetit, den sie durchaus nicht etwa aus Koketterie zu verbergen suchte. Endlich unterbrach der Doktor die Stille wieder, indem er lachend sagte: »Was mich sehr beruhigt, das ist, daß Du einen guten Magen hast ... Martine, bringe doch dem Fräulein noch Brot!« Wie es seit langem Gebrauch war, bediente die alte Haushälterin sie bei Tische und sah mit stiller Vertraulichkeit zu, wie es ihnen schmeckte. Oft auch plauderte sie mit ihnen. »Herr Doktor,« sagte sie, nachdem sie ein Stück Brot abgeschnitten hatte, »der Fleischer hat seine Rechnung gebracht; soll ich sie bezahlen?« Er hob den Kopf empor und sah sie ganz erstaunt an. »Warum fragst Du mich das? Zahlst Du denn nicht für gewöhnlich, ohne mich darüber erst besonders um Rat zu fragen?« In der That war es Martine, welche die Kasse führte. Das bei dem Notar Grandguillot in Plassans deponirte Geld gab die runde Summe von sechstausend Franken Zinsen, Jedes Vierteljahr erhielt die Haushälterin fünfzehnhundert Franken, und sie verwendete das Geld zum besten der Interessen des Hauses; sie kaufte und bezahlte alles und verfuhr dabei mit der grüßten Sparsamkeit, denn sie war geizig, weswegen man sie auch unablässig zum besten hatte. Clotilde war auch sehr sparsam und hatte noch niemals daran gedacht, für sich um einen Geldbeutel zu bitten. Was den Doktor anbelangte, verbrauchte er für seine Experimente und als Taschengeld die drei- bis viertausend Franken, die er im Laufe des Jahres verdiente und die er in eine Schublade seines Sekretärs warf, so daß er dort immer einen kleinen Schatz von Gold und Bankbillets liegen hatte, dessen genauen Betrag er jedoch niemals kannte. »Gewiß, Herr Doktor, zahle ich,« antwortete die Haushälterin, »aber nur dann, wenn ich es bin, die die Waren gekauft hat; diesmal ist aber die Rechnung so groß wegen all der vielen Gehirne, die der Fleischer hat liefern müssen ...« Der Doktor unterbrach sie heftig. »Ach so! Sage mir, willst vielleicht auch Du Dich gegen mich auflehnen? Nein, nein! Das würde doch zu, viel sein! Gestern habt ihr mir viel Kummer verursacht, und ich war in Zorn. Aber das muß aufhören: ich will nicht, daß das Haus eine Hölle wird. Zwei Frauen gegen mich, und noch dazu die einzigen, die mich etwas lieb haben! Ihr wißt, ich würde dann lieber die Flucht ergreifen!« Er war jedoch nicht böse geworden, sondern lachte, obgleich man an dem Zittern seiner Stimme die Unruhe in seinem Innern merkte. Und er fügte in seiner gewöhnlichen gutmütigen und freundlichen Art hinzu: »Wenn Du Angst vor Deinem Monatsabschluß hast, Alte, so sage dem Fleischer, daß er mir meine Rechnung besonders schicken soll. Du brauchst nicht etwa Furcht zu haben, daß man von Dir verlangen wird. Du sollst von dem Deinigen hinzulegen. Deine Sous können ruhig schlafe».« Das war eine Anspielung auf das kleine persönliche Vermögen der alten Martine. In dreißig Jahren hatte sie bei einem jährlichen Lohn von vierhundert Franken sich zwölftausend Franken gespart, von welchen sie immer nur das für ihren Unterhalt unumgänglich Notwendige erhob, so daß die Gesamtsumme ihrer Ersparnisse, durch die hinzugekommenen Zinsen beinahe um das Dreifache gewachsen, jetzt ungefähr dreißigtausend Franken betrug. Sie hatte jedoch dies ihr kleines Vermögen aus reinem Eigensinn nicht bei dem Notar Grandguillot in Plassans deponirt, da sie ihr Geld sparen wollte. Sie hatte es anderswo in sicheren Renten angelegt. »Die Sous, welche schlafen, sind aber ehrbare Sous,« antwortete sie ernst; »der Herr Doktor hat jedoch recht, daß der Fleischer eine besondere Rechnung schicken muß, denn die Gehirne sind für die Küche des Herrn und nicht für die meinige.« Diese Auseinandersetzungen hatten Clotilde lachen gemacht, denn die Anspielungen auf den Geiz der alten Martine belustigte sie gewöhnlich; und so endete das Dejeuner vergnügt. Der Doktor wollte den Kaffee unter den Platanen trinken, da er, wie er sagte, frische Luft nötig hätte, nachdem er den ganzen Vormittag in seinem Zimmer eingeschlossen gewesen wäre. Der Kaffee wurde daher auf dem steinernen Tische in der Nähe der Fontäne servirt. Und es war wirtlich angenehm dort in dem Schatten, in der erfrischenden Kühle des plätschernden Wassers, während in der Umgebung der kleine Fichtenwald, der große freie Platz, überhaupt die ganze Besitzung in der heißen Sonnenglut der Nachmittagsstunden kochten. Pascal hatte selbstgefällig das kleine Fläschchen mit seinem kraftspendenden Elixir mit hinuntergenommen und betrachtete es liebevoll, nachdem er es vor sich auf den Tisch gestellt hatte. »So, mein Fräulein,« sagte er in mürrischspöttischem Tone, »Sie glauben also nicht an mein Wiederbelebungselixir, während Sie doch an Wunder glauben!« »Meister,« antwortete Clotilde, »ich glaube, daß wir überhaupt gar nicht alles wissen.« Er machte eine ungeduldige Bewegung. »Aber wir müssen alles wissen ... Begreife doch nur. Du kleiner Starrkopf, daß man niemals auch nur eine einzige Abweichung in den unveränderlichen Gesetzen, die das Weltall regieren, auf wissenschaftlichem Wege konstatirt hat. Die menschliche Intelligenz allein hat sich bis auf diesen Tag mit der Sache befaßt, und ich wette, daß Du keinen wirklichen Willen, keine Absicht irgend welcher Art außerhalb des organischen Lebens finden wirst. Und darin liegt alles; es gibt auf der Welt keinen andern Willen als die Kraft, welche alles zum Leben erweckt, zu einem immer mehr und mehr entwickelteren und höheren Leben.« Er hatte sich in lebhafter Erregung erhoben, und sein Glaube hatte ihn in solche Begeisterung versetzt, daß das junge Mädchen ihn stumm betrachtete, erstaunt, ihn unter seinen weißen Haaren noch so jung zu finden. »Wünschest Du vielleicht, daß ich Dir mein Glaubensbekenntnis hersage, da Du mich beschuldigst, nichts von dem Deinigen wissen zu wollen? Nun also, ich glaube, daß die Zukunft des Menschengeschlechtes in dem Fortschritt des Verstandes durch die Wissenschaft liegt. Ich glaube, daß die Erforschung der Wahrheit durch die Wissenschaft das göttliche Ideal ist, welches der Mensch sich aufstellen muß. Ich glaube, daß alles Einbildung und Eitelkeit ist mit Ausnahme des Schatzes der mühsam erworbenen Wahrheit, die einem niemals verloren geht. Ich glaube, daß die Summe aller dieser verschiedenen Wahrheiten, die sich immer vermehren, darin bestehen wird, daß sie dem Menschen eine unberechenbare Kraft verleiht und die Zufriedenheit, wenn nicht das Glück. Ja, ich glaube an den schließlichen Triumph des Lebens.« Und er breitete seine Arme weit aus, als wollte er den unendlichen Horizont umfassen und die wie in Flammen stehende Erde, wo die Säfte aller Existenzen lochten, zum Zeugen nehmen. »Das ewige Wunder aber, mein Kind, das ist das Leben! Oeffne doch die Augen und betrachte es!« Sie schüttelte den Kopf. »Ich habe gut sie öffnen, ich sehe doch nicht alles. Du bist es, Meister, der ein Starrkopf ist, da Du nicht zugeben willst, daß es da unten ein Unbekanntes gibt, in das Du niemals eindringen wirst. O, ich weiß, Du bist zu klug, um dies nicht zu wissen! Aber Du willst Dir davon nicht Rechenschaft geben. Du schiebst das Unbekannte einfach beiseite, weil es Dir bei Deinen Untersuchungen im Wege ist. Du hast gut mir sagen, ich soll das Geheimnis unberücksichtigt lassen, ich soll von dem Bekannten zum Unbekannten fortschreiten, aber ich – ich kann es nicht! Sofort ist das Geheimnis wieder da und beunruhigt mich.« Er hörte ihr lächelnd zu, glücklich, sie wieder lebhaft erregt zu sehen und streichelte zärtlich mit der Hand ihre blonden Locken. »Ja, ja, ich weiß, Du bist wie die anderen. Du kannst nicht ohne Wahn, ohne Lüge leben! Aber laß nur! Schließlich werden wir uns ja doch noch verstehen. Bleibe nur gesund, das ist die halbe Wahrheit, das halbe Glück!« Dann änderte er das Gesprächsthema, indem er sagte: »Du wirst mich aber trotzdem hoffentlich auf meinem Rundgange zu den Wundern begleiten und mir behilflich sein. Es ist heute Donnerstag, mein Besuchstag. Wenn die Hitze ein wenig nachgelassen hat, wollen wir zusammen aufbrechen.« Sie weigerte sich zuerst, mitzugehen, um nicht den Schein zu erwecken, als ob sie nachgäbe; schließlich willigte sie doch ein, da sie sah, welchen Kummer ihm ihre Weigerung verursachte. Denn sie begleitete ihn bei diesen Krankenbesuchen für gewöhnlich stets. Sie blieben noch lange unter den Platanen sitzen, bis der Doktor hinausging, um sich anzuziehen. Als er wieder herunterkam in einem Ueberzieher, auf dem Kopf einen breitrandigen Seidenhut, befahl er Bonhomme anzuspannen, das Pferd, welches ihn seit einem Vierteljahrhundert zu seinen Besuchen durch die Straßen von Plassans und in der Umgebung gefahren hatte. Aber das arme alte Tier wurde blind, und aus Dankbarkeit für seine Dienste und aus liebevoller Anhänglichkeit störte man es jetzt nicht gern in seiner Ruhe. Heute abend war es ganz eingeschlafen; sein Auge blickte starr und blöde und seine Beine waren vom Rheumatismus lahm und kontrakt. Der Doktor und das junge Mädchen waren in den Stall gegangen, um nach ihm zu sehen; sie gaben ihm einen kräftigen Kuß rechts und links auf seine Nase und redeten ihm zu, sich auf eine Schütte gutes Stroh niederzulegen, welches die Haushälterin herbeibrachte. Dann beschlossen sie, zu Fuß zu gehen. Clotilde, die ihr weißes Kleid mit roten Punkten etwas heraufgeschürzt, hatte mir einen großen, mit lila Band ausgeputzten Strohhut aufgesetzt; sie war reizend mit ihren großen Augen, ihrem Gesicht von Milch und Blut, beschattet von den breiten Huträndern. Wie sie so dahinschritt am Arme des Doktors, so zierlich, schlank und so jung, er strahlend, mit einem durch den weißen Bart erhellten Gesicht und einer Gewandtheit und Kraft, welche ihn mit Leichtigkeit Bäche und Gräben überspringen ließ, freuten sich alle, die ihnen begegneten, und drehten sich um, um ihnen mit den Blicken zu folgen, so lieb und gut sahen sie aus. Als sie an diesem Abende den Weg von Fenouilères verließen, um nach Plassans einzubiegen, stand eine Anzahl Frauen da, die gerade dabei waren, einen kleinen Klatsch zu veranstalten. Er schritt an ihnen vorüber, man hätte sagen können, wie einer jener alten Könige, die man auf Gemälden sieht, einer jener mächtigen und leutseligen Könige, die nicht alt werden, die Hand gelegt auf die Schultern eines Kindes, schön wie der Tag, dessen blendende und demütige Jugend ihnen zur Stütze dient. Sie bogen gerade in die Hauptstraße Sauvaire ein, um die Rue de la Banne zu erreichen, als ein großer junger Mann mit braunen Haaren von ungefähr dreißig Jahren sie aufhielt. »Ah, Meister, Sie haben mich ganz vergessen! Ich warte noch immer auf Ihre Notiz, die Schwindsucht betreffend.« Es war Doktor Ramond, der sich seit zwei Jahren in Plassans niedergelassen und schon eine sehr schöne Praxis erworben hatte. Von prächtiger Gestalt, mit stolz erhobenem Haupte, dessen Gesamtausdruck der einer überlegenen Männlichkeit war, wurde er von den Frauen angebetet und besaß glücklicherweise viel Verstand und viel Klugheit. »Sieh da, Ramond! Guten Tag! Aber ich habe Sie durchaus nicht vergessen, lieber Freund. Dieses kleine Mädchen hier, dem ich die Notiz gestern zum Abschreiben gegeben habe und das noch nichts daran gethan hat, ist die Schuldige.« Die beiden jungen Leute hatten sich in herzlicher, freundschaftlicher Weise die Hand gedrückt. »Guten Tag, Fräulein Clotilde.« »Guten Tag, Herr Ramond.« Während eines, glücklicherweise leichten Fiebers, welches das junge Mädchen im vergangenen Jahre gehabt hatte, war Doktor Pascal auf den närrischen Gedanken gekommen, an sich zweifeln zu müssen, und hatte deshalb seinen jungen Kollegen aufgefordert, ihm zu helfen und ihm wieder Mut einzuflößen. So war es gekommen, daß sich zwischen den drei Personen ein freundschaftlicher Verkehr, eine Art von Kameradschaft angeknüpft hatte. »Sie werden Ihre Notiz morgen früh erhalten, ich verspreche es Ihnen,« sagte sie lachend. Ramond begleitete sie noch eine Strecke weit bis an das Ende der Rue de la Banne am Anfange des alten Viertels, wohin sie gingen. Und er zeigte in der Art, wie er sich lächelnd zu Clotilde hinabneigte, deutlich eine zarte, verschwiegene Liebe, die langsam groß geworden war, und mit Ungeduld wartete er auf die Stunde, welche die von ihm gewünschte Lösung bringen sollte. Sonst hörte er mit ehrerbietiger Aufmerksamkeit dem Doktor Pascal zu, dessen Arbeiten er sehr bewunderte. »Hören Sie, lieber Freund, ich bin gerade auf dem Wege zu der Guirande, jener Frau, wie Sie wissen, deren Mann, ein Lohgerber, vor fünf Jahren an der Schwindsucht gestorben ist. Zwei Kinder sind ihr geblieben: Sophie, ein Mädchen von bald sechzehn Jahren, welches ich so glücklich war, vier Jahre vor dem Tode des Vaters auf das Land schicken zu können, hier in der Nähe, zu einer ihrer Tanten, und ein Sohn, Valentin, der jetzt gerade einundzwanzig Jahre alt ist, und den die Mutter bei sich behalten wollte aus eigensinniger Zärtlichkeit, trotz der entsetzlichen Resultate, die ich ihr drohend vor die Augen geführt hatte. Nun sehen Sie, wie recht ich habe, zu behaupten, daß die Schwindsucht nicht erblich ist, sondern daß die schwindsüchtigen Eltern nur einen entarteten Grund hinterlassen, in welchem die Krankheit sich bei der geringsten Ansteckung entwickelt. Heute ist Valentin, der im täglichen Verkehr mit dem Vater gelebt hat, schwindsüchtig, während Sophie, die ich hinaus in die gute Landluft gebracht habe, sich einer vortrefflichen Gesundheit erfreut.« Er lachte triumphirend und fügte dann hinzu: »Das hindert jedoch nicht, daß ich Valentin doch noch rette, denn er lebt zusehends wieder auf, er nimmt zu, seitdem ich ihm Einspritzungen mache. Ah, Ramond! Sie werden auch noch dahin kommen, Sie werden auch noch zu meiner Methode kommen.« Der junge Arzt drückte ihnen beiden die Hand. »Ich sage nicht nein. Sie wissen es ganz genau, daß ich es immer mit Ihnen halte.« Als sie allein waren, beschleunigten sie ihre Schritte und bogen bald in die Rue Canquoin ein, eine der engsten und dunkelsten Straßen des alten Viertels. Bei der glühenden Sonnenhitze draußen herrschte hier in dem fahlen Tageslicht eine Kellerluft. Dort wohnte die Witwe Guiraude zusammen mit ihrem Sohne Valentin in einem Parterre. Sie öffnete selbst die Thür, eine magere, hinfällige, selbst an einer langsamen Zersetzung des Blutes leidende Frau. Vom Morgen bis zum Abend zerschlug sie Mandeln mit dem dicken Ende eines Hammelknochens auf einem großen Pflasterstein, den sie zwischen ihre Kniee geklemmt hatte. Das war die einzige Arbeit, von der sie lebten, da der Sohn schon lange jede Beschäftigung hatte aufgeben müssen. An diesem Tage lächelte sie aber dennoch, als sie den Doktor bemerkte, denn Valentin hatte soeben mit großem Appetit eine Kotelette gegessen, was er schon seit Monaten nicht mehr gethan hatte. Dieser selbst, entsetzlich mager, mit dünnen Haupt- und Barthaaren, vorspringenden Backenknochen und roten Flecken mitten aus den wachsbleichen Wangen, hatte sich sofort erhoben, um zu zeigen, daß er sich heute viel wohler fühle. Und Clotilde war bewegt durch den Empfang, den man Pascal bereitet hatte, als wäre er der Heiland, der erwartete Messias. Diese armen Leute drückten ihm die Hände, ja, sie würden ihm sogar die Füße geküßt haben, und blickten mit vor Dankbarkeit leuchtenden Augen zu ihm empor. Denn er konnte alles, er war für sie der liebe Gott, da er die Toten wieder auferweckte. Und sein eigenes Gesicht verklärte sich durch ein befriedigtes Lächeln im Angesichte dieser Kur, die sich so gut anließ. Ohne Zweifel war der Kranke nicht geheilt, vielleicht war es bloß eine scheinbare, augenblickliche Besserung, denn er fand ihn nur fieberhaft aufgeregt. Aber war es denn wirklich nichts, wenn man einige Tage gewonnen hatte? Er machte ihm von neuem Einspritzungen, während Clotilde, am Fenster stehend, ihnen den Rücken zukehrte; und als sie fortgingen, bemerkte sie, daß er zwanzig Franken auf dem Tische zurückließ. Das passirte ihm oft, daß er seine Kranken bezahlte, anstatt von ihnen bezahlt zu werden. Sie machten noch drei weitere Besuche in dem alten Viertel, dann gingen sie zu einer Dame in der Neustadt; und als sie sich wieder auf der Straße befanden, sagte der Doktor: »Wenn ich wüßte, daß es Dir nicht zuviel werden würde, so würde ich vorschlagen, bevor wir Lafouasse besuchten, hinaus nach der Séguiranne zu gehen und Sophie bei ihrer Tante aufzusuchen. Das würde mir Vergnügen machen. Es sind kaum drei Kilometer bis dorthin, und bei dem wunderbaren Wetter wäre es ein reizender Spaziergang.« Sie stimmte vergnügt zu und hing sich, jetzt nicht mehr schmollend, bei ihm ein, glücklich, an seinem Arme gehen zu dürfen. Es war fünf Uhr, die schrägen Strahlen der Sonne überzogen die ganze Landschaft wie mit einem Schleier von Gold. Als sie aber aus Plassans heraus waren, mußten sie eine Ecke der weiten ausgedörrten und nackten Ebene zur Rechten der Viorne überschreiten. Der neue Kanal, dessen Wasser das verdurstende Land umwandeln sollte, bewässerte noch nicht dieses Viertel. Die rötlichen und gelblichen Landstriche erstreckten sich bis in das Unendliche unter den versengenden Sonnenstrahlen. Die weite Fläche war nur mit dürftigen Mandel- und zwergenhaften Olivenbäumen bewachsen, deren beständig welk herabhängende und verschnittene Zweige zu allen möglichen jämmerlichen und widerspenstigen Formen verdreht und verkrümmt waren. In der Ferne sah man auf den kahlen Hügeln die verschwimmenden Umrisse von Landhäusern, an die sich dann weiterhin die dunklen Linien von Cypressenwaldungen schlossen. Dennoch zeigte diese ungeheure Weite ohne Grün mit den großen, öden Landstrecken, den harten und scharfen Farbentönen, schöne, klassische Linien, eine strenge Größe. Auf dem Wege lag wohl an zwanzig Centimeter hoher Staub, schneeweißer Staub, den der geringste Luftzug in dichten Wolken emporwirbelte und der die Feigenbäume und das Brombeergebüsch zu beiden Seiten des Weges wie mit Puder überzog. Clotilde, die sich wie ein Kind darüber freute, diesen seinen Staub unter ihren Füßchen knirschen zu hören, wollte mit ihrem Sonnenschirm Pascal beschützen. »Dir scheint die Sonne in die Augen, komm doch auf meine linke Seite!« Schließlich nahm er den Schirm in die Hand, um ihn selbst zu tragen. »Du hältst ihn nicht richtig, und dann ermüdet es Dich auch ... übrigens sind wir jetzt da.« Mitten in der von dem Sonnenbrand versengten ungeheuren Fläche nahm man schon von weitem eine kleine Insel von grünem Blattwerk wahr, einem ungeheuren Bouquet von Bäumen gleichend. Das war die Séguiranne, die Besitzung, auf der Sophie groß geworden war bei ihrer Tante Dieudonné, der Frau eines Weißgerbers. Bei der geringsten Quelle, bei dem kleinsten Gewässer ließ dieser Flammenboden eine üppige Vegetation hervorsprießen; dichte Schatten reicher Baumanlagen spendeten angenehme Kühle. Die Platanen, die Kastanienbäume und die jungen Rüstern wuchsen kräftig empor. Die Ankommenden betraten eine lange Allee wunderbarer grüner Eichen. Als sie sich dem Pachthofe näherten, kam ihnen eine Mähderin von der Wiese her, wo sie ihre Heugabel zurückgelassen hatte, entgegengelaufen. Es war Sophie, die den Doktor und das Fräulein, wie sie Clotilden nannte, erkannt hatte. Sie verehrte beide sehr; plötzlich blieb sie stehen und sah sie groß an, ohne das viele Gute sagen zu können, von dem ihr Herz übervoll war. Sie glich ihrem Bruder Valentin, sie hatte seine kleine Figur, seine vorstehenden Backenknochen, seine mattblonden Haare; aber auf dem Lande, fern von der Ansteckung des väterlichen Leidens, schien es, als ob sie an Körperfülle zugenommen hätte, als ob sie fester auf ihren kräftigen Beinen stünde und ihre Wangen runder, ihre Haare üppiger geworden waren. Und sie hatte sehr schöne Augen, die von Gesundheit und Dankbarkeit strahlten. Ihre Tante Dieudonné, die mit ihr Heu machte, kam jetzt ihrerseits auch herbei und rief schon von weitem, in der etwas derben Weise der Provenzalen scherzend: »Ah, Herr Pascal! Wir haben Sie hier nicht nötig! Es ist niemand krank!« Der Doktor, der nur gekommen war, um sich an diesem schönen Bilde blühender Gesundheit zu erfreuen, antwortete in demselben Tone: »Das hoffe ich sehr! Aber das hindert doch nicht, daß sich hier ein kleines junges Mädchen aufhält, das uns, Ihnen und mir, eine prachtvolle Wachskerze schuldet.« »Ja, ja, das ist die reine Wahrheit! Und sie weiß es auch, Herr Pascal, sie sagt alle Tage, daß sie ohne Sie zu dieser Stunde wie ihr armer Bruder Valentin wäre.« »Bah, den werden wir auch schon noch retten! Es geht dem Valentin besser. Ich habe ihn gerade besucht.« Sophie ergriff die beiden Hände des Doktors, große Thränen standen in ihren schönen Augen, und sie konnte nur stammeln: »O, Herr Pascal!« Wie sie ihn liebte! Und Clotilde fühlte ihre Zärtlichkeit für ihn immer wachsen bei diesen verschiedenen Liebesbezeugungen. Sie blieben eine kurze Zeit da in dem wohlthuenden Schatten der grünen Eichen. Dann traten sie den Rückweg nach Plassans an, da sie noch einen Krankenbesuch zu machen hatten. Es war an dem Kreuzungspunkte von zwei Straßen in einer Winkelschenke, die ganz weiß überzogen war von dem aufgewirbelten Staube. Ihr gegenüber erbaute man gerade eine Dampfmühle, wozu man die alten Baulichkeiten des Paradou benutzte, einer Besitzung, die aus dem vorigen Jahrhundert stammte. Und der Wirt, Lafouasse, machte kleine Geschäfte, dank den Arbeitern der Mühle und den Bauern, die ihr Getreide brachten. Ferner hatte er Sonntags noch mehrere Einwohner von Les Artauds, einem benachbarten Weiler, zu Gästen. Aber er hatte Unglück gehabt und schleppte sich nun schon drei Jahre lang damit hin, über rheumatische Schmerzen zu klagen, in denen der Doktor endlich den Beginn einer allgemeinen Störung aller körperlichen Funktionen, der Ataxie, erkannte. Trotzdem aber weigerte er sich, eine Magd zu nehmen, und besorgte, indem er sich an den Möbeln anhielt, selbst seine Geschäfte. Als er nach ungefähr zehn Einspritzungen besser auf den Beinen war, schrie er schon überall seine vollständige Heilung herum. Er stand gerade unter seiner Thüre, ein großer und starker Mann mit einem roten Gesicht und brennend roten Haaren. »Ich habe Sie schon erwartet, Herr Pascal. Denken Sie nur, gestern habe ich es schon fertig gebracht, zwei Faß Wein auf Flaschen zu ziehen, ohne dabei müde zu werden!« Clotilde blieb vor dem Hause auf einer Steinbank sitzen, wahrend Pascal in das Schenkzimmer trat, um Lafouasse die Einspritzungen zu verabreichen. Man hörte ihre Stimmen, und der letztere, der trotz seiner derben Muskeln sehr wehleidig war, beklagte sich darüber, daß die Einspritzungen Schmerzen verursachten; aber schließlich könnte man schon etwas erdulden, wenn man dadurch seine gute Gesundheit wieder gewänne. Dann zwang er den Doktor, ein Glas Wein anzunehmen. Auch das Fräulein würde ihm wohl nicht die Schande anthun, etwas Sirup auszuschlagen. Er trug einen Tisch hinaus, sie mußten durchaus mit ihm trinken. »Auf Ihre Gesundheit, Herr Pascal, auf die Gesundheit aller der armen Kerle, denen Sie den Geschmack am Brot wieder verschafft haben!« Clotilde lächelte und gedachte der Klatschereien, von denen ihr Martine erzählt hatte; sie dachte an jenen alten Boutin, den, wie man munkelte, der Doktor getötet haben sollte. Er tötete doch nicht alle seine Patienten; wirkte denn sein Heilverfahren nicht wahre Wunder? Und sie fand den Glauben an ihren Meister wieder in jener heißen Liebe, die in ihrem Herzen aufstieg. Als sie fortgingen, war sie ihm wieder ganz zugethan; er konnte sie nehmen, sie davontragen, er konnte ganz nach seinem Gefallen über sie verfügen. Aber vor einigen Minuten noch, auf jener Bank von Stein, da hatte sie sich in ihren Träumereien, als sie die Dampfmühle betrachtete, einer dunklen Geschichte erinnert. War es nicht dort gewesen, in jenen von Kohlenstaub geschwärzten und heute von Mehl gepuderten Gebäuden, wo sich ein Drama voll heißer Leidenschaft abgespielt hatte? Und dann kam ihr die ganze Geschichte wieder ins Gedächtnis mit all den von Martine erzählten Einzelheiten und den Anspielungen, die der Doktor selbst gemacht hatte, ein vollständiges, tragisches Liebesabenteuer eines Vetters, des Abbé Serge Mouret, der damals Pfarrer von Les Artauds war, mit einem anbetungswürdigen, aber wilden und leidenschaftlichen Mädchen, welches das Paradou bewohnte. Sie gingen wieder den gleichen Weg, als Clotilde plötzlich stehen blieb und mit der Hand auf die weite traurige Umgegend wies, auf die lang hingestreckten Felder und Wiesen und die noch unbebauten Landstrecken. »Meister, ist das nicht alles hier einst ein großer Garten gewesen? Hast Du mir nicht davon erzählt?« Pascal, dem man die Freude über diesen glücklichen Tag ansah, überflog ein leichtes Zittern, und sein Gesicht nahm den Ausdruck unendlich trauriger Zärtlichkeit an. »Ja, ja, das Paradou, ein unendlich großer Garten mit Waldungen, Wiesen, Park und Gartenanlagen, Fontänen und Bächen, die sich in die Viorne ergossen ... Ein Garten, der seit einem Jahrhundert verwildert war, der Garten Dornröschens, wo die Natur wieder Alleinherrscherin geworden war ... Und Du siehst es, sie haben ihn abgeholzt und nivellirt, um ihn in Parzellen zu zerstückeln und auf dem Versteigerungswege zu verkaufen. Die Quellen selbst sind versiegt, und dort unten befindet sich nur noch der giftige Sumpf ... Ah! wenn ich hier vorübergehe, empfinde ich stets ein tiefes Weh im Herzen.« Sie wagte ihn weiter zu fragen: »Nicht wahr, im Paradou war es, wo die Liebestragödie zwischen Deinem Vetter Serge und Deiner Freundin Albine sich abgespielt hat?« Aber er hörte sie nicht mehr; die Augen in die Ferne gerichtet, in die Vergangenheit verloren, fuhr er fort: »Albine! Mein Gott! Ich sehe sie wieder vor mir, in dem Sonnenschein des Gartens, wie eine süß duftende Blume, den Kopf zurückgeneigt, die Brust von Fröhlichkeit erfüllt, sich freuend über ihre Blumen, die wilden Blumen, die sie in ihre blonden Haare geflochten, an ihrem Hals, an ihrem Busen, an ihren schlanken, nackten, goldigen Armen befestigt hatte ... Und ich sehe sie wieder vor mir, wie sie sich durch Kohlendampf erstickt hatte, tot inmitten ihrer Blumen, sehr bleich, die Hände gefaltet, mit einem Lächeln auf den Lippen, schlafend, auf einem Lager von Hyazinthen und Tuberosen ... Eine Tote aus Liebe! Und wie haben Albine und Serge sich in dem großen, verführerischen Garten geliebt, am Busen der Natur! Und welch ein Strom von Leben, der alle falschen Banden durchbrach, und welch ein Triumph des Lebens!« Clotilde, ebenfalls aufgeregt durch dieses heiße Wortgeflüster, sah ihn scharf an. Niemals hatte sie es gewagt, mit ihm von einer andern Geschichte zu sprechen, die auch im Umlauf war, von der einzigen und heimlichen Liebe, die er für eine jetzt verstorbene Dame gehegt haben sollte. Man erzählte, daß er sie sorgsam gepflegt habe, ohne zu wagen, ihre Fingerspitzen zu küssen. Bis auf den heutigen Tag, wo er beinahe sein sechzigstes Lebensjahr erreicht hatte, hatten ihn seine Wissenschaft und seine Schüchternheit von den Frauen entfernt gehalten. Aber man fühlte es auch, daß er trotz seiner weißen Haare noch ein ganz unberührtes und überströmendes Herz besaß, welches die Leidenschaft noch nicht kennen gelernt hatte. »Und sie, die tot ist, und die man beweint ...« Sie schwieg einen Augenblick still; dann begann sie wieder mit zitternder Stimme und glühenden Wangen, ohne zu wissen warum: »Serge liebte sie also nicht, da er sie sterben ließ?« Pascal schien aus seinen Träumereien zu erwachen; er seufzte, als er sie neben sich wiederfand, so jung, mit so schönen, leuchtenden und klaren Augen in dem Schatten ihres großen Hutes. Etwas war vorgefallen, der gleiche Schauer durchrieselte beide. Sie reichten sich nicht wieder den Arm, sie gingen Seite an Seite. »Ah, mein Herzblatt! Es würde zu schön sein, wenn die Menschen nicht sich alles selbst verderben wollten! Albine ist tot, und Serge ist jetzt Pfarrer in Saint-Europe, wo er mit seiner Schwester Désirée lebt, einem braven Wesen, welches das Glück hat, halb blödsinnig zu sein. Er ist ein heiliger Mann, ich habe niemals das Gegenteil gesagt ... Man kann ein Mörder sein und doch Gott dienen.« Und er fuhr fort und sprach in ungeschminkter Weise über die Lebensverhältnisse, über die erbärmliche schlechte Menschheit, ohne daß er dabei sein fröhliches Lächeln verlor. Er liebte das Leben, er wies mit ruhiger Beharrlichkeit auf das unaufhörliche Bemühen, es zu erhalten, hin, trotz allem Uebel, trotz allem Jammer, den es enthalten konnte. Das Leben mochte wohl entsetzlich erscheinen, aber es mußte doch groß und gut sein, da man, um es zu leben, einen eisernen Willen entfaltete, ohne Zweifel zum Zwecke eben dieses Willens selbst und der unbewußten Arbeit, die er vollbrachte. Gewiß, er war ein Weiser, ein Hellseher, er glaubte nicht an eine idyllische Menschheit, die in einer Natur von Milch lebte, er sah im Gegenteil die Fehler und die Mängel, er zog sie ans Licht, er untersuchte sie und katalogisirte sie nun schon seit dreißig Jahren, und seine Leidenschaft für das Leben, seine Bewunderung der Kräfte des Lebens genügte, um ihn in eine ununterbrochene Fröhlichkeit zu versetzen, woher natürlich auch seine Nächstenliebe herzustammen schien, seine brüderliche Weichherzigkeit, ein Mitgefühl, welches man unter der Roheit des Anatomen und unter der erkünstelten Unpersönlichkeit seiner Studien gar wohl verspürte. »Bah!« schloß er, indem er sich zum letztenmale zu den weiten, traurigen Gefilden zurückwandte, »das Paradou ist nicht mehr, alles ist geplündert, verdorben und zerstört! Aber, was thut's? Neue Weingärten werden angelegt, neues Korn wird groß werden, alles das Ergebnis neuer Ernten. Und man wird sich lieben in den fernen Tagen der Wein- und Getreideernte ... Das Leben ist ewig, und es thut niemals etwas anderes, als wieder von neuem zu beginnen und sich zu vermehren.« Er hatte ihren Arm wieder genommen, und so gingen sie heim, eng an einander geschmiegt, als gute Freunde, durch die Abenddämmerung, die langsam am Himmel erlosch in einem stillen Veilchen- und rosenfarbenen See. Und als sie die beiden vorübergehen sahen, den alten mächtigen und milden König, gelehnt auf die Schulter eines reizenden und demütigen Kindes, das ihn geleitete, da sandten ihnen die vor ihren Thüren sitzenden Weiber der Vorstadt ein Lächeln der Rührung nach. Auf der Souleiade erwartete sie sehnlichst Martine. Schon von weitem gab sie ihnen Zeichen. Wie denn, dinirte man an diesem Tage überhaupt nicht? Als sie dann näher herangekommen waren, rief sie ihnen zu: »Ah, Sie werden noch eine kleine Viertelstunde jetzt warten müssen, denn ich habe nicht' gewagt, meine Hammelkeule anzusetzen.« Sie blieben daher noch draußen beim Sinken des Tages, beide in fröhlicher Stimmung. Der Fichtenwald, der sich in Schatten hüllte, strömte einen balsamischen Harzgeruch aus, und von dein großen, freien, noch heißen Platze, wo ein letzter roter Widerschein langsam erlosch, stieg ein leichter Nebel auf. Es war wie eine Erleichterung, ein Seufzer des Wohlbehagens; über der ganzen Besitzung lag tiefe Ruhe, über den dürren Mandel- und den verkrüppelten Olivenbäumen unter dem weiten, verblassenden Himmelszelt von ungetrübter Klarheit, während die Gruppe der Platanen hinter dem Hause nur noch eine finstere Masse bildete, schwarz und undurchdringlich, in der man die Fontäne hörte mit ihrem ewig gleichen Plätschern. »Sieh da!« sagte der Doktor. »Herr Bellombre hat schon gegessen und schöpft jetzt frische Luft.« Er zeigte mit der Hand nach einer Bank in der benachbarten Besitzung hin, auf welcher ein großer, hagerer Greis von siebenzig Jahren mit einem langen, von Falten durchfurchten Gesicht und großen, starren Augen in sehr sorgfältiger Kleidung saß. »Das ist ein Weiser,« murmelte Clotilde. »Er ist glücklich!« Pascal lachte laut auf. »Der? Ich glaube gerade das Gegenteil.« Er haßte niemand, und einzig und allein Herr Bellombre, jener alte, jetzt pensionirte Professor der siebenten Klasse, der in seinem kleinen Häuschen mit einem taubstummen und noch bejahrteren Gärtner zusammen wohnte, besaß die Gabe, ihn immer zu ärgern. »Der ein glücklicher, froher Mann, der das Leben fürchtet, hörst Du, das Leben fürchtet? Ja, ein Egoist, hart und geizig! Wenn er aus seinem Leben die Frauen ganz verbannt hat, so hat er es nur aus Furcht gethan, daß er ihnen die Schuhe bezahlen muß. Und er hat nur die Kinder anderer gekannt, und die haben ihm viel unangenehme Stunden bereitet: daher sein Kinderhaß, seine Freude an Strafen ... Die Furcht vor dem Leben, die Furcht vor Sorgen und Pflichten, vor Unannehmlichkeiten und Unglücksfällen! Die Furcht vor dem Leben, welche bewirkt, daß man seine Freuden zurückweist aus Angst, man verursache sich nur Schmerzen! Ah, siehst Du, diese Feigheit bringt mich auf, ich kann sie nicht verzeihen ... Man muß leben, ganz und gar leben, das ganze Leben leben, und lieber noch das Leiden, als jene Entsagung, jenen Tod von allem, was man Lebendes und Menschliches in sich hat!« Herr Bellombre hatte sich erhoben und ging mit kleinen, ruhigen Schritten einen Weg in seinem Garten entlang. Clotilde, die ihn eine Zeit lang schweigend betrachtet hatte, sagte darauf endlich: »Es gibt aber dennoch die Freude der Entsagung. Entsagen, nicht leben, sich für das Geheimnis erhalten, ist dies nicht das ganze große Glück der Heiligen gewesen?« »Wenn sie nicht gelebt haben,« rief Pascal, »können sie auch keine Heiligen sein.« Er fühlte jedoch, daß sie sich dagegen auflehnte, daß sie im Begriffe stand, ihm von neuem zu entschlüpfen. Denn in der Ungewißheit über das Jenseits ruht ganz im Innern der Wesen der Haß gegen das Leben und die Furcht vor dem Leben. Er fand auch plötzlich sein gutes Lachen wieder, das so zärtlich und so beruhigend klang. »Nein, nein! Wir haben für heute genug davon, wir wollen nicht mehr disputiren, wir wollen uns vertragen! Und horch! Martine ruft uns, laß uns zum Essen gehen!« Drittes Kapitel. Einen Monat dauerte die Mißstimmung, und Clotilde litt besonders darunter, daß sie sehen mußte, wie Pascal neuerdings seine Schubladen mit dem Schlüssel verschloß. Er hatte in sie nicht mehr das stille Vertrauen von früher; sie fühlte sich dadurch so schwer getränkt, daß sie, wenn sie den Schrank offen gefunden hatte, die Aktenbündel sicherlich ins Feuer geworfen hätte, wie ihre Großmutter Felicité sie immer antrieb zu thun. Und die Zwistigkeiten begannen wieder von neuem, oft redeten sie zwei Tage lang nicht mit einander. Eines Morgens nach einem Streite, der am vorgestrigen Abend begonnen hatte, sagte Martine, als sie das Frühstück servirte: »Gerade als ich über den Platz der Unterpräfektur ging, sah ich in das Haus der Frau Felicité einen Fremden eintreten, den ich wieder zu erkennen glaubte ... Ja, ich würde gar nicht überrascht sein, Fräulein, wenn es Ihr Bruder wäre.« Mit einem Schlage fanden Pascal und Clotilde die Sprache wieder. »Dein Bruder? Erwartete Großmama ihn denn?« »Nein, ich glaube nicht mehr auf sein Kommen ... Es sind jetzt schon mehr als sechs Monate, daß sie wartet. Ich weiß, daß sie ihm kürzlich geschrieben hat, es war vor acht Tagen.« Und sie bestürmten Martine mit Fragen. »Ja, mein Gott, Herr Doktor! Ich kann Ihnen gar nichts sagen, denn seit den vier Jahren, wo ich Herrn Maxime gesehen habe, damals als er zwei Stunden bei uns war, ehe er nach Italien reiste, hat er sich wahrscheinlich sehr verändert ... Ich glaubte aber dennoch ihn wiederzuerkennen, wenn ich ihn auch nur von hinten gesehen habe.« Das Gespräch ging weiter; Clotilde zeigte sich ganz beglückt über diesen Vorfall, der endlich das dumpfe Stillschweigen brach. Doktor Pascal beendete die Unterhaltung mit den Worten: »Nun gut! Wenn er es ist, wird er auch zu uns kommen.« Es war wirklich Maxime. Nach monatelanger Weigerung gab er endlich den dringenden Bitten der alten Frau Rougon nach, die mich auf dieser Seite eine alte Wunde der Familie zu schließen hatte. Die Geschichte war schon alt und wurde mit jedem Tage immer schlimmer. Im Alter von siebenzehn Jahren – es waren seitdem schon fünfzehn Jahre verflossen – hatte er mit einer von ihm verführten Dienstmagd ein Kind gehabt, ein dummer Streich eines frühreifen Burschen, den sein Vater Saccard und seine Stiefmutter Renée, die letztere, ärgerlich über seine unwürdige Wahl, sich begnügt hatten, zu belachen. Die Dienstmagd, Justine Mégot, stammte gerade aus einem der benachbarten Dörfer, ein junges blondes Mädchen von ebenfalls siebenzehn Jahren, fügsam und sanft; man hatte sie nach Plassans zurückgeschickt. Mit einer Rente von zwölfhundert Franken, um den kleinen Charles zu erziehen. Drei Jahre später hatte sie dort einen Sattler in der Vorstadt, Namens Anselm Thomas einen guten Arbeiter und anständigen Burschen, geheiratet, den die Rente angezogen hatte. Sie hatte sich übrigens vortrefflich entwickelt, war stark geworden und von einem Husten geheilt, der eine unangenehme Erbschaft befürchten ließ, die einer ganzen, dem Alkoholismus verfallenen Ascendenz zu verdanken gewesen wäre. Und zwei neue Kinder, in dieser Ehe geboren, ein Knabe im Alter von zehn und ein kleines Mädchen von sieben Jahren, dick und rot, befanden sich außerordentlich wohl, so daß sie die geachtetste und glücklichste Frau gewesen wäre, ohne die Unannehmlichkeiten, welche ihr Charles in ihrer Häuslichkeit verursachte. Thomas verwünschte nämlich trotz der Rente diesen Sohn eines anderen und stieß ihn überall herum, was der Mutter Schmerz bereitete, aber als unterwürfige und schweigsame Gattin verheimlichte sie ihren Kummer. Sie würde Charles daher auch gern, obgleich sie ihn sehr lieb hatte, der Familie des Vaters überlassen haben. Charles sah mit seinen fünfzehn Jahren kaum wie ein Knabe von zwölf aus, und sein Verstand war dabei auch wie der eines fünfjährigen Kindes. Von einer außerordentlichen Ähnlichkeit mit seiner Urahne, der Tante Dide, der Irren von Les Tulettes, hatte er eine schlanke, zierliche und feine Gestalt, gleich einem jener kleinen entnervten Könige, die ein Geschlecht abschlossen, das Haupt umwallt von langen blonden Locken, weich wie von Seide. Seine großen hellen Augen waren leer, und über seiner beunruhigenden Schönheit lag ein düsterer Schatten ausgebreitet. Er besaß weder Verstand noch Herz, er war wie ein kleiner Hund voller Untugenden, der sich an den Leuten rieb, um sich einzuschmeicheln. Seine Urgroßmutter Felicité, gewonnen durch seine Schönheit, in der sie sich einbildete, ihr Blut wiederzuerkennen, hatte ihn zunächst auf die Schule geschickt und ihn in ihre Pflege genommen; aber schon nach einem halben Jahre hatte man ihn fortjagen müssen unter der Beschuldigung unnennbarer Laster. Sie war in dieser Hinsicht so eigensinnig, daß sie ihn dreimal die Pensionen wechseln ließ, um ihn immer auf dieselbe schimpfliche Weise zurückgeschickt zu bekommen. Dann mußte man ihn, da er nicht lernen wollte und auch wirklich nicht dazu fähig war und da er ganz verwilderte, bewachen, und er wurde von dem einen zum andern Familienmitgliede herumgestoßen. Doktor Pascal hatte, von Mitleid bewegt, an eine Heilung gedacht, diese unmögliche Kur aber dann, nachdem er ihn fast ein ganzes Jahr bei sich im Hause gehabt hatte, wieder aufgegeben aus Angst für Clotilde wegen Ansteckung. Und seht, da Charles nicht mehr bei seiner Mutter war, wo er nicht mehr hatte bleiben wollen, fand man ihn bei Felicité oder einem andern Verwandten, kokett gekleidet und überhäuft mit Spielzeug, ein Leben führend wie ein kleiner verweichlichter Dauphin eines alten, dahingegangenen Geschlechtes. Indessen verursachte dieser Bastard der alten Frau Rougon viele unangenehme Stunden, und ihr Plan war, ihn dem Geschwätz der Klatschbasen in Plassans zu entziehen, indem sie Maxime bestimmte, ihn mit sich zu nehmen und ihn in Paris erziehen zu lassen. Das wäre also noch eine häßliche Geschichte der Familie. Aber lange Zeit hatte sich Maxime taub gezeigt in der fortwährenden Angst, die ihn immer quälte, seiner Stellung dadurch zu schaden. Seit dem Tode seiner Frau ein reicher Mann, war er nach dem Kriege in sein Hotel in der Avenue du Bois de Boulogne zurückgekehrt, um dort in vernünftiger Weise sein Vermögen zu verzehren, gequält von seinem ererbten Leiden, das ihn jung ins Grab bringen mußte; durch seine jugendlichen Ausschweifungen halte er eine heilsame Furcht vor dem Vergnügen gewonnen und war besonders immer darauf bedacht, alle Aufregungen und jede Art von Verantwortlichkeit zu vermeiden, um sein Leben so viel wie möglich zu verlängern. Heftige Schmerzen in den Beinen, wie er glaubte, rheumatische, peinigten ihn seit einiger Zeit; er sah sich schon kontrakt, an einen Krankenstuhl gefesselt; und seines Vaters plötzliche Rückkehr nach Frankreich, die neue Thätigkeit, die Saccard entwickelte, hatten nun vollends noch dazu beigetragen, ihn in Angst zu versetzen. Er kannte ihn sehr gut, diesen unersättlichen Vergeuder von Millionen, er zitterte, ihn wieder in seiner Nahe, in seiner gewohnten fieberhaften Thätigkeit zu sehen, ihn, den guten, braven Kerl mit seinem freundschaftlichen Grinsen. Würde er nicht ganz aufgerieben werden, wenn er eines Tages seiner Gnade überlassen wäre in Folge der Schmerzen, die seine Glieder durchdrangen? Und die Angst vor dem Alleinsein hatte ihn dermaßen ergriffen, daß er endlich auf den Gedanken, seinen Sohn wiederzusehen, einging. Wenn der Kleine ihm sanft, intelligent und von gutem Betragen zu sein scheine, warum sollte er ihn denn nicht mit sich nehmen? Er würde dann einen Freund, einen Erben haben, der ihn gegen die Unternehmungen seines Vaters schützen würde. Nach und nach sah sein Egoismus sich geliebt, sorgsam gepflegt und beschützt. Und dennoch hatte er sich vielleicht noch nicht zu einer solchen Reise entschlossen, wenn ihn nicht sein Arzt in die Bäder von Saint-Gervais geschickt hätte. Von dort aus hatte er nur einen Abstecher von einigen Meilen zu machen, und so war er denn am Morgen ganz unerwartet bei der alten Frau Rougon erschienen mit der festen Absicht, an demselben Abend wieder abzureisen, wenn er sie um Rat gefragt und das Kind gesehen hätte. Gegen zwei Uhr – Pascal und Clotilde befanden sich noch bei der Fontäne unter den Platanen, wo sie ihren Kaffee getrunken hatten – kam Felicité mit Maxime. »Meine Liebe, welche Ueberraschung! Ich bringe Dir hier Deinen Bruder.« Bewegt hatte sich das junge Mädchen vor diesem hageren Fremden mit dem gelben Gesichte, den sie kaum wieder erkannte, erhoben. Seit ihrer Trennung im Jahre 1854 hatte sie ihn nur zweimal wiedergesehen, das erstemal in Paris und das zweitemal in Plassans. Und sie bewahrte von ihm ein deutliches Bild, elegant und lebhaft. Jetzt war sein Gesicht abgemagert, sein Haar gebleicht und von silbernen Fäden durchzogen. Dennoch erkannte sie ihn schließlich wieder mit seinem hübschen, feinen Kopfe, seiner beunruhigenden mädchenhaften Zartheit selbst in seiner vorzeitigen Hinfälligkeit. »Wie Du gut aussiehst!« sagte er einfach, seine Schwester umarmend. »Ja, man muß in der Sonne leben!« antwortete sie. »Ah, wie bin ich glücklich, Dich zu sehen!« Pascal hatte mit dem Blick des Arztes seinen Neffen sofort bis auf den Grund durchschaut. Auch er umarmte ihn. »Guten Tag, mein Junge ... Ja, sie hat recht, man gedeiht nur in der Sonne richtig, ganz wie die Bäume.« Felicité war lebhaft bis zum Hause hingegangen. Dann kam sie zurück und rief: »Ist denn Charles nicht hier?« »Nein,« sagte Clotilde. »Wir haben ihn gestern gesehen. Onkel Macquart hat ihn mitgenommen, und er soll einige Tage in Les Tulettes bleiben.« Felicité ärgerte sich sehr. Sie war nur hierher gekommen in dem festen Glauben, das Kind bei Pascal zu finden. Was nun machen? Der Doktor schlug in seiner ruhigen Weise vor, daß man an den Onkel schreibe, er solle ihn morgen früh wieder zurückbringen. Als er dann erfuhr, daß Maxime durchaus mit dem Zug um neun Uhr wieder abreisen wolle, ohne hier über Nacht zu bleiben, hatte er eine andere Idee. Er wollte einen Landauer bei einem Wagenvermieter holen lassen, und dann sollten sie alle vier zusammen hinausfahren und Charles beim Onkel Macquart aufsuchen. Das würde eine angenehme Spazierfahrt sein. Es waren nur drei Meilen von Plassans nach Les Tulettes: eine Stunde hin, eine Stunde zurück, und dann würde man noch fast zwei Stunden für den Aufenthalt dort haben, wenn man um sieben Uhr wieder zurück sein wollte. Martine würde inzwischen das Diner gerichtet und Maxime noch vollständig Zeit haben, zu essen und seinen Zug zu erreichen. Aber Felicité schwankte, sichtlich beunruhigt über diesen Besuch bei Macquart. »Ah, das wäre noch schöner! Nein, nein! Glaubt ihr etwa, ich würde jetzt, wo ein Gewitter im Anzuge ist, dort hinfahren? Da ist es doch viel einfacher, jemand hinzuschicken, der Charles hierher bringen soll.« Pascal schüttelte den Kopf. Man konnte Charles nicht immer hinführen, wohin man wollte. Er wäre ein Kind ohne Vernunft, das wie ein ungezähmtes Tier jeder Laune nachgäbe. Und die alte Frau Rougon, wütend, daß sie nichts hatte vorbereiten können, mußte überwunden sich fügen und notgedrungen die Sache dem Zufalle überlassen. »Nun gut, wie ihr wollt! Mein Gott, wie sich doch die Geschichte schlecht anläßt!« Martine lief eiligst, um einen Landauer herbeizuholen, und es hatte noch nicht drei Uhr geschlagen, als die beiden Pferde die Straße von Nizza einschlugen, welche den bis zur Brücke über die Viorne abfallenden Abhang hinabführte. Man wendete sich dann nach links, um ungefähr zwei Kilometer weit an den bewaldeten Ufern des Flusses entlang zu fahren. Darauf zog sich die Straße durch die Schluchten der Seille, ein enges Defilé zwischen zwei riesigen, von den brennenden Sonnenstrahlen durchglühten und vergoldeten Felsenwänden. In den Spalten waren Fichten emporgewachsen, Buschwerk, von unten kaum so dick wie Grasbüschel, umsäumte die Kanten und hing über die Abgründe hinab. Und es war ein furchtbares Chaos, eine wild zerrissene Berglandschaft, ein Zugang zur Unterwelt mit seinen wirr durcheinander führenden Gängen und den Flecken roter Erde, die jeden Riß ausfüllte, mit seiner trostlosen Einsamkeit, die höchstens einmal der Flügelschlag eines Adlers störte. Felicité that ihren Mund nicht auf, ihr Kopf arbeitete, ihre Züge waren finster infolge ihrer Gedanken. Es herrschte eine schwüle Stimmung, die Sonne brannte hinter einem Schleier von großen, bleigrauen Wolken hervor. Pascal sprach fast ganz allein in seiner leidenschaftlichen Liebe für diese glühende Natur, eine Liebe, die er sich auch bemühte, seinem Neffen mitzuteilen. Aber er hatte gut reden, er konnte sich noch so sehr in begeisterten Ausrufungen ergehen, ihm die Vorliebe der Oliven- und Feigenbäume und der Brombeersträuche erklären, auf felsigem Boden zu wachsen, und das Leben dieser Felsen selbst, dieses kolossalen und mächtigen Gerippes der Erde, von dem man ein Rauschen aufsteigen hörte: Maxime blieb kalt; ein dumpfes Angstgefühl hatte sich seiner bemächtigt im Angesicht dieser Felsenblöcke von solch wilder Majestät, deren Masse ihn bedrückte. Und er zog es vor, seine Augen auf seiner Schwester ruhen zu lassen, die ihm gegenüber saß. Sie entzückte ihn immer mehr und mehr, wie er sie so gesund und glücklich vor sich sah, mit ihrem hübschen, runden Kopf, ihrer geraden Stirn und in ihrem ruhigen Gleichmaße. Für Augenblicke trafen sich ihre Blicke, und sie hatte dann stets ein zärtliches Lächeln, von dem er sich jedesmal gestärkt fühlte. Die Wildheit der Schlucht ließ aber endlich nach, die beiden Felswände wurden niedriger, und der Weg zog sich zwischen kleineren Hügeln hin mit sanften Abhängen, die mit Thymian und Lavendel bestanden waren. Es war immer noch eine Wüstenei mit öden, grünlichen und blaßvioletten Landstrichen, von denen der leiseste Luftzug einen scharfen Geruch aufsteigen ließ. Dann fuhr man plötzlich nach einer Biegung des Weges in das Thal von Les Tulettes hinab, das reichliche Quellen bewässerten. Im Hintergrunde dehnten sich weite, von Baumreihen durchschnittene Wiesenflächen aus. Das Dorf lag auf der Mitte des Abhanges unter Olivenbäumen, und das kleine Landhaus befand sich, etwas abgelegen, auf der linken Seite im vollen Sonnenschein. Der Landauer mußte den Weg fahren, der nach dem Irrenhause führte, dessen weiße Mauern man vor sich erblickte. Das Stillschweigen von Felicité war noch düsterer geworden, denn sie liebte es nicht, den Onkel Macquart zu zeigen. Noch einer, an dessen Todestage die Familie erleichtert aufatmen würde! Für ihrer aller Ruhm wäre es gut gewesen, wenn er schon seit langem unter der Erde geruht hätte. Aber er war unverwüstlich, er trug seine dreiundachtzig Jahre als alter, vom Trinken übersättigter Säufer, den der Alkohol zu erhalten schien. In Plassans hatte er schreckliche Erinnerungen als Lump und Landstreicher hinterlassen, und die Greise erzählten sich heimlich die abscheuliche Geschichte von den Leichnamen, die sich zwischen ihm und den Rougons zugetragen hatte, ein Verrat in den unruhigen Dezembertagen des Jahres 1851, ein hinterlistiger Ueberfall, bei dem er die Kameraden mit durchschossenem Leibe auf dem blutigen Boden hatte liegen lassen. Später, als er wieder nach Frankreich zurückgekehrt war, hatte er der guten Stellung, die er sich hatte versprechen lassen, das kleine Pachtgut von Les Tulettes vorgezogen, das ihm Felicité gekauft hatte. Dort lebte er seitdem in angenehmen Verhältnissen, er hatte nur noch den Ehrgeiz gehabt, sein Besitztum zu vergrößern, indem er immer von neuem gute Gelegenheiten dazu ausspähte oder ein Mittel ausfindig machte, sich ein schon lange begehrtes Feld schenken zu lassen. Auch war er seiner Schwägerin behilflich gewesen als diese Plassans von den Legitimisten hatte wieder erobern sollen – eine andere schreckliche Geschichte, welche man sich ebenfalls nur heimlich ins Ohr erzählte: von dem Verrückten, der während der Nacht hinterlistigerweise aus dem Irrenhause gelassen, hinweggelaufen war, um sich zu rächen, und sein Haus angezündet hatte, wobei vier Personen in den Flammen ums Leben gekommen waren. Aber das waren glücklicherweise alte Geschichten und Macquart jetzt wieder rangirt, nicht mehr der alles beunruhigende Lump, vor dem die ganze Familie gezittert hatte. Er benahm sich jetzt ganz mustergiltig, war ein schlauer Diplomat geworden und hatte nichts behalten von früher als ein gewisses spöttisches Lächeln, das ihm das Aussehen gab, als ob er sich über die ganze Welt lustig machte. »Der Onkel ist zu Hause,« sagte Pascal, als man näher kam. Das Landhaus war eines jener provençalischen Bauwerke mit einer einzigen Etage, von farblosen Ziegeln, die vier Mauern mit lebhafter gelbbrauner Farbe angestrichen. An der Vorderseite entlang erstreckte sich eine enge Terrasse, welche alte Maulbeerbäume, ihre verdrehten und gekrümmten Aeste in Gestalt von Lauben herabhängen lassend, beschatteten. Dort war es, wo der Onkel während des Sommers seine Pfeife zu rauchen pflegte. Und als er jetzt den Wagen hörte, war er an den Rand der Terrasse getreten und hatte sich dort aufgepflanzt, seine hohe Gestalt kerzengerade aufgerichtet, sehr sorgfältig in einen Anzug, von blauem Tuch gekleidet, die unvermeidliche Pelzmütze auf dem Kopfe, die er jahraus jahrein zu tragen pflegte. Als er die Besucher erkannt hatte, grinste er freudig und rief: »Welch' angenehme Gesellschaft haben wir denn da! Es ist sehr lieb von euch, daß ihr gekommen seid, um hier frische Luft zu schöpfen.« Aber die Anwesenheit von Maxime störte ihn. Wer war dieser Mann? Weswegen war er gekommen? Man nannte ihm dessen Namen, und sofort prägte er sich die Erklärungen, welche man hinzufügte, fest in seinem Kopfe ein, um mit ihrer Hilfe sich in den verwickelten Verwandtschaftsverhältnissen zurechtzufinden. »Der Vater von Charles, ich weiß, ich weiß ... Der Sohn meines Neffen Saccard, wahrhaftig! Der, der eine so gute Partie gemacht hat, und dessen Frau gestorben ist ...« Er betrachtete Maxime genau und war sehr glücklich, ihn schon mit zweiunddreißig Jahren so abgelebt zu finden, die Haare und den Bart schon mit Schnee bestreut. »Ja, ja,« fügte er hinzu, »wir werden alle alt ... Ich allerdings, ich brauche mich noch nicht zu sehr zu beklagen, denn ich bin noch fest ...« Und triumphirend schlug er sich mit Nachdruck auf seine Schenkel, sein Gesicht glühte wie das feurige Rot eines Kohlenbeckens. Seit langem schon galt ihm der gemeine Schnaps für reines Wasser, nur der »Troisfix« kitzelte noch seine ausgepichte Kehle; er trank davon solche Quantitäten, daß er damit ganz angefüllt, sein Fleisch davon getränkt und durchdrungen war wie ein vollgesogener Schwamm. Seine Haut schwitzte ordentlich Alkohol aus. Bei dem geringsten Hauch, der aus seinem Munde kam, wenn er sprach, entströmte ihm zugleich auch eine ganze Wolke von Alkoholdunst. »Ja, gewiß! Du bist fest, Onkel!« sagte Pascal aufs höchste amüsirt. »Und Du hast doch gar nichts dafür gethan und vollkommen recht, Dich über uns lustig zu machen ... Siehst Du, ich fürchte nur das eine, daß Du eines schönen Tages, wenn Du Dir Deine Pfeife anzündest, Dich selbst anzündest wie eine Punschbowle.« Macquart lachte geschmeichelt aus vollem Halse. »O, Du kleiner Spaßmacher! Ein Glas Cognac ist mehr wert als Deine schrecklichen Arzneien ... Und ihr werdet doch alle ein Gläschen trinken, nicht wahr? Damit ihr doch auch sagen könnt, daß euch euer Onkel alle Ehre angethan hat. Ich, ich mache mich lustig über alle die Schandmäuler. Ich habe Getreidefelder, ich habe Olivenbäume, ich habe Mandelbäume, Weinberge und ein Landgut ebenso wie ein Bürger. Im Sommer rauche ich meine Pfeife im Schatten meiner Maulbeerbäume, und im Winter, da lehne ich mich dort an die Mauer und rauche sie in der Sonne. Nicht wahr, über einen Onkel, wie ich einer bin, braucht man nicht zu erröten? Clotilde, ich habe auch Sirup, wenn Du welchen willst. Und Du, meine liebe Felicité, ich weiß, daß Du Anisette vorziehst. Es ist von allem da, sage ich euch, bei mir ist von allem da!« Er machte mit den Armen eine Bewegung, als wollte er sein ganzes Besitztum umfassen, der alte Lump, der jetzt zu einem Einsiedler geworden war, während Felicité, die er einen Augenblick mit der Aufzählung seiner Reichtümer in Schrecken gesetzt hatte, die Augen nicht von ihm ließ, immer bereit, ihn zu unterbrechen. »Danke, Macquart, wir werden nichts nehmen, wir haben Eile ... wo ist denn Charles?« »Charles, gut, gut! Sogleich! Ja, ja, ich verstehe schon, der Papa ist gekommen, um das Kind zu sehen. Aber das soll uns nicht hindern, einen Schluck zu trinken.« Und als man es ihm rundweg abschlug, fühlte er sich beleidigt und sagte mit seinem bösen Lachen: »Charles ist nicht hier, er ist im Asyl bei der Alten.« Dann führte er Maxime an das Ende der Terrasse und zeigte ihm die großen weißen Gebäude, deren von hohen Mauern umschlossene Gärten Gefängnishöfen glichen. »Dort, lieber Neffe, siehst Du drei Bäume vor uns. Oberhalb desjenigen zur Linken ist eine Fontäne in einem Hofe; wenn Du dem Parterre folgst, so ist das fünfte Fenster zur Rechten dasjenige der Tante Dide, und dort ist auch der Kleine ... Ja, ich habe ihn vorhin hingebracht.« Das geschah mit stillschweigender Erlaubnis der Administration. Während der einundzwanzig Jahre, die sich die alte Frau in dem Asyle befand, hatte sie ihrer Wärterin gar keine Mühe gemacht. Sehr ruhig, sehr still verbrachte sie, unbeweglich in einem Lehnstuhle sitzend, die Zeit damit, vor sich hinzustarren, und da sich das Kind dort gefiel und sie sich selbst für den Kleinen zu interessiren schien, so drückte man ein Auge zu und duldete stillschweigend dieses Zuwiderhandeln gegen die Hausordnung. Man ließ ihn zuweilen zwei bis drei Stunden dort, wo er sich eifrig mit Ausschneiden von Bildern beschäftigte. Aber diese neue Widerwärtigkeit hatte die schlechte Laune der Frau Felicité voll gemacht, und als Macquart vorschlug, sie sollten alle fünf zusammen den Kleinen im Asyl aufsuchen, da machte sie ihrem Aerger Luft. »Welcher Gedanke! Geh allein hin und komm rasch zurück mit ihm ... Wir haben keine Zeit zu verlieren!« Dieser Zornesausbruch schien den Onkel höchlich zu amüsiren, und nun blieb er, da er merkte, daß es ihr unangenehm sei, hartnäckig mit höhnischem Grinsen bei seinem Vorschlag. »Wahrhaftig, meine lieben Kinder! Wir werden dann bei der Gelegenheit auch gleich die alte Mutter sehen, die Mutter von uns allen. Ich brauche ja nicht weiter davon zu reden, ihr wißt es ja selbst, wir stammen alle von ihr, und da wäre es denn gar nicht höflich, wenn wir nicht hingehen würden und ihr guten Tag wünschen, da außerdem mein Großneffe, der von so weit herkommt, sie vielleicht noch niemals gesehen hat ... Ich, ich verleugne sie gewiß nicht! Zum Teufel, nein! Gewiß, sie ist verrückt; aber das sieht man nicht oft, alte Mütter, die die Hundert überschritten haben, und es lohnt sich daher schon der Mühe, daß man sich gegen sie etwas aufmerksam benimmt.« Ein allgemeines Stillschweigen trat ein. Etwas wie ein eisiger Schauer überlief alle. Und Clotilde war es, die, bis dahin eine stumme Zuhörerin, endlich mit lauter Stimme erklärte: »Du hast recht, lieber Onkel, wir wollen alle zusammen hingehen.« Felicité selbst mußte zustimmen. Man stieg wieder in den Landauer. Macquart setzte sich neben den Kutscher. Ein gewisses Unbehagen hatte das müde Gesicht von Maxime ganz leichenblaß gemacht; während der kurzen Fahrt fragte er Pascal über Charles aus mit der Miene väterlichen Interesses, unter der er seine wachsende Unruhe verbarg. Der Doktor, durch die gebieterischen Blicke seiner Mutter beeinflußt, milderte die Wahrheit. Mein Gott! Das Kind hatte eben keine sehr kräftige Gesundheit, und das war es gerade, warum man es gerne wochenlang bei dem Onkel auf dem Lande ließ, aber es hatte auch keine bestimmte Krankheit. Pascal fügte nicht hinzu, daß er sich eine kurze Zeit in dem Traume gewiegt, ihm den Verstand und die Lebenskraft verleihen zu können, indem er ihn mit Einspritzungen seines Elixirs behandelte; aber er hatte sich durch die jedesmaligen Folgen davon abbringen lassen: die geringsten Einspritzungen riefen bei dem Kleinen stets Blutergüsse hervor, die er jedesmal durch Kompressen zum Stillstand bringen mußte. Es war eine Erschlaffung der Gewebe, an der die Degeneration schuld war; eine blutige Feuchtigkeit bildete auf der Haut Perlen, und vor allem trat ein so heftiges und starkes Nasenbluten ein, daß man es nicht wagte, ihn allein zu lassen, aus Angst, das ganze Blut konnte aus seinen Adern herausströmen. Und der Doktor schloß mit den Worten, daß er, wenn auch der Verstand des Knaben jetzt noch träge wäre, trotzdem hoffe, daß er sich noch entwickeln würde bei einer lebhafteren Gehirnthätigkeit. Man war vor dem Asyl angekommen. Macquart, der alles mit angehört hatte, stieg vom Kutscherbocke herab und sagte: »Er ist ein lieber, süßer Bursche. Und dann ist er auch so sehr schön, ein Engel!« Maxime, der noch immer sehr bleich aussah und trotz der erstickenden Hitze mit den Zähnen klapperte, stellte keine Fragen mehr. Er betrachtete die weiten Baulichkeiten des Asyls, die Flügel der verschiedenen Abteilungen, durch Gärten von einander geschieden, der der Männer und der der Frauen, der der ruhigen Irren und der der Tobsüchtigen. Eine große Reinlichkeit herrschte überall, eine traurige Einsamkeit, welche nur durch das Geräusch von Schritten und das Klappern der Schlüssel gestört wurde. Der alte Macquart kannte alle Wächter. Auch vor Doktor Pascal öffneten sich die Pforten, den man mit der Behandlung einiger der Insassen betraut hatte. Man verfolgte eine Galerie und bog dann in einen Hof ab; dort war es eines der Parterrezimmer, ein mit einer hellen Papiertapete austapezierter Raum, einfach mit einem Bett, einem Schrank, einem Tisch, einem Lehnstuhl und zwei anderen gewöhnlichen Stühlen ausgestattet. Die Wärterin, die ihre Pflegebefohlene niemals verlassen sollte, war gerade einmal fortgegangen. In dem Zimmer befanden sich nur an den beiden Seiten des Tisches die Irre, starr und stumm in ihrem Lehnstuhl sitzend, und das Kind auf einem gewöhnlichen Stuhl, eifrig mit dem Ausschneiden von Bildern beschäftigt. »Tretet nur ein, tretet nur ein!« rief Macquart mehreremale. »O, es hat keine Gefahr, sie ist ganz brav!« Die Urahne, Adelaide Fouque, die ihre Enkelkinder und überhaupt das ganze weitverzweigte Geschlecht, das von ihr stammte, nur mit dem Kosenamen »Tante Dide« nannten, wendete nicht einmal den Kopf bei dem Geräusch. Schon seit ihrer Jugend hatten hysterische Störungen ihre Gesundheit ins Schwanken gebracht. Heißblütig, leidenschaftlich in der Liebe, von Krankheitsanfällen geplagt, hatte sie so das hohe Alter von dreiundachtzig Jahren erreicht, als ein furchtbarer Schmerz, ein moralischer Schlag sie wahnsinnig machte. Seitdem, seit einundzwanzig Jahren, war bei ihr ein Stillstand in der Verstandesthätigkeit eingetreten, eine starke Schwächung, die jede Wiederherstellung unmöglich machte. Heute lebte sie hier, einhundertundvier Jahre alt, wie eine Vergessene, eine ruhige Irre mit verknöchertem Gehirn, bei welcher der Wahnsinn immer stationär bleiben konnte, ohne den Tod herbeizuführen. Indessen war das Greisenalter jetzt gekommen, welches ihr die Muskeln nach und nach absterben ließ. Ihr Fleisch war wie durch das Alter ausgezehrt; sie hatte überhaupt keins mehr, nur die Haut hing noch um die Knochen, und man mußte sie aus dem Bette auf ihren Lehnstuhl tragen. Und so als gelblichbraunes Skelett, ausgetrocknet wie ein Jahrhunderte alter Baum, von dem nur noch die Rinde übrig geblieben ist, hielt sie sich trotzdem noch aufrecht, gegen die Rückenlehne ihres Sessels gestützt, wenn auch nur die Augen in dem langen, abgemagerten Gesicht noch Leben verrieten. Sie beobachtete Charles scharf. Clotilde war, ein wenig zitternd, naher getreten. »Tante Dide, wir sind da, wir wollten Sie besuchen ... Erkennen Sie mich denn nicht mehr? Ihre Urenkelin, die öfter hierher kommt, um Sie zu umarmen.« Aber die Irre schien nichts zu hören. Ihre Blicke verließen das Kind nicht, dessen Schere gerade mit dem Ausschneiden eines Bildes, eines Königs in einem purpurnen und goldenen Mantel, beschäftigt war. »Nun, Mama,« sagte jetzt Macquart, »machen Sie doch keine Dummheiten! Sie können uns schon ansehen. Hier ist ein Herr, ein Urenkel von Ihnen, der expreß aus Paris hierher gekommen ist.« Beim Klange dieser Stimme wendete die Tante Dide endlich ihren Kopf. Sie ließ langsam ihre hellen, leeren Augen über alle hingleiten, dann kehrten sie wieder zu Charles zurück, und die Greisin fiel von neuem zurück in ihren früheren Zustand. Niemand sprach mehr. »Seit dem schrecklichen Schlage, der sie getroffen hat,« erklärte Doktor Pascal mit leiser Stimme, »ist sie so. Aller Verstand, alle Erinnerung scheint in ihr erloschen zu sein. Meistens schweigt sie; zuweilen stottert sie aber einen ganzen Schwall unverständlicher Worte hervor. Sie lacht, sie weint ohne Grund; sie ist eine Sache, welche durch nichts mehr berührt wird ... Und dennoch würde ich nicht zu behaupten wagen, daß die Umnachtung eine vollständige, daß nicht in ihr noch Erinnerungen erhalten geblieben seien ... Ach, die arme alte Mutter, wie ich sie bedauern würde, wenn ihr Geist wirklich noch nicht vollständig abgestorben wäre! An was könnte sie alles denken in einundzwanzig Jahren, wenn sie sich noch an etwas erinnerte?« Er machte eine Bewegung mit seiner Hand, als wolle er diese schreckliche Vergangenheit, die er kannte, beiseite schieben. Er sah sie wieder jung vor sich, ein großes, schlankes und blasses Wesen mit ängstlich in die Welt blickenden Augen, wie sie sich damals als Witwe des plumpen Gärtners Rougon, den sie nicht hatte zum Gatten haben wollen, noch vor dem Ende der Trauerzeit in die Arme des Schmugglers Macquart warf, den sie mit der Liebe einer Wölfin liebte und doch nicht heiratete. So hatte sie fünfzehn Jahre lang gelebt mit einem ehelichen und zwei unehelichen Kindern mitten in all dem Lärm und all der Willkür, oft wochenlang verschwindend und dann zerschunden und zerschlagen, mit braunen Armen zurückkehrend. Dann war Macquart in einem Zusammenstoße von einem Gendarmen wie ein Hund erschlagen worden, und unter diesem ersten Schlage war sie wie erstarrt; mit erloschenen Augen in ihrem todbleichen Gesichte betrachtete sie schon damals alle Menschen und zog sich vor der Welt in ein altes, baufälliges Haus zurück, das ihr Geliebter ihr hinterlassen hatte. Dort lebte sie vierzig Jahre lang wie eine Nonne, von schrecklichen nervösen Anfällen geplagt. Aber erst der zweite Schlag sollte sie ganz niederschmettern, sie zum Wahnsinn bringen, und Pascal rief sie sich ins Gedächtnis zurück, jene furchtbare Scene, deren Augenzeuge er gewesen war: ein armes Kind, das die Großmutter zu sich genommen hatte, ihr Enkelsohn Silvère, das Opfer blutigen Hasses und blutiger Streitigkeiten in der Familie, dessen Kopf ein Gendarm durch einen Pistolenschuß während der Unterdrückung der aufständigen Bewegung vom Jahre 1851 zerschmetterte. Felicité war inzwischen zu Charles herangetreten, der so in seine Bilder vertieft war, daß ihn alle diese Leute nicht störten. »Mein lieber Kleiner, dieser Herr dort ist Dein Vater ... Umarme ihn!« Und alle beschäftigten sich seitdem mit Charles. Er war sehr nett angezogen mit einer kurzen Jacke und Hosen aus schwarzem Sammet mit Goldschleifen besetzt. Weiß wie eine Lilie, glich er wirklich einem jener Könige, die er ausschnitt, mit seinen großen, matten Augen und dem Geringel seiner blonden Lücken. Was aber vor allem in diesem Augenblicke jedem auffiel, das war seine Ähnlichkeit mit Tante Dide, jene Ähnlichkeit, die drei Generationen übersprungen hatte, und von dem vertrockneten Gesicht der Hundertjährigen, von diesen stumpfen Zügen auf jene zarte Kindergestalt übergegangen war, wenn sie auch schon sehr verwischt und durch die Abnutzung des Geschlechtes undeutlich geworden war. Wenn man beide so vor sich sah, so erschien dieses schwache Kind mit seiner Schönheit des Todes wie das Ende der mit der Ahne, der Vergessenen, beginnenden Geschlechtsreihe. Maxime beugte sich herab, um einen Kuß aus die Stirn des Kleinen zu drücken; aber sein Herz blieb kalt, die Schönheit des Knaben beunruhigte ihn, sein Unbehagen hatte sich in dieser Irrenzelle vergrößert, wo ein menschliches Elend seit langem atmete. »Wie schön Du bist, mein Liebling! Hast Du mich ein wenig lieb?« Charles sah ihn an, verstand ihn aber nicht und machte sich wieder mit seinen Bildern zu schaffen. Aber alle waren tief ergriffen. Ohne daß sich der Ausdruck ihres starren Gesichtes verändert hätte, weinte Tante Dide; ein Strom von Thränen rann aus ihren lebenden Augen über ihre abgestorbenen Wangen herab. Ihre Blicke ruhten fortwährend auf dem Kinde, und sie weinte langsam, unaufhörlich. Diese Scene rief in Pascal eine außerordentliche Erregung hervor. Er hatte Clotildens Arm ergriffen, er drückte ihn heftig, ohne daß diese verstehen konnte, warum. Es geschah, weil sich vor seinen Augen das ganze Geschlecht, der echte und der unechte Zweig, die diesem, schon von der Nervenkrankheit ergriffenen Stamme entsprossen waren, vor seinen Augen wieder erstand. Die fünf Generationen waren hier anwesend, die Rougons und die Macquarts, zuerst Adelaide Fouque, dann der Onkel, der alte Bandit, dann er selbst, dann Clotilde und Maxime und endlich Charles. Felicité füllte die Stelle ihres verstorbenen Gemahls aus. Es war keine Lücke vorhanden, die Kette entrollte sich in ihrer logischen und unbarmherzigen Entwicklung. Und welch eine lange Reihe von Jahren fand sich hier zusammen in diesem traurigen Raume, wo jenes von fern her überkommene Elend atmete, in einem solchen Entsetzen, daß alle trotz der erstickenden Hitze schauderten. »Was ist Dir denn, Meister?« fragte die zitternde Clotilde ganz leise. »Nichts, nichts!« murmelte der Doktor. »Ich werde es Dir später sagen.« Macquart, der allein sein gewöhnliches spöttisches Lächeln bewahrt hatte, zürnte der alten Frau. »Was ist das wieder einmal für ein Gedanke, die Leute mit Thränen zu empfangen, wenn sie sich der Mühe unterziehen, Ihnen einen Besuch zu machen! Das war gar nicht höflich!« Dann wandte er sich zu Maxime und Charles. »Endlich sehen Sie ihn, mein Neffe, Ihren Jungen! Ist er nicht reizend und macht er Ihnen nicht trotz allem Ehre?« Felicité beeilte sich, dazwischen zu treten, sehr unzufrieden mit der Wendung, die die Dinge genommen hatten, und nur noch darauf bedacht, so schnell wie möglich fort zu kommen. »Er ist gewiß ein schönes Kind und er ist auch weniger zurück, als man glaubt. Sieh nur, wie geschickt er mit seinen Händen ist! Und Du wirst sehen, wie er erst aufleben wird, wenn er in Paris ist, nicht wahr? Ganz anders, als es hier bei uns in Plassans möglich ist.« »Ohne Zweifel, ohne Zweifel!« murmelte Maxime. »Ich werde darüber nachdenken.« Er blieb betreten und fügte hinzu: »Sie begreifen, ich bin nur hierher gekommen, um ihn zu sehen ... Ich kann ihn jetzt nicht mitnehmen, da ich noch einen Monat in Saint-Gervais bleiben muß. Wenn ich nach Paris zurückgekehrt bin, werde ich mir die Sache überlegen und Ihnen schreiben.« Und darauf zog er seine Uhr und rief: »Teufel! Schon fünf und ein halb Uhr ... Sie wissen, daß ich um nichts in der Welt den Zug um neun Uhr versäumen möchte.« »Ja, ja, gehen wir,« sagte Felicité, »wir haben hier nichts mehr zu thun.« Macquart versuchte vergebens mit allen möglichen Geschichten sie zurückzuhalten; er erzählte von den Tagen, wo Tante Dide gesprächig war, er versicherte, daß er sie eines Morgens angetroffen habe, wie sie gerade eine Romanze aus ihrer Jugendzeit sang. Uebrigens hätte er den Wagen nicht nötig, er würde das Kind auch zu Fuß zurückführen, da man es ihm ja noch ließe. »Umarme Deinen Papa, mein Kleiner, da man wohl weiß, wann man sich sieht, aber man weiß niemals, ob man sich wieder sehen wird.« Mit einer zugleich überraschten und gleichgiltigen Bewegung hatte Charles seinen Kopf erhoben, und Maxime drückte ihm verstört einen zweiten Kuß auf die Stirne. »Sei klug und gut, mein Liebling! Und habe mich ein wenig lieb!« »Gehen wir, gehen wir! Wir haben keine Zeit zu verlieren!« wiederholte Felicité. Aber da kam die Wärterin zurück. Es war ein dickes, kräftiges Mädchen, welches besonders mit der Bedienung der Irren beauftragt war. Sie holte sie morgens aus dem Bett und brachte sie abends wieder hinein, sie gab ihr zu essen und wusch sie wie ein kleines Kind. Sogleich ließ sie sich in ein Gespräch mit Doktor Pascal ein, der sie ausfragte. Einer der ganz besonderen Lieblingsträume des Doktors war, die Irren durch Behandlung nach seiner Methode durch Einspritzungen zu heilen. Da es bei ihnen das Gehirn war, welches sich in Unordnung befand, warum sollten denn ihnen nicht Einspritzungen mit seiner Gehirnsubstanz Widerstands- und Willenskraft verleihen, indem sie die Schaden, die dieses Organ gelitten, heilten? Einen Augenblick hatte er auch daran gedacht, sein Heilverfahren an der alten Mutter zu erproben, dann aber waren ihm Bedenken gekommen, eine Art heiliger Scheu hatte ihn ergriffen, ganz abgesehen davon, daß der Wahnsinn in diesem Alter der vollständige, unaufhaltsame Verfall war. Auch hatte er sich ein anderes Objekt gewählt, einen Hutmacher, Sarteur mit Namen, der sich seit einem Jahre im Asyl befand, wohin er selbst mit der flehentlichen Bitte gekommen war, ihn einzuschließen, um ihn an einem Verbrechen zu hindern. Bei seinen Anfällen ergriff ihn ein solches Verlangen nach Mord, daß er sich auf den ersten besten geworfen haben würde. Klein, mit dunkelbraunen Haaren, zurückweichender Stirn, einem Vogelgesichte, mit einer großen Nase und einem sehr kurzen Kinn, war seine linke Backe, wie man deutlich sehen konnte, viel dicker als seine rechte. Und der Doktor erzielte bei diesem impulsiven Menschen wunderbare Resultate, der schon seit einem Monat keine Anfälle mehr gehabt hatte. Gerade antwortete die Wärterin auf die Frage des Doktors, daß Sarteur sich ruhig verhielte und daß es ihm immer besser und besser gehe. »Du hörst, Clotilde,« sagte Pascal entzückt. »Ich habe nicht Zeit, ihn heute abend zu besuchen, aber wir werden morgen wiederkommen. Morgen ist mein Besuchstag ... Ah! Wenn ich es wagte ... wenn sie noch jung wäre ...« Seine Blicke glitten zur Tante Dide hin. Aber Clotilde, die über seinen Enthusiasmus lächelte, sagte sanft! »Nein, nein, Meister! Du kannst das Leben nicht wieder erwecken ... Komm, wir wollen gehen, wir sind die letzten.« Es war richtig, die anderen waren schon fortgegangen. Macquart sah mit seiner gewöhnlichen, alles bespöttelnden Miene von der Schwelle aus Maxime und Felicité nach, wie sie sich rasch entfernten. Und Tante Dide, die Vergessene, blieb in ihrer erschreckenden Verfallenheit unbeweglich sitzen, die Augen von neuem auf Charles geheftet, auf sein weißes, lebensmattes Gesicht unter dem königlichen Haarschmucke. Die Heimfahrt war sehr ungemütlich. In der Hitze, welche die Erde aushauchte, rollte der Landauer schwerfällig dahin. An dem gewitterschwangeren Himmel breitete sich die Dunkelheit in grauen und kupferfarbenen Wolken aus. Zuerst wurden noch einige leere Worte gewechselt; dann aber, als man die Schlucht der Seille erreicht hatte, ruhte alle Unterhaltung unter dem beängstigenden Drohen der riesenhaften Felsen, deren Wände sich immer enger zusammenzuschließen schienen. War das nicht das Ende der Erde? Stand man nicht gerade im Begriff, in die unbekannte Tiefe eines Abgrundes zu rollen? Ein Adler schwebte vorüber und stieß einen lauten Schrei aus. Weiden kamen wieder zum Vorschein, und man fuhr an dem Ufer der Viorne entlang, als Felicité ohne jeden Uebergang, gleich als ob sie nur ein begonnenes Gespräch weiter fortsetzen wollte, wieder zu sprechen anfing: »Du hast keine Weigerung von seiten der Mutter zu befürchten. Sie liebt Charles sehr, aber sie ist eine sehr vernünftige Frau, und sie versteht vollkommen, daß es im Interesse des Kindes ist, wenn Du es mitnimmst. Ich muß Dir übrigens auch sagen, daß der arme Kleine sich bei ihr nicht sehr glücklich fühlte, da ihr Mann seinen eigenen Sohn und seine eigene Tochter immer vorzog, wie es ja auch ganz natürlich ist. Du mußt doch schließlich alles erfahren.« Und so fuhr sie zu erzählen fort, da sie ohne Zweifel Maxime zu einem bindenden Versprechen bringen wollte. Bis Plassans sprach sie fortwährend. Dann rief sie mit einemmale, gerade als der Landauer in die Vorstadt einfuhr: »Aber sieh, die dort, das ist die Mutter ... Jene dicke blonde Frau unter der Thüre dort!« Es war auf der Schwelle eines Sattlerladens, wo Sattel- und Zaumzeug hing. Justine saß, frische Luft schöpfend, auf einem Stuhle und strickte dabei an einem Strumpf, während ihr kleines Mädchen und ihr kleiner Junge zu ihren Füßen auf der Erde spielten, und hinter ihnen im Schatten des Ladens bemerkte man Thomas, einen kräftigen Mann mit dunkler Gesichtsfarbe, der gerade damit beschäftigt war, einen Sattel zuzuschneiden. Maxime hatte den Kopf emporgehoben, ohne jede Bewegung, einfach aus Neugierde. Er war sehr erstaunt, als er diese starke Frau von zweiunddreißig Jahren vor sich sah, mit einem so vernünftigen und spießbürgerlichen Aeußern, an dem nichts mehr von dem tollen Mädchen geblieben war, mit der er die Frucht der Erkenntnis genossen hatte, als sie beide in dem gleichen Alter standen und kaum das siebenzehnte Lebensjahr angetreten hatten. Vielleicht empfand er nur eine Herzbeklemmung, er, der Kranke und Abgelebte, als er sie jetzt so hübsch, so ruhig und so gesund wiederfand. »Ich würde sie niemals wieder erkannt haben,« sagte er. Und der Landauer, der immer weiter rollte, bog in die Rue de Rome ein. Justine verschwand, die Erscheinung aus der Vergangenheit, die sich so sehr verändert hatte, und mit ihr verschwanden in dem unbestimmten Lichte der Dämmerung Thomas, die Kinder und der Laden. Auf der Souleiade stand der Tisch schon gedeckt da. Martine hatte einen Aal aus der Viorne, ein Kaninchenragout und eine Hammelkeule. Es schlug gerade sieben Uhr. Man hatte also noch hinreichend Zeit, um in aller Ruhe speisen zu können. »Sorge Dich nur nicht ab,« sagte Doktor Pascal wiederholt zu seinem Neffen, »wir werden Dich zur Eisenbahn begleiten; es ist nicht zehn Minuten weit ... Von dem Augenblicke an, wo Du Deinen Reisekoffer abgegeben hast, brauchst Du Dir nur noch das Billet zu lösen und in den Zug zu springen.« Als er dann mit Clotilde im Vestibül zusammentraf, wo sie ihren Hut und ihren Sonnenschirm aufhängte, sagte er zu ihr mit leiser Stimme: »Du weißt, daß Dein Bruder mich beunruhigt?« »Warum denn?« »Ich habe ihn genau beobachtet; die Art, wie er geht, gefällt mir gar nicht. Das hat mich noch niemals getäuscht ... Um es kurz zu sagen, er ist ein Mann, dem Lähmung bevorsteht.« Sie wurde totenbleich und wiederholte: »Ataxie!« Ein schreckliches Bild hatte sich vor ihr erhoben, das eines Nachbars, eines noch jungen Mannes, der zehn Jahre lang in einem Wagen von einem Bedienten herumgefahren wurde, wie sie selbst gesehen hatte. War das nicht das schlimmste aller Uebel, die Gebrechlichkeit, der Axthieb, der den Lebenden vom Leben trennt?« »Aber,« sagte sie leise, »er klagt doch nur über rheumatische Schmerzen.« Pascal zuckte mit den Achseln und ging, indem er einen Finger auf seine Lippen legte, in den Speisesaal, wo Felicité und Maxime schon am Tische saßen. Das Diner verlief sehr angenehm. Die plötzliche Unruhe, die Clotildens Herz erfaßt, hatte sie zärtlich für ihren Bruder gestimmt, der neben ihr saß. In liebenswürdigster Weise sorgte sie für ihn und zwang ihn, sich die besten Stücke zu nehmen. Zweimal rief sie Martine zurück, welche die Gerichte zu schnell abservirte. Und Maxime wurde mehr und mehr von dieser so guten, so gesunden, so vernünftigen Schwester verführt, deren Reiz ihn wie durch Schmeichelworte umstrickte. Sie nahm ihn in einem solchen Grade für sich ein, daß nach und nach, zuerst unbestimmt, ein Plan in ihm reifte. Da sein Sohn, der kleine Charles, ihn so sehr durch seine Schönheit erschreckt hatte, durch sein vornehmes und zugleich krankhafte Schwäche verratendes Aeußere, warum sollte er da nicht seine Schwester Clotilde mitnehmen? Der Gedanke, ein weibliches Wesen in seinem Hause zu haben, erschreckte ihn wohl, denn er fürchtete sie alle, da er sie zu jung genossen hatte, aber diese hier erschien ihm wirklich wie eine Mutter. Wenn aber andererseits eine ehrbare Frau in seinem Hause wäre, so würde das manches ändern und für ihn gut sein. Sein Vater würde dann wenigstens nicht mehr wagen, ihm Mädchen zuzuschicken, wie er ihn im Verdacht hatte, um ihn zu Grunde zu richten und mit einem Schlage sein Geld zu bekommen. Die Furcht vor seinem Vater und der Haß gegen denselben bestimmten ihn. »Verheiratest Du Dich denn nicht?« fragte er in der Absicht, das Terrain zu sondiren. Das junge Mädchen fing an zu lachen. »O, das eilt nicht!« Dann fügte sie in einer launischen Anwandlung hinzu, indem sie Pascal, der den Kopf erhoben hatte, ansah: »Kann man das wissen? Ich werde niemals heiraten.« Aber Felicité erhob dagegen Einspruch. Als sie sah, daß sich Clotilde so eng an den Doktor anschloß, wünschte sie oft eine Heirat ihrer Enkelin, die ihn von dem jungen Mädchen befreien und so ihren Sohn einsam lassen würde, in seinem Innern verbittert, und wo sie selbst dann wieder allmächtig, die Herrin der Situation werden könnte. Sie rief ihn auch zum Zeugen auf: ob es nicht wahr wäre, daß eine Frau heiraten müßte, daß es gegen die Natur wäre, ein altes Mädchen zu bleiben? Und er stimmte bei, ohne die Augen von Clotilde abzuwenden. »Ja, ja, man muß heiraten ... Sie ist zu vernünftig, sie wird sich verheiraten.« »Bah!« unterbrach ihn Maxime, »wird sie dann aber auch wirklich richtig handeln? Vielleicht nur, um unglücklich zu werden, denn es gibt so viele schlechte Ehen!« Und einen festen Entschluß fassend, setzte er hinzu: »Du weißt nicht, was Du thun sollst? – Nun, ich will es Dir sagen: Du sollst nach Paris kommen und dort mit mir leben ... Ich habe es mir überlegt; der Gedanke, bei meinem Gesundheitszustande die Sorge für ein Kind zu übernehmen, erschreckt mich. Bin ich nicht selbst ein Kind, ein Kranker, der Pflege nötig hat? Du wirst mich pflegen, Du wirst da sein, wenn ich den Gebrauch meiner Beine ganz und gar verlieren sollte.« Seine Stimme zitterte in Rührung über seine eigene Gebrechlichkeit. Er sah sich krank, er sah sie als barmherzige Schwester an seinem Bette; und wenn sie einwilligte, unverheiratet zu bleiben, dann würde er ihr gern sein Vermögen hinterlassen, damit es sein Vater nicht bekäme. Die Angst, die er vor dem Alleinsein hatte, die Notwendigkeit, eine Krankenpflegerin zu haben, in der er sich bald befinden würde, verliehen seinen Worten einen herzbewegenden Klang. »Es würde von Deiner Seite sehr edelmütig sein, und Du würdest Deinen Entschluß gewiß niemals zu bereuen haben.« Martine, die gerade die Hammelkeule servirte, war auf das tiefste ergriffen, und der Vorschlag verursachte auch am Tisch dasselbe Erstaunen. Felicité war die erste, die ihn billigte, da sie fühlte, daß dieser Weggang Clotildens ihren Plänen außerordentlich förderlich sein würde. Sie sah das junge Mädchen, das noch immer stumm und wie geistesabwesend dasaß, sehr scharf an, während Doktor Pascal sehr blaß auf Antwort von Clotilde wartete. »O, mein lieber Bruder, mein lieber Bruder!« stotterte das junge Mädchen verlegen hervor, da sie zunächst nichts anderes zu sagen wußte. Dann mischte sich die Großmutter hinein. »Ist das alles, was Du zu sagen hast? Aber es ist sehr gut, was Dein Bruder vorschlägt. Wenn er sich fürchtet, jetzt Charles zu sich zu nehmen, so kannst Du mit ihm gehen, und später kannst Du dann den Kleinen nachkommen lassen ... Wirklich, das macht sich ja ganz ausgezeichnet. Dein Bruder wendet sich an Dein Herz ... Pascal, schuldet sie ihm da nicht eine gute Antwort?« Der Doktor war mit Mühe wieder Herr seiner selbst geworden. Man fühlte aber dennoch die eisige Kälte, die ihn ergriffen hatte. Er sprach langsam. »Ich wiederhole euch, daß Clotilde vernünftig ist, und daß sie den Vorschlag, wenn sie ihn annehmen muß, auch annehmen wird.« In seiner Bestürzung empörte sich das junge Mädchen dagegen. »Meister, willst Du mich denn fortschicken? – Gewiß, Maxime ist sehr gut, und ich bin ihm aus tiefstem Herzen dankbar. Aber alles verlassen, mein Gott! alles verlassen, was mich liebt, alles, was ich bis jetzt geliebt habe!« In ihrer Fassungslosigkeit hatte sie eine Bewegung gemacht, als wollte sie alle lebenden Wesen und alle Sachen um sich her, als wollte sie die ganze Souleiade umarmen. »Und,« nahm Pascal wieder das Wort, indem er sie scharf dabei ansah, »wenn nun Maxime Dich notwendig brauchte?« Ihre Augen wurden feucht, und sie zitterte einen Augenblick heftig, denn sie allein hatte ihn verstanden. Die grausame Erscheinung zeigte sich von neuem: Maxime gelähmt, von einem Bedienten in einem kleinen Wagen gefahren, wie der Nachbar, den sie oft getroffen hatte. Aber ihre Leidenschaft erhob Einspruch gegen ihre Rührung, hatte sie wirklich eine Verpflichtung diesem Bruder gegenüber, der ihr fünfzehn Jahre lang fremd geblieben war? War ihre Pflicht nicht da, wo ihr Herz war? »Höre, Maxime, laß auch mir Zeit zur Ueberlegung. Ich werde darüber nachdenken ... Sei aber überzeugt, daß ich Dir sehr dankbar bin. Und wenn Du mich eines Tages wirklich brauchen solltest, dann werde ich mich ohne jedes Bedenken dazu entschließen.« Man konnte nichts weiter von ihr erlangen. Felicité erschöpfte sich, in ihrer fortwährenden fieberhaften Aufregung, in allen möglichen Vorstellungen, während der Doktor jetzt sich stellte, als ob sie ihr Wort gegeben hätte. Martine dagegen, die gerade die Crême hereinbrachte, dachte nicht daran, ihre Freude zu verbergen. Das Fräulein mit fortnehmen! Das wäre ein Gedanke! Daß der Doktor vor Traurigkeit sterben würde, wenn er so ganz allein bliebe! Und das Ende des Diners wurde so durch diesen Zwischenfall hinausgezogen. Man war noch beim Dessert, als es halb neun Uhr schlug. Maxime wurde unruhig, er scharrte ungeduldig mit seinen Füßen und wollte aufbrechen. Auf dem Bahnhofe, wohin ihn alle begleiteten, umarmte er seine Schwester zum letztenmale. »Denke daran!« »Habe keine Angst,« erklärte Felicité, »wir sind da, um sie an ihr Versprechen zu erinnern.« Der Doktor lächelte, und alle schwenkten ihre Taschentücher, als der Zug sich in Bewegung gesetzt hatte. An diesem Tage kehrten Doktor Pascal und Clotilde; nachdem sie die Großmutter bis zu ihrer Thüre begleitet hatten, langsam nach der Souleiade zurück und verbrachten dort einen köstlichen Abend. Die Verstimmung der vorhergehenden Wochen, der stumme Antagonismus, der sie schied, schien verschwunden zu sein. Noch niemals hatten sie ein ähnliches Wohlbehagen verspürt, sich so eins, so unzertrennlich zu fühlen. Es war, als ob in ihnen wie beim Erwachen der Gesundheit nach langem Kranksein neue Lebenshoffnung und neue Lebensfreudigkeit emporsprießte. Sie blieben lange in der heißen Nacht unter den Platanen und hörten dem leisen Plätschern der Fontäne zu. Sie sprachen sogar nicht, sie genossen nur ganz und voll das Glück, beisammen zu sein. Viertes Kapitel. Acht Tage später herrschte in dem Haus wieder die gleiche Mißstimmung. Pascal und Clotilde verbrachten von neuem ganze Nachmittage, ohne mit einander zu sprechen; es herrschte ein fortwährender Wechsel in der Stimmung. Selbst Martine lebte in Aufregung. Der Haushalt war zur Hölle geworden. Dann hatte sich plötzlich noch alles verschlimmert. Ein Kapuziner, der im Rufe großer Heiligkeit stand, war, wie es oft in den Städten des Südens der Fall ist, nach Plassans gekommen, um hier einige Zeit in Zurückgezogenheit zu leben. Er war eine Art Apostel mit einer volkstümlichen und zündenden Beredsamkeit, einem blühenden und bilderreichen Vortrag. Und er predigte über die Nichtigkeit der modernen Wissenschaft in einer außerordentlich mystischen, schleierhaften Weise, indem er die Realität dieser Welt leugnete und das Unbekannte, das Mysterium des Jenseits, erschloß. Alle Betschwestern in der Stadt waren ganz aus der Fassung gebracht. Seit dem ersten Abende, wo Clotilde, von Martine begleitet, einer Predigt beigewohnt hatte, begann Pascal die fieberhafte Erregung zu bemerken, die sich ihrer bemächtigt hatte. An den folgenden Tagen wurde sie von einer wahren Leidenschaft gepackt; sie kehrte später heim, nachdem sie eine Stunde lang in dem dunklen Winkel einer Kapelle im Gebete zugebracht hatte. Sie kam schließlich fast gar nicht mehr aus der Kirche heraus, kehrte stets ganz gebrochen heim mit den leuchtenden Augen einer Seherin; und die glühenden Worte des Kapuziners verfolgten sie unablässig. Zorn und Verachtung aller Menschen und Dinge schienen sich ihrer bemächtigt zu haben. Pascal war beunruhigt und suchte eine Auseinandersetzung mit Martine. Er ging daher eines Morgens zu früher Stunde hinunter, als sie das Zimmer auskehrte. »Du weißt, daß ich euch, Clotilden und Dir, vollkommene Freiheit lasse, in die Kirche zu gehen, wenn es euch beliebt. Ich will das Gewissen von niemand beschweren ... Aber ich will auch nicht, daß Du sie mir krank machst.« Die Haushälterin sagte ruhig, ohne in ihrer Arbeit inne zu halten: »Die Kranken sind vielleicht eher diejenigen, die es nicht zu sein glauben.« Sie hatte das in einem solchen Tone der Ueberzeugung gesagt, daß er unwillkürlich lächeln mußte. »Ja, ich, ich bin der kranke Geist, dessen Bekehrung ihr inbrünstig erfleht, während ihr anderen die volle Gesundheit und die ganze Weisheit besitzt ... Martine, wenn Du fortfährst, mich und Dich selbst zu quälen, so werde ich ernstlich böse werden.« Er hatte mit einer so ärgerlichen und einer so rauhen Stimme gesprochen, daß Martine mit Kehren inne hielt und ihm ins Gesicht sah. Eine unbegrenzte Zärtlichkeit und eine maßlose Verzweiflung spiegelten sich in ihrem alten Mädchengesichte ab, das im Dienste runzelig geworden war. Thränen füllten ihre Augen, und sie lief davon, indem sie stotternd rief: »Ach, Herr Doktor, Sie lieben uns nicht!« Darauf blieb Pascal entwaffnet in zunehmender Traurigkeit zurück. Es verstärkte seine Gewissensbisse noch, daß er sich so tolerant gezeigt und Clotildens Erziehung und Ausbildung nicht ganz allein nach seinen Ansichten geleitet hatte. In seinem Glauben, daß die Bäume gerade wachsen, wenn man sie ruhig sich selbst überläßt, hatte er sie ganz nach ihrer Art aufwachsen lassen, nachdem er sie nur lesen und schreiben gelehrt. Nicht nach einem vorher bestimmten Plane, einzig und allein nur infolge ihrer ganzen Lebensrichtung hatte sie nach und nach alles gelesen und sich für die Naturwissenschaften begeistert, indem sie bei seinen Untersuchungen, beim Lesen seiner Korrekturbogen und beim Abschreiben und Ordnen seiner Manuskripte half. Wie bedauerte er heute seine Lässigkeit! Welch kraftvoller Führer hätte er diesem klaren Geiste sein können, der so wissensdurstig war, anstatt ihn auf Abwege geraten und sich verlieren zu lassen in das Dunkel des Jenseits, was die Großmutter Felicité und die gute Martine begünstigten! Während er sich selbst nur streng an das Thatsächliche hielt, sich bemühte, niemals weiter zu gehen als die Naturerscheinung, und während ihm dies glückte infolge seiner gelehrten Bildung, hatte er ruhig zugesehen, wie sie sich mit dem Unbekannten, mit dem Mysterium beschäftigte. Es war bei ihr ein unwiderstehlicher Drang, eine instinktive Neugierde, die zur Qual wurde, als sie keine Befriedigung fand. Es war ein Verlangen, das durch nichts gestillt werden konnte, ein mächtiger Zug nach dem Unerreichbaren, nach dem Unergründlichen. Schon als sie noch klein war, und vor allem später als junges Mädchen ging sie sofort auf das Warum und auf das Wie los und verlangte stets nach den letzten Gründen. Wenn er ihr eine Blume zeigte, so fragte sie, warum diese Blume Samen trüge, warum dieser Samen keime. Dann kam das Geheimnis der Empfängnis, der Geschlechter, der Geburt und des Todes, und die unbekannten Gewalten und Gott und alles. Bei vier Fragen trieb sie ihn jedesmal in die Enge, und wenn er dann nicht mehr wußte, was er antworten sollte, wenn er sich von ihr losmachte in komischem Zorne, dann hatte sie stets ein schönes Lachen des Triumphes; bestürzt kehrte sie in ihre Träume zurück, in das unbegrenzte Reich alles dessen, was man nicht kennt, und alles dessen, was man glauben kann. Oft setzte sie ihn durch ihre Erklärungen in lebhaftes Erstaunen. Ihr wissenschaftlich gebildeter Geist ging von den bewiesenen Wahrheiten aus, machte aber gleich einen solchen Sprung, daß er mit einem Satze hinein mitten in den Himmel der Legenden kam. Es zogen an ihrem Geiste vorüber Vermittler, Engel, Heilige, übernatürliche Kräfte, welche die Materie umgestalteten, ihr das Leben gaben; oder es war auch nur eine Kraft, die Weltseele, welche in fünfzig Jahrhunderten die Dinge und die Wesen in einem endlichen Liebeskusse auflöste. Sie hatte, wie sie sagte, sich dies ausgerechnet. Niemals übrigens hatte Pascal sie so verstört gesehen. Seit einer Woche, seitdem der Kapuziner in der Kathedrale predigte, verbrachte sie sichtlich die Tage nur in Erwartung der Predigt am Abend, und sie begab sich jedesmal dorthin in der aufgeregten Stimmung eines Mädchens, welches zum erstenmale zu einem Rendezvous geht. Am nächsten Tage dann forderte alles in ihr ihre Lossagung von dem Außenleben, von ihrem gewohnten Dasein, als wenn die sichtbare Welt, die notwendigen Handlungen jeder Minute nur Kinderspiel und Dummheiten wären. Auch hatte sie beinahe ganz ihre sonstigen Beschäftigungen aufgegeben, indem sie sich einer gewissen, unbesiegbaren Faulheit überließ und stundenlang müßig dasaß, die Hände in den Schoß gelegt und die Augen leer und verloren in die Ferne irgend einer Träumerei. Jetzt stand sie, die sonst immer so thätig und früh bei der Hand war, spät auf und erschien nicht eher als beim zweiten Frühstücke. Aber ihre Toilette war nicht schuld daran, daß sie so lange Zeit brauchte, denn sie verlor fast ganz ihre weibliche Koketterie und kam kaum frisirt und in einem schief zugeknöpften Kleide sehr fragwürdig zum Vorschein, aber trotzdem noch immer liebenswehrt, dank ihrer sieghaften Jugend. Ihre Morgenspaziergänge durch die Souleiade, die sie so sehr liebte, die mit Oliven- und Mandelbäumen bepflanzten Terrassen hinab, ihre Besuche in dem harzdurchdufteten Fichtenwalde und ihr langes Verweilen auf dem heißen, freien Platze, wo sie Sonnenbäder nahm, alles das hatte sie aufgegeben; sie zog es vor, in ihrem Zimmer bei geschlossenen Fensterladen zu bleiben, in dem man sie sich nicht rühren hörte. Am Nachmittag dann, in dem Saal, war es der gleiche ermüdende Müßiggang, ein träges Herumirren von Stuhl zu Stuhl, ein Gereiztsein gegen alles, was sie bisher interessirt hatte. Pascal mußte auf ihre Unterstützung verzichten. Eine Note, die er ihr zum Abschreiben gegeben hatte, blieb drei Tage lang auf ihrem Pulte liegen. Sie ordnete nichts mehr, sie wurde sich nicht einmal gebückt haben, um ein Manuskript vom Boden aufzuheben. Namentlich ihre Pastellmalerei hatte sie ganz aufgegeben, die sehr genau ausgeführten Blumenzeichnungen, welche als Tafeln für ein Werk über künstliche Befruchtung dienen sollten. Große rote Malven von einer neuen, eigentümlichen Färbung waren in ihrer Vase verblüht, ohne daß sie sie fertig abgezeichnet hatte. Und während eines ganzen Nachmittags hatte sie sich mit Leidenschaft an ein überspanntes Bild gemacht, Phantasieblumen, eine ganz außergewöhnliche Blütengattung, die sich in der Sonne des Wunders entfaltet, allenthalben ein Hervorsprießen von goldenen Strahlen in der Form von Aehren inmitten von großen, purpurnen Blumenkronen, die offenen Herzen glichen, aus denen an der Stelle von Pistillen Sternenbündel, Milliarden von Welten emporragten, die sich am Himmel hinzogen wie eine Milchstraße. »Ach, mein armes Kind!« sagte an diesem Tage der Doktor zu ihr, »wie kann man denn seine Zeit mit dergleichen Phantasien verschwenden, während ich sehnsüchtig auf die Kopie der Malven warte, die Du hast sterben lassen! Und Du machst Dich krank. Es ist weder Gesundheit noch selbst Schönheit möglich außerhalb der Wirklichkeit.« Oftmals antwortete sie gar nicht, da sie in ihrer trotzigen Ueberzeugung sich in keine Erörterung einlassen wollte. Aber er hatte sie diesmal ohne Zweifel in dem heiligsten ihrer Glaubenssätze getroffen. »Es gibt keine Wirklichkeit,« erklärte sie kurz. Er fing an zu lachen, belustigt über diese philosophische Anwandlung bei diesem großen Kinde. »Ja, ich weiß ... Unsere Sinne sind nicht unfehlbar, wir kennen die Welt nur durch unsere Sinne, daher ist es wohl möglich, daß die Welt nicht existirt ... Oeffnen wir also der Thorheit die Thore, nehmen wir die lächerlichsten Hirngespinnste als möglich an, verlassen wir das Gebiet der Gesetze und Thatsachen, Traumgebilden zu liebe ... Siehst Du denn nicht, daß es gegen die Regel ist, wenn Du die Natur unterdrückst, und daß das einzige Interesse beim Leben ist, an das Leben zu glauben, es zu lieben und alle die Kräfte seines Geistes daran zu setzen, um es besser kennen zu lernen?« Sie machte eine trotzige und abweisende Geberde, und die Unterhaltung verstummte. Mit großen Blaustiftstrichen durchstrich sie jetzt das Pastell, und es bekam das Aussehen, als ob sie damit das Leuchten über einer hellen Sommernacht hätte darstellen wollen. Aber zwei Tage später verschlimmerte sich infolge einer neuen Auseinandersetzung die Sache noch. Am Abend war Pascal nach dem Essen hinaufgegangen in den Saal, um zu arbeiten, während sie draußen auf der Terrasse sitzen blieb. Stunden vergingen, und er war ganz erstaunt und beunruhigt, als es Mitternacht schlug, daß er sie noch nicht hatte in ihr Zimmer zurückgehen hören. Sie mußte durch den Saal gehen; er wußte ganz genau, daß sie nicht hinter seinem Rücken durchgegangen war. Unten überzeugte er sich, als er hinabgestiegen war, daß Martine schlief. Die Thüre des Vestibüls war nicht abgeschlossen, Clotilde hatte sich sicherlich draußen vergessen. Das passirte ihr zuweilen während der heißen Nächte; aber noch niemals hatte sie sich derartig verspätet. Die Unruhe des Doktors wuchs, als er auf der Terrasse den Stuhl leer fand, auf dem das junge Mädchen hätte sitzen sollen. Er hatte gehofft, daß er sie dort eingeschlafen finden würde. Da sie nicht dort war, warum war sie noch nicht zurückgekehrt, wohin konnte sie zu solch später Stunde gegangen sein? Die Nacht war wundervoll, eine Septembernacht, noch heiß, das weite Himmelszelt in seiner tiefdunklen Unendlichkeit mit Sternen besät; und an diesem Himmel ohne Mond funkelten die Sterne so lebhaft und so groß, daß sie die Erde erhellten. Er beugte sich zunächst über die Brüstung der Terrasse, untersuchte die Abhänge, die Terrassen aus mörtellosen Steinmauern, die sich bis hinunter an den Eisenbahndamm zogen; aber nichts rührte sich, er sah nur die runden und unbeweglichen Häupter der kleinen Oelbäume. Dann kam ihm der Gedanke, daß sie ohne Zweifel unter den Platanen wäre bei der Fontäne, bei dem ununterbrochenen Plätschern dieses murmelnden Wassers. Er eilte dorthin, er drang ein in die tiefe Finsternis, die so dicht war, daß selbst er, der doch jeden einzelnen Baumstamm kannte, mit vorgestreckten Armen gehen mußte, um sich nicht zu stoßen. Dann durchsuchte er, vorsichtig weiter tappend, den Fichtenwald, der ebenso dunkel war, ohne jemand zu treffen. Endlich rief er mit einer Stimme, die ihn ganz taub machte: »Clotilde! Clotilde!« Die Nacht blieb still und stumm. Von Zeit zu Zeit erhob er seine Stimme von neuem. »Clotilde! Clotilde!« Nicht ein Ton, nicht ein Laut! Die Echos schienen eingeschlummert zu sein; seine Stimme verhallte in dem unendlichen Meere der blauen Finsternis. Er rief mit voller Kraft; er kehrte zurück unter die Platanen, eilte wieder in den Fichtenwald wie ein Wahnsinniger, seine ganze Besitzung durchsuchend. Dann befand er sich plötzlich auf dem großen freien Platze. Zu dieser Stunde lag auch der ungeheure Platz, die weite runde Fläche, wie in tiefem Schlafe. Seit den langen Jahren, da man kein Getreide mehr dort geschwungen hatte, war Gras darauf gewachsen, sogleich von der Sonne verbrannt, goldgelb und wie abgeschnitten, ähnlich der langen Wolle eines Teppichs. Und zwischen den Büscheln dieser weichen Vegetation wurden die runden Kieselsteine niemals kalt, sie dampften während der Abenddämmerung und strahlten in der Nacht die Wärme aus, die sich von so vielen erstickend heißen Mittagen in ihnen angesammelt hatte. Oede und verlassen breitete sich der Platz aus inmitten dieses heißen Dunstes unter der Stille des Himmels, und Pascal überschritt ihn, um in den Obstgarten zu eilen, als er beinahe über einen menschlichen Körper gestürzt wäre, der lang ausgestreckt dalag und den er nicht hatte sehen können. Er rief erschreckt aus: »Wie, Du bist hier?« Clotilde würdigte ihn keiner Antwort. Sie lag auf dem Rücken, die Hände verschlungen unter dem Kopf zurückgelegt, den Blick zum Himmel emporgerichtet; und in ihrem blassen Gesichte sah man nur ihre großen Augen leuchten. »Ich bin in Unruhe Deinetwegen und rufe Dich schon seit einer Viertelstunde ... Hast Du mich denn nicht rufen hören?« Endlich öffnete sie die Lippen. »Ja.« »Das ist doch zu thöricht! Warum hast Du mir denn nicht geantwortet?« Sie war aber wieder in ihr früheres Stillschweigen gesunken; sie unterließ es starrköpfig, sich zu erklären, die Blicke wie verloren gen Himmel gerichtet. »Vorwärts! Komm jetzt zu Bett! Morgen wirst Du es mir sagen.« Sie rührte sich immer noch nicht; er bat sie zu wiederholtenmalen, mit ihm zurückzukommen: sie machte nicht die geringste Bewegung. Er hat sich schließlich neben sie niedergesetzt in das Gras und fühlte unter sich die Wärme der Steine. »Du kannst doch nicht hier draußen schlafen ... So antworte doch wenigstens! Was machst Du denn eigentlich hier?« »Ich stelle Betrachtungen an.« Und aus ihren großen, unbeweglichen Augen, die starr und weit geöffnet waren, schienen die Blicke immer höher zu dringen zu den Sternen hinauf. Sie war ganz verloren in die unendliche Klarheit des Sommernachtshimmels inmitten der Sterne. »Ach, Meister,« sagte sie in einem langsamen, gleichmäßigen, ununterbrochenen Tone, »wie ist das alles, was Du weißt, so eng und begrenzt im Vergleich mit dem, was sich sicherlich dort oben befindet ... Wenn ich Dir nicht geantwortet habe, so geschah es, weil ich an Dich dachte und schweren Kummer hatte ... Es ist nicht nötig, mich für böse zu halten.« Eine solch innige Zärtlichkeit lag in ihrer Stimme, daß er tief bewegt davon war. Er legte sich ebenfalls lang ausgestreckt auf den Rücken. Ihre Ellenbogen berührten sich, sie plauderten miteinander. »Ich fürchte sehr, meine Liebe, daß Deine Sorgen nicht vernünftig sind ... Du denkst an mich und Du hast Kummer. Warum denn?« »O, gewisser Dinge wegen, die ich Dir nur mit Mühe würde auseinander setzen können. Ich bin keine Gelehrte. Indessen hast Du mich viel gelehrt, und ich selbst habe noch mehr gelernt, indem ich bei Dir lebte. Vor allem sind es Dinge, die ich fühle ... Vielleicht, daß ich versuchen werde, es Dir zu sagen, da wir hier so allein sind und da es so schönes Wetter ist!« Sein volles Herz floß über nach den Stunden des Nachdenkens in dem Vertrauen erweckenden Frieden der wunderbaren Nacht. Er sprach kein Wort aus Furcht, sie zu beunruhigen; und er wartete auf ihre Bekenntnisse. »Als ich klein war, und als ich Dich zuerst von der Wissenschaft sprechen hörte, erschien es mir, als ob Du von dem guten Gotte sprachest, so glühtest Du vor Glauben und Hoffnung. Nichts erschien Dir mehr unmöglich. Mit der Wissenschaft wollte man das Geheimnis der Welt durchdringen und das vollkommene Glück der Menschheit verwirklichen. Nach Dir ging es mit Riesenschritten vorwärts. Jeder Tag brachte seine Entdeckung, seine Gewißheit mit sich. Noch zehn Jahre, noch fünfzig Jahre, noch hundert Jahre vielleicht, und der Himmel würde geöffnet sein, und wir würden die Wahrheit von Angesicht zu Angesicht schauen ... Nun, die Jahre gehen dahin, und nichts öffnet sich, und die Wahrheit weicht immer weiter und weiter zurück.« »Du bist eine Ungeduldige,« antwortete er einfach. »Wenn zehn Jahrhunderte notwendig sind, so wird man sie wohl abwarten müssen.« »Das ist wahr, aber ich kann nicht warten. Ich verlange nach Wissen, ich will auf der Stelle glücklich sein und alles mit einemmale wissen und vollkommen, endgültig glücklich sein! Siehst Du, das ist es, weswegen ich leide, daß ich nicht mit einem einzigen Sprunge zu der vollen Erkenntnis gelangen kann, daß ich mich nicht in der vollkommenen Glückseligkeit ausruhen kann, befreit von allen Bedenken und Zweifeln. Heißt das leben, nur immer mit ängstlichem Schritt in der Finsternis vorzudringen, nicht eine Stunde Ruhe genießen zu können, ohne vor dem Gedanken an das nächste Schrecknis erzittern zu müssen! Nein, nein! Die ganze Erkenntnis und das ganze Glück an einem Tage! Die Wissenschaft hat sie uns versprochen, und wenn sie sie uns nicht gibt, dann ist sie bankerott!« Da fing auch er an leidenschaftlich erregt zu werden. »Aber das ist ja Thorheit, Kleine, was Du da sagst! Die Wissenschaft ist nicht die Offenbarung. Sie geht ihren Weg, und ihr Ruhm ist ihre Anstrengung selbst ... Und dann, das ist nicht wahr, die Wissenschaft hat nicht das Glück versprochen.« Lebhaft unterbrach sie ihn. »Wie, nicht wahr! So schlage doch Deine Bücher dort oben auf! Du weißt genau, daß ich sie gelesen habe. Sie sind voll von derartigen Versprechungen. Wenn man sie liest, so scheint es, als ob man an die Eroberung der Erde und des Himmels gehe. Sie zerstören alles und schwören, daß sie alles ersetzen werden, und zwar durch die reine Vernunft mit Festigkeit und Klugheit ... Ich bin ohne Zweifel wie die Kinder. Wenn man mir etwas versprochen hat, so verlange ich auch, daß man es mir gibt. Meine Phantasie arbeitet; der Gegenstand muß jedenfalls sehr schön sein, um mich zu befriedigen ... Aber es wäre doch so einfach, wenn man mir gar nichts versprechen wollte. Und vor allem wäre es gerade in dieser Stunde bei meinem verzweifelten und schmerzlichen Verlangen schlecht, mir zu sagen, daß man mir nichts versprochen hat!« Er machte von neuem eine abwehrende und ungeduldige Bewegung in die erhabene klare Nacht hinaus. »Auf jeden Fall,« fuhr sie fort, »hat die Wissenschaft tabula rasa gemacht, die Erde ist öde, der Himmel ist leer, und was soll nach Deiner Meinung mit mir werden, selbst wenn Du die Wissenschaft von den Hoffnungen freisprichst, die ich auf sie setze? Denn ich kann nicht ohne Gewißheit und ohne Glück leben. Auf welchem festen Grunde soll ich mein Haus aufbauen in dem Augenblicke, da man die alte Welt zertrümmert hat und sich so wenig beeilt, die neue zu errichten? Das ganze alte Gebäude hat gekracht bei der Katastrophe der Prüfung und der Analyse, und es bleibt nichts übrig, als eine wahnwitzige Menge, welche die Ruinen zerstört, die nicht weiß, auf welchen Stein sie ihr Haupt legen soll, die inmitten des Sturmes kampirt und einen festen, endlichen Zufluchtsort verlangt, wo sie das verlorene Leben von neuem beginnen kann ... Man muß sich daher nicht über unsere Entmutigung und unsere Ungeduld wundern. Wir können nicht mehr warten. Da die Wissenschaft zu langsam ist, da sie Bankerott macht, so ziehen wir es vor, uns rückwärts zu flüchten, ja, zurück zu den Glaubenssätzen von ehemals, die Jahrhunderte lang dem Glücke der Welt genügt haben.« »Ah!« rief er, »das ist ja vortrefflich! Damit sind wir ja wohl an dem Wendepunkt des fin du siècle bei der Erschlaffung, bei der Kraftlosigkeit der entsetzlichen Menge von Kenntnissen, welche das Jahrhundert hervorgerufen hat, angelangt ... Und es ist das ewige Bedürfnis der Lüge, das ewige Bedürfnis der Einbildung, welches die Menschheit zurückführt zu dem Reize des Unbekannten ... Da man niemals alles wissen wird, wozu dann mehr wissen? Warum soll man in den Augenblicken, wo die errungene Wahrheit nicht das unmittelbare und gewisse Glück gewährt, sich nicht zufrieden geben mit der Unwissenheit, jenes dunkle Lager, auf dem die Menschheit ihr erstes Alter tief geschlafen hat? Das ist die feindliche Rückkehr des Mysteriums, das ist die Reaktion gegen hundertjährige Erfahrung und Forschung. Und das mußte sein, man muß sich auf Abtrünnige gefaßt machen, wenn man nicht alle Bedürfnisse auf der Stelle befriedigen kann. Aber es gibt da nur einen Haltepunkt, dort oben! Der Vorwärtsmarsch muß ununterbrochen fortgesetzt werden bis in den unbegrenzten Raum hinauf, der außerhalb unseres Gesichtskreises liegt!« Eine Zeit lang schwieg sie regungslos, die Blicke verloren in die Milliarden von Welten, die an dem dunklen Himmel leuchteten. Eine Sternschnuppe durchkreuzte in flammender Bahn das Sternbild der Kassiopeia. Und das strahlende All dort oben drehte sich langsam um seine Axe in einem heiligen Glanze, während von der dunklen Erde um sie herum sich nur ein leises Wehen erhob, wie der zarte und heiße Atem einer schlafenden Frau. »Sage mir,« fragte er in seinem gutmütigen Tone, »ist es Dein Kapuziner gewesen, der Dir heute abend den Kopf so verdreht hat?« Sie antwortete freimütig: »Ja, er hat von der Kanzel herab Sachen gesagt, die mich erschütterten; er hat gegen alles gesprochen, was Du mich gelehrt hast, und mir ist, als ob die Wissenschaft, die ich Dir verdanke, mich vernichtete ... Mein Gott, was soll aus mir werden?« »Mein armes Kind! Aber es ist schrecklich. Dich so zu quälen! Und dennoch bin ich Deinetwegen noch hinreichend ruhig, denn Du bist nicht leicht aus dem Gleichgewicht zu bringen, Du hast einen guten, kleinen, runden Kopf, klar und fest, wie ich Dir schon oft wiederholt habe. Du wirst Dich schon wieder beruhigen ... Welch' eine Verheerung aber wird er in den Gemütern der andern anrichten, wenn selbst Du, die Gesunde, so verstört bist! Hast Du denn nicht den Glauben?« Sie schwieg und seufzte tief auf. »Gewiß, von dem einfachen Gesichtspunkte des Glückes aus ist der Glaube ein fester Wanderstab, und das Gehen wird leicht und angenehm, wenn man das Glück hat, ihn zu besitzen.« »Ach, ich weiß nicht mehr!« sagte sie. »Es gibt Tage, an welchen ich glaube, es gibt aber auch welche, wo ich es mit Dir und Deinen Büchern halte. Du bist es, der mich unsicher gemacht. Du bist schuld daran, daß ich leide. Und all mein Leiden liegt vielleicht in meiner Auflehnung gegen Dich, den ich liebe ... Nein, nein! Sage mir nichts! Sage mir nicht, daß ich mich beruhigen werde. Das würde mich in diesem Augenblicke nur noch mehr verwirren ... Du leugnest das Uebernatürliche. Das Mysterium ist für Dich nur das Unerklärte. Du gibst sogar zu, daß man niemals alles wissen wird; und demzufolge besteht das einzige Lebensinteresse in Angriffen ohne Ende gegen das Unbekannte, in dem ewigen Bestreben, mehr zu wissen ... Ach! Ich weiß leider schon zu viel davon, um noch glauben zu können. Du hast mich schon zu sehr erobert, und es gibt Stunden, wo es mir scheint, als müßte ich daran zu Grunde gehen.« Er hatte ihre Hand, die in dem warmen Grase lag, ergriffen und drückte sie heftig. »Aber es ist das Leben, welches Dir Furcht macht, Kleine! Und wie recht hast Du, wenn Du sagst, das einzige Glück bestehe in dem fortwährenden Streben! Denn in Zukunft ist die Ruhe in der Unthätigkeit unmöglich. Kein Stillstand ist zu hoffen, kein Ausruhen in der freiwilligen Blindheit. Man muß vorwärts schreiten, vorwärts schreiten mit dem Leben, das immer vorwärts geht! Alles, was man vorschlägt, die Rückkehr zur Vergangenheit, die toten Religionen wieder zurechtzustutzen und nach den modernen Bedürfnissen umzuformen, alles das ist dummes Zeug! Lerne doch das Leben kennen, liebe es, sieh es so, wie es gelebt werden soll und muß: es gibt keine andere Weisheit!« Sie hatte ihm erregt ihre Hand mit einem Rucke wieder entzogen, und ihre bebende Stimme drückte deutlich ihren Widerwillen aus. »Das Leben ist abscheulich, wie soll ich es denn nach Deiner Ansicht ruhig und glücklich verbringen? Eine schreckliche Helle wirft Deine Wissenschaft auf das Leben, Deine Untersuchungen dringen in alle menschlichen Wunden ein, um daraus den Schrecken ans Licht zu ziehen. Du sagst alles, Du sprichst schonungslos. Du lässest uns nur den Ekel vor den Menschen und den Dingen ohne jeden möglichen Trost.« Er unterbrach sie mit einem Schrei feuriger Ueberzeugung. »Alles sagen, ah! Ja, um alles kennen zu lernen, alles zu heilen!« In wildem Zorne richtete sie sich empor und setzte sich aufrecht hin. »Wenn wenigstens noch die Gleichheit und die Gerechtigkeit in Deiner Natur existirten! Aber Du siehst es ja selbst ein: das Leben gehört dem Stärksten, der Schwache geht unrettbar zu Grunde, eben weil er schwach ist. Es gibt nicht zwei vollkommen gleiche Wesen, weder an Gesundheit, noch an Schönheit, noch an Verstand: das ist alles abhängig von dem zweifelhaften Glück des Zusammentreffens, dem Zufall der Wahl ... Und alles stürzt zusammen, seitdem die große und heilige Gerechtigkeit nicht mehr ist!« »Es ist wahr,« sagte er mit leiser Stimme wie zu sich selbst, »die Gleichheit existirt nicht. Jede Gesellschaft, die man darauf gründen würde, könnte nicht leben. Seit Jahrhunderten hat man geglaubt, dem Uebel durch die Nächstenliebe abhelfen zu können. Aber die Welt hat gekracht, und heute schlägt man die Gerechtigkeit vor ... Ist die Natur denn selbst gerecht? Ich halte sie viel eher für logisch. Die Logik ist vielleicht eine natürliche und höhere Gerechtigkeit, die direkt auf die Summe der allgemeinen Arbeit losgeht, auf die große Schlußarbeit.« »Ist das etwa die Gerechtigkeit,« rief sie, »welche das Einzelwesen zum besten der Rasse zertritt, die eine schwache Gattung zum Nutzen der triumphirenden zu Grunde richtet ... Nein, nein, es ist das Verbrechen. Es gibt nichts als Schändlichkeit und Verbrechen. Er hatte recht heute abend in der Kirche: die Erde ist verdorben, die Wissenschaft zieht aus ihr nur die Fäulnis an das Tageslicht; dort oben ist der Ort, zu dem wir unsere Zuflucht nehmen müssen ... O Meister, ich flehe Dich darum an, laß mich mich retten, laß mich auch Dich retten!« Clotilde war in Thränen ausgebrochen, und der Klang ihrer Seufzer stieg empor in die reine Stille der Nacht. Vergebens versuchte Doktor Pascal sie zu beruhigen. Aber ihre Stimme übertönte ihn. »Höre mich an, Meister! Du weißt, daß ich Dich liebe, denn Du bist mir alles ... Und Du bist es, von dem meine Qual kommt; ich meine fast zu ersticken, wenn ich daran denke, daß wir nicht einig sind, daß wir für immer getrennt sein müßten, wenn wir beide morgen sterben würden ... Warum willst Du denn nicht glauben?« Er versuchte noch einmal, sie zur Vernunft zu bringen. »Du bist toll, mein Kind ...« Aber sie hatte sich auf die Kniee geworfen, sie hatte seine Hände ergriffen, sie klammerte sich an ihn in fieberhafter Erregung. Und sie seufzte noch tiefer auf und schluchzte so verzweifelt, daß das dunkle Gefilde in weiter Runde schauerlich davon widerhallte. »Höre, was er heute in der Kirche gesagt hat ... Man muß sein Leben ändern und Buße thun, man muß allen seinen früheren Irrtümern entsagen, ja. Du mußt Deine Bücher, Deine Akten, Deine Manuskripte verbrennen! Bringe das Opfer, Meister, ich beschwöre Dich auf meinen Knieen ... Und Du wirst sehen, welch köstliches Leben wir dann zusammen führen werden.« Schließlich empörte er sich. »Nein, das ist zu viel, schweige!« »O, höre mich doch an, Meister, thue, was ich will ... Ich versichere Dich, daß ich entsetzlich unglücklich bin, gerade weil ich Dich liebe, wie ich Dich liebe. Es fehlt etwas in unserer Zuneigung. Bis jetzt war sie lebhaft und fruchtlos, und ich habe den unwiderstehlichen Drang, sie mit allem, was es Göttliches und Ewiges gibt, zu erfüllen ... Was kann uns fehlen, wenn es nicht Gott ist? Beuge Deine Kniee und bete mit mir!« Mit einer heftigen Bewegung riß er sich erzürnt von ihr los: »Schweige, Du redest unvernünftiges Zeug! Ich habe Dir Deine Freiheit gelassen, laß mir auch die meinige!« »Meister, Meister! Es ist unser Glück, was ich will! Ich will Dich weit, sehr weit fortführen. Wir wollen in die Einsamkeit gehen, um ganz in Gott zu leben!« »Schweige! Nein, niemals!« Dann blieben sie einen Moment stumm, Auge in Auge, und maßen sich mit drohenden Blicken. Die Souleiade breitete sich rings um sie herum in nächtlichem Stillschweigen aus, mit den leichten Schatten ihrer Olivenbäume und dem tiefen Dunkel ihrer Fichten und Platanen, unter dem die Quelle ihr ewiges melancholisches Lied sang; und über ihren Köpfen schien an dem sternenbesäten weiten Himmel ein blasser Schein dahinzuzittern, obgleich die Morgendämmerung noch fern war. Clotilde hob ihren Arm, als ob sie ihm die Unermeßlichkeit des Himmels zeigen wollte. Aber Pascal hatte mit einem sicheren Griffe ihre Hand wieder erfaßt und hielt sie in der seinigen fest zur Erde hinab. Kein Wort wurde gesprochen; ganz außer sich vor innerer Erregung und feindlich standen sie sich einander gegenüber. Es war ein heißer Kampf. Plötzlich zog sie ihre Hand zurück und sprang zur Seite wie ein ungezähmtes, edles Tier, das sich bäumt; dann rannte sie mitten durch die Nacht dem Hause zu. Man hörte auf den Steinen des Platzes das Geklapper ihrer kleinen Schuhe, das sich dann in dem Sande der Allee verlor. Er rief ihr ganz untröstlich mit lauter Stimme nach. Aber sie hörte nicht, antwortete nicht, lief nur immerfort. Von Furcht ergriffen, mit beklommenem Herzen eilte er hinter ihr her und bog gerade noch früh genug um die Platanengruppe, daß er noch sehen konnte, wie sie stürmisch das Vestibül betrat. Er stürzte ihr in das Haus nach, sprang die Treppe hinan und stieß gegen die Thür ihres Zimmers, an deren Schloß er heftig rüttelte. Und dort beruhigte er sich und kämpfte mit großer Anstrengung seine Aufregung nieder; er widerstand dem lebhaften Verlangen, zu rufen, sie noch einmal zu rufen, jene Thür einzutreten, um sie wieder zu bekommen, sie zu überzeugen, sie sich ganz wieder zu gewinnen. Einen Augenblick blieb er unbeweglich bei der Totenstille des Zimmers, aus dem nicht das geringste Geräusch kam. Ohne Zweifel erstickte sie, über das Bett geworfen, ihre Schreie und ihre Seufzer in den Kissen. Er entschloß sich endlich, noch einmal hinunterzugehen und die Hausthüre zu schließen; dann stieg er leise wieder hinauf und lauschte, ob er sie klagen hörte. Und es fing schon an Tag zu werden, als er sich endlich niederlegte, verzweifelt und von Thränen fast erstickt. Von da an herrschte ein Krieg ohne Gnade. Pascal fühlte sich beobachtet, belauscht, bedroht. Er kam sich nicht mehr vor wie zu Hause, er hatte kein Heim mehr: der Feind war fortwährend da, der ihn zwang, alles zu fürchten, alles einzuschließen. Kurz nach einander wurden zwei Fläschchen des von ihm fabrizirten Lebenselixirs in Scherben zerschlagen von ihm aufgefunden, und er mußte sich in seinem Zimmer verbarrikadiren, wo man ihn ganze Tage lang Gehirne zerstoßen hörte; selbst bei den Mahlzeiten zeigte er sich nicht. Er nahm an seinen Besuchstagen Clotilde nicht mehr mit, weil sie die Kranken durch ihre herausfordernd ungläubige Haltung entmutigte. Allein sobald er fortging, hatte er nur das eine Bestreben, so schnell wie möglich wieder heimzukehren, denn er fürchtete, bei seiner Rückkunft einmal die Schlösser erbrochen und seine Schubladen ausgeraubt zu finden. Er benützte das junge Mädchen auch nicht mehr dazu, seine Notizen zu ordnen und abzuschreiben, seitdem mehrere abhanden gekommen waren, als ob sie der Wind davongetragen hätte. Er wagte es sogar nicht mehr, ihr die Korrektur seiner Arbeiten zu übertragen, da er festgestellt hatte, daß sie einmal in einem Artikel einen ganzen Abschnitt weggelassen, dessen Inhalt ihren katholischen Glauben verletzte. Und so lebte sie unthätig dahin, durch die Zimmer schleichend, und ihre ganze Zeit darauf verwendend, eine Gelegenheit zu erspähen, die ihr den Schlüssel des großen Wandschranks in die Hände spielen würde. Das war ihr Traum, das war der Plan, der sie während ihrer langen Muße beschäftigte, wobei ihre Augen leuchteten und ihre Hände fieberhaft zitterten: den Schlüssel zu erhalten, zu öffnen, alles zunehmen, alles zu vernichten in einem Autodafé, das Gott angenehm sein würde. Ein paar Seiten eines Manuskripts, die er auf dem Tische hatte liegen lassen, als er hinausgegangen war, um sich die Hände zu waschen und seinen Ueberrock anzuziehen., waren verschwunden, in dem Kamin nichts zurücklassend als ein kleines Häufchen Asche. Eines Abends, als er sich bei einem Kranken verspätet, hatte ihn, wie er beim Dunkelwerden heimging, in der Vorstadt ein wahnsinniger Schrecken ergriffen beim Anblick einer dichten, schwarzen Rauchwolke, die in Wirbeln aufstieg und den fahlgrauen Himmel schwarz färbte. War das nicht die Souleiade, die ganz in Flammen stand, angezündet durch das Freudenfeuer seiner Papiere? Eilenden Laufes kehrte er heim und beruhigte sich nicht eher wieder, als bis er sah, daß es ein Feuer von Wurzelwerk auf einem nahe liegenden Felde war, aus dem der Rauch langsam emporwallte. Und welch entsetzlicher Zustand war diese fortwährende Angst für den Gelehrten, der sich auf solche Weise in seiner Intelligenz, in seiner Arbeit bedroht sieht! Die Entdeckungen, die er gemacht hat, die Manuskripte, die er zu hinterlassen gedenkt, sie sind sein Stolz, sie sind Wesen von seinem Blut, seine Kinder, und wer sie vernichtet, verbrennt, wird etwas von seinem Fleische verbrennen. Am meisten gequält bei diesen fortwährenden hinterlistigen Angriffen auf seine Geistesarbeit wurde er von dem Gedanken, daß er diese Feindin, die in seinem Hause wohnte, die sich in sein Herz eingenistet hatte, nicht daraus vertreiben konnte, und daß er sie trotz allem liebte. Er war ganz ohne Waffen, ohne jede mögliche Verteidigung; er wollte nichts thun, er hatte auch kein anderes Mittel als unablässig auf seiner Hut zu sein. Die Schlinge zog sich immer mehr zusammen: er glaubte überall die kleinen diebischen Hände zu fühlen, die in seine Taschen glitten; er hatte keine Ruhe mehr, da er selbst bei verschlossenen Thüren fürchtete, daß man ihn durch die Spalten ausplünderte. »Aber, unglückliches Kind,« rief er eines Tages, »ich liebe auf der Welt nur Dich, und Du bist es, die mich tötet! Du liebst mich aber dennoch, Du thust das alles, weil Du mich liebst, und das ist entsetzlich, es wäre besser, sofort ein Ende zu machen, indem wir uns ins Wasser stürzen mit einem Stein am Halse.« Sie antwortete nicht, nur ihre ehrlichen Augen redeten eine heiße Sprache und sagten ihm deutlich, daß sie gern in dieser Stunde sterben würde, wenn es mit ihm wäre. »Und wenn ich nun heute nacht plötzlich sterben würde, was würde dann morgen geschehen? Würdest Du den Schrank ausräumen, würdest Du die Schubladen leeren, würdest Du einen großen Haufen von allen meinen Werken machen und sie verbrennen? Ja, nicht wahr? Weißt Du aber, daß das ein wirklicher Mord wäre, wie wenn Du jemand erschlügest? Und welche abscheuliche Niederträchtigkeit, die Gedanken zu töten!« »Nein!« sagte sie mit dumpfer Stimme, »das Schlechte töten, es verhindern, sich auszubreiten und sich zu vermehren!« Alle ihre Auseinandersetzungen brachten sie beide nur noch mehr in Wut. Und es gab schreckliche Scenen. Eines Abends, als die alte Frau Rougon gerade zu einem solchen Streite gekommen war, blieb diese allein mit Pascal, nachdem sich Clotilde in ihr Zimmer geflüchtet hatte. Eine Zeit lang herrschte tiefes Schweigen. Trotz der betrübten Miene, die sie angenommen hatte, leuchtete doch in der Tiefe ihrer funkelnden Augen eine geheime Freude. »Aber euer armes Haus ist ja eine Hölle!« rief sie endlich. Der Doktor suchte durch eine Handbewegung einer Antwort auszuweichen. Er hatte immer gefühlt, daß seine Mutter hinter dem jungen Mädchen stand, daß sie in Clotilde den Glaubenseifer immer mehr aufstachelte und daß sie diesen Gärungsstoff benützte, um in seinem Hause Unfrieden zu stiften. Er gab sich in dieser Beziehung keinen Illusionen hin, er wußte ganz genau, daß sich die beiden Frauen während des Tages gesehen hatten, und daß er dieser Zusammenkunft, bei der jedenfalls auf schlaue Weise das Gift dem jungen Mädchen eingeimpft worden war, die furchtbare Scene verdankte, unter deren Nachwirkung er noch zitterte. Ohne Zweifel war seine Mutter nur gekommen, um den Schaden festzustellen und nachzusehen, ob man noch nicht bald an die Lösung käme. »Das kann nicht mehr so fortgehen,« begann sie von neuem. »Warum trennt ihr euch denn nicht, da ihr euch nicht mehr versteht? Du solltest sie zu ihrem Bruder Maxime schicken, der mir in den letzten Tagen geschrieben und sie dringend für sich gefordert hat.« Er hatte sich wieder gefaßt und seine gewöhnliche Energie wieder erlangt, wenn er auch noch sehr blaß aussah. »Uns in Unfrieden trennen! Ach, nein, nein! Das würde uns für immer Gewissensbisse verursachen, das wäre eine unheilbare Wunde! Wenn sie eines Tages fort muß, so will ich, daß wir uns auch weit von einander getrennt lieben ... Aber warum fortgehen? Wir beklagen uns ja nicht, weder der eine noch der andere.« Felicité fühlte, daß sie sich etwas übereilt hatte. »Ohne Zweifel hat niemand, wenn es euch gefällt, euch zu zanken, etwas hineinzureden ... Allein, mein armer Freund, erlaube mir, in diesem Falle Dir zu sagen, daß ich Clotilden ein wenig recht gebe. Du zwingst mich, Dir zu gestehen, daß ich sie vorhin gesehen habe; ja, es ist besser, daß Du es weißt, trotzdem daß ich versprochen habe, es zu verschweigen. Nun also, sie ist nicht glücklich, sie beklagt sich sehr, und Du kannst Dir denken, daß ich sie ausgescholten, daß ich ihr vollen Gehorsam gepredigt habe ... Das hindert mich jedoch nicht, Dir zu sagen, daß ich Dich ganz und gar nicht verstehe, und der Ansicht bin, daß Du alles thust, um nicht glücklich zu sein.« Sie hatte sich in einer Ecke des Saales niedergelassen und ihn dadurch gezwungen, sich auch zu setzen; sie schien sehr froh darüber zu sein, ihn endlich einmal allein zu haben, ganz in ihrer Gewalt. Schon mehreremale hatte sie auf diese Weise versucht, ihn zu einer Unterredung zu zwingen, der er auswich. Obgleich sie ihn schon seit Jahren quälte und obgleich er sie durch und durch kannte, blieb er doch der ehrerbietige Sohn; er hatte sich geschworen, niemals aus dieser respektvollen Haltung herauszugehen. Und seitdem sie immer auf gewisse Dinge zu sprechen kam, hüllte er sich auch in vollständiges Stillschweigen. »Ich begreife ja vollkommen,« fuhr sie fort, »daß Du Clotilden nicht nachgeben willst, aber mir? Wenn ich Dich nun flehentlich bitte, mir diese fürchterlichen Akten zu opfern, die dort in jenem Schranke sind! Nimm nur einmal an, Du würdest plötzlich sterben und diese Papiere fielen in fremde Hände: wir wären ja alle entehrt ... Und das wirst Du doch gewiß nicht wünschen, nicht wahr? Was ist also Deine Absicht? Warum hältst Du so eigensinnig an einem so gefährlichen Spiele fest? Versprich mir, sie zu verbrennen!« Er schwieg eine Zeit lang, endlich aber antwortete er: »Liebe Mutter, ich habe Sie schon oft darum gebeten, niemals darüber zu sprechen ... Ich kann Sie nicht zufrieden stellen.« »Aber so gib mir doch endlich einen vernünftigen Grund an!« rief sie. »Man konnte ja wahrhaftig sagen, daß Dir unsere Familie ebenso gleichgiltig ist wie die Rinderherde, die dort unten vorüberzieht. Und Du gehörst doch dazu. O, ich weiß. Du thust alles, um nicht dazu zu gehören. Ich selbst wundere mich zuweilen und frage mich, wie Du darüber so ruhig sein kannst. Und es ist um so häßlicher von Dir, daß Du Dich dazu hergibst, unseren Namen zu beflecken, weil Du nicht einmal von dem Gedanken an den Kummer, den Du mir, mir, Deiner Mutter, bereitest, davon zurückgehalten wirst ... Das ist einfach schlecht gehandelt.« Das empörte ihn, und er gab einen Augenblick dem Drange, sich zu verteidigen, nach, trotz seiner Absicht, zu schweigen. »Sie sind hart, Sie haben unrecht ... Ich habe immer an die Notwendigkeit, an die absolute Wirksamkeit der Wahrheit geglaubt. Es ist wahr, ich sage alles über mich und über die anderen; und das thue ich, weil ich fest glaube, daß ich, indem ich alles sage, das einzig Richtige thue ... Ueberdies sind diese Akten gar nicht für die Öffentlichkeit bestimmt; sie bestehen nur aus privaten Aufzeichnungen, von denen es mir Schmerz verursachen würde, mich zu trennen. Und dann weiß ich sehr wohl, daß es nicht diese Notizen allein sind, die Sie verbrennen wollen: alle meine anderen Arbeiten würden ebenfalls ins Feuer geworfen, nicht wahr? Und das will ich nicht, hören Sie, das will ich nicht, hören Sie! Niemals, so lange ich lebe, wird man hier auch nur eine einzige Zeile Geschriebenes vernichten!« Aber er bedauerte schon, so viel gesprochen zu haben, denn er sah, wie sie ihm wieder zusetzte, wie sie ihn drängte und zu der grausamen Erklärung brachte. »So komm jetzt endlich zum Ziele und sage mir, was Du uns vorwirfst ... Ja, mir zum Beispiel, was wirfst Du mir vor? Dazu habe ich euch doch nicht mit so viel Mühe aufgezogen! Ach, es hat lange gedauert, bis wir das Glück erobert haben! Wenn wir jetzt ein wenig Glück genießen, so haben wir es hart erkämpft. Da Du alles gesehen hast und da Du alles in Deine Papierwische dort eintrügst, so wirst Du bezeugen können, daß die Familie anderen mehr Dienste geleistet hat, als ihr geleistet worden sind. Ohne uns hätte Plassans schon zweimal in der Patsche gesessen. Und es ist ganz natürlich, daß heute, da wir nur Undank und Neid geerntet haben, die ganze Stadt über einen Skandal entzückt wäre, der uns mit Kot bespritzen würde ... Du kannst dies nicht wollen, und ich bin gewiß, daß Du meiner würdigen Haltung seit dem Sturze des Kaiserreiches und seit den Unglücksfällen, von denen sich Frankreich ohne Zweifel niemals wieder erholen wird, Gerechtigkeit widerfahren lässest!« »Lassen Sie doch Frankreich in Ruhe, liebe Mutter!« sagte er; sie hatte damit wieder einen der Punkte berührt, in denen er, wie sie wußte, sehr empfindlich war. »Frankreich hat ein schweres Dasein, und ich finde, daß es im besten Zuge ist, die Welt in Erstaunen zu setzen durch die Schnelligkeit seiner Wiedergenesung. Gewiß, es gibt viel faule Elemente. Ich habe sie nicht verhüllt, ja, ich habe sie vielleicht zu sehr ans Licht gezogen. Aber Sie verstehen mich nicht, wenn Sie sich einbilden, daß ich an den schließlichen Zusammenbruch glaube, wenn ich die Wunden und Schäden zeige. Ich glaube an das Leben, welches ohne Aufhören die schädlichen Elemente ausscheidet, welches neues Fleisch schafft, um die Wunden zu schließen, welches trotz allem zur Gesundheit und zur ununterbrochenen Erneuerung durch Schmutz und Tod hindurch fortschreitet.« Er war in heftige Erregung geraten, er war sich dessen bewußt, machte eine zornige Bewegung und sprach kein Wort mehr. Seine Mutter hatte zu Thränen ihre Zuflucht genommen, kleinen, kurzen, mühsam herausgepreßten Thränen, die sofort trockneten. Und sie kam auf die Befürchtungen zurück, mit denen sie sich ihr Alter verbitterte, und auch sie bat ihn flehentlich, seinen Frieden mit Gott zu machen, wenigstens aus Rücksicht für die Familie. Gäbe sie denn nicht ein Beispiel von Mut? Ganz Plassans, das Viertel von Saint-Marc, das alte Viertel und die neue Stadt, zollten sie nicht ihrer edlen Haltung alle Ehre? Sie beanspruchte einzig und allein unterstützt zu werden, sie forderte von ihren Kindern nur die gleichen Bemühungen, denen sie sich unterzog. Sie führte auch das Beispiel von Eugen an, des bedeutenden Mannes, der, von seiner Höhe herabgestürzt, sich damit begnügte, ein einfacher Deputirter zu sein, bis zu seinem letzten Atemzuge das entschwundene Regime verteidigend, dessen Ruhm er stets hochgehalten hatte. Sie war auch des Lobes voll für Aristide, der niemals verzweifelte, der sich unter dem neuen Regime eine ganz schöne Stellung wiedererobert hatte trotz der ungerechten Katastrophe, die ihn einen Augenblick unter den Trümmern der Union universelle begraben. Und er, Pascal, er wollte allein zurückbleiben, er wollte nichts thun, damit sie in Frieden sterben könnte, in der Freude des schließlichen Triumphes der Rougons? Er, der so klug, so zartfühlend, so gut wäre! Nein, das wäre unmöglich! Er sollte nächsten Sonntag in die Messe gehen und jene elenden Papiere verbrennen; schon der bloße Gedanke an diese mache sie krank! Sie bat ihn, sie befahl, sie drohte. Aber er antwortete gar nicht mehr, er blieb ruhig, unbesiegbar in seiner sehr unterwürfigen Haltung. Er wollte keinen Streit, er kannte sie zu gut, um hoffen zu können, sie zu überzeugen, und um wagen zu können, die Vergangenheit mit ihr zu erörtern. »Ach!« rief sie, als sie merkte, daß er unerschütterlich war. »Du gehörst nicht zu uns, ich habe es immer gesagt. Du entehrst uns!« Er verneigte sich. »Liebe Mutter, Sie werden sich noch besinnen, Sie werden mir verzeihen.« An diesem Tage ging Felicité ganz außer sich fort; und als sie Martine an der Hausthüre traf vor den Platanen, erleichterte sie ihr Herz, ohne zu wissen, daß Pascal, der gerade in sein Zimmer gegangen war, dessen Fenster offen standen, alles mit anhörte. Sie machte ihrem Grolle Luft und schwor, daß sie trotz allem wiederkommen würde, um sich der Papiere zu bemächtigen und sie zu vernichten, da er sie nicht selbst zum Opfer bringen wollte. Was den Doktor aber geradezu erstarren machte, das war die Art und Weise, wie Martine sie mit halblauter Stimme zu beruhigen suchte. Sie war augenscheinlich eine Mitverschworene; sie wiederholte, daß man ruhig abwarten müsse, daß man nichts übereilen dürfe, daß das Fräulein und sie geschworen hätten, mit dem Doktor fertig zu werden, indem sie ihm keine ruhige Stunde mehr ließen. Dazu hätten sie sich eidlich verpflichtet, man würde ihn mit dem lieben Gott versöhnen, da es ganz unmöglich wäre, daß solch ein heiliger Mann wie der Herr Doktor ohne Religion bliebe. Und die Stimmen der beiden Frauen wurden immer leiser und waren bald nichts als ein unverständliches Flüstern, ein ersticktes Gemurmel von Klatscherei und Verschwörung, von dem er nur noch vereinzelte Worte auffing, gegebene Befehle, getroffene Maßregeln, alles zur Beschränkung seiner persönlichen Freiheit. Als seine Mutter endlich fortging, sah er ihr nach, wie sich ihre zarte, mädchenhafte Gestalt mit leichten Schritten, innerlich sehr befriedigt, entfernte. Das war für ihn eine Stunde der Mutlosigkeit, der vollständigsten Verzweiflung. Pascal hatte sich auf einen Stuhl niederfallen lassen und fragte sich, zu welchem Zwecke er denn stritte, da ja die einzigen, die er liebte, sich gegen ihn verbunden hatten. Diese Martine, die für ihn durchs Feuer gegangen wäre auf ein Wort von seiner Seite hin und die ihn jetzt verriet zu seinem Besten! Und Clotilde, die im Bunde mit der Haushälterin an allen Ecken Verschwörungen anstiftete und sich von ihr helfen ließ, ihm Schlingen zu legen! Jetzt war er ganz allein, er hatte um sich nur Verräterinnen, man vergiftete ihm sogar die Luft, die er atmete. Diese beiden, die ihn liebten, würde er vielleicht schließlich noch mürbe gemacht haben; aber seitdem er wußte, daß seine Mutter hinter ihnen stand, erklärte er sich ihre Erbitterung und hoffte nicht mehr darauf, sie für sich wieder zu gewinnen. In seiner Schüchternheit als Mann, der nur dem Studium gelebt hatte, fern von den Frauen trotz seiner Leidenschaftlichkeit, entmutigte ihn der Gedanke, daß sie gleich zu dreien ihn ihrem Willen unterthan machen wollten. Es war ihm immer, als ob eine von ihnen hinter ihm stünde; wenn er sich in sein Zimmer einschloß, so glaubte er sie an der andern Seite der Wand, und sie kamen oft zu ihm und hielten ihn dadurch in der fortwährenden Furcht, seiner Gedanken beraubt zu werden, wenn er sie in sein Gehirn sehen ließe, selbst noch bevor er diese Gedanken formulirt hatte. Das war entschieden die Epoche seines Lebens, wo sich der Doktor Pascal am unglücklichsten fühlte. Der fortwährende Verteidigungszustand, in dem er leben mußte, erschöpfte ihn vollständig, und es schien ihm immer, als ob der Boden seines Hauses unter seinen Tritten schwankte. Er bedauerte dann aufrichtig, nicht verheiratet zu sein und keine Kinder zu haben. Hatte er selbst etwa Furcht vor dem Leben gehabt? War er nicht bestraft für seinen Egoismus? Das Bedauern, kein Kind zu haben, quälte ihn zuweilen; er hatte manchmal von Thränen feuchte Augen, wenn er auf der Straße kleine Mädchen traf, die ihn mit hellen Augen anlachten. Clotilde war zwar da, aber das war doch eine ganz andere Liebe, die jetzt gerade von Stürmen erschüttert war, das war keine so ruhige Liebe, keine so unendlich zarte wie die Kindesliebe, in der sein zerrissenes Herz hätte ausruhen können. Dann wäre das da, was er wollte, wenn er das Ende seines Seins kommen fühlte, das Kind, das ihn fortgesetzt hätte. Je mehr er litt, um so mehr würde er bei seinem Glauben an das Leben Trost darin gefunden haben, das Leiden zu vererben. Er fühlte sich frei von den physiologischen Fehlern der Familie; aber selbst der Gedanke, daß die Vererbung oftmals eine Generation übersprang und daß bei einem von ihm erzeugten Sohne die Fehler der Großeltern sich wieder zeigen könnten, schreckten ihn nicht zurück, und diesen noch unbekannten Sohn wünschte er sich an gewissen Tagen trotz des alten angefaulten Stammes, trotz der langen Reihe scheußlicher Eltern, wie man sich einen unverhofften Gewinn, einen so selten eintretenden Glücksfall wünscht, der für immer tröstet und bereichert. Bei der Erschütterung seiner anderen Gefühle blutete sein Herz, da es zu spät war. In der dumpfen Schwüle der Septembernacht konnte Pascal keinen Schlaf finden. Er öffnete eines der Fenster seines Zimmers; der Himmel war schwarz, in der Ferne mußte ein Gewitter vorüberziehen, denn man hörte ununterbrochenes Donnerrollen. Er unterschied kaum die dunkle Masse der Platanen, welche auf Augenblicke in der Dunkelheit durch fahlgrüne Streiflichter erhellt wurden. Seine Seele war erfüllt von einer furchtbaren Traurigkeit; er durchlebte noch einmal die letzten schlimmen Tage, alle die Klagen, die Qualen des Verrats und Argwohns, die immer großer wurden, als mit einemmale ein schrecklicher Gedanke ihn jäh erzittern ließ. In der Angst, beraubt zu werden, hatte er immer den Schlüssel des großen Schrankes bei sich getragen. An diesem Nachmittag hatte er aber wegen der großen Hitze seine Weste ausgezogen, und er erinnerte sich jetzt, gesehen zu haben, wie Clotilde die Weste von dem Nagel in dem Saale herunternahm. Das war der Schrecken, der ihn jäh durchfuhr. Wenn sie den Schlüssel in der Tasche gefühlt hatte, hatte sie ihn auch geraubt. Er stürzte nach der Weste hin und durchsuchte sie, nachdem er sie auf einem Stuhle ausgebreitet hatte. Der Schlüssel war nicht mehr da. Und gerade in demselben Momente, wo er die Entdeckung machte, beraubte man ihn. Es schlug zwei Uhr morgens; er zog sich nicht erst wieder an, er blieb einfach in den Hosen, die bloßen Füße in den Pantoffeln, die Brust nackt unter dem nachlässig übergeworfenen Nachthemd, und heftig stieß er die Thür auf und sprang in den Saal, den Leuchter in der Hand. »Ach, ich wußte es!« rief er. »Räuberin! Mörderin!« Und es war richtig, Clotilde war da, gekleidet wie er, die Füße nackt in den Hausschuhen, die Beine nackt, die Arme nackt, die Schultern nackt, kaum bedeckt von einem kurzen Jäckchen und ihrem Hemd. Aus Klugheit hatte sie kein Licht mitgebracht, sie hatte sich damit begnügt, die Läden eines Fensters aufzuschlagen; und das Unwetter, welches in der gegenüberliegenden Himmelsrichtung, im Süden, vorüberzog an dem dunklen Firmamente, die fortwährenden Blitze, die die Gegenstände in einem bläulichen Lichte badeten, genügten ihr. Der alte Schrank mit den breiten Seitenwänden war weit geöffnet. Schon hatte sie das oberste Fach geleert; die Aktenstücke mit beiden Händen herunternehmend, warf sie sie auf den in der Mitte stehenden Tisch, wo sie sich in buntem Durcheinander aufhäuften. Und in fieberhafter Aufregung, aus Furcht, sie möchte nicht die Zeit haben, alles zu verbrennen, war sie gerade dabei, Pakete aus den Aktenstücken zu machen, in der Absicht, sie zu verbergen um sie später ihrer Großmutter zu schicken, als der plötzliche Lichtschein sie voll beleuchtete und in ihrer erstaunten und kampfbereiten Stellung unbeweglich verharren ließ. »Du beraubst mich und Du tötest mich!« wiederholte Pascal wütend. In ihren nackten Armen hielt sie noch eines der Aktenbündel. Er wollte es ihr entreißen. Aber sie umklammerte es mit allen ihren Kräften, in ihrem Zerstörungswerk hartnäckig, ohne Verlegenheit, ohne Reue, wie eine Kämpfende, die das gute Recht für sich hat. Da stürzte er sich in blinder Wut, einer ruhigen Ueberlegung beraubt, auf sie, und sie rangen mit einander. Er hatte sie in ihrer Nacktheit umfaßt, er mißhandelte sie. »Töte mich doch,« stammelte sie. »Töte mich, oder ich zerreiße alles!« Aber er hielt sie fest an sich gedrückt in einer so rohen Umschlingung, daß sie nicht mehr atmen konnte. »Wenn ein Kind stiehlt, so züchtigt man es!« Einige Blutstropfen waren an ihrer runden Schulter bei der Achselhöhle, wo eine Quetschung ihre seidenweiche Haut geritzt hatte, sichtbar geworden. Einen Augenblick fühlte er, wie sie, die einer Göttin glich, mit ihrem wundervollen jungfräulichen Körper, ihren schlanken Beinen, ihren biegsamen Armen, ihrer zarten Brust und dem feinen und festen Halse, schmerzlich aufseufzte, so daß er sie etwas freiließ. Mit einer letzten Kraftanstrengung entriß er ihr dann das Aktenbündel. »Und Du wirst mir helfen, sie wieder dort hinaufzulegen, Donnerwetter! Komm hierher! Du fängst sofort an, sie auf dem Tische zu ordnen ... Du mußt mir gehorchen, hörst Du?« »Ja, Meister!« Sie trat an den Tisch heran, sie half ihm, gezähmt, gebrochen durch diese Umarmung eines Mannes, die ihr wie in das Fleisch gedrungen war. Das Licht, das mit einer hohen Flamme in der schwülen Nacht brannte, beleuchtete sie beide; und das ferne Rollen des Donners ließ nicht nach, das offene Fenster schien bei dem Unwetter wie im Feuer zu stehen. Fünftes Kapitel. Eine Zeit lang betrachtete Pascal die Aktenbündel, deren Menge riesig groß schien, wie sie so auf gut Glück auf den langen Tisch hingeworfen da lagen, in der Mitte des Arbeitssaales. In dem bunten Durcheinander hatten sich mehrere von den Umschlägen aus starkem blauem Papier geöffnet, und die Dokumente waren herausgefallen, Briefe, Zeitungsausschnitte, Schriftstücke auf Stempelpapier, handschriftliche Aufzeichnungen. Schon suchte er, um die Pakete wieder zu ordnen, die mit großen Buchstaben auf die Umschläge geschriebenen Namen, als er mit einer heftigen Geberde die düstere, nachdenkliche Stimmung, in die er versunken war, von sich abschüttelte und, zu Clotilden gewendet, die in steifer Haltung stumm und bleich wartend da stand, sagte: »Höre, ich habe Dir immer verboten, diese Papiere zu lesen, und ich weiß, daß Du mir gehorcht hast ... Ja, ich trug Bedenken, nicht etwa, weil Du wie die anderen ein unwissendes Mädchen bist, denn ich habe Dich alles vom Manne und vom Weibe lernen lassen, und das ist gewiß nur für schlechte Naturen gefährlich ... Allein zu welchem Zwecke Dich zu früh in diese schreckliche menschliche Wahrheit einweihen? Ich habe Dich daher mit der Geschichte unserer Familie, die die Geschichte aller, die Geschichte des ganzen Menschengeschlechtes ist, bisher verschont. Sie enthält viel Gutes und viel Schlechtes.« Er hielt inne und schien sich in seinem Entschlusse zu bestärken, vollkommen beruhigt und von einer gebietenden Energie. »Du bist fünfundzwanzig Jahre alt, Du sollst sie erfahren ... Und dann ist auch unser bisheriges Leben nicht mehr möglich. Du lebst und Du läßt mich leben in einem bösen, quälenden Traum, in dem Banne Deines Traumes. Ich will lieber, daß die Wirklichkeit, so abscheulich sie auch immer sein mag, sich vor uns entfaltet. Vielleicht wird der Schlag, den sie Dir versetzen wird, aus Dir die Frau machen, die Du sein sollst ... Wir wollen gemeinschaftlich jene Akten dort wieder ordnen und sie durchblättern und lesen, eine schreckliche Lektion des Lebens!« Dann fügte er hinzu, da sie sich immer noch nicht rührte: »Wir müssen aber ordentlich sehen können! Zünde noch die beiden anderen Lichter an, die dort stehen!« Ein Verlangen nach großer Helligkeit hatte ihn ergriffen, er hätte am liebsten das blendende Sonnenlicht haben wollen; und er glaubte, daß auch diese drei Lichter noch nicht hell genug machten, und ging daher in sein Zimmer, um die zweiarmigen Leuchter zu holen, die dort standen. Die sieben Lichter brannten, und sie beide in ihrer mangelhaften Kleidung, er mit entblößter Brust, sie mit nacktem Halse und nackten Armen, die linke Schulter von Blut befleckt, sahen sich selbst nicht. Es hatte zwei Uhr geschlagen, aber weder der eine noch die andere war sich der Stunde bewußt, sie verbrachten die Nacht in diesem leidenschaftlichen Wissensdrange, ohne Verlangen nach Schlaf und vollständig entrückt ob Raum und Zeit. Das Gewitter, das am Horizonte gegenüber vor dem offenstehenden Fenster fortdauerte, wütete stärker. Niemals hatte Clotilde bei Pascal solche fieberhaft brennende Augen gesehen. Er strengte sich seit einigen Wochen übermäßig an, seine moralischen Qualen und Aengste machten ihn zuweilen schroff trotz seiner so verträglichen Güte. Aber es schien, als ob eine unendliche Zärtlichkeit, gepaart mit brüderlichem Mitleid in seinem Innern lebendig würde in dem Augenblicke, wo er hinabtauchen wollte in die schmerzlichen Wahrheiten des Lebens; und es war etwas unendlich Nachsichtiges und Großes, daß er vor dem jungen Mädchen das entsetzliche Chaos der Thatsachen als etwas Unschuldiges hinstellen wollte. Er hatte den festen Willen dazu, er wollte alles sagen, da er alles sagen mußte, um alles zu heilen. War es denn nicht die verhängnisvolle Entwicklung, der beste Beweis, die Geschichte der Wesen, die sie so nahe berührten? Das Leben war nun einmal so, und man mußte es leben. Ohne Zweifel würde sie daraus gestählt, erfüllt von Duldsamkeit und Mut, hervorgehen. »Man hetzt Dich gegen mich auf,« begann er von neuem, »man veranlaßt Dich, Schandthaten zu begehen, und es ist Dein Gewissen, das ich Dir wiedergeben will. Wenn Du wissen wirst, dann wirst Du urteilen und handeln. Komm näher heran und lies mit mir!« Sie gehorchte. Dennoch erschreckten sie diese Akten, von denen ihre Großmutter mit so viel Zorn sprach, ein wenig, während zu gleicher Zeit die Neugier rege wurde und immer wuchs. Uebrigens beherrschte sie sich, nachdem sie durch die männliche Überlegenheit bezwungen worden war, die sie soeben umschlungen und fast zerdrückt hatte. Konnte sie es denn nicht hören, konnte sie nicht mit ihm lesen? Blieb ihr dann nicht immer noch das Recht, sich ablehnend zu verhalten oder sich zu ergeben? Sie wartete es ab. »Also, willst Du?« »Ja, Meister, ich will!« Zuerst war es der Stammbaum der Rougon-Macquarts, den er ihr zeigte. Er schloß ihn für gewöhnlich nicht in den Schrank ein, sondern bewahrte ihn in dem Sekretär in seinem Zimmer auf, von wo er ihn mitgebracht, als er die Kandelaber geholt hatte. Seit mehr als zwanzig Jahren hielt er ihn im Laufenden, indem er die Geburten und Todesfälle aufzeichnete, und die Heiraten, die wichtigsten Familienereignisse und alle die einzelnen Fälle mit kurzen Bemerkungen versah nach seiner Vererbungstheorie. Es war ein großes Blatt von gelbem Papier, durch den Gebrauch zerknittert, auf welchem sich, mit kräftigen Strichen entworfen, ein symbolischer Baum erhob, dessen abstehende, verzweigte Aeste fünf Reihen von großen Blättern hatten; und jedes Blatt trug einen Namen und enthielt in seiner Schrift eine Biographie, einen Vererbungsfall. Die Freude des Gelehrten erfüllte den Doktor beim Anblicke dieses Werkes von zwanzig Jahren, in dem sich so genau und so vollständig aufgezeichnet die von ihm aufgestellten Gesetze der Vererbung vorfanden. »Sieh Dir es doch an, Töchterchen! Du weißt schon lange genug davon. Du hast genug von meinen Aufzeichnungen abgeschrieben, um es zu verstehen ... Ist es nicht schon ein solches Ganze, ein so sicheres und so vollständiges Dokument, in dem sich auch nicht eine einzige Lücke befindet? Man konnte es ein am Schreibtische des Gelehrten ausgeklügeltes Experiment nennen, ein auf einer Tafel gestelltes und gelöstes Problem ... Du siehst, hier unten ist der Stamm, der gemeinsame Ursprung, Tante Dide. Dann gehen davon drei Zweige aus, der legitime Pierre Rougon, und die beiden Bastarde, Ursule Macquart und Antoine Macquart. Dann wachsen die neuen Zweige heraus und verästeln sich auf der einen Seite in Maxime, Clotilde und Victor, die drei Kinder von Saccard, und in Angélique, die Tochter von Sidonie Rougon; auf der andern Seite in Pauline, die Tochter von Lisa Macquart, und in Claude, Jacques, Etienne und Anna, die Kinder von deren Schwester Gervaise. Da steht am Schlusse noch Jean, der Bruder der beiden. Und hier in der Mitte bemerkst Du das, was ich den Knoten nenne, wo sich der legitime und der illegitime Zweig vereinigen in Marthe Rougon und ihrem Vetter, Francis Mouret, um drei neue Zweige hervorsprießen zu lassen, Octave, Serge und Desirée Mouret; außerdem sind noch die Sprößlinge Ursules und des Hutmachers Mouret da, Silvère, dessen tragisches Ende Du kennst, dann Hélène und ihre Tochter Jeanne. Endlich ganz dort oben befinden sich die letzten Reiser, unser armer Charles, der Sohn Deines Bruders Maxime, und zwei andere kleine Verstorbene, Jacques-Louis, der Sohn von Claude Lantier, und Louiset, der Sohn von Anna Coupeau ... Im Ganzen fünf Generationen, ein menschlicher Baum, der schon in fünf Frühjahren, in fünf Lenzen der Menschheit Aeste hat hervorsprießen lassen durch die treibende Kraft des unvergänglichen Lebens!« Er wurde immer lebhafter und begann mit dem Finger die einzelnen Fälle zu zeigen auf dem alten vergilbten Papier wie auf einer anatomischen Tafel. »Und ich wiederhole Dir, was alles hier zu finden ist ... Sieh also, wie sich in der direkten Vererbung die Eigenschaften der Mutter übertragen bei Silvère, Lisa, Desirée, Jacques, Louiset und Du bei Dir selbst; die des Vaters bei Sidonie, François, Gervaise, Octave, Jacques-Louis. Dann sind da drei Falle von Vermischung: durch die Verschmelzung bei Ursule, Anna, Victor; durch die Verteilung bei Maxime, Serge, Etienne; durch den Zusammenfluß bei Antoine, Eugène, Claude. Außerdem habe ich noch einen vierten Fall annehmen müssen, die gleichmäßige Vermischung bei Pierre und Pauline. Und dann bieten sich auch Varietäten dar, zum Beispiel geht oft der Charakter der Mutter Hand in Hand mit der äußeren Aehnlichkeit des Vaters, oder es findet auch das Gegenteil statt, ebenso wie bei der Vermischung das physische und moralische Uebergewicht einem oder dem andern Faktor angehört je nach den Umständen ... Dann ist hier die indirekte Vererbung, die von den Seitenverwandten; ich habe davon nur ein einziges wohl begründetes Beispiel: die frappante physische Aehnlichkeit von Octave Mouret mit seinem Oheim Eugene Rougon. Ich habe auch nur ein Beispiel von der Vererbung durch Beeinflussung: Anna, die Tochter von Gervaise und Coupeau, glich auffallend, namentlich in ihrer Kindheit, dem ersten Geliebten ihrer Mutter, gleich als ob er diese für immer gezeichnet hätte ... Aber worin ich reich bin, das sind die Fälle der zurückgreifenden Vererbung; drei der schönsten und treffendsten Beispiele habe ich da: Marthe, Jeanne und Charles gleichen der Tante Dide, die Aehnlichkeit hat in diesen Fällen eine, zwei, drei Generationen übersprungen. Dieser merkwürdige Vorfall ist sicherlich ganz exzeptionell, denn ich glaube nicht an den Atavismus; es scheint mir, daß die neuen, durch die Ehegatten, die Zufälle und die unendliche Mannigfaltigkeit der Mischungen hinzugebrachten Elemente sehr rasch die Charaktere verwischen, in der Art, daß sie das Individuum wieder zu dem allgemeinen Typus zurückführen ... Es bleibt nun noch übrig das Angeborensein, Hélène, Jean und Angélique. Das ist die Kombination, die chemische Mischung, wo sich die physischen und moralischen Charaktere der Eltern vereinigen, ohne daß sich etwas von ihnen in dem neuen Wesen vorzufinden scheint.« Es trat eine Pause ein. Clotilde hatte ihm mit der gespanntesten Aufmerksamkeit zugehört, da sie ihn verstehen wollte. Und er war jetzt ganz von der Sache erfüllt, seine Augen waren fortwährend auf den Stammbaum gerichtet in dem lebhaften Verlangen, sein Werk gerecht zu beurteilen. Dann fuhr er langsam zu reden fort, gleich als ob er mit sich selber spräche: »Ja, das ist so wissenschaftlich wie nur möglich ... Ich habe da nur die Mitglieder der Familie eingetragen, ich hätte eigentlich auch den Ehegatten, den Vätern und Müttern, die von außen hinzugekommen sind, deren Blut sich mit dem unserigen vermischt hat und die es seitdem geändert haben, den gleichen Platz einräumen sollen. Ich hatte einen mathematischen Stammbaum entworfen, bei dem der Vater und die Mutter sich zur Hälfte dem Kinde vererbten, von Generation zu Generation, in der Art, daß zum Beispiel bei Charles der Teil der Tante Dide nur ein Zwölftel wäre; das war aber Unsinn, da die Aehnlichkeit in diesem Falle eine vollständige ist. Ich habe es deshalb für genügend gehalten, die von anderswo hinzugekommenen Elemente anzugeben, indem ich den Heiraten Rechnung trug und dem neuen Faktor, den sie jedesmal einführten ... Ja, diese beginnenden Wissenschaften, diese Wissenschaften, wo die Hypothese stammelt und wo die Einbildungskraft Herrin ist, sie sind ebensosehr die Domäne der Dichter wie der Gelehrten! Die Dichter marschiren als Bahnbrecher in der Vorhut, und oft entdecken sie jungfräuliches Land und zeigen die kommenden Lösungen an. Es gibt da ein Grenzgebiet, das ihnen gehört, zwischen der schon errungenen definitiven Wahrheit und dem Unbekannten, von wo aus man die Wahrheit von morgen erreichen wird ... Welch ungeheures Freskogemälde könnte man von der Vererbung malen, welche gewaltige menschliche Komödie und Tragödie könnte man von der Vererbung schreiben, von der Vererbung, welche die eigentliche Entstehungsgeschichte der Familien, der Gesellschaften, der Welt selbst ist!« Seine Augen waren leer geworden, er schien seinen Gedanken nachzugehen und sich in die Ferne zu verlieren. Aber mit einer plötzlichen Bewegung kehrte er zu den Akten zurück, warf den Stammbaum beiseite und sagte: »Wir werden ihn sogleich wieder vornehmen; denn damit Du jetzt alles begreifst, ist es notwendig, daß sich die Ereignisse vor Dir abspielen, und daß Du sie bei der Handlung siehst, alle diese Schauspieler, die hier mit kurzen, alles Wissenswerte enthaltenden Noten beschrieben sind ... Ich werde Dir die Akten nennen, und Du wirst mir ein Bündel nach dem andern geben; ich werde Dir sie zeigen, ich werde Dir erzählen, was ein jedes von ihnen enthält, bevor wir es wieder dort hinauf in das Fach legen. Ich werde mich nicht an die alphabetische Reihenfolge halten, sondern dem Gange der Ereignisse folgen. Schon seit langem will ich diese Anordnung treffen ... Vorwärts, suche die Namen auf den Umschlägen! Zuerst Tante Dide!« In diesem Augenblicke traf ein Streifen des Gewitters, das den Horizont in Flammen setzte, die Souleiade und entlud sich in einem vorsintflutlichen Regen. Aber sie schlossen selbst da nicht das Fenster. Sie hörten weder die Donnerschläge noch das Rauschen der Wasserflut, die sich auf das Dach ergoß. Sie hatte ihm das Aktenbündel übergeben, das den Namen der Tante Dide in großen Buchstaben trug. Er zog daraus Papiere von allen Sorten hervor, alte Aufzeichnungen, von ihm selbst geschrieben, und begann sie ihr vorzulesen. »Gib mir Pierre Rougon! – Gib mir Ursule Macquart! – Gib mir Antoine Macquart!« Stumm gehorchte sie immer, das Herz von Furcht beklommen bei allem, was sie vernahm. Und alle die Aktenbündel kamen der Reihe nach daran, entfalteten ihre Dokumente und wanderten dann in den großen Schrank zurück, wo sie aufgestapelt wurden. Da waren zuerst die Alme, Adelaide Fouque, das große, verwirrte Mädchen, der erste Nervenschaden, welcher den legitimen Sprößling, Pierre Rougon, und die beiden Bastarde, Ursule und Antoine Macquart, geboren hatte. Man übersah jene ganze bürgerliche und blutige Tragödie, wie bei dem Staatsstreich im Dezember 1851 die Rougons, Pierre und Felicité in Plassans die Ordnung aufrecht erhielten und ihr beginnendes Glück mit dem Blute Silvères besudelten, während die alt gewordene Adelaide, die elende Tante Dide, in Les Tulettes eingeschlossen wird wie eine gespenstische Figur der Sühne und der Erwartung. Dann wird der ganze Schwarm der Begierden, das gebieterische Verlangen nach Macht losgelassen, bei Eugène Rougon, dem großen Mann, dem Adler der Familie, der in seinem Stolze höhnisch den gemeinen Interessen den Rücken wandte, der die Gewalt wegen der Gewalt liebte, mit den Abenteurern des kommenden Kaiserreichs Paris in alten Stiefeln eroberte, aus dem gesetzgebenden Körper in den Senat emporstieg, nach dem Präsidentenstuhle des Staatsrates einen Ministerposten inne hatte, eine Kreatur seiner Anhänger, einer ganz verlumpten Bande, die ihn hielt und an ihm zehrte; eine Zeit lang wurde er von einer Frau beherrscht, der schönen Clorinde, nach der er ein thörichtes Verlangen trug, aber trotz allem wirklich kraftvoll und so sehr von dem glühenden Wunsch beseelt, der Herr zu sein, daß er, dank einer Verleugnung seines ganzen Lebens, die Macht wieder gewann und der triumphirenden Herrlichkeit eines Vicekaisers entgegenschritt. Bei Aristide Saccard stürzte sich die Begierde auf niedere Genüsse, auf das Geld, die Weiber und den Luxus, ein Heißhunger packte ihn, der ihn hinaustrieb bei dem Regime der wilden Jagd, bei dem Sturm der gewagtesten Spekulationen, der durch die Stadt dahingebraust war, die an allen Ecken und Enden angebohrt und aufs neue aufgebaut würde, bei der Hochflut unverschämt großer Vermögen, die in sechs Monaten erworben, vergeudet und wieder erworben wurden. Sein Durst nach Gold, die sich immer steigernde Trunkenheit hatten ihn dahin gebracht, seinen Namen zu verkaufen, als kaum der Körper seiner Frau Angèle kalt geworden war, um die ersten unentbehrlichen hunderttausend Franken zu bekommen, indem er Renée heiratete; diese Trunkenheit bewog ihn dann später, im Augenblick einer Geldkrisis den Ehebruch zu dulden, seine Augen zu verschließen in Betreff der verbrecherischen Liebe zwischen seinem Sohn Maxime und seiner zweiten Frau in dem Festjubel von Paris. Und es war auch Saccard, der einige Jahre später die enorme Millionenpresse der Banque Universelle in Schwung brachte, der nie besiegte Saccard, der immer höher steigende Saccard, der sich aufgeschwungen zu einem geist- und mutvollen großen Finanzier, der die grausame und zivilisatorische Rolle des Geldes sehr gut begriff, der an der Börse Schlachten lieferte, gewann und verlor, wie Napoleon bei Austerlitz und Waterloo, der während des Unglücks eine ganze Welt bedauernswerter Menschen vernichtete, der seinen natürlichen Sohn Victor in das Unbekannte des Verbrechens trieb, als er verschwunden war, in dem Dunkel der Nächte dahinfliehend, während er selbst unter dem gefühllosen Schutze der ungerechten Natur von der anbetungswürdigen Frau Karoline geliebt wurde, ohne Zweifel zur Belohnung für all das Schlechte, was er gethan. Da gab es auch eine edle, unberührte Liebe auf diesem Düngerhaufen; Sidonie Rougon, die Kupplerin ihres Bruders Saccard, die Unterhändlerin bei Hunderten von unsauberen Geschichten, gebar von einem Unbekannten die reine, engelgleiche Angélique, die kleine Stickerin mit den Feenhänden, die in das Gold der Meßgewänder ihren Traum von dem reizenden Prinzen stickte, die so weltentrückt unter ihren Genossen, den Heiligen, lebte und so wenig für die rauhe Wirklichkeit geschaffen war, daß ihr die Gnade zu teil wurde, an der Liebe zu sterben an ihrem Hochzeitstag unter dem ersten Kusse von Felicien de Hautecoeur und dem Läuten der Glocken, die ihre königliche Hochzeit verkündeten. Dann fand die Verknüpfung der beiden Zweige, des legitimen und des illegitimen, statt; Marthe Rougon heiratete ihren Vetter François Mouret, es gab eine friedliche Ehe, die aber langsam auseinanderging und bei der es schließlich zu schlimmen Katastrophen kam; sie war eine sanfte, traurige Frau, mitgenommen, abgenutzt und aufgerieben durch die langwierigen Kämpfe um die Eroberung einer Stadt; ihre drei Kinder wurden ihr entrissen, sie läßt sogar ihr Herz unter der rohen Faust des Abbé Faujas, und die Rougons retteten zum zweitenmale Plassans, während sie im Sterben lag bei dem Scheine einer Feuersbrunst, in deren Flammen ihr Gatte, rasend vor lange verhaltener Wut und Rachedurst, umkam mit dem Abbé. Von ihren drei Kindern war Octave Mouret, der kühne Eroberer mit scharfem Verstande, entschlossen, durch die Frauen die Herrschaft von Paris zu erlangen, der mitten hinein in die verdorbene Bourgeoisie geriet, dort eine schreckliche, verderbliche Erziehung genoß und von der launenhaften Abweisung der einen zur sanften Hingebung der andern taumelte. Bis auf die Hefe die Unannehmlichkeiten des Ehebruches auskostend, blieb er aber dennoch glücklicherweise immer ein thätiger Arbeiter und Kämpfer, allmälich etwas abgenützt, trotz allem jedoch groß außerhalb der niedern Sphäre dieser verkommenen Welt, deren Krachen man vernahm. Und der siegreiche Octave Mouret schuf eine vollständige Umwälzung des Großhandels, vernichtete die kleinen Geschäfte des alten Gewerbes und errichtete mitten in dem fieberhaft erregten Paris den großen Palast der Versuchung, der in Lichterglanz erstrahlte, überreich ausgestattet mit Sammet, Seide und Spitzen; er gewann ein königliches Vermögen durch Ausbeutung der Frauen und lebte in der lächelnden Verachtung des Weibes bis zu dem Tage, an dem ihm eine Rächerin in der kleinen, sehr einfachen und sehr klugen Denise erstand, die ihn zähmte und ihn zu ihren Füßen in verliebter Sehnsucht schmachten ließ, so lange sie, die Arme, nicht die Gnade hatte, ihn, der inmitten der Apotheose seines Louvre unter dem Goldregen der Einnahmen stand, zu heiraten. Es blieben noch die beiden anderen Kinder übrig, Serge Mouret und Desirée Mouret, diese unschuldig und gesund wie ein junges, glückliches Tier, er, aufgeklärt und mystisch, durch den Zufall nervöser Veranlagung zum Priesterstande hingeleitet, wiederholte er die Geschichte Adams in dem sagenhaften Paradou und wurde gleichsam wieder geboren, um Albine zu lieben, sie zu besitzen und zu verderben am Busen der großen, mitschuldigen Natur; dann von der Kirche wieder angezogen, der ewige Krieg mit dem Leben, kämpfte er für den Tod seines Geschlechts und warf auf den Körper der toten Albine als Priester die Handvoll Erde zur nämlichen Stunde, da Desirée, die schwesterliche Freundin der Tiere, vor Freude jubelte über die reiche Fruchtbarkeit ihres Hühnerhofes. Dann weiter eröffnete sich ein Ausblick auf ein friedliches und tragisches Dasein: Hélène Mouret lebte friedlich mit ihrer kleinen Tochter Jeanne auf den Höhen von Passy, die Paris beherrschen, einen menschlichen Ozean ohne Grenze und ohne Grund. Im Angesichte desselben spielte sich jene Liebestragödie ab, das leidenschaftliche Entflammen Hélènens für einen vorübergehend anwesenden Arzt, den der Zufall bei Nacht an das Krankenbett ihrer Tochter führte; krankhafte Eifersucht ergriff Jeanne, eine instinktive Liebeseifersucht, die ihrer Mutter die Liebe streitig machte und schon so von diesem Leiden zerstört war, daß sie daran starb, der schreckliche Preis für eine Stunde des Verlangens in einem ganzen vernünftigen Leben! Die arme, liebe, kleine Verstorbene liegt allein dort oben unter den Cypressen des schweigsamen Friedhofs vor dem ewigen Paris. Mit Lisa Macquart begann der illegitime Zweig, in ihr frisch und kräftig, das Glück eines gesunden Körpers zeigend, wenn sie, in weißer Schürze, auf der Schwelle ihres Fleischerladens stehend, zu den Zentralmarkthallen hinüber lachte, wo ein hungerndes Volk murrte: der hundertjährige Kampf der Fetten und der Mageren; der magere Florent, ihr Schwager, wurde verwünscht und umzingelt von den dicken, Fischweibern und den anderen dicken Händlerinnen, und sie selbst, die dicke Fleischersfrau, von einer unbeugsamen Rechtlichkeit, aber mitleidslos, ließ ihn als bannbrüchigen Republikaner festnehmen, überzeugt, daß sie im Interesse aller ehrlichen Leute handelte. Von dieser Mutter wurde das gesündeste und natürlichste aller Mädchen geboren, Pauline Quenu, die maßvolle und kluge Jungfrau, die das Leben kannte und es annahm, so, wie es war. In ihrer Nächstenliebe ging sie sogar so weit, daß sie, trotz des energischen Widerstrebens ihrer fruchtbaren Reife, einer Freundin ihren Verlobten Lazare überließ, später das Kind der getrennten Ehe rettete und dessen wirkliche Mutter wurde. Sie hatte sich immer aufgeopfert zu ihrem eigenen Schaden und war doch glücklich und heiter in ihrer monotonen Abgeschiedenheit, im Angesicht des erhabenen Meeres, inmitten einer ganz kleinen Welt von Leidenden, die laut über ihre Schmerzen jammerten und nicht sterben wollten. Dann kam Gervaise Macquart mit ihren vier Kindern daran, die hinkende Gervaise, die lustige Arbeiterin, die ihr Liebhaber Lantier einst hinaus auf die Straße jagte, wo sie die Bekanntschaft des Zinngießers Coupeau machte, eines guten Arbeiters, der kein Kneipbruder war und den sie heiratete. In der ersten Zeit war sie sehr glücklich; drei Arbeiterinnen beschäftigte sie in ihrem Waschgeschäfte. Dann aber geriet sie mit ihrem Manne zusammen auf eine schiefe Ebene, er, indem er sich nach und nach dem Schnapstrinken ergab, das ihn bis zum Delirium und zum Tode führte; sie selbst, indem sie sittlich verkam, faul und durch die Rückkehr Lantiers noch vollends zu Grunde gerichtet wurde, inmitten der stillen Schande einer Haushaltung zu dreien; sie wurde das beklagenswerte Opfer des an ihrem Falle mitschuldigen Elends, das sie endlich eines Abends tötete, da sie nichts zu essen hatte. Ihr ältester Sohn hatte das verhängnisvolle Genie eines großen, aus dem Gleichgewichte gekommenen Malers. Er verzehrte sich in ohnmächtiger Wut darüber, daß seine ungehorsamen Finger das Meisterwerk, welches er in sich fühlte, nicht ans Tageslicht fördern konnten. Ein gewaltiger Streiter, wurde er immer geschlagen, ein Märtyrer eines Werkes, der das Weib anbetete und seine Frau Christine, die ihn so liebte und die auch er eine kurze Zeit liebte, der ungeschaffenen Frau opferte, die er einer Göttin gleich vor sich sah und die sein Pinsel doch nicht in ihrer gebieterischen Nacktheit festhalten konnte, erfüllt von der verzehrenden Leidenschaft, diesem Phantasiegebilde Gestalt zu geben, von dem unersättlichen Verlangen, es zu schaffen. Und da er diesen Drang nicht befriedigen konnte, packte ihn eine so entsetzliche Schwermut, daß er sich schließlich erhängte. Jacques brachte den Hang zum Verbrechen als Erbfehler mit, der sich in einem unlöschlichen Durst nach Blut zu erkennen gab, nach frischem, jungem Blute aus der abgeschnittenen Kehle einer Frau, der ersten besten, die auf der Straße vorüberging. Er kämpfte gegen dieses fürchterliche Uebel, aber es ergriff ihn wieder im Verlaufe seines Liebesverhältnisses mit der weichen, sinnlichen Sévérine, die selbst in dem unaufhörlichen Schauer einer tragischen Mordgeschichte lebte. Und eines Abends erdolchte er sie, rasend gemacht von dem Anblicke ihres weißen Busens, und es war, als ob diese tierische Raserei zwischen den Eisenbahnzügen mit weiter eilte, die in großer Geschwindigkeit dahinsausten unter dem Gepolter der Maschinen. Und er stieg auf seine Lieblingsmaschine, die ihn eines Tages zermalmte, als sie führerlos und wie rasend dem unbekannten Verderben entgegenfuhr. Etienne seinerseits, gehetzt, verdorben, kam in einer eisigen Märznacht in das schwarze Land; er stieg hinab in die gefräßige Grube, liebte die trauernde Katharine, die ihm ein brutaler Mensch raubte, lebte mit den Grubenarbeitern ihr düsteres, erbärmliches Leben bis zu dem Tage, an welchem der Hunger einen Aufstand wachrief und die heulende Masse der Elenden, die nach Brot schrie, über das öde Gefilde dahinführte, einen durch Feuer und Verwüstung gekennzeichneten Weg, den drohenden Soldaten entgegen, deren Gewehre gleichsam von selber losgingen. Es war eine schreckliche Erschütterung, eine entsetzliche Umwälzung, die das Ende einer Welt anzeigte; das Blut der Maheu fordert Rache, die ihr später werden sollte; Alzire war vor Hunger gestorben, Maheu durch eine Kugel getötet worden und Zacharias durch schlagende Wetter, die Katharine im Schachte begruben; und nur allein Maheus Frau kam mit dem Leben davon. Sie beweinte ihre Toten und stieg wieder hinab in die Grube, um ihre dreißig Sous zu verdienen, während Etienne, der Anführer der geschlagenen Bande, heimgesucht von Ahnungen einer zukünftigen Wiedervergeltung, an einem lauen Aprilmorgen sich davonmachte, da er das stumme Drängen der neuen Welt vernahm, deren Emporkeimen bald die Erde spalten würde. Dann kam Nana; sie wurde die Rächerin, das in den Kot der Straße gestoßene Mädchen, die Goldfliege, die aufgeflogen war aus dem Schmutz der geduldeten und verheimlichten Gemeinheit, auf den Schwingen ihrer Flügel brachte sie mit sich den Keim der Vernichtung, indem sie sich aufschwang und die Aristokratie in Fäulnis brachte, die Menschen vergiftete durch nichts weiter, als daß sie sich auf sie setzte im Innern der Paläste, in die sie durch die Fenster eindrang, ein ganz unbewußtes Zerstörungs- und Vernichtungswerk ausführend. Ihr Werk ist der wahnwitzige Anfall von Vandeuvres, die Melancholie Foucarmonts bei seiner Fahrt durch die chinesischen Meere, das Unglück Steiners, der zu einem ehrbaren Leben gezwungen zurückkehrte, die befriedigte Narrheit von La Faloise und der tragische Untergang der Muffat. Und als ihr Opfer lag da der weiße Leichnam von Georges, bewacht von Philipp, der tags zuvor aus dem Gefängnis gekommen war; es lag eine solche Ansteckung in der verpesteten Luft dieser Zeit, daß sie selbst davon ergriffen wurde und an den Kinderpocken starb, die sie sich am Totenbette ihres Sohnes Louiset geholt hatte, während unter ihren Fenstern Paris, trunken und von der Tollheit des Krieges ergriffen, lärmte und tobte und dem allgemeinen Zusammenbruche zustürzte. Da war endlich Jean Macquart, der Arbeiter und der wieder Bauer gewordene Soldat im Kampfe mit der harten Erde, die sich jedes Getreidekorn mit einem Tropfen Schweiß bezahlen ließ, vor allem aber im Streite mit der Landbevölkerung, die eine rohe Gier, die lange und schwierige Bearbeitung des Bodens ohne Aufhören zu dem wütenden Verlangen nach Besitz anreizte; die alten Fouans traten ihre Felder ab, als gäben sie ihr eigenes Fleisch her; die verzweifelten Buteaus gingen bis zum Vatermorde, um die Erbschaft eines Kleefeldes zu beschleunigen; die eigensinnige Françoise kam durch einen heimtückischen Stoß ums Leben, ohne zu sprechen, da sie nicht wollte, daß auch nur ein Erdkloß der Familie entginge: jenes ganze Drama der Einfachen und der Naturmenschen, die sich kaum aus dem alten wilden Zustande herausgearbeitet hatten, der ganze menschliche Schmutzflecken auf der großen Erde, die allein die Unsterbliche bleibt, die Mutter, von der man ausgeht und zu der man zurückkehrt, sie, die man liebt bis zum Verbrechen, die fortwährend das Leben für ihren unbekannten Zweck erneuert, selbst unter dem Elend und der Schlechtigkeit der Wesen. Und es war wiederum Jean, der, nachdem er Witwer geworden und sich bei den ersten Kriegsgerüchten wieder hatte anwerben lassen, die unerschöpflichen Hilfsmittel, den Fonds ewiger Verjüngung, den die Erde aufbewahrt, mitbrachte – Jean, der niedrigste, der standhafteste Soldat des großen Zusammenbruchs, mit fortgerissen von der Grenze bis nach Sedan von dem schrecklichen und verhängnisvollen Sturm, der das Vaterland hinwegzufegen drohte, indem er das Kaiserreich ins Schwanken brachte; es war Jean, der, immer klug, besonnen und unerschütterlich in seiner Hoffnung, mit brüderlicher Zärtlichkeit seinen Kameraden Maurice liebte, den verdorbenen Sohn der Bourgeoisie, das zur Sühne bestimmte Opfer, der blutige Thränen weinte, als das unerbittliche Geschick ihn dazu auswählte, dieses untaugliche Glied zu vernichten; der dann, nachdem alles zu Ende war, nach den fortwährenden Niederlagen, nach dem abscheulichen Bürgerkriege, nachdem die Provinzen verloren und die Milliarden zu bezahlen waren, sich trotz alledem wieder anschickte, zur Scholle zurückzukehren, die seiner harrte, zu der großen und schweren Arbeit, ein ganzes Frankreich wieder herzustellen. – Pascal schwieg still. Clotilde hatte ihm alle Aktenstücke, eins nach dem andern, gereicht, und er hatte sie durchgeblättert, ihren Inhalt kurz angegeben, sie dann wieder eingeordnet und in das Fach oben in dem Schranke zurückgestellt; er war ganz außer Atem und erschöpft von dem gewaltigen Zuge, der durch diese lebende Menschheit hindurchging, während das junge Mädchen sprachlos und bewegungslos in dem betäubenden Tosen dieses die Ufer überschäumenden Lebensstromes immer zuhörte, unfähig einer Ueberlegung und eines Urteils. Das Unwetter fuhr fort, das finstere Land mit seinem endlos herabströmenden, vorsintflutlichen Regen zu peitschen. Ein Blitz- und Donnerschlag zerschmetterte soeben einen Baum in der Nachbarschaft mit einem fürchterlichen Krachen. Die Kerzen flackerten ängstlich auf in dem durch das offene Fenster hereinwehenden Windzuge. »Ah!« begann er von neuem, indem er mit einer Handbewegung auf die Aktenbündel zeigte, »das ist eine Welt! Eine Gesellschaft und eine Zivilisation, und das ganze Leben ist darin enthalten mit allen seinen guten und schlechten Offenbarungen, wie in dem Feuer und der Arbeit einer Schmiede, die alles verarbeitet, das ganze Leben, das alles in sich schließt ... Ja, unsere Familie könnte heute der Wissenschaft als Beispiel genügen, deren Hoffnung es ist, eines Tages die Gesetze der nervösen und sanguinischen Vorfälle festzustellen, die in einem Geschlechte infolge einer ersten organischen Beschädigung sich zeigen und die die Empfindungen, die Wünsche, die Leidenschaften, alle menschlichen Aeußerungen, die natürlichen und instinktiven, bei jedem einzelnen der Individuen dieses Geschlechts bestimmen, deren Erzeugnisse die Namen von Tugenden und Lastern annehmen. Und sie ist auch ein geschichtliches Dokument, sie erzählt von dem zweiten Kaiserreich, von dem Staatsstreich an bis zur Katastrophe von Sedan, denn die Unsrigen sind aus dem Volke hervorgegangen, sie haben sich ausgebreitet durch die ganze zeitgenössische Gesellschaft, sie sind in alle Verhältnisse eingedrungen, in alle Lagen gekommen, hingerissen von ihren überschäumenden Begierden, von jenem wesentlich modernen Drange, jenem Peitschenschlage, der die niederen Klassen zum Genüsse treibt auf dem Wege durch die Gesellschaft ... Die Anfänge, von denen ich Dir erzählt habe, sind ausgegangen von Plassans; und wir sind hier noch in Plassans, auf dem Ausgangspunkte.« Er schwieg von neuem, er versank in träumerisches Nachsinnen, das ihn verstummen ließ. Welch entsetzliche Masse war da aufgewühlt, welche lustigen und welche schrecklichen Abenteuer, welche Freuden, welche Leiden dem Papiere anvertraut in dieser kolossalen Sammlung von Thatsachen ... Das war reine Geschichte, das auf Blut gegründete Kaisertum, welches zuerst mit Gewalt und List sich Ansehen verschaffte und die aufrührerischen Städte eroberte, dann aber einer langsamen Zerrüttung zuglitt und im Blute unterging, in einem solchen Meer von Blute, daß die ganze Nation davon überschwemmt werden mußte ... Da gab es soziale Studien, den Groß- und Kleinhandel, die Prostitution, das Verbrechen, die Erde, das Geld, die Bourgeoisie, das Volk, dasjenige, das sich in der Kloake der Vorstädte herumwälzte, und dasjenige, das in den großen industriellen Zentren revoltirte, jene gewaltige, wachsende Menge des souveränen Sozialismus, der Hauptteil der Kinder des neuen Jahrhunderts ... Da waren einfache menschliche Studien, intime Seiten, Liebesgeschichten, der Streit der Vernunft und der Herzen gegen die ungerechte Natur, die Vernichtung derjenigen, die unter ihrer zu schweren Arbeit aufschrieen, der Schrei der Gutherzigkeit, die sich aufopfert, siegend über den Schmerz. Es war da auch Phantasie, die Einbildung, die über die Wirklichkeit hinausflog, ungeheure Gärten, die zu jeder Jahreszeit in Blüte standen, Kathedralen, bis in die feinsten Spitzen kostbar ausgearbeitet, wunderbare Märchen, dem Paradiese entsprossen, ideale Liebe, die in einem Kusse wieder zum Himmel aufstieg ... Es war von allem da, von dem Ausgezeichneten und von dem Schlechtesten, von dem Gemeinen und von dem Erhabenen, es waren die Blumen da, der Schmutz, das Seufzen und das Lachen, selbst der ohne Ende dahinrauschende Strom des Lebens, die Menschlichkeit! Und er nahm wieder den Stammbaum zur Hand, der allein auf dem Tische liegen geblieben war, breitete ihn aus und begann wieder, ihn mit dem Finger zu durchlaufen, indem er jetzt die Glieder der Familie aufzählte, die noch am Leben waren, Eugène Rougon, die gefallene Größe, blieb in der Kammer der Zeuge, der kaltblütige Verteidiger der alten Welt, die der Zusammenbruch mit sich gerissen hatte. Aristide Saccard kam, nachdem er einen neuen Menschen angezogen hatte, wieder auf seine republikanischen Sprünge als Direktor eines großen Journals und war im besten Zuge, neue Millionen zu gewinnen, während sein natürlicher Sohn Viktor nicht wieder zum Vorschein gekommen war; er lebte im Schatten des Verbrechens, da er nicht im Bagno war, von der Welt gehetzt, für die ihn erwartende Zukunft, den Schrecken des Schaffots, ebenso wie ein wildes, von erblichem Gifte schäumendes Tier, welches das Uebel mit jedem seiner Bisse vergrößern muß, Sidonie Rougon, die lange Zeit verschwunden war, stand jetzt, müde der schmutzigen Geschäfte, im Begriff, eine strenge, klösterliche Lebensweise zu führen und sich in eine Art Kloster zurückzuziehen als Schaffnerin des » Oeuvre du Sacrament «, um gefallenen Mädchen zu einer Heirat zu verhelfen. Octave Mouret, der Besitzer des großen Warenhauses » Au Bonheur des Dames «, dessen kolossales Vermögen sich immer noch vergrößerte, hatte gegen Ende des Winters ein zweites Kind von seiner Frau Denise Baudu, die er anbetete, geschenkt bekommen, obgleich er wieder anfing, ein wenig liederlich zu werden. Der Abbé Mouret, Pfarrer zu Saint-Europe, in einer abgelegenen, sumpfigen Gebirgsschlucht, hatte sich mit seiner Schwester Desirée ganz von der Welt zurückgezogen in große Dürftigkeit; er schlug jede ihm von seinem Bischofe zugedachte Beförderung aus, erwartete den Tod als frommer Mann, der alle Heilmittel zurückwies, obgleich er schon an der Schwindsucht litt. Hélène Mouret lebte sehr glücklich in tiefer Zurückgezogenheit mit ihrem zweiten Gatten, Herrn Rambaud, auf dem kleinen Landgute, das sie in der Nähe von Marseille am Strande des Meeres besaßen. Sie hatte aus ihrer zweiten Ehe keine Kinder. Pauline Quenu war immer in Bonneville, am andern Ende von Frankreich, im Angesichte des weiten Weltmeeres, für alle Zukunft allein mit dem kleinen Paul seit dem Tode des Onkels Chanteau, fest entschlossen, sich nicht zu verheiraten, sich ganz dem Sohne ihres Vetters Lazare zu widmen, der Witwer geworden und nach Amerika gegangen war, um sich ein Vermögen zu erwerben. Etienne Lantier hatte sich seit seiner Rückkehr nach Paris nach dem Streike in Montsou später bei dem Aufstande der Kommune, deren Ideen er mit Feuer verteidigte, kompromittirt. Man hatte ihn zum Tode verurteilt und dann begnadigt und deportirt, so daß er sich jetzt in Roumea befand; man erzählte sich sogar, daß er sich dort sogleich verheiratet und schon ein Kind hätte, ohne daß man genau dessen Geschlecht angeben konnte. Endlich war Jean Macquart, nach der blutigen Woche entlassen, zurückgekehrt, um sich in der Nähe von Plassans niederzulassen, in Valqueyras, wo er das Glück gehabt hatte, ein kräftiges Mädchen zur Frau zu bekommen, Melanie Vial, die einzige Tochter eines wohlhabenden Bauern, dem er das Land erträglich machte, und seine Frau, schwanger seit der Hochzeitsnacht, war im Mai mit einem Knaben niedergekommen und seit zwei Monaten schon wieder schwanger, einer jener Fälle von überreicher Fruchtbarkeit, die den Müttern nicht Zeit läßt, ihre Kleinen zu stillen. »Gewiß, ja,« begann er von neuem mit leiser Stimme zu sprechen, »die Geschlechter entarten. Es ist eine Entkräftung, eine schnelle Verschlechterung eingetreten, als wenn die Unsrigen in ihrer wütenden Genußsucht, in der gierigen Befriedigung ihrer Begierden zu rasch aufgezehrt worden waren. Louiset starb in der Wiege, der halb blödsinnige Jacques-Louis wurde von einer Nervenkrankheit dahingerafft; Viktor ist in den wilden Zustand zurückgekehrt und hält sich, wer weiß wo, verborgen; und unser armer Charles ist so schön und so schwächlich: das sind die letzten Zweige des Baumes, die letzten schwachen Triebe, in die der kräftige Saft der dicken Aeste, wie es scheint, nicht hat emporsteigen können. Der Wurm war in dem Stamm, er sitzt jetzt in der Frucht und frißt sie auf ... Aber man muß niemals verzweifeln, die Familien sind das ewige Werden. Sie verlieren sich über den gemeinschaftlichen Ahnherrn hinaus in die unergründlichen Uranfänge der Geschlechter, die gelebt haben, bis hinab zu dem ersten Menschen; und sie werden ohne Ende sich fortpflanzen, sie werden sich ausbreiten, sie werden sich in das Unendliche verzweigen durch die kommenden Jahrhunderte hindurch ... Betrachte unsern Stammbaum! Er zählt nur fünf Generationen; er hat nicht einmal die Bedeutung eines Grashälmchens in dem kolossalen und dunklen menschlichen Walde, in welchem die Völker die großen, hundertjährigen Eichen sind. Denke nur an seine gewaltigen Wurzeln, die den ganzen Boden durchziehen, denke an das fortwährende Wachsen seiner großen Blätter, die sich mit anderen Blättern mischen, denke an das unaufhörlich unter dem urewigen, befruchtenden Wehen des Lebens auf- und abwogende Gipfelmeer ... Nun, die Hoffnung ist da, sie beruht auf der täglichen Wiederherstellung des Geschlechtes durch das neue Blut, das von außerhalb kommt. Jede Heirat bringt neue Urstoffe mit, gute und schlechte, die es trotz allem bewirken, daß die sicher eintretende und fortschreitende Entartung verhindert wird. Die Risse werden wieder ausgefüllt, die Flecken wieder ausgewischt; ein verhängnisvolles Gleichmaß stellt sich wieder her am Schlusse einiger Generationen, und das ist der Durchschnittsmensch, welcher schließlich immer herauskommt, die allgemeine menschliche Natur, hartnäckig bei ihrer mühereichen, geheimnisvollen Arbeit auf ihrem Wege nach ihrem unbekannten Ziele hin.« Er hielt inne und seufzte tief auf. »Ah! Unsere Familie! Was wird sie werden, auf welche Wesen wird sie wohl endlich hinauskommen?« Und er fuhr fort und kam jetzt, indem er nicht mehr auf die Ueberlebenden, die er genannt hatte rechnete, nachdem er sie klassifizirt hatte und so genau wußte, wessen sie fähig waren, mit lebhaftem Interesse auf die Kinder zu sprechen, die noch im zartesten Alter standen. Er hatte an einen Kollegen in Roumea geschrieben, um genaue Auskunft über die Frau zu erhalten, die Etienne geheiratet, und über das Kind, das diese geboren haben sollte, aber er erhielt keine Antwort und fürchtete daher sehr, daß der Stammbaum nach dieser Seite hin unvollständig bleiben wurde. Mehr hatte er in Betreff der beiden Kinder von Octave Mouret, mit dem er in Briefwechsel stand, in seinen Aufzeichnungen niedergelegt: das kleine Madchen war schwächlich und ein Sorgenkind, während der kleine Junge, der seiner Mutter sehr ähnlich sah, ein schönes Gleichmaß und eine kräftige Gesundheit hatte. Seine größte Hoffnung setzte er übrigens in die Kinder von Jean, von denen das erstgeborene ein prächtiger Knabe war, bei dem man den ganzen jungen Lenz verspürte, all die frische Lebenskraft der Geschlechter, die sich durch die Erde stählen. Er begab sich zuweilen nach Valqueyras und kehrte jedesmal glücklich von diesem fruchtbaren Erdenwinkel zurück, von dem ruhigen und vernünftigen Vater, der immer bei seinem Pfluge war, und der heiteren und einfachen Mutter mit den breiten Hüften, fähig, eine Welt zu tragen. Wer wußte, wo hinaus noch dieser gesunde Zwerg treiben wurde? Vielleicht entsproßten da die erwarteten Weisen und Mächtigen. Das Schlimmste für die Schönheit seines Stammbaums war, daß diese Knaben und Mädchen noch so klein waren und daß er sie deswegen noch nicht in bestimmte Klassen einordnen konnte. Und seine Stimme wurde weich bei der Erwähnung dieser Hoffnung für die Zukunft, bei der Erwähnung dieser kleinen Blondköpfe in dem uneingestandenen Bedauern seiner eigenen Ehelosigkeit. Er betrachtete immer den vor ihm ausgebreiteten Stammbaum und rief: »Und dennoch ist er vollständig, ist er entscheidend! Sieh ihn Dir nur genau an! Ich wiederhole Dir, daß alle Vererbungsfälle darin anzutreffen sind. Ich habe meine Theorie nur, um sie zu bekräftigen, auf der Gesamtheit der Thatsachen aufzubauen gehabt ... Und was schließlich das Wunderbarste ist, ist das, was man da mit dem Finger zeigen kann, wie die Wesen, die dem gleichen Geschlecht entstammen, so von Grund aus verschieden erscheinen können, bloß dadurch, daß sie die logischen Modifikationen der gemeinschaftlichen Vorfahren sind. Der Stamm erklärt die Zweige, die wiederum die Blätter erklären. Bei Deinem Vater Saccard wie bei Deinem Onkel Eugène Rougon, so entgegengesetzt auch ihr Temperament und ihr Lebenswandel ist, ist es doch der gleiche Trieb, der die ausschweifenden Begierden des einen und den souveränen Ehrgeiz des andern geschaffen hat. Angélique, die reine Lilie, wird von der verdorbenen Sidonie geboren. Die drei Kinder der Mourets werden von dem nämlichen Zuge getrieben, der aus dem klugen Octave einen millionenreichen Modewarenhändler gemacht hat, aus dem gläubigen Serge einen armen Landpfarrer und aus der schwachsinnigen Desirée ein schönes, glückliches Mädchen. Aber das Beispiel ist noch viel treffender bei den Kindern der Gervaise: das Nervenleiden ist verschwunden, und Nana verkauft sich, Etienne revoltirt, Jacques mordet und Claude hat Talent, während Pauline, ihre leibliche Cousine, die sieghafte Ehrbarkeit selbst ist, die kämpft und sich opfert ... Das ist die Vererbung, das Leben selbst, welches Schwachsinnige, Narren, Verbrecher und bedeutende Menschen richtig verteilt, Zellen verkümmern, andere nehmen ihren Platz ein, und man hat einen Schurken oder einen tobsüchtigen Narren an Stelle eines talentvollen oder eines einfachen, ehrbaren Menschen. Und die Menschheit rollt weiter, alles mit sich führend.« Dann fuhr er, von einem neuen Gedanken ergriffen, fort: »Und die Tierwelt, das Tier, welches leidet und liebt, das wie ein schwacher Abklatsch des Menschen ist, jene ganze brüderliche Tierwelt, die von unserem Leben lebt! Ja, ich hätte gewünscht, ich hätte die Tierwelt in die Arche setzen können, ich hätte ihr ihren Platz unter unserer Familie anweisen können und hätte sie zeigen können in ununterbrochener Verbindung mit uns, unser Dasein vervollständigend. Ich habe Katzen gekannt, deren Anwesenheit den geheimnisvollen Zauber des Hauses bildete, Hunde, die man anbetete, deren Tod beweint wurde und im Herzen eine unstillbare Trauer zurückließ. Ich habe Ziegen, Kühe, Esel gekannt von einer außerordentlichen Wichtigkeit, die eine solche Rolle gespielt haben, daß man ihre Geschichte schreiben sollte ... Und denke nur daran, was uns unser Bonhomme ist, unser armes altes Pferd, das uns während eines Vierteljahrhunderts gedient hat! Glaubst Du nicht, daß sich seinem Blute von dem unseligen etwas mitgeteilt hat und daß er für die Zukunft zur Familie gehört? Wir haben ihn modifizirt, ebenso wie auch er ein wenig auf uns eingewirkt hat; wir sind ja schließlich nach demselben Bilde gemacht; und das ist so wahr, daß ich ihn, wenn ich ihn jetzt halb blind, mit blödem Auge, mit seinen vom Rheumatismus gekrümmten Beinen sehe, umarme und küsse wie einen armen alten Verwandten, der meiner Pflege anheimgefallen ist ... Ah! die Tierwelt, alles, was sich mühsam dahinschleppt und sich beklagt, unterhalb des Menschen, welche Stellung müßte man, durchdrungen von unendlichem Mitgefühl, ihm in der Geschichte des Lebens einräumen!« Das war der letzte Ausruf, in dem Pascal den begeisterten Ausdruck seiner zärtlichen Liebe für das Sein kund gab. Er war nach und nach in heftige Erregung geraten und dabei zu seinem Glaubensbekenntnis gekommen, zu der stetigen und siegreichen Arbeit der lebenden Natur. Und Clotilde, die bis dahin gar nichts gesprochen hatte und totenbleich geworden war bei der erschreckenden Menge der auf sie einstürmenden Thatsachen, öffnete endlich die Lippen, um zu fragen: »Nun, Meister, was steht denn von mir da drinnen?« Sie hatte einen ihrer schlanken Finger auf das Blatt des Stammbaums gelegt, in dem sie ihren Namen eingeschrieben sah. Er hatte dieses Blatt immer übergangen. Sie bestand jedoch darauf, es zu erfahren. »Ja, ich, was bin ich denn? Warum hast Du mir die mich betreffenden Akten nicht vorgelesen?« Einen Augenblick blieb er stumm, als wäre er überrascht von dieser Frage. »Warum? Wegen gar nichts ... Es ist wahr, ich brauche Dir nichts zu verheimlichen ... Du siehst, was hier geschrieben steht: ›Cotilde, geboren im Jahre 1847. Wahl der Mutter. Zurückgreifende Vererbung mit dem moralischen und physischen Vorwiegen ihres Großvaters mütterlicherseits ... Nichts ist klarer. Deine Mutter hat ihn in Dich übertragen. Du hast ihren guten Appetit und Du hast viel von ihrer Koketterie, manchmal auch von ihrer Indolenz, von ihrem Gehorsam. Ja, Du bist wie sie in hohem Grade Weib, ohne daß Du selbst zu viel davon merkst; ich will Dir auch sagen, daß Du es sehr liebst, geliebt zu werden. Außerdem war Deine Mutter eine eifrige Romanleserin, eine Träumerin, die es liebte, ganze Tage lang im Bette liegen zu bleiben, um über ein Buch nachzugrübeln; sie war ganz vernarrt in Ammenmärchen, sie ließ sich die Karten legen und fragte Somnambulen um Rat; und ich habe immer gedacht, daß Deine Hinneigung zum Mystischen, Deine Besorgnis um das Unbekannte daher stammten ... Was aber noch hinzukam, um Dich fertig auszugestalten, indem es in Dir eine bestimmte Qualität schuf, das ist der Einfluß Deines Großvaters, des Kommandanten Sicardot. Ich habe ihn gekannt, er war kein Adler, er besaß aber wenigstens viel Redlichkeit und Energie. Ohne ihn, glaube ich, ganz offen gestanden, daß Du nicht besonders viel Wert wärest, denn die anderen Einflüsse sind durchaus keine guten. Er hat Dir das beste Deines Wesens gegeben, den Kampfesmut, den Stolz und die Freimütigkeit.« Sie hatte ihm mit Aufmerksamkeit zugehört, sie machte ein kleines Zeichen mit dem Kopfe, um auszudrücken, daß dies so richtig wäre, und daß sie sich nicht beleidigt fühlte, trotz des fast unmerklichen schmerzlichen Zitterns, das ihre Lippen bewegt hatte bei diesen ihr neuen Einzelheiten über die Ihrigen, über ihre Mutter. »Nun,« begann sie wieder, »und Du, Meister?« Diesmal zögerte er keinen Augenblick, sondern rief sofort: »O, ich! Was hätte es für einen Zweck, über mich zu reden? Ich bin nicht dabei, ich gehöre nicht zur Familie! Sieh her, was hier geschrieben steht: ›Pascal, geboren 1813. Angeborensein. Kombination, bei der sich die physischen und moralischen Charaktere der Eltern vermischen, ohne daß etwas von ihnen sich in dem neuen Wesen wiederzufinden scheint.‹ Meine Mutter hat es mir oft genug wiederholt, daß ich nicht zu der Familie gehöre, daß sie gar nicht wüßte, woher ich eigentlich wohl kommen könnte!« Und das war bei ihm wie ein Ausruf der Erleichterung, eine Art unfreiwilliger Freude. »Geh doch! Das Volk täuscht sich darin nicht. Hast Du mich jemals in der Stadt Pascal Rougon nennen hören? Nein! Die Welt hat immer ganz kurz gesagt: der Doktor Pascal. Und das geschieht, weil ich etwas Besonderes bin ... Und es ist vielleicht durchaus nicht hübsch, aber ich bin darüber entzückt, denn es gibt wahrhaftig allzu schwere Erbschaften zu tragen. Ich habe gut sie alle lieben, mein Herz schlägt deswegen nicht weniger laut und freudig, wenn ich mich anders, verschieden, außer jeder Gemeinschaft fühle, wenn ich nicht dazu gehöre. Nicht dazu zu gehören, mein Gott! Das ist ein frischer Luftzug, das ist es, was mir den Mut gibt, sie alle dort zu haben, sie in jenen Aktenstößen in ihrer ureigenen Beschaffenheit zu schildern, und noch den Mut zu haben, zu leben!« Er schwieg endlich, und es trat eine tiefe Stille ein. Der Regen hatte aufgehört, und das Gewitter war fortgezogen, man hörte nur noch immer entfernter und entfernter das Rollen des Donners, während durch das offene Fenster ein köstlicher, von dem noch finstern, erfrischten Lande aufsteigender feuchter Erdgeruch hereindrang. In der Luft, die sich wieder beruhigt hatte, brannten die Kerzen in einer hohen, ruhigen Flamme vollends zu Ende. »Ah!« sagte Clotilde einfach in tief gedrücktem Tone. »Was soll nun werden?« Sie hatte es selbst schon erklärt in jener Nacht auf dem großen freien Platze: Das Leben war entsetzlich, wie konnte man es friedlich und glücklich verleben? Es war eine schreckliche Klarheit, die die Wissenschaft über die Welt verbreitete; die Analyse tauchte in alle menschlichen Wunden, um daraus den Schrecken ans Tageslicht zu ziehen. Und jetzt hatte er noch viel schonungsloser gesprochen und den Ekel, den sie so schon vor den Menschen und den Dingen hatte, noch vergrößert, indem er seine Familie selbst ganz unverhüllt auf den Tisch des Sezirsaales legte; und das Schlimmste an seinen Enthüllungen war die ungeschminkte und schreckliche Wahrheit über die Ihrigen, die ihr teuren Wesen, die sie lieben sollte: ihr Vater, der groß geworden war in den Verbrechen des Geldes, ihr blutschänderischer Bruder, ihre gewissenlose Großmutter, befleckt mit dem Blute der Gerechten, und die anderen fast alle anrüchig, Säufer, Wüstlinge, Mörder, die ungeheuerliche Blüte des menschlichen Baumes. Der Schlag war so furchtbar, daß sie sich zuerst gar nicht wiederfinden konnte in der schmerzlichen Betroffenheit über das Leben, das sie mit einemmal auf diese Weise kennen gelernt hatte. Indessen wurde diese Lektion selbst trotz ihrer verletzenden Schärfe gleichsam gemildert durch etwas Großes und Gutes, durch einen Hauch unergründlicher Menschlichkeit, der sie von einem Ende zum andern getragen hatte. Nichts Schlechtes war ihr dabei nahe getreten; sie fühlte sich von einem scharfen Seewind umweht, einem Gewittersturme, aus dem man mit gesunder und geweiteter Brust hervorgeht. Er hatte alles gesagt, er hatte selbst von seiner Mutter ganz freimütig gesprochen, wenn er auch fortfuhr, ihr gegenüber die ergebene Haltung des Gelehrten zu bewahren, der über die Thatsachen nicht richtet. Alles sagen, um alles zu verstehen und alles zu heilen, war das nicht der Ausspruch, den er gethan hatte in jener schönen Sommernacht? Und selbst unter dem Uebermaß dessen, was er ihr soeben mitgeteilt hatte, war sie zunächst in Verwirrung geraten, geblendet von dem zu lebhaften Lichte; schließlich aber verstand sie ihn und gestand, daß er da ein ungeheures Werk versuchte. Trotz allem war es die Stimme der Gesundheit, der Hoffnung für die Zukunft. Er sprach als Wohlthäter, der von dem Augenblicke an, wo die Erblichkeit die Welt bildete, deren Gesetze feststellen wollte, um über sie zu verfügen und eine glückliche Welt wieder herzustellen. Und dann, gab es denn in diesem seine Ufer überflutenden Flusse, dessen Schleusen er aufzog, nur Schlamm? Wie viel Gold floß mit vorüber, vermischt mit dem Gras und den Blumen des Ufers! Hunderte von Wesen eilten schon vor ihr vorüber, und doch traten ihr immer von neuem die reizenden, freundlichen Gestalten, die zarten, jungen Mädchengesichter, die reinen Frauenschönheiten vor die Augen. Die ganze Leidenschaft blutete da, das ganze Herz öffnete sich da in zärtlichem Ueberfließen. Sie waren zahlreich die Frauen wie Jeanne, wie Angélique, wie Pauline, wie Marthe, wie Gervaise und wie Hélène. Von ihnen und den anderen Frauen, selbst von den weniger guten, selbst von den schrecklichen Männern, den Schlimmsten der Gesellschaft, stieg eine brüderliche Menschlichkeit auf. Und das war gerade jener Hauch, den sie gefühlt hatte an sich vorüberwehen, jener breite Strom der Sympathie, während ihrer gründlichen Gelehrtenlektion. Und er schien durchaus nicht gerührt zu sein, er bewahrte vollkommen die unpersönliche Haltung des Lehrers; aber in seinem Innern, welche opferfreudige Güte lebte da, welch ein Uebermaß von Hingebung, welche Aufopferung seines Ichs für das Glück anderer! Sein ganzes, so mathematisch genau angelegtes Werk floß über von dieser schmerzensreichen Brüderlichkeit, selbst in seinen schärfsten Spöttereien. Hatte er nicht soeben von den Tieren gesprochen wie ein älterer Bruder aller elenden Lebewesen, die leiden? Das Leiden brachte ihn ganz außer sich, es war nur der Zorn über seinen zu hohen Traum, es war nur ein erkünstelter, er wurde nur brutal in seinem erkünstelten und vorübergehenden Grolle, wenn er träumte, nicht nur für die gebildete Gesellschaft eines Augenblicks, sondern für die gesamte Menschheit in allen schweren Stunden ihrer Geschichte zu arbeiten. Vielleicht war es sogar jene Auflehnung gegen die banale Gewohnheit, die ihn dazu gebracht hatte, sich den Theorien und der Gedankenarbeit zu widmen. Und das Werk blieb menschlich, überfließend von dem ungeheuren Schluchzen der Wesen und Sachen. War das übrigens nicht das Leben? Es gibt nichts absolut Schlechtes. Niemals ist ein Mensch für die ganze Welt schlecht, er bildet immer das Glück für irgend jemand, so daß man, wenn man sich nicht auf einen einzigen Standpunkt stellt, sich schließlich Rechenschaft von der Brauchbarkeit eines jeden Wesens ablegen kann. In diesem Augenblicke glaubte er, daß sie sich ihm weinend an den Hals werfen würde. Eine plötzliche Begeisterung schien sie zu ergreifen. Aber da wurden sie sich ihres halbnackten Zustandes bewußt. Sie, die es bis jetzt gar nicht inne geworden war, merkte mit einemmale, daß sie nur im Unterrocke war, daß ihre Arme nackt, daß ihre Schultern nackt und kaum von dem Lockengewirr ihrer offenen Haare bedeckt waren; und da, in der Nähe der linken Achselhöhle fand sie, als sie ihre Blicke senkte, auch die paar Blutstropfen wieder, die Quetschung, die er ihr zugefügt hatte bei dem Streite, um sie zu bezwingen durch eine brutale Umschlingung. Da überkam sie eine grenzenlose Verwirrung, die Gewißheit, daß sie auch jetzt überwunden werden würde, wie er durch jene Umschlingung ihrer Meister geworden war, in allem und für immer, Ihre Verwirrung wurde dadurch nur noch gesteigert; sie wurde gegen ihren Willen mit fortgerissen, ergriffen von dem unwiderstehlichen Drange, sich zu ergeben. Plötzlich richtete sich Clotilde auf, sie wollte überlegen. Ihre nackten Arme hatte sie über ihrer nackten Brust verschlungen. Alles Blut schien aus ihren Adern in ihre Haut gedrungen zu sein und übergoß sie mit dunkler Schamröte. Sie schickte sich an, die Flucht zu ergreifen, es kam Leben in ihre göttergleiche, schlanke Gestalt. »Meister, Meister, laß mich ... Ich werde sehen ...« Mit jugendlicher Gewandtheit und in jungfräulicher Angst hatte sie sich, wie schon früher einmal, in ihr Zimmer geflüchtet. Er hörte sie lebhaft die Thüre schließen und den Schlüssel zweimal herumdrehen. Er blieb allein zurück, er fragte sich, plötzlich von einer unendlichen Mutlosigkeit und Traurigkeit ergriffen, ob er recht gehandelt hätte, daß er alles gesagt, ob die Wahrheit in diesem teuren, angebeteten Wesen aufkeimen und eines Tages zu einer segensreichen Ernte emporwachsen würde? Sechstes Kapitel. Die Tage flossen dahin. Der Oktober war anfangs herrlich, ein heißer Herbst, eine glühende Sommerleidenschaft in reicher Reife, ohne eine Wolke am Himmel; dann aber wurde das Wetter schlecht, schreckliche Stürme tobten, ein letztes Gewitter verheerte durch Gießbäche die terrassenförmig sich hinabziehenden Gartenanlagen. Und in dem düsteren Hause auf der Souleiade schien das Nahen des Winters eine unendliche Traurigkeit heraufbeschworen zu haben. Es war von neuem eine Hölle. Zwischen Pascal und Clotilde gab es keine lebhaften Streitereien mehr. Die Thüren wurden nicht mehr zugeschlagen, kein lauter Wortwechsel zwang Martine mehr, alle Stunden die Treppe hinaufzusteigen. Sie sprachen jetzt kaum noch mit einander; und mit keinem Worte wurde jener Vorgang in der Nacht berührt. Er wollte infolge eines unerklärlichen Bedenkens, einer eigentümlichen Scham, über die er sich keine Rechenschaft ablegen konnte, das Gespräch nicht wieder beginnen; er wollte die erwartete Antwort, ein Wort des Glaubens an ihn, ein Wort der Unterwerfung nicht erzwingen. Sie überlegte noch nach dem schrecklichen moralischen Schlag, der sie vollständig umwandelte, sie zögerte, sie war uneins mit sich selbst, indem sie der Lösung auswich in einer instinktiven Auslehnung, um sich nicht ergeben zu müssen. Und das Zerwürfnis dauerte fort in der bedrückenden Stille und Einsamkeit des düsteren Hauses, in dem das Glück nicht mehr wohnte. Das war für Pascal eine der Epochen, wo er, ohne sich zu beklagen, entsetzlich litt. Dieser scheinbare Friede brachte ihm seine Ruhe nicht wieder, es hatte sich seiner im Gegenteil ein solch tiefes Mißtrauen bemächtigt, daß er sich immer einbildete, die Verschwörungen hinter seinem Rücken dauerten fort. Wenn man sich auch jetzt den Anschein gäbe, als ob man ihn in Ruhe lassen wollte, so geschähe dies nur deswegen, um im Geheimen die schwärzesten Komplotte anzuzetteln. Seine Besorgnisse waren aufs höchste gestiegen, er erwartete jeden Tag eine Katastrophe, wobei seine Papiere von einem sich plötzlich aufthuenden Abgrund verschlungen, die ganze Souleiade, in kleine Teile zerstückelt, davongetragen, hinweggefegt würde. Dieser fortwährende Ansturm gegen seine Gedanken, sein moralisches und intellektuelles Leben, wobei man sich so verstellte, machte ihn ganz nervös und wurde ihm fast unerträglich, daß er sich jeden Abend mit Fieber ins Bett legte. Zuweilen überfiel ihn eine plötzliche Angst; er stand wieder auf, da er glaubte, einen Feind hinter seinem Rücken bei der Arbeit überraschen zu können, um irgend etwas Böses auszuführen. Aber es war niemand außer seiner eigenen zitternden Gestalt im Dunkeln. Ein anderesmal blieb er, von plötzlichem Argwohn erfaßt, stundenlang auf der Lauer, hinter seinen Vorhängen versteckt oder in einem Gange verborgen, aber nichts rührte sich, er vernahm nur das heftige Klopfen seiner Schläfen. Er erschrak aber selbst darüber und legte sich nicht ins Bett, ohne vorher jedes Zimmer durchsucht zu haben; er schlief fast gar nicht mehr, denn das geringste Geräusch weckte ihn wieder auf; schwer atmend lag er da, immer bereit, sich zu verteidigen. Und das, was die Leiden Pascals noch verschlimmerte, war der fortwährende Gedanke, daß ihm diese Wunde von dem einzigen Wesen, das er auf der Welt liebte, geschlagen wurde, von seiner angebeteten Clotilde, die er seit zwanzig Jahren in Schönheit und Anmut hatte heranwachsen sehen, deren Leben sich bis jetzt entfaltet hatte wie ein reicher Blumenflor, der das seine mit seinem Dufte verschönte. Mein Gott, sie war es, die sein Herz so ganz mit Liebe erfüllte, daß er sich seinen Zustand gar nicht ordentlich klar machte! Sie, die seine Freude geworden war, sein Mut, seine Hoffnung, ja, eine ganze neue Jugend, in der er sich selbst wieder aufleben fühlte! Wenn sie an ihm vorüberging mit ihrer feinen, runden und frischen Gestalt, wurde er ganz erquickt und von Gesundheit und Frohsinn durchdrungen wie bei der Wiederkehr des Frühlings. Uebrigens bewies sein ganzes Leben deutlich diese Besitzergreifung, dieses Eindringen in sein Wesen durch das junge Mädchen, das sich als kleines Kind in seine Liebe eingeschmeichelt, und dann, als sie größer wurde, den ganzen Räumen seinem Herzen eingenommen hatte. Seit seiner definitiven Niederlassung in Plasfans führte er das Leben eines Benediktiners, in seine Bücher vergraben, fern von dem Umgang mit Frauen. Man wußte nur von seiner Leidenschaft für jene Dame, die gestorben war, ohne daß er jemals ihr die Fingerspitzen geküßt hatte. Allerdings machte er zuweilen einen kleinen Abstecher nach Marseille und blieb die Nacht dort, aber das waren nur vorübergehende Abenteuer mit der ersten besten, ohne ein Morgen. Er hatte in dieser Hinsicht das Leben noch gar nicht genossen, er hatte sich noch seine ganze Manneskraft bewahrt, deren Wünsche jetzt bei der drohenden Nähe des Alters grollend nach Befriedigung verlangten. Und er würde sich für ein Tier leidenschaftlich begeistert haben, für einen draußen aufgelesenen Hund, der ihm die Hände, geleckt hätte; und das war jene Clotilde, die er liebte, das kleine Mädchen, das mit einem Schlage ein begehrenswertes Weib geworden war, das ihn jetzt vollständig in Besitz genommen hatte und ihn quälte dadurch, daß sie sich ihm so feindlich gegenüberstellte! Der sonst so heitere und gutmütige Pascal verfiel damals in düstere Stimmung und wurde unerträglich rauh. Ueber das geringste Wort geriet er in Zorn, er zankte mit der alten Martine, die verwundert und demütig die Augen zu ihm aufschlug wie ein gezüchtigter Hund. Vom Morgen bis zum Abend führte er seine üble Laune durch das düstere Haus spazieren mit einem so bösen Gesicht, daß niemand an ihn das Wort zu richten wagte. Er nahm niemals mehr Clotilde mit, er machte seine Krankenbesuche allein. Von einem solchen Ausgange kam er eines Nachmittags ganz bestürzt von einem unglücklichen Vorfalle wieder heim, durch den er den Tod eines Menschen als zu kühn experimentirender Arzt auf dem Gewissen hatte. Er war zum Schenkwirt Lafuasse gegangen, um ihm Einspritzungen zu machen, dessen Ataxie so weit fortgeschritten war, daß er ihn für verloren hielt. Aber er blieb eigensinnig dabei, dagegen ankämpfen zu wollen, und fuhr mit seinen Heilversuchen fort; und das Unglück hatte gewollt, daß an diesem Tage die Spritze ein kleines, unreines Teilchen, das durch den Filter geschlüpft war, auf dem Boden des Glasfläschchens aufsaugte. Und gerade heute hatte sich ein Tropfen Blut gezeigt, gerade heute hatte er, um das Unglück voll zu machen, in eine Ader gestochen. Sofort hatte ihn eine große Unruhe erfaßt, als er sah, wie der Schenkwirt bleich wurde, wie er Erstickungsanfälle bekam und wie ihm große, kalte Schweißtropfen auf die Stirne traten. Und als dann der Tod wie ein Blitzschlag eingetreten war, da hatte er gewußt, warum die Lippen blau und das Gesicht schwarz war. Es war eine Embolie eingetreten, er konnte nur der Unvollkommenheit seiner Präparate, seiner ganzen, noch unfertigen Methode die Schuld geben. Lafouasse war ohne Zweifel verloren, er hätte vielleicht noch sechs Monate unter fürchterlichen Schmerzen gelebt. Aber die gräßliche Thatsache blieb nichtsdestoweniger bestehen, dieser entsetzliche Tod; und wie groß war sein Schmerz und seine Verzweiflung darüber, wie groß die Erschütterung seines Glaubens und sein Zorn gegen die ohnmächtige mörderische Wissenschaft! Er war totenbleich heimgekommen und hatte sich erst am nächsten Tage wieder sehen lassen, nachdem er sechzehn Stunden lang in seinem Zimmer eingeschlossen geblieben war und vollständig angekleidet, ohne sich zu rühren, auf seinem Bette ausgestreckt gelegen hatte. An diesem Tage wagte es Clotilde, die in den Nachmittagsstunden bei ihm im Saale saß und nähte, das drückende Stillschweigen zu brechen. Sie hatte die Augen von der Arbeit erhoben und sah ihm zu, wie er in nervöser Aufregung ein Buch durchblätterte, um eine Notiz zu suchen, die er nicht finden konnte. »Meister, bist Du krank? Warum sagst Du es mir nicht? Ich würde Dich pflegen.« Er erhob das Gesicht nicht von seinem Buche, sondern murmelte mit dumpfer Stimme: »Krank? Was macht Dir das? Ich habe niemand nötig.« Besänftigend entgegnete sie: »Wenn Du Sorgen hast und wenn Du sie mir nennen könntest, würde es Dir vielleicht Erleichterung verschaffen ... Gestern bist Du so traurig nach Hause gekommen. Man darf Dich nicht so mutlos werden lassen. Ich habe eine sehr unruhige Nacht verbracht, ich bin dreimal an Deine Thüre geschlichen, um zu horchen, von dem Gedanken gepeinigt, daß Du littest.« So sanft sie auch gesprochen hatte, ihre Stimme traf ihn dennoch wie ein Peitschenschlag. In seiner krankhaften Schwäche ließ ihn ein plötzliches Aufwallen des Zornes das Buch zurückstoßen und sich zitternd erheben. »Also Du spionirst mir nach? Ich kann mich also nicht einmal mehr in mein Zimmer zurückziehen, ohne daß man sofort kommt und das Ohr an die Wände legt ... Ja, man horcht sogar auf das Klopfen meines Herzens, man lauert auf meinen Tod, um hier alles zu plündern, alles zu verbrennen ...« Und seine Stimme schwoll immer mehr an, und all sein ungerechtes Leiden machte sich in lauten Klagen und Drohungen Luft. »Ich verbiete Dir, Dich mit mir zu beschäftigen ... Hast Du mir etwas anderes zu sagen? Hast Du Dich besonnen? Kannst Du Deine Hand in die meine legen und mir ehrlich und aufrichtig sagen, daß wir in Uebereinstimmung sind?« Sie antwortete nicht, sie fuhr nur fort, ihn mit ihren großen, klaren Augen zu betrachten, fest entschlossen, sich ihre Freiheit noch zu wahren, während er noch erbitterter über diese Haltung wurde und seine Selbstbeherrschung vollständig verlor. Er stotterte vor Wut und wies nach der Thüre. »Geh fort! Geh fort! Ich will nicht, daß Du bei mir bleibst! Ich will nicht, daß Feinde von mir in meiner Nähe weilen! Ich will nicht, daß man bei mir bleibt, um mich wahnsinnig zu machen.« Sie hatte sich totenbleich erhoben. Stolz aufgerichtet ging sie, ihre Arbeit mitnehmend, hinaus, ohne sich noch einmal umzuwenden. Während des Monats, der nun folgte, versuchte Pascal, zu einer Arbeit seine Zuflucht zu nehmen, die seine ganze Zeit beanspruchte. Er blieb jetzt eigensinnig ganze Tage lang allein in dem Arbeitssaal und verbrachte selbst die Nächte damit, alte Aufzeichnungen wieder vorzunehmen und alle Arbeiten über die Vererbung noch einmal umzuarbeiten. Man hätte sagen können, daß eine wahre Wut ihn ergriffen hatte, sich von der Richtigkeit seiner Hoffnungen zu überzeugen, die Wissenschaft zu zwingen, ihm die Gewißheit zu verschaffen, daß die ganze Menschheit könnte erneuert werden, daß sie endlich glücklich und auf eine höhere Stufe könnte emporgehoben werden. Er ging gar nicht mehr aus, er gab seine Krankenbesuche auf, er lebte nur noch in seinen Papieren, ohne frische Luft zu schöpfen und ohne sich Bewegung zu machen. Und am Ende eines Monats dieser unvernünftigen Lebensweise, die ihn furchtbar mitnahm, ohne seine Qualen zu mildern, verfiel er in eine so nervöse Erschöpfung, daß die Krankheit, die schon seit einiger Zeit im Keime in ihm geruht hatte, mit einer beunruhigenden Heftigkeit zum Ausbruch kam. Pascal fühlte sich jetzt, wenn er morgens aufstand, ganz zerschlagen vor Müdigkeit, viel matter und träger, als am vorhergehenden Abend beim Zubettgehen. Es lag auch in seinem ganzen Wesen eine fortwährende Niedergedrücktheit, seine Beine versagten schon den Dienst, wenn er fünf Minuten lang gegangen war, der Körper brach bei der geringsten Anstrengung zusammen, und er konnte schließlich gar keine Bewegung mehr machen, ohne daß er davon nicht beängstigende Schmerzen bekam. Manchmal war es ihm, als ob der Boden unter seinen Füßen plötzlich ins Schwanken geriete. Fortwährendes Ohrensausen machte ihn ganz taub, Flimmern vor den Augen ließ ihn die Lider schließen wie vor dem drohenden Nahen eines Funkenstromes. Dabei hatte er einen wahren Abscheu vor Wein, er aß nichts mehr und verdaute schlecht. Dann zeigten sich in der Apathie dieser zunehmenden Schlaffheit plötzlich heftige Zornesausbrüche oder eine ganz fruchtlose fieberhafte Thätigkeit. Er hatte sein früheres schönes Gleichgewicht ganz verloren, seine reizbare Schwäche verfiel von einem Extrem in das andere ohne jeden Grund. Bei der geringsten Erregung füllten sich seine Augen mit Thränen. Schließlich kam es so weit, daß er sich bei solchen Verzweiflungsausbrüchen einschloß. Er weinte und schluchzte dann stundenlang herzzerbrechend, ohne daß ihm etwas direkt Kummer verursacht hätte, nur einzig und allein unter dem Drucke seiner unendlichen Traurigkeit. Sein Leiden verschlimmerte sich besonders nach einem seiner Ausflüge nach Marseille, einer jener kleinen Vergnügungstouren des alten Junggesellen, die er zuweilen unternahm. Vielleicht hatte er eine starke Zerstreuung, eine Erleichterung von einer Ausschweifung erhofft. Er blieb nur zwei Tage weg und kehrte wie zerschlagen und verstört heim mit dem Aussehen eines Menschen, der seine ganze Manneskraft verloren hat. Es war eine Scham, die er nicht bekennen mochte, es war die Furcht, die diese Raserei der Versuche in Gewißheit verwandelt hatte und nur das wilde Verlangen des ängstlichen Liebhabers vergrößern konnte. Niemals hatte er dieser Sache irgend welche Wichtigkeit beigelegt. Von jetzt an beherrschte sie ihn gänzlich, sie brachte ihn vollständig aus aller Fassung und versetzte ihn in einen solch elenden Zustand, daß er sogar an Selbstmord dachte. Er hätte sich sagen können, daß dies ohne Zweifel vorübergehend sein würde, daß der Keim einer Krankheit in seinem Innern ruhen müßte: das Gefühl seiner Schwäche bedrückte ihn deswegen nicht weniger, und er war den Frauen gegenüber wie die zu jungen Burschen, die in ein verlegenes Stammeln und Stottern geraten. In den ersten Tagen des Dezembers wurde Pascal von unerträglichen Nervenschmerzen gepeinigt. Das Klopfen in den Schädelknochen machte ihn glauben, daß sein Kopf jeden Augenblick zerspringen könnte. Von seinem Zustande benachrichtigt, entschloß sich die alte Frau Rougon eines Tages, persönlich Nachrichten über das Befinden ihres Sohnes einzuziehen. Sie ging jedoch zunächst in die Küche, da sie erst mit der alten Martine sprechen wollte. Diese erzählte ihr mit bestürzter und trostloser Miene, daß der Herr Doktor sicherlich verrückt sein müsse, und sie sprach von seinem sonderbaren Benehmen, von dem ununterbrochenen Hin- und Herwandern in seinem Zimmer, daß er alle Schubladen sorgfältig verschlossen habe, von den Umgängen, die er von oben bis unten durch das Haus machte bis um zwei Uhr morgens. Sie hatte dabei Thränen in den Augen und sprach am Schluß die Meinung aus, es wäre vielleicht ein Teufel in den Körper des Herrn Doktors gefahren, und man thäte gut daran, wenn man den Pfarrer von Saint-Saturnin davon benachrichtigen würde. »Ein so guter Mensch,« wiederholte sie, »für den man sich würde in Stücke zerhacken lassen! Ist es nicht traurig, daß man ihn nicht in die Kirche bringen kann? Das würde ihn gewiß sofort heilen.« Da trat Clotilde ein, die die Stimme ihrer Großmutter Felicité gehört hatte. Auch sie irrte durch die leeren Räume und hielt sich dann am meisten im verlassenen Saale im Erdgeschoß auf. Sie sprach übrigens nicht, sondern hörte nur ruhig zu mit einer nachdenklichen und aufmerksamen Miene. »Ah, Du bist es, Liebling! Guten Tag! Martine erzählt mir eben, daß Pascal von einem Teufel besessen sei, der in seinen Körper gefahren. Das ist auch meine Ansicht. Aber dieser Teufel nennt sich: Hochmut. Er glaubt, daß er alles weiß, er ist zu gleicher Zeit der Papst und der Kaiser, und da bringt es ihn natürlicherweise auf, wenn man nicht wie er spricht.« Sie zuckte mit den Achseln, sie war ganz erfüllt von einer unendlichen Geringschätzung. »Ich würde über die ganze Geschichte lachen, wenn sie nicht so traurig wäre ... Er ist ein Mensch, der reinweg gar nichts weiß, der nicht gelebt, der einfältigerweise immer in seine Bücher vergraben gewesen ist. Stellt ihn in einen Salon, er ist unerfahren wie ein neugeborenes Kind. Und die Frauen, er kennt sie nicht nur nicht ...« Sie hatte ganz vergessen, vor wem sie sprach, vor einem jungen Mädchen und einer Dienerin. Sie dämpfte jetzt ihre Stimme und fuhr in vertraulichem Tone fort: »Ja, bei Gott! Es bezahlt sich auch, zu klug zu sein! Weder Frau noch Maitresse, rein gar nichts! Das ist es, was ihm schließlich den Verstand verdreht hat!« Clotilde rührte sich nicht. Ihre Lider senkten sich langsam über ihre großen, nachdenklichen Augen nieder, dann hob sie sie wieder und blieb in ihrer stummen, verschlossenen Haltung wie jemand, der nicht weiß, was in ihm vorgeht. Sie befand sich in vollständiger Verwirrung, in großer Erregung, in der sie ohne Zweifel nicht mehr klar sehen konnte. »Er ist oben, nicht wahr?« fragte Felicité weiter. »Ich bin hergekommen, um mit ihm zu reden, denn das muß ein Ende nehmen, das ist doch zu toll!« Sie ging hinauf, während sich die alte Martine wieder an ihre Töpfe machte und Clotilde von neuem durch das Haus umher irrte. Oben in dem Saale saß Pascal, das Gesicht über ein offenes Buch geneigt und starrte wie geistesabwesend hinein. Er konnte nicht mehr lesen, die Worte tanzten vor seinen Augen hin und her, sie verschwanden ganz und verloren vollständig jeden Sinn. Aber er widersetzte sich dem hartnäckig und kämpfte so lange mutig dagegen an, bis er seine Arbeitskraft, die bisher so mächtig gewesen war, gänzlich verloren hatte. Und seine Mutter zankte ihn sogleich aus, nahm ihm das Buch fort, das sie weit weg auf einen Tisch warf, und sagte, er wäre krank, er müsse sich pflegen. Er hatte sich mit einer zornigen Bewegung von seinem Platze erhoben, bereit, sie fortzujagen, wie er Clotilden fortgejagt hatte. Dann wurde er mit einer letzten Aufbietung seiner Willenskraft wieder der ehrerbietige Sohn. »Liebe Mutter, Sie wissen genau, daß ich niemals mit Ihnen habe streiten wollen ... Lassen Sie mich in Ruhe, ich bitte Sie darum.« Sie aber ließ nicht nach, sie packte ihn bei seinem fortwährenden Mißtrauen. Er wäre es selbst, der sich die quälende Unruhe bereite dadurch, daß er immer glaube, Feinde stellten ihm Fallen, lauerten ihm auf, um ihn zu berauben. Wäre es denn möglich, daß ein Mensch mit gesundem Verstande sich einbildete, man verfolge ihn auf diese Weise? Andererseits machte sie ihm den Vorwurf, er habe sich mit seiner neuen Entdeckung, seinem wunderbaren Mittel, mit dem er alle Krankheiten heilen wolle, den Kopf verdreht. Das wäre gar nichts wert, daß er sich für den lieben Gott hielte. Um so grausamer seien dann die Enttäuschungen. Dann machte sie eine Anspielung auf Lafouasse, jenen Mann, den er getötet hätte; sie sehe natürlich ein, daß ihm das nicht angenehm gewesen sein könnte, und deswegen müsse er sich jetzt ins Bett legen. Pascal, der immer an sich gehalten hatte, begnügte sich auch jetzt noch damit zu wiederholen, während seine Augen zur Erde gesenkt blieben: »Liebe Mutter, ich bitte Sie nochmals, lassen Sie mich in Ruhe!« »Nein, nein, ich will Dich nicht in Ruhe lassen,« rief sie mit ihrer gewöhnlichen Heftigkeit trotz ihres hohen Alters. »Gerade deswegen bin ich hierher gekommen, um Dich etwas aufzurütteln, um Dich den krankhaften Ideen zu entreißen, mit denen Du Dich abquälst ... Nein, das kann nicht länger so fortgehen; ich will nicht, daß wegen Deiner Geschichten die ganze Stadt sich von uns Fabeldinge erzählt ... Ich will, daß Du Dich jetzt pflegst.« Er zuckte die Achseln und sagte mit leiser Stimme, wie zu sich selbst, in einem Tone unruhiger Bestimmtheit: »Ich bin nicht krank.« Aber sofort sprang Felicité auf und rief ganz außer sich: »Wie, nicht krank! Wie, nicht krank! Man braucht wahrhaftig kein Arzt zu sein, um das selbst zu sehen! Ja, mein armer Junge, allen denjenigen, die in Deine Nähe kommen, wird das sofort klar. Du wirst noch ganz verrückt vor Hochmut und Furcht!« Diesmal hob Pascal lebhaft den Kopf in die Höhe und sah ihr gerade in die Augen, während sie zu sprechen fortfuhr: »Das ist es, was ich Dir zu sagen hatte, da es sonst niemand übernehmen wollte. Nicht wahr, Du stehst doch jetzt in einem Alter, um zu wissen, was Du thun mußt ... Man wehrt sich dagegen, man denkt an etwas anderes, man läßt sich nicht von einer fixen Idee beherrschen, zumal wenn man zu einer Familie wie die unsrige gehört ... Du kennst sie. Nimm Dich in acht und schone Dich!« Er war blaß geworden; er sah sie immer noch fest an, als ob er sie untersuchen wollte, um zu wissen, was von ihr in ihm vorhanden wäre. Und er begnügte sich zu antworten: »Sie haben recht, liebe Mutter ... Ich danke Ihnen.« Als er dann wieder allein war, sank er von neuem in seinen Stuhl vor dem Tische zurück und wollte die Lektüre seines Buches von frischem aufnehmen. Aber er kam nicht mehr wie vorher dazu, seine Aufmerksamkeit ganz zu konzentriren, um die Worte zu verstehen, deren Buchstaben vor seinen Augen hin- und hertanzten. Die von seiner Mutter gesprochenen Worte summten in seinen Ohren; das Angstgefühl, das schon seit einiger Zeit in ihm aufgestiegen war, wurde größer, befestigte sich und spiegelte ihm eine unmittelbare, genau bestimmte Gefahr vor. Er, der sich noch vor zwei Monaten triumphirend gerühmt hatte, nicht zu der Familie zu gehören, sollte er jetzt auf das schrecklichste Lügen gestraft werden? Sollte er jetzt den Schmerz erfahren, zu sehen, wie in seinem Mark der Schaden von neuem erstünde; sollte er dem Entsetzlichen entgegeneilen, sich von den Klauen des Ungeheuers der Vererbung ergriffen zu fühlen? Seine Mutter hatte es ihm gesagt: er wäre verrückt vor Hochmut und Furcht. Die leitende Idee, die begeisterte Gewißheit, daß er das Leiden hatte aus der Welt schaffen, daß er den Menschen Willenskraft hatte geben und eine gesunde und höher stehende Menschheit hatte wieder bilden wollen, das war sicher nur der Anfang des Größenwahns. Und in seiner Furcht vor einem Hinterhalte, in dem Verlangen, den Feinden aufzulauern, die, wie er fühlte, an seinem Verderben arbeiteten, erkannte er leicht die Symptome des Verfolgungswahnsinns. Seither liefen alle Vorkommnisse in der Familie auf dieses schreckliche Ende hinaus: den Wahnsinn für kurze Zeit, dann allgemeine Paralyse und schließlich den Tod. Seit diesem Tage war Pascal nicht mehr Herr über sich. Der zerrüttete Zustand seiner Nerven, den die Ueberanstrengung und der Kummer herbeigeführt hatten, überlieferten ihn widerstandslos jener fortwährenden Heimsuchung durch Wahnsinns- und Todesgedanken. Alle diese Krankheitsäußerungen, die sich bei ihm zeigten, die ungeheure Müdigkeit morgens beim Aufstehen, das Sausen in den Ohren und das Flimmern vor den Augen bis zu seiner schlechten Verdauung und bis zu den Weinkrämpfen, reihten sich eine an die andere, als sichere Beweise für die nahe bevorstehende Störung, von der er sich bedroht glaubte. Er hatte in Bezug auf sich selbst die feine Diagnose des beobachtenden Arztes verloren; und wenn er fortfuhr, Schlüsse zu ziehen, so hatte es nur den Erfolg, daß er alles verwirrte und alles verdrehte unter der moralischen und physischen Depression, in der er sich dahinschleppte. Er war nicht mehr Herr über sich selbst, er war wie wahnsinnig und überzeugte sich Stunde für Stunde in seinem Wahn davon, daß er es werden mußte. Die Tage dieses grauen Dezembermonats wurden von ihm vollständig dazu verwandt, sich immer mehr und mehr in seine Leiden hineinzusteigern. Jeden Morgen wollte er sich der Heimsuchung durch seine finsteren Gedanken entziehen; aber er kam doch immer wieder dazu, sich in dem Arbeitszimmer einzuschließen, wo er dann den verwirrten Knäuel vom vorhergehenden Abend wieder vornahm. Das lange Studium, das er der Vererbung gewidmet hatte, seine bedeutenden Untersuchungen und Arbeiten vergifteten ihn vollends noch ganz und waren die Ursache zu immer neuer Aufregung. Für die Frage, die er sich fortwährend in Betreff seines Vererbungsfalles stellte, waren die Aktenstücke da, die für alle möglichen Kombinationen Antwort gaben. Sie boten sich ihm so zahlreich dar, daß er sich jetzt ganz darin verlor. Wenn er sich nun getäuscht hätte, wenn er sich nicht als einen bemerkenswerten Fall von Angeborensein betrachten konnte, mußte er sich dann zu den Fällen von rückgreifender Vererbung rechnen, die eine, zwei, ja sogar drei Generationen überspringt? Oder war sein Fall nicht vielmehr einfach ein Beispiel von versteckter Vererbung, was einen neuen Beweis für seine Theorie von dem keimbildenden Plasma gegeben hätte? Oder sollte er darin nur eine Besonderheit unter den aufeinander folgenden Aehnlichkeiten sehen, das plötzliche Erscheinen eines unbekannten Vorfahren beim Niedergange seines Lebens? Von diesem Augenblicke an hatte er keine Ruhe mehr, er beschäftigte sich nur noch mit der Ausfindigmachung seines Falles, indem er seine Aufzeichnungen durchblätterte und seine Bücher wieder durchlas. Und er zergliederte sich, er beobachtete genau die geringste seiner Empfindungen, um daraus Schlüsse zu ziehen, auf Grund derer er sich ein Urteil über sich selbst bilden konnte. An den Tagen, an denen sein Denkvermögen träger war, wo er glaubte, besondere Erscheinungen darzubieten, neigte er zu dem Vorwiegen eines ursprünglichen nervösen Schadens hin, während er sonst, wenn er an den Beinen litt und die Füße ihm schwer waren und ihn schmerzten, sich einbildete, unter dem Einfluß irgend eines von außen in die Familie gekommenen Vorfahren zu stehen. Aber alles verwickelte sich, er kam nicht mehr dazu, sich selbst zu erkennen unter den störenden Einbildungen, die seinen geschwächten Organismus erschütterten. Und an jedem Abende war der Schluß derselbe, an jedem Abend tönte in seinem Gehirn die gleiche Totenglocke! die Vererbung, die schreckliche Vererbung, die Angst, wahnsinnig zu werden. In den ersten Tagen des Januar wohnte Clotilde, ohne daß sie es wollte, einer Scene bei, die ihr das Herz zerriß. Sie saß an einem der Fenster des Arbeitssaales und las, verdeckt von der hohen Rücklehne ihres Fauteuils, als sie Pascal eintreten sah, der seit dem vorhergehenden Abend sich in sein Zimmer eingeschlossen hatte und daher unsichtbar geblieben war. Er hielt mit beiden Händen ein großes Blatt von gelbem Papier offen vor sein Gesicht, in dem sie den Stammbaum wiedererkannte. Er war darin so vertieft und seine Augen waren so starr darauf gerichtet, daß sie aus ihrem Verstecke hätte heraustreten können, ohne daß er sie bemerkt hätte. Er breitete den Stammbaum auf dem Tische aus, er fuhr fort, ihn lange aufmerksam zu betrachten mit einer ängstlich fragenden Miene, die nach und nach ganz zerknirscht und demütig wurde, und mit thränenfeuchten Wangen. Mein Gott! Warum wollte denn der Stammbaum ihm keine Antwort geben? Warum wollte er ihm denn nicht sagen, von welchem Vorfahren er abhinge, damit er seinen Fall auf das für ihn bestimmte Blatt eintragen könnte wie bei den anderen? Wenn er wahnsinnig werden mußte, warum sagte es ihm der Stammbaum nicht direkt? Das hätte ihn beruhigt, denn er glaubte nur durch die Ungewißheit zu leiden. Aber die Thränen verschleierten ihm den Blick, und dennoch betrachtete er das Blatt immer weiter; er rieb sich ordentlich auf in dem Verlangen, zu erfahren, wo seine Vernunft schließlich straucheln würde. Plötzlich mußte sich Clotilde bücken, da sie sah, daß er auf den großen Schrank zuschritt und dessen beide Thüren weit öffnete. Er nahm die Aktenstücke heraus, warf sie auf den Tisch und durchblätterte sie mit fieberhafter Ungeduld. Es war die Scene in jener schrecklichen Gewitternacht, die sich jetzt wiederholte, ein rasch dahineilender, böser Traum, in dem alle jene wachgerufenen Gespenster, die aus der Masse der alten Papiere emportauchten, an ihm vorüberzogen. Und wie sie so vorbeihuschten, richtete er an jedes von ihnen eine Frage, eine heiße, flehentliche Bitte, in der er Aufklärung über den Ursprung seines Leidens forderte, in der Hoffnung auf ein Wort, ein Murmeln, das ihm Gewißheit geben sollte. Zuerst waren seine Worte nur ein undeutliches Stammeln, dann aber nahmen sie Gestalt an und bildeten kurze abgebrochene Sätze: »Bist Du es? – Bist Du es? – Bist Du es? – O alte Mutter, die Du die Mutter von uns allen bist, bist Du es, die Du mir Deine Narrheit geben sollst? – Bist Du es, Onkel, Du alter Lump, der Du dem Alkohol ergeben bist, bist Du es, dessen veraltetes Uebel, das Saufen, ich bezahlen soll? – Bist Du es, galanter Neffe, oder Du, frommer Neffe, oder auch Du, blödsinnige Nichte, die ihr mir die Wahrheit bringt, indem ihr mir eine der Formen der Verletzung zeigt, an der ich leide? – Oder bist Du es vielleicht, Großneffe, der Du Dich erhängt hast, oder Du, Großneffe, der Du Dich getötet hast, oder Du, Großnichte, die Du Dein Ende durch Verfaulen gefunden hast, deren tragische Todesarten mir die meine verkünden, das Dahinsiechen in einer Irrenzelle, die gräßliche Zersetzung der Kräfte?« Und das schnelle Vorbeiziehen dauerte fort, sie tauchten alle empor, die Gestalten und eilten im Sturmschritt vorüber. Die Aktenbündel belebten sich, sie wurden Menschen, sie drängten und stießen sich hin und her in diesem Gewühle leidender Menschheit. »Ah, wer wird es mir sagen, wer wird es mir sagen, wer wird es mir sagen? Ist es derjenige, der im Wahnsinn gestorben ist, oder diejenige, die die Schwindsucht dahingerafft hat, oder der, dem die Lähmung das Ende bereitet hat, oder diejenige, die ihr physiologisches Elend schon in frühester Jugend getötet hat? – Von wem ist das Gift, an dem ich sterben soll? Und welcher Art ist es, Hysterie, Alkoholismus, Tuberkulose, Skrofeln? Und was wird es aus mir machen, einen Epileptiker, einen an Ataxie Leidenden oder einen Narren? Einen Narren! Wer ist es, der gesagt hat: einen Narren? Sie sagen es alle, einen Narren, einen Narren, einen Narren!« Thränen erstickten seine Stimme. Er ließ seinen Kopf zitternd auf den Tisch hinabsinken mitten unter die Akten, er weinte ohne Aufhören, vom Schauder durchschüttelt. Und Clotilde, ergriffen von einer Art heiligen Schreckens, indem sie das Verhängnis vorüberziehen fühlte, das die Geschlechter beherrscht, ging leise fort, den Atem anhaltend, denn sie begriff vollständig, daß es für ihn sehr beschämend gewesen sein würde, wenn er eine Ahnung von ihrer Anwesenheit gehabt hätte. Große Mattigkeit folgte. Der Januar war sehr kalt. Aber der Himmel war von einer wunderbaren Klarheit, die Sonne strahlte immer aus einem lichten Blau herab, und auf der Souleiade bildeten die nach Mittag hinausgehenden Fenster ein Gewächshaus und gaben dem Saale eine köstliche, warme Temperatur. Man machte sogar nicht einmal Feuer, denn die Sonne verließ das Zimmer nicht und warf ein mattgoldenes Strahlennetz hinein, in welchem die Fliegen, die der Winter verschont hatte, langsam hin und her flogen. Kein anderer Laut war zu vernehmen, als das Summen ihrer Flügel. Es herrschte eine einschläfernde, abgeschlossene Wärme, als ob ein Stück des Frühlings in dem alten Hause erhalten geblieben wäre. Dort war es, wo Pascal eines Morgens das Ende eines Gesprächs mit anhörte, das sein Leiden noch verschlimmerte. Er verließ vor dem Frühstück sein Zimmer gar nicht mehr, und Clotilde hatte soeben den Doktor Ramond in dem Saale empfangen, wo sie sich neben einander niedergelassen hatten und leise mit einander sprachen im hellen Sonnenschein. Schon zum drittenmale seit acht Tagen hatte Ramond vorgesprochen. Persönliche Verhältnisse, vor allem die Notwendigkeit, eine endgiltige Entscheidung über seine Niederlassung als Arzt in Plassans zu treffen, zwangen ihn, seine Verheiratung nicht länger mehr hinauszuschieben; er wollte jetzt von Clotilde eine bestimmte Antwort haben. Zu dreien hatten sie schon zweimal hier gesessen, aber gerade das hatte ihn abgehalten zu sprechen. Da er die Antwort von ihr selbst erhalten wollte, so war er entschlossen, sich in einem freimütigen Gespräch mit ihr darüber zu verständigen. Ihre Kameradschaft, ihr vernünftiger Sinn und ihre gegenseitige Offenheit ermächtigten ihn zu diesem Schritte. Und er schloß lächelnd, seine Augen fest in den ihrigen, mit den Worten: »Ich versichere Sie, Clotilde, daß dies die klügste Lösung ist ... Sie wissen, daß ich Sie schon lange liebe. Ich hege für Sie eine innige Zuneigung und hohe Achtung ... Aber das würde vielleicht noch nicht ganz genügen: es ist nötig, daß wir uns vollständig verstehen, und dann bin ich fest davon überzeugt, daß wir zusammen sehr glücklich sein werden.« Sie hatte den Blick nicht gesenkt, sie sah ihm offen ins Gesicht, ebenfalls mit einem freundschaftlichen Lächeln. Er war wirklich ein sehr schöner Mann in der vollen Jugendkraft. »Warum heiraten Sie denn nicht Fräulein Lévêque, die Tochter des Rechtsanwalts?« fragte sie ihn. »Sie ist sehr hübsch und reicher als ich, und ich weiß, daß sie so glücklich sein würde ... Mein lieber Freund, ich habe Angst, daß Sie eine Dummheit machen, indem Sie mich wählen.« Er wurde nicht ungeduldig, seine Miene drückte immer die feste Ueberzeugung von der Klugheit seines Entschlusses aus. »Aber ich liebe ja Fräulein Lévêque nicht, ich liebe Sie ... Uebrigens habe ich mir das alles genau überlegt; ich wiederhole Ihnen, daß ich sehr gut weiß, was ich thue. Sagen Sie ›Ja‹, Sie können gar keinen besseren Entschluß fassen!« Da wurde sie ernst, und ein Schatten flog über ihr Gesicht, der Schatten jener Ueberlegungen, jener inneren, fast unbewußten Kämpfe, die sie seit langen Tagen stumm machten. »Mein lieber Freund, da die Sache eine sehr ernste ist, so erlauben Sie mir, daß ich Ihnen heute nicht antworte. Bewilligen Sie mir noch einige Wochen ... Der Meister ist wirklich sehr krank, ich fühle mich selbst sehr angegriffen, und Sie werden mich gewiß keiner Ueberrumpelung verdanken wollen ... Ich versichere Sie, daß ich meinerseits viel Zuneigung für Sie empfinde. Aber es wäre schlecht von mir gehandelt, wollte ich mich in diesem Augenblick entscheiden; das Haus ist zu unglücklich. Nicht wahr, Sie sehen das ein? Ich würde Sie sonst gewiß nicht so lange hinhalten.« Und um das Gespräch zu ändern, fügte sie hinzu: »Ja, der Meister macht mir Sorge. Ich wollte Sie schon aufsuchen, um mit Ihnen darüber zu sprechen. Gestern habe ich ihn überrascht, wie er heiße Thränen weinte, und es steht für mich fest, daß ihn die Furcht verfolgt, er würde wahnsinnig werden ... Vorgestern, als Sie mit ihm sprachen, habe ich gesehen, daß Sie ihn prüften. Sagen Sie mir jetzt offen, was denken Sie über seinen Zustand? Ist er in Gefahr?« Doktor Ramond erhob dagegen lebhaft Einspruch. »Aber keineswegs! Er hat sich nur überanstrengt, und seine Nerven sind überreizt, das ist alles! Wie kann sich nur ein Mann von seiner Bedeutung, der sich so viel mit Nervenkrankheiten beschäftigt hat, in diesem Punkte täuschen? Es ist betrübend, wenn die klarsten und gesündesten Köpfe auf solche Abwege geraten! In seinem Falle wäre seine Erfindung der Einspritzungen unter die Haut ein unfehlbares Mittel Warum macht er sich denn keine Einspritzungen?« Und als das junge Mädchen in verzweifelten Worten ihm mitteilte, daß Pascal nicht auf sie hörte, daß sie sogar nicht einmal mehr das Wort an ihn richten dürfte, fügte er hinzu: »Gut, dann werde ich mit ihm reden!« Gerade in diesem Augenblick trat Pascal aus seinem Zimmer, angelockt von dem Klange der Stimmen. Aber als er sie so nahe bei einander erblickte, so lebhaft, so jung und so schön, in dem hellen Glänze der Sonne, wie umwoben von ihren lichten, freundlichen Strahlen, blieb er auf der Schwelle stehen. Und seine Augen erweiterten sich, sein bleiches Gesicht verzerrte sich. Ramond hatte Clotildens Hand ergriffen, da er sie noch einen Augenblick zurückhalten wollte. »Nicht wahr, ich habe Ihr Versprechen? Ich möchte, daß die Heirat noch in diesem Sommer stattfände ... Sie wissen, wie sehr ich Sie liebe, und ich erwarte voll Sehnsucht Ihre Antwort.« »Gewiß,« antwortete sie, »noch bevor ein Monat vergangen ist, wird alles geregelt sein.« Ein plötzlicher Schwindelanfall machte Pascal wanken. Da drang gerade jetzt dieser junge Bursche, ein Freund, ein Schüler, in sein Haus ein, um ihm sein Gut zu rauben! Er hätte eigentlich auf diese Lösung vorbereitet sein können, und nun überraschte ihn doch die plötzliche Kunde von einer möglichen Verheiratung Clotildens und schmetterte ihn nieder, wie eine unvorhergesehene Katastrophe, jetzt, da sein Leben sich dem Ende zuneigte. Dieses Wesen, das er gemacht hatte, das an ihn glaubte, würde nun ohne Bedauern von ihm gehen, sie würde ihn also allein in seinem Winkel den Todeskampf auskämpfen lassen! Am vorhergehenden Abende noch hatte sie ihm wieder so schweres Leid zugefügt, daß er sich gefragt hatte, ob er sich nicht von ihr trennen, ob er sie nicht zu ihrem Bruder schicken sollte, der sie immer für sich forderte. Einen Augenblick war er gar zu dieser Trennung fest entschlossen gewesen, zu ihrer beider Besten. Und jetzt sie hier so unerwartet mit diesem Manne anzutreffen, zu hören, wie sie ihm eine Antwort zu geben versprach, daran zu denken, daß sie sich verheiraten und ihn dann bald verlassen würde, das gab ihm einen Stich ins Herz. Schwerfällig ging er weiter, die beiden jungen Leute drehten sich um und waren etwas betreten. »Sieh da, Meister! Wir sprachen gerade von Ihnen,« sagte Ramond endlich in heiterem Tone. »Ja, wir haben sogar ein Komplott geschmiedet, ich muß es ihnen sagen, um Ihnen nichts zu verheimlichen ... Warum pflegen Sie sich denn eigentlich nicht? Ihnen fehlt ja durchaus nichts Ernstliches, schon in vierzehn Tagen würden Sie wieder auf den Beinen sein.« Pascal, der sich in einen Stuhl hatte fallen lassen, fuhr fort, sie stumm zu betrachten. Er besaß die Kraft, sich zu bezwingen; keine Spur zeigte sich auf seinem Gesichte von der Wunde, die er soeben erhalten hatte. Er würde sicherlich daran sterben, und niemand auf der Welt würde etwas von dem Leiden ahnen, an dem er zu Grunde gegangen war. Aber das war für ihn eine Erleichterung, daß er jemand damit ärgern konnte, daß er hartnäckig und leidenschaftlich sich weigerte, auch nur einen Tropfen Arznei zu nehmen. »Mich pflegen? Ja, warum denn? Etwa vielleicht, damit es noch nicht zu Ende gehen soll mit meinem alten Körper?« Ramond ließ sich jedoch nicht abschrecken, sondern entgegnete mit dem überlegenen Lächeln eines ruhigen, ernsten Mannes: »Sie sind viel gesünder als wir alle. Das ist nur eine zufällige, vorübergehende Verstimmung, und Sie besitzen ja selbst das Heilmittel dafür ... Machen Sie sich doch Einspritzungen ...« Er konnte nicht weiter fortfahren, denn das Maß war zum Ueberlaufen voll. Pascal geriet ganz außer sich. Er fragte, ob man wollte, daß er sich tötete, sowie er Lafouasse getötet hätte. Seine Einspritzungen! Eine nette Erfindung, auf die er allen Grund hätte, stolz zu sein! Er verwünschte die ganze medizinische Wissenschaft, er schwor, niemals wieder einen Kranken anzurühren. Wenn man zu nichts mehr nütze wäre, dann sollte man ruhig sterben, und das würde für jedermann mehr wert sein. Und das wäre es übrigens, was er jetzt sich beeile zu thun, damit die ganze Geschichte doch endlich ein Ende nähme. »Ach was!« sagte Ramond, der beschlossen hatte, sich zu verabschieden, aus Furcht, ihn noch mehr aufzuregen. »Ich überlasse Sie Clotildens sorglichen Händen und bin deswegen ganz ruhig ... Clotilde wird schon alles in Ordnung bringen.« Aber Pascal hatte an diesem Morgen den schwersten Schlag erhalten. Er legte sich gegen Abend ins Bett und blieb bis zum folgenden Abend liegen, ohne die Thüre seines Zimmers zu öffnen. Schließlich fing Clotilde doch an, sich zu beunruhigen; sie pochte heftig mit der Faust gegen die Thüre; aber es war alles vergebens, sie erhielt keine Antwort. Auch die alte Martine kam herbei und bat flehentlich den Herrn Doktor durch das Schlüsselloch, ihr doch wenigstens nur zu sagen, ob er nichts nötig habe. Es blieb aber alles totenstill, es schien, als ob das Zimmer leer wäre. Dann, am Morgen des zweiten Tages, als das junge Mädchen zufällig einmal auf die Klinke drückte, öffnete sich die Thüre; sie war vielleicht schon seit Stunden nicht mehr verschlossen gewesen. Und sie konnte ungehindert in das Zimmer eintreten, in das sie noch niemals ihren Fuß gesetzt hatte. Es war ein großer Raum, den seine Lage nach Norden hinaus recht kalt machte, in dem sie mir ein kleines eisernes Bett ohne Vorhänge, in der Ecke einen Waschapparat und eine lange Tafel aus schwarzem Holze bemerkte, und auf dieser Tafel und auf Regalen, die sich an den Wänden entlang zogen, stand ein ganzes Laboratorium, Retorten, Mörser, Bestecke und andere Gegenstände. Pascal war aufgestanden und saß vollständig angekleidet auf dem Rande seines Bettes, das er sogar selbst mit vieler Mühe wieder in Ordnung gebracht hatte. »Du willst also nicht, daß ich Dich pflege?« fragte sie ängstlich und bewegt, ohne daß sie wagte, näher zu treten. Er machte eine müde Bewegung mit der Hand. »O, Du kannst ruhig hereinkommen; ich werde Dich nicht schlagen, ich habe nicht mehr die Kraft dazu.« Und seit diesem Tage duldete er sie um sich; er erlaubte ihr, ihn zu bedienen. Aber er hatte immer noch seine Launen. So wollte er nicht, daß sie hereinkam, wenn er im Bette lag, von einer krankhaften Scham ergriffen; und er zwang sie, ihm die alte Martine zu schicken. Uebrigens blieb er selten im Bette liegen; er schleppte sich von Stuhl zu Stuhl in seiner Unfähigkeit, irgend etwas zu arbeiten. Das Uebel hatte sich noch verschlimmert; er war dadurch zu einer vollständigen Verzweiflung gekommen, er wurde von Migräneanfällen und Magenkrämpfen geplagt, ohne die Kraft zu besitzen, wie er sagte, einen Fuß vor den andern zu setzen, und war jeden Morgen fest überzeugt, daß er sich am Abend in Les Tulettes ins Bett legen würde als Wahnsinniger. Er magerte ab, er hatte ein schmerzverzogenes Gesicht von tragischer Schönheit unter der Flut seiner weißen Haare, die er in einem letzten Anflug von Koketterie sorgfältig zu kämmen fortfuhr. Und wenn er es jetzt auch duldete, daß man sich mit ihm beschäftigte, so wies er doch jede Medizin heftig zurück infolge der Bedenken, die ihm in Betreff der Medizin gekommen waren. Clotilde kannte damals keine andere Beschäftigung als nur mit ihm. Sie machte sich von allem übrigen frei; anfangs war sie noch in die stille Messe gegangen, dann aber hatte sie es ganz aufgegeben, die Kirche zu besuchen. In ihrer ungeduldigen Erwartung einer Gewißheit und des Glückes fing sie an, sich mit dieser Verwendung all ihrer Zeit zufrieden zu geben, mit der Pflege eines teuren Wesens, das sie gern wieder froh und heiter gesehen hätte. Es war eine vollständige Hingabe ihrer Person, ein gänzliches Vergessen ihrer selbst, das zwingende Verlangen, ihr Glück durch das Glück eines andern zu machen, und zwar unbewußt, nur unter dem Drange ihres Frauenherzens, inmitten jener Krisis, die sie durchmachte und durch die sie von Grund aus umgewandelt wurde, ohne daß sie darüber nachdachte. Sie schwieg gänzlich über den Streit, der sie entzweit hatte, sie kam noch nicht auf den Gedanken, sich ihm an den Hals zu werfen und ihm zuzurufen, daß sie ihm gehöre, daß er wieder aufleben könne, da sie sich ihm ergäbe. In ihren Gedanken war sie nur eine zärtliche Tochter die ihn pflegte, wie ihn auch eine andere Verwandte gepflegt haben wurde. Und das war sehr rein sehr keusch, das war eine zarte Sorgfalt, eine fortwährende Mühewaltung, eine solche Aufopferung ihres Lebens, daß die Tage jetzt rasch vergingen, daß sie ganz frei waren von der Qual um das Jenseits und ganz erfüllt von dem alleinigen Wunsch, ihn wieder gesund zu machen. Einen harten Kampf aber hatte sie noch zu bestehen, ehe sie ihn dazu bestimmen konnte, sich Einspritzungen zu machen. Er geriet in heftige Erregung, verwünschte seine Erfindung und nannte sich einen Schwachkopf. Sie wurde auch ganz aufgeregt. Jetzt war sie es, die Glauben an die Wissenschaft hatte, die sich empörte, wie sie sah, daß er an seinem Genie zweifelte. Lange Zeit widerstand er, dann gab er der Herrschaft, die sie über ihn ausübte, in seinem geschwächten Zustande nach, da er einfach dem kleinen Streite aus dem Wege gehen wollte, den sie an jedem Morgen mit ihm suchte. Seit den ersten Einspritzungen verspürte er eine große Erleichterung, obwohl er es durchaus nicht eingestehen wollte. Der Kopf wurde frei, die Kräfte kehrten nach und nach zurück Auch sie triumphirte, erfüllt für ihn von lebhaftem Stolze und überschwenglicher Freude über seine Heilmethode, zugleich aber auch empört darüber, daß er nicht sich selbst bewunderte als ein Beispiel der Wunder, die er vollbringen konnte. Er lächelte, er fing jetzt an, in seinen Zustand genau hineinzusehen. Ramond hatte die Wahrheit gesagt, es konnte damals nichts anderes als nur eine starke Erschütterung seiner Nerven gewesen sein. Vielleicht würde er sich ebenso gut wieder erholen. »Ja, Du bist es, die mich geheilt hat, mein liebes Kind,« sagte er, ohne seine Hoffnung eingestehen zu wollen. »Bei den Heilmitteln, siehst Du, da kommt es nur auf die Hand an, die sie uns reicht.« Die Besserung hielt an und dauerte den ganzen Monat Februar hindurch. Das Wetter blieb hell und kalt; nicht einen einzigen Tag unterließ es die Sonne, den Saal durch die Flut ihrer bleichen Strahlen zu erwärmen. Und dennoch gab es Rückfälle in seine düstere Traurigkeit, Stunden, in denen der Kranke wieder seinen Schreckbildern anheimfiel; dann mußte sich seine trostlose Pflegerin an dem andern Ende des Zimmers ruhig niedersetzen, um ihn nicht noch mehr aufzuregen. Von neuem zweifelte er an seiner Heilung. Er wurde bitter, und seine beißende Ironie zeigte sich bei jeder Gelegenheit. Es war an einem der schlechten Tage, als Pascal, der an ein Fenster herangetreten war, seinen Nachbar, Herrn Bellombre, bemerkte, den pensionirten Professor, wie er gerade dabei war, die Runde bei seinen Bäumen zu machen, um nachzusehen, ob sie viel Blütenknospen angesetzt hätten. Der Anblick dieses sorgfältig und peinlich gekleideten Greises mit der schönen Ruhe des Egoismus, auf den das Kranksein niemals von Einfluß gewesen zu sein schien, brachte ihn plötzlich wieder ganz außer sich. »Ah!« rief er in grollendem Tone, »das ist auch einer, der sich niemals überanstrengen wird, der niemals seine Haut zu Markte tragen wird, um sich Kummer zu bereiten.« Und daran anknüpfend, begann er ein ironisches Loblied des Egoismus zu singen. Ganz allein auf der Welt zu sein, nicht einen einzigen Freund zu haben, nicht Weib, nicht Kind, welch eine Glückseligkeit! Dieser hartherzige Geizhals, der seit vierzig Jahren nichts weiter gethan hatte, als die Kinder anderer Leute zu beohrfeigen, der sich ins Privatleben zurückgezogen hatte und nun ganz allein für sich lebte, der nicht einmal einen Hund bei sich hatte, sondern nur mit einem tauben und stummen Gärtner, der noch älter als er war, zusammen hauste, repräsentirte der nicht die größte Summe des möglichen Glückes auf Erden? Kein Amt, keine Pflicht, keine andere Beschäftigung außer der Pflege seiner teuren Gesundheit! Das war ein Weiser, der würde hundert Jahre leben! »Ah, die Furcht vor dem Leben! Entschieden, es gibt leine größere Feigheit ... Und ich muß sagen, daß ich zuweilen sogar ein aufrichtiges Bedauern darüber empfinde, daß ich keine Kinder habe! Aber hat man das Recht, Unglückliche in die Welt zu setzen? Man muß die schlimme Vererbung töten, das Leben töten ... Wirklich der einzige ehrbare Mensch, das ist dieser feige Alte dort!« Herr Bellombre fuhr indessen ruhig fort, in der Märzsonne die Runde bei seinen Birnbäumen zu machen. Er wagte keine allzu lebhafte Bewegung, er ging sehr haushälterisch mit seinem frischen Greisenalter um. Wenn er auf dem Wege einen Stein fand, entfernte er ihn mit der Spitze seines Spazierstockes. Dann setzte er seinen Spaziergang ohne Uebereilung fort. »Sieh ihn Dir nur an! Hat er sich nicht gut konservirt? Ist er nicht schon? Vereinigt er nicht in seiner Person alle Segnungen des Himmels? Ich kenne keinen glücklicheren Menschen!« Clotilde, die beharrlich schwieg, litt schwer unter dieser Ironie Pascals, die, wie sie richtig ahnte, ihm selbst Schmerz verursachte. Obgleich sie wie gewöhnlich Herrn Bellombre verteidigte, fühlte sie doch, wie in ihrer Seele der Widerspruch gegen ihre Worte sich erhob. Thränen traten ihr in die Augen, und sie antwortete einfach mit leiser Stimme: »Ja, aber er wird nicht geliebt.« Diese Antwort machte mit einem Schlage der peinlichen Scene ein Ende. Pascal wendete sich, als ob er einen Schlag erhalten hätte, rasch um und sah sie an. Eine plötzliche Rührung ließ auch seine Augen feucht werden, und er entfernte sich schnell, um nicht zu weinen. Mancher Tag ging noch dahin in diesem Wechsel guter und schlechter Stunden. Die Kräfte kehrten nur sehr langsam zurück, und es brachte ihn ganz in Verzweiflung, daß er seine Arbeiten nicht vornehmen konnte, ohne daß sich bei ihm eine unnatürliche Transpiration einstellte. Wenn er diesem Symptom hartnäckig Trotz geboten hätte, so wäre er sicherlich ohnmächtig geworden. So lange er nicht arbeiten würde, so lange würde auch, das fühlte er, seine Besserung anhalten. Indessen fing er von neuem an, sich für seine gewohnten Arbeiten zu interessiren; er las die letzten Seiten, die er geschrieben hatte, wieder durch, und mit diesem Wiedererwachen des Gelehrten in ihm stellten sich auch bei ihm die Beunruhigungen von früher wieder ein. Einen Augenblick hatte sich eine solche Niedergeschlagenheit seiner bemächtigt, daß ihm das ganze Haus wie verschwunden war; man hätte ihn berauben können, man hätte alles nehmen, alles zerstören können, er wäre sich nicht einmal des Unglücks bewußt geworden. Jetzt legte er sich wieder auf die Lauer, jetzt befühlte er wieder seine Tasche, um sich zu vergewissern, daß sich auch der Schlüssel des großen Schrankes darin befand. Eines Morgens aber, als er sich verschlafen hatte und erst gegen elf Uhr aus seinem Zimmer kam, traf er Clotilde im Saale an, still beschäftigt mit der Vollendung eines Pastellgemäldes, das sehr naturgetreu den blühenden Zweig eines Mandelbaums darstellte. Sie hob lächelnd ihren Kopf; dann nahm sie einen Schlüssel, der neben ihr auf ihrem Pulte lag, und wollte ihn Pascal geben. »Hier, Meister!« Erstaunt und ohne zu ahnen, was es war, betrachtete er den Gegenstand genau, den sie ihm hinreichte. »Was ist es denn?« »Es ist der Schlüssel zu Deinem großen Aktenschrank, den Du gestern mußt aus Deiner Tasche haben fallen lassen; ich habe ihn heute morgen hier aufgehoben.« Darauf nahm ihn Pascal in heftiger Aufregung ihr aus der Hand. Er sah den Schlüssel an, er sah das junge Mädchen an. Es war also jetzt zu Ende? Sie verfolgte ihn nun nicht mehr, sie wollte also nicht mehr alles rauben, alles verbrennen? Und wie er sie immer noch lächeln sah, wie er sah, daß auch sie sehr bewegt war, da fühlte er in seinem Herzen eine unendliche Freude darüber. Er nahm sie und schloß sie in seine Arme. »O, Kind, Kind! Wir können nicht zu unglücklich sein!« Seitdem fand er seine Kräfte wieder, die Besserung schritt rascher vorwärts. Rückfälle waren zwar immer noch möglich, denn er blieb sehr angegriffen. Aber er konnte doch schreiben, und die Tage gingen nicht mehr so träge dahin. Die Sonne schien jetzt ebenfalls freundlicher, und die Hitze wurde schon so groß, daß man in dem Saale die Läden zuweilen halb schließen mußte. Besuche zu empfangen, weigerte er sich noch entschieden, kaum die alte Martine duldete er um sich. Seiner Mutter ließ er sagen, daß er schliefe, wenn sie hier und da kam, um sich nach seinem Befinden zu erkundigen. Und er war nur in dieser köstlichen Einsamkeit zufrieden, gepflegt von dieser Rebellin, der Feindin von gestern, der ergebenen Schülerin von heute. Oft herrschte lange Zeit tiefes Schweigen zwischen ihnen, ohne daß sie sich bedrückt fühlten; sie dachten dann nach, sie schwebten dann in unendlich süßen Träumen. Dennoch erschien Pascal eines Tages in sehr ernster Stimmung. Er hatte jetzt die feste Ueberzeugung, daß die Ursache seines Leidens nur eine zufällige war, und daß die Frage der Vererbung dabei gar keine Rolle spielte. Das erfüllte ihn aber keineswegs mit mehr Demut. »Mein Gott!« murmelte er leise vor sich hin. »Was sind wir doch für ein Nichts! Was bin ich, der ich mich für so kräftig hielt, der ich so stolz auf meinen gesunden Verstand war! Und dabei hätte mich beinahe etwas Kummer und etwas Anstrengung verrückt gemacht!« Er schwieg und dachte weiter nach. Seine Augen erglänzten; er hatte sich endlich ganz selbst überwunden. Dann entschloß er sich, in einem Augenblicke der Klugheit und des Mutes zu sprechen. »Wenn es mir wieder besser geht, so macht es mir besonders Deinetwegen Vergnügen.« Clotilde hob, da sie ihn nicht verstand, fragend ihren Kopf empor. »Wieso?« »Nun, da ist doch gar kein Zweifel möglich, natürlich wegen Deiner Heirat ... Wir können jetzt das Datum festsetzen.« Sie war überrascht. »Ah, es ist wahr! Meine Heirat!« »Ist es Dir recht, wenn wir die zweite Woche im Juni wählen?« »Ja, die zweite Juniwoche, das wird sehr gut passen.« Sie sprachen nicht weiter miteinander; sie hatte die Augen wieder auf die Näharbeit gesenkt, mit der sie gerade beschäftigt war, während er, die Blicke in die Ferne gerichtet, mit ernstem Gesichte regungslos dasaß. Siebentes Kapitel. Als an diesem Tage die alte Frau Rougon auf die Souleiade kam, bemerkte sie die alte Martine in dem Gemüsegarten, die gerade damit beschäftigt war, Lauch zu pflanzen; sie nahm diese günstige Gelegenheit sofort wahr und ging auf die Haushälterin zu, um mit ihr zu schwatzen und sie auszuhorchen, bevor sie das Haus betrat. Die Zeit verging, und die alte Dame war ganz untröstlich über die Desertion Clotildens, wie sie zu sagen pflegte. Sie fühlte genau, daß sie die Akten niemals durch das junge Mädchen erhalten würde. Diese Kleine war auf bedenkliche Abwege geraten; sie näherte sich Pascal wieder, seitdem sie ihn gepflegt hatte, und verirrte sich dabei so weit, daß sie sie seitdem nie wieder in der Kirche gesehen hatte. Sie war daher auf ihre frühere Idee zurückgekommen, sie zu entfernen und dann ihren Sohn zu gewinnen, wenn er allein sein würde und durch die Einsamkeit mürbe geworden wäre. Da sie Clotilden nicht dazu hatte bestimmen können, ihrem Bruder Maxime nach Paris zu folgen, so begeisterte sie sich für die Heirat; sie hätte sie gar zu gern schon am vorhergehenden Tage dem Doktor Ramond in die Arme werfen wollen, unzufrieden mit den fortwährenden Verzögerungen. Und nun kam sie heute nachmittag herbeigeeilt in dem fieberhaften Verlangen, die Sache so viel als möglich zu beschleunigen. »Guten Tag, Martine ... Nun, wie geht es denn hier?« Die alte Haushälterin, die am Boden kniete und die Hände voller Erde hatte, hob ihr blasses Gesicht empor, das sie durch ein um die Haare gebundenes Tuch gegen die Sonnenstrahlen schützte. »Wie immer, Frau Rougon, still und ruhig.« Und nun plauderten sie. Felicité behandelte die Alte heute als Vertraute, die der Familie ganz ergeben war und mit der man über alles reden konnte! Sie begann sie auszufragen, sie wollte wissen, ob Doktor Ramond nicht heute morgen da gewesen wäre. Ja, er wäre dagewesen, aber man hätte ganz gewiß nur über gleichgiltige Dinge gesprochen. Felicité war ganz außer sich, denn sie hatte Doktor Ramond am vorhergehenden Abend gesprochen, und er hatte sich ihr anvertraut und ihr sein Leid geklagt, daß er noch immer keine definitive Antwort erhalten hätte; es läge ihm viel daran, jetzt wenigstens das Jawort von Clotilde zu bekommen. Das konnte nicht länger so fortgehen; man mußte das junge Mädchen zwingen, sich zu verloben. »Er ist zu zartfühlend,« rief sie ärgerlich, »ich habe es ihm auch gesagt. Ich wußte es im voraus, daß er auch heute morgen nicht wagen würde, sie zu einer Erklärung zu zwingen ... Aber jetzt werde ich mich hineinmischen. Wir wollen doch sehen, ob ich sie nicht dahin bringe, daß sie einen Entschluß faßt.« Dann fuhr sie ruhiger fort: »Mein Sohn ist jetzt wieder gesund, er braucht sie also nicht mehr.« Die alte Martine, die sich wieder daran gemacht hatte, ihren Lauch zu pflanzen, richtete sich aus ihrer gebückten Stellung lebhaft auf. »Ja, das ist richtig!« Und auf ihrem in dreißigjähriger Dienstbarkeit alt gewordenen Gesicht erglänzte wieder ein freudiger Schimmer. Seitdem ihr Herr sie fast gar nicht mehr bei sich duldete, blutete in ihrem Inneren eine schmerzliche Wunde. Während seiner ganzen Krankheit hatte er sie von sich entfernt gehalten, indem er immer weniger und weniger ihre Dienste in Anspruch nahm und endlich die Thüre seines Zimmers ganz vor ihr verschloß. Sie hatte eine unbestimmte Ahnung von dem, was vor sich ging, und bei ihrer Verehrung für Doktor Pascal, bei dem sie während einer so langen Reihe von Jahren etwas gegolten hatte, quälte sie eine instinktive Eifersucht. »Wir haben das Fräulein ganz bestimmt nicht mehr nötig ... Ich bin vollständig genug für den Herrn Doktor.« Dann sprach sie ganz bescheiden von ihren Gartenarbeiten, sagte, daß sie noch Zeit genug fände, ihr Gemüse zu besorgen, damit sie wenigstens einige Tage in der Woche keinen Arbeitsmann brauche. Das Haus wäre ja gewiß groß; aber wer sich nicht vor der Arbeit fürchtete, der würde auch damit zu Ende kommen. Und wenn das Fräulein sie verlassen würde, wäre ja auch eine Person weniger zu bedienen. Und ihre Augen leuchteten unbewußt bei dem Gedanken an die große Einsamkeit, an den glücklichen Frieden, in dem man nach der Abreise Clotildens hier leben würde. Sie senkte ihre Stimme. »Für mich wird es jedenfalls recht schwer werden, da der Herr Doktor sehr an dem Fräulein hängt. Niemals hätte ich geglaubt, daß ich diese Trennung wünschen würde. Allein ich denke wie Sie, Frau Rougon, daß sie notwendig ist, denn ich hege die große Befürchtung, daß das Fräulein hier noch ganz verdorben und daß aus ihr eine für den lieben Gott verlorene Seele wird. Ach, es ist wirklich traurig, und mir ist das Herz oft so schwer davon, daß es aufschreit!« »Sie sind alle beide oben, nicht wahr?« fragte Felicité. »Ich werde jetzt hinaufgehen und mit ihnen reden; ich will mich bemühen, sie dahin zu bringen, daß sie der Sache endlich ein Ende machen.« Als sie eine Stunde später wieder herunterkam, fand sie die alte Martine immer noch auf den Knieen in der weichen Erde liegend und ihre Anpflanzungen beendigend. Oben habe ihr Pascal nach den ersten Worten, als sie erzählt hätte, daß sie mit Doktor Ramond gesprochen habe und daß er sich sehr ungeduldig zeige, sein Schicksal kennen zu lernen, entschieden beigestimmt; er wäre sehr ernst gewesen und habe mit dem Kopfe genickt, wie um anzudeuten, daß diese Ungeduld ihm sehr natürlich erscheine. Clotilde selbst habe aufgehört zu lächeln, und es habe ganz den Anschein gehabt, als ob sie ihr willfährig zuhöre. Aber dann habe sie doch große Verwunderung gezeigt. Warum man sie denn dränge? Der Meister habe die Heirat auf die zweite Juniwoche festgesetzt, sie habe also noch zwei lange Monate vor sich. In den nächsten Tagen würde sie mit Ramond darüber sprechen. Die Heirat wäre etwas so Ernstes, daß man ihr doch wohl Zeit zur Ueberlegung lassen könnte. Erst in der letzten Minute würde sie sich verloben. Ueberdies hätte sie dies alles mit ihrer klugen Miene gesagt wie eine Person, die entschlossen sei, ihren Standpunkt zu wahren. Felicité hatte sich damit zufrieden gegeben, daß die beiden oben augenscheinlich auch den Wunsch hegten, die Sache möchte auf diese Weise die vernünftigste Lösung finden. »Ich glaube wirklich, daß alles jetzt in Ordnung ist,« schloß sie. »Er scheint kein Hindernis in den Weg zu legen und sie will nur die Sache nicht übereilen; sie ist eines von den Mädchen, die sich erst in ihrem Herzen fragen wollen, ehe sie sich für das Leben binden ... Ich will ihr daher auch noch acht Tage zum Ueberlegen lassen.« Martine hatte sich auf ihre Hacken gesetzt und betrachtete mit starren Blicken die Erde, während ein trüber Schatten sich über ihr Gesicht breitete. »Ja, ja!« murmelte sie mit leiser Stimme vor sich hin. »Das Fräulein denkt seit einiger Zeit sehr viel nach ... Ich finde sie in allen Ecken träumend sitzen. Spricht man sie an, so erhält man gar keine Antwort von ihr. Sie ist ganz wie die Leute, die den Keim einer Krankheit in sich tragen und deren Augen nach innen gerichtet sind ... Es geht da etwas vor, sie ist nicht mehr dieselbe, gar nicht mehr dieselbe ...« Dann nahm sie ihr Steckholz wieder zur Hand und grub in ihrem unermüdlichen Arbeitseifer ihre Lauchpflänzchen weiter ein, während die alte Frau Rougon etwas beruhigt fortging, da, wie sie sagte, die Heirat jetzt sicher sei. Pascal schien in der That Clotildens Heirat als etwas fest Beschlossenes, Unvermeidliches anzusehen. Er hatte mit ihr nicht wieder darüber gesprochen; die seltenen Anspielungen, die sie unter sich darauf machten in ihren stündlichen Gesprächen, ließen sie ganz ruhig. Es war gerade, als ob die beiden Monate, die sie noch mit einander zu verleben hatten, ohne Ende sein müßten, eine Ewigkeit, deren Aufhören sie gar nicht erleben könnten. Sie vor allem sah ihn immer lächelnd an, verscheuchte alle Sorgen, verschob alle Beschlußfassung auf eine spätere Zeit mit einer lustigen, unbekümmerten Miene, die sich ganz auf das wohlthätige Leben verließ. Er, geheilt, fand seine Kräfte mit jedem Tage mehr und mehr wieder und war nur betrübt, wenn er am Abend, nachdem sie sich zur Ruhe begeben hatte, in die Einsamkeit seines Zimmers zurückkehrte. Dann überlief es ihn kalt; ein Schauer durchrieselte ihn bei dem Gedanken, daß nun bald eine Zeit kommen sollte, wo er immer allein sein würde. War es denn das beginnende Greisenalter; das ihn so zittern machte? Das erschien ihm von weitem wie eine in tiefes Dunkel gehüllte Gegend, in der er jetzt schon seine ganze Energie sich auflösen fühlte. Und dann erfüllten ihn auch der schmerzliche Gedanke an die Frau, an das Kind, die ihm fehlten, mit Unwillen und quälte ihn mit unerträglicher Bangigkeit. Ach, daß er nicht gelebt hatte! In mancher Nacht ging er sogar so weit, die Wissenschaft zu verfluchen, die er beschuldigte, ihm den besten Teil seiner Männlichkeit genommen zu haben. Er hatte sich von der Arbeit ganz aufzehren lassen, sie hatte ihm das Gehirn zernagt, sie hatte ihm das Herz zernagt, sie hatte ihm die Muskeln zernagt. Außer jener einzigen großen Leidenschaft war er nur für die Bücher geboren, nur für beschriebenes Papier, das der Wind ohne Zweifel davontragen würde, deren kalte, leblose Blätter ihm die Hände erstarren ließen, wenn er sie öffnete. Und er hatte keine lebenswarme Frauenbrust an die seine zu drücken, keine weichen Kinderhaare zu küssen! Er hatte nur in der kalten Hülle eines egoistischen Gelehrten gelebt, und darin würde er auch sterben. Sollte er denn wirklich so sterben? Sollte er denn nicht auch das Glück genießen wie die einfachen Packträger und Fuhrleute, deren Peitschen unter seinen Fenstern knallten? Aber dann hätte er sich schon beeilen müssen, denn ohne Zweifel würde bald keine Zeit mehr dazu sein. Seine ganze ungenossene Jugend, alle seine zurückgedrängten und aufgespeicherten Wünsche stiegen ihm in einem aufbrausenden Strom in die Adern. Es war das leidenschaftliche Verlangen nach Liebe, es war der heiße Wunsch, noch einmal aufzuleben, um die Leidenschaften erschöpfend zu genießen, die er noch nicht gekostet hatte, sich an allem zu berauschen, bevor er ein Greis würde. Er würde an die Thüren klopfen, er würde die Vorübergehenden anhalten, er würde das Land und die Stadt durchsuchen. Dann am folgenden Morgen, wenn er sich mit kaltem Wasser gewaschen hatte und sein Zimmer verließ, legte sich seine fieberhafte Aufregung wieder, die glühenden Bilder verschwanden, und er fiel wieder zurück in seine natürliche Schüchternheit. In der folgenden Nacht aber brachte ihm die Furcht vor dem Alleinsein die gleiche Schlaflosigkeit wieder, sein Blut wurde rebellisch, und die gleichen verzweifelten Zustände traten ein, die gleiche Erregtheit, das gleiche Verlangen, nicht zu sterben, ohne das Weib erkannt zu haben. Während dieser fieberheißen Nächte träumte er bei offenen Augen immer den nämlichen Traum. Eine Straßendirne ging vorüber, ein wunderbar schönes Mädchen von zwanzig Jahren, sie trat bei ihm ein und ließ sich vor ihm auf die Kniee nieder in demütiger Verehrung, und er heiratete sie. Es war eine jener Liebespilgerinnen, wie man sie in den alten Geschichten findet, die einem Sterne gefolgt war und kam, um einem alten, sehr mächtigen und ruhmbedeckten König die Gesundheit und die Kraft wieder zu verleihen. Er war der alte König und sie betete ihn an, sie bewirkte mit ihren zwanzig Jahren das Wunder, ihm seine Jugend wieder zu verschaffen. Er ging triumphirend aus ihren Armen hervor, er hatte den Glauben, den Mut zum Leben wieder gefunden In einer Bibel aus dem fünfzehnten Jahrhundert, die er besaß und die mit naiven Holzschnitten geschmückt war, interessirte ihn vor allem ein Bild: Der alte König David, in sein Zimmer zurückkehrend, die Hand gelegt auf die nackte Schulter der Abisaig, der jungen Sunemitin. Und er las den Text aus der gegenüberliegenden Seite: »Als der König David alt geworden war, konnte er sich gar nicht erwärmen, obgleich man ihn fest zudeckte. Da sagten seine Diener zu ihm ›Wir werden ein junges Madchen, eine Jungfrau, für den König, unsern Herrn, suchen, damit sie immer in der Nähe des Königs bleibt, damit sie ihn unterhalten kann und damit sie, bei ihm schlafend, den König, unsern Herrn, erwärmt.‹ Sie suchten also in allen Landen Israels ein Mädchen, das jung und schön war, sie fanden Abisaig, die Sunemitin, und führten sie zu ihm; sie war ein junges Mädchen von großer Schönheit, sie schlief bei dem König und sie diente ihm ...« War das Frieren des alten Königs nicht dasselbe, was ihn jetzt durchkältete, wenn er allein in seinem Bette lag unter dem düstern Plafond seines Zimmers? Und die Straßendirne, die Liebespilgerin, die sein Traum ihm zuführte, war das nicht die unterwürfige und gelehrige Abisaig, die aus Liebe Dienende, die sich ganz ihrem Herrn hingab, einzig und allein zu seinem Besten? Er sah sie immer vor sich als Sklavin, die glücklich war, sich ihm ganz widmen zu dürfen, gewärtig des leisesten Winkes, von einer so auffallenden Schönheit, daß sie ihm fortwährend zur Freude gereichte, und von einer solch liebenswürdigen Sanftmut, daß er sich wie überströmt von süß duftenden Essenzen fühlte. Dann zogen, wenn er so zuweilen die alte Bibel durchblätterte, noch andere Bilder an ihm vorüber, und seine Phantasie verlor sich in jene entschwundene Welt der Patriarchen und Könige. Welcher Glaube an die lange Lebensdauer des Mannes, an seine Zeugungskraft, an seine Allmacht über die Frauen lebte damals, als jene außerordentlichen Männer der Geschichte noch im Alter von hundert Jahren ihre Gattinnen schwängerten, ihre Sklavinnen in ihr Bett aufnahmen und auch sonst noch junge Witwen und Jungfrauen, die ihnen begegneten! Da war der hundertjährige Abraham, der Vater von Ismael und Isaak, der Gemahl seiner Schwester Sarah und der gehorsame Herr seiner Sklavin Hagar! Da war die köstliche Idylle von Ruth und Boas; sie kam als junge Witwe nach Bethlehem während der Erntezeit und legte sich in einer lauwarmen Nacht zu den Füßen ihres Herrn schlafen, der das Recht, das sie forderte, verstand und sie heiratete als eine Verwandte durch Verschwägerung, nach dem Gesetze. Das war jener freie Trieb eines starken und lebenskräftigen Volkes, dessen Werke die Welt erobern mußten, jene Männer mit ihrer niemals erlöschenden Manneskraft, jene immer fruchtbaren Frauen, jene ununterbrochene, kräftige Fortpflanzung des Geschlechtes durch Verbrechen, Ehebruch, Blutschande und Liebe, die kein Alter und keine Vernunft kannte, hindurch! Und sein Traum nahm endlich vor diesen allen naiven Holzschnitten für ihn eine wirkliche Gestalt an. Abisaig trat in sein düsteres Zimmer, das sie erhellte und mit süßem Duft erfüllte; sie öffnete ihre nackten Arme, ihre nackten Schenkel, sie zeigte ihre ganze göttergleiche Nacktheit, um ihm ihre königliche Jugend zum Geschenke zu geben. Ah, die Jugend! Er hatte nach ihr einen wahren Heißhunger! Beim Niedergange seines Lebens war dieses leidenschaftliche Verlangen nach der Jugend die Auflehnung gegen das drohende Greisenalter, ein verzweifeltes Streben nach einem Rückschreiten in die Vergangenheit, nach einem Wiederanfangen. Und bei diesem Wunsch, noch einmal mit dem Leben anfangen zu dürfen, empfand er nicht nur das Bedauern um das versäumte erste Glück, den unschätzbaren Wert der vergangenen Stunden, denen die Erinnerung den Reiz verleiht, sondern er hatte auch den festen Willen, diesesmal seine Gesundheit und seine Kraft zu genießen, nichts von den Liebesfreuden zu verlieren. Ah, die Jugend, wie würde er sich darin festgebissen haben mit der ganzen Kraft seiner Zähne, wie würde er sie noch einmal genossen und durchkostet haben, bevor er alt wurde! Eine schmerzliche Erregung packte ihn, als er sich noch einmal als Jüngling von zwanzig Jahren sah mit schlanker Gestalt und der gesunden Kraft einer jungen Eiche, mit glänzend weißen Zähnen und üppigen schwarzen Haaren. Mit welcher Begeisterung würde er sie feiern, diese damals verachteten Gaben, wenn ein Wunder sie ihm wieder verliehen hätte! Und die Jugend bei der Frau, ein junges Mädchen, das an ihm vorüberging, beunruhigte ihn, versetzte ihn in tiefe Rührung. Und dies brachte sogar oft, ganz abgesehen von der Person, allein nur das Bild der Jugend hervor, der reine Duft und Glanz, der von ihr ausging, die hellen Augen, die gesunden Lippen, die frischen Wangen, vor allem der zarte, atlasweiche, runde Hals, beschattet von den widerspenstigen Löckchen im Nacken; und die Jugend erschien ihm immer schon und groß, einer Göttin gleich in ihrer ruhigen Nacktheit. Seine Blicke folgten der Erscheinung, sein Herz versank in ein unendliches Verlangen. Nur die Jugend war gut und begehrenswert, sie war die Blume der Welt, die einzige Schönheit, die einzige Freude, das einzige wahre Gut neben der Gesundheit, welches die Natur dem Sein verleihen konnte. Ach, noch einmal wieder anfangen, noch einmal wieder jung sein, für sich in heißer Umarmung ein junges Weib ganz haben zu können! Pascal und Clotilde hatten jetzt, seitdem die schönen Apriltage die Obstbäume zum Blühen gebracht hatten, ihre Morgenpromenaden durch die Souleiade wieder aufgenommen. Er machte seine ersten Rekonvaleszentenspaziergänge, sie führte ihn auf den großen freien Platz, wo es schon sehr heiß war, sie geleitete ihn durch die Alleen des Fichtenwaldes und brachte ihn zurück auf die Terrasse, die nur die Schattenstreifen der beiden hunderjährigen Cypressen durchschnitten. Die Sonne brannte schon heiß auf die alten Steinplatten, unendlich breitete sich der Horizont aus unter dem strahlenden Himmelszelte. Und eines Morgens, als Clotilde rasch gegangen war, kehrte sie sehr erregt, sich schüttelnd vor Lachen, in lustiger Stimmung zurück, daß sie gleich in den Saal hinaufstieg, ohne vorher den Gartenhut und das leichte Spitzentuch, das sie um den Hals geschlungen hatte, abgelegt zu haben »Ach!« rief sie, wie ist mir heiß! Und wie dumm bin ich, daß ich unten nicht erst abgelegt habe! Ich will gleich wieder hinuntergehen!« Sie hatte beim Hereinkommen das Spitzentuch auf einen Fauteuil geworfen. Aber ihre Hände wurden ungeduldig, als sie die Bindbänder ihres großen Strohhutes lösen wollte »Das ist ja sehr schön! Da habe ich einen Knoten gemacht! Damit werde ich nicht allein fertig werden! Du mußt nur zu Hilfe kommen!« Pascal war auch angeregt von dem Spaziergange und freute sich, wie er sie so schön und glücklich vor sich sah. Er trat näher und mußte sich ganz an sie anlegen. »Paß auf, hebe das Kinn in die Höhe! Ach, Du bewegst Dich ja immer! Wie glaubst Du wohl, daß ich mich damit zurecht finden soll?« Sie lachte noch lauter; er sah dieses Lachen, das in einer sonoren Tonwelle ihrer Kehle entströmte. Seine Finger verwirrten sich unter dem Kinn, in jenem köstlichen Teile des Halses, dessen seidenweiche Haut er unwillkürlich immer berührte. Sie hatte ein sehr weit ausgeschnittenes Kleid an; er genoß ihre ganze Schönheit durch diese Oeffnung, aus der der ganze lebenswarme Duft der Frau aufstieg, die reine Blüte ihrer Jugend, erhitzt von der glühenden Sonne. Da erfaßte ihn mit einemmale ein Schwindel, er glaubte in Ohnmacht zu fallen. »Nein, nein, ich kann es nicht, wenn Du nicht ruhig bleibst!« Eine Blutwelle hämmerte in seinen Schläfen, seine Finger wurden nervös, während sie sich immer unruhiger hin und her bewegte, wobei ihre Jungfräulichkeit, ohne daß sie es wußte, ihn in arge Versuchung führte. Sie war eine Erscheinung von stolzer Jugend mit ihren hellen Augen, ihren gesunden Lippen, ihren frischen Wangen und dem zarten, seidenweichen, runden Halse unter dem Lockengewirr am Nacken. Und er fühlte ihren eleganten, schlanken Wuchs, ihre zarte Brust in ihrer aufblühenden, göttlichen Schönheit. »Da, jetzt ist es geschehen!« Ohne zu wissen, wie, hatte er die Bänder gelöst. Die Wände drehten sich mit ihm, aber er sah sie noch, jetzt ohne Hut, mit ihrem Sternenangesicht, wie sie lachend ihre blonden Haarwogen schüttelte. Da erfaßte ihn die Angst, er könnte sie in seine Arme nehmen und wahnsinnig küssen auf alle Stellen, wo sie etwas von ihrer Nacktheit zeigte. Aber er entzog sich der Gefahr, indem er ihren Strohhut, den er in der Hand hielt, forttrug, wobei er stotternd sagte: »Ich will ihn unten im Vestibül aufhängen ... Warte hier auf mich, ich muß mit Martine sprechen.« Unten flüchtete er sich in den verlassenen Salon und verschloß die Thüre doppelt, aus Angst, sie mochte ungeduldig werden und herunterkommen, um ihn zu suchen. Er war ganz außer sich und verstört, gleich als ob er ein Verbrechen begangen hätte. Er sprach ganz laut mit sich selbst und erzitterte heftig bei dem ersten Laut, der von seinen Lippen kam: »Ich habe sie immer geliebt und heiß ersehnt!« Ja, seitdem sie zum Weibe herangewachsen war, betete er sie an. Und er sah plötzlich klar, er sah in ihr nur das reife Weib, das sie geworden war, nachdem sie sich aus einem Gassenjungen ohne Geschlecht zu einem solch reizenden und liebenswerten Wesen entwickelt hatte, mit ihren langen, schlanken Beinen, mit ihrem hoch gewachsenen und kräftigen Oberkörper, ihrer runden Brust, ihrem runden Halse und ihren runden, biegsamen Armen. Ihr Nacken und ihre Schultern waren so weiß wie Milch, so weich und glatt wie Seide und von unendlicher Zartheit. Und es war entsetzlich, aber nur zu wahr, er empfand Verlangen nach diesem allen, verzehrendes Verlangen nach dieser Jugend, nach diesem so reinen, blühenden Fleische, das so süß duftete. Dann brach Pascal, der sich auf einen wackligen Stuhl geworfen und das Gesicht in seine beiden verschlungenen Hände verborgen hatte, als ob er das Tageslicht nicht mehr sehen wollte, in schwere Seufzer aus. Mein Gott! Was sollte daraus werden? Ein kleines Mädchen, das ihm sein Bruder anvertraut und das er bis jetzt als guter Vater auferzogen hatte, das war heute jene Versucherin von fünfundzwanzig Jahren, das Weib in seiner ganzen gebietenden Allmacht! Er fühlte sich widerstandsloser, schwächer wie ein Kind. Und abgesehen von diesem physischen Verlangen, liebte er sie noch mit einer unendlichen Zärtlichkeit, entzückt von ihrer moralischen und intellektuellen Persönlichkeit, von der Geradheit ihres Empfindens und von ihrem munteren, tapferen und entschlossenen Geiste. Bis zu ihrer Veruneinigung war von jener Ungewißheit des Mysteriums, das sie plagte und das sie ihm schließlich lieb und wert machte als ein Wesen, so ganz verschieden von ihm selbst, in welchem er etwas von der Unendlichkeit der Dinge wiederfand, nichts zu merken gewesen. Sie gefiel ihm in ihrer auflehnenden Haltung, wenn sie ihm die Stirne bot. Sie war seine Kameradin und Schülerin, er sah sie als die, die er aus ihr gemacht hatte, mit ihrem großen Herzen, ihrer leidenschaftlichen Freimütigkeit, ihrem siegreichen Verstande. Und ihre Anwesenheit war ihm immer notwendig; er konnte es sich gar nicht vorstellen, wie es möglich sein könnte, daß er eine Luft atmete, in der sie nicht mehr lebte. Er empfand ein stetes Bedürfnis nach ihrem Atem, nach dem Rauschen ihrer Kleider um ihn herum, nach ihren Gedanken und nach ihrer Zuneigung, von der er sich umschwebt fühlte, nach ihren Blicken, nach ihrem Lächeln, kurz nach ihrer ganzen täglichen Thätigkeit als Frau, die sie ihm bisher gewidmet hatte und die sie jetzt nicht die Grausamkeit haben würde, ihm zu entziehen. Bei dem Gedanken, daß sie fortgehen könnte, war es ihm, als ob der Himmel über seinem Haupte einstürzen sollte, als ob das Ende von allem, das letzte ewige Dunkel nahte. Sie allein existirte für ihn auf der Welt, sie allein war die Erhabene und Gute, sie die einzige Einsichtige und Kluge, die einzige Schöne, von einer wunderbaren Lieblichkeit. Warum wagte er es denn nicht, da er sie doch anbetete und da er doch ihr Meister war, sie in seine Arme zu nehmen und sie wie ein Götterbild zu küssen? Sie waren ja beide ganz frei; sie wußte ja alles ganz genau und hatte das Alter, Frau zu sein. Das würde das Glück sein. Pascal, der jetzt nicht mehr weinte, erhob sich und wollte nach der Thür hingehen. Aber mit einemmale sank er auf den Stuhl zurück, von neuen Seufzern und Bedenken gequält. Nein, nein! Das war abscheulich, das war unmöglich! Es war ihm jetzt, als fühle er seine weißen Haare wie Eis auf seinem Kopfe; er bekam einen heftigen Schrecken wegen seines Alters, wegen seiner neunundfünfzig Jahre, wenn er an sie, an ihre fünfundzwanzig Jahre dachte. Ein Zittern hatte ihn ergriffen, vor Schreck über die Gewißheit, daß sie ihn ganz besaß, daß er ganz machtlos gegen diese tägliche Versuchung sein sollte. Und er sah sie vor sich, wie sie ihm die Bänder an ihrem Hute zu lösen gab, wie sie ihn rief und ihn zwang, sich über sie herabzubeugen, um in ihrer Arbeit irgend eine Verbesserung anzubringen, und er sah sich, wie er, verblendet und ganz außer Fassung gebracht, mit gierigen Blicken ihren Hals, ihren Nacken verschlang. Oder am Abend, was noch schlimmer war, wenn sie beide zögerten, die Lampe bringen zu lassen, das Schwachwerden bei dem langsamen Niedersinken der mitschuldigen Nacht, das unwillkürliche, unwiderstehliche Verlangen, sich gegenseitig in die Arme zu sinken. Ein heftiger Zorn regte sich in ihm gegen diese mögliche Lösung, die sogar gewiß eintreten würde, wenn er nicht den Mut zur Trennung fände. Das würde von seiner Seite das schlimmste der Verbrechen, ein Vertrauensmißbrauch, eine gemeine Verführung sein. Seine Empörung dagegen war eine derartige, daß er sich diesmal mutig erhob und wieder die Kraft besaß, hinauf in den Saal zu gehen, fest entschlossen, den Kampf zu wagen. Oben hatte sich Clotilde still an eine Zeichnung gemacht, sie wendete nicht einmal den Kopf um, sondern begnügte sich zu sagen: »Wie lange bist Du weg gewesen! Ich glaubte schließlich, daß Martine in ihrer Rechnung einen Fehler von zehn Sous gemacht hätte.« Diese gewohnte Spötterei über den Geiz der alten Haushälterin brachte ihn zum Lachen. Dann setzte auch er sich ruhig an seinen Tisch. Sie sprachen nichts mehr bis zum Dejeuner. Ein süßer Frieden überkam ihn, beruhigte ihn, seitdem er wieder bei ihr war. Er wagte sie anzusehen, er wurde durch ihr feines Profil gerührt, durch ihr ernstes, stolzes Mädchenantlitz. Hatte er da unten denn einen bösen Traum gehabt? Sollte er sich so leicht besiegen können? »Ah!« sagte er, als die alte Martine sie zum Essen rief. »Ich habe gewaltigen Hunger! Du sollst sehen, wie ich mir wieder Kräfte verschaffe!« In fröhlicher Stimmung war sie an ihn herangetreten und hatte seinen Arm genommen. »Das ist recht, Meister! Man muß vergnügt und mutig sein!« Aber während der Nacht in seinem Zimmer begann die Todesangst von neuem. Bei dem Gedanken, sie zu verlieren, mußte er das Gesicht in das Kopfkissen vergraben, um seine Schreie zu ersticken. Verschiedene Bilder waren ihm deutlich vor die Seele getreten; er hatte sie in den Armen eines andern gesehen, wie sie diesem andern das Geschenk ihres jungfräulichen Körpers machte, und eine wilde Eifersucht quälte ihn. Niemals würde er den Heroismus finden, zu einem solchen Opfer seine Zustimmung zu geben. Alle Arten Pläne jagten sich in seinem armen Kopfe: er wollte sie von der Heirat abbringen, er wollte sie bei sich behalten, ohne daß sie jemals etwas von seiner Leidenschaft erfahren sollte; er wollte mit ihr fortgehen, er wollte mit ihr von Stadt zu Stadt reisen; er wollte ihrer beider Gedanken mit endlosen Studien beschäftigen, um ihr kameradschaftliches Verhältnis als Lehrer und Schülerin zu erhalten; ja, er wollte sie sogar, wenn es sein müßte, zu ihrem Bruder schicken, dessen Krankenpflegerin sie werden sollte; er wollte sie lieber verlieren, als sie einem Gatten geben. Und bei jedem dieser Pläne fühlte er, wie sein Herz blutete, wie es vor Angst aufschrie in seinem gebieterischen Verlangen, sie ganz und gar zu besitzen. Er gab sich nicht mehr zufrieden mit ihrer bloßen Anwesenheit; er wollte sie ganz allein für sich haben, so daß sie mit ihrer reinen Nacktheit, nur umwogt von der entfesselten Flut ihrer prachtvollen Haare, Licht in dem Dunkel seines Zimmers verbreitete. Seine Arme umschlangen die Leere, er sprang aus dem Bette wie ein Betrunkener hin und her taumelnd, und erst wenn er eine Zeit lang mit seinen nackten Füßen in der Dunkelheit auf dem Parket des Saales umhergeirrt war, erwachte er aus dieser plötzlichen tollen Wahnvorstellung. Großer Gott! Wohin sollte das führen? Sollte er an die Thüre des schlummernden Kindes klopfen? Sollte er sie vielleicht mit einem Schulterstoß eindrücken? Ein leichter Hauch, den er mitten in der tiefen Stille zu vernehmen glaubte, traf ihn in das Gesicht und trieb ihn wie ein heiliger Wind zurück. Er warf sich wieder auf sein Bett nieder in dem entsetzlichen Gefühl seiner Schande und Verzweiflung. Am nächsten Morgen, als Pascal aufstand, ganz zerschlagen von seiner Schlaflosigkeit, hatte er einen festen Entschluß gefaßt. Er nahm wie an jedem Tage sein Bad und fühlte sich dadurch wieder gestählt und gesünder. Der Plan, an dem er schließlich festgehalten hatte, bestand darin, Clotilden zu zwingen, Doktor Ramond ihr Wort zu geben. Wenn sie ausdrücklich erklärte, Ramond heiraten zu wollen, so glaubte er, daß diese unwiderrufliche Lösung ihm Erleichterung verschaffen, ihm sein thörichtes Hoffen verbieten würde. Das wäre noch eine unüberschreitbare Schranke mehr, die zwischen ihm und ihr sich aufrichtete. Er würde dann in Zukunft gewappnet gegen jenes thörichte Verlangen sein, und wenn er auch immer darunter leiden müßte, so würde es doch nur der Schmerz allein sein, den er empfand, ohne jene schreckliche Angst, ein ehrloser Mensch zu werden, eines Nachts sich wieder zu erheben, um sie vor dem andern zu besitzen. An diesem Morgen, als er dem jungen Mädchen erklärte, sie dürfe jetzt nicht mehr länger die Sache hinausschieben, sie müsse dem braven Burschen, der nun schon so lange darauf wartete, endlich eine bestimmte Antwort geben, zeigte sie sich zuerst erstaunt. Sie sah ihm scharf ins Gesicht, in seine Augen. Und er besaß die Kraft, sich nicht aus der Fassung bringen zu lassen; er behielt seine etwas bekümmerte Miene bei, als wenn er betrübt darüber wäre, daß er ihr diese Dinge zu sagen hätte. Endlich zeigte sich auf ihrem Gesicht ein schwaches Lächeln und sie wendete ihren Kopf weg. »Dann willst Du also, Meister, daß ich Dich verlasse?« Er antwortete nicht direkt. »Mein liebes Kind, ich versichere Dich, daß ein längeres Hinausschieben lächerlich wäre. Ramond würde das Recht haben, deswegen böse zu werden.« Sie war an ihr Pult getreten, um die darauf liegenden Papiere zu ordnen. Nach einer Weile sagte sie: »Es ist wirklich komisch., Dich jetzt in dieser Angelegenheit im Bunde mit der Großmama und der alten Martine zu sehen. Sie verfolgen mich ordentlich, daß ich der Sache ein Ende machen soll ... Ich glaubte, noch einige Tage Zeit zu haben. Aber wahrhaftig, wenn ihr alle drei zusammen mich treibt ...« Sie vollendete ihren Satz nicht, und er zwang sie nicht, sich bestimmt zu erklären. »Wann willst Du denn, daß ich Ramond zum Kommen auffordern soll?« »Aber, mein Gott, er kann doch kommen, wann er will; mir sind ja seine Besuche niemals unangenehm gewesen ... Beunruhige Dich deswegen nicht; ich werde ihm sagen lassen, daß wir ihn an einem der nächsten Nachmittage erwarten.« Am zweitfolgenden Tage wiederholte sich die Scene. Clotilde hatte in der Angelegenheit gar nichts gethan, und Pascal zeigte sich diesmal heftig. Er litt schwer, er hatte Anfälle von Angst und Verzweiflung, wenn sie nicht mehr da war, um ihn durch ihr frisches Lachen zu beruhigen. Er forderte von ihr mit rauhen Worten, daß sie sich als vernünftiges Mädchen betrage, daß sie nicht länger mit einem ehrbaren Manne, der sie liebte, ihr Spiel treiben sollte. »Zum Teufel, wenn die Sache einmal vor sich gehen soll, so wollen wir auch ein Ende damit machen! Ich kündige Dir daher jetzt an, daß ich heute noch Ramond auffordern werde, morgen nachmittag um drei Uhr hierher zu kommen.« Sie hatte ihn stumm angehört, die Augen zu Boden gesenkt. Weder der eine noch die andere schien der Frage näher treten zu wollen, als ob die Heirat fest beschlossen wäre, sie gingen von dem Gedanken aus, daß eine frühere, unwiderruflich gefaßte Bestimmung bestünde. Als er sah, daß sie ihren Kopf wieder emporhob, zitterte er, denn er hatte einen Hauch verspürt, der an ihm vorüberwehte, und er glaubte, daß sie im Begriffe stünde, ihm zu sagen, sie habe sich selbst gefragt und widersetze sich dieser Heirat. Mein Gott! Was sollte dann werden, was sollte er dann thun? Er war zugleich von einer unendlichen Freude und von einem wahnsinnigen Schrecken ergriffen. Aber sie sah ihn mit einem sanften, liebenswürdigen Lächeln an, das nicht wieder von ihren Lippen schwand, und antwortete mit einer unterwürfigen Miene »Wie es Dir recht ist, Meister! Laß ihm sagen, er solle morgen nachmittag um drei Uhr hier sein.« Die Nacht war so fürchterlich für Pascal, daß er erst sehr spät aufstand, indem er vorgab, er habe wieder einen Migräneanfall gehabt. Nur unter dem eiskalten Wasser der Douche verspürte er einige Erleichterung. Dann ging er gegen zehn Uhr aus, um, wie er sagte, Ramond selbst aufzusuchen. Aber dieser Ausgang hatte einen ganz andern Zweck; er mußte bei einer Wiederverkäuferin in Plassans ein Mieder von alten Alençonspitzen, das dort schlummerte, in der Erwartung der freigebigen Thorheit eines Verliebten; der Gedanke, Clotilden damit ein Geschenk zu machen, war ihm während der qualvollen Nacht gekommen; sie sollte sich mit den kostbaren Spitzen ihr Hochzeitskleid ausputzen. Dieser bittere Gedanke, sie auszuschmücken, sie schön zu machen für das Geschenk ihres Körpers, erweichte sein der Aufopferung müdes Herz. Sie kannte das Mieder, sie hatte es eines Tages mit ihm bewundert. Ganz entzückt davon, hegte sie nur den einen Wunsch, es in Saint-Saturnin um die Schulter der heiligen Jungfrau legen zu können, einer alten Muttergottesfigur aus Holz, die von den Gläubigen hoch verehrt wurde. Die Wiederverkäuferin übergab es ihm in einem kleinem Karton, der nichts verriet, und den er, nach Hause gekommen, in seinem Sekretär versteckte. Um drei Uhr stellte sich Ramond ein und traf Pascal und Clotilde im Saale an, die ihn in aufgeregter Stimmung erwarteten; sie hatten übrigens ängstlich vermieden, noch einmal mit einander von seinem Besuche zu sprechen. Man lachte vergnügt, und der ganze Empfang war von einer übertriebenen Herzlichkeit. »Sie sind ja vollständig wiederhergestellt, Meister!« sagte der junge Mann. »Noch niemals haben Sie ein so gesundes Aussehen gehabt.« Pascal hob den Kopf in die Höhe. »O ja! Gesund, vielleicht! Aber das Herz ist es nicht mehr!« Dieses unwillkürliche Geständnis rief eine Bewegung bei Clotilde hervor, die die beiden Männer betrachtete, als ob sie, durch die Macht der Umstände selbst gezwungen, beide mit einander vergleichen wollte. Ramond zeigte wie immer das lachende und stolze Gesicht des schönen, von den Frauen angebeteten Arztes mit seinem schwarzen Barte und seinen dichten schwarzen Haaren, alles an ihm atmete männliche Jugendkraft. Und Pascal verriet in seinem ganzen Aussehen, mit seinen weißen Haaren und seinem weißen Barte, diesem noch so üppigen schneeigen Schmucke, die tragische Schönheit der sechsmonatlichen Qualen, die er soeben durchgemacht hatte. Sein schmerzverzogenes Gesicht war etwas gealtert, nur seine großen Augen waren jugendlich geblieben, braune, lebhafte und klare Augen. In diesem Augenblicke drückte jeder seiner Züge eine solche Freundlichkeit, eine so übergroße Güte aus, daß Clotilde schließlich ihre Blicke mit einer tiefen Zärtlichkeit auf ihm ruhen ließ. Es herrschte eine Zeit lang Schweigen, ein leichter Schauder ergriff ihre Herzen. »Nun, meine Kinder,« nahm endlich Pascal mutvoll wieder das Wort, »ich glaube, ihr habt genug mit einander zu plaudern ... Ich habe inzwischen unten etwas zu thun, werde aber bald wieder herauf kommen.« Und er ging fort, ihnen freundlich zulächelnd. Sobald sie allein waren, trat Clotilde ohne Ziererei mit ausgestreckten Händen nahe an Ramond heran. Sie ergriff die seinigen und hielt sie, während sie sprach, fest. »Hören Sie mich an, mein Freund! Ich muß Ihnen einen schweren Kummer bereiten! Sie brauchen mir aber deswegen nicht zu arg zu zürnen, denn ich schwöre Ihnen, daß ich für Sie eine innige Freundschaft empfinde.« Er hatte sie sogleich verstanden und war blaß geworden. »Clotilde, ich bitte Sie, geben Sie mir keine Antwort, nehmen Sie sich Zeit, wenn Sie sich noch überlegen wollen!« »Das ist unnütz, mein Freund, ich habe meine Entscheidung getroffen.« Sie sah ihn an mit ihrem schönen, aufrichtigen Blick, sie hatte seine Hände nicht losgelassen, damit er fühlen konnte, daß sie ohne Fieber und ihm freundlich gesinnt war. Und er war es, der mit tiefer Stimme wieder begann: »Sie sagen also nein?« »Ich sage nein und versichere Sie, daß ich darüber sehr bekümmert bin. Fragen Sie mich nichts, Sie werden später alles erfahren.« Er hatte sich auf einen Stuhl niedergeworfen, von der Aufregung, die ihn ergriffen hatte, überwältigt, er, der kräftige und gesetzte Mann, dessen Gleichgewicht selbst die schlimmsten Leiden nicht erschüttern durften. Niemals hatte ihn ein Kummer so aus der Fassung gebracht. Er konnte kein einziges Wort herausbringen, während sie, vor ihm stehend, fortfuhr: »Und vor allem, mein Freund, glauben Sie ja nicht, daß ich mit Ihnen kokettirt habe ... Wenn ich Ihnen Hoffnung gab, wenn ich Sie habe auf Antwort warten lassen, so geschah es deswegen, weil ich selbst nicht mehr klar in mir sah ... Sie können sich nicht denken, welch schreckliche Zeit ich durchgemacht habe; es war wie ein furchtbares Unwetter, das alles um mich her in Dunkel hüllte, so daß ich mich schließlich kaum noch wiederfinden konnte.« Endlich sagte er: »Da Sie es wünschen, will ich Sie nichts fragen ... Es genügt übrigens, wenn Sie mir eine einzige Frage beantworten. Sie lieben mich nicht, Clotilde?« Sie zögerte nicht, sie sagte ernst mit einer innigeren Teilnahme, die die Freimütigkeit ihrer Antwort milderte: »Es ist wahr, ich liebe Sie nicht, ich empfinde für Sie nur eine aufrichtige, freundschaftliche Zuneigung.« Er hatte sich wieder erhoben; mit einer Handbewegung wehrte er die guten Worte ab, nach denen sie noch suchte. »Es ist vorbei, wir wollen niemals wieder davon sprechen. Ich will Sie nur glücklich sehen. Beunruhigen Sie sich meinetwegen nicht! In diesem Augenblicke ist mir zu Mute wie einem Manne, dem das Haus über dem Kopfe eingestürzt ist. Aber ich muß mich aus dieser Stimmung herausreißen.« Eine Glutwelle schoß ihm in das bleiche Gesicht, und der Atem ging ihm aus; er trat an das Fenster und kam dann zurück mit schleppendem Gange, bestrebt, seine Haltung wieder zu gewinnen. Tief atmete er auf. Da hörte man in dem peinlichen Stillschweigen, das eingetreten war, Pascal geräuschvoll die Treppe heraufsteigen, um seine Rückkehr von weitem anzuzeigen. »Ich bitte Sie,« flüsterte Clotilde hastig, »sagen Sie dem Meister nichts! Er kennt meine Entschließung nicht; ich möchte sie ihm selbst mitteilen, möglichst schonend, denn er wünschte diese Heirat sehr.« Pascal blieb auf der Schwelle stehen. Er wankte und war ganz außer Atem, als ob er die Treppe zu rasch heraufgestiegen wäre. Er hatte jedoch noch die Kraft, ihnen freundlich zuzulächeln. »Nun, meine Kinder, habt ihr euch ins Einvernehmen gesetzt?« »Gewiß!« antwortete Ramond, der ebenso zitterte wie Pascal. »Jetzt ist also alles im reinen?« »Vollständig,« antwortete Clotilde ihrerseits, die eine Schwäche angewandelt hatte. Pascal trat jetzt vollends in das Zimmer ein, sich beim Gehen an die Möbel anhaltend, und ließ sich vor seinem Arbeitstische in den Lehnstuhl fallen. »Ja, ja, ihr seht, mit den Beinen geht es nicht mehr recht! Mein Körper ist eben eine alte Ruine geworden! Aber das Herz ist gesund! Und ich bin sehr glücklich, sehr glücklich, meine Kinder! Euer Glück soll mich wieder herstellen!« Dann, nachdem sie sich einige Minuten zusammen unterhalten hatten, wurde er, als Ramond fortgegangen war, von neuem von Unruhe ergriffen, da er sich wieder mit dem jungen Mädchen allein fand. »Es ist alles geordnet, alles in Richtigkeit, Du schwörst es mir?« »Vollständig in Ordnung!« Von da an sagte er nichts mehr, er hob den Kopf in die Höhe, er sah aus, als ob er wiederholen wollte, daß er entzückt sei, weil alles nun geordnet und alle jetzt endlich wieder ruhig leben könnten. Seine Augen hatten sich geschlossen, und er stellte sich, wie wenn er eingeschlafen wäre. Aber sein Herz klopfte zum Zerspringen, und die fest geschlossenen Augenlider hielten die Thränen zurück. Als an diesem Abend Clotilde gegen zehn Uhr hinuntergegangen war, um der alten Martine noch einen Auftrag zu geben, benützte Pascal die Gelegenheit, um den kleinen Karton, der das Spitzenmieder enthielt, auf das Bett des jungen Mädchens zu legen. Sie kam wieder herauf und wünschte ihm wie gewöhnlich gute Nacht; und es waren kaum zwanzig Minuten vergangen, seitdem er sich in sein Zimmer zurückgezogen, und er war schon in Hemdsärmeln, als vor seiner Thür eine laute Fröhlichkeit ausbrach. Eine kleine Hand klopfte, und eine frische Stimme rief unter Lachen: »Komm doch, komm doch und sieh es Dir an!« Diesem Rufe der Jugend konnte er nicht widerstehen und gewonnen durch diese Freude öffnete er die Thüre. »O, komm doch, komm doch und sieh Dir an, was ein guter Geist mir auf mein Bett gelegt hat!« Und sie führte ihn in ihr Zimmer, ohne daß er etwas dagegen einwenden konnte. Sie hatte dort die beiden Kerzen angezündet, so daß das ganze alte Zimmer ein freundliches Aussehen hatte mit seinen Tapeten von einem unendlich zarten verblaßten Rosa und in eine Kapelle umgewandelt zu sein schien; und auf das Bett hatte sie das Mieder aus alten Alençonspitzen ausgebreitet wie einen heiligen Rock, der zur Anbetung für die Gläubigen ausgestellt ist. »Nein, diese Ueberraschung! Denke Dir nur, ich habe den Karton zuerst gar nicht gesehen ... Wie alle Abende machte ich meine Toilette für die Nacht; ich zog mich aus, und als ich dann an mein Bett ging, um mich hineinzulegen, da bemerkte ich erst Dein Geschenk ... Ah, welche Ueberraschung! Mein Herz kehrte sich dabei ganz um! Ich fühlte gleich, daß ich nicht bis morgen würde warten können. Ich zog daher rasch meine Jacke wieder an und eilte an Dein Zimmer, um Dich zu suchen.« Da erst bemerkte er, daß sie nur halb angekleidet war, wie an jenem Gewitterabend, wo er sie überrascht hatte, als sie im Begriffe stand, die Akten zu rauben. Und sie erschien ihm göttlich in dem vornehmen Ebenmaß ihres jungfräulichen Körpers, mit ihren schlanken Beinen, ihren biegsamen Armen, ihrem geschmeidigen Oberkörper und ihrem zarten, nackten Busen. Sie hatte seine Hände ergriffen, sie drückte sie mit ihren kleinen Händen, die die seinen zärtlich umschlossen, an sich. »Wie gut Du bist, und wie ich Dir danke! Ein solches Wunderwerk, ein so schönes Geschenk mir, die ich doch ein Nichts bin! Und Du hast Dich daran erinnert, daß ich es einmal bewundert habe, dieses Wunderwerk der alten Kunst, daß ich gesagt habe, die heilige Jungfrau allein wäre würdig, es um ihre Schultern zu tragen ... Ich bin zufrieden, o, wie zufrieden! Denn, siehst Du, es ist wahr, ich bin kokett, von einer Koketterie, die zuweilen Thörichtes wünscht, buntgestickte Kleider, Spinnengewebe, hergestellt aus dem Blau des Himmels ... Wie schön werde ich sein! Wie schön werde ich sein!« Strahlend in ihrer überfließenden Dankbarkeit drückte sie sich an ihn, während sie immer das Mieder ansah und ihn so zwang, es mit ihr zu bewundern. Dann erfaßte sie eine plötzliche Neugierde. »Aber sage mir doch, zu welchem Zwecke hast Du mir denn eigentlich dieses königliche Geschenk gemacht?« Seitdem sie herbeigeeilt war, um ihn in einem lauten Freudenausbruch zu suchen, wandelte Pascal wie in einem Traume befangen umher. Er fühlte sich durch diese so zarte Dankbarkeit zu Thränen gerührt, und dieses Gefühl hielt an ohne die Angst, die er davor hatte; er fühlte sich im Gegenteile beruhigt, ganz von Freude erfüllt wie beim Nahen eines großen, wunderbaren Glückes. Dieses Zimmer, das er niemals betreten hatte, atmete den stillen Frieden der heiligen Orte, die den unbefriedigten Durst nach dem Unmöglichen stillen. Sein Gesicht drückte trotzdem lebhafte Verwunderung aus und, er antwortete: »Dieses Geschenk, mein liebes Kind, ist natürlich für Dein Hochzeitskleid bestimmt.« Sie blieb einen Augenblick vor Verwunderung stumm und sah aus, als ob sie ihn nicht verstünde. Dann aber erheiterten sich ihre Züge von neuem, und ihre Lippen umspielte wieder das eigentümliche süße Lächeln, was er schon seit einigen Tagen an ihr bemerkt hatte. »Ach, es ist wahr! Meine Heirat!« Darauf wurde sie wieder ernst und fragte ihn: »Du willst mich also los werden, Du willst mich nicht mehr hier bei Dir behalten, da Du es Dir so angelegen sein läßt, mich zu verheiraten? Hältst Du mich denn immer noch für Deine Feindin?« Er fühlte die Qual von neuem nahen, er sah sie gar nicht mehr an, da er standhaft sein wollte. »Ohne Zweifel! Bist Du denn nicht meine Feindin? Wir haben während der letzten Monate so viel gelitten, der eine durch den andern! Es ist besser, wenn wir uns trennen! Und dann weiß ich ja auch gar nicht, was Du denkst! Du hast mir niemals die Antwort gegeben, die ich erwartete!« Vergebens suchte sie seine Augen. Sie schickte sich an, von jener schrecklichen Nacht zu sprechen, in der sie die Akten zusammen durchgelesen hatten. Es war richtig, in der Erschütterung ihres ganzen Wesens hatte sie ihm noch nicht gesagt, ob sie für ihn oder gegen ihn wäre. Er hatte das Recht, eine Antwort zu fordern. Sie ergriff seine Hände wieder; sie zwang ihn, sie anzusehen. »Und deswegen, weil ich Deine Feindin bin, schickst Du mich fort? Ich bin nicht Deine Feindin, ich bin Deine Sklavin, Dein Eigentum, Dein Werk ... Hörst Du? Ich bin mit Dir, ich bin für Dich, für Dich allein!« Er strahlte, ein Abglanz unendlicher Freude zeigte sich in seinen Augen. »Ja, ich werde diese Spitzen anlegen! Sie sollen mir in meiner Hochzeitsnacht dienen, denn ich will schön sein, sehr schön sein für Dich ... Aber Du hast mich noch immer nicht verstanden! Du bist mein Meister, Du bist es, den ich liebe ...« Bestürzt versuchte er ihr mit der Hand den Mund zu verschließen, aber vergebens! Sie vollendete ihren Satz: »Und Du bist es, den ich will!« »Nein, nein! Schweige, Du machst mich sonst noch wahnsinnig! Du bist mit einem andern verlobt. Du hast Dein Wort verpfändet; diese ganze Tollheit ist glücklicherweise unmöglich.« »Der andere! Ich habe ihn mit Dir verglichen und ich habe Dich gewählt ... Ich habe ihm den Abschied gegeben, er ist fortgegangen, er wird niemals wiederkommen ... Jetzt sind wir beide nur noch da, und Du bist es, den ich liebe, und Du liebst mich, ich weiß es bestimmt, und ich ergebe mich ...« Ein Zittern überflog seinen Körper, er wehrte sich schon nicht mehr, von dem glühenden Wunsche beseelt, sie zu umarmen, in ihr die ganze Zartheit und den ganzen Duft einer Frau in der Blüte einzuatmen. »O, nimm mich doch, denn ich ergebe mich!« Es war kein Fallen; das glorreiche Leben hob sie empor, in überfließender Freude gehörten sie sich an. Das große Zimmer mit seiner alten Ausstattung, das alles mit ansah, wurde dadurch mit hellem Glanze erfüllt. Weder Furcht, noch Schmerzen, noch Bedenken waren mehr vorhanden: sie waren frei, sie schenkte sich ihm, da sie ihn kannte, da sie ihn wollte, und er nahm das herrliche Geschenk ihres Körpers an wie ein unschätzbares Gut, das er durch die Gewalt seiner Liebe errungen hatte. Der Raum, die Zeit, der Altersunterschied waren verschwunden. Es blieb nur die unsterbliche Natur, die Leidenschaft, die besitzt und erschafft, das Glück, das leben will. Sie, geblendet und entzückt, hatte nichts als den leisen Schrei ihrer verlorenen Jungfräulichkeit, während er mit einem Seufzer des Entzückens sie fest umschlang und ihr dankte, daß sie aus ihm wieder einen Mann gemacht hatte, ohne daß sie es recht verstehen konnte. Pascal und Clotilde hielten sich in den Armen, jubelnd, in göttliche Freude und Verzückung versunken. Die Nachtluft war mild, und eine wollüstige Ruhe atmete die tiefe Stille rings umher. Stunde auf Stunde verfloß ihnen in dem beseligten Gefühle, die Freude zu genießen. Sie hatte ihm gleich ins Ohr geflüstert mit zärtlicher Stimme und langsamen Worten ohne Ende: »Meister! O, Meister, Meister!« Und dieses Wort, das sie sonst gewöhnlich gebrauchte, nahm in dieser Stunde eine tiefere und weitere Bedeutung an, gleich als ob es das Geschenk ihres ganzen Seins hätte ausdrücken wollen. Sie wiederholte es mit der heißen Dankbarkeit einer Frau, die wissend ist und sich ergibt. War das nicht die Niederlage des Mysteriums, der Sieg der Wirklichkeit, die Verherrlichung des Lebens im Bunde mit der endlich erkannten und endlich befriedigten Liebe? »Meister, Meister! Das reicht schon weit zurück, ich muß es Dir bekennen und erzählen ... Es ist wahr, ich ging in die Kirche, um glücklich zu sein. Das Unglück war, daß ich nicht glauben konnte: ich wollte zu viel verstehen, eure Dogmen empörten meine Vernunft, euer Paradies schien mir eine unwahrscheinliche Kinderei; indes glaubte ich, daß die Welt nicht bloß aus dem bestände, was wir mit unseren Sinnen wahrnehmen können, daß es noch eine ganze unbekannte Welt gäbe, der man auch Rechnung tragen müsse, und das, Meister, das glaube ich auch jetzt noch, das ist die Idee des Jenseits, die selbst das Glück, das ich endlich an Deinem Herzen gefunden habe, nicht verwischen wird ... Aber dieses Verlangen nach dem Glück, das Bedürfnis, sofort glücklich zu sein, eine Gewißheit zu haben, wie habe ich darunter gelitten! Wenn ich in die Kirche ging, so geschah es nur, weil mir etwas fehlte und weil ich es suchte. Meine Angst rührte von jenem unwiderstehlichen Verlangen her, meinen Wunsch erfüllt zu sehen ... Du wirst Dich vielleicht erinnern, wie Du von meinem unstillbaren Durst nach Einbildung und Lüge sprachest. Gedenkst Du noch jener Nacht auf dem großen freien Platze unter dem weiten gestirnten Himmelszelt? Ich fühlte Entsetzen vor Deiner Wissenschaft, ich wurde erzürnt über die Trümmer, mit denen sie den Erdboden besät, ich wandte mich schaudernd ab von den furchtbaren Wunden, die sie aufdeckt, und ich wollte Dich, Meister, in die Einsamkeit entführen, damit wir beide, fern von der Welt, in unwissender Verschlossenheit nur für Gott lebten ... Ach, welche Qual, Durst zu haben, sich herumzuquälen und doch niemals befriedigt zu werden!« Sanft, ohne ein Wort zu sagen, küßte er sie auf ihre beiden Augen. »Dann, Meister, Du wirst Dich doch erinnern,« fuhr sie mit einer Stimme fort, die leise wie ein Hauch war, »dann kam jener schwere moralische Schlag in der Gewitternacht, als Du mir die schreckliche Vorlesung über das Leben hieltest, indem Du mich in Deine Akten einweihtest. Du hattest mir schon immer gesagt: ›Lerne das Leben kennen, liebe es, sieh es so, wie es gelebt werden muß!‹ Aber welch ein entsetzlicher und unermeßlicher Strom, der, einem menschlichen Meere vergleichbar, dahinrollte und in der unbekannten Zukunft immer größer wurde ... Und siehst Du, Meister, das geheime Drängen und Treiben in mir, das stammt von daher. Von dort aus ist in meinem Herzen, in meinem Fleische die bittere Kraft der Wirklichkeit entstanden. Zuerst war ich ganz vernichtet, so gewaltig war der Schlag. Ich konnte mich gar nicht wiederfinden; ich beobachtete vollständiges Stillschweigen, da ich nichts Bestimmtes zu sagen hatte. Dann erfolgte nach und nach die Umgestaltung meines Ichs; noch einigemale empörte ich mich dagegen, meine Niederlage einzugestehen. Indes befestigte sich in mir mit jedem weiteren Tage die Wahrheit; ich fühlte deutlich, daß Du mein Herr warst, daß es für mich kein Glück ohne Dich gab, ohne Deine Wissenschaft und ohne Deine Güte. Du bist das Leben selbst, das duldende Leben ohne Beschränkung, indem Du alles sagst, alles annimmst, in Deiner einzigen Liebe für die Gesundheit und die Arbeit, indem Du an das Werk der Welt glaubst, indem Du den Sinn der Bestimmung in diese mühevolle Arbeit legst, die wir alle mit Leidenschaft vollbringen, indem wir eifrig darauf bedacht sind, zu leben, zu lieben und immer wieder und wieder das Leben erneuern trotz unserer Schandthaten und unseres Elends ... O, leben, leben, das ist die große Aufgabe, die fortgesetzte Arbeit, die eines Tages vollendet sein wird!« Immer noch stillschweigend, lächelte er und küßte sie auf den Mund. »Und, Meister, wenn ich Dich auch immer geliebt habe, schon seit den fernen Tagen meiner Kindheit, so ist es doch, wie ich glaube, jene schreckliche Nacht, in der Du mich gezeichnet hast, gewesen, die mich zu der Deinigen gemacht hat ... Du erinnerst Dich gewiß an jene heftige Umarmung, in der Du mich fast ersticktest. Eine Quetschung und einige Blutstropfen an der Schulter waren ihre Folge. Ich war halb nackt, Dein Körper war wie in den meinigen eingedrungen. Wir hatten mit einander gerungen, Du warst der Stärkere, und seitdem fühlte ich das Verlangen nach einer Stütze. Zuerst hielt ich mich für erniedrigt, dann aber sah ich, daß es nur eine unendlich süße Unterwerfung, ein unendlich leichtes Joch war. Immer fühlte ich Dich in mir. Schon von weitem ließ mich eine einfache Handbewegung von Dir erzittern, denn es schien mir, als ob sie mich leise berührt hätte. Ich hätte so gerne gemocht, daß mich Deine Arme wieder umfingen, daß sie mich an Dich preßten, bis daß ich für immer in Dir aufginge. Und ich ahnte es, ich wußte es, daß Dein Wunsch der gleiche war, daß die Gewalt, die mich zu der Deinigen gemacht hatte, Dich mir zu eigen gegeben, daß Du mit Dir rangest, um mich nicht, wenn ich an Dir vorüberging, an Dich zu reißen und für immer festzuhalten ... Schon damals, als ich Dich pflegte, während Du krank warst, beruhigte ich mich etwas, und das geschah von dem Augenblicke an, wo ich Dich verstand. Ich ging nicht mehr in die Kirche, denn ich fing an, bei Dir, in Deiner Nähe glücklich zu sein. Du wurdest für mich die Gewißheit ... Denke daran, wie ich Dir damals auf dem großen freien Platze zurief, daß etwas an unserer Zärtlichkeit fehle. Sie war inhaltslos, ich fühlte das lebhafte Bedürfnis, sie auszufüllen. Was konnte uns anders helfen, wenn es nicht Gott war, als das Recht, menschlich zu sein? Und es war in der That die alles bezwingende Macht, der vollständige Besitz, die Liebes- und Lebenslust.« Es war bei ihr jetzt nicht mehr ein verlegenes Herausstammeln der Worte; er lachte über ihr sieghaftes Hervorbrechen, und sie nahmen sich wieder in die Arme. Die ganze Nacht hindurch herrschte in dem vom Hauche des Glückes, der Jugend und der Leidenschaft erfüllten Zimmer die Seligkeit. Als der junge Tag erschien, öffneten sie weit die großen Fenster, damit der Frühling einziehen könne. Die befruchtende Aprilsonne stieg an dem weiten Himmelszelte empor in einer Reinheit sonder Makel, und die Erde, gehoben von dem geheimnisvollen Schwellen der Keime, stimmte ein frohes Hochzeitslied an. Zweiter Band. Achtes Kapitel. Es folgte dann eine Zeit seligen Besitzens, eine glückliche Idylle. Clotilde war der Frühling, der Pascal noch so spät beim Niedergange seines Lebens erblühte. Sie brachte ihm Sonnenschein und Blumen in ihrem hochzeitlichen Gewande mit, und diese Jugend schenkte sie ihm nach dreißig Jahren seiner schweren Arbeit, als er schon müde war und gebrochen von dem Hinabtauchen in die menschlichen Gebrechen. Er lebte wieder auf unter ihren großen, klaren Augen, in dem Hauche ihres reinen Atems. Und bei diesem ewigen Wiederbeginn war noch der Glaube an das Leben, an die Gesundheit, an die Kraft. An dem Morgen nach der Hochzeitsnacht kam Clotilde als die erste nicht früher denn um zehn Uhr aus dem Zimmer. Sie bemerkte die alte Martine wie angewurzelt mitten in dem Arbeitssaal stehen mit erregtem Gesichte. Am vorhergehenden Abend hatte der Doktor, als er dem jungen Mädchen gefolgt war, die Thüre offen stehen lassen, und die Haushälterin hatte soeben, nachdem sie ungehindert eingetreten war, entdeckt, daß sogar das Bett noch ganz unberührt da stand. Dann hatte sie mit Verwunderung vernommen, wie der Klang der Stimmen aus dem andern Zimmer herausdrang. Ihr Erstaunen war ein derartiges, daß sie davon ganz verwirrt wurde. Und Clotilde rief ihr heiter und strahlend vor Glück in einem Ausbruch außerordentlicher Fröhlichkeit, der sie ganz mit sich fortriß, zu: »Martine, ich gehe nicht fort! Der Meister und ich, wir haben uns geheiratet!« Bei diesen Worten taumelte die alte Haushälterin entsetzt zurück. Ein furchtbarer Schrecken, ein tiefer Schmerz ließ ihr altes, abgelebtes Gesicht erbleichen in nonnenhafter Entsagung unter ihren weißen Haaren. Sie äußerte kein Wort, sie drehte sich einfach um und ging hinunter, wo sie in einer Ecke der Küche fassungslos zusammenbrach und, die Arme auf den Hackklotz gelegt, zwischen ihren gefalteten Händen angstvoll stöhnte und weinte. Clotilde war ihr beunruhigt und trostlos gefolgt und versuchte, ihr die Sache begreiflich zu machen und sie zu trösten. »Aber bist Du denn toll? Was faßt Dich denn an? Der Meister und ich, wir werden Dich ebenso lieb wie bisher haben und Dich immer bei uns behalten ... Du wirst gewiß nicht unglücklich sein, weil wir uns geheiratet haben. Im Gegenteil, das Haus wird jetzt vom Morgen bis zum Abend von Lust und Fröhlichkeit widerhallen.« Aber Martine jammerte nur immer stärker und trostloser. »So antworte mir doch wenigstens! Sage mir, warum Du betrübt bist und warum Du weinst! Es macht Dir also kein Vergnügen zu wissen, daß der Meister so glücklich ist, so sehr glücklich! Ich werde ihn rufen, den Meister, und er wird Dich schon zwingen, eine Antwort zu geben.« Auf diese Drohung sprang die alte Haushälterin sofort auf und eilte in ihre Kammer, die sich in die Küche öffnete; und sie warf die Thüre wütend und heftig zu und schloß sich ein. Vergebens rief, klopfte und suchte Clotilde auf alle mögliche Weise eine Antwort zu erhalten. Auf den Lärm hin kam Pascal endlich herunter. »Nun, was gibt es denn?« »Ach, dieser Starrkopf, die alte Martine! Denke Dir nur, sie fing an zu jammern und zu weinen, als sie unser Glück erfahren hatte. Jetzt hat sie sich in ihrem Zimmer verbarrikadirt und gibt keinen Laut von sich .« Sie rührte sich in der That nicht. Pascal rief und klopfte nun seinerseits. Bald wurde er hitzig, bald bat er. Dann fingen sie, eines nach dem andern, von neuem an. Aber keine Antwort erfolgte, Totenstille herrschte in dem kleinen Räume. Und er sah sie vor sich, diese kleine Kammer in ihrer übertriebenen Sauberkeit mit dem Waschtisch und dem harten, von weißen Vorhängen umrahmten Bett. Ohne Zweifel hatte sich die alte Haushälterin auf dieses Bett, in dem sie ihr ganzes langes Leben hindurch allein geschlafen, geworfen und ihr Gesicht in das Kopfkissen vergraben, um ihre Seufzer zu ersticken. »Ah, um so schlimmer für sie, daß sie schmollt!« sagte endlich Clotilde in dem Egoismus ihrer Freude. Dann reichte sie Pascal ihre beiden warmen Hände und hob das reizende Gesicht, aus dem noch das ganze heiße, leidenschaftliche Verlangen sich hinzugeben, sein Eigentum zu sein, sprach, zu ihm empor: »Du weißt noch nicht, Meister, daß ich es bin, die Dich heute bedienen wird.« Er küßte sie in dankbarer Rührung auf die Augen, und sofort machte sie sich daran, das Frühstück zu bereiten, und brachte dabei die ganze Küche in Unordnung. Sie hatte eine große blaue Schürze umgebunden; sie sah reizend aus, wie zu einer großen Arbeit hatte sie die Aermel weit zurückgeschlagen, so daß ihre zarten Arme sichtbar waren. Koteletten waren schon zurecht gemacht, die sie ordentlich braten ließ. Sie fügte noch Rühreier hinzu, und auch die Bratkartoffeln gelangen ihr vortrefflich. Es war ein ausgezeichnetes Frühstück, das wohl zwanzigmal durch ihren Eifer unterbrochen wurde. Bald eilte sie hinaus, um Brot zu holen oder Wasser, bald brachte sie noch eine vergessene Gabel herbei. Wenn er es geduldet hätte, so würde sie niedergekniet sein, um ihn zu bedienen. Ah, wie herrlich war es, allein zu sein, nur zu zweien in diesem großen, angenehmen Hause zu leben, fern von der Welt, und die Freiheit zu haben, zu lachen und sich in friedlicher Stille lieben zu können! Den ganzen Nachmittag beschäftigten sie sich mit der Haushaltung; sie fegten aus, sie machten das Bett. Er hatte ihr dabei helfen wollen. Es war ein lustiges Spiel, und sie amüsirten sich dabei wie zwei lachende Kinder. Von Zeit zu Zeit gingen sie indessen wieder einmal an die Thüre der alten Martine und klopften. Es war zu toll! Sie würde doch nicht etwa gar die Absicht haben, Hungers zu sterben! Hatte man wohl schon jemals einen solchen thörichten Eigensinn gesehen, wo doch niemand ihr etwas gethan oder gesagt hatte? Aber das Klopfen tönte immer dumpf wieder in der Totenstille des Zimmers. Als der Abend niedersank, mußten sie sich wieder ihr Essen selbst zubereiten, das sie dann, dicht an einander geschmiegt, von demselben Teller verzehrten. Bevor sie zu Bett gingen, machten sie noch einen letzten Versuch bei der alten Martine und drohten, die Thür aufzubrechen, ohne daß ihr Ohr, das sie an das Schlüsselloch gelegt hatten, auch nur das leiseste Geräusch vernahm. Und als sie am folgenden Morgen nach dem Aufstehen herunterkamen, bemächtigte sich ihrer eine ernstliche Unruhe, als sie bemerkten, daß noch alles beim alten geblieben, die Thüre noch immer hermetisch verschlossen war. Es waren jetzt schon vierundzwanzig Stunden, daß die alte Haushälterin kein Lebenszeichen von sich gegeben hatte. Als sie dann wieder in die Küche traten, aus der sie sich für einen Augenblick entfernt hatten, blieben Pascal und Clotilde vor Verwunderung wie angewurzelt stehen, da sie die alte Martine an ihrem Tische sitzend fanden, damit beschäftigt, den Ampfer für das Frühstück auszuputzen. Sie hatte ganz geräuschlos ihren Platz als Dienerin wieder eingenommen. »Aber was hast Du denn eigentlich nur gehabt?« rief Clotilde. »Willst Du jetzt endlich sprechen?« Sie hob ihr trauriges, vom Weinen verwüstetes Gesicht empor. Trotzdem lag eine gewisse Ruhe darüber ausgebreitet, und man sah darin nur das mürrische Alter in seiner Resignation. Mit einem unendlich vorwurfsvollen Blicke sah sie das junge Mädchen an. Dann beugte sie den Kopf wieder auf ihre Arbeit nieder, ohne ein einziges Wort zu sagen. »Du bist also über uns erzürnt?« Und da sie noch immer schwieg, mischte sich jetzt Pascal hinein. »Du zürnst uns, meine gute Martine?« Da sah die alte Haushälterin ihn an mit der gleichen Verehrung wie früher, als ob sie ihn lieb genug hätte, um alles zu tragen und trotz allem zu bleiben. Und endlich sagte sie: »Nein, ich zürne niemand ... Der Meister ist frei, und alles ist gut und recht, wenn er zufrieden ist.« Seitdem kam das neue Leben in Gang. Die fünfundzwanzig Jahre Clotildens, die so lange kindlich geblieben war, entfalteten sich jetzt zu einer vollen, herrlichen Liebesblume. Seitdem ihr Herz angefangen hatte, stürmisch zu klopfen, hatte der kluge junge Bursch, der sie bis jetzt gewesen war mit ihrem runden Kopfe und ihren kurzen lockigen Haaren, einer anbetungswürdigen Frau Platz gemacht, die ganz Weib war, die es liebt, geliebt zu werden. Ihr großer Reiz besaß trotz ihrer Gelehrsamkeit, die sie sich aufs Geratewohl durch ihre Lektüre angeeignet, noch ganz die jungfräuliche Naivität, als wenn ihr unbewußtes Verlangen nach Liebe sie das Geschenk ihres ganzen Seins, ihr völliges Aufgehen in dem Manne, den sie lieben würde, hatte aufbewahren lassen. Sie hatte sich gewiß ebenso aus Dankbarkeit und aus Bewunderung hingegeben wie aus Zärtlichkeit; sie war glücklich, ihn glücklich zu machen, und empfand eine herzliche Freude darüber, daß sie wie ein kleines Kind sich in seine Arme schmiegen konnte, daß sie für ihn ein Etwas war, das er anbetete, ein kostbares Gut, das er auf seinen Knieen küßte in überschwenglicher Verehrung. Von ihrer früheren Frömmigkeit war ihr noch die gläubige Hingabe in die Hände eines bejahrten und allmächtigen Meisters geblieben, aus dem sie ihren Trost und ihre Kraft schöpfte, indem sie sich über die sinnliche Wahrnehmung hinaus den frommen Schauer der gläubigen Seele bewahrte, die sie einst gewesen war. Aber vor allem bot sie in ihrer Liebesleidenschaft, so ganz Weib und so ohnmächtig, den köstlichen Fall, gesund und lustig zu sein, indem sie mit gutem Appetit aß, indem sie ein wenig von der Tapferkeit ihres Großvaters, des alten Soldaten, in sich trug und das Haus erfüllte mit dem frischen Dufte ihrer Haut und es belebte durch die biegsamen Bewegungen ihrer Glieder, durch die Grazie ihrer schlanken Gestalt, ihres schönen Halses, kurz durch ihren ganzen, lebenswarmen, göttergleichen Körper. Und Pascal selbst war in der Liebe wieder schön geworden, von jener ernsten, reinen Schönheit eines Mannes, der sich unter seinen weißen Haaren die volle Manneskraft erhalten hatte. Sein Gesicht zeigte nicht mehr den schmerzlichen Ausdruck der Monate voller Kummer und Leid, die er soeben durchlebt hatte; er gewann seine gute Figur wieder, seine großen, lebhaften Augen, die noch so jugendlich ins Leben blickten, seine feinen Züge, aus denen die Güte lachte, während seine weißen Haare und sein weißer Bart immer dichter wurden und üppiger wie eine Löwenmähne, deren schneeige Wellen ihn verjüngten. Er hatte sich lange so gehalten in seinem Einsiedlerleben als fleißiger Arbeiter, frei von Lastern und Ausschweifungen, so daß er jetzt seine ganze, unbefriedigt gelassene Manneskraft wieder erwachen fühlte, und jetzt hatte er Eile, sie endlich zufrieden zu stellen. Dieses Erwachen versetzte ihn in einen wahren Taumel, das jugendliche Feuer brach sich Bahn in Bewegungen, in Ausrufen, in dem fortwährenden Bedürfnis, seine Kräfte zu vergeuden und zu leben. Alles wurde ihm wieder neu und reizend, das kleinste Stückchen des weiten Horizontes versetzte ihn in die höchste Verwunderung, und bei der einfachsten Blume brach er in lautes Entzücken über ihren Duft aus, ein alltägliches Wort der Zärtlichkeit, abgeschwächt durch den häufigen Gebrauch, rührte ihn bis zu Thränen wie eine ganz neue Erfindung des Herzens, die noch nicht von Millionen von Lippen entweiht worden war. Das »Ich liebe Dich« von Clotilde war für ihn ein so unendlich süßes Liebeswort, dessen überirdische Bedeutung niemand auf der Welt kannte und empfand, außer er ganz allein. Und mit der Gesundheit, mit der Schönheit lehrte in ihn auch der Frohsinn zurück, jener ruhige Frohsinn, den er früher seiner Liebe zum Leben verdankte und der jetzt seine Leidenschaft verklärte, und ebenso alle die Vernunftgründe, die ihn das bessere Leben wiederfinden ließen. Sie beide, die Jugend in voller Kraft und die Kraft in voller Reife, beide so gesund, so froh und so glücklich, bildeten ein von Seligkeit strahlendes Paar. Während eines ganzen langen Monats schlossen sie sich ein, sie verließen nicht ein einzigesmal die Souleiade. Zuerst genügte ihnen sogar nur das Zimmer, jenes mit einem alten, mürbe gewordenen, gedruckten Kattunstoff von Hochorangefarbe austapezirte Zimmer mit seinen Möbeln im Empirestil, seinem gewaltigen, steifen Lehnstuhle und dem hohen, monumentalen Stehspiegel. Sie betrachteten mit Vergnügen die Pendule, auf der, an einen Stein von vergoldeter Bronze gelehnt, der lächelnde Amor auf die schlummernde Zeit herabblickte. War das nicht eine Anspielung? Sie scherzten zuweilen darüber. Es herrschte eine freundschaftliche Anhänglichkeit zwischen ihnen und den unbedeutendsten Gegenständen, jenem so traulichen, alten Trödelkram in diesem Zimmer, in dem schon andere vor ihnen geliebt hatten und in dem sie selbst zu dieser Stunde ihren Liebesfrühling verlebten. Eines Abends hatte sie in dem hohen Stehspiegel, wie sie versicherte, eine sehr hübsche Dame gesehen, die sich entkleidete, die sie aber gewiß nicht selbst gewesen war. Sie legte in ihrem Drange nach allem Phantastischen dieser Erscheinung viel Wert bei; auch sie würde einstmals nach hundert Jahren einer andern Verliebten am Abend vor einer seligen Nacht in dieser Weise erscheinen. Er verehrte in seinem Entzücken dieses Zimmer, in dem er sie überall wiederfand, selbst in der Luft, die er darin atmete. Und er lebte jetzt ganz darin, er bewohnte jetzt nicht mehr sein eigenes, düsteres und eiskaltes Zimmer, aus dem er sich beeilte, so schnell wie möglich wieder herauszukommen wie aus einem dumpfigen Keller, in den seltenen Fällen, wo er es schaudernd betreten mußte. Dann wurde der große Arbeitssaal der Raum, in dem sie sich mit Vorliebe aufhielten; er war voll von ihren Gewohnheiten und der Vergangenheit ihrer Liebe. Sie blieben den ganzen Tag über darin, aber arbeiteten dennoch gar nichts. Der große Schrank aus Eichenholz ruhte in Frieden, seine Thüren waren geschlossen. Ebenso verhielt es sich mit den Bücherschränken. Auf den Tischen lagen Papiere und Bücher in Menge herum, ohne daß man daran dachte, sie wegzuräumen. Wie junge Ehegatten lebten sie einzig und allein ihrer Leidenschaft, ohne Berücksichtigung ihrer früheren Beschäftigungen, ohne Berücksichtigung des Lebens. Die Stunden schienen ihnen zu kurz zu sein, um den Reiz des Beisammenseins recht genießen zu können. Oft saßen sie dicht aneinander geschmiegt auf dem großen alten Lehnstuhle und freuten sich über die Schönheit des hohen Plafonds, über dieses ihnen ganz gehörige Gebiet, ohne Luxus und ohne Ordnung, erfüllt von Dingen, die ihnen lieb waren, vom Morgen bis zum Abend in froher Stimmung infolge der zunehmenden Wärme der Aprilsonne. Als er, von Gewissensbissen geplagt, einmal wieder anfing, vom Arbeiten zu sprechen, umschlang sie ihn mit ihren biegsamen Armen und hielt ihn lachend fest, da sie nicht wollte, daß er sich durch zu vieles Arbeiten wieder krank machte. Und unten, da liebten sie in gleicher Weise den Speisesaal, der so freundlich aussah mit seinen hellen, durch blaue Randleisten verzierten Wänden, mit seinen Möbeln aus altem Mahagoniholz, seinen großen Blumenpastellen und mit seinem Kronleuchter aus Kupfer, der immer glänzend geputzt war. Sie aßen dort mit gutem Appetit und verließen ihn nach jeder Mahlzeit nur, um wieder in ihre geliebte Einsamkeit hinaufzusteigen. Dann später, als ihnen das Haus zu klein schien, hatten sie den Garten, die ganze Souleiade. Der Frühling stieg mit der Sonne, und der April fing an seinem Ende an, die Rosen aufblühen zu lassen. Und welche Freude bot dieses Besitztum, welches so gut mit Mauern abgeschlossen war, daß nichts von außerhalb sie stören konnte! Da saßen sie oft lange, in ihre Träumereien verloren, auf der Terrasse im Angesichte des ungeheuren Horizontes und blickten hinab auf den schattigen Lauf der Viorne und die Hügel von Sainte-Marthe, von den Felsenwänden der Seille bis zu den fernen Staubmassen des Thales von Plassans. Sie hatten dort keinen andern Schatten als den der beiden hundertjährigen Cypressen, die an den beiden Enden der Terrasse standen, wie zwei riesige grüne Wachskerzen, die man drei Meilen weit sehen konnte. Zuweilen stiegen sie den Abhang hinab, um das Vergnügen zu haben, die Riesenstaffeln wieder hinaufklettern zu können, wobei sie auch die kleinen, ohne Mörtel errichteten Mauern, die das Erdreich festhielten, erklommen, um nachzusehen, ob die dürftigen Oliven- und die elenden Mandelbäume Blüten trieben. Oefter auch machten sie köstliche Spaziergänge unter den feinen Nadeln des Fichtenwaldes, die alle bei den heißen Strahlen der Sonne einen betäubenden Harzgeruch ausatmeten. Ohne Unterbrechung wandelten sie die Wege auf und ab, an der Umfassungsmauer entlang, hinter der man nur von Zeit zu Zeit das knarrende Geräusch der Räder eines Wagens in dem Engweg von Fenouillères vernahm. Dann machten sie einen genußreichen Halt auf dem großen, freien Platze, der einstmals als Tenne gedient hatte. Dort sah man den ganzen Himmel, und sie liebten es, sich auf dem Boden ausgestreckt hinzulegen in der wehmütigen Erinnerung an ihre Thränen von einstmals, als ihre Liebe, ihnen selbst noch unbewußt, unter dem sternbesäten Firmament heiße Kämpfe ausfocht. Aber ihr bevorzugter Aufenthaltsort, zu dem sie schließlich immer nach den Spaziergängen ihre Zuflucht nahmen, das war der dichte Schatten der fünf Platanen, der sich damals mit einem zarten Grün färbte, einem Schleier ähnlich. Darunter bildeten die hohen Buchsbaumsträuche, die alten Wegeinfassungen des verschwundenen französischen Gartens eine Art Labyrinth, dessen Ende sie niemals fanden. Und der Wasserfaden der Fontäne, der ewige und reine zitternde Kristallstrahl, schien ihnen in ihren Herzen zu singen. Sie blieben dort sitzen in der Nähe des moosbewachsenen Bassins, sie ließen die Dämmerung hereinbrechen und sich nach und nach von dem schwarzen Schatten der Bäume einhüllen, Hand in Hand und Lipp' auf Lippe, während das Wasser, das sie nicht mehr sahen, seinen flötenartigen Gesang ohne Aufhören fortsetzte. Bis Mitte Mai lebten Pascal und Clotilde so in stiller Abgeschlossenheit, ohne selbst die Schwelle ihres Zufluchtsortes zu überschreiten. Eines Morgens, als sie sich im Bette verspätet hatte, verschwand er und kam erst nach einer Stunde wieder; und als er sie noch im Bett vorfand, in reizender Unordnung mit nackten Armen und nackten Schultern, steckte er ihr zwei Brillanten in die Ohrläppchen, die er soeben in aller Eile gekauft hatte, da er sich erinnerte, daß der Jahrestag ihrer Geburt auf diesen Tag fiel. Sie liebte Schmucksachen, sie war überrascht und entzückt, sie wollte gar nicht mehr aufstehen, so schön fand sie sich in ihrer leichten Kleidung mit diesen Sternen an dem Rande ihrer Wangen. Von diesem Tage an verging fast keine Woche, ohne daß er nicht ein- bis zweimal auf diese Art am Morgen verschwand, um stets irgend ein Geschenk bei seiner Rückkehr mitzubringen. Der geringste Vorwand war ihm dazu gut, ein Fest, ein Wunsch, eine einfache Freude. Er benützte diese Stunden der Trägheit und richtete es immer so ein, daß er wieder zurück war, bevor sie aufstand, damit er sie noch im Bett mit seinem Geschenk schmücken konnte. So erhielt sie nach und nach Ringe, Armspangen, Halsketten und ein zartes Diadem. Er holte stets auch die anderen Schmuckgegenstände herbei und machte sich ein Vergnügen daraus, sie ihr alle anzulegen unter Scherzen und Lachen beiderseits. Sie sah wie ein Götterbild aus; den Rücken gegen das Kopfkissen gelehnt, saß sie im Bette aufrecht da, beladen mit Gold: in ihren Haaren trug sie einen goldenen Reifen, Gold um ihre nackten Arme, Gold um ihren nackten Hals; ihre göttergleiche Nacktheit war von Gold und Edelsteinen überrieselt. Ihre weibliche Koketterie fühlte sich dadurch angenehm befriedigt; sie ließ sich auf den Knieen anbeten, indem sie sehr wohl fühlte, daß dies nur eine gesteigerte Form der Liebe war. Dennoch fing sie an, ihn ein wenig zu schelten und ihm weise Vorstellungen zu machen; denn im Grunde waren diese Geschenke sehr thöricht, da sie sie ja dann doch in den Schrank einschließen mußte, ohne sie jemals zu benützen, weil sie nirgends hinging. Sie gerieten in Vergessenheit nach der Stunde der Befriedigung und Anerkennung, die sie ihnen in ihrer Neuheit verschafft hatten. Aber er hörte nicht auf sie, da ihn eine wahre Schenkwut ergriffen hatte; er war vollständig unfähig, dem Drange zu widerstehen, einen Gegenstand zu kaufen, sobald ihm einmal der Gedanke gekommen war, ihr damit ein Geschenk zu machen. Es war eine Freigebigkeit des Herzens, das gebieterische Verlangen, ihr zu beweisen, daß er immer an sie dachte, ein Stolz, sie als die herrlichste, als die glücklichste, als die am meisten beneidete zu sehen; es lag in dieser Schenkwut endlich noch ein tieferes Gefühl, welches ihn dazu trieb, sich zu berauben und weder sein Geld, noch seinen Körper, noch sein Leben zu schonen. Und dann, welches Entzücken, wenn er glaubte, ihr ein wirkliches Vergnügen dadurch bereitet zu haben, wenn er sah, wie sie sich ihm an den Hals warf und ihm tief errötend durch viele heiße Küsse ihren Dank abstattete! Nach den Schmucksachen kamen Kleider und sonstige Putz- und Toilettegegenstände an die Reihe. Eines Morgens mußte sie sich sehr ärgern. Er hatte ihr einen neuen Ring mitgebracht. »Aber ich trage sie ja niemals! Und sieh, wenn ich sie alle anstecken wollte, dann würden meine Finger bis vorn an die Spitzen voller Ringe sein! Ich bitte Dich, sei vernünftig!« Er war ganz bestürzt. »So habe ich Dir damit kein Vergnügen gemacht?« Sie mußte ihn in ihre Arme nehmen und ihm schwören, während ihr die Thränen in den Augen standen, daß sie sehr glücklich wäre. Er zeigte sich so gut, er machte sich nur ihretwegen diese großen Kosten! Und als er an demselben Morgen davon zu sprechen wagte, er wolle das Zimmer neu herrichten, die Wände mit Stoff tapeziren und auf den Fußboden einen Teppich legen lassen, da bat sie ihn von neuem: »O nein, nein! Bitte, nicht! Rühre nicht an mein altes Zimmer, das ganz voll von Erinnerungen ist, in dem ich groß geworden bin und in dem wir uns geliebt haben! Es würde mir vorkommen, als wenn wir nicht mehr zu Hause wären!« In dem Hause verurteilte das eigensinnige Stillschweigen der alten Martine diese übertriebenen und unnötigen Ausgaben. Sie hatte eine weniger vertrauliche Haltung angenommen, als wenn sie seit der neuen Gestaltung der Dinge aus der Rolle einer Freundin und Stütze wieder in die alte Stellung eines einfachen Dienstboten zurückgesunken wäre. Namentlich Clotilde gegenüber hatte sie sich sehr verändert; sie behandelte sie wie eine junge Dame, wie eine Herrin, die man zwar weniger liebt, der man aber mehr gehorcht. Wenn sie das Schlafzimmer betrat, wenn sie sie beide im Bette bediente, so bewahrte ihr Gesicht seinen Ausdruck ergebener Unterwürfigkeit; sie betete zwar immer noch ihren Herrn an, war aber im übrigen gleichgültig. Zwei- oder dreimal erschien sie trotzdem am Morgen mit einem verstörten, in Thränen gebadeten Gesicht; ohne direkt auf die an sie gestellten Fragen zu antworten, sagte sie, es wäre gar nichts weiter, sie hätte sich nur etwas erkältet. Und sie machte niemals irgend eine Bemerkung über die Geschenke, mit denen sich die Schubladen anfüllten, ja, sie schien sie nicht einmal zu sehen, sie putzte sie und ordnete sie ohne ein Wort der Bewunderung oder des Tadels. Allein ihre ganze Person empörte sich gegen diese unsinnige Schenkwut, die ihr nicht in den Kopf wollte. Sie protestirte dagegen auf ihre Weise, indem sie ihre Sparsamkeit noch steigerte, die Kosten für die Haushaltung beschränkte und diese so streng und genau führte, daß sie das Mittel fand, selbst an den niedrigsten Ausgaben noch etwas abzuziehen. So nahm sie täglich ein Drittel Milch weniger und machte nur noch am Sonntag eine süße Zwischenspeise. Pascal und Clotilde wagten nicht, sich darüber zu beklagen, sondern lachten nur unter sich über diesen argen Geiz und fingen wieder mit ihren Spöttereien an, mit denen sie sich schon seit zehn Jahren vergnügten, indem sie sich erzählten, die alte Martine ließ die Gemüse, wenn sie Butter daran thäte, in einem Seiher dämpfen, damit sie die durchlaufende Butter unten wieder sammeln könnte. Am Schlusse des Vierteljahres wollte sie diesmal Rechnung ablegen. Gewöhnlich ging sie selbst zu dem Notar Grandguillot und holte sich alle drei Monate die fünfzehnhundert Franken Zinsen, die sie dann nach ihrem Gutdünken verwendete, indem sie die Ausgaben in ein Buch einschrieb, welches der Doktor schon seit Jahren nicht mehr nachgesehen hatte. Diesmal brachte sie es ihm und forderte ihn auf, einen Blick hineinzuwerfen. Er wehrte sich dagegen und sagte, er fände alles richtig. »Es geschieht nur, Herr Doktor,« sagte sie, »weil ich diesmal Geld beiseite legen kann, ja, dreihundert Franken ... Hier sind sie.« Er sah sie etwas verwundert an. Für gewöhnlich glichen sich die beiden Seiten, die Einnahmen und die Ausgaben, gerade aus. Durch welches Wunder von Knauserei hatte sie es fertig gebracht, diesmal eine solche Summe zu ersparen? Er fing endlich an zu lachen. »Ah, meine arme Martine, deswegen also haben wir so viele Kartoffeln zu essen bekommen! Du bist ein Wunder von Sparsamkeit, aber wirklich, Du könntest uns schon etwas mehr verwöhnen.« Dieser versteckte Tadel verletzte sie so tief, daß sie sich zu einer Anspielung verleiten ließ. »Nun wahrhaftig, Herr Doktor! Wenn auf der einen Seite so viel Geld zum Fenster hinausgeworfen wird, so thut man gut daran, auf der andern Seite vernünftig zu sein.« Er verstand sie, wurde aber deswegen doch nicht böse, sondern amüsirte sich im Gegenteil über die Lektion. »Aha! Meine Ausgaben sind es also, die Du genau kontrollirst! Aber Du weißt doch, Martine, daß auch ich Ersparnisse habe, die unbenutzt da liegen!« Er sprach von dem Gelde, das seine Patienten ihm zuweilen noch gaben und das er in eine Schublade seines Schreibtisches warf. Seit mehr als sechzehn Jahren legte er auf diese Weise jedes Jahr mehr als viertausend Franken hinein, und es würde sich schließlich dort wirklich ein kleiner Schatz von Gold und Scheinen in buntem Durcheinander angesammelt haben, wenn er nicht von Zeit zu Zeit, ohne zu rechnen, große Summen für seine Experimente und Einfälle davon weggenommen hätte. Alles Geld für die Geschenke kam aus dieser Schublade; er öffnete sie jetzt ohne Unterbrechung immer wieder. Uebrigens hielt er sie für unerschöpflich und hatte sich so daran gewöhnt, daraus zu entnehmen, was er nötig hatte, daß ihm die Furcht gar nicht kam, er könne jemals darin auf den Grund kommen. »Man kann gut etwas von seinen Ersparnissen verwenden,« fuhr er heiter fort. »Da Du es bist, Martine, die immer zu dem Notar geht, so wirst Du ja auch ganz genau wissen, daß ich auch noch die Zinsen von meinem Vermögen habe.« Darauf sagte sie mit der leisen Stimme der Geizigen, die immer von dem Schreckensbild eines drohenden Unglücks verfolgt werden: »Und wenn Sie sie nun nicht mehr hätten?« Pascal sah sie ganz verblüfft an und begnügte sich, ihr durch eine abweisende Geste zu antworten, denn die Möglichkeit eines Unglücks kam ihm gar nicht in den Sinn. Er glaubte, daß der Geiz der alten Martine den Kopf verdreht hätte, und machte sich am Abend darüber mit Clotilde lustig. In Plassans bildeten die Geschenke natürlich auch einen willkommenen Stoff zu Klatschereien ohne Ende. Was auf der Souleiade vor sich ging, diese so heiße und eigentümliche Liebesleidenschaft, war ruchbar geworden; die Kunde davon hatte die Mauern überschritten, man wußte nicht genau wie, infolge der Ausbreitungskraft, die die Neugierde in den kleinen Städten nährt und immer wach erhält. Die alte Haushälterin sagte gewiß nichts, aber ihr Gesicht genügte vielleicht; Gerüchte schwirrten umher, man hatte die beiden Liebenden ohne Zweifel über die Mauer hinweg beobachtet und belauscht. Und der Kauf der Geschenke war dann noch hinzugekommen und hatte alles bewiesen, alles erhärtet. Wenn der Doktor am frühen Morgen durch die Straßen schritt und bei den Juwelieren, den Weißwarenhändlern und Modisten eintrat, dann richteten sich die Augen aus allen Fenstern auf ihn, seine unbedeutendsten Einkäufe wurden ausspionirt, und schon am Abend wußte es die ganze Stadt, daß er ihr wieder ein seidenes Kopftuch, mit Spitzen besetzte Hemden oder ein Armband mit Saphiren zum Geschenk gemacht hatte. Die Sache wurde endlich zum Skandal, dieser alte Onkel, der seine Nichte verführt hatte, der ihretwegen Thorheiten beging wie ein junger Mensch und sie wie die heilige Jungfrau schmückte. Die wunderbarsten Geschichten singen an zu zirkulären, und man zeigte sich beim Vorübergehen die Souleiade mit dem Finger. Vor allen war es die alte Frau Rougon, die furchtbar in Zorn geriet. Sie hatte es aufgegeben, ihren Sohn zu besuchen, seitdem sie erfahren hatte, daß aus der Heirat Clotitdens mit Doktor Ramond nichts wurde. Man machte sich über sie lustig und ging auf keinen ihrer Wünsche ein. Nachdem dann ein Monat seit dem Bruche vorübergegangen war, in dessen Verlaufe sie nichts von den mitleidigen Mienen und den versteckten Beileidsbezeugungen bemerkt hatte, sollte sie jetzt plötzlich alles erfahren, ein Blitzstrahl aus heiterem Himmel. Und sie, die seit der Krankheit Pascals in fortwährender Angst schwebte, daß ihre Familie nicht wieder zum Stadtgespräch werden sollte, hatte in ihrem verletzten Stolze getobt! Das war diesmal sehr schlimm, der Höhepunkt des Skandals, über den man sich die Kehlen heiser reden würde! Von neuem war der Ruf der Rougons in Gefahr; ihr unglücklicher Sohn wußte entschieden nur Dinge anzustellen, die den so mühsam erworbenen Ruhm der Familie vernichteten. In zorniger Aufregung ergriff sie, die sich zur Hüterin dieses Ruhmes gemacht hatte, die entschlossen war, mit allen Mitteln den Ruf der Familie rein zu erhalten, ihren Hut und eilte hinaus auf die Souleiade mit der jugendlichen Lebhaftigkeit ihrer achtzig Jahre. Es war um zehn Uhr morgens. Pascal, der sich über den Bruch mit seiner Mutter freute, war glücklicherweise nicht anwesend, da er sich seit einer Stunde auf der Suche nach einer alten silbernen Schnalle befand, die er zu einein Gürtel verwenden wollte. Und Felicité traf Clotilde an, die, gerade mit der Beendigung ihrer Toilette beschäftigt, noch im Unterrocke war, mit aufgelösten Haaren frisch und heiter wie eine Rose. Der erste Zusammenstoß war heftig. Die alte Dame schüttete ihr ganzes Herz aus; sie war auf das tiefste empört und sprach in leidenschaftlicher Erregung von der Religion und der Moral. Endlich schloß sie: »Antworte mir! Warum habt ihr diese schreckliche Geschichte angestellt, die eine Herausforderung Gottes und der Menschen ist?« Lächelnd, aber sonst sehr respektvoll hatte das junge Mädchen sie angehört. »Weil es uns so gefallen hat, Großmama. Sind wir nicht frei? Wir sind keinem Menschen verpflichtet.« »Ihr habt keine Pflichten! Also auch nicht gegen mich, gegen unsere Familie? Das ist wieder eine günstige Gelegenheit, uns in den Schmutz zu ziehen! Und glaubst Du vielleicht, daß mir das Vergnügen machen soll?« Mit einemmale legte sich jedoch ihre Aufregung. Sie sah das junge Mädchen an und fand es anbetungswert. Im Grunde genommen überraschte sie das, was vorgefallen war, nicht besonders; sie spottete darüber und hatte nur den begreiflichen Wunsch, daß die Geschichte auf eine anständige Art und Weise schließen möchte, damit die bösen Zungen zum Schweigen gebracht würden. Und in versöhnlicher Stimmung rief sie: »Dann heiratet! Warum heiratet ihr denn nicht?« Clotilde blieb einen Augenblick vor Verwunderung stumm. Weder sie noch der Doktor hatten an die Heirat gedacht. Sie fing wieder an zu lachen. »Werden wir dadurch glücklicher sein, Großmama?« »Es handelt sich nicht um euch, es handelt sich auch diesmal wieder um mich und um alle die Unseren ... Wie kannst Du, mein liebes Kind, mit solch heiligen Dingen Scherz treiben? Hast Du denn Deine Scham verloren?« Aber das junge Mädchen empörte sich nicht, sondern blieb immer sanft und machte eine Bewegung mit der Hand, wie um auszudrücken, daß sie sich ihres Vergehens nicht zu schämen brauche. Ach, mein Gott, wenn das Leben wirklich so viel Verderbtheit und Schwachheit mit sich führte unter dem leuchtenden Himmelszelte, was hätten sie dann Uebles gethan, wenn sie sich das große Glück bereitet hätten, einer dem andern anzugehören? Uebrigens blieb sie nicht eigensinnig bei ihrem Widerstände. »Wir werden uns ohne Zweifel heiraten, da Du es wünschest, Großmama. Er wird thun, was ich will ... Aber später, es eilt nicht.« Und sie bewahrte ihre heitere Ruhe. Da sie außerhalb der Welt lebten, warum sollten sie sich denn wegen der Welt beunruhigen? Die alte Frau Rougon mußte sich mit dieser leeren Versprechung zufrieden geben und ging endlich fort. Von diesem Augenblicke ab gab sie sich den Anschein, als ob sie allen Verkehr mit der Souleiade, diesem Orte der Verderbnis und der Schande, abgebrochen hätte. Sie setzte niemals wieder den Fuß über die Schwelle ihres Sohnes und trug in edler Ergebung Trauer wegen dieser neuen Heimsuchung. Sie beruhigte sich aber dennoch nicht, sondern blieb immer auf der Lauer, bereit, den unbedeutendsten Vorfall zu benützen, den Schauplatz wieder zu betreten, mit jener zähen Ausdauer, die ihr noch immer zum Siege verholfen hatte. Damals hörten Pascal und Clotilde auch auf, sich von allem abzuschließen. Es war von ihrer Seite keine Herausforderung gewesen, sie wollten nur den gemeinen Gerüchten nicht antworten, indem sie ihr Glück zur Schau stellten. Das bildete sich von selbst heraus wie eine natürliche Erweiterung ihrer Freude. Langsam hatte ihre Liebe das Bedürfnis nach Verbreiterung und Raum empfunden, zuerst außerhalb ihres Zimmers, dann außerhalb des Hauses, jetzt außerhalb des Gartens, in der Stadt und in der weiten Umgebung. Ihre Liebe erfüllte alles, sie war ihre Welt. Der Doktor machte also ruhig wieder seine Krankenbesuche und nahm das junge Mädchen mit, und sie gingen zusammen über die Promenade, durch die Straßen, sie an seinem Arme in einem hellen Kleide, auf dem Kopf einen mit Blumen geschmückten Hut, er in seinen Ueberzieher eingeknöpft und mit einem breiträndrigen Hute. Er war ganz weiß, sie war ganz blond. Sie schritten einher mit stolz erhobenem Haupte, ausrecht und lächelnd, so von Seligkeit und Glück strahlend, daß es den Anschein hatte, als ob sie von einem Glorienschein umgeben wären. Zuerst war die Aufregung riesig groß; die Ladenbesitzer traten an ihre Thüren, die Frauen beugten sich zum Fenster hinaus, die Vorübergehenden blieben stehen, um ihnen mit den Augen zu folgen. Man zischelte sich in die Ohren, man lachte, man zeigte mit den Fingern auf sie. Es war beinahe zu befürchten, daß diese Zeichen feindlicher Neugier die Straßenjungen aufmerksam machen und sie veranlassen könnten, mit Steinen nach den beiden zu werfen. Aber sie waren beide so schön, er stolz und triumphirend, sie so jung, so ergeben und doch so erhaben, daß eine unbesiegliche Nachsicht allmälich die Welt ergriff. Man konnte sich nicht enthalten, sie zu beneiden und zu lieben, man wurde angesteckt von dieser liebenswürdigen Zärtlichkeit. Es ging von ihnen ein solcher Zauber aus, daß er alle Herzen ihnen zuwendete. Die neue Stadt mit ihrer Bevölkerung von Beamten und reich gewordenen Privatleuten wurde zuletzt gewonnen. Das Viertel Saint-Marc zeigte sich trotz seiner übertriebenen Sittenstrenge zuvorkommend und von einer diskreten Duldsamkeit, als sie durch die einsamen, mit Gras bewachsenen Straßen dahinschritten an den alten, schweigsamen und verschlossenen Palästen entlang, aus denen ein Hauch leichtfertiger Liebesabenteuer von ehemals wehte. Und es war vor allem das alte Quartier, das sie bald darauf freudig begrüßte, das alte Quartier, dessen kleine Leute, geleitet von ihrem Instinkte, bald das Schöne an der Legende herausfühlten, den tiefsinnigen Mythus des Paares, wie das schöne, junge Mädchen den königlichen und wieder jung gewordenen Meister stutzte. Man betete dort den Doktor an wegen seiner Güte, und seine Begleiterin wurde rasch populär; man begrüßte sie mit Zeichen der Bewunderung und Lobeserhebung, sobald sie erschien. Sie selbst bemerkten jetzt, wenn sie sich auch den Anschein gegeben hatten, als ob sie nichts von der anfänglichen Feindseligkeit wahrgenommen, sehr gut die verzeihende Nachsicht und die zarte Freundschaft, mit denen man sie umgab, und das machte sie noch schöner: ihr Glück lachte durch die ganze Stadt. Eines Nachmittags, als Pascal und Clotilde gerade um die Ecke der Rue de la Banne bogen, bemerkten sie auf der andern Seite der Straße den Doktor Ramond. Sie hatten schon am vorhergehenden Abend erfahren, daß er sich jetzt entschlossen hatte, Fräulein Lévêgue, die Tochter des Rechtsanwalts, zu heiraten. Das war jedenfalls das vernünftigste, was er thun konnte, denn das Interesse seiner Stellung erlaubte es ihm nicht, noch länger zu warten, und das junge Mädchen war sehr hübsch und sehr reich und liebte ihn. Er würde sie gewiß auch wieder lieben. Clotilde war ebenfalls sehr glücklich, ihm zulächeln und auf diese Weise als aufrichtige Freundin ihm Glück wünschen zu können. Pascal hatte ihn mit einer freundlichen Handbewegung begrüßt. Einen Augenblick blieb Ramond, den diese Begegnung etwas aufregte, betroffen stehen. Sein erster Gedanke war gewesen, über die Straße zu ihnen hinüber zu gehen. Dann mußte ihm aber der Gedanke gekommen sein und sein Zartgefühl ihm gesagt haben, daß es brutal sein würde, ihren Traum zu unterbrechen, störend einzudringen in diese Einsamkeit der beiden, die sie selbst in dem Gedränge auf den Trottoirs bewahrten. Er begnügte sich daher mit einem freundschaftlichen Gruße und einem Lächeln, durch das er ihnen ihr Glück verzieh. Das war für sie alle drei sehr angenehm. In dieser Zeit arbeitete Clotilde mehrere Tage lang mit Eifer und großem Vergnügen an einem Pastellgemälde, auf dem sie die rührende Scene zwischen dem alten König David und der jungen Sunemitin Abisaig ins Leben rief. Es war eine Verwirklichung eines Traumbildes, eine jener phantastischen Kompositionen, in denen der andere Teil ihres Ichs, der sich in Hirngespinnste verlor, seinen Geschmack an dem Mystischen niederlegte. Auf einem Grund von ausgestreuten Blumen zeigte sich in einem Sternenregen von Blumen von barbarischer Pracht der alte König David en face , die Hand gelegt auf die nackte Schulter der Abisaig, und das bleiche, junge Mädchen war bis auf den Gürtel ganz nackt. Er, reich gekleidet in ein lang herabwallendes, mit Edelsteinen überladenes Gewand, trug die königliche Binde m seinen schneeweißen Haaren Aber sie war doch noch herrlicher und von göttlicher Anmut, obgleich sie nichts bedeckte als ihre lilienweiße Haut, wie Ende so weich, mit ihrer zarten, schlanken Gestalt, ihrer runden, kräftigen Brust, ihren biegsamen Armen. Er war der König, er stützte sich als mächtiger und geliebter Herr und Gebieter auf seine Unterthane, die ausgewählt war unter allen und die so stolz darauf war, auserlesen zu sein, so beglückt, dem Könige das belebende und erwärmende Blut ihrer Jugend weihen zu dürfen. Ihre ganze durchsichtige und triumphirende Nacktheit drückte die Reinheit ihrer demütigen Unterwerfung aus, die ruhige und voll ständige Hingabe ihrer Person vor dem versammelten Volke im hellen Lichte des Tages Und er war sehr groß und sie war sehr rein, und es ging von ihnen aus ein Glanz wie strahlendes Sternengefunkel. Bis auf den letzten Augenblick hatte Clotilde die Gesichter der beiden Personen unausgeführt gelassen, als wenn es zwei weiße Flecke gewesen wären Pascal, der hinter ihr stand, neckte sie, da er wohl ahnte, was sie zu thun beabsichtigte. Und wie er vermutet hatte, so wurde es auch, als sie mit einigen Bleistiftstrichen die Gesichter ausführte: der alte König David war er, und sie war die Sunemitin Abisaig. Aber sie blieben eingehüllt in eine traumhafte Klarheit, sie waren idealisirt, er mit seinen schneeweißen, sie mit ihren blonden Haaren die sie wie ein kaiserlicher Mantel bedeckten, mit ihren verzückten Zügen, in denen die himmlische Seligkeit der Engel zum Ausdruck kam, mit einem Blick und einem Lächeln unsterblicher Liebe. »Ah, Geliebte!« rief er, »Du machst uns zu schön! Du hast Dich da wieder einmal in das Land der Träume emporgeschwungen wie früher, Du erinnerst Dich gewiß noch daran, wie ich Dich tadelte, daß alle Deine Blumen mystische Hirngespinnste wären.« Und er zeigte mit der Hand auf die Wände, an denen entlang sich ihre alten Pastellgemälde ausbreiteten, eine ungeschaffene Flora, die im Paradiese emporgesproßt war. Aber sie protestirte lachend. »Zu schön? Wir können gar nicht zu schön sein! Ich versichere Dich, so wie ich uns fühle, wie ich uns sehe, so sind wir auch ... Und sieh hierher! Ist das nicht die reine Wirklichkeit?« Sie hatte die alte Bibel aus dem fünfzehnten Jahrhundert zur Hand genommen, die neben ihr lag, und zeigte ihm den naiven Holzschnitt. »Wie Du siehst, ist es ganz ähnlich.« Er fing an leise zu lachen bei dieser ruhigen und außerordentlichen Bestätigung. »O, Du lachst! Du hältst Dich an Einzelheiten in der Zeichnung. Aber der Geist ist es, in den man eindringen muß ... Und sieh Dir die anderen Schnitte an, da ist es ebenfalls so! Ich werde Abraham und Hagar malen, ich werde Ruth und Boas malen, ich werde sie alle malen, die Propheten, die Hirten und die Könige, denen junge, demütige Mädchen, Verwandte und Dienerinnen, ihre Jugend zum Geschenk gemacht haben! Sie sind alle schön und glücklich, Du siehst es ja!« Dann hörten sie auf zu lachen und beugten sich über die alte Bibel, deren Seiten sie mit ihren zarten Fingern umwendete. Er stand hinter ihr, und sein weißer Bart vermischte sich mit den blonden Haaren des jungen Mädchens. Er fühlte ihren warmen Körper und atmete entzückt den von ihr ausgehenden Duft ein. Er hatte seine Lippen auf ihren zarten Nacken gedrückt, er küßte ihre blühende Schönheit, während die naiven Holzschnitte fortfuhren, an ihnen vorüber zu ziehen, jene biblische Welt, die aus den vergilbten Blättern emporstieg, der freie Trieb einer starken, lebensvollen Rasse, deren Werk die Welt erobern mußte, jene Männer mit ihrer nie erlöschenden Manneskraft, jene immer fruchtbaren Frauen, jene beharrliche, ununterbrochene Fortpflanzung der Rasse durch Verbrechen, Ehebrüche und Liebesverhältnisse hindurch, ohne Rücksicht auf das Alter und die Vernunft. Und er wurde von einer Bewegung ergriffen, von einer Dankbarkeit ohne Grenzen, denn sein Traum hatte sich verwirklicht, seine Liebespilgerin, seine Abisaig war in sein Leben, das sich dem Ende zuneigte, eingetreten und verjüngte es und erfüllte es mit ihrem Dufte. Dann beugte er sich zu ihrem Ohre hin und fragte sie mit ganz leiser Stimme, ohne sie von sich zu lassen: »O, Deine Jugend, Deine Jugend, nach der ich so heißes Verlangen habe, sie ist es, die mich erhält! Aber Du, die Du noch so jung bist, hast Du denn nicht auch Verlangen nach Jugend, nachdem Du mich genommen hast, mich, der ich so alt bin, so alt, wie die Welt?« Sie fuhr erstaunt auf, wendete den Kopf nach ihm um und sah ihn an. »Du alt? O nein! Du bist jung, viel jünger als ich!« Und sie lachte laut auf, wobei ihre kleinen weißen Zähne sichtbar wurden, so daß ei nicht umhin konnte, ebenfalls zu lachen. Bald aber hörte er wieder auf und sagte mit leise zitternder Stimme: »Du antwortest mir nicht ... Hast Du, die Du noch so jung bist, jenes Verlangen nach Jugend denn nicht?« Da spitzte sie ihre Lippen, die er zärtlich küßte, und sagte nun ihrerseits ganz leise: »Ich habe nur ein heißes Verlangen, nur den brennenden Durst, geliebt zu werden, so von ganzem Herzen, so über alles geliebt zu werden, wie Du mich liebst!« Als Martine eines Tages das an der Wand aufgehängte Bild bemerkte, betrachtete sie es eine Zeit lang stillschweigend; dann machte sie das Zeichen des Kreuzes, ohne daß man wissen konnte, ob sie den lieben Herrgott oder den Teufel an sich hatte vorübergehen sehen. Einige Tage vor Ostern hatte sie Clotilden gefragt, ob sie mit in die Kirche gehen wollte, und als diese nein sagte, trat sie einen Augenblick aus der stummen, ergebenen Haltung heraus, die sie jetzt immer beobachtete. Von all dem Neuen, was sie im Hause in Erstaunen versetzte, war die plötzliche Irreligiosität ihrer jungen Herrin dasjenige, was sie am tiefsten erschütterte. Sie erlaubte sich auch, ihren alten ermahnenden Ton wieder anzunehmen und sie zu schelten, als ob Clotilde noch ein kleines Kind Ware, das sein Gebet nicht hersagen wollte. Hatte ihre junge Herrin denn keine Furcht mehr vor Gott? Zitterte sie nicht mehr bei dem Gedanken, in die Hölle zu müssen, um dort in ewiger Verdammnis zu leiden? Clotilde konnte ein Lächeln nicht unterdrücken. »O, die Hölle. Nu weißt, daß die mich niemals viel beunruhigt hat ... Aber Du täuschest Dich, wenn Du denkst, daß ich keinen Glauben mehr habe. Wenn ich es aufgegeben habe, die Kirche zu besuchen, so ist es geschehen, weil ich meine Andacht aus andere Art verrichte. Das ist alles.« Martine sperrte vor Erstaunen den Mund auf und sah sie an, ohne sie verstehen zu können. Es stand jetzt fest, das Fräulein war ganz verloren. Und sie forderte sie niemals wieder auf, sie nach Saint-Saturnin zu begleiten. Nur ihr Glaubenseifer wurde immer größer und artete schließlich zur wahren Wut aus. Man traf sie nicht mehr in ihren freien Stunden, den ewigen Strickstrumpf in der Hand, herumwandelnd und selbst im Gehen noch strickend. Sobald sie nur eine Minute nichts zuthun hatte, lief sie in die Kirche und blieb dort in endlose Gebete versunken. Eines Tages, als die alte Frau Rougon, die immer auf der Lauer lag, sie hinter einem Pfeiler, wo sie sie schon vor einer Stunde hatte knieen sehen, noch immer in eifrigem Gebete angetroffen hatte, war sie rot geworden und hatte sich entschuldigt wie eine Dienstmagd, die man beim Nichtsthun überrascht hat. »Ich betete für den Herrn Doktor.« Pascal und Clotilde vergrößerten indessen das Gebiet ihrer Ausflüge immer mehr und mehr; sie dehnten ihre Spaziergänge jeden Tag weiter aus, sie überschritten die Grenzen der Stadt und suchten die weitere Umgebung auf. Und eines Tages, als sie sich nach der Séguiranne begaben, bereiteten sie sich eine große Aufregung dadurch, daß sie an den einsamen, urbar gemachten Feldern vorübergingen, wo sich einstmals die herrliche Wildnis der Gärten des Paradou ausgebreitet hatte. Die Gestalt der Albine war ihm wieder erschienen, Pascal hatte sie wieder gesehen in ihrer Blüte wie der junge Frühling. Früher hatte er, der sich schon für sehr alt hielt, damals, als er hierher kam, um mit diesem kleinen Mädchen zu scherzen, niemals geglaubt, daß sie schon viele Jahre tot sein würde, wenn ihm das Leben, die gute Mutter, das Geschenk eines gleichen Frühlings machen würde, der sein dem Ende zueilendes Dasein mit seinem Dufte erfüllen sollte. Und Clotilde, die gefühlt hatte, daß diese Erscheinung zwischen ihnen vorüberschwebte, hob ihr Gesicht zu ihm empor in einem erneuten Liebesverlangen. Sie war Albine, die ewig Liebende. Er küßte sie auf ihre Lippen, und ohne daß sie ein Wort gewechselt hatten, durchzitterte ein Schauer das flache Land rings umher, das jetzt mit Korn und Hafer bestanden war, und wo einst das Paradou sein geheimnisvolles Blättermeer ausgebreitet hatte. Jetzt gingen Pascal und Clotilde durch die ausgedörrte, kahle Ebene dahin in dem knirschenden Staube der Wege. Sie liebten diese glühende Natur, diese Felder, bepflanzt mit dürftigen Mandel- und zwerghaften Olivenbäumen, diesen Horizont mit den kahlen Hügeln, von denen die weißen Flecken der kleinen Landhäuschen herabschimmelten in grellem Gegensatze zu den dunklen Wanden der hundertjährigen Cypressen. Sie waren wie die alten Landschaften, wie jene klassischen Landschaften, die man auf den Bildern der alten Schulen erblickt, mit den harten Farben und den harmonischen, großartigen Linien. All der glühende Sonnenbrand, der das Land rings umher gekocht zu haben schien, rollte in ihren Adern, und sie wurden dadurch immer noch lebensfreudiger, immer noch schöner unter dem ewig blauen Himmelszelt, aus dem die helle Flamme unvergänglicher Leidenschaft herniederfiel. Sie, von ihrem Sonnenschirm etwas beschattet, blühte auf, glücklich über dieses Sonnenbad, wie sich eine Pflanze freut über den heißen Mittag, während er, sich verjüngend, in seine Glieder die Feuerkraft der Sonne in einem Strom männlicher Freude eindringen fühlte. Dieser Spaziergang nach der Séguiranne war eine Idee des Doktors, der von der Tante Dieudonné erfahren hatte, daß sich Sophie nächstens mit einem Müller aus der Umgebung verheiraten würde, und er wollte sehen, ob man sich wohl befinde, ob man glücklich wäre in jenem Erdenwinkel. Eine köstliche Kühle umfing sie sofort, als sie die lange Allee der hohen alten Eichen betraten. Zu beiden Seiten flossen ohne Ende die Quellen, die diese so wohlthuenden. Schatten spendenden Baume ernährten. Als sie dann das Haus des Weißgerbers erreichten, stießen sie gerade auf beide Liebende, die sich in inniger Umarmung umschlungen hielten in der Nähe des Brunnens, denn die Tante war soeben hinunter nach dem Waschplatz hinter den Weiden der Viorne gegangen. Ganz verwirrt und errötend stand das junge Paar da. Aber der Doktor und seine Begleiterin brachen in ein fröhliches Lachen aus, und die Liebenden, die sich inzwischen wieder gefaßt hatten, erzählten, daß die Hochzeit am Johannisfest stattfinden sollte, was zwar noch lange hin sei, aber schließlich trotzdem kommen würde. Sophie hatte entschieden noch zugenommen an Gesundheit und Schönheit, gerettet von dem erblichen Leiden und kräftig emporgewachsen wie einer jener Bäume, deren Wurzeln in dem feuchten Grase standen, während die Wipfel in den blauen Himmel hinein ragten. Ah, dieser glühende unermeßliche Himmel, welche Kraft flößte er den Wesen und den Dingen ein! Sie hatte nur noch einen Schmerz, Thränen zeigten sich an den Rändern ihrer Augenlider, als sie von ihrem Bruder Valentin sprach, der die Woche kaum noch überleben würde. Sie hatte am vorhergehenden Abend wieder Nachricht von ihm bekommen, er war verloren. Und der Doktor mußte etwas lügen, um sie zu trösten, denn er selbst erwartete von Stunde zu Stunde diesen unvermeidlichen Ausgang. Nachdem sie, seine Begleiterin und er, die Séguiranne verlassen hatten, kehrten sie in einem Tempo nach Plassans zurück, das immer langsamer wurde, weich und zärtlich gestimmt durch das Glück ihrer gesunden Liebe und durchzittert von einem leichten Schauder des Todes. In dem alten Quartier erzählte ihm eine Frau, die er behandelte, daß Valentin soeben gestorben sei. Zwei Nachbarinnen hatten die alte Guiraude mit Gewalt wegführen müssen, da sie sich an dem Leichnam ihres Sohnes festgeklammert und wie wahnsinnig geschrieen hatte. Er ging hinein, Clotilde vor der Thür zurücklassend. Darauf traten sie endlich schweigend den Rückweg nach der Souleiade an. Seitdem er seine Krankenbesuche wieder aufgenommen hatte, schien er sie nur aus reinem Pflichtgefühl als Arzt zu machen und hoffte nicht mehr auf Wunderwirkungen seines Heilverfahrens. Der Tod Valentins setzte ihn übrigens deswegen in Erstaunen, weil er erst so spät eingetreten war; er hatte die feste Ueberzeugung, daß er das Leben des Leidenden um ein ganzes Jahr verlängert hatte. Trotz dieser außerordentlichen Resultate, die er erzielt hatte, wußte er ganz genau, daß der Tod unvermeidlich bleiben würde. Dennoch aber hätte er sich dadurch doch geschmeichelt fühlen müssen, daß er den Tod seit Monaten im Schach gehalten hatte, wenn nicht der Kummer gewesen wäre, der immer an ihm nagte, daß er, ohne es zu wollen, Lafouasse einige Wochen zu früh getötet hatte. Und es schien nichts mehr davon zurückgeblieben zu sein als eine tiefe Falte, die seine Stirn durchfurchte, als sie wieder ihre teure Einsamkeit betraten. Aber dort erwartete ihn eine neue Aufregung; er erkannte vor dem Hause unter den Platanen, wo ihn die alte Martine hatte niedersitzen lassen, den Hutmacher Sarteur, den Insassen von Les Tulettes, dem er so lange Einspritzungen gemacht hatte. Und das Experiment schien hier geglückt zu sein; die Einspritzungen der Gehirnsubstanz hatten dem Verrückten Heilung gebracht, da er hier war. Er hatte am Morgen das Asyl verlassen, weil er versicherte, daß er keine Anfälle mehr hätte, daß er vollständig geheilt sei von jener entsetzlichen Mordsucht, die ihn dazu getrieben hatte, sich auf den ersten besten Vorübergehenden zu werfen, um ihn zu erwürgen. Der Doktor sah ihn an, wie er vor ihm stand, klein, mit brauner Gesichtsfarbe, zurückweichender Stirn und einem Gesichte, das dem Schnabel eines Vogels glich. Eine Wange von ihm war dicker als die andere. Er war wieder vollständig bei Verstande und von einer ruhigen Sanftmut; er floß über von Dankbarkeit gegen den Doktor und küßte seinem Retter immer wieder die Hände. Pascal wurde schließlich auch gerührt und entließ ihn mit freundlichen Worten, indem er ihm den Rat erteilte, seine Arbeit wieder aufzunehmen, das sei das beste Gesundheitsmittel für Körper und Geist. Dann wurde er wieder ruhig, setzte sich hierauf zu Tisch und sprach heiter von anderen Dingen. Clotilde sah ihn erstaunt und sogar etwas beunruhigt an. »Warum bist Du denn nicht mehr mit Dir zufrieden, Meister?« Er lachte. »O, ich bin niemals mit mir zufrieden! Und mit der Medizin, das kommt ganz auf die Tage an, wie Du weißt!« In dieser Nacht hatten sie auch, als sie im Bett lagen, ihren ersten Streit miteinander. Sie hatten das Licht ausgelöscht und befanden sich in dem tiefen Dunkel des Zimmers, eines in den Armen des andern, sie so zart und so fein, dicht an ihn geschmiegt, der sie ganz umfangen hielt in inniger Umschlingung, den Kopf an ihrem Herzen. Und sie war erzürnt, daß er keinen Stolz, keinen Ehrgeiz mehr besaß, sie kam wieder mit ihren Klagen vom heutigen Tage und tadelte ihn, daß er über die Heilung Sarteurs und selbst über den verlängerten Todeskampf von Valentin nicht triumphire. Jetzt war sie es, die für seinen Ruhm leidenschaftlich besorgt war. Sie erinnerte ihn an seine erfolgreichen Kuren; hatte er sich nicht selbst geheilt? Konnte er die Wirksamkeit seines Verfahrens leugnen? Das heiße Verlangen hatte sie ergriffen, den unermeßlichen Traum wieder zu erwecken, den er einst geträumt hatte, die Schwachheit, die einzige Ursache des Nebels, zu bekämpfen, die leidende Menschheit zu heilen, sie gesund zu machen und auf eine höhere Stufe emporzuheben, indem er allen helfend zur Seite stand und allen Gesundheit verschaffte. Und er besaß das Lebenselixir, das Universalheilmittel, welches diese großartige Aussicht in die Zukunft eröffnete! Pascal schwieg eine Zeit lang, die Lippen auf die nackte Schulter Clotildens gedrückt. Dann murmelte er: »Ja, es ist wahr, ich habe mich geheilt, ich habe auch andere damit geheilt und ich glaube immer noch, daß meine Einspritzungen in vielen Fällen wirksam sind ... Ich verwerfe die Medizin nicht, die Gewissensbisse über einen unglücklichen Fall nur, den von Lafouasse, machen mich sicherlich nicht ungerecht ... Uebrigens ist die Arbeit meine Leidenschaft gewesen, es war die Arbeit, die mich bis jetzt so ganz und gar in Anspruch nahm, da ich die Möglichkeit beweisen wollte, die altgewordene Menschheit endlich wieder an Geist und Körper gesund und kräftig zu machen, daß ich daran schließlich beinahe gestorben wäre ... Ja, ein Traum, ein schöner Traum!« Mit ihren beiden biegsamen Armen umschlang sie ihn so fest, als ob sie sich mit ihm vermischen, als ob sie ganz in ihm aufgehen wollte! »Nein, nein! Eine Wirklichkeit, die Wirklichkeit Deines Genies, Meister!« Dann, als sie sich so fest an einander angeschmiegt hatten, dämpfte er seine Stimme noch mehr, so daß seine Worte nur noch ein Flüstern waren, leise wie ein Hauch. »Höre, ich will Dir jetzt etwas sagen, was ich niemand auf der Welt sagen würde und was ich sogar mir selber nicht laut zu sagen getraue. Die Natur zu korrigiren, helfend dazwischen zu treten, sie umzugestalten und sie in ihrer Entwicklung zu hindern, ist das eine lobenswerte Arbeit? Heilen, den Tod eines Menschen verzögern zu seinem Vergnügen, es verlängern zweifellos zum Schaden der Gattung, heißt das nicht das, was die Natur machen will, vernichten? Und uns eine gesundere, eine kräftigere Menschheit zu erträumen, eine Menschheit, die nach unserer Idee von der Gesundheit und von der Kraft gebildet ist, haben wir dazu das Recht? Was wollen wir da machen, warum wollen wir uns in die mühevolle Arbeit des Lebens hineinmischen, deren Mittel und deren Zweck uns unbekannt sind? Vielleicht ist alles gut. Vielleicht laufen wir Gefahr, die Liebe, das Genie, ja das Leben selbst zu töten ... Hörst Du, ich gestehe es Dir allein: Der Zweifel hat mich gepackt, ich zittere vor dem Gedanken meiner Alchimie des zwanzigsten Jahrhunderts, ich bin schließlich dahin gekommen zu glauben, daß es größer und gesünder ist die Evolution sich erfüllen zu lassen.« Er unterbrach sich und fügte dann nach einer Weile so leise hinzu, daß sie ihn kaum verstehen konnte: »Du weißt, daß ich ihnen oft nur mit Wasser Einspritzungen gemacht habe. Du selbst hast die Bemerkung gemacht, daß ich ganze Tage lang nicht mehr mit dem Mörser hantirte, und ich sagte Dir, daß ich noch genug von dem Lebenselixir in Vorrat hätte ... Das Wasser verschafft ihnen Erleichterung, es ist da ohne Zweifel eine mechanische Wirkung vorhanden. Ah! Das Leiden erleichtern, das Leiden unterdrücken, ja, dies beides will ich gewiß noch! Es ist vielleicht meine letzte Schwäche, aber ich kann nicht leiden sehen, das Leiden bringt mich ganz außer mir wie eine ungeheuerliche und unnötige Grausamkeit der Natur ... Ich sorge mich jetzt nur noch darum, das Leiden zu verhindern.« »Dann,« fragte sie, »ist es also nicht mehr nötig, Meister, alles zu sagen, wenn Du nicht mehr heilen willst, denn die entsetzliche Notwendigkeit, die Wunden zu zeigen, hat keine andere Entschuldigung als die Hoffnung, sie schließen zu können.« »Doch, doch! Das Wissen ist notwendig, das Wissen ist trotzdem notwendig, man darf nichts verbergen und muß alles von den Menschen und Dingen offen bekennen! Kein Glück ist mehr möglich in der Unwissenheit, die Gewißheit allein macht das Leben ruhig. Wenn man mehr wissen wird, wird man gewiß alles annehmen ... Begreifst Du denn nicht, daß alles heilen wollen, alles regeneriren wollen, ein falscher Ehrgeiz unseres Egoismus ist, eine Auflehnung gegen das Leben, das wir für schlecht erklären, weil wir es von dem Gesichtspunkte unseres Interesses aus beurteilen. Ich fühle wohl, daß meine Zufriedenheit eine größere ist, daß ich meinen Verstand erweitert, gehoben habe, seitdem ich Ehrfurcht vor der Evolution habe. Es ist meine Leidenschaft für das Leben, die triumphirt, da ich es nicht mehr wegen seines Zweckes tadle, seitdem ich mich ihm ganz anvertraue, mich in ihm verliere, ohne es verbessern zu wollen gemäß meiner Auffassung des Guten und Bösen. Das Leben allein ist Herrscher; es allein weiß, was es thut und wohin es geht, und ich kann mich nur bemühen, es kennen zu lernen, um es so zu leben, wie es verlangt, gelebt zu werden ... Und siehst Du, ich verstehe es erst ganz, seitdem Du mir gehörst. So lange ich Dich noch nicht hatte, suchte ich die Wahrheit anderswo; ich plagte mich mit der fixen Idee herum, die Welt zu erretten. Da bist Du mein geworden, und nun ist das Leben ausgefüllt, und die Welt rettet sich jede Stunde selbst durch die Liebe, durch die unermeßliche und ununterbrochene Arbeit alles dessen, was im Räume lebt und sich wieder erzeugt ... Das ist das unfehlbare Leben, das allmächtige Leben, das unsterbliche Leben!« Das kam aus seinem Munde hervor nur noch wie das zitternde Stammeln einer Glaubensformel, wie ein Seufzer der Hingebung an höhere Mächte. Sie selbst überlegte jetzt auch nicht mehr, sie gab sich auch hin. »Meister, ich will nichts, was Du nicht willst; nimm mich und mache mich zu der Deinigen, daß ich verschwinde und daß ich wieder geboren werde, ganz mit Dir vereinigt!« Sie gehörten sich jetzt ganz an. Dann entstand ein heimliches Geflüster, ein idyllisches Leben, ein Dasein voller Ruhe und Kraft mitten auf dem Lande. Zu dieser einfachen Vorschrift eines kräftigenden Mittels führte die Erfahrung des Arztes. Er verabscheute die Städte. Man konnte sich nur wohl befinden, man konnte nur glücklich sein auf dem Lande unter dem sonnendurchglühten Himmelszelt, mit der Bedingung, dem Gelde zu entsagen, dem Ehrgeize, selbst dem übermäßigen Stolze auf seine Geistesarbeiten. Nichts thun als leben und lieben, sein Land bebauen und schöne Kinder zu zeugen! »Ah!« begann er wieder mit leiser Stimme. »Das Kind, das Kind von uns, das eines Tages erscheinen wird ...« Und er vollendete seinen Satz nicht in der Aufregung, in die ihn der Gedanke an seine so späte Vaterschaft versetzt hatte. Er vermied es, davon zu sprechen; er wendete seinen Kopf weg und seine Augen wurden feucht, wenn sie auf ihren Spaziergängen irgend ein kleines Mädchen oder ein kleiner Junge anlachte. Sie sagte darauf einfach mit einer ruhigen Sicherheit: »Und es wird kommen!« Das war für sie die natürliche und unausbleibliche Folge ihrer Handlungsweise. In jedem seiner Küsse fand sich der Gedanke an das Kind; denn jede Liebe, die nicht das Kind zum Zwecke hatte, schien ihr unnütz und gemein. Darin lag sogar eine der Ursachen, warum sie an Romanen kein Interesse hatte. Sie war keine so eifrige Leserin wie ihre Mutter; der fortgesetzte Flug ihrer Phantasie genügte ihr, und sie langweilte sich sofort bei erfundenen Geschichten. Vor allem aber war es für sie ein Grund zu fortwährendem Erstaunen und fortwährender Empörung, wenn sie sehen mußte, daß man sich in den Liebesgeschichten niemals mit dem Kinde beschäftigte. Man dachte in den Romanen gar nicht daran, und wenn es ja einmal mitten hinein in die Abenteuer der Heizens fiel, so verursachte es eine Katastrophe, einen gewaltigen Schrecken und große Verlegenheit. Niemals schienen die Liebenden, wenn sie sich hingebend in den Armen lagen, zu ahnen, daß sie an einem Leben arbeiteten und daß ein Kind daraus entstehen würde. Ihre naturwissenschaftlichen Studien hatten ihr indessen gezeigt, daß die Frucht die alleinige Sorge der Natur war. Sie allein war von Bedeutung, sie allein war der Endzweck; alle Vorsichtsmaßregeln waren genommen, daß der Same nicht verloren geht und daß die Mutter Kinder bekommt. Und im Gegensatz dazu hatte der Mensch, indem er die Liebe verfeinerte und veredelte, alles davon bis auf den Gedanken der Frucht entfernt. In den berühmten Romanen war das Geschlecht der Helden nur eine Maschine für die Leidenschaft. Sie beteten sich an, sie nahmen sich, sie ließen sich wieder los, sie erduldeten Tausende von Todesarten, sie umarmten sich, sie töteten sich, sie entfesselten einen Sturm von sozialen Uebeln, und das alles zum Vergnügen außerhalb der natürlichen Gesetze, ohne daß sie sich daran zu erinnern schienen, daß man, wenn man die Liebe genießt, Kinder schafft. Das war unsauber und einfältig. Sie war ganz ausgelassen und wiederholte an seinem Halse mit der reizenden Kühnheit der Verliebten und ein wenig verwirrt: »Es wird kommen ... Da wir alles thun, was dazu nötig ist, warum glaubst Du denn eigentlich nicht, daß es kommt?« Er antwortete nicht sofort. Sie fühlte, wie ihn in ihren Armen ein Schauer überlief, da er von Bedauern und Zweifeln ergriffen wurde. Dann flüsterte er traurig: »Nein, nein! Es ist zu spät! Denke doch, Geliebte, an mein Alter!« »Aber Du bist ja noch jung!« rief sie von neuem in einem Ausbruch heißer Leidenschaft, indem sie ihn glühend an sich preßte und ihn mit Küssen bedeckte. Dann brachte es sie zum Lachen. Und in dieser Umarmung schliefen sie ein, er auf dem Rücken liegend und sie in seinen linken Arm pressend, sie ihn mit all ihren schlanken und biegsamen Gliedern umschlingend und fest an sich drückend, den Kopf auf seine Brust gelegt, ihre blonden Haare aufgelöst und mit seinem weißen Barte vermischt. Die Sunemitin schlummerte, ihre Wange ruhte auf dem Herzen ihres Königs und Herrn. Und in dem tiefen Stillschweigen rings umher, in dem großen, nachtschwarzen Zimmer, wie geschaffen für ihre Liebe, vernahm man nichts als das leise, sanfte Wehen ihres Atems. Neuntes Kapitel. In der Stadt und in den benachbarten Ortschaften setzte also Doktor Pascal seine ärztlichen Besuche fort. Und fast immer hatte er Clotilde am Arm, die mit ihm bei den armen Leuten eintrat. Aber es waren, wie er ihr in einer Nacht ganz heimlich eingestanden hatte, nur noch Gänge der Erleichterung und Tröstung von jetzt an. Schon früher hatte er, als er schließlich dahin gekommen, den Widerstand der Krankheit zu brechen, die ganze Leere der Therapeutik empfunden. Die Empirie machte ihn ganz untröstlich. Von dem Augenblick an, wo die Medizin nicht mehr eine Experimentalwissenschaft war, sondern eine Kunst, blieb er unruhig angesichts der unbegrenzten Komplikation der Krankheit und des Heilmittels im Hinblick auf den Kranken. Die Heilmethoden änderten sich mit den Hypothesen; wie viele Menschen waren früher den heutzutage aufgegebenen Methoden schon zum Opfer gefallen! Die feine Nase des Arztes war alles, der Heiler war nur ein talentvoller Wahrsager, der selber nur im Finstern umhertappte und seine Heilungen allein seinem glücklichen Talente verdankte. Und das erklärte auch, warum Pascal, nachdem er zwölf Jahre praktizirt, seine Praxis beinahe ganz aufgegeben hatte, um sich auf das reine Studium zu werfen. Als dann seine großen Arbeiten über die Vererbung einen Augenblick ihm die Hoffnung vorgespiegelt hatten, daß er im stande sein würde, helfend dazwischen zu treten und mit seinen Einspritzungen unter die Haut Heilungen zu erzielen, da hatte er sich von neuem begeistert bis zu dem Tage, an welchem sein Glaube an das Leben, der ihn dazu getrieben hatte, den Vorgang zu unterstützen, indem er die Lebenskräfte wieder erneuerte, sich noch erweitert und ihn zu der höheren Ueberzeugung geführt hatte, daß das Leben sich selbst genüge, daß es der einzige Erzeuger von Kraft und Gesundheit sei. Und er setzte seine Besuche mit seinem gewohnten ruhigen Lächeln nur bei den Kranken fort, die laut und flehentlich nach ihm riefen und die sich wunderbar erleichtert fühlten, selbst wenn er ihnen nur noch mit reinem Wasser Einspritzungen machte. Clotilde erlaubte sich jetzt zuweilen darüber zu spotten. Sie blieb doch in ihrem Innern die leidenschaftliche Anhängerin des Mysteriums; und sie sagte in fröhlichem Tone, daß es, wenn er auf diese Weise Wunder wirkte, nur dadurch geschehe, weil er in sich die Kraft dazu hätte, und daß er deswegen auch ein wirklicher guter Gott sei! Dann freute er sich darüber, daß die wirkende Kraft ihrer gemeinsamen Besuche sich bei ihm wieder eingestellt hatte, und erzählte, daß er niemand mehr heilen könne, wenn sie nicht dabei sei, und daß sie es wäre, die den Hauch des Jenseits mitbrachte, die unbekannte und notwendige Kraft. Daher fuhren denn auch die reichen Leute, die Bourgeois, bei denen sie sich nicht erlaubte mit einzutreten, zu jammern und zu wehklagen fort ohne irgend welche Erleichterung. Und dieser zarte Streit belustigte sie, sie gingen jedesmal fort wie auf neue Entdeckungen und fanden bei den Kranken Blicke des Verständnisses. Ah, dieses elende Leiden! Wie empört waren sie darüber! Wie glücklich waren sie, wenn sie das Leiden, das sie allein nur noch bekämpfen wollten, für besiegt hielten! Sie fühlten sich göttlich belohnt, wenn sie sahen, wie der kalte Schweiß sich trocknete, wenn der stöhnende Mund des Kranken ruhig wurde und in die abgestorbenen Gesichtszüge das Leben zurückkehrte. Das war entschieden ihre Liebe, die sie herumführten und die diesem kleinen Teile der leidenden Menschheit Ruhe und Linderung brachte. »Sterben ist nichts, das ist ganz in der Ordnung,« sagte Pascal oft. »Aber warum leiden? Das ist abscheulich und einfältig!« Eines Nachmittags wollte der Doktor mit dem jungen Mädchen in das Dorf Sainte-Marthe und dort einen Kranken besuchen. Um Bonhomme zu schonen, benutzten sie die Eisenbahn. Auf dem Bahnhofe hatten sie eine eigentümliche Begegnung. Der Zug, den sie erwarteten, kam von Les Tulettes. Sainte-Marthe war die erste Station auf der Route nach Marseille. Und als der Zug angekommen, eilten sie auf ein Coupé zu und wollten gerade die Thüre desselben öffnen, als sie die alte Frau Rougon heraussteigen sahen aus diesem Coupé, das sie für leer gehalten hatten. Sie sprach nicht mit ihnen; trotz ihres Alters verließ sie mit einem leichten, gewandten Sprunge den Wagen und ging mit einem starren und sehr würdevollen Gesichte fort. »Heute ist der erste Juli,« sagte Clotilde, als der Zug im Gange war. »Großmama kommt von Les Tulettes zurück, wohin sie jeden Monat einmal zum Besuche der Tante Dide geht ... Hast Du den Blick gesehen, den sie mir zugeworfen hat?« Pascal war im Grunde glücklich über die Entzweiung mit seiner Mutter, denn sie befreite ihn von der fortwährenden Unruhe ihrer Anwesenheit. »Bah!« sagte er einfach. »Wenn man sich nicht versteht, ist es auch viel besser, wenn man sich gar nicht mehr besucht.« Aber das junge Mädchen blieb betrübt und nachdenklich. Dann sagte sie mit leiser Stimme: »Ich habe sie verändert gefunden, ihr Gesicht sah sehr blaß aus ... Und hast Du bemerkt? Sie, die sonst so peinliche Sorgfalt auf ihre Toilette verwendete, sie trug nur an der einen Hand einen Handschuh, an der rechten Hand, einen grünen Handschuh ... Ich weiß nicht warum, ihr Anblick hat mir das Herz schwer gemacht.« Darauf machte er, gleichfalls betreten, eine bedauernde Handbewegung. Seine Mutter würde gewiß schließlich auch einmal anfangen, alt zu werden wie alle Welt. Sie rege sich gleich viel zu sehr auf und sei noch viel zu leidenschaftlich. Er teilte ihr dann mit, daß sie die Absicht hätte, ihr Vermögen der Stadt Plassans zu vermachen; man sollte damit eine Versorgungsanstalt errichten, die den Namen der Rougons führen sollte. Dann fingen sie wieder an lustig zu werden und zu lachen, als er plötzlich rief: »Halt! Morgen wollen wir auch hinaus nach Les Tulettes fahren und unsere Kranken besuchen! Und Du weißt ja auch, daß ich versprochen habe, Charles zum Onkel Macquart zu bringen.« Felicité kam in der That an diesem Tage von Les Tulettes zurück, wohin sie sich regelmäßig am ersten eines jeden Monats begab, um sich nach dem Befinden der Tante Dide zu erkundigen. Schon seit vielen Jahren interessirte sie sich leidenschaftlich für den Gesundheitszustand der Irren, auf das höchste erstaunt, sie immer weiter leben zu sehen, und wütend darüber, daß sie ein so zähes Leben hatte, ganz über das gewöhnliche Maß hinaus, ein wahres Wunder von Langlebigkeit! Welche Erleichterung würde ihr der Tag bringen, an dem sie diesen lästigen Zeugen der Vergangenheit beerdigen würde, dieses Schreckbild der Hoffnung und der Sühne, das alle Schandtaten der Familie wieder lebendig machte! So viele von den anderen waren schon dahin gegangen; nur sie, die Wahnsinnige, die nicht einen Funken Leben mehr in den Augen hatte, schien vollständig vergessen zu sein! Auch an diesem Tage hatte sie sie noch immer in ihrem Lehnsessel sitzend gefunden, vertrocknet und aufrecht, unverändert. Wie die Wärterin sagte, war aller Grund vorhanden, anzunehmen, daß sie wahrscheinlich niemals sterben würde. Sie war jetzt schon hundertundfünf Jahre alt. Felicité war, als sie das Asyl verließ, sehr verstimmt. Sie dachte an den Onkel Macquart. Noch einer, der ihr sehr lästig war und der auch mit einer Hartnäckigkeit am Leben blieb, die sie zur Verzweiflung brachte! Obgleich er erst vierundachtzig Jahre alt war, nur drei Jahre mehr als sie, schien er doch von einer lächerlichen Greisenhaftigkeit zu sein, die alle erlaubte Grenzen überschritt. Und er war noch dazu ein Mann, der sehr liederlich lebte, der seit sechzig Jahren jeden Abend besinnungslos betrunken war! Die Vernünftigen, die Nüchternen gingen dahin; er sah blühend aus und gedieh, strahlend vor Gesundheit und Lebenslust. Früher, als er nach Les Tulettes gekommen war, um sich dort niederzulassen, hatte sie ihm zuweilen Wein, Liqueur und Schnaps zum Geschenk gemacht, in der stillen Hoffnung, die Familie auf diese Weise recht bald von dem wirklich lästigen Trunkenbold zu befreien, von dem man nur Unannehmlichkeiten und Schande erwarten konnte. Aber sie hatte sehr bald bemerkt, daß all dieser Alkohol ihm im Gegenteil nur zu vortrefflich bekomme, denn sein Gesicht leuchtete wie die Sonne, und seine Augen glänzten verschmitzt und spöttisch. Sie hatte daher die Geschenke unterlassen, da das vermeintliche Gift bei ihm so außerordentlich gut anschlug. Sie hegte gegen ihn einen schrecklichen Zorn, ja, sie würde ihn sogar umgebracht haben, wenn sie es gewagt hatte, jedesmal, sobald sie ihn wiedersah, wenn er so stolz und sicher auf seinen schwankenden Beinen des Säufers ihr entgegenkam, mit dem höhnischen Gesicht, da er sehr genau wußte, daß sie auf seinen Tod lauerte, und hoch erfreut darüber, daß er ihr nicht das Vergnügen bereitete, mit ihm zugleich die alte unsaubere Wäsche, das Blut und den Schmutz der beiden Eroberungen von Plassans einscharren zu können. »Sehen Sie, Felicité,« sagte er oft zu ihr mit seiner gewöhnlichen spöttischen Miene, »ich bin hier, um die alte Mutter zu bewachen, und der Tag, an dem wir uns beide entschließen werden, zusammen zu sterben, der wird gewiß für Sie ein wahrer Freudentag werden, einfach deswegen, weil Sie dadurch der Mühe überhoben werden, hierher zu kommen und nach uns zu sehen, wozu Sie jetzt Ihr gutes Herz jeden Monat treibt.« Gewöhnlich schenkte sie sich den Besuch bei dem Onkel Macquart, da sie die nötige Auskunft über ihn im Asyl erhielt. Diesmal aber plagte sie, als sie erfahren hatte, daß er sich jetzt gerade in einem Stadium hochgradiger Saufwut befände und seit vierzehn Tagen gar nicht nüchtern geworden sei, so daß er überhaupt nicht mehr ausgehen könnte, die Neugierde, ihn sich einmal in diesem Zustande anzusehen. Sie machte daher, als sie nach dem Bahnhofe zurückging, einen Umweg, um an dem Landhäuschen des Onkels vorüberzukommen. Der Tag war herrlich, ein heißer, strahlender Sommertag. Zur Rechten und zur Linken des schmalen Fußpfades, den sie einschlagen mußte, sah sie die Felder, die er sich einst hatte schenken lassen, jenes ganze fette Land, als Preis für seine Verschwiegenheit und für sein Wohlverhalten. In dem hellen Sonnenschein erschien ihr das Haus mit seinen roten Ziegeln und seinen mit greller gelber Farbe angestrichenen Mauern in einem freundlich strahlenden Glanze. Unter den alten Maulbeerbäumen auf der Terrasse genoß sie die köstliche Frische und erfreute sich an der wunderbaren Aussicht. Welch würdiger und klug ausgewählter Ruhesitz, welch glücklicher Winkel für einen alten Mann, der in einer friedlichen Abgeschiedenheit ein langes, ehrbares und arbeitsvolles Leben beschließen konnte! Aber sie sah ihn nicht, sie hörte ihn nicht. Tiefe Stille herrschte rings umher. Nur die Bienen summten um die großen Malven. Und auf der Terrasse befand sich nur ein kleiner gelber Hund, ein Loubet, wie man sie in der Provence nennt, der in seiner ganzen Länge auf der bloßen Erde im Schatten ausgestreckt lag. Er kannte die Ankommende, er hatte den Kopf knurrend in die Höhe gehoben und wollte zu bellen anfangen. Dann aber legte er sich wieder nieder und rührte sich nicht mehr. Da wurde sie in dieser Einsamkeit unter den freundlich lachenden Sonnenstrahlen von einem eigentümlichen leichten Schauder ergriffen, und sie rief: »Macquart! Macquart!« Die Thüre des kleinen Landhauses unter den Maulbeerbäumen stand weit offen. Aber sie wagte es nicht, einzutreten in das öde Haus, das so weit offen stand. Und sie rief von neuem: »Macquart! Macquart!« Nichts rührte sich, kein Laut war hörbar. Das tiefe Stillschweigen dauerte fort, nur die Bienen summten lauter um die großen Malven. Schließlich ergriff Felicité die Scham über ihre Furcht, und sie trat mutig ein. Auf dem Vorplatz war die Thüre zur Linken, die in die Küche führte, wo sich der Onkel für gewöhnlich aufzuhalten pflegte, verschlossen. Felicité stieß sie auf, konnte aber zuerst nichts darin unterscheiden, denn er hatte die Läden zumachen müssen, um sich gegen die Hitze zu schützen. Sie hatte zunächst die Empfindung, als ob ihr die Kehle zugeschnürt würde von dem fürchterlichen Alkoholgeruche, der den Raum vollständig erfüllte; es schien, als ob jedes einzelne Stück Möbel diesen Geruch aushauchte, als ob das ganze Haus damit getränkt wäre. Als sich dann ihre Augen an das Halbdunkel gewöhnt hatten, bemerkte sie endlich den Onkel. Er saß an dem Tische, auf dem ein Glas und eine vollständig geleerte Flasche des gemeinsten Fusels standen. In seinen Stuhl zurückgesunken, lag er wieder sinnlos betrunken in tiefem Schlafe. Dieser widerwärtige Anblick erregte ihren Zorn und ihre Verachtung aufs neue. »Aber, Macquart, das ist denn doch zu unvernünftig und gemein, sich in einen solchen Zustand zu versetzen ... Wachen Sie doch auf! Das ist ja schmachvoll!« Sein Schlaf war aber so tief, daß man selbst nicht einmal seinen Atem vernahm. Vergebens verstärkte sie ihre Stimme und schüttelte ihn heftig mit ihren Händen hin und her. »Macquart! ... Macquart! ... Macquart! ... Ach, wie schrecklich! ... Sie sind wirklich ein ganz ekelhafter Kerl, mein Verehrtester!« Und sie ließ ihn schlafen, sie bekümmerte sich nicht mehr um ihn, sie ging ungenirt im Hause hin und her und sah sich alle Gegenstände genau an. Der staubige Weg vom Asyle bis hierher hatte ihr einen brennenden Durst verursacht. Ihre Handschuhe wurden ihr lästig; sie zog sie daher aus und legte sie auf eine Ecke des Tisches. Dann hatte sie das Glück, den Wasserkrug zu finden; sie wusch ein Glas aus, das sie darauf bis an den Rand mit Wasser voll füllte, und wollte es gerade austrinken, als ein ungewöhnlicher Anblick sie derartig in Aufregung versetzte, daß sie es, ohne zu trinken, neben die Handschuhe aus den Tisch stellte. Sie sah immer besser und deutlicher in dem Raume, den nur die durch die Spalten der alten, klaffenden Fensterläden eindringenden zitternden Lichtstrahlen erhellten. Sie erkannte den Onkel Macquart genau, der wie immer sauber mit einem Anzuge aus blauem Tuche bekleidet war und auf dem Kopfe die unvermeidliche Pelzmütze hatte, die er von einem Ende des Jahres bis zum andern trug. Er war seit fünf oder sechs Jahren noch dicker geworden und bildete einen wirklichen Fettklumpen, der von Speckfalten eingefaßt war. Und sie bemerkte soeben, daß er beim Rauchen eingeschlafen sein mußte, denn seine Pfeife, eine kurze schwarze Pfeife, war ihm auf die Kniee herabgefallen. Dann blieb sie ganz regungslos vor Schrecken: der glimmende Tabak hatte sich verstreut und die Hose dadurch Feuer gefangen, und durch das Loch in dem Stoffe, das ebenso groß wie ein Hundertsousstück war, sah man den nackten Schenkel, einen roten Schenkel, aus dem eine kleine blaue Flamme emporzüngelte. Zuerst glaubte Felicité, die Leinwand der Unterhose oder des Hemdes wäre es, die brannte. Aber es war kein Zweifel möglich, sie sah ganz deutlich das nackte Fleisch und die kleine blaue Flamme, die daraus emporzüngelte, leicht und hüpfend wie die bewegliche Flamme an der Oberfläche eines mit Spiritus gefüllten und angezündeten Gefässes. Sie war noch nicht höher als die Flamme einer Nachtlampe, von einer ruhigen Zartheit und so unstet, daß der geringste Luftzug sie von ihrem Platze verscheuchte. Aber sie wurde größer, sie verbreitete sich rasch, und die Haut zerplatzte und das Fett fing an zu schmelzen. Ein unwillkürlicher Schrei entrang sich der Kehle Felicités: »Macquart! ... Macquart!« Aber er rührte sich nicht, seine Gefühllosigkeit mußte eine vollständige sein. Die Trunkenheit hatte bei ihm eine Art Schlafsucht hervorgerufen, eine vollständige Lähmung des Gefühls, denn er lebte noch; man sah ganz deutlich, wie der Atem langsam und gleichmäßig seine Brust hob und senkte. »Macquart! ... Macquart!« Jetzt drang das Fett durch die Risse in der Haut und gab der Flamme neue Nahrung, die nun den Körper ergriff. Und Felicité sah ein, daß der Onkel in Brand geraten sei wie ein Schwamm, der mit Branntwein ganz voll gesogen ist. Er war damit schon seit Jahren vollständig durchtränkt und zwar mit dem stärksten und am leichtesten entzündlichen Branntwein. Er würde ohne Zweifel alsbald vom Kopfe bis zum Fuße eine Flamme bilden. Da gab sie es auf, ihn erwecken zu wollen, weil er so gut schlief. Eine Zeit lang wagte sie es noch, ihn zu betrachten in lebhafter Erregung, und kam erst nach und nach zu einem festen Entschlusse. Dennoch fingen ihre Hände an leise zu zittern wie in einem leichten Fieberanfall, den sie nicht unterdrücken konnte. Sie erstickte fast, sie ergriff mit beiden Händen das Glas Wasser, das sie auf einen Zug leerte. Auf den Fußspitzen schlich sie sich hinaus. Da erinnerte sie sich ihrer Handschuhe. Sie kam noch einmal zurück und glaubte beide zusammen vom Tische wegzunehmen mit einem unruhigen Griffe ins Blaue hinein. Dann ging sie endlich hinaus und verschloß die Thüre sorgfältig und mit Vorsicht, als ob sie Angst hätte, jemand zu stören. Als sie sich auf der Terrasse befand in der freundlich lachenden Sonne, in der reinen Luft und im Angesichte des ungeheuren, sonnendurchglühten Horizontes, stieß sie einen Seufzer der Erleichterung aus. Die Gegend rings umher war einsam, sicherlich hatte niemand sie kommen und gehen sehen. Es war immer nur noch der kleine gelbe Hund da, der ausgestreckt auf dem Boden lag und es nicht einmal für nötig hielt, den Kopf in die Höhe zu heben. Dann ging sie fort mit ihren kleinen, eiligen Schritten und dem leichten Wiegen ihres mädchenhaften Körpers. Als sie etwa hundert Schritte weit entfernt war, zwang sie eine unwiderstehliche Gewalt, obgleich sie sich heftig dagegen sträubte, sich umzudrehen und noch ein letztesmal das Haus zu betrachten, das so friedlich und freundlich auf der Mitte des Abhanges in dem leuchtenden Sonnenschein des sinkenden Tages dalag. Allein in der Eisenbahn bemerkte sie, als sie ihre Handschuhe wieder anziehen wollte, daß einer davon fehlte. Aber sie hatte die feste Ueberzeugung, daß er auf dem Perron gefallen sei, als sie in den Waggon einstieg. Sie hielt sich für sehr ruhig und dennoch hatte sie nur an der einen Hand einen Handschuh, während die andere bloß war, was bei ihr nur das Zeichen einer starken Erregung sein konnte. Am folgenden Tage benutzten Pascal und Clotilde den Dreiuhrzug, um sich nach Les Tulettes zu begeben. Die Mutter von Charles, die Sattlersfrau, hatte den Kleinen zu ihnen gebracht, da sie sich der Mühe unterziehen wollten, ihn zum Onkel Macquart mitzunehmen, bei dem er die ganze Woche bleiben sollte. Neue Zwistigkeiten hatten Unfrieden in dem Hause des Sattlers gestiftet; der Mann weigerte sich ganz entschieden, auch noch fernerhin dieses Kind eines andern in seiner Familie zu dulden, den blödsinnigen und müßigen königlichen Knaben. Da es die Großmama Rougon war, die ihn mit Kleidern versorgte, so war er an diesem Tage wirklich ganz in schwarzen, mit goldenen Spitzen besetzten Sammet gekleidet wie ein junger vornehmer Herr von ehedem, der als Page an den königlichen Hof ging. Und während der Viertelstunde, die die Fahrt dauerte, amüsirte sich Clotilde in dem Coupé, in dem sie allein waren, damit, ihm seine Mütze abzunehmen und seine wundervollen blonden Haare glatt zu streichen, seinen königlichen Haarschmuck, dessen Locken ihm auf die Schultern herabwallten. Sie trug aber an dem einen Finger einen Ring, und als sie mit ihrer Hand kosend über seinen weißen Hals fuhr, nahm sie zu ihrem Schrecken wahr, daß ihre Zärtlichkeit dort eine blutige Spur hinterließ. Man konnte ihn nicht anrühren, ohne daß der rote Tau aus seiner Haut perlte. Das war eine Erschlaffung der Gewebe, noch verschlimmert durch die Entartung, so daß die geringste Reibung einen Blutfluß verursachte. Der Doktor wurde sofort unruhig und fragte ihn, ob er noch oft aus der Nase blute. Und Charles konnte kaum antworten; zuerst sagte er nein, dann aber besann er sich und erzählte, daß er am vorhergehenden Tage sehr stark aus der Nase geblutet habe. Er schien in der That schwächer zu sein; er wurde wieder in dem Maße, in dem er an Alter zunahm, ganz zum Kinde in Hinsicht auf seinen Verstand, der niemals recht erwacht war und sich jetzt vollständig verschleierte. Dieser große Junge von fünfzehn Jahren schien nicht älter als zehn Jahre zu sein; er war so schön und sah mit seinem Teint einer im Dunkeln erblühten Blume aus wie ein kleines Mädchen. Ganz sanft und mit bekümmertem Herzen setzte Clotilde, die ihn auf ihrem Schoß gehabt hatte, ihn nieder auf die gepolsterte Bank, als sie bemerkte, daß er mit seiner kleinen Hand in den Ausschnitt ihrer Taille zu gleiten versuchte, in einem frühreifen instinktiven Verlangen eines kleinen, lasterhaften Geschöpfes. In Les Tulettes angekommen, beschloß Pascal, zuerst den Knaben zum Onkel Macquart zu bringen. Und sie stiegen den Abhang hinauf auf einem holperigen Wege. Von weitem lachte das kleine Haus ihnen entgegen wie am vorhergehenden Abend im vollen Sonnenscheine mit seinen roten Ziegeln, seinen gelben Mauern, seinen grünen Maulbeerbäumen, die ihre gekrümmten Zweige nach allen Seiten hin ausbreiteten und die Terrasse mit einem dichten Blätterdach überdeckten. Ein köstlicher Frieden schwebte über diesem einsamen Erdenwinkel, diesem Ruhesitz für einen Gelehrten, wo man nur das Summen der Bienen um die hohen Malven vernahm. »Ah, dieser Dummkopf von Onkel!« brummte Pascal lächelnd vor sich hin. »Wie ich ihn beneide!« Aber er war erstaunt, ihn nicht schon an der Ecke der Terrasse stehend zu sehen. Und als Charles eilends davonsprang, Clotilde mit sich ziehend, um nach den Kaninchen zu sehen, setzte Pascal allein den Aufstieg fort und war noch mehr erstaunt, als er oben ebenfalls niemand fand. Die Fensterladen waren geschlossen, und die weit geöffnete Thür des Vorplatzes gähnte ihm entgegen. Es war niemand da als der kleine gelbe Hund, der auf dem Boden lang ausgestreckt lag mit seinen vier steifen Pfoten und seinem struppigen Fell und ununterbrochen ein leises Winseln hören ließ. Als er den Besucher kommen sah, den er ohne Zweifel kannte, schwieg er einen Augenblick still, erhob sich dann, um sich etwas weiter entfernt wieder niederzulegen, und fing von neuem an, leise zu winseln. Von einer unbestimmten Furcht ergriffen, konnte Pascal den ängstlichen Ruf, der ihm auf die Lippen kam, nicht unterdrücken. »Macquart! ... Macquart!« Niemand antwortete; in dem Hause herrschte eine Totenstille, und die weit geöffnete Thüre starrte ihm entgegen wie ein schwarzes Loch. Der Hund heulte immer weiter. Pascal wurde jetzt ungeduldig und rief lauter: »Macquart! ... Macquart!« Nichts rührte sich, die Bienen summten, und der unendliche lichte Glanz des Himmels umfloß diesen einsamen Erdenwinkel. Dann kam er zu einem Entschlusse. Vielleicht schlief der Onkel. Als er aber die Thür zur Linken, die in die Küche führte, aufgestoßen hatte, drang daraus ein entsetzlicher Geruch hervor, der unerträgliche Geruch von Knochen und Fleisch, die auf ein glühendes Kohlenbecken geraten waren. In dem Raume konnte er kaum atmen. Von einer Art dickem Qualm, einer unbeweglichen, Uebelkeit erregenden Dunstwolke, wurde er fast erstickt und blind gemacht. Die schmalen Lichtstreifen, die durch die Spalten der alten morschen Fensterläden hereinfielen, erlaubten ihm nicht, klar zu sehen; dennoch war er gleich nach dem Kamin hingeeilt, ließ aber seinen ersten Gedanken an eine Feuersbrunst fallen, da gar kein Feuer darin gewesen war und auch alle Möbel um ihn herum ein unbeschädigtes Aussehen hatten. Und da er nicht klug daraus werden konnte und doch fühlte, daß er in dieser verpesteten Luft bald ohnmächtig werden würde, eilte er nach den Fenstern hin, um die Läden zu öffnen. Ein Lichtstrom ergoß sich in den Raum. Was dann der Doktor endlich feststellen konnte, erfüllte ihn mit Verwunderung. Jeder Gegenstand befand sich auf seinem Platze; das Glas und die Schnapsflasche standen leer auf dem Tische; nur der Stuhl, auf dem der Onkel hätte sitzen sollen, zeigte Spuren von Feuer, die Vorderfüße waren geschwärzt und das Stroh halb verbrannt. Aber was war aus dem Onkel geworden? Wo konnte er denn nur hingekommen sein? Und vor dem Stuhle lag auf der durch eine Fettlache beschmutzten Steinfliese ein kleines Häufchen Asche und daneben die Pfeife, eine kleine schwarze Pfeife, die beim Herunterfallen nicht einmal zerbrochen war. Der ganze Onkel war da in dieser Hand voll seiner Asche, und er war auch in jener rötlich braunen Rauchwolke, die durch das offene Fenster hinauszog, in der Decke von Ruß, die die ganze Küche überzogen hatte, ein ekelhafter, fettiger Niederschlag von verbranntem Fleisch, der alles umhüllte und der sich zähe anfaßte. Das war der schönste Fall einer von selbst erfolgten Verbrennung, den ein Arzt jemals hätte beobachten können. Der Doktor hatte wohl in verschiedenen Abhandlungen von überraschenden Fällen gelesen, unter anderen den von der Frau eines Schuhmachers, einer Säuferin, die auf einem Fußwärmer eingeschlafen war und von der man nur einen Fuß und eine Hand wieder gefunden hatte. Er selbst hatte bis dahin Mißtrauen gehegt; er hatte nicht annehmen können wie die Alten, daß ein vollständig von Alkohol durchdrungener Körper ein unbekanntes Gas entwickelte, das fähig wäre, sich selbst zu entzünden und das Fleisch und die Knochen zu verzehren. Aber jetzt leugnete er es nicht mehr; er erklärte sich übrigens alles, indem er die Thatsachen feststellte: die Schlafsucht der Trunkenheit, die vollständige Gefühllosigkeit, die Pfeife, die auf die Kleider gefallen war und sie in Brand gesteckt hatte, das mit Alkohol durchtränkte Fleisch, welches brannte und aufsprang, das Fett, das geschmolzen und von dem ein Teil auf die Erde herabgeflossen war, während der andere bei der Verbrennung fördernd mitgewirkt hatte, und schließlich all das übrige, die Muskeln, die Organe, die Knochen, die in dem schnell auflodernden Feuer des ganzen Körpers verzehrt worden waren. Der ganze Onkel lag da mit seinen Kleidern aus blauem Tuche, mit seiner Pelzmütze, die er von dem einen Ende des Jahres bis zum andern trug. Ohne Zweifel hatte er, seitdem er so wie im Freudenfeuer zu brennen angefangen, nach vorn fallen müssen, wodurch auch erklärt wurde, warum der Stuhl vom Feuer kaum geschwärzt war; und nichts war von ihm übrig geblieben, nicht ein Knochen, nicht ein Zahn, nicht ein Finger- oder Fußnagel, nichts als das kleine Häufchen grauer Staub, das der durch die weit geöffnete Thür hereindringende Luftzug hinwegzuwehen drohte. Inzwischen war Clotilde eingetreten, während Charles draußen geblieben war, da ihn das fortwährende Heulen und Winseln des Hundes lebhaft interessirte. »Ach, mein Gott! Welcher Geruch!« sagte sie. »Was ist denn passirt?« Und als Pascal ihr die außergewöhnliche Katastrophe auseinandergesetzt hatte, überlief sie ein heftiges Zittern, Sie hatte schon die Flasche in die Hand genommen, um sie genau zu untersuchen; aber sie setzte sie sofort voll Abscheu wieder hin, als sie den klebrigen Niederschlag von dem verbrannten Fleisch des Onkels Macquart fühlte. Man konnte nichts anrühren, die kleinsten Gegenstände waren wie überzogen von dieser braungelben Masse, die an den Händen fest klebte. Ein Schauder des Ekels und des Schreckens durchrieselte sie; sie fing an zu weinen und stotterte schluchzend hervor: »Ein trauriger Tod! ... Ein entsetzlicher Tod!« »Entsetzlich, warum? Er war vierundachtzig Jahre alt und hat nicht gelitten ... Ich finde diesen Tod für einen solchen alten Lump, wie der Onkel einer gewesen ist, geradezu großartig. Mein Gott! Man kann es ja jetzt ganz ruhig sagen, er hat ein wenig frommes Leben geführt ... Du erinnerst Dich an seine Thaten; er hat wirklich schreckliche und schmutzige Sachen auf seinem Gewissen, was ihn aber nicht gehindert hat, sich später wieder zu rangiren und alt zu werden in allen Genüssen, als ein braver, spottlustiger Mann, belohnt für die großen Tugenden, die er gar nicht besessen hat ... Und nun ist er königlich gestorben, wie ein Fürst der Säufer, sich selbst verbrennend, sich verzehrend auf dem in Brand gesteckten Scheiterhaufen seines eigenen Körpers!« Voller Begeisterung wies der Doktor auf den Schauplatz mit seiner gewöhnlichen stolzen Handbewegung hin. »Sieh Dir es an! In dem Grade betrunken zu sein, daß man nicht einmal mehr fühlt, daß man brennt, sich selbst anzuzünden wie ein Feuer am Johannistage, sich in Rauch aufzulösen bis auf den letzten Knochen, ja, das ist etwas Außerordentliches! Ha! Siehst Du, wie der Onkel durch die ganze Küche gegangen ist, wie er sich zuerst in den vier Ecken dieses Raumes ausgebreitet hat, wie er, in Luft aufgelöst, umhergeschwebt ist und alle Dinge, die ihm gehört haben, umhüllt hat? Siehst Du, wie er dann in einer Staubwolke durch das Fenster entschlüpft, das ich geöffnet habe und auffliegt zum klaren Himmel, den Horizont erfüllend! Ja, das ist ein bewunderungswürdiger Tod! Verschwinden, nichts von sich zurücklassen als ein kleines Häufchen Asche und daneben eine Pfeife!« Und er hob die Pfeife vom Boden auf, um sie, wie er hinzufügte, als Andenken an den Onkel aufzubewahren, während Clotilde, die aus seiner Anwandlung lyrischer Bewunderung eine Spitze scharfen Spottes herauszufühlen glaubte, noch immer durch fieberhaftes Zittern ihren Schrecken und ihren Abscheu zu erkennen gab. Da sah sie etwas unter dem Tische liegen, vielleicht der Ueberrest eines verbrannten Gegenstandes. »Sieh doch hier, dieser Lappen!« Sie bückte sich nieder und war auf das höchste überrascht, als sie einen Frauenhandschuh, einen grünen Handschuh aufhob. »Ah!« rief sie. »Das ist der Handschuh von Großmama! Du erinnerst Dich, der Handschuh, der ihr gestern abend fehlte.« Sie sahen sich beide an, die gleiche Erklärung kam ihnen auf die Lippen: Felicité war am vorhergehenden Abend hierhergekommen, und im Geiste des Doktors bildete sich die plötzliche Ueberzeugung, ja, die Gewißheit, daß seine Mutter gesehen hatte, wie der Onkel in Brand geriet, und daß sie ihn nicht gelöscht hatte. Das ergab sich für ihn aus mehreren Anzeichen, aus dem Zustand der vollständigen Abkühlung, in dem sich das Zimmer befand, aus der von ihm sofort angestellten Berechnung der Stunden, die zu der Verbrennung nötig waren. Er sah deutlich an den entsetzten Augen seiner Begleiterin, daß auch in ihr der gleiche Gedanke aufgetaucht war. Da es ihm aber unmöglich erschien, jemals die Wahrheit zu erfahren, so ersann er gleich laut die einfachste Geschichte. »Ohne Zweifel wird Deine Großmutter, als sie aus dem Asyl zurückkam, hier eingetreten sein, um dem Onkel Macquart guten Tag zu sagen und zwar, bevor er sich ans Trinken gemacht hatte.« »Laß uns fortgehen! Laß uns fortgehen!« schrie Clotilde. »Ich ersticke, ich kann nicht länger hier bleiben!« Pascal wollte überdies sofort den Tod Macquarts anzeigen. Er ging hinter ihr hinaus, schloß das Haus ab und steckte den Schlüssel in seine Tasche. Und draußen vernahm er von neuem den kleinen gelben Hund, der nicht aufgehört hatte zu heulen. Er hatte sich zwischen die Beine von Charles geflüchtet, und das Kind belustigte sich damit, ihn mit dem Fuße zu stoßen und zu hören, wie er winselte, ohne jedes Verständnis. Der Doktor begab sich sofort zu Herrn Maurin, dem Notar von Les Tulettes, der auch zu gleicher Zeit der Maire der Gemeinde war. Seit ungefähr zehn Jahren verwitwet, lebte er in Gesellschaft seiner Tochter, die ebenfalls Witwe war und keine Kinder hatte. Er unterhielt gute Beziehungen zu dem alten Macquart und hatte zuweilen ganze Tage lang den kleinen Charles bei sich im Hause gehabt, da seine Tochter innige Teilnahme für das so schöne und doch so beklagenswerte Kind empfand. Herr Maurin war sehr bestürzt und wollte mit dem Doktor sogleich hinaufgehen, um den Unglücksfall zu konstatiren; er versprach, einen regelrechten Todesschein auszustellen. Was eine religiöse Feierlichkeit anbetraf, so stieß sie auf Schwierigkeiten. Als man nämlich wieder die Küche betrat, hatte der durch die Thüre hereinwehende Wind die Asche davongetragen; und als man sich bemühte, die Ueberreste in pietätvoller Weise zu sammeln, war es nur gelungen, das zusammenzubringen, was man von dem Steinfußboden abkratzte, ganz alten Schmutz, in dem sich wohl nur sehr wenig von den irdischen Ueberresten des Onkels Macquart vorgefunden haben dürfte. Was sollte man also begraben? Es war daher das beste, wenn man darauf verzichtete. Und man verzichtete darauf. Uebrigens hatte der Onkel auch fast gar keine näheren Bekannten, und die Familie begnügte sich damit, später Messen für die Ruhe seiner Seele lesen zu lassen. Der Notar hatte indessen Pascal sofort mitgeteilt, daß ein Testament vorhanden und bei ihm deponirt wäre. Er lud den Doktor, ohne zu zögern, auf den übernächsten Tag ein zur offiziellen Eröffnung desselben; denn er glaubte ihm sagen zu können, daß der Onkel Macquart ihn zum Testamentsvollstrecker auserwählt hätte. Und er schloß mit dem Anerbieten, bis dahin den kleinen Charles bei sich behalten zu wollen, da er einsah, wie störend der bei seiner Mutter so schlecht behandelte Kleine zwischen all den Geschichten sein würde. Charles war sehr erfreut darüber und blieb in Les Tulettes zurück. Es war schon sehr spät geworden, als Pascal und Clotilde endlich mit dem Siebenuhrzuge nach Plassans zurückkehrten, nachdem der Doktor vorher noch die beiden Kranken besucht, nach denen er zu sehen hatte. Als sie aber am zweitfolgenden Tage zur Zusammenkunft mit dem Notar Maurin nach Les Tulettes kamen, waren sie höchst unangenehm überrascht, die alte Frau Rougon dort schon vorzufinden. Sie hatte natürlich den Tod des alten Macquart erfahren und war herbeigeeilt, ganz aufgelöst und überfließend von mitteilsamem Schmerze. Es machte ganz den Eindruck, als ob sie von diesem berühmten Testamente schon Kenntnis gehabt hätte. Die Verlesung desselben war übrigens sehr einfach und ging ohne Zwischenfall vorüber. Macquart hatte alles, was er von seinem kleinen Vermögen hatte erübrigen können, zur Errichtung eines stolzen Grabdenkmals aus Marmor für sich bestimmt, mit zwei großen Engeln, die ihre Flügel zusammengefaltet hatten und weinten. Es war ein Gedanke von ihm, die Erinnerung an ein ähnliches Denkmal, das er in der Fremde gesehen hatte, vielleicht in Deutschland, als er Soldat war; und so beauftragte er seinen Neffen Pascal, die Ausführung des Monumentes zu überwachen, da er allein, wie er hinzufügte, in der ganzen Familie Geschmack hätte. Während der Verlesung des Testaments war Clotilde im Garten des Notars geblieben und hatte sich im Schatten eines Roßkastanienbaums auf eine Bank niedergesetzt. Als Pascal und Felicité wieder erschienen, entstand für einen Augenblick eine große Verlegenheitspause, denn sie hatten seit Monaten nicht mehr mit einander gesprochen. Uebrigens heuchelte die alte Dame vollkommene Ungezwungenheit ohne jede Anspielung auf die neue Lage der Verhältnisse und gab zu verstehen, daß man ganz gut zusammentreffen und vor der Welt einig erscheinen könnte, ohne sich deswegen zu einander zu setzen oder gar zu versöhnen. Aber sie that unrecht, allzu sehr den großen Kummer herauszukehren, den ihr der Tod des alten Macquart verursacht haben sollte. Pascal, der ihre übergroße Freude, ihre endliche Befriedigung bei dem Gedanken, daß dieser wunde Punkt der Familie, der dieses Scheusal von Onkel gewesen war, endlich zu heilen anfing, ahnte, gab der Ungeduld und Empörung nach, die ihn erfaßt hatte. Seine Augen hatten sich unwillkürlich auf die Handschuhe seiner Mutter geheftet, die heute schwarz waren. Sie that gerade besonders niedergeschlagen und sagte mit sanfter Stimme: »War es denn auch vernünftig, so eigensinnig zu sein und in seinem Alter so ganz allein für sich zu leben wie ein Wolf? Wenn er doch wenigstens eine Magd bei sich gehabt hätte!« Und der Doktor sagte darauf, ohne das bestimmte Bewußtsein davon zu haben, einem solch unwiderstehlichen Drucke nachgehend, daß er bestürzt war, als er sich reden hörte: »Aber, liebe Mutter, da Sie dort waren, warum haben Sie ihn denn nicht ausgelöscht?« Die alte Frau Rougon wurde entsetzlich bleich. Wie konnte ihr Sohn das wissen? Sie sah ihn einen Augenblick mit offenem Munde an, während Clotilde ebenfalls blaß geworden war wie sie, der das Verbrechen deutlich auf der Stirne geschrieben stand. Es war ein Bekenntnis, dieses entsetzte Stillschweigen, das zwischen der Mutter, dem Sohne und der Enkelin eingetreten war, jenes fröstelnde Stillschweigen, in dem die Familien ihre häuslichen Tragödien zu begraben pflegen. Die beiden Frauen fanden keinen Ausweg. Der Doktor, in der Verzweiflung gesprochen zu haben, er, der mit so viel Sorgfalt unangenehme und unnütze Auseinandersetzungen vermied, suchte bestürzt seine Worte rückgängig zu machen, als eine neue Katastrophe sie dieser entsetzlichen Verlegenheit entriß. Felicité wollte Charles wieder mitnehmen, um die liebenswürdige Gastfreundschaft des Notars Maurin nicht zu mißbrauchen. Da dieser den Kleinen nach dem Frühstücke in das Asyl hatte bringen lassen, damit er noch eine oder zwei Stunden bei der Tante Dide verweilte, hatte er soeben seine Dienstmagd mit dem Auftrage dorthin geschickt, Charles sofort wieder zurückzuholen. In diesem Augenblick erschien nun die Magd, die sie im Garten erwarteten, in Schweiß gebadet, ganz atemlos und verstört, und schrie schon von weitem: »Mein Gott! Mein Gott! Kommen Sie rasch! Der junge Herr Charles schwimmt im Blute ...« Sie erschraken furchtbar und eilten alle drei zusammen nach dem Asyl. Die Tante Dide hatte heute gerade einen ihrer guten Tage; sie war sehr ruhig, sehr sanft und saß aufrecht in ihrem Lehnstuhl, in welchem sie seit zweiundzwanzig Jahren die Stunden, die langen Stunden damit verbrachte, in das Leere vor sich hinzustarren. Sie schien noch magerer geworden zu sein; alles Fleisch war verschwunden, ihre Arme, ihre Beine waren nur noch Knochen, umhüllt von ihrer pergamentartigen Haut; und ihre Wärterin, das kräftige blonde Mädchen, mußte sie tragen; sie fütterte sie wie ein kleines Kind und verfügte über sie wie über eine Sache, die man an einen Platz setzt und wieder wegnimmt. Die Urahne, die Vergessene, die Große, die Nachkommenreiche, die Unheimliche, blieb regungslos; nur ihre Augen, die Augen, die so klar wie Quellwasser waren, lebten noch in ihrem schmalen, eingetrockneten Gesichte. Noch am Morgen war eine heftige Thränenflut über ihre Wange herabgeströmt, dann hatte sie eine Menge zusammenhangloser Worte hervorgestottert; das schien zu beweisen, daß trotz ihrer greisenhaften Erschlaffung und dem unaufhaltsam zum vollständigen Wahnsinn fortschreitenden Verfall ihrer Geisteskräfte die Verknöcherung des Gehirns noch keine vollständige sein konnte: Erinnerungen waren noch vorhanden, lichte Augenblicke noch möglich. Sie hatte wieder ihr stummes, gleichgiltiges Wesen gegen Menschen und Sachen angenommen; zuweilen lachte sie über ein Unglück, über einen Fall, meistens aber sah und horte sie nichts bei ihrem endlosen Vorsichhinstarren in das Leere. Als Charles zu ihr gebracht worden war, setzte ihn die Wärterin sofort an den kleinen Tisch, seiner Urahne gegenüber. Sie bewahrte für ihn immer ein Paket von Bildern auf, Soldaten, Offiziere, Könige, in Purpur und Gold gekleidet, und gab sie ihm jetzt zusammen mit der Schere. »Da, amüsire Dich hübsch ruhig und sei artig! Du siehst, Großmama ist heute sehr, sehr brav, und da mußt Du auch brav sein!« Das Kind hatte den Blick zu der Irren erhoben, und die beiden sahen sich an. In diesem Augenblick kam ihre außerordentliche Aehnlichkeit deutlich zum Vorschein. Vor allem waren ihre Augen, die leeren und hellen Augen, die sich in einander verloren, ganz die gleichen. Es war die Physiognomie, es waren die verlebten Gesichtszüge der Hundertjährigen, die über drei Generationen hinweg auf diese zarte Kindergestalt sich übertragen hatten, so verwischt, so gealtert und abgenutzt sie auch waren. Sie lächelten sich nicht an, sie betrachteten sich nur genau mit der ernsten Miene der Gebrechlichkeit. »Ja, ja!« fuhr die Wärterin fort, die die Gewohnheit angenommen hatte, laut mit sich selbst zu sprechen, als ob sie sich mit ihrer Irren unterhielte. »Sie können sich nicht verleugnen. Wer den einen gemacht hat, hat auch den andern gemacht. Sie sind sich wie aus den Augen geschnitten ... So lacht doch ein bißchen und seid heiter, da es euch doch Vergnügen macht, bei einander zu sein!« Aber die geringste längere Aufmerksamkeit ermüdete Charles; er senkte zuerst seinen Kopf und schien sein ganzes Interesse seinen Bildern zu widmen, während Tante Dide, die eine erstaunliche Ausdauer besaß, fortfuhr, ihn unausgesetzt anzusehen, ohne mit den Augenlidern zu zucken. Eine Zeit lang hantirte die Wärterin noch herum in dem kleinen Zimmer, das von der Sonne hell beschienen war und wegen seiner weißen Tapete mit blauen Blumen ein sehr freundliches Aussehen hatte. Sie machte das Bett, das in der frischen Luft gelegen hatte, und ordnete Wäsche in den Fächern des Schrankes. Gewöhnlich aber benutzte sie die Anwesenheit des Kleinen, um sich etwas zu erholen. Sie durfte ihre Pflegebefohlene eigentlich nie verlassen; wenn der Kleine da war, hatte sie es jedoch schließlich gewagt, die Irre ihm anzuvertrauen. »Höre,« sagte sie daher auch heute, »ich muß jetzt einmal fortgehen; wenn sie sich rührt, wenn sie mich braucht, dann wirst Du mir klingeln und wirst mich sofort rufen, nicht wahr? Du wirst mich verstehen. Du bist jetzt groß genug, um zu wissen, wie man jemand ruft.« Er hatte den Kopf in die Höhe gehoben und machte ein Zeichen, daß er sie verstanden hätte und daß er rufen würde. Und als er sich allein befand mit der Tante Dide, beschäftigte er sich wieder vernünftig mit seinen Bildern. Dies währte eine Viertelstunde lang in der tiefen Stille des Asyles, wo man nur wie in einem Gefängnis hie und da ein verlorenes Geräusch hörte, einen verstohlenen Schritt oder das Klappern eines Schlüsselbundes und zuweilen laute Schreie, die aber sofort unterdrückt wurden. Infolge des glühend heißen Tages jedoch mußte das Kind müde sein; der Schlaf übermannte es, und bald schien sein lilienweißes Haupt sich zu neigen unter der allzu schweren Last seines königlichen Haarschmuckes; er ließ es sanft zwischen seine Bilder hinabsinken, und er schlief ein, mit einer Wange auf den goldenen und purpurnen Königen ruhend. Die Wimpern seiner geschlossenen Augenlider warfen einen Schatten, und schwach pulsirte das Leben in den kleinen blauen Adern seiner zarten Haut. Er war von einer engelgleichen Schönheit, die, verbunden mit der undefinirbaren Verderbtheit eines ganzen Geschlechts, sich über die Lieblichkeit seines Gesichts ausbreitete. Und Tante Dide betrachtete ihn mit ihrem leeren Blicke, in dem weder Freude noch Leid lag, mit einem Blick, der in die Ewigkeit hineinschaute. Dennoch schien nach einigen Minuten ein Interesse in ihren hellen Augen zu erwachen. Etwas, was ihre Teilnahme erregte, spielte sich soeben ab – ein roter Tropfen, der immer länger wurde, zeigte sich am Rande des linken Nasenloches des Kindes. Der Tropfen fiel herab, und dann bildete sich ein anderer und folgte ihm. Das war Blut, was da hervorperlte, diesmal ohne jede Reibung, ohne jede Verletzung; nur infolge der durch die Entartung hervorgerufenen Erschlaffung rann es heraus. Die Tropfen wurden zu einem dünnen Faden, der auf das Gold der Blätter herabfloß. Ein kleiner See benetzte sie, der sich schließlich einen Weg nach der Kante des Tisches bahnte. Dort bildeten sich dann wieder Tropfen, schwere, dicke Tropfen, die rasch nach einander auf den steinernen Fußboden des Zimmers herabfielen. Und er schlief immer weiter mit der göttlich ruhigen Miene eines Cherubim, sogar ohne es zu merken, daß das Leben ihm entfloh; und die Irre fuhr fort, ihn anzuschauen, ihr Gesicht drückte immer mehr und mehr zunehmendes Interesse aus, aber ohne Schrecken, sie amüsirte sich vielmehr über den Vorgang, der ihr Auge fesselte wie das Hin- und Herfliegen der großen Fliegen, dem sie oft stundenlang folgte. So gingen mehrere Minuten vorüber; der kleine rote Faden wurde immer stärker, die Tropfen folgten in rascherer Reihenfolge auf einander mit dem leichten, eintönigen und stetigen klatschenden Geräusch ihres Falles. Und Charles machte eine Bewegung, er öffnete für einen Augenblick die Augen und bemerkte, daß er ganz voll Blut war. Aber er erschrak durchaus nicht darüber, denn er war daran gewöhnt, eine solche Blutquelle von sich ausgehen zu sehen bei der geringsten Verletzung. Er klagte über Langeweile. Der Instinkt mußte ihn aber dann dennoch warnen, denn er wurde ängstlich und klagte lauter, verwirrte Rufe hervorstammelnd: »Mama! Mama!« Aber seine Schwäche mußte schon zu groß sein, denn eine unbezwingliche Mattigkeit befiel ihn wieder, und er ließ seinen Kopf von neuem auf den Tisch niedersinken; seine Augen schlossen sich, er schien wieder eingeschlafen zu sein, und von Zeit zu Zeit erklang immer schwächer und verlorener, gleich als ob er im Schlafe seine Klagen fortgesetzt hätte, der leise Seufzer: »Mama! Mama!« Die Bilder waren vollständig von Blut überschwemmt, der schwarze, goldgestickte Sammet seiner Jacke und seiner Hofe war mit langen, blutigen Streifen befleckt, und der kleine rote Faden, der ununterbrochen aus seinem linken Nasenloche herauszufließen fortfuhr, lief durch den purpurnen See auf dem Tische hindurch zum Fußboden hinab, wo er schließlich eine große Blutlache bildete. Ein lauter Ruf der Irren, ein Schreckensschrei würde genügt haben. Aber sie schrie nicht, sie rief nicht, sie saß, ohne sich zu rühren, mit den starren Augen der Ahnfrau, die zusieht, wie das Geschick sich erfüllt, aufrecht in ihrem Lehnstuhl und ausgetrocknet wie eine Mumie da; ihre Glieder und ihre Sprache waren durch ihre hundert Jahre gefesselt, das Gehirn durch den Wahnsinn verknöchert und sie so vollständig unfähig, zu wollen und zu handeln. Der Anblick des kleinen roten Baches fing aber schließlich doch an, in ihr eine Bewegung hervorzurufen. Ein leichtes Zittern war über ihr abgestorbenes Gesicht gehuscht, und eine leise Röte stieg in ihre Wangen. Ein letztes schwaches Wehklagen des Kleinen weckte sie ganz aus ihrer Lethargie. »Mama! Mama!« Da tobte in der Tante Dide sichtbar ein schrecklicher Kampf. Sie hob ihre beiden skeletartigen Hände zu ihren Schläfen empor, als ob sie gefühlt hätte, daß ihr Kopf zerspringen wollte. Ihr Mund hatte sich weit geöffnet, aber nicht ein Ton kam daraus hervor: der entsetzliche Kampf, der in ihr wütete, hatte ihr die Zunge gelähmt. Sie bemühte sich aufzustehen und zu gehen, aber sie hatte keine Kraft mehr, sie war wie angenagelt. Ihr ganzer armer Körper zitterte von der übermäßigen Anstrengung, die sie machte, um wenigstens um Hilfe zu rufen, ohne im stande zu sein, die Fesseln ihres Greisenalters und ihres Wahnsinns zu brechen. Ihr Gesicht war verstört, ihr Geist geweckt, sie konnte alles sehen. Und es war ein langsamer und sehr sanfter Todeskampf, dessen Schauspiel noch lange Minuten andauerte. Und Charles, der jetzt ganz still war und wieder eingeschlummert zu sein schien, verlor nach und nach das ganze Blut aus seinen Adern, die sich unaufhaltsam leerten mit leisem Geräusch. Seine lilienweiße Gesichtsfarbe nahm zu, sie wurde schließlich zur Blässe des Todes. Seine Lippen entfärbten sich und gingen in ein blaßes Rosa über, dann wurden sie schließlich ganz weiß. Und dem Erlöschen nahe, öffnete er noch einmal seine großen Augen und heftete sie noch einmal auf die Urahne, die darin dem letzten Glanz folgen konnte. Sein ganzes wachsbleiches Antlitz war schon abgestorben, als die Augen noch lebten. Sie bewahrten bis zum letzten Augenblicke ihre Durchsichtigkeit, ihre Klarheit. Dann wurden sie plötzlich leer, sie erloschen. Das war das Ende, der Tod der Augen; und Charles war gestorben, ohne irgend welche äußere Veranlassung, erschöpft wie eine Quelle, deren Wasser sich vollständig verlaufen hat. Das Leben pulsirte nicht mehr in den Adern seiner zarten Haut, es war nichts mehr da als der Schatten seiner Augenwimpern aus seinem bleichen Antlitz. Aber er blieb schön wie ein Gott, wie er so da lag, den Kopf in seinem Blute, umflossen von seinem blonden königlichen Haarschmuck, einem jener kleinen blutlosen Dauphins gleich, die die verfluchte Erbschaft ihres Geschlechts nicht tragen konnten und die als schwächliche Greise von ihrem fünfzehnten Jahre an langsam dahinsiechten. Das Kind hatte soeben seinen letzten schwachen Seufzer ausgehaucht, als Doktor Pascal, gefolgt von Felicité und Clotilde eintrat. Und sobald er die Masse von Blut gesehen hatte, von der der steinerne Fußboden des Zimmers überschwemmt war, rief er: »O, mein Gott! Das, was ich befürchtete, ist geschehen! Der arme kleine Liebling! Niemand war da! Es ist zu Ende!« Sie blieben alle drei wie von Schreck gelähmt vor dem außergewöhnlichen Schauspiel stehen, das sich ihnen da darbot. Der Tante Dide, die infolge der übermenschlichen Anstrengung wieder etwas Kraft bekommen hatte, wäre es beinahe gelungen, sich aus ihrem Lehnstuhl zu erheben. Und aus ihren Augen, die fest auf den kleinen Toten, der so bleich und so friedlich da lag, und auf das Blut ringsum, auf die Blutlache, die schon zu gerinnen anfing, gerichtet waren, leuchtete zum erstenmal nach einem langen Schlummer von zweiundzwanzig Jahren wieder ein Gedanke. Jene letzte Verschlimmerung ihres Wahnsinns, die unabwendbare Umnachtung ihres Geistes, war ohne Zweifel noch nicht vollständig genug, daß nicht plötzlich die dort schlummernde Erinnerung an ein fernes Ereignis durch einen schrecklichen Schlag, der sie traf, hätte geweckt werden können. Und die Vergessene lebte von neuem wieder auf, sie schüttelte ihre Lethargie ab und saß aufrecht da trotz ihres gebrochenen Körpers wie ein Gespenst des Schreckens und des Schmerzes. Einen Augenblick saß sie keuchend da. Dann konnte sie nur, während ein Zittern ihren Körper durchlief, die Worte mühsam hervorstammeln: »Ein Gendarm! Ein Gendarm!« Pascal, Felicité und Clotilde hatten sie verstanden. Sie sahen sich unwillkürlich an, sie zitterten. Das war die ganze sturmbewegte Geschichte der alten Mutter, der Mutter von ihnen allen, die durch diese Worte wachgerufen wurde, die verzweifelte Leidenschaft ihrer Jugend, das lange Leiden ihres reifen Alters. Schon zwei moralische Schläge hatten sie schrecklich erschüttert: der erste in der vollen Blüte ihres Lebens, als ein Gendarm durch einen Schuß ihren Geliebten, den Schmuggler Macquart, niedergestreckt hatte wie einen Hund, und das zweitemal, viele Jahre später, als wieder ein Gendarm durch einen Pistolenschuß den Kopf ihres Enkels Silvère zerschmettert hatte, des Insurgenten, des Opfers der Gehässigkeiten und blutigen Streitigkeiten der Familie. Sie war immer mit Blut befleckt. Und ein dritter moralischer Schlag gab ihr den Rest und bespritzte sie mit Blut, mit jenem verderbten Blute ihres Geschlechtes, das sie soeben hatte so lange fließen sehen und das dort auf dem Fußboden sich ausgebreitet hatte, während der bleiche königliche Knabe mit leerem Herzen und leeren Adern schlief. Und dreimal hintereinander wiederholte sie stammelnd, als sie so ihr ganzes Leben wieder an sich vorüberziehen sah, ihr an Leidenschaft und Qual so reiches Leben, welches von dem Bilde des sühnenden Gesetzes beherrscht wurde: »Der Gendarm! Der Gendarm! Der Gendarm!« Und darauf sank sie wieder in ihrem Lehnstuhl zusammen. Sie hielten sie für tot, sie glaubten, daß der Schlag sie gerührt habe. Da kam endlich die Wärterin zurück, nach Entschuldigungen suchend und ihrer Entlassung gewiß. Als Doktor Pascal ihr geholfen hatte, die Tante Dide auf ihr Bett zu legen, konstatirte er, daß sie noch lebte. Sie sollte erst am folgenden Tage sterben, im Alter von hundertundfünf Jahren, drei Monaten und sieben Tagen, an einer Gehirnlähmung, verursacht durch den letzten Schlag, den sie empfangen hatte. Pascal teilte es sofort seiner Mutter mit. »Sie wird nicht vierundzwanzig Stunden mehr leben, morgen wird sie tot sein ... Ah! Erst der Onkel, dann sie und dieses arme Kind! Schlag auf Schlag! Welches Elend und welche Trauer!« Er unterbrach sich und fügte mit leiserer Stimme hinzu: »Die Familie lichtet sich, die alten Bäume fallen und die jungen sterben stehend!« Felicité mußte an eine neue Anspielung glauben. Sie war wirklich ganz verstört durch das tragische Ende des kleinen Charles. Aber trotzdem empfand sie neben dem Schauer eine ungeheure Erleichterung. Welche Beruhigung würde es in der kommenden Woche, wenn man zu weinen aufgehört hätte, gewähren, sagen zu können, der ganze Schrecken von Les Tulettes existirt nicht mehr, der Ruhm der Familie kann endlich steigen und strahlen in der Geschichte! Dann erinnerte sie sich daran, daß sie noch keine Antwort auf die unbeabsichtigte, von ihrem Sohne ihr entgegengeschleuderte Anschuldigung bei dem Notar gegeben hatte. Und sie fing wieder mutig von Macquart an zu sprechen. »Du siehst, daß die Dienstboten zu gar nichts nütze sind. Hier war nun eine da, und sie hat doch nichts verhindert; und es würde daher auch dem Onkel gar nichts geholfen haben, wenn er sich hätte behüten lassen, er würde jetzt trotz allem doch Asche sein!« Pascal verneigte sich, und seine Haltung drückte wieder ganz die gewohnte Ehrerbietung seiner Mutter gegenüber aus. »Sie haben recht, liebe Mutter!« Clotilde war auf die Kniee niedergefallen. Ihr alter Glaube als ergebene Katholikin war soeben in diesem Zimmer voll Blut, Wahnsinn und Tod wieder erwacht. Ihre Augen strömten über von Thränen, ihre Hände hatten sich gefaltet und sie betete heiß für das Seelenheil der teuren Wesen, die nicht mehr waren. Mein Gott! Möchten ihre Leiden doch nun beendet sein, möchte man ihnen ihre Fehler verzeihen und sie nur zu einem andern Leben ewiger Glückseligkeit wieder auferwecken! Und sie betete mit heißer Inbrunst, aus Angst vor der Hölle, die nach einem elenden Leben die Leiden bis in alle Ewigkeit verlängern würde. Am Schlusse dieses traurigen Tages machten sich Pascal und Clotilde eng an einander geschmiegt in weicherer Stimmung auf den Weg, um ihre Kranken zu besuchen. Vielleicht hatte sich in ihm das Bewußtsein seiner Ohnmacht der notwendigen Krankheit gegenüber noch verstärkt Die alleinige Weisheit war, die Natur sich selbst entwickeln, die gefährlichen Elemente ausstoßen zu lassen und sich abzumühen an der Schlußarbeit für die Gesundheit und Kraft. Aber die Verwandten, die man verliert, die leiden und die sterben, lassen im Herzen eine Erbitterung zurück gegen das Uebel, ein unwiderstehliches Verlangen, es zu bekämpfen und zu besiegen. Und niemals hatte der Doktor eine größere Freude empfunden, als wenn es ihm gelungen war, mit Hilfe seiner Einspritzungen die Schmerzen zu lindern und die wimmernden Kranken zu beruhigen und einzuschläfern. Sie wiederum betete ihn an und war sehr stolz, gleich als ob ihre Liebe die Stütze wäre, die sie auf ihrer Pilgerfahrt durch diese armselige Welt mit sich führten. Zehntes Kapitel. Eines Morgens ließ sich Martine von Doktor Pascal eine Quittung über fünfzehnhundert Franken geben, um damit wie alle Vierteljahre zum Notar Grandguillot zu gehen und »ihre Renten«, wie sie sich auszudrücken pflegte, zu holen. Er schien erstaunt, daß der Termin schon wieder da war; er kümmerte sich ja niemals um diese Geldangelegenheit, sondern hatte die Sorge dafür ganz auf die alte Martine abgeladen. Und er befand sich gerade mit Clotilde unter den Platanen, sie freuten sich ihres Lebens, köstlich erfrischt durch den ewigen Gesang der Quelle, als die alte Haushälterin ganz bestürzt und verstört durch einen außergewöhnlichen, aufregenden Vorfall zurückkam. Sie konnte nicht sofort sprechen, so sehr war ihr der Atem ausgegangen. »Ach, mein Gott! Ach, mein Gott! Herr Grandguillot ist fort!« Pascal verstand sie zuerst nicht. »Nun, das eilt ja nicht. Alte, dann wirst Du eben an einem andern Tage noch einmal hingehen.« »Aber nein! Aber nein! Er ist fort, so verstehen Sie mich doch recht, er ist ganz fort!« Und wie das Wasser bei einem Röhrenbruch, so sprudelten die Worte jetzt hervor, ihre heftige Erregung machte sich Luft. »Ich komme in die Straße und sehe von weitem schon viele Menschen vor seiner Thüre stehen ... Es überläuft mich kalt; ich fühle, daß ein Unglück geschehen ist. Und die Thür ist verschlossen, nicht eine einzige Jalousie offen, ein Haus des Todes ... Die Leute haben mir sogleich erzählt, daß er durchgegangen sei, daß er nicht einen Sou zurückgelassen hätte, daß dies der Ruin für viele Familien wäre...« Sie legte die Quittung auf den steinernen Tisch. »Hier! Da haben Sie Ihr Papier wieder! Jetzt ist es aus, wir haben keinen Sou mehr, wir können verhungern!« Ihre Thränen begannen zu fließen, sie jammerte und weinte herzzerbrechend in der Trauer ihres geizigen Charakters, bestürzt über den Verlust eines Vermögens und zitternd vor dem drohenden Elend. Clotilde war auch heftig erschrocken, sie sprach kein Wort, die Augen auf Pascal gerichtet, der im ersten Augenblicke noch ein ungläubiges Gesicht machte. Er versuchte die alte Martine zu beruhigen. Nur Ruhe! Ruhe! Man dürfe sich nicht gleich so aus der Fassung bringen lassen. Wenn sie die Sache nur von den Leuten auf der Straße wüßte, so hätte sie vielleicht nur müßige Klatschereien mitgebracht, die alles übertrieben. Herr Grandguillot durchgegangen, Herr Grandguillot ein Dieb, das müsse natürlich Aufsehen erregen wie etwas ganz Ungeheuerliches, etwas Unmögliches! Ein Mann von so großer Ehrbarkeit! Ein seit mehr als einem Jahrhundert in ganz Plassans so beliebtes und so angesehenes Haus! Das Geld wäre da, wie man zu sagen pflegte, viel sicherer als auf der Banque de France. »Ueberlege doch, Martine, eine derartige Katastrophe tritt nicht ein wie ein Blitzstrahl, da würden schon lange vorher schlimme Gerüchte im Umlauf gewesen sein ... Zum Teufel! Eine alte Rechtschaffenheit fällt nicht in einer Nacht!« Da machte sie eine verzweifelte Bewegung mit der Hand. »Ach, Herr Doktor, sehen Sie, das ist es ja gerade, was mir am meisten Kummer verursacht, weil es mich etwas verantwortlich für Ihren Verlust macht ... Schon vor mehreren Wochen habe ich dergleichen Geschichten in der Luft herumschwirren hören ... Sie beide natürlich, Sie hören nichts, Sie wissen ja nicht einmal mehr recht, ob Sie leben ...« Pascal und Clotilde konnten nicht umhin zu lächeln, denn es war ganz richtig, daß ihre Liebe sie ganz von der übrigen Welt trennte und sie so hoch und so weit davontrug, daß nicht eines der gewöhnlichen Geräusche des Lebens bis zu ihnen drang. »Da diese Geschichten aber sehr gemein waren, so wollte ich Sie weiter nicht damit belästigen; ich glaubte außerdem, es wären Erfindungen, Lügen.« Dann erzählte sie schließlich, daß, wenn die einen Herrn Grandguillot nur beschuldigten, er spiele an der Börse, die anderen versicherten, er hielte sich in Marseille Frauenzimmer. Auch spräche man von Orgien und anderen abscheulichen Leidenschaften. Und sie fing wieder an zu jammern: »Mein Gott! Mein Gott! Was soll nun aus uns werden? Wir müssen also Hungers sterben!« Da geriet Pascal ebenfalls in Aufregung; es schmerzte ihn tief, sehen zu müssen, wie sich auch die Augen Clotildens mit Thränen füllten. Er versuchte, sich aller Einzelheiten zu erinnern und etwas Klarheit in seine Gedanken zu bringen. Früher, zu der Zeit, als er noch in Plassans die ärztliche Praxis ausübte, hatte er durch mehrere Einzahlungen bei dem Notar Grandguillot die hundertundzwanzigtausend Franken niedergelegt, deren Zinsen schon seit sechzehn Jahren zu seinem Lebensunterhalte genügten; und jedesmal hatte ihm der Notar eine Empfangsbescheinigung über die eingezahlte Summe gegeben. Dies würde ihn ohne Zweifel in den Stand setzen, als persönlicher Gläubiger aufzutreten. Dann erwachte eine unbestimmte Erinnerung in seinem Gedächtnis: ohne daß er das Datum genau bestimmen konnte in Betreff der Anfrage und gewisser Erklärungen des Notars, hatte er diesem eine Vollmacht erteilt des Inhalts, das ganze Geld oder auch nur einen Teil desselben in Hypotheken anzulegen; und er erinnerte sich sogar ganz genau, daß in dieser Vollmacht der Name des Bevollmächtigten unausgefüllt geblieben war. Aber er wußte nicht, ob man von diesem Schriftstücke Gebrauch gemacht hatte, da er sich ja niemals darum bekümmert und zu erfahren gesucht hatte, wie seine Gelder angelegt sein könnten. Von neuem fing jetzt Martine in der Angst ihres Herzens zu klagen an und rief: »Ach, Herr Doktor, Sie sind hart bestraft für das, was Sie sich haben in dieser Richtung zu Schulden kommen lassen! Wer gibt aber auch sein Geld so leichtsinnig hin wie Sie! Ich, sehen Sie, ich erfahre alle drei Monate den Stand meines Vermögens fast bis auf einen Centime, und ich könnte Ihnen deshalb auch die Nummern und die Wertpapiere bis auf die kleinste Zahl genau angeben.« Trotz ihrer Verzweiflung erschien auf ihrem Gesichte ganz unbewußt ein Lächeln. Das war die befriedigte Leidenschaft, der sie schon seit langen Jahren eigensinnig frönte, die Befriedigung darüber, daß ihre vierhundert Franken Lohn, die sie seit dreißig Jahren sparte, anlegte und kaum anrührte, schließlich durch das Hinzukommen der Interessen zu der ungeheuer großen Summe von einigen zwanzigtausend Franken angewachsen waren. Und dieser Schatz war ganz und unberührt beiseite gelegt und an einem sicheren Orte deponirt, den niemand kannte. Sie strahlte vor Entzücken darüber, vermied es jedoch, dies allzu sehr merken zu lassen. Pascal erhob Einspruch gegen die Worte der alten Martine. »Ach was! Wer sagt Dir denn, daß unser ganzes Geld verloren ist! Herr Grandguillot besaß auch Privatvermögen; ich denke mir, er wird sein Haus und seinen übrigen liegenden Besitz nicht auch mitgenommen haben. Man wird es schon erfahren, denn man wird Klarheit in die Sache bringen; ich kann mich nicht an den Gedanken gewöhnen, ihn für einen gemeinen Dieb zu halten ... Das einzig Langweilige ist, daß wir werden warten müssen.« Er sagte dies, um Clotilde zu beruhigen, deren Unruhe, wie er merkte, immer größer wurde. Sie sah ihn an, sie betrachtete die Souleiade ringsherum, einzig mit seinem Glücke beschäftigt, mit dem heißen Wunsch, hier immer leben zu dürfen wie in der vergangenen Zeit, ihn immer lieben zu dürfen in dieser geliebten Einsamkeit. Und er selber hatte, da er sie beruhigen wollte, seine schöne Sorglosigkeit wiedergewonnen: er hatte ja niemals für das Geld gelebt und niemals gedacht, daß es ihm fehlen und daß man deshalb schwer leiden könnte. »Aber ich habe ja noch Geld!« rief er schließlich aus. »Warum sprichst Du denn immer davon, Martine, daß wir keinen Sou mehr hatten und daß wir Hungers sterben müßten?« Und fröhlich erhob er sich und zwang sie alle beide, ihm zu folgen. »Kommt, so kommt doch! Ich will es euch zeigen, das Geld. Ich werde dann der alten Martine davon geben, damit sie uns heute abend ein gutes Diner dafür bereitet.« Und oben in seinem Zimmer schlug er vor ihnen triumphirend die Klappe seines Sekretärs zurück. Dort war es, wo er in eine Schublade seit beinahe sechzehn Jahren das Gold und die Kassenscheine hineingeworfen, die ihm seine letzten Patienten aus freien Stücken gebracht hatten, da er niemals etwas von ihnen forderte. Und er hatte auch niemals genau die Gesamtsumme dieses kleinen Schatzes gewußt; er nahm nach Belieben davon weg, sein Taschengeld, das Geld für seine Experimente, für seine Almosen und für seine Geschenke. Seit einigen Monaten machte er dem Sekretär häufiger ernste Besuche. Aber er war so sehr daran gewöhnt, dort die Summen zu finden, die er nötig hatte, daß er schließlich nach Jahren weiser Sparsamkeit, in denen er fast gar keine Ausgaben gehabt hatte, seine Ersparnisse für ganz unerschöpflich hielt. Er lachte vor Vergnügen. »Ihr werdet sehen! Ihr werdet sehen!« Und er war ganz betroffen, als er nach einem fieberhaften Herumsuchen unter einem Haufen von Rechnungen und Fakturen nur mit Mühe die Summe von sechshundertundfünfzehn Franken zusammenbringen konnte, zwei Kassenscheine zu je hundert Franken, vierhundert Franken in Gold und fünfzehn Franken in kleiner Münze. Er schüttelte die anderen Papiere aus, er fühlte mit dem Finger in alle Ecken der Schublade, wobei er immer von neuem rief: »Aber, mein Gott, das ist ja gar nicht möglich! Ich habe doch immer Geld darin gehabt! Es war doch dieser Tage noch ein ganzer Haufen Geld darin! Es müssen diese alten Rechnungen hier gewesen sein, die mich getäuscht haben. Ich schwöre euch, daß ich vergangene Woche noch viel Geld darin gesehen habe, daß ich noch viel davon mit meiner Hand berührt habe.« Er war in seinem guten Glauben so komisch, er erstaunte sich mit einer solchen Einfalt eines großen Kindes, daß Clotilde nicht umhin konnte zu lächeln. Ach, der arme Meister! Was war er für ein bedauernswürdiger Geschäftsmann! Als sie dann die angstvolle Miene der alten Martine bemerkte, deren vollständige Verzweiflung über das wenige Geld zum Lebensunterhalt für sie alle drei, wurde sie von einer heftigen Rührung ergriffen, ihre Augen füllten sich mit Thränen, wahrend sie leise murmelte: »Mein Gott! Ich bin es, für die Du alles ausgegeben hast, ich bin das Verderben, ich bin die einzige Ursache, wenn wir nichts mehr haben!« Er hatte schon ganz das Geld vergessen, das er für die Geschenke herausgenommen hatte. Daß das Geld nicht mehr da war, darüber konnte kein Zweifel herrschen. Das weckte auch seine Lebensgeister wieder. Und als sie in ihrem Schmerze davon sprach, daß sie alles den Kaufleuten zurückgeben wolle, wurde er unwillig. »Was ich Dir geschenkt habe, das willst Du wieder zurückgeben? Aber da würdest Du ja ein Stück von meinem Herzen wieder mit zurückgeben! Nein, nein! Dann wollte ich doch lieber vor Hunger sterben, ich will Dich so, wie es mir gefällt!« Dann aber kehrte ihm das Vertrauen zurück, und er sah eine unbegrenzte Zukunft sich öffnen. »Uebrigens, wir brauchen doch heute abend noch nicht zu verhungern, nicht wahr, Martine! Mit diesem Gelde hier können wir weit kommen!« Martine hob den Kopf empor. Sie verpflichtete sich, zwei, vielleicht sogar drei Monate mit dem Gelde zu langen, wenn man sehr vernünftig sein wollte, aber nicht länger. Früher, da wäre die Schublade gespeist worden, etwas Geld wäre immer eingegangen, während jetzt gar keine Einnahmen mehr vorhanden seien, seitdem der Herr Doktor seine Patienten aufgegeben hatte. Er durfte also auf keine Unterstützung rechnen, die von außerhalb käme. Und sie schloß, indem sie sagte: »Geben Sie mir die beiden Hundertfrankenscheine! Ich will versuchen, es so einzurichten, daß sie einen ganzen Monat reichen. Später werden wir dann sehen ... Aber seien Sie jetzt vernünftig und rühren Sie die anderen vierhundert Franken in Gold nicht an! Schließen Sie das Geld in die Schublade und öffnen Sie diese nicht wieder!« »O, gewiß!« rief der Doktor. »Du kannst ganz ruhig sein! Ich würde mir eher die Hand abhauen!« So war denn alles geordnet. Martine behielt die freie Disposition über dieses letzte Geld; und man konnte sich vollständig auf ihre Sparsamkeit verlassen, man war sicher, daß sie mit den Centimes haushälterisch umgehen würde. Was Clotilde betraf, die niemals einen eigenen Geldbeutel gehabt hatte, so würde sie gar nichts von dem Fehlen des Geldes bemerken. Nur allein Pascal würde darunter leiden, daß er nicht mehr einen offenen, unerschöpflichen Schatz hatte. Aber er hatte sich ausdrücklich verpflichtet, alles durch die Haushälterin bezahlen zu lassen. »Ach! Das war eine saure Arbeit!« rief er erleichtert und glücklich aus, als ob er gerade ein gewaltiges Geschäft erledigt hatte, das für immer ihre Existenz sichern sollte. Eine Woche verfloß; auf der Souleiade schien sich nichts geändert zu haben. In dem Entzücken ihrer Liebe schienen weder Pascal noch Clotilde an das drohende Elend zu deuten. Und eines Morgens, als Clotilde mit Martine ausgegangen war, um sie auf den Markt zu begleiten, empfing der Doktor, der allein zurückgeblieben war, einen Besuch, der ihn zuerst mit einem gewissen Schrecken erfüllte. Es war die Verkäuferin, bei der er das Mieder von alten Alençonspitzen gekauft hatte, jenes Wunderwerk, sein erstes Geschenk. Er fühlte sich so schwach gegen eine mögliche Versuchung, daß er schon bei dem bloßen Gedanken daran zitterte. Bevor noch die Händlerin ein Wort ausgesprochen hatte, wehrte er sich dagegen: Nein! nein! er könnte nichts, er wollte nichts kaufen! Und mit vorgestreckten Händen suchte er sie abzuhalten, irgend etwas aus ihrer Ledertasche hervorzuholen. Die gemütliche, dicke Frau lachte jedoch, ihres Sieges nur zu gewiß. Mit ihrer eintönigen, einschläfernden Stimme fing sie zu reden an und erzählte ihm eine ganze Geschichte. Ja, eine Dame, die sie nicht nennen konnte, eine der vornehmsten Damen von Plassans, sei von einem schweren Unglücksfalle betroffen und dadurch gezwungen worden, ein Schmuckstück zu verkaufen; da hatte sie von der günstigen Gelegenheit gehört, einen Schmuckgegenstand zu erwerben, der mehr als zwölfhundert Franken gekostet hätte und den man jetzt für fünfhundert Franken mit schwerem Herzen hergeben wollte. Ohne sich irgendwie zu übereilen, hatte sie ihre Tasche geöffnet trotz der Bestürzung und der wachsenden Unruhe des Doktors; sie zog daraus eine seine Halskette hervor, die vorn ganz einfach mit sieben Perlen besetzt war. Aber die Perlen hatten einen wunderbaren Glanz, eine vollendete Rundung und Durchsichtigkeit. Sie waren sehr sein, sehr rein und von einer außerordentlichen Frische. Sofort hatte er dieses Collier an dem zarten Halse Clotildens gesehen wie den natürlichen Schmuck dieses seidenweichen Fleisches, dessen Blumengeschmack er noch auf seinen Lippen bewahrte. Ein anderer Schmuckgegenstand würde ihn unnötigerweise belastet haben, diese Perlen dagegen würden nur von ihrer Jugend sprechen. Und schon hatte er es zwischen seine zitternden Finger genommen, und eine tödliche Pein erfaßte ihn bei dem Gedanken, es zurückgeben zu müssen. Dennoch wehrte er sich noch immer dagegen; er schwur, daß er keine fünfhundert Franken mehr hatte, während die Verkäuferin fortfuhr, mit ihrer eintönigen Stimme den guten Kauf, der wirklich ›eräw lleer‹ herauszustreichen. Nach einer weiteren Viertelstunde, als sie ihn fest zu haben glaubte, erklärte sie sich plötzlich bereit, ihm das Collier für dreihundert Franken lassen zu wollen. Und dem konnte er nicht widerstehen, seine Geschenkwut, sein Verlangen, seinem Idol ein Vergnügen zu bereiten und es zu schmücken, war zu stark. Als er die fünfzehn Goldstücke aus der Schublade herausnahm, um sie der Verkäuferin zu bezahlen, war er fest davon überzeugt, daß die Sachen bei dem Notar in Ordnung gebracht werden würden und daß man bald wieder viel Geld haben würde. Als dann Pascal wieder allein war mit dem Schmuckstück in der Tasche, empfand er eine geradezu kindliche Freude, und gepeinigt von Ungeduld, während er die Rückkehr Clotildens abwartete, bereitete er seine kleine Ueberraschung vor. Und als er sie von weitem erblickte, da pochte sein Herz zum Zerspringen. Sie hatte sehr heiß, da nie glühende Augustsonne den Himmel in Flammen setzte. Sie wollte daher ihre Kleider wechseln und erzählte, glücklich über ihren Spaziergang, lachend von dem guten Kaufe, den Martine soeben gemacht hatte, zwei Tauben für achtzehn Sous. Er war ihr, halb erstickt von seiner Auflegung, in ihr Zimmer gefolgt. Als sie nur noch das Unterleibchen an hatte und ihre Arme und Schultern nackt waren, da that er so, als ob er etwas an ihrem Halse bemerkte. »Halt! Was ist denn das, was Du da hast? Laß einmal sehen!« Er hatte das Collier in der Hand und es gelang ihm, es ihr umzulegen, indem er zum Scheine mit seinem Finger an ihrem Halse herumfühlte, um sich zu versichern, daß sie nichts hätte. Lustig wehrte sie sich dagegen. »So komm doch endlich zu Ende! Ich weiß ganz genau, daß nichts da ist! Ja, was treibst Du denn nur? Was hast Du nur, was mich so kitzelt?« Er umfaßte sie zärtlich und führte sie vor den großen Stehspiegel, in dem sie ihre ganze Gestalt erblickte. An ihrem Halse sah die feine Kette nur wie ein Goldfaden aus, und die sieben Perlen glänzten wie sieben milchweiße Sterne, die auf ihrer seidenweichen Haut entstanden waren und dort in sanftem Lichte erstrahlten. Das bereitete ihr eine kindliche, Freude, das war köstlich. Sie brach sofort in ein entzücktes Lachen aus, das dem Girren einer koketten Taube glich, die sich aufbläst. »O, Meister! Meister! Wie gut Du bist! Denkst Du denn immer nur an mich? Wie Du mich glücklich machst!« Und die Freude, die aus ihren Augen strahlte, die Freude der liebenden Frau, die entzückt ist, schön zu sein und angebetet zu werden, belohnte ihn göttlich für seine Thorheit. Sie hatte den Kopf zurückgewendet und bot ihm strahlend ihre Lippen. Er beugte sich zu ihr herab, sie küßten sich. »Bist Du zufrieden?« »O ja, Meister! Zufrieden, sehr zufrieden! Sie sind so zart, sie sind so rein, diese Perlen! Und sie kleiden mich so gut!« Einen Augenblick noch bewunderte sie sich in dem Spiegel in unschuldiger Eitelkeit über die lichte Blüte ihrer Haut unter den schimmernden Perlentropfen. Dann gab sie, als sie die alte Haushälterin in dem nebenan liegenden Saale herumhantiren hörte, dem Verlangen nach, sich zu zeigen, entschlüpfte aus seinen Armen und eilte, nur mit dem Unterleibchen bekleidet und im bloßen Halse, zu ihr hinüber. »Martine! Martine! Sieh doch nur, was mir soeben der Meister wieder geschenkt hat! Nun, bin ich jetzt nicht schön?« Aber bei der strengen und plötzlich erschreckten Miene der alten Haushälterin wurde ihr die Freude ganz verdorben. Vielleicht hatte sie eine Ahnung von dem eifersüchtigen Schmerze, den ihre strahlende Schönheit diesen: armen Wesen bereiten mußte, das in der stummen Ergebenheit seiner dienenden Stellung alt geworden war in anbetender Verehrung seines Meisters. Es war dies übrigens nur eine Empfindung, die kaum eine Sekunde anhielt und die für die eine ganz unbewußt war und von der andern kaum verspürt wurde. Was aber zurückblieb, das war die deutlich sichtbare Mißbilligung der alten sparsamen Haushälterin, das sofort als kostbar erkannte und verurteilte Geschenk. Clotilde wurde von einem leichten Schauder ergriffen. »Der Meister hat also wieder einmal seinen Sekretär durchstöbert,« murmelte sie ... »sie sind sehr teuer, diese Perlen, nicht wahr?« Pascal befand sich in großer Verlegenheit; er machte Einwendungen dagegen, sprach von der vortrefflichen Gelegenheit und berichtete in einem wahren Wortschwall von dem Besuche der Verkäuferin. Ein unglaublich guter Kauf! Es wäre gar nicht möglich gewesen, nicht zu kaufen. »Wie viel?« fragte das junge Mädchen mit einer wahren Todesangst. »Dreihundert Franken.« Und Martine, die bis dahin ihren Mund noch gar nicht geöffnet hatte und in ihrem hartnäckigen Stillschweigen geradezu schrecklich war, konnte den Schrei nicht zurückhalten: »Großer Gott! Wovon sollen wir denn sechs Wochen lang leben? Wir haben ja nicht einmal mehr Brot!« Große Thränen stürzten aus Clotildens Augen. Sie würde das Collier von ihrem Halse gerissen haben, wenn Pascal es nicht verhindert hätte. Sie sprach davon, es sofort wieder zurückgeben zu wollen, und stotterte ganz außer sich die Worte hervor: »Es ist wahr, Martine hat ganz recht ... Der Meister ist ein Narr und ich bin selbst eine Närrin, es auch nur eine einzige Minute zu behalten in der Lage, in der wir uns befinden ... Es würde mir die Haut verbrennen. Ich bitte Dich inständig darum, laß es mich wieder zurückbringen!« Er wollte das durchaus nicht zugeben. Dann wurde er ebenso wie die beiden Frauen tief betrübt; er gab seinen Fehler zu, sagte, daß er unverbesserlich sei und daß man ihm das ganze Geld hätte wegnehmen sollen. Und darauf eilte er nach seinem Sekretär, brachte die hundert Franken herbei; die noch übrig waren, und zwang die alte Martine, sie zu nehmen. »Ich sage Dir, daß ich nicht einen einzigen Sou mehr haben will! Ich würde ihn ja doch wieder ausgeben ... Nimm das Geld, Martine, Du bist die einzige Vernünftige! Du wirst das Geld schon so lange zu halten wissen, davon bin ich fest überzeugt, bis unsere Angelegenheiten wieder in Ordnung sind ... Und Du, geliebter Schatz, behalte das Collier, plage mich nicht mehr damit! Umarme mich und zieh Dich an!« Es war nicht weiter die Rede von diesem Vorfall. Aber Clotilde hatte das Collier an ihrem Halse behalten unter dem Kleide; und es war ein so reizendes Geheimnis, dieser kleine Schmuckgegenstand, so fein und so allerliebst, von dem niemand etwas wußte, den sie nur ganz allein an sich fühlte. Zuweilen, bei einer zärtlichen Scene, lächelte sie Pascal an und zog die Perlen aus ihrem Mieder hervor, um sie ihm zu zeigen, ohne jedoch dabei ein Wort zu sagen. Und mit derselben raschen und geschickten Handbewegung verbarg sie sie wieder an ihrem lebenswarmen Busen in lieblicher Erregung. Das war ihre Liebesthorheit, daß sie ihm mit einer verwirrten Dankbarkeit einen Strahl immer lebhafter Freude hervorrief. Niemals mehr legte sie die Perlen ab. Von da an begann ein Leben der Einschränkung, das aber trotz allem angenehm war. Martine hatte ein genaues Verzeichnis der Vorräte des Hauses gemacht, und das war sehr traurig ausgefallen. Nur der Vorrat an Kartoffeln war allein nennenswert. Unglücklicherweise ging der Oelkrug auf die Neige, ebenso wie das letzte Weinfaß leer wurde. Die Souleiade hatte keine Rebstücke und keine Olivenbäume mehr; sie brachte nur noch einige Gemüse und Fruchtarten hervor; Birnen, die nicht reif waren, und Spaliertrauben sollten ihre einzige Nahrung sein. Endlich mußte täglich Brot und Fleisch gekauft werden. Von dem ersten Tage an setzte die alte Haushälterin auch die täglichen Rationen für Pascal und Clotilde fest; die Crêmes und das feine Backwerk ließ sie ganz weg und führte die Platten auf eine bestimmte Zahl zurück. Sie hatte ihre ganze Autorität von früher wieder gewonnen und behandelte Pascal und Clotilde ganz wie Kinder, die sie nicht einmal mehr nach ihren Wünschen und nach ihrem Geschmacke fragte. Sie war es, die die Speisezettel zusammenstellte, die besser als sie selbst wußte, was ihnen zuträglich, was ihnen nötig war, und sorgte im übrigen mütterlich für beide, umgab sie mit unendlicher Sorgfalt, ja, sie vollbrachte sogar das Wunder, ihnen für das armselige Geld auch noch Genüsse zu bereiten, und zankte sie nur zu ihrem eigenen Besten aus, wie man kleine Kinder auszankt, die ihre Suppe nicht essen wollen. Und es schien, als ob diese sonderbare Mutterschaft, diese Selbstaufopferung, dieser Frieden der Einbildung, mit dem sie ihre Lieben umgab, auch sie etwas befriedigte und sie der dumpfen Verzweiflung entriß, der sie anheimgefallen war. Seitdem sie auf diese Weise über sie wachte, hatte sie das Aussehen einer kleinen weißen Nonne wieder gewonnen, die sich der Ehelosigkeit geweiht hat, mit ihren ruhigen Augen von aschgrauer Farbe, die deutlich die Ergebenheit ihrer Dienstbarkeit von dreißig Jahren aussprachen. Wenn sie nach den ewigen Kartoffeln und dem kleinen Kotelette zu vier Sous, das sich ganz zwischen dem Gemüse verlor, an bestimmten Tagen dazu kam, ihnen mit Krapfen aufzuwarten, dann triumphirte sie, dann war sie hoch erfreut über ihre lachenden Gesichter. Pascal und Clotilde fanden alles sehr gut, was sie aber trotzdem nicht verhinderte, über sie zu lachen, wenn sie nicht da war. Die alten Spöttereien über ihren Geiz begannen auf das schönste von neuem; sie erzählten sich, daß sie die Pfefferkörner zählte, so und so viele Körner für jede Platte, eine geradezu lächerliche Sparsamkeit; wenn an den Kartoffeln allzu sehr das Oel fehlte, und wenn die Koteletten auf einen einzigen Bissen zusammenschrumpften, so tauschten sie einen verständnisinnigen Blick aus und warteten, bis sie hinausgegangen war, um ihre Heiterkeit in ihren Servietten zu ersticken. Sie amüsirten sich über alles, sie lachten wie unschuldige Kinder über ihr Unglück. Am Ende des ersten Monates dachte Pascal an den Lohn der alten Martine. Für gewöhnlich entnahm sie selbst ihre vierzig Franken aus der gemeinschaftlichen Kasse, die sie führte. »Meine arme Alte,« sagte er zu ihr, »wie sollst Du denn nun zu Deinem Lohne kommen, da wir kein Geld mehr haben?« Sie blieb einen Augenblick stumm, die Augen zur Erde gesenkt und mit verstörtem Gesichte. »Ja, Herr Doktor, dann werde ich wohl warten müssen!« Aber er sah wohl, daß sie nicht alles sagte, daß sie an ein Arrangement dachte, aber nicht recht wußte, auf welche Weise sie es vorbringen sollte. Er ermutigte sie. »Dann würde ich es vorziehen, daß mir der Herr Doktor, im Falle, daß Sie damit einverstanden sind, einen Schein unterzeichnet!« »Wie? Einen Schein?« »Ja, einen Schein, auf dem mir der Herr Doktor jeden Monat durch seine Namensunterschrift bestätigt, daß er mir vierzig Franken schuldig ist.« Pascal gab ihr sofort den Schein, und sie war darüber sehr glücklich; sie schloß ihn sorgfältig ein, als wenn er schönes und gutes Geld gewesen wäre. Aber dieser Schein wurde für den Doktor und seine Gefährtin ein neuer Gegenstand der Verwunderung und des Spottes. Worin bestand denn eigentlich die außergewöhnliche Gewalt, die das Geld auf ihre Seele ausübte? Dieses alte Mädchen, welches sie auf den Knieen bediente und besonders ihn so verehrte, daß sie freudig für ihn ihr Leben hingegeben hätte, nahm jetzt diese schwache Sicherheit, diesen elenden Fetzen Papier, der ganz wertlos war, wenn er sie nicht bezahlen konnte! Uebrigens hatten weder Pascal noch Clotilde ein großes Verdienst daran, daß sie ihre Heiterkeit im Unglück bewahrten, denn sie fühlten dasselbe gar nicht. Sie lebten in stolzer Erhabenheit über demselben in dem reichen und glücklichen Bereich ihrer Leidenschaft. Bei Tische wußten sie nicht, was sie aßen; sie konnten sich einbilden, sie verspeisten auf silbernem Geschirr ein königliches Mahl. Sie hatten kein Bewußtsein von der Leere rings um sie herum; sie bemerkten nicht, wie die alte Haushälterin immer mehr abmagerte, da sie sich mir von dem nährte, was sie übrig ließen; und sie schritten durch das öde Haus wie durch einen mit allen Kostbarkeiten überladenen Palast. Das war sicherlich die glücklichste Epoche ihrer Liebe. Das Zimmer war eine Welt, das mit altem, fein bedrucktem, orangefarbenem Kattun tapezirte Zimmer, wo sie das Unendliche, das Glück ohne Ende nicht erschöpfen konnten, sich einander in den Armen zu halten. Dann bewahrte der Arbeitssaal so viele Erinnerungen an die Vergangenheit, daß sie die Tage dort verbrachten, wie verschwenderisch von der Freude umhüllt, dort schon so lange zusammen gelebt zu haben. Dann war es draußen in den verstecktesten Winkeln der Souleiade der königliche Sommer, der sein blaues, von Gold strahlendes Zelt ausbreitete. Am Morgen führten sie auf den von Harz duftenden Wegen des Fichtenwaldes, zu Mittag unter dem dunklen Schatten der Platanen, erfrischt durch den Gesang der Quelle, und am Abend auf der Terrasse, wo ein kühler Luftzug wehte, oder aus dem großen, freien Platz, der noch warm und in dem blauen Licht der ersten Sterne gebadet war, mit Entzücken ihr Dasein als Arme spazieren, deren einziger Ehrgeiz war, immer zusammen leben zu können, in der vollständigen Verachtung alles übrigen. Die Erde gehörte ihnen mit allen ihren Schätzen und ihren Festen, mit allen ihren Reichen von dem Augenblicke an, wo sie sich einander ganz angehörten. Gegen Ende August jedoch verschlimmerten sich die Verhältnisse noch. Es gab für sie zuweilen doch ein sehr unsanftes Erwachen aus diesem schrankenlosen Traumleben ohne Pflichten und ohne Arbeit, das ihnen so süß däuchte und doch so unmöglich, so ungut war, um es immer leben zu können. So erklärte ihnen eines Abends die alte Martine, daß sie nur noch fünfzig Franken hätte, und daß es sehr schwer halten würde, damit noch zwei Wochen auszukommen, selbst wenn sie auf das Weintrinken ganz verzichten wollten. Auch von anderer Seite wurden die Nachrichten immer trüber; der Notar Grandguillot war vollständig zahlungsunfähig, so daß selbst seine persönlichen Gläubiger nichts erhielten. Zuerst hatte man noch auf das Haus und auf zwei Pachtgüter rechnen können, die der Notar bei seiner Flucht gezwungen hatte zurücklassen müssen; aber es stand jetzt fest, daß diese Besitzungen auf den Namen seiner Frau eingetragen waren. Und während er, wie man sagte, in der Schweiz die Schönheit der Berge genoß, lebte sie sehr ruhig auf einem dieser Pachtgüter, das sie, fern von allen Unannehmlichkeiten des Bankerottes, als ihr spezielles Eigentum bewirtschaftete. Das aufgeregte Plassans erzählte sich, daß die Frau die Ausschweifungen des Gatten duldete und ihm sogar erlaubte, sich zwei Maitressen zu halten, die er an die großen Seen mitgenommen hatte. Und Pascal versäumte es in seiner gewohnten Sorglosigkeit selbst, zu dem Prokurator der Republik zu gehen und mit ihm über seinen Fall zu reden. Da er hinreichend von allem unterrichtet war durch das, was man ihm erzählte, fragte er sich, zu welchem Zwecke er diese gemeine Geschichte noch einmal aufwärmen sollte, da doch von seinem Eigentume nichts und ebenso wenig sonst etwas Nützliches dabei herauskommen konnte. Damals erschien die Zukunft auf der Souleiade schwer bedroht. Die finstere Sorge herrschte da, und das war auch nur noch eine kurze Gnadenfrist. Und Clotilde, im Grunde sehr vernünftig, war die erste, die vor der Zukunft zitterte. Sie bewahrte ihre lebhafte Heiterkeit, so lange Pascal da war; aber in ihrer Zärtlichkeit als Frau umsichtiger als er, überkam sie ein wirklicher Schrecken, wenn er sie auf einen Augenblick allein ließ, und sie fragte sich, was aus ihm werden sollte in seinem Alter und mit diesem baufälligen Hause belastet. Ein Plan beschäftigte sie schon seit einigen Tagen im Geheimen; sie wollte arbeiten, sie wollte Geld verdienen, viel Geld verdienen mit ihren Bildern. Man hatte schon so und so vielemale von ihrem großen und eigenartigen Talente mit lauter Bewunderung gesprochen, daß sie schließlich die alte Martine ins Vertrauen zog und ihr eines schönen Tages den Auftrag gab, mehrere ihrer Phantasiebonquets dem Bilderhändler auf dem Corso Sauvaire zum Verkauf anzubieten, der, wie man versicherte, mit einem Pariser Maler in verwandtschaftlicher Beziehung stand. Die ausdrückliche Bedingung war, nichts in Plassans auszustellen, sondern alles so weit als möglich fortzuschaffen. Aber das Resultat war ein sehr trauriges; der Kaufmann war entsetzt über die Ungeheuerlichkeit der Erfindung, über den maßlosen Schwung der Komposition und erklärte, daß sich so etwas niemals würde verkaufen lassen. Clotilde war ganz verzweifelt, große Thränen traten ihr in die Augen. Zu was wäre sie denn nütze? Es wäre ein Jammer und eine Schande, zu gar nichts gut und brauchbar zu sein! Und die alte Haushälterin mußte sie trösten und mußte ihr auseinandersetzen, daß ohne Zweifel nicht alle Frauen zum Arbeiten geschaffen seien, daß die einen wie die Blumen in den Gürten hervorsprießten, um gut zu riechen, während die anderen dem Getreide der Erde gleichen, das man zerquetscht und das ernährt. Martine indessen überdachte hin und her einen andern Plan, welcher darauf hinausging, den Doktor zu bestimmen, seine Praxis wieder aufzunehmen. Sie sprach schließlich mit Clotilde davon, die ihr aber sofort die Schwierigkeiten, die Unmöglichkeit eines solchen Versuches nachwies. Sie hatte gerade am vorhergehenden Abend mit Pascal darüber gesprochen. Er beschäftigte steh auch damit, er dachte auch an die Arbeit als die einzige Möglichkeit einer Rettung. Der Gedanke, sein Sprechzimmer wieder zu Konsultationen zu öffnen, mußte ihm zuerst gekommen sein. Aber er war seit so langer Zeit der Arzt der Armen gewesen! Wie konnte er es daher icht wagen, sich bezahlen zu lassen, da er schon seit so vielen Jahren kein Geld mehr gefordert hatte? War es denn übrigens auch nicht zu spät, in seinem Alter noch einmal mit einer Carrière zu beginnen, ganz abgesehen von den thörichten Geschichten, die über ihn im Umlauf waren, ganz abgesehen von dem sagenhaften Gerüchte, das man über ihn verbreitet hatte, es wäre bei ihm nicht ganz richtig im Kopfe? Er wurde sicher nicht einen einzigen Patienten wieder bekommen, und es wäre daher eine unnötige Grausamkeit, ihn auch nur zu einem Versuche zu zwingen, aus dem er nur mit zerrissenem Herzen und leeren Händen hervorgehen wurde. Clotilde bemühte sich im Gegenteile eifrig, ihn davon abzubringen, und Martine begriff diese gewichtigen Gründe und erklärte ebenfalls, daß man ihn abhalten müsse, damit er nicht Gefahr liefe, einen solchen schweren Kummer zu erleben. Aber während dieses Gespräches war ihr ein anderer Gedanke gekommen sie erinnerte sich an ein altes Verzeichnis, das sie in einem alten Schranke entdeckt und auf dem sie einstmals die Krankenbesuche des Doktors aufgeschrieben hatte. Viele Leute hatten ihn niemals bezahlt, und zwar waren es ihrer so viele, daß ihre Namen zwei große Seiten des alten Registers ganz ausfüllten. Warum sollte man denn jetzt nicht, wo man sich im Unglück befand, von diesen Leuten die Summen einfordern, die sie ihm schuldeten? Man könnte das ganz gut thun, auch ohne dem Herrn Doktor etwas davon zu sagen, da er es immer abgeschlagen hatte, sich an das Gericht zu wenden. Diesmal gab ihr Clotilde recht. Es war ein vollständiges Komplott: sie zog die schuldigen Summen aus dem Register und schrieb die Rechnungen, die die alte Martine forttragen mußte. Aber von keiner Seite erhielt sie auch nur einen einzigen Sou; an jeder Thüre bekam sie die Antwort, man werde die Rechnung nachsehen und später bei dem Doktor vorüberkommen. Aber zehn Tage vergingen, und niemand ließ sich sehen. Im Hause waren nur noch sechs Franken vorhanden, von denen man zwei bis drei Tage leben konnte. Als Martine am folgenden Tage wieder mit leeren Händen von einem alten Patienten zurückkehrte, nahm sie Clotilde beiseite und erzählte ihr, daß sie soeben an der Ecke der Rue de la Banne mit Frau Felicité gesprochen hätte. Diese habe ihr ohne Zweifel aufgelauert. Sie hatte die Souleiade immer noch nicht wieder betreten. Selbst das Unglück, das ihren Sohn betroffen hatte, jener plötzliche Verlust seines Vermögens, von dem die ganze Stadt sprach, hatte sie ihm noch nicht wieder näher gebracht. Aber sie wartete mit einer leidenschaftlichen Ungeduld darauf, sie bewahrte die Haltung der streng urteilenden Mutter nur, weil sie gewiß war, daß Pascal schließlich doch auf ihre Gnade angewiesen sein würde, und zeigte sich auch deshalb gewissen Fehltritten gegenüber unversöhnlich, weil sie mit Bestimmtheit darauf rechnete, daß er eines schönen Tages ihre Hilfe anrufen wurde. Wenn er keinen Sou mehr hätte, dann wurde er schon an ihre Thüre klopfen, dann wurde sie aber ihre Bedingungen stellen, würde ihn zur Heirat mit Clotilde bestimmen, oder, was noch besser wäre, sie würde deren Abreise fordern. Die Tage gingen jedoch dahin, sie sah ihn nicht kommen Und deswegen hatte sie auch die alte Martine angehalten. Sie nahm eine von Mitleid bewegt Miene an, fragte nach Neuigkeiten und schien sich zu wundern, daß man ihre Kasse noch nicht in Anspruch genommen hatte, und gab dabei zu verstehen, daß ihre Würde es ihr verbiete, den ersten Schritt zu thun. »Sie müssen mit dem Herrn Doktor darüber sprechen und ihn dazu bestimmen,« schloß die alte Haushälterin. »Und in der That, warum sollte er sich denn nicht an seine Mutter wenden? Das wurde doch nur ganz natürlich sein.« Clotilde erhob aber lebhaften Widerspruch dagegen. »Niemals! Ich übernehme einen solchen Auftrag nicht Der Meister wurde böse werden, und er würde recht haben. Ich glaube bestimmt, er würde lieber vor Hunger sterben, all das Gnadenbrot aus den Händen von Großmama essen.« Und als am übernächsten Morgen Martine sie beim Diner bediente und einen Rest von ausgekochtem Suppenrindfleisch auftrug, sagte sie zu ihnen: »Jetzt habe ich kein Geld mehr, Herr Doktor, und morgen wird es nur Kartoffeln ohne Butter und ohne Oel geben ... Jetzt sind es nun schon drei Wochen, daß Sie nur Wasser trinken. Von heute an müssen Sie auch auf das Fleisch verzichten.« Sie waren guter Dinge und scherzten sogar noch darüber. »Hast Du denn noch Salz, meine brave Alte?« »Ja, Herr Doktor, noch etwas!« »Nun also! Kartoffeln mit Salz ist etwas sehr Gutes, wenn man Hunger hat!« Sie ging in ihre Küche zurück, und sie fingen wieder ganz leise mit ihren Spöttereien über ihren außerordentlichen Geiz an. Niemals hatte sie ihnen das Anerbieten gemacht, ihnen zehn Franken vorschießen zu wollen, obgleich sie doch einen kleinen Schatz besaß, den sie irgendwo versteckt hielt an einem sicheren Orte, den niemand kannte. Sie lachten übrigens nur darüber, ohne ihr deswegen irgendwie böse zu sein, denn sie mußte jetzt wirklich schon daran denken, die Sterne vom Himmel herunterzuholen und sie ihnen zu serviren. In der Nacht jedoch, als sie sich in das Bett gelegt hatten, bemerkte Pascal, daß Clotilde sich in fieberhafter Aufregung befand und von Schlaflosigkeit gequält wurde. Es war bei ihnen zur Gewohnheit geworden, daß er, wenn sie so eines in des andern Armen in der lauwarmen Finsternis dalagen, ihre Beichte anhörte; und sie wagte es diesmal, von ihrer Unruhe mit ihm zu sprechen, die sie seinetwegen, ihretwegen, ja des ganzen Hauses wegen empfand. Was sollte denn aus ihnen werden ohne alle Hilfsquellen? Einen Augenblick stand sie im Begriffe, mit ihm von seiner Mutter zu sprechen. Dann aber hatte sie doch nicht den Mut dazu und begnügte sich, ihm die Schritte zu gestehen, die sie beide, die alte Martine und sie selbst, gethan hatten: daß sie, nachdem sie das alte Verzeichnis aufgefunden, die Rechnungen herausgeschrieben und fortgeschickt, aber überall das Geld vergeblich gefordert hätten. Unter anderen Verhältnissen würde er bei diesem Geständnis großen Kummer empfunden haben und in heftige Aufregung geraten sein, erzürnt darüber, daß man dies ohne sein Wissen gethan hatte, da es so ganz im Widerspruch stand mit seinem bisherigen Verhalten während seiner ganzen Berufsthätigkeit. Er blieb zunächst still, und seine heftige Erregung bewies hinreichend, wie groß zeitweise seine geheime Angst war, wenn er sich auch so sorglos dem Elend gegenüber zeigte. Dann verzieh er Clotilden, indem er sie liebevoll an seine Brust drückte und sagte schließlich, daß sie recht gethan hätte, daß man nicht länger in dieser Weise leben könnte. Sie hörten endlich zu sprechen auf, aber sie merkte, daß er nicht schlief, daß er wie sie nach einem Mittel suchte, das für die täglichen Bedürfnisse notwendige Geld herbeizuschaffen. So verlief ihre erste unglückliche Nacht, eine Nacht gemeinsamen Leidens, in der sie in Verzweiflung war über die quälenden Gedanken, die er sich machte, während er sich nicht an den Gedanken gewöhnen konnte, sie ohne Brot zu wissen. Am folgenden Morgen aßen sie zum Frühstück nur Früchte. Der Doktor war den ganzen Vormittag stumm geblieben, die Beute eines sichtbaren inneren Kampfes. Und es war schon beinahe drei Uhr, als er endlich einen festen Entschluß faßte. »Jetzt also heißt es sich regen!« sagte er zu seiner Gefährtin. »Ich will nicht, daß Du auch heute abend noch hungerst ... Geh jetzt und setze Dir einen Hut auf, wir wollen zusammen ausgehen!« Sie sah ihn an in Erwartung einer deutlicheren Erklärung. »Ja, da man uns Geld schuldet und da man es euch nicht hat geben wollen, so werde ich jetzt gehen und sehen, ob man es denn auch mir verweigert.« Seine Hände zitterten; der Gedanke, sich auf diese Weise bezahlen zu lassen, mußte ihm schreckliche Qualen verursachen, aber er bemühte sich zu lächeln und heuchelte großen Mut. Und ihr, die an dem Zittern der Stimme die Größe seines Opfers merkte, traten deswegen Thränen in die Augen. »Nein, nein, Meister! Geh nicht hin, wenn es Dir zu viel Schmerz bereitet ... Martine konnte ganz gut noch einmal hingehen.« Die alte Haushälterin, die auch da war, billigte dagegen den Entschluß Pascals sehr. »Ja, warum soll denn der Herr Doktor nicht gehen? Es ist noch niemals eine Schande gewesen, das zu fordern, was man einem schuldet ... Ist es nicht so? Jedem das Seine ... Ich für meine Person finde es sehr gut, daß der Herr Doktor endlich einmal zeigt, daß er ein Mann ist.« Dann ging ebenso wie früher in glücklichen Stunden der alte König David, wie sich Pascal zuweilen im Scherz nannte, am Arme der Abisaig aus. Weder das eine noch das andere von ihnen war ärmlich gekleidet; er trug wie immer seinen Ueberzieher fest zugeknöpft, während sie ihr hübsches leinenes Kleid mit den roten Punkten anhatte, aber das Bewußtsein ihres Elends drückte sie ohne Zweifel nieder und ließ sie glauben, daß sie nur noch zwei Arme wären, die nicht viel Platz einnehmen dürften und bescheiden an den Häusern entlang schleichen müßten. Die von der Sonne heiß beschienenen Straßen waren fast ganz leer. Einige Blicke belästigten sie, und dennoch beschleunigten sie ihre Schritte nicht, so sehr war ihnen das Herz beklommen. Pascal wollte bei einem alten Beamten anfangen, den er während eines Nierenleidens behandelt hatte. Er ließ Clotilde auf einer Bank des Corso Sauvaire zurück und trat in das Haus seines ehemaligen Patienten ein. Aber es gewährte ihm eine große Erleichterung, als der Beamte, seiner Aufforderung zuvorkommend, erklärte, er bekäme seine Renten erst im Oktober und dann würde er ihn bezahlen. Bei einer alten gelähmten Dame von siebenzig Jahren verhielt sich die Sache anders; sie beschwerte sich darüber, daß man ihr die Rechnung durch eine Dienerin geschickt habe, die gar nicht höflich gewesen wäre, so daß er sich beeilte, eine Entschuldigung auszusprechen, und ihr die Frist gewährte, die sie haben wollte. Dann stieg er die drei Treppen zu einem Steuerbeamten hinauf, den er noch leidend fand und der ebenso arm war wie er selbst, so daß er es nicht einmal wagte, seine Forderung vorzubringen. Dann kamen der Reihe nach eine Kurzwarenhändlerin, die Frau eines Advokaten, ein Oelkaufmann, ein Bäcker daran, alles wohlhabende Leute; aber alle wußten sich der Bezahlung zu entziehen, die einen unter allen möglichen Vorwänden, die anderen einfach dadurch, daß sie ihn gar nicht empfingen; es war sogar einer dabei, der sich stellte, als ob er ihn gar nicht verstünde. Es blieb nur noch die Marquise von Valqueyras übrig, die einzige Repräsentantin einer alten Familie, sehr reich und berüchtigt wegen ihres Geizes, die als Witwe mit ihrer kleinen zehnjährigen Tochter zusammen lebte. Er läutete zuletzt an ihrem altertümlichen Palais am Ende des Corso Sauvaire, einem monumentalen Bau aus der Zeit Mazarins. Und er blieb so lange darin, daß Clotilde, die unter den Bäumen auf und ab ging, von Unruhe ergriffen wurde. Als er endlich nach Verlauf einer guten halben Stunde wieder erschien, rief sie ihm erleichtert und scherzend entgegen: »Nun, hat sie vielleicht auch kein Geld gehabt?« Und er hatte wirklich auch bei ihr wieder keinen Sou erhalten. Sie hatte sich über ihre Pächter beklagt, die sie nicht bezahlten. »Denke Dir nur,« fuhr er fort, um ihr seine lange Abwesenheit zu erklären, »ihre kleine Tochter ist krank. Ich fürchte, es ist der Anfang eines Schleimfiebers ... Dann hat sie sie mir zeigen wollen, und ich habe die arme Kleine untersucht.« Ein unbezwingliches Lächeln umspielte die Lippen Clotildens. »Und Du bist zu einer Untersuchung bereit gewesen?« »Ohne Zweifel! Konnte ich denn anders handeln?« Sie hatte sehr bewegt seinen Arm ergriffen, und er fühlte, wie sie ihn zärtlich an ihr Herz drückte. Eine Zeit lang gingen sie noch aufs Geratewohl weiter. Jetzt war es zu Ende, und es blieb ihnen nichts anderes übrig, als mit leeren Händen wieder nach Hause zurückzukehren. Aber er sträubte sich dagegen, da er es sich in den Kopf gesetzt hatte, ihr etwas anderes als nur Kartoffeln und Wasser, die sie erwarteten, zu verschaffen. Als sie den Corso Sauvaire wieder hinaufgegangen waren, wendeten sie sich nach links, der neuen Stadt zu; und es schien, als ob das Unglück es auf sie ganz besonders abgesehen habe und sie ganz dem Verderben preisgeben wolle. »Höre,« sagte er endlich, »ich habe einen Gedanken ... Wenn ich mich an Ramond wendete, er würde uns ganz gewiß gern tausend Franken leihen, die man ihm dann wieder zurückgeben würde, wenn unsere Angelegenheiten sich geordnet hätten.« Sie antwortete nicht sofort. Ramond, den sie abgewiesen hatte, und der jetzt verheiratet war, bewohnte ein Haus in der neuen Stadt und galt als der schöne Modearzt, der sich bald ein großes Vermögen erwerben würde. Sie kannte ihn glücklicherweise als einen rechtlich gesinnten und offenherzigen Mann. Wenn er nicht wieder zu ihnen gekommen war, um sie zu besuchen, so hatte er sicher nur aus Zartgefühl so gehandelt. Wenn er sie traf, so grüßte er sie mit einer so freudig erstaunten und über ihr Glück befriedigten Miene. »Sollte das Dir vielleicht unangenehm sein?« fragte Pascal ganz unbefangen, der dem jungen Arzte sein Haus, seinen Geldbeutel und sein Herz geöffnet haben würde. Dann antwortete sie hastig: »Nein, nein! Es hat ja stets zwischen uns nur aufrichtige Freundschaft bestanden. Ich glaube, ich habe ihm viel Kummer verursacht, aber er hat mir verziehen ... Du hast recht, wir haben keinen andern Freund: Ramond ist der einzige, an den wir uns wenden können.« Das Unglück verfolgte sie; Ramond war abwesend, er war zu einer Konsultation nach Marseille gereist, von wo er erst am folgenden Abend wieder zurückkehren würde. Die junge Frau Ramond war es, die sie empfing, eine alte Freundin von Clotilde, drei Jahre jünger als sie. Sie schien etwas verlegen, aber zeigte sich doch sehr liebenswürdig. Der Doktor sprach jedoch sein Anliegen natürlich nicht aus, sondern begnügte sich, seinen Besuch damit zu erklären, daß er sagte, Ramond fehle ihm. Auf der Straße fühlten sich Pascal und Clotilde von neuem wie verlassen und verloren. Wohin sollten sie sich jetzt wenden? Welchen Versuch sollten sie jetzt machen? Und sie mußten sich wieder auf gut Glück auf den Weg machen. »Meister, ich habe Dir noch gar nicht gesagt,« wagte Clotilde ihm zuzuflüstern, »es scheint, daß die alte Martine die Großmama getroffen hat ... Ja, Großmama ist unsertwegen in Unruhe; sie hat gefragt, warum wir nicht zu ihr kämen, wenn wir uns in Verlegenheit befänden ... Ach sieh! Dort unten ist ja gerade ihre Thüre ...« Sie waren wirklich auf der Rue de la Banne, von wo man eine Ecke des Platzes der Unterpräfektur sehen konnte. Aber er verstand sie sofort und brachte sie sogleich zum Schweigen. »Niemals, hörst Du! Und auch Du, Du wirst nicht hingehen. Du sagst mir dies, weil Du Schmerz darüber empfindest, mich so auf dem Trockenen zu sehen. Auch mir ist das Herz schwer, daß Du da bist und daß Du leidest. Allein es ist besser zu leiden, als etwas zu thun, worüber man sich fortwährend Vorwürfe machen würde ... Ich kann nicht, ich kann nicht!« Sie verließen die Rue de la Banne und wandten sich nach dem alten Quartier. »Ich will mich tausendmal lieber an Fremde wenden ... Vielleicht haben wir noch Freunde, aber die befinden sich unter den Armen.« Und entschlossen, um Almosen zu bitten, setzte der König David am Arme der Abisaig seine Wanderung fort; der alte König ging von Thür zu Thür betteln, gestützt auf die Schulter seiner geliebten Sklavin, deren Jugend seine einzige Stütze war. Es war fast sechs Uhr, die große Hitze ließ nach, und die engen Straßen füllten sich mit Menschen, und in diesem bevölkerten Viertel, in dem sie sehr beliebt waren, grüßte man sie und lächelte ihnen zu. Ein wenig Mitleid mischte sich auch in die Bewunderung, denn jeder kannte ihren Ruin. Dennoch schienen sie von einer noch größeren Schönheit zu sein, er ganz weiß, sie ganz blond, in ihrer tiefen Niedergeschlagenheit sich innig an einander anschmiegend. Man fühlte, daß sie noch fester vereinigt und verbunden waren; sie trugen ihren Kopf aufrecht, stolz auf ihre strahlende Liebe, aber dennoch niedergedrückt von dem Unglück. Er war sehr erschüttert, während sie tapferen Herzens ihn bedauerte. Arbeiter in Halbkitteln gingen an ihnen vorüber, die gewiß mehr Geld in der Tasche hatten als sie. Niemand wagte es, ihnen einen Sou anzubieten, den man denjenigen nicht verweigert, die Hunger haben. In der Rue Canquoin wollten sie bei der alten Guiraude vorsprechen, aber sie war in der vorhergehenden Woche gestorben. Auch zwei andere Versuche, die sie machten, scheiterten. Von da an begannen sie darüber nachzudenken, von wem sie zehn Franken entlehnen könnten. Seit drei Stunden wanderten sie nun schon in der Stadt herum. Ach, dieses Plassans mit dem Corso Sauvaire, der Rue de Rome und der Rue de la Banne, welche die Stadt in drei Teile teilen, dieses Plassans mit den immer geschlossenen Fenstern, diese von der Sonne verbrannte Stadt mit dem totenähnlichen Aussehen, die unter dieser Ruhe ein ganzes Nachtleben von Gesellschaften und von Spiel verbarg, hatten sie nun schon dreimal in immer langsamerem Tempo durchschritten in der schwülen Dämmerung des heißen Augusttages! Auf dem Corso standen ausgespannt altertümliche Landkutschen, die nach den benachbarten Gebirgsdörfern fuhren; und unter dem dunklen Schatten der Platanen, vor den Thüren der Cafés sahen ihnen die Gäste, die man dort seit sieben Uhr morgens bemerkte, lächelnd nach. Ebenso verspürten sie in der Neustadt, wo sich die Dienstboten auf den Schwellen der vornehmen Häuser aufpflanzten, weniger Sympathie als in den verlassenen Straßen des Viertels Saint-Marc, wo die alten Paläste ein freundliches Stillschweigen beobachteten. Sie kehrten in das alte Viertel zurück und gingen bis zur Kathedrale Saint-Saturnin, deren Apsis der Garten des Kapitels beschattete, ein Winkel köstlichen Friedens, aus dem ein Armer, der um ein Almosen bat, sie vertrieb. Man baute viel auf der Seite nach dem Bahnhofe hin, wo ein neuer Faubourg im Entstehen begriffen war, und dahin begaben sie sich jetzt. Dann gingen sie noch ein letztesmal bis zum Platze der Unterpräfektur zurück, in der plötzlich erwachenden Hoffnung, in dem Gedanken, sie könnten schließlich doch noch jemand treffen, der ihnen Geld anbieten würde. Aber sie stießen in der Stadt überall nur auf lächelndes Mitleid, sie so vereinigt zu sehen. Die Kieselsteine der Viorne, das kleine, spitzige Pflaster machte ihnen die Füße wund. Und so mußten endlich beide zusammen mit leeren Händen nach der Souleiade zurückkehren, der alte bettelnde König und seine unterwürfige Sklavin Abisaig in der Blüte ihrer Jugend, die den alten König David, der sein Hab und Gut verloren hatte und müde war von dem nutzlosen Hin- und Herlaufen in den Straßen, heimgeleitete. Es war acht Uhr. Martine, die sie erwartete, sah ein, daß sie an diesem Abend nichts mehr in der Küche zu thun haben würde. Sie behauptete, schon gegessen zu haben; und da sie leidend zu sein schien, schickte Pascal sie sofort zu Bett. »Wir können Dich ganz gut entbehren,« wiederholte Clotilde. »Da die Kartoffeln am Feuer stehen, so können wir sie uns selbst nehmen.« Die alte Haushälterin, die sehr übler Laune war, folgte der Aufforderung. Sie murmelte einige nur halb verständliche Worte: wenn man alles gegessen hat, warum soll man sich dann noch zu Tisch setzen. Dann sagte sie noch, bevor sie sich in ihr Zimmer einschloß: »Herr Doktor, es ist kein Hafer mehr für Bonhomme da. Ich habe ihn heute sehr sonderbar gefunden, und es würde jedenfalls besser sein, wenn der Herr Doktor noch einmal nach ihm sehen wollte.« Pascal und Clotilde begaben sich sogleich, von Unruhe ergriffen, in den Stall. Das alte Pferd lag in der That schlaftrunken auf seinem Stroh. Seit sechs Monaten hatte man es gar nicht mehr herausgelassen seiner Beine wegen, die vom Rheumatismus ganz verkrümmt waren, und es war auch vollständig blind geworden. Niemand begriff übrigens, warum der Doktor das alte Vieh so lange unterhielt. Selbst Martine war schließlich so weit gekommen, daß sie sagte, man müsse es schon aus bloßem Mitleid tot schlagen lassen. Aber Pascal und Clotilde erhoben dagegen lebhaften Einspruch und gerieten in heftige Aufregung, als wenn man ihnen gesagt hätte, sie sollten einen alten Verwandten auf die Seite bringen, der nicht schnell genug wegsterben wollte. Nein, nein! Bonhomme hatte ihnen länger denn ein Vierteljahrhundert treue Dienste geleistet und sollte daher bei ihnen eines schönen, ruhigen Todes sterben wie ein braver Kerl, der er immer gewesen sei. Und an diesem Abend unterließ es der Doktor nicht, ihn auf das sorgfältigste zu untersuchen. Er hob die Hufe in die Höhe, er sah das Zahnfleisch an und zählte die Schläge des Herzens. »Nein, ihm fehlt nichts!« sagte er schließlich. »Es ist einfach nur das Alter ... Ach, mein armer Alter! Wir werden nicht mehr zusammen durch die Straßen fahren.« Der Gedanke, daß das Heu fehlte, quälte Clotilde. Aber Pascal versicherte sie immer wieder, daß ein Tier in diesem Alter, das nicht mehr arbeitete, nur sehr wenig Nahrung nötig habe. Sie nahm daher eine Handvoll Heu von einem Haufen, den die alte Martine dort liegen gelassen hatte; und es bereitete ihnen allen beiden eine große Freude, als sie sahen, daß Bonhomme aus guter Freundschaft das Heu gern aus ihrer Hand fraß. »Aber Du hast ja noch Appetit,« sagte sie lachend. »Da ist es nicht nötig, daß wir gerührt werden ... Gute Nacht! und schlafe ruhig!« Und sie überließen ihn wieder seinem Schlummer, nachdem ihm beide wie gewöhnlich noch einen langen Kuß auf die rechte und auf die linke Seite seiner Nase gegeben hatten. Die Nacht sank herab, und sie kamen auf einen Gedanken, um nicht unten in dem öden Hause bleiben zu müssen, und der war, alles zu verschließen und ihr Essen hinauf in das Zimmer zu tragen. Rasch schaffte sie die Schüssel mit Kartoffeln sowie das Salz und eine schöne Karaffe voll reinen und klaren Wassers hinauf, während er sich mit einem Korbe Weintrauben belud, die er heute als die ersten von einem frühreifen Spalierstocke unten an der Terrasse abgepflückt hatte. Sie schlossen sich ein und stellten das Essen auf einen kleinen Tisch, die Kartoffeln in die Mitte zwischen das Salzfaß und die Wasserkaraffe und den Korb mit den Weintrauben auf einen neben dem Tische stehenden Stuhl. Und es war ein wundervolles Festessen, das sie an das ausgezeichnete Diner erinnerte, welches sie sich am Tage nach ihrer Hochzeit selbst zubereitet hatten, als die alte Martine sich hartnäckig geweigert hatte, ihnen eine Antwort zugeben. Sie zeigten dasselbe Entzücken darüber, daß sie allein waren, daß sie sich selbst bedienten und daß sie beide eng aneinander geschmiegt aus derselben Schüssel aßen. Dieser Abend nach dem unglücklichen Tage, an dem sie alles gethan hatten, um ihr Dasein zu verbessern, brachte ihnen noch die glücklichsten Stunden. Seitdem sie wieder heimgekommen waren, seitdem sie sich wieder in dem traulichen großen Zimmer befanden, verwischte sich, als ob sie hundert Meilen von dieser gleichgiltigen Stadt entfernt wären, die sie soeben durchirrt hatten, die Traurigkeit und die Furcht bis auf die Erinnerung an diesen häßlichen Nachmittag, den sie mit unnützen Gängen verschwendet hatten. Sie machten sich wieder nicht die geringste Sorge um das, was nicht ihre Liebe betraf; sie wußten nicht mehr, daß sie arm waren, daß sie am folgenden Tage wieder einen Freund zu suchen haben würden, um zu Abend essen zu können. Warum sollten sie das Elend fürchten, warum sollten sie sich Kummer machen, da es ihnen genügte, beisammen zu sein, um das ganze mögliche Glück genießen zu können? Dennoch war er unruhig. »Mein Gott! Wir hatten so große Furcht vor diesem Abend! Ist es denn auch vernünftig, so glücklich zu sein? Wer weiß, was uns morgen erwartet?« Aber sie legte ihm ihre kleine Hand auf den Mund. »Nein, nein! Morgen werden wir uns lieben, wie wir uns heute lieben ... Liebe mich mit Deiner ganzen Kraft, wie ich Dich liebe!« Und niemals hatten sie so gern gegessen. Sic zeigte den Appetit eines gesunden jungen Mädchens mit einem gesunden Magen, sie biß mit dem ganzen Munde in die Kartoffeln, nannte sie lachend wunderbar und besser als die herrlichsten Gerichte. Auch er hatte den guten Appetit eines dreißig Jahre alten Mannes wieder gefunden. Die großen Schlucke reinen Wassers kamen ihnen göttlich vor. Dann erquickten sie sich zum Dessert an den frischen Weintrauben, dem Blute der Erde, das die Sonne vergoldet hatte. Sie aßen zu viel, sie waren trunken von dem Wasser und den Früchten, vor allem vor Freudigkeit. Sie erinnerten sich nicht, jemals zusammen ein solches Festmahl verzehrt zu haben. Selbst ihr erstes Frühstück mit all dem Luxus von Koteletten, Brot und Wein hatte nicht diese Trunkenheit bei ihnen hervorgerufen; dieses Glück am Leben, bei dem allein die Freude, beisammen zu sein, genügte, verwandelte das einfache Porzellan in goldenes Tafelgeschirr, das erbärmliche Essen in eine himmlische Küche, wie sie nicht einmal die Götter genossen hatten. Es war vollständig Nacht geworden, und sie hatten keine Lampe angezündet, glücklich, sich sofort ins Bett legen zu können. Aber die Fenster blieben ganz geöffnet nach dem weiten Sommerhimmel hinaus, der Nachtwind drang ein, noch immer heiß und geschwängert mit einem leichten Lavendelgeruch. Am Horizont war soeben der Mond emporgestiegen, so voll und so groß, daß das ganze Zimmer in seinem silbernen Licht gebadet erschien und sie sich in einer traumhaften, unendlich lichten und sanften Klarheit sahen. Und dann setzte sie mit nackten Armen, nacktem Halse und nackter Brust dem Feste, das sie ihm gab, die Krone auf dadurch, daß sie ihm das königliche Geschenk ihres Körpers machte. In der vorhergehenden Nacht hatte sie zum erstenmale ein Schauer der Unruhe, ein instinktiver Schrecken ergriffen über das drohende Nahen des Unglücks. Und jetzt schien wieder einmal die ganze übrige Welt vergessen zu sein; es war, als wenn eine tiefe Nacht äußerster Glückseligkeit auf sie herabgesunken sei, die die gütige Natur ihnen gewährt hatte, in ihrer Blindheit allem gegenüber, was nicht zu ihrer leidenschaftlichen Liebe gehörte. Sie hatte ihre Arme geöffnet, sie überlieferte sich ihm, sie gab sich ihm ganz hin. »Meister! Meister! Ich habe für Dich arbeiten wollen, aber die traurige Erfahrung machen müssen, daß ich zu gar nichts nütze bin, daß ich unfähig bin, auch nur einen Bissen Brot, den Du issest, zu erwerben. Ich kann Dich nur lieben, mich Dir nur schenken, ich kann nur Dein Vergnügen für einen Augenblick sein ... Und es genügt mir, Dein Vergnügen zu sein, Meister! Wenn Du nur wüßtest, wie zufrieden ich bin, daß Du mich schön findest, da ich Dir diese ganze Schönheit zum Geschenke machen kann! Ich habe nur sie allein, und ich bin so unendlich glücklich, Dich damit glücklich zu machen.« Er hielt sie in himmlischem Entzücken umschlungen und flüsterte: »O ja! Schön, die Schönste und die Begehrenswerteste! Alle jene armseligen Schmuckstücke, mit denen ich Dich geschmückt habe, das Gold, die Steine, sind alle zusammen nicht so viel wert wie das kleinste Stückchen Deiner sammetweichen Haut. Einer Deiner Nägel, eines Deiner Haare sind unschätzbare Kostbarkeiten. Ich werde inbrünstig die Wimpern Deiner Augenlider küssen, eine nach der andern.« »Und merke wohl, Meister: meine größte Freude ist, daß Du alt bist, und daß ich jung bin, weil das Geschenk meines Körpers Dich deshalb um so mehr beglückt. Würdest Du jung sein wie ich, so würde Dir das Geschenk meines Körpers weniger Vergnügen bereiten, und ich würde weniger glücklich darüber sein ... Auf meine Jugend und auf meine Schönheit bin ich nur Deinetwegen stolz und freue mich nur deswegen darüber, weil ich sie Dir weihen kann.« Er wurde von einem heftigen Zittern ergriffen, und seine Augen füllten sich mit Thränen, sie so ganz und gar die Seine zu wissen und so anbetungswürdig und so köstlich. »Du machst aus mir den reichsten, den mächtigsten Herrn, Du überschüttest mich mit allen Gütern, Du gießest über mich aus das himmlischste Wohlbehagen, welches das Herz eines Mannes erfüllen kann.« Und sie gab sich noch mehr hin, sie gab sich hin bis auf das Blut ihrer Adern. »So nimm mich doch, Meister, daß ich verschwinde, daß ich ganz in Dir aufgehe! Nimm meine Jugend, nimm sie ganz mit einemmale, in einem einzigen Kusse und trinke sie ganz auf einen Zug, erschöpfe sie, daß davon nur noch ein wenig Honig auf den Lippen übrig bleibt! Du machst mich so unendlich glücklich, und ich bin Dir so dankbar dafür! Meister, nimm meine Lippen, da sie frisch sind, nimm meinen Atem, da er rein ist, nimm meine Brust, da sie weich ist, an Deinen Mund, daß er sie küßt, nimm meine Hände, nimm meine Füße, nimm meinen ganzen Körper, da er eine noch kaum aufgebrochene Knospe ist, ein zarter Sammet, ein Wohlgeruch, an dem Du Dich berauschest! Hörst Du, Meister, ich bin ein lebendes Bouquet, und Du sollst meinen Duft einatmen! Ich bin eine junge, köstliche Frucht, und Du sollst mich kosten! Ich bin ein unendliches Meer von Zärtlichkeit, und Du sollst Dich darin baden! Ich bin Dein Eigentum, die Blume, die zu Deinen Füßen hervorsprießt, um Dir zu gefallen, das Wasser, das dahinfließt, um Dich zu erfrischen, die Kraft, die emporsprudelt, um Dir eine Jugend wieder zu geben! Und ich bin nichts, gar nichts, Meister, wenn ich nicht Dein bin!« Und sie gab sich ihm hin, und er nahm sie. In diesem Augenblicke beleuchtete ein Mondstrahl sie in ihrer herrlichen Nacktheit. Sie erschien wie die Schönheit der Frau selbst in ihrem unsterblichen Frühling. Niemals noch hatte er sie so jung, so weiß, so göttlich gesehen. Und er dankte ihr für das Geschenk ihres Körpers, gleich als ob sie ihm alle Schätze der Erde gegeben hätte. Kein königliches Geschenk kann sich mit dem eines jungen Weibes vergleichen, das sich hingibt und das den Lebensstrom gibt, vielleicht das Kind. Sie dachte an das Kind, ihr Glück wurde dadurch noch vergrößert bei diesem königlichen Jugendfeste, das sie ihm bereitete, und um das ihn Könige beneidet haben würden. Elftes Kapitel. Aber von der folgenden Nacht an begann auch die ruhelose Schlaflosigkeit von neuem. Weder Pascal noch Clotilde klagten sich ihren Kummer, und in der bedrückenden Dunkelheit des Zimmers lagen sie stundenlang Seite an Seite und stellten sich schlafend, während sie doch beide über ihre Lage nachdachten, die sich immer verschlimmerte. Jedes vergaß seine eigene Traurigkeit und zitterte des andern wegen. Man hatte seine Zuflucht zum Schuldenmachen nehmen müssen: Martine entnahm das Brot, den Wein und das wenige Fleisch auf Kredit; sie schämte sich entsetzlich, daß sie gezwungen war, zu lügen, und sie mußte dabei mit großer Klugheit verfahren, denn jedermann kannte den Ruin des Hauses. Dem Doktor war der Gedanke gekommen, die Souleiade mit Hypotheken zu belasten; allein das war die letzte Hilfsquelle, er hatte nur noch dieses Besitztum, das ungefähr zwanzigtausend Franken wert war und für das er, wenn er es verkaufte, vielleicht keine fünfzehntausend Franken bekommen würde; und dann würde das traurigste Elend anfangen, wenn kein Stein mehr ihm gehörte, um das Haupt darauf zu legen. Auch Clotilde bat ihn inständig, damit zu warten und sich in keine unwiderrufliche Geschichte einzulassen, so lange ihre Lage noch keine ganz verzweifelte wäre. Drei bis vier Tage gingen so vorüber. Der September kam heran, und das Wetter verschlechterte sich unglücklicherweise: es gab furchtbare Stürme, die die Gegend durchtobten; eine Mauer der Souleiade wurde umgerissen, man konnte sie aber nicht wieder ausbauen lassen, und die durch den Einsturz entstandene Lücke blieb offen. Man wurde schon unhöflich bei dem Bäcker. Als die alte Haushälterin eines Morgens das Frühstück hereinbrachte, weinte sie und erzählte, daß der Fleischer ihr nur die schlechtesten Stücke gäbe. Einige Tage noch, und man würde nichts mehr auf Kredit bekommen. Man müsse jetzt auf jeden Fall irgendwie Rat schaffen und Geldmittel für die kleinen täglichen Ausgaben ausfindig machen. Eines Montags, als eine neue Woche der Qual und Sorge begann, war Clotilde den ganzen Morgen in großer Aufregung. In ihrem Innern schien ein heftiger Kampf zu toben; sie kam jedoch augenscheinlich erst während des Frühstücks zu einem Entschluß, als sie sah, daß Pascal seine kleine Fleischportion zurückwies. Mit ruhiger, entschlossener Miene ging sie darauf mit der alten Martine aus, nachdem sie ein kleines Paket alter Leinwand, das sie verschenken wollte, wie sie sagte, in den Korb gelegt hatte. Als sie nach zwei Stunden wiederkam, war sie sehr bleich. Aber ihre großen, klaren und ehrlichen Augen strahlten. Sie ging sofort zu dem Doktor, sah ihm offen ins Gesicht und beichtete. »Ich habe Dich um Verzeihung zu bitten, Meister, denn ich bin soeben ungehorsam gegen Dich gewesen und werde Dir durch mein Bekenntnis sicherlich viel Kummer bereiten.« Er verstand sie nicht und wurde unruhig. »Was hast Du denn gemacht?« Langsam und ohne die Augen wegzuwenden, zog sie aus ihrer Tasche ein Couvert, dem sie mehrere Banknoten entnahm. Eine plötzliche Eingebung klärte ihn auf, und er stieß einen Schrei aus: »O, mein Gott! Die Schmuckgegenstände, alle meine Geschenke!« Und er, der gewöhnlich so sanft, so gut war, geriet in einen furchtbaren Zorn. Er hatte ihre beiden Hände ergriffen, ja, er hätte sie beinahe mißhandelt und ihr die Finger zerquetscht, die die Banknoten hielten. »Mein Gott, was hast Du da angestellt. Unglückliche! Es ist mein ganzes Herz, was Du verkauft hast! Es ist unser ganzes Herz, das in diesen Schmuckstücken liegt und das Du mit ihnen für Geld hingegeben hast! Wie soll ich wohl nach Deiner Ansicht diese Kleinodien, die ich Dir zur Erinnerung an unsere himmlischsten Stunden geschenkt hatte, die Dein Eigentum waren, Dein alleiniges Eigentum, wie soll ich sie wieder zurücknehmen und davon Gebrauch machen? Ist es denn nur möglich? Hast Du denn nicht an den fürchterlichen Kummer gedacht, den mir das verursachen würde?« Sie antwortete sanft: »Und glaubst Du denn, Meister, daß es mir möglich gewesen wäre, uns noch länger in der traurigen Lage zu lassen, in der wir uns jetzt befinden, wo uns sogar das tägliche Brot fehlt, während jene Ringe, jene Halsketten, jene Ohrgehänge in meinem Besitze waren und in einer Schublade verborgen schlummerten? Mein ganzes Ich empörte sich dagegen, ich hätte mich für geizig, für eine grasse Egoistin gehalten, wenn ich sie noch länger aufbewahrt hätte ... Und wenn es mir auch Kummer bereitet hat, mich davon zu trennen – o ja, ich gestehe offen, einen so großen Kummer, daß ich beinahe gar nicht den Mut gefunden hätte, es zu thun – so bin ich doch gewiß, nur das gethan zu haben, was ich thun mußte als Frau, die Dir immer gehorsam ist und die Dich anbetet.« Als er dann immer noch nicht ihre Hände losgelassen hatte, traten ihr Thränen in die Augen und sie fügte mit derselben sanften Stimme und einem schwachen Lächeln hinzu: »Drücke etwas weniger stark. Du thust mir sehr weh!« Da fing er auch an zu weinen, und sein Zorn verwandelte sich in tiefe Rührung. »Ich bin wie ein wildes Tier, daß ich so in Zorn gerate! Du hast recht gethan. Du konntest gar nicht anders handeln. Aber verzeihe mir, es hat mich so wütend gemacht. Dich beraubt zu sehen ... Gib mir Deine Hände, gib mir Deine armen kleinen Hände, daß ich sie wieder heile!« Und er nahm behutsam ihre Hände, er bedeckte sie mit Küssen, er fand sie wunderbar und zart auch ohne den Schmuck der Ringe. Jetzt erzählte sie ihm, erleichtert aufatmend und froh ihren Streich, wie sie die alte Martine ins Vertrauen gezogen hatte und wie sie beide zusammen dann zu der Verkäuferin gegangen waren, derselben, die ihm das Mieder mit den alten Alençonspitzen verkauft hatte. Endlich hatte ihr diese Frau nach einer genauen Prüfung der einzelnen Stücke und einem endlosen Hin- und Herhandeln sechstausend Franken für alle Schmuckgegenstände zusammen gegeben. Wieder unterdrückte er einen Ausruf der Verzweiflung. Sechstausend Franken! Nur sechstausend Franken, während ihn diese Schmucksachen mehr als das dreifache, wenigstens zwanzigtausend Franken gekostet hatten! »Höre mich an!« sagte er endlich. »Ich nehme dieses Geld, da Dein gutes Herz es ist, das mir es bringt. Aber es ist ganz selbstverständlich, daß es Dir gehört. Ich schwöre Dir, daß ich noch geiziger sein werde als Martine, daß ich ihr nur die wenigen für unseren Unterhalt unumgänglich notwendigen Sous geben werde, und Du wirst in dem Sekretär alles finden, was von der Summe noch übrig ist. Daß ich sie niemals werde vervollständigen und sie Dir ganz zurückgeben können, weißt Du ja.« Er hatte sich niedergesetzt und hielt sie auf seinen Knieen in einer vor Aufregung zitternden Umarmung. Dann flüsterte er ihr mit gedämpfter Stimme ins Ohr: »Und Du hast alles verkauft, wirklich alles?« Ohne zu sprechen, knöpfte sie ihr Kleid oben am Halse ein wenig auf und faßte in reizender Verlegenheit mit den Spitzen ihrer Finger hinein. Unter tiefem Erröten lächelte sie ihm zu. Endlich zog sie die feine Kette heraus, an der sieben Perlen wie milchweiße Sterne glänzten. Und es war ihm, als ob sie mit diesem Schmuckstücke ein wenig von ihrer verborgenen Nacktheit mit herauszöge, als ob der ganze lebensfrische Duft ihres Körpers dem Kleinod entströme, das sie an ihrem Herzen aufbewahrt trug an dem verstecktesten und geheimnisvollsten Orte ihres Körpers. Dann schob sie es sofort wieder hinein und ließ es verschwinden. Er war ebenfalls rot geworden wie sie, und sein Herz erfüllte innige Freude. Liebeglühend umarmte er sie. »O! Wie reizend bist Du, und wie liebe ich Dich!« Seit diesem Abend aber lag die Erinnerung an die verkauften Schmuckgegenstände wie eine drückende Last auf seinem Herzen, und er konnte das Geld in seinem Sekretär nicht sehen, ohne Schmerz dabei zu empfinden. Es war die drohende Armut, die unvermeidliche Armut, die ihn bedrückte; es war eine noch viel schlimmere Angst, der Gedanke an sein Alter, an seine sechzig Jahre, die ihn unbrauchbar machten und unfähig, der geliebten Frau ein glückliches Leben zu verschaffen, es war ein Erwachen zu der beängstigen den Wirklichkeit mitten m dem trügerischen Traum ewiger Liebe. Jetzt, da er plötzlich ins Unglück gekommen war, fühlte er sich sehr alt, der Gedanke daran ließ ihn erstarren und erfüllte ihn mit Gewissensbissen: Verzweiflung und Zorn gegen sich selbst erfaßten ihn, als wenn es seinem Leben einen dunklen Punkt gegeben hätte. Dann wurde es plötzlich furchtbar klar in ihm. Eines Morgens, als er allein war, empfing er einen Brief mit dem Poststempel Plassans; er sah das Couvert genau an, darüber erstaunt, daß er die Schrift nicht kannte. Der Brief war nicht unterzeichnet, und gleich nach dem Durchlesen der ersten Zeilen machte er eine zornige Bewegung, als ob er das Schreiben zerreißen wollte. Dann aber setzte er sich vor Erregung zitternd nieder, er mußte den Brief bis zum Schlusse durchlesen. Der Stil bewahrte übrigens vollständig den Anstand, die langen Sätze waren maßvoll und schonend gehalten wie die Worte eines Diplomaten, dessen einziger Zweck ist, zu überzeugen. Man erklärte ihm mit einem Aufwand vieler schöner Worte, daß der Skandal auf der Souleiade schon zu lange gedauert hätte. Wenn die Leidenschaft auch bis zu einem gewissen Punkte den Verstoß gegen die gute Sitte erklärte, so wäre er als ein Mann in seinem Alter und in seiner Stellung dennoch jetzt nahe daran sich vollständig verächtlich und unmöglich zu machen, indem er eigensinnig den vollständigen Ruin seiner jungen Verwandten, die er auf Abwege gebracht hätte, herbeiführte. Jedermann wüßte ja ganz genau, welche Gewalt er über sie gewonnen hatte, und man nähme an, daß sie ihren Ruhm darin suchte, sich ihm zu opfern. Aber wäre es denn nicht an ihm, zu begreifen, daß sie doch unmöglich einen Greis lieben könnte, daß es von ihrer Seite nur Mitleid und Dankbarkeit wäre und daß es die höchste Zeit sei, sie aus dieser Liebesgeschichte mit einem Greise zu befreien, aus der sie doch nur entehrt und von der Gesellschaft verachtet und ausgestoßen hervorgehen würde? Und da er ihr nicht einmal mehr ein kleines Vermögen hinterlassen könnte, so hoffe man, daß er endlich wie ein ehrbarer Mann handeln und die Kraft finden werde, sich von ihr zu trennen, damit er ihr dadurch ihr Glück sichere, so lange es noch Zeit wäre. Und der Brief endete mit den Worten, daß ein schlechtes Benehmen schließlich immer bestraft würde. Schon aus den ersten Sätzen erkannte Pascal, daß dieser anonyme Brief von seiner Mutter herrührte. Die alte Frau Rougon mußte ihn diktirt haben, denn er hörte sie bis auf die Modulation ihrer Stimme heraus. Nachdem er aber einmal die Lektüre des Schreibens in einer zornigen Aufwallung begonnen hatte, las er ihn auch, bleich vor Wut und mit den Zähnen klappernd, bis zum Ende durch. Er befand sich in jenem fieberhaften Zustande, der ihn nun zu jeder Stunde heimsuchte. Und dennoch hatte der Brief recht, er klärte ihn auf über seine unbehagliche Stimmung, er zeigte ihm, daß er sich Gewissensbisse deswegen mache, weil er alt und arm sei und trotzdem Clotilde bei sich behalte. Er stand auf, trat vor einen Spiegel und blieb lange davor stehen, bis seine Augen nach und nach von Thränen verdunkelt wurden, aus Verzweiflung über seine Runzeln und seinen weißen Bart. Die tödliche Kälte, die über ihn kam, wurde verursacht von dem Gedanken, daß die verhängnisvolle Trennung jetzt notwendig, unvermeidlich geworden war. Er wies diese Zumutung zurück, er konnte sich gar nicht vorstellen, daß er eines Tages in diese Trennung einwilligen würde; aber sie würde dennoch wieder an ihn herantreten, er würde jetzt keine ruhige Minute mehr erleben, ohne daß er nicht davon heimgesucht wäre, ohne daß sein Herz nicht von dem Kampfe zwischen seiner Liebe und seiner Vernunft zerrissen würde bis zu dem schrecklichen Tage, an dem er die Kraft fände, zu entsagen. Bei seinem jetzigen unentschlossenen, feigen Zustande zitterte er vor nichts anderem als dem Gedanken, den Mut dazu später doch einmal zu haben. Und als dies endlich vorüber war, dann fing das an, was nicht wieder gut zu machen war; die Angst um Clotilde packte ihn, die noch so jung und so schön war, und es blieb ihm nichts anderes übrig, als sie vor ihm zu retten. Dann verfolgten ihn wieder die Worte und die Gedanken des Briefes; und er quälte sich zuerst damit, daß er sich überreden wollte, sie liebe ihn nicht, sie empfinde für ihn nur Mitleid und Dankbarkeit. Das würde ihm, wie er glaubte, die Trennung erleichtert haben, wenn er sich überzeugt hätte, daß sie sich opferte; wenn er sie dann noch länger bei sich behielte, dann würde er einfach seinen schrecklichen Egoismus befriedigen. Aber wie er sie auch prüfte, welchen Proben er sie auch unterwarf, er fand sie gleich zärtlich, gleich leidenschaftlich in seinen Armen. Er war bestürzt über dieses Resultat, das gegen den gefürchteten Ausgang sprach und sie ihm nur lieber machte, und er bemühte sich, die Notwendigkeit ihrer Trennung sich zu beweisen, und prüfte die Beweggründe dafür. Das Leben, das sie seit Monaten führten, dieses Leben ohne Schranken, ohne Pflichten, ohne jede Arbeit, war sehr traurig. Er hielt sich für nichts anderes mehr gut, als daß er in einem Winkel sich unter die Erde schlafen legte; allein war dies nicht für sie ein unangenehmes Dasein, aus dem sie gleichgiltig und verdorben, unfähig zu wollen, hervorging? Er vernichtete ihren Ruf, indem er sie unter dem Hohngelächter der skandalsüchtigen Welt zu einer Göttin machte. Und dann sah er sie plötzlich tot vor sich, er ließ sie allein auf der Straße ohne alle Hilfsmittel, verachtet und vor Hunger sterbend. Niemand nahm sie auf, sie irrte durch die Straßen, sie hatte keinen Gatten und leine Kinder mehr. Nein, nein! Das würde ein Verbrechen sein! Er konnte ihr für die paar glücklichen Tage, die sie ihm noch bereitete, nur diese Erbschaft von Schande und Elend hinterlassen. Eines Morgens, als Clotilde allein ausgegangen war, um eine Besorgung in der Nachbarschaft zu machen, kam sie ganz verstört, bleich und zitternd zurück. Als sie oben bei ihm war, sank sie halb ohnmächtig in Pascals Arme. Sie brachte stotternd nur einige unzusammenhängende Worte hervor. »O, mein Gott! ... O mein Gott! ... Diese Weiber ...« Erschreckt bestürmte er sie mit Fragen. »Erzähle mir alles genau! Was ist Dir denn zugestoßen?« Da färbte eine Blutwelle ihr Gesicht purpurrot, Sie schlang ihre Arme um seinen Hals und barg ihr Gesicht an seiner Schulter. »O, diese Weiber! ... Als ich in den Schatten kam, machte ich meinen Sonnenschirm zu und hatte dabei das Unglück, ein Kind umzustoßen ... Da stürmten sie alle auf mich ein und haben mir Sachen zugeschrieen, o, mein Gott, was für schreckliche Sachen! Daß ich gar keine Kinder haben würde, daß Geschöpfe meiner Art niemals Kinder bekämen! ... Und noch andere fürchterliche Sachen, o, mein Gott! Noch andere Sachen, die ich nicht wiederholen kann, die ich gar nicht verstanden habe!« Sie weinte bitterlich. Er war ganz totenbleich geworden und fand nichts, was er ihr hätte erwidern können; er küßte sie nur zärtlich und weinte wie sie. Und vor seinen Augen wiederholte sich der ganze Vorgang; er sah sie verfolgt und mit gemeinen Worten beschimpft. Dann flüsterte er ihr stotternd zu: »Es ist meine Schuld! Meinetwegen leidest Du! ... Höre mich an! Wir wollen von hier fortgehen, weit, sehr weit fort, an irgend einen Ort, wo man uns nicht kennt, wo man uns grüßen wird und wo Du glücklich sein wirst!« Aber mit Anstrengung richtete sie sich wieder mutig empor und stillte ihre Thränen, als sie ihn weinen sah. »Ah! Das ist schändlich und feig, was ich da soeben gethan habe! Ich, die ich mir so oft das Verbrechen gegeben hatte, nichts zu sagen! Und als ich mich dann wieder zu Hause befand, da fühlte ich mich so unglücklich, daß alles wie von selbst mir über die Lippen kam ... Du siehst, es ist jetzt vorüber; mache Dir deswegen keinen Kummer mehr ... Ich liebe Dich!« Sie lächelte; sie hatte ihn wieder sanft in ihre Arme genommen und küßte ihn, wie man einen Verzweifelten küßt, dessen Schmerz man einschläfern will. »Ich liebe Dich, ich liebe Dich so sehr, daß das mich für alles trösten wird! Du nur allein bist für mich auf der Welt! Was kümmert mich das, was Du nicht bist! Du bist so gut, Du machst mich so glücklich!« Aber er weinte immer weiter, und da fing sie auch wieder zu weinen an; und es herrschte lange Zeit eine unendliche Traurigkeit, eine Niedergeschlagenheit, während der sich ihre Küsse und ihre Thränen mischten. Als Pascal allein geblieben war, erklärte er sich für ein Ungeheuer. Er konnte nicht länger diesem Kinde, das er anbetete, Unglück bereiten. Und an dem Abende desselben Tages trat ein Ereignis ein, das ihm die Lösung brachte, die er bis jetzt unter der fortwährenden Angst, sie zu finden, vergeblich gesucht hatte. Nach dem Diner führte ihn die alte Martine mit sehr geheimnisvoller Miene zur Seite. »Frau Felicité, die ich heute getroffen habe, hat mir aufgetragen, Ihnen diesen Brief hier zu übergeben, Herr Doktor; ich habe außerdem noch den Auftrag, Ihnen zu sagen, daß sie Ihnen den Brief selbst gebracht haben würde, wenn ihr guter Ruf sie nicht hinderte, jemals wieder hierher zu kommen ... Sie läßt Sie auch bitten, ihr den Brief des Herrn Maxime zurückzuschicken und sie zugleich die Antwort des Fräuleins wissen zu lassen.« Es war in der That ein Brief von Maxime. Felicité, glücklich darüber, ihn erhalten zu haben, benützte ihn als wirksames Mittel, nachdem sie vergebens erwartet hatte, daß ihr das Unglück ihren Sohn in die Hände liefern würde. Da aber weder Pascal noch Clotilde kamen, um sie um Unterstützung zu bitten, so änderte sie ihren Plan noch einmal und nahm ihre alte Idee, sie von einander zu trennen, wieder auf. Und diesmal schien ihr die Gelegenheit entscheidend. Der Brief von Maxime war sehr dringend, er richtete ihn an die Großmutter, damit diese seine Sache vor seiner Schwester vertrat. Die Ataxie war jetzt deutlich zu Tage getreten, er konnte schon nicht mehr anders als am Arme eines Dieners gehen. Vor allein aber beklagte er einen Fehler, den er gemacht hatte: ein reizendes braunlockiges Mädchen hatte sich bei ihm einzuschmuggeln gewußt und er hatte nicht vermocht, ihr fern zu bleiben, so daß er auf dem Punkte stand, in ihren Armen seine letzte Kraft zu lassen; und das Schlimmste war, daß er jetzt die Gewißheit hatte, daß diese männermordende Huldin ein geheimes Geschenk seines Vaters war. Saccard hatte sie ihm aus Berechnung geschickt, um die Erbschaft zu beschleunigen. Auch hatte sich Maxime, nachdem er das Mädchen an die Luft gesetzt, in seinem Palais gewissermaßen verschanzt und den Befehl gegeben, seinen Vater gleich an der Thüre abzuweisen, in der fortwährenden Angst, ihn eines schönen Tages durch die Fenster zurückkehren zu sehen. Andererseits aber fürchtete er sich vor dem Alleinsein und verlangte verzweifelt nach seiner Schwester; er wollte sie als Schutzwehr gegen diese abscheulichen Anschläge Saccards haben, sie sollte ihn pflegen, da sie ein sanftes und ehrliches Wesen wäre. Der Brief gab außerdem zu verstehen, daß sie, wenn sie sich gut mit ihm einlebte, es gewiß nicht zu bereuen haben würde. Und er schloß, indem er das junge Mädchen an das Versprechen erinnerte, welches sie ihm während seiner letzten Anwesenheit gegeben hatte, daß sie zu ihm kommen wollte, sobald als sie ihm eines Tages wirklich notwendig sein sollte. Pascal war wie versteinert. Er las die vier Seiten noch einmal durch. Das war ja die Trennung, die sich ihm hier von selbst darbot, annehmbar für ihn und für Clotilde glückverheißend und so bequem und so natürlich, daß man sofort dazu seine Zustimmung geben mußte; und trotzdem seine Vernunft ihm sagte, daß dies das Richtige sei, fühlte er sich doch noch so wenig fest, so wenig entschlossen, daß er sich eine Zeit lang niedersetzen mußte, weil seine Beine heftig zitterten. Aber er wollte heroisch sein, er zwang sich zur Ruhe und rief seine Gefährtin. »Hier! Lies diesen Brief, den Großmama mir schickt!« Clotilde las den Brief bis zum Schlusse aufmerksam durch, ohne ein Wort zu sagen und ohne eine Bewegung zu machen. Dann sagte sie sehr einfach: »Nun, Du wirst doch antworten, nicht wahr? Ich gehe nicht!« Er mußte mit Gewalt an sich halten, um nicht einen lauten Freudenschrei auszustoßen. Aber schon hörte er sich, als ob ein anderer ihm das Wort weggenommen hätte, sehr vernünftig sagen: »Du weigerst Dich? Das ist unmöglich! Wir müssen die Sache genau überlegen! Warten wir bis morgen, ehe wir eine Antwort geben! Und plaudern wir jetzt, willst Du?« Aber sie war ganz erstaunt über ihn und geriet in große Aufregung. »Wie? Uns trennen? Und warum? Und Du willst wirklich Deine Zustimmung dazu geben? Welche Thorheit! Wir lieben uns und sollen uns trennen, und ich soll von hier fortgehen an einen Ort, wo mich niemand liebt! Und daran hast Du gedacht? Das wäre ja schrecklich dumm!« Er vermied, sich auf dieses Gespräch einzulassen, und redete von gegebenen Versprechungen, von Pflichten. »Erinnerst Du Dich noch, Geliebte, wie bewegt Du damals warst, als ich Dir mitteilte, was Deinem Bruder Maxime bevorstünde? Jetzt hat ihn die Krankheit erfaßt; er ist schwach, hat niemand bei sich und ruft Dich nun zu sich! Du kannst ihn nicht in seiner traurigen Lage allein lassen. Hier heißt es für Dich, eine Pflicht zu erfüllen!« »Eine Pflicht!« rief sie aus. »Habe ich denn überhaupt Pflichten gegen einen Bruder, der sich niemals um mich gekümmert hat? Meine Pflicht ist da, wo mein Herz ist!« »Aber Du hast es versprochen, zu kommen. Ich habe es für Dich versprochen und gesagt, daß Du vernünftig sein würdest ... Und Du wirst mich doch nicht Lügen strafen wollen!« »Vernünftig? Du bist es, der es nicht ist! Es ist unvernünftig, sich zu trennen, wenn man vor Kummer dabei stirbt, der eine wie der andere.« Und darauf schnitt sie kurz das Gespräch durch eine stolze Handbewegung ab, da sie jede weitere Erörterung dieses Themas vermeiden wollte. »Zu welchem Zwecke sollen wir uns übrigens streiten? Nichts ist einfacher, es bedarf keines einzigen Wortes mehr. Willst Du mich vielleicht fortschicken?« Er stieß einen Schrei aus. »Ich Dich fortschicken? Großer Gott!« »Wenn Du mich also nicht fortschickst, dann bleibe ich!« Jetzt lachte sie wieder, eilte nach ihrem Schreibpulte hin und schrieb mit einem roten Bleistifte quer über den Brief ihres Bruders folgende drei Worte: »Ich weigere mich.« Dann rief sie die alte Martine herein, da sie durchaus wollte, daß der Brief unter Couvert sofort wieder zurückgetragen würde. Und er war von einer solchen Glückseligkeit erfüllt, daß er sie ruhig gewähren ließ. Die Freude, sie zu behalten, raubte ihm alle klare Vernunft Aber welche Gewissensbisse, daß er so feig gewesen war, quälten ihn dann in der Nacht, als sie eingeschlafen war! Noch einmal hatte er dem Verlangen nach Glück nachgegeben, jenem Wonnegefühl, sie an jedem Abend wiederzufinden, wie sie, an seine Brust gedrückt, so sein und so zart in ihrem langen Nachtgewande, ihn mit dem frischen Dufte ihrer Jugend umhüllte. Nach ihr würde er nicht mehr lieben; und das, wonach sein ganzes Wesen schrie, das war das Weib und die Liebe. Angstschweiß trat ihm auf die Stirn, wenn er sich vorstellte, sie sei fort, und wenn er sich allein sah, ohne sie, ohne alles das Liebenswürdige und Zarte, das sie der Luft mitteilte, in der er lebte, ihren Atem, ihren heiteren Sinn, ihre unerschrockene Rechtlichkeit, ihre ganze liebe, moralische und physische Gegenwart, die seinem Leben jetzt so notwendig war wie das Licht des Tages. Sie mußte ihn verlassen, und er mußte die Kraft finden, daran zu sterben. Ohne sie aufzuwecken, hielt er die sanft Schlummernde fest an sein Herz gedrückt, leise hob sich ihre Brust wie beim Atmen eines Kindes. Er verachtete sich wegen seines geringen Mutes, er beurteilte die Lage mit einer schrecklichen Klarheit. Es war zu Ende; dort erwartete sie eine geachtete Lebensstellung, ein Vermögen: er, der alte Mann, konnte seinen Egoismus nicht so weit treiben, daß er sie noch länger hielt in seinem Elend, allen möglichen Schmähungen ausgesetzt. Und halb ohnmächtig vor Schmerz, als er sie so anbetungswürdig, so vertrauend und so ergeben, wie eine Sklavin, die sich ihrem alten König hingegeben hatte, in seinen Armen liegen fühlte, da leistete er sich selbst den Eid, daß er stark sein wollte, daß er das Opfer dieses Kindes nicht mehr annehmen, daß er sie selbst gegen ihren Willen dem Glücke, dem Leben wiedergeben wollte. Von nun an begann der Kampf der Entsagung. Einige Tage vergingen, und er hatte sie ordentlich empfinden lassen die Härte ihres »Ich weigere mich« auf dem Briefe von Maxime, was sie an ihre Großmama geschrieben hatte, ohne ihre Weigerung zu motiviren. Aber sie wollte die Souleiade noch immer nicht verlassen. Und als er anfing, sehr geizig zu werden, um so wenig wie möglich von dem aus dem Verkauf der Schmuckgegenstande gelösten Gelde zu verbrauchen, überbot sie ihn noch und aß ihr trockenes Brot unter fröhlichem Lachen. Eines Morgens überraschte er sie dadurch, daß er der alten Martine Anweisungen zur Sparsamkeit gab. Zehnmal während eines Tages sah sie ihn scharf an, warf sich an seinen Hals und bedeckte ihn mit Küssen, um den entsetzlichen Gedanken der Trennung zu bekämpfen, den sie immerwährend in seinen Augen sah. Dann hatte sie noch ein anderes Argument. Eines Abends bekam er nach dem Essen heftiges Herzklopfen und wäre beinahe ohnmächtig geworden. Er war sehr verwundert darüber, denn er hatte niemals am Herzen gelitten und glaubte daher einfach, daß sein Nervenleiden wiedergekommen sei. Seit jener großen Freude, die ihm widerfahren war, fühlte er sich weniger kräftig; er hatte das sonderbare Gefühl, als ob etwas Zartes, Tiefinnerliches in ihm gebrochen wäre. Sie wurde sofort sehr unruhig und machte sich eifrig mit ihm zu schaffen. Nun, jetzt werde er doch wohl nicht mehr von Abreise sprechen! Wenn man die Leute lieb hätte, und diese wären krank, so bliebe man bei ihnen und pflegte sie. So wiederholte sich der Kampf alle Stunden. Es war ein fortwährender Ansturm von Zärtlichkeit, von Selbstvergessen in der alleinigen Besorgnis um das Glück des andern. Wenn aber die Freude, sie so gut und so liebend zu sehen, die Trennung immer gräßlicher machte, so sah er ein, daß diese Notwendigkeit sich täglich steigerte. Sein Wille war von nun an klar. Nur befand er sich in einer verzweifelten Lage, auf welche Weise er sie dazu bringen sollte. Zitternd und zaudernd stand er vor der Entscheidung. Es würde wieder zu einer verzweiflungsvollen und thränenreichen Scene kommen. Was sollte er thun? Was sollte er ihr sagen? Wie konnte es möglich sein, daß sie sich zum letztenmale umarmten und sich niemals wiedersahen? Und die Tage gingen dahin, er fand nichts und fing wieder an, sich einen Feigling zu nennen an jedem Abend, wenn sie ihn, nachdem das Licht ausgelöscht war, in ihre jugendlichen Arme schloß, in glücklichem Triumphe darüber, daß sie ihn so besiegte. Oft scherzte sie und sagte mit einem Anfluge zärtlichen Spottes: »Meister, Du bist zu gut, Du wirst mich behalten.« Das verstimmte ihn, er geriet in Aufregung und sagte finster: »Nein, nein! Sprich mir nicht von meiner Güte! Wenn ich wirklich gut wäre, dann müßtest Du schon lange dort sein, wo Dich Reichtum und Achtung erwarten und eine schöne und ruhige Zukunft vor Dir liegt, anstatt daß Du hartnäckig darauf bestehst, hier zu bleiben, wo man Dich beschimpft und Du arm und ohne Hoffnung als die traurige Gefährtin eines alten Narren meiner Gattung lebst! Nein, ich bin nur ein feiger, ein ehrloser Mensch!« Lebhaft brachte sie ihn zum Schweigen. Und es war in Wirklichkeit seine Güte, die blutete, jene unendliche Güte, die er seiner Liebe für das Leben verdankte und die er auf alle Dinge und auf alle Wesen ausdehnte in der fortwährenden Sorge um das Glück aller. Hieß denn nicht für ihn gut sein, sie glücklich wissen, sie glücklich machen zu wollen um den Preis seines Glückes? Er mußte diese Güte haben und fühlte deutlich, daß er sie auch haben werde, entscheidend, heroisch. Aber er wartete wie die Unglücklichen, die zum Selbstmorde entschlossen sind, auf die passende Gelegenheit, auf den günstigen Augenblick und auf das Mittel zur Ausführung seines Entschlusses. Als er eines Morgens um sieben Uhr aufgestanden war, war sie lebhaft erstaunt, wie sie in den Saal trat, ihn an seinem Tische sitzend zu finden. Schon seit vielen Wochen hatte er weder ein Buch aufgeschlagen, noch eine Feder angerührt. »Was? Du arbeitest?« Er hob den Kopf nicht in die Höhe und antwortete wie einer, der von seiner Arbeit vollständig in Anspruch genommen ist, ganz kurz: »Ja, es ist der Stammbaum! Selbst den habe ich nicht mehr aus dem Laufenden erhalten!« Ein paar Minuten blieb sie hinter ihm stehen und sah ihm beim Schreiben zu. Er vervollständigte die Bemerkungen über die Tante Dide, den Onkel Macquart und den kleinen Charles, zeichnete ihren Tod auf und setzte die Daten hinzu. Als er sich dann aber immer noch nicht rührte und sich die Miene gab, als wüßte er gar nicht, daß sie da sei und auf die freudige Begrüßung und die Küsse wie an jedem anderen Morgen warte, ging sie an das Fenster und kam nach einer Weile wieder zurück, immer noch ohne Arbeit. »So ist es also wirklich ernst, man arbeitet?« »Ohne Zweifel! Du siehst ja, daß ich schon im vorigen Monat diese Sachen hätte einschreiben müssen. Und ich habe da einen ganzen Haufen von Arbeiten, die sehnlichst auf mich warten.« »Gut! So arbeiten wir denn ... Wenn Du irgend welche Untersuchungen hast, die ich machen kann, oder wenn Du Aufzeichnungen zu kopiren hast, so gib sie mir!« Und seit diesem Tage that er, als ob er sich wieder ganz der Arbeit in die Arme geworfen hatte. Es war übrigens eine seiner Theorien, daß die absolute Ruhe nichts tauge, daß man sie selbst dem Überarbeiteten nicht verordnen dürfe. Der Mann lebt nur durch eine äußere Thätigkeit, in der er aufgeht; die Eindrücke, die er dadurch empfängt, verwandeln sich bei ihm in Bewegung, Gedanken und Handlungen, und zwar so, daß, wenn absolute Ruhe eintritt, wenn man fortwährend neue Eindrücke empfängt, ohne sie wieder verarbeitet und umgewandelt von sich zu geben, dann eine Stockung, ein Mißbehagen, der unvermeidliche Verlust des Gleichgewichts eintritt. Er hatte immer die Erfahrung gemacht, daß die Arbeit der beste Regulator seines Lebens war. Selbst in den Tagen schlechten Befindens hatte er sich morgens an die Arbeit gesetzt. Niemals fühlte er sich wohler, als wenn er seine im voraus genau bestimmte Aufgabe fertig brachte, so und so viel Seiten an jedem Morgen in der nämlichen Zeit; und er verglich diese Aufgabe mit einer Balancierstange, die ihn mitten in dem täglichen Elend, den Schwächen und dummen Streichen aufrecht erhielt. Auch beschuldigte er die Faulheit und den Müßiggang, in dem er seit Wochen dahingelebt hatte, daß sie die einzige Ursache des heftigen Herzklopfens wären, das ihn manchmal zu ersticken drohte. Wenn er sich wieder ganz gesund machen wollte, dünn brauchte er nur seine großen Arbeiten wieder vorzunehmen. Diese Theorien entwickelte und erklärte Pascal stundenlang mit fieberhaftem, übertriebenem Enthusiasmus Clotilden. Er schien wieder ganz von jener Liebe zur Wissenschaft ergriffen worden zu sein, die, bis zur Leidenschaft gesteigert, sein Leben früher allein Verfehlungen hatte. Er wiederholte ihr, daß er sein Werk nicht unvollendet lassen konnte, daß er noch sehr viel zu thun hätte, wenn er sich ein dauerndes Denkmal errichten wollte! Die Sorge um die Akten schien ihn wieder zu packen, er öffnete von neuem den großen Schrank wohl zwanzigmal an einem Tage, er holte sie aus dem oberen Fache herunter und fuhr fort, sie zu bereichern. Seine Gedanken über die Vererbung änderten sich schon, er hätte gewünscht, alles noch einmal prüfen, alles gänzlich umarbeiten und aus der natürlichen und sozialen Geschichte seiner Familie in großen Zügen eine weite Synthese, ein Resumé der ganzen Menschheit ziehen zu können. Daneben kam er dann auch auf seine Behandlung durch Einspritzungen zurück, um sie zu erweitern: ein unklares Hirngespinnst einer neuen Therapeutik, eine unbestimmte, verschwommene Theorie, die sich in ihm aus seiner Ueberzeugung und persönlichen Erfahrung gebildet hatte in Betreff des guten, selbstthätigen Einflusses der Arbeit. Jedesmal, wenn er sich jetzt an seinen Schreibtisch setzte, fing er an zu klagen: »Niemals würde ich Jahre genug vor mir haben, das Leben ist zu kurz!« Man hätte glauben können, er dürfte nicht eine Stunde mehr verlieren! Und eines Morgens hob er plötzlich den Kopf von der Arbeit empor und sagte zu seiner Gefährtin, die an seiner Seite saß und ein Manuskript noch einmal abschrieb: »Höre, Clotilde! Wenn ich sterben sollte ...« Erschreckt erhob sie dagegen Einwendungen. »Was ist das nun wieder einmal für ein Gedanke!« »Höre mich aufmerksam an! Wenn ich sterben sollte, so wirst Du sofort die Thüren verschließen. Die Akten wirst Du für Dich behalten, für Dich allein. Und meine anderen Manuskripte wirst Du zusammensuchen und sie Ramond übergeben ... Hörst Du, das sind meine letzten Wünsche!« Sie schnitt ihm das Wort ab und weigerte sich, ihn weiter anzuhören. »Nein, nein! Du sprichst dummes Zeug!« »Clotilde, schwöre mir, daß Du die Akten für Dich behalten und die anderen Papiere Ramond übergeben wirst!« Sie war sehr ernst geworden, Thränen traten ihr in die Augen, und sie schwur. Er war ebenfalls sehr aufgeregt, er hatte sie in seine Arme geschlossen und überschüttete sie mit Zärtlichkeiten, gleich als ob sich sein Herz mit einem Schlage wieder geöffnet hätte. Dann beruhigte er sich und sprach von seinen Befürchtungen. Seitdem er sich von neuem eifrig an die Arbeit machte, schienen sie sich seiner wieder ganz bemächtigt zu haben; er legte sich wieder in der Nähe des Schrankes auf die Lauer, da er, wie er behauptete, gesehen habe, wie die alte Martine in verdachterregender Weise herumgestrichen sei. Konnte man denn wirklich die blinde Ergebenheit dieser alten Person ins Schwanken bringen, sie zu einer schlechten Handlung verleiten, indem man ihr einredete, daß sie ihren Herrn dadurch rettete? Er hatte so sehr vom Argwohn zu leiden! Er verfiel bei dem drohenden Nahen der Einsamkeit von neuem seiner Qual, der Angst des Gelehrten, der sich in seinem Hause von den Seinigen verfolgt und an seinem Fleische selbst, an dem Werke seines Geistes bedroht fühlt. Eines Abends kam er wieder mit Clotilde auf diesen Gegenstand zu sprechen, und es entschlüpfte ihm dabei: »Du begreifst, wenn Du nicht mehr da sein wirst ...« Sie wurde leichenblaß und sagte zitternd, als sie sah, daß er abbrach: »O Meister, Meister! Denkst Du denn immer noch an diese schreckliche Geschichte? Ich sehe ganz deutlich in Deinen Augen, daß Du mir etwas verbirgst, daß Du einen Gedanken hast, der nicht mir gehört ... Wenn ich aber fortgehe und Du stirbst, wer wird dann da sein, Dein Werk zu verteidigen?« Er glaubte, daß sie anfing, sich mit dem Gedanken ihres Weggangs vertraut zu machen, und fand die Kraft, in fröhlichem Tone zu antworten: »Glaubst Du denn, daß ich mich sterben lassen würde, ohne Dich noch einmal wiedergesehen zu haben? Zum Teufel, ich werde Dir schreiben, und Du wirst dann sofort zurückkommen und mir die Augen schließen.« Jetzt weinte sie, nachdem sie sich hatte in den Stuhl fallen lassen: »Mein Gott! Ist es denn möglich? Du willst, daß wir schon morgen nicht mehr zusammen sind, wir, die wir uns nicht eine Minute verlassen, die wir nur eines in den Armen des andern leben können? Und dennoch, wenn das Kind gekommen wäre ...« »Ah! Du verurteilst mich!« unterbrach er sie heftig. »Wenn das Kind gekommen wäre, dann würdest Du niemals fortgegangen sein ... Siehst Du denn nicht, daß ich viel zu alt bin und daß ich mich verachte! Mit mir wirst Du unfruchtbar bleiben, mit mir wirst Du den Schmerz erleben, nicht das ganze Weib, nicht Mutter zu sein! So geh denn fort, da ich kein Mann mehr bin!« Vergeblich bemühte sie sich, ihn zu beruhigen. »Nein! Ich weiß sehr genau, wie Du denkst; wir haben schon zwanzigmal darüber gesprochen: Wenn das Kind nicht das Ziel ist, dann ist die Liebe nur eine unnötige Gemeinheit ... Du hast gestern abend den Roman, den Du gelesen, fortgeworfen, weil die Helden in starrer Verwunderung darüber, daß sie ein Kind erzeugt hatten, ohne nur daran gedacht zu haben, daß sie eins bekommen könnten, nicht wußten, wie sie sich davon befreien sollten ... Ach! Und ich! Wie habe ich mich darnach gesehnt, wie würde ich es geliebt haben, das Kind von Dir!« An diesem Tage schien sich Pascal noch mehr in die Arbeit zu vertiefen. Es vergingen jetzt oft vier bis fünf Stunden, ganze Vormittage und Nachmittage, ohne daß er den Kopf emporhob. Er übertrieb seinen Eifer, indem er verbot, daß man ihn störte, daß man ein einziges Wort an ihn richtete. Und zuweilen, wenn Clotilde auf den Fußspitzen leise hinausging, da sie unten Anordnungen zu treffen oder einen Ausgang zu machen hatte, versicherte er sich erst durch einen verstohlenen Blick, daß sie nicht mehr da war und ließ dann seinen Kopf auf den Tischrand sinken mit dem Ausdruck äußerster Erschöpfung. Das war ein schmerzliches Nachlassen der Kräfte infolge der außerordentlichen Anstrengung, die er machen mußte, so lange er sie in seiner Nähe wußte, um ruhig an seinem Tische sitzen zu bleiben und sie nicht in seine Arme zu nehmen und stundenlang so in inniger Umschlingung zu halten und zärtlich zu küssen. Ach, die Arbeit! Wie heiß flehte er sie um Hilfe an, als den einzigen Zufluchtsort, wo er hoffte, sich zu betäuben, sich zu vergessen! Aber meistens konnte er überhaupt nicht arbeiten; er mußte Komödie spielen und thun, als ob er angestrengt arbeitete, die Augen fest auf das Buch gerichtet, seine traurigen Augen, die sich durch Thränen verschleierten, während sein Gedächtnis schlummerte, verwirrt, entrückt und immer von dem nämlichen Bilde erfüllt. Sollte er denn wirklich diesen Bankerott der Arbeit erleben, er, der sie für die Beherrscherin, die einzige Schöpferin und Ordnerin der Welt hielt? Sollte er denn das Handwerkszeug fortwerfen, sollte er auf alle Thätigkeit verzichten und nichts anderes thun als leben und die schönen Mädchen lieben, die ihm entgegenkamen? Oder war nicht vielmehr nur sein Alter schuld daran, wenn er unfähig war, eine Seite zu schreiben, wie er unfähig war, ein Kind zu zeugen? Die Furcht vor der Impotenz hatte ihn immer gequält. Während er so mit der Wange auf der Tischplatte ohne Kraft dalag, übermannt von seinem Elend, träumte ihm, er wäre erst dreißig Jahre alt und er schöpfte jede Nacht am Halse Clotildens die für seine Arbeit am folgenden Tag nötige Kraft. Und Thränen rannen in seinen weißen Bart hinab. Und wenn er sie dann zurückkommen hörte, richtete er sich lebhaft wieder auf und nahm seine Feder, damit sie ihn finden sollte, wie sie ihn verlassen hatte, in tiefes Nachdenken versunken, obgleich er nur in das Leere starrte und Kummer seine Gedanken erfüllte. Man befand sich in der Mitte des Septembers; zwei Wochen waren unter diesen unerquicklichen Verhältnissen dahingegangen, als Clotilde eines Morgens durch den Besuch ihrer Großmutter Felicité auf das höchste überrascht wurde. Am Abend vorher hatte Pascal sie auf der Rue de la Banne getroffen und sich, von dem ungeduldigen Verlangen getrieben, der Aufopferung Clotildens ein Ende zu machen, und da er nicht die Kraft fand, selbst eine Trennung herbeizuführen, ihr anvertraut trotz seines inneren Widerstrebens und sie gebeten, am nächsten Tage zu kommen. Sie hatte gerade wieder einen Brief von Maxime erhalten, der ganz trostlos und flehentlich bittend lautete. Zuerst erklärte sie ihre Anwesenheit. »Ja, ich bin es, mein Liebling, und es müssen, wie Du wohl einsehen wirst, sehr schwer wiegende Gründe sein, die mich bestimmt haben, meinen Fuß wieder über eure Schwelle zu setzen ... Aber, in Wahrheit, Du wirst noch verrückt, und ich kann es nicht zulassen, daß Du Dein Leben auf diese Weise verpfuschst, ohne Dich noch ein letztesmal aufzuklären.« Sie las dann sofort den Brief von Maxime mit verschleierter Stimme vor. Er war an den Krankenstuhl gefesselt und schien von einer sehr schmerzhaften, rasch fortschreitenden Ataxie ergriffen zu sein. Auch forderte er jetzt eine definitive Antwort von seiner Schwester, da er immer noch hoffte, daß sie kommen würde, und bei dem Gedanken zitterte, daß er gezwungen sein würde, eine andere Krankenwärterin zu suchen. Dennoch, so sehr er sich auch davor scheute, würde er dies thun müssen, wenn man ihn seiner traurigen Lage überließe. Und als sie ihre Vorlesung beendigt hatte, gab sie zu verstehen, wie ärgerlich sie sein würde, wenn das Vermögen von Maxime in fremde Hände übergehen würde. Vor allem aber sprach sie von der Pflicht, von der Hilfe, die man einem Verwandten schuldig wäre, und auch sie behauptete, Clotilde hätte ein wirkliches Versprechen gegeben. »So frage doch Dein Gedächtnis, mein Liebling! Du hast ihm gesagt, daß Du, wenn er wirklich Deiner bedürfe, zu ihm kommen würdest. Ich höre Dich noch sprechen ... Nicht wahr, mein Sohn?« Pascal hatte, seitdem seine Mutter da war, geschwiegen; er ließ sie handeln und saß blaß mit gesenktem Kopfe da. Er antwortete nur durch ein leichtes bejahendes Zeichen. Dann wiederholte Felicité alle die Gründe, die er selbst schon Clotilde angegeben hatte: der abscheuliche Skandal, der jetzt in öffentliche Beschimpfungen ausartete, das drohende Elend, das für sie beide so schwer sein würde, die Unmöglichkeit, dieses schlechte Leben noch länger fortzusetzen, bei dem er, in seinem Alter, den Rest seiner Gesundheit verlieren würde, während sie, noch jung, sich für ihr ganzes zukünftige Leben kompromittirte. Auf welche Zukunft konnten sie noch hoffen, jetzt, da das Elend gekommen wäre? Es wäre gemein und grausam, sich jetzt noch starrköpfig zu zeigen. Regungslos und mit verschlossener Miene hatte Clotilde bis jetzt vollständiges Stillschweigen bewahrt und so jede Auseinandersetzung vermieden. Als ihre Großmutter ihr aber immer mehr zusetzte und sie quälte, sagte sie endlich: »Noch einmal, ich habe keine Pflicht gegen meinen Bruder; meine Pflicht ist hier! Er kann ganz nach seinem Gutdünken über sein Vermögen verfügen; ich will nichts davon haben. Wenn wir zu arm werden sollten, dann wird der Meister die alte Martine fortschicken und mich als Dienerin behalten!« Mit einer bezeichnenden Handbewegung schloß sie. O ja! Wie herrlich würde es sein, sich seinem Herrn und Gebieter zu weihen, ihm sein Leben zu widmen und, ihn an der Hand führend, durch die Straßen betteln zu gehen! Und dann bei der Heimkehr ebenso wie an jenem Abend, wo sie von Thüre zu Thüre gegangen waren, ihm das Geschenk ihrer Jugend zu machen und ihn zu erwärmen in ihren reinen Armen! Die alte Frau Rougon hob das Kinn in die Höhe. »Bevor Du seine Magd sein willst, hättest Du besser daran gethan, erst damit anzufangen, seine Frau zu werden... Warum habt ihr euch denn eigentlich nicht geheiratet? Das wäre einfacher und anständiger!« Sie erinnerte daran, daß sie eines Tages hierhergekommen sei, um diese Heirat zu fordern und dadurch den entstehenden Skandal zu ersticken; und das junge Mädchen hätte sich überrascht gezeigt und gesagt, daß weder sie noch der Doktor daran gedacht hätten, und daß sie gleichwohl, wenn es durchaus sein müßte, sich später heiraten würden, was aber gar keine Eile hätte. »Uns heiraten! Ja, das will ich gewiß!« rief Clotilde. »Du hast vollständig recht, Großmama!« Darauf wandte sie sich an Pascal und sagte: »Hundertmal hast Du mir wiederholt, daß Du alles thun würdest, was ich wollte ... Jetzt hörst Du es, heirate mich! Ich werde Deine Frau sein und dann hier bleiben, denn eine Frau verläßt ihren Gatten nicht!« Er antwortete nur durch eine Handbewegung, als wenn er befürchtet hätte, daß seine Stimme ihn verraten und daß er mit einem Schrei unendlicher Dankbarkeit dieses ewige Band annehmen würde, das sie ihm anbot. Seine Handbewegung konnte ein Zaudern, eine Weigerung ausdrücken. Welch einen Zweck sollte diese Heirat jetzt noch haben, wo doch alles aus war? »Das sind ohne Zweifel schöne Gefühle!« entgegnete Felicité. »Du legst Dir alles in Deinem kleinen Kopfe sehr hübsch zurecht. Aber die Heirat ist es nicht, die euch die Mittel zum Leben verschaffen wird; und während ihr wartet und wartet, kommst Du ihm sehr teuer: Du bist für ihn die schwerste Last.« Die Wirkung, die diese Worte auf Clotilde ausübten, war eine außerordentliche; in heftiger Erregung, mit purpurroten Wangen und thränenfeuchten Augen trat sie auf Pascal zu. »Meister! Meister! Ist es wahr, was Großmama soeben gesagt hat? Ist es wahr, daß Du so weit gekommen bist, das Geld zu bedauern, das ich Dich hier koste?« Pascal war noch blässer geworden und rührte sich nicht in seiner gebrochenen Haltung. Aber er murmelte mit einer Stimme, die wie von fern herüberklang, als wenn er mit sich selbst spräche: »Ich habe so viel Arbeit! Ich mochte gern alle meine Akten, meine Manuskripte und Aufzeichnungen noch einmal vornehmen und das Werk meines Lebens vollenden! Wenn ich allein wäre, ließe sich vielleicht alles einrichten. Ich wurde die Souleiade verkaufen, o! um ein Stück Brot, denn sie ist nicht viel wert. Ich wurde mich mit allen meinen Papieren in ein kleines Zimmer setzen. Ich würde vom Morgen bis zum Abend arbeiten, ich würde versuchen, nicht zu sehr unglücklich zu sein.« Er vermied es jedoch, sie anzusehen; und in der heftigen Aufregung, in der sie sich befand, konnte ihr dieses schmerzliche Hervorstammeln gewiß nicht genügen Bei jedem Worte fuhr sie erschreckt zusammen, denn sie fühlte deutlich, daß das Unvermeidliche gesagt werden sollte. »Sieh mich an, Meister, sieh mir in das Gesicht! Und ich beschwöre Dich, sei aufrichtig und wähle zwischen Deinem Werke und mir, da es mir vorkommt, als ob Du sagen wolltest, Du wolltest mich fortschicken, um besser arbeiten zu können!« Der Augenblick der heroischen Lüge war gekommen. Er hob den Kopf in die Höhe und sah ihr mutig in das Gesicht; und mit dem Lächeln eines Sterbenden, der den Tod herbeiwünscht, antwortete er, wobei seine Stimme ihren früheren Klang himmlischer Güte wiedergewonnen hatte: »Wie Du Dich ereiferst! Kannst Du denn nicht einfach Deine Pflicht thun wie alle Welt? Ich habe viel zu arbeiten und muß dazu notwendigerweise allein sein; und Du, Geliebte, Du mußt zu Deinem Bruder gehen. Gehe also, dann ist alles in Ordnung!« Einige Sekunden herrschte eine furchtbare Stille. Sie sah ihn immer noch starr an, in der Hoffnung, er würde seine Worte widerrufen. Sagte er denn wirklich die Wahrheit, opferte er sich nicht, damit sie glücklich wäre? Einen Augenblick hatte sie das Gefühl, als ob ein zitternder Hauch, der von ihm ausging, ihr es mitgeteilt hätte. »Dann schickst Du mich also für immer fort? Du willst mir also nicht erlauben, daß ich morgen wiederkomme?« Er blieb standhaft, er schien durch ein neues Lächeln zu antworten, daß man nicht fortgehe, um nur so mir nichts dir nichts wiederzukommen. Alles geriet bei ihr in Verwirrung; sie hatte nur noch eine ganz unklare Empfindung, sie konnte glauben, daß er die Arbeit gewählt hätte einfach als Mann der Wissenschaft, bei dem das Werk über das Weib den Sieg davongetragen. Sie war wieder ganz bleich geworden. Sie wartete noch eine kurze Zeit in dem schrecklichen drückenden Stillschweigen; dann sagte sie langsam mit ihrem gewöhnlichen Ausdruck zarter und vollständiger Ergebenheit: »Es ist gut, Meister! Ich werde reisen, wenn Du willst, und nicht eher wieder zurückkehren als an dem Tage, an welchem Du mich zurückrufen wirst.« Das war der Axthieb, der trennend zwischen ihnen niederfuhr. Das Unwiderrufliche war geschehen. Felicité, die höchlich überrascht war, daß sie nicht mehr zu reden brauchte, verlangte, daß man sofort das Datum der Abreise festsetzen sollte. Sie beglückwünschte sich zu ihrer hartnäckigen Standhaftigkeit, sie glaubte, daß sie nur dadurch den Sieg in diesem schweren Kampfe davongetragen hatte. Man schrieb Freitag, und es wurde ausgemacht, daß Clotilde am Sonntag reisen sollte. Es wurde sogar eine Depesche an Maxime abgeschickt. Schon seit drei Tagen wehte der Mistral. Am Abend aber wurde er immer stärker und stürmte mit verdoppelter Heftigkeit, und Martine sagte vorher, daß er mindestens noch drei Tage anhalten würde nach der allgemeinen im Volke herrschenden Ansicht. Die Stürme, die Ende September durch das Thal der Viorne brausen, sind schrecklich. Die alte Martine hatte auch die Aufgabe, in allen Zimmern nachzusehen, ob die Fensterläden fest verschlossen waren. Wenn der Mistral über du Dächer von Plassans fegte, dann packte er die Souleiade ordentlich, die so ausgesetzt auf dem kleinen Plateau dalag, auf dem sie erbaut war. Und es war ein wütender Wirbelsturm, der das Haus fortgesetzt peitschte und es vom Keller bis zum Speicher erschütterte Tage und Nächte hindurch ohne Unterlaß. Die Dachziegel flogen herum, die Fensterbeschläge wurden abgerissen, während der Wind durch die Spalten in das Innere des Hauses eindrang in seufzenden Klagetönen und die Thüren bei dem geringsten Versehen mit furchtbarem Donnergepolter zuschlug. Man hätte bei dem Lärm und dem Getöse glauben können, die Souleiade habe eine vollständige Belagerung auszuhalten. Am folgenden Tage beabsichtigten Pascal und Clotilde sich in dem einsamen, vom Winde durchrüttelten Hause mit den Reisevorbereitungen zu beschäftigen. Die alte Frau Rougon wollte nicht eher wiederkommen, als am Sonntag zum Abschiednehmen. Als Martine die bevorstehende Trennung erfahren hatte, wurde sie erregt, sagte aber kein Wort; nur aus ihren Augen strahlte eine kurze Freude; und als man sie aus dem Zimmer weggeschickt hatte, da man sie, wie man sagte, zum Packen der Koffer nicht brauche, war sie wieder in ihre Küche gegangen, wo sie sich ihren gewöhnlichen Geschäften widmete und sich den Anschein gab, als ob sie gar nichts von der Katastrophe wüßte, die ihrer bisherigen Haushaltung zu dreien ein so jähes Ende bereiten sollte. Aber bei dem geringsten Rufe Pascals eilte sie so bereitwillig, so flink, mit einem so freudigen Gesichte, erhellt durch den Eifer, ihm zu dienen, herbei, daß es schien, als ob sie wieder ein junges Mädchen geworden wäre. Pascal verließ Clotilde jetzt nicht eine einzige Minute; er half ihr bei allem, da er sich zu überzeugen wünschte, daß sie auch alles mitnahm, was sie notwendig brauchen würde. Zwei große Koffer standen geöffnet da mitten in der Unordnung des Zimmers. Pakete und Kleidungsstücke lagen auf dem Boden überall umher; es war ein fortwährendes Hin- und Hergehen von einer Schublade zur andern. Und mit dieser Arbeit, mit diesem ihrem eifrigen Bemühen, nichts zu vergessen, erstickten sie den heftigen Schmerz, den sie beide, der eine wie der andere, in ihrem Herzen empfanden. Eine Zeit lang betäubten sie so ihren Kummer: er sorgte mit großer Aufmerksamkeit dafür, daß kein Raum verloren ging, verwendete die Hutschachtel für die kleineren Wäschegegenstände und schob die Pakete zwischen die Hemden und Taschentücher, während sie die Kleider aus dem Schranke nahm, auf dem Bette zusammenlegte und darauf achtete, daß sie zuletzt in den Koffer oben darauf gelegt wurden. Als sie sich dann ermüdet aufrichteten und sich Auge in Auge gegenüber standen, lächelten sie sich zuerst an und fingen dann plötzlich an zu weinen bei dem Gedanken an das unvermeidliche Unglück, welches sie so schwer betraf. Sie blieben aber stark trotz ihres heißblütigen Herzens. Mein Gott! War es denn wahr, daß sie schon nicht mehr beisammen waren? Und dann vernahmen sie den Sturm, den schrecklichen Sturm, der das Haus einzustürzen drohte. Wie vielemale traten sie an diesem Tage, angelockt von dem Unwetter, an das Fenster, mit dem Wunsche, es möchte die ganze Welt davontragen! Während dieser Mistralstürme hörte die Sonne nicht zu scheinen auf, und der Himmel blieb fortwährend blau; aber es war ein fahlblauer Himmel wegen der aufgewirbelten Staubmassen, und die Sonne hatte einen blaßgelben Schein. Sie sahen in der Ferne die ungeheuren grauen Staubwolken, die von den Straßen aufflogen, sie sahen die zerzausten, niedergebogenen Bäume, die alle den Eindruck machten, als ob sie in derselben Richtung fliehen wollten und in demselben rasenden Tempo; sie sahen die ganze erschöpfte und durch die Gewalt des sich immer gleich bleibenden Sturmes ausgetrocknete Landschaft, der ohne Aufhören mit Donnergrollen daherbrauste. Aeste brachen ab und verschwanden, Dächer wurden in die Höhe gehoben und so weit mit fortgetragen, daß man sie gar nicht mehr wiederfand. Warum nahm der Mistral sie denn nicht alle zusammen mit hinweg und setzte sie in dem unbekannten Lande nieder, wo man glücklich sein konnte? Die Koffer waren soeben fertig gepackt, als er einen Fensterladen wieder aufmachen wollte, den der Sturm gerade zugeschlagen hatte. Aber durch das nicht gut schließende Fenster drang der Sturm so heftig herein, daß sie ihm zu Hilfe eilen mußte. Erst als sie sich mit all ihrem Gewichte dagegen stemmten, konnten sie den Drehriegel umwenden. Im Zimmer waren die letzten Stücke Leinwand in alle Ecken herumgeflogen; einen kleinen Handspiegel, der vom Stuhle herabgefallen war, hoben sie in Stücken vom Fußboden auf. War dies vielleicht ein Zeichen des nahen Todes, wie die Weiber in der Vorstadt es nannten? Am Abend, nach einem sehr trübseligen Essen in dem hellen Speisezimmer mit den großen blühenden Bouquets, sprach Pascal davon, daß sie sich beizeiten zu Bette legen wollten. Clotilde sollte am nächsten Morgen um zehneinviertel abreisen; und er war in Sorge wegen der Länge der Fahrt, zwanzig Stunden mit der Eisenbahn. Dann umarmte er sie in dem Augenblicke, wo sie zur Ruhe gehen wollten, und bestand hartnäckig darauf, sein Zimmer aufzusuchen und schon in dieser Nacht wieder allein zu schlafen. Er wollte durchaus, wie er fügte, daß sie ordentlich ausruhen sollte. Wenn sie aber beisammen bleiben würden, dann würde weder der eine noch der andere von ihnen die Lider schließen, es würde eine schlaflose, unendlich traurige Nacht geben. Vergebens bat sie ihn flehentlich mit zärtlichen Blicken ihrer großen Augen, vergebens streckte sie ihm ihre göttlichen Arme entgegen: er besaß die außerordentliche Kraft, wegzugehen und ihr wie einem Kinde Küsse auf die Augen zu drücken, während er sie in ihre Decken einhüllte und ihr empfahl, recht vernünftig zu sein und gut zu schlafen. War denn die Trennung nicht schon vollzogen? Es würde ihm Gewissensbisse und Schande bereitet haben, wenn er sie noch einmal ganz besessen hätte, da sie ihm doch gar nicht mehr gehörte. Aber wie entsetzlich war die Rückkehr in das feuchte, verlassene Zimmer, wo das kalte Lager der Ehelosigkeit ihn erwartete! Es war ihm, als ob er wieder in sein Greisenalter einträte, das ihn nun für immer festhielte wie eine Umhüllung von Blei. Zuerst gab er dem Sturme die Schuld an seiner Schlaflosigkeit. Das sonst so totenstille Haus hallte wider von heulenden Tönen, und klagende und zornige Stimmen mischten sich in dies fortwährende Seufzen und Stöhnen. Zweimal stand er auf und ging an das Zimmer Clotildens, um zu horchen; aber er vernahm nichts. Dann stieg er hinunter, um eine Thüre zu schließen, die immer mit dumpfen Schlägen zuklappte, als ob das Unglück an die Mauern klopfte. Der Wind zog durch die dunklen Zimmer; frierend und zitternd, verfolgt von traurigen Erscheinungen legte er sich wieder nieder. Dann kam es ihm zum Bewußtsein, daß das laute Klagen, welches ihm den Schlaf vertrieb und unter dem er litt, nicht von dem entfesselten Mistral herrührte. Es war der Ruf Clotildens, das Gefühl, daß sie noch da war und daß er ihr entsagt hatte. Dann machte er eine Krisis verliebter Sehnsucht und schrecklicher Verzweiflung durch. Mein Gott! Sie niemals wieder besitzen zu sollen, wo er doch durch ein einziges Wort sie noch haben konnte, sie für immer haben könnte! Daß man ihm diesen jungen Körper nahm, war gerade so, als ob man ihm etwas von seinem eigenen Fleische wegrisse. Mit dreißig Jahren findet sich schon eine Frau wieder. Aber welche schwere Aufgabe war es für die Leidenschaft seiner zu Ende gehenden Manneskraft, diesem frischen, in voller Jugendblüte stehenden Körper zu entsagen, der sich ihm als königliches Geschenk zu eigen gegeben, der ihm gehörte als sein Gut, als sein Besitz! Zehnmal stand er im Begriff, aus dem Bette zu springen, zu ihr zu gehen, sie an sein Herz zu nehmen und sie für immer zu behalten. Diese furchtbare Krisis dauerte bis zum Tagesanbruch mitten in dem rasenden Ungestüm des Sturmes, der das alte Haus in seinen Grundfesten erschütterte. Es war sechs Uhr, als Martine in dem Glauben, der Herr habe sie in sein Zimmer gerufen, mit laut tappenden Schritten hinaufstieg. Sie trat mit lebhafter und aufgeregter Miene, die sie nun schon seit zwei Tagen zeigte, in das Zimmer; aber sie blieb starr vor Schrecken und Ergriffenheit stehen, als sie den Doktor bemerkte, der halb entkleidet und verstört über das Bett hingeworfen dalag und in das Kopfkissen biß, um seine Seufzer zu ersticken. Er hatte aufstehen und sich anziehen wollen, aber ein neuer Anfall von Herzkrampf hatte ihn soeben niedergeworfen; eine Ohnmacht hielt ihn umfangen, und er erstickte fast von heftigem Herzklopfen. Kaum war die Ohnmacht wieder etwas von ihm gewichen, als er anfing, seine Qualen stotternd zu erzählen. »Nein, nein! Ich kann nicht, ich leide zu sehr! Ich will lieber sterben, jetzt sterben ...« Dennoch erkannte er die alte Martine, er war jetzt mit seiner Kraft zu Ende; ganz gebrochen und vom Schmerze aufgelöst beichtete er vor ihr. »Mein armes Mädchen! Ich leide zu sehr, mein Herz bricht! Sie ist es, die mein Herz fortträgt, die mein ganzes Sein mit sich nimmt! Und ich kann ohne sie nicht mehr leben ... Ich wäre diese Nacht beinahe gestorben. Ich wünschte, ich könnte noch vor ihrer Abreise sterben, damit ich nicht den Kummer zu erleben brauchte sie von mir scheiden zu sehen ... O, mein Gott, mein Gott! Sie geht fort, und ich werde sie nicht mehr haben! Ich bleibe allein, allein, ganz allein!« Die alte Haushälterin, die beim Heraufsteigen so froh gewesen war, wurde jetzt so bleich wie Wachs in ihrem harten, schmerzverzogenen Gesichte. Eine Zeit lang sah sie ihm zu, wie er mit seinen zusammengeballten Händen die Decken hin und her riß und in Verzweiflung dumpf stöhnte, den Mund in das Kissen gepreßt. Dann schien sie mit einer plötzlichen Kraftanstrengung sich zu fassen. »Aber, Herr Doktor, das ist doch nicht vernünftig gehandelt, sich solchen Kummer zu machen. Das ist lächerlich! Da es nun einmal so ist und da Sie nicht ohne das Fräulein leben können, so werde ich ihr sofort erzählen, in welchen Zustand Sie sich befinden ...« Bei diesen Worten fuhr er heftig in die Höhe und hielt sich, da er noch schwach war, an der Rückenlehne eines Stuhles an. »Ich verbiete es Dir auf das strengste, Martine!« »Wenn ich Ihnen folgen würde, so würde ich Sie binnen kurzem wieder halbtot vorfinden und heiße Thränen vergießend! Nein, nein! Ich werde jetzt sofort das Fräulein aufsuchen; ich werde ihr die Wahrheit sagen und sie zwingen, hier bei uns zu bleiben!« Aber er hatte ihren Arm fest gepackt und ließ sie, von heftigem Zorn ergriffen, nicht los. »Ich befehle Dir, Dich ganz ruhig zu verhalten, hörst Du? Oder Du wirst gleich mit ihr zusammen fortgehen ... Warum bist Du hereingekommen? Ich war krank infolge des Sturmes. Das geht niemand etwas an.« Dann aber ergriff ihn ein weicheres Gefühl, und seine gewöhnliche Gutmütigkeit kam wieder zum Durchbruch, als er schließlich lächelnd sagte: »Mein armes Mädchen! Warum ärgerst Du mich denn? Laß mich doch handeln, wie ich handeln muß zum besten von uns allen! Und jetzt kein einziges Wort mehr, sonst wirst Du mir großen Kummer bereiten!« Die alte Martine hatte ihrerseits die Augen voller Thränen. Es war die höchste Zeit, daß sie einig geworden waren, denn Clotilde trat fast in demselben Augenblick ins Zimmer. Sie war frühzeitig aufgestanden und verlangte darnach, Pascal wiederzusehen, da sie ohne Zweifel noch immer bis zur letzten Minute hoffte, er würde sie bei sich behalten. Auch ihr waren du Augenlider schwer von der schlaflos verbrachten Nacht. Mit einem fragenden Ausdruck im Blicke sah sie ihm sofort starr ins Gesicht. Aber er war noch so schwach, daß sie sich ernstlich deswegen beunruhigte. »Aber gewiß nicht! Ich versichere Dich, daß ich ohne den schrecklichen Mistral vortrefflich geschlafen haben würde ... Nicht wahr, Martine? Ich habe es Dir doch soeben auch gesagt.« Die alte Dienerin gab ihm durch ein bestätigendes Kopfnicken recht. Und so sprach sich denn Clotilde auch nicht aus und erzählte nichts davon, wie sie diese schreckliche Nacht unter Kämpfen und Schmerzen zugebracht hatte, während er seinerseits fast ganz von Sinnen war. Die beiden Frauen verstanden ihn und thaten nichts anderes, als daß sie ihm gehorchten und ihm halfen bei seinem Bestreben, sich selbst zu vergessen. »Warte,« sagte er, indem er seinen Sekretär öffnete, »ich habe da etwas für Dich ... Hier in diesem Couvert sind siebenhundert Franken ...« Und obgleich sie lebhaften Einspruch erhob und sich dagegen heftig sträubte, legte er ihr doch Rechnung ab. Von den aus dem Verkauf der Schmuckgegenstände gelösten sechstausend Franken waren kaum zweihundert ausgegeben; er behielt hundert Franken für sich, um bis zum Ende des Monats davon leben zu können mit Hilfe der strengen Sparsamkeit und des finsteren Geizes, den er von nun an zeigte. Dann würde er ohne Zweifel die Souleiade verkaufen, er würde arbeiten, er würde es ganz gut verstehen, sich aus dieser Verlegenheit zu ziehen. Die fünftausend Franken aber, die noch übrig blieben, wollte er nicht anrühren, denn die wären seine Gabe für sie und sie würde sie in der Schublade finden. »Meister, Meister! Du machst mir viel Kummer ...« Er unterbrach sie. »Ich will es, und Du bist es, die mir das Herz schwer machen konnte ... Es ist jetzt siebenundeinhalb Uhr; ich will daher hinuntergehen und die Koffer, da sie geschlossen sind, noch mit Stricken festbinden.« Als Clotilde und Martine allein waren und sich Auge in Auge gegenüberstanden, sahen sie sich erst eine Zeit lang stillschweigend an. Seit den neuen Verhältnissen hatten sie deutlich ihre stumme Gegnerschaft empfunden, den leuchtenden Triumph der jungen Herrin und die düstere Eifersucht der alten Dienerin in der Nähe des von beiden angebeteten Herrn. Heute hatte es ganz den Anschein, als ob die letztere diejenige wäre, die die Siegerin bleiben sollte Aber in dieser letzten Minute brachte die gemeinsame Erregung sie wieder einander näher. »Martine, man darf es nicht zulassen, daß er sich wie ein Armer nährt. Willst Du mir fest versprechen, daß er jeden Tag sein Fleisch und seinen Wein bekommt?« »Sie brauchen keine Angst deswegen zu haben, Fräulein!« »Und Du weißt, die fünftausend Franken, die dort drinnen ruhen, gehören ihm. Du wirst nicht von ihm fortgehen, wie ich hoffe, und wirst ihn nicht in seiner Verlassenheit vor Hunger sterben lassen. Ich will vielmehr, daß Du ihn recht verwöhnst.« »Ich wiederhole Ihnen, Fräulein, daß ich meine Pflicht thun werde und daß es dem Herrn Doktor an nichts fehlen soll.« Es trat von neuem Stillschweigen ein. Sie sahen sich fortwährend an. »Passe ferner auch auf, daß er nicht zu viel arbeitet. Ich gehe sehr besorgt und unruhig fort, denn seine Gesundheit ist seit einiger Zeit weniger gut. Pflege ihn ordentlich, nicht wahr?« »Seien Sie beruhigt, Fräulein, ich werde ihn schon ordentlich pflegen!« »So vertraue ich Dir ihn denn an! Er will nur noch Dich bei sich haben, und es beruhigt mich wieder ein wenig, da Du ihn ja auch liebst. Liebe ihn mit all Deiner Kraft, liebe ihn für uns beide!« »Ja, Fräulein, so sehr ich kann!« Thränen traten ihnen in die Augen, und Clotilde sagte noch: »Willst Du mich umarmen, Martine?« »O, Fräulein, sehr gern!« Sie lagen sich beide in den Armen, als Pascal wieder eintrat. Er that, als ob er es nicht sähe, ohne Zweifel, um nicht selbst gerührt zu werden. Mit überlauter Stimme sprach er von den letzten Vorbereitungen für die Abreise wie ein aufgeregter Mensch, der nicht will, daß man den Zug versäumt. Er hatte die Koffer noch mit Stricken umwunden, und der Vater Durieu sollte sie auf einem kleinen Wagen fortfahren, und man würde sie schon auf dem Bahnhofe vorfinden. Es war indessen erst acht Uhr, man hatte also noch zwei ganze Stunden vor sich. Das waren zwei lange schreckliche Stunden voller Herzensangst, voll schmerzlicher Ungeduld und bitterer, wohl hundertmal wiederholter Vorwürfe über den Bruch. Das Frühstück nahm kaum eine Viertelstunde Zeit in Anspruch. Dann mußte man sich erheben und wieder niedersetzen. Die Augen verließen die Uhr nicht. Die Minuten schienen ewig zu sein wie der Todesschlaf und endlos durch das finstere Haus der Trauer dahinzuziehen. »Ah! Welch fürchterlicher Sturm!« sagte Clotilde bei einem neuen Anprall des Mistral, von dessen Ungestüm alle Thüren seufzten. Pascal näherte sich dem Fenster und betrachtete das Zurückweichen der Bäume vor der Gewalt des Sturmes. »Seit heute morgen ist er noch stärker geworden. Bald werde ich wegen des Daches besorgt sein müssen, denn die Ziegel fliegen bereits jetzt herum.« Schon waren sie nicht mehr bei einander. Sie hörten nur noch den fürchterlichen Sturm, der, indem er alles hinwegfegte, auch ihr Leben mit davontrug. Um achteinhalb Uhr fügte Pascal endlich einfach: »Es ist Zeit, Clotilde!« Sie erhob sich rasch von dem Stuhle, auf dem sie saß. Für einige Augenblicke hatte sie ganz und gar vergessen, daß sie fortgehen sollte. Jetzt trat ihr mit einem Schlage die schreckliche Gewißheit wieder vor die Seele. Zum letztenmale sah sie ihn an, ohne daß er die Arme öffnete, um sie zurückzuhalten. Es war alles aus. Und ihr Gesicht war wie im Tode erstarrt. Zunächst wechselten sie noch einige alltägliche, gleichgiltige Redensarten. »Du wirst mir schreiben, nicht wahr?« »Gewiß, und gib mir auch so bald wie möglich Nachricht von Dir!« »Vor allem rufe mich sofort zurück, wenn Du etwa krank werden solltest!« »Ich verspreche es Dir! Aber es hat keine Gefahr, ich bin ja gesund und kräftig.« Dann umfaßte Clotilde in dem Augenblicke, wo sie das ihr so liebe und traute Haus verließ, alles noch einmal mit einem letzten, überall umherschweifenden Blicke. Und sie warf sich an die Brust Pascals, sie hielt ihn fest mit ihren biegsamen Atmen umschlungen und stieß stotternd hervor: »Ich will Dich hier umarmen, ich will Dir hier danken ... Meister, Du bist es, der mich zu dem gemacht hat, was ich bin. Wie Du oft wiederholt hast, hast Du alles, was ich durch Vererbung an mir habe, verbessert. Was wäre dort, wo Maxime aufgewachsen ist, aus mir geworden? Ja, wenn ich etwas wert bin, so verdanke ich es einzig Dir allein, nur Dir, der Du mich in dieses Haus der Wahrheit und Herzensgüte verpflanzt hast, wo Du mich hast aufwachsen lassen. Deiner Liebe würdig ... Heute nun, nachdem Du mich Dir zu eigen gemacht und mich mit Deinen Schätzen und Wohlthaten überhäuft hast, schickst Du mich wieder fort. Dein Wille soll geschehen, Du bist mein Herr, und ich gehorche Dir. Ich liebe Dich trotzdem, ich werde Dich immer lieben!« Er drückte sie an sein Herz und antwortete: »Ich will nur Dein Bestes, ich vollende mein Werk!« Und bei dem letzten Kusse, den sie wechselten, bei diesem herzzerreißenden Kusse flüsterte sie seufzend mit ganz leiser Stimme: »Ach, wenn doch das Kind gekommen wäre!« Noch viel leiser, in einem tiefen schmerzlichen Seufzer, glaubte sie ihn folgende Worte undeutlich hervorstottern zu hören: »Ja, ja, das andere erträumte Werk, das einzig Wahre und Schöne, das Werk, das ich nicht habe fertig bringen können ... Verzeihe mir und versuche glücklich zu sein!« Die alte Frau Rougon war auf dem Bahnhofe, sehr heiter und lebhaft trotz ihrer vierundachtzig Jahre. Sie triumphirte, sie glaubte ihren Sohn jetzt endlich ganz in ihrer Hand zu halten, ihr vollständig auf Gnade und Ungnade ergeben. Als sie die beiden so niedergedrückt, so apathisch sah, übernahm sie die Besorgung von allem; sie löste das Billet, ließ das Gepäck einschreiben und brachte die Reisende in einem Damencoupé unter. Dann sprach sie des Langen und Breiten über Maxime, erteilte noch einige Aufträge und forderte dringend, immer auf dem Laufenden erhalten zu werden. Aber der Zug fuhr noch immer nicht ab, und es vergingen noch fünf fürchterliche Minuten, während welcher sie sich, ohne ein Wort zu sagen, Auge in Auge gegenüberstanden. Schließlich nahm auch das ein Ende, Umarmungen wurden ausgetauscht, ein Geräusch von rollenden Rädern entstand, und Taschentücher wehten. Plötzlich bemerkte Pascal, daß er sich allein auf dem Perron befand, während der Zug dort unten verschwunden war an einer Biegung der Bahnlinie. Er hörte seine Mutter nicht, er eilte davon in dem wütenden Galopp eines jungen Menschen, stieg den Abhang hinauf, erklomm die Stufen der mörtellosen Mauern und befand sich in drei Minuten auf der Terrasse der Souleiade. Dort wütete der Mistral mit Riesengewalt und beugte die hundertjährigen Cypressen nieder wie Strohhalme. An dem farblosen Himmel schien die Sonne müde zu sein dieses langen Sturmes, der nun schon seit sechs Tagen ununterbrochen über ihr Gesicht dahingerast war. Und gleich den zerzausten Bäumen hielt Pascal wacker stand mit seinen Kleidern, die wie Fahnen im Winde klatschten, und seinem Bart und seinen verwirrten, vom Sturm gepeitschten Haaren. Ganz außer Atem, die beiden Hände auf sein Herz gepreßt, um das heftige Klopfen zu ersticken, sah er den Zug, der immer kleiner wurde und den der Mistral wie einen dürren Zweig mit vertrockneten Blättern hin und her fegte, in der Ferne dahineilen durch die kahle Ebene. Zwölftes Kapitel. Vom folgenden Tag an schloß sich Pascal in seinem großen öden Haus ein. Er kam gar nicht mehr heraus; die wenigen ärztlichen Besuche, die er noch gemacht hatte, gab er ganz auf und lebte so bei geschlossenen Thüren und Fenstern in vollständiger Einsamkeit und Stille. Und er hatte der alten Martine den bestimmten Befehl gegeben, sie durfte unter keinen Umständen irgend jemand hereinlassen. »Aber, Herr Doktor, Ihre Mutter, Frau Felicité!« »Meine Mutter noch weniger als die anderen. Ich habe meine Gründe ... Du wirst ihr sagen, daß ich arbeitete, daß ich sehr notwendig hätte, mich zu sammeln, und daß ich sie daher bäte, mich zu entschuldigen.« Dreimal, ganz kurz hintereinander, hatte sich die alte Frau Rougon eingestellt. Sie polterte unten im Parterre herum, er hörte es ganz deutlich, wie sie ihre Stimme erhob und zornig wurde und sich den Zutritt durchaus erzwingen wollte. Dann aber ließ der Lärm nach, es war nur noch ein Flüstern und Klagen hörbar, und ein neues Komplot zwischen ihr und der Haushälterin kam zu stande. Aber nicht ein einzigesmal gab er nach, nicht ein einzigesmal beugte er sich über das Treppengeländer herunter, um ihr zuzurufen, sie solle heraufkommen. Eines Tages wagte es die alte Martine, zu ihm zu sagen: »Das ist doch trotz allem sehr hart, Herr Doktor, seiner Mutter den Eintritt zu verweigern, um so mehr, da doch Frau Felicité mit den besten Absichten hergekommen ist, denn sie kennt ja die große Not des Herrn Doktors und wollte nur ihre Dienste anbieten.« Ganz außer sich vor Zorn rief er: »Ich will kein Geld von ihr, hörst Du? Ich werde arbeiten, zum Teufel! Ich werde mir meinen Lebensunterhalt selbst verdienen!« Die Geldfrage wurde indessen immer drückender. Er hatte sich in den Kopf gesetzt, nicht einen Sou mehr von den fünftausend Franken wegzunehmen, die in seinem Sekretär eingeschlossen lagen. Jetzt, wo er allein war, gab er sich einer vollständigen Sorglosigkeit hin in Bezug auf alles, was das materielle Leben betraf, und er würde mit Brot und Wasser zufrieden gewesen sein; und jedesmal, wenn die alte Martine ihn fragte, von was sie Wein, Fleisch oder irgend etwas kaufen sollte, zuckte er mit den Achseln: zu was denn? Es wäre ja vom vorhergehenden Abend noch eine Brotrinde übrig geblieben, ob denn die nicht genügend sei? Sie aber war in ihrer zärtlichen Liebe zu dem Meister, der, wie sie wußte, schwer litt, ganz untröstlich über diesen Geiz, der noch schlimmer war als der ihrige, über dieses armselige Bettelmannsleben, dem er sich mit dem ganzen Hause hingab. Man lebte bei den Arbeiterfamilien in der Vorstadt wirklich besser. Einen ganzen Tag lang schien sie die Beute eines entsetzlichen innern Kampfes zu sein. Ihre Liebe, die der Anhänglichkeit eines gelehrigen Hundes glich, stritt mit ihrer Leidenschaft für das Geld, das sie Sou auf Sou gesammelt und irgendwo versteckt hatte, wo es, wie sie zu sagen pflegte, wieder Kinder zeugte. Sie würde lieber ein Stück von ihrem eigenen Fleische hergegeben haben. So lange ihr Herr nicht allein gelitten hatte, war ihr der Gedanke, ihren Schatz anzugreifen, überhaupt gar nicht gekommen. Und es war ein ganz außerordentlicher Heroismus, als sie eines Morgens, zum Aeußersten gebracht, nachdem sie ihre kalte Küche und die leeren Schränke darin gesehen hatte, auf eine Stunde verschwand und dann mit Vorräten und mit einem Hundertfrankenscheine barem Geld wieder heimkehrte. Pascal, der gerade die Treppe herunterkam, war mit Recht verwundert und fragte, woher denn dieses Geld stammte; er war schon ganz außer sich und schon bereit, alles auf die Straße hinauszuwerfen, da er glaubte, sie wäre zu seiner Mutter gegangen. »Aber nein, aber nein, Herr Doktor!« stotterte sie verlegen. »Das ist ja durchaus nicht so ...« Und schließlich brachte sie die Lüge vor, die sie sich ausgedacht hatte. »Denken Sie sich, die Angelegenheiten des Herrn Grandguillot sind geordnet oder man ist wenigstens gerade dabei. Heute morgen kam mir plötzlich der Gedanke, einmal hinzugehen und nachzuschauen, und da hat man mir gesagt, daß Sie ganz bestimmt etwas wiederbekommen würden, und daß ich gleich hundert Franken haben könnte ... Ja, man hat sich sogar mit einer Empfangsbescheinigung von mir zufrieden gegeben. Sie können ja später die Sache in Richtigkeit bringen.« Pascal schien kaum verwundert zu sein. Sie hoffte mit Bestimmtheit, daß er nicht ausgehen würde, um die Sache zu untersuchen. Dann fühlte sie sich sehr erleichtert, als sie sah, mit welcher sorglosen Leichtgläubigkeit er ihre Geschichte aufnahm. »Ah, um so besser!« rief er aus. »Ich habe es ja immer gesagt, man muß niemals verzweifeln. Das wird mir noch die Zeit geben, meine Angelegenheiten zu ordnen.« Seine Angelegenheiten waren der Verkauf der Souleiade, an den er schon hie und da oberflächlich gedacht hatte. Aber welch schrecklichen Schmerz würde es ihm bereiten, dieses Haus zu verlassen, in dem Clotilde groß gezogen worden war, in dem er beinahe achtzehn Jahre mit ihr zusammengelebt hatte! Schon seit zwei bis drei Wochen hatte er sich vorgenommen, ernstlich sich mit der Sache zu beschäftigen. Seitdem er aber Hoffnung hatte, etwas von seinem Gelde wieder zurückzubekommen, dachte er überhaupt nicht mehr daran. Von neuem ließ er alles seinen Gang gehen und bemerkte selbst nichts von der peinlichen Ordnung, mit der Martine ihn umgab. Wie früher lag sie wieder in Anbetung vor ihm auf den Knieen und obgleich es ihr Schmerz verursachte, daß sie ihren kleinen Schatz hatte angreifen müssen, war sie doch so glücklich darüber, daß sie ihn jetzt ernährte, ohne daß er die geringste Ahnung davon hatte, woher das Geld für seinen Lebensunterhalt stammte. Uebrigens belohnte er sie für ihre Aufopferung nur wenig. Er wurde zwar in der Folge etwas sanfter und bedauerte seine Heftigkeit. Aber in dem Zustande fieberhafter Verzweiflung, in dem er sich jetzt befand, hinderte ihn dies nicht, immer wieder von neuem anzufangen und bei der geringsten Veranlassung zur Unzufriedenheit böse zu werden. Eines Abends, als er seine Mutter noch endlos lange in der Küche mit der alten Haushälterin hatte schwatzen hören, geriet er in einen fürchterlichen Zorn. »Hörst Du, Martine, ich will es nicht, daß sie die Souleiade wieder betritt ... Wenn Du sie noch ein einzigesmal unten empfängst, jage ich Dich fort.« Erschrocken horte sie ihn an. Seit den zweiunddreißig Jahren, die sie bei ihm im Dienste stand, hatte er ihr niemals so mit dem Fortschicken gedroht. Dicke Thränen traten ihr in die Augen. »O, Herr Doktor, Sie würden wohl den Mut dazu haben, aber ich würde dennoch nicht fortgehen, ich würde ruhig da bleiben.« Er schämte sich aber schon seiner zornigen Aufwallung und wurde viel freundlicher gegen sie als vorher. »Das kommt nur daher, weil ich ganz genau weiß, was vorgeht. Sie will Dich einfach instruiren, wie Du Dich verhalten sollst, sie will Dich nur gegen mich aufhetzen, nicht wahr? Ja, sie hat es auf meine Papiere abgesehen, sie will alles rauben, alles zerstören, was oben in meinem Schranke ist. Ich kenne sie, wenn sie etwas will, so läßt sie nicht eher davon ab, als bis sie es erreicht hat ... Du kannst ihr also sagen, daß ich immer auf meiner Hut bin, daß ich sie gar nicht an den Schrank herankommen lassen werde, so lange ich am Leben bleibe. Hier in meiner Tasche befindet sich stets der Schlüssel dazu.« In der That hatte sich die Angst des verfolgten und bedrohten Gelehrten von neuem bei ihm vollständig eingestellt. Seitdem er wieder allein war, hatte er das Gefühl, daß eine Gefahr im Anzuge sei, daß ihn fortwährend jemand im geheimen beobachte und belaure. Der Kreis verengerte sich immer mehr, und wenn er sich gegen die versuchten Eingriffe so heftig zeigte, wenn er die Anerbietungen seiner Mutter zurückwies, so geschah es, weil er sich nicht im mindesten über deren wirkliche Absichten täuschte, und weil er fürchtete, schwach zu werden. Wenn sie da wäre, dann würde sie ihn nach und nach vollständig in Besitz nehmen und ihn ihrem Willen unterwerfen. Auch seine Beängstigungen begannen wieder von neuem. Tagelang brachte er jetzt auf der Lauer zu, am Abend verschloß er selbst die Thüren, und des Nachts stand er oft aus dem Bette auf, um sich zu versichern, daß man die Schlösser nicht aufbräche. Seine beständige Furcht war, die alte Martine möchte, verführt durch den Glauben, ihm dadurch das ewige Heil zu erwerben, seiner Mutter die Thüre öffnen. Er sah die Aktenstücke schon im Kamin brennen; er stellte sich in ihrer Nähe auf Wache, von neuem von einer krankhaften Leidenschaft ergriffen, von einer ihn selbst peinigenden Liebe für diesen leblosen Stoß von Papieren, für diese kalten Manuskriptseiten, denen er schon die geliebte Frau geopfert hatte und die er sich bemühte so zu lieben, daß er über ihnen alles andere vergaß. Seitdem Clotilde nicht mehr bei ihm war, stürzte sich Pascal ganz in die Arbeit; er versuchte es, sich dadurch zu betäuben, sich darin zu verlieren. Wenn er sich einschloß, wenn er die Füße nicht mehr in den Garten setzte, wenn er eines Tages, als die alte Martine hinaufgestiegen war, um ihm den Doktor Ramond zu melden, die Kraft gehabt hatte, ihm sagen zu lassen, daß er ihn nicht empfangen könnte, so hatte dieses unfreundliche Verlangen nach Einsamkeit keinen andern Zweck, als sich in unablässiger, mühevoller Arbeit zu Grunde zu richten. Der arme Ramond! Wie gern hätte er ihn umarmt! Denn er ahnte, welch edles Gefühl den jungen Mann veranlaßt hatte herbeizueilen, um seinen alten Lehrer zu trösten. Aber warum sollte er eine Stunde verlieren? Warum sollte er sich der Gefahr einer neuen thränenreichen Aufregung aussetzen, aus der er matt und angegriffen hervorgehen würde? Von Tagesanbruch an saß er an seinem Schreibtische und verbrachte dort seine Vormittage und seine Nachmittage; zuweilen setzte er seine Arbeit auch bei der Lampe bis sehr spät in die Nacht hinein fort. Es war ein altes Projekt, das er da zur Ausführung zu bringen beabsichtigte: er wollte seine Theorie von der Vererbung noch einmal vornehmen und nach einem neuen Plane umarbeiten; er wollte sich dazu der Aktenstücke bedienen, der Dokumente, die ihm durch seine Familie geliefert worden waren, um festzustellen, daß sich in einer Anzahl von Wesen das Leben nach bestimmten Gesetzen verteilt und mathematisch genau von einem Menschen zu einem andern fortsetzt, indem es dabei den Verhältnissen Rechnung trägt: eine weit ausgedehnte heilige Schrift, die Genesis der Familien, der Gesellschaften, der ganzen Menschheit überhaupt. Er hoffte, daß der gewaltige Umfang eines solchen Planes, daß die zur Verwirklichung eines solchen kolossalen Gedankens notwendige Anstrengung ihn vollständig in Anspruch nehmen und ihm seine Gesundheit, seinen Glauben, seinen Stolz in dem erhabenen Genusse des vollendeten Werkes wiedergeben würde. Aber wenn er sich auch begeistern, wenn er sich auch mit einer wahren Wut der Arbeit widmen wollte, so brachte er es doch nur so weit, daß er seinen Körper und seinen schon an und für sich zerstreuten Geist überanstrengte, und daß er mit seinem von der Arbeit weit entfernten Herzen immer kränker und verzweifelter wurde. War es denn wirklich ein vollständiges Aufhören seiner Arbeitskraft? Er, dem die Arbeit das ganze Leben ausgefüllt und in Anspruch genommen hatte, der sich als die einzige bewegende Kraft, als der Wohlthäter, als der Tröster angesehen hatte, sollte denn nun gerade er gezwungen sein, zu dem Schlusse zu kommen, daß Lieben und Geliebtwerden in der Welt über alles geht? Er verfiel für Augenblicke in tiefes Nachdenken, er fuhr fort, sich in seine neue Theorie von dem Gleichgewicht der Kräfte zu verbohren, die darin bestand, festzustellen, daß der Mensch alles, was er durch sinnliche Wahrnehmungen empfängt, in Bewegungen wieder hergeben muß. Welch normales, volles und glückliches Leben wäre es, wenn man es hätte ganz leben können in der Thätigkeit einer gut geregelten Maschine, die das, was sie an Brennmaterial empfängt, als Kraft wiedergibt, die sich selbst in Kraft und Schönheit durch das logische und gleichzeitige Wirken ihrer Teile erhält! Er sah darin ebenso sehr körperliche wie geistige Arbeit, ebenso sehr Gefühl wie Raisonnement, die Teilnahme an der erzeugenden Funktion wie an der Gehirnthätigkeit, ohne jegliche Ueberanstrengung weder von der einen noch von der andern Seite, denn die Ueberanstrengung ist nichts anderes als die Störung des Gleichgewichtes und die Krankheit. Ja, ja! Das Leben wieder von neuem anzufangen, zu verstehen, es richtig zu leben, die Erde umzugraben, die Welt zu studiren, das Weib zu lieben, zu der menschlichen Vollkommenheit zu gelangen, zu dem Zukunftsstaat des allgemeinen Glückes, durch die rechte und richtige Verwendung des ganzen Seins, welches schöne Testament würde da ein philosophischer Arzt hinterlassen! Und dieser weit entlegene Traum, diese dazwischen geschneite Theorie erfüllte ihn nun vollends noch mit Kummer und Bitterkeit bei dem Gedanken, daß er von nun an nichts anderes wäre als eine verdorbene und verlorene Kraft. Sogar in seinem Kummer beherrschte Pascal das alles andere in den Hintergrund drängende Gefühl, daß es mit ihm zu Ende ginge. Der Schmerz um Clotilde, die Qual, sie nicht mehr bei sich zu haben, die Gewißheit, daß er sie niemals wieder besitzen würde, das alles überflutete ihn in einem gewaltigen Schmerze, der alles mit sich fortriß, zu jeder Stunde immer mehr und mehr. Die Arbeit war besiegt, er ließ zuweilen seinen Kopf auf die Seite, an der er gerade arbeitete, niedersinken und weinte stundenlang, ohne den Mut zu finden, die Feder wieder in die Hand zu nehmen. Ein übertriebener Arbeitseifer, seine tagelange freiwillige Selbstvernichtung brachten ihm schreckliche Nächte, Nächte fieberhafter Schlaflosigkeit, in deren Verlaufe er in seine Betttücher und Kissen biß, um nicht laut den Namen Clotildens zu rufen. Sie war überall in diesem traurigen, wie ausgestorbenen Hause, in dem er sich einschloß. Er fand sie in jedem Zimmer, durch das er hindurchging, wieder, sie saß auf jedem Sitze und stand hinter allen Thüren. Unten in dem Eßzimmer konnte er sich nicht mehr an den Tisch setzen, ohne daß er sie nicht sich gegenüber sah. Oben in dem Arbeitssaal fuhr sie fort, zu jeder Sekunde seine Gefährtin zu sein; sie hatte so lange dort eingeschlossen gelebt, daß von allen darin befindlichen Gegenständen ihr Bild auszugehen schien. Ohne Aufhören fühlte er sie in seiner Nähe, er ahnte sie, wie sie in ihrer geraden und zarten Gestalt hinter ihrem Pulte stand, wie sie sich mit ihrem feinen Profil auf ein Pastellgemälde niederbeugte. Und wenn er nicht aus dem Hause ging, um dieser Heimsuchung durch die teure und quälende Erinnerung zu entfliehen, geschah es nur deswegen, weil er die Gewißheit hatte, daß er sie auch in dem Garten überall wiederfinden würde, wie sie am Rande der Terrasse träumte, wie sie mit langsamen Schritten auf den Wegen des Fichtenwaldes dahinwandelte, wie sie in der frischen Kühle unter den Platanen bei dem ewigen Gesänge der Quelle saß oder wie sie beim Niedersinken der Dämmerung auf dem großen freien Platze im Grase lag und, die Augen in die unergründliche Ferne verloren, die Sterne erwartete. Es gab für ihn aber vor allem einen Ort der Sehnsucht und des Schreckens, ein geweihtes Heiligtum, das er nur zitternd betrat: das Zimmer, in dem sie sich ihm geschenkt hatte, in dem sie zusammen geschlafen hatten. Er bewahrte den Schlüssel dazu, er hatte darin keinen Gegenstand von seinem Platze entfernt seit dem traurigen Morgen ihrer Abreise, und ein vergessener Rock lag noch auf einem Stuhle. Dort atmete er noch ihren frischen Jugendduft, der in der Luft zurückgeblieben war wie ein Wohlgeruch. Entzückt und verliebt öffnete er die Arme und schloß sie um ein Phantom, das in dem fahlen Zwielicht der geschlossenen Läden, in dem verblaßten orangefarbenen Rosa der alten Kattuntapete der Wände umherflatterte. Er weinte vor den Möbeln, er küßte das Bett, die Stelle, wo die schlanke Form ihres göttlichen Körpers sich abgedrückt hatte. Und die Freude da zu sein, das Bedauern, Clotilde nicht zu sehen, überhaupt die ganze Aufregung erschöpfte ihn in dem Maße, daß er es nicht wagte, diesen gefürchteten Ort jeden Tag zu betreten; er legte sich lieber in seinem kalten Zimmer nachts zur Ruhe nieder, wo ihm seine Schlaflosigkeit sie nicht so nahe und so lebhaft zeigte. Mitten in seiner angestrengten Arbeit hatte Pascal noch eine andere große, schmerzliche Freude, die Briefe Clotildens. Sie schrieb ihm regelmäßig zweimal in der Woche, lange Briefe von acht bis zehn Seiten, in denen sie ihm ihr tägliches Leben ausführlich erzählte. Es hatte nicht den Anschein, als ob sie in Paris sehr glücklich wäre. Maxime, der seinen Krankenstuhl nicht mehr verließ, mußte sie mit Forderungen und Wünschen wie ein verwöhntes und krankes Kind quälen, denn sie schrieb, daß sie eine wirkliche Einsiedlerin sei, die immer in seiner Nähe weilen müßte und nicht einmal an das Fenster treten dürfe, um einen Blick hinunter auf die Straße zu werfen, wo ein wahrer Strom von Spaziergängern auf und ab wogte, und aus gewissen Redewendungen fühlte man deutlich heraus, daß ihr Bruder, nachdem er sie so ungeduldig herbeigewünscht hatte, sie schon beargwöhnte und anfing, sie mit seinem Mißtrauen und seinem Hasse zu verfolgen, wie er es bei allen Personen machte, die ihn bedienten, in der fortwährend ihn beunruhigenden Angst, ausspionirt und beraubt zu werden. Zweimal hatte sie ihren Vater gesehen, der immer heiter war und überbürdet von Geschäften; in der politischen und finanziellen Welt wieder oben auf, hatte er sich zur Republik bekehrt. Saccard hatte sie beiseite genommen, um ihr auseinanderzusetzen, daß der arme Maxime wirklich unerträglich wäre und daß sie großen Mut haben müßte, wenn sie einwilligte, sein Opfer zu sein. Da sie nicht alles thun konnte, hatte er die Liebenswürdigkeit gehabt, ihr am folgenden Tage die Nichte seines Friseurs zu schicken, ein kleines junges Mädchen von achtzehn Jahren, sehr blond und von unschuldigem Aussehen, das ihr gegenwärtig bei der Pflege des Kranken half. Uebrigens beklagte sich Clotilde nicht; sie gab sich sogar Mühe, Gleichmut und Zufriedenheit zu zeigen, nachdem sie auf das Leben Verzicht geleistet hatte. Ihre Briefe waren voll von Mut, ohne jeden Groll gegen die grausame Trennung, ohne verzweifelten Anruf der Liebe Pascals, daß er sie zurückholen sollte. Aber zwischen den Zeilen las er es, fühlte er es heraus, wie sie vor innerer Erregung und Empörung zitterte, wie sie sich mit ganzer Seele nach ihm sehnte und jederzeit zu der Thorheit bereit war, bei dem geringsten ermutigenden Worte sofort zu ihm zurückzukehren! Und gerade dieses Wort wollte Pascal nicht schreiben. Die Sachen würden sich schon auf das beste ordnen, Maxime würde sich schon mit der Zeit an seine Schwester gewöhnen; das Opfer müßte bis zum Schlusse gebracht werden, jetzt, wo es nun doch einmal zur Thatsache geworden wäre. Eine einzige Zeile, in einer schwachen Minute von ihm geschrieben, und der Erfolg der Anstrengung war dahin, und das Elend begann von neuem. Niemals hatte Pascal größeren Mut nötig gehabt, als wenn er Clotilden antwortete. Während der heißen Nächte kämpfte er heftig mit sich, wütend rief er ihren Namen, er stand auf, um an sie zu schreiben, um sie sofort durch eine Depesche zurückzurufen. Am Tage dann, wenn er viel geweint hatte, ließ sein Fieber nach; und seine Antwort war immer sehr kurz, fast kalt. Er prüfte sorgfältig jeden seiner Sätze, er fing noch einmal von neuem an, wenn er sich vergessen zu haben glaubte. Aber welche Qual waren für ihn diese entsetzlichen, so kurzen und so kühlen Briefe, bei denen er ganz gegen sein Herz handelte, einzig, um sie fernzuhalten, um alles Unrecht auf sich zu nehmen und um sie glauben zu machen, sie dürfte ihn vergessen, da er sie vergaß! In Schweiß gebadet und zum Tode erschöpft war er jedesmal darnach wie nach einer schwierigen, anstrengenden Heldenthat. Man befand sich in den letzten Tagen des Oktober, einem Monat, seitdem Clotilde weggegangen war, als Pascal eines Morgens einen heftigen Erstickungsanfall bekam. Schon zu wiederholtenmalen hatte er derartige leichte Beklemmungen gehabt, die er auf Rechnung der Arbeit setzte. Aber diesmal zeigten sich die Symptome so klar und deutlich, daß er sich nicht täuschen konnte: ein stechender Schmerz, der die ganze Brust einnahm und die ganze Länge des linken Armes hinunterging, ein schreckliches, erdrückendes und beängstigendes Gefühl, während kalter Schweiß an seinem Körper herabrann. Es war ein Anfall von Herzbeklemmung, Er dauerte nicht länger als eine Minute, und Pascal war zunächst mehr verwundert als erschreckt darüber. In der Verblendung, in der die Aerzte zuweilen in Betreff des Zustandes ihrer eigenen Gesundheit befangen sind, hatte er niemals eine Ahnung davon gehabt, daß sein Herz krank sein könnte. Als er wieder Atem holen konnte, kam Martine gerade die Treppe heraufgestiegen, um zu melden, daß Doktor Ramond wieder unten wäre und dringend darum bäte, empfangen zu werden. Und Pascal, der vielleicht in diesem Augenblicke einem unbewußten Verlangen nach Klarheit nachgab, rief: »Nun gut! So soll er denn heraufkommen, da er so hartnäckig darauf besteht! Das wird mir Vergnügen machen!« Die beiden Männer umarmten sich; mit keinem Worte wurde auf die Abwesende angespielt, auf die, deren Weggang das Haus öde gemacht hatte. »Sie wissen nicht, warum ich komme?« rief Ramond sofort. »Es handelt sich um eine Geldangelegenheit ... Mein Schwiegervater, Herr Lévêque, der Notar, den Sie ja kennen, hat gestern wieder mit mir von dem Gelde gesprochen, das Sie bei dem Notar Grandguillot deponirt hatten. Und er gibt Ihnen den Rat, die Sache nicht ruhen zu lassen, denn es ist einigen geglückt, wie man sagt, wenigstens etwas wieder zu erhalten.« »Aber das weiß ich ja schon,« sagte Pascal, »daß die Sache geordnet wird. Ich glaube, meine alte Martine hat schon zweihundert Franken geholt.« Ramond schien sehr erstaunt zu sein. »Wie, Martine? Ohne daß Sie vermittelnd dazwischen getreten sind? Wollen Sie vielleicht meinen Schwiegervater bevollmächtigen, Ihre Sache in die Hand zu nehmen? Er wird die Angelegenheit bald ins klare bringen, da Sie ja weder die Zeit dazu haben, noch Vergnügen an einer derartigen Beschäftigung finden.« »Gewiß, ich bevollmächtige Herrn Lévêque, und sagen Sie ihm, daß ich ihm tausendmal danke.« Nachdem diese Angelegenheit so erledigt war, fragte der junge Mann, der das bleiche Aussehen des Doktors sofort bemerkt hatte, nach der Ursache. Pascal antwortete lächelnd: »Denken Sie sich nur, mein junger Freund, ich habe gerade vorhin, bevor Sie kamen, einen Anfall von Herzbeklemmung gehabt! O nein, nein, es ist keine Einbildung, ältere Symptome waren vorhanden! Und da Sie nun einmal da sind, mein lieber Ramond, so sollen Sie mich gleich einmal ordentlich untersuchen.« Zuerst weigerte sich Ramond und stellte sich, als wolle er die Untersuchung aus Scherz vornehmen. Würde es denn jemals ein Rekrut wie er wagen, sich über seinen General auszusprechen? Aber er fragte ihn dennoch aus, da er sein Gesicht entstellt und verstört fand und aus seinen Augen eine besondere Angst sprach. Schließlich untersuchte er ihn auch noch mit großer Aufmerksamkeit, indem er das Ohr lange an seine Brust legte. Mehrere Minuten vergingen in tiefem Stillschweigen. »Nun?« fragte Pascal, nachdem sich der junge Arzt wieder emporgerichtet hatte. Ramond sprach nicht sofort Er fühlte die Augen des Meisters fest auf die seinen gerichtet. Auch er wendete seine Blicke nicht ab und antwortete auf die so gefaßt und ruhigen Mutes gestellte Frage einfach: »Ja, es ist wahr! Ich glaube, es ist Sklerose vorhanden.« »Ah, das ist edel von Ihnen, daß Sie nicht lügen!« entgegnete der Doktor. »Ich habe einen Augenblick gefürchtet, Sie würden mir nicht die Wahrheit sagen, und das würde mir Schmerz bereitet haben!« Ramond hatte sich von neuem niedergebeugt, um noch einmal an Pascals Brust zu horchen, und sagte mit leiser Stimme: »Ja, der Schlag ist kräftig; das erste Geräusch klingt dumpf, während das zweite im Gegenteil sehr laut ist ... Man fühlt, daß die Spitze sich senkt und gegen die Achselhöhle gedrückt ist ... Ja, es ist Sklerose vorhanden, oder vielmehr, es ist zum mindesten sehr wahrscheinlich.« Dann stand er auf und fügte hinzu: »Man kann zwanzig Jahre damit leben.« »Ohne Zweifel, zuweilen,« antwortete Pascal, »wofern man nicht, vom Schlage getroffen, sofort stirbt.« Sie plauderten noch eine Zeit lang zusammen und wunderten sich über einen ganz eigentümlichen Fall von Sklerose des Herzens, der im Hospital von Plassans beobachtet worden war. Und als der junge Arzt fortging, kündigte er an, daß er wiederkommen würde, sobald er etwas Neues in der Sache Grandguillot erfahren hatte. Als Pascal allein war, fühlte er, daß er verloren war. Jetzt erklärte er sich auch alles, sein Herzklopfen seit einigen Wochen, seine Schwindelanfälle, seine Beklemmungen, und vor allem war es die Schwäche seines armen, von Leidenschaft und Arbeit überanstrengten Herzens, das Gefühl unendlicher Mattigkeit und des nahen Endes, über das er sich zu dieser Stunde nicht mehr täuschte. Und dennoch war es zunächst nicht Furcht, was er empfand. Sein erster Gedanke war vielmehr, daß auch er für seine Person der Vererbung Tribut zahlen müsse, daß die Sklerose eine Form der Entartung, sein Anteil des physiologischen Uebels sei, das unvermeidliche Vermächtnis seiner schrecklichen Vorfahren. Bei einigen hatte sich das Nervenleiden, die ursprüngliche Krankheit, in Tugenden oder in Laster umgewandelt: in Genie, in Verbrechen, in Trunksucht, in Heiligkeit; andere waren an der Lungenschwindsucht, an der Epilepsie, an der Ataxie zu Grunde gegangen; er hatte von der Leidenschaft gelebt und sollte durch das Herz sterben. Und er zitterte nicht mehr davor, er erzürnte sich nicht über diese offenbare, verhängnisvolle und ohne Zweifel notwendige Erbschaft. Ihn ergriff im Gegenteil eine wahre Demut, die Gewißheit, daß jedes Auflehnen gegen die Naturgesetze schlecht ist. Warum frohlockte er denn, einstmals, von Freude erfüllt bei dem Gedanken, daß er nicht zu seiner Familie gehörte, daß er sich verschieden von ihr, daß er sich außer jeder Gemeinschaft mit ihr fühlte? Nichts war weniger philosophisch. Nur Monstra weichen von dem richtigen Wege ab. Und jetzt, mein Gott! Schien ihm denn jetzt die Zugehörigkeit zu seiner Familie nicht ebenso gut und schön, als wenn er zu einer andern gehörte? Glichen sie sich denn nicht alle, war denn die Menschheit nicht überall dieselbe mit der nämlichen Summe von Gutem und Bösem? Er kam jetzt, sehr bescheiden und sehr sanft, dahin, daß er bei der drohenden Nähe des Leidens und des Todes alles vom Leben annahm. Seitdem lebte Pascal in dem Gedanken, daß er von einer Stunde zur andern sterben konnte. Und dieser Gedanke machte ihn schließlich größer und hob ihn empor zum vollständigen Vergessen seiner selbst. Er hörte zwar nicht zu arbeiten auf, aber er hatte niemals besser begriffen, wie viel Anstrengung in sich selbst seine Belohnung findet, da das Werk immer vergänglich war und trotz allem unvollendet blieb. Eines Abends beim Essen erzählte ihm die alte Martine, daß der Hutmacher Sarteur, der alte Insasse des Asyles von Les Tulettes, sich vor kurzem erhängt hätte. Den ganzen Abend dachte er an diesen eigentümlichen Fall, an diesen Mann, den er von seiner Mordsucht geheilt zu haben glaubte durch sein Heilmittel, durch die Einspritzungen unter die Haut, und der, augenscheinlich von einem Rückfall ergriffen, noch so viel klaren Verstand besessen hatte, sich selbst zu erdrosseln, anstatt dem ersten besten Vorübergehenden an die Kehle zu springen. Er sah ihn wieder vor sich, so vollständig vernünftig wie damals, als er ihm den Rat gegeben hatte, seine frühere Thätigkeit als guter und fleißiger Arbeiter wieder aufzunehmen. Welches war denn diese zerstörende Kraft, dieses Verlangen nach Mord, das sich in Selbstmord umwandelte, da der Tod doch trotz allem seine Arbeit noch that? Mit diesem Manne verschwand sein letzter Stolz als Arzt, das letzte bißchen Glauben an die Heilkraft des Arztes; und jeden Morgen, wenn er sich wieder an die Arbeit machte, hielt er sich für nichts mehr als für einen Schüler, der buchstabirt und immer die Wahrheit sucht in gleichem Maße, wie diese sich immer weiter entfernt und sich immer mehr vergrößert und erweitert. Aber in dieser heiteren Ruhe blieb ihm doch eine Sorge, die Angst, zu wissen, was aus Bonhomme, dem alten treuen Rosse, werden würde, wenn er vor ihm sterben sollte. Jetzt war das arme Tier vollständig blind und seine Beine ganz gelähmt, so daß es gar nicht mehr seine Streu verlassen konnte. Als sein Herr es besuchte, so hörte es ihn doch noch kommen, wendete langsam den Kopf nach ihm um und fühlte deutlich die beiden derben Küsse, die er ihm auf die Nase gab. Die ganze Nachbarschaft zuckte die Achseln und machte ihre Witze über den alten Verwandten, den der Doktor nicht totschlagen lassen wollte. Sollte er denn zuerst von hinnen scheiden mit dem Gedanken, daß man gleich am nächsten Tage den Schinder herbeiholen würde? Und eines Morgens, als er wieder in den Stall kam, da hörte ihn Bonhomme nicht mehr, da hob er seinen Kopf nicht mehr empor. Er lag da, mit einem friedlichen Ausdruck, als fühle er sich erleichtert, so sanft an dieser Stelle gestorben zu sein. Sein Herr war neben ihm auf die Kniee gesunken und küßte ihn noch einmal; er sagte ihm Lebewohl, während zwei dicke Thränen über seine Wangen herabrannen. An diesem Tage war es auch, wo Pascal zum letztenmal seinen Nachbar, den Herrn Bellombre, sah. Er war an ein Fenster getreten und sah ihn über die Mauer des Gartens hinweg, wie er im matten Sonnenschein der ersten Novembertage seinen gewohnten Spaziergang machte; und der Anblick des alten Professors, der so vollkommen glücklich lebte, versetzte ihn zunächst in Erstaunen. Es kam ihm vor, als ob er noch niemals daran gedacht hätte, daß ein Mann von siebenzig Jahren existirte, ohne eine Frau, ohne ein Kind, ohne einen Hund, und daß dieser Mann sein ganzes egoistisches Glück aus der Freude schöpfte, ganz entfernt von dem Leben zu leben. Dann aber erwachte sein Zorn gegen diesen Mann wieder, sein Spott über dessen Furcht vor dem Leben; er dachte an all das Unglück, das er ihm schon gewünscht hatte; er dachte daran, daß er immer gehofft hatte, daß einmal die Strafe kommen würde in der Gestalt einer Dienerin und Geliebten oder einer unerwarteten Verwandten, die dann die Rache sein würde. Aber nein! Er fand ihn immer so rüstig und fühlte deutlich, daß jener noch lange sein Greisenalter so fortsetzen würde, hart, geizig, überflüssig, aber glücklich. Indessen verabscheute er ihn nicht mehr, ja, er würde ihn sogar beklagt haben; für so lächerlich hielt er ihn, weil er nicht geliebt wurde. Er, er ging zu Grunde, weil er allein war! Sein herz wollte brechen, weil es zu erfüllt von liebevoller Sorge für die anderen war! Das Leiden, das Leiden allein war ihm lieber als jener Egoismus, jenes Absterben von allem, was man Lebendes und Menschliches in sich hat! In der darauffolgenden Nacht hatte Pascal einen neuen Anfall von Herzbeklemmungen. Er dauerte beinahe fünf Minuten lang, und Pascal glaubte schon, ersticken zu müssen, ohne daß er die Kraft gehabt hätte, die alte Martine herbeizurufen. Als er dann später wieder Luft bekam, wollte er sie nicht mehr stören; er zog es vor, niemand etwas von dieser Verschlimmerung seines Uebels zu sagen; aber er war jetzt fest überzeugt, daß es mit ihm zu Ende ging, daß er vielleicht nicht einmal mehr einen ganzen Monat zu leben hatte. Sein erster Gedanke eilte zu Clotilden. Warum schrieb er ihr nicht, daß sie schnell herbeikommen sollte? Er hatte gerade am vorhergehenden Abend einen Brief von ihr erhalten und wollte ihr noch an diesem Morgen antworten. Dann stieg bei ihm plötzlich der Gedanke an seine Akten auf. Wenn er nun plötzlich sterben würde, dann würde seine Mutter hier die Herrin sein und würde sie vernichten; und es waren nicht allein die Alten, es waren auch seine sonstigen Papiere, seine Manuskripte, dreißig Jahre seiner geistigen Arbeit. So würde das Verbrechen begangen werden, das er so sehr gefürchtet hatte; während so vieler fieberheißen Nächte hatte die fortwährende Angst davor ihn zitternd aus dem Bette getrieben, und er hatte sich auf die Lauer gelegt und gehorcht, ob man nicht den Wandschrank aufbräche. Kalter Schweiß perlte ihm von der Stirne, er sah sich beraubt, beschimpft, er sah die Asche seiner Werke in alle vier Winde zerstreut. Und er dachte sofort wieder an Clotilde, er sagte sich, daß es genügen würde, sie einfach zurückzurufen; sie würde dann da sein, sie würde ihm die Augen schließen, sie würde sein Andenken verteidigen. Schon hatte er sich hingesetzt, schon wollte er sich eilig daran machen, an sie zu schreiben, damit der Brief noch mit dem Morgenschnellzuge fortkäme. Als Pascal aber vor dem weißen Blatte saß mit der Feder in der Hand, da überkamen ihn immer großer werdende Bedenken, eine Unzufriedenheit mit sich selbst. War denn die Sorge um die Akten, der schöne Plan, ihnen eine Wächterin zu geben und sie so zu retten, nicht nur eine Eingebung seiner Schwäche, ein Vorwand, den er gegen sich gebrauchte, nur um Clotilde wieder bei sich zu haben? Der Egoismus war doch die letzte Ursache davon. Er dachte an sich und nicht an sie. Er sah sie wieder in dieses arme Haus eintreten, dazu verdammt, einen gebrechlichen, kranken Greis zu pflegen; vor allem aber sah er sie in ihrem Schmerze, in ihrer Verzweiflung über seinen Todeskampf, wenn er eines Tages sie dadurch erschrecken würde, daß er, wie vom Blitze getroffen, plötzlich neben ihr niederstürzen würde. Nein, nein! Das war ja gerade der schreckliche Augenblick, den er ihr ersparen wollte, es warm die paar schrecklichen Abschiedstage und dann das Elend, das traurige Geschenk, das er ihr machen konnte, ohne sich für einen Verbrecher zu halten. Nur allein um ihre Ruhe, um ihr Glück handelte es sich; was kam es auf das Uebrige an? Er würde in seinem Winkel sterben, glücklich indem Glauben, daß sie glücklich sei. Was die Rettung der Manuskripte anbetraf, so würde er sehen, ob er die Kraft haben würde, sich von ihnen zu trennen, indem er sie Ramond übergab. Und selbst wenn alle diese Papiere untergehen sollten, so gab er sich damit zufrieden; er wollte, daß nichts mehr von ihm da sein sollte, nicht einmal seine Gedanken, damit fürderhin nichts von ihm mehr das Leben seiner geliebten Clotilde beunruhige und störe. Daher machte sich Pascal jetzt daran, eine seiner gewöhnlichen Antworten zu schreiben, die er zwar mit großer Mühe, aber doch aus eigenem Antrieb so nichtssagend und kalt als möglich abfaßte. Clotilde ließ in ihrem letzten Briefe, ohne sich gerade über Maxime zu beklagen, durchfühlen, daß ihr Bruder gar kein Interesse für sie habe, daß er sich mehr mit Rose abgäbe, der Nichte des Friseurs von Saccard, jenem kleinen, jungen, sehr blonden Mädchen mit dem unschuldigen Aussehen. Und er ahnte irgend ein Manöver des Vaters von Maxime, eine schlaue Intrigue, mit der Saccard den Kranken auf seinem Stuhle umspann, den seine schon so früh zu Tage getretene Lasterhaftigkeit beim Herannahen des Todes wieder ganz in Besitz zu nehmen schien. Aber trotz seiner Unruhe unterließ er es keineswegs, Clotilde in seinem Briefe gute Ratschläge zu erteilen, indem er ihr wiederholte, daß es ihre Pflicht wäre, bis zum Ende auszuharren. Als er seinen Namen unterschrieb, verdunkelten Thränen seinen Blick. Ihm stand der Tod eines alten, einsamen Tieres bevor, der Tod ohne einen Kuß, ohne eine Freundeshand. Dann waren ihm wieder Zweifel gekommen: that er recht daran, wenn er sie dort ließ, mitten in diesem wüsten Treiben, wo, wie er genau wußte, alle Arten von Abscheulichkeiten sie umgaben? Der Briefträger brachte Morgens gegen neun Uhr die Briefe und Zeitungen auf die Souleiade; und Pascal hatte die Gewohnheit angenommen, wenn er einen Brief an Clotilde geschrieben, den Briefträger abzupassen und ihm den Brief persönlich zu übergeben, um ganz sicher zu gehen, daß man seine Korrespondenz nicht unterschlüge. An diesem Morgen nun war er sehr verwundert, als er hinunterkam, um dem Postboten den Brief, den er soeben an Clotilde geschrieben halte, zu übergeben, von diesem ein Schreiben der jungen Frau zu erhalten, da es noch gar nicht der Tag war. Dennoch ließ er den seinigen fortgehen. Dann stieg er wieder hinauf, nahm seinen Platz am Schreibtische wieder ein und zerriß das Couvert. Gleich bei den ersten Zeilen bemächtigte sich Pascals eine heftige Aufregung, eine große Bestürzung. Clotilde schrieb ihm, daß sie schon seit zwei Monaten schwanger sei. Wenn sie so lange gezögert hätte, ihm diese Neuigkeit mitzuteilen, so wäre dies nur deswegen geschehen, weil sie selbst erst die unumstößliche Gewißheit hätte haben wollen. Jetzt könnte sie sich aber nicht mehr täuschen; die Empfängnis hätte sicherlich in den letzten Tagen des Monats August stattgefunden, in jener glücklichen Nacht, in der sie ihm das königliche Geschenk ihrer Jugend gemacht hätte, an dem Abende ihres Bettelganges von Thüre zu Thüre. Hätten sie nicht bei einer ihrer Umarmungen damals das wachsende göttliche und wollüstige Gefühl nach dem Kinde verspürt? Nach dem ersten Monate seit ihrer Ankunft in Paris hätte sie es geahnt und an eine Verzögerung, Indisposition geglaubt, die bei der Unruhe und dem Schmerz ihrer Abreise erklärlich wäre. Da sie aber im zweiten Monat noch nichts gesehen hätte, so hätte sie noch einige Tage gewartet. Heute nun sei sie jedoch fest überzeugt von ihrem schwangeren Zustande, den ihr übrigens alle Symptome bestätigten. Der Brief war kurz, er berichtete nur einfach die Thatsache, aber dennoch war er erfüllt von glühender Freude, von unbegrenzter Liebe und Zärtlichkeit, aus der das sehnsüchtige Verlangen nach sofortiger Heimkehr deutlich sprach. In seiner Bestürzung und in der Angst, sie nicht recht verstanden zu haben, las Pascal den Brief noch einmal durch. Ein Kind! Das Kind, das er, wie er in seinem Mißtrauen gegen sich selbst immer geglaubt hatte, nicht mehr wurde erzeugen können, damals am Tage der Abreise bei dem verheerenden Wüten des Mistrals, und das damals doch schon da war und das sie mit davontrug, als er den Zug von weitem durch das ebene Land dahineilen sah! Ah! Das war das wahre Werk, das einzige Gute, das einzige Lebende, dasjenige, das ihn auf den Gipfel des Glückes und des Stolzes emporhob! Seine Arbeiten, seine Befürchtungen wegen der Vererbung waren geschwunden. Das Kind würde da sein, was kam es darauf an, wie es sein würde, es war eine Fortsetzung, es war ein vererbtes, verlängertes Leben, ein anderes Ich! Er war davon bis in das Innerste seines Heizens ergriffen, ein süßer Schauer durchzitterte seinen ganzen Körper. Er lachte, er sprach laut mit sich selbst und küßte wie wahnsinnig den Brief. Aber da ließ ihn ein Geräusch von Tritten wieder etwas ruhiger werden. Er wendete seinen Kopf um und sah die alte Martine an der Thüre stehen. »Herr Doktor Ramond ist unten!« »Ah! Er soll heraufkommen! Er soll heraufkommen!« Es war noch ein Glück, was da kam. Ramond rief schon an der Thüre mit lauter und freudiger Stimme: »Viktoria, Meister! Ich bringe Ihnen Ihr Geld, zwar nicht alles, aber doch eine hübsche Summe!« Und er erzählte den Sachverhalt: Es war ein unvorhergesehener Glücksfall, den sein Schwiegervater, Herr Lévêque, ans Licht gebracht hatte. Die Empfangsbescheinigungen für die einhundertundzwanzigtausend Franken, die Pascal zu einem persönlichen Gläubiger des Notars Grandguillot machten, nützten gar nichts, da dieser zahlungsunfähig war. Das Heil mußte von der Vollmacht kommen, die der Doktor einst dem Notar ausgestellt hatte auf dessen Ersuchen, des Inhalts, daß er, Grandguillot, Pascals ganzes Geld oder einen Teil davon in Hypotheken anlegen dürfe. Da der Name des Mandatars unausgefüllt geblieben war, so hatte der Notar, wie es zuweilen geschieht, einen seiner Angestellten als Strohmann genommen; und achtzigtausend Franken hatten sich soeben auf diese Weise wiedergefunden, die in guten Hypotheken durch Vermittlung eines braven Mannes ganz außerhalb des Geschäftskreises seines Prinzipals angelegt waren. Wenn sich Pascal um die Sache bekümmert hatte, wenn er zum Staatsanwalt gegangen wäre, so würde die Sache schon seit langer Zeit in Ordnung gewesen sein. So kamen denn endlich doch wenigstens viertausend Franken wieder in seine Taschen zurück. Er hatte die Hände des jungen Mannes ergriffen und drückte sie, während seine Augen noch von Thränen feucht waren. »Ah, mein junger Freund! Wenn Sie wüßten, wie unendlich glücklich ich bin! Dieser Brief hier von Clotilde meldet mir ein großes Glück. Ja, ich wollte sie zu mir zurückrufen; aber der Gedanke an mein Elend, an meine Armut, die Entbehrungen, die ich ihr notgedrungen hatte auferlegen müssen, verdarben mir die Freude über ihre Rückkehr ... Aber da nun das Geld glücklich wiedergekommen ist, so weiß ich doch wenigstens, wie und womit ich meine kleine Welt einrichten und erhalten soll.« In der Überschwenglichkeit seiner Freude hatte er Ramond den Brief hingereicht und zwang ihn ihn zu lesen. Als ihm dann der junge Mann das Schreiben lächelnd und gerührt, ihn so beglückt zu sehen, wieder reichte, da gab er dem überströmenden Verlangen seiner Zärtlichkeit nach und schloß ihn in seine Arme wie einen Kameraden, wie einen Bruder. Die beiden Männer küßten sich kräftig auf die Wangen. »Da das Glück Sie schickt, so werde ich Sie noch um eine Gefälligkeit bitten. Sie wissen, daß ich hier gegen alle Welt Mißtrauen hege, selbst gegen meine alte Haushälterin. Deshalb sollen Sie mir diese Depesche hier auf das Telegraphenbureau tragen.« Er hatte sich wieder an seinen Schreibtisch gesetzt und schrieb einfach: »Ich erwarte Dich. Reise heute abend.« »Nicht wahr,« begann er dann von neuem, »wir schreiben heute den sechsten November? Es ist beinahe zehn Uhr; sie wird die Depesche gegen zwölf Uhr erhalten. Das gibt ihr hinreichend Zeit, ihre Koffer zu packen und heute abend um acht Uhr den Schnellzug zu benutzen, der morgen früh zum Frühstück in Marseille sein wird. Da es aber keinen Zug gibt, der gleich Anschluß hat, so wird sie morgen am siebenten November nicht früher hier sein können als um fünf Uhr.« Nachdem er die Depesche zusammengefaltet hatte, erhob er sich. »Mein Gott! Morgen um fünf Uhr! Wie ist das doch noch so lange hin! Was soll ich denn bis dahin machen?« Dann wurde er ernst, wie von einer plötzlichen Ahnung ergriffen, und fragte: »Ramond, mein lieber Freund und Kamerad! Wollen Sie mir den großen Freundschaftsdienst erweisen und ganz offen zu mir sein?« »Was soll das heißen, Meister?« »Ja, Sie werden mich schon verstehen ... Gestern haben Sie mich untersucht. Glauben Sie, daß ich noch ein Jahr werde leben können?« Und er hielt den jungen Mann mit seinem streng auf ihn gerichteten Blicke fest und verhinderte ihn so, die Augen abzuwenden. Dennoch versuchte jener, sich ihm zu entziehen, indem er scherzend fragte, ob es denn wirklich ein Arzt wäre, der eine solche Frage an ihn stellte? »Ich bitte Sie dringend, Ramond, seien Sie ernst!« Darauf antwortete Ramond mit voller Aufrichtigkeit, daß er nach seiner Ansicht sich sehr wohl der Hoffnung hingeben könnte, noch ein Jahr zu leben. Er gab seine Gründe an, der verhältnismäßig sehr wenig vorgeschrittene Zustand der Sklerose und die vollkommene Gesundheit der anderen Organe. Ohne Zweifel müßte man jedoch auch dem Unbekannten Rechnung tragen, dein, was man nicht wissen könnte, denn ein plötzlicher Vorfall, der schädlich sein könnte, wäre immer möglich. Und so kamen die beiden dazu, den Fall eingehender zu besprechen mit der gleichen Ruhe, als wenn sie sich an dem Lager eines Kranken in Beratung befänden, das Für und Wider abwägend, indem jeder seine Beweise anführte, und indem sie nach den mit der schärfsten Genauigkeit und der größten Klugheit festgestellten Anzeichen den tödlichen Ausgang im voraus bestimmten. Pascal hatte seine Kaltblütigkeit, sein heroisches Selbstvergessen wieder gewonnen, als ob es sich gar nicht um ihn gehandelt hätte. »Ja,« flüsterte er endlich. »Sie haben recht, ein Jahr Leben ist noch möglich ... Ah, sehen Sie, lieber Freund, was ich gern mochte, das wären noch zwei Jahre Leben, ein thörichter Wunsch ohne Zweifel, aber eine Ewigkeit voller Freude ...« Und dann verlor er sich in diesen Zukunftstraum und flüsterte leise weiter: »Das Kind wird gegen Ende Mai geboren werden ... O, es wäre so gut und schön, wenn ich es könnte noch ein wenig heranwachsen sehen bis zu seinem achtzehnten, bis zu seinem zwanzigsten Monat! Halt! Jetzt aber nicht weiter! Nur die Zeit, wo es sich etwas entwickelt, wo es seine ersten Schritte macht ... Ich verlange sonst ja nichts weiter, ich mochte es nur noch laufen sehen, und nachher, mein Gott, nachher ...« Er vollendete seinen Gedanken durch eine Handbewegung. Dann fuhr er fort, wie von seiner Phantasie hingerissen: »Aber zwei Jahre, das ist durchaus nicht vollständig unmöglich ... Ich habe einmal einen sehr merkwürdigen Fall gehabt, einen Stellmacher aus der Vorstadt, der noch vier Jahre lebte und dadurch alle meine Vermutungen zunichte machte ... Zwei Jahre, nur zwei Jahre, ich werde sie leben! Ich muß sie leben!« Ramond hatte den Kopf gesenkt und antwortete nicht mehr. Er geriet in Verlegenheit bei dem Gedanken, daß er sich vielleicht allzu optimistisch gezeigt hatte, und die Freude des Meisters beunruhigte ihn, sie war ihm schmerzlich, gleich als ob diese freudige Aufregung selbst, die seinen früher so starken Geist verwirrte, ihm eine dunkle und drohende Gefahr anzeigte. »Wollen Sie nicht die Depesche da sofort wegschicken?« »Ja, ja, gewiß! Gehen Sie schnell, mein lieber Ramond! Ich erwarte Sie übermorgen wieder. Dann wird sie auch da sein und ich will, daß Sie dann herkommen und sie begrüßen.« Der Tag war lang. Und in der Nacht darauf wurde Pascal gegen vier Uhr, gerade als er im Begriffe stand, endlich einzuschlafen nach langen, schlaflosen, aber glücklichen, an hoffnungsvollen Träumen reichen Stunden durch einen schrecklichen Anfall wieder aufgeweckt. Es war ihm, als wenn eine ungeheure Last, das ganze Haus, auf seine Brust zusammengestürzt sei, so daß der platt zusammengedrückte Brustkasten den Rücken berührte; er konnte keinen Atem mehr bekommen, der Schmerz ergriff seine Schultern, den Hals und lähmte seinen linken Arm. Uebrigens war er vollständig bei Bewußtsein; er hatte das Gefühl, als ob sein Herz still stände, als ob das Leben im Begriffe wäre, zu erlöschen unter dieser fürchterlichen, zermalmenden Last, die ihn erstickte. Bevor der Anfall seinen Höhepunkt erreichte, hatte er noch die Kraft, sich zu erheben und mit einem Stocke auf den Fußboden zu klopfen, um die alte Martine heraufzurufen. Dann hatte er sich wieder auf sein Bett geworfen; er konnte sich nicht rühren und konnte nicht sprechen, während er wie gebadet von kaltem Schweiß war. Martine hatte bei der tiefen Stille, die in dem Hause herrschte, glücklicherweise das Klopfen gehört. Sie zog sich schnell an, hüllte sich in ein Tuch und kam dann rasch mit dem Lichte in der Hand heraufgestiegen. Die Nacht war noch fast ganz dunkel, der neue Tag begann eben erst zu erscheinen. Und als sie ihren Herrn bemerkte, von dem die Augen allein noch am Leben zu sein schienen, die sie ansahen, als sie die krampfhaft zusammengepreßten Kinnbacken, die gelähmte Zunge, das von einer entsetzlichen Angst entstellte Gesicht wahrnahm, da erschrak sie fürchterlich und konnte nur noch auf das Bett zustürzen, indem sie rief: »Mein Gott, mein Gott, Herr Doktor! Was haben Sie denn? Antworten Sie mir doch, Herr Doktor, Sie machen mir ja fürchterliche Angst!« Während einer langen bangen Minute wurde Pascal immer schwächer, da es ihm nicht gelang, seinen Atem wieder zu bekommen. Als dann endlich der eiserne Druck auf seiner Brust etwas nachließ, murmelte er ganz leise: »Die fünftausend Franken im Sekretär gehören Clotilde ... Du wirst ihr sagen, daß die Sache mit dem Notar geordnet ist und daß sie dort die Mittel zum Leben finden wird ...« Da geriet Martine, die ihm mit offenem Munde zugehört hatte, in Verzweiflung und gestand ihre Lüge ein, da sie von den guten Nachrichten, die Ramond gebracht hatte, nichts wußte. »Herr Doktor, Sie müssen mir verzeihen, ich habe gelogen; aber es würde schlecht von mir sein, wenn ich noch weiter lügen wollte ... Als ich Sie so einsam und allein sah und so unglücklich, da habe ich von meinem Gelde genommen ...« »Meine arme Alte, das hast Du gethan?!« »O! Ich hatte die leise Hoffnung, daß der Herr Doktor mir das Geld eines Tages wiedergeben würde!« Der Anfall ließ jetzt nach, er konnte den Kopf wieder drehen und sie ansehen. Er war erstaunt und gerührt. Was war denn in dem Herzen dieser alten, geizigen Jungfer vor sich gegangen, die während dreißig Jahren ihren Schatz mühsam angesammelt und niemals auch nur einen einzigen Sou davon weggenommen hatte weder für andere noch für sich selbst? Er verstand sie noch nicht, er wollte sich einfach als dankbar und gut zeigen. »Du bist ein braves Mädchen, Martine! Alles dies wird Dir wieder zurückerstattet werden ... Ich glaube bestimmt, daß ich bald sterben werde ...« »Sterben! Sie, Herr Doktor! Sie wollen vor mir sterben! Ich will es nicht, ich werde alles thun, ich werde es gewiß verhindern!« Und sie hatte sich vor dem Bette auf die Kniee geworfen, sie hatte seine fieberheißen zitternden Hände ergriffen; sie befühlte sie, als wollte sie untersuchen, wo er litt; sie hielt ihn fest, gerade als ob sie gehofft hätte, daß man es dann nicht wagen würde, ihn ihr zu nehmen. »Sie müssen mir sagen, was Sie haben, ich werde Sie pflegen, ich werde Sie erretten! Wenn es nötig ist, daß ich Ihnen etwas von meinem Leben gebe, so werde ich Ihnen etwas davon geben ... Ich kann Ihnen ganz gut meine Tage und meine Nächte opfern. Ich bin noch kräftig und stark, und Sie werden sehen, ich würde stärker sein als Ihr Leiden ... Sterben, sterben! Ach nein! Das ist nicht möglich! Der liebe Gott kann eine solche Ungerechtigkeit nicht wollen! Ich habe ihn so viel und so oft in meinem Leben angefleht, daß er mich auch ein wenig erhören muß, und er wird mich erhören, Herr Doktor, und wird Sie retten!« Pascal sah sie an und hörte ihr zu, und eine plötzliche Klarheit stieg in ihm auf. Ja, sie liebte ihn, dieses bedauerungswürdige alte Mädchen, und hatte ihn immer geliebt! Er rief sich die dreißig Jahre ihrer blinden Ergebenheit wieder ins Gedächtnis zurück, ihre frühere stumme Anbetung, wo sie ihm auf den Knieen gedient hatte, und wo sie noch jung war, und dann später ihre heimliche Eifersucht auf Clotilde, alles, was sie während dieser Zeit unbewußt hatte leiden müssen. Und sie lag noch heute da auf ihren Knieen vor seinem Sterbelager mit ergrauten Haaren, mit ihren aschfarbenen Augen, und ihrem bleichen, durch die Ehelosigkeit stumpf gewordenen Gesichte. Und er fühlte, daß sie noch ganz unklar über ihr eigenes Empfinden war, daß sie noch gar nicht wußte, mit welcher Liebe sie ihn geliebt hatte, da sie ihn nur liebte wegen des Glückes, ihn lieben, bei ihm sein, ihm dienen zu können. Thränen waren in Pascals Augen gestiegen. Sein armes, halbgebrochenes Herz floß über von schmerzlichem Mitleide, von unendlicher menschlicher Zärtlichkeit. »Meine arme Alte, Du bist das beste von allen Mädchen ... Komm, umarme mich, wie Du mich liebst, mit all Deiner Kraft!« Auch sie seufzte und weinte. Sie ließ ihr greises Haupt auf die Brust ihres Herrn niedersinken, ihr durch ihre lange Dienstbarkeit abgenutztes Gesicht. Zärtlich küßte sie ihn und legte ihr ganzes Leben in diesen Kuß hinein. »Nun genug! Machen wir uns jezt nicht weich, weil es jetzt bei uns handeln heißt; denn das wird trotz allem doch das Ende sein! Wenn Du willst, daß ich Dich lieb haben soll, so mußt Du mir gehorchen.« Zunächst bestand er hartnäckig darauf, nicht in seinem Zimmer bleiben zu wollen. Es schien ihm zu kalt, zu hoch, zu leer und zu dunkel. Der Wunsch war ihm gekommen, in einem andern Zimmer zu sterben, in Clotildens Zimmer, wo sich beide geliebt hatten und das er stets nur mit einem frommen Schauer seit ihrer Abreise wieder betreten hatte. Und die alte Martine mußte sich zum letztenmale aufopfern, sie mußte ihn stützen, sie mußte den Schwankenden führen bis zu dem noch warmen Bette. Er hatte den Schlüssel zu dem großen Schranke unter sein Kopfkissen gelegt, wo er ihn jede Nacht aufbewahrte; und er schob auch jetzt den Schlüssel unter das andere Kopfkissen, um über ihm zu wachen, so lange er noch am Leben sein würde. Der junge Tag war kaum angebrochen, die alte Haushälterin hatte das Licht auf den Tisch gesetzt. »Jetzt, wo ich hier wieder ruhig liege und auch wieder etwas besser Atem holen kann, wirst Du mir die Gefälligkeit erweisen und zu dem Doktor Ramond laufen ... Du wirst ihn wecken lassen und gleich mit hierher bringen.« Sie wollte schon forteilen, als er plötzlich von einer unbestimmten Furcht gepackt wurde. »Uebrigens will ich Dir noch ausdrücklich verbieten, meiner Mutter irgend welche Mitteilung zu machen.« Bestürzt und bittend kam sie wieder zu ihm zurück. »O, Herr Doktor! Frau Felicité, die sich von mir hat fest versprechen lassen ...« Aber er blieb unerbittlich. Sein ganzes Leben hindurch hatte er sich ehrerbietig und unterwürfig seiner Mutter gegenüber bewiesen, und er glaubte das Recht erworben zu haben, sich gegen sie zu schützen im Augenblicke seines Todes. Er weigerte sich, sie zu sehen. Die alte Haushälterin mußte ihm schwören, verschwiegen zu sein. Erst dann fand er ein schwaches Lächeln wieder. »Gehe rasch! Du wirst mich schon noch wieder sehen, denn für jetzt hat es noch keine Gefahr!« Der Tag brach endlich an, ein trüber, trauriger Novembertag, in fahlem, grauem Morgenlichte. Pascal hatte die Fensterläden öffnen lassen; und als er allein war, sah er zu, wie die Helligkeit zunahm, ohne Zweifel das Licht des letzten Tages, den er noch leben würde. Am vorhergehenden Abend hatte es geregnet, die Sonne war noch verschleiert, und draußen herrschte eine drückende Schwüle. Von den benachbarten Platanen hörte er die Morgenlieder der Vögel herübertönen, wahrend in weiter Ferne durch die noch im Schlummer liegende Ebene die Lokomotive in ununterbrochenen Klagetönen keuchte. Und er war allein, allein in dem großen einsamen Hause, dessen Leere er um sich spürte, dessen unheimliche Stille er vernahm. Der Tag nahm langsam zu; er fuhr fort, das Größerwerden der hellen Lichter auf den Fensterscheiben zu beobachten. Dann erlosch die Kerze, und das ganze Zimmer erschien in dem gleichen fahlen Lichte des erwachenden Tages. Er erwartete davon eine Erleichterung, und er täuschte sich nicht; er schöpfte gleichsam Trost aus der alten, orangenfarbenen Tapete, aus jedem der alten vertrauten Möbelstücke, aus dem großen Bette, in dem er so sehr geliebt und in das er sich zum Sterben niedergelegt hatte. Unter dem hohen Plafond hin, durch das ganze Zimmer flutete immerfort in zitternden Luftwellen ein zarter Hauch von Jugend und unendlicher, zarter Liebe, die ihn wie mit inniger Zärtlichkeit umhüllte und ihn kräftigte. Indessen litt Pascal, obgleich die Krisis überwunden war, noch immer fürchterlich. Ein stechender Schmerz in der Herzgrube war zurückgeblieben, und sein linker empfindungsloser Arm hing von der Schulter herab, so schwer als wäre er von Blei. Wahrend des endlosen Wartens auf die Hilfe, die Martine herbeiholen sollte, hatte er schließlich sein ganzes Denken auf das Leiden gerichtet, von dem sein Körper geplagt war. Und er ergab sich darein; die Aufregung und Empörung, die früher in ihm aufgestiegen war als das einzige Kennzeichen eines physischen Schmerzes, kam nicht wieder. Der Schmerz hatte ihn früher als eine ungeheuerliche und unnötige Grausamkeit zur Verzweiflung gebracht. Bei seinen Zweifeln an der Heilkraft des Arztes hatte er seine Patienten nur behandelt, um ihn zu bekämpfen. Wenn er heute, wo er selbst unter seiner Qual litt, schließlich dazu gekommen war, den Schmerz als etwas Unabänderliches hinzunehmen, geschah dies nicht deswegen, weil er noch einen Grad höher in seinem Glauben an das Leben gestiegen und den Gipfel der Erhabenheit gelangt war, von dem aus betrachtet das Leben vollkommen gut erscheint selbst mit der verhängnisvollen Bedingung des Leidens, die vielleicht die Triebfeder davon ist? Ja, das ganze Leben zu leben, es ganz zu leben und zu leiden, ohne Empörung, ohne zu glauben, daß man es besser machen würde, wenn man es schmerzlos machte, das sprach klar und deutlich aus den Augen des dem Tode Verfallenen als der höchste Mut und die höchste Weisheit. Und um sich das Warten zu verkürzen, um seine Schmerzen zu betäuben, nahm er im Geiste seine letzten Theorien noch einmal vor und träumte von einem Mittel, das Leiden nutzbar zu machen, es in Thätigkeit, in Arbeit umzuwandeln. Wenn der Mensch in dem Verhältnis, wie er in der Zivilisation vorschreitet, auch den Schmerz mehr fühlt, so ist es sicher, daß er auch stärker, gewappneter, widerstandsfähiger wird. Das thätige Organ, das Gehirn, entwickelt sich, verdichtet sich, damit das Gleichgewicht nicht gestört wird bei den Eindrücken, die es empfängt, und bei der Arbeit, die es thut. Könnte man dem zufolge nicht das Bild einer Menschheit herstellen, in dem die Summe der Arbeit den gleichen Wert hätte wie die Summe der Eindrücke, so daß dabei das Leiden selbst verwendet und gleichsam unterdrückt würde? Jetzt ging die Sonne auf; Pascal wälzte in seinem Geiste seine Hoffnungen in bunter Verwirrung hin und her während des Halbschlafes seines Leidens, als er in seiner Brust einen neuen Anfall kommen spürte. Einen Augenblick packte ihn eine fürchterliche Angst: war das wirklich schon das Ende? Sollte er ganz allein und verlassen sterben? Aber gerade in denselben Augenblicke kamen eilige Schritte die Treppe herauf und Ramond trat ein, gefolgt von der alten Martine. Und der Kranke besaß noch so viel Kraft, ihm zuzurufen, bevor er einen neuen Erstickungsanfall bekam: »Machen Sie mir Einspritzungen, machen Sie mir sofort Einspritzungen mit purem Wasser! Und zweimal, mindestens zehn Gramm!« Unglücklicherweise mußte der Doktor erst die kleine Spritze suchen und dann alles vorbereiten. Das dauerte einige Minuten, und der Anfall war schrecklich. Mit Angst und Bangen folgte er den Fortschritten desselben, wie das Gesicht sich verzerrte und wie die Lippen anfingen, blau zu werden. Als er endlich die Einspritzungen gemacht hatte, bemerkte er, daß die Erscheinungen, die einen Augenblick gedauert hatten, dann nach und nach langsam abnahmen. Diesmal war eine Katastrophe noch glücklich vermieden worden. Als Pascal aber nicht mehr mit den Erstickungsanfällen zu kämpfen hatte, warf er einen Blick auf die Uhr und sagte mit schwacher, ruhiger Stimme: »Mein lieber Freund! Jetzt ist es sieben Uhr ... In zwölf Stunden, heute abend um sieben Uhr, werde ich tot sein!« Und als der junge Mann Einwendungen dagegen machen wollte, war er sofort zu einer wissenschaftlichen Auseinandersetzung bereit und erwiderte: »Nein, nein, lügen Sie nicht! Sie waren bei dem Anfall zugegen und sind daher ebenso gut unterrichtet wie ich ... Von jetzt an wird alles in mathematisch genauer Weise seinen Verlauf nehmen, und Stunde für Stunde würde ich Ihnen die Phasen des Leidens beschreiben können ...« Er hielt plötzlich mitten in seiner Rede inne, um mit vieler Mühe Atem zu holen; dann setzte er hinzu: »Uebrigens ist alles so recht! Ich bin ja zufrieden ... Clotilde wird um fünf Uhr hier sein; ich verlange nichts weiter, als sie noch ein einzigesmal zu sehen und in ihren Armen zu sterben.« Dennoch zeigte er sich bald als ein besonders empfänglicher Mensch. Die Wirkung der Einspritzungen war geradezu wunderbar; er konnte sich in seinem Bette aufrecht hinsetzen, den Rücken gegen die Kopfkissen gelehnt. Die Stimme wurde wieder leicht und frei. Niemals war die Klarheit seines Verstandes deutlicher zu Tage getreten. »Sie wissen, Meister,« sagte Ramond, »daß ich Sie nicht verlasse. Ich habe meine Frau schon darauf vorbereitet, wir werden den ganzen Tag beisammen bleiben; und obgleich Sie von so etwas sprachen, hoffe ich doch, daß es noch nicht der letzte sein wird ... Nicht wahr, Sie erlauben doch, daß ich mir es hier bequem mache, gerade als wenn ich in meinem eigenen Heim wäre?« Pascal lächelte. Er erteilte der alten Martine verschiedene Auftrage; er ordnete an, daß sie für Ramond ein Frühstück zubereite. Wenn man sie nötig hätte, würde man sie rufen. Und die beiden Männer blieben allein in einem vertraulichen, freundschaftlichen Gespräch, der eine mit seinem großen weißen Barte lag im Bett und sprach wie ein Weiser, während der andere in der ehrerbietigen Haltung eines Schülers daneben saß und zuhörte. »Die Wirkung dieser Einspritzungen,« flüsterte der Meister so leise vor sich hin, als ob er mit sich selbst gesprochen hatte, »ist wirklich eine ganz außerordentliche.« Dann verstärkte er seine Stimme und fuhr in fröhlichem Tone fort. »Mein lieber Freund Ramond! Es ist vielleicht kein bedeutendes und wertvolles Geschenk, aber ich werde Ihnen meine Manuskripte hinterlassen. Ja, Clotilde hat den Auftrag, sie Ihnen zu übergeben, wenn ich nicht mehr sein werde ... Sie werden darin herumblättern und vielleicht Sachen finden, die nicht zu schlecht sind. Wenn Sie daraus eines Tages irgend eine gute Idee schöpfen, so wird es um so besser für die ganze Welt sein.« Und von diesem Gedanken ausgehend, gab er sein wissenschaftliches Testament. Er hatte die feste Ueberzeugung, nichts als ein einzelner Pionier gewesen zu sein, ein Vorläufer, der die zu Grunde liegenden Pläne entwarf, der in der Praxis herumtappte und der wegen seiner noch unfertigen Methode scheiterte. Er kam auf seinen Enthusiasmus zu sprechen, der ihn damals erfüllt, als er geglaubt hatte, daß es ihm gelingen würde, mit seinen Einspritzungen der stärkenden Substanz das Universalheilmittel zu entdecken. Dann sprach er von seinem Mißgeschick, von seiner Verzweiflung, von dem schrecklichen Tode des Schenkwirts Lafouasse, von der Schwindsucht Valentins, die diesen trotz der Einspritzungen dahingerafft hatte, von dem Wiederausbruch des Wahnsinns bei dem Hutmacher Sarteur, der den Unglücklichen dazu brachte, sich zu erhängen. Voller Zweifel schied er von der Erde, da er nicht mehr den notwendigen Glauben an die Heilkraft des Arztes hatte; er war schließlich dahin gekommen, seine einzige Hoffnung in das Leben zu setzen, das er so sehr liebte, und er war der festen Ueberzeugung, daß das Leben ganz allein aus sich selbst seine Gesundheit und seine Kraft schöpfen würde. Aber er wollte nicht die Zukunft ausschließen, er war im Gegenteil glücklich, seine Hypothese der Jugend vererben zu können. Alle zwanzig Jahre änderten sich die Theorien, nur allein die errungene Wahrheit bliebe unerschütterlich bestehen, auf der die Wissenschaft fortführe, weiter zu bauen. Selbst wenn er nur das Verdienst gehabt hatte, die Hypothese eines Augenblicks zu veranlassen, so würde seine Arbeit nicht verloren gewesen sein, denn der Fortschritt läge sicherlich in der immer fortschreitenden Thätigkeit, in dem immer weiter vordringenden Verstande. Und was schließlich würde, wer wußte es denn? Er konnte ruhig sterben, gebrochen und müde, ohne daß sich seine Hoffnung mit den Einspritzungen verwirklicht hatte, andere Arbeitskräfte wurden kommen, junge, begeisterte, überzeugte Männer, die den Gedanken wieder aufnehmen, ihn erklären, ihn erweitern winden. Und vielleicht würde ein ganz neues Zeitalter, eine ganz neue Welt daraus hervorgehen. »Ach, mein lieber Ramond« fuhr er fort. »Wenn man doch ein anderes Leben leben könnte! Ja, ich würde noch einmal von neuem anfangen, ich würde meine Idee noch einmal vornehmen, denn ich bin seit kurzem von dem sonderbaren Resultate, daß die mit einfachem Wasser gemachten Einspritzungen beinahe ebenso wirksam waren, auf das lebhafteste betroffen worden ... Auf die eingespritzte Flüssigkeit kommt es also dabei gar nicht an, es ist nur ein einfach mechanischer Vorgang ... Während des ganzen letzten Monats habe ich viel darüber geschrieben ... Sie werden unter meinen Papieren merkwürdige Aufzeichnungen und Beobachtungen finden ... Im ganzen bin ich dahin gekommen, einzig und allein an die Arbeit zu glauben und anzunehmen, daß die Gesundheit in der gleichmäßigen Thätigkeit aller Organe besteht, eine Art dynamischer Therapeutik, wenn ich ein solches Wort wagen darf.« Er geriet nach und nach immer mehr in leidenschaftliche Erregung, er kam dahin, das nahe bevorstehende Ende ganz und gar zu vergessen und dachte nur noch an seine brennende Wißbegierde in Betreff des Lebens. Und er entwickelte in großen Zügen seine letzte Theorie. Der Mensch badete sich gleichsam in einem Milieu, der Natur, die fortwährend durch Berührungen die empfindlichen Enden der Nerven reizte. Daher stammte die Tätigkeit nicht allein der Sinne, sondern auch aller äußerlichen und innerlichen Oberflächen des Körpers. Nun aber waren es diese Eindrücke, die, indem sie in das Gehirn, in das Rückenmark, in die Nervencentren zurückgeworfen wurden, sich dort in Spannkraft, in Bewegungen und in Gedanken umwandelten; und er hatte die Ueberzeugung, daß das Sichwohlbefinden in dem normalen Zuge dieser Arbeit bestünde: die Eindrücke aufzunehmen, sie in Bewegungen und Gedanken wiederzugeben und so die menschliche Maschine durch das regelmäßige Zusammenwirken aller Organe zu ernähren. Die Arbeit war also das große Gesetz, der Ordner des lebenden Alls. Deshalb war es notwendig, daß, wenn das Gleichgewicht gestört wurde, wenn die von außen kommenden Anregungen aufhörten, genügend zu sein, die Therapeutik künstliche schuf, um die Spannkraft wiederherzustellen, die den vollkommenen Gesundheitszustand bedeute. Und er sah in seinen Träumen eine neue Heilmethode voraus: die Suggestion, die allmächtige Autorität der Aerzte für die Sinne, die Elektrizität, die Reibungen, die Massage für die Haut und für die Sehnen; die Ernährungsmaßregeln für den Magen; die Luftkuren auf hohen Bergen für die Lungen, die Transfusionen, die Einspritzungen mit destillirtem Wasser für den ganzen Zirkulationsapparat. Es war die unleugbare und rein mechanische Thätigkeit jener letzteren, die ihn auf den Weg gebracht hatte; er brauchte jetzt nur noch die Hypothesen zu erweitern auf Verlangen seines verallgemeinernden Geistes; er sah von neuem die gerettete Welt in diesem Gleichgewichte, wo so viel Arbeit geleistet wird, wie Eindrücke empfangen sind, den wiederhergestellten Lauf der Welt in seiner ewigen, mühevollen Arbeit. Dann fing er an zu lachen und sagte freimütig: »Gut! Da bin ich noch bei dem, von dem ich ausgegangen bin! Und ich bin es doch, der im Grunde glaubt, daß die einzige Weisheit ist, sich nicht hineinzumischen, sondern die Natur allein machen zu lassen! Ah! Immer noch der alte, unverbesserliche Narr!« Aber Ramond hatte seine beiden Hände ergriffen in dem überströmenden Gefühl der Verehrung und Bewunderung. »Meister, Meister! Eine Leidenschaft, eine Thorheit wie die Ihrige kommt von dem Genie! Seien Sie ohne Furcht! Ich habe Ihnen zugehört und habe Sie verstanden! Ich werde versuchen, Ihrer Erbschaft würdig zu sein, und bin wie Sie des Glaubens, daß der große Morgen vielleicht ganz da ist.« In dem stillen, traulichen Zimmer schickte sich Pascal dann an, weiter zu sprechen mit dem Mute und der Ruhe eines sterbenden Philosophen, der seine letzte Vorlesung hält. Jetzt kam er auf seine persönlichen Beobachtungen zurück; er setzte auseinander, daß er sich selbst oft durch die Arbeit geheilt hätte, durch ein geregeltes und methodisches Arbeiten ohne Uebermaß. Es schlug elf Uhr; er wollte, daß Ramond jetzt frühstücken sollte, und setzte die Unterredung sehr weitläufig und laut fort, während die alte Martine das Frühstück servirte. Die Sonne hatte endlich die grauen Wolken des Vormittags durchbrochen; sie war aber immer noch verschleiert und noch sehr schwach, und ihr goldiges Strahlennetz erwärmte nur mäßig das weite Gemach. Pascal trank einige Schlucke Milch und schwieg dann still. In diesem Augenblicke aß der junge Arzt gerade eine Birne. »Haben Sie vielleicht wieder Schmerzen?« »Nein, nein! Essen Sie nur ruhig weiter!« Aber er konnte nicht lügen. Es war wieder ein Anfall und zwar ein noch schlimmerer. Wie ein Blitzstrahl überkam ihn der Erstickungsanfall und warf ihn in die Kissen zurück, während das Gesicht ganz blau wurde. Mit seinen beiden zusammengeballten Händen hatte er die Decke gepackt und klammerte sich krampfhaft daran an, gerade als wollte er einen Stützpunkt finden und die entsetzliche Last emporheben, die ihm die Brust eindrückte. Sein Gesicht war schrecklich verzerrt und ganz blau; seine großen, weit geöffneten Augen hielt er starr mit einem Ausdruck fürchterlicher Verzweiflung und namenlosen Schmerzes auf die Uhr gerichtet. Und während zehn langer Minuten kämpfte er so mit dem Erstickungstode. Ramond hatte ihm sofort Einspritzungen gemacht. Es dauerte lange, ehe sich eine Erleichterung zeigte, und die Wirkung war sehr gering. Große Thränen erschienen in den Augen Pascals, als das Leben ihm zurückkehrte. Er sprach noch nicht, er weinte nur. Dann sagte er leise, während er immer noch die Uhr mit von Thränen verschleierten Blicken betrachtete: »Mein lieber Ramond! Ich werde schon um vier Uhr sterben! Ich werde sie nicht wiedersehen!« Und als Ramond, um seine Gedanken zu zerstreuen, gegen den Augenschein behauptete, daß das Ende noch nicht so nahe wäre, wurde er wieder von seiner Leidenschaft als Gelehrter gepackt und wollte dem jungen Arzte eine letzte Lehre erteilen, die sich auf eine direkte Beobachtung stützte. Er hatte mehrere dem seinigen ähnliche Fälle behandelt und erinnerte sich besonders des einen Falles, wo er das Herz eines armen, alten Mannes, der an der Sklerose gestorben war, sezirt hatte. »Ich sehe es, mein Herz ... Es ist von der Farbe eines abgestorbenen Blattes, seine Fasern sind spröde; man könnte es abgemagert nennen, obwohl es an Umfang zugenommen hat; der Entzündungsprozeß hat es hart machen müssen, so daß man es leicht zerschneiden könnte ...« Er fuhr mit leiserer Stimme zu sprechen fort. Er hatte sogleich deutlich gespürt, daß sein Herz erschlaffte, daß die Schläge langsamer und schwächer wurden. Anstatt des normalen Blutstrahles ging durch die Aorta nur ein roter Schleim heraus. Die Venen waren mit schwarzem Blute überfüllt, und die Gefahr einer Erstickung nahm in dem gleichen Maße zu, wie sich die einsaugende Druckpumpe, die die ganze Maschine regulirte, verlangsamte. Und nach der Einspritzung hatte er trotz seines elenden Zustandes das fortschreitende Wiedererwachen seines Organs verfolgt, den Peitschenschlag, der es wieder in Bewegung gebracht hatte, der das schwarze Blut aus dem Wege geräumt und ihm von neuem Kraft mit dem roten Blute der Arterien eingeflößt hatte. Aber der Anfall würde sich wiederholen, sobald die mechanische Wirkung der Einspritzung aufgehört haben würde. Er konnte es fast bis auf einige Minuten vorhersagen. Dank den Einspritzungen würde er noch zwei solche Anfälle aushalten können. Der dritte aber würde ihn hinwegraffen, er würde um vier Uhr sterben. Dann hielt er noch mit immer schwächer und schwächer werdender Stimme eine letzte begeisterte Lobrede auf die Tapferkeit des Herzens, jenes unverdrossenen unermüdlichen Arbeiters des Lebens, der zu jeder Sekunde des Daseins ohne Aufhören bei der Arbeit wäre, selbst während des Schlafes, wenn die anderen Organe sich träge der Ruhe hingäben. Ah, tapferes Herz, wie kämpfst du so heldenmütig! Welche Gewissenhaftigkeit welcher Edelmut dieses nimmermüden Muskels! Du hast zu viel geliebt, du hast zu heißblütig geschlagen, und deshalb brichst du nun, mein tapferes Herz, das du nicht sterben willst und dich immer wieder aufraffst, um noch zu schlagen!« Aber der erste angekündigte Anfall trat ein. Als er vorüber war, konnte Pascal nur noch keuchend Atem holen und nur noch ganz leise und mühsam sprechen. Dumpfe Klagen entschlüpften seinen Lippen trotz seines Mutes: Mein Gott! Würde denn diese Qual nicht endigen? Und dennoch hatte er nur noch den einen heißen Wunsch, seinen furchtbaren Todeskampf zu verlängern, noch so lange zu leben, um noch ein einzigesmal, zum letztenmal, Clotilde zu umarmen. Wenn er sich wirklich täuschte, wie Ramond immer von neuem hartnäckig wiederholte! Wenn er noch bis um fünf Uhr leben könnte! Seine Augen waren zu der Uhr zurückgekehrt, seine Blicke verließen die Zeiger nicht mehr, und er maß den Minuten die Dauer einer Ewigkeit zu. Ehemals hatten sie oft über diese alte Uhr im Empirestil gescherzt, einen Stein aus Bronze, an dem ein lächelnder Amor lehnte, der die eingeschlummerte Zeit betrachtete. Sie zeigte auf drei Uhr. Dann zeigte sie dreiundeinhalb Uhr. Nur noch zwei Stunden Leben, nur noch zwei Stunden, du lieber Gott! Die Sonne sank dem Horizont zu, und tiefe Stille senkte sich herab von dem blassen Novemberhimmel; und er hörte auf Augenblicke das ferne Keuchen der Lokomotiven, die durch die baumlose Ebene dahinrasten. Dieser Zug war der, der an Les Tulettes vorüberfuhr; der andere, der von Marseille kam, würde der denn niemals eintreffen? Nach zwanzig Minuten gab Pascal Ramond ein Zeichen, nahe zu ihm herzukommen. Er konnte nicht mehr laut genug sprechen, um sich auf einige Entfernung verständlich zu machen. »Der Puls müßte, damit ich bis sechs Uhr leben könnte, weniger matt sein. Ich hoffte noch, aber der zweite Schlag ist beinahe gar nicht mehr zu spüren.« Und in leisem, klagendem Ton rief er den Namen Clotilde. Es war ein herzzereißender, mühsam gelallter Abschiedsruf, der deutlich den schrecklichen Schmerz, daß er sie nicht wiedersehen sollte, verriet. Dann packte ihn die Sorge um seine Manuskripte wieder, und in seinen Augen brannte eine Zeit lang ein unruhiges Feuer. »Verlassen Sie mich nicht! Der Schlüssel liegt unter meinem Kopfkissen. Sie werden Clotilde sagen, daß sie ihn an sich nehmen soll; sie hat meine Aufträge.« Zehn Minuten vor vier Uhr blieb eine neue Einspritzung ohne Wirkung. Und es schlug gerade vier Uhr, als der zweite Anfall sich einstellte. Plötzlich warf er sich, nachdem er beinahe erstickt war, aus dem Bette und wollte in einem letzten Erwachen seiner Kräfte aufstehen und gehen. Ein heftiges Verlangen nach Raum, nach Licht, nach frischer, freier Luft trieb ihn vorwärts, trieb ihn hinaus. Dann war es der unwiderstehliche Drang des Lebens, seines ganzen Lebens, das er aus dem nebenan liegenden Saale zu sich kommen hörte. Und er strebte dorthin, schwankend und keuchend, den Körper nach der linken Seite hin gekrümmt und sich an den Möbeln festhaltend. Doktor Ramond war rasch herbeigesprungen, um ihn zurückzuhalten. »Meister, Meister! Legen Sie sich wieder hin, ich bitte Sie flehentlich darum!« Aber Pascal blieb den Bitten gegenüber taub; er hatte es sich in den Kopf gesetzt, stehend zu sterben. Die Leidenschaft, noch zu leben, der heroische Gedanke der Arbeit hielten in ihm stand, rissen ihn mit fort wie eine Masse. Er röchelte und stammelte mühsam hervor: »Nein, nein! Hinüber, hinüber!« Sein Freund mußte ihn stützen, und so ging er weiter, stolpernd und unsicher, bis in den Saal und ließ sich dort in seinen Stuhl niederfallen vor dem Schreibtische, wo noch eine gerade angefangene Seite lag mitten in der Unordnung der Papiere und Bücher. Dort schöpfte er einen Augenblick Atem, und seine Augen schlossen sich. Bald öffnete er sie wieder, während seine zitternd und unsicher umhertastenden Hände nach der Arbeit suchten. Sie trafen auf den Stammbaum mitten unter den anderen umhergestreuten Aufzeichnungen. Noch am zweiten Tage vorher hatte er darin einige Daten berichtigt. Er erkannte ihn wieder, zog ihn heran und breitete ihn aus. »Meister, Meister! Sie töten sich!« wiederholte Ramond zitternd, von Mitleid und Bewunderung auf das tiefste ergriffen. Pascal hörte ihn nicht, verstand ihn nicht. Er hatte einen Bleistift unter seinen herumtastenden Fingern hin und her rollen fühlen. Er hielt ihn fest, er beugte sich über den Stammbaum, als wenn seine schon halb erloschenen Augen nicht mehr gut sehen konnten. Und zum letztenmale ließ er die Glieder seiner Familie Revue passiren. Beim Namen von Maxime hielt er an und schrieb: »Gestorben an der Ataxie im Jahre 1873«, in der Gewißheit, daß sein Neffe das Jahr nicht mehr überleben würde. Dann kam er daneben zu dem Namen Clotilde. Auch hier vervollständigte er seine Aufzeichnungen und setzte hinzu: »hat im Jahre 1874 von ihrem Onkel Pascal einen Sohn.« Dann suchte er, erschöpft aus dem Papier weiter umherirrend, seinen Namen. Als er ihn endlich gefunden hatte, wurde seine Hand wieder fest, und er vollendete mit großer, sicherer Schrift die ihn betreffende Notiz: »Gestorben an einer Herzkrankheit am 7. November 1873.« Das war die äußerste Anstrengung, das Röcheln nahm zu, er bekam einen neuen Erstickungsanfall, gerade als er unter Clotildens Namen das weiße Blatt bemerkte. Seine Finger konnten kaum noch den Bleistift halten. Trotzdem fügte er in schwachen, unsicheren Schriftzügen, in denen sich die ganze zärtliche Qual, das schwere Leid seines armen Herzens deutlich aussprach, noch hinzu: »Das unbekannte Kind, das im Jahre 1874 zur Welt kommen wird. Wie wird es sein?« Dann bekam er eine durch die Stockung des Herzschlages herbeigeführte Ohnmacht; und Ramond und die alte Martine hatten große Mühe, ihn auf sein Bett zurückzutragen. Der dritte Anfall hatte um vierundeinviertel Uhr stattgefunden. Bei diesem letzten Erstickungsanfall drückte das Gesicht Pascals einen furchtbaren Schmerz aus. Bis auf die Neige mußte er sein Martyrium als Mensch und Gelehrter durchmachen. Seine gebrochenen Augen schienen noch die Uhr zu suchen, um die Stunde festzustellen. Und als Ramond sah, daß er seine Lippen bewegte, beugte er sich zu ihm nieder und hielt sein Ohr ganz nahe an den Mund des Sterbenden. Und wirklich flüsterte er noch Worte, ganz leise Worte, die wie ein Hauch waren: »Vier Uhr ... Das Herz steht still ... Mehr rotes Blut in die Aorta ... Die Klappe wird schwach, sie zerreißt ...« Ein fürchterliches Röcheln erschütterte ihn. Der kurze Atem wurde immer schwächer und leiser. »Das geht zu schnell ... Verlassen Sie mich nicht ... Der Schlüssel liegt unter dem Kopfkissen ... Clotilde ... Clotilde ...« Am Fußende des Bettes hatte sich die alte Martine auf die Kniee niedergeworfen, halb erstickt vom Seufzen und Weinen. Sie sah deutlich, daß der Meister sterben würde. Sie hatte es aber doch nicht gewagt, fortzulaufen und den Priester herbeizuholen trotz ihres lebhaften Verlangens; und sie sprach daher selbst die Sterbegebete, sie bat den lieben Gott in heißem Flehen, daß er dem Herrn Doktor verzeihen möge, damit der Herr Doktor geradewegs in das Paradies eingehen könnte. Pascal starb. Sein Gesicht war ganz blau. Nach einigen Sekunden vollständiger Regungslosigkeit wollte er Atem holen; er schob seine Lippen vor und öffnete seinen armen Mund wie ein kleiner Vogel seinen Schnabel, um zum letztenmale Luft einzuatmen. Und das war der Tod, ein sehr einfacher Tod. Dreizehntes Kapitel. Erst nach dem Dejeuner, gegen ein Uhr, erhielt Clotilde die Depesche Pascals. Sie war an diesem Tage gerade von ihrem Bruder, der sie mit zunehmender Härte seine Launen und krankhaften Zornesausbrüche fühlen ließ, gekränkt worden und grollte ihm deshalb. Sie hatte, alles in allem genommen, wenig Glück bei ihm gehabt; er fand sie viel zu einfach, viel zu ernst, um ihn zu zerstreuen und aufzuheitern; und jetzt schloß er sich mit der jungen Rose ein, jener kleinen Blonden mit der unschuldigen Miene, die ihn amüsirte. Seitdem seine Krankheit ihn ganz gefesselt hielt, so daß er sich nicht mehr bewegen konnte, verlor er die egoistische Klugheit des Genußmenschen und sein langes Mißtrauen gegen die Frauen, die die Männer zu Grunde richten. Als seine Schwester ihm sagen wollte, daß der Onkel sie zurückrief und daß sie abreisen wollte, hatte sie Mühe, daß ihr überhaupt geöffnet wurde, denn Rose war gerade damit beschäftigt, ihn einzureiben. Er billigte sogleich ihr Vorhaben, und wenn er sie bat, so lange wie möglich fortzubleiben und nicht eher wieder zu kommen, als bis sie dort alle ihre Geschäfte beendet hätte, so bestand er nur aus dem einzigen Grunde nicht darauf, weil er sich liebenswürdig zeigen wollte. Clotilde verbrachte den Nachmittag mit dem Packen ihrer Koffer. In ihrer fieberhaften Aufregung, in ihrer Bestürzung über die so plötzliche Entscheidung, dachte sie darüber gar nicht weiter nach, sondern überließ sich ganz und gar der großen Freude, heimkehren zu dürfen. Als sie aber nach dem rasch eingenommenen Diner, nach dem kurzen Abschied von ihrem Bruder und nach der endlosen Droschkenfahrt von der Avenue du Bois de Boulogne bis zum Lyoner Bahnhof sich endlich in einein Damencoupé des abends um acht Uhr abgehenden Inges befand und schon außerhalb von Paris durch die regnerische, kalte Novembernacht dahin rollte, da wurde sie wieder ruhiger, versank nach und nach in tiefes Nachdenken, bis sie sich schließlich von dumpfer Unruhe gequält fühlte. Warum denn diese so wenig sagende und so kurze Depesche? »Ich erwarte Dich, reise heute abend ab.« Das war ohne Zweifel die Antwort auf den Brief, in dem sie ihm ihre Schwangerschaft mitgeteilt hatte. Sie wußte ja doch, wie sehr er wünschte, daß sie in Paris bliebe, wo sie seiner Annahme nach glücklich sein mußte, und wunderte sich daher jetzt sehr über seine Eile, sie zurückzurufen. Eine Depesche hatte sie nicht erwartet, wohl aber einen Brief, daß sie ihre Vorbereitungen zur Abreise hätte allmälich treffen und dann nach einigen Wochen hätte abreisen können. Lag daher vielleicht ein anderer Grund vor, etwa ein Unwohlsein, der Wunsch, das heftige Verlangen, sie so bald als möglich wiederzusehen? Und von da an wurde die Angst in ihr nur immer großer, eine bange Ahnung stieg in ihr auf und hatte sie bald ganz und gar in Besitz genommen. Die ganze Nacht hindurch hatte ein vorsintflutlicher Regen die Fenster des Zuges gepeitscht, als er durch die Ebenen der Bourgogne dahinraste. Diese Sindflut ließ erst bei Macon nach. Nach Lyon wurde es Tag. Clotilde hatte die Briefe Pascals bei sich und erwartete mit Ungeduld den Tagesanbruch, um wieder sehen und die Briefe durchstudiren zu können, deren Handschrift ihr verändert vorgekommen war. In der That wurde ihr Herz von einem kalten Schauer ergriffen, als sie jetzt die zitternde Schrift und die vielen Absätze und Lücken, die sich mitten in den Wörtern vorfanden, feststellte. Er war krank, sehr krank: das wurde bei ihr jetzt zur Gewißheit; wie durch eine plötzliche Eingebung drängte es sich ihr plötzlich auf, wobei weniger Ueberlegung als ein seines Ahnungsvermögen im Spiel war. Und der noch übrige Teil der Reise wurde ihr entsetzlich lang, denn sie fühlte ihre Angst wachsen, je mehr sie sich ihrem Ziele näherte. Das Schlimmste aber war, daß, als sie mittags einviertel nach zwölf Uhr in Marseille ankam, nicht eher als drei Uhr zwanzig Minuten ein Zug abging, mit dem sie nach Plassans fahren konnte. Drei lange, bange Stunden mußte sie also warten! Sie frühstückte in der Bahnhofrestauration und aß mit einer solchen fieberhaften Hast, als ob sie Angst gehabt hätte, den Zug zu verpassen. Dann durchwandelte sie langsam den staubigen Garten und ging von einer Bank zur andern unter den immer noch warmen Strahlen der bleichen Sonne, inmitten der zahlreichen Omnibusse und Droschken. Endlich rollte sie von neuem weiter, alle Viertelstunden an den kleinen Stationen aufgehalten. Sie streckte den Kopf weit zum Fenster hinaus, es kam ihr vor, als ob sie seit zwanzig Jahren weg gewesen wäre und als ob sich alle die Ortschaften verändert hätten. Als der Zug Sainte-Marthe verließ, befand sie sich in großer Aufregung; sie reckte den Hals aus, um am Horizont in weiter Ferne die Souleiade zu erblicken mit den beiden hundertjährigen Cypressen der Terrasse, die man drei Meilen im Umkreise sehen konnte. Es war fünf Uhr, und die Abenddämmerung senkte sich schon nieder. Das Geräusch der Drehscheiben ertönte, und Clotilde stieg aus. Aber ein heftiger Schmerz durchfuhr sie, und sie stieß einen tiefen Seufzer aus, als sie sah, daß Pascal nicht auf dem Perron stand, um sie zu erwarten. Schon seit Lyon sagte sie sich immer wieder: »Wenn ich ihn nicht sofort bei der Ankunft sehe, dann ist er krank!« Vielleicht war er indessen im Wartesaal geblieben oder sah sich vor dem Bahnhofe nach einem Wagen um. Sie stürzte aus der Halle hinaus, fand aber niemand als den alten Vater Durieu, den Kutscher, der den Doktor gewöhnlich fuhr. Lebhaft fragte sie ihn aus. Der alte Mann, ein schweigsamer Provençale, beeilte sich nicht mit seinen Antworten. Er hatte seinen zweirädrigen Karren da und fragte nach dem Gepäckschein, weil er zuerst die Koffer besorgen wollte. Mit zitternder Stimme wiederholte sie ihre Frage »Befindet sich alles wohl, Vater Durieu?« »Ja, Fräulein.« Und sie mußte fast böse werden, ehe sie erfuhr, daß Martine ihm am vorhergehenden Abende gegen sechs Uhr den Auftrag gegeben hatte, sich zur Ankunft dieses Zuges mit seinem Wagen auf dem Bahnhofe einzufinden. Er hatte den Doktor nicht gesehen, überhaupt hatte ihn schon seit zwei Monaten niemand zu Gesicht bekommen. Vielleicht hatte er sich, da er nicht da wäre, zu Bette legen müssen, denn das Gerücht wäre in der Stadt verbreitet, daß er nicht mehr ganz taktfest sei. »Warten Sie hier, Fräulein, bis ich das Gepäck geholt habe! Es ist noch ein Platz für Sie da auf der kleinen Bank.« »Nein, Vater Durieu! Das würde nur zu lange dauern, ich gehe zu Fuße.« Mit großen Schritten stieg sie die Anfahrt hinauf. Ihr Herz klopfte so ungestüm, das sie fast erstickte. Die Sonne war hinter den Hügeln von Sainte-Marthe verschwunden; ein feiner Staubregen fiel von dem grauen Himmel herab mit dem ersten frostigen Schauer des Novembers. Und als sie in die Straße von Fenouillères einbog, bot sich ihr ein neuer Anblick der Souleiade dar, der sie erstarren machte: die öde Fassade in dem sinkenden Dunkel, an der alle Fensterläden geschlossen waren, ein Bild trübseliger Verlassenheit und stummer Trauer. Aber den schrecklichsten Schlag empfing Clotilde, als sie Ramond erkannte, der auf der Schwelle des Vestibüls stand und sie zu erwarten schien. Er hatte sie in der That abgepaßt und war heruntergekommen, um ihr das schreckliche Unglück schonend und langsam beizubringen. Atemlos kam sie an; sie hatte den Platz mit den fünf alten Platanen bei der Quelle überschritten, um so viel wie möglich vom Wege abzuschneiden, und als sie nun den jungen Mann an der Stelle, wo sie Pascal zu finden gehofft hatte, sah, hatte sie das Gefühl, als ob der Himmel über ihr zusammenstürzte, als ob sich ein Unglück ereignet hätte, das nicht wieder gut zu machen wäre. Ramond sah sehr blaß und verstört aus trotz seines Bemühens, mutig und gefaßt zu erscheinen. Er sagte kein Wort, sondern wartete, bis er gefragt wurde. Ihr war der Hals wie zugeschnürt, sie sagte nichts. Und so betraten sie das Haus; er führte sie in den Speisesaal, wo sie ebenfalls einige Augenblicke stumm blieben und sich in dieser bedrückten Stimmung Auge in Auge gegenüberstanden. »Er ist krank, nicht wahr?« stotterte sie endlich zitternd hervor. Er wiederholte einfach: »Ja, er ist krank.« »Ich habe es gleich gewußt, als ich Sie sah,« begann sie von neuem. »Da er auch hier nicht ist, so muß er krank sein.« Sie ließ nicht nach. »Er ist krank, sehr krank, nicht wahr?« Er antwortete nicht mehr, sondern wurde nur noch bleicher, und sie blickte ihm starr in das Gesicht. In diesem Augenblicke sah sie es ihm an, daß Pascal tot war, sie sah es an seinen Händen, die noch zitterten und die den Sterbenden gepflegt hatten, sie sah es an seinem verzweifelten Gesichte, an seinen verstörten Augen, die noch den Widerschein des Todeskampfes bewahrten, sie sah es endlich an seinem ganzen in Unordnung gekommenen Aeußeren des Arztes, der seit zwölf Stunden da war und in seiner Ohnmacht einen nutzlosen Kampf gekämpft hatte. Da stieß sie einen lauten Schrei aus. »Er ist tot!« Und sie wankte wie vom Blitze getroffen und warf sich in die Arme Ramonds, der unter Thränen sie brüderlich an sich drückte. Und sie weinten beide, einer am Halse des anderen. Dann berichtete er, nachdem er sie auf den Stuhl niedergesetzt hatte und wieder sprechen konnte: »Ich bin es gewesen, der gestern morgen gegen zehn und ein halb Uhr die Depesche, die Sie erhalten haben, auf dem Telegraphenbureau aufgegeben hat. Er war so glücklich, so voller Hoffnung! Er erging sich in Zukunftsträumen! Noch ein, zwei Jahre am Leben ...! Heute morgen um vier Uhr hatte er den ersten Anfall und ließ mich holen. Er hatte sofort erkannt, daß er verloren war. Aber er hoffte, daß er noch bis um sechs Uhr aushalten, daß er noch lange genug leben würde, um Sie wiederzusehen ... Das Uebel machte aber zu rasche Fortschritte. Er hat mir bis zum letzten Atemzuge von Minute zu Minute die Fortschritte genau angegeben, wie ein Professor, der vor seiner Zuhörerschaft eine Sektion vornimmt. Mit Ihrem Namen auf den Lippen ist er gestorben, ruhig und gefaßt, wie ein Held.« Clotilde hatte aufspringen und hinauf in das Zimmer eilen wollen, aber sie blieb wie festgenagelt sitzen, ohne die Kraft zu besitzen, ihren Platz zu verlassen. Sie hatte ihm aufmerksam zugehört; ihre Augen waren in Thränen gebadet, die unaufhörlich über ihre Wangen herabflossen. Jeder seiner Sätze, die ganze Erzählung von diesem mit stoischem Gleichmut erwarteten Tode fand einen Widerhall in ihrem Herzen und prägte sich dort tief ein. In ihrem Geiste stellte sie sich den ganzen Verlauf dieses schrecklichen Tages zusammen. Immer wieder von neuem würde sie ihn durchleben. Vor allem aber überstieg ihre Verzweiflung alle Schranken, als die alte Martine, die kurz vorher in das Zimmer getreten war, mit harter Stimme sagte: »Ja, das Fräulein hat auch allen Grund zu weinen, denn wenn der Herr Doktor gestorben ist, so ist er es nur des Fräuleins wegen.« Die alte Haushälterin stand abseits an der Thüre ihrer Küche, verstört und verzweifelt darüber, daß man ihr ihren Herrn genommen und getötet hatte. Und sie suchte nicht einmal nach einem Worte des Willkommens und des Trostes für das junge Mädchen, das sie aufgezogen hatte. Ohne die Tragweite ihrer Indiskretion zu bedenken, ohne zu überlegen, ob sie dadurch Schmerz oder Freude verursachte, erleichterte sie ihr Herz, indem sie alles sagte, was sie wußte. »Ja, wenn der Herr Doktor gestorben ist, so ist er es nur deswegen, weil das Fräulein fortgegangen ist.« In ihrer Verzweiflung erhob Clotilde lebhaften Einspruch dagegen. »Aber er ist es ja gewesen, der deswegen böse geworden ist, der mich selbst fortgeschickt hat!« »Gewiß! Aber das Fräulein muß dies nur als eine allzu große Liebenswürdigkeit von seiner Seite betrachten, damit Sie nicht klar sehen sollten ... In der Nacht vor der Abreise fand ich den Herrn Doktor halb erstickt, so schlimm war sein Leiden; und als ich das Fräulein davon benachrichtigen wollte, war er es, der mich daran hinderte ... Dann habe ich ihn genau beobachtet, seitdem das Fräulein weggegangen war. Alle Nächte ging diese Geschichte von frischem an; er wehrte sich mit Händen und Füßen, damit er nicht doch noch schriebe und das Fräulein zurückriefe ... Und nun ist er deswegen gestorben! Das ist die reine Wahrheit!« Eine große Klarheit verbreitete sich plötzlich in dem Geiste Clotildens, die sie zu gleicher Zeit glücklich machte und quälte. Mein Gott! So war es denn doch richtig, was sie einen Augenblick vermutet hatte? Dann hatte sie schließlich glauben können bei der Heftigkeit und dem Eigensinn Pascals, daß er nicht gelogen hatte, daß er einfach zwischen ihr und der Arbeit die letztere wählte als Mann der Wissenschaft, bei dem die Liebe zu seiner Arbeit den Sieg über die Liebe zum Weibe davontrug. Und er log dennoch, er hatte die Hingebung, das Selbstvergessen so weit getrieben, daß er sich selbst für sie aufopferte, weil er glaubte, daß es ihr Glück wäre. Aber die traurigen Umstände wollten, daß er sich getäuscht, daß er auf diese Weise ihrer aller Unglück herbeigeführt hatte. Von neuem protestirte Clotilde und geriet in Verzweiflung. »Aber wie hätte ich das wissen können? ... Ich bin gehorsam gewesen, ich habe meine ganze Liebe und Zärtlichkeit in meinen Gehorsam gelegt.« »Ah!« rief da die alte Martine wieder, »es scheint mir, als ob ich es geahnt hätte!« Ramond mischte sich jetzt hinein und sprach sanft und versöhnlich. Er hatte die Hände seiner alten Freundin ergriffen und setzte ihr auseinander, daß der Kummer den verhängnißvollen Ausgang hätte beschleunigen können, daß aber der Meister unglücklicherweise schon seit einiger Zeit dazu verdammt gewesen wäre. Die Herzkrankheit, an der er gelitten, hätte schon aus weit entlegener Zeit stammen müssen; viel Überanstrengung sei mit Schuld daran, ein bestimmter Teil sei Vererbung, und dann überhaupt seine ganze letzte Leidenschaft: und so wäre denn das arme Herz schließlich gebrochen. »Gehen wir hinauf!« sagte Clotilde. »Ich will ihn sehen!« Oben in dem Zimmer hatte man die Läden geschlossen; nicht einmal die melancholische Dämmerung war eingedrungen. Zwei Kerzen brannten auf einem kleinen Tische am Fuße des Bettes in Leuchtern. Und sie beleuchteten mit ihrem bleichen gelblichen Scheine den ausgestreckt daliegenden Leichnam Pascals. Seine Beine waren eng geschlossen, und seine Hände lagen halb gefaltet auf der Brust. Pietätvoll hatte man ihm die Augenlider geschlossen. Das Gesicht schien zu schlafen mitten in der seinen Kopf umwogenden Flut der schneeweißen Haupt- und Barthaare; es sah noch bläulich aus, hatte aber doch schon einen friedlichen Ausdruck angenommen. Er war seit kaum ein und einer halben Stunde tot. Die unendliche himmlische Heiterkeit, die ewige Ruhe begann sich über sein Gesicht auszubreiten. Ihn so wiedersehen zu müssen, sich sagen zu müssen, daß er sie nicht mehr hörte, daß er sie nicht mehr sah, daß sie von nun an allein war, daß sie ihn zum letztenmale küssen würde, da sie ja für immer Abschied von ihm nehmen müßte, das war es, was Clotilden so großen Schmerz verursachte. Sie hatte sich auf das Bett geworfen und konnte nur die zärtlichen Liebesworte stammeln: »O Meister, Meister, Meister! ...« Ihre Lippen hatte sie auf die Stirn des Toten gepreßt; und da sie sie kaum erkaltet, noch lebenswarm fand, konnte sie sich einen Augenblick der Illusion hingeben und glauben, daß er diese letzte, so lange erwartete Zärtlichkeit noch empfunden hätte. Hatte er nicht gelächelt in seiner starren Regungslosigkeit, ganz glücklich darüber, daß er nun endlich vollends sterben konnte, jetzt, wo er sie beide da wußte, sie und das Kind, das sie unter ihrem Herzen trug? Dann aber übermannte sie die schreckliche Wirklichkeit wieder, und sie fing von neuem an, herzzerbrechend zu weinen und zu seufzen. Die alte Martine trat mit einer Lampe ein, die sie abseits auf eine Ecke des Kaminsimses stellte. Und sie hörte, wie Ramond, der Clotilden beobachtete und unruhig darüber war, sie in ihrem Zustande so tief erschüttert zu sehen, gerade sagte: »Ich werde Sie von hier wegführen, wenn es Ihnen an Mut gebricht. Denken Sie daran, daß Sie nicht allein sind, daß das kleine teure Wesen noch da ist, von dem er zu mir mit so großer Freude und so viel zärtlicher Liebe gesprochen hat.« Schon den ganzen Tag über hatte sich die alte Haushälterin über gewisse Redensarten gewundert, die sie zufällig gehört hatte. Jetzt verstand sie sie mit einemmale, und obgleich sie das Zimmer sofort wieder hatte verlassen wollen, blieb sie jetzt da, um noch mehr zu hören. Ramond hatte seine Stimme gedämpft. »Der Schlüssel zu dem großen Schranke liegt unter dem Kopfkissen. Er hat mir zu wiederholtenmalen aufgetragen, es Ihnen zu sagen ... Sie wissen ja wohl, was Sie zu thun haben?« Clotilde versuchte sich zu besinnen und zu antworten. »Was ich zu thun habe? Wegen der Papiere, nicht wahr? ... Ja, ja, ich erinnere mich: die Aktenstücke soll ich behalten und die anderen Manuskripte soll ich Ihnen geben ... Haben Sie keine Furcht! Ich habe noch meinen ganzen Verstand, ich werde sehr vernünftig sein. Aber ich will ihn nicht verlassen, ich werde die Nacht hier bei ihm bleiben und mich ganz ruhig verhalten, ich verspreche es Ihnen.« Sie zeigte in ihrem tiefen Schmerze eine solche feste Entschlossenheit, bei dem Toten bleiben und wachen zu wollen, daß man sie nicht hätte davon abbringen können, und so ließ der Arzt sie gewähren. »Nun gut! Ich verlasse Sie jetzt; man wird mich zu Hause erwarten. Dann gibt es auch noch alle möglichen Formalitäten zu erfüllen, wie die Todesanzeige bei der Behörde, die Bestellung des Begräbnisses. Ich will Ihnen diese Sorge und Mühe ersparen. Sie brauchen sich um gar nichts zu bekümmern. Morgen früh, wenn ich wieder hierherkomme, wird alles geordnet sein.« Er umarmte sie noch einmal und ging weg. Und dann verschwand auch die alte Martine ihrerseits hinter ihm her, sie verschloß die Thüre unten mit dem Schlüssel und lief eiligst durch die Nacht fort, die inzwischen tief dunkel geworden war. Jetzt war Clotilde in dem Zimmer allein; und um sich herum und unter sich spürte sie bei der tiefen Ruhe die Leere des Hauses. Clotilde war allein mit dem toten Pascal. Sie hatte einen Stuhl ganz nahe an das Kopfende des Bettes herangeschoben und sich darauf gesetzt, regungslos und allein. Bei ihrer Ankunft hatte sie nur ihren Hut abgenommen; als sie dann bemerkt hatte, daß sie noch die Handschuhe an den Händen trug, hatte sie auch diese ausgezogen. Sie blieb aber in dem Reisekleide, obgleich es von der langen zwanzigstündigen Eisenbahnfahrt sehr staubig und zerknittert war. Ohne Zweifel hatte der alte Vater Durieu schon lange ihre Koffer unten abgeliefert, und sie dachte weder daran, noch hatte sie die Kraft dazu, sich zu waschen und sich umzukleiden; ganz gebrochen saß sie auf dem Stuhle, auf dem sie niedergesunken war. Ein einziges großes Bedauern, ein einziger nagender Schmerz erfüllten sie. Warum hatte sie gehorcht? Warum hatte sie eingewilligt, fortzugehen? Wenn sie geblieben wäre, so wäre er, wie sie die feste Ueberzeugung hatte, nicht gestorben. Sie würde ihn so sehr geliebt, sie würde ihn mit so viel Zärtlichkeit umgeben und gepflegt haben, daß sie ihn wieder gesund gemacht hätte. Ja wohl, sie hätte ihn in ihre Arme genommen, um ihn einzuschläfern, und ihn mit ihrer ganzen Jugend erwärmt und ihm Leben mit ihren Küssen eingehaucht. Wenn man nicht wollte, daß der Tod einem ein teures Wesen raubte, so schlug man ihn dadurch in die Flucht, daß man ihm von seinem Blute gab. Es war ihre Schuld, wenn sie ihn verloren hatte, wenn sie ihn nicht mehr durch eine zärtliche Umarmung aus dem ewigen Schlummer erwecken konnte. Und sie schalt sich thöricht, daß sie das nicht eingesehen, und schlecht, daß sie sich ihm nicht ganz gewidmet hatte; sie fand sich schuldig und war nun für immer dafür bestraft, daß sie fortgegangen war, wo doch der einfache gesunde Menschenverstand, wenn es nicht das Herz that, sie hier hätte festhalten müssen in ihrem Amte als unterwürfige, in Liebe ergebene Sklavin, die über ihren König wacht. Die Stille war eine so vollständige, so tiefe, daß Clotilde einen Augenblick die Augen von dem Gesichte Pascals abwandte und sich im Zimmer umsah. Sie erkannte aber nur unbestimmte Schatten: die Lampe beleuchtete von der Seite das Glas des großen Stehspiegels, so daß es einem Schilde von mattem Silber glich; und die beiden Kerzen bildeten unter dem hohen Plafond nur zwei gelbe Flecken. In diesem Augenblicke kam ihr der Gedanke an die Briefe wieder, die er ihr geschrieben hatte und die so kurz und frostig waren; und sie verstand jetzt die Qualen, die er ausgestanden hatte, um seine Liebe zu ersticken. Welche Kraft hatte er nötig gehabt zur Verwirklichung des so erhabenen und doch so unseligen Glücksplanes, den er für sie ersonnen hatte! Er hatte sich in den Kopf gesetzt, zu verschwinden, sie vor seinem Greisenalter und vor seiner Armut zu erretten; er hatte davon geträumt, sie reich und frei zu machen, damit sie ferne von ihm ihre sechsundzwanzig Jahre genießen konnte; es war von seiner Seite das vollständige Selbstvergessen, das gänzliche Aufgehen in der Liebe zu einem andern Wesen. Und sie vergalt es ihm durch eine tiefempfundene Dankbarkeit und Zärtlichkeit, die aber mit einer gewissen Bitterkeit und Gereiztheit gegen das schlimme Geschick verbunden war. Dann traten ihr mit einemmale all die vielen glücklichen Stunden vor das Gedächtnis, die sie bei ihm verlebt hatte, ihre so schöne und so fröhliche Kindheit und Mädchenzeit. Wie hatte er sie langsam durch seine Liebe erobert, wie hatte sie sich als die Seine gefühlt nach den Kämpfen, die sie einen Augenblick entzweit hatten, und in welchem Uebermaß der Freude hatte sie sich ihm hingegeben, um ihm immer noch mehr, um ihm ganz anzugehören, da er sich ja nach ihr sehnte; und in diesem Zimmer, in dem er zur Stunde kalt zu werden anfing, empfand sie noch die wollüstige Wärme und den süßen Schauer der zärtlichen Liebesnächte, die sie hier zusammen verbracht hatten. Sieben schlug es an der Uhr, und Clotilde erschrak über die leisen Schläge in der tiefen Stille rings umher. Wer hatte denn gesprochen? Dann besann sie sich wieder und sah die Uhr an, deren Schläge so viele Stunden der Freude verkündet hatten. Diese alte Uhr hatte die meckernde Stimme einer sehr bejahrten Freundin, über die sie sich immer belustigt hatten, wenn sie in dunkler Nacht wach einander in den Armen lagen. Und jetzt stiegen für sie von allen Möbeln Erinnerungen auf. Ihre beiden Gestalten schienen sich von dem silberglänzenden, matten Glase des großen Stehspiegels abzuheben, undeutlich, fast in einander verschwommen, mit einem flüchtigen Lächeln auf den Lippen, wie in jenen seligen Tagen, wo er sie vor den großen Stehspiegel geführt hatte, um sie mit irgend einem Kleinode zu schmücken, einem Geschenk, das er in seiner Schenkwut seit dem Morgen vor ihr versteckt gehalten hatte. Da war auch der Tisch, auf dem die beiden Kerzen brannten, der kleine Tisch, an dem sie während der Zeit ihres Unglücks ihre Mahlzeit abgehalten hatten an dem Abend, wo sie nur trockenes Brod gegessen und wo sie ihm dann ein königliches Fest bereitet hatte. Und welche Zeichen ihrer Liebe würde sie erst in der Kommode aus weißem Marmor mit der ringsherumlaufenden Galerie gefunden haben! Und wie herzlich hatten sie gelacht auf dem großen Lehnstuhl mit den steifen Beinen, wenn sie ihre Strümpfe darauf legte und er sie neckte! Selbst von der Tapete, dem alten bedruckten, verblaßten roten Kattun, der orangenfarbig geworden war, schien ihr ein Geflüster auszugehen, welches ihr alles das zuraunte, was sie sich Liebes und Zärtliches gesagt hatten, all die endlosen Kindereien ihrer Leidenschaft; alles bis auf den Duft ihrer Haare, einen leisen Veilchengeruch, den er so sehr liebte, erinnerte sie an ihn. Als dann das Vibriren der sieben Schläge der Uhr aufgehört hatte, das lange in ihrem Herzen nachhallte, wendete sie die Augen zurück auf das regungslose Gesicht Pascals und brach von neuem haltlos zusammen. In dieser vollständigen Fassungslosigkeit vernahm sie einige Minuten später plötzlich ein leises Weinen und Wehklagen. Wie ein Windstoß war man eingetreten. Sie erkannte ihre Großmutter Felicité. Aber sie rührte sich nicht, sie sprach nicht, so sehr war sie schon von ihrem Schmerze abgestumpft. Martine war dem Auftrage, den man ihr sicherlich gegeben haben würde, zuvorgekommen und schnell zu der alten Frau Rougon gelaufen, um ihr den traurigen Fall mitzuteilen. Frau Felicité war zuerst ganz starr über dieses so rasche Ende, dann eilte sie verstört unter lautem Wehklagen herbei. Sie weinte an der Leiche ihres Sohnes, sie umarmte Clotilden, die ihr wie im Traume einen Kuß zurückgab. Von diesem Augenblicke an merkte Clotilde, ohne aus ihrer Niedergeschlagenheit, in der sie sich abgesondert hatte, herauszutreten, an dem fortwährenden Hin- und Herrücken von Möbeln und dem ewigen Ab- und Zugehen, dessen gedämpfter Klang bis zu ihr in das Zimmer drang, daß sie nicht mehr allein war. Es war Frau Felicité, die weinte, leise auf den Fußspitzen hereinkam und dann wieder hinausging, die etwas in Ordnung rückte, die flüsterte, die umherspürte oder sich in einen Stuhl niederfallen ließ, von dem sie aber alsbald wieder aufstand. Und gegen neun Uhr wollte sie durchaus ihre Enkelin bestimmen, etwas zu essen. Schon zweimal hatte sie ihr mit ganz leiser Stimme Predigten gehalten. Jetzt kam sie wieder und flüsterte ihr ins Ohr: »Clotilde, mein liebes Kind, ich versichere Dich, Du thust unrecht! ... Du mußt Kräfte sammeln, sonst wirst Du es gewiß nicht, bis alles vorüber ist, aushalten.« Aber die junge Frau weigerte sich durch Kopfschütteln eigensinnig, etwas zu genießen. »Du hast jedenfalls in der Bahnhofrestauration in Marseille gefrühstückt, nicht wahr? Und seit dieser Zeit hast Du nichts wieder gegessen ... Ist das wohl vernünftig? Ich will nichts davon wissen, daß auch Du noch krank wirst ... Martine hat Bouillon vorrätig. Ich habe ihr den Auftrag gegeben, Dir eine leichte Suppe zu machen und ein Hühnchen hinein zu thun ... Komm jetzt mit hinunter und iß ein paar Bissen! Nur ein paar Bissen! Ich werde einstweilen hier bleiben.« Mit dem gleichen leidensvollen Kopfschütteln weigerte sich Clotilde immer wieder. Schließlich sagte sie mit leiser, zitternder Stimme: »Laß mich, Großmama, ich bitte Dich ... Ich würde nichts essen können, es würde mich ersticken!« Und dann sagte sie nichts mehr. Gleichwohl aber schlief sie nicht: ihre großen Augen hatte sie weit geöffnet; mit starrem Blicke waren sie auf das Gesicht Pascals gerichtet. Während vieler Stunden machte sie nicht die leiseste Bewegung, steif und starr, wie geistesabwesend, saß sie bei dem Toten da. Um zehn Uhr vernahm sie ein Geräusch: es war die alte Martine, die die Lampe herauf brachte. Gegen elf Uhr wurde Frau Felicité, die in einem Lehnstuhle wachend gesessen hatte, von einer lebhaften Unruhe erfaßt. Sie verließ das Zimmer, kam aber bald wieder zurück. Von da an gab es ein fortwährendes Hin- und Hergehen, ein unruhiges Getriebe um die junge Frau herum, die hell wach war und mit weitgeöffneten Augen starr vor sich hinblickte. Es schlug Mitternacht. Nur ein einziger Gedanke arbeitete unablässig und hartnäckig in ihrem leeren Gehirn und hinderte sie wie ein Stachel am Einschlafen. Warum hatte sie gehorcht? Wenn sie geblieben wäre, dann hätte sie ihn mit ihrer ganzen Jugend erwärmt und gestärkt, und dann wäre er nicht gestorben. Und es war kurz vor ein Uhr, als sie fühlte, wie sich dieser Gedanke verwirrte und in einen quälenden Traum verlor. Sie versank in einen tiefen, dumpfen Schlaf, von Schmerz und Müdigkeit ganz erschöpft. Als Martine zu der alten Frau Rougon gelaufen war, um ihr den unerwarteten Tod ihres Sohnes zu melden, hatte diese zunächst nur einen zornigen Schrei und Klagen in ihrer Bestürzung ausgestoßen. Der sterbende Pascal hatte sie nicht sehen wollen, ja, er hatte sogar die alte Haushälterin schwören lassen, daß sie ihr keine Mitteilung davon machte. Das traf sie bis auf das Blut, gleich als ob der Streit, der das ganze Leben zwischen ihr und ihm bestanden hatte, auch noch über das Grab hinaus dauern sollte. Als sie dann, nachdem sie sich in aller Eile angezogen hatte, hinaus auf die Souleiade geeilt war, hatte sie der Gedanke an die schrecklichen Akten, an alle die Manuskripte, mit denen der große Schrank angefüllt war, in leidenschaftliche Aufregung versetzt. Jetzt, wo der Onkel Macquart und die Tante Dide tot waren, fürchtete sie sich nicht mehr vor dem, was sie die Schande von Les Tulettes nannte; und ebenso hatte der arme kleine Charles durch seinen Hingang einen der schlimmsten Schandflecke der Familie ausgetilgt. Es blieben nur noch die Akten, die gräßlichen Akten übrig, welche die Triumphlegende der Rougons bedrohten, deren Zustandekommen sie ihr ganzes bisheriges Leben gewidmet hatte, die die einzige Beschäftigung ihres Alters war, das Werk, dessen endlichem Triumph die letzten Anstrengungen ihres rastlosen und ränkevollen Geistes galten. Seit langen Jahren schon hatte sie nimmermüde ihnen nachgestellt; immer wieder von neuem hatte sie den Kampf begonnen, wenn man sie für geschlagen hielt, und stets lag sie unverdrossen auf der Lauer. Ah, wenn sie sich jetzt endlich ihrer bemächtigen, wenn sie sie jetzt endlich vernichten könnte! Das würde die Vernichtung der abscheulichen Vergangenheit sein, das würde der so schwer erkämpfte Ruhm der Ihrigen sein, der von jeder drohenden Gefahr befreit wäre, der sich endlich ungehindert ausbreiten und sein ganzes erlogenes Sein in die Geschichte bringen konnte! Und sie sah sich schon im Geiste, wie sie die drei Quartiere von Plassans durchschritt in der stolzen Haltung einer Königin in edler, vornehmer Trauer um das gestürzte Kaiserreich und wie sie von allen Seiten ehrerbietig gegrüßt wurde. Und als ihr die alte Martine erzählt hatte, daß Clotilde auch da sei, beschleunigte sie ihren Gang, wie sie näher an die Souleiade herankam, getrieben von der Furcht, zu spät zu kommen. Uebrigens beruhigte sich Felicité sofort als sie in dem Haus drinnen war. Nichts drängte, man hatte ja die ganze Nacht vor sich. Dennoch wollte sie, ohne noch länger zu warten, sofort die alte Martine auf ihre Seite bringen; und sie wußte ganz genau, was auf die alte, einfache Person, die in den beschränkten Anschauungen einer engen Religion befangen war, einwirken würde. Ihr erstes Bemühen war daher, unten, mitten in der Unordnung der Küche, wohin sie sich begeben hatte, um zu sehen, wie das Hühnchen gebraten würde, große Verzweiflung zu heucheln bei dem Gedanken, daß ihr Sohn gestorben wäre, ohne vorher seinen Frieden mit der Kirche gemacht zu haben. Sie fragte die alte Haushälterin aus und verlangte von ihr die näheren Einzelheiten zu wissen. Diese schüttelte aber in tiefer Verzweiflung den Kopf: Nein, kein Priester wäre da gewesen, ja, der Herr Doktor hätte nicht einmal das Zeichen des Kreuzes gemacht. Sie allein wäre niedergekniet, um die Sterbegebete zu sprechen, was aber sicherlich für das Heil einer Seele nicht genügend gewesen wäre. Aber mit welcher Glut hatte sie zu dem lieben Gotte gebetet, damit der Herr Doktor auf geradem Wege in das Paradies käme! Die Augen starr auf das Hühnchen gerichtet, das über einem großen Feuer am Spieße gebraten wurde erwiderte Felicité mit leiser Stimme und sorgenvoller Miene: »Ach, meine arme Alte! Das, was vor allem ihn hindert, in das Paradies einzugehen, das sind jene abscheulichen Papiere, die der Unglückliche oben in dem großen Schranke zurückgelassen hat. Ich kann nicht verstehen, warum noch kein Blitz vom Himmel diese Papiere getroffen hat. Wenn man sie von hier hinausläßt, so wird es ein Unglück, dann wird es eine ewige Schande, eine Hölle für, immer sein!« Ganz blaß hatte Martine ihr zugehört. »Sie glauben also, Frau Rougon, daß es ein gutes Werk sein würde, sie zu vernichten, ein Werk, das den Frieden und die Ruhe der Seele des Herrn Doktors sichern würde?« »Großer Gott! Ob ich es glaube! Aber wenn wir sie hätten, diese gräßlichen Papierwische, dann würde ich sie mit eigener Hand dort in jenes Feuer werfen! Ah! Dann brauchtest Du kein Holz mehr dazu zu legen, die Manuskripte von da oben, die würden schon allein vollkommen genügend sein, drei Hühner wie das dort zu braten.« Die alte Haushälterin hatte einen großen Löffel in die Hand genommen, um das Huhn zu übergießen. Auch sie schien jetzt nachzudenken. »Wir haben sie aber ja noch gar nicht ... Ich selbst habe ein Gespräch über diesen Gegenstand mit angehört, das ich Ihnen wieder erzählen werde, Frau Rougon. Als Fräulein Clotilde in das Zimmer hinaufgegangen war, fragte sie Herr Doktor Ramond, ob sie sich noch der Anordnungen erinnerte, die sie ohne Zweifel vor ihrer Abreise erhalten hätte; und sie sagte, daß sie sich noch ganz genau daran erinnerte, daß sie die Akten behalten und alle die anderen Manuskripte ihm übergeben sollte.« Felicité fing an zu zittern und konnte ihre Angst und Unruhe nicht verbergen. Schon sah sie die Papiere ihren Händen entschlüpfen; und es waren nicht allein die Akten, die sie haben wollte, sondern alle die beschriebenen Blätter, jenes ganze unbekannte, dunkle und verdächtige Werk, von dem nur ein Skandal ausgehen konnte nach ihrem strengen und leidenschaftlichen Sinn, als Tochter der alten, stolzen Bourgeoisie. »Wir müssen handeln!« rief sie vor Aufregung zitternd, »und zwar noch in dieser Nacht! Morgen würde es vielleicht schon zu spät sein.« »Ich weiß genau, wo der Schlüssel zu dem Schranke ist,« sagte die alte Martine mit leiser Stimme. »Herr Doktor Ramond hat es dem Fräulein gesagt.« Felicité hatte sofort ihre Ohren gespitzt. »Wo ist denn der Schlüssel?« »Unter dem Kopfkissen, unter dem Kopfe des Herrn Doktor.« Trotz des lebhaft flammenden Feuers des Rebholzes zog doch ein schwacher kalter Windhauch durch die Küche; die beiden Frauen schwiegen. Man vernahm nur noch das Knistern der Fleischbrühe, die von dem Huhn in die Bratpfanne hinuntertropfte. Nachdem dann Frau Rougon allein und rasch gegessen hatte, ging sie mit der alten Martine hinauf. Von jetzt an war der Bund geschlossen, ohne daß sie noch weiter mit einander gesprochen hatten. Es war beschlossen, daß sie sich der Papiere noch vor Tagesanbruch bemächtigen wollten auf jede mögliche Art und Weise, wie es gerade gehen würde. Das einfachste war noch, den Schlüssel unter dem Kopfkissen des Toten wegzunehmen. Clotilde würde doch gewiß endlich einschlafen; sie schien vollständig erschöpft zu sein und würde schließlich doch von der Müdigkeit überwältigt werden. Es handelte sich also nur darum zu warten. Sie legten sich daher auf die Lauer und gingen ab und zu leise aus dem Arbeitssaal hinüber in das Zimmer, in dem der Tote lag, um nachzusehen, ob sich die großen, weit geöffneten und starrblickenden Augen der jungen Frau noch immer nicht geschlossen hätten. Immer war die eine von ihnen unterwegs, um nachzusehen, während die andere im Saale ungeduldig wartete, wo eine Lampe rauchend brannte. Das dauerte bis gegen Mitternacht, von Viertelstunde zu Viertelstunde. Die grundlosen Augen, die voll von Schatten und namenloser Verzweiflung waren, blieben weit geöffnet. Kurz vor Mitternacht setzte sich Felicité wieder in den Lehnstuhl, der am Fuße des Bettes stand, fest entschlossen, diesen Platz nicht eher zu verlassen, als bis ihre Enkelin eingeschlafen wäre. Ihre Blicke ruhten unausgesetzt auf der jugendlichen Gestalt, und sie bemerkte zu ihrem großen Aerger, daß sie kaum mit den Augenlidern zuckte in ihrer starren Untröstlichkeit, die den Schlaf gänzlich verscheuchte. Dann war sie es, die schließlich bei diesem Stillsitzen von der Schlafsucht befallen wurde. Aufgebracht darüber konnte sie nicht länger sitzen bleiben. Und sie suchte von neuem die alte Martine auf. »Es ist umsonst! Sie wird nicht einschlafen!« sagte sie mit halb erstickter und vor Wut zitternder Stimme. »Wir müssen uns etwas anderes ausdenken.« Ihr war der Gedanke schon gekommen, den Schrank aufzubrechen. Aber das alte Eichenholzgefüge schien unerschütterlich zu sein, und die alten Eisenbeschläge hielten fest. Mit was sollten sie das Schloß aufsprengen? Ganz ohne davon zu sprechen, welchen fürchterlichen Lärm das verursachen würde. Und diesen Spektakel würde man natürlich auch in den nebenanliegenden Zimmern hören. Sie hatte sich inzwischen vor die dicken Thüren hingestellt, betastete sie mit ihren Fingern und suchte nach schwachen Stellen. »Wenn ich nur irgend ein Werkzeug hätte ...!« Die alte Martine, die weniger leidenschaftlich war, unterbrach sie, indem sie dagegen laut Einspruch erhob: »Nein, nein, Frau Rougon!... Man würde uns überraschen! ... Warten Sie, vielleicht schläft das Fräulein doch!« Auf den Fußspitzen schlich sie sich in das Zimmer und kam sofort wieder zurück. »Ja, sie schläft! ... Ihre Augen sind geschlossen, sie rührt sich nicht mehr.« Darauf gingen sie alle beide in das Sterbezimmer, um nachzusehen. Sie hielten ihren Atem an und versuchten mit der größten Vorsicht jedes Krachen des Fußbodens zu vermeiden. Clotilde war in der Tat soeben eingeschlafen. Ihre Entkräftung schien so groß zu sein, daß die beiden alten Frauen neuen Mut bekamen. Aber sie fürchteten dennoch sie aufzuwecken, wenn sie an sie stießen, denn sie hatte ihren Stuhl ganz nahe an das Bett herangerückt. Und es war auch eine ruchlose und schreckliche That, mit der Hand unter das Kopfkissen eines Toten zu fassen und ihn zu berauben, und die Furcht davor erfaßte sie beide. Würde man ihn dadurch nicht in seiner Ruhe stören? Würde er sich nicht unter der Berührung bewegen? Dieser Gedanke ließ sie erblassen. Felicité war schon an das Bett herangetreten und hatte die Hand ausgestreckt. Aber sie zog sie wieder zurück. »Ich bin zu klein,« stammelte sie. »Versuche Du es einmal, Martine!« Die alte Haushälterin näherte sich jetzt dem Bette. Aber sie wurde von einem zu heftigen Zittern ergriffen, daß sie wieder zurücktreten mußte, um nicht hinzufallen. »Nein, nein! Ich kann nicht! Es ist mir, als ob der Herr Doktor die Augen öffnete!« Und zitternd und bestürzt blieben sie noch einen Augenblick in dem Zimmer, in dem tiefe Grabesruhe und die Majestät des Todes herrschte, im Angesichte des für immer regungslosen Pascal und der ohnmächtigen Clotilde, die unter dem schweren Leid ihrer Witwenschaft zusammengebrochen war. Vielleicht erschien ihnen der Adel eines edlen, der Arbeit gewidmeten Lebens an jenem stillen Kopfe, der mit seinem ganzen Gewichte sein Werk behütete. Die Flammen der beiden Kerzen brannten sehr bleich. Ein heiliger Schrecken ging durch das Zimmer und trieb sie in die Flucht. »Komm, Martine, komm! Wir werden etwas anderes ausfindig machen. Wir wollen nach irgend einem Handwerkszeuge suchen!« In dem Arbeitssaale atmeten sie wieder erleichtert auf. Die alte Haushälterin erinnerte sich alsdann, daß der Schlüssel zum Sekretär auf dem Nachttischchen des Herrn Doktor liegen müßte, wo sie ihn am vorhergehenden Tage während eines Anfalles bemerkt hatte. Sie gingen hin, um nachzusehen. Die Mutter hegte gar keine Bedenken und öffnete den Sekretär. Aber sie fand nur die fünftausend Franken darin, die sie ruhig in der Schublade liegen ließ, denn das Geld hatte für sie gar keinen Wert. Vergebens suchte sie nach dem Stammbaum, der, wie sie wußte, gewöhnlich dort lag. Sie hätte gar zu gerne mit ihm ihr Zerstörungswerk begonnen! Er war auf dem Schreibtische im Arbeitssaale liegen geblieben, und sie sollte ihn dort nicht entdecken in der fieberhaften und leidenschaftlichen Erregtheit, die sie die verschlossenen Möbel durchstöbern ließ, ohne ihr die ruhige und klare Ueberlegung zu lassen, auf methodische Weise vorzugehen und vor allem in ihrer nächsten Umgebung zu suchen. Ihr sehnsüchtiges Verlangen führte sie wieder zu dem Schranke zurück, vor den sie sich hinstellte; sie maß ihn und verschlang ihn ordentlich mit ihren eroberungssüchtigen Blicken. Trotz ihrer kleinen Gestalt, trotz der achtzig Lebensjahre, die sie schon hinter sich hatte, besaß sie infolge ihrer rastlosen Thätigkeit noch eine außerordentliche Kraft. »Ach!« wiederholte sie, »wenn ich doch nur irgend ein Werkzeug hätte!« Und sie suchte von neuem nach einer Spalte in dem Kolosse oder einem Risse, in dem sie die Finger hineinstecken konnte, um ihn zu erweitern. Sie erdachte Angriffspläne und träumte von Gewaltakten bis sie dann schließlich auf die List zurückkam, auf irgend einen verräterischen Zufall, der ihm die Thürflügeln öffnen sollte, nur dadurch, daß er darüber hinwehte. Plötzlich erstrahlten ihre Augen; sie hatte gefunden, was sie brauchte. »Sage einmal, Martine, es ist doch ein Haken da, der den ersten Flügel festhält?« »Ja, Frau Rougon, er hält sich in einen Angelring ein unter der Holzplatte in der Mitte ... Sehen Sie, er befindet sich beinahe in der Höhe dieser Verzierung hier.« Felicité stieß einen leisen Jubelruf über ihren nun gewissen Sieg aus. »Du hast jedenfalls einen Bohrer, Martine, einen großen Bohrer? ... Hole mir ihn schnell!« Rasch stieg Martine die Treppe hinunter in ihre Küche und brachte das geforderte Handwerkszeug mit herauf. »Auf diese Weise, siehst Du, werden wir keinen Lärm machen,« sagte Frau Rougon und machte sich sofort an die Arbeit. Mit auffallender Kraft, die man gar nicht mehr in diesen durch das Alter ausgetrockneten Händen vermutet hatte, setzte sie den Bohrer an und bohrte ein erstes Loch in der von der alten Haushälterin angegebenen Höhe. Aber das war zu tief, sie fühlte, daß sich die Spitze dann in die Platte eingrub. Ein zweites Loch führte sie jedoch gerade auf das Eisen des Hakens. Diesmal war es zu genau getroffen. Sie bohrte nun rechts und links noch eine Anzahl von Löchern, bis sie den Haken erreichen und nun den Ring herausstoßen konnte, wozu sie sich auch des Bohrers bediente. Der Riegel des Schlosses schob sich heraus, und die beiden Thürflügel sprangen auf. »Endlich!« rief Felicité ganz außer sich vor Freude. Dann aber blieb sie besorgt ganz still stehen und lauschte gespannt nach dem Zimmer hin, da sie fürchtete, Clotilden aufgeweckt zu haben. Aber das ganze Haus lag in tiefem Schlafe, und eine feierliche nächtliche Stille herrschte rings umher. Von dem Zimmer her wehte nur ununterbrochen ein Hauch der erhabenen Ruhe des Todes, und sie vernahm nichts als die helle Stimme der Uhr, die mit einem Schlage die erste Morgenstunde verkündete. Und der Schrank stand weit offen und zeigte in der gähnenden Oeffnung auf drei übervollen Fächern gewaltige Stöße von Papieren. Da stürzte sie sich darauf los, und das Werk der Zerstörung begann inmitten des heiligen Dunkels und der unendlichen Ruhe der Nachtwache bei dem Toten. »Endlich!« wiederholte sie mit ganz leiser Stimme. »Endlich habe ich erreicht, was ich seit dreißig Jahren erstrebe und erwarte! ... Wir müssen uns beeilen, Martine, wir müssen uns beeilen! Komm, hilf mir!« Schon hatte sie den hohen Pultstuhl herbeigeholt und war mit einem Satze hinaufgesprungen, um zuerst die Papiere aus dem obersten Fache herabzuholen, denn sie erinnerte sich, daß sich dort die verhaßten Akten befanden. Aber sie war sehr erstaunt, dort die Umschläge aus starkem blauem Papier nicht anzutreffen, sondern es standen nur dicke Manuskripte da, die vollendeten und noch nicht veröffentlichten Werke des Doktors, unschätzbare Arbeiten, alle seine Untersuchungen, alle seine Entdeckungen, das Denkmal seines zukünftigen Ruhmes, welches er Ramond vermacht hatte, damit dieser die Sorge dafür übernehmen sollte. Ohne Zweifel hatte er einige Tage vor seinem Tode, in dem Glauben, daß allein nur die Akten bedroht seien und daß niemand in der Welt wagen würde, auch seine anderen Werke zu vernichten, eine Umstellung, eine neue Ordnung vorgenommen, um die Akten den ersten Nachforschungen zu entziehen. »Ah, um so schlimmer!« murmelte Felicité. »Aber es muß sein! Wenn wir zu unserem Ziele gelangen wollen, so ist es ganz gleich, an welchem Punkte wir anfangen! ... Paß auf, Martine! Ich werde Dir alles zuwerfen.« Und sie leerte das Fach und warf die Manuskripte, eines nach dem anderen, in die Arme der alten Haushälterin, die sie mit so wenig wie möglich Geräusch auf den Tisch hinstellte. Bald war der Haufen unten, und sie sprang von dem Stuhle herab. »Ins Feuer! Ins Feuer damit! ... Schließlich werden uns auch die anderen Papiere in die Hände fallen, die ich vor allem suche ... Ins Feuer! Ins Feuer! Zunächst diese hier! Alles, bis auf das kleinste Stückchen Papier, bis auf die unleserlichste Notiz, alles ins Feuer, ins Feuer, wenn wir sicher sein wollen, diese ansteckende Seuche ganz zu vernichten!« Sie riß selbst in ihrem wilden, fanatischen Hasse gegen die Wahrheit, in dem leidenschaftlichen Verlangen, das Zeugnis der Wissenschaft zu zerstören, die erste Seite aus einem Manuskript heraus, zündete sie an der Lampe an und warf diesen flammenden Feuerbrand in das große Kamin, in dem vielleicht seit zwanzig Jahren kein Feuer mehr gebrannt hatte, und sie nährte die Flamme, indem sie fortfuhr, stückweise den Rest des Manuskripts darauf zu werfen. Die alte Haushälterin, ebenso entschlossen wie sie, war ihr dabei zu Hilfe gekommen und hatte ein anderes großes Heft ergriffen, das sie gleichfalls in einzelne Stücke zerriß und in das Kamin warf. Von da an ging das Feuer nicht aus, das hohe Kamin füllte sich mit einer lodernden Flammenglut, einer lichten Feuergarbe, die auf Augenblicke weniger hell brannte, um dann mit verdoppelter Gewalt und Stärke emporzuschießen, wenn neuer Brennstoff ihr zugeführt wurde. Die Glut wurde nach und nach immer stärker, ein großer Haufen seiner Asche baute sich auf, und eine dichte Lage verkohlter schwarzer Blätter sammelte sich an, aus der Millionen von Funken heraussprühten. Aber es war eine langwierige Arbeit, eine Arbeit ohne Ende; denn wenn man zu viel Seiten auf einmal hineinwarf, dann brannten sie nicht, und man mußte sie aufschütteln und mit den Feuerzangen wieder herausziehen; und das beste war, sie zu zerknittern und zu warten, bis sie gut angebrannt waren, bevor man sie zu den anderen in das Kamin warf. Nach und nach nahm ihre Geschicklichkeit zu, und die Arbeit schritt rüstig vorwärts. In der Hast, einen neuen Arm voll Papier zu ergreifen, stieß Felicité an einen Fauteuil. »O, Frau Rougon! Nehmen Sie sich in acht!« sagte Martine, »wenn man käme!« »Kommen, wer denn? Etwa Clotilde? Die schläft gut, das arme Mädchen! ... Und wenn sie dann kommt, wenn alles zu Ende ist, dann mache ich mir nichts mehr daraus! Ich werde mich gewiß nicht verstecken, ich werde den leeren Schrank ganz weit offen stehen lassen und aller Welt laut verkünden, daß ich das Haus gesäubert habe ... Wenn nicht eine einzige Zeile Geschriebenes mehr vorhanden ist, ah, mein Gott! dann ist mir alles andere vollständig gleichgiltig!« Beinahe zwei Stunden lang brannte der Kamin. Sie waren zu dem Schrank zurückgekehrt und hatten auch die beiden anderen Fächer noch ausgeräumt, so daß nur noch das übrig war, was unten auf dem Boden des Schrankes lag: wie es schien, ein wirres Durcheinander von allerlei Papieren. Wie berauscht von der Hitze des Freudenfeuers, atemlos und in Schweiß gebadet überließen sie sich ganz ihrer wilden Zerstörungswut. Sie kauerten sich nieder und fragten nicht darnach, daß ihre Hände schwarz wurden, als sie die nur halbverkohlten Blätter zerstießen; und sie waren so heftig und leidenschaftlich in allen ihren Bewegungen, daß Strähne ihrer grauen Haare in wirrer Unordnung auf ihre Kleider herabhingen. Es war ein Tanz von Hexen, dieses Martyrium eines Heiligen, bei dem auf einem Höllen-Scheiterhaufen seine niedergeschriebenen Gedanken verbrannt, eine ganze Welt von Wahrheit und Hoffnung vernichtet wurde! Und die große Helligkeit, die auf Augenblicke die Lampe ganz matt erscheinen ließ, erfüllte das weite Gemach und ließ ihre Schatten in maßlosen Dimensionen an dem hohen Plafond tanzen. Als aber Felicité den Boden unten im Schranke leeren wollte, nachdem sie schon ganze Hände voll Papiere von dem wirren Durcheinander, das dort aufgehäuft lag, verbrannt hatte, stieß sie einen halb erstickten Triumphschrei aus. »Ah, da sind sie! ... Ins Feuer! Ins Feuer!« Endlich war sie auf die Aktenbündel gestoßen. Ganz unten, hinter dieser Schutzmauer von Papieren, hatte der Doktor die Umschläge aus starkem blauem Packpapier versteckt. Und nun folgte eine Scene wahnsinniger Zerstörungswut, wie sie die Aktenbündel mit beiden Händen vom Boden zusammenrafften und in die Flammen warfen, so daß diese hoch emporschossen und das Kamin mit knisternder Glut erfüllten. »Sie brennen! Sie brennen! ... Endlich brennen sie doch! ... Martine, hier noch das und dann noch das da! ... Ah, welches Feuer, welches große Feuer!« Aber die alte Haushälterin wurde von Unruhe und Angst ergriffen. »Nehmen Sie sich in acht, Frau Rougon! Sie können das Haus in Brand setzen! ... Hören Sie nicht das Sausen und Prasseln?« »Ah, was würde das denn machen! Es kann alles ruhig verbrennen! ... Sie verbrennen! Sie verbrennen! Ah, wie schön ist das! ... Noch drei, noch zwei, und jetzt das letzte noch, das verbrennen muß!« Sie lachte vergnügt und war sehr heiter und ausgelassen, als plötzlich große Stücke brennenden Rußes im Kamin herunterfielen. Das Prasseln und Knistern war fürchterlich, das Feuer in dem Kamin, den man niemals gekehrt hatte, brannte weiter. Das schien sie noch mehr aufzuregen, während die alte Haushälterin den Kopf verlor und anfing, laut schreiend im Zimmer umher zu rennen. Clotilde schlief an der Seite des toten Pascal in der erhabenen Ruhe des Sterbezimmers, kein anderes Geräusch war zu vernehmen, als der feine, zitternde Schlag der Uhr, die die dritte Morgenstunde verkündigte. Die Kerzen brannten in großen, unbeweglichen Flammen, nicht der geringste Hauch bewegte die Luft. Und in ihrem schweren, traumlosen Schlafe hörte sie dennoch etwas wie einen Tumult, ein immer lauteres Jagen eines bösen Traumes. Und als sie dann ihre Augen wieder geöffnet hatte, war sie sich für den ersten Augenblick ihrer Lage nicht klar bewußt. Wo war sie? Warum zerdrückte ihr diese ungeheure Last das Herz? Ein heftiger Schrecken brachte sie endlich wieder in die Wirklichkeit zurück: sie sah den toten Pascal wieder, sie hörte die Schreie der alten Martine in dem Nebenzimmer; erschreckt sprang sie auf und stürzte nach der Thüre hin, um zu sehen, was passirt war. Aber schon von der Schwelle aus erkannte Clotilde die ganze Scene mit grausamer Deutlichkeit, sie sah den großen Schrank weit offen stehen und vollständig geleert; sie erkannte die alte Martine, die aus Angst vor dem Feuer den Verstand ganz verloren hatte, sie sah ihre Großmutter Felicité, der der Triumph aus den Augen leuchtete und die mit dem Fuße die letzten Fragmente der Akten in das Feuer stieß. Dichter Rauch und fliegender Ruß erfüllte den Saal, in dem das Prasseln des Feuers wie das Röcheln eines zum Tode Verwundeten klang; das war das wilde Jagen gewesen, das sie soeben in ihrem Schlafe vernommen hatte. Und der Schrei, der von ihren Lippen kam, war der gleiche, den Pascal in jener Sturmnacht ausgestoßen, als er sie überrascht hatte, wie sie im Begriffe stand, ihm die Papiere zu rauben. »Räuberinnen! Mörderinnen!« Sogleich war sie nach dem Kamine hingesprungen, und trotz des schrecklichen Prasselns, trotz der großen Stücke rotglühenden Rußes, die fortwährend herabfielen, trotz der großen Gefahr, daß ihre Haare Feuer fingen und sie sich die Hände verbrannte, ergriff sie eine Hand voll der noch nicht ganz verbrannten Blätter und löschte mutig die glimmenden Stellen, indem sie sie fest an sich drückte. Aber es war nur sehr wenig, was sie gerettet hatte, kaum einige Trümmer, nicht eine einzige vollständige Seite, nicht ein Stück der großen Arbeit, des fleißigen und gewaltigen Werkes eines ganzen Lebens, das das Feuer soeben hier in zwei Stunden zerstört hatte. Und ihr Zorn steigerte sich zu einem heftigen Ausbruch wilder Empörung. »Ihr seid Räuberinnen! Ihr seid Mörderinnen! ... Das ist ein abscheulicher Mord, den Ihr soeben begangen habt! Ihr habt den Tod entheiligt! Ihr habt den Gedanken gemordet, ihr habt das Genie gemordet!« Die alte Frau Rougon zog sich nicht verlegen zurück; sie trat im Gegenteile mit stolzerhobenem Kopfe und ohne alle Gewissensbisse vor und verteidigte den Urteilsspruch, der auf Zerstörung lautete und den sie gefällt und ausgeführt hatte. »Sprichst Du so zu mir, zu mir, Deiner Großmutter? ... Ich habe gethan, was ich habe thun müssen und was Du einstens mit uns thun wolltest.« »Damals hattet Ihr mich irre gemacht. Aber ich habe gelebt, ich habe geliebt, ich habe begriffen ... Dann war das eine heilige Erbschaft, die meinem Mute vermacht war, der letzte Gedanke eines Verstorbenen, das, was noch übrig war von einem großen Geiste und vor dem ich Allen Ehrfurcht einflößen sollte ... Ja, Du bist meine Großmutter, und es ist, als ob Du soeben Deinen Sohn verbrannt hättest!« »Pascal verbrennen, weil ich seine Papiere verbrannt habe?« rief Felicité aufgeregt. »O, ich würde die ganze Stadt verbrannt haben, um den Ruhm unserer Familie zu retten!« Sie schritt immer weiter vor als Kämpferin, als Siegerin, und Clotilde, welche die geschwärzten und von ihr geretteten Fragmente auf den Tisch gelegt hatte, verteidigte sie mit ihrem Körper in der Angst, Felicité würde sie wieder in das Feuer zurückschleudern. Aber sie würdigte sie gar keines Blickes und beunruhigte sich auch weiter nicht wegen des Feuers im Kamine, das dann glücklicherweise von selber ausging, während die alte Martine mit der Kohlenschaufel die letzten Haufen brennenden Rußes und glimmender Asche verlöschte. »Du weißt denn doch ganz genau,« fuhr die alte Frau, deren kleine Gestalt zu wachsen schien, fort, »daß ich nur einen Ehrgeiz, nur eine Leidenschaft habe, den Ruhm und die Größe der Unserigen. Ich habe gekämpft, ich habe gewacht mein ganzes Leben hindurch, und ich habe nur so lange gelebt, um diese schmählichen Geschichten aus der Welt räumen und eine ruhmreiche Legende von uns hinterlassen zu können ... Ja, ich habe niemals gezweifelt, ich habe niemals die Flinte ins Korn geworfen, sondern ich bin im Gegenteil jederzeit bereit gewesen, Nutzen aus den unbedeutendsten Ereignissen zu ziehen ... Und alles, was ich gewollt, das habe ich auch erreicht, weil ich es verstand, zu warten.« Und mit einer stolzen Handbewegung zeigte sie auf den leeren Schrank und auf das Kamin, in dem gerade die letzten Funken erloschen. »Jetzt ist es vollbracht; unser Ruhm ist gerettet, diese abscheulichen Papiere werden uns nicht mehr anklagen, und ich lasse nichts mehr zurück, das ihn bedrohen könnte ... Die Rougons triumphiren!« Empört hob Clotilde den Arm, als wollte sie sie fortjagen. Aber sie ging von selbst und stieg in die Küche hinunter, um ihre schwarzen Hände zu waschen und ihre Haare wieder in Ordnung zu bringen. Die alte Haushälterin wollte ihr gerade folgen, als sie beim Umdrehen eine Handbewegung ihrer jungen Herrin sah. Sie kam daher wieder zurück. »O, ich, Fräulein, ich werde übermorgen fortgehen, sobald der Herr Doktor draußen aus dem Friedhof liegt.« Es entstand eine kurze Pause. »Ich schicke Dich aber nicht fort, Martine, denn ich weiß wohl, daß Du nicht die Schuldigste bist ... Es sind jetzt dreißig Jahre, daß Du hier in diesem Hause wohnst. Bleibe auch ferner hier, bleibe bei mir!« Das alte Mädchen schüttelte den grauen Kopf, während ihr abgelebtes Gesicht totenblaß geworden war. »Nein! Ich habe dem Herrn Doktor gedient, ich werde nach dem Herrn Doktor niemanden mehr dienen!« »Aber mir doch!« Sie hob ihre Augen empor, sah dem jungen Weibe gerade in das Gesicht, dem kleinen Mädchen von einst, das sie so lieb gehabt und das sie hatte heranwachsen sehen, und sagte mit harter Stimme: »Ihnen, nein!« Clotilde wurde von dieser schroffen Ablehnung tief getroffen. Sie wollte von dem Kinde sprechen, das sie unter dem Herzen trug, von dem Kinde ihres Herrn; vielleicht würde sie sich bereit erklären, diesem zu dienen. Aber Martine durchschaute sie; sie erinnerte sich des Gespräches, das sie so sehr überrascht hatte, sie sah sich diesen schwangeren Frauenleib an, an dem die Schwangerschaft noch nicht sichtbar war. Einen Augenblick schien sie noch zu überlegen, dann sagte sie kurz: »Nicht wahr, wegen des Kindes? ... Nein!« Und sie übergab Clotilden schließlich noch ihre Rechnung und brachte die Geldangelegenheit in Ordnung als praktisches Mädchen, das den Wert des Geldes genau kennt. »Da ich etwas habe, so werde ich ruhig irgendwo meine Zinsen verzehren ... Sie, Fräulein, kann ich verlassen, denn Sie sind nicht arm. Herr Doktor Ramond wird Ihnen morgen auseinandersetzen, wie man noch viertausend Franken Rente bei dem Notar Grandguillot gerettet hat. Hier ist der Schlüssel zum Sekretär, wo Sie für einstweilen die fünftausend Franken noch vorfinden werden, die der Herr Doktor dort liegen gelassen hat ... O, ich weiß wohl, daß wir zusammen keine Schwierigkeiten haben werden. Der Herr Doktor bezahlte mich seit drei Monaten nicht mehr, ich habe Zettel von ihm, auf denen er mir das bescheinigt. Außerdem habe ich ihm, ohne daß er wußte, woher das Geld kam, in den letzten Zeiten aus meiner Tasche gegen zweihundert Franken vorgestreckt. Alles dies ist genau aufgeschrieben; ich bin deswegen ganz ruhig, das Fräulein wird mich gewiß um keinen Sou schädigen ... Uebermorgen, wenn der Herr Doktor nicht mehr da sein wird, werde ich weggehen.« Dann ging sie in ihre Küche hinunter, und Clotilde war schrecklich traurig über den Weggang der alten Person, trotzdem ihre blinde Ergebenheit sie sogar so weit gebracht hatte, ihre Hände zu einem Verbrechen herzugeben. Dennoch aber hatte sie, als sie die Ueberreste der Aktenbündel zusammensuchte, bevor sie in das Zimmer zurückkehrte, eine große Freude; sie bemerkte plötzlich den Stammbaum, der ruhig auf dem Tische ausgebreitet lag und den die beiden Frauen dort nicht entdeckt hatten. Das war das einzige vollständige Ueberbleibsel, eine heilige Reliquie. Sie nahm ihn und eilte damit in das Zimmer, wo sie ihn zusammen mit den halb verbrannten Fragmenten in die Kommode einschloß. Als sie aber wieder in diesem geweihten Raume sich befand, ergriff sie eine tiefe Bewegung. Welch eine erhabene Ruhe, welch unsterblicher Frieden herrschte hier im Gegensatz zu der wilden Zerstörungswut, die den danebenliegenden Saal mit Rauch und Asche angefüllt hatte! Eine heilige Zufriedenheit entströmte dem Dunkel, und die beiden Kerzen brannten in einer reinen, von keinem Hauche bewegten Flamme. Und sie sah dann, daß das Gesicht Pascals sehr bleich geworden war mitten in der wogenden Flut seines weißen Bartes und seiner weißen Haare. Von dem Kerzenlicht wie von einem himmlischen Glorienschein umstrahlt, lag er in erhabener Schönheit schlafend da. Sie beugte sich herab, sie küßte ihn wieder und fühlte an seinen Lippen und an den geschlossenen Augenlidern die Kälte dieses Marmorantlitzes, das seinen Ewigkeitstraum träumte. Ihr Schmerz darüber, daß sie sein Werk, dessen Obhut er ihr hinterlassen, nicht hatte retten können, war so groß, daß sie weinend und jammernd auf die Kniee sank. Der Geist war verletzt worden; es kam ihr vor, als ob die ganze Welt in dieser wilden Vernichtung einer ganzen Lebensarbeit mit zerstört worden wäre. Vierzehntes Kapitel In dem Arbeitssaal saß Clotilde und knöpfte ihre Taille wieder zu; auf dem Schoße hielt sie noch ihr Kind, dem sie gerade die Brust gegeben hatte. Es war nach dem Essen, gegen drei Uhr, an einem herrlichen Tage am Ende des Monats August, unter einem sonnnendurchglühten Himmel; und die sorgfältig geschlossenen Fensterläden ließen durch die Spalten nur dünne Lichtstrahlen in das einschläfernde, warme Dunkel des weiten Raumes eindringen. Die tiefe, träge Stille des Sonntags schien sich draußen auszubreiten, und von fernher tönten die Glockenklänge, die die Vesper verkündeten. Nicht ein Laut kam aus dem einsamen Hause, wo die Mutter und das Kleine bis zum Diner allein bleiben mußten, da die Magd um die Erlaubnis gebeten hatte, eine Freundin in der Vorstadt besuchen zu dürfen. Eine kurze Zeit betrachtete Clotilde ihr Kind, einen kräftigen, schon drei Monate alten Knaben. Sie war in den letzten Tagen des Mai niedergekommen. Seit bald zehn Monaten trug sie die Trauer um Pascal, ein einfaches, langes schwarzes Kleid, in dem sie wunderbar schön aussah, so zart und schlank, mit ihrem jugendlichen, von herrlichen blonden Haaren umrahmten, tief traurigen Gesichte. Sie konnte nicht lächeln, aber eine freundliche Sanftmut ging von ihr aus, als sie das schöne, dicke und rosige Kind ansah, dessen kleiner Mund noch von Milch feucht und dessen Blick auf einen der Sonnenstreifen gefallen war, in dem die seinen Staubteilchen lustig auf und ab tanzten. Es schien sehr erstaunt darüber zu sein und wandte die Augen nicht weg von diesem goldenen Glanze, diesem Wunder von blendender helle. Dann kam der Schlaf, es ließ seinen kleinen, runden, nackten Kopf, der schon mit vereinzelten blaßblonden Härchen besetzt war, auf den Arm seiner Mutter niedersinken. Darauf erhob sich Clotilde leise und legte den Kleinen sanft in eine Wiege, die neben dem Tische stand. Sie blieb einen Augenblick über ihn gebeugt stehen, um ganz sicher zu sein, daß er schlief; und sie ließ trotz des halbdunklen Dämmerlichtes den Musselinvorhang herunter. Ohne Geräusch zu verursachen, mit sanften Bewegungen und leichten Schritten, die kaum den Boden berührten, ging sie ihren häuslichen Beschäftigungen nach; sie ordnete die Wäsche, die auf dem Tische lag, und durchsuchte zweimal das Zimmer nach einem abhanden gekommenen Kinderstrümpfchen, Sie war sehr schweigsam. sehr sanft und sehr thätig. Und an diesem Tage, in der Einsamkeit des Hauses, dachte sie an die jüngste Vergangenheit, und das letzte Jahr zog an ihrem Geiste vorüber. Da war zunächst nach der schrecklichen Erschütterung des Begräbnisses der unmittelbar darauf erfolgte Weggang der alten Martine, die eigensinnig darauf bestanden hatte und nicht einmal die Woche noch vollends da bleiben wollte. Sie hatte die junge Verwandte einer Bäckerin aus der Nachbarschaft gebracht, die an ihre Stelle eintreten sollte, ein kräftiges braunes Mädchen, das sich glücklicherweise als ordentlich und treu erwies. Martine lebte in Sainte-Marthe, einem elenden weltvergessenen Neste, so knauserig, daß sie sogar von den Zinsen ihres kleinen Kapitals noch Ersparnisse machen mußte. Wem würde wohl, da man keinen Erben kannte, dieser krankhafte Geiz einst zu gute kommen? In den zehn Monaten hatte sie nicht ein einzigesmal die Souleiade wieder betreten: der Herr Doktor war nicht mehr da; sie gab selbst dem Verlangen, den Sohn des Herrn Doktors zu sehen, nicht nach. Dann erschien die Gestalt ihrer Großmutter Felicité vor der in tiefes Nachdenken versunkenen Clotilde. Sie kam von Zeit zu Zeit zum Besuche mit der Herablassung einer mächtigen Verwandten, die vorurteilslos genug ist, um Fehler zu verzeihen, die grausam bestraft worden sind. Sie kam immer unverhofft, küßte das Kind, hielt eine Moralpredigt und erteilte wohlmeinende Ratschläge; und die junge Mutter hatte ihr gegenüber die einfach ergebene Haltung angenommen, die Pascal stets bewahrt hatte. Uebrigens feierte Felicité jetzt ihren vollständigen Triumph. Sie stand gerade im Begriff, eine schon seit langer Zeit gehegte Lieblingsidee zu verwirklichen, die, reiflich erwogen, den fleckenlosen Ruf der Familie durch ein unzerstörbares Denkmal für immer erhalten sollte. Es war ihre Absicht, ihr sehr beträchtliches Vermögen zur Erbauung und Erhaltung eines Asyls für alte Leute zu verwenden, das den Namen »Asyl Rougon« führen sollte. Sie hatte schon das Terrain gekauft, einen Teil des alten Jeu de Mail, außerhalb der Stadt, in der Nähe des Bahnhofes; und gerade an diesem Sonntage, gegen fünf Uhr, wenn die Hitze etwas nachgelassen hatte, sollte der Grundstein gelegt werden, eine große Feierlichkeit, die durch die Teilnahme der Behörden einen besonderen Glanz erhielt und bei der sie natürlich die von der massenhaft herbeigeströmten Volksmenge gefeierte Königin sein würde. Clotilde schuldete überdies ihrer Großmutter, die bei der Eröffnung von Pascals Testament eine vollständige Uneigennützigkeit ihr gegenüber bewiesen hatte, einigen Dank. Pascal hatte die junge Frau zu seiner Universalerbin gemacht, und seine Mutter, die ein Viertel des Vermögens beanspruchen konnte, hatte, nachdem sie die letzten Bestimmungen ihres Sohnes pietätvoll anerkannt, einfach auf diesen ihren Pflichtteil zu Gunsten Clotildens Verzicht geleistet. Sie wollte alle die Ihrigen enterben und ihnen nur Ruhm und einen makellosen Ruf hinterlassen, indem sie ihr großes Vermögen zur Errichtung des Asyls verwendete, das den geachteten und gesegneten Namen der Rougons auf die Nachwelt bringen sollte. Nachdem sie ein ganzes halbes Jahrhundert hindurch so eifrig auf den Erwerb von Geld gewesen war, verachtete sie es zu dieser Stunde, geläutert und von einem höheren Ehrgeiz erfüllt. Und Clotilde brauchte jetzt, dank dieser Uneigennützigkeit, wegen der Zukunft nicht mehr in Unruhe zu sein; die viertausend Franken Rente genügten ihnen, ihr und ihrem Kinde. Sie würde den Knaben aufziehen, sie würde ihn zu einem Manne machen. Sie hatte sogar die fünftausend Franken, die in dem Sekretär lagen, für das Kind auf Leibrenten angelegt, und besaß ja außerdem noch die Souleiade, die alle Welt ihr zu verkaufen riet. Die Unterhaltung derselben würde zwar ohne Zweifel keine großen Kosten verursachen, aber was für ein trauriges und einsames Leben würde es für sie sein in dem großen, öden Hause, das viel zu geräumig wäre und in dem sie sich wie verlassen vorkommen müßte! Bis jetzt hatte sie sich jedoch noch nicht entschließen können, die Souleiade zu verkaufen, und vielleicht würde sie sich auch niemals dazu entschließen. Ah! Die Souleiade! Sie umschloß ihr ganzes Lieben, ihr ganzes Leben, alle ihre Erinnerungen! Zuweilen kam es ihr vor, als ob Pascal noch darin lebte, denn sie hatte alles in dem gleichen Zustand gelassen wie einstmals. Die Möbel standen noch an denselben Plätzen, und die Stunden verkündeten noch die nämlichen Gewohnheiten. Sein Zimmer hielt sie verschlossen, das nur sie allein betrat wie ein Heiligtum, um dort zu weinen, wenn ihr das Herz zu schwer war. In dem Zimmer, in dem sie sich beide geliebt hatten, in dem Bett, in dem er gestorben war, legte sie sich jeden Abend zur Ruhe wie früher, als sie noch ein junges Mädchen gewesen war; und es stand jetzt nur noch die Wiege neben ihrem Bette, die sie jeden Abend hereintrug. Es war immer noch das lauschige Zimmer mit den alten Familienmöbeln, mit der vor Alter verblaßten orangefarbenen Tapete, das uralte Zimmer, welches das Kind von neuem verjüngte. Wenn sie sich unten ganz allein und wie verloren bei jeder Mahlzeit in dem hellen Speisesaal befand, dann vernahm sie darin den Widerhall des Lachens und des kräftigen Appetites ihrer Jugend von damals, als sie beide zusammen dort noch gegessen und auf die Gesundheit ihres Daseins getrunken hatten. Und auch der Garten, das ganze Besitztum sprach von seiner Anwesenheit an den verborgensten Stellen; denn sie konnte dort keinen Schritt machen, ohne daß nicht ihrer beiden Bilder in inniger Vereinigung vor ihrem Geiste auftauchten. Von der Terrasse aus, in dem die schmalen Schatten der großen hundertjährigen Cypressen, hatten sie so oft hinabgeschaut auf das Thal der Viorne, welches die Felsenschluchten der Seille und die sonnenverbrannten Hügel von Saint-Marthe begrenzten. So und so oft waren sie flink die Absätze der mörtellosen Mauern hinaufgeklettert unter den armseligen Oliven- und Mandelbäumen hindurch, wie wilde Buben, die aus der Schule entlaufen waren! Und da war auch noch der kleine Fichtenwald mit seinen heißen, würzigen Schatten, wo die Nadeln unter ihren Schritten knisterten, da war noch der große freie Platz, bestanden mit weichem, schulterhohem Grase, wo man am Abend, wenn die Sterne ausgingen, das ganze weite Himmelszelt beobachten konnte! Und da waren vor allem noch die riesengroßen Platanen, in deren Schatten sie an jedem Sommertage den köstlichen Frieden genossen und dem erfrischenden Gesänge der Quelle gelauscht hatten, deren reiner, kristallklarer Faden seit Jahrhunderten ununterbrochen rann! Bis auf die alten Steine, bis auf den Erdboden gab es kein auch noch so kleines Fleckchen in der Souleiade, wo sie nicht das warme Pulsiren eines Tropfens von ihrer beiden Blute, wo sie nicht etwas von ihrem gemeinsamen Leben verspürt hätte! Aber sie verbrachte doch am liebsten ihre Tage in dem Arbeitssaale, und dort war es, wo sie ihre schönsten Erinnerungen immer wieder von neuem durchlebte. Nur ein einziger Gegenstand befand sich mehr darin gegen früher, die Wiege. Der Schreibtisch des Doktors stand noch an seinem alten Platze vor dem Fenster zur Linken; er hatte hereinkommen und sich hinsetzen können, denn selbst der Stuhl war nicht weggerückt. Auf der langen Tafel in der Mitte war zu den alten Haufen von Büchern und Brochüren nur ein einziges neues Stück hinzugekommen, nämlich das genaue Verzeichnis der kleinen Kinderwäsche, welche sie gerade im Begriff stand, durchzusehen. Die Bibliothek zeigte noch dieselbe Anordnung der Bücherreihen, und der große Eichenholzschrank schien zwischen seinen vier Wänden festgeschlossen denselben Schatz zu behüten. Unter dem verräucherten Plafond schwebte noch der gute Arbeitsgeruch um die bunt durcheinander stehenden Stühle herum und die ganze liebenswürdige Unordnung dieser gemeinsamen Geisteswerkstatt, wo sie so lange Zeit den Launen des jungen Mädchens und den Untersuchungen des Gelehrten nachgehangen hatten. Und was sie heute besonders rührte, das waren ihre alten Pastellgemälde, die sie noch an den Wänden hängen sah, die mit außerordentlicher Genauigkeit ausgeführten Kopien, welche sie von lebenden Blumen gemacht hatte, und dann ihre hochfliegenden Phantasiestücke aus einem Zauberreich, Traumblumen, bei denen ihre tolle Einbildungskraft zuweilen den Sieg davongetragen hatte. Clotilde war gerade mit der Ordnung der kleinen Kinderwäsche auf dem Tische fertig geworden, als ihr Blick beim Emporsehen auf das an der ihr gegenüberliegenden Wand hängende Pastellgemälde von dem alten König David fiel, dessen Hand auf der nackten Schulter der jungen Sunemitin Abisaig ruhte. Und sie, die nicht mehr lachte, fühlte eine große Freude in ihr Gesicht aufsteigen bei der seligen Rührung, die sie empfand. Wie liebten sie sich, wie träumten sie von Ewigkeit an dem Tage, da sie sich an diesem stolzen und zärtlichen Symbol vergnügt hatte! Der alte König, reich gekleidet in ein lang herabwallendes, mit Edelsteinen überladenes Gewand, trug die königliche Binde in seinen schneeweißen Haaren. Aber sie war doch noch herrlicher in ihrer göttlichen Anmut, obgleich sie nichts bedeckte als ihre lilienweiße Haut, wie Seide so weich, mit ihrer zarten, schlanken Gestalt, ihrer runden, kräftigen Brust, ihren biegsamen Armen. Jetzt war er dahingegangen, jetzt schlief er unter der Erde, während sie in tiefes Schwarz gekleidet, nichts mehr von ihrer triumphirenden Nacktheit zeigte und nur noch das Kind hatte, um das stille, vollständige Geschenk, das sie ihm mit ihrer Person gemacht, vor dem versammelten Volke im vollen Tageslichte auszudrücken. Schließlich setzte sich Clotilde leise neben der Wiege nieder. Die Sonnenstreifen verlängerten sich von einem Ende des Zimmers bis zu dem anderen, die Hitze des sonnendurchglühten Tages wirkte erschlaffend in dem einschläfernden Schatten der geschlossenen Fensterläden, und die im Hause herrschende Stille schien noch zuzunehmen. Sie hatte die kleinen Leibchen beiseite gelegt, sie nähte wieder mit langsamer Hand an Bändern und versank dabei nach und nach in träumerisches Nachdenken mitten in der tiefen, heißen Ruhe, die sie umgab bei der draußen zitternden Sonnenglut. Zuerst kehrten ihre Gedanken zu ihren Pastellgemälden zurück, den der Wirklichkeit entsprechenden und den phantastischen, und sie sagte sich jetzt, daß ihre ganze Doppelnatur sich einerseits in dieser leidenschaftlichen Wahrheitsliebe ausspräche, die sie zuweilen stundenlang vor einer Blume festgehalten hatte, um sie mit Genauigkeit zu kopiren, andererseits in ihrem Verlangen nach dem Jenseits, das sie manchmal ganz der Wirklichkeit entführt und in tolle Träume fortgerissen hatte in das Paradies der ungeschaffenen Blumen. Sie war immer so gewesen, sie fühlte, daß sie im Grunde heute noch dieselbe war, die sie gestern gewesen, in dem neuen Lebensstrom, der sie ohne Aufhören umwandelte. Dann sprangen ihre Gedanken über auf die tiefe Dankbarkeit, die sie für Pascal empfand, daß er sie zu dem gemacht hatte, was sie war. Als er sie einstens, da sie noch ganz klein war und in einer schrecklichen Umgebung aufwuchs, zu sich genommen hatte, da war er gewiß nur seinem guten Herzen gefolgt, und sicherlich hatte er dabei schon den Wunsch gehegt, mit ihr den Versuch zu machen, wie sie in einer andern Umgebung, der der Wahrheit und der zärtlichen Liebe, aufwachsen würde. Das war bei ihm der ständige Gedanke, eine alte Theorie, die er im großen hatte erproben wollen: der Einfluß der Umgebung auf die geistige Entwicklung, die Besserung und Rettung des Menschen im moralischen und physischen Sinne. Sie verdankte ihm sicherlich den besten Teil ihres Wissens, sie ahnte, wie phantastisch und gewaltthätig sie hätte werden können, während er ihr nur Leidenschaft und Mut verliehen hatte. In diesem Blühen unter dem freien Himmel hatte das Leben selbst eines in des andern Arme getrieben; und war es nicht wie die letzte Anstrengung der Güte und der Freude, das Kind, das gekommen war und das sie beide zusammen würde erfreut haben, wenn der Tod sie nicht getrennt hatte? Bei diesem Rückblick in die Vergangenheit empfand sie deutlich, welch lange Arbeit in ihr sich vollzogen hatte. Pascal verbesserte das, was sie ererbt hatte, und sie durchlebte noch einmal die langsame Entwicklung, den Streit zwischen der Wirklichkeit und der Einbildung. Das, was sie in ihre schlimmen Träumereien getrieben hatte, das stammte aus ihren kindischen Launen, von einem unruhigen Gärungsstoffe, von einer Störung des Gleichgewichtes. Dann kamen ihre großen Glaubensanwandlungen, ihr Verlangen nach Illusion und Täuschung, ihr Verlangen nach unmittelbarem Glück bei dem Gedanken, daß die Ungleichheiten und Ungerechtigkeiten dieser schlechten Erde durch die ewigen Freuden eines zukünftigen Paradieses müßten ausgeglichen werden. Das war die Epoche ihrer Kämpfe mit Pascal, die Zeit der Qualm, die sie ihm verursacht hatte, wo sie wähnte, sein Genie töten zu können. Und bei dieser Krümmung des Weges kehrte sie um; sie fand ihren Herrn wieder, der sie durch die schreckliche Belehrung über das Leben, die er ihr während jener Gewitternacht gegeben hatte, gewann. Seitdem war sie den richtigen Mittelweg gewandelt, und die Entwicklung hatte sich rascher vollzogen. So erwarb sie sich schließlich ihr schönes Gleichmaß, sie wurde vernünftig und verstand sich dazu, das Leben zu leben wie es gelebt werden mußte, mit der Hoffnung, daß die Summe der menschlichen Arbeit eines Tages die Welt von dem Uebel und dem Schmerz befreien würde. Sie hatte geliebt, sie war Mutter, sie war eine Wissende. Da plötzlich erinnerte sie sich der andern Nacht, die sie beide zusammen auf dem großen, freien Platz zugebracht hatten. Sie hörte noch ihr Klagen bei dem Funkeln der Sterne über die trotzige Natur, über die erbärmliche Menschheit, über den Bankerott der Wissenschaft und die Notwendigkeit, sich in Gott, sich in das Mysterium zu verlieren. Dann hörte sie ihn, wie er sein Glaubensbekenntnis wiederholte, das Fortschreiten der Erkenntnis durch die Wissenschaft, die einzig mögliche Wohlthat der langen, aber für immer errungenen Wahrheiten, den Glauben, daß die Summe dieser Wahrheiten, die immer zunehmen, schließlich dahin führen müßte, dem Menschen eine unberechenbare Kraft zu verleihen und die Zufriedenheit, wenn nicht das Glück. Das alles war zusammengefaßt in dem inbrünstigen Glauben an das Leben. Man mußte, wie er sagte, mit dem Leben zusammen gehen, das immer vorwärts schritt. Kein Halt war zu hoffen, keine Ruhe in der Regungslosigkeit der Unwissenheit, keine Erleichterung in der Rückkehr in die Vergangenheit. Man mußte einen festen Charakter besitzen und die Bescheidenheit, sich zu sagen, daß die einzige Belohnung des Lebens darin besteht, daß man ordentlich lebt, indem man die Aufgabe, die einem gestellt ist, erfüllt. Dann war das Uebel nur noch ein unerklärter Zufall, und die Menschheit erschien, von oben gesehen, wie ein ungeheurer Mechanismus in Thätigkeit, der in alle Ewigkeit arbeitete. Warum sollte ein Arbeiter, der fortging, nachdem er sein Tagwerk gethan, das Werk verwünschen, weil er das Ende davon weder sehen noch beurteilen konnte? Warum sollte er, wenn er nichts von dem Ende haben konnte, die Freude der Arbeit, den frischen Zug der Weiterentwicklung, die Annehmlichkeit des Schlafes nach langer, ermüdender Thätigkeit nicht kosten? Die Kinder werden das Werk der Väter fortsetzen, sie werden nur dazu geboren, und man liebt sie nur deswegen, wegen dieser Lebensaufgabe, die man ihnen übertragt, und die sie dann ihrerseits weiter übertragen werden. Und es war von diesem Augenblicke an nur noch die heldenmütige Verzichtleistung aus die große allgemeine Arbeit da, ohne die Empörung des Ichs, welches für sich ein vollkommenes Glück fordert. Sie fragte sich, warum sie nicht mehr die Angst empfand, die sie früher gequält hatte, wenn sie an das gedacht hatte, was dem Tode folgte. Die Vorstellung von dem Jenseits suchte sie nicht mehr bis zur Qual heim. Früher würde sie verlangt haben, dem Himmel mit Gewalt das Geheimnis des Schicksals zu entreißen. Damals hatte sie eine unendliche Traurigkeit erfüllt, daß sie lebte, ohne zu wissen, warum sie lebte. Was sollte man denn aus der Erde machen? Was war der Sinn dieses erbärmlichen Lebens ohne Gleichheit, ohne Gerechtigkeit, das ihr erschien wie ein böses Traumbild einer Fiebernacht? Und ihre Angst hatte sich gelegt, sie konnte jetzt mutig an diese Dinge denken. Vielleicht war es das Kind, diese Fortsetzung von ihr selbst, das ihr den Schrecken ihres Endes von jetzt an verbarg. Aber es trug auch viel das Gleichgewicht, in dem sie lebte, dazu bei, jener Gedanke, daß man leben mußte wegen der Anstrengung des Lebens, und daß der einzige mögliche Friede in dieser Welt in der Freude über diese vollführte Anstrengung läge. Und sie wiederholte sich ein Wort des Doktors, das er oft ausgesprochen hatte, sobald er einen Bauern mit zufriedener Miene heimkehren sah, nachdem er sein Tagewerk vollbracht: »Da ist einer, den der Streit um das Jenseits nicht abhalten wird, ruhig zu schlafen.« Er wollte damit sagen, daß dieser Streit nur in das aufgeregte Gehirn von Müßiggängern sich verirren und dort schlimmes anrichten könnte. Wenn alle ihre Arbeit thäten, so würden auch alle ruhig schlafen. Sie selbst hatte an sich die ganze wohlthätige Allmacht der Arbeit verspürt in ihren Leiden und in ihrer Trauer. Seitdem er sie gelehrt hatte, jede ihrer Stunden zu benützen, seitdem sie Mutter war und seitdem sie ohne Aufhören mit dem Kinde zu thun hatte, fühlte sie nicht mehr den Schauer vor dem Unbekannten über ihren Rücken laufen wie einen leisen, kalten Luftzug. Sie vertrieb ohne Kampf diese beunruhigenden Träumereien, und wenn sie noch eine Angst quälte, wenn unter ihren täglichen Schmerzen ihr Herz sich mit Ekel erfüllte, fand sie einen Trost, eine unüberwindliche Widerstandskraft in dem Gedanken, daß ihr Kind wieder einen Tag älter war an diesem Tage und daß es am folgenden noch einen andern mehr haben würde, und daß Tag für Tag, Seite auf Seite, sich ihr lebendes Werk vollendete. Das verschaffte ihr eine köstliche Erholung nach all ihrem Leid. Sie hatte eine Thätigkeit, einen Zweck, und sie fühlte es deutlich an ihrer glücklichen Zufriedenheit, sie that jetzt sicher das, was sie thun sollte. Aber selbst in diesem Augenblicke erkannte sie, daß das Phantastische noch keineswegs in ihr tot war. Ein leichtes Geräusch hatte soeben die ringsum herrschende tiefe Stille unterbrochen und sie hatte den Kopf emporgehoben: wer war der göttliche Mittler, der vorbeizog? Vielleicht der teure Tote, den sie beweinte und den sie glaubte, in ihrer Nähe zu spüren. Sie würde immer ein wenig das gläubige Kind von früher bleiben, neugierig nach dem Mysterium und von instinktivem Verlangen nach dem Unbekannten erfüllt. Sie hatte selbst dieses Verlangen empfunden und erklärte es sich wissenschaftlich. Wie sehr auch immer die Wissenschaft die Grenzen der menschlichen Kenntnisse erweitert, so gibt es doch ohne Zweifel einen Punkt, über den sie nicht hinauskommen wird, und das war gerade die Stelle, an die Pascal das einzige Interesse am Leben setzte, in dem Wunsch, den man hatte, ohne Aufhören mehr zu lernen. Von da an ließ sie die unbekannten Kräfte gelten, ein ungeheures, dunkles Gebiet, in dem die Welt schwebt, zehnmal größer als das schon eroberte Gebiet, eine unerforschliche Unendlichkeit, in die die zukünftige Menschheit ohne Aufhören vordringen wird. Das war sicherlich ein Gebiet, weit genug, daß sich die Einbildungskraft darin verlieren konnte. In den Stunden des Nachdenkens stillte sie dort den gebieterischen Durst, den ihr Wesen nach dem Jenseits zu haben schien, eine Notwendigkeit, aus der sichtbaren Welt zu entfliehen und die Illusion der absoluten Gerechtigkeit und des absoluten Glückes zu befriedigen. Das, was ihr von ihrer Qual übrig blieb, ihre letzten Träumereien, besänftigten sich, da die leidende Menschheit ohne den Trost der Lüge nicht leben konnte. Glücklicherweise aber war in ihr ein fester Grund vorhanden. Am Wendepunkte dieser von Wissenschaft übersättigten Epoche, die von den Trümmern, die sie geschaffen, beunruhigt, von Schrecken vor dem neuen Jahrhundert ergriffen und von dem Verlangen bethört war, nicht weiter zu gehen, sondern sich zur Vergangenheit zurückzuwenden, besaß sie das glückliche Gleichgewicht, die Leidenschaft für das Wahre, vergrößert durch die Sorge um das Unbekannte. Wenn die sektirerischen Gelehrten den Horizont abschlossen und sich genau an die Phänomene hielten, so war es ihr, einem einfachen, ungelehrten Wesen, erlaubt, teilzunehmen an dem, was sie nicht wußte, an dem, was sie niemals wissen würde. Und wenn das Glaubensbekenntnis Pascals der logische Schluß des ganzen Werkes war, so würde die ewige Frage des Jenseits, die sie trotz allem fortfuhr an den Himmel zu stellen, die Pforte des Unendlichen vor der anstürmenden Menschheit wieder öffnen. Da man immer wird lernen und dabei sich doch immer wird bescheiden müssen, niemals alles zu wissen, war es da nicht besser, die Bewegung, das Leben selbst zu wollen, als das Mysterium, einen ewigen Zweifel und eine ewige Hoffnung zu erhalten? Ein neues Geräusch, ein Flügel, der vorüberrauschte, ein leiser Kuß, auf ihre Haare gedrückt, rief diesmal auf ihrem Gesichte ein Lächeln hervor. Er war gewiß da. Alles in ihr vereinigte sich zu einer unendlichen Zärtlichkeit, die von überall ausging und ihr ganzes Wesen erfüllte. Wie gut und fröhlich er war, und welch große Liebe zu seinen Mitmenschen ihm seine Leidenschaft für das Leben eingeflößt hatte! Er selbst war vielleicht nur ein Träumer; denn er hatte den schönsten aller Träume geträumt, der in jenem schließlichen Glauben an eine höherstehende Welt bestand, wenn die Wissenschaft den Menschen mit einer unberechenbaren Macht bekleidet haben würde, wo es dann heißen würde: Alles annehmen, alles zum Glücke verwenden, die Natur dahin zurückführen, daß sie nichts als eine Dienerin ist, und in der Ruhe der befriedigten Intelligenz leben! Unterdessen würde der Wille zur Arbeit und eine geregelte Thätigkeit dem Wohlbefinden aller genügen. Vielleicht würde auch eines Tages das Leiden nutzbar gemacht werden. Und im Angesichte der ungeheuren, mühevollen Arbeit und vor dieser Masse lebender Wesen, guter und böser, die trotz allem wegen ihres Mutes und ihrer Arbeit bewundernsweit waren, sah sie nur eine brüderliche Menschheit und hatte nur noch eine Nachsicht ohne Grenzen, ein unendliches Mitleid und eine glühende Barmherzigkeit. Die Liebe bestrahlt und erwärmt die Erde wie die Sonne, und die Güte ist der große Fluß, aus dem alle Herzen trinken. Seit bald zwei Stunden zog Clotilde mit derselben regelmäßigen Bewegung die Fäden, während sich ihre Gedanken in Träumereien verloren. Aber die Bänder waren wieder an die kleinen Leibchen angenäht, und sie hatte auch die neuen, gestern gekauften Betten gezeichnet. Sie stand auf, nachdem sie ihre Näherei beendet hatte, und wollte nun die Wäsche ordnen. Draußen war die Sonne schon tief hinabgesunken, und die goldenen Streifen drangen nur noch sehr schmal und schräg durch die Spalten. Sie sah kaum noch deutlich, sie mußte hingehen und einen Laden öffnen. Dann vergaß sie sich einen Augenblick im Angesicht des weiten Horizontes, der sich plötzlich vor ihren Blicken entrollte. Die große Hitze hatte nachgelassen, ein leichter Luftzug wehte von dem wunderbaren, in fleckenlosem Blau erstrahlenden Himmel herab. Zur Linken unterschied man bis auf die kleinsten Büschel die Fichten zwischen den glühenden Felsentrümmern der Seilte, während sich nach der rechten Seite hin hinter den Hügeln von Sainte-Marthe das Thal der Viorne in dem von der untergehenden Sonne vergoldeten Staube in das Unendliche ausbreitete. Sie betrachtete einen Augenblick den Turm von Saint-Sarturnin, der, auch ganz vergoldet, die in glühendes Rot getauchte Stadt beherrschte, und sie hatte sich gerade vom Fenster wieder zurückgezogen, als ein Schauspiel sie wieder dahinführte und dort noch lange, den Ellenbogen auf das Fenstersims gestützt, festhielt. Es war jenseits der Linie der Eisenbahn das Gewimmel einer ungeheuren Menschenmenge, die sich auf den alten Jeu de Mail drängte. Clotilde erinnerte sich sofort der heutigen großen Festfeier und wußte daher gleich, daß ihre Großmutter Felicité gerade jetzt im Begriffe stand, den Grundstein zu dem Asyl Rougon zu legen, dem glorreichen Denkmal, das dazu bestimmt war, den fleckenlosen Ruf der Familie den zukünftigen Geschlechtern zu verkünden. Großartige Vorbereitungen waren dazu schon seit acht Tagen getroffen worden; man sprach von einem Kübel und einer Maurerkelle aus Silber, die die alte Dame dabei benützen würde, da sie natürlich persönlich anwesend sein und den verdienten Triumph feiern wollte trotz ihrer achtzig Jahre. Das, was sie mit einem königlichen Stolze erfüllte, war, daß sie durch diesen Vorgang zum drittenmal die Eroberung von Plassans beendete; denn sie zwang die ganze Stadt, sie zwang die drei Quartiere, sich um sie zu scharen, sie als Wohlthäterin im Triumphzuge einherzuführen und ihr zuzujubeln. Man mußte in der That Damen als Patronessen dafür haben, und die waren aus den vornehmsten Familien des Quartiers Saint-Marc gewählt worden, ferner eine Abordnung der Arbeitergenossenschaften des alten Viertels, und endlich kamen noch die bekanntesten Persönlichkeiten aus der Bewohnerschaft hinzu, Advokaten, Notare und Aerzte, ohne das gewöhnliche Volk zu rechnen, die sonntäglich gekleidete Menschenmenge, die sich wie zu einer Lustbarkeit herandrängte. Und inmitten dieses höchsten Triumphes war sie vielleicht noch am stolzesten darüber, daß sie, eine der Königinnen des zweiten Kaiserreiches, die Witwe, die in so würdiger Weise die Trauer um das gestürzte Regime trug, die junge Republik besiegt hatte, indem sie sie zwang, in der Person des Sous-Präfekten zu erscheinen und sie ehrerbietig zu begrüßen und ihr zu danken. Man hatte zuerst nur von einer Rede des Bürgermeisters gesprochen; aber es war seit gestern sicher, daß auch der Sous-Präfekt selbst reden würde. Aus so weiter Ferne sah Clotilde jedoch nur ein Gewimmel von schwarzen Röcken und hellen Damentoiletten in dem glänzenden Sonnenscheine. Dann hörte sie einzelne verlorene Musikklänge herüberschallen; die Musik wurde von Dilettanten aus der Stadt ausgeführt, und der Wind trug die tiefen Töne der Blasinstrumente zu ihr herüber. Sie verließ das Fenster und trat an den großen Eichenschrank heran, den sie öffnete, um die Wäsche hineinzuschließen, die noch auf dem Tische liegen geblieben war. In diesem Schranke, der einstmals mit den Manuskripten des Doktors ganz angefüllt gewesen und heute leer war, bewahrte sie die kleine Kinderwäsche auf. Der ungeheure Schrank mit seiner gähnenden Oeffnung schien ganz ohne Grund zu sein; in den großen leeren Fächern lagen nur die feinen Windeln, die kleinen Leibchen, die kleinen Mützchen, die kleinen Strümpfchen, verschiedene Stöße von Bettwäsche, alles das seine Leinenzeug, jenes zarte Federwerk eines kleinen, noch im Neste befindlichen Vogels. Wo so viele Gedanken in Menge geschlummert hatten, wo seit dreißig Jahren die angestrengte, mühevolle Arbeit eines Mannes in einer Unmenge von Papier aufgespeichert gewesen war, da befand sich jetzt nur noch das Leinenzeug eines kleinen Wesens, die kaum Kleider zu nennenden winzigen Leinwandstücke, die es für eine Stunde schützten und deren es sich bald nicht mehr würde bedienen können. Die gewaltige Masse des alten Schrankes erschien dadurch wie verjüngt und erfrischt. Als Clotilde die Bettwäsche und die Leibchen in dem einen Fache geordnet hatte, bemerkte sie in einem großen Umschlage die Ueberreste der Aktenbündel, die sie, nachdem sie sie aus dem Feuer gerettet, dort aufbewahrt hatte. Und sie erinnerte sich einer Bitte, die Doktor Ramond am vorhergehenden Tage an sie gerichtet hatte, nachzusehen, ob sich unter den Ueberresten nicht vielleicht ein Fragment von irgend welcher Bedeutung, das ein wissenschaftliches Interesse hätte, befände. Er war ganz verzweifelt über den Verlust der unschätzbaren Manuskripte, die ihm der Meister vermacht hatte. Gleich nach dem Tode Pascals hatte er versucht, die letzte Unterredung, die er mit dem Sterbenden gehabt, zu Papier zu bringen, jene Zusammenfassung der nur ganz kurz mit einer so heldenmutigen Heiterkeit dargelegten Theorien; aber er brachte nur eine ganz summarische Uebersicht fertig; es fehlten ihm die vollständigen Studien, die von Tag zu Tag gemachten Beobachtungen, die erworbenen Resultate und die festgestellten Gesetze. Der Verlust war unersetzlich, und die mühevolle Arbeit mußte von Neuem begonnen werden. Er klagte darüber, daß er um kurze Angaben besitze, und sagte, daß er für die Wissenschaft einen Verzug von mindestens zwanzig Jahren ausmache, bevor man die Ideen dieses Einsiedlers und Pioniers, dessen Arbeiten eine wilde, wahnsinnige Katastrophe zerstört hatte, wieder zusammenbringen und nutzbar machen konnte. Der Stammbaum, das einzige unversehrte Dokument, lag auch in dem Umschlage, und Clotilde trug alles zusammen auf den Tisch in die Nähe der Wiege. Als sie die Ueberbleibsel eines nach dem anderen herausgenommen hatte, stellte sie fest, wovon sie übrigens schon vorher fest überzeugt gewesen war, daß nicht eine einzige Seite des Manuskripts unversehrt geblieben war und daß nicht eine einzige Notiz einen vollständigen Sinn hatte. Es waren nur noch Fragmente vorhanden, halbverbrannte und geschwärzte Papierenden ohne Zusammenhang, ohne Folge. Aber für sie steigerte sich, je genauer sie sie prüfte, das Interesse an diesen unvollständigen Sätzen, an diesen zur Hälfte vom Feuer verzehrten Worten, wo niemand anderes etwas verstanden hatte. Sie erinnerte sich der Gewitternacht, die Sätze ergänzten sich, der Anfang eines Wortes rief die Persönlichkeiten, die Geschichten wieder wach. So war es, als ihr der Name Maximes in die Augen fiel. Sie sah das ganze Leben dieses ihres Bruders wieder vor sich, der ihr ein Fremder geblieben war und dessen Tod vor zwei Monaten sie fast ganz gleichgiltig gelassen hatte. Dann verursachte ihr eine verstümmelte Zeile, die den Namen ihres Vaters enthielt, ein unbehagliches Gefühl; denn sie glaubte zu wissen, daß er das Geld und das Hotel seines Sohnes in seine Tasche gesteckt hatte, dank der Nichte seines Friseurs, jener so unschuldigen Rose, die jedenfalls ordentlich dafür bezahlt worden war. Dann traf sie noch auf andere Namen, auf den ihres Onkels Eugen, des Vizekassiers, der zu dieser Stunde auch schon entschlafen war, ferner den ihres Vetters Serge, des Kuraten von Saint-Eutrope, der, wie man ihr am vorhergehendem Tage erzählt hatte, die Schwindsucht hätte und im Sterben läge. Und jedes Fragment bekam Leben, und die erbärmliche und brüderliche Familie erstand wieder aus jenen kleinen Ueberresten, aus jenen halbverkohlten Papierfetzen, auf denen nur noch unzusammenhängende Silben zu erkennen waren. Dann trieb die Neugierde Clotilden, den Stammbaum auseinanderzufalten und auf dem Tische auszubreiten. Eine tiefe Rührung ergriff sie, sie wurde ganz weich gestimmt beim Anblicke dieser Reliquien; und als sie die mit Bleistift von Pascal, kurz bevor er den letzten Atemzug that, hinzugefügten Bemerkungen wieder las, kamen ihr die Thränen in die Augen, mit welchem Heldenmute hatte er das Datum seines Todes eingeschrieben. Und wie fühlte man seine Verzweiflung und sein Bedauern über das Hinschwinden seines Lebens in den zitternden Worten, die die Geburt des Kindes anzeigten! Der Baum stieg empor, er teilte sich in seine Aeste und entfaltete seine Blätter, und sie vergaß sich ganz, während sie ihn lange betrachtete und sich sagte, daß das ganze Werk des Doktors da vor ihr läge in diesem klassifizirten und dokumentirten Wachstum ihrer Familie. Sie hörte die Worte, mit denen er jeden Vererbungsfall erläuterte, sie rief sich seine Gespräche ins Gedächtnis zurück. Aber vor allem interessirten sie die Kinder. Der Kollege, an den der Doktor nach Numea geschrieben hatte, um Aufschluß über das Kind zu erhalten, welches der im Gefängnis geschlossenen Ehe Etiennes entstammt, hatte sich endlich entschlossen, zu antworten, aber er sprach nur von dem Geschlechte, daß es ein Mädchen wäre und gesund und kräftig zu sein schiene. Octave Mouret hatte seine sehr schwächliche Tochter verlieren müssen, während sein kleiner Junge vortrefflich weiter zu gedeihen fortfuhr. Uebrigens war der Winkel der guten, kräftigen Gesundheit, der außerordentlichen Fruchtbarkeit immer noch in Valqueyras, im Hause Jeans, dessen Frau in drei Jahren zwei Kinder gehabt hatte und mit einem dritten schwanger ging. Das Nest voll junger Brut gedieh herrlich im warmen Sonnenscheine, während der Vater draußen auf den fruchtbaren Feldern arbeitete und die Mutter zu Hause brav die Suppe kochte und die Knirpse putzte. Da war genug neue Kraft und Arbeit vorhanden, um eine neue Welt zu schaffen. Clotilde glaubte in diesem Augenblicke Pascal zu vernehmen: »Ah, unsere Familie! Was wird aus ihr werden? Auf welches Wesen wird sie schließlich noch hinauslaufen?« Und sie selbst verfiel wieder in Träumereien vor dem Stammbaum, der seine letzten Aeste in die Zukunft verlängerte. Wer wußte, an welcher Stelle der gesunde Zweig hervortreiben würde? Vielleicht würde da der Weise, der erwartete Mächtige hervorsprießen. Ein leiser Schrei entriß Clotilde ihrem Nachdenken. Der Musselinvorhang der Wiege schien sich von einem zarten Lufthauch zu bewegen: es war das Kind, das sich, aus dem Schlafe erwacht, unruhig bewegte und schrie. Sie nahm es sogleich und hob es freudig hoch in die Luft empor, um es in dem goldenen Scheine der sinkenden Sonne zu baden. Aber der Kleine war gar nicht empfänglich für die Reize des scheidenden Tages. Seine kleinen Augen wandten sich verständnislos von dem weiten Himmelszelt ab, während er sein rosiges Mündchen ganz weit öffnete, wie ein immerwährend hungriges Vögelchen. Er fing laut an zu weinen, da er bei seinem Erwachen so sehr hungrig war, daß sie sich entschloß, ihm die Brust wieder zu geben. Uebrigens war es auch seine Stunde; es waren schon drei Stunden vergangen, daß er nicht an der Mutterbrust getrunken hatte. Clotilde ging an den Tisch zurück und ließ sich daneben nieder. Sie hatte den Kleinen auf ihren Schoß gesetzt, wo er aber durchaus nicht ruhiger wurde, sondern in seiner Ungeduld nur immer mehr und immer lauter schrie; sie betrachtete ihn lächelnd, während sie ihr Kleid aufhakte. Die Brust zeigte sich, ihre zarte, runde Brust, die die Milch kaum etwas aufgeschwellt hatte. Nur ein leichter brauner Strahlenkranz schmückte die Spitze der Brust in der zarten Weiße des wunderbar schlanken, nackten jungen Frauenkörpers. Das Kind merkte es schon, es richtete sich in die Höhe, und seine Lippen suchten. Als sie ihm den Mund gerichtet hatte, gab es durch ein leises Knurren seine Befriedigung zu erkennen; es drang ganz in sie ein mit dem guten Appetit eines Herrn, der leben will. Mit vollen Backen saugte es gierig. Mit seiner freien kleinen Hand hatte es zuerst die Brust gefaßt, gleich als wollte es damit deren Besitzergreifung anzeigen, sie verteidigen, sie beschützen. Dann hatte es in der Freude über das lauwarme Rieseln, das seinen kleinen Mund ganz anfüllte, seinen kleinen Arm in die Luft emporgestreckt, ganz gerade wie eine Fahne. Und Clotilde bewahrte ihr unschuldiges Lächeln, als sie sah, wie er sich so kräftig an ihr nährte. In den ersten Wochen hatte sie viel an Schrunden zu leiden gehabt, und auch jetzt noch war ihre Brust sehr empfindlich, aber sie lächelte trotzdem in der stillen, seligen Weise aller Mütter, die glücklich darüber sind, ihre Milch hergeben zu können, wie sie ihr Blut hingeben würden. Als sie ihr Kleid aufgehakt und als ihre Brust, ihre mütterliche Blöße sich gezeigt hatte, da war auch noch ein anderes Geheimnis von ihr, eines ihrer verborgensten und köstlichsten Geheimnisse, zum Vorschein gekommen: die zarte Halskette mit den sieben Perlen, den sieben milchweißen Sternen, die der Meister an einem der Unglückstage ihr um den Hals gelegt hatte in seiner leidenschaftlichen Schenkwut. Seitdem war sie an diesem Platze geblieben, niemand hatte sie je wiedergesehen. Sie bildete gleichsam einen Teil ihrer Schamhaftigkeit, einen Teil ihres Fleisches. Und die ganze Zeit, während das Kind trank, sah sie sie gerührt an und rief dabei die Erinnerung an die Küsse wieder wach, deren lebenswarmen Duft sie bewahrt zu haben schien. Aus der Ferne herüberschallende Musikklänge schreckten Clotilde auf. Sie wendete den Kopf und sah hinaus in das Land, das hellbeleuchtet und vergoldet von der sinkenden Sonne dalag. Ach ja, es war jene Feierlichkeit, jene Grundsteinlegung dort unten! Und sie richtete die Augen wieder auf das Kind und ging von neuem ganz in dem Vergnügen auf, es bei so gutem Appetite zu sehen. Sie hatte eine kleine Bank herbeigezogen, um eines ihrer Kniee etwas in die Hohe zu stellen, und hatte sich mit der einen Schulter gegen den Tisch gestützt, in der Nähe des Stammbaumes und der geschwärzten Fragmente der Akten. Ihre Gedanken schwebten davon und ergingen sich in süßen, seligen Träumen, während sie den besten Teil von ihr, die reine Milch, mit leisem Geräusch fließen hörte, was ihr immer mehr und mehr das kleine Wesen zu eigen machte, das aus ihrem Schoße hervorgegangen war. Das Kind war gekommen, vielleicht der Erlöser. Die Glocken hatten geläutet, die königlichen Magier hatten sich auf den Weg gemacht, gefolgt von den Völkerschaften und der ganzen festlich gestimmten Natur, die dem Kleinen in den Windeln zulächelte. Und während er so ihr Leben trank, träumte sie, die Mutter, schon von der Zukunft. Was würde aus ihm werden, wenn sie ihn groß und stark gemacht haben würde, indem sie sich ihm so ganz und gar widmete? Ein Gelehrter, der die Welt ein wenig in der ewigen Wahrheit unterrichten würde, ein Feldherr, der seinem Vaterlande Ruhm bereiten würde, oder besser noch, einer jener Volkshirten, die die Leidenschaften beschwichtigen und der Gerechtigkeit zur Herrschaft verhelfen? Sie sah ihn schon als einen sehr schönen, sehr guten und sehr mächtigen Mann vor sich. Und es war der Traum aller Mütter, die Gewißheit, mit dem erwarteten Messias niedergekommen zu sein. Und es lag in dieser Hoffnung, in diesem hartnäckigen Glauben jeder Mutter an den sicheren Triumph ihres Kindes die Hoffnung selbst, die das Leben schafft, der Glaube, der der Menschheit die sich ohne Unterlaß wieder gebärende Kraft, weiter zu leben, verleiht. Was würde aus dem Kinde werden? Sie versuchte Ähnlichkeiten an ihm zu entdecken. Von seinem Vater hatte es sicherlich die Stirne und die Augen und etwas von dem Hohen und Kräftigen in der Schulterbreite und dem Kopfe. Sich selbst erkannte sie wieder in seinem kleinen Munde und seinem zarten Kinn. Dann waren es die anderen, die sie in stummer Angst an ihm suchte, die entsetzlichen Vorfahren, alle diejenigen, deren Namen da in dem Stammbaume eingeschrieben waren, der den Trieb der erblichen Blätter darstellte. Wäre es wohl dieser hier oder jener da oder etwa jener dritte dort, dem er gleichen würde? Und sie beruhigte sich dennoch, es war ihr gar nicht möglich, nicht zu hoffen, so sehr war ihr Herz geschwellt von der ewigen Hoffnung. Der Glauben an das Leben, den der Meister in ihr eingewurzelt hatte, erhielt sie mutig, aufrecht und unerschütterlich. Was hatten das Elend, die Leiden, die Schandthaten zu bedeuten! Die Gesundheit lag in der allgemeinen Arbeit, in der Kraft, die befruchtet und gebiert. Das Werk war gut, wenn am Ende der Liebe das Kind da war. Von nun an that sich die Hoffnung wieder auf trotz der zu Tage getretenen wunden Punkte, trotz des düsteren Bildes der menschlichen Schande. Das war das ununterbrochen fortgesetzte, immer wieder versuchte Leben, das man nicht müde wird für gutzuhalten, da man sieht, mit welcher Leidenschaft der Mensch daran hängt mitten zwischen der Ungerechtigkeit und dem Schmerze. Clotilde hatte ganz unwillkürlich einen Blick auf den Stammbaum ihrer Vorfahren geworfen, der neben ihr auf dem Tische ausgebreitet da lag. Ja! Die Gefahr war vorhanden, so viele Verbrechen und soviel Schmutz neben soviel Thränen und soviel leidender Güte! Es war eine so außerordentliche Mischung von Ausgezeichnetem und Schlimmem, es war mit kurzen Worten eine Menschheit mit allen ihren Mängeln und Streitigkeiten. Man hatte sich fragen können, ob es denn nicht von größerem Werte gewesen sein würde, dieses ganze verdorbene und elende Gewimmel mit einen: einzigen Blitzstrahle zu vernichten. Und nach so vielen schrecklichen Rougons und so vielen fürchterlichen Macquarts war jetzt noch einer von ihnen erschienen. Das Leben fürchtete sich nicht davor, noch einen von ihnen zu schaffen, in der mutigen Herausforderung seiner Ewigkeit. Es verfolgte sein Werk, es pflanzte sich fort nach seinen Gesetzen, gleichgiltig gegen Hypothesen, in dem Fortgange seiner unendlichen Arbeit. Selbst auf die Gefahr hin, Ungeheuer zu erzeugen, mußte es erschaffen, da es trotz der Kranken und Narren, die es erschafft, nicht müde wird, zu schaffen, ohne Zweifel in der Hoffnung, daß die Gesunden und Vernünftigen eines Tages kommen werden. Das Leben, das in einem Strome dahinfließt, der anhält und wieder von neuem anfängt, nach dem unbekannten Ziel hin! Das Leben, in dem wir schwimmen, das Leben mit all jenen unendlichen und entgegengesetzten Strömungen, das gewaltige Leben, das sich immer in Bewegung befindet, wie ein Meer ohne Grenzen! Ein Strom heißer mütterlicher Liebe stieg von dem Herzen Clotildens auf, die glücklich darüber war, daß sie den kleinen Mund so gierig an ihr trinken fühlte. Es war wie ein Gebet, wie ein Flehen zu dem unbekannten Kinde wie zu dem unbekannten Gotte! Ein Gebet zu dem Kinde, das morgen kommen würde, zu dem Genie, das vielleicht geboren würde, zu dem Messias, den das nächste Jahrhundert erwartete und der die Völker aus allen ihren Zweifeln und allen ihren Leiden reißen würde! Na das Volk wieder vermehrt werden sollte, kam denn jener nicht zur Erfüllung dieser Aufgabe? Er würde die gemachten Erfahrungen benützen, er würde die Mauern wieder aufrichten, er würde den unsicher im Dunkeln herumtastenden Menschen die Gewißheit verschaffen, er würde die Stadt der Gerechtigkeit erbauen, wo das einzige Gesetz der Arbeit das Glück sichern würde. In den unruhigen Zeiten muß man die Propheten erwarten. Es sei denn, daß er der Antichrist war, der Dämon der Vernichtung, das verheißene Ungeheuer, das die zu wüst gewordene Erde von der Unreinheit säubern würde. Und das Leben würde trotz allem fortdauern, man müßte sich nur noch Tausende von Jahren gedulden, bevor das andere unbekannte Kind erscheinen würde, der Wohlthäter. Das Kind hatte jetzt die rechte Brust erschöpft; und da es böse wurde, nahm es Clotilde wieder und gab ihm die linke Brust. Dann begann sie von neuem beglückt zu lächeln über die zärtliche Gier der kleinen Lippen. Sie war trotz allem voller Hoffnung. Eine Mutter, die stillt, ist sie nicht das Abbild der fortdauernden und geretteten Welt? Sie hatte sich zu dem Kleinen herabgebeugt, sie war seinen hellen Augen begegnet, die sich entzückt öffneten, voller Sehnsucht nach dem Lichte. Was sagte es, das kleine Wesen, für das sie ihr Herz klopfen fühlte unter ihrer Brust, die es erschöpfte? Welches gute Wort sprach es aus mit dem leisen Saugen des Mundes? Zu welchem Zwecke wurde es sein Blut hingeben, wenn es ein Mann geworden wäre, stark von all der Milch, die es getrunken hatte? Vielleicht sagte es nichts, vielleicht log es schon, und sie war dennoch so glücklich, so voll unbedingten Vertrauens in das Kind! Von neuem erklangen in der Ferne die Fanfaren der Blechinstrumente. Das mußte die Apotheose sein, der Augenblick, wo die Großmutter Felicité mit ihrer silbernen Kelle den ersten Stein zu dem Monumente legte, das zum Ruhme der Rougons errichtet wurde. Der unermeßliche blaue Himmel strahlte in festlichem Glanze, gleich als wenn er sich freute über den sonntäglichen Frohsinn. Und in der wohlthuenden, warmen Stille, in dem tiefen, einsamen Frieden des Arbeitssaales lächelte Clotilde beglückt herab auf ihr Kind, das noch immer trank und seinen kleinen Arm gerade in die Luft emporstreckte wie ein Banner, das zum Leben rief. Ende